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Title: Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage
Author: Herzl, Theodor, 1860-1904
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" ***

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Online.)



                      DER
                  JUDENSTAAT.

                    VERSUCH
                     EINER
         MODERNEN LÖSUNG DER JUDENFRAGE


                      VON


                 THEODOR HERZL
               DOCTOR DER RECHTE.



             LEIPZIG und WIEN 1896.
     M. BREITENSTEIN'S VERLAGS-BUCHHANDLUNG
         WIEN, IX., WÄHRINGERSTRASSE 5.



                               Vorrede.


Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist
die Herstellung des Judenstaates.

Die Welt widerhallt vom Geschrei gegen die Juden, und das weckt den
eingeschlummerten Gedanken auf.

Ich erfinde nichts, das wolle man sich vor Allem und auf jedem Punkte
meiner Ausführungen deutlich vor Augen halten. Ich erfinde weder die
geschichtlich gewordenen Zustände der Juden, noch die Mittel zur
Abhilfe. Die materiellen Bestandtheile des Baues, den ich entwerfe, sind
in der Wirklichkeit vorhanden, sind mit Händen zu greifen; jeder kann
sich davon überzeugen. Will man also diesen Versuch einer Lösung der
Judenfrage mit einem Worte kennzeichnen, so darf man ihn nicht
»Phantasie«, sondern höchstens »Combination« nennen.

Gegen die Behandlung als Utopie muss ich meinen Entwurf zuerst
vertheidigen. Eigentlich bewahre ich damit nur die oberflächlichen
Beurtheiler vor einer Albernheit, die sie begehen könnten. Es wäre ja
keine Schande, eine menschenfreundliche Utopie geschrieben zu haben. Ich
könnte mir auch einen leichteren literarischen Erfolg bereiten, wenn ich
für Leser, die sich unterhalten wollen, diesen Plan in den gleichsam
unverantwortlichen Vortrag eines Romans brächte. Aber das ist keine
solche liebenswürdige Utopie, wie man sie vor und nach Thomas Morus so
häufig producirt hat. Und ich glaube, die Lage der Juden in
verschiedenen Ländern ist arg genug, um einleitende Tändeleien
überflüssig zu machen.

Um den Unterschied zwischen meiner Construction und einer Utopie
erkennbar zu machen, wähle ich ein interessantes Buch der letzten Jahre:
»Freiland« von Dr. Theodor Hertzka. Das ist eine sinnreiche
Phantasterei, von einem durchaus modernen, national-ökonomisch
gebildeten Geist erdacht, und so lebensfern, wie der Aequatorberg, auf
dem dieser Traumstaat liegt. »Freiland« ist eine complicirte Maschinerie
mit vielen Zähnen und Rädern, die sogar ineinander greifen; aber nichts
beweist mir, dass sie in Betrieb gesetzt werden könne. Und selbst, wenn
ich Freilands-Vereine entstehen sehe, werde ich es für einen Scherz
halten.

Hingegen enthält der vorliegende Entwurf die Verwendung einer in der
Wirklichkeit vorkommenden Treibkraft. Die Zähne und Räder der zu
bauenden Maschine deute ich nur an, in aller Bescheidenheit, unter
Hinweis auf meine Unzulänglichkeit und im Vertrauen darauf, dass es
bessere ausführende Mechaniker geben wird, als ich einer bin.

Auf die treibende Kraft kommt es an. Und was ist diese Kraft? Die
Judennoth.

Wer wagt zu leugnen, dass diese Kraft vorhanden sei? Wir werden uns
damit im Capitel über die Gründe des Antisemitismus beschäftigen.

Man kannte auch die Dampfkraft, die im Theekessel durch Erhitzung des
Wassers entstand und den Deckel hob. Diese Theekesselerscheinung sind
die zionistischen Versuche und viele andere Formen der Vereinigung »zur
Abwehr des Antisemitismus«.

Nun sage ich, dass diese Kraft, richtig verwendet, mächtig genug ist,
eine grosse Maschine zu treiben, Menschen und Güter zu befördern. Die
Maschine mag aussehen, wie man will.

Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, dass ich Recht habe -- ich weiss
nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens Recht behalten werde. Die ersten
Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles
Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das
Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein.

Um den Entwurf vor dem Verdacht der Utopie zu schützen, will ich auch
sparsam sein mit malerischen Details der Schilderung. Ich vermuthe
ohnehin, dass gedankenloser Spott durch Zerrbilder des von mir Entworfenen
das Ganze zu entkräften versuchen wird. Ein im Uebrigen gescheiter Jude,
dem ich die Sache vortrug, meinte: »das als wirklich dargestellte
zukünftige Detail sei das Merkmal der Utopie«. Das ist falsch. Jeder
Finanzminister rechnet in seinem Staatsvoranschlage mit zukünftigen
Ziffern und nicht nur mit solchen, die er aus dem Durchschnitt früherer
Jahre oder aus anderen vergangenen und in anderen Staaten vorkommenden
Erträgen construirt, sondern auch mit präcedenzlosen Ziffern,
beispielsweise bei Einführung einer neuen Steuer. Man muss nie ein Budget
angesehen haben, um das nicht zu wissen. Wird man darum einen
Finanzgesetzentwurf für eine Utopie halten, selbst wenn man weiss, dass der
Voranschlag nie ganz genau eingehalten werden kann?

Aber ich stelle noch härtere Zumuthungen an meine Leser. Ich verlange
von den Gebildeten, an die ich mich wende, ein Umdenken und Umlernen
mancher alten Vorstellung. Und gerade den besten Juden, die sich um die
Lösung der Judenfrage thätig bemüht haben, muthe ich zu, ihre bisherigen
Versuche als verfehlt und unwirksam anzusehen.

In der Darstellung der Idee habe ich mit einer Gefahr zu kämpfen. Wenn
ich all' die in der Zukunft liegenden Dinge zurückhaltend sage, wird es
scheinen, als glaubte ich selbst nicht an ihre Möglichkeit. Wenn ich
dagegen die Verwirklichung vorbehaltlos ankündige, wird Alles vielleicht
wie ein Hirngespinst aussehen.

Darum sage ich deutlich und fest: ich glaube an die Möglichkeit der
Ausführung, wenn ich mich auch nicht vermesse, die endgiltige Form des
Gedankens gefunden zu haben. Der Judenstaat ist ein Weltbedürfniss,
folglich wird er entstehen.

Von irgend einem Einzelnen betrieben, wäre es eine recht verrückte
Geschichte -- aber wenn viele Juden gleichzeitig darauf eingehen, ist es
vollkommen vernünftig, und die Durchführung bietet keine nennenswerthen
Schwierigkeiten. Die Idee hängt nur von der Zahl ihrer Anhänger ab.
Vielleicht werden unsere aufstrebenden jungen Leute, denen jetzt schon
alle Wege versperrt sind, und denen sich im Judenstaate die sonnige
Aussicht auf Ehre, Freiheit und Glück eröffnet, die Verbreitung der Idee
besorgen.

Ich selbst halte meine Aufgabe mit der Publication dieser Schrift für
erledigt. Ich werde das Wort nur noch nehmen, wenn Angriffe
beachtenswerther Gegner mich dazu zwingen, oder wenn es gilt,
unvorhergesehene Einwände zu widerlegen, Irrthümer zu beseitigen.

Ist das, was ich sage, heute noch nicht richtig? Bin ich meiner Zeit
voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht gross genug? Wir werden
sehen.

Es hängt also von den Juden selbst ab, ob diese Staatsschrift vorläufig
nur ein Staatsroman ist. Wenn die jetzige Generation noch zu dumpf ist,
wird eine andere, höhere, bessere kommen. Die Juden, die wollen, werden
ihren Staat haben und sie werden ihn verdienen.



                             Einleitung.


Die volkswirthschaftliche Einsicht von Männern, die mitten im
praktischen Leben stehen, ist oft verblüffend gering. Nur so lässt sich
erklären, dass auch Juden das Schlagwort der Antisemiten gläubig
nachsagen: wir lebten von den »Wirthsvölkern«, und wenn wir kein
»Wirthsvolk« um uns hätten, müssten wir verhungern. Das ist einer der
Punkte, auf denen sich die Schwächung unseres Selbstbewusstseins durch
die ungerechten Anklagen zeigt. Wie verhält es sich mit dem
»Wirthsvolklichen« in Wahrheit? Soweit das nicht die alte
physiokratische Beschränktheit enthält, beruht es auf dem kindlichen
Irrthum, dass im Güterleben immer dieselben Sachen rundlaufen. Nun
müssen wir nicht erst, wie Rip van Winkle, aus vieljährigem Schlafe
erwachen, um zu erkennen, dass die Welt sich durch das unaufhörliche
Entstehen neuer Güter verändert. In unserer vermöge der technischen
Fortschritte wunderbaren Zeit sieht auch der geistig Aermste mit seinen
verklebten Augen rings um sich her neue Güter auftauchen. Der
Unternehmungsgeist hat sie geschaffen.

Die Arbeit ohne Unternehmungsgeist ist die stationäre, alte; ihr
typisches Beispiel die des Ackerbauers, der noch genau dort steht, wo
sein Urvater vor tausend Jahren stand. Alle materielle Wohlfahrt ist
durch Unternehmer verwirklicht worden. Man schämt sich beinahe, eine
solche Banalität niederzuschreiben. Selbst wenn wir also ausschliesslich
Unternehmer wären -- wie die thörichte Uebertreibung behauptet --
brauchten wir kein »Wirthsvolk«. Wir sind nicht auf einen Rundlauf immer
gleicher Güter angewiesen, weil wir neue Güter erzeugen.

Wir haben Arbeitssclaven von unerhörter Kraft, deren Erscheinen in der
Culturwelt eine tödliche Concurrenz für die Handarbeit war: das sind die
Maschinen. Wohl braucht man auch Arbeiter, um die Maschinen in Bewegung
zu setzen; aber für diese Erfordernisse haben wir Menschen genug, zu viel.
Nur wer die Zustände der Juden in vielen Gegenden des östlichen Europa
nicht kennt, wird zu behaupten wagen, dass die Juden zur Handarbeit
untauglich oder unwillig seien.

Aber ich will in dieser Schrift keine Vertheidigung der Juden vornehmen.
Sie wäre nutzlos. Alles Vernünftige und sogar alles Sentimentale ist
über diesen Gegenstand schon gesagt worden. Nun genügt es nicht, die
treffenden Gründe für Verstand und Gemüth zu finden; die Hörer müssen
zuerst fähig sein zu begreifen, sonst ist man ein Prediger in der Wüste.
Sind aber die Hörer schon so weit, so hoch, dann ist die ganze Predigt
überflüssig. Ich glaube an das Aufsteigen der Menschen zu immer höheren
Graden der Gesittung, nur halte ich es für ein verzweifelt langsames.
Wollten wir warten, bis sich der Sinn auch der mittleren Menschen zur
Milde abklärt, die Lessing hatte, als er Nathan den Weisen schrieb, so
könnte darüber unser Leben und das unserer Söhne, Enkel, Urenkel
vergehen. Da kommt uns der Weltgeist von einer andern Seite zu Hilfe.

Dieses Jahrhundert hat uns eine köstliche Renaissance gebracht durch die
technischen Errungenschaften. Nur für die Menschlichkeit ist dieser
märchenhafte Fortschritt noch nicht verwendet. Die Entfernungen der
Erdoberfläche sind überwunden, und dennoch quälen wir uns ab mit Leiden
der Enge. Schnell und gefahrlos jagen wir jetzt in riesigen Dampfern
über früher unbekannte Meere. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf in
eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuss bestieg. Die Vorgänge
in Ländern, die noch gar nicht entdeckt waren, als Europa die Juden in
Ghetti sperrte, sind uns in der nächsten Stunde bekannt. Darum ist die
Judennoth ein Anachronismus -- und nicht weil es schon vor hundert
Jahren eine Aufklärungszeit gab, die in Wirklichkeit nur für die
vornehmsten Geister bestand.

Nun meine ich, dass das elektrische Licht durchaus nicht erfunden wurde,
damit einige Snobs ihre Prunkgemächer beleuchten, sondern damit wir bei
seinem Scheine die Fragen der Menschheit lösen. Eine, und nicht die
unbedeutendste, ist die Judenfrage. Indem wir sie lösen, handeln wir
nicht nur für uns selbst, sondern auch für viele andere Mühselige und
Beladene.

Die Judenfrage besteht. Es wäre thöricht sie zu leugnen. Sie
ist ein verschlepptes Stück Mittelalter, mit dem die Culturvölker auch
heute beim besten Willen noch nicht fertig werden konnten. Den
grossmüthigen Willen zeigten sie ja, als sie uns emancipirten. Die
Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie
nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. Wir
ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser
Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muss wahr
bleiben, überall, selbst in hochentwickelten Ländern -- Beweis
Frankreich -- so lange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist. Die
armen Juden tragen jetzt den Antisemitismus nach England, sie haben ihn
schon nach Amerika gebracht.

Ich glaube, den Antisemitismus, der eine vielfach complicirte Bewegung
ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Hass
und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz,
gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurtheil, religiöse Unduldsamkeit --
aber auch was darin vermeintliche Nothwehr ist. Ich halte die Judenfrage
weder für eine sociale, noch für eine religiöse, wenn sie sich auch noch
so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen,
müssen wir sie vor Allem zu einer politischen Weltfrage machen, die im
Rathe der Culturvölker zu regeln sein wird.

Wir sind ein Volk, Ein Volk.

Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden
Volksgemeinschaft unterzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu
bewahren. Man lässt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen
Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben
Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns
den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren
Reichthum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern,
in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als
Fremdlinge ausgeschrieen; oft von Solchen, deren Geschlechter noch nicht
im Lande waren, als unsere Väter da schon seufzten. Wer der Fremde im
Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden; es ist eine Machtfrage,
wie Alles im Völkerverkehre. Ich gebe nichts von unserem ersessenen
guten Recht preis, wenn ich das als ohnehin mandatloser Einzelner sage.
Im jetzigen Zustande der Welt und wohl noch in unabsehbarer Zeit geht
Macht vor Recht. Wir sind also vergebens überall brave Patrioten, wie es
die Hugenotten waren, die man zu wandern zwang. Wenn man uns in Ruhe
liesse ...

Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen.

Durch Druck und Verfolgung sind wir nicht zu vertilgen. Kein Volk der
Geschichte hat solche Kämpfe und Leiden ausgehalten wie wir. Die
Judenhetzen haben immer nur unsere Schwächlinge zum Abfall bewogen. Die
starken Juden kehren trotzig zu ihrem Stamme heim, wenn die Verfolgungen
ausbrechen. Man hat das deutlich in der Zeit unmittelbar nach der
Judenemancipation sehen können. Den geistig und materiell höherstehenden
Juden kam das Gefühl der Zusammengehörigkeit gänzlich abhanden. Bei
einiger Dauer des politischen Wohlbefindens, assimiliren wir uns
überall; ich glaube, das ist nicht unrühmlich. Der Staatsmann, der für
seine Nation den jüdischen Raceneinschlag wünscht, müsste daher für die
Dauer unseres politischen Wohlbefindens sorgen. Und selbst ein Bismarck
vermöchte das nicht.

Denn tief im Volksgemüth sitzen alte Vorurtheile gegen uns. Wer sich
davon Rechenschaft geben will, braucht nur dahin zu horchen, wo das Volk
sich aufrichtig und einfach äussert: das Märchen und das Sprichwort sind
antisemitisch. Das Volk ist überall ein grosses Kind, das man freilich
erziehen kann; doch diese Erziehung würde im günstigsten Falle so
ungeheure Zeiträume erfordern, dass wir uns, wie ich schon sagte, vorher
längst auf andere Weise können geholfen haben.

Die Assimilirung, worunter ich nicht etwa nur Aeusserlichkeiten der
Kleidung, gewisser Lebensgewohnheiten, Gebräuche und der Sprache,
sondern ein Gleichwerden in Sinn und Art verstehe, die Assimilirung der
Juden könnte überall nur durch die Mischehe erzielt werden. Diese müsste
aber von der Mehrheit als Bedürfniss empfunden werden; es genügt
keineswegs, die Mischehe gesetzlich als zulässig zu erklären. Die
ungarischen Liberalen, die das jetzt gethan haben, befinden sich in
einem bemerkenswerthen Irrthum. Und diese doctrinär eingerichtete
Mischehe wurde durch einen der ersten Fälle gut illustrirt: ein
getaufter Jude heiratete eine Jüdin. Der Kampf um die jetzige Form der
Eheschliessung hat aber die Gegensätze zwischen Christen und Juden in
Ungarn vielfach verschärft und dadurch der Racenvermischung mehr
geschadet als genützt. Wer den Untergang der Juden durch Vermischung
wirklich wünscht, kann dafür nur eine Möglichkeit sehen. Die Juden
müssten vorher so viel ökonomische Macht erlangen, dass dadurch das alte
gesellschaftliche Vorurtheil überwunden würde. Das Beispiel liefert die
Aristokratie, in der die Mischehen verhältnissmässig am häufigsten
vorkommen. Der alte Adel lässt sich mit Judengeld neu vergolden, und
dabei werden jüdische Familien resorbirt. Aber wie würde sich diese
Erscheinung in den mittleren Schichten gestalten, wo die Judenfrage
ihren Hauptsitz hat, weil die Juden ein Mittelstandsvolk sind? Da wäre
die vorher nöthige Erlangung der Macht gleichbedeutend mit der
wirthschaftlichen Alleinherrschaft der Juden, die ja schon jetzt
fälschlich behauptet wird. Und wenn schon die jetzige Macht der Juden
solche Wuth- und Nothschreie der Antisemiten hervorruft, welche
Ausbrüche kämen erst durch das weitere Wachsen dieser Macht. Eine solche
Vorstufe der Resorption kann nicht erreicht werden; denn es wäre die
Unterjochung der Majorität durch eine noch vor kurzem verachtete
Minorität, die nicht im Besitze der kriegerischen oder administrativen
Gewalt ist. Ich halte deshalb die Resorption der Juden auch auf dem Wege
des Gedeihens für unwahrscheinlich. In den derzeit antisemitischen
Ländern wird man mir beipflichten. In den anderen, wo sich die Juden
augenblicklich wohlbefinden, werden meine Stammesgenossen meine
Behauptungen vermuthlich auf das heftigste bestreiten. Sie werden mir
erst glauben, bis sie wieder von der Judenhetze heimgesucht sind. Und je
länger der Antisemitismus auf sich warten lässt, umso grimmiger muss er
ausbrechen. Die Infiltration hinwandernder, von der scheinbaren
Sicherheit angezogener Juden, sowie die aufsteigende Classenbewegung der
autochthonen Juden wirken dann gewaltig zusammen und drängen zu einem
Umsturz. Nichts ist einfacher, als dieser Vernunftschluss.

Dass ich ihn aber unbekümmert und nur der Wahrheit folgend ziehe, wird
mir voraussichtlich den Widerspruch, die Feindschaft der in günstigen
Verhältnissen lebenden Juden eintragen. Soweit es nur Privatinteressen
sind, deren Träger sich aus Beschränktheit oder Feigheit bedroht fühlen,
könnte man mit lachender Verachtung darüber hinweggehen. Denn die Sache
der Armen und Bedrückten ist wichtiger. Ich will jedoch von vorneherein
keine unrichtigen Vorstellungen aufkommen lassen; namentlich die nicht,
dass wenn jemals dieser Plan verwirklicht würde, die besitzenden Juden
an Hab und Gut geschädigt werden könnten. Darum will ich das
Vermögensrechtliche ausführlich erklären. Kommt hingegen der ganze
Gedanke nicht über die Literatur hinaus, so bleibt ja ohnehin alles beim
Alten.

Ernster wäre der Einwand, dass ich den Antisemiten zu Hilfe komme, wenn
ich uns ein Volk, Ein Volk nenne. Dass ich die Assimilirung der Juden,
wo sie sich vollziehen will, hindere, und wo sie sich vollzogen hat,
nachträglich gefährde, soweit ich als einsamer Schriftsteller überhaupt
etwas zu hindern oder zu gefährden vermag.

Dieser Einwand wird namentlich in Frankreich hervorkommen. Ich erwarte
ihn auch an anderen Orten, will aber nur den französischen Juden im
voraus antworten, weil sie das stärkste Beispiel liefern.

Wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke
Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen
oder Feldherrn sowohl, als die Gesammtpersönlichkeit einer historischen
Gruppe von Menschen, die wir Volk nennen, wie sehr ich auch die
Persönlichkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer
untergehen kann, will und muss, der soll untergehen. Die
Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen.
Sie kann nicht, weil äussere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht,
das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie
muss nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen
Juden, welche die Hoffnung nicht aufgaben, darzuthun. Ganze Aeste des
Judenthumes können absterben, abfallen; der Baum lebt.

Wenn nun alle oder einige französische Juden gegen diesen Entwurf
protestiren, weil sie sich bereits »assimilirt« hätten, so ist meine
Antwort einfach: Die ganze Sache geht sie nichts an. Sie sind
israelitische Franzosen, vortrefflich! Dies ist jedoch eine innere
Angelegenheit der Juden.

Nun würde allerdings die staatbildende Bewegung, die ich vorschlage, den
israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den »Assimilirten«
anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegentheile, nützen! Denn sie
wären in ihrer »chromatischen Function«, um Darwin's Wort zu gebrauchen,
nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimiliren, weil der jetzige
Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es
ihnen auch glauben, dass sie bis in's Innerste ihrer Seele assimilirt
sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur
Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.

Noch mehr Vortheil als die christlichen Bürger würden die »Assimilirten«
von der Entfernung der stammestreuen Juden haben. Denn die Assimilirten
werden die beunruhigende, unberechenbare, unvermeidliche Concurrenz des
jüdischen Proletariats los, das durch politischen Druck und
wirthschaftliche Noth von Ort zu Ort, von Land zu Land geworfen wird.
Dieses schwebende Proletariat würde festgemacht werden. Jetzt können
manche christliche Staatsbürger -- man nennt sie Antisemiten -- sich
gegen die Einwanderung fremder Juden sträuben. Die israelitischen
Staatsbürger können das nicht, obwohl sie viel schwerer betroffen sind;
denn auf sie drückt zunächst der Wettbewerb gleichartiger
wirthschaftlicher Individuen, die zudem auch noch den Antisemitismus
importiren oder den vorhandenen verschärfen. Es ist ein heimlicher
Jammer der Assimilirten, der sich in »wohlthätigen« Unternehmungen Luft
macht. Sie gründen Auswanderungsvereine für zureisende Juden. Diese
Erscheinung enthält einen Gegensinn, den man komisch finden könnte, wenn
es sich nicht um leidende Menschen handelte. Einzelne dieser
Unterstützungsvereine sind nicht für, sondern gegen die verfolgten Juden
da. Die Aermsten sollen nur recht schnell, recht weit weggeschafft
werden. Und so entdeckt man bei aufmerksamer Betrachtung, dass mancher
scheinbare Judenfreund nur ein als Wohlthäter verkleideter Antisemit
jüdischen Ursprungs ist.

Aber selbst die Colonisirungsversuche wirklich wohlmeinender Männer
haben sich bisher nicht bewährt, obwohl es interessante Versuche waren.
Ich glaube nicht, dass es sich Dem oder Jenem nur um einen Sport
gehandelt habe; dass Der oder Jener arme Juden wandern liess, wie man
Pferde rennen lässt. Dazu ist die Sache denn doch zu ernst und traurig.
Interessant waren diese Versuche insofern, als sie im Kleinen die
praktischen Vorläufer der Judenstaats-Idee vorstellten. Und sogar
nützlich waren sie insofern, als dabei Fehler gemacht wurden, aus denen
man bei einer Verwirklichung im Grossen lernen kann. Freilich ist durch
diese Versuche auch Schaden gestiftet worden. Die Verpflanzung des
Antisemitismus nach neuen Gegenden, welche die nothwendige Folge einer
solchen künstlichen Infiltration ist, halte ich noch für den geringsten
Nachtheil. Schlimmer ist, dass die ungenügenden Ergebnisse bei den Juden
selbst Zweifel an der Brauchbarkeit des jüdischen Menschenmaterials
hervorriefen. Diesem Zweifel wird aber bei den Verständigen durch
folgende einfache Argumentation beizukommen sein: Was im Kleinen
unzweckmässig oder undurchführbar ist, muss es noch nicht im Grossen
sein. Ein kleines Unternehmen kann unter denselben Bedingungen Verlust
bringen, unter denen ein grosses sich rentirt. Ein Bach ist nicht einmal
mit Kähnen schiffbar; der Fluss, in den er sich ergiesst, trägt
stattliche eiserne Fahrzeuge.

Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach
einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidee hat
wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer
Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu
träumen: »Ueber's Jahr in Jerusalem!« ist unser altes Wort. Nun handelt
es sich darum, zu zeigen, dass aus dem Traum ein tagheller Gedanke
werden kann.

Dazu muss vor Allem in den Seelen tabula rasa gemacht werden von
mancherlei alten, überholten, verworrenen, beschränkten Vorstellungen.
So werden dumpfe Gehirne zunächst meinen, dass die Wanderung aus der
Cultur hinaus in die Wüste gehen müsse. Nicht wahr! Die Wanderung
vollzieht sich mitten in der Cultur. Man kehrt nicht auf eine niedrigere
Stufe zurück, sondern ersteigt eine höhere. Man bezieht keine Lehmhütten,
sondern schönere, modernere Häuser, die man sich neu baut und ungefährdet
besitzen darf. Man verliert nicht sein erworbenes Gut, sondern verwerthet
es. Man gibt sein gutes Recht nur auf gegen ein besseres. Man trennt sich
nicht von seinen lieben Gewohnheiten, sondern findet sie wieder. Man
verlässt das alte Haus nicht, bevor das neue fertig ist. Es ziehen immer
nur diejenigen, die sicher sind, ihre Lage dadurch zu verbessern. Erst die
Verzweifelten, dann die Armen, dann die Wohlhabenden, dann die Reichen.
Die Vorangegangenen erheben sich in die höhere Schichte, bis diese
letztere ihre Angehörigen nachschickt. Die Wanderung ist zugleich eine
aufsteigende Classenbewegung.

Und hinter den abziehenden Juden entstehen keine wirthschaftlichen
Störungen, keine Krisen und Verfolgungen, sondern es beginnt eine
Periode der Wohlfahrt für die verlassenen Länder. Es tritt eine innere
Wanderung der christlichen Staatsbürger in die aufgegebenen Positionen
der Juden ein. Der Abfluss ist ein allmäliger, ohne jede Erschütterung,
und schon sein Beginn ist das Ende des Antisemitismus. Die Juden
scheiden als geachtete Freunde, und wenn Einzelne dann zurückkommen,
wird man sie in den civilisirten Ländern genau so wohlwollend aufnehmen
und behandeln, wie andere fremde Staatsangehörige. Diese Wanderung ist
auch keine Flucht, sondern ein geordneter Zug unter der Controle der
öffentlichen Meinung. Die Bewegung ist nicht nur mit vollkommen
gesetzlichen Mitteln einzuleiten, sie kann überhaupt nur durchgeführt
werden unter freundlicher Mitwirkung der betheiligten Regierungen, die
davon wesentliche Vortheile haben.

Für die Reinheit der Idee und die Kraft ihrer Ausführung sind
Bürgschaften nöthig, die sich nur in sogenannten »moralischen« oder
»juristischen« Personen finden lassen. Ich will diese beiden
Bezeichnungen, die in der Juristensprache häufig verwechselt werden,
auseinanderhalten. Als moralische Person, welche Subject von Rechten
ausserhalb der Privat-Vermögenssphäre ist, stelle ich die Society of
Jews auf. Daneben steht die juristische Person der Jewish Company, die
ein Erwerbswesen ist.

Der Einzelne, der auch nur Miene machte, ein solches Riesenwerk zu
unternehmen, könnte ein Betrüger oder ein Wahnsinniger sein. Für die
Reinheit der moralischen Person bürgt der Charakter ihrer Mitglieder.
Die ausreichende Kraft der juristischen Person ist erwiesen durch ihr
Capital.

         *         *         *         *         *

Durch die bisherigen Vorbemerkungen wollte ich nur in aller Eile den
ersten Schwarm von Einwendungen abwehren, den schon das Wort
»Judenstaat« hervorrufen muss. Von hier weiter wollen wir uns mit mehr
Ruhe auseinandersetzen, andere Einwände bekämpfen und manches schon
Angedeutete gründlicher ausführen, wenn auch die Schwerfälligkeit im
Interesse der Schrift, die fliegen soll, nach Möglichkeit zu vermeiden
sein wird. Kurze aphoristische Capitel dienen einem solchen Zweck wohl
am besten.

Wenn ich an die Stelle eines alten Baues einen neuen setzen will, muss
ich zuerst demoliren und dann construiren. Diese vernünftige Reihenfolge
werde ich also einhalten. Zuerst im allgemeinen Theil sind die Begriffe
zu klären, dumpfe alte Vorstellungen hinwegzuräumen, die politischen und
nationalökonomischen Vorbedingungen festzustellen und der Plan zu
entwickeln.

Im besonderen Theil, der in drei Hauptabschnitte zerfällt, ist die
Ausführung darzustellen. Diese Hauptabschnitte sind: Jewish Company,
Ortsgruppen und Society of Jews. Die Society soll zwar zuerst entstehen,
und die Company zuletzt; aber im Entwurf empfiehlt sich die umgekehrte
Ordnung, weil gegen die finanzielle Durchführbarkeit sich die grössten
Bedenken erheben werden, die also zunächst zu widerlegen sind.

Im Schlusswort wird dann den noch übrigen vermuthbaren Einwendungen ein
letztes Treffen zu liefern sein. Meine jüdischen Leser mögen mir
geduldig bis an's Ende folgen. Bei Manchem werden die Einwendungen in
anderer Reihenfolge entstehen, als in der hier gewählten der
Widerlegung. Wessen Bedenken aber vernünftig besiegt sind, der soll sich
zur Sache bekennen.

Indem ich nun zur Vernunft spreche, weiss ich dennoch wohl, dass die
Vernunft allein nicht genügt. Alte Gefangene gehen nicht gern aus dem
Kerker. Wir werden sehen, ob uns schon die Jugend, die wir brauchen,
nachgewachsen ist; die Jugend, welche die Alten mitreisst, auf starken
Armen hinausträgt und die Vernunftgründe umsetzt in Begeisterung.



                          Allgemeiner Theil.


Die Judenfrage.

Die Nothlage der Juden wird niemand leugnen. In allen Ländern, wo sie in
merklicher Anzahl leben, werden sie mehr oder weniger verfolgt. Die
Gleichberechtigung ist zu ihren Ungunsten fast überall thatsächlich
aufgehoben, wenn sie im Gesetze auch existirt. Schon die mittelhohen
Stellen im Heer, in öffentlichen und privaten Aemtern sind ihnen
unzugänglich. Man versucht sie aus dem Geschäftsverkehr hinauszudrängen:
»Kauft nicht bei Juden!«

Die Angriffe in Parlamenten, Versammlungen, Presse, auf Kirchenkanzeln,
auf der Strasse, auf Reisen -- Ausschliessung aus gewissen Hotels -- und
selbst an Unterhaltungsorten mehren sich von Tag zu Tag. Die
Verfolgungen haben verschiedenen Charakter nach Ländern und
Gesellschaftskreisen. In Russland werden Judendörfer gebrandschatzt, in
Rumänien erschlägt man ein paar Menschen, in Deutschland prügelt man sie
gelegentlich durch, in Oesterreich terrorisiren die Antisemiten das
ganze öffentliche Leben, in Algerien treten Wanderhetzprediger auf, in
Paris knöpft sich die sogenannte bessere Gesellschaft zu, die Cercles
schliessen sich gegen die Juden ab. Die Nuancen sind zahllos. Es soll
hier übrigens nicht eine wehleidige Aufzählung aller jüdischen
Beschwerden versucht werden. Wir wollen uns nicht bei Einzelheiten
aufhalten, wie schmerzlich sie auch seien.

Ich beabsichtige nicht, eine gerührte Stimmung für uns hervorzurufen.
Das ist Alles faul, vergeblich und unwürdig. Ich begnüge mich, die Juden
zu fragen, ob es wahr ist, dass in den Ländern, wo wir in merklicher
Anzahl wohnen, die Lage der jüdischen Advocaten, Aerzte, Techniker,
Lehrer und Angestellten aller Art immer unerträglicher wird? Ob es
wahr, dass unser ganzer jüdischer Mittelstand schwer bedroht ist? Ob es
wahr, dass gegen unsere Reichen alle Leidenschaften des Pöbels gehetzt
werden? Ob es wahr, dass unsere Armen viel härter leiden, als jedes
andere Proletariat?

Ich glaube, der Druck ist überall vorhanden. In den wirthschaftlich
obersten Schichten der Juden bewirkt er ein Unbehagen. In den mittleren
Schichten ist es eine schwere, dumpfe Beklommenheit. In den unteren ist
es die nackte Verzweiflung.

Thatsache ist, dass es überall auf dasselbe hinausgeht und es lässt sich
im classischen Berliner Rufe zusammenfassen: Juden raus!

Ich werde nun die Judenfrage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen
wir schon »raus«? und wohin?

Oder können wir noch bleiben? und wie lange?

Erledigen wir zuerst die Frage des Bleibens. Können wir auf bessere
Zeiten hoffen, uns in Geduld fassen, mit Gottergebung abwarten, dass die
Fürsten und Völker der Erde in eine für uns gnädigere Stimmung gerathen?
Ich sage, wir können keinen Umschwung der Strömung erwarten. Warum? Die
Fürsten -- selbst wenn wir ihrem Herzen ebenso nahe stehen, wie die
anderen Bürger -- können uns nicht schützen. Sie würden den Judenhass
indossiren, wenn sie den Juden zuviel Wohlwollen bezeigten. Und unter
diesem »zuviel« ist weniger zu verstehen, als worauf jeder gewöhnliche
Bürger oder jeder Volksstamm Anspruch hat.

Die Völker, bei denen Juden wohnen, sind alle sammt und sonders,
verschämt oder unverschämt Antisemiten.

Das gewöhnliche Volk hat kein historisches Verständniss und kann keines
haben. Es weiss nicht, dass die Sünden des Mittelalters jetzt an den
europäischen Völkern heimkommen. Wir sind, wozu man uns in den Ghetti
gemacht hat. Wir haben zweifellos eine Ueberlegenheit im Geldgeschäfte
erlangt, weil man uns im Mittelalter darauf geworfen hat. Jetzt
wiederholt sich der gleiche Vorgang. Man drängt uns wieder in's
Geldgeschäft, das jetzt Börse heisst, indem man uns alle anderen
Erwerbszweige abbindet. Sind wir aber in der Börse, so wird das wieder
zur neuen Quelle unserer Verächtlichkeit. Dabei produciren wir rastlos
mittlere Intelligenzen, die keinen Abfluss haben und dadurch eine
ebensolche Gesellschaftsgefahr sind, wie die wachsenden Vermögen. Die
gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Socialismus zu.
Die sociale Schlacht müsste also jedenfalls auf unserem Rücken
geschlagen werden, weil wir im capitalistischen wie im socialistischen
Lager auf den exponirtesten Punkten stehen.


Bisherige Versuche der Lösung.

Die künstlichen Mittel, die man bisher zur Ueberwindung des
Judennothstandes aufwandte, waren entweder zu kleinlich -- wie die
verschiedenen Colonisirungen -- oder falsch gedacht, wie die Versuche,
die Juden in ihrer jetzigen Heimat zu Bauern zu machen.

Was ist denn damit gethan, wenn man ein paar tausend Juden in eine
andere Gegend bringt? Entweder sie gedeihen, und dann entsteht mit ihrem
Vermögen der Antisemitismus -- oder sie gehen gleich zu Grunde. Mit den
bisherigen Versuchen der Ableitung armer Juden nach anderen Ländern
haben wir uns schon vorhin beschäftigt. Die Ableitung ist jedenfalls
ungenügend und zwecklos, wenn nicht geradezu zweckwidrig. Die Lösung
wird dadurch nur vertagt, verschleppt und vielleicht sogar erschwert.

Wer aber die Juden zu Ackerbauern machen will, der ist in einem
wunderlichen Irrthume begriffen. Der Bauer ist nämlich eine historische
Kategorie und man erkennt das am besten an seiner Tracht, die in
den meisten Ländern Jahrhunderte alt ist, sowie an seinen
Werkgeräthschaften, die genau dieselben sind, wie zu Urväterzeiten. Sein
Pflug ist noch so, er sät aus der Schürze, mäht mit der geschichtlichen
Sense und drischt mit dem Flegel. Wir wissen aber, dass es jetzt für
all' das Maschinen gibt. Die Agrarfrage ist auch nur eine
Maschinenfrage. Amerika muss über Europa siegen, sowie der
Grossgrundbesitz den kleinen vertilgt.

Der Bauer ist also eine auf den Aussterbeetat gesetzte Figur. Wenn man
den Bauer künstlich conservirt, so geschieht es wegen der politischen
Interessen, denen er zu dienen hat. Neue Bauern nach dem alten Recept
machen zu wollen, ist ein unmögliches und thörichtes Beginnen. Niemand
ist reich oder stark genug, die Cultur gewaltsam zurückzuschrauben.
Schon das Erhalten veralteter Culturzustände ist eine ungeheuere
Aufgabe, für die alle Machtmittel selbst des autokratisch geleiteten
Staates kaum ausreichen.

Will man also dem Juden, der intelligent ist, zumuthen, ein Bauer alten
Schlages zu werden? Das wäre gerade so, wie wenn man dem Juden sagte:
»Da hast Du eine Armbrust, zieh' in den Krieg!« -- Was? mit einer
Armbrust, wenn die Anderen Kleinkaliber-Gewehre und Krupp'sche Kanonen
haben? Die Juden, die man verbauern will, haben vollkommen Recht, wenn
sie sich unter solchen Umständen nicht vom Flecke rühren. Die Armbrust
ist eine schöne Waffe und sie stimmt mich elegisch, wenn ich Zeit habe.
Aber sie gehört in's Museum.

Nun gibt es freilich Gegenden, wo die verzweifelten Juden sogar aufs
Feld gehen oder doch gehen möchten. Und da zeigt sich, dass diese Punkte
-- wie die Enclave von Hessen in Deutschland und manche Provinzen
Russlands -- gerade die Hauptnester des Antisemitismus sind.

Denn die Weltverbesserer, die den Juden ackern schicken, vergessen eine
sehr wichtige Person, die sehr viel dreinzureden hat. Und das ist der
Bauer. Auch der Bauer hat vollkommen Recht. Grundsteuer, Erntegefahr,
Druck der Grossbesitzer, die billiger arbeiten und besonders die
amerikanische Concurrenz machen ihm das Leben sauer genug. Dazu können
die Kornzölle nicht in's Endlose wachsen. Man kann den Fabriksarbeiter
doch auch nicht verhungern lassen; man muss, weil sein politischer
Einfluss im Steigen ist, sogar immer mehr Rücksicht auf ihn nehmen.

Alle diese Schwierigkeiten sind wohlbekannt, ich erwähne sie daher nur
flüchtig. Ich wollte lediglich andeuten, wie werthlos die bisherigen in
bewusster Absicht -- in den meisten Fällen auch in löblicher Absicht --
gemachten Versuche der Lösung waren. Weder die Ableitung, noch die
künstliche Herabdrückung des geistigen Niveaus in unserem Proletariat
kann helfen. Das Wundermittel der Assimilirung haben wir schon erörtert.

So ist dem Antisemitismus nicht beizukommen. Er kann nicht behoben
werden, so lange seine Gründe nicht behoben sind. Sind diese aber
behebbar?


Gründe des Antisemitismus.

Wir sprechen jetzt nicht mehr von den Gemüthsgründen, alten Vorurtheilen
und Bornirtheiten, sondern von den politischen und wirthschaftlichen
Gründen. Unser heutiger Antisemitismus darf nicht mit dem religiösen
Judenhasse früherer Zeiten verwechselt werden, wenn der Judenhass auch
in einzelnen Ländern noch jetzt eine confessionelle Färbung hat. Der
grosse Zug der judenfeindlichen Bewegung ist heute ein anderer. In den
Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der
Juden-Emancipation. Als die Culturvölker die Unmenschlichkeit der
Ausnahmegesetze einsahen und uns freiliessen, kam die Freilassung zu
spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr
emancipirbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem
Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Concurrenz
für den Mittelstand heraus. So standen wir nach der Emancipation
plötzlich im Ringe der Bourgeoisie und haben da einen doppelten Druck
auszuhalten, von innen und von aussen. Die christliche Bourgeoisie wäre
wohl nicht abgeneigt, uns dem Socialismus als Opfer hinzuwerfen;
freilich würde das wenig helfen.

Dennoch kann man die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie
besteht, nicht mehr aufheben. Nicht nur weil es gegen das moderne
Bewusstsein wäre, sondern auch, weil das sofort alle Juden, Arm und
Reich, den Umsturzparteien zujagen würde.

Man kann eigentlich nichts Wirksames gegen uns thun. Früher nahm man den
Juden ihre Juwelen weg. Wie will man heute das bewegliche Vermögen
fassen? Es ruht in bedruckten Papierstücken, die irgendwo in der Welt,
vielleicht in christlichen Cassen, eingesperrt sind. Nun kann man
freilich die Actien und Prioritäten von Bahnen, Banken, industriellen
Unternehmungen aller Art durch Steuern treffen, und wo die progressive
Einkommensteuer besteht, lässt sich auch der ganze Complex des
beweglichen Vermögens packen. Aber alle derartigen Versuche können nicht
gegen Juden allein gerichtet sein, und wo man es dennoch versuchen
möchte, erlebt man sofort schwere wirthschaftliche Krisen, die sich
keineswegs auf die zuerst betroffenen Juden beschränken. Durch diese
Unmöglichkeit, den Juden beizukommen, verstärkt und verbittert sich nur
der Hass. In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich,
stündlich und muss weiter wachsen, weil die Ursachen fortbestehen und
nicht behoben werden können. Die causa remota ist der im Mittelalter
eingetretene Verlust unserer Assimilirbarkeit, die causa proxima unsere
Ueberproduction an mittleren Intelligenzen, die keinen Abfluss nach
unten haben und keinen Aufstieg nach oben -- nämlich keinen gesunden
Abfluss und keinen gesunden Aufstieg. Wir werden nach unten hin zu
Umstürzlern proletarisirt, bilden die Unterofficiere aller
revolutionären Parteien und gleichzeitig wächst nach oben unsere
furchtbare Geldmacht.


Wirkung des Antisemitismus.

Der auf uns ausgeübte Druck macht uns nicht besser. Wir sind nicht
anders als die anderen Menschen. Wir lieben unsere Feinde nicht, das ist
ganz wahr. Aber nur wer sich selbst zu überwinden vermag, darf es uns
vorwerfen. Der Druck erzeugt bei uns natürlich eine Feindseligkeit gegen
unsere Bedränger -- und unsere Feindseligkeit steigert wieder den Druck.
Aus diesem Kreislauf herauszukommen, ist unmöglich.

»Doch!« werden weichmüthige Schwärmer sagen, »doch, es ist möglich! Und
zwar durch die herbeizuführende Güte der Menschen.«

Brauche ich wirklich erst noch zu beweisen, was das für eine
sentimentale Faselei ist? Wer eine Besserung der Zustände auf die Güte
aller Menschen gründen wollte, der schriebe allerdings eine Utopie!

Ich sprach schon von unserer »Assimilirung«. Ich sage keinen Augenblick,
dass ich sie wünsche. Unsere Volkspersönlichkeit ist geschichtlich zu
berühmt und trotz aller Erniedrigungen zu hoch, als dass ihr Untergang
zu wünschen wäre. Aber vielleicht könnten wir überall in den uns
umgebenden Völkern spurlos aufgehen, wenn man uns nur zwei Generationen
hindurch in Ruhe liesse. Man wird uns nicht in Ruhe lassen. Nach kurzen
Perioden der Duldsamkeit erwacht immer und immer wieder die
Feindseligkeit gegen uns. Unser Wohlergehen scheint etwas Aufreizendes
zu enthalten, weil die Welt seit vielen Jahrhunderten gewohnt war, in
uns die Verächtlichsten unter den Armen zu sehen. Dabei bemerkt man aus
Unwissenheit oder Engherzigkeit nicht, dass unser Wohlergehen uns als
Juden schwächt und unsere Besonderheiten auslöscht. Nur der Druck presst
uns wieder an den alten Stamm, nur der Hass unserer Umgebung macht uns
wieder zu Fremden.

So sind und bleiben wir denn, ob wir es wollen oder nicht, eine
historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit.

Wir sind ein Volk -- der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie
das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängniss stehen wir
zusammen und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die
Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle
menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nöthig sind.

Es wäre hier eigentlich schon der Platz, von unserem »Menschenmaterial«
zu sprechen, wie der etwas rohe Ausdruck lautet. Aber vorher müssen die
Hauptzüge des Planes bekannt sein, auf den ja Alles zu beziehen ist.


Der Plan.

Der ganze Plan ist in seiner Grundform unendlich einfach, und muss es ja
auch sein, wenn er von allen Menschen verstanden werden soll.

Man gebe uns die Souveränetät eines für unsere gerechten
Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere
werden wir selbst besorgen.

Das Entstehen einer neuen Souveränetät ist nichts Lächerliches oder
Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern,
die nicht wie wir Mittelstandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und
darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränetät zu verschaffen, sind
die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft
interessirt.

Es werden für die im Princip einfache, in der Durchführung complicirte
Aufgabe zwei grosse Organe geschaffen: die Society of Jews und die
Jewish Company.

Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat,
führt die Jewish Company praktisch aus.

Die Jewish Company besorgt die Liquidirung aller Vermögensinteressen der
abziehenden Juden und organisirt im neuen Lande den wirthschaftlichen
Verkehr.

Den Abzug der Juden darf man sich, wie schon gesagt wurde, nicht als
einen plötzlichen vorstellen. Es wird ein allmäliger sein und Jahrzehnte
dauern. Zuerst werden die Aermsten gehen und das Land urbar machen. Sie
werden nach einem von vornherein feststehenden Plane Strassen, Brücken,
Bahnen bauen, Telegraphen errichten, Flüsse reguliren, und sich selbst
ihre Heimstätten schaffen. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr
die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt
freiwillig, auf eigene Kosten und Gefahr. Die Arbeit, die wir in die
Erde versenken, steigert den Werth des Landes. Die Juden werden schnell
einsehen, dass sich für ihre bisher gehasste und verachtete
Unternehmungslust ein neues, dauerndes Gebiet erschlossen hat.

Will man heute ein Land gründen, darf man es nicht in der Weise machen,
die vor tausend Jahren die einzig mögliche gewesen wäre. Es ist
thöricht, auf alte Culturstufen zurückzukehren, wie es manche Zionisten
möchten. Kämen wir beispielsweise in die Lage, ein Land von wilden
Thieren zu säubern, würden wir es nicht in der Art der Europäer aus dem
fünften Jahrhundert thun. Wir würden nicht einzeln mit Speer und Lanze
gegen Bären ausziehen, sondern eine grosse fröhliche Jagd veranstalten,
die Bestien zusammentreiben und eine Melinitbombe unter sie werfen.

Wenn wir Bauten ausführen wollen, werden wir nicht hilflose Pfahlbauten
an einen Seerand stecken, sondern wir werden bauen, wie man es jetzt
thut. Wir werden kühner und herrlicher bauen, als es je vorher geschehen
ist. Denn wir haben Mittel, die in der Geschichte noch nicht da waren.

Unseren niedersten wirthschaftlichen Schichten folgen allmälig die
nächsthöheren hinüber. Die jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie
werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die
wir überproduciren.

Die Frage der Judenwanderung soll durch diese Schrift zur allgemeinen
Discussion gestellt werden. Das heisst aber nicht, dass eine Abstimmung
eingeleitet wird. Dabei wäre die Sache von vorneherein verloren. Wer
nicht mit will, mag da bleiben. Der Widerspruch einzelner Individuen ist
gleichgiltig.

Wer mit will, stelle sich hinter unsere Fahne, und kämpfe für sie in
Wort, Schrift und That.

Die Juden, welche sich zu unserer Staatsidee bekennen, sammeln sich um
die Society of Jews. Diese erhält dadurch den Regierungen gegenüber die
Autorität, im Namen der Juden sprechen und verhandeln zu dürfen. Die
Society wird, um es in einer völkerrechtlichen Analogie zu sagen, als
staatbildende Macht anerkannt. Und damit wäre der Staat auch schon
gebildet.

Zeigen sich nun die Mächte bereit, dem Judenvolke die Souveränetät eines
neutralen Landes zu gewähren, so wird die Society über das zu nehmende
Land verhandeln. Zwei Gebiete kommen in Betracht: Palästina und
Argentinien. Bemerkenswerthe Colonisirungsversuche haben auf diesen
beiden Punkten stattgefunden. Allerdings nach dem falschen Princip der
allmäligen Infiltration von Juden. Die Infiltration muss immer schlecht
enden. Denn es kommt regelmässig der Augenblick, wo die Regierung auf
Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluss von
Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn
ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränetät ist.

Die Society of Jews wird mit den jetzigen Landeshoheiten verhandeln, und
zwar unter dem Protectorate der europäischen Mächte, wenn diesen die
Sache einleuchtet. Wir können der jetzigen Landeshoheit ungeheure
Vortheile gewähren, einen Theil ihrer Staatsschulden übernehmen,
Verkehrswege bauen, die ja auch wir selbst benöthigen, und noch vieles
andere. Doch schon durch das Entstehen des Judenstaates gewinnen die
Nachbarländer, weil im Grossen wie im Kleinen die Cultur eines
Landstriches den Werth der Umgebung erhöht.


Palästina oder Argentinien?

Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen? Die Society wird nehmen, was
man ihr gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes
erklärt. Die Society wird beides feststellen.

Argentinien ist eines der natürlich reichsten Länder der Erde, von
riesigem Flächeninhalt, mit schwacher Bevölkerung und gemässigtem Klima.
Die argentinische Republik hätte das grösste Interesse daran, uns ein
Stück Territorium abzutreten. Die jetzige Judeninfiltration hat freilich
dort Verstimmung erzeugt; man müsste Argentinien über die wesentliche
Verschiedenheit der neuen Judenwanderung aufklären.

Palästina ist unsere unvergessliche historische Heimat. Dieser Name
allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn
Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür
anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für
Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir
würden den Vorpostendienst der Cultur gegen die Barbarei besorgen. Wir
würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das
unsere Existenz garantiren müsste. Für die heiligen Stätten der
Christenheit liesse sich eine völkerrechtliche Form der
Exterritorialisirung finden. Wir würden die Ehrenwache um die heiligen
Stätten bilden, und mit unserer Existenz für die Erfüllung dieser
Pflicht haften. Diese Ehrenwacht wäre das grosse Symbol für die Lösung
der Judenfrage nach achtzehn für uns qualvollen Jahrhunderten.


Bedürfniss, Organ, Verkehr.

Im vorletzten Capitel sagte ich: »Die Jewish Company organisirt im neuen
Lande den wirthschaftlichen Verkehr«.

Ich glaube, hierzu einige Erläuterungen einschalten zu sollen. Ein
Entwurf, wie der vorliegende, ist in seinen Grundfesten bedroht, wenn
sich die »praktischen« Leute dagegen aussprechen. Nun sind die
praktischen Leute wohl in der Regel nur Routiniers, unfähig aus einem
engen Kreis alter Vorstellungen herauszutreten. Aber ihr Widerspruch
gilt und vermag dem Neuen sehr zu schaden; wenigstens so lange das Neue
selbst nicht stark genug ist, die Praktiker mit ihren morschen
Vorstellungen über den Haufen zu werfen.

Als die Eisenbahnzeit über Europa kam, gab es Praktiker, welche den Bau
gewisser Linien für thöricht erklärten, »weil dort nicht einmal die
Postkutsche genug Passagiere habe«. Man wusste damals die Wahrheit noch
nicht, die uns heute als eine kindlich einfache vorkommt: dass nicht die
Reisenden die Bahn hervorrufen, sondern umgekehrt die Bahn die Reisenden
hervorruft, wobei freilich das schlummernde Bedürfniss vorausgesetzt
werden muss.

In die Kategorie solcher voreisenbahnlicher »praktischer« Bedenken wird
es gehören, wenn Manche sich nicht vorstellen können, wie in dem neuen,
erst noch zu gewinnenden, erst noch zu cultivirenden Lande der
wirthschaftliche Verkehr der Ankömmlinge beschaffen sein soll. Ein
Praktiker wird also beiläufig Folgendes sagen:

»Zugegeben, dass die jetzigen Zustände der Juden an vielen Orten
unhaltbar sind und immer schlechter werden müssen; zugegeben, dass die
Auswanderungslust entsteht; zugegeben sogar, dass die Juden nach dem
neuen Lande wandern, wie und was werden sie dort verdienen? Wovon werden
sie leben? Der Verkehr vieler Menschen lässt sich doch nicht künstlich
von einem Tag auf den andern einrichten.«

Darauf ist meine Antwort: Von der künstlichen Einrichtung eines Verkehrs
ist gar nicht die Rede, und am allerwenigsten soll das von einem Tag auf
den anderen gemacht werden. Wenn man aber den Verkehr auch nicht
einzurichten vermag, anregen kann man ihn. Wodurch? Durch das Organ
eines Bedürfnisses. Das Bedürfniss will erkannt, das Organ will
geschaffen werden, der Verkehr macht sich dann von selbst.

Ist das Bedürfniss der Juden, in bessere Zustände zu gelangen, ein
wahres, tiefes; ist das zu schaffende Organ dieses Bedürfnisses, die
Jewish Company, hinreichend mächtig: so muss der Verkehr im neuen Lande
sich in Fülle einstellen. Das liegt freilich in der Zukunft, wie die
Entwicklung des Bahnverkehrs für die Menschen der Dreissiger Jahre in
der Zukunft lag. Die Eisenbahnen wurden dennoch gebaut. Man ist
glücklicherweise über die Bedenken von Praktikern der Postkutsche
hinweggegangen.



                         Die Jewish Company.


Grundzüge.

Die Jewish Company ist zum Theil nach dem Vorbilde der grossen
Landnahmegesellschaften gedacht -- eine jüdische Chartered Company, wenn
man will. Nur steht ihr nicht die Ausübung von Hoheitsrechten zu, und
sie hat nicht allein coloniale Aufgaben.

Die Jewish Company wird als eine Actiengesellschaft gegründet, mit der
englischen Rechtssubjectivität, nach den Gesetzen und unter dem Schutze
Englands. Der Hauptsitz ist London. Wie gross das Actiencapital zu sein
habe, kann ich jetzt nicht sagen. Unsere zahlreichen Finanzkünstler
werden das ausrechnen. Um aber nicht unbestimmte Ausdrücke zu
gebrauchen, will ich eine Milliarde Mark annehmen. Es wird vielleicht
mehr, vielleicht weniger sein müssen. Von der Form der Geldbeschaffung,
die weiterhin erörtert werden soll, wird es abhängen, welcher Bruchtheil
der grossen Summe beim Beginn der Thätigkeit factisch einzuzahlen ist.

Die Jewish Company ist ein Uebergangs-Institut. Sie ist ein rein
geschäftliches Unternehmen, das von der Society of Jews immer sorgsam
unterschieden bleibt.

Die Jewish Company hat zunächst die Aufgabe, die Immobilien der
abziehenden Juden zu liquidiren. Die Art, in der das geschieht, verhütet
Krisen, sichert Jedem das Seine, und ermöglicht jene innere Wanderung
der christlichen Mitbürger, die schon angedeutet wurde.


Immobiliengeschäft.

Die in Betracht kommenden Immobilien sind Häuser, Landgüter und örtliche
Kundschaft der Geschäfte. Die Jewish Company wird sich anfangs nur
bereit erklären, die Verkäufe dieser Immobilien zu vermitteln. In der
ersten Zeit werden ja die Verkäufe der Juden frei und ohne grosse
Preisstürze stattfinden. Die Zweigniederlassungen der Company werden in
jeder Stadt zu Centralen des jüdischen Güterverkaufs werden. Jede
Zweiganstalt wird dafür nur den Provisionssatz einheben, den ihre
Selbsterhaltung erfordert.

Nun kann es die Entwicklung der Bewegung mit sich bringen, dass die
Immobilienpreise sinken und schliesslich die Verkaufsunmöglichkeit
eintritt. In diesem Stadium spaltet sich die Function der Company als
Gütervermittlerin in neue Zweige. Die Company wird Verwalterin der
verlassenen Immobilien und wartet die geeigneten Zeitpunkte zur
Veräusserung ab. Sie hebt Hauszinse ein, verpachtet Landgüter und setzt
Geschäftsführer, wenn möglich auch im Pachtverhältnisse -- wegen der
nöthigen Sorgfalt -- ein. Die Company wird überall die Tendenz haben,
diesen Pächtern -- Christen -- die Eigenthumserwerbung zu erleichtern.
Sie wird überhaupt nach und nach ihre europäischen Anstalten mit
durchaus christlichen Beamten und freien Vertretern (Advocaten etc.)
besetzen, und diese sollen durchaus nicht zu Judenknechten werden. Sie
werden gleichsam freie Controlsbehörden der christlichen Bevölkerung
abgeben dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht, dass redlich und in
gutem Glauben gehandelt und nirgends eine Erschütterung des
Volkswohlstandes beabsichtigt wird.

Zugleich wird die Company als Güterkäuferin auftreten, richtiger als
Gutstauscherin. Sie wird für ein Haus ein Haus, für ein Gut ein Gut
geben, und zwar »drüben«. Alles ist, wenn möglich, so zu verpflanzen,
wie es »hüben« war. Und da eröffnet sich für die Company eine Quelle
grosser und erlaubter Gewinne. Sie wird »drüben« schönere, moderne, mit
allem Comfort ausgestattete Häuser, bessere Landgüter geben, die sie
dennoch viel weniger kosten, denn sie hat Grund und Boden billig
erworben.


Der Landkauf.

Das der Society of Jews völkerrechtlich zugesicherte Land ist natürlich
auch privatrechtlich zu erwerben.

Die Vorkehrungen zur Ansiedlung, die der Einzelne trifft, fallen nicht
in den Rahmen dieser Ausführungen. Aber die Company braucht grosse
Landstrecken für ihre und unsere Bedürfnisse. Sie wird sich den nöthigen
Boden durch centralisirten Kauf sichern. Hauptsächlich wird es sich um
die Erwerbung der jetzigen Landeshoheit gehöriger Staatsdomänen handeln.
Das Ziel ist, »drüben« in's Eigenthum des Landes zu kommen, ohne die
Preise zur Schwindelhöhe hinaufzutreiben, gleichwie »hüben« verkauft
wird, ohne die Preise zu drücken. Eine wüste Preistreiberei ist dabei
nicht zu besorgen, denn den Werth des Landes bringt erst die Company
mit, weil sie die Besiedlung leitet und zwar im Einvernehmen mit der
beaufsichtigenden Society of Jews. Die Letztere wird auch dafür sorgen,
dass aus der Unternehmung kein Panama werde, sondern ein Suez.

Die Company wird ihren Beamten Bauplätze zu billigen Bedingungen
ablassen, ihnen für den Bau ihrer schönen Heimstätten Amortisationscredite
gewähren und von ihren Gehalten abziehen oder nach und nach als Zulagen
anrechnen. Das wird neben den Ehren, die sie erwarten, eine Form der
Belohnung ihrer Dienste sein.

Der ganze riesige Gewinn aus der Landspeculation soll der Company
zufliessen, weil sie für die Gefahr eine unbestimmte Prämie bekommen
muss wie jeder freie Unternehmer. Wo eine Gefahr beim Unternehmen
vorliegt, soll der Unternehmergewinn weitherzig begünstigt werden. Aber
er ist auch nur dort zu dulden. Die Correlation von Gefahr und Prämie
enthält die finanzielle Sittlichkeit.


Bauten.

Die Company wird also Häuser und Güter eintauschen. Am Grund und Boden
wird und muss die Company gewinnen. Das ist Jedem klar, der irgendwo und
irgendwann die Wertherhöhungen des Bodens durch Culturanlagen beobachtet
hat. Am besten sieht man das an den Enclaven in Stadt und Land.
Unbebaute Flächen steigen im Werthe durch den Kranz von Cultur, der um
sie gelegt wird. Eine in ihrer Einfachheit geniale Bodenspeculation war
die der Pariser Stadterweiterer, welche die Neubauten nicht an die
letzten Häuser der Stadt unmittelbar anschlossen, sondern die
angrenzenden Grundstücke aufkauften und am äusseren Rande zu bauen
anfingen. Durch diesen umgekehrten Baugang wuchs der Werth der
Hausparzellen ungemein rasch und statt immer wieder die letzten Häuser
der Stadt zu errichten, bauten sie, nachdem der Rand fertig war, nur
noch mitten in der Stadt, also auf werthvolleren Parzellen.

Wird die Company selbst bauen oder freien Architekten ihre Aufträge
geben? Sie kann beides, sie wird beides thun. Sie hat, wie sich bald
zeigen wird, einen gewaltigen Vorrath an Arbeitskräften, die durchaus
nicht capitalsmässig bewuchert werden sollen, die in glückliche und
heitere Bedingungen des Lebens gebracht und doch nicht theuer sein
werden. Für Baumaterial haben unsere Geologen gesorgt, als sie die
Bauplätze für die Städte suchten.

Welches wird nun das Bauprincip sein?


Arbeiterwohnungen.

Die Arbeiterwohnungen (worunter die Wohnungen aller Handarbeiter
begriffen sind) sollen in eigener Regie hergestellt werden. Ich denke
keineswegs an die traurigen Arbeiterkasernen der europäischen Städte und
nicht an die kümmerlichen Hütten, die um Fabriken herum in Reih' und
Glied stehen. Unsere Arbeiterhäuser müssen zwar auch einförmig aussehen
-- weil die Company nur billig bauen kann, wenn sie die Baubestandtheile
in grossen Massen herstellt -- aber diese einzelnen Häuser mit ihren
Gärtchen sollen an jedem Orte zu schönen Gesammtkörpern vereinigt
werden. Die natürliche Beschaffenheit der Gegend wird das frohe Genie
unserer jungen, nicht in der Routine befangenen Architekten anregen, und
wenn das Volk auch nicht den grossen Zug des Ganzen verstehen wird, so
wird es sich doch wohlfühlen in dieser leichten Gruppirung. Der Tempel
wird weithin sichtbar darin stehen, weil uns ja nur der alte Glaube
zusammengehalten hat. Und freundliche, helle, gesunde Schulen für Kinder
mit allen modernen Lehrmitteln. Ferner Handwerker-Fortbildungsschulen,
die aufsteigend nach höheren Zwecken den einfachen Handwerker befähigen
sollen, technologische Kenntnisse zu erwerben und sich mit dem
Maschinenwesen zu befreunden. Ferner Unterhaltungshäuser für das Volk,
welche die Society of Jews von oben herab für die Sittlichkeit leiten
wird.

Es soll jetzt übrigens nur von den Bauten gesprochen werden, nicht
davon, was in ihnen vorgehen wird.

Die Arbeiterwohnungen wird die Company billig bauen, sage ich. Nicht
nur, weil alle Baumaterialien in Masse da sein werden; nicht nur, weil
der Grund der Company gehört, sondern auch, weil sie die Arbeiter dafür
nicht zu bezahlen braucht.

Die Farmer in Amerika haben das System, einander gegenseitig bei ihren
Hausbauten zu helfen. Dieses kindlich gutmüthige System -- plump wie die
Blockhäuser, die so entstehen -- kann sehr verfeinert werden.


Die »ungelernten« Arbeiter.
(Unskilled Labourers.)

Unsere ungelernten Arbeiter, die zuerst aus dem grossen russischen und
rumänischen Reservoir kommen werden, müssen sich auch gegenseitig ihre
Häuser bauen. Wir werden ja anfangs kein eigenes Eisen haben und auch
mit Holz bauen müssen. Das wird später anders werden und die dürftigen
Nothbauten der ersten Zeit werden dann durch bessere ersetzt.

Unsere »unskilled labourers« bauen einander zuerst ihre Unterkünfte und
sie erfahren es vorher. Und zwar erwerben sie durch die Arbeit die
Häuser in's Eigenthum -- allerdings nicht gleich, sondern erst dafür,
dass sie sich durch eine Zeit von drei Jahren gut aufführen. So bekommen
wir eifrige, anstellige Leute, und ein Mann, der drei Jahre in guter
Zucht gearbeitet hat, ist erzogen für's Leben.

Ich sagte vorhin, dass die Company diese Unskilleds nicht zu bezahlen
braucht. Ja, wovon werden sie leben?

Ich bin im Allgemeinen gegen das Trucksystem. Bei diesen ersten
Landnehmern sollte es dennoch angewendet werden. Die Company sorgt in so
vielen Beziehungen für sie, dass sie sie auch verpflegen darf. Das
Trucksystem soll überhaupt nur für die ersten Jahre gelten und wird auch
den Arbeitern eine Wohlthat sein, weil es die Bewucherung durch
Kleinhändler, Wirthe etc. verhindert. Die Company aber vereitelt so von
vornherein, dass sich unsere kleinen Leute drüben dem gewohnten
Hausirhandel zuwenden, zu dem sie hüben ja auch nur durch eine
geschichtliche Entwicklung gezwungen wurden. Und die Company behält die
Säufer und Liederlichen in der Hand. Es wird also in der ersten Zeit der
Landnahme gar keine Arbeitslöhne geben?

Doch: Ueberlöhne.


Der Siebenstundentag.

Der Normalarbeitstag ist der Siebenstundentag!

Das heisst nicht, dass täglich nur sieben Stunden lang Bäume gefällt,
Erde gegraben, Steine geführt, kurz die hundert Arbeiten gethan werden
sollen. Nein. Man wird vierzehn Stunden arbeiten. Aber die
Arbeitertrupps werden einander nach je dreieinhalb Stunden ablösen. Die
Organisation wird ganz militärisch sein, mit Chargen, Avancement und
Pensionirung. Wo die Pensionen herzunehmen sind, wird später ausgeführt.

Dreieinhalb Stunden hindurch kann ein gesunder Mann sehr viel
concentrirte Arbeit hergeben. Nach dreieinhalb Stunden Pause -- die er
seiner Ruhe, seiner Familie, seiner geleiteten Fortbildung widmet -- ist
er wieder ganz frisch. Solche Arbeitskräfte können Wunder wirken.

Der Siebenstundentag! Er macht vierzehn allgemeine Arbeitsstunden
möglich -- mehr geht in den Tag nicht hinein.

Ich habe zudem die Ueberzeugung, dass der Siebenstundentag vollkommen
durchführbar ist. Man kennt die Versuche in Belgien und England.
Einzelne vorgeschrittene Socialpolitiker behaupten sogar, dass der
Fünfstundentag vollkommen ausreichen würde. Die Society of Jews und die
Jewish Company werden ja darin reiche neue Erfahrungen sammeln -- die
den übrigen Völkern der Erde auch zu Gute kommen werden -- und wenn sich
zeigt, dass der Siebenstundentag praktisch möglich ist, so wird ihn
unser künftiger Staat als gesetzlichen Normaltag einführen.

Nur die Company wird immerwährend ihren Leuten den Siebenstundentag
gewähren. Sie wird es auch immer thun können. Den Siebenstundentag aber
brauchen wir als Weltsammelruf für unsere Leute, die ja frei herankommen
sollen. Es muss wirklich das gelobte Land sein ..

Wer nun länger als sieben Stunden arbeitet, bekommt für die Ueberzeit
den Ueberlohn in Geld. Da alle seine Bedürfnisse gedeckt sind, die
Arbeitsunfähigen seiner Familie aus den hinüber verpflanzten
centralisirten Wohlthätigkeitsanstalten versorgt werden, so kann er sich
etwas ersparen. Wir wollen den bei unseren Leuten ohnehin vorhandenen
Spartrieb fördern, weil er das Aufsteigen des Individuums in höhere
Schichten erleichtert und weil wir uns damit ein ungeheures
Capitalsreservoir für künftige Anleihen vorbereiten.

Die Ueberzeit des Siebenstundentages darf nicht mehr als drei Stunden
dauern und auch nur nach ärztlicher Untersuchung. Denn unsere Leute
werden sich im neuen Leben zur Arbeit herandrängen, und die Welt wird
erst sehen, welch ein arbeitsames Volk wir sind.

Wie das Trucksystem der Landnehmer einzurichten ist (Bons etc.), führe
ich jetzt ebensowenig aus, wie andere unzählige Details, um nicht zu
verwirren. Die Frauen werden zu schweren Arbeiten überhaupt nicht
zugelassen und dürfen keine Ueberzeit leisten.

Schwangere Frauen sind von jeder Arbeit befreit und werden vom Truck
reichlicher genährt. Denn wir brauchen in der Zukunft starke
Geschlechter.

Die Kinder erziehen wir gleich von Anfang an, wie wir sie wünschen.
Darauf gehe ich jetzt nicht ein.

Was ich soeben von den Arbeiterwohnungen ausgehend über die Unskilleds
und ihre Lebensweise gesagt habe, ist ebensowenig eine Utopie, wie das
übrige. Das alles kommt schon in der Wirklichkeit vor, nur unendlich
klein, unbeachtet, unverstanden. Für die Lösung der Judenfrage war mir
die »Assistance par le travail«, die ich in Paris kennen und verstehen
lernte, von grossem Werthe.


Die Arbeitshilfe.

Die Arbeitshilfe, wie sie jetzt in Paris und verschiedenen Städten
Frankreichs, in England, in der Schweiz und in Amerika besteht, ist
etwas kümmerlich Kleines, doch das Grösste ist daraus zu machen.

Was ist das Princip der Assistance par le travail?

Das Princip ist, dass man jedem Bedürftigen unskilled labour gibt, eine
leichte, ungelernte Arbeit, wie z. B. Holzverkleinern, die Erzeugung der
»margotins«, mit denen in den Pariser Haushaltungen das Herdfeuer
angemacht wird. Es ist eine Art Gefangenhausarbeit VOR dem Verbrechen,
das heisst ohne Ehrlosigkeit. Niemand braucht mehr aus Noth zum
Verbrechen zu schreiten, wenn er arbeiten will. Aus Hunger dürfen keine
Selbstmorde mehr begangen werden. Diese sind ja ohnehin eines der
ärgsten Schandmale einer Cultur, wo vom Tische der Reichen den Hunden
Leckerbissen hingeworfen werden.

Die Arbeitshilfe gibt also Jedem Arbeit. Hat sie denn für die Producte
Absatz? Nein. Wenigstens nicht genügenden. Hier ist der Mangel der
bestehenden Organisation. Diese Assistance arbeitet immer mit Verlust.
Allerdings ist sie auf den Verlust gefasst. Es ist ja eine
Wohlthätigkeitsanstalt. Die Spende stellt sich hier dar als Differenz
zwischen Gestehungskosten und erlöstem Preise. Statt dem Bettler zwei
Sous zu geben, gibt sie ihm eine Arbeit, an der sie zwei Sous verliert.
Der lumpige Bettler aber, der zum edlen Arbeiter geworden ist, verdient
1 Francs 50 Centimes. Für 10 Centimes 150! Das heisst, die nicht mehr
beschämende Wohlthat verfünfzehnfachen. Das heisst, aus einer Milliarde
fünfzehn Milliarden machen!

Die Assistance verliert freilich die zehn Centimes. Die Jewish Company
wird die Milliarde nicht verlieren, sondern riesige Gewinne erzielen.

Hinzu kommt das Moralische. Erreicht wird schon durch die kleine
Arbeitshilfe, wie sie jetzt existirt, die sittliche Aufrichtung durch
die Arbeit, bis der beschäftigungslose Mensch eine seinen Fähigkeiten
angemessene Stellung in seinem früheren oder einem neuen Berufe gefunden
hat. Er hat täglich einige Stunden für das Suchen frei, auch vermittelt
die Assistance Dienste.

Das Gebrechen der bisherigen kleinen Einrichtung ist, dass den
Holzhändlern etc. keine Concurrenz gemacht werden darf. Die Holzhändler
sind Wähler, sie würden schreien, und sie hätten Recht. Auch der
Gefangenhausarbeit des Staates darf keine Concurrenz gemacht werden, der
Staat muss seine Verbrecher beschäftigen und verpflegen.

In einer alten Gesellschaft wird für die Assistance par le travail
überhaupt schwer Raum zu schaffen sein.

Aber in unserer neuen!

Vor allem brauchen wir ungeheure Mengen unskilled labour für unsere
ersten Landnahmearbeiten, Strassenanlagen, Durchforstungen,
Erdaushebungen, Bahn- und Telegraphenanlagen etc. Das wird alles nach
einem grossen, von Anfang an feststehenden Plane geschehen.


Der Marktverkehr.

Indem wir nun die Arbeit in's neue Land hinüberlegen, bringen wir auch
gleich den Marktverkehr mit. Freilich anfangs nur ein Markt der ersten
Lebensbedürfnisse: Vieh, Getreide, Arbeiterkleider, Werkzeuge, Waffen,
um nur Einiges zu erwähnen. Zunächst werden wir das in Nachbarstaaten
oder in Europa einkaufen, uns dann aber möglichst bald selbstständig
machen. Die jüdischen Unternehmer werden rasch begriffen haben, welche
Aussichten sich ihnen da eröffnen.

Allmälig werden durch das Heer der Company-Beamten feinere Bedürfnisse
hinübergetragen werden. (Zu den Beamten rechne ich auch die Officiere
der Schutztruppe, die immer etwa ein Zehntel der männlichen Einwanderer
betragen soll. Das wird gegen Meutereien schlechter Leute genügen; die
Meisten sind ja friedfertig.)

Die feineren Bedürfnisse der gutgestellten Beamten erzeugen wieder einen
feineren Markt, der zunehmend wächst. Die Verheirateten lassen ihre
Familien nachkommen, die Ledigen ihre Eltern und Geschwister, sobald sie
drüben ein Heim haben. Wir sehen ja diese Bewegung bei den Juden, die
jetzt nach den Vereinigten Staaten auswandern. Wie Einer Brot zu essen
hat, lässt er gleich seine Leute nachkommen. Die Bande der Familie sind
ja so stark im Judenthum. Society of Jews und Jewish Company werden
zusammenwirken, um die Familie noch weiter zu stärken und zu pflegen.
Ich meine hier nicht das Moralische -- das versteht sich von selbst --
sondern das Materielle. Die Beamten werden Ehe- und Kinderzulagen haben.
Wir brauchen Leute, alle, die da sind und alle, die nachkommen.


Andere Kategorien von Heimstätten.

Ich habe die Hauptkette dieser Auseinandersetzungen beim Baue der
Arbeiterwohnungen in eigener Regie verlassen. Nun kehre ich zurück zu
anderen Kategorien von Heimstätten. Auch den Kleinbürgern wird die
Company durch ihre Architekten Häuser bauen lassen, entweder als
Tauschobjecte oder für Geld. Die Company wird etwa hundert Häusertypen
von ihren Architekten anfertigen und vervielfältigen lassen. Diese
hübschen Muster werden zugleich einen Theil der Propaganda bilden. Jedes
Haus hat seinen festen Preis, die Güte der Ausführung wird von der
Company garantirt, die am Hausbaue nichts verdienen will. Ja wo werden
diese Häuser stehen? Das wird bei den Ortsgruppen gezeigt werden.

Da die Company an den Bauarbeiten nichts verdienen will, sondern nur am
Grund und Boden, so wird es nur erwünscht sein, wenn recht viele freie
Architekten im Privatauftrage bauen. Dadurch wird der Landbesitz mehr
werth, dadurch kommt Luxus in's Land, und den Luxus brauchen wir für
verschiedene Zwecke. Namentlich für die Kunst, für Industrie und in
einer späteren Ferne für den Zerfall der grossen Vermögen.

Ja, die reichen Juden, die jetzt ihre Schätze ängstlich verbergen müssen
und bei herabgelassenen Vorhängen ihre unbehaglichen Feste geben, werden
drüben frei geniessen dürfen. Wenn diese Auswanderung mit ihrer Hilfe
zustandekommt, wird das Capital bei uns drüben rehabilitirt sein; es
wird in einem beispiellosen Werke seine Nützlichkeit gezeigt haben. Wenn
die reichsten Juden anfangen, ihre Schlösser, die man in Europa schon
mit so scheelen Augen ansieht, drüben zu bauen, so wird es bald modern
werden, sich drüben in prächtigen Häusern anzusiedeln.


Einige Formen der Liquidation.

Die Jewish Company ist als Uebernehmer oder Verweser von Immobilien der
Juden gedacht.

Bei Häusern und Grundstücken lassen sich diese Aufgaben leicht
construiren. Wie ist es aber bei Geschäften?

Da werden die Formen vielfältig sein. Sie lassen sich gar nicht vorher
in eine Uebersicht bringen. Und doch ist darin keine Schwierigkeit
enthalten. Denn in jedem einzelnen Falle wird der Inhaber des
Geschäftes, wenn er sich zur Auswanderung frei entschliesst, die für ihn
günstigste Form der Liquidation mit der Company-Filiale seines Sprengels
vereinbaren.

Bei den kleinsten Geschäftsleuten, in deren Betrieb die persönliche
Bethätigung des Inhabers die Hauptsache und das bischen Waare oder
Einrichtung die Nebensache ist, lässt sich die Vermögensverpflanzung am
leichtesten durchführen. Für die persönliche Bethätigung des
Auswanderers schafft die Company ein gesichertes Arbeitsgebiet, und sein
bischen Material kann ihm drüben in einem Grundstück mit Maschinencredit
ersetzt werden. Die neue Thätigkeit werden unsere findigen Leute rasch
erlernt haben. Juden passen sich bekanntlich schnell jeder
Erwerbsgattung an. So können viele Händler zu Kleinindustriellen der
Landwirthschaft gemacht werden. Die Company kann sogar in scheinbare
Verluste willigen, wenn sie die nicht fahrende Habe der Aermeren
übernimmt; denn sie erreicht dadurch die freie Cultivirung von
Landparzellen, wodurch der Werth ihrer übrigen Parzellen steigt.

In den mittleren Betrieben, wo die sachliche Einrichtung ebenso wichtig
oder schon wichtiger ist als die persönliche Bethätigung des Inhabers,
und dessen Credit als ein entscheidendes Imponderabile hinzukommt,
lassen sich verschiedene Formen der Liquidation denken. Das ist auch
einer der Hauptpunkte, auf denen sich die innere Wanderung der Christen
vollziehen kann. Der abziehende Jude verliert seinen persönlichen Credit
nicht, sondern nimmt ihn mit und wird ihn zur Etablirung drüben gut
verwenden. Die Jewish Company eröffnet ihm ein Giro-Conto. Sein
bisheriges Geschäft kann er auch frei verkaufen oder Geschäftsführern
unter der Aufsicht der Company-Organe übergeben. Der Geschäftsführer
kann im Pachtverhältnisse stehen oder es kann der allmälige Ankauf durch
Theilzahlungen des Geschäftsführers angebahnt werden. Die Company sorgt
durch ihre Aufsichtsbeamten und Advocaten für die ordentliche Verwaltung
des verlassenen Geschäftes und für den richtigen Eingang der Zahlungen.
Die Company ist hier Curator der Abwesenden. Kann aber ein Jude sein
Geschäft nicht verkaufen, vertraut er es auch keinem Mandatar an, und
will es dennoch nicht aufgeben, so bleibt er eben an seinem jetzigen
Wohnort. Auch diese Zurückbleibenden verschlechtern ihre jetzige Lage
nicht; sie sind um die Concurrenz der Abgezogenen erleichtert, und der
Antisemitismus mit seinem »Kauft nicht bei Juden!« hat aufgehört.

Will der auswandernde Geschäftsinhaber drüben wieder dasselbe Geschäft
betreiben, so kann er sich von vorneherein darauf einrichten.
Zeigen wir das an einem Beispiel. Die Firma X hat ein grosses
Modewaarengeschäft. Der Inhaber will auswandern. Er etablirt zunächst an
seinem künftigen Wohnort eine Filiale, an die er seine ausgemusterte
Waare abgibt. Die armen ersten Auswanderer sind drüben seine Kundschaft.
Allmälig ziehen Leute hinüber, die höhere Modebedürfnisse haben. Nun
schickt X neuere Sachen, und endlich die neuesten. Die Filiale wird
selbst schon einträglich, während das Hauptgeschäft noch besteht.
Endlich hat X zwei Geschäfte. Das alte verkauft er, oder gibt er seinem
christlichen Vertreter zur Führung; er selbst begibt sich hinüber in
sein neues.

Ein grösseres Beispiel: Y & Sohn haben ein ausgedehntes Kohlengeschäft
mit Bergwerken und Fabriken. Wie ist solch ein riesiger Vermögenscomplex
zu liquidiren? Das Kohlenbergwerk mit allem was drum und dran, kann
erstens vom Staat, in dem es liegt, eingelöst werden. Zweitens kann es
die Jewish Company erwerben, und den Kaufpreis theils in Ländereien
drüben, theils in Baargeld bezahlen. Eine dritte Möglichkeit wäre die
Gründung einer eigenen Actiengesellschaft »Y & Sohn«. Eine vierte, der
Weiterbetrieb in der bisherigen Weise, nur wären die ausgewanderten
Eigenthümer, auch wenn sie gelegentlich zur Inspection ihrer Güter
zurückkehren, Ausländer, als die sie ja in civilisirten Staaten auch den
vollen Rechtsschutz geniessen. Dies Alles sieht man ja täglich im Leben.
Eine fünfte, besonders fruchtbare und grossartige Möglichkeit deute ich
nur an, weil es dafür im Leben erst wenige, schwache Beispiele gibt, wie
nahe das unserem modernen Bewusstsein auch schon liege. Y & Sohn können
ihr Unternehmen ihren sämmtlichen jetzigen Angestellten gegen Entgelt
übergeben. Die Angestellten treten zu einer Genossenschaft mit
beschränkter Haftung zusammen und können vielleicht mit Hilfe der
Landescasse, die keine Wucherzinsen nimmt, die Ablösungssumme an Y &
Sohn auszahlen. Die Angestellten amortisiren dann das Darlehen, welches
ihnen von ihrer Landescasse, von der Jewish Company oder von Y & Sohn
selbst gewährt wurde.

Die Jewish Company liquidirt die Kleinsten wie die Grössten. Und während
die Juden ruhig wandern, sich die neue Heimat gründen, steht die Company
als die grosse juristische Person da, welche den Abzug leitet, die
verlassenen Güter hütet, für die gute Ordnung des Abwickelns mit ihrem
sichtbaren, greifbaren Vermögen haftet und für die schon Ausgewanderten
dauernd bürgt.


Bürgschaften der Company.

In welcher Form wird die Company die Bürgschaften leisten, dass in den
verlassenen Ländern keine Verarmung und keine wirthschaftlichen Krisen
eintreten?

Es wurde schon gesagt, dass anständige Antisemiten unter Achtung ihrer
uns werthvollen Unabhängigkeit gleichsam als volksthümliche
Controlsbehörden an das Werk herangezogen werden sollen.

Aber auch der Staat hat fiskalische Interessen, die geschädigt werden
können. Er verliert eine zwar bürgerlich gering, aber finanziell
hochgeschätzte Classe von Steuerträgern. Es muss ihm dafür eine
Entschädigung geboten werden. Wir bieten sie ihm ja indirect, indem wir
die mit unserem jüdischen Scharfsinne, unserem jüdischen Fleisse
eingerichteten Geschäfte im Lande lassen, indem wir in unsere
aufgegebenen Positionen die christlichen Mitbürger einrücken lassen, und
so ein in dieser Friedlichkeit beispielloses Aufsteigen von Massen zum
Wohlstand ermöglichen. Die französische Revolution zeigte im Kleinen
etwas Aehnliches; aber dazu musste das Blut unter der Guillotine, in
allen Provinzen des Landes und auf den Schlachtfeldern Europas in
Strömen fliessen. Und dazu mussten geerbte und erworbene Rechte
zerbrochen werden. Und dabei bereicherten sich nur die listigen Käufer
der Nationalgüter.

Die Jewish Company wird in ihrem Wirkungskreise den einzelnen Staaten
auch directe Vortheile zuführen. Ueberall kann den Regierungen der
Verkauf von verlassenen Judengütern unter günstigen Bedingungen
zugesichert werden. Die Regierungen wieder können diese gütliche
Expropriation in grossem Massstab für gewisse sociale Aufbesserungen
verwenden.

Die Jewish Company wird den Regierungen und Parlamenten, welche die
innere Wanderung der christlichen Bürger leiten wollen, dabei Hilfe
leisten.

Die Jewish Company wird auch grosse Abgaben zahlen.

Die Centrale hat ihren Sitz in London, weil die Company im
Privatrechtlichen unter dem Schutze einer grossen, derzeit nicht
antisemitischen Macht stehen muss. Aber die Company wird, wenn man sie
officiell und officiös unterstützt, überall eine breite Steuerfläche
liefern. Die Company wird überall besteuerbare Töchter- und
Zweiganstalten gründen. Sie wird ferner den Vortheil doppelter
Immobilienumschreibung, also doppelter Gebühren liefern. Die Company
wird selbst dort, wo sie nur als Immobilienagentur auftritt, sich den
vorübergehenden Anschein des Käufers geben. Sie wird, auch wenn sie
nicht besitzen will, im Grundbuche einen Augenblick als Eigenthümer
stehen.

Das sind nun freilich rein rechnungsmässige Sachen. Es wird von Ort zu
Ort erhoben und entschieden werden müssen, wie weit die Company darin
gehen kann, ohne ihre Existenz zu gefährden. Sie wird darüber freimüthig
mit den Finanzministern verhandeln. Diese werden den guten Willen
deutlich sehen und sie werden überall die Erleichterungen gewähren, die
zur erfolgreichen Durchführung des grossen Unternehmens nachweisbar
erforderlich sind.

Eine weitere directe Zuwendung ist die im Güter- und Personentransporte.
Wo die Bahnen staatlich sind, ist das sofort klar. Bei den Privatbahnen
erhält die Company, wie jeder grosse Spediteur, Begünstigungen. Sie muss
natürlich unsere Leute so billig als möglich reisen lassen und
verfrachten, da jeder auf eigene Kosten hinübergeht. Für den Mittelstand
wird das System Cook, und für die armen Classen das Personenporto da
sein. Die Company könnte an Personen- und Frachtrefactien viel
verdienen, aber ihr Grundsatz muss auch hier sein, nur die
Selbsterhaltungskosten hereinzubringen.

Die Spedition ist an vielen Orten in den Händen der Juden. Die
Speditionsgeschäfte werden die ersten sein, die die Company braucht, und
die ersten, die sie liquidirt. Die bisherigen Inhaber dieser Geschäfte
treten entweder in den Dienst der Company oder sie etabliren sich frei,
drüben. Die Ankunftsstelle braucht ja empfangende Spediteure, und da
dies ein glänzendes Geschäft ist, da man drüben sofort verdienen darf
und soll, wird es nicht an Unternehmungslustigen fehlen. Es ist
unnöthig, die geschäftlichen Einzelheiten dieser Massenexpedition
auszuführen. Sie sind aus dem Zwecke vernünftig zu entwickeln und viele
tüchtige Köpfe sollen und werden darüber nachdenken, wie das am besten
zu machen sein wird.


Einige Thätigkeiten der Company.

Viele Thätigkeiten werden ineinander wirken. Nur ein Beispiel: Allmälig
wird die Company in den anfänglich primitiven Niederlassungen
Industriesachen zu erzeugen beginnen. Zunächst für unsere eigenen armen
Auswanderer: Kleider, Wäsche, Schuhe etc. fabriksmässig. Denn in den
europäischen Abfahrtsstationen werden unsere armen Leute neu gekleidet.
Es wird ihnen damit kein Geschenk gemacht, weil sie nicht gedemüthigt
werden sollen. Es werden ihnen nur ihre alten Sachen gegen neue
eingetauscht. Verliert die Company dabei etwas, so wird es als
Geschäftsverlust gebucht. Die völlig Besitzlosen werden für
die Bekleidung Schuldner der Company und zahlen drüben in
Arbeitsüberstunden, die ihnen für gute Aufführung erlassen werden.

An diesen Punkten haben übrigens die bestehenden Auswanderungsvereine
Gelegenheit, helfend einzugreifen. Alles was sie für die wandernden
Juden bisher zu thun pflegten, sollen sie zukünftig für die Colonisten
der Jewish Company thun. Die Formen dieses Zusammenwirkens werden sich
leicht finden lassen.

Schon in der Neubekleidung der armen Auswanderer soll etwas Symbolisches
enthalten sein: Ihr beginnt jetzt ein neues Leben! Die Society of Jews
wird dafür sorgen, dass schon lange vor der Abreise und auch unterwegs
durch Gebete, populäre Vorträge, Belehrungen über den Zweck des
Unternehmens, hygienische Vorschriften für die neuen Wohnorte,
Anleitungen zur künftigen Arbeit, eine ernste und festliche Stimmung
erhalten werde. Denn das gelobte Land ist das Land der Arbeit. Bei ihrer
Ankunft werden aber die Einwanderer von den Spitzen unserer Behörden
feierlich empfangen werden. Ohne thörichten Jubel, denn das gelobte Land
muss erst erobert werden. Aber schon sollen diese armen Menschen sehen,
dass sie zuhause sind.

Die Bekleidungsindustrie der Company für die armen Auswanderer wird
nicht planlos produciren. Durch die Society of Jews, welche von den
Ortsgruppen die Mittheilung erhalten wird, muss die Jewish Company
rechtzeitig die Zahl, den Ankunftstag und die Bedürfnisse der
Auswanderer kennen. So ist es möglich, für sie umsichtig vorzusorgen.


Industrielle Anregungen.

Die Aufgaben der Jewish Company und der Society of Jews können in diesem
Entwurfe nicht streng gesondert vorgetragen werden. Thatsächlich werden
diese beiden grossen Organe beständig zusammenwirken müssen. Die Company
wird auf die moralische Autorität und Unterstützung der Society
angewiesen sein und bleiben, gleichwie die Society die materielle Hilfe
der Company nicht entbehren kann. In der planvollen Leitung der
Bekleidungsindustrie z. B. ist der schwache Anfang des Versuches
enthalten, die Productionskrisen zu vermeiden. Auf allen Gebieten, wo
die Company als Industrieller auftritt, soll so vorgegangen werden.

Keineswegs darf sie aber die freien Unternehmungen mit ihrer Uebermacht
erdrücken. Wir sind nur dort Collectivisten, wo es die ungeheuren
Schwierigkeiten der Aufgabe erfordern. Im übrigen wollen wir das
Individuum mit seinen Rechten hegen und pflegen. Das Privateigenthum als
die wirthschaftliche Grundlage der Unabhängigkeit, soll sich bei uns frei
und geachtet entwickeln. Wir lassen ja gleich unsere ersten Unskilleds
ins Privateigenthum aufsteigen.

Der Unternehmungsgeist soll auf jede Weise gefördert werden. Die
Einrichtung von Industrien wird durch eine vernünftige Zollpolitik,
Zuwendung billigen Rohmaterials und durch ein Amt für Industrie-Statistik
mit öffentlichen Verlautbarungen begünstigt.

Der Unternehmungsgeist kann auf gesunde Weise angeregt werden. Die
speculative Planlosigkeit wird vermieden. Die Etablirung neuer
Industrien wird rechtzeitig bekanntgemacht, so dass die Unternehmer, die
ein halbes Jahr später auf den Einfall kommen, sich einer Industrie
zuzuwenden, nicht in die Krise, in's Elend hineinbauen. Da der Zweck
einer neuen Anlage der Society angemeldet werden soll, können die
Unternehmungsverhältnisse jederzeit Jedermann bekannt sein.

Ferner werden den Unternehmern die centralisirten Arbeitskräfte gewährt.
Der Unternehmer wendet sich an die Dienstvermittlungs-Centrale, die
dafür von ihm nur eine zur Selbsterhaltung erforderliche Gebühr einhebt.
Der Unternehmer telegraphirt: Ich brauche morgen für drei Tage, drei
Wochen oder drei Monate fünfhundert Unskilleds. Morgen treffen bei
seiner landwirthschaftlichen oder industriellen Unternehmung die
gewünschten Fünfhundert ein, welche die Arbeitscentrale von da und dort,
wo sie eben verfügbar werden, zusammenzieht. Die Sachsengängerei wird da
aus dem Plumpen in eine sinnvolle Institution heeresmässig verfeinert.
Selbstverständlich werden keine Arbeitssclaven geliefert, sondern nur
Siebenstundentägler, die ihre Organisation beibehalten, denen auch beim
Ortswechsel die Dienstzeit mit Chargen, Avanciren und Pensionirung
fortläuft. Der freie Unternehmer kann sich auch anderwärts seine
Arbeitskräfte verschaffen, wenn er will. Aber er wird es schwerlich
können. Die Hereinziehung nichtjüdischer Arbeitssclaven in's Land wird
die Society zu vereiteln wissen durch eine gewisse Boycottirung
widerspenstiger Industrieller, durch Verkehrserschwerungen und
dergleichen. Man wird also die Siebenstundentägler nehmen müssen. So
nähern wir uns beinahe zwanglos dem Normaltage von sieben Stunden.


Ansiedlung von Facharbeitern.

Es ist klar, dass, was für die Unskilleds gilt, bei den höheren
Facharbeitern noch leichter ist. Die Theilarbeiter der Fabriken können
unter dieselben Regeln gebracht werden. Die Dienstvermittlungs-Centrale
besorgt sie.

Was nun die selbstständigen Handwerker, die kleinen Meister betrifft,
die wir im Hinblick auf die künftigen Fortschritte der Technik sehr
pflegen wollen, denen wir technologische Kenntnisse zuführen wollen,
selbst wenn sie keine jungen Leute mehr sind, und denen die Pferdekraft
der Bäche und das Licht in elektrischen Drähten zugeleitet werden soll
-- diese selbstständigen Arbeiter sollen auch durch die Centrale der
Society gesucht und gefunden werden. Hier wendet sich die Ortsgruppe an
die Centrale: Wir brauchen so und so viele Tischler, Schlosser, Glaser
u. s. w. Die Centrale verlautbart es. Die Leute melden sich. Sie ziehen
mit ihren Familien nach dem Orte, wo man sie braucht und bleiben da
wohnen, nicht erdrückt von einer verworrenen Concurrenz. Die dauernde,
die gute Heimat ist für sie entstanden.


Die Geldbeschaffung.

Als das Actiencapital der Jewish Company wurde ein phantastisch
klingender Betrag angenommen. Die wirklich nothwendige Höhe des
Actiencapitals wird von Finanzfachleuten festgesetzt werden müssen.
Jedenfalls eine riesige Summe. Wie soll diese aufgebracht werden? Dafür
gibt es drei Formen, welche die Society in Erwägung ziehen wird. Die
Society, diese grosse moralische Person, der Gestor der Juden, besteht
aus unseren reinsten und besten Männern, die aus der Sache keinen
Vermögensgewinn ziehen können und dürfen. Obwohl die Society am Beginn
keine andere als eine moralische Autorität besitzen kann, wird diese
dennoch hinreichen, um die Jewish Company dem Judenvolke gegenüber zu
beglaubigen. Die Jewish Company wird nur dann Aussicht auf
geschäftliches Gelingen haben, wenn sie von der Society sozusagen
gestempelt ist. Es wird sich also nicht eine beliebige Gruppe von
Geldleuten zusammenthun können, um die Jewish Company zu bilden. Die
Society wird prüfen, wählen und bestimmen, und sich vor der Gutheissung
der Gründung alle nöthigen Bürgschaften für die gewissenhafte
Durchführung des Planes sichern lassen. Experimente mit ungenügenden
Kräften dürfen nicht gemacht werden, denn diese Unternehmung muss gleich
auf den ersten Schlag gelingen. Das Misslingen der Sache würde die ganze
Idee auf Jahrzehnte hinaus compromittiren und sie vielleicht für immer
unmöglich machen.

Die drei Formen der Aufbringung des Actiencapitals sind: 1. durch die
Hochbank; 2. durch die Mittelbank; 3. durch eine volksthümliche
Subscription.

Am leichtesten, schnellsten und sichersten wäre die Gründung durch die
Hochbank. Da kann das erforderliche Geld innerhalb der bestehenden
grossen Finanzgruppen durch einfache Berathung in kürzester Zeit
aufgebracht werden. Es hätte den grossen Vortheil, dass die Milliarde --
um bei diesem einmal angenommenen Betrage zu bleiben -- nicht sofort
gänzlich eingezahlt werden müsste. Es hätte den weiteren Vortheil, dass
auch der Credit dieser mächtigen Finanzgruppen der Unternehmung
zuflösse. In der jüdischen Finanzmacht schlummern noch sehr viele
ungenützte politische Kräfte. Von den Feinden des Judenthums wird diese
Finanzmacht als so wirksam dargestellt, wie sie sein könnte, aber
thatsächlich nicht ist. Die armen Juden spüren nur den Hass, den diese
Finanzmacht erregt; den Nutzen, die Linderung ihrer Leiden, welche
bewirkt werden könnte, haben die armen Juden nicht. Die Creditpolitik
der grossen Finanzjuden müsste sich in den Dienst der Volksidee stellen.
Finden aber diese mit ihrer Lage ganz zufriedenen Herren sich nicht
bewogen, etwas für ihre Stammesbrüder zu thun, die man mit Unrecht für
die grossen Vermögen Einzelner verantwortlich macht, so wird die
Verwirklichung dieses Planes Gelegenheit geben, eine reinliche Scheidung
zwischen ihnen und dem übrigen Theile des Judenthums durchzuführen.

Die Hochbank wird übrigens durchaus nicht aufgefordert, einen so enormen
Betrag aus Wohlthätigkeit zu beschaffen. Das wäre eine thörichte
Zumuthung. Die Gründer und Actionäre der Jewish Company sollen vielmehr
ein gutes Geschäft machen, und sie werden sich im vorhinein davon
Rechenschaft geben können, welche Chancen bevorstehen. Die Society of
Jews wird nämlich im Besitze aller Belege und Behelfe sein, aus denen
sich die Aussichten der Jewish Company erkennen lassen. Die Society of
Jews wird insbesondere den Umfang der neuen Judenbewegung genau
erforscht haben und den Gründern der Company auf eine vollkommen
verlässliche Weise mittheilen können, mit welcher Betheiligung diese
rechnen darf. Durch die Herstellung der Alles umfassenden modernen
Judenstatistik wird die Society für die Company die Arbeiten einer
société d'études besorgen, wie man diese in Frankreich zu machen pflegt,
bevor man an die Financirung eines sehr grossen Unternehmens herangeht.

Die Sache wird dennoch vielleicht nicht den kostbaren Beifall der
jüdischen Geldmagnaten finden. Diese werden sogar vielleicht durch ihre
geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Judenbewegung
einzuleiten versuchen. Einen solchen Kampf werden wir, wie jeden
anderen, der uns aufgezwungen wird, mit schonungsloser Härte führen.

Die Geldmagnaten werden sich vielleicht auch nur begnügen, die Sache mit
einem ablehnenden Lächeln abzuthun.

Ist sie damit erledigt?

Nein.

Dann geht die Geldbeschaffung auf die zweite Stufe, an die mittelreichen
Juden. Die jüdische Mittelbank müsste im Namen der Volksidee gegen die
Hochbank zusammengerafft werden zu einer zweiten formidablen Geldmacht.
Das hätte den Uebelstand, dass zunächst nur ein Geldgeschäft daraus
würde, denn die Milliarde müsste voll eingezahlt werden -- sonst darf
man nicht anfangen -- und da dies Geld erst langsam in Verwendung träte,
so würde man in den ersten Jahren allerlei Bank- und Anleihegeschäfte
machen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass so allmälig der ursprüngliche
Zweck in Vergessenheit geriethe, die mittelreichen Juden hätten ein
neues grosses Geschäft gefunden und die Judenwanderung würde versumpfen.

Phantastisch ist die Idee dieser Geldbeschaffung durchaus nicht, das
weiss man. Verschiedenemale wurde ja versucht, das katholische Geld
gegen die Hochbank zusammenzuraffen. Dass man sie auch mit jüdischem
bekämpfen könne, hat man bisher nicht bedacht.

Aber welche Krisen hätte das Alles zur Folge. Wie würden die Länder, wo
solche Geldkämpfe spielten, geschädigt werden, wie müsste der
Antisemitismus dabei überhandnehmen.

Mir ist das also nicht sympathisch, ich erwähne es nur, weil es in der
logischen Entwicklung des Gedankens liegt.

Ob die Mittelbanken die Sache aufgreifen werden, weiss ich auch nicht.

Jedenfalls ist die Sache auch mit der Ablehnung der Mittelreichen nicht
erledigt. Dann beginnt sie vielmehr erst recht.

Denn die Society of Jews, die nicht aus Geschäftsleuten besteht, kann
dann die Gründung der Company als eine volksthümliche versuchen.

Das Actiencapital der Company kann ohne Vermittlung eines Hochbank- oder
Mittelbanksyndicates durch unmittelbare Ausschreibung einer Subscription
aufgebracht werden. Nicht nur die armen kleinen Juden, sondern auch die
Christen, welche die Juden loshaben wollen, werden sich an dieser in
ganz kleine Theile zerlegten Geldbeschaffung betheiligen. Es wäre eine
eigenthümliche und neue Form des Plebiscites, wobei Jeder, der sich für
diese Lösungsform der Judenfrage aussprechen will, seine Meinung durch
eine bedingte Subscription äussern könnte. In der Bedingung liegt die
gute Sicherheit. Die Vollzahlung wäre nur zu leisten, wenn der ganze
Betrag gezeichnet ist, sonst würde die Anzahlung zurückgegeben.

Ist aber der ganze nöthige Betrag durch die volksthümliche Auflage in
der ganzen Welt gedeckt, dann ist jeder einzelne kleine Betrag gesichert
durch die unzähligen anderen kleinen Beträge.

Es wäre dazu natürlich die ausdrückliche, entschiedene Hilfe der
betheiligten Regierungen nöthig.



                             Ortsgruppen.


Die Verpflanzung.

Bisher wurde nur gezeigt, wie die Auswanderung ohne wirthschaftliche
Erschütterung durchzuführen ist. Aber bei einer solchen Auswanderung
gibt es auch viele starke, tiefe Gemüthsbewegungen. Es gibt alte
Gewohnheiten, Erinnerungen, mit denen wir Menschen an den Orten haften.
Wir haben Wiegen, wir haben Gräber, und man weiss, was dem jüdischen
Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir mit -- in ihnen schlummert
rosig und lächelnd unsere Zukunft. Unsere theueren Gräber müssen wir
zurücklassen -- ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk uns
am schwersten trennen. Aber es muss sein.

Schon entfernt uns die wirthschaftliche Noth, der politische Druck, der
gesellschaftliche Hass aus unseren Wohnorten und von unseren Gräbern.
Die Juden ziehen schon jetzt jeden Augenblick aus einem Land in's
andere; eine starke Bewegung geht sogar über's Meer nach den Vereinigten
Staaten -- wo man uns auch nicht mag. Wo wird man uns denn mögen,
solange wir keine eigene Heimat haben?

Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie
gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreissen. Nein, indem wir sie mit
ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden
übersetzen. So wie wir im Wirthschaftlichen und Politischen neue
Verhältnisse schaffen wollen, so gedenken wir im Gemüthlichen alles Alte
heilig zu halten. Darüber nur wenige Andeutungen. Hier ist die Gefahr am
grössten, dass der Plan für eine Schwärmerei gehalten werde.

Und doch ist auch das möglich und wirklich, nur kommt es in der
Wirklichkeit als etwas verworrenes und hilfloses vor. Durch die
Organisirung kann es vernünftig werden.


Die Gruppenwanderung.

Unsere Leute sollen in Gruppen mit einander auswandern. In Gruppen von
Familien und Freunden. Niemand wird gezwungen, sich der Gruppe seines
bisherigen Wohnortes anzuschliessen. Jeder kann, nachdem er seine
Angelegenheiten liquidirt hat, fahren, wie er will. Jeder thut es ja auf
eigene Kosten, in der Bahn- und Schiffsclasse, die ihm zusagt. Unsere
Bahnzüge und unsere Schiffe werden vielleicht nur eine Classe haben. Der
Unterschied des Besitzes belästigt auf so langen Reisen die Aermeren.
Und wenn wir auch unsere Leute nicht zu einer Unterhaltung
hinüberführen, wollen wir ihnen doch nicht unterwegs die Laune
verderben.

Im Elend wird Keiner reisen. Dem eleganten Behagen hingegen soll Alles
möglich sein. Man wird sich schon lange vorher verabreden -- es wird ja
im günstigsten Falle noch Jahre dauern, bis die Bewegung in einzelnen
Besitzclassen in Fluss kommt -- die Wohlhabenden werden zu
Reisegesellschaften zusammentreten. Man nimmt die persönlichen
Beziehungen sämmtlich mit. Wir wissen ja, dass von den Reichsten
abgesehen, die Juden fast gar keinen Verkehr mit Christen haben. In
manchen Ländern ist es so, dass der Jude, der sich nicht ein paar
Tafelschmarotzer, Borgbrüder und Judenknechte aushält, überhaupt keinen
Christen kennt. Das Ghetto besteht innerlich fort.

Man wird sich also in den Mittelständen lange und sorgfältig zur Abreise
vorbereiten. Jeder Ort bildet seine Gruppe. In den grossen Städten
bilden sich nach Bezirken mehrere, die mit einander durch gewählte
Vertreter verkehren. Diese Bezirkseintheilung hat nichts Obligatorisches.
Sie ist eigentlich nur als Erleichterung für die Minderbemittelten
gedacht, und um während der Fahrt kein Unbehagen, kein Heimweh aufkommen
zu lassen. Jeder ist frei, allein zu fahren oder sich welcher Ortsgruppe
immer anzuschliessen. Die Bedingungen -- nach Classen eingetheilt -- sind
für alle gleich. Wenn eine Reisegesellschaft sich zahlreich genug
organisirt, bekommt sie von der Company einen ganzen Bahnzug und dann ein
ganzes Schiff.

Für die passende Unterkunft der Aermeren wird das Quartieramt der
Company gesorgt haben. In dem späteren Zeitpunkt, wo die Wohlhabenden
wandern, wird das erkannte, weil leicht vorauszusehende Bedürfniss schon
die Hotelbauten freier Unternehmer hervorgerufen haben. Auch werden ja
die wohlhabenden Auswanderer sich ihre Heimstätten schon früher gebaut
haben, so dass sie aus dem verlassenen alten Hause in das fertige neue
nur zu übersiedeln brauchen.

Unserer ganzen Intelligenz brauchen wir ihre Aufgabe nicht erst
zuzuweisen. Jeder, der sich dem nationalen Gedanken anschliesst, wird
wissen, wie er in seinem Kreise für die Verbreitung und Bethätigung zu
wirken hat. Wir werden vornehmlich an die Mitwirkung unserer Seelsorger
appelliren.


Unsere Seelsorger.

Jede Gruppe hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht. Alle
gruppiren sich zwanglos. Die Ortsgruppe bildet sich um den Rabbiner
herum. So viele Rabbiner, so viele Ortsgruppen. Die Rabbiner werden uns
auch zuerst verstehen, sich zuerst für die Sache begeistern und von der
Kanzel herab die andern begeistern. Es brauchen keine besonderen
Versammlungen mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienste wird
das eingeschaltet. Und so soll es sein. Wir erkennen unsere historische
Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter, weil wir ja längst die
Sprache verschiedener Nationen unverlöschbar in uns aufgenommen haben.

Die Rabbiner werden nun regelmässig die Mittheilungen der Society und
Company erhalten und sie ihrer Gemeinde verkünden und erklären. Israel
wird für uns, für sich beten.


Vertrauensmänner der Ortsgruppen.

Die Ortsgruppen werden kleine Vertrauensmänner-Commissionen unter dem
Vorsitz des Rabbiners einsetzen. Hier wird alles Praktische nach den
Ortsbedürfnissen berathen und festgesetzt werden.

Die Wohlthätigkeitsanstalten werden durch die Ortsgruppen frei
verpflanzt. Die Stiftungen werden auch drüben in der ehemaligen
Ortsgruppe verbleiben, die Gebäude sollten nach meiner Ansicht nicht
verkauft, sondern den christlichen Hilfsbedürftigen der verlassenen
Städte gewidmet werden. Bei der Landvertheilung drüben wird das den
Ortsgruppen eingerechnet, indem sie unentgeltlich Bauplätze und jede
Bauerleichterung erhalten.

Es wird bei der Verpflanzung der Wohlthätigkeitsanstalten wieder, wie an
manchen anderen Punkten dieses Planes, Gelegenheit geboten, einen
Versuch zum Wohle der ganzen Menschheit zu machen. Unsere jetzige
verworrene Privatwohlthätigkeit stiftet im Verhältniss zum gemachten
Aufwand wenig Gutes. Die Wohlthätigkeitsanstalten können und müssen in
ein System gebracht werden, wo sie sich gegenseitig ergänzen. In einer
neuen Gesellschaft können diese Einrichtungen aus dem modernen
Bewusstsein heraus und auf Grund aller socialpolitischen Erfahrungen
gemacht werden. Die Sache ist für uns sehr wichtig, weil wir viele
Bettler haben. Durch den äusseren Druck, der sie muthlos macht und durch
die weichliche Wohlthätigkeit der Reichen, die sie verwöhnt, lassen sich
die schwächeren Naturen unter unseren Leuten leicht im Bettel gehen.

Die Society wird, unterstützt von den Ortsgruppen, der Volkserziehung in
dieser Hinsicht die grösste Aufmerksamkeit zuwenden. Für viele Kräfte,
die jetzt nutzlos hinwelken, wird ja ein fruchtbarer Boden geschaffen.
Wer nur den guten Willen hat, soll angemessen verwendet werden. Bettler
werden nicht geduldet. Wer als Freier nichts thun will, kommt in's
Arbeitshaus.

Hingegen wollen wir die Alten nicht in's Siechenhaus stecken. Das
Siechenhaus ist eine der grausamsten Wohlthaten, die unsere alberne
Gutmüthigkeit erfunden hat. Im Siechenhaus schämt und kränkt sich der
alte Mensch zu Tode. Er ist eigentlich schon begraben. Wir aber wollen
selbst denen, die auf den untersten Stufen der Intelligenz stehen, bis
an's Ende die tröstliche Illusion ihrer Nützlichkeit lassen. Die zu
körperlicher Arbeit Unfähigen sollen leichte Dienste erhalten. Wir
müssen mit den atrophirten Armen einer jetzt schon hinwelkenden
Generation rechnen. Aber die nachkommenden Generationen sollen in der
Freiheit für die Freiheit anders erzogen werden.

Wir werden für alle Lebensalter, für alle Lebensstufen die sittliche
Beseligung der Arbeit suchen. So wird unser Volk seine Tüchtigkeit
wiederfinden im Siebenstundenlande.


Stadtpläne.

Die Ortsgruppen werden ihre Bevollmächtigten zur Ortswahl delegiren. Bei
der Landvertheilung wird darauf Rücksicht genommen werden, dass die
schonende Verpflanzung, die Erhaltung alles Berechtigten möglich sei.

In den Ortsgruppen werden die Stadtpläne aufliegen. Unsere Leute werden
im vorhinein wissen, wohin sie gehen, in welchen Städten, in welchen
Häusern sie wohnen werden. Es wurde schon von den Bauplänen und
verständlichen Abbildungen gesprochen, die an die Ortsgruppen zu
vertheilen sind.

Wie in der Verwaltung eine straffe Centralisirung, ist in den Ortsgruppen
die vollste Autonomie das Princip. Nur so kann die Verpflanzung schmerzlos
vor sich gehen.

Ich stelle mir das nicht leichter vor, als es ist; man darf es sich auch
nicht schwerer vorstellen.


Der Zug des Mittelstandes.

Der Mittelstand wird unwillkürlich von der Bewegung mit hinübergezogen.
Die Einen haben ihre Söhne als Beamte der Society oder Angestellte der
Company drüben. Juristen, Mediciner, Techniker aller Zweige, junge
Kaufleute, alle jüdischen Wegsucher, die jetzt aus der Bedrängniss ihrer
Vaterländer hinaus in andere Welttheile erwerben gehen, werden sich auf
dem hoffnungsvollen Boden versammeln. Andere haben ihre Töchter an
solche aufstrebende Leute verheiratet. Dann lässt sich von unseren
jungen Leuten der eine seine Braut, der andere seine Eltern und
Geschwister nachkommen. In neuen Culturen heiratet man früh. Das kann
der allgemeinen Sittlichkeit nur zu Statten kommen, und wir erhalten
kräftigen Nachwuchs; nicht jene schwachen Kinder spätverheirateter
Väter, die zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenützt haben.

Im Mittelstande zieht jeder unserer Auswanderer andere nach sich.

Den Muthigsten gehört natürlich das Beste von der neuen Welt.

Es scheint nun freilich, als wäre hier die grösste Schwierigkeit des
Planes.

Selbst wenn es uns gelingt, die Judenfrage in einer ernsten Weise zur
Weltdiscussion zu stellen --

selbst wenn aus dieser Erörterung auf das Bestimmteste hervorgeht, dass
der Judenstaat ein Weltbedürfniss ist --

selbst wenn wir durch die Unterstützung der Mächte die Souveränetät
eines Territoriums erlangten:

wie bringen wir die Judenmassen ohne Zwang aus ihren jetzigen Wohnorten
in dieses neue Land?

Die Wanderung ist doch immer als eine freie gedacht?


Das Phänomen der Menge.

Ein mühsames Anfachen der Bewegung wird wohl kaum nöthig sein. Die
Antisemiten besorgen das schon für uns. Sie brauchen nur soviel zu thun
wie bisher und die Auswanderlust der Juden wird erwachen, wo sie nicht
besteht und sich verstärken, wo sie schon vorhanden ist. Wenn die Juden
jetzt in antisemitischen Ländern verbleiben, so geschieht das
hauptsächlich aus dem Grunde, weil selbst die historisch Ungebildeten
wissen, dass wir uns durch die zahlreichen Ortswechsel in den
Jahrhunderten nie dauernd geholfen haben. Gäbe es heute ein Land, wo man
die Juden willkommen hiesse und ihnen auch viel weniger Vortheil böte,
als im Judenstaate, wenn er entsteht, gesichert sind, so fände
augenblicklich ein starker Zug von Juden dahin statt. Die Aermsten, die
nichts zu verlieren haben, würden sich hinschleppen. Ich behaupte aber
und Jeder wird ja bei sich wissen, ob es wahr ist, dass die
Auswanderlust wegen des Druckes, der auf uns lastet, bei uns selbst in
wohlhabenden Schichten vorhanden ist. Nun würden ja schon die Aermsten
zur Gründung des Staates genügen, ja sie sind das tüchtigste
Menschenmaterial für eine Landnahme, weil man zu grossen Unternehmungen
ein bischen Verzweiflung in sich haben muss.

Aber indem unsere Desperados durch ihr Erscheinen, durch ihre Arbeit den
Werth des Landes heben, machen sie allmälig auch für Besitzkräftigere
die Verlockung entstehen, nachzuziehen.

Immer höhere Schichten werden ein Interesse bekommen, hinüberzugehen.
Den Zug der Ersten, Aermsten werden ja Society und Company gemeinsam
leiten und dabei doch wohl die Unterstützung der schon bestehenden
Auswanderungs- und Zionsvereine finden.

Wie lässt sich eine Menge ohne Befehl nach einem Punkte hin dirigiren?

Es gibt einzelne jüdische Wohlthäter in grossem Stile, welche die Leiden
der Juden durch zionistische Versuche mildern wollen. Solche Wohlthäter
mussten sich schon mit dieser Frage beschäftigen, und sie glaubten, sie
zu lösen, wenn sie den Auswanderern Geld oder Arbeitsmittel in die Hand
gaben. Der Wohlthäter sagte also: »Ich zahle den Leuten, damit sie
hingehen.«

Das ist grundfalsch und mit allem Gelde der Erde nicht zu erschwingen.

Die Company wird im Gegentheil sagen: »Wir zahlen ihnen nicht, wir
lassen sie zahlen. Nur setzen wir ihnen etwas vor.«

Ich will das an einem scherzhaften Beispiele anschaulich machen. Einer
dieser Wohlthäter, den wir den Baron nennen wollen, und ich möchten eine
Menschenmenge an einem heissen Sonntagnachmittag auf der Ebene von
Longchamp bei Paris haben. Der Baron wird, wenn er jedem Einzelnen 10
Francs verspricht, für 200.000 Francs 20.000 schwitzende, unglückliche
Leute hinausbringen, die ihm fluchen werden, weil er ihnen diese Plage
auferlegte.

Ich hingegen werde diese 200.000 Francs als Rennpreis aussetzen für das
schnellste Pferd -- und dann lasse ich die Leute durch Schranken von
Longchamp abhalten. Wer hinein will, muss zahlen: 1 Francs, 5 Francs, 20
Francs.

Die Folge ist, dass ich eine halbe Million Menschen hinausbekomme, der
Präsident der Republik fährt à la Daumont vor, die Menge erfreut und
belustigt sich an sich selbst. Es ist für die Meisten, trotz Sonnenbrand
und Staub, eine glückliche Bewegung im Freien, und ich habe für die
200.000 Francs eine Million an Eintrittsgeldern und Spielsteuer
eingenommen. Ich werde dieselben Leute, wann ich will, wieder dort
haben; der Baron nicht -- der Baron um keinen Preis.

Ich will das Phänomen der Menge übrigens gleich ernster beim Broterwerbe
zeigen. Man versuche es einmal, in den Strassen einer Stadt ausrufen zu
lassen: »Wer in einer nach allen Seiten freistehenden eisernen Halle im
Winter bei schrecklicher Kälte, im Sommer bei quälender Hitze, den
ganzen Tag auf seinen Beinen stehend, jeden Vorübergehenden anreden und
DEM Trödelkram oder Fische oder Obst anbieten wird, bekommt 2 fl. oder 4
Francs oder was Sie wollen.«

Wie viel Leute bekommt man wohl da hin? Wenn sie der Hunger hintreibt,
wie viel Tage halten sie aus? Wenn sie aushalten, mit welchem Eifer
werden sie wohl die Vorübergehenden zum Kaufe von Obst, Fischen oder
Trödelkram zu bestimmen versuchen?

Wir machen es anders. An den Punkten, wo ein grosser Verkehr besteht,
und diese Punkte können wir umso leichter finden, als wir selbst ja den
Verkehr leiten wohin wir wollen, an diesen Punkten errichten wir grosse
Hallen und nennen sie: Märkte. Wir könnten die Hallen schlechter,
gesundheitswidriger bauen als jene, und doch würden uns die Leute
hinströmen. Aber wir werden sie schöner und besser, mit unserem ganzen
Wohlwollen bauen. Und diese Leute, denen wir nichts versprochen haben,
weil wir ihnen, ohne Betrüger zu sein, nichts versprechen können, diese
braven geschäftslustigen Leute werden unter Scherzen einen lebhaften
Marktverkehr hervorbringen. Sie werden unermüdlich die Käufer
haranguiren, sie werden auf ihren Beinen dastehen und die Müdigkeit kaum
merken. Sie werden nicht nur Tag um Tag herbeieilen, um die Ersten zu
sein, sie werden sogar Verbände, Cartelle, alles Mögliche schliessen, um
nur dieses Erwerbsleben ungestört führen zu können. Und wenn sich auch
am Feierabend herausstellt, dass sie mit all der braven Arbeit nur 1 fl.
50 kr. oder 3 Francs oder was Sie wollen, verdient haben, werden sie
doch mit Hoffnung in den nächsten Tag blicken, der vielleicht besser
sein wird.

Wir haben ihnen die Hoffnung geschenkt.

Will man wissen, wo wir die Bedürfnisse hernehmen, die wir für die
Märkte brauchen? Muss das wirklich noch gesagt werden?

Ich zeigte früher, dass durch die Assistance par le travail der
fünfzehnfache Verdienst erzeugt wird. Für eine Million fünfzehn
Millionen, für eine Milliarde fünfzehn Milliarden.

Ja, ob dies im Grossen auch so richtig ist wie im Kleinen? Der Ertrag
des Capitales hat doch in der Höhe eine abnehmende Progression? Ja, des
schlafenden, feige verkrochenen Capitals, nicht der des arbeitenden. Das
arbeitende Capital hat sogar in der Höhe eine furchtbar zunehmende
Ertragskraft. Da steckt ja die sociale Frage.

Ob das richtig ist, was ich sage? Ich rufe dafür die reichsten Juden als
Zeugen auf. Warum betreiben diese so viele verschiedene Industrien?
Warum schicken sie Leute unter die Erde, um für mageren Lohn unter
entsetzlichen Gefahren Kohle heraufzuschaffen. Ich denke mir das nicht
angenehm, auch nicht für die Grubenbesitzer. Ich glaube ja nicht an die
Herzlosigkeit der Capitalisten, und stelle mich nicht als ob ich es
glaubte. Ich will ja nicht hetzen, sondern versöhnen.

Brauche ich das Phänomen der Menge, und wie man sie nach beliebigen
Punkten zieht, auch noch an den frommen Wanderungen zu erklären?

Ich möchte Niemandes heilige Empfindungen durch Worte verletzen, die
falsch ausgelegt werden könnten.

Nur kurz deute ich an, was in der mohammedanischen Welt der Zug der
Pilger nach Mekka ist, in der katholischen Welt Lourdes und so zahllose
andere Punkte, von wo Menschen durch ihren Glauben getröstet heimkehren,
und der heilige Rock zu Trier. So werden auch wir dem tiefen
Glaubensbedürfnisse unserer Leute Zielpunkte errichten. Unsere
Geistlichen werden uns ja zuerst verstehen, und mit uns gehen.

Wir wollen drüben jeden nach seiner Façon selig werden lassen. Auch und
vor allem unsere theuren Freidenker, unser unsterbliches Heer, das für
die Menschheit immer neue Gebiete erobert.

Auf Niemanden soll ein anderer Zwang ausgeübt werden, als der zur
Erhaltung des Staates und der Ordnung nöthige. Und dieses Nöthige wird
nicht von der Willkür einer oder mehrerer Personen wechselnd bestimmt
sein, sondern in ehernen Gesetzen ruhen. Will man nun gerade aus den von
mir gewählten Beispielen folgern, dass die Menge nur vorübergehend nach
solchen Zielpunkten des Glaubens, des Erwerbes oder des Vergnügens
gezogen werden kann, so ist die Widerlegung dieses Einwurfs einfach. Ein
solcher Zielpunkt vermag die Massen nur anzulocken. Alle diese
Anziehungspunkte zusammen sind geeignet, sie festzuhalten und dauernd zu
befriedigen. Denn diese Anziehungspunkte bilden zusammengenommen eine
grosse Einheit, eine langgesuchte, nach der unser Volk nie aufgehört hat
sich zu sehnen; für die es sich erhalten hat, für die es durch den Druck
erhalten worden ist: die freie Heimat! Wenn die Bewegung entsteht,
werden wir die Einen nachziehen, die Anderen uns nachfliessen lassen,
die Dritten werden mitgerissen und die Vierten wird man uns nachdrängen.

Diese, die zögernden späten Nachzügler werden hüben und drüben am
Schlechtesten daran sein.

Aber die Ersten, die gläubig, begeistert und tapfer hinübergehen, werden
die besten Plätze haben.


Unser Menschenmaterial.

Ueber kein Volk sind so viele Irrthümer verbreitet, wie über die Juden.
Und wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden so gedrückt und muthlos
geworden, dass wir diese Irrthümer selbst nachsprechen und nachglauben.
Eine der falschen Behauptungen ist die unmässige Handelslust der Juden.
Nun ist es bekannt, dass wir dort, wo wir die aufsteigende
Classenbewegung mitmachen können, uns eilig vom Handel entfernen.
Weitaus die meisten jüdischen Kaufleute lassen ihre Söhne studiren.
Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe. Aber
auch in den wirthschaftlich schwächeren Schichten ist unsere Handelslust
keineswegs so gross, wie angenommen wird. In den östlichen Ländern
Europas gibt es grosse Massen von Juden, die keine Handeltreibenden sind
und vor schweren Arbeiten nicht zurückschrecken. Die Society of Jews
wird in der Lage sein, eine wissenschaftlich genaue Statistik unserer
Menschenkräfte vorzubereiten. Die neuen Aufgaben und Aussichten, die
unsere Leute im neuen Lande erwarten, werden die jetzigen Handarbeiter
befriedigen und viele der jetzigen kleinen Händler zu Handarbeitern
machen.

Ein Hausirer, der mit dem schweren Pack auf dem Rücken über Land geht,
fühlt sich nicht so glücklich wie seine Verfolger glauben. Mit dem
Siebenstundentage sind alle diese Leute zu Arbeitern zu machen. Es sind
so brave, verkannte Leute und leiden jetzt vielleicht am schwersten.
Uebrigens wird sich die Society of Jews von Anfang an mit ihrer
Erziehung zu Arbeitern beschäftigen. Die Erwerbslust wird auf eine
gesunde Weise anzuregen sein. Der Jude ist sparsam, findig und erfüllt
vom stärksten Familiensinn. Solche Menschen eignen sich zu jeder
Erwerbsthätigkeit und es wird genügen, den Kleinhandel zu einem
unergiebigen zu machen, um selbst die jetzigen Hausirer davon
abzubringen. Hierzu würde beispielsweise die Begünstigung grosser
Kaufhäuser, in denen man alles findet, dienen. Diese Universalkaufhäuser
erdrücken schon jetzt in den Grossstädten den kleinen Handel. In einer
neuen Cultur würden sie sein Entstehen geradezu verhindern. Ihre
Einrichtung hätte gleichzeitig den Vortheil, das Land auch für Menschen
mit vorgeschrittenen Bedürfnissen sofort bewohnbar zu machen.


Kleine Gewohnheiten.

Verträgt es sich mit dem Ernste dieser Schrift, dass ich, wenn auch nur
flüchtig, von den kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten des
Alltagsmenschen spreche?

Ich glaube, ja. Es ist sogar sehr wichtig. Denn diese kleinen
Gewohnheiten sind wie tausend Zwirnfäden, von denen jeder einzelne dünn
und schwach ist -- zusammen sind sie ein unzerreissbares Seil.

Auch auf diesem Punkte muss man sich von beschränkten Vorstellungen
freimachen. Wer etwas von der Welt gesehen hat, der weiss, dass gerade
die kleinen Alltagsgewohnheiten schon jetzt mit Leichtigkeit überallhin
verpflanzt werden. Ja, die technischen Errungenschaften unserer Zeit,
welche dieser Plan für die Menschlichkeit verwenden möchte, sind bisher
hauptsächlich für die kleinen Gewohnheiten verwendet worden. Es gibt
englische Hotels in Egypten und auf den Berggipfeln der Schweiz, Wiener
Cafés in Südafrika, französische Theater in Russland, deutsche Opern in
Amerika und das beste bairische Bier in Paris.

Wenn wir noch einmal aus Mizraim wandern, werden wir die Fleischtöpfe
nicht vergessen.

In jeder Ortsgruppe kann und wird Jeder seine kleinen Gewohnheiten
wiederfinden, nur besser, schöner, angenehmer.



                           Society of Jews

                                 und

                             Judenstaat.


Negotiorum gestio.

Diese Schrift ist nicht für Fachjuristen berechnet; darum kann ich meine
Theorie vom Rechtsgrunde des Staates auch nur flüchtig andeuten, wie
vieles Andere.

Dennoch muss ich einiges Gewicht auf meine neue Theorie legen, die sich
wohl selbst in einer rechtsgelehrten Discussion wird halten lassen.

Rousseau's heute schon veraltete Auffassung wollte dem Staat einen
Gesellschaftsvertrag zu Grunde legen. Rousseau meint: »Die Clauseln
dieses Vertrages sind durch die Natur der Verhandlung so bestimmt, dass
die geringste Abänderung sie nichtig und wirkungslos machen müsste. Die
Folge davon ist, dass sie, WENN SIE AUCH VIELLEICHT NIE AUSDRÜCKLICH
AUSGESPROCHEN WÄREN, doch überall gleich, überall stillschweigend
angenommen und anerkannt sind u. s. w.«

Die logische und geschichtliche Widerlegung von Rousseau's Theorie war
und ist nicht schwer, wie furchtbar und fruchtbar diese Theorie auch
gewirkt habe. Für die modernen Verfassungsstaaten ist die Frage, ob vor
der Constitution schon ein Gesellschaftsvertrag mit »nicht ausdrücklich
ausgesprochenen, aber unabänderlichen Clauseln« bestanden habe, ohne
praktisches Interesse. Jetzt ist das Rechtsverhältniss zwischen
Regierung und Bürgern jedenfalls festgesetzt.

Aber vor der Einrichtung einer Verfassung und beim Entstehen eines neuen
Staates sind diese Grundsätze auch praktisch wichtig. Dass neue Staaten
noch immer entstehen können, wissen wir ja, sehen wir ja. Colonien
fallen vom Mutterlande ab, Vasallen reissen sich vom Suzerän los,
neuerschlossene Territorien werden gleich als freie Staaten gegründet.
Der Judenstaat ist allerdings als eine ganz eigenthümliche Neubildung
auf noch unbestimmtem Territorium gedacht. Aber nicht die Länderstrecken
sind der Staat, sondern die durch eine Souveränetät zusammengefassten
Menschen sind es.

Das Volk ist die persönliche, das Land die dingliche Grundlage des
Staates. Und von diesen beiden Grundlagen ist die persönliche die
wichtigere. Es gibt zum Beispiel eine Souveränetät ohne dingliche
Grundlage, und sie ist sogar die geachtetste der Erde: es ist die
Souveränetät des Papstes.

In der Wissenschaft vom Staate herrscht gegenwärtig die Theorie der
Vernunftnothwendigkeit. Diese Theorie reicht aus, um die Entstehung des
Staates zu rechtfertigen, und sie kann nicht geschichtlich widerlegt
werden, wie die Vertragstheorie. So weit es sich um die Entstehung des
Judenstaates handelt, befinde ich mich in dieser Schrift vollkommen auf
dem Boden der Vernunftnothwendigkeits-Theorie. Diese weicht aber dem
Rechtsgrunde des Staates aus. Der modernen Anschauung entsprechen die
Theorie der göttlichen Stiftung, die der Uebermacht, die Patriarchal-,
Patrimonial- und Vertragstheorie nicht. Der Rechtsgrund des Staates wird
bald zu sehr in den Menschen (Uebermachts-, Patriarchal- und
Vertragstheorie), bald rein über den Menschen (göttliche Stiftung), bald
unter den Menschen (dingliche Patrimonialtheorie) gesucht. Die
Vernunftnothwendigkeit lässt die Frage bequem oder vorsichtig
unbeantwortet. Eine Frage, mit der sich die grössten Rechtsphilosophen
aller Zeiten so tief beschäftigt haben, kann jedoch nicht ganz müssig
sein. Thatsächlich liegt im Staat eine Mischung von Menschlichem und
Uebermenschlichem vor. Für das zuweilen drückende Verhältniss, in
welchem die Regierten zu den Regierenden stehen, ist ein Rechtsgrund
unerlässlich. Ich glaube, er kann in der »negotiorum gestio« gefunden
werden. Wobei man sich die Gesammtheit der Bürger als Dominus negotiorum
und die Regierung als den Gestor zu denken hat.

Der wunderbare Rechtssinn der Römer hat in der negotiorum gestio ein
edles Meisterwerk geschaffen. Wenn das Gut eines Behinderten in Gefahr
ist, darf Jeder hinzutreten und es retten. Das ist der Gestor, der
Führer fremder Geschäfte. Er hat keinen Auftrag, das heisst keinen
menschlichen Auftrag. Sein Auftrag ist ihm von einer höheren
Nothwendigkeit ertheilt. Diese höhere Nothwendigkeit kann für den Staat
auf verschiedene Weise formulirt werden und wird auch auf den einzelnen
Culturstufen dem jeweiligen allgemeinen Begriffsvermögen entsprechend
verschiedenartig formulirt. Gerichtet ist die Gestio auf das Wohl des
Dominus, des Volkes, zu dem ja auch der Gestor selbst gehört.

Der Gestor verwaltet ein Gut, dessen Miteigenthümer er ist. Aus seinem
Miteigenthum schöpft er wohl die Kenntnis des Nothstandes, der das
Eingreifen, die Führung in Krieg und Frieden erfordert; aber keineswegs
gibt er sich als Miteigenthümer selbst einen giltigen Auftrag. Er kann
die Zustimmung der unzähligen Miteigenthümer im günstigsten Falle nur
vermuthen.

Der Staat entsteht durch den Daseinskampf eines Volkes. In diesem Kampfe
ist es nicht möglich, erst auf umständliche Weise einen ordentlichen
Auftrag einzuholen. Ja, es würde jede Unternehmung für die Gesammtheit
von vorneherein scheitern, wenn man zuvor einen regelrechten
Mehrheitsbeschluss erzielen wollte. Die innere Parteiung würde das Volk
gegen den äusseren Nothstand wehrlos machen. Alle Köpfe sind nicht unter
einen Hut zu bringen, wie man gewöhnlich sagt. Darum setzt der Gestor
einfach den Hut auf und geht voran.

Der Staatsgestor ist genügend legitimirt, wenn die allgemeine Sache in
Gefahr und der Dominus durch Willensunfähigkeit oder auf andere Art
verhindert ist, sich selbst zu helfen.

Aber durch sein Eingreifen wird der Gestor dem Dominus ähnlich wie aus
einem Vertrage, quasi ex contractu, verpflichtet. Das ist das
vorbestandene oder richtiger: mitentstehende Rechtsverhältniss im
Staate.

Der Gestor muss dann für jede Fahrlässigkeit haften, auch wegen
verschuldeter Nichtvollendung der einmal übernommenen Geschäfte und
Versäumung dessen, was damit im wesentlichen Zusammenhange steht u. s. w.
Ich will die negotiorum gestio hier nicht weiter ausführen und auf
den Staat übertragen. Das würde uns zu weit vom eigentlichen Gegenstande
ablenken. Nur das Eine sei noch angeführt: »Durch Genehmigung wird die
Geschäftsführung für den Geschäftsherrn in gleicher Art wirksam, als
wenn sie ursprünglich seinem Auftrag gemäss geschehen wäre.«

Und was bedeutet das Alles in unserem Falle?

Das Judenvolk ist gegenwärtig durch die Diaspora verhindert, seine
politischen Geschäfte selbst zu führen. Dabei ist es auf verschiedenen
Punkten in schwerer oder leichterer Bedrängniss. Es braucht vor Allem
einen Gestor.

Dieser Gestor darf nun freilich nicht ein einzelnes
Individuum sein. Ein solches wäre lächerlich oder -- weil es auf seinen
eigenen Vortheil auszugehen schiene -- verächtlich.

Der Gestor der Juden muss in jedem Sinne des Wortes eine moralische
Person sein.

Und das ist die Society of Jews.


Der Gestor der Juden.

Dieses Organ der Volksbewegung, dessen Art und Aufgaben wir erst jetzt
erörtern, wird thatsächlich vor allem Anderen entstehen. Die Entstehung
ist eine überaus einfache. Aus dem Kreise der wackeren englischen Juden,
denen ich in London den Plan mittheilte, wird sich diese moralische
Person bilden.

Die Society of Jews ist die Centralstelle der beginnenden Judenbewegung.

Die Society hat wissenschaftliche und politische Aufgaben. Die Gründung
des Judenstaates, wie ich mir sie denke, hat moderne wissenschaftliche
Voraussetzungen. Wenn wir heute aus Mizraim wandern, kann es nicht in
der naiven Weise der alten Zeit geschehen. Wir werden uns vorher anders
Rechenschaft geben von unserer Zahl und Kraft. Die Society of Jews ist
der neue Moses der Juden. Die Unternehmung des alten grossen Gestors der
Juden in den einfachen Zeiten verhält sich zur unserigen, wie ein
wunderschönes altes Singspiel zu einer modernen Oper. Wir spielen
dieselbe Melodie mit viel, viel mehr Violinen, Flöten, Harfen, Knie- und
Bassgeigen, elektrischem Licht, Decorationen, Chören, herrlicher
Ausstattung und mit den ersten Sängern.

Diese Schrift soll die allgemeine Discussion über die Judenfrage
eröffnen. Freunde und Feinde werden sich daran betheiligen -- ich hoffe,
nicht mehr in der bisherigen Form sentimentaler Vertheidigungen und
wüster Beschimpfungen. Die Debatte soll sachlich, gross, ernst und
politisch geführt werden.

Die Society of Jews wird alle Kundgebungen der Staatsmänner, Parlamente,
Judengemeinden, Vereine, die in Wort und Schrift, in Versammlungen,
Zeitungen und Büchern hervorkommen, sammeln.

So wird die Society zum
erstenmal erfahren und feststellen, ob die Juden schon in's Gelobte Land
wandern wollen und müssen. Die Society wird von den Judengemeinden in
aller Welt die Behelfe zu einer umfassenden Statistik der Juden
erhalten.

Die späteren Aufgaben, die gelehrte Erforschung des neuen Landes und
seiner natürlichen Hilfsmittel, der einheitliche Plan zur Wanderung und
Ansiedelung, die Vorarbeiten für die Gesetzgebung und Verwaltung etc.
sind aus dem Zweck vernünftig zu entwickeln.

Nach Aussen muss die Society versuchen, wie ich schon anfangs im
allgemeinen Theil erklärte, als staatsbildende Macht anerkannt zu
werden. Aus der freien Zustimmung vieler Juden kann sie den Regierungen
gegenüber die nöthige Autorität schöpfen.

Nach Innen, das heisst dem Judenvolke gegenüber, schafft die Society die
unentbehrlichen Einrichtungen der ersten Zeit -- die Urzelle, um es mit
einem naturwissenschaftlichen Worte zu sagen, aus der sich später die
öffentlichen Einrichtungen des Judenstaates entwickeln sollen.

Das erste Ziel ist, wie schon gesagt, die völkerrechtlich gesicherte
Souveränetät auf einem für unsere gerechten Bedürfnisse ausreichenden
Landstrich.

Was hat nachher zu geschehen?


Die Landergreifung.

Als die Völker in den historischen Zeiten wanderten, liessen sie sich
vom Weltzufall tragen, ziehen, schleudern. Wie Heuschreckenschwärme
gingen sie in ihrem bewusstlosen Zuge irgendwo nieder. In den
geschichtlichen Zeiten kannte man ja die Erde nicht.

Die neue Judenwanderung muss nach wissenschaftlichen Grundsätzen
erfolgen.

Noch vor einigen vierzig Jahren wurde die Goldgräberei auf eine
wunderlich einfältige Weise betrieben. Wie abenteuerlich ist es in
Californien zugegangen! Da liefen auf ein Gerücht hin die Desperados
aus aller Welt zusammen, stahlen der Erde, raubten einander das Gold ab
-- und verspielten es dann ebenso räubermässig.

Heute! Man sehe sich heute die Goldgräberei in Transvaal an. Keine
romantischen Strolche mehr, sondern nüchterne Geologen und Ingenieure
leiten die Goldindustrie. Sinnreiche Maschinen lösen das Gold aus dem
erkannten Gestein. Dem Zufall ist wenig überlassen.

So muss das neue Judenland mit allen modernen Hilfsmitteln erforscht und
in Besitz genommen werden.

Sobald uns das Land gesichert ist, fährt das Landnahmeschiff hinüber.

Auf dem Schiff befinden sich die Vertreter der Society, der Company und
der Ortsgruppen.

Diese Landnehmer haben drei Aufgaben: 1. die genaue wissenschaftliche
Erforschung aller natürlichen Eigenschaften des Landes, 2. die
Einrichtung einer straff centralisirten Verwaltung, 3. die
Landvertheilung. Diese Aufgaben greifen ineinander und sind dem schon
genügend bekannten Zweck entsprechend auszuführen.

Nur eins ist noch nicht klargemacht: nämlich wie die Landergreifung nach
Ortsgruppen vor sich gehen soll.

In Amerika occupirt man bei Erschliessung eines neuen Territoriums auch
noch auf eine recht naive Art. Die Landnehmer versammeln sich an der
Grenze und stürzen zur bestimmten Stunde gleichzeitig und gewaltsam
darauf los.

So wird es im neuen Judenlande nicht zu machen sein. Die Plätze der
Provinzen und Städte werden versteigert. Nicht etwa für Geld, sondern
für Leistungen. Es ist nach dem allgemeinen Plane festgestellt worden,
welche Strassen, Brücken, Wasserregulirungen u. s. w. nöthig sind für
den Verkehr. Das wird nach Provinzen zusammengelegt. Innerhalb der
Provinzen werden in ähnlicher Weise die Stadtplätze versteigert. Die
Ortsgruppen übernehmen die Verpflichtung, das ordentlich auszuführen.
Sie bestreiten die Kosten aus autonomen Umlagen. Die Society wird ja in
der Lage sein, vorauszuwissen, ob sich die Ortsgruppen keiner zu grossen
Opfer vermessen. Die grossen Gemeinwesen erhalten grosse Schauplätze für
ihre Thätigkeit. Grössere Opfer werden durch gewisse Zuwendungen
belohnt: Universitäten, Fach-, Hochschulen, Versuchsanstalten etc. und
jene Staatsinstitute, die nicht in der Hauptstadt sein müssen, werden
über das Land zerstreut.

Für die richtige Ausführung des Uebernommenen haftet das eigene
Interesse der Ersteher und im Nothfall die Ortsumlage. Denn so wie wir
den Unterschied einzelner Individuen nicht aufheben können und wollen,
so bleibt auch der Unterschied zwischen den Ortsgruppen bestehen. Alles
gliedert sich auf natürliche Weise. Alle erworbenen Rechte werden
geschützt, jede neue Entwicklung erhält genügenden Spielraum.

Diese Dinge werden sämmtlich unseren Leuten deutlich bekannt sein.

So wie wir die Anderen nicht überrumpeln oder betrügen, so täuschen wir
uns auch selbst nicht.

Von vornherein wird alles auf eine planvolle Art festgestellt sein. An
der Ausarbeitung dieses Planes, den ich nur anzudeuten vermag,
werden sich unsere scharfsinnigsten Köpfe betheiligen. Alle
socialwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Zeit, in
der wir leben, und der immer höheren Zeit, in welche die langwierige
Ausführung des Planes fallen wird, sind für den Zweck zu verwenden. Alle
glücklichen Erfindungen, die schon da sind und die noch kommen werden,
sind zu benützen. So kann es eine in der Geschichte beispiellose Form
der Landnahme und Staatgründung werden, mit bisher nicht dagewesenen
Chancen des Gelingens.


Verfassung.

Eine der von der Society einzusetzenden grossen Commissionen wird der
Rath der Staatsjuristen sein. Diese müssen eine möglichst gute moderne
Verfassung zustandebringen. Ich glaube, eine gute Verfassung soll von
mässiger Elasticität sein. In einem anderen Werke habe ich
auseinandergesetzt, welche Staatsformen mir als die besten erscheinen.
Ich halte die demokratische Monarchie und die aristokratische Republik
für die feinsten Formen des Staates. Staatsform und Regierungsprincip
müssen in einem ausgleichenden Gegensatze zu einander stehen. Ich bin
ein überzeugter Freund monarchischer Einrichtungen, weil sie eine
beständige Politik ermöglichen und das mit der Staatserhaltung
verknüpfte Interesse einer geschichtlich berühmten, zum Herrschen
geborenen und erzogenen Familie vorstellen. Unsere Geschichte ist jedoch
so lange unterbrochen gewesen, dass wir an die Einrichtung nicht mehr
anknüpfen können. Der blosse Versuch unterläge dem Fluche der
Lächerlichkeit.

Die Demokratie ohne das nützliche Gegengewicht eines Monarchen ist masslos
in der Anerkennung und in der Verurtheilung, führt zu Parlamentsgeschwätz
und zur hässlichen Kategorie der Berufspolitiker. Auch sind die jetzigen
Völker nicht geeignet für die unbeschränkte Demokratie und ich glaube, sie
werden zukünftig immer weniger dazu geeignet sein. Die reine Demokratie
setzt nämlich sehr einfache Sitten voraus und unsere Sitten werden mit dem
Verkehr und mit der Cultur immer complicirter. Le ressort d'une démocratie
est la vertu, sagt der weise Montesquieu. Und wo findet man diese Tugend,
die politische meine ich? Ich glaube nicht an unsere politische Tugend,
weil wir nicht anders sind, als die anderen modernen Menschen, und weil
uns in der Freiheit zunächst der Kamm schwellen würde. Das Referendum halte
ich für unverständig, denn in der Politik gibt es keine einfachen Fragen,
die man blos mit Ja und Nein beantworten kann. Auch sind die Massen noch
ärger als die Parlamente, jedem Irrglauben unterworfen, jedem kräftigen
Schreier zugeneigt. Vor versammeltem Volke kann man weder äussere noch
innere Politik machen.

Politik muss von oben herab gemacht werden. Im Judenstaate soll darum
doch Niemand geknechtet werden, denn jeder Jude kann aufsteigen, jeder
wird aufsteigen wollen. So muss ein gewaltiger Zug nach oben in unser
Volk kommen. Jeder Einzelne wird nur glauben, sich selbst zu heben, und
dabei wird die Gesammtheit gehoben. Das Aufsteigen ist in sittliche, dem
Staate nützliche, der Volksidee dienende Formen zu binden.

Darum denke ich mir eine aristokratische Republik. Das entspricht auch
dem ehrgeizigen Sinne unseres Volkes, der jetzt zu alberner Eitelkeit
entartet ist. Manche Einrichtung Venedigs schwebt mir vor; aber alles,
woran Venedig zugrunde ging, ist zu vermeiden. Wir werden aus den
geschichtlichen Fehlern Anderer lernen, wie aus unseren eigenen. Denn
wir sind ein modernes Volk und wollen das modernste werden. Unser Volk,
dem die Society das neue Land bringt, wird auch die Verfassung, die ihm
die Society gibt, dankbar annehmen. Wo sich aber Widerstände zeigen,
wird die Society sie brechen. Sie kann sich im Werke durch beschränkte
oder böswillige Individuen nicht stören lassen.


Sprache.

Vielleicht denkt jemand, es werde eine Schwierigkeit sein, dass wir
keine gemeinsame Sprache mehr haben. Wir können doch nicht Hebräisch
miteinander reden. Wer von uns weiss genug Hebräisch, um in dieser
Sprache ein Bahnbillet zu verlangen? Das gibt es nicht. Dennoch ist die
Sache sehr einfach. Jeder behält seine Sprache, welche die liebe Heimat
seiner Gedanken ist. Für die Möglichkeit des Sprachenföderalismus ist
die Schweiz ein endgiltiges Beispiel. Wir werden auch drüben bleiben,
was wir jetzt sind, sowie wir nie aufhören werden, unsere Vaterländer,
aus denen wir verdrängt wurden, mit Wehmuth zu lieben.

Die verkümmerten und verdrückten Jargons, deren wir uns jetzt bedienen,
diese Ghettosprachen werden wir uns abgewöhnen. Es waren die
verstohlenen Sprachen von Gefangenen. Unsere Volkslehrer werden dieser
Sache ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Die dem allgemeinen Verkehre am
meisten nützende Sprache wird sich zwanglos als Hauptsprache einsetzen.
Unsere Volksgemeinschaft ist ja eine eigenthümliche, einzige. Wir
erkennen uns eigentlich nur noch am väterlichen Glauben als
zusammengehörig.


Theokratie.

Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube hält uns
zusammen, die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher
theokratische Velleitäten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen
lassen. Wir werden sie in ihren Tempeln festzuhalten wissen, wie wir
unser Berufsheer in den Kasernen festhalten werden. Heer und Clerus
sollen so hoch geehrt werden, wie es ihre schönen Functionen erfordern
und verdienen. In den Staat, der sie auszeichnet, haben sie nichts
dreinzureden, denn sie würden äussere und innere Schwierigkeiten
heraufbeschwören.

Jeder ist in seinem Bekenntniss oder in seinem Unglauben so frei und
unbeschränkt, wie in seiner Nationalität. Und fügt es sich, dass auch
Andersgläubige, Andersnationale unter uns wohnen, so werden wir ihnen
einen ehrenvollen Schutz und die Rechtsgleichheit gewähren. Wir haben
die Toleranz in Europa gelernt. Ich sage das nicht einmal spöttisch. Den
jetzigen Antisemitismus kann man nur an vereinzelten Orten für die alte
religiöse Intoleranz halten. Zumeist ist er bei den Culturvölkern eine
Bewegung, mit der sie ein Gespenst ihrer eigenen Vergangenheit abwehren
möchten.


Gesetze.

Wenn die Verwirklichung des Staatsgedankens näher rückt, wird die
Society of Jews gesetzgeberische Vorarbeiten machen lassen durch ein
Juristencollegium. Für die Uebergangszeit lässt sich der Grundsatz
annehmen, dass Jeder der aus den verschiedenen Ländern einwandernden
Juden nach seinen bisherigen Landesgesetzen zu beurtheilen sei. Bald ist
die Rechtseinheit anzustreben. Es müssen moderne Gesetze sein, auch da
überall das Beste zu verwenden. Es kann eine vorbildliche Codification
werden, durchdrungen von allen gerechten socialen Forderungen der
Gegenwart.


Das Heer.

Der Judenstaat ist als ein neutraler gedacht. Er braucht nur ein
Berufsheer -- allerdings ein mit sämmtlichen modernen Kriegsmitteln
ausgerüstetes -- zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach Aussen, wie nach
Innen.


Die Fahne.

Wir haben keine Fahne. Wir brauchen eine. Wenn man viele Menschen führen
will, muss man ein Symbol über ihre Häupter erheben.

Ich denke mir eine weisse Fahne, mit sieben goldenen Sternen. Das weisse
Feld bedeutet das neue, reine Leben; die Sterne sind die sieben
goldenen Stunden unseres Arbeitstages. Denn im Zeichen der Arbeit gehen
die Juden in das neue Land.


Reciprocität und Auslieferungsverträge.

Der neue Judenstaat muss anständig gegründet werden. Wir denken ja an
unsere künftige Ehre in der Welt.

Darum müssen alle Verpflichtungen in den bisherigen Wohnorten rechtschaffen
erfüllt werden. Billige Fahrt und alle Ansiedelungsbegünstigungen
werden Society of Jews und Jewish Company nur denjenigen gewähren, die
ein Amtszeugniss Ihrer bisherigen Behörden beibringen: »In guter Ordnung
fortgezogen«.

Alle privatrechtlichen Forderungen, die noch aus den verlassenen Ländern
stammen, sind im Judenstaate leichter klagbar als irgendwo. Wir werden
gar nicht auf Reciprocität warten. Wir thun das nur um unserer eigenen
Ehre willen. So werden späterhin auch unsere Forderungen willigere
Gerichte finden, als dies jetzt da und dort der Fall sein mag.

Von selbst versteht sich nach allem Bisherigen, dass wir auch die
jüdischen Verbrecher leichter ausliefern, als jeder andere Staat, bis zu
dem Augenblicke, wo wir die Strafhoheit nach denselben Grundsätzen
ausüben werden, wie alle übrigen civilisirten Völker. Es ist also eine
Uebergangszeit gedacht, während welcher wir unsere Verbrecher erst nach
abgebüsster Strafe aufnehmen. Haben sie aber gebüsst, so werden sie ohne
jede Restriction aufgenommen, es soll auch für die Verbrecher unter uns
ein neues Leben beginnen.

So kann für viele Juden die Auswanderung zu einer glücklich verlaufenden
Krise werden. Die schlechten äusseren Bedingungen, unter denen mancher
Charakter verdorben ist, werden behoben, und Verlorene können gerettet
werden.

Ich möchte da kurz die Geschichte erzählen, die ich in einem Bericht
über die Goldminen von Witwatersrand gefunden habe. Ein Mann kam eines
Tages nach dem Rand, liess sich nieder, versuchte Einiges, nur nicht das
Goldgraben, gründete endlich eine Eisfabrik, die prosperirte, und erwarb
sich bald durch seine Anständigkeit die allgemeine Achtung. Da wurde er
nach Jahren plötzlich verhaftet. Er hatte in Frankfurt als Bankier
Betrügereien verübt, war entflohen und hatte hier unter falschem Namen
ein neues Leben begonnen. Als man ihn aber gefangen fortführte, da
erschienen die angesehensten Leute auf dem Bahnhof, sagten ihm herzlich
Lebewohl und -- Auf Wiedersehen! Denn er wird wiederkommen.

Was sagt diese Geschichte alles! Ein neues Leben vermag selbst
Verbrecher zu bessern. Und wir haben doch verhältnissmässig sehr wenige
Verbrecher. Man lese dazu eine interessante Statistik »Die Kriminalität
der Juden in Deutschland«, die von Dr. P. Nathan in Berlin -- im
Auftrage des Comités zur Abwehr antisemitischer Angriffe -- auf Grund
amtlicher Ausweise zusammengestellt wurde. Freilich geht aber diese
zahlenerfüllte Schrift, wie manche andere »Abwehr« von dem Irrthum aus,
dass sich der Antisemitismus vernünftig widerlegen lasse. Man hasst uns
vermuthlich ebensosehr wegen unserer Vorzüge, wie wegen unserer Fehler.


Vortheile der Judenwanderung.

Ich denke mir, dass die Regierungen diesem Entwurfe freiwillig oder
unter dem Drucke ihrer Antisemiten einige Aufmerksamkeit schenken
werden, und vielleicht wird man sogar da und dort von Anfang an dem
Plane mit Sympathie entgegenkommen, und es der Society of Jews auch
zeigen.

Denn durch die Judenwanderung, die ich meine, können keine
wirthschaftlichen Krisen entstehen. Solche Krisen, die im Gefolge von
Judenhetzen überall kommen müssten, würden durch die Ausführung dieses
Entwurfes vielmehr verhindert werden. Eine grosse Periode der Wohlfahrt
würde in den jetzt antisemitischen Ländern beginnen. Es wird ja, wie ich
schon oft sagte, eine innere Wanderung der christlichen Staatsbürger in
die langsam und planvoll evacuirten Positionen der Juden stattfinden.
Wenn man uns nicht nur gewähren lässt, sondern geradezu hilft, so wird
die Bewegung überall befruchtend wirken. Es ist auch eine bornirte
Vorstellung, von der man sich frei machen muss, dass durch den Abzug
vieler Juden eine Verarmung der Länder eintreten müsste. Anders stellt
sich ein Abzug infolge von Hetzen dar, wobei allerdings, wie in der
Verwirrung eines Krieges, Güter zerstört werden. Und anders ist der
friedliche freiwillige Abzug von Colonisten, wobei alles unter Schonung
erworbener Rechte, in vollster Gesetzlichkeit, frei und offen, am hellen
Tage, unter den Augen der Behörden, unter der Controle der öffentlichen
Meinung vollzogen werden kann. Die Auswanderung von christlichen
Proletariern nach anderen Welttheilen käme durch die Judenbewegung zum
Stillstande.

Die Staaten hätten ferner den Vortheil, dass ihr Exporthandel gewaltig
wüchse, denn da die ausgewanderten Juden drüben noch lange auf die
europäischen Erzeugnisse angewiesen wären, müssten sie sie nothwendig
beziehen. Durch die Ortsgruppen würde ein gerechter Ausgleich
geschaffen, die gewohnten Bedürfnisse müssten sich noch lange an den
gewohnten Orten decken.

Einer der grössten Vortheile wäre wohl die sociale Erleichterung. Die
sociale Unzufriedenheit könnte auf eine Zeit hinaus beschwichtigt
werden, die vielleicht 20 Jahre, vielleicht länger dauern würde,
jedenfalls aber die ganze Zeit der Judenwanderung hindurch anhielte.

Die Gestaltung der socialen Frage hängt nur von der Entwicklung der
technischen Mittel ab. Der Dampf hat die Menschen um die Maschinen herum
in den Fabriken versammelt, wo sie aneinander gedrückt sind und durch
einander unglücklich werden. Die Production ist eine ungeheure,
wahllose, planlose, führt jeden Augenblick zu schweren Krisen, durch die
mit den Unternehmern auch die Arbeiter zugrunde gehen. Der Dampf hat die
Menschen aneinandergepresst, die Anwendung der Elektricität wird sie
vermuthlich wieder auseinander streuen und vielleicht in glücklichere
Arbeitszustände bringen. Jedenfalls werden die technischen Erfinder, die
wahren Wohlthäter der Menschheit, auch nach Beginn der Judenwanderung
weiterarbeiten und hoffentlich so wunderbare Dinge finden wie bisher,
nein, immer wunderbarere.

Schon scheint das Wort »unmöglich« aus der Sprache der Technik
verschwunden zu sein. Käme ein Mann des vorigen Jahrhunderts wieder, er
fände unser ganzes Leben voll unbegreiflicher Zaubereien. Wo wir
Modernen mit unseren Hilfsmitteln erscheinen, verwandeln wir die Wüste
in einen Garten. Zur Errichtung von Städten genügen uns jetzt soviele
Jahre, als man in früheren Epochen der Geschichte Jahrhunderte brauchte
-- dafür zahllose Beispiele in Amerika. Die Entfernungen sind als
Hinderniss überwunden. Die Schatzkammer des modernen Geistes enthält
schon unermessliche Reichthümer; jeder Tag vermehrt sie, hunderttausend
Köpfe sinnen, suchen auf allen Punkten der Erde, und was einer entdeckt
hat, gehört im nächsten Augenblick der ganzen Welt.

Wir selbst möchten im Judenlande alle neuen Versuche benützen,
fortbilden, und wie wir im Siebenstundentage ein Experiment zum Wohle
der ganzen Menschheit machen, so wollen wir in Allem Menschenfreundlichen
vorangehen und als neues Land ein Versuchsland und Musterland vorstellen.

Nach dem Abzug der Juden werden die von ihnen geschaffenen
Unternehmungen verbleiben wo sie waren. Und nicht einmal der jüdische
Unternehmungsgeist wird dort fehlen, wo man ihn gerne sieht. Das mobile
jüdische Capital wird auch fernerhin seine Anlagen dort suchen, wo
seinen Besitzern die Verhältnisse wohlbekannt sind. Und während jetzt
das jüdische Geldcapital wegen der Verfolgungen ausser Landes die
entlegensten Unternehmungen aufsucht, wird es bei dieser friedlichen
Lösung zurückkehren und zum weiteren Aufschwung der bisherigen Wohnorte
der Juden beitragen.



Schlusswort.


Wie Vieles ist noch unerörtert geblieben, wie viele Mängel, schädliche
Flüchtigkeiten und nutzlose Wiederholungen weist noch immer diese
Schrift auf, die ich mir lange wohl bedacht und oft überarbeitet habe.

Der redliche Leser, der auch verständig genug ist, im Inneren der Worte
zu lesen, wird sich von den Mängeln nicht abstossen lassen. Er wird sich
eher angeeifert fühlen, mit seinem Scharfsinn und seiner Kraft
theilzunehmen an einem Werk, das keinem Einzelnen gehört, und es zu
verbessern.

Habe ich nicht selbstverständliche Dinge erklärt und wichtige Bedenken
übersehen?

Einige Einwände habe ich zu widerlegen versucht; ich weiss, es gibt noch
andere, viele, es gibt hohe und niedere.

Zu den hohen Einwendungen gehört es, dass in der Welt die Nothlage der
Juden nicht die einzige ist. -- Ich meine aber, dass wir immerhin
anfangen sollen, ein wenig Elend hinwegzuräumen; wäre es auch vorläufig
nur unser eigenes.

Ferner kann gesagt werden, dass wir nicht neue Unterschiede zwischen die
Menschen bringen sollten; keine neuen Grenzen errichten, lieber die
alten verschwinden machen. -- Ich meine, das sind liebenswerthe
Schwärmer, die so denken; aber der Staub ihrer Knochen wird schon
spurlos zerblasen sein, wenn die Vaterlandsidee noch immer blühen wird.
Die allgemeine Verbrüderung ist nicht einmal ein schöner Traum. Der
Feind ist nöthig für die höchsten Anstrengungen der Persönlichkeit.

Aber wie? Die Juden würden wohl in ihrem eigenen Staat keinen Feind mehr
haben, und da sie im Wohlergehen schwach werden und schwinden, so würde
das Judenvolk dann erst recht zu Grunde gehen? -- Ich meine, die Juden
werden immer genug Feinde haben, wie jede andere Nation. Wenn sie aber
auf ihrem eigenen Boden sitzen, können sie nie mehr in alle Welt
zerstreut werden. Wiederholt kann die Diaspora nicht werden, solange die
ganze Cultur der Welt nicht zusammenbricht. Und davor kann sich nur ein
Einfältiger fürchten. Die jetzige Cultur hat Machtmittel genug, um sich
zu vertheidigen.

Die niederen Einwendungen sind zahllos, wie es ja auch mehr niedere
Menschen gibt als hohe. Einige beschränkte Vorstellungen versuchte ich
niederzuringen. Wer sich hinter die weisse Fahne mit den sieben Sternen
stellen will, muss mithelfen in diesem Aufklärungs-Feldzug. Vielleicht
wird der Kampf zuerst gegen manche böse, engherzige, beschränkte Juden
geführt werden müssen.

Wird man nicht sagen, dass ich den Antisemiten Waffen liefere? Warum?
Weil ich das Wahre zugebe? Weil ich nicht behaupte, dass wir lauter
vortreffliche Menschen unter uns haben?

Wird man nicht sagen, dass ich einen Weg zeige, auf dem man uns schaden
könnte? Das bestreite ich auf das Entschiedenste. Was ich vorschlage,
kann nur ausgeführt werden mit freier Zustimmung der Judenmehrheit. Es
kann gegen einzelne, selbst gegen die Gruppen der jetzt mächtigsten
Juden gemacht werden -- aber nie und nimmermehr vom Staat aus gegen alle
Juden. Man kann die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie
einmal besteht, nicht mehr aufheben; denn schon die einleitenden
Versuche würden sofort alle Juden, Arm und Reich, den Umsturzparteien
zujagen. Schon der Beginn officieller Ungerechtigkeiten gegen die Juden
hat überall wirthschaftliche Krisen im Gefolge. Man kann also eigentlich
wenig Wirksames gegen uns thun, wenn man sich nicht selbst weh thun
will. Dabei wächst und wächst der Hass. Die Reichen spüren davon nicht
viel. Aber unsere Armen! Man frage unsere Armen, die seit der Erneuerung
des Antisemitismus furchtbarer proletarisirt wurden, als je vorher.

Werden einige Wohlhabende meinen, der Druck sei noch nicht gross genug
für die Auswanderung, und selbst bei gewaltsamen Judenaustreibungen
zeige sich, wie ungern unsere Leute gingen? Ja, weil sie nicht wissen,
wohin! Weil sie nur aus einem Elend in's andere kommen. Aber wir zeigen
ihnen den Weg in das Gelobte Land. Und mit der schrecklichen Macht der
Gewohnheit muss die herrliche Macht der Begeisterung ringen.

Die Verfolgungen sind nicht mehr so bösartig wie im Mittelalter? Ja,
aber unsere Empfindlichkeit ist gewachsen, so dass wir keine
Verminderung der Leiden spüren. Die lange Verfolgung hat unsere Nerven
überreizt.

Und wird man noch sagen: die Unternehmung sei hoffnungslos, selbst wenn
wir das Land und die Souveränetät bekommen -- weil nur die Armen
mitgehen werden? Gerade die brauchen wir zuerst! Nur die Desperados
taugen zum Erobern.

Wird Jemand sagen: Ja, wenn das möglich wäre, hätte man es schon
gemacht?

Früher war es nicht möglich. Jetzt ist es möglich. Noch vor
hundert, vor fünfzig Jahren wäre es eine Schwärmerei gewesen, Heute ist
das Alles wirklich. Die Reichen, die einen genussvollen Ueberblick über
sämmtliche technischen Errungenschaften haben, wissen sehr gut, was mit
Geld alles gemacht werden kann. Und so wird es zugehen: gerade die Armen
und Einfachen, die gar nicht ahnen, welche Gewalt über die Naturkräfte
der Mensch schon besitzt, werden die neue Botschaft am stärksten
glauben. Denn sie haben die Hoffnung auf das Gelobte Land nicht
verloren.

Da ist es, Juden! Kein Märchen, kein Betrug! Jeder kann sich davon
überzeugen, denn Jeder trägt ein Stück vom Gelobten Land hinüber: der in
seinem Kopf, und der in seinen Armen, und Jener in seinem erworbenen
Gut.

Nun könnte es scheinen, als wäre das eine langwierige Sache. Auch im
günstigsten Falle würde der Beginn der Staatsgründung noch viele Jahre
auf sich warten lassen. Inzwischen werden die Juden auf tausend Punkten
gehänselt, gekränkt, gescholten, geprügelt, geplündert und erschlagen.
Nein, wenn wir auch nur beginnen, den Plan auszuführen, kommt der
Antisemitismus überall und sofort zum Stillstand. Denn es ist der
Friedensschluss.

Wenn die Jewish Company gebildet ist, wird diese Nachricht in einem Tage
nach den fernsten Punkten der Erde durch den Blitz unserer Drähte
hinausgetragen worden sein.

Und augenblicklich beginnt auch die Erleichterung. Aus den Mittelständen
fliessen unsere überproducirten mittleren Intelligenzen, fliessen ab in
unsere ersten Organisationen, bilden unsere ersten Techniker, Officiere,
Professoren, Beamten, Juristen, Aerzte. Und so geht die Sache weiter,
eilig und doch ohne Erschütterung.

Man wird in den Tempeln beten für das Gelingen des Werkes. Aber in den
Kirchen auch! Es ist die Lösung eines alten Druckes, unter dem Alle
litten.

Aber zunächst muss es licht werden in den Köpfen. Der Gedanke muss
hinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute
wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser
Aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu
denken, und der Zug wird schon ein gewaltiger.

Und welcher Ruhm erwartet die selbstlosen Kämpfer für die Sache!

Darum glaube ich, dass ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde
wachsen wird. Die Makkabäer werden wieder aufstehen.

Noch einmal sei das Wort des Anfangs wiederholt: Die Juden, die wollen,
werden ihren Staat haben.

Wir sollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben
und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben.

Die Welt wird durch unsere Freiheit befreit, durch unseren Reichthum
bereichert, und vergrössert durch unsere Grösse.

Und was wir dort nur für unser eigenes Gedeihen versuchen, wirkt
machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle aller Menschen.



Gesellschafts-Buchdruckerei Brüder Hollinek, III., Erdbergstrasse 3.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Judenstaat - Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" ***

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