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Title: Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück - Eine Erzählung
Author: Huch, Ricarda Octavia, 1864-1947
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück - Eine Erzählung" ***

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  [ Anmerkungen zur Transkription:

  Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
  zu übertragen.

  Das Original ist in Fraktur gesetzt.
  Die 4 Vorkommnisse des Titels Dr., die einzigen im Original in
  Antiqua gesetzten Stellen, wurden nicht markiert.]



                             Lebenslauf
                    des heiligen Wonnebald Pück


                           Eine Erzählung
                                von
                            Ricarda Huch


                     Im Insel-Verlag zu Leipzig



Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux
Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem
zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen
Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres
verstorbenen Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als Schermäuser
oder Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte,
und bei dessen Ausübung ihn die Schwiegertochter mit ihren Kindern
unterstützen sollte. Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater
von jeher in Unfrieden gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder niemals
vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte laut werden lassen; da
nun der Lux die enge Rechtlichkeit und Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl
bekannt waren, bildete sie sich ein, daß auch er schuld an dem Zwiespalt
getragen haben könnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises
Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit seinem
einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen mächtigen Gönner,
der ihr alles Erdenkliche an Schutz und Begünstigung zusicherte, dazu
angeregt wurde. Dies war der Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft
ihr Mann Forstgehilfe gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum
Bischof von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die
anmutreiche Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin
überzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang hätte.
Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend, hatte sie Männerkleidung
angelegt und stieg so behende, aber ohne sich zu eilen, den alten
Saumpfad hinan, der den Fußgängern diente, mit Hilfe des kleinen Brun
einen Karren bald schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern
und Hausrat beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war,
gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich der alte,
beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die Eisenbahn gebaut
worden war, und es fügte sich, daß die Wanderer dort mit dem Zuge
zusammentrafen, der den neuen Bischof seinem Ziele entgegenführte.

Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und erblickte,
wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die Lippen setzte, die
fahrenden Leute, die vor dem niedrigen Stationsgebäude standen, dicht
aneinandergedrängt in dem beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück
Brot in den rotgefrorenen Händen. Seine Augen weilten mit Appetit wie
auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren ragende Schlankheit in der
losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als sonst sehen ließ; ihre
feinen braunen Haare waren abgeschnitten und hingen in weicher Bewegung
um ihr helles Gesicht, das in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes,
wägendes Denken, bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem Lächeln,
mit dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit,
als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein er ärgerte sich
weder darüber noch über den trotzigen Blick, den Brun ihm zuwarf, da er
nicht zweifelte, daß die Zeit, die ihm lieblichste Vergütung im Überfluß
zuteil werden lassen würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde
winkte er einen Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich mit
einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und bedeutete ihm, sie
den armen Leuten draußen zu überreichen, und als gleich darauf der Zug
sich langsam in Bewegung setzte, bewegte er die Hand majestätisch
grüßend gegen die kleine Gruppe.

Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen Wagen, der
weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, malte er sich die mit
seiner Beförderung verknüpften Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern
aus, wobei seine Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde,
ob und wie er sich die Mittel, die seine Lebensführung kostete, würde
beschaffen können.

Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann und sowohl
dadurch wie durch seinen Verstand und schließlich durch eine vornehme
Heirat eine in weiten Kreisen maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine
Frau, hübsch und von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von
denen das jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise
noch einmal das Glück, Vater zu werden, in Aussicht stellte. Der bereits
ergrauende Mann freute sich doppelt, da das Kind ein Knabe wurde, und
erteilte ihm zu beständigem Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft
mit sich gebracht hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich
seine übertriebene Zärtlichkeit bald in Kummer und Ärger, da der Jüngste
die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs verriet, während
seine älteren Geschwister nicht hervorragend, aber doch leidlich begabt
und durchaus rechtschaffen waren. Weder in der Schule noch unter
häuslicher Aufsicht lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche
auszuführen oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht
an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er auch in allen
ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch immer frech und
guter Dinge und der Zukunft gewiß war. Die Ermahnungen und Drohungen
seines Vaters schlugen ihm nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit
konnte man ihn fassen, und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder
Gespenstern weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern
natürlichen schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch
Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch die
Strenge seines Vaters von Einfluß auf Wonnebald gewesen, so hätte diesen
die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich wieder aufheben müssen,
die, so anspruchsvoll und unnachgiebig sie übrigens sein konnte, eine
Wollust darin fand, sich von ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu
lassen, was er geschickt und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei
etwa so zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so daß sie die
Töne und Gegenstände nur verschwommen wahrnähme, auf einer Ottomane
läge, während das Fell einer schnurrenden Katze sich schmeichelnd an
ihr riebe. So traute sie zum Teil seinen Vorspiegelungen, zum Teil
seine arglistige Absicht durchschauend, und verharrte beglückt in dem
gaukelnden Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann
oder ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu erkennen
oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und eigentlich
Unmöglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe vorwärts zu bringen,
zeigte, verfiel sie, mit Vorwürfen wegen ihrer unbesonnenen Erziehung
überhäuft, auf den Gedanken, ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf
dieser Laufbahn, so hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer
adligen Familie zugute kommen würden. Hiergegen sträubte sich der Vater,
der die Religion für gut und nützlich, die Kirche aber für faul und
verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg wußte und ohnehin
einen rechten Zusammenhang des Herzens mit Wonnebald nicht mehr spürte,
gab er nach und mußte bald gestehen, daß, äußerliches Fortkommen und
Ansehen anbelangend, seine Gattin einen guten Griff getan hatte.

Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren
Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm glatt und
geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem Seminar, das er nun
besuchte, beigebracht wurden, so daß seine Mutter mit Fug behaupten
durfte, es wäre derselbe einer geweihten Erde vergleichbar, in der
kein andrer als der gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte.
Zwar klagten die Leiter der Anstalt nicht selten über unerlaubte
Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch pflegten sie, in Anbetracht
des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu führen war, den
Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten ihrer Jahre im
allgemeinen hingehen zu lassen, besonders wenn diese sich mit so viel
Talent und Fleiß in kirchlichen Dingen vertrugen wie bei Wonnebald.
Besonders glänzte seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er
nämlich beim kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie
kindliche Demut in seine Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe er
jemals öffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er werde sich
dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.

Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mehr
und mehr auf die religiöse Seite, besuchte eifrig die Kirche, verkehrte
mit Geistlichen, machte Stiftungen und Schenkungen und war durch nichts
mehr zu erbittern, als wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung
darüber äußerten, wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und
Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen ihres
Sohnes befliß sie sich eines bescheidenen und hingebenden Benehmens,
dessen Früchte er in liebenswürdiger Harmlosigkeit pflückte, wie er denn
überhaupt alles Gute genoß, ohne sich und andre durch Zweifel oder
Bedenklichkeiten irgendeiner Art zu stören.

Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes Gesicht
bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, waren diese
doch nicht ohne Sorge, wie seine eher zu- als abnehmenden fleischlichen
Wesenseigentümlichkeiten sich mit dem geistlichen Berufe vertragen
sollten, und führten ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle
Bildungsgrade bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische
Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, mehr oder
weniger entzündet und verklärt werden würde.

Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, vielmehr
entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem er Benefiziat in einem
kleinen entlegenen Dorfe geworden war, erst recht, als wäre nach
mannigfacher Entbehrung nun die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen.
Was er durchaus nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen
Weibern, wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er die
Bauern nicht wenig ärgerte, und da er ihnen dazu noch dadurch anstößig
wurde, daß er sich so viel wie möglich Hühner, Eier und Butter schenken
ließ, hielten sie mit lautem Tadel seiner Predigten nicht zurück, die
kurz, hohl und unnütz wie Seifenblasen über ihren Köpfen zerplatzten.
Der Bischof, zu dessen Regiment er gehörte, sah sich genötigt, Wonnebald
einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er seinen Beruf
auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß das kleine Dorf
ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung gewährte, und daß er deshalb
den gröberen Zerstreuungen nachginge, die es ihm darböte, ferner,
was die Predigt beträfe, daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht
aufschwingen könnten, er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen
möchte. Hierauf bildete sich die Ansicht, es würde das beste sein, den
jungen Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzüge mehr
zur Geltung kämen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils weniger
auffielen, teils wegen der beständigen Überwachung durch Gleichstehende
und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes Dunkel verkriechen würden.
Solche Erwartungen enttäuschte jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer
größeren Stadt wurde, vollständig, indem er der vermehrten Gelegenheit
zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit ausgelassener
trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich gedacht werden mußte.

                 *       *       *       *       *

In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und
sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen Wonnebalds einen großen
Anstoß nahm und sich häufig über ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit
Schimpf und Schande aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte
er sich, daß der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen
Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen würde,
und ferner, daß es der Kirche einen schlechten Leumund bereiten könnte,
wenn man erführe, daß ein unwissender, untüchtiger und gewissenloser
Mensch wie Pück es bis zum Pfarrer hatte bringen können. Unter seinen
Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen
sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein Kloster, so die
Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich abladend, aber
nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen auszurüsten. In dieser
und ähnlicher Art rückte Wonnebald mühelos empor und wurde etwa
fünfundvierzigjährig Abt eines Klosters, das in schöner, waldreicher
Gegend abseits vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab es
in der Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, deren Besitzer
mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein
mit welchen er sich bald das Leben so genußreich einzurichten wußte,
wie es nach seinem Sinn war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den
üppigen Speisen noch zu den Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er
dafür so viel Geld aus, daß er sich auf das Spielen verlegte, wobei er
im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch verschlimmerte. Was
er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, war bereits
aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm öfters Geld vorgestreckt,
aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten
sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den
Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und
ihnen ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß die Herren,
die alle nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergällte
ihnen das Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel
es jetzt auf, daß er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie
setzten ihn daheim und öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter.
Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner Seite, denen ein
gemächliches Leben über alles gefiel, einige aber, die aus Frömmigkeit
oder galliger Gemütsart den Freudentaumel nicht mitmachen wollten,
mißbilligten ihn durch schweigende Zurückhaltung oder verklagten ihn
böswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.

Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald zuweilen von
seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und Drohungen erhielt, über
deren Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes
zustande zu bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit
einem geschickten Kopf zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies
auszuführen, war aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den
Klosterbrüdern noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten
einem einfachen, armen Manne, der ihn womöglich für einen übel
verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und außerdem durch
kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten wäre. Unter den Bauern
und Tagelöhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner
bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein,
einmal von einer Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift
wundervoll zu schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft
ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkäme, sei es in
Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald, der unter
den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid wußte, hatte sich die
Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es sich, aus
mehreren Gründen bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten
Weiber verabscheute und sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers
Frau war, eines strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die
Geistlichkeit nicht gut zu sprechen war.

Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in
allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung
ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch öfters gesehen und eine
Tochter geboren hatte, und der eine nachsichtige Äbtissin gestattete,
daß das Kind unter den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar
durfte sie mit ihrer Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie,
obwohl ihr das gegenseitige Verhältnis nicht verborgen blieb, den
Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei zu lernen und
sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie denn überhaupt ihrem
gesunden Geiste von allen Seiten Nährendes und Heilsames zugeflogen kam.
Manches Mädchen wäre unter so heiklen Umständen vergrämt und vergrillt
geworden, Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute die
Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern, und verlangte
nicht viel, außer daß man sie anständig und freundlich behandelte, denn
sie war empfindlich gegen harte oder unschöne Berührungen, wie ihr denn
überhaupt ein gewisser Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.
Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den Jäger
Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in
der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft seine kräftige Schönheit
veredelte und immerwährender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen
herrschte, leicht übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei
Gebärden und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht in
Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger lieb, sondern
lachte zuweilen darüber oder denn es rührte sie. Peinlich war es ihr,
wenn ihr Mann, was er gern tat, über die schlechten Menschen schimpfte,
insbesondere über die Geistlichkeit, wobei er immer dieselbe Beweisführung
und dieselben Ausdrücke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten
über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum wenigsten eben
deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm wußte, zufrieden
gefühlt hatte.

Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im Kampfe mit einem
Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe
seiner Frau bedürftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden
konnte, um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der
großen, mit stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft
lächelnden Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie sich
anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flößte ihm
die Art ihrer Erscheinung sogleich die Überzeugung ein, daß sie alles
Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie hörte auf eine solche
Weise zu, daß die Worte des Sprechenden ihr von selbst entgegenkamen und
er fließender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte, die
Angelegenheit erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu
an einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder nicht stramm
führen könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrießlich
ihm, einem friedfertigen Priester, solches Gezänk sei, so daß er
herzlich dankbar sein würde, wenn ein einsichtiger und verschwiegener
Freund den häßlichen Briefwechsel, wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux
sagte vergnügt und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das
Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausführen, brachte auch wirklich in
Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit behaglichem Stolz als
seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht geeignet, da
sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der süßlich
weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar
vor, und er sah es für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er
ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich
sie wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine
prangenden Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, bald
blau und lila schattende Farbe und den würzereichsten, belebendsten
Geruch jeden Wanderer anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner
eignen Verwunderung mußte sich der Abt bald gestehen, daß er in
außergewöhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen
durfte, daß sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zögern reichlich
erwidern würde, fand er doch nicht sogleich eine Wendung, um aus der
geschäftlichen Region in die menschlich gefühlvolle überzugehen. Nach
kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, daß er sich ihr mit
zutraulicher Zärtlichkeit näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,
indem sie erklärte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich
Witwe geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu
dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende Äußerung
seiner Dankbarkeit dürfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich
aber doch seitdem zurück, da seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts
ihm riet, sich in diesem Falle nicht aufzudrängen, sondern klüglich die
Annäherung der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen
in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden, womit er
aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte sich um so trotziger, je
schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes ihn zu gewinnen suchte,
und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit zunutze,
indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen ließ, daß er schwitzte,
schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf
die Spiele einging, und drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer
Kamerad einfand.

Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden
Seiten der rundgewölbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen
Mund, der stets etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden
Gesicht den Ausdruck von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit
dem es unbekümmert in die Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit
dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch
nichts zuleide tat, wünschte er doch im Herzensgrunde, daß sie alle der
Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend und blutsaugend um einen herum
wäre wie Mücken im Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux,
daß sie diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe
lange Zeit mit ihm zu genießen, aber der Groll erhitzte nur seinen
Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe für ihre Widerborstigkeit
recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er im allgemeinen mit vollen
Händen spendete, um vergnügte und ergebene Gesichter um sich zu sehen,
belohnte er Lux für die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur
kärglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse
womöglich durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.

Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend derselbe, und da
einer von seinen Gläubigern, der sich selbst in mißlicher Lage befand,
eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bösartigen Drohungen
verfolgte, beschloß er, die zudringliche Habgier desselben müsse, es
koste, was es wolle, gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt
werden. Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick
eines starken, blank abgesogenen Gänsebeines kam er auf den Gedanken,
dasselbe könne füglich auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem
Menschen angehört haben, und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es
einen Teil eines unwürdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes
bilde, als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel Geld
einbringen könnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden, wenn
ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen eines hervorragenden
Märtyrers ausgäbe, und müßte sowohl die Kirche wie die Laienwelt
demselben für eine so glückliche Eingebung dankbar sein.

Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung,
so daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, sogleich seinen
vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll
des erlesensten Weines in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen
ließ, den der sinnige Erbauer des Klosters hatte anbringen lassen, um
von dort aus das Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wäldern zu
betrachten. Hierauf setzten sich die Männer in die beiden breiten
geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen
lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit
dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst glaubwürdig und
ersprießlich könne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem
Plaudern die Gläser hoben, einen bedächtigen Schluck nahmen und, die
Augen halb schließend, sich zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein
altes Gemäuer, das den nächsten Hügel bekrönte und von dem die Legende
berichtete, es sei ein Überbleibsel des ersten Klosters, das der
Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von wilden
Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das neue im Tale,
größer und prächtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen
Trümmern, meinten Wonnebald und Eulogius, könnte der auserkorene
Knochen schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich
hochwahrscheinlich, daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß
der sagenhafte Stifter, dort oben begraben liege und schon längst
würde aufgefunden sein, wenn man nur fleißiger nachgespürt hätte.
Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind der Lux beim
Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die Zutageförderung
der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis desto
lieblicher einkleiden würde.

In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters
auseinander, besonders hielt es der letztere für notwendig, einen echt
menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklärten
Nörglern möglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden
könnte, wogegen der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam
war, einwandte, daß man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und
verkleinern dürfe, da der Geist desselben einen sonst bei Nacht
verfolgen würde, welcher Plage er sich durchaus nicht aussetzen
wolle. Außer dieser gab es noch andre Schwierigkeiten: so mußte der
zweifelsüchtigen Welt bewiesen werden, daß der wunderbar entdeckte
Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte sogleich überlegt
sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder eine
Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es mußten noch
mehrere Zusammenkünfte in der von der Abendsonne rötlich vergoldeten
Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in
zufriedenstellender Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen
eines ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und
Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.

                 *       *       *       *       *

Demnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux dem Abte einen
Knochen überbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemäuer, auf dem
Hügel spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen
Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an
und begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren
Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen,
was Wonnebald, nachdem eine natürliche Ursache des Geläuts nicht
entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken zuschreiben mußte.
Die herbeigerufenen Väter und Brüder waren geneigt, dieser Ansicht
beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung
bestätigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hände zum Gebete
frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt hatte, da er
ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und
allen Bemühungen, ihn von der Stelle abzulösen, mit augenscheinlich
magischen Kräften trotzte.

Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen ans Licht,
die dem Gutachten der würdigsten Männer zufolge einem einzigen Gerippe
angehörten, so daß, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden
und Chroniken übereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in
anatomischer, historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.

Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde
von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens verbreitete, der seine
Kraft innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle
Kuren betätigt hatte.

Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti
gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hügel,
der die seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte,
eingeweiht, worauf das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur
Berührung derselben zugelassen wurde. Seitdem floß den Anfeindungen
glaubensloser Spötter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen
auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung
herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner Zufriedenheit
und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne verdunkelt wurde, indem
eine schottische Kirche, deren unberühmter Name noch niemals über die
Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung
der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über
tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti unangefochten
und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach den
britischen Inseln zurückgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des
Schädels von Heiden, die er bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben
habe, wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen
seien.

Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, Herrn
Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche Teilnahme
zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und
Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen
Verstande begabt, der hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit
begegnete, und wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene
ins gleiche zu bringen wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Fälle
zum Ordnen übertragen wurden. Er antwortete der schottischen Kirche
in würdiger, ein wenig herablassender Fassung, daß die legendarischen
Berichte über das Ende des heiligen Krauti voneinander abwichen, und daß
seines Wissens die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgültig
festgestellt sei, daß er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu
besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus einem
seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß der fragliche Knochen,
dessen Wundertätigkeit fortwährend im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk
zugehöre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters
gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit
Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher nicht
hätten gefunden werden können.

Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit der
Reliquie nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem
Zuwachs an heilkräftigem Gebein zufrieden sein könne, ob dasselbe nun
einen Bestandteil des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk
gebildet hätte. Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die
schwierige Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf,
bildete sich aber bei näherem persönlichen Verkehr eine überwiegend
günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge seiner vornehmen
Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil aber daher rührte, daß er den
Blick immer auf Bedeutendes und Merkwürdiges richtete und darum gerade
in der Beurteilung des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß
Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht,
und auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch
glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einfälle,
jenen Spürsinn, jene Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und
Toren oft den Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, es
könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht
hielte und ein denkender Geist sich gewissermaßen seiner unbewußten
Fähigkeiten bediente. Da nun außerdem das Kloster durch den Knochen
des Krauti oder Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte
und der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden hatte,
ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und da es, angesichts
der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald in dieser Gegend sich
zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort zu entfernen, wo sein übler
Ruf schließlich auch auf den von ihm eingeführten Knochen hätte fallen
können, hielt es Giselbert für das angemessenste, wenn er zum Bischof von
Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen,
unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen Residenz, so daß er
sein Tun und Lassen einigermaßen bewachen könnte.

Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung des Erzbischofs
wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts
auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu
eintönig geworden war und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und
nicht betriebsam, aber ein behagliches Städtchen war, wo infolge seiner
schönen Lage reiche Leute ihre Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle
von Anregungen für seine Gemütsart in sich bergen. Einzig der Gedanke
war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen sollte, bevor er seinen
Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum wenigsten deshalb, weil ihm ihre
Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er
hatte die Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger und bescheidener
als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als jene
überhöben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, daß sie
einem Manne und insbesondere einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein
durften. Deswegen unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule,
der eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden
Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und
zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen möchte; wenn
Lux willens wäre, Männerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und
Aussehen, das ihm unbekannt sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben,
könne sie einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich
sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden würde,
sich und ihren Kindern eine schöne, gesicherte Zukunft begründen. Auch
damit war Wonnebald vollkommen einverstanden, denn er meinte, wenn Lux
als Mann aufträte, könne er sich desto häufiger in ihrer Nähe sehen
lassen, ohne sich böswilligen Deutungen auszusetzen, und er versprach
ihr, wenn sie nur mitkäme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige
Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine Brun
mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus Rechtlichkeit,
sondern aus einem trotzigen Männergefühl, das sich dagegen sträubte, die
Mutter in einen älteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen
Späße und holdseligen Liebkosungen überwanden seinen Groll, und so ging
die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter
stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen Fluren auf der
einen Seite eines weißen, stürmisch hinschießenden Flusses und dem
gemach ansteigenden Gebirge auf der andern überaus zufriedenstellend
dar. Der Bischof bewohnte eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der
Jahrhunderte gebaut haben mochten und die von einer Anhöhe über den
Fluß, der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das Tal
und hinüber auf die Berge blickte.

In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, aber
innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern und engelumflatterten
Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fühlte sich inmitten
dieser Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig
eingefaßt und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so
majestätisch und geläufig, daß die anwesenden Geistlichen und Laien
betäubt und verlegen dasaßen und sich ihres minderen Wertes bewußt
wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrängen gewußt und
betrachtete gemächlich von oben die stumm wogende Menge und den
köstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis sich im
Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt
und geblähtem Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern
sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu
verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lächelten vor Vergnügen,
wie sie an die Briefe dachte, die sie für den Abt geschrieben hatte, an
die Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im
Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick
des Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah,
wandelte sie eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen das Gesicht
mit den Händen bedecken mußte, um nichts davon merken zu lassen.

                 *       *       *       *       *

Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten
des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der
frommen, regelmäßigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen
gewirkt, von denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes
für adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen
von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Maße zugänglich
und hätte sich leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel
verwickeln können, wenn nicht die Herrschsucht, die sich schon in ihrer
stattlichen Erscheinung ausprägte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor
manchen andern ihr Hochmut sie beschützt hätte. Nichts hingegen sprach
gegen den Bischof, dessen hochehrwürdiges Amt, Ansehen und männliche
Schönheit wohl das Opfer des Herzens und der Ehre wert war, und es
bereitete sich in ihrem Innern eine grenzenlose Hingebung gegen ihn vor,
zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und
ausschließlich zu bemächtigen.

Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflößt
hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen der Hermenegilde,
die zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und üppiger war,
nicht; doch verdrängten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus
seinem Herzen, nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte,
je mehr ihm täglich fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen
imstande ist.

Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den
einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der Burg angebaut und
einstmals für die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden
sein und die ängstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter
oder Sturm einen Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick
fühlte Lux, daß sie dem alten Manne nicht gram sein könnte, so gut
gefielen ihr seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen,
die oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen, dann
plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprühten, die letzte
Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften Körper die
Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine
scharfe, spitzhöckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich
machte, und er konnte bedrohlich böse aussehen, doch war es ihm
selten ernst damit, und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln,
wenn er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern oder
ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter sagte ihm
zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft der kleinen Lisutt
auf, deren törichtes Geplauder ihn anmutete, wie wenn ein Bächlein
neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den großen
Geheimnissen der Natur schwatzte.

Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den Marienbildern
und Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren,
stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu
bekreuzigen, indem sie mit den kleinen Händen eifrig über Gesicht und
Brust wischte. Gab es ein Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder
und veranlaßte den Großvater durch einen gebieterischen Wink, die
morschen Knie zu krümmen und sich neben sie zu kauern, worauf er
denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht neben sich mit
dem in leiser, flüsternder Bewegung das Beten nachahmenden Munde
betrachtete: die Oberlippe wölbte sich wie ein rosenblätteriger
Triumphbogen über seidener Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft
der gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche
oder Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich
hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich
andächtig zu beplantschen. Häufig mußte der alte Bernkule von den
jenseitigen Verhältnissen erzählen, was anfangs nicht leicht war;
denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung vom Himmel als einer Art
geräumiger und vollzähliger Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht
nur Löwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashüpfer
und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten Bären
und Wölfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten
durfte, nach Herzenslust streicheln könnten, und sie litt durchaus
keine Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. Übrigens
war dem Alten in seinem dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als
befände er sich in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf
den Himmel vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so
aromatisch und süßsaftig war wie eine Südfrucht, eine neue, reinere
Lebensjugend auf ihn überströmte.

Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das
Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern
umherging, den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich
Brun sich anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf
gefangen und hing mit schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner
Kralle durchstochen, wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. In
Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie
sie allmählich begriff, was geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf
ihre taufeuchten Mundwinkel sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den
sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes
Weinen ihre völlige Verzweiflung ankündigte. Lux litt nicht viel weniger,
denn das Mitgefühl, das sie selber mit dem listig erwürgten Gesellen
hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht durch die unschuldigen
Tränen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin unerträglich war. Sie
versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und
Katzenpfötchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen würde,
zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so fielen
ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, und der Jammer brach von
neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen
Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit
gerunzelten Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich an, dem
Toten das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, wie der Großvater ihm
gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der zuständigen Behörde überreicht
werden mußte. Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten
furchtlos auf ihn ein, und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen und
die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Großvater tüchtig
ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte, wenn er fortfahren würde,
die guten Maulwürfe umzubringen. Der alte Bernkule lachte, daß ihm die
Augen naß wurden, nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte
ihr heimlich die folgende Erklärung: sie brauche sich wegen der
Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig damit, seine
Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine andre Arbeit, die ohne
Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen könne ausgeführt werden. Es sei
nämlich Herkommen, daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger außer dem für
das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf einzeln
bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch Ablieferung
der betreffenden Schwänze auszuweisen habe, die zu zwölfen an eine Schnur
gebunden, in Form kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten. Da nun
das Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn eine
Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend
nicht so zahlreich wäre, daß das Fehlende durch große Ausbeute könnte
ausgeglichen werden, habe er sich von jeher bestrebt, künstliche
Maulwurfschwänze herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen
und Erfindungen über Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die
Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwänze angefertigt, da das
letztere sich als bei weitem einträglicher erwiesen habe und auch
dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den Maulwurf eigens mit
unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um für die Vertilgung schädlicher
Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am
Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten und
künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden
betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, über die hinausgehend man
das Mißtrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber
nicht bleiben könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu vernachlässigen.

Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich
ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne
und seinem Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne
weiteres bejahte. Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und
blinzelnd, darüber sei es hergekommen; Henne sei ein guter Junge
gewesen, aber voll Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine
Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die
Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt, für
Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen wie für ehrlich
abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er sich gut
und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den
Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den
Frevel nicht können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux
sagte lächelnd, ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf
seinen Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche
Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.

Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins
Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte
Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus,
als er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt
und gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend
zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht
wieder tun, und schlief erst nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit
überwältigt, wieder ein. »Ganz wie sein Vater,« murmelte der alte
Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und
Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater
mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, die ihm
vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet
werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux
bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast
immer in ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines
eifersüchtigen Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.

                 *       *       *       *       *

Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar
einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn
dieselben aber ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten
Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.

Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der
Justizrat Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher
des allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide
auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht
wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und
leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig war,
doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich
sonderlich zu achten. Dr. Gregorius war ein gewiegter Jurist, wußte die
verwickeltsten Fragen zu klären und irrte sowohl in menschlicher wie in
rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst
feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war,
nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, wie
sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich
viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für
belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die
menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,
Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn
sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und
von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der
Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und
wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm
darin nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte
Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder einen guten noch
einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil
hatte, wählte er von den Gegenständen, die ihm vorlagen, was am meisten
kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig
gestaltete.

Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn
oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch
nicht so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt;
allein er wußte in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß
Wonnebald in seiner Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn
bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab,
die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es
nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze
der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten
waren mittelmäßig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das
Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten
Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar
neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei
sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde
an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen
Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene
hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große Sterblichkeit der
Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten,
so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem
Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll,
wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur
blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu
lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei
sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen
gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel
besessen hätte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten
wußte. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war
Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig
und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn sie
miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit
warnen mußte.

Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung
guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof
vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander
wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an,
unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh
von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und
Mission, bald für die Partei schlechthin.

                 *       *       *       *       *

In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine
Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe
des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer
unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche
Obhut eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte,
um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend,
denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine
merkwürdige Kühle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte
er sich geschickt verstellen, ja fand Vergnügen daran, eine beliebige
Rolle zu spielen, so daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte
der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen
persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er
in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu
machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige Jüngling,
der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz
entsprechende Stellung befördert werden sollte.

Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich
einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als
ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie
durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und
bewundernd darüber, daß er in dem Bischof einen freien Geist gefunden
habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen,
aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, so
daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; da er es aber
in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch üppiges Freudenleben zu
betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß das Fischlein
dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er,
soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern
hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle
abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht
so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und
vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln,
wollte Wonnebald überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife
und stürmische Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und
bekränzten Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen
noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits
durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren
Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.

Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei
guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach
benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung
öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm
war, wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden,
das Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald,
der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar
nicht selten Klagen über das gesetz- und gewissenlose Regiment der
Vorsteherin, doch blieben sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen,
von niemand geteilt als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster
Gelegenheit an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde
durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so ereignete es sich
einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend einen Besuch gemacht
hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo
abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit der
Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine
ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt
suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen
Schaden an der Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins
nachweisen ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht
die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen
gebracht worden wären, die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von
solchen und ähnlichen Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte,
sammelte Hermenegilde auch für sich selbst, sowohl weil sie viel
verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener
Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern
etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere Tasche zu
zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach guten
Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal etwas
Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein für
allemal loszuwerden.

                 *       *       *       *       *

Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf einem bequemen
Spaziergang am Rande des schwellenden Flusses der Lux begegnete, die,
Lisutt an der Hand, schlank und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer
alten gichtleidenden Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick
ihrer traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat sie,
sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken und
allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet er sich
vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger und zurückhaltender
gegen sie zu sein als vormals, verfiel er bald in ein seliges Schwatzen,
erzählte von der Verlegenheit seiner leidigen Geldverhältnisse und
fragte, ob sie nicht, wenn sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von
Schätzen fände, wie sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten.
Koste es auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen
Preis zu opfern, Gott werde weiter helfen.

Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen. Freilich habe sie
keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im Kloster habe sie viel in
einem alten dicken Buche von den Wundern der Natur gelesen, worin die
geheimen Kräfte der Pflanzen und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und
wovon sie sich manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs
Spiel setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld er
immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber Mut zu
machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten, ich denke es wohl
mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur, was es mit dem Alraunen für
eine Bewandtnis hat;« worauf Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter
schwierigen und höchst gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was
sie aber, um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der
Eigentümer das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln, es nett
ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich es durch
Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren und eigentlich anbeten.

Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer Wurzel zukäme,
indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und gewissermaßen goldzeugerisch
wäre, könne man füglich ein Auge zudrücken und ein wenig vor ihr
scharwenzeln, einstweilen solle die Lux so gut sein und ihm das Ding
herbeischaffen. Sie sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches,
kosendes Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er die
Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können vermeinte, die
ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der Hand fassend, geschwind den
grünen Hang, an dem sie entlang gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte
ihr ein wenig geärgert nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr
milder Blick ihm eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das
Wasser im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr Wesen um ihn
weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan wäre. Dazu, sagte er sich,
wäre ihre Klugheit so ungemein, daß sie alle seine Angelegenheiten
betreiben und es selbst mit dem Erzbischof würde aufnehmen können,
selber aber dessen unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und
Frauenpflicht ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet
hätte.

                 *       *       *       *       *

Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren
Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls
menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines
Morgens mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie
sich ermüdet ins Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern.
Enzian und Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender
Löwenzahn in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze
aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den
sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war wild und locker
gewunden und strahlte feurig in ungleichen Büscheln um das lachende
Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe die Frühlingssonne bereits
gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte
und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche
Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst gut!«
kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah
das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die
das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem annähernden Schritt
aufrichtete, so daß er ihre anmutigen Züge und die männliche Kleidung,
die sie trug, erkennen konnte. Gleichzeitig fielen ihm die krummen
Wurzeln auf, die neben ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche
lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was
das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen Mann
zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer er
war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den
Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras
setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete Lux, und sie wisse nicht,
ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des Bischofs stehe, daß er es
teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu
erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er
von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die
Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich
erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten,
als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich
zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens, das sich ihnen
gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen gesetzt hatten,
erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in sie gesetzt habe und
wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen zubereiten wolle,
und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er
die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter
die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die
Trefflichkeit des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall
entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten
wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit Lisutt,
die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte. Sein
hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,
strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck
gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm
natürlich war und dessen Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein
wenig hängende Unterlippe sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug
reizte das Auge, ihn immer von neuem zu betrachten, und nachdem er
sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob
sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit
gefallen habe.

Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge
Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war,
umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe
sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig,
daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen und sein Vergnügen
an munteren Kindern hatte verführen lassen, so vertraulich mit ihm
zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er wurde mit sich
einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings in
Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe
stand, bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr
wurde, wie er sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer
zurückzog, überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann
vornehmen würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem
übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen Narren zu
dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof nach kurzer Zeit
durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit abgerufen wurde, und
schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch in einer
Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit
einem Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben
verfertigt haben mochte, und in welchem er das Aussehen eines
zwerghaften Kobolds hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen
Betschemel gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen,
die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando in der
Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche Narrheit zu
stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen gegangen war,
folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen zu
können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch
anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das
Licht bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so
daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:

            Alräunchen, Wurzelgöttle,
            Mach mir fleißig Gold ins Bettle!

ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald
hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen
gelassen, die in sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster
gelangen konnte. Kaum hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen
Füßen in das Schlafgemach eintrat, und da er beim gelben Schein eines
Nachtlämpchens die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen Kissen
und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink drei andre hinzu
und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux hatte nämlich die
Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die Summe, die
der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch anlege,
ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das
dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger
und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der
Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt
unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen
zu bedrängen, warum er auf einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt
wie sonst die Nächte durchzuschlemmen und zu prassen.

Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine
Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich
vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als
Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde
trotz aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends
eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen
Vorwand erklären. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu
schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks
seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe
oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, war
er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft nunmehr zu Ende
wäre, und fand sich durch das Ergebnis des nächsten Morgens darin
bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen Störungen so
gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht eintreten
konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.

Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte,
daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu
setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte
unwillkürlich schattige Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des
Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem
Bette hinströmte. Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten seine
beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes
Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich
Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwärts
gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu
suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und
verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen.
Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume zurück,
da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte aber
fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte,
Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem
Stein und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser,
wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über
und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser
übergoß; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen
Augen zusammen und schüttelte sich, daß die braunen Haare wild um ihre
nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen
Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn
das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grüne
Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während Nacken,
Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie
sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme
lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen,
obwohl er wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die
lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu
fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein
besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es von
jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines
Schmetterlings erwartet.

Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann,
als er sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder
wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein,
als er bei einer breitköpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte
Bodenerhebung krönte und unter der er sich niederlegte. Tränen liefen
ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine
Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor
seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre Füße
geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine
Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in
Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und
fühlte sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber
hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach,
überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag
noch immer in das schaudernde Gras gedrückt, sah den stillen Flug des
vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit der Erde, die rein entzückt
die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause,
schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im
schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie
hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.

                 *       *       *       *       *

Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der
dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der
Spaß so weit geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen
eines Spähers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche
Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von
einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so
artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen Gold auf das
Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er
für das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder
andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern
eines Mittels kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit
Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung
derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen auf sich
nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurückhalten.
Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts davon
merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,
eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl
bedenken, er möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat
einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz
am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weißen Wasser, das
nicht müde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren
Todesstürzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem
bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrücken
schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich
erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose
Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und
ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte
sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster
vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte
errötend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu können, das ihm
passend schien. Sie wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd,
halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben
trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest du doch
nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er
dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf
auf die gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein,
das könnte ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick
angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und
ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile
so, ließen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; daß er ihr
Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverständlich und keiner
Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt,
sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und
brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann
aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und
es schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und
Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet,
daß er sie an jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis
bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche
Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es
kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig
wissenden Augen blickte, schien es ihm töricht oder anmaßend oder
zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heißen, wolkenlosen
Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich
darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen,
beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den
Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter
der Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie
nicht sagen können.

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich
ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der
eine außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte
mit Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor
Mitternacht war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es
an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die
Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte
noch einmal ins Zimmer zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder
fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das
unzählige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas
Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wären
scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen
Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre
Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger
Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische Geheimnis
gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein
verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte nicht
gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit
ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte
sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ
sich sacht an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.

Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll
ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die
Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den
Schrei des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit
fliegenden Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß
hinuntereilte.

Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht
zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz
zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen,
wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine
Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war,
entweder genesen oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre.
Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden
auch nicht selten bei Tage, so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte,
der nicht aufhörte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab
unverlegen die Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um
ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald sich
zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten Sorgen voll hatte.

Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers
von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren
Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit
Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner
Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen
der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß
Wonnebald sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet
fühlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den
Wollüsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde
plötzlich Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem
Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung des
ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer,
die täglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu
werden, gering an und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon
im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später desto
schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug er sich mit dem
Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen,
mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung
in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige
Unterwürfigkeit und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen
beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die unterjochten
Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und
schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen,
als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt
mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an
beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.

Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd,
die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an
Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie
freilich mißbilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose
Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem
gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige
Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und
erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken. Vor allen
Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet
hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr
zusteckte, damit sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache,
keineswegs besänftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser
furchtsamen Bestechungen um so gründlicher.

Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein
Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung
kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen,
da doch möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer
wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht
schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab
sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der
Mittagshitze, die draußen siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten.
Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er
durch die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der
sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand
sich dort nämlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schön
geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich
als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der
Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den
übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt
geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus
Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher
Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den
erwähnten Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein
mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen
an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde
funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, daß dieser brachliegende
Schatz ihn für alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten könnte, und
wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen
Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in
Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer ein paar
alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß,
abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren
Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte,
nichts ihm im Wege stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu
bemächtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und
sich überzeugt hatte, daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise
die gläserne Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich
nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das
Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaßen nackt
und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch
tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu
beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die
Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung
zu ergötzen.

Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde
und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die
kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft
auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux
sich würde bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die
ausgewählten Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie
stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe
getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, weil es dem Rufe
eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn man erführe, daß er sich eines
so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder müssen. Lux war zu sehr
in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es
sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte dem
freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst hatte.

                 *       *       *       *       *

Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und
ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an
zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen
großen Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß
er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie
weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe
machten sie halt, und nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten,
erklärte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er
in früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber
befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen einer Burg, an
einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß das Gras darüber
hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die einstigen Formen
erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die
sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören,
es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus den
verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können; denn
sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt
habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa
eine zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.

Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu
erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte,
plötzlich aber richtete sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte:
»Ich höre die Musik!« und blickte dann wieder fest auf das Gemäuer,
hinter dem, durch unregelmäßige Lücken sichtbar, das Feuer der
untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule lächelte, sah
Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen
aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und
Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,
unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu
einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag
ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern,
halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten
weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit
oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht müde wurde zu
wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen
gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn würden biegen können,
daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres
Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und
nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er
lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr
teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche
Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie
durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfüllend und
verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte
saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind
blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige
Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich
überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit
über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten
wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen
war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt
nach Hause und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei
er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er,
schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch
einmal volles Bewußtsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die
Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die
Auflösung des Greises beschleunigt haben.

Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in
Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine
Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar
und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten,
erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen
Betrachtungen über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich
bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig herbei
und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis der kleine schwarze
Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in
sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf
den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes
Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen
ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß
bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war,
den Großvater in das Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den
Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.

                 *       *       *       *       *

Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher
Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor
sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen
Seiten ein Murren los, die Stelle würde liederlich verwaltet und keine
Maulwürfe mehr abgefangen, sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande,
unterwühlten nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar
in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. Nun
war freilich die Jagd von jeher und besonders während der letzten
Lebensjahre des alten Bernkule überaus nachlässig betrieben worden,
allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten
sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere
kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie zusehen
müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstörte, da ja
zugunsten des verschworenen Schermäusers eigenmächtiges Ergreifen und
Töten der Maulwürfe verboten wäre.

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen,
wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr
selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen
ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht,
der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die
Maulwurfbehörde sich über die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu
wundern und zu beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei
Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob
sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und vervielfacht neu
erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man
nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung und besann sich auf
verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere
durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf
das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig
solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.

So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in
selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man
wurde sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne,
und flüsterte sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung
oder den Zufluß von Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner
Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe,
teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich
blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die
es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, daß in der Burgkirche
das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem
Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte,
in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen
Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige
erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß sie
in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der
Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade
während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war,
sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet
wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und
Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe
Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht
geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr
nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen
und einer Vorladung vor Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht
gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die
Maulwurffängerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.

Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch
öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie,
wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu
trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er
noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht
habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem
wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts
Spiele einzugehen vermochte. Früher als sonst brachte sie die Kinder zu
Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen
und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie
während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit
überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im
Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den
Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß,
wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging
strahlend vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge
des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern
des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte
und ihr unerträglich vorkam und sie wünschte, daß nur ein obdachloser
Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal
die spöttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und
abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte,
hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit
einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurück. Ohne Gruß
oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf
seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch
machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage
gegen sie erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise
vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux
sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe
sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, wohingegen
Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene seien nicht
immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den Netzen des Lebens
verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt hätten, er
wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge.
Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun
unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben,
wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte?
oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen
Augen, und er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet
und deine Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber
das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer
verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken,
als daß ich aufhören könnte, dein zu sein!«

Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben,
daß ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt
Vorsicht geboten, und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er
empfand, er wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch
in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch
leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den
Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum war er ihr verschwunden, als die
Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen, aber zugleich atmete sie
tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte
bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er
ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte
eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen
hätte, wie er in der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich
und ein wenig lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte
sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der
arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten
zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze Millionenmutter samt
der Krone gestohlen, bald sie möchte es nicht getan haben.

Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf
das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt
wurde, der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen
wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe.
Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem
Bischof gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen,
damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit befinde.
Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwürdigkeit beimaß,
machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den
Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung
über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden
Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis verbracht
worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu
sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof
sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig
erwiderte, etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres
wisse und nichts andres sich begeben habe.

Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern
und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub
beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie
sie den jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur
Sache gehörte, versuchten die Richter die umständlichen Berichte
abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim,
daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen
wäre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier
ein der Aufmerksamkeit höchst würdiger Fall vorliege, der scharf
untersucht und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub
etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der
Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man müsse die
Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer noch
umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.

Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre
Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die
Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat
gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm
nicht zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht
und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner
Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man
verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen
glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht
minder verspottet; er und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die
heilige Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen so
wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht täglich hören
könne, daß die Kühe verhext wären, daß kleine Kinder, vom bösen Blick
getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese
Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane
gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die Aufklärer
sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens
zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie
Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den
Teufel gezaubert.

Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem
Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit
und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux
zu benutzen, ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der
Möglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten.
Das männliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich
hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und
mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die Aufklärung
auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen über
die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; äußerlich ging
er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll
diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze
nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne
seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war,
einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im
Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so
daß sie mißrieten, lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten
schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl
richtig auffaßten, aber als eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen
mißbilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin
ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen ließen.

Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß
einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der
Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und
erklärte sich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge
wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte
hohe Begeisterung über diese Wendung und frohlockte, es sei ein
herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden,
während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen,
als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschließen mochte,
eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.

                 *       *       *       *       *

Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde,
schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und
teilte ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den
Bischof sogleich verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben
und die Kirche ganz und gar lächerlich gemacht werde; worauf der
Erzbischof sich behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei,
und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße zu geben.
Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine Nachrichten habe,
zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter stecke, und
antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem
leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren
Dingen beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die
beklagte Person weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen
weitgehenden Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei,
warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt sich von
ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert ihm lieber
behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem Garn der Teufelin zu
erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das
ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht
zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf
andre Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen
Veranstaltungen des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den
Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er
bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den Pflichten der Treue und Ehre
abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die
Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu
beschützen.

Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr
drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen
stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres
Amtes zu walten und die Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei,
durch verbotene Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren
Verdienst zu erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie
sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den Ruf des
verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich, den Zusammenhang
freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das Verfahren
bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte,
und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem
Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch
der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich
entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit
triumphierendem Lächeln im Kreise um, welches bedeutete, daß diese
freche und listige Erfindung, mit der der Beklagte sich aus der Schlinge
zu ziehen suche, ihn schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es
nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien
zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man ihr das dazu
Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so viel falsche
Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu
unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit
auf die schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren
sie überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.

Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche
Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei
des jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters
Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen
dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch
Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten
Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen
habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt
gewesen sei; daß man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Gärten und
Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung
gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer
ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim
Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als
ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe,
aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er
stets mit sich geführt habe, öfters breite Blumenkränze auf den Kopf
gesetzt habe. Daß man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu
Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht wissen könne, was er im
Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die
Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit dem Vieh
umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten habe.

Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux
ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche
Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen
sei, daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher
ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe
spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines
Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm
auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des
Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem
Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen über die wahre
Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis
hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin
auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um unbeliebte
Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.

Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle
die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen
der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte
erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich
ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es
wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen
zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner
Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Unterstützung versprochen
hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen die Stelle als
Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur
schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten
Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib
noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen
eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen
Pfennige geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren,
obwohl er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte
Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch
er die Seelen habe betören können, wie sich nun herausstelle, um sie dem
Teufel als schuldigen Tribut oder als Lösegeld in die Krallen zu
spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die
Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen,
vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche
Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der
übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so
daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt
wurde.

Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie
angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich,
daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt
in Klus seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen
der bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das
beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt
bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger
Obhut übergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger
Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter
gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu
dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde er blaß,
und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß er es kaum
verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die
Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worüber er
aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte,
daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es
hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm
unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick
auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren
Erklärungen durch kein Zureden zu bewegen.

Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der
Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und
der Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund
erklärte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten
auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte,
schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er
sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich
wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder es sei doch von einer
Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es bereits von Grund aus
verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne, bis das Urteil
gefällt sei.

Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war
der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern
dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte,
er solle sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom
Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die
Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und
allgemein Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung
und üble Nachrede erfahren.

So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune
des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der
armen Lux einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame
Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem
kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das
für gewöhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde,
und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten als bei seinen
Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte,
besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung
ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle
Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim
mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete,
das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste
große Findelhaus zu tragen, wo es denn für alle Zeit verschollen
bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich würde ausführen
lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung,
die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf dem
Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges erscheinen
ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind zwar lebendig
ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo
niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die
Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit
Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte
Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung,
daß am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung
ihm nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen
lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich über den
Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache hineingestoßen hätte,
die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn in jeder Hinsicht das
beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der
leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete er an,
daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen Turm
überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten
Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war
gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer
vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen
jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt
eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine
Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem
Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.

Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des
Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor
allem das Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen
Lüften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch
die vier Gucklöcher sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele
mit ihr zu spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan
hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie
wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und zwitscherte. Nach
einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und Hunger ein, und mit
minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und Schnurren, damit
das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte.
Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot
und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten
und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle,
unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob
kein Schlurfen von Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im
Grabe, die unendlich und unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und
brachte wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich;
Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefühle,
wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend hatte zurückhalten
können.

In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn
ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes
aufgegangen wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm
gehuldigt hätten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen
verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll der reichsten, stärksten,
tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergötterte Kind vor
grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der
Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage
und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz
unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten
und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es
nicht fassen, daß jene Tage gewesen waren und daß dieser war.

Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und
schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte
der Tod auf wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm,
um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das
allgemach von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte,
und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller,
glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Häuschen aus
täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte
Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte
Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten,
zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater
wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« Lisutt nickte
und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals
hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges
Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt,
als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und
fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt
um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber
schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, bald in Phantasien, bald
in Betäubung hingerissen.

Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen
ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und
dachte, wie göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber
zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im
Bett lag, klein, holzdürr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem
Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrühren
konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an
den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen Gesicht
hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite
wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grämlichen
Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick
und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um
sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr
für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen
wäre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein
durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein
berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder
und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle Himmel hingeben würde,
um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes
Brot beißen und essen sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen
Vorstellungen hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu
mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig
schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören und Fetzen, o Leben,
liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem Fenster und
erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!

                 *       *       *       *       *

Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing
folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand
sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er
sich selbst vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger,
als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage
einen Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im
Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte
der Wöchnerin vor, daß das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst
von ihr getrennt bleiben müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei
Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe
entbrannt, sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung,
und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um sie im Bette
zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Höllenpein sowohl durch
die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie
durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte
zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer
albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.

Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der
Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag
zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze
und Gemütsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes.
Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den
Mantel, den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze über
den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz eilte, der
zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme sich erstreckte.

Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz
umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien,
worüber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens
doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren,
ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk
zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war,
eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge
verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann in das
leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum
Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen.
Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und
geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit,
bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein
Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte
wünschen mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die
Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerührt und
hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche Weib in kurzem
wiedersehen würde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reißen,
ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des
Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung vom
Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner
gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers und
der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden
der Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl
dies dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch
unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den
Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in
entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob
sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang
unternommen und dabei den Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen
beliebigen Umwegen wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären,
was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten
einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob
sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese Weise verhielten sich
beide still und wachsam, bis sie endlich über dem anhaltenden Aufmerken
einschliefen.

Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten
Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden
mußte, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter
was für einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von
der Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein
überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet
nämlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht
länger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des
Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag
übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, und er ließ
köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und schnell und
ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten über,
zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches
Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des
Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über
Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß
und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den
Ausfluß blöden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück
seinerzeit nicht treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz
gestellt habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den
verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus dem
Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert und sagte
nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum
äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es wesentlich sei,
nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten,
schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und
Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen.
Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,
und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei
habe nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze
der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und
blutdürstiger Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er,
der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte
er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der
Prozeß hängen bleibe und die böse Sache im Sande verlaufen könne. Damit
erklärte sich der Erzbischof einverstanden, nur müsse vermieden werden,
sagte er, daß Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat
und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.

Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und
zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei
allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er
sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern
auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm
zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor
Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham verhülltem Kummer überaus
anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst
herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen
Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des Lebens
nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die
Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt
werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken
und Zögern einging. Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um
ihn zu zerstreuen, ein Gespräch über die Torheiten des Bischofs an,
worauf Lando lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine
Schwermut abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen
Witze desto blendender funkelten.

Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte
sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando
mit der Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand
zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand,
befriedigt werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht
und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß
sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung
geblieben waren, erklärte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange
der Sonne warten zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es
sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht
erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, daß dem
Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit zugrunde lag,
weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in
vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und schnell von
der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein
zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu
bringen.

Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere
Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte
immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er
sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem
Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief
umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und
Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die
Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm unterstützte; erst
als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals
und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten,
verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das still mit
halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein
kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige
Tropfen in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher
Bemühungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto
leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte
dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie
sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und
diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte:
»Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen,
und er bückte sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der
Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was sie sich
feierlich froh gefallen ließ.

Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,
Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich
wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen
fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf
der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der,
obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter
herunterkommen hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach.
Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den Turm geführt worden
war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebüsch, das ihn umgab,
versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit
hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft
freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr
nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war,
verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen,
da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah
den dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels
hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er
sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.

Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte,
hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte
Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand
zu drücken und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen
und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war;
allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel
leicht und kräftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht
dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenüberliegenden Berge
zugewendet, empfand er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte
verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte,
als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, oder
wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts
war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen,
die sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der
Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd,
wissend umgaben. Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt,
vielleicht durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem
sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase
in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst gut!« worauf sie sofort
wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen,
daß es von dem breiten Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem
winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu
erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere Hand
und Lisutts leise schmorenden Körper fester.

                 *       *       *       *       *

Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des
Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war
bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die
Stiftsdame Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres
Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den
Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria
die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens
bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine
Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt
habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt
wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, würde sich zweifelsohne
im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Erröten als Entwender
desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich
zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in
ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als der
Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren
Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und
mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem
fälschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte,
gesiegt habe.

Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten
Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit,
und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn
nicht einige Herren darunter gewesen wären, die, scharf und scheel,
immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas
aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde
Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in jedes
offene Ohr zu legen.

Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch
verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite
gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an
diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche
bis zur nächsten Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden
weit entfernt lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige
Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem
heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu überrascht, um
seinen Schrecken verhehlen zu können, und warf sich laut ächzend in
einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde
verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund,
Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben.
Die Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an,
wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen,
mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf
Wonnebald mit müder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in
der sich ein Schlüsselbund befand. Während sie damit hantierten, fuhr
er fort zu jammern, daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch
des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß
er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen und
Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm in der
Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes
Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt
habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er
gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche
Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und
Leidensgenossen nennen dürfe.

Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das
Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und
das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich,
indem sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen,
deren Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald
atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der
Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen
gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, ließ er sich eine
auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesättigt bis in den
lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel
gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu
sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich
aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf
wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was
nur langsam vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte,
um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht
merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene
Fenster segnete.

Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Maß.
In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von
denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke
gespielt, ihm nur zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur
Flucht verholfen, während die andre behauptete, der Jüngling sei
unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das
eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien
das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein fluchwürdiger Charakter und
Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei
es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost
wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, dem Bischof
von Anfang an mißtraut und den jugendlichen Maulwurffänger im Herzen
bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe täuschen lassen
und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes
sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er,
bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei
es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie
beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen,
die sich durch solchen zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum
seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und
müßten auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen gezwickt
und zerrissen werden.

Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ,
Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den
düsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er
blickte still und rätselhaft über ihre Köpfe weg, während sie ihm
vorlasen, aus was für einem Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf
ihre förmliche Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es
aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem
Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde
seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde
waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne
nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über
die Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm
auferlegt würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen
umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und
es wurde bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es
hören wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung
verantworten würde.

Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm
das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner
dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den
Burghügel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern
auch die anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll
wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause
verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein
veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann
glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum
erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter
und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während
welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die
wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach
Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel,
welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit
aufgehobenen Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine
Rede, in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:

»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück
im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und
euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt?
Gestohlen soll ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt
haben wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr
Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, meine
Seele entblößen und schamrot werden muß. Hört, was sich an jenem
gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag des Diebstahls und
der Schande haltet.

Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft,
wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die
Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem
Tränenvergießen und Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden
des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote
gehalten? Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es
mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und weiter, bis
mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich zu ersticken glaubte,
weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als
Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.

Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich
wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden
Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen
geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht
lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich
den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und
mir armen Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und
triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich
zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es
von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu
prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit
inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß
die beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet
worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm
ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche
übriggebliebene Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde
ein, damit sie aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden
speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.

Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause
Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern,
wenn ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter
Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht
minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus
kochendem Öl herauszuholen.«

                 *       *       *       *       *

Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der
Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und
dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk
andächtig einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch
die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf
die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel
herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um
seinen Segen, den er rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine
Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme
des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der
Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden Gang nach
Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel
durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen worden wäre.

Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten
Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs
einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend
Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen
Beweis von Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des
Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes
Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam,
keine dem Gottesliebling nachteilige Äußerung laut werden zu lassen,
besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön
auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur
nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit
und seiner überirdischen Krönung sofort in andächtigen Eifer und
beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche
von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.

Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein
auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame
Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der
Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger
Rache einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins
Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß
sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte,
wenn das Gedränge um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend
vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein
ungeachtet ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich
nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht
zu stellen.

Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen
Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male
und verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum
erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger
über sich selbst, daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des
Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er
nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich ein wenig
durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor
Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem Dummheit und Dreistigkeit
zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal
vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als
zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten
einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus
verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem
unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er
mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige
getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so
wenig wie möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter
einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der
Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich
darüber zu äußern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß
bei Gott kein Ding unmöglich sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder
wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch könne.

Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder
von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut des
Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof
durch Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch,
nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren
Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden
konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit
die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen
auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu
äußern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall
unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese
nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden Tagessonne.

Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu
überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an
sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser
Bischof ein Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß
er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und
verdaulich machen können. Er selbst war in der diplomatischen und
schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, niemals
aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen können, und
bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst,
vermöge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der
Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen
Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle
Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser,
Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß
man nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war
auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise
zurückgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche
Erzählungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß
und trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem
munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger
Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, das Lamm
Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er
nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch.
Der Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied,
als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit
Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen
günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten Betrieb des
Pückschen Bischofssitzes.

Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich
genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den
verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit,
die den prangenden Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche
zurückließ. So unerwünscht dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte,
der sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so
gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an den
glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. Das Trauergepränge
dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete sich das
Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und
dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende
Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl
noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem
Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen
drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet
worden, kam man von selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des
Gedankens hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des
Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung seiner
Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats
ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser
Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen
Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört hatte,
sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt.
Wie ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen
der Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es
vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die
Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, gleichsam wissenschaftlich,
auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch
seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit
versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß,
wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich vom
Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt, noch überhaupt
in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und Wunderwürdiges
vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche
die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie
er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht
habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die Verleumdung der
Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je
der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens
sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch
Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt.
Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter
des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine
staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner
vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen,
von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.

Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise durch
ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den
großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering
anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an
die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans
Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen
dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand,
und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes
daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der
Gottesmutter ihre Krone zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden,
daß sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an
Wonnebald abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, wenn man
sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner Person nutzbar mache.

Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der
Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der
Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen
werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des
Wonnebald im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich
der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs
in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen Zeremonien zu
vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pücks wurde
in der Burgkirche aufgehängt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine
Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos
gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung der
seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an
gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt,
verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit
gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des
Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie
bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre,
ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen
Bedürfnis entsprechend weiter zu befördern.


                        21. bis 30. Tausend
                                 *
                         Druck der Offizin
                       Fr. Richter in Leipzig





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück - Eine Erzählung" ***

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