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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.
Author: Humboldt, Alexander von, 1769-1859
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3." ***

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Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.


by Alexander von Humboldt



               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

                            ------------------

                                   1859

                            ------------------

                               Dritter Band



INHALT


Achzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers



ACHZEHNTES KAPITEL.


    San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
           Flüsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.


Bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die großen
Flüsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
um jenseits des Apure die große Stadt des Dorado und das reiche Land
Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So kühne Züge
waren nur in voller Kriegsrüstung auszuführen. Auch wurden die Waffen, die
nur die neuen Ansiedler schützen sollten, beständig wider die
unglücklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthätigkeit
und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
mächtige indianische Volksstämme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mönchen gestattet, südlich
von den Steppen den Fuß zu setzen. Jenseits des Uritucu begann für die
spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Küsten von Neu-Grenada
und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
Wege, die von Coro an den Rio Meta führen. Das Küstenland von Venezuela
blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionäre von der
Gesellschaft Jesu wollte es nur längs der Ufer des Orinoco glücken. Diese
Väter waren bereits bis über die Katarakten von Atures und Maypures
hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Küste und den
Thälern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
den verschiedenen Ordensregeln läßt sich ein solcher Contrast nicht wohl
erklären; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
in Gebirgen oder auf Steppen, überall, wo sie nicht am selben Flusse
fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, daß
die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fünfzig Meilen
von dem am frühesten bevölkerten Küstenstrich von Caracas liegt, erst im
Jahre 1789 gegründet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
hübscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
auf Ansuchen der Mönche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
ein paar Rohrhütten um ein großes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
Da die Missionäre und die weltlichen obersten Behörden gleiches Interesse
haben, in Europa ihre Bemühungen für Förderung der Cultur und der
Bevölkerung in den Provinzen über dem Meer in übertriebenem Lichte
erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, daß Stadt- und Dorfnamen lange
vor der wirklichen Gründung in der Liste der neuen *Eroberungen*
aufgeführt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
dergleichen Ortschaften nennen, die längst projektirt waren, aber nie
anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.

San Fernando, an einem großen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmündung
eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist für den Handel
ungemein günstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Häute, Cacao,
Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen über
diese Stadt nach den Mündungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen große
Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
treten die Flüsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das über eine
Fläche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Gefälle der Gegenhänge
seinen Lauf ändert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
Meridians zu verfolgen, ostwärts fließt. Betrachtet man die Erdoberfläche
als einen vielseitigen Körper mit verschieden geneigten Flächen, so
springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, daß zwischen
San Fernando am Apure, Caycara und der Mündung des Meta drei Gehänge, die
gegen Nord, West und Süd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
bedeutende Bodensenkung entstehen mußte. In diesem Becken steht in der
Regenzeit das Wasser 12--14 Fuß hoch auf den Grasfluren, so daß sie einem
mächtigen See gleichen. Die Dörfer und Höfe, die gleichsam auf Untiefen
dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fuß über dem Wasser. Alles erinnert
hier an die Ueberschwemmung in Unterägypten und an die Laguna de Xarayes,
die früher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flüsse Apure, Meta und
Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
sie die Plateaus oder die gewölbten Erhöhungen in den Llanos nicht
erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Füllen, einen
Theil des Tags herumschwimmen und die Gräser abweiden, die nur mit den
Spitzen über das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
von den Zähnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
Aase von Pferden, Maulthieren und Kühen ziehen zahllose Geier herbei. Die
*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
Landes. Sie haben ganz den Habitus des _‘Huhns der Pharaonen’_ und leisten
den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
den Egyptern.

Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grönland
frißt der Hund die Abfälle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
nährt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
dürren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
treten hier in den wilden Zustand zurück und fristen im heißen tropischen
Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von übermäßiger Dürre
und darauf von übermäßiger Nässe geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
zu löschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flüchten sie
sich vor den Wassern der austretenden Flüsse, vor einem Feinde, der sie
von allen Seiten umzingelt. Den Tag über werden Pferde, Maulthiere und
Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
Fledermäusen angefallen, die sich in ihren Rücken einkrallen und ihnen
desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bösartige
Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der großen Dürre benagen die
Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
zu gelangen. Während der großen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
Seekühen. Und dennoch erhält sich, nach den unabänderlichen Gesetzen der
Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
Plagen und Gefahren. Fällt das Wasser wieder, kehren die Flüsse in ihre
Betten zurück, so überzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
Gras, und im Herzen des heißen Landstrichs scheinen die Thiere des alten
Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
neuen Frühlingsgrüns zu freuen.

Während des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Länder, um die
starke Strömung und die gefährlichen Baumstämme, die sie treibt, zu
vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flußbetten hinauf, sondern fahren
über die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Dörfern San Juan
de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
wendet man sich gerade nach Süd, als führe man auf einem einzigen 20
Meilen breiten Strome. Die Flüsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergießen, 160 Meilen von der Küste
von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Höhe des Quecksilbers im
Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Gefälle von
34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmündung des
Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern überhaupt in allen Stücken an die
Savanen am untern Orinoco.

Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
wohnten beim Missionär, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die größte
Aufmerksamkeit und Gefälligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
der Fluß den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwühlen könnte, und
er zog mich deßhalb zu Rath. Durch den Einfluß der Portuguesa in den Apure
wird dieser nach Südost gedrängt, und statt dem Fluß freieren Lauf zu
verschaffen, hatte man Dämme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
leicht vorauszusagen, daß, wenn die Flüsse stark austraten, diese Wehren
um so schneller weggeschwemmt werden mußten, da man das Erdreich zu den
Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwächt hatte.

San Fernando ist berüchtigt wegen der unmäßigen Hitze, die hier den
größten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
auf den Strömen berichte, führe ich hier einige Beobachtungen an, welche
für die Meteorologie der Tropenländer nicht ohne Werth seyn mögen. Wir
begaben uns mit Thermometern aus das mit weißem Sand bedeckte Gestade am
Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand überall, wo er der Sonne
ausgesetzt war, 52°,5 [42° R]. In achtzehn Zoll Höhe über dem Sand stand
der Thermometer auf 42°, in sechs Fuß Höhe auf 38°,7. Die Lufttemperatur
im Schatten eines Ceibabaums war 36°,2. Diese Beobachtungen wurden bei
völlig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
_‘Sandwind’_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
erhitzten Boden in Berührung gewesen, oder durch welche _‘Sandhosen’_
durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heißeste,
weil ihm die Luft zugeführt wird, welche bereits über die ganze dürre
Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
östlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wüsten da bemerkt, wo
die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
strahlende Wärme gegen den Erdboden zurückwirft. In dieser Zeit hört der
Seewind ganz auf, und nach POZO’s guten thermometrischen Beobachtungen
steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39°,5 [31°,2--31°,6 R], und
zwar noch über 15 Fuß vom Boden. Je näher wir den Flüssen Portugueza,
Apure und Apurito kamen, desto kühler wurde die Luft, in Folge der
Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Dieß ist besonders bei
Sonnenaufgang fühlbar; den Tag über werfen die mit weißem Sand bedeckten
Flußufer die Sonnenstrahlen auf unerträgliche Weise zurück, mehr als der
gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.

Am 28. März bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
Apure zu messen. Sie beträgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
war dieß das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Fluß
schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
und alsbald fingen große Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
ähnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
Wasserfläche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und träge, schienen die
Nähe dieser lärmenden, in ihren Bewegungen ungestümen Thiere zu scheuen;
wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Daß
Cetaceen so weit von der Küste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fuß lang und zeigen, wenn
sie den Rücken krümmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
schlagen, ein Stück des Rückens und der Rückenfloße. Ich konnte keines
Stücks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
auf sie zu schießen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
derselben. Gehören diese Cetaceen den großen Strömen Südamerikas
eigenthümlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER’s
anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Süßwassersäugethier* ist,
oder soll man annehmen, daß sie aus der See gegen die Strömung so weit
heraufkommen, wie in den asiatischen Flüssen der _Delphinapterus Beluga_
zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
Umstand, daß wir im Rio Atabapo, oberhalb der großen Fälle des Orinoco,
Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mündung des Amazonenstroms
her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco bis in das Herz von Südamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, daß sie zu
bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.

Während es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
Zenith zuzogen. DELUC’s Hygrometer stand auf 53°, der Thermometer auf
23°,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
Elektricität. Während das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstbläschen wurden sichtbar
und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wärme des Bodens zurückwirft.
Jetzt goß der Regen in Strömen nieder. Wir waren hinlänglich an das Klima
gewöhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil fürchten zu
dürfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fuß über dem Boden 20 Minuten lang in der
Hand und sah die Fliedermarkkügelchen meist nur wenige Secunden vor dem
Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
Siegellackstange die Art der Elektricität zu untersuchen, und so sah ich
hier, wie später oft auf dem Rücken der Anden während eines Gewitters, daß
die Luftelektricität zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
Harzelektricität) wiederholte sich öfters. Indessen zeigte der
Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
Elektricität, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
auf 22°, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wärmestrahlung
gegen den Himmel.

Ich bin hier näher auf Einzelnes über elektrische Spannung der Luft
eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschränken, den
Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
angekommenen Europäer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei große
Hälften zerfällt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
in *Regenzeit*, ist es von großem Interesse, den Verlauf der
meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
den Thälern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
Anfang März wurde die Anhäufung sichtbarer Dunstbläschen und damit die
Anzeichen von Luftelektricität von Tag zu Tag stärker. Wir sahen gegen Süd
wetterleuchten und der VOLTA’sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
fortwährend Glaselektricität. Mit Einbruch der Nacht wichen die
Fliedermarkkügelchen, die sich den Tag über nicht gerührt, 3--4 Linien
auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft völlig gestört. Stundenlang
war die Elektricität Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC’s Hygrometer zeigte
fortwährend große Trockenheit an, 33--35°, und dennoch schien die Luft
nicht mehr dieselbe. Während dieses beständigen Schwankens der
Luftelektricität fingen die kahlen Bäume bereits an frische Blätter zu
treiben, als hätten sie ein Vorgefühl vom nahenden Frühling.

Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
in wunderbarer Einförmigkeit auf einander, weil die lebendigen Kräfte der
Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschränken und im
Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwärts von den Cordilleren von
Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
beständig regnet und demnach die Zeit der größten Hitze, die im Juli und
August eintritt, in die Regenzeit fällt, nehmen die atmosphärischen
Erscheinungen folgenden Verlauf.

Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
Der Himmel ist beständig wolkenlos, und zieht je Gewölk auf, so ist das
ein Phänomen, das die ganze Einwohnerschaft beschäftigt. Der Wind bläst
stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er beständig Luft von der gleichen
Temperatur herführt, so können die Dünste nicht durch Abkühlung sichtbar
werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang März ist das Blau des Himmels
nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmählig stärkere Feuchtigkeit
an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
bis zu 20 Grad über dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
schwächer, unregelmäßiger, und es tritt öfter als zuvor völlige Windstille
ein. In Süd-Süd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lösen sie sich vom Horizont
ab und laufen über das Himmelsgewölbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
schwachen Wind in den untern Luftschichten außer Verhältniß steht. Zu Ende
März wird das südliche Stück des Himmels von kleinen, leuchtenden
elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Südwest.
Es ist dieß ein sicheres Zeichen, daß die Regenzeit bevorsteht, die am
Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fängt an sich zu beziehen,
das Blau verschwindet und macht einem gleichförmigen Grau Platz. Zugleich
nimmt die Luftwärme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
am Himmel, sondern verdichtete Wasserdünste hüllen ihn vollkommen ein.
Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brüllaffen ihr klägliches Geschrei.
Die Luftelektricität, die während der großen Dürre vom December bis März
bei Tag fast beständig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
war, fängt mit dem März an äußerst veränderlich zu werden. Ganze Tage lang
ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkügelchen ein paar
Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricität, die in der
heißen wie in der gemäßigtenz Zone in der Regel Glaselektricität ist,
schlägt auf 8--10 Minuten in Harzelektricität um. Die Regenzeit ist die
Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebniß meiner zahlreichen,
dreijährigen Beobachtungen, daß gerade in dieser Gewitterzeit die
elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der über einander gelagerten
Luftschichten? Was hindert die Elektricität in einer Luft, die schon seit
Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
die Elektricität nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
äußern Hülle, auf der Oberfläche der Wolken angehäuft zu seyn. Daß sich
das elektrische Fluidum an die Oberfläche der Wolke zieht, ist, nach
GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
also kurze Zeit nach dem Eintritt des täglichen Wärmemaximums unter den
Tropen. Im Binnenlande hört man bei Nacht oder Morgens äußerst selten
donnern; nächtliche Gewitter kommen nur in gewissen Flußthälern vor, die
ein eigenthümliches Klima haben.

Auf welchen Ursachen beruht es nun, daß das Gleichgewicht in der
elektrischen Spannung der Luft gestört wird, daß sich die Dünste
fortwährend zu Wasser verdichten, daß der Wind aufhört, daß die Regenzeit
eintritt und so lange anhält? Ich bezweifle, daß die Elektricität bei
Bildung der Dunstbläschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nördlich und südlich
vom Aequator kommen die Gewitter oder die großen Entladungen in der
gemäßigten und in der äquinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
Moment, das durch das große Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
wirkt? Wie läßt sich denken, daß in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
sich immer so hoch über den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
durch das Zenith bedeutenden Einfluß auf die Vorgänge in der Luft haben
sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
Eintreten des Regens bedingt, keine örtliche, und das scheinbar so
verwickelte Problem würde sich wohl unschwer lösen, wenn wir mit den obern
Luftströmungen besser bekannt wären. Wir können nur beobachten, was in den
untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshöhe sind die Anden
fast unbewohnt, und in dieser Höhe äußern die Nähe des Bodens und die
Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
Einfluß auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnähme, wenn man in
derselben Höhe in einem Luftballon über den Llanos oder über der
Meeresfläche schwebte.

Wie wir gesehen haben, fällt in der nördlichen Aequinoctialzone der Anfang
der Regenniederschläge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhören der See- oder Nordostwinde,
mit dem häufigen Eintreten von Windstillen und _‘Bendavales’_, das heißt
heftigen Südost- und Südwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwärtigt
man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
aus denen unsere Atmosphäre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
Ansicht, in den Momenten, daß der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
herbläst, unterbrochen wird, daß die Luft in der heißen Zone sich nicht
mehr erneuert, und daß fortwährend ein feuchter Strom aufwärts geht,
einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
lange nördlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
bläst, läßt er die Luft über den tropischen Ländern und Meeren sich nicht
mit Wasserdunst sättigen. Die heiße, trockene Luft dieser Erdstriche
steigt aufwärts und fließt den Polen zu ab, während untere, trockenere und
kältere Luft herbeiführende Polarströmungen jeden Augenblick die
aufsteigenden Luftsäulen ersetzen. Bei diesem unaufhörlichen Spiel zweier
entgegengesetzten Luftströmungen kann sich die Feuchtigkeit in der
Aequatorialzone nicht anhäufen, sondern wird kalten und gemäßigten
Regionen zugeführt. Während dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
Sonne in den südlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
nördlichen Aequatorialzone beständig heiter. Die Dunstbläschen verdichten
sich nicht, weil die beständig erneuerte Luft weit vom Sättigungspunkt
entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nördlichen
Zeichen gegen das Zenith heraufrückt, desto mehr legt sich der Nordostwind
und hört nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
Tropen und der nördlichen gemäßigten Zone ist jetzt der kleinstmögliche.
Es ist Sommer am Nordpol, und während die mittlere Wintertemperatur unter
dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
Temperatur unter dem Aequator, beträgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hört der Nordostwind auf, so
treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
nördlichen Aequinoctialzone anhäufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
Luftsäule über dieser Zone sättigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesättigten und durch
die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maaß als diese Luft sich verdünnt,
nimmt ihre Wärmecapacität zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
Dunstbläschen häuft sich die Elektricität in den obern Luftregionen an.
Den Tag über schlagen sich die Dünste fortwährend nieder; bei Nacht hört
dieß meist auf, häufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengüsse
sind regelmäßig am stärksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die südlichen Zeichen tritt.
Jetzt beginnt in der nördlichen gemäßigten Zone die kalte Witterung. Von
nun an tritt die Luftströmung vom Nordpol her wieder ein, weil der
Unterschied zwischen den Wärmegraden im tropischen und im gemäßigten
Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind bläst stark,
die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sättigungspunkt nicht
mehr erreichen. Daher hört es auf zu regnen, die Dunstbläschen lösen sich
auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
ist nichts mehr zu hören, ohne Zweifel weil die Elektricität in den hohen
Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstbläschen, fast hätte ich gesagt,
keine Wolkenhüllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhäufen
könnte.

Wir haben das Aufhören des Nordostwinds als die Hauptursache der
tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es muß
hier aber noch bemerkt werden, daß, wenn der Nordost aufhört, nicht immer
Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft häufig, besonders längs den
Westküsten von Amerika, durch _‘Bendavales’_, d. h. Südwest- und
Südostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
hinzuweisen, daß die feuchten Luftsäulen, die im nördlichen äquatorialen
Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Südpol zuströmen. In der That hat in
den Ländern der heißen Zone nördlich und südlich vom Aequator in ihrem
Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
Die südliche gemäßigte Zone hat jetzt Winter, während es nördlich vom
Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad höher ist als in
der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Daß der Regen
fortdauert, während die Bendavales wehen, beweist, daß die Luftströmungen
vom entfernteren Pol her in der nördlichen Aequatorialzone nicht die
Wirkung äußern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
Südpolarströmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strömung
herbeiführt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
geht, bevor sie zum achten Grad nördlicher Breite gelangt, über die ganze
südliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Küsten, z. B. an denen von
Guatimala, als heftige Winde austreten, so rührt dieß ohne Zweifel daher,
daß sie nicht Folge eines allmähligen, regelmäßigen Absiusses der
tropischen Luft gegen den Südpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
Stoßwinde daraus hinweist, daß im Luftmeer eine Rückstauung, eine rasche,
vorübergehende Störung des Gleichgewichts stattgefunden hat.

Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so äußert
sich auch die Wirkung der Polarluftströmungen unter verschiedenen
Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
Gebirgsketten und das Küstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwähnen;
will man aber zur Erkenntniß der Naturgesetze gelangen, so muß man, bevor
man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
Zustand* der Atmosphäre und die beständige Norm ihrer Veränderungen
kennen.

Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricität und der Regenguß am
28. Merz verkündeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
San Fernando am Apure noch über San Francisco de Capanaparo, über den Rio
Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem kürzlich am Ufer des Meta
gegründeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg führt durch einen
ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pächter, Don
Francisco Sanchez, bot sich uns gefällig als Führer an. Seine Tracht war
ein sprechendes Bild der großen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
Ländern. Er hatte ein Vermögen von mehr als hunderttausend Piastern, und
doch stieg er mit nackten Füßen, an die mächtige silberne Sporen
geschnallt waren, zu Pferde. Wir wußten aber aus mehrwöchentlicher
Erfahrung, wie traurig einförmig die Vegetation auf den Llanos ist, und
schlugen daher lieber den längeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
ein. Wir wählten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
_‘Lanchas’_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
mit Coryphablättern gedeckte Hütte hergerichtet. Sie war so geräumig, daß
Tisch und Bänke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus über Rahmen von
Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhäuten. Ich führe
diese kleinen Umstände an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
hatten, gegenüber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
Fernando(2) gibt es Hühner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
Ueberfluß. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
Tamarinden zu kühlender Limonade. Es war vorauszusehen, daß ein Dach aus
Palmblättern sich im breiten Flußbett, wo man fast immer den senkrechten
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mußte. Die Indianer
rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schießgewehre mit, die wir bis zu
den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, während weiter nach Süden die
Missionäre wegen der übermäßigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
mehr führen können. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekühe und
Schildkröten, deren Eier allerdings nährend, aber keine sehr angenehme
Speise sind. Die Ufer sind mit unzähligen Vögelschaaren bevölkert. Die
ersprießlichsten für uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
Truthahn und den Fasan des Landes nennen könnte. Ihr Fleisch kam mir
härter und nicht so weiß vor als das unserer hühnerartigen Vögel in
Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich stärker brauchen. Neben dem
Mundvorrath, dem Geräthe zum Fischfang und den Waffen vergaß man nicht ein
paar Fässer Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
einzunehmen.

Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34°, obgleich der
Wind stark aus Südost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst kürzlich von Cadix angekommen war und
einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Länder kennen zu lernen,
die ein würdiges Ziel für die Wißbegierde des Europäers sind, entschloß er
sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswürdiges Wesen und
seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einfluß des Apurito
vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
Landstrich, der von zwei großen Flüssen eingefaßt wird, die sich in
geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergießen, nachdem sie
bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
breit. Sie wird durch den *Caño* de la Tigrera und den *Caño* del Manati
in drei Stücke getheilt, wovon die beiden äußersten Isla de Blanco und
Isla de las Garzilas heißen. Ich mache hier diese umständlichen Angaben,
weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
Gewässer zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
als das linke, wo einige Hütten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
besonders geübt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
Tigerfelle bekannten Bälge vorzüglich durch sie in die spanischen Dörfer
kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhängig
bleiben wollen. Andere Stämme der Yaruros leben unter der Zucht der
Missionäre im Dorfe Achaguas, südlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Züge
von der fälschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
Länge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Länge
nach vorspringend. Sie sind größer, brauner und nicht so untersetzt wie
die Chaymas. Die Missionare rühmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
früher eine mächtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
der Insel dieses Namens gegenüber.

Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
von dort nach der Stadt Angostura war ich bemüht, Tag für Tag, sey es im
Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
nothwendig Lücken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergänzt habe.
Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
der geschilderten Gegenstände niedergeschrieben ist, hat ein Gepräge von
Wahrhaftigkeit (ich möchte sagen von Individualität), das auch den
unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnöthige
Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
eingetragen, was über die beschriebenen Gegenstände später zu meiner
Kenntniß gelangt ist. Je gewaltiger und großartiger die Natur in den von
ungeheuren Strömen durchzogenen Wäldern erscheint, desto strenger muß man
bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.

Am 31. März. Der widrige Wind nöthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstört, der sich
aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
Indianer zünden überall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
der dürren Jahreszeit würden ganze Provinzen von diesen Bränden verheert,
wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bäume vor der gänzlichen
Zerstörung schützte. Wir fanden Stämme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.

Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
_Chiguire_, einer großen Art von LINNÉs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
sahen wir dichtgedrängte Vogelschwärme sich vom Himmel abheben, wie eine
schwärzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verändern. Der
Fluß wird allmählig breiter. Das eine Ufer ist meist dürr und sandigt, in
Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist höher und mit hochstämmigen
Bäumen bewachsen. Hin und wieder ist der Fluß zu beiden Seiten bewaldet
und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bäume
ist sehr merkwürdig. Vorne sieht man Büsche von _Sauso_ (_Hermesia
castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
ist, als wäre diese künstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
Gehölz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
Piritupalme. Die großen Vierfüßer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
und Pecarischweine, haben Durchgänge in die eben beschriebene Sausohecke
gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genuß, sie
langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
Lücken im Gebüsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
oft sie vorkamen, behielten immer großen Reiz für mich. Die Lust, die man
empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooße der Cultur
aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
wilden, ungezähmten Natur gegenüber. Bald zeigt sich am Gestade der
Jaguar, der schöne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lösen einander ab. »_es
como in el Paraiso_« (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glück uralte ehrwürdige
Ueberlieferungen allen Völkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, daß sie
einander fürchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
diesem Paradies der amerikanischen Wälder, wie aller Orten, hat lange
traurige Erfahrung alle Geschöpfe gelehrt, daß Sanftmuth und Stärke selten
beisammen sind.

Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
Sausobüschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem männlichen und vielen
weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
Domingo so fleißig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Männchen sind
ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kämpfen unds sich ums
Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, daß auf dem
ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fünf oder sechs zu sehen
waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fuß 8 Zoll lang; einige Tage
später fand Bonpland ein anderes (männliches), das 22 Fuß 3 Zoll maß.
Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
Größe; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
so häufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
Krokodil mit an den äußern Rändern gezähnten Füßen, dem Nilkrokodil sehr
ähnlich. Bedenkt man, daß das männliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
wird und daß es dann 8 Fuß lang ist, so läßt sich annehmen, daß das von
Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschöpfen am Fluß, von
diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen würden. Man erzählte uns die
Geschichte eines jungen Mädchens aus Uritucu, das sich durch seltene
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
gerettet. Sobald sie sich gepackt fühlte, griff sie nach den Augen des
Thiers und stieß ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, daß das Krokodil
vor Schmerz sie fahren ließ, nachdem es ihr den linken Vorderarm
abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
der übrig gebliebenen Hand schwimmend, glücklich ans Ufer. In diesen
Einöden, wo der Mensch in beständigem Kampfe mit der Natur liegt,
unterhält man sich täglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rüstet sich
gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. »Ich wußte,« sagte das junge
Mädchen in Uritucu gelassen, »daß der Cayman abläßt, wenn man ihm die
Finger in die Augen drückt.« Lange nach meiner Rückkehr nach Europa erfuhr
ich, daß die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Führer
des unglücklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
drücken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.

Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Läuft das Thier, so hört
man ein trockenes Geräusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
einander herzurühren scheint. Bei dieser Bewegung krümmt es den Rücken und
erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hörten wir am Ufer dieses
Rauschen der Platten ganz in der Nähe; es ist aber nicht wahr, was die
Indianer behaupten, daß die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
»ihre Schuppen und ihre ganze Rüstung sollen ausrichten können.« Die
Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung änderte; aber trotz der
kleinen Anhängsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
die seitliche Bewegung zu beschränken scheinen, wenden die Krokodile ganz
gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beißen sehen;
Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rührt dieß daher, daß
dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoßweise erfolgt. Die
Krokodile schwimmen vortrefflich und überwinden leicht die stärkste
Strömung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie flußabwärts
schwimmen, nicht wohl rasch umwenden könnten. Eines Tags wurde ein großer
Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
Fluß von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, daß er umwandte und auf
einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil führte nun dieselbe Bewegung
aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glücklich das
Ufer.

Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stücken an den
Flußufern leben. Diese unglücklichen Thiere, von der Größe unserer
Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
seyn können; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.

Unterhalb der Einmündung des Caño de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strömung an der
Oberfläche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fuß in der Secunde, was 2,56
Fuß mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhöhen ergaben, unter
Berücksichtigung der kleinen stündlichen Abweichungen, ein Gefälle von
kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
dem Strand gegenüber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mächtiges
Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue näher kamen, und ging langsam dem
Wasser zu, ohne daß die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
Grund dieser Gleichgültigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, daß das Krokodil des Apure
und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
will, müßte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
Weg kommen.

Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft großartig wild. Hier sahen
wir den größten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
erstaunten über seine ungeheure Länge; er war größer als alle indischen
Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
eines großen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergötzten uns nicht wenig durch den
seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fuß
vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
zurück. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nähe zu beobachten,
bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich führte. Sehr
selten greift der Tiger Kähne an, indem er darnach schwimmt, und dieß
kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
Geräusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
Sausobüschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
Tiger machte, trotz der Nähe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
schleppte zornerfüllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, daß sie
ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
können. Sie sind an diese Waffe gewöhnt, und thaten wohl, sich nicht auf
unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft häufig
versagten.

Im Weiterfahren flußabwärts sahen wir die große Heerde der Chiguire, die
der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stück geholt hatte. Die Thiere
sahen uns ganz ruhig landen. Manche saßen da und schienen uns zu
betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
Menschen schienen sie sich nicht zu fürchten, aber beim Anblick unseres
großen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
höher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
aber dabei so wenig vorwärts, daß wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
der sehr fertig schwimmt, läßt im Laufen ein leises Seufzen hören, als ob
ihm das Athmen beschwerlich würde. Er ist das größte Thier in der Familie
der Nager; er setzt sich nur in der äußersten Noth zur Wehr, wenn er
umringt und verwundet ist. Da seine Backzähne, besonders die hinteren,
ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Biß einem
Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fuß zerreißen. Sein Fleisch hat einen
ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
daraus, und dieß rechtfertigt gewissermaßen den Namen _‘Wasserschwein’_,
den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Gürtelthier,
das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkröten;
ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Sümpfen und auf den
überschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
vor, daß die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
heißt. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, daß das
Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
Minuten unter Wasser bleibt.

Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
nackt und schwärzlich braun wie ein Zambo, zählte sich aber nichts
destoweniger zum weißen Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
»an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
und an all den Geschichten dort drüben (_todas las cosas de allà_). Er
wußte, daß der König von Spanien bald zum Besuche »Ihrer Herrlichkeiten im
Lande Caracas« herüber kommen würde, setzte aber scherzhaft hinzu: »Da die
Hofleute nur Weizenbrod essen können, werden sie nie über die Stadt
Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.«
Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weiße Leute
wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _‘Indianerwildpret’_
zu genießen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schießgewehr.

Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehölze liege die Hütte
des Gehöftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mühe gegeben, aus
Palmblättern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
Hängematten neben den seinigen zwischen zwei Bäumen befestigen zu lassen,
und versicherte uns mit selbstgefälliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
den Fluß wieder heraufkämen, würden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwünschen, die
der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen für alle Bequemlichkeiten
des Lebens gleichgültig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
wurden bis auf die Haut durchnäßt. Während des Ungewitters versetzte uns
ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
fiel in die Hängematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
Geschrei hinzu und rißen ihn nur mit Mühe aus seinem Irrthum. Während es
auf unsere Hängematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
Strömen regnete, wünschte uns Don Ignacio Glück, daß wir nicht am Ufer
geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befänden, »_entre gento blanca y
de trato_« (unter Weißen und Leuten von Stande). Durchnäßt wie wir waren,
fiel es uns denn doch schwer, uns zu überzeugen, daß wir es hier so
besonders gut haben, und wir hörten ziemlich widerwillig zu, wie unser
Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
Meta erzählte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
Guahibos gehalten, und »welche Dienste er Gott und seinem König geleistet,
indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
Missionen vertheilt.« Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
Einöde bei einem Manns der von europäischer Abkunft zu seyn glaubt und
kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
Anmaaßung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
Cultur anzutreffen!

Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Señor Don
Ignacio und von Señora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
abgekühlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35° stand, war auf
24° gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
war fortwährend 26--27°. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstämme.
Man sollte meinen, auf einem völlig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
geringste Erhöhung bemerkt, hätte sich der Fluß durch die Gewalt seiner
Strömung einen ganz geraden Canal graben müssen. Ein Blick auf die Carte,
die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compaß entworfen, zeigt das
Gegentheil. Das abspülende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhöhungen geben zu starken
Krümmungen Anlaß. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flußbett etwas breiter
wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bäumen beschattet ist. Dieses
Stück des Flusses heißt _Caño ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
Wir kamen an einer niedrigen Insel vorüber, auf der Flamingos,
rosenfarbige Löffelgänse, Reiher und Wasserhühner, die das mannigfaltigste
Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vögel waren so dicht an
einander gedrängt, daß man meinte, sie könnten sich gar nicht rühren. Die
Insel heißt *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
erst 16 bis 18 Hütten aus Palmblättern; aber aus den statistischen
Tabellen, welche die Missionäre jährlich bei Hofe einreichen, wird diese
Gruppe von Hütten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgeführt.

Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer seßhaft zu machen ist.
Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen völlig von einander ab. Diese
vier Stämme leben größtentheils von Fischfang und Jagd aus den häufig
überschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
bedingt. Wir werden bald sehen, daß man, sobald man die Berge an den
Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Hütten große Reinlichkeit
findet. Auf dem Rücken der Gebirge, in undurchdringlichen Wäldern sieht
sich der Mensch genöthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner großen Anstrengung, wogegen
der Jäger in einem Lande, durch das keine andern Wege führen als die
Flüsse, ein hartes, mühseliges Leben führt. Die Guamos in der Mission
Santa Barbara konnten uns die Mundvorräthe, die wir gerne gehabt hätten,
nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
gastfreundlich, und als wir in ihre Hütten traten, boten sie uns
getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
in porösen Gefäßen abgekühlt.

Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Fluß
ein neues Bett gegraben hatte, übernachteten wir auf einem dürren, sehr
breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu können,
wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nächtlichen Angriff des Tigers
sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu bestätigen;
dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.

Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, daß sie das Feuer sehen konnten.
Wir glauben bemerkt zu haben, daß der Glanz desselben sie herlockt, wie
die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
im Sand die Fährten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Fluß
geführt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
Boden und befestigten unsere Hängematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
furchtbarer Lärm, daß man beinahe kein Auge schließen konnte. Unter den
vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hören ließen, namentlich
die leisen Flötentöne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brüllen
des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Löwen ohne Mähne, das
Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
einiger andern hühnerartigen Vögel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
näherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwährend gebellt hatte, an
zu heulen und suchte Schutz unter den Hängematten. Zuweilen, nachdem es
lange geschwiegen, erscholl das Brüllen der Tiger von den Bäumen herunter,
und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.

Ich schildere Zug für Zug diese nächtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewöhnt waren. Monate lang,
aller Orten, wo der Wald nahe an die Flußufer rückt, hatten wir sie zu
erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger fürchten alle das Feuer und
greifen niemals einen Menschen in seiner Hängematte an. Und solche
Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
Aufenthalt in Südamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
den Achaguas-Inseln gegenüber, ein Llanero in seiner Hängematte
zerfleischt gefunden wurde.

Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
einen so furchtbaren Lärm erheben, so geben sie die lustige Antwort: »Sie
feiern den Vollmond.« Ich glaube, die Unruhe rührt meist daher, daß im
innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrängten Rudeln fliehend das
Gebüsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreißen. Die Affen, scheu und
furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bäumen herab
das Geschrei der großen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vögel
auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
bald sehen, daß dieser Lärm keineswegs nur bei schönem Mondschein, sondern
vorzugsweise während der Gewitter und starken Regengüsse unter den wilden
Thieren ausbricht. »Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
andern!« sprach der Mönch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
todtmüde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
allerdings seltsam, daß man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
finden können. In den spanischen Herbergen fürchtet man sich vor den
schrillen Tönen der Guitarren im anstoßenden Zimmer; in denen am Orinoco,
das heißt auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestört zu werden.

Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
schön und kühl, wie es Leuten vorkommt, die an die große Hitze in diesen
Ländern gewöhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28°, aber
der trockene, weiße Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36° behalten. Die Delphine
(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Fluß und das Ufer war mit
fischfangenden Vögeln bedeckt. Manche machen sich das Floßholz, das den
Fluß herabtreibt, zu Nutze und überraschen die Fische, die sich mitten in
der Strömung halten. Unser Canoe stieß im Laufe des Morgens mehrmals an.
Solche Stöße, wenn sie sehr heftig sind, können schwache Fahrzeuge
zertrümmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer großer Bäume auf, die
Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bäume
kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flußbett
dergestalt, daß die Piroguen stromaufwärts häufig zwischen den Untiefen
und überall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstämme aus dem Wasser
ragten. Sie saßen voll Vögeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
nahe steht. Diese Vögel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.

Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Fluß desto
auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
Arm, kein natürlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
Verlust rührt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
durchnäßten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel dieß ausmacht,
wenn man bedenkt, daß wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
36--52, den Sand, über dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
warm fanden. Das Flußwasser erwärmt sich dem Boden zu, so weit die
Sonnenstrahlen eindringen können, ohne beim Durchgang durch die über
einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwächt zu werden. Dabei
reicht die Einsickerung weit über das Flußbett hinaus und ist, so zu
sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Höhe
des Wasserspiegels mit Wasser getränkt. Fünfzig Toisen vom Fluß sahen wir
Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
am Abend die Luft abkühlt. Im Maaß, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, daß dieses fortwährende
Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Fluß ungeheure
Wassermassen entziehen muß, nur daß der Verlust schwer genau zu berechnen
ist. Die Zunahme dieses Verlustes wäre der Länge des Stromlaufes
proportional, wenn die Flüsse von der Quelle bis zur Mündung überall
gleiche Ufer hätten; da aber diese von den Anschwemmungen herrühren, und
die Gewässer, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer fließen und
somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
viele Flüsse im heißen Erdstrich ihrer Mündung zu seichter. BARROW hat
diese auffallende Wirkung des Sandes im östlichen Afrika an den Ufern des
Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
über den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Erörterungen Anlaß.

Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hübsche kleine pechschwarze
Affen, von der Größe des Saï, mit Wickelschwänzen. Ihrem Gesicht und ihren
Bewegungen nach konnte es weder der Coaïta, noch der Chamek, noch
überhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
gesehen. In diesen Wäldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
Rudeln lebenden und darum rührigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
kommt es vor, daß bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
Hütten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
zeigten uns unsere Führer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
Rückenstacheln, die großen ausgerichteten Schuppen, all die Anhängsel, die
dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fuß lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
fanden wir in allen sehr trockenen Ländern von angenehmem Geschmack,
selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
sehr weiß und nach dem Fleisch des Tatu oder Gürtelthiers, das hier
_Cachicamo_ heißt, eines der besten, die man in den Hütten der
Eingeborenen findet.

Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
vollkommen den unsrigen glichen, über die Wasserfläche hin. Wir sahen
auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
Raubvögel seltsam ab. Wir übernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
der Nähe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
Hütten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kündigte uns zum voraus an, daß
wir den Jaguar hier nicht würden brüllen hören, weil er, wenn er nicht
großen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. »Die
Menschen machen ihn übellaunig,« »_los hombres lo enfadan_« sagt das Volk
in den Missionen, ein spaßhafter, naiver Ausdruck für eine richtige
Beobachtung.

Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
auf dem schönen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
_Caribe_ oder _Caribito_ heißt, weil keiner so blutgierig ist. Er fällt
die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reißt ihnen oft ansehnliche
Stücke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
tragen. Die Indianer fürchten diese Caraibenfische ungemein, und
verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrührten, die bei den Maypures
_Umati_ heißen. Sie leben auf dem Boden der Flüsse, gießt man aber ein
paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefräßigsten und
blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
schneidenden, spitzen Zähne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
man sich nicht, daß die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
sehr fürchten. An Stellen, wo der Fluß ganz klar und kein Fisch zu sehen
war, warfen wir kleine blutige Fleischstücke ins Wasser. In wenigen
Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
den Fraß. Der Fisch hat einen kantigen, sägenförmig gekerbten Bauch, ein
Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
Rückenfloße und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
stehenden, in der untern Kinnlade größeren Zähne gehört der Caribe zu den
Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
Der Körper ist am Rücken aschgrau, ins Grünliche spielend; aber Bauch,
Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloßen sind schön orangegelb. Im Orinoco
kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Größe
unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINNÉ). Ich habe sie an Ort und
Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der größten
Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedürfniß machen.

Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
Ich trennte mich von meinen Gefährten, während man das Fahrzeug ans Land
zog und das Mittagessen rüstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nähe
einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
ihre mit breiten Platten belegten Schwänze auf einander legten. Kleine
schneeweiße Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rücken, sogar auf dem Kopf
herum, als wären es Baumstämme. Die Krokodile waren graugrün, halb mit
trockenem Schlamm überzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
konnte man sie für Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wäre mir der
Spaziergang übel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
gesehen, aber indem ich Glimmerblättchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
ich die frische Fährte eines Tigers, die an ihrer Form und Größe so leicht
zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so groß
vorgekommen.

Es gibt Vorfälle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hülfe ruft.
Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
meiner Bewegungen, daß ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
die Indianer schon oft für dergleichen Fälle ertheilt hatten. Ich ging
weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
zu bemerken, daß der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
Capybaras war, die über den Fluß schwammen. Jetzt kehrte ich um und
beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu können. Wie oft war ich in
Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glücklicherweise
gab ich diesem Drange erst sehr spät nach. Der Jaguar war ruhig liegen
geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberfluß gibt, so gut
genährt, daß sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
Schiffe an und erzählte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
muß.

Abends kamen wir an der Mündung des *Caño del Manati* vorüber, so genannt
wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jährlich hier
gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersäugethier, das die Indianer
_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fuß lang und 500--800
Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
Carizales und Conserva sehr häufig. Wir fanden keine Spur von Nägeln auf
der äußern Fläche und am Rande der Schwimmfloßen, die ganz glatt sind;
zieht man aber die Haut der Floße ab, so zeigen sich an der dritten
Phalange kleine Nägelrudimente. Bei einem 9 Fuß langen Thier, das wir in
Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
vier Zoll über die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
bekleidet und dient als Rüßel oder Fühler zum Betasten der vorliegenden
Körper. Die Mundhöhle, die beim frisch getödteten Thier auffallend warm
ist, zeigt einen ganz eigenthümlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Höhlung, die in einander
passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, daß wir sowohl den in
mehrere Fächer getheilten Magen, als den 108 Fuß langen Darm ganz damit
angefüllt fanden. Schneidet man das Thier am Rücken auf, so erstaunt man
über die Größe, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein große
Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fuß lang. Mit
Luft gefüllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mußte
mich nur wundern, daß der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehältern so
oft an die Wasserfläche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
irgend einem Vorurtheil, für ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stämme vorzugsweise
mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedörrte Fleisch
wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Säugethier bei der Clerisei
für einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
hat ein äußerst zähes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Dieß
geschieht oft, wenn das Thier sehr groß ist, mitten auf dem Flusse, und
zwar so, daß man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser füllt, sie
unter das Thier schiebt und mit einer Kürbißflasche wieder ausschöpft. Am
leichtesten sind sie am Ende der großen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
sie aus den Strömen in die umliegenden Seen und Sümpfe gerathen sind und
das Wasser schnell fällt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fuße des
Bergs, der. gegenwärtig *el Capuchino* heißt, eine große Seekuhjagd
anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
Spritzlöchern. Die Haut der Seekuh, die über anderthalb Zoll dick ist,
wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
Fehler, daß sie zu faulen anfängt. Man macht in den spanischen Colonien
Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
schreckliches Werkzeug zur Züchtigung der unglücklichen Sklaven, ja der
Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
behandelt werden sollten.

Wir übernachteten der Insel Conserva gegenüber. Als wir am Waldsaume
hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fuß hoher, mit verästeten
Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezündet; da fanden wir
wieder, daß sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
(Toninas), deren Lärm uns nicht schlafen ließ, bis man das Feuer
auslöschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
ich nur anführe, weil es ein paar Züge zum Bilde dieser Wildniß liefert.
Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
Zeit hörten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
Katze klang. Bald darauf wurde unsere große Dogge von ungeheuern
Fledermäusen, die um unsere Hängematten flattevten, vorne an der Schnauze
gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
Schwänze wie die Molossen; ich glaube aber, daß es Phyllostomen waren,
deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
verlängern können. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
kläglich, sobald er den Biß fühlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
er über die Fledermäuse, als sie unter unsern Hängematten hervorkamen,
erschrak. Dergleichen Fälle sind weit seltener, als man im Lande selbst
glaubt. Obgleich wir in Ländern, wo die Vampyre und ähnliche
Fledermausarten so häufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
ist der *Stich* keineswegs gefährlich und der Schmerz meist so
unbedeutend, daß man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
davongemacht hat.

Am 4. April. Dieß war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
an den Ufern wurde immer einförmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten gequält zu
werden, die sich uns auf Gesicht und Hände setzten. Es waren keine
*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mücken von der Gattung _Simulium_
haben,(7) sondern *Zancudos*, ächte Schnacken, aber von unserem _Culex
pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
Vorschein; ihr Saugrüssel ist so lang, daß, wenn sie sich an die
Unterseite der Hängematte setzen, ihr Stachel durch die Hängematte und die
dicksten Kleider dringt.

Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* übernachten, aber an diesem Strich
des Apure gibt es so viele Jaguars, daß unsere Indianer, als sie unsere
Hängematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einfluß in den Orinoco,
aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehört zu der Provinz Caracas,
dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bäume, um unsere
Hängematten zu befestigen, und mußten am Boden auf Ochsenhäuten schlafen.
Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als daß man darin
übernachten könnte.

An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
besprochenen Trägheit der hühnerartigen Vögel unter den Tropen. Die Hoccos
und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Fluß herunter, um
ihren Durst zu löschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
dieser Vögel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschüssigen
Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flügel zu
brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
entschließen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.

Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhöhe von α
des südlichen Kreuzes anstellen. Der Einfluß des Apure liegt unter
7° 36′ 23″ der Breite. Pater GUMILLA gibt 5° 5′, D’ANVILLE 7° 3′, CAULIN
7° 26′ an. Die Länge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhöhen, die
ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69° 7′ 29″, oder 1° 12′ 41″ östlich
vom Meridian von San Fernando.

*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zuführt. Derselbe Strom,
der nach meinen Messungen beim *Caño ricco* noch 136 Toisen breit war, maß
an seiner Ausmündung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
den Caño del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
laufen; aber der größte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
herzurühren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strömung
bei der Ausmündung war nur 3 Fuß in der Secunde, so daß ich die ganze
Wassermasse leicht berechnen könnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
Abständen alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wären. Der Barometer,
der in San Fernando, 28 Fuß über dem mittleren Wasserstand des Apure, um
9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
Ausmündung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
ganze Länge des Wegs (die Krümmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
stündlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Gefälle von 13 Zoll auf die
Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
glauben, daß der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile beträgt.

Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
Anschwemmungen sind beim Zusammenfluß der beiden Ströme ungeheuer groß.
Wir mußten uns längs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, über den Grasfluren steht! Gegen
Süd sahen wir die einzelnstehenden Hügel bei Coruato; im Osten fingen die
Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
Tirano* an über den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefühl der
Rührung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
Gewässer des Orinoco, an einem von der Meeresküste so weit entfernten
Punkte.

                            ------------------



    1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
      Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoßen die
      Stacheln mit den Füßen ab, und man sieht welche in Folge dieses
      Verfahrens hinken.

    2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
      (acht Tagereisen) 10 Piaster für die Lancha, und außerdem dem
      Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
      indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.

    3 Es ist dieß der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
      CUVIERs _Crocodilus acutus_.

    4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberfläche zu ermitteln,
      maaß ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fuß ab und bemerkte
      mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
      Körper brauchte, um dieselbe Strecke zurückzulegen.

    5 Eine Mimosenart.

_    6 Garzon Chico_. In Oberägypten glaubt man, die Reiher haben eine
      Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu
      Nutze machen, daß die Fische sich über das ungeheure Thier entsetzen
      und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberfläche
      heraufflüchten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem
      Krokodil klüglich nicht zu nahe.

    7 LATREILLE hat gefunden, daß die *Moustiques* in Süd-Carolina zur
      Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehören.

    8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so häufig als ersterer.

    9 Dieß ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien
      gegenüber.

   10 Ich schätzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung.



NEUNZEHNTES KAPITEL.


        Zusammenfluß des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von
     Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einfluß
                     des Meta. -- Die Insel Panumana.


Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land
versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure
Wasserfläche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei
der Reiher, Flamingos und Löffelgänse, wenn sie in langen Schwärmen von
einem Ufer zum andern ziehen, erfüllte nicht mehr die Luft. Vergeblich
sahen wir uns nach den Schwimmvögeln um, deren gewerbsmäszige Listen bei
jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.
Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein großes
Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserfläche
schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgürtel begrenzt, aber
nirgends traten die Wälder bis ans Strombett vor. Breite, beständig der
Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und dürr wie der Meeresstrand, glichen
in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese
sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie für
das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung
rückten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.

Diese zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und
Großartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten
Ströme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewässer wie das Land ihren
eigenthümlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz
anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des
Amazonenstroms. Diese Unterschiede rühren nicht bloß von der Breite und
der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von
Verhältnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu
beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form
der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der
Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im
tropischen Strich des großen Oceans befindet.

Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns günstig, um
stromaufwärts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue
leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, daß, wer gewöhnlich
seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Fluß sich sehr
unbehaglich fühlte. Das Scholken rührt daher, daß die Gewässer der beiden
Ströme beider Bereinigung auf einander stoßen. Dieser Stoß ist sehr stark,
aber lange nicht so gefährlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an
der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem
Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blöcken bestehenden Vorgebirge.
Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater
Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.
Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fuß desselben
rings von Wasser umgeben. Wegen dieses großen Uebelstandes und wegen der
Unzahl Moskitos und _‘Niguas’_,(11) von denen Missionäre und Indianer
geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er völlig
verlassen, während gegenüber auf dem linken Ufer in den Hügeln von Coruato
herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus
freien, den Mönchen nicht unterworfenen Stämmen ausgestoßen worden sind.

Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmündung des Apure und dem
Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer
Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des
Orinoco war beim gegenwärtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber
in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hügel
Pocopocori Inseln sind, mögen es 5517 Toisen werden. Zum starken
Anschwellen des Orinoco trägt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der
nicht, wie andere Nebenflüsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen
spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmündet. Wir
maßen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;
mitten im Thalweg, wo die Strömung am stärksten ist, betrug sie 28°,3, in
der Nähe der Ufer 29°,2.

Wir fuhren zuerst gegen Südwest hinaus bis zum Gestade der
Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Süd.
Der Strom ist so breit, daß die Berge von Encaramada aus dem Wasser
emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie über dem Meereshorizont sähe.
Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und
je näher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese
Berge bestehen aus ungeheuren zerklüfteten, auf einander gethürmten
Granitblöcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blöcke ist eine Folge der
Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trägt besonders der
kräftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswände bedeckt und nur die
abgerundeten Gipfel frei läßt. Man meint, altes Gemäuer rage aus einem
Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*
der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei
geneigt sind, während der dritte, unten schmälere und über 80 Fuß hohe,
senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die
*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,
war früher ein Stück des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der
nicht geschichtete Granit das Eigenthümliche, daß er durch Verwitterung in
prismatische, cylindrische oder säulenförmige Blöcke zerfällt.

Gegenüber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nähe eines andern,
ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten
in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,
die man in Holland und Niederdeutschland _‘Hünenbetten’_ nennt. Der
Ufersand an diesem Stück des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er
besteht aus Thon und Glimmerblättchen in sehr dünnen Schichten, die meist
unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter
Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der
Ufer tritt schon weit oberhalb der Mündung des Apure ein; schon beim
Algodonal und beim Caño de Manati fingen wir in letzterem Flusse an
denselben zu bemerken. Die Glimmerblättchen kommen ohne Zweifel von den
Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost
findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Daß
Anschwemmungen von Süd nach Nord geführt werden, kann am Orinoco nicht
befremden; aber wie erklärt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,
sieben Meilen westwärts von seiner Ausmündung? Beim gegenwärtigen Zustand
der Dinge läuft der Apure auch beim höchsten Wasserstand des Orinoco nie
so weit rückwärts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,
muß man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit
niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen
Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.

Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist dieß eine Art
Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem
40--50 Fuß hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethürmten
Granitblöcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen
Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen
sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,
sondern nur abgerundete Blöcke, Kerne, von denen das umhüllende Gestein
abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd
überzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das
röthlich weiß, grobkörnig ist und keine Hornblende enthält.

Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind
_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist dieß das kleine Dorf, das im Jahr 1749
vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell
Orinoco_, gegründet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte
Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der
Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie öde diese Landstriche sind,
wenn man hört, daß Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada
liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und daß er nie bis zu
dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er
sich gewagt hat.

Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein
Cazike, der in seiner Pirogue zum berühmten Schildkröteneierfang den Fluß
hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*
und führte ein kleineres Canoe, _‘Curiara’_ genannt, mit sich. Er saß
unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblättern
bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die
Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, daß man einen großen Herrn vor sich
hatte. Der Cazike trug sich übrigens ganz wie seine Indianer; alle waren
nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des
Rocou, bemalt. Häuptling, Dienerschaft, Geräthe, Fahrzeug, Segel, Alles
war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem
Wuchs; sie schienen uns weit höher gewachsen als die Indianer, die wir
bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den
Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefärbten Augenbrauen, ihr
finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas
ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein
paar Caraibenschädel von den Antillen gesehen und waren daher überrascht,
daß bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewölbter war,
als man sie uns beschrieben. Die sehr großen, aber ekelhaft schmutzigen
Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Die Ober- und
Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abständen mit breiten Binden
aus Baumwollenzeug eingeschnürt. Das Fleisch unter den Binden wird stark
zusammengepreßt und quillt in den Zwischenräumen heraus. Die Caraiben
verwenden meist auf ihr Aeußeres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als
nackte und roth bemalte Menschen nur immer können. Sie legen bedeutenden
Werth auf gewisse Körperformen, und eine Mutter würde gewissenloser
Gleichgültigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch
künstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer
Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von
Panapana nicht nach den Lagerplätzen erkundigen, wo man in dieser
Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkröteneier
zusammenkommt.

Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir
übernachteten in einer Felsenbucht, gegenüber der Einmündung des Rio
Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaicà sich vereinigen, und den
manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den
Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schön; der Mond beschien
die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die
Wärme so gleichmäßig vertheilt, daß man kein Sternflimmern bemerkte,
selbst nicht 4 oder 5 Grad über dem Horizont. Das Licht der Planeten war
auffallend geschwächt, und ließe mich nicht die Kleinheit des scheinbaren
Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung fürchten, so sagte
ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloßem Auge die Scheibe
Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er
führte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit
Dunst. Es traten starke Windstöße ein und machten uns für unsere Pirogue
besorgt. Wir hatten den ganzen Tag über nur sehr wenige Krokodile gesehen,
aber lauter ungewöhnlich große, 20--24 Fuß lange. Die Indianer
versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und
weniger breite und tiefe Flüsse auf; besonders in den Caños sind sie in
Menge zu finden, und man könnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den
Nilkrokodilen sagt, »sie wimmeln wie Würmer an den seichten Stromstellen
und im Schutz der unbewohnten Inseln.«

Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Süd, dann gegen Südwest weiter den
Orinoco hinauf und bekamen den Südabhang der *Serrania* oder der Bergkette
Encaramada zu Gesicht. Der dem Fluß am nächsten gelegene Strich ist nicht
mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhänge, die Lage mitten
in einer Savane; ihre in unförmliche Prismen zerklüfteten Felsgipfel
lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre größte Breite beträgt
nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie
gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den
nördlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des
Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einfluß des Rio
Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zügen
dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander
nicht ganz parallel, denn die nördlichsten ziehen sich von West nach Ost,
die südlichsten von Nordwest nach Südost. Aus dieser verschiedenen
Richtung erklärt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen
Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.
Wenn wir einmal über die großen Katarakten von Atures und Maypures hinauf
gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen
sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,
Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen
Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf
dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmäßig gruppirt
scheinen, eine Neigung zu regelmäßigen Formen. Jede Kette erscheint einem,
wenn man auf dem Orinoco fährt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,
aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmäßigkeit im Streichen und
dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man
gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hängen mit denen des Mato
zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge
von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Ausläufer, die Granitberge
Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und
Ventuari.

Ueber diese Berge, die von sanftmüthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt
sind, ließ bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh
gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden
sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten
den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mündet. Fährt man diese
beiden Flüsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne über
die großen Katarakten zu kommen, über welche Vieh hinaufzuschaffen so gut
wie unmöglich wäre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit
der Entdeckung von Amerika in so vorzüglichem Grade eigen war, lebte in
der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,
als König Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen
kennen lernen wollte, und in den Wäldern von Guyana, dem classischen Lande
der Lüge und der mährchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer
die chimärische Vorstellung von den Schätzen des Dorado, welche die
Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschäftigt hatte, von
Neuem in Umlauf brachte.

In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkörnige Granit,
keine Gänge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,
welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so
großer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem
Theile von Amerika glaube ich, daß das Gold, wie das Zinn, zuweilen in
kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins
zerstreut ist, ohne daß man kleine verästete und in einander verschlungene
Gänge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in
der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien
Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung
war den Missionären noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb
alleinstehend.

Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,
ohne eines Umstandes zu erwähnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben
war und dessen man während unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco
häufig gegen uns erwähnte. Unter den Eingeborenen dieser Länder hat sich
die Sage erhalten, »beim großen Wasser, als ihre Väter das Canoe besteigen
mußten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen
des Meeres die Felsen der Encaramada bespült.« Diese Sage kommt nicht nur
bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehört zu einem Kreise
geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei
den Maypures an den großen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,
der sich in den Caura ergießt, und fast bei allen Stämmen am obern Orinoco
finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese große
Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, überlebt habe, so sagen sie,
»ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,
am Ufer des Asiveru, geflüchtet; da haben sie Früchte der Mauritiapalme
hinter sich über ihre Köpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen
Männlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevölkert.« In
solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Völkern eine Sage, welche
von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmückt worden
ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,
der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf
Thierbilder und symbolische Zeichen, ähnlich denen, wie wir sie auf der
Rückfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt
Caycara gesehen. In Afrika heißen dergleichen Felsen bei den Reisenden
_‘Fetischsteine’_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am
Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die
wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,
Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstände religiöser Verehrung
vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen
Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren
häufig sehr hoch oben in Felswände eingehauen, wohin man nur mittelst sehr
hoher Gerüste gelangen könnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es
möglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lächelnd, als
sprächen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weißer nicht bekannt seyn
kann, »zur Zeit des *großen Wassers* seyen ihre Väter so hoch oben im
Canoe gefahren.«

Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trümmern eines
großen Schiffbruchs über den Erdball zerstreut finden, sind für die
Geschichtsphilosophie von höchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien
in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshöhen das Gepräge des
gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen
der Völker aller Orten denselben Charakter, eine Familienähnlichkeit, die
uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der
lebendigen Schöpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast
gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine örtliche Färbung. Auf den
großen Festländern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben
sich die übrig gebliebenen Menschen immer auf den höchsten Berg in der
Nähe geflüchtet, und das Ereigniß erscheint desto neuer, je roher die
Völker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit
zurückreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor
der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wälder am Orinoco,
sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europäischen
Niederlassungen sind und in welchen Zuständen die unabhängig gebliebenen
Stämme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene
Uebereinstimmung dem Einfluß der Missionare und des Christenthums auf die
Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß die Völker
am Orinoco durch den Umstand, daß sie Meeresprodukte hoch oben in den
Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom großen Wasser gekommen seyn
sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde
vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare
und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine
Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundären
Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.

Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la
Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im
Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum
betrachten. Diese Insel ist berühmt wegen des Schildkrötenfangs, oder, wie
man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jährlich hier
gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Hütten
aus Palmblättern gelagert. Das Lager war über dreihundert Köpfe stark.
Seit San Fernando am Apure waren wir nur an öde Gestade gewöhnt, und so
fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Außer den Guamos und
Otomacos aus Uruana, die beide für wilde, unzähmbare Stämme gelten, waren
Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte
für sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt
war. Wir fanden in diesem lärmenden Haufen einige Weiße, namentlich
_‘Pulperos’_ oder Krämer aus Angostura, die den Fluß herausgekommen waren,
um von den Eingeborenen Schildkröteneieröl zu kaufen. Wir trafen auch den
Missionär von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebürtig war. Der Mann
verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere
Instrumente bewundert, entwarf er uns eine übertriebene Schilderung von
den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem
Orinoco bis über die Fälle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien
ihm in bedeutendes Dunkel gehüllt. »Wie soll einer glauben,« sagte er,
»daß ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den
Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht
gehört?« Zum Glück hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der
Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von
Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch
unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland
unter den Weißen aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem
frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzählte uns, er sey mit den
Indianern über die »Eierernte« herübergekommen, »um jeden Morgen unter
freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel für die Altarlampe zu
verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_
in Ordnung zu halten, in der jeder für sich allein haben wolle, was Gott
allen bescheert.«

Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der
sich rühmte, daß er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca
de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stück des Orinoco, wie man bei uns
die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem
ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: »So weit das Auge an den Ufern hin
reicht, liegen Schildkröteneier unter einer Erdschicht.« Der Missionar
trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange
(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der
Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder
Steinkohle ermittelt. Stößt man die Vara senkrecht in den Boden, so spürt
man daran, daß der Widerstand auf einmal aufhört, daß man in die Höhlung
oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir
sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichförmig verbreitet, daß die Sonde
in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher
darauf stößt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie
wenn man ein Bodenstück, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und
ganz regelmäßig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht
die ganze Insel; sie hört überall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil
die Schildkröte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich
erzählte meinen Führern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater
GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkörner enthalten, als
der Strom Schildkröten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf
aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljährlich so viele tödteten.
»_Son cuentos de fraíles_« sagte der Krämer aus Angostura leise, denn da
arme Missionäre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man
hier »Pfaffenmährchen,« was man in Europa den Reisenden überhaupt
aufbürden würde.

Die Indianer versicherten uns, von der Mündung des Orinoco bis zum Einfluß
des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,
wo man Schildkröteneier in Masse sammeln könnte. Die große Schildkröte,
der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von
Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den
Kopf über das Wasser streckt und sich beim leisesten Geräusch versteckt.
Die Uferstrecken, wo fast sämmtliche Schildkröten des Orinoco sich
jährlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenfluß des
Orinoco und des Apure und den großen Fällen oder *Raudales*, das heißt
zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei
berühmten Fangplätze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder
_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die
Arrau-Schildkröte geht, wie es scheint, nicht über die Fälle hinauf, und
wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur
*Terekay*-Schildkröten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte über diese
beiden Arten und ihr Verhältniß zu den verschiedenen Familien der
Schildkröten zu sagen.

Wir beginnen mit der Arrau-Schildkröte, welche die Spanier in den Colonien
kurzweg _‘Tortuga’_ nennen, und deren Geschlecht für die Völker am untern
Orinoco von so großer Bedeutung ist. Es ist eine große
Süßwasserschildkröte, mit Schwimmfüßen, sehr plattem Kopf, zwei
fleischigen, sehr spitzen Anhängen unter dem Kinn, mit fünf Zehen an den
Vorder- und vier an den Hinterfüßen, die unterhalb gefurcht sind. Der
Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist
oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Füße sind gleichfalls orangegelb
und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Nägel
sind sehr stark und gebogen. Die Afteröffnung befindet sich am letzten
Fünftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die
Eier, weit größer als Taubeneier, sind nicht so länglicht wie die Gier des
Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, daß die
Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen
können. Käme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen
die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern
dieser Schildkröte; man sah aber früher ganze Volksstämme von den Flüssen
Atabapo und Cassiquiare über die Raudales herabkommen, um am Fang bei
Uruana Theil zu nehmen.

Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll
Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders
vertheilt. Ich zählte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,
am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grüne
spielend; Füße und Nägel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist
olivengrün, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte
Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die
Terekays thun sich nicht in große Schwärme zusammen, wie die Arraus, um
ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay
haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch
Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der
Fälle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flüssen,
welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Füße und
des Kopfs, nach den Anhängen an Kinn und Hals und nach der Stellung der
Afteröffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine
neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wäre. Durch die
Anhänge und die Stellung des Afters nähern sie sich der _Emys nasuta_
SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in französisch Guyana, unterscheiden sich
aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine
pyramidalischen Buckel haben.

Die Zeit, wo die große Arrau-Schildkröte ihre Eier legt, fällt mit dem
niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frühlings-Tag-
und Nachtgleiche an zu steigen anfängt, so liegen von Anfang Januar bis
zum 20. oder 25. März die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus
sammeln sich schon im Januar in große Schwärme; sie gehen jetzt aus dem
Wasser und wärmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,
das Thier bedürfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das
Liegen in der Sonne befördere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man
die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang März vereinigen
sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen
sie gewöhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkröte
jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,
erscheinen viele tausend Schildkröten in langen Reihen an den Ufern der
Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den
Kopf über dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu
fürchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, daß die vereinigten
Schwärme auch beisammen bleiben, daß sich die Schildkröten nicht
zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen können, stellen längs des
Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu
halten und die Schildkröten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier
werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das
Thier gräbt mit seinen Hinterfüßen, die sehr lang sind und krumme Klauen
haben, ein drei Fuß weites und zwei Fuß tiefes Loch. Die Indianer
behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkröte
denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,
wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _‘Eiernest’_, wie man hier sagt,
öffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, daß manche in die
von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefüllten Löcher
hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite
legen. Bei diesem stürmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier
zerbrochen. Der Missionär zeigte uns, indem er den Sand an mehreren
Stellen ausgrub, daß der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen
mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand
noch stärker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene
Eierschaalen in großen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der
Nacht am Ufer graben, sind so unermeßlich viele, daß manche der Tag
überrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der
doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Löcher
zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen möge. Die Schildkröten, die
sich verspätet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie
arbeiten unter den Augen der Indianer, die früh Morgens auf das Ufer
kommen. Man nennt sie _‘närrische Schildkröten.’_ Trotz ihrer ungestümen
Bewegungen fängt man sie leicht mit den Händen.

Die drei Indianerlager an den oben erwähnten Orten werden Ende März und in
den ersten Tagen Aprils eröffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich
wie das andere, mit der Regelmäßigkeit, die bei Allem herrscht, was von
Mönchen ausgeht. Ehe die Missionäre an den Fluß kamen, beuteten die
Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Fülle bietet,
in weit geringerem Maaße aus. Jeder Stamm durchwühlte das Ufer nach seiner
eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,
weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen
konnte. Es war, als würde eine Erzgrube von ungeschickten Händen
ausgebeutet. Den Jesuiten gebührt das Verdienst, daß sie die Ausbeutung
geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen
am Orinoco abgelöst haben, rühmen sich zwar, daß sie das Verfahren ihrer
Vorgänger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehörigen
Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, daß das ganze Ufer
ausgebeutet wurde; sie ließen ein Stück unberührt liegen, weil sie
besorgten, die Arrau-Schildkröten möchten, wenn nicht ausgerottet werden,
doch bedeutend abnehmen. Jetzt wühlt man das ganze Ufer rücksichtslos um,
und man meint auch zu bemerken, daß die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer
werden.

Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionär von Uruana seinen
Stellvertreter oder den _‘Commissär’_, der den Landstrich, wo die Eier
liegen, nach der Zahl der Indianerstämme, die sich in die Ernte theilen,
in Loose zerlegt. Es sind lauter »Indianer aus den Missionen,« aber so
nackt und versunken, wie die »Indianer aus den Wäldern;« man nennt sie
_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke
zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.

Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschäft damit, daß er den Boden
sondirt. Mit einer langen hölzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit
einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die »Eierschicht« reicht. Nach
unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fuß vom Ufer und
ist im Durchschnitt drei Fuß tief. Der Commissär steckt ab, wie weit jeder
Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hört man den Ertrag der Eierernte
gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schätzen. Es kam vor, daß ein
Areal genau hundertzwanzig Fuß lang und dreißig breit hundert Krüge oder
für tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Händen
auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _‘Mappiri’_ genannte Körbe,
tragen sie ins Lager und werfen sie in große mit Wasser gefüllte hölzerne
Tröge. In diesen Trögen werden die Eier mit Schaufeln zerdrückt und
umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der öligte Theil), das
obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser öligte Theil wird, wie er sich
auf dem Wasser sammelt, abgeschöpft und bei einem starken Feuer gekocht.
Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heißt,
soll sich desto besser halten, je stärker es gekocht wird. Gut zubereitet
ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionäre
schätzen es dem besten Olivenöl gleich, und man braucht es nicht nur zum
Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den
Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hält indessen schwer,
ganz reines Schildkrötenöl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten
Geruch, der davon herrührt, daß Eier darunter gerathen sind, in denen
sich, weil sie schon länger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen
Schildkröten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese
unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rückfahrt vom Rio
Negro, wo das flüssige Fett, das wir hatten, braun und übelriechend
geworden war. Die Gefäße hatten einen faserigen Bodensatz, und dieß ist
das Kennzeichen des unreinen Schildkrötenöls.

Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle
aus dem Munde des Missionärs von Uruana, seines Commissärs und der Krämer
aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jährlich tausend
Botijas(14) oder Krüge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt
von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze
Ertrag der drei Uferstrecken, wo jährlich die _cosecha_ oder Ernte
gehalten wird, läßt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine
Weinflasche oder _‘limeta’_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen
Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkröte gebe 100--116 Eier,
und ein Drittheil werde während des Legens, namentlich von den
»närrischen« Schildkröten zerbrochen, so ergibt sich, daß, sollen jährlich
5000 Krüge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkröten, die zusammen
165,000 Centner wiegen, auf den drei Ernteplätzen 33 Millionen Eier legen
müssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren
Zahl. Viele Schildkröten legen nur 60--70 Eier; viele werden im
Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die
Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu
essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlässigkeit. Die
Menge der Eier, die bereits ausgeschlüpft sind, ehe der Mensch darüber
kommt, ist so ungeheuer, daß ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer
des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkröten wimmeln sah, die
mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.
Nimmt man noch hinzu, daß nicht alle Arraus zu den drei Lagerplätzen
kommen, daß viele zwischen der Mündung des Orinoco und dem Einfluß des
Apure einzeln und ein paar Wochen später legen, so kommt man nothwendig
zum Schluß, daß sich die Zahl der Schildkröten, welche jährlich an den
Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beläuft.
Dieß ist ausnehmend viel für ein Thier von beträchtlicher Größe, das einen
halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so
furchtbar aufräumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die
großen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.

Das Erntegeschäft und die Zubereitung des Oels währen drei Wochen. Nur um
diese Zeit stehen die Missionen mit der Küste und den benachbarten
civilisirten Ländern in Verkehr. Die Franciskaner, die südlich von den
Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu
verschaffen, als um *weiße Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu
hören, »ob der König sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhält, ob
die Klöster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob
der Türke sich noch immer ruhig verhält.« Das ist Alles, wofür ein Mönch
am Orinoco Sinn hat, Dinge, worüber die Krämer aus Angostura, die in die
Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben können. In diesen weit
entlegenen Ländern wird eine Neuigkeit, die ein Weißer aus der Hauptstadt
bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,
und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,
wenn man sein Lebenlang über die Hitze und die Stiche der Moskitos zu
klagen hat?

Die Oelhändler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen
den Krug oder die Botija für einen harten Piaster an sie und die
Transportkosten machen für den Krug nur Zweifünftel Piaster. Die Indianer,
welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der
Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer
hatten immer welche in Körben oder kleinen Säcken von Baumwollenzeug. Der
Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man
zeigte uns große, von Jaguars geleerte Schildkrötenpanzer. Die Tiger gehen
den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie überfallen
sie auf dem Sand, und um sie gemächlich verzehren zu können, kehren sie
sie um, so daß der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage können die
Schildkröten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr
umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer
häufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.

Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Körper der
Schildkröte herausbringt, wenn er Rücken- und Brustschild nicht trennen
will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der
mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wären die Ansätze
der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger
verfolgt die Schildkröte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief
ist. Er gräbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern
und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlüpften
Schildkröten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma während der
Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, daß die Indianer in einer
einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fuß lange, mit hakenförmigen Eisen
und Seekuhfleisch daran, fingen. Außer den eben erwähnten Waldthieren thun
auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die
ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _‘Schildkrötenregen’_ genannt, sich
einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tödten mit vergifteten
Pfeilen die Schildkröten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten
Tatzen sich sonnen.

Die jungen Schildkröten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,
man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlüpfen. Die
Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten
uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg
vom Ufer trägt und so an den Boden setzt, daß er dem Flusse den Rücken
kehrt, alsbald den kürzesten Weg zum Wasser einschlägt. Ich gestehe, daß
dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich
gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom
Ufer, selbst auf einer Insel, mit äußerst feinem Gefühl zu spüren, von
woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht
fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende
kleiner Schildkröten gleich nach dem Ausschlüpfen dem Wasser zugehen, so
läßt sich nicht wohl annehmen, daß so viele Schildkröten, die am selben
Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die
Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco führen können. Soviel ist aber
gewiß, daß das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen
zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das große Flußbett geht. Wie
finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen
Schildkröten hingeführt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoßen?
Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in
abgesonderte Löcher, und wir werden bald sehen, daß in dieser
Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,
den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden
hilft. Die Arrau-Schildkröte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den
Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum
Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie könnte
sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits
wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkröten gesehen haben,
die eine ganze Menge junger Schildkröten hinter sich hatten. Dieß waren
vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem
sie wieder kommen konnten. Männliche Thiere sind unter den Schildkröten
sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund
dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,
die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.

Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige
Mundvorräthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden
daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus
Weizenmehl. Unsere Indianer füllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf
mit jungen Schildkröten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir
vom Missionär, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet
hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies
frisch und in Stößen. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes
befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, daß unsere Pirogue ein sehr
schlechtes Segelwerk führe; aber der »Patron« wollte den Indianern, die am
Ufer beisammen standen, zeigen, daß er, wenn er sich dicht am Wind halte,
mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen könne. Aber eben, als er
seine Geschicklichkeit und die Kühnheit seines Manövers pries, fuhr der
Wind so heftig in das Segel, daß wir beinahe gesunken wären. Der eine Bord
kam unter Wasser und dasselbe stürzte mit solcher Gewalt herein, daß wir
bis zu den Knieen darin standen. Es lief über ein Tischchen weg, an dem
ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein
Tagebuch, und im nächsten Augenblick sahen wir unsere Bücher, Papiere und
getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der
Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer
aufgeschreckt, übersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltblütigkeit, die
ihm unter allen Verhältnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende
Bord hob sich während der Windstöße von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er
das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen müssen, so
konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil
blicken ließ. Während wir so ängstlich gespannt waren, riß auf einmal das
Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half
uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den
Früchten der _Crescentia Cujete_ auszuschöpfen; das Segel wurde
ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder
weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windstöße, die mit
Windstillen wechseln, sind übrigens hier, wo der Orinoco im Gebirge läuft,
sehr häufig und können überladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefährlich
werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann
verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig
schalt, daß er sich zu nahe am Wind gehalten. Er äußerte kaltblütig, »es
werde hier herum den weißen Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre
Papiere* zu trocknen.« Wir hatten nur ein einziges Buch eingebüßt, und
zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser
gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige
wissenschaftliche Werke beschränkt ist.

Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen
Insel mitten im Strome in der Nähe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem
Mondschein, auf großen Schildkrötenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,
nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, daß wir
alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wäre,
der sich beim Schiffbruch allein gerettet hätte, wie er am öden Ufer auf
und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den
Orinoco läuft und durch das er wegen der vielen Krokodile und
Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit
gefühlvollem Herzen weiß nicht, was aus seinen Unglücksgefährten geworden
ist, und ihr Loos bekümmert ihn mehr als das seine! Gerne überläßt man
sich solchen wehmüthigen Vorstellungen, weil einen nach einer
überstandenen Gefahr unwillkürlich nach starken Eindrücken fort verlangt.
Jeder von uns war innerlich mit dem beschäftigt, was sich eben vor unsern
Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne daß man
gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei
Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flüssen
voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu
Grund gegangen wären.

Die Nacht war sehr schwül. Wir lagen am Boden auf Häuten, da wir keine
Bäume zum Befestigen der Hängematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde
mit jedem Tag ärger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß die
Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen über den Flußarm,
der uns vom Lande trennte, und Morgens hörten wir sie ganz in unserer Nähe
brüllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,
herübergekommen. Die Indianer sagten uns, während der Eierernte zeigen
sich die Tiger an den Ufern hier immer häufiger als sonst, und sie seyen
um diese Zeit auch am kecksten.

Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmündung des großen
Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vögeln berühmt ist, die auf
ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de
Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von
den Jesuiten gegründet und daselbst Otomaken und Caveres- oder
Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fuße eines aus Granitblöcken
bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heißt. Durch die
Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Höhlen, in
denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen
findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Züge in Reihen
eingehauen. Ich bezweifle indessen, daß diesen Zügen ein Alphabet zu
Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rückkehr vom Rio
Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die
Otomaken essen und über die in Europa so viel gestritten worden ist.

Wir maßen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla
de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe
vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 französische Meilen von der
Mündung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die
Temperatur des Wassers an der Oberfläche war bei Uruana 27°,8; den Zaire-
oder Congofluß in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitän
TUCKEY im Juli und August nur 23°,9--25°,6 warm. Wir werden in der Folge
sehen, daß im Orinoco, sowohl in der Nähe der Ufer, wo er in dichtem
Schatten fließt, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des
Wassers aus 29°,5 [23°,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27°,5 herabgeht;
die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist
28--30°, bei Nacht 24--26°, während im Thal des Congo von acht Uhr Morgens
bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20°,6 und 26°,7 stand.

Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis über den Einfluß des Meta
hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer näher an das
östliche Ufer herantreten. Da die Strömung stärker wird, je mehr das
Flußbett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend
langsamer vorwärts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwärts,
aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann
brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,
heftige, aber schnell vorübergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des
Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem großen
See Capanaparo gegenüber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die
Lagune Cabularito zugleich in letzteren Fluß und in den Rio Arauca
ausmündet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern
Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald
sie bei den ersten Regengüssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie
sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder
zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder
feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemäßigten
Erdstrich, reißt die wieder zunehmende Wärme die Thiere aus der Erstattung
oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwäche, in dem der Athmungsproceß
unterbrochen oder doch sehr stark beschränkt wird. Die Zeit der großen
Trockenheit, uneigentlich der _‘Sommer der heißen Zone’_ genannt,
entspricht dem Winter der gemäßigten Zone, und es ist physiologisch sehr
merkwürdig, daß in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Kälte
wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre
*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, daß diese
derselben Familie angehörenden Thiere einmal in einem nördlicheren Lande
zusammen gelebt hätten, so könnte man glauben, sie fühlen, auch näher an
den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre
Muskeln gebraucht, das Bedürfniß auszuruhen und bleiben auch unter einem
neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem
Körperbau zusammenzuhängen scheint.

Nachdem wir an der Mündung der Kanäle, die zum See Capanaparo führen,
vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstück, wo das Bett durch die Berge
des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpaß, der bis zum Einfluß
des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer
früher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einfluß des Arauca und dem des
Atabapo den Fluß *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Völkern große
Ströme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der
Paß von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen
senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach
Südost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten
Winkel durchbricht, so stellen sich die Höhen als freistehende Gipfel dar.
Die meisten sind nicht über 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten
einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhänge erhalten sie etwas
Großartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rändern abgerundete
Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, über einander gethürmt. Die
Blöcke sind häufig 80 Fuß lang und 20--30 breit. Man müßte glauben, sie
seyen durch eine äußere Gewalt übereinander gehäuft, wenn nicht ein ganz
gleichartiges, nicht in Blöcke getheiltes, aber von Gängen durchzogenes
Gestein anstände und deutlich verriethe, daß das Zerfallen in
Parallelipipede von atmosphärischen Einflüssen herrührt. Jene zwei bis
drei Zoll mächtigen Gänge bestehen aus einem quarzreichen, feinkörnigen
Granit im grobkörnigen, fast porphyrartigen, an schönen rothen
Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der
Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen
umgesehen, die für mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch
sind.

Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu
messen. Die Felsen stehen so dicht am Fluß, daß ich nur mit Mühe eine
Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen
breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*
nennen kann, muß man bedenken, daß der Strom von Uruana bis zum Einfluß
des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, außerordentlich
heißen und trockenen Punkt maß ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und
fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl
höhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange
nicht so hoch, als die Missionäre angeben.

In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von
Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts
als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit großer birnförmiger
Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda
salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit
breiten, häutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und
offenem Maul saßen die Eidechsen da und schienen sich von der heißen Luft
durchströmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg
auf 50°,2 [40°,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und
ab zu schwanken, während sich kein Lüftchen rührte. Die Sonne war nahe am
Zenith und ihr glänzendes, vom Spiegel des Stromes zurückgeworfenes Licht
stach scharf ab vom röthlichen Dunst, der alle Gegenstände in der Nähe
umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heißen Landstrichen
um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere
verbergen sich im Dickicht, die Vögel schlüpfen unter das Laub der Bäume
oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille
auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trägt, so vernimmt man
ein dumpfes Schwirren, ein beständiges Brausen und Summen der Insekten,
von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen
lebendiger vor die Seele führen, wie weit und wie gewaltig das Reich des
organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder
umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewächse. Ein wirres Getöne
dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstämmen, aus den Felsspalten, aus
dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfüße, Cäcilien ihre Gänge graben. Es
sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, daß Alles in der Natur athmet,
daß in tausendfältiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklüfteten Boden
waltet, so gut wie im Schooße der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.
Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht
bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in
Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,
dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft
auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des
Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamärops und der Dattelpalme
betritt.

Wir übernachteten am östlichen Ufer des Orinoco am Fuße eines
Granithügels. An diesem öden Fleck lag früher die Mission San Regis. Gar
gerne hätten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Flußwasser hatte
einen Bisamgeruch und einen süßlichten, äußerst unangenehmen Geschmack.
Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in
dieser Beziehung, am dürrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome
verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit
gallertigen Stoffen beladen. »Das macht die Rinde (die lederartige
Hautdecke) der faulenden Caymans,« sagen die Indianer. »Je älter der
Cayman, desto bitterer ist seine Rinde.« Ich bezweifle nicht, daß die Aase
dieser großen Reptilien, die der Seekühe, die 500 Pfund wiegen, und der
Umstand, daß die im Fluß lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,
das Wasser verderben mögen, zumal in Buchten, wo die Strömung schwach ist.
Indessen waren die Punkte, wo man das übelriechendste Wasser antraf, nicht
immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in
diesem heißen Klima, wo man fortwährend vom Durst geplagt ist, Flußwasser
mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken muß, so wünscht man
natürlich, daß ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens
geruchlos seyn möchte.

Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmündungen des Suapure
oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Fluß
ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der
Suapure, der eine Menge kleiner Fälle bildet, ist bei den Indianern wegen
des vielen wilden Honigs berühmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen
hängen dort ihre ungeheuren Stöcke an die Baumäste. Pater GILI hat im Jahr
1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergießt, befahren. Er
fand dort Stämme der Nation der Areverier. Wir übernachteten ein wenig
unterhalb der Insel Macupina.

Am 9. April. Wir langten früh Morgens am *Strande von Pararuma* an und
fanden daselbst ein Lager von Indianern, ähnlich dem, das wir an der _boca
de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die
Schildkröteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider
ein paar Tage zu spät daran. Die jungen Schildkröten waren ausgekrochen,
ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die
Krokodile und die *Garzes*, eine große weiße Reiherart, das Säumniß zu
Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkröten
sehr und verzehren unzählige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da
die Tortuguillos erst nach der Abenddämmerung aus dem Boden kriechen und
dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu träge [S. Band I.
Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den
Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Eßwaaren
zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heißhunger zu stillen,
nichts übrig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll
lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwürdig anzusehen, wie schlau sich
die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen
ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfüßen auf, krümmen den
Rücken, strecken den Kopf aufwärts und reißen den Rachen weit auf.
Fortwährend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen
ihm die Zähne, die bei den eben ausgeschlüpften Thieren sehr lang und
spitz sind. Oft, während so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen
Krokodils in Anspruch nimmt, benützt ein anderer die gute Gelegenheit zu
einem unerwarteten Angriff. Er stößt auf das Thier nieder, packt es am
Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel
halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom
hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlüpfte
Krokodile in einem großen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.

Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weiße, die von Angostura
herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten
uns mit ihren Klagen über die »schlechte Ernte« und den Schaden, den die
Tiger während des Eierlegens angerichtet, und führten uns endlich unter
eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saßen die Missionäre von
Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen
rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Köpfen und
langen Bärten hätten wir sie für Orientalen gehalten! Die armen
Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle
Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren
Monaten am dreitägigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes
Aussehen überzeugte uns unschwer, daß in den Ländern, die wir zu betreten
im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefährdet sey.

Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum
Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die
*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter
führen. Wir mußten uns seinem Willen fügen. Glücklicherweise fand sich der
Missionär von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hübsche
Pirogue abzutreten; ja der Missionär von Atures und Maypures bei den
großen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,
uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die
Canoes über die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, daß
wir, hätten wir keinen Mönch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wären,
wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu müssen.
An den Ufern des Orinoco gelten die Wälder am Rio Negro für ein köstliches
Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt
im Fluß fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und
Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,
wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit
wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der
Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,
was in weiter Ferne liegt.

Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,
wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die
allmähliche Entwicklung unserer Geisteskräfte zu beobachten. Man sträubt
sich gegen die Vorstellung, daß wir in diesem gesellschaftlichen
Kindheitszustand, in diesem Haufen trübseliger, schweigsamer,
theilnahmloser Indianer das ursprüngliche Wesen unseres Geschlechts vor
uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande
liebenswürdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so
hinreißend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoßend
als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der
größte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,
gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie
da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf
großen Schildkrötenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern
auf das Getränk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der
ursprüngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,
die schwachen Ueberreste von Völkern, die versprengt lange in Wäldern
gelebt und am Ende in Barbarei zurückgesunken.

Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und
es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der größeren oder
geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der
Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _‘Onoto’_, von den Spaniern
_‘Achote’_, von den Colonisten in Cayenne _‘Rocou’_ genannt. Es ist der
Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.
Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der
Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und
lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig
absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit
den Händen ausgedrückt, mit Schildkröteneieröl geknetet und runde 3--4
Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrötenöl
vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit
kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien
gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht
hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _‘Craviri’_, die Maypures
_‘Chirraviri’_. Sie klettert auf die höchsten Bäume und heftet sich mit
Ranken an. Die zweilippigen Blüthen sind einen Zoll lang, schön violett,
und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten
Blätter vertrocknen leicht und werden röthlich. Die Frucht ist eine zwei
Fuß lange Schote mit geflügelten Samen. Diese Bignonie wächst bei Maypures
in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des
Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,
besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie
gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der
Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blättern. Er sondert
sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn
mit Schildkrötenöl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll
hohen, an den Rändern abgerundeten Broden. Erwärmt verbreiten diese Brode
einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica
keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Körper
wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsäure, selbst in den Alkalien löst er
sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack
ähnliche Farbe. Tränkt man Wolle damit, so könnte man sie mit Krapproth
verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Chica, der vor
unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch nützlich verwenden
ließe: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Völkerschaften der
Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Völker am
Orinoco können mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben
die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem
Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte
gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschränkt sich auf die
Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussüßen der
stärkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.

Die meisten Missionäre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern
in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die
auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mönche nicht
Leinwand und Kleider an sie verkaufen können, so handeln sie mit rother
Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren
Hütten, die vornehm _Conventos_ heißen, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,
die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,
welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich
hier, daß ein hochgewachsener Mann durch zwei wöchentliche Arbeit kaum
genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, daß er
sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemäßigten Ländern von einem
armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hört
man die Indianer am Orinoco sagen: »Der Mensch ist so elend, daß er sich
den Leib nicht einmal halb malen kann.« Der kleine Handel mit Chica wird
besonders mit den Stämmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die
Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wächst. Die Caraiben und
Otomaken färben sich bloß Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives
steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, daß sie den ganzen Körper damit
überziehen können. Wenn die Missionäre nach Angostura auf ihre Rechnung
kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro
machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten
Artikel, bei. Manche Leute europäischer Abkunft brauchen den Farbstoff,
mit Wasser angerührt, als ein vorzügliches harntreibendes Mittel.

Der Brauch, den Körpers zu bemalen, ist nicht bei allen Völkern am Orinoco
gleich alt. Erst seit den häufigen Einfällen der mächtigen Nation der
Caraiben in diese Länder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und
Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefällig zu seyn, mußte man
sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der
Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flüssen Carony,
Cuyuni und Paraguamuzi beschränkt, aber die caraibische Mode, den ganzen
Körper zu färben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die
Eroberung.

Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden
Völkern so häufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder gründet er
sich vielleicht auf die Beobachtung, daß ein Ueberzug von färbenden und
öligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schützt? In den
Missionen am Orinoco und überall, wo die Luft von giftigen Insekten
wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft erörtern hören. Die Erfahrung
zeigt, daß der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos
und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe
aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst
zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch
angekommenen Europäern ein so unerträgliches Jucken verursachen. So lange
aber das Insekt den Saugrüssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der
Stich den Eingeborenen und den Weißen gleich sehr. Nach tausend andern
nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hände und Arme mit
Krokodilfett und Schildkröteneieröl eingerieben und davon nie die
geringste Erleichterung gespürt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich
weiß wohl, daß Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten
Schutzmittel gerühmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am
Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere
Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom
fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglücklichen Landeseinwohner
vor der Insektenplage schützte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wäre
der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?
wie könnten so viele nackte Völker, die sich bloß das Gesicht bemalen,
dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Körper färben?

Es erscheint auffallend, daß die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen
in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rührt diese
Vorliebe davon her, daß der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das
Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das möchte ich sehr be-
zweifeln. In einem großen Theil des tropischen Amerika wächst der Indigo
wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewächse, hätten den
Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu färben wie die alten
Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten
Stämme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht
dieß, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Völker,
Alles, was sie nationell auszeichnet, schön zu finden. Menschen, deren
Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit
niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren
Kindern die Stirne niederzudrücken. Unterscheiden sie sich von andern
Völkern durch sehr dünnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche
die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich für desto
schöner, je stärker sie die charakteristischen Züge ihres Stammes oder
ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.

Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, daß sehr alte
Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jüngsten. Wir
sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit
Schildkrötenöl einreiben und den Rücken mit Onoto und *Caruto* bemalen
ließ; zwei ihrer Töchter mußten dieses Geschäft verrichten. Die Malerei
bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf
rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt
gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehörte. Wir hatten sehr
lange botanisirt, und als wir zurückkamen, war die Malerei noch nicht halb
fertig. Man wundert sich über einen so umständlichen Putz um so mehr, wenn
man bedenkt, daß die Linien und Figuren nicht tätowirt werden, und daß das
so mühsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer
unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen
sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe
angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgänglich,
daß Männer und Weiber sich wohl weniger schämten, wenn sie sich ohne
*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken ließen. Die *Guayucos*
bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die
Männer tragen sie breiter als die Weiber, die überhaupt (wie die
Missionäre behaupten) weniger Schamgefühl haben. Schon Christoph Columbus
hat eine ähnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgültigkeit der
Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Völkern, deren Sitten doch nicht
sehr verdorben sind, nicht daher rühren, daß das andere Geschlecht in
Südamerika durch Mißbrauch der Gewalt von Seiten der Männer so tief
herabgewürdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?

Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man
sich einen Menschen vor, der an Kopf und Gürtel mit schönen Arras-,
Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmückt ist. Von jeher gilt bei
unsern Malern und Bildhauern solcher Putz für das charakteristische
Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den
Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe
am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schönen Federbüsche, jene
Federschürzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary
heimbringen. Die meisten Völkerschaften in Guyana, selbst die, deren
Geisteskräfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und
Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die
Neuholländer. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schweiß, der den
Körper den ganzen Tag über und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede
Bekleidung unerträglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbüsche werden
nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbüsche der Guaypuñaves
sind wegen der Auswahl der schönen Manakin- und Papagayenfedern die
berühmtesten.

Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenüberzug stehen;
zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den
Schnitt europäischer Kleidungsstücke nach. Wir sahen in Pararuma welche,
die sich blaue Jacken mit schwarzen Knöpfen malen ließen. Die Missionäre
erzählten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura färben sich mit Onoto und
machen sich dem Körper entlang breite Querstreifen, auf die sie
silberfarbige Glimmerblättchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trügen
die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wären die *bemalten*
Völker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wäre man zum
Schlusse gelangt, daß beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der
Brauch von großer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel
der Laune erzeugt wird.

Das Bemalen und Tätowiren ist in beiden Welten weder auf Einen
Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschränkt. Am häufigsten kommen
diese Arten von Putz bei Völkern malayischer und amerikanischer Race vor;
aber zur Zeit der Römer bestand die Sitte auch bei der weißen Race im
Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und
in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Tätowirung bei
den Insulanern der Südsee am höchsten ausgebildet. Manche bekleideten
Völker bemalen sich dabei doch Hände, Nägel und Gesicht. Die Bemalung
erscheint hier auf die Körpertheile beschränkt, die allein blos getragen
werden, und während die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit
erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in
manchen Städten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weiße Haut
durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Stärke, Eiweiß und
Mehl schöner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit
Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei
inmitten aller Gebräuche der gebildeten Welt nicht wenig auf.

Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis
dahin nur von den europäischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal
lebend zu sehen. Die Missionäre treiben mit dergleichen kleinen Thieren
Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _‘Gallitos’_ (Felshühner),
*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Küsten sehr gesuchte Affen
tauschen sie Zeuge, Nägel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte
vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mönche
leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann
von den Mönchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der
Eierernte erlösen, ihr Fischergeräthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften
mehrere Thiere, die uns auf der übrigen Stromfahrt begleiteten und deren
Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in
einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben
Gegenständen zweimal handeln muß, beschränke ich mich hier auf ganz kurze
Angaben und füge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen
Reisetagebüchern aufstießen.

Die *Gallitos* oder *Felshühner*, die man in Pararuma in niedlichen
kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des
Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit
seltener als in französisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der
Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fällen von Maypures. Ich
sage ausdrücklich in den Fällen; denn diese Vögel nisten gewöhnlich in den
Höhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und
so zahlreiche Wasserfälle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im
Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander
kämpfen, wobei sie wie unsere Hähne den doppelten beweglichen Kamm, der
ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten
erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Männchen geschätzt sind,
die vom dritten Jahre an prächtig goldgelb werden, so muß der Käufer auf
der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide
sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon
ganz jung durch seine Größe und seine gelben Füße aus. Die Henne bleibt
ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil
der Flügel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern
Sammlungen die schöne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man
dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als
bei andern Gattungen sperlingsartiger Vögel. Die jungen Hahnen haben, wie
die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so
ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die
Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei
den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen
gesehen zu haben.

Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen
wir mehrere Spielarten des *Saï* [_Simia capucina_], der der kleinen
Gruppe der Winselaffen angehört, die in den spanischen Colonien *Matchi*
heißen, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem
Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten
uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)
BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia
Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*
[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Saïmiri der französischen Zoologen,
und diese Thiere dürfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen
spanischen Colonien heißen *Titi* Affen, die drei verschiedenen
Untergattungen angehören und in der Zahl der Backzähne von einander
abweichen. Nach dem eben Angeführten ist die Bemerkung fast überflüssig,
wie wünschenswerth es wäre, daß man in wissenschaftlichen Werken sich der
landesüblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt
werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klägliche
Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.

Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,
indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heißt bei den
Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt südlich von den Katarakten sehr
häufig vor. Er hat ein weißes Gesicht und über Mund und Nasenspitze weg
einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am
schönsten gefärbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des
Cassiquiare. Die man am Guaviare fängt, sind groß und schwer zu zähmen.
Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so ähnlich wie der Titi; es
ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lächeln: derselbe
rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine großen Augen füllen sich mit
Thränen, sobald er über etwas ängstlich wird. Er ist sehr lüstern nach
Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, daß ein
Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu
CUVIERs _Tableau élémentaire d’histoire naturelle_ ganz gut unterschied.
Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die
kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu
erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese
Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Köpfe von
Säugethieren, blieb er völlig gleichgültig.(20) Setzt man mehrere dieser
kleinen Affen, die im selben Käfigt beisammen sind, dem Regen aus, und
fällt die gewöhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie
sich den Schwanz, der übrigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und
verschränken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwärmen. Die
indianischen Jäger erzählten uns, man finde in den Wäldern häufig Haufen
von zehn, zwölf solcher Affen, die erbärmlich schreien, weil die auswärts
Stehenden in den Knäuel hinein möchten, um Wärme und Schutz zu finden.
Schießt man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdünntes Gift)
getaucht sind, auf einen solchen Knäuel, so fängt man viele junge Affen
auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter
hängen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von
Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Hütten
der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer
Mütter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten
Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand
der Gefangenschaft gewöhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame
kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Küsten
von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich
hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der
unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Veränderung nicht
zuschreiben, sie scheint vielmehr vom stärkeren Licht, von der geringeren
Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an
der Küste herzurühren.

Den Saïmiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon
lange in Europa bekannten Vierhändern steht in scharfem Abstich, nach
Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenüber, den
die Missionäre _‘Viudita’_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine
Thier hat feines, glänzendes, schön schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine
weißlichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.
Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast
ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weißen, zollbreiten
Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfüße oder vielmehr Hände
sind schwarz wie der übrige Körper, aber die Vorderhände sind außen weiß
und innen glänzend schwarz. Diese weißen Abzeichen deuten nun die
Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.
Die Gemüthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den
Hinterbeinen ausrichtet, verräth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.
Er sieht sanft und schüchtern aus; häufig berührt er das Fressen nicht,
das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne
in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samïri ansichtig
wird, läuft er davon. Sein Auge verräth große Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn
stundenlang regungslos dasitzen, ohne daß er schlief, und auf Alles, was
um ihn vorging, achten. Aber diese Schüchternheit und Sanftmuth sind nur
scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst überlassen, so wird sie
wüthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und läuft dann mit
erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die
Katze, und erwürgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr
zärtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen
hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de
Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro
mitgemacht und ist zweimal mit uns über die Katarakten gegangen. Will man
die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,
sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in
Häusern, wo sie ihre natürliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den
Augen hat.

Die neue für uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,
wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehöhlter
Baumstamm, vierzig Fuß lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht
neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie
erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmäßige
Vertheilung der Last, daß man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,
den Ruderern (_bogas_) zurufen muß, sich auf die entgegengesetzte Seite zu
lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig über den geneigten
Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie übel man auf
einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.

Der Missionär aus den *Raudales* betrieb die Zurüstungen zur Weiterfahrt
eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und
Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen
Kanälen und Wasserfällen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,
bekannt wären; man legte daher die Nacht über zwei Indianer in den *Cepo*,
das heißt, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch
zwei Holzstücke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschloß
legte. Am frühen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den
man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein
sehr verständiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste
leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission
Atures gebürtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der
Maypures; er war in die Wälder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar
Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich
mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionär brauchte ihn als
Dolmetscher. Nur mit Mühe brachten wir es dahin, daß der junge Mann
begnadigt wurde. »Ohne solche Strenge,« hieß es, »würde es euch an Allem
fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein
stärkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie
wissen wohl, daß sie in Angostura sehr gesucht sind. Ließe man sie machen,
so gingen sie alle den Fluß hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in
voller Freiheit unter den Weißen zu leben, und die Missionen stünden
leer.«

Diese Gründe mögen scheinbar etwas für sich haben, richtig sind sie nicht.
Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genießen, so muß er
allerdings seine natürlichen Rechte, seine frühere Unabhängigkeit zum
Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht
durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nährt der Wilde in
seiner verständigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wälder
zurückzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den
Wäldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil
er der Früchte seiner Arbeit nicht froh wird, deßhalb veröden die
christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die
Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen gründet, tödtet die
Geisteskräfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.

Wenn man sagt, der Wilde müsse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten
werden, so ist dieß ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco
haben in den Aeußerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer
Gemüthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs große Kinder,
sowenig als die armen Bauern im östlichen Europa, die in der Barbarei des
Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen können.
Zwang, als hauptsächlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,
erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Völker und
bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief
gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fähigkeit ist ganz erstorben. Die
menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach
verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwärtigen Zustand
mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem
Instinkt, sondern nach Rücksichten der Nützlichkeit. Unter allen Umständen
kann Vernunft durch Vernunft aufgeklärt werden; die Entwicklung derselben
wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur
Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Völker berufen glauben, im
hochmüthigen Gefühl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen
herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,
die allein keimende Fähigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften
sänftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen können.

Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur
schwer gewöhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues
Gefängniß war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des
Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden
Seiten über den Bord hinausreichte. Leider war das Blätterdach (_el
toldo_) darüber so niedrig, daß man gebückt sitzen oder ausgestreckt
liegen mußte, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die
Stromschnellen, ja von einem Fluß zum andern schleppen muß, und weil man
dem Wind zu viel Fläche böte, wenn man den _Toldo_ höher machte, so kann
auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache
nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war für vier Personen bestimmt,
die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine
reichen weit über das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum
halben Leib durchnäßt. Dabei liegt man auf Ochsenhäuten oder Tigerfellen
und die Baumzweige darunter drücken einen durch die dünne Decke gewaltig.
Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die
drei Fuß lange, löffelsörmige *Pagaies* führen. Sie sind ganz nackt,
sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwürdig genau einhalten.
Ihr Gesang ist trübselig, eintönig. Die kleinen Käfige mit unsern Vögeln
und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am
Toldo, theils am Vordertheil aufgehängt. Es war unsere Reisemenagerie.
Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich
zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rückkehr vom Cassiquiare noch
vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen
wollen, könnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstädten
am Orinoco und Amazonenstrom, eigens für ihren Zweck Piroguen bauen
lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth
geschützter Käfige angebracht wären. Wenn wir unser Nachtlager
aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der
Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hängematten, dann die der Indianer, und
zu äußerst die Feuer, die man für unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne
zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der
Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die
einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der
Freiheit genießen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmüthiges,
Rührendes.

Auf der überfüllten, keine drei Fuß breiten Pirogue blieb für die
getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompaß
und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem
Gitter aus Zweigen, auf dem wir den größten Theil des Tags ausgestreckt
liegen mußten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein
Instrument gebrauchen, mußte man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen
Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so
niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmblätter
ausstrahlen, deren obere Fläche beständig der Sonnengluth ausgesetzt ist.
Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage erträglicher zu machen, und
immer vergeblich. Während der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich
vor den Insekten zu schützen, verlangte der andere, man solle grünes Holz
unter dem Toldo anzünden, um die Mücken durch den Rauch zu vertreiben.
Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden
Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit
einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und
Auge für die großartige Natur dieser weiten Stromthäler fällt es den
Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit
werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,
geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und
begreiflich zu machen, daß Bonpland und ich auf diesem Stück unserer Reise
beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu
denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung
aufforderte.

Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo früher die ums
Jahr 1733 von den Jesuiten gegründete Mission Pararuma gestanden. Eine
Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern große Verheerungen
anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen
Einwohner, welche die schreckliche Seuche überlebten, wurden im Dorfe
Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war
es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen
Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Dieß ist so ziemlich
der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres
liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den
Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshöhe [S. Band II Seite 156].
Bildet sich der Hagel in derselben Höhe über Niederungen und Hochebenen,
so muß man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten
Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27°,5
und 24° beträgt. Ich gestehe indessen, daß es beim jetzigen Stande der
Meteorologie sehr schwer zu erklären ist, warum es in Philadelphia, Rom
und Montpellier in den heißesten Monaten mit einer mittleren Temperatur
von 25 bis 26° hagelt, während in Cumana, Guayra und überhaupt in den
Niederungen in der Nähe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In
den Vereinigten Staaten und im südlichen Europa (unter dem 40--43. Grad
der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefähr eben
so hoch als unter den Tropen. Auch die Wärmeabnahme ist nach meinen
Untersuchungen nur wenig verschieden. Rührt nun der Umstand, daß in der
heißen Zone kein Hagel fällt, davon her, daß die Hagelkörner beim
Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so muß man annehmen,
daß die Körner im Moment der Bildung in der gemäßigten Zone größer sind
als in der heißen. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem
Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, daß wir
nicht zu beurtheilen vermögen, ob unter dem Aequator über den Niederungen
dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, daß sich der Hagel immer
in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und
die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen
man die Hagelkörner, bevor sie fallen, an einander schlagen hört, und die
wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint
begreiflich, daß in solch geringerer Höhe durch die Ausdehnung der
aufsteigenden Luft, welche an Wärmecapacität zunimmt, durch Ströme kalter
Luft aus einer höheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die
Strahlung der obern Fläche der Wolken, eine ungewöhnliche Erkältung
hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt
zurückzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter
denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshöhe Hagel und Graupen
auftreten, und die Frage erörtert wird, ob man die Wolken, welche die
Gebirge einhüllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht
betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade über uns sich bilden
sehen.

Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fängt jetzt an sich in
mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und
Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der
Insel Javanavo gegenüber sahen wir gegen Ost die Mündung des *Caño*
Aujacoa. Zwischen diesem Caño und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das
Land immer stärker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco
steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,
ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wände gegen zweihundert Fuß hoch sind.
Den Gipfel, der über die höchsten Waldbäume emporragt, krönt eine ebene,
wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionäre Pic oder
_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bäume. Dieses großartig einfache
Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf
gezeichneter Umriß und oben darauf die Bäume und das Buschwerk heben sich
vom blauen Himmel ab, ein Wald über einem Walde.

Weiterhin beim Einfluß des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen
Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge
herantritt. Er ist gegen 300 Fuß hoch und diente den Jesuiten als fester
Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien
entthielt und in dem beständig ein Militärposten lag. In Carichana und
Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die
Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der
Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstört, aber der Ort heißt noch el
Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen
entworfenen, nicht gestochenen Karte führt derselbe den seltsamen Namen
_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mönchsdespotismus). In
allen politischen Umwälzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der
über die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.

Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht
allein die Missionen gegen die Einfälle der Caraiben schützen, sie diente
auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen
(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten
Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einfälle oder
_Entradas_ auf das Gebiet unabhängiger Indianer. Man brachte um, was
Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Hütten nieder, zerstörte die
Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.
Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern
Orinoco vertheilt. Man wählte die entlegensten Orte, damit sie nicht in
Versuchung kämen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses
gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz
verboten, wurde aber von den bürgerlichen Behörden geduldet und von den
Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen
förderlich, höchlich gepriesen. »Die Stimme des Evangeliums,« sagt ein
Jesuit vom Orinoco in den »erbaulichen Briefen«(21) äußerst naiv, »wird
nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hören (_el eco de
la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Züchtigung
erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen.« Dergleichen die
Menschheit schändenden Grundsätze wurden sicher nicht von allen Gliedern
einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und überall, wo die
Erziehung ausschließlich in den Händen von Mönchen geblieben ist, der
Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,
die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem
Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,
unzertrennlicher Gräuel. Es thut dem Gemüthe wohl, daß die Franciskaner,
Dominikaner und Augustiner, welche gegenwärtig einen großen Theil von
Südamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart
sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den
mächtigsten Einfluß üben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einfälle
mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,
werden sie von den Ordensobern mißbilligt. Wir wollen hier nicht
ausmachen, ob diese Wendung des Mönchsregiments zum Bessern daher rührt,
daß die frühere Thätigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz
Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thäte, einen Beweis
sehen soll, daß die Aufklärung zunimmt und eine höhere, dem wahren Geist
des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.

Vom Einfluß des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist
voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*
oder kleinen Fälle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der
vielen Wirbel dem Reisenden bange machen können, aber in keiner Jahreszeit
den Schiffen gefährlich sind. Man muß wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn
man wie Pater GILI, der sonst so genau und verständig ist, sagen kann: »e
terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.«
Eine Reihe von Klippen, die fast über den ganzen Fluß läuft, heißt *Raudal
de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurück, und zwar in einem
schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestüm, wie siedend, unter der *Piedra
de Marimara* heraufschießt, einer compakten Granitmasse, 80 Fuß hoch und
300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Fluß tritt
weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser
Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heißt der *Hafen von Carichana*.
Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine
mächtigen Schatten über den Wasserspiegel und das Wasser erscheint
schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon
bemerkt, wegen der eigenen Färbung ihrer Oberfläche, bald wie Steinkohlen,
bald wie Bleierz aussehen. Wir übernachteten im kleinen Dorfe Carichana,
wo wir auf die Empfehlung des guten Missionärs Fray Jose Antonio de Torre
im Pfarrhaus oder _‘Convento’_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast
vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.

Am 11. April. Um die für die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der
Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel
Meilen vom Fluß angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die
ursprünglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des
Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta
und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwärtig findet man Salivas nicht
nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in
Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom
Jesuiten Fray Manuel Roman gegründete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas
sind ein geselliges, sanftes, fast schüchternes Volk, und leichter, ich
sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am
Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, ließen die
Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen
anzuschließen. Die Patres rühmen aber auch in ihren Schriften durchgängig
ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben großen Hang zur
Musik; seit den ältesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,
die vier bis fünf Fuß lang sind und mehrere kugelförmige Erweiterungen
haben, die durch enge Röhren zusammenhängen. Diese Trompeten geben sehr
klägliche Töne. Die Jesuiten haben die natürliche Neigung der Salivas zur
Instrumentalmusik mit Glück ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der
Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco
die schöne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort
gepflegt. Erst kürzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die
Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flöte spielen.

In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so
günstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der
Bevölkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare
und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit
den Weißen im Dorf, die fast lauter _‘Flüchtlinge von Socorro’_(22) sind,
sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Dörfer am Orinoco,
Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,
verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,
als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch
standen, zählte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr
1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts übrig als einige
Lehmhütten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.

Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weißer Abkunft, die
Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,
wenn man mitten unter Völkern, deren Sprache man nicht versteht, einem
Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede
Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind
Indianer, etwas weniger beschränkt als die andern, mittelst deren die
Missionäre am Orinoco, die sich gegenwärtig nur selten die Mühe nehmen,
die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese
Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,
aber sie können es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgültigkeit
geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer
mit gefälligem Lächeln zur Antwort: »Ja, Pater; nein, Pater.« Man begreift
leicht, daß einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche
Gespräche zu führen hat, statt über Gegenstände Auskunft zu erhalten, für
die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst
mehrerer Dolmetscher und so, daß derselbe Satz mehrmals übersetzt wurde,
mit den Eingeborenen verkehren.

»Von meiner Mission an,« sagte der gute Ordensmann in Uruana, »werdet ihr
reisen wie Stumme.« Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfüllung
gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr
selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen
zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, daß man sich keines
Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man
auf die Gegenstände deutet, so legt er seine gewöhnliche Stumpfheit ab und
weiß sich mit merkwürdiger Gewandtheit verständlich zu machen. Er macht
Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie
unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, daß man ihn
beachtet und sich von ihm belehren läßt. Diese Leichtigkeit, sich
verständlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhängigen
Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, muß ich den
Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die
erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den
Wald laufen, um ihrer früheren Freiheit zu genießen. Es unterliegt wohl
keinem Zweifel, daß der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen
belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.
Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen weiß und
dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt
richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare
und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, daß der Reisende
selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich
aneignen könnte, um sich längs der schiffbaren Ströme von Angostura bis
zum Fort San Carlos am Rio Negro verständlich zu machen. In Peru und Quito
kommt man mit der Kenntniß der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili
mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich
wenigstens der Mehrzahl der Bevölkerung verständlich machen. Ganz anders
in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Völker
verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wäre es nicht einmal
genug, wenn man folgende Sprachen verstände: Caraibisch oder Carina,
Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare
und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt
und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und
Persisch.

Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schön. Das
kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von
Encaramada bis über die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all
den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der
Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,
von düsterer Färbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der
Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthümlichen
Charakter erhält die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbänke, die oft
achthundert Fuß im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll über die
umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwärtig einen Theil der Ebene
aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewöhnliches
stürmisches Ereigniß Dammerde und Gewächse weggerissen, oder ob der
Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime
des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe
Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China
vorzukommen. Diese in der Wüste zerstreuten Felsbänke heißen _‘Tsy’_. Es
wären, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wären von der Ebene umher
der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen
angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr
interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfängen durch die
verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche
das Gestein zerklüften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein
wenig Quarzsand sich angehäuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich
in Höhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und
Blättern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrünes
Buschwerk wächst. Handelte es sich hier von großartigen Natureffekten, so
käme ich nicht auf unsere Gärten und die ängstlichen Künsteleien der
Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blühendem
Gesträuch, die Gruppen kleiner Bäume da und dort in der Savane erinnern
unwillkürlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer
Parke. Es ist als hätte hier der Mensch mit tiefem Gefühl für
Naturschönheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.

Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen
durchzogenen Ebenen eine ebenso üppige als mannigfaltige Vegetation. Allen
Dörfern oberhalb der großen Katarakten gegenüber kann man hier bei
Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne daß man sich an die
Flußufer hält und auf Wälder stößt, in die nicht einzudringen ist.
Bonpland machte mehrere Ausflüge zu Pferd, auf denen er sehr viele
Gewächse erbeutete. Ich erwähne nur den Paraguatan, eine sehr schöne Art
von Macrocnemum, deren Rinde roth färbt, den Guaricamo mit giftiger
Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der
Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner
aromatischen Frucht berühmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen
die Wäsche legt, während man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder
*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird für giftig gehalten. In
der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthümliche Arom des
vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom
*Jape*; dieß ist aber unrichtig. Derselbe heißt in den Missionen
*Simaruba*, ein Name, der zu argen Mißgriffen Anlaß geben kann, denn die
ächte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und wächst in
spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie
*Achechari* nennen.

In Carichana, auf dem großen Platz, fand ich die Inclination der
Magnetnadel gleich 33°,70, die Intensität der magnetischen Kraft gleich
227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der örtliche
Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwärzten
Granitblöcke wirken übrigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer
stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten
30°,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26°,2; der Delucsche
Hygrometer stand auf 46°.

Am 10. April war der Fluß um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war
den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich
steigt, und man ganz daran gewöhnt ist, daß er im April ein paar Tage lang
wieder fällt. Der Orinoco stand bereits drei Fuß über dem niedrigsten
Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der
gegenwärtigen Hochgewässer; sie standen nach unserer Messung 42 Fuß hoch,
und dieß ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses
Maaß wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend
eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten.
Man sieht leicht, daß das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder
weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenflüsse, die das Regenwasser
hereinführen, und die Länge der vom Fluß zurückgelegten Strecke auf die
Wirkungen der Hochgewässer und auf ihre Höhe von bedeutendem Einfluß seyn
müssen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen
starken Eindruck, daß man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures,
wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen
hundert dreißig Fuß über dem höchsten gegenwärtigen Wasserstand schwarze
Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, daß das Wasser einmal so
hoch gestanden. So wäre denn dieser Orinocostrom, der uns so großartig und
gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Ströme süßen
Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch stärkeren
Regenniederschlägen als den heutigen, überall von dichten Wäldern
beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefaßt, welche der Verdunstung
Vorschub leisten, das Land ostwärts von den Anden gleich Armen von
Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande müssen sich damals diese
Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die
Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von
Krokodilen, Seekühen und Boas müssen auf dem weiten Landstrich gelebt
haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein
ausgedörrter, von Sprüngen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in
der wir leben, ist eine ungleich stürmischere vorangegangen. Auf den
Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und
amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay
lebte das Megatherium. Gräbt man tiefer in die Erde, so findet man in
hochgelegenen Thälern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen,
Steinkohlenflötze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewächse
begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die
Familien der Gewächse anders vertheilt, wo die Thiere größer, die Ströme
breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die
Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das
Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwärts von den
Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstämme aufzuweisen hatte, bereits
auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *großen
Wasser*, die sich bei den Völkern am Orinoco, Erevato und Caura findet,
andern Himmelsstrichen angehört, aus denen sie in diesen Theil des neuen
Continents gewandert ist.

Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags
fanden wir im Bette immer mehr Granitblöcke, durch welche der Strom
aufgehalten wird. Wir ließen den Caño Orupe westwärts und fuhren darauf am
großen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der
Strom ist hier so tief, daß ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht
erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und düster, Windstöße und
dazwischen ganz stille Luft verkündeten, daß ein Gewitter im Anzug war.
Der Regen fiel in Strömen und das Blätterdach, unter dem wir lagen, bot
wenig Schutz. Zum Glück vertrieben die Regenströme die Moskitos, die uns
den Tag über grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns
vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, daß
wir nur mit Mühe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die
Strömung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete
Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und
banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten
Felsbank, auf der wir übernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht
hinein an; der Fluß stieg bedeutend und man fürchtete mehreremale, die
wilden Wogen möchten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreißen.

Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen
Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Töne, wie Orgelklang,
vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _‘laxas de
musica’_. »Es ist Hexenwerk« (_cosa de bruxas_) sagte unser junger
indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese
geheimnißvollen Töne niemals gehört, weder in Carichana, noch am obern
Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwürdiger Zeugen läßt sich die
Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem
gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbänke sind voll feiner, sehr
tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft
ihre Temperatur bei Nacht an der Oberfläche 39°, während die der
umgebenden Luft 28° betrug. Es leuchtet alsbald ein, daß der
Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der äußern Luft sein
Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom
Maximum der Wärme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten
nun die Orgeltöne, die man hört, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf
dem Fels schläft, nicht von einem Luftstrom herrühren, der aus den Spalten
dringt? Hilft nicht der Umstand, daß die Luft an die elastischen
Glimmerblättchen stößt, welche in den Spalten hervorstehen, die Töne
modificiren? Läßt sich nicht annehmen, daß die alten Egypter, die
beständig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais
dieselbe Beobachtung gemacht, und daß _‘die Musik der Felsen’_
Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der
Bildsäule Memnons trieben? Wenn die »rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem
ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,«(23) so war diese Stimme
vielleicht die eines unter dem Fußgestell der Bildsäule versteckten
Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier
die Rede ist, scheint ganz natürlich zu erklären, was zu dem Glauben der
Egypter, ein Stein töne bei Sonnenaufgang, Anlaß gegeben.

Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in
Europa mittheilte, kamen französische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS
und DEVILLIERS, auf ähnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten
in den Tempelgebäuden von Karnak, hörten sie bei Sonnenaufgang ein
Geräusch wie von einer reißenden Saite. Gerade denselben Vergleich
brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die
französischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der
Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die
egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht.

Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionär sah voraus,
daß wir Noth haben würden, über die Stromschnellen und den Einfluß des
Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwölf und eine halbe Stunde ohne
Unterlaß. Während dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und
Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Strömung zu
überwinden und die Katarakten hinauszufahren, und weiß man, daß die
Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flußfahrten in
dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr über
die Körperkraft und über die Mäßigkeit dieser Menschen. Stärkmehl- und
zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkröteneierfett ersetzen
hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Säugethiere und
Vögel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben.

Wir fanden das Flußbett auf einer Strecke von 600 Toisen voll
Granitblöcken; dieß ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen
durch Kanäle, die nicht fünf Fuß breit waren, und manchmal stak unsere
Pirogue zwischen zwei Granitblöcken fest. Man suchte die Durchfahrten zu
vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getöse stürzt. Es ist
keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen
Steuermann hat. Ist die Strömung nicht zu überwinden, so springen die
Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die
Pirogue heraus. Dieß geht sehr langsam vor sich, und wir benützten
zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen
wir staken. Es gibt ihrer von allen Größen; sie sind abgerundet, ganz
schwarz, bleiglänzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwürdiger
Anblick, wenn man auf einem der größten Ströme der Erde gleichsam das
Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern
Granitblöcke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den
Stromschnellen sind die Kanäle zwischen den Felsen über 25 Faden tief, und
sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten
eingezogen ist und eine Wölbung über dem Flußspiegel bildet. Im Raudal von
Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getöse der
Katarakten zu scheuen.

Von Cabruta bis zum Einfluß des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast
zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco völlig unbewohnt; aber
westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix
Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe
zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Mönche
unmittelbar keinen Einfluß. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß Don
Felix mit den Missionären am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde
lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den
gegenwärtigen Verhältnissen in spanisch Amerika, dergleichen _‘Capitanes
pobladores’_ und _‘fundadores’_ an die Stelle der Mönche treten können,
und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und
willkürlich. sind, für die armen Indianer die schlimmste ist.

Um 9 Uhr langten wir an der Einmündung des Meta an, gegenüber dem Platze,
wo früher die von den Jesuiten gegründete Mission Santa Teresa gestanden.
Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenflüssen des
Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Länge des
Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft
bis zu 84 Fuß tief. Die Vereinigung beider Ströme gewährt einen äußerst
großartigen Anblick. Am östlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und
aufeinander gethürmte Granitblöcke sehen von ferne wie verfallene Burgen
aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der
Wälder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln
einzelne Palmen sich vom Himmel abheben.

Wir brachten zwei Stunden auf einem großen Felsen mitten im Orinoco zu,
auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Fluß
hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel
herauszukommen, der von diesem Felsen herrührt. Es gelang mir meine
Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhöhen, die ich aufnahm,
liegt der Einfluß des Meta unter 70° 4′ 29″ der Länge. Nach dieser
chronometrischen Beobachtung ist D’ANVILLEs Karte von Südamerika, was
diesen Punkt betrifft, in der Länge fast ganz richtig, während der Fehler
in der Breite einen ganzen Grad beträgt.

Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis
zum Fuß der Anden von Neu-Grenada schiffbar und muß einmal für die
Bevölkerung von Guyana und Venezuela politisch von großer Bedeutung
werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine
Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de
Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada
hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Ländern
unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander
sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von
Belang, daß man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht
gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die
Vereinigung zweier Flüsse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz
herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro
aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie
vereinigen sich in der Nähe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la
Cabulla, wo man den Rio Negro verläßt, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es
nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus
dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom
Rio Meta benützt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES
MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta
bestätigt, sondern mir auch schätzbares Material zur Berichtigung meiner
Arbeit geliefert. Von den Dörfern Xiramena und Cabullaro bis zu den
Dörfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60
Meilen, sind die Ufer des Meta stärker bewohnt als die des Orinoco. Es
sind dort vierzehn zum Theil stark bevölkerte christliche Niederlassungen,
aber vom Einfluß des Pauto und des Casanare an, über 50 Meilen weit,
machen die wilden Guahibos den Meta unsicher.

Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr
1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit stärker als jetzt. Missionäre
aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco.
Die Dörfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana,
Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegründet. Die Patres gingen
damit um, vom Einfluß des Casanare in den Meta bis zum Einfluß des Meta in
den Orinoco eine Reihe von Missionen zu gründen, so daß ein schmaler
Streif bebauten Landes über die weite Steppe zwischen den Wäldern von
Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen wäre. Außer dem Mehl von
Santa Fe gingen damals zur Zeit der »Schildkröteneierernte« das Salz von
Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von
Socorro den Fluß herunter. Um den Krämern, die diesen Binnenhandel
trieben, einigermaßen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo*
oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die
Guahibos-Indianer.

Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada
förderte, das geschmuggelte Gut von der Küste von Guyana ins Land ging, so
setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung
durch, daß der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschränkt wurde.
Derselbe Geist des Monopols schloß den Meta, den Rio Atracto und den
Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der
Mutterländer, zu glauben, es sey vortheilhaft, Länder, wo die Natur Keime
der Fruchtbarkeit mit vollen Händen ausgestreut, unangebaut liegen zu
lassen. Daß das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer
aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Flüsse herangerückt, sie
machen Angriffe auf die Vorüberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*,
was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten,
wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die
Jesuiten folgten, an der Ausmündung des Meta unter dem Namen Villa de San
Carlos eine Stadt bauen. Trägheit und die Furcht vor dem dreitägigen
Fieber ließen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf
einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was
von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl,
wie man behauptet, einige Tausende beträgt, sind so frech geworden, daß
sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionär hatten ankündigen lassen,
sie werden auf Flößen kommen und ihm sein Dorf anzünden. Diese Flöße
(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fuß breit und
12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Flöße
werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewächsen
aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den
Stromschnellen beisammen bleiben können. Viele aus den Dörfern am Casanare
und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und
ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht.
Die Höfe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einfälle der
Indianer einen großen Theil ihres Hornviehs eingebüßt. Ihretwegen können
auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einfluß des Casanare
die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich
häufig vor, daß Krämer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei
Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen
werden.

Vom Einfluß des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und
Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke.
Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und
uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belästigen. Gegen West lagen im
Vorbeifahren die Caños Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir
vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr
wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an
einem höchst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten
Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermäusen staken. Die ganze
Nacht über hörten wir den Jaguar ganz in der Nähe brüllen, und unser
großer Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich,
ob nicht die Sterne zum Vorschein kämen; der Himmel war grauenhaft
schwarz. Das dumpfe Tosen der Fälle des Orinoco stach scharf ab vom
Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hören ließ.

Am 13. April. Wir fuhren am frühen Morgen die Stromschnellen von Tabaje
hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und
stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit
zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden
daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Häuser. Sie
unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich
großen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer
in den übrigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie
wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Mädchen waren
alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die
Schönpflästerchen, mit denen früher die Weiber in Europa die Weiße ihrer
Haut zu heben meinten. Am übrigen Körper waren die Guahibos nicht bemalt.
Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faßten uns am Kinn
und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind
meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und
Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco
in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist düster,
trübselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den
christlichen Religionsgebräuchen (der Missionär von Carichana liest in San
Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in
der Kirche durchaus anständig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu
geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwürfigkeit aller Art,
wenn sie nur wissen, daß man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie
einander Zeichen, daß jetzt der Priester den Kelch zum Munde führen werde.
Diese Geberde ausgenommen, saßen sie da, ohne sich zu rühren, völlig
theilnahmlos.

Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war
vielleicht Schuld daran, daß die Mission einging. Einige derselben, die
lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf
die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weißen würden wieder
nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in
Angostura als _‘Poitos’_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten,
bis sie hörten, daß wir vom Rio Negro über den Cassiquiare zurückkamen,
und als sie erfuhren, daß wir beim ersten großen Katarakt, bei Apures,
angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am
selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine
Mission gegründet. Kein Stamm ist schwerer seßhaft zu machen als die
Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfüßen und Würmern,
als daß sie ein kleines Stück Land bebauen. Die andern Indianer sagen
daher sprüchwörtlich: »Ein Guahibo ißt Alles auf der Erde und unter der
Erde.«

Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Süden, so nimmt die Hitze keineswegs
zu, sondern wird im Gegentheil erträglicher. Die Lufttemperatur war bei
Tag 26--27°,5 [20°,18--22° R], bei Nacht 23°,7 [19°6 R]. Das Wasser des
Stroms behielt seine gewöhnliche Temperatur von 27°,7 [22°,2 R]. Aber
trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu.
Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen
oder das Gesicht entblößen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen.
Wir wunderten uns, daß wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad
stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu glühen.
Wir übernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen
Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag über
gesehen, waren alle außerordentlich groß, 22--24 Fuß lang.

Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlaßte uns, schon um fünf Uhr
Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht über dem Fluß selbst sind weniger
Insekten als am Waldsaume. Zum Frühstück hielten wir an der Insel
Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf
dem Granit lagert. Der Sandstein enthält Quarz-, sogar Feldspathtrümmer
und das Bindemittel ist verhärteter Thon. Es befinden sich darin kleine
Gänge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblättert. Wir
hatten dergleichen Blätter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am
Ufer gefunden, und die Missionäre hatten dieselben bald für Gold-, bald
für Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundäre Bildung früher
ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Mündung des Rio
Parueni vorüber, über welcher die Macos-Indianer wohnen, und übernachteten
auf der Insel Panumana. Nicht ohne Mühe kam ich dazu, zur Bestimmung der
Länge des Orts, bei dem der Fluß eine scharfe Wendung nach West macht,
Höhenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an
Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die
Melastomenbüsche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in
der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den großen
Katarakten begrenzten den Horizont gegen Südost. Je weiter wir hinauf
kamen, desto großartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.

                            ------------------



   11 Die Sandflöhe (_pulex penetrans_, LINNÉ) die sich beim Menschen und
      Affen unter die Nägel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier
      legen.

   12 Die Namen der Missionen in Südamerika bestehen sämmtlich aus zwei
      Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der
      Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der
      Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission
      liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de
      Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese
      zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache
      vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend
      ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben
      Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine
      heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind
      wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut.

   13 Der Begleiter des Diego de Ordaz.

   14 Die Botija hält 25 französische Flaschen; sie hat 1000--1200
      Cubikzoll Inhalt.

   15 Kleine Wasserfälle, _chorros_, _raudalitos_.

   16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blättern,
      von der unten die Rede seyn wird.

   17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und
      leicht abführend.

   18 Der schwarze, ätzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_)
      widersteht dem Wasser länger, wie wir zu unserem großen Verdruß an
      uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und
      machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah
      dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schooße
      europäischer Cultur waren.

   19 Einen schönen Saïmiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara
      für 8 bis 9 Piaster; der Missionär bezahlt dem Indianer, der den
      Affen gefangen und gezähmt, 1-1/2 Piaster.

   20 Ich führe bei dieser Gelegenheit an, daß ich niemals bemerkt habe,
      daß ein Gemälde, auf dem Hasen und Rehe in natürlicher Größe und
      vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der
      Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht
      hätte. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Porträt
      seines Herrn in ganzer Figur erkannt hätte? In allen diesen Fällen
      wird das Gesicht nicht vom Geruch unterstützt.

_   21 Cartas edificantes de la Compaña de Jesus_, 1757

   22 Die Stadt Socorro, südlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-östlich
      von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr
      1781 im Königreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Vicekönig
      Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der
      Einführung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleißige
      Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um
      sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof
      ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heißen
      in den Missionen _Socorreños refugiados_.

   23 So heißt es in einer Inschrift, die bezeugt, daß am 13. des Monats
      Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Töne vernommen worden.

   24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt
      der Raudal de Tabaje unter 1° 4′ der Breite, was um 5° 10′ zu wenig
      ist.



ZWANZIGSTES KAPITEL.


      Die Mündung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission
        Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln
                         Surupamana und Uirapuri.


Auf seinem Lauf von Süd nach Nord streicht über den Orinocostrom eine
Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich
tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdämme bilden. Nichts
großartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei
Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren
vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures
und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man
so, daß man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von
den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstfläche
mit Einem Blicke übersieht, so ist es, als sähe man den ganzen Strom über
seinem Bette hängen.

So ausgezeichnete Naturbildungen mußten schon seit Jahrhunderten bei den
Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz,
Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Mündung des Orinoco
vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den großen Katarakten aus dem
Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar
mit weiter ostwärts, gelegenen Fällen. Wie sehr auch in der heißen Zone
die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Völkern
hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der großen Ströme bezieht,
erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen
von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen
mit Wäldern bedeckten Landstrich, auf dem Völker hausen, die zum Theil
Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die
Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern
dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanäle aufwärts ziehen; aber
lange vor Einführung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich
befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf
tausend zufälligen Wegen die Kunde von außerordentlichen
Naturerscheinungen, von Wasserfällen, vulkanischen Flammen, vom Schnee,
der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den
Küsten, im Herzen von Südamerika, unter Völkern, deren Wanderungen sich in
den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean,
findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich
hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorfälle, wie sie im
Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher
Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird
ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _‘Poito’_ oder
_‘Mero’_, das heißt als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale
verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu
den Seinigen zurück. Da erzählt er denn, was er gesehen, was er andere hat
erzählen hören, deren Sprache er hat lernen müssen. So kommt es, daß man,
wenn man eine Rippe findet, von den großen Thieren weit im innern Lande
sprechen hört; so kommt es, daß man, wenn man das Thal eines großen
Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar
nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen.
Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem
Grade der Gedankenaustausch früher ein als der Tausch von Erzeugnissen.

Die beiden großen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten,
uralten Rufs genießen, entstehen dadurch, daß der Strom die Berge der
Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heißen
sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionäre haben dafür Atures und
Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Stämme, die sie in den beiden
den Fällen zunächst gelegenen Dörfern zusammengebracht. An den Küsten von
Caracas nennt man die zwei großen Katarakten einfach: die zwei
*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, daß man die andern
Fälle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenüber den
Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet.

Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad nördlicher Breite, hundert Meilen
westwärts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto
Cabello, und nur zwölf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, daß
D’ANVILLE nichts von denselben gewußt hat, da er doch auf seiner schönen
großen Karte von Südamerika die unbedeutenden Fälle von Marimara und San
Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die
großen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch
Guyana in zwei ungleiche Hälften. *Missionen am untern Orinoco* heißen die
zwischen dem Raudal von Atures und der Strommündung; unter den *Missionen
am obern Orinoco* sind die Dörfer zwischen dem Raudal von Maypures und den
Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit
LA CONDAMINE die Krümmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung
schätzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad
ostwärts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang.

Jenseits der großen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein
zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, über den die
Nebenflüsse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des
leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe
vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehören. Keiner der
Missionäre, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA,
GILI und CANLIN, ist über den Raudal von Maypures hinaufgekommen.
Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern
Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von
Militärs, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der großen
Katarakten fanden wir längs des Orinoco auf einer Strecke von hundert
Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum
sechs bis acht Weiße, das heißt Menschen europäischer Abkunft. Es ist
nicht zu verwundern, daß ein so ödes Land von jeher der classische Boden
für Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionäre
die Völker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund
unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den
Garamanten, den Arimaspen und den Hyperboräern erzählen. Man thäte den
schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionären Unrecht, wenn man
glaubte, sie selbst haben diese übertriebenen Mähren erfunden; sie haben
sie vielmehr großentheils den Indianergeschichten entnommen. In den
Missionen erzählt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie überall, wo
man sich langweilt. Ein Missionär ist schon nach Standesgebühr nicht zum
Sceptirismus geneigt; er prägt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft
vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurück, so
findet er eine Entschädigung für seine Beschwerden in der Lust, durch die
Erzählung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige
Schilderung des im Raum so weit Entrückten, die Leute in Verwunderung zu
setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer
unwahrscheinlicher, je weiter man von den Wäldern am Orinoco weg den
Küsten zu kommt, wo die Weißen wohnen. Läßt man in Cumana, Nueva Barcelona
und in andern Seehäfen, die starken Verkehr mit den Missionen haben,
einigen Unglauben merken, so schließt man einem den Mund mit den wenigen
Worten: »Die Patres haben es gesehen, aber weit über den großen
Katarakten, _mos ariba de los Raudales._«

Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum
Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Gründe, meine
Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen.
Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was
ich nach den Aussagen der Missionäre und Indianer berichte; er begleitet
die Reisenden bei ihren täglichen Beschäftigungen; er sieht zugleich, wie
wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu
kämpfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger.

Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus,
zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war großentheils bedeckt und
durch dickes, über 40 Grad hoch stehendes Gewölk fuhren Blitze. Wir
wunderten uns, daß wir nicht donnern hörten: kam es daher, daß das
Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als würden in Europa
die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit
unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit näher am Horizont gesehen.
Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Wärme des Bodens zurückwarf, war
die Hitze erstickend; kein Lüftchen bewegte das Laub der Bäume. Wie
gewöhnlich waren die Jaguars über den Flußarm zwischen uns und dem Ufer
herübergekommen, und wir hörten sie ganz in unserer Nähe brüllen. Im Lauf
der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine
verlassene Hütte zu ziehen, die zu den _‘Conucos’_ der Einwohner von
Apures gehört; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich
überflüssig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so häufig, daß vor
zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den
Conucos von Panumana, seine Hütte wieder aufsuchte, dieselbe von einem
Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit
mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Mühe brachte man sie hinaus,
und erst nach hartnäckigem Kampfe konnte der Eigenthümer einziehen. Die
Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung
thut der einzelne Reisende meist klüger, unter freiem Himmel zwischen zwei
Feuern zu übernachten, als in unbewohnten Hütten Schutz zu suchen.

Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen
Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionär, der bei uns war,
ließ einige blinde Schüsse abfeuern, um sie einzuschüchtern, sagte er, und
ihnen zu zeigen, daß wir uns wehren könnten. Die Wilden hatten ohne
Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu
Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einfluß des Rio Anaveni
vorüber, der von den östlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer
verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder
Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage
war so stark, daß wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der
Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle
fortbringen. Erst ganz spät langten wir unmittelbar unter dem großen
Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_)
heißt, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf
schmalem Fußpfad in die Mission Atures, eine Meile vom Flußufer. Man kommt
dabei über eine mit großen Granitblöcken bedeckte Ebene.

Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom
Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwärts die
letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegründete christliche
Niederlassung. Die weiter nach Süd gelegenen Niederlassungen am Atabapo,
Cassiquiare und Rio Negro rühren von den dem Franciskanerorden
angehörenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, muß srüher
der Orinoco geflossen seyn, und die völlig, ebene Grasflur um das Dorf war
ohne Zweifel ein Stück des Flußbetts. Oestlich von der Mission sah ich
eine Felsreihe, die mir das alte Flußufer zu seyn schien. Im Lauf der
Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinübergedrängt, weil den
östlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die
Anschwemmungen stärker sind. Der Katarakt heißt, wie oben bemerkt, Mapara,
während das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt für
ausgestorben hält. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich:
»Insel und Katarakt *Athule*;« dieß ist *Atures* nach der Aussprache der
Tamanacas, die, wie so viele Völker, die Consonanten l und r verwechseln.
Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land
in Europa so wenig bekannt, daß D’ANVILLE in der ersten Ausgabe seines
_Südamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen
läßt, der sich in den Amazonenstrom ergießt und der bei ihm Rio Negro
heißt.

Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission
unter 1° 30′ der Breite; der Abbé GILI gibt 3° 30′ an. Nach Meridianhöhen
des Canopus und des α des südlichen Kreuzes fand ich 5° 38′ 4″ Breite und
durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Länge
vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April
30°25; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Maß der Intensität der
magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen.

Wir fanden die kleine Mission in der kläglichsten Verfassung. Zur Zeit von
SOLANOs Expedition, gewöhnlich _‘die Grenzexpedition’_ genannt, waren noch
520 Indianer hier, und als wir über die Katarakten gingen, nur noch 47,
und der Missionär versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme
stärker. Er zeigte uns, daß in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins
Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht
catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und
damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der
Gründung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und
Quirupas unter einander; statt dieser Stämme fanden wir nur Guahibos und
ein paar Familien vom Stämme der Macos. Die Atures sind fast völlig
verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Gräbern in der Höhle
Ataruipe her, die an die Grabstätten der Guanchen aus Teneriffa erinnern.
Wir hörten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den
Macos oder Piaroas dem großen Völkerstamme der *Salivas* angehört, wogegen
die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den
*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel
genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Völkerschaften, die einander so
schroff gegenüberstehen, wie einst die Völker in Latium, Kleinasien und
Sogdiana, läßt sich das Zusammengehörige im Allgemeinsten nur an der
Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmäler,
die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden
gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und
Zeit hindurchgegangen. So zäh und über so viele Strecken verbreitet
erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten
Völkern, als bei wandernden, halbwilden Stämmen, die auf der Flucht vor
mächtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre
Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Väter.

Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur
die Grenze zwischen dem großen Walde der Parime und den kahlen Savanen am
Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener
Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos,
Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Völker, stolz auf ihre
wilde Unabhängigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmäßige
Arbeit zu gewöhnen. Die spanischen Missionäre bezeichnen sie ganz gut als
_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom
Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des
Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas
und Maquiritares, sanftmüthige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der
Zucht in den Missionen zu unterwerfende Völker. Der *Indianer der Ebene*
unterscheidet sich vom *Indianer der Wälder* durch Sprache, wie durch
Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen,
kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, kürzer,
leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und
reicher an abgeleiteten Ausdrücken.

In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen
den Mündungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwähnten beiden
Arten von Volksstämmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus
den Wäldern und früher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios
andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionär die Hütten der
Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren
zeigt sich mehr Sinn für Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die
unabhängigen Macos (wilde möchte ich sie nicht nennen) haben ihre
_‘Rochelas’_ oder festen Wohnplätze zwei bis drei Tagereisen östlich von
Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr
zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern
Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in
der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea
gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen*
Macos verließ mit der Genehmigung des Missionärs jedes Jahr das Dorf
Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten
in den Wäldern beim Dorfe der unabhängigen Macos besaß. In Folge dieses
friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios
monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer,
Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdrücklichen Verbots
der Ordensleute nicht als Halsbänder, sondern zum Aufputz des *Guayuco*
(Gürtels) dienen. Nachdem sie das Gewünschte erhalten, gingen sie in die
Wälder zurück, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte.
Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig
auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreißerei bei. Im Jahr 1799
war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von
Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten
Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich
will nicht sagen ein Unglück, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges
zustößt. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender großer
Trockenheit für immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als
ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen hätte, wenn sie
immer unabhängig geblieben wären.

Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen großen Theil des Jahrs
hindurch in den Dörfern Atures und Maypures an den zwei großen Katarakten
des Orinoco herrschen und die Gegend für den europäischen Reisenden so
gefährlich machen? Die große Hitze im Verein mit der außerordentlich
starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den
Eingeborenen glaubt, giftige Dünste, die sich aus den kahlen Felsen der
Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien,
vollkommen mit denen überein, die alle Jahre in der Nähe des Meeres
zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in
adynamische Fieber ausarten. »Ich habe mein kleines Fieber (_mi
calenturita_) erst seit acht Monaten,« sagte der gute Missionär von
Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem
gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anfälle waren heftig, aber von
kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter
von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heißen Sonne
ausgesetzt war. Diese dreitägigen Fieber sind mit bedeutender Schwächung
des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme
Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_
schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefährlich als
bei kürzer dauernden Fiebern in gemäßigten Himmelsstrichen.

Ich erwähnte eben, daß die Eingeborenen und sogar die Missionäre den
kahlen Felsen einen nachtheiligen Einfluß auf die Salubrität der Luft
zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer
physikalischen Erscheinung zusammenhängt, die kürzlich in verschiedenen
Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehörig erklärt ist. In den
Katarakten und überall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana
und Santa Barbara periodisch das Granitgestein bespült, ist dieses glatt,
dunkelfarbig, wie mit Wasserblei überzogen. Die färbende Substanz dringt
nicht in den Stein ein, der ein grobkörniger Granit ist, welcher hie und
da Hornblendecrystalle enthält. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick
und findet sich vorzüglich auf den quarzigen Stellen; die
Feldspathcrystalle haben zuweilen äußerlich ihre röthlich weiße Farbe
behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlägt man das
Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, weiß, ohne Spur von
Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten
Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein
eigen ist, wenn es sich in Blöcke sondert. Sie geben der Gegend etwas
eigenthümlich Düsteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt,
und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die
Felsen seyen »von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt.« Wir sahen sie
nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500
Toisen vom gegenwärtigen Ufer in Höhen, bis wohin der Fluß beim höchsten
Wasserstande jetzt nicht steigt.

Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt
sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des
Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel
zu denken? Vor allem ist zu bemerken, daß die Erscheinung nicht auf die
Katarakten des Orinoco beschränkt ist, sondern in beiden Hemisphären
vorkommt. Als ich, nach der Rückkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite
von Atures und Maypures Roziere sehen ließ, der das Nilthal, die Küste des
rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte
Geolog, daß das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene,
gerade wie das am Orinoco, eine glänzende, schwarzgraue, fast bleifarbige
Oberfläche hat; manche Bruchstücke sehen aus wie mit Theer überzogen. Erst
neuerlich, bei der unglücklichen Expedition des Capitän Tuckey, fiel
dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas*
(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zairefluß
verstopfen. Dr. KÖNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo
Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen
sind, die Bonpland und ich dem Präsidenten der Londoner königlichen
Gesellschaft überreicht hatten. »Diese Handstücke,« sagt König, »sehen
beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco
wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse
von Children, aus Eisen- und Manganoxyd.«

Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio
gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das
Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz färbt, möchte außer dem
Manganoxyd Kohle und überkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind
40--50 Fuß dicke Granitmassen gleichförmig mit diesen Oxyden überzogen,
und so dünn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche
Mengen Eisen und Mangan, da sie über eine Quadratmeile Fläche haben.

Es ist zu bemerken, daß alle diese Erscheinungen von Färbung des Gesteins
bis jetzt nur in der heißen Zone beobachtet worden sind, an Flüssen, deren
Temperatur gewöhnlich 24--28 Grad beträgt und die nicht über Sandstein
oder Kalkstein, sondem über Granit, Gneiß und Hornblendegestein laufen.
Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und
Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde,
besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20
Procent vor. Die Hornblende enthält zudem Kohle, wie auch der lydische
Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch
eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einfluß der
Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklären, daß die
Oxyde sich so gleichförmig über die ganze Oberfläche des Gesteins
verbreiten, daß um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon
liegt als über dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschüssige
Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden,
haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde
lassen vielmehr vermuthen, daß der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser
des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von
dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Fluß nur
suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder
wirklich chemisch ausgelöst? Der ersteren Annahme widerspricht der
Umstand, daß die Rinde völlig homogen ist und neben den Oxyden weder
Sandkörner noch Glimmerblättchen sich darin finden. Man muß daher
annehmen, daß chemische Auflösung vorliegt, und die Vorgänge, die wir
täglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser
Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser großer Flüsse enthält
Kohlensäure, und wäre es auch ganz rein, so könnte es doch immer in sehr
großen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat auflösen, wenn
dieselben auch für unauflöslich gelten. Im Nilschlamm, also im
Niederschlag der im Fluß suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er
enthält aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs
schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft
gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen
von Syene nicht herrühren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde
untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten
vom Orinoco und Congo. Der berühmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde
werden von den Flüssen nicht dem Boden entzogen, über den sie laufen, sie
kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen
dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Cämentation, in Folge
eigenthümlicher Affinitäten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im
Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des
Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der
Umstände, unter denen die Färbung auftritt, kann die Frage, die uns hier
beschäftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die
Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhängig? Ich beschränke
mich auf die allgemeine Bemerkung, daß weder Granitmassen, die weit vom
alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd
befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den
bräunlichen Wassern des Rio Negro bespült wird, äußerlich den
Meteorsteinen ähnlich werden. Die Indianer sagen, »die Felsen seyen nur da
schwarz, wo das Wasser weiß ist.« Sie sollten vielleicht weiter sagen: »wo
das Wasser eine große Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am
Ufer anprallt.« Die Cämentation scheint zu erklären, warum die Rinde so
dünn bleibt.

Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, daß in der Nähe des
kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle,
Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, weiß ich nicht
zu sagen. In der heißen Zone werden noch mehr als anderswo die
krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkührlich gehäuft. Man scheut
sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht
schiene; ebenso hält man es für bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit
zu lagern, und man erzählt viele Fälle, wo Leute nach einer auf dem
schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken
Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der
Missionäre und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch
die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weißem Sand bedeckten
Uferstrecken, wenn wir keine Bäume fanden, um unsere Hängematten zu
befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um
von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer
Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenfläche aus kahlem
Granitgestein besteht. Aus ähnlichen Gründen, die den Physikern in Europa
als bloße Einbildungen erscheinen müssen, versetzten die Jesuiten Olmo,
Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte
zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese
Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anführen zu müssen, da wir so
gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die
Luft ungesund wird. Läßt sich annehmen, daß unter dem Einfluß starker
Hitze und beständiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die
umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternäre Verbindungen von Kohlenstoff,
Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am
Orinoco enthält allerdings häufig Hornblende, und praktische Bergleute
wissen wohl, daß die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die
durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die
Luft durch die kleinen Strömungen fortwährend erneuert wird, kann die
Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube.

Wahrscheinlich ist es nur deßhalb gefährlich, auf den _laxas negras_ zu
schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behält. Ich
fand dieselbe bei Tag 48°, während die Luft im Schatten 29°,7 warm war;
bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36°, die Luft nur
26°. Wenn die Wärmeanhänfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen
ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefähr
dieselbe Temperatur. Den Ueberschuß von Wärme, den sie bei Tag bekommen,
verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Stärke von der
Beschaffenheit der Oberfläche des strahlenden Körpers, von der Anordnung
seiner Molecüle im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels
abhängt, das heißt davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo
der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr
jeden Tag fast die gleiche Wärmemenge aus und das Gestein ist am Ende des
Sommers nicht wärmer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum
nicht überschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberfläche, noch
seine Dichtigkeit, noch seine Wärmecapacität verändert hat. Steigt man am
Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Hängematte und betritt den Felsboden
mit bloßen Füßen, so ist die Wärme, die man empfindet, sehr auffallend.
Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast
immer, daß die _laxas negras_ bei Tag wärmer sind als der röthlich weiße
Granit weitab vom Ufer, daß aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell
abkühlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug
den Wärmestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige
Glimmerblätter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures
zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethürmten
Felsblöcken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als stände man
vor der Mündung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen
bewaldeten Ländern spürt) bringt statt Kühlung nur noch heißere Luft
herbei, da er über Steinschichten und aufgethürmte Granitkugeln
weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch
ungesunder, als es ohnehin ist.

Unter den Ursachen der Entvölkerung der Raudales habe ich die Blattern
nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche
Verheerungen anrichten, daß die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen,
ihre Hütten anzünden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen.
Am obern Orinoco weiß man von dieser Geißel so gut wie nichts, und käme
sie je dahin, so ist zu hoffen, daß ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen
man auf den Küsten von Terra Firma täglich empfindet, alsbald Schranken
setzte. Die Ursachen der Entvölkerung in den christlichen Niederlassungen
sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das
ungesunde, zugleich heiße und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die
Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schändliche Sitte
der Mütter, giftige Kräuter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger
werden. Bei den barbarischen Völkern in Guyana, wie bei den halb
civilisirten Bewohnern der Südseeinseln gibt es viele junge Weiber, die
nicht Mütter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht
allein den Gefahren des Lebens in der Wildniß, sondern noch manchen andern
ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herfließen. Sind es
Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre,
daß man eines der Kinder umbringe. »Zwillinge in die Welt setzen, heißt
sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heißt es machen wie Ratten,
Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft.«
Aber noch mehr: »Zwei zugleich geborene Kinder können nicht von Einem
Vater seyn.« Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und
unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen
Entwicklung sieht man, daß das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art
zu eigen gemacht, zäher daran festhält, als die Unterrichteten, die ihn
zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte
Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der
Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein
Zwilling ist, irgend eine körperliche Mißbildung, so bringt ihn der Vater
auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, kräftige Kinder; denn bei
den Mißbildungen hat der böse Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder
der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben
auch bloß sehr schwächliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater,
was aus einem seiner Söhne geworden sey, so thut er, als wäre er ihm durch
einen natürlichen Tod entrissen worden. Er verläugnet eine That, die er
für tadelnswerth, aber nicht für strafbar hält. »Das arme _Mure_ (Kind)«,
heißt es, »konnte nicht mit uns Schritt halten; man hätte jeden Augenblick
auf es warten müssen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht
dahin gekommen, wo wir geschlafen haben.« Dieß ist die Unschuld und
Sitteneinfalt, dieß ist das gepriesene Glück des Menschen *im Urzustand!*
Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen lächerlich zu werden,
um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung
auferlegen zu müssen.

Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so häufig, als man glaubt;
indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die
Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _‘Conucos’_ in den nahen
Wäldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der
die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist
allerdings das häusliche Glück und der Frieden in den Familien gefährdet,
aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben
die Morgenländer ihre Kinder zärtlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt
der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Hängematte zu
legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da
sind, ihn zu bedienen. Die väterliche Zuneigung kommt erst dann zum
Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, daß er an der Jagd,
am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann.

Wenn nun aber auch der schändliche Brauch, durch gewisse Tränke Kinder
abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Tränke die
Gesundheit nicht so sehr an, daß nicht die jungen Weiber in reiferen
Jahren wieder Mütter werden könnten. Diese physiologisch sehr merkwürdige
Erscheinung ist den Mönchen in den Missionen längst aufgefallen. Der
Jesuit GILI, der fünfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte
gehört hat und sich rühmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen,
äußert sich darüber mit verwunderlicher Naivetät. »In Europa,« sagt er,
»fürchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht
wissen, wie sie sie ernähren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen
Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie wählen die Zeit, wo sie
Mütter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je
nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schön zu erhalten, diese oder
jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die
vorherrschende, es sey besser, man fange spät an Kinder zu bekommen, um
sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus
und Feld widmen zu können. Andere glauben im Gegentheil, es stärke die
Gesundheit und verhelfe zu einem glücklichen Alter, wenn man sehr jung
Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere
System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern
gebraucht.« Sieht man hier, wie selbstsüchtig der Wilde seine Berechnungen
anstellt, so möchte man den civilisirten Völkern in Europa Glück wünschen,
daß *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden,
ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einführung von
dergleichen Tränken würde vielleicht die Sittenverderbniß in den Städten
noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von
den Eltern verstoßen zu werden. Leicht möglich aber auch, daß die neuen
Abtreibemittel in unserem Klima so gefährlich wären wie der Sevenbaum, die
Aloe und das flüchtige Zimmt- und Gewürznelkenöl. Der kräftige Körper des
Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhängiger von
einander sind, widersteht besser und länger übermäßigen Reizen und den
Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution
des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr
erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu müssen, weil sie
auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande
unseres Geschlechts, wie auf der höchsten Stufe der Cultur, die
Bevölkerung kaum merkbar zunimmt.

Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene.
Im Collegium für die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die
Bemerkung gemacht, daß in den an sehr trockenen Orten gelegenen
Indianerdörfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den
Dörfern an Flußufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am
Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am
kühlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwächen.

Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die
Bevölkerung in den beiden Dörfern an den Katarakten abnahm und schlug
daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die
Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race
in heißem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier
Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico
gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater
Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die
Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen
zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo
entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich wäre der Plan ganz gut gelungen.
Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es
war Aussicht vorhanden, daß der Zustand der Schwarzen sich damit
verbesserte und so das Christenthum zu seinem ursprünglichen Ziele,
Förderung des Glücks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder
hingeführt wurde. Ein kleines Mißverständniß vereitelte die Sache. Der
Statthalter erwiderte den Mönchen: »Da man für das Leben der Neger so
wenig bürgen könne, als für das der Indianer, so erscheine es nicht als
gerecht, jene zur Niederlassung in den Dörfern bei den Katarakten zu
zwingen.« Gegenwärtig hängt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an
zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren
von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden
lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer,
die der Missionszucht längst müde sind, dem Pater Zea davon, und an einem
Punkt, den man als den Schlüssel des Orinoco betrachten kann, finden dann
die Reisenden nichts mehr, was sie bedürfen, zumal keinen Steuermann, der
die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort
am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura wäre, wo nicht unterbrochen,
doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntniß der
Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsblöcken zu
wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen.

Während man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo
wir ans Ufer gelangen konnten, in der Nähe das ergreifende Schauspiel
eines eingeengten und wie völlig in Schaum verwandelten großen Stromes.
Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu
schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so berühmt ist. Je
großartiger, majestätischer die Gegenstände sind, desto wichtiger ist es,
sie in ihren kleinsten Zügen aufzufassen, die Umrisse des Gemäldes, mit
dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen,
die bezeichnenden Merkmale der großen, unvergänglichen Denkmäler der Natur
einfach zu schildern.

Von seiner Mündung bis zum Einfluß des Anaveni, auf einer Strecke von 260
Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei
Muitaco, in einer Bucht, _‘Boca del infierno’_ genannt, sind Klippen und
Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_);
aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt
eine Wasserstraße, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren können.

Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur
Eines gefährlich, die natürlichen Flöße aus Bäumen, die der Fluß
entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht
an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewächsen auffahren! Dasselbe
ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi,
schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die
Indianer eine feindliche Horde überfallen wollen, binden sie mehrere
Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Kräutern und Baumzweigen
und bilden so die Haufen von Bäumen nach, die der Orinoco auf seinem
Thalweg abwärts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen früher in
dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwärtig bedienen sich die
spanischen Schmuggler in der Nähe von Angostura desselben Mittels, um die
Zollaufseher hinter das Licht zu führen.

Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt
man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionäre
gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden
vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Großen ungefähr
dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdämmen, aufeinander
gethürmten, mit Palmen bewachsenen Granitblöcken löst sich einer der
größten Ströme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung
im Aussehen hat jeder der Fälle seinen eigenthümlichen Charakter. Der
erste, nördliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim
zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers
lieber. Oberhalb Maypures und der Einmündung des Caño Cameji ist der
Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die
Nähe seiner Quellen, das heißt bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwärts
vom Caño Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin.

Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und
es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich
langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20
auf den Grad) lang ist, sind die großen Fälle ziemlich nahe bei den
Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Länge; fünf Sechstheile seines
Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Fälle, weit ungünstiger
für die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten
Drittheils seiner Länge gelegen. Bei beiden Strömen werden die Fälle nicht
durch die Berge, nicht durch die Stufen der über einander liegenden
Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch
andere über einander gelagerte Stufen, durch die sich die Ströme nach
langem friedlichen Lauf Bahn brechen müssen, wobei sie sich von Staffel zu
Staffel herabstürzen.

Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man
zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, daß überall, wo
sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder
Centralkette höher seyn müsse als die andern. Dieser große Strom
entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwärts
von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den
Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der
kleinen Flüsse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See
Llauricocha kommt, der in einem Längenthale zwischen der westlichen und
der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen
Verhältnisse richtig aufzufassen, muß man sich vorstellen, daß der
colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt.
Die westlichste, höchste streicht unter dem Namen _Cordillera real de
Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und
Guangamarca) über die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und
Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt
Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewässer des oberen Amazonenstroms und
des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst südlich von
Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca über die Schneelinie
empor. Er streicht zuerst nach Nord über Huacrachuco, Chachapoyas,
Moyobamba und den Paramo von Piscoguañuna, dann fällt er allmählig ab,
Peca, Copallin und der Mission San Yago am östlichen Ende der Provinz Jaen
de Bracamoros zu. Die dritte, östlichste Kette zieht sich am rechten Ufer
des Rio Guallaga hin und läuft unter dem 7. Grad der Breite in die
Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Süd nach Nord im Längenthal
zwischen zwei Gebirgszügen von ungleicher Höhe läuft (das heißt von den
Höfen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hölzernen Brücken über den
Fluß geht, bis zum Einfluß des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe
weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Fälle fangen erst
da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere
Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stößt
auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen
Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit
des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwärts von
der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Hügel
sich nur noch 40--60 Toisen über den Flußspiegel erheben. Den östlichen
Zug, der an den Pampas von Sacramento hinläuft, erreicht der Fluß nicht.
Von den Hügeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als
750 französischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser
raschen Uebersicht ergibt sich, daß der Marañon, hätte er nicht das
Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden
gehört, zu durchziehen, schiffbar wäre von seinem Ausfluß ins Meer bis
Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner
Quelle.

Wir haben gesehen, daß sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die großen
Fälle nicht in der Nähe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf
von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwärts von
Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die
Flüsse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstärkt, biegt der Orinoco
aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach
Nord um und stößt auf dem Lauf über die _‘Land-Meerenge’_(27) in den
Niederungen am Meta auf die Ausläufer der Cordillere der Parime. Und
dadurch entstehen nun Fälle, die weit stärker sind und der Schifffahrt
ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Marañon, weil sie,
wie wir oben auseinandergesetzt, der Mündung des Flusses verhältnißmäßig
näher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen,
um am Beispiel der größten Ströme der neuen Welt zu zeigen: 1) daß sich
nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshöhe angeben
läßt, über welcher die Flüsse noch nicht schiffbar sind; 2) daß die
Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbüchern der
allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten
Bergschwellen, bei den ersten Höhenzügen vorkommen, über welche die
Gewässer in der Nähe ihrer Quellen zu laufen haben.

Nur der nördliche der großen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu
beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehört aber zu
einem Landstrich, der westwärts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt,
einen gegen 3000 Fuß hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden
Felsmauer. Dadurch, daß er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser
Pic noch großartiger und majestätischer aus. In der Nähe der Mission, auf
dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen
andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten,
finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In
der äußern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindrücke,
das Nebeneinander des Großartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen
eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Genüsse.

Ich nehme hier einige zerstreute Züge einer Schilderung auf, die ich kurz
nach meiner Rückkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die
mit zarten Kräutern und Gräsern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre
Prärien, ähnlich unsern europäischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse
überschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie
umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintönig
wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um übereinander gethürmte
Granitblöcke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stößt
man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt,
auf Gründe, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen
dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur
entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen
Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich
sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im
Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schooße dieses Gesteins vorbrechen,
haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit
geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere
Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewächsen gefolgt, und jetzt bildet
immergrünes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Blüthen,
grüne Eilande inmitten der öden steinigten Ebene. Man kommt immer wieder
darauf zurück: die Bodenbildung, die über die Savanen zerstreuten Boskette
aus kleinen Bäumen mit lederartigen, glänzenden Blättern, die kleinen
Bäche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald über fruchtbares
ebenes Land, bald über kahle Granitbänke schlängeln, Alles erinnert einen
hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und
Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst
und Spuren von Cultur zu begegnen.

Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunächst bei der Mission Atures
erhält die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge,
welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art
ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist
nur 7--800 Fuß über die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet,
wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von
Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich
Federbüschen gekräuselte Blätter unter einem Winkel von 70 Grad
majestätisch emporsteigen, stehen mitten unter Bäumen mit wagerechten
Aesten; ihre nackten Stämme schießen gleich hundert bis hundertzwanzig Fuß
hohen Säulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, »ein
Wald über dem Walde.« Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und
die röthliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der
Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Wäldern
zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei
des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der
herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fühlte so
recht, wie sehr die Gewächse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten
einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer
Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und
Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze
entworfen. Er wußte die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher
kannte, sondern weil er für all ihre harmonischen Verhältnisse in
Gestaltung, Farbe und innern Kräften ein tiefes Gefühl besaß.

Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei
Wälder von Laurineen und Palmen über einander stehen, erheben sich andere
Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen
besetzt, die wie Pfeiler über die Bäume und das Gebüsch emporragen. Diese
Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im böhmischen Erzgebirge,
in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich überall,
wo in unbedeutender Meereshöhe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer
Formation zu Tage kommt. Die in Abständen sich erhebenden Felsen bestehen
entweder aus aufgethürmten Blöcken oder sind in regelmäßige, wagerechte
Bänke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos,
die *Soldados*(29) und andere fischfangende Vögel, und nehmen sich dann
aus wie Menschen, die Wache stehen. Dieß ist zuweilen so täuschend, daß,
wie mehrere Augenzeugen erzählen, die Einwohner von Angostura eines Tags
kurz nach der Gründung der Stadt in die größte Bestürzung geriethen, als
sich auf einmal auf einem Berge gegen Süd Reiher, *Soldados* und *Garzas*
blicken ließen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios
monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die
mit dieser Täuschung bekannt waren, die Sache aufklärten, beruhigte sich
das Volk nicht eher ganz, als bis die Vögel in die Luft stiegen und ihre
Wanderung der Mündung des Orinoco zu fortsetzten.

Die schöne Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde
liegt, auch über die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser
schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein
eine Schichte weißen Sandes. Der Missionär versicherte uns, in der Nähe
der Wasserfälle sey das Grün beständig frisch, in Folge des vielen
Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in
Strudel und Wasserfälle zerschlagenen Strom aussteigt.

Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hören, und bereits zeigte die
Vegetation aller Orten die kräftige Fülle und den Farbenglanz, wie man sie
auf den Küsten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Bäume hingen
voll prächtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen
Blüthen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren
mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem
ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heißen Klimaten eigenen
Schmarotzergewächsen sahen wir hier mitten in der heißen Zone und fast im
Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den
europäischen glichen. Beim großen Katarakt von Atures pflückten wir die
schöne Grimmia-Art mit Fontinalis-Blättern, welche die Botaniker so sehr
beschäftigt hat; sie hängt an den Aesten der höchsten Bäume. Unter den
Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und
Laurineen vor. Dieß ist um so charakteristischer, als nach BROWNs
neuerlicher Beobachtung auf dem gegenüber liegenden Continent, im
tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewächse,
welche Feuchtigkeit lieben, schmücken die Ufer am Wasserfall. Man findet
hier in den Niederungen Büsche von Heliconia und andern Scitamineen mit
breiten glänzenden Blättern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*,
*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die
Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die berühmte
Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges
Gewächs. Sie hat handförmige Blätter und wächst nicht unter den Palmen mit
gefiederten und gekräuselten Blättern, dem *Jagua*, der eine Art
Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man
neben die schöne Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den
Fällen von Atures und Maypures die häufigste Palme, ist durch seinen
Habitus ausgezeichnet. Seine Blätter oder vielmehr Wedel stehen auf einem
80--100 Fuß hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand
wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind
wahre Federbüsche vom zartesten, frischesten Grün. Der Cucurito, der Seje,
dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_
von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die
großartigsten Palmen der neuen Welt. Je näher man der gemäßigten Zone
kommt, desto mehr nehmen die Gewächse dieser Familie an Größe und
Schönheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwähnten Arten und
der orientalischen Dattelpalme, die bei den europäischen Landschaftsmalern
leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist!

Es ist nicht zu verwundern, daß, wer nur das nördliche Afrika, Sicilien
oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, daß unter allen großen
Baumgestalten die Gestalt der Palme die großartigste und schönste seyn
soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, daß sich der Europäer keine
richtige Vorstellung vom Charakter der heißen Zone macht. Jedermann weiß
zum Beispiel, daß die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die große
Menge von Gewächsen mit gefiederten Blättern ein Hauptschmuck dieser Zone
sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten
Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben
alle gefiederte Blätter mit mehr oder weniger großen, dünnen, lederartigen
und glänzenden Blättchen. Vermag nun aber deßhalb eine Gruppe von Eschen,
Vogelbeerbäumen oder Sumachbäumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt
zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das
Himmelsblau zwischen ihren kleinen, dünnen, zartgefiederten Blättern
durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten
Blick scheinen. Die Gestalten der Gewächse bestimmen die Physiognomie der
Natur, und diese Physiognomie wirkt zurück auf die geistige Stimmung der
Völker. Jeder Pflanzentypus zerfällt in Arten, die im allgemeinen
Charakter mit einander übereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, daß
dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die
Scitamineen, die Malvaceen, die Bäume mit gefiederten Blättern sind nicht
alle malerisch gleich schön, und meist, im Pflanzenreich wie im
Thierreich, gehören die schönsten Arten eines jeden Typus dem tropischen
Erdstrich an.

Die Protaceen, Croton, Agaven und die große Sippe der Cactus, die
ausschließlich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmählig,
wenn man auf dem Orinoco über die Mündungen des Apure und des Meta
hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit,
als die Entfernung von den Küsten daran Schuld, wenn die Cactus nicht
weiter nach Süden gehen. Wir haben östlich von den Anden, in der Provinz
Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswälder, mit Croton
dazwischen, große dürre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen
an den Fällen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San
Fernando de Atabapo, das heißt vor dem Einfluß des Guaviare in den
Orinoco.

Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von
den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales
liegen, wo das tief eingeschnittene Flußbett fast unzugängliche Ufer hat.
Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um
zwischen zwei Wasserfällen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu
baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenäen, selbst in den
Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des
Bodens und der Spuren von Zerstörung, denen man bei jedem Schritte
begegnet, vermöchte nach einer bloßen Beschreibung sich vom Zustand des
Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke
von mehr als fünf Seemeilen laufen unzählige Felsdämme quer darüber weg,
eben so viele natürliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, ähnlich denen
im Dnieper, welche bei den Alten _‘Phragmoi’_ hießen. Der Raum zwischen
den Felsdämmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Größe gefüllt;
manche sind hügligt, in verschiedene runde Erhöhungen getheilt und
200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie bloße Klippen. Diese
Inseln zerfällen den Fluß in zahlreiche reißende Betten, in denen das
Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und
Cucuritopalmen mit federbuschförmigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht
mitten auf der schäumenden Wasserfläche. Die Indianer, welche die leeren
Piroguen durch die Raudales schaffen, haben für jede Staffel, für jeden
Felsen einen eigenen Namen. Von Süden her kommt man zuerst zum *Salto del
Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und
Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer
Rückkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um
unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem großen Theil trocken
zu liegen. Granitblöcke sind auf einander gehäuft, wie in den Moränen,
welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall stürzt
sich der Fluß in die Höhlen hinab, und in einer dieser Höhlen hörten wir
das Wasser zugleich über unsern Köpfen und unter unsern Füßen rauschen.
Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbäche getheilt, deren
jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man muß nur staunen,
wie wenig Wasser man im Flußbett sieht, über die Menge Wasserstürze, die
sich unter dem Boden verlieren, über den Donner der Wasser, die sich
schäumend an den Felsen brechen.

_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _
_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _

Ist man über den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten
der Fälle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank
zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Dämme
oder natürlichen Wehre nur zwei, drei Fuß hoch, so wagen es die Indianer
im Canoe hinabzufahren. Fluß aufwärts schwimmen sie voraus, bringen nach
vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen über dem
Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Höhe des Raudals. Während
dieser mühseligen Arbeit füllt sich das Fahrzeug häufig mit Wasser;
anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit
zerschlagenem, blutendem Körper, reißen sich mit Noth aus dem Strudel und
schwimmen an die nächste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr
hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten
Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumäste als Walzen darunter und schleppt sie
bis an den Punkt, wo der Fluß wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser
ist solches selten nöthig. Spricht man von den Wasserfällen des Orinoco,
so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit über
die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine
Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist.
Ich führe nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwärtigt, was man in
Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage
sieht. »Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das
Schiff, der andere schöpft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reißenden
Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tüchtig herumgeschaukelt
worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanäle, durch die
sie den Engpässen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Strömung
niederstürzend, lenken sie den schießenden Nachen.«

In den hydrographischen Beschreibungen der Länder werden meistens unter
den unbestimmten Benennungen: »_Saltos_, _Chorros_, _Pongos_,
_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chûtes_, _Rapides_;
Wasserfälle, Wasserstürze, Stromschnellen,« stürmische Bewegungen der
Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen
hervorgebracht werden. Zuweilen stürzt sich ein ganzer Fluß aus
bedeutender Höhe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt völlig
unterbrochen wird. Dahin gehört der prächtige Fall des Rio Tequendama, den
ich in meinen _Vues des Cordillères_ abgebildet habe; dahin die Fälle des
Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Höhe als durch die
Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindämme in
weiten Abständen hinter einander und bilden getrennte Wasserfälle; dahin
gehören die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die
_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom
zwischen dem Einfluß des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der höchste
und gefährlichste dieser Pongos, den man auf Flößen herunter fährt, der
bei Mayafi, ist übrigens nur drei Fuß hoch. Noch anderemale liegen kleine
Steindämme so nahe an einander, daß sie auf mehrere Meilen Erstreckung
eine ununterbrochene Reihe von Fällen und Strudeln, _Chorros_ und
_Remolinos_ bilden, und dieß nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_,
Stromschnellen. Dahin gehören die *Yellalas*, die Stromschnellen des
Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitän Tuckey kürzlich bekannt
gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb
Pella, und die vier Meilen langen Fälle des Missouri da, wo der Fluß aus
den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehören nun auch die Fälle von
Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen
Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmückt sind. In
allen Jahreszeiten gewähren sie den Anblick eigentlicher Wasserfälle und
hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, während
die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewässer
kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der
Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur
anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt verändert; Stromschnellen
dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit großen Bäumen besetzt
sind, machen eine Landschaft meilenweit schön. Zuweilen rührt die
stürmische Bewegung des Wassers nur daher, daß die Strombetten sehr
eingeengt sind. Dahin gehört die Angostura de Carare im Magdalenenfluß,
ein Engpaß, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Küste von
Carthagena Eintrag thut; dahin gehört der Pongo von Manseriche im obern
Amazonenstrom, den LA CONDAMINE für weit gefährlicher gehalten hat, als er
in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf muß, so oft er
im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat.

Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenflüsse des Amazonenstromes
oder Marañon haben Fälle oder Stromschnellen entweder in der Nähe ihres
Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke
ihres Laufs auf andere Berge stoßen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser
des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Mündung, mehr
als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen
ungemein großen Vortheil dem Umstand, daß er immer die gleiche Richtung
einhält. Er fließt von Ost nach West über eine weite Ebene, die gleichsam
ein Längenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem großen
brasilianischen Gebirgsstock bildet.

Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, daß die
Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man über eine Meile weit hört,
und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbäumen und
Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Länge schwerlich mehr
als 28 Fuß senkrechte Höhe haben. Bei näherer Ueberlegung zeigt es sich,
daß dieß für Stromschnellen viel ist. während es für einen einzelnen
Wasserfall sehr wenig wäre. Bei den Yellalas im Congofluß, in der
Einschnürung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der
Höhenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit
bedeutender; BARROW bemerkt aber, daß sich hier unter den vielen
Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fuß hoch ist. Andererseits
haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so
gefährlich ist, die Fälle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur
ein paar Fuß senkrechte Höhe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, weiß,
welche Wirkung in einem großen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat.
Das Toben des Wassers und die Wirbel werden überall keineswegs allein von
der Höhe der einzelnen Fälle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die
Fälle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendämme,
von den sogenannten _‘lames de réflexion’_ die in einander stoßen und über
einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der
Richtung der Gegenströmungen, von den Krümmungen und engen Stellen in den
Kanälen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn
bricht. Von zwei gleich breiten Flüssen kann der eine Fälle haben, die
nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefährlicher und
tobender.

Meine obige Angabe über die senkrechte Höhe der Raudales des Orinoco
lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl*
gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission
Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede
beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig,
wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt. Durch kleine
Unregelmäßigkeiten in der stündlichen Schwankung (Unregelmäßigkeiten, die
sich mehr auf das Maaß der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird
das Ergebniß zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte
ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben
Linie auffassen soll.

Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten
geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen
die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptsächlich, weil
viel Wasser in unterirdische Höhlungen versinkt. Dieser Verlust ist
übrigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die
Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einfluß des Rio Anaveni
davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, daß unter
den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Höhlungen liegen
müssen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein
Wasserfall heißen sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehörig
ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all
seinem Treibholz.

Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdämme, an denen sich
der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Fälle im Lauf der
Jahrhunderte nach Gestaltung und Höhe sich verändern werden. Ich bin nicht
sehr geneigt, dem Stoß des Wassers gegen Granitblöcke und dem Zerfressen
kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten
sich verengenden Löcher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei
so vielen Wasserfällen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung
des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe
gesehen, welche die Strömung am Boden der Trichter beständig herumwirbelt
und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des
Amazonenstroms sind leicht zerstörlich, da die Felsdämme nicht aus Granit
bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkörnigem Sandstein. Der
Pongo von Rentama stürzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das
Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flußbett ein
paar Stunden trocken, zur großen Verwunderung der Einwohner des Dorfes
Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestürzten Pongo. Die Indianer in
Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters
CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die
einzelnen Strömungen, in die der große Strom zerschlagen wird, ändern beim
Durchgang durch die aufgehäuften Granitblöcke ihre Richtung und werfen
bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die
Ursachen dieses Wechsels können den Katarakten sehr ferne liegen; denn in
den Flüssen, die auf der Erdoberfläche Leben verbreiten, wie die Adern in
den organischen Körpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort.
Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze
flüssige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben.

Ich weiß wohl, daß, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen
bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den
großartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett
die Wirkungen der Auswaschungen, überhaupt die gewaltigen Einflüsse des
strömenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die
Bildung der Thäler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren
befriedigend erklären zu können meinte. Diese Ansicht wird durch den
Augenschein keineswegs unterstützt. Wir stellen nicht in Abrede, daß die
Ströme, überhaupt fließende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in
secundäre Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausüben.
Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden
von Jahren an absoluter Höhe so wenig abgenommen, als der Gipfel des
Montblanc und des Canigou. Hat man die großen Naturscenerien in
verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung
gedrängt, daß jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten,
jene zerstreuten Blöcke, all die Spuren einer allgemeinen Umwälzung
Wirkungen außergewöhnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im
gegenwärtigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberfläche
thätig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom
Granit wegführt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten
Gestein zerstört, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann
nicht glauben, daß, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und
der Pyrenäen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Gründen am
Fuße der Gebirge aufhäufen. Im Nil wie im Orinoco können die
Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne daß die Felsdämme
merkbar anders werden. Die relative Höhe der Fälle kann durch die
Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen.

Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht über die anziehende
Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die übertriebenen
Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf
uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber
nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall übertragen haben, was sie
vom Hörensagen von den obern Fällen des Flusses in Nubien und Dongola
wußten, die zahlreicher und gefährlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze
des römischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im
Raume, wie in den Schöpfungen des menschlichen Geistes fangen die
phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhören.

Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionäre in
ihren Schriften sagen mögen, vom Tosen der großen Katarakte so wenig taub
als die Catadupen am Nil. Hört man das Getöse auf der Ebene bei der
Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Nähe einer felsigten
Meeresküste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal stärker
als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag
wohl diese Verstärkung des Schalls in einer Einöde rühren, wo sonst
nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die
Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der
Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwächer, wenn
ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch
Verdünnung der Luft; der Schall ist schwächer in hohen Luftregionen als in
tiefen, wo die Zahl der erschütterten Lufttheilchen in jedem Strahl größer
ist. Die Stärke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst
vermengter Luft gleich groß, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als
in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungssätzen
(und es sind die einzigen einigermaßen zuverläßigen) hält es schwer, eine
Erscheinung zu erklären, die man bei jedem Wasserfall in Europa
beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionären
und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um
drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit
bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter.
Wir haben aber eben gesehen, daß der hygroscopische Zustand der Luft aus
die Fortpflanzung des Schalls keinen Einfluß hat, und daß die Abkühlung
der Luft die Geschwindigkeit vermindert.

Man könnte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag
das Sumsen der Insekten, der Gesang der Vögel, das Rauschen des Laubs beim
leisesten Luftzug ein verworrenes Getöne hervor, das wir um so weniger
wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwährend zu unserem
Ohre dringt. Dieses Getöse, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings
einen stärkeren Schall schwächen, und diese Schwächung kann wegfallen,
wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Vögel, das Sumsen der Insekten
und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhören. Wäre aber diese
Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Wälder am
Orinoco, wo die Luft fortwährend von zahllosen Moskitoschwärmen erfüllt
ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit stärker ist als bei Tag,
wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht.

Ich bin vielmehr der Ansicht, daß, so lange die Sonne am Himmel steht, der
Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwächt wird, weil die Luftströme
von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphäre
in Folge der ungleichen Erwärmung der verschiedenen Bodenstücke,
Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit
gleichförmig vertheilten Dunstbläschen erfüllt, pflanzt sich die
Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von
kleinen Strömen wärmerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo
die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich
lokale Echos, die den Schall schwächen, weil eine der Wellen zurückläuft:
es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in jüngster Zeit von
POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung
wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, daß
durch die Ortsveränderung der im Luftstrome von unten nach oben
aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Strömungen ein
Stoß ausgeübt würde. Ein Stoß auf die Oberfläche einer Flüssigkeit bringt
Kreise um den Mittelpunkt der Erschütterung hervor, selbst wenn die
Flüssigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen können sich im
Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu
stören; kleine Bewegungen schieben sich übereinander, und die wahre
Ursache der geringeren Stärke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, daß
das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag ändert sich die
Dichtigkeit rasch überall, wo kleine Luftzüge von hoher Temperatur über
ungleich erwärmten Bodenstücken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich,
wie die Lichtstrahlen sich brechen, und überall, wo Luftschichten von
verschiedener Dichtigkeit sich berühren, tritt *Spiegelung* ein. Der
Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende
geschlossenen Röhre eine Schicht Wasserstoffgas über eine Schicht
atmosphärischer Luft aufsteigen läßt, und BIOT erklärt den Umstand, daß
ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die
Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, daß die Bläschen von
kohlensaurem Gas die Flüssigkeit ungleichförmig machen.

Für diese Ansichten könnte ich mich fast auf die Autorität eines
Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschätzig
behandeln, während die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als
Beobachter längst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Warum,« sagt
ARISTOTELES in seiner merkwürdigen Schrift von den _Problemen_, »hört man
bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist,
da die Wärme fehlt. Dadurch wird überhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne
ist es, die Alles bewegt.«(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre
Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die
Bewegung der Luft dem Stoß der kleinsten Theilchen derselben zu, was
vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich berührenden
Luftschichten zuzuschreiben seyn möchte.

Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in
weniger als sechs Stunden über die Stromschnellen geschafft worden und
liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*,
genannt. »Eure Pirogue wird nicht in Stücken gehen, weil ihr kein
Kaufmannsgut führt und der Mönch aus den Raudales mit euch reist,« so
hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der
Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geäußert. Es war ein
Schildkrötenölhändler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr
und eben kein Freund der Missionare war. »Die Fahrzeuge, die leicht
zerbrechen,« fuhr er fort, »sind die der *Catalonier*, die mit einem
Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung
des Präsidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben
wollen. Man läßt unsere Piroguen in den Raudales, die der Schlüssel sind
zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu
Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach
Carichana zurück und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben.«
Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Länder kann
ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht
beitreten. Der gegenwärtige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann,
die Plackereien, über welche die catalonischen Krämer klagen, sich zu
Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, weßhalb das Regiment in
den Missionen sogar in den spanischen Colonien so gründlich verhaßt ist?
Verläumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco
vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine
Ziege, kaum eine Kuh, während ihre Ordensbrüder, die Kapuziner in den
Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stücken besitzen. Der Groll der
arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der
Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen
Bemühungen, ihr Gebiet gegen die Weißen abzusperren, den Hindernissen, die
sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten empört sich
das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die
materiellen Lebensbedürfnisse Einfluß äußern, sondern auch wenn sich ein
Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmaßt, allein die
Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu
sagen zu civilisiren.

Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom
einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem
Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art würde
allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich muß aber hier zur
Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwähnen, daß sie keine Diebe sind, wie
die lange nicht so rohen Bewohner der Südseeinseln. Jene haben große
Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Eßwaaren, Fischangeln
und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures weiß man nichts von
Schlössern an den Thüren; sie werden eingeführt werden, sobald Weiße und
Mischlinge sich in den Missionen niederlassen.

Die Indianer in Atures sind gutmüthig, leidenschaftslos, Dank ihrer
Trägheit an die größten Entbehrungen gewöhnt Die Jesuiten früher trieben
sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die
Patres bauten Mais, Bohnen und andere europäische Gemüse; sie pflanzten um
das Dorf her sogar süße Orangen und Tamarinden, sie besaßen in den
Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreißigtausend Pferde und
Stücke Rindvieh. Sie hielten für die Heerden eine Menge Sklaven und
Knechte (_peones_). Gegenwärtig wird nichts gebaut als etwas Manioc und
Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, daß ich in Atures an einem
einzigen Pisangbüschel 108 Früchte zählte, deren 4--5 fast zur täglichen
Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gänzlich
vernachläßigt, Rosse und Kühe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal
heißt noch *Passo del ganado* (Viehfurth), während die Nachkommen der
Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegründet, vom Hornvieh wie
von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den
Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die
letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwärtig diese weiten
Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten.
Während eines achtzehnjährigen Interregnums wurden die Missionen nur von
Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen königlicher
Commissäre verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Höfe
der Jesuiten, aber schändlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Häute
zu verkaufen, viele jüngere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch
viel mehr gingen an den Bissen der Fledermäuse zu Grunde, die an den
Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der
Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San
Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgeführt, weil die Portugiesen dort
Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom
und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der
Jesuiten gänzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des früheren
Anbaus dieser Länder und der wirthschaftlichen Thätigkeit der ersten
Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Bäumen
einen Orangen- oder Tamarindenstamm.

Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefährlich sind als die
Fledermäuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern
die Schweine. Der Missionär erzählte uns ein auffallendes Beispiel von der
Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer
Ankunft hatte ein Jaguar, den man für ein junges Thier hielt, obgleich er
groß war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag
sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und
Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die für die Sittengeschichte der
Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis
neun Jahren, ein Knabe und ein Mädchen, saßen bei Atures mitten in einer
Savane, über die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags,
da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend
umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit
gekrümmtem Rücken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere
Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und
wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlägt.
Erst schlägt er sachte, dann immer stärker; die Krallen verwunden das Kind
und es blutet stark. Da nimmt das kleine Mädchen einen Baumzweig, schlägt
das Thier, und dieses läuft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder
kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an
keine Gegenwehr dachte, in Sprüngen sich davon machen.

Man führte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die
Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und
eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese
muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu
zähmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man
auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer
gespielt, wie unsere Katzen mit Vögeln mit beschnittenen Flügeln spielen,
wie soll man es sich erklären, daß ein großer Jaguar so duldsam ist, daß
er vor einem kleinen Mädchen davonläuft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht
her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Haß der
Thiere ist manches Geheimnißvolle. Wir haben gesehen, wie Löwen drei, vier
Hunde, die man in ihren Käfigt setzte, umbrachten und einen fünften, der
weniger furchtsam den König der Thiere an der Mähne packte, vom ersten
Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeußerungen jenes Instinkts, der
dem Menschen ein Räthsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr für
sich einnähme, je zutraulicher er ist.

Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen
werden. Außer den gemeinen Schweinen von europäischer Race gibt es in
diesen Ländern verschiedene Arten von Pecaris mit Drüsen an den Leisten,
von denen nur zwei den europäischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer
nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch
_Chacharo_; _Apida_ aber heißt bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel
haben soll und größer, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch
entlang weiß ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm
wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch
nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und
dem der Wiederkäuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere
Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stücken. Man hört es schon
von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen,
rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie
ungestüm das Gebüsch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim
Botanisiren sein indianischer Führer zu, er solle sich hinter einen Baum
verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del
monte_) ganz nahe an sich vorüberkommen. Der Rudel zog in dicht gedrängten
Reihen, die männlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen
hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes
Fleisch; sie werden übrigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit
kleinen an Stricke gebundenen Spießen erlegen. Man versicherte uns in
Atures, der Tiger fürchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von
Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrückt zu werden,
auf einen Baum zu flüchten. Ist das nun eine Jägergeschichte oder eine
wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, daß in manchen Ländern von
Amerika die Jäger an die Existenz eines _‘Javali’_ oder einheimischen
Ebers mit nach außen gekrümmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen
gesehen, die amerikanischen Missionäre führen ihn aber in ihren Schriften
auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthält neben
den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen.

Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden
wir eine neue Art aus der Sippe der *Saïs* oder *Sajous*, von den
Hispano-Amerikanern gewöhnlich _‘Machis’_ genannt. Es ist dieß der
*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und bläulichem
Gesicht. Augenränder und Stirne sind schneeweiß, und dadurch unterscheidet
er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_,
_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis
jetzt so große Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmüthig
als häßlich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und
blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, während es auf den
Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Rücken einer großen Katze,
die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war.

In den Katarakten hörten wir auch zum erstenmal von dem behaarten
Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entführt,
Hütten baut und zuweilen Menschenfleisch frißt. Die Tamanacas nennen ihn
_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den großen Teufel. Die Eingeborenen
und die Missionäre zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenähnlichen
Affen, vor dem sie sich sehr fürchten. Pater GILI erzählt in vollem Ernst
eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem
Waldmenschen wegen seiner Gutmüthigkeit und Zuvorkommenheit das beste
Zeugniß gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und ließ sich von
Jägern nur deßhalb wieder in den Schooß ihrer Familie bringen, »weil sie,
nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der
heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte.« Bei aller
Leichtgläubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer
auftreiben können, der ausdrücklich gesagt hätte, er habe den *Salvaje*
mit eigenen Augen gesehen. Dieses Mährchen, das ohne Zweifel von den
Missionären, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit
verschiedenen Zügen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko
oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fünf Jahre lang
in der nördlichen wie in der südlichen Halbkugel verfolgt, und überall,
selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es übel, daß wir allein uns
herausnahmen, daran zu zweifeln, daß es in Amerika einen großen
menschenähnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunächst, daß in gewissen
Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so
namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den
Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am.
Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen
Orten kann man hören, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fußstapfen,
denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen
Continent einen Affen von ansehnlicher Größe, wie kommt es, daß sich seit
dreihundert Jahren kein glaubwürdiger Mann das Fell desselben hat
verschaffen können? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anlaß
gegeben haben mag, darüber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen.
Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_],
dessen Hundszähne über sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel
menschenähnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart
mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Mährchen vom Salvaje
veranlaßt haben? Allerdings ist er nicht so groß als der Coaïta (_Simia
paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm
sieht, könnte man ihn leicht für ein menschliches Wesen halten. Es wäre
auch möglich (und dieß scheint mir das wahrscheinlichste), daß der
Waldmensch einer der großen Bären ist, deren Fußspur der menschlichen
ähnlich ist und von denen man in allen Ländern glaubt, daß sie Weiber
anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fuß der Berge von Merida
geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der
Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Bär mit
schwarzem, glänzendem Pelz. Unser Reisegefährte Don Nicolas Sotto hat
denselben näher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem
Sohlengänger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rückwärts ginge,
sollte sie etwa daher rühren, daß die wahren wilden Waldmenschen, die
schwächsten, furchtsamsten Indianerstämme, den Brauch haben, wenn sie in
den Wald oder über einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu
machen, daß sie ihre Fußstapfen mit Sand bedecken oder rückwärts gehen?

Ich habe angegeben, weßhalb zu bezweifeln ist, daß es eine unbekannte
große Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhänder aus der
Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen.
Es ist aber nicht zu vergessen, daß jeder, auch der abgeschmackteste
Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefaßten Naturverhältnissen
beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschätzung ab, so
kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Fährte einer
Entdeckung verlieren. Wir erklären daher auch keineswegs mit einem
spanischen Schriftsteller das Mährchen vom Waldmenschen für eine pfiffige
Erfindung der indianischen Weiber, die entführt worden seyn wollen, wenn
sie hinter ihren Männern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die
Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen
hinsichtlich des Salvaje oder großen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu
ermitteln, ob eine unbekannte Bärenart oder ein sehr seltener, der _Simia
chiropotes_ oder _Simia Satanas_ ähnlicher Affe so seltsame Mährchen
veranlaßt haben mag.

Nach zweitägigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh,
unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu können, wo der
Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der
Hitze, die uns drückte, kam uns die Temperatur noch weit höher vor. Wenn
die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig übereinstimmten, so
rührte dieß vom beständigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von
giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heißer vor, als
sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet,
wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 78°2;
bei Nacht, im Maximum, 81°5. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als
die mittlere Feuchtigkeit an der Küste von Cumana, aber um 10 Grad stärker
als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die
Wasserfälle und die dichten Wälder steigern die Menge des in der Luft
enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag über wurden wir von den Moskitos und
den *Jejen*, kleinen giftigen Mücken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar
geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer großen Schnakenart, vor denen
sich selbst die Eingeborenen fürchten. Unsere Hände fingen an stark zu
schwellen und die Geschwulst nahm täglich zu, bis wir an die Ufer des Temi
kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht,
sind sehr merkwürdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben
unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf
einem Gerüste von Palmstämmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier
athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere
Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionär hatte
die richtige Beobachtung gemacht, daß die Insekten in der tiefsten
Luftschicht am Boden, 15--20 Fuß hoch, am häufigsten sind. In Maypures
gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln
mitten in den Wasserfällen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos
eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden
wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch
weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwärts
fährt.

Wer die großen Ströme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den
Magdalenenfluß nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne
Unterlaß, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft
schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite
Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewöhnt seyn
mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der
Gegenstand, den man eben beobachtet, beschäftigen mag, unvermeidlich wird
man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und
*Tempraneros* einem Hände und Gesicht bedecken, einen mit ihrem
Saugrüssel, der in einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durch
stechen, und in Nase und Mund kriechen, so daß man husten und nießen muß,
sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen
von unermeßlichen Wäldern umgebenen Dörfern am Stromufer, ist aber auch
die _plaga de los moscos_ ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung.
Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: »_Que le han
parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht
gefunden?« -- »_Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den
Moskitos?« Diese Fragen erinnern an eine chinesische Höflichkeitsformel,
die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden
seyn mag, zurückweist. Man begrüßte sich früher im himmlischen Reich mit
den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt
worden?« Wir werden bald sehen, daß am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom,
besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem
Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze
wäre.

Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten
aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwürdige
Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloß von der Hitze,
der großen Feuchtigkeit und den dichten Wäldern abzuhängen, sondern auch
von schwer zu ermittelnden örtlichen Verhältnissen. Vorab ist zu bemerken,
daß die Plage der Moskitos und Zancudos in der heißen Zone nicht so
allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400
Toisen über dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den
großen Strömen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend
mehr Schnaken als in dem am stärksten bevölkerten Theile Europas. In Nueva
Barcelona dagegen und weiter westwärts an der Küste, die gegen Cap Codera
läuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote
und der Mündung des Rio Unare haben die unglücklichen Einwohner den
Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief
in den Sand zu begraben, so daß nur der Kopf frei bleibt, den sie mit
einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, daß es leicht
zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter
und von Cabruta gegen Uruana hinauffährt, zwischen dem siebenten und
achten Grad der Breite. Aber über dem Einfluß des Rio Arauca, wenn man
durch den Engpaß beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von
nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus
DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als hätte er die _‘Città
dolente’_ betreten, als ständen an den Felswänden beim Baraguan die
merkwürdigen Verse aus dem dritten Buch der Hölle geschrieben:

_ Noi sem venuti al luogo, ov’i’t’ho detto _
_ Che tu vedrai le genti dolorose. _
[_Inferno_. C. III. 16.]

Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fuß Höhe sind mit
giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefüllt. Stellt man sich
an einen dunkeln Ort, z. B. in die Höhlen, die in den Katarakten durch die
aufgethürmten Granitblöcke gebildet werden, und blickt man gegen die von
der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr
oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen
und taktmäßigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der
Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in
Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures
erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, daß es ein Land
auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier
in der Regenzeit. Kommt man über den fünften Breitegrad hinaus, wird man
etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche
schmerzlicher, weil bei der Hitze und der völligen Windstille die Luft
glühender ist und die Haut, wo sie dieselbe berührt, mehr reizt.

»Wie gut muß im Mond wohnen seyn!« sagte ein Saliva-Indianer zu Pater
Gumilla. »Er ist so schön und hell, daß es dort gewiß keine Moskitos
gibt.« Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehören, sind sehr
merkwürdig. Ueberall ist der Trabant der Erde für den wilden Amerikaner
der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, für den
eine Planke, ein Baumstamm, den die Strömung an eine pflanzenlose Küste
geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer
in den Wäldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie
von Moskitos gestochen werden.

Weiterhin gegen Süd, wo das System der braungelben Gewässer beginnt,
gemeinhin _‘schwarze Wasser’_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des
Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich
hätte bald gesagt eines Glücks, wie wir es gar nicht erwartet hatten.
Diese Flüsse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Wälder; aber die
Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _‘schwarzen Wassern’_
ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulä und Schnaken,
die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewässern,
die ein wenig kühler sind als die weißen und sich chemisch anders
verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flüsse, deren Wasser entweder
dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine
Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, daß es über _‘schwarzem
Wasser’_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flüssen wimmelt es davon, und
selbst die Indianer machten uns auf die räthselhafte Erscheinung
aufmerksam und ließen uns über deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren
auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Dörfern Maroa, Davipe und San
Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer
Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir
in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am östlichen Ende des obern
Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die
Moskitowolken fast so dick wie bei den großen Katarakten. In Mandavaca
fanden wir einen alten Missionär, der mit jammervoller Miene gegen uns
äußerte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rücken* (_ya tengo
mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu
betrachten, damit wir eines Tags _‘por alla’_ (über dem Meer) davon zu
sagen wüßten, was die armen Missionäre in den Wäldern am Cassiquiare
auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt
zurückläßt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, daß man vor Flecken
geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der
*weißes Wasser* hat, wimmelt es von Mücken aus der Gattung _Simulium_,
aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehörig, sind desto seltener;
man sieht fast keine, während auf den Flüssen mit schwarzem Wasser meist
einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben
bemerkt, daß wenn bei den kleinen Revolutionen im Schooße des Ordens der
Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rächen will, er
ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere
Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*.

Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, daß in diesem
Labyrinth weißer und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der
giftigen Insekten eine sehr ungleichförmige ist. Es wäre zu wünschen, daß
ein tüchtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede
dieser bösartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heißen Zone
eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten könnte.
Sehr merkwürdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionären wohl
bekannt ist, daß die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und
daß man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten
gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven
Ausdruck der Missionäre, andere Insekten »auf die Wache ziehen,« hat man
ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen
Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle.
Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fünf Uhr Abends wimmelt die Luft von
Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist,
unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Mücke gleichen. Es
sind dieß Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach
LATREILLEs System. Ihr Stich hinterläßt einen kleinen braunrothen Punkt,
weil da, wo der Rüssel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und
geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von
einer kleinen Schnakenart abgelöst, _‘Tempraneros’_(41) genannt, weil sie
sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und
verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier
sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fühlt
man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr
langen Füßen. Der Zancudo, dessen Rüssel eine stechende Saugröhre enthält,
verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche
folgt, hält mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer
europäischen Schnaken, nur ist es stärker und anhaltender. Die Indianer
wollen *Zancudos* und *Tempraneros* »am Gesang« unterscheiden können;
letztere sind wahre Dämmerungsinsekten, während die Zancudos meist
*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden.

Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die
Beobachtung, daß zwischen Mompox und Honda im Thal des großen
Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht
die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden
lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll
Heißhunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von
Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen müde? Am Orinoco
sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, während man auf dem
Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von
Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Flüsse
verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art
vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern?

Wir haben gesehen, daß die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres
Auftretens und Verschwindens überall einen gewissen Typus befolgen. In
derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhält die Luft zu
bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevölkerung;
und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles
mit so bewundernswürdiger Regelmäßigkeit auf einander folgt, könnte man
beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des
Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zurückläßt, wieder anders schmerzen,
Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist.

Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft
war, warf man häufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen
zusammen. In Japan, auf dem Rücken der Anden und an der Magellanschen
Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten
und Schnaken des nördlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente,
berühmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heißen Zone sey die
Schnake unserer Sümpfe, nur kräftiger, gefräßiger, schädlicher in Folge
des heißen Klimas; dieß ist aber ein großer Irrthum. Ich habe die
Zancudos, von denen man am ärgsten gequält wird, an Ort und Stelle
sorgfältig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenfluß und im Guayaquil
gibt es allein fünf ganz verschiedene Arten.

Die *Culex*arten in Südamerika sind meist geflügelt, Bruststück und Füße
sind blau, geringelt, mit metallisch glänzenden Flecken und daher
schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Männchen, die sich durch ihre
gefiederten Fühlhörner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur
von Weibchen gestochen. Aus dem großen Uebergewicht dieses Geschlechts
erklärt sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere
hundert Eier legt. Fährt man einen der großen amerikanischen Ströme
hinauf, so bemerkt man, daß sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart
schließen läßt, daß bald wieder ein Nebenfluß hereinkommt. Ich führe ein
Beispiel dieser merkwürdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen
Heimath der Caño Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms
nur bis auf eine Meile nördlich vom Zusammenfluß der beiden Gewässer an;
derselbe geht den großen Strom hinauf, aber nicht hinab; in ähnlicher
Weise verkündigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in
der Gangmasse dem Bergmann die Nähe eines secundären Ganges, der sich mit
jenem verbindet.

Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir,
daß unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der
Cordilleren(43) nicht in die gemäßigte Region hinausgehen, wo die mittlere
Temperatur weniger als 19--20 Grad beträgt;(44) daß sie mit wenigen
Ausnahmen die *schwarzen Gewässer* und trockene, baumlose Landstriche
meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern,
weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter
kahler Uferstrich zwischen dem Fluß und dem Waldsaum liegt. Mit dem
Seichterwerden der Gewässer und der Ausrodung der Wälder nehmen die
Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren
Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Städte
Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den
Straßen, den Plätzen und in den Höfen der Häuser das Buschwerk wuchern
läßt, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen.

Alle im Lande Geborenen, Weiße, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom
Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes
nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht,
sich in Ländern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn
anders durch Lage und Regierungsweise die Verhältnisse für Handel und
Gewerbfleiß günstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga,
del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses beständigen
Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die
Handelsstädte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewöhnt
man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, daß
die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem
hyperbolischen Ausdruck der Mönche, »mehr Mücken als Luft« gibt (_mas
moscas que ayre_), unzweifelhaft blühende Städte würden, wenn der Orinoco
den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewährte,
wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt,
nimmt zwar die Bevölkerung langsamer zu, aber gänzlicher Stillstand tritt
deßhalb doch nicht ein; die Weißen lassen sich aus diesem Grunde nur da
nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhältnissen des
Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht.

Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwürdigen Umstandes Erwähnung
gethan, daß die in der heißen Zone geborenen Weißen barfuß ungestraft in
demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europäer
Gefahr läuft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandflöhe (_Pulex penetrans_) zu
bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehennägel
ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am
Bauche des Insekts liegenden Eier, so groß wie eine kleine Erbse. Die
*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht
vermöchte, Zellgewebe und Blut eines Europäers von dem eines weißen
Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darüber an den
Küsten von Südamerika hört, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut
an wie die Europäer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden
Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Flüssigkeit, in die Haut eines
kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch
angekommenen Weißen gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst
hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzündete Beulen, die mehrere
Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die
Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr
oder weniger reizbar sind.

Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, daß die
Indianer, überhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weißen Schmerz
empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst
während des Ruderns, schlagen sich die Indianer beständig mit der flachen
Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf
schlagen sie, ungestüm in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre
Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das
persische Mährchen vom Bären, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der
Stirne seines schlafenden Herrn todtschlägt. Bei Maypures sahen wir junge
Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander
grausam den Rücken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die
kupfersarbige Race fähig ist, waren indianische Weiber beschäftigt, mit
einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden
Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der
barbarischsten Völker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der
_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben
werden. Wir haben oben gesehen, daß die Farbigen in Higuerote an der Küste
von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Dörfern am
Magdalenenfluß forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der
Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhäute zu legen. Man hatte daselbst
alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Nähe desselben
findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und
am Cassiquiare sahen, daß Bonpland wegen der unaufhörlichen Moskitoplage
seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre
_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heißen kleine Gemächer ohne Thüre und
Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche
kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch
gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschließt dann die Oeffnung des
Ofens. Daß man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer;
denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen
beleuchtet, wird es entsetzlich heiß darin. Bonpland hat mit einem Muth
und einer Geduld, die das höchste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in
diesen Hornitos der Indianer getrocknet.

Die Mühe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern,
beweist hinlänglich, daß der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen
Organisation seiner Haut, für die Mückenstiche empfindlich ist, so gut wie
der Weiße; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz
nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge,
die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der
Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand
versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen
Amerika geborenen Weißen und die Europäer, die sehr lange in den Missionen
in der Nähe der Wälder und an den großen Flüssen gelebt, haben weit mehr
zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene
Europäer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die
Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhält, mehr
oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht deßhalb weniger
Geschwulst und Entzündung ein, weil ihre Haut eigenthümlich organisirt
ist; vielmehr hängen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des
Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr
warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getränke, durch das Kratzen
an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf
meiner eigenen Erfahrung, durch zu häufiges Baden. An Orten, wo man in den
Fluß kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die
Erfahrung, daß das Baden, wenn man es übertreibt, zwar den Schmerz der
alten Schnakenstiche linderte, aber uns für neue Stiche weit empfindlicher
machte. Badet man mehr als zweimal täglich, so versetzt man die Haut in
einen Zustand nervöser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen
Begriff machen kann. Es ist einem, als zöge sich alle Empfindung in die
Hautdecken.

Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser
zubringen, so ist es nicht zu verwundern, daß in den von großen Flüssen
durchzogenen Wäldern diese bösartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg,
desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten
aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie
ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewöhnen sich auch die
wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den
Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage
auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen.
Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die
Wälder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich
Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In
Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der
schönen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so
könnten sie freier athmen und fänden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die
Mückenwolke -- so sagen die Mönche -- schwebt nur über dem Orinoco und
seinen Nebenflüssen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von
den Flüssen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von
Guyana und Brasilien, wenn man den großen, 400 Meilen breiten Wald
zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den
Flußthälern beurtheilte, die dadurch hinziehen.

Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern
von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten.
Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten
erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem
Magdalenenfluß erfuhren wir, in Simiti habe man früher keine andere
Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen
kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die große Schnake mit
blauen Flügeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, daß
die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe
verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanälen (_esteros_) auf der Insel
Baru bei Carthagena lebt eine kleine weißlichte Mücke, *Cafasi* genannt.
Sie ist mit dem bloßen Auge kaum sichtbar und verursacht doch äußerst
schmerzhafte Geschwülste. Man muß die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die
als Mückennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den
gekreuzten Fäden durchschlüpfen kann. Dieses zum Glück sonst ziemlich
seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis
Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Mücken der
Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr.

Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Mücken-
und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem
schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugrüssel ergießen, Einfluß zu
äußern. Am Orinoco sind die lästigsten oder, wie die Creolen sagen, die
wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den großen Katarakten, in
Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_
besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefürchtet. Er ist dort
größer und stärker und seine Beine sind schwärzer. Man kann sich des
Lächelns nicht enthalten, wenn man die Missionäre über Größe und
Gefräßigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses
streiten hört. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht weiß, was in der
übrigen Welt vorgeht, ist dieß das Lieblingsthema der Unterhaltung. »Wie
sehr bedaure ich Euch!« sagte beim Abschied der Missionär aus den Raudales
zu dem am Cassiquiare. »Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der
Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heißer ist es
auch; was aber meine Mücken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich
rühmen, daß ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage.«

Diese Gefräßigkeit der Insekten an gewißen Orten, diese Blutgier, womit
sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei
derselben Art sind sehr merkwürdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen
jedoch andere aus den Classen der großen Thiere zur Seite. In Angostura
greift das Krokodil den Menschen an, während man in Nueva Barcelona im Rio
Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die
Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig
denen am obern Orinoco gegenüber. Die Indianer wissen recht gut, daß die
Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zähmen sind, während Individuen
derselben Art, die man anderswo fängt, lieber Hungers sterben, als sich in
die Gefangenschaft ergeben.

Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und
der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in
Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in
den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfällt, ganz und
gar. Am Magdalenenfluß findet man die vielen Moskitos lästig, aber sie
gelten für sehr gesund. »Diese Thiere,« sagen die Leute, »machen uns
kleine Aderläßen und schützen uns in einem so furchtbar heißen Land vor
dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzündlichen
Krankheiten.« Am Orinoco, dessen Ufer höchst ungesund sind, schreiben die
Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. »Diese Insekten entstehen aus
der Fäulniß und vermehren sie; sie entzünden das Blut (_vician y incienden
la sangre_).« Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch örtliche
Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in
Europa wissen die Bewohner sumpfigter Länder gar wohl, daß die Insekten
das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen,
die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzündliche
Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert.

Die Menge der Schnaken und Mücken deutet nur insofern auf die Ungesundheit
einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von
denselben Ursachen abhängen, aus denen Miasmen entstehen. Diese lästigen
Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes
Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend
suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht,
Wärmestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitäten Vorschub
leistet und damit die Fäulniß organischer Substanzen beschleunigt. Tragen
die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, daß bis
auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfuß Luft häufig eine Million geflügelter
Insekten(46) enthalten ist, die eine ätzende, giftige Flüssigkeit bei sich
führen; daß mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststücks (die
Füße ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich daß in dem Schnaken- und
Mückenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfüllt, sich eine Menge todter
Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch
seitliche, durch die ungleiche Erwärmung des Bodens erzeugte Ströme
fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhäufung von
thierischen Stoffen in der Luft nicht zur örtlichen Bildung von Miasmen
Anlaß geben muß? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft
als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine
Behauptung aufzustellen. Von den vielen Räthseln, welche das Ungesundseyn
der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines gelöst; sie hat uns nur
soviel gelehrt, daß wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fünfzehn
Jahren Dank den sinnreichen Träumen der alten Eudiometrie zu wissen
meinten.

Nicht so ungewiß und fast durch tägliche Erfahrung bestätigt ist der
Umstand, daß am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, überall wo die Luft
sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur
Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den
Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der beständige Hautreiz fieberhafte
Aufregung und schwächt, in Folge des schon so frühe erkannten Antagonismus
zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens.
Man fängt an schwer zu verdauen, die Entzündung der Haut veranlaßt profuse
Schweiße, den Durst kann man nicht löschen, und auf die beständig
zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine
geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr
heftig einwirken. Gegenwärtig sind es nicht mehr die Gefahren der
Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die
Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf
dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdrücken,
_el sudar y las moscas_ (der Schweiß und die Mücken). Es ist zu hoffen,
daß der Mensch, indem er die Bodenfläche umgestaltet, damit auch die
Beschaffenheit der Luft allmälig umändert. Die Insekten werden sich
vermindern, wenn einmal die alten Bäume im Wald verschwunden sind und man
in diesen öden Ländern die Stromufer mit Dörfern besetzt, die Ebenen mit
Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht.

Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Ländern gelebt hat, wird gleich
uns die Erfahrung gemacht haben, daß es gegen die Insektenplage kein
Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkrötenfett
beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand
auf Schultern, Rücken und Beine, ungefähr wie wenn sie gar nicht *bemalt*
wären. Es ist überhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung
verschafft; soviel ist aber gewiß, daß es nicht schützt. Die Europäer, die
eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio
Chagre kommen (ich nenne hier die vier Flüsse, wo die Insekten am
furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Hände; bald aber
fühlen sie eine unerträgliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts
thun können, drückt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Hände
frei. Wer bei der Flußschifffahrt auf jede Beschäftigung verzichten
wollte, könnte aus Europa eine eigens verfertigte, sackförmige Kleidung
mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden
aufmachte; der Sack müßte durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine
bloße Maske und Handschuhe wären nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf
Häuten oder in Hängematten lagen, hätten wir uns auf dem Orinoco der
Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen können. Der Toldo leistet nur dann
gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet,
daß auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake
schlüpfen könnte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfüllen, und gelingt
es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo
man mit einiger Bequemlichkeit reist), so muß man, um nicht vor Hitze zu
ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein
schwacher Wind, Rauch, starke Gerüche helfen an Orten, wo die Insekten
sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Fälschlich behauptet
man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthümlichen Geruch, den das
Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda
wurden wir jämmerlich zerstochen, während wir ein eilf Fuß langes Krokodil
zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den
Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei,
so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie,
wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen
Entladungen keine Regengüsse folgen.

Alles was um Kopf und Hände flattert, hilft die Insekten verscheuchen. »Je
mehr ihr euch rührt, desto weniger werdet ihr gestochen,« sagen die
Missionäre. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er
dann einmal Vertrauen gefaßt, hat er einmal angefangen, seinen Saugrüssel
einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Flügel berühren,
ohne daß er sich verscheuchen läßt. Er streckt während dessen seine beiden
Hinterfüße in die Luft, und läßt man ihn ungestört sich satt saugen, so
bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen
Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an
uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Flüssigkeit
erst im Augenblick ergießt, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob
es die Flüssigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen läßt, soviel es
will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn hält man
dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handrücken hin, so ist der Schmerz
anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt
fortsaugt, und hört ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich
habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit
zerdrückten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber
keine Geschwulst darauf. Die reizende Flüssigkeit der _Diptera Nemocera_
die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine
Säure verhält, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in
eigenen Drüsen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verdünnt und
damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrückten Thiere
reibt.

Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf
unsern Reisen über Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher
von der Naturforschung auffallend vernachlässigt wurden, obgleich sie auf
das Wohl der Bevölkerung, die Gesundheit der Länder und die Gründung neuer
Colonien an den Strömen des tropischen Amerika von bedeutendem Einfluß
sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich diesen Gegenstand mit
einer Umständlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen könnte,
fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen
Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Großen stark angeregt,
und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir
haben gesehen, wie geflügelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem
Saugrüssel eine die Haut reizende Flüssigkeit bergen, große Länder fast
unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten
(_Comejen_), setzen in mehreren heißen und gemäßigten Ländern des
tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende
Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe,
Pergament; sie zerstören Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von
spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt
wäre. Wie soll sich die Cultur bei den Völkern entwickeln, wenn nichts
Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, wenn man die Niederlagen
menschlicher Kenntnisse öfters erneuern muß, wenn die geistige
Errungenschaft der Nachwelt nicht überliefert werden kann?

Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr
schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft,
und die Insekten stören nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann
man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefährlichen
Termiten. In 200 Toisen Meereshöhe fürchtet man die Mücken nicht mehr; die
Termiten sind in 300 Toisen Höhe noch sehr häufig, aber in Mexico, Santa
Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen großen
Hauptstädten auf dem Rücken der Cordilleren findet man Bibliotheken und
Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner täglich
vermehren. Zu diesen Verhältnissen, die ich hier nur flüchtig berühre,
kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht über die
niedern Regionen des heißen Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten
Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwälzungen, die der
Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den
Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so läßt sich noch weit
bestimmter annehmen, daß diese Berge, die Wiege so vieler und so
verschiedener Völker, in der heißen Zone für alle Zeit der Mittelpunkt der
Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemäßigten Hochebenen,
von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklärung und der Segen
gesellschaftlicher Einrichtungen über die unermeßlichen Wälder am Fuße der
Anden verbreiten, die jetzt noch von Stämmen bewohnt sind, welche eben die
Fülle der Natur in Trägheit niedergehalten hat.

                            ------------------



   25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_.

   26 Schwimmende Gärten.

   27 Diese Landenge, von der schon öfters die Rede war, wird von den
      Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der
      Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379.

_   28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage,
      Bd. 1. S. 249.

   29 Eine große Reiherart.

   30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132.

*   31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden
      ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz,
      Portage.

_   32 Nat. Quaest._ IV. c. 2.

   33 Der *Chellal* zwischen Philä und Syene hat zehn Staffeln, die
      zusammen einen 5 bis 7 Fuß hohen Fall bilden, je nach dem tiefen
      oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang.

   34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als
      genau erscheint. Nach ihm hätte seit dem ersten Jahrhundert vor
      unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen
      und seine Richtung sich verändert. Damals ging man den Chellal auf
      beiden Seiten hinauf, gegenwärtig ist nur auf Einer Seite eine
      Wasserstraße; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar
      geworden.

   35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den großen Katarakten
      des östlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die über
      200 Fuß hoch sind?

_   36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Philä*
      findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens)
      wieder.

   37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß, so mangelhaft noch die
      Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich
      mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern
      Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de
      musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_),
      im fünften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklärung
      der Verstärkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der
      Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des
      PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgespräche_, Buch VIII. Frage 3), welche
      die angeführte des Aristoteles unterstützt. -- Boethus, der erste
      der Disputirenden, behauptet, die Kälte bei Nacht ziehe die Luft
      zusammen und verdichte sie, und man höre den Schall bei Tag nicht so
      gut, weil dann weniger Zwischenräume zwischen den Atomen seyen. Der
      zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Räume, wie
      Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde
      von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt;
      man höre bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein
      herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Geräusch verursachen;
      des Nachts aber höre diese Bewegung auf und folglich auch das damit
      verbundene Geräusch. Boethus versichert, daß er keineswegs
      Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten
      Theile müsse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das
      Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die
      Luft macht den Körper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also
      ruhig und beständig, so läßt sie auch die Theile und Schwingungen
      des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderniß fortgehen und
      befördert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle günstig,
      Erschütterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft
      verhindert, daß von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Töne
      zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und
      vielfachen ihnen etwas zuzuführen pflegt. Die Sonne, dieser große
      und mächtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten
      Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und
      belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung;
      Humboldt hat die alte französische Uebersetzung des Amyot
      ausgezogen. Anm. des Herausgebers).

   38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenfluß einen Eber mit
      gekrümmten Hauern und Längsstreifen auf dem Rücken geschossen.
      Sollte es dort verwilderte europäische Schweine gehen?

   39 Im Gesammtausdruck der Züge, nicht der Stirne nach.

_   40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine
      Mücke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen
      spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet »Langfuß,« _qui
      tiene las zancas largas_.

   41 »Die früh auf sind,« _temprano_.

   42 Durch die ausnehmende Regelmäßigkeit im stündlichen Wechsel des
      Luftdrucks.

   43 Der europäische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie
      die Culexarten der heißen Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in
      Grönland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland
      kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshöhe bei einer
      mittleren Temperatur von 11--12° vor.

   44 Weniger als 15°,2 und 16° Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur
      von Montpellier und Rom.

   45 Diese Gefräßigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst
      von Pflanzensäften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat
      allerdings etwas Auffallendes. »Was fräßen die Thiere, wenn wir
      nicht hier vorüberkämen?« sagen oft die Creolen auf dem Wege durch
      ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und
      behaarte Affen gibt.

   46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, daß der
      Cubikfuß 2,985,984 Cubiklinien enthält.



EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


        Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von
        Quittuna. -- Der Einfluß des Vichada und Zama. -- Der Fels
                          Aricagua. -- Siquita.


Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von
Atures, dem Einfluß des Rio Cataniapo gegenüber; wir brachen dahin auf.
Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze führt, sahen wir den Pic
Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine über dem Horizont der Ebenen
aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fuß dieser Gebirge
umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom
Fluß die Felsen bei der Höhle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit,
diese Grabstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir
bedauerten dieß um so mehr, da Pater Zea nicht müde wurde, uns von den mit
Onoto bemalten Skeletten in der Höhle, von den großen Gefäßen aus
gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen
scheinen, und von vielen andern merkwürdigen Dingen zu erzählen, so daß
wir uns vornahmen, dieselben auf der Rückreise vom Rio Negro in
Augenschein zu nehmen. »Sie werden es kaum glauben,« sagte der Missionär,
»daß diese Gerippe, diese bemalten Töpfe, diese Dinge, von denen wir
meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem
Missionär von Carichana, Unglück gebracht haben. Sie haben gesehen, wie
elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht
einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem
Lande gefunden. Ein Weißer, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem
Apure lebt, hat kürzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht,
ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionär von Carichana gefunden,
unter den Gräbern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in
Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewußt, daß die Gesellschaft werde
aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefäße bei
Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada
an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den
Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner
Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas führte beim
Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persönlich zu
erscheinen. Wir mußten ganz umsonst eine Reise von hundert fünfzig Meilen
machen, und es half nichts, daß wir erklärten, wir haben in den Höhlen
nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermäuse;
man ernannte mit großer Wichtigkeit Commissäre, die sich hieher begeben
und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten
vorhanden sey. Aber wir können lange auf die Commissäre warten. Wenn sie
auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos
Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mückenwolke (_nube de
moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen.«

Diese Geschichte des Missionärs wurde uns später in Angostura aus dem
Munde des Statthalters vollkommen bestätigt. Zufällige Umstände geben zu
den seltsamsten Vermuthungen Anlaß. In den Höhlen, wo die Mumien und
Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den
unzugänglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit
eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europäischen Werkzeugen, Resten
von Kleidungsstücken, Rosenkränzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die
Gegenstände haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und
Gran-Para angehört, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco über
Trageplätze und die Flußverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und
mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen
den Seuchen, die in den Raudales so häufig sind, erlegen und ihre Kisten
den Indianern in die Hände gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich
mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besaßen, beerdigen lassen. Nach
diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Mährchen von einem versteckten
Schätze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Trümmern liegende
Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die französischen
Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, für ein _Inca pilca_,
das heißt für ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene
Schatz nur einem Orden gehört haben, der ohne Zweifel die Missionen besser
verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen
Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr übertrieben worden
sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen
keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren
von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen
sollten. Man zog daraus den falschen Schluß, die Schätze seyen allerdings
vorhanden gewesen, aber treuen Indianern überantwortet und in den
Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens
versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugniß beibringen, aus dem
unzweifelhaft hervorgeht, daß der Vicekönig von Neu-Grenada die Jesuiten
vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco,
ein spanischer Genieofficier, erzählte mir in Angostura, er habe mit Don
Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionäre in Carichana zu
verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den
Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine
der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach
langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem
der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionäre am
Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in
Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei
Vorsichtsmaßregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der
Regierung, deren Befehle mit unnöthiger, unvernünftiger Strenge vollzogen
wurden.

Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales
geschafft; sie schienen mit dem mäßigen Lohne, der ihnen gereicht wurde
[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschäft bringt ihnen
wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jämmerlichen Zuständen
und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben,
merke ich hier an, daß der Missionar in drei Jahren, außer den Fahrzeugen,
welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jährlich nach Angostura
schickt, um die Löhnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fünf Piroguen
vom obern Orinoco, die zur Schildkröteneierernte fuhren, und acht mit
Handelsgut beladene Canoes sah.

Am 17. April. Nach dreistündigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens
bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea ließ mit unsern Instrumenten den
wenigen Mundvorrath einschiffen, den man für die Reise, die er mit uns
fortsetzen sollte, hatte auftreiben können: ein paar Bananenbüschel,
Manioc und Hühner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einfluß des
Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen
weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur großen Familie der
Salivas-Völker gehören. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre
Gutmüthigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu rühmen.

Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen
Stunden gingen wir über den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei
Hochwasser leicht zu überwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette
Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gneiß, nicht aus geschichtetem Granit
besteht. Auffallend war uns eine Reihe großer Löcher mehr als 180 Fuß über
dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen
scheinen. Wir werden später sehen, daß diese Erscheinung beinahe in
derselben Höhe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50
Meilen gegen Ost beim Einfluß des Rio Jao vorkommt. Wir übernachteten im
Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schön
und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, daß ich mit dem
Nivellement des künstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um
die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont wäre mir auf dieser
Reise von großem Nutzen gewesen.

Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor
Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten
Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einfluß des Rio Tomo an; die Indianer
lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es
war gegen fünf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine
geringe Aufgabe, die Strömung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu
überwinden, die sich von einer mehrere Fuß hohen Gneißbank stürzt. Ein
Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Hälften theilt; man
band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe
genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere
getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures
hatten auftreiben können, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, daß auf
dem natürlichen Wehr, über das sich der Strom stürzt, ein beträchtliches
Stück Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere
Pirogue heraufschaffen.

Der Gneißfels hat kreisrunde Löcher, von denen die größten 4 Fuß tief und
18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen
durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Körper entstanden zu seyn.
Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht
gefährlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um
ihm den quälenden Durst zu löschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in
einem der Felslöcher einen kühlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von
Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und
Grenadillen oder Früchten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_
genannt, mitgenommen. Da wir gar kein großes Gefäß hatten, in dem man
Flüssigkeiten mischen konnte, so goß man mit einer _Tutuma_ (Frucht der
_Crescentia Cujete_) Flußwasser in eines der Löcher und that den Zucker
und den Saft der sauren Früchte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir
ein treffliches Getränke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren
Ort; aber der Drang des Bedürfnisses machte uns von Tag zu Tag
erfinderischer.

Nachdem wir unsern Durst gelöscht, hatten wir große Lust zu baden. Wir
untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und
bemerkten, daß er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen
das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim
Getöse des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwähne dieser
kleinen Umstände, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern,
und dann weil sie allen, die große Reisen zu unternehmen gedenken,
augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umständen im Leben sich Genuß
verschaffen kann.

Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue über den Raudal
heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorräthe wieder ein und wir
eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt,
die nicht ganz gefahrlos war. Der Fluß ist 800 Toisen breit, und wir
mußten oberhalb des Katarakts schief darüber fahren, an einem Punkt, wo
das Wasser, weil das Bett stärker fällt, dem Wehr zu, über das es sich
stürzt, mit großer Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter
überrascht, bei dem zum Glück kein starker Wind ging, aber der Regen goß
in Strömen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der
Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal
näher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die
Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfänglichen
Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und
wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an.

Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei
Blitzschläge waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz
hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich führe diesen Fall an,
weil man in diesen Ländern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf
ihrer Oberfläche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, daß der Blitz
seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster.
Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis
auf die Haut durchnäßt. Wie der Regen nachließ, kamen auch die Zancudos
wieder mit dem Heißhunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer
zeigen. Meine Gefährten waren unschlüssig, ob wir im Hafen im Freien
lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fuß fortsetzen sollten.
Pater Zea, der in beiden Raudales Missionär ist, wollte durchaus noch nach
Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission
ein großes Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. »Sie finden dort,«
meinte er naiv, »dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich
weder Tisch noch Bank, aber Sie hätten nicht so viel von den Mücken zu
leiden; denn so unverschämt sind sie in der Mission doch nicht wie am
Fluß.«

Wir folgten dem Rath des Missionärs und er ließ Copalfackeln anzünden, von
denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefüllte Röhren von
Baumwurzeln. Wir gingen anfangs über kahle, glätte Felsbänke und dann
kamen wir in sehr dichtes Palmgehölz. Zweimal mußten wir auf Baumstämmen
über einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind
wunderlich zusammengesetzt (der hölzerne Docht umgibt das Harz), geben
mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefährte, Don Nicolas
Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm über den
Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wußten,
wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glück war der Grund nicht tief und
er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich
ziemlich fertig auf spanisch ausdrückte, ermangelte nicht, davon zu
sprechen, daß wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern
angegriffen werden könnten. Solches ist eigentlich die obligate
Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die
Indianer glauben, wenn sie dem europäischen Reisenden Angst einjagen, sich
nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der
plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie
überall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und
Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da
etwas quälerischen Regiment der Mönche sucht er seine Lage durch die
kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und
jeder physischen und geistigen Schwäche sind.

Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel
uns der Anblick und die Verödung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen
im tiefsten Schlaf; man hörte nichts als das Geschrei der Nachtvögel und
das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen
Ruhe der Natur hat das eintönige Brausen eines Wasserfalls etwas
Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem
kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegründet
wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt
als Atures.

Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht,
wie alle Wasserfälle, durch den Widerstand den der Fluß findet, indem er
sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den
Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den
ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas
den Beweis zu liefern, daß sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt
bedeutend erleichtern ließe, wenn man zwischen zwei Nebenflüssen des
Orinoco, in einem Thal, das früher das Strombett gewesen zu seyn scheint,
einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den
Quellen der Flüsse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette
von Granithügeln aus. Von dieser Kette kommen drei Flüßchen herab, die den
Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, nämlich am östlichen Ufer der
Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures
gegenüber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurück und bilden, wie eine
felsigte Küste, eine nach Südwest offene Bucht. Zwischen dem Einfluß des
Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses großartigen
Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt.

Gegenwärtig fließt der Orinoco am Fuß der östlichen Bergkette. Vom
westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem
tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum
dreißig Fuß über dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem
trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstämmen die
kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Hütten. Im trockenen
Grund, der in gerader Linie von Süd nach Nord läuft, vom Cameji zum
Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithügel, ganz ähnlich
denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz
ähnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im
verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und
Camanitamini verglich, die östlich von der Mission gleich alten Burgen
mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das
inselhafte Ansehen auch der vom gegenwärtigen Stromufer entlegensten
Hügel, die Löcher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgespült zu haben
scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie
die Höhlungen an der Insel Ouvitari gegenüber -- alle diese Umstände
zusammen beweisen, daß diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter
Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es
wegen des Dammes gegen Nord nicht abfließen konnte; als aber dieser Damm
durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine
ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann
annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefüllt, den
wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als
das Wasser allmälig fiel, zog es sich ganz gegen die östliche Kette und
ließ den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze
Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herrührt, scheinen die
Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem
Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, daß hier
einst das Wasser gestanden. Geht man den Fluß hinauf, so ladet man die
Fahrzeuge am Einfluß des Toparo in den Orinoco aus und übergibt sie den
Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, daß sie für jede Staffel
einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einfluß des
Cameji, wo die Gefahr für überstanden gilt.

Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei
Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren
beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von
Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke
von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdämmen zwischen
diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Dämmen oder natürlichen Wehren
sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der
Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Süd nach
Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen
neun Fuß hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall.
Aber, ich muß das wiederholen: das Getöse, mit dem die Wasser
niederstürzen, gegen einander stoßen und zerstäuben, hängt nicht sowohl
von der absoluten Höhe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr
von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fuß
der Raudalitos oder partiellen Fälle, von der größeren oder geringeren
Weite der Kanäle, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fuß breit ist.
Die östliche Hälfte der Katarakten von Maypures ist weit gefährlicher als
die westliche, weßhalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes
vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei
niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann muß man die
Piroguen *tragen*, das heißt auf Walzen oder runden Baumstämmen schleppen.
Wir haben schon oben bemerkt, daß bei Hochwasser (aber nur dann) der
Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures.

Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Großartigkeit mit Einem Blicke
zu umfassen, muß man sich auf den Hügel Manimi stellen, einen Granitgrat,
der nördlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts
ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi
besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an
diesem außerordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel.
Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile
weit, eine Schaumfläche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen
eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen,
abgerundete Massen, Basalthügeln ähnlich; andere gleichen Thürmen,
Castellen, zerfallenen Gebäuden. Ihre düstere Färbung hebt sich scharf vom
Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen
kräftiger Bäume bewachsen. Vom Fuß dieser Felsen an schwebt, so weit das
Auge reicht, eine dichte Dunstmasse über dem Strom, und über den
weißlichen Nebel schießt der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese
großartigen Gewächse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der
_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm über 80 Fuß
hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Blätter dieser Palme sind sehr
glänzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich
die Schaumfläche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die
Palmen ihre gewaltigen Schatten darüber, bald bricht sich der Strahl der
untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhüllt.
Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im
Spiel der Lüfte schwebt ihr Bild über der Fläche.

Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Hügel Manimi vor
einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole,
was ich schon einmal geäußert: weder die Zeit, noch der Anblick der
Cordilleren und der Aufenthalt in den gemäßigten Thälern von Mexico haben
den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich
gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren
Hauptreize strömende Wasser und ein kräftiger Pflanzenwuchs sind, so
schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen über einer
Dunstschicht emporragen. Es ist mit den großartigen Naturscenen, wie mit
dem Höchsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurück, die
immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung
mischen, so oft etwas Großes und Schönes uns die Seele bewegt.

Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz,
wie er diesem Himmelsstriche eigenthümlich ist. Nie bewegt hier ein
Windhauch das Laub der Bäume, nie trübt eine Wolke den Glanz des blauen
Himmelsgewölbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet,
über dem Boden, den Gewächse mit glänzenden Blättern bedecken, über dem
Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat für den
Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes.
Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu
Fels niederstürzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft
der Donner aus dem Gewölk mit dem Donner der Wasserfälle sich mischt, wo
am düstern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in
den Wipfeln der Tannen hängen. In den Niederungen der Festländer unter den
Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine
Großartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verläugnet, wo eines
der Elemente mit unüberwindlichen Hindernissen zu kämpfen hat. In der Nähe
des Aequators kommen heftige Stürme und Ungewitter nur auf den Inseln, in
pflanzenlosen Wüsten, kurz überall da vor, wo die Luft auf Flächen mit
sehr abweichender Strahlung ruht.

Der Hügel Manimi bildet die östliche Grenze einer Ebene, aus der man
dieselben, für die Geschichte der Vegetation, das heißt ihrer allmähligen
Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen
beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der
Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen,
dessen kahle Bänke wagerecht daliegen. Diese mit den schönsten,
wohlriechendsten Gewächsen geschmückten Landeilande gleichen den mit
Blumen bedeckten Granitblöcken, welche die Alpenbewohner Jardins oder
Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen.
Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugänglichen Klippen wächst
die Vanille. Bonpland hat ungemein gewürzreiche und außerordentlich lange
Schoten gebrochen.

An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fuß des Felsen
Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fuß lange
Schlange todt, die wir mit Muße untersuchen konnten. Die Macos nannten sie
_Camudu_; der Rücken hatte auf schön gelbem Grunde theils schwarze, theils
braungrüne Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten
rautenförmige Flecken. Es war ein schönes, nicht giftiges Thier, das, wie
die Eingeborenen behaupten, über 15 Fuß lang wird. Ich hielt den Camudu
Anfangs für eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, daß bei ihm die
Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine
Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht,
denn große Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, daß alle Pythons
der alten, alle Boas der neuen Welt angehören. Da die Boa des Plinius(47)
eine afrikanische und südeuropäische Schlange war, so hätte DAUDIN wohl
die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen
sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar
große Vierfüßer packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen
zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und
von der Küste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewöhnt man
sich doch nur schwer daran, daß es in der Halbkugel, in der Virgil die
Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage
weit südlicheren Völkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll.
Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue
Vorschläge zur Abänderung vermehren, und bemerke nur, daß, wo nicht der
große Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionäre und die
*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut
die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, ächte Boas mit einfachen
Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu ähnlichen
Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die
Traga Venadas haben auf dem Rücken keine Querstreifen, sondern eine Kette
rautenförmiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise
an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder
_Culebras de agua_.

Geht man nach Westen, so sieht man die runden Hügel oder Eilande im
verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen
in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im
Lande berühmt wegen eines weißen, weithin glänzenden Flecks, in dem die
Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile
Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weiße Fleck ein
mächtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gänge sie im Granit, der in
Gneiß übergeht, häufig bilden. Gegenüber dem Keri oder *Mondfelsen*, am
Zwillingshügel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist,
zeigen einem die Indianer mit geheimnißvoller Wichtigkeit einen ähnlichen
weißen Fleck. Derselbe ist scheibenförmig, und sie sagen, es sey das Bild
der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden
Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen
Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die ältesten
geschichtlichen Denkmäler der Völker sind, so haben die Sprachforscher die
Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_,
das in einem semitischen Dialekt ursprünglich Sonne bedeutet zu haben
scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen
Anlaß gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott
der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen
gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus
sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel
alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen,
zufälligen Lautähnlichkeit in Sprachen schließen, die sonst nichts mit
einander gemein haben?

Betrachtet man die Namen der von den spanischen Mönchen gestifteten
Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevölkerungselemente,
mit denen sie gegründet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die
Jesuiten, als sie diese Dörfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die
Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegründet,
vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen
und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und
vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovölker angehören. Zur
Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich;
sie zählte 600 Einwohner, darunter mehrere weiße Familien. Unter der
Verwaltung der Observanten ist die Bevölkerung auf weniger als 60
herabgesunken. Man kann überhaupt annehmen, daß in diesem Theile von
Südamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurückgegangen ist,
während wir jenseits der Wälder, in den Provinzen in der Nähe der See,
Dörfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind
ein sanftmüthiges, mäßiges Volk, das sich auch durch große Reinlichkeit
auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wüsten Hang zu
geistigen Getränken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos,
Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den
übermäßigen Genuß der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getränke,
die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfrüchten zu bereiten
wissen; die Reisenden haben aber, wie gewöhnlich, für allgemeine Sitte
ausgegeben, was nur einzelnen Stämmen zukommt. Sehr oft konnten wir
Guahibos oder Macos-Piaroas, die für uns arbeiteten und sehr erschöpft
schienen, nicht vermögen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die
Europäer müssen erst länger in diesen Ländern gesessen haben, ehe sich die
Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Küsten bereits so gemein
sind. In Maypures fanden wir in den Hütten der Eingeborenen eine Ordnung
und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Häusern der Missionäre
selten begegnet.

Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund
Manioc in Kuchen oder dünnen Scheiben, das landesübliche Brod, kosten
sechs Silberrealen, ungefähr vier Franken. Wie die meisten Indianer am
Orinoco haben auch die in Maypures Getränke, die man nahrhafte nennen
kann. Eines dieser Getränke, das im Lande sehr berühmt ist, wird von einer
Palme gewonnen, die in der Nähe der Mission, am Ufer des Auvana wild
wächst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Blüthentraube 44,000
Blüthen geschätzt; der Früchte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es
ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten
lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das
zuckersüß ist, und sofort in einem großen Gefäß mit Wasser zerstampft und
zerrieben wird. Der kalte Aufguß gibt eine gelblichte Flüssigkeit, die wie
Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der
Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei
Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken
Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in
die Wälder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen
Trompete). »Dadurch«, sagen sie, »wird der Baum gezwungen im folgenden
Jahr reichen Ertrag zu geben.« Das Volk bezahlt für diese Ceremonie, wie
man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Völkern noch näher bei uns,
Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafür bezahlt, daß sie
mit Zaubersprüchen oder Gebeten die weißen Ameisen und die Heuschrecken
vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung
der Jahreszeiten verkehren.

»_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._« (ich habe in meinem Dorfe eine
Steingutfabrik), sprach Pater Zea und führte uns zu einer indianischen
Familie, die beschäftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von
Strauchwerk große, zwei und einen halben Fuß hohe Thongefäße zu brennen.
Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des großen Volksstamms der
Maypures eigenthümlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit
zu treiben. Ueberall in den Wäldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz,
stößt man, wenn man den Boden aufgräbt, auf Scherben von Töpfen und
bemaltem Steingut. Die Liebhaberei für diese Arbeit scheint früher unter
den Ureinwohnern Nord- und Südamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn.
Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Trümmern einer aztekischen
Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhügeln der Miamis, in
Florida und überall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der
Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und höchst auffallend ist die
durchgängige große Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche
civilisirten Völker, die durch ihre staatlichen und religiösen
Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren,
(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen,
an einem eigenthümlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach
denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren
sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den
Befestigungslinien und in den Ringwällen gefunden, die von einem
unbekannten, gänzlich ausgestorbenen Volke herrühren. Die Malereien auf
diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die
Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon
anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen
Verzierungen, ganz wie wir sie in der Höhle von Ataruipe auf den Gefäßen
gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre
»_‘Grecques’_« Mäanderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von
einem großen vierfüßigen Thier, von dem ich nicht wußte, was es vorstellen
soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich könnte bei dieser
Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenrüssel gedenken, den ich im
Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemälde gefunden; ich
könnte keck die Hypothese aufstellen, das große vierfüßige Thier auf den
Töpfen der Maypures gehöre einem andern Lande an und der Typus desselben
habe sich auf der großen Wanderung der amerikanischen Völker von Nordwest
nach Süd und Südost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei
so schwankenden, auf nichts sich stützenden Vermuthungen aufhalten? Ich
möchte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir
vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers
sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick
und Zufall Figuren erzeugt, über deren Herkunft wir gar ernsthaft
verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine
Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde.

Am geschicktesten führen die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach
combinirten Linien aus, wie wir sie auf den großgriechischen Vasen, auf
den mexicanischen Gebäuden in Mitla und auf den Werken so vieler Völker
sehen, die, ohne daß sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches
Vergnügen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die
Arabesken, die Mäander vergnügen unser Auge, weil die Elemente, aus denen
die Bänder bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das
Auge verhält sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr
derselben Formen wie das Ohr zur taktmäßigen Aufeinanderfolge von Tönen
und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, daß beim Menschen das Gefühl
für den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten
Anfängen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt?

Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das
Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu
Cylindern und arbeiten mit den Händen die größten Gefäße aus; Der
amerikanische Indianer weiß nichts von der Töpferscheibe, die sich bei den
Völkern des Orients aus dem frühesten Alterthum herschreibt. Man kann sich
nicht wundern, daß die Missionäre die Eingeborenen am Orinoco nicht mit
diesem einfachen, nützlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man
bedenkt, daß es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf
der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenüber, gedrungen ist.[S.
Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde,
besonders gelber und rother Ocker, der in Höhlungen des Sandsteins
vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an,
nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man
überzieht die Malerei mit einem Firniß von _Algarobo_, dem durchsichtigen
Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die großen Gefäße zur Aufbewahrung der
_Chiza_ heißen _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der
Küste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens weiß man am Orinoco nicht allein
von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und
selbst von den Guamos, daß sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Früher
war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA
fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu
seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren.

Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleißes bei Völkern, die
wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem übergehe,
mache ich noch eine Bemerkung, die über die Geschichte der amerikanischen
Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten,
ostwärts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den großen
canadischen Seen, findet man im Boden fast überall bemalte Topfscherben
und daneben kupferne Werkzeuge. Dieß erscheint auffallend in einem Lande,
wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europäer mit dem Gebrauch der
Metalle unbekannt waren. In den Wäldern von Südamerika, die sich vom
Aequator bis zum achten Grad nördlicher Breite, das heißt vom Fuße der
Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte
Töpfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur künstlich
durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat
man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden,
obgleich man in den Gebirgen an der Küste und auf dem Rücken der
Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur
Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher rührt
dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemäßigten und der heißen Zone? Die
peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den
Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre
Sprache auf einem beschränkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint
die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in
Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Völker von Guyana irgend einen
merklichen Einfluß geäußert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen
dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die
Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen möchten, aus
Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Mörtel zehn bis fünfzehn Fuß
hohe und sieben bis achttausend Fuß lange Mauern gebaut. Diese
räthselhaften Ringwälle und Ringmauern umschließen oft gegen 150 Morgen
Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der
Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur
westwärts auf dem Rücken der Gebirge; aber der Orinoco und die Länder
zwischen diesem großen Fluß und dem Amazonenstrom scheinen niemals von
Völkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit
widerstanden hätten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins härteste
Felsgestein eingegraben, so hat man doch südlich vom achten Breitengrade
bis jetzt nie weder einen Grabhügel, noch einen Ringwall, noch Erddämme
gefunden, wie sie weiter nordwärts auf den Ebenen von Barinas und Canagua
vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den östlichen Stücken der
beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von
Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer
ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die
Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Völker, deren
Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila
entgegen treten, mochten einzelne Stämme gegen Ost in die offenen Fluren
am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als
in Neu-Mexico; aber in Südamerika, wo die große Völkerströmung von Nord
nach Süd ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Rücken der
tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben,
in die glühend heißen, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Flüssen
überschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heißen
Zone die Ueberfülle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und
Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschränkten,
Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes bedürfen, nicht aufkommen
ließen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden
verewigten.

Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Mönche sie
eingeführt, wieder rückwärts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der
Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu
machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend
vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am
Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur
die schwarzen und weißen Schweine (letztere heißen französische Schweine,
_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen)
haben trotz der reißenden Thiere ausgedauert. Mit großem Interesse sahen
wir um die Hütten der Indianer _‘Guacamayas’_ oder zahme Aras, die auf den
Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist dieß die größte und
prächtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern
Reisen angetroffen. Sie mißt mit dem Schwanz 2 Fuß 3 Zoll, und wir haben
sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_
-- so heißt hier der Vogel -- das häufig gegessen wird, ist schwarz und
etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben,
purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine große Zierde der
indianischen Hühnerhöfe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen,
Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Vögel aus einer dem
Hühnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon
CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte
er beobachtet, daß die Eingeborenen auf den Antillen statt Hühner Aras
oder große Papagaien aßen.

Beim kleinen Dorfe Maypures wächst ein prächtiger, über 60 Fuß hoher Baum,
den die Colonisten _‘Frutta de Burro’_ nennen. Es ist eine neue Gattung
_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich
früher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und
stehen pyramidalisch aufwärts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi,
fälschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist berühmt, weil seine
aromatischen Früchte, als Ausguß gebraucht, ein wirksames Fiebermittel
sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den größten Theil des Jahres am
dreitägigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Säckchen mit
_fruttas de Burro_ bei sich zu führen. Unter den Tropen braucht man meist
lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_
oder die Fruchthülle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der
_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von
Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil
gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo
dieses herrliche Heilmittel wächst, sucht man die Fieber durch Aufgüsse
von _Scoparia dulcis_ _‘abzuschneiden’_, oder auch durch warme Limonade
aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde öligt und
aromatisch zugleich ist.

Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht günstig; indessen
erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender
Sonnenhöhen, nach denen der Chronometer für die Mission Maypures
70° 37′ 33″ Länge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns
gegen Norden gleich 59° 13′ 57″ gefunden. Die neuesten Karten sind in der
Länge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie mühsam und
qualvoll diese nächtlichen Beobachtungen waren, vermöchte ich kaum zu
beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete
ein paar Fuß über dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer
dichter, je näher man gegen den künstlichen Horizont hinleuchtete. Die
meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den
Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere
machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Hütten an und hängen ihre Matten
mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29°, bei
Tag auf 30°. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen,
grobkörnigen Granitsand 60°,3 [48°,2 Reaumur, Gräser von frischestem Grün
wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weißen, aber feinkörnigen und
dichteren Granitsand 52°,5 heiß; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen
war 47°,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fuß über dem Boden
im Schatten 29°,6, in der Sonne 36°,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang
zeigte der grobe Sand 32°, der Granitfels 38°,8, die Luft 28°,6, das
Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberfläche, 27°,6, das Wasser einer
schönen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt,
27°,8. Es ist dieß vielleicht etwas weniger als die mittlere
Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in
Maypures betrug 31°,10, also 1°,15 weniger als im Dorfe Atures, das um
25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt.

Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im
kleinen Dorfe Maypures neben dem obern großen Katarakt schifften wir uns
um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionär
von Carichana uns überlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und
durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich
beschädigt; aber ihrer warteten noch größere Fahrlichkeiten. Sie mußte vom
Rio Tuamini zum Rio Negro über eine Landenge 36,000 Fuß weit geschleppt
werden, sie mußte über den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und
zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und
Seitenwände der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise
auszuhalten.

Sobald man über die großen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer
neuen Welt; man fühlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die
Natur selbst zwischen den cultivirten Küstenstrichen und den wilden,
unbekannten Ländern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in
blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami;
ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin
bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic
Calitamini (so heißt dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von
röthlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch
ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht über 600 Toisen hoch ist.(51)
Ich glaube, dieser gewöhnlich röthliche, zuweilen silberweiße Schimmer ist
ein Reflex von großen Talgblättern oder von Gneiß, der in Glimmerschiefer
übergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort,
auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztrümmern
und Brauneisenstein aufgelagert ist.

Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der
Bäume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schöne Färbung
ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Rücken und Kopf schön
sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weißer Streif lief von
der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang,
nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn
man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt,
macht, daß die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg
entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr
merkwürdig ist, Räderspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem
unbekannten Geschöpf, von den Thieren mit großen Hörnern, welche zur Zeit
der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo
zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Mühe des
Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures
wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie
die Römer über die _‘lucanischen Ochsen’_ (die Elephanten im Heere des
Pyrrhus).

Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zöge, der die kleinen Flüsse
Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die
Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den
ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitän von Caracas, Guevara
Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt
von Maypures sind die Bodenverhältnisse so günstig, wie man sie bei Atures
vergeblich suchte. Der Canal würde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem
man ihn nahe an der Mündung der beiden Flüßchen oder weiter ihren Quellen
zu anfangen ließe. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Süd Süd Ost
nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der
Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer
Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden
Nebenflüsse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen läßt. Die
Ausführung dieses Plans wäre durchaus nicht kostspielig, da die Landenge
größtentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver hätte man dabei
gar nicht nöthig. Dieser Canal, der nicht über zehn Fuß breit zu seyn
brauchte, wäre als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es
bedürfte keiner Schleuße, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco
gehen, würden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen
im Raudal beschädigt; man zöge sie hinauf, und da man die Waaren nicht
mehr auszuladen brauchte, würde viel Zeit erspart. Man hat die Frage
erörtert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte.
Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem
Ministerium ertheilt habe: »Auf den Bau eines Canals bei Maypures und
eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der
Voraussetzung Gewicht, daß die Regierung sich mit Handel und Gewerbfleiß
am obern Orinoco ernstlich beschäftigen wollte. Unter den gegenwärtigen
Verhältnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majestätischen Stromes
gänzlich vernachlässigt bleiben sollen, wären Canäle allerdings so gut wie
überflüssig.«

Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit
ziemlicher Beschwerde über den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei
sehr hohem Wasserstand für gefährlich. Jenseits des Raudals fanden wir den
Strom spiegelglatt. Wir übernachteten auf einer felsigten Insel, genannt
Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier
wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung
begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem
Felsboden, wovon schon öfters die Rede war. Ich konnte in der Nacht
mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich
5° 4′ 51″, ihre Länge gleich 70° 57′. Ich konnte die im Strom reflektirten
Sternbilder benützen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die
Moskitowolke so dick, daß ich nicht die Geduld hatte, den künstlichen
Horizont zu richten.

Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der
Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lüftchen ließ sich spüren, denn
südlich von Atures und Maypures herrscht beständig Windstille. Am Rio
Negro und Cassiquiare, am Fuß des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara
hörten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heißen Ländern einen
ganz eigenthümlichen Reiz hat. Die Krümmungen des Stroms, die schützenden
Berge, die undurchdringlichen Wälder und der Regen, der einen bis zwei
Grade nördlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, mögen diese
Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthümlich ist.

In dem unter südlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen
Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der
Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen
die Strömung und wird nur im Flußbett selbst gespürt. Unterhalb San Borja
ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord
Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herrührende
Wind, der aber durch kleine örtliche Verhältnisse bald diese, bald jene
Richtung bekommt. Mit diesem beständigen Wind segelt man von Gran Para bis
Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de
Bracamoros, am Fuß des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom
atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm
auf. Wenn man auf das Flußufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen
halten; so auffallend anders sind die Verhältnisse am obern Orinoco und am
obern Amazonenstrom.

Sehr wahrscheinlich ist es diesem beständig wehenden Winde zuzuschreiben,
daß der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am
obern Orinoco sind die chemischen Affinitäten eingreifender und es
entwickeln sich mehr schädliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des
Amazonenstroms wären eben so ungesund, wenn nicht der Fluß, gleich dem
Niger, seiner ungeheuren Länge nach von West nach Ost, also in der
Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms
ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe
rückt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent
trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fuß über den Spiegel des
atlantischen Meeres. Der obere Orinoco läuft Anfangs von Ost nach West,
und dann von Nord nach Süd. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms
ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein
sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des holländischen
und französischen Guyana, und läßt den Rotationswind nicht nach Esmeralda
kommen; erst vom Einfluß des Apure an, von wo der untere Orinoco von West
nach Ost über eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene läuft,
fängt der Wind an kräftig aufzutreten; dieses Stromstück ist daher auch
nicht so ungesund als der obere Orinoco.

Als dritten Vergleichungspunkt führe ich das Thal des Magdalenenstromes
an. Derselbe behält, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber
sie ist ungünstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfällt,
sondern von Süd nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde
gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere
Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich südlich von der Stadt
Mompox, spürten wir niemals etwas von Wind, außer beim Anzug nächtlicher
Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Fluß über Honda hinauf, so findet man
die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im
Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein heiß weit berufen. Man mag es
anfangs auffallend finden, daß die Windstille aufhört, wenn man im obern
Stromlauf dem Gebirge näher kommt; aber es erscheint erklärlich, wenn man
bedenkt, daß die trockenen heißen Winde in den Llanos am Neiva von
niedergehenden Luftströmungen herrühren. Kalte Luftsäulen stürzen von den
*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern
Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der
gemäßigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwärmung des Bodens und
durch die Nähe schneebedeckter Gebirge örtliche Luftströmungen. Jene sehr
starken Winde am Neiva kommen nicht daher, daß die Passatwinde
zurückgeworfen würden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht
gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Bäumen bewachsenen Berge am
obern Orinoco höher wären, so würden sie in der Luft dieselben raschen
Gleichgewichtsstörungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von
Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche
Zusammenhang zwischen der Richtung der Ströme, der Höhe und Stellung der
anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphäre und der Salubrität des
Klima verdient die größte Aufmerksamkeit. Wie ermüdend und unfruchtbar
wäre doch das Studium der Erdoberfläche und ihrer Unebenheiten, wenn es
nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefaßt würde!

Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwärts die Mündung
des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwärts die Mündung
des Rio Vichada. In der Nähe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser
einen kleinen Fall, einen _‘Raudalito’_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im
Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber,
kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im südlichen Theil trägt
dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des
Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der über der Mission
Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die höchsten in der
ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die
schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Süd Süd Ost nach Nord Nord
West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethürmte Granitblöcke
bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am
Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der
Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt
der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgrüne, ins Bräunlichte
spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Bäume mit lederartigen
Blättern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen über die anstoßende
Ebene und stechen ab vom glänzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft
und auf der Wasserfläche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn
die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese kräftigen Schatten
allmählig und die ganze Kette hüllt sich in einen leisen Dust, der weit
satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewölbes. In diesem um
den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die
Lichteffekte gedämpft, und so erhält die Landschaft das Gepräge der Ruhe
und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und
POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt.

Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der mächtige Häuptling
der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen
zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer
versicherten uns, in den Wäldern am Sipapo wachse in Menge der _‘Vehuco de
Maimure’_. Dieses Schlinggewächs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie
Körbe und Matten daraus verfertigen. Die Wälder am Sipapo sind völlig
unbekannt, und die Missionäre versetzen hieher das Volk der _‘Rayas’_,(52)
»die den Mund am Nabel haben.« Ein alter Indianer, den wir in Carichana
antrafen und der sich rühmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte
diese kopflosen Menschen »mit eigenen Augen« gesehen. Diese abgeschmackten
Mährchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht
immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In
allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefährtin der
Leichtgläubigkeit, und man könnte meinen, die Hirngespinnste der alten
Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn
man nicht wüßte, daß die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie
die Naturbildungen, überall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse
Aehnlichkeit zeigen.

Bei der Mündung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die
Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist höchst merkwürdig;
der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei
auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie
verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fünfzehn bis zwanzig Fuß hohe
Thürmchen aus. Die einen sind von den Bäumen des Waldes beschattet, bei
andern ist der Gipfel von Palmen gekrönt. Die Felsen sind Granit, der in
Gneiß übergeht. Befände man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man
glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Böhmen oder von Streitberg und
Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundärer Kalkstein können
keine groteskeren Formen annehmen. An der Mündung des Vichada sind die
Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit
Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia
pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im nördlichen Europa so häufig
vorkommen. Wir konnten kaum glauben, daß wir uns keine hundert Toisen über
dem Meer, unter dem fünften Breitegrad mitten in der heißen Zone befanden,
von der man so lange glaubte, daß keine kryptogamischen Gewächse in ihr
vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes
beträgt wahrscheinlich über 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In
Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns
über das schöne Grün der Wälder. Dieser Umstand ist für das obere
Orinocothal charakteristisch; an der Küste von Caracas und in den Llanos
werfen die Bäume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur
gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden
Felsen wuchsen mehrere große Stämme Säulencactus (_Cactus
septemangularis_), was südlich von den Katarakten von Atures und Maypures
eine große Seltenheit ist.

Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glück, mehrere Stämme von
_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewürzreichen Zimmtbaumes,
der am Orinoco unter dem Namen _‘Varimacu’_ und _‘Canelilla’_ bekannt
ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie
bei Esmeralda und östlich von den großen Katarakten vor. Der Jesuit
FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den
Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis
in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder
*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu
verwechseln. Diese gewürzhaften Rinden und Früchte, der Zimmt, die
Muskatnuß, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ wären wichtige
Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika
bereits an die Gewürze und Wohlgerüche Ostindiens gewöhnt gewesen wäre.
Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen
Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingeführt hat, sind übrigens
weniger gewürzhaft als der Ceylonzimmt, und wären solches selbst dann,
wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet würden.

Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewächsen, und es erklärt sich
keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika
keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekräuter hervorbringt, warum es
in der südlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem
indischen Festlande das Gefieder der Vögel nicht so glänzend ist wie in
den heißen Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das
Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der
Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehören zu den Räthseln, welche die
Naturphilosophie nicht zu lösen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen
hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach
denen die Wesen über den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was
ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in
verschiedenen Höhen und bei verschiedenen Wärmegraden neben einander
vorkommen; sie erforscht die Verhältnisse, unter denen sich dieser oder
jener Organismus kräftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt;
aber sie rührt nicht an Fragen, die unmöglich zu lösen sind, weil sie mit
der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhängen. Ferner
ist zu bemerken, daß die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem
Erdball allein aus dem Einfluß der Klimate zu erklären, einer Zeit
angehören, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man
fortwährend an vermeintlichen Gegensätzen beider Welten festhielt und sich
vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wüsten Egyptens und den
Sümpfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkührlich
angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, weiß
man auch, daß die beiden Continente in ihrer unermeßlichen Ausdehnung
Bodenstücke mit völlig übereinstimmenden Naturverhältnissen aufzuweisen
haben. Amerika hat so dürre und glühend heiße Landstriche als das innere
Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewürze erzeugen, zeichnen sich
keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist
durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum
auf dem neuen Continent die schönen Laurineen- und Myristiceenarten nicht
vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben
einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Ländern des neuen
Continents der ächte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf
dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas,
_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten,
die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla
von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die
Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht
für einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft
der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen
Pflanzenarten förderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten
Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einfluß der anhaltenden
tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_)
am besten, dessen Frucht häufig so scharf und beißend ist als der
ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1)
Der neue Continent besitzt sehr starke Gewürze, Arome und vegetabilische
Gifte, die ihm allein angehören, sich aber specifisch von denen der alten
Welt unterscheiden; 2) die ursprüngliche Vertheilung der Arten in der
heißen Zone ist allein aus dem Einfluß des Klimas, aus der Vertheilung der
Wärme, wie sie im gegenwärtigen Zustand unseres Planeten stattfindet,
nicht zu erklären, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns
begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen
Oertlichkeit kräftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von
einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, daß sie
wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmöglich sehr
kalten Landstrichen angehören können; wir vermögen aber nicht zu erklären,
warum keine Art aus der Familie der Melastomeen nördlich vom dreißigsten
Breitegrad wächst, warum keine einzige Rosenart der südlichen Halbkugel
angehört. Häufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne daß
die Erzeugnisse gleichartig wären.

Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenfluß mit dem Orinoco
einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der
bedeutendste unter den aus Westen kommenden Flüssen. Seit vierzig Jahren
hat kein Europäer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich
nichts in Erfahrung bringen können; ich vermuthe sie mit denen des Tomo
auf den Ebenen südwärts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht
zweifelhaft, daß die frühesten Missionen an den Ufern des Vichada von
Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegründet worden sind. Noch in
neuester Zeit sah man flüchtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna,
einem Dorf am Meta, über den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures
kommen, was darauf hinweist, daß die Quellen desselben nicht sehr weit vom
Meta seyn können. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und
spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt öden Ufern
des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religiösen Eifers
fielen.

Nachdem wir zuerst gegen Ost am Caño Pirajavi, sodann gegen West an einem
kleinen Fluß vorübergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem
See Namens Nao entspringt, übernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim
Einfluß des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist
als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel
von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schön; in den niedern
Luftregionen wehte kein Lüftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke
Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim
Niedergehen gegen den Horizont vor die großen Nebelflecken im Schützen
oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind
nie lichtstärker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind.
Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstraße, beim
Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und
Untergang an dem Stück des Himmels, das weiß wird aus Ursachen, welche die
Physik noch nicht gehörig ermittelt hat.

Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und
Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, daß hier wilde
Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die glücklicherweise keine Canoes
bauen. Früher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit
ihren Geschwadern von Flößen und Piroguen hier umherzogen, wäre es
unvorsichtig gewesen, an der Mündung eines Flusses zu übernachten, der aus
Westen kommt. Gegenwärtig, da die kleinen Niederlassungen der Europäer die
unabhängigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdrängt haben, ist
dieser Landstrich so öde, daß uns von Carichana bis Javita und von
Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen
nicht ein einziges Fahrzeug begegnete.

Mit der Mündung des Rio Zama betraten wir ein Flußsystem, das große
Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini,
der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das
heißt, ihr Wasser, in großen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder
grünlich schwarz, und doch sind es die schönsten, klarsten,
wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwähnt, daß die Krokodile
und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast überall die
schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser bräunen
das Gestein nicht, und die weißen Flüsse haben schwarze, die schwarzen
Flüsse weiße Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den
die Europäer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, häufig blendend weiße
Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des
Mataveni ziemlich weiß, das des Atabapo aber behält einen braungelblichen
Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _‘schwarzen Flüsse’_
kräuselt, so erscheinen sie schön wiesengrün wie die Schweizer Seen. Im
Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz.
Diese Erscheinungen sind so auffallend, daß die Indianer aller Orten die
Gewässer in schwarze und weiße eintheilen. Erstere haben mir häufig als
künstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf
zurück.

Die Farbe des Quellwassers, Flußwassers und Seewassers gehört zu den
physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar
nicht zu lösen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz
andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine große Masse
Flüssigkeit durchgeht. Fände keine Absorption der Strahlen statt, so hätte
das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementäre des
reflektirten Lichtes wäre, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in
einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch.
Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den
innern Schichten der Flüssigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht
derselben.

Berühmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so
wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo
keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die
eigenthümliche Farbe des Wassers möchte blau oder grün seyn. In der That
ist durch nichts erwiesen, daß das Wasser von Natur weiß ist und immer ein
Farbstoff im Spiele seyn muß, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht
gesehen, eine Färbung zeigt. Wo Flüsse wirklich einen färbenden Stoff
enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, daß er sich jeder
chemischen Untersuchung entzieht. Die Färbung des Meeres scheint häufig
weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und
der Wolken abzuhängen. Ein großer Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn,
die verschiedene Färbung der Meere könnte daher rühren, daß das Jod in
verschiedenen Verhältnissen darin enthalten ist.

Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, daß bereits den Griechen die
blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der
heißen Bäder von Astyra, Lesbos gegenüber, aufgefallen waren. Manche
Flüsse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das
Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgrün seyn, in
wiesengrün übergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind bräunlich, ja
fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei
Gewässern vor, welche für die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr
an auf Analogien gegründete Schlüsse als an die unmittelbare Analyse
halten müssen, um über diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu
verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flußsystem, das wir bereist -- und
dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _‘schwarzen
Wasser’_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Nähe des Aequators vor. Um
den fünften Grad nördlicher Breite fängt man an sie anzutreffen, und sie
sind über den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad südlicher Breite
sehr häufig. Die Mündung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3° 9′ der
Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Wäldern und auf
den Grasfluren weiße und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor,
daß man nicht weiß, welcher Ursache man die Färbung des Wassers
zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergießt, hat
weißes Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei
Nebenflüssen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist
der eine weiß, der andere schwarz.

Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Färbung, so
lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von
physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das
Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionäre, so sprechen
sie, als hätten sie die strengsten Beweise für ihre Behauptung, »das
Wasser färbe sich, wenn es über Sarsaparillewurzeln laufe.« Die Smilaceen
sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr häufig, und ihre
Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten
Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbüsche haben wir an Orten gesehen, wo
die Wasser ganz weiß sind! Wie kommt es, daß wir im sumpfigten Wald, durch
den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Caño Pimichin und an den Rio
Negro schleppen mußten, auf demselben Landstrich jetzt durch Bäche mit
weißem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man
niemals einen Fluß gefunden, der seiner Quelle zu weiß und im untern Stück
seines Laufes schwarz war? Ich weiß nicht, ob der Rio Negro seine
braungelbe Farbe bis zur Mündung behält, obgleich ihm durch den
Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weißes Wasser zufließt. Da LA
CONDAMINE den Fluß nordwärts vom Aequator nicht sah, konnte er vom
Unterschied in der Farbe nicht urtheilen.

Die Vegetation ist wegen der Regenfülle ganz in der Nähe des Aequators
allerdings kräftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Süd; es läßt sich
aber keineswegs behaupten, daß die Flüsse mit schwarzem Wasser
vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Wäldern entspringen. Im
Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren,
die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf
einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar
vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir
auf, daß die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero*
ganz ähnlich gefärbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum
Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus
Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fünf
Fuß tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark
nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden
Arum- und Heliconienstauden herrührte, die auf den Lachen schwammen. Das
Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei
reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe rührt ohne Zweifel von gekohltem
Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Düngerwasser, das unsere
Gärtner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfließt. Läßt sich
demnach nicht annehmen, daß auch die schwarzen Flüsse, der Atabapo, der
Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und
Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefärbt werden?
Der starke Regen unter dem Aequator trägt ohne Zweifel zur Färbung bei,
indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese
Gedanken nur als Vermuthung. Die färbende Substanz scheint in sehr
geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia
oder Rio Negro sieden läßt, sah ich es nicht braun werden wie andere
Flüssigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten.

Es erscheint übrigens sehr merkwürdig, daß diese _‘schwarzen Wasser’_, von
denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heißen Zone
beschränkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der
Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Königreich Quito von drei
Bächen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die
zwei ersteren sind weiß, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie
das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blaßgelb bei durchgehendem
Licht. Es ist sehr schön, und die Einwohner von Cuenca, die es
vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille
zu, die am Rio Yanuncai sehr häufig wachsen soll.

Am 23. April. Wir brachen von der Mündung des Zama um drei Uhr Morgens
auf. Auf beiden Seiten lief fortwährend dicker Wald am Strom hin. Die
Berge im Osten schienen immer weiter wegzurücken. Wir kamen zuerst am
Einfluß des Rio Mataveni, und dann an einer merkwürdig gestalteten Insel
vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem
Wasser empor; die Missionäre nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen
Streifen daran sollte man schließen, daß der Orinoco, wenn er anschwillt,
an dieser Stelle nicht über 8 Fuß steigt, und daß die hohen Wasserstände,
die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenflüssen herrühren, die
nördlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir
übernachteten am rechten Ufer, der Mündung des Rio Siucurivapu gegenüber,
bei einem Felsen, der Aricagua heißt. In der Nacht kamen zahllose
Fledermäuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Hängematten. Ich
habe früher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden
anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren.

Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr früh Morgens die
Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und mußten einige
Bücher zurücklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua
nicht finden konnten. Der Strom läuft ganz gerade von Süd nach Nord; die
Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Wäldern beschattet. Wir
kamen an den Mündungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorüber.
Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _‘Conucos de Siquita’_ aus,
Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute
hätten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in
der Secunde fünf Fuß zurücklegt. Dieß ist das Ergebniß einer Messung, bei
der ich die Zeit schätzte, die ein schwimmender Körper braucht, um eine
gegebene Strecke zurückzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die
Mündung des Guaviare ein, fuhren über den Zusammenfluß des Atabapo mit dem
Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir
erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heißt im Hause des
Missionärs, der von unserem unerwarteten Besuch höchlich überrascht war,
uns aber nichts desto weniger mit der liebenswürdigsten Gastlichkeit
aufnahm.

                            ------------------



   47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python,
      ähnlich dem, der vom Heere des Regulus getödtet worden?

   48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel:
      _Untersuchungen, über die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren
      der phönicischen Sprache_.

   49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die
      Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die
      freie Entwicklung der Geistesthätigkeit in den Individuen
      niederhielt.

   50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am großen Miami, aus Sandstein
      am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen
      lang ist.

   51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten.

*   52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses
      Namens, bei dem der Mund am Körper herabgerückt scheint.

   53 In der Jahreszeit, die man in Südamerika nördlich vom Aequator
      Sommer heißt.

   54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_
      (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehört zu den
      wenigen, die seit dem höchsten Alterthum aus dem Phönicischen (einer
      semitischen Sprache) in die abendländischen Sprachen übergegangen
      sind.



ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


     San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Flüsse Temi und
    Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio
                                  Negro.


Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewässer des Orinoco verlassen
und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer
eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hören,
und auf dem wir über den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der
Grenze Brasiliens gelangen sollten. »Sie müssen,« sagte uns der Präsident
der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, »zuerst den Atabapo,
dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Können Sie bei der
starken Strömung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so führt
man Sie vom Flußbett weg durch die Wälder, die Sie unter Wasser finden
werden. Auf diesem wüsten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben
nur zwei Mönche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue
vier Tagereisen weit über Land zum Caño Pimichin ziehen zu zu lassen.
Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von
Nordwest nach Südost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den
Cassiquiare (von Süd nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist über den
obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando.« Diesen Plan
entwarf man uns für unsere Flußfahrt, und wir führten ihn, nicht ohne
Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreißig Tagen
aus. Die Krümmungen in diesem Flußlabyrinth sind so stark, daß man sich
ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der
Küste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania
General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen
könnte. Für diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen
viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, daß der
Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West,
von San Fernando, also vom Zusammenfluß des Atabapo und des Guaviare an,
bis zum Einfluß des Apure von Süd nach Nord fließt und auf dieser Strecke
die großen Katarakten bildet, daß er endlich vom Einfluß des Apure bis
Angostura und zur Seeküste von West nach Ost läuft. Auf der ersten
Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die berühmte Gabelung,
welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst
durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco,
der Cassiquiare, der von Nord nach Süd fließt, ergießt sich in den Guainia
oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom fällt.
Der natürlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para wäre also den
Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und
Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich
sehr den Quellen einiger Flüsse nähert, die sich bei San Fernando de
Atabapo in den Orinoco ergießen (am Punkte, wo der Orinoco aus der
Richtung von Ost nach West rasch in die von Süd nach Nord umbiegt), so
kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flußstrecke zwischen San
Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San
Fernando vom Orinoco ab, fährt die zusammenhängenden kleinen schwarzen
Flüsse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und läßt die Pirogue über eine
6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Caño Pimichin)
tragen, der in den Rio Negro fällt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und
der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von
Guyana war, gebräuchlich geworden, ist so kurz, daß jetzt ein Bote von San
Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt,
während er früher über den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann
also über den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne
den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Strömung, des
Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Für französische
Leser führe ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte
Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine
will, könnte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der
Cassiquiare, zwei Flußsysteme verbindet, von den Zuflüssen der Loire zu
denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er könnte die Nièvre
hinauffahren, über eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die
Yonne hinab in die Seine gelangen.

Wir werden bald sehen, welche Vortheile es hätte, wenn man über den
sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal
zöge. Käme dieser Plan einmal zur Ausführung, so hätte die Fahrt vom Fort
San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio
Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es
auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwärts. Ueber den
Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit
unangenehmer und um die Hälfte länger als über Javita und den Caño
Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein
astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds
Chronometer und durch Meridianhöhen von Gestirnen Länge und Breite von San
Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen
Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene
Karte hat somit die Zweifel über die gegenseitigen Entfernungen der
christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als
auf vielgekrümmten, verschlungenen Gewässern, wenn in dichten Wäldern nur
kleine Dörfer stecken, wenn auf völlig ebenem Lande kein Berg, kein
erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur
am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Ländern
der heißen Zone fühlt man mehr als anderswo das Bedürfniß astronomischer
Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein nützliche Hülfsmittel, um
Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des
Terrains von vorne herein unerläßlich.

Der Missionär von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, führt
den Titel eines Präsidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und
zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura
und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem
Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des
_‘Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide’_. Sein Dorf sah
etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege
angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon
öfters bemerkt, daß die Missionen in der Nähe der Küsten, die gleichfalls
unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui,
zwischen 800 und 2000 Einwohnern zählen. Es sind größere und schönere
Dörfer als in den cultivirtesten Ländern Europas. Man versicherte uns, die
Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Gründung eine stärkere
Bevölkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rückreise vom Rio Negro noch
einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen,
die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal für den Handel und
die Gewerbe der Colonien von großer Bedeutung werden kann.

San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei große Flüsse, der
Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist
ähnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einfluß des Missouri und
des Ohio in den Mississippi. Je größeren Aufschwung der Handel in diesen
von ungeheuren Strömen durchzogenen Ländern nimmt, desto mehr werden die
Städte, die an zwei Flüssen liegen, von selbst Schiffsstationen,
Stapelplätze für die Handelsgüter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater
GUMILLA gesteht, daß zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco
oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewußt habe. Er sagt ferner
sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch
dazu unsichere Auskunft über den obern Orinoco wenden müssen. Heutzutage
erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem
Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater
Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen
des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stück des letzteren
Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet
ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man müsse, um oberhalb der
Katarakten und der Einmündungen des Vichada und Guaviare den Orinoco
weiter hinaufzukommen, sich nach Südwest wenden. Zu jener Zeit hatten die
Geographen die Quellen des Orinoco in die Nähe der Quellen des Putumayo
und Caqueta an den östlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan
gesetzt, also nach meinen Längenbestimmungen auf dem Rücken der
Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige
Angaben LA CONDAMINEs über die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs
Annahmen Bestätigung zu finden schienen, haben Irrthümer verbreiten
helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe
seiner großen Karte von Südamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf
der großen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D’ANVILLE den Rio
Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den
Einflüssen des Meta und des Vichada, in der Nähe des Katarakts von *los
Astures* (Atures) abgeht. Diesem großen Geographen war damals die Existenz
des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er ließ den Orinoco
oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta
entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und
SOLANOs wurde das wahre Verhältniß bekannt. Solano war als Ingenieur bei
der Expedition und ging im Jahr 1756 über die großen Katarakten bis zum
Einfluß des Guaviare hinauf. Er sah, daß man, um auf dem Orinoco weiter
hinaufzukommen, sich ostwärts wenden müsse, und daß die Wasser des
Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da
hereinkommen, wo der Strom unter 4° 4′ der Breite die große Wendung macht.
Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als
möglich zu kommen, so entschloß er sich, gegen Süd vorzudringen. Er fand
am Zusammenfluß des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen
Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich
und gründete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung
sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa*
betitelte.

Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu würdigen, muß man die
damaligen Machtverhältnisse zwischen den kleinen Indianerstämmen in Guyana
ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz
der blutigen Kämpfe zwischen zwei mächtigen Völkern, den Cabres und den
Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des
siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des
Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den großen
Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einfälle in die Länder am
obern Orinoco, und zwar über die *Trageplätze* zwischen dem Paruspa und
dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi.
Niemand wußte so gut, wie sich die Flüsse verzweigen, wo die Nebenflüsse
zur Hand sind, wie man auf dem kürzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben
hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber
Herren am untern Orinoco, so stießen sie auf Widerstand bei den
Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und
neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die ärgsten Anthropophagen in
diesem Landstrich sind. Sie waren ursprünglich am großen Fluß Inirida bei
seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore
zu Hause. Um das Jahr 1744 hieß ihr Häuptling oder, wie die Eingeborenen
sagen, ihr _‘Apoto’_ (König), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth
gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo
gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwürdigen Zug vom Orinoco an
den Rio Negro machte, gestattete Macapu, daß der Missionar einige Familien
Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures
anzusiedeln. Diese Nation gehört der Sprache nach dem großen Volksstamm
der Maypures an; sie ist gewerbfleißiger, man könnte beinahe sagen,
civilisirter als die andern Völker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der
Missionäre waren die Guaypunabis, als sie in diesen Ländern die Herren
spielten, fast alle bekleidet und besaßen ansehnliche Dörfer. Nach Macapus
Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger über, auf Cuseru, von den
Spaniern Capitän Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien
und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfähle waren über
sechzehn Fuß hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage
von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so
wilden Lande merkwürdigen Anlagen.

Am Rio Negro waren die Stämme der Marepizanas und Manitivitanos die
mächtigsten. Die Häuptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger
Namens Imu und Cajamu; der König der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen
wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner
Zeit lebte noch seine Schwester in der Nähe der Mission Maypure. Man
lächelt, wenn man hört, daß Männer wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande
so berühmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die mächtigsten
Fürsten. Die Häuptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit
kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde
verwüsteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fünfzehn bis
zwanzig spanische Soldaten zur Verfügung hatten. Horden, wegen ihrer
Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich verächtlich, verbreiteten
einen Schrecken, als wären es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur
dadurch, ihre Missionen zu retten, daß sie List wider Gewalt setzten. Sie
zogen einige mächtige Häuptlinge in ihr Interesse und schwächten die
Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den
Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfällen der Caraiben nichts
mehr zu befürchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo
niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Völker vom
obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos,
fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Führung von Zeit zu Zeit in das Land
nordwärts von den großen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggründe zur
Feindseligkeit als Haß. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es früher bei den
Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald
lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Holländern oder _Paranaquiri_
(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder
_Jaranavi_ (*Musikantensöhne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die
Habsucht der Europäer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen
gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251]
Ueberall führt der Verkehr zwischen Völkern auf sehr verschiedenen
Bildungsstufen zum Mißbrauch der physischen Gewalt und der geistigen
Ueberlegenheit. Phönizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in
Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Ländern,
wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es
dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die
Erzeugnisse seines Gewerbfleißes zuführt.

Ich habe hier treu berichtet, was ich über die Zustände eines Landes in
Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Völker nach und nach absterben
und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer
Sprache, welche die siegenden Völker in die ihrige aufnehmen. Wir haben
gesehen, daß im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die
Cabres, südwärts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die
Marepizanos und Manitivitanos die mächtigsten Nationen waren. Der lange
Widerstand, den die unter einem tapfern Führer vereinigten Cabres den
Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht.
Sie hatten ihre Feinde an der Mündung des Rio Caura geschlagen; eine Menge
Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des
Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden
verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie
sie den Völkern Süd- wie Nordamerikas eigen ist, ließen sie Einen Caraiben
am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum
steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon überbringen mußte. Der
Siegesrausch Teps, des Häuptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die
Caraiben kamen in solcher Masse wieder, daß nur kümmerliche Reste der
menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero übrig blieben.

Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen
einander, als Solano an der Mündung des Guaviare erschien. Ersterer hatte
für die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der
Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die
christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren.
Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im
Gefecht an seine linke Hüfte ein Crucifix gebunden, das die Missionäre ihm
geschenkt und mit dem er sich für unverletzlich hielt. Man erzählte uns
eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit
ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Häuptlings vom Rio
Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater
erklärte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib
gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da
nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und
schoß ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer
kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen
Häuptling der Guaypunabis in üble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf
ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu
verstehen, wie es sein Vortheil wäre, sich mit den Christen zu vertragen.
Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man köderte ihn mit
Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, daß man nächstens seinen
Feinden den Garaus machen werde. Er war König gewesen, nunmehr ward er
Dorfschulze und ließ sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen
Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende
nahmen meist jene Häuptlinge, welche bei Reisenden und Missionären
indianische Fürsten heißen. »In meiner Mission,« sagt der gute Pater GILI,
»hatte ich fünf _‘Neyecillos’_ (kleine Könige) der Tamanacos, Avarigotos,
Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben
einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti,
dem Könige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Gründung des
Dorfs unterstützt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung.« Wir
sind auch Pater Gili’s Meinung, daß ehemalige, von ihrer Höhe
herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen
sind.

Als Cuseru, der Häuptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch
die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am
Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das
denn auch nicht ausblieb. »Laßt mich,« sagte Cuseru zu den Jesuiten, »mit
den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so
habt ihr später mit so vielen Leuten zu leben.« Solano, in seiner
Ungeduld, weiter vorzudringen, hörte nicht auf den Rath des indianischen
Häuptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen
Schrecknissen der Hungersnoth. Man ließ mit großen Kosten zu Schiff auf
dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorräthe langten
aber zu spät an, und viele Europäer und Indianer erlagen den Krankheiten,
die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen
moralischen Kraft sind.

Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat
eine kleine Pflanzung von Cacaobäumen. Die Bäume tragen vom fünften Jahr
an reichlich, aber sie hören damit früher auf als in den Thälern von
Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzüglicher Güte. Gin _Almuda_, deren
zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa
4 Franken, an den Küsten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission
erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Mißbrauch, die
Missionäre am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so
wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von
dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar
Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Kühe darauf,
Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land
gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern
Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der
eingeborenen Race.

Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der
Landschaft einen eigenthümlichen Charakter gibt, das ist die _‘Pihiguao’_-
oder _‘Pirijao’_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist über sechzig
Fuß hoch; die Blätter sind gefiedert, sehr schmal, wellenförmig und an den
Spitzen gekräuselt. Höchst merkwürdig sind die Früchte des Baumes; jede
Traube trägt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth,
sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur
Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschließlich der neuen
Welt angehören und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_
aufgezählt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so außerordentlich stark
entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthält einen mehligten, eigelben,
nicht stark süßen, sehr nahrhaften Stoff. Man ißt sie wie die Banane und
die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so
gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionäre erschöpfen
sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _‘Pfirsichpalme’_ nennen
könnte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, überall,
wohin wir nach Süd und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge
angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkührlich
der Behauptung LINNÉs, die Palmenregion sey die ursprüngliche Heimath
unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein
_‘Palmfruchtesser’_.(56) Mustert man die Vorräthe in den Hütten der
Indianer, so sieht man, daß mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des
Pirijao für sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die
Banane. Der Baum trägt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also
150--200 Früchte.

San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die
bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den
benachbarten Dörfern San Balthasar und Javita, fanden wir hübsche
Pfarrhäuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Gärten umgeben. Die
schlanken Stämme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde
dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergängen erzählte uns der Pater
Präsident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach
davon, wie sehr sich die Indianer auf Züge »zur Eroberung von Seelen«
freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen.
Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf
entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjährige Kinder fort und
vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder
_Poitos_. Die Reisetagebücher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefällig
mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter
unten, wenn von den Hauptnebenflüssen des Orinoco die Rede wird, vom
Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht
dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, daß es, nach meinen astronomischen
Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der
Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten
Dörfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als
107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die früher westlich von
der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie
haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heißen) auf dem
Guaviare bis über die _Angostura_ (den Engpaß) und den Hauptwasserfall
hinauf, in drei Tagereisen Entfernung bärtige und bekleidete Männer
getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkröte suchten. Darüber waren die
Indianer so erschrocken, daß sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare
wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weißen, bärtigen Männer
aus den Dörfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Flüsse Ariari und
Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, daß die
Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe
sie bei den Missionären von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In
diesen öden Landstrichen kann man nur durch Längenbeobachtungen die wahren
Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und
den Erkundigungen, die ich in den Klöstern zu Popayan und Pasto westwärts
von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen
Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am
Atabapo, Guayavero und Caqueta.

So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die
Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Bäume am
Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken
mit langen Füßen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb
der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser
des Orinoco ist trübe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es
wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Körper einen
bisamartigen, süßlichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu können,
mußten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo
dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei
reflektirtem Licht bräunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt
dasselbe »leicht,« im Gegensatz zum trüben, schweren Orinocowasser. Es ist
meist um 2°, der Einmündung des Rio Temi zu um 3° kühler als der obere
Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad
[22°,4--22°,8 Reaumur] trinken muß, hat man schon bei ein paar Graden
weniger ein äußerst angenehmes Gefühl. Diese geringere Temperatur rührt
wohl daher, daß der Fluß nicht so breit ist, daß er keine sandigten Ufer
hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und daß der
Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Wäldern beschattet
sind.

Daß die schwarzen Wasser ungemein rein seyn müssen, das zeigt ihre
Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die
umgebenden Gegenstände nach Umriß und Färbung darin spiegeln. Auf 20--30
Fuß tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf
den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der
Farbe des Flusses, gelblich oder bräunlich, sondern blendend weißer Quarz-
und Granitsand. Nichts geht über die Schönheit der Ufer des Atabapo; ihr
üppiger Pflanzenwuchs, über den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft
steigen, spiegelt sich im Fluß. Das Grün am reflektirten Bilde ist ganz so
satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die
Wasserfläche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Trümmern, die
auf der Oberfläche minder heller Flüsse Streifen und Unebenheiten bilden.

Wo man vom Orinoco abfährt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, über mehrere
kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergießt sich, wie die
Missionäre annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht
ergießt sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen
sollte man der Flußstrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben.
Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weißes Wasser und
der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsänger, seine
Fische, die großen Krokodile, die darin hausen, machen, daß er dem Orinoco
weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda
herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich
breiten Flüsse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als
die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch
heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider läuft. Sie
behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Flüssen, aus dem Guaviare und
dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von
San Fernando und Santa Barbara bis über Esmeralda hinauf. Dieser Annahme
zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio
Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, daß diese
Benennungen völlig willkührlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen
Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der
Flüsse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan,
Flüsse, die unter einander zusammenhängen und Ein System bilden, durch
eine Gebirgskette getrennt seyn läßt. Will man einen der beiden Zweige,
die einen großen Fluß bilden, nach dem letzteren benennen, so muß man den
Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten,
wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen
Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als wäre
letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern
Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga
und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben
bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein
willkührlich angenommene Flußnomenclatur nicht noch mehr zu verwirren,
schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und
den spanischen Geographen den Fluß bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder
obern Orinoco, bemerke aber, daß, wenn man den Orinoco von San Fernando de
Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenüber bildet, als
eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stück des obern Orinoco zwischen
Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenfluß betrachtete,
der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang
der Anden bis zu seiner Mündung eine gleichförmigere und natürlichere
Richtung von Südwest nach Nordost hätte.

Der Rio Paragua, oder das Stück des Orinoco, auf dem man ostwärts von der
Mündung des Guaviare hinauffährt, hat klareres, durchsichtigeres und
reineres Wasser als das Stück unterhalb San Fernando. Das Wasser des
Guaviare dagegen ist weiß und trüb; es hat, nach dem Ausspruch der
Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr geübt sind, denselben Geschmack
wie das Wasser des Orinoco in den großen Katarakten. »Gebt mir,« sagte ein
alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, »Wasser aus drei, vier
großen Flüssen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack
zuverlässig, wo das Wasser geschöpft worden, ob aus einem weißen oder
einem schwarzen Fluß, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua
oder dem Guaviare.« Auch die großen Krokodile und die Delphine (Toninas)
haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese
Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco
zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Dieß sind doch sehr
auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewässer
und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie
aufzuzählen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, daß der obere Orinoco
östlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergießender
Fluß, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu
suchen sey. Die europäischen Geographen haben sicher unrecht, daß sie die
Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natürlichen Geographen
ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht
selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch
selbst beizubehalten.

Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir
die Breite nicht so bestimmt, als zu wünschen war. Der Himmel war bewölkt
und ich konnte nur ein paar Höhen von α im Centaur und dem schönen Stern
am Fuß des südlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Höhen schien mir die
Breite der Mission San Fernando gleich 4° 2′ 48″; Pater CAULIN gibt auf
der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt,
4° 4′ an. Diese Uebereinstimmung spricht für die Richtigkeit meiner
Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Höhen ziemlich weit vom
Meridian gründet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir für
San Fernando 4° 2′. (GUMILLA setzte den Zusammenfluß des Atabapo und
Guaviare unter 0° 30′, D’ANVILLE unter 2° 51′). Die Länge konnte ich auf
der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rückweg von diesem Fluß sehr genau
bestimmen: sie ist 70° 30′ 46″ (oder 4° 0′ westlich vom Meridian von
Cumana). Der Gang des Chronometers war während der Fahrt im Canoe so
regelmäßig, daß er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden
abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfältig rectificirte
Inclination der Magnetnadel gleich 29° 70, die Intensität der Kraft 219.
Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem
Breitenunterschied von 1° 11′ beträchtlich kleiner und weniger geworden.
Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschüssiger Sandstein, sondern
Granit, in Gneiß übergehend.

Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurück und lagerten zur
Nacht auf einem Felsen in der Nähe der indianischen Pflanzungen oder
Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der
Fluß, wenn er anschwillt, sich in die Wälder verläuft, kann man nur da
landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich über das Wasser erhebt.
Der Atabapo hat überall ein eigenthümliches Ansehen; das eigentliche Ufer,
das aus einer acht bis zehn Fuß hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es
versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Bäumen mit sehr
dünnen Stämmen, deren Wurzeln vom Wasser bespült werden. Vom Punkt, wo man
vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile,
und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, daß dieses Flußstück zum
Guaviare, nicht zum Atabapo gehört. Im eigentlichen Bett des letzteren
oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da
einen *Bava* an und viele *Süßwasser-Delphine*, aber keine Seekühe. Man
sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder großen
Brüllaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube,
den sogenannten _‘Guacharaca’_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der
*Boa* gleich, sind leider sehr häufig und werden den Indianern beim Baden
gefährlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer
Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fuß lang waren. Die Jaguars am Atabapo
und Temi sind groß und gut genährt, sie sollen aber lange nicht so keck
seyn als die am Orinoco.

Am 27. April. Die Nacht war schön, schwärzlichte Wolken liefen von Zeit zu
Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der
Atmosphäre regte sich kein Lüftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in
tausend Toisen Höhe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir
bemerkten, war keine Folge von Gegenströmungen (von West nach Ost), wie
man sie zuweilen in der heißen Zone auf den höchsten Gebirgen der
Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie rührte vielmehr von einer
eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhöhe von α im
südlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um
8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3° 53′ 55″. Das
schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese
Beobachtungen machten mir desto mehr Vergnügen, als wir auf den Flüssen
mit weißem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar
zerstochen worden waren, während Bonpland die Zeit am Chronometer
beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den
Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Süden hinauf und sahen
den Fluß oder vielmehr den von Bäumen freien Theil seines Bettes immer
schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an
diese Wälder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht
gewöhnt, und so wunderten wir uns beinahe, daß wir die Araguatos nicht
mehr brüllen hörten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe.
Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Süßwasser-Delphin
der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen;
aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es
nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Mündung des Orinoco über 320.

Gegen Mittag lag gegen Ost die Mündung des kleinen Flusses Ipurichapano,
und später kamen wir am Granithügel vorbei, der unter dem Namen *piedra
del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fuß hoch
und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fünften Grad der
Breite, etwas südlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das südliche
Ende der *Kette der Katarakten*, für die ich in einer im Jahr 1800
veröffentlichten Abhandlung den Namen _‘Kette der Parime’_ in Vorschlag
gebracht habe. Unter 4° 20′ streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost
und Ost-Süd-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und
dem Amazonenstrom, über den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen,
ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene
Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schlösser. Wir
bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu
haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes,
freies Stück Land, groß genug, um unser Feuer anzünden und unsere
Instrumente und Hängematten unterbringen zu können.

Am 28. April. Der Regen goß seit Sonnenuntergang in Strömen; wir
fürchteten unsere Sammlungen möchten beschädigt werden. Der arme Missionär
bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht
weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den
Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem östlichen Ufer, ist eine kahle,
mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte
mich in das nördliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gneiß- und
Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien
schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_
und _L. polymorphus_ Linnés. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma
hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer
Rechten die Trümmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem
andern, östlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen
riesenhaften Käsebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den
Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war
gegen 120 Fuß hoch und hatte 14--15 Fuß Durchmesser. Ein so
außerordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am
Atabapo nur kleine Bäume mit dünnem Stamm, von weitem jungen Kirschbäumen
ähnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese
kleinen Bäume eine nur wenig verbreitete Gewächsgruppe. Sie werden durch
das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen
am Atabapo, Temi und Tuamini wächst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese
Wälder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen
unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige
Vorstellung machen will), diese Wälder erstrecken sich nicht ohne
Unterbrechung ostwärts und westwärts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es
liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida
dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Mühe gegen die Strömung vorwärts,
und wir übernachteten in einem Gehölz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist
wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht läuft; wir fanden eine
Gruppe schöner schwarzer Schörlkrystalle darin.

Am 29. April. Die Luft war kühler; keine Zancudos, aber der Himmel
fortwährend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern
Orinoco zu wünschen. Bei der starken Strömung kamen wir wieder nur langsam
vorwärts. Einen großen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu
suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen,
oder, wie die Mönche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen
Häuptlings ist), in der Mission _‘la divina Pastora de Balthasar de
Atabapo’_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionär, einem muntern
liebenswürdigen Mann, der hier in der Wildniß ganz die seinem Volksstamm
eigenthümliche Thätigkeit entwickelte. Er hatte einen schönen Garten
angelegt, wo der europäische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem
Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmäßigen Plan gebaut,
wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den
Gemeinden der mährischen Brüder sieht. Die Pflanzungen der Indianer
schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal
den weißen, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _‘Dapicho’_ und
_‘Zapis’_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, daß derselbe mit dem
»elastischen Harz« Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch
Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir,
bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* möchte ein *fossiles
Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in
Derbyshire. In der Hütte des Missionärs saß ein Poimisano-Indianer an
einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte
mehrere Stücke auf ein dünnes Holz gespießt und briet dieselben wie
Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwärzt
es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Hütte erfüllte,
rührt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, daß eine Verbindung
von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird,
während der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte
die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenförmigen Stück
Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser
und ließ ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie
es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch außen meist etwas klebrig. Man
braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den
Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man
schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stöpsel zu gebrauchen, die noch
weit besser sind als Korkstöpsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns
desto interessanter, da uns der Mangel europäischer Stöpsel oft in große
Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein nützlich der Kork ist, fühlt man
erst in Ländern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Südamerika
kommt nirgends, selbst nicht auf dem Rücken der Anden, eine Eichenart vor,
die dem _Quercus suber_ nahe stände, und weder das leichte Holz der
Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln,
deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stöpsel vollkommen. Der
Missionär zeigte uns vor der _‘Casa de los Solteros’_ (Haus, wo sich die
jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem
zwei Fuß langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man
schlug dieselbe mit großen Stücken Dapicho, wie mit Trommelschlägeln; sie
hatte Löcher, die man mit der Hand schließen konnte, um höhere oder
tiefere Töne hervorzubringen, und hing an zwei leichten Stützen. Wilde
Völker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder
Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fuß lange Röhren, die sich an mehreren
Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche
Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen.

Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schön, so daß ich die Meridianhöhen
des α im südlichen Kreuz und der zwei großen Sterne in den Füßen des
Centauren beobachten konnte. Ich fand für San Balthasar eine Breite von
3° 14′ 23″. Als Länge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem
Chronometer 70° 14′ 21″. Die Inclination der Magnetnadel war 27′ 80. Wir
verließen die Mission Morgens ziemlich spät und fuhren den Atabapo noch
fünf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo
er Atacavi heißt, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir
an die Mündung desselben kamen, beim Einfluß des Guasacavi, wurden wir auf
eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heißt der *Fels
der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_.
Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea
konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen später
erzählte uns ein anderer Missionär einen Vorfall, den ich in meinem
Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns
machte. Wenn der Mensch in diesen Einöden kaum eine Spur seines Daseyns
hinter sich läßt, so ist es für den Europäer doppelt demüthigend, daß
durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergänglichen Denkmale der
Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an
den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des
civilisirten Menschen verewigt wird.

Der Missionär von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den
Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einfälle zu machen, welche
sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in
einer Hütte eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von
denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An
Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so
suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum
hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der
Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weißen und
die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Fluß
geschleppt. Der Ordensmann saß in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition
harrend, die für ihn sehr gefahrlos war. Hätte sich die Mutter zu stark
gewehrt, so wäre sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist
erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will
besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als
Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen
nach San Fernando und meinte, die Mutter könnte zu Land sich nicht wieder
in ihre Heimath zurückfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am
Tage ihrer Entführung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die
höchste Verzweiflung. Sie beschloß, die Kinder, die in der Gewalt des
Missionärs waren, zur Familie zurückzubringen; sie lief mit ihnen mehrere
male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern
gepackt, und nachdem der Missionär sie unbarmherzig hatte peitschen
lassen, faßte er den grausamen Entschluß, die Mutter von den beiden
Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man führte sie allein
den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden saß sie
auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches
Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, daß sie
immer weiter von ihrer Hütte und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich
ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Fluß und schwamm dem linken
Ufer des Atabapo zu. Die Strömung trug sie an eine Felsbank, die noch
heute ihren Namen trägt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber
der Präsident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und
den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurückgebracht, auf
den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die
hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer
versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem unglücklichen Weibe
mit starken Mavacureranken die Hände aus den Rücken und brachte sie in die
Mission Javita.

Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_
nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Wälder, die man
bis da für undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie
breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als
die Flüsse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum
andern zu gehen, und lägen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber
solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern
getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie muß
zu ihnen, sie muß sie aus den Händen der Christen befreien, sie muß sie
dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai
nachläßig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die
Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionärs und des Alcaden die
Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zähnen vollends loszumachen,
und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal
aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Hütte
schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. »Was dieses Weib ausgeführt«,
sagte der Missionär, der uns diese traurige Geschichte erzählte, »der
kräftigste Indianer hätte sich nicht getraut es zu unternehmen.« Sie ging
durch die Wälder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken
bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein
kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles
überschwemmt war, mußte sie sich weit von den Flußufern, mitten in den
Wäldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft
mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um
die von ihnen umschlungenen Stämme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mußte
sie über die Bäche schwimmen, die sich in den Atabapo ergießen! Man fragte
das unglückliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genährt; sie sagte,
völlig erschöpft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen können als
die großen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zügen an
den Bäumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu hängen. Wir
wollten durchaus vom Missionär wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des
Glückes habe genießen können, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich
bereut habe, daß man sich so maßlos vergangen? Er fand nicht für gut,
unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rückreise vom Rio Negro
hörten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden
zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine
Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und
starb, wie die Indianer in großem Jammer thun.

Dieß ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an
der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner
Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner
Unglücksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo es
Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen Völkern
leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, wehrlose
Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Länder, die ich bereist,
beschränke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den bürgerlichen und
religiösen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich
erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* länger verweilt habe, geschah
es nur, um ein rührendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart
beizubringen, die man so lange verläumdet hat, und weil es mir nicht ohne
Nutzen schien, einen Vorfall zu veröffentlichen, den ich aus dem Munde von
Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, daß das Auge
des Gesetzgebers über dem Regiment der Missionäre wacht.

Oberhalb dem Einfluß des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von
Süd nach Nord läuft. Wären wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so wären
wir gegen Ost-Süd-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist
nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana wäre dieß
noch immer ein bedeutender Fluß. Das Land ist äußerst einförmig, nichts
als Wald auf völlig ebenem Boden. Die schöne Pirijaopalme mit Früchten wie
Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm
ragen hoch über den kleineren Bäumen, deren Wachsthum, wie es scheint,
durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia
aculeata_ heißt bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat
fächerförmige, gegen den Boden gesenkte Blätter; auf jedem Blatte sieht
man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des
Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die
Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese
wie ein Pfauenschweif gefärbten Blätter sitzen auf kurzen, sehr dicken
Stämmen. Die Stacheln sind nicht lang und dünn, wie beim Corozo und andern
stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die
Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des
Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwölf bis fünfzehn
Stämmen, die sich so nah an einander drängen, als kämen sie aus Einer
Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Blätter gleichen
diese Bäume den Fächerpalmen und Chamärops der alten Welt. Wir bemerkten,
daß einige Juriastämme gar keine Früchte trugen, während andere davon ganz
voll hingen; dieß scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu
deuten.

Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald über eine halbe
Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Krümmungen zu vermeiden und
schneller vorwärts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam
betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flußbett ab, und wir fuhren südwärts
durch den Wald auf sogenannten _‘Sendas’_, das heißt vier bis fünf Fuß
breiten, offenen Canälen. Das Wasser ist selten über einen halben Faden
tief. Diese *Sendas* bilden sich im überschwemmten Wald, wie auf trockenem
Boden die Fußsteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern
mit ihren Canoes wo möglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr
gering ist, so stößt man bei der üppigen Vegetation zuweilen unerwartet
auf Hindernisse. Deßhalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein großes
Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und
hieb fortwährend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals
kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen
sonderbaren Lärm. Wir schlugen an die Büsche, und da kam ein Schwarm vier
Fuß langer *Toninas* (Süßwasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser
Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Käsebaums oder _Bombax
Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen
dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen
Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heißen. Ein
sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den
Mündungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich weiß wohl, daß Fische
von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der
Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, daß
die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von
den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den
ungeheuren Strömen Südamerikas und in den großen Seen Nordamerikas scheint
die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine
Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht über Biana und
Metonbis, Selamoun zu, hinauf.

Gegen fünf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Mühe in das eigentliche
Flußbett zurück. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei
Baumstämmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine
Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canäle sich kreuzten, und der
Steuermann wußte nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben
oben gesehen, daß man in der Provinz Varinas im Canoe über die offenen
Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca fährt; hier fuhren wir
durch einen Wald, der so dicht ist, daß man sich weder nach der Sonne noch
nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, daß
es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom
sechsten Grad nördlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem
Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen
Farn ist ein nicht so heißes Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus
von 300 Toisen Höhe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewächse
gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, über welches der
Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie
zu meiden. Wir übernachteten an einem Felsen, den die Missionäre Piedra de
Astor nennen. Von der Mündung des Guaviare an ist der geologische
Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende
Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine
Hügel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder
zerfallenen Gebäuden gleichen.

Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen.
Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern
wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem
nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Nächte immer finsterer, je
näher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im
Flußbett, bis der Tag anbrach; man hätte besorgen müssen, sich unter den
Bäumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um
der starken Strömung auszuweichen, durch den überschwemmten Wald. So kamen
wir an den Zusammenfluß des Temi mit einem andern kleinen Fluß, dem
Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren
gegen Südwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am
Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die
erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro
schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr
Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie
ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Mündung des
Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Lärm, den die Spritzfische machen,
hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese
Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt,
so kostete es Mühe, ihn zu retten.

Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen,
vernünftigen und gefälligen Mönch. Wir mußten uns vier bis fünf Tage in
seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs über
den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir benützten diese Zeit
nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von
einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten
sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrücken. Der
Missionär sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut
gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weißlichte
Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heißt das Insekt der *Ackerer*. Man
ließ eine Mulattin kommen, die sich rühmte, all die kleinen Thiere, welche
sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya*
und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _‘Curandera’_,
der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches
Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an
der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte
damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen
verkündete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da
sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei
einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores
heraus hätte, sollte ich mich erleichtert fühlen. Da ich an beiden Händen
die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld über der Operation aus,
die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns
ein Indianer aus Javita radical und überraschend schnell. Er brachte uns
einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der
Cassia ähnlichen, stark lederartigen, glänzenden Blättern. Er machte von
der Rinde einen kalten Aufguß, der bläulich aussah und wie Süßholz
(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches
Waschen mit dem Uzaowasser hörte das Jucken von den Aradores auf. Wir
konnten vom Uzao weder Blüthe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint
der Familie der Schotengewächse anzugehören, deren chemische Eigenschaften
so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt,
hatte uns so ängstlich gemacht, daß wir bis San Carlos immer ein paar
Uzaozweige im Canoe mitführten; der Strauch wächst am Pimichin in Menge.
Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen
der Zancudos herrührt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die
_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen?

Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewöhnlich Solanos Expedition
genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San
Balthasar als zu Brasilien gehörig betrachtet. Die Portugiesen waren vom
Rio Negro über den Trageplatz beim Caño Pimichin bis an den Temi
vorgedrungen. Ein indianischer Häuptling, Javita, berühmt wegen seines
Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbündet.
Seine Streifzüge gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der großen
Nebenflüsse des Amazonenstromes über den Rio Uaupe und Xie, bis zu den
schwarzen Gewässern des Temi und Tuamini, über hundert Meilen weit. Er war
mit einem Patent versehen, das ihn ermächtigte, »Indianer aus dem Wald zu
holen, zur Eroberung der Seelen.« Er machte von dieser Befugniß
reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfällen etwas, das
nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die
Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der
Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, ließ er Capitän Javita
aus einem seiner Streifzüge am Temi festnehmen. Er behandelte ihn
freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten
wurden, für die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die
bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegründet hatten, wurden bis
an den untern Rio Negro zurückgedrängt, und die Mission San Antonio, die
gewöhnlich nach ihrem indianischen Gründer Javita heißt, weiter nördlich
von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte
Capitän Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein
Indianer von bedeutender Geistes- und Körperkraft. Er spricht geläufig
spanisch und hat einen gewissen Einfluß auf die benachbarten Völker
behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns
mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schätzten, da die Missionäre ihn
für sehr zuverlässig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast
alle Indianerstämme, welche auf dem großen Landstrich zwischen dem obern
Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch
essen sehen. Er hält die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos für
die stärksten Anthropophagen. Er hält diesen abscheulichen Brauch bei
ihnen nur für ein Stück systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde,
die im Gefecht in ihre Hände gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in
der Grausamkeit so weit geht, daß er seine Nächsten, sein Weib, eine
ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr
selten. Auch weiß man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der
scythischen und massagetischen Völker, der Capanaguas am Rio Ucayale und
der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum
Theil aßen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Völkern
vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf
Haiti (St. Domingo) hätte geglaubt dem Andenken eines Angehörigen die
Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer
Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getränk geworfen
hätte. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, »am
seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey
von allen Thieren der Mensch.«

Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man
über den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man
selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das
ganze Jahr und der Himmel ist beständig bedeckt. Da in diesem
unermeßlichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spüren ist und die
Polarströme nicht hieher reichen, so wird die Luftsäule, die auf dieser
Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der
Wasserdunst, mit dem sie gesättigt ist, verdichtet sich zu äquatorialen
Regengüssen. Der Missionär versicherte uns, er habe hier oft vier, fünf
Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich maß den Regen, der am ersten
Mai innerhalb fünf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten
Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu
beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz
gewöhnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen
Monaten, selbst in den nassesten, März, Juli und September, nur 28 bis 30
Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regengüsse vor, bei denen in
der Stunde über einen Zoll Wasser fällt, man darf aber nur den mittleren
Zustand der Atmosphäre in der gemäßigten und in der heißen Zone
vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von
Guayaquil an der Südsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshöhe
angestellt, scheint hervorzugehen, daß gewöhnlich auf dem Rücken der Anden
in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser fällt als im Niveau des
Meeres. Es regnet im Gebirge öfter, dabei fällt aber in einer gegebenen
Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel
bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied rührt
nach meiner Ansicht daher, daß dort die Savanen am untern Rio Negro in der
Nähe liegen, über die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre
Strahlung einen stärkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als
bewaldetes Land.

Es ist in Javita kühler als in Maypures, aber bedeutend heißer als am Rio
Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27°, bei
Nacht auf 21°; nördlich von den Katarakten, besonders nördlich von der
Mündung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30°, bei Nacht
25--26°. Diese Abnahme der Wärme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro rührt
ohne Zweifel davon her, daß bei dem beständig bedeckten Himmel die Sonne
so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist.
Ich spreche nicht vom erkältenden Einfluß der Wälder, wo die zahllosen
Blätter eben so viele dünne Flächen sind, die sich durch Strahlung gegen
den Himmel abkühlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses
Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshöhe von Javita etwas
dazu beizutragen, daß die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt
wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen über
dem Meer. Da die kleine atmosphärische Ebbe und Fluth an der Küste (in
Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das
Unglück hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See
kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlässig. Als ich in Javita die
stündlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, daß eine
kleine Luftblase die Quecksilbersäule zum Theil sperrte(59) und durch ihre
thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einfluß äußerte. Auf
den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwängt waren, ließ sich der
Barometer fast unmöglich senkrecht oder doch stark aufwärts geneigt
halten. Ich benützte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument
auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehörig
rertificirt, stand der Thermometer bei 23°,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr
325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es
für die Kenntniß der Bodenbildung eines Continents von größerem Belang
ist, die Meereshöhe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Küste
zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische
Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von
Khoten und Hami wären für die Geologie wichtiger als die Bestimmung der
Höhe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stündlichen Variationen
des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Küsten
und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshöhe hing.
Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai
sogar fast 2 Linien. Der Deluc’sche auf den Saussure’schen reducirte
Hygrometer stand fortwährend im Schatten zwischen 84 und 92°, wobei nur
die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht
regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den großen Katarakten bedeutend
zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von
Aequatorialregen überflutheten Lande fast so groß wie auf der See.

Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig
werden, um die Länge zu bestimmen. Ich blieb ganze Nächte wach, um die
Methode der doppelten Höhen anzuwenden; all mein Bemühen war vergeblich.
Die Nebel im nördlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana
in der Nähe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum
Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die
Länge von Javita gleich 70° 22′ oder 1° 1′ 5″ weiter nach West als die
Länge der Einmündung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebniß ist von
Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gänzlich
unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben
können, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die
Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26°,40; sie hatte demnach
seit dem großen nördlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von
3° 50′, um 5° 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensität der magnetischen
Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita
nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten.

Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwärtig größtentheils
Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu
Stämme einer großen Lorbeerart, von den Missionären _‘Sassafras’_(60)
genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushöhlt. Diese Bäume sind
über hundert Fuß hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im
Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando,
in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen für den
Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Wälder die dicksten
Sassafrasstämme liefern. Man bezahlt den Indianern für die halbe Toise
oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heißt für den untern,
hauptsächlichen Theil (der aus einem ausgehöhlten Stamm besteht), einen
harten Piaster, so daß ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des
Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Nägeln und den
Seitenwänden, durch die man das Fahrzeug geräumiger macht, kommt es
doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken
für eine 48 Fuß lange Pirogue bezahlen.

Im Walde zwischen Javita und dem Caño Pimichin wächst eine erstaunliche
Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und ächte Lorbeeren (die dritte
Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen
Meereshöhe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum
secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist
wie Brasilholz, der Guamufate mit schönen, 7--8 Zoll langen, denen des
Calophyllum ähnlichen Blättern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle
diese Bäume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren
hundert bis hundert zehn Fuß hoch. Da die Aeste erst in der Nähe des
Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Mühe, sich Blätter und Blüthen
zu verschaffen. Letztere lagen häufig unter den Bäumen am Boden; da aber
in diesen Wäldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und
jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich
allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns
versicherten, die Blüthen gehören diesem oder jenem Baum an. In der Fülle
der Naturschätze machte uns das Botanisiren mehr Verdruß als Vergnügen.
Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was
wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten
unaufhörlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit künstlicher
Wärme zu trocknen suchte, größtentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten
erst, wie sie gewöhnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die
Blätter wußten sie besser zu unterscheiden als Blüthen und Früchte. Da sie
nur Bauholz (Stämme zu Piroguen) suchen, kümmern sie sich wenig um den
Blüthenstand. »Alle diese großen Bäume tragen weder Blüthen noch Früchte,«
so lautete fortwährend ihr Bescheid. Gleich den Kräuterkennern im
Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Mühe werth gesunden zu
untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits
uns ärgerlich.

Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, daß zuweilen dieselben
chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen
Pflanzenfamilien zukommen, so daß diese Familien in verschiedenen Klimaten
einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika
gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt.
Was die Nadelhölzer für die gemäßigte Zone, das sind die Terebenthaceen
und Guttiferen für die heiße. In diesen Wäldern des heißen Erdstrichs, wo
es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus
gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-,
Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein
Erwerbszweig für das Dorf Javita. Das berühmteste Harz heißt *Mani*; wir
sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder
Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und
den Bonpland für die _Moronobea coccinea_ hält, liefert nur einen sehr
kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste
kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich
auffallend, daß der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der
Galibis-Indianer in Cayenne gehört hat, uns in Javita, 300 Meilen von
französisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei
Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes,
schneeweißes Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt.

Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport
unseres Fahrzeugs zu Land vorwärts ging. Drei und zwanzig Indianer waren
angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumäste als
Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb
Tagen aus dem Tuamini in den Caño Pimichin, der in den Rio Negro fällt;
aber unsere Pirogue war sehr groß, und da sie noch einmal durch die
Katarakten mußte, bedurfte es besonderer Vorsichtsmaßregeln, um die
Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport währte auch über vier Tage.
Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer
in Javita haben denselben zur Hälfte vollendet, die andere Hälfte haben
die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio
Cereso maß den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich
0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man
statt des »Trageplatzes« einen Canal an, wie ich dem Ministerium König
Karls IV. vorgeschlagen, so würde die Verbindung zwischen dem Rio Negro
und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen
Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen
dann von San Carlos nicht mehr über den Cassiquiare, der eine Menge
Krümmungen hat und wegen der starken Strömung gerne gemieden wird; sie
gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de
Atabapo hinunter. Die Bergfahrt wäre über den Rio Negro und den Caño
Pimichin um die Hälfte kürzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es über
den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwärts bis Angostura. Ich glaube,
man könnte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die
Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter
gewöhnlichen Umständen 10 Tage weniger und der Weg wäre für die Ruderer
(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Strömung
anfahren muß, als auf dem Cassiquiare. Fährt man aber den Orinoco herauf,
geht man von Angostura an den Rio Negro, so beträgt der Unterschied in der
Zeit kaum ein paar Tage; denn über den Pimichin muß man dann die kleinen
Flüsse hinauf, während man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter
fährt. Wie lange die Fahrt von der Mündung des Orinoco nach San Carlos
dauert, hängt begreiflich von mehreren wechselnden Umständen ab, ob die
Brise zwischen Angostura und Carichana stärker oder schwächer weht, wie in
den Katarakten von Atures und Maypures und in den Flüssen überhaupt der
Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich kräftig
und die Strömung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Flüsse haben
dann so wenig Wasser, daß man jeden Augenblick Gefahr läuft aufzufahren.
Die Missionäre reisen am liebsten im April, zur Zeit der
Schildkröteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco
einiges Leben kommt. Man fürchtet dann auch die Moskitos weniger, der
Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt
leicht durch die großen Katarakten.

Aus den Barometerhöhen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am
Pimichin beobachtet, geht hervor, daß der Canal im Durchschnitt von Nord
nach Süd einen Fall von 30--40 Toisen hätte. Daher laufen auch die vielen
Bäche, über die man die Piroguen schleppen muß, alle dem Pimichin zu. Wir
bemerkten mit Ueberraschung, daß unter diesen Bächen mit schwarzem Wasser
sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so weiß war als
das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied rühren? Alle diese Quellen
entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Sümpfen im Walde. Pater
Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist
zu weit nach Ost gekommen, der Canal würde daher nicht 6000 Toisen lang.
Ich steckte den kürzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie
und da in die ältesten Waldbäume Marken. Der Boden ist völlig eben; auf
fünf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhöhung. Wie die
Verhältnisse jetzt sind, sollte man das »Tragen« wenigstens dadurch
erleichtern, daß man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen führte und
Brücken über die Bäche schlüge, durch welche die Indianer oft Tage lang
aufgehalten werden.

In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft über das
vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der
alte Kapitän Javita führte uns an einen Bach, der in den Tuamini fällt. Er
zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich
zwei, drei Fuß zwischen den Wurzeln zweier Bäume, des *Jacio* und des
*Curvana* graben muß. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der
neueren Botaniker, von der, wie man weiß, das Cautschuc kommt, das in
Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Blätter;
sein Saft ist milchigt, aber sehr dünn und fast gar nicht klebrigt. Das
Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, daß der Saft aus den Wurzeln
austritt, und dieß geschieht besonders, wenn die Bäume sehr alt sind und
der Stamm hohl zu werden anfängt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so
erfolgt auf natürlichem Wege, was der Mensch künstlich thut, um den
Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbäume
in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons
in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald
darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so daß diese von
oben am Stamm bis nahe über der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt
zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo
das Thongefäß steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer
in Carichana sahen wir ungefähr eben so verfahren.

Wenn, wie ich vermuthe, die Anhäufung und das Austreten der Milch beim
*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so muß der
Proceß zuweilen durch die Spitzen der längsten Wurzeln vor sich gehen;
denn wir fanden zwei Fuß breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht
Fuß vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Bäumen
vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch grünenden Hevea- oder
Jaciostämmen. Die Substanz ist weiß, korkartig, zerbrechlich und gleicht
durch die aufeinander liegenden Blätter und die gewellten Ränder dem
_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit
erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, daß in Folge eines
eigenthümlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich
verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt;
es ist ein eigenthümlich beschaffenes, ich möchte fast sagen »vergeiltes«
Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte
Ansehen der Ränder des Dapicho und seine Blätterung zu erklären.

Ich habe in Peru oft beobachtet, daß, wenn man den Milchsaft der Hevea
oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser gießt, das Gerinsel
wellenförmige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht bloß in dem
Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier
gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, daß man in französisch Guyana,
wenn man unter den Wurzeln und alten Stämmen der Hevea nachsuchte,
zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc
fände, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung,
daß, wenn die Blätter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es
wäre interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsäfte
der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten
gleichfalls abwärts gehen. Trotz der großen Gleichförmigkeit der
Temperatur durchlaufen die Bäume in der heißen Zone einen
Vegetationscyclus, unterliegen Veränderungen mit periodischer Wiederkehr.
Das Dapicho ist wichtiger für die Pflanzenphysiologie als für die
organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs über den Unterschied
zwischen dem Cautschuc in seinem gewöhnlichen Zustande und der bei Javita
gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte.
Gegenwärtig kommt im Handel ein gelblich weißes Cautschuc vor, das man
leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch
zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glänzend und seifenartig. Ich sah
kürzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das
Pfund im Preise standen. Dieses weiße, fett anzufühlende Cautschuc kommt
aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter
oben von einer Mischung von Käsestoff und Eiweißstoff abgeleitet habe.
Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewächse
Cautschuc geben, so muß man bedauern, daß dieser so nützliche Stoff bei
uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Bäume mit Milchsaft gar nicht
künstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco ließe sich so
viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer bedürfen mag. Im
Königreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glück versucht worden, aus
dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den
amerikanischen Völkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am
besten auf die Verarbeitung des Cautschuc.

Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den
Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. »Es fehlt Ihnen
an nichts in meiner Mission,« sagte Pater Cereso; »Sie haben Bananen und
Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je
länger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, daß Ihnen auch noch die
Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim
»Tragen«, so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, daß ich
ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe.«(61) Trotz unserer
Ungeduld, hörten wir die Schilderungen des guten Missionärs mit großem
Interesse an. Er bestätigte Alles, was wir bereits über die sittlichen
Zustände der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben
in einzelnen Horden von 40 bis 50 Köpfen unter einem Familienhaupte; einen
gemeinsamen Häuptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald
sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Mißtrauen ist
bei diesen Horden um so stärker, da selbst die, welche einander zunächst
hausen, gänzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder
in Ländern mit Grasfluren halten sich die Völkerschaften gerne nach der
Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebräuche und Mundarten
zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man große
Völkerfamilien in mehreren Marschcolonnen über schwach bewaldete, leicht
zugängliche Länder fortziehen. Der Art waren die Züge der toltekischen und
aztekischen Race über die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum
eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die
Völkerströmung, in der sich die kleinen Stämme in Canada, die Mengwe
(Irokesen) oder fünf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die
Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermeßliche
Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald
ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Flußverzweigungen
nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens nöthigte sie mehr oder
weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Flüsse, daß
die Familien sich niederließen, ohne zu wissen, welche Menschenart
zunächst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg,
ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren
müßten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur
schon vorgeschrittenen Ländern Flußverbindungen mächtig auf Verschmelzung
der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den
undurchdringlichen Wäldern des heißen Landstrichs, wie im rohen Urzustand
unseres Geschlechts, zerschlagen sie große Völker in Bruchstücke, lassen
sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, nähren
sie das Mißtrauen und den Haß unter den Völkern. Zwischen dem Caura und
dem Padamo trägt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwäche. Die
Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen
sich, weil sie einander fürchten.

Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt
man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmählig bevölkerte;
man meint die frühesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen
entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die
Jägervölker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns
vergeblich nach dieser allmähligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe-
und Haltpunkten im Leben der Völker. Der üppige Pflanzenwuchs ist den
Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Ströme Meeresarmen gleichen,
so hört des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten
von Wiederkäuern, die der kostbarste Besitz der Völker der alten Welt
sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals
Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos führte nicht
zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemäßigten Zone, an den Ufern des
Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein
Jäger; in der heißen Zone dagegen, in den Wäldern von Guyana pflanzt er
Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so überschwenglich
freigebig, daß die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, daß
das Urbarmachen darin besteht, daß man die Sträucher wegbrennt, das Ackern
darin, daß man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So
weit man sich in Gedanken in der Zeit zurückversetzt, nie kann man in
diesen dicken Wäldern die Völker anders denken als so, daß ihnen der Boden
vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten
Fläche fast ohne Arbeit so reichlich trägt, so hat man sich wiederum
vorzustellen, daß diese Völker immer einem und demselben Gewässer entlang
häufig ihre Wohnplätze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert
ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung
(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlägt rund die Weide
wechselt. Die Menge von Culturgewächsen, die man mitten im Walde wild
findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer
Lebensweise hin. Kann man sich wundern, daß bei solchen Sitten vom Segen
der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flächen und viel
mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts übrig bleibt?

Die Völker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den
alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkräfte.
Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der große
Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Früchte reifen läßt. Neben dem
Cachimana steht ein böses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so mächtig
ist, aber schlauer und besonders rühriger. Die Indianer aus den Wäldern,
wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, können sich von einem Tempel
oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. »Die guten Leute,«
sagte der Missionär, »lieben Processionen nur im Freien. Jüngst beim Fest
meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von
Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: »Euer Gott schließt sich in
ein Haus ein, als wäre er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem
Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt.« Bei zahlreicheren und
eben deßhalb weniger barbarischen Völkerschaften bilden sich seltsame
religiöse Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die göttlichen Dinge
tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das berühmte
*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den
Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Früchte tragen. An den Ufern des
Orinoco gibt es kein Götzenbild, wie bei allen Völkern, die beim
ursprünglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*,
die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die
Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muß man rein von Sitten und
unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geißelung, dem
Fasten und andern angreifenden Andachtsübungen. Dieser heiligen Trompeten
sind nur ganz wenige und die altberühmteste befindet sich auf einem Hügel
beim Zusammenfluß des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini
und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehört werden.
Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio
Tomo so, als wäre derselbe für mehrere Völkerschaften in der Nähe ein
Gegenstand der Verehrung. Man stellt Früchte und berauschende Getränke
neben die heilige Trompete. Bald bläst der Große Geist (Cachimana) selbst
die Trompete, bald läßt er nur seinen Willen durch den kund thun, der das
heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von
den Vätern unserer Väter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu
verwundern, daß es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben;
aber diese Ungläubigen äußern nur ganz leise, was sie von den Mysterien
des Botuto halten. Die Weiber dürfen das wunderbare Instrument gar nicht
sehen; sie sind überhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine
das Unglück, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht.
Der Missionär erzählte uns, im Jahr 1798 habe er das Glück gehabt, ein
junges Mädchen zu retten, der ein eifersüchtiger, rachsüchtiger Liebhaber
Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in
den Pflanzungen den Botuto bliesen. »Oeffentlich hätte man sie nicht
umgebracht,« sagte Pater Cereso, »aber wie sollte man sie vor dem
Fanatismus der Eingebornen schützen, da es hier zu Lande so leicht ist,
einem Gift beizubringen? Das Mädchen äußerte solche Besorgniß gegen mich
und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco.« Wären die Völker
in Guyana Herren dieses großen Landes geblieben, könnten sie, ungehindert
von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebräuche frei
entwickeln, « so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische
Bedeutung. Dieser geheimnißvolle Verein von Eingeweihten, diese Hüter der
heiligen Trompete würden zu einer mächtigen Priesterkaste und das Orakel
am Rio Tomo schlänge nach und nach ein Band um benachbarte Völker. Auf
diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_),
durch religiöse Gebräuche und Mysterien so viele Völker der alten Welt
einander näher gebracht, mit einander versöhnt und vielleicht der
Gesittung zugeführt worden.

Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen
unserer Pirogue an den Pimichin beschäftigt war, sey von einer Natter
gebissen worden. Der große starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand
in die Mission gebracht. Er war bewußtlos rücklings zu Boden gestürzt, und
auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf
gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so berühmt geworden,
und die das sicherste Mittel gegen den Biß giftiger Schlangen ist, war
hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Hütte des
Kranken und man heilte ihn mit dem Aufguß von *Raiz de Mato*. Wir können
nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift
kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdruß, daß er von den
nutzbarsten Gewächsen weder Blüthe noch Frucht zu Gesicht bekommt, während
er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften
rauszeichnen, täglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die
*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera
thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder
_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbiß brauchen. Eine
der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet
in Indien denselben Dienst. Ziemlich häufig findet man in derselben
Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Biß der
Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder
wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden
Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen,
Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten
Blüthen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen.

In der Hütte des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden
wir 2--3 Zoll große Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _‘Chivi’_
genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfältig zubereitet wird. In
Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem
Hochgewässer in sein Bett zurückkehrt, auf dem Gestein sitzen läßt. In
Javita bereitet man Salz durch Einäscherung des Blüthenkolbens und der
Früchte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schöne Palme, die am Ufer des
Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr
häufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist
das in der gemeinen Cocosnuß eingeschlossene Wasser häufig salzigt, selbst
wenn der Baum weit von der Meeresküste wächst. Auf Madagascar gewinnt man
Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Außer den Blüthenkolben und
den Früchten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche
des vielberufenen Schlinggewächses *Cupana* aus. Es ist dieß eine neue Art
der Gattung Paullinia, also eine von LINNÉs Cupania sehr verschiedene
Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß ein Missionär selten auf
die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen.
Diese Zubereitung erfordert große Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den
Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenblätter und
lassen sie im Wasser gähren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig
wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen genießt man ihn
Morgens statt Thee. Das Getränk ist bitter und magenstärkend, ich fand
aber den Geschmack sehr widrig.

Am Niger und in einem großen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr
selten ist, heißt es von einem reichen Mann: »Es geht ihm so gut, daß er
Salz zu seinen Speisen ißt.« Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas
nicht allzu häufig. Nur die Weißen, besonders die Soldaten im Fort San
Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Küste von
Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus
dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch
und verbrauchen fast kein Salz. Daher trägt auch die Salzsteuer aller
Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlägt, wie in Mexico
und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein
Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und
verschiedenen erdigten Salzen. Man löst ein ganz klein wenig davon in
Wasser auf, füllt mit der Auflösung ein dütenförmig aufgewickeltes
Heliconienblatt und läßt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar
Tropfen auf die Speisen fallen.

Am 5. Mai machten wir uns zu Fuß aus den Weg, um unsere Pirogue
einzuholen, die endlich über den Trageplatz im Caño Pimichin angelangt
war. Wir mußten über eine Menge Bäche waten, und es ist dabei wegen der
Nattern, von denen die Sümpfe wimmeln, einige Vorsicht nöthig. Die
Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Fährte der kleinen schwarzen
Bären, die am Temi so häufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens
in der Größe vom _Ursus americanus_; die Missionäre nennen sie _Osso
carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und
dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht
übel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen
sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heißt bei den Indianern
*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier
ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige
Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugänglicher er
wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit
Blüthen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung für sich), die
_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit
zusammengesetzter Blüthe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer
sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betäuben, endlich die hier
*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift
*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie
WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich
ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen
Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist.
Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der
Missionäre gefördert sähe, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und
ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco
zubrächte, könnte er gewiß die Zahl der von AUBLET und RICHARD
beschriebenen Gattungen verdreifachen.

Auch im Walde am Pimichin haben die Bäume die riesige Höhe von 80--120
Fuß. Es sind dieß die Laurineen und Amyris, die in diesen heißen
Himmelsstrichen das schöne Bauholz liefern, das man an der Nordwestküste
von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter
Null fällt, in der Familie der Nadelhölzer findet. In Amerika ist unter
allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft
so ausnehmend stark, daß unter dem 57 Grad nördlicher Breite, auf
derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus
canadensis_ 150 Fuß hohe und 6 Fuß dicke Stämme hat.(62) Wir kamen gegen
Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am
Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, »wo
ein armer Missionär, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden.« Ich
spreche dieß dem Mönch in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier
zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von
diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heißen
Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanfälle fast so heftig
wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen
eintreten. Der Tod des armen Mönchs wird wohl eher eine Folge der
Erschöpfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel
der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer große Furcht haben. Diese
Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche
die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem
Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Hände
setzten.

Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von
Cacaobäumen. Die Bäume sind sehr kräftig und hier wie am Altabapo und Rio
Negro in allen Jahreszeiten mit Blüthen und Früchten bedeckt. Sie fangen
im vierten Jahr an zu tragen, auf der Küste von Caracas erst im sechsten
bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin überall, wo er nicht
sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man,
daß der Cacaobaum in diesen Wäldern der Parime, südlich vom sechsten
Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und daß das nasse Klima am obern
Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den
Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so
muß man bedauern, daß dieses schöne Stück Erde in den Händen von Mönchen
ist, von denen keinerlei Cultur befördert wird. Die Missionen der
Observanten allein könnten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen,
dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe.
Um die Conugos am Pimichin wächst wild der *Igua*, ein Baum, ähnlich dem
_Caryocar nuciferum_ den man in holländisch und französisch Guyana baut,
und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_),
dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom
Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Südamerika kommen. Die Früchte
des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den
Küsten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Früchte des
_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einführten. Diese
Bäume werden hundert Fuß hoch und nehmen sich mit ihrer schönen
Blumenkrone und ihren vielen Staubfäden prachtvoll aus. Ich müßte den
Leser ermüden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese großen
Wälder auszuweisen haben, noch weiter herzählen. Ihre erstaunliche
Mannigfaltigkeit rührt daher, daß hier auf kleiner Bodenfläche so viele
Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und daß bei dem mächtigen Reiz
von Licht und Wärme die Säfte, die in diesen riesenhaften Gewächsen
circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden.

Wir übernachteten in einer Hütte, welche erst seit kurzem verlassen stand.
Eine indianische Familie hatte darin Fischergeräthe zurückgelassen,
irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen
Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekümmerten Menschenart.
Große Vorräthe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der
_Amyris_ Caraña) lagen um die Hütte. Die Indianer bedienen sich desselben
hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des
knöchernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Näpfe voll
vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als
_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem
klebrichten Saft das Geräthe, dem man eine schöne weiße Farbe geben will.
An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen
bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist
das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses
Gerinsel nun, diese weiße Haut, die glänzt, als wäre sie mit Copalfirniß
überzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Könnte man
diesem milchigten Firniß verschiedene Farben geben, so hätte man damit,
sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer
Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen
Verhältnisse der Gewächse der heißen Zone kennen lernt, desto mehr wird
man hie und da an abgelegenen, aber dem europäischen Handel zugänglichen
Orten in den Organen gewisser Gewächse halbfertige Stoffe entdecken, die
nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehören, oder die wir auf
künstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und mühsamem Wege
hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der
Anden von Quindiu überzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch
des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den käseartigen Stoff im
fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen
werden sich häufen, wenn, wie nach den gegenwärtigen politischen
Verhältnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europäische Cultur
großentheils in die Aequinoctialländer des neuen Continents überfließt.

Wie ich oben erwähnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem
Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande berüchtigt.
Bevor wir von der verlassenen Hütte Besitz nahmen, schlugen die Indianer
zwei große, 4--5 Fuß lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von
derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist
ein schönes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch weiß, auf dem Rücken braun
und roth gefleckt. Da in der Hütte eine Menge Kraut lag und wir am Boden
schliefen (die Hängematten ließen sich nicht befestigen), so war man in
der Nacht nicht ohne Besorgniß; auch fand man Morgens, als man das
Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine
große Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in
ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den
Menschen, weil sie der Wärme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich
eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen
Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier
keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das läßt sich
behaupten, wären diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt,
so hätte in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den
feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen müssen.

Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden
unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim »Tragen« wohl dünner
geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug könne die
dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf
und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl
aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Caño) heißt, ist so breit wie
die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenüber, aber kleine, gerne im
Wasser wachsende Bäume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so
ein, daß nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehört
mit dem Rio Chagre zu den Gewässern, die in Amerika wegen ihrer Krümmungen
berüchtigt sind. Man zählt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend
verlängert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke
von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Längenunterschied zwischen dem
Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu
bestimmen, nahm ich mit dem Compaß den Lauf des Caño Pimichin auf und
bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Strömung war nur
2,4 Fuß in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fuß
zurück. Meiner Schätzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100
Toisen westwärts von seiner Mündung und 0° 2′ westwärts von der Mission
Javita. Der Caño ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen
*Raudal*, über den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind
niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fünftehalb Stunden lang den Krümmungen
des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio
Negro ein.

Der Morgen war kühl und schön. Sechs und dreißig Tage waren wir in einem
schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, daß es umgeschlagen
hätte, wäre man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern
Bord zuzurufen, sich überzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir
hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima
hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, über eine ganze
Menge Wasserfälle und Flußdämme gekommen, welche die Stromfahrt sehr
beschwerlich und oft gefährlicher machen als lange Seereisen. Nach allem,
was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn
auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, daß wir die Nebenflüsse des
Amazonenstroms erreicht, daß wir die Landenge zwischen zwei großen
Flußsystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung
des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen
Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergießt, und
dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder
in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern
Auge gehabt, wächst uns an Bedeutung, je näher wir ihm kommen. Jene
unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare
beschäftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der
Culturvölker hochberühmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten
des neuen Continents, gewöhnt man sich beinahe daran, den Menschen als
etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehört. Der
Boden ist dicht bedeckt mit Gewächsen, und ihre freie Entwicklung findet
nirgends ein Hinderniß. Eine mächtige Schicht Dammerde weist darauf hin,
daß die organischen Kräfte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet
haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der
Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und
ohne Gefährde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser
Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas
Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande
Afrika’s gewöhnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts
an unsere Felder, unsere Gehölze und Bäche erinnert, die weite Einöde,
durch die man sich bewegt, nicht so stark auffällt. Hier, in einem
fruchtbaren Lande, geschmückt mit unvergänglichem Grün, sieht man sich
umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt
sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der
sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war
einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in
der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage über die
Größe der Sterne, über die Mondsbewohner, über tausend Dinge, von denen
ich so viel wußte als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht
genügen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: »Was die Menschen
anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen
hättet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen wäret. In
den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras
und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fließt.« Mit diesen
Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintönige Anblick dieser
Einöde hervorbringt. Möchte diese Eintönigkeit nicht auch auf das Tagebuch
unserer Flußfahrt übergehen! Möchten Leser, die an die Beschreibung der
Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents
gewöhnt sind, es nicht ermüdend finden!

                            ------------------



   55 Die wilden Völker bezeichnen jedes europäische Handelsvolk mit
      Beinamen, die ganz zufällig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe
      schon oben bemerkt, daß die Spanier vorzugsweise *bekleidete
      Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heißen.

_   56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus;
      __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._

   57 Einer der Vorgänger des Geistlichen, den wir in San Fernando als
      Präsidenten der Missionen fanden.

   58 Die Delphine, welche in die Nilmündung kommen, fielen indessen den
      Alten so auf, daß sie auf einer Büste des Flußgottes aus Syenit im
      Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind.

   59 Ich führe diesen geringfügigen Umstand hier an, um die Reisenden
      darauf aufmerksam zu machen, wie nöthig es ist, nur solche Barometer
      zu haben, bei denen die Röhre der ganzen Länge nach sichtbar ist.
      Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz
      sperren, ohne daß der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende
      der Röhre sich veränderte.

_   60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in
      Nordamerika.

   61 »Mit weißen und vernünftigen Menschen.« Die europäische Eigenliebe
      stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_
      einander gegenüber.

   62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem
      Stück 50 Fuß lang, 4 1/2 :breit und an den Rändern 3 Fuß hoch; sie
      faßten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen
      um Norfolkbucht ungeheuer hoch.

   63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund.



DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


               Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze.


Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco
gegenüber nur ein Fluß zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit
Jahrhunderten für die spanische Regierung von großer politischer
Wichtigkeit, weil er für einen eifersüchtigen Nachbar, für Portugal, eine
offene Straße ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudrängen und die
südlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen.
Dreihundert Jahre verflossen über zu nichts führenden Grenzstreitigkeiten.
Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Völker hielt man sich
bald an die Autorität des heiligen Vaters, bald an die Hülfsmittel der
Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu
verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die
Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Proceß gewonnen. Es
ist bekannt, daß durch die Bullen der Päpste Nicolaus V. und
Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit,
eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Längen zu
lösen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu
vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Händel in
Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento für die beiden Höfe zu
Madrid und Lissabon Sachen von großem Belang wurden, schickte man
Grenzcommissäre an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la
Plata.

Unter den Müßiggängern, welche die Archive mit Verrechnungen und
Protokollen füllten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter
Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit
von den Küsten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wußte. Das
Wenige, was wir am Schluß des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen
Geographie des neuen Continents wußten, verdankt man diesen achtbaren,
fleißigen Männern, den französischen und spanischen Akademikern, die in
Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach
Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschließen.
Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufällig
durch jene »Grenzcommissionen« gefördert worden sind, die für den Staat
eine große Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch öfter
vergessen als ausgelöst wurden.

Weiß man, wie unzuverlässig die Karten von Amerika sind, kennt man aus
eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio
Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Küste von Cayenne,
die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht,
so kann man sich über die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar
Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen
Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wüsten, deren
Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den berühmten Conferenzen in Puente de
Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage
verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische
Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezählt.] westwärts von
den Inseln des grünen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian
solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der
portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San
Antonio gezählt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos
Expedition, unterhandelte man über den Besitz der damals völlig
unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stück Sumpfland, über das wir
zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester
Zeit wollten die spanischen Commissäre die Scheidungslinie an die
Einmündung des Apoporis in den Jupura legen, während die portugiesischen
Astronomen sie bis zum Salto Grande zurückschoben. Die Missionäre und das
Publikum überhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen
Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien
beschuldigt man die Regierung der Gleichgültigkeit und Lässigkeit.
Ueberall wo die Völker keine Verfassung haben, deren Grundlage die
Freiheit ist, gerathen die Gemüther nur dann in Aufregung, wenn es sich
davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen.

Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenflüsse des Amazonenstromes,
die in Länge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern
gehört, während der untere in den Händen der Portugiesen ist. An diesen
zwei majestätischen Strömen hat sich die Bevölkerung nur in der Nähe des
ältesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern
Jupura oder Caqueta wurden von Missionären cultivirt, die aus den
Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum
Einfluß des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, während
am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Dörfer gegründet haben. Am
Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun.
Wie kann man sich auf eine Bevölkerung stützen, wenn sie so weit abliegt
als die in der Provinz Caracas? Fast völlig unbewohnte Steppen und Wälder
liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Küstenstrich und den
vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche
die spanischen Franciscaner längs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei
den Portugiesen in Brasilien hat das militärische Regiment, das System der
_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenüber die
Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur
Einmündung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der
bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal
von West nach Ost gerade fortläuft, konnte sich die portugiesische
Bevölkerung längs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern
Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte
da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmückt mit reichem Anbau und
mit zahlreichen Städten und ansehnlichen Dörfern bedeckt.

An diese Betrachtungen über die örtlichen Verhältnisse reihen sich andere
an, die sich auf die moralische Verfassung der Völker beziehen. Auf der
Nordwestküste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen
Niederlassungen außer den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe
die Bevölkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West
den Küstenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad
lange die castilianischen Mönche und die sibirischen Jäger(64) getrennt,
ließen sich letztere südlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in
Neucalifornien die Missionäre vom Orden des heiligen Franz, deren
Lebenswandel und deren Eifer für den Ackerbau alle Achtung verdienen,
nicht wenig erstaunt, als sie hörten, in ihrer Nachbarschaft seyen
griechische Priester eingetroffen, so daß die beiden Völker, welche das
Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Küsten Amerikas, China
gegenüber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die
Verhältnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben
Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung
einen der edelsten Reste des römischen Europa bilden, die aber durch das
Mißtrauen, wie es aus Ungleichheit der Kräfte und allzu naher Berührung
geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eifersüchtigen
Macht geworden waren. Geht man von der Küste von Venezuela (wo, wie in der
Havana und auf den Antillen überhaupt, die europäische Handelpolitik der
tägliche Gegenstand des Interesses ist) nach Süd, so fühlt man sich mit
jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrückt, was mit
dem Mutterlande zusammenhängt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den
mit Ochsenhäuten gedeckten Hütten inmitten wilder Heerden unterhält man
sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des
Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermäuse an
Färsen und Füllen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen
in den Wäldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen
beschäftigt, mit der Unzuverlässigkeit der Indianer, die aus den Dörfern
fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkröteneier,
mit den Beschwerden eines heißen, ungesunden Klimas. Kommen die Mönche
über der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man
sich leise über den Präsidenten der Missionen, so seufzt man über die
Verblendung der Leute, die im nächsten Capitel den Gardian des Klosters in
Nueva Barcelona wieder wählen wollen. Alles hat hier ein rein örtliches
Interesse, und zwar beschränkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des
Ordens, »auf diese Wälder, wie die Mönche sagen, _estas selvas_, die Gott
uns zum Wohnsitz angewiesen.« Dieser etwas enge, aber ziemlich trübselige
Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro
kommt und sich der Grenze Brasiliens nähert. Hier scheinen alle Köpfe vom
Dämon europäischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des
Amazonenstroms heißt in der Sprache der spanischen Missionen weder
Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die
kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos
zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*.
Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Küste von Cumana, und mit
Behagen erzählt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines
alten, aus den Bergen von Bierzo gebürtigen Commandanten von Vieja Guayana
angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, daß er zur See
habe an den Orinoco kommen müssen. »Ist es wahr,« sprach er, »wie ich hier
höre, daß spanisch Guyana, diese große Provinz, sich bis nach Portugal
erstreckt (zu _los Portugueses_), so möchte ich wissen, warum der Hof mich
in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich hätte gerne ein paar Meilen
weiter zu Lande gemacht.« Diese Aeußerung von naiver Unwissenheit erinnert
an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Prälat, der
übrigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer
Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Königs von Spanien in
Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr nördliches Ende liegt unter 37° 48′
der Breite) »hängen über Land mit Sibirien zusammen.«

Wenn zwei Völker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und
Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so
verdanken sie dieses Verhältniß, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem
Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres
kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Größe entwickelt. Die
castilianische Sprache wird gegenwärtig in Süd- und Nordamerika auf einer
1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Südamerika für
sich, so zeigt sich, daß das Portugiesische über einen größeren
Flächenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen
wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schönen Sprachen
eines Camoens und Lope de Vega verknüpft, hat, sollte man meinen, Völker,
die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht.
Der Nationalhaß richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in
Abstammung, Sitten und Culturstufe; überall, wo er sehr stark
ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhältnisse
und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich
etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich
Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu
verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben
einander-lebender Völker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern
Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist.

Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander
gehenden Politik der beiden Höfe von Lissabon und Madrid, das
systematische Mißtrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen
Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch stärker als
gewöhnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen
herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer
Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte »die Garnison« mit
Sicherheitsmaßregeln, welche »der Ernst der Lage« erforderlich machte, und
im Fall eines Angriffs hoffte er »den Feind zu umzingeln.« Sprachen wir
davon, daß die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Dörfer,
welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr
wenig beachte, so fühlten sich die Leute durch die Gründe, mit denen wir
sie beruhigen wollten, nur verletzt. Völkern, die durch alle Wechsel im
Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalhaß ungeschwächt erhalten haben, ist
jede Gelegenheit erwünscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen
ist bei Allein wohl, was sein Gemüth aufregt, was ihm eine lebhafte
Empfindung zum Bewußtseyn bringt, sey es nun ein Gefühl der Zuneigung,
oder jener eifersüchtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen
entspringt. Die ganze Persönlichkeit der Völker ist aus dem Mutterlande in
die entlegensten Colonien übergegangen, und der gegenseitige Widerwille
der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einfluß der gleichen
Sprache wegfällt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht,
daß der Haß zweier flüchtigen Matrosen, eines Franzosen und eines
Engländers, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der
Marquesasinseln Anlaß gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro können die
Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Dörfern
einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische
Sprachen, sie wissen gar nicht, was »am andern Ufer des Oceans, drüben
über der großen Salzlache« vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionäre sind
von verschiedener Farbe, und dieß mißfällt ihnen im höchsten Grade.

Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den
kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu können.
Diese Eifersucht ist nicht ohne Einfluß auf den Umstand gewesen, daß
unsere geographische Kunde von den Nebenflüssen des Amazonenstromes bis
jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt
ist, und die eine Nation an der Mündung, die andere im obern Flußgebiet
sitzt, so fällt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen
einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die
Trageplätze, über die man die Canoes von einem Nebenfluß zum andern
schafft, dessen Quellen in der Nähe liegen, verleiten zur Annahme von
Gabelungen und Verzweigungen der Flüsse, die in Wahrheit nicht bestehen.
Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich
(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und
Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits über die Trageplätze
zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern
Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu
sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche
Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den
Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die
Missionäre sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten
kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen über vermeintliche
Flußverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht
zu sagen, was er ganz gut weiß, und der Hang zu allem Geheimnißvollen, der
bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu,
um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen
Indianerstämme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Flüssen
ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche
»Wasser, großes Wasser, Strömung« bedeuten, unkenntlich gemacht und
verlängert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschäft, die Synonymie der
Flüsse ins Reine zu bringen, in größter Verlegenheit gewesen, wenn ich die
gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers
über die Zahl der Nebenflüsse, die Quellen und die Trageplätze befragte!
Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so hält es
sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten
wimmeln von willkürlich abgekürzten oder entstellten Namen. Um
herauszubringen, was darauf richtig ist, muß man sich von der
geographischen Lage der Nebenflüsse, fast möchte ich sagen von einem
gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der
portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der
Eingeborenen. Der Anava der älteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu,
und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man ließ nicht gerne einen
leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen möchten, und so
erschuf man Flüsse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, daß
dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die
Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf
ankommt, daß man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des
berühmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See
Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstörers des
Reichs der Incas, zu erkennen.

Die großen Nebenflüsse des Amazonenstroms heißen, selbst bei den
Missionären von europäischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im
untern. Der Jça heißt weiter oben Putumayo; der Jupura führt seinen
Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich
nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte dieß um so weniger
zu etwas führen, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte.
In Javita, Maroa und San Carlos hörte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY,
der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich überall sehr genau
fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus
meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdrücklich, der Rio
Negro heiße auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder
Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt
Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne
Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem
letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle
alten Geographen durch ein komisches Mißverständniß ihren _‘Europa
fluvius’_ gemacht.

Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, über
welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage
erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines
mächtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie hängt mit
einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des
Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und
mit dem *örtlichen Mythus* vom Dorado, früher Enim oder das Reich des
Großen Paytiti geheißen. Studirt man die alten Karten dieser Länder und
die Geschichte der geographischen Irrthümer genau, so sieht man, wie der
Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmählich nach Westen
rückt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie
ich später nachweisen werde, im Südwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere
PHILIPP DE URRE ging, um die große Stadt Manoa zu entdecken, über den
Guaviare. Noch jetzt erzählen die Indianer in San Jose de Maravitanos,
»fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so
komme man zu einer berühmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und
so groß sey, daß man das Ufer gegenüber nicht sehen könne. Ein wildes
Volk, die Guanes, leide nicht, daß man im Sandboden um den See Gold
sammle.« Pater ACUÑA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura
und den Rio Negro. Manaos-Indianer (dieß ist das Wort Manoa mit
Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Völkern
vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Blätter geschlagenen
Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga
und Moreira bekannt ist, saß am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA
CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem
Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des
Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acuña
und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Flüssen Urubaxi und Iguari der
handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze
und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit
vielen Jahren habe ich nach den ältesten Karten und einem ansehnlichen,
von mir gesammelten, nicht veröffentlichten Material mit anhaltendem Eifer
Untersuchungen über die Geographie Südamerikas nördlich vom Amazonenstrom
angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen
Werkes bewahren möchte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenständen zu
handeln, über die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, nämlich von
den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser
Flüsse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den
Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thränen gekostet hat.
Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem
Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am
lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen müßte,
wenn ich alle Beweise für meine Ausstellungen beibringen wollte, so
beschränke ich mich hier darauf, die hauptsächlichsten Ergebnisse
mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausführung auf die »_Analyse des
Cartes_« und den »_Essai sur la géographie astronomique du
Nouveau-Continent_«, welche den geographischen Atlas eröffnen sollen.

Diese meine Untersuchungen führen zum allgemeinen Schluß, daß die Natur
bei der Vertheilung der fließenden Gewässer auf der Erdoberfläche, wie
beim Bau der organischen Körper, lange nicht nach einem so verwickelten
Plane verfahren ist, als man unter dem Einfluß unbestimmter Anschauungen
und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor,
daß alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der
Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; daß in
der alten Welt beim Lauf fließender Gewässer gleich außerordentliche
Erscheinungen vorkommen, daß aber diese Erscheinungen vermöge ihres
unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn
ungeheure Ströme betrachtet werden können als aus mehreren, unter einander
parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Ströme nicht
in Thäler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines großen Festlandes
so eben ist als bei uns das Meeresufer, so müssen die Verzweigungen, die
Gabelungen, die netzförmigen Verschlingungen sich ins Unendliche häufen.
Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht
glauben, daß die neue Welt später als die alte dem Schooß des Wassers
entstiegen, daß das organische Leben in ihr jünger, frischer seyn sollte;
wenn man aber auch keine Gegensätze zwischen den zwei Halbkugeln desselben
Planeten gelten läßt, so begreift sich doch, daß auf derjenigen, welche
die größte Wasserfülle hat, die verschiedenen Flußsysteme längere Zeit
gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig völlig
unabhängig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich überall bilden, wo
fließendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei,
die großen Strombetten zu erhöhen und die Ueberschwemmungen stärker zu
machen; aber auf die Länge werden die Flußarme und schmalen Kanäle, welche
benachbarte Flüsse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz
verstopft. Was das Regenwasser zusammenspült, bildet, indem es sich
aushäuft, Schwellen, _‘isthmes d’attérissement’_, Wasserscheiden, die
zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, daß die natürlichen,
ursprünglichen Verbindungscanäle nach und nach in zwei Wasserläufe
zerfallen, und durch die Aufhöhung des Bodens in der Quere zwei Gefälle
nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers fällt
in den Hauptwasserbehälter zurück, und zwischen zwei parallelen Becken
erhebt sich eine Böschung, so daß die ehemalige Verbindung spurlos
verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flußsystemen keine
Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der großen Ueberschwemmungen noch
immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehälter nur weg, um nach
größeren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurückzukehren. Die Gebiete,
deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schließen sich nach
und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der
Erdoberfläche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die
Flußbetten zu trennen, wie die großen Seen in mehrere zerfallen und die
Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65)

Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung
gewonnen hatten, daß in Südamerika zwischen verschiedenen Flußsystemen
Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhängig
machen, so nahmen sie an, daß die fünf großen Nebenflüsse des Orinoco und
des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura,
und Putumayo oder Iça unter einander zusammenhängen. Diese Hypothesen,
welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind,
entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem
Rücken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota über
Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hört man die Gebirgsbewohner
behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen
Friedens), des Iscancè und Aponte entspringen alle Flüsse, die zwischen
dem Meta und dem Putumayo durch die Wälder von Guyana ziehen. Da man die
Nebenflüsse für den Hauptstrom hält und man alle Flüsse rückwärts bis zur
Bergkette reichen läßt, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio
Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr
schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den
Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig
Interesse, die Flüsse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu
lernen: durch all diese Umstände ist die geographische Verwirrung noch
größer geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den
Weg, der über die Dörfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum
Landungsplatz am Rio Meta führt. Erst in neuester Zeit konnte ich die
Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebüchern_ des CANONICUS CORTES
MADARIAGA und nach den Ermittlungen während des Unabhängigkeitskriegs in
Venezuela berichtigen.

Ueber die Lage der Quellen am Fuß der Cordilleren zwischen dem 4° 20′ und
1° 10′ nördlicher Breite wissen wir zuverlässig, was folgt. Hinter dem
Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt
der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay
den *Meta* bildet; weiter nach Süden kommt der Rio Ariari, ein Nebenfluß
des *Guaviare*, dessen Mündung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen.
Geht man auf dem Rücken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo
von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo
vorbeiläuft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung
bekommen die Flüsse den Namen *Guaviare*. Südwestlich vom Paramo de Aponte
entspringen am Fuß der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der
Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung
eine große Rolle spielt. Diese beiden Flüsse, die sich etwas oberhalb der
Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder
*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene
der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und
dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Jça entspringt. Der
Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen
großen Flüsse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe,
Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio
Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwärts
bis zum Gebirge fortführen, entspringen weit weg von demselben entweder in
den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach
den Aussagen der Eingeborenen, fünf, sechs Tagereisen westwärts von den
Missionen am Javita und Maroa anfängt und sich als Sierra Tunuhy jenseits
des Xiè dem Issana zu erstreckt.

Es erscheint ziemlich auffallend, daß dieser Kamm der Cordillere, dem so
viele majestätische Flüsse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta,
Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge,
aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewässer,
die über die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der
Anden kommt, einen noch thätigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester
Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja über den Rio Fragua an
den Caqueta herunterkommen. Nordöstlich von der Mission Santa Rosa,
westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Hügel, der
Tag und Nacht Rauch ausstößt. Es rührt dieß von einem Seitenausbruch der
Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die
gleichfalls am Fuß des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbrüchen
des Vulkansystems von Quito herrühren. Ist man mit den Ufern des Orinoco
und des Rio Negro bekannt, wo überall das Granitgestein zu Tage kommt,
bedenkt man, daß in Brasilien, in Guyana, auf dem Küstenland von
Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwärts von den Anden,
sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thätigen Vulkane
an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr
interessant.

Die imposante Größe des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr
1539 bei seinem Einfluß in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_;
aber erst ein Jahrhundert später suchten die Geographen seine Quellen am
Abhang der Cordilleren auf. ACUÑAs Reise gab Anlaß zu Hypothesen, die sich
bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D’ANVILLE
maßlos gehäuft wurden. ACUÑA hatte im Jahr 1638 an der Einmündung des Rio
Negro gehört, einer seiner Zweige stehe mit einem andern großen Strom in
Verbindung, an dem die Holländer sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt
scharfsinnig, daß man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Küste
gewußt, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den
barbarischen Völkern dieser Länder (besonders unter denen von caraibischem
Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acuña Rede
standen, den Cassiquiare meinten, den natürlichen Canal zwischen Orinoco
und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin,
oder ob sie ihm nur unbestimmt die Trageplätze zwischen den Quellen des
Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acuña selbst dachte
nicht daran, daß der große Strom, dessen Mündung die Holländer besaßen,
der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe
an, der westlich vom Cap Nord ins Meer fällt, und auf dem nach seiner
Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flußfahrt beschlossen
hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in
seinem närrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, »er wisse nicht,
wie er und die Seinigen aus der großen Wassermasse herausgekommen.« [S.
Bd. I. Seite 233].

Bis zu Acuñas Reise und den schwankenden Angaben, die er über Verbindungen
mit einem andern großen Fluß nordwärts vom Amazonenstrom erhielt, sahen
die unterrichtetsten Missionare den Orinoco für eine Fortsetzung des
Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. »Dieser Strom,« sagte Fray PEDRO SIMON im
Jahr 1625, »entspringt am Westabhang des Paramo d’Iscancè. Er nimmt den
Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heißt nach
einander Rio Iscancè, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der
Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco.« Nach der Lage des Paramo
d’Iscancè, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy
und an den schönen Ufern des Mayo gesehen, muß in dieser Beschreibung der
Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit
dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den
ritterlichen Zügen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die
beiden Kriegsmänner kamen an den Papamene erst, nachdem sie über den
Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am
nördlichen Ufer des Caqueta eine der stärksten Nationen; es ist also nicht
zu verwundern, daß, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Fluß Rio Tama
genannt wurde. Da die Quellen der Nebenflüsse des Caqueta und die
Nebenflüsse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der
großen Flüsse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem
Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de
Iscancè und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und
derselbe Fluß. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren,
sonst hätte man gesehen, daß der Fluß, der weiter unten Jupupa heißt, eben
der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevölkerung
dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb
des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht,
muß auch zu der Meinung beigetragen haben, daß der Orinoco am Abhang der
Gebirge von Pasto entspringe.

Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta
laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem großen Orinocobecken zu.
Hätte man genauer auf die Richtung dieser Nebenflüsse geachtet, so wäre
man gewahr geworden, daß allerdings das ganze Land im Großen nach Osten
abfällt, daß aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen,
schiefe Flächen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Südost
geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide läuft unter dem zweiten
Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und
dem Caño Pimichin, über die unsere Pirogue geschafft worden. Nördlich vom
Parallel von Timana laufen die Gewässer [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama,
Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenflüsse des
Orinoco oder die Nebenflüsse seiner Nebenflüsse. Aber südlich vom Parallel
von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu
gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Jça,
der Napo, der Pastaça und der Morona nach Südost und Süd-Südost und
ergießen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwürdig,
daß diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen
erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto
gefunden. Zieht man den Landhöhen nach eine Linie über Ceja (etwas südlich
von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen
1° 45′ und 2° 20′ der Breite, in 970 Toisen Meereshöhe, so findet man die
_‘divortia aquarum’_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen
Ocean.

Vor Acuñas Reise herrschte bei den Missionären die Ansicht, Caqueta,
Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses;
aber der Geograph SANSON ließ auf den Karten, die er nach ACUÑAs
Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer
der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese
Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON,
CORONELLI, DU VAL und DE L’ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese
Weise die Verbindungen zwischen den großen Strömen zu erklären, von denen
Acuña die erste Kunde von der Mündung des Rio Negro mitgebracht, und man
ahnte nicht, daß der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen ließ
man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Fluß, der sich gabelt, Rio
Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hieß. DE L’ISLE ließ in
seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum großen Verdruß
LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu völlig
unabhängigen Flüssen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung
zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden
Strömen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und
zur Zeit des Hondius galt es für das wahrscheinlichste.

LA CONDAMINEs Reise, die über verschiedene Striche Amerikas so viel Licht
verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco
und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der berühmte Gelehrte sah
allerdings wohl, daß der Caqueta (bei Mocoa) der Fluß ist, der am
Amazonenstrom Jupura heißt; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese
an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei.
Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab;
eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten
theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Flüsse, den Orinoco und den
Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe
von D’ANVILLEs schöner Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich
daraus, daß der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der großen Katarakten
abgeht, und daß man, um an die Mündung des Guaviare zu kommen, den Caqueta
über die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf muß. Als LA
CONDAMINE erfuhr, daß der Orinoco keineswegs am Fuß der Anden von Pasto,
sondern auf der Rückseite der Berge von Cayenne entspringe, änderte er
seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt
nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Mündung
des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D’ANVILLES zweiter
Karte ungefähr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des
Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von
Pater CAULIN gut geheißen, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf
allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese
Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel
Anziehendes, wie die Flüsse im Innern Nigritiens; es knüpfen sich eben
keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen
Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen
Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weißen Nil, des Gambaro, des Joliba
und des Zaïre. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang
ab; die Probleme sind bündiger gefaßt und das alte Stück Geographie, das
man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen
könnte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen.

Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue
Auskunft über die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in
den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen
Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der
Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die
mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schätzt dieselbe in der
Nähe der Ausmündung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200
Toisen; der Fluß wäre also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um
1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie
zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist,
versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fünf Tagereisen zu
Wasser nordwestwärts von der Mündung des Pimichin in einem bergigten
Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare
von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen
hinauffährt, so kann man fünf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so
starke Strömung zu etwas über einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung
annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Längenbeobachtungen
in Javita und San Carlos, unter 71° 35′ westlich vom Meridian von Paris zu
liegen kämen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen
übereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die
Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flußbett es gestattet. Nach der
Analogie der europäischen Flüsse läßt sich das Verhältniß zwischen der
Breite und Länge des obern Flußstücks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In
Amerika nimmt häufig die Wassermasse in den Flüssen auf kurzen Strecken
sehr auffallend zu.

Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzüglich dadurch ausgezeichnet, daß
er keine Krümmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch
einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Fluß die Richtung verändert,
liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch,
aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgänge
durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Fährt man den Guainia
nach Nordwest hinauf, so wird die Strömung mit jeder Tagreise reißender.
Die Flußufer sind unbewohnt; erst in der Nähe der Quellen (_las
cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder
Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der
Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es ließe
sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hörte in Cabruta aus dem
Munde eines indianischen Häuptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe
beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenfluß des
Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen
nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten
portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist
wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange
die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, ließen sie den
Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita
nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen
des Inirida und Guainia nicht höher als der Baraguan, der nach meiner
Messung 120 Toisen hoch ist.

Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im
hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, bestätigen,
was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier
Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem
Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser
Nebenflüsse als einen unabhängigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita
weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2° 15′ westwärts vom Meridian
von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenfluß des Guainia, scheint viel weiter
aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so,
daß kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen könnte, ohne ihn zu
schneiden. Ich bringe zum Schluß dieser Erörterung einen Beweis bei, der
direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der
Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden
entspringen soll.

Während meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des
Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswürdiger,
verständiger Mann, zuverlässige Mittheilungen über die Missionen der
Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche
Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre)
und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europäer durch dieses
unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am
Flusse dieses Namens, der in den Caqueta fällt, über eine unermeßliche,
völlig baumlose Savane, in deren östlichem Striche die Tamas- und
Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstägigem Marsch nordwärts kam er in
einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom
Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den großen Guaviarestrom bilden.
Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San
Juan de los Llanos. Pater Pugnet hörte dort von den großen Katarakten des
Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Präsident der Missionen am
Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf
gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo
über keinen Fluß. Es ist also erwiesen, daß unter dem 75. Grad der Länge,
auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio
Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden
sind und daß diese drei Flüsse ostwärts von diesem Meridian entspringen.
Diese Angaben sind von großem Werth; denn im innern Afrika ist die
Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen
des Meta, Guaviare und Caqueta. »Man glaubt es kaum,« sagt CALDAS in einer
wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, »daß
wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge
beginnen, die wir täglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen
Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch weiß, wie breit die
Cordilleren sind, noch wie die Flüsse laufen, die in den Orinoco und in
den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben
auf diesen Nebenflüssen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem
Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay
verkehren.«

Ich weiß wohl, daß in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der
Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einfluß des Rio Fragua und
des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der
Einmündung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese
Meinung stützt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche
häufig Trageplätze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten
an der Mündung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch
»Murcielagos« (Fledermäuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut
aussaugen, können die spanischen Missionäre nicht den Caqueta hinabfahren.
Nie hat ein weißer Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einfluß des
Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission
fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0° 36′
südlicher Breite, dann den Rio de los Engaños (den trügerischen Fluß) und
den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0° 28′ nördlicher Breite
hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwärts keinen Arm vom Caqueta
abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind
Flüßchen, die in den Rio de los Engaños und mit diesem in den Caqueta
fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so wäre sie nur auf
der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einfluß des Payoya und dem zweiten
Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Engaños zu suchen; aber,
ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis
und des Uaupes könnte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum
obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, daß
zwischen den Zuflüssen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine
Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir
für das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshöhe gefunden. Vorausgesetzt,
das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen über Javita,
so folgt daraus, daß das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens
200 Toisen über dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem
Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de
Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von
Tomependa bis zum Meridian von 75° fällt und wie weit es von den Missionen
am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, daß das Bett
des Caqueta unterhalb der Mündungen des Caguan und des Payoya viel tiefer
liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers
abgeben soll. Ueberdieß ist das Wasser des Caqueta durchaus weiß, das des
Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, daß
ein weißer Fluß auf seinem Laufe schwarz würde. Der obere Guainia kann
also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, daß man Grund hat
anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhängigen Wasserbehälter,
komme südwärts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu.

Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen
lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die
sich südwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Länge, unter der sie
liegt, könnte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die
Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die großen Katarakten des
Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart
wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden
vor? Gibt es vielleicht weiter nach Süden, dem Uaupes zu, am Iquiare
(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwäschen? Dort
suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer
Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene
Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften,
so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, daß geschichtliche
Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens über den Guaviare und
den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa
die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heißt; man erinnert
sich, daß Pater Acuña den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldfluß* nennt, und
daß fünfzig Jahre später Pater FRITZ, ein sehr glaubwürdiger Missionär, in
seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit
Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und
dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Flüsse, die am Ostabhang der Anden
entspringen, (z. B. der Napo) führen viel Gold, auch wenn ihre Quellen im
Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwärts von den Cordilleren nicht
so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwärts bei Sonora,
Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses
Landstrichs übertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht für
berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur
deßhalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land
keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, daß die Eingeborenen am
Orinoco in ihren Sprachen ein Wort für Gold haben (caraibisch Carucuru,
tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), während das Wort, das sie
für Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die
Nachrichten über Goldwäschen südlich und nördlich vom Rio Uaupes, die
Acuña, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem überein,
was ich über die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So
stark man sich auch den Verkehr unter den Völkern am Orinoco vor der
Ankunft der Europäer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewiß nicht
vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben,
zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in
den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein.
Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwärts von den
Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission
Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern,
daß man, sobald sich Europäer in diesen Einöden niederlassen, weniger von
Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hört, die man sich
früher von den Caraiben und andern umherziehenden Völkern im Tauschhandel
verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und
Amazonenstrom nie sehr häufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die
Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen über weite Strecken
ein Ende macht.

Am obern Guainia ist das Klima nicht so heiß, vielleicht auch etwas
weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai
23°,9 [19°,2 Reaumur] warm, während der Thermometer in der Luft bei Tag
auf 22°,7, bei Nacht auf 21°,8 stand. Diese Kühle des Wassers, die fast
ebenso beim Congofluß beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1° 53′
bis 2° 15′ nördliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem
vierten und achten Grad der Breite meist 27°,5 bis 29°,5 warm. Die
Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27°,8. Diese
Abnahme der Wärme dem Aequator zu stimmt merkwürdig mit den Hypothesen
einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine örtliche
Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshöhe, des Landstrichs,
als vielmehr des beständig bedeckten, regnerischen Himmels, der
Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Wälder, der starken Ausdünstung der
Gewächse und des Umstandes, daß kein sandiges Ufer den Wärmestoff anzieht
und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einfluß eines bezogenen
Himmels zeigt sich recht deutlich am Küstenstrich in Peru, wo niemals
Regen fällt und die Sonne einen großen Theil des Jahres, zur Zeit der
*Garua* (Nebel), dem bloßen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort,
zwischen dem 10. und 12. Grad südlicher Breite ist die mittlere Temperatur
kaum höher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze
Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen
Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter
einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto größer, da sonst das
Jahr über die Einwohner sich bei Nacht über Frost beklagen, obgleich die
Temperatur immer noch 21° beträgt. Ich stellte in San Carlos, wie früher
in Javita, Beobachtungen über die Regenmenge an, die in einer gegebenen
Zeit fällt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon
handelt, die ungeheure Anschwellung der Flüsse in der Nähe des Aequators
zu erklären, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren
mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden
7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen.
Da es unaufhörlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so
können, glaube ich, in diesen Wäldern jährlich nicht wohl unter 90 bis 100
Zoll Wasser fallen. So außerordentlich viel dieß auch scheinen mag, so
wird diese Schätzung doch durch die sorgfältigen Beobachtungen des
Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien bestätigt. In Vera-Cruz fielen
allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im
ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der
dürren, kahlen mexicanischen Küsten und dem Klima in den Wäldern ist ein
großer Unterschied. Auf jenen Küsten fällt in den Monaten December und
Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur
2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter
einander, als ob die Luft sich in Wasser auflöste. In diesem nassen
Himmelsstriche würde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der
Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fuß hohen Wasserschicht bedeckt.
Diese Aequatorialregen, welche die majestätischen Ströme Amerikas speisen,
sind von elektrischen Entladungen begleitet, und während man am Ende
desselben Continents, auf der Westküste von Grönland,(71) in fünf und
sechs Jahren nicht Einmal donnern hört, toben in der Nähe des Aequators
die Gewitter fast Tag für Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen
Entladungen und der Regengüsse unterstützt übrigens keineswegs die alte
Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und
Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Höhe vergeblich
Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesättigten Luft enthaltenen
Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad.
Unter der heißen Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen
einzigen Grad abkühlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der
gemäßigten. Eine durch die Strömungen fortwährend erneuerte Luft kann
somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen fällt und dem
Physiker so erstaunlich groß dünkt.

Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe
als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weißen Wassers, die der
Cassiquiare hereinbringt, ändert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig
an der Farbe, daß es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne
du Brésil_ sagt ganz richtig, der Fluß habe überall, wo er nicht tief sey,
eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es
schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen
den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia
oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft
Gran-Para für ein so wichtiges Moment, daß der Rio das Amazonas westlich
vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimöes heißt
(eigentlich Sorimöes, mit Anspielung auf das Gift der Nation der
Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio
Maranhao oder Marañon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen
ungleich weniger von Wasservögeln bevölkert als die des Cassiquiare, Meta
und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute für die europäischen
Sammlungen finden. Daß diese Thiere so selten sind, rührt ohne Zweifel
daher, daß der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie
von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner
Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem
nähren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von
Zugvögeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen.
Wenn der Orinoco zu steigen anfängt, also nach der Frühlings-Tag- und
Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwärmen
vom 8. bis 3. Grad nördlicher zum 1. bis 4. Grad südlicher Breite gegen
Süd-Süd-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco,
ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade überfluthet,
keine Fische, Wasserinsekten und Würmer mehr fangen können. Man erlegt sie
zu Tausenden, wenn sie über den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum
Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn
der Orinoco fällt und in sein Bett zurücktritt, ziehen die Enten, ob sie
nun der Ruf der erfahrensten Zugvögel dazu antreibt, oder jenes innere
Gefühl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklären ist, vom
Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als
daß die Indianer am Rio Negro lüstern darnach wären, und sie entgehen
ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen
wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die
Eingeborenen im März Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht
sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und
warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio
Branco nicht begleiten. Dieses regelmäßige Ziehen der Vögel aus einem
Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr über
dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So
kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die großen Flüsse austreten,
viele Schwärme von Wasservögeln vom Orinoco und seinen Nebenflüssen an die
Südküsten der Antillen. Man muß annehmen, daß unter den Tropen der Wechsel
von Trockenheit und Nässe auf die Sitten der Thiere denselben Einfluß hat,
wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwärme
und die Insektenjagd locken in den nördlichen Ländern der Vereinigten
Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin
herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvögel und
die Stelzenläufer von Nord nach Süd, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts
ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die
Wanderungen der Vögel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem
Endziel.

Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen
Katarakt am Zusammenfluß gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die
Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und
wohlhabend aus, daß es angenehm auffällt. Wir kauften daselbst schöne
lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Vögel, bei
denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt.
Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einfluß des Aquio, dann an dem
des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer,
von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe.
Derselbe ist ferner dadurch interessant, daß er den heimlichen Verkehr mit
den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf
seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen
zuweilen flüchtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir
betraten die Mission nicht, Pater Zea erzählte uns aber lächelnd, die
Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil
man sie zwingen wollte, den vielberufenen »Teufelstanz« zu tanzen. Der
Missionär hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*,
die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den bösen Geist
*Jolokiamo* beschwören, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt
den »Teufelstanz« für ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten
darzuthun, daß Jolokiamo keine Gewalt mehr über sie habe. Einige junge
Indianer ließen sich durch die Versprechungen des Missionärs bewegen, die
Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben
Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwänzen
umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen
der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der
Kirche auf und führte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber
hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des bösen Geistes
nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann
die Oberhand; eine abergläubische Angst kam über sie, alle wollten _al
monte_ laufen, und der Missionär legte seinen Plan, den Teufel der
Eingeborenen lächerlich zu machen, zurück. Was für wunderliche Einfälle
doch einem müßigen Mönche kommen, der sein Leben in den Wäldern zubringt,
fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen könnte! Daß man in
Tomo den geheimnißvollen Teufelstanz mit aller Gewalt öffentlich wollte
aufführen lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionären
geschriebenen Büchern davon die Rede ist, wie sie sich bemüht, das; keine
Tänze aufgeführt werden, keine »Todtentänze«, keine »Tänze der heiligen
Trompete,« auch nicht der alte »Schlangentanz«, der _‘Queti’_, bei dem
vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit
den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu
entführen.

Nach zweistündiger Fahrt kamen wir von der Mündung des Tomo zu der kleinen
Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Mönchen, sondern
von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegründet worden. Der
Missionär Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns
sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als
Tafelluxus wäre uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Länge fällt es
einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getränke. Durch
die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den
Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon
arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionäre Bedenken, ob sie
mit Maderawein das Meßopfer verrichten dürften; sie hielten denselben für
ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getränk, wie Palmwein, und
forderten den Gardian der Missionen auf, sich darüber auszusprechen, ob
der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft
eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die
Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem
gegohrenen, dem Traubenwein ähnlichen Saft das Meßopfer zu verrichten. Wie
vorauszusehen, wurde die Frage verneint.

Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Hühner und ein
Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon
lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie drängten zum Aufbruch, damit
wir zeitig auf die Insel Dapa kämen, wo das Schwein geschlachtet und in
der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster
(_convento_) große Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der
Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente.
Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der
Flußfahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See muß man es, wenn es
halten soll, öfter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne
aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur
Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am
spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui benützen, einer
Palme mit gefiederten Blättern, von der wir weder Blüthen noch Früchte zu
Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weiße Mensch, der,
um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony
zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den
portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt
gemacht und führte, als er vom Amazonenstrom zurückkam, den Gewerbszweig
in den Missionen in Guyana ein. Es wäre zu wünschen, daß am Rio Negro und
Cassiquiare große Seilbahnen angelegt werden könnten, um diese Taue in den
europäischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura
auf die Antillen ausgeführt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als
Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen benützt, müßten sie angepflanzt und
cultivirt werden.

Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des
Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Flußverzweigungen eine
merkwürdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht nördlich von Vasiva unter dem
Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, läuft 25 Meilen lang durch ein ebenes,
fast ganz unbewohntes Land und fällt unter dem Namen Conorichite in den
Rio Negro. Er schien mir an der Mündung über 120 Toisen breit und bringt
eine bedeutende Masse weißen Wassers in das schwarze Gewässer. Obgleich
die Strömung im Conorichite sehr stark ist, kürzt dieser natürliche Kanal
dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte
Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn
man weiß, wie viele Flüsse in Amerika beim Zusammenfluß mit andern Delta’s
bilden. So ergießen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen
Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einfluß des Jupura
kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Fluß sich mit dem
Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehälter, drei
Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum
Nebenfluß. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand außer
Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er
diesen seinen Nebenfluß selbst aufnimmt.

Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte früher im Sklavenhandel, den
die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die
Sklavenhändler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Caño Mee in den
Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen über einen Trageplatz
zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe
diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schändliche
Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung
der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von
Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen
(wie Verlust bürgerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbuße), »Eingeborene
durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;«
aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio
Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE
ausdrückt, für die europäische Politik nur in sofern Interesse, als er die
*Entradas* oder feindlichen Einfälle erleichterte und dem Sklavenhandel
Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von
den Portugiesen und den Holländern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und
Glaswaaren aller Art. Dafür hetzten sie die indianischen Häuptlinge gegen
einander auf, so daß es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen
ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in
den Weg kam. Diese Streifzüge der Caraiben erstreckten sich über ein
ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem
Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Süd dem Rio Branco zu,
andererseits nach Südwest über die Trageplätze zwischen dem Rio Paragua,
dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen
Völkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden
und kamen über den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen
Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den
Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die unglücklichen Eingeborenen die
Nachbarschaft der Europäer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in
Berührung kamen. Dieselben Ursachen haben überall dieselben Folgen. Der
barbarische Handel, den die civilisirten Völker an der afrikanischen Küste
trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Länder
zurück, wo man vom Daseyn weißer Menschen gar nichts weiß.

Nachdem wir von der Mündung des Conorichite und der Mission Davipe
aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die
ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer
nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstücke und auf einem
kleinen Hügel eine indianische Hütte. Vier Eingeborene saßen um ein Feuer
von Buschwerk und aßen eine Art weißen, schwarz gefleckten Teigs, der
unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, große Ameisen,
deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet
und vom Rauch geschwärzt. Wir sahen mehrere Säcke voll über dem Feuer
hängen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der
engen Hütte mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Hängematten über
einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit großen
Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache
mehr Soldaten als am Orinoco, und überall, wo Soldaten und Mönche sich die
Herrschaft über die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung
zu den Mönchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Hängematten, um uns
Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der
Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe
schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben.
Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung.
Man ißt die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionäre
sagen, das *Ameisenfett* (der weiße Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft
ist. Als die Casavekuchen fertig waren, ließ sich Pater Zea, bei dem das
Fieber die Eßlust vielmehr zu reizen als zu schwächen schien, einen
kleinen Sack voll geräucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrückten
Insekten mit Maniocmehl und ließ nicht nach, bis wir davon kosteten. Es
schmeckte ungefähr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc
schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europäisches
Vorurtheil an, daß wir mit dem guten Missionär, wenn er das Ding eine
vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten.

Da der Regen in Strömen herabgoß, mußten wir in der überfüllten Hütte
übernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die übrige
Zeit schwatzten sie in ihren Hängematten, bereiteten ihr bitteres Getränk
Cupana, schürten das Feuer und klagten über die Kälte, obgleich die
Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fünf Stunden Vor
Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern
in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den »Entradas« die Eingeborenen
überraschen will, wählt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe
liegen, von neun Uhr bis Mitternacht.

Wir verließen die Insel Dapa lange vor der Morgendämmerung und kamen trotz
der starken Strömung und des Fleißes unserer Ruderer erst nach
zwölfstündiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links
ließen wir die Einmündung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel
Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator;
aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter
1° 54′ 11″. Jede Nation hat die Neigung, den Flächenraum ihrer Besitzungen
auf den Karten zu vergrößern und die Grenzen hinauszurücken. Da man es
versäumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu
reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die
Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose
de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Küste
von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Süd schieben. Dieß gilt von
allen Karten der Colonieen. Weiß man, wo sie gezeichnet worden und in
welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so weiß man zum voraus, nach
welcher Seite hin die Irrthümer in Länge und Breite laufen.

In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem
Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr hübsche
Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom läuft
geradeaus von Nord nach Süd, als wäre sein Bett von Menschenhand gegraben.
Der beständig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten,
finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastämme; es ist dieß
das majestätische Gewächs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die
man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter
dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Bäume werden in
acht Jahren dreißig Fuß hoch.

Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon
zehn zum Schutz der Missionäre in der Nachbarschaft detachirt waren. Die
Luft ist so feucht, daß nicht vier Gewehre schußfertig sind. Die
Portugiesen haben fünf und zwanzig bis dreißig besser gekleidete und
bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission
San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebäude aus
ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstücke standen. Die Schanze,
oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San
Carlos gegenüber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug
Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern
Pässen stand wohl, daß ich sollte Berge messen und überall im Lande, wo es
mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen dürfen, aber vom
Besehen fester Plätze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don
Nicolas Soto, war als spanischer Offizier glücklicher als wir. Man
erlaubte ihm, über den Fluß zu gehen, und er fand auf einer kleinen
abgeholzten Ebene die Anfänge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet
wäre, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte
Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fünf Fuß hoch
und mit großen Steinen verstärkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in
denen man vier bis fünf Stücke aufstellen könnte. Im ganzen Werk sind
14--15 Geschütze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die
Schanze her stehen drei oder vier indianische Hütten. Dieß heißt das Dorf
San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr
diese christlichen Niederlassungen gedeihen, führt man für das angebliche
Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem
Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, daß es überall
um die Festung ruhig scheine; dieß erinnerte mich an die Schanzen an der
Küste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum
Schutz der europäischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis
fünf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser
daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. überall an so
entlegenen Punkten herrschen dieselben Mißbräuche in der
Militärverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird,
bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen
zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura
fürchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio
Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, daß die Truppen sehr
schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer,
weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle
schwarzen, klaren Gewässer) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von
den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer
und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den
Portugiesen jährlich kaum für 3000 Piaster Waaren eingeführt.

Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit
Ausrodung der Wälder die übermäßige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens
abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Blätter der krautartigen
Gewächse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwärtigen Zustand des
Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den
Küsten von Caracas von ausgezeichneter Güte und sehr gesucht ist, kann
eigentlich nur aus alten Baustätten, bei zerfallenen Hütten, bei _‘pueblo
viejo’_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der
Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Baustätten, wo der Boden
umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne daß etwas darauf
wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Wäldern gepflanzt wird, ist
wässrigt und ohne Arom. Bei den Dörfern Maroa, Davipe und Tomo ist der
Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande
getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und
Reis im Ueberfluß erzeugen.

Da man von der Mündung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen fährt,
so hätten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Küste von Brasilien nicht
viel mehr Zeit gebraucht, als um über den Cassiquiare und den Orinoco an
die Nordküste von Caracas zurückzukehren. Wir hörten in San Carlos, der
politischen Verhältnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen
Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach
unserer Rückkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr
wir uns ausgesetzt hätten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen wären. Man
hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender,
unüberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren,
ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natürlichen Canal
untersuchen, der zwei große Stromsysteme verbindet. In diesen öden Wäldern
hatte man Instrumente nie anders als in den Händen der Grenzcommission
gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis
dahin so wenig als der gute Missionär, von dem in einem früheren Capitel
die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernünftiger Mensch eine lange
beschwerliche Reise unternehmen kann, »um Land zu vermessen, das nicht
sein gehört.« Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner
Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse
astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so
schwer gefährden könnten. Man hätte uns auf dem Amazonenfluß nach
Gran-Para geführt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese
Absichten, die, wären sie in Erfüllung gegangen, eine aus fünf Jahre
berechnete Reise stark gefährdet hätten, erwähne ich hier nur, um zu
zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist
herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das
Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt,
erließ es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stören, im
Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch
einen Theil der portugiesischen Besitzungen käme. Von diesem aufgeklärten
Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Rücksicht man
mir zugedacht, um die ich mich in so großer Entfernung nicht hatte
bewerben können. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen,
befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach
Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich über den
Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem
Amazonenstrom über den Einfluß des Cababuri herauf, der wegen der
Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit
über die Geographie dieser Länder veröffentlicht worden, selbst was von
Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren.

Weiter den Rio Negro hinab läßt man rechts den Caño Maliapo, links die
Caños Dariba und Guy. Fünf Meilen weiter, also etwa unter 1° 38′
nördlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in
diesem endlosen Grenzproceß ist Alles provisorisch) als südlicher Endpunkt
der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem
Ort, wo es viele verwilderte Orangebäume gibt, zeigt man einen kleinen,
200 Fuß hohen Felsen mit einer Höhle, welche bei den Missionären »Cocuys
*Glorieta*« heißt. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort
Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier
hatte Cocuy, der Häuptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war
[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles
zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schönsten und fettesten seiner
Weiber. Ich zweifle nicht, daß Cocuy allerdings ein wenig ein
Menschenfresser war; »es ist dieß,« sagt Pater Gili mit der Naivität eines
amerikanischen Missionärs, »eine üble Gewohnheit dieser Völker in Guyana,
die sonst so sanft und gutmüthig sind;« aber zur Steuer der Wahrheit muß
ich hinzufügen, daß die Sage vom Harem und den abscheulichen
Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio
Negro. Ja in San Carlos läßt man nicht einmal den Verdacht gelten, als
hätte er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht
solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein
verständiger, civilisirter Mensch schien, gegenwärtig Hauptmann der
Indianer in San Carlos ist?

Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San
Josef de Maravitanos, die Dörfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino
(beim Einfluß des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa
Senhora da Guya, Boavista am Rio Içanna, San Felipe, San Joaquin de Coanne
beim Einfluß des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367],
Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las
Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zähle
diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen
die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von
Brasilien gegründet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf
Dörfer, und bis zum Ausfluß des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere,
außer den sechs Dörfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo
ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio
Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so
große Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses
Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevölkerter als
die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo
und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs
bloß auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, daß
der Rio Negro, weil er fortwährend von Nordwest nach Südost läuft,
leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen
Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die
Indianer unter Civil- und Militärbehörden und unter den Mönchen vom Berge
Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt
sich unabhängig erhält. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen
am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie
die andere dieser Regierungsweisen ist drückend in mehr als Einer
Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird für den Verlust der
Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz
geleistet.

Unter den Zuflüssen, die der Rio Negro von Norden her erhält, nehmen drei
besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer
Verzweigungen, ihrer Trageplätze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft
verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen.
Die am weitesten südwärts gelegenen dieser Nebenflüsse sind der Rio
Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem
Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem
Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwärts von der Mission Esmeralda
in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem
Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt
sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenfluß des Rio Negro, dem
Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in
hydrographischer Beziehung und für den Sarsaparillehandel gleich wichtig
sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in
seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Süden
ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser
gebirgigte Landstrich ist nicht sehr groß, aber reich an vegetabilischen
Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des
Curaregiftes dienen, an Mandelbäumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_),
aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide
zwischen den Gewässern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den
Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu fließen der Mavaca und
der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni,
nach Süden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere
theilt sich in der Nähe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der
westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San
Francisco Solano gaben uns die Indianer die umständlichsten Nachrichten
über seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, daß zu
einem untern Zufluß das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern
daß im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der
Richtung des Hauptwasserbehälters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich
habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenströmungen, dieses
scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flußgabelungen, deren Kenntniß für
die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas
zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, daß man nicht geradezu Alles
für Fabel erklären darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach
Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberfläche
umfassen.

Der Cababuri fällt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio
Negro; aber die Flüsse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen
auch mit dem Cababuri in Verbindung, so daß von der Schanze San Gabriel de
Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den
portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet
der spanischen Missionen sich einschleichen können. Wenn ich sage Gebiet,
so brauche ich den ungewöhnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer
zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Ländern gründet,
deren natürliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren
versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr
Gebiet erstrecke sich überall so weit, als sie im Canoe auf einem Fluß,
dessen Mündung in portugiesischem Besitz ist, gelangen können. Aber
Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein
Eigenthumsrecht begründet, und nach den obigen Bemerkungen über die
vielfachen Verzweigungen der Flüsse dürfte es für die Höfe von Madrid und
Lissabon gleich gefährlich seyn, diesen seltsamen Satz der
Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen.

Der Hauptzweck bei den Einfällen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille
und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu
sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen
von Esmeralda an einen See nördlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar
über die Trageplätze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und
dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von
diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva
Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _‘Zarza del Rio
Negro’_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man
zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von
Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfältig getrocknet und absichtlich dem
Rauch ausgesetzt, damit sie schwärzer wird. Diese Schlingpflanze wächst in
Menge an den feuchten Abhängen der Berge Unturan und Achivaquery. DE
CANDOLLE vermuthet mit Recht, daß verschiedene Arten von Smilax unter dem
Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwölf neue Arten, von
denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom
Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten
sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weißen und Farbigen so
gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr
bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus
den Werken des CLUSIUS, daß Europa in den ersten Zeiten der Eroberung
diese heilsame Arznei von der mexicanischen Küste bei Honduras und aus dem
Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwärtig ist der Handel mit *Zarza*
lebhafter in den Häfen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom
Verbindungen haben.

Versuche, die in mehreren botanischen Gärten in Europa angestellt worden,
thun dar, daß _Smilax glauca_ aus Virginien, die man für LINNÉ _Smilax
Sarsaparilla_ erklärt, überall im Freien gebaut werden kann, wo die
mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen
Thermometers beträgt;(73) aber die wirksamsten Arten gehören
ausschließlich der heißen Zone an und verlangen einen weit höheren
Wärmegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in
unsern Handbüchern der _materia medica_ ein Gewächs der Vereinigten
Staaten für den ältesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt.

Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der grünen Steine, die
unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach
einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der »Weiber ohne
Männer« (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein
leben). In San Carlos und den benachbarten Dörfern nannte man uns die
Quellen des Orinoco östlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und
in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natürlichen Lagerstätten
der grünen Steine. Diese Angaben bestätigen den Bericht eines alten
Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und
demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwärts von den
Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am
Amazonenstrom, 5 Grad ostwärts vom Einfluß des Rio Negro, besaßen früher
ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her
bekommen, das heißt aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben,
und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo,
des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder
sind diese Steine aus dem Süden gekommen, über den Rio Topayos, der von
der großen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt
diesen Steinen große Wichtigkeit bei; man trägt sie als Amulette am Hals,
denn sie schützen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem
Biß giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den
Eingeborenen nördlich und südlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch
die Caraiben, die für die Bokharen der neuen Welt gelten können, lernte
man sie an der Küste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich
dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation
gewandert sind, so kann es wohl seyn, daß sie sich nicht vermehren und daß
man ihre Lagerstätte nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor
wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anlaß eines
lebhaften Streites über die einheimische China, allen Ernstes die grünen
Steine vom Orinoco als ein kräftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht;
wenn man der Leichtgläubigkeit der Europäer soviel zutraut, kann es nicht
Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel
halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft
werden.(74) Gewöhnlich gibt man ihnen die Form der der Länge nach
durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen
Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief
versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte
Körper durchbohrt und Figuren von Thieren und Früchten daraus geschnitten.
Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen
Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen,
weisen auf eine frühere Cultur zurück. Die gegenwärtigen Bewohner dieser
Länder, besonders der heißen Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie
man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall)
schneiden kann, daß sie sich vorstellen, der »grüne Stein« komme
ursprünglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er
bearbeitet worden.

Aus dem hier Angeführten erhellt, daß der Amazonenstein nicht im Thale des
Amazonenstromes selbst vorkommt, und daß er keineswegs von diesem Flusse
den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer
Weiber, welche Pater Acuña und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal
Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern
Sammlungen unter dem falschen Namen »Amazonenstein« sieht, ist weder
Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgrüner Feldspath,
der vom Ural am Onegasee in Rußland kommt und den ich im Granitgebirg von
Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so
seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange
nicht so zäh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist
zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich
oryctognostisch dem dichten Feldspath nähert und ein Bestandtheil des
*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schöne Politur an
und geht vom Apfelgrünen ins Smaragdgrüne über; er ist an den Rändern
durchscheinend, ungemein zäh und klingend, so daß von den Eingeborenen in
alter Zeit geschliffene, sehr dünne, in, der Mitte durchbohrte Platten,
wenn man sie an einem Faden aufhängt · und mit einem andern harten
Körper(77) anschlägt, fast einen metallischen Ton geben.

Bei den Völkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der
erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe für gewisse Steine, nicht
allein für solche, die dem Menschen wegen ihrer Härte als schneidende
Werkzeuge dienen können, sondern auch für Mineralien, die der Mensch wegen
ihrer Farbe oder wegen ihrer natürlichen Form mit organischen
Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgängen verknüpft glaubt. Dieser
uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits
und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der
Wälder Thraciens, die wir wegen der ehrwürdigen Institutionen des Orpheus
und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen können.
Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch näher steht, empfindet sich als
Autochthone; er fühlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die
sie in ihrem Schooße birgt. Die Naturkräfte, und mehr noch die
zerstörenden als die erhaltenden, sind die frühesten Gegenstände seiner
Verehrung. Und diese Kräfte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im
Getöse, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose
Fels, die glänzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden
Berge wirken auf die jugendlichen Gemüther mit einer Gewalt, von der wir
bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser
Steincultus einmal, so erhält er sich auch fort neben späteren
Cultusformen, und aus einem Gegenstand religiöser Verehrung wird ein
Gegenstand abergläubischen Vertrauens. Aus Göttersteinen werden Amulette,
die vor allen Leiden Körpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem
Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fünfhundert
Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen
den wilden Völkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac weiß, fand
doch in der ersten Zeit der Eroberung der Mönch BERNHARD VON SAHAGUN in
Cholula *grüne Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehört, und die als
Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnißvolle Person ist der Buddha
der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten
religiösen Vereine und führte eine Regierungsweise ein, die mit der in
Meroe und Japan Aehnlichkeit hat.

Die Geschichte des Nephrits oder grünen Steins in Guyana steht in inniger
Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die
Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen.
LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Unterstützung dieser Sage bei.
Seit meiner Rückkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft
gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich
mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den
_‘Cougnantainsecouima’_ den unabhängigen Weibern, die nur im Monat April
Männer unter sich aufnahmen, nur deßhalb das Wort geredet, um in einer
öffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern
etwas Neues hört, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen
über eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um
so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen
über den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der
Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt
hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben
ohne Zweifel dazu beigetragen, daß ORELLANAs erste Berichte so wichtig
genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS,
GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man überall der
Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu
entdeckten Völkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten
Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und
Afrikaner erzählen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere
Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die längst dahin
sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja
für Europa »eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenüber
stehen.« Was damals nur Stylblume und Geistesergötzlichkeit war, ist
heutzutage zum Gegenstand ernster Erörterungen geworden. In einer in
Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie,
die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und
einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt.

Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit
dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu müssen
glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen
Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Königin Elisabeth
auf das große *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England
erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Königs*
(_‘el dorado’_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit
wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den
Goldstaub auf den Leibblasen; nichts mußte aber die Einbildungskraft
Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne
Männer, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute
hiemit die Gründe an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen
Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verführt haben;
aber diese Gründe berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage,
die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden
Völkern verbreitet ist, gänzlich zu verwerfen.

Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwürdig; er hat
dieselben sehr umständlich bekannt gemacht, und mit Vergnügen bemerke ich
noch, daß dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England für einen
Mann von der unermüdlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er
beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht.
Dreißig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den
Amazonenstrom und seine nördlichen Nebenflüsse befahren, RIBEIRO, Alles,
was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle bestätigt
gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto
unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere
Völkerschaft gebildet hätten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am
Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der
Volkssagen von den *Weibern ohne Männer* und der Herkunft der *grünen
Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in
Erfahrung bringen. Ich führe aber ein neueres Zeugniß an, das nicht ohne
Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionär sagt: »Ich
fragte einen Quaqua-Indianer, welche Völker am Rio Cuchivero lebten, und
er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut
tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar:
es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein
leben*. Der Indianer bestätigte dieß auch und erzählte, die Aikeam-benanos
seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes
Kriegsgeräthe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Männer vom
anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied
Blaserohre zum Geschenk. Alle männlichen Kinder, welche in dieser
Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht.« Diese
Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am
Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem
Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit
Weißen verkehrt und wußte sicher nicht, daß es südlich vom Orinoco einen
andern Fluß gibt, der der Fluß der Aikeam-benanos oder der Amazonen heißt.

Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionärs von Encaramada?
Keineswegs, daß es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, daß in
verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, müde der Sklavendienste, zu
denen die Männer sie verurtheilen, sich wie die flüchtigen Neger in ein
*Palenque* zusammengethan; daß der Trieb, sich die Unabhängigkeit zu
erhalten, sie kriegerisch gemacht; daß sie von einer befreundeten Horde in
der Nähe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in
der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu
einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorfälle,
wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster
gemodelt und übertrieben. Dieß ist ja der eigentliche Charakter der Sage,
und hätte der große Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II.
Seite 354.], nicht auf der Küste von Venezuela, sondern mitten im
Continent stattgefunden, so hätte das leichtgläubige Volk in jedem
*Palenque* von Marronnegern den Hof des Königs Miguel, seinen Staatsrath
und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma
standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und höchst wahrscheinlich
haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden
verbreitet. Schon vor Orellanas Flußfahrt glaubte Christoph Columbus auf
den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzählte dem großen Manne,
die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern
bewohnt, die den größten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Männern
hätten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo
sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Männer ihre Hütten
vertheidigten, oder auch -- und dieses Mißverständniß ist schwerer zu
entschuldigen -- jene religiösen Vereine, jene Klöster mexicanischer
Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Männer bei sich aufnahmen, sondern
nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung
brachte es mit sich, daß von den vielen Reisenden, die nach einander in
der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben
berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgänger gemeldet
hatten.

Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Nächte zu. Ich zähle die
Nächte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den
Meridian beobachten zu können, fast ganz durchwachte. Um mir keinen
Vorwurf machen zu dürfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung
hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Höhen bekommen, um
nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast
zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig
heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick
umzogen wie auf den Faröerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verließ
die Schanze San Carlos mit desto größerem Verdruß, da ich keine Aussicht
hatte, in der Nähe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu können.
Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20° 60; 216
Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maaß der magnetischen Kraft. Da
die magnetischen Parallelen gegen West aufwärts gehen und ich auf dem
Rücken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben
Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro,
so sind diese Beobachtungen für die Theorie der *Linien von gleicher **
Intensität* oder *isodynamischen Linien* von großer Bedeutung geworden.
Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist
die magnetische Inclination am ersteren Ort 26° 40, am zweiten 14° 85.
Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins
an, so ergibt sich für Cumana 1,1779, für Carichana 1,1575, für Javita
1,0675, für San Carlos 1,0480. In diesem Verhältniß nimmt die Kraft von
Nord nach Süd auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad
westlicher Länge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die
Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des
Erdmagnetismus große Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine
*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Prüfung unterworfen und
gefunden, daß die Intensität der Kraft auf demselben magnetischen Parallel
nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und daß die scheinbaren Anomalien
der Erscheinung größtentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt.
Im Allgemeinen steht fest, was für mich aus der ganzen Reihe meiner
Beobachtungen hervorgeht, daß die Intensität der Kraft vom magnetischen
Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter
verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn
zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensität westwärts vom
Meridian, der mitten durch Südamerika läuft, am stärksten, und sie nimmt
unter demselben Parallel ostwärts, Europa zu ab. In der südlichen
Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostküste von Afrika zu erreichen;
sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin
wieder zu. Ich fand die Intensität der Kraft in Mexico beinahe so groß wie
in Paris, aber der Unterschied in der Inclination beträgt mehr als 31
Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal
schwang, hätte unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen
nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt
sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensität in Santa
Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre früher
gemacht.

Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf
einem großen Festland bekannt geworden, die nächsten am magnetischen
Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen,
über den ich weiter westwärts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa
und Caxamarca unter dem 7. Grad südlicher Breite gegangen bin. Der
magnetische Parallel von San Carlos (der von 22° 60) läuft durch Popayan
und in die Südsee an einem Punkt (unter 3° 12′ nördlicher Breite und
89° 36′ westlicher Länge), wo ich so glücklich war, bei ganz stiller Luft
beobachten zu können.

                            ------------------



   64 Diese Jäger gehören zu Militärposten und hängen von der russischen
      Gesellschaft ab, deren Hauptactionäre in Irkutsk sind. Im Jahr 1804
      war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600
      Meilen von den nördlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt.

   65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwärtigen
      Verschiedenheit in der Höhe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten,
      daß in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer
      und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der
      Ausfluß des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar
      jünger und unabhängig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), über
      die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues
      Licht verbreitet hat.

   66 Dieß ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer
      Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro fällt.

   67 Den berühmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen
      Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit
      Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre.

   68 Dieß ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_

   69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in
      gerader Richtung mehr als zwei Grade.

   70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_

   71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad
      gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur
      Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Küste
      von Grönland verwechselt man häufig das Getöse der Lawinen oder
      stürzender Eismassen mit dem Donner.

   72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fuß) lang und 5 Zoll 4 Linien im
      Durchmesser, kostet den Missionär 12 harte Piaster und es wird in
      Angostura für 25 Piaster verkauft. Ein Stück von einem Zoll
      Durchmesser, 70 Varas (182 Fuß) lang, wird in den Missionen für
      3 Piaster, an der Küste für 5 verkauft.

   73 Wintertemperatur in London und Paris 4°,2 und 3°,7, in Montpellier
      7°,7, in Rom 7°,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir
      die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den
      spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben
      wachsen sehen, 20--26°.

   74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster.

   75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinäxte, die man in Amerika,
      z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter
      Feldspath.

_   76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und
      _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietäten des
      Varioliths nach WERNER.

   77 Brongniart, dem ich nach meiner Rückkehr nach Europa solche Platten
      zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den
      klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen
      Instrumenten, den sogenannten King, verwenden.

*   78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den
      *Vergoldeten*, _‘el rey dorado’_



LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE


Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.

ACUÑA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _
Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen
enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P.
Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf
Befehl Philippi des vierdten Königs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der
Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu
besserer Erläuterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten
derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in
Paraquaria neubekehrten Völcker, samt einem ausführlichen Bericht von dem
Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in
der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Französischen in das Teutsche
übersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729
551-772
ACUÑA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas.
Por el Padre Chrstoval de Acuña, Religioso de la Compañia de Iesus, y
Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por
Orden de su Magestad, el año de 1639. Por la Provincia de Qvito en los
Reynos del Perù al Excelentissimo Señor Conde Duque de Oliuares (Escudo de
la Compañía de Jesús, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del
Reyno 1641
CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva
Andalucia, Provincias de Cumaná, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco,
Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos
vezes Prov.l  de los Observantes de Granada. Dada á luz de orden y a
Expensas de S. M. año de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779
GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem
Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt
Philip Salvator Gilii Auszugsweise übersetzt._ Matthias Christian Sprengel
Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S.
GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia
naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di
Terra-ferma nell¿ America meridionale descritta dall¿ Abbate Filippo
Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4
GUMILLA, JOSÉ _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil
y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno,
Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y útiles
noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Raíces
medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares à N.
Santa Fé, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph
Gumilla, de la Compañia de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones
del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal
de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo
Obispado, Provincial que fuè de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y
actual Procurador à emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y
Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y
dividida en dos partes. (Dos volúmenes)._ Madrid Por Manuel Fernández,
Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda
Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745
LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjährigen Reisen der
Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn
de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne
ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwärtigen Beschaffenheit der
spanischen Colonien in America, und einer vollständigen Beschreibung des
berühmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere
Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre
befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern
begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763
LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abrégée d¿un Voyage fait dans
l¿Interieur de l¿Amerique Méridionale. Depuis la Côte de la Mer du Sud,
jusqu¿ aux Côtes du Brésil & de la Guiane, en descendant La Riviere des
Amazones; Lûe à l¿Assemblée publique de l¿Academie des Sciences, le 28.
Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la même Académie._ Paris la Veuve
Pissot 1745
OVIEDO Y BAÑOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Población de la
Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Baños Vecino de
la Ciudad de Santiago de León de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su
Hermano el Señor D. Diego Antonio de Oviedo y Baños, Oydor de las reales
Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y México, del Consejo de su
Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con
Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle
de los Jardines 1723
SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788
RALEGH, SIR WALTER _Die Fünffte Kurtze Wunderbare Beschreibung deß
Goldreichen Königsreichs Guianæ in America oder newen Welt unter der linea
Æquinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem
Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht
worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Büchlein beschrieben,
darauss Jodocus Hondius, eine schöne Landt Tafel, mit einer
Niderländischen Erklärung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht,
vnd auß vnterschiedlichen Authoribus erkläret._ Frankfurt (Main) Leuini
Hulsii Wittibe 1612
RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl
Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa,
(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria,
Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning.
Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her
Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse
Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson
1598
THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocatæ Quæstiones physicæ nunquam
antehac editæ. Eiusdem, Epistolæ morales, rusticæ, amatoriæ. Cassii
Quæstiones medicæ. Iuliani Imp. Galli Cæs. Basilij, & Greg. Nazianzeni
Epistolæ aliquot nunc primu¿m editæ; opera Bon. Vulcanii Brugensis._
Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII.



ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS


Vom Korrekturleser wurden mehrere Änderungen am Originaltext vorgenommen.
Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
ändern, wurden im Text belassen.

Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
geänderten Fassung.



      die berühmte Sagopalme der Guaraons-Indianer;
      die berühmte Sagopalme der Guaranos-Indianer;

      wenn es sich von ganz unbedeutenden Höhenunterschieden handelt.
      wenn es sich um ganz unbedeutenden Höhenunterschied handelt.

      trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zanducos an,
      trafen wir Mücken der Gattung Simulium und Zancudos an,





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3." ***

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