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Title: Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur
Author: Huxley, Thomas Henry, 1825-1895
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Zeugnisse für die Stellung des Menschen in der Natur" ***

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MENSCHEN IN DER NATUR***


Anmerkungen zur Transkription:

      Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
      Schreibweise und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

      Auf Seite 31 wurde der Querstrich oberhalb der Buchstaben o
      und a als [=o] und [=a] dargestellt.

      Formatierung:

      Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=),
      kursiver Text mit Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter
      Text mit Dollarzeichen ($Text$) markiert.


Transcriber's note:

      The original spelling and minor inconsistencies in the
      spelling and formatting have been maintained.

      On page 31 the macron above the letters o and a was displayed
      as [=o] and [=a].

      Formatting:

      Spaced text was marked using equal signs (=text=), text in
      italics with underscores (_text_) and bold text using the
      Dollar sign ($text$).



ZEUGNISSE FÜR DIE STELLUNG DES MENSCHEN IN DER NATUR.


[Illustration: =Gibbon=. =Orang=. =Chimpanze=. =Gorilla=. =Mensch=.

Photographisch nach Abbildungen in natürlicher Grösse reducirt (mit
Ausnahme des Gibbonskelets, welches in doppelt natürlicher Grösse war),
die Zeichnungen von Mr. Waterhouse Hawkins nach Exemplaren im Royal
College of Surgeons.]


ZEUGNISSE FÜR DIE STELLUNG DES MENSCHEN IN DER NATUR.

Drei Abhandlungen:

Über die Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen.

Über die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen Thieren.

Über einige fossile menschliche Überreste.

von

THOMAS HENRY HUXLEY.

Aus dem Englischen übersetzt von J. Victor Carus.

Mit in den Text eingedruckten Holzstichen.

Allein berechtigte deutsche Ausgabe.



Braunschweig,
Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn.
1863.



VORWORT DES ÜBERSETZERS.


Es gereicht mir zur grossen Freude, das vorliegende Buch meines
vortrefflichen Freundes bei den deutschen Lesern einführen zu können, da
es nicht nur eine Frage behandelt, deren wissenschaftlich begründete
Beantwortung einen umgestaltenden Einfluss auf die Lebensanschauung
jedes Gebildeten ausüben muss, sondern dies auch in einer sehr
vorurtheilsfreien, ruhigen Weise thut, welche wohlthätig von der leider
nur zu häufig vortretenden Gereiztheit, und, der Verbreitung gesunder
Ansichten sehr hinderlichen Einseitigkeit bei Besprechung ähnlicher oder
verwandter Fragen absticht.

So wenig es mir anstehen würde, das Werk besonders zu empfehlen, so kann
ich doch nicht umhin, ausser auf die äusserst vollständige Mittheilung
des Thatbestandes vorzüglich auf die Einleitung zur zweiten Abhandlung
aufmerksam zu machen. Es ist wohl selten nicht bloss die Continuität der
menschlichen Bestrebungen über gewisse Fragen zur Klarheit zu
gelangen, sondern auch die genetische Abhängigkeit der einzelnen
Beantwortungsversuche so bündig dargestellt worden, wie hier. Auch sei
mir erlaubt darauf aufmerksam zu machen, wie der Verfasser, ein
erklärter Anhänger Darwin's, ausdrücklich darauf hinweist, welch' grosse
Aufgaben wir in Folge der Darwin'schen Theorie noch zu lösen haben. Es
wird damit besonders denen ein wissenschaftlicher Dienst erwiesen,
welche zu glauben scheinen, dass sich die Naturforscher nun leichten
Kaufs über alle Schwierigkeiten hinwegsetzen zu können meinten. Dass
sich der Verfasser in Bezug auf den Inhalt der dritten Abhandlung
lediglich an die anatomischen Thatsachen gehalten hat, ohne auf das
geologische Detail einzugehen (über welches sich leider neuerdings ein
unerquicklicher persönlicher Streit in England erhoben hat), ist durch
das gleichzeitige Erscheinen des Buches von Sir Charles Lyell
hinreichend gerechtfertigt. Gerade die hier geäusserten Ansichten
dürften besonders den Anthropologen und Ethnographen zur Beherzigung zu
empfehlen sein.

    =Leipzig=, im Juni 1863.

                                                    J. Victor Carus.



INHALTSVERZEICHNISS.


                                     I                            Seite.

  Ueber die Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen               1

                                    II

  Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen
  Thieren                                                            64

                                   III

  Ueber einige fossile menschliche Ueberreste                       135



I.

Ueber die Naturgeschichte der menschenähnlichen Affen.


Werden alte Ueberlieferungen an der Hand der strengeren Untersuchungen
unserer Zeit geprüft, so erbleichen sie gewöhnlich genug zu blossen
Träumen. Es ist indess eigenthümlich, wie oft ein solcher Traum sich als
ein halbwacher herausstellt, der etwas real ihm zu Grunde Liegendes
voraussagt. Ovid deutete die Entdeckungen der Geologen vorher an; die
Atlantis war ein Erzeugniss der Einbildungskraft, aber Columbus
entdeckte dann die westliche Welt; und obschon die seltsamen Formen der
Centauren und Satyrn nur im Bereiche der Kunst existiren, so kennt man
doch jetzt nicht bloss im Allgemeinen, sondern ganz sicher und notorisch
Geschöpfe, die dem Menschen in ihrem wesentlichen Bau noch näher stehen
als jene, und doch durchaus so thierisch sind, wie die Bock- und
Pferdehälfte jener mythischen Zusammensetzungen.

Ich habe keine Notiz über einen der menschenähnlichen Affen von früherem
Datum gefunden, als die in =Pigafetta's= »Beschreibung des Königreichs
Congo«[1] enthaltene, welche Beschreibung nach den Bemerkungen eines
Portugiesischen Matrosen, =Eduardo Lopez=, angefertigt und 1598
veröffentlicht wurde. Das zehnte Kapitel dieses Werkes trägt den Titel:
»De Animalibus quae in hac provincia reperiuntur« und enthält eine kurze
Stelle des Inhalts, dass es »im Lande Songan, an den Ufern des Zaire,
eine grosse Menge Affen giebt, welche durch das Nachahmen menschlicher
Gesten den Vornehmen grosses Ergötzen gewähren.« Da man dies fast auf
jede Art Affen beziehen könnte, würde ich wenig auf die Stelle gegeben
haben, hätten es nicht die Brüder =De Bry=, deren Stiche das Werk
illustriren, für passend erachtet, in ihrem elften »Argumentum« zwei
dieser »Simiae magnatum deliciae« abzubilden. Der die Affen enthaltende
Theil dieser Tafel ist in dem Holzschnitt, Fig. 1, getreu copirt worden;
man wird bemerken, dass die Affen schwanzlos, langarmig und grossohrig,
und ungefähr von der Grösse des Chimpanze sind. Es könnte nun sein, dass
diese Affen ebenso Gebilde der Einbildungskraft der genialen Brüder
seien, wie der geflügelte, zweibeinige, krokodilköpfige Drache, der
dieselbe Tafel schmückt; andererseits könnten aber die Künstler ihre
Zeichnungen nach irgend einer im Wesentlichen treuen Beschreibung eines
Gorilla oder Chimpanze angefertigt haben. Wenn nun auch in beiden Fällen
diese Figuren einer kurzen Erwähnung werth waren, so datiren doch die
ältesten glaubwürdigen und bestimmten Berichte über irgend ein Thier
dieser Art aus dem 17. Jahrhundert. Sie rühren von einem Engländer her.

[Illustration: Fig. 1. Simiae magnatum deliciae. -- De Bry, 1598.]

Die erste Ausgabe jenes äusserst unterhaltenden alten Buches,
»=Purchas=' Wanderschaft« (Purchas his Pilgrimage), erschien 1613, und
hier finden sich viele Hinweise auf die Angaben eines Mannes, den
Purchas bezeichnet als »Andreas Battell (mein naher Nachbar, zu Leigh in
Essex wohnhaft), welcher unter Manuel Silvera Perera, Gouverneur unter
dem Könige von Spanien, in seiner Stadt St. Paul diente und mit ihm weit
in das Land Angola hineingieng«; und weiter »mein Freund Andreas
Battell, welcher viele Jahre im Königreiche Congo lebte«, und welcher
»nach irgend einem Streite zwischen den Portugiesen (unter denen er
Sergeant einer Abtheilung war) und ihm selbst acht oder neun Monate in
den Wäldern lebte«. Von diesem wettergebräunten alten Soldaten hörte
Purchas mit Staunen »von einer Art grosser Affen, wenn man sie so nennen
kann, von der Grösse eines Mannes, aber zweimal so dick in der Gestalt
ihrer Gliedmaassen, mit verhältnissmässiger Kraft, über den ganzen
Körper behaart, im Uebrigen durchaus wie Männer und Weiber in ihrer
ganzen körperlichen Gestalt.[2] Sie leben von solchen wilden Früchten,
wie sie die Bäume und Wälder darbieten und wohnen zur Nachtzeit auf den
Bäumen«.

Dieser Auszug ist indess weniger ausführlich und klar in seinen Angaben
als eine Stelle im dritten Kapitel des zweiten Theils eines andern
Werkes -- »Purchas' Wanderungen« (Purchas his Pilgrimes), 1625
erschienen, von demselben Verfasser --, welches oft schon, aber kaum
jemals völlig richtig citirt worden ist. Das Kapitel führt den Titel:
»Die wunderbaren Abenteuer des Andreas Battell aus Leigh in Essex, von
den Portugiesen als Gefangener nach Angola geschickt, welcher dort und
in den angrenzenden Gegenden nahezu achtzehn Jahre lebte.« Der sechste
Abschnitt dieses Kapitels ist überschrieben: »Von den Provinzen Bongo,
Calongo, Mayombe, Manikesocke, Motimbas: von den Affenungeheuern Pongo,
ihrer Jagd: Götzendienereien; und verschiedene andere Beobachtungen.«

»Diese Provinz (Calongo) gränzt nach Osten an Bongo und nach Norden an
Mayombe, welches der Küste entlang neunzehn (franz.) Meilen von Longo
entfernt ist.

Diese Provinz Mayombe ist ganz Wald und Hain, so überwachsen, dass man
zwanzig Tage im Schatten ohne Sonne oder Hitze reisen kann. Hier giebt
es keine Art Getreide oder Korn, so dass die Leute nur von Pisang und
Wurzeln verschiedener sehr guter Art und von Nüssen leben; auch giebt es
weder irgend eine Art zahmen Viehs noch Hühner.

Sie haben aber grosse Mengen von Elephantenfleisch, welches sie hoch
schätzen, und viele Arten wilder Thiere; und grosse Mengen von Fischen.
Hier ist eine grosse sandige Bucht, zwei Meilen nördlich vom Cap
Negro,[3] welche der Hafen von Mayombe ist. Die Portugiesen laden
zuweilen Farbholz in dieser Bucht. Hier ist ein grosser Fluss, Banna
genannt; im Winter hat er keine Barre, weil die Winde eine hohe See
verursachen. Wenn aber die Sonne ihre südliche Declination hat, dann
kann ein Boot einfahren; denn dann ist er des Regens wegen glatt. Dieser
Fluss ist sehr gross und hat viele Inseln, und Leute, die auf diesen
leben. Die Bäume sind so bedeckt mit Pavianen, Meerkatzen und grossen
Affen, dass sich wohl Jedermann fürchtet, in den Wäldern allein zu
reisen. Hier giebt es auch zwei Arten von Ungeheuern, die in den Wäldern
gemein und sehr gefährlich sind.

Das grössere der beiden Ungeheuer wird in ihrer Sprache Pongo genannt,
das kleinere heisst Engeco. Dieser Pongo ist in der ganzen Gestalt wie
ein Mensch, nur dass er der Grösse nach mehr einem Riesen als einem
Manne ähnlich ist; denn er ist sehr gross, hat eines Menschen Antlitz,
hohläugig, mit langen Haaren in den Augenbrauen. Sein Gesicht und seine
Ohren sind ohne Haare, ebenso seine Hände. Sein Körper ist voller Haare,
aber nicht sehr dicht; das Haar ist von schwarzbrauner Farbe.

Er ist vom Menschen nur in seinen Beinen verschieden, denn er hat keine
Waden. Er geht immer auf seinen Beinen und hält die Hände im Genick
übereinandergeschlagen, wenn er auf der Erde geht. Sie schlafen auf den
Bäumen und bauen sich Schutzdächer gegen den Regen. Sie nähren sich von
Früchten, die sie in den Wäldern finden, und von Nüssen; denn sie essen
keine Art von Fleisch. Sie können nicht sprechen und haben nicht mehr
Verstand als ein Thier. Wenn die Leute im Lande in den Wäldern arbeiten,
so zünden sie Feuer an, wo sie in der Nacht schlafen; und wenn sie
Morgens fortgegangen sind, kommen die Pongos und setzen sich um das
Feuer, bis es ausgegangen ist; denn sie verstehen nicht, Holz
zusammenzulegen. Es gehen ihrer immer viele zusammen und tödten viele
Neger, die in den Wäldern arbeiten. Oftmals fallen sie über die
Elephanten her, die zum Fressen dahin kommen, wo sie sind, und schlagen
sie so mit ihren geballten Fäusten und Holzstücken, dass jene brüllend
ausreissen. Diese Pongos werden niemals lebendig gefangen, weil sie so
stark sind, dass zehn Männer nicht einen halten können; sie fangen aber
viele von ihren Jungen mit vergifteten Pfeilen.

Der junge Pongo hängt am Bauche seiner Mutter mit seinen Händen fest um
sie herumgeschlagen, so dass die Eingebornen, wenn sie eins von den
Weibchen tödten, das Junge fangen, welches fest an seiner Mutter hängt.

Wenn einer unter ihnen stirbt, so bedecken sie den Todten mit grossen
Haufen von Zweigen und Holz, wie es gewöhnlich im Walde gefunden
wird.«[4]

Es scheint nicht schwer zu sein, die Gegend genau zu bestimmen, von
welcher Battell spricht. Longo ist ohne Zweifel der Name des auf unsern
Karten gewöhnlich Loango geschriebenen Platzes. Mayombe liegt noch
ungefähr neunzehn Lieues nördlich von Loango, der Küste entlang; und
Cilongo oder Kilonga, Manikesocke und Motimbas werden noch von den
Geographen verzeichnet. Das Cap Negro Battell's aber kann nicht das
heutige Cap Negro in 16° südlicher Breite sein, da Loango selbst unter
4° südlicher Breite liegt. Andererseits entspricht der »grosse Fluss
genannt Banna« sehr gut dem »Camma« und »Fernand Vas« der neueren
Geographen, die an diesem Theile der Afrikanischen Küste ein grosses
Delta bilden.

Dies »Camma«-Land nun liegt ungefähr anderthalb Grad südlich vom
Aequator, während wenige Meilen nördlich von der Linie der Gaboon und
einen Grad oder ungefähr so nördlich von diesem der Money River liegt --
beide neueren Naturforschern sehr wohl als Oertlichkeiten bekannt, wo
die grössten menschenähnlichen Affen gefunden worden sind. Uebrigens
wird noch heutzutage das Wort Engeco oder N'schego von den Eingebornen
dieser Gegenden zur Bezeichnung des kleineren der zwei grossen Affen,
die dort leben, gebraucht. Es kann daher kaum ein vernünftiger Zweifel
darüber aufkommen, dass Andreas Battell das berichtet, was er aus eigner
Anschauung kannte, oder jedenfalls wenigstens was er aus unmittelbaren
Berichten der Eingebornen des westlichen Afrika erfahren hatte. Der
»Engeco« indess ist jenes »andere Ungeheuer«, dessen Natur Battell »zu
schildern vergass«, während der Name »Pongo« -- der für das Thier
gebraucht wurde, dessen Charaktere und Gewohnheiten so umständlich und
sorgfältig beschrieben werden -- ausgestorben zu sein scheint,
wenigstens in seiner ursprünglichen Form und Bedeutung. Es giebt in der
That Beweise dafür, dass er nicht bloss in Battell's Zeit, sondern noch
bis zu einem viel neueren Datum herab in einem Sinne gebraucht wurde,
der gänzlich von dem verschieden war, in dem Battell ihn anwendet.

Es enthält z. B. das zweite Kapitel von Purchas' Werke, das ich vorhin
citirt habe, »Eine Beschreibung und geschichtliche Erklärung des Goldnen
Königreichs Guinea etc. etc., aus dem Holländischen übersetzt und mit
dem Lateinischen verglichen,« worin es heisst (S. 986):

»Der Fluss Gaboon liegt ungefähr fünfzehn Meilen nördlich von Rio de
Angra und acht Meilen nördlich vom Cap de Lope Gonsalvez (Cap Lopez) und
ist gerade unter der Linie, ungefähr fünfzehn Meilen von St. Thomas, und
ist ein grosses Land, gut und leicht zu kennen. An der Mündung des
Flusses liegt drei oder vier Faden tief eine Sandbank, auf welcher eine
starke Brandung herrscht wegen der aus dem Flusse in das Meer
ausgehenden Strömung. Dieser Fluss ist an seiner Mündung wenigstens vier
Meilen breit; aber in der Nähe der Pongo genannten Insel ist er nicht
über zwei Meilen breit ... Auf beiden Seiten des Flusses stehen viele
Bäume ... Die Pongo genannte Insel, die einen ungeheuer hohen Berg hat.«

Die französischen Flottenoffiziere, deren Briefe der ausgezeichneten
Abhandlung des verstorbenen Isidore Geoffroy Saint Hilaire über den
Gorilla[5] beigegeben sind, geben die Breite des Gaboon in ähnlicher
Weise an, ebenso die Bäume, welche seine Ufer bis zum Wasserspiegel
herab bekleiden, ebenso die starke von ihm in das Meer ausgehende
Strömung. Sie beschreiben zwei Inseln in seiner Mündung, -- eine
niedrige, genannt Perroquet; die andere ist hoch mit drei conischen
Bergen, Coniquet genannt; und einer von ihnen, M. Franquet, führt
ausdrücklich an, dass früher der Häuptling von Coniquet _Meni-Pongo_
genannt worden wäre, was so viel heisst als Herr von Pongo, und dass die
_N'Pongues_ (wie er in Uebereinstimmung mit Dr. Savage versichert, dass
sich die Eingebornen nennen) die Mündung des Gaboon selbst _N'Pongo_
nennen.

Im Verkehr mit Wilden ist es so leicht, ihre Anwendungen von Worten auf
Dinge misszuverstehen, dass man zunächst zu vermuthen geneigt ist,
Battell habe den Namen der Gegend, wo sein »grösseres Ungeheuer« noch
reichlich vorkömmt, mit dem Namen des Thieres selbst verwechselt. In
Bezug auf andere Gegenstände (mit Einschluss des Namens für das
»kleinere Ungeheuer«) hat er aber so völlig Recht, dass man den alten
Reisenden nur ungern im Irrthum vermuthet; und auf der andern Seite
werden wir sehen, dass hundert Jahre später ein anderer Reisender den
Namen »Boggoe« erwähnt als von den Einwohnern eines ganz andern Theils
von Afrika -- Sierra Leone -- auf einen grossen Affen bezogen.

Ich muss indessen diese Frage den Philologen und Reisenden zur
Entscheidung überlassen; auch würde ich mich kaum so lange dabei
aufgehalten haben, wäre es nicht wegen der merkwürdigen Rolle, welche
dies Wort »_Pongo_« in der spätern Geschichte der menschenähnlichen
Affen gespielt hat.

Die nächste Generation nach Battell sah den ersten menschenähnlichen
Affen, der je nach Europa gebracht wurde, oder wenigstens, dessen Besuch
einen Geschichtschreiber fand. Im dritten Buch der »Observationes
medicae« des =Tulpius=, 1641 erschienen, ist das 56. Kapitel (oder der
56. Abschnitt) dem von ihm sogenannten _Satyrus indicus_ gewidmet, »von
den Indiern Orang-outang genannt, von den Afrikanern Quoias Morrou«. Er
giebt, augenscheinlich nach dem Leben, eine sehr gute Abbildung des
Exemplars dieses Thieres, nostra memoria ex Angola delatum, ein Geschenk
für den Prinzen Friedrich Heinrich von Oranien. Tulpius sagt, es sei so
gross wie ein Kind von drei Jahren, und so dick wie ein sechsjähriges;
und dass sein Rücken mit schwarzem Haar bedeckt war. Es ist offenbar ein
junger Chimpanze.

[Illustration: Fig. 2. Der Orang des Tulpius, 1641.]

Unterdessen wurde die Existenz anderer Asiatischer menschenähnlicher
Affen bekannt, anfangs jedoch in sehr mythischer Weise. So giebt Bontius
(1658) eine durchaus fabelhafte und lächerliche Beschreibung und
Abbildung eines Thieres, das er »Orang-outang« nennt; und obgleich er
sagt »vidi Ego cujus effigiem hic exhibeo«, so ist doch die erwähnte
Abbildung (vergleiche Fig. 6 nach Hoppius' Copie) nichts als eine sehr
behaarte Frau von im Allgemeinen anständigem Ansehen, in ihren
Proportionen und Füssen völlig menschlich. Der besonnene englische
Anatom =Tyson= war berechtigt, von dieser Beschreibung des Bontius zu
sagen: »Ich gestehe, ich traue der ganzen Darstellung nicht.«

Dem letztgenannten Schriftsteller und seinem Mitarbeiter Cowper
verdanken wir den ersten Bericht über einen menschenähnlichen Affen, der
irgend welche Ansprüche auf wissenschaftliche Genauigkeit und
Vollständigkeit machen kann. Die Abhandlung mit dem Titel »Orang-outang
sive Homo sylvestris; or the Anatomy of a Pygmie compared with that of a
Monkey, an Ape and a Man«, von der Royal Society im Jahre 1699
herausgegeben, ist in der That ein Werk von merkwürdigem Verdienst und
hat in gewissen Beziehungen spätern Untersuchern als Vorbild gedient.
Tyson erzählt uns: »Dieser Pygmie wurde von Angola in Afrika gebracht,
war aber erst ein grosses Stück weiter hinauf im Lande gefangen worden«;
sein Haar »war kohlschwarz von Farbe und schlicht«, und »wenn er wie ein
Vierfüssler auf allen Vieren ging, so war es ungeschickt; er setzte
nicht die Handfläche platt auf den Boden, sondern ging auf den Knöcheln,
wie ich es ihn habe thun sehen, wenn er schwach und nicht kräftig genug
war, den Körper zu tragen«. -- »Von der Höhe des Kopfes bis zur Ferse
des Fusses maass er in einer geraden Linie sechs und zwanzig Zoll.«

[Illustration: Fig. 3. Fig. 4. Der »Pygmie« nach Tyson's Figuren 1 und 2
verkleinert, 1699.]

Diese Charaktere würden selbst ohne Tyson's gute Figuren (Fig. 3 und 4)
zu dem Beweise genügt haben, dass sein »Pygmie« ein junger Chimpanze
war. Da sich mir indessen höchst unerwartet die Gelegenheit dargeboten
hat, das Skelet des nämlichen Exemplars zu untersuchen, das Tyson
anatomirt hatte, so bin ich im Stande, ein ganz unabhängiges Zeugniss
dafür abzulegen, dass er ein wirklicher, wenngleich noch sehr junger
_Troglodytes niger_[6] war. Obgleich Tyson die Aehnlichkeiten zwischen
seinem Pygmie und dem Menschen völlig anerkannte, so übersah er doch
keineswegs die Verschiedenheiten zwischen den beiden, und er schliesst
seine Abhandlung damit, dass er zuerst die Punkte zusammenstellt, in
denen »der Orang-outang oder Pygmie dem Menschen ähnlicher ist, als
Affen und Meerkatzen«, und zwar in sieben und vierzig besondern
Abschnitten, und dann in vier und dreissig gleicherweise kurzen
Paragraphen die Beziehungen, »in denen der Orang-outang oder Pygmie vom
Menschen abweicht und mehr dem Affen- und Meerkatzengeschlecht gleicht«.

Nach einer sorgfältigen Uebersicht der zu seiner Zeit über den
Gegenstand vorhandenen Literatur kömmt unser Verfasser zu dem Schlusse,
dass sein »Pygmie« weder mit den Orangs des Tulpius und Bontius
identisch ist, noch mit dem Quoias Morrou des Dapper (oder vielmehr des
Tulpius), dem Barris des D'Arcos, noch mit dem Pongo Battell's, dass es
vielmehr eine Affenart ist, die wahrscheinlich mit den Pygmäen der Alten
identisch ist; und obgleich er, sagt Tyson, »einem Menschen in vielen
seiner Theile so sehr ähnlich ist, mehr als irgend ein Affe oder irgend
ein anderes Thier in der Welt, das ich kenne, so betrachte ich ihn doch
durchaus nicht als das Product einer Kreuzung, -- es ist ein Thier sui
generis und eine besondere Species von Affen.«

Der Name »Chimpanze«, unter dem einer der Afrikanischen Affen jetzt so
wohl bekannt ist, scheint in der ersten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein; aber die einzige wichtige
Erweiterung unserer Kenntniss der menschenähnlichen Affen Afrika's aus
jener Zeit ist in der Neuen Reise nach Guinea von William Smith
enthalten, die das Datum 1744 trägt.

[Illustration: Fig. 5. Facsimile der Figur des »Mandrill« von William
Smith, 1744.]

Bei der Beschreibung der Thiere von Sierra Leone, p. 51, sagt der
Verfasser:

»Ich will zunächst eine eigenthümliche Art von Thieren beschreiben,
welches die Weissen hier zu Lande Mandrill[7] nennen; warum sie es so
nennen, weiss ich aber nicht, noch hörte ich je den Namen zuvor; auch
können die, die es so nennen, mir es nicht angeben, es müsste denn wegen
der grossen Aehnlichkeit mit einem menschlichen Geschöpf sein, da es
durchaus keinem Affen gleicht. Erwachsen ist sein Körper im Umfang so
dick wie der eines mittelgrossen Mannes, -- seine Beine viel kürzer,
seine Füsse aber grösser, Arme und Hände im Verhältniss. Der Kopf ist
ungeheuer gross und das Gesicht breit und platt, ohne irgend welche
Haare ausser an den Augenbrauen; die Nase ist sehr klein, der Mund
breit, die Lippen dünn. Das von einer weissen Haut bedeckte Gesicht ist
ungeheuer hässlich, ganz über und über faltig wie bei alten Leuten; die
Zähne sind breit und gelb; die Hände haben ebensowenig Haare wie das
Gesicht, aber dieselbe weisse Haut, während der ganze übrige Körper mit
langem schwarzem Haar, wie ein Bär, bedeckt ist. Sie gehen niemals auf
allen Vieren, wie Affen; wenn sie geärgert oder geneckt werden, schreien
sie ganz wie Kinder ...«

»Als ich in Sherbro war, machte mir ein gewisser Mr. Cummerbus, den ich
hernach noch zu erwähnen Veranlassung haben werde, mit einem dieser
merkwürdigen Thiere ein Geschenk; die Eingebornen nennen sie Boggoe: es
war ein junges, sechs Monate altes Weibchen, aber schon damals grösser
als ein Pavian. Ich übergab es der Sorge eines der Sklaven, welcher
wusste, wie es zu füttern und zu pflegen war, da es ein sehr zartes
Thier war; sobald ich aber das Verdeck verliess, fingen die Matrosen an,
es zu necken -- die einen sahen seine Thränen gern und hörten es gern
weinen; andere hassten seine Schmutznase; als einer, der es schlug, vom
Neger, der es besorgte, angefahren wurde, sagte er dem Sklaven, er habe
seine Landsmännin sehr gern und fragte ihn, ob er sie nicht gern zur
Frau nehmen möchte? Darauf antwortete der Sklave sehr schlagfertig:
»Nein, das ist nicht meine Frau; das ist eine weisse Frau, das ist eine
passende Frau für Dich.« Ich glaube, dieser unglückliche Witz des
Negers beschleunigte seinen Tod, denn am nächsten Morgen fand man es
todt unter der Winde.«

William Smith's »Mandrill« oder »Boggoe« war ohne Zweifel ein Chimpanze,
wie seine Beschreibung und Abbildung bezeugen.

Linné kannte aus eigner Beobachtung nichts von den menschenähnlichen
Affen, weder Afrika's noch Asiens; indessen kann man annehmen, dass eine
Dissertation seines Schülers =Hoppius= in den »Amoenitates Academicae«
(VI. >Anthropomorpha<) seine Ansichten über diese Thiere enthalte.

[Illustration: Fig. 6. Die Anthropomorpha Linné's.]

Die Dissertation wird durch eine Tafel erläutert, von welcher der
beistehende Holzschnitt, Fig. 6, eine verkleinerte Copie ist. Die
Figuren sind (von links nach rechts) bezeichnet als: 1. _Troglodyta
Bontii_; 2. _Lucifer Aldrovandi_; 3. _Satyrus Tulpii_; 4. _Pygmaeus
Edwardi_. Das erste ist eine schlechte Copie von Bontius' imaginärem
»Orang-outang«, an dessen Existenz indess Linné vollständig geglaubt zu
haben scheint; wenigstens wird er in der Originalausgabe des »Systema
naturae« als eine zweite Species Homo angeführt, »H. nocturnus«.
_Lucifer Aldrovandi_ ist eine Copie einer Figur in Aldrovandi »De
Quadrupedibus digitatis viviparis«, Lib. 2, p. 249 (1645) bezeichnet:
»Cercopithecus formae rarae _Barbilius_ vocatus et originem a china
ducebat.« Hoppius ist der Ansicht, dass dies möglicherweise einer jener
katzenschwänzigen Menschen sei, von denen Nicolaus Köping versichert,
dass sie eine Bootsmannschaft, den »gubernator navis« und alle
miteinander auffrässen! Im »Systema naturae« nennt ihn Linné in einer
Anmerkung Homo caudatus und scheint geneigt zu sein, ihn als dritte
Species Mensch zu betrachten. Der _Satyrus Tulpii_ ist nach Temminck
eine Copie der Figur eines Chimpanze, die Scotin 1738 publicirte, die
ich nicht gesehen habe. Es ist der _Satyrus indicus_ des »Systema
naturae« und wird von Linné für eine möglicherweise vom _Satyrus
sylvestris_ verschiedene Art gehalten. Das letzte, der _Pygmaeus
Edwardi_ ist nach der Abbildung eines jungen »Waldmenschen« oder
wirklichen Orang-Utan copirt, die in Edwards' »Gleanings of Natural
History« (1758) gegeben ist.

Buffon war glücklicher als sein grosser Nebenbuhler. Er hatte nicht
bloss die seltene Gelegenheit, einen jungen Chimpanze lebendig
beobachten zu können, sondern er gelangte auch in den Besitz eines
erwachsenen Asiatischen menschenähnlichen Affen -- des ersten und
letzten erwachsenen Exemplars irgend eines dieser Thiere, die für viele
Jahre nach Europa gebracht wurden. Unter der werthvollen Unterstützung
Daubenton's gab Buffon eine ausgezeichnete Beschreibung dieses
Geschöpfes, das er nach seinen eigentümlichen Körperverhältnissen den
langarmigen Affen oder Gibbon nannte. Es ist der heutige _Hylobates
lar_.

Als daher Buffon im Jahre 1766 den vierzehnten Band seines grossen
Werkes schrieb, kannte er aus persönlicher Anschauung das Junge von
einer Art Afrikanischer menschenähnlicher Affen und das Erwachsene einer
Asiatischen Art, während er den Orang-Utan und den Smith'schen Mandrill
aus Beschreibungen kannte. Ausserdem hatte der Abbé Prevost einen
grossen Theil von Purchas' Wanderungen in seiner »Histoire générale des
Voyages« ins Französische übersetzt (1748), und hier fand Buffon eine
Uebersetzung von Andreas Battell's Beschreibung des Pongo und des
Engeco. Alle diese Angaben versucht Buffon in dem »Les Orang-outangs ou
le Pongo et le Jocko« überschriebenen Kapitel mit einander in
Uebereinstimmung zu bringen. Dieser Ueberschrift ist die folgende
Anmerkung beigefügt:

     »Orang-outang, nom de cet animal aux Indes orientales: Pongo, nom
     de cet animal à Lowando Province de Congo.«

     »Jocko, Enjocko, nom de cet animal à Congo que nous avons adopté.
     _En_ est l'article que nous avons retranché.«

Andreas Battell's »Engeco« wurde auf diese Weise in »Jocko« verwandelt
und in dieser letzteren Form über alle Welt verbreitet, in Folge der
ausgedehnten Popularität von Buffon's Werken. Der Abbé Prevost und
Buffon thaten aber noch mehr als Battell's nüchternen Bericht durch
»Weglassen eines Artikels« zu entstellen. So gab Buffon Battell's
Angabe, dass die Pongos »nicht sprechen können und nicht mehr Verstand
haben als ein Thier« in der Art wieder, »qu'il ne peut parler,
_quoiqu'il ait plus d'entendement que les autres animaux_«; ferner steht
die Versicherung Purchas', »bei einer Unterredung mit ihm sagte er mir,
dass einer dieser Pongos einen Negerknaben nahm, der einen Monat unter
ihnen lebte,« in der französischen Uebersetzung so, »un pongo lui enleva
un petit negre qui passa un _an_ entier dans la société de ces animaux.«

Nach Mittheilung der Beschreibung des grossen Pongo bemerkt Buffon mit
Recht, dass alle »Jockos« und »Orangs«, die bis dahin nach Europa
gebracht wären, jung gewesen seien; und er stellt die Vermuthung auf,
dass sie im erwachsenen Zustande so gross wie der Pongo oder der »grosse
Orang« sein möchten, so dass er vorläufig die Jockos, Orangs und Pongos
als alle zu einer Art gehörig betrachtet. Und vielleicht war dies gerade
soviel als der Zustand der Kenntniss zu jener Zeit erlaubte. Wie es aber
kam, dass Buffon die Aehnlichkeit des Smith'schen Mandrill mit seinem
eigenen Jocko übersah und den ersteren mit einem so gänzlich
verschiedenen Geschöpf verwechselte, wie der Pavian mit blauem Gesicht
ist, ist nicht leicht einzusehen.

Zwanzig Jahre später änderte Buffon seine Ansicht[8] und äusserte die
Meinung, dass die Orangs eine Gattung mit zwei Arten bildeten, -- eine
grössere, der Pongo Battell's, und eine kleinere, der Jocko; dass die
kleinere (Jocko) der ostindische Orang sei; und dass die jungen Thiere
von Afrika, die er selbst und Tulpius beobachtet hätten, nur junge
Pongos wären.

In der Zwischenzeit gab der holländische Naturforscher Vosmaer eine sehr
gute Beschreibung und Abbildung eines jungen, lebendig nach Holland
gebrachten Orangs (1778), und sein Landsmann, der berühmte Anatom =Peter
Camper=, veröffentlichte (1779) eine Abhandlung über den Orang-Utan von
ähnlichem Werthe wie die Tyson's über den Chimpanze. Er anatomirte
mehrere Weibchen und ein Männchen, welche alle er nach der
Beschaffenheit ihrer Skelete und ihrer Bezahnung mit Recht für junge
Thiere hielt. Nach Analogie vom Menschen aus urtheilend, schliesst er
indessen, dass sie im erwachsenen Zustande vier Fuss Höhe nicht
überschritten haben könnten. Uebrigens ist er sich völlig klar über die
specifische Verschiedenheit des wahren ostindischen Orang.

»Der Orang«, sagt er, »weicht nicht bloss vom Pigmy des Tyson und vom
Orang des Tulpius durch seine besondere Farbe und seine langen Zehen,
sondern auch durch seine ganze äussere Form ab. Seine Arme, seine Hände
und seine Füsse sind länger, während die Daumen im Gegentheil viel
kürzer und die grossen Zehen im Verhältniss viel kleiner sind«[9]. Und
ferner: »Der wahre Orang, das ist der asiatische von Borneo, ist also
nicht der Pithecus oder der ungeschwänzte, von den Griechen und
vornehmlich von Galen beschriebene Affe. Er ist weder der Pongo, noch
der Jocko, noch der Orang des Tulpius, noch der Pigmy des Tyson, sondern
ist _ein Thier einer besonderen Art_, wie ich aus dem Sprachorgane und
dem Knochenbau auf das Klarste nachweisen werde«[10].

Wenige Jahre später publicirte Radermacher, welcher eine hohe Stellung
in der Regierung der holländischen Besitzungen in Indien einnahm und ein
thätiges Mitglied der Batavischen Gesellschaft der Künste und
Wissenschaften war, im zweiten Bande der Verhandlungen dieser
Gesellschaft[11] eine Beschreibung der Insel Borneo, die zwischen 1779
und 1781 geschrieben ist und unter vielen anderen interessanten Dingen
auch einige Bemerkungen über den Orang enthält. Er meint, die kleinere
Art des Orang-Utan, nämlich die von Vosmaer und Edwards, werde nur auf
Borneo und vorzüglich um Banjermassing, Mampauwa und Landak gefunden.
Von dieser Art hatte er während seines Aufenthaltes in Indien einige
fünfzig gesehen; keiner aber war länger als höchstens 2½ Fuss.
Radermacher fährt fort: die grössere, oft für Chimäre gehaltene Art
würde vielleicht noch lange dafür gehalten worden sein ohne die
Anstrengungen des Residenten in Rembang, Mr. Palm, welcher auf der
Rückreise von Landak nach Pontiana einen schoss und ihn, zur
Uebersendung nach Europa, in Spiritus aufbewahrt nach Batavia schickte.

Palm's Brief, der die Beschreibung des Fanges enthält, lautet so: »Eurer
Excellenz sende ich hierbei einen Orang, von dem ich diesen Morgen
ungefähr um die achte Stunde hörte; es übertrifft dies alle Erwartung,
da ich schon vor langer Zeit den Eingebornen für einen Orang-Utan von
vier oder fünf Fuss Höhe hundert Ducaten geboten hatte. Lange Zeit
versuchten wir das Mögliche, um das schreckliche Thier lebendig in dem
dichten Walde, ungefähr halbwegs nach Landak, zu fangen. Wir vergassen
selbst zu essen, so ängstlich waren wir, ihn nicht entwischen zu lassen;
wir mussten uns aber in Acht nehmen, dass er sich nicht rächte, da er
fortwährend schwere Stücken Holz und grüne Zweige nach uns warf. Dies
Spiel dauerte bis Nachmittag 4 Uhr, wo wir uns entschlossen, ihn zu
schiessen. Dies glückte mir auch sehr gut, und besser, als ich je vorher
von einem Boote aus geschossen hatte. Die Kugel drang gerade in die
Seite des Brustkastens ein, so dass er nicht sehr beschädigt wurde. Wir
brachten ihn noch lebendig auf das Vordertheil des Schiffes und banden
ihn fest; am andern Morgen starb er an seinen Wunden. Nach unserer
Ankunft kam ganz Pontiana an Bord, um ihn zu sehen.« Palm giebt seine
Grösse vom Kopfe bis zur Ferse zu 49 Zoll an.

Ein äusserst intelligenter deutscher Beamte, Baron von Wurmb, der zu
jener Zeit eine Stellung im holländisch-ostindischen Dienste hatte und
Secretair der Batavischen Gesellschaft war, untersuchte dies Thier, und
seine sorgfältige Beschreibung desselben erschien unter dem Titel:
»Beschrijving van der Groote Borneosche Orang-outang of de Oost-Indische
Pongo« in demselben Bande der Abhandlungen der Batavischen Gesellschaft.
Nachdem von Wurmb seine Beschreibung aufgesetzt hatte, giebt er in
einem, Batavia Febr. 18, 1781[12] datirten Briefe noch an, dass das
Exemplar in Weingeist verwahrt nach Europa gesandt worden sei, um in die
Sammlung der Prinzen von Oranien aufgenommen zu werden;
»unglücklicherweise«, erzählt er weiter, »hören wir, dass das Schiff
Schiffbruch gelitten hat«. Von Wurmb starb im Laufe des Jahres 1781, der
Brief, in dem diese Stelle vorkommt, war der letzte, den er schrieb; in
seinen nachgelassenen, im vierten Theile der Verhandlungen der
Batavischen Gesellschaft publicirten Arbeiten findet sich eine kurze
Beschreibung eines weiblichen Pongo von vier Fuss Höhe mit Maassangaben.

Erreichte nun eines dieser Originalexemplare, nach denen von Wurmb's
Beschreibung entworfen wurde, jemals Europa? Es wird gewöhnlich
angenommen, dass sie herübergekommen sind; aber ich bezweifle die
Thatsache. Denn in der gesammelten Ausgabe von Camper's Werken ist der
Abhandlung »De l'Orang-outang«, Tom. I, pag. 64-66, von Camper selbst
eine sich auf die Arbeiten von Wurmb's beziehende Anmerkung beigefügt,
in der es heisst: »Bis jetzt ist diese Affenart in Europa noch nie
bekannt geworden. Radermacher hat die Güte gehabt, mir den Schädel eines
dieser Thiere zu schicken, welches drei und fünfzig Zoll oder vier Fuss
fünf Zoll in der Länge maass. Ich habe an Soemmerring in Mainz ein paar
Skizzen geschickt, welche indessen mehr darauf berechnet sind, eine Idee
von der Form als von der wirklichen Grösse der Theile zu geben.«

[Illustration: Fig. 7. Der von Radermacher an Camper gesandte
Pongo-Schädel, nach Camper's Originalskizzen in der Lucae'schen Copie.]

Diese Skizzen sind von Fischer und von Lucae reproducirt worden und
tragen das Datum 1783; Soemmerring erhielt sie im Jahre 1784. Wäre eines
der von Wurmb'schen Exemplare nach Holland gekommen, so würde es gewiss
um diese Zeit Camper nicht mehr unbekannt geblieben sein, der nun aber
fortfährt: »Es scheint, dass seitdem noch einige mehr von diesen
Ungeheuern gefangen worden sind; denn ein ganzes, sehr schlecht
aufgestelltes Skelet, das an das Museum des Prinzen von Oranien
geschickt war und welches ich erst am 27. Juni 1784 sah, war höher als
vier Fuss. Ich habe dies Skelet noch einmal am 19. December 1785
untersucht, nachdem es von dem geistvollen Onymus vorzüglich zurecht
gemacht worden war.«

Es scheint daher evident zu sein, dass dieses Skelet, welches
zweifelsohne das ist, was immer unter dem Namen von Wurmb's Pongo ging,
nicht von dem Thiere herrührt, welches er beschrieben hat, obschon es
ihm ohne Frage in allen wesentlichen Punkten ähnlich war.

Camper fährt dann fort, einige der wichtigsten Züge dieses Skelets zu
erwähnen, verspricht es gelegentlich im Detail zu beschreiben, und ist
augenscheinlich im Zweifel über die Beziehung dieses grossen »Pongo« zu
seinem »kleinen Orang«.

Die versprochenen weiteren Untersuchungen wurden niemals ausgeführt, und
so kam es, dass der Pongo von Wurmb's seinen Platz neben dem Chimpanze,
Gibbon und Orang erhielt als eine vierte und colossale Art
menschenähnlicher Affen. Es konnte auch den damals bekannten Chimpanzes
oder Orangs nichts weniger ähnlich sein als der Pongo; denn alle zur
Beobachtung gekommenen Exemplare vom Chimpanze und Orang waren von
kleiner Statur, von eigenthümlich menschlichem Ansehen, sanft und
gelehrig; während Wurmb's Pongo ein Ungeheuer von beinahe doppelter
Grösse, von grosser Stärke und Wildheit und sehr thierischem Ausdruck
war; seine grosse vorstehende, mit starken Zähnen bewaffnete Schnauze
war ferner noch durch das Auswachsen der Wangen in fleischige Lappen
entstellt.

Gelegentlich wurde dann, in Uebereinstimmung mit den üblichen
marodirenden Gewohnheiten der Revolutionsarmee, das Pongo-Skelet von
Holland fort nach Frankreich geschafft, und 1798 gaben Geoffroy St.
Hilaire und Cuvier Bemerkungen über dasselbe mit der ausdrücklichen
Absicht, seine völlige Verschiedenheit vom Orang und seine
Verwandtschaft mit den Pavianen zu beweisen.

Selbst in Cuvier's »Tableau Elémentaire« und in der ersten Ausgabe
seines grossen Werkes, des »Règne animal«, wird der Pongo als eine
Species Pavian aufgeführt. Es scheint indessen, dass Cuvier schon
zeitig, im Jahre 1818, veranlasst wurde, seine Ansicht zu ändern und der
Meinung beizutreten, die mehrere Jahre früher Blumenbach[13] und nach
ihm Tilesius ausgesprochen hatte, dass der Pongo von Borneo einfach ein
erwachsener Orang sei. Im Jahre 1824 wies Rudolphi aus dem Zustande der
Bezahnung ausführlicher und vollständiger, als es von seinen Vorgängern
geschehen war, nach, dass die bis zu jener Zeit beschriebenen Orangs
sämmtlich junge Thiere wären und dass der Schädel und die Zähne des
Erwachsenen wahrscheinlich so sein würden, wie sie der Wurmb'sche Pongo
darböte. In der zweiten Ausgabe des »Règne animal« (1829) zieht Cuvier
aus »den Verhältnissen aller Theile« und »den Anordnungen der Löcher und
Nähte des Schädels« den Schluss, dass der Pongo der erwachsene
Orang-Utan sei, »wenigstens eine sehr nahe verwandte Art«, und dieser
Schluss wurde dann später ausser allen Zweifel gestellt durch die
Abhandlung Professor Owen's, in den »Zoological Transactions« für 1835,
und von Temminck in seinen »Monographies de Mammologie«. Temminck's
Abhandlung ist ausgezeichnet durch die Vollständigkeit des beigebrachten
Nachweises über die Modificationen, denen die Form des Orang nach Alter
und Geschlecht unterliegt. Tiedemann veröffentlichte zuerst einen
Bericht über das Gehirn des jungen Orang, während Sandifort, Müller und
Schlegel die Muskeln und Eingeweide des erwachsenen beschrieben und den
ersten detaillirten und glaubwürdigen Bericht über die Lebensart des
grossen indischen Affen im Naturzustande gaben; da dann noch von spätern
Beobachtern wichtige Zusätze gegeben worden sind, so sind wir in diesem
Augenblicke besser mit dem erwachsenen Zustand des Orang-Utan bekannt,
als mit dem irgend eines der andern grösseren menschenähnlichen Affen.

Er ist sicher der Pongo von Wurmb's[14]; und er ist ebenso gewiss nicht
der Pongo Battell's, da wir jetzt sehen, dass der Orang-Utan gänzlich
auf die grossen asiatischen Inseln Borneo und Sumatra beschränkt ist.

Und während die aufeinander folgenden Entdeckungen so die Geschichte des
Orang aufklärten, wurde noch nachgewiesen, dass die einzigen andern
menschenähnlichen Affen in der östlichen Welt die verschiedenen Arten
von Gibbon seien -- Affen von kleinerer Statur, und daher die
Aufmerksamkeit weniger fesselnd als die Orangs, obgleich sie eine viel
weitere Verbreitung haben und deshalb der Beobachtung viel zugänglicher
sind.

Obgleich der geographische Bezirk, der von dem »Pongo« und »Engeco«
Battell's bewohnt wird, Europa so viel näher ist, als der, in dem der
Orang und Gibbon sich findet, so hat doch unsere Bekanntschaft mit den
afrikanischen Affen langsamer zugenommen; und in der That ist die
wahrheitsgetreue Erzählung des alten englischen Abenteurers erst in den
letzten paar Jahren völlig verständlich gemacht worden. Erst 1835 wurde
das Skelet des erwachsenen Chimpanze bekannt durch die Publication von
Professor Owen's oben erwähnter ausgezeichneter Abhandlung »On the
osteology of the Chimpanzee and Orang« in den Abhandlungen der
Zoologischen Gesellschaft, -- eine Abhandlung, welche durch die
Genauigkeit der Beschreibung, die Sorgfalt in der Vergleichung und die
Vortrefflichkeit der Abbildungen epochemachend war in der Geschichte
unserer Kenntniss des knöchernen Baues nicht bloss des Chimpanzes,
sondern aller menschenähnlichen Affen.

Durch die hier mitgetheilten detaillirten Untersuchungen wurde erwiesen,
dass der alte Chimpanze in Bezug auf Grösse und Ansehen von den Tyson,
Buffon und Traill bekannten jungen Formen so weit abweicht, wie der
alte Orang vom jungen Orang; und die spätern äusserst wichtigen
Untersuchungen der Herren Savage und Wyman, eines amerikanischen
Missionars und eines Anatomen, haben nicht bloss diesen Schluss
bestätigt, sondern viele neue Einzelheiten beigebracht[15].

Eine der interessantesten unter den vielen werthvollen Entdeckungen, die
Dr. Thomas Savage gemacht hat, ist die Thatsache, dass heutigen Tages
die Eingebornen des Gaboonlandes den Chimpanze mit einem Namen
bezeichnen -- »Enché-eko« -- der offenbar identisch ist mit dem »Engeko«
Battell's, eine Entdeckung, die von allen späteren Forschern bestätigt
worden ist. War hierdurch aber bewiesen, dass Battell's »kleineres
Ungeheuer« wirklich existirte, so lag natürlich die Vermuthung sehr
nahe, dass sein »grösseres Ungeheuer«, der »Pongo«, früher oder später
auch entdeckt werden würde. Und in der That hatte ein neuerer Reisender,
Bowdich, unter den Eingebornen starke Beweise für die Existenz eines
zweiten grossen Affen gefunden, der »Ingena« genannt wird, »fünf Fuss
hoch und vier über die Schultern breit« ist, ein rohes Haus baut,
ausserhalb dessen er schläft.

Dr. Savage war 1847 so glücklich, einen weiteren und äusserst wichtigen
Beitrag zu unserer Kenntniss der menschenähnlichen Affen liefern zu
können; denn als er wider Erwarten am Gaboonfluss zurückgehalten wurde,
sah er im Hause des dort residirenden Missionars, Mr. Wilson, »einen
Schädel, der von den Eingebornen als der eines affenähnlichen Thieres
bezeichnet wurde, das durch seine Grösse, Bösartigkeit und Gewohnheiten
merkwürdig wäre«. Durch die Umrisse des Schädels und die Berichte
mehrerer intelligenter Eingebornen »wurde ich zu dem Glauben
veranlasst«, sagt Dr. Savage, »dass er einer neuen Art von Orang
angehöre«, wobei er den Ausdruck Orang in seinem älteren allgemeineren
Sinne brauchte. »Ich drückte diese Meinung gegen Mr. Wilson aus mit dem
Wunsche weiterer Untersuchung und mit der Bitte, wenn möglich die Frage
durch Inspection eines lebendigen oder todten Exemplars zu entscheiden.«
Das Resultat der vereinten Bemühungen der Herren Savage und Wilson war
nicht bloss ein sehr vollständiger Bericht über die Lebensweise des
neuen Geschöpfes, sondern sie leisteten der Wissenschaft noch einen
wichtigeren Dienst dadurch, dass sie den bereits erwähnten
ausgezeichneten amerikanischen Anatomen, Professor Wyman, in den Stand
setzten, nach einem reichen Material die unterscheidenden osteologischen
Charaktere der neuen Form zu beschreiben. Das Thier wurde von den
Eingebornen des Gaboon »Engé-ena« genannt, ein offenbar mit dem »Ingena«
Bowdich's identischer Name. Dr. Savage kam zu der Ueberzeugung, dass
dieser letztentdeckte aller grossen Affen der lange gesuchte »Pongo«
Battell's sei.

Die Richtigkeit der Folgerung ist in der That ausser allem Zweifel; denn
es stimmt der »Engé-ena« mit Battell's »grösserem Ungeheuer« nicht bloss
in den hohlen Augen, der grösseren Statur, der schwärzlichen oder grauen
Färbung überein, sondern der einzige andere menschenähnliche Affe, der
jene Breiten bewohnt, der Chimpanze, ist sofort durch seine geringere
Grösse mit dem »kleineren Ungeheuer« zu identificiren, und selbst die
Möglichkeit, dass er der »Pongo« sei, wird ausgeschlossen durch die
Thatsache, dass er schwarz und nicht schwarzgrau ist, wobei kaum auf den
wichtigen bereits erwähnten Umstand aufmerksam gemacht zu werden
braucht, dass er noch jetzt den Namen »Engeko« oder »Enché-eko« führt,
unter dem ihn Battell kannte.

Bei dem Aufsuchen eines specifischen Namens für den »Engé-ena« vermied
Dr. Savage wohlweislich den vielfach missbrauchten Namen »Pongo«; da er
vielmehr in dem alten Periplus des Hanno das Wort »Gorilla« fand als
Bezeichnung für ein gewisses behaartes wildes Volk, welches der
carthagische Reisende auf einer Insel an der afrikanischen Küste
entdeckt hatte, gab er seinem neuen Affen den specifischen Namen
»Gorilla«, woher denn seine bekannte Benennung rührt. Vorsichtiger
indessen als einige seiner Nachfolger identificirt Dr. Savage seinen
Affen keineswegs mit Hanno's »Wilden«. Er sagt nur, dass die letzteren
wahrscheinlich »eine der Arten Orang seien«; und ich stimme mit Brullé
überein, dass kein Grund vorhanden ist, den heutigen »Gorilla« mit dem
des carthagischen Admirals zu identificiren.

Seit dem Erscheinen der Abhandlung von Savage und Wyman ist das Skelet
des Gorilla von Professor Owen und dem verstorbenen Professor Duvernoy
vom Jardin des Plantes untersucht worden; der Letztere hat ferner eine
werthvolle Beschreibung des Muskelsystems und vieler anderen Weichtheile
geliefert. Auch haben afrikanische Missionare und Reisende den
ursprünglich von der Lebensweise dieses grossen menschenähnlichen Affen
gegebenen Bericht bestätigt und erweitert, eines Affen, der das
eigenthümliche Geschick hatte, zuerst der Welt im Allgemeinen bekannt
und zuletzt wissenschaftlich untersucht zu werden.

Zwei und ein halbes Jahrhundert sind verflossen, seitdem Battell seine
Geschichten vom »grösseren und kleineren Ungeheuer« dem Purchas
erzählte, und beinahe so viel Zeit hat es bedurft, um zu dem klaren
Resultate zu kommen, dass es vier bestimmte Arten menschenähnlicher
Affen gebe -- in Ost-Asien die Gibbons und Orangs, in West-Afrika den
Chimpanze und den Gorilla.

                    *       *       *       *       *

Die menschenähnlichen Affen, deren Entdeckungsgeschichte im
Vorstehenden erzählt wurde, haben gewisse Merkmale der Structur und
Verbreitungseigenthümlichkeiten gemeinsam. So haben sie alle dieselbe
Zahl von Zähnen wie der Mensch -- sie besitzen vier Schneidezähne, zwei
Eckzähne, vier falsche und sechs wahre Backzähne in jeder Kinnlade,
oder 32 Zähne in allem, im erwachsenen Zustande. Sie gehören zu den
Affen, die man Catarrhini nennt -- das heisst, ihre Nasenlöcher haben
eine schmale Scheidewand und sehen nach abwärts; ausserdem sind ihre
Arme stets länger als ihre Beine, zuweilen ist der Unterschied grösser,
zuweilen kleiner; ordnet man die vier Affen nach der Länge ihrer Arme im
Verhältniss zu der der Beine, so erhalten wir folgende Reihe: Orang
(1 4/9-1), Gibbon (1 1/4-1), Gorilla (1 1/5-1), Chimpanze (1 1/16-1). Bei
allen enden die Vordergliedmaassen in Hände, die mit längeren oder
kürzeren Daumen versehen sind; auch die grosse Zehe der Füsse, die stets
kleiner als beim Menschen ist, ist weit beweglicher als bei diesem und
kann wie ein Daumen dem übrigen Fusse gegenübergestellt werden. Keiner
dieser Affen hat einen Schwanz und keiner besitzt die den niedrigeren
Affen eigenen Backentaschen. Endlich sind sie alle Bewohner der alten
Welt.

Die Gibbons sind die kleinsten, schlankesten und mit den längsten
Gliedmaassen versehenen menschenähnlichen Affen: ihre Arme sind länger
im Verhältniss zu ihrem Körper als die irgend eines anderen
menschenähnlichen Affen, so dass sie den Boden erreichen, selbst wenn
sie aufrecht stehen. Ihre Hände sind länger als die Füsse, und sie sind
die einzigen Anthropoiden, welche Schwielen haben wie die niedrigeren
Affen. Sie sind verschieden gefärbt. Die Orangs haben Arme, welche bei
aufrechter Stellung des Thieres bis zu den Knöcheln reichen; ihre Daumen
und grossen Zehen sind sehr kurz, ihre Füsse länger als die Hände. Der
Körper ist von rothbraunem Haar bedeckt und die Seiten des Gesichts sind
bei erwachsenen Männchen in zwei halbmondförmige biegsame Auswüchse, wie
fettige Geschwülste, verlängert. Die Chimpanzes haben Arme, welche bis
unter die Knie reichen; sie haben grosse Daumen und grosse Zehen, ihre
Hände sind länger als ihre Füsse, und ihr Haar ist schwarz, während die
Haut des Gesichts bleich ist. Der Gorilla endlich hat Arme, welche bis
zur Mitte des Beins reichen, grosse Daumen und grosse Zehen, Füsse
länger als die Hände, ein schwarzes Gesicht und dunkelgraues Haar.

Für meinen mir vorgesteckten Zweck ist es unnöthig, in irgend weitere
Details in Betreff der unterscheidenden Charaktere der Gattungen und
Arten einzugehen, in welche diese menschenähnlichen Affen von
Naturforschern getheilt worden sind. Es mag die Bemerkung genügen, dass
die Orangs und Gibbons die besondere Genera _Simia_ und _Hylobates_
bilden; während die Chimpanzes und Gorillas von Einigen einfach als
besondere Arten einer Gattung, _Troglodytes_ betrachtet werden, von
Andern als besondere Gattungen, wobei der Name _Troglodytes_ für den
Chimpanze, _Gorilla_ für den Engé-ena oder Pongo angewandt wird.

                    *       *       *       *       *

Eine genaue Kenntniss der Gewohnheiten und Lebensweise der
menschenähnlichen Affen zu erhalten, ist selbst noch schwieriger
gewesen, als eine richtige Darstellung ihres Körperbaues.

Nur einmal in jeder Generation wird man einen Wallace finden, der
körperlich, geistig und gemüthlich geeignet ist, ohne Schaden durch die
tropischen Wildnisse Amerikas und Asiens zu wandern, prachtvolle
Sammlungen auf seinen Wanderungen zu machen und bei alledem
noch scharfsinnig die sich aus seinen Sammlungen ergebenden
Schlussfolgerungen zu ziehen. Dem gewöhnlichen Erforscher oder Sammler
bieten die dichten Wälder des aequatorialen Asiens und Afrikas, welche
die Lieblingsaufenthaltsorte des Orang, Chimpanze und Gorilla bilden,
Schwierigkeiten von nicht gewöhnlicher Grösse dar; und ein Mann, welcher
sein Leben wagt selbst bei einem kurzen Besuch an den Fieberküsten
dieser Gegenden, ist wohl zu entschuldigen, wenn er vor den Gefahren des
Innern zurückschreckt, wenn er sich damit begnügt, den Fleiss der besser
acclimatisirten Eingebornen zu reizen, und die mehr oder weniger
mythischen Berichte und Ueberlieferungen zu sammeln und neben einander
zu stellen, mit denen jene ihn nur zu gern versehen.

Auf eine solche Weise entstanden die meisten der früheren Beschreibungen
der Lebensweise der menschenähnlichen Affen; und selbst jetzt noch muss
ein guter Theil von dem, was darüber cursirt, als nicht sicher begründet
zugegeben werden. Die besten Nachrichten, die wir besitzen, sind die
fast gänzlich auf europäischen Zeugnissen beruhenden über die Gibbons;
die nächst besten Zeugnisse betreffen die Orangs, während unsere
Kenntniss von den Gewohnheiten des Chimpanze und Gorilla weitere Beweise
von unterrichteten europäischen Augenzeugen dringend bedürfen.

Wenn wir daher versuchen, uns von dem einen Begriff zu machen, was wir
über diese Thiere zu glauben berechtigt sind, so wird es zweckmässig
sein, mit den bestgekannten menschenähnlichen Affen, den Gibbons und
Orangs, zu beginnen und die vollständig zuverlässigen Nachrichten über
diese als eine Art Criterium für die Wahrheit oder Falschheit der über
die andern verbreiteten Erzählungen zu benutzen.

Von den =Gibbons= findet sich ein halbes Dutzend Arten zerstreut über
die asiatischen Inseln, Java, Sumatra, Borneo, und über Malacca, Siam,
Arracan und einen nicht scharf bestimmten Theil von Hindostan auf dem
asiatischen Festlande. Die grössten erreichen eine Höhe von einigen
Zollen über drei Fuss von dem Scheitel zur Ferse, so dass sie kleiner
als die andern menschenähnlichen Affen sind, während die Schlankheit
ihres Körpers ihre ganze Körpermasse, selbst im Verhältnisse zu dieser
geringeren Grösse, noch viel unbedeutender erscheinen lässt.

Dr. Salomon Müller, ein ausgezeichneter holländischer Naturforscher,
welcher viele Jahre lang im ostindischen Archipel lebte und auf dessen
persönliche Erfahrungen ich mich häufig zu beziehen Veranlassung haben
werde, giebt an, dass die Gibbons ächte Bergbewohner sind, dass sie die
Abhänge und Kämme der Berge lieben, obschon sie selten über die Grenze
der Feigbäume hinaufgehen. Den ganzen Tag lang treiben sie sich in den
Wipfeln der hohen Bäume umher; und obgleich sie gegen Abend in kleinen
Trupps auf das offene Land herabsteigen, so schiessen sie doch die
Bergabhänge hinauf und verschwinden in den dunkleren Thälern, sobald sie
einen Menschen wittern.

[Illustration: Fig. 8. Ein Gibbon (H. pileatus) nach Wolf.]

Alle Beobachter bezeugen den fabelhaften Umfang der Stimme dieser
Thiere. Dem Schriftsteller zufolge, den ich eben angeführt habe, ist bei
einem derselben, dem Siamang, »die Stimme voll und durchdringend, den
Lauten g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek, g[=o]ek ha ha ha ha
haa[=a][=a][=a] entsprechend und kann sehr gut aus einer Entfernung von
einer halben (französ.) Meile gehört werden.« Während der Schrei
ausgestossen wird, wird der grosse häutige Sack unter der Kehle, der mit
dem Stimmorgane communicirt, der sogenannte Kehlsack, stark ausgedehnt
und sinkt wieder zusammen, wenn das Thier zu schreien aufhört.

Mr. Duvaucel versichert gleicherweise, dass der Schrei des Siamang
meilenweit gehört werden kann, dass er die Wälder wiederhallen macht. So
beschreibt Mr. Martin[16] den Schrei des _Hylobates agilis_ (des Ungko)
als »überwältigend und taubmachend« in einem Zimmer, und »durch seine
Stärke« wohl berechnet, durch die ungeheuren Wälder zu dröhnen. Mr.
Waterhouse, ein ebenso vorzüglicher Musiker als Zoolog, sagt: »des
Gibbons Stimme ist bestimmt viel kräftiger als die irgend eines Sängers,
den ich je gehört habe.« Und doch muss man sich erinnern, dass das Thier
nicht halb so hoch und viel weniger massig im Verhältniss ist, als ein
Mensch.

Wir haben sichere Zeugnisse, dass verschiedene Arten vom Gibbon sehr
leicht die aufrechte Stellung annehmen. Mr. George Bennett[17], ein ganz
vorzüglicher Beobachter, sagt bei der Beschreibung der Gewohnheiten
eines männlichen Siamang (_H. syndactylus_), der einige Zeit in seinem
Besitz war: »Auf einer ebenen Fläche geht er unverändert in aufrechter
Stellung; dann hängen die Arme entweder herab und gestatten ihm, sich
mit den Knöcheln zu unterstützen, oder, und dies ist das Gewöhnlichere,
er hält die Arme in einer fast aufrechten Stellung erhoben mit
herabhängenden Händen, bereit ein Seil zu ergreifen, um bei dem
Herannahen einer Gefahr oder dem Andrängen von Fremden hinaufzuklettern.
In aufrechter Stellung geht er ziemlich geschwind, aber mit einem
wackligen Gange und stürzt leicht hin, wenn er, verfolgt, keine
Gelegenheit hat, durch Klettern zu entfliehen ... Wenn er aufrecht geht,
dreht er das Bein und den Fuss nach aussen, was seinen Gang wacklig
macht und ihn krummbeinig scheinen lässt.«

Dr. Burrough giebt von einem andern Gibbon, dem Horlack oder Hooluk an:

»Sie gehen aufrecht und wenn sie auf ebene Erde oder auf offenes Feld
gebracht werden, balanciren sie sich sehr gut dadurch, dass sie ihre
Hände über den Kopf erheben und den Arm im Ellbogen und Handgelenk
leicht biegen, und laufen dann ziemlich schnell, von einer Seite zur
andern wankend: werden sie zu grösserer Eile getrieben, dann lassen sie
ihre Hände auf den Boden fallen und unterstützen sich damit, mehr
springend als laufend, aber immer den Körper nahezu aufrecht haltend.«

Etwas verschiedene Angaben macht indessen Dr. Winslow Lewis[18]:

»Ihre einzige Art zu gehen war auf ihren hinteren oder unteren
Gliedmaassen, wobei die anderen nach oben gehoben wurden, um das
Gleichgewicht zu erhalten, wie Seiltänzer auf Jahrmärkten durch lange
Stangen sich unterstützen. Beim Gehen setzten sie aber nicht einen Fuss
vor den andern, sondern brauchten beide gleichzeitig wie beim Springen.«
Auch Dr. Salomon Müller giebt an, dass die Gibbons sich auf der Erde in
kurzen Reihen wackelnder Sprünge fortbewegen, die nur von den
Hinterbeinen ausgeführt werden und wobei der Körper vollständig aufrecht
erhalten wird.

Mr. Martin aber, der auch aus directer Erfahrung spricht, sagt von den
Gibbons im Allgemeinen (a. a. O. S. 418):

»Obgleich die Gibbons ganz besonders für Leben auf den Bäumen geeignet
sind und in den Zweigen eine staunenerregende Lebendigkeit entfalten,
so sind sie doch nicht so ungeschickt oder verloren, wenn sie auf ebener
Erde sind, als man glauben möchte. Sie gehen aufrecht, mit einem
wackligen oder unsichern Gang, aber mit schnellem Schritt. Müssen sie
das Gleichgewicht des Körpers herstellen, so berühren sie den Boden erst
mit den Knöcheln der einen, dann mit denen der andern Seite, ober sie
heben die Arme zum Balanciren. Wie beim Chimpanze wird die ganze schmale
lange Sohle des Fusses auf einmal auf den Boden gesetzt und auf einmal
abgehoben ohne irgend welche Elasticität des Schrittes.«

Nach dieser Masse übereinstimmender und unabhängiger Zeugnisse kann man
vernünftigerweise nicht zweifeln, dass die Gibbons gewöhnlich und
natürlich die aufrechte Stellung annehmen.

Ebener Boden ist aber nicht der Ort, wo diese Thiere ihre höchst
merkwürdigen und eigenthümlichen bewegenden Kräfte und jene fabelhafte
Lebendigkeit entfalten können, welche uns fast versuchen könnte, sie
eher unter fliegende als unter gewöhnliche kletternde Säugethiere zu
versetzen.

Mr. Martin hat eine so ausgezeichnete und malerische Beschreibung der
Bewegungen eines _Hylobates agilis_, der im Jahre 1840 im zoologischen
Garten lebte, gegeben (a. a. O. S. 430), dass ich dieselbe ausführlich
mittheilen will:

»Es ist fast unmöglich, in Worten eine Idee von der Schnelligkeit und
der Grazie seiner Bewegungen zu geben: sie können fast luftig genannt
werden, da er bei dem Fortbewegen die Zweige, auf denen er seine
Evolutionen ausführt, nur zu berühren scheint. Bei diesen
Kunstleistungen sind seine Arme und Hände die einzigen Bewegungsorgane;
hängt der Körper wie an einem Seil befestigt an einer Hand (ich will
sagen, der rechten), so schwingt er sich durch eine energische Bewegung
nach einem entfernten Zweig, den er mit der linken Hand fasst; das
Festhalten ist aber kürzer als augenblicklich: der Anstoss für den
nächsten Schwung ist gegeben; der jetzt erzielte Zweig wird wieder mit
der rechten Hand gefasst und augenblicklich wieder losgelassen und so
fort in abwechselnder Folge. Auf diese Weise werden Zwischenräume von
zwölf bis achtzehn Fuss mit der grössten Leichtigkeit und ohne
Unterbrechung durchflogen, und zwar stundenlang ohne die geringsten
Zeichen einer Ermüdung; und es ist klar, dass, wenn ihm mehr Platz
eingeräumt werden könnte, Entfernungen von weit über achtzehn Fuss
ebenso leicht überwunden würden, so dass Duvaucels Behauptung, dass er
gesehen habe, wie sich diese Thiere von einem Zweig auf einen andern,
vierzig Fuss davon entfernten, geschwungen hätten, so wunderbar es
klingt, wohl Glauben verdient. Ergreift er in seinen Bewegungen einen
Zweig, so wirft er sich zuweilen nur mit der Kraft eines einzigen Armes
vollständig rings um ihn herum, macht dabei einen solchen Umschwung,
dass er das Auge völlig täuscht, und setzt dann seine Bewegungen mit
unverminderter Schnelligkeit fort. Es ist ganz eigenthümlich zu sehen,
wie plötzlich dieser Gibbon anhalten kann, während doch die
Geschwindigkeit und die Entfernung seiner schwingenden Sprünge einen
solchen Stoss verursacht, dass ein allmäliges Abnehmen der Bewegungen
nothwendig zu sein scheint. Mitten in seinem Fluge wird ein Zweig
ergriffen, der Körper gehoben und nun sieht man ihn wie durch Zauber
ruhig auf ihm sitzen und ihn mit den Füssen festhalten. Ebenso plötzlich
wirft er sich wieder in Thätigkeit.«

»Folgende Thatsachen werden einen Begriff von seiner Geschicklichkeit
und Schnelligkeit geben. Ein lebender Vogel wurde in seiner Behausung
losgelassen; er beobachtete dessen Flug, schwang sich an einen
entfernten Zweig, fing unterwegs den Vogel mit der einen Hand und
ergriff den Zweig mit der andern; sein Ziel, sowohl der Vogel als der
Zweig, war so sicher erreicht, als ob nur ein einziger Gegenstand seine
Aufmerksamkeit gefesselt hätte. Hinzufügen will ich, dass er sofort dem
Vogel den Kopf abbiss, die Federn ausrupfte und ihn dann hinwarf, ohne
einen Versuch zu machen, ihn zu essen.«

»Bei einer andern Gelegenheit schwang sich dies Thier von einer Stange
über einem Gang, der mindestens zwölf Fuss breit war, gegen ein Fenster,
welches, wie man dachte, augenblicklich müsste zerbrochen werden; aber
dem war nicht so: zu Aller Verwunderung erfasste es das schmale
Holzgerüst zwischen den Scheiben mit der Hand, gab sich im Moment den
geeigneten Stoss und sprang zurück zu dem Käfig, den es verlassen hatte
-- eine Leistung, die nicht bloss grosser Kraft, sondern besonders
grosser Präcision bedurfte.«

                    *       *       *       *       *

Die Gibbons scheinen von Natur sehr sanft zu sein; es giebt aber sichere
Beweise dafür, dass sie gereizt gefährlich beissen können, -- ein
weiblicher _Hylobates agilis_ hatte einen Mann so gefährlich mit seinen
langen Eckzähnen verletzt, dass er starb. Da er noch Andere bedeutend
verletzt hatte, wurden Vorsichts halber diese fürchterlichen Zähne
abgefeilt; wurde ihm aber gedroht, fiel er doch noch über seinen Wärter
her. Die Gibbons fressen Insecten, scheinen aber im Allgemeinen
thierische Nahrung zu vermeiden. Mr. Bennett hat indessen gesehen, wie
ein Siamang eine lebendige Eidechse ergriff und gierig verzehrte. Sie
trinken gewöhnlich so, dass sie ihre Finger in die Flüssigkeit
eintauchen und diese dann ablecken. Es wird angegeben, dass sie sitzend
schlafen.

Duvaucel versichert gesehen zu haben, dass Weibchen ihre Jungen an das
Wasser trugen und ihnen dort das Gesicht wuschen trotz Widerstand und
Geschrei. In Gefangenschaft sind sie sanft und zuthulich, voller Laune
und empfindlich, wie verzogene Kinder, und doch nicht ohne ein gewisses
Bewusstsein oder eine Art Gewissen, wie eine von Mr. Bennett (a. a. O.
S. 156) erzählte Anecdote zeigen wird. Es möchte fast scheinen, als
hätte sein Gibbon eine eigenthümliche Neigung gehabt, die Sachen in
seiner Cajüte in Unordnung zu bringen. Unter diesen Gegenständen
fesselte ein Stückchen Seife ganz besonders seine Aufmerksamkeit, und
ein- oder zweimal schon ist er wegen Entfernens derselben gescholten
worden. »Eines Morgens schrieb ich,« sagt Mr. Bennett, »der Affe war in
der Cajüte, und als ich die Augen erhebend nach ihm hinsah, bemerkte
ich, wie der kleine Kerl wieder die Seife nahm. Ich beobachtete ihn,
ohne dass er merkte, dass ich es that: gelegentlich warf er einen
verstohlenen Blick nach der Stelle hin, wo ich sass. Ich that, als ob
ich schriebe, und da er mich emsig beschäftigt sah, nahm er die Seife
und entfernte sich, sie in seiner Pfote haltend. Als er die halbe Länge
der Cajüte gegangen war, sprach ich ruhig, ohne ihn zu erschrecken. In
dem Augenblick, wo er merkte, dass ich ihn sähe, ging er zurück und
legte die Seife fast auf dieselbe Stelle, von der er sie genommen hatte.
In dieser Handlungsweise lag doch gewiss mehr als blosser Instinct: er
offenbarte entschieden das Bewusstsein, sowohl bei der ersten als bei
den letzten Handlungen unrecht gethan zu haben -- und was ist Vernunft,
wenn dies nicht ein Zeichen von ihr ist?«

[Illustration: Fig. 9. Ein erwachsener männlicher Orang-Utan, nach
Müller u. Schlegel.]

                    *       *       *       *       *

Der ausführlichste Bericht über die Naturgeschichte des =Orang-Utan= ist
der von Dr. Salomon Müller und Dr. Schlegel in den »Verhandelingen over
de Natuurlijke Geschiedenis der Nederlandsche overzeesche Bezittingen
(1839-45)«, und was ich über den Gegenstand zu sagen habe, werde ich
fast ausschliesslich auf ihre Angaben basiren, hier und da interessante
Züge aus den Schriften von Brooke, Wallace und Anderen hinzufügend.

Es scheint, als ob der Orang-Utan nur selten höher würde als vier Fuss,
der Körper ist aber sehr dick, er misst zwei Drittel der Höhe im
Umfang[19].

Der Orang-Utan findet sich nur auf Sumatra und Borneo und ist auf keiner
dieser Inseln gemein; auf beiden trifft man ihn immer nur auf niedrigen
flachen Ebenen, niemals in Bergen. Er liebt die dichtesten und
schattigsten Wälder, die sich von der Küste landeinwärts erstrecken, und
wird daher nur in der östlichen Hälfte von Sumatra angetroffen, wo sich
allein solche Wälder finden, obgleich er gelegentlich auch auf die
westliche Seite hinübergeräth.

Dagegen ist er allgemein über Borneo verbreitet, mit Ausnahme der Berge
oder wo die Bevölkerung dicht ist. Hat ein Jäger Glück, so kann er an
günstigen Stellen drei oder vier an einem Tage sehen.

Mit Ausnahme der Paarungszeit leben die alten Männchen gewöhnlich
allein. Die alten Weibchen und jungen Männchen dagegen sieht man oft zu
zweien oder dreien; die ersteren haben gewöhnlich Junge bei sich,
obgleich sich die trächtigen Weibchen gewöhnlich von den anderen trennen
und auch noch nach der Geburt ihrer Jungen allein bleiben. Die jungen
Orangs scheinen ungewöhnlich lange unter der Protection ihrer Mütter zu
bleiben, wahrscheinlich in Folge ihres langsamen Wachsthums. Beim
Klettern trägt die Mutter das Junge stets an ihrem Busen, wobei sich das
Junge am Haare der Mutter festhält[20]. In welchem Alter der Orang-Utan
fortpflanzungsfähig wird und wie lange die Weibchen die Jungen tragen,
ist unbekannt; es ist indess wahrscheinlich, dass sie nicht vor dem
zehnten bis fünfzehnten Lebensjahre erwachsen werden. Ein Weibchen, das
fünf Jahre lang in Batavia gelebt hatte, war noch nicht ein Drittel so
gross als die wilden Weibchen. Es ist wahrscheinlich, dass sie nach
Erreichung ihres erwachsenen Alters noch fortwachsen, wenn auch langsam,
und dass sie vierzig bis fünfzig Jahre alt werden. Die Dyaks erzählen
von alten Orangs, die nicht bloss alle Zähne verloren hatten, sondern
denen selbst das Klettern so beschwerlich wurde, dass sie von gefallenem
Obste und saftigen Kräutern lebten.

Der Orang ist langsam und zeigt durchaus nicht jene wunderbare
Behendigkeit, die so charakteristisch für die Gibbons ist. Hunger allein
scheint ihn zu Bewegungen zu veranlassen, und ist dieser gestillt, so
verfällt er wieder in Ruhe. Wenn das Thier sitzt, so beugt es den Rücken
und senkt den Kopf so, dass es gerade nach unten auf den Boden sieht;
manchmal hält es sich mit den Händen an höheren Zweigen fest, manchmal
lässt es dieselben phlegmatisch an den Seiten herabhängen -- und in
solchen Stellungen bleibt der Orang stundenlang auf demselben Fleck,
fast ohne jede Bewegung und nur dann und wann einen Ton seiner tiefen
brummenden Stimme von sich gebend. Bei Tage klettert er gewöhnlich von
einem Baumwipfel zum andern und steigt nur des Nachts auf die Erde
herunter; schreckt ihn dann Gefahr, so sucht er im Unterholze Schutz.
Wird er nicht gejagt, so bleibt er lange an demselben Orte und bleibt
sogar viele Tage auf demselben Baume, wobei ihm ein fester Platz unter
den Zweigen als Bett dient. Nur selten verbringt der Orang die Nacht auf
dem Gipfel eines hohen Baumes, wahrscheinlich weil es dort zu kalt und
windig für ihn ist; sobald die Nacht anbricht, steigt er vielmehr aus
der Höhe herab und sucht sich ein passendes Bett im niedrigern und
dunklern Theile oder im blattreichen Gipfel eines kleinen Baumes, unter
denen er Nibong Palmen, Pandanen oder einer jener parasitischen
Orchideen den Vorzug giebt, welche den Urwäldern von Borneo ein so
charakteristisches, auffallendes Ansehen geben. Wo immer er aber zu
schlafen sich entschliesst, da macht er sich eine Art Nest: kleine
Zweige und Blätter werden um den auserwählten Ort zusammengezogen und
kreuzweise über einander gebogen, und um das Bett weich zu machen,
werden dann grosse Blätter von Farnen, Orchideen, _Pandanus
fascicularis_, _Nipa fruticans_ etc. darüber gelegt. Die Nester, welche
Müller sah, und viele waren ganz frisch, waren in einer Höhe von zehn
bis fünf und zwanzig Fuss über der Erde angebracht und hatten im Mittel
einen Umfang von zwei oder drei Fuss. Einige waren viele Zoll dick mit
Pandanusblättern bepackt; andere waren nur durch die zusammengebogenen
Zweige merkwürdig, die in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkt verbunden
eine regelmässige Fläche bildeten. »Die rohe _Hütte_,« sagt Sir James
Brooke, »welche sie nach der gewöhnlichen Angabe auf Bäumen bauen,
könnte man zutreffender einen Sitz oder ein Nest nennen, denn sie hat
kein Dach noch irgend eine Bedeckung. Die Leichtigkeit, mit der sie
dieses Nest bauen, ist merkwürdig; ich hatte die Gelegenheit, ein
verwundetes Weibchen die Zweige in einer Minute zusammenweben und sich
setzen zu sehen.«

Nach den Angaben der Dyaks verlässt der Orang selten sein Bett, bevor
die Sonne über den Horizont herauf ist und die Nebel zerstreut hat. Er
steht ungefähr um neun Uhr auf und geht ungefähr um fünf Uhr wieder zu
Bett, manchmal indess erst spät in der Dämmerung. Er liegt zuweilen auf
dem Rücken, oder der Veränderung halber dreht er sich auf die eine oder
die andere Seite, wobei er die Beine an den Körper heranzieht und den
Kopf mit der Hand stützt. Ist die Nacht kalt und windig oder regnerisch,
so bedeckt er den Körper gewöhnlich mit einem Haufen von Pandanus-,
Nipa- oder Farnblättern, wie die, aus denen das Bett gemacht ist, und
trägt besondere Sorge, seinen Kopf in solche einzuhüllen. Wahrscheinlich
hat diese Gewohnheit, sich zuzudecken, zu der Fabel veranlasst, dass der
Orang Hütten auf Bäume baue.

Obgleich der Orang den Tag über auf den Zweigen grosser Bäume sich
aufhält, so sieht man ihn doch selten auf einem dicken Aste kauern, wie
es andere Affen und besonders die Gibbons thun. Im Gegentheil beschränkt
sich der Orang auf die dünneren blätterigen Zweige, so dass man ihn im
wirklichen Wipfel des Baumes sieht, eine Lebensweise, welche in enger
Beziehung zur Bildung seiner Hintergliedmaassen und besonders seines
Gesässes steht. Dies hat nämlich keine Schwielen, wie es viele niedere
Affen und selbst die Gibbons haben; auch sind die Knochen des Beckens,
die man Ischia oder Sitzbeine nennt und welche das feste Gerüst der
Fläche bilden, auf welcher der Körper in der sitzenden Stellung ruht,
nicht verbreitert wie bei den Affen, die Schwielen besitzen, sondern
sind denen des Menschen ähnlicher.

Der Orang klettert so langsam und vorsichtig[21], dass er dabei mehr
einem Menschen als einem Affen ähnelt; er ist sehr besorgt um seine
Füsse, so dass eine Verletzung derselben ihn bei weitem mehr zu
afficiren scheint, als andere Affen. Ungleich den Gibbons, deren
Vordergliedmaassen den grössten Theil der Arbeit besorgen, wenn sie sich
von Zweig zu Zweig schwingen, macht der Orang niemals auch nur den
kleinsten Sprung. Beim Klettern bewegt er abwechselnd eine Hand und
einen Fuss, oder zieht, nachdem er sich mit den Händen ordentlich fest
gehalten hat, beide Füsse zusammen nach. Beim Uebergang von einem Baume
zum andern sucht er sich stets eine Stelle aus, wo beider Zweige dicht
zusammenkommen oder in einander reichen. Selbst wenn er dicht verfolgt
wird, ist seine Umsicht staunenerregend; er schüttelt die Zweige, um zu
sehen, ob sie ihn tragen, und indem er dann einen überhängenden Zweig
niederbeugt, dadurch, dass er mit seinem Gewicht allmälig auf ihn
drückt, bildet er sich eine Brücke von dem Baume, den er verlassen will,
zum nächsten[22].

Auf ebener Erde geht der Orang immer mühsam und wackelnd auf allen
Vieren. Beim Anlauf rennt er geschwinder als ein Mensch, wird aber bald
überholt. Die sehr langen Arme, die beim Rennen nur wenig gebogen sind,
heben den Körper des Orang merkwürdig, so dass er fast die Stellung
eines ganz alten Mannes, der vom Alter gebeugt ist und sich mit Hülfe
eines Stockes forthilft, annimmt. Beim Gehen ist der Körper gewöhnlich
gerade nach vorwärts gerichtet, ungleich den anderen Affen, die mehr
oder weniger schräg laufen, mit Ausnahme indessen der Gibbons, die in
dieser wie so mancher andern Beziehung merkwürdig von ihren Genossen
abweichen.

Der Orang kann seine Füsse nicht platt auf den Boden setzen, sondern
stützt sich auf deren äussere Kante, wobei die Ferse mehr auf dem Boden
ruht, während die gekrümmten Zehen zum Theil mit der obern Seite ihrer
ersten Knöchel den Boden berühren und die zwei äussersten Zehen jeden
Fusses dies gänzlich mit dieser Fläche thun. Die Hände werden in der
entgegengesetzten Weise gehalten, so dass ihre inneren Ränder als
Hauptstützpunkte dienen. Die Finger sind dabei so gebogen, dass ihre
obersten Gelenke, besonders die der beiden innersten Finger, mit ihrer
obern Seite auf dem Boden ruhen, während die Spitze des freien und
geraden Daumens als weiterer Stützpunkt dient.

Der Orang steht niemals auf seinen Hinterbeinen, und alle Abbildungen,
die ihn so darstellen, sind ebenso falsch wie die Behauptung, dass er
sich mit Stöcken vertheidige und Aehnliches.

Die langen Arme sind von besonderem Nutzen nicht bloss beim Klettern,
sondern auch um Nahrung von Zweigen zu pflücken, denen das Thier nicht
sein Körpergewicht anvertrauen kann. Feigen, Blüthen und junge Blätter
verschiedener Art machen die Hauptnahrung des Orangs aus; es wurden aber
auch zwei oder drei Fuss lange Streifen vom Bambus im Magen eines
Männchens gefunden. Man weiss nicht, dass sie lebendige Thiere
verzehrten.

Obgleich der Orang bald gezähmt wird, wenn er jung gefangen ist, und in
der That menschliche Gesellschaft vorzuziehen scheint, so ist er doch im
Naturzustand ein sehr wildes und scheues Thier, obgleich scheinbar träge
und melancholisch. Die Dyaks versichern, dass wenn alte Männchen mit
Pfeilen nur verwundet sind, sie gelegentlich die Bäume verlassen und
wüthend auf ihre Feinde losgehen, deren einzige Rettung in
augenblicklicher Flucht liegt, da sie sicher sind getödtet zu werden,
wenn sie sich einholen lassen[23].

Wenngleich aber der Orang unendliche Kraft besitzt, so ist es doch
selten, dass er sich zu vertheidigen versucht, besonders wenn er mit
Schusswaffen angegriffen wird. Bei solchen Gelegenheiten versucht er
sich zu verbergen oder den äussersten Gipfelzweigen der Bäume entlang zu
entfliehen, wobei er die Zweige abbricht und herunterwirft. Ist er
verwundet, so zieht er sich auf den erreichbar höchsten Punkt eines
Baumes zurück und stösst ein eigenthümliches Geschrei aus, das zuerst
aus hohen Tönen besteht, sich aber allmälich zu einem leisen Brummen
vertieft, nicht unähnlich dem eines Panthers. Während er die hohen Töne
ausstösst, stösst er die Lippen trichterförmig vor, beim Hervorbringen
der tiefen Töne hält er dagegen den Mund weit offen, und gleichzeitig
wird auch der grosse Kehlsack ausgedehnt.

Nach den Erzählungen der Dyaks ist das einzige Thier, mit dessen Stärke
der Orang die seinige misst, das Krokodil, das ihn gelegentlich bei
seinen Besuchen am Ufer angreift. Sie sagen aber, dass der Orang seinem
Feinde mehr als gleich sei, und ihn zu Tode schlägt oder ihm durch
Auseinanderziehen der Kinnladen die Kehle aufreisst!

Viel von dem, was hier mitgetheilt worden ist, hat Dr. Müller
wahrscheinlich aus den Erzählungen seiner Dyak-Jäger geschöpft. Ein
grosses Männchen indessen von vier Fuss Höhe lebte unter seiner Aufsicht
einen Monat lang in Gefangenschaft und erhielt eine sehr schlechte
Censur.

»Er war ein sehr wildes Thier,« sagt Müller, »von fabelhafter Stärke und
falsch und schlecht im höchsten Grade. Näherte sich irgend Jemand, so
erhob er sich langsam mit einem tiefen Brummen, fixirte die Augen in der
Richtung, in der er seinen Angriff zu machen gedachte, steckte die Hand
langsam zwischen die Stangen seines Käfigs und machte dann, indem er
seinen langen Arm ausstreckte, einen plötzlichen Griff -- gewöhnlich
nach dem Gesicht.« Er versuchte niemals zu beissen (obgleich die Orangs
sich untereinander beissen), seine grossen Angriffs- und
Vertheidigungswaffen sind seine Hände.

Seine Intelligenz war sehr gross; und Müller bemerkt, obgleich die
geistigen Fähigkeiten des Orang zu hoch geschätzt worden seien, so würde
doch Cuvier, wenn er dies Exemplar gesehen hätte, seine Intelligenz
nicht bloss für wenig höher als die des Hundes betrachtet haben.

Sein Gehör war äusserst scharf, der Gesichtssinn dagegen schien weniger
vollkommen zu sein. Die Unterlippe war das Hauptgefühlsorgan und spielte
beim Trinken eine grosse Rolle; zuerst wurde sie wie ein Trog
vorgestreckt, um entweder den herabfallenden Regen aufzufangen oder den
Inhalt der mit Wasser gefüllten halben Cocosnussschale aufzunehmen,
womit der Orang versehen wurde und welchen er beim Trinken in den so
gebildeten Trog ausgoss.

Der Orang-Utan der Malayen geht unter den Dyaks in Borneo unter dem
Namen »_Mias_«, und sie unterscheiden mehrere Arten, als _Mias Pappan_
oder _Zimo_, _Mias Kassu_ und _Mias Rambi_. Ob dies aber verschiedene
Species oder blosse Rassen sind, und wie weit irgend einer derselben mit
dem sumatranischen Orang identisch sei, wie Wallace von dem Mias Pappan
glaubt, sind bis jetzt noch unentschiedene Probleme; auch ist die
Variabilität dieser grossen Affen so gross, dass die Entscheidung dieser
Frage ein äusserst schwieriger Gegenstand ist. Von der »Mias Pappan«
genannten Form bemerkt Mr. Wallace[24]: »Er ist bekannt durch seine
bedeutende Grösse und die seitliche Ausdehnung des Gesichts in fettige
Vorsprünge oder Leisten über den Schläfenmuskeln, die fälschlich als
Schwielen bezeichnet worden sind, während sie völlig weich, glatt und
biegsam sind. Fünf Exemplare dieser Form, die ich gemessen habe,
schwankten nur von 4 Fuss 1 Zoll bis 4 Fuss 2 Zoll in Höhe von der Ferse
bis zur Scheitelspitze, der Umfang des Körpers von 3 Fuss bis zu 3 Fuss
7½, Zoll, und die Länge der ausgestreckten Arme von 7 Fuss 2 Zoll bis
zu 7 Fuss 6 Zoll, die Breite des Gesichts von 10 bis zu 13¼ Zoll.
Die Farbe und Länge des Haars variirte bei verschiedenen Individuen und
an verschiedenen Theilen desselben Individuums; einige hatten einen
rudimentären Nagel an der grossen Zehe, andere durchaus keinen; im
Uebrigen boten sie aber keine äusseren Verschiedenheiten dar, auf die
man selbst Varietäten einer Art hätte gründen können.«

»Untersucht man indessen die Schädel dieser Individuen, so findet man
merkwürdige Verschiedenheiten der Form, Verhältnisse und Grösse, und
nicht zwei sind einander völlig gleich. Die Neigung des Profils, das
Vorspringen der Schnauze, zusammen mit der Grösse der Schädelkapsel
bieten ebenso entschiedene Differenzen dar, wie die ausgeprägtesten
Formen der kaukasischen und afrikanischen Schädel bei der Menschenart.
Die Augenhöhlen variiren in Höhe und Breite, die Schädelleiste ist
entweder einfach oder doppelt, entweder viel oder wenig entwickelt und
die Oeffnung des Jochbogens schwankt beträchtlich in ihrer Grösse.
Dieses Schwanken in den Verhältnissen der Schädel setzt uns in den
Stand, die so ausgeprägte Verschiedenheit der Schädel mit einem
Muskelkamm und mit zweien, die für die Existenz zweier grossen Arten von
Orang als beweisend angesehen werden, genügend zu erklären. Die äussere
Oberfläche des Schädels nämlich variirt beträchtlich in Grösse, ebenso
wie die Jochbeinöffnung und die Schläfenmuskel es thun; sie stehen aber
in keiner notwendigen Beziehung zu einander, ein kleiner Muskel findet
sich oft bei einer grossen Schädeloberfläche und umgekehrt. Diejenigen
Schädel nun, welche die grössten und stärksten Kinnladen und die
weitesten Jochbogen besitzen, haben so grosse Muskeln, dass sie auf dem
Scheitel zusammenstossen und die knöcherne Leiste absetzen, die sie von
einander trennt und welche bei denen am höchsten ist, die die kleinste
Schädeloberfläche haben. Bei denen, welche mit einer grossen Oberfläche
schwache Kinnladen und kleine Jochbogen besitzen, reichen die Muskeln
von beiden Seiten nicht bis zur Schädelhöhe, zwischen beiden bleibt ein
Raum von 1 bis 2 Zoll, und hier werden ihrem Rande entlang kleine
Muskelleisten gebildet. Man findet auch zwischenliegende Formen, bei
denen die Leisten sich nur am hintern Theile des Schädels treffen. Die
Form und Grösse dieser Leisten sind daher unabhängig vom Alter, sind
vielmehr zuweilen bei jüngeren Thieren stärker entwickelt. Professor
Temminck bestätigt, dass die Reihe von Schädeln im Leydner Museum
dasselbe Resultat ergiebt.«

Mr. Wallace konnte indessen zwei erwachsene männliche Orangs (Mias Kassu
der Dyaks) untersuchen, die so verschieden von all den übrigen waren,
dass er sie für specifisch verschieden hält; sie waren beziehentlich 3
Fuss 8½ Zoll und 3 Fuss 9½ Zoll hoch und hatten keine Spur der
Backenauswüchse, glichen aber im Uebrigen den grösseren Formen. Der
Schädel hat keinen knöchernen Kamm, sondern zwei knöcherne Leisten,
1¾ bis 2 Zoll von einander entfernt, wie beim _Simia morio_ Professor
Owen's. Die Zähne sind aber ungeheuer, denen der andern Art
gleichkommend, oder sie noch übertreffend. Die Weibchen dieser beiden
Formen haben nach Mr. Wallace keine Auswüchse und gleichen den kleineren
Männchen, sind aber um 1½ bis 3 Zoll kleiner; ihre Eckzähne sind im
Verhältniss klein, abgestutzt und an der Basis verbreitert, wie bei dem
sogenannten Simia morio, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Schädel
eines Weibchens derselben Art ist, wie die kleineren Männchen. Beide,
Männchen und Weibchen dieser kleineren Art sind nach Mr. Wallace durch
die verhältnissmässig bedeutende Grösse der mittleren Schneidezähne des
Oberkiefers zu unterscheiden.

So viel ich weiss, hat Niemand die Richtigkeit der oben angeführten
Angaben über die Lebensweise der beiden asiatischen menschenähnlichen
Affen bestritten; und wenn sie wahr sind, so muss als evident zugegeben
werden, dass ein solcher Affe

1. sich auf ebener Erde leicht in der aufrechten oder halbaufrechten
Stellung fortbewegen kann, ohne sich direct auf die Arme zu stützen;

2. dass er eine sehr laute Stimme haben kann, so laut, dass sie leicht
eine bis zwei Meilen weit gehört werden kann;

3. dass er gereizt sehr bösartig und heftig werden kann, was vorzüglich
für erwachsene Männchen gilt;

4. dass er ein Nest bauen kann, in dem er schläft.

Sind dies nun in Bezug auf die asiatischen Anthropoiden sichergestellte
Thatsachen, so wären wir schon nach Analogie berechtigt zu erwarten,
dass die afrikanischen Arten ähnliche Eigenthümlichkeiten zeigen werden,
einzeln oder in gleicher Verbindung; jedenfalls würden jene Thatsachen
die Beweiskraft irgend welcher a priori aufzustellender Gründe gegen die
Sicherheit von Zeugnissen schwächen, die zu Gunsten des Vorhandenseins
jener Eigenthümlichkeiten vorgebracht worden sind. Und wenn gezeigt
werden könnte, dass der Bau irgend eines afrikanischen Affen ihn noch
besser als seine asiatischen Verwandten zur aufrechten Stellung und zu
einem wirksamen Angriff befähigt, so wäre noch weniger Grund vorhanden
zu zweifeln, dass er gelegentlich die aufrechte Haltung annimmt und
aggressiv verfährt.

Von der Zeit Tyson's und Tulpius' an ist die Lebensweise des jungen
=Chimpanze= ausführlich beschrieben und mit erläuternden Bemerkungen
dargestellt worden. Glaubwürdige Zeugnisse über die Manieren und
Gewohnheiten erwachsener Anthropoiden dieser Art in ihren heimathlichen
Wäldern haben aber bis zur Zeit des Erscheinens von Dr. Savage's
Abhandlung, auf welche ich mich vorhin bezogen habe, fast ganz gefehlt;
dieselbe enthält Schilderungen der von ihm gemachten Beobachtungen und
Mittheilungen der Nachrichten aus von ihm für glaubwürdig gehaltenen
Quellen während der Zeit eines Aufenthaltes am Cap Palmas, an der
Nordwestgrenze des Bezirks von Benin.

Die von Dr. Savage gemessenen Chimpanzes überschritten niemals fünf Fuss
in Höhe, die Männchen waren fast genau so hoch.

In der Ruhe nehmen sie gewöhnlich eine sitzende Haltung an. Man sieht
sie gewöhnlich stehen und gehen; werden sie aber dabei entdeckt, so
nehmen sie unmittelbar alle vier und fliehen aus der Gegenwart der
Beobachter. Ihr Bau ist der Art, dass sie nicht ganz aufrecht stehen
können, sondern nach vorn neigen. Wenn sie stehen, sieht man sie daher
die Hände über dem Hinterhaupte zusammenschlagen oder über der
Lendengegend, was nothwendig zu sein scheint, um die Haltung zu
balanciren oder zu erleichtern.

»Die Zehen sind beim Erwachsenen stark gebogen und nach innen gewendet,
und können nicht vollständig ausgestreckt werden. Beim Versuch hierzu
erhebt sich die Haut des Rückens in dicken Falten, woraus hervorgeht,
dass die völlige Streckung des Fusses, wie es beim Gehen nothwendig
wird, unnatürlich ist. Die natürliche Stellung ist die auf allen Vieren,
wobei der Körper vorn auf den Knöcheln ruht. Diese sind bedeutend
verbreitert, mit vorspringender und verdickter Haut wie an der
Fusssohle.

Sie sind geschickte Kletterer, wie man schon aus ihrem Baue vermuthen
kann. In ihren Spielen schwingen sie sich auf grosse Entfernungen von
einem Beine zum andern und springen mit staunenerregender Behendigkeit.
Man sieht nicht ungewöhnlich die >alten Leute< (in der Sprache eines
Beobachters) unter einem Baume sitzen, sich mit Früchten und
freundschaftlichem Geschwätz unterhalten, während ihre >Kinder< um sie
herum springen und sich von Baum zu Baum mit ausgelassener Freude
schwingen.

Wie man sie hier sieht, können sie nicht gesellig oder in Heerden lebend
genannt werden, da man selten mehr als fünf, höchstens zehn zusammen
findet. Auf gute Gewähr sich stützend, hat man erzählt, dass sie sich
gelegentlich bei Spielen in grosser Zahl versammeln. Mein
Berichterstatter versichert, bei einer solchen Gelegenheit einmal nicht
weniger als fünfzig gesehen zu haben, jubelnd, schreiend und mit Stöcken
auf alten Stämmen trommelnd, welches letztere mit gleicher Leichtigkeit
mit allen vier Extremitäten gethan wird. Sie scheinen nie offensiv zu
verfahren und selten, wenn überhaupt, defensiv. Sind sie nahe daran
gefangen zu werden, so leisten sie dadurch Widerstand, dass sie ihre
Arme um ihren Gegner werfen, und ihn in Berührung mit ihren Zähnen zu
bringen suchen« (Savage, a. a. O. S. 384).

In Bezug auf diesen letztern Punkt ist Dr. =Savage= an einer andern
Stelle sehr ausführlich:

»Ihre vorzügliche Vertheidigungsweise ist das Beissen. Ich habe einen
Mann gesehen, der auf diese Weise bedeutend an den Füssen verwundet war.

Die starke Entwickelung der Eckzähne beim Erwachsenen möchte eine
Neigung zu Fleischnahrung anzudeuten scheinen; aber in keinem Falle, mit
Ausnahme der Zähmung, zeigen sie dieselbe. Anfänglich weisen sie Fleisch
zurück, erlangen aber leicht eine Vorliebe für dasselbe. Die Eckzähne
werden zeitig entwickelt und sind augenscheinlich dazu bestimmt, die
bedeutende Rolle der Vertheidigungswaffe zu übernehmen. Kommt das Thier
mit Menschen in Berührung, so ist beinahe das Erste, was das Thier thun
will, =beissen=.

Sie vermeiden die Aufenthaltsorte der Menschen und bauen sich ihre
Wohnungen auf Bäumen. Der Bau derselben ist mehr der von =Nestern=, als
von =Hütten=, wie sie irrthümlich von manchen Naturforschern genannt
worden sind. Sie bauen im Allgemeinen nicht hoch über der Erde. Grössere
oder kleinere Zweige werden gebogen oder angeknickt, gekreuzt und das
Ganze durch einen Ast oder einen Gabelzweig gestützt. Manchmal findet
man ein Nest nahe dem Ende eines dicken blattreichen Astes zwanzig oder
dreissig Fuss über der Erde. Kürzlich erst habe ich eins gesehen, das
nicht niedriger als vierzig Fuss sein konnte, wahrscheinlicher aber
fünfzig hoch war. Dies ist aber eine ungewöhnliche Höhe.

Sie haben keinen festen Wohnort, sondern wechseln ihn beim Aufsuchen von
Nahrung und aus Bedürfniss nach Ungestörtheit, je nach der Stärke der
Umstände. Wir sahen sie öfter in hoch gelegenen Stellen; dies rührt aber
von der Thatsache her, dass die dem Reisbau der Eingebornen günstigeren
Niederungen öfter gelichtet werden und daher fast stets Mangel an
passenden Bäumen für ihre Nester eintritt. Es ist selten, dass mehr als
ein oder zwei Nester auf einem und demselben Baume gefunden werden, oder
selbst in derselben Umgebung: einmal hat man fünf gefunden, dies war
aber ein ungewöhnlicher Umstand.«

»Sie sind sehr schmutzig in ihrer Lebensweise. -- Unter den Eingebornen
hier geht eine Ueberlieferung, dass sie einstmals Mitglieder ihres
eigenen Stammes waren, dass sie aber wegen ihrer entarteten Gewohnheiten
von aller menschlichen Gesellschaft verstossen und in Folge ihres
hartnäckigen Beharrens bei ihren gemeinen Neigungen allmählich auf ihren
gegenwärtigen Zustand und zu ihrer jetzigen Organisation herabgesunken
wären. Sie werden indessen von jenen gegessen, und, mit dem Oel und dem
Marke der Palmennuss gekocht, für ein äusserst schmackhaftes Gericht
gehalten.

Sie zeigen einen merkwürdigen Grad von Intelligenz in ihren
Gewohnheiten, und von Seiten der Mutter viel Liebe zu ihren Jungen. Das
zweite der beschriebenen Weibchen war, als es zuerst entdeckt wurde, auf
einem Baume mit seinem Manne und zwei Jungen (einem Männchen und
Weibchen). Sein erster Impuls war, mit grosser Schnelligkeit
herunterzusteigen und mit seinem Manne und dem jungen Weibchen ins
Dickicht zu entfliehen. Bald kehrte es aber zur Rettung seines
zurückgebliebenen jungen Männchen zurück. Es stieg hinauf und nahm es in
seine Arme und in diesem Augenblick wurde es geschossen, die Kugel drang
auf dem Wege zum Herzen der Mutter durch den Vorderarm des Jungen.

In einem neueren Falle blieb die Mutter, nachdem sie entdeckt war, mit
ihrem Jungen auf dem Baume und folgte aufmerksam den Bewegungen des
Jägers. Als er zielte, machte sie eine Bewegung mit ihrer Hand, genau in
der Weise, wie es ein Mensch thun würde, um den Jäger zum Abstehen und
Fortgehen zu bewegen. War die Verwundung nicht augenblicklich tödtlich,
so hat man die Beobachtung gemacht, dass sie das Blut durch Aufdrücken
der Hand auf die Wunde stillen, und wenn dies nicht ausreichte, durch
Auflegen von Blättern und Gras. -- Sind sie geschossen, so stossen sie
einen plötzlichen Schrei aus, nicht ungleich dem eines Menschen, der
plötzlich in grosse Noth kommt.«

Man versichert indess, dass gewöhnlich die Stimme des Chimpanze nicht
sehr laut, rauh, guttural sei, ungefähr wie »whuu-whuu« (a. a. O. S.
365).

Die Analogie zwischen Chimpanze und Orang in Bezug auf die Sitte und die
Art und Weise, ein Nest zu bauen, ist äusserst interessant, während
andererseits die Beweglichkeit dieses Affen und seine Neigung zu beissen
Eigenthümlichkeiten sind, in denen er den Gibbons eher ähnlich ist. Die
Ausdehnung der geographischen Verbreitung der Chimpanzes -- die sich von
Sierra Leone bis Congo finden -- erinnern mehr an die Gibbons als an
irgend einen andern menschenähnlichen Affen; und es scheint nicht
unwahrscheinlich, dass, ebenso wie es mit den Gibbons der Fall ist, auf
diesem geographischen Gebiete mehrere Arten dieser Gattung verbreitet
sind.

Derselbe ausgezeichnete Beobachter, dem ich den vorstehenden Bericht
über die Gewohnheiten des erwachsenen Chimpanze entlehnt habe, hat vor
fünfzehn Jahren[25] eine Beschreibung des =Gorilla= veröffentlicht, die
in ihren wesentlichsten Punkten von späteren Beobachtern bestätigt
worden ist, und der so wenig hat Thatsächliches zugesetzt werden können,
dass ich, um Dr. Savage gerecht zu sein, sie beinahe in ihrer ganzen
Ausdehnung gebe.

»Man muss im Auge behalten, dass mein Bericht auf die Angaben der
Eingebornen jener Gegend (des Gaboon) sich gründet. Bei dieser
Gelegenheit darf ich auch wohl bemerken, dass ich mich nach
mehrjährigem Aufenthalt als Missionär und einem durch fortwährenden
Verkehr ermöglichten Studium des afrikanischen Geistes und Charakters
für fähig halten darf, die Angaben der Eingebornen zu prüfen und über
ihre Wahrscheinlichkeit zu entscheiden. Da ich ausserdem mit der
Naturgeschichte und der Lebensart seines interessanten Verwandten
(_Troglodytes niger_, Geoff.) vertraut war, war ich auch im Stande, die
Berichte über die beiden Thiere aus einander zu halten, die, weil sie in
derselben Gegend leben und ähnliche Gewohnheiten haben, im Geiste der
Masse verwechselt werden, besonders da nur wenige -- wie Leute, die mit
dem Innern handeln und Jäger -- das fragliche Thier je gesehen haben.

Der Volksstamm, dem wir die Kenntniss des Thieres verdanken und dessen
Gebiet ihm zum Wohnort dient, ist der der _Mpongwe_, die beide Ufer des
Gaboonflusses von seiner Mündung einige fünfzig oder sechszig Meilen
aufwärts inne haben.

Wenn das Wort »Pongo« afrikanischen Ursprungs ist, dann ist es
wahrscheinlich eine Corruption des Wortes _Mpongwe_, des Namens des
Volksstammes an den Ufern des Gaboon, und von diesem auf die von ihm
bewohnte Gegend übertragen. Ihr localer Name für den Chimpanze ist
_Enché-eko_, so gut er sich wiedergeben lässt, von dem wahrscheinlich
der gewöhnliche Ausdruck »Jocko« herrührt. Die Mpongwe-Bezeichnung für
seinen neuen Verwandten _Engé-ena_, mit Verlängerung des Klangs des
ersten Vocals und nur leise den zweiten anklingend.

Der Wohnort des _Engé-ena_ ist das Innere von Nieder-Guinea, während der
_Enché-eko_ näher der Küste lebt.

Seine Höhe ist ungefähr fünf Fuss; er ist unverhältnissmässig breit über
den Schultern, dick bedeckt mit krausem schwarzen Haar, welches in
seiner Anordnung dem des _Enché-eko_ ähnlich sein soll; im Alter wird es
grau, welche Thatsache zu dem Bericht Veranlassung gegeben hat, dass man
beide Thiere in verschiedenen Färbungen finde.

[Illustration: Fig. 10. Der Gorilla, nach Wolf.]

=Kopf=. Die vorstechenden Eigenthümlichkeiten des Kopfes bestehen in der
grossen Breite und Verlängerung des Gesichts, der Höhe der
Backzahngegend (die Aeste des Unterkiefers sind sehr hoch und reichen
weit zurück) und in der verhältnissmässigen Kleinheit des eigentlichen
Schädeltheils. Die Augen sind sehr gross und, wie man sagt, gleich denen
des Enché-eko hellbraun; die Nase ist breit und flach, nach der Wurzel
hin leicht erhoben; die Schnauze breit, Lippen und Kinn vorstehend, mit
zerstreut stehenden grauen Haaren; die Unterlippe ist äusserst beweglich
und, wenn das Thier gereizt wird, einer grossen Verlängerung fähig,
wobei sie über das Kinn herabhängt; die Haut des Gesichts und der Ohren
ist nackt, dunkelbraun, dem Schwarzen sich nähernd.

Der merkwürdigste Zug am Kopfe ist ein hoher Kamm von Haaren im Verlaufe
der Pfeilnaht, welcher vorn mit einem queren Haarkamme zusammentrifft.
Der letztere ragt weniger vor und läuft von einem Ohre ringsum zum
andern. Das Thier hat die Fähigkeit, die Kopfhaut nach hinten und vorn
frei bewegen zu können; wenn es in Wuth geräth, soll es dieselbe stark
über die Stirn zusammenziehen und auf diese Weise den Haarkamm nach
unten und vorn rücken, wobei die Haare nach vorn gerichtet sind, so dass
das Thier einen unbeschreiblich wilden Anblick darbietet.

Der Hals ist kurz, dick, haarig; die Brust und Schultern sind sehr
breit, wie man sagt, noch einmal so breit wie die des Enché-eko; die
Arme sehr lang, etwas über das Knie reichend, der Vorderarm ist bei
weitem am kürzesten; Hände sehr lang, der Daumen viel stärker als die
anderen Finger.

Der Gang ist wackelnd; die Bewegung des Körpers, der niemals aufrecht
steht wie beim Menschen, sondern nach vorn gebeugt ist, ist
gewissermaassen rollend, von einer Seite zur andern. Da die Arme länger
sind als beim Chimpanze, so staucht das Thier beim Gehen nicht so sehr;
wie jener wirft es beim Gehen die Arme nach vorn, setzt die Hände auf
den Boden und giebt dann dem Körper eine halb springende, halb
schwingende Bewegung zwischen ihnen. Bei dieser Handlung soll es nicht
die Finger beugen und sich auf die Knöchel stützen, wie der Chimpanze,
sondern sie ausstrecken und die Hand als Hebel brauchen. Wenn es die
Stellung zum Gehen annimmt, soll der Körper sehr geneigt sein; es
balancirt dann den grossen Körper dadurch, dass es die Arme nach oben
einbiegt.

[Illustration: Fig. 11. Gorilla gehend (nach Wolf).]

Sie leben in Gruppen, sind aber nicht so zahlreich wie die Chimpanzes:
die Weibchen sind in der Regel in der Mehrzahl. Meine Berichterstatter
stimmen alle in der Angabe überein, dass bei jeder Gruppe nur ein
erwachsenes Männchen ist; dass beim Heranwachsen der jungen Männchen ein
Kampf um die Herrschaft beginnt und das stärkste nach Tödtung oder
Forttreiben der anderen sich als Oberhaupt der Gemeinde aufthut.«

Dr. =Savage= weist die Geschichten zurück, nach denen die Gorillas
Weiber entführen und Elephanten besiegen sollen, und fährt dann fort:

»Ihre Wohnungen, wenn man sie so nennen kann, sind denen der Chimpanzes
ähnlich, sie bestehen nur aus wenig Stäben und blätterigen Zweigen, die
durch Aeste und Gabelzweige derselben gestützt werden; sie bieten keinen
Schutz dar und werden nur eine Nacht benutzt.

Sie sind äusserst wild und stets offensiv in ihrem Verhalten, sie
fliehen nie vor dem Menschen, wie es der Chimpanze thut. Sie sind
Gegenstände des Schreckens für die Eingebornen und werden von ihnen nie
angegriffen, ausser zur Vertheidigung. Die wenigen, die gefangen wurden,
wurden von Elephantenjägern und eingebornen Handelsleuten getödtet, als
sie plötzlich auf ihrem Wege durch die Wälder über sie kamen.

Es wird erzählt, dass das Männchen, sobald es gesehen wird, einen
schreckenerregenden Schrei ausstösst, der weit und breit durch den Wald
klingt, ungefähr wie =kh--eh=! =kh--eh=! schrillend und gedehnt. Seine
enormen Kinnladen öffnen sich bei jeder Expiration, die Unterlippe hängt
über das Kinn herab, und der Haarkamm und die Kopfhaut sind über die
Augenbrauen zusammengezogen, einen Anblick unbeschreiblicher Wildheit
darbietend.

Die Weibchen und Jungen verschwinden schnell beim ersten Schrei. Das
Männchen geht dann in grosser Wuth auf seinen Feind los, wobei es seine
schrecklichen Schreie in schneller Aufeinanderfolge ausstösst. Der Jäger
erwartet seine Annäherung mit angelegter Flinte; wenn er nicht sicher
zielen kann, so lässt er das Thier den Lauf erfassen und feuert ab, wenn
es denselben zum Munde führt (was es gewöhnlich thut). Sollte das Gewehr
nicht losgehen, so wird der Lauf (einer gewöhnlichen Jagdflinte, welcher
nicht stark ist) zwischen den Zähnen zermalmt, und der Zweikampf endet
bald für den Jäger tödtlich.

Im wilden Zustande ist ihr Verhalten im Allgemeinen wie das des
_Troglodytes niger_; sie bauen ihre Nester lose auf Bäumen, leben von
ähnlichen Früchten und ändern ihren Aufenthaltsort, durch die Umstände
gezwungen.«

Dr. =Savage's= Beobachtungen werden durch die des Mr. =Ford= bestätigt
und erweitert, welcher eine interessante Abhandlung über den Gorilla im
Jahre 1852 der Akademie der Naturwissenschaften in Philadelphia
mittheilte. In Bezug auf die geographische Verbreitung dieses grössten
von allen menschenähnlichen Affen bemerkt Mr. =Ford=:

»Das Thier bewohnt den Gebirgszug, welcher das Innere von Guinea
durchsetzt, von Cameroon im Norden his nach Angola im Süden und ungefähr
100 Meilen landeinwärts, und der von den Geographen die Krystallberge
genannt wird. Die Grenze, bis zu welcher im Süden und Norden das Thier
vorkommt, bin ich nicht im Stande zu bestimmen. Doch liegt diese Grenze
ohne Zweifel eine ziemliche Strecke weit nördlich von diesem Flusse
(Gaboon). Ich konnte mich selbst auf einer neulichen Excursion in das
Quellgebiet des Morney-Flusses (des »gefährlichen«), der einige sechzig
Meilen von hier in das Meer mündet, von dieser Thatsache überzeugen. Mir
wurde berichtet (und ich denke, glaubwürdig), dass sie auf den Bergen,
von denen dieser Fluss entspringt, und weit nördlich davon zahlreich
seien.

Nach Süden breitet sich diese Art bis zum Congoflusse aus, wie mir
eingeborne Kaufleute erzählt haben, welche die Küste zwischen dem Gaboon
und jenem Flusse besucht haben. Jenseits desselben fehlen mir
Nachrichten. In den meisten Fällen findet sich das Thier nur in einiger
Entfernung vom Meere, und kommt ihm nach meinen besten Nachrichten
nirgends so nahe, als an der Südseite dieses Flusses, wo sie zehn Meilen
vom Meere gefunden worden sind. Dies ist indessen erst neuerdings
vorgekommen. Einige der ältesten Mpongwe-Männer theilten mir mit, dass
es früher nur an den Quellen dieses Flusses gefunden worden sei, dass
man es aber jetzt schon einen halben Tagemarsch von seiner Mündung
finden könne. Früher bewohnte es nur den gebirgigen Kamm, den nur
Buschmänner bewohnten, jetzt nähert es sich aber dreist den
Mpongwe-Pflanzungen. Dies ist ohne Zweifel der Grund für die dürftigen
Nachrichten aus früheren Zeiten, da die Gelegenheiten, Kenntniss von dem
Thiere zu erlangen, nicht gefehlt haben; Kaufleute haben seit hundert
Jahren diesen Fluss besucht, und Exemplare, wie sie innerhalb eines
Jahres hierher gebracht wurden, würden nicht können gezeigt worden sein,
ohne die Aufmerksamkeit selbst der Einfältigsten zu fesseln.«

Ein Exemplar, das Mr. =Ford= untersuchte, wog ohne die Brust- und
Baucheingeweide 170 Pfund und maass vier Fuss vier Zoll um die Brust.
Dieser Schriftsteller beschreibt den Angriff des Gorilla so minutiös und
malerisch -- obgleich er nicht einen Augenblick vorgiebt, Zeuge der
Scene gewesen zu sei --, dass ich versucht werde, diesen Theil seiner
Abhandlung zur Vergleichung mit anderen Erzählungen ausführlich zu
geben:

»Er stellt sich stets auf seine Füsse, wenn er einen Angriff macht,
obgleich er seinem Gegner in gebückter Stellung sich nähert.

Obgleich er nie auf der Lauer liegt, so stösst er doch unmittelbar, wenn
er einen Menschen hört, sieht oder spürt, seinen charakteristischen
Schrei aus, bereitet sich zu einem Angriff vor und verfährt stets
offensiv. Der Schrei, den er ausstösst, gleicht mehr einem Grunzen als
einem Brummen und ist dem Schrei des Chimpanze ähnlich, wenn dieser
gereizt wird, nur unendlich viel lauter. Er soll auf grosse Entfernungen
hörbar sein. Seine Vorbereitung besteht darin, dass er die Weibchen und
Jungen, von denen er gewöhnlich begleitet wird, in eine geringe
Entfernung wegbringt. Er selbst kehrt indessen schnell zurück mit
aufgerichtetem und vorstehendem Kamme, erweiterten Nasenlöchern und nach
unten geworfener Unterlippe; zu gleicher Zeit stösst er seinen
charakteristischen Schrei aus, gewissermaassen um seinen Gegner zu
erschrecken. Wenn er nicht durch einen gutgezielten Schuss unfähig
gemacht wird, so macht er sofort einen Anlauf und streckt den Gegner
durch einen Schlag mit der flachen Hand, oder nachdem er ihn erst mit
einem Griff gefasst hat, von dem kein Entkommen ist, zu Boden und
zerreisst ihn mit seinen Zähnen.

Man sagt, er ergreift eine Flinte und zermalmt augenblicklich den Lauf
zwischen seinen Zähnen. -- Die wilde Natur dieses Thieres zeigt sich
sehr gut in der nicht zu besänftigenden Verzweiflung eines
hierhergebrachten Jungen. Es wurde sehr jung gefangen und vier Monate
lang gehalten, auch viele Mittel angewendet, es zu zähmen; es war aber
unverbesserlich, so dass es mich noch eine Stunde vor seinem Tode biss.«

Mr. =Ford= bezweifelt die Geschichten von dem Häuserbauen und dem
Elephantenverjagen und sagt, dass kein gut unterrichteter Eingeborner
sie glaubt. Es sind Geschichten, die man Kindern erzählt.

Ich könnte noch andere Zeugnisse beibringen, die auf Aehnliches
hinauskommen, aber, wie mir scheint, weniger sorgfältig abgewogen und
gesichtet sind; solche finden sich in den Briefen der Herren =Franquet=
und =Gautier Laboullay=, die der bereits erwähnten Abhandlung J. G. St.
=Hilaire's= angehängt sind.

Erinnert man sich dessen, was mit Bezug auf den Orang und den Gibbon
bekannt ist, so scheinen mir die Angaben des Dr. =Savage= und Mr. =Ford=
gerechter Weise keiner Kritik nach a priori Gründen ausgesetzt zu sein.
Wir sahen, dass die Gibbons gern die aufrechte Stellung annehmen, der
Gorilla ist aber viel besser zu dieser Stellung durch seine Organisation
geschickt als die Gibbons; wenn die Kehlsäcke der Gibbons, wie es
wahrscheinlich ist, von Bedeutung für den Umfang ihrer Stimme sind, die
man eine halbe französische Meile weit hört, so kann der Gorilla,
welcher ähnliche Säcke, nur stärker entwickelt besitzt und dessen
Körpermasse das Fünffache eines Gibbons beträgt, wohl auf eine doppelt
so grosse Entfernung gehört werden. Wenn der Orang mit seinen Händen
kämpft, die Gibbons und Chimpanzes mit ihren Zähnen, so kann der Gorilla
wahrscheinlich genug eins von beiden oder beides thun; auch ist nichts
dagegen zu sagen, dass der Chimpanze oder Gorilla ein Nest baue, wenn
bewiesen ist, dass der Orang-Utan diese Leistung beständig ausführt.

Bei all diesen, nun zehn bis fünfzehn Jahre alten, in aller Welt Besitz
befindlichen Zeugnissen ist es nicht wenig zu verwundern, dass die
Behauptungen eines neuern Reisenden, der, soweit sie den Gorilla
betreffen, in der That wenig mehr thut, als auf seine Autorität die
Angaben =Savage's= und =Ford's= zu wiederholen, so viel und so heftigen
Widerspruch gefunden haben. Wenn man das abzieht, was schon vorher
bekannt war, so ist die Summe und der Inhalt dessen, was =Du Chaillu=
als einen Gegenstand seiner eigenen Beobachtung über den Gorilla
behauptet, das, dass beim Vorgehen zum Angriff das grosse Thier seine
Brust mit den Fäusten schlägt. Ich gestehe, ich sehe nichts sehr
Unwahrscheinliches, oder eines Streites Werthes in dieser Angabe.

In Bezug auf die anderen menschenähnlichen Affen Afrikas sagt uns =Du
Chaillu= absolut nichts vom Chimpanze nach eigener Beobachtung; er
berichtet aber von einer kahlköpfigen Art oder Varietät, dem _Nschiego
mbouve_, welche sich ein Obdach baut, und von einer anderen seltenen
Form mit einem verhältnissmässig kleinen Gesicht, grossem Gesichtswinkel
und einem eigenthümlichen, wie »Kuuluu« klingenden Tone.

Da sich der Orang durch eine rohe Decke von Blättern schützt und der
gewöhnliche Chimpanze nach der Angabe des so äusserst glaubwürdigen
Beobachters, Dr. =Savage=, einen Laut von sich giebt wie »Whuu-whuu«, so
ist der Grund für die summarische Zurückweisung, die =Du Chaillu's=
Angaben über diesen Gegenstand gefunden haben, nicht einzusehen.

Wenn ich trotzdem davon abgesehen habe, =Du Chaillu's= Werk zu citiren,
so ist es nicht, weil ich in seinen Angaben bezüglich der
menschenähnlichen Affen irgend welche innere Unwahrscheinlichkeit
gefunden hätte, noch weil ich irgend welchen Verdacht auf seine
Wahrhaftigkeit zu werfen wünschte, sondern weil meiner Meinung nach
seine Erzählung, so lange sie in ihrem gegenwärtigen Zustande
unerklärter und scheinbar unerklärlicher Confusion sich befindet, keinen
Anspruch auf originale Autorität betreffs irgend welchen Gegenstandes
machen kann.

Es mag Alles wahr sein, es ist aber kein Beweis.


Fußnoten:

[1] =Regnum Congo=: hoc est =Vera Descriptio Regni Africani quod tam ab
incolis quam Lusitanis Congus appellatur=, per Philippum Pigafettam,
olim ex Edoardo Lopez acroamatis lingua Italica excerpta, nunc Latio
sermone donata ab August. Cassiod. Reinio. Iconibus et imaginibus rerum
memorabilium quasi vivis, opera et industria Joan. Theodori et Joan.
Israelis de Bry, fratrum exornata Francofurti, MDXCVIII.

[2] »Ausgenommen dass ihre Beine keine Waden hatten.« -- (Ed. 1626.) Und
in einer Randnote: »Diese grossen Affen werden Pongo's genannt.«

[3] =Purchas' Anmerkung=. -- Cap Negro ist 16 Grad südlich von der
Linie.

[4] =Purchas' Randbemerkung=, p. 982: -- »Der Pongo, ein riesiger Affe.
Er erzählte mir bei einer Besprechung, dass einer dieser Pongos einen
seiner Negerknaben wegnahm, der einen Monat mit ihnen lebte. Denn sie
verletzen die nicht, die sie unvermuthet überraschen, ausgenommen sie
sehen sie an, was jener vermied. Er sagte, ihre Grösse wäre die eines
Mannes, ihre Dicke wäre zweimal so gross. Den Negerknaben habe ich
gesehen. Was das andere Ungeheuer wäre, hat er zu schildern vergessen;
auch kamen diese Papiere erst nach seinem Tode in meine Hände, sonst
würde ich es bei unsern häufigen Besprechungen erfahren haben.
Vielleicht meint er die erwähnten Pigmy Pongo-tödter.«

[5] Archives du Muséum, Tome X.

[6] Ich danke es dem Dr. Wright von Cheltenham, dessen palaeontologische
Arbeiten so wohl bekannt sind, dass er diese interessante Reliquie zu
meiner Kenntniss brachte. Tyson's Enkelin, wie es scheint, heirathete
Dr. Allardyce, einen genannten Arzt in Cheltenham, und brachte ihm als
Theil ihrer Mitgift das Skelet des »Pygmie« zu. Dr. Allardyce schenkte
es dem Cheltenham Museum, und durch die freundlichen Bemühungen meines
Freundes Dr. Wright liehen mir die Vorstände des Museums seine
vielleicht merkwürdigste Zierde.

[7] »Mandrill« scheint »ein menschenähnlicher Affe« zu heissen, da das
Wort »Drill« oder »Dril« vor Zeiten in England gebraucht wurde, um einen
Affen oder Pavian zu bezeichnen. So finde ich in Blount's
»Glossographia, or a Dictionary interpreting the hard words of
whatsoever language now used in our refined English tongue ... very
useful for all such as desire to understand what they read«, 1681
erschienen: »Dril: Werkzeug eines Steinarbeiters, womit er kleine Löcher
in Marmor bohrt etc. Auch ein grosser ausgewachsener Affe oder Pavian
wird so genannt.« In demselben Sinne wird »Drill« in Charleton's
»Onomasticon Zoicon«, 1688, gebraucht. Die eigenthümliche Etymologie,
die Buffon von dem Worte giebt, scheint kaum wahrscheinlich.

[8] Histoire naturelle, Suppl. Tome 7. 1789.

[9] Camper, Oeuvres, I, p. 56.

[10] Camper, Oeuvres, I, p. 64.

[11] Verhandelingen van het Bataviaasch Genootschap. Tweede Deel. Derde
Druk. 1826.

[12] Briefe des Herrn v. Wurmb und des Herrn Baron v. Wollzogen. Gotha
1794.

[13] Vergl. Blumenbach, Abbildungen naturhistorischer Gegenstände, Nr.
12. 1810; und Tilesius, naturhistorische Früchte der ersten kaiserlich
russischen Erdumsegelung, S. 115. 1813.

[14] In der weiteren Bedeutung des Wortes Orang und ohne die Frage
vorher zu entscheiden, ob es mehr als eine Art Orang gebe.

[15] Vergl. »Observations on the external characters and habits of the
Troglodytes niger« von Thom. N. Savage, »and on its organization« von
Jeffries Wyman, in: Boston Journal of Natural History, Vol. IV. 1843-4;
und »External characters, habits and osteology of Troglodytes Gorilla«,
von denselben ebenda. Vol. V. 1847.

[16] »Man and monkies«, pag. 423.

[17] Wanderings in New South Wales. Vol. II. chap. VIII. 1834.

[18] Boston Journal of Natural History, Vol. I. 1834.

[19] Der grösste von Temminck erwähnte Orang-Utan maass im aufrechten
Stehen vier Fuss; er erwähnt aber, so eben die Nachricht von dem Fange
eines Orang erhalten zu haben, der fünf Fuss drei Zoll hoch war.
Schlegel und Müller sagen, dass ihr grösstes altes Männchen aufrecht
1,25 niederländische Elle mässe, vom Scheitel bis zur Zehenspitze
1,5 Elle, der Umfang des Körpers ungefähr 1 Elle. Das grösste alte
Weibchen war im Stehen 1,09 Elle hoch. Das erwachsene Skelet im
Museum des College of Surgeons würde, wenn es aufrecht stände, drei Fuss
sechs bis acht Zoll vom Scheitel bis zur Sohle messen. Dr. Humphry giebt
drei Fuss acht Zoll an als mittlere Höhe von zwei Orangs. Von siebzehn
von Wallace untersuchten Orangs war der grösste vier Fuss zwei Zoll hoch
von der Ferse bis zum Scheitel. Mr. Spencer St. John erzählt indess in
seinem »Life in the Forests of the Far East« von einem Orang, der fünf
Fuss zwei Zoll vom Kopfe zur Ferse, 15 Zoll Gesichtsbreite und 12 Zoll
um das Handgelenk gemessen habe. Es scheint indess nicht, dass Mr. St.
John diesen Orang selbst gemessen hat.

[20] Vergl. Wallace's Beschreibung eines Orangsäuglings in den »Annals
of nat. Hist. für 1856«. Mr. Wallace gab seinem interessanten Pflegling
eine künstliche Mutter von Büffelhaut, die Täuschung war aber zu
gelungen. Die Erfahrung des Kindes lehrte es Haare mit Zitzen zu
associiren, und da es die ersteren fühlte, verbrachte es sein Leben im
vergeblichen Bemühen, die letzteren zu entdecken.

[21] »Sie sind die langsamsten und wenigst beweglichen von dem ganzen
Affengeschlecht, und ihre Bewegungen sind überraschend ungeschickt und
plump.« Sir James Brooke in dem »Proceedings of the Zoological Society«,
1841.

[22] Mr. Wallace's Beschreibung der Bewegungen des Orang stimmt fast
genau hiermit überein.

[23] Sir James Brooke sagt in einem in den Proceedings of the Zoological
Society für 1841 abgedruckten Briefe an Mr. Waterhouse: »So weit ich zu
beobachten im Stande gewesen bin, kann ich über die Gewohnheiten der
Orangs so viel bemerken, dass sie so langsam und träge sind, wie man
sich nur vorstellen kann, und bei keiner Gelegenheit bewegten sie sich,
als ich sie verfolgte, so schnell, dass ich nicht hätte in einem
einigermaassen lichten Walde mit ihnen Schritt halten können; und selbst
wenn Hindernisse von unten (wie das Waten halstief) sie eine Strecke
vorausliessen, so hielten sie sicher an und liessen uns wieder
herankommen. Ich habe nie den geringsten Versuch zur Vertheidigung
gesehen, und das Holz, was um unsere Ohren raschelte, war durch ihr
Gewicht abgebrochen, aber nicht geworfen, wie es von Manchen dargestellt
wird. Wird der Pappan indessen zum Aeussersten getrieben, so muss er
fürchterlich sein, und ein unglücklicher Mensch, der mit mehreren
anderen einen grossen lebendig zu fangen versuchte, verlor zwei Finger,
wurde auch ausserdem bedeutend ins Gesicht gebissen, während das Thier
schliesslich seine Verfolger abschlug und entfloh.«

Auf der andern Seite behauptet Mr. Wallace, dass er mehreremale
beobachtet habe, wie sie verfolgt Zweige herabgeworfen hätten. »Es ist
wahr, dass er sie nicht =nach= einer Person wirft, sondern senkrecht
herab; denn es leuchtet ein, dass ein Zweig nicht weit vom Gipfel eines
hohen Baumes geworfen werden kann. In einem Falle unterhielt ein
weiblicher Mias auf einem Durianenbaum für wenigstens zehn Minuten einen
continuirlichen Schauer von Zweigen und den schweren dornigen Früchten,
so gross wie ein 32-Pfünder, der uns äusserst wirksam von dem Baume
entfernt hielt. Man konnte ihn dieselben abbrechen und herabwerfen sehen
in scheinbar voller Wuth, in Zwischenräumen einen lauten grunzenden Ton
ausstossend und augenscheinlich Ernst machend.« »On the habits of the
Orang-Utan,« Annals of nat. hist. 1856. Diese Angabe wird man in
völliger Uebereinstimmung mit dem oben citirten Briefe des Residenten
Palm finden (s. S. 18.)

[24] On the Orang-Utan, or Mias of Borneo. Annals of natural history,
1856.

[25] Notice of the external characters and habits of Troglodytes
Gorilla. Boston Journal of Natural History, 1847.



        Afrikanischer Cannibalismus im sechszehnten Jahrhundert.


Beim Durchblättern von Pigafetta's Uebersetzung der Erzählung des Lopez,
die ich oben citirt habe, traf ich auf eine so merkwürdige und
unerwartete, um zwei und ein halbes Jahrhundert voraus gemachte
Bestätigung eines der wunderbarsten Theile von Du Chaillu's Erzählung,
dass ich nicht umhin kann, in einer Anmerkung die Aufmerksamkeit darauf
zu lenken, obgleich ich bekennen muss, dass der Gegenstand streng
genommen mit den behandelten Fragen in keiner Beziehung steht.

[Illustration: Fig. 12. Fleischerladen der Anziquen, Anno 1598.]

Im fünften Capitel des ersten Buches der »Descriptio«, »über den
nördlichen Theil des Königreichs Congo und seine Grenzen« wird ein Volk
erwähnt, dessen König »Maniloango« heisst, und das unter dem Aequator,
westlich bis zum Cap Lopez lebt. Dies scheint das Land zu sein, was nach
Du Chaillu jetzt von den Ogobai und Bakalai bewohnt wird. -- »Jenseits
desselben wohnt ein anderes Volk, die »Anziquen« genannt, von
unglaublicher Wildheit; denn sie essen einander und schonen weder
Freunde noch Verwandte.«

Diese Menschen sind mit kleinen, dicht mit Schlangenhaut umwickelten
Bogen bewaffnet, die mit Schilf oder Binsen bespannt sind. Ihre Pfeile,
aus hartem Holz, kurz und dünn, werden mit grosser Schnelligkeit
geschossen. Sie haben eiserne Aexte, deren Griffe mit Schlangenhaut
umwunden sind, und Schwerter mit Scheiden aus demselben Stoff; zu
Vertheidigungsschildern gebrauchen sie Elephantenhaut. In der Jugend
schneiden sie ihre Haut ein, so dass Narben entstehen. »Ihre
Fleischerläden sind mit Menschenfleisch gefüllt, statt mit Ochsen- oder
Schaffleisch; denn sie essen die Feinde, die sie im Kampfe gefangen
nehmen. Sie mästen, schlachten und verzehren auch ihre Sklaven, wenn sie
nicht glauben, einen guten Preis für sie zu erhalten; überdies noch
bieten sie sich zuweilen aus Lebensmüdigkeit oder Ruhmsucht (denn sie
halten es für etwas Grosses und für das Zeichen einer edlen Seele, das
Leben zu verachten) selbst als Speise an.

Es giebt allerdings viele Cannibalen, wie in Ostindien, in Brasilien und
anderswo, aber keine solche wie diese; denn die anderen essen nur ihre
Feinde, diese aber ihre eigenen Blutsverwandten.«

Die sorgfältigen Zeichner der Illustrationen zu Pigafetta haben ihr
Möglichstes gethan, den Leser in den Stand zu setzen, sich nach diesem
Bericht von den »Anziquen« ein lebhaftes Bild zu machen, und der
beispiellose Fleischerladen in Fig. 12 ist das Facsimile eines Theils
von ihrer Plate XII.

Du Chaillu's Bericht über die Fans stimmt eigenthümlich mit dem überein,
was Lopez hier von den Anziquen erzählt. Er spricht von ihren kleinen
Bogen und Pfeilen, von ihren Aexten und Messern, »sinnreich mit Scheiden
aus Schlangenhaut versehen.« »Sie tättowiren sich mehr als irgend ein
anderer Stamm, den ich nördlich vom Aequator angetroffen habe.« Und alle
Welt weiss, was Du Chaillu von ihrem Cannibalismus sagt: -- »Unmittelbar
darauf begegnete uns eine Frau, die alle Zweifel löste. Sie trug ein
Stück eines menschlichen Schenkels, genau so wie wir zu Markte gehen und
von dort einen Braten oder Beefsteak mitbringen würden.« Du Chaillu's
Zeichner kann im Allgemeinen nicht des Mangels an Muth bei der
Verkörperung der Angaben seines Verfassers angeklagt werden, und es ist
zu bedauern, dass er bei so gutem Vorwande uns nicht mit einem passenden
Gegenstück zu der Skizze der Gebrüder De Bry versehen hat.



II.

Ueber die Beziehungen des Menschen zu den nächstniederen Thieren.


     Multis videri poterit, majorem esse differentiam Simiae et Hominis,
     quam diei et noctis; verum tamen hi, comparatione instituta inter
     summos Europae Heroës et Hottentottos ad Caput bonae spei degentes,
     difficillime sibi persuadebunt, has eosdem habere natales; vel si
     virginem nobilem aulicam, maxime comtam et humanissimam, conferre
     vellent cum homine sylvestri et sibi relicto, vix augurari possent,
     hunc et illam ejusdem esse speciei. -- _Linnaei Amoenitates Acad.
     »Anthropomorpha_.«

Die Frage aller Fragen für die Menschheit -- das Problem, welches allen
übrigen zu Grunde liegt und welches tiefer interessirt als irgend ein
anderes --, ist die Bestimmung der Stellung, welche der Mensch in der
Natur einnimmt, und seiner Beziehungen zu der Gesammtheit der Dinge.
Woher unser Stamm gekommen ist, welches die Grenzen unserer Gewalt über
die Natur und der Natur Gewalt über uns sind, auf welches Ziel wir
hinstreben: das sind die Probleme, welche sich von Neuem und mit
unvermindertem Interesse jedem zur Welt geborenen Menschen darbieten.
Die meisten von uns schrecken vor den Schwierigkeiten und Gefahren,
welche den bedrohen, der selbstständig nach Antworten auf diese Räthsel
sucht, zurück und begnügen sich damit, sie vollständig zu ignoriren oder
den forschenden Geist unter dem Pfühl respectirter und respectabler
Ueberlieferungen zu ersticken. In jedem Zeitalter hat es aber einen oder
zwei ruhelose Geister gegeben, die mit jenem constructiven Talent
gesegnet, das nur auf sicherer Grundlage bauen kann, oder vom blossen
Geist der Zweifelsucht besessen, nicht im Stande sind, dem
ausgetretenen und bequemen Pfad ihrer Vorgänger und Zeitgenossen zu
folgen, und uneingedenk der Dornen und Steine ihre eigenen Wege gehen.
Die Zweifler kommen zum Unglauben, welcher das Problem für ein
unlösbares erklärt, oder zum Atheismus, welcher die Existenz irgend
einer geordneten Fortschreitung und Leitung der Dinge leugnet: die Leute
von Genie bringen Lösungen vor, welche in theologische oder
philosophische Systeme auswachsen oder, in eine klangreiche Sprache
gekleidet, die mehr verspricht als hält, die Gestalt der Dichtung des
Zeitalters annehmen.

Jede solche Antwort auf die grosse Frage wird unwandelbar von den
Nachfolgern dessen, der sie giebt, wenn nicht von ihm selbst, als
vollständig und endgültig hingestellt; sie bleibt, sei es für ein
Jahrhundert oder für zwei oder zwanzig, in grosser Autorität und
Achtung; aber ebenso unwandelbar weist die Zeit nach, dass eine jede
Antwort eine blosse Annäherung zur Wahrheit gewesen ist, die
hauptsächlich in Folge der Unkenntniss derer, die sie empfingen,
tolerirt wurde, aber völlig unerträglich wird, wenn sie an der Hand der
erweiterten Kenntnisse ihrer Nachfolger geprüft wird.

In einem oft gebrauchten Gleichnisse wird eine Parallele zwischen dem
Leben eines Menschen und der Metamorphose einer Raupe in den
Schmetterling gezogen; die Vergleichung dürfte aber noch passender und
auch neuer sein, wenn man im Gleichniss an die Stelle des Lebens des
Einzelnen den geistigen Fortschritt des Geschlechts setzt. Die
Geschichte zeigt, dass der durch beständige Zufuhr von Kenntnissen
genährte menschliche Geist periodisch für seine theoretischen Hüllen zu
gross wird und sie durchbricht, um in neuen Bekleidungen zu erscheinen,
wie die sich nährende und wachsende Larve von Zeit zu Zeit ihre zu enge
Haut abstreift und eine andere, selbst wieder zeitweilige annimmt.
Wahrlich, der entwickelte Zustand des Menschen scheint noch schreckbar
fern zu liegen; jede Häutung ist aber ein gewonnener Schritt und deren
sind schon viele gethan.

Seit dem Wiedererwachen der Gelehrsamkeit, womit die westeuropäischen
Rassen in jenen Entwickelungsgang nach wahrer Wissenschaft eintraten,
der von den griechischen Philosophen begonnen, in späteren Zeiten langer
geistiger Stagnation oder höchstens Schwankung fast ganz zum Stillstand
gekommen war, hat sich die menschliche Larve kräftig genährt und im
Verhältniss hierzu gehäutet. Eine solche Larvenhaut von ziemlichem
Umfang wurde im 16. Jahrhundert, eine andere gegen das Ende des 18.
abgeworfen; und innerhalb der letzten fünfzig Jahre hat die
ausserordentliche Zunahme jedes einzelnen Theiles der physikalischen
Wissenschaften geistige Nahrung von so nahrhafter und reizender Art
unter uns verbreitet, dass eine neue Häutung bevorzustehen scheint. Es
ist dies aber ein Vorgang, der nicht ungewöhnlich von vielen Wehen und
einiger Krankheit und Schwäche, oder wohl auch von grösseren Störungen
begleitet wird; so dass sich jedes gutgesinnte Mitglied der bürgerlichen
Gesellschaft für verbunden erachten muss, den Vorgang zu erleichtern,
und, sollte es nichts weiter zur Hand haben als ein anatomisches Messer,
die berstende Hülle nach seinem besten Vermögen lüften zu helfen.

In dieser Pflicht liegt für mich die Entschuldigung, diese Abhandlungen
zu veröffentlichen. Denn es wird zugegeben werden müssen, dass einige
Kenntniss von der Stellung des Menschen in der belebten Natur eine
unentbehrliche Vorbereitung für das richtige Verständniss seiner
Beziehungen zur Gesammtheit der Dinge ist; -- und diese selbst wiederum
löst sich schliesslich in eine Untersuchung über die Natur und Enge der
Beziehungen auf, welche ihn mit jenen sonderbaren Geschöpfen verbindet,
deren Geschichte[26] auf den vorstehenden Seiten skizzirt wurde.

Die Bedeutung einer solchen Untersuchung ist durch sich selbst offenbar.
Aber von Angesicht zu Angesicht jenen verzerrten Abbildern seiner selbst
gegenübergebracht, ist sich selbst der gedankenloseste Mensch eines
gewissen Schreckens bewusst, der vielleicht nicht sowohl Folge des
Abscheus beim Anblick einer scheinbar beleidigenden Caricatur seiner
selbst, sondern dem Erwachen eines plötzlichen und tiefen Misstrauens
zuzuschreiben ist; eines Misstrauens gegen altehrwürdige Theorien und
festgewurzelte Vorurtheile in Bezug auf seine eigene Stellung in der
Natur und seine Beziehungen zu den unteren Schichten des Lebens; und
während dies für den nicht weiter Nachdenkenden eine dunkle Ahnung
bleibt, wird es für alle die, welche mit den neueren Fortschritten der
anatomischen und physiologischen Wissenschaften bekannt sind, ein
weiter, mit den tiefsten Consequenzen beschwerter Beweisgrund.

Ich beabsichtige nun, diesen Beweis anzutreten und in einer auch für
die, welche keine specielle Bekanntschaft mit anatomischer Wissenschaft
besitzen, verständlichen Form die hauptsächlichsten Thatsachen
vorzuführen, auf welche alle Schlussfolgerungen über die Natur und den
Umfang der Beziehungen, welche den Menschen mit der Thierwelt verbinden,
basirt sein müssen; ich werde dann den einen unmittelbar sich daraus
ergebenden Schluss andeuten, der meinem Urtheile nach durch jene
Thatsachen gerechtfertigt wird, und werde zum Schlusse die Tragweite
dieser Folgerung in Bezug auf die Hypothesen erörtern, die bis jetzt
betreffs des Ursprungs des Menschen aufgestellt worden sind.

Obgleich die Thatsachen, auf die ich zunächst die Aufmerksamkeit des
Lesers lenken möchte, von vielen anerkannten Lehrern des Volkes ignorirt
werden, so sind sie doch leicht nachzuweisen und mit Uebereinstimmung
von allen Männern der Wissenschaft angenommen; während andererseits ihre
Bedeutung so gross ist, dass diejenigen, welche sie gehörig erwogen
haben, meiner Meinung nach wenig andere biologische Offenbarungen finden
werden, die sie überraschen können. Ich beziehe mich hier auf die
Thatsachen, welche durch das Studium der Entwicklungsgeschichte bekannt
geworden sind.

Es ist eine Wahrheit von sehr weiter, wenn nicht allgemeiner Gültigkeit,
dass jedes lebende Geschöpf sein Leben in einer Form beginnt, welche
einfacher und von der, die es später annimmt, verschieden ist.

Die Eiche ist ein zusammengesetzteres Ding als die kleine rudimentäre in
der Eichel enthaltene Pflanze; die Raupe ist zusammengesetzter als das
Ei, der Schmetterling zusammengesetzter als die Raupe; und jedes dieser
Geschöpfe durchläuft beim Uebergang von seinem rudimentären zum
vollkommenen Zustand eine Reihe von Veränderungen, deren Summe seine
Entwicklung genannt wird. Bei den höheren Thieren sind diese
Veränderungen äusserst complicirt; im Verlaufe des letzten halben
Jahrhunderts haben aber die Arbeiten von Männern, wie von Baer, Rathke,
Reichert, Bischoff und Remak dieselben fast vollständig aufgeklärt, so
dass die aufeinanderfolgenden Entwickelungszustände, eines Hundes z. B.,
jetzt dem Embryologen so bekannt sind, wie es die Verwandlungszustände
des Seidenwurmes jedem Schulknaben sind. Es wird von Nutzen sein,
aufmerksam die Natur und Reihenfolge der Entwickelungszustände des
Hundes zu betrachten, als ein Beispiel dieses Vorganges bei höheren
Thieren im Allgemeinen.

Der Hund beginnt, wie alle Thiere, mit Ausnahme der niedersten (und
fernere Untersuchungen werden wahrscheinlich diese scheinbare Ausnahme
noch beseitigen), sein Leben als ein Ei, als ein Körper, der in jeder
Bedeutung ebenso gut ein Ei ist, als das der Henne, aber jene Anhäufung
von nährender Substanz entbehrt, die dem Vogelei seine ausnahmsweise
Grösse und häusliche Brauchbarkeit verleiht; ebenso fehlt ihm die
Schale, die nicht bloss für ein Thier nutzlos wäre, das innerhalb des
Körpers seiner Mutter ausgebrütet wird, sondern demselben auch die
Erlangung der Nahrung unmöglich machen würde, die das junge Geschöpf
bedarf, die aber das kleine Säugethier nicht in sich besitzt.

Das Hundeei ist ein kleines kugliges Bläschen (Fig. 13), aus einer
zarten durchsichtigen Haut, der sogenannten _Dotterhaut_, gebildet und
ungefähr 1/130 bis 1/120 Zoll im Durchmesser. Es enthält eine Masse
zähflüssiger nährender Substanz, den »_Dotter_«, innerhalb dessen ein
zweites noch viel zarteres kugliges Bläschen, das sogenannte
»_Keimbläschen_« (_a_), eingeschlossen liegt. In diesem letzteren
endlich liegt ein mehr solider rundlicher Körper, der sogenannte
»_Keimfleck_« (_b_).

[Illustration: Fig. 13. A. Ein Hundeei, mit geborstener Dotterhaut, so
dass der Dotter, das Keimbläschen (_a_) und der von diesem eingeschlossene
Keimfleck (_b_) ausgetreten ist.

B. C. D. E. F. Aufeinanderfolgende Veränderungen des Dotters, wie im
Text beschrieben wurde (nach =Bischoff=).]

Das Ei oder »Ovum« wird ursprünglich in einer Drüse gebildet, aus der es
sich zur passenden Zeit loslöst und in den lebendigen Behälter eintritt,
der zu seinem Schutze und zu seiner Erhaltung während des längern
Processes der Trächtigkeit eingerichtet ist. Unterliegt es den
erforderlichen Bedingungen, so wird hier dieses äusserst kleine und
scheinbar unbedeutende Theilchen lebender Substanz von einer neuen und
geheimnissvollen Thätigkeit belebt. Das Keimbläschen und der Keimfleck
hören auf erkennbar zu sein (ihr definitives Schicksal ist noch eins
der ungelösten Probleme der Embryologie), der Dotter aber wird am
Umfange eingeschnitten, als ob ein unsichtbares Messer rings um ihn
gezogen worden wäre, und er erscheint nun in zwei Halbkugeln getheilt
(Fig. 13, C).

Durch Wiederholung dieses Vorganges in verschiedenen Ebenen werden diese
Halbkugeln weiter getheilt, so dass vier Segmente entstehen (D); diese
theilen sich weiter und weiter, bis endlich der ganze Dotter in eine
Menge von Körnchen umgewandelt ist, von denen jedes aus einem kleinen
Kügelchen von Dottersubstanz besteht, das ein in der Mitte gelegenes
Körperchen, den sogenannten »_Kern_«, einschliesst (F). Die Natur hat
durch diesen Vorgang dasselbe Resultat erreicht, wie ein menschlicher
Handwerker beim Anfertigen von Ziegeln. Sie nimmt das rohe plastische
Material des Dotters und theilt es in passend geformte, ziemlich
gleichgrosse Massen, fertig in den Aufbau irgend eines Theils des
lebendigen Gebäudes einzutreten.

Zunächst erhält nun diese Masse organischer Bausteine oder »_Zellen_«,
wie sie technisch genannt werden, eine bestimmte Anordnung; sie wird in
ein kugliges Hohlbläschen mit doppelter Wandung verwandelt. Dann tritt
auf einer Seite dieser Kugel eine Verdickung auf, und allmählich
bezeichnet in der Mitte des verdickten Feldes eine gerade, seichte Rinne
(Fig. 14, A) die Mittellinie des zu errichtenden Gebäudes, sie
bezeichnet mit anderen Worten die Lage der Mittellinie des Körpers des
künftigen Hundes. Die diese Rinne zu beiden Seiten einfassende Substanz
erhebt sich dann zunächst in eine Falte, die Andeutung der Seitenwand
jener langen Höhlung, welche später das Rückenmark und das Gehirn
enthält; am Boden dieses Behälters erscheint ein solider zelliger
Strang, die sogenannte »_Rückensaite_«. Das eine Ende der
eingeschlossenen Höhlung erweitert sich zur Bildung des Kopfes (Fig. 14,
B), das andere bleibt eng und wird später der Schwanz; die Seitenwände
des Körpers bilden sich aus den nach abwärts gerichteten Verlängerungen
der Wandungen jener Rinne; und von diesen aus wachsen kleine Knospen
hervor, welche allmählich die Form von Gliedmaassen annehmen. Verfolgt
man diesen Bildungsvorgang Schritt für Schritt, so wird man stark an
einen Bildner in Thon erinnert. Jeder Theil, jedes Organ wird zuerst
gewissermaassen roh angelegt und nur aus dem Rohen skizzirt, dann
sorgfältiger geformt, und erst zuletzt erhält es die Züge, die seinen
definitiven Charakter ausmachen.

Auf diese Weise erhält mit der Zeit das junge Hündchen eine solche
Gestalt, wie die in Fig. 14, C dargestellte. Auf diesem Zustande hat es
einen unverhältnissmässig grossen Kopf, der dem Kopfe eines Hundes so
ungleich ist, wie die knospenartigen Gliedmaassen den Beinen des Hundes
ungleich sind.

[Illustration: Fig. 14. A. Früheste Anlage des Hundes. B. Anlage weiter
vorgeschritten, die Grundlage des Kopfes, Schwanzes und der Wirbelsäule
zeigend. C. Das ganz junge Hündchen, mit den befestigten Enden des
Dottersacks und der Allantois, und vom Amnios umhüllt.]

Die Ueberbleibsel des Dotters, die nicht auf die Nahrung und das
Wachsthum des jungen Thieres verwandt wurden, sind in einen Sack
eingeschlossen, der am rudimentären Darm befestigt ist und Dottersack
oder »_Nabelbläschen_« genannt wird. Zwei häutige Blasen, beziehentlich
zum Schutze und zur Ernährung des jungen Geschöpfes bestimmt, haben sich
von der Haut und von der untern und hintern Fläche des Körpers aus
entwickelt; die erstere, das sogenannte »_Amnios_«, ist ein mit
Flüssigkeit gefüllter Sack, der den ganzen Körper des Embryo umhüllt und
die Rolle einer Art von Wasserbad für ihn spielt; die andere,
»_Allantois_« genannt, wächst, Blutgefässe tragend, von der Bauchgegend
aus und legt sich später an die Wandung des Hohlraumes, in dem der sich
entwickelnde Organismus enthalten ist, hierdurch jene Blutgefässe zu den
Canälen machend, durch welche der Nahrungsstrom, der die Bedürfnisse des
Jungen zu decken bestimmt ist, ihm von der Mutter geliefert wird.

Das Gebilde, welches sich durch die Verschlingungen der Blutgefässe des
Jungen mit denen der Mutter bildet und mittelst dessen das erstere in
den Stand gesetzt wird, Nahrung zu erhalten und verbrauchte Stoffe zu
entfernen, wird »Placenta« oder Mutterkuchen genannt.

Es wäre langweilig und für meinen gegenwärtigen Zweck unnöthig, den
Fortschritt der Entwickelung weiter zu verfolgen; es genüge zu sagen,
dass das hier beschriebene und abgebildete Rudiment durch eine lange und
allmähliche Reihe von Veränderungen ein Hündchen wird, geboren wird und
dann durch noch langsamere und weniger auffallende Schritte in einen
erwachsenen Hund sich verwandelt.

Es besteht keine auffallende Aehnlichkeit zwischen einem Haushuhn und
dem Hunde, der den Meierhof beschützt. Nichtsdestoweniger findet der,
welcher die Entwickelung studirt, nicht bloss, dass das Hühnchen sein
Leben als Ei beginnt, das ursprünglich in allen wesentlichen Beziehungen
mit dem des Hundes identisch ist, sondern dass der Dotter einer Theilung
unterliegt, dass sich die primitive Rinne bildet und dass die hieran
stossenden Theile des Keimes, in genau ähnlicher Weise, in ein Hühnchen
umgebildet werden, welches auf einem Zustande seiner Existenz dem
werdenden Hunde so gleich ist, dass eine gewöhnliche Betrachtung die
beiden kaum unterscheiden kann.

Die Entwickelungsweise irgend eines andern Wirbelthieres, einer
Eidechse, Schlange, eines Frosches oder Fisches erzählt uns dieselbe
Geschichte. Ueberall findet sich als Ausgangspunkt ein Ei mit derselben
wesentlichen Structur wie das des Hundes: der Dotter dieses Eies
erleidet überall eine Theilung, oder Segmentation, Furchung, wie es auch
oft genannt wird; die letzten Producte dieser Theilung bilden die
Baumaterialien für den Körper des jungen Thieres; und dieser wird um
eine primitive Rinne angelegt, in deren Grunde sich eine Rückensaite
entwickelt. Ferner giebt es eine Periode, auf welcher sich die Jungen
aller dieser Thiere einander ähnlich sind, nicht bloss in äusserer Form,
sondern in allen wesentlichen Stücken ihres Baues, und zwar so sehr,
dass die Verschiedenheiten nur unbeträchtlich sind, während sie sich in
ihrem weitern Verlaufe immer weiter und weiter von einander entfernen.
Und es ist ein allgemeines Gesetz, dass, je mehr sich irgend welche
Thiere in ihrem erwachsenen Bau einander ähnlich sind, desto länger und
eingehender sich ihre Embryonen gleichen, so dass z. B. die Embryonen
einer Schlange und einer Eidechse länger einander ähnlich bleiben, als
die einer Schlange und eines Vogels; und die Embryonen eines Hundes und
einer Katze bleiben einander eine längere Zeit ähnlich, als die eines
Hundes und eines Vogels, oder die eines Hundes und einer Beutelratte,
oder selbst als die eines Hundes und eines Affen.

Auf diese Weise bietet das Studium der Entwickelung einen deutlichen
Beweis von der Nähe der Verwandtschaft im Bau dar, und wir wenden uns
mit Ungeduld zu der Untersuchung, was für Resultate das Studium der
Entwickelung des Menschen aufweist. Ist er etwas Besonderes? Entsteht er
in einer ganz andern Weise als ein Hund, Vogel, Frosch und Fisch, giebt
er damit denen Recht, welche behaupten, er habe keine Stelle in der
Natur und keine wirkliche Verwandtschaft mit der niedern Welt
thierischen Lebens? Oder entsteht er in einem ähnlichen Keim,
durchläuft er dieselben langsamen und allmählichen progressiven
Modificationen, hängt er von denselben Einrichtungen zum Schutz und zur
Ernährung ab und tritt er endlich in die Welt mit Hülfe desselben
Mechanismus? Die Antwort ist nicht einen Augenblick zweifelhaft, und ist
für die letzten dreissig Jahre nicht zweifelhaft gewesen. Ohne Zweifel
ist die Entstehungsweise, sind die früheren Entwickelungszustände des
Menschen identisch mit denen der unmittelbar unter ihm in der
Stufenleiter stehenden Thiere: -- ohne allen Zweifel steht er in diesen
Beziehungen den Affen viel näher, als die Affen den Hunden.

Das menschliche Ei ist ungefähr 1/125 Zoll im Durchmesser und kann mit
denselben Worten beschrieben werden wie das des Hundes, so dass ich nur
auf die zur Erläuterung seines Baues gegebene Figur (15, A) zu verweisen
habe. Es verlässt das Organ, in dem es gebildet wurde, in einer
ähnlichen Weise und tritt in die zu seiner Aufnahme vorbereitete Kammer
in derselben Weise ein, da eben die Bedingungen zu seiner Entwickelung
in jeder Hinsicht dieselben sind. Es ist bis jetzt nicht möglich gewesen
(und es kann nur durch einen seltenen Zufall je möglich werden), das
menschliche Ei auf einem so frühen Entwickelungszustand wie dem der
Dottertheilung zu untersuchen, es ist aber Grund zu dem Schluss
vorhanden, dass die Veränderungen, die es erleidet, mit denen identisch
sind, die die Eier anderer Wirbelthiere darbieten; denn das
Bildungsmaterial, aus dem der rudimentäre menschliche Körper
zusammengesetzt wird, ist auf den frühesten Zuständen, die bis jetzt zur
Beobachtung kamen, dasselbe wie das anderer Thiere. Einige dieser
frühesten Zustände sind in Fig. 15 abgebildet, und sie sind, wie zu
sehen ist, den sehr frühen Zuständen des Hundes genau vergleichbar; die
merkwürdige Uebereinstimmung zwischen den beiden, welche mit dem
Fortschritt, der Entwickelung selbst noch eine Zeit lang aufrecht
erhalten wird, springt sofort in die Augen bei einer einfachen
Vergleichung der Figuren mit denen auf Seite 71.

Es dauert in der That lange, ehe der Körper des jungen menschlichen
Wesens von dem des jungen Hündchens leicht unterschieden werden kann;
schon in einer ziemlich frühen Periode aber werden sie beide durch die
verschiedene Form ihrer Anhänge unterscheidbar, des Dottersacks und der
Allantois. Der erstere wird beim Hunde lang und spindelförmig, während
er beim Menschen kugelig bleibt; die letztere erreicht beim Hunde eine
ausserordentlich bedeutende Grösse, und die Gefässfortsätze, welche sich
von ihr aus entwickeln und später die Grundlage zur Bildung der Placenta
geben (gewissermaassen im mütterlichen Organismus Wurzel fassend, um aus
ihm Nahrung aufzunehmen, wie die Wurzeln eines Baumes aus dem Boden
Nahrung aufnehmen), werden in einer ringförmigen Zone angeordnet,
während beim Menschen die Allantois verhältnissmässig klein bleibt und
seine Gefässwürzelchen später auf einen scheibenförmigen Fleck
beschränkt bleiben. Während daher die Placenta eines Hundes wie ein
Gürtel ist, hat die des Menschen eine kuchenförmige Gestalt, woher auch
ihr Name rührt.

[Illustration: Fig. 15. A. Menschliches Ei (nach Kölliker).
a. Keimbläschen, b. Keimfleck.

B. Sehr früher Entwickelungszustand des Menschen mit Dottersack,
Allantois und Amnios (Original).

C. Ein späterer Zustand (nach Kölliker), vergl. Fig. 14. C.]

Aber genau in diesen Beziehungen, in denen der sich entwickelnde Mensch
vom Hunde verschieden ist, gleicht er dem Affen, der wie der Mensch
einen kugeligen Dottersack und eine scheibenförmige, zuweilen theilweis
gelappte Placenta besitzt.

Es ist daher erst in den späteren Entwickelungszuständen, dass das junge
menschliche Geschöpf ausgeprägte Verschiedenheiten vom jungen Affen
darbietet, während der letztere genau so weit in seiner Entwickelung vom
Hunde abweicht, als es der Mensch thut.

So verwunderlich die letzte Behauptung auch klingen mag, so ist sie doch
nachweisbar wahr; und dieser Umstand allein scheint mir hinreichend, die
Einheit im Bau zwischen Menschen und der übrigen thierischen Welt, aber
besonders die nahe Verwandtschaft mit den Affen ausser allen Zweifel zu
setzen.

Wie der Mensch so mit den Thieren, die in der Stufenleiter unmittelbar
unter ihm stehen, identisch ist in den physikalischen Vorgängen, durch
welche er entsteht, identisch in den ersten Zuständen seiner Bildung,
identisch in der Weise seiner Ernährung vor und nach der Geburt, -- so
zeigt er auch, in seinem erwachsenen Zustande mit jenen verglichen, wie
zu erwarten war, eine merkwürdige Aehnlichkeit der Organisation. Er ist
ihnen ähnlich in derselben Weise, wie sie einander ähnlich sind, er
unterscheidet sich von ihnen, wie sie sich unter einander unterscheiden.
Und obgleich diese Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten nicht gewogen
und gemessen werden können, so ist doch ihr Werth leicht zu schätzen;
der Maassstab der Beurtheilung mit Bezug auf diesen Werth wird durch das
classificatorische System dargeboten und ausgedrückt, welches jetzt
unter den Zoologen geläufig ist.

Ein sorgfältiges Studium der von den Thieren dargebotenen Aehnlichkeiten
und Verschiedenheiten hat in der That die Naturforscher dahin geführt,
die Thiere in Gruppen anzuordnen oder in gewissen Kreisen zu vereinigen,
wobei alle Glieder einer jeden Gruppe einen gewissen Betrag leicht
bestimmbarer Aehnlichkeit darbieten, und wobei die Zahl der
übereinstimmenden Punkte kleiner wird, je grösser die Gruppe wird und
umgekehrt. So bilden alle Geschöpfe, welche nur in den wenig
unterscheidenden Zeichen der Animalität übereinstimmen, das »Reich«
Thiere, Animalia. Die zahlreichen Thiere, welche nur in dem Besitz der
speciellen Charaktere der Wirbelthiere übereinstimmen, bilden ein
»Unterreich« dieses Reiches. Dann wird weiter das Unterreich
»Wirbelthiere« in fünf »Classen« eingetheilt, Fische, Amphibien,
Reptilien, Vögel und Säugethiere, diese wieder in kleinere Gruppen,
»Ordnungen« genannt, diese in »Familien« und »Gattungen«, während die
letzteren in die kleinsten Vereinigungen aufgelöst werden, die durch den
Besitz constanter, nicht geschlechtlicher Merkmale unterschieden werden.
Diese letzten Gruppen sind die Arten, Species.

Jedes Jahr bringt eine grössere Gleichmässigkeit der Ansichten durch die
ganze zoologische Welt in Bezug auf die Grenzen und Merkmale dieser
grösseren und kleineren Gruppen mit sich. Gegenwärtig hat z. B. Niemand
den geringsten Zweifel in Bezug auf die Merkmale der Classen:
Säugethiere, Vögel oder Reptilien; noch entsteht die Frage, ob irgend
ein durch und durch wohlgekanntes Thier in die eine oder in die andere
Classe gestellt werden sollte. Ferner herrscht in Bezug auf die
Charaktere und Grenzen der Ordnungen der Säugethiere eine allgemeine
Uebereinstimmung, ebenso in Bezug auf die Thiere, welche von ihnen ihrem
Baue nach in die eine Ordnung eingereiht werden müssen, und welche in
eine andere.

Niemand zweifelt z. B., dass das Faulthier und der Ameisenfresser, das
Känguruh und die Beutelratte, der Tiger und der Dachs, der Tapir und das
Rhinoceros beziehentlich Glieder derselben Ordnungen sind. Diese
einzelnen Paare können, und einige werden wirklich unendlich unter
einander verschieden sein, und zwar in solchen Punkten, wie die
Verhältnisse und der Bau ihrer Gliedmaassen, die Zahl der Rücken- und
Lendenwirbel, die Anpassung ihres Baues an die Fähigkeit zu klettern,
springen oder laufen, die Zahl und Form ihrer Zähne, und die Charaktere
ihrer Schädel und des in diesen eingeschlossenen Gehirns. Aber bei all
diesen Verschiedenheiten sind sie in allen bedeutenderen und
fundamentalen Charakteren ihrer Organisation so nahe verwandt, und durch
dieselben Merkmale von anderen Thieren so deutlich unterschieden, dass
die Zoologen es eben für nothwendig halten, sie als Glieder einer
Ordnung zusammenzustellen. Und wenn irgend ein neues Thier entdeckt
würde, das keine grössere Verschiedenheiten vom Känguruh und der
Beutelratte darböte, als diese unter einander haben, so würde der Zoolog
nicht bloss logisch verbunden sein, es mit diesen in dieselbe Ordnung zu
bringen, sondern er würde überhaupt gar nicht daran denken, etwas
anderes zu thun.

Wir wollen einmal, diesen klaren Gang eines zoologischen Raisonnements
vor Augen, versuchen, unsere Gedanken für einen Augenblick von unserer
Stellung als Menschen loszumachen; wir wollen uns einmal in die Stelle
wissenschaftlich gebildeter Bewohner des Saturn versetzen, die
hinreichend mit solchen Thieren, wie sie jetzt die Erde bewohnen,
bekannt sind. Wir wären bei einer Discussion über die Beziehungen dieser
Thierwelt zu einem neuen und eigenthümlichen »aufrechten und federlosen
Zweifüssler«, den irgend ein unternehmender Reisender, der die
Schwierigkeiten des Raumes und der Schwerkraft überwunden hätte, von
jenem entfernten Planeten wohl verwahrt, vielleicht in einem Fasse Rum
zu unserer Betrachtung mitgebracht hätte. Wir würden alle sofort darin
übereinkommen, ihn unter die Wirbelthiere und unter die Säugethiere zu
stellen; und sein Unterkiefer, seine Backzähne und sein Gehirn würden
uns nicht zweifeln lassen, dass die neue Gattung ihre systematische
Stellung unter denjenigen Säugethieren finde, deren Junge während der
Trächtigkeit mittelst einer Placenta ernährt werden, die wir daher
placentale Säugethiere nennen.

Es würde uns ferner selbst die oberflächlichste Untersuchung sofort
überzeugen, dass unter den Ordnungen der placentalen Säugethiere weder
die Wale, noch die Hufthiere, noch die Faulthiere und Ameisenfresser,
noch die fleischfressenden Katzen, Hunde und Bären, noch weniger die
nagenden Ratten und Kaninchen oder die insectenfressenden Maulwürfe und
Igel oder die Fledermäuse unsere neue Form »Homo« als Glieder ihrer
selbst beanspruchen können.

Es würde daher nur eine einzige Ordnung zur Vergleichung übrig bleiben,
die der Affen (das Wort im weitesten Sinne gebraucht), und die zu
erörternde Frage würde sich dahin concentriren: -- ist der Mensch von
irgend welchen dieser Affen so verschieden, dass er eine Ordnung für
sich bilden muss? Oder weicht er weniger von ihnen ab, als sie unter
einander abweichen, und muss er deshalb seine Stelle in derselben
Ordnung mit ihnen einnehmen?

Da wir glücklicherweise frei von jedem wirklichen oder eingebildeten
persönlichen Interesse an den Resultaten der so veranstalteten
Untersuchung wären, so würden wir daran gehen, die Gründe der einen wie
der andern Ansicht gegeneinander abzuwägen, und zwar mit so viel Ruhe
des Urtheils, als ob die Frage eine neue Beutelratte beträfe. Wir würden
alle die Merkmale, durch welche unser neues Säugethier von den Affen
abweicht, zu bestimmen versuchen, ohne sie vergrössern oder verkleinern
zu wollen; und wenn wir fänden, dass diese unterscheidenden Merkmale von
geringerem Werthe in Bezug auf den ganzen Bau wären, als die, welche
gewisse Formen der Affen von anderen, nach allgemeiner Uebereinstimmung
zu derselben Ordnung gehörigen Formen unterschieden, so würden wir ohne
Zweifel die neu entdeckte irdische Gattung in dieselbe Gruppe einordnen.

Ich will nun daran gehen, die Thatsachen einzeln durchzugehen, welche
mir keine andere Wahl zu lassen scheinen, als der letzterwähnten
Eventualität zu folgen.

                    *       *       *       *       *

Es ist völlig sicher, dass die Affenform, welche dem Menschen in der
Gesammtheit des ganzen Baues am nächsten kommt, entweder der Chimpanze
oder der Gorilla ist; und da es für den Zweck meines gegenwärtigen
Beweises von keiner praktischen Verschiedenheit ist, welcher zur
Vergleichung einerseits mit dem Menschen, andererseits mit den übrigen
Primaten[27] genommen wird, so wähle ich (so weit seine Organisation
bekannt ist) den letzteren als ein jetzt in Prosa und Poesie so
gefeiertes Thier, dass alle von ihm gehört haben und sich irgend ein
Bild von seiner Erscheinung entworfen haben müssen. Ich werde so viele
von den wichtigsten Differenzpunkten zwischen dem Menschen und diesem
merkwürdigen Geschöpf aufnehmen, als der mir zur Disposition stehende
Raum zu erörtern gestattet und die Beweisbedürfnisse erfordern; ich
werde ferner den Werth und die Grösse dieser Differenzen untersuchen und
mit denen vergleichen, welche den Gorilla von anderen Thieren derselben
Ordnung trennen.

In den allgemeinen Verhältnissen des Körpers und der Gliedmaassen
besteht ein merkwürdiger Unterschied zwischen dem Gorilla und dem
Menschen, der sofort in die Augen springt. Die Schädelkapsel des Gorilla
ist kleiner, der Rumpf grösser, die unteren Extremitäten kürzer, die
oberen länger im Verhältniss als beim Menschen.

Ich finde, dass die Wirbelsäule eines völlig erwachsenen Gorilla, in dem
Museum des königl. Collegiums der Wundärzte, der vorderen Krümmung
entlang 27 Zoll misst, vom obern Rand des Atlas oder ersten Halswirbels
bis zum untern Ende des Kreuzbeins, dass der Arm ohne die Hand 31½
Zoll, das Bein ohne den Fuss 26½, die Hand 9¾ Zoll, der Fuss
11¼ lang ist.

Nehmen wir mit anderen Worten die Länge der Wirbelsäule zu 100 an, so
sind die Arme gleich 115, die Beine 96, die Hände 36, die Füsse 41.

Am Skelet eines männlichen Buschmann in derselben Sammlung sind die
Verhältnisse zur Wirbelsäule, diese auf gleiche Weise gemessen und
wieder zu 100 genommen, wie folgt: Arm 78, Bein 110, Hand 26, Fuss 32.
Bei einer Frau derselben Rasse ist der Arm 83, das Bein 120, Hand und
Fuss wie vorhin. Am Skelet eines Europäers fand ich den Arm 80, das Bein
117, die Hand 26, den Fuss 35.

Das Bein ist daher in seinem Verhältniss zur Wirbelsäule beim Gorilla
nicht so verschieden von dem des Menschen, wie es auf den ersten Blick
scheint, es ist beim erstern unbedeutend kürzer als die Wirbelsäule und
zwischen 1/10 und 1/5 länger als die Wirbelsäule beim letztern. Der Fuss
ist länger und die Hand viel länger beim Gorilla; die grosse
Verschiedenheit beruht aber in den Armen, welche beim Gorilla sehr viel
länger als die Wirbelsäule sind, beim Menschen sehr viel kürzer als die
Wirbelsäule.

Es entsteht nun die Frage, wie verhalten sich die anderen Affen in
dieser Beziehung zum Gorilla, wenn wir die Länge der auf gleiche Weise
gemessenen Wirbelsäule gleich 100 setzen. Bei einem erwachsenen
Chimpanze ist der Arm nur 96, das Bein 90, die Hand 43, der Fuss 39, --
es entfernen sich also Hand und Bein mehr von den menschlichen
Verhältnissen, der Arm weniger, während der Fuss ungefähr dem des
Gorilla gleichkommt.

Beim Orang sind die Arme sehr viel länger als beim Gorilla (122),
während die Beine kürzer sind (89); der Fuss ist länger als die Hand (52
und 48) und beide sind viel länger im Verhältniss zur Wirbelsäule.

Bei den anderen menschenähnlichen Affen, den Gibbons, sind diese
Verhältnisse noch weiter verändert; die Länge der Arme verhält sich zu
der der Wirbelsäule wie 19 zu 11; auch sind die Beine um ein Drittel
länger als die Wirbelsäule, so dass sie länger als beim Menschen sind,
anstatt kürzer zu sein. Die Hand ist halb so lang als die
Wirbelsäule; der Fuss, kürzer als die Hand, misst ungefähr 5/11 der
Wirbelsäulenlänge.

Es ist daher _Hylobates_ um so viel länger in den Armen als der Gorilla,
als der Gorilla in den Armen länger als der Mensch ist; während er auf
der andern Seite um so viel in den Beinen länger als der Mensch ist,
als der Mensch in den Beinen länger als der Gorilla ist, so dass er an
sich selbst die extremsten Abweichungen von der mittleren Länge beider
Gliedmaassenpaare vereinigt (s. Titelbild).

Der Mandrill bietet einen mittleren Zustand dar, die Arme und Beine sind
ungefähr in Länge gleich, und beide sind kürzer als die Wirbelsäule,
während Hand und Fuss nahebei dasselbe Verhältniss zu einander und zur
Wirbelsäule haben, als beim Menschen.

Beim Klammeraffen (_Ateles_) ist das Bein länger als die Wirbelsäule,
der Arm länger als das Bein; und endlich ist bei jener merkwürdigen
lemurinen Form, dem Indri (_Lichanotus_), das Bein ungefähr so lang als
die Wirbelsäule, während der Arm nicht mehr als 11/18 ihrer Länge
beträgt; die Hand ist etwas weniger, der Fuss etwas mehr als ein Drittel
der Länge der Wirbelsäule lang.

Diese Beispiele können sehr vervielfältigt werden; die mitgetheilten
reichen für den Nachweis hin, dass, in welchen Verhältnissen der
Gliedmaassen auch der Gorilla vom Menschen abweichen mag, die anderen
Affen noch weiter vom Gorilla abweichen, und dass folglich solche
Verschiedenheiten der Proportionen keinen Ordnungswerth haben können.

Wir wollen zunächst die vom Rumpfe dargebotenen Verschiedenheiten
betrachten, welche aus der Wirbelsäule oder dem Rückgrat und den Rippen
und dem Becken, die mit jenem verbunden sind, bestehen, und zwar
beziehentlich beim Menschen und beim Gorilla.

Beim Menschen hat die Wirbelsäule, zum Theil in Folge der Anordnung der
Gelenkflächen der einzelnen Wirbel, zum grossen Theil in Folge der
elastischen Spannung einiger der faserigen Bänder oder Ligamente, welche
diese Wirbel unter einander verbinden, als ein Ganzes eine elegante
S-förmige Krümmung, sie ist am Halse nach vorn convex, am Rücken concav,
an den Lendenwirbeln convex und endlich wieder concav in der
Kreuzbeingegend, eine Anordnung, die dem ganzen Rückgrat eine grosse
Elasticität giebt und den bei der Bewegung in aufrechter Stellung der
Wirbelsäule und durch diese dem Kopfe mitgetheilten Stoss vermindert.

Unter gewöhnlichen Umständen hat ferner der Mensch sieben Wirbel in
seinem Halse; darauf folgen zwölf, welche Rippen tragen und den obern
Theil des Rückens bilden, weshalb man sie Rückenwirbel (Dorsalwirbel)
nennt; fünf liegen in der Lendengegend und tragen keine freien oder
besonderen Rippen, dies sind die Lendenwirbel (Lumbarwirbel); diesen
folgen fünf zu einem grossen vorn ausgehöhlten, fest zwischen die
Hüftbeine eingekeilten Knochen vereinigte Wirbel, die den Rückentheil
des Beckens bilden und als Kreuz- oder Heiligenbein (sacrum) bekannt
sind; und endlich bilden drei oder vier kleine mehr oder weniger
bewegliche Knochen, ihrer Kleinheit wegen unbedeutend, den Coccyx oder
rudimentären Schwanz.

Beim Gorilla ist die Wirbelsäule ähnlich in Hals-, Rücken-,
Lendenwirbel, Kreuzbein- und Schwanzwirbel eingetheilt, und die
Gesammtzahl der Hals- und Rückenwirbel zusammengenommen ist dieselbe wie
beim Menschen; aber die Entwickelung eines freien Rippenpaares am ersten
Lendenwirbel, die ein ausnahmsweises Vorkommen beim Menschen bildet, ist
beim Gorilla die Regel, und da die Rücken von den Lendenwirbeln durch
die Anwesenheit oder das Fehlen von freien Rippen unterschieden werden,
werden die siebzehn Dorsolumbarwirbel des Gorilla in dreizehn Rücken-
und vier Lendenwirbel getheilt, während beim Menschen zwölf Rücken- und
fünf Lendenwirbel vorhanden sind.

Es besitzt indessen nicht bloss der Mensch gelegentlich dreizehn
Rippenpaare[28], sondern der Gorilla hat auch zuweilen vierzehn Paar,
während andererseits ein Orang-Utanskelet im Museum des königl.
Collegiums der Wundärzte wie der Mensch zwölf Dorsal- und fünf
Lumbarwirbel hat. Cuvier giebt dieselbe Zahl bei einem _Hylobates_ an.
Auf der andern Seite besitzen viele der niederen Affen zwölf Rücken- und
sechs oder sieben Lendenwirbel; der Douroucouli (_Nyctipithecus
trivirgatus_) hat vierzehn Rücken- und acht Lendenwirbel, und ein Lemur
(_Stenops tardigradus_) fünfzehn Rücken- und neun Lendenwirbel.

Die Wirbelsäule des Gorilla als Ganzes weicht von der des Menschen in
dem weniger ausgesprochenen Charakter ihrer Krümmungen ab, besonders in
der geringeren Convexität der Lendengegend. Nichtsdestoweniger sind die
Krümmungen vorhanden und sind an jungen Skeletten des Gorilla und
Chimpanze, die ohne Entfernung der Bänder aufgestellt worden sind, sehr
augenfällig. Bei ähnlich präparirten jungen Orangs ist dagegen die
Wirbelsäule in der ganzen Ausdehnung der Lendengegend entweder gerade
oder selbst nach vorn concav.

Ob wir nun diese Charaktere nehmen oder solche untergeordnetere, wie die
aus der proportionalen Länge der Dornfortsätze der Halswirbel
abzuleitenden oder ähnliche andere, so kann doch irgend welcher Zweifel
mit Bezug auf die ausgesprochene Verschiedenheit des Menschen und des
Gorilla nicht bestehen; ebensowenig aber darüber, dass gleich scharf
ausgeprägte Verschiedenheiten derselben Art zwischen dem Gorilla und den
niederen Affen obwalten.

Das Becken oder der knöcherne Gürtel an den Hüften des Menschen ist ein
auffallend menschlicher Theil seines ganzen Baues; die verbreiterten
Hüftbeine bieten eine Stütze für seine Eingeweide während seiner
beständig aufrechten Stellung, und Raum zu Ansatz für die grossen
Muskeln dar, die ihn befähigen jene Stellung anzunehmen und zu
behaupten. In dieser Hinsicht weicht das Becken des Gorilla bedeutend
von dem seinigen ab (Fig. 16). Man braucht aber nicht tiefer hinunter zu
gehen, als bis zu dem Gibbon, um zu sehen, wie unendlich mehr dieser
vom Gorilla abweicht, als der letztere vom Menschen, selbst in diesem
Gebilde. Man betrachte nur die platten, schmalen Hüftbeine, den langen
und engen Beckencanal, die rauhen, nach auswärts gekrümmten
Sitzbeinhöcker, auf denen der Gibbon beständig ruht, und die aussen von
den sogenannten Schwielen bekleidet sind, derben Hautstellen, die beim
Gorilla, beim Chimpanze, beim Orang fehlen, wie beim Menschen!

[Illustration: Fig. 16. Ansichten des Beckens vom Menschen, Gorilla und
Gibbon von vorn und von der Seite; nach Zeichnungen von Mr. Waterhouse
Hawkins nach der Natur verkleinert, von derselben absoluten Länge.]

Bei den niederen Affen und den Lemuren wird der Unterschied noch
auffallender; das Becken nimmt hier durchaus den Charakter der
Vierfüsser an.

Wir wollen uns aber jetzt zu einem edleren und charakteristischeren
Organ wenden, -- durch das der menschliche Körper so streng von allen
übrigen geschieden zu werden scheint und wirklich geschieden wird, --
ich meine den Schädel. Die Verschiedenheiten zwischen dem Schädel eines
Gorilla und dem eines Menschen sind in der That ungeheuer (Fig. 17). Bei
dem erstem überwiegt das vorzüglich von den massiven Kieferknochen
gebildete Gesicht über die Gehirnkapsel oder den eigentlichen Schädel,
beim letztem ist das Verhältniss der beiden Hälften umgekehrt. Beim
Menschen liegt das grosse Hinterhauptsloch, durch welches der grosse das
Gehirn mit den Körpernerven verbindende Nervenstrang, das Rückenmark,
durchtritt, unmittelbar hinter der Mitte der Basis des Schädels, welcher
hierdurch in der aufrechten Stellung genau balancirt wird; beim Gorilla
liegt es im hintern Dritttheil jener Basis. Beim Menschen ist die
Oberfläche des Schädels verhältnissmässig glatt und die
Augenbrauenhöcker ragen nur wenig vor, während beim Gorilla ungeheure
Knochenleisten auf dem Schädel entwickelt sind und die Augenbrauenhöcker
die Augenhöhlen wie grosse Wetterdächer überragen.

Durchschnitte durch die Schädel zeigen indessen, dass einige der
scheinbaren Mängel des Gorillaschädels in der That nicht von einer
Kleinheit der Schädelkapsel als vielmehr von einer excessiven
Entwickelung der Gesichtstheile herrühren. Die Schädelhöhle ist nicht
übel gebildet und die Stirn ist nicht wirklich abgeplattet und nicht
sehr stark zurücktretend, ihre in der That wohlausgebildete Wölbung ist
einfach durch die Masse von Knochen, die an sie hinangebaut ist,
maskirt.

Die Dächer der Augenhöhlen steigen aber schräger in die Schädelhöhle auf
und vermindern hierdurch den Raum für den untern Theil der vordern
Lappen des Gehirns, auch ist der absolute Rauminhalt des Schädels viel
kleiner als beim Menschen. So viel mir bekannt ist, ist bis jetzt noch
kein menschlicher Schädel, von einem erwachsenen Manne, mit einem
geringern cubischen Inhalt als 62 Cubikzoll beobachtet worden; der
kleinste unter allen Rassenschädeln, den Morton untersucht hat, enthielt
63 Cubikzoll, während auf der andern Seite der geräumigste
Gorillaschädel, der bis jetzt gemessen worden ist, nicht mehr als 34½
Cubikzoll Inhalt hatte. Wir wollen der Einfachheit wegen annehmen, dass
der niedrigste Menschenschädel einen doppelt so grossen Rauminhalt hat,
als der höchste Gorillaschädel[29].

Dies ist ohne Zweifel ein sehr auffallender Unterschied, er verliert
aber viel von seinem scheinbaren systematischen Werthe, wenn er im
Lichte gewisser anderer gleichfalls unbezweifelbarer Thatsachen betreffs
der Schädelmaasse betrachtet wird.

Die erste derselben ist die, dass die Verschiedenheit im Umfange der
Schädelhöhle bei verschiedenen Rassen des Menschengeschlechts absolut
viel grösser ist, als die zwischen dem niedersten Menschen und dem
höchsten Affen, während sie relativ ungefähr dieselbe ist. Der grösste
von Morton gemessene menschliche Schädel enthielt nämlich 114 Cubikzoll,
das heisst also, hatte sehr nahe den doppelten Inhalt des kleinsten,
während sein absolutes Uebergewicht von 52 Zoll bei weitem grösser ist,
als die Differenz, um welche der niedrigste erwachsene menschliche
männliche Schädel den grössten Gorillaschädel übertrifft (62 - 34½ = 27½).
Zweitens differiren die bis jetzt gemessenen Gorillaschädel
untereinander um beinahe ein Drittel, der grösste Inhalt ist 34,5
Cubikzoll, der kleinste nur 24 Cubikzoll; und drittens sinken, wenn man
selbst die Differenz der Grösse gehörig in Rechnung bringt, die
Schädelinhalte einiger der niederen Affen relativ nahebei so weit unter
die der höheren Affen, wie diese unter die des Menschen.

Die Menschen weichen daher selbst in diesem wichtigen Zuge des
Schädelinhaltes viel weiter untereinander ab, als von den Affen, während
die niedrigsten Affen im Verhältniss ebensoweit von den höchsten
abweichen, wie diese vom Menschen. Der letzte Satz wird noch besser
erläutert durch das Studium der Modificationen, welche andere Theile des
Schädels in der Affenreihe erleiden.

[Illustration: Fig. 17. Durchschnitte der Schädel des Menschen und
verschiedener Affen, so gezeichnet, dass in jedem Falle die Gehirnhöhle
dieselbe Länge hat, wobei das wechselnde Verhältniss der Gesichtsknochen
deutlich wird. Die Linie _b_ giebt die Ebene des Tentorium an, welches das
grosse vom kleinen Gehirn trennt; _d_ die Axe des Hinterhauptsloches des
Schädels. Die Ausdehnung der Gehirnhöhle hinter _c_, welches eine auf _b_
in dem Punkte, wo das Tentorium hinten befestigt ist, errichtete Senkrechte
ist, giebt den Grad an, in welchem das grosse Gehirn das kleine überragt,
der vom letzten eingenommene Raum ist durch die dunkle Schraffirung
bezeichnet. Vergleicht man diese Zeichnungen, so muss man sich daran
erinnern, dass Figuren in einem so kleinen Maassstabe wie diese nur die im
Texte gemachten Angaben beispielsweise zu erläutern bestimmt sind, deren
Beweise in den Schädeln selbst gesucht werden müssen.]

Es ist die bedeutende relative Grösse der Gesichtsknochen und das
bedeutende Vorspringen der Kinnladen, welche dem Gorillaschädel seinen
kleinen Gesichtswinkel und thierischen Charakter verleihen.

Betrachten wir aber die proportionale Grösse der Gesichtsknochen nur zu
dem eigentlichen Schädel, so differirt die kleine _Chrysothrix_ (Fig.
17) sehr weit vom Gorilla, und zwar nach derselben Seite wie der Mensch,
während die Paviane (_Cynocephalus_, Fig. 17) die starken Proportionen
der Schnauze des grossen Anthropoiden noch übertreiben, so dass des
letztern Gesicht im Vergleich mit dem ihrigen mild und menschlich
aussieht. Die Verschiedenheit zwischen dem Gorilla und dem Pavian ist
selbst grösser, als sie auf den ersten Blick scheint; denn bei dem
ersten kommt die grosse Gesichtsmasse zum grossen Theil auf Rechnung
einer Entwickelung der Kinnladen nach unten; dies ist aber eine
wesentlich menschliche Eigenthümlichkeit, die hier zu der wesentlich
thierischen Entwickelung derselben Theile beinahe nur nach vorn
hinzukommt, welche den Pavian charakterisirt, noch merkwürdiger aber den
Lemur auszeichnet.

In ähnlicher Weise liegt das Hinterhauptsloch bei _Mycetes_ (Fig. 17) und
noch mehr bei den Lemuren vollständig auf der hintern Fläche des
Schädels, oder um so viel weiter hinten als das des Gorilla, als das des
Gorilla weiter hinten liegt als das des Menschen; und als ob die
Fruchtlosigkeit des Versuchs, irgend eine grössere classificatorische
Eintheilung auf einen solchen Charakter zu gründen, dargelegt worden
sollte, so enthält dieselbe Gruppe der Platyrhinen oder amerikanischen
Affen (Affen der neuen Welt), zu der der _Mycetes_ gehört, auch die
_Chrysothrix_, deren Hinterhauptsloch viel weiter nach vorn liegt als
bei irgend einem andern Affen, und fast der Lage beim Menschen sich
nähert.

Ferner hat der Schädel des Orang ebensowenig jene excessiven
Augenbrauenhöcker als der des Menschen, obgleich einige Varietäten
grosse Knochenleisten an anderen Stellen des Schädels entwickeln (s.
oben S. 46); und bei manchen Formen der _Cebus_-artigen Affen und bei
_Chrysothrix_ ist der Schädel so glatt und abgerundet wie der des
Menschen selbst.

Was von diesen leitenden Merkmalen des Schädels gilt, gilt ebenso gut,
wie man sich vorstellen kann, von allen untergeordneten Zügen, so dass
für jede constante Verschiedenheit zwischen dem Schädel des Gorilla und
dem des Menschen eine ähnliche constante Differenz derselben Ordnung
(das heisst, in einem Excess oder einem Mangel derselben Eigenschaft
bestehend) zwischen dem Schädel des Gorilla und dem irgend eines andern
Affen gefunden werden kann. Es gilt daher für den Schädel nicht weniger
als für das ganze Skelet der Satz, dass die Verschiedenheiten zwischen
dem Menschen und dem Gorilla von geringerem Werthe sind, als die
zwischen dem Gorilla und manchen anderen Affen.

Im Anschluss an den Schädel will ich noch von den Zähnen sprechen, --
Organe, die einen eigenthümlichen classificatorischen Werth haben und
deren Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten an Zahl, Form und
Aufeinanderfolge, als ein Ganzes genommen, gewöhnlich für zuverlässigere
Zeichen der Verwandtschaft betrachtet werden, als irgend welche andere.

Der Mensch wird mit zwei Folgen von Zähnen versehen -- Milchzähne und
bleibende Zähne. Die ersteren bestehen aus vier Incisoren oder
Schneidezähnen, zwei Eck- oder Augenzähnen (Hundszähne, canini) und vier
Backzähnen oder Mahlzähnen in jeder Kinnlade, was zusammen zwanzig
giebt. Die letzteren (Fig. 18) umfassen vier Schneidezähne, zwei
Eckzähne, vier kleine Backzähne, falsche Mahlzähne oder Praemolare
genannt, und sechs grosse Back- oder Mahlzähne in jeder Kinnlade, was in
Allem zwei und dreissig macht. Die inneren Schneidezähne sind grösser
als das äussere Paar im Oberkiefer, kleiner als das äussere Paar im
Unterkiefer. Die Kronen der oberen Mahlzähne zeigen vier Höcker oder
stumpferhabene Spitzen, und eine Leiste geht quer über die Krone vom
innern vorderen Höcker zum äussern hintern (Fig. 18 _m_^2). Die
vorderen unteren Mahlzähne haben fünf Höcker, drei aussen, zwei innen.
Die falschen Backzähne haben zwei Höcker, einen äussern und einen
innern, von denen der äussere höher ist.

In allen diesen Beziehungen kann das Gebiss des Gorilla mit denselben
Worten beschrieben werden wie das des Menschen; in anderen Punkten aber
bietet es viele und bedeutende Verschiedenheiten dar (Fig. 18).

[Illustration: Fig. 18. Seitenansicht der Oberkiefer verschiedener Primaten
von gleicher Länge. _i_ Schneidezähne, _c_ Eckzähne, _pm_ falsche
Backzähne, _m_ Backzähne. Durch den ersten Backzahn des Menschen,
_Gorilla_, _Cynocephalus_ und _Cebus_ ist eine Linie gezogen, und die
Kaufläche des zweiten wahren Backzahnes ist bei jedem besonders gezeichnet,
wobei der vordere und innere Winkel gerade über dem _m_ in der Bezeichnung
»_m_^2« steht.]

So bilden die Zähne des Menschen eine regelmässige und ebene Reihe, ohne
irgend eine Unterbrechung und ohne irgend ein merkliches Vorspringen
eines Zahnes über die Reihe der übrigen, eine Eigenthümlichkeit, welche,
wie Cuvier schon vor langer Zeit bemerkte, von keinem andern Thier
getheilt wird, mit Ausnahme eines einzigen, und zwar eines vom Menschen
so verschiedenen Geschöpfes, als man sich nur einbilden kann, nämlich
von dem längst ausgestorbenen _Anoplotherium_. Die Zähne des Gorilla
zeigen dagegen eine Unterbrechung oder einen Zwischenraum, _Diastema_
genannt, in beiden Kinnladen: im Oberkiefer vor dem Augen- oder Eckzahn
oder zwischen ihm und dem äussern Schneidezahn, im Unterkiefer hinter
dem Augen- oder Eckzahn oder zwischen ihm und dem vordersten falschen
Backzahn. In diese Unterbrechung der Reihe passt in jedem Kiefer der
Eckzahn des entgegengesetzten Kiefers ein; dabei ist die Grösse des
Eckzahns beim Gorilla so gross, dass er wie ein Stosszahn weit über das
Niveau der andern Zähne vorragt. Ferner sind die Wurzeln der falschen
Backzähne beim Gorilla complicirter als beim Menschen und die relative
Grösse der Backzähne ist verschieden. Der Gorilla hat am hintersten
Mahlzahn des Unterkiefers eine complicirtere Krone, und die Reihenfolge
des Durchbrechens der bleibenden Zähne ist verschiedener; die bleibenden
Eckzähne erscheinen vor den zweiten und dritten Backzähnen beim
Menschen, beim Gorilla aber nach ihnen.

Während daher die Zähne des Gorilla denen des Menschen in Zahl, Art und
in der allgemeinen Form ihrer Kronen sehr ähnlich sind, bieten sie in
untergeordneten Punkten, wie der relativen Grösse, Zahl der Wurzeln und
Reihe des Auftretens ausgeprägte Verschiedenheiten dar.

Werden nun aber die Zähne des Gorilla mit denen eines Affen verglichen,
der nicht weiter von ihm entfernt ist als ein _Cynocephalus_ oder
Pavian, so wird man finden, dass Verschiedenheiten und Aehnlichkeiten
derselben Ordnung leicht zu beobachten sind, dass aber gerade viele von
den Punkten, in denen der Gorilla dem Menschen ähnlich ist, solche sind,
in denen er vom Pavian abweicht, während verschiedene Beziehungen, in
denen er vom Menschen abweicht, beim _Cynocephalus_ viel stärker
ausgeprägt sind. Die Zahl und Art der Zähne bleiben beim Pavian
dieselben wie beim Gorilla und dem Menschen. Die Form der Kronen der
oberen Backzähne beim Pavian ist aber von der oben beschriebenen völlig
verschieden (Fig. 18); die Eckzähne sind relativ länger und mehr
messerähnlich; der vordere falsche Backzahn des Unterkiefers ist
besonders modificirt; der hintere Backzahn des Unterkiefers ist noch
grösser und complicirter als beim Gorilla.

Wenden wir uns von den Affen der alten Welt zu denen der neuen Welt, so
begegnen wir einer Veränderung, die eine noch grössere Bedeutung hat als
irgend eine der genannten. Bei einer solchen Gattung, wie z. B. _Cebus_
(Fig. 18), wird man finden, dass, während in untergeordneten Punkten,
wie in dem Vorspringen der Eckzähne, dem Diastema, die Aehnlichkeit mit
den grossen menschenähnlichen Affen noch bewahrt ist, die Bezahnung in
anderen und äusserst wichtigen Punkten völlig verschieden ist. Anstatt
20 Milchzähne sind hier 24 vorhanden; anstatt 32 bleibender Zähne sind
hier 36, da die Zahl der falschen Backzähne von acht auf zwölf gestiegen
ist. In ihrer Form sind die Kronen der Backzähne denen des Gorilla sehr
unähnlich und weichen noch weiter von der menschlichen Form ab.

Auf der andern Seite zeigen die Sahui's oder Marmosette (_Hapale_)
dieselbe Zahl von Zähnen wie der Mensch und der Gorilla; aber
nichtsdestoweniger ist ihr Gebiss doch sehr verschieden; sie haben vier
falsche Backzähne mehr, wie die übrigen amerikanischen Affen; da sie
aber vier wahre Backzähne weniger haben, bleibt die Zahl dieselbe. Gehen
wir dann von den amerikanischen Affen zu den Lemuren, so wird die
Bezahnung noch vollständiger und wesentlicher von der des Gorilla
verschieden. Die Schneidezähne fangen in Zahl und Form zu variiren an.
Die Backzähne erhalten immer mehr und mehr den vielspitzigen Charakter
der Insectenfresser, und in einer Gattung, dem Aye-Aye (_Cheiromys_),
verschwinden die Eckzähne, und die Zähne gleichen völlig denen eines
Nagethieres (Fig. 18).

Hieraus ist denn ersichtlich, dass das Gebiss des höchsten Affen, so
weit es auch von dem des Menschen verschieden ist, doch noch viel weiter
von dem der niederen und niedersten Affen abweicht.

Welchen Theil des thierischen Baues, welche Reihe von Muskeln, welche
Eingeweide wir auch immer zur Vergleichung auswählen möchten, das
Resultat würde immer dasselbe sein, die niederen Affen und der Gorilla
würden verschiedener von einander sein als der Gorilla und der Mensch.
Ich kann es an dieser Stelle nicht versuchen, alle diese Vergleichungen
im Einzelnen durchzuführen, und es ist auch in der That nicht nöthig,
dies zu thun. Es bleiben aber noch gewisse wirkliche oder nur
gemuthmaasste anatomische Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und
den Affen übrig, auf welche so viel Gewicht gelegt worden ist, dass sie
eine sorgfältige Betrachtung verdienen. Der wahre Werth der wirklich
vorhandenen muss nachgewiesen, die Leere und Haltlosigkeit derer, welche
nur in der Einbildung bestehen, aufgedeckt werden. Ich beziehe mich hier
auf die Charaktere der Hand, des Fusses und des Gehirns.

Der Mensch ist charakterisirt worden als das einzige Thier, welches zwei
Hände, in die die Vordergliedmaassen ausgehen, und zwei Füsse besitze,
in denen die Hintergliedmaassen enden, während angegeben worden ist,
dass alle Affen vier Hände haben; ferner ist versichert worden, dass der
Mensch in den Charakteren seines Gehirns fundamental von allen Affen
differire, welches allein, wie wunderbar genug immer und immer wieder
behauptet wurde, die Gebilde haben soll, die dem Anatomen als hinterer
Lappen, hinteres Horn des Seitenventrikels und Hippocampus minor bekannt
sind.

Dass der erstgenannte Satz allgemeine Annahme hat finden können, ist
nicht überraschend, -- es ist in der That auf den ersten Blick der
Schein ganz zu seinen Gunsten: aber in Bezug auf den zweiten kann man
nur den alles übertreffenden Muth seines Verkünders bewundern, da doch
bewiesen werden kann, dass es eine Neuerung ist, die nicht bloss
allgemein und mit Recht angenommenen Lehren widerspricht, sondern die
durch das Zeugniss aller selbständigen Beobachter, die den Gegenstand
besonders untersucht haben, verneint wird, und dass sie durch kein
einziges anatomisches Präparat unterstützt worden ist noch je werden
kann. Sie würde in der That keiner ernstlichen Zurückweisung werth sein,
wäre es nicht des allgemeinen und natürlich sich aufdrängenden Glaubens
wegen, dass wohl überlegte und wiederholt ausgesprochene Behauptungen
irgend welchen Grund haben müssen.

                    *       *       *       *       *

Ehe wir den ersten Punkt mit Vortheil erörtern können, müssen wir den
Bau der menschlichen Hand und den des menschlichen Fusses mit
Aufmerksamkeit betrachten und mit einander vergleichen, so dass wir
davon klare Vorstellungen erhalten, was eine Hand und einen Fuss
ausmache.

Die äussere Form der menschlichen Hand ist Jedermann hinlänglich
bekannt. Sie besteht aus einem starken Handgelenk, auf das eine breite
aus Fleisch, Sehnen und Haut bestehende Handfläche folgt, in der vier
Knochen verbunden sind, und welche sich in vier lange, biegsame Finger
theilt, von denen jeder auf dem Rücken seines letzten Gliedes einen
breiten abgeplatteten Nagel trägt. Der längste Spalt zwischen irgend
zwei Fingern ist etwas weniger als halb so lang als die Hand. Von dem
äussern Rande der Handfläche geht ein starker Finger ab, der nur zwei
Glieder hat statt drei; er ist so kurz, dass er nur wenig über die Mitte
des ersten Gliedes des nächsten Fingers reicht; ferner ist er durch
seine grosse Beweglichkeit ausgezeichnet, in Folge deren er nach aussen
gerichtet werden kann, fast unter einem rechten Winkel zu den übrigen.
Dieser Finger wird »pollex« oder Daumen genannt, und wie die übrigen
trägt er einen platten Nagel auf dem Rücken seines Endgliedes. In Folge
der Verhältnisse und der Beweglichkeit des Daumens wird er, wie man sich
ausdrückt, gegenüberstellbar; mit anderen Worten, seine Spitze kann mit
grösster Leichtigkeit mit den Spitzen aller übrigen Finger in Berührung
gebracht werden, eine Eigenschaft, auf der zum grossen Theile die
Möglichkeit beruht, die Ideen, die wir uns bilden, praktisch ausführen
zu können.

Die äussere Form des Fusses ist weit von der der Hand verschieden; und
doch bieten beide, wenn näher betrachtet, einige eigenthümliche
Aehnlichkeiten dar. So entspricht gewissermaassen die Ferse dem
Handgelenk, die Sohle der Handfläche, die Zehen den Fingern, die grosse
Zehe dem Daumen. Die Zehen, oder Finger des Fusses, sind aber im
Verhältniss viel kürzer als die Finger der Hand, und weniger beweglich;
dieser Mangel an Beweglichkeit fällt besonders bei der grossen Zehe auf,
welche wiederum im Verhältniss zu den übrigen Zehen viel grösser ist als
der Daumen zu den übrigen Fingern. Bei Betrachtung dieses Punktes dürfen
wir indess nicht vergessen, dass die von Kindheit an eingeengte und
gezwängte civilisirte grosse Zehe sehr unvortheilhaft zu sehen ist, und
dass sie bei uncivilisirten und barfüssigen Völkern einen grossen Theil
ihrer Beweglichkeit, selbst eine Art Gegenüberstellbarkeit beibehält.
Mit ihrer Hülfe sollen die chinesischen Bootsleute rudern können, die
bengalischen Handwerker weben, die Carajas Angelhaken stehlen; nach
Allem muss man indess sich daran erinnern, dass der Bau ihrer Gelenke
und die Anordnung ihrer Knochen nothwendig ihre Fähigkeit zum Greifen
viel unvollkommener macht als die des Daumens.

[Illustration: Fig. 19. Das Skelet der menschlichen Hand und des
menschlichen Fusses nach Dr. Carter's Zeichnung in Gray's Anatomie
verkleinert. Die Hand ist in einem grössern Maassstab gezeichnet als der
Fuss. Die Linie _aa_ in der Hand giebt die Grenze zwischen Handwurzel und
Mittelhand an, _bb_ die zwischen der letztern und den nächsten
Fingergliedern; _cc_ giebt die Enden der letzten Phalangen an. Die Linie
_a'a'_ im Fusse giebt die Grenze zwischen Fusswurzel und Mittelfuss, _b'b'_
die zwischen letzterm und den nächsten Zehengliedern an; _c'c'_ verbindet
die Enden der letzten Glieder; _ca_ Fersenbein, _as_ Astragalus oder
Sprungbein, _sc_ Kahnbein oder Scaphoid in der Fusswurzel.]

Um indessen eine genaue Vorstellung von den Aehnlichkeiten und
Verschiedenheiten der Hand und des Fusses und von den unterscheidenden
Merkmalen beider zu erhalten, müssen wir unter die Haut blicken und in
beiden das knöcherne Gerüst und den motorischen Apparat vergleichen.

Das Skelet der Hand zeigt in der Gegend des Handgelenks, die technisch
_Carpus_, Handwurzel, genannt wird, zwei Reihen dicht zusammengefügter
vieleckiger Knochen, vier in jeder Reihe und nahezu gleich an Grösse.
Die Knochen der ersten Reihe bilden mit den Knochen des Unterarms das
Handgelenk und sind einer zur Seite des andern angeordnet, keiner die
übrigen bedeutend überragend oder umfassend.

Die vier Knochen der zweiten Reihe der Handwurzel tragen die vier langen
Knochen, welche die Handfläche stützen. Der fünfte Knochen derselben Art
ist in einer viel freiern und beweglichern Art als die übrigen an seinem
Handwurzelknochen eingelenkt und bildet die Basis des Daumens. Diese
fünf Knochen heissen Mittelhand- oder _Metacarpal_-Knochen, und sie
tragen die Phalangen oder knöchernen Fingerglieder, von denen zwei im
Daumen, in den übrigen Fingern drei vorhanden sind.

In manchen Beziehungen ist das Skelet des Fusses dem der Hand sehr
ähnlich. So hat jede der kleineren Zehen drei Phalangen, die grosse
Zehe, die dem Daumen entspricht, nur zwei. Für jede Zehe ist ein langer
Knochen, ein sogenannter _Metatarsal_-Knochen oder Mittelfussknochen
vorhanden, der dem Mittelhand- oder Metacarpalknochen entspricht; und
der _Tarsus_, die Fusswurzel, der dem Carpus oder der Handwurzel
entspricht, zeigt vier kurze vieleckige Knochen in einer Reihe, die sehr
nahe den vier Handwurzelknochen der zweiten Reihe entsprechen. In
anderen Beziehungen weicht der Fuss sehr weit von der Hand ab. So ist
die grosse Zehe die zweitlängste, und ihr Mittelfussknochen weit weniger
beweglich mit der Fusswurzel eingelenkt, als der Mittelhandknochen des
Daumens mit der Handwurzel. Ein viel wichtigerer Unterschied wird aber
durch die Thatsache gegeben, dass anstatt vier weiterer
Fusswurzelknochen nur drei vorhanden sind, und dass diese drei nicht
einer zur Seite des andern oder in einer Reihe angeordnet sind. Einer
derselben, das Fersenbein (_ca_), liegt nach aussen und schickt
rückwärts den grossen Fersenfortsatz ab; ein andrer, der Astragalus oder
das Würfel- oder Sprungbein, ruht mit einer Fläche auf jenem, mit einer
andern bildet er mit den Unterschenkelknochen das Knöchelgelenk, eine
dritte Fläche endlich, die nach vorn gerichtet ist, wird von den drei
inneren Fusswurzelknochen der zweiten, dem Metatarsus nächsten Reihe
durch einen, Kahnbein oder Scaphoid genannten Knochen (_sc_) getrennt.

Vergleicht man die Fusswurzel und die Handwurzel mit einander, so
besteht also hier ein fundamentaler Unterschied zwischen dem Bau der
Hand und des Fusses; ferner beobachtet man gradweise Verschiedenheiten,
wenn die Verhältnisse und die Beweglichkeit der Mittelfuss- und
Mittelhandknochen mit ihren Zehen und Fingern mit einander verglichen
werden.

Dieselben Classen von Differenzen treten zu Tage, wenn man die Muskeln
der Hand mit denen des Fusses vergleicht.

Drei Hauptgruppen von Muskeln, die Flexoren oder Beuger, beugen die
Finger und den Daumen, wie beim Ballen der Faust, und drei Gruppen, die
Extensoren oder Strecker, strecken dieselben, wie beim geraden
Ausstrecken der Finger. Diese Muskeln sind alle »lange Muskeln«, das
heisst, der fleischige Theil eines jeden liegt und ist befestigt an den
Knochen des Arms, setzt sich aber am andern Ende in Sehnen, rundliche
Stränge, fort, welche in die Hand eintreten und endlich an den zu
bewegenden Knochen befestigt werden. Wenn daher die Finger gebeugt
werden, so ziehen sich die im Arme liegenden fleischigen Theile der
Beugemuskeln der Finger kraft ihrer besonderen Eigenschaften als Muskeln
zusammen; da sie hierdurch an den sehnigen Strängen ziehen, die mit
ihren Enden zusammenhängen, so veranlassen sie diese, die Fingerknochen
nach der Handfläche herunterzuziehen.

Es sind nicht bloss die Hauptbeuger der Finger und des Daumens lange
Muskeln, sondern sie bleiben auch in ihrer ganzen Länge völlig von
einander geschieden.

Am Fusse giebt es auch drei Hauptbeuger der Zehen, ebenso wie drei
Hauptstreckmuskeln; der eine Beuger aber und der eine Strecker sind
kurze Muskeln, das heisst, ihr fleischiger Theil liegt nicht im
Unterschenkel (der dem Unterarm entspricht), sondern am Rücken und an
der Sohle des Fusses, Gegenden, welche dem Rücken und der Fläche der
Hand entsprechen.

Ferner bleiben die Sehnen des langen Zehenbeugers und des langen Beugers
der grossen Zehe, wenn sie die Fusssohle erreichen, nicht von einander
getrennt, wie es die Beugemuskeln in der Handfläche thun, sondern sie
werden verbunden und in einer sehr merkwürdigen Weise vermengt, während
ihre vereinigten Sehnen einen accessorischen Muskel erhalten, der am
Fersenbein entspringt.

Das vielleicht absoluteste Unterscheidungsmerkmal bei den Fussmuskeln
ist aber die Existenz des sogenannten langen Wadenbeinmuskels, des
_Peronaeus longus_, eines langen, an dem äussern Röhrenknochen (dem
Wadenbein) des Unterschenkels befestigten Muskels, der seine Sehne an
den äussern Knöchel schickt, hinter und unter dem sie vorübergeht, den
Fuss in einer schrägen Richtung kreuzt, um sich an der Basis der grossen
Zehe anzuheften. Kein Muskel an der Hand entspricht diesem genau, der
also vorzugsweise Fussmuskel ist.

                    *       *       *       *       *

Fassen wir das Gesagte zusammen, so unterscheidet sich der Fuss des
Menschen von seiner Hand durch die folgenden absoluten anatomischen
Unterschiede:

1. durch die Anordnung der Fusswurzelknochen;

2. durch den Besitz eines kurzen Beugemuskels und eines kurzen
Streckmuskels;

3. durch den Besitz eines besondern Muskels, des langen
Wadenbeinmuskels, _Peronaeus longus_.

Und wenn wir bestimmen wollen, ob die terminale Abtheilung einer
Gliedmaasse bei anderen Primaten ein Fuss oder eine Hand genannt werden
muss, so müssen wir uns durch das Vorhandensein oder Fehlen dieser
Merkmale leiten lassen und nicht durch die blossen relativen
Verhältnisse oder die grössere oder geringere Beweglichkeit der grossen
Zehe, welche unendlich variiren kann ohne irgend welche fundamentale
Aenderung in dem Bau des Fusses.

                    *       *       *       *       *

Wir wenden uns nun, diese Betrachtungen im Auge behaltend, zu den
Gliedmaassen des Gorilla. Die terminale Abtheilung der Vorderextremität
bietet keine Schwierigkeit dar; -- Knochen für Knochen und Muskel für
Muskel finden sich wesentlich ebenso angeordnet wie beim Menschen, oder
mit solchen untergeordneten Verschiedenheiten, wie sie beim Menschen als
Varietäten auch gefunden werden. Die Hand des Gorilla ist plumper,
schwerer und hat einen im Verhältniss etwas kürzern Daumen als die des
Menschen; Niemand hat aber jemals daran gezweifelt, dass es eine wahre
Hand ist.

Auf den ersten Blick sieht das Ende der Hinterextremität sehr
handähnlich aus, und da dies bei vielen der niederen Affen noch mehr der
Fall ist, so ist es nicht zu verwundern, dass der Ausdruck »Quadrumana«
oder Vierhänder, den Blumenbach von den älteren Anatomen[30] annahm und
Cuvier unglücklicherweise zur geläufigen Bezeichnung machte, eine so
verbreitete Annahme als Name für die Gruppe der Affen finden konnte.
Aber die oberflächlichste anatomische Untersuchung weist sofort nach,
dass die Aehnlichkeit der sogenannten »hintern Hand« mit einer
wirklichen Hand nur bis auf die Haut geht, nicht tiefer, und dass in
allen wesentlichen Beziehungen die Hinterextremität des Gorilla so
entschieden mit einem Fusse endigt wie die des Menschen. Die
Fusswurzelknochen gleichen in allen wichtigen Beziehungen der Zahl,
Anordnung und Form denen des Menschen (Fig. 20). Die Mittelfussknochen
und Finger sind andererseits relativ länger und schlanker, während die
grosse Zehe nicht bloss relativ kürzer und schwächer, sondern durch ein
beweglicheres Gelenk mit ihrem Metatarsalknochen an die Fusswurzel
gelenkt ist. Gleichzeitig steht der Fuss schräger am Unterschenkel als
beim Menschen.

In Bezug auf die Muskeln, so ist ein kurzer Beuger, ein kurzer Strecker
und ein langer Wadenbeinmuskel vorhanden, auch sind die Sehnen der
langen Flexoren der grossen und der übrigen Zehen mit einander verbunden
und haben ein accessorisches Muskelbündel.

Die hintere Gliedmaasse des Gorilla endet daher in einen wahren Fuss mit
einer sehr beweglichen grossen Zehe. Es ist allerdings ein Greiffuss,
aber in keiner Weise eine Hand: es ist ein Fuss, der in keinem
wesentlichen Charakter, sondern nur in bloss relativen Verhältnissen, im
Grade der Beweglichkeit und der untergeordneten Anordnung seiner Theile
von dem des Menschen abweicht.

Man darf nun indess nicht glauben, weil ich von diesen Differenzen als
nicht fundamentalen spreche, dass ich ihren Werth zu unterschätzen
suche. Sie sind in ihrer Art wichtig genug, da ja in jedem Falle der Bau
des Fusses in strenger Beziehung zu den übrigen Theilen des Organismus
steht. Auch kann nicht bezweifelt werden, dass die weitergehende
Theilung der physiologischen Arbeit beim Menschen, so dass die Function
des Stützens gänzlich dem Bein und Fuss übergeben ist, für ihn ein
Fortschritt im Baue von grosser Bedeutung ist; nach Allem aber sind
anatomisch betrachtet die Uebereinstimmungen zwischen dem Fusse des
Menschen und dem Fusse des Gorilla viel auffallender und
bedeutungsvoller, als die Verschiedenheiten.

Ich habe mich lange bei diesem Punkte aufgehalten, weil es einer ist, in
Bezug auf den viele Täuschung besteht; ich hätte ihn aber ohne Nachtheil
für meinen Beweis übergehen können, da ich dabei nur zu zeigen nöthig
habe, dass, mögen die Differenzen zwischen der Hand und dem Fusse des
Menschen und denen des Gorilla sein, welche sie wollen, -- die
Differenzen zwischen denen des Gorilla und denen der niedrigeren Affen
noch viel grösser sind.

Wir brauchen nicht weiter in der Reihe hinabzusteigen als bis zum Orang,
um hierfür einen entscheidenden Beweis zu erlangen.

Der Daumen des Orang weicht mehr von dem des Gorilla ab, als der Daumen
des Gorilla von dem des Menschen abweicht, nicht bloss durch seine
Kürze, sondern durch den Mangel irgend eines besondern langen
Beugemuskels. Die Handwurzel des Orang enthält, wie die der meisten
niederen Affen, neun Knochen, während sie beim Gorilla, wie beim
Menschen und dem Chimpanze, nur acht enthält.

Der Fuss des Orang weicht noch mehr ab (Fig. 20); seine sehr langen
Zehen und kurze Fusswurzel, kurze grosse Zehe und in die Höhe gerichtete
Ferse, die grosse Schiefe der Gelenkverbindung mit dem Unterschenkel und
der Mangel eines langen Beugemuskels für die grosse Zehe trennen
denselben noch viel weiter vom Fusse des Gorilla, als der letztere vom
Fusse des Menschen entfernt ist.

Bei einigen der niederen Affen entfernen sich Hand und Fuss noch weiter
von denen des Gorilla, als sie es beim Orang thun. Bei den
amerikanischen Affen hört der Daumen auf gegenüberstellbar zu sein; beim
Klammeraffen (_Ateles_) ist er bis zu einem blossen von Haut bedeckten
Rudiment verkümmert; bei den Sahuis ist er nach vorn gerichtet und wie
die übrigen Finger mit einer gekrümmten Kralle versehen -- so dass in
allen diesen Fällen kein Zweifel darüber bestehen kann, dass die Hand
von der des Gorilla verschiedener ist, als die des Gorilla von der des
Menschen.

[Illustration: Fig. 20. Fuss des Menschen, Gorilla und Orang, von derselben
absoluten Länge, um die relativen Verschiedenheiten in jedem zu zeigen.
Buchstaben wie in Fig. 19. Verkleinert nach Originalzeichnungen von
Waterhouse Hawkins.]

Und mit Bezug auf den Fuss, so ist die grosse Zehe der Sahuis noch
unbedeutender im Verhältniss als die des Orangs, während sie bei den
Lemuren sehr gross und völlig daumenartig und gegenüberstellbar ist, wie
beim Gorilla; bei diesen Thieren ist aber die zweite Zehe oft ganz
unregelmässig modificirt, und in einigen Arten sind die zwei
Hauptknochen der Fusswurzel, das Sprung- und Fersenbein, so ungeheuer
verlängert, dass der Fuss in dieser Hinsicht dem irgend eines andern
Thieres völlig unähnlich wird.

Dasselbe gilt für die Muskeln. Der kurze Zehenbeuger des Gorilla weicht
von dem des Menschen durch den Umstand ab, dass ein Bündel des Muskels
nicht an das Fersenbein, sondern an die Sehnen der langen Beuger
befestigt wird. Die niederen Affen weichen durch eine Weiterführung
desselben Merkmals vom Gorilla ab, zwei, drei oder mehre Bündel werden
an die langen Beugesehnen befestigt oder die Bündel werden
vervielfältigt. Ferner weicht der Gorilla unbedeutend in der Art des
Durchflechtens der langen Beugesehnen vom Menschen ab; die niederen
Affen sind dadurch vom Gorilla verschieden, dass sie wieder andere,
zuweilen sehr complicirte Anordnungen derselben Theile besitzen und dass
ihnen gelegentlich das accessorische Muskelbündel fehlt.

Bei all diesen Modificationen muss man sich erinnern, dass der Fuss
keines seiner wesentlichen Merkmale verliert. Jeder Affe und Lemur zeigt
die charakteristische Anordnung der Fusswurzelknochen, besitzt einen
kurzen Beuger und Strecker und einen _Peronaeus longus_. So
verschiedenartig die relativen Verhältnisse und die Erscheinung des
Organs sein mögen, so bleibt die terminale Abtheilung der hintern
Extremität im Plan und Grundgedanken des Baues ein Fuss und kann in
dieser Hinsicht nie mit einer Hand verwechselt werden.

Man kann daher kaum irgend einen Theil des körperlichen Baues finden,
welcher jene Wahrheit besser als Hand und Fuss illustriren könnte, dass
die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem Menschen und den
höchsten Affen von geringerem Werth sind als die zwischen den höchsten
und niedersten Affen; und doch giebt es ein Organ, dessen Studium uns
denselben Schluss in einer noch überraschenderen Weise aufnöthigt -- und
dies ist das Gehirn.

Ehe wir aber die Grösse der Verschiedenheit zwischen einem Affengehirn
und dem menschlichen Gehirn zu präcisiren suchen, ist es nöthig,
darüber klar zu werden, was im Bau des Gehirns einen grossen und was
einen kleinen Unterschied ausmacht; und wir erreichen dies am besten
durch eine kurze Untersuchung der hauptsächlichsten Modificationen,
welche das Gehirn in der Wirbelthierreihe darbietet.

Das Gehirn eines Fisches ist im Vergleich zu dem Rückenmark, in welches
es sich verlängert, und zu den Nerven, die von ihm austreten, sehr
klein; von den Abschnitten, aus denen es zusammengesetzt ist --
Riechlappen, Hemisphärenlappen und die folgenden --, herrscht keiner vor
den andern so weit vor, dass er sie bedeckte oder undeutlich machte; und
häufig sind die sogenannten Sehlappen die grössten Hirnmassen unter
allen. Bei den Reptilien nimmt die Masse des Gehirns im Verhältnisse zum
Rückenmark zu und die Hemisphären des grossen Gehirns fangen an, über
die anderen Theile zu prädominiren, während bei Vögeln dies Vorherrschen
noch ausgeprägter ist. Das Gehirn der niedersten Säugethiere, wie des
Schnabelthiers und der Beutelratten und Känguruhs, zeigt einen noch
entschiedenern Fortschritt in dieser Richtung. Die Grosshirnhemisphären
haben nun so sehr an Grösse zugenommen, dass sie mehr oder weniger die
Repräsentanten der Sehlappen verdecken, welche verhältnissmässig klein
bleiben, so dass das Gehirn eines Beutelthieres äusserst verschieden ist
von dem eines Vogels, Reptils oder Fisches. Noch einen Schritt weiter in
der Reihe, unter den placentalen Säugethieren, erleidet das Gehirn eine
äusserst wichtige Modification, -- nicht dass es äusserlich sehr
verändert erschiene, in einer Ratte oder einem Kaninchen gegen das eines
Beutelthiers, oder dass die relativen Verhältnisse seiner Theile
geändert wären, sondern man findet ein scheinbar völlig neues Gebilde
zwischen den Hemisphären des grossen Gehirns, sie unter einander
verbindend, in der Gestalt der sogenannten »grossen Commissur« oder des
»corpus callosum«. Der Gegenstand erfordert eine sorgfältige
Nachuntersuchung; wenn aber die gewöhnlich angenommenen Angaben correct
sind, so ist das Auftreten des Corpus callosum bei den placentalen
Säugethieren die grösste und am plötzlichsten erscheinende Modification,
die das Gehirn in der ganzen Reihe der Wirbelthiere darbietet, es ist
der grösste Sprung, den die Natur irgendwo beim Aufbau des Gehirns
macht. Denn nun, da die beiden Hälften des Gehirns einmal so mit
einander verbunden sind, ist der Fortschritt in der allmählich grösser
werdenden Complicirtheit des Gehirnbaues durch eine vollständige Reihe
hindurch von den niedersten Nagethieren oder Insektenfressern bis zum
Menschen hin zu verfolgen; und diese Complexität besteht hauptsächlich
in der unverhältnissmässigen Entwickelung der Hemisphären des grossen
Gehirns, und des kleinen Gehirns, aber besonders des erstern, im
Verhältniss zu den anderen Hirntheilen.

Bei den unteren placentalen Säugethieren lassen die Grosshirnhemisphären
die eigentliche obere und hintere Fläche des kleinen Gehirns völlig
sichtbar, wenn das Gehirn von oben betrachtet wird; in den höheren
Formen aber neigt sich der hintere Theil jeder Hemisphäre, die nur durch
das Hirnzelt (s. S. 112) von der vordern Fläche des kleinen Gehirns
getrennt wird, nach hinten und unten und wächst zu dem sogenannten
»hintern Lappen« aus, um endlich das kleine Gehirn zu überragen und zu
bedecken. Bei allen Säugethieren enthält jede Hemisphäre des grossen
Gehirns eine Höhlung, den sogenannten Seitenventrikel, und da dieser
Ventrikel einerseits vorwärts, andererseits rückwärts in die Substanz
der Hemisphäre verlängert ist, so sagt man, dass er zwei Hörner oder
»cornua« habe, ein vorderes, »cornu anterius«, und ein absteigendes
Horn. Ist der hintere Lappen ordentlich entwickelt, so erstreckt sich
eine dritte Verlängerung der Ventricularhöhle in ihn hinein und wird
dann hinteres Horn, »cornu posterius«, genannt.

Bei den niedrigeren und kleineren Formen der placentalen Säugethiere ist
die Oberfläche der Grosshirnhemisphären entweder glatt und eben
abgerundet, oder zeigt nur wenig Gruben, welche technisch Furchen,
»sulci«, genannt werden und die Erhöhungen oder »Windungen« der
Gehirnsubstanz von einander trennen; die kleineren Arten aller Ordnungen
neigen zu einer ähnlichen Glätte des Gehirns hin. In den höheren
Ordnungen aber, und besonders in den grösseren Formen derselben, werden
die Furchen äusserst zahlreich und die zwischenliegenden Windungen
relativ in ihren Durchschlingungen mehr complicirt, bis endlich die
Oberfläche des Gehirns beim Elephanten, Tümmler, den höheren Affen und
dem Menschen ein völliges Labyrinth solcher gewundenen Falten darbietet.

Wo ein hinterer Lappen existirt und seine zuständige Höhle, das hintere
Horn, darbietet, da trifft es sich gewöhnlich, dass eine besondere
Furche auf der innern und untern Oberfläche des Lappens parallel dem
Boden des Horns und neben ihm erscheint, welch' letzterer
gewissermaassen über die Decke der Furche gewölbt ist. Es ist, als ob
die Grube oder Furche dadurch gebildet worden wäre, dass Jemand den
Boden des hintern Horns von aussen her mit einem stumpfen Instrument
eingedrückt hätte, so dass der Boden als convexe Hervorragung sich
erheben musste. Diese Hervorragung ist nun das, was Hippocampus minor
genannt wird; der Hippocampus major ist eine Hervorragung am Boden des
absteigenden Horns. Welches die functionelle Bedeutung beider Gebilde
sein mag, wissen wir nicht.

Als ob die Natur an einem auffallenden Beispiele die Unmöglichkeit
nachweisen wollte, zwischen dem Menschen und den Affen eine auf den
Gehirnbau gegründete Grenze aufzustellen, so hat sie bei den letzteren
Thieren eine fast vollständige Reihe von Steigerungen des Gehirns
gegeben, von Formen an, die wenig höher sind als die eines Nagethieres,
zu solchen, die wenig niedriger sind als die des Menschen. Und es ist
ein merkwürdiger Umstand, dass, obgleich nach unserer gegenwärtigen
Kenntniss ein wirklicher anatomischer Sprung in der Formenreihe der
Affengehirne vorhanden ist, die durch diesen Sprung entstehende Lücke in
der Reihe nicht zwischen dem Menschen und den menschenähnlichen Affen,
sondern zwischen den niedrigeren und niedersten Affen liegt, oder, mit
anderen Worten, zwischen den Affen der alten und neuen Welt und den
Lemuren. Bei jedem bis jetzt untersuchten Lemur ist das kleine Gehirn
zum Theil von oben sichtbar, und sein hinterer Lappen mit dem
eingeschlossenen hintern Horn und Hippocampus minor ist mehr oder
weniger rudimentär. Jeder Sahui, amerikanische Affe, Affe der alten
Welt, Pavian oder Anthropoide hat dagegen sein kleines Gehirn hinten
völlig von den Lappen des grossen Gehirns bedeckt und besitzt ein
grosses hinteres Horn mit einem wohlentwickelten Hippocampus minor.

Bei vielen dieser Geschöpfe, wie beim Saimiri (_Chrysothrix_), überragen
die Grosshirnlappen das kleine Gehirn im Verhältniss noch mehr und
reichen viel weiter nach hinten als beim Menschen (Fig. 17, S. 89); und
es ist vollständig sicher, dass bei allen das kleine Gehirn hinten
völlig von wohlentwickelten hinteren Lappen bedeckt wird. Die Thatsache
kann von einem Jeden nachgewiesen werden, der den Schädel irgend eines
Affen der alten oder neuen Welt besitzt. Denn da das Gehirn bei allen
Säugethieren die Schädelhöhle vollständig erfüllt, so leuchtet ein, dass
ein Abguss des Innern vom Schädel die allgemeine Form des Gehirns
wiedergeben wird, in jedem Falle mit so kleinen und für unsern
gegenwärtigen Zweck völlig bedeutungslosen Differenzen, wie sie in Folge
des Mangels der das Gehirn einhüllenden Häute am trocknen Schädel
auftreten. Macht man nun solch einen Abguss in Gyps und vergleicht ihn
mit einem ähnlichen Abguss eines menschlichen Schädels, so springt
sofort in die Augen, dass der Abguss der Grosshirnkammer, der das grosse
Gehirn des Affen darstellt, ebenso vollständig den Abguss der das kleine
Gehirn darstellenden Kleinhirnkammer überragt und bedeckt, wie er es
beim Menschen thut (Fig. 21). Ein nicht sorgfältiger Beobachter, der
vergisst, dass ein so weiches Gebilde wie das Gehirn seine Gestalt in
dem Moment verliert, wo es aus dem Schädel genommen wird, kann wohl
allerdings den unbedeckten Zustand des kleinen Gehirns eines
herausgenommenen und verzerrten Gehirns für die natürlichen Verhältnisse
der Theile halten; sein Irrthum muss ihm aber selbst klar werden, wenn
er versuchen wollte, das Gehirn in die Schädelhöhle wieder
zurückzubringen. Anzunehmen, dass das kleine Gehirn eines Affen im
natürlichen Zustande hinten unbedeckt sei, ist ein Missverständniss, das
nur dem zu vergleichen wäre, wenn sich Jemand einbilden wollte, dass die
Lungen des Menschen immer nur einen kleinen Theil der Brusthöhle
einnehmen -- weil sie dies thun, sobald die Brust geöffnet ist und ihre
Elasticität nicht länger durch den Luftdruck neutralisirt wird.

[Illustration: Fig. 21. Zeichnungen der Ausgüsse der Schädel vom Menschen
und Chimpanze, von derselben absoluten Länge und in entsprechender
Stellung. _A_ grosses, _B_ kleines Gehirn. Die obere Zeichnung ist nach
einem Abguss im Museum des Royal College of Surgeons, die untere nach der
Photographie eines Abgusses vom Chimpanzeschädel, die den Aufsatz
Marshall's »über das Gehirn des Chimpanze« in der Natural History Review,
July 1861, erläutert. Die schärfere Ausprägung der untern Kante des
Ausgusses der Grosshirnkammer beim Chimpanze rührt von dem Umstande her,
dass in diesem Schädel das Tentorium vorhanden war, in dem des Menschen
aber nicht. Der Abguss stellt das Gehirn vom Chimpanze genauer dar als das
vom Menschen; das starke Vorspringen der hinteren Lappen des grossen
Gehirns des erstern nach hinten, über das kleine Gehirn, ist sehr
deutlich.]

Der Irrthum ist um so weniger zu entschuldigen, als er jedem deutlich
werden muss, der den Durchschnitt des Schädels irgend eines über den
Lemuren stehenden Affen untersucht, selbst ohne sich die Mühe zu geben,
einen Abguss zu machen. Denn in jedem solchen Schädel findet sich eine
sehr deutliche Grube, wie beim menschlichen Schädel, die die Ansatzlinie
des sogenannten _Tentorium_ oder Hirnzeltes andeutet, einer
pergamentartigen Scheidewand, welche im frischen Zustande zwischen das
grosse und kleine Gehirn eingeschoben ist und das erstere abhält auf das
letztere zu drücken (s. Fig. 17, S. 89).

Diese Grube deutet daher die Trennungslinie zwischen dem Theil der
Schädelhöhle, der das grosse Gehirn enthält, und dem an, der das kleine
Gehirn enthält; und da das Gehirn die Schädelhöhle vollständig erfüllt,
so leuchtet ein, dass die Verhältnisse dieser beiden Theile der
Schädelhöhle uns sofort über die Verhältnisse ihrer Contenta aufklären.
Nun liegt beim Menschen, bei allen Affen der alten und der neuen Welt,
mit einer einzigen Ausnahme, wenn das Gesicht nach vorn gerichtet ist,
diese Ansatzlinie des Tentorium, oder der Eindruck der seitlichen Sinus,
wie sie technisch genannt wird, beinahe horizontal und die
Grosshirnkammer überragt unwandelbar die Kammer für das kleine Gehirn
oder springt hinter dieselbe vor. Beim Brüllaffen oder _Mycetes_ (s.
Fig. 17) geht diese Linie schräg nach oben und hinten und das grosse
Gehirn ragt fast gar nicht vor, während bei den Lemuren diese Linie, wie
bei den niedrigen Säugethieren, noch mehr in derselben Richtung
aufsteigt, so dass die Kammer für das kleine Gehirn bedeutend jenseits
der Grosshirnkammer vorspringt.

Wenn die gröbsten Irrthümer in Bezug auf Punkte, die so leicht
aufzuklären sind, wie diese Frage über die hinteren Lappen, mit dem
Schein der Autorität vorgebracht werden, so ist es nicht zu verwundern,
dass Gegenstände der Beobachtung, nicht gerade sehr complicirter Natur,
die aber doch eine gewisse Sorgfalt verlangen, noch schlechter
weggekommen sind. Jemand, der die hinteren Lappen an irgend einem
Affengehirn nicht sehen kann, ist nicht leicht in der Lage, eine
besonders werthvolle Meinung in Bezug auf das hintere Horn oder den
Hippocampus minor abzugeben. Sieht Jemand die Kirche nicht, so wäre es
verkehrt, seiner Ansicht über ihr Altargemälde oder ein gemaltes Fenster
beipflichten zu wollen; ich halte mich daher nicht für verpflichtet,
hier auf eine Discussion dieser Punkte einzugehen, sondern begnüge mich
damit, den Leser zu versichern, dass das hintere Horn und der
Hippocampus minor jetzt nicht bloss beim Chimpanze, dem Orang und dem
Gibbon, sondern bei allen Gattungen der Paviane und Affen der alten
Welt, wie auch bei den meisten der neuen Welt, mit Einschluss der
Sahui's, und zwar gewöhnlich wenigstens so gut entwickelt wie beim
Menschen, oft sogar besser, gesehen worden sind[31].

In der That führt uns das reichliche und zuverlässige Zeugniss, welches
wir besitzen (und wir haben hier die Resultate sorgfältiger auf die
Erörterung dieser speciellen Fragen gerichteter Untersuchungen
geschickter Anatomen vor uns), zu der Ueberzeugung, dass hintere Lappen,
hinteres Horn und Hippocampus minor -- weit davon entfernt,
eigenthümliche und für den Menschen charakteristische Gebilde zu sein,
für die man sie immer und immer wieder erklärt hat, selbst nach der
Publication der klarsten Beweise vom Gegentheil -- gerade diejenigen
Gebilde sind, welche die ausgeprägtesten Hirncharaktere darstellen, die
der Mensch mit den Affen gemeinsam hat. Sie gehören zu den deutlichsten
Affeneigenthümlichkeiten, die der menschliche Organismus darbietet.

[Illustration: Fig. 22. Die Hemisphären des grossen Gehirns vom Menschen
und Chimpanze, in derselben Länge gezeichnet, um die relativen Verhältnisse
der Theile zu zeigen; das obere nach einem Präparat, das Mr. Flower,
Conservator am Museum des Royal College of Surgeons, für mich zu fertigen
die Güte hatte, das untere nach der Photographie eines in ähnlicher Weise
präparirten Chimpanzegehirns, die der oben erwähnten Abhandlung Marshall's
beigegeben war. _a_ hinterer Lappen, _b_ Seitenventrikel, _c_ hinteres
Horn, _x_ Hippocampus minor.]

In Bezug auf die Windungen bieten die Affengehirne alle Uebergänge von
dem beinahe glatten Gehirn des Sahui bis zum Orang und Chimpanze dar,
die nur wenig unter dem Menschen stehen. Und es ist äusserst merkwürdig,
dass, sobald alle Hauptfurchen auftreten, die Art ihrer Anordnung mit
der der entsprechenden Furchen beim Menschen identisch ist. Die
Oberfläche eines Affengehirns stellt eine Art von Umrisszeichnung des
menschlichen dar; bei den menschenähnlichen Affen werden immer mehr und
mehr Details eingetragen, bis endlich das Gehirn des Chimpanze und Orang
dem Baue nach nur in untergeordneten Merkmalen von dem des Menschen
unterschieden werden kann; hierher gehört die grössere Aushöhlung der
vorderen Lappen, die constante Anwesenheit von Furchen, die dem Menschen
gewöhnlich fehlen, und die verschiedene Lage und relative Grösse einiger
Windungen.

Was also den Bau des Gehirns anlangt, so ist klar, dass der Mensch
weniger vom Chimpanze und Orang verschieden ist, als diese selbst von
den Affen, und dass der Unterschied zwischen den Gehirnen des Chimpanze
und des Menschen fast bedeutungslos ist, wenn man ihn mit dem zwischen
dem Gehirn des Chimpanze und eines Lemurs vergleicht.

Es darf indessen nicht übersehen werden, dass eine sehr auffallende
Verschiedenheit in Bezug auf absolute Masse und Gewicht zwischen dem
niedrigsten Menschengehirn und dem Gehirn des höchsten Affen vorhanden
ist, -- eine Verschiedenheit, die um so auffallender wird, wenn wir uns
daran erinnern, dass ein erwachsener Gorilla wahrscheinlich beinahe
zweimal so schwer ist als ein Buschmann, oder als manche Europäerin. Es
darf bezweifelt werden, ob ein gesundes Gehirn eines erwachsenen
Menschen je weniger als ein- oder zweiunddreissig Unzen gewogen hat,
oder ob das schwerste Gorillagehirn schwerer als zwanzig Unzen gewesen
ist.

Dies ist ein sehr bemerkenswerther Umstand, der uns einst wohl helfen
wird, den grossen Abstand, welcher in Bezug auf intellectuelle Fähigkeit
zwischen dem niedersten Menschen und dem höchsten Affen besteht, zu
erklären[32]; er hat aber wenig systematischen Werth, und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil (wie schon aus dem über den Schädelinhalt
Gesagten zu schliessen ist) der Gewichtsunterschied des Gehirns zwischen
dem höchst entwickelten und niedersten Menschen sowohl relativ als
absolut viel grösser ist, als der zwischen dem niedersten Menschen und
dem höchsten Affen. Der letzterwähnte Unterschied wird, wie wir gesehen
haben, durch zwölf Unzen Hirnsubstanz absolut, oder durch 32:20 relativ
ausgedrückt; da aber das grösste bekannte menschliche Gehirn zwischen 65
und 66 Unzen wog, so ist der erstgenannte Unterschied durch mehr als 33
Unzen absolut, oder durch 65:32 relativ zu bezeichnen. Systematisch
betrachtet sind die Differenzen im Gehirn bei Menschen und Affen nur von
generischem Werthe, -- seine Familienmerkmale liegen hauptsächlich in
seinem Gebiss, seinem Becken und seinen unteren Extremitäten.

Wir mögen daher ein System von Organen vornehmen, welches wir wollen,
die Vergleichung ihrer Modificationen in der Affenreihe führt uns zu
einem und demselben Resultate: dass die anatomischen Verschiedenheiten,
welche den Menschen vom Gorilla und Chimpanze scheiden, nicht so gross
sind als die, welche den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen.

Indem ich aber diese bedeutungsvolle Wahrheit ausspreche, muss ich mich
gegen ein sehr verbreitetes Missverständniss verwahren. Ich finde in der
That, dass sich der, wer nur einfach zu lehren sucht, was uns die Natur
in diesen Dingen so klar zeigt, dem aussetzt, seine Meinung falsch
dargestellt und an seiner Ausdrucksweise so lange herumgedeutelt zu
sehen, bis er zu behaupten scheint, dass die anatomischen Unterschiede
zwischen dem Menschen und selbst den höchsten Affen gering und
unbedeutend sind. Ich benutze daher diese Gelegenheit, im Gegentheil
ausdrücklich zu versichern, dass sie gross und bedeutend sind, dass
jeder einzelne Knochen des Gorilla Zeichen an sich trägt, durch welche
er leicht von dem entsprechenden Knochen des Menschen unterschieden
werden kann; und dass jedenfalls wenigstens in der jetzigen Schöpfung
kein Zwischenglied den Abstand zwischen _Homo_ und _Troglodytes_
ausfüllt.

Es würde nicht weniger unrecht als absurd sein, die Existenz dieser
Kluft zu leugnen; es ist aber wenigstens ebenso unrecht als absurd, ihre
Grösse zu übertreiben und, sich mit der zugegebenen Thatsache ihrer
Existenz beruhigend, jede Untersuchung über die Weite oder Enge
derselben zurückzuweisen. Man mag sich, wenn man will, immer daran
erinnern, dass kein verbindendes Glied zwischen dem Menschen und Gorilla
existirt, man soll aber nicht vergessen, dass zwischen dem Gorilla und
dem Orang, oder dem Orang und dem Gibbon eine nicht weniger scharfe
Trennungslinie besteht und hier ebenso vollständig irgend welche
Uebergangsform fehlt. Ich sage: nicht weniger scharf, wenn sie auch
etwas enger ist. Die anatomischen Verschiedenheiten zwischen dem
Menschen und den menschenähnlichen Affen berechtigen uns sicher zu der
Ansicht, dass er eine besondere, von jenen getrennte Familie bildet; da
er aber weniger von ihnen abweicht, als sie von anderen Familien
derselben Ordnung verschieden sind, so haben wir kein Recht, ihn zu
einer besondern Ordnung zu erheben.

Und so kömmt denn der vorausblickende Scharfsinn des grossen
Gesetzgebers der systematischen Zoologie, Linné, zu seinem Rechte; ein
Jahrhundert anatomischer Untersuchung bringt uns zu seiner Folgerung
zurück, dass der Mensch ein Glied derselben Ordnung ist (für welche der
Linnéische Name _$Primates$_ beibehalten werden sollte) wie die Affen
und Lemuren. Diese Ordnung kann jetzt in sieben Familien von ungefähr
gleichem systematischen Werthe eingetheilt werden: die erste,
_$Anthropini$_, enthält nur den Menschen, die zweite, die _$Catarhini$_,
umfasst die Affen der alten Welt, die dritte, die _$Platyrhini$_, alle
Affen der neuen Welt, mit Ausnahme der Sahui's; die vierte, die
_$Arctopithecini$_, enthält die Sahui's, die fünfte, die _$Lemurini$_,
die Lemuren, von denen _Cheiromys_ wahrscheinlich auszuschliessen ist,
um eine sechste besondere Familie, die _$Cheiromyini$_, zu bilden; die
siebente, die _$Galeopithecini$_, enthält nur den fliegenden Lemur,
_Galeopithecus_, eine merkwürdige Form, welche fast an die Fledermäuse
grenzt, wie _Cheiromys_ die Erscheinung eines Nagers darbietet, und die
Lemuren die von Insectenfressern.

Es bietet wohl kaum eine Säugethierordnung eine so ausserordentliche
Reihe von Abstufungen dar, wie diese; sie führt uns unmerklich von der
Krone und Spitze der thierischen Schöpfung zu Geschöpfen herab, von
denen scheinbar nur ein Schritt zu den niedrigsten, kleinsten und
wenigst intelligenten Formen der placentalen Säugethiere ist. Es ist,
als ob die Natur die Anmaassung des Menschen selbst vorausgesehen hätte,
als wenn sie mit altrömischer Strenge dafür gesorgt hätte, dass sein
Verstand durch seine eigenen Triumphe die Sklaven in den Vordergrund
stelle, den Eroberer daran mahnend, dass er nur Staub ist.

Dies sind die hauptsächlichsten Thatsachen und die unmittelbare
Folgerung aus ihnen, auf welche ich im Anfang dieser Abhandlung hinwies.
Die Thatsachen können, glaube ich, nicht bestritten werden; und wenn dem
so ist, so scheint mir auch der Schluss unvermeidlich.

Wird aber der Mensch durch keine grössere anatomische Scheidewand von
den Thieren getrennt, als diese von einander, dann scheint mir auch zu
folgen, dass, wenn irgend ein natürlicher Causalvorgang nachgewiesen
werden kann, durch welchen die Gattungen und Familien von Thieren
entstanden sind, dieser Causalvorgang auch völlig hinreicht, die
Entstehung des Menschen zu erklären. Mit anderen Worten, wenn gezeigt
werden könnte, dass die Sahui's z. B. durch allmähliche Modification aus
gewöhnlichen Platyrhinen entstanden sind, oder dass beide, Sahui's und
Platyrhini, modificirte Verzweigungen eines ursprünglichen Stammes sind
-- dann würde auch kein vernünftiger Grund vorhanden sein, daran zu
zweifeln, dass der Mensch in dem einen Falle durch allmähliche
Modification eines menschenähnlichen Affen, oder im andern Falle ebenso
als eine Abzweigung desselben ursprünglichen Stammes wie jene Affen
entstanden sei.

Gegenwärtig hat nur ein solcher natürlicher Causalvorgang irgend welches
Zeugniss zu seinen Gunsten aufzuweisen, oder mit anderen Worten: es
giebt nur eine Hypothese in Betreff der Entstehung der Arten der Thiere
im Allgemeinen, welche eine wissenschaftliche Existenz hat -- die von
Darwin aufgestellte. Denn so scharfsinnig auch viele von Lamarck's
Ansichten waren, so brachte er doch so viel Unreifes und selbst Absurdes
hinzu, dass der Nutzen, den seine Originalität, wäre er ein nüchterner
und vorsichtiger Denker gewesen, gehabt hätte, wieder neutralisirt
wurde; und obgleich ich von der Ankündigung einer Formel über »das
vorbedachte allmähliche Werden organischer Formen« gehört habe, so ist
doch klar, dass die erste Pflicht einer Hypothese die ist, verständlich
zu sein, und dass ein vollklingender Satz dieser Art, den man von vorn
und von hinten und von der Seite her lesen kann, ohne seine Bedeutung zu
beeinträchtigen, in Wirklichkeit gar nicht existirt, wenn er auch zu
existiren scheint.

Gegenwärtig löst sich daher die Frage nach den Beziehungen des Menschen
zu den Thieren schliesslich in die umfassendere Frage von der
Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit der Darwin'schen Ansichten auf. Hier
wird aber das Terrain schwierig und es gehört sich, unsere genaue
Stellung zur Frage mit grosser Sorgfalt zu bestimmen.

Ich glaube, es kann nicht bezweifelt werden, dass Darwin hinreichend
bewiesen hat, dass das, was er Wahl oder Modification in Folge einer
Auswahl nennt, in der Natur vorkommen muss und wirklich vorkommt; er hat
ferner bis zum Ueberfluss bewiesen, dass solche Wahl Formen erzeugen
kann, die ihrem Baue nach so verschieden selbst wie Gattungen sein
können. Böte uns die Thierwelt nur anatomische Verschiedenheiten dar, so
würde ich nicht einen Augenblick zu erklären anstehen, dass Darwin die
Existenz einer wirklichen physikalischen Ursache nachgewiesen habe,
völlig hinreichend, den Ursprung lebender Arten, und des Menschen unter
diesen, zu erklären.

Ausser ihren anatomischen Verschiedenheiten bieten aber Pflanzen- und
Thierarten, wenigstens eine grosse Zahl unter ihnen, physiologische
Merkmale dar: Formen, die man anatomisch als besondere Arten kennt, sind
meist entweder durchaus unfähig, sich unter einander zu vermehren, oder
wenn sie es thun, ist der resultirende Bastard unfähig, seine Rasse mit
einem andern Bastard derselben Art zu erhalten.

Eine wirklich physikalische Ursache wird indessen nur unter einer
Bedingung als eine solche angenommen: dass sie alle Erscheinungen, die
in den Bereich ihrer Wirksamkeit fallen, erklären kann. Ist sie mit
irgend einer Erscheinung unverträglich, so ist sie zu verwerfen; ist sie
nicht im Stande, eine einzelne Erscheinung zu erklären, so ist sie in
diesem Punkte schwach oder verdächtig, obgleich sie vollständiges Recht
haben mag, eine provisorische Annahme zu beanspruchen.

So viel mir bekannt ist, ist Darwin's Hypothese mit keiner bekannten
biologischen Thatsache unvereinbar; im Gegentheil erhalten durch ihre
Annahme die Thatsachen der Entwickelung, vergleichenden Anatomie,
geographischen Verbreitung und Paläontologie eine gegenseitige
Verbindung und eine Bedeutung, die sie zuvor nie besassen. Was mich
betrifft, so bin ich völlig überzeugt, dass diese Hypothese, wenn sie
nicht streng wahr, doch eine solche Annäherung an die Wahrheit ist, wie
die Copernikanische Theorie für die Planetenbewegungen war.

Trotz alledem muss unsere Annahme der Darwin'schen Hypothese so lange
nur provisorisch sein, als ein Glied in der Beweiskette noch fehlt; und
so lange alle Thiere und Pflanzen, die sicher durch Zuchtwahl von einem
gemeinsamen Stamme entstanden sind, fruchtbar sind, und ihre Nachkommen
unter einander, so lange fehlt jenes Glied. Denn für so lange kann nicht
bewiesen werden, dass die Zuchtwahl alles das leistet, was zur Erzeugung
natürlicher Arten nöthig ist.

Ich habe den letzten Satz so stark als möglich dem Leser vorgelegt; denn
die allerletzte Stellung, die ich einnehmen möchte, ist die eines
Advocaten für Darwin's oder irgend welche andere Ansichten, wenn unter
einem Advocaten der verstanden wird, dessen Aufgabe es ist, wirkliche
Schwierigkeiten zu ebnen, und zu überreden, wo er nicht überzeugen kann.

Um indessen Darwin gerecht zu sein, muss zugegeben werden, dass die
Zustände der Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit sehr falsch verstanden
werden, und dass der tägliche Fortschritt der Erkenntniss dieser Lücke
in dem Beweis eine immer geringere Bedeutung beilegt, besonders
verglichen mit der Menge von Thatsachen, welche mit seinen Lehren
harmoniren oder von ihnen aus Erklärung erhalten.

Ich nehme daher Darwin's Hypothese an als eine, die zur Beibringung des
Beweises verpflichtet ist, dass physiologische Arten durch Zuchtwahl
entstehen, ebenso wie ein Physiker die Undulationstheorie des Lichts
annimmt als verpflichtet, die Existenz des hypothetischen Aethers, oder
ein Chemiker die atomistische Theorie als verpflichtet, die Existenz der
Atome nachzuweisen; und zwar genau aus denselben Gründen: sie hat
unendlich viel Wahrscheinliches auf den ersten Blick für sich, sie ist
gegenwärtig das einzig erreichbare Mittel, das Chaos beobachteter
Thatsachen in eine bestimmte Ordnung zu bringen; und endlich ist sie das
wirksamste Forschungsmittel, was die Naturforscher seit der Erfindung
des natürlichen Classificationssystems und dem Beginn des systematischen
Studiums der Embryologie erhalten haben.

Wenn wir aber selbst Darwin's Ansichten bei Seite lassen, die ganze
Analogie natürlicher Vorgänge liefert uns einen so vollständigen und
vernichtenden Beweis gegen das Dazwischentreten anderer als sogenannter
secundärer Ursachen bei der Erzeugung aller Erscheinungen im Universum,
dass ich, die innigen Beziehungen zwischen dem Menschen und der übrigen
lebenden Welt, und zwischen den in letzterer wirksamen Kräften und allen
übrigen vor Augen, keinen Grund sehe, daran zu zweifeln, dass alle nur
coordinirte Ausdrücke für den grossen Fortschritt der Natur sind, vom
Formlosen zum Geformten, vom Unorganischen zum Organischen, von blinder
Naturkraft zu bewusstem Verstand und Willen.

Die Wissenschaft hat ihre Pflicht erfüllt, wenn sie die Wahrheit
ermittelt und ausgesprochen hat; und wenn diese Zeilen nur für Männer
der Wissenschaft bestimmt wären, so würde ich jetzt diese Abhandlung
schliessen, wohl wissend, dass meine Fachgenossen nur Beweise
anzuerkennen und es für ihre höchste Pflicht zu halten gelernt haben,
diesem sich zu fügen, wie sehr es auch gegen ihre Neigungen verstosse.

Da ich aber den weitern Kreis des intelligenten Publicums zu erreichen
wünsche, so wäre es eine unwürdige Feigheit, das Widerstreben zu
ignoriren, mit dem die Mehrzahl meiner Leser die Schlüsse aufzunehmen
geneigt sein dürfte, zu welchen mich das sorgfältigste und
gewissenhafteste Studium, das ich dem Gegenstand nur zu widmen im Stande
war, geführt hat.

Von allen Seiten höre ich ausrufen: »Wir sind Männer und Frauen, und
nicht bloss eine bessere Art Affen, mit etwas längeren Beinen, etwas
compacterem Fusse und grösserem Gehirn als eure thierischen Chimpanzes
und Gorillas. Die Kraft der Erkenntniss -- das Bewusstsein von Gut und
Böse -- die mitleidsvolle Zartheit menschlicher Gemüthsstimmungen
erheben uns weit über alle Genossenschaft mit den Thieren, wie nahe sie
auch an uns heranzutreten scheinen.«

Hierauf kann ich nur entgegnen, dass dieser Ausruf äusserst gerecht wäre
und meine ganze Sympathie besässe, wenn er nur irgend erheblich wäre.
Ich bin es gewiss nicht, der die Würde des Menschen auf seine grosse
Zehe zu gründen sucht, oder der zu verstehen giebt, dass wir verloren
wären, wenn ein Affe einen Hippocampus minor hat. Ich habe im Gegentheil
diese eitlen Fragen zu beseitigen mich bemüht. Ich habe zu zeigen
versucht, dass zwischen uns und der Thierwelt keine absolute Linie
anatomischer Abgrenzung gezogen werden kann, die breiter wäre, als die
zwischen den unmittelbar auf uns folgenden Thieren; und ich will noch
mein Glaubensbekenntniss hinzufügen, dass der Versuch, eine psychische
Trennungslinie zu ziehen, gleich vergebens ist und dass selbst die
höchsten Vermögen des Gefühls und Verstandes in niederen Lebensformen zu
keimen beginnen[33]. Gleichzeitig ist Niemand davon so stark überzeugt,
wie ich, dass der Abstand zwischen civilisirten Menschen und den Thieren
ein ungeheurer ist, oder so sicher dessen, dass, mag der Mensch von den
Thieren stammen oder nicht, er zuverlässig nicht eins derselben ist.
Niemand ist weniger geneigt, die gegenwärtige Würde des einzigen
bewussten intelligenten Bewohners dieser Welt gering zu halten, oder an
seinen Hoffnungen auf das Künftige zu verzweifeln.

Es wird uns allerdings von Leuten, die in diesen Sachen Autorität
beanspruchen, gesagt, dass die beiden Ansichten nicht zu vereinigen
wären, und dass der Glaube an die Einheit des Ursprungs des Menschen und
der Thiere die Verthierung und Erniedrigung des erstern mit sich führe.
Ist dem aber wirklich so? Könnte nicht ein einigermaassen verständiges
Kind mit nahe liegenden Beweisen die seichten Redner zurückweisen, die
uns diesen Schluss aufnöthigen wollen? Ist es wirklich wahr, dass der
Poet, Philosoph oder Künstler, dessen Genius der Ruhm seiner Zeit ist,
von seiner hohen Stellung erniedrigt wird durch die unbezweifelte
historische Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen Gewissheit, dass er
der directe Abkömmling irgend eines nackten und halbthierischen Wilden
ist, dessen Intelligenz gerade hinreichte, ihn etwas verschlagener als
den Fuchs, dadurch aber um so mehr gefährlicher als den Tiger zu machen?
Oder ist er verbunden zu heulen und auf allen Vieren zu kriechen wegen
der ausser aller Frage stehenden Thatsache, dass er früher ein Ei war,
das keine gewöhnliche Unterscheidungskraft von dem eines Hundes
unterscheiden konnte? Oder muss der Menschenfreund und Heilige den
Versuch, ein edles Leben zu führen, aufgeben, weil das einfachste
Studium der menschlichen Natur auf ihrem Grunde alle die selbstsüchtigen
Leidenschaften und die heftigen Begehrungen der gewöhnlichen Vierfüssler
offenbart? Ist Mutterliebe gemein, weil eine Henne sie zeigt, oder Treue
niedrig, weil ein Hund sie besitzt?

Der gesunde Menschenverstand der grossen Masse der Menschheit wird diese
Fragen, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, beantworten. Eine
gesunde Menschlichkeit, die sich hart bedrängt fühlt, wirklicher Sünde
und Erniedrigung zu entfliehen, wird das Brüten über eine speculative
Befleckung den Cynikern und den »Allzugerechten« überlassen, die, in
allem Uebrigen verschiedener Meinung, in der blinden Unempfindlichkeit
für den Adel der sichtbaren Welt und in der Unfähigkeit, die
Grossartigkeit der Stellung des Menschen darin zu erfassen, sich
vereinigen.

Ja noch mehr: haben sich denkende Leute einmal den blindmachenden
Einflüssen traditioneller Vorurtheile entwunden, dann werden sie in dem
niedern Stamm, dem der Mensch entsprungen ist, den besten Beweis für den
Glanz seiner Fähigkeiten finden und werden in seinem langen Fortschritt
durch die Vergangenheit einen vernünftigen Grund finden, an die
Erreichung einer noch edleren Zukunft zu glauben.

Sie werden sich erinnern, dass wir, vergleichen wir den civilisirten
Menschen mit der thierischen Welt, wie Alpenreisende sind, die die Berge
in den Himmel ragen sehen und kaum unterscheiden können, wo die tief
beschatteten Klüfte und die ewig glänzenden Gipfel aufhören und die
Wolken des Himmels anfangen. Gewiss ist der von tiefem Staunen
ergriffene Reisende zu entschuldigen, wenn er sich weigert, dem Geologen
zu glauben, der ihm erzählt, dass diese herrlichen Massen doch
schliesslich nichts anderes sind, als erhärteter Schlamm vorweltlicher
Meere oder abgekühlte Schlacken unterirdischer Hochöfen, von gleichem
Stoffe wie der zäheste Thon, aber durch innere Kräfte zu jener Stelle
stolzer und scheinbar unnahbarer Herrlichkeit erhoben.

Aber der Geolog hat Recht; und ernstes Nachdenken über seine Lehren
fügt, anstatt unsere Ehrfurcht und Bewunderung zu vermindern, zu der
bloss ästhetischen Betrachtung des ununterrichteten Beschauers noch all
die Macht intellectueller Erhebung.

Und wenn Leidenschaft und Vorurtheil sich gelegt haben werden, dann wird
die Lehre der Naturforschung über die grossen Alpen und Andes der
lebenden Welt, -- den Menschen, eine gleiche Wirkung äussern. Unsere
Ehrfurcht vor dem Adel der Menschheit wird nicht verkleinert werden
durch die Erkenntniss, dass der Mensch seiner Substanz und seinem Baue
nach mit den Thieren eins ist; denn er allein besitzt die wunderbare
Gabe verständlicher und vernünftiger Rede, wodurch er in der
Jahrhunderte langen Periode seiner Existenz die Erfahrung, welche bei
anderen Thieren mit dem Aufhören jeden individuellen Lebens fast
gänzlich verloren geht, langsam angehäuft und organisch verarbeitet hat,
so dass er jetzt wie auf dem Gipfel eines Berges weit über das Niveau
seiner niedrigen Mitgeschöpfe erhaben und von seiner gröberen Natur
verklärt dasteht, verklärt dadurch, dass er hier und da einen Strahl aus
der unendlichen Quelle ewiger Wahrheit reflectiren konnte.


Fußnoten:

[26] Es versteht sich, dass ich in der vorhergehenden Abhandlung aus der
ungeheuren Menge von Abhandlungen, die über die menschenähnlichen Affen
geschrieben worden sind, nur die zur Erwähnung ausgewählt habe, die mir
von besonderer Bedeutung schienen.

[27] Wir sind bis jetzt noch nicht hinreichend mit dem Gehirn des
Gorilla bekannt; bei Besprechung der Hirnmerkmale werde ich daher den
Chimpanze als die höchste Form unter den Affen annehmen.

[28] »Mehr als einmal,« sagt Peter Camper, »habe ich mehr als sechs
Lendenwirbel beim Menschen angetroffen ... Einmal fand ich dreizehn
Rippen und vier Lendenwirbel.« Fallopius erwähnt dreizehn Rippenpaare
und nur vier Lendenwirbel; und Eustachius fand einmal elf Rückenwirbel
und sechs Lendenwirbel. -- »Oeuvres de P. Camper«, T. 1, p. 42. Wie
Tyson angiebt, hatte sein »Pygmie« dreizehn Rippenpaare und fünf
Lendenwirbel. Die Frage von der Krümmung der Wirbelsäule bei Affen
erfordert noch weitere Untersuchungen.

[29] Man hat angegeben, dass Hinduschädel zuweilen so wenig wie 27 Unzen
Wasser enthalten, was einen Rauminhalt von ungefähr 46 Cubikzoll geben
würde. Der Minimalinhalt, den ich oben angenommen habe, ist indess auf
die werthvollen Tabellen basirt, die Rud. Wagner in seinen »Vorstudien
zu einer wissenschaftlichen Morphologie und Physiologie des menschlichen
Gehirns« publicirt hat. Als das Resultat sorgfältiger Wägungen von mehr
als 900 menschlichen Gehirnen giebt Professor Wagner an, dass die Hälfte
zwischen 1200 und 1400 Gramm wog und dass ungefähr zwei Neuntel, meist
männliche Gehirne, 1400 Gramm überschritten. Das leichteste Gehirn eines
erwachsenen Mannes mit gesunden Geisteskräften wog 1020 Gramm. Da ein
Gramm gleich 15,4 Gran ist und ein Cubikzoll Wasser 252,4 Gran enthält,
so ist dies gleich 62 Cubikzoll Wasser, so dass wir, da Gehirn schwerer
ist als Wasser, völlig gegen Irrthum nach der Seite einer zu kleinen
Annahme hin gesichert sind, wenn wir dies als den kleinsten Inhalt eines
erwachsenen männlichen Gehirns annehmen. Das einzige erwachsene
männliche Gehirn, das nur 970 Gramm wiegt, ist das eines Idioten; das
Gehirn einer erwachsenen Frau aber, gegen deren geistige Gesundheit
nichts vorliegt, wog nur 907 Gramm (55,3 Cubikzoll Wasser); und Reid
führt ein erwachsenes weibliches Gehirn von noch kleinerem Rauminhalt
an. Das schwerste Gehirn indessen (1872 Gramm, oder ungefähr 115
Cubikzoll) war das einer Frau; zunächst kommt dann das von Cuvier (1861
Gramm), dann Byron (1807 Gramm) und dann eine geisteskranke Person (1783
Gramm). Das leichteste erwachsene Gehirn, was bekannt ist (720 Gramm),
war das einer blödsinnigen Frau. Die Gehirne von fünf Kindern, vier
Jahre alt, wogen zwischen 1275 und 992 Gramm. Man kann daher ziemlich
richtig sagen, dass ein mittelgrosses europäisches Kind von vier Jahren
ein zweimal so grosses Gehirn hat als ein erwachsener Gorilla.

[30] Vom Fusse seines »Pygmie« sprechend, bemerkt Tyson S. 13: »Da aber
dieser Theil in seiner Bildung und auch in seiner Function einer Hand
ähnlicher ist als einem Fusse, habe ich gedacht, ob diese Art von
Thieren zur Unterscheidung von anderen nicht besser Quadrumanus genannt
und als solche aufgeführt werden sollte, denn als Quadrupes, d. i.
besser ein vierhändiges als ein vierfüssiges Thier.« Da diese Stelle
1699 publicirt wurde, so ist J. G. St. Hilaire offenbar im Irrthum, wenn
er die Erfindung des Ausdrucks »Quadrumanus« Buffon zuschreibt, obschon
»Bimana« ihm zugeschrieben sein kann. Tyson gebraucht »Quadrumana« an
mehreren Stellen, so S. 91: »Unser =Pygmie= ist nicht ein Mensch, aber
auch nicht der gewöhnliche =Affe=, sondern eine =Thierart= zwischen
beiden, und obgleich ein =Biped=, doch eine von der =Quadrumanus=-Art;
wiewohl manche Menschen beobachtet worden sind, die ihre =Füsse= wie
=Hände= brauchen, wie ich selbst mehrere gesehen habe.«

[31] S. die Anmerkung am Ende dieser Abhandlung, die eine kurze
Geschichte des hier angedeuteten Streites enthält.

[32] Ich sage »zu erklären _helfen_«; denn ich glaube durchaus nicht,
dass irgend ein ursprünglicher Unterschied in der Qualität oder
Quantität der Hirnsubstanz jenes Auseinandergehen des Menschen- und
Affenstammes verursacht hat, das zu dem gegenwärtigen enormen Abstand
zwischen ihnen geführt hat. Es ist in einem gewissen Sinne ohne Zweifel
völlig wahr, dass Unterschied in der Function das Resultat eines
Unterschieds in der Structur ist, oder, mit anderen Worten, eines
Unterschieds in der Combination der primären Molecularkräfte lebender
Substanz; und von diesem unleugbaren Axiom ausgehend argumentiren die
Gegner gelegentlich und scheinbar sehr plausibel, dass die grosse
intellectuelle Kluft zwischen dem Menschen und dem Affen eine
entsprechende anatomische Kluft in den Organen der intellectuellen
Function voraussetzt; so dass der Umstand, dass man so grosse
Differenzen nicht auffinde, kein Beweis dafür sei, dass sie nicht
vorhanden seien, sondern dass die Wissenschaft nicht im Stande sei, sie
nachzuweisen. Nur wenig Ueberlegung indessen wird, denke ich, das Irrige
dieses Schlusses zeigen. Seine Gültigkeit ruht auf der Annahme, dass die
intellectuelle Fähigkeit ganz und gar vom Gehirn abhänge, während doch
das Gehirn nur eine jener vielen Bedingungen ist, von denen die
geistigen Manifestationen abhängen; die anderen sind hauptsächlich die
Sinnesorgane und die motorischen Apparate, besonders die, welche beim
Greifen und bei der Bildung der articulirten Sprache betheiligt sind.

Ein Stummgeborener würde trotz seiner grossen Gehirnmasse und der
Ererbung starker intellectueller Instincte nur wenige höhere geistige
Manifestationen zu äussern im Stande sein als ein Orang oder Chimpanze,
wenn er auf die Gesellschaft stummer Genossen beschränkt wäre. Und doch
könnte nicht der geringste erkennbare Unterschied zwischen seinem Gehirn
und dem einer äusserst intelligenten und gebildeten Person vorhanden
sein. Die Stummheit könnte die Folge einer mangelhaften Bildung des
Mundes oder der Zunge, oder einer bloss fehlerhaften Innervation dieser
Theile sein; oder die Folge angeborener Taubheit, die wiederum durch
einen minutiösen, nur von einem sorgfältigen Anatomen nachzuweisenden
Fehler des inneren Ohres verursacht wäre.

Der Schluss: weil eine grosse Differenz zwischen der Intelligenz eines
Menschen und eines Affen besteht, deshalb muss auch ein gleich grosser
Unterschied zwischen ihren Gehirnen bestehen, scheint mir ungefähr
ebenso begründet, als wenn man beweisen wollte, dass, weil »ein grosser
Abstand« zwischen einer gutgehenden und einer gar nicht gehenden Uhr
besteht, deshalb auch ein grosser Abstand zwischen der Structur der
beiden bestehen müsse. Ein Haar am Balancier, ein bischen Rost an einem
Stifte, ein Bug in einem Zähnchen, irgend etwas so Kleines, dass nur das
geübte Auge des Uhrmachers es nachweisen kann, könnte die Ursache des
ganzen Unterschieds sein.

Und da ich mit Cuvier glaube, dass der Besitz der articulirten Sprache
das grosse Unterscheidungsmerkmal des Menschen ist (mag es ihm absolut
eigenthümlich sein oder nicht), so halte ich es für sehr leicht
verständlich, dass eine in gleicher Weise wenig auffallende anatomische
Verschiedenheit die primäre Ursache des unermesslichen und praktisch
unendlichen Auseinanderweichens des menschlichen und Affenstamms gewesen
sein mag.

[33] Es ist für mich ein so seltnes Vergnügen, die Ansichten Professor
Owen's in völliger Uebereinstimmung mit meinen eignen zu finden, dass
ich nicht umhin kann, eine Stelle aus seiner Abhandlung »Ueber die
Charaktere etc. der Classe Mammalia« im Journal of the Proceedings of
the Linnean Society of London für 1857 zu citiren, die aber
unerklärlicher Weise in der zwei Jahre später vor der Universität
Cambridge gehaltenen »Reade Lecture«, die im Uebrigen fast nur ein
Abdruck jener Abhandlung ist, weggelassen worden ist. Prof. Owen
schreibt:

»Da ich nicht im Stande bin, den Unterschied zwischen den psychischen
Erscheinungen eines Chimpanze und eines Buschmanns, oder eines Azteken
mit gehemmter Hirnbildung, weder für so wesentlicher Natur anzuerkennen
oder aufzufassen, dass ein Vergleich zwischen ihnen ausgeschlossen wäre,
noch für einen andern als bloss gradweisen zu halten, so kann ich meine
Augen der Bedeutung jener Alles durchdringenden Gleichheit des Baues
nicht verschliessen; jeder Zahn, jeder Knochen ist streng homolog; und
diese Gleichheit macht die Bestimmung des Unterschieds zwischen _Homo_
und _Pithecus_ zu einer schwierigen Aufgabe für den Anatomen.«

Es ist gewiss etwas sonderbar, dass der »Anatom«, der es für »schwierig«
hält, »den Unterschied zu bestimmen« zwischen _Homo_ und _Pithecus_,
beide doch auf anatomische Gründe gestützt in verschiedene Unterclassen
bringt!«



      Kurze Geschichte des Streites über den Bau des Menschen- und
                             Affengehirns.


Bis zum Jahre 1857 stimmten alle Anatomen von Autorität, die sich mit
dem Hirnbau der Affen beschäftigt hatten -- Cuvier, Tiedemann,
Sandifort, Vrolik, Isidore Geoffroy St. Hilaire, Schroeder van der Kolk,
Gratiolet --, darin überein, dass das Affengehirn einen =hintern Lappen=
besitze.

Im Jahre 1825 bildete Tiedemann in seinen Icones das =hintere Horn= der
Seitenventrikel bei Affen ab und erkannte dasselbe auch in dem Text zu
den Icones an, und zwar nicht bloss unter dem Titel »Scrobiculus parvus
loco cornu posterioris« (eine Thatsache, die man in den Vordergrund
stellte), sondern als »cornu posterius« (Icones, p. 54), ein Umstand,
der ebenso absichtlich im Hintergrund gehalten wurde.

Cuvier sagt (Leçons, T. III. p. 103), »die vorderen oder Seitenventrikel
besitzen eine Fingerhöhle (hinteres Horn) nur beim Menschen und den
Affen ... Ihre Gegenwart hängt von der der hinteren Lappen ab.«

Schroeder van der Kolk und Vrolik und Gratiolet haben gleichfalls das
hintere Horn von verschiedenen Affen beschrieben und abgebildet. In
Bezug auf den Hippocampus minor hat Tiedemann irrthümlich angegeben,
dass er bei den Affen fehle; Schroeder van der Kolk und Vrolik haben
aber auf die Existenz eines von ihnen für einen rudimentären Hippocampus
minor gehaltenen Gebildes beim Chimpanze hingewiesen, und Gratiolet
bestätigt ausdrücklich sein Vorhandensein bei diesen Thieren. Dies war
der Zustand unserer Kenntniss über diese Punkte im Jahre 1856.

Diese Thatsachen kannte entweder Professor Owen nicht oder er verschwieg
sie ungerechtfertigter Weise. Denn 1857 legte er der Linnean Society
eine Abhandlung vor, »On the Characters, Principles of Division, and
Primary Groups of the Class Mammalia,« die im Journal jener Gesellschaft
abgedruckt wurde und folgenden Passus enthält: »Beim Menschen bietet das
Gehirn eine höhere Entwickelungsstufe dar, die bedeutender und stärker
markirt ist als die, durch welche sich die vorhergehende Unterclasse von
der ihr zunächst stehenden niedern unterscheidet. Es überragen hier
nicht bloss die Hemisphären die Riechlappen und das kleine Gehirn,
sondern sie erstrecken sich weiter nach vorn als die ersteren und weiter
nach hinten als das letztere. Die Entwickelung nach hinten ist so stark
ausgeprägt, dass die Anatomen diesem Theile den Namen eines dritten
Lappens beilegen; _er ist der Gattung Homo eigenthümlich, und in
gleicher Weise ihr eigenthümlich das hintere Horn des Seitenventrikels
und der >Hippocampus minor<, welche den hintern Lappen jeder Hemisphäre
charakterisiren_.« Journal of the Proceedings of the Linnean Society.
Vol. II. p. 19.

Da die Abhandlung, in der diese Stelle vorkommt, keinen geringern Zweck
hat, als den, die Classification der Säugethiere umzugestalten, so
konnte wohl vermuthet werden, ihr Verfasser habe unter dem Eindruck
einer besondern Verantwortlichkeit geschrieben und die Angaben, die er
vorzubringen wagte, mit besonderer Sorgfalt geprüft. Und selbst wenn
dies zu viel erwartet hiesse, Uebereilung oder Mangel an Gelegenheit zur
gehörigen Ueberlegung kann zur Entschuldigung etwaiger Irrungen nicht
vorgeschoben werden; denn die angeführten Sätze wurden zwei Jahre später
in der vor der Universität Cambridge gehaltenen »Read-Lecture«, 1859,
wiederholt.

Als die im obigen Auszug cursiv gedruckten Behauptungen zuerst zu meiner
Kenntniss gelangten, war ich nicht wenig über einen so directen
Widerspruch mit den unter gutunterrichteten Anatomen geläufigen Lehren
erstaunt. Da ich aber natürlich glaubte, dass die vorbedachten Angaben
einer verantwortlichen Person irgend welche thatsächliche Begründung
haben müssten, hielt ich es für meine Pflicht, den Gegenstand von Neuem,
schon vor der Zeit, wo es mein Beruf war, in meinen Vorlesungen darüber
zu lesen, zu untersuchen. Das Resultat meiner Untersuchung war der
Beweis, dass die drei Behauptungen Owen's, dass »der dritte Lappen, das
hintere Horn des Seitenventrikels und der Hippocampus minor der Gattung
Homo eigenthümlich« seien, den offenbarsten Thatsachen widersprechen.
Ich theilte diesen Schluss meinen Zuhörern mit; da ich aber keine
Neigung hatte, in einen Streit mich einzulassen, der, mochte sein
Ausgang sein, welcher er wolle, der englischen Wissenschaft nicht gerade
zur Ehre gereichen konnte, wandte ich mich zusagenderen Arbeiten zu.

Die Zeit kam aber bald, wo ein längeres Beharren in meinem Schweigen
mich eines unwürdigen Betrugs an der Wahrheit schuldig gemacht hätte.

Bei der Versammlung der British Association in Oxford, 1860, wiederholte
Professor Owen jene Behauptungen in meiner Gegenwart; natürlich
widersprach ich ihnen sofort direct und ohne Einschränkung mit dem
Versprechen, dies sonst ungewöhnliche Verfahren an einem andern Orte zu
rechtfertigen. Dieses Versprechen löste ich durch die Veröffentlichung
eines Artikels in der Januar-Nummer der Natural History Review, worin
ich die Wahrheit der drei folgenden Sätze vollständig nachwies (a. a. O.
S. 71):

»1. Dass der dritte Lappen dem Menschen weder eigenthümlich noch
charakteristisch ist, da er bei allen höheren Quadrumanen existirt;«

»2. dass das hintere Horn des Seitenventrikels dem Menschen weder
eigenthümlich noch charakteristisch ist, da auch er bei den höheren
Quadrumanen vorhanden ist;«

»3. dass der _Hippocampus minor_ dem Menschen weder eigenthümlich noch
charakteristisch ist, da er sich bei gewissen höheren Affen findet.«

Ferner enthält der Aufsatz folgende Stelle (S. 76):

»Obgleich endlich Schroeder van der Kolk und Vrolik (a. a. O. S. 271)
ausdrücklich bemerken, dass >der Seitenventrikel von dem des Menschen
durch sehr mangelhafte Entwicklung des hintern Horns unterschieden ist,
in welchem nur ein Streifen als Andeutung des Hippocampus minor sichtbar
ist<, so zeigt doch ihre Fig. 4 der zweiten Tafel, dass dies hintere
Horn ein völlig deutliches und unverkennbares Gebilde ist, völlig so
gross, als es oft beim Menschen ist. Es ist um so merkwürdiger, dass
Professor Owen die ausdrücklichen Angaben und Figuren dieser Verfasser
übersehen haben sollte, als bei Vergleichung der Figuren augenscheinlich
wird, dass sein Holzschnitt des Chimpanzegehirns (a. a. O. S. 19) eine
verkleinerte Copie der zweiten Figur auf der ersten Tafel Schroeder van
der Kolk's und Vrolik's ist.«

»Gratiolet bemerkt indess ganz richtig (a. a. O. S. 18):
>unglücklicherweise war das von ihnen als Modell genommene Gehirn
bedeutend verändert (profondément affaissé), weshalb die allgemeine Form
des Gehirns auf diesen Tafeln in einer völlig incorrecten Weise
wiedergegeben ist.< Es wird allerdings bei einer Vergleichung eines
Durchschnitts des Chimpanzeschädels völlig klar, dass dies der Fall
ist; und es ist sehr zu bedauern, dass eine so incorrecte Figur als
typische Darstellung des Chimpanzegehirns genommen wurde.«

Von dieser Zeit an hätte wohl dem Professor Owen die Unhaltbarkeit
seiner Stellung so klar sein müssen, wie jedem Andern; weit davon
entfernt aber, die grossen Irrthümer, in welche er gerathen war,
zurückzunehmen, bestand er auf ihnen und wiederholte sie: zuerst in
einer vor der Royal Institution am 19. März 1861 gehaltenen Vorlesung,
welche in der Nummer des Athenaeum vom 23. desselben Monats genau
wiedergegeben war, wie Prof. Owen in einem Briefe an dies Journal vom
30. März zugiebt. Der Bericht des Athenaeum war von einer Zeichnung
begleitet, die ein Gorillagehirn darstellen sollte, die aber in der That
eine so ausserordentlich falsche Darstellung war, dass sie Prof. Owen in
dem erwähnten Briefe thatsächlich, wenn auch nicht ausdrücklich
zurücknimmt. Beim Verbessern dieses Fehlers fiel aber Prof. Owen in
einen andern Irrthum von viel tieferer Bedeutung. Seine Mittheilung
schliesst nämlich mit dem folgenden Satze: »In Bezug auf das wahre
Verhältniss, in welchem das grosse Gehirn das kleine bei den höchsten
Affen bedeckt, verweise ich auf die Abbildung des nicht präparirten
Chimpanzegehirns in meiner >Reade's< Vorlesung über die Classification
etc. der Säugethiere, S. 25, Fig. 7. 8^o. 1859.«

Es würde nun nicht zu glauben sein, wäre es nicht unglücklicherweise
wahr, dass diese Figur, auf welche das vertrauende Publicum ohne ein
Wort der Erklärung »in Bezug auf das wahre Verhältniss, in dem das
grosse Gehirn das kleine bei den höchsten Affen bedeckt«, verwiesen
wird, genau jene unanerkannte Copie der Figur Schroeder van der Kolk's
und Vrolik's ist, auf deren gänzliche Ungenauigkeit vor Jahren Gratiolet
hingewiesen hatte, dessen Ausspruch durch mich in jener Stelle meines
oben citirten Aufsatzes in der Natural History Review zu Prof. Owen's
Kenntniss gebracht worden war.

Ich lenkte von Neuem die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Umstand
in meiner Erwiderung an Prof. Owen, Athenaeum, 13. April 1861; die
verworfene Figur wurde aber noch einmal und ohne die leiseste Andeutung
ihrer Ungenauigkeit von Prof. Owen in den Annals of Natural History,
June 1861, reproducirt.

Dies war denn doch den ursprünglichen Verfassern der Figur, Schroeder
van der Kolk und Vrolik, zu viel. In einem an die Akademie zu Amsterdam,
deren Mitglieder sie sind, gerichteten Briefe erklären sie, obgleich
entschiedene Gegner jeder Form von Theorie einer progressiven
Entwickelung, vor Allem die Wahrheit zu lieben, und dass sie es daher
für ihre Pflicht halten, auf die Gefahr hin, einer ihnen missliebigen
Theorie eine Stütze darzubieten, bei erster Gelegenheit öffentlich Prof.
Owen's Missbrauch ihrer Autorität zurückzuweisen.

In diesem Briefe räumen sie freimüthig die Richtigkeit der oben
erwähnten Gratiolet'schen Kritik ein und stellen in neuen und
sorgfältigen Figuren den hintern Lappen, das hintere Horn und den
Hippocampus minor des Orang dar. Nachdem sie diese Theile in einer
Sitzung der Akademie demonstrirt hatten, fügen sie ferner hinzu: »la
présence des parties contestées y a été universellement reconnue par les
anatomistes présents à la séance. Le seul doute qui soit resté se
rapporte au pes Hippocampi minoris ... A l'état frais l'indice du petit
pied d'Hippocampe était plus prononcé que maintenant«.

Prof. Owen wiederholte seine irrigen Behauptungen bei der Versammlung
der British Association 1861, und erneuerte ohne besondere Nöthigung den
Streit bei der Versammlung in Cambridge 1862, wobei er nicht eine
einzige neue Thatsache oder einen neuen Beweis beibrachte, auch nicht im
Stande war, dem übereinstimmenden, schlagenden Zeugnisse zu begegnen,
das die mittlerweile vorgenommenen Zergliederungen zahlreicher
Affengehirne (von Prof. Rolleston[34], Mr. Marshall[35], Mr. Flower[36],
Mr. Turner[37] und mir selbst[38]) zu Tage gefördert hatten. Nicht
zufrieden mit der ziemlich kräftigen Zurückweisung dieses beispiellosen
Verfahrens in Section D der Versammlung hiess Prof. Owen die
Veröffentlichung eines Berichtes über seine Angaben für gut, in den
»Medical Times« vom 11. Oct. 1862, der eine seltsame Entstellung der
meinigen enthielt (wie aus einem Vergleich mit dem Bericht der »Times«
über die Discussion zu ersehen ist). Ich füge den Schluss meiner
Entgegnung in derselben Zeitschrift vom 25. October bei:

»Wäre dies eine Sache der Ansicht oder eine Sache der Erklärung von
Theilen oder von Bezeichnungen, wäre es selbst eine Sache der
Beobachtung, wobei das Zeugniss meiner Sinne gegen das einer andern
Person stände, so würde ich beim Erörtern dieses Gegenstandes einen
andern Ton annehmen. Ich würde in aller Bescheidenheit die
Wahrscheinlichkeit zugeben, dass ich im Urtheilen geirrt, im Erkennen
gefehlt, oder von Vorurtheilen geblendet wäre.

Niemand behauptet aber, dass dies ein Streit um Ausdrücke oder Ansichten
sei. So neu und aller Autorität bar manche von Prof. Owen's
aufgestellten Definitionen gewesen sein mögen, man kann sie annehmen,
ohne dadurch die Hauptzüge der Frage zu alteriren. Obgleich daher
specielle auf diesen Gegenstand gerichtete Untersuchungen während der
letzten zwei Jahre von Dr. Allen Thomson, Dr. Rolleston, Mr. Marshall
und Mr. Flower, lauter Anatomen von Ruf in England, und von Schroeder
van der Kolk und Vrolik (die Prof. Owen unvorsichtig genug auf seine
Seite zu ziehen versuchte) auf dem Continent angestellt worden sind, so
haben doch alle diese geschickten und gewissenhaften Beobachter
einstimmig die Genauigkeit meiner Angaben bestätigt und die völlige
Grundlosigkeit der Behauptungen Prof. Owen's bezeugt. Selbst der
ehrwürdige Rudolph Wagner, den Niemand progressionistischer Neigungen
anklagen wird, hat seine Stimme für meine Angaben erhoben, während nicht
ein einziger Anatom, gross oder klein, Prof. Owen unterstützt hat.

Ich will nun nicht etwa den Vorschlag machen, wissenschaftliche
Differenzen durch allgemeine Abstimmung zu entscheiden, ich glaube aber,
dass soliden Beweisen etwas Anderes als leere und grundlose Behauptungen
entgegengestellt werden muss. In den zwei Jahren nun, durch welche sich
dieser Streit hinschleppt, hat Prof. Owen nicht gewagt, ein einziges
Präparat zur Begründung seiner oft wiederholten Behauptungen
vorzubringen.

Die Sache steht daher so: Meine Angaben sind nicht bloss in
Uebereinstimmung mit denen der besten älteren Autoritäten und aller
neueren Untersucher, sondern ich bin auch völlig bereit, sie an dem
ersten besten zur Hand kommenden Affen zu demonstriren; Prof. Owen's
Behauptungen dagegen stehen nicht bloss in directem Widerspruch mit
alten und neuen Autoritäten, sondern er hat auch kein einziges Präparat
beigebracht und kann keines beibringen, wie ich hinzusetzen will, was
sie rechtfertigt.«

Ich verlasse nun den Gegenstand für jetzt. Im Interesse meines Berufes
würde ich mich freuen, für immer schweigen zu können. Unglücklicherweise
ist es aber ein Gegenstand, bei dem nach Allem, was vorgefallen ist,
keine Verwechselung oder Confusion von Ausdrücken möglich ist; und wenn
ich behaupte, dass der hintere Lappen, das hintere Horn und der
Hippocampus minor bei gewissen Affen existirt, so behaupte ich entweder
etwas, das wahr ist, oder von dem ich wissen muss, dass es falsch ist.
Die Frage ist hierdurch eine Frage persönlicher Wahrhaftigkeit geworden.
Ich für meinen Theil will keinen andern Ausgang des gegenwärtigen
Streits annehmen, so traurig er auch ist.


Fußnoten:

[34] On the Affinities of the Brain of the Orang. Nat. Hist. Review,
April, 1861.

[35] On the Brain of a young Chimpanzee. Ibid. July, 1861.

[36] On the Posterior lobes of the Cerebrum of the Quadrumana.
Philosophical Transactions, 1862.

[37] On the anatomical Relations of the Surfaces of the Tentorium to the
Cerebrum and Cerebellum in Man and the lower Mammals. Proceedings of the
Royal Society of Edinburgh, March, 1862.

[38] On the Brain of Ateles. Proceedings of Zoological Society, 1861.



III.

Ueber einige fossile menschliche Ueberreste.


Ich habe in der vorhergehenden Abhandlung zu zeigen mich bemüht, dass
die =Anthropini=, oder Familie des Menschen, eine wohl umschriebene
Gruppe der Primaten bilden. Zwischen ihr und der unmittelbar folgenden
Familie der =Catarhini= fehlt in der jetzigen Schöpfung irgend eine
Uebergangsform oder ein Verbindungsglied ebenso vollständig, wie
zwischen den =Catarhini= und =Platyrhini=.

Es ist nun aber eine allgemein angenommene Lehre, dass die anatomischen
Abstände zwischen den verschiedenen jetzt existirenden Formen der
organischen Geschöpfe verkleinert oder selbst zum Verschwinden gebracht
werden, wenn wir die lange und vielgestaltige Reihe von Pflanzen und
Thieren mit in Betracht ziehen, welche den jetzt lebenden vorausgegangen
sind und die wir nur in ihren fossilen Resten kennen. In wie weit diese
Ansicht gegründet ist, in wie weit sie andererseits nach dem
gegenwärtigen Zustande unserer Kenntniss die wirklichen Thatsachen
überschätzt und eine Uebertreibung der sicher aus diesen zu ziehenden
Schlüsse enthält, dies sind Punkte von grosser Bedeutung, auf deren
Discussion ich mich aber für jetzt nicht einlassen will. Dass überhaupt
eine solche Ansicht von den Beziehungen ausgestorbener zu lebenden
Wesen ausgesprochen worden ist, reicht hin, uns zu der scrupulösen
Untersuchung zu führen, in wie weit die neueren Entdeckungen
menschlicher Ueberreste im fossilen Zustande jene Ansicht unterstützen
oder ihr widersprechen.

[Illustration: Fig. 23. Der Schädel der Höhle von Engis, von der rechten
Seite gesehen. Halbe natürliche Grösse. -- _a_ glabella, _b_
Hinterhauptshöcker (_a_ nach _b_ Hinterhaupt-Stirnlinie), _c_ Oeffnung des
knöchernen Gehörgangs.]

Ich werde mich bei Erörterung dieser Frage auf jene fragmentären
menschlichen Schädel aus den Höhlen von Engis im Meusethal in Belgien
und des Neanderthals bei Düsseldorf beschränken, deren geologische
Verhältnisse Sir Charles Lyell mit so viel Sorgfalt untersucht hat[39].
Gestützt auf seine Autorität, nehme ich als ausgemacht an, dass der
Schädel von Engis einem Zeitgenossen des Mammuth (_Elephas primigenius_)
und des wolligen Rhinoceros (_Rhinoceros tichorhinus_) angehörte, mit
deren Knochen zusammen er gefunden wurde, dass ferner der
Neanderthalschädel von grossem, wennschon unbestimmtem Alter ist. Was
auch das geologische Alter des letzteren Schädels sein mag, so halte ich
es (nach den gewöhnlichen Grundsätzen paläontologischer Folgerungen) für
völlig sicher, anzunehmen, dass nur der erstere bis jenseits der
unbestimmten biologischen Grenze hinüberführt, welche die gegenwärtige
geologische Epoche von der ihr unmittelbar vorausgehenden trennt. Und es
kann auch darüber kein Zweifel bestehen, dass sich die physikalisch
geographischen Verhältnisse Europas seit der Zeit wunderbar geändert
haben, in welcher Knochen von Menschen, Mammuths, Hyänen und
Rhinocerossen bunt durch einander in die Höhle von Engis geschwemmt
wurden.

Der Schädel der Höhle von Engis wurde von Professor Schmerling entdeckt
und mit anderen gleichzeitig ausgegrabenen menschlichen Ueberresten in
seinem werthvollen Werke beschrieben: »Recherches sur les ossemens
fossiles découverts dans les cavernes de la province de Liège,« 1833 (S.
59 und folgende), aus welchem die folgenden Stellen, unter möglichster
Wahrung der genauen Ausdrucksweise des Verfassers, ausgezogen wurden:

»An erster Stelle muss ich bemerken, dass diese menschlichen Ueberreste
in meinem Besitz, ganz wie die Tausende von Knochen, die ich neuerdings
ausgegraben habe, durch den Grad der Zersetzung charakterisirt sind, dem
sie unterlegen sind und der genau derselbe ist wie bei Knochen
ausgestorbener Arten. Alle, mit wenig Ausnahmen, sind zerbrochen; einige
sind abgerundet, wie es häufig bei den Resten anderer Arten gefunden
wird. Die Brüche sind senkrecht oder schräg; keiner ist erodirt; ihre
Farbe weicht nicht von der anderer fossiler Knochen ab und schwankt vom
weisslich gelben bis zum schwärzlichen. Alle sind leichter als frische
Knochen, mit Ausnahme derer, die kalkig incrustirt sind und deren
Höhlungen mit Kalk erfüllt sind.

Der Schädel, den ich auf Taf. I, Fig. 1 und 2 habe abbilden lassen, ist
der einer alten Person. Die Nähte beginnen zu verschwinden; alle
Gesichtsknochen fehlen und von den Schläfenbeinen ist nur ein Fragment
des rechten vorhanden.

Das Gesicht und die Basis des Schädels war schon vor der Ablagerung des
Schädels in der Höhle getrennt; denn wir waren nicht im Stande, diese
Theile zu finden, obgleich die Höhle planmässig durchsucht wurde. Der
Schädel fand sich in einer Tiefe von anderthalb Metern (beinahe 5 Fuss)
unter einer aus Ueberbleibseln kleiner Thiere bestehenden Knochenbreccia
verborgen, die einen Rhinoceroszahn und mehrere Zähne von Pferden und
Wiederkäuern enthielt. Diese oben besprochene Breccia (S. 31) war einen
Meter breit (3¼ Fuss ungefähr), und erhob sich zur Höhe von
anderthalb Meter über den Boden der Höhle, deren Wänden sie innig
anhing.

Die diesen menschlichen Schädel enthaltende Erde zeigte keine Spur einer
Störung; Zähne vom Rhinoceros, Pferd, Hyäne und Bär umgaben ihn von
allen Seiten.

Der berühmte Blumenbach[40] hat die Aufmerksamkeit auf die
Verschiedenheiten gelenkt, die die Schädel verschiedener Rassen in Bezug
auf Form und Grösse zeigen. Dies wichtige Werk würde uns wesentlich
geholfen haben, wenn nicht das Gesicht, ein zur Bestimmung der Rasse mit
grösserer oder geringerer Genauigkeit wesentlicher Theil, an unserem
fossilen Schädel gefehlt hätte.

Aber selbst wenn der Schädel vollständig gewesen wäre, sind wir doch
überzeugt, dass sich darüber mit Gewissheit etwas nach einem einzigen
Exemplar nicht hätte sagen lassen. Denn in ein und derselben Rasse sind
individuelle Abweichungen bei Schädeln so zahlreich, dass man, ohne
sich groben Irrthümern auszusetzen, von einem einzelnen Fragment eines
Schädels keinen Schluss auf die allgemeine Form des zugehörigen Kopfes
ziehen kann.

Um indess keinen Punkt bezüglich der Form dieses Schädels zu
vernachlässigen, wollen wir bemerken, dass von Anfang an die lange und
schmale Form der Stirn unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.

In der That nähern die geringe Erhebung der Stirnbeine, ihre geringe
Breite und die Form der Augenhöhle den Schädel mehr dem eines Negers als
dem eines Europäers. Auch sind, wie wir glauben, die in der verlängerten
Form und dem vorstehenden Hinterhaupte liegenden Merkmale in unserem
fossilen Schädel nachzuweisen. Um aber allen Zweifel hierüber zu
entfernen, habe ich die Contouren eines Europäer- und eines
Negerschädels zeichnen und die Stirnen darstellen lassen. Taf. II, Fig.
1 und 2 und die Fig. 3 und 4 derselben Tafel werden die
Verschiedenheiten leicht erkennbar machen; und ein einfacher Blick auf
die Figuren wird instructiver sein als eine lange und ermüdende
Beschreibung.

Zu welchem Schlusse wir auch über den Ursprung des Menschen, dem dieser
Schädel angehörte, kommen mögen, eine Ansicht können wir wenigstens
aussprechen, ohne uns einer fruchtlosen Controverse auszusetzen. Ein
Jeder mag die ihm am wahrscheinlichsten scheinende Hypothese annehmen.
Ich für meinen Theil halte es für bewiesen, dass dieser Schädel einer
Person von beschränkten geistigen Fähigkeiten angehörte, und hieraus
schliessen wir, dass er einem Menschen von niederer Civilisation
angehörte, ein Schluss, der durch einen Vergleich der Stirngegend mit
der Hinterhauptsgegend gerechtfertigt wird.

Ein anderer Schädel eines jungen Individuums wurde am Boden der Höhle
neben einem Elephantenzahn entdeckt; der Schädel war bei seiner
Auffindung ganz; im Augenblick aber, wo er emporgehoben wurde, fiel er
in Stücke, die ich bis jetzt nicht wieder zusammenzusetzen im Stande
war. Auf Taf. I, Fig. 5 habe ich aber die Knochen des Oberkiefers
abbilden lassen. Der Zustand der Alveolen und der Zähne zeigt, dass die
wahren Backzähne das Zahnfleisch noch nicht durchbrochen hatten.
Einzelne Milchbackzähne und einige Fragmente eines menschlichen Schädels
rühren von derselben Stelle her. Fig. 3 stellt einen menschlichen obern
Schneidezahn dar, dessen Grösse in der That merkwürdig ist[41].

Fig. 4 stellt einen Oberkieferknochen dar, dessen Backzähne bis auf die
Wurzeln abgerieben waren.

Ich besitze zwei Wirbelbeine, einen ersten und letzten Rückenwirbel.

Ein linkes Schlüsselbein (s. Taf. III, Fig. 1); obgleich einem jungen
Individuum angehörig, zeigt der Knochen doch, dass es von grosser
Gestalt gewesen sein muss[42].

Zwei Fragmente des Radius, schlecht erhalten, deuten an, dass die Grösse
des Menschen, dem sie gehörten, nicht über fünf und einen halben Fuss
betrug.

In Bezug auf die Reste der Oberextremitäten bestehen die in meinem
Besitz befindlichen nur aus einem Fragment einer Ulna und eines Radius
(Taf. III, Fig. 5 und 6).

Taf. IV, Fig. 2 stellt einen in der erwähnten Knochenbreccia enthaltenen
Mittelhandknochen dar; er fand sich im untern Theil oberhalb des
Schädels; hierzu kommen noch in verschiedenen Abständen gefundene
Mittelhandknochen, ein halbes Dutzend Mittelfussknochen, drei
Fingerphalangen und eine von den Zehen.

Dies ist eine kurze Aufzählung der in der Höhle von Engis gefundenen
Reste menschlicher Knochen; sie gehören drei Individuen an, die von
Resten von Elephanten, Rhinoceros und Fleischfressern in, der jetzigen
Schöpfung unbekannten Arten umgeben waren.«

Aus der Höhle von Engihoul, der von Engis gegenüber, auf dem rechten
Ufer der Meuse, erhielt Schmerling Reste von drei anderen menschlichen
Individuen, unter denen sich nur zwei Fragmente von Scheitelbeinen, aber
viele Extremitätenknochen fanden. In einem Falle war ein zerbrochenes
Fragment einer Ulna mit einem gleichen Fragment eines Radius durch
Stalagmiten verbunden, ein häufig bei den in den belgischen Höhlen
gefundenen Knochen des Höhlenbären (_Ursus spelaeus_) beobachteter
Zustand.

In der Höhle von Engis fand Professor Schmerling, mit Stalagmiten
incrustirt und einem Steine verbunden, das spitze knöcherne Werkzeug,
das er in Fig. 7 seiner Tafel XXXVI. abgebildet hat. Bearbeitete
Feuersteine wurden von ihm in all den belgischen Höhlen gefunden, die
zahlreiche fossile Knochen enthielten.

Ein kurzer Brief Geoffroy St. Hilaire's in den Comptes rendus der
Académie d. Sc. in Paris vom 2. Juli 1838 spricht von einem (wie es
scheint sehr flüchtigen) Besuche in der Sammlung des Professor
»Schermidt« (muthmaasslich ein Druckfehler für Schmerling) in Lüttich.
Der Schreiber kritisirt kurz die Schmerling's Werk illustrirenden
Zeichnungen und giebt an, dass »der menschliche Schädel etwas länger als
in der Abbildung« sei. Die einzige weitere erwähnenswerthe Bemerkung ist
folgende: »Das Aussehen der menschlichen Knochen weicht nur wenig von
dem uns bekannten der Höhlenknochen ab, von denen an demselben Orte eine
beträchtliche Sammlung vorhanden ist. In Bezug auf ihre speciellen
Formen können im Vergleich mit den Varietäten recenter Menschenschädel
nur wenig _sichere_ Schlüsse aufgestellt werden; denn zwischen
verschiedenen Exemplaren gut charakterisirter Varietäten bestehen viel
grössere Verschiedenheiten, als zwischen dem fossilen Schädel von
Lüttich und irgend einer dieser, zum Ausgangspunkt der Vergleichung
gewählten Varietäten.«

Geoffroy St. Hilaire's Bemerkungen sind, wie man sieht, wenig mehr als
eine Wiedergabe der philosophischen Zweifel des Entdeckers und
Beschreibers dieser Reste. Was die Kritik über Schmerling's Figuren
betrifft, so finde ich allerdings, dass die von ihm gegebene
Seitenansicht ungefähr 3/10 Zoll kürzer als das Original ist, und dass
die Ansicht von vorn ungefähr in demselben Betrag verkleinert ist. Im
Uebrigen ist die Darstellung in keiner Weise inaccurat, sondern stimmt
sehr wohl mit dem Abgusse überein, den ich besitze.

Ein Stück des Hinterhaupts, welches Schmerling entgangen zu sein
scheint, ist seitdem dem übrigen Schädel von dem ausgezeichneten
Naturforscher Dr. Spring in Lüttich angepasst worden, unter dessen
Leitung ein vorzüglicher Gypsabguss für Sir Charles Lyell gemacht wurde.
An einer Doublette dieses Abgusses habe ich meine Beobachtungen
angestellt und nach ihr hat mein Freund Busk die beifolgenden Figuren
gezeichnet, deren Contouren nach sorgfältigen Camera lucida Zeichnungen
auf halbe natürliche Grösse reducirt wurden.

Wie Schmerling bemerkt, ist die Schädelbasis zerstört und die
Gesichtsknochen fehlen völlig; die Schädeldecke aber, Stirnbeine,
Scheitelbeine und der grössere Theil der Hinterhauptsknochen bis zur
Mitte des Hinterhauptsloches sind beinahe vollständig. Das linke
Schläfenbein fehlt. Vom rechten Schläfenbein sind die Theile in der
unmittelbaren Umgebung des äussern Gehörgangs, der Zitzenfortsatz und
ein ansehnlicher Theil der Schuppe wohl erhalten (Fig. 23).

Die Bruchlinien zwischen den an einander gefügten Stücken des Schädels,
die in Schmerling's Figur treu wiedergegeben sind, sind am Abguss leicht
nachzuweisen. Auch die Nähte sind erkennbar, die complicirte Form ihrer
Zähnelung, die die Figur wiedergiebt, ist aber im Abguss nicht klar.
Obschon die den Muskeln als Ansatzstellen dienenden Leisten nicht gerade
ausserordentlich vorspringen, so sind sie doch gut ausgeprägt, und hält
man sie mit den scheinbar gut entwickelten Stirnhöhlen und dem Zustande
der Nähte zusammen, so hinterlassen sie bei mir keinen Zweifel, dass der
Schädel der eines Erwachsenen, wenn nicht eines Mannes im mittlern Alter
ist.

[Illustration: Fig. 24. Der Schädel von Engis, von oben (_A_) und vorn
(_B_) gesehen.]

Die grösste Länge des Schädels ist 7,7 Zoll. Seine grösste Breite, die
dem Abstand der Parietalhöcker sehr nahe liegt, beträgt nicht mehr als
5,4 Zoll. Das Verhältniss der Länge zur Breite ist also nahebei 100:70.
Wird eine Linie von dem Punkte aus, wo die Augenbraue nach der Nase hin
sich einbiegt, von der sogenannten Glabella (_a_ in Fig. 23) nach dem
Hinterhauptshöcker (_b_, Fig. 23) gezogen und der höchste Punkt des
Schädelbogens senkrecht von dieser Linie gemessen, so ergeben sich 4,75
Zoll. Von oben gesehen (Fig. 24, _A_) zeigt die Stirn eine gleichmässig
abgerundete Curve, die in die Contouren der Seiten und des hintern
Theils des Schädels zur Bildung einer ziemlich regelmässigen
elliptischen Curve übergeht.

Die Ansicht von vorn (Fig. 24, _B_) zeigt, dass die Schädeldecke
regelmässig und elegant in querer Richtung gebogen war, und dass der
Querdurchmesser eher etwas unter als über den Parietalhöckern lag. Die
Stirn kann im Verhältniss zum übrigen Schädel nicht schmal genannt
werden, ebenso wenig zurücktretend; im Gegentheil ist der Umriss des
Schädels von vorn nach hinten gut gewölbt, so dass der Abstand entlang
der Krümmung von der Einbucht an der Nasenwurzel his zum
Hinterhauptshöcker 13,75 Zoll misst. Der quere Bogen des Schädels von
einem Gehörgang zum andern quer über die Pfeilnaht ist ungefähr 13 Zoll.
Die Pfeilnaht selbst ist 5,5 Zoll lang.

Die Augenbrauenhöcker (zu beiden Seiten von _a_ in Fig. 23) sind gut,
wenn auch nicht excessiv entwickelt und durch eine mittlere Vertiefung
getrennt. Ihre grösste Erhebung liegt so schräg, dass ich sie für
abhängig von grossen Stirnhöhlen halte.

Wird die, die Glabella mit dem Hinterhauptshöcker verbindende Linie
(_ab_, Fig. 23) horizontal gelegt, so springt kein Theil der
Hinterhauptsgegend mehr als 1/10 Zoll über das hintere Ende der Linie
vor, und der obere Rand des Gehörgangs (_c_, Fig. 23) berührt beinahe
eine auf der äussern Oberfläche des Schädels mit jener parallel gezogene
Linie.

Eine quer von einem Gehörgang zum andern gezogene Linie durchsetzt wie
gewöhnlich den vordern Theil des Hinterhauptsloches. Der Rauminhalt des
Innern dieses fragmentären Schädels ist nicht bestimmt worden.

                    *       *       *       *       *

Die Geschichte der menschlichen Ueberreste aus der Höhle im Neanderthal
wird am besten mit den Worten ihres ursprünglichen Beschreibers, Dr.
Schaaffhausen[43], gegeben.

»Als zu Anfang des Jahres 1857 der Fund eines menschlichen Skelets in
einer Kalkhöhle des Neanderthals bei Hochdal zwischen Düsseldorf und
Elberfeld bekannt wurde, gelang es mir nur, einen in Elberfeld
gefertigten Gypsabguss der Hirnschale zu erhalten, über deren
auffallende Bildung ich zuerst in der Sitzung der niederrh. Gesellsch.
für Natur- und Heilkunde in Bonn am 4. Februar 1857 berichtet habe[44].
Hierauf brachte Herr Dr. Fuhlrott aus Elberfeld, dem es zu danken ist,
dass diese Anfangs für Thierknochen gehaltenen Gebeine in Sicherheit
gebracht und der Wissenschaft erhalten worden sind, und dem es später
gelang, die Knochen in seinen Besitz zu bringen, dieselben nach Bonn und
überliess sie mir zur genaueren anatomischen Untersuchung. Bei
Gelegenheit der Generalversammlung des naturhist. Vereins der
preussisch. Rheinlande und Westphalens in Bonn am 2. Juni 1857[45] gab
Herr Dr. Fuhlrott eine ausführliche Darstellung des Fundortes und eine
Beschreibung der Auffindung selbst; er glaubte diese menschlichen
Gebeine als fossile bezeichnen zu dürfen und legte in dieser Beziehung
besondern Werth auf die vom Herrn Geheimrath Professor Dr. =Mayer=
zuerst beobachteten Dendriten, welche diese Knochen überall bedecken.
Dieser Mittheilung liess ich einen kurzen Bericht über die von mir
angestellte anatomische Untersuchung der Knochen folgen, als deren
Ergebniss ich die Behauptung aufstellte, dass die auffallende Form
dieses Schädels für eine natürliche Bildung zu halten sei, welche bisher
nicht bekannt geworden sei, auch bei den rohesten Rassen sich nicht
finde, dass diese merkwürdigen menschlichen Ueberreste einem höhern
Alterthume als der Zeit der Celten und Germanen angehörten, vielleicht
von einem jener wilden Stämme herrührten, von denen römische
Schriftsteller Nachricht geben und welche die indogermanische
Einwanderung als Autochthonen vorfand, und dass die Möglichkeit, diese
menschlichen Gebeine stammten aus einer Zeit, in der die zuletzt
verschwundenen Thiere des Diluvium auch noch lebten, nicht bestritten
werden könne, ein Beweis für diese Annahme, also für die sogenannte
Fossilität der Knochen in den Umständen der Auffindung aber nicht
vorliege.

Da Herr Dr. =Fuhlrott= eine Beschreibung derselben noch nicht
veröffentlicht hat, so entlehne ich einer brieflichen Mittheilung
desselben die folgenden Angaben: »Eine kleine, etwa 15 Fuss tiefe, an
der Mündung 7 bis 8 Fuss breite mannshohe Höhle oder Grotte liegt in der
südlichen Wand der sogenannten Neanderthaler Schlucht, etwa 100 Fuss von
der Düssel entfernt und etwa 60 Fuss über der Thalsohle des Baches. In
ihrem frühern unversehrten Zustande mündete dieselbe auf ein schmales
ihr vorliegendes Plateau, von welchem dann die Felswand fast senkrecht
in die Tiefe abschoss, und war von oben herab, wenn auch mit
Schwierigkeit, zugänglich. Ihre unebene Bodenfläche war mit einer 4 bis
5 Fuss mächtigen mit rundlichen Hornstein-Fragmenten sparsam gemengten
Lehmablagerung bedeckt, bei deren Wegräumung die fraglichen Gebeine, und
zwar von der Mündung der Grotte aus zuerst der Schädel, dann weiter
nach innen in gleicher horizontaler Lage mit jenem die übrigen Gebeine
aufgefunden wurden. So haben zwei Arbeiter, welche die Ausräumung der
Grotte besorgten und die von mir an Ort und Stelle darüber vernommen
wurden, auf das Bestimmteste versichert. Die Knochen wurden anfänglich
gar nicht für menschliche gehalten, und erst mehrere Wochen nach ihrer
Auffindung von mir dafür erkannt und in Sicherheit gebracht. Weil man
aber die Wichtigkeit des Fundes nicht achtete, so verfuhren die Arbeiter
beim Einsammeln der Knochen sehr nachlässig und sammelten vorzugsweise
die grösseren, welchem Umstande es zuzuschreiben, dass das
wahrscheinlich vollständig vorhandene Skelet nur sehr fragmentarisch in
meine Hände gekommen ist.«

Das Ergebniss der von mir vorgenommenen anatomischen Untersuchung dieser
Gebeine ist das folgende:

Die Hirnschale ist von ungewöhnlicher Grösse und von lang elliptischer
Form. Am meisten fällt sogleich als besondere Eigenthümlichkeit die
ausserordentlich starke Entwickelung der Stirnhöhlen auf, wodurch die
Augenbrauenbogen, welche in der Mitte ganz mit einander verschmolzen
sind, so vorspringend werden, dass über oder vielmehr hinter ihnen das
Stirnbein eine beträchtliche Einsenkung zeigt und ebenso in der Gegend
der Nasenwurzel ein tiefer Einschnitt gebildet wird. Die Stirn ist
schmal und flach, die mittleren und hinteren Theile des Schädelgewölbes
sind indessen gut entwickelt. Leider ist die Hirnschale nur bis zur Höhe
der obern Augenhöhlenwand des Stirnbeins und der sehr stark
ausgebildeten und fast zu einem horizontalen Wulste vereinigten oberen
halbkreisförmigen Linien der Hinterhauptsschuppe erhalten; sie besteht
aus dem fast vollständigen Stirnbeine, beiden Scheitelbeinen, einem
kleinen Stücke der einen Schläfenschuppe und dem obern Drittheil des
Hinterhauptbeins. Frische Bruchflächen an den Schädelknochen beweisen,
dass der Schädel beim Auffinden zerschlagen worden ist. Die Hirnschale
fasste 16876 Gran Wasser, woraus sich ein Inhalt von 57,64 Cubikz. =
1033,24 Cubikcentimeter berechnet. Hierbei stand der Wasserspiegel
gleich mit der obern Orbitalwand des Stirnbeins, mit dem höchsten
Querschnitt des Schuppenrandes der Scheitelbeine und mit den oberen
halbkreisförmigen Linien des Hinterhaupts. Mit Hirse gemessen, war der
Inhalt gleich 31 Unzen preuss. Medicinalgewicht. Die halbkreisförmige
Linie, welche den obern Ansatz des Schläfenmuskels bezeichnet, ist zwar
nicht stark entwickelt, reicht aber bis über die Hälfte der
Scheitelbeine hinauf. Auf dem rechten Orbitalrande befindet sich eine
schräge Furche, die auf eine Verletzung während des Lebens deutet[46];
auf dem rechten Scheitelbein eine erbsengrosse Vertiefung. Die
Kronennaht und die Pfeilnaht sind aussen beinahe, auf der Innenfläche
des Schädels spurlos verwachsen; die lambdaförmige Naht indessen gar
nicht. Die Gruben für die pachionischen Drüsen sind tief und zahlreich;
ungewöhnlich ist eine tiefe Gefässrinne, die gerade hinter der
Kronennaht liegt und in einem Loche endigt, also den Verlauf einer Vena
emissaria bezeichnet. Die Stirnnaht ist äusserlich als eine leise
Erhebung bemerklich; da wo sie auf die Kronennaht stösst, zeigt auch
diese sich wulstig erhoben, die Pfeilnaht ist vertieft, und über der
Spitze der Hinterhauptsschuppe sind die Scheitelbeine eingedrückt. Die
Länge des Schädels, von dem Nasenfortsatz über den Scheitel bis zu den
oberen halbkreisförmigen Linien des Hinterhaupts gemessen, beträgt
303mm (300)[47] = 12,0''.

  Der Umfang der Hirnschale, über
  die Augenbrauenbogen und die
  oberen halbkreisförmigen Linien
  des Hinterhaupts so gemessen,
  dass das Band überall anlag            590 (590) = 23,37'' od. 23''.

  Breite des Stirnbeins von der Mitte
  des Schläfengrubenrandes einer
  Seite zur andern                       104 (114) = 4,1''-4,5''.

  Länge der Stirnbeine vom Nasenfortsatz
  bis zur Kronennaht                     133 (125) = 5,25''-5''.

  Grösste Breite der Stirnbeinhöhlen      25  (23) = 1,0''-0,9''.

  Scheitelhöhe über der Linie, welche
  den höchsten Ausschnitt der
  Schläfenränder beider Scheitelbeine
  verbindet                               70       = 2,75''.

  Breite des Hinterhaupts von einem
  Scheitelhöcker zum andern              138 (150) = 5,4''-5,9''.

  Die Spitze der Schuppe ist von der
  obern halbkreisförmigen Linie
  des Hinterhaupts entfernt               51  (60) = 1,9''-2,4''.

  Dicke des Schädels in der Gegend
  der Scheitelhöcker                       8

  Dicke des Schädels an der Spitze
  der Hinterhauptsschuppe                  9

  Dicke des Schädels in der Gegend
  der oberen halbkreisförmigen
  Linien des Hinterhaupts                 10       = 0,3''.

Ausser der Hirnschale sind folgende Knochen vorhanden:

1) Die zwei ganz erhaltenen Oberschenkelbeine; sie zeichnen sich wie die
Hirnschale und alle übrigen Knochen durch ungewöhnliche Dicke und durch
die starke Ausbildung aller Höcker, Gräten und Leisten, die dem Ansatze
der Muskeln dienen, aus. In dem anatomischen Museum von Bonn befinden
sich als sogenannte Riesenknochen zwei Oberschenkelbeine aus neuerer
Zeit, mit denen die vorliegenden an Dicke ziemlich genau übereinstimmen,
wiewohl sie an Länge von jenen übertroffen werden.

                                Riesenknochen      Fossile Knochen

  Länge                          542mm=21,4''       438mm=17,4''.
  Durchmesser des Ober-
  schenkelkopfes                  54mm= 2,14''       53mm= 2,0''.
  Durchmesser des untern
  Gelenkendes von einem
  Condylus zum andern             89mm= 3,5''        87mm= 3,4''.
  Durchmesser des Ober-
  schenkelknochens in der
  Mitte                           33mm= 1,2''        30mm= 1,1''.

2) Ein ganz erhaltener Oberarmknochen, dessen Grösse ihn als zu den
Oberschenkelknochen gehörig erkennen lässt.

Länge des Oberarmbeins 312mm = 12,3''. Dicke in der Mitte desselben
26mm = 1,0''. Durchmesser des Gelenkkopfes 49mm = 1,9''.

Ferner eine vollständige rechte Speiche von entsprechender Grösse und
das obere Drittheil eines rechten Ellenbogenbeins, welches zum
Oberarmbein und zur Speiche passt.

3) Ein linkes Oberarmbein, an dem das obere Drittheil fehlt, und welches
so viel dünner ist, dass es von einem andern Menschen herzurühren
scheint; ein linkes Ellenbogenbein, das zwar vollständig aber krankhaft
verbildet ist, indem der Proc. coronoideus durch Exostose so vergrössert
ist, dass die Beugung gegen den Oberarmknochen, dessen zur Aufnahme
jenes Fortsatzes bestimmte Fossa ant. major auch durch Knochenwucherung
geschwunden ist, nur bis zum rechten Winkel möglich war. Dabei ist der
Proc. anconaeus stark nach unten gekrümmt. Da der Knochen keine Spuren
rhachitischer Erkrankung zeigt, so ist anzunehmen, dass eine Verletzung
während des Lebens Ursache der Ankylose war. Diese linke Ulna mit dem
rechten Radius verglichen lässt auf den ersten Blick vermuthen, dass
beide Knochen verschiedenen Individuen angehört haben, denn die Ulna ist
für die Verbindung mit einem solchen Radius um mehr als einen halben
Zoll zu kurz. Aber es ist klar, dass diese Verkürzung, sowie die
Schwäche des linken Oberarmbeins Folgen der angeführten krankhaften
Bildung sind.

4) Ein linkes Darmbein, fast vollständig und zu dem Oberschenkelknochen
gehörig, ein Bruchstück des rechten Schulterblattes, ein fast
vollständiges rechtes Schlüsselbein, das vordere Ende einer Rippe
rechter Seite und dasselbe einer Rippe linker Seite, endlich zwei kurze
hintere und ein mittleres Rippenstück, die ihrer ungewöhnlichen
abgerundeten Form und starken Krümmung wegen fast mehr Aehnlichkeit mit
den Rippen eines Fleischfressers als mit denen des Menschen haben. Doch
wagte auch Herr H. v. =Meyer=, um dessen Urtheil ich gebeten, nicht, sie
für Thierrippen zu erklären, und es bleibt nur anzunehmen übrig, dass
eine ungewöhnlich stark entwickelte Muskulatur des Thorax diese
Abweichung der Form bedingt hat.

Die Knochen kleben sehr stark an der Zunge, der Knochenknorpel ist
indessen, wie die chemische Behandlung desselben mit Salzsäure lehrt,
zum grössten Theil erhalten, nur scheint derselbe jene Umwandlung in
Leim erfahren zu haben, welche v. =Bibra= an fossilen Knochen beobachtet
hat. Die Oberfläche aller Knochen ist an vielen Stellen mit kleinen
schwarzen Flecken bedeckt, die, namentlich mit der Loupe betrachtet,
sich als sehr zierliche Dendriten erkennen lassen und zuerst vom Herrn
Geheimrath Professor Dr. =Mayer= hierselbst an denselben beobachtet
worden sind. Auf der innern Seite der Schädelknochen sind sie am
deutlichsten. Sie bestehen aus einer Eisenverbindung und ihre schwarze
Farbe lässt Mangan als Bestandtheil vermuthen. Derartige dendritische
Bildungen finden sich nicht selten auch auf Gesteinschichten und kommen
meist auf kleinen Rissen und Spalten hervor. =Mayer= theilte in der
Sitzung der niederrheinischen Gesellschaft in Bonn am 1. April 1857 mit,
dass er im Museum zu Poppelsdorf an mehreren fossilen Thierknochen,
namentlich von _Ursus spelaeus_, solche dendritische Krystallisationen
gefunden habe, am zahlreichsten und schönsten aber an den fossilen
Knochen und Zähnen von _Equus adamiticus_, _Elephas primigenius_ etc.
aus den Höhlen von Balve und Sundwig; eine schwache Andeutung solcher
Dendriten zeigte sich an einem Römerschädel aus Siegburg, während andere
alte Schädel, die Jahrhunderte lang in der Erde gelegen, keine Spur
derselben zeigten[48]. Herrn H. v. =Meyer= verdanke ich darüber folgende
briefliche Bemerkung:

»Interessant ist die bereits begonnene Dendritenbildung, die ehedem als
ein Zeichen wirklich fossilen Zustandes angesehen wurde. Man glaubte
namentlich bei Diluvialablagerungen sich der Dendriten bedienen zu
können, um etwa später dem Diluvium beigemengte Knochen von den wirklich
diluvialen mit Sicherheit zu unterscheiden, indem man die Dendriten
ersteren absprach. Doch habe ich mich längst überzeugt, dass weder der
Mangel an Dendriten für die Jugend noch deren Gegenwart für höheres
Alter einen sicheren Beweis abgiebt. Ich habe selbst auf Papier, das
kaum über ein Jahr alt sein konnte, Dendriten wahrgenommen, die von
denen auf fossilen Knochen nicht zu unterscheiden waren. So besitze ich
auch einen Hundeschädel aus der römischen Niederlassung des benachbarten
Heddersheim, Castrum Hadrianum, der von den fossilen Knochen aus den
fränkischen Höhlen sich in nichts unterscheidet; er zeigt dieselbe Farbe
und haftet an der Zunge wie diese, so dass auch dieses Kennzeichen,
welches auf der frühern Versammlung der deutschen Naturforscher in Bonn
zu ergötzlichen Scenen zwischen =Buckland= und =Schmerling= führte,
seinen Werth verloren hat. Es lässt sich sonach in streitigen Fällen
kaum durch die Beschaffenheit des Knochens mit Sicherheit entscheiden,
ob er fossil, eigentlich ob ihm ein geologisches Alter zustehe oder ob
er aus historischer Zeit stamme.«

Da wir die Vorwelt nicht mehr wie einen ganz andern Zustand der Dinge
betrachten können, aus dem kein Uebergang in das organische Leben der
Gegenwart stattfand, so hat die Bezeichnung der Fossilität eines
Knochens nicht mehr den Sinn wie zu =Cuvier's= Zeit. Es sind der Gründe
genug vorhanden für die Annahme, dass der Mensch schon mit den Thieren
des Diluviums gelebt hat, und mancher rohe Stamm mag vor aller
geschichtlichen Zeit mit den Thieren des Urwaldes verschwunden sein,
während die durch Bildung veredelten Rassen das Geschlecht erhalten
haben. Die vorliegenden Knochen besitzen Eigenschaften, die, wiewohl sie
nicht entscheidend für ein geologisches Alter sind, doch jedenfalls für
ein sehr hohes Alter derselben sprechen. Es sei noch bemerkt, dass, so
gewöhnlich auch das Vorkommen diluvialer Thierknochen in den
Lehmablagerungen der Kalkhöhlen ist, solche bis jetzt in den Höhlen des
Neanderthals nicht gefunden worden sind, und dass die Knochen unter
einem nur 4 bis 5 Fuss mächtigen Lehmlager ohne eine schützende
Stalagmitendecke den grössten Theil ihrer organischen Substanz behalten
haben.

Diese Umstände können gegen die Wahrscheinlichkeit eines geologischen
Alters angeführt werden. Auch würde es nicht zu rechtfertigen sein, in
dem Schädelbau etwa den rohesten Urtypus des Menschengeschlechts
erkennen zu wollen, denn es giebt von den lebenden Wilden Schädel, die,
wenn sie auch eine so auffallende Stirnbildung, die in der That an das
Gesicht der grossen Affen erinnert, nicht aufweisen, doch in anderer
Beziehung, z. B. in der grössern Tiefe der Schädelgruben und den
grätenartig vorspringenden Schläfenlinien und einer im Ganzen kleinern
Schädelhöhle, auf einer ebenso tiefen Stufe der Entwickelung stehen. Die
stark eingedrückte Stirn für eine künstliche Abflachung zu halten, wie
sie bei rohen Völkern der neuen und alten Welt vielfach geübt wurde,
dazu fehlt jeder Anlass, der Schädel ist ganz symmetrisch gebildet,
während nach =Morton= an den Flachköpfen des Columbia Stirn- und
Scheitelbeine immer unsymmetrisch sind, und zeigt keine Spur eines
Gegendruckes in der Hinterhauptsgegend. Seine Bildung zeigt jene geringe
Entwickelung des Vorderkopfes, die so häufig schon an sehr alten
Schädeln gefunden wurde und einer der sprechendsten Beweise für den
Einfluss der Cultur und Civilisation auf die Gestalt des menschlichen
Schädels ist.«

An einer spätern Stelle bemerkt Dr. Schaaffhausen:

»Die ungewöhnliche Entwickelung der Stirnhöhlen an dem so merkwürdigen
Schädel aus dem Neanderthale nur für eine individuelle oder
pathologische Abweichung zu halten, dazu fehlt ebenfalls jeder Grund;
sie ist unverkennbar ein Rassentypus und steht mit der auffallenden
Stärke der übrigen Knochen des Skelets, welche das gewöhnliche Maass um
etwa 1/3 übertrifft, in einem physiologischen Zusammenhange. Diese
Ausdehnung der Stirnhöhlen, welche Anhänge der Athemwege sind, deutet
ebenso auf eine ungewöhnliche Kraft und Ausdauer der Körperbewegungen,
wie die Stärke aller Gräten und Leisten, welche dem Ansatze der Muskeln
dienen, an diesen Knochen darauf schliessen lässt. Dass grosse
Stirnhöhlen und eine dadurch veranlasste stärkere Wölbung der untern
Stirngegend diese Bedeutung haben, wird durch andere Beobachtungen
vielfach bestätigt. Dadurch unterscheidet sich nach =Pallas= das
verwilderte Pferd vom zahmen, nach =Cuvier= der fossile Höhlenbär von
jeder jetzt lebenden Bärenart, nach =Roulin= das in Amerika verwilderte
und dem Eber wieder ähnlich gewordene Schwein von dem zahmen, die Gemse
von der Ziege, endlich die durch den starken Knochen- und Muskelbau
ausgezeichnete Bulldogge von allen anderen Hunden. An dem vorliegenden
Schädel den Gesichtswinkel zu bestimmen, der nach R. =Owen= auch bei den
grossen Affen wegen der stark vorstehenden obern Augenhöhlengräte schwer
anzugeben ist, wird noch dadurch erschwert, weil sowohl die Ohröffnung
als der Nasenstachel fehlt; benutzt man die zum Theil erhaltene obere
Augenhöhlenwand zur richtigen Stellung des Schädels gegen die
Horizontalebene und legt man die aufsteigende Linie an die Stirnfläche
hinter dem Wulste der Augenbrauenbogen, so beträgt der Gesichtswinkel
nicht mehr als 56°[49]. Leider ist nichts von den Gesichtsknochen
erhalten, deren Bildung für die Gestalt und den Ausdruck des Kopfes so
bestimmend ist. Die Schädelhöhle lässt mit Rücksicht auf die ungemeine
Kraft des Körperbaues auf eine geringe Hirnentwickelung schliessen. Die
Hirnschale fasst 31 Unzen Hirse; da für die ganze Hirnhöhle nach
Verhältniss der fehlenden Knochen des Schädelgrundes etwa 6 Unzen
hinzuzurechnen wären, so würde sich ein Schädelinhalt von 37 Unzen Hirse
ergeben. =Tiedemann= giebt für den Schädelinhalt von Negern 40, 38 und
35 Unzen Hirse an, Wasser fasst die Hirnschale etwas mehr als 36 Unzen,
welche einem Inhalt von 1033,24 Cubikcentim. entsprechen. =Huschke=
führt den Schädelinhalt einer Negerin mit 1127 Cubikcentim., den eines
alten Negers mit 1146 Cubikcentim. an. Der Inhalt von Malaienschädeln
mit Wasser gemessen ergab 30 bis 33 Unzen, der der klein gebauten Hindus
vermindert sich sogar bis zu 27 Unzen.«

Nach Vergleichung des Neanderthal-Schädels mit vielen anderen alten und
neuen kommt Professor Schaaffhausen zu dem Schlusse:

»Die menschlichen Gebeine und der Schädel aus dem Neanderthale
übertreffen aber alle die anderen an jenen Eigenthümlichkeiten der
Bildung, die auf ein rohes und wildes Volk schliessen lassen; sie
dürfen, sei nun die Kalkhöhle, in der sie ohne jede Spur menschlicher
Cultur gefunden worden sind, der Ort ihrer Bestattung, oder seien sie,
wie anderwärts die Knochen erloschener Thiergeschlechter, in dieselbe
hineingeschwemmt worden, für das älteste Denkmal der früheren Bewohner
Europas gehalten werden.«

Mr. Busk, der Uebersetzer der Schaaffhausen'schen Abhandlung, hat uns in
den Stand gesetzt, uns eine lebhafte Vorstellung von dem niedern
Charakter des Neanderthal-Schädels zu machen, dadurch, dass er neben die
Umrisse desselben die eines Chimpanze in derselben absoluten Grösse
gestellt hat.

[Illustration: Fig. 25. Der Schädel aus der Neanderthalhöhle. _A_ Ansicht
von der Seite, _B_ von vorn, _C_ von oben. Halbe natürliche Grösse. Die
Umrisse nach Camera lucida-Zeichnungen von Mr. Busk in halber natürlicher
Grösse, die Details nach dem Abgusse und Dr. Fuhlrott's Photographien. _a_
Glabella, _b_ Hinterhauptshöcker, _d_ Lambdanaht.]

Einige Zeit nach Veröffentlichung der Uebersetzung von Schaaffhausen's
Abhandlung wurde ich auf ein noch aufmerksameres Studium des
Neanderthal-Schädels geführt, als ich ihm vorher gewidmet hatte, da ich
Sir Charles Lyell mit einer Zeichnung zu versehen wünschte, welche die
Eigenthümlichkeiten dieses Schädels im Vergleich mit anderen
menschlichen Schädeln darböte[50]. Um dies zu thun, war es nothwendig,
diejenigen Punkte an den Schädeln präcis zu bestimmen, die sich
anatomisch entsprachen. Von diesen Punkten war die Glabella deutlich
genug; als ich aber einen zweiten durch den Hinterhauptshöcker und die
obere halbkreisförmige Linie bestimmt und den Umriss des
Neanderthal-Schädels so auf den des Schädels von Engis gelegt hatte,
dass Glabella und Hinterhauptshöcker beider von derselben geraden Linie
durchschnitten wurden, war der Unterschied so enorm und die Abplattung
des Neanderthal-Schädels so ungeheuer (vergl. Fig. 23 und Fig. 25 A),
dass ich zuerst glaubte, irgend einen Fehler begangen zu haben. Und ich
war um so mehr geneigt, dies zu vermuthen, als bei gewöhnlichen
menschlichen Schädeln der Hinterhauptshöcker und die obere
halbkreisförmig gebogene Linie auf der äussern Oberfläche des
Hinterhaupts ziemlich genau den seitlichen Sinus und der Ansatzlinie des
Tentorium innen entsprechen. Auf dem Tentorium ruht aber, wie ich in der
zweiten Abhandlung gezeigt habe, der hintere Lappen des Gehirns; und
daher geben annähernd der Hinterhauptshöcker und die fragliche gebogene
Linie die untere Grenze dieses Lappens an. War es möglich, dass ein
menschliches Wesen ein so abgeplattetes und deprimirtes Gehirn hatte;
oder hatten die Muskelleisten ihre Lage verändert? Um diese Zweifel zu
lösen und die Frage zu entscheiden, ob die starken Augenbrauenvorsprünge
von der Entwickelung der Stirnhöhle abhingen oder nicht, bat ich Sir
Charles Lyell, mir von Dr. Fuhlrott, dem Besitzer des Schädels,
Antworten auf gewisse Fragen und wo möglich einen Abguss oder jedenfalls
Zeichnungen oder Photographien des Schädelinnern zu verschaffen.

[Illustration: Fig. 26. Zeichnungen nach Dr. Fuhlrott's Photographien von
inneren Theilen des Neanderthal-Schädels. _A_ Ansicht der untern und innern
Oberfläche der Stirngegend mit den unteren Mündungen der Stirnhöhle (_a_).
_B_ Entsprechende Ansicht der Hinterhauptsgegend des Schädels mit den
Eindrücken der seitlichen Sinus (_aa_).]

Dr. Fuhlrott antwortete mit einer Bereitwilligkeit und Freundlichkeit,
für die ich ihm unendlich verbunden bin, auf meine Fragen und schickte
ausserdem drei ausgezeichnete Photographien. Eine derselben stellt den
Schädel von der Seite dar und nach ihr ist Fig. 25 _A_ schattirt worden.
Die zweite (Fig. 26 _A_) zeigt die weiten Mündungen der Stirnhöhlen auf
der untern Fläche des Stirntheiles des Schädels, in welche, wie Dr.
Fuhlrott schreibt, »eine Sonde einen Zoll tief eingebracht werden kann,«
und erläutert die grosse Ausdehnung der Augenbrauenhöcker über die
Schädelhöhle hinaus. Endlich die dritte (Fig. 26 _B_) stellt den Rand
und das Innere des hintern oder Occipitaltheiles des Schädels dar und
zeigt sehr deutlich die beiden Eindrücke für die seitlichen Sinus, die
sich nach innen gegen die Mittellinie des Schädeldaches wenden, um den
longitudinalen Sinus zu bilden. Es war daher klar, dass ich mich in
meiner Erklärung nicht geirrt hatte und dass der hintere Lappen des
Gehirns beim Neanderthal-Menschen so abgeplattet gewesen sein muss, wie
ich es vermuthete.

In der That hat der Neanderthal-Schädel ganz ausserordentliche
Charaktere. Seine grösste Länge beträgt 8 Zoll, die Breite dagegen nur
5,75 Zoll; oder mit anderen Worten, die Länge verhält sich zur Breite
wie 100:72. Er ist ausnehmend flach, von der Glabello-Occipitallinie ist
er bis zum Scheitel nur 3,4 Zoll hoch. Der Längenbogen beträgt, in
derselben Weise wie beim Schädel von Engis gemessen, 12 Zoll; der quere
Bogen kann wegen des Fehlens der Schläfenbeine nicht genau gemessen
werden, betrug aber wohl ungefähr dasselbe, und sicher mehr als 10¼
Zoll. Der Horizontalumfang ist 23 Zoll. Dieser grosse Umfang rührt zu
einem bedeutenden Theile von den Augenbrauenhöckern her, obgleich der
Umfang der Gehirnkapsel selbst nicht klein ist. Die grossen
Augenbrauenhöcker geben der Stirn einen viel mehr zurücktretenden
Anschein, als sein innerer Umriss zeigen würde.

Für ein anatomisches Auge ist der hintere Schädeltheil selbst noch
auffallender als der vordere. Der Hinterhauptshöcker nimmt das äusserste
hintere Ende des Schädels ein, wenn die Glabello-Occipitallinie
horizontal gestellt wird. Und anstatt dass irgend ein Theil der
Hinterhauptsgegend über ihn hinausreichte, steigt diese Gegend schräg
nach vorn und oben, so dass die Lambdanaht ganz auf der obern Fläche des
Schädels liegt. Gleichzeitig ist trotz der grossen Länge des Schädels
die Pfeilnaht merkwürdig kurz (4½ Zoll) und die Schuppennaht sehr
gerade.

In Beantwortung meiner Fragen schreibt Dr. Fuhlrott, dass »das
Hinterhauptsbein bis zur obern halbkreisförmigen Linie in einem Zustande
vollkommener Erhaltung ist. Diese Linie ist eine sehr starke Leiste,
linear an ihren Enden, aber nach der Mitte breit werdend und hier zwei
Leisten bildend, welche durch eine lineare, in der Mitte eingedrückte
Verlängerung verbunden werden.«

»Unter der linken Leiste zeigt der Knochen eine schräg geneigte Fläche,
sechs (Pariser) Linien lang und zwölf breit.«

Dies muss die Fläche sein, deren Contour in Fig. 25 A, unterhalb _b_,
angegeben ist. Sie ist besonders interessant, als sie uns trotz der
flachen Beschaffenheit des Hinterhaupts vermuthen lässt, dass die
hinteren Lappen des grossen Gehirns beträchtlich über das kleine Gehirn
hinausgeragt haben müssen, und als sie einen unter mehreren Punkten
darbietet, in denen eine Aehnlichkeit zwischen dem Neanderthal-Schädel
und gewissen australischen Schädeln besteht.

                    *       *       *       *       *

Dergestalt sind die beiden bestgekannten Formen von Menschenschädeln,
welche in einem ganz gut fossil zu nennenden Zustande gefunden worden
sind. Lässt sich nun zeigen, dass einer von ihnen den anatomischen
Abstand zwischen Menschen und menschenähnlichen Affen ausfüllt oder in
einer merkbaren Weise verkleinert? Oder weicht dagegen keiner weiter von
der mittleren Bildung des menschlichen Schädels ab, als man von normal
gebauten menschlichen Schädeln der Jetztzeit weiss?

Man kann sich unmöglich über diese Frage irgend eine Meinung bilden,
ohne vorher sich ungefähr mit dem Umfange der vom menschlichen Bau im
Allgemeinen dargebotenen Variationen bekannt gemacht zu haben. Dies ist
aber ein nur unvollständig untersuchter Gegenstand; und die mir hier
gesteckten Grenzen erlauben mir selbst von dem, was bekannt ist, nur
eine sehr unvollkommene Skizze zu geben.

Wer sich mit Anatomie beschäftigt, weiss sehr wohl, dass es nicht ein
einziges Organ des menschlichen Körpers giebt, dessen Bau nicht bei
verschiedenen Individuen bedeutender oder geringer variire. Das Skelet
variirt in den Proportionen, und in einer gewissen Ausdehnung selbst in
den Verbindungen seiner Knochentheile. Die Muskeln, welche die Knochen
bewegen, variiren bedeutend in ihren Ansätzen. Die Varietäten in der
Verbreitungsweise der Arterien sind, wegen der praktischen Bedeutung der
Kenntniss ihrer Veränderungen für den Wundarzt, sorgfältig classificirt
worden. Die Charaktere des Gehirns variiren unendlich; nichts ist
weniger constant als die Form und Grösse der Grosshirnhemisphären und
der Reichthum der Windungen an ihrer Oberfläche. Die veränderlichsten
Gebilde aber von allen am menschlichen Gehirn sind gerade diejenigen,
welche man unkluger Weise als die unterscheidenden Merkmale des Menschen
anzusehn versucht hat, nämlich das hintere Horn des Seitenventrikels,
der Hippocampus minor und der Grad des Vorspringens der hinteren Lappen
über das kleine Gehirn. Endlich weiss alle Welt, dass die Haut und das
Haar bei Menschen die ausserordentlichsten Verschiedenheiten in Farbe
und Textur darbieten können.

So weit unsere jetzige Kenntniss reicht, ist die Mehrzahl der hier
angedeuteten anatomischen Varietäten individuell. Die affenähnliche
Anordnung gewisser Muskeln, die man gelegentlich bei den weissen
Menschenrassen findet[51], ist, so viel wir wissen, unter Negern und
Australiern nicht gewöhnlicher. Ebenso wenig sind wir berechtigt, --
weil man fand, dass das Gehirn der Hottentotten-Venus glätter war,
symmetrischer angeordnete Windungen hatte und insoweit affenähnlicher
war als das gewöhnliche europäische, -- nun hieraus zu schliessen, dass
eine ähnliche Bildung des Gehirns unter den niederen Menschenrassen
allgemein vorherrsche, wie wahrscheinlich auch ein solcher Schluss sein
mag.

In Bezug auf die Kenntniss von der Anordnung und Form der weichen und
zerstörbaren Theile bei allen Menschenrassen ausser unserer eigenen sind
wir allerdings traurig bestellt. In Bezug selbst auf das Skelet sind
unsere Museen beklagenswerther Weise lückenhaft, mit Ausnahme des
Schädels. Schädel giebt es genug; und seit Blumenbach und Camper zuerst
die Aufmerksamkeit auf die ausgeprägten und sonderbaren
Verschiedenheiten, die die Schädel darbieten, hinlenkten, ist
Schädelsammeln und Schädelmessen ein eifrig betriebener Zweig der
Naturgeschichte geworden. Seine Resultate sind von verschiedenen
Schriftstellern zusammengestellt und classificirt worden, unter denen
der verstorbene Retzius stets zuerst genannt werden muss.

[Illustration: Fig. 27. Ansicht von der Seite und von vorn des runden und
orthognathen Schädels eines Kalmucken, nach von Baer, 1/3 nat. Gr.]

Man hat gefunden, dass die menschlichen Schädel nicht bloss in ihrer
absoluten Grösse und in dem absoluten Inhalte ihrer Schädelkapsel von
einander abweichen, sondern auch in den Verhältnissen, welche die
Durchmesser der letzteren zu einander zeigen, in der relativen Grösse
der Gesichtsknochen (besonders der Kiefer und Zähne) im Vergleich mit
denen des Schädels, in dem Grade, in welchem der Oberkiefer (dem
natürlich der untere folgt) unter den vordern Theil der Schädelkapsel
nach hinten und unten, oder vor dieselbe nach vorn und oben rückt. Sie
weichen ferner von einander ab in den Verhältnissen des queren
Durchmessers des Gesichts, durch die Wangenbeine gemessen, zum queren
Durchmesser des Schädels, in der mehr abgerundeten oder mehr
giebelförmigen Gestalt des Schädeldaches und in dem Grade, bis zu
welchem der hintere Theil des Schädels abgeflacht ist oder über die
Leiste vorspringt, an und unter welcher sich die Nackenmuskeln ansetzen.

Bei manchen Schädeln kann man die eigentliche Schädelkapsel _rund_
nennen, die grösste Länge verhält sich zur grössten Breite wie 100:80,
zuweilen ist sogar der Unterschied noch geringer[52]. Menschen mit
solchen Schädeln nennt Retzius »_brachycephalisch_«; der Schädel eines
Kalmucken, von dem eine seitliche und vordere Ansicht in Von Baer's
»Crania selecta« gegeben ist (hiernach die verkleinerten Umrissfiguren
in Fig. 27), bietet ein ausgezeichnetes Beispiel dieser Schädelform dar.
Andere Schädel, wie der in Fig. 28 nach Busk's »Crania typica« copirte
Negerschädel, haben eine hiervon sehr verschiedene, bedeutend
verlängerte Form und können _oblong_ genannt werden. Bei diesem Schädel
verhält sich die grösste Breite zur grössten Länge wie 67:100, und der
Querdurchmesser kann selbst noch unter dies Verhältniss sinken. Leute
mit solchen Schädeln nennt Retzius »_dolichocephalisch_«.

[Illustration: Fig. 28. Oblonger und prognather Schädel eines Negers;
seitliche und vordere Ansicht. 1/3 nat. Gr.]

Selbst der flüchtigste Blick auf die Seitenansicht dieser beiden
Schädel genügt zu dem Nachweis, dass sie noch in einer andern Hinsicht
sehr auffallend differiren. Das Profil des Kalmuckengesichts ist fast
senkrecht, die Gesichtsknochen treten abwärts unter den vordern Theil
des Schädels. Das Profil des Negers dagegen ist merkwürdig geneigt, der
vordere Theil der Kinnladen springt weit über das Niveau des vordern
Theils des Schädels nach vorn vor. Im erstern Fall sagt man, der Schädel
ist »_orthognath_« oder geradkiefrig; im letztern wird er »_prognath_«
genannt, eine Bezeichnung, die mit mehr Kraft als Eleganz durch
»schnauzig« wiedergegeben werden könnte.

Es sind verschiedene Methoden angegeben worden, um mit Genauigkeit den
Grad des Prognathismus oder Orthognathismus eines gegebenen Schädels zu
bestimmen; die meisten dieser Methoden sind wesentlich Modificationen
der von Camper zur Bestimmung des sogenannten »Gesichtswinkels«
angegebenen.

Eine kurze Betrachtung zeigt aber, dass alle angegebenen Gesichtswinkel
nur in einer rohen und allgemeinen Weise die anatomischen Modificationen
ausdrücken können, die beim Prognathismus und Orthognathismus auftreten.
Denn die Linien, deren Durchschneidung der Gesichtswinkel bildet, sind
durch Punkte am Schädel gezogen, deren Lage durch eine Anzahl von
Umständen modificirt wird. Der so erhaltene Winkel ist daher das
complicirte Resultat aller dieser Umstände und nicht der Ausdruck irgend
einer organischen Beziehung der Schädeltheile zu einander.

Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, dass keine Vergleichung von
Schädeln viel werth ist, welche nicht auf die Bestimmung einer
verhältnissmässig fixirten Grundlinie zurückgeführt wird, auf welche in
allen Fällen die Messungen bezogen werden müssen. Ich halte es auch für
nicht sehr schwierig zu bestimmen, welches diese Grundlinie sein sollte.
Die Theile des Schädels sind wie die übrigen Theile des thierischen
Körpers nach einander entwickelt: die Schädelbasis wird eher gebildet
als die Seiten und das Dach des Schädels; eher und vollständiger als
die letzten wird sie in Knorpel verwandelt; und diese knorplige Basis
ossificirt und verschmilzt in ein Stück lange vor dem Dache des
Schädels. Ich bin daher der Ansicht, dass die Schädelbasis aus ihrer
Entwickelung als der relativ fixirte Theil des Schädels nachzuweisen
ist, während die Seiten und die Decke relativ beweglich sind.

Dasselbe zeigt sich als richtig bei einem Studium der Modificationen,
welche der Schädel, von den niederen Thieren zu den höheren aufsteigend,
erleidet.

Bei einem Säugethier wie dem Biber (Fig. 29) ist eine durch die
Basioccipital, hinteres und vorderes Keilbein genannten Knochen gezogene
Linie (_ab_) sehr lang im Verhältniss zur grössten Länge der die
Grosshirnhemisphären enthaltenden Höhle (_gh_). Die Ebene des
Hinterhauptsloches (_bc_) bildet einen wenig spitzen Winkel mit dieser
Schädelbasisaxe, während die Ebene des Tentorium (_iT_) gegen die
Schädelbasisaxe um etwas mehr als 90° geneigt ist; ebenso die Siebplatte
(_ad_), durch welche die Riechnervenfäden den Schädel verlassen. Ferner
bildet eine durch die Gesichtsaxe, zwischen den Ethmoid und Pflugschar
genannten Knochen gezogene Linie, die »Gesichtsbasisaxe« (_fe_), einen
äusserst stumpfen Winkel mit der Schädelbasisaxe, wenn sie bis zum
Durchschneiden dieser verlängert wird.

Wird der von den Linien _bc_ und _ab_ gebildete Winkel der
»Hinterhauptswinkel«, der von den Linien _ad_ mit _ab_ gebildete der
»Siebbeinwinkel«, und der von _iT_ mit _ab_ gebildete der
»Hirnzeltwinkel« genannt, dann bilden alle diese bei dem in Rede
stehenden Säugethiere nahezu rechte Winkel, sie schwanken zwischen 80
und 110°. Der Winkel _efb_ oder der von der Schädelbasis mit der
Gesichtsaxe gebildete, Schädelgesichtswinkel zu nennende, ist äusserst
stumpf und beträgt beim Biber wenigstens 150°.

[Illustration: Fig. 29. Längen- und senkrechte Schnitte der Schädel eines
Bibers (Castor canadensis), eines Lemur (L. catta) und eines Pavian
(Cynocephalus Papio); _ab_ Schädelbasisaxe; _bc_ Hinterhauptsebene; _iT_
Ebene des Tentorium; _ad_ Siebbeinebene; _fe_ Gesichtsbasisaxe; _cba_
Hinterhauptswinkel; _Tia_ Hirnzeltwinkel; _dab_ Siebbeinwinkel; _efb_
Schädelgesichtswinkel; _gh_ grösste Länge der die Grosshirnhemisphären
aufnehmenden Höhle oder »Grosshirnlänge«. Die Länge der Schädelbasisaxe zu
dieser Länge, oder mit anderen Worten die relative Länge der Linie _gh_ zu
der Linie _ab_, diese gleich 100, ist in den drei Schädeln, wie folgt:
Biber 70:100, Lemur 119:100, Pavian 144:100; bei einem erwachsenen Gorilla
wie 170:100, beim Neger (Fig. 30) wie 236:100, bei dem Constantinopolitaner
Schädel (Fig. 30) wie 266:100. Der Schädelunterschied zwischen den höchsten
Affen und den niedrigsten Menschen springt daher durch diese Messungen sehr
in die Augen. -- In der Zeichnung des Pavianschädels geben die punktirten
Linien _d_^1 _d_^2 etc. die Winkel des Biber- und Lemurschädels auf die
Schädelbasisaxe des Pavian übertragen an. Die Linie _ab_ ist in allen drei
Zeichnungen gleich lang.]

Wird nun aber eine Reihe von Durchschnitten von Säugethierschädeln, in
der Mitte zwischen einem Nager und dem Menschen stehend, untersucht
(Fig. 29), so stellt sich heraus, dass bei den höheren Schädeln die
Schädelbasisaxe im Verhältniss zur Grosshirnlänge kürzer wird, dass der
Siebbeinwinkel und Hinterhauptswinkel stumpfer werden, und dass der
Schädelgesichtswinkel gewissermaassen durch das Zurückbeugen der
Gesichtsaxe auf die Schädelaxe spitzer wird. Gleichzeitig wird
das Schädeldach mehr und mehr gewölbt, um das Zunehmen der
Grosshirnhemisphären an Höhe zu gestatten, was vorzüglich
charakteristisch für den Menschen ist, ebenso wie die Ausdehnung nach
hinten über das kleine Gehirn hinaus, welche ihr Maximum in den
südamerikanischen Affen erreicht. Beim menschlichen Schädel (Fig. 30)
ist daher endlich die Grosshirnlänge zwischen zwei- und dreimal so gross
als die der Schädelbasisaxe; der Siebbeinwinkel 20° oder 30° nach der
untern Seite letzterer Axe, der Hinterhauptswinkel statt kleiner als 90°
zu sein, ist bis 150° oder 160° gross. Der Schädelgesichtswinkel kann
90° oder weniger sein und die verticale Höhe des Schädels kann
verhältnissmässig zu seiner Länge gross sein.

Aus einer Betrachtung dieser Zeichnungen wird klar, dass die
Schädelbasisaxe in der aufsteigenden Reihe der Säugethiere eine relativ
fixirte Linie ist, um welche, wie man sich ausdrücken kann, die Knochen
des Gesichts und der Seiten und Decke der Schädelhöhle sich nach unten
und nach vorn oder hinten, je nach ihrer Lage, drehen. Der von einem
Knochen oder einer Ebene beschriebene Bogen steht indess durchaus nicht
immer im Verhältniss zu dem von einem andern beschriebenen Bogen.

Wir kommen nun zu der wichtigen Frage: können wir zwischen den
niedrigsten und höchsten Formen menschlicher Schädel irgend etwas
ausfindig machen, das, in was für einem geringen Grade auch immer,
dieser Drehung der Seiten- und Deckenknochen des Schädels um die
Schädelbasisaxe entspricht, die in so bedeutendem Maasse in der
Säugethierreihe zu beobachten ist? Zahlreiche Beobachtungen führen mich
zu der Ansicht, dass wir diese Frage bejahend beantworten müssen.

[Illustration: Fig. 30. Durchschnitte von orthognathen (dünne Contour) und
prognathen (dunkle Contour) Schädeln, 1/3 nat. Gr. _ab_ Schädelbasisaxe,
_bc_, _b'c'_, Ebene des Hinterhauptsloches, _dd'_ hinteres Ende der
Gaumenknochen, _ee'_ Vorderende des Oberkiefers, _TT'_ Insertion des
Tentorium.]

Die Zeichnungen in Fig. 30 sind verkleinert nach sehr sorgfältig
gemachten Durchschnittszeichnungen von vier Schädeln, zwei runden und
orthognathen und zwei langen und prognathen, im mittleren senkrechten
Längsschnitte. Die Durchschnittszeichnungen sind aufeinander gelegt
worden, so, dass die Basalaxen der Schädel mit ihren vorderen Enden und
in ihrer Richtung und Lage zusammenfallen. Die Abweichungen der übrigen
Contouren (die nur das Innere des Schädels darstellen) zeigen die
Verschiedenheiten der Schädel von einander, wenn jene Axen als relativ
fixirte Linien betrachtet werden.

Die dunklen Contouren sind die eines Australiers und eines Negers, die
dünneren die eines Tatarenschädels, im Museum des Königl. Collegiums der
Wundärzte, und eines gut entwickelten runden Schädels, von einem
Begräbnissplatze in Constantinopel, unbestimmter Rasse, der in meinem
Besitze sich befindet.

Es wird hieraus sofort klar, dass die prognathen Schädel, was ihre
Kinnladen betrifft, von den orthognathen wirklich in derselben Weise
abweichen, wenn auch in einem viel geringern Grade, in welcher die
Schädel niederer Säugethiere von dem des Menschen verschieden sind. Es
bildet ferner die Ebene des Hinterhauptsloches (_bc_) mit der Axe in
diesen besonders prognathen Schädeln einen etwas kleinern Winkel als in
den orthognathen. Dasselbe wird auch ziemlich von der durchbohrten
Siebbeinplatte gelten, obschon dies nicht so deutlich ist. Es ist aber
sonderbar, dass in einer andern Beziehung die prognathen Schädel weniger
affenähnlich sind als die orthognathen, da in den prognathen Schädeln
die Gehirnhöhle entschieden weiter nach vorn vor das vordere Ende der
Axe vorspringt, als in den orthognathen.

Man sieht, dass diese Zeichnungen nachweisen, wie ausserordentlich gross
der Umfang ist, in dem der Rauminhalt der verschiedenen Gegenden der das
Gehirn enthaltenden Höhle und ihr relatives Verhältniss zur Schädelaxe
bei verschiedenen Schädeln variirt. Ebenso merkwürdig ist die
Verschiedenheit der Ausdehnung, in welcher die Grosshirnhöhle die Höhle
für das kleine Gehirn überragt. Ein runder Schädel (Fig. 30, Const.)
kann ein stärker nach hinten vorspringendes grosses Gehirn haben, als
ein langer (Fig. 30, Neger).

So lange bis nicht menschliche Schädel in ausgedehnter Weise nach einer
der hier vorgeschlagenen ähnlichen Weise bearbeitet worden sind, so
lange bis es nicht für eine ethnologische Sammlung eine Schande ist,
einen einzigen nicht senkrecht und längsweise aufgeschnittenen Schädel
zu besitzen, so lange bis die hier erwähnten Winkel und Maasse, mit
anderen hier nicht berührten, bestimmt und für eine grosse Zahl von
Schädeln verschiedener Rassen von Menschen mit Rücksicht auf die
Schädelbasisaxe als Einheit tabellarisch zusammengestellt sind, -- so
lange glaube ich nicht, dass wir irgend eine sichere Grundlage für jene
ethnologische Craniologie besitzen, welche danach strebt, die
anatomischen Charaktere der Schädel der verschiedenen Menschenrassen zu
geben.

Für jetzt glaube ich, dass die allgemeinen Umrisse dessen, was mit
Sicherheit über diesen Gegenstand angegeben werden kann, in wenig Worte
zusammenzufassen sind. Man ziehe auf einem Globus eine Linie von der
Goldküste in Westafrika zu den Steppen der Tatarei. Am südlichen und
westlichen Ende dieser Linie leben die meisten dolichocephalen,
prognathen, kraushaarigen, dunkelhäutigen Menschen, die wahren Neger. Am
nördlichen und östlichen Ende derselben Linie leben die meisten
brachycephalen, orthognathen, schlichthaarigen, gelbhäutigen Menschen,
die Tataren und Kalmucken. Die beiden Enden dieser Linie sind in der
That, so zu sagen, ethnologische Antipoden. Eine unter rechtem oder
beinahe rechtem Winkel auf diese polare Linie durch Europa und Südasien
bis Indien gezogene Linie würde uns eine Art Aequator geben, um welchen
rundköpfige, oval- und oblong-köpfige, prognathe und orthognathe, helle
und dunkle Rassen sich gruppiren, aber keine mit den so ausserordentlich
ausgeprägten Charakteren des Kalmucken oder Negers.

                    *       *       *       *       *

Es ist bemerkenswerth, dass die Gegenden der antipoden Rassen auch dem
Klima nach antipod sind. Der grösste Contrast, den die Erde darbietet,
findet sich zwischen den feuchten, heissen, dampfenden alluvialen
Küstenebenen der Westküste von Afrika und den trockenen hochliegenden
Steppen und Plateaus Central-Asiens, die im Winter bitter kalt und so
weit vom Meere entfernt sind, als es nur ein Theil der Erde sein kann.

Von Central-Asien aus nach Osten, einerseits bis zu den Inseln und
Subcontinenten der Südsee andererseits bis nach Amerika, nimmt die
Brachycephalie und der Orthognathismus allmählich ab, um von
Dolichocephalie und Prognathismus ersetzt zu werden. Dies findet jedoch
weniger auf dem amerikanischen Festlande statt (durch dessen ganze Länge
ein runder Schädeltypus bedeutend, aber nicht ausschliesslich
vorherrscht[53]), als in den Südseegegenden, wo zuletzt auf dem
australischen Festlande und den umliegenden Inseln der lange Schädel,
die vorstehenden Kinnladen und die dunkle Haut wiedererscheint, aber mit
so grossen Abweichungen in anderer Hinsicht vom Negertypus, dass die
Ethnologen diesem Volke den besondern Namen der »Negritos« geben.

Der australische Schädel ist merkwürdig wegen seiner Schmalheit und der
Dicke seiner Wandungen, besonders in der Gegend der Augenbrauenbogen,
welche häufig, aber durchaus nicht constant, durchweg solid, die
Stirnhöhlen dagegen unentwickelt bleiben. Die Nasaldepression ist ferner
sehr plötzlich, so dass die Brauen überhängen und dem Gesicht einen
besonders finstern, schreckenden Ausdruck geben. Auch wird die
Hinterhauptsgegend nicht selten weniger vorspringend, so dass sie nicht
nur nicht über eine senkrechte Linie hinausreicht, die man auf dem
hintern Ende der Glabello-Occipital-Linie errichtet, sondern in manchen
Fällen selbst von ihr aus beinahe unmittelbar nach vorn sich abzuflachen
beginnt.

In Folge dieses Umstandes machen die Theile ober- und unterhalb des
Hinterhaupthöckers einen viel spitzeren Winkel mit einander als
gewöhnlich, wodurch der hintere Theil des Schädels schräg abgestutzt
erscheint. Viele australische Schädel haben eine beträchtliche Höhe,
völlig der mittlern Höhe bei anderen Rassen gleich; es giebt aber
andere, bei denen die Schädeldecke merkwürdig deprimirt wird, wobei sich
der Schädel gleichzeitig so verlängert, dass sein Rauminhalt
wahrscheinlich nicht vermindert ist. Die Mehrzahl der Schädel, welche
diese Eigenthümlichkeiten aufwiesen, und die ich gesehen habe, waren aus
der Umgebung von Port Adelaide in Südaustralien und wurden von den
Eingebornen als Wassergefässe benutzt. Zu diesem Ende war das Gesicht
weggebrochen und ein Faden durch diese Höhlung und das Hinterhauptsloch
gezogen, so dass der Schädel am grössern Theile seiner Basis aufgehängt
war.

[Illustration: Fig. 31. Ein australischer Schädel von Western Port im
Museum des Royal College of Surgeons mit den Umrissen des
Neanderthal-Schädels. Beides auf 1/3 nat. Gr. verkleinert.]

Fig. 31 giebt den Umriss eines Schädels dieser Art von Western Port mit
anhängenden Kiefern und die Contouren des Neanderthal-Schädels, beides
auf ein Drittheil der natürlichen Grösse reducirt. Eine geringe Zunahme
in der Abflachung und Verlängerung mit einer entsprechenden Verdickung
des Augenbrauenhöckers würde die australische Gehirnkapsel in eine mit
dem aberranten Fossil identische Form verwandeln.

Kehren wir nun zu den fossilen Schädeln und zu der Stelle zurück, die
sie unter den existirenden Varietäten der Schädelbildung oder jenseits
derselben einnehmen. An erster Stelle muss ich bemerken, dass wir, wie
Schmerling bei Betrachtung des Schädels von Engis richtig hervorhebt,
bei der Bildung eines Urtheils durch die Abwesenheit der Kinnladen von
beiden Schädeln sehr gehindert werden, so dass wir kein Mittel haben zu
entscheiden, ob sie mehr oder weniger prognath waren, als die
niedrigeren jetzt existirenden Menschenrassen. Und doch haben wir
gesehen, dass die menschlichen Schädel, in dieser Hinsicht mehr als in
irgend einer andern, in ihrer Annäherung an eine thierische Form oder
Entfernung von einer solchen schwanken; die Schädelkapsel eines mittlern
dolichocephalen Europäers weicht viel weniger von der eines Negers z. B.
ab, als es die Kinnladen thun. Bei dem Fehlen der Kinnladen muss daher
jedes Urtheil über die Beziehungen der fossilen Schädel zu jetzt
existirenden Rassen mit einem gewissen Rückhalt angenommen werden.

Nehmen wir aber den Thatbestand, wie er ist, und wenden wir uns zuerst
zu dem Schädel von Engis, so muss ich bekennen, dass ich kein Merkmal
finden kann an den Ueberresten jenes Schädels, welches einen
zuverlässigen Schlüssel darböte zur Ermittelung der Rasse, zu der er
gehören könnte. Seine Umrisse und Maasse stimmen ganz gut mit denen
mehrerer australischen Schädel überein, die ich untersucht habe, und
besonders hat er eine Neigung zu jener Abflachung des Hinterhaupts, auf
deren grosse Ausdehnung ich bei manchen australischen Schädeln
hingewiesen habe. Aber nicht alle australischen Schädel zeigen diese
Abplattung und der Augenbrauenhöcker ist dem der typischen Australier
völlig unähnlich.

Auf der andern Seite stimmen seine Maasse gleich gut mit denen mancher
europäischen Schädel. Und sicherlich ist an keinem Theil seines Baues
ein Zeichen von Degradation bemerkbar. Er ist in der That ein guter
mittlerer menschlicher Schädel, der einem Philosophen angehört oder das
Gehirn eines gedankenlosen Wilden enthalten haben kann.

Der Fall mit dem Neanderthal-Schädel ist sehr verschieden. Von welcher
Seite wir auch diesen Schädel betrachten, mögen wir seine verticale
Abplattung, die enorme Dicke seiner Augenbrauenhöcker, sein schräges
Hinterhaupt oder seine lange und gerade Schuppennaht berücksichtigen,
wir stossen auf affenähnliche Charaktere, wodurch er zu dem
affenähnlichsten menschlichen Schädel wird, der bis jetzt entdeckt ist.
Professor Schaaffhausen giebt aber an (s. oben S. 148), dass der Schädel
in seinem jetzigen Zustand 1033,24 Cubikcentim. Wasser oder ungefähr 63
Cubikzoll enthalte, und da der vollständige kaum weniger als 12
Cubikzoll mehr enthalten haben kann, so kann sein Rauminhalt auf
ungefähr 75 Cubikzoll geschätzt werden, was die von Morton für
Polynesische und Hottentotten-Schädel gegebene mittlere Capacität ist.

Eine so grosse Gehirnmasse, wie diese, würde schon allein die Vermuthung
veranlassen, dass die affenähnlichen Beziehungen, die dieser Schädel
andeutet, nicht tief in die Organisation eingedrungen sind. Diese
Folgerung wird durch die Maasse der übrigen von Professor Schaaffhausen
gemessenen Skelettheile gerechtfertigt, welche nachweisen, dass die
absolute Höhe und relativen Verhältnisse der Gliedmaassen durchaus die
eines mittelgrossen Europäers waren. Die Knochen sind allerdings dicker,
dies ist aber, ebenso wie die starke Entwickelung von Muskelleisten, bei
Wilden zu erwarten. Die Patagonier, die ohne Schutz und Obdach einem
Klima ausgesetzt sind, das möglicher Weise nicht sehr von dem abweicht,
was zur Zeit, wo der Neanderthal-Mann lebte, in Europa herrschte, sind
ausgezeichnet durch die Dicke ihrer Extremitätenknochen.

In keiner Weise können daher die Neanderthal-Knochen als die Ueberreste
eines zwischen Affe und Mensch in der Mitte stehenden menschlichen
Wesens angesehen werden. Höchstens beweisen sie die Existenz eines
Menschen, dessen Schädel in etwas nach dem Affentypus zurückgeht, --
ebenso wie eine Brieftaube, Pfauentaube oder Purzeltaube zuweilen das
Gefieder des ursprünglichen Stammes der _Columba livia_ anlegt. Und wenn
auch der Neanderthal-Schädel der affenähnlichste aller bekannten
menschlichen Schädel ist, so ist er doch keineswegs so isolirt, wie es
anfänglich scheint, sondern bildet nur den äussersten Ausdruck einer
allmählich von ihm aus zum höchsten und best entwickelten menschlichen
Schädel führenden Reihe. Auf der einen Seite nähert er sich bedeutend
den platten australischen Schädeln, von denen ich gesprochen habe, und
von denen andere australische Formen allmählich zu Schädeln führen, die
vielmehr den Typus des Schädels von Engis haben. Auf der andern Seite
ist er selbst noch näher den Schädeln gewisser alter Stämme verwandt,
welche Dänemark während der »Steinperiode« bewohnten und entweder
Zeitgenossen oder Nachfolger der Leute waren, denen die Abraumhaufen
oder »Kjökkenmöddings« jenes Landes ihre Entstehung verdanken.

[Illustration: Fig. 32. Alter dänischer Schädel aus einem Grabhügel bei
Borreby; 1/3 nat. Gr. Nach einer Camera lucida-Zeichnung von G. Busk.]

Der Längenumriss des Neanderthal-Schädels und einiger Schädel aus den
Grabhügeln von Borreby, von denen Mr. Busk sehr genaue Zeichnungen
gemacht hat, entsprechen sich sehr nahe. Das Hinterhaupt tritt ebenso
zurück, die Augenbrauenhöcker sind beinahe ebenso vorstehend und der
Schädel ebenso niedrig. Der Borreby-Schädel gleicht ferner dem
Neanderthal-Schädel, noch mehr als irgend ein australischer Schädel es
thut, in dem viel rapideren Zurücktreten der Stirn. Auf der andern Seite
sind die Borreby-Schädel etwas breiter im Verhältniss zu ihrer Länge,
als die Neanderthal-Schädel, während manche jenes Verhältniss der Breite
zur Länge erreichen (80:100), was die Brachycephalie charakterisirt.

Zum Schluss kann ich wohl sagen, dass die bis jetzt entdeckten fossilen
Ueberreste von Menschen uns, wie mir scheint, jener pithecoiden Form
nicht merkbar näher führen, durch deren Modifikation der Mensch
vermuthlich das, was er ist, geworden ist. Ueberblicken wir das, was wir
bis jetzt über die ältesten Menschenrassen wissen; sehen wir, dass sie
Flintäxte und Flintmesser und knöcherne Spiesse fast von derselben Form
fabricirten, wie die niedrigsten Wilden der Jetztzeit, und dass wir
allen Grund zu glauben haben, dass die Gewohnheiten und die Lebensweise
solcher Völker von der Zeit des Mammuth und des tichorhinen Rhinoceros
an bis heute dieselben geblieben sind, so könnte ich nicht sagen, dass
dies Resultat anders sei, als zu erwarten gewesen war.

Wo müssen wir denn nun aber nach dem »Urmenschen« suchen? War der
älteste _Homo sapiens_ pliocen oder miocen oder noch älter? Warten in
noch älteren Schichten die fossilisirten Knochen eines Affen, mehr
menschenähnlich, oder eines Menschen, mehr affenähnlich, als alle jetzt
bekannten, auf die Untersuchungen noch nicht geborener Palaeontologen?

Die Zeit wird es lehren. Wenn aber eine Theorie der progressiven
Entwickelung in irgend welcher Form richtig ist, dann müssen wir
inzwischen die in Bezug auf das Alter der Menschheit gemachte
reichlichste Schätzung um lange Zeiträume noch verlängern.


Fußnoten:

[39] s. Sir Charles =Lyell=, The geological evidences of the Antiquity
of Man with remarks on theories of the origin of species by variation.
London 1863. 8.

[40] Decas Collectionis suae craniorum diversarum gentium illustrata.
Gottingae 1790-1820.

[41] An einer folgenden Stelle erwähnt Schmerling das Vorkommen eines
Schneidezahns von »enormer Grösse« aus den Höhlen von Engihoul. Der hier
abgebildete Zahn ist etwas lang, seine Dimensionen scheinen mir aber
sonst nicht merkwürdig zu sein.

[42] Die Abbildung dieses Schlüsselbeins misst von einem Ende zum andern
in einer geraden Linie 5 Zoll, so dass der Knochen eher klein als gross
zu nennen ist.

[43] Zur Kenntniss der ältesten Rassenschädel. Müller's Archiv, 1858. S.
453. Mit Anmerkungen und Originalzeichnungen nach Gypsabgüssen übersetzt
von =G. Busk=, in Nat. Hist. Review, April 1861.

[44] Verhandl. des naturhist. Vereins der preuss. Rheinlande und
Westphalens, XIV. Bonn, 1857.

[45] Ebendaselbst, Correspondenzblatt, Nr. 2.

[46] Mr. Busk hat darauf hingewiesen, dass dies wahrscheinlich der
Einschnitt für den Frontalnerven war.

[47] Die Nummern in Klammern beziehen sich auf die verschiedenen
Messungen nach dem Abgusse. (G. =Busk=.)

[48] Verhandl. d. Naturhist. Vereins in Bonn, XIV. 1857.

[49] Schätze ich den Gesichtswinkel in der angegebenen Weise, am Abguss,
so würde ich ihn zu 64 bis 67° angeben. (G. =Busk=.)

[50] S. die Anmerkung Huxley's zu dem oben citirten Buche Sir Charles
Lyell's, S. 80 bis 89.

[51] S. die ausgezeichnete Abhandlung von Mr. Church über die Myologie
des Orang in der Nat. Hist. Review, 1861.

[52] An keinem menschlichen Schädel übertrifft die Breite der
Schädelkapsel ihre Länge.

[53] S. die werthvolle Abhandlung von Dr. D. Wilson »on the supposed
prevalence of one Cranial type throughout the American aborigines.«
Canadian Journal, Vol. II. 1857.



                    *       *       *       *       *



Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. 3: Freund Andreas Battle -> Battell
  S. 24: Enche-éko -> Enché-eko
  S. 38: Bemühen, die letzeren -> letzteren
  S. 50: a. a. O. p. 384 -> a. a. O. S. 384
  S. 52: a. a. O. p. 365 -> a. a. O. S. 365
  S. 52: Notice of the extertnal -> external
  S. 65: sind, dem ausgegetretenen -> ausgetretenen
  S. 83: Mensch gelegentlich reizehn -> dreizehn
  S. 125: die uns diessen -> diesen
  S. 126: unterirdischer Hohöfen -> Hochöfen
  S. 130: und Vrolik's ist. -> ist.«
  S. 132: und mir selbst -> und mir selbst)
  S. 134: Unterclassen bringt!« -> Unterclassen bringt!
  S. 168: der Siebbeinwinkel 20 ->20°



The table below lists all corrections applied to the original text.

  p 3: Freund Andreas Battle -> Battell
  p 24: Enche-éko -> Enché-eko
  p 38: Bemühen, die letzeren -> letzteren
  p 50: a. a. O. p. 384 -> a. a. O. S. 384
  p 52: a. a. O. p. 365 -> a. a. O. S. 365
  p 52: Notice of the extertnal -> external
  p 65: sind, dem ausgegetretenen -> ausgetretenen
  p 83: Mensch gelegentlich reizehn -> dreizehn
  p 125: die uns diessen -> diesen
  p 126: unterirdischer Hohöfen -> Hochöfen
  p 130: und Vrolik's ist. -> ist.«
  p 132: und mir selbst -> und mir selbst)
  p 134: Unterclassen bringt!« -> Unterclassen bringt!
  p 168: der Siebbeinwinkel 20 ->20°





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