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Title: In Stahlgewittern - Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Author: Jünger, Ernst, 1895-1998
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "In Stahlgewittern - Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers" ***

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Transcriber's Note: Text that was s p a c e d - o u t in the original
has been changed to use _italics_.



In Stahlgewittern

Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Von

Ernst Jünger

Kriegsfreiwilliger, dann Leutnant und Kompagnieführer
im Füs. Regt. Prinz Albrecht v. Preußen (Hann. Nr. 73)
Leutnant im Reichswehr-Regiment Nr. 16 (Hannover)



Dritte Auflage
6.--8. Tausend

Mit dem Bilde des Verfassers
Berlin 1922 / Verlag von E. S. Mittler & Sohn



Zur Erinnerung an meine gefallenen
Kameraden.


Herrn Hermann Stegemann
in Verehrung gewidmet



Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten



Vorwort.


Noch wuchtet der Schatten des Ungeheuren über uns. Der gewaltigste der
Kriege ist uns noch zu nahe, als daß wir ihn ganz überblicken, geschweige
denn seinen Geist sichtbar auskristallisieren können. Eins hebt sich indes
immer klarer aus der Flut der Erscheinungen: Die überragende Bedeutung der
Materie. Der Krieg gipfelte in der Materialschlacht; Maschinen, Eisen und
Sprengstoff waren seine Faktoren. Selbst der Mensch wurde als Material
gewertet. Die Verbände wurden wieder und wieder an den Brennpunkten der
Front zur Schlacke zerglüht, zurückgezogen und einem schematischen
Gesundungsprozeß unterworfen. »Die Division ist reif für den Großkampf.«

Das Bild des Krieges war nüchtern, grau und rot seine Farben; das
Schlachtfeld eine Wüste den Irrsinns, in der sich das Leben kümmerlich
unter Tage fristete. Nachts wälzten sich müde Kolonnen auf zermahlenen
Straßen dem brandigen Horizont entgegen. »Licht aus!« Ruinen und Kreuze
säumten den Weg. Kein Lied erscholl, nur leise Kommandoworte und Flüche
unterbrachen das Knirschen der Riemen, das Klappern von Gewehr und
Schanzzeug. Verschwommene Schatten tauchten aus den Rändern zerstampfter
Dörfer in endlose Laufgräben.

Nicht wie früher umrauschte Regimentsmusik ins Gefecht ziehende Kompagnien.
Das wäre Hohn gewesen. Keine Fahnen schwammen wie einst im Pulverdampf über
zerhackten Karrees, das Morgenrot leuchtete keinem fröhlichen Reitertage,
nicht ritterlichem Fechten und Sterben. Selten umwand der Lorbeer die Stirn
des Würdigen.

Und doch hat auch dieser Krieg seine Männer und seine Romantik gehabt!
Helden, wenn das Wort nicht wohlfeil geworden wäre. Draufgänger,
unbekannte, eherne Gesellen, denen es nicht vergönnt war, vor aller Augen
sich an der eigenen Kühnheit zu berauschen. Einsam standen sie im Gewitter
der Schlacht, wenn der Tod als roter Ritter mit Flammenhufen durch wallende
Nebel galoppierte. Ihr Horizont war der Rand eines Trichters, ihre Stütze
das Gefühl der Pflicht, der Ehre und des inneren Wertes. Sie waren
Überwinder der Furcht; selten ward ihnen die Erlösung, dem Feinde in die
Augen blicken zu können, nachdem alles Schreckliche sich zum letzten Gipfel
getürmt und ihnen die Welt in blutrote Schleier gehüllt hatte. Dann ragten
sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, Meister des
Sprengstoffs. Dann wüteten ihre Urtriebe mit kompliziertesten Mitteln der
Vernichtung.

Doch auch wenn die Mühle des Krieges ruhiger lief, waren sie
bewundernswert. Ihre Tage verbrachten sie in den Eingeweiden der Erde, vom
Schimmel umwest, gefoltert vom ewigen Uhrwerk fallender Tropfen. Wenn die
Sonne hinter gezackten Schattenrissen von Ruinen versankt, entklirrten sie
dem Pesthauch schwarzer Höhlen, nahmen ihre Wühlarbeit wieder auf oder
standen, eiserne Pfeiler, nächtelang hinter den Wällen der Gräben und
starrten in das kalte Silber zischender Leuchtkugeln. Oder sie schlichen
als Jäger über klickenden Draht in die Öde des Niemandslandes. Oft
zerrissen jähe Blitze das Dunkel, Schüsse knallten und ein Schrei verwehte
ins Unbekannte. So arbeiteten und kämpften sie, schlecht verpflegt und
bekleidet, als geduldige, eisenbeladene Tagelöhner des Todes.

Manchmal kamen sie zurück, standen verträumt auf den Asphaltmeeren der
Städte und schauten ungläubig auf das Leben, das strudelnd in seinen
gewohnten Bahnen floß. Dann stürzten sie sich hinein, um keine Minute der
kurzen Tage ungenützt verfließen zu lassen, tranken und küßten. Mit der
ihnen Lebensform gewordenen Rücksichtslosigkeit schwangen sie in tollen
Nächten den Becher, bis ihnen die Welt versank. Da ließ man die gefallenen
Freunde leben und schierte sich den Teufel um den nächsten Tag. Und dann
ging es wieder auf den gewohnten Straßen der Brandung zu.

Das war der deutsche Infanterist im Kriege. Gleichviel wofür er kämpfte,
sein Kampf war übermenschlich. Die Söhne waren über ihr Volk
hinausgewachsen. Mit bitterem Lächeln lasen sie das triviale
Zeitungsgewäsch, die ausgelaugten Worte von Helden und Heldentod. Sie
wollten nicht diesen Dank, sie wollten Verständnis. Kein Dank kann groß
genug sein. Ein Bild: der höchste Alpengipfel, ausgehauen zu einem Gesicht
unter wuchtendem Stahlhelm, das still und ernst über die Lande schaut, den
deutschen Rhein hinunter aufs freie Meer. -- Einst wird kommen der Tag
. . .

                                * * *

Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein
Infanterist als Schütze und Führer während des großen Krieges inmitten
eines berühmten Regimentes[*] erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es
ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher.
Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar zu Papier zu
bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrücke verwischen und wie
sie schon nach wenigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Es erforderte
Energie, diesen Stapel von Notizbüchern zu füllen, in den kurzen Pausen des
Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trüben Licht einer Kerze, auf
den Treppen schmaler Stollenhälse, in zeltverhangenem Trichter oder
feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die
Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des
Geleisteten, zur Vertuschung des Häßlichen, Kleinlichen und Alltäglichen.
Unmerklich stempelt er sich zum »Helden«.

Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor.
Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war.

Iliacos muros peccatur intra et extra. Der Grad der Sachlichkeit eines
solchen Buches ist der Maßstab seines inneren Wertes. Der Krieg setzt sich
wie alle menschlichen Handlungen aus Gut und Böse zusammen. Nur treten
hier, wo sich die Kraft von Völkern aufs Höchste steigert, die Gegensätze
noch greller hervor als sonst. Neben gipfelnden Werten gähnen dunkelste
Abgründe. Da, wo ein Mensch die beinah göttliche Stufe der Vollkommenheit
erreicht, die selbstlose Hingabe an ein Ideal bis zum Opfertode, findet
sich ein anderer, der dem kaum Erkalteten gierig die Taschen durchwühlt.
Von großen Worten Berauschte brechen im Moment der Gefahr elend zusammen.
Männer, deren Gesinnung wie ein Fels schien, stellen sich in entscheidender
Stunde »auf den Boden der Tatsachen«, ohne den Degen zu ziehen, der sonst
so schallend gerasselt. Andere durchschwelgen die Nächte, in denen fernes
Rot am Himmel glutet und leises Dröhnen mahnend an die Fenster schlägt.

Das muß gesagt werden. Um so glänzender hebt sich aus diesem dunkeln
Hintergrunde der wahre Mann, der unscheinbare, echte, vom Geist getriebene
Krieger, der seine Pflicht tat, am letzten Tage wie am ersten. Was war
dagegen der Rausch von 1914? Eine Massensuggestion! Und doch, wie viele
habe ich kennengelernt, die unter dem grauen Tuch ein Herz von Gold und
einen Willen von Stahl bargen, eine Auslese der Tüchtigsten, die sich dem
Tode in die Arme warf -- mit stets gleichbleibender Freudigkeit. Ob ihr
gefallen seid auf freiem Felde, das arme, von Blut und Schmutz entstellte
Gesicht dem Feinde zu, überrascht in dunklen Höhlen oder versunken im
Schlamm endloser Ebenen, einsame, kreuzlose Schläfer; das ist mir
Evangelium: Ihr seid nicht umsonst gefallen. Wenn auch vielleicht das Ziel
ein anderes, größeres ist, als ihr erträumtet. Der Krieg ist der Vater
aller Dinge. Kameraden, euer Wert ist unvergänglich, Euer Denkmal tief in
den Herzen eurer Brüder, die mit Euch standen, vom flammenden Ringe
umschlossen. Legten wir nicht weiße Bänder auf eure Wunden und sahen in
eure brechenden Augen, als euch der Vorhang der Ewigkeit hochrauschte?

Möge dies Buch dazu beitragen, eine Ahnung zu geben von dem, was ihr
geleistet. Wir haben viel, vielleicht alles, auch die Ehre verloren. Eins
bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an euch, an die herrlichste Armee,
die je die Waffen trug und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten
wurde. Sie hochzuhalten inmitten dieser Zeit weichlichen Gewinsels, der
moralischen Verkümmerung und des Renegatentums ist stolzeste Pflicht eines
jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate, sondern auch mit
lebendigem Herzen für Deutschlands Größe kämpfte.

[Footnote *: Das Stammregiment des Füsilier-Regiments Nr. 73, das vormals
Königlich Hannoversche Garderegiment, verteidigte von 1779 bis 1783 fast
vier Jahre lang unter General Elliot Gibraltar siegreich gegen die Spanier
und Franzosen. Zur Erinnerung an diese ruhmvolle Waffentat trägt unser
Regiment am Ärmel des Waffenrocks ein blaues Band mit der Aufschrift
»Gibraltar«. Dasselbe Zeichen wird jetzt von der 5. Kompagnie des
Reichswehr-Regiments Nr. 16 (Hannover) weitergetragen.]



Vorwort zur 2. Auflage.


Schneller als gedacht, wurde eine zweite Auflage Bedürfnis. Aus Zuschriften
und Gesprächen ersah ich, daß der Zweck des Buches erreicht, der Geist der
Leute am Feind getroffen war. Wer sollte ihn auch besser treffen als einer,
der vier Jahre lang in allen Löchern und Höhlen der Westfront in ihrem
Kreise hockte?

Dies Interesse für das Geschehen einer Zeit, die uns zu Boden hagelte, ist
von Bedeutung. Das Volk im ganzen hat nicht den Willen, das zu verleugnen,
wofür Unzählige fielen. Der Krieg ist eine Sache, an der alle beteiligt
sind. Sind zur Stunde noch die Nerven erschüttert vom Grauenhaften seiner
äußeren Gestaltung, so wird er späteren Generationen vielleicht erscheinen
wie manche Kreuzigungsbilder alter Meister: Als großer Gedanke, der Nacht
und Blut überstrahlt. Dann wird man wohl auch mit Rührung an uns
zurückdenken, an uns und die Hoffnungen und Gefühle, die unsere Brust
durchzuckten, als wir im Dunkel durch brüllende Wüsten irrten.

Oder sollten Strömungen unserer Zeit dann schon so reißend geworden sein,
daß niemand mehr versteht, wie wir das Leben geringer achten konnten als
unsere Idee?

Ich kann es nicht glauben.

_Berlin_, im Juli 1921.



Inhaltsverzeichnis.


Vorwort
Orainville
Von Bazancourt bis Hattonchâtel
Les Eparges
Douchy und Monchy
Vom täglichen Stellungskampf
Der Auftakt zur Somme-Offensive
Guillemont
Am St. Pierre-Vaast
Der Somme-Rückzug
Im Dorfe Fresnoy
Gegen Inder
Langemarck
Regniéville
Noch einmal Flandern
Die Cambraischlacht
Am Cojeul-Bach
Die große Schlacht
Englische Vorstöße
Mein letzter Sturm



Orainville.


Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen
aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir dem langsamen Takte des
Walzwerkes der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit
werden sollte. Ganz weit zerfloß der weiße Ball eines Schrapnells im grauen
Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam
erschauern. Ahnten wir, daß fast alle von uns verschlungen werden sollten
an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich
rollendem Donner? Der eine früher, der andere später?

Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den
kurzen Ausbildungswochen zusammengeschmolzen zu einem großen, begeisterten
Körper, Träger des deutschen Idealismus der nachsiebziger Jahre.
Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die
Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. Da hatte uns
der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir
hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mußte es uns ja
bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein
fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer
Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen
dürfen!

»In Gruppenkolonne antreten!« Die erhitzte Phantasie beruhigte sich beim
Marsche durch den schweren Lehmboden der Champagne. Tornister, Patronen und
Gewehr drückten wie Blei. »Kurztreten. Aufbleiben dahinten!«

   Ach, zu des Geistes Flügeln wird so bald
   Kein körperlicher Flügel sich gesellen!


Endlich erreichten wir das Dorf Orainville, den Ruheort des
Füsilier-Regiments 73, eins der typischen Nester jener Gegend, gebildet
durch 50 Häuschen aus Ziegel- oder Kreidesteinen um einen parkumschlossenen
Herrensitz.

Das Treiben auf der Dorfstraße bot den kulturgewohnten Augen einen fremden
Anblick. Man sah nur wenige scheue und zerlumpte Zivilisten; überall
Soldaten in abgetragenen, zerschlissenen Röcken mit wettergegerbten, meist
von großen Bärten umrahmten Gesichtern, die langsamen Schrittes
dahinschlenderten oder in kleinen Gruppen vor den Türen der Häuser standen
und uns Neulinge mit Scherzrufen empfingen. Irgendwo stand eine nach
Erbsensuppe duftende Feldküche, von kochgeschirrklappernden Essenholern
umringt. Die wallensteinsche Romantik wurde durch den beginnenden Verfall
des Dorfes noch gesteigert.

Nachdem wir die erste Nacht in einer gewaltigen Scheune verbracht hatten,
wurden wir im Hofe des Schlosses vom Regimentsadjutanten, dem damaligen
Oberleutnant v. Brixen, eingeteilt und ich der 9. Kompagnie überwiesen.

Unser erster Kriegstag sollte nicht vorübergehen, ohne uns einen
entscheidenden Eindruck zu hinterlassen: Wir saßen in der uns als Quartier
angewiesenen Schule und frühstückten. Plötzlich dröhnte eine Reihe dumpfer
Erschütterungen in der Nähe, während aus allen Häusern Soldaten dem
Dorfeingang zustürzten. Wir befolgten dies Beispiel, ohne recht zu wissen
warum. Wieder ertönte ein eigenartiges, nie gehörtes Flattern und Rauschen
über uns und ertrank in polterndem Krachen. Ich wunderte mich, daß die
Leute um mich sich zusammenduckten wie unter furchtbarer Drohung.

Gleich darauf erschienen schwarze Gruppen auf der menschenleeren
Dorfstraße, in Zeltbahnen oder auf den verschränkten Händen schwarze Bündel
schleppend. Mit einem merkwürdig beklommenen Gefühl der Unwirklichkeit
starrte ich auf eine blutüberströmte Gestalt mit lose am Körper
herabhängendem Bein, die unaufhörlich ein heiseres »Zu Hilfe!« hervorstieß
und in ein Haus getragen wurde, von dessen Eingang die Rote-Kreuz-Flagge
herabwehte. -- Was war das nur? Der Krieg hatte seine Krallen gezeigt und
die gemütliche Maske abgeworfen. Das war so rätselhaft, so unpersönlich.
Kaum, daß man dabei an den Feind dachte, dieses geheimnisvolle, tückische
Wesen irgendwo dahinten. Das völlig außerhalb der Erfahrung liegende
Ereignis machte einen so starken Eindruck, daß es Mühe kostete, die
Zusammenhänge zu begreifen. Es war wie eine gespenstische Erscheinung am
hellen Mittag.

Eine Granate war oben am Portal des Schlosses krepiert und hatte eine Wolke
von Steinen und Sprengstücken in den Eingang geschleudert, gerade, als die
durch die ersten Schüsse aufgeschreckten Insassen aus dem Torweg strömten.
Sie erschlug 13 Opfer, darunter den Musikmeister Gebhard, eine mir von den
hannoverschen Promenaden-Konzerten her wohlbekannte Erscheinung. Ein
angebundenes Pferd witterte die Gefahr eher als die Menschen, riß sich
wenige Sekunden vorher los und galoppierte, ohne verletzt zu werden, in den
Schloßhof.

Im Gespräch mit meinen Kameraden merkte ich, daß dieser Zwischenfall
manchem die Kriegsbegeisterung sehr gedämpft hatte. Daß er auch auf mich
stark gewirkt hatte, ersah ich aus zahlreichen Gehörstäuschungen, die mir
das Rollen jedes vorüberfahrenden Wagens in das fatale Geräusch der
Unglücks-Granate verwandelten.

Am Abend desselben Tages kam der lang ersehnte Augenblick, in dem wir,
schwer bepackt, zur Kampfstellung aufbrachen. Durch die aus phantastischem
Halbdunkel ragenden Ruinen des Dorfes Betricourt führte unser Weg nach
einem einsamen, in Tannenwaldungen versteckten Forsthause, der sogenannten
»Fasanerie«, wo die Regiments-Reserve lag, der bis zu dieser Nacht auch die
dort liegende 9. Kompagnie angehörte. Ihr Führer war der Leutnant d. R.
Brahms.

Wir wurden in Empfang genommen, auf die Gruppen verteilt und befanden uns
bald im Kreise bärtiger, lehmbekrusteter Gesellen, die uns mit einem
gewissen ironischen Wohlwollen begrüßten. Wir wurden gefragt, wie es in
Hannover aussähe, und ob der Krieg denn noch nicht bald zu Ende gehen
sollte. Dann drehte sich das Gespräch in eintöniger Kürze um Schanzen,
Feldküche, Grabenstücke und andere Angelegenheiten den Stellungskrieges.

Nach einiger Zeit erscholl vor der Tür unseres hüttenartigen Aufenthaltes
der Ruf: »Heraustreten!« Wir traten bei unseren Gruppen an und stießen auf
das Kommando: »Laden und Sichern!« mit geheimer Wollust einen Rahmen
scharfer Patronen ins Magazin.

Dann ging es schweigend Mann hinter Mann querbeet durch die nächtliche, von
dunklen Waldstücken besäte Landschaft. Ab und zu verhallte ein einsamer
Schuß, oder eine Leuchtkugel strahlte zischend auf, um nach kurzer,
geisterhafter Beleuchtung eine noch tiefere Dunkelheit zu hinterlassen.
Monotones Klappern von Gewehr und Schanzzeug durch den Warnungsruf:
»Achtung, Draht!« unterbrochen. Wie oft bin ich nach diesem erstenmal in
halb melancholischer, halb erregter Stimmung durch ausgestorbene
Landschaften zur vorderen Linie geschritten!

Endlich verschwanden wir in einem der Laufgräben, die sich wie weiße
Schlangen durch die Nacht zur Stellung wanden. Dort fand ich mich einsam
und fröstelnd zwischen zwei Schulterwehren wieder, angestrengt in eine vorm
Graben liegende Tannenreihe starrend, in der meine Phantasie mir allerhand
Schattengestalten vorgaukelte, während ab und zu eine verirrte Kugel durchs
Geäst klatschte. Die einzige Abwechslung in dieser schier endlosen Zeit
war, daß ich von einem älteren Kameraden abgeholt wurde und mit ihm durch
einen langen, schmalen Gang zu einem vorgeschobenen Postenloch trottete, in
dem wir wiederum damit beschäftigt waren, das Vorgelände zu betrachten.
Zwei Stunden durfte ich in einem kahlen Kreideloche versuchen, den Schlaf
der Erschöpfung zu finden. Als der Morgen graute, war ich bleich und
lehmbeschmiert wie die anderen, und es war mir, als ob ich dieses
Maulwurfsleben schon monatelang geführt hätte.

Die Stellung des Regiments wand sich durch den Kreidebogen der Champagne
gegenüber dem Dorfe Le Gauda. Sie lehnte sich rechts an ein zerhacktes
Waldstück, den Granat-Wald, lief dann durch riesige Zuckerrübenfelder, aus
denen die roten Hosen gefallener Stürmer leuchteten, und endete in einem
Bachgrund, über den die Verbindung mit dem Regiment 74 durch nächtliche
Patrouillen aufrechterhalten wurde. Der Bach rauschte über das Wehr einer
zerstörten, von finsteren Bäumen umringten Mühle. Ein unheimlicher
Aufenthalt, wenn nachts der Mond durch zerrissene Wolken wechselnde
Schatten warf, und seltsame Laute in das Murmeln des Wassers und das
Rascheln des Schilfes sich zu mischen schienen.

Der Dienst war der denkbar anstrengendste. Das Leben begann mit dem
Einbruch der Dämmerung, während der die ganze Besatzung im Graben stehen
mußte. Von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens durften dann je zwei Mann jeder
Gruppe schlafen, so daß man einen Nachtschlaf von zwei Stunden genoß, der
indes durch früheres Wecken, Strohholen und andere Beschäftigungen
illusorisch gemacht wurde.

Entweder hatte man Wache im Graben, oder man zog in eins der zahlreichen
Postenlöcher, die mit der Stellung durch lange, ausgehobene Verbindungswege
zusammenhingen; eine Art der Sicherung, die wegen der Exponiertheit der
Posten im Laufe des Stellungskrieges bald aufgegeben wurde.

Diese endlosen, furchtbar ermüdenden Nachtwachen waren bei klarem Wetter
und selbst bei Frost noch erträglich, sie wurden jedoch qualvoll, wenn es,
wie meist im Januar, regnete. Wenn die Feuchtigkeit erst die über den Kopf
gezogene Zeltbahn, dann Mantel und Uniform durchdrang und stundenlang am
Körper herunterrieselte, geriet man in eine Stimmung, die selbst durch das
Rauschen der heranwatenden Ablösung nicht erhellt werden konnte. Die
Morgendämmerung beleuchtete erschöpfte, kreidebeschmierte Gestalten, die
sich zähneklappernd mit bleichen Gesichtern auf das faule Stroh der
tropfenden Unterstände warfen. Diese Unterstände! Es waren nach dem Graben
zu offene, in die Kreide gehauene Löcher mit einer Lage von Brettern und
einigen Schaufeln Erde bedeckt. Hatte es geregnet, so tropften sie noch
tagelang nachher; ein gewisser Galgenhumor hatte sie deshalb mit
entsprechenden Namen, wie »Tropfsteinhöhle«, »Zum Männerbad« usw.,
bezeichnet. Wollten mehrere darin der Ruhe pflegen, so waren sie gezwungen,
ihre Beine als unfehlbare Fußangeln für jeden Vorübergehenden in den Graben
zu legen. Unter diesen Umständen war natürlich auch tagsüber von Schlaf
wenig die Rede. Außerdem mußte man noch zwei Stunden Tagesposten stehen,
den Graben reinigen, Essen, Kaffee, Wasser holen und anderes mehr.

Man wird begreifen, daß dieses ungewohnte Leben uns sehr hart vorkam,
besonders da wir dazu von den meisten der alten Leute in jeder Weise
schikaniert wurden. Diese aus der Kaserne in den Krieg mitgenommene
Gewohnheit trug viel dazu bei, uns die schweren Tage noch mehr zu
verbittern, verschwand aber nach der ersten zusammen bestandenen Schlacht.
Dem gemeinen Mann war auch die Tatsache, daß wir uns freiwillig gemeldet
hatten, schwer verständlich. Er sah das als einen gewissen Übermut an, eine
Auffassung, der ich im Kriege oft begegnet bin.

Die Zeit, während der die Kompagnie in Reserve lag, war nicht viel besser.
Wir hausten dann in tannenzweiggedeckten Erdhütten bei der Fasanerie oder
im Hiller-Wäldchen, deren mistbepackter Boden wenigstens eine angenehme
Gärungswärme ausstrahlte. Manchmal erwachte man in einer zolltiefen
Wasserpfütze. Trotzdem ich Rheumatismus bislang nur dem Namen nach gekannt
hatte, spürte ich schon nach wenigen Tagen infolge der dauernden
Durchnässung Schmerzen in allen Gelenken. Die Nächte dienten auch hier
nicht dem Schlaf, sondern wurden benutzt, die zahlreichen Annäherungsgräben
zu vertiefen.

Ein Lichtblick in diesem öden Einerlei war die allabendliche Ankunft der
Feldküche an der Ecke des Hiller-Wäldchens, wo sich bei der Öffnung des
Kessels ein köstlicher Duft nach Erbsen mit Speck oder anderen herrlichen
Sachen verbreitete. Aber auch hier gab es einen dunklen Punkt: das
Dörrgemüse, das von enttäuschten Gourmets als »Drahtverhau« oder
»Flurschaden« geschmäht wurde.

Am angenehmsten waren die Ruhetage in Orainville, die mit Ausschlafen,
Reinigen der Sachen und Exerzieren verbracht wurden. Die Kompagnie hauste
in einer gewaltigen Scheune, die nur zwei hühnerleiterartige Treppen als
Ein- und Ausgang hatte. Obwohl das Gebäude noch mit Stroh gefüllt war,
standen Öfen darin. Eines Nachts rollte ich gegen den einen und erwachte
erst infolge der Bemühungen einiger Kameraden, die mich kräftigen
Löschversuchen unterzogen. Zu meinem Schrecken gewahrte ich, daß meine
Uniform an der Rückseite arg verkohlt war, so daß ich längere Zeit in einem
frackartigen Anzuge umherlaufen mußte.

Nach kurzem Aufenthalt beim Regiment hatten wir fast alle Illusionen
verloren, mit denen wir ausgezogen waren. Statt der erhofften Gefahren
hatten wir Schmutz, Arbeit und schlaflose Nächte vorgefunden, zu deren
Bezwingung ein uns wenig liegendes Heldentum gehörte. Diese dauernde
Überanstrengung war Schuld der Führung, die den Geist des neuartigen
Stellungskrieges noch nicht erfaßt hatte. In einem kurzen,
draufgängerischen Kriege kann und muß der Offizier die Mannschaft
rücksichtslos erschöpfen, in einem sich lang hinschleppenden führt dies zu
physischem und moralischem Zusammenbruch. Die ungeheure Postenzahl und die
ununterbrochene Schanzarbeit war zum größten Teil unnötig und sogar
schädlich. Nicht auf gewaltige Verschanzungen kommt es an, sondern auf den
Mut und die Frische der Leute, die dahinterstehen. »Eiserne Herzen auf
hölzernen Schiffen gewinnen die Schlachten.«

Wohl hörten wir im Graben Geschosse pfeifen, bekamen auch ab und zu einige
Granaten von den Reimser Forts, aber diese kleinen kriegerischen Ereignisse
blieben weit hinter unseren Erwartungen zurück. Trotzdem wurden wir
manchmal an den blutigen Ernst gemahnt, der hinter diesem scheinbar
absichtslosen Geschehen lauerte. So schlug am 8. Januar eine Granate in die
Fasanerie und tötete den Leutnant Schmidt, unseren Bataillons-Adjutanten.

Am 27. Januar ließen wir unserem Kaiser zur Ehre drei kräftige Hurras
erschallen und stimmten auf der langen Front, von feindlichen Gewehren
begleitet, ein »Heil dir im Siegerkranz« an.

In diesen Tagen hatte ich ein sehr unangenehmen Erlebnis, das meine
militärische Laufbahn fast zu einem vorzeitigen und unrühmlichen Abschluß
gebracht hätte. Die Kompagnie lag am linken Flügel, und ich mußte mich
gegen Morgen nach völlig durchwachter Nacht mit einem Kameraden in den
Bachgrund auf Doppelposten begeben. Ich hatte der Kälte wegen
verbotenerweise meine Decke um den Kopf geschlagen und lehnte an einem
Baum, nachdem ich mein Gewehr neben mich in einen Busch gestellt hatte.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein Geräusch, griff danach -- die Waffe war
verschwunden! Der revidierende Portepee-Träger, ein
Offizier-Stellvertreter, hatte sich an mich herangeschlichen und sie
unbemerkt an sich genommen. Um mich zu bestrafen, schickte er mich
eigenmächtig, nur mit einer Beilpicke bewaffnet, in der Richtung auf die
französischen Postierungen, ungefähr 100 Meter weit, vor, eine
Indianeridee, die mich beinahe ums Leben gebracht hätte. Während meiner
merkwürdigen Strafwache schlich nämlich eine Patrouille von drei
Kriegsfreiwilligen durch das Schilf vor, wurde von den Franzosen bemerkt
und beschossen. Einer von ihnen, namens Lang, wurde getroffen und nie
wieder gesehen. Da ich ganz in der Nähe stand, bekam ich auch mein Teil von
den damals so beliebten Gruppensalven ab, so daß mir die Zweige des
Weidenbaumes, an dem ich stand, um die Ohren pfiffen. Ich biß die Zähne
zusammen und blieb aus Trotz stehen. Ich habe dem Offizier-Stellvertreter
diese Gemeinheit nie vergessen können.

Wir waren alle herzlich stolz, als uns mitgeteilt wurde, daß wir diese
Stellung endgültig verlassen sollten, und feierten unseren Abschied von
Orainville durch einen kräftigen Bierabend in der großen Scheune. Am 4.
Februar 1915 marschierten wir, von einem sächsischen Regiment abgelöst,
nach Bazancourt.

Dieser Monat war für mich, obwohl der härteste des ganzen Krieges, doch
eine gute Schule. Ich hatte den Wacht- und Arbeitsdienst in seiner
schwersten Form gründlich kennengelernt. Das bewahrte mich später, als ich
selbst führte, davor, von meinen Leuten Unmögliches zu verlangen.



Von Bazancourt bis Hattonchâtel.


In Bazancourt, einem öden Champagne-Städtchen, wurde die Kompagnie in der
Schule einquartiert, die infolge des geradezu erstaunlichen Ordnungssinnes
unserer Leute in kurzer Zeit das Aussehen einer Friedenskaserne annahm. Da
gab es einen Unteroffizier vom Dienst, der Morgens pünktlich weckte,
Stubendienst und allabendliche Appells durch die Korporalschaftsführer.
Jeden Morgen rückten die Kompagnien aus, um auf den umliegenden Ödfeldern
einige Stunden stramm zu exerzieren. Diesem Dienstbetrieb wurde ich nach
einigen Tagen durch Abkommandierung zum Offizier-Aspiranten-Kursus in
Recouvrence entzogen.

Recouvrence war ein entlegenes, in lieblichen Kreidehügeln verstecktes
Dörfchen, in das von der Division eine Anzahl junger Leute geschickt wurde,
um durch den von jedem Regiment gestellten Offizier und einige
Unteroffiziere eine gründliche militärische Ausbildung zu erhalten. Wir
73er haben in dieser Beziehung dem äußerst fähigen, leider kurz darauf
gefallenen Leutnant Hoppe viel zu verdanken.

Das Leben in diesem weltabgeschiedenen Neste setzte sich aus einer
merkwürdigen Mischung von Kasernendrill und akademischer Freiheit zusammen.
Tagsüber wurden die Zöglinge nach allen Regeln der Kunst zum militärischen
Menschen geschliffen, abends versammelten sie sich mit ihren Lehrern um
riesige Fässer, wo in ebenso gründlicher Weise gezecht wurde. Wenn in den
Morgenstunden die verschiedenen Abteilungen aus ihren Kneiplokalen
strömten, hatten die kleinen Kreidesteinhäuser den ungewohnten Anblick
eines studentischen Walpurgistreibens. Unser Kursusleiter, ein Hauptmann,
hatte übrigens die erzieherische Gewohnheit, den Dienst an den
darauffolgenden Tagen mit doppelter Energie zu handhaben.

Unser Verkehr untereinander war, wie bei Leuten derselben Bildungsstufe
unter diesen Verhältnissen selbstverständlich, sehr kameradschaftlich. Wir
wohnten zu dritt oder viert zusammen und führten gemeinsame Wirtschaft.
Besonders ist mir noch unser regelmäßiges Abendessen von Rührei und
Bratkartoffeln in guter Erinnerung. Sonntags leisteten wir uns das
landessübliche Kaninchen oder einen Hahn. Da ich den Einkauf für den
Abendtisch besorgte, legte mir unsere Wirtin einmal eine Anzahl von Bons
vor, die sie von requirierenden Soldaten erhalten hatte; meist des Inhalts,
daß der Füsilier N. N. der Tochter des Hauses Liebenswürdigkeiten erwiesen
und dafür 12 Eier requiriert habe. Zur Anführung ist diese ergötzliche
Blütenlese des Volkshumors leider durchweg zu saftig.

Mitte Februar wurden wir 73er durch die Nachricht der großen Verluste
unseres Regiments bei Perthes überrascht und waren sehr traurig, diese Tage
fern von unseren Kameraden verbracht zu haben. Am 21. März kamen wir nach
einem kleinen Examen zum Regiment zurück, das wieder in Bazancourt lag. Es
schied in diesen Tagen nach einer großen Parade und einer
Abschiedsansprache des Generals von Emmich aus dem Verbande des X. Korps.
Wir wurden am 24. März verladen und fuhren bis in die Gegend von Brüssel,
wo wir mit den Regimentern 76 und 164 zur 111. Infanterie-Division
zusammengestellt wurden.

Unser Bataillon wurde in dem Städtchen Hérinnes (flämisch: Herne)
untergebracht, inmitten einer Landschaft von flämischer Behaglichkeit. Ich
erlebte hier recht glücklich meinen 20. Geburtstag.

Obwohl die Belgier in ihren Häusern genügend Platz hatten, wurde unsere
Kompagnie aus falscher Rücksichtnahme in eine große zugige Scheune
gesteckt, durch die während der kalten Märznächte der rauhe Seewind jener
Gegend pfiff. Sonst war uns der Aufenthalt in Herne eine gute Erholung; es
wurde zwar viel exerziert, doch gab es auch gute Verpflegung und
Lebensmittel für geringes Geld.

Die halb aus Flamen, halb aus Wallonen bestehende Bevölkerung war sehr
freundlich zu uns. Ich unterhielt mich oft mit dem Besitzer eines
Estaminets, einem eifrigen Sozialisten und Freigeist, der mich am
Ostersonntag zum Festmahl einlud und sogar für seine Getränke kein Geld
nehmen wollte. Man kann sich kaum vorstellen, wie wohltuend eine solche
Begegnung inmitten der rauhen Schule der Feldkameradschaft wirkt.

Gegen Ende unseres Aufenthaltes wurde das Wetter schön und lud zu
Spaziergängen in der lieblichen, wasserreichen Umgebung ein. Die Landschaft
war malerisch verziert durch die vielen entkleideten Kriegsleute, die, ihre
Wäsche auf dem Schoß, längs der pappelumsäumten Bachufer eifrig der
Läusejagd oblagen. Von dieser Plage bislang ziemlich verschont geblieben,
war ich indes meinem Kriegskameraden Priepke, einem Hamburger
Exportkaufmann, behilflich, in seine wollene Weste, die bevölkert war wie
weiland das Habit Simplicii Simplicissimi, zu Desinfektionszwecken einen
schweren Stein zu wickeln und sie in einen Bach zu versenken. Da unser
Aufbruch von Herne sehr plötzlich erfolgte, wird sie sich dort wohl noch
heute eines ungestörten Aufenthalts erfreuen.

Am 12. April 1915 wurden wir in Hal verladen und fuhren, um Spione zu
täuschen, über den Nordflügel der Front in die Gegend des Schlachtfeldes
von Mars-la-Tour. Die Kompagnie bezog ihr gewohntes Scheunen-Quartier im
Dorfe Tronville, einem der üblichen langweiligen, aus flachdächrigen,
fensterlosen Steinkästen zusammengewürfelten lothringischen Drecknester.
Der Fliegergefahr wegen mußten wir uns meist in dem überfüllten Orte
aufhalten, in dessen Nähe die berühmten Stätten von Mars-la-Tour und
Gravelotte liegen. Wenige hundert Meter vom Dorfe wurde die Straße nach
Gravelotte von der Grenze geschnitten, an der der französische Grenzpfahl
zerschmettert am Boden lag. Abends machten wir uns oft das wehmütige
Vergnügen eines Spazierganges nach Deutschland.

Unsere Scheune war so baufällig, daß man balancieren mußte, um nicht durch
die morschen Bretter auf die Tenne zu stürzen. An einem Abend, als unsere
Gruppe gerade unter Vorsitz ihres biederen Korporals Kerkhoff beschäftigt
war, auf einer Krippe die Portionen zu teilen, löste sich ein ungeheurer
Eichklotz aus dem Gebälk und stürzte krachend herunter. Zum Glück klemmte
er sich dicht über unseren Köpfen zwischen zwei Lehmwänden. Wir kamen mit
dem Schrecken davon, aber unsere schöne Fleischportion war durch den
aufgewirbelten Schutt ungenießbar geworden. Kaum hatten wir uns an diesem
ominösen Abend niedergelegt, als kräftig an das Tor gedonnert wurde und die
alarmierende Stimme des Feldwebels uns vom Lager trieb. Zuerst, wie immer
in solchen Augenblicken, ein Moment der Stille, dann wirres Durcheinander
und Gepolter: »Mein Helm! Wo ist mein Brotbeutel? Ich kriege meine Stiefel
nicht an! Du hast meine Patronen geklaut! Hol't Mul, du August!«

Zuletzt war doch alles fertig, und wir marschierten zum Bahnhof von
Chamblay, von wo wir in einigen Minuten mit der Bahn bis Pagny-sur-Moselle
fuhren. In den Morgenstunden erklommen wir die Moselhöhen und, blieben in
Prény, einem romantischen, von einer Burgruine überragten Bergdorf. Diesmal
war unsere Scheune ein mit aromatischem Bergheu gefüllter Steinbau, aus
dessen Luken wir auf die weinbepflanzten Moselberge und das im Tal gelegene
Städtchen Pagny blicken konnten, das oft mit Granaten und Fliegerbomben
belegt wurde. Einige Male schlug ein Geschoß in die Mosel, eine turmhohe
Wassersäule hochschleudernd.

Das warme Wetter und die prächtige Landschaft wirkten wahrhaft belebend auf
uns und reizten in den Freistunden zu langen Spaziergängen. Wir waren so
übermütig, daß wir abends noch einige Zeit ulkten, bevor alles zur Ruhe
kam. Unter anderem war es ein beliebter Scherz, Schnarchern aus einer
Feldflasche Wasser oder Kaffee in den Mund zu gießen.

Am Abend des 22. April marschierten wir von Prény ab, legten über 30
Kilometer bis zum Dorfe Hattonchâtel zurück, ohne trotz dem schweren Gepäck
einen Marschkranken zu haben, und schlugen rechts von der berühmten Grande
Tranchée mitten im Walde Zelte auf. Es war aus allen Anzeichen zu ersehen,
daß wir am nächsten Tage ins Gefecht kommen würden. Wir empfingen
Verbandpäckchen, zweite Fleischbüchsen und Signalflaggen für die
Artillerie.

Am Abend saß ich noch lange in jener ahnungsvollen Stimmung, von der die
Krieger aller Zeiten zu erzählen wissen, auf einem von blauen Anemonen
umwucherten Baumstumpf, ehe ich über die Reihen der Kameraden an meinen
Zeltplatz kroch, und träumte in der Nacht wirres Zeug zusammen, in dem ein
Totenkopf die Hauptrolle spielte. Priepke, dem ich am Morgen davon
erzählte, hoffte, daß es ein Franzosenschädel gewesen sei.



Les Eparges.


Das junge Grün des Waldes schimmerte im Morgen. Wir wanden uns durch
versteckte Wege zu einer engen Schlucht hinter der vorderen Linie. Es war
bekanntgegeben, daß das Regiment 76 nach 20minutiger Feuervorbereitung
stürmen und wir als Reserve bereitstehen sollten. Punkt 12 Uhr eröffnete
unsere Artillerie eine heftige Kanonade, die vielfach in den Waldschluchten
widerhallte. Zum ersten Male vernahmen wir hier das schwere Wort:
Trommelfeuer. Wir saßen auf den Tornistern, untätig und erregt. Eine
Ordonnanz stürzte zum Kompagnieführer. Hastige Worte. »Die drei ersten
Gräben sind in unserer Hand, sechs Geschütze erbeutet!« Ein Hurra flammte
auf. Draufgängerstimmung erwachte.

Endlich kam der ersehnte Befehl. Wir zogen in langer Reihe nach vorn, von
wo verschwommenes Gewehrfeuer prasselte. Es wurde ernst. Zur Seite des
Waldpfades dröhnten in einem Tannendickicht dumpfe Stöße, Zweige und Erde
rauschten nieder. Ein Ängstlicher warf sich unter erzwungenem Gelächter der
Kameraden zu Boden. Dann glitt der Mahnruf des Todes durch die Reihen:
»Sanitäter nach vorn!«

Auf der Grande Tranchée hasteten Truppen vor. Um Wasser flehende Verwundete
kauerten am Straßenrand, bahrentragende Gefangene keuchten zurück, Protzen
rasselten im Galopp durchs Feuer. Rechts und links stampften Granaten den
weichen Boden, schweres Geäst brach nieder. Mitten im Wege lag ein totes
Pferd mit riesigen Wunden, daneben dampfende Eingeweide. An einem Baume
lehnte ein bärtiger Landwehrmann: »Jungens, jetzt feste ran, der Franzmann
ist im Laufen!«

Wir gelangten in das kampfzerwühlte Reich der Infanterie. Der Umkreis der
Sturmausgangsstellung war von Geschossen kahl geholzt. Im zerrissenen
Zwischenfelde lagen die Opfer des Sturmes, den Kopf feindwärts; die grauen
Röcke hoben sich kaum vom Boden ab. Eine Riesengestalt, mit rotem,
blutbesudeltem Vollbart starrte zum Himmel, die Fäuste in die lockere Erde
gekrallt. Ein junger Mensch wälzte sich in einem Trichter, die gelbliche
Farbe des Todes auf den Zügen. Unsere Blicke schienen ihm unangenehm, mit
einer gleichgültigen Bewegung zog er sich den Mantel über den Kopf und
wurde still.

Wir lösten uns aus der Marschkolonne. Fortwährend zischte es in langem,
scharfem Bogen heran, Blitze wirbelten den Boden der Lichtung hoch.
»Sanitäter!« Wir hatten den ersten Toten. Dem Füsilier S. zerriß eine
Schrapnellkugel die Halsschlagader. Drei Verbandpäckchen waren im Nu
vollgesogen. Er verblutete in Sekunden. Neben uns protzten zwei Geschütze
ab, noch stärkeres Feuer anziehend. Ein Artillerieleutnant, der im
Vorgelände nach Verwundeten suchte, wurde durch eine vor ihm hochfahrende
Dampfsäule niedergeschleudert. Er erhob sich langsam und kam mit markierter
Ruhe zurück. »Eben ziemlichen Torkel entwickelt!« Unsere Augen glänzten ihn
an.

Es dunkelte, als wir den Befehl zu weiterem Vorrücken erhielten. Unser Weg
führte uns durch dichtes, geschoßdurchklatschtes Unterholz in einen
endlosen Laufgraben, den fliehende Franzosen mit Gepäck bestreut hatten. In
der Nähe des Dorfes Les Eparges mußten wir, ohne Truppen vor uns zu haben,
eine Stellung in festes Gestein hauen. Zuletzt sank ich in einen Busch und
schlief ein.

»Mensch, aufstehen, wir rücken ab!« Ich erwachte in taufeuchtem Grase.
Durch die sausende Garbe eines Maschinengewehres stürzten wir in unseren
Laufgraben zurück und besetzten eine verlassene französische Stellung am
Waldsaume. Ein süßlicher Geruch und ein im Drahtverhau hängendes Bündel
erweckten meine Aufmerksamkeit. Ich sprang im Morgennebel aus dem Graben
und stand vor einer zusammengeschrumpften französischen Leiche.
Fischartiges, verwestes Fleisch leuchtete grünlichweiß aus zersetzter
Uniform. Mich umwendend prallte ich entsetzt zurück: Neben mir kauerte eine
Gestalt an einem Baum. Leere Augenhöhlen und wenige Büschel Haar auf dem
schwarzbraunen Schädel verrieten, daß ich es mit keinem Lebenden zu tun
hatte. Ringsumher lagen noch Dutzende von Leichen, verwest, verkalkt, zu
Mumien gedörrt, in unheimlichem Totentanz erstarrt. Die Franzosen mußten
monatelang neben den gefallenen Kameraden ausgehalten haben, ohne sie zu
bestatten.

In den Vormittagsstunden durchbrach die Sonne den Nebel und entsandte eine
behagliche Wärme. Nachdem ich etwas auf der Grabensohle geschlafen hatte,
ging ich durch den vereinsamten, am Vortage erstürmten Graben, dessen Boden
mit Bergen von Proviant, Munition, Ausrüstungsstücken, Waffen und Zeitungen
bedeckt war. Die Unterstände glichen geplünderten Trödelläden. Dazwischen
lagen die Leichen tapferer Verteidiger, deren Gewehre noch in den
Schießscharten steckten. Aus zerschossenem Gebälk ragte ein eingeklemmter
Rumpf. Kopf und Hals waren abgeschlagen, weiße Knorpel glänzten aus
rötlich-schwarzem Fleisch. Es wurde mir schwer, zu verstehen. Daneben ein
ganz junger Mensch auf dem Rücken, die glasigen Augen und die Fäuste im
Zielen erstarrt. Ein seltsames Gefühl, in solche toten, fragenden Augen zu
blicken. Ein Schaudern, das ich im Kriege nie ganz verloren habe. Neben ihm
lag seine arme, ausgeplünderte Börse.

Mit zunehmender Klarheit verstärkte sich das Artilleriefeuer und steigerte
sich bald zu wüstem Tanze. Ich kehrte zu meiner Gruppe zurück. In immer
kürzeren Pausen flammte es um uns auf. Weißes, schwarzes und gelbes Gewölk
mischte sich. Manchmal erdröhnten Schläge von unheimlicher Brisanz,
dazwischen schwirrten mit eigenartigem Singen die Zünder. Bald war der Wald
in Brand geschossen, Flammen kletterten knatternd an den Bäumen empor. Ich
saß mit einem Kameraden auf einer in den Lehm der Grabenwand gestochenen
Bank, während neben uns ein hagerer Rekrut vor Angst an allen Gliedern
schlotterte. Mein Gefährte machte sich den grausamen Scherz, heimlich eine
Handvoll aufgeraffter Schrapnellkugeln neben ihn zu schleudern.

Ich beobachtete mit merkwürdiger Ruhe das Vorgelände. »Sie wissen ja gar
nicht, wo du bist. -- Sie können dich gar nicht sehen, sie schießen ja ganz
wo anders hin.« Es war der Mut der Unerfahrenheit. Plötzlich knallte das
Brett der Schießscharte, und ein Infanteriegeschoß schlug zwischen unseren
Köpfen in den Lehm. In diesem Augenblick tauchte ein Mann an der Ecke
unseres Grabenstückes auf: »Nach links folgen!« Wir gaben den Befehl weiter
und schritten die rauchdurchschwelte Stellung entlang. Gerade waren die
Essenholer zurückgekommen und Hunderte von verlassenen Kochgeschirren
dampften auf der Brustwehr. Wer mochte jetzt essen? Eine Menge Verwundeter
mit blutdurchtränkten Verbänden preßte sich an uns vorüber, die Aufregung
des Kampfes auf den bleichen Gesichtern. Die Ahnung einer schweren Stunde
türmte sich vor uns auf. »Vorsicht, Kameraden, mein Arm, mein Arm!« »Los,
los, Mensch, halt Anschluß!«

Der Graben endete in einem Waldstück. Unentschlossen standen wir unter
gewaltigen Buchen. Aus dichtem Unterholz tauchte unser Zugführer, ein
Leutnant, auf und rief dem ältesten Unteroffizier zu: »Lassen Sie
ausschwärmen in Richtung auf die untergehende Sonne und Stellung nehmen.
Meldungen erreichen mich im Unterstande an der Lichtung.« Fluchend übernahm
jener das Kommando.

Der Eindruck, den dieses Verhalten auf die Leute machte, ist mir während
meiner ganzen Führerzeit eine eindringliche Lehre gewesen. Später lernte
ich diesen Offizier, der sich noch oft auszeichnete, als Kameraden kennen
und erfuhr, daß er dort Wichtiges zu tun gehabt. Gleichviel, der Offizier
darf sich unter keinen Umständen in der Gefahr von der Mannschaft trennen.
Die Gefahr ist der vornehmste Augenblick seines Berufes, da gilt es,
gesteigerte Männlichkeit zu beweisen. Ehre und Ritterlichkeit erheben ihn
zum Herrn der Stunde. Was ist erhabener, als hundert Männern
voranzuschreiten in den Tod? Gefolgschaft wird solcher Persönlichkeit nie
versagt, die mutige Tat fliegt wie Rausch durch die Reihen.

Wir schwärmten aus und legten uns erwartungsvoll in eine Reihe flacher
Mulden, von irgendwelchen Vorgängern ausgehoben. Mitten in scherzende
Zurufe schnitt markerschütterndes Geheul. Zwanzig Meter hinter uns
wirbelten Erdklumpen aus weißer Wolke und klatschten hoch ins Geäst.
Vielfach rollte der Schall durch den Wald. Beklommene Augen starrten sich
an, Körper schmiegten sich in niederdrückendem Gefühl völliger Ohnmacht an
den Boden. Schuß folgte auf Schuß. Stickige Gase schwammen im Unterholz,
Qualm verhüllte die Gipfel, Bäume und Zweige stürzten rauschend zu Boden,
Schreie wurden laut. Wir sprangen hoch und rannten blindlings, von Blitzen
und betäubendem Luftdruck gehetzt, von Baum zu Baum, Deckung suchend und
wie gejagtes Wild riesige Stämme umkreisend. Ein Unterstand, in den viele
liefen, erhielt einen Treffer, der den dicken Balkenbelag hochriß.

Ich eilte mit dem Unteroffizier keuchend um eine mächtige Buche. Plötzlich
blitzte es in dem weit ausgreifenden Wurzelwerk, und ein Schlag gegen den
linken Oberschenkel warf mich zu Boden. Ich glaubte, von einem Erdklumpen
getroffen zu sein, doch belehrte mich reichlich strömendes Blut bald, daß
ich verwundet war. Es zeigte sich später, daß mir ein haarscharfer Splitter
eine Fleischwunde geschlagen hatte, nachdem seine Wucht durch meine dicke
Leder-Geldtasche abgeschwächt war.

Ich warf meinen Tornister fort und rannte dem Graben zu, aus dem wir
gekommen waren. Von allen Seiten strebten Verwundete aus dem beschossenen
Gehölz strahlenförmig darauf zu. Der Durchgang war entsetzlich, von
Schwerverwundeten und Sterbenden versperrt. Eine bis zum Gürtel entblößte
Gestalt mit aufgerissenem Rücken lehnte an der Grabenwand. Ein anderer, dem
ein dreieckiger Lappen vom Hinterschädel herabhing, stieß fortwährend
schrille, erschütternde Schreie aus. -- Und immer neue Einschläge.

Ich will offen gestehen, daß mich meine Nerven restlos im Stiche ließen.
Nur fort, weiter, weiter! Rücksichtslos rannte ich alles über den Haufen.
Ich bin kein Freund des Euphemismus: Nervenzusammenbruch. Ich hatte ganz
einfach Angst, blasse, sinnlose Angst. Ich habe später noch oft
kopfschüttelnd an jene Momente zurückgedacht.

In der Nähe lag ein mit Stämmen gedeckter Sanitätsunterstand, in dem ich
die Nacht, eng zusammengedrängt mit vielen Verwundeten, verbrachte. Ein
abgespannter Arzt stand mitten im Gewühl stöhnender Menschen, verband,
machte Einspritzungen und gab mit ruhiger Stimme Ermahnungen. Als ich am
nächsten Morgen fortgetragen wurde, durchbohrte ein Splitter das Segeltuch
der Tragbahre zwischen meinen Knien.

Ich wurde über die immer noch schwer beschossene Grande Tranchée zum
Hauptverbandplatze und dann in die Kirche des Dorfes St. Maurice
transportiert. Neben mir im stampfenden Lazarettwagen lag ein Mann mit
Bauchschuß, der die Kameraden flehentlich bat, ihn mit der Pistole des
Sanitäters zu erschießen. In St. Maurice stand schon ein Lazarettzug unter
Dampf, der uns in zwei Tagen nach Heidelberg beförderte. Beim Anblick der
von blühenden Kirschbäumen bekränzten Neckarberge empfand ich ein
eigentümliches, starkes Heimatgefühl. Wie schön war doch das Land, wohl
wert, dafür zu bluten und zu sterben.

Die Schlacht von Les Eparges war meine erste. Sie war ganz anders, als ich
gedacht. Ich hatte an einer großen Kampfhandlung teilgenommen, ohne einen
Gegner zu Gesicht bekommen zu haben. Erst viel später erlebte ich den
Zusammenprall, den Gipfelpunkt des modernen Kampfes im Erscheinen des
Infanteristen auf freiem Felde, das für entscheidende, mörderische
Augenblicke die chaotische Leere des Schlachtfeldes unterbricht.



Douchy und Monchy.


Meine Wunde war in vierzehn Tagen geheilt; ich wurde zum Ersatzbataillon
nach Hannover entlassen und meldete mich dort als Fahnenjunker. Nachdem ich
einen Kursus in Döberitz besucht hatte und zum Fähnrich befördert war, fuhr
ich im September 1915 zum Regiment zurück.

Ich verließ mit einer Abteilung Ersatz beim Sitze des Divisionsstabes, dem
Dorfe St. Léger, den Zug und marschierte nach Douchy, dem Ruheorte des
Regiments. Vorn war die Herbstoffensive im vollen Gange. Die Front hob
sich, eine lange wallende Wolke, aus weitem Gelände. Über uns knatterten
die Maschinengewehre von Luftgeschwadern. Ein Fesselballon schien uns
erspäht zu haben, am Dorfeingang sprang der schwarze Kegel einer Granate
vor uns auf. Ich bog ab und führte die Kolonne auf Umwegen in den Ort.

Douchy, das Ruhedorf des Füsilier-Regiments 73, war von mittlerer Größe und
hatte durch den Krieg noch wenig gelitten. Dieser im wellenförmigen Gelände
des Artois gelegene Platz wurde dem Regiment während seines
eineinhalbjährigen Stellungskampfes in jener Gegend zur zweiten Garnison,
zu einer Stätte der Erholung und inneren Festigung nach schweren Tagen des
Kampfes und der Arbeit in vorderer Linie. Wie oft atmeten wir auf, wenn uns
durch dunkle Regennächte ein einsames Licht vom Dorfeingang
entgegenschimmerte! Man hatte doch wieder ein Dach über dem Kopf und sein
einfaches, ungestörtes Lager. Wie neugeboren war man am ersten Ruhetage,
wenn man gebadet und den Anzug vom Schmutz des Grabens gereinigt hatte. Auf
den umliegenden Wiesen wurde exerziert und Turnspiele veranstaltet, um die
eingerosteten Knochen gelenkig zu machen und das Zusammengehörigkeitsgefühl
der in langen Nachtwachen vereinsamten Leute wieder zu erwecken. Das gab
Spannkraft für neue, lastenreiche Tage. In der ersten Zeit marschierten die
Kompagnien abwechselnd in die vordere Linie zu nächtlicher Schanzarbeit.
Diese anstrengende Doppelbeschäftigung unterblieb später auf Anordnung
unseres Oberstleutnants von Oppen. Die Sicherheit einer Stellung beruht auf
der Frische und dem unerschöpften Mut ihrer Verteidiger, nicht auf dem
verschlungenen Bau ihrer Annäherungswege und der Tiefe der Kampfgräben.

In den freien Stunden bot Douchy seinen grauen Bewohnern manche Quelle
ungezwungener Erholung. Zahlreiche Kantinen waren reichlich versehen mit
Eß- und Trinkbarem; es gab ein Lesezimmer, eine Kaffeestube und später
sogar, kunstvoll in eine große Scheune eingebaut, ein Lichtspiel. Die
Offiziere hatten ein vorzüglich eingerichtetes Kasino und eine Kegelbahn im
Garten des Pfarrhauses. Oft wurden große Kompagniefeste gefeiert, bei denen
Offiziere und Mannschaft auf gut altdeutsch im Trinken wetteiferten.

Da die Zivilbevölkerung noch im Dorfe wohnte, mußte der vorhandene Raum in
jeder Weise ausgenutzt werden. In den Gärten waren zum Teil Baracken und
Wohnunterstände erbaut; ein großer Obstgarten in der Mitte des Dorfes war
zum Kirchplatz, ein anderer, der sogenannte Emmich-Platz, zum Lustgarten
umgewandelt. Am Emmich-Platz lagen in zwei mit Baumstämmen bedeckten
Unterständen die Rasierstube und die Zahnstation. Eine große Wiese neben
der Kirche diente als Begräbnisplatz, zu dem fast täglich eine Kompagnie
marschierte, um einem oder vielen Kameraden unter den Klängen eines Chorals
das letzte Geleit zu geben.

Die französische Bevölkerung war am Ausgange nach Monchy kaserniert. Meist
scheue, mitleiderweckende Gestalten, die schwer am Kriege zu tragen hatten.
Ahnungslose Kinder spielten vor den Schwellen der baufälligen Häuser, und
Greise schlichen gebeugt durch das neue Getriebe, das ihnen mit brutaler
Rücksichtslosigkeit die Stätten entfremdete, an denen sie ihr Leben
verbracht hatten. Die jungen Leute mußten jeden Morgen antreten und wurden
vom Ortskommandanten, dem Oberleutnant Oberländer, der ein strenges
Regiment führte, zur Bewirtschaftung der Dorfgemarkung eingeteilt. Wir
kamen mit den Einheimischen nur zusammen, wenn wir ihnen unsere Wäsche zum
Reinigen brachten oder Butter und Eier einkaufen wollten. Zarte Beziehungen
waren äußerst selten; die Erotik fand keinen Raum in dem wüsten,
zerrüttenden Getriebe.

Eine merkwürdige Erscheinung war der völlige Anschluß zweier verwaister
kleiner Franzosen an die Truppe. Die beiden Jungen, von denen der eine
acht, der andere zwölf Jahre alt sein mochte, waren ganz in feldgrau
gekleidet, sprachen fließend deutsch und grüßten alle Vorgesetzten auf der
Straße vorschriftsmäßig. Von ihren Landsleuten sprachen sie, wie sie es den
Soldaten abgesehen hatten, nur verächtlich als »Schangels«. Ihr größter
Wunsch war, einmal mit ihrer Kompagnie in Stellung gehen zu dürfen. Sie
konnten tadellos exerzieren, traten bei Appells an den linken Flügel und
baten, wenn sie den Kantinengehilfen zum Einkauf nach Cambrai begleiten
wollten, um Urlaub. Als das zweite Bataillon für einige Wochen zur
Ausbildung nach Quéant kam, sollte der eine, namens Louis, auf Befehl des
Oberstleutnants von Oppen in Douchy zurückbleiben, um der Zivilbevölkerung
keinen Anlaß zu unwahren Gerüchten zu geben; er wurde auch während des
Marsches nicht mehr gesehen, sprang aber bei der Ankunft des Bataillons
ganz vergnügt aus dem Packwagen, in dem er sich versteckt hatte. Leider
nahmen unvernünftige Leute die Kleinen öfters mit in die Kantine und
machten sich den schlechten Spaß, ihnen Alkohol zu geben. Der Ältere soll
später nach Deutschland auf Unteroffiziersschule geschickt worden sein.

Kaum eine Stunde Weges von Douchy entfernt lag Monchy-au-bois, das Dorf, in
dem die beiden Reserve-Kompagnien des Regiments untergebracht waren. Es war
im Herbst 1914 das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen, zuletzt war es in
deutscher Hand geblieben und der Kampf im engen Halbkreis um die Trümmer
des ehemals reichen Ortes zum Stehen gekommen.

Nun waren die Häuser ausgebrannt und zusammengeschossen, die verwilderten
Gärten von Granaten durchfurcht und die Obstbäume geknickt. Das Steingewirr
war durch Gräben, Stacheldraht, Barrikaden und betonierte Stützpunkte zur
Verteidigung eingerichtet. Die Straßen konnten von einem im Mittelpunkte
liegenden Betonklotz, der »Feste Torgau«, unter Maschinengewehrfeuer
genommen werden. Ein anderer Stützpunkt war die »Feste Altenburg«, ein
Feldwerk rechts vom Dorfe, das einen Zug der Reservekompagnie beherbergte.
Sehr wichtig für die Verteidigung war ein Bergwerk, dem in Friedenszeiten
der Kreidestein zum Bau der Häuser entnommen war, und das wir nur durch
Zufall entdeckt hatten. Ein Kompagniekoch, dem der Wassereimer in einen
Brunnen gefallen war, hatte sich hinuntergelassen und dabei ein sich
höhlenartig erweiterndes Loch bemerkt. Man untersuchte die Sache, und
nachdem noch ein zweiter Eingang gebrochen war, bot es bombensichere
Unterkunft für eine große Zahl von Kämpfern.

Auf der einsamen Höhe am Wege nach Ransart lag eine Ruine, ein ehemaliges
Estaminet, wegen des weiten Ausblicks auf die Front Bellevue genannt, ein
Ort, der mich trotz seiner gefährlichen Lage besonders anzog. Die
Verlassenheit und das tiefe Schweigen, ab und zu vom dumpfen Ton der
Geschütze unterbrochen, verstärkten den traurigen Eindruck der Zerstörung.
Zerrissene Tornister, abgebrochene Gewehre, Zeugfetzen, dazwischen in
grausigem Kontrast ein Kinderspielzeug, Granatzünder, tiefe Trichter der
krepierten Geschosse, Flaschen, Erntegeräte, zerfetzte Bücher,
zerschlagenes Hausgerät, Löcher, deren geheimnisvolles Dunkel einen Keller
verrät, in dem vielleicht die Gerippe der unglücklichen Hansbewohner von
den überaus geschäftigen Rattenschwärmen benagt werden, ein
Pfirsichbäumchen, das seiner stützenden Mauer beraubt ist und hilfesuchend
seine Arme ausstreckt, in den Ställen die noch an der Kette hängenden
Skelette der Haustiere, im verwüsteten Garten Gräber, dazwischen grünend,
tief im Unkraut versteckt, Zwiebeln, Wermut, Rhabarber und Narzissen, auf
den benachbarten Feldern Getreidediemen, auf deren Dächern schon die Körner
wuchern; all das durchzogen von einem halbverschütteten Laufgraben, umgeben
vom Geruch des Brandes und der Verwesung. Traurige Gedanken beschleichen
den Krieger, dessen Fuß auf den Trümmern einer solchen Stätte ruht, wenn er
derer gedenkt, die noch vor kurzem hier friedlich lebten.

Die Kampfstellung verlief, wie schon berichtet, in engem Halbkreis um das
Dorf, mit dem sie durch eine Reihe von Laufgräben verbunden war. Sie war in
zwei Unterabschnitte, Monchy-Süd und Monchy-West, geteilt. Diese gliederten
sich wiederum in die sechs Kompagnie-Abschnitte A bis F. Die bogenförmige
Führung der Stellung bot dem Engländer eine gute Flankierungsmöglichkeit,
die auch gehörig ausgenutzt wurde und uns schwere Verluste brachte.

Ich war der sechsten Kompagnie zugeteilt und rückte einige Tage nach meiner
Ankunft als Führer einer Gruppe mit in Stellung, wo mir gleich durch einige
englische Kugelminen ein unangenehmer Empfang bereitet wurde. Der Abschnitt
C, in dem die Kompagnie lag, war der exponierteste des Regiments. Wir
hatten indes in unserem Kompagnieführer, dem Leutnant d. R. Brecht, der zu
Beginn des Krieges von Amerika herübergeeilt war, einen Offizier, der zur
Verteidigung eines solchen Platzes der geeignete Mann war. Seine
Draufgängernatur suchte die Gefahr und brachte ihm zuletzt einen ruhmvollen
Tod.

Unser Leben im Graben verlief sehr geregelt; ich schildere im folgenden den
Verlauf eines normalen Tages.

Der Schützengrabentag beginnt erst mit hereinbrechender Dämmerung. Um 7 Uhr
weckt mich ein Mann meiner Gruppe aus dem Nachmittagsschlafe, den ich in
Voraussicht der nächtlichen Wachen getan habe. Ich schnalle um, stecke
Leuchtpistole und Handgranaten ins Koppel und verlasse den mehr oder minder
gemütlichen Unterstand. Beim ersten Durchschreiten des wohlbekannten
Zugabschnitts überzeuge ich mich, ob alle Posten an ihren richtigen Plätzen
stehen. Mit leiser Stimme wird die Parole ausgetauscht. Inzwischen ist die
Nacht hereingebrochen, und die ersten Leuchtkugeln steigen silbern in die
Höhe, während angestrengte Augen ins Vorgelände starren. Eine Ratte
raschelt zwischen den über Deckung geworfenen Konservenbüchsen. Eine zweite
gesellt sich pfeifend zu ihr, und bald wimmelt es von huschenden Schatten,
die den Ruinenkellern des Dorfes oder zerschossenen Stollen entströmen. Die
Jagd auf sie bietet eine beliebte Abwechslung in der Öde des
Postendienstes. Ein Stückchen Brot wird als Köder ausgelegt und das Gewehr
darauf eingerichtet, oder es wird Sprengpulver von Blindgängern in ihre
Löcher gestreut und angezündet. Quiekend schießen sie dann mit versengtem
Fell hervor. Es sind widerliche, ekelhafte Geschöpfe. Ein greulicher Dunst
umwebt ihre schwirrenden Rudel. Ich muß immer an ihre verborgene,
leichenschänderische Tätigkeit in den Kellern des Dorfes denken. Auch
einige Katzen sind aus den zerstörten Dörfern in die Gräben gezogen; sie
lieben die Nähe der Menschen. Ein großer weißer Kater mit zerschossener
Vorderpfote geistert häufig im Niemandslande umher und scheint bei beiden
Parteien zu verkehren.

Doch ich sprach ja vom Grabendienst. Man liebt solche Abschweifungen, man
wird leicht gesprächig, um die dunkle Nacht und die endlose Zeit zu füllen.
Deshalb bin ich auch bei einem bekannten Krieger oder einem anderen
Unteroffizier stehen geblieben und lausche mit gespanntem Interesse seinen
tausend Nichtigkeiten. Als Fähnrich werde ich auch öfters von dem
wachthabenden Offizier, der sich ebenso unbehaglich fühlt, in ein
wohlwollendes Gespräch verwickelt. Ja, er wird sogar ganz
kameradschaftlich, redet leise und eifrig, kramt Geheimnisse und Wünsche
aus. Und ich gehe gern darauf ein, denn auch mich drücken die schweren,
schwarzen Wälle des Grabens, auch ich bange nach Wärme, nach irgend etwas
Menschlichem in dieser unheimlichen Einsamkeit.

Das Gespräch wird matter. Wir sind ermüdet. Apathisch lehnen wir an einer
Schulterwehr und starren auf die glühende Zigarette des andern . . . .

Bei Frost trampelt man frierend auf und ab, daß die harte Erde von vielen
Tritten erklingt. Sehr oft regnet es, dann steht man traurig mit
hochgeschlagenem Mantelkragen unter den Regendächern der Stolleneingänge
und lauscht dem gleichförmigen Falle der Tropfen. Hört man die Schritte
eines Vorgesetzten auf der nassen Grabensohle, so tritt man rasch hervor,
geht weiter, dreht sich plötzlich um, schlägt die Hacken zusammen und
meldet: »Unteroffizier vom Grabendienst. Im Abschnitt nichts Neues!« Denn
das Stehen in den Stolleneingängen ist verboten.

Die Gedanken wandern. Man sieht in den Mond und denkt an schöne gemütliche
Tage zu Hause oder an die große Stadt weit dahinten, in der jetzt gerade
die Menschen aus den Kaffees strömen, und viele Bogenlampen das rege,
nächtliche Treiben des Zentrums bestrahlen. Es scheint, als ob man das nur
irgendwo geträumt hätte.

Da raschelt irgend etwas vorm Graben, zwei Drähte klirren leise. Im Nu
zerflattern die Träume, alle Sinne sind bis zum Schmerz geschärft. Man
klettert auf den Postenstand, schießt eine Leuchtkugel hoch: nichts rührt
sich. Es wird wohl nur ein Hase oder Rebhuhn gewesen sein.

Oft hört man den Gegner an seinem Drahtverhau arbeiten. Dann schießt man
rasch hintereinander dorthin. Nicht nur, weil es befohlen ist, man
empfindet auch eine gewisse Befriedigung dabei. »Jetzt sitzen sie drüben
aber in Druck. Vielleicht hast du sogar einen getroffen.« Auch wir ziehen
fast jede Nacht Draht und haben häufig Verwundete. Dann fluchen wir auf
diese gemeinen Schweine von Engländern.

Mitunter hört man auch ein pfeifendes, flatterndes Geräusch nach dumpfem
Abschuß. »Achtung, Mitte!« Man stürzt zum nächsten Stolleneingang und hält
den Atem an. Die Minen krachen ganz anders, viel aufregender als die
Granaten. Sie haben überhaupt so etwas Reißendes, Hinterlistiges, etwas von
persönlicher Gehässigkeit. Es sind heimtückische Wesen. Die Gewehrgranaten
sind nicht viel besser. Leuchtet es an bestimmten Stellen des feindlichen
Hinterlandes auf, so springen alle Posten von ihren Ständen und
verschwinden. Sie wissen aus langer Erfahrung ganz genau, wo die Geschütze
stehen, die auf den Abschnitt C eingerichtet sind.

Endlich zeigt das Leuchtzifferblatt, daß zwei Stunden verflossen sind. Nun
rasch die Ablösung geweckt und in den Unterstand. Vielleicht haben die
Essenholer Briefe, Pakete oder eine Zeitung mitgebracht. Man empfindet ein
ganz merkwürdiges Gefühl, wenn man die Nachrichten von der Heimat und ihren
friedlichen Sorgen liest, während die Schatten der flatternden Kerze über
das niedrige, rohe Gebälk huschen. Nachdem ich mir mit einem Holzspan den
gröbsten Dreck von den Stiefeln gekratzt und an ein Bein des primitiven
Tisches gestrichen habe, lege ich mich auf die Pritsche und ziehe meine
Decke über den Kopf, um für vier Stunden zu »röcheln«, wie der Fachausdruck
lautet. Draußen knallen die Geschosse in eintöniger Wiederholung auf
Deckung, eine Maus huscht über Gesicht und Hände, ohne meinen festen Schlaf
zu stören. Auch vor dem niederen Getier habe ich Ruhe, wir haben den
Unterstand erst vor einigen Tagen gründlich desinfiziert.

Noch zweimal werde ich aus dem Schlafe gerissen, um meines Amtes zu walten.
Während der letzten Wache kündet ein heller Strich hinter uns am östlichen
Himmel den neuen Tag. Die Umrisse des Grabens werden schärfer; er macht im
grauen Frühlicht einen Eindruck unsäglicher Öde. Eine Lerche steigt hoch;
ich empfinde ihr Getriller als aufdringlichen Kontrast, es irritiert mich.
An eine Schulterwehr gelehnt, starre ich im Gefühl einer großen
Ernüchterung auf das tote drahtumschlossene Vorfeld. Daß die letzten
zwanzig Minuten auch gar kein Ende nehmen wollen! Endlich klappern die
Kochgeschirre der zurückkehrenden Kaffeeholer im Laufgraben: es ist 7 Uhr,
die Nachtwache ist beendet.

Ich gehe in den Unterstand und trinke Kaffee. Das macht mich munter; ich
habe die Lust verloren, mich hinzulegen. Um 9 Uhr muß ich ja auch schon
wieder meine Gruppe zur Arbeit einteilen und anstellen. Wir sind wahre
Alleskönner, der Graben stellt täglich seine tausend Anforderungen an uns.
Wir wühlen tiefe Stollen, bauen Unterstände und Betonklötze, bereiten
Drahthindernisse vor, schaffen Entwässerungsanlagen, verschalen, stützen,
nivellieren, erhöhen und schrägen ab, schütten Latrinen zu und so weiter.

Um ein Uhr wird das Mittagessen in großen Gefäßen, ehemaligen Milchkannen
und Marmeladeeimern, aus der Küche, die in einen Keller Monchys eingebaut
ist, herausgeholt. Nach dem Essen wird etwas geschlafen oder gelesen.
Allmählich kommen auch die beiden Stunden heran, die für den Grabendienst
des Tages bestimmt sind. Sie verlaufen bedeutend schneller als die der
Nacht. Man beobachtet die wohlbekannte feindliche Stellung durch Glas oder
Scherenfernrohr und kommt auch öfters zum Schuß aus der Fernrohrbüchse
gegen Kopfziele. Aber Vorsicht, auch der Engländer hat scharfe Augen und
gute Gläser.

Ein Posten stürzt plötzlich blutüberströmt zusammen. Kopfschuß. Die
Kameraden reißen ihm die Verbandpäckchen vom Rock und verbinden ihn. »Hat
ja keen Zweck mehr, Willem.« »Mensch, hei atmet doch noch!« Dann kommen die
Sanitäter, um ihn zum Verbandplatz zu tragen. Die Bahre stößt hart gegen
die winkligen Schulterwehren. Kaum ist sie entschwunden, ist alles wieder
beim alten. Einer wirft einige Schaufeln Erde über die rote Lache und jeder
geht seiner Beschäftigung nach. Man ist ja so stumpf geworden. Nur ein
Neuling lehnt noch mit bleichem Gesicht an der Verschalung. Er müht sich
noch ab, die Zusammenhänge zu fassen. Das war ja so plötzlich, so furchtbar
überraschend, ein unsäglich brutaler Überfall. Das kann ja gar nicht
möglich, nicht Wirklichkeit sein. Armer Kerl, im Hintergrunde lauern auf
dich noch ganz andere Dinge . . .

Oft ist es auch ganz nett. Manche sind mit sportsmäßigem Interesse bei der
Sache. Mit einer gewissen Schadenfreude betrachten sie die Einschläge der
eigenen Artillerie im feindlichen Graben. »Junge, der saß.« »Donnerwetter,
sieh mal, wie das spritzt! Armer Tommy!« Gern schießen sie Gewehrgranaten
und leichte Minen hinüber, sehr zum Mißvergnügen ängstlicher Gemüter.
»Mensch, laß doch den Blödsinn, wir kriegen gerade Dunst genug!«

Die Stunde des Nachmittagskaffees ist manchmal direkt gemütlich. Oft muß
der Fähnrich einem der Kompagnieoffiziere dabei Gesellschaft leisten. Es
geht ganz förmlich zu: »Darf ich mir gestatten?« »Danke gehorsamst!« Eine
schöne Eigenschaft des preußischen Offiziers, diese korrekte
Geschlossenheit in jeder Lage. Sie verleiht auch dem ganz jungen etwas
Festes, Persönliches.

Es schimmern sogar zwei Porzellantassen von der Tischdecke aus
Sandsacktuch. Nachher stellt der Bursche eine Flasche und zwei Gläser auf
den wackligen Tisch. Das Gespräch wird vertraulicher. Merkwürdigerweise
bildet auch hier der liebe Nächste einen willkommenen Gegenstand der
Unterhaltung. Es hat sich sogar ein üppiger Grabenklatsch entwickelt, der
bei den Nachmittagsvisiten eifrig gepflegt wird. Bald wie in einer kleinen
Garnison. Vorgesetzte, Kameraden und Untergebene werden einer gründlichen
Kritik unterzogen. Ein neues, interessantes Gerücht hat im Nu die
Zugführer-Unterstände sämtlicher sechs Kampfabschnitte vom rechten bis zum
linken Flügel durchlaufen. Die Beobachtungsoffiziere, die mit Fernrohr und
Skizzen-Mappe die ganze Regimentsstellung abgehen, sind nicht ganz
unschuldig daran.

»Herr Leutnant, darf ich mich verabschieden, ich habe in einer halben
Stunde Dienst!« Draußen glänzen die Lehmwälle der Böschungen in den letzten
Strahlen der Sonne, der Graben liegt bereits in tiefem Schatten. Bald
steigt die erste Leuchtkugel empor, die Nachtposten ziehen auf, der neue
Tag des Schützengrabensoldaten hat begonnen.



Vom täglichen Stellungskampf.


So verliefen unsere Tage in anstrengendem Gleichmaß, unterbrochen durch die
kurze Ruhezeit in Douchy. Doch auch in Stellung bot sich manche schöne
Stunde. Oft saß ich mit einem Gefühl behaglicher Geborgenheit am Tische
meines kleinen Unterstandes, dessen rohe, waffenbehangene Bretterwände an
Wildwest erinnerten, trank eine Tasse Tee, las und rauchte, während mein
Bursche an dem winzigen Ofen beschäftigt war, der den Raum mit dem Geruch
gerösteter Brotscheiben erfüllte. Welcher Grabenkämpfer kennt diese
Stimmung nicht? Draußen am Postenstande stapften schwere, gleichmäßige
Schritte, eintöniger Zuruf erscholl, wenn jemand im Graben entlang ging.
Das abgestumpfte Ohr hörte kaum noch das nie erlöschende Gewehrfeuer, den
kurzen Hieb auf Deckung schlagender Geschosse oder die Leuchtkugel, die
neben der Mündung des Lichtschachtes verzischte. Dann nahm ich mein
Notizbuch aus der Kartentasche und schrieb in kurzen Worten die Ereignisse
des Tages nieder. So entstand mit der Zeit eine gewissenhafte Chronik des
Abschnitts C, dieses kleinen, winkligen Stückes der langen Front, in dem
wir zu Hause waren, in dem wir längst jeden verwachsenen Stichgraben, jeden
verfallenen Unterstand kannten. Um uns ruhten in aufgetürmten Lehmwällen
die Leichen gefallener Kameraden, auf jeder Fußbreite Boden hatte sich ein
Drama abgespielt, hinter jeder Schulterwehr lauerte das Verhängnis, Tag und
Nacht, sich wahllos ein Opfer zu greifen. Und doch empfanden wir alle ein
starkes Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Abschnitt, waren fest mit ihm
verwachsen. Wir kannten ihn, wenn er sich als schwarzes Band über die
verschneite Landschaft zog, wenn die blumige Wildnis ringsum ihn zur
Mittagsstunde mit betäubenden Gerüchen durchströmte, oder wenn die
spukhafte Blässe des Vollmondes seine dunklen Winkel umspann, in denen
pfeifende Rattenscharen ihr geheimnisvolles Wesen trieben. Wir saßen heiter
an langen Sommerabenden auf seinen Lehmbänken, wenn die laue Luft
geschäftiges Klopfen und heimatliches Lied zum Feinde trug; wir stürzten
über Gebälk und zerhackten Draht, wenn der Tod mit stählerner Keule auf die
Gräben loskolbte und träger Qualm aus zerrissenen Lehmwänden kroch. Oft
wollte uns der Oberst einen ruhigeren Teil der Regimentsstellung anweisen,
jedesmal bat die ganze Kompagnie wie ein Mann, im Abschnitt C bleiben zu
dürfen. Ich bringe hier einen kurzen Auszug von den Notizen, die ich damals
in den Nächten von Monchy niederschrieb.

7. 10. 1915. Stand in der Morgendämmerung neben dem Posten meiner Gruppe
auf dem Schützenauftritt bei unserem Unterstande, als ein Gewehrgeschoß dem
Mann die Feldmütze von vorn bis hinten aufriß, ohne ihn zu verletzen. Zur
selben Stunde wurden am Draht zwei Pioniere verwundet. Der eine
Querschläger durch beide Beine, der andere Schuß durchs Ohr.

Am Vormittag erhielt der linke Flügelposten einen Schuß durch beide
Backenknochen. Das Blut sprudelte in dicken Strahlen aus der Wunde. Zu
allem Unglück kam heute auch noch der Leutnant von Ewald in unseren
Abschnitt, um die nur 50 Meter vom Graben entfernt liegende Sappe N. zu
photographieren. Als er sich umdrehte, um wieder vom Postenstand
herunterzusteigen, zerschmetterte ihm ein Geschoß den Hinterkopf. Er starb
augenblicklich. Ferner bekam ein Mann einen leichten Schulterschuß.

19. 10. Der Abschnitt des mittleren Zuges wurde mit 15-Zentimeter-Granaten
beschossen. Ein Mann wurde vom Luftdruck gegen einen Pfahl der
Grabenverkleidung geschleudert. Er erlitt schwere innere Verletzungen,
außerdem durchschlug ihm ein Splitter die Armschlagader. Im Morgennebel
entdeckten wir beim Ausbessern unseres Drahtes vorm rechten Flügel eine
französische Leiche, die schon Monate alt sein mußte. -- In der Nacht
wurden beim Drahtziehen zwei unserer Leute verwundet.

30. 10. In der Nacht stürzten infolge starker Regenschauer sämtliche
Schulterwehren ein und verbanden sich mit dem Regenwasser zu zähem Brei,
der den Graben in einen schwer passierbaren Sumpf verwandelte. Der einzige
Trost war, daß es dem Engländer auch nicht besser ging, denn man sah, wie
aus seinen Gräben eifrig Wasser geschöpft wurde. Da wir etwas erhöht
liegen, pumpten wir ihm unseren Überfluß noch herunter. -- Die
herabstürzenden Grabenwände legten eine Reihe von Leichen aus den Kämpfen
des vorigen Herbstes bloß.

21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der »Feste Altenburg« in den
Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der
Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als
ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und
ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier
Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den
Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist
merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem
Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen
Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen.

24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren
Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde
später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.

Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der
Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit
erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des
Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich
meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt,
in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.

Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu
schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast
unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die
Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und
erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes:
»Es lebe der König« begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät
à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen
die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde
bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei
weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht
verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den
Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich
so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit
dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde
ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei
Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit
Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der
Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche
eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit
einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden
Gewaltigen.

Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen
wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und
Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung
des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals
seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den
Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und
schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in
Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden.

Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim
Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den
Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte,
erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer
vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit
meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung
ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich,
schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q.
zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt
und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt
arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen.
Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem
Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine
Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser
mit Eimern nach oben schaffen mußten.

Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich
meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit
des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes
angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf
die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein
lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen
usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden
englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend.

Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm
versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben
verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der
englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier
sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten
nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas
beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir
verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer
Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß
einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf
er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan
hätte. »Il y a des cochons aussi chez vous!« meinte er, als einige aus
unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes
einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen.
Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast
sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum
Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.

Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung
jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann
seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter
den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.

Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den
Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem
»Guten Abend« seinerseits und einem »Au revoir!« meinerseits gab ich trotz
des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem
drüben sofort einer folgte, der mit fast das Gewehr aus der Hand geschlagen
hätte.

Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der
Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal
seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß
dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen
aus blauen Uniformfetzen schimmerten.

Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die
feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie
Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben
wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest,
daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag.

Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen
im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den
Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm
stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.'s
übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten
Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die
Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf
ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit
einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten
beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.

Am 28. 12. war ich Kommandant der »Feste Altenburg«. Es wurde an diesem
Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein
anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer
Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet.
Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er
mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem
Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden
streckte.

Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte
mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren
Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden
unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen
herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren
Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in
lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen
mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher,
Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder
erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.

Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem
Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam
ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst
wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein
Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6.
Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte
aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte.

In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut
kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine
Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder
abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt
abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte
natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise
hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige
Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in
dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im
verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort
eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich
damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal
einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran
vorüberführte.

In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode
wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der
Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank
behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu
einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die
Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die
anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht
hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller
halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten
getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals
zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein
Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der
Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse,
denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren
Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen
endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster,
Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den
Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der
Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob
ihm ein Zahn gezogen werden sollte.

Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische
Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter
Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des
Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren
umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das
Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein
mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige
handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und
fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen
Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte.

Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß
die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten
Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür
eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine
Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch
die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke
bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände
zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie
verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen
hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die
Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir
durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten
Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in
meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im
Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon
so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit
verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen
Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den
ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen.
Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand
schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf,
als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen,
unvermuteten Tod.

Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr
stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke
genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete
sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens
1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke
stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu
bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in
der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf
kleine Grabenstücke zu beschränken.

Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde
trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar
gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor
meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch
bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten
ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im
Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei
einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine
landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden
wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie
waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen
Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe
friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere
Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In
rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den
lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir
bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer
Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer
Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links
mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während
der späteren Kämpfe von hohem Wert.

Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die
Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im
Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte,
während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände,
Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich
auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein,
den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich
mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und
für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.

Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren
rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere
schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen
Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. --
Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. --
Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch
Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche
Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den
Graben, konnte jedoch nichts feststellen.

Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am
Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim
geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am
Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren
Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male
zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch
die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können.

Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer,
dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens
schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere
Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch
schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die
uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter
unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir
auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte
ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch
mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste
Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer
zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die
Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem
Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß
ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate
Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen.

Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere
Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und
eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mit stehenden
Leutnant Sievers: »Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam
wird!« als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir
in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet
ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch
dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch
etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde
durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz
seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen
Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich
auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter
allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2 : 1 erwidert. Leider hatte
der Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging.

Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen
Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen
Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich
die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen
feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei
Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in
unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer
unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln
stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm
Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So
wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil
er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte.
Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht
gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges
Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich
verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt.



Der Auftakt zur Somme-Offensive.


Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der
Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter
persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand.
Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von
militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen
Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen
der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben
uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich
hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen
Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten
wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in
Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die
Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy,
den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die
naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, »um wieder mal Frauen
mit Hüten zu sehen«. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe
entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine
große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker
Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.

Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum
Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des
Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine
Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch
einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das
sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen
gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine
Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft
wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen
auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.

Am 20. 6. bekam ich den Auftrag, vorm feindlichen Graben zu lauschen, ob
der Gegner mit Minierarbeiten beschäftigt wäre und kletterte mit dem
Fähnrich Wohlgemut, dem Gefreiten Schmidt und dem Füsilier Parthenfelder um
11.30 über unser eigenes, ziemlich hohes Drahtverhau. Wir gingen die erste
Strecke gebückt vor und krochen dann nebeneinander über das dicht
bewucherte Vorfeld weiter. Tertianer-Erinnerungen aus Karl May kamen mir
ins Gedächtnis, als ich so auf dem Bauche durch betautes Gras und
Distelgestrüpp rutschte, ängstlich bemüht, jedes Rascheln zu vermeiden, da
sich 50 Meter vor uns der englische Graben als schwarzer Strich aus dem
Halbdunkel hob. Die Garbe eines entfernten Maschinengewehres klatschte fast
senkrecht um uns nieder; ab und zu fuhr eine Leuchtkugel hoch und warf ihr
kaltes Licht auf den unwirtlichen Flecken Erde.

Einmal ertönte hinter uns lebhaftes Rascheln, zwei Schatten huschten
zwischen den Gräben dahin. Während wir uns bereitmachten, auf sie
loszustürzen, waren sie schon spurlos verschwunden. Gleich darauf verriet
der Donner von zwei Handgranaten im englischen Graben, daß eigene Leute
unseren Weg gekreuzt hatten. Langsam krochen wir weiter vor.

Plötzlich krampfte sich die Hand des Fähnrichs um meinen Arm: »Achtung
rechts, ganz nahe, leise, leise!« Gleich darauf hörte ich zehn Meter rechts
von uns vielfaches Rauschen im Grase. Mit der blitzschnellen, logischen
Schärfe, die man in solchen Situationen entwickelt, übersah ich die Lage.
Wir waren die ganze Zeit am englischen Draht entlang gekrochen, der Feind
hatte uns gehört und kam nun aus seinem Graben, um das Vorgelände zu
untersuchen.

Unvergeßlich sind solche Augenblicke auf nächtlicher Schleiche. Auge und
Ohr sind bis zum äußersten gespannt, das näher kommende Rauschen der
fremden Füße im hohen Grase nimmt eine merkwürdige, unheildrohende Stärke
an, -- es füllt einen fast ganz aus. Der Atem geht stoßweise; man muß sich
zwingen, sein keuchendes Wehen zu dämpfen. Mit kleinem, metallischem Knacks
springt die Sicherung der Pistole zurück; ein Ton, der wie ein Messer durch
die Nerven geht. Die Zähne knirschen auf der Zündschnur der Handgranate.
Der Zusammenprall muß kurz und mörderisch werden. Man zittert unter zwei
gewaltigen Sensationen: der gesteigerten Aufregung des Jägers und der Angst
des Wildes. Man ist eine Welt für sich, vollgesogen von der dunklen,
entsetzlichen Stimmung, die über dem wüsten Gelände lastet.

Eine Reihe verschwommener Gestalten tauchte dicht neben uns auf, Flüstern
wehte herüber. Wir wandten ihnen den Kopf zu; ich hörte, wie der Bayer
Parthenfelder auf die Klinge seines Dolches biß.

Sie kamen noch einige Schritte auf uns zu, fingen dann aber an, am Draht zu
arbeiten, ohne uns bemerkt zu haben. Wir krochen ganz langsam, sie immer im
Auge behaltend, zurück. Der Tod, der schon in ragender Erwartung zwischen
den Parteien gestanden hatte, entglitt mißmutig. Nach einiger Zeit erhoben
wir uns und gingen aufrecht weiter, bis wir wohlbehalten in unserem
Abschnitt angekommen waren.

Der gute Ausgang dieses Ausfluges begeisterte uns zu dem Gedanken, einen
Gefangenen zu machen, und wir beschlossen, am nächsten Abend wieder
loszugehen. Am Nachmittage hatte ich mich deshalb gerade zur Ruhe gelegt,
als ich durch einen donnerartigen Krach in der Nähe meines Unterstandes
hochgeschreckt wurde. Die Engländer schickten Kugelminen herüber, die trotz
dem geringen Abschußgeräusch von solcher Schwere waren, daß ihre Splitter
die baumdicken Verschalungspfähle glatt abschlugen. Fluchend kletterte ich
von meinem »coucher« und begab mich in den Graben, um, wenn ich drüben
wieder einen der schwarzen Stielbälle seine bogenförmige Laufbahn antreten
sah, mit dem Geschrei: »Mine links« zum nächsten Stollen zu sausen. Mit
Minen aller Größen und Arten wurden wir in den nächsten Wochen so ausgiebig
versorgt, daß es uns Gewohnheit wurde, bei unseren Gängen durch den Graben
immer ein Auge in die Luft, das andere nach dem nächsten Stolleneingang zu
richten,

In der Nacht schlich ich also wieder mit drei Begleitern zwischen den
Gräben herum. Wir robbten uns auf den Fußspitzen und Ellenbogen bis dicht
vor das englische Hindernis und verbargen uns dort hinter einzelstehenden
Grasbüscheln. Nach einiger Zeit erschienen mehrere Engländer, die eine
Rolle Draht schleppten. Sie blieben dicht vor uns stehen, setzten die Rolle
ab, knipsten mit einer Drahtschere daran herum und unterhielten sich
flüsternd. Wir schlängelten uns aneinander heran und führten im Hauchton
eine hastige Unterhaltung: »Jetzt 'ne Handgranate dazwischen und dann auf
ihn!« »Mensch, das sind vier Mann!« »Hei hett de Böx all wedder gestrichen
vull!« »Quatsch doch nich!« »Leise, leise!« Meine Warnung kam zu spät; als
ich hochsah, krochen die Engländer gerade wie die Eidechsen unter ihren
Draht und verschwanden im Graben. Nun wurde die Stimmung doch etwas schwül.
Der Gedanke: »Gleich bringen sie ein M. G. in Stellung« verursachte mir
einen faden Geschmack im Munde. Auch die anderen hegten ähnliche
Befürchtungen. Wir rutschten unter großem Waffengerassel auf dem Bauche
nach rückwärts. Im englischen Graben wurde es lebhaft. Getrappel,
Geflüster, Hin- und Herlaufen. Pschschscht . . . eine Leuchtkugel.
Ringsumher wurde es taghell, während wir uns bemühten, unsere Köpfe in
Grasbüscheln zu verstecken. Noch eine Leuchtkugel. Peinliche Momente. Man
möchte in die Erde verschwinden und lieber an jedem anderen Orte sein, als
zehn Meter vorm feindlichen Graben. Noch eine. Peng! Peng! Der
unverkennbare scharfe, betäubende Knall einiger aus nächster Entfernung
abgefeuerter Gewehrschüsse. Oha! Wir sind entdeckt!«

Wir schrien uns ohne weitere Rücksicht unsere Absicht, wegzulaufen, zu,
sprangen auf und rasten in dem nun losprasselnden Feuer auf unsere Stellung
zu. Nach einigen Sätzen stolperte ich und schlug in einen kleinen, ganz
flachen Granattrichter, während die drei anderen, mich für erledigt
haltend, an mir vorbeihetzten. Ich preßte mich fest an den Boden, zog Kopf
und Beine ein und ließ die Geschosse durch das hohe Gras über mich
hinwegfegen. Ebenso unangenehm waren mir die glühenden Magnesiumklumpen der
herabfallenden Leuchtkugeln, die zum Teil dicht neben mir abbrannten.
Allmählich wurde das Schießen schwächer, und nach einer weiteren
Viertelstunde verließ ich zunächst langsam, dann so schnell mich Füße und
Hände tragen wollten, meinen Zufluchtsort. Da inzwischen der Mond
untergegangen war, verlor ich bald jede Orientierung und wußte weder wo die
englische, noch wo die deutsche Seite sich befand. Nicht einmal die
charakteristische Ruine der Monchy-Mühle hob sich mehr vom Horizonte ab. Ab
und zu kam ein Geschoß von der einen oder anderen Seite mit geradezu
beängstigender Rasanz durch die Gegend geflogen. Ich legte mich resigniert
ins Gras und beschloß, die Morgendämmerung abzuwarten. Plötzlich ertönte
dicht neben mir Gewisper. Ich nahm wieder Gefechtsbereitschaft ein und gab
als vorsichtiger Mann zunächst eine Reihe von Naturlauten ab, nach denen
ich ebenso gut ein Engländer als ein Deutscher sein konnte. Den ersten
englischen Zuruf beschloß ich mit einer Handgranate zu quittieren. Zu
meiner Freude stellte sich jedoch heraus, daß ich meine Leute vor mir
hatte, die gerade beim Abschnallen der Koppel waren, um meine Leiche darauf
zurückzutragen. Wir saßen noch eine Weile in dem Trichter zusammen und
freuten uns über unser glückliches Wiedersehen. Dann begaben wir uns in
unseren Graben zurück, den wir nach dreistündiger Abwesenheit erreichten.

Am Morgen hatte ich schon wieder um 5 Uhr Grabendienst. Im Abschnitt des
ersten Zuges fand ich den Feldwebel H. vor seinem Unterstande. Alle ich
mich wunderte, ihn zu so früher Stunde zu sehen, erzählte er mir, daß er
beim Anstande auf eine große Ratte wäre, die ihm den Nachtschlaf raubte.
Dabei betrachtete er angelegentlich seinen lächerlich kleinen Unterstand,
den er »Villa Leberecht Hühnchen« getauft hatte.

Als wir so nebeneinander standen, hörten wir einen dumpfen Abschuß, der
indes nichts Besonderes zu bedeuten hatte. H., der am Tage vorher beinahe
von einer großen Kugelmine erschlagen wäre und daher sehr nervös war, fuhr
wie ein Blitz nach dem nächsten Stolleneingang, rutschte in seiner Hast die
ersten 15 Stufen sitzend hinunter und benutzte die letzten 15 dazu, sich
dreimal zu überschlagen. Ich stand oben am Eingang und vergaß vor Lachen
Mine und Stollen, als ich diese schmerzhafte Unterbrechung einer Rattenjagd
von dem armen Opfer unter empfindlichem Reiben verschiedener Körperstellen
beklagen hörte. Der Unglücksmensch gestand mir auch noch, daß er gestern
gerade beim Abendbrot gesessen hätte, als die Mine ankam. Erstlich wäre
sein ganzes Essen versandet gewesen und er außerdem schon gestern recht
empfindlich die Treppe hinuntergefallen.

Nach dieser erheiternden Episode begab ich mich in meinen Unterstand,
sollte indes auch heute nicht zum erquickenden Schlummer kommen. Vom frühen
Morgen an wurde unser Graben in immer kürzeren Zwischenräumen mit Minen
beworfen. Gegen Mittag wurde mir die Sache zu bunt. Ich machte mit einigen
Leuten unseren Lanzschen Minenwerfer fertig und nahm die feindlichen Gräben
unter Feuer, eine allerdings etwas schwächliche Erwiderung der schweren
Geschosse, mit denen wir reichlich bedacht wurden. Schwitzend hockten wir
auf dem von der Junisonne heißgebrannten Lehm einer kleinen Grabenmulde und
schickten Mine auf Mine nach drüben. Da sich die Engländer durchaus nicht
stören ließen, begab ich mich mit Leutnant Wetje ans Telephon, wo wir nach
reiflicher Überlegung folgenden Notruf erschallen ließen: »Helene spuckt in
unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und
kleine!« Dies Kauderwelsch wurde angewandt, um dem etwa mithörenden Gegner
nichts zu verraten; es kam dann auch bald vom Oberleutnant Deichmann die
tröstliche Antwort, daß sogleich der dicke Wachtmeister mit dem strammen
Schnurrbart nebst einigen kleinen Jungen nach vorn kommen würde, und gleich
darauf sauste unsere erste Zwei-Zentner-Mine mit unerhörtem Krachen in den
feindlichen Graben, gefolgt von einigen Gruppen der Feldartillerie, so daß
wir für den Rest des Tages Ruhe hatten.

Am nächsten Mittag begann indes der Tanz in bedeutend schärferer Weise.
Beim ersten Schuß begab ich mich durch meinen unterirdischen Gang in den
zweiten Graben und von dort in den Laufgraben, in dem wir unseren
Minenwerfer aufgebaut hatten. Wir eröffneten das Feuer in der Weise, daß
wir bei jeder ankommenden Kugelmine eine Lanz-Mine abschossen. Nachdem wir
ungefähr 40 Minen gewechselt hatten, schien sich der feindliche
Richtschütze auf uns persönlich einzuschießen. Bald schlugen einige
Geschosse rechts, andere links neben uns ein, ohne unsere Tätigkeit
unterbrechen zu können, bis eine gerade auf uns zukam. Wir rissen im
letzten Moment noch unsere Abzugsleine durch und liefen dann so schnell wie
möglich fort. Gerade war ich in einen schlammigen, drahtdurchzogenen Graben
gelangt, als das Unding dicht hinter mir krepierte. Der gewaltige Luftdruck
warf mich über ein Bündel Stacheldraht in ein mit grünlichem Schlamm
gefülltes Granatloch, während gleichzeitig ein Schauer harter Lehmklumpen
auf mich herabrasselte. Halb betäubt und übel zugerichtet erhob ich mich.
Hose und Stiefel waren durch den Stacheldraht zerrissen, Gesicht, Hände und
Uniform mit zähem Lehm überkleistert, und das Knie blutete aus einer langen
Schramme. Ziemlich abgekämpft schlich ich durch den Graben in meinen
Unterstand, um mich auszuruhen.

Sonst hatten die feindlichen Minen keinen großen Schaden angerichtet. Der
Graben war an einigen Stellen zerstört, ein Priester-Minenwerfer
zerschmettert, und »Villa Leberecht Hühnchen« hatte durch einen Volltreffer
den Rest bekommen. Der unglückliche Besitzer hatte schon unten im Stollen
gesessen, sonst hätte er wohl bei dieser Gelegenheit seinen dritten
Treppensturz vollführt.

Den ganzen Nachmittag ging die Schießerei ununterbrochen weiter und wurde
in den Abendstunden durch eine Unzahl zylindrischer Minen zum Trommelfeuer
gesteigert. Unsere Leute nannten diese walzenförmigen Geschosse die
»Waschkorb-Minen«, da es manchmal den Eindruck machte, als würden sie mit
Körben vom Himmel geschüttet.

Wir saßen mit gespannter Erwartung in den Stolleneingängen, bereit, jeden
Ankömmling mit Gewehr und Handgranate zu begrüßen, jedoch flaute das Feuer
nach einer halben Stunde wieder ab. In der Nacht hatten wir noch zwei
Feuerüberfälle, während deren unsere Posten unerschütterlich auf ihren
Ständen Ausschau hielten, zu bestehen. Sowie das Feuer nachließ,
bestrahlten zahlreiche emporsteigende Leuchtkugeln die aus den Stollen
hervorstürzenden Verteidiger, und ein rasendes Feuer überzeugte den Feind
von der unbeugsamen Entschlossenheit hannöverscher Füsiliere.

Trotz dem wahnsinnigen Feuer verloren wir nur einen Mann, dem durch eine
auf ein Schutzschild schlagende Mine der Schädel zerschmettert wurde. Ein
anderer wurde am Rücken verwundet.

Auch am Tage, der diese unruhige Nacht ablöste, bereiteten uns zahlreiche
Feuerwirbel auf einen baldigen Angriff vor. Unser Graben wurde während
dieser Zeit kurz und klein geschossen und durch die zerschlagenen Hölzer
der Verschalung fast ungangbar gemacht, auch wurde eine Reihe von
Unterständen eingedrückt.

Wir beschlossen, während der kommenden Nacht sämtlich wach zu bleiben, und
verabredeten, daß derjenige, der auf den Zuruf »Hallo« nicht seinen Namen
riefe, sofort niedergeschossen werden sollte. Jeder Offizier hatte seine
Leuchtpistole mit einer roten Kugel geladen, um die Artillerie unverzüglich
verständigen zu können.

Die Nacht wurde noch toller als die vorige. Besonders ein Feuerüberfall um
2.15 Uhr übertraf alles Vorhergegangene. Rings um meinen Unterstand schlug
ein Hagel schwerer Geschosse ein. Wir standen in voller Bewaffnung auf der
Stollentreppe; das Licht der kleinen Kerzenstümpfe schimmerte vielfach an
den nassen, schimmligen Wänden. Durch die Eingänge strömte blauer Qualm,
Erde bröckelte von der Decke. Wumm! »Donnerwetter!« »Streichholz,
Streichholz!« »Alles fertigmachen!« Das Herz schlug bis zum Halse.
Fliegende Hände lösten die Kapseln der Handgranaten. »Das war die letzte!«
»Rrraus!« Als wir zum Ausgang stürzten, ging noch eine Mine mit verzögerter
Zündung los und schleuderte uns durch ihren Luftdruck wieder zurück.
Trotzdem waren, während noch die letzten Eisenvögel herunterrauschten,
schon alle Postenstände von der wackeren Mannschaft besetzt. Knatterndes
Schnellfeuer sprang auf, und Leuchtkugeln strahlten Mittagshelle auf das
mit dichten Rauchschwaden behängte Vorgelände.

Als das Feuer schon verstummt war, erlitten wir noch einen Verlust. Der
Füsilier N. fiel plötzlich von seinem Postenstande und rollte polternd die
Stollentreppe herunter, mitten in den Kreis seiner unten versammelten
Kameraden. Als wir den unheimlichen Ankömmling untersuchten, fanden wir
eine kleine Wunde an der Stirn und eine blutende Öffnung über der rechten
Brustwarze. Es blieb und unklar, ob die Verwundung oder der jähe Sturz
seinen Tod herbeigeführt hatte.

Am Ende dieser Schreckenssnacht wurden wir von der 6. Kompagnie abgelöst.
Mit jener eigentümlichen Mißstimmung, die eine in der Morgensonne
strahlende Landschaft auf die erschöpften, übernächtigten Nerven ausübt,
zogen wie durch die Laufgräben nach Monchy und von dort zu der sich vor dem
Waldrande von Adinfer hinziehenden zweiten Stellung, von wo wir einen
grandiosen Ausblick auf den ersten Auftakt zur Sommeschlacht hatten. Die
Frontabschnitte links von uns waren in weiße und schwarze Rauchwolken
gehüllt, turmhoch spritzte ein schwerer Einschlag neben dem anderen;
darüber zuckten zu Hunderten die kurzen Blitze platzender Schrapnells.

Als wir am Abend endlich einmal ausschlafen wollten, bekamen wir Befehl, in
Monchy schwere Minen zu verladen und mußten die ganze Nacht vergeblich auf
irgendeinen steckengebliebenen Wagen warten, während der Engländer mit M.
G.-Steilfeuer und die Straße hinunterfegenden Schrapnells verschiedene, zum
Glück erfolglose Attentate auf unser Leben ausübte.

In dieser Nacht gab mir der Gegner ein Beispiel seiner höchst sorgfältigen
Beobachtung. In der zweiten Stellung, ungefähr 2000 Meter vom Feinde, war
vor einem im Bau befindlichen Munitionsstollen ein Haufen Kreide
aufgeschichtet. Der Engländer zog daraus den leider richtigen Schluß, daß
dieser Hügel in der Nacht verzogen würde und schoß eine Gruppe Schrapnells
darauf ab, durch die er wirklich drei Mann schwer verwundete.

Am Morgen wurde ich schon wieder durch den Befehl, meinen Zug zum Schanzen
in den Abschnitt C zu führen, aus dem Schlaf gerissen. Meine Gruppen wurden
innerhalb der 6. Kompagnie verteilt. Ich ging mit einigen Leuten zum Walde
von Adinfer zurück, um sie beim Holzhauen anzustellen. Auf dem Rückwege zur
Stellung trat ich in meinen Unterstand, um dort ein halben Stündchen
auszuruhen. Doch umsonst, ich sollte in diesen Tagen keine ungestörte Ruhe
finden. Kaum hatte ich die Stiefel ausgezogen, als ich unsere Artillerie
vom Waldrande her merkwürdig lebhaft feuern hörte. Gleichzeitig erschien
mein Bursche Paulicke am Stolleneingang und schrie herunter: »Gasangriff!«

Ich riß die Gasmaske heraus, fuhr in die Stiefel, schnallte um, rannte nach
draußen und sah dort, wie eine riesige Gaswolke in dichten weißlichen
Schwaden über Monchy hing und sich auf den im Grunde liegenden Punkt 124
zuwälzte.

Da mein Zug zum größten Teil vorn in Stellung und ein Angriff sehr
wahrscheinlich war, gab es für mich kein langes Überlegen. Ich sprang über
das Hindernis der zweiten Stellung, rannte vor und war bald mitten in der
Gaswolke. Ich setzte die Maske auf, riß sie aber gleich wieder herunter, da
ich so stark gelaufen war, daß ich durch den Einsatz nicht genügend Luft
bekommen konnte; auch waren die Augengläser im Nu beschlagen und vollkommen
undurchsichtig. Da ich Bruststiche verspürte, versuchte ich, die Wolke
wenigstens so schnell wie möglich zu durchqueren. Vor dem Dorfrande mußte
ich noch einen Sperrfeuerriegel passieren, dessen Einschläge, von
zahlreichen Schrapnellwolken unterbrochen, eine lange, regelmäßige Kette
über die verödeten, sonst nie betretenen Felder zog.

Artilleriefeuer in derartig offenem Gelände, in dem man sich frei bewegen
kann, hat weder dieselbe tatsächliche, noch moralische Wirkung wie in
Ortschaften oder Stellungen. So hatte ich im Nu die Feuerlinie hinter mich
gelegt und befand mich in Monchy, das unter einem tollen Schrapnellhagel
lag. Ein Schauer von Kugeln, Ausbläsern und Zündern fegte durch das Geäst
der Obstbäume in den verwilderten Gärten und klatschte gegen die Reste der
zerstörten Mauern.

In einem Unterstande der Gärten sah ich meine Kompagnie-Kameraden Sievers
und Vogel sitzen; sie hatten ein loderndes Holzfeuer entzündet und beugten
sich über die reinigende Flamme, um den Wirkungen des Chlors zu entgehen.
Ich leistete ihnen bei dieser Beschäftigung Gesellschaft, bis das Feuer
abgeflaut war, und ging dann durch den Laufgraben 6 nach vorn. Da ich in
meinem unverbesserlichen Phlegma ganz langsam durch den Graben schlenderte,
begegnete es mir, daß ich, nur 50 Meter vom Kompagnieführer-Unterstande
entfernt, noch einmal in einen wahnsinnigen Feuerüberfall geriet und, in
eine kleine Nische gedrückt, das Unwetter über mich ergehen lassen mußte.

Vorn waren alle Leute beschäftigt, ihre Gewehre einzufetten, die durch das
Gas vollkommen geschwärzt waren. Ein Fähnrich zeigte mir wehmütig sein
neues Portepee, das seinen strahlenden Glanz eingebüßt und dafür ein
grünlich-schwarzes Aussehen angenommen hatte.

Da beim Gegner alles ruhig geblieben war, rückte ich mit meinen Gruppen
wieder ab. In Monchy sahen wir vor dem Revier eine Menge von Gaskranken
sitzen, die sich die Hände in die Seiten preßten, stöhnten und würgten,
während ihnen das Wasser aus den Augen lief. Die Sache war keineswegs
harmlos, denn einige von ihnen starben etliche Tage darauf nach furchtbaren
Schmerzen. Wir hatten einen Blasangriff von reinem Chlor auszuhalten
gehabt, einem Kampfgas, das durch Ätzen und Verbrennen der Lungen wirkt.
Auf dem Rückwege ging ich, um etwas zu kaufen, in die Kantine des II.
Bataillons und fand dort den betrübten Kantinenjüngling inmitten eines
Haufens zerschlagener Waren vor. Eine Granate war durch die Decke gefahren,
im Laden krepiert und hatte seine Schätze in ein merkwürdiges Gemisch von
Marmelade, ausgelaufenen Konserven und Seife verwandelt. Er hatte gerade
mit echt preußischer Genauigkeit eine Unkostenaufstellung von 82 Mark und
58 Pfennig entworfen.

Am Abend wurde mein Zug, der bisher detachiert in der zweiten Stellung
gelegen hatte, der unsicheren Gefechtslage wegen bis in das Dorf vorgezogen
und bekam das Bergwerk als Aufenthaltsort angewiesen. Wir richteten uns die
zahlreichen Nischen als Lagerplätze ein und zündeten ein riesiges Feuer an,
dessen Rauch wir durch den Brunnenschacht abziehen ließen, sehr zum Ärger
einiger Kompagnieköche, die beim Wasserholen fast erstickten. Da wir einen
kräftigen Grog empfangen hatten, setzten wir uns rings um das Feuer auf die
Kreideblöcke, sangen, tranken und rauchten.

Um Mitternacht ging im Gefechtsbogen von Monchy ein Höllenspektakel los.
Dutzende von Alarmglocken bimmelten, Hunderte von Gewehren knallten und
ununterbrochen stiegen grüne und weiße Leuchtkugeln hoch. Gleich darauf
setzte unser Sperrfeuer ein, schwere Minen krachten und zogen Schweife von
feurigen Funken hinter sich her. überall, wo im Trümmergewirr eine
Menschenseele hauste, erscholl der langgezogene Schrei: »Gasangriff!«
»Gasangriff!«

Im Scheine der Leuchtkugeln wälzte sich eine weißliche Gaswand durch das
Dorf. Da sich auch im Bergwerke ein starker Chlorgeruch bemerkbar machte,
zündeten wir vor den Eingängen große Strohfeuer an, deren beizender Qualm
uns fast aus unserem Zufluchtsort vertrieb und uns zwang, die Luft durch
Schwenken von Mänteln und Zeltbahnen zu reinigen.

Am nächsten Morgen konnten wir im Dorfe die Spuren, die der Gasangriff
hinterlassen hatte, bestaunen. Ein großer Teil aller Pflanzen war verwelkt,
Schnecken und Maulwürfe lagen tot umher, und den in Monchy untergebrachten
Pferden der Meldereiter lief das Wasser aus Maul und Augen. Die überall
verstreuten Geschosse und Granatsplitter waren von einer schönen, grünen
Patina überzogen. Auch in dem weit zurückliegenden Douchy machte sich die
Gaswolke noch bemerkbar. Die Zivilisten, denen die Sache unheimlich wurde,
versammelten sich vor dem Quartier des Oberstleutnants von Oppen und
verlangten Gasmasken. Sie wurden auf Lastautos gesetzt und in weiter
zurückliegende Ortschaften transportiert.

Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Bergwerk; am Abend bekam ich
Nachricht, daß um 4.15 Uhr Kaffee empfangen werden sollte, da ein
englischer Überläufer ausgesagt hätte, daß um 5 Uhr angegriffen würde.
Wirklich, kaum hatten mich am Morgen die zurückkehrenden Kaffeeholer aus
dem Schlaf gestört, als der uns nicht mehr fremde Ruf »Gasangriff!«
erscholl. Draußen lag süßlicher Phosgengeruch in der Luft, und im
Monchy-Bogen tobte starkes Trommelfeuer, das jedoch bald abflaute.

Ein erquickender Morgen folgte dieser unruhigen Stunde. Aus dem Laufgraben
6 trat der Leutnant Brecht auf die Dorfstraße, einen blutigen Verband um
die Hand gewunden, von einem Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr und einem
gefangenen Engländer begleitet. Er wurde im Stabsquartier West im Triumph
empfangen und erzählte folgendes:

Die Engländer hatten um 5 Uhr Gas- und Rauchwolken abgeblasen und
anschließend den Graben stark mit Minen betrommelt. Unsere Leute waren wie
gewöhnlich noch im Feuer aus Deckung gesprungen und hatten dabei über 30
Verluste gehabt. Dann waren, in Rauchwolken verborgen, zwei starke
englische Patrouillen erschienen, von denen eine in den Graben eingedrungen
war und einen verwundeten Unteroffizier mitgenommen hatte. Die andere war
schon vor dem Drahtverhau zusammengeknallt worden. Ein einziger, der
bereits das Hindernis überwunden hatte, wurde von dem Leutnant Brecht, der
vorm Kriege ein Pflanzerleben in Amerika geführt hatte, an der Gurgel
gepackt und mit einem »Come here, you son of a bitch!« in Empfang genommen.
Dieser einzige wurde nun mit einem Glase Wein bewirtet und schaute mit halb
erschreckten, halb verwunderten Augen auf die eben noch menschenleere
Dorfstraße, die jetzt von Essenholern, Krankenträgern, Meldegängern und
Neugierigen wimmelte. Bald traf ein langer Zug von Bahren am Verbandsplatze
ein. Auch vom Abschnitt Süd kamen viele Verwundete, denn im
Kompagnieabschnitt E war ebenfalls eine starke Patrouille in den Graben
gedrungen. Ungefähr 50 Tragen, auf denen stöhnende Menschen mit weißen,
blutdurchtränkten Verbänden lagen, waren vor einigen Wellblechbögen
aufgestellt, unter denen der Arzt seines Amtes waltete.

Ein junges Kerlchen, dessen blaue Lippen als schlimmes Vorzeichen aus einem
schneeweißen Gesicht leuchteten, stammelte: »Ich bin zu schwer . . . ich
werde nicht wieder . . . ich -- muß -- sterben.« Ein dicker
Sanitäts-Unteroffizier sah ihn mitleidig an und murmelte verschiedene Male
ein tröstendes: »Nun, nun, Kamerad!«

Trotzdem der Engländer diesen kleinen Angriff, der hauptsächlich Kräfte von
uns zum Vorteil der Somme-Offensive binden sollte, durch zahlreiche
Minenüberfälle und Gaswolken vorbereitet hatte, fiel ihm dabei nur ein,
dazu verwundeter Gefangener in die Hände, während er zahlreiche Tote vor
unserem Draht liegen ließ. Unsere Verluste waren allerdings auch
beträchtlich, das Regiment verlor an diesem Vormittage über 40 Tote,
darunter drei Offiziere.

Am nächsten Nachmittag rückten wir endlich wieder für einige Tage nach
unserem lieben Douchy ab. Noch am selben Abend feierten wir den glücklichen
Verlauf dieser kleinen Aktion durch einige wohlverdiente Flaschen.

Am 1. Juli wurde uns die traurige Aufgabe, einen Teil unserer Toten auf
unserem Kirchhofe zu bestatten. 39 rohe Holzsärge wurden nach einer
ergreifenden Ansprache des Pfarrers Philippi, während der die Leute weinten
wie Kinder, in die Grube gesenkt. Der Pfarrer sprach über den Text: »Sie
haben einen guten Kampf gekämpft,« und begann mit den Worten: »Gibraltar,
das ist Euer Zeichen und fürwahr, Ihr habt gestanden wie der Fels im
brandenden Meer!«[*]

In dieser ergreifenden Stunde wurde mir der hohe ethische Wert unserer
feierlichen Handlungen klar. Oft haben wir auf irgendeinem Schlachtfelde
die zehnfache Zahl von Kameraden liegen lassen müssen und waren von dem
Verlust doch nicht so tief gepackt, wie hier vor den offenen Gräbern.

Während dieser Tage lernte ich die Leute erst recht schätzen, mit denen
zusammen ich noch drei Kampfjahre verbringen sollte.

In der ganzen Armee wird man keinen Mann finden, der so verläßlich, einfach
und ohne Phrase seine Pflicht tut wie der Niedersachse. Wenn es galt zu
zeigen: hier steht ein Mann und wenn es sein muß, fällt er hier, war jeder
bis zum letzten zur Stelle. --

Am Abend des 3. Juli rückten wir wieder nach vorn. Es war verhältnismäßig
ruhig, doch verrieten kleine Anzeichen, daß noch etwas in der Luft liegen
mußte. Bei der Mühle klopfte und hämmerte es leise und unaufhörlich. Oft
fingen wir verdächtige Ferngespräche über Gasflaschen und Sprengungen, an
einen englischen Pionieroffizier in vorderer Linie gerichtet, auf. Vom
Morgengrauen bis zum letzten Tagesschimmer flogen feindliche Flugzeuge eine
dichte Luftsperre. Der Durchschnitt der täglichen Grabenbeschießung war
bedeutend stärker als gewöhnlich. Trotzdem wurden wir am 12. Juli abgelöst,
ohne unangenehme Erlebnisse gehabt zu haben und blieben als Reserve in
Monchy.

Am 13. abends wurden unsere Unterstände in den Gärten durch ein
24-Zentimeter-Schiffsgeschütz beschossen, dessen gewaltige Granaten in
scharfer Flachbahn herangurgelten und mit wahrhaft furchtbaren: Knall
zerbarsten. In der Nacht wurden wir durch lebhaftes Feuer und einen
Gasangriff geweckt. Wir saßen im Unterstande mit aufgesetzter Gasmaske um
den Ofen herum, bis auf Vogel, der seine Maske nicht finden konnte und
jammernd hin- und herlief, während einige schadenfrohe Gesellen vorgaben,
einen immer stärkeren Gasgeruch zu verspüren. Schließlich gab ich ihm meine
zweite Atempatrone, und er hockte eine Stunde lang wie ein Häufchen Unglück
hinter dem gewaltig qualmenden Ofen, hielt sich mit Jammermiene die Nase zu
und sog an seinem Einsatz.

Ein Angriff erfolgte in dieser Nacht nicht; trotzdem kostete die dumme
Geschichte dem Regiment 25 Tote und viele Verwundete. -- Am 15. und 17.
hatten wir zwei weitere Gasangriffe auszuhalten. Am 17. wurden wir abgelöst
und hatten in Douchy zwei schwere Beschießungen zu bestehen. Eine
überraschte uns gerade während einer Offiziersbesprechung durch den Major
von Jarotzky in einem Obstgarten. Trotz der Gefahr bot es einen Anblick von
überwältigender Komik, zu sehen, wie die Gesellschaft auseinanderspritzte,
auf die Nase fiel, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Hecken
zwängte und blitzschnell in allen möglichen Deckungen verschwunden war.
Eine Granate tötete im Garten meines Quartiers ein achtjähriges kleines
Mädchen, das dort in einer Grube nach Abfällen suchte.

Am 20. Juli rückten wir in Stellung. Am 28. verabredete ich mich mit dem
Fähnrich Wohlgemut, den Gefreiten Bartels und Birkner zu einer Patrouille.
Wir hatten kein anderes Ziel im Auge, als etwas zwischen den Drähten
herumzustreichen und zu sehen, was uns das Niemandsland Neues brächte. Am
Nachmittag kam der mich ablösende Offizier der 6. Kompagnie, Leutnant
Brauns, zu Besuch in meinen Unterstand und brachte mehrere gute Flaschen
mit. Um ½ 12 Uhr brachen wir die Sitzung ab; ich ging in den Graben, wo
meine drei Gefährten schon im dunklen Winkel einer Schulterwehr
zusammenstanden. Nachdem ich mir einige trockene Handgranaten ausgesucht
hatte, kletterte ich in der fröhlichsten Stimmung über den Draht, während
Brauns mir ein »Hals- und Bauchschuß!« nachrief.

Wir hatten uns in kurzer Zeit an das feindliche Hindernis herangepirscht.
Dicht davor entdeckten wir im hohen Grase einen ziemlich starken, gut
isolierten Draht. Ich hielt die Beobachtung für wichtig und beauftragte
Wohlgemut, ein Stück davon abzuschneiden und mitzunehmen. Während er sich
in Ermangelung eines anderen Instruments mit seiner Zigarrenschere daran
abplagte, klirrte es direkt vor uns im Draht; einige Engländer tauchten auf
und begannen zu arbeiten, ohne unsere ins Gras gedrückten Gestalten
wahrzunehmen.

Der bösen Erfahrungen der vorigen Patrouille eingedenk, hauchte ich fast
unhörbar: »Wohlgemut, Handgranate dazwischen!« »Herr Leutnant, ich glaube,
wir lassen sie noch etwas arbeiten!« »Direkter Befehl, Fähnrich!«

Der Geist des preußischen Kasernenhofes verfehlte auch in dieser Einöde
nicht seine mächtige Wirkung. Mit dem fatalen Gefühl eines Mannes, der sich
in ein sehr ungewisses Abenteuer eingelassen hat, hörte ich neben mir das
trockene Knistern der herausgerissenen Zündschnur und sah, wie Wohlgemut,
um sich möglichst wenig zu zeigen, die Handgranate ganz flach über den
Boden rollen ließ. Sie blieb im Gestrüpp, beinahe zwischen den Engländern,
liegen, die nichts bemerkt zu haben schienen. Es vergingen einige Momente
höchster Spannung. »Krrrach!« Ein Blitz beleuchtete taumelnde Gestalten.
Mit dem Angriffsgebrüll: »You are prisoners!« stürzten wir uns wie Tiger in
die weiße Wolke. Eine wüste Szene wickelte sich in Bruchteilen von Sekunden
ab. Ich hielt meine Pistole mitten in ein Gesicht, das mir wie eine blasse
Maske aus der Dunkelheit entgegenleuchtete. Ein Schatten schlug mit
quäkendem Aufschrei rücklings ins Drahtverhau. Links neben mir feuerte
Wohlgemut seine Pistole ab, während der Gefreite Bartels in seiner Erregung
blindlings eine Handgranate zwischen uns schleuderte.

Beim ersten Schuß war mir das Magazin aus dem Pistolenkolben gesprungen.
Ich stand schreiend vor einem Engländer, der sich entsetzt mit dem Rücken
in den Stacheldraht preßte und drückte immer wieder den Abzugsbügel zurück,
ohne daß ein Schuß ertönte. Es war wie ein Alpdruck. Im Graben vor uns
wurde es laut. Zurufe erschollen, ratternd setzte ein Maschinengewehr ein.
Wir sprangen zurück. Noch einmal blieb ich in einem Trichter stehen und
richtete die Pistole auf einen mir folgenden Schatten. Diesmal erwies sich
das Versagen als ein Glück, denn es war Birkner, den ich schon längst
zurück glaubte.

Nun ging es in sausendem Laufe dem eigenen Graben zu. Vor unserem Draht
pfiffen die Geschosse schon so, daß ich in einen wassergefüllten,
drahtversponnenen Minentrichter springen mußte. Auf schwingendem
Stacheldraht über dem Wasserspiegel pendelnd, hörte ich mit gemischten
Gefühlen die Geschosse wie einen gewaltigen Immenschwarm über mich
hinwegbrausen, während Drahtfetzen und Geschoßsplitter in die Böschung des
Trichters fegten. Nach einer halben Stunde, als sich das Feuer beruhigt
hatte, arbeitete ich mich über unser Hindernis und sprang, von den Leuten
freudig begrüßt, in den Graben. Wohlgemut und Bartels waren schon da; nach
einer weiteren halben Stunde erschien auch Birkner. Alles freute sich über
den glücklichen Ausgang und bedauerte nur, daß uns der ersehnte Gefangene
auch diesmal entschlüpft war. Daß das Erlebnis an die Nerven gegangen war,
merkte ich erst, als ich im Unterstande zähneklappernd auf einer Pritsche
lag und trotz der Erschöpfung keinen Schlaf finden konnte. Am nächsten
Morgen konnte ich kaum gehen, da sich über mein eines Knie ein langer
Drahtriß zog und in dem anderen ein Splitterchen der von Bartels
geschleuderten Handgranate steckte.

Diese kurzen, sportsmäßigen Sensationen waren indes ein gutes Mittel, den
Mut zu stählen und die Eintönigkeit des Grabendaseins zu unterbrechen.

Am 11. 8. trieb sich im englischen Hintergelände vor dem Dorfe
Berles-au-bois ein schwarzes Reitpferd herum, das von einem Landwehrmann
mit drei Schuß zur Strecke gebracht wurde. Der englische Offizier, dem es
entlaufen war, wird bei diesem Anblick wohl kein sehr vergnügtes Gesicht
gemacht haben. In der Nacht flog dem Füsilier S. der Mantel eines
Infanteriegeschosses ins Auge. Auch im Dorfe wurden die Verluste immer
häufiger, da die durch Artilleriefeuer rasierten Mauern immer weniger
Schutz vor den ins Blinde gesandten Garben der Maschinengewehre boten. Wir
begannen, das Dorf mit Gräben zu durchziehen und an den gefährlichsten
Stellen neue Mauern zu errichten.

Der 12. August war der lang ersehnte Tag, an dem ich zum zweiten Male
während des Krieges auf Urlaub fahren konnte. Kaum war ich jedoch zu Hause
wieder etwas warm geworden, als mir ein Telegramm nachgeflogen kam: »Sofort
zurückkommen, Näheres erfragen bei Ortskommandantur Cambrai.« Drei Stunden
später saß ich im Zuge. Auf dem Wege zum Bahnhof schritten drei Mädchen an
mir vorüber in hellen Kleidern, lachend, Tennisschläger unter dem Arm. Ein
strahlender Abschiedsgruß des Lebens, an den ich draußen noch lange denken
mußte.

Am 21. war ich wieder in der bekannten Gegend, deren Straßen infolge des
Abmarsches der 111. und des Zuzuges einer neuen Division von Truppen
wimmelten. Das I. Bataillon lag in dem zwei Jahre später von uns wieder
erstürmten Dorfe Ecoust-Saint-Main, wo ich mit acht anderen Offizieren die
Nacht auf dem Dachboden eines leer stehenden Hauses verbrachte.

Am Abend saßen wir noch lange wach und tranken in Ermangelung von etwas
Stärkerem den Kaffee, den uns zwei Französinnen im Nebenhause brauten. Wir
wußten, daß es diesmal in eine Schlacht ging, wie sie die Weltgeschichte
noch nie gesehen hatte. Bald schwoll die erregte Unterhaltung zu einem
Gelärm, an dem alte Landsknechte oder friderizianische Grenadiere ihre
Freude gehabt hätten. Nach einigen Tagen waren nur noch wenige Teilnehmer
dieser fröhlichen Tafelrunde am Leben.

[Footnote *: Vgl. Anmerkung auf Seite V.]



Guillemont.


Am 23. August 1916 wurden wir in Lastautomobile verladen und fuhren bis Le
Mesnil. Obgleich wir schon erfahren hatten, daß wir im damaligen Brennpunkt
der Sommeschlacht, dem Dorfe Guillemont, eingesetzt werden sollten, war die
Stimmung vorzüglich. Scherzworte flogen unter allgemeinem Gelächter von
einem Auto zum andern. Von Le Mesnil marschierten wir nach Einbruch der
Dunkelheit bis Sailly-Saillisel, wo das Bataillon auf einer großen Wiese
die Tornister ablegte und Sturmgepäck fertigmachte. Vor uns rollte und
donnerte ein Artilleriefeuer von nie geahnter Stärke, tausend zuckende
Blitze hüllten den westlichen Horizont in ein glühendes Flammenmeer.
Fortwährend schleppten sich Verwundete mit bleichen, eingefallenen
Gesichtern zurück, oft jäh von vorüberrasselnden Geschützen oder
Munitionskolonnen in den Straßengraben gedrückt.

Ein Mann im Stahlhelm meldete sich bei mir, um meinen Zug in das berühmte
Städtchen Combles zu führen, wo wir vorläufig in Reserve bleiben sollten.
Neben ihm im Straßengraben sitzend, fragte ich natürlich begierig nach den
Verhältnissen in Stellung und vernahm eine eintönige Erzählung von
tagelangem Hocken in Granattrichtern ohne Verbindung und Annäherungswege,
von unaufhörlichen Angriffen, von Leichenfeldern und wahnsinnigem Durst,
vom Verschmachten Verwundeter und anderem mehr. Das halb vom Stahlhelm
umrahmte, unbewegliche Gesicht und die monotone, vom Lärm der Front
begleitete Stimme machten den Eindruck unheimlichen Ernstes. Man merkte dem
Manne an, daß er jeden Schrecken bis zur Verzweiflung durchgekostet und
dann verachten gelernt hatte. Nichts schien zurückgeblieben als eine große
und männliche Gleichgültigkeit.

»Wer fällt, bleibt liegen. Da kann keiner helfen. Niemand weiß, ob er
lebend zurückkommt. Jeden Tag wird angegriffen, doch durch kommen sie
nicht. Jeder weiß, daß es auf Leben und Tod geht.«

Mit solchen Leuten kann man kämpfen.

Wir schritten auf einer breiten Chaussee, die sich im Mondschein wie ein
weißes Band über das dunkle Gelände spannte, dem Kanonendonner entgegen,
dessen verschlingendes Gebrüll immer unermeßlicher wurde. Lasciate ogni
speranza! Bald schlugen die ersten Granaten rechts und links von unserem
Wege ein. Die Unterhaltung wurde leiser und verstummte zuletzt ganz. Jeder
lauschte mit jener seltsamen Spannung, die das ganze Fühlen und Denken auf
das Ohr konzentriert, dem gezogenen Heranheulen der Geschosse. Besonders
das Passieren von Frégicourt-Ferme, einer kleinen Häusergruppe vor dem
Friedhof von Combles, die unter ständigem Feuer lag, war eine Nervenprobe.

Combles war, soweit wir in der Dunkelheit beobachten konnten, völlig
zerschossen. Große Mengen von Holz zwischen den Trümmern und auf den Weg
geschleudertes Hausgerät verrieten, daß die Zerstörung ganz jungen Datums
sein mußte. Nach dem Übersteigen zahlreicher Schutthaufen, das durch eine
Reihe von Schrapnells beschleunigt wurde, erreichten wir unser Quartier,
ein großes, von Löchern durchsiebtes Haus, das ich mit drei Gruppen zum
Wohnsitze erwählte, während meine beiden anderen Gruppen den Keller einer
gegenüberliegenden Ruine bezogen.

Schon um 4 Uhr wurden wir von unserem aus Bettstücken zusammengesuchten
Lager geweckt, um Stahlhelme zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit fanden
wir in einer Kellernische einen Sack voll Kaffeebohnen, eine Entdeckung,
die eine eifrige Kaffeesiederei zur Folge hatte.

Nachdem ich gefrühstückt hatte, sah ich mich etwas im Orte um. In wenigen
Tagen hatte die Wirkung der schweren Artillerie ein friedliches
Etappenstädtchen in ein Bild des Grauens verwandelt. Ganze Häuser waren
durch einen Treffer niedergestampft oder mitten auseinandergerissen, so daß
die Zimmer und ihre Einrichtung wie Theaterkulissen über dem Chaos
schwebten. Aus vielen Ruinen drang süßlicher Leichengeruch, denn der erste
Feuerüberfall hatte eine Menge von Zivilisten unter den Trümmern ihrer
Wohnungen begraben. Vor der Schwelle einer Haustür lag ein totes kleines
Mädchen in einer roten Lache.

Ein stark beschossener Ort war der Platz vor der zerstörten Kirche
gegenüber dem Eingang der Katakomben, eines uralten Höhlenganges mit
eingesprengten Nischen, in denen zusammengedrängt fast sämtliche Stäbe der
kämpfenden Truppen hausten. Es wurde erzählt, daß die Zivilisten bei Beginn
der Beschießung mit Hacken den vermauerten Zugang freigelegt hätten, den
sie während der ganzen Besatzungszeit den Deutschen verheimlicht hatten.

Die Straßen bestanden nur noch aus schmalen Trampelpfaden, die sich in
Schlangenlinien durch und über gewaltige Hügel von Balken und Mauerwerk
wanden. In zerwühlten Gärten verkam eine Unmenge von Früchten und Gemüsen.

Nach dem Mittagessen, das wir uns in der Küche aus den im Überfluß
vorhandenen eisernen Portionen gekocht hatten und das natürlich durch einen
kräftigen Kaffee beschlossen wurde, legte ich mich oben in einen Lehnstuhl.
Aus umherliegenden Briefen ersah ich, daß das Haus dem Brauereibesitzer
Lesage gehörte. In dem Zimmer standen aufgerissene Schränke und Kommoden,
ein umgestürzter Waschtisch, eine Nähmaschine und ein Kinderwagen. An den
Wänden hingen zerschlagene Bilder und Spiegel. Auf dem Boden waren in
meterhoher Unordnung herausgerissene Schubladen, Wäsche, Korsetts, Bücher,
Zeitungen, Nachttische, Scherben, Flaschen, Notenbücher, Stuhlbeine, Röcke,
Mäntel, Lampen, Gardinen, Fensterläden, aus den Angeln gerissene Türen,
Spitzen, Photographien, Ölgemälde, Albums, zerschmetterte Kisten,
Damenhüte, Blumentöpfe und zerfetzte Tapeten wirr ineinander verknäult.

Durch die demolierten Fensterläden blickte man auf das von Granaten
zerpflügte Viereck eines verödeten Platzes, den das Geäst zerfetzter Linden
bedeckte. Dieser Komplex von Eindrücken wurde noch verfinstert durch das
unaufhörliche Artilleriefeuer, das rings um den Ort tobte. Ab und zu
überbrüllte der gigantische Einschlag einer 38-Zentimeter-Granate den Lärm.
Wolken von Splittern fegten dann durch Combles, klatschten gegen die Zweige
der Bäume oder schlugen auf die wenigen noch stehenden Häuser, daß die
Schiefertafeln herabrollten.

Im Laufe des Nachmittags schwoll das Feuer zu solcher Stärke, daß nur noch
das Gefühl eines ungeheuren Getöses verblieb, in dem jedes Einzelgeräusch
verschluckt wurde. Von 7 Uhr an wurden der Platz und die umliegenden Häuser
in Abständen von halben Minuten mit 15-Zentimeter-Granaten beworfen. Es
waren viele Blindgänger darunter, die trotzdem noch die Häuser ins
Schwanken brachten. Wir saßen während der ganzen Zeit in unserem Keller auf
seidenbezogenen Sesseln rund um den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt
und zählten die Zeit zwischen den Einschlägen. Die Witzworte wurden immer
seltener, und endlich ließ die Nervenanstrengung auch den Verwegensten
verstummen. Um 8 Uhr brach das Nebenhaus nach zwei Volltreffern zusammen.

Von 9 bis 10 Uhr nahm das Feuer eine wahnwitzige Wucht an. Die Erde wankte,
der Himmel schien ein brodelnder Riesenkessel.

Hunderte von schweren Batterien krachten um und in Combles, unzählige
Granaten kreuzten sich heulend und fauchend über uns. Alles war in dichten
Rauch gehüllt, der von bunten Leuchtkugeln unheildrohend bestrahlt wurde.
Bei heftigsten Kopf- und Ohrenschmerzen konnten wir uns nur noch durch
abgerissene, gebrüllte Worte verständigen. Die Fähigkeit des logischen
Denkens und das Gefühl der Schwerkraft schienen aufgehoben. Man hatte das
Empfinden des Unentrinnbaren und unbedingt Notwendigen wie einem Ausbruch
der Elemente gegenüber. Ein Unteroffizier des dritten Zuges wurde
tobsüchtig.

Um 10 Uhr beruhigte sich diese Fastnacht der Hölle allmählich und ging in
ein ruhiges Trommelfeuer über, in dem man allerdings den einzelnen Abschuß
auch noch nicht wahrnehmen konnte.

Um 11 Uhr kam eine Ordonnanz und brachte Befehl, die Züge auf den
Kirchplatz zu führen. Wir vereinigten uns daraufhin mit den beiden anderen
Zügen zum Abmarsch in Stellung. Um Verpflegung nach vorn zu bringen, war
noch ein vierter Zug unter Führung des Leutnants Sievers ausgeschieden.
Diese Leute umdrängten uns, während wir uns unter hastigen Zurufen an dem
gefährlichen Ort sammelten und beluden uns mit den damals noch reichlich
vorhandenen Lebensmitteln. Sievers drängte mir ein Kochgeschirr voll Butter
auf, drückte mir zum Abschied die Hand und wünschte uns viel Glück.

Dann marschierten wir ab in Reihe zu einem hintereinander. Jeder hatte
Befehl, sich unbedingt hinter seinem Vordermann zu halten. Gleich am
Ortsausgang merkte unser Führer, daß er sich verirrt hatte. Wir waren
gezwungen, bei starkem Schrapnellfeuer kehrtzumachen. Dann ging es, meist
im Laufschritt, an einem zur Orientierung ausgelegten, in kleine Teile
zerschossenen, weißen Band entlang über freies Feld. Oft mußten wir gerade
an den übelsten Stellen stehen bleiben, wenn der Führer die Richtung
verloren hatte. Dabei war es zur Aufrechterhaltung der Verbindung verboten,
sich hinzulegen.

Trotzdem waren plötzlich der erste und dritte Zug verschwunden. Weiter! In
einem heftig beschossenen Hohlweg stauten sich die Gruppen. Hinlegen! Ein
ekelhaft aufdringlicher Geruch belehrte uns, daß diese Passage schon viele
Opfer gefordert hatte. Nach todbedrohtem Lauf gelangten wir in einen
zweiten Hohlweg, der den Unterstand des Kampftruppenkommandanten (K. T. K.)
barg, verrannten uns und machten im qualvollen Gedränge nervöser und
aufgeregter Menschen kehrt. Höchstens fünf Meter neben dem Leutnant Vogel
und mir schlug eine mittlere Granate mit dumpfem Krach auf die hintere
Böschung und bewarf uns mit gewaltigen Erdklumpen, während Todesschauer
über unseren Rücken glitten. Endlich fand der Führer durch den Merkpunkt
einer auffälligen Leichengruppe den Weg wieder.

Weiter! Weiter! Leute brachen im Laufe zusammen, von uns hart bedroht, um
die letzte Kraftanspannung aus ihren erschöpften Körpern zu pumpen.
Verwundete schlugen mit unbeachtetem Hilfeschrei rechts und links in die
Trichter. Weiter ging es, die Augen starr auf den Vordermann gerichtet,
durch einen knietiefen, von einer Kette riesiger Trichter gebildeten
Graben, in dem ein Toter neben dem anderen lag. Widerstrebend trat der Fuß
auf die weichen, nachgebenden Körper. Auch der in den Weg stürzende
Verwundete verfiel dem Schicksal, unter die Stiefel der weiter Hastenden
getreten zu werden.

Und immer dieser süßliche Geruch! Auch meine Gefechtsordonnanz, der kleine
Schmidt, Begleiter auf mancher gefährlichen Patrouille, begann zu taumeln.
Ich riß ihm das Gewehr aus der Hand, wobei der gute Junge sich selbst in
diesem Moment noch aus Höflichkeit sträuben wollte.

Endlich gelangten wir in die vordere Linie, die von eng in die Löcher
gekauerten Leuten besetzt war, deren tonlose Stimmen vor Freude zitterten,
als sie erfuhren, daß die Ablösung da wäre. Ein bayrischer Feldwebel
übergab mir mit einigen Worten Abschnitt und Leuchtpistole.

Mein Zugabschnitt bildete den rechten Flügel der Regimentsstellung und
bestand aus einem flachen, muldenartig zertrommelten Hohlweg, der ein paar
hundert Meter links von Guillemont und etwas näher rechts am Bois de Trônes
lag. Von der rechten Nachbartruppe, dem Infanterie-Regiment 76, trennte uns
ein 500 Meter breiter, unbesetzter Raum, in dem sich wegen des überaus
heftigen Feuers niemand aufhalten konnte.

Der bayerische Feldwebel war plötzlich spurlos verschwunden, und ich stand
ganz allein, meine Leuchtpistole in der Hand, mitten in dem unheimlichen
Trichtergelände, das am Boden lagernde weiße Nebelschwaden in ein noch
drohenderes und rätselhafteres Aussehen hüllten. Hinter mir ertönte ein
andauerndes, unangenehmes Geräusch; ich stellte mit merkwürdiger
Objektivität fest, daß es von einem riesenhaften, in Zersetzung
übergehenden Leichnam herrührte.

Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich
mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu
machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen
und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht
einem Kubikmeter Rauminhalt.

Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich
den staunenden Augen.

Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken,
Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der
Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger
armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte
Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die
toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen
übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht
gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen
durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und
die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.

Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor
voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor
unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum
Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel
oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die
Körper mit Erde zu bedecken.

Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß
die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von
weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug
zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene
Wald von Delville.

Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer
heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste,
während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das
scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald
ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne.
Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein
schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht
heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine
Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick
verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter
zerrissen.

Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch
einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus;
trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein
Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon.
Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute
bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende
Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen
Fuchsloches drohen.

Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht
mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte
meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu
bringen.

Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm
ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir
völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht
vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich
den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner
Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges
und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel
sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und
wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten,
die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen
Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten
Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen
gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.

Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche
Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich
indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten
weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine
Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften
herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein
Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter
Leichen braute aus den Trichtern.

Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein
gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages
beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze
gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst.

H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht
beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte
mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es
stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen
nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen,
blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen
gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem
Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem
Appetit.

Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von
irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark
streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm
sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das
Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner
Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.

Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das
abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah
durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen.
Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich
stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit
denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen
innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein
Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über
30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die
sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin
zu dirigieren.

Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der
zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen
Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel.

Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit
zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf
kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in
den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene
zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die
Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun
hatte?

Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt.
Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war
gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie
möglich diesen Ort des Teufels.

Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe
Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer
Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die
Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und
gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.

In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die
schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen
Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte
uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend.
Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte
Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß
der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte.
Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche
Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!

Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu
machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und
Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend;
dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die
langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich
gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern,
bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um
alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach
Combles.

Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum
Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte
sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden
gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die
Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter
Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur
uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr
als einmal am Kolben des Revolvers.

Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann
erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem
Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten
begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere
ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf
unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.

Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug
vier kleinere Keller bezog.

Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen
kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit
köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich
in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner,
alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine
Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken,
Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken
stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden
geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war
ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.

Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits
die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln,
Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in
der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins
Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die
Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich
schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer
erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener
Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers
einen Band der illustrierten Beilagen des »Petit Journal«, die in fast
jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit
strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im
Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig
den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre
gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die
letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers,
wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.

Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall,
und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken
Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: »Ich habe einen weg!« sprang
ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.

Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der
Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den
Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer
unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und
trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser
Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje
den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel
heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen
Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen.
Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd,
indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.

Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische
der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied
von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte
mich für kurze Zeit.

Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und
dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu
achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee
über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto
weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von
Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der
letzten Zeit mehr als 30 000 Verwundete über Fins abtransportiert wären.
Von dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom
unaufhörlichen Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge
weiter nach Gera, wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand.

Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr
ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner
Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und
zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen
Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut,
Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur
letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende,
darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein
einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der
mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der
englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner
Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.

Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der
Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte
ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der
Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel
des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der
blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende,
unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen
Kameradschaft würdig zu erweisen.

                                * * *

Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden
Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen
des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der
Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer
lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der
Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst
die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und
staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine
kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.

Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen,
wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen
Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.

Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne
es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy,
der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg,
direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere
Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht
verfehlen konnte.

Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem
hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern
bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen
mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder
umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser
weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur
Wüste verwandelt.

In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer
tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung
rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.

An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug
die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die
Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere
Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.

Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte
auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren
Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.

Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie
damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche
Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an
unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen.
Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub.
Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort
noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm
und Blut zu erlöschen.



Am St. Pierre-Vaast.


Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte,
begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz
nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft
nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen
Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder
in der Richtung auf das Sommegebiet ab.

Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt
untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von
Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die
Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur-
und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch
ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß
sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die
Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach
seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die
Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer
Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die
Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin
gewohnt zu haben. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur
un fumier, c'est la crème de la crème«, sprudelte sie hervor, während sie
mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein
Objekt für ihre Wut finden zu können.

Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und
anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig
einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu
stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in
einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen
betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf
dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.

Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den
Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt,
geprügelt und unter dem Rufe: »Demande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte.

Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß
Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist.
Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang
hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester
Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout.

Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir
verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich
muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die
ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch
kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein
gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei
mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir
gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des
Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem
Kreise hielt.

Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit
einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur
Verfügung.

Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der
Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp
nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des
Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der
Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei
Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in
dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches
Zusammenleben geführt wurde.

Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir
mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die
Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu
orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge
ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag
links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten
»Namenlosen Walde«. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim
Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken
wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges
zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske
geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.

Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die
Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach
vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte
ich meinem Ziele zu.

Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe
Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier
und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner
Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen
Eindruck beängstigender Öde.

Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging
zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf
einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der
anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher
eilig den »Namenlosen Wald« und stolperte durch tiefe Trichter, über
entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener
Äste.

Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag
ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen
Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.

Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der
mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter
und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen
natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade
durchbohrt und die linke gestreift.

Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort
durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.

Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen
das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung,
auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an,
mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir
eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte,
die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben
würde.

Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen.
Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto.
Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer
plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es
war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer
zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das
friedliche Aussehen stiller Schläfer.

Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade
seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett
Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.

Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und
beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem
Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal
konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von
Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde
ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener
Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von
mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern
geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern
eilten.

Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer
geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche
Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden
Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag
der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.

Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im
Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und
ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen.
Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um
Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe
gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns
aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz
nachzuahmen.

Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften
Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend
durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald
gelesen.

Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy
einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer
vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.

»Was ist denn hier los?« fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der
anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer
Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem
Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren
nur einige Pferde verwundet.

Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines
Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden
Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen
Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte
vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln
oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu
benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter
dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu
eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch
meinen Störungstrupp flicken lassen.

Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in
der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute
lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine
einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend
Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der
Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.

Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn
zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem
Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die
Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von
weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher
Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben.

Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich
im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes
Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen,
nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor
dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während
draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in
langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.

Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum
Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für
den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy
hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich,
davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden
durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen
floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das
vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy
gefeiert hatten.

Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als
Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten
Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten
uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und
Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren
Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte.

Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn
man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus
Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher
Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam
wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen
konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise
von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.

Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit
aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß
nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.

In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur,
Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende
Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit
zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur
die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der
Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige
Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der
General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte.

Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem
französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem
Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter
unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in
glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und
uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen.

Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im
Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand
während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes
Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.



Der Somme-Rückzug.


Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von
Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung
der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.

Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung
bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose
Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders
nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über
den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den
Eindruck des Chaotischen verstärkten.

Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen
englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten
großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast
jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer
Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen
Periode:

4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte
Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter
Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um
meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch
den vollständig versoffenen »namenlosen Graben« zum 3. Zuge. Während dieses
Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine
lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte
sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand
geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.

Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem
Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen
zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando
mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm.
Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen
sein soll.

Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem
Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen
eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf
Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann
liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der
andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den
Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem
Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen,
und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch
geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein
einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder
Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.

Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung
den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt
befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht
geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag
befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen
Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen
letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte
Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.

Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in
den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo
er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte,
niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem
Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der
Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup
portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib
jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast
abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis
zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen.

Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen
Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von
dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich
trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten
feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform
scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der
Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor
den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken,
als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal
mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch
lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.

Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte
einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie
eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und
marschierten nach Devise.

Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den
Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen
Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte
in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung
energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren
vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir
unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten,
hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen
und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die
Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von
gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine
Orgie der Vernichtung gefeiert.

Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und
Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer
umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der
Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen
Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere
schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg
kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion
eines Wintergartens.

Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum
gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf
abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet,
alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder
Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den
vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.

Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch
scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der
befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende
friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige
Machtgefühl schweigen.

Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich
keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch
rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der
Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange
das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.

Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts
zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der
sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von
niederen Instinkten umsetzte.

Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden
Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen
Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das
einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.

Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu
täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über
Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom
rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem
klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung
überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland
durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem
Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.

Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der
Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter
und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt
hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung
eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.

Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im
vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang
das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung
verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten.
Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse
vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine
Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte
mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und
Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald
ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5
Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch
die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher
mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.

Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in
Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die
Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch
Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch
immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten
feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau
befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem
am »Canal de St. Quentin« gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit
meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der
verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als
bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein
Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein
Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der
kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung
machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im
Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer
Stämme als Ersatz einstellen mußten.

Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom
Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere
Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch
einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.



Im Dorfe Fresnoy.


Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht
unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an,
die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude
wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den
Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch
Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die
Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel
erreicht hatten.

Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging
ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den
kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf
den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen
mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er
mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück
Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich
feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in
einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien.

Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen
bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu
errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein
Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck
schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen
Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen
Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der
Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge
als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in
der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige
Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen
Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte
leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand
bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte.

Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle
zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer,
Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine
Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen
passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum
letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.

In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen
zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: »Laß man
schießen!« und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum
dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des
Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: »Mensch,
wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?« Als
ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere
Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem
Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber
zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt.
Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten
Hauses gesagt hätte: »Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir
wollen doch mal sehen, ob der noch is.« Mein Bursche war ganz außer sich
über meinen unglaublich festen Schlaf.

Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege
dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms
erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt
wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In
einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu
benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte
man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.

Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir
Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen,
zusammenschleppten.

Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter
Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten,
da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf,
sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend
abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen
und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das
Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel
ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am
Halse getroffen.

Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das
Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß
er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige
Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte
gestattete.

Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig
einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300
Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der
hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder
Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt
mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen
leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit
Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte
eiligst das Feld, um mich nicht »antöten« zu lassen, wie der damals gerade
übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.

Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard
ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines
großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.

Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen,
dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach
jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke
gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen
Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und
brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.

An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber.
Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers
trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und
Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände
eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.

Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden
Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den
Fernspruch: »67 von 5 a. m.«, was nach unserem Zifferncode »von 5 Uhr
vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft« bedeutete.

Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu
sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine
Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das
ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.

Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe
hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei
wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und
meldete: »Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer
bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!« Da ich im Haus Nr. 11
zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen
Leuten zu Hilfe.

Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt
folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen,
beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben.
Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen,
während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der
Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne
Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei
anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der
gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.

Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und
trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster
Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen
Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter
zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige
Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die
Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am
Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte
der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen
Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem
aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein
zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die
eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen
mit den Worten: »Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein
Zweck!« zur Ruhe verwiesen.

Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es
war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den
dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne
Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den
Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen
und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über
sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine
Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: »Beiß die Zähne zusammen,
Kamerad!« schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum
Sanitätsunterstand.

In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine
Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven
gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns
eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von
Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.

Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke.
Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See;
ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der
zusammenstürzenden benachbarten Häuser.

Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon
auf: »Brigade will sofort Klarheit über die Lage.« Nach einer Stunde
brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: »Feind besetzte Arleux,
Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine
Nachricht. Rocholl, Hauptmann.«

Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit
meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen
meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von
größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht
gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.

Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon
seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen
die Mauern klappten.

Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die
Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter
noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es
dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der
biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst
keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht
blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns
herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück,
während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der
Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.

Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem
Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam
Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen
zurückzuziehen.

Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an,
den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz
meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle
zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange,
sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser
Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum
Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf
und war von diesem Augenblick an verschwunden.

Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur
Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen
durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der
unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden
aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das
Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag
getroffen wurde.

Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein
kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn-
und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten
sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen
strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend,
Unterstützungstrupps nach vorn.

In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde
schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht
wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen,
Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft
geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen
Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt
an dieser wirbelnden Vernichtung.

Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn
außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben,
Ablösungskommandos und den unvermeidlichen »Versprengten« bevölkert. Der
starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald
saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem
vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute.
Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir
neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden
verbogen, in alle Winde geschleudert.

Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große
Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière,
den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund
bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau
dieselbe Verletzung.

Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25
meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten
Bataillons, ab. Das Kalkwerk »Chez-bon-temps« mit seinen schweren
Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den
wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen
wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden
Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu
sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:

   Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,
   Zu besserm Ding als sich zu schlagen.


In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der
Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn
von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den
aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten.
Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach
einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé
herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein
Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel
nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte
Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde
Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß
wir am nächsten Morgen »in alter Frische« erwachten.

Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten
Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof
Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in
dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten.
Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am
ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm
kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.

Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den
schönsten Erinnerungen alter Krieger.

Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit
tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten
Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen
Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den
künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten,
wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.

Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die
geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich
der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter.
Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und
doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den
Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der
ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in
diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.

Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen
mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie
übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der
niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen.



Gegen Inder.


Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem
wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über
Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor
einem Monat verlassen hatten.

Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich
auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe
von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.

Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von
St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir
rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen
mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.

Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen
Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten
Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da
zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten.
Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in
mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt
die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.

Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die
Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend
verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und
rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort
Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten
hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten
wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste
Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung
eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.

Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von
Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird.
Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender
Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage
bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte
Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß
er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken
Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.

Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese
Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier
Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im
Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese
schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die
ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.

Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.

Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem
waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig
unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die
blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen
unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren
Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem »vie de campagne« versteht.
In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das
schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung
seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.

Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett
entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten
Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt
unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.

Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten
Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem
dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob
sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in
rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen
bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung
verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die
Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr
folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem
der unteren Pritsche entspann, vernehmen:

»Du, Ernst!«

»Hm?«

»Ich glaube, sie schießen!«

»Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die
letzten.«

Nach einer Viertelstunde:

»Du, Oskar!«

»Ja?«

»Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine
Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen.
Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!«

Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir
fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt
an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen
Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der
Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn
genommen.

Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente
auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand,
die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher
schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau
heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.

Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige
Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und
schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände
schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten,
daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in
einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder
mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den
blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd
wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand
die abgelöste Mannschaft im Dunkel.

Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein
wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter
breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben
sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen
Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.

Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit
einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu
machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich
eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.

Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens
anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten,
seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem
wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir
klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht
bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten
werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.

Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem
Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die
Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit
immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von
einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen
geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich
natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem
ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes
muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art
taktische Fehler begehen.

Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte
Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas
exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu
verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer
kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache
zurück.

Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so
versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie.
Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges
Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen
die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen
Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß:
Jetzt ist etwas los!

Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: »Herr Leutnant, es gehen
70 Engländer gegen den Waldrand vor!«

Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber
vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem
Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu
beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese
huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein
leises: »Wer da?« Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter
alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln
versuchte.

Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren,
deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute
standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung
nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam
ich zur Antwort: »Ich bin Krankenträger.« Der Mann hatte sein
Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer
Disziplin, ließ ich antreten.

Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite
ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen
unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns
liegenden Hügels zu gewinnen.

Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine
Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken
erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes,
der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war.
Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das
schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer
verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.

Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den
Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und
drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: »Die
Engländer!«

Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken
erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich
gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des
Offiziers am rechten Flügel.

Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen
tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug,
kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur
durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte
Schützenlinie.

Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann,
der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar
unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend
entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im
Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich
selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer
und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden.
Der moralische Faktor ist eben alles.

Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und
Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt.

»Halt! Wer da! Parole?!«

Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort
des 1. Bataillons »Lüttje Lage«, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem
Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames,
unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und
ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu
haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die
Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern
verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.

Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam
einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden.

»Stopfen!«

Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der
Nerven war durch die Tat gedämpft.

Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: »Come
here, you are prisoners, hands up!«

Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum
und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm »Parole!«
entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.

»Schießt ihn kaputt!«

Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.

Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom
Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich
gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.

In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu
dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.

Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn,
eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter
waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die
Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und
Stahlhelme wuchteten.

Plötzlich ein Schrei: »Aaaachtung, links!« Eine Schar von Angreifern
schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit
vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend.

»Linke Gruppe links schwenken!«

Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der
Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen
zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen
waren.

Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und
wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das
verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer
Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.

Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die
blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend
aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir
waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten
Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch
die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.

Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten,
hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten
durch den Hohlweg entfernte.

Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die
Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und
Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und
drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt,
von uns umgebracht zu werden.

Auf meine Frage: »Quelle nation?« antwortete einer: »Pauvre Radschput!«

Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem
gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel
einzurennen.

Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen
Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte
weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu
unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften
ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer
Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er
wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig,
eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu
gewinnen, indem sie fortwährend riefen: »Anglais pas bon!« Weshalb diese
Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.

Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und
schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere
Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes
Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur
Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.

Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im
Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das
Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war,
siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine
glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen.

Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit
über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem
feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab
bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise
gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist;
nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.

Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei
ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr
eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu
kämpfen.

Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? »Ihr dürft nur Feinde haben, die zu
hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren
Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.«

Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber
der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen.
Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am
Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem
Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein
Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den
unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.

An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen
hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit
zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er
hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte
Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich
heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch
die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen,
sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe
Patronen enthielt.

Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer
unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur
dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken
mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe
Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.

In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des
Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste
der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte.
Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mit ein
merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und
stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen
Leben erwacht schienen.

Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem
leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf
Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg
bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen
Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns
gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns
kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.

Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie
angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe
unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.

Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude
und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.

Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall
der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich
sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles
sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer
Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab
ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in
ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.

Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los.
Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß
ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast
am Kragen gepackt hätte.

Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich
verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten
wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam
der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer
Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt
hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der
Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.

Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen
hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen
gelassen hatte.

Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten,
setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12.
erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach.
Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich
mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: »Herr
Leutnant, nicht allein lassen!«

Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der
Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe
von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen
dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.

In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von
dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über
die Lage.

»Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin
verwundet! Wo ist der Leutnant?«

Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie
die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die
Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in
gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse
betrachtete.

Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser
Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger
Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.

Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere
im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt
wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung
von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr
suchen.

Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst
einige Batterien ein.

Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem
unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht
hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten.
Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht
hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.

Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse
fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen
entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die
Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als
Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche
Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer
mitgenommen hatte.

Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter
hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern
konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns
mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich
hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.

Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre
wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten
anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr
unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr
auch nicht.

Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst
wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.

Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach
Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.

Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig
verloren.



Langemarck.


Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen
sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen
schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele
Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite
Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers
Blériot ziert.

Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach
aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches
Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend.
Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn
kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.

Der große Krieg riß das stille Rest brutal aus seinem Dornröschenschlummer
und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges,
neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die
kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde
Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die
mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche
Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken
und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären
und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute
zuraunend.

Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der
Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer
Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine
Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische
Abenteuer waren an der Tagesordnung.

Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später
berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten
Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps
übertragen.

Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das
freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir
irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee
zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer
zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten.

Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke
der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in
Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes
Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers
köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.

Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren
nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort
schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch
nicht gesehen.

In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten
durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von
der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und
saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen
saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern
Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs
kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in
derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in
den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen.
Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von
Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe.
Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige
badende Leute vom Regiment 91.

Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur Stellung des
Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine
Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf
Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere
Granaten einige Male »aus dem Schritt gebracht«. In der Dunkelheit hörte
ich die Stimme eines Rekruten: »Der Leutnant legt sich ja nie hin.«

»Der weiß ganz genau Bescheid,« wurde er durch einen Älteren belehrt. »Wenn
eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!«

Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. »Nimm nur
Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.« Den Grad der
Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den
Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das
leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.

Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich
durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des
Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen
auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich
zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen
Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000
24-cm-Granaten vertrieben war. »Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,«
dachte ich mir dabei im stillen.

Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen
wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen
Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln
sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und
hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam
der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück
und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre,
bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen
Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser
durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen
vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des
Bereitschaftskommandeurs, geleitete.

Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von
der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im
Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch
Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen
schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende
Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.

Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des
Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen
Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose
Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um
kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann
pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die
Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.

Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen
Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen
inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit
und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann,
der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken
Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem
Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der
Außenwand geplatzt war.

Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der
Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte.
Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der
Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen
Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ.
Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte
mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur
Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der
Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben
nicht gewachsen wären.

Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn
stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte
Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem
Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.

Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das
Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines
lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und
führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten
Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen
Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.

Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns
einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht
über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und
durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während
versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen
suchten.

Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der
unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der
Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir
hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer,
der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt
der Trichterwüste gleichmachen mußte.

Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen
vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.

Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl,
aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50
Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die
vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt
entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein
Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten
Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm
vorging.

Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den
zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen
waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten,
war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten
ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen
einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.

Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem
Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem
Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt
benachrichtigt zu haben.

Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder
Waffengattungen, die nicht einmal »Gewehr über!« kommandieren konnten, nur
ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die
Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag
man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine
Menschenleben in Frage kommen.

O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und
hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer,
gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel.
Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und
Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal
losgehen sollte.

Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich
tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den
Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.

Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht
unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem
vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und
links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie
hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen,
war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer
zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen
war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.

Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich
mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute
Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen
Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende
Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene
Hütte und hasteten weiter.

Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von
Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die
uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich
erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.

Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu
folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen
überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil
hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich
merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde.
Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das
Gelände war menschenleer.

Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer,
dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.

In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der
dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren
Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak
empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war.
Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß.

Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder
gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich
erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.

Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in
einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von
entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die
unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein
Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge
ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim
Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge
durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das
Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen,
sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.

Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden
Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem
schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war,
ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung
unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den
Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu schaffen und
von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir
knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann
nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte
sich der traurige Zug in Bewegung.

Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen
Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.

Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den
langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht
mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern
des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz
außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar
getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze
los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille
des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige
Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber
aufhielt.

Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die
mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen.
Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß
kampfunfähig gemacht.

Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit
Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs,
das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.

Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die
strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die
ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.

In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit
schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion
die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe
einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das
Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand
»Kolumbusei« und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft
zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit
Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung
zurückgeschafft sei.

Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen,
auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch,
Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen
Standesunterschied die Flasche mit »98prozentigem« rundgehen. Dann gaben
wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende
Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört
wurde.

Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute
nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß
von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei
geräumt und der Gegner im Vordringen.

Nach dem alten Soldatengrundsatz: »Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele
zusammen«, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah
dann zu, was draußen los war.

Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in
dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute
gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung,
keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit
umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach,
zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere,
milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein
Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen
und brannte noch minntenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich
dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und
Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns
ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon
nahe herangekommen sein mußte.

Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den
wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den
Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm
auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu,
daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne
Deckung.

Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter
oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten
verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die
erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.

Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte
den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an
Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter
Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine
Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und
ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich
nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den
Hals.

Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen
führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig
unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von
ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick
gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.

»Anschlagen!« rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses
standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre
magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen
Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie
uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz
versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch
nicht locker. »Aber ich habe ja gar kein Gewehr!« »Dann warten Sie, bis
einer totgeschossen wird!«

Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des
Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der
Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren
Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich
unverletzt wieder hoch.

Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über
uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war
nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht
gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen,
daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns
hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was
unvermeidlich kommen mußte.

Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren
erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute
schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie
weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns
durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren
wir von einem Kranze von Schützen umgeben.

Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft
hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe
verbissenen Leute hochzubekommen.

Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt
zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann
unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit
einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.

Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur
Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen
zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer
Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu
bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren
nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen
auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit
Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und
einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.

Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius
zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor
uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf
umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und
meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße
eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte.

Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen.
Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde
schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot
zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum
Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen
waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen
Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände
von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg
wimmelten sie schon herum.

Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten
gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen.
Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine
Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während
neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer
Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf
einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der
Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit
verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt.

Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter
und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.

Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um
Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und
Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde
alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der
Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.

Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen
wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die
Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch
schwere Stunden bevorstehen mußten.

Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren
Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten,
schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und
Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mit flammte ein Feuerblitz
auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu
meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus
vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter
rechts traten schwere Verluste ein.

Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in
die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens
Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre,
Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser
Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir
noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem
Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine
Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das
Ende gefaßt.

Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte
auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken
sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So
beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman »le
vautour de la Sierra«, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war.
Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: »Ein großes Herz fühlt vor dem
Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.« Heute
schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir
selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich
Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir
ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben
sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.

Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius
leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß
fest.

Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des
ganzen Krieges.

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem
unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen
ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen
und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden
sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende
Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern
wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern
des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.

Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein
schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln
eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden
aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das
Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu
betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.

Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in
einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum
hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht
dich.

Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der
moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am
Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen
Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache
machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein
Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes
erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst.

An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen
Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen
Geiste erzogen waren.

Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier
als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre
anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen.
Das wird einem erst im Kriege ganz klar. --

Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen
eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur
schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach
zurückgezogen.

Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns
bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den
zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in
einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein
merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen
Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen
sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und
schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des
ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone
nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden
Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin
füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu
angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen
übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne
einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten
Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße.
Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß
kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu
brechen vermag wie Nässe und Kälte.

Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres
Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in
den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit
seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir
unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten.

Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein
rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß
sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.

Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am
Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und
Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen
lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.

Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle
vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments.
Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der
Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand.
Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften.
Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die
Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um
einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück
wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich.

Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen
und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der
Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum
Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen
hinausgeworfen zu werden.

Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten
über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach
Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf
Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies
schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit
fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen,
als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein
Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm
im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes.

Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof
untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder
hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten
Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid
teilen sollte.

Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten
uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner
der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz
in die Augen: »Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.«

Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer
Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil
dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche
Offensive zum Stillstand zu bringen.

Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen
Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und
her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.

Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der
verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In
der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon
wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen
zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten.
Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch
die Offiziere, mit »du« traktierten.

                                * * *

Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen
Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine
klapprige Lunge behalten würde.

Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen
und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen
Neulings anschaulich wiedergeben:

»-- -- Antreten zum Sturm!« Das Gesicht meines Zugführers und
Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und
bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend
lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich
fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und
trat in die Dämmerung hinaus.

Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das
Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen
Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und
beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze.

Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt
sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte
meine Feldflasche.

Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier
Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei
Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen
aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem
bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten
sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und
polternd auf den Feind zu.

Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres
Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl,
englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen.
Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den
Gegenstoß aufzufangen.

Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das
blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. »Bachmann«,
dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad,
Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor
ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich
plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.

Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich
zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen
Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure
Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem,
schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder
zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge
umherwanderten.

Es wurde Gasbereitschaft befohlen. In diesem Augenblick setzte schlagartig
ein ungeheures Feuer ein. Erde sprang auf in fauchenden Fontänen, und ein
Hagel von Splittern fegte wie ein Regenschauer das Land. Einen Augenblick
stand jeder erstarrt. Dann stürzte alles wie rasend auseinander. Einmal
noch hörte ich unverständlich die brüllende Stimme unseres
Bataillonskommandeurs, Rittmeister Böckelmann.

Meine Leute waren verschwunden, ich befand mich in einem anderen Zuge und
drängte mich mit den anderen nach den Trümmern eines Dorfes, das die
unerbittlichen Granaten bis auf die Grundmauern rasiert hatten. Wir rissen
die Gasmasken heraus.

Mit einem Schlage setzte ein tolles Maschinengewehrfeuer ein. Alles warf
sich nieder. Links neben mir kniete der Leutnant Ehlers, neben ihm lag
spähend ein Unteroffizier. Vor uns flackerte gelb eine Feuerwand,
Detonation folgte auf Detonation; Häuserreste, ein Schauer von Erdklumpen,
Ziegelstücken und Eisensplittern hagelte auf uns herab und schlug helle
Funken aus den Stahlhelmen. Ich starrte in diesen glühenden Hexenkessel
hinein.

Was war dagegen das halbstündige Trommelfeuer, das diesen verfehlten
Angriff vorbereitet hatte. Denn daß er verfehlt war, war mir klar wie eine
Vision. Zweimal verschlang ein ungeheuerlicher Krach in kurzen
Zwischenräumen das Toben. Ganze Schuttfelder flogen in die Luft, wirbelten
durcheinander und stürzten mit höllischem Prasseln nieder.

Auf eine schreiende Aufforderung Ehlers' schaute ich nach rechts. Er erhob
die linke Hand, winkte nach hinten, rief und sprang vor. Ich stand
schwerfällig auf und folgte laufend. Meine Füße brannten von der
vorhergehenden Nacht noch immer wie Feuer, das Blut war jedoch von den
Strümpfen aufgesogen und der stechende Schmerz hatte nachgelassen.

Ich hatte keine zwanzig Schritt gemacht, da blendete mich, als ich aus
einem Trichter wieder auftauchte, das brennende Licht eines Schrapnells,
das keine zehn Schritt vor mir in drei Meter Höhe auseinandersprang. Ich
fühlte zwei dumpfe Schläge gegen Brust und Schulter. Automatisch fiel mir
das Gewehr aus der Hand, ich brach, den Kopf nach hinten, zusammen und
kollerte in den Trichter zurück. Verschwommen hörte ich noch die Stimme
Ehlers, der im Vorbeilaufen rief: »Den hat's erwischt.«

Er sollte den nächsten Tag nicht beenden. Der Vorstoß mißlang, und er wurde
beim Zurückspringen mit all seinen Begleitern getötet. Ein Schuß durch den
Hinterkopf setzte dem Leben dieses tapferen Offiziers ein Ende.

Als ich nach einer langen Ohnmacht erwachte, war es ruhig geworden. Ich
versuchte mich aufzurichten, empfand jedoch heftigen Schmerz in der rechten
Schulter, den jede Bewegung des Armes verstärkte. Der Atem ging kurz und
stoßweise, die Lunge konnte nicht genug Luft schaffen. »Prellschuß an Lunge
und Schulter«, dachte ich, warf Sturmgepäck, Koppel und in einem Zustande
völliger Apathie auch die Gasmaske fort. Den Stahlhelm behielt ich auf und
hängte die Feldflasche an den Taillenhaken.

Nach fünf Schritten blieb ich in einem Nebentrichter regungslos liegen.
Nach vielleicht einer Stunde versuchte ich das zweite Mal fortzukriechen,
da das Feld schon wieder von leichten Trommelfeuern überschauert wurde.
Auch dieser Versuch mißlang; ich verlor meine Feldflasche und versank in
eine unendliche Erschöpfung, aus der mich nach langer Zeit das Gefühl
brennenden Durstes erweckte.

Es begann leise zu regnen. Mit dem Stahlhelm gelang es mir, ein wenig
schmutziges Wasser zu sammeln. Ich hatte jede Orientierung verloren. Ein
Gewitter zog auf, seine Donnerschläge wurden übertönt von dem einsetzenden
Lärm eines neuen Trommelfeuers. Ich drückte mich an die Trichterwand. Ein
Lehmklumpen traf meine Schulter, schwere Splitter fegten über meinen Kopf
dahin. Allmählich verlor ich auch den Sinn für die Zeit.

Einmal tauchten zwei Leute auf, die in langen Sprüngen über das Feld
setzten. Ich rief sie an; sie verschwanden, ohne auf mich zu hören wie
Schatten in den Nebeln. Endlich kamen drei Leute gerade auf mich zu. Ich
erkannte in dem mittleren den Unteroffizier vom Tage vorher. Sie nahmen
mich mit zu einer kleinen Hütte, die in der Nähe stand, vollgestopft von
Verwundeten, die von zwei Sanitätern gepflegt wurden. Ich hatte 13 Stunden
im Trichter gelegen.

In einer Ecke erkannte ich Bachmann, der, seinen Schmerz verbeißend,
krampfhaft sein zerschossenes Knie hielt. Wir unterhielten uns abgebrochen;
manchmal, wenn jemand ihn anstieß, stöhnte er leise.

Fortwährend arbeitete das gewaltige Feuer fort. Granate auf Granate schlug
neben uns ein, häufig das Dach mit Sand und Erde überschüttend. Man verband
mich, gab mir eine neue Gasmaske, ein Brot mit grober, roter Marmelade und
ein wenig Wasser. Der Sanitäter sorgte für uns wie ein Vater.

Die Engländer begannen vorzudringen. Sprungweise näherten sie sich und
verschwanden in den Trichtern, wie ich aus draußen erschallenden
ängstlichen Ausrufen schloß.

Dann trat mein Kompagnieführer, der Leutnant Sandvoß ein, fragte mich, ob
ich gehen könnte und verschwand, von einer Ordonnanz abberufen. Gleich
darauf hörte ich seine befehlende Stimme, Maschinengewehre wurden
umpostiert und begannen zu tacken.

Plötzlich stürzte von den Schuhen bis zum Stahlhelm mit Lehm beschmiert ein
junger Offizier, mit dem E. K. I auf der Brust, herein. Es war mein Bruder,
der unten schon am vorigen Tage totgesagt war. Wir begrüßten uns, ein wenig
seltsam und gerührt lächelnd. Nach wenigen Minuten verließ er mich und
brachte die letzten fünf Leute seiner Kompagnie herbei. Ich wurde auf eine
Zeltbahn gelegt und unter dem Donner der Geschütze vom Schlachtfelde
getragen.« --



Regniéville.


Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente
und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz
beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen
Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den
Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die
Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden
angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.

Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von
Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht
aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die
Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue
Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber
dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville
hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang
für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil
halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen
Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen
Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen.
Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten
Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.

Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung
bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der
Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken
betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten.
Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den
Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und
Ammonshörnern in den Unterstand zurück.

Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig
Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es
kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel
beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in
demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und
Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die
sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der
zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und
konnte mit Mephisto sprechen:

   Ich schüttle einmal noch den alten Flaus,
   Noch einer flattert hier und dort hinaus,
   Hinauf, umher in hunderttausend Ecken,
   Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.


Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen
Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen
Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon
fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.

Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten,
romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein
Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an
den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer
winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von
Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen
Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen
schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand
aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon
mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich
bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn
abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen
Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer
zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien
mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in
einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die
Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine
Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen
Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter
Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen.

Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen
Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das
Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. -- Am 29. stattete ich mit dem
Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten
Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.

Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann
in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung
war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit
ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der
nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen
Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei
einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung
mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt,
doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir
denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren
Besuch nicht zu verraten.

Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde
jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen.
»Enteneiern«, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden
gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst
Fersengeld geben.

Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum
Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. »Ich habe schon an Sie
gedacht,« erwiderte mir der Oberst von Oppen, »das Regiment muß jedoch eine
gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen
Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im
Souloeuvre-Lager.«

Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und
versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile,
zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen
und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken
Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich
nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie
zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter
der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius,
Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des
zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.

Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten
unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus.
Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon
vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst,
so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten,
aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht
untergebracht werden sollten.

Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum
Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister
Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in
unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß,
daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat
und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.

Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das
Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir
mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages
leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.

Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle
Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns
gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum
Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und
führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon
Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile
wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und
harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier
Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der
rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten
Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf
Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und
Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten,
Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte
Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte
Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir
abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als
Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.

Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer
ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los.
Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte
eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse
Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.

Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten
Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und
sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das
feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte
aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter,
aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. »Rin!«
Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während
rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern,
setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und
sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer
Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese
vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir,
ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.

Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes
Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die
Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben
vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen
Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste.
So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in
dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das
Leben.

Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter
ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang
gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: »Montez!« Eine
herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe
meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene
Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des
kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde
die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten
den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine
Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff
unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in
entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall
lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: »Wo mögen nur
die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?« stieg immer unheimlicher in uns
empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und
vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.

Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden.
Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten
uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und
zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten
uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.

Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte
niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen
Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der
Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des
Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich.
Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten
Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.

Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und
sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines
Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische
Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und
den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während
der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper
nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu
kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute
mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff
mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem
Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick
ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben
vermuteten, eine Stimme: »Qu'est ce qu'il y a« und ein schwarzer Ball flog,
sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. »Achtung!«
Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die
Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das
Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der
Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der
Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es
konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere
Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte.
Pardonstimmung lag nicht in der Luft.

Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel
herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf
das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es
schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir
sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den
eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die
Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf »Lüttje Lage!«
entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel
von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich
liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im
ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen
gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.

Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier
Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost
mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben
geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom
Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde,
hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.

Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück,
und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine
Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen
Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden
ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem
Satze schloß: »Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge,
Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!«

Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand.
Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war
zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze
Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und
fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden
noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß
ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die
Landstraße zu brausen.

Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte
vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust
meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: »Du kannst mir hier, zwanzig
Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,« und gab zu verstehen,
daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße
von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes
gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig
in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an
die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige
Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den
Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer
angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin
ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!

Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte
bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen
Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte:
»Nur die Lumpe sind bescheiden!« unsere Taten vom Morgen in das richtige
Licht zu stellen.

Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch
einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage
Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen
war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern
dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten
Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: »Dem
Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt:

   Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten,
   Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.«


Abends las ich im französischen Heeresbericht: »Ein deutsches Unternehmen
bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.« Daß die Gefangenen nur
gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen
Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre
Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl
anders gekommen.

Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem
Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er
war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und
schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter
auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.

Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war
unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich
an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten
Gräben denke.

Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren
Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie.
Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart,
der seine Aufforderung: »Rendez-vous!« mit grimmigem »Ah non!« erwiderte
und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß
Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne
Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine
Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht
hätte.



Noch einmal Flandern.


Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte,
wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und
zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester
jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen
lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen
Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In
dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen
gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse
Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen
schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.

   »Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt,
   Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.«


Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen
wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten.
Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten
Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt
befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden
Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und
die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen
zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte
auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts
versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.

In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner
der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn
des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur
Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines,
verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern
verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht
einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor
Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen,
um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings
auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen
im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer
betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der
Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.

Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem
Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor
unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das
wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen
Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein »rotes
Mützenbandl« brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf
einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den
Neuling.

Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr
guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen,
als eine Granate bei uns einschlug. »Da bin ich schon, des Chaos
vielgeliebter Sohn!« Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag
in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine
Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.

Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer
Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten.
»Den hat's a derwischt!« äußerte der biedere Bayer. »Dicke Luft«, meinte
der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf
lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale--Westroosebeke und
erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy
geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen
Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer
vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein
geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut
waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über
Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht
erstattete.

Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die
gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die
flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein
Wirtschaftsschild, das den Titel »De Zalm« (Salm), »De Reeper« (Reiher),
»De Nieuwe Trompette«, »De drie Koningen« oder »Den Olifant« führt? Klingt
das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen
unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche
Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von
den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.

Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den
Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und
knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im
Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier
zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist.
Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten,
klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe
werden konnte.

Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach
Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An
der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das
Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von
Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate
getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir
versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die
Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen
bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem
Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte
die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit
zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten
militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase
gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder
desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied
bereichert haben.

Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache
bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps
schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete
schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns
begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen
rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken
Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über
ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir
sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich
wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da
der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für
den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in
der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und
Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal
einer bombensicheren Unterkunft darstellte.

Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der
Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte
über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen
Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons
hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum
Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war
das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das
besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf
meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten
vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen
Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand
errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.

Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch
einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde,
entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie,
Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung
lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von
anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins
erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf
Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er,
die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in
Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst
Bericht erstattete.

Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns
vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in
langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der
Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen
hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal
vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate
schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im
Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.«
Sekunden und Millimeter entscheiden.

Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die
uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch
die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen
Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen,
vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst
nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses
Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants
Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom
Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild
und lebenden Beweis des Spruches: »Fortes fortuna adjuvat« bewundert. Er
war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums
sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus
umgeben waren.

Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von
außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte
auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes
kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen
halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.

Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen
englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach
vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch
scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant
Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T.
K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind
unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den
Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten
Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser
stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm
gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne
Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.

Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken
genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag,
unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit
einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit
meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im
schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste
Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen
Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren
umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter
nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden.
Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen
uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und
zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte,
raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von
einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch
glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße
Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem
Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.

Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage,
festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt.
Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten
Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls
eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken
Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich
auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir
fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten
Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der
Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag,
eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig
erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche
Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation
eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon
nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen
gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter
vorspringen. Beim überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das
Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der
Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit
den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.

Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und
ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die
feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich
auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres
Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm
spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und
wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her:
»Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird's von selber!«

Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter
den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke
benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und
wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar
ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die
einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern
geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein
Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs
Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen
Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse.
Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse
rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war
wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den
Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe
Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns
durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei
diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur
Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern
verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.

Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine
Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.

Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10
abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front
untergebracht. Der Stab zog nach Most.

Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer
verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung
des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe
für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein
Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine
Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das
Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der
Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle
wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter
schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines
Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen
hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.

Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden
Gefechtsauftrag: »Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung
des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen
beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des
Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des
Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom
Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das
II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht
eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.«

Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann
von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze
bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag
damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T.
K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge
frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern
starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die
menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln
der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der
bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte
mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig
erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a.
waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie
gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders
tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer
der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren
Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die
deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im
selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier
Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter
mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige,
der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert
die Verluste des Füsilier-Regiments.

Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der
gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der
Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei
Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit
den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich
nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten
sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die
Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt
zurückziehen.

Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen
englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang
der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner
verdutzten Leute hinein.

An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von
Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des
Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder
zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die
Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß
verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen
hatten.

Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch
kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu
vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn
drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.

Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes
Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die
Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen
schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im
Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm
Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter
Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in
fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener
wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf
einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich
herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp,
waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine
Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus
versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.

Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen
Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der
Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den
alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen
in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.

Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her
wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden
Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen
manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.

Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt
von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder
Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein
prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue
de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem
Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.

Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins
zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war.
Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen
Formen zu genießen.



Die Cambraischlacht.


Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze
Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und
fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen
Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von
Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten
und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen
streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte
Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar
Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten
erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die
gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung
der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen.
Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf
meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden
Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange »Hecht à la Lohengrin«
(Nie sollst du mich befragen).

Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den
nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir
kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast
jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes
abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe
Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht
lange gut gehen konnte.

Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur,
Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den
Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in
unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die
Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir
unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem
setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren
eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen
Unteroffiziere.

In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile
verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein
Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte
und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich
wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich
lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen
Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich
einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir
in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich
trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir
erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir
unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir
sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.

Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich
von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der
Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal
angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen
Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem
leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten
und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen
englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm
absprang.

Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des
Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten
uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um
3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der
Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir
legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort
wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur
vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im
Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten
ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote
verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte.
Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in
fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da
alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich
zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und
überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog
klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe,
der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen
passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir
steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und
unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige
vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die
siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute
vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen
eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett
mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer
eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht
und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl
beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur
Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des
Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich
zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in
dunkler Heide verirrt hat.

Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und
wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand.
Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten
einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser
Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben
werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei
Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten.
Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe
ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der
Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für
ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch
die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm
hervor.

Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit
der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als
möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des
Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese
Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich
erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und
erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen
zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene
Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen.

Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle
nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war,
bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt
werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.

Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung
umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn
abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild
mit der halbverwischten Aufschrift »Drachenweg«. Als ich hineinging, hörte
ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war
äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu
finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den
Graben sofort durch eine Gruppe ab.

Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine
Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den
Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine
Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal
sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand
oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige
Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir.

Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und
zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube.
Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg
abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß
nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als
unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern
überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen
und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden
Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die
endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in
einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen
Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat
ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern,
versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem
kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um
den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus
erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte.

Punkt 7 Uhr traten wir in der bestimmten Reihenfolge in langer Schlange an.
Wir fanden den Drachenweg unbesetzt; eine Reihe leerer Trommeln hinter
einer Barrikade verriet, daß das MG. zurückgenommen sein mußte. Unser
Angriffsgeist wurde dadurch entfacht. Wir betraten einen kleinen Hohlweg,
nachdem ich einen rechts abzweigenden, gut ausgebauten Graben durch ein
paar Mann abgeriegelt hatte. Der Hohlweg wurde immer flacher, und zuletzt
fanden wir uns im grauenden Morgen auf freiem Felde. Wir machten kehrt und
betraten den rechten Graben, der gestopft voll Kriegsgerät und englischer
Toter lag. Es war die Siegfried-Stellung. Plötzlich riß der Führer der
Stoßgruppen, Leutnant Hoppenrath, einem Manne das Gewehr aus der Hand und
schoß. Er war auf einen englischen Posten gestoßen, der nach einigen
Handgranatenwürfen die Flucht ergriff. Es ging weiter, bis gleich darauf
von neuem Widerstand geleistet wurde. Handgranaten flogen von beiden Seiten
und barsten mit vielfachem Krachen. Die Stoßtrupp-Technik trat in Funktion.
Wurfgeschosse wanderten von Mann zu Mann durch die Kette der Hände;
Scharfschützen nisteten sich hinter Schulterwehren ein, um die feindlichen
Werfer aufs Korn zu nehmen, die Zugführer spähten über Deckung, um einen
Gegenstoß rechtzeitig zu erkennen und die Bedienungen der leichten MG.
bauten ihre Waffen an schußfeldbietenden Stellen auf.

Nach kurzem Kampfe erschollen drüben aufgeregte Stimmen, und ehe wir recht
begriffen, was geschehen, kamen uns die ersten Engländer mit hochgereckten
Händen entgegen. Einer nach dem anderen bog um die Schulterweht und
schnallte ab, während unsere Gewehre und Pistolen drohend auf ihn gerichtet
waren. Es waren lauter junge, stramme Kerle in neuen Uniformen. Ich ließ
sie mit der Aufforderung: »Hands down!« passieren und beauftragte eine
Gruppe mit dem Abtransport. Die Meisten zeigten durch ihr zuversichtliches
Lächeln, daß sie uns nichts Unmenschliches zutrauten. Andere suchten mit
vorgehaltenen Zigarettenschachteln und Schokoladentafeln uns zur Milde zu
stimmen. Mit der gesteigerten Freude eines Weidmannes sah ich, daß wir
einen gewaltigen Fang gemacht hatten; der Zug wollte gar kein Ende nehmen.
Schon hatten wir 150 Mann gezählt, und immer noch erschienen neue mit
erhobenen Armen. Ich hielt einen Offizier an und fragte ihn nach dem
weiteren Verlauf und der Besetzung der Stellung. Er antwortete sehr
höflich, beeinträchtigte indes den guten Eindruck, den er auf mich machte,
dadurch, daß er stramm stand. Er geleitete mich dann zu dem Führer der
Kompagnie, einem verwundeten Captain, der sich in einem nahen Stollen
aufhielt. Ich fand einen jungen Mann von ungefähr 26 Jahren mit
feingeschnittenem Gesicht, der mit durchschossener Wade an dem
Stollenrahmen lehnte. Als ich mich vorstellte, hob er seine Hand, von der
eine goldene Kette blitzte, an die Mütze, nannte seinen Namen und übergab
mir seine Pistole. Seine ersten Worte zeigten, daß ich einen Mann vor mir
hatte. »We were surroundet about.« Es drängte ihn, seinem Gegner zu
erklären, warum sich seine Kompagnie so rasch ergeben hätte. Wir
unterhielten uns in französischer Sprache über verschiedenes. Er erzählte
mir, daß eine Reihe deutscher Verwundeter, die von seinen Leuten verbunden
und verpflegt wären, in einem nahen Unterstande lägen. Als ich mich
erkundigte, wie stark die Siegfriedstellung weiter hinten besetzt wäre,
verweigerte er die Auskunft. Nachdem ich versprochen hatte, ihn und die
anderen Verwundeten zurückschaffen zu lassen, verabschiedeten wir uns durch
einen Händedruck.

Vorm Stollen standen meine Leute und meldeten, daß wir an 200 Gefangene
gemacht hätten. Für eine Kompagnie von 80 Köpfen eine schöne Leistung.
Nachdem ich Postierungen ausgestellt hatte, sahen wir uns in dem eroberten
Graben um, der von Waffen und Ausrüstungsstücken starrte. Auf den
Postenständen lagen MG., Minenwerfer, Hand- und Gewehrgranaten,
Feldflaschen, Pelzwesten, Gummimäntel, Zeltbahnen, Dosen voll Fleisch,
Marmelade, Tee, Kaffee, Kakao und Tabak, Kognak-Flaschen, Handwerkszeug,
Pistolen, Leuchtpistolen, Wäsche, Handschuhe, kurz alles, was man sich nur
denken konnte. Ich legte eine kleine Pause ein, um den Leuten Zeit zu
geben, sich auszuruhen und die guten Sachen etwas näher zu untersuchen.
Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir von meinem Burschen
in einem Stolleneingang ein kleines Frühstück zusammenstellen zu lassen und
eine Pfeife des langentbehrten navy cut zu entzünden, während ich meinen
Bericht an den Kampftruppen-Kommandeur kritzelte. Als vorsichtiger Mann
schickte ich ein Duplikat an unseren Bataillons-Kommandeur.

Nach einer halben Stunde traten wir in gehobener Stimmung (ich will nicht
ableugnen, daß die englischen Kognakflaschen ein wenig dazu beigetragen
haben mochten) wieder an und pirschten uns von Schulterwehr zu Schulterwehr
die Siegfriedstellung entlang.

Aus einem in dem Graben eingebauten Blockhaus erhielten wir Feuer und
stiegen, um uns zu orientieren, auf den nächsten Postenstand. Während wir
mit den Insassen einige Kugeln wechselten, wurde ein Mann wie durch eine
unsichtbare Faust zu Boden gestoßen. Ein Geschoß hatte den Scheitel seines
Stahlhelms durchbohrt und eine lange Rille in die Schädeldecke gerissen.
Das Gehirn hob und senkte sich in der Wunde unter jedem Schlage des Blutes,
trotzdem konnte er noch allein zurückgehen.

Ich rief Freiwillige auf, um den Widerstand durch einen Angriff über freies
Feld zu brechen. Die Leute sahen sich zögernd an; nur ein unbeholfener
Pole, den ich immer für blödsinnig gehalten hatte, kletterte aus dem Graben
und stapfte schwerfällig auf das Blockhaus los. Nun sprang auch der
Fähnrich Neupert mit seiner Gruppe auf Deckung, während wir gleichzeitig im
Graben vorgingen. Die Engländer gaben einige Schüsse ab und rissen aus, das
Blockhaus uns überlassend. Einer der Leute des Fähnrichs war mitten im
Anlauf tot zusammengebrochen und lag wenige Schritte vorm Ziel mit dem
Gesicht auf dem Boden.

Beim weiteren Vorgehen stießen wir auf die erbitterte Gegenwehr
unsichtbarer Handgranatenwerfer und wurden im Verlaufe eines längeren
Gemetzels wieder bis zum Blockhaus zurückgedrängt. Dort verbarrikadierten
wir uns. Sowohl wir als die Engländer ließen in dem umkämpften Grabenstück
eine Anzahl von Leichen zurück. Leider befand sich darunter auch der
Unteroffizier Mevius, den ich in der Nacht von Regniéville als tollkühnen
Kämpfer schätzen gelernt hatte. Er lag mit dem Gesicht in einer großen
Blutlache. Als ich ihn umdrehte, sah ich an einem großen Loch in der Stirn,
daß hier keine Hilfe mehr not tat.

Nachdem sich auch der Gegner etwas zurückgezogen hatte, begann ein
hartnäckiges Feuergefecht, währenddessen ein 50 Meter von uns postiertes
Lewis-Gewehr unsere Köpfe niederzwang. Ein leichtes Maschinengewehr von uns
nahm das Duell auf. Eine halbe Minute lang knatterten die beiden
Mordwaffen, von Geschossen umspritzt, gegen einander los. Dann brach unser
Richtschütze, der Gefreite Motullo, mit einem Kopfschuß zusammen. Obwohl
ihm das Gehirn bis zum Kinn über das Gesicht lief, war er noch bei klarem
Verstande, als wir ihn in den nächsten Stollen trugen. Allmählich wurde es
etwas ruhiger, da auch die Engländer an einer Barrikade arbeiteten. Um 12
Uhr erschienen Hauptmann von Brixen, Leutnant Tebbe und Leutnant Vogt und
beglückwünschten mich zu den Erfolgen der Kompagnie. Wir setzten uns in das
Blockhaus, frühstückten von den englischen Vorräten und besprachen die
Lage. Zwischendurch unterhandelte ich schreiend mit ungefähr 25 Engländern,
deren Köpfe 100 Meter vor uns aus dem Graben tauchten, und die sich
anscheinend ergeben wollten. Sowie ich mich aber über Deckung erhob, wurde
ich von weiter hinten beschossen.

Plötzlich entstand bei der Barrikade Bewegung. Handgranaten flogen. Gewehre
knallten, MG. ratterten. »Sie kommen! Sie kommen!« Wir sprangen hinter die
Sandsäcke und schossen. Einer meiner Leute, der Gefreite Kimpenhaus, sprang
in der Hitze des Kampfes oben auf die Barrikade und schoß so lange in den
Graben, bis ihn zwei schwere Armschüsse herunterfegten. Ich merkte mir
diesen Helden des Augenblicks und hatte die Freude, ihm 14 Tage später zum
E. K. I gratulieren zu können.

Kaum waren wir von diesem kleinen Intermezzo zum Frühstück zurückgekehrt,
als von neuem ein Heidenlärm losbrach. Es trat einer jener merkwürdigen
Zwischenfälle ein, an denen die Kriegsgeschichte im großen und kleinen so
reich ist. Das Geschrei rührte von einem Offizier-Stellvertreter des linken
Nachbar-Regiments, der mit uns Verbindung aufnehmen wollte und von
gewaltiger Rauflust beseelt war. Alkoholgenuß schien seine angeborene
Tapferkeit zur Raserei entfacht zu haben. »Wo ist der Tommy? Ran an die
Hunde! Los, wer kommt mit?« In seiner Wut riß er unsere schöne Barrikade
ein und stürzte vor, sich den Weg mit krachenden Handgranaten bahnend. Vor
ihm glitt seine Ordonnanz durch den Graben und erledigte mit Gewehrschüssen
die dem Sprengstoff Entronnenen.

Mut, tollkühner Einsatz der eigenen Person wirken immer begeisternd. Auch
wir wurden vom Draufgängertum gepackt und beeilten uns, einige Handgranaten
aufraffend, an dem improvisierten Sturm teilzunehmen. Bald befand ich mich
neben dem Offizier-Stellvertreter, und auch die anderen Offiziere, gefolgt
von Leuten meiner Kompagnie, ließen sich nicht lange bitten. Selbst der
Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, befand sich mit einem Gewehre
in der Hand unter den Vordersten und streckte über unsere Köpfe hinweg
mehrere feindliche Werfer nieder.

Die Engländer wehrten sich wacker. Es wurde um jede Schulterwehr gerungen.
Die schwarzen Bälle der Mill-Handgranaten kreuzten sich in der Luft mit
unseren Gestielten. Hinter jeder genommenen Schulterwehr fanden wir Leichen
oder noch zuckende Körper. Man tötete sich, ohne sich zu sehen. Auch wir
hatten Verluste. Neben der Ordonnanz fiel ein Stück Eisen zu Boden, dem der
Mann nicht mehr ausweichen konnte; er brach zusammen, während sein Blut aus
vielen Wunden auf den Lehm sickerte.

Über seinen Körper hinweg sprangen wir weiter. Donnerkrachen zeichnete
unseren Weg. Hunderte von Augen lauerten in dem toten Gelände hinter Gewehr
und Maschinengewehr auf Ziel. Wir waren schon weit vor den eigenen Linien.
Von allen Seiten pfiffen uns Geschosse um die Stahlhelme oder zerschellten
mit hartem Knall am Grabenrand.

Ein rechts abzweigender Graben wurde von uns folgenden Leuten des Regiments
225 ausgeräumt. In die Zwickmühle geratene Engländer versuchten, über
freies Feld zu entkommen und wurden niedergeschossen wie bei einer
Treibjagd.

Dann kam der Höhepunkt; der atemlose Gegner, dem wir hart auf den Fersen
geblieben waren, machte Anstalten, durch einen rechts abbiegenden
Verbindungsgraben zu entweichen. Ich sprang auf einen Postenauftritt und
sah, daß dieser Graben eine ganze Strecke lang dem unsrigen in einer
Entfernung von 20 m parallel lief. Der Feind mußte also noch einmal an uns
vorbei. Wir konnten von unserem erhöhten Standpunkt den Engländern, die vor
Eile und Aufregung stolperten, direkt auf die Stahlhelme sehen. Ich
schleuderte den Vordersten eine Handgranate vor die Füße, so daß sie
stutzend stehen blieben, und die ihnen Folgenden eingekeilt wurden. Nun
entstand eine unbeschreibliche Vernichtung; Handgranaten flogen wie
Schneebälle durch die Luft, alles in weißlichen Qualm hüllend. Zwei Leute
reichten mir ununterbrochen fertige Wurfgeschosse zu. Zwischen den
zusammengeballten Engländern zuckten Blitze auf, Fetzen und Stahlhelme
hochschleudernd. Wut- und Angstgebrüll mischte sich. Feuer vor den Augen,
sprangen wir schreiend auf den Grabenrand.

Mitten in diesem Taumel wurde ich durch einen furchtbaren Schlag zu Boden
geworfen. Ernüchtert riß ich meinen Stahlhelm herunter und erblickte zu
meinem Schrecken zwei große Löcher darin. Der Fahnenjunker-Unteroffizier
Mohrmann, der mir beisprang, beruhigte mich durch die Versicherung, daß an
meinem Hinterkopfe nur ein blutender Riß zu sehen wäre. Das Geschoß eines
weiter entfernten Schützen hatte meinen Stahlhelm durchschlagen und den
Kopf gestreift. Halb betäubt, wankte ich mit verbundenem Kopfe zurück, um
mich aus diesem Brennpunkte des Kampfes zu entfernen. Kaum hatte ich die
nächste Schulterwehr passiert, als ein Mann hinter mir herstürzte und
hervorstieß, daß Leutnant Tebbe an derselben Stelle soeben durch Kopfschuß
gefallen wäre.

Diese Nachricht gab mir den Rest. Ich sträubte mich, die Tatsache zu
fassen, daß ein Freund, mit dem ich jahrelang Freud, Leid und Gefahr
geteilt, und der mir vor wenigen Minuten noch ein Scherzwort zugerufen
hatte, durch ein sinnloses Stück Blei sein Ende gefunden haben sollte. Es
war leider nur zu wahr.

Gleichzeitig verbluteten in diesem mörderischen Grabenstückchen sämtliche
hervorragenden Unteroffiziere und ein Drittel meiner Kompagnie. Auch der
Leutnant Hopf fiel, ein bereits älterer Mann, Lehrer von Beruf, deutscher
Ideal-Schulmeister im besten Sinne des Wortes. Meine beiden Fähnriche und
viele andere wurden verwundet. Trotzdem hielt die siebente Kompagnie die
glorreich eroberte Stellung unter Führung des Leutnants Hoppenrath, des
letzten Kompagnieoffizieres, bis zur Ablösung.

Auch das moderne Gefecht hat seine großen Augenblicke. Man hört so oft die
irrige Ansicht, daß der Infanteriekampf zu einer uninteressanten
Massenschlächterei herabgesunken ist. Im Gegenteil, heute mehr denn je
entscheidet der einzelne. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen
hat, die Fürsten des Grabens mit den harten, entschlossenen Gesichtern,
tollkühn, so sehnig, geschmeidig vor- und zurückspringend, mit scharfen,
blutdürstigen Augen, Helden, die kein Bericht nennt. Der Grabenkampf ist
der blutigste, wildeste, brutalste von allen, doch auch er hat seine Männer
gehabt, Männer, die ihrer Stunde gewachsen waren, unbekannte, verwegene
Kämpfer. Unter allen nervenerregenden Momenten des Krieges ist keiner so
stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen
Lehmwänden des Grabens. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Blut
klingt aus dem schrillen Erkennungsschrei, der sich wie Alpdruck von der
Brust ringt.

Auf dem Rückweg blieb ich neben dem Hauptmann von Brixen stehen, der, mit
einigen Leuten einen Feuerkampf gegen eine Reihe von Köpfen führte, die aus
einem nahen Parallelgraben ragten. Ich stellte mich zwischen ihn und einen
anderen Schützen und beobachtete die Geschoßeinschläge.

Plötzlich warf mich wieder ein Prall vor die Stirne auf die Grabensohle,
während meine Augen durch herabströmendes Blut geblendet wurden. Der Mann
neben mir stürzte zu gleicher Zeit und begann zu jammern. Kopfsteckschuß
durch Stahlhelm und Schläfe. Der Hauptmann fürchtete, seinen zweiten
Kompagnieführer an diesem Tage verloren zu haben, stellte indes bei näherem
Hinsehen nur zwei oberflächliche Löcher an der Haargrenze fest;
wahrscheinlich durch das zerschellende Geschoß oder Stahlhelmsplitter des
Verwundeten verursacht.

Durch den erneuten Blutverlust geschwächt, schloß ich mich dem Hauptmann
an, der zu seiner Befehlsstelle zurückging. Den hart beschossenen Dorfrand
von Moeuvres im Laufschritt überwindend, gewannen wir den Unterstand im
Kanalbett, wo ich Verband und Tetanusspritze erhielt. -- Am Nachmittag
setzte ich mich in ein Lastauto und fuhr nach Lécluse, wo ich dem
begeisterten Oberst von Oppen beim Abendessen Bericht erstattete. Nachdem
ich halb im Schlaf, aber in vorzüglicher Stimmung, eine Flasche Wein
geleert hatte, verabschiedete ich mich und warf mich nach diesem gewaltigen
Tage mit einem Feierabendgefühl in das Bett, das mir mein treuer,
freudestrahlender Vinke bereitet hatte. Am übernächsten Tage rückte das
Bataillon in Lécluse ein. Am 4. Dezember hielt der Divisions-Kommandeur,
Generalmajor von Busse, eine Ansprache an die beteiligten Bataillone, in
der die Verdienste der siebenten Kompagnie besonders hervorgehoben wurden.

Ich konnte mit Recht stolz auf meine Leute sein. Kaum 80 Mann hatten ein
langes Grabenstück erobert; eine Menge Maschinengewehre, Minenwerfer und
Material erbeutet und 200 Gefangene gemacht. Leider hatten wir auch eine
Verlustziffer von 50 Prozent, darunter besonders viele Chargen. Ich hatte
die Freude, eine lange Reihe von Beförderungen und Auszeichnungen verkünden
zu können. Verdientermaßen erhielten der Leutnant Hoppenrath, Führer der
Stoßtruppen, Fähnrich Neupert, der Blockhausstürmer und last not least, der
kühne Barrikadenverteidiger Kimpenhaus das E. K. I. Ich bekam als Pflaster
auf meine fünfte Verwundung einen vierzehntägigen Weihnachtssurlaub,
währenddessen mir das Ritterkreuz des Hausordens von Hohenzollern mit
Schwertern ins Haus geschickt wurde. Ich habe mir im Verlaufe des Kriegen
über Orden eine eigentümliche Anschauung erworben, indes gestehe ich, daß
ich mir das goldgerandete Emaillekreuz mit Stolz an die Brust heftete.
Dieses Kreuz, mein durchschossener Stahlhelm und ein silberner Pokal mit
der Inschrift »Dem Sieger von Moeuvres«, den mir die drei anderen
Kompagnieführer des Bataillons schenkten, sind meine Erinnerungszeichen an
den Tag von Cambrai.



Am Cojeul-Bach.


Nach wenigen Tagen der Ruhe lösten wir am 9. Dezember 1917 die zehnte
Kompagnie in vorderer Linie ab. Die Stellung lag, wie ich schon berichtete,
vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Mein Kompagnieabschnitt wurde rechts durch die
Straße Arras--Cambrai, links durch das versumpfte Bett des Cojeul-Baches
begrenzt, über das wir die Verbindung mit der Nebenkompagnie durch
nächtliche Patrouillen aufrechterhielten. Die feindliche Stellung wurde
durch eine zwischen den vorderen Gräben liegende Erhebung der Sicht
entzogen. Außer ein paar Patrouillen, die sich nachts an unserem Draht zu
schaffen machten, und dem Surren eines in der nahen Hubertus-Ferme
aufgestellten Lichtmotors nahmen wir nichts von der feindlichen Infanterie
wahr.

Mein Unterstand war in die steile Wand einer hinter der Stellung gähnenden
Kiesgrube getrieben, die fast jeden Tag stark beschossen wurde. Dahinter
ragte in grotesker Wüstheit das Eisengerüst einer zerstörten Zuckerfabrik.

Die Kiesgrube war ein unheimlicher Aufenthaltsort. Zwischen den mit
verbrauchtem Kriegsmaterial gefüllten Trichtern steckten die windschiefen
Kreuze verfallener Gräber. Nachts konnte man nicht die Hand vor Augen sehen
und mußte von dem Erlöschen der einen Leuchtkugel auf das Hochsteigen der
anderen warten, um nicht vom sicheren Pfade der Laufrosten in den Schlamm
des Cojeul-Grundes zu geraten.

Die Tage verbrachte ich, wenn ich nicht bei dem im Bau befindlichen
Postengraben zu tun hatte, in dem eisigkalten Stollen, las ein Buch und
trommelte mit den Füßen zur Erwärmung gegen die Stollenrahmen. Demselben
Zweck diente auch die in einer Nische des Kalkfelsens verborgene Flasche,
der von meinen Ordonnanzen und mir stark zugesprochen wurde.

Hätten wir indes aus der Kiesgrube den Dampf eines Feuerchens zum trüben
Dezemberhimmel emporsteigen lassen, so wäre der Platz gänzlich unbewohnbar
geworden, da der Feind bislang die Zuckerfabrik für den Sitz der
Befehlsstelle zu halten schien und demgemäß bedachte. So kam erst zur
Stunde der Dämmerung Leben in unsere erstarrten Glieder. Der kleine Ofen
wurde in Brand gesetzt und verbreitete neben dichtem Qualm auch eine
behagliche Wärme. Bald klapperten auf der Stollentreppe die Kochgeschirre
der aus Vis zurückkehrenden Essenholer, die bereits sehnsüchtig erwartet
wurden. Wenn dann die ewige Folge von Steckrüben, Graupen und Dörrgemüse
durch Bohnen oder Nudeln unterbrochen wurde, ließ die Stimmung nichts mehr
zu wünschen übrig. Ich freute mich manchmal, an meinem kleinen Tische
sitzend, über die urwüchsige Unterhaltung der Leute, die, in Tabakswolken
gehüllt, um den Ofen hockten, von dem ein Kochgeschirr voll Grog kräftige
Gerüche ausströmte. Krieg und Frieden, Kampf und Heimat, Ruheort und Urlaub
wurden in trockener niedersächsischer Art besprochen, auch die Erotik
spielte eine Hauptrolle.

Am 17. Dezember trat ich meinen Urlaub an, von dem ich am 2. Januar
zurückkehrte.

Am 19. Januar wurden wir um 4 Uhr morgens abgelöst und marschierten durch
dichtes Schneegestöber nach Gouy, wo wir längere Zeit bleiben sollten, um
uns für die Aufgaben der großen Offensive zu schulen. Die wunderbar klaren
Ausbildungsbefehle Ludendorffs, die bis zu den Kompagnieführern verteilt
wurden, stellten den Angriff für die nächste Zeit in Aussicht.

Wir übten die fast vergessenen Formen des Schützengefechts und
Bewegungskrieges, auch wurde eifrig mit Gewehr und Maschinengewehr
geschossen. Da alle Dörfer hinter der Front bis zur letzten Dachkammer
belegt waren, wurde jede Böschung als Scheibenstand benutzt, so daß die
Geschosse manchmal wie bei einem Gefecht über das Gelände flirrten. Ein
Richtschütze meiner Kompagnie schoß mit seinem leichten Maschinengewehr den
Kommandeur eines fremden Regiments mitten in einer Kritik aus dem Sattel.
Zum Glück war die Verwundung eine leichte und unsere Täterschaft nicht klar
erweislich.

Einige Male unternahm ich mit der Kompagnie Übungsangriffe mit scharfen
Handgranaten auf verwickelte Grabensysteme, um die Erfahrungen der
Cambraischlacht auszuwerten. Auch dabei gab es Verwundete. Wo Holz gehauen
wird, fallen Späne.

Am 24. Januar verabschiedete sich unser von allen verehrter Oberst v.
Oppen, um im fernen Südosten eine Brigade zu übernehmen. Das Scheiden
dieses hervorragenden, während der langen Jahre des Krieges fest mit seiner
Truppe verwachsenen Führers war dem ganzen Regiment ein schmerzlicher
Verlust. Neben einer warmen Teilnahme am Geschick seiner Untergebenen besaß
er die bei im eintönigen Friedensdienst alt gewordenen Offizieren nicht
häufige Eigenschaft, sich den gewaltigen Neuerungen des Krieges mit
Leichtigkeit anpassen zu können. Ein solcher Mann kann im Kriege
Unermeßliches leisten. Leider gingen seine Abschiedsworte: »Auf Wiedersehen
in Hannover!« nicht in Erfüllung. Unser lieber Oberst hat weder die Heimat
noch sein stolzes Regiment wiedergesehen. Er ruht in fremder Erde, fern von
der Heimat, von tückischer Seuche dahingerafft.

Am 6. Februar siedelten wir wieder nach Lécluse über und wurden am 22. für
vier Tage im Trichterfelde links der Straße Dury--Hendecourt untergebracht,
um nachts in vorderer Linie zu schanzen. Bei der Besichtigung der Stellung,
die dem Trümmerhaufen des ehemaligen Dorfes Bullecourt gegenüberlag, wurde
mir klar, daß ein Teil des gewaltigen Angriffs, von dem an der ganzen
Westfront erwartungsvoll geraunt wurde, an dieser Stelle stattfinden mußte.

Überall wurde mit fieberhafter Hast gebaut, Stollen getrieben und neue Wege
angelegt. Das Trichterfeld wimmelte von mitten im Gelände stehenden
Schildchen, auf denen unverständliche Ziffern standen, die anscheinend die
Plätze für Batterien und Befehlsstellen bezeichneten. Dauernd flogen unsere
Flugzeuge Sperre, um den feindlichen den Einblick zu verwehren. Eine
interessante Neuerscheinung an der Front war, daß jeden Mittag punkt 12 Uhr
von den Fesselballons ein schwarzer Ball heruntergelassen wurde, der um
12.10 Uhr verschwand. Es geschah dies, um die Truppe mit genauer Uhrzeit zu
versorgen.

Gegen Ende des Monats marschierten wir wieder nach Gouy in unsere alten
Quartiere. Nach mehreren Übungen im Bataillons- und Regimentsverbande
exerzierten wir zweimal an einer großen tracierten Stellung einen
Durchbruch der ganzen Division. Anschließend hielt der Divisionskommandeur
eine Ansprache an seine Offiziere, bei der jedem klar wurde, daß der Sturm
in den nächsten Tagen losbrechen sollte. Der eherne Geist des Angriffs, der
Geist der preußischen Infanterie, schwebte über den Massen, die sich hier
auf nordfranzösischem Felde beim Frühlingserwachen zur Kampfprobe
versammelt hatten.

Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so
war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten
schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen,
wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche
stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre
einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen,
daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.

Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden
Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden
frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der
Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld
jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?

   Wer weiß, ob nicht die Welt
   Morgen in Schutt zerfällt,
   Wenn sie nur heut noch hält,
   Heute ist heut!


Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte
uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser,
Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut
in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem
bevorstehenden »Hindenburg-Flachrennen« reden, so wußte man, daß sie
anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei.
Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese
stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die
über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für
immer: diese unerschütterliche Treue.

Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits
liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von
rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und
endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von
Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe,
die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos
in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in
eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei
sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene
Wagendeichsel spießte und verendete.



Die große Schlacht.


Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren,
daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren
sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes
bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21.
beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von
1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen
und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.

Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar
nicht anders nennen konnten als »Schmidtchen«, voraus, um die Unterkunft
der Kompagnie zu sichern.

Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz
strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend
zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte
jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache
selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen.

Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten,
marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der
zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich
heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren
in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen
bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht
völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in
verschiedenen Richtungen aus.

Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen
gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande
eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor
uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in
geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des
Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein.
Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen,
während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach
einem Einschuß untersuchte.

Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende
Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer
Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .

Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte
unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht.
Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze
Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden
Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und
Hilfegeschrei.

Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach
einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht
rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war,
wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg,
verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: »Mensch, du
bist doch der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu
rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den
Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das
Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man
hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an
den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller,
der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte,
und nahm ihn mit.

Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige
kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: »Herr
Leutnant! Herr Leutnant!« Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter
den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem
Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter.
Solche Augenblicke vergißt man nie.

Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger
überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus
dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der
Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit
wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre.
Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen
Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen
geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene
gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung
gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes
Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.

Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten
bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch
standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände
eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich;
trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge
schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung.

Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im
Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu
erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre
Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der
reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der
unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.

Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie,
Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft
zeigen konnte. Sein erstes Wort war: »Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Ich
führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl
ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand,
der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier
wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die
Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im
Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.

Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den
Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig
aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte
Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen
mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.

Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem
gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und
nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und
gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und
Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir
mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.

Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit
einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die
Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung
standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen!
Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch
viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.

Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können.
So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die
Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier
Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand
zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur
geritzt zu werden.

Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte
häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu
besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer
Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um
den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: »Mehr als
totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!« Eine kleine
Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der
Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch
zum Ermutigen nicht disponiert.

Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere
Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder
ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie
ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen
Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke,
unbemerkt zurückzubleiben.

Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne
Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen.
Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben
sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden
Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her
hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann
von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die
Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.

Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den
Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen
sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört
hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir
verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und
die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten
Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten,
der Engländer hätte Lunte gerochen.

Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S. M. der
Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen
begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt.

Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit.
Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner,
der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang,
ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen
Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der
überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht
gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm;
sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es
im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über
den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden,
blutroten Wolken verschleierte.

Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört,
verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer
Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele
Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr
besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine
Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem
zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den
Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen.
Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor
uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas
entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe
ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher,
Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt,
begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten
darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren
Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben
standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch
die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.

Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die
Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent
ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche
huschten durch das Gewölk.

Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen,
während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte
eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt
vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß
auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v.
Solemacher fragte: »Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v.
Brixen ist eben gefallen.« Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging
ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte
ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur
noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes
sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu.

Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei
Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten
Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion
riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu
Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein
Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen
Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah
plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die
Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt
nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner
Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das
arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß.

Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch
und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der
Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer
Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und
abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr
lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.

Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung
sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter
auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns
im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste
feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach
einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.

»Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!« »Jetzt ist mir
alles ejal!« »Rache für die siebte Kompagnie!« »Rache für Hauptmann von
Brixen!« Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den
sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.

Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames
Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster
Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar
breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone.
Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der
Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen
Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete
es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die
Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen
aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine
zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit
Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so
fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven
konnten keine Angst mehr empfinden.

Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit
einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der
Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun
fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein
Streichholz aus.

Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten
Gräben hinweg. Wir traten an.

In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und
Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war
weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen.
Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock
aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der
übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte
mir bittere Tränen.

Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete,
konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von
ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben,
Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.

Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und
setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie
eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe.

Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer
entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde
später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke
packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: »Sind Herr Leutnant
verwundet?« Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im
Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken
geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn.
Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter
auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.

Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten
ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor
uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir
überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und
Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.

Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen
Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über
den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer
Granaten entschwelten.

Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor
mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah
sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen
anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie
zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor
Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir
eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer
zahlreichen Familie . . .

Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt
vorüber.

Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend
heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch,
daß ich einigemale sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen
Mantel aus«, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten
Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400
Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der
Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden
Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine
pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in
ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition
zusteckte.

Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter
gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand
ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit
Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich
schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine
Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke
verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten
an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher
Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster
Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig
zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum
ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer
hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben
besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen
im Bogen hinunter.

Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend,
stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender
Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich
ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der
er zusammenbrach. Hinter mit tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der
mir zuschrie: »Schlagen Sie den Hund tot!«

Ich überließ diese Arbeit den Folgenden, wandte mich dem unteren Graben zu,
der von Engländern wimmelte und schoß meine Pistolenkugeln mit solchem
Eifer darauf ab, daß ich nach dem letzten Schuß wohl noch zehnmal
abdrückte. Ein Mann neben mir warf Handgranaten unter die Davonhastenden.
Ein tellerförmiger Stahlhelm stieg kreiselnd hoch in die Luft.

In einer Minute war der Kampf entschieden. Die Engländer sprangen aus ihren
Gräben und flohen zu Bataillonen über das freie Feld. Von der Dammkrone
raste tolles Verfolgungsfeuer los. Die Fliehenden überschlugen sich im
Laufen, und in einigen Sekunden war der Boden mit Leichen bedeckt. Nur
wenige entkamen.

Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde
beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer,
den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie
ein Messer zusammen und blieb liegen.

Nachdem so ganze Arbeit geschafft war, ging es weiter. Der Erfolg hatte
Angriffsgeist und Draufgängertum jedes Einzelnen zur Weißglut entfacht. Von
der Führung einheitlicher Verbände war keine Rede mehr. Trotzdem kannte
jeder Mann nur noch eine Parole: »Vor!« Jeder rannte geradeaus los.

Als Ziel wählte ich mir eine kleine Anhöhe, auf der die Trümmer eines
Häuschens, ein Grabkreuz und ein zerstörtes Flugzeug zu sehen waren. Mein
stures Vorstürmen führte mich mitten in die Flammenwand der eigenen
Feuerwalze. Ich mußte mich in einen Trichter werfen, um Deckung zu nehmen
und das weitere Vorschreiten des Feuers abzuwarten. Neben mir entdeckte ich
einen jungen Offizier eines anderen Regiments, der sich gleich mir ganz
allein über das gute Gelingen des ersten Ansturmes freute. Die gemeinsame
Begeisterung brachte uns in den wenigen Augenblicken so nahe, als ob wir
uns schon jahrelang gekannt hätten. Der nächste Sprung trennte uns auf
Nimmerwiedersehen.

Neben der Hausruine lag ein kleines Grabenstück, das vom jenseitigen Grunde
mit Maschinengewehren abgekämmt wurde. Ich sprang in einem Anlauf hinein
und fand es unbesetzt. Gleich darauf erschienen die Leutnants Kius und von
Wedelstädt. Eine Ordonnanz Wedelstädts, die als letzter kam, brach mitten
im Sprunge zusammen und blieb, durchs Auge getroffen, tot liegen. Als
Wedelstädt diesen Letzten seiner Kompagnie stürzen sah, stützte er seinen
Kopf auf die Grabenwand und weinte. Auch er sollte den Tag nicht überleben.

Im Grunde lag eine stark befestigte Hohlwegstellung, davor an den beiden
Rändern einer Mulde zwei Maschinengewehrnester. Die Feuerwalze war schon
über diese Stellung hinweggerollt, der Gegner schien sich erholt zu haben
und schoß, was aus den Läufen wollte. Wir waren von ihm durch einen 500
Meter breiten Geländestreifen getrennt, über den die Geschoßgarben wie
Bienenschwärme surrten.

Nach kurzer Atempause sprangen wir mit wenigen Leuten aus unserem
Grabenstück auf den Feind zu. Es ging um Leben und Tod. Nach ein paar
Sprüngen lag ich mit einem Begleitmann allein dem linken
Maschinengewehrnest gegenüber. Deutlich sah ich hinter einem kleinen
Erdaufwurf einen flach behelmten Kopf neben einer emporsteigenden feinen
Wasserdampfsäule. Ich näherte mich durch ganz kurze Sprünge, um keine Zeit
zum Zielen zu geben. Jedesmal, wenn ich lag, schleuderte mir der Mann einen
Rahmen Patronen zu, mit denen ich eine Reihe wohlgezielter Schüsse abgab.
»Patronen, Patronen!« Ich wandte mich um und sah ihn zuckend auf der Seite
liegen. -- --

Wenn ich heute an diesen blinden Anlauf über freies Feld gegen eine
gespickte Stellung zurückdenke, muß ich gestehen, daß wir von einer ganz
unwahrscheinlichen Verwegenheit besessen waren. Und doch, wo wäre der
Erfolg im Kriege, wenn nicht der Rausch zur Tat einzelne packte und
vorwärtswürfe in unwiderstehlichem Schwung? Manchmal schien es mir, als ob
selbst der Tod sich scheute, ihnen in den Weg zu treten. -- -- --

Von links, wo der Widerstand nicht so stark war, erschienen einige Leute,
welche die Verteidiger fast mit Handgranaten erreichen konnten. Ich setzte
zum letzten Sprunge an und stolperte über ein Drahtverhau in das
Grabenstück. Die Engländer rannten, von allen Seiten beschossen, zum
rechten Maschinengewehrnest hinüber, ihre Waffe zurücklassend. Das
Maschinengewehr war halb unter einem riesigen Haufen abgeschossener Hülsen
verborgen. Es war noch glühendheiß und dampfte. Davor lag ein athletischer
Leichnam, dem ein Kopfschuß, der auf meine Rechnung. kam, ein Auge
herausgetrieben hatte. Der Riesenkerl mit dem großen weißen Augapfel vorm
Schädel sah schaurig aus. Da ich vor Durst fast verschmachtete, hielt ich
mich nicht weiter auf, sondern suchte nach Wasser. Ein Stolleneingang zog
mich an. Ich blickte hinein und sah unten einen Mann sitzen, der
Munitionsgurte über seine Knie zog und ordnete. Anstatt ihn sofort zu
erledigen, wie es die Vorsicht gebot, rief ich ihm zuvor zu: »Come here,
hands up!« Er sprang hoch, starrte mich entgeistert an und verschwand im
Dunkel des Stollens. Wahrscheinlich ist er der Handgranate zum Opfer
gefallen, die ich ihm nachschleuderte.

Endlich entdeckte ich einen Blechkasten voll Kühlwasser. Ich stürzte die
ölige Flüssigkeit in langen Zügen hinunter, füllte mir eine englische
Feldflasche und gab auch den anderen Leuten zu trinken, die plötzlich das
Grabenstück füllten.

Währenddessen leistete das rechte Maschinengewehrnest und der 60 Meter vor
uns liegende Hohlweg noch immer erbitterten Widerstand. Wir versuchten, das
englische Maschinenegewehr darauf einzurichten, hatten aber keinen Erfolg
damit, vielmehr sauste mir bei diesem Bemühen ein Geschoß am Kopfe vorbei,
streifte einen hinter mir stehenden Jägerleutnant und verwundete einen Mann
sehr bedenklich am Oberschenkel. Mit mehr Glück brachte die Bedienung eines
leichten Maschinengewehrs ihre Waffe am Rande unseres kleinen
Grabenhalbmondes in Stellung und jagte den Engländern eine Reihe von
Geschossen in die Flanke.

Diesen Moment der Überraschung benutzten die Stürmer rechts und liefen
frontal auf den Hohlweg los, voran unsere noch ganz intakte neunte
Kompagnie unter Führung den Leutnants Gipkens. Aus allen Trichtern erhoben
sich nun gewehrschwingende Gestalten und rannten mit rollenden Augen und
schäumendem Munde unter furchtbarem Hurragebrüll gegen die feindliche
Stellung an, aus der die Verteidiger zu Hunderten mit hochgehobenen Händen
hervorkamen.

Pardon wurde nicht gegeben. Die Engländer eilten mit hochgereckten Armen
durch die erste Sturmwelle nach hinten, wo die Kampfeswut noch nicht zu
solcher Siedehitze gestiegen war. Eine Ordonnanz von Gipkens legte mit
seiner 32schüssigen Repetierpistole wohl ein Dutzend von ihnen um.

Ich kann unseren Leuten dies blutdürstige Gebaren nicht verübeln. Einen
Wehrlosen umzubringen, ist eine Gemeinheit. Mir war im Kriege niemand
widerlicher, als die Stammtischhelden, die mit fettigem Lachen die bekannte
Geschichte von den Bayern und dem Gefangenentransport erzählten: »Haben Sie
schon gehört, die Sache von dem Schlaganfall? Köstlich!«

Andererseits muß ein Verteidiger, der dem Angreifer bis auf fünf Schritt
seine Geschosse durch den Leib jagt, die Konsequenzen tragen. Der Kämpfer,
dem während des Anlaufs ein blutiger Schleier vor den Augen wallte, kann
seine Gefühle nicht mehr umstellen. Er will nicht gefangennehmen; er will
töten. Er hat jedes Ziel aus den Augen verloren und steht im Banne
gewaltiger Urtriebe. Erst, wenn Blut geflossen ist, weichen die Nebel aus
seinem Hirn; er sieht sich um wie aus schwerem Traum erwachend. Erst dann
ist er wieder moderner Soldat, imstande, eine neue taktische Aufgabe zu
lösen.

In diesem Zustande befanden wir uns nach der Eroberung der Hohlweges. Eine
Menge Leute waren zusammengekommen und standen, durcheinanderschreiend, auf
einem Klumpen. Offiziere zeigten ihnen die Verlängerung der Mulde, und der
gewaltige Kampfhaufen setzte sich mit erstaunlicher Gleichgültigkeit,
schwerfällig in Bewegung.

Die Mulde lief in eine Höhe aus, auf der feindliche Kolonnen auftauchten.
Wir gingen, ab und zu stehenbleibend und schießend, vor, bis wir durch
heftiges Feuer aufgehalten wurden. Es war ein äußerst peinliches Gefühl,
die Kugeln neben dem Kopf in den Boden knallen zu hören. Kius, der wieder
herangekommen war, hob ein abgeplattetes Geschoß auf, das einen halben
Meter vor seiner Nase liegen geblieben war. Wir benutzten eine kleine
Pause, um einen der hier bereits selten gewordenen Trichter zu erreichen.
Dort fanden sich eine Menge von Offizieren unseres Bataillons zusammen, das
jetzt von dem Leutnant Lindenberg geführt wurde, da leider auch der
Freiherr von Solemacher eine tödliche Verwundung erhalten hatte. Am rechten
Hange der Schlucht spazierte zur allgemeinen Heiterkeit der von den 10.
Jägern zu uns kommandierte Leutnant Breyer, den Spazierstock in der Hand
und eine lange grüne Jägerpfeife im Munde, mit umgehängter Flinte durch das
Maschinengewehrfeuer, als ob es zur Hasenjagd ginge.

Wir erzählten uns in kurzen Worten unsere bisherigen Abenteuer und boten
uns Feldflasche und Schokolade an, dann ging es »auf allgemeinen Wunsch«
wieder vor. Die Maschinengewehre, anscheinend in der Flanke bedroht, waren
verschwunden. Wir mochten bislang drei bis vier Kilometer gewonnen haben.
Die Mulde wimmelte von Angriffstruppen. Soweit das Auge nach hinten blicken
konnte, rückten Truppen in Schützenlinie, Reihe und Gruppenkolonne heran.
Wir waren leider viel zu dicht, wieviele wir liegen ließen, wurde uns zum
Glück im Sturm nicht klar.

Ohne Widerstand zu finden, erreichten wir die Höhe. Rechts von uns sprangen
einige khakifarbige Gestalten aus einem Grabenstück, hinter denen wir
stehend freihändig herknallten. Die meisten wurden umgelegt. Die Höhe war
durch eine Reihe von Unterständen befestigt. Teils zeigten aufquellende
Dampfwolken, daß mit Handgranaten kurzer Prozeß gemacht wurde, teils kamen
die Insassen mit hochgehobenen Armen und schlotternden Knien heraus. Es
wurden ihnen Feldflasche und Zigaretten abgenommen und die Richtung nach
hinten gezeigt, in der sie mit großer Geschwindigkeit enteilten. Ein junger
Engländer hatte sich mir bereits ergeben, als er sich plötzlich umdrehte
und wieder in seinem Unterstand verschwand. Da er trotz meiner
Aufforderung, herauszukommen, sich unten versteckt hielt, machten wir
seinem Zögern mit einigen Handgranaten ein Ende und gingen weiter. Ein
schmaler Fußpfad verschwand jenseits der Höhe. Ein Wegweiser besagte, daß
er nach Vraucourt führte. Während sich die anderen noch bei den
Unterständen aufhielten, überschritt ich mit dem Leutnant Heins die Höhe.

Jenseits dem Grunde lagen die Ruinen des Dorfes Vraucourt. Davor blitzten
die Abschüsse einer feuernden Batterie auf, deren Bedienung bei dem
Erscheinen der ersten Sturmwelle ins Dorf flüchtete. Auch die Besatzung
einer Reihe in einen Hohlweg eingebauter Unterstände stürzte heraus und
entfloh. Ich schoß einen davon in dem Augenblick, als er aus dem Eingange
des ersten sprang, nieder.

Mit zwei Leuten meiner Kompagnie, die sich inzwischen bei mir gemeldet
hatten, ging ich in dem Hohlweg vor. Rechts davon lag eine besetzte
Stellung, aus der wir starkes Feuer erhielten. Wir zogen uns in den ersten
Unterstand zurück, über dem sich bald die Geschosse beider Parteien
kreuzten. Davor lag mein Engländer, ein blutjunges Kerlchen, den mein Schuß
quer durch den Schädel getroffen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl, einem
Menschen ins Auge zu sehen, den man selbst getötet.

Wir ließen uns durch das zunehmende Feuer nicht stören, sondern richteten
uns in dem Unterstande ein und räumten unter den zurückgelassenen
Lebensmitteln auf, da unser Magen uns daran erinnerte, daß wir während des
ganzen Angriffs noch nichts genossen hatten. Wir fanden Schinken, Weißbrot,
Marmelade und einen Steinkrug voll Ingwer-Likör. Nachdem ich mich gestärkt
hatte, setzte ich mich auf eine leere Biskuitdose und las einige englische
Zeitschriften, die von recht geschmacklosen Ausfällen gegen »the Huns«
wimmelten. Allmählich wurde uns die Lage doch zu langweilig, und wir
kehrten in Sprüngen zum Anfange des Hohlweges zurück, wo sich eine Menge
von Leuten angesammelt hatte. . . Von dort sahen wir schon ein Bataillon
164er links neben Vraucourt. Wir beschlossen, das Dorf zu stürmen, und
eilten wieder durch den Hohlweg vor. Kurz vor dem Dorfrande setzte uns die
eigene Artillerie, die stumpfsinnig bis zum Morgen auf denselben Fleck
weiterschoß, ein Ziel. Eine schwere Granate schlug mitten auf dem Wege ein
und zerriß vier Leute. Die anderen liefen zurück.

Wie ich später erfuhr, hatte die Artillerie Befehl, mit höchster Entfernung
weiterzuschießen. Diese unverständliche Anordnung riß uns die schönsten
Früchte des Sieges aus der Hand. Zähneknirschend mußten wir vor der
Feuerwand Halt machen.

Um eine Lücke des Feuers zu suchen, wandten wir uns weiter nach rechts, wo
gerade ein Kompagnieführer des Infanterie-Rgts. 76 zum Sturm auf die
Vraucourt-Stellung ansetzte. Wir beteiligten uns mit Hurra, aber kaum waren
wir eingedrungen, als uns die eigene Artillerie wieder herausschoß. Dreimal
stürmten wir und dreimal mußten wir wieder zurück. Fluchend besetzten wir
einige Trichter, in denen uns ein durch die Granaten verursachter
Wiesenbrand, bei dem viele Verwundete umkamen, außerordentlich lästig
wurde. Auch töteten englische Gewehrgeschosse einige Leute.

Langsam brach die Dämmerung herein. Stellenweise lohte das Gewehrfeuer noch
einmal gewaltig auf, um allmählich zu erlöschen. Die erschöpften Kämpfer
suchten sich einen Ort, wo sie die Nacht verbringen konnten. Offiziere
schrieen ununterbrochen ihren Namen, um die zersplitterten Kompagnien zu
sammeln.

Zwölf Mann der siebenten Kompagnie hatten sich während der letzten Stunde
um mich geschart; da es kalt zu werden begann, führte ich sie zu dem
kleinen Unterstande, vor dem mein Engländer lag und schickte sie aus, um
Decken und Mäntel von Gefallenen zu suchen. Als ich alle untergebracht
hatte, gab ich meiner Neugier nach, die mich in die vor uns liegende
Artilleriemulde trieb. Ich nahm den Füsilier Haller mit, dem ich den
größten Sportsgeist zutraute. Wir schritten mit schußbereitem Gewehr gegen
die Mulde vor, auf der noch immer unser Artilleriefeuer wuchtete und
untersuchten zunächst einen Unterstand, der anscheinend vor kurzem von
englischen Artillerieoffizieren verlassen war. Auf einem Tische stand ein
riesiges Grammophon, das Haller sofort in Bewegung setzte. Das lustige
Couplet, das von der Walze schnurrte, machte einen geisterhaften Eindruck.
Ich warf den Kasten auf den Boden, wo er wie ein Erschlagener noch ein paar
schnarrende Töne von sich gab und verstummte. Der Unterstand war äußerst
behaglich eingerichtet; sogar ein kleiner Kamin, auf dessen Sims Pfeifen
und Tabak lagen, mit im Kreise herumgestellten Sesseln fehlte nicht. Merry
old England! Wir legten uns natürlich keinen Zwang auf, sondern nahmen, was
uns gefiel. Ich suchte mir einen Brotbeutel, Wäsche, eine kleine
Metallflasche voll Whisky, eine Kartentasche und einige wundernette
Toiletteartikel von Roger und Gallet aus, vermutlich zärtliche Erinnerungen
an einen Pariser Fronturlaub.

Ein nebenan liegender Raum enthielt eine Küche, deren Vorräte wir
ehrfurchtsvoll bestaunten. Da war eine ganze Kiste voll roher Eier, von
denen wir uns gleich eine erhebliche Zahl einverleibten, da wir sie kaum
noch dem Namen nach kannten. Auf den Wandborden stapelten Büchsen voll
Fleisch, Dosen köstlicher eingedickter Marmelade, ferner Flaschen voll
Kaffee-Essenz, Tomaten und Zwiebeln; kurz alles, was der Gourmet sich
wünschen konnte.

Dieser Anblick trat mir später noch oft vors Gedächtnis, wenn wir
wochenlang bei schmaler Brotportion, wässrigen Suppen und dünner Marmelade
im Schützengraben lagen. Der deutsche Feldsoldat eilte in verschlissenem
Rock, schlechter verpflegt als ein chinesischer Kuli, vier Jahre lang von
Schlachtfeld zu Schlachtfeld, um die an Zahl vielfach überlegenen,
wohlausgerüsteten und -genährten Gegner immer wieder seine Eisenfaust
spüren zu lassen. Es gibt kein größeres Zeichen für die Macht der Idee, die
uns trieb. Dem Tode entgegenschreiten, sterben in Augenblicken der
Begeisterung, ist viel; für seine Sache hungern und darben, ist mehr. -- --
--

Nach diesem kleinen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des
Gegners verließen wir den Unterstand und schritten in die Mulde, in der wir
zwei funkelneue verlassene Geschütze vorfanden. Ich nahm einen Kreidestein
und zeichnete sie mit der Nummer meiner Kompagnie. Dann kehrten wir, da die
eigene Artillerie uns noch fortwährend Eisen um die Ohren schmiß, zu den
anderen zurück.

Unsere vordere Linie, inzwischen von nachrückenden Truppen gebildet, war
200 Meter hinter uns. Ich stellte einen Doppelposten vor den Unterstand und
befahl den anderen, das Gewehr im Arm zu behalten. Nachdem ich die Ablösung
geregelt, noch etwas gegessen und die Tageserlebnisse in kurzen Stichworten
notiert hatte, schlief ich ein.

Um 1 Uhr wurden wir durch Hurrageschrei und lebhaftes Feuer rechts von uns
geweckt. Wir packten die Gewehre, stürzten aus dem Raum und postierten uns
in einem großen Granattrichter. Von vorn kamen einige versprengte Deutsche
zurück, auf die von unserer Linie geschossen wurde. Zwei von ihnen blieben
auf dem Wege liegen. Durch diesen Zwischenfall gewitzigt, warteten wir, bis
sich hinter uns die erste Aufregung gelegt hatte, machten uns durch Zurufe
verständlich und gingen in die eigene Linie zurück. Dort saß der Führer der
zweiten Kompagnie, Leutnant Kosik, der vor Erkältung kein Wort sprechen
konnte und am Arm verwundet war, mit ungefähr sechzig 73ern. Da er sich zum
Sanitätsplatze zurückbegeben mußte, übernahm ich das Kommando über seine
Schar, bei der sich drei Offiziere befanden. Außerdem bestanden vom
Regiment noch die beiden ebenso zusammengewürfelten Kompagnien Gipkens und
Vorbeck.

Bataillonsführer war Hauptmann Freiherr von Ledebour, Regimentskommandeur
Major Dietlein, da Major v. Bardeleben bereite am Morgen durch Verwundung
ausgeschieden war.

Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Unteroffizieren der zweiten
Kompagnie zusammen in einem kleinere Erdloch, in dem wir vor Kälte
erstarrten. Am Morgen frühstückte ich von den erbeuteten Beständen und
schickte Leute nach Quéant, um von der Küche Kaffee und Essen zu holen. Die
eigene Artillerie begann wieder mit ihrer verfluchten Schießerei und setzte
uns als ersten Morgengruß einen Volltreffer in einen Trichter, der vier
Leute der MG.-Kompagnie beherbergte. In der ersten Dämmerung stieß noch ein
Zugführer meiner Kompagnie, der Vizefeldwebel Kumpart, mit einigen Leuten
zu mir.

Kaum hatte ich mir die Nachtkälte etwas aus den Gliedern gestampft, als ich
Befehl bekam, weiter rechts mit den Resten des Regiments 76 zusammen die
Vraucourt-Stellung zu stürmen, die bei uns schon teilweise genommen war.
Wir zogen im dichten Morgennebel zum Bereitstellungsraum, einer Höhe
südlich von Ecoust, auf der viele Tote des vorigen Tages lagen. Es gab wie
meist vor unklar gefaßten Angriffsbefehlen ein gewaltiges Palaver der
Sturmführer, das erst durch die Garbe eines feindlichen Maschinengewehres
beendet wurde. Alles sprang in die nächsten Trichter bis auf den Feldwebel
Kumpart, der jammernd liegen blieb. Ich eilte mit einem Sanitäter zu ihm
und verband ihn. Er hatte einen schweren Knieschuß erhalten. Wir entfernten
mit einer Zange mehrere Knochenbrocken aus der Wunde. Er ist einige Tage
später gestorben. Mir ging der Fall besonders nahe, weil Kumpart vor drei
Jahren in Recouvrence mein Exerziermeister gewesen war.

In einer Besprechung mit dem Hauptmann von Ledebour legte ich das Sinnlose
eines Frontalsturmes dar, da die zum Teil schon in unserem Besitz
befindliche Vraucourt-Stellung mit viel geringeren Verlusten von links her
aufgerollt werden konnte. Wir beschlossen, den Angriff nicht auszuführen,
und die Folge zeigte, daß wir recht gehandelt hatten.

Bei solchen Gelegenheiten rächte sich die Einrichtung der weit
zurückliegenden Befehlsstellen der höheren Führung, deren Notwendigkeit mir
natürlich klar ist. Jedoch verrieten derartige Befehle deutlich einen
Mangel an Fronterfahrung. Die Zeiten des unvorbereiteten Frontalangriffes
sind für immer vorüber. Der einfache Mann, dem die feindlichen Gewehre das
Gesetz des Handelns vorschrieben, konnte auf solche Irrtümer nicht
verfallen. Er kam nur da vor, wo der Gegner schwach war. Die starken
Stellungsteile fielen dann von selbst . . . . . .

Vorläufig richteten wir uns in den Trichtern auf der Höhe ein. Allmählich
brach die Sonne durch, und es erschienen englische Flugzeuge, die mit
Maschinengewehren unsere Löcher abstreuten, indes bald von den unsrigen
vertrieben wurden. Im Grunde von Ecoust fuhr eine Batterie auf, ein
ungewöhnliches Bild für alte Grabenkrieger; sie wurde auch bald
zusammengeschossen. Ein einzelnes Pferd riß sich los und galoppierte durch
das Gelände; ein gespenstischer Anblick, dieses rasend gewordene Tier auf
weiter, einsamer Fläche, vom wechselnden Gewölk der Geschosse behangen. Die
feindlichen Flieger waren noch nicht lange verschwunden, als wir das erste
Feuer bekamen. Zuerst platzten einige Schrapnells, dann zahlreiche leichte
und schwere Granaten. Wir lagen wie auf dem Präsentierteller. Mehrere
ängstliche Gemüter vermehrten das Feuer noch, indem sie kopflos hin und her
liefen, anstatt in ihre Trichter geduckt, den Segen über sich ergehen zu
lassen. In solchen Lagen muß man Fatalist sein. Diesen Grundsatz beherzigte
ich, indem ich den geradezu großartigen Inhalt einer erbeuteten Büchse voll
Stachelbeer-Marmelade verspeiste. So wurde es langsam Mittag.

Schon seit längerer Zeit war links in der Vraucourtstellung Bewegung zu
beobachten. Jetzt sahen wir gerade vor uns die bogenförmige Flugbahn und
den weißen Einschlag deutscher Stielhandgranaten. Das war der gegebene
Augenblick.

Ich ließ antreten. Ohne stärkeres Feuer zu bekommen, gelangten wir an den
feindlichen Graben und sprangen hinein, freudig begrüßt von einem
Sturmtrupp des Regiments 76. Im aufrollenden Handgranatenangriff ging es,
ähnlich wie bei Cambrai, langsam vor. Der feindlichen Artillerie blieb es
leider nicht verborgen, daß wir uns langsam in ihren Linien vorfraßen. Ein
scharfer Feuerüberfall von Schrapnells und leichten Granaten faßte uns
vorne noch gerade, in der Hauptsache jedoch die Reserven, die hinter uns
über freies Feld dem Graben zuströmten. Wir bemühten uns, möglichst schnell
mit dem Gegner fertig zu werden, um das Feuer zu unterlaufen.

Die Vraucourt-Stellung schien noch im Bau gewesen zu sein, denn manche
Grabenstücke waren nur durch Abheben der Rasenschicht angedeutet. Wenn wir
ein solches Stück übersprangen, konzentrierte sich das ganze Feuer des
Umkreises auf uns. Ebenso nahmen wir den über diese Stellen vor uns her
hastenden Gegner unter Feuer, so daß die kurzen tracierten Stücke bald mit
Leichen behäuft waren. Es war eine nervenpeitschende Hetzjagd. Wir eilten
an noch warmen, stämmigen Gestalten vorüber, unter deren kurzen Röckchen
kräftige Knie glänzten, oder krochen über sie hinweg. Es waren Hochländer,
und die Art des Widerstandes zeigte, daß wir keine Feiglinge vor uns
hatten.

Nachdem wir so einige hundert Meter gewonnen hatten, geboten uns immer
dichter fallende Hand- und Gewehrgranaten Halt. Die Leute begannen zu
weichen.

»Der Tommy macht einen Gegenstoß!«

»Bliew stahn!« »Ich will bloß Verbindung aufnehmen!«

»Handgranaten nach vorn; Handgranaten, Handgranaten!«

»Achtung, Herr Leutnant!«

Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche
Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an
der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim
Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden
Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die
vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen
Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den
Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die
Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte »mulmige«
Gefühl beschleicht.

Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter
einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter
tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu,
bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der
Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem
Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen
ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem
Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in
seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in
kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen,
auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren
Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte
weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns
gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer
fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines
Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.

Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische
Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber.
Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns
und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der
untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod
hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes,
sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich
berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.

Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über
die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden
aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten
zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich
der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von
hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein
leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser
Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn
das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter
wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.

Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich
sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und
Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße
Vraucourt--Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden
verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über
das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel
durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden
Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes
Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße
Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt
hatten.

Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen
englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem
kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier
schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo
die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller
Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm.
Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten
Orte.

Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche
Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes,
vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. »Sie sind umgangen, sie sind
umgangen!« In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten
vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach
kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun
gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: »Vorsicht, das
Maschinengewehr links schießt noch!« sprangen wir aus dem Graben und hatten
im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein
langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß
sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer
Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen
mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.

Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte,
wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in
das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: »Da schießen sie noch, die
verfluchten Schweine!« Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem
kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von
Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von
rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die
Luft schleudernd.

Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller
Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr
fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die
Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot
berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen
scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei!
Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der
Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu
meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse
entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie
stürzte heran: »Herr Leutnant, den Mantel 'runter!« und riß mir das
gefährliche Kleidungsstück von der Schulter.

Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen
Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl
Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in
braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen
Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße
war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer
verfolgt wurden.

Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand,
verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend,
sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das
Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der
Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der
Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für
einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten
angeschossen.

Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in
diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten
uns mit einem: »Auf Wiedersehen in Hannover!«

Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee
meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben,
in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück.

Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche
Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße
und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte.
Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns
sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück.

Plötzlich gab es neben mit am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich
bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich
erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines
schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich
beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so
unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da
mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich
hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn,
ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.

Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor
jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach
vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone
der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo.

Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich
beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht
erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der
General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern
tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.

In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in
hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber.
Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen.
Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei
verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges
gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.

Auf der Straße Noreuil--Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es
nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen,
die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das
Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden
kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto
zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten,
wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die
Ärzte im Operationsraum den Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt;
trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner
Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die
Schädeldecke beschädigt war.

Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am
nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu
meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes
nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel
verwundet.

Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny)
wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin.
Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege
ebenso gut wie alle vorhergehenden.

Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während
des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer
harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer
kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den
Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als
dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.



Englische Vorstöße.


Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des
jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der
neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten
siebenten Kompagnie.

Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen
mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in
den Kreis einer Familie zurückkehrte.

Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer
verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen
schimmerten. Das wüste Gelände, das wir »Die Wallachei« getauft hatten, war
durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten,
so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy,
der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des
Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten
Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags
ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei
Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen
bekannten Namen.

Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe
Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf
Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten,
wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher
Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern
wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden
Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der
Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab,
Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse
jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her.

Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald
mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine
Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.

»Offensiv-Parfüm« erscholl neben mit die Stimme eines cynischen alten
Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu
passieren schienen.

Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm
entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war
lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten
neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19.
März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine
abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte,
als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem
Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten
Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren.

Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen
drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht
stellte.

Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen
Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die
Zauberformel »Ablösung!« Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch
entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein
unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte
Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten.
Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das
Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend
eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich
mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung,
daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als
neuer Kapitän des Abschnitts A.

Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig
Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer
entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen
waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem
Prellschuß ab.

Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die
Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war
rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke
getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes
Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen
ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch
sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren.

Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir
zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem
verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch
zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand
versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie
ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und
Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in
diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den
Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit
lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf
den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit
grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den
Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige
Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der
inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten
kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien
die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir
ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las
Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die
Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen
begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich
schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das
Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest
unbedingte Taxe.

Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den
Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel
zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem
Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten
geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den
altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.

Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen »Haus
Wahnfried« verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die
nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie
kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner
besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir
eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten,
um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings
durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden
Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört.

Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu
leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen
Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich
in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte.
Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet.

Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war
und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit
am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und
Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem
Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten
Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits
ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in
die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76
geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.

In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks,
die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum
Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen,
waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte
Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim
Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um
den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen
Riefenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte
lebhaft an die Männer im feurigen Ofen.

Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage
wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen
und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang
nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine
Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich
nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu
frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin.
Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner
Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach
durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große
Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten,
stöhnte er hervor: »Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.« Trotz
dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in
Hannover die Hand schütteln.

Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig
zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem
Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem
Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen
Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das
hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten
von neuem bloßgelegt.

Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen
Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition,
Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden
Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe
ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus
einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller
verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur
Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.

Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der
Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab.
Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen
wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine
Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch
im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er
starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner
Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte
Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.

Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir
nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon
durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten
meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die
Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen
stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe
nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch
auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch
verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen
wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch
fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der
Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an
Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit
Sauerstoffapparaten herausholen.

Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere
vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem
Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten
Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger
auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der
Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30
Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser
Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von
unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu
unterschätzen.

Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen
Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild,
das einen sehr verdächtigen Eindruck machte.

Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm
gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen.
Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger
Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze
sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte
das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen
zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . .

Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach
dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die
Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises
staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des
Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend.

Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten
Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen
Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die
Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische
Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .

Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr,
daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um
uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant
Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten
einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen
sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer
Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die
Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in
einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr
vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine
Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des
Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken,
einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr.
Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich
der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann
gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade
lag.

Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen,
wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei
Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40
Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit
einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf.
Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und
Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.

Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und
überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von
allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der
entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte
man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den
bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen
war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen
Anordnungen treffen.

Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten
wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand,
der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten
und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und
ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.

Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom
Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten.
Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen
gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den
anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die
Landesknechte. »Mensch, alle haben doch nicht so'n Schiß wie du!«, schrie
zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.

Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste
gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits
aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den
langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die
Folgen des Papierkrieges.

Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer
vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die
Hauptwiderstandslinie bedrohend.

Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der
Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ
mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am
Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand.
Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten
Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes
auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein
Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen
Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das
Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos
aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß
gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke
Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am
Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch.
Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten
B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären.
Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und
Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner
schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der
stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im
Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen »Blick in die
Röhre« und begab sich mit dem Zitat: »Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo«
zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender
Hand.

Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der
inzwischen wieder vom Feinde geräumt. war. Ich fand dort Pioniere Boje und
Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten
Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer
(Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch
Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen
furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.

Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen
pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen
eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute
seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende
Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu
betrachten.

Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr
eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie
ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr
Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich
warten. Der Ruf »Sanitäter!« flog von links durch den Graben. Hineilend,
fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse,
die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer
eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die
ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im
zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn
werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an
derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am
Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die
Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite
Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.

Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte
dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von
Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein
schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur
Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich
Schwärme von Fliegen sammelten.

Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes
Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie
unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen
sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit
einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner
Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen.

Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die
nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem
Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt
die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine
Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im
Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf
den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es
ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung
eines Toten in eine rückwärtige Linie.

Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden
Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei
höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich
mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und
stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als
er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte,
gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei
anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die
Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel
dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld
in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von
meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns
nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu
verletzen.

Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen
umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten,
daß sie ihr Leben teuer verkauften.

Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des
Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten
indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen.
Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle
abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger
Stärke los.

Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter
durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in
unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von
Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen
herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den
Kampfgraben zurück.

Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand
und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden
Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf
zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im
Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien
keine Parteien mehr zu kennen.

Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt,
schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den
Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze
Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein
Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den
kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte
eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet
zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden
Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.

Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie
viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch
den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur
Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu
gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die
Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem
Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten
dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben
kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her
zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein
fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.

Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164
abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie
wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein
Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle
erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen
Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten.

                                * * *

111. Inf. Division.                            Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.

_Divisionstagesbefehl._

Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte
Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen
Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen.
Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe
Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an
schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für
unser geliebtes Vaterland.

Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal
wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute
Anerkennung.

         _v. Busse_,


         Generalmajor und Divisions-Kommandeur.



Mein letzter Sturm.


Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer
wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch
weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen
Arbeitervorstädtchen von Cambrai.

Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines
nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses
Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem
Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren
Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première
communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von
Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich
inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im
nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch
gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten
Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.

Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher
Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit
auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran
und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte
fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore
und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche
In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner
Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den
in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und
die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes
die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde.

Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche
Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen
und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen
Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu
fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es
als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den
trefflichen Namen »Gärtnerwurst« beilegte.

Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit
zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich
es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die
Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem
Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch
sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht
über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen,
damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen
Zwang des Führers gezügelt werden können.

Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im
Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat
des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und
Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer
zaghaften Kompagnie.

Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf
den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den
Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es
war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es
recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren,
und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch
Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von
30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit
dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden
allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir
schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu
besitzen.

Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das
liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren
geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie
durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein
so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch.
Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung
verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen
Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen
auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei,
im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung
umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir
herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der
Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.

Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür
hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz
brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige
Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers
herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel
gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer
Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten
wir den klangvollen Frontausdruck »es wummert« geprägt.

Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen Gewitters auf
der Straße nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5
Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von einer Reihe
demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder
so gut wie möglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen
Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ,
das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte,
jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten bewohnt war.

Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, daß wir
in der Nacht rechts der großen Straße Cambrai--Bapaume unweit Beugny
bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen
Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.

Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein.
Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten,
die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich
aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten.
Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte.

Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen
zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der
Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der
Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz,
nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen.
Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben
alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand
von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die
Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den
Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische
Vorbereitung in glänzender Weise.

An unserem aus einer Karre und einer Haustür improvisierten Tisch aß ich im
Hof mit Schrader zu Abend und trank eine Flasche Wein dazu. Dann rollten
wir uns in unseren Ziegenstall, bis uns um 2 Uhr morgens der Posten
meldete, daß die Lastautos auf dem Marktplatz verladebereit ständen.

In geisterhafter Beleuchtung rasselten wir durch das kampfzerwühlte Gelände
der vorjährigen Cambraischlacht und wanden uns durch die von Trümmerwällen
eingefaßten Dorfstraßen abenteuerlich zerschossener Nester. Dicht vor
Beugny wurden wir ausgeladen und in unsere Aufstellungsräume geführt. Das
Bataillon besetzte einen Hohlweg an der Straße Beugny--Vaux. In den
Vormittagsstunden brachte eine Ordonnanz den Befehl, daß sich die Kompagnie
bis an die Straße Frémicourt--Vaux vorzuschieben hätte. Dies typische
Vorrücken gab mir die Gewißheit, daß uns bis zum Abend noch Blutiges
bevorstand.

Ich schlängelte meine drei Züge in Reihen durch das Gelände, das kreisende
Flieger mit Bomben und Geschossen bestreuten. Am Ziele verteilten wir uns
in Trichter und Erdlöcher, da vereinzelte Granaten bis über die Straße
hinausgriffen.

Ich befand mich an diesem Tage so schlecht, daß ich mich sofort in ein
kleines Grabenstück legte und einschlief. Nach dem Erwachen las ich in
Laurence Sterne's »Tristram Shandy« und verbrachte so, mit der
Gleichgültigkeit eines Kranken, in der warmen Sonne liegend, den
Nachmittag. Ab und zu trank ich einen Schluck Wermut.

Um 6.15 Uhr nachmittags rief ein Gefechtsläufer die Kompagnieführer zum
Hauptmann von Weyhe.

»Ich habe Ihnen die ernste Mitteilung zu machen, daß wir angreifen. Das
Bataillon tritt nach halbstündiger Feuervorbereitung um 7 Uhr (!) vom
Westrande Favreuil zum Sturm an. Marschrichtungspunkt der Kirchturm von
Sapignies.«

Nach kurzem hin und her und einem kräftigen Händedruck stürzten wir zu den
Kompagnien, da das Feuer in zehn Minuten beginnen sollte und wir noch eine
große Strecke zu marschieren hatten. Ich verständigte meine Zugführer und
ließ antreten.

»Die Gruppen in Reihe zu einem mit 20 Meter Zwischenraum. Marschrichtung
halblinks die Baumkronen von Favreuil!«

Ein gutes Zeichen für den Geist, der in den Leuten steckte, war, daß ich
einen Mann bestimmen mußte, zurückzubleiben, um die Feldküche zu
benachrichtigen. Freiwillig hatte sich keiner melden mögen.

Ich schritt mit meinem Kompagniestabe und dem Feldwebel Reinecke, der die
Gegend genau kannte, weit vor der Kompagnie. Hinter Hecken und Ruinen
sprangen die Abschüsse unserer Geschütze auf. Das Feuer glich mehr einem
wütenden Gebell als einer vernichtenden Sturmwelle. Hinter mir sah ich
meine Gruppen in bewunderungswürdiger Ordnung vorgehen. Neben ihnen
staubten die Wölkchen der Fliegergeschosse auf, Kugelladungen, Hohlbläser
und Treibplatten von Schrapnells fuhren mit höllischem Fauchen durch die
Zwischenräume der schmalen Menschenstreifen. Rechts lag das schwer
beschossene Beugnâtre, aus dem gezackte Eisenstücke schwerfällig
herüberbrummten und sich mit kurzem Schlag in den lehmigen Boden stanzten.

Noch ungemütlicher wurde der Anmarsch hinter der Straße Beugnâtre--Bapaume.
Plötzlich platzte eine Reihe von Brisanzgranaten vor, hinter und zwischen
uns. Wir spritzten auseinander und warfen uns in die Trichter. Ich stürzte
mit dem Knie in das Angstprodukt einen Vorgängers und ließ in der Eile von
meinem Burschen mit dem Messer eine grobe Säuberung vornehmen.

Um den Dorfrand Favreuil ballten sich die Wolken zahlreicher Einschläge,
dazwischen stiegen und fielen braune Erdsäulen in hastigem Wechsel. Um mich
zu orientieren, ging ich allein bis zu den ersten Ruinen vor und gab dann
mit dem Spazierstock das Zeichen zum Folgen.

Das Dorf war von zerschossenen Baracken umsäumt, bei denen sich allmählich
Teile des ersten und zweiten Bataillons sammelten. Während des letzten
Wegabschnittes forderte ein Maschinengewehr verschiedene Opfer. Unter
anderen erhielt der Vizefeldwebel Balg von meiner Kompagnie einen Schuß
durchs Bein. Eine Gestalt in braunem Manchester schritt gleichgültig über
das beschossene Stück und schüttelte mir die Hand. Kius und Boje, Hauptmann
Junker und Schaper, Schrader, Schläger, Heins, Findeisen, Höhlemann und
Hoppenrath standen hinter einer von Blei und Eisen durchfegten Hecke und
hielten ein großes Angriffspalaver. Wir hatten an manchem Tage des Zorns
auf einem Felde gefochten, und auch diesmal sollte die schon tief im Westen
stehende Sonne noch das Blut fast aller bestrahlen.

Teile des I. Bataillons rückten in den Schloßpark. Vom II. Bataillon hatten
nur meine und die fünfte Kompagnie ungefähr vollzählig den flammenden
Vorhang durchschritten. Wir arbeiteten uns durch Trichter und Häusertrümmer
zu einem Hohlweg am Westrande des Dorfes vor. Unterwegs stülpte ich mir
einen gefundenen Stahlhelm aufs Haupt, eine Handlung, die ich nur in
kritischen Momenten vorzunehmen pflegte. Zu meinem Erstaunen lag Favreuil
vollkommen tot da, die Besatzung hatte anscheinend ihren
Verteidigungsabschnitt verlassen.

Hauptmann von Weyhe, der bereits einsam und schwerverwundet in einem
Trichter des Dorfes lag, hatte angeordnet, daß fünfte und achte Kompagnie
in vorderer, sechste in zweiter und siebente in dritter Linie stürmen
sollten. Da von der sechsten und achten Kompagnie noch nichts zu sehen war,
beschloß ich draufzugehen, ohne mich lange um Staffelungen zu kümmern.

Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von Häuserresten und Baumstümpfen
sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Schützenlinie auf das freie Feld
heraustreten. Es mußte die fünfte Kompagnie sein.

Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen
anzutreten. »Abstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und
zweiter Welle!«

Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in
ähnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges,
Guillemont, St. Pierre-Vaast, Langemarck, Paschendale, Moeuvres, Braucourt,
Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest.

Wir verließen den Hohlweg ganz programmäßig, nur befand »ich selbst«, wie
die schöne Befehlsformel lautet, mich plötzlich neben dem Leutnant Schrader
weit vor der ersten Welle.

Vereinzelte Gewehrschüsse knallten uns entgegen. Den Spazierstock in der
rechten, Pistole in der linken Hand stapfte ich vor und ließ, ohne es recht
zu merken, die Schützenlinie der fünften Kompagnie zum Teil hinter, zum
Teil rechts neben mir. Während des Vorgehens merkte ich, daß mein Eisernes
Kreuz sich von der Brust gelöst hatte und zu Boden gefallen war. Schrader,
mein Bursche und ich begannen eifrig zu suchen, trotzdem verborgene
Schützen uns aufs Korn zu nehmen schienen. Endlich zog Schrader es aus
einem Grasplacken hervor, und ich steckte es wieder fest.

Das Gelände senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem
Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine
Geschoßgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gefühl der
Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge über
ein Grabenstück riß mich ein durchdringender Stoß vor die Brust aus der
Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Längsachse und klirrte betäubt
zu Boden.

Ich erwachte im Gefühl eines großen Unglücks, eingeklemmt zwischen enge
Lehmwände, während durch eine geduckte Menschenreihe der Ruf glitt:
»Sanitäter! Der Kompagnieführer ist verwundet!«

Ein älterer Mann einer anderen Kompagnie beugte sich mit gutmütigem Gesicht
über mich, löste das Koppel und öffnete meinen Rock. Zwei blutige
Kreisflecke leuchteten von der Mitte der rechten Brust und vom Rücken. Ein
Gefühl der Lähmung fesselte mich an die Erde, und die glühende Luft des
engen Grabens badete mich in qualvollem Schweiß. Der mitleidige Helfer
erquickte mich durch fächelndes Schwingen meiner Kartentasche. Ich hoffte,
nach Luft ringend, auf baldiges Dunkelwerden, um mich zurückschleppen zu
lassen.

Plötzlich brauste von Sapignies her ein Feuerorkan los. Es war klar, daß
dieses lückenlose Rollen, dieses gleichmäßige Brüllen und Stampfen mehr
drohte als Abwehr unseres so schlecht angesetzten Angriffes. Über mir
blickte ich in das unterm Stahlhelm versteinerte Gesicht des Leutnants
Schrader, der wie eine Maschine schoß und lud, schoß und lud. Es entspann
sich zwischen uns ein Gespräch, das an die Turmszene der Jungfrau von
Orleans erinnerte. Sehr humoristisch war mir indes nicht zumute, denn ich
hatte die klare Erkenntnis, verloren zu sein.

Oben sprang der Schreckensschrei: »Links sind sie durch! Wir sind
umgangen!« von Mund zu Mund. Er gab mir die alte Kraft zurück. Ich faßte in
ein Loch, das ein Maulwurf in die Grabenwand gebohrt hatte, und zog mich
hoch, während das Blut aus den Wunden rieselte. Mit bloßem Kopf und offenem
Rock, die Pistole in der Faust, starrte ich ins Gefecht.

Durch weißliche Rauchschwaden stürzte eine Kette bepackter Menschen
schnurgeradeaus. Einige fielen und blieben liegen, andere schlugen Rad wie
getroffene Hasen. 100 Meter vor uns wurden die letzten vom Trichtergelände
eingesogen.

Wie an einer Schnur gezogen krochen vier Tanks über den Kamm einer
Bodenwelle. In wenigen Minuten waren sie von der Artillerie in die Erde
gestampft. Der eine klappte wie ein Spielzeug aus Blech in zwei Hälften
auseinander. Rechts brach der wackere Fahnenjunker Mohrmann mit einem
Todesschrei zusammen.

Die Sache schien noch nicht verloren. Ich flüsterte dem Fähnrich Wilsky zu,
nach links zu kriechen und mit seinem Maschinengewehr die Lücke abzufegen.
Er kam gleich darauf zurück und meldete, daß sich 20 Meter weiter schon
alles ergeben hätte. Es lagen dort Teile des Regiments 99 (Zabern). Mich
umwendend, hatte ich ein seltsames Bild. Von hinten kamen Leute mit
erhobenen Händen nach vorne! Der Feind mußte bereite das Dorf, aus dem wir
gestürmt hatten, genommen haben.

Die Szene belebte sich immer mehr. Ein Kreis von Engländern und Deutschen
umringte uns und forderte uns auf, die Waffen fortzuwerfen. Ich ermunterte
mit schwacher Stimme die Nächststehenden zum Kampf aufs Messer. Sie
schossen auf Freund und Feind. Ein Kranz von Stummen und Schreienden
umschloß unser Häuflein. Links tauchten zwei hünenhafte Engländer ihre
Bajonette in ein Grabenstück, aus dem sich flehende Hände reckten.

Auch unter uns wurden geltende Stimmen laut: »Es hat keinen Zweck mehr!
Gewehre weg! Nicht schießen, Kameraden!«

Ich blickte nach den beiden Offizieren, die mit mir im Graben standen. Sie
lächelten fatalistisch zurück und ließen ihre Koppel zu Boden fallen.

Es blieb die Wahl zwischen Gefangenschaft und einer Kugel. Nun war ja der
Augenblick gekommen, wo es galt, zu zeigen, ob das, was ich meinen Leuten
in manchem Ruhetage über den Kampf gesagt hatte, mehr war als leere Phrase.
Ich kroch aus dem Graben und taumelte auf Favreuil zu. Zwei Engländer, die
einen Trupp gefangener 99er auf ihre Linien zuführten, stellten sich mir
entgegen. Ich hielt dem nächsten die Pistole vor den Leib und drückte ab.
Er klappte wie eine Schießbudenfigur zusammen. Der andere brannte sein
Gewehr auf mich ab, ohne zu treffen. Die hastigen Bewegungen trieben das
Blut in hellen Schlägen aus der Lunge. Ich konnte freier atmen und begann,
an dem Grabenstück entlang zu laufen. Hinter einer Schulterwehr kauerte der
Leutnant Schläger inmitten einer feuernden Gruppe. Sie schlossen sich an.
Einige Engländer, die über das Gelände schritten, blieben stehen, setzten
ein Lewisgewehr auf den Boden und beschossen uns. Bis auf mich, Schläger
und zwei Begleiter wurden alle getroffen. Schläger, der seinen Kneifer
verloren hatte, erzählte mir später, daß er nichts gesehen hätte als meine
auf- und niederfliegende Kartentasche. Der dauernde Blutverlust gab mir die
Freiheit und Leichtigkeit eines Rausches, mich beunruhigte nur der Gedanke,
zu früh zusammenzubrechen.

Endlich gelangten wir an einen halbmondförmigen Erdaufwurf rechts von
Favreuil, aus dem ein halbes Dutzend schwerer Maschinengewehre auf Freund
und Feind Feuer spieen. Feindliche Geschosse zerspritzten im Sande der
Schanze, Offiziere schrien, aufgeregte Leute tanzten hin und her. Ein
Sanitätsunteroffizier der sechsten Kompagnie riß meine Jacke herunter und
riet mir, mich sofort hinzulegen, da ich sonst in wenigen Minuten verblutet
sein könnte.

Ich wurde in eine Zeltbahn gerollt und am Ortsrand von Favreuil entlang
geschleppt. Einige Leute meiner und der sechsten Kompagnie begleiteten
mich. Nach einigen hundert Schritten bekamen wir auf nächste Entfernung aus
dem Dorfe Gewehrfeuer. Knallend schlugen Geschosse in menschliche Körper.
Den Sanitäter der sechsten Kompagnie, der das Hinterende meiner Zeltbahn
trug, riß ein Kopfschuß zu Boden; ich stürzte mit ihm.

Die kleine Schar hatte sich glatt auf die Erde geworfen und kroch, von
Aufschlägen umpeitscht, der nächsten Senkung zu.

Ich blieb einsam, in meine Zeltbahn eingeknüpft auf dem Felde, den
Endtreffer erwartend.

Doch solange noch ein Mann meiner Kompagnie lebte, war ich nicht ganz
verlassen. Neben mit ertönte die Stimme des Gefreiten Hengstmann: »Ich
nehme Herrn Leutnant auf den Rücken, entweder kommen wir durch, oder wir
bleiben liegen.«

Leider kamen wir nicht durch; zu viele Gewehre waren auf kürzeste
Entfernung auf uns gerichtet. Als ich, die Arme um den Hals des Getreuen
geschlungen, auf seinem Rücken saß, erklang mitten im Lauf ein feines
metallisches Sirren. Hengstmann sank ganz sanft unter mir zusammen. Ich
löste mich aus seinen Armen, die meine Schenkel noch fest umklammert
hielten. Ein Geschoß hatte ihm Stahlhelm und Schläfen durchschlagen. Der
Tapfere, der die Treue zu seinem Führer mit dem Tode besiegelte, war ein
Lehrerssohn aus Letter bei Hannover. Ich habe später seine Familie
aufgesucht und halte sein Andenken heilig.

Das schlimme Beispiel schreckte einen anderen Helfer nicht ab, einen neuen
Versuch zu meiner Rettung zu wagen. Es war der Sanitäts-Sergeant
Strichalsky. Er nahm mich auf seine Schultern und brachte mich glücklich in
den toten Winkel der nächsten Geländewelle.

Es dunkelte. Die Leute suchten die Zeltbahn eines Toten und trugen mich
über ein einsames Gelände, auf dem nah und fern zackige Strahlensterne
hochflammten. Ich mußte nach Luft ringen, eins der qualvollsten Gefühle,
die der Mensch haben kann. Der Duft einer Zigarette, die ein Mann zehn
Schritt vor mit rauchte, drohte mich zu ersticken.

Endlich gelangten wir an einen Verbandsunterstand, in dem der mir
befreundete Doktor Key seines Amtes waltete. Er mischte mir eine köstliche
Zitronenlimonade und versenkte mich mittels einer Morphiumspritze in
erquickenden Schlummer.

Am nächsten Tage setzte die übliche, etappenweise Rückbeförderung ein. Die
wüste Autofahrt zum Kriegslazarett brachte mich an den Rand des Grabes.
Dann kam ich in die Hände der Schwestern. Trotzdem ich kein Weiberfeind
bin, irritierte mich jedesmal das weibliche Wesen, wenn mich das Schicksal
der Schlacht in das Bett eines Krankensaales geworfen hatte. Aus dem
männlichen, zielbewußten und zweckmäßigen Handeln des Krieges tauchte man
in eine Atmosphäre undefinierbarer Ausstrahlungen. Eine wohltuende Ausnahme
bildete die abgeklärte Sachlichkeit der katholischen Ordensschwestern.

Nach 14 Tagen lag ich in dem federnden Bett eines Lazarettzuges und hatte
das Glück, in Hannover ausgeladen zu werden. Dort lag ich im
Clementinenstift mit einem jungen Kampfflieger der Staffel Richthofen
zusammen, der bereits zwölf Gegner im Luftkampf gestreckt hatte. Der letzte
hatte ihm zuvor durch ein Geschoß den Oberarmknochen zersplittert. Auf
unserem ersten Genesungsgange trafen wir meinen Bruder und einige
Kameraden, mit denen wir zu Abend aßen. Da unsere baldige Kriegstüchtigkeit
angezweifelt wurde, fühlten wir beide das unbedingte Bedürfnis,
verschiedentlich über einen gewaltigen Sessel zu eskaladieren. Es bekam uns
sehr schlecht. Trotzdem fühlten wir uns recht bald wieder in Form für eine
neue Winterkampagne. Diese wurde vorläufig vertagt. Wir sollten uns bald an
anderen Kämpfen beteiligen, als uns geträumt. -- -- --

Am 22. September 1918 erhielt ich folgendes Telegramm:

      »Seine Majestät der Kaiser hat Ihnen den
      Orden Pour le Mérite verliehen. Ich beglückwünsche
      Sie im Namen der ganzen Division.


         General von Busse.«



Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Buchdruckerei G. m. b. H., Berlin SW 68,
Kochstr. 68-71.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "In Stahlgewittern - Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers" ***

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