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Title: Die Leute von Seldwyla — Band 2
Author: Keller, Gottfried, 1819-1890
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Leute von Seldwyla — Band 2" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

   Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
   Formatierung und Rechtschreibung wurden prinzipiell beibehalten.

   Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
   wurden folgendermaßen ersetzt:
      Sperrung: _gesperrter Text_
      Antiquaschrift: #Antiquatext#]



Gottfried Kellers

Gesammelte Werke

Fünfter Band

[Illustration: Verlags-Logo]

Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger


       *       *       *       *       *


DIE LEUTE VON SELDWYLA

Erzählungen von

GOTTFRIED KELLER

Zweiter Band

74.-78. Auflage



[Illustration: Verlags-Logo]


Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Alle Rechte vorbehalten



     Inhalt

                                        Seite

     Einleitung                             7

     Kleider machen Leute                  11

     Der Schmied seines Glückes            66

     Die mißbrauchten Liebesbriefe        101

     Dietegen                             188

     Das verlorene Lachen                 260



Seit die erste Hälfte dieser Erzählungen erschienen, streiten sich etwa
sieben Städte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla
gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber für
schlimm, glücklich und kurzweilig, als für brav aber unbeholfen und
einfältig gelten will, so hat jede dieser Städte dem Verfasser ihr
Ehrenbürgerrecht angeboten für den Fall, daß er sich für sie erkläre.

Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener
ehrgeizigen Gemeinwesen zurücksteht, so suchte er sie dadurch zu
beschwichtigen, daß er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem
Tale der Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei
mithin als eine Zusammenstellung solcher Türmchen, als eine ideale Stadt
zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm
weiterziehe, bald über diesen, bald über jenen Gau, und vielleicht da
oder dort über die Grenze des lieben Vaterlandes, über den alten
Rheinstrom hinaus.

Während aber einige der Städte hartnäckig fortfahren, sich ihres Homers
schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem
wirklichen Seldwyla eine solche Veränderung zugetragen, daß sich sein
sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als
zehn Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln
droht.

Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, daß die
besonderen Fähigkeiten und Nücken der wackeren Seldwyler sich herrlicher
darin entwickeln können, ein günstiges Fahrwasser, ein dankbares
Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und dadurch
zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von der
braven übrigen Welt unterscheiden.

Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in
bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld
eröffnet hat, das für sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie
mit _einem_ Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten
gleichstellte.

Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum
Auftrieb eines Geschäftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden
ist, als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden
von Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so
recht ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder
dergleichen, und sie wandern als solche förmlich aus, wie die Engadiner
Zuckerbäcker, die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.

Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen
und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in
welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz
notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige
von ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum
und helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, für sich selbst einen
Gewinn zu erhaschen, so steuert er stracks damit seitwärts, wie der
Karpfen mit dem Regenwurm, und taucht vergnügt an einem andern Lockort
wieder auf.

Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berührung. Sie
spielen mit den angesehensten Geschäftsmännern Karten und verstehen es
vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf
Geschäftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.

Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie
lachen weniger als früher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwänke
und Lustbarkeiten zu sinnen.

Schon sammelt sich da und dort einiges Vermögen an, welches bei
eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar
still wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn
die Polizei kommt.

Aber statt der früheren plebejisch-gemütlichen Konkurse und
Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme
Akkommodements mit stattlichen auswärtigen Gläubigern, anständig
besprochene Schicksalswendungen, welche annäherungsweise wie etwas
Rechtes aussehen, sodann Wiederaufrichtungen, und nur selten muß noch
einer vom Schauplatze abtreten.

Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie
führe immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige fürchten und
hassen sie aber alle Kriegsmöglichkeiten, wie den baren Teufel, während
sie sonst hinter ihren Bierkrügen mit der ganzen alten Pentarchie zumal
Krieg führten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegießer, dahin
gelangt, sich ängstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hüten,
um ja kein Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf ein solches zu stützen,
da sie das blinde Vertrauen auf den Zufall für solider halten.

Aber eben durch alles das verändert sich das Wesen der Seldwyler; sie
sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts
mehr unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung würdig wäre, und es
ist daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen
Tagen der Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Tätigkeit
die nachfolgenden weiteren fünf Erzählungen ihr Dasein verdanken.



Kleider machen Leute


An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein
auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur
wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner
Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend
einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte
wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm
ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des
Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn
mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch
nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund
geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot
herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm
gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide,
welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit
schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und
romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und
Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber
regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.

Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas
Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er
zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit
verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von
seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die
er ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.

Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu
sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet
er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn
die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles
andere, als daß er betteln würde; so erstarben ihm, da er überdies nicht
beredt war, die Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels
war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.

Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er auf
einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher
Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem
fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder
angekauften alten Schlosse saß. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen
zur Aufnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu
sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges
neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,
fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen
wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke
gesehen, daß der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt
schlug.

Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen
rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich
und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten
Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und
alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht
beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den
Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prächtigen Wagen,
neugierig, welch' ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen
werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem
Mantel, blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er
ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der
Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal
und im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es
nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu
durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, -- er tat dieses nicht,
sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und
bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen
wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel
dienstfertig abgenommen wurde.

»Der Herr wünscht zu speisen?« hieß es, »gleich wird serviert werden, es
ist eben gekocht!«

Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:
»Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die
Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für
die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen
Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein
solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und
der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den
Mund öffnen vor Vornehmheit!«

Doch die ruhige Köchin sagte: »Nun, was ist denn da zu lamentieren,
Herr? Die Pastete tragen Sie nur kühn auf, die wird er doch nicht
aufessen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs
Portionen wollen wir schon noch herausbringen!«

»Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen
gewohnt sind!« meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert
fort: »Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend
Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er
übrig läßt, schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die
Pastete, da lassen Sie nur mich machen!«

Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: »Köchin, ich habe Euch schon
einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht
angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!«

»Ei der Tausend, ja, ja!« rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn
man sich dann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind
zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann
man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte
Rebhuhnpastete werden die Leckermäuler nicht beanstanden! Sodann sind
auch die Forellen da, die größte habe ich in das siedende Wasser
geworfen, wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die
Brühe im Pfännchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das
Gemüse mit den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie
nur den Schlüssel, daß man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen
kann! Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen
übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in
die größte Verlegenheit gerät!«

»Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner
seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in
Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus
Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen
und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr
aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches
Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er
sie auch gleich mitgeben!«

»Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,
das schlägt's beim besten Willen nicht heraus!«

»Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll
ein großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen können, er habe
ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im
Winter gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu
Seldwyl, die alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen
vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!«

Während dieser umständlichen Zubereitungen befand sich der Schneider in
der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt wurde,
und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger
Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der drohenden
Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm seinen
Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu
gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem weitläufigen Hause
die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel
beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief:
»Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!«
und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders endigte, als
vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche Inschrift
angebracht war.

Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein,
dort hinein und schloß ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich
bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der
Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das
Wetter war, als das höchste Glück erschien.

Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er
in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den
abschüssigen Weg des Bösen.

Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel dahingehen:
»Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist die
Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hände voll Späne, daß
es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel zu Tisch
sitzen?«

Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt kam,
melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete
er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum in den
verwünschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an den
Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt und da der Duft der kräftigen
Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens
beraubte, so ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den
schweren Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen
erfrischte er seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller
Stille und Ruhe bedient.

Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, daß es ihm so wohl
schmeckte, munterte er ihn höflich auf, noch einen Löffel voll zu
nehmen, das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle
aufgetragen, mit Grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück
vor. Doch der Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit
nicht, das blanke Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und
zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin,
welche zur Tür hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte
zu den Umstehenden: »Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen
Fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem
zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein
Herr von großem Hause, darauf wollt' ich schwören, wenn es nicht
verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein
armes Fräulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die
vornehmen Leute haben auch ihre Leiden!«

Inzwischen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte
ehrerbietig: »Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie
vielleicht ein Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?«

Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus
Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfügte sich der Wagwirt
persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es
lag ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu
haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bösem
Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die
Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: »Hol' mich der Teufel, der
versteht's, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen
Dukaten auf die Goldwage legt!«

»Gelobt sei Jesus Christ!« sagte die Köchin, »ich hab's behauptet, daß
er's versteht!«

So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der
arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen aß und trank und der
Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen ließ. Trotzdem
war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen;
vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefährlich gereizt wurde,
nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von Rebhühnern
erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um und ein
fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. »Es ist jetzt einmal, wie
es ist,« sagte er sich, von einem neuen Tröpflein Weines erwärmt und
aufgestachelt; »nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und
Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür sattgegessen zu haben! Also
vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da aufgestellt
haben, dürfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich
halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein
König wieder rauben!«

Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere
Pastete, ohne an ein Aufhören zu denken, so daß sie in weniger als fünf
Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abendherren
sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüffeln, Klößchen, Boden,
Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,
sein Ränzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbräche; dazu
trank er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbissen in den
Mund; kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei
aufsteigendem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel
in die Scheune geflüchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Küche und
rief: »Köchin! Er ißt die Pastete auf, während er den Braten kaum
berührt hat! Und den Bordeaux trinkt er in halben Gläsern!«

»Wohl bekomm' es ihm,« sagte die Köchin, »lassen Sie ihn nur machen, der
weiß, was Rebhühner sind! Wär' er ein gemeiner Kerl, so hätte er sich an
den Braten gehalten!«

»Ich sag's auch,« meinte der Wirt, »es sieht sich zwar nicht ganz
elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur
Generäle und Kapitelsherren essen sehen!«

Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein
handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er
Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes
zur Wage konnten sich nun nicht länger enthalten und fragten, eh' es zu
spät wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da
oben sei, und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und
durchtriebener Kerl, versetzte: »Hat er es noch nicht selbst gesagt?«

»Nein,« hieß es, und er erwiderte: »Das glaub' ich wohl, der spricht
nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber
heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen
mit dem Wagen vorauszufahren.«

Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu
rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort
des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus
begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste
treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und
die Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und
alles ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs
Kerbholz gebracht.

Nun mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier,
wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall
sein, oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen,
es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als
der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob
der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein
Glas Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben zubereitet
würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und
erwiderte gar nichts.

»Höchst interessant!« brummte der Wirt für sich, indem er abermals in
den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Fläschchen
Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und eine
Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski
einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der Champagnerkelch
wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte und duftete gar
seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber zierliche
Mann griff nicht ungeschickt in das Wäldchen hinein, und goß, als er
sah, daß der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige Tropfen
Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der Notar
gekommen, um den Kaffee zu trinken, und das tägliche Spielchen um
denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Häberlein
und Co., der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der Buchhalter
einer großen Spinnerei, Herr Melcher Böhni; allein statt ihre Partie zu
spielen, gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen
Grafen herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen
blinzelnd und auf den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren diejenigen
Mitglieder guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren
Verwandte und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die
Welt sattsam zu kennen glaubten.

Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich
von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob der Wirt den
Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch
keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer
Kopf bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen
Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt
vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu
dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine
Flasche zu würfeln begannen.

Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es,
einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den
Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,
damit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.

»Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe
sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen!« sagte der eine.

»Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak
aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt,« rief der andere, indem er
ein rotseidenes Beutelchen hinschob.

»Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf,« rief der dritte, »unser
dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!«

Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel dar, indem er
schrie: »Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie
diese Pflanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und
durchaus nicht käuflich!«

Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine
Duftwolken gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich
versilbert wurden. Der Himmel entwölkte sich in weniger als einer
Viertelstunde, der schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der
Genuß der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht
nicht viele solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen,
auszufahren, den fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der
erst vor wenigen Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten
Sauser, zu kosten. Pütschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem
Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor
der Wage. Der Wirt selbst ließ ebenfalls anspannen, man lud den Grafen
zuvorkommend ein, sich anzuschließen und die Gegend etwas kennen zu
lernen.

Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, daß er bei
dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine
Wanderung fortsetzen könne; den Schaden sollten die törichten und
zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die
Einladung mit einigen höflichen Worten an und bestieg mit dem jungen
Pütschli den Jagdwagen.

Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf seinem
Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet,
seine Militärzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach genugsam
mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefährte höflich fragte,
ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und Peitsche und
fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor und auf
der Landstraße dahin, so daß die Herren einander ansahen und flüsterten:
»Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!«

In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski
fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf und ließ die feurigen Pferde aufs
beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und
führte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit
einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das
heiße, gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann
fröhlich in Angriff genommen, während der Hausherr im Hause die Kunde
herum trug, es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere
Bewirtung vorbereitete.

Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das
versäumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Männer zusammen
sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem
Tätigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen
Gründen ablehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien
ihnen immerhin der Mühe wert, da sie so viel Klugheit und
Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich
zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an,
geistreich und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu
unterhalten. So saß er denn wie ein kränkelnder Fürst, vor welchem die
Hofleute ein angenehmes Schauspiel aufführen und den Lauf der Welt
darstellen. Sie erklärten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche
und Ereignisse, und wenn die eine Partei für einen Augenblick ihre
Aufmerksamkeit ausschließlich dem Spiele zuwenden mußte, so führte die
andere dafür um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider.
Der beste Gegenstand dünkte sie hierfür Pferde, Jagd und dergleichen;
Strapinski wußte hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die
Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Nähe von Offizieren
und Gutsherren gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen
hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen
Bescheidenheit und stets mit einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so
erreichte er damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den
Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: »Es ist ein
vollkommener Junker!«

Nur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich
vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: »Ich sehe es kommen, daß es
wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da!
Es war aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten!
Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von
Praga oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hüten, den Verlauf zu
stören!«

Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der Herren
gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates
ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkühlung
etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnöden
Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde.
Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die
Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl seinen Fingerhut auf den
Tisch setzen. »Ich habe nicht ein solches Geldstück,« sagte er errötend;
aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn beobachtet, für ihn eingesetzt,
ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich, als
daß sie auf den Argwohn geraten wären, jemand in der Welt könne kein
Geld haben. Im nächsten Augenblicke wurde dem Schneider, der gewonnen
hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt ließ er das Geld liegen
und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann,
sowie das dritte. Doch das vierte und fünfte gewann wiederum der
Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er
sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke;
einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mußte, gewann
wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besaß er einige
Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er
sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht
ohne Furcht, daß alles ein Traum sei. Böhni, welcher ihn fortwähren
scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den Teufel
fährt der in einem vierspännigen Wagen!

Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier
nach dem Gelde gezeigt, sich überhaupt bescheiden und nüchtern verhalten
hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die
Sache durchaus gehen zu lassen.

Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien
erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten
Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein
artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten
Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er
seinen Radmantel malerisch um, drückte die Pelzmütze tiefer in die Augen
und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne
langsam auf und nieder, das schöne Gelände betrachtend, oder vielmehr
den Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner
bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen,
seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen
seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das
Säuseln der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft
ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich
ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch,
hinter welchem ein Feldweg vorüber ging, und als er sich vor den Blicken
der Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld
rücken, als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter
Nettchen ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst
prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich
verziert.

»Wir suchen Sie, Herr Graf!« rief der Amtsrat, »damit ich Sie erstens
hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie uns
die Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die
anderen Herren sind bereits im Hause.«

Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte
ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot übergossen. Denn
eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz
der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße
Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut
und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns
erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr
durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt
es euch, ihr Herren Wildfänge von Goldach, die ihr vor den jungen
Mädchen kaum mehr den Hut berührt!

Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch
lieblich errötete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit
ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den
Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit
um; während er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle
einzugehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas
gesuchter zu sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die
Rede, kurz, das Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an
seine Sprünge zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.

Am Tisch erhielt er den Ehrenplatz neben der Tochter des Hauses; denn
die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er
bedachte, nun müsse er mit den andern wieder in die Stadt zurückkehren
oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner
überlegte, wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber
dennoch empfand er dies Glück und sagte sich zum voraus: »Ach, einmal
wirst du doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen
höheren Wesen gesessen haben.«

Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glänzen zu
sehen, die von drei oder vier Armbändern klirrte, und bei einem
flüchtigen Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten
Kopf, ein holdes Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er
mochte tun oder lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und
nobel ausgelegt und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige
Unbefangenheit liebenswürdig befunden von der jungen Dame, welche sonst
stundenlang über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man
guter Dinge war, sangen ein paar Gäste Lieder, die in den
Dreißigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied
zu singen. Der Wein überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht
seine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet und
wußte einige polnische Worte, sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne
ihres Inhaltes bewußt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit
edlem Wesen, mehr zaghaft als laut und mit einer Stimme, welche wie von
einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch:

      Hunderttausend Schweine pferchen
    Von der Desna bis zur Weichsel,
    Und Kathinka, dieses Saumensch,
    Geht im Schmutz bis an die Knöchel!

      Hunderttausend Ochsen brüllen
    Auf Wolhyniens grünen Weiden,
    Und Kathinka, ja Kathinka,
    Glaubt, ich sei in sie verliebt!

»Bravo! Bravo!« riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, und
Nettchen sagte gerührt: »Ach das Nationale ist immer so schön!«
Glücklicherweise verlangte niemand die Übersetzung dieses Gesanges.

Mit dem Überschreiten solchen Höhepunktes der Unterhaltung brach die
Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfältig
nach Goldach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht
ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas
Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach dem
Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit
er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen
Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit
mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an
Gepäck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell
hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit
ihnen, kam wieder und beteuerte: »Es ist richtig, Herr Graf, man hat
vergessen, Ihr Gepäck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!«

»Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag?« fragte Strapinski
ängstlich, weil er an ein handgroßes Bündelein dachte, welches er auf
dem Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbürste,
einen Kamm, ein Büchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.

»Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da,« sagte der gute Wirt
erschrocken, weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. »Man muß
dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken,« rief er eifrig,
»ich werde das besorgen!«

Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte
bewegt: »Lassen Sie, es darf nicht sein! Man muß meine Spur verlieren
für einige Zeit,« setzte er hinzu, selbst betreten über diese Erfindung.

Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen
den Fall und schloß mit dem Ausspruche, daß der Graf unzweifelhaft ein
Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein müsse; denn um eben
diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer
Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten
beobachtet und umgarnt.

Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er
zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen
Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen
Toilettenwerkzeug bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um
Körbe und Koffer, angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleidern, mit
Zigarren, mit Büchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit
Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit
Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten und Geigen abzugeben von seiten der
gestrigen Freunde, mit der angelegentlichen Bitte, sich dieser
Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie die
Vormittagsstunden unabänderlich in ihren Geschäften verbrachten, ließen
sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.

Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich oder einfältig, sondern
umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre
wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin
vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis,
einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige
Wagen, das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des
Kutschers waren so einfache und natürliche Dinge, daß die Goldacher,
welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf
aufbauten, wie auf einen Felsen.

Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war
seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob
er träume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit
weilte, so träumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen
dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den
Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg
von seinen Zimmern herunter auf die Straße, um sich die Stadt zu
besehen, in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Küchentüre stand
die Köchin, welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem
Wohlgefallen nachsah; auf dem Flur und an der Haustüre standen andere
Hausgeister, alle mit der Mütze in der Hand und Strapinski schritt mit
gutem Anstand und doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam
zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.

Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit
darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schönen,
festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten
Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen
Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das
Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den
Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen
behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da
hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum
blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum
Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab,
zur Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum
Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie
war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen
Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur
Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur
Bürgertugend #a#, zur Bürgertugend #b#, zum Vertrauen, zur Liebe, zur
Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren
Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches
Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse
behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube
und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher
eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen
einfaßte und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod!
ein verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den
Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte
der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt
keiner dem andern etwas schuldig blieb.

Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der
Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den
wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,
Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg
und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten
für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.

An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem
Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig
erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der
Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber
von der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze,
dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem
Efeu überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen
Kranze umschloß.

Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er
glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die
Aufschriften der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er
der Meinung, sie bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und
Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so
aus, wie die Überschrift angab, so daß er in eine Art moralisches
Utopien hineingeraten wäre. So war er geneigt zu glauben, die
wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hänge hiemit im Zusammenhang,
so daß zum Beispiel das Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte,
bedeute, daß dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und
zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht würde.

Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so über
das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der
pflichtgemäße Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne
schien, die Straße war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß,
zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm
einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein Hindernis war zu
erspähen.

Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer
wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,
stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpfe funkelten lockend
aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verschuldung, ein geheimnisvolles
Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte die freie
Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein
gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er denn
auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte
ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches mit
wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten
Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr.
Sobald Strapinski nur an seine Mütze griff und dieselbe demütig vor
seine Brust nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das Mädchen
rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer
Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon.

Strapinski aber machte unwillkürlich ganze Wendung und kehrte getrost
nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem
besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft,
durch die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden
Blätter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes
Haupt.

Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,
gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden
Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in
Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im
Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und
bildete sie während des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um;
besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm
dächten und was für ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild
arbeitete er weiter aus nach seinem eigenen Geschmacke, zur
vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen
wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche
nach erbaulicher Anregung dürsteten. So ward er rasch zum Helden eines
artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit der Stadt und liebevoll
arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch das Geheimnis war.

Bei alledem verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie
gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas
Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch
jene Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er
beständig den Vorsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die
Mittel zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergüten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus
allen Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen
mit mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhältnisse vermerkt.

Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen. Er
war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu
verstehen schien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem
guten Wagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen
sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden
gradaus zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich
vorgenommen, eine kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend
einer großen Stadt aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm
verbiete, je wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten
nachkommen, ein gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe
sich aufs neue und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst
einen anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch
als Schneidermeister in Goldach geblieben und hätte jetzt die Mittel
gehabt, sich da ein bescheidenes Auskommen zu begründen; allein es war
klar, daß er hier nur als Graf leben konnte.

Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schönen Nettchens zu erfreuen hatte,
waren schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, daß
das Fräulein hin und wieder die Gräfin genannt wurde. Wie konnte er
diesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das
Schicksal, das ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen
strafen und sich selbst beschämen?

Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestärkte abermals die günstigen Meinungen über seine Person
und Verhältnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkündete sogleich den ihn
Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.

In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und
Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.

Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens
halber so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch
wieder in ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze
Handel eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.

Wie er so dahin schritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte,
doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber und schien, nach
einigen ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen,
obgleich derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlköpfe und eingewickelte Rosenbäumchen den Schlaf der Gerechten
verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit klopfendem
Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hände nach ihr ausstreckte,
fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jämmerlich an zu weinen.
Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden dunklen
Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiße
Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlersflügeln; es war ein
wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich selbst
zu tragen schien.

Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glück, das öfter den Unverständigen hold ist. Nettchen eröffnete
ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, daß kein
anderer als der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in
aller Frühe, um bei dem Vater liebenswürdig, schüchtern und
melancholisch wie immer, um sie zu werben, und der Vater hielt folgende
Rede: »So hat sich denn das Schicksal und der Wille dieses törichten
Mädchens erfüllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur
einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten oder einen
Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen, und nun haben wir
die Bescherung! Alle inländischen wohlmeinenden Anträge hat sie
ausgeschlagen, noch neulich mußte ich den gescheiten und tüchtigen
Melchior Böhni heimschicken, der noch große Geschäfte machen wird, und
sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er nur ein rötliches
Backenbärtchen trägt und aus einem silbernen Döschen schnupft! Nun, Gott
sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester Ferne! Nehmen Sie die
Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer
Polackei friert und einst unglücklich wird und heult! Ach, was würde die
selige Mutter für ein Entzücken genießen, wenn sie noch erlebt hätte,
daß das verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!«

Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß der künftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen dürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Beförderung jener beschleunigen müsse.

Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hälfte
seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben
Fastnachtszeit und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes
Winterwetter. Die Landstraßen boten die prächtigste Schlittenbahn, wie
sie nur selten entsteht und sich hält, und Herr von Strapinski
veranstaltete darum eine Schlittenfahrt und einen Ball in dem für solche
Feste beliebten stattlichen Gasthause, welches auf einer Hochebene mit
der schönsten Aussicht gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und
genau in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla.

Um diese Zeit geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt
Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und
es geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die
Goldacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen
Orte, und zwar eine kostümierte oder Maskenfahrt.

So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der
Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt herniedersahen, und
zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinski mit seiner Braut, in
einem polnischen Überrock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt und
schwer mit Pelz verbrämt und gefüttert. Nettchen war ganz in weißes
Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen die frische
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
plötzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn
die Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.

Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gefährte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön
und stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die
Meerschiffe ihre Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder
angehörte, so daß das Volk rief: »Seht, da kommt die Tapferkeit! wie
schön ist die Tüchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu
sein und die Sparsamkeit frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und
der Teich Bethesda!« Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener
Einspänner den Zug schloß, kutschierte Melchior Böhni still und
vergnügt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jüdischen
Männchens vor sich, welcher an besagtem Teiche dreißig Jahre auf sein
Heil gewartet. So segelte denn das Geschwader im Sonnenscheine dahin und
erschien bald auf der weithin schimmernden Höhe, dem Ziele sich nahend.
Da ertönte gleichzeitig von der entgegengesetzten Seite lustige Musik.

Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weißen Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem
Anblick. Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je
zwei zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen
zur Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine
kolossale Figur empor, die Göttin Fortuna vorstellend, welche in den
Äther hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll
schimmernden Flittergoldes, deren Gazegewänder in der Luft flatterten.
Auf dem zweiten Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock
einher, schwarz und düster abstechend und mit gesenkten Hörnern der
Fortuna nachjagend. Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich
als ein fünfzehn Schuh hohes Bügeleisen darstellte, dann eine gewaltig
schnappende Schere, welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt
wurde und das Himmelszelt für einen blauseidenen Westenstoff anzusehen
schien. Andere solche landläufige Anspielungen auf das Schneiderwesen
folgten noch, und zu Füßen aller dieser Gebilde saß auf den geräumigen,
je von vier Pferden gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in
buntester Tracht, mit lautem Gelächter und Gesang.

Als beide Züge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geräuschvollen Auftritt und ein großes Gedränge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren überrascht und
erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift »Leute machen
Kleider« und so ergab es sich denn, daß die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte.
Es war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergänzenden Inschrift abschloß: »Kleider
machen Leute!« In dem letzten Schlitten mit dieser Überschrift saßen
nämlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwürdige Kaiser und Könige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prälaten und Stiftsdamen in höchster Gravität.

Diese Schneiderwelt wußte sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen und
ließ die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume desselben,
welche für sie bestellt waren, zu besetzen, während jene die breite
Treppe empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des
Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre Überraschung
verwandelte sich in Heiterkeit und beifälliges Lächeln über die
unverwüstliche Laune der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle
Empfindungen, die ihm nicht behagten, obgleich er in der jetzigen
Voreingenommenheit seiner Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte und
nicht einmal bemerkt hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior
Böhni, der seinen Teich Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und
sich aufmerksam in der Nähe Strapinskis befand, nannte laut, daß dieser
es hören konnte, eine ganz andre Ortschaft als den Ursprungsort des
Maskenzuges.

Bald saßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.

Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in
den Tanzsaal hinüber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen
einen Schautanz aufzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tüchtigen Spaß und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem großen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.

Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz »Leute machen Kleider«
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit
bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige
Krähe erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend
umherhüpfte, ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte,
schließlich ein Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und
sich heroisch damit drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.

Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und
machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen
sämtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in
dunklem Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze;
es war niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem
Novembertag auf der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen
bestiegen hatte.

Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing ein Bündel
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn
schulgerecht aus, indem er das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen
Fingern prüfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen
fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen,
kämmte sich und vollendete seinen Anzug, daß er endlich als das
leibhafte Ebenbild des Grafen dastand. Unversehens ging die Musik in
eine rasche, mutige Weise über, der Mann wickelte seine Siebensachen in
den alten Mantel und warf das Pack weit über die Köpfe der Anwesenden
hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er sich ewig von seiner
Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer Weltmann in
stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden
huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte
er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als eine Säule
vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik
aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.

»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglücklichen aus, »sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es
freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche
Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«

Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die Hand,
welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während
der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen
übergeschnappt ist!«

Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
diabolischen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter
welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so daß es einen großen Tumult gab.

Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.

Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steinernen
ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.

Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem
Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.

Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben
fielen.

Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten,
hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt
stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt,
nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe
Straße gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten
hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes,
durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine
Polenmütze war im Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst
den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die
frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während
seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen
gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war
dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher
Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch
Hereinbrechen irgend eines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich
dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er
hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie
ein Vergehen zu Schulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die
Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen
einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre,
und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt
ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen
und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht hatte. Er kam sich wie ein Kind
vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altare
den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte
auch über sich und seine unglückliche Verirrung.

Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner
Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit
Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern
erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne
aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.

Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt er fing
solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an
der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und
sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und
die Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene
Glück und machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen
Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor
und taumelte mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder
still und schüttelte den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee
um ihn her erreichte und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte.
Es waren die Seldwyler, welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon
näherten sich ihm die ersten Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich
auf, tat einen gewaltigen Sprung über den Straßenrand und duckte sich
unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und
verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt
worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht
hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und
seiner gramvollen Dummheit übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder
aus und schlief ein auf dem knisternden Schnee, während ein eiskalter
Hauch von Osten heranzuwehen begann.

Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß
länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu
verschaffen, in welche Dinge sie sich sodann stumm verhüllte, die Augen
mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast
immer zugleich auch die Nase schneuzen muß, so sah sie sich doch
genötigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz,
worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein
geriet Melchior Böhni, der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd
näherte und ihr die Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Führer und
Begleiter nach dem väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda,
sagte er, werde er hier im Gasthause zurücklassen und dafür die Fortuna
mit der verehrten Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten.

Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der
Schlitten mit den ungeduldigen wohlgefütterten Pferden bereit stand,
einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz,
ergriff das Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni,
mit glücklicher Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die
Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die
Pferde an und fuhr auf die Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche
sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar
ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin.
Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden
war, entdeckte Herr Böhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen
Goldach mit Ho ho! und Haltrufen, sprang dann zurück und jagte mit
seinem eigenen Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch
die Pferde entführten Schönen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt
anlangte, in welcher das Ärgernis bereits alle Zungen beschäftigte.

Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder mit
Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstände mögen hier ein
leises Licht gewähren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmütze und
die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze
des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;
wann und wie sie diese Gegenstände ergriffen, hatte niemand beachtet und
sie selbst wußte es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie
wußte jetzt noch nicht, daß Mütze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann
sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin: »Ich muß noch zwei Worte
mit ihm sprechen, nur zwei Worte!«

Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, daß nicht ganz der Zufall
die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die
Waldstraße gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien,
wie Nettchen den Lauf der Pferde mäßigte und die Zügel fester anzog, so
daß dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin
die traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete,
ohne links und rechts den geringsten auffälligen Gegenstand außer acht
zu lassen.

Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,
unglücklicher Vergessenheit befangen; was sind Glück und Leben! von was
hangen sie ab? Was sind wir selbst, daß wir wegen einer lächerlichen
Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden? Was haben wir
verschuldet, wenn wir durch eine fröhliche gläubige Zuneigung Schmach
und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfältige
Truggestalten, die zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während sie
sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?

Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens,
als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen Gegenstand
richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom mondbeglänzten Schnee
abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit
dem Schatten der Bäume vermischte, während sein schlanker Körper
deutlich im Lichte lag.

Nettchen hielt unwillkürlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille über
den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Körper, bis
derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und
sie leise die Zügel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick
beruhigend streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig,
lautlos näherte.

Ja, er war es. Der dunkelgrüne Sammet seines Rockes nahm sich selbst auf
dem nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Leib und die
geschmeidigen Glieder, wohl geschnürt und bekleidet, alles sagte noch in
der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider
machen Leute!

Als sich die einsame Schöne näher über ihn hinbeugte und ihn ganz sicher
erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben schwebte,
und fürchtete, er möchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher
unbedenklich eine seiner Hände, die kalt und fühllos schien. Alles
andere vergessend rüttelte sie den Ärmsten und rief ihm seinen Taufnamen
ins Ohr: »Wenzel! Wenzel!« Umsonst, er rührte sich nicht, sondern atmete
nur schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand
über sein Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die
erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken
gebracht, Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und
auch die Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich
Unglückliche erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe
richtete.

Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den
Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen
Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.

Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief:
»Verzeih mir! Verzeih mir!«

»Komm, fremder Mensch!« sagte sie mit unterdrückter zitternder Stimme,
»ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!«

Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab
ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben
mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.

Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem
eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die
Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch
neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen
und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von
dem Wandel der Dinge wissen.

Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit
einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch
Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte
sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie
öffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. »Ich bin's nur, wir
sind's!« rief Nettchen. »Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern
Straße, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau
Gevatterin, und laßt uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter
fahren!«

Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und
bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große
Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz
dieser Welt in diesen zwei Personen über ihre Schwelle getreten;
unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen
bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die
gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute
zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu
halten, und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen
sie jetzt hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube
einander gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich
auf dem Tische.

Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht
aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die
Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran
man sah, daß sie keineswegs schlief.

Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich
Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: »Laßt uns jetzt eine halbe
Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns ein
bißchen gezankt und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute
Gelegenheit ist.«

»Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so!« sagte die Frau und ließ die
zwei bald allein.

»Trinken Sie dies,« sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, »es
wird Ihnen gesund sein!« Sie selbst berührte nichts. Wenzel Strapinski,
der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie
aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er
blickte sie jetzt auch an und als ihre Augen sich begegneten, und
Nettchen forschend die seinigen betrachtete, schüttelte sie das Haupt
und sagte dann: »Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?«

»Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!« erwiderte er traurig, »ich bin
ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung
geben und nicht lange mehr am Leben sein!« Solche Worte sagte er so
überzeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen
unmerklich aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: »Ich wünsche zu wissen,
wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?«

»Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gemäß
erzählen will,« antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm
bei seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er
mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ihr Erscheinen
selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.

Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht; doch
überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum Ausbruch
gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin gedachten
Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?« -- »Ich weiß es kaum,«
erwiderte er; »ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge;
auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ich mir denselben
geben wolle, nachdem ich --«

Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.

»Nun, fahren Sie fort!« sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,
indessen ihr Herz wunderlich klopfte.

Da flammten Wenzels Augen groß und süß auf und er rief: »Ja, jetzt ist
es mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wäre! Ich wäre mit
dir in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des
Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mir
gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zurückgekehrt,
wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergessen hättest.
Niemand brauchte darum zu wissen; ich wäre spurlos verschollen. --
Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen
Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken,« fuhr er wehmütig fort, »wäre
ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über
allen, die weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben
wollen! O hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so
ruhig eingeschlafen!«

Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.

Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das
durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt
hatte: »Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon
begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide
getan?«

»Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und
mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches
Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen
Tagen, als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder
zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden
und einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!«

»Was ist dies?« fragte Nettchen.

»Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer
benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen
Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die
anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie
kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und
gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister,
starb aber früh, und so blieb uns bei größter Armut keine Aussicht auf
glückliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte.
Vielmehr mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und
damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung,
aufopfern. Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich
etwa sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die
Residenz für immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade für
mich in dem Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle
mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich in
ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun
könne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen
mochte. Alles wurde demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter
nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages plötzlich mit vielen
Tränen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie
werde nicht alt werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas
Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das
betrübt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen;
aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und rief einmal um das andere, sie
lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne --«

Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht
fortzuhelfen.

Nettchen fragte: »Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie
nicht fort?«

Wenzel errötete und antwortete: »Sie sagte etwas Seltsames, was ich
nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe;
sie meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und
wollte wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder
etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles
Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich
doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir
vor dem Glücke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte,
stellte es sich heraus, daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich
zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die
Mutter weinte so sehr, daß ich mich ergab. Dies ist die Geschichte.«

Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und
wann? erwiderte Wenzel: »Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde
unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher roter Husar, obwohl
vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem
Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte
nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da
bin ich denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist
und endlich hier in mein Unglück geraten.«

Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei
aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube;
auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.

»Da Sie,« sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen
Wesen, »stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie
ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen
gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen
-- von mir nicht zu reden?«

»Ach Gott,« erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, »eh' ich zu Ihnen kam,
habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt,
ausgenommen --«

»Nun,« sagte Nettchen.

»Nun,« fuhr er fort, »das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und
bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder
acht Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und
schön wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer
machen müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig
nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer
Unterricht genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich
öfter mit ihm ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte.
Dieses Kind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld
nach Hause führte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an,
erklärte mir, ich müßte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun
wolle. Ich sagte, daß es nicht sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar
beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am
Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos
wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mädchen sein Haupt und
suchte beschämt und traurig die Tränen zu unterdrücken, die jetzt
hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern.
Betroffen wollte ich das Kind begütigen, allein nun wandte es sich
zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem ist mir das schöne Kind
immer im Sinne geblieben und mein Herz hat immer an ihm gehangen,
obgleich ich nie wieder von ihm gehört habe --«

Plötzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war,
wie erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an.

»Nun,« sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise
etwas blaß geworden, »was sehen Sie mich so an?«

Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie
wenn er einen Geist sähe, und rief: »Dieses habe ich auch schon
erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt
bei Ihnen, die schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig aufwärts,
daß man sie sich bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde
in jenem Abendglanze.«

In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne
liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht
wehenden Lufthauche.

Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer
Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.

Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand
Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um
den Hals mit den Worten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,
und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!«

So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener
Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und
Treue hielt.

Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein
wenig lenken zu wollen; vielmehr faßte sie rasch und keck neue
Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen
Glückeswechsel verloren träumte: »Nun wollen wir gerade nach Seldwyl
gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie
uns erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!«

Dem wackern Wenzel wollte dies nicht einleuchten. Er wünschte vielmehr
in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu
leben in stillem Glücke, wie er sagte.

Allein Nettchen rief: »Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer
Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen
diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach
Seldwyla gehen und dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die
uns verhöhnt haben, von uns abhängig machen!«

Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbeigerufen und von
Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden
war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel.
Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule
wäre. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war
just vor drei Tagen volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen.

In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine
Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale
erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: »Ha, da haben wir eine
Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!«

Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und nachdem sie
in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann,
ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls
noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er begehrte, und
überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich das
grimmigste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.

Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort
»Entführung!« herum.

In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem
aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast wären
sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch
rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen
sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß wenigstens die schönen Pferde
auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die
Vermutung bestätigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens
vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.

Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ,
sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen.
Auch sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen
lassen, welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat
ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf
welche Weise er das desperate Kind am besten aus der Verirrung
zurückführe, und war auf ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.

Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie
dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und
erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem
Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten
Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu
nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung
bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten;
woran vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in
Seldwyla wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und
fünftens und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich
überzeugt, daß er ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.

Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja
wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung
ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können.
Dann aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten
Kunde von der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des
Verhältnisses, das sie festhalten wolle und schließlich zeigte er das
große Mittel, durch welches sich der schwere Konflikt allein würdig
lösen lasse. Herr Melchior Böhni sei es, der bereit sei, durch
augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel
niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der
Welt zu schützen und aufrecht zu halten.

Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung.
Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni
nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen
Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den
sie auch leiden könne!

Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte
Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.

Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der Treppe
zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu entstehen, als
auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und
vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit mahnte. Als er in wenigen
vorläufigen Worten vernahm, worum es sich handle, ordnete er an, daß vor
allem Wenzel sich in den Wilden Mann zurückziehe und sich dort still
halte, daß auch Herr Böhni sich nicht einmische und fortgehe, daß
Nettchen ihrerseits alle Formen des bürgerlichen guten Tones wahre bis
zum Austrag der Sache und der Vater auf jede Ausübung von Zwang
verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.

So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für
einige Stunden.

In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem
großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese
Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler
schlug plötzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und
sie beschlossen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer
Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht
ging, die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden,
rotteten sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen
vor den Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit
gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige
Fortsetzung des gestrigen.

Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach
um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren eine
Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um
dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein
neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenüber;
der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat einzelne
Schläge mit dem rechten Schlägel. Da kamen höhere Amtspersonen,
geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die Unterhandlungen,
welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest
blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert durch die
Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen
Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob und
welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen erhoben
würden und mit welchem Erfolge.

Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch
erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel
Strapinski.

Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte,
ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf
seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds
getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse
für ihn einliefen.

Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, daß
Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben,
sondern daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß
er schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen
Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und
somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte
Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn
er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen
schlechten Spaß gemacht hätte.

So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler
mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der
Goldacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, da der
Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie
sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden
in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der
Eisenhändler Eisenherr und so weiter.

Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler
geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem
Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte
ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten Sammetwesten;
ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mäntel,
und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue,
noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen ließ,
mußten sie ihm das frühere bezahlen, so daß sie unter einander klagten,
er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor.

Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr
träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und
gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten
Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich
sein Vermögen verdoppelte und er nach zehn oder zwölf Jahren mit ebenso
vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte,
und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener
Mann ward.

Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank
oder aus Rache.



Der Schmied seines Glückes


John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, führte den Spruch
im Munde, daß jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle
und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.

Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein
Glück! war seine öftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung bloß
des Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und
Überflüssigen verstand.

So hatte er denn als zarter Jüngling schon den ersten seiner
Meisterstreiche geführt und seinen Taufnamen Johannes in das englische
John umgewandelt, um sich von vornherein für das Ungewöhnliche und
Glückhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen übrigen Hansen abstach
und überdies einen angelsächsisch unternehmenden Nimbus erhielt.

Darauf verharrte er einige Jährchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu
arbeiten, aber auch ohne über die Schnur zu hauen, sondern klug
abwartend.

Als jedoch das Glück auf den ausgeworfenen Köder nicht anbeißen wollte,
tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem
Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwärts auch
Kapes), welches Weißkohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern
Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er
glaubte, das Glück.

Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne daß selbiges sich
einstellen wollte, und schon näherte er sich dem einunddreißigsten, als
er sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Mäßigung und Einteilung endlich
doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und
sann auf ein Unternehmen, das nicht für den Spaß sein sollte. Schon oft
hatte er viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche
durch Hinzufügen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst
plötzlich aufgekommen, man wußte nicht wie und woher; aber genug, sie
schien den Herren vortrefflich zu den roten Plüschwesten zu passen und
auf einmal erklang das ganze Städtchen an allen Ecken von pompösen
Doppelnamen. Große und kleine Firmatafeln, Haustüren, Glockenzüge,
Kaffeetassen und Teelöffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt
strotzte eine Zeitlang von Anzeigen und Erklärungen, deren einziger
Zweck das Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehörte
es zu den ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein
Inserat vom Stapel laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid
und Ärgernis; denn wenn etwa ein schwärzlicher Schuster oder sonst für
gering Geachteter durch Führung solchen Doppelnamens an der allgemeinen
Respektabilität teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Naserümpfen übel
vermerkt, obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehälfte war.
Immerhin war es nicht ganz gleichgültig, ob ein oder mehrere Unbefugte
durch dieses Mittel in das allgemeine vergnügte Kreditwesen eindrangen,
da erfahrungsgemäß die geschlechterhafte Namensverlängerung zu den
wirksameren, doch zartesten Maschinenteilchen jenes Kreditwesens
gehörte.

Für John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptveränderung
nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade groß genug, um diesen
lang aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu führen, wie es
einem alten Schmied seines Glückes geziemt, der da nicht in den Tag
hinein hämmert, und John sah demgemäß nach einer Frau aus, still, aber
entschlossen. Und siehe! schon der Entschluß schien das Glück endlich
heraufzubeschwören; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in
Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ältere Dame und nannte sich
Frau Oliva, die Tochter Fräulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich
in Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemüte! Mit einer solchen
Firma ein bescheidenes Geschäft begründet, mußte in wenig Jahren ein
großes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,
ausgerüstet mit allen seinen Attributen.

Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten
Hemdeknöpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen
goldenen Uhrkette, welche eine geblümte Weste überkreuzte, mit allerlei
Anhängseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemälde
eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder
vier großen Ringen, einem großen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner
Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfäßchens. In den Taschen
trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein
großes Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus
Meerschaum geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa;
diese Gruppe ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen
hinauf und war ein Kabinettsstück; ferner eine rote Zigarrentasche mit
vergoldetem Schloß, in welcher schöne Zigarren lagen mit kirschrot und
weiß getigertem Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine
silberne Tabaksdose und eine gestickte Schreibtafel. Auch führte er das
komplizierteste und zierlichste aller Geldtäschchen mit unendlich
geheimnisvollen Abteilungen.

Diese sämtliche Ausrüstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes im
Glücke; er hatte dieselbe, als kühn entworfenen Lebensrahmen, im voraus
angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermögen geknabbert, aber
nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhäufung war jetzt nicht
sowohl das Behänge eines geschmacklosen eiteln Mannes, als vielmehr eine
Schule der Übung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,
sowie eine würdige Bereithaltung für das endlich einkehrende Glück,
welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wäre er
verhungert, als daß er das geringste seiner Zierstücke veräußert oder
versetzt hätte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst
für einen Bettler gelten und lernte das Äußerste erdulden, ohne an Glanz
einzubüßen. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu
zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und
würdevolle Haltung geboten. Kein Räuschchen und keine andere Aufregung
durfte er sich gestatten, und wirklich besaß er seinen Mazeppa schon
seit zehn Jahren, ohne daß an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende
Schweif abgebrochen wäre, und die Häkchen und Ringelchen an seinen Etuis
und Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schöpfung. Auch
mußte er zu all dem Schmucke Rock und Hut säuberlich schonen, sowie er
auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wußte, um seine Knöpfe,
Kettchen und Nadeln auf weißem Grunde zu zeigen.

Freilich lag eigentlich mehr Mühe darin, als er in seinem Spruche von
den wenigen Meisterschlägen zugestehen wollte; allein man hat ja immer
die Werke des Genies fälschlich für mühelos ausgegeben.

Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glück waren, so ließ es sich nicht
ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien
ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der
Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein geregelter
Müßiggang deutete auf einen behaglichen und sichern Zinsleinpicker oder
Rentier, der seine Werttitel gewiß in einem artigen Kästchen
aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen wohlbestellten
Wesen; als sie aber merkten, daß Herr Kabys nicht viel Gewicht darauf zu
legen schien, hielten sie klüglich inne und ihre Persönlichkeit für das,
was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in wenig Wochen war er mit
dem Fräulein Oliva verlobt, und gleichzeitig reiste er nach der
Hauptstadt, um eine reich verzierte Adreßkarte mit dem herrlichen
Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prächtiges Firmaschild zu
bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit für ein Geschäft mit
Ellenwaren zu eröffnen. Im Übermut kaufte er gleich noch zwei oder drei
Ellenstäbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend Wechselformulare
mit vielen merkurialischen Emblemen, Preiszettel und kleine Papierchen
mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbücher und derartiges mehr.

Vergnügt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren
einziger Fehler ein etwas unverhältnismäßig großer Kopf war. Freundlich,
zärtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Eröffnung
entgegengesetzt, daß die Papiere der Braut, so für die Hochzeit
erforderlich waren, angekommen seien. Doch geschah diese Eröffnung mit
einer lächelnden Zurückhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende,
aber immerhin nicht ganz ordnungsgemäße Nebensache müßte vorbereitet
werden. Alles dies ging endlich vorüber und es ergab sich, daß die
Mutter allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein
außereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen
Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge
handelte. Dieser Name war: Häuptle! Die Braut hieß: Jungfer Häuptle, und
die künftige Firma also: »John Kabys-Häuptle«, zu deutsch: »Hans
Kohlköpfle.«

Sprachlos stand der Bräutigam eine gute Weile, die unselige Hälfte
seines neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: »Und mit
einem solchen Hauptkopfschädel kann man Häuptle heißen!« Erschrocken und
demütig senkte die Braut ihr Häuptlein, um das Gewitter vorübergehen zu
lassen; denn noch ahnte sie nicht, daß die Hauptsache an ihr für
Kabyssen jener schöne Name gewesen sei.

Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung, um
sich den Fall zu überlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine
lustigen Mitbürger Hans Kohlköpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten
war. Drei Tage und drei Nächte suchte er das gefehlte Werk in tiefer
Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschluß
gefaßt, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter
zur Ehe. Allein die entrüstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung
gebracht, daß Herr Kabys gar kein Mahagonikästchen mit Werttiteln
besitze, und wies ihm schnöde die Türe, worauf sie mit ihrer Tochter um
ein Städtchen weiter zog.

So sah Herr John das glänzende Oliva entschwinden wie eine schimmernde
Seifenblase im Ätherblau, und höchst betreten hielt er seinen
Glücksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war über diesem
Handel fortgegangen. Daher mußte er sich endlich entschließen, etwas
Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins zu
machen, und indem er sich so hin und her prüfte, konnte er gar nichts,
als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und
scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem
schmalen Stübchen zu ebener Erde, über dessen Türe er ein »John Kabys«
befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhändig
herausgesägt und von dem verlorenen Oliva wehmütig abgetrennt hatte. Der
Spitzname Kohlköpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und führte ihm
manchen Kunden zu, so daß er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin
lebte, Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen übermütigen
Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.

Da sprach eines Tages ein Bürger bei ihm ein, der soeben von langen
Reisen zurückgekehrt war, und jetzt nachlässig, indem er sich zum
Einseifen setzte, hinwarf: »So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde
ersehe, doch noch Kabysse in Seldwyla?« »Ich bin der letzte meines
Geschlechts,« erwiderte der Barbier nicht ohne Würde, »doch warum frugen
Sie das, wenn ich fragen darf?« Der Fremde schwieg jedoch, bis er
barbiert und gesäubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold
entrichtet war, fuhr er fort: »In Augsburg kannte ich einen alten
reichen Kauz, welcher öfter versicherte, seine Großmutter sei eine
geborene Kabis von Seldwyla in der Schweiz gewesen, und es nehme ihn
höchlich Wunder, ob da noch Leute dieses Geschlechtes lebten?«

Hierauf entfernte sich der Mann.

Hans Kohlköpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine große
Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, daß eine Vorfahrin von
ihm sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben
sollte, die seither verschollen war. Ein rührendes Familiengefühl
erwachte plötzlich in ihm, ein romantisches Interesse für Stammbäume,
und es ward ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen würde. Nach der
Art seines Bartwuchses mußte er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der
Tat kam der Mann pünktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und
schabte ihn beinahe zitternd vor Neugierde. Als er fertig war, platzte
er heraus und erkundigte sich angelegentlich nach den näheren Umständen.
Der Mann sagte: »Es ist einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau,
aber keine Kinder, und wohnt in der und der Straße zu Augsburg.«

John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und faßte in derselben
den Mut, doch noch tüchtig glücklich zu werden. Am nächsten Morgen
schloß er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen
alten Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein
besonderes Paketlein, und nachdem er sich mit hinlänglichen
Ausweisschriften und pfarrbücherlichen Auszügen versehen, trat er
unverweilt die Reise nach Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein
älterer Handwerksbursche.

Als er die Türme und die grünen Wälle der Stadt vor sich sah, überzählte
er seine Barschaft und fand, daß er sich sehr knapp halten müsse, wenn
er im ungünstigen Falle den Rückweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte
er in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen
auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene
Handwerkszeichen über den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der
Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glückes,
der guten Vorbedeutung wegen, und stärkte sein Leibliches durch ein
Frühstück, da es noch zeitig am Tage. Dann ließ er sich ein eigenes
Kämmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche
Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das
Perspektivfäßchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, daß
die Wirtin erschrak ob all der Pracht.

Es dauerte ziemlich lang, eh er die Straße fand, nach der sein Herz
begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mächtige
alte Häuser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich
wollte doch ein Mägdlein mit einem blanken schäumenden Kännchen Bier an
ihm vorüberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam
Litumlei, und das Mädchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade
stand.

Neugierig schaute er daran hinauf. Über einem ansehnlichen Portale
türmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke
Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von kühnen Verkürzungen vor dem
Auge des armen Glücksuchers ausbreiteten, so daß es ihm fast bänglich
wurde und er befürchtete, eine zu großartige Sache unternommen zu haben;
denn er stand vor einem förmlichen Palast. Dennoch drückte er sachte an
dem schweren Torflügel, schlüpfte hinein und befand sich in einem
prächtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit
breiten Absätzen in die Höhe, von einem reich geschmiedeten Geländer
eingefaßt. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene
Haustüre sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um
vielleicht einen Dienstboten oder einen Gärtner zu finden, sah aber
nichts als einen großen altfränkischen Garten, der voll der schönsten
Blumen war, sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.

Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurück und begann die Treppe
hinaufzusteigen. An den Wänden hingen große vergilbte Landkarten, Pläne
alter Reichsstädte mit ihren Festungswerken, mit stattlichen
allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Türe unter
mehreren war bloß angelehnt; der Eindringling öffnete sie zur Hälfte und
sah eine ziemlich hübsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt, welcher
das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schläfchen tat,
obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt
John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und
betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das
seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schläferin ließen ihm das Haus
immer mehr wie ein verzaubertes Schloß erscheinen, und höchst gespannt
zog er sich zurück und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.

Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rüstkammer, da es
behangen war mit Rüstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige
Panzerhemden, Eisenhüte, Galakürasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,
vergoldete Luntenstäbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen
ziervolle kleine Geschütze, grün vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus
eines großen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.

Da ließ sich plötzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nähe,
wie von einem größeren Kinde, und als es nicht aufhörte, benutzte John
den Anlaß, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er öffnete die
nächste Türe und sah einen weitläufigen Ahnensaal, von unten bis oben
mit Bildnissen angefüllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen
verschiedener Farbe, die Decke aus Gipsstukkaturen mit lebensgroßen,
fast frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkränzen und
Wappen. Vor einem zehn Fuß hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges
eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem
Schlafrock von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das
strampelte vor Ungeduld, schrie weinerlich und rief: »Ich kann mich
nicht mehr rasieren! Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer
schneidt nicht! Niemand hilft mir, o je, o je!« Als es im Spiegel den
Fremden sah, schwieg es still, kehrte sich um und sah mit dem Messer in
der Hand verblüfft und furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der
Hand, mit vielen Bücklingen vordrang, den Hut abstellte, lächelnd dem
Männchen das Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prüfte. Er zog
sie einige Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prüfte
hierauf die Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte
das Männchen in weniger als drei Minuten aufs herrlichste.

»Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr!« sagte hierauf Kabys, »die Freiheit,
die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit
sah, glaubte ich mich dergestalt auf die natürlichste Weise bei Ihnen
einzuführen, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu
stehen.«

Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann schaute
es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,
worauf es, Wohlgefallen mit Mißtrauen vermischend, den Künstler abermals
besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, daß es ein anständiger Fremder
sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer er sei und
was er wolle?

John räusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus
Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt
passiere, so habe er nicht versäumen wollen, die Nachkommen einer Ahne
seines Hauses aufzusuchen und zu begrüßen. Und er tat, als ob er von
Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehört hätte. Dieser war
auf einmal freudig überrascht und rief freundlich und wohlgemut: »Ha! so
blühet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und
angesehen?«

John hatte schon gleich einem Wandergesellen, der vor dem Torschreiber
steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,
sprach er ernst: »Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte
des Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt!« Erstaunt und
gerührt ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hieß ihn
willkommen. Die beiden Herren verständigten sich schnell über den Grad
ihrer Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: »So nahe berühren sich
unsere Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle
und treffliche Urgroßtante, meine leibliche Großmama!« Und er führte ihn
im mächtigen Saale umher, bis sie vor einem schönen Frauenbilde standen
in der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein
Papierbörtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die
besagte Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen
Zetteln versehen war. Freilich zeigten die Gemälde selbst noch andere
Inschriften in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten
Papierchen nicht übereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und
überlegte in seinem Innern: »So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn
hier blickt auf dich hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines
Glückes im reichen Rittersaal!«

Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn
Litumlei, welcher sagte, daß nun von einer Weiterreise keine Rede sein
dürfe, sondern der werteste Vetter zur Begründung eines engeren
Verhältnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast
sein müsse. Denn das flunkernde Ziergeräte des Herrn Großneffen,
welches ihm schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst
und erfüllte ihn mit Vertrauen.

Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmählich
einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu
sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock
geschlafen hatte, noch gerötet von ihrem Schläfchen und mit halb offenen
Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie
dieselben ganz auf, neugierig und vergnüglich, wie es schien, über die
unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Räume geführt und
mußte eine gehörige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so
eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Eßlust haben. Dies gefiel
dem Gast über die Maßen, da er sah, daß es Leute waren, die sich nichts
abgehen ließen und welche noch Freude an den guten Dingen hätten.
Seinerseits aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren
Eindruck zu machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte
sich derselbe entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine
eigenen Leibgerichte auftragen ließ, und John Kabys von allem aß und
alles trefflich fand und seine angewöhnte ruhige Würde seinem Urteil
einen noch höheren Wert gab. Es wurde aufs rühmlichste gegessen und
getrunken, und noch nie genossen drei wackere Leute zusammen ein
reichlicheres und zugleich schuldloseres Dasein. Es war für John ein
Paradies, in welchem kein Sündenfall möglich schien.

Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in
dem ehrwürdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er
vertrieb dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm
spazieren und rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Männchen
vor allem aus gefiel. John merkte, daß Herr Litumlei über irgend etwas
nachzusinnen begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach,
was er etwa in ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt
wieder einen kleinen Meisterschlag zu wagen, und kündigte seinem Gönner
am Ende des achten Tages deutlicher seine demnächstige Abreise an, zum
Grunde nehmend, daß er durch längeres Zaudern den Abschied und die
Gewöhnung an ein einfacheres Leben nicht erschweren dürfe. Denn männlich
wolle er sein Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines
Geschlechtes, der da in strenger Arbeit und Zurückgezogenheit die Ehre
des Hauses bis zum Erlöschen zu wahren habe.

»Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal!« erwiderte Herr Adam
Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab
gewandelt, begann er wieder: »Hören Sie meinen Entschluß und meinen
Vorschlag, lieber Großneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es
ist dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich
zu tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!«

Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht
entdecken, was das heißen sollte. Aber jener fuhr fort: »Ich bin der
erste des meinigen will so viel heißen, als: Ich habe mich entschlossen,
ein solch großes und rühmliches Geschlecht zu gründen, wie Sie hier an
den Wänden dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nämlich nicht meine
Ahnen, sondern die Glieder eines ausgestorbenen Patriziergeschlechtes
dieser Stadt. Als ich vor dreißig Jahren hier einwanderte, war das Haus
mit all seinem Inhalt und seinen Denkmälern eben käuflich und ich
erstand sogleich den ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung
meines Lieblingsgedankens. Denn ich besaß ein großes Vermögen, aber
keinen Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen
meines Großvaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschädigte
mich anfänglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine
Vorfahren zu erklären und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu
machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine
Familienerinnerungen reichten nur für sechs oder sieben Personen aus,
die übrige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten,
spottete meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft
gewiesen, an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht
zu stiften, dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich
längst anfertigen lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein
Name steht. Aber ein hartnäckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich
die dritte Frau und noch hat mir keine ein Mädchen, geschweige denn
einen Sohn und Stammhalter geschenkt. Die beiden früheren Weiber, von
denen ich mich scheiden ließ, haben seither mit andern Männern aus
Bosheit verschiedene Kinder gehabt, und die Gegenwärtige, welche ich
auch schon sieben Jahre besitze, würde es gewißlich gerade so machen,
wenn ich sie laufen ließe.

»Ihre Erscheinung, teurer Großneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,
diejenige einer künstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in
großen und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie
hiezu: Sie leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie
gerichtlich zu meinem Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie
opfern äußerlich Ihre eigene Familienüberlieferung (sind Sie ja doch der
letzte Ihres Geschlechtes) und nehmen nach meinem Tode, das heißt bei
Antritt des Erbes, meinen Namen an! Ich verbreite unter der Hand das
Gerücht, daß Sie ein natürlicher Sohn von mir seien, die Frucht eines
tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese Auffassung an, widersprechen
ihr nicht! Vielleicht läßt sich in der Folge eine schriftliche
Kundgebung darüber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner Roman, eine
denkwürdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn auch
unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder gut
mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand
anzunehmen, die ich unter den angesehenen Töchtern der Stadt für Sie
aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im
ganzen und im besondern mein Vorschlag!«

John war während dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden, aber
nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen über das
endlich eingetroffene Glück und über seine eigene Weisheit, welche
dasselbe herbeigeführt habe. Aber mit nichten ließ er sich davon
überrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschließen
könnte wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner
ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig
Stunden, in höflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in
dem schönen Garten höchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die
lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und
Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und
Oleanderbäumchen, alle äugelten ihn höflich an und huldigten ihm als
ihrem Herrn.

Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten
und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die
Straße, um die Ecke, und trat in einen Gebäckladen, wo er drei warme
Pastetchen samt zwei Spitzgläsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf
kehrte er in den Garten zurück und spazierte abermals eine halbe Stunde,
doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll
kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Büschel davon aus der Erde,
reinigte sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen
ergebenst anzwinkerten, und begab sich damit in ein kühles Bräuhaus, wo
er einen Krug schäumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich
vortrefflich mit den Bürgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in
das weichere Schwäbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen
Leuten einen hervorragenden Mann abgeben würde.

Absichtlich versäumte er die Mittagsstunde und verspätete sich beim
Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzuführen, aß er
vorher noch drei Münchner Weißwürste und trank einen zweiten Krug Bier,
der ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch
seine Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe
anstarrte.

Das Männchen Litumlei, welches durch unerwartete Hindernisse einem
leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch
ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, daß seine letzte Hoffnung,
ein Geschlecht zu gründen, zu Wasser werde, und beobachtete den
unbestechlichen Gast mit mißtrauischen Blicken. Endlich ertrug er die
Ungewißheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht länger,
sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden
abzukürzen und seinen Entschluß sogleich zu fassen. Denn er fürchtete,
die strenge Tugend seines Vetters möchte mit jeder Stunde wachsen. Er
holte eigenhändig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von
welchem John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten
Sonnengeister unsichtbar über den Kristallgläsern dufteten, die gar
fein erklangen, und mit jedem Tropfen des flüssigen Goldes, das man auf
die Zunge brachte, schnell ein Blumengärtlein unter die Nase zu wachsen
schien, da erweichte endlich der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab
sein Jawort. Schnell wurde der Notar geholt und bei einem herrlichen
Kaffee ein rechtsgültiges Testament aufgesetzt. Schließlich umarmten
sich der künstlich-natürliche Sohn und der geschlechtergründende
Erzvater; aber es war nicht wie eine warme Umarmung von Fleisch und
Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das Zusammenstoßen von zwei
großen Grundsätzen, die auf ihren Wurfbahnen sich treffen.

Nun saß John im Glücke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner
angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rücksichtsvoll sich gegen
seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die
Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die
anständigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein
Baron. Von Wertgegenständen brauchte er nicht einen einzigen mehr
anzuschaffen; es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren
erworbenen auch jetzt noch gerade ausreichten und einem genau
entworfenen Schema glichen, welches durch die Fülle des Glückes nun
vollkommen gedeckt wurde. Die Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte
auf einer zufriedenen Brust; Ketten und Klunkern schaukelten sich auf
einem wohlgefüllten Magen, durch die goldene Brille guckte ein
vergnügtes und stolzes Auge, der Stock zierte mehr einen klugen Mann,
als er ihn stützte, und die schöne Zigarrentasche war mit guten Stengeln
angefüllt, welche er aus dem Mazepparöhrchen mit Verstand rauchte. Das
wilde Pferd war schon glänzend braun, der Mazeppa darauf aber erst hell
rötlich, beinahe fleischfarbig, so daß das doppelte Kunstwerk des
Schnitzers und des Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverständigen
erregte. Auch Papa Litumlei wurde höchlich davon eingenommen und lernte
bei seinem Pflegesöhnchen eifrig Meerschäume anrauchen. Es wurde eine
ganze Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig
und ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mußte überall nachhelfen
und gut machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflößte.

Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Tätigkeit für die beiden
Männer vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman
zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natürlichen
Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in
der Form fragmentarischer Denkwürdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe der
Frau Litumlei zu verhüten, mußte es in geheimen Sitzungen abgefaßt und
sollte ganz im stillen in das zu gründende Familienarchiv verschlossen
werden, um erst in künftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blüte
stände, an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des
Litumleiblutes zu reden.

John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich
nicht schlechtweg Litumlei, sondern #Kabys de Litumley# zu nennen, da
er für seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine
verzeihliche Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende
Schriftstück, wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer
liederlichen Mutter kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen.
Aber dennoch mußte er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trübung
seines Wohlseins verursachte. Doch schickte er sich weislich in die
Sache und schloß sich eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer
ein, um das Werk zu beginnen. Da saßen sie nun an einem Tische sich
gegenüber und entdeckten plötzlich, daß ihr Vorhaben schwieriger war,
als sie gedacht, indem keiner von ihnen je hundert Zeilen nacheinander
geschrieben hatte. Sie konnten durchaus keinen Anfang finden, und je
näher sie die Köpfe zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas
einfallen. Endlich besann sich der Sohn, daß sie eigentlich zuerst ein
Buch starkes und schönes Papier haben müßten, um ein dauerhaftes
Schriftstück zu errichten. Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich
auf, ein solches zu kaufen, und durchstreiften einträchtig die Stadt.
Als sie gefunden, was sie suchten, rieten sie einander, da es ein warmer
Tag war, in ein Schenkhaus zu gehen und sich allda zu erfrischen und zu
sammeln. Vergnügt tranken sie mehrere Kännchen und aßen Nüsse, Brot,
Würstchen, bis John plötzlich sagte, er hätte jetzt den Anfang der
Geschichte erfunden und wolle stracks nach Hause laufen, um ihn
aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere. »So lauf nur
schnell,« sagte der Alte, »ich will unterdessen hier die Fortsetzung
erfinden, ich merke, daß sie mir schon auf dem Weg ist!«

John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und schrieb:
»Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer Wein
kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und die
Maß Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfündiges Weißbrot einen
Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdäpfel
acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete
zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der Flachs
und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die Ölfrüchte und der
Talg oder Unschlitt, so daß alles in allem die merkwürdige Sachlage
stattfand, daß die bürgerliche Gesellschaft gut genährt und getränkt,
notdürftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr
ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu
erleben, wie sich das neue Jahr anlassen würde. Der Winter bezeigte sich
als ein gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme
Schneedecke lag auf den Feldern und schützte die junge Saat. Aber
dennoch ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und
fror wieder während des Monats Hornung in so häufigem Wechsel, daß nicht
nur viele Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge
Eiszapfen entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin
und jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden
Spitzen nicht angestochen zu werden. Im übrigen behaupteten sich die
Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten
endlich einem merkwürdigen Frühling entgegen.«

Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und
ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er
weiter: »Nun kam Er und hieß Adam Litumlei. Er verstand keinen Spaß und
war geboren anno 17... Er kam dahergestürmt wie ein Frühlingswetter. Er
war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut
und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend
hat keine Tugend! Er trug goldene Sporen und ritt auf einem weißen
Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kümmere
mich den Teufel darum, denn es ist Frühling und Jugend muß austoben! Er
zahlte alles bar und alles wunderte sich über ihn. Er trank den Wein, er
aß den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er:
Komm, du holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als
Silber und Gold! Was kümmere ich mich darum? Denke was du willst, was
sein muß, muß sein!«

Hier blieb er plötzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie
lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht übel und sammelten sich
wieder während acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben führten; denn
sie gingen öfter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen; allein
das Glück lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen
Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: »Diese Worte richtete der junge
Litumlei nämlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in
den äußersten Häusern der Stadt wohnte, wo die Gärten sind und bald ein
Wäldchen oder Hölzchen kommt. Diese war eine der reizendsten
Schönheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen
und kleinen Füßen. Sie war so schön gewachsen, daß sie kein Korsett
brauchte und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmählich ein
violettes Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklärt durch
eine allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur über die lieblichen
Gesichtszüge, sondern über die ganze Gliederharmonie des Fräulein
Federspiel zitterte, daß man in aller Windstille die wehmütigen Akkorde
einer Äolsharfe zu hören glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwürdiger
Maimonat angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten
zusammenzudrängen schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, daß die
Nachtigallen mit Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weiße
Zipfelmützchen trügen; dann trat eine solche Wärme ein, daß die Kinder
im Freien badeten und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt
davon den Reim auf:

     Eis und Schnee,
     Buben baden im See,
     Reife Kirschen und blühender Wein
     Mocht' alles in einem Maimond sein.

»Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und wirkten
auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche
besonders tiefsinnig war, grübelte auch nach und ward zum erstenmal
inne, daß sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der
eigenen Hand trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese
verantwortliche Freiheit erwog, ward sie ebenso traurig darüber. Wie sie
nun dastand, kam jener verwegene Rotrock und sagte unverweilt:
Federspiel, ich liebe dich! Worüber sie durch eine sonderbare Fügung
plötzlich ihren vorigen Gedankengang änderte und in ein helles Gelächter
ausbrach.«

»Jetzt laß mich fortfahren!« rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen
kam und dem Jungen über die Schulter las, »es paßt mir nun eben recht!«
und setzte die Geschichte fort: »Da ist nichts zu lachen! sagte jener,
denn ich verstehe keinen Spaß! Kurz, es kam, wie es kommen mußte; wo das
Wäldchen auf der Höhe stand, saß mein Federspiel im Grünen und lachte
noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so
schnell in die Ferne, daß er durch die platzgreifende Luftperspektive in
wenig Augenblicken ganz bläulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht
mehr zurück; denn er war ein Teufelsbraten!«

»Ha, nun ist's geschehen!« schrie Litumlei und warf die Feder hin, »nun
habe ich das meinige getan, führe du nun den Schluß herbei, ich bin ganz
erschöpft von diesen höllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich
nicht wunder, daß man die Ahnherren großer Häuser so hoch hält und in
Lebensgröße malt, da ich spüre, welche Mühe mich die Gründung des
meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht kühn behandelt?«

John schrieb nun weiter: »Die arme Jungfer Federspiel empfand eine große
Unzufriedenheit, als sie plötzlich vermerkte, daß der verführerische
Jüngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwürdigen
Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene
in ihrem Innern für ungeschehen zu erklären, um so den früheren Zustand
einer gleichschwebenden Wage wieder herzustellen. Aber sie genoß dieses
Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das
Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all' dem
goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein
Federspiel stand auf jenem Hügel und schaute allem zu; aber sie sah
nichts vor lauter Verdruß und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock
war ein fließender Brunnen, vom Fallen der Äpfel und Birnen trommelte es
fortwährend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte.
Jeder versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich
und wohlfeil alles war, so wurde doch das Überflüssige noch gelobt und
gehätschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein
brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der
im Überfluß schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mäulchen mehr
brauchen könnte. Da hüllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen
Monat zu früh, ein munteres Knäblein, welches so recht darauf angewiesen
war, der Schmied seines eigenen Glückes zu werden.

»Dieser Sohn führte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,
daß er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,
von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde, und
ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der Litumlei.«

Unter dieses Dokument schrieb der Alte: »Eingesehen und bestätigt,
Johann Polykarpus Adam Litumlei.« Und John unterschrieb ebenfalls. Dann
drückte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei
halbe goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben weiß und rot
quadrierte Bachstelzen auf einem schräglaufenden grünen Balken zeigte.

Sie wunderten sich aber, daß das Schriftstück nicht größer geworden;
denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.
Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen
eine alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.

Unter solchen und anderen Beschäftigungen verging die Zeit auf das
angenehmste; es wurde dem glückhaften John beinahe unheimlich, daß es
auch gar nichts mehr zu hoffen und zu fürchten, zu schmieden und zu
spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Tätigkeit umsah, wollte es
ihn bedünken, daß die Gemahlin des Hausherrn ein etwas unzufriedenes und
verdächtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dünkte ihn nur, bestimmt konnte
er es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief,
oder wenn sie wachte, etwas Gutes aß, über seinen anderweitigen
Bestrebungen wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem
zufrieden schien, wenn ihre Ruhe nicht gestört wurde. Jetzt fürchtete er
plötzlich, sie könnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge
bereiten, ihren Mann umstimmen und dergleichen.

Er legte den Finger an die Nase und sagte: »Halt! Hier dürfte es
geraten sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich
nur diese wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut,
aber besser ist besser!«

Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer
zweckmäßigen Gattin für seinen Stammhalter tätig zu sein, wovon er
selbst diesem nichts verriet. John beschloß unverweilt, sich zu der Dame
zu begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise
den Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versäumte
nachzuholen. Er säuselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem
Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewöhnlich die
Türe halb offen stehen; denn sie war bei aller Trägheit neugierig und
liebte, immer gleich zu hören, was vorging.

Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein
halb aufgegessenes Himbeertörtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,
was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre
runde Hand und küßte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;
doch öffnete sie die Augen zur Hälfte und sah ihn, ohne den Mund zu
verziehen, mit einem höchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.
Verblüfft und stotternd zog er sich endlich zurück und lief in sein
Zimmer. Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler
Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau
verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er näher trat, taten sich
die Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurück, wiederum saß er
in der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Höhe, stieg die
Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch
nach Hause kehrte.

Es verging nun kaum ein Tag, wo die zwei Leute sich nicht zusammenzutun
und den Alten zu hintergehen wußten, daß es eine Art hatte. Die
schläfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John aber ergab
sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltäter, immer in
der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glück recht an die
Wand zu nageln.

Beide Sünder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen
den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fühlte und sein
Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so daß man nicht
unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden
war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge
einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;
denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und
suchte fortwährend allerlei Sätzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels
an Zähnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein über
Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber
denselben Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des
Jüngeren, als ihn der Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine
tüchtige Reise zu machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu
lernen und besonders auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen
Arten der Jugenderziehung in den Ländern in Betracht zu nehmen und sich
über die diesfalls herrschenden Grundsätze zu unterrichten, namentlich
mit Bezug auf die vornehmeren Stände?

Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und
freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell für die Reise
ausgerüstet und mit Wechseln versehen, und er fuhr in höchster Gloria
davon. Zuerst bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte
er sich nach Paris, und überall führte er ein prächtiges und weises
Leben. Er patrouillierte alle Vergnügungsorte, Sommertheater und
Spektakelplätze ab, lief durch die Raritätenkammern der Schlösser und
stand allmittags in der Sonnenhitze auf den Paradeplätzen, um die Musik
zu hören und die Offiziere anzugaffen, eh' er zur Tafel ging. Wenn er
all die Herrlichkeiten unter tausend anderen Menschen mit ansah, so
wurde er ganz stolz und schrieb sich von allem Glanz und Getön das
alleinige Verdienst zu, jeden für einen unwissenden Tropf haltend, der
nicht dabei war. Mit dem behenden Genießen verband er aber die größte
Weisheit, um seinem Wohltäter zu zeigen, daß er keinen Hasen auf Reisen
geschickt habe. Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte
er je etwas ab, den Dienstbaren in den Gasthäusern wußte er beharrlich
mit dem Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden
Dienst feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spaß machte ihm
das Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im
Vereine mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den öffentlichen Bällen
unterhielt. Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergnügt, wie ein
alter Weinreisender.

Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner
Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, saß
geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und ließ seine Mitbürger
sich die Köpfe darüber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren
überzeugt, daß nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur
Zeit unzweifelhaft im Wohlstand, so daß sie einstweilen ihren Spott
zurückhielten und mit krausen Nasenflügeln nach dem Golde blinzelten,
das er sehen ließ. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen
Flasche Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann,
wie er ihnen noch weiteres antun könne.

Da gedachte er, am Ende seiner Reise, plötzlich des Auftrages, der ihm
zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Ländern
geworden, um die Grundsätze festzustellen, nach welchen die Kinder des
von Litumlei gegründeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes
erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lösen, kam ihm nun
trefflich zu statten, da er in den Mantel einer höheren Mission gehüllt,
als eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen
konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger
Zeit schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem
sie alle ihre Mädchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und
unkluge, gesunde und kränkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet
in eigenen Anstalten und für alle Bedürfnisse. Wie man Forellen
verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bäckt oder spickt und
so weiter, so wurden die guten Mädchen entweder mehr positiv christlich
oder mehr weltlich, mehr für die Sprachen oder mehr für die Musik, für
vornehme Häuser oder für mehr bürgerliche Familien zugerichtet, je nach
der Weltgegend, für welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage
kam. Das Seltsame dabei war, daß die Seldwyler für alle diese
verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und gleichgültig
verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen durchaus keine
Kenntnis besaßen, und der gute Absatz ließ sich nur dadurch erklären,
daß die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgültig und kenntnislos
waren. Ein Seldwyler, der den unversöhnlichsten Kirchenfeind spielte,
konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und
Sonntagsheiligung einüben lassen; ein anderer, der in öffentlichen
Reden von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses
schwärmte, hatte seine fünf oder sechs Töchter nach den russischen
Steppen oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner
Trostlosigkeit schmachteten.

Die Hauptsache war, daß die wackeren Bürger die armen Wesen so bald als
möglich mit einem Reisepaß und Regenschirm versehen hinausjagen und mit
dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gütlich tun konnten.

Aus alledem war aber bald eine gewisse Überlieferung und
Geschicklichkeit für die äußerliche Zurichtung der Mädchen entstanden
und John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundsätze, die hierin
walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu
notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mädchen
zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich
vorzüglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines
Knäbchens in einem großen Hause von Anfang an standesmäßig betrieben
würde und zwar so recht auf Kosten der hiefür bezahlten Leute und ohne
Mühsal noch Verdruß der Eltern.

Hierüber fertigte er ein merkwürdiges Memorandum an, welches in einigen
Tagen, dank seinen fleißigen Notizen, zu mehreren Bogen anschwoll, und
mit dem er sich Aufsehen erregend beschäftigte. Er verwahrte die Schrift
zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und trug dieselbe an einem
Lederriemchen beständig an der Hüfte. Als aber die Seldwyler das
bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das Geheimnis ihrer
Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen. Sie erbosten
sich über ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.

Erfreut, daß er sie habe ärgern können, reiste er ab und langte endlich
in Augsburg an, gesund und fröhlich, wie ein junger Hecht. Er trat
wohlgemut ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere
schöne Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug
eine Schüssel mit warmem Wasser und er hielt sie für eine neue Köchin
und betrachtete sie vorläufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drängte es
ihn, die Hausfrau schnell zu begrüßen; allein sie war nicht zu sprechen
und lag im Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Geräusch
widerhallte. Dieses rührte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte,
sang, rief, lachte und krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend,
pustend, die Augen rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut.
Ausgelassen und würdeatmend zugleich hieß er seinen Günstling willkommen
und eilte wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien
alle Hände voll zu tun zu haben.

Zwischendurch ließ sich von einer Gegend her wiederholt ein gedämpftes
Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige
Bäuerin ging wieder über die Szene mit einer Handvoll weißer Tüchelchen
und rief aus ihrer weißen Kehle: »Gleich, mein Schätzchen! gleich, mein
Bübchen!«

»Daß dich!« sagte John, »was ist das für ein leckerer Bissen!«

Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort
vernehmen ließ.

»Nun?« rief Litumlei, der wieder hergeträppelt kam, »singt der Vogel
nicht schön? Was sagst du dazu, mein Bursche?«

»Welcher Vogel?« fragte John.

»Ei, Herr Jesus! Du weißt am Ende noch gar nichts?« rief der Alte; »ein
Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein
Ferkel, liegt uns in der Wiege! Alle meine Wünsche, meine alten Pläne
sind erfüllt!«

Der Schmied seines Glückes stand wie eine Bildsäule, ohne jedoch die
Folgen des Ereignisses schon zu übersehen, so einfach sie auch sein
mochten; er fühlte nur, daß es ihm höchst widerstrebend zu Mute war,
machte ganz runde Augen und spitzte den Mund, wie wenn er einen Igel
küssen müßte.

»Nun,« fuhr der vergnügte Alte fort, »sei nur nicht zu verdrießlich!
Etwas verändert wird allerdings unser Verhältnis, habe auch bereits das
Testament umgestoßen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen
wir nun nicht mehr bedürfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der
Erziehung meines Sohnes die Oberleitung übernehmen, du sollst mein Rat
sein und mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so
lang ich lebe. Nun ruh dich aus, ich muß dem kleinen Kreuzkerl einen
rechten Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab' ich den Kalender
durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstöbern, dort
gibt's so alte Stammbäume mit ganz merkwürdigen Taufnamen!«

John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke;
die Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhängen und
er hielt sie unbewußt zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er
verwünschte die böse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen
Erben untergeschoben; er verwünschte den Alten, der da glaubte, er hätte
einen rechtmäßigen Sohn; nur sich selbst verwünschte er nicht, der doch
der wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich
so selbst enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreißlichen Netze,
rannte aber wieder nach dem Alten, um ihm törichterweise die Augen zu
öffnen.

»Glauben Sie denn wirklich,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihm, »daß
das Kind das Ihrige sei?«

»Wie, was?« sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.

John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,
daß er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, daß seine
Frau wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und
so fort.

Sobald ihn das kleine Männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in
die Höhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: »Aus den
Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte
ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das
der Dank für meine Wohltaten, daß du die Ehre meines Weibes und meine
eigene Ehre begeiferst mit deiner niederträchtigen Zunge? Welch ein
Glück, daß ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an
meinem Busen genährt habe! Wie werden doch solche große Stammhäuser
gleich in der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert!
Fort! aus dem Hause mit dir von Stund' an!«

Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll
Goldstücke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglücklichen vor
die Füße.

»Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer!« Hiemit
entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.

John hob das Päcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern
schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf
das Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,
schlotternd und erbärmlich stöhnend. In allem Jammer zählte er, da er
keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf
der Reise in oben beschriebener Weise erspart. »Unnütz!« sagte er, »ich
denke nicht daran fortzugehen, ich will und muß hier bleiben!«

Da klopften zwei Polizeimänner an die Türe, traten herein und hießen ihn
aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie
befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf
das schönste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geöffnet
hatte. Darauf führten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen
nach, setzte sie auf die Straße und schloß die Türe vor seiner Nase zu.
Hierauf lasen ihm die Männer von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe
nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte
nochmals an das Haus seines verlorenen Glückes hinauf, als eben einer
der hohen Fensterflügel sich ein wenig öffnete, jene hübsche Amme eine
in ländlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und
gleichzeitig das Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen ließ.

Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort
wiederum aus und legte sich nun ungestört ins Bett.

Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um zu
erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine
Rede halb angehört, rief er zornig: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie
Esel, mit Ihrer einfältigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie
verhaften!«

Ganz verstürmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er
erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof
und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr
sie sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch
gesellten sich die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugänglicher
geworden, sein Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze
seines abnehmenden kleinen Vermögens sahen, verkauften sie ihm eine
kleine alte Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie
sie sagten, ihren Mann nährte. Er mußte aber, um den Kaufschilling voll
zu machen, alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er umso
leichter tat, als er nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie
hatten ihn ja immer betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge
tragen.

Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Nägel
gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue
Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mühe erlernte und dabei noch ein
wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer
Zufriedenheit so dahin hämmerte, als er das Glück einfacher und
unverdrossener Arbeit spät kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge
enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.

Dankbarlich ließ er schöne Kürbisstauden und Winden an dem niedrigen
schwärzlichen Häuschen emporranken, das außerdem von einem großen
Holunderbaum überschattet war und dessen Esse immer ein freundliches
Feuerlein hegte.

Nur in stillen Nächten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige
Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem
Himbeertörtchen gefunden hatte, stieß der Schmied seines Glückes den
Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche
er seinem Glück hatte geben wollen.

Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmählich, je besser die
Nägel gerieten, welche er schmiedete.



Die mißbrauchten Liebesbriefe


Viktor Störteler, von den Seldwylern nur Viggi Störteler genannt, lebte
in behaglichen und ordentlichen Umständen, da er ein einträgliches
Speditions- und Warengeschäft betrieb und ein hübsches, gesundes und
gutmütiges Weibchen besaß. Dieses hatte ihm außer der sehr angenehmen
Person ein ziemliches Vermögen gebracht, welches Gritli von auswärts
zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr
Geld aber war ihm sehr förderlich zur Ausbreitung seiner Geschäfte,
welchen er mit Fleiß und Umsicht oblag, daß sie trefflich gediehen.
Hierbei schützte ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesüblich,
ihm einstweilen wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige
Jahre darüber nämlich in einer größeren Stadt bestanden und war dort
Mitglied eines Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich
wissenschaftliche und ästhetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte.
Da die jungen Leute ganz sich selbst überlassen waren, so übernahmen sie
sich und machten allerhand Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bücher
und führten eine verworrene Unterhaltung darüber; sie spielten aus ihrem
Theater den Faust und den Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den
Nathan; sie machten schwierige Konzerte und lasen sich schreckbare
Aufsätze vor, kurz, es gab nichts, an das sie sich nicht wagten.

Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit
nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu
gut, die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr
schaffte er sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und
Lesezirkeln der Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und
unterschrieb auf alles, was in Lieferungen erschien, da hier ein
fortlaufendes, schön verteiltes Studium geboten wurde. Damit hielt er
sich in seiner Häuslichkeit und zugleich seine Umstände vor Schaden
bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschäfte munter und vorsichtig
durchgeführt, so zündete er seine Pfeife an, verlängerte die Nase und
setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit großer
Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er
verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als »Essays«
bezeichnete, und er sagte öfter, er glaube, er sei seiner Anlage nach
ein Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche
er sie sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben,
die er unter dem Namen »Kurt vom Walde« nach allen möglichen
Sonntagsblättchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen
erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen
in den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann
hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort
ein Gänserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden über
den neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen
ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die
angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung gewann
er stets auf seinen kürzeren oder längeren Geschäftsreisen, wo er dann
in den Gasthöfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich ein
gebildetes Wort sprechen ließ; auch der Besuch der befreundeten
Redaktionsstübchen in den verschiedenen Provinzen gewährte neben den
Handelsgeschäften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da
eine Flasche Wein kostete.

Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel
in einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten
Stammgästen des Ortes mehrere junge Reisende saßen. Die würdigen alten
Herren mit weißen Haaren führten ein gemächliches Gespräch über allerlei
Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,
sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen
der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewähre, ohne daß die Freude
an dem Vorgetragenen selbst beeinträchtigt werde. Sie stellten
einläßliche Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch
all' dergleichen hindurchgehe; bald lachten sie einträchtig über irgend
eine Erinnerung, bald erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht über eine
neu gefundene Schönheit, alles ohne Geräusch und Erhitzung, und endlich,
nachdem der eine seinen Tee ausgetrunken, der andere sein Schöppchen
geleert, klopften sie die langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf
etwas gichtischen Füßen zu ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich
unbeachtet in eine Ecke, um noch die Zeitung zu lesen und ein Glas
Punsch zu trinken.

Nun aber entwickelte sich unter den jüngeren Gästen, welche bislang
horchend dagesessen hatten, das Gespräch. Einer fing an mit einer
spöttischen Bemerkung über die altväterische Unterhaltung dieser Alten,
welche gewiß vor vierzig Jahren einmal die Schöngeister dieses Nestes
gespielt hätten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem
ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gespräch
belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjährten
Gegenständen jener Alten wußten sie nicht viel zu berichten, als das
und jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten;
dagegen entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in
den täglich auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der
Personen und Persönchen, welche sich auf den tausend grauen Blättern
stündlich unter wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, daß
dies nicht solche Ignoranten von alten Gerichtsräten und
Privatgelehrten, sondern Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht
lange, so hörte man nur noch die Worte Honorar, Verleger, Clique,
Koterie und was noch mehr den Zorn solchen Volkes reizt und seine
Phantasie beschäftigt. Schon tönte und schwirrte es, als ob zwanzig
Personen sprächen, die tückischen Äuglein blinkerten und eine allgemeine
glorreiche Erkennung konnte nicht länger ausbleiben. Da entlarvte sich
dieser als Guido von Strahlheim, jener als Oskar Nordstern, ein dritter
als Kunibert vom Meere. Da zögerte auch Viggi nicht länger, der bisher
wenig gesprochen, und wußte es mit einiger Schüchternheit einzuleiten,
daß er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er war von allen gekannt, sowie
er ebenso alle kannte, denn diese Herren, welche ein gutes Buch
jahrzehntelang ungelesen ließen, verschlangen alles, was von
ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden
zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer
sonderbaren Wachsamkeit.

Sie sind Kurt vom Walde? hieß es dröhnend, ha! willkommen! Und nun
wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines
bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst
ein energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den
Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in
diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den
Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert;
jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,
keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der
Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist
übrigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein
Jude sein!

Viggi Störteler rieb sich entzückt die Hände und dachte: »Da bist du
einmal vor die rechte Mühle gekommen! Ein Schriftsteller unter
Schriftstellern! Ei! was das für geriebene Geister sind! Welches
Verständnis und welch sittlicher Zorn!«

In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der schlechten
Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot herbeizuführen, die
förmliche und feierliche Stiftung einer »neuen Sturm- und Drangperiode«
beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und Ausführung, um
diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus welcher allein die Klassiker
der neuen Zeit hervorgehen würden.

Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht
weiter, sondern senkten alsbald ihre Häupter und mußten das Lager
suchen; denn diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige
denn schlechten Wein und büßten jede kleine Ausschreitung mit großer
Abschwächung und Übelkeit.

Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurückgeblieben
war und sich höchlich an dem Treiben ergötzt hatte, den Kellner, was das
für Leute wären? »Zwei davon,« sagte dieser, »sind Geschäftsreisende,
ein Herr Störteler und ein Herr Huberl; der dritte heißt Herr Stralauer,
doch nur den vierten kenn' ich näher, der nennt sich Doktor Mewes und
hat sich vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im
Tanzsaal beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen über deutsche
Literatur, welche er wörtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mußte
aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu
urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und Ölflecke. Außer
diesem Buche besaß er noch einen zerzausten Leitfaden zur französischen
Konversation und ein Kartenspiel mit obszönen Bildern darin, wenn man es
gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um
die Heizung zu sparen; da verschüttete er schließlich das Tintenfaß über
Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschädigung in
die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und
'Feuilletons' in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei häßliche
Gewohnheiten an sich hatte, wurde er endlich aus dem Hause getan. Er
schreibt übrigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand süßliche
und nachgeahmte Sachen.«

»Was Teufel!« sagte der Alte, »Ihr wißt ja wie ein Mann vom Handwerk
über diese Dinge zu reden, Meister Georg!« Der Kellner errötete, stockte
ein wenig und sagte dann: »Ich will nur gestehen, daß ich selbst
anderthalb Jahre Schriftsteller gewesen bin!« -- »Ei der Tausend!« rief
der Alte, »und was habt Ihr denn geschrieben?« -- »Das weiß ich kaum
gründlich zu berichten,« fuhr jener fort, »ich war Aufwärter in einem
Kaffeehaus, wo sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen
Gäste beinahe den ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte,
räsonierte, durchstöberte die Zeitungen, ärgerte sich über fremdes
Glück, freute sich über fremdes Unglück und lief gelegentlich nach
Hause, um im größten Leichtsinn schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren;
denn da man nichts gelernt hatte, so besaß man auch keinen Begriff von
irgend einer Verantwortlichkeit. Ich wurde bald ein Vertrauter dieser
Herren, ihr Leben schien mir meiner dienstbaren Stellung weit
vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein Schriftsteller. Auf meiner
Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene Nummern von französischen
Zeitungen, die ich in den verschiedenen Wirtschaften gesammelt, wo ich
früher gedient hatte, ursprünglich, um mich darin ein wenig in die
Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem jungen Kellner geziemt. Aus
diesen verschollenen Blättern übersetzte ich einen Mischmasch von
Geschichtchen und Geschwätz aller Art, auch über Persönlichkeiten, die
ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der deutschen Sprache
behielt ich nicht nur öfter die französische Wort- und Satzstellung,
sondern auch alle möglichen Gallizismen bei, und die Salbadereien,
welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufügte, schrieb ich dann
ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich für echt schriftstellerisch
hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise überschmiert hatte,
anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren und Freunden,
und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen und wußten es
sogleich zum Druck zu befördern. Es ist etwas Eigentümliches um die
schlechten Skribenten. Obgleich sie die unverträglichsten und
gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine
unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins Massenhafte zu
vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen Druck nach der
oberen Schicht auszuüben. Mein Büchlein wurde sofort als das
sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors
verkündet, welcher deutsche Schärfe des Urteils mit französischer
Eleganz verbinde, was wohl von dessen mehrjährigem Aufenthalt in Paris
herrühre. Ich war nämlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt
bei einem deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem übersetzten Zeuge
mehrere pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese,
unter Anführung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blättern.
Ich hatte mich auf dem Titel George d'Esan, welches eine Umkehrung
meines ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hieß es überall:
George Desan in seinem interessanten Buche erzählt folgenden Zug von dem
oder von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, daß ich
auf der betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine
abgeschossene Kanonenkugel.«

»Aber zum Teufel!« sagte jetzt der Alte, »was hattet Ihr denn nur für
Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter
Zeitungen zehren?«

»Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.
Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich
schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die
Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes,
über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern
Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß
es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen
Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und
richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum
Beispiel Schriftner, Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler,
Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller
Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sicheren
Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz ich regte mit allen
diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für
einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes
bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den
'Interessen' der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der
unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über
Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen,
komponierte 'ein Stündchen bei X.', oder 'ein Besuch bei N.', oder 'eine
Begegnung mit P.', oder 'ein Abend bei der Q.' und dergleichen mehr, was
ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete.
Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten 'Mitgeteilts'
nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und
Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war,
so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus
Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als
neue Forschung in irgend ein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten
Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen
hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen
albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl
aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und
setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer
die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu
sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung;
ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.«

»Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen!« rief der alte Herr
mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: »Ich war kein Halunke,
sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine
Tätigkeit übertrug und in Verhältnisse, von denen er weder einen
sittlichen noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte.
Überdies brachte mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.«

»Und wie seid Ihr denn von dem schönen Leben wieder abgekommen?« fragte
der Alte.

»Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen!« antwortete der
Exschriftner, »ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich
dabei und vermißte besonders die bessere Nahrung und die guten
Weinrestchen meines frühern Standes. Auch ging ich ziemlich schäbig
gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwärterfrack unter einem
dünnen Überzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der
Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von früher her noch eine
alte Sehnsucht nährte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich
mir sofort einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein
gutvergoldetes Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als
ich mich aber, dergestalt ausgeputzt, im Spiegel besah, fiel es mir wie
Schuppen von den Augen; ich fand mich plötzlich zu gut für einen
Schriftsteller, dagegen reif genug für einen Oberkellner in einem
Mittelgasthofe und suchte demgemäß eine Anstellung.«

»Aber wie kommt es,« fragte der Gast noch, »daß Ihr nun so einsichtig
und ordentlich über jenes Treiben zu urteilen wißt?«

»Das mag daher kommen,« erwiderte Georg Nase lächelnd, »daß ich mich
erst jetzt in meinen Mußestunden zu unterrichten suche, aber bloß zu
meinem Privatvergnügen!«

Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte, nachdem
er den Aufwärter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprächen der Gäste
teilzunehmen und ja nicht zu versäumen, von seinen lustigen Taten und
Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wüßte. So fügte es sich,
daß in diesem Gasthofe die täglichen Stammgäste samt dem Kellner mehr
Bildung und Schule besaßen, als der kleine Schriftstellerkongreß, der
zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.

Am nächsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht
ohne nochmals die zu gründende Sturm- und Drangperiode kräftiglichst
besprochen zu haben. Indem sie vorläufig schon einige Rollen verteilten,
wurde es als eine glückliche Fügung gepriesen, daß in Viggi Störteler
die schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er
übernahm es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um
die reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und
aufzumuntern.

So kehrte er ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine
Heimat zurück. Er ließ die Haare lang wachsen, strich sie hinter die
Ohren, setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein
kleines Spitzbärtchen, um sein Äußeres dem bedeutenden Inhalte
entsprechen zu lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit
einem Schlage gewonnen. Seiner Sendung gemäß, die er übernommen, begann
er sich mehr unter seinen Mitbürgern umzutun und suchte Anhänger. Wo er
wußte, daß einer ein Histörchen in den Kalender geschickt oder einige
spöttische Knittelverse verfaßt hatte, die einzige Literatur, so in
Seldwyla betrieben wurde, da strebte er ein Mitglied für die Sturm- und
Drangperiode zu erwerben. Allein sobald die wackeren Leute seine
Absichten merkten und seine wunderlichen Aufforderungen verstanden,
machten sie ihn zum Gegenstande ihres Gelächters und neuer Knittelverse,
welche zu seinem Verdruß in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er
vollends an einem Bürgermahle den Stadtschreiber verblümt fragte, was
er von »Kurt vom Walde« für eine Meinung hege, und jener erwiderte:
»Kurt vom Walde? was ist das für ein Kalb?« da hatte er für einmal genug
und spann sich wieder in seine Häuslichkeit ein.

Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in
ihrem Häubchen am Spinnrädchen saß, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem
Busen und mit zierlichem Fuße, da ging ihm ein Licht auf; er beschloß,
sie zu erhöhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hieß er sie
das mit beinernen Ringen und Glöckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur
Seite stellen und das grüne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafür gab
er ihr eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu
lesen, während er in seinem Kontor arbeite, damit die große
Angelegenheit in der Zeit nicht brach liege. Hierauf ging er an seine
Geschäfte, sehr zufrieden mit seinem Einfall. Als er aber zum Essen kam
und begierig war auf die erste geistige Rücksprache mit seiner Muse, da
schüttelte sie den Kopf und wußte nichts zu sagen.

»Ich muß zartere Saiten aufziehen für den Anfang!« dachte er und gab ihr
nach Tisch einen Band »Frühlingsbriefe von einer Einsamen«, darin sollte
sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen
Farbhölzer wegführen zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung
von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,
vergnügt darüber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen
Nutzen. Er steckte das geschäftliche Notizbuch beiseite und zog ein
kleineres hervor mit einem Stahlschlößchen.

Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und
schrieb: »Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und
Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwärzliches und
dann ein sammetähnliches glänzend grünes. Außerdem gelbliche, rötliche
und weiße Flechten, welche öfter ineinander spielen. Eine Efeuranke
steigt an der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu
studieren, da der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Räuberszenen
anzuwenden.«

Dann blieb er vor einem eingerammten Pflock stehen, auf welchen irgend
ein Kind eine tote Blindschleiche gehängt hatte. Er schrieb:
»Interessantes Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von
silbergrauer Schlange darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des
Todes. Ameisen kommen aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein,
Leben in die tragische Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen
schwanken Gräsern, deren Spitzen mit rötlichen Ähren versehen sind,
spielen über das Ganze. Ist Merkur tot und hat seinen Stab mit toten
Schlangen hier stecken lassen? Letztere Anspielung mehr für
Handelsnovelle tauglich. #NB.# Der Stab oder Pflock ist alt und
verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo ihn die Sonne
bescheint, ist er wie mit silbergrauen Härchen besetzt. (Die letztere
Beobachtung dürfte neu sein.)«

Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: »Motiv für
Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefüllt, in welchem kleine
Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die
Fußstapfen sind mit Wasser gefüllt, welches rötlich, eisenhaltig. Großer
Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschädigungen, wie von
Wagenrädern. Hieran ließe sich Exposition knüpfen von umgeworfenen
Wagen, Streit und Gewalttat.«

Weiter gehend, stieß er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr
einige Münzen und bat sie, fünf Minuten still zu stehen, worauf er, sie
vom Kopf zu Füßen beschauend, niederschrieb: »Derbe Gestalt, barfuß, bis
über die Knöchel voll Straßenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes
Mieder, Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehüllt, weiß
gewürfelt --« allein urplötzlich rannte die Dirne davon und warf die
Beine aus, als ob ihr der böse Feind im Nacken säße. Viktor, ihr
begierig nachsehend, schrieb eifrig: »Köstlich! dämonisch-populäre
Gestalt, elementarisches Wesen.« Erst in weiter Entfernung stand sie
still und schaute zurück; da sie ihn immer noch schreiben sah, kehrte
sie ihm den Rücken zu und klopfte sich mit der flachen Hand mehrere Male
hinter die Hüften, worauf sie im Walde verschwand.

So kehrte er heimwärts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.
»Nun, liebes Muschen!« rief er seine Frau an, »hast du dein Buch
gelesen? Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien
nach Hause, über deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen!« Allein
sie wußte abermals nichts zu sagen, weil sie den ganzen Nachmittag im
Garten gesessen und mit großer Behaglichkeit grüne Erbsen ausgehülst
hatte. Diesmal schüttelte er seinerseits den Kopf und dachte: »Seltsam!
Vielleicht ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf
den weiblichen Scharfsinn zu verlassen!« Demgemäß las er ihr beim
Nachtessen seine heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gespräch über den
Nutzen solcher Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls
dergleichen Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte
mitzuteilen, forderte er sie auf, ihre Meinung über alles dies zu sagen.
»Ich verstehe dies alles nicht!« war ihre ganze Antwort. Sich zur
Geduld zwingend, sagte er: »So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen,
welches dir vielleicht klarer sein wird, und worin du vielleicht die
Verfechtung solcher Teile, so kunstreich sie auch ist, wahrnehmen
magst!«

Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie vorzulesen,
oft unterbrochen durch die Störungen, welche die allerorts
durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlaßte, sowie durch das
Hin- und Herrücken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er
erst nach einem halben Stündchen, daß seine Gattin eingeschlummert war.

Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und sagte,
als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mißfällig: »Das kann so nicht
gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mühe gebe, dich zu mir
heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weißt, daß
ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, daß ich des
Verständnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens
eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du
lässest mich im Stich, du schläfst ein!«

»Ei, mein lieber Mann!« erwiderte Frau Gritli, indem sie über diese
Reden errötete, »mich dünkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst
verstehen ohne eine solche Einbläserin!«

»Gut!« rief Viggi, »verhöhne mich nur noch, statt mich zu erheben und
aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein wandeln!«

Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte sich
neben ihn in Sorgen, daß es um seinen Verstand übel stehen möchte. Er
schmollte nun mehrere Tage und wandelte seinen Weg allein; doch hielt er
das nicht aus, sondern beschloß, nunmehr mit männlicher Strenge seinen
Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm
einst danken würde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine
Anzahl Bücher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an,
unfehlbar zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie
in große Not; sie sah, daß der Friede Gefahr lief, gänzlich zerstört zu
werden; auch getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann
nicht zu verraten und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese
Geschichte ein »gefundenes Fressen« wäre. Sie fügte sich also, obgleich
mit zornigem Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bücher in
die Hand nahm und so aufmerksam als möglich darin zu lesen suchte; auch
hörte sie seinen Reden und Vorträgen fleißig zu, nahm sich vor dem
Einschlafen in acht und stellte sich sogar, als ob ihr das Verständnis
für manches ausginge, weil sie glaubte, dadurch dem Unglück bälder zu
entrinnen. Heimlich aber vergoß sie bittere Tränen; sie schämte sich vor
sich selber in dieser törichten und schimpflichen Lage und schleuderte
die Bücher oft in eine Ecke oder trat sie unter die Füße. Denn der
Teufel ritt ihren Mann, daß er ihr alles in die Hand gab, was er von
langweiliger und herzloser Ziererei und Schöntuerei nur
zusammenschleppen konnte.

Anfänglich war er nicht übel zufrieden mit ihrer Fügsamkeit; als er aber
nach einigen Wochen bemerkte, daß sie immer noch keine begeisternde
Anregung von sich ausgehen ließ, sagte er eines Morgens: »Das führt uns
vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schöne
Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine längere Reise werde ich heute
antreten, da ich das Herbstgeschäft einleiten muß. Wohlan, wir werden
einen Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt
es, mein liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Fluß zu
bringen! Ich werde dir gleich von der nächsten Stadt aus den ersten
Brief schreiben; diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Daß du mir ja
nicht schreibst, das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest
mir neue Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrläppchen
zupfen, wenn ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner
Nachtmütze geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewußt, sondern darin
gefrühstückt, und was dergleichen Trivialitäten mehr sind, die du sonst
zu schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe
dich einmal! möchte ich beinahe sagen, das heißt kehre deine höhere
Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertönen, die in
dir schlafen müssen, so gewiß als in einem schönen Leibe eine schöne
Seele wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und
richte dich danach, mehr sag' ich nicht!«

Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, überraschte ihn Gritli
mit einem allerliebsten Handköfferchen aus buntem Korbgeflecht, in
welchem ein gebratenes Huhn, einige Brötchen, zwei Kristallfläschchen
mit altem Wein und Likör, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei
kleine Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt
waren. Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er
sich schon oft über den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den
endlosen Eisenbahnen erleiden müsse. Er nahm es, von seinen Ideen
eingenommen, zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und
streng: »Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab
und sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, daß von dieser letzten
Probe der Frieden und das Glück unserer Zukunft abhangen!«

Hiemit entfernte er sich und öffnete, eh' noch zwei Stunden vergangen
waren, das Körbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefährten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefügt, die Brötchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlüssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte
er lecker und fröhlich und zündete sich dann eine Zigarre an aus dem
reichen Täschchen, das ihm seine Frau gestickt.

Diese saß indessen nicht in der besten Gemütsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte
Herr Viggi Störteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der
Ferne zu quälen, und anstatt daß durch seine Abreise ein Alp von ihr
genommen wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte
sie nun in dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und daß
die ganze Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So
harrte sie denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und
nahm sich vor, wenn immer möglich, die Briefe ihres Mannes zu
beantworten nach ihren besten Kräften. Richtig erschien noch vor Ablauf
von sechzig Stunden folgender Brief:

     »Teuerste Freundin meiner Seele!

Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Gifttropfen fällt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab' ich's bedacht und hab' es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: -- Warum ist Trennung? --? -- Nur _eines_
weiß ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort
in die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als
Trennung, und wäre diese die Urverneinung selbst -- -- so lange dies
Herz schlägt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!!
Geliebte! fern von Dir umfängt mich Dunkelheit -- ich bin herzlich müde!
Einsam such' ich mein Lager -- -- schlaf' wohl! -- --«

Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:

»#P. S.# Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz
gehalten, daß der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen möge! Du
siehst, daß es sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt,
um den Begriff der Trennung. Äußere nun hierüber Deine Gefühle und füge
eine neue Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines
Herzens und Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf' ich zum
erstenmal in einem Bette seit meiner Abreise; wenn's nur keine Wanzen
hat! Der junge Müller an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat
mich um vierzig Franken angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und
ganz #en passant#, so daß ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da
ich weiß, daß seine Eltern noch eine Partie Ölsamen haben, so soll unser
Kommis gleich hingehen und den Ölsamen kaufen und auf Rechnung setzen.
Es muß aber gleich geschehen, ehe sie wissen, daß der Junge mir Geld
schuldig ist, sonst bekommen wir weder Ölsamen noch Geld.

#NB.# Wir wollen die geschäftlichen und häuslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.«

Mit diesem Briefe in der Hand saß sie nun da und las und wußte nichts
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch über die Grausamkeit oder
Nützlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht gezimmert,
so fehlte ihr für die neue Anregung, die sie hinzufügen sollte, jeder
Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den küssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurück, und darüber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Einträglichkeit einer Geschäftsreise
drehten, da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.

Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer größerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Gärtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grüne Hecke getrennt war, und
plötzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem höheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.

In dem Nachbarhäuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt, namens
Wilhelm, ein junger, für unklug oder beschränkt geltender Mensch, mit
etwas schwärmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah für sein Leben
gern die Frauen, war aber außerordentlich still und schüchtern und
durfte überdies seiner beschränkten und ärmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schönen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begnügte sich daher, die Schönheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es für sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er
eine Frau oder ein Mädchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte,
so wechselte er in aller Ehrbarkeit und wählte bald diese, bald jene zum
Ziel seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und
alles Schöne, was Kaffee trank und Strümpfe strickte oder auch müßig
ging, gehörte ihm. Dies doch einigermaßen leichtfertige Wesen
wissenschaftlich zu begründen oder zu beschönigen, war der gute Wilhelm
auch vom Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der
Kinderlehre vorsingen mußte, wo er immer aufs neue den Katechismus
erläutern hörte, einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert.
Alle Götter und Göttinnen der Mythologien, welche er gelesen, rief er
ins Leben zurück und bevölkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft;
je nach der Stimmung des Himmels, der über Seldwyla hing, war er
entweder Germane, Grieche oder Indier, und behandelte seine Weiber
heimlich nach der Art dieser Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu
graulich, sein Brot gar zu knapp und nirgends ein freundliches
Frauenauge zu erblicken war, blies er zuweilen alle diese Götter
auseinander und behauptete bei sich selbst, zu einem solchen Leben
brauche man gar keinen Gott.

Diesen jungen Schulmeister wählte sich die schöne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Daß er sie gern sah, wußte sie seit
einiger Zeit, und daß er ein ganz stiller und schüchterner Mensch war,
ebenso, weil er errötete und die Augen niederschlug, wenn er ihr
begegnete, und er schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein
Geheimnis zu verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres
Mannes ab und zwar dergestalt, daß sie einige Worte veränderte, oder
hinzusetzte, als ob eine Frau an einen Mann schreiben würde. Dann
faltete sie das Papier zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber
eine Adresse darauf zu setzen.

Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben seine
paar Blümchen begoß, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte
sie ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen
ganz seltsam sonnigen Blick hinüber schoß: Ob er schweigsam sein könne?
Diesmal vergaß er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewußt
vielmehr an, wie ein halbjähriges Kind, welchem man ein glänzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Gießkanne fallen ließ, mit den
Händen nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu führen,
wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen wissen.
Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf er
ernsthaft nickte. »So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hübsche und passende Antwort dafür hin! es handelt
sich um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben!« sagte sie,
steckte die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von
einer Schlange gebissen, sich auf ihrem Stübchen verbergend.

Wilhelm schaute ihr nach, wie einer, der eine Erscheinung sah; dann nahm
er den Brief sachte aus dem Weißdorn, machte einen Umweg, so groß ihn
das kleine Grüngärtchen erlaubte, und schlüpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Gärtchen lag. Dort las er hastig den
Brief, einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz übermächtig zu
schlagen anfing: »O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!«
Sogleich zerküßte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich
jedoch des Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich für
geliebt. Er sah sich um in seinem Stübchen. Dichte Winden mit blauen und
roten Blumen verhüllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die
Abendsonne hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, über
sein ärmliches Bett und seine drei oder vier Götterlehren und das
Schreibzeug. Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemüt durchblitzte,
war der liebe Gott, und zwar der alleinige und christlich anständige.
»Versteht sich!« rief er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand,
wie eine Depesche, »versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich,
natürlich!« Und er fühlte sich ganz glückseliglich, daß er auf so
angenehme Weise seinen Frieden mit dem Schöpfer schließen konnte, der
die schönen Frauen geschaffen. Aber aufs neue stutzte er. »Was Teufel
tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! -- Aber halt! das ist ihre
Sache! Was sie befiehlt, das tu' ich! Will sie's, so sprech' ich nie ein
Wort zu ihr, verlangt sie's, so kriech' ich mit ihr in die Erde hinein,
und begehrt sie's, so tue ich's allein!« Nun setzte er sich auf das Bett
und ergab sich einem entzückten Träumen; endlich überlas er in der
späten Dämmerung nochmals das Briefchen; es schien ihm doch etwas kurios
und töricht geschrieben zu sein. »Ach!« sagte er lächelnd vor sich hin,
»auch bei einem geschenkten Herzen heißt es: dem geschenkten Gaul sieh
nicht ins Maul! Ich will die Antwort in ihrer Weise schreiben, da sie es
so liebt und versteht!«

Also zündete er ein Lichtstümpfchen an, suchte ein Blatt Papier hervor
und schrieb darauf eine Antwort auf Viggis Brief, wie sie dieser nur
wünschen konnte, nicht ohne Geist, aber dazu noch mit aller herzlichen
Glut durchwärmt, welche er in diesem Augenblicke empfand. Er faltete das
Blatt zusammen und trug es hinaus in die Hecke. Sodann ging er zurück
und zu seiner Wirtin, um seine Abendsuppe zu essen; aber siehe da! er
war ganz erstaunt, daß er nur wenige Löffel hinunter brachte, so
gesättigt fühlte er sich von allen guten Dingen, während er sonst bei
seinen geträumten Liebesverhältnissen allzeit die größte Eßlust
empfunden hatte. Darum legte er sich ungesäumt zu Bett und war nur
begierig, ob er auch von seiner Geliebten träumen würde; denn ohne das
schienen ihm die langen Stunden des Schlafes ein unverantwortlicher
Zeit- und Sachverlust zu sein. Kaum lag er im Bette, so fing er, seit
geraumer Zeit zum ersten Male, ganz von selbst an zu beten und begann
dem lieben Herrgott inniglich und angelegentlich zu danken für die gute
Gabe einer Liebsten, die er so unerwartet gewonnen; aber mitten im Gebet
brach er kleinlaut ab, da ihm einfiel, daß der Handel doch nicht ganz
zum Beten eingerichtet sei, und er bedauerte fast, daß er so
unvorsichtig den christlichen Gott seiner Kindheit wieder eingesetzt
hatte, der nicht so lustig mit sich umspringen ließ, wie die
Alphabetgötter aus seinen Wörterbüchern. Und doch war es ein schönes
Leben, was ihn beseelte; denn in den schlimmsten Tagen hatte er nie um
ein Stück Brot gebetet. So dachte er denn auch, gewissermaßen
hinterrücks, an die schöne Frau, bis der Morgen anbrach und er fest
einschlief. Da hatte er einen Traum. Ihm träumte, er sitze und mahle ein
Pfund duftig gerösteten Kaffee, und die Kaffeemühle spielte eine süße
himmlisch klingende Musik, daß ihm ganz selig zu Mute ward, und doch
träumte er nicht von Frau Gritli.

Diese hatte inzwischen seinen Brief richtig gesucht und gefunden und
noch während der Nacht abgeschrieben mit den nötigen Veränderungen.
Hierbei begegneten ihr zwei Dinge; erstens klopfte ihr das Herz ziemlich
bang und ungestüm, als sie gar wohl die Wärme fühlte, welche in
Wilhelms Worten glühte, und sie dieselben so bedächtig abschrieb;
zweitens aber fiel es ihr diesmal im Traume nicht ein, in der befohlenen
geschäftlichen Nachschrift oder auch im Briefe selbst eine jener muntern
Redensarten von Zupfen am Ohrläppchen oder von der Nachtmütze einfließen
zu lassen, und das Verbot ihres Mannes erwies sich als ganz überflüssig.
Aber auf beide Dinge gab sie nicht weiter acht, da die Sorge, ihren Mann
zufrieden zu stellen, sie zu sehr beschäftigte. Ihre Nachschrift aber
lautete: »Unser Schreiber ist heute gleich zu Müllers an der Burggasse
gegangen und hat den Ölsamen gekauft; aber kaum zwei Minuten nachher,
noch ehe wir ihn herbringen konnten, ließen sie für den Betrag hundert
blaue Wetzsteine holen. Derweil müssen sie die Nachricht von ihrem Sohne
bekommen haben, daß er von Dir vierzig Franken entlehnt; denn als man
hierauf den Ölsamen holen wollte, ließen sie sich entschuldigen, die
Frau habe ohne Wissen des Mannes denselben schon vor zwei Tagen an einen
Bauer verhandelt. So haben sie nun die vierzig Franken und die
Wetzsteine dazu. Gebe Gott, daß Dir mein Brief nicht gänzlich mißfallen
möge; er hat mich ziemlich Anstrengung gekostet, jedoch nicht allzu
große, und ich merke, daß das Ding schon gehen kann.«

Mit der ersten Post versandte sie den Brief und erhielt schon nach zwei
Tagen eine Antwort von vier Seiten mit folgendem Beizettel: »Hier wäre
der zweite Brief von mir, liebe Frau! Ich bin ordentlich stolz darauf,
daß ich nun endlich das richtige Verfahren eingeschlagen; denn, ohne
Schmeichelei, Du hast Dich vortrefflich gehalten! Aber nun nicht locker
gelassen! Du siehst, daß ich schon tüchtig ins Zeug mit Dir gehe und
vier Seiten mit lauter energischen Gedanken und Bildern angefüllt habe.
Ich sage abermals nichts weiter, als: mach' Dich dahinter! Die Müllers
soll der Teufel holen, wenn ich nach Hause komme! Es hat mich gekränkt,
was sie taten, und mir einen schönen Tag verbittert, wo ich die
interessantesten Bekanntschaften gemacht! Ich habe vergessen, den ersten
Brief zu unterzeichnen, schreibe doch darunter, aber genau: Kurt v. W.
Oder laß es lieber bleiben, ich werde doch die ganze Sammlung nachher
durchgehen.«

Während der letzten zwei Tage hatte Gritli sich die Sache ernstlicher
überlegt und beschlossen, mit Wilhelm abzubrechen. Sie wollte ihm noch
zur rechten Zeit sagen, daß es sich um einen Scherz gehandelt habe, den
sie ihm auf irgend eine Weise schon noch zu erklären gedenke; auch hatte
sie durch das Abschreiben der beiden Briefe etwas Mut geschöpft und
hoffte, am Ende allein zurechtzukommen. Als sie aber das neue
Geschreibsel in Händen hielt, ward es ihr rot und blau vor den Augen,
und wenn sie bedachte, daß das nun fortschreitend immer toller werde, so
gab sie jede Hoffnung auf und beeilte sich in ihrer erneuten Angst, die
vier Seiten nur wieder abzuschreiben und an den bewußten Ort zu tun.

Wilhelm, welcher zwei schlimme Tage zugebracht hatte, weil er von seiner
Dame nichts hörte oder sah, stürzte sich wie ein Habicht auf die Beute
und stellte in weniger als einer Stunde eine Antwort her, welche an
Schwung und Zärtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich ließ. Als
Gritli dies abschrieb, fühlte sie sich tief bewegt und es fielen ihr
sogar einige Tränen auf das Papier, denn dergleichen hatte ihr noch
niemand gesagt. Fast wollte es sie bedünken, wenn sie an einen Menschen
wie Wilhelm zu schreiben hätte, so würde ihr das Werk leichter, aber an
Viggi? sie gab nun jeden Gedanken auf, den Briefwechsel allein zu führen
und ließ den Dingen ihren Lauf, auf ihre List vertrauend, welche in der
Not schon einen neuen Ausweg finden sollte. Diesmal fügte sie folgende
Nachschrift hinzu: »Neues weiß ich von hier nichts zu melden, als eine
kleine närrische Geschichte, welche ich nicht in den Hauptbrief zu
setzen wagte. Der arme Schorenhans an dem Tore, welcher, wie Du weißt,
mehr Witze macht als er Fleisch zu sehen kriegt, sollte jüngsten Sonntag
einen schweren Zins nach der Hauptstadt tragen. Weil er fast nichts
übrig behielt, um dort einzukehren und etwas zu genießen, so sagte er zu
seiner Frau: 'Ich werde mich früh um 4 Uhr auf die Beine machen und
streng laufen, denn es sind sieben Stunden, so werde ich bis zum
Mittagessen eintreffen und wohl einen Teller Suppe und vielleicht auch
ein Glas Wein vom Zinsherrn bekommen.' So tat er denn auch und lief mit
seinem Gelde wie besessen. Um 10 Uhr ungefähr verspürte er einen solchen
Hunger, daß er kaum glaubte, hinzugelangen, und fragte daher die Leute,
welche des Weges kamen, wie weit es noch sei? 'Wenn Ihr gut lauft,' hieß
es, 'so habt Ihr noch eine Stunde!' Und wann man denn dort Mittag esse?
fragte er noch ängstlich. 'Am Sonntag um 11 Uhr!' sagten die Leute. So
lief der arme Kerl aus allen Leibeskräften, denn es handelte sich um den
langen Rückweg und er trug nicht einen eigenen Batzen in der Tasche.
Endlich langte er an, als es eben 11 Uhr läutete, und drang atemlos
gleich hinter der anmeldenden Dienstmagd in die Stube, mit seinem
Geldsäckchen ein Geräusch erregend. Die Familie saß schon am Tische und
die Suppe wurde eben weggetragen. Etwas ungehalten über das Eindringen
sagte der Zinsherr: 'Gut, lieber Mann! setzt Euch nur dort auf die
Ofenbank und geduldet Euch eine Weile!' So setzte er sich erschöpft und
wehmütig auf die Bank und sah der Herrschaft zu, wie sie aß und trank,
und hörte die Kinder plaudern und lachen und roch den mächtigen Braten,
der jetzt herein gebracht wurde. Niemand gedachte seiner, bis zufällig
der Herr sich zu ihm wandte und sagte: 'Und was gibt es Neues bei Euch
draußen, guter Freund?'

'Nichts Apartes!' erwiderte der Schorenhans schnell besonnen, 'als daß
merkwürdigerweise diese Woche eine Sau dreizehn Ferkel geworfen hat!' Auf
diese Worte schlug die Zinsfrau erbarmungsvoll die Hände über dem Kopf
zusammen und rief: 'O du lieber Gott! Was machen sie doch aus deiner
Weltordnung! Ein Mutterschwein hat ja nur zwölf Zitzchen, wo soll denn das
dreizehnte Säulein saugen!' Schorenhans zuckte lächelnd die Achsel und
erwiderte: 'Es hat's eben wie ich, es muß zusehen!' Darüber lachte der
Hausherr und rief: 'Frau, laß dem Bauer einen Teller bringen, und gib ihm
zu essen von allem, was wir gehabt haben!' So geschah es, er bekam Suppe,
Braten und alles Gute und der Herr schenkte ihm von dem alten Weine in das
Glas und gab ihm ein gutes Trinkgeld, als er fortging. Ich teile dir,
lieber Mann! diesen Spaß nur deswegen mit, weil mir etwas dabei eingefallen
ist. Ich wünschte nämlich, da du so viele Verbindungen hast, daß du die
kleine Geschichte als einen artigen Beitrag für eines deiner
Unterhaltungsblätter abfassen oder aufsetzen und ein bißchen ausschmücken
möchtest, bis sie beträchtlich genug ist. Dann würdest du, indem du ja den
Zweck angeben könntest, ein kleines Honorar, etwa zehn Franken, dafür
verlangen, und diese gäben wir dem Schorenhans, der gewiß eine komische
Freude hätte über diesen unverhofften Ertrag seines Einfalls!«

Auf diesen Brief erfolgte von Viggis Seiten ein noch größerer mit
folgender Beilage: »Die Sache geht gut, liebes Gritli! Wir können nun
keck ausschreiten und wollen uns täglich schreiben, hörst Du, täglich!
Vielleicht in einiger Zeit zweimal des Tages, um die Dauer meiner
Abwesenheit gut zu benutzen und eine ansehnliche Sammlung zu stande zu
bringen. Ich denke auch schon auf einen idealen Namen für Dich; denn
Deinen prosaischen Hausnamen können wir hier nicht brauchen. Wie gefällt
Dir Isidora oder Alwine? Mit Deiner Geschichte vom Schorenhans hast Du
nichts erreicht, als daß sie mir die doppelte Brieftaxe verursachte;
denn erstens ist aus diesem albernen Witze nichts zu machen, und wenn es
wäre, so kannst Du doch nicht verlangen, daß ich meine Muse mit
dergleichen kleinlichen Angelegenheiten beschäftige! Für eine
öffentliche wohltätige Unternehmung ließe sich das eher hören; ich bin
auch schon bei einigen solchen ehrenvollen Missionen engagiert. Wenn Du
jedoch den Leuten ein paar Franken aus der Tasche magst zukommen lassen,
so habe ich nichts dagegen; denn ich möchte Deinem mildtätigen Sinne
nicht gerade hinderlich sein. Ich wünschte, daß Du Dich für den Namen
Alwine entscheidest.«

Nun ging also die seltsame Briefpost tagtäglich und nach einiger Zeit in
der Tat zweimal des Tages. Gritli hatte nun alle Tage vier lange Briefe
abzuschreiben, weshalb ihre feinen rosigen Finger fast immer mit Tinte
befleckt waren. Sie seufzte reichlich bei diesem ungewohnten Tun, mußte
bald lachen, bald weinen über die Einfälle und Mitteilungen der beiden
Briefsteller, die durch ihre Hand gingen, und sie unterschrieb die
Briefe an Viggi mit Alwine, diejenigen an Wilhelm mit Gritli, wobei sie
dachte: der ist wenigstens zufrieden mit meinem armen Namen! Seit
einiger Zeit hatte sie bemerkt, daß Wilhelm nicht zum besten mit Papier
versehen war, indem er immer andere Farben und Abschnitzel verwandte.
Sie kaufte daher ein Paket schönes Briefpapier und legte es ihm hin mit
der Anweisung: »Es muß jetzt täglich zweimal geschrieben werden! Fragt
nicht warum, kennt mich nicht, seht nicht nach mir! Das Geheimnis wird
sich aufklären!«

Sie rechnete fest auf seine Gutherzigkeit, Einfalt und stille
Ergebenheit, welche, wenn auch eines Tages enttäuscht, dennoch das
Geheimnis bewahren würde, froh darüber, ein solches zu besitzen. So ging
denn der Verkehr wie besessen, und an drei Orten häufte sich ein Stoß
gewaltiger Liebesbriefe an. Viggi sammelte die vermeintlichen Briefe
seiner Frau sorgfältig auf, Gritli verwahrte die Originale von beiden
Seiten und Wilhelm bewahrte Gritlis feine Abschriften in einer dicken
Brieftasche auf seiner Brust, während er sich um seine eigenen
Erzeugnisse nicht mehr kümmerte.

In einer Nachschrift bemerkte Viggi: »Ich habe mit Vergnügen gesehen,
daß Spuren von vergossenen Tränen zwischen Deinen Zeilen zu sehen sind
(wenn Du nicht etwa einen Schnupfen hattest!). Aber gleichviel, ich
trage mich jetzt mit dem Gedanken, ob solche Tränen zwischen den Zeilen
bei einer allfälligen Herausgabe im Druck nicht durch einen zarten
Tondruck könnten angedeutet werden? Freilich, fällt mir ein, müßte dann
wohl die ganze Sammlung faksimiliert werden, was sich indessen überlegen
läßt.« Wilhelm schrieb dagegen in einem Briefe: »O liebes Herz, es ist
doch traurig, so unerbittlich getrennt zu sein und immer mit der
schwarzen Tinte zu sprechen, wo man das rote Blut möchte reden lassen!
Ich habe heute schon zweimal einen frischen Bogen nehmen müssen, weil
mir Tränen darauf gefallen sind, und soeben konnte ich einen dritten nur
dadurch retten, daß ich schnell die Hand darauf legte. Wenn Du mich nur
ein wenig liebst, so verachtest Du mich nicht wegen dieser
Schwachheit!«

Solche Stellen, welche sie nach ihrer Meinung besonders angingen, merzte
sie sorgfältig aus in der Abschrift; dafür verwechselte sie manchmal die
hochtrabenden Anreden: »Teurer Freund meiner Seele!« und dergleichen in
den Sendungen an Wilhelm mit vertraulichen Benennungen, wie »mein liebes
Männchen« oder »mein gutes Kind«, was sie dann wieder in Reu' und Sorgen
setzte, während sie die großen, hohlen Worte in den Briefen an den Mann
großartig stehen ließ. Kurz, sie wünschte endlich sehnlich die Heimkehr
ihres Eheherrn, damit alle Gefährde ein Ende nehmen und zum Schluß
gebracht werden möchte. Da schrieb er unversehens, seine Geschäfte jeder
Art seien nun zu Ende. Allein der Briefwechsel sei nun in einen so
glücklichen Zug geraten, daß er noch vierzehn Tage fortbleiben wolle,
damit diese Angelegenheit, an welcher ihm sehr viel liege, recht
ausgebildet und zur glücklichen Vollendung geführt werden könne. Er
werde sich diese zwei Wochen noch ausschließlich damit beschäftigen und
ermahne auch sie, getreulich auszuhalten und das Ziel, welches ihr auf
immer eine Stelle in den Reihen ausgezeichneter Frauen sichere, bis ans
Ende zu verfolgen.

Daher wurde aufs neue geschrieben und geschrieben, daß die Federn flogen.
Gritli wurde bleich und angegriffen, denn sie mußte schreiben wie ein
Kanzlist; und der Schulmeister magerte ganz ab und wußte nicht mehr wo ihm
der Kopf stand, da er dazu noch in voller Leidenschaftlichkeit schrieb und
nicht mehr aus alledem klug wurde. Gritli wagte nicht mehr sich im Garten
aufzuhalten, um ihn nicht zu sehen, und wenn sie ihn auf der Straße etwa
traf, wagte er seinerseits nicht sie anzusehen, wie wenn er der Übeltäter
wäre.

Viggi indessen, so viel er auch schrieb, ließ sich wohl sein und lebte
in allen Stücken wie ein echter Weltfahrer, da er überhaupt gewohnt war,
nach der Art mancher Leute, seine Geschäftsreisen als Ausnahmezustand zu
betrachten und sich von aller häuslichen Ordnung zu erholen. Jeden Abend
führte er eine andere Schöne ins Theater oder auf die öffentlichen
Bälle, wobei er die Sucht hatte, sich von jeder die Geschichte ihres
Schicksals erzählen und tüchtig anlügen zu lassen. Gegen das Ende wurde
er dann regelmäßig gefühlvoll, fand alles höchst bedeutsam, fing an zu
notieren und wurde hinter dem Rücken verspottet, während man seinen
Champagner trank. Zuletzt jedoch begab er sich auf den Heimweg, nachdem
er noch Gelegenheit gefunden, einen guten Handel in Strohwaren
abzuschließen.

Auf der letzten Station stieg er aus; da es ein schöner Herbsttag war,
wollte er zu Fuß Seldwyla erreichen, das Notizbüchlein in der Hand, um
eine »Wanderers Heimkehr« zu studieren und in der goldenen Abendluft
einen recht famosen Titel für den Briefwechsel auszudenken. Er war
zufrieden mit sich, mit der Welt, mit seiner Frau, mit dem Himmel, und
trug ein höchst wunderbares Hütchen auf dem Kopf, halb von Stroh, halb
von Seide, dessen Band ihm auf den Rücken fiel. »Im Grunde,« sagte er,
»braucht es da keinen besonders künstlichen Titel! Das Einfachste wird
das Beste sein, etwa die beiden Namen zusammengezogen, gibt ein famos
klingendes Wort: Kurtalwino, Briefe zweier Zeitgenossen! Das ist gut,
ganz gut!« Und übermütig froh fing er in dem Gehölz, durch das er ging,
plötzlich an zu singen in der Melodie des Rinaldiniliedes: Kurtalwino,
rief sie schmeichelnd, Kurtalwino wache auf! Deine Leute sind schon
munter, längst ging schon die Sonne auf und so fort. Mit diesem
verrückten Gesange weckte er einen schlanken jungen Mann auf, welcher
unter einer Tanne saß und den Kopf auf die Hand gestützt in tiefen
Gedanken in das Tal schaute. Es war Wilhelm, welcher sich auf den ersten
Ton von Herrn Störtelers Gesang erhob und davoneilte. Dafür setzte sich
dieser an seinen Platz, als er eine dicke Brieftasche dort liegen sah,
die jener offenbar vergessen. »Was hat,« sagte er, »dieser
Hungerschlucker im Freien zu tun, anstatt seine Schulhefte zu mustern?
Was Kuckucks hat er hier für ein Archiv bei sich gehabt?« Und ohne
weiteres öffnete er das Bündel und fand die Unzahl Briefe Gritlis,
welche, obschon auf feines Postpapier geschrieben, doch kaum
zusammenzuhalten waren. Er machte sogleich den ersten auf; denn, dachte
er, wer weiß, welch interessantes Geheimnis, welche gute Studie hier zu
erbeuten ist!

Der Brief fing an »wenn sich zwei Sterne küssen« und so fort. Er besah
die Handschrift genauer, es war die seiner Frau. Er tat den zweiten
Brief auf, den dritten, es waren seine Briefe, er fing von hinten an und
stieß genau auf den letzten, welchen er geschrieben, alle waren zierlich
abgeschrieben und an den Schulmeister adressiert. Er sprang in die Höhe
und rief: »Was Kreuz Millionenhagel ist denn das? Bin ich konfus oder
nicht?«

Einige Minuten stand er wie verstört; dann stieß er die Brieftasche mit
den Papieren kunterbunt in das Reisetäschchen, das er umgehängt hatte,
schwang seinen Stab, drückte sein Hütchen in die Augen, daß das arme
Ding knitterte und sich verbog, und schritt gestrengen Schrittes
vollends heimwärts. Auf dem Weg lief der Schulmeister ängstlich und
hastig an ihm vorüber wieder zurück, offenbar seine Briefe zu suchen.
Viggi tat als sähe er ihn nicht und ging vorwärts.

Als er durch die Stadt zog, waren die Seldwyler verwundert über seine
starre Haltung und daß er niemand grüßte. Viggi Störteler ist zurück!
hieß es: jeder Zoll ein Mann! Potz Tausend, da geht er hin! Er aber
drang unaufhaltsam vor und in sein Haus. Dort sah er die Kellertür offen
stehen, ging hinein und sah sein Weib einige Äpfel auswählen, das Licht
in der Hand. Unversehens trat er vor sie hin, daß sie leicht erschrak
und noch etwas blasser wurde. Er bemerkte dies und betrachtete sie einen
Augenblick, sie sah ihn auch an und keines sagte ein Wort. Plötzlich
nahm er ihr das Licht aus der Hand, riß ihr den Schlüsselbund von der
Seite, ging hinaus, schloß die Kellertür zu und steckte den Schlüssel zu
sich. Darauf ging er in die Wohnstube hinauf, wo ihr Schreibtischchen
stand, ein zerbrechliches kleines Ziermöbel, ihr einst zum Namenstage
geschenkt und nicht geeignet gefährliche Geheimnisse zu beherbergen.
Daher brauchte er auch den Schlüsselbund nicht und die Behältnisse
öffneten sich von selbst, wie man sie nur recht berührte. In einem
Schubkästchen fand er denn auch seine eigenen Briefe und zu seinem neuen
Erstaunen im andern die Originale zu den Briefen seiner Frau, von
fremder Hand, ja mit der Unterschrift des Schulmeisters. Er besah einen
nach dem andern, machte sie auf und wieder zu und wieder auf und warf
alle auf einen runden Tisch, der im Zimmer stand. Dann zog er auch die
Briefe aus seiner Reisetasche hervor, beschaute sie auch nochmals und
warf sie ebenfalls auf den Tisch; es gab einen ganz artigen Haufen.

Dann ging er mit halb irrem Blick um den Tisch herum, hier und da mit
seinem Stock auf die Papiermasse schlagend, daß die Briefe emporflogen.
Endlich erschnappte er etwas Luft und sagte: »Kurtalwino! Kurtalwino;
fahre wohl, du schöner Traum!«

Als er noch einige Mal um den Tisch herumgegangen, stand er still,
reckte den Arm mit dem Stocke aus und fuhr fort: »Eine Buhlerin mit
glattem Gesicht und hohlem Kopfe, zu dumm, ihre Schande in Worte zu
setzen, zu unwissend, um den Buhlen mit dem kleinsten Liebesbrieflein
kitzeln zu können, und doch schlau genug zum himmelschreiendsten Betrug,
den die Sonne je gesehen! Sie nimmt die treuen, ehrlichen Ergüsse, die
Briefe des Gatten, verrenkt das Geschlecht und verdreht die Namen und
traktiert damit, prunkend mit gestohlenen Federn, den betörten Genossen
ihrer Sünde! So entlockt sie ihm ähnliche Ergüsse, die in sündiger Glut
brennen, schwelgt darin, ihre Armut zehrt wie ein Vampyr am fremden
Reichtum; doch nicht genug! Sie dreht dem Geschlechte abermals das
Genick um, verwechselt abermals die Namen und betrügt mit tückischer
Seele den arglosen Gemahl mit den neuen erschlichenen Liebesbriefen, das
hohle und doch so verschmitzte Haupt abermals mit fremden Federn
schmückend! So äffen sich zwei unbekannte Männer, der echte Gatte und
der verführte Buhle, in der Luft fechtend, mit ihrem niedergeschriebenen
Herzblut; einer übertrifft den andern und wird wiederum überboten an
Kraft und Leidenschaft; jeder wähnt sich an ein holdes Weib zu richten,
während die unwissende, aber lüsterne Teufelin unsichtbar in der Mitte
sitzt und ihr höllisches Spiel treibt! O ich begreife es ganz, aber ich
fasse es nicht! -- Wer jetzt als ein Fremder, Unbeteiligter diese schöne
Geschichte betrachten könnte, wahrhaftig, ich glaube, er könnte sagen,
er habe einen guten Stoff gefunden für --«

Hier brach er ab und schüttelte sich, da eine Ahnung in ihm aufging, daß
er nun selbst der Gegenstand einer förmlichen Geschichte geworden sei,
und das wollte er nicht, er wollte ein ruhiges und unangefochtenes Leben
führen. -- »Wo ist meine Ruhe, meine Fröhlichkeit,« sagte er, »nur
bewegt von leichten Geschäftssorgen, die ich spielend beherrschte? Dies
Weib zerstört mir das Leben, nach wie vor; ich hielt sie für eine Gans;
sie ist auch eine, aber eine Gans mit Geierkrallen!«

Er lachte und rief: »Eine Gans mit Geierkrallen! das ist gut gesagt!
Warum fallen mir dergleichen Dinge nicht ein, wenn ich schreibe? Ich
werde noch verrückt, es muß ein Ende nehmen!«

Damit ging er hinaus, schloß das Zimmer ab und begab sich aus dem Hause.
Auf der Treppe stieß er das Dienstmädchen zur Seite, welches verwundert
und ratlos die Herrschaft suchte.

Voll von Ärger und Kummer über die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe
ging er durch die dunkeln Straßen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe
seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens aß
er ein großes Stück trefflicher Lachsforelle aus der Rathausstube, wohin
er sich begab und wo die Angesehenen den Samstagabend zuzubringen und
die Nacht durchzuzechen pflegten. Dort saß er einsilbig und verwirrt,
oder er mischte sich hastig mit fremden Gegenständen ins Gespräch, und
beides zog ihm bald Sticheleien zu, da er eine ungewohnte Erscheinung
war und die Gesellschaft störte. Er trug immer noch sein neuestes
Modehütchen auf dem Kopfe, welches den Herren nicht genehm war. Denn
wenn sie auch jede Mode, sobald sie im Zuge war, alsobald mitmachten, so
konnten sie die verfrühten Erstlinge derselben nie leiden und hüteten
sich überhaupt vor dem Allzuzierlichen und Närrischen. Nun hatte jüngst
einer von Paris den Witz heimgebracht, den hohen runden Männerhut
Hornbüchse (#boîte à cornes#) zu nennen, welchen Ausdruck sie mit
Jubel aufgriffen. Seither sagten sie statt Deckel, Angströhre, Ofenrohr,
Schlosser, Läusepfanne, Grützmaß #noli me tangere#, Kübel, Witzschale,
Filz und dergleichen für jede Art Hut nur Hornbüchse, und sie benannten
Viggis Kopfbedeckung demgemäß ein artiges Hornbüchschen und meinten,
seine Hörnchen müßten noch ganz jung, zart und klein sein, ansonst er
eine festere Büchse brauchte. Er glaubte, sein Unglück sei also
stadtbekannt und sie zielten schnurstracks auf das, was ihn dermal
bewege; er spitzte die Ohren, stichelte wieder, um sie zu mehrerem
Schwatzen zu verleiten, und hielt mehrere Stunden einen peinlichen Krieg
aus, ganz allein gegen die ganze Ratsstube, ohne daß etwas Mehreres
herauskam, als daß er sich im Zorne betrank und höchst unglückselig
wurde. Als er kein anderes Ziel erreichte, gab er ihnen endlich klar zu
verstehen, daß er sie samt und sonders für Lumpenkerle halte, worauf sie
ihn, nun selber höchlich aufgebracht, hinausfuhrwerkten. Er rückte sich
sein armes mißhandeltes Hütchen zurecht und torkelte bitterlich weinend
nach seinem Hause, legte sich zu Bett und schlief wie ein Murmeltier,
bis es zur Kirche läutete, und er würde noch lange geschlafen haben,
wenn ihn nicht Knecht und Magd geweckt hätten mit der Frage und Klage
nach der Hausfrau. Da stellten sich ihm alle Erfahrungen des letzten
Tages plötzlich dar, verzerrt und vergrößert durch die Verwirrung seines
Kopfes; in fürchterlichem Zorn und mit wilden Gebärden raffte er sich
auf, rieb sich aber dann die Stirn und besann sich, bis ihm der
Kellerschlüssel einfiel. Es war ihm zu Mut, als ob er seine Frau schon
seit Wochen eingesperrt hätte, so sehr war er aus dem Häuschen; aber das
dünkte ihn nur desto wichtiger und großartiger, und er eilte mit
rollenden Augen, das Gericht zu Ende zu bringen. Er öffnete den Keller,
in welchem Gritli totenblaß und erfroren auf einem alten Schemel saß.
Sie hatte sich bisher ruhig und still verhalten in der Hoffnung, der
Mann werde ohne Zeugen kommen und aufmachen, und sie könne alsdann mit
ihm reden; denn bei seinem ersten unerwarteten Anblicke hatte sie
gefühlt, daß er ihres Mißgriffs mit den Briefen bereits inne geworden,
ohne daß sie erraten konnte, auf welchem Wege. Wie sie seiner daher nun
ansichtig wurde, stand sie auf, ergriff seine Hand und wollte ihn
beschwören, nur einige Minuten zuzuhören; doch da sie sah, daß die
Dienstboten hinter ihm standen, konnte sie nichts sagen, und überdies
nahm er sie sofort beim Arme und führte sie unsanft mit den Worten auf
die Gasse hinaus: »Hiermit verstoße und verjage ich dich,
verbrecherisches Weib! und nie mehr wirst du diese Schwelle betreten!«

Worauf er die Haustür zuschlug und seine Leute barsch an ihre Geschäfte
wies.

Hierauf begab er sich, da seine Munterkeit bereits erschöpft war, wieder
ins Bett und schlief abermals wie ein Ratz bis in den Nachmittag hinein.

Vor dem Hause hatte sich schon seit einer Stunde ein Häufchen
Nachbarweiber gesammelt, welche die Ausgestoßene neugierig umgaben und
mit Lamentieren auf jedem Schritte begleiteten. Sie glaubte vor
Erschöpfung, Scham und Verwirrung in die Erde zu sinken, wagte nicht
aufzusehen und wandte sich unschlüssig bald auf diese, bald auf jene
Seite; denn sie hatte keine Eltern oder Verwandte mehr zu Seldwyla,
ausgenommen eine alte Base, welche ihr endlich einfiel. Sie schlug den
Weg nach der Wohnung derselben ein und erreichte sie, ohne die vielen
Kirchgänger zu sehen, durch welche sie hindurch mußte; es herrschte bei
einem Teil der Einwohner gerade wieder eine stärkere religiöse Strömung,
welche jedoch nicht hinderte, daß nicht einige vom Wege zum Tempel
Gottes abschweiften und mit dem Kirchenbuche in der Hand der irrenden
Frau nachliefen.

Gritli wurde übrigens von der Alten gut und sorglich aufgenommen.
Nachdem sie sich etwas erholt, fing sie heftig an zu schluchzen, und als
auch dies vorüber war, schwur sie, nie mehr in das Haus Viggi Störtelers
zurückzukehren, und die Base, schnell beraten, ließ noch am gleichen
Tage Gritlis notwendigste Sachen bei ihm abholen.

Als er endlich ausgeschlafen hatte, fühlte er einen gewaltigen Hunger
und wollte sich stracks zu Tisch setzen; doch die ratlose Magd hielt
nichts bereit und statt mit dem Essen war der Tisch noch mit dem
Briefwechsel zweier Zeitgenossen gedeckt. Er tobte aufs neue, befahl
sogleich zu kochen, was das Haus vermöchte, und verschloß die Briefe bis
auf weiteres in sein Pult. Nachdem er gegessen, war er endlich etwas
beruhigt und begann seiner Einsamkeit inne zu werden, und erst jetzt
wurde es ihm unheimlich; denn nach den Vorfällen der letzten Nacht
konnte er nicht einmal Zuflucht in der Gesellschaft seiner Mitbürger
suchen. Als vollends eine Person kam und er das lieblich duftende Zeug
seiner Frau aus den Schränken herausgeben mußte, liefen ihm die Augen
über, und er wünschte beinahe, daß sie noch da wäre, und überlegte, ob
sich die Übeltat nicht vielleicht verzeihen ließe nach genauerer
Prüfung.

Er wartete daher zwei Tage, ob sie nichts von sich hören ließe, und als
sie das nicht tat, begab er sich zum Stadtpfarrer, um die Scheidung
anhängig zu machen. Über den Versöhnungsversuchen, welche der
geistlichen Behörde oblagen, dachte er, werde sich das Ding vielleicht
aufklären. Er war aber sehr verwundert, als er vernahm, daß Gritli in
gleicher Sache soeben dagewesen sei, und als ihm der Pfarrer bereits
mitteilen konnte, wie es mit den Briefen zugegangen sei, wie Gritli
ihren Fehlgriff einsehe, denselben aber für abgebüßt halte und wegen
des Überschusses an Strafe und sonstiger unvernünftiger Behandlung sich
von ihm zu trennen wünsche.

Er hielt diese Erzählung für Flausen und gedachte die Sünderin schon noch
herumzubringen, ließ also der Sache ihren Lauf. Als er nach Hause kam, fand
er einen Brief vor von einer Dame namens Kätter Ambach. Es war dies ein
Fräulein von sechs- bis achtunddreißig Jahren, welche seit ihrem
vierzehnten Jahre auf allen Liebhaberbühnen zu Seldwyla, so oft deren
errichtet worden, die erste Liebhaberin gespielt hatte, und zwar nicht
wegen ihrer schönen Gestalt, sondern wegen ihres höhern Geistes und ihrer
kecken Vordringlichkeit. Denn was ihre Gestalt betraf, so besaß sie einen
sehr langen hohen Rumpf, der auf zwei der allerkürzesten Beinen einherging,
so daß ihre Taille nur um ein Drittel der ganzen Gestalt über der Erde
schwebte. Ferner hatte sie einen unverhältnismäßigen Unterkiefer, mit
welchem sie beträchtliche Gaben von Fleisch und Brot zermalmen konnte, der
aber ihr Gesicht zum größten Teile in Kinn verwandelte, so daß dieses wie
ein ungeheurer Sockel aussah, auf welchem ein ganz kleines Häuschen ruhte
mit einer engen Kuppel und einem winzigen Erkerlein, nämlich der Nase,
welche sich vor der vorherrschenden Kinnmasse wie zerschmettert zurückzog.
Auf jeder Seite des Gesichts hing eine lange einzelne Locke weit herunter,
während am Hinterhaupte ein dünnes Rattenschwänzchen sich ringelte und mit
seiner äußersten Spitze stets dem Kamme und der Nadel zu entfliehen
trachtete. Denn steckte man eine Nadel hindurch, so ging es auseinander und
spaltete sich in eine Schlangenzunge, und zwischen den engsten Kammzähnen
schlüpfte es hindurch, hast du nicht gesehen!

Was ihren Geist betrifft, so war er, wie schon gesagt, ein höherer, was
man alsobald aus ihrem Schreiben ersehen wird, welches Viggi zu Hause
fand:

     »Edler Mann!

Es gibt Lagen, welche uns die Rücksichten der beschränkten Alltagswelt
vergessen lassen und selbst dem zarteren Weibe den Mut geben, ja die
Pflicht auferlegen, aus sich herauszutreten und seine edelste Teilnahme
offen dahin zu wenden, wo verkannte und mißhandelte Männergröße sich in
unverdienten Leiden verzehrt. In einer solchen Lage scheine ich
Endesunterzogene mich zu befinden, und über alle kleinlichen Bedenken
erhaben durch meine Weltkenntnis wie durch meine Bildung, wage ich es
daher, mich in der edelsten Absicht Ihnen zu nähern, geehrter Herr! und
Ihnen freimütig diejenigen Dienste anzubieten, welche Ihr Unglück
vielleicht hindern können! Längst habe ich die Blüten Ihres
Geisteslebens im stillen bewundert und umso inniger in mich aufgenommen,
als ich darüber trauerte, daß ein Mann wie Sie so unverstanden und
einsam in dieser barbarischen Gegend bleiben muß. Umso vertrauter und
glücklicher, dachte ich, muß er im Allerheiligsten seiner Häuslichkeit,
an der Seite einer seelenvollen Gattin sich fühlen! Nun steht auch Ihr
Haus verödet, eine peinliche Kunde durchschweift unsere Stadt --
verzeihen Sie, wenn ich hier den Schleier edler Weiblichkeit vorziehe!
Um es kurz zu sagen: sollten Sie in ihrer jetzigen Verlassenheit der
Teilnahme eines mitfühlenden Herzens, des ordnenden Rates und der Tat
einer sorglichen weiblichen Hand irgendwie bedürfen, so würde ich Sie
bitten, mir die Freude zu machen und ganz ungeniert über meine Zeit und
meine Kräfte zu verfügen; denn ich bin durchaus unabhängig in der
Verwendung meiner Muße und könnte täglich leicht das ein und andere
Stündchen ihren Angelegenheiten widmen. Gewiß, wenn auch Ihr starker
Geist keiner erleichternden Mitteilung bedarf, so ist dafür Ihr Haushalt
dann und wann der vorsorgenden Aufsicht umso bedürftiger; das weiß der
sichere Takt gebildeter Frauen noch besser, als der rohe Instinkt jener
platten Weiber es ahnt, und so werde ich mir es nicht nehmen lassen,
heute oder morgen persönlich an Ihrem verwaisten Herde zu erscheinen, um
Ihre etwaigen Wünsche und Bedürfnisse entgegenzunehmen. Sobald Ihre
Verhältnisse wieder glücklicher geordnet sind, werde ich mich mit der
edelsten Uneigennützigkeit sogleich zurückziehen in die geweihte Stille
meines Arbeitszimmers.

Genehmigen Sie die herzlichste Versicherung der aufrichtigsten
Hochachtung, womit ich mich zeichne

                    Ihre ergebenste Käthchen Ambach.«

Als Viggi diesen Brief gelesen, beschlich ihn eine sehr gemischte
Empfindung. Er war wie alle Welt gewohnt gewesen, über die Kätter zu
lachen, und hegte nicht die angenehmsten Vorstellungen von ihrem Äußern.
Und doch war es ihm, als ob er schon lange nur auf einen solchen Brief
gewartet habe, als ob hier eine Stimme aus einer besseren Welt sich
hören ließe, als ob hier ein verständnisvolles Gemüt sich vor ihm
enthülle. Indem er so darüber brütete, erschien Kätter selbst.

Sie trug ein Kleid von schwarzem Baumwollsammet, einen roten Schal und
ein rundes graues Hütchen mit einer Feder. Diese Erscheinung bestach ihn
plötzlich, und als sie nun ihm schweigend die Hand gab und ihn mit einem
wehmütig tröstenden Blick ansah, da vergaß er vollends, daß er jemals
über diese Person gelacht; vielmehr fand er sich sogleich trefflich in
die Weise hinein.

Die Unterredung, welche zwischen diesen beiden Geistern nun erfolgte,
ist nicht zu beschreiben; genug, als sie zu Ende war, fühlte Viggi sich
getröstet und durchaus für Kätter eingenommen. Am meisten hatte sie ihn
gerührt, als er ihr die Geschichte mit den Briefen erzählte und den
ganzen Haufen vorwies. Sie hatte kein Wort erwidert, sondern nur
geseufzt und einige stille Tränen vergossen, und zwar ziemlich
aufrichtig, weil sie bedachte, wie viel weiser und geschickter sie für
eine solch' glückliche Stellung eingerichtet gewesen wäre: denn sie
schrieb für ihr Leben gern Briefe.

Zum Schlusse stellte sie mit der Magd ein Verhör an, besichtigte die
Küche, gab einige überflüssige Anweisungen und stieg endlich, das Kleid
aufnehmend, mit großen Umständen und laut sprechend die geräumige Treppe
hinunter, welche ihr, verglichen mit ihrer Hühnerstiege zu Hause,
ausnehmend wohl gefiel. Der angehende Witwer begleitete sie bis auf die
Straße, und es fand ein gespreizter und ansehnlicher Abschied statt.

»Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Leut'!« sagte ein
Seldwyler, der eben vorbeiging und den stattlichen Auftritt besah.

Der Unglücklichste von allen war Wilhelm, der Schulmeister. Er hatte
sich halbwegs ein Herz gefaßt und gesucht, mit Frau Gritli zu sprechen;
allein es mißlang ihm gänzlich, da sie sich nirgends blicken und nichts
von sich hören ließ. Da schrieb er einen Brief an sie, in welchem er den
Hergang mit seiner Brieftasche erzählte und sie um Aufschluß bat, wie er
sich zu ihrem Besten zu verhalten habe? Weiter wagte er nichts mehr zu
schreiben, als daß er alles tun wolle, was sie für gut erachte. Diesen
Brief trug er mehrere Stunden weit auf die Post und erhielt darauf nur
wenige Zeilen zur Antwort, des Inhalts: Er solle sich ganz ruhig
verhalten, bis er gerichtlich befragt würde; dann solle er sagen, was
er wüßte, nicht mehr und nicht weniger, nämlich er habe auf ihren Wunsch
die Antworten auf die ihm mitgeteilten Briefe geschrieben.

So sich selbst überlassen, von allerlei Gerüchten gequält und in voller
Ungewißheit, was alles das zu bedeuten habe, getraute er sich nicht
einmal mehr vor seine Türe hinaus, um sein Gärtchen zu besorgen, und der
rüstige Briefsteller empfand nun eine nicht unverdiente Furcht vor
allem, was in dem Hause des Nachbar Viggi lebte und webte.

Während so die beschuldigten Sündersleute sich niemals sahen, lebten
Störteler und die Kätter bald im vertrautesten Umgange. Sie besuchte
täglich zweimal sein Haus und gab sich in der ganzen Stadt das Ansehen,
als ob sie aus reiner Aufopferung den Mann aus den traurigsten
Zuständen, wenigstens aus dem Gröbsten, erretten müßte. Dabei schilderte
sie, wo sie hinkam, die von Gritli hinterlassene Ordnung als die
schlimmste, kehrte auch richtig in Viggis Hause das Unterste zu oberst,
indem sie alle Möbeln anders stellte, in alle Ecken Efeuranken
anbrachte, die schönen Vorhänge zerschnitt und wunderliche gezackte
Fähnchen daraus machte. Unter dem Vorwande des Ordnungschaffens leerte
sie alle Schränke aus und wühlte besonders in Gritlis stattlicher
Aussteuer herum, die noch im Hause war. Auch kommandierte sie die Küche;
Viggi war erstaunt und erfreut, immer frisches Fleisch zu genießen und
nie aufgewärmtes Gemüse zu sehen; denn Kätter aß in der Küche das kalte
Fleisch mit großen Stücken Brot, und wenn nichts anderes da war, so tat
sie die Fettscheiben von der Bratenbrühe auf das Brot. Ebenso aß sie
halbe Schüsseln voll kalter Bohnen, Kohlrabi und Kartoffeln, und sechs
große Töpfe, welche Gritli noch mit eingemachten Früchten gefüllt,
hatte sie in weniger als vier Wochen ausgehöhlt, aber auch vollkommen.
Nach diesen Taten setzte sie sich auf ein Stündchen zu Viggi, tröstete
ihn, las mit ihm seine Arbeiten durch, schwärmte mit ihm und wußte ihn
gegen seine Frau aufzustacheln, ohne den Anschein zu haben, und endlich
packte sie noch sein neuestes Schriftstellerwerk ein, um es die Nacht
durchzustudieren. Überdies schleppte sie lernbegierig von seinen Büchern
nach Hause, was sie unter den Arm fassen konnte, las aber dort nur die
kurzweiligsten Sachen daraus, wie Kinder, welche die Rosinen aus dem
Kuchen klauben.

Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, wenn die
Schlichtungsversuche der Behörden keinen Erfolg hatten und der Endprozeß
der Scheidung endlich heranrückte. Frau Gritli wurde nicht im mindesten
geschont, indem eine ziemliche Anzahl Zeugen, deren Auffindung Kätter
Ambach betrieben hatte, vernommen wurden. Auch Wilhelm wurde wiederholt
verhört, aber alles dies ergab nichts, was die beiden Übeltäter
belästigen konnte. Nur ein Kind hatte mehrmals die Briefe in die Hecke
tun oder daraus nehmen sehen; aber dieser briefliche Verkehr wurde von
Gritli und Wilhelm selbst eingestanden.

So erschien denn der große Gerichtstag, und Viggi hielt eine strenge und
beredte Anklage. Er schilderte auf das anmutigste sein edles, geistiges
Streben, wie er mit heiliger Mühe gesucht habe, seine Gattin an
demselben teilnehmen zu lassen und jene Harmonie in der Gesinnung zu
erringen, ohne welche ein glückliches Ehebündnis unmöglich sei; wie sie
aber erst durch eigensinniges Verharren in der Unwissenheit und
Geistesträgheit ihm das Leben verbittert, dann durch schlaue Verstellung
ihn getäuscht und endlich wegen seiner mühevollen Geschäftsreisen, die
er sich durch einen innigen und gebildeten Briefwechsel mit der Gattin
habe erleichtern und erheitern wollen, zum förmlichsten Treubruch
geschritten sei und die empörendste Komödie mit dem vertrauensseligen
Gatten gespielt habe! Er überlasse zutrauensvoll den Richtern, zu
beurteilen, ob das fernere Zusammenleben mit einer solchen mit
Geierkrallen bewaffneten Gans möglich sei!

Mit diesem schimpflichen Trumpf, den er sich nicht versagen konnte,
schloß er seinen Vortrag. Ein allgemeines leises Gelächter erfolgte
darauf; die gekränkte Frau verhüllte ihr Gesicht einige Augenblicke und
weinte. Doch dann erhob sie sich und verteidigte sich mit einer
Entrüstung und mit einer Beredsamkeit, welche ihren eiteln Mann sogleich
in Erstaunen setzte und in die größte Beschämung.

»Ob sie roh und unwissend sei, könne sie selbst nicht beurteilen,« sagte
sie, »aber noch seien die Lehrer und die Geistlichen alle am Leben,
welche sie erzogen, denn es sei noch nicht so lange her, daß sie ein
Kind gewesen. Ihr Mann habe sie als ein einfaches Bürgermädchen
geehelicht und sie ihn als einen Kaufmann und nicht als einen Gelehrten
und Schöngeist. Nicht sie habe ihren Charakter geändert, sondern er, und
bis dahin habe sie treulich und zufrieden mit ihm gelebt und er
scheinbar mit ihr. Selbst als er seine neuen Künste angefangen, wie
jedermann bekannt sei, habe sie nicht mit den Leuten darüber gelacht,
sondern als sie gesehen, daß es sich um den häuslichen Frieden handle,
sei sie ehrlich beflissen gewesen, in seine Weise einzugehen, so lange
nur immer möglich, ungeachtet der peinlichen und wenig rühmlichen Lage,
in welche sie dadurch geraten. Zuletzt aber habe er das Unmögliche von
ihr verlangt, nämlich ihre Frauengefühle in einer geschraubten und
unnatürlichen Sprache und in langen Briefen für die Öffentlichkeit
aufzuschreiben, und statt ihrem häuslichen Leben nachzugehen, die
schöne Zeit mit einer ihr fremden und widerwärtigen, nutzlosen Tätigkeit
zu verbringen. Nicht sie habe sich der Verstellung hingegeben, sondern
gerade er, indem er, bei trockenen und durchaus nicht begeisterten
Gewohnheiten, sich selbst und sie damit gezwungen habe, eine höchst
lächerliche Komödie in Briefen zu spielen. Dennoch habe sie, von ihm
geängstigt und in der Hoffnung, diese ganze Störung werde umso eher
vorübergehen, ihn zufriedenzustellen gesucht, allerdings auf einem in
der Not und Verwirrung falsch gewählten Wege, wie sie unverhohlen
bekenne.

»Jede Frau in Seldwyla wisse, daß der junge Lehrer Wilhelm ein ebenso
verliebter als bescheidener, schüchterner und ehrbarer Mensch sei, mit
welchem man zur Not einen unschuldigen Scherz ausführen könne, ohne in
eine bedenkliche Stellung zu geraten. Umso eher habe sie geglaubt, eine
harmlose List gebrauchen und ihm die Beantwortung der Briefe ihres
Mannes aufgeben, ja förmlich bestellen zu können, wie man öfter
schriftliche Arbeiten und namentlich auch Liebesbriefe durch Schullehrer
anfertigen lasse; sie berufe sich hierin auf manch wackeres
Dienstmädchen. Nicht sie habe die zu beantwortenden Briefe verfaßt,
sondern Störteler, und hiermit sei wohl die Anklage der Untreue kurz
abgeschnitten. Der Handel gehöre nach ihrer Meinung und nach ihren
schwachen Begriffen vor ein literarisches Gericht und nicht vor ein
Ehegericht. Dennoch habe sie sich dem letzteren unterzogen, weil das
Geschehene ein unvermutetes Licht über den innern Zustand dieser Ehe
aufgesteckt habe. Sie empfinde keine Zuneigung mehr für Herrn Störteler,
für sie Grund genug, da die Dinge einmal so weit gediehen, ebenfalls auf
gänzlicher Trennung zu bestehen.«

Obgleich das Gericht, da sich der Treubruch als ein bloßes äußerliches
Fehlgreifen herausstellte, wenigstens für ein streng altväterisches
Ehegericht, nun die Scheidung nicht hätte aussprechen müssen, so machte
es den Herren und der ganzen Stadt zu viel Spaß, den armen Viggi seiner
schmucken und feinen Frau zu berauben und ihn mit der komischen Kätter
zusammenrennen zu lassen, als daß sie die Scheidung nicht ausgesprochen
hätten. Sie ward also erkannt auf Grund unvereinbarer Neigungen und
Gewohnheiten, roher Mißhandlung von Seite des Mannes, wie Einsperrung in
den Keller und rücksichtslose Ausstoßung auf die Straße, und
leichtsinniger Fehlgriffe der Frau, wie der Briefverkehr mit dem Lehrer.
Doch solle die Frau als unbescholten und unverdächtig gelten, jeder Teil
in seinem Vermögen bleiben und zu keinerlei Leistung verpflichtet sein,
so daß Störteler das Vermögen Gritlis, das sie zugebracht, von Stund' an
herauszugeben oder sicherzustellen habe.

Viggi ging mehr niedergeschlagen als fröhlich nach Hause und wunderte
sich selbst darüber, da er doch nun frei war von der bedrückenden Last
einer geistesträgen und nichtsnutzigen Hausfrau. Allein es fehlte ihm
nicht an Aufklärungen und Erläuterungen; denn schon unter der Tür des
Gerichtshauses riefen ihm einige Herumsteher zu: »O du Erznarr! Du mußt
Tinte gesoffen haben, daß du ein solches Weibchen kannst fahren lassen!
Und das artige Vermögen, die runden Schultern, der treffliche Anstand!
Hast du gesehen,« sagte einer zum andern, »wie auf allen Seiten
glänzende Locken unter ihrem Hute hervorrollten?« »Ja,« erwiderte der,
»und hast du gesehen den allerliebsten Zorn, das sanfte Feuer, das noch
in ihren lachenden Augen brannte? Wahrlich, wenn ich die hätte, ich
machte sie alle Tage bös, nur um sie in ihrem Zorne dann abküssen zu
können! Nun, Gott sei Dank, die wird jetzt schon noch an einen Kenner
geraten!«

Auf dem Wege rief jemand: »Da geht einer, der wirft Aprikosen aus dem
Fenster und ißt Holzäpfel!« -- »Wohl bekomm's ihm!« antwortete es von
der andern Seite. Ein Schuster rief: »Der gibt dem Quark eine Ohrfeig'
und meint, er sei ein Fechtmeister!« Und ein Knopfmacher: »Laßt ihn, er
ist halt ein Grübler, es gibt aber verschiedene Grübler, es gibt auch
Mistgrübler.« Der Kupferschmied endlich, der mit dem Werg in einer
verzinnten Pfanne herumfuhr, setzte hinzu: »Er hat's wie der Teufel; ich
muß mich verändern! sagte der, nahm eine Kohle unter den Schwanz und
setzte sich auf ein Pulverfaß.«

Diese Reden kränkten und betrübten den Viggi über die Maßen; er trat
recht mutlos in seine Stube und verfiel in große Traurigkeit. Allein
bald zerstreuten sich diese Wolken vor der Sonne, die ihm aufging.
Kätter Ambach trat herein in flottem Taffetkleide, geschmückt mit einem
dünnschaligen, brüchigen, goldenen Ührchen, das seit fünfzehn Jahren nie
aufgezogen war, weil es längst keine Feder mehr in sich barg. Sie warf
das Tuch ab und setzte sich, seine Hand teilnehmend ergreifend, neben
Viggi auf das Sofa; sie bestrickte ihn völlig und das treffliche Paar
wurde stracks einig, sich zu heiraten und das Musterbild einer Ehe im
Geist und schöner Leidenschaft darzustellen. So hatte sich die lustige
Kätter glücklich zur Braut gemacht; sie blieb gleich zum Essen da und
sie trieben ein solches Karessieren, daß die Magd, welche der früheren
Frau anhing, sich schämte. Sie bespitzten sich leicht in Viggis bestem
Weine und zogen am Nachmittage Arm in Arm durch die Straßen, bis sie
endlich in Kätters Wohnung einmündeten, einige Bekannte zusammenriefen
und die Verlobung feierten. Das beste war, daß Kätters alte Mutter bei
dieser Gelegenheit reichliches Essen und Trinken herbeischleppen sah und
sich seit langen Jahren einmal sattessen konnte; denn sie hatte seit
dreißig Jahren nur besorgt sein müssen, die heißhungrige Tochter zu
füttern und derselben mehr zugesehen, als selbst gegessen. Doch da
Kätter endlich noch einen wohlhabenden Schwiegersohn ins Haus führte,
dachte sie nun gern zu sterben, weil die Tochter, die nichts zu arbeiten
wußte, nicht verlassen und hilflos in der Welt zurückblieb. So ist jedes
Unwesen noch mit einem goldenen Bändchen an die Menschlichkeit gebunden.

Die Hochzeit wurde so bald als möglich gehalten, glänzend, reichlich und
geräuschvoll; denn Kätter wollte diese Aktion in allen Einzelheiten
recht durchgenießen und sich als den holden Mittelpunkt eines großen
Festes sehen, und Viggi benutzte die Gelegenheit, indem er eine Menge
Menschen einlud, sich mit den gut bewirteten Mitbürgern wieder auf einen
bessern Fuß zu stellen. Die neue Frau Störteler war nicht gesonnen, ein
stilles und beschauliches Leben zu führen, sondern veranlaßte ihren
Mann, die Lustbarkeit, welche mit der Hochzeit begonnen, fortzusetzen,
alle Gesellschaften mit ihr zu besuchen, sein eigenes Haus aufzusperren
und im vollen Galopp zu fahren.

Er befand sich übrigens herrlich dabei und lebte zufrieden mit ihr in
solchem Trubel; denn überall gab sie ihn für ein Genie aus und machte
ihn allerorten zum Gegenstande des Gesprächs, bezog alles auf ihn und
nannte ihn nur Kurt.

»Mein Kurt hat dies gesagt und jenes geäußert,« sagte sie alle
Augenblicke; »wie hast du dich doch neulich ausgedrückt, lieber Kurt, es
war zu köstlich! Ich muß dich nur bewundern, bester Kurt, daß du nicht
gänzlich abgespannt bist bei deinen Arbeiten und Studien! Ach! ich
fühle recht die schwere Pflicht und was eine Gattin einem solchen Manne
sein könnte und sollte! Wollen wir auch nicht lieber nach Hause gehen,
guter Kurt? Du scheinst mir doch müde; wickle ja deinen Plaid recht um
dich, mein Kind! Heute darfst du mir aber nicht mehr schreiben, wenn wir
heimkommen, das sage ich dir schon jetzt!«

Alles dies schwatzte sie vor vielen Leuten, und Viggi schlürfte es ein
wie Honig, nannte seine Frau dafür »mein kühnes Weib« oder »trautes
Weib« und stellte sich leidend oder feurig, je nach den Reden seiner
kurzbeinigen Fama.

Den Seldwylern aber schmeckte alles das noch besser als Austern und
Hummersalat, ja ein gebratener Fasan hätte sie schwerlich weggelockt, wo
Viggi und Kätter sich aufspielten. Für Jahre waren sie mit neuem
Lachstoff versehen; doch benahmen sich die abgefeimten Schlingel mit der
äußersten Vorsicht, um das Vergnügen zu verlängern, und es entstand
daraus eine neue Übung, nämlich einen tollen Witz vorzuschieben und
scheinbar über diesen zu lachen, wenn die Mundwinkel nicht mehr
gehorchen wollten. Es wurde stets ein Vorrat solcher Schwänke in
Bereitschaft gehalten, vermehrt und verbessert und gedieh zuletzt zu
einer Sammlung von selbständigem Werte. Es gab Seldwyler, Handwerker und
Beamte, welche Tage, ja Wochen über der Erfindung und Ausfeilung eines
neuen Geschichtchens zubringen konnten. Schien der Schwank gehörig
durchdacht und abgerundet, so wurde er erst in einem Kneipchen probiert,
ob die Pointe die rechte Wirkung täte, und je nach Befund, oft unter
Zuziehung von Sachverständigen, nochmals verbessert, nach allen Regeln
eines künstlerischen Verfahrens. Wiederholungen, Längen und
Übertreibungen waren strenge verpönt oder nur statthaft, wenn eine
besondere Absicht zu Grunde lag.

Von diesem gewissenhaften Fleiße besaß Viggi keine Ahnung. Mit
bedauerndem Hochmut saß er in der Gesellschaft, wenn dergleichen
vorgetragen wurde und das Gelächter von ihm ablenkte. »Wie glücklich ist
man doch zu preisen,« sagte er zu seiner Gemahlin, »wenn man über solche
Kindereien hinweg ist und etwas Höheres kennt!«

Auf diesem Höheren fuhr er nun mit vollen Segeln dahin, aufgeblasen
durch den gewaltigen Odem seiner Frau. Und er fuhr so trefflich, daß er
binnen Jahr und Tag mit Kätters Hilfe da landete, wo es den meisten
Seldwylern zu landen bestimmt ist, besonders da sein Kapital mit Gritlis
Vermögen aus dem Geschäfte geschieden war. Statt diesem obzuliegen,
trieb er mit einer Handvoll ähnlicher Käuze, die er im Lande
aufgegabelt, eine wilde und schülerhafte Literatur, welche so neben der
vernünftigen Welt herlief und sich mit ewigen Wiederholungen als etwas
Nagelneues und Unerhörtes ausgab, obgleich sie nur an weggeworfenen
Abschnitzeln kaute oder reinen Unsinn hervorbrachte. Gegen jeden, der
sich nicht auf ihren zudringlichen Ruf stellte, wurde der Spieß gedreht
und der einzelne als bösartige und feindliche Clique bezeichnet. Sie
selbst verachteten sich gegenseitig unter der Hand, und Viggi, der sonst
ein so einfaches und sorgloses Leben geführt, war jetzt nicht nur von
Sorgen und Verwicklungen, sondern auch von törichten Leidenschaften und
den Qualen des gehänselten und ohnmächtigen Ehrgeizes geplagt. Bereits
machte es ihm Beschwerde, das Postgeld zu erlegen für all' die
inhaltlosen Briefe, für die gedruckten oder lithographierten Sendungen,
Aufrufe und Prospekte, die täglich hin und her flogen und weniger als
nichts wert waren. Seufzend schnitt er schon die Frankomarken von den
immer kürzer werdenden Riemchen, während die soliden, einträglichen und
frankierten Geschäftsbriefe immer seltener wurden. Endlich hatte er
überhaupt keine Marken mehr im Hause und Kätter ging gemäß ihrer Mission
mit den Sachen auf die Post, um sie dort zu frankieren; aber sie warf
die Briefe in den Kasten und vernaschte das Geld. War es Vormittag, so
ging sie in den Wurstladen und aß einen Schweinsfuß; nach Tische dagegen
besuchte sie den Zuckerbäcker und aß eine Apfeltorte. Dafür bekam Viggi
dann von den rachsüchtigen Korrespondenten doppelt so viele unfrankierte
Zusendungen mit »Gruß und Handschlag« und heimlichen Verwünschungen.

Während dieser Zeit war Gritli wie von der Erde verschwunden. Man sah
sie nirgends und hörte nichts von ihr, so eingezogen lebte sie. Wenn sie
ausging, so trat sie aus der Hintertür ihres Hauses, welches an der
Stadtmauer lag, ins Freie und machte einsame Spaziergänge; auch war sie
öfters abwesend, manchmal monatelang, wo sie sich dann an andern Orten
bescheidentlich erholen und ihrer Freiheit freuen mochte. In Seldwyla
war sie für keinen Freier zu sprechen; doch hieß es mehrmals, sie habe
sich auswärts von neuem verlobt, ohne daß jemand etwas Näheres wußte.
Daß sie sich auch nichts um Wilhelm zu kümmern schien und ihn niemals
sah, wunderte niemand; denn niemand glaubte, daß sie ernstlich dem armen
jungen Menschen zugetan gewesen sei.

Desto schlimmer erging es ihm. Von ihm zweifelte keiner, daß er nicht
bis über die Ohren in Gritli verliebt sei, und Männer wie Frauen nahmen
es ihm äußerst übel, die Augen auf sie gerichtet zu haben, während er
zugleich wegen seiner leichtgläubigen Briefstellerei verhöhnt wurde.
Sogar die Mädchen am Brunnen sangen, wenn er vorüberging:

     Schulmeisterlein, Schulmeisterlein,
     Des Nachbars Äpfel sind nicht dein!

Er schämte sich auch gewaltig und zwar nicht so sehr vor den Leuten als
vor sich selbst. Die Art, wie ihn Gritli vor Gericht hingestellt hatte,
war ihm als ein Stich ins Herz gegangen, öffnete ihm, wie er meinte, die
Augen über sich und die Weiber, und er stieß die ganze Schar von nun an
aus seinen Gedanken. Also ging er in sich, ließ alle Narrheit fahren und
wandte sich mit Fleiß und Liebe seinen Schulkindern zu. Aber im besten
Zuge ging just seine Amtsdauer zu Ende, da er nur Verweser und nicht
fest angestellt war. Wie er nun aufs neue gewählt werden sollte, wußte
der Stadtpfarrer als Vorstand der Schulpflege seine Bestätigung bei den
Behörden zu hintertreiben, indem er Bericht erstattete von Wilhelms
Verwicklung in einem bedenklichen Ehehandel und den jungen Sünder einer
heilsamen Bestrafung empfahl. Er haßte den Schulmeister wegen seines
Unglaubens und seiner mythologischen Hantierungen; denn er wußte nicht,
daß Wilhelm sich zum alleinigen und wahren Gott bekehrt hatte, sobald er
sich geliebt glaubte. So wurde er für zwei Jahre außer Amts gesetzt und
stand brot- und erwerblos da.

Er schnürte darum sein Bündel, um anderwärts ein Unterkommen zu suchen,
und zwar entschloß er sich in seinem Reumut, sich in die Dunkelheit zu
begeben und als ein armer Feldarbeiter bei den Bauern sein Brot zu
verdienen; denn als der Sohn einer verschwundenen Bauernfamilie aus der
Umgegend kannte er die ländlichen Arbeiten, denen er sich von
Kindesbeinen auf hatte unterziehen müssen. In dieser Absicht wanderte er
an einem trüben Märzmorgen über den Berg; als er aber auf die Höhe
gekommen, verwandelte sich der feuchte Nebel in einen heftigen Regen;
Wilhelm sah sich nach einem Obdach um, da er hoffte, der Regen würde
bald vorübergehen. Er bemerkte in einiger Entfernung ein Rebhäuschen,
welches zu oberst in einem großen Weinberge stand, am Rande des
Gehölzes. Das Vordach dieses Winzerhäuschens gewährte guten Schutz, und
er ging hin, sich auf die steinerne Treppe darunter zu setzen. Es war
ein malerisches altes Häuslein mit einer Wetterfahne und runden
Fensterscheiben. Das Vordach ruhte auf zwei hölzernen Säulen, die Treppe
war mit einem eisernen Geländer versehen und bildete zugleich einen
Balkon, von welchem man, wenn es schön war, weit ins Land hinein sah,
nach Süden und Westen in die Schneeberge. Das Holzwerk und die
Fensterläden waren bunt bemalt, alles jedoch etwas verwittert und
verwaschen.

Wie er so da saß, regte sich's in der kleinen Stube, die Tür tat sich
auf und der Eigentümer des Weinberges trat heraus und lud Wilhelm ein,
ins Innere zu kommen und mit ihm gemeinschaftlich den Regen abzuwarten.
Es stand eine Flasche mit Kirschgeist auf dem Tisch; der Mann holte noch
ein Gläschen aus einem Wandschränkchen und füllte es für seinen Gast.
»Brot habe ich keines hier oben,« sagte er, »doch wollen wir eine Pfeife
zusammen rauchen!« Er holte also aus dem Schränklein zwei neue lange
Tonpfeifen nebst gutem Knaster; denn es war bei den Männern von
Seldwyla, da ihnen die Zigarren verleidet waren, soeben Mode geworden,
wieder würdevoll aus altertümlichen Tonpfeifen zu rauchen, wie
holländische Kaufherren.

Dieser Seldwyler, obgleich er ein Tuchscherer war, hatte den Einfall
bekommen, Landwirtschaft zu treiben, weil deren Erzeugnisse hoch im Preise
standen und die Betreibung zahlreiche Spaziergänge veranlaßte. Der Weinberg
bildete mit mehreren großen Wiesen und einigen Bergäckern eine ehemalige
Staatsdomäne, welche der Tuchscherer gekauft, und er war jetzt
hinaufgestiegen, um den Zustand der Reben zu untersuchen, weil die
Frühlingsarbeit in demselben beginnen sollte. Er fragte Wilhelm, wo er hin
wolle, was er im Sinne habe; denn er wußte noch nichts von seiner
Absetzung. Wilhelm sagte, daß er bei Landleuten sein Auskommen suchen
wolle, indem er ihnen in allem an die Hand gehe, was zu tun sei; da er
nicht viel bedürfe, so hoffe er, sich im stillen durchzubringen. Der
Tuchscherer wunderte sich hierüber und drang weiter in ihn, bis er die
Ursache von des Schulmeisterleins Auszug erfahren. »Das ist,« sagte er,
»ein recht hämischer Streich von dem Pfaffen, der eine Kinderei nicht von
einer Schlechtigkeit unterscheiden kann. Wir wollen ihm übrigens sein
ewiges Gehätschel und Getätschel mit seinen Unterweisungsschülerinnen auch
einmal abschaffen; die Hübschen und die Feinen hält er sich allfort dicht
in der Nähe, die Buckligen aber, die Einäugigen und die Armseligen setzt er
in den Hintergrund und spricht kaum mit ihnen, und das ist ärgerlicher als
Eure ganze Briefschreiberei. Wenn diese Stilübungen ihm übel angebracht
schienen, so ist uns sein Schönheitssinn noch weniger am rechten Ort! Aber
verstehen Sie denn etwas von der Feldarbeit und den ländlichen Dingen
überhaupt?«

»O ja, ziemlich!« antwortete Wilhelm, »ich habe während der Krankheit
meiner verstorbenen Eltern alles gemacht und bin erst im achtzehnten
Jahre, als sie gestorben und unser Gut verkauft wurde, mit dem kleinen
Vermögensreste ins Lehrerseminar gegangen; es sind erst fünf Jahre
seither, und im Seminar mußten wir auch Feldarbeit betreiben.« »Und
warum wollen Sie nicht lieber Ihre Kenntnisse benutzen und eine bessere
Tätigkeit suchen, als den Bauern zu dienen?« fragte jener; allein
Wilhelm hatte seinen Entschluß gefaßt und war nicht aufgelegt, sich mit
dem Manne weiter über seine Lage einzulassen.

Indessen hatte sich der Regen wirklich gelegt und die Sonne beschien
sogar die weite Gegend. Der Eigentümer schickte sich an, den Weinberg zu
besehen und forderte Wilhelm auf, ihm noch eine Stunde Gesellschaft zu
leisten, weil er für heute noch weit genug kommen würde.

In den Reben sah der Seldwyler, daß Wilhelm in diesen Dingen eben so
sichere Kenntnis als guten Verstand besaß, und als er hier und da eine
Rebe schnitt und aufband, um seine Meinung zu zeigen, erwies sich auch
eine geübte Hand. Er ging daher mit ihm auch in die Matten und Äcker und
befragte ihn dort um seine Meinung. Wilhelm riet ihm kurzweg, die Äcker
ebenfalls wieder in Matten umzuschaffen, was sie früher auch gewesen
seien; denn was an Ackerfrüchten hier oben gedeihe, sei nicht der Rede
wert, während vom Walde her genug Feuchtigkeit da sei, die Wiesen zu
tränken. Dadurch würde ein Viehstand erhalten, der an Milch und
verkäuflichen Tieren schönen Vorteil verspräche; schon die Herbstweide
allein sei reiner Gewinn. Das leuchtete dem Tuchscherer ein; er besann
sich kurze Zeit, worauf er dem Lehrer antrug, in seinen Dienst zu
treten. Er solle arbeiten, was er leicht möge, und im übrigen das Gut in
Ordnung halten und alles beaufsichtigen. Was er irgend zu verdienen
gedächte, das wolle er ihm auch geben und ihn darüber hinaus noch mit
Rücksicht behandeln. Wilhelm bedachte sich auch einige Minuten und
schlug dann ein, aber unter der Bedingung, daß er in dem Rebhäuschen
auf dem Berge wohnen dürfe und nicht in der Stadt zu verkehren brauche.
Das war jenem sogar lieb, und so hatte der Flüchtling schon am Beginne
seiner Wanderschaft ein Obdach gefunden.

Der Tuchscherer ließ noch denselben Tag ein Bett hinaufbringen und etwas
Lebensmittel, welche von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten. Eine
kleine Küche war vorhanden, um zur Zeit der Weinlese sieden und braten
zu können; ebenso enthielt das Erdgeschoß einen Vorratsraum, und unter
der Treppe war mit wenig Mühe ein Ziegenstall hergestellt für eine
solche Milchträgerin. So ward Wilhelm plötzlich zu einem
einsiedlerischen Arbeitsmanne und fügte sich mit Geschick und Fleiß in
seine Lage. Er ließ die Äcker von den Tagelöhnern, welche der
Tuchscherer anstellte, sorgfältig zubereiten und besonders die Steine
hinaustragen und besäete sie mit Heusamen. Die Reben bearbeitete er fast
ganz allein und kam damit zu Ende, ehe man es gedacht; wie es denn öfter
vorkommt, daß solche, die ausnahmsweise oder nach langer Unterbrechung
ein Werk beginnen, im ersten Eifer mehr vor sich bringen, als die immer
dabei sind. In wenigen Wochen gewann er Zeit, sich zunächst dem Häuschen
ein Gemüsegärtchen anzulegen, um etwas Kohl und Rüben mit dem Fleische
kochen zu können, welches man ihm wöchentlich zweimal schickte. In einer
dunkeln Nacht holte er sich sogar in der Stadt Schößlinge von seinen
Nelken und Levkojen und setzte sie, wo sich ein Raum bot; um das
Gärtchen her zog er eine Hecke von wilden Rosen, an Geländer und Säulen
empor ließ er Geißblatt ranken, und als der Sommer da war, sah das Ganze
aus fast so bunt und zierlich wie ein Albumblatt.

Noch ehe die Sonne im Osten heraufstieg, war er täglich auf den Füßen
und suchte seinen Frieden in rastloser Bewegung, bis der letzte
Rosenschimmer im Hochgebirge verblichen war. Dadurch wurde seine Zeit
ausgiebig und reichlich, daß er frei wurde in der Verwendung der
Stunden, ohne seine Pflicht zu vernachlässigen. Um sich seinen
Holzbedarf zu sammeln, machte er weite Rundgänge durch den Wald, aus
welchen sich eine Bürde fast von selbst zusammenfand. Er benutzte dazu
die heiße Tageszeit, um im Schatten zu sein und zugleich für die
Erdschwere der Handarbeit ein erbauliches Gegengewicht zu suchen. Denn
der Wald war jetzt seine Schulstube und sein Studiersaal, wenn auch
nicht in großer Gelehrsamkeit, so doch in beschaulicher Anwendung des
Wenigen, was er wußte. Er belauschte das Treiben der Vögel und der
andern Tiere, und nie kehrte er zurück, ohne Gaben der Natur in seinem
Reisigbündel wohlverwahrt heimzutragen, sei es eine schöne Moosart, ein
kunstreiches, verlassenes Vogelnest, ein wunderlicher Stein, oder eine
auffallende Mißbildung an Bäumen und Sträuchern. Aus einem verfallenen
Steinbruche klopfte er manches Stück mit uralten Resten heraus von
Kräutern und Tieren. Auch legte er eine vollständige Sammlung an von den
Rinden aller Waldbäume in den verschiedenen Lebensaltern, indem er
schöne viereckige Stücke davon, mit Moosen und Flechten bewachsen,
herausschnitt oder sinnig zusammensetzte, die Nadelhölzer sogar mit den
glänzenden Harztropfen, so daß jedes Stück ein artiges Bild abgab. Mit
alledem schmückte er in Ermanglung anderen Raumes die Wände und die
Decke seines Stübchens. Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner
und seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf
diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn fliegen.
Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich schon vermählt hat?
Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so
schönen, unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und
eine Freude den Augen, mit einem Zuge auszulöschen! Abzutun, ab und tot,
das Geschlecht einer zarten fliegenden Blume, die sich durch so viele
Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht
die letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! Denn wer
zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?

Für diesen frommen Sinn wurde er von einem untergegangenen Geschlechte
belohnt, indem eine Erderhöhung mitten im Forste, welche ihm verdächtig
erschien und die er ausgrub, das Grab eines keltischen Kriegsmannes
enthüllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen zeigte sich vor
seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfältig wieder auf, ohne
jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten
mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch
mehrere solche Erhöhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt
sich vor, in späterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen
Schmuck- und Waffensachen fügte er den Merkwürdigkeiten seiner
Einsiedelei bei.

Auf diese Weise erfuhr er, wie das grüne Erdreich Trost und Kurzweil hat
für den Verlassenen und die Einsamkeit eine gesegnete Schule ist für
jeden, der nicht ganz roh und leer.

Umso schneller machte er sich unsichtbar, wenn der Tuchscherer etwa mit
großer Gesellschaft heraufkam, um sie in dem lustigen Winzerhäuschen zu
bewirten und auf den Matten herumspringen zu lassen. Insbesondere die
lustigen Damen suchten neugierig des einsiedlerischen Jünglings
ansichtig zu werden, der sich so gut anschickte und in Freiheit, Sonne
und Bergluft ein hübscher brauner Gesell geworden. Es schien auf einmal
der Mühe wert, den Flüchtling nicht zu unabhängig von der Macht ihrer
Augen werden zu lassen. Auch einzeln dehnte dann und wann eine
Vorwitzige ihre Spaziergänge bis zu dieser Höhe aus und spukte wie von
ungefähr um das Häuschen herum. Allein Wilhelm war wie umgewandelt.
Anstatt die Augen niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein,
blickte er die Streifzüglerinnen ruhig und halb spöttisch an und ging
seiner Wege ohne alle Anfechtung. Das war ein neues Wunder und vermehrte
das Gerede über ihn in der Stadt.

Der Tuchscherer war zufrieden über seinen Besitz. In der Ebene, wo er
auch ein Stück Land besaß, hatte er eine geräumige Stallung und eine
Scheune gebaut. Dort stand das Vieh, dessen Zucht und Verkauf Wilhelm
mit gutem Verstande beriet. Die zweimalige Heuernte brachte er ebenfalls
glücklich unter Dach, und die Weinlese, welche darauf folgte, zeigte,
daß der Berg trefflich besorgt war.

Als der Tuchscherer nun seine Rechnung machte, fand er, daß er für die
Zukunft wohl bestehen würde, wenn es so fortginge, und statt nur seinen
vorübergehenden Spaß an der Sache zu haben, wie es am Orte Sitte war,
entschloß er sich, mit Ernst dabei auszuharren und zu trachten, daß er
ein gutes Ende gewänne. Obgleich er auch ein lustiger Tuchscherer war,
barg er doch eine gute Anlage in sich von irgend einem Äderchen her,
weshalb er durch die frische Arbeitslust, Verständigkeit und Ausdauer
Wilhelms aufmerksam wurde, besonders da er sah, daß der träumende und
verliebte Schulmeister ganz plötzlich diese Tugenden hervorgekehrt, als
wenn er sie auf der Straße gefunden hätte. Was ein anderer könne, dachte
er, das werde er auch im stande sein; und so wurde er in ehrgeiziger
Laune ein sorgfältiger und wachsamer Mann. Er stand früh auf und nahm
seine Geschäfte der Ordnung nach an die Hand. Statt in seiner
Tuchschererei alles den Arbeitern zu überlassen, sah er selbst dazu und
förderte die Arbeit, daß sie gut getan wurde und rasch vor sich ging,
und er gewann noch hinlängliche Zeit für seine Landwirtschaft. Den
Aufenthalt in den Versammlungen und Wirtshäusern, wo die Spottvögel
saßen, kürzte er immer mehr ab und gewöhnte sich, zu jeder beliebigen
Zeit auszubrechen und sich loszureißen, ohne gerade ein sogenannter
Leimsieder zu werden. Er bemerkte, daß die rechte Lustigkeit erst nach
getaner Arbeit entsteht, und daß Leute, welche immer in derselben
Wirtshausluft, bei denselben Manieren sitzen, zur schönsten Krähwinkelei
gedeihen; daß der liederliche Spießbürger um kein Haar geistreicher ist,
als der solide, und daß überhaupt Männer, die sich immerwährend und
täglich mehrmals sehen, einander zuletzt dumm schwatzen. Dennoch stieß
seine Bekehrung auf große Schwierigkeiten und er mußte die tapfersten
Anstrengungen machen, um nicht zurückzufallen. Aber wenn die Verlockung
und das Geräusch zu stark wurden, verließ er die Stadt und floh zu
Wilhelm hinauf, den er liebgewonnen und zu seinem Vertrauten machte.
Hierdurch wurde dieser wiederum angefeuert, daß er in seinem löblichen
Wesen nicht mürbe wurde. Allein der Teufel suchte abermals Unkraut zu
säen, indem des Tuchscherers Frau nicht von der alten Weise lassen
wollte und den Verkehr mit den Müßigen und Lustigmachern stets
erneuerte. Der Mann klagte dem Einsiedler seine Not; Wilhelm dachte nach
und riet ihm dann, der Frau das Haar dicht am Kopfe wegzuschneiden,
damit sie ein Jahr lang nicht ausgehen könne. Denn er hielt sich für
einen Weiberfeind und freute sich, einer eine Buße anzutun. Doch der
Tuchscherer sagte, das ginge nicht an, das Haar seiner Frau sei zu schön
und, da sie sonst nicht viel tauge, ein Hauptstück seines Inventars. Da
besann sich Wilhelm aufs neue und riet ihm dann, der Frau den
Milchverkauf zu übergeben und ihr einen Teil des Gewinns zu lassen.
Dadurch würde ihre Habsucht gereizt, sie werde nicht verfehlen, Wasser
unter die Milch zu mischen, sich deshalb mit der ganzen Stadt verfeinden
und in eine wohltätige Isolierung geraten. Dieser Plan ward nicht übel
befunden und bewährte sich auch so ziemlich. Die Frau fand Freude an dem
Gewinn und war, besonders des Abends, ans Haus gebunden, um das Melken
der Kühe zu überwachen und zu sehen, daß sie nicht zu kurz käme.

Inzwischen war der Herbst gekommen und für Wilhelm nichts weiter zu tun,
als das Vieh zu hüten, welches jetzt auf die Weide getrieben wurde. Er
ließ sich das demütige Amt nicht nehmen und wollte wenigstens einen
Herbst entlang mit den schönen Tieren allein auf der Weide sein. Allein
gerade diese Übertreibung, da er den Dienst eines kleinen Hirtenbuben
verrichtete, bekam ihm übel und beraubte ihn plötzlich wieder der
Freiheit und Gemütsruhe, welche er sich erarbeitet hatte. Denn als er so
da saß auf den sonnigen Hügeln, beim Getön der Herdenglocken und die
Stadt im goldenen Herbstrauch liegen sah, tauchte die Gestalt Gritlis
immer deutlicher wieder empor, fast nach dem Sprichworte: Müßiggang ist
aller Laster Anfang! Im Grunde war es eine von den unfertigen und
abgebrochenen Geschichten, welche wie ein abgeschossenes Bein mit der
Veränderung der Jahreszeiten und des Wetters sich immer bemerklich
machen. Jedes zurückgebliebene Restchen von Hoffnung auf ein verlorenes
Glück erneut tausend Schmerzen, sobald die Seele müßig wird und die
Sonne durchscheinen läßt.

Als er eines Tages, da es in den Tälern Mittag läutete, nach seinem
Häuschen ging, um sein einfaches Essen zu bereiten, entdeckte er
plötzlich eine zierliche Frau, welche unter dem Vordache stand und in
die Ferne hinaussah. Er war kaum noch zweihundert Schritte entfernt und
glaubte Gritli zu erkennen. Heftig erschreckend stand er still und
sagte: Was will sie hier? was sucht sie da?

Er verbarg sich hinter einem wilden Birnbaum und wagte wohl fünf Minuten
lang nicht mehr hinzusehen. Als er es aber endlich tat, hatte sich die
Erscheinung umgekehrt, guckte durch das Fenster in das Innere des
Winzerhäuschens und schien die kleine Stube aufmerksam zu betrachten,
darauf setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe, zog, wie es schien,
ein Brötchen oder dergleichen aus der Tasche und fing an es zu essen,
und es war keine Aussicht, daß die Dame so bald wieder abziehen wolle.
Wilhelm machte Kehrtum und ging ohne Umsehen und ohne gegessen zu haben,
zu seiner Herde zurück, da er seine Behausung solchergestalt bewacht
fand. In großer Aufregung blieb er bis zum Abend fort, aber endlich
trieb ihn der Hunger wieder hin; vorsichtig näherte er sich seiner
Klause und fand den Platz geräumt. Der Engel mit dem feurigen Schwert
war abgezogen vor der Pforte. Wilhelm betrachtete alles wohl, das
Fenster und die Treppe, und fand alles, wie es gewesen, still und
unverfänglich. Doch seine Ruhe war dahin, wenngleich er nicht einmal
bestimmt wußte, ob es Gritli gewesen sei.

Ohne es sich gestehen zu wollen, kleidete er sich von dem Tage an
sorgfältiger, daß er für einen Rinderhirten fast zu gut aussah, und
näherte sich nicht selten behutsam dem Häuschen; aber die Erscheinung
kehrte nicht wieder. Dafür bevölkerte sich der ganze Berg mit ihrem
Bilde, auf Weg und Steg trat es ihm entgegen und guckte ihm durch die
runden Scheiben; es schien ihm unerträglich, so nahe bei ihr zu wohnen,
und doch hätte er nicht wegziehen mögen; denn der Umstand, daß sie jetzt
frei und einsam war, vermehrte die Unordnung seiner Gedanken. Doch
zuletzt wurde er nochmals Meister über dies Wesen und stellte sich
wieder steif auf die Beine.

Als der erste Schnee fiel, war es mit dem Hirtenleben vorbei; der
Tuchscherer wollte Wilhelm nun zu sich ins Haus nehmen. Der aber
sträubte sich dagegen und bat, ihn auf dem Berge zu lassen; jener mochte
ihn in seiner Laune nicht hindern, schaffte ihm einen kleinen Ofen
hinauf und versah ihn mit allerhand Arbeit von sich und andern. Auch
kaufte sich Wilhelm für den Lohn, den er erhielt, einige Bücher, die ihm
der Tuchscherer besorgte, damit er der Pflege seiner Geisteskräften
obliegen könne, und so wurde er bald eingeschneit und sah sich einsamer
als je.

Eigentlich nur so einsam, als ein rechter Einsiedel sein kann, denn ein
solcher hat noch allerlei Zuspruch. So bekam auch Wilhelm jetzt eine
wunderliche Kundschaft. Die Bauern der Umgegend, mehrere Stunden in die
Runde, sprachen von ihm als von einem halben Weisen und Propheten, was
hauptsächlich von seinem Treiben im Walde und der seltsamen
Ausstaffierung seiner Wohnung herrührte. Sobald die Bauern einen solchen
Heiligen aufspüren, der von Reue über irgend einen geheimnisvollen
Fehltritt ergriffen, sich auf außerordentlichem Wege zu helfen sucht, in
die Einsamkeit geht und ein ungewöhnliches Leben führt, so wird alsobald
ihre Phantasie aufgeregt und sie schreiben dem Sonderling besondere
Einsichten und Kräfte zu, welche zu nutznießen sie eine unüberwindliche
Lust verspüren, im Gegensatze zu den Städtern und Aufgeklärten, so ihren
Rat bei denen holen, die niemals von der goldenen Mittelstraße abweichen
und nie über die Schnur gehauen haben.

Zuerst kam eine bedrängte Witwe mit einem ungeratenen Kinde, welches in
der Schule nichts lernen wollte und sonst allerlei Streiche verübte, und
bat ihn um Rat, indem sie vor dem Kinde ihre bittere Klage vorbrachte.
Wilhelm sprach freundlich mit dem Sünder, fragte, warum es dies und
jenes tue und nicht tue, und ermahnte es zum Guten, indem es sich besser
dabei befinden werde. Der weite Gang, die feierliche Klage der Mutter,
die abenteuerliche Einrichtung des Propheten und dessen
freundlich-ernste Worte machten einen solchen Eindruck auf das Kind, daß
es sich in der Tat besserte, und die Witwe verbreitete den Ruhm
Wilhelms.

Bald darauf kam eine andere Frau, welche über eine böse Nachbarin
klagte; dann kam ein alter Bauer, der sich das Schnupfen abgewöhnen
wollte, weil er es für Sünde hielt; Wilhelm sagte, er solle nur
fortschnupfen, es sei keine Sünde, und dieser lobte und pries den
Ratgeber, wo er hinkam. Endlich verging kaum ein Tag, wo er nicht
solchen Besuch empfing, und alle möglichen moralischen und häuslichen
Gebrechen enthüllten sich vor ihm. Am meisten besuchten ihn Mädchen und
Weiber, um geheime Briefe von ihm schreiben zu lassen, welchen sie eine
besondere Wirkung zutrauten, und sogar abergläubische Leute kamen, denen
er gestohlene oder verlorene Sachen wieder verschaffen oder
geheimnisvolle Mittel gegen körperliche Übel oder am Ende gar weissagen
sollte. Das wurde ihm denn doch lästig und bedenklich, und er suchte die
Bittsteller mit Scherzen oder barschen Worten abzuweisen. Allein nun
hieß es erst recht, er habe seine Mucken und stehe nicht jedem Rede,
woran er ganz recht tue. Am liebsten verkehrte er mit Kindern, die in
der Schule nicht fortkamen und deren man ihm häufig brachte, so daß sie
nachher allein kommen konnten. Mit diesen gab er sich liebevoll ab und
war froh, öfter eines oder mehrere um sich zu haben. Er brachte fast
alle ins Geleise und erwarb sich dadurch Dank und Ansehen und unter den
Kleinen eine große Anhängerschaft, die ihn an schönen Sonntagen manchmal
in ganzen Scharen besuchte und ihm kindliche Geschenke brachte, zum
Beispiel jedes einen schönen Apfel, so daß alle zusammen ein Körbchen
voll gaben, oder jedes zehn Nüsse, so daß sich eine Lade damit füllte.
Sie mußten dann singen und er geleitete sie eine Strecke weit heimwärts.

Von diesen Taten hörte Frau Gritli häufig erzählen und sie nahm
lebendigen Anteil, ohne es merken zu lassen. Sie war sehr neugierig und
wünschte eifrig, seine Wirtschaft selbst einmal zu sehen und ihn
sprechen zu hören. Als eine auswärtige vertraute Freundin sie für einige
Zeit besuchte, um ihr die Tage verbringen zu helfen, beschlossen die
beiden zu dem Einsiedel zu gehen. Sie verkleideten sich in junge
Bäuerinnen, färbten ihre Gesichter mit vieler Kunst und verhüllten
überdies die Köpfe mit großen Tüchern. So machten sie sich an einem
hellen Wintermorgen auf den Weg und bestiegen den Berg, der in seiner
weißen Decke blendend vom blauen Himmel abstach. Als sie vor dem
Rebhäuschen anlangten, standen sie still und betrachteten es neugierig
und mit erstaunten Blicken. Denn es glitzerte und leuchtete wie lauter
Kristall und Silber. Vom Dache hingen ringsherum große Eiszacken nieder
mit feinen Spitzen, manche beinahe bis auf den Boden. Die Wetterfahne,
die eisernen Verzierungen des Geländers, noch aus der Zopfzeit, und die
Geißblattranken waren mit Reif besetzt, und das alles wurde von der
Sonne mit siebenfarbigen Strahlen umsäumt. Unter dem Vordache auf den
Steinplatten wimmelte es von größern und kleinern Waldvögeln, die da
ihr Futter pickten und lustig durcheinander hüpften; sie waren so zahm,
daß sie kaum Platz machten vor den Füßen der Pilgerinnen und sich der
Reihe nach auf das Geländer und vor das Fenster setzten. Jede der Frauen
stieß die andere an, daß sie anklopfen sollte; die eine hustete, die
andere kicherte, aber keine wollte klopfen. Doch wagte es endlich die
Freundin, pochte nun so stark wie ein Bauer, und öffnete zugleich die
Tür, mit patzigen Schritten eintretend.

Wilhelm saß über einem großen Buche mit Pflanzenbildern; er war nicht
sehr erfreut über die frühe Störung, zumal er zwei junge frische
Weibsbilder ankommen sah. Aber Ännchen, die Freundin, begann sogleich
ein geläufiges Kauderwelsch, in welchem sie eine Anzahl Fragen und
Anliegen bunt durcheinander vorbrachte. Sie wollte eine Rechnung über
verkauftes Stroh berichtigt haben, gegen welches sie eine Zeitkuh
eingetauscht, zog ein Papier voll gegossenen Bleies hervor und forderte
die Erklärung desselben; dann sollte er aus ihrer Hand wahrsagen,
Auskunft geben, wann es am besten Hafer zu säen sei, ob man im gleichen
Jahre zweimal die Ehe versprechen dürfe, ob er nicht eine verhexte
Kaffeemühle herstellen könne, in welcher ein Kobold sitze; ferner
brachte sie ein dickes Bündel Hühner-, Enten- und Gänsefedern zu Tage
und bat ihn, dieselben zu schneiden für Geld und gute Worte, sie wolle
sie dann schon gelegentlich abholen; denn sie schreibe für ihr Leben
gern, habe aber keine Federn; und endlich verlangte sie zu wissen, ob
das neue Jahr gedeihlich zum Heiraten sein würde für eine ehrbare junge
Bäuerin. Dies alles, Stroh, Zeitkuh, Hafer, Blei, Kaffeemühle, Kobold,
Federn und Heirat, warf sie so behend und verworren untereinander, daß
kein Mensch darauf antworten konnte, und wenn Wilhelm den Mund auftat,
unterbrach sie ihn sogleich, widersprach ihm, sie habe nicht das,
sondern jenes gemeint, und machte den ergötzlichsten Auftritt. In der
Zeit stand Gritli da, die Hände unter der Schürze, und rührte sich
nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Sie beschaute sich eifrig Wilhelms
sonderliche Behausung, welche inwendig noch märchenhafter aussah als von
außen. Die Wände waren mit bemooster Baumrinde, mit Ammonshörnern,
Vogelnestern, glänzenden Quarzen ganz bekleidet, die Decke mit wunderbar
gewachsenen Baumästen und Wurzeln, und allerhand Waldfrüchte,
Tannzapfen, blaue und rote Beerenbüschel hingen dazwischen. Die Fenster
waren herrlich gefroren; jedes der runden Gläser zeigte ein anderes
Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke Baumgruppe, einen Stern
oder ein silbernes Damastgewebe; es waren wohl hundert solcher Scheiben,
und keine glich der andern, gleich dem Werk eines gotischen Baumeisters,
der einen Kreuzgang baut und für die hundert Spitzbogen immer neues
Maßwerk erfindet.

Das alles gefiel der Frau, welche von Viggi und seiner Kätter als eine
platte und prosaische Natur verschrieen wurde, über die Maßen wohl; doch
ließ sie zuweilen auch einen Blick über den Bewohner dieses Raumes
gleiten, und derselbe gefiel ihr nicht minder. Er war in einen rötlichen
Fuchspelz gehüllt, den ihm der Tuchscherer für den Winter gegeben; sein
dunkles Haar war dicht und lang gewachsen, ein dunkles Bärtchen war auf
seiner Oberlippe erstanden, und der ganze Gesell hatte an selbstbewußter
und freier Haltung gewonnen. Ein langes rotes Tuch, welches er lose um
den Hals geschlungen trug, vermehrte noch die kecke Wirkung seines
Aussehens, welche freilich kaum so keck gewesen wäre, wenn er gewußt
hätte, wen er vor sich habe.

Ännchen machte aber ihre Sache so gut, daß er keinen Verdacht schöpfte
und ein tolles Weibsstück zu sehen glaubte, begleitet von einer blöden
und schüchternen Person. Als ihm der Handel endlich zu bunt wurde,
unterbrach er die Schwätzerin gewaltsam und sagte: »Eure Rechnung über
Stroh und Kuh beträgt so und so viel, alles übrige ist dummes Zeug, das
Ihr anderwärts anbringen mögt, liebe Frau!«

»So!« sagte Ännchen in köstlichem Tone, und Wilhelm: »Ja, so! Geht in
Gottes Namen und laßt mich in Ruhe!«

»Auf die Weise!« erwiderte Ännchen, »aha! So so! Nun, so habt denn Dank,
Herr Hexenmeister! und nichts für ungut! Behüt' Euch Gott wohl und
zürnet nicht! Komm, Frau Barbel!«

Doch als sie bereits unter der Tür war, kehrte sie nochmals um und rief:
»Ei, so hätte ich bald vergessen, Euch den Gruß auszurichten! Oder hab'
ich's schon getan?« »Nein! von wem?« »Ei, von einer gar feinen und
hübschen Frau, Ihr werdet sie besser kennen als ich, denn ich weiß ihren
Namen nicht zu sagen!« »Ich weiß nicht, ich kenne keine solche Frau!«
»He, so besinnt Euch nur, sie wohnt an der Stadtmauer, ist nicht gar
groß, aber ebenmäßig gewachsen und trägt den Kopf voll brauner
Haarlocken wie ein Pudel! Da, die Barbel und ich haben ihr Eier
gebracht, wir sagten, daß wir da hinaufgehen wollten, um uns wahrsagen
zu lassen, und da war's, daß sie uns den Gruß bestellte!«

Wilhelm wurde hochrot, rief hastig: »Ich weiß nicht, wen Ihr meint!« und
wandte sich stracks zu seinem Buche, ohne die Frauen weiter eines
Blickes zu würdigen. So trollten sich diese davon und polterten in ihren
schweren Schuhen mutwillig die Stufen hinunter.

Kaum waren sie außer dem Bereiche des Häusleins, so sagte Ännchen:
»Höre, wenn ich nicht schon einen Mann hätte, so würde ich dir den
wegfangen! Dies ist ja ein netter Kerl, obgleich er ein grober Lümmel
ist!«

»Ach, er gefällt mir nur gar zu wohl,« seufzte Gritli, »aber ich trau'
ihm nicht! Er könnte trotz der soliden Manier, die er angenommen hat,
leicht wieder ein verliebter Zeisig werden oder noch sein, der sich in
alle Welt vergafft, und dann käme ich vom Regen in die Traufe. Man müßte
ihn auf irgend eine Art auf die Probe stellen!«

»Nun, das kann man ja tun!« sagte die Freundin; sie berieten sich über
den Weg, den sie einschlagen wollten, und Ännchen versprach, die Sache
auszuführen, sobald der Winter vorüber sei. Da seufzte Gritli abermals
und meinte: »Ach, das ist noch lange hin und im Frühling sollte es schon
getan sein!«

Lachend erwiderte Ännchen: »Da kann ich nicht helfen, meine Liebe! Ich
muß jetzt wieder zu meinem Mann; auch habe ich doch nicht Lust, durch
diesen Schnee öfter in die Wildemannshütte zu klettern, so hübsch
eingefroren sie auch ist! Also Geduld! sobald die Veilchen blühen, werde
ich wieder kommen und deine Bergamsel probieren, aber auf deine Gefahr
hin!«

Gritli fügte sich darein; sie verbrachte den Rest des Winters in größter
Stille; aber der Schnee schien ihr nicht weichen zu wollen und sie
schwankte manchmal, ob sie die Probe überhaupt anstellen und nicht
lieber die Sache gleich zu Ende führen wolle. Da kam endlich der
gewaltige Südwind und goß seine warmen Regenfluten schief über Berg und
Tal hin. In eilender Flucht schmolzen die Schneemassen und Wasser
sprangen von allen Abhängen, lachend, redend und singend mit tausend
Zungen. Gritli lauschte dem Klingen, als ob es ein Hochzeitsgeläute
wäre. Sobald die nächste Wiese trocken war, lief sie hinaus, um nach den
Veilchen zu sehen; sie fand keines, dafür aber einige Schneeglöckchen,
und als sie zurückkam, war dennoch die Freundin angekommen mit einem
großen Koffer, worin sie das nötige Handwerkszeug für ihr Vorhaben
mitbrachte.

Es war die vollständige stattliche Sonntagstracht einer Landfrau mit
mehreren Stücken zum Wechseln, alles neu und zierlich, beinahe köstlich
gemacht. Am ersten Sonntag in aller Frühe kleidete sich Ännchen mit
Gritlis Hilfe sorgfältig darein und ließ ihrer Schönheit, die nicht
gering war, mit übermütiger Berechnung den Zügel schießen. Über eine
kurze Scharlachjuppe wurde eine genau so lange schwarze angezogen, so
daß der Scharlach nur bei einer raschen Bewegung sichtbar wurde und das
blendende Weiß der Strümpfe umso reizender erscheinen ließ. Rücken,
Schultern und die runden Arme zeichnete eine knappe, braune, seidene
Jacke vortrefflich und ließ die Brust frei, welche dafür mit einem
Brustlatz von schwarzem Sammet bedeckt und mit dergleichen Bändern
eingeschnürt war, die durch silberne Haken gingen. Über der Stirn wurden
einige kokette bäuerliche Löcklein gebrannt; das übrige Haar hing in
dicken Zöpfen fast bis auf die Erde und endigte in breiten, mit Spitzen
besetzten Sammetbändern. Mit jedem Stück, das sie der lachenden Freundin
nesteln half, wurde Frau Gritli ernsthafter und besorgter, und als
endlich die Übermütige ganz geschmückt war und sich in bewußter
Schönheit spiegelte, bereute jene die ganze Erfindung und erhob allerlei
Bedenklichkeiten. Doch sie wurde nur ausgelacht und Ännchen rief: »Was
man tun will, das soll man recht tun! Willst du deinen Waldbruder mit
einer Vogelscheuche versuchen? Dergleichen Heilige hatten von je einen
besseren Geschmack!«

Da meinte Gritli, sie sollte wenigstens die weißen Strümpfe mit
schwarzen wollenen vertauschen, es sei noch kühl und feucht! »Dafür hab'
ich starke Schuhe,« sagte Ännchen, »die Waden erkältet keine Frau, das
weißt du wohl, mein Schatz!« »Jedenfalls mußt du den Hals besser
verwahren!« bat die Besorgte noch kläglich, und die Unverbesserliche
antwortete: »Da hast du recht! gib mir jenes seidene Tüchlein, ich kann
es nachher in die Tasche stecken, sobald ich an die warme Sonne komme!«

Dann öffnete sie das Fenster und guckte in die Sonntagsfrühe hinaus; es
war noch alles still und die Zeit schien günstig, rasch hinweg zu
huschen. Allein Gritli hielt sie mit dem Frühstück so lange als möglich
auf und brockte ihr alle möglichen Lieblingsbissen vor, um den
Augenblick hinauszuschieben; dennoch erschien er, und als Ännchen nun
ging, brach die Bekümmerte in Tränen aus. Da kehrte jene mit großen
Augen um und sagte ernsthaft: »Nun, du närrisches Ding! wenn du wirklich
meinst, es sei nicht zu trauen, so lassen wir's einfach bleiben!
Entscheide dich! Ich bin bald wieder umgekleidet!«

Gritli weinte heftiger, aber sie kämpfte mit sich und rief dann
entschlossen: »Nein: geh nur und tu, was du für gut findest! Es muß ja
sein!«

Frau Ännchen ging also wohlgemut durch das Frühlingsland und badete
unternehmungslustig ihre Gestalt in der glänzenden Luft. Ihre Röcke
schwangen sich hin und wieder, daß der rote Scharlachsaum bei jedem
Schritt aufleuchtete; im Arme trug sie einen frisch gebackenen Eierzopf
und eine Schiefertafel in ein weiß und blau gewürfeltes Tuch gewickelt.
Dergestalt erreichte sie das Rebhäuschen; diesmal klopfte sie nur
mittelmäßig stark an die Tür und trat mit gutem Anstande in die Stube.
Wilhelm erkannte sie nicht sogleich, war aber betroffen über die
anmutvolle Erscheinung. Er kochte eben seinen Sonntagskaffee, welcher
angenehm durch den Raum duftete. Ännchen machte einen zierlichen Knicks
und sagte: »Da komme ich gerade recht! Habt Ihr meine Federn
geschnitten, Herr Hexenmeister? Ich will sie abholen; und hier habt Ihr
auch eine kleine Gabe für Eure Mühe, nur um den guten Willen zu zeigen!«
Damit entwickelte sie das Gebäck, das sie trug, und legte es auf den
Tisch. »So könnt Ihr das Geschenk wieder mitnehmen,« erwiderte Wilhelm,
»denn Eure Federn sind nicht zum Schreiben und ich habe sie
weggeworfen!« »So? nun, da muß ich mir Federn in der Stadt kaufen; aber
das tut nichts, ich lasse den Zopf dennoch hier und esse selbst einen
Zipfel davon, wenn Ihr mir eine Tasse Kaffee dazu gebt! Das tut Ihr
doch, nicht wahr?« Sie setzte sich ohne Umstände zum Tische und fing an,
das feine Brot zu schneiden. Wilhelm wußte nicht, was er daraus machen
sollte, es war ihm zu Mute, wie wenn da ein gefährlicher Geist durch
sein stilles Häuschen wehte, und die Frühlingssonne funkelte gar seltsam
durch die klaren Fenster und über die schöne Bäuerin her. Doch fügte er
sich, holte eine von des Tuchscherers Porzellantassen, welche dieser
hier aufbewahrte, und teilte seinen Kaffee ehrlich mit dem Eindringling.

»Ihr könnt wahrlich guten Kaffee machen, Herr Hexenmeister,« sagte sie,
»wo habt Ihr's nur gelernt?« »Freut mich, wenn er Euch schmeckt!« sagte
Wilhelm, »doch bitte ich Euch, mich nicht immer Hexenmeister zu nennen;
denn ich kann leider nicht hexen!« »Nicht? ich hab's geglaubt!« sagte
sie lächelnd, indem sie einen glänzenden Blick zu ihm hinüberschoß,
»wenigstens habt Ihr mir es schon ein weniges angetan, obgleich Ihr
nicht der höflichste seid! Aber ein hübscher Mensch seid Ihr! ist es
Euch nicht langweilig so ganz allein?« »Es scheint nicht so!« erwiderte
Wilhelm errötend, »sonst würde ich wohl unter die Leute gehen; Ihr
scheint aber gut aufgelegt, schöne Frau!«

»Schöne Frau? Ei seht, das tönt schon besser! Ihr solltet noch ein wenig
in die Schule gehen, ich glaube, es könnte doch noch gut mit Euch
kommen! Aber leider muß ich selbst in die Schule gehen. Da habe ich noch
ein Anliegen, daß ich es nicht vergesse, das ist die Hauptsache, warum
ich gekommen bin, wenn's erlaubt ist! Die Rechnung, die Ihr mir neulich
so schnell gemacht, daß ich es nicht einmal merkte, hat mir guten Dienst
geleistet. Ich habe aber einen großen Hof und kein Mann ist da, der das
Wesen in Ordnung hält und rechnet; ich selbst habe als Schulkind niemals
aufgemerkt und nichts gelernt, wie ich denn auch sonst nicht viel
taugte. Nun muß ich es erst büßen und bereuen, denn ich weiß nie, wie
ich stehe und ob ich betrogen werde oder nicht? Gut! dacht' ich, du bist
noch nicht zu alt zum Lernen, ein Jahr fünf- oder sechsundzwanzig, du
gehst also zum Hexenmeister und bittest ihn, daß er dir zeige, wie man
dies und jenes ausrechnet. Für guten Lohn wird er's gewiß tun, ein Sack
Erdäpfel oder eine halbe Speckseite sollen mich nicht reuen, wenn er's
zurecht bringt, daß ich mit den verwünschten Zahlen umgehen kann. Seht,
da habe ich schon eine Tafel mitgebracht und auch eine Kreide, nun, wo
hab' ich die Kreide?«

Sie legte die Tafel auf den Tisch, fuhr mit der Hand in die Rocktasche
und klapperte ungeduldig darin. Dann zog sie eine Handvoll Zeug heraus
und warf es auf den Tisch, ein geringes Taschenmesser, einen eisernen
Fingerhut, einige Geldstücke, Brotkrumen, eine Hundepfeife, eine
gedörrte Birne und ein kleines Stück Kreide. Die Birne steckte sie
schnell in den Mund und rief kauend: »Da ist die Teufelskreide! Jetzt
fangt nur an!« Zugleich rückte sie mit ihrem Stuhle ihm dicht zur Seite
und schaute ihm erwartungsvoll ins Gesicht.

»So große Schülerinnen bin ich eigentlich nicht gewohnt,« sagte Wilhelm
verlegen und rückte ein bißchen zur Seite, »doch wenn Ihr gut aufmerken
wollt, so will ich wohl sehen, was zu machen ist!« Hierauf begann er,
der Frau die vier Spezies vorzumachen, und sie stellte sich, als ob sie
nagelneue Dinge hörte. Sie rückte ihm wieder näher, nahm ihm alle
Augenblicke die Kreide aus der Hand, verdarb die Rechnung und trieb
tausend schnackische Dinge, über welchen sie zuweilen plötzlich die
Augen voll zu ihm aufschlug. Er sah sie dann verwundert und nicht ohne
Wohlgefallen an, ohne jedoch aus der Fassung zu geraten, und auch wenn
sie auf die Tafel blickte, betrachtete er ruhig den hübschen Kopf, wie
man etwa ein edles Gewächs betrachtet. Indessen wurde er dabei still und
vergaß ein paarmal zu antworten. Unversehens stand sie auf und sagte:
»Für heute muß es gut sein, sonst werde ich zu gelehrt! Übermorgen auf
den Abend komm' ich wieder, wenn Ihr dann Zeit habt; behüt' Euch Gott,
Herr!«

Womit sie, ohne seine Antwort abzuwarten, sich entfernte, so unerwartet
als sie gekommen war.

Wilhelm sah ihr nach, ohne von seinem Stuhle aufzustehen. Dann grübelte
er etwas in seinen Gedanken herum und sagte schließlich: »Am Ende werde
ich hier auch fortgetrieben; es scheint mir mit dieser Person nicht ganz
richtig zu sein!«

Frau Ännchen gefiel sich so gut in der ländlichen Tracht, daß sie auf
einsamen Feldwegen herumspazierte, bis es Mittag läutete. Sie
betrachtete gedankenvoll bald die junge Saat, bald den emsigen Lauf
eines Bächleins; doch sie bedachte weder die Saat noch das Wasser,
sondern erwog, wie weit sie die Probe mit dem jungen Manne treiben
wolle; sie glaubte den Erfolg in ihrer Gewalt zu haben und war nur
unschlüssig, ob sie denselben erst ein wenig zu ihrer eigenen
Lustbarkeit lenken oder ob sie als ehrliche Frau und Freundin handeln
solle. Denn der Einsiedler schien ihr wie geschaffen zu einer
ersprießlichen Zerstreuung und zu einem Lustspiel für eigene Rechnung.
Wenn Wilhelm sich verlocken ließ, so war ja ihrer Freundin von einem
unbeständigen Mann geholfen und trefflich gedient und er selbst wurde
durch einen lustigen Betrug gehörig bestraft. Sie stand eben vor einer
stillen Ansammlung eines Wässerleins und beschaute darin ihr
Spiegelbild. Sie kam sich fast zu schön vor für ihren eigenen
teilnahmslosen Mann; auf der andern Seite aber schien das Abenteuer doch
bedenklich und konnte ihr zuletzt übel bekommen und ihre behagliche Ruhe
in die Luft sprengen; auch war der Freundin ein freundliches Los zu
gönnen und sie wußte wohl, daß Gritli den Vogel festhalten würde, wenn
sie ihn nur erst unversehrt in der Hand hielte. So schwebten ihre
ernsten Erwägungen im Gleichgewicht; sie stellte die Entscheidung
endlich auf ein welkes Blatt, das in der Wasserstille langsam kreiste
und einen Ausweg suchte. Legte es sich ans rechte Bord, so wollte sie
der Freundin dienen, wenn ans linke, für sich selbst sorgen. Allein das
Blatt schwamm plötzlich abwärts und ins Weite, und sie beschloß, der
Sache den Lauf zu lassen, wie es gehen möge. Da erklang die
Mittagsglocke und Ännchen schritt, von keinem menschlichen Auge gesehen,
nach der Hintertür in der Stadtmauer; denn es war die Zeit, da in der
alten Welt der große Pan schlief und in der neuen die Seldwyler mit
Kind und Kegel so vollzählig um den Sonntagsbraten saßen, daß die
Straßen stiller waren als in dunkler Mitternacht.

Mit ängstlicher Erwartung verschlangen Gritlis Augen die mutwillige
Freundin, als sie lachend in die Stube trat. Diese umarmte und küßte sie
sogleich, indem sie rief: »Komm, es ist mir ganz küsserlich zu Mute
geworden bei deinem Schatz!« »O! sei nicht so häßlich!« rief jene
vorwurfsvoll, »du hast doch nicht so tolles Zeug getrieben! Wie ist es
gegangen? Wie hat er sich gehalten?« »Sei ruhig, wie ein Stück Holz hat
er sich gehalten!« sagte Ännchen, und Gritli rief: »Gott sei Dank! so
wollen wir es denn dabei bewenden lassen!« »Bewenden lassen? das wäre
eine schöne Geschichte!« fuhr Ännchen dazwischen, »da wüßten wir erst
recht nichts! Er war wie ein Stück Holz, aber nun kommt erst die
Hauptsache, wo er sich immer noch zum Schlimmen wenden kann, freilich
auch zum Guten! Nun, wie er sich bettet, so wird er liegen!«

Da ermannte sich Gretchen abermals und sagte: »Ja! es muß durchgeführt
sein! Wenn er deinen Teufeleien entrinnt, so hat er sich gründlich
gebessert und wird umso preiswürdiger sein!«

Also machte sich die Versucherin am zweiten Tage wieder auf den Weg und
zwar in der Abenddämmerung. Sie trug dieselbe Tracht, nur mit einiger
Abwechslung und größerer Einfachheit, wie eine Bäuerin etwa während der
Woche zu tragen pflegt, wenn sie über Land geht. Sie trug aber Sorge,
daß nichtsdestoweniger alles gut und reizend saß. Die Haare waren
merkwürdigerweise städtisch geflochten und mit einem Tuche bedeckt.

Wilhelm war absichtlich weggegangen und dachte, die sonderbare Schöne,
wenn sie wirklich wiederkommen sollte, einen vergeblichen Gang tun zu
lassen. Als es aber dunkelte, beschleunigte er mehr als notwendig seine
Schritte, die Wohnung zu erreichen, sei es aus Neugier oder aus dem
Bedürfnisse, sich an der scherzhaften Dame zu erheitern. Er traf richtig
mit ihr an der Tür zusammen, als sie eben vergeblich gepocht hatte.
»Ach, da kommt Ihr!« sagte sie sanft, »ich habe schon geglaubt, Ihr
hättet mich im Stich gelassen! Nun, da bin ich wieder, wenn's erlaubt
ist, ich konnte den Tag über nicht abkommen.« Er zündete das Licht an
und sagte: »Wie steht's? Habt Ihr noch was behalten vom neulichen
Unterricht oder habt Ihr's schon wieder vergessen?« »Ich weiß es selber
kaum,« erwiderte sie bescheidentlich und schien überhaupt in einer
weichen Stimmung zu sein, so daß der Lehrer wieder nicht aus ihr klug
wurde.

Als sie zu rechnen begannen, war die Frau still und zerstreut und in der
Zerstreuung machte sie nicht nur keinen Fehler, sondern rechnete die
Aufgaben wie aus Versehen rasch und richtig zu Ende und machte von
selbst die Proben dazu. Sie konnte plötzlich so gut rechnen wie der
Schulmeister selbst, schien es aber durchaus nicht zu wissen. Er sah ihr
eine geraume Weile zu, während es ihm pricklig im Gemüt wurde. Da fiel
es ihm endlich auf, welch weiße Hand die Bauersfrau besaß, und ihr
künstlich geflochtenes Haar duftete nicht weit von seiner Nase. Einesmal
sagte er: »Sie sind keine Bäuerin! Woher kommen Sie? Was wollen Sie
hier?«

Sie legte erschrocken die Kreide hin, sah ihn furchtsam an und dann vor
sich nieder, indem sie die Hände ineinander legte. Es herrschte eine
große Stille. Endlich begann sie mit einem leichten Seufzer und leise:
»Ich bin eine junge Witfrau, die aus langer Weile schon mehr als eine
Torheit begonnen hat. Neulich wurde ich mit einer Freundin einig, den
weisen Einsiedler zu beschauen, der so viel von sich reden macht. Sie
haben gesehen, wie wir unsern Vorsatz ausführten; aber die Neugierde ist
mir nicht gut bekommen!«

»Und warum nicht?« fragte Wilhelm lachend, obgleich es ihm anfing,
schwül zu werden. Da sagte sie noch leiser: »Ich habe mich leider in Sie
verliebt!« und zugleich schlug sie lächelnd die Augen zu ihm empor. Es
war freilich kein echter und ursprünglicher Blick, sondern einer aus der
Fabrik, ein böhmischer Brillant, das fühlte Wilhelm wohl; dennoch war er
feurig genug, in ihm eine Reihe von Gefühlen und Gedanken zu erwecken,
welche sich schnell wie der Blitz aneinander entzündeten.

»Man muß am Ende die Weiber nehmen wie die Skorpione, den Stich des
einen heilt man mit dem Safte, den man dem andern ausquetscht! Was nützt
es, die Süßigkeit der Frauen zu verschmähen, weil sie schwach und
betrüglich sind? Pflücke die Rosen vorsichtig oben weg, und lasse den
Stock unberührt, so wirst du nicht gestochen! Trinke den Wein und stelle
den Becher dahin, so wirst du in Frieden leben! Wer durch die Wüste
wandelt, der trinke vom Brunnen der Gelegenheit, und wer einsam ist, der
locke die Amsel! Sieh! die eine geht, die andere kommt, die ist braun
und jene golden; gut ist nur die, so dich küßt!«

Nicht diese ausführlichen Worte, aber deren frevelhafter Sinn drängte
sich in Wilhelms Empfindung zusammen, als er Ännchens Hand ergriff und
sie unschlüssig, aber lächelnd ansah. Freilich waren seine Handlungen
viel zaghafter als seine Gedanken, und so kam es, daß nach einer Minute
nicht er die Schöne, sondern sie ihn im Arme hielt und ihm eben einen
Kuß aufdrücken wollte, als abermals eine Reihe von Gedanken und
Vorstellungen sich in dem Augenblick und in Wilhelms Gemüte
zusammendrängte.

»Das ist also,« dachte er ungefähr, »das vielgewünschte Glück in
Frauenarmen! Nun, schön genug ist's und gar nicht unangenehm! Gott sei
Dank, daß ich mal eine dicht bei mir habe! Was würde wohl Gritli dazu
sagen, wenn sie mich so sähe?«

Zugleich sah er Gritli im Geiste auf der Treppe vor dem Häuschen stehen
und dann sitzen. »Wie,« dachte er, »wenn sie dich gesucht, wenn sie dich
doch lieb hätte?« Ein großes Mitleiden mit ihr ergriff ihn, er erschrak
ordentlich über seine Hartherzigkeit; kurz, zerstreut und in Gedanken
verloren fuhr er zurück und entzog damit plötzlich und unerwartet seinen
Mund dem Kusse, den Ännchen eben darauf absetzen wollte. Er starrte ins
Blaue hinaus und sah immer deutlicher Frau Gritlis vermeinte Gestalt,
wie sie still vor seiner Tür saß und auf ihn zu warten schien. Dann
besann er sich und sagte unversehens zu Ännchen: »Was hatte es denn für
eine Bewandtnis mit dem Gruße, den Sie mir das erste Mal, da Sie hier
waren, von jener Frau gebracht haben? Und was macht sie, wie geht es
ihr?«

»Welche Frau, welcher Gruß?« fragte sie etwas betroffen und verlegen,
und als er sich genauer erklärt, sagte sie kalt: »Ach, das war nur eine
Neckerei von mir! Ich kenne die Frau gar nicht!« Diese schnöde und kühle
Antwort gefiel ihm nicht und kränkte ihn; unwillkürlich machte er sich
frei und trat ans Fenster, öffnete es und guckte verstimmt hinaus in die
Nacht.

Der gestirnte Himmel spannte sich über das Tal, in welchem die Lichter
von Seldwyla in einem dichten Haufen glänzten; darüber vergaß er, was in
der Stube war, seine Gedanken irrten um die dunkle Stadtmauer in der
Tiefe, und eben tat er einen ordentlichen Seufzer, als dicht unter
seinem Fenster eine weibliche Gestalt vorüberging mit den Worten: »Gute
Nacht, Herr Hexenmeister!« Es war Frau Ännchen, welche unbemerkt aus dem
Häuschen gehuscht war und lachend den Berg hinuntersprang. Er machte
eine Bewegung und eine Stimme rief in ihm: Laß sie nicht entwischen!
Aber dennoch wich er nicht von der Stelle und seine Sehnsucht flog über
die spukhafte Bäuerin hinweg in das Tal, wo Gritli war. Alle Geister der
Leidenschaft waren nun aufgeweckt und taumelten wie trunken in seinem
Herzen umher, und er verbrachte die Nacht schlaflos und aufgeregt.

»Dem wollen wir abhelfen!« rief er, als die Sonne schon hoch am Himmel
stand und er aus dem unruhigen Morgenschlaf erwachte, »ich will für
einige Zeit den Platz räumen, und andere Luft suchen!« Gesagt, getan! Er
hing zum zweitenmal die Reisetasche um, ergriff einen Stecken, schloß
Fensterladen und Tür und machte sich auf den Weg, dem Tuchscherer den
Schlüssel zu bringen und sich bei ihm zu beurlauben.

Ein leichter und rascher Schritt weckte ihn aus dem Brüten, in dem er
alles getan hatte. Er kannte den Schritt und lauschte ihm einige
Augenblicke, eh' er aufzuschauen wagte. Schon warf die Morgensonne den
leichten Schatten eines Schleiers auf den glänzenden Weg, dicht unter
seine Augen; der Florschatten umflatterte ein paar rund gezeichnete
Schultern. Wilhelm war plötzlich wie in ein Fegefeuer gesteckt und
bemerkte dennoch in aller Verwirrung, daß der wohlklingende Schritt fast
unmerklich zögerte. Endlich blickte er in die Höhe und sah Frau Gritli
nahe vor sich, welche ihrerseits errötete und verlegen lächelnd vor sich
hinsah. Beide Personen beschleunigten in der Verwirrung ihren Gang und
eilten sich vorüber, wahrscheinlich um sich nie wieder zu treffen. Da
zog Wilhelm doch noch seinen Hut und Gritli erwiderte den Gruß mit einer
raschen Verbeugung. Wie an einem Drahte gezogen sah jedes zurück, stand
still und wendete sich mit mehr oder weniger langsamer Bewegung; endlich
schossen sie zusammen wie zwei Hölzchen, die auf einem Wasserspiegel
dahintreiben, und stehenden Fußes gingen sie eilig nebeneinander fort.
»Sie wollen doch nicht verreisen, weil Sie Tasche und Stab tragen?«
sagte Gritli. Wilhelm erwiderte, er wolle allerdings fortgehen, und als
sie fragte, warum und wohin? erzählte er von Geschäften, von schönem
Wetter, von diesem und jenem, und Gritli flocht ebenso inhaltlose Dinge
dazwischen, aber alles in tiefster Bewegung. Sie gingen rasch, atmeten
schnell und sahen sich abwechselnd an; so waren sie, ohne es zu sehen,
auf einen Waldpfad geraten und gingen schon tief in den Bäumen, als
Gritli endlich rief: »Wo sind wir denn hingekommen? Ist das Ihr Weg?«
»Meiner?« sagte Wilhelm ernsthaft, »nein!« »Nun, das ist gut!« meinte
sie lachend, »so müssen wir nur sehen, daß wir bald wieder
hinauskommen!« Er sagte: »Da wollen wir hier quer durchgehen!« und
wanderte auf einem schmalen Seitenpfade voran durch den Forst. Nach
einer Weile kamen sie auf eine kleine Lichtung, die von hohen Föhren
eingeschlossen war, deren Kronen sich ineinander bauten. Unter den
Föhren lagen große rötliche Steine übereinander, denn es war das Grab
des keltischen Mannes, und rings herum war der Platz von den weißen
Sternen der Anemonen bedeckt.

»Hier ist's schön!« rief Gritli, »hier muß ich ein wenig ausruhen, ich
bin müde geworden!« Sie setzte sich auf die Steine und Wilhelm blieb vor
ihr stehen. »Machen Sie nicht, daß der aufwacht, der da unten liegt!«
sagte er; erschreckt fragte sie, was er meine, und er erzählte ihr die
Geschichte von dem Grabe. Nach einer Weile bemerkte sie: »Wo mag wohl
seine Frau liegen? Gewiß nicht weit!« »Das kann man freilich nicht
wissen!« antwortete Wilhelm lachend, »vielleicht liegt sie auf einem
Schlachtfelde in Gallien, vielleicht auf einem andern Berge in dieser
Gegend, vielleicht hier ganz in der Nähe, und vielleicht hat er gar
keine gehabt!«

Hierauf trat eine Stille zwischen die zwei Leute und jedes schien in
eigentümliche Gedanken vertieft. Gritli hatte ihren Hut abgelegt und
zeigte plötzlich statt der Locken, die dem Schulmeister sonst in die
Augen gestochen, ein glänzend glattgekämmtes Haar, einen schlichten
runden Kopf. Das verblüffte und verblendete ihn gänzlich, denn durch die
ungewohnte Veränderung erschien sie ihm schöner als je. Auch war sie
außerordentlich fein und anmutig gekleidet, obschon einfach, aber alles
frisch und wohlgemacht; nichts Einzelnes fiel auf und doch machte alles
einen angenehmen Eindruck, der sich wieder der Herrschaft des schlichten
blühenden Kopfes durchaus unterordnete. Diese Frau war in ihren Kleidern
und bei sich selbst zu Hause, und wer da einkehrte, befand sich in
keiner Marktbude. Das alles versetzte Wilhelm in tiefe Melancholie und
er sah die schöne Frau vor sich, wie man in die frühlingsblaue Ferne
sieht, in die man nicht hinein kann.

Als die tiefe Stille einige Minuten gedauert, während Gritlis Busen
unruhig wallte, rief der Kuckuck aus der Tiefe des Waldes, und zwar nur
ein einziges Mal, aber hell und widerhallend. Beide sahen sich an, und
ohne weitere Zeit zu verlieren, sagte Gritli mit einem freundlichen
Lächeln: »Es ist mir lieb, Sie noch getroffen zu haben; denn halb und
halb hatte ich die Absicht, Sie in Ihrem Häuschen aufzusuchen!«

Wilhelm sah sie mit großen Augen an; diese Worte weckten ihn aus seiner
Vergessenheit und machten ihm das Verhältnis gegenwärtig, in welchem er
eigentlich zu der Frau stand. Er brachte deswegen nur ein mißtrauisches
und kurzes »Warum?« hervor und glaubte sich mit heißen Wangen einer
neuen Komödie ausgesetzt. Sie aber sagte: »Ich wollte Sie gern fragen,
ob Sie mir noch zürnen wegen der Geschichte mit den Liebesbriefen?«

»Ich habe Ihnen nie gezürnt,« erwiderte er, »sondern nur mir selbst;
dennoch war das, was Sie vor Gericht von mir sagten, nicht gut und auch
undankbar; denn ich habe Ihre Schönheit und Lieblichkeit so hoch
gehalten, daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als an einen Gott zu
glauben, der Sie geschaffen und mir geschenkt habe, was freilich ein
eitler und eigennütziger Gedanke war!«

Eine prächtige Röte überflog Gritlis Gesicht. »Ich war nicht undankbar!«
sagte sie, indem sie die Handschuhe auszog und ihre Fingerspitzen
betrachtete, »als ich jene Worte sprach, dachte ich --« sie stockte, und
Wilhelm sagte mit fast tonloser Stimme: »Nun, was dachten Sie?« »Ich
dachte,« flüsterte sie, die Augen niederschlagend, »nun, ich dachte in
meinem Herzen, daß dafür meine Person, wie sie ist, Ihnen für immer
angehören solle, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!«

Zugleich reichte sie beide Hände hin und schlug die Augen zu ihm auf. Es
war kein so blitzender Blick, wie sie ihm einst über die Hecke
zugeworfen, aber doch viel tiefer und klarer. Er ergriff ihre Hände, sie
stand auf; doch wußte der gute Pascha, der in seinen Gedanken eine ganze
Stadt voll Weiber beherrscht hatte, mit dieser einzigen sogleich nichts
anzufangen, als daß er wie betäubt mit ihr auf der Lichtung hin und her
ging und sie anlachte, ohne ihre Hand loszulassen. Endlich setzten sie
den Weg wieder fort, Wilhelm ging voraus, sah sich aber von Zeit zu Zeit
wieder um, ob sie ihm auch folge auf dem schmalen Pfade, und immer war
sie lächelnd hinter ihm. Da trat sie einsmals hinter eine dicke Buche
und verbarg sich dort, und als er wieder rückwärts blickte, fand er sie
nicht mehr. Ungewiß und erschrocken stand er still, und als er nichts
mehr von ihr hörte und sah, ging er langsam etwa zwanzig Schritte
zurück, und mit jedem Schritte stieg schwärzer der betrübte Verdacht in
ihm auf, daß er abermals der Gegenstand einer Posse geworden sei, so
abenteuerlich das auch gewesen wäre; denn er konnte sich kaum in seine
Stellung als beglückter Liebhaber finden. Da hustete es schalkhaft
hinter der Buche, und als er näher trat, breitete die Vermißte die Arme
nach ihm aus. Jetzt endlich umschlang er sie, bedeckte sie mit Küssen,
die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie hielt ihm schweigend
still und fand, daß sie bis jetzt auch nicht viel von Liebe gewußt habe.

Nachdem Wilhelm sich fürs erste in etwas beruhigt, ließ er sich mit der
Geliebten auf eine mächtige bemooste Wurzel der Buche nieder,
streichelte ihr die Wangen und fragte, ob sie nicht einmal eines Mittags
im Herbste schon vor seinem Häuschen gewesen sei? »Hast du mich also
doch gesehen?« erwiderte sie und bejahte seine Frage. Er erzählte ihr
das Abenteuer und offenherzig auch dasjenige mit der Frau Ännchen und
wie nur die Erinnerung an jenen Anblick, da Gritli auf seiner Treppe
gesessen, ihn vor dem Abfalle bewahrt habe.

Gritli streichelte ihn hinwieder, küßte ihn und sagte: »So bist du also
einer von den Rechten, bei denen keine Mühe verloren ist!«

Als der Mai gekommen, hielten sie unter blühenden Bäumen eine fröhliche
Hochzeit. Während sie die Reise machten, suchte der Tuchscherer in der
Gegend für sie ein beträchtliches Landgut, welches sie nach ihrer
Rückkehr kauften und bezogen. Wilhelm baute den Besitz mit Fleiß und
Umsicht und mehrte ihn, so daß er ein angesehener und wohlberatener Mann
wurde, während seine Frau in gesegneter Anmut sich immer gleich blieb.
Wenn ein Schatten des Unmutes über ihren Mann kam oder ein kleiner
Streit entstand, so entrollte sie ihre Locken, und wenn deren Macht
nicht mehr vorhalten wollte, so strich sie dieselben wieder hinter die
Ohren, worauf Wilhelm aufs neue geschlagen war. Sie hatten wohlerzogene
Kinder, welche sich, als sie erwachsen waren, andere Wohlerzogene zur
Ehe herbeiholten. Auch der Tuchscherer blieb in der Freundschaft und
erhielt sich als ein geborgener Mann, so daß nach und nach eine kleine
Kolonie von Gutbestehenden anwuchs, welche, ohne einem heitern
Lebensgenusse zu entsagen, dennoch Maß hielten und gediehen. Sie wurden
von den Seldwylern ironisch »die halblustigen Gutbestehenden« oder die
»Schlauköpfe« genannt, waren aber wohl gelitten, weil sie in manchen
Dingen nützlich waren und dem Orte zum Ansehen gereichten.

Viktor Störteler aber und seine Kätter waren samt jenen Liebesbriefen,
welche sie aus Hunger und Not doch wieder hergestellt, auf sich bezogen
und unter vielem Gezänke vermehrt hatten, längst vergessen und
verschollen.



Dietegen


An den Nordabhängen jener Hügel und Wälder, an welchen südlich Seldwyla
liegt, florierte noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Stadt
Ruechenstein im kühlen Schatten. Grau und finster war das gedrängte Korpus
ihrer Mauern und Türme, schlecht und recht die Rät und Burger der Stadt,
aber streng und mürrisch, und ihre Nationalbeschäftigung bestand in
Ausübung der obrigkeitlichen Autorität, in Handhabung von Recht und Gesetz,
Mandat und Verordnung, in Erlaß und Vollzug. Ihr höchster Stolz war der
Besitz eines eigenen Blutbannes, groß und dick, den sie im Verlauf der
Zeiten aus verschiedenen zerstreuten Blutgerichten von Kaiser und Reich so
eifrig und opferfreudig an sich gebracht und abgerundet hatten, wie andere
Städte ihre Seelenfreiheit und irdisches Gut. Auf den Felsvorsprüngen rings
um die Stadt ragten Galgen, Räder und Richtstätten mannigfacher Art, das
Rathaus hing voll eiserner Ketten mit Halsringen, eiserne Käfige hingen auf
den Türmen, und hölzerne Drehmaschinen, worin die Weiber gedrillt wurden,
gab es an allen Straßenecken. Selbst an dem dunkelblauen Flusse, der die
Stadt bespülte, waren verschiedene Stationen errichtet, wo die Übeltäter
ertränkt oder geschwemmt wurden, mit zusammengebundenen Füßen oder in
Säcken, je nach der feineren Unterscheidung des Urteils.

Die Ruechensteiner waren nun nicht etwa eiserne, robuste und
schreckhafte Gestalten, wie man aus ihren Neigungen hätte schließen
können; sondern es war ein Schlag Leute von ganz gewöhnlichem,
philisterhaftem Aussehen, mit runden Bäuchen und dünnen Beinen, nur daß
sie durchweg lange gelbe Nasen zeigten, eben dieselben, mit denen sie
sich gegenseitig das Jahr hindurch beschnarchten und anherrschten.
Niemand hätte ihrem kümmelspalterischen Leiblichen, wie es erschien, so
derbe Nerven zugetraut, als zum Anschau'n der unaufhörlichen
Hochnotpeinlichkeit erforderlich waren. Allein sie hatten's in sich
verborgen.

So hielten sie ihre Gerichtsbarkeit über ihrem Weichbilde ausgespannt
gleich einem Netz, immer auf einen Fang begierig; und in der Tat gab es
nirgends so originelle und seltsame Verbrechen zu strafen, wie zu
Ruechenstein. Ihre unerschöpfliche Erfindungsgabe in neuen Strafen
schien diejenige der Sünder ordentlich zu reizen und zum Wetteifer
anzuspornen; aber wenn dennoch ein Mangel an Übeltätern eintrat, so
waren sie darum nicht verlegen, sondern fingen und bestraften die
Schelmen anderer Städte; und es mußte einer ein gutes Gewissen haben,
wenn er über ihr Gebiet gehen wollte. Denn sobald sie von irgend einem
Verbrechen, in weiter Ferne begangen, hörten, so fingen sie den ersten
besten Landläufer und spannten ihn auf die Folter, bis er bekannte, oder
bis es sich zufällig erwies, daß jenes Verbrechen gar nicht verübt
worden. Sie lagen wegen ihren Kompetenzkonflikten auch immer im Streit
mit dem Bunde und den Orten und mußten öfter zurechtgewiesen werden.

Zu ihren Hinrichtungen, Verbrennungen und Schwemmungen liebten sie ein
windstilles, freundliches Wetter, daher an recht schönen Sommertagen
immer etwas vorging. Der Wanderer im fernen Felde sah dann in dem
grauen Felsennest nicht selten das Aufblitzen eines Richtschwertes, die
Rauchsäule eines Scheiterhaufens, oder im Flusse wie das glänzende
Springen eines Fisches, wenn etwa eine geschwemmte Hexe sich
emporschnellte. Das Wort Gottes hätte ihnen übel geschmeckt ohne
mindestens ein Liebespärchen mit Strohkränzen vor dem Altar und ohne
Verlesen geschärfter Sittenmandate. Sonstige Freuden, Festlichkeiten und
Aufzüge gab es nicht, denn alles war verboten in unzähligen Mandaten.

Man kann sich leicht denken, daß diese Stadt keine widerwärtigeren
Nachbaren haben konnte, als die Leute von Seldwyla; auch saßen sie
diesen hinter dem Walde im Nacken, wie das böse Gewissen. Jeder
Seldwyler, der sich auf Ruechensteiner Boden betreten ließ, wurde
gefangen und auf den zuletzt gerade vorgefallenen Frevel inquiriert.
Dafür packten die Seldwyler jeden Ruechensteiner, der sich bei ihnen
erwischen ließ, und gaben ihm auf dem Markt ohne weitere Untersuchung,
bloß weil er ein Ruechensteiner war, sechs Rutenstreiche auf den
Hintern. Dies war das einzige Birkenreis, was sie gebrauchten, da sie
sich selbst untereinander nicht weh zu tun liebten. Dann färbten sie ihm
mit einer höllischen Farbe die lange Nase schwarz und ließen ihn unter
schallendem Jubelgelächter nach Hause laufen. Deshalb sah man zu
Ruechenstein immer einige besonders mürrische Leute mit geschwärzten,
nur langsam verbleichenden Nasen herumgehen, welche wortkarg nach
Armensünderblut schnupperten.

Die Seldwyler aber hielten jene Farbtunke stets bereit in einem eisernen
Topfe, auf welchen das Ruechensteiner Stadtwappen gemalt war und welchen
sie »den freundlichen Nachbar« benannten und samt dem Pinsel im Bogen
des nach Ruechenstein führenden Tores aufhingen. War die Beize
ausgetrocknet oder verbraucht, so wurde sie unter närrischem Aufzug und
Gelage erneuert zum Schabernack der armen Nachbaren. Hierüber wurden
diese einmal so ergrimmt, daß sie mit dem Banner auszogen, die Seldwyler
zu züchtigen. Diese, noch rechtzeitig unterrichtet, zogen ihnen entgegen
und griffen sie unerschrocken an. Allein die Ruechensteiner hatten ein
Dutzend graubärtige verwitterte Stadtknechte, welche neue Stricke an den
Schwertgehängen trugen, ins Vordertreffen gestellt, worüber die
Seldwyler eine solche Scheu ergriff, daß sie zurückwichen und fast
verloren waren, wenn nicht ein guter Einfall sie gerettet hätte; denn
sie führten Spaßes halber den »freundlichen Nachbar« mit sich und statt
des Banners einen langen ungeheuren Pinsel. Diesen tauchte der Träger
voll Geistesgegenwart in die schwarze Wichse, sprang mutig den
vordersten Feinden entgegen und bestrich blitzschnell ihre Gesichter,
also daß alle, die zunächst von der verabscheuten Schwärze bedroht
waren, Reißaus nahmen und keiner mehr der Vorderste sein wollte. Darüber
geriet ihre Schar ins Schwanken; ein unbestimmter Schreck ergriff die
Hintern, während die Seldwyler ermutigt wieder vordrangen unter wildem
Gelächter und die Ruechensteiner gegen ihre Stadt zurückdrängten. Wo
diese sich zur Wehre setzten, rückte der gefürchtete Pinsel herbei an
seinem langen Stiele, wobei es keineswegs ohne ernsthaften Heldenmut
zuging; schon zweimal waren die verwegenen Pinselträger von Pfeilen
durchbohrt gefallen, und jedesmal hatte ein anderer die seltsame Waffe
ergriffen und von neuem in den Feind getragen.

Am Ende aber wurden die Ruechensteiner gänzlich zurückgeschlagen und
flohen mit ihrem Banner in hellem Haufen durch den Wald zurück, die
Seldwyler auf den Fersen. Sie konnten sich mit Not in die Stadt retten
und das Tor schließen, welches ihre Verfolger samt der Zugbrücke so
lange mit dem verwünschten Pinsel schwarz beklecksten, bis jene sich
etwas gesammelt und die lärmenden Maler mit Kalktöpfen bewarfen.

Weil nun einige angesehene Seldwyler in der Hitze des Andranges in die
Stadt geraten und dort abgeschlossen, dafür aber auch ein Dutzend
Ruechensteiner von den Siegern gefangen worden waren, so verglich man
sich nach einigen Tagen zur Auswechslung dieser Gefangenen und hieraus
entstand ein förmlicher Friedensschluß, so gut es gehen wollte. Man
hatte sich beiderseitig etwas ausgetobt und empfand ein Bedürfnis
ruhiger Nachbarschaft. So wurde ein freundnachbarliches Benehmen
verheißen; zum Beginn desselben versprachen die Seldwyler, den eisernen
Topf auszuliefern und für immer abzuschaffen, und die Ruechensteiner
sollten dagegen auf jedes eigenmächtige Strafverfahren gegen spazierende
Seldwyler feierlich Verzicht leisten, sowie die diesfälligen Rechte
überhaupt sorgfältig ausgeschieden werden.

Zur Bestätigung solchen Übereinkommens wurde ein Tag angesetzt und die
Berglichtung zur Zusammenkunft gewählt, auf welcher das Haupttreffen
stattgefunden hatte. Von Ruechenstein fanden sich einige jüngere
Ratsherren ein; denn die Alten brachten es nicht über sich, in Minne mit
den Leuten von Seldwyla zu verkehren. Diese erschienen auch wirklich in
zahlreicher Abordnung, brachten den »freundlichen Nachbar« mit lustigem
Aufwand und führten ein Fäßchen ihres ältesten Stadtweines mit nebst
einigen schönen silbernen und vergoldeten Ehrengeschirren. Damit
betörten sie denn die jungen Ruechensteiner Herren, denen ein
ungewohnter Sonnenblick aufging, so glücklich, daß sie sich verleiten
ließen, statt unverweilt heimzukehren, mit den Verführern nach Seldwyla
zu gehen. Dort wurden sie auf das Rathaus geleitet, wo ein gehöriger
Schmaus bereit war; schöne Frauen und Jungfrauen fanden sich ein, immer
mehrere Stäufe, Köpfe, Schalen und Becher wurden aufgesetzt, so daß über
all dem Glänzen der feurigen Augen und des edlen Metalles die armen
Ruechensteiner sich selbst vergaßen und ganz guter Dinge wurden. Sie
sangen, da sie nichts anderes konnten, einen lateinischen Psalm um den
anderen zwischen die Zechlieder der Seldwyler und endeten höchst
leichtsinnig damit, daß sie diese dringend einluden, ihrer Stadt mit
ihren Frauen und Töchtern einen Gegenbesuch zu machen, und ihnen den
freundlichsten Empfang versprachen. Hierauf erfolgte die einmütige
Zusage, hierauf neuer Jubel, kurz die Geschäftsherren von Ruechenstein
verabschiedeten sich in vollständiger Seligkeit und hielten sich,
Schnippchen schlagend, dazu noch für glückliche Eroberer, als die
lachenden Damen ihnen bis zum Tore das Geleit gaben.

Freilich verzog sich das liebliche Antlitz der Sache, als die fröhlichen
Herren am andern Tage in ihrer finstern Stadt erwachten und nun Bericht
erstatten mußten über den ganzen Hergang. Wenig fehlte, als sie zum
Punkte der Einladung gediehen, daß sie nicht als Behexte inhaftiert und
untersucht wurden. Indessen fühlten sie auch obrigkeitliches Blut in
ihren Adern, und obgleich sie das Ding selbst schon gereute, so blieben
sie doch fest bei der Stange, ihr gegebenes Wort zu lösen, und stellten
den Alten vor, wie die Ehre der Stadt es schlechterdings erfordere, die
Seldwyler gut zu empfangen. Sie gewannen einen Anhang unter der
Bürgerschaft, vorzüglich durch ihre Beschreibung des reichen
Stadtgerätes, womit die Seldwyler so herausfordernd geprahlt hätten,
sowie durch das Herausstreichen ihrer Frauen und deren zierlicher
Kleidung. Die Männer fanden, das dürfe man sich nicht bieten lassen, man
müsse den eigenen Reichtum dagegen auftischen, der in den eisernen
Schränken funkle, und die Frauen juckte es, die strengen Kleidermandate
zu umgehen und unter dem Deckmantel der Politik sich einmal tüchtig zu
schmücken und zu putzen. Denn das Zeug dazu hatten sie alle in den
Truhen liegen, sonst wären ihnen die strengen Verordnungen längst
unerträglich gewesen und durch ihre Macht gestürzt worden. Der Empfang
der neuen Freunde und alten Widersacher ward also durchgesetzt, zum
großen Verdruß der Bejahrteren. Auch beschlossen diese sogleich, den
ärgerlichen Tag durch eine vorzunehmende Hinrichtung zu feiern und damit
eine zu lebhafte Fröhlichkeit heilsam und würdig zu dämpfen. Während die
jüngeren Herren mit den Zurichtungen zum Feste betätigt waren, trafen
jene in aller Stille ihre Anstalten und nahmen einen ganz jungen,
unmündigen armen Sünder beim Kragen, der gerade im Netze zappelte. Es
war ein bildschöner Knabe von elf Jahren, dessen Eltern in kriegerischen
Zeitläuften verschollen waren und der von der Stadt erzogen wurde. Das
heißt, er war einem niederträchtigen und bösen Bettelvogt in die Kost
gegeben, welcher das schlanke, wohlgebildete und kraftvolle Kind fast
wie ein Haustier hielt und dabei an seiner Frau eine wackere Helferin
fand. Der Knabe wurde Dietegen genannt, und dieser Taufname war sein
ganzes Hab und Gut, sein Morgen- und Abendsegen und sein Reisegeld in
die Zukunft. Er war erbärmlich gekleidet, hatte nie ein Sonntagsgewand
besessen und würde an den Feiertagen, wo alles besser gekleidet ging, in
seinem Jammerhabitchen wie eine Vogelscheuche ausgesehen haben, wenn er
nicht so schön gewesen wäre. Er mußte scheuern und fegen und lauter
solche Mägdearbeiten verrichten, und wenn die Bettelvögtin nichts
Schnödes für ihn zu tun hatte, so lieh sie ihn den Nachbarsweibern aus
gegen Mietsgeld, um ihnen alle Lumpereien zu tun, die sie begehrten. Sie
hielten ihn trotz seiner Anstelligkeit für einen dummen Kerl, weil er
sich stillschweigend allem unterzog und nie Widerstand leistete; und
dennoch vermochten sie nicht lang ihm in die feurigen Augen zu blicken,
wenn er in unbewußter Kühnheit blitzend umhersah.

Vor mehreren Tagen nun war Dietegen gegen Abend zum Küfer geschickt
worden, um Essig zu holen, da es seine Pflegeeltern nach einem Salat
gelüstete. Der Essig wurde seit alter Zeit in einem kleinen Kännchen
gehalten, welches, schwarz angelaufen, wie es war, für schlechtes Blech
angesehen wurde und schon von der Mutter der Bettelvögtin einst für
einige Pfennige nebst anderem Gerümpel gekauft worden, das aber in der
Tat von gutem Silber war. Der Küfer, der den Essig machte, wohnte in
einer einsamen Gegend hinter der Stadtmauer. Wie nun der Knabe mit
seinem Kännchen so daherkam, schlich ein alter Jude mit seinem Sack
vorbei, welcher schnell einen Blick auf das zierlich gearbeitete, obwohl
schmutzige Gefäß warf, und es dem Burschen mit schmeichlerischen Worten
zur näheren Betrachtung abforderte. Dietegen gab es hin, der Jude
schürfte heimlich mit seinem großen Daumnagel daran und bot dem
Erstaunten sogleich eine hübsch aussehende Armbrust dafür zum Tausch an,
welche er aus dem Sacke zog, nebst einigen Bolzen in einer Tasche von
zerfressenem Otterfell. Begierig griff der Junge nach der Waffe und
spannte sie sogleich mit geschickter und kräftiger Hand, während der
Hebräer sachte seines Weges ging, ohne daß jener sich weiter um ihn
kümmerte. Im Gegenteil fing er alsobald an, nach der Türe eines kleinen
Turmes zu schießen, der dort an die Mauer gebaut war, und ohne von
jemand gestört zu werden, setzte er, die ganze Welt vergessend, das
Spiel fort, bis es dunkelte, und schoß immer fort im Scheine des
aufgegangenen Mondes.

Unterdessen hatte der Bettelvogt auch noch einen Gang um die Stadt
gemacht und den Juden gefangen, welcher eben aus dem Tore schlüpfen
wollte. Als der Sack des Juden untersucht wurde, erkannte der Vogt
verwundert sein Essigkrüglein, das er soeben dem Pflegling selbst in die
Hand gegeben. Der Jud, in der Angst um seinen Hals, gestand sogleich,
daß es von Silber sei, und gab vor, ein junger Mensch habe es ihm mit
Gewalt für eine herrliche Armbrust aufgedrängt, die gleichwohl nicht so
viel wert sein möge. Jetzt lief der Bettelvogt und holte einen
Goldschmied; der prüfte das Kännchen und bestätigte, daß es ein altes
feines Ding von Silber sei und von trefflicher Arbeit. Da gerieten der
Bettelvogt und sein Weib, das mittlerweile auch herbeigelaufen, in die
größte Aufregung und Wut, erstens, weil sie, ohne es zu wissen, ein so
kostbares Essighäfelchen besaßen, und zweitens, weil sie fast darum
gekommen wären. Die Welt schien ihnen voll des ungeheuersten Unrechtes
zu gären, das Kind erschien ihnen als der Erbfeind, der ihre ewige
Seligkeit, den Lohn unendlicher Duldungen und Verdienste, beinahe
entführt hätte. Sie stellten sich plötzlich, als ob sie von je gewußt
hätten, daß die Kanne von Silber sei und als ob sie immer in ihrem Hause
dafür gegolten. Mit den tollsten Verwünschungen klagten sie den Knaben
des schweren Diebstahls an, und während der Arglose noch immer mit
seinen Pfeilen beschäftigt war und mit jedem Schusse das Ziel besser
traf, zogen schon zwei Haufen von Häschern aus, den Entflohenen zu
suchen; an der Spitze des einen zog der Bettelvogt einher, vor dem
andern die Frau, die es sich nicht nehmen ließ. So stießen sie von
verschiedenen Seiten bald auf den Schützen, welcher rüstig im Mondlicht
hantierte und wie aus einem Traum erwachte, als er unversehens umringt
war. Nun fiel ihm erst seine Versäumnis ein und zugleich der Mangel des
Kännchens. Aber er glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, reichte
auch lächelnd dem Bettelvogt die Armbrust hin, um ihn zu begütigen.
Nichtsdestoweniger wurde er auf der Stelle gebunden, ins Gefängnis
geschleppt, verhört und er gab den ganzen Hergang zu, ohne sich im
mindesten verteidigen zu können.

Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrichtung auf
den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.

Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und
ihre Stadttrompeter an der Spitze; übrigens waren sie alle mit guten
Schwertern und Dolchen bewaffnet, führten aber nichtsdestominder ein
Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmückt, in der Mitte,
und sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die
jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine
Strecke vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und führten sie etwas
kleinmütig in die Stadt. Das Tor war möglichst abgekratzt, frisch
übertüncht und mit etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores
aber standen die sämtlichen Stadtknechte aufgestellt in voller Rüstung,
welche rasselnd und klirrend den Zug durch die schattig dunklen Straßen
begleiteten. Die Leute guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern,
wie wenn ein Meerwunder sich durch die Gasse gewälzt hätte, und wo ein
Seldwyler lustig hinaufsah und grüßte, da fuhren die Weiber scheu mit
den Köpfen zurück. Ihre Männer hingegen drückten sich seltsam die
Nasenspitzen an den grünlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte
Erscheinung bloßer Frauenhälse zu beobachten.

Also erreichte der Zug die große Ratsstube. Die war reich, aber düster
anzusehen, Wände und Decke ganz mit schwarz gefärbtem Eichenholz
getäfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem
Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jägern und Hunden mit
grüner Seide und Goldfäden gewoben war. Darüber lagen noch feine
Tüchlein von ganz weißem Damast, welche bei näherem Hinsehen ein gar
kunstreiches Bildwerk von sehr fröhlichen Göttergeschichten zeigte, wie
man sie in diesem gravitätischen Saale am wenigsten vermutet hätte. Auf
diesem prächtigen Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer
öffentlichen Mahlzeit gehörte, und darunter besonders eine große Zahl
köstlicher Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb
erhaben, bald rund, eine glänzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und
anderer Halbgötter zur Schau trugen; sogar das Hauptstück, ein hoch
aufgetakeltes silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmäßig,
zeigte als Galion eine Galatea von den verwegensten Formen.

Längs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre
schwarze oder blutrote Seidengewänder gekleidet, von steifem
Spitzenschmuck bis an das Kinn verhüllt. Sie trugen vielfache goldene
Ketten, Gürtel und Hauben, und über den Handschuhen eine Menge Ringe an
allen Fingern. Diese Frauen waren nicht häßlich, sondern eher hübsch zu
nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durchsichtigen
Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wänglein begabt; aber sie sahen so
unfreundlich, streng und sauer aus, daß man zweifelte, ob sie je in
ihrem Leben gelacht, wenn nicht höchstens einmal in dunkler Nacht, wenn
sie dem Mann die erste Nachtmütze aufgeschwatzt hatten.

Die Begrüßung war denn auch befangen genug und man war allerseits froh,
bald am Tische zu sitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken zu
vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natürliche Heiterkeit
wieder und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies
gefiel den Ruechensteinern nicht übel und sie schickten sich eben an,
ein steifes Gespräch zu führen, als die Sache eine Wendung nahm, die sie
sich nie geträumt hätten. Denn die Seldwyler, welche ihre Augen
gebrauchten, entdeckten alsobald die heitern und anmutigen Darstellungen
der gewirkten Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, ließen die Blicke
voll lachenden Vergnügens über die freien und üppigen Szenen schweifen,
machten sich gegenseitig aufmerksam und wußten scherzend und zierlich
das Dargestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielten sich
so wenig zurück, als die Herren. Dies dünkte die Wirte und Wirtinnen
doch etwas kindisch und sie sahen jetzt auch näher zu, was denn da so
lustig zu betrachten wäre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit
offenem Munde! Sie hatten in ihrem beschränkten Sinne all die
Herrlichkeit noch gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg für
Zierat genommen, der seinen Dienst zu tun habe, ohne daß ernsthafte
Leute ihn eines schärferen Blickes würdigen. Nun sahen sie mit
Entsetzen, welch eine heidnische Greuelwelt sie dicht unter ihren
ehrbaren Augen hatten. Aber sie waren empört über die neugierige und
ungezogene Art, mit welcher die Seldwyler den unbedeutenden Tand ans
Licht zogen, anstatt gesetzt und würdig darüber wegzusehen und nur die
Kostbarkeit der Stoffe zu bewundern. Die Herren lächelten sauer und
mißvergnügt, wenn hier eine Leda und dort eine Europa entdeckt wurde;
die Frauen aber erröteten und wurden blaß vor Zorn, und sie waren eben
daran, entrüstet aufzubrechen, als der traurige Klang einer Glocke sie
plötzlich beruhigte. Es war das Armensünderglöckchen von Ruechenstein;
ein dumpfes Geräusch auf der Straße verkündete, daß der junge Dietegen
jetzt zum Galgen hinausgeführt werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob
sich und eilte an die Fenster, wobei die Ruechensteiner ihren
aufgeräumten Gästen mit hämischem Lächeln den Platz frei ließen.

Ein Pfaffe, ein Henker mit seinem Knecht, einige Gerichtspersonen und
Scharwächter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen
barfuß und nur mit einem weißen, schwarzgesäumten Armensünderhemde
bekleidet, die Hände auf den Rücken gebunden und vom Henker an einem
Stricke geführt. Das schöne Haar fiel ihm auf den glänzenden bloßen
Nacken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an
die Häuser hinauf. Unter dem Portale des Rathauses standen die festlich
geputzten Knaben und Mädchen der Seldwyler, welche nach Kinderart vom
Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Sünder diese
hübschen und glücklichen Kinder erblickte, dergleichen er noch nie
gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Tränen liefen ihm
heiß über die Wangen; doch der Henker stieß ihn vorwärts, daß der Zug
vorüberging und bald verschwand. Die Seldwylerinnen oben erblaßten und
auch ihre Männer faßte ein tiefes Grauen, da sie überhaupt nicht
Liebhaber von dergleichen Vorgängen waren. Es ward ihnen unheimlich bei
diesen Menschen, so daß sie dem Drängen ihrer Frauen, welche fort
wollten, nachgaben, und sich, so höflich sie konnten, beurlaubten. Die
Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt,
zufrieden und fast heiter geworden; sie führten daher ihre werten Gäste,
wie sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und
gesprächig.

Vor dem Tore stieß der Zug auf die zurückkehrenden Richtmenschen, welche
mürrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht, der
einen Karren vor sich her stieß, auf welchem der Gerichtete in einem
schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und
stellte sich zur Seite, um die glänzenden Leute vorüberziehen zu lassen,
und er rückte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herabzufallen
und den Gehängten zu enthüllen drohte. Nun war unter den Kindern der
Seldwyler ein siebenjähriges Mädchen, keck, schön und lockig, das hatte
nicht aufgehört zu weinen, seit es den Knaben hatte dahinführen sehen,
und konnte nicht getröstet werden. Wie der Zug jetzt an dem Karren
vorbeiging, sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und
warf den Deckel hinunter, so daß der leblose Dietegen vor aller Augen
lag. In demselben Augenblicke schlug er die Augen auf und tat einen
leisen Atemzug; denn er war in der Zerstreuung des Tages schlecht
gehenkt und zu früh vom Galgen genommen worden, weil die Beamteten noch
etwas von der Mahlzeit zu erschnappen gedachten. Das heftige Mädchen
schrie laut auf und rief: »Er lebt noch! er lebt noch!« Sogleich
drängten sich die Frauen von Seldwyla um den Sarg, und als sie den
schönen erbleichten Knaben sich regen sahen, bemächtigten sie sich
seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn vollends ins Leben zurück,
indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten, ihm Wein einflößten und
ihn auf jede Weise pflegten. Die Männer unterstützten sie dabei, während
die Herren Ruechensteiner ganz betroffen umherstanden und nicht wußten,
was sie tun sollten. Als der Knabe endlich wieder auf den Füßen stand
und sich umschaute, wie wenn er im Paradies erwacht wäre, erblickt' er
plötzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick umgelegt hatte, und
entsetzt, daß auch dieser, wie er meinte, mit in den Himmel gekommen
sei, flüchtete und drängte er sich aufs neue in die Frauen hinein.
Gerührt baten diese die gestrengen Nachbarn, daß sie ihnen den Buben
schenken möchten, zum Zeichen guter Freundschaft; die Männer stimmten
ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine Weile geratschlagt,
erklärten, daß sie nichts dagegen einzuwenden hätten, wenn sie den
kleinen Sünder mitnähmen, und daß er ihnen, wie er da wäre, geschenkt
sein solle samt seinem Leben. Da waren die hübschen Frauen und ihre
Kinder voll Freuden, und Dietegen zog, wie er war, in seinem
Armensünderhemde mit ihnen davon. Es war aber ein schöner Sommerabend,
weswegen, als die Seldwyler auf der Höhe des Berges und auf ihrem
Gebiete angekommen waren, sie beschlossen, sich hier in dem abendlichen
Sommerwalde auf eigene Rechnung zu belustigen und von dem gehabten
Schrecken zu erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein ansehnlicher
Zuzug entgegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen sei. So mußten
denn die Musikanten wieder aufspielen und die mitgeführten Becher
kreisten erst jetzt in voller Fröhlichkeit.

Dietegen blickte so glückselig, neugierig und harmlos umher, daß man von
weitem sah, daß das ein unschuldiges Kind war, was seine Erzählung auch
bestätigte. Die Seldwylerinnen konnten sich nicht satt an ihm sehen,
flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen auf den Kopf, daß er in
seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, und endlich küßten sie
ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus den Armen ließ, nahm
ihn die erste wieder beim Kopf.

Aber jenes kleine Mädchen, welches den Dietegen eigentlich gerettet
hatte, trat jetzt plötzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig
zwischen den Knaben und die Frau, welche ihn eben küssen wollte; es nahm
ihn eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu führen, so
daß die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief: »So ist es
recht! die kleine Küngolt hält ihre Eroberung fest! und Geschmack hat
sie auch, seht nur, wie gut das Männchen zu ihr paßt!« Küngolts Vater
aber, der Forstmeister der Stadt, sagte: »Der Bub gefällt mir wohl, er
hat sehr gute Augen! Wenn es den Herren recht ist, so nehme ich ihn
einstweilen bei mir auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen,
daß ich einen ehrlichen Weidmann aus ihm mache!«

Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyler, und so ließ Küngolt,
wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt
ihn fest bei sich. Das Pärchen nahm sich in der Tat höchst anmutig aus;
auch das Mädchen trug einen üppigen Kranz auf dem Köpfchen und war in
Grün und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter
Märchenzeit vor dem fröhlichen Volke her, als dieses endlich beim
glühenden Abendrot berghinunter heimwärts zog. Bald jedoch trennte sich
der Forstmeister von dem Zuge und ging mit den Kindern seitwärts nach
seinem Forsthause, welches unweit der Stadt im Walde lag. Ein dunkler
Baumgang führte zu dem Hause, in welchem die stille Frau des Försters
saß und mit Erstaunen die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich
auch das Gesinde, und während die Frau den müden Kindern zu essen gab,
erzählte der Mann das Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt
gänzlich erschöpft, auch fror es ihn in seiner allzuleichten Tracht;
daher wurde herumgefragt, wer den Ankömmling für die erste Nacht in
seinem Bette aufnehmen wolle? Aber die Knechte, sowie die Magd wichen
scheu zurück und hüteten sich, ein Kind zu berühren, das soeben am
Galgen gehangen hatte. Da rief Küngolt eifrig: »Er soll in meinem
Bettchen schlafen, es ist groß genug für uns beide!« Als hierüber alles
lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: »Das soll er, mein Kind!«
Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu: »Gleich als der
arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare Ahnung, als ob ein
guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen würde. Soviel ist
sicher nach meinem Gefühle: Unheil wird er uns nicht bringen!«

Damit führte sie die Kinder in das Kämmerchen neben der großen Stube und
beförderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hörte, was
um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu entkleiden;
da er aber sozusagen schon im Hemde war, so machten seine
schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen so komischen Eindruck auf
das Mädchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlüpft war,
daß es vor Vergnügen laut auflachte und rief: »O seht mir den
Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wämschen
noch Stiefelchen an!« Auch die Mutter mußte lächeln und sagte: »Geh in
Gottes Namen nur in deinem Armensünderhemdchen zu Bett, du lieber
Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die
bösen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem
gewissen Aufwand!«

Damit deckte sie die Kinder behaglich zu und konnte sich nicht
enthalten, beide zu küssen, so daß nun Dietegen herrlicher aufgehoben
war, als er es sich noch am Morgen oder je in seinem Leben geträumt
hätte. Aber seine Augen waren schon geschlossen und seine Seele in
tiefem Schlafe. »Nun hat er aber gar nicht gebetet!« sagte Küngolt
halblaut und bekümmert, worauf die Mutter erwiderte: »So bete du auch
für ihn, mein Kindchen!« und in die Stube zurückging. In der Tat sprach
das Mädchen nun zwei Vaterunser, eines für sich und eines für seinen
Schlafkameraden, worauf es still wurde im dunklen Kämmerlein.

Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein
Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach war
ganz hell vom Mondschein, aber er konnte sich durchaus nicht entsinnen,
wo er war und was aus ihm geworden sei. Nur das erkannte er, daß es ihm,
vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster stand offen,
ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte flüsternd in
den Waldbäumen, über welchen der Mond schwebte: alles dies schien ihm
unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder bei Tag noch
bei Nacht, gesehen hatte. Er schaute, er horchte, endlich richtete er
sich auf und sah neben sich Küngoltchen liegen, welcher der Mond gerade
ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor Freude
und Aufregung nicht schlafen konnte. Deshalb glänzten ihre Augen weit
geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht
schaute und sich nun besann. »Warum schläfst du nicht? Du mußt
schlafen!« sagte das Mädchen; allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh
täte. Sogleich schlang Küngolt ihre zarten Ärmchen um seinen Hals und
schmiegte mitleidig ihre Wangen an die seinigen, und wirklich glaubte er
bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm
dieser Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich
erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu sagen wußte,
was ihn freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung
machen, weil er noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend
ausgenommen. Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust
ein, das er seither ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Juden,
wie der ihn in die Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe
länger als eine Stunde, und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust
wünsche. »Armbrüste und Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du
gleich morgen anfangen zu schießen, so viel du willst!« sagte
Küngoltchen, und nun fing sie an herzuzählen, was alles für gute Dinge
und schöne Sachen im Hause seien, was sie selbst für Hauptsachen in
einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene Regenbogenschüsselchen, ein
Halsband von Bernstein, ein Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und
auch einen schönen Schnecken, in welchem eine kleine Muttergottes sitze
in Gold und roter Seide, mit einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre
ihr ein vergoldeter silberner Löffel mit einem gewundenen Stiel, mit dem
dürfe sie aber erst essen, wenn sie einst groß sei und einen Mann habe;
dann bekomme sie zur Hochzeit den Brautschmuck ihrer Mutter und deren
blaues Brokatkleid, welches ganz allein aufrecht stehen könne, ohne daß
jemand drin stecke. Hierauf schwieg sie ein Weilchen; dann ihren
Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte sie leiser: »Du,
Dietegen!« »Was?« fragte er, und sie erwiderte: »Du mußt mein Mann
werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du freiwillig?« »Ja
freilich,« sagte er. »So gib mir die Hand darauf!« meinte die
Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie
endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um dem Knaben seine
Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt.

Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges
Knabengewand auf dem Arme tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer
gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er
ein Jahr älter gewesen als Dietegen, diesem recht sein mochten, da er
vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das
Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie
mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen,
welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene
Unterfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit
wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener
Frühling hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des
Wämschens und der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer
Trost beschlich sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod
abgejagtes Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle
ihres eigenen Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile,
sondern absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer
ihres eigenen Herzens; denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit
allen Wesen, als sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge
sich gut anließ, so wollte sie die Schlitze wieder auftrennen; er sollte
das Kleid ohnehin nur einige Tage für die Woche tragen, bis ein
handfesteres Werkelkleid gezimmert war. Während sie aber dem Knaben
Anleitung angab, das ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war
Küngoltchen längst aus dem Bette und hatte unversehens das abgelegte
Galgenhemd erwischt und aus Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß
sie jetzt darin herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu
trug sie die Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und
sang: »Ich bin ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am Bein!«
Darüber erschrak die Frau Forstmeisterin tödlich und erbleichte. »Um
Christi willen,« sagte sie dennoch sanft und leise, »wer lehrt dich nur
solche schlimmen Späße!« und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd.
Dietegen aber ergriff es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in
zwanzig Stücke.

Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die
Stube. Es war in der Frühe Brot gebacken worden, daher gab es frische
Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extrabrötchens,
das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß
es in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei
gemacht worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das
vollkommenere gewählt hatte. Er aß ohne Schüchternheit alles, was man
ihm gab, wie wenn er von fremden bösen Leuten in das Vaterhaus
zurückgekommen wäre. Aber er war ganz still dabei und besah sich
fortwährend die freundliche milde Frau, die helle Stube und die
stattlichen Geräte; als er gegessen, setzte er diese Betrachtungen fort,
denn die Wände waren mit Tannenholz getäfert und mit buntem Blumenwerk
übermalt und in den Fenstern glänzten zwei gemalte Scheiben mit den
Wappen des Mannes und der Frau. Als er auch das Büfett mit dem blanken
Zinngeschirr aufmerksam beschaut, erinnerte er sich plötzlich des
schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins Unglück gebracht, und der
unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der Meinung, er müsse wieder
dahin zurückkehren, sagte er ängstlich: »Muß ich jetzt wieder nach Haus
gehen? Ich weiß den Weg nicht!«

»Den brauchst du auch nicht zu wissen,« sagte die Mutter gerührt und
streichelte ihm das Kinn; »hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns
bleiben mußt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig ihm das
Haus und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!«

Da nahm ihn Küngoltchen bei der Hand und führte ihn in des Forstmeisters
Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben schöne Armbrüste
hingen dort, ferner Jagdspieße, Hirschfänger, Weidmesser und Dolche;
auch des Forstmeisters langes Schwert stand in einer Ecke. Dietegen
beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit glänzenden Augen;
Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste herunter zu reichen,
von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich verziert waren. Er
bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein talentvoller
Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsieht, während dieser
nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine Schießbelustigung
anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden, weil die Bolzen in
einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm einen schönen kurzen
Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und führte ihn nun in den
Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen eingehegten Wildgarten, in
welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ, damit es ja nie an einem
guten Braten fehle zu ihren öffentlichen Schmausereien. Das Mädchen
lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe; solche Tiere hatte Dietegen
bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz verzückt mit seinem Spieß
auf der Schulter und konnte sich nicht satt schauen an dem Stehen und
Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er die Hand aus nach dem
stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als derselbe mit einem Satze
seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er ihm aufjubelnd und
jauchzend nach und sprang mit ihm in die Wette im weiten Kreise herum.
Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß er auf diese Weise
seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward, und der Hirsch,
voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu seinem Vergnügen zu
verlocken und, indem er vor ihm floh, seine schönsten Sprünge zu üben.

Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hochwald
betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die
Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen. Das
Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte hämmerten,
hoch in der Luft schrieen die Raubvögel und tausend Geheimnisse
rauschten unsichtbar in den Laubkronen und im dichten Gestäude. Küngolt
lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts von allem verstand
und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtchen aufgewachsen,
und sie wußte ihm alles geläufig zu weisen und zu benennen. Sie zeigte
ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und den bunten Specht, der
eben um einen Stamm herumkletterte, und über alles wunderte er sich
höchlich, und daß die Bäume und Sträucher so viele Namen hatten. Nicht
einmal die Haselnuß und die Brombeersträucher hatte er gekannt. Sie
kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren Füßen
aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davonschwamm oder sich
in den Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm den Spieß aus der Hand und
wollte damit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange aufzustöbern.
Aber als Dietegen sah, daß sie die blankgeschliffene schöne Waffe
mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus den Händen
und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharfe Spitze an den
Steinen verderben würde. »Das ist wohlgetan von dir, du wirst gut zu
brauchen sein!« sagte plötzlich der Forstmeister, der mit einem Knechte
hinter den Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachgeräusches nicht
kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an der Hand,
denn sie waren in der Morgenfrühe schon ausgezogen. Dietegen durfte den
prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen und über der Schulter
vorantragen, daß die entfächerten Flügel seine schlanken Hüften
verhüllten, und der Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen den
schönen Knaben und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.

Vorderhand jedoch sollte er nur notdürftig etwas lesen und schreiben
lernen und mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stadt
gehen, wo in einem Nonnen- und in einem Mönchskloster für die
Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt wurde. Aber die
Hauptunterweisung erhielt Dietegen auf dem Hin- und Herwege, auf welchem
das Mädchen ihm die Welt auftat und ihm Auskunft gab über alles, was am
Wege stand oder darüber lief. Hierbei befolgte die kleine Lehrjungfer
eine Erziehungsart von eigentümlicher Erfindung. Sie neckte, hänselte
und belog den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle
Dinge, indem sie ihm die dicksten Bären und Erfindungen aufband, und
wenn er dann ihre Lügen und Märchen gutmütig glaubte und sich darüber
verwunderte, so beschämte sie ihn mit der Erklärung, daß alles nicht
wahr sei; nachdem sie ihm dann seinen blinden Glauben spottend
verwiesen, verkündigte sie ihm mit großer Weisheit den wahren Bestand
der Welt, so weit er ihrem Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß
sich errötend eines größeren Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle
stellte. Nach und nach aber wurde er dadurch gewitzigt, den Weltlauf
besser zu verstehen, was ein anderer Junge zu seinem Schrecken erfahren
mußte; denn als dieser es dem Mädchen nachtun wollte und den Dietegen
mit einem frechen Aufschnitt bewirtete, schlug der ihn unverweilt ins
Gesicht. Küngolt, hierüber verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher
Zorn auch gegen sie wenden könnte, und probierte den Schüler auf der
Stelle, aber sachte, mit neuen Lügen. Von ihr jedoch nahm er alles an,
und sie setzte ihren wunderlichen Unterricht kecklich fort, bis sie
entdeckte, daß er gutmütig mit ihren Lügen zu spielen anfing und einen
zierlichen Gegenunterricht begann, indem er ihre mutwilligen Erfindungen
mit nicht unwitzigen Querzügen durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein
glattes Eis gesetzt wurde. Da fand sie, daß es Zeit sei, ihn aus dieser
Schule zu entlassen und einen Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn
jetzt zu tyrannisieren, daß er fast in ärgere Dienstbarkeit verfiel, als
er einst bei dem Bettelvogt erduldet hatte. Alles gab sie ihm zu tragen,
zu heben, zu holen und zu verrichten; jeden Augenblick mußte er um sie
sein, ihr das Wasser schöpfen, die Bäume schütteln, die Nüsse
aufklopfen, das Körbchen halten und die Schuhe binden; und selbst ihr
das Haar zu strählen und zu flechten, wollte sie ihn abrichten; aber das
schlug er ab. Da schmollte und zankte sie mit ihm, und als ihn die
Mutter unterstützte und sie zur Ruhe verwies, wurde sie sogar gegen
diese ungebärdig.

Doch Dietegen erwiderte ihre Unart nicht, gab ihr kein böses Wort und
war immer gleich geduldig und anhänglich. Das sah die Forstmeisterin mit
großem Wohlgefallen, und um ihn dafür zu belohnen, erzog sie den Knaben
wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren
Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur
dem eigenen Blute zukommen läßt und durch welche man ihm die schöne
Farbe herkömmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den
Gewinn, daß sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel für das
mutwillige Mädchen schuf, und es war drollig anzusehen, wie die unruhige
Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald
eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war sie so gereizt,
daß sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing
rasch und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen
bösen Blick wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser
Auftritt, welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so
heftig, daß sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll
küßte. Still und bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. »Geh,
versöhne dich mit ihr und mach den Trotzkopf wieder gut!« sagte die
Mutter; »du bist ihr guter Engel!«

Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem
Holunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halsschnur,
indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und
zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich
ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend:
»Niemand darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist
mein Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du auf
ewig geblieben wärest!«

       *       *       *       *       *

Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines
Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die
Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war
die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den
Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst jetzt reckten sich
seine Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein
Hirsch gehorchte er auf den Wink und lief zur Stelle, wohin man ihn
schickte. Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die
Geräte, half die Netze stellen, sprang über Halden und Gräben und
erspähte den Stand des Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere,
wußte den Lockruf der Vögel nachzuahmen, und ehe man sich's versah, ließ
er ein junges Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der
Forstmeister auch eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu jeder
Stunde nach der Scheibe sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als
Dietegen sechzehn Jahre zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den
man überall hinstellen durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon
etwa allein hinaus, die Knechte anzuführen und die Stadtforste zu
überwachen.

Dietegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern
auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er
gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedächtnis
seinem Pflegvater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut anließ,
gewann ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm
gänzlich ein ehr- und wehrbarer Stadtmann werden.

Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele
anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne,
von welchem er weiß, daß er ihm sein Bestes zuwenden und lehren will und
den er für sein untrügliches Vorbild hält.

Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest,
von breiten Schultern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war
bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe
frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In
seiner Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler
gewesen, der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber
seine junge Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb
seit der Zeit der gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die
Frau war von äußerst zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen
Herzensgüte, und obgleich nicht unwitzig, hätte sie doch mit keinem
scharfen Worte einer Unbilde zu widerstehen vermocht. Eine rüstig
Streitbare würde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Tun
gereizt haben; gegen die anmutige Schwäche der zarten Frau aber benahm
er sich wie die wahre Stärke; er hütete sie wie seinen Augapfel, tat was
ihr Freude gewährte und blieb nach vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem
Herde.

Nur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa
drei- oder viermal, ging er unter die Rät' und Bürger, führte dort mit
frischer Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den
andern unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von
der Ratsstube und stieg fröhlich in den Wald hinauf.

Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm
dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb
verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat
zu dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur
Katze. Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und
das Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen
Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig
nach den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich
mit so hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht
hätte; es lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art
ging es fort; unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan,
der Forstmeister immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. An
einem solchen Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über
brennenden Dächern ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in
welchem eine vergessene alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein
zahmer Star sich kläglich und drollig gebärdete. Niemand wußte ihr
beizukommen, als der Forstmeister zur Stelle kam. Der erklomm einen
Absatz an einer gegenüberstehenden hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft
eine Leiter nach sich, schwenkte sie in der Luft und legte sie nach dem
Fenster der Verlassenen hinüber. Auf dieser Schwindelbrücke ging er hin
und schritt wieder herüber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem
Kopfe und das leckende Feuer unter sich. Alles dies tat er wie zum
Scherze, mit launigen Ausdrücken und Bewegungen.

War dann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er sein Haus auf
das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er
ungewöhnlich zärtlich gegen seine Frau, nahm sie wohl auf die Kniee, zum
großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weißkehlchen und seine
Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener
Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.

An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltet, da es
gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge
Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen
unter den blühenden Bäumen zunächst des Hauses zierlich getanzt, und der
Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden
geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah
auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern
gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden begann. Ihr Gesicht,
von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an die Mutter; der Wuchs aber
artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe,
die Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn
Jahre fast vollbusig schien; goldgelbes Ringelhaar fiel üppig über den
Rücken und verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten
Schulterblätter. Sie ging grün gekleidet, trug um den bloßen Hals ihr
Bernsteinband und auf dem Haupte, gleich den andern Mädchen, nach
damaliger Sitte ein Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und
freundlich umher; aber unversehens blitzten sie einmal mutwillig auf und
streiften wie Pfeile über die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick
auf Dietegen ruhten und dann wieder weiter fuhren. Dietegen sah
unverwandt hin, sie flüchtig noch einmal zurück, worauf er den Blick
errötend niederschlug und Küngolt sich an ihrem Haar zu schaffen machte.
Das war das erste Mal, daß sie sich nicht mehr unbefangen ansahen; aber
bald darauf waren sie wieder in der Nähe und fanden sich Hand in Hand in
einem Ringreihen. Ein neues süßes Gefühl durchströmte ihn und verließ
ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder löste. Küngolt aber ging
von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen gehört und deren man
sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn, und wenn er etwa
in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens da und stand
dazwischen.

Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen
wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten es bald
dem lustigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in
dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren
Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun
anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun
all die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt
vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen
die Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war
ein klein bißchen zu viel Zucker und in ihrer Freude um ein weniges zu
viel Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen lagen fortwährend auf den
Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf den Schoß und
küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die
heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall
einer gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich
gesegnet war als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er
bereits verliebt war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein
begonnen hatte, wie das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der
gefährlichen Linie. Desto kecker und zutulicher wurde Küngolt, welche in
kindlicher Unwissenheit, nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht
beherrschte, sondern den spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten
dunkler Bäume saß, und sich neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und
halb kindlich mit seinen Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ
und ihr mit der Hand gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate
wäre, durch das Ringelhaar fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen
Hals und liebkoste ihn mit der Unbefangenheit, aber auch mit all' dem
rückhaltlosen Ungestüm eines Kindes, während es doch schon die Jungfrau
in ihr war, die sie bewegte. Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte
für beide Verstand brauchen und war ängstlich beflissen, sich aus ihren
Armen loszumachen, als die fröhlich erregte Forstmeisterin herbeikam und
mit Vergnügen die Kinder beisammen sah.

»Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet,« sagte sie, indem sie beide
zumal in die Arme schloß, »sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kind! er
verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondern auch
in deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngoltchen
allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen
Augen, denen ich alles Gute zutraue!«

»Er gehört niemand als mir, und das schon lange!« sagte Küngolt fast
trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie einen
Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt ward dem
armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mutter; er
machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schritte weit
hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wieder in
die Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend auf, hielt
ihn fest und rief: »Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und halt'
ihn fest!«

Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor großer
Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst recht
seine Einsamkeit in der Welt. Er kam sich vor wie eine vom Baume des
Lebens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen
aufgehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins
beraubt wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mit
der zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend,
halb in Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, halb
in Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und beim Kopf zu
nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankbarsten
Anhänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen machte ihm
wunderlich und schwül zu Mute; er betrachtete sich als dem Töchterchen
ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um ihre gute Sitte
besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen wollte,
hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend aber mit
dem Tone eines alten Schulmeisters: »Du bist noch zu jung zu diesem! Das
schickt sich nicht für dich!«

Das Mädchen wurde blaß vor Unmut und Beschämung; plötzlich ging sie
hinweg und mischte sich wieder unter die Gesellschaft, wo sie mit
zorniger Ausgelassenheit einigemal herumsprang und sich dann finster zur
Seite setzte. Die Forstmeisterin streichelte dem jungen Sittenprediger
lächelnd die Wange und sagte: »Ei du bist ja ein gar gestrenger Gespan!
Aber umso treuer wirst du um mein Kind sorgen! Versprich mir, es nie zu
verlassen! Sieh, wir sind alle ein lustiges Völklein und es mag sein,
daß wir zu wenig an die Zukunft denken!«

Dietegen gab ihr mit nassen Augen die Hand und sie führte ihn ebenfalls
zu den Leuten zurück. Doch Küngolt kehrte ihm schnöde den Rücken und
schaute mit wirklichem Kummer und Zorn in die Mainacht hinaus.

Wunderbar! Nun war das Kind auf einmal groß genug, dem spröden Jünglinge
Liebessorge zu machen; denn traurig und betreten stand er auch zur Seite
und war noch mehr beschämt als das Mädchen. »Was ist das? Was gibt's da
zu grämen?« sagte der vergnügte Forstmeister, als er es bemerkte, und
leidenschaftlich fing Küngolt an zu weinen und rief vor aller Welt: »Er
ist mir geschenkt worden von den Richtern, da er nichts als ein
Leichnam war, den ich zum Leben erweckt habe! Drum hat nicht er über
mich zu richten, sondern ich allein über ihn, und er muß tun alles, was
ich will, und wenn ich ihn gern küsse, so habe ich es allein zu
verantworten und er hat nur still zu halten!«

Alles lachte über diese wunderliche Äußerung; die Forstmeisterin aber
nahm den Dietegen bei der Hand, führte ihn zu dem Kinde hin und sagte:
»Komm! versöhne dich mit ihr und laß dich diesmal noch küssen! Nachher
sollst du auch deinen Willen haben und ihr Vorgesetzter sein in solchen
Sachen!« Errötend wegen der vielen Zuschauer bot Dietegen dem Mädchen
halbwegs den Mund hin; sie ergriff ihn herrisch bei den Locken, küßte
ihn, und nachdem sie noch einen Blick voll Zorn auf ihn geworfen, ging
sie so rasch und trotzig hinweg, daß der goldene Flug ihres Ringelhaares
in der Nachtluft wehte und Dietegens Gesicht im Vorübergehen streifte.
Jetzt glühte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verließ
bald nach ihr den Kreis und suchte die wilde Küngolt schnell und
schneller, bis er sie auf der andern Seite des Hauses fand, wie sie
träumerisch am Brunnen saß und mit der Bernsteinkette an ihrem Halse
spielte. Dort ergriff er ihre beiden Hände, preßte sie in seine rechte
Hand, faßte mit der linken ihre Schulter, daß das glänzende, noch
unvollkommene Gebilde unter seiner festen Hand zusammenzuckte, und sagte
hastig: »Höre, du Kind! Ich lasse nicht mit mir spielen! Von heut an
bist du so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, und kein anderer Mann
soll dich lebendig bekommen! Daran denke, wenn du einst groß genug
bist!«

»O du großer und alter Mann!« sagte Küngolt leise lächelnd, indem sie
etwas erblaßte, »du bist mein und nicht ich dein! Aber das hat dich
nicht zu kümmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!«

Damit stand sie auf und ging, ohne den Gespielen weiter anzusehen, um
das Haus herum.

Die gute Forstmeisterin aber erkältete sich in der kühlen Mainacht und
trug eine tödliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten
erlag. Auf dem Totbette war sie sehr bekümmert um ihren Mann und um das
Kind; auch suchte sie hartnäckig die Ursache der Krankheit zu leugnen;
denn sie fühlte wohl, daß das nicht die rechte Todesart für eine
Hausmutter sei, die von Unvorsichtigkeit in der Freude herrührt.

Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig und die ganze
Stadt bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der
Forstmeister selbst weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach
er kein Wort und ging nur ab und zu vor den Sarg und besah sich die
stille Leiche, worauf er kopfschüttelnd wieder wegging.

Er ließ einen schweren Kranz von jungem Tannengrün binden und legte ihn
auf den Sarg; Küngolt häufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf, und
dergestalt wurde die Leiche von der Höhe hinunter zur Kirche getragen,
gefolgt von den Verwandten und Freunden und den Jägerknechten.

       *       *       *       *       *

Als sie in der kühlen Erde lag, führte der Forstmeister das
Leichenbegleit in die Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte
anrichten lassen. Das Wildbret dazu, einen Rehbock und zwei prächtige
Auerhähne, hatte er eigenhändig geschossen, voll Schmerz über seinen
Verlust, und als die schön gefiederten Vögel nun auf dem Tische
prangten, gedachte er abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie
gesessen und welchen er in den jungen Jahren seiner Liebe so oft
durchstreift hatte, das Bild der Toten im Sinne tragend. Doch durfte
der Forstmeister nicht lange solchen Gedanken nachhängen; denn als der
Claret und der Malvasier nun kredenzt und die Tafel mit einem großen
Korbe voll vermischten Zuckerwerkes überschüttet wurde, belebten sich
die Gäste und der Traueranlaß war bald von einem Taufmahle nicht mehr zu
unterscheiden.

Der Forstmeister saß zwischen Küngolt und Dietegen, die sich wegen
seiner großen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornüberzubeugen
oder hinter ihm durch, und dies mochten sie nicht tun, da sie allein in
der erwachenden Fröhlichkeit traurig und ernst blieben. Ihm gegenüber
saß eine Person von vielleicht bald dreißig Jahren, eine Base des
Forstmeisters Namens Violande. Diese Dame fiel auf wegen ihrer
ausgesuchten, sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer
Zufriedenen und Glücklichen, sondern eher einer Unruhigen und
Hohlherzigen zu sein schien. Sie war schön und wußte anmutig zu blicken,
wenn nicht gerade etwas unselig Verlogenes und Selbstsüchtiges über ihr
Wesen zuckte.

Als vierzehnjähriges Mädchen schon war sie in den nachmaligen
Forstmeister verliebt gewesen, weil er just der größte und schönste
junge Mann war unter denen, die ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber
nichts von dieser frühen Leidenschaft, da er überhaupt auf das kleine
Bäschen nicht achtete und seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen
richtete, die ihm gefielen. Voll Neid und Eifersucht und ebenso schon
voll Ränke wußte das junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhältnisse
des Forstmeisters zu zerstören, indem es durch fast unbemerkbare
Zwischenträgereien die Dinge entstellte und verwirrte. Wenn er eine
Schöne zu gewinnen im Begriffe war, so erfand und verbreitete das
verschlagene Kind unter der Hand ganz unbefangen Züge und Tatsachen,
woraus hervorzugehen schien, daß er eigentlich die in Rede stehende
Person gar nicht leiden könne, vielmehr eine andere im Auge habe und
überhaupt ein hinterlistiger und verstellter Mensch sei. So wußte er
wiederholt nicht, wie es kam, daß die, welche er liebte, sich plötzlich
und mißtrauisch von ihm abwandte, während eine andere, an die er nie
gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte und, einmal im Zuge,
nicht mehr nachließ, bis er mit ihr im Gerücht war. Dann pflanzte er in
Ungeduld und Verwirrung die eine wie die andere hin und ergab sich auf
kurze Zeit der Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm, obgleich er ein
schöner und tüchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun verstorbene
Forstmeisterin geriet. Diese hielt ihn fest, da sie so ehrlich war wie
er selbst und alle Künste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja sie
bemerkte dieselben nicht einmal, weil sie nur auf die Augen des
Geliebten sah. Hiefür war er ihr auch dankbar und treu geblieben und
hielt sie für eine teure Errungenschaft, so lang sie lebte.

Violande dagegen, als sie den Mann endlich versorgt sah, übte die
erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegen zu lassen, nun
auch anderwärts aus, und je älter sie wurde, mit desto mehr Einsicht und
Erfolg, aber ohne Glück für sie selber; denn sie blieb unverheiratet und
die Männer, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten
sich deswegen nicht zu ihr, da sie eher Haß und Verachtung für sie
empfanden. Da wandte sie sich dem Himmel zu und sagte, sie wolle eine
Nonne werden; doch überlegte sie sich das Ding noch in der letzten
Stunde und trat statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus
welchem sie allenfalls wieder herausgehen, und sogar noch heiraten
konnte. Sie verschwand nun aus den Augen der Leute, da sie von einem
Haus ins andere in verschiedenen Städten herumzog und nirgends Ruhe
fand. Plötzlich, als die Forstmeisterin auf dem Krankenbette lag,
erschien sie wieder in weltlicher Tracht zu Seldwyla, und so fügte es
sich, daß sie am Totenmahle dem trauernden Witwer gegenübersaß.

Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und
kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich
umhergingen, während die zechenden Männer am Tisch blieben, ging sie auf
Küngolt zu, küßte sie und schloß Freundschaft mit ihr. Das Mädchen
fühlte sich geehrt durch diese Annäherung einer halbgeistlichen Frau,
die weit herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie führten
sogleich ein langes und vertrautes Gespräch, als ob sie seit Jahren
bekannt wären, und beim allgemeinen Aufbruch bat Küngolt ihren Vater, er
möchte Violanden in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn sie
selbst fühle sich noch zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister,
dessen Stimmung jetzt aus einer wunderbaren Mischung von Trauer und
Weinlaune bestand und dessen Gedanken weit abwesend bei der Toten waren,
gab ohne weiteres Nachdenken seine Zustimmung, obgleich er sich nicht
viel aus der Base machte und sie für eine schnurrige Person hielt.

Sie zog also in den nächsten Tagen ins Forsthaus und stellte sich mit
gutem Anstand und nicht ohne Rührung an dessen Herd, an welchem ihr
endlich, nach langem Irrsal, die Wünsche ihrer frühsten Jugend in ruhige
Erfüllung zu gehen schienen. Sie öffnete bescheiden die Schränke ihrer
Vorgängerin und sah das Linnen und die Vorräte wohlgeordnet und im
tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Töpfe und die
Kessel, die Krüge und die Büchsen und lauschig hingen die Flachsbüschel
unter dem Dache. In diesem Frieden ließ sie alles ein paar Wochen
bestehen; dann aber begann sie allmählich die kleinen Töpfe zwischen die
großen zu stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu
zerzausen, und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die
menschlichen Dinge im Hause in beginnende Unordnung gebracht.

Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zu
werden, um sich wenigstens zu versorgen, so galt es vor allem, sein Kind
und den jungen Dietegen, deren Lage sie bald inne geworden, auseinander
zu bringen und für immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, daß
Dietegen, wenn er das Mädchen zur Frau bekäme, als des Forstmeisters
Nachfolger im Hause bleiben und dieser, bei seiner Anhänglichkeit an
seine tote Frau, dann nicht mehr heiraten würde, was dagegen leichter
geschehen dürfte, wenn beide Kinder fort kämen und er sich in seinem
Hause vereinsamt sähe.

Wie nun Küngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte und schöner
wurde, weckte sie in ihr das frühzeitige Bewußtsein dieser Schönheit und
den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem sie, ohne daß
es jemand merkte, das Mädchen mit wenigen Worten zu allen jungen Leuten
in ein befangenes Verhältnis zu bringen wußte, so daß das Kind jeden
drum ansehen lernte, ob er seine Schönheit auch fühle und anerkenne, und
hinwieder jeder vermeinte, er sei dem jungen hübschen Mädchen besonders
ins Auge gefallen.

Dann zog Violande noch andere junge Frauenzimmer herbei, daß da öfter
gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Führung immer gelinde
courtoisiert wurde.

So kam es, daß Küngolt, noch ehe sie völlig sechzehn Jahre zählte, schon
einen Kreis unruhiger Gemüter um sich versammelt sah.

Es gab allerlei kleine und größere Festlichkeiten, Geschichtchen,
Streitigkeiten, Geräusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten
sich vorwitzige oder törichte Leutchen unangenehm und wurden dabei am
ehesten gelitten.

Hierüber wurde Dietegen nicht glücklich. Im Anfang sah er mit einer
gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenden Jünglingen nicht
sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher
belustigt als gerührt schien und Küngolt selbst es kalt beachtete,
wollte er sich gegen solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz
erwehren. Allein das brachte ihn noch weniger auf einen grünen Zweig und
endigte damit, daß er eines Tages zu bemerken glaubte, wie Küngolt
allein in einem Kreise von spöttisch aussehenden Jünglingen saß und mit
Wohlgefallen die Mißreden mit anhörte, die sie offenbar über ihn
führten.

Da wendete er sich ab und mied von nun an schweigend die Gesellschaft.
Er war ohnehin in das Alter getreten, in welchem die kräftigeren Knaben
sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem Grundstücke der Försterei ruhte
von alters her die Verpflichtung zum Bereithalten von drei oder vier
Mannsrüstungen, und der Forstmeister hatte immer darauf gesehen, eigene
Leute dazu stellen zu können. Mit Wohlgefallen fand er, daß Dietegen,
schlank und wohlgebaut aufwachsend, bald in einen zierlichen Harnisch
taugen würde, in dem er einst seinen eigenen Sohn zu erblicken gehofft
hatte.

So ging denn Dietegen mit andern jungen Knechten an den langen
Winterabenden in die Fechtschule, wo er die kürzeren Waffen führen
lernte nach heimischer Kriegsart; und im Frühjahr, den Sommer hindurch,
weilte er manchen Sonn- und Feiertag auf dem weiten Felde oder in
Waldlichtungen, wenn die Jünglinge sich im behenden Marsch und im
festgeschlossenen Vordrange übten, an ihren langen Spießen über breite
Gräben setzten und die Körper in jeder Weise sich dienstbar machten,
oder endlich der Kunst der Büchsenschützen oblagen.

Da durch alles dies das Leben im Hause sich änderte und besonders das
weibliche Treiben ihn störte, ohne daß er recht beachtete, wie es
eigentlich damit beschaffen war, so nahm seinerseits der Forstmeister
öfter, als zu Lebzeiten seiner Frau geschehen, den Weg in die
Trinkstuben seiner Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des
Hauses lag er der reiferen Torheit der Männer ob und trug sein Haupt
zuweilen beladen, aber immer aufrecht den Forst hinan, wenn die
Mitternachtsglocke verhallte.

So gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorüber, bis an
einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfüllen
begannen.

Der Forstmeister ging in die Stadt auf seine Zunft, welche ihr
Hauptgebot mit großem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die
Nacht zu zechen.

Dietegen ging zeitig ins Schützenhaus, da er einmal einen langen
Sommertag hindurch nach Herzenslust schießen wollte. Die übrigen Knechte
gingen auch ihres Weges, der eine über Land zu den Seinigen, der andere
zum Tanz mit seinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich Tuch für
Gewand zu erstehen, oder ein paar neue Schuhe.

So saßen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut
über die schnöde Art, wie die Männer an diesem Freudentage alle
davongegangen, ohne sich zu kümmern, wie jene ihre Zeit vertreiben
sollten, anderseits aber äugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus
und spähten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen möchten.

Zunächst fingen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Süßwerk zu
bereiten; auch brauten sie einen großen, gewürzten Wein für alle Fälle
und um den heimkehrenden Männern einen Nachttrunk bieten zu können, wie
sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertäglich und schmückten sich
mit Blumen, während andere Jungfräulein, die sie zu einer Frauenlust
hatten entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmückt
herankamen, und auch das letzte Dienstmägdlein im Hause geputzt und
fröhlich dreinsah.

Unter schönen Lindenbäumen, die vor dem Forsthause standen, war der
Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht über der Stadt und
dem Tale ruhte.

Da saßen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich gütlich und
sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit
sehnsüchtigem Ton, von Liebesglück und Herzeleid, von den zwei
Königskindern oder »Es spielt ein Ritter mit einer Maid« und
dergleichen. Der Gesang tönte lockend ins Land hinaus; die Vögel in den
Linden und im nahen Walde, die erst ein wenig zugehört, sangen
wetteifernd mit. Aber bald ließ sich noch ein dritter Chor vernehmen,
indem vom Berge her Geigen und Pfeifen erklangen, vermischt mit
Männerstimmen. Ein Trupp Jünglinge war von Ruechenstein herübergekommen,
trat jetzt aus dem Holze hervor und beschritt den Weg, der mitten durch
die Försterei in das Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze. Es
war der Sohn des Schultheißen von Ruechenstein, ein halbwegs fröhlicher
Gesell, der aus der Art schlug; von der Schule nach Hause gekehrt, hatte
der einige wilde Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche
Schüler und dabei auch ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der
Ratsschreiber von Ruechenstein, eine buckelige, gebogene Gestalt mit
einem langen Degen, der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des
Weges einer hinter dem andern daherkamen.

Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die
eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen,
welches jene sangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie
waren überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen
entgegen, die jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht
betroffen, sondern trat auf den Schultheißensohn zu, welcher sie höflich
begrüßte und erklärte, wie er mit seinen Freunden einen kurzweiligen
Besuch in der fröhlichen Nachbarstadt habe machen wollen, um den
Johannistag nicht allzu trostlos zu verleben, wie nun aber hier noch ein
schönerer Aufenthalt winke, sofern es gestattet sei, den Jungfrauen
einen ehrbaren Tanz anzubieten.

In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie
tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem
Schultheißensohn, Violande mit dem Mönch und die übrigen mit den
Schülern; aber am gewandtsten und leidenschaftlichsten tummelte sich der
Ratsschreiber herum, der trotz seines Buckels mit seinen Beinen weiter
ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn schon sich zu
spalten schienen.

Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher
Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheißenkind
absehen, damit sie Schultheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt
und teilnahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen
Tanzen sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen,
und es sah aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide
und das Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt am Arme des spukhaften
Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug.

Doch unversehens änderte sie ihre Laune und sie geriet an den Mönch, von
diesem an einen der Studenten, und eh' eine halbe Stunde vergangen,
hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle
seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen
Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit
das geschehe, rief Violande die Gesellschaft zum Tische unter den
Linden, um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling
neben eine Jungfer zu sitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn.

Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich
unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wolle die Schenkin sein, und eilte
ins Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Violandes
Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Violande hatte ihr einst
im geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anvertraut, das sei ein
Philtrum oder Liebestrank, »Gang mir nach« genannt; wer es von der Hand
einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade
verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht
das starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines
erstgebornen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den
Gebeinlein eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen
gelegt und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber
es sei immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger
Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne
geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der
Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande
selbst getraue sich weder dasselbe zu gebrauchen, noch es wegzuwerfen,
weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte.

Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und
verstohlen in eine frische Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden
Herzens hinauseilte. Sie hieß die Jünglinge alle ihre Gläser leeren,
weil sie ihnen einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte
es so einzurichten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie
alle Gläser der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen
hatte, während sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft
anblickte.

In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das
Zaubergift, welches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß
alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen umwarben
mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet,
wo sie ein von anderen gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken
sieht. Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Ärger vor
sich niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu
verbergen suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes
Dienstmägdlein fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und
Schafürli, der Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor
den Schultheißensohn, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt.

Diese aber ließ keinen auskommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in
ihrem Herzen, wußte sie wie eine Schlange sich unter ihnen umzutun, und
als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen
wieder freundlich zu machen und herbeizulocken.

Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die
Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem
hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen
Landvolke angezündet.

»Laßt uns zum Feuer gehen!« rief Küngolt, »der Weg ist kurz und lieblich
durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und die
Knaben hinten drein!« So geschah es und sie zogen mit angezündeten
Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesange.

Nur Violande blieb zurück, das Haus zu hüten und den Forstmeister zu
erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte
auch nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten
Sinnen. Als er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und
verlangte wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm denselben
davoneilend zu bereiten ging.

Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, das lang
gehütete Fläschlein mit dem »Gang mir nach« zu holen, und sie fand es
nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den sie verlegen
und sinnend zurückkam; denn dort wo es Küngolt hastig und achtlos
hingeworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite gestellte
Mägdlein aufgehoben, das sich grollend ins Haus zurückgezogen.

Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank umso süßer
und stärker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forstmeister.
Es strömte ein zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch trug sie ein
blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelig weißes
Fell, wie man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Die Blumen hatte
sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen, und sie wand
ihre starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf.

»Ei Base,« sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher weg von
ungefähr erblickt hatte, ganz nah bei ihm, »wie seht Ihr gut aus!«

Da lächelte sie wie selig und sah ihn mit süß funkelnden Augen
unverhohlen an, indem sie sagte: »Gefall' ich Euch endlich und so spät?
Wenn Ihr wüßtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ein
Kind war!«

Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von
Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an ein
schönes Mädchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als
lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war, wie aus
weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Herz stieg in
das aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei
Bildwerk herum. Violande erschien ihm plötzlich als eine durch Leiden
und viele Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein
bedeutendes und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlösse und
welcher Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut
verleihen würde.

Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Wir sind nicht
alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden?« Und da sie
ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirklicher
Glückesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den
er seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und
steckte das Kleinod an Violandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein
breites blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich
unter den rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte den Stein
der Weisen gefunden zu haben.

In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da er
quer über den Rasen daherging, hörten ihn die Kosenden nicht und er
schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und
errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um
die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde
her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menschen in Streit oder
Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er
die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zustande. Von
Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer
auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt
gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen
angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen
ankam, hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen mit
seinem Degen niedergestochen, der, gleichfalls das Schwert in der Hand,
im grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich
schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber
entsetzt um Hilfe schrieen, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß aber
neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.

»Küngolt, was ist das?« sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch
erblickt; es war das erste Wort, das er seit langem an sie gerichtet.
Sie zuckte zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er
jetzt ohne Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit
einigen kräftigen Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinander zu
bringen und ihnen den Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme
sinken ließen und ganz vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den
grimmigen Schafürli schauten, der wie wahnsinnig um sich stierte.

Inzwischen waren Bauern und auch die heimkehrenden Knechte
herbeigekommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangen nahmen
und den Schafürli banden.

Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister
war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr unleidig, ein
toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetürmt, und eh'
es Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten
Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu
fragen und alle Rechenschaft zu fordern.

Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es
ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige Klage
gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt erhoben,
die er der Zauberei und Behexung beschuldigte.

Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das
Fläschlein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem
Schafürli gegeben.

Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch am gleichen Tage
gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn jedermann,
in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an die Wirkung der
Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend auf,
daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die
Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in
seinen Gedanken wie gelähmt fühlte.

Sie gestand die Tatsache alsobald ein, halb bewußtlos vor Schrecken, und
der Schafürli mit seinen Gesellen wurde freigelassen. Die Ruechensteiner
verlangten nun, die Zauberhexe, welche ihre Angehörigen geschädigt und
den Tod eines ihrer Bürger verursacht habe, solle ihnen zur Bestrafung
ausgeliefert werden. Dies wurde nicht gewährt und jene zogen grollend
mit der Leiche des Schultheißensohnes von dannen. Als sie aber nachher
vernahmen, daß die Seldwyler das Mädchen nur zu einer einjährigen milden
Gefängnisstrafe verurteilt hätten, erwachte die alte Feindschaft wieder,
welche eine Reihe von Jahren geschlafen, und es wurde für jeden
Seldwyler gefährlich, ihren Bann zu betreten.

Die Stadt Seldwyla hielt nun für Vergehen, die sie nach ihrer
Lebensanschauung zu den leichteren zählte und nach Umständen mit
Nachsicht behandeln wollte, kein Gefängnis, sondern verdingte die
Verurteilten, besonders wenn es sich um Frauen und jugendliche Personen
handelte, an irgend eine Haushaltung zur Haft und Pflege. So sollte denn
die arme Küngolt auf die Ratstube gebracht und dort zu einer
öffentlichen Steigerung ausgestellt werden.

Der Forstmeister, dessen Fröhlichkeit dahin war, sagte seufzend zu
Dietegen, es sei ein saurer Gang für ihn, aufs Rathaus zu gehen und bei
dem Kind zu wachen; denn es müsse jemand von den Seinigen bei ihm sein
während dieser bittern Stunde. Da erwiderte Dietegen: »Ich will es schon
tun, wenn ich Euch gut genug dazu bin!« Der Forstmeister gab ihm die
Hand. »Tu's,« sagte er, »du sollst Dank dafür haben!«

Dietegen ging hin, wo die Abgeordneten des Rats saßen und einige
Steigerungslustige, sowie ein Häuflein Neugieriger sich sammelten. Er
hatte sein Schwert umgetan und sah mannhaft und düster blickend aus.

Als nun Küngolt hereingeführt wurde, blaß und bekümmert, und sie vor dem
Tische stehen sollte, zog Dietegen rasch einen Stuhl herbei und ließ sie
darauf sitzen, indem er sich hinter den Stuhl stellte und die Hand auf
dessen Lehne stützte. Sie hatte ihn überrascht angeblickt und sah noch
mit einem schmerzlichen Lächeln nach ihm zurück; allein er schaute
scheinbar ruhig und streng über sie hinweg.

Der erste, welcher ein Angebot auf ihre Gefangenhaltung tat, war der
Stadtpfeifer, ein vertrunkener Mann, der von seiner Frau hergeschickt
war, um mit dem Erwerbe die zerrütteten Umstände etwas zu verbessern,
insonderlich weil zu hoffen war, daß der Gefangenen aus ihrem
elterlichen Hause offen oder heimlich allerhand Gutes zufließen würde,
dessen man sich bemächtigen oder wenigstens teilhaftig machen könnte.

»Willst du zum Stadtpfeifer?« fragte Dietegen die Küngolt kurz, und sie
sagte »nein!« nachdem sie den beduselten und rotnasigen Musikus
angesehen. Der rief lachend: »Ist mir auch recht!« und schwankte ab.

Hierauf bot ein alter Seckler und Pelzkappenmacher auf Küngolt, welcher
sie tapfer zum Nähen anzuhalten gedachte, um einen schönen Nutzen aus
ihr zu ziehen. Er hatte aber einen offenen Schaden am Bein, welchen er
den ganzen Tag salbte und pflasterte, und auf dem Kopf ein Gewächs wie
ein Hühnerei, welches Küngolt als Kind schon gefürchtet hatte, wenn sie
in die Schule und an seiner Werkstatt vorbeigegangen. Als daher Dietegen
fragte, ob sie zu diesem wolle, sagte sie wiederum nein, und er zog
keifend davon.

Nunmehr trat ein Geldwechsler hervor, der einerseits wegen seines
wucherischen und häßlichen Geizes und anderseits wegen seiner
widerwärtigen Lüsternheit verrufen war. Kaum hatte der aber seine roten
Augen auf Küngolt gerichtet und den schiefen Mund zum Angebote geöffnet,
so winkte ihm Dietegen, ihn drohend anblickend, mit der Hand hinweg,
ohne das erschrockene Mädchen zu befragen.

Jetzt kamen nur noch einige ordentliche Leute, gegen welche nicht wohl
etwas einzuwenden war, und diese wurden nun zur eigentlichen
Versteigerung oder Gant zugelassen. Am mindesten forderte für ihre
Aufnahme und Ernährung der Totengräber an der Stadtkirche, ein stiller,
ehrbarer Mann, welcher eine brave Frau und auch, nach seiner Meinung,
ein geeignetes Lokal besaß und schon einige Sträflinge dieser Art
beherbergt hatte.

Diesem wurde Küngolt von der Ratsabordnung zugeschlagen und sofort in
sein Haus geführt, das zwischen dem Kirchhof und einer Seitengasse
gelegen war. Dietegen ging mit, um zu sehen, wo sie untergebracht würde.
Das war in einer offenen kleinen Vorhalle des Hauses, welche unmittelbar
an den Totengarten grenzte und von demselben durch ein eisernes Gitter
abgeschlossen war. Dort pflegte nämlich der Totengräber in der wärmeren
Jahreszeit seine Gefangenen einzusperren, während er sie über den Winter
einfach in die Stube nahm und mit einer leichten eisernen Kette an einen
Fuß des Ofens band.

Als aber Küngolt in ihrem Gefängnis war und sich nur durch ein
Eisengitter von den Gräbern der Toten getrennt sah, überdies in nächster
Nachbarschaft das alte Beinhaus bemerkte, das mit Schädeln und andern
Gebeinen angefüllt war, fing sie an zu zittern und bat flehentlich, man
möchte sie nicht da lassen, wenn es Nacht werde. Die Frau des
Totengräbers dagegen, welche eben einen Strohsack und eine Decke
herbeischleppte, auch eine Art Vorhang an dem Gitter anbrachte, sagte,
das könne nicht sein und der ernste Aufenthalt gereiche ihr nur zur
wohltätigen Buße für ihren sündigen Sinn.

Da sagte Dietegen: »Sei ruhig, ich fürchte mich nicht vor den Toten und
Gespenstern und will des Nachts so lange hieher kommen und vor dem
Gitter wachen, bis du dich auch daran gewöhnt hast!«

Das sagte er aber so zu ihr, daß die Frau es nicht hören konnte, und
begab sich hierauf nach Hause. Dort fand er den traurigen Forstmeister,
wie er sich eben mit Violanden verständigt hatte, daß sie ihre Hochzeit
erst halten wollten, wenn Küngolts Strafzeit vorüber und die schlimme
Sache einigermaßen ausgeglichen wäre. Violande hielt sich dabei
mäuschenstill, zufrieden, daß sie als die eigentliche Urheberin der
unglücklichen Hexerei und ihrer Folgen so gut davongekommen war. Bei dem
strengen Verhör, dem sie auch unterworfen gewesen, hat man ihrer
Aussage, daß sie jenen Liebestrank nur verwahrt, damit er nicht in
unrechte Hände gerate, zur Not geglaubt und sie entlassen.

Als nun die Dämmerung vorüber und die Mitternacht im Anzuge war, machte
sich Dietegen ungesehen auf, nahm sein Schwert und ein kleines
Fläschchen mit gutem Wein und stieg wieder in die Stadt hinunter, wo er
unverweilt sich über die Kirchhofmauer schwang und furchtlos über die
Gräber hin vor Küngolts unheimliche Wohnstätte ging. Sie saß lautlos auf
ihrem Strohsack zusammengekauert hinter dem Vorhang und lauschte
zitternd jedem Geräusche; denn sie hatte, ehe die Geisterstunde
gekommen, schon einige Schrecknisse erlebt. Im Beinhause war eine Katze
über die Knochen weggestrichen, so daß dieselben sachte etwas geklappert
hatten. Dann wurden vom Nachtwind die Sträucher über den Gräbern
bewegt, daß sie leise rauschten, und der Hahn auf dem Dachreiter der
Kirche gedreht, welches einen seltsamen Ton gab, den man im
Tagesgeräusch nie vernahm.

Als daher Küngolt die nahenden Schritte hörte, erschrak sie von neuem
und fuhr zusammen; als er aber durch das Gitter griff und den Vorhang
zurückschob, daß der Vollmond den Raum erhellte, und sie leise anrief,
da stand sie eilig auf, lief ihm entgegen und streckte beide Hände durch
das Gitter.

»Dietegen!« rief sie und brach in Tränen aus, die ersten, die sie seit
dem Unglückstag vergießen konnte; denn sie hatte bis jetzt wie in einer
starren Betäubung gelebt.

Dietegen gab ihr aber die Hand nicht, sondern das Weinfläschchen und
sagte: »Nimm einen Schluck Wein, es wird dir gut tun.« Sie trank und
nahm auch von dem guten Brot ihres Vaterhauses, das er ihr gebracht. So
wurde es ihr besser zu Mut, und als sie sah, daß er nicht weiter mit ihr
sprechen wollte, zog sie sich schweigend auf ihr Lager zurück und weinte
leise, bis sie in einen ruhigen Schlaf versank.

Dietegen aber hielt sie nach seinen jugendlich spröden Begriffen und in
seiner Unerfahrenheit für ein bös gewordenes Wesen, das nicht recht tun
könne, und er wachte bei ihr, indem er sich auf einen an der Wand
lehnenden alten Grabstein setzte, ihrer toten Mutter zuliebe und weil er
ihr selbst sein Leben verdankte.

Küngolt schlief, bis die Sonne aufging, und als sie erwachte, sah sie,
daß Dietegen still weggegangen war.

Dergestalt kam er eine Nacht um die andere, bei ihr zu wachen; denn er
hielt nach seinem Glauben den Ort für in der Tat gefährlich für jemand,
der kein gutes Gewissen habe und voll Furcht sei. Jedesmal brachte er
ihr etwas zur Labung mit und frug sie etwa, was sie sich wünschte, und
er brachte ihr alles, was ihm recht schien. Er kam auch, wenn es regnete
und stürmte und versäumte keine Nacht, und wenn es nach damaligem
Volksglauben in Ansehung der Toten und ihres Treibens besonders
verrufene Nächte waren, so erschien er umso pünktlicher.

Küngolt ihrerseits richtete sich unvermerkt so ein, daß sie während des
Tages ihren Vorhang zog, um sich vor den Neugierigen zu verbergen, wie
sie sagte, wenn Leute auf den Kirchhof kämen, in der Tat aber, um zu
schlafen; denn sie liebte es, während der Nacht munter zu sein, kein
Auge von der dunkeln Gestalt ihres Wächters zu verwenden, und über ihn
und sich und wie alles gekommen sei, nachzudenken, während er sie
schlafend wähnte.

Sie fühlte sich von einem neuen, ungeahnten Glücke umflossen, sobald er
kam und sie ihren Gedanken in seiner Gegenwart still und stumm
nachhängen konnte. Sein hartes Urteil ahnte sie nicht und hoffte ihr
Anrecht an ihn wieder erringen zu können, da er sich so treu erwies.
Nicht so dachte ihr Vater, der sie jede Woche einmal besuchte; wenn sie
dann fast jedesmal schüchtern auf irgend eine Weise Dietegens Namen
nannte und er wohl merkte, daß sie sich ihm wieder zugewendet, seufzte
er innerlich, weil er wohl wünschte, daß das halb verlorene Kind durch
den braven Pflegesohn gerettet werden möchte, aber fürchtete, der werde
schwerlich eine angehende und schon eingesperrt gewesene Hexe erwerben
wollen.

Mittlerweile hatte sich auch noch anderer Besuch bei Küngolt
eingestellt. Der Ratsschreiber von Ruechenstein, der gewalttätige
Krummbuckel Schafürli, konnte das schöne Wesen nicht vergessen und
fühlte sein stark durch die Krümmungen des Körpers strömendes Blut von
ihrem Bilde bewohnt und befahren, nach seinem Glauben wie von einer
Hexe, welche nächtlich einsam auf einem Strome in dunklem Kahne
dahinschieße.

Er gedachte daher, da er ein verwegener Kerl war, statt bei den
Kapuzinern, bei der Urheberin selbst seine Heilung und Befreiung zu
versuchen und wanderte in dunkler Nacht über den Berg und bis auf den
Kirchhof, wo sie gefangen saß. Da es noch nicht die Zeit war, um welche
Dietegen zu erscheinen pflegte und auch seine Schritte fremd klangen, so
erschrak Küngolt und duckte sich hinter ihren Vorhang. Schafürli aber
zündete ein kleines Licht an, das er mitgenommen, riß das Tuch zurück
und leuchtete in den vergitterten Raum hinein, bis er sie entdeckte.

»Komm heran, Hexenmädchen!« flüsterte er heftig und halblaut, »und gib
mir beide Hände und deinen Mund, denn du mußt mir heilen, was du
verdorben hast!«

Sie erkannte ihn an seiner Gestalt, und die Erinnerung an all das
geschehene Unheil, sowie die Gegenwart des Mannes erfüllten sie mit
solcher Angst, daß sie, ohne einen Laut zu geben, zitterte wie
Espenlaub.

Da begann der Ratschreiber an dem Gitter zu rütteln, und weil es
keineswegs besonders fest war, vielmehr nur für schwächere Gefangene zu
dienen hatte, schickte er sich an, es mit Gewalt aus den Angeln zu
heben. In demselben Augenblicke kam aber Dietegen, sah den Vorgang und
packte den Schafürli an der Schulter. Der schrie wild auf und wollte
seinen Dolch ziehen. Doch Dietegen hielt ihm die Hände fest und rang mit
ihm, bis er ihn bezwungen hatte. Er besann sich, ob er ihn gefangen
nehmen und anzeigen, oder ob er ihn bloß verjagen solle, und weil er den
Zusammenhang des Vorfalls noch nicht kannte, und nicht eine neue
Verwicklung für Küngolt herbeiführen wollte, ließ er den krummen Mann
laufen, indem er ihm bei Sicherheit seines Lebens verbot, je wieder an
den Ort zu kommen. Zugleich aber ging er in das Haus hinein und
veranlaßte den Totengräber, die Gefangene nunmehr in die Stube zu
nehmen, da ja ohnehin der Herbst vor der Tür sei und die Nächte zu kühl
würden für den bisherigen Aufenthalt.

Küngolt wurde also noch in dieser Nacht mit der herkömmlichen leichten
Kette am Fuße an den Ofen gefesselt. Es war das ein schlankes Gebäude
von grünen Kacheln, welche in erhabener Arbeit die Geschichte der
Erschaffung des Menschen und des Sündenfalls darstellten; an den vier
Ecken des Ofens standen die vier großen Propheten auf vorstehenden
gewundenen Säulchen, und das Ganze bildete ein nicht unzierlich
gegliedertes Monument, an welches hingeschmiegt nun Küngolt auf der
Ofenbank saß.

Sie freute sich der geschützteren Lage und der Rettung, welche sie dem
Dietegen dankte, und schrieb alles seiner treuen Gesinnung für sie zu,
obgleich er in dieser Nacht kein Wort mit ihr gesprochen und sich nach
getaner Sache ohne weiteres hinwegbegeben hatte.

Als nun aber die gute Küngolt dergestalt installiert war, fand sich ein
neuer Liebhaber ihrer Schönheit ein in der Person eines Kaplans, welcher
allerhand kleine Priestergeschäfte an der Kirche besorgte und auch den
geistlichen Beistand bei den Siechen und Gefangenen auszuüben hatte.
Dieses Pfäfflein kam nun, da Küngolt in der warmen Stube saß, fleißig zu
ihr, um ihr Zusprache zu halten, ihr die Neigung zur Zauberei und
Spendierung von Liebestränken auszutreiben und sich dabei ihres schönen
Anblickes und lieblichen Wesens zu erfreuen. Denn seit der Zeit ihres
Leidens war eine neue Art von Schönheit über sie gekommen; sie war ein
reifes, schlankes, obgleich blasses Frauenbild geworden, dessen Augen in
sanftem und lieblichem Feuer strahlten, von einem Trauerschatten
umgeben. Sie wurde, vom Anbinden abgesehen, wie ein Glied des Hauses
gehalten, in dem auch einige Kinder sich befanden, und wenn der Kaplan
kam, so wurde er mit einem Glase Wein oder Bier bewirtet, für welches
der Forstmeister etwa sorgte. Wenn nun der Geistliche sein Sprüchlein
getan hatte, seine Erfrischung zu sich nahm und ersichtlich nur noch
blieb, um die getröstete Sünderin ein bißchen anzugucken und etwa
bescheidentlich ihre Hand zu streicheln, so überließ sich Küngolt einer
aufwachenden, kleinen anmutigen Heiterkeit, indem sie bedachte, welch
einen prächtigen Liebhaber sie, nach ihrer Meinung, diesem Pfäfflein
gegenüber in Dietegen besaß.

So kam es, daß das Mädchen in seiner bescheidenen Fröhlichkeit, nachdem
sie den Tag über von der besseren Zukunft geträumt hatte, des Abends der
Liebling der Totengräbersleute war und sie den Tisch zu ihr an den Ofen
rückten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es so, und
der Priester gesellte sich hinzu, so daß der Totengräber, seine Frau und
Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Küngolt um den Tisch
herumsaßen, mit Nüssen spielten und Küngolt eben laut über etwas lachte,
was der Pfaffe gesagt hatte, während er ihre Hand hielt, als Dietegen
hereintrat, um seinem Schützling und Kind seines Herrn einige gute
Sachen von Hause zu bringen. Ein unbewußter Zug des Herzens, das
eingeschlafene Heimweh nach ihr hatte ihn doch den Vorsatz fassen
lassen, etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Küngolt, welche die
erste Neujahrsnacht ihres jungen Lebens außer dem Hause zubrachte,
jemand von den Ihrigen bei sich hätte.

Als er aber den fröhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand
der lachenden Küngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Kälte, daß
ihm das Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mädchen die
Sachen mit zwei Worten als Sendung des Vaters übergeben, ohne weiteren
Aufenthalt wieder fort, während zwischen seinen Zähnen sich die Worte
lösten: »hin ist hin!« Jetzt ahnte Küngolt plötzlich den Inhalt dieses
Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurück. Sie sank
erbleichend an den Ofen hin und die Leutchen gingen betreten
auseinander: das Licht in der Totengräberwohnung erlosch, noch eh' die
erste Stunde des neuen Jahres angebrochen war.

Küngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen
Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslärm ertönte und jene
Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das
Frühjahr da war, und der Tag von Grandson nahte, zogen auch die Städte
Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren
Fähnlein in das Feld, und es war für den Forstmeister sowie für Dietegen
eine Erlösung, aus dem gestörten Hause hinauszutreten und die frische
rauhe Kriegesluft zu atmen.

Festen Schrittes gingen sie mit ihrem Banner, obwohl schweigsamer als
die anderen, und stießen mit den übrigen herbeieilenden Scharen zu dem
Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu
Hilfe kam.

Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seiner
Mitte wehten die Fahnen der Länder und Städte. Mann an Mann standen die
Tausende, jeder in Zuverlässigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine Welt
für sich, und alle zusammen doch nur ein Häuflein Menschenkinder.

Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizigen und
dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zanksüchtige und der Friedliebende
hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren Herzens war,
hielt sich so still, wie der Prahler und der Redselige; der Arme und
Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden.
Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrängt; aber
Neid und Mißgunst hielten den Spieß oder die Hellebarde so fest, wie die
Großmut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerechte
sein Auge auf die nächste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen
und einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr
oder weniger als der aufblühende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der
Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der düster Gesinnte ertrug ohne
Murren die halblauten Einfälle des Possenmachers und dieser wiederum
ohne Gelächter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spießbürgers, der
neben ihm stand.

Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so daß
die Reihen der grollenden Nachbarstädte sich dicht berührten und der
Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbürger führte und ihren Eckstein
bildete, der Nachbar des Ratschreibers von Ruechenstein war, welcher am
Ende einer Rotte der Seinigen stand; allein keiner von ihnen schien
dessen zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schützen und
verlorenen Knaben außerhalb des Gewalthaufens und lebte schon mitten im
furchtbaren Getümmel, als dieser sich jetzt plötzlich in Bewegung setzte
und in die Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfürsten mit seinem
in Glanz und Üppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelkönig in die
Flucht zu schlagen.

Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner
Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden
und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter
feindliches Fußvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich
ein Kämmerlein aus, wie ein fleißiger Bergmann; aber eben, als er sich
auch ein Pförtlein in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese Öffnung
eine verspätete verirrte Stückkugel Karls des Kühnen und zerschlug ihm
die breite Brust, also daß er in einem kurzen Augenblick im Frieden der
ewigen Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.

Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Verfolgung der
fliehenden Burgunder zurückkam und nach kurzer Nachfrage den gefallenen
Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schwerte selbst
zwischen die Wurzelarme einer mächtigen Eiche, welche unweit des
Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.

Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen
seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit für einstweilen in das Forsthaus
gesetzt, um dort die Aufsicht zu führen. Mit dem Tode des Forstmeisters
war dessen Hausstand aufgelöst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen
Unachtsamkeit geschwunden, und Küngolt hatte nichts mehr auf dieser
Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen
konnte, da er selbst ein armes Blut war.

Sie saß unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bildwerke
desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier
oder fünf Bildern, die sich um den ganzen Ofen herum immer
wiederholten; die Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der
Erkenntnis und die Verstoßung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von
dem Drucke schmerzte, so löste sie es ab und kehrte es gegen die harten
Darstellungen, dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen
ihr Tränen entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft
gesammelt hatte. Ja, wenn sie zuweilen zu demjenigen Bildwerke kam,
welches die Verstoßung aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar
einen Lachreiz. Denn durch die Unaufmerksamkeit des Töpfers oder
Bildners hatte auf dieser Platte Adam statt eines vertieften Nabels ein
erhabenes rundes Knöpfchen auf dem Bauche, welches regelmäßig auf jeder
Verstoßung wiederkehrte.

Wenn dann aber Küngolt lachen sollte über diese harmlose Erscheinung, so
schnürte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so daß
ein erbärmliches Ringen und ein körperlicher Schmerz daraus entstand für
einen Augenblick, bis ihr die Augen übergingen und sie das Gesicht
verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher
zuletzt, dieses Bild anzuschauen.

Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um die
gleiche Zeit die Strafdauer Küngolts zu Ende. Dietegen hatte angeordnet,
daß sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden vorderhand
zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich ordentlich
geworden war; denn sie hatte in der späten Verlobung mit dem
Forstmeister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen
Halt daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern
tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszüge im Felde herum.

Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen Schicksalsläufen
hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges, verbunden mit dem
stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse Wildheit in ihn
gebracht. Er schloß sich jenen rauhen jungen Gesellen an, welche unter
dem Namen des törichten Lebens sich aufgemacht hatten, um die der Stadt
Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene
Brandschatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen
Beutestücken, die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen
lassen; er trug, hinter der tollen Eberfahne herziehend, Gewand von
blaßrotem Burgunderdamast; das eidgenössische Kreuz auf Brust und Rücken
war von Silberstoff und mit Perlen besetzt. Den Hut überragte rings eine
breite Last von wogenden Straußfedern, den in eroberten Lagern
zerstreuten Ritterhüten entnommen. Dolch und Schwert trug er reich an
kostbarem Wehrgehänge und neben der Feuerbüchse einen langen Speer, an
welchem seine tannenschlanke breitschulterige Gestalt sich lässig lehnte
und wiegte, wenn er drohend unter seinem Hute hervorschaute, um einen
feigen Lärmmacher oder eine Dirne zu schrecken. Er liebte es, etwa eine
schreiende Magd bei den Zöpfen zu packen, ihr einen Augenblick forschend
ins Gesicht zu sehen und die Erschrockene oder auch Lachende dann wieder
laufen zu lassen.

In solcher Tracht war er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens
gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla
erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme gleichend,
so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.

Als Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln
zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie
geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun,
über die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der
verlorenen Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu
jeder Stunde auf jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode
errettete Kind Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit
Blumen geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und
schaute voll Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die
drohende Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe.

Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner Grenzbanne
durchschnitten war, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum, der
stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach Rache
dürstete; denn es waltete in Ruechenstein trotz der vermeintlichen
Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und
geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern nach
Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen hoffte.
Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem
Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden
ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen
hervor, nahm sie gefangen und führte sie gebunden nach seiner Stadt, wo
ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungesühnten Todes des
Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde.

In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr,
der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht
gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun
war es die einst so schlimme Violande, welche, von Reue und Mitleid
erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr
denkbar schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen
Westen, um die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das
Gerücht von dem Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf
den rechten Weg und sie fand den Gesuchten, wie er eben mit einigen
Gefährten in einer Schenke gleichgültig um Geld würfelte.

Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr wider
Erwarten aufmerksam zu, sagte aber dann: »Hier kann ich nichts machen!
Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so
würde ich keine zehn Gesellen finden, die mir folgen würden, um das Kind
zu befreien!«

Violande aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle
möglichen Heiratsfälle im Gedächtnisse hatte, erwiderte: »Gewalt ist
auch nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung,
daß ein zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werden kann
und demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf
der Stelle mit ihr trauen läßt!«

Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht,
nicht ohne sein spöttisches Soldatenlächeln.

»Ich soll also eine Art Dirne zur Frau nehmen, meint Ihr?« sagte er,
indem er seinen hervorsprossenden Schnurrbart drehte und sich sehr
ungläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. »Sag
nicht Dirne,« antwortete Violande, »sie ist es nicht!«

Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und
fuhr fort: »Was sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen;
denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den
Vater zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten
verleitet!«

»Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen,« rief Dietegen, »ihre
Eltern sind von guter Art gewesen; aber sie ist nicht geraten!«

»Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit,« rief Violande, »es ist alles
wie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft
und liebt dich so, daß sie schon längst sich ein Leid angetan hätte,
wenn du nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Übrigens gedenke doch
dessen, was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und
Schönheit dastehen, wenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers
genommen hätte? Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven
Vaters, die dich erzogen haben, wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du
der einzige Richter über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst
noch nie unrecht getan? Hast du keinen Mann erschlagen in deinen
Kriegen, dessen Tod nicht gerade nötig gewesen wäre? Hast du keine
Hütten von Armen und Wehrlosen verbrannt? Und wenn du auch dies nicht
getan, hast du immer Barmherzigkeit geübt, wo du es gekonnt hättest?«

Dietegen errötete und sagte: »Ich will nichts geschenkt haben und
niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn es sich verhält, wie Ihr sagt,
mit dem Ruechensteinischen Rechtsbrauche, so will ich hingehen und das
Kind zu mir nehmen! Möge Gott mir und ihr dann weiter helfen, wenn sie
nicht mehr recht tun kann!«

Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht hätte
folgen können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur
Rückreise stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen
ergreifend, auf und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er
die finstere Stadt Ruechenstein erblickte.

Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die
Küngolt, die im alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen
ihres unbescholtenen Vaters, der für das Vaterland gefallen sei, aus
besonderer Milde zum Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad
oder eine andere ihrer üblichen Praktiken.

Sie wurde demgemäß zum Tore hinausgeführt nach dem Richtplatze, barfüßig
und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und Rücken von
dem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt ging sie
ihren Todespfad, inmitten ihrer Peiniger, zuweilen strauchelnd, aber
gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und
Glückeshoffnung entschlagen hatte. »So kann es einem ergehen!« dachte
sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie plötzlich wieder
an Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte
auch, daß er ihr sein blühendes Leben danke, und sie fühlte sich durch
dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworden.

Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur
sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum
letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da
verband ihr der Henker die Augen und schickte sich an, ihr das reiche
Haar abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorquoll, als Dietegen in
einiger Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und
seinen Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalten,
riß er seine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf
des Henkers weg. Überrascht und erschreckt hielten die Richter inne und
alles griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in weiten Sätzen
heran und auf das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines
Sprunges beinahe zusammenbrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter
fassend, da ihre Hände auf den Rücken gebunden waren, suchte er eine
Weile nach Atem, eh' er sprechen konnte. Die Ruechensteiner, als sie
sahen, daß er allein war und kein weiterer Überfall erfolgte, harrten
der Dinge, die da kommen sollten, und als er endlich sein Begehren
erklären konnte, traten sie zur Beratung der Angelegenheit zusammen.

Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten
unverbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen
kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen
den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß
über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der
Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache
selbst zu versehen und sich von dem Untergange der Hexe zu überzeugen,
verbarg sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er
trotz seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte,
mußte nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt
wurde losgebunden, auf die schwankenden Füße gestellt und befragt, ob
sie diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehefrau
folgen und ihm ihre Hand geben wolle.

Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, was sie nach
abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte wie in
einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu
verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart
und geisterhaft drei- oder viermal, und gleich darauf noch ein paarmal,
so daß selbst die düsteren Ratsmänner gerührt wurden und die Zitternde
stützten, als sie hierauf in aller Form mit dem Manne verbunden wurde.

Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stand und ging,
ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder Schadenersatz,
übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem Pfaffen und
Bezahlung von zehn Kopf Weins für den Scharfrichter und seine Knechte,
als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem
Scharfrichter.

Als er alles bezahlt hatte, nahm Dietegen sein Weib bei der Hand und
verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie
stand und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde
bekleidet, auch die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie
sich nicht gut und konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob
sie daher vom Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern
zurück, sie schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt
auf das seinige und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem
Speer in der andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf
einsamer Höhe und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem
in süßer Erlösung freier wurde, und als ihre Tränen seine Stirne
benetzten, da wurde es ihm zu Mute, als ob er vom seligen Glücke selbst
getauft würde, und dem rauhen starken Gesellen rollten die eigenen
Tränen über die Wangen. Sein war das Leben, das er trug, und er hielt
es, als ob er die reiche Welt Gottes trüge.

Als sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im
Sünderhemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen
worden war, schien die Märzensonne so hell und warm, daß ein kurzes
Ausruhen erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und
ließ seine reiche Last sachte auf seine Kniee nieder; der erste Blick,
den die Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun
endlich stammelte, bestätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht
treu erfüllt, als eine neue eingegangen habe, nämlich diejenige, so gut
und wacker zu werden, daß er des Glückes, das ihn jetzt beseelte, auch
allezeit wert sei.

Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern
frühen Blumen besät, der Himmel weit herum blau, und kein Ton unterbrach
die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den Wäldern.

Weiter sprachen sie nun nichts, sondern atmeten einträchtiglich in die
laue Luft hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur
noch über weichen Moosboden durch die Buchenwaldung abwärts führte nach
dem Forsthause, so gingen sie nun nebeneinander hin.

Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt
abgeschnitten glaubte, und da sie es noch fand, wie es gewesen, stand
sie still und sagte zu Dietegen, indem sie ihn treuherzig ansah: »Kann
ich nicht noch ein Brautkränzchen bekommen?«

Er sah sich um und gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch
schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz daraus
und setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit den Worten: »Es ist ein
rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein
soll! Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe
fühlen!«

Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und sie
ging zufrieden weiter mit ihm.

Das Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das
Gesinde hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus
Trauer, teils aus ungetreuem Leichtsinn verlaufen und niemand kehrte an
diesem Tage mehr zurück. Umso traulicher wurde das rasch auflebende
junge Weib mit jedem Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von
Kammer zu Kammer, und bald erschien sie in dem köstlichen Brautkleid
ihrer Mutter, von welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht
erzählt, als sie zusammen im gleichen Kinderbettchen gelegen. Dann
deckte sie den Tisch mit festlichen Linnen und trug auf, was sie an
Speise und Wein hatte finden und bereiten können.

In tiefer Stille und Einsamkeit saßen sie nun nebeneinander, sie in
ihrem Kranze und er mit abgelegten Waffen, und nachdem sie ihr einfaches
Mahl genossen, gingen sie zur Ruhe. »So kann es einem ergehen!« sagte
Küngolt heute zum zweiten Male und mit leichterem Herzen leise vor sich
hin, als sie zufrieden an der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb
immer ein Restchen von Schalkheit in ihr.

Dietegen wurde ein angesehener Mann durch das Kriegswesen, nicht besser
als andere jener Zeit, vielmehr den gleichen Fehlern unterworfen. Er
wurde ein Feldhauptmann, der für oder wider die fremden Herren Partei
nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte und so von Krieg zu Krieg sein
Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und
einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in
ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreiches
Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern,
wohin der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.

Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolts,
die ihr zum Troste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen
und eine wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts zuweilen
allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Auch gefiel sie sich darin,
wenn Herr Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei
hielt und mit langem Bart und goldener Ritterkette dasaß, als geistliche
Frau auf Besuch zugegen zu sein und mit einem goldenen Kreuze auf der
Brust, und intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.

Wie Küngolt im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts ausgesehen, ist noch
aus dem Bilde eines guten Malers zu entnehmen, welches in einer
bekannten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man sieht da
eine schlanke feine Patrizierfrau, deren schöne Gesichtszüge einen
gewissen tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger
Laune.

Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältung, gleich ihrer
Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Mailänder
Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhofe eines lombardischen
Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm ein
Grabmal zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange
Regennacht hindurch auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in
zwei Tagen dahinraffte und sie an der Seite Dietegens ihre Ruhestatt
fand.



Das verlorene Lachen

Erstes Kapitel


     Drei Ellen gute Bannerseide,
     Ein Häuflein Volkes ehrenwert,
     Mit klarem Aug', im Sonntagskleide,
     Ist alles, was mein Herz begehrt!
     So end' ich mit der Morgenhelle
     Der Sommernacht beschränkte Ruh'
     Und wand're rasch dem frischen Quelle
     Der vaterländ'schen Freuden zu.

     Die Schiffe fahren und die Wagen,
     Bekränzt, auf allen Pfaden her;
     Die luft'ge Halle seh' ich ragen,
     Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;
     Vom Rednersimse schimmert lieblich
     Des Festpokales Silberhort:
     Heil uns, noch ist bei Freien üblich
     Ein leidenschaftlich freies Wort!

     Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,
     Von Herz zu Herzen hallt es hin;
     So blüht des Festes Rosenstunde
     Und muß mit goldner Wende flieh'n!
     Und jede Pflicht hat sie erneuet,
     Und jede Kraft hat sie gestählt,
     Und eine Körnersaat gestreuet,
     Die niemals ihre Frucht verhehlt.

     Drum weilet, wo im Feierkleide
     Ein rüstig Volk zum Feste geht
     Und leis die feine Bannerseide
     Hoch über ihm zum Himmel weht!
     In Vaterlandes Saus und Brause,
     Da ist die Freude sündenrein,
     Und kehr' nicht besser ich nach Hause,
     So werd' ich auch nicht schlechter sein!

Dieses Lied sang der Fahnenträger des Seldwyler Männerchors, welcher an
einem prachtvollen Sommermorgen zum Sängerfeste wanderte. Nachdem die
Herren am Abend vorher aufgebrochen und einen Teil des Weges auf der
Schienenbahn befördert worden waren, hatten sie beschlossen, den Rest in
der Morgenkühle zu Fuß zu machen, da es nur noch durch schöne Waldungen
ging.

Schon breitete sich der glänzende See vor ihnen aus mit der bunt
beflaggten Stadt am Ufer, als die sechzig bis siebzig jüngeren und
älteren Männer des Vereines in zerstreuten Gruppen durch einen
herrlichen Buchenwald hinabstiegen und das hinter den großen Stämmen
wohnende Echo mit Jauchzen und einzelnen Liederstrophen widerhallen
ließen, auch etwa einem weiterhin niedersteigenden Fähnlein antworteten.

Nur der allen vorausziehende Fahnenträger, ein schlank gewachsener
junger Mann mit bildschönem Antlitz, sang sein Lied vollständig durch
mit freudeheller und doch gemäßigter Baritonstimme. Geschmückt mit
breiter reichgestickter Schärpe und stattlichem Federhut, trug er die
ebenso reiche, schwere Seidenfahne, halb zusammengefaltet, über die
Schulter gelegt, und deren goldene Spitze funkelte hin und wieder im
grünen Schatten, wo die Strahlen der Morgensonne durch die Laubgewölbe
drangen.

Als er nun sein Lied geendet, schaute er lächelnd zurück und man sah
das schöne Gesicht in vollem Glücke strahlen, das ihm jeder gönnte, da
ein eigentümlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden für ihn
gewann.

»Unser Jukundi,« sagten die hinter ihm Gehenden zueinander, »wird wohl
der schönste Fähnrich am Feste sein.« Er führte nämlich den heiter
klingenden Namen Jukundus Meyenthal und wurde mit allgemeiner
Zärtlichkeit schlechtweg der Jukundi genannt. Es erwahrte sich auch die
Hoffnung; denn als die Seldwyler, am Orte angekommen, sich zum Einzuge
unter die langen Sängerscharen reihten, erregte seine Erscheinung, wo
sie durchzogen, überall großes Wohlgefallen.

Denjenigen, welche schon mehrere Feste gesehen hatten, war er auch schon
auf das vorteilhafteste bekannt als eine mustergültige Festerscheinung.
Von steter Fröhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum letzten
Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit selbst; immer
sah man ihn teilnehmend an jeder allgemeinen Freude und an jeder
besondern Ausführung, ausharrend und hilfreich, nie überlaut oder gar
betrunken. Den schreienden Possenmacher wußte er zu ertragen, wie den
übellaunischen Festgast, der sich übernommen und die Freude verdorben
hatte, und beide verstand er voll Duldung und Freundlichkeit aus
allerlei Fährlichkeiten zu erlösen, wenn die allgemeine Geduld zu
brechen drohte, und sie aus beschämendem Schiffbruche zu erretten.
Selbst den bewußtlosen Jähzornigen führte er, alle Schmähungen
überhörend, mit stillem Geschicke aus dem Gedränge und erwarb sich Dank
und Anhänglichkeit des Nüchterngewordenen.

In dieser Übung konnte er übrigens nur als eine Darstellung aller
Seldwyler gelten, wenn sie zu Feste zogen. So ungeregelt und müßig sie
sonst lebten, so sehr hielten sie auf Ordnung, Fleiß und gute Haltung
bei solchen Anlässen. Rühmlich zogen sie auf und wieder ab, eine gut
gemusterte, einige Schar, so lange die Lustbarkeit dauerte, und sich im
voraus auf die zwanglose Erholung freuend, welche zu Hause nach so
ernster Anstrengung sich langehin zu gönnen sein werde.

In dieser Weise hatten sie auch den Gesang, mit welchem sie am
Sängertage um den Preis zu ringen gedachten, trefflich eingeübt und
schonten ihre Stimmen mit großer Entbehrung. Sie hatten eine Tondichtung
gewählt, welche »Veilchens Erwachen!« betitelt und auf irgend ein
nichtssagendes Liedchen aufgebaut, aber so künstlich und schwer
auszuführen war, daß es schon Monate vorher ein großes Gerede gab an
allen Orten, als ob die Seldwyler zu viel unternommen und sich dem
Untergang ausgesetzt hätten.

Als aber der Tag der Wettgesänge vorgerückt war und in der mächtigen
weiten Halle Tausende von Hörern vor fast so viel tausend Sängern saßen
und das Häuflein der Seldwyler, da ihre Stunde gekommen, mit dem Banner
einsam vortrat in dem Menschenmeere, da hielten sie den ebenso zarten
als schweren Gesang durch alle schwierigen Harmonien und Verwicklungen
hindurch aufrecht ohne Wanken, und ließen ihn so weich und rein
verhauchen, daß man das blaue Veilchenknöspchen glaubte leise aufplatzen
und das erste Düftlein durch die Halle schweben zu hören.

Rauschend, tosend brach der Beifall nach der atemlosen Stille los, die
erhabenen Kampfrichter nickten vor allem Volke sichtbar mit den Häuptern
und sahen sich an, die goldenen Dosen ergreifend, Ehrengeschenke
entlegen wohnender Fürsten und Völker, und sich gegenseitig Prisen
anbietend; denn es befanden sich von den ersten Kapellmeistern
darunter.

Die Seldwyler selbst traten mit ruhiger Haltung zurück und wußten ohne
Aufsehen aus der Schlachtordnung sich hinauszuwinden, um in einem
schattigen Garten ein mäßiges Champagnerfrühstück einzunehmen. Keiner
begehrte mehr als seine drei Gläser zu trinken, niemand merkte, wo sie
gewesen seien, als sie wieder in der Halle sich einfanden.

Dergestalt würdig verhielten sie sich während der Dauer des ganzen
Festes, bis die Stunde der Preiserteilung kam. Das Gold der
Nachmittagssonne durchwebte den bis zum letzten Platz angefüllten
Festbau, welcher mit rotem Tuch und Grün ausgeschlagen, mit vielen
Fahnen geschmückt, in feierlichem Glanze wie zu schwimmen schien. Auf
erhöhter Stelle, wo die zu Preisen und Festgeschenken bestimmten Schalen
und Hörner in Gold und Silber leuchteten, saßen einige Jungfrauen,
auserwählt, die Kränze an die gekrönten Sängerfahnen zu binden.

Oder vielmehr dienten sie der schönsten und größten unter ihnen zum
Geleit, der schönen Justine Glor von Schwanau, welche sich mit vieler
Mühe hatte erbitten lassen, das Anbinden der Kränze zu übernehmen. Sie
sah auch aus wie eine Muse; in reichgelocktem braunem Haar trug sie
einen frischen Rosenkranz und das weiße Gewand rot gegürtet.

Aller Augen hafteten an ihr, als sie sich erhob und den ersten Kranz
ergriff, welcher soeben den Seldwylern unter Trompeten- und Paukenschall
zugesprochen worden war. Zugleich sah man aber auch den Jukundus, der
unversehens mit seiner Fahne vor ihr stand und in frohem Glücke lachte.
Da strahlte wie ein Widerschein das gleiche schöne Lachen, wie es ihm
eigen, vom Gesichte der Kranzspenderin, und es zeigte sich, daß beide
Wesen aus der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem
Lachen begabten kommen. Da jedes von ihnen sich seiner Eigenschaft wohl
mehr oder weniger bewußt war und sie nun am anderen sah, auch das Volk
umher die Erscheinung überrascht wahrnahm, so erröteten beide, nicht
ohne sich wiederholt anzublicken, während der Kranz angeheftet wurde.

Eine Stunde später ordnete sich der letzte und rauschendste Zug durch
die Feststadt, unter den unzähligen Wimpeln und Kränzen und durch das
wogende Volk hindurch, indem die gewonnenen Festgeschenke und die
gekrönten Fahnen umhergetragen wurden. Da sahen sich die beiden wieder,
als Justine von der Gartenzinne ihrer Gastfreunde aus den Zug anschaute
und Jukundus vorüberziehend seine Fahne schwenkte; und am Abend
ereignete es sich, da das gute Glück heute besonders fleißig war, daß
Jukundus während des Schlußbankettes der Schönen am gleichen Tische
gegenüber zu sitzen kam, so daß sie um Mitternacht schon in aller
Fröhlichkeit und Freundlichkeit aneinander gewöhnt waren.

Sie trafen sich auch am nächsten Morgen als gute Bekannte auf einem
großen beflaggten Dampfboote, welches die Festregierung mit einer Zahl
eingeladener Verdienst- und Ehrenpersonen und auswärtiger Freunde zu
einer Lustfahrt den See entlang tragen sollte. Ein wolkenloser Himmel
breitete sich über Wasser, Land und Gebirge und öffnete die letzten
Quellen edler Freude, welche noch verschlossen sein konnten. Das Schiff
durchfurchte das tiefgrüne kristallene Wasser, bald von den Klängen
guter Musik getragen, bald von Liedern umtönt. Von den blühenden
Ortschaften an den weithin sich ziehenden Ufern rechts und links
schallten Grüße und winkten Fahnen herüber, und mit Stolz wies man den
Gästen das wohlbekannte Land, die reichen Wohnsitze und Ortschaften.
Ein stattlicher Kranz von Frauen saß auf erhöhtem Platze des Schiffes,
unter ihnen Justine Glor in schöner einfacher Modekleidung, den
Sonnenschirm in der Hand, so daß Jukundus, als er in seiner
Fahnenträgertracht grüßend vor sie trat, überrascht von ihrem
veränderten und fast noch feineren Aussehen, beinahe befangen wurde. Sie
wechselten jedoch nur wenige Worte, wie zu geschehen pflegt, wenn ein
reichlich langer Sommertag zu Gebote steht.

Als eine Weile später Jukundus wieder in ihre Nähe kam, winkte sie ihm
und teilte ihm mit, daß ihre Eltern in Schwanau, welches am oberen Teile
des Sees lag, die ganze Gesellschaft auf den Abend in ihre Gärten
einladen, daß das Schiff dort vor Anker gehen würde, und daß sie hoffe,
er werde auch so lange dabei bleiben. Diese vertrauliche Mitteilung, von
der nur noch wenige wußten, trug ihm sofort Anspielungen und
Glückwünsche der Umstehenden ein, die er bescheidentlich ablehnte, aber
gerne vernahm.

In der Tat wurde es bald kund, daß das Schiff gegen Abend in Schwanau
anhalten würde und daß alle gebeten seien, die letzte Erfrischung im
Besitztume der Familie Glor einzunehmen. Dieselbe tat das der Tochter zu
Ehren, um zu zeigen, daß sie wo zu Hause sei und eigentlich nicht nötig
habe, an fremden Festtafeln zu sitzen, sondern selbst ein Fest geben
könne. Denn es waren Leute, die auf ihre Besitztümer, als
selbsterworbene, etwas viel hielten.

Um also den vielverheißenden Abend unverkürzt zu genießen, wurden die
Aufenthalte an den übrigen Uferorten, wo das Schiff erwartet wurde,
genau abgemessen und innegehalten, und das tönende und singende Schiff
fuhr rechtzeitig quer über den funkelnden See, von Kanonenschlägen
begrüßt, nach Schwanau hinüber und legte an, wo die hohen Bäume der
Glorschen Gärten sich im Wasser spiegelten und darüber weg von den
Terrassen und Hügeln ihre Häuser glänzten.

Während das Sängervolk sich unter den Bäumen ausbreitete, verschwand
Justine im Hause, um den Ihrigen Handreichung zu tun, wogegen der Vater
und die Brüder sich um die zahlreichen Gäste und deren Begrüßung
bemühten. In Lauben und Veranden waren Niederlassungen für die Frauen
mit den entsprechenden Erfrischungen bereitet; in einer frischgemähten
Wiese, unter Fruchtbäumen, lange Tische für die Männer gedeckt. Es
dauerte aber nicht lange, so waren auch alle Frauen auf der Wiese,
angelockt von den Scherzen, Possen und Neckereien, welche die junge
Männerwelt unter sich trieb, um ein Aufsehen zu erregen. Und es gab
genug zu schauen und zu lachen, da Laune und Geschicklichkeit der
einzelnen hundert kleine artige Erfindungen und Stücklein
hervorbrachten, wobei das Naivste, mit guter Art entstanden, in der
allgemeinen glücklichen Stimmung den herzlichsten Beifall weckte. Selbst
ein unvermutet geschlagener Purzelbaum fand seine Gönner und sogar der
unglückliche Virtuose, welcher auf seinem Frisierkamm allen Ernstes eine
gefühlvolle Weise hatte blasen wollen und daran scheiterte, freute sich
über die ungetrübte Heiterkeit, die er erweckt, und tat den ihm
aufgesetzten Strohkranz nicht mehr vom Kopfe.

Nur Jukundus fühlte sich etwas vereinsamt in dem Treiben, weil er
Justinen gar zu lange nicht mehr erblickte, an die er schon ein kleines
Anrecht zu haben glaubte, wenigstens für diesen letzten Tag. Indessen
fand sich eine holde Erlösung, da unversehens die Jungfrau dicht bei ihm
stand, ohne daß er wußte, wo sie her kam, und ihn dem Vater und den
Brüdern vorstellte als den Bannerherrn des erstgekrönten Vereines. Er
wurde von den Männern höflich und auch freundlich gegrüßt und willkommen
geheißen, aber nicht ohne jene feste kühle Haltung, welche so reiche
Arbeitsherren einem nichts oder wenig besitzenden Seldwyler gegenüber
bewahren mußten, insofern er etwa Mehreres vorzustellen gedächte, als
einen stattlichen Festbesucher.

Der gutmütige Sänger fühlte das doch augenblicklich und wurde etwas
verlegen, so auch Justine, welche ihn darum zur Entschädigung weiter
führte, als die Herren weggegangen, und ihm das Gut zu zeigen vorschlug.

Zwei gleichgebaute, villenartige Häuser neuesten Stiles, welche zunächst
dem See in den schattigen Anlagen standen, bezeichnete sie ihm als die
Wohnungen der beiden Brüder, wovon jeder schon seine eigene Familie
gegründet hatte, ohne deswegen aus der Gesamtfamilie auszuscheiden. Dann
stieg sie mit ihm Wege und Treppen empor, bis wo über den Wipfeln der
unteren Bäume die Wohnung der Eltern stand, worin sie selber lebte, von
etwas älterer Bauart, aber immerhin ein stattliches Herrenhaus, umgeben
von Wirtschaftsgebäuden und Ställen; weiterhin sah man lange hohe
Gewerbshäuser mit zahllosen Fenstern, welche an die staubige Landstraße
grenzten, die hier vorüberführte. Jenseits der Straße aber, an dem
ansteigenden Bergabhang, dehnten sich Äcker, Weinberge und Wiesen mit
Wäldern von Obstbäumen und hoch über allem diesem zeigte ihm Justine das
Haus der Großeltern als den Stammsitz der Ihrigen, in der Abendsonne
weit über das Land hin schimmernd, ein weitläufiges vornehmes Bauernhaus
von altertümlicher Bauart, mit hellen Fensterreihen, weißem Mauerwerk
und buntbemaltem Holzwerk an Dach und Scheunen, mit steinernen
Vortreppen und künstlich geschmiedeten eisernen Geländern. Hier hausten
der Großvater und die Großmutter mit ihrem Gesinde, beide achtzigjährige
Landleute, beide noch täglich und stündlich schaffend und befehlende,
zähe und gestrenge alte Personen von einfachster Lebensweise und stets
fertig mit ihrem Urteil über alle Jüngeren, wie Justine ihrem Begleiter
sie schilderte. »Wollen wir noch schnell hinaufgehen und sie grüßen, da
sie es verschmähen, von ihrer Höhe herunter zu steigen und unsere
Lustbarkeit anzusehen? Es ist eine herrliche Aussicht dort oben!« so
sagte das Mädchen. Aber Jukundus empfand eine Art Scheu vor den Alten
und dankte höflich für weitere Bemühung seiner Führerin, da ihn überdies
all das ausgedehnte Wesen eher ängstigte als erfreute.

Sie kehrten daher wieder zurück und mischten sich unter die
Festgenossen, die je länger je lustiger wurden, bis im Osten der
Vollmond aufging und nach dem Niedergang der Sonne hinüberschaute, so
daß Rosen und Silber sich in den Lüften und auf den Wassern vermengten
und das Schiff zur Abfahrt bereitet, auch bald bestiegen wurde.

Es gab ein Gedränge hiebei, da jeder den Wirten, die am Ufer standen,
die Hand geben wollte, während die Schiffleute zur Eile mahnten. So kam
es, daß Jukundus Meyenthal von seinem Vorhaben, von der schönen Justine
Abschied zu nehmen, abgedrängt wurde und dem Strome folgen mußte, da sie
nicht am Wege stand. Freilich schüttelten auch ihm Vater und Brüder die
Hand, flüchtig sprechend: »Es hat uns gefreut;« aber der eine nannte ihn
Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und
keiner sagte: »Auf Wiedersehen!«

Als das Schiff in den Abendglanz hinausfuhr, sah er sie auch nicht mehr,
da sie mit den anderen Frauen im dunkelnden Schatten der Bäume stand.

       *       *       *       *       *

Zu Hause lebte Jukundus bei seiner Mutter, deren einziger Sohn und
Jukundi er war und deren große Hoffnung. Weil der Vater früh gestorben,
so hatte er das von auswärts zugebrachte Vermögen der Frau nur halb
aufbrauchen und sie mit der anderen Hälfte den Sohn aufziehen können;
und es war auch jetzt noch etwas da, obschon er noch keinen
entschiedenen Anlauf gemacht und noch wenig erworben hatte. Aber es war
von ihm auch noch nichts verschwendet worden, weil er der Mutter, von
welcher er seine Schönheit und Gesundheit besaß und die ihn mit
Freundlichkeit liebte, leidlich gehorchte und sich von ihr leiten ließ.

Bei einem bestimmten Berufe war er noch nicht geblieben. Zuerst hatte es
geschienen, daß er für technisches Wesen Neigung zeige, und er war
deshalb eine Zeitlang auf die Bureaus eines Ingenieurs gegangen. Dann
änderte sich aber diese Stimmung zu Gunsten des Kaufmannsstandes, und er
trat in ein Geschäft ein, welches bald darauf aus Mißgeschick sich
auflöste, ohne daß er viel einbüßte; jetzt war er gerade in der
Richtung, sich dem Militärwesen zu widmen, indem er sich zu einem
Unterrichts- und Stabsoffizier ausbildete. Da er hiebei den größten Teil
des Jahres auf den Waffenplätzen zuzubringen hatte und Sold empfing, so
gewährte das für einstweilen ein stattliches Dasein, ohne daß es bei
seiner mäßigen Lebensweise großen Zuschuß eigener Mittel erforderte.

Als er nun nach dem Feste in schmuckem Kriegsgewand und den Säbel an der
Seite zu Pferde saß, beschaute ihn seine Mutter mit Wohlgefallen und
bemerkte dabei, daß sein anmutiges Lächeln eine kleine Beimischung von
Melancholie oder dergleichen gewonnen hatte. Er schien auszusehen wie
einer, der irgend ein Heimweh oder eine Sehnsucht aufgelesen hat. Sie
dachte darüber nach und stellte auch einige vorsichtige Forschungen an,
und als sie von dem Abenteuer mit der Kranzjungfrau hörte und wie er
etwa von den andern damit geneckt wurde, ging ihr ein Licht auf, bei
dessen Scheine sie sofort still an die Arbeit ging, um ein Glück zu
schaffen, wohl angemessen und gut genäht.

Nachdem sie mehr aus den Mienen als aus den wenigen Äußerungen Jukundis
gemerkt hatte, daß sich dem also verhielte, wie sie meinte, daß er aber
als ein bescheidener und die Verhältnisse wohl durchschauender Mensch
kaum große Unternehmungslust verspürte, sagte sie vorderhand nichts
mehr. Als aber der Sommer vorgerückt war, verkündigte sie, zum ersten
Male in ihrem Leben, daß sie in ihren Jahren doch anfangen müsse, etwas
für die Gesundheit zu tun und für einige Wochen einen schönen Kurort zu
besuchen Lust habe, wenn Jukundus die Kosten nachher mit ihr
gemeinschaftlich durch Sparsamkeit wieder einbringen wolle. Er erklärte
sich sofort dazu bereit und sie reiste vergnügt hierüber und in bester
Gesundheit ab, mit ihrem schönsten Staate beladen.

Sie gab ihrem Sohne die Weisung, dannzumal, wenn sie ihn benachrichtigen
würde, sie heimzuholen, und es aber so einzurichten, daß er auch noch
einige Tage an jenem Orte verweilen könne.

Bald darauf tauchte sie in der nicht unberühmten und herrlich in einer
Gebirgsgegend gelegenen Kuranstalt auf und setzte sich wohlgeputzt, aber
mit unbefangener Haltung unten an die Tafel, an welcher oben die reiche
und hochangesehene Frau Gertrud Glor von Schwanau mit ihrer schönen
Tochter Justine saß und die Gelegenheit beherrschte. Sie war ebenso hoch
gewachsen wie die Mutter Jukundi, aber bedeutend fester, mit weisen und
etwas strengen Blicken, und gab gern zu verstehen, daß man sie nicht nur
im Kreise der Ihrigen, sondern auch in der Gemeinde, ja wohl noch in
weiteren Bezirken, eine »Stauffacherin« nenne, wahrscheinlich weil sie
auch Gertrud heiße, wie die rat- und tugendreiche Ehewirtin in Schillers
berühmtem Schauspiele Wilhelm Tell.

Sie ließ sich aber etwan belehren, daß man gar wohl wisse, was der Name
zu bedeuten habe, und daß er das Ideal einer klugen und starken
Schweizerfrau bezeichne, einen Stern und Schmuck des Hauses und Trost
des Vaterlandes.

Frau Meyenthal hörte das am ersten halben Tage, den sie am Orte
zubrachte, hielt sich aber ganz still und zurückgezogen, und erst gegen
Ende des zweiten Tages, als Frau Gertrud nicht mehr dulden konnte, daß
ein weiblicher Ankömmling von ihr ungekannt sei, ließ die Mutter Jukundi
sich von ihr abfangen und in ein höfliches, kurzes Gespräch verwickeln.
Doch fand sie im Verlaufe desselben rasch die Gelegenheit, die Hand der
festen Dame zu ergreifen und in herzlichem Tone mitzuteilen, sie fühle
sich gedrängt, ihre Freude darüber zu äußern, daß sie eine solche
wahrhafte Stauffacherinnengestalt kennen gelernt habe! Man erwarte jeden
Augenblick, sie aus einem wappen- und spruchgezierten Schwyzerhause
hervortreten zu sehen und wie sie die trostreiche Hand auf die Schulter
des sorgenvollen Eheherrn lege!

Während Frau Glor von Schwanau wohlgefällig errötete, erschrak
ihrerseits Frau Meyenthal, als während ihrer Rede ihre Augen die schöne
Tochter Justine überflogen, die dabei stand; sie sah deren holdes
Lächeln, welches dasjenige ihres Sohnes war, genau mit dem gleichen
Schatten einer leisen Sehnsucht gemischt, wie das seinige.

Frau Meyenthal erschrak über dieses wundervolle Naturspiel, diese
unverkennbare Willensäußerung des Schicksals und diese offenbare
Tatsache überhaupt, zumal Justine, welcher das Gesicht der Mutter des
Fahnenträgers bekannt und vertraut erschienen war, keinen Augenblick
zweifelte, wen sie vor sich habe, als sie ihren Namen und Herkunft
hörte, und daher ein kurzes unbewachtes Weilchen eben mit jenem Lächeln
erfreut an ihren Augen hing.

Als die Sonne niederging, beglänzte sie die drei hohen Frauengestalten,
welche seltsam bewegt von der Liebe zu sich selbst oder von der Liebe
und Sorge für andere, auf der Bergeshöhe beisammenstanden und
einigermaßen verwirrt auseinander zu schweben schienen.

Die Mutter Jukundi faßte sich jedenfalls am schnellsten, indem sie noch
am gleichen Abend ihrem Sohne schrieb, er solle in etwa einer Woche sie
besuchen, um nach einigen Tagen Aufenthalt mit ihr heimreisen zu können.
Gegen die Frauen von Schwanau tat sie hierauf, als ob sie keine Ahnung
von der Begegnung auf der Sängerfahrt hätte, und die Frau Gertrud
erinnerte sich der Sache auch kaum und hatte den hübschen Fahnenträger
zu jener Zeit gar nicht gesehen, da sie wegen der Bewirtung meist im
Innern eines Gartenhauses geblieben war.

Nur Justine war befangen und in Unruhe; sie wagte nicht, die neue
Bekannte nach dem Sohne zu fragen, und doch glaubte sie auch nicht
gerne, daß er so gar nichts von dem Festerlebnisse und von ihr zu Hause
erzählt haben sollte. Frau Meyenthal wollte aber, daß die jungen Leute
sich ganz unerwartet und unverhofft wiedersähen und hielt sich daher
zurück, ohne die Gelegenheit indessen zu versäumen, bei der alten
Stauffacherin mehr als einen Stein im Brett zu erobern durch kluges
Benehmen. Denn man konnte jene insofern schon die alte Stauffacherin
nennen, als die schöne, gute Justine in ihrer vollsten Lebensblüte stand
und ihr nichts mehr fehlte zur Würde und Übung eigenen Stauffachertums,
als ein für die Geschicke des Landes in Sorgen stehender Gemahl.

Daß ein solcher nicht schon vorhanden war, lag in den seltsamen
Geschicken, welche gerade ausgezeichnete Jungfrauen so oft zu Jahren
kommen lassen wegen der scheinbaren Kälte, für welche ihre edle Ruhe
gehalten wird, wegen der eifersüchtigen Hut, deren sie sich seitens der
Ihrigen erfreuen, und vor allem auch durch Wahrung des größeren Rechtes,
das sie besitzen, nur auf die Stimme des Herzens zu achten.

Endlich kam aber ein schöner Abend über das Gebirge und mit ihm langte
Jukundus an, und zwar, da er aus einem Feldlager kam und nur wieder in
ein anderes gehen mußte, in militärischer Tracht, mit etwas Rot und mit
etwas Gold am dunkeln Kleide. Nachdem er sich erfrischt und genugsam mit
der Mutter geplaudert hatte, ging er ahnungslos mit ihr spazieren und
sie lenkte den Weg dahin, wo sie die beiden Schwanauerinnen wußte, durch
das Gehölz auf einen einsamen Felsvorsprung, der mit Sitzen und
Geländern versehen war, hoch über einer blauenden Taltiefe.

Die plötzliche Glückseligkeit der beiden jungen Personen, die sich beim
unverhofften Wiedersehen auf ihren Gesichtern zeigte, die
Gleichartigkeit derselben und das eigentümliche kindliche Lächeln, das
sie begleitete, gingen so über alle Vorstellung und Erwartung selbst der
Mutter Meyenthal, daß von Kunst und Durchspielen einer Rolle bei ihr
keine Rede mehr sein konnte und sie nur froh war, so ruhig und besonnen
als möglich den Dingen zuzusehen.

Frau Gertrud aber wendete ganz erstaunt kein Auge von den Kindern und
lenkte ihre Blicke immer von einem Gesichte auf das andere. Zuletzt
legten sich aber die sanften Wellen der allgemeinen unversehenen
Aufregung und es entspann sich ein höchst angenehmes Geschwätz und
Gezwitscher, über welchem der Mond aufging, der in der Tiefe der Täler
verborgen gewesene Bäche und Weiher beglänzte, daß sie wie goldene
Sterne heraufleuchteten.

Frau Gertrud Glor empfand eine Art von Wonne, wie wenn sie ein eigenes
verschollenes Jugendglück neu erlebte, und nahm die Mama Meyenthal an
den Arm, als auf dem Wege zum Kurhause die Kinder nebeneinander
vorangingen und abwechselnd plauderten oder schwiegen. Frau Meyenthal
ihrerseits war gerührt und betroffen von der Wichtigkeit der Tatsache
und in beide Kinder gleichmäßig verliebt und zugleich in Sorgen, wie das
nun enden würde.

Bei der Abendtafel erhöhte sich die glückliche Stimmung womöglich, wie
es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne Hoffnung die
Beteiligten und Mitwissenden belebt und sie reizt, das Geheimnis
ungefährdet an der allgemeinen Fröhlichkeit zu sonnen.

Frau Gertrud Glor trank ein kleines Spitzchen mit Jukundus aus lauter
Wohlgefallen an seiner guten und schönen Haltung, und als beim
Schlafengehen die Tochter sie umhalste und einige schwere Tränen in der
Mutter Halskrause niederlegte, wie einen sauer ersparten Zinsgroschen,
da war sie gar nicht verwundert, sondern streichelte dem Kind
teilnahmvoll die Wangen.

Aber kaum war das Spitzchen notdürftig ausgeschlafen, was schon bald
nach Mitternacht getan war, da es nur klein gewesen, wie es einer
Stauffacherin geziemt, so wachte sie sorgenvoll auf und besah sich den
Schaden die übrige Nacht hindurch, während Justine auch nicht schlief
und wohl merkte, daß die Mutter wachte. Aber sie hielt sich
mäuschenstill und war nur glücklich, daß sie keine Zeit mit Schlafen
verlor und unaufhörlich an die Sache denken konnte.

Der Mutter indessen wurde es mit der zunehmenden Morgendämmerung immer
deutlicher, daß ja unmöglich ein Mann aus Seldwyla in die Familie
heiraten dürfe, aus dem Orte, in welchem noch nie einer auf einen grünen
Zweig gekommen sei und wo niemand etwas besitze. Sie wachte daher mit
Sorge, aber auch mit Entschlossenheit dem Morgen entgegen, um das
entstehende Übel im Werden zu ersticken, das ihr umso größer erschien,
wenn sie noch der strengen Gesinnung der Männer ihres Hauses in diesem
Punkte gedachte.

Bestärkt wurde sie noch in diesen Vorsätzen, als um die Zeit des
Sonnenaufganges ein später Schlafgänger, offenbar angetrunken, die
Treppen heranstieg und von einem Hausbediensteten an den verschiedenen
Zimmertüren vorbeigeleitet wurde, nicht ohne vor derjenigen der
Glorschen Frauen über deren Schuhe zu stolpern und dieselben mit dem
Fuße wegzuschleudern. Die Schuhe der Mama fuhren, der eine überzwerch,
der andere mit dem Hinterteil voran, den ganzen Korridor entlang; die
Stiefelchen der Tochter aber reisten infolge eines rückwärts scharrenden
Stoßes wie zwei wettfahrende Schifflein der Treppe zu und über dieselbe
hinunter.

»Aha!« rief drinnen die wachsame Frau, »da haben wir den Seldwyler!«

Und das Herz wurde ihr schon leichter über diesen rechtzeitigen
Enthüllungen.

Justine saß aber auch schon aufrecht in ihrem Bette und lauschte mit
angstvoller Spannung; als sie noch ein paar Worte des draußen
Hinwandelnden gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher
Freude:

»Es ist nicht der Hauptmann! Es ist ja unser Rudolf, der Stimme nach zu
urteilen!«

Die Mutter sah sich überrascht nach der Tochter um und sagte fast
erbost: »Bist du bei Verstand? Wie soll unser Rudolf hieher kommen und
zu dieser Stunde? Und seit wann stolpert der betrunken in den
Gasthäusern herum? Und ist er nicht eben jetzt weit weg bei einer
Militärübung?«

Es war aber dennoch der jüngere Sohn und Augapfel der Frau Gertrud, der
soeben zu Bett gegangen auf diesem hohen Berge.

Er war spät in der Nacht noch eilig mit einem Führer angekommen,
erschöpft und anscheinend mit einem Kummer belastet. Auch er trug den
Soldatenrock und kam soeben von seinem Waffenplatze hergeflüchtet, wo er
von einem andern Offizier, den er beleidigt hatte, gefordert worden war.
Da er sich mehr auf die Buchführung und die Kurszettel verstand, als auf
Duellangelegenheiten, und eine junge Frau mit zwei kleinen Kindlein
besaß und sich beklemmt fühlte, so hatte er Bedenkzeit genommen und war
schnell hieher gelaufen, um seine Mutter zu Rate zu ziehen, wie er sich
verhalten solle.

Im Speisesaal hatte er noch den Jukundus getroffen, welcher, keine
Schlaflust verspürend, in angenehmer Träumerei noch ein Stündchen allein
verwachte.

Der gemeinsame Kriegspfad, auf dem sie wandelten, zwang die beiden
Herren, sich zu begrüßen und eine Unterhaltung zu eröffnen, als der
Leutnant Glor sich an den Tisch setzte, um noch ein Nachtessen
einzunehmen. Weil er kürzlich von dem guten Ansehen vernommen, in
welchem der Hauptmann Meyenthal in militärischen Kreisen bereits stand,
erneuerte er jetzt gern dessen Bekanntschaft und fühlte sich gleich
vertrauensvoll zu ihm hingezogen. Von einigen Gläsern Weines, die er in
seiner Aufregung rasch getrunken, hingerissen, erzählte er dem Jukundus
bald seinen Handel und wie er nun hergekommen sei, seine Mutter, welche
nämlich eine wahre Stauffacherin genannt werden müsse und für alles
einen Rat besitze, um ihre Meinung zu befragen.

Jukundus gab ihm aber den Rat, das nicht zu tun, wenn er den Handel
nicht verschlimmern wolle. Er setzte ihm auseinander, wie nach der
einmal herrschenden Anschauung in solchen Sachen er Gefahr laufe, als
Offizier unmöglich zu werden, sobald es ruchbar würde, daß er seine
Duellangelegenheiten der Mutter anvertraue und ihre Weisungen befolge.

Da versank Herr Rudolf in neue Kümmernis, denn es wollte ihm
vernünftigermaßen durchaus nicht einleuchten, warum er wegen solcher
Dummheiten von Frau und Kindern wegsterben solle.

Jukundus befragte ihn jetzt um die eigentliche Natur des Streites, und
was denn vorgefallen sei?

Rudolf hatte mit drei andern Kriegern eine Partie Karten gespielt. Nach
Beendigung einer Tour, in welcher sein Partner nicht nach Rudolfs Wunsch
ausgespielt hatte, ward der Verlauf, während die Karten neu gegeben
wurden, kritisiert und zwar mit den Konjugationen der gegenwärtigen
Zeit. Ich spiele also dies, hieß es und du jenes; nun muß er so spielen
und nicht so, und ich werde hierauf zu ihm halten und das spielen,
worauf du wieder jenes spielen wirst, das ist doch klar, wenn wir
gewinnen wollen. Nein, das ist nicht klar, hatte Rudolfs Partner
erwidert, sondern ich steche zunächst den Trumpf ab und spiele dann
jenes.

»Dann spielst du wie ein Esel!« hatte Rudolf gerufen, worauf dann
sogleich allgemeiner Aufbruch und am andern Morgen die Forderung erfolgt
war in so feierlicher und barscher Form, daß der gute junge Mann gar
nicht hatte dazu kommen können, sich in genugtuender Weise zu erklären.

Als Jukundus über diese Geschichte lächelte und noch den Namen des
Forderers erfuhr, sagte er: »So, der! Nun der muß in Gottes Namen alle
Jahr eine Forderung vom Stapel lassen, damit seine Ehre nicht schimmelig
wird! Die Ihrige aber, Herr Leutnant, erfordert allerdings, daß Sie
wegen dieses Vorfalls Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen und also dem
Gegner einfach erklären, daß er nicht wie ein Esel gespielt haben würde,
sondern in jeder beliebigen andern Eigenschaft, welche er vorzöge! Sie
können daraus immerhin die Lehre ziehen, daß man sich in Uniform stets
einer etwas gemessenen Sprache bedienen sollte, auch in den Stunden der
Erholung. Nun darf es aber durchaus nicht den Anschein haben, als ob
Ihre Erklärung das Ergebnis einer Unterredung mit der Mutter wäre, wenn
Sie, wie ich schon gesagt, nicht noch schlimmere Folgen herbeiführen
wollen. Wenn Ihnen daher damit gedient ist, will ich als Ihr Ratgeber
und Helfer auftreten und dem Herrn gleich jetzt mit drei Zeilen
schreiben, daß Sie mit mir gesprochen und jene genugtuende Erklärung
abgegeben haben und zwar auf meinen Rat! Morgen früh wird der Brief
abgehen und die Sache wird damit zu aller Zufriedenheit abgetan sein,
dafür kann ich Ihnen bürgen!«

Jetzt war von dem Herzen des jungen Kriegers ein großer Stein gefallen,
und um seine Dankbarkeit zu beweisen und zugleich sich für die
ausgestandene Sorge zu entschädigen, hatte er in gewaltsamer Weise
vieles und gutes Getränke kommen lassen und den hilfreichen Freund bis
zum anbrechenden Morgen festgehalten. Der war auch gern bei ihm sitzen
geblieben und hatte gar willig dem frohen Geplauder des jungen Mannes
zugehört, der Justines Bruder war. Allein der Wein verzischte
unschädlich in der Tiefe seiner warmen Neigung und er ging still mit
guten Sinnen zu Bette, während jener so geräuschvoll sein Lager suchte.

So hatten sich nun für die Stauffacherin, während sie über das Übel mit
der aufgehenden Sonne zu triumphieren glaubte, die Dinge nur schlimmer
gestaltet; denn nicht nur war es ihr eigenes Blut, welches so
angeheitert dahin gewallt, sondern in demselben auch ein guter
Parteigänger für den Feind erstanden.

Justine hatte durch die halbgeöffnete Türe eine Magd herbeizurufen
gewußt und von derselben vernommen, daß in der Tat ihr Herr Bruder
angekommen und die Nacht hindurch in guter Gesellschaft mit dem Herrn
Hauptmann geblieben sei. Darauf war sie wieder ins Bett geschlüpft und
endlich vergnügt eingeschlafen.

Jukundus schlief auch ziemlich lang und Rudolf war bis tief in den
Vormittag hinein nicht zu erwecken, bis die Mutter mit Gewalt in sein
Zimmer drang und ihn zur Rede stellte. Weil er nun den Ehrenhandel für
abgetan erachten konnte, so vertraute er die Sache doch noch seiner
Mutter an und erzählte ihr, wie der gute Rat und die Tat des Seldwyler
Hauptmanns die Schwierigkeit gelöst und sein Leben, man könne wohl
sagen, erhalten habe; denn er könne sich gar nicht vorstellen, wie er
mit einer wirklichen Pistolenkugel auf einen gesunden Menschen hätte
schießen sollen, während er diesem dann doch hätte stillhalten müssen.
Und er pries in seiner immer noch aufgeregten Redseligkeit die Weisheit
und Bravheit des Seldwylers so gewaltig an, daß sie von Betroffenheit
und Ärger verwirrt in ihr Zimmer eilte und sich vorderhand dort
einschloß.

Sie war überdies eifersüchtig auf ihren Stauffacherruhm und auf ihr
mütterliches Ansehen und Recht ganz erbost, wieso ihr Rat dem Sohne
übler hätte bekommen sollen, als derjenige eines jungen Seldwylers. Sie
stürmte daher bald wieder aus ihrem Versteck hervor, um dem unberufenen
Ratgeber selbst den Kopf zu waschen und damit zugleich nützliche Händel
mit ihm anzufangen, welche die Freundschaft aufhöben. Allein sie fand
die ganze Gesellschaft in fröhlicher Eintracht in einer Laube
beisammensitzen, jedes mit einem verspäteten Frühstück eigener Erfindung
versehen und alle untereinander damit Tauschhandel treibend. Kaum hatte
sie das junge Paar wieder so schön und glücklich nebeneinander erblickt,
so war auch schon jeder Vorsatz vergessen und sie half sogleich für den
Nachmittag einen schönen Ausflug beraten und festsetzen; denn sie war
eine fröhliche Frau, wie alle Stauffacherinnen, wenn gerade keine
Gewitterwolken über den Männern schweben, die sie zerstreuen sollen.

Wie nun gar während des Tags sie den Jukundus, den sie doch zur Rede
stellte, mit höflichen und klugen Worten die Duellsache
auseinandersetzen hörte, sah sie wohl ein, daß er recht und ihrem Sohne
einen guten Dienst geleistet habe, was sie mit einem dankbaren Gefühl
und Zutrauen erfüllte.

Sie machte sich daher gleichen Tages auch an die Mutter des Jukundi und
stellte auch diese zur Rede mit allerlei ausholenden Sprüchen und
Anschraubungen von wegen der zwei Kinder.

Frau Meyenthal fing das Garn ihrer Rede auch sofort ein und wickelte es
behende auf ein Spülchen, welches sie der Gegnerin mit dem Trumpfe
zurückgab, daß sie das Übel von Seldwyla gar wohl kenne. Allein es komme
alles auf die Umstände an. Auch sie habe von außen her sich da
angeheiratet und sei eine gute Partie geheißen worden, und es sei,
abgesehen von dem frühen Hinscheiden des seligen Mannes, nicht übel
gegangen, so daß, wie sie glaube, der Sohn, Gott sei Dank, gut geraten
und für ein gutes und ehrbares Leben empfänglich sei, was Frau Glor auch
glaubte.

Hiemit war die maßgebende Geheimverhandlung durchgeführt und was
mächtige Naturstimmen wünschten, im Lauf. Die beim übrigen Teil der
Schwanauer Familie noch harrenden Schwierigkeiten wurden still und
anständig überwunden und in wenig Monaten Jukundus und Justine als
Verlobte ausgerufen.

Es erschien das allgemein als ein so hübsches und gerechtes Ereignis,
daß keine Mißrede zu vernehmen war. Die Verlobten erhielten nicht einen
einzigen anonymen Schmäh- oder Warnungsbrief, wie das sonst so zu
geschehen pflegt, wenn ein großer Neid erregt wird. Der klarste
Morgenhimmel lachte über ihrem Brautstande und die Hochzeit selbst ward
zu einem sonnigen und klangvollen Feste mit Fahnen und Gesängen, welches
das teilnehmende Volk wie ein altes schönes Lied anmutete.


Zweites Kapitel

Die jungen Eheleute wohnten im elterlichen Hause zu Seldwyla. Es war das
ein ziemlich großes Gebäude mit hohen Zimmern und Sälen, im vorigen
Jahrhundert von einem Bürger erbaut, der im Auslande reich geworden und
sein Gut in der Vaterstadt prächtig hatte ausbreiten wollen. Ehe es aber
wohnlich eingerichtet und ausgestattet war, hatte der Mann sein ganzes
Vermögen in den eingetretenen Revolutions- und Kriegsjahren wieder
verloren, so daß er statt das Haus zu beziehen, wieder fortgezogen war,
um dort, wo er die früheren Glücksgüter gefunden, nachzusehen, ob nicht
solche von neuem zu erhaschen wären. Das Haus aber war seither von Hand
zu Hand gegangen in der Art, daß immer derjenige Seldwyler, der am
meisten Lust und Mittel zu einem herrschaftlichen Dasein verspürte,
dasselbe übernahm und eine Zeitlang bewohnte, ohne daß es jedoch im
Innern jemals ganz fertig wurde.

Am längsten hatten es jetzt die Meyenthal besessen und im Verlaufe der
Zeit hier eine Tapete, dort einen Anstrich aufgewendet; vor der Hochzeit
hatte Jukundus noch die Außenseiten des Hauses auffrischen und den
Garten in gute Ordnung bringen lassen, und als nun Justine mit einer
gewaltigen Aussteuer an fahrender Habe aller Art eingezogen und diese in
den stattlichen Räumen auf das schönste verteilt und untergebracht war,
schien das geschmiedete, oder in diesem Falle das genähte Glück endlich
für eine gute Dauer in dem Hause zu wohnen. Auch residierte die
Urheberin desselben, die Meyenthal, zufrieden und stolz in ihrer
Abteilung, besonders da sie sah, daß die schöne Justine einen festen und
klaren Sinn für den Besitz und dessen Erhaltung zeigte und Jukundus
seine gutgeartete Lenksamkeit auch der jungen Gattin gegenüber nicht zu
verlieren Miene machte.

Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die militärische
Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben wegen der fortwährenden
Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafür einen ehrbaren
Erwerb und eine geordnete Tätigkeit zu sichern, hatte er ein
Handelsgeschäft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der
Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen
Allmenden, die von der alemannischen Bodenteilung herrührten, waren
später noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern
die Stadt sich angebaut hatte.

Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus
bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den
alten Wein im Stadtkeller sorgfältig erhielt. Allein durch irgend eine
Spalte war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft
und es wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen,
schlich längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern
an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um
das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, kam sein Geschäft
alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen die Vermittlung des ihnen
wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers dem Andringen der fremden Händler,
durch die das Unheil eingeschlichen, vor.

Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen und auch
sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die Weinberge und
Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen
oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch
werden. Doch als die Axt auch an die jüngeren Wälder geriet, für das
zuströmende Geld immer schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür
immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er
von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen.
Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er
sich desselben mehr und mehr zu schämen; er erschien sich als ein Feind
und Verwüster aller grünen Zier und Freude, wurde unlustig und oft
traurig und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln,
das zu dem ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener
werden sah und ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden
mit oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch
schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Kräften
wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz
auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den Mann nicht in seiner
Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann
so fort.

Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche
der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald geschlagen. Aus
demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine
wohl tausendjährige Eiche war, die Wolfhartsgeereneiche genannt. In
älteren Urkunden aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andere
Namen, die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in
germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie her
niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den besondern Verkauf
aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Fürst der Erde
und kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur
versetzen können. Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm
und die wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie
zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der Nähe
selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man das schöne
Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe zu sehen.

Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis dafür bieten
würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er
stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen
der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf
allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;
wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in Betracht
kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen
Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade die Gesundheit des alten
Riesen sollte ihn sein Leben kosten, weil es hieß, jetzt sei die rechte
Zeit, den höchsten Ertrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt
sei, sinke der Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die
Regierung, indem er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche
sich finden mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es
wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen und könne
diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und
nicht die kleinste Befugnis, einen schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden
anzukaufen und stehen zu lassen.

Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen Gedanken
und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und heimlich belächelt
wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stück Boden, auf welchem
sie stund, säuberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum,
unter dem es eine schöne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für
seine Tat und ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem
Augenblicke an suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu
übervorteilen, wie einen großen Herrn, der keiner Schonung bedürfe.

Aus Widerwillen gegen die Baumschlächterei änderte Jukundus nach und
nach, aber so rasch als möglich, sein Geschäft, indem er den Holzhandel
verließ und dafür sich auf den Verkehr mit jenen Schätzen warf, welche
aus dem Schoße der Erde kommen und das Holz ersetzen. Er errichtete
Magazine von Stein- und Braunkohlen, führte Ton- und Eisenrohre ein, um
die hölzernen Wasserleitungen zu verdrängen, Backsteine zu leichteren
Baulichkeiten, die man sonst von Holz zu erstellen pflegte, Zement für
allerlei Behälter, und verleitete einen reichen Bauer, sich ein
gewaltiges festes und kühles Mostfaß aus Zement errichten zu lassen. Als
dies gelang, sah er im Geiste schon statt der hölzernen Fässer in jedem
Keller solche Vorratsgefäße, gleich den großen in der Erde ruhenden
Weinkrügen der Alten, und das gute Eichenholz gespart. Auch kaufte er
Massen von ausgedienten Eisenbahnschienen, welche in hundert Fällen
einen Holzbalken vertreten.

Natürlich ging die Holzausfuhr ohne ihn und über ihn hinweg nach den
alles aufzehrenden Städten; allein er war nun mit seinem Gewissen im
reinen, ohne welchen stillen Gesellschafter er sich als Handelsherr
nicht glücklich fühlte. Auch wären die neuen Geschäfte an sich nicht
ohne Gewinn geblieben, wenn nicht bei jener Geschäftsänderung eine
gewisse Störung stattgefunden und, seit er den Baum als Pensionär an
seine Kost genommen, sich das Gebaren der Geschäftsfreunde verändert
hätte, so daß diese nun das wahre Gesicht zeigten.

Jukundus sagte immer die Wahrheit und glaubte dafür auch alles, was man
ihm sagte. Er eröffnete stets im Anfang seine ganze Meinung und was er
tun und halten konnte und nahm als richtig an, was ihm der andere von
seinen Kaufs- und Verkaufsbedingungen und von der Beschaffenheit der
Ware mitteilte, erst in der Meinung, daß jener schon sich bemühen werde,
der Sache näher auf den Grund zu kommen, später, als das nicht geschah,
gleich mit dem kecken Vorsatz der Täuschung. Und alle Erfahrung half
hier nichts und jede Ermahnung der Frauen, nicht so leichtgläubig zu
sein, war fruchtlos. Denn gleich das nächste Mal glaubte er wieder, weil
er nicht anders konnte, oder es war ihm zu widerwärtig und verächtlich,
lange zu zanken und zu feilschen. Dazu kam, daß er nichts weniger als
ein geschickter Finanzmann war, der Geld und Kredit zu wenden wußte, und
so fügte es sich, daß eines Tages seine Mittel erschöpft waren und das
Ende herangekommen. Es geschah dies plötzlich, weil er nicht lange von
einem Nagel an den andern gehängt und keinen Scheinverkehr getrieben
hatte.

Er überlegte, ob er sich zuerst der Mutter oder der Gattin oder beiden
gleichzeitig anvertrauen und mitteilen solle, daß der Wohlstand dahin
sei und von unten auf wieder angefangen werden müsse, was und wo, wisse
er noch nicht. Er entschied sich für die Frau. Als er nun mit ihr allein
in seiner Handelsstube stand und schweren Herzens von seiner Lage zu
erzählen begann, trat sie ganz nahe zu ihm hin, strich ihm mit der Hand
über die sorgenvolle Stirne und unterbrach ihn mit der Frage, ob seine
Bücher richtig und vollständig geführt seien? Als er die Frage bejahte,
lachte sie ihn so schön an, daß ihm das Herz aufging, und sagte, in
diesem Falle kenne sie den Sachbestand schon, da sie neugierig gewesen
sei und neulich in seiner Abwesenheit seine oder vielmehr ihre
gemeinschaftlichen Angelegenheiten studiert habe.

In der Tat hatte sie, da sie inne geworden, daß er Kummer verbarg, eines
stillen Sonntags, als er verreisen mußte und, wie gewohnt, die Schlüssel
auf ihr Arbeitstischchen legte, diese genommen und sich auf seiner
Schreibstube eingeschlossen; dort hatte sie seine Bücher und Papiere
untersucht, was sie gar wohl verstand. Es war alles klar und
durchsichtig und jede Zahl an ihrem Platze. Sie sah, daß es nicht lange
mehr gehen könne, jedoch die Gefahr eines schimpflichen Vorganges nicht
vorhanden sei, wenn zur rechten Zeit der Strich unter die Rechnung
gemacht werde. Bei seiner Offenheit gewiß, daß seine Beichte nicht lange
auf sich warten lassen werde, hatte sie seither bereits gehandelt und
ihre Eltern ins Vertrauen gezogen. Schon bei der Einwilligung zu der
Heirat war in dem stolzen Sinne der reichen Leute der Fall vorausgesehen
und im Geheimen festgesetzt worden, daß die jungen Leute nach Schwanau
kommen sollten, wenn es, wie wahrscheinlich wäre, in Seldwyla nicht
ginge. So war denn Justine über ihre Entdeckung nicht eben sehr
erschrocken, sondern empfand fast eher eine geheime Freude, daß sie den
lieben, schönen, guten Mann in ihr Vaterhaus ziehen und dort mit aller
Vorsorge einspinnen und in Seide wickeln könne, wie ein zerbrechliches
Glasmännchen.

Wie sie ihm diese Pläne nun aber mitteilte und eröffnete, daß man nur
eine rasche, stille Abwicklung der Geschäftslage in Seldwyla vorzunehmen
und nach Schwanau überzusiedeln brauche, wo Jukundus sich schon werde
nützlich machen können, erblaßte er und sagte: »Da würde meine Freiheit
und mein Selbstbewußtsein dahin sein! Lieber will ich Holz hacken!«

»Nun, da kann ich auch dabei sein!« erwiderte Justine, »da helfe ich dir
sägen, und wenn wir alsdann so im Regenwetter auf der Straße sind und
beide an der Säge hin und her ziehen, zanken wir miteinander, daß die
Leute stillstehen, wie wir es auf unserer Hochzeitsreise in jener großen
Stadt gesehen haben!«

Sie setzte sich und fuhr fort: »Erinnerst du dich noch, welch einen
seltsamen Eindruck es auf uns machte? Das regnete, regnete unaufhörlich,
das Holz war naß und die Säge war naß und der Mann und die Frau waren
durchnäßt und sie rissen die Säge unablässig hin und her und zankten
bitterlich mit harten Worten! Weißt du, warum? Sie stritten um die Not,
um das Elend, um die Sorge, und schämten sich nicht im geringsten vor
den Leuten, die zuhörten --«

»Schweig,« rief Jukundus, »wie kannst du mein Wort so ausmalen und
ausbeuten, da du wohl weißt, wie es zu nehmen ist!«

»Es kann alles darin liegen, was ich gesagt habe!« antwortete Justine.
»Komm,« sagte sie und legte den Arm um seine Schultern, »alles liebt
dich und alles hilft dir, du bist ein ganzer Mann, wenn du nur erst
einen vernünftigen Boden unter den Füßen hast! Aber hier gedeihen wir
nicht!«

Jukundus brach die Unterredung ab, um sich zu sammeln; denn er war
verwirrt und gestört, weil er die Sache nicht so trost- und mutlos
angesehen hatte wie seine Frau, und er fühlte sich gekränkt. Er ging zu
seiner Mutter; die fing aber sogleich an zu weinen, als sie von der Lage
Kenntnis erhielt. Alles schien ihr verloren, wenn der Sohn sich nicht an
die Frau und deren Haus hielte, und sie beschwor ihn, sein und der
Seinigen Glück nicht zu Grunde zu richten.

Die gute Mutter hatte sich gegen die Armut nun so lange zu wehren und
derselben durch ihre kluge Verheiratung des Sohnes, wie sie glaubte, für
immer zu entgehen gewußt, und sie fürchtete die Armut wie ein
geschliffenes Schwert.

Justine dagegen haßte und verachtete die Armut wie etwas an sich Böses
und Verächtliches, wenn es sich nicht etwa um fremde arme Leute
handelte, denen man gemächlich Gutes tun kann. Sie übte sogar eine
eifrige und geordnete Mildtätigkeit, ging in die Hütten der Armen und
suchte sie auf. Aber wo die Armut in ihre engeren Lebenskreise der
Blutsverwandtschaft oder Freundschaft eindringen wollte, empfand sie
einen harten Abscheu, wie gegen die Pest, und floh ordentlich davor. Es
half daher nichts, daß Jukundus wieder zu ihr ging und ihr vorstellte,
sie könne ja das ungewisse Schicksal immer ein wenig mit ihm versuchen
und ertragen, da ihr ja schließlich die elterliche Zuflucht und ihr
reiches Erbe gesichert sei. Nicht einen Tag wollte sie ihn und sich der
Not und der Erniedrigung ausgesetzt sehen, und als ihr Vater kam und ihm
freundlich zuredete, als zu einer Sache, die ja selbstverständlich sei
und sich für alle aufs beste ordnen lasse, mußte er sich ergeben.

Die Arbeitsleute Jukundis wurden ausbezahlt und verabschiedet, der
Grundbesitz verkauft, weil die Mutter, welche noch teil daran hatte,
nicht allein in Seldwyla bleiben wollte, und alle Verbindlichkeiten
gelöst. Jukundus behielt hierauf nicht einen Taler mehr in der Hand für
den Augenblick, was ihm eine höchst seltsame Empfindung verursachte.
Justine indessen betrieb guten Mutes und voll Munterkeit das Einpacken
der fahrenden Habe und die Übersiedlungsanstalten; bald war sie in
Schwanau, um dort die Wohnung einzurichten, bald wieder in Seldwyla, um
hier die Dinge zu besorgen, war reichlich mit Geldmitteln versehen und
vergaß in ihrem frohen Eifer gänzlich, daran zu denken, ob auch Jukundus
noch etwas bedürfe oder in der Hand habe.

Da wurde es ihm zu Mute, wie wenn er ohne einen Zehrpfennig in ein
fernes Land unter wildfremde Menschen wandern müßte, deren Sprache er
nicht verstehe, und er sah sich besorgt um, wo er noch wenigstens ein
Stück eigenes Handgeld erraffen könne für alle Fälle. Es war noch der
große Eichbaum vergessen worden, den er gerettet und erhalten hatte.
Mit wehmütigem Lächeln verkaufte er den alten Riesen nun doch samt dem
Boden, auf dem er stand, und erhielt einige tausend Franken, welche er
sorgfältig aufbewahrte.

Der Käufer des Baumes stellte sogleich ein Dutzend Männer ein, welche
dessen Wurzeln frei machten und untergruben und volle acht Tage damit zu
schaffen hatten. Als man endlich so weit war, daß der Baum umgezerrt
werden konnte, strömte ganz Seldwyla auf die Berghalde hinaus, um den
Fall mit anzusehen, und Tausende von Menschen waren rings herum
gelagert, mit Speise und Trank wohl versehen.

Starke Taue wurden in der Krone befestigt, lange Reihen von Männern
daran gestellt, welche auf den Befehlsruf zu ziehen begannen; die Eiche
schwankte aber nur ein weniges und es mußte stundenlang wieder gelöst
und gesägt werden in den mächtigen Wurzeln. Das Volk aß und trank
unterdessen und machte sich einen guten Tag, aber nicht ohne gespannte
Erwartung und erregtes Gefühl.

Endlich wurde der Platz wieder weithin geräumt, das Tauwerk wieder
angezogen und nach einem minutenlangen starken Wanken, während einer
wahren Totenstille, stürzte die Eiche auf ihr Antlitz hin mit
gebrochenen Ästen, daß das weiße Holz hervorstarrte. Nach dem ersten
allgemeinen Aufschrei wimmelte es augenblicklich um den ungeheuren Stamm
herum. Hunderte kletterten an ihm hinauf und in das grüne Gehölz der
Krone hinein, die im Staube lag. Andere krochen in der Standgrube herum
und durchsuchten das Erdreich. Sie fanden aber nichts, als ein kleines
Stück gegossenen dicken Glases aus der Römerzeit, das vor Alter wie
Perlmutter glänzte, und eine von Rost zerfressene Pfeilspitze.

Auf einer fernen Berghöhe, über welche eben Jukundus mit den Seinigen
langsam hinwegfuhr, riefen arbeitende Landleute plötzlich, nach dem
Horizont hinweisend: »Seht doch, wie die alte Wolfhartsgeereneiche
schwankt, weht denn dort ein Sturmwind?« Denn sie konnten die Leute
nicht sehen, die daran zogen. Jukundus blickte auch hin und sah, wie sie
plötzlich nicht mehr dort und nur der leere Himmel an der Stelle war.

Da ging es ihm durchs Herz, wie wenn er allein Schuld wäre und das
Gewissen des Landes in sich tragen müßte.

Die Seldwyler aber lebten an jenem Abend eher betrübt als lustig, da der
Baum und der Jukundi nicht mehr da waren.

       *       *       *       *       *

Im Beginn seines Aufenthaltes zu Schwanau verbrachte Jukundus seine
meiste Zeit bei den Großeltern auf dem Berge, die er einst wegen ihres
scheinbar unfreundlichen, herben und rastlosen Wesens beinah gefürchtet
hatte. Im Verlaufe der Zeit war er aber auf einen guten Fuß mit ihnen
geraten und sogar der Liebling der Alten geworden, wie denn öfter
geschieht, daß solche Landleute in ihrer uralten Sicherheit gern etwas
Müßiges und ihnen Ungleiches um sich leiden mögen, das ihre Heiterkeit
weckt. In dem jungen Manne sahen sie etwas fremdartig Unpraktisches,
aber Liebenswürdiges, das vermutlich keinen guten Stern haben würde und
daher Mitleid und Teilnahme verdiene. So dachten die Ehgaumers, wie sie
im Volke noch hießen von dem verschollenen Ehegaumeramte her, das der
Großvater vor einem halben Jahrhundert einst bekleidet hatte und eine
Art Sitten- und Eherichteramt gewesen war. So alt wie dieser Titel war
auch der Schnitt der weißen Haube und des großen weißen Halstuches,
womit die Ehegaumerin sich schmückte, und alles stammte noch aus jener
Zeit, da schon Goethe bei einem Besuch in dieser Gegend schrieb, der Ort
gebe von der schönsten und höchsten Kultur einen reizenden und idealen
Begriff, die Gebäude stehen weit auseinander, Weinberge, Felder, Gärten,
Obstanlagen breiten sich zwischen ihnen aus und so weiter, und: was man
von Ökonomen wünschen höre, den höchsten Grad von Kultur mit einer
gewissen mäßigen Wohlhabenheit, das sehe man hier vor Augen.

Dieser Zustand war nun auf diesem Hochsitz noch der nämliche bis auf das
Wohnhaus, das Nußbaumgeräte in der Stube und das Geschirr in den
Schränken, während die neue Zeit mit ihrem veränderten Angesicht und
ihren gesteigerten Verhältnissen sich gegen das Ufer hinab lagerte.
Jukundus erfreute sich der reinen Luft auf der Höhe und half den Alten
und ihren Dienstleuten so eifrig bei ihren Arbeiten, daß er bald aller
Dinge kundig und ein Offizier wurde bei den Patriarchen, den sie nicht
wieder entlassen wollten.

Justine freute sich des guten Ansehens, das ihr Mann sich bei den
Großeltern erwarb, und kam öfter vergnügt auf den Berg gestiegen, um ihn
Abends herunterzuholen, oder sie freute sich auch, oben ein Gewitter zu
erleben während der Heuernte, das die jungen Leute zwang, dort die Nacht
zuzubringen. Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der
weißen Halstücher der Großmutter um, die Zipfel auf dem Rücken
verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden
Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmächtig zum
Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gerötetem
Gesicht gar fröhlich und lieblich dreinschaute und vollends die
glänzende Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten
die Alten, daß sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe,
und es gab etwa noch eine kleine Mummerei, indem die Großmutter ihren
verjährten Granatschmuck, sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken
herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen.
Damit kleidete sich die Enkelin zum allgemeinen Wohlgefallen; aber
anstatt in den Spiegel schaute Justine dann mit ihrem glückseligen
Lachen dem Jukundus ins Gesicht, das die wie aus weiter Zeitferne
herüberleuchtende Erscheinung anstaunte.

Auch an Sonntagen ging er meistens in den Berg hinauf, da es ihm dort
wohler zu Mut war, als in dem lauten, aber eintönigen Gesellschaftslärm,
welchen die viel sprechenden Leute bei ihren Zusammenkünften unten
erhoben.

An Feiertagen lag auf dem Berge immer die Bibel geöffnet auf dem Tische,
damit die Ehgaumerin die langen Stunden hindurch bequem ab und zu darin
lesen konnte, wenn es ihr einfiel, wie man einen Krug Wein, eine
Schüssel mit Kirschen oder andern Näschereien an solchen Ruhetagen zur
Erquickung bereitstehen läßt.

Hatte sie ihren Rosmarinzweig und ihre Brille dann auf das Buch gelegt,
wenn sie des Lesens müde war, so pflegte Jukundus gern sich hinter die
Bibel zu setzen und darin zu lesen, weil ihm das Buch sonst selten zur
Hand war, wie es so geht, wo man stets Neueres und Notwendigeres lesen
soll oder dann jenes Alte in der Zwangszeit der Schuljahre sich genugsam
angeeignet zu haben meint. Er betrachtete die schwülen Gewittergründe
des Alten Testamentes, die leidenschaftlichen Gestalten darin, oder
entdeckte die hamletartige Szene im Johannesevangelium, wo Jesus
nachdenklich mit dem Finger etwas auf den Boden schreibt, ehe er sagt,
wer ohne Sünde sei, möge den ersten Stein auf die Sünderin werfen, wo er
dann wieder schreibt und, als er aufsieht, alle Ankläger hinweggegangen
sind und das Weib einsam vor ihm steht im still gewordenen Tempel.

Die Großmutter sah das sehr gern; denn sie war ganz alt- und
rechtgläubig und überzeugt, daß das Lesen in der Bibel jedem ohne
weiteres gedeihlich sei. Justine hatte ihn, um sein unkirchliches Wesen
zu beschönigen, bei den Alten für einen Philosophen ausgegeben; denn sie
selbst hing der unbestimmten Zeitreligion an und war darin umso
eifriger, je gestaltloser ihre Vorstellungen waren.

Einst setzte sich die Alte traulich zu ihm, als er wieder las; die fein
gefälteten Spitzenflügel ihrer Haube streiften seine Wange und sie
streichelte ihm die Hand, indem sie sagte: »Nun, Herr Philosoph, ich
glaube immer, du hast doch ein klein wenig Gottesfurcht!«

Jukundus war von dieser Frage überrascht und dachte darüber nach. Es
dünkte ihn, er könnte wohl antworten; allein sollte er der alten Frau
das anvertrauen, was ihn seine eigene Frau eigentlich noch nie gefragt
hatte, wenn er es recht überlegte? Und wie sollte diese auch nach dem
fragen, was sie nicht kannte? Denn sie besaß warmes religiöses Gefühl,
aber sie war in Hinsicht auf göttliche Dinge viel zu neugierig und
indiskret und hatte auch ein zu großes persönliches Sicherheitsgefühl,
um das haben zu können, was man in reinerem Sinne sonst unter
Gottesfurcht verstanden hat. Daß es mit dem lieben Gott selbst nun
kritisch beschaffen war, hatte sie schon von den gesuchtesten
Kanzelrednern vernommen, deren Vorträgen sie nachreiste. Für Christum
aber, den schönsten und vollkommensten Menschen, wie ihn diese Priester
nannten, hegte sie mehr die Gesinnung schwesterlicher Verehrung oder
schwärmerischer Freundschaft; ihm hätte sie das schönste Sofakissen und
die herrlichsten Pantoffeln sticken können, seinem Haupt und seinen
Füßen zur würdigen Ruhe! Ja, die tiefste Rührung hatte sie einst
ergriffen, als sie auf Reisen jenes berühmte Bild Correggios gesehen,
welches das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika mit
magischer Wirkung darstellt. In den Anblick des träumerisch starren
Ausdruckes des höchsten Leidens versunken, hatte sie tief aufgeseufzt
und alsbald Mitgefühl suchend ihren Mann angelächelt, der ihr zur Seite
stand, und noch jetzt gehörte jener Augenblick zu ihren liebsten
Erinnerungen; aber alles dies glich nicht der Gottesfurcht.

Als die Alte indessen auf einer Antwort bestand, sagte Jukundus
bedächtig: »Ich glaube, der Sache nach habe ich wohl etwas wie
Gottesfurcht, indem ich Schicksal und Leben gegenüber keine Frechheit zu
äußern fähig bin. Ich glaube nicht verlangen zu können, daß es überall
und selbstverständlich gut gehe, sondern fürchte, daß es hie und da
schlimm ablaufen könne, und hoffe, daß es sich dann doch zum Bessern
wenden werde. Zugleich ist mir bei allem, was ich auch ungesehen und von
andern unbewußt tue und denke, das ganze der Welt gegenwärtig, das
Gefühl, als ob zuletzt alle um alles wüßten und kein Mensch über eine
wirkliche Verborgenheit seiner Gedanken und Handlungen verfügen oder
seine Torheiten und Fehler nach Belieben tot schweigen könnte. Das ist
einem Teil von uns angeboren, dem anderen nicht, ganz abgesehen von
allen Lehren der Religion. Ja, die stärksten Glaubenseiferer und
Fanatiker haben gewöhnlich gar keine Gottesfurcht, sonst würden sie
nicht so leben und handeln, wie sie wirklich tun.

Wie nun dieses Wissen aller um alles möglich und beschaffen ist, weiß
ich nicht; aber ich glaube, es handelt sich um eine ungeheure Republik
des Universums, welche nach einem einzigen und ewigen Gesetze lebt und
in welcher schließlich alles gemeinsam gewußt wird. Unsere heutigen
kurzen Einblicke lassen eine solche Möglichkeit mehr ahnen als je; denn
noch nie ist die innere Wahrheit des Wortes so fühlbar gewesen, das in
diesem Buch hier steht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«

»Amen!« sagte die Alte, die aufmerksam zugehört hatte; »das ist doch
etwas und besser als gar nichts, was du da predigst. Lies nur fleißig in
meiner Bibel, da wirst du für deine Republik schon noch einen
Bürgermeister bekommen!«

»Wohl möglich,« erwiderte Jukundus lachend, »daß zuweilen ein solcher
gewählt wird und somit der Herrgott eine Art Wahlkönig ist!«

Die Alte lachte auch über diese Idee, indem sie rief: »So ein ordentlich
angesehener Herr Weltammann! Wie sie da drüben Landammänner haben!« Sie
deutete hiebei durch das offene Fenster nach dem Gebirge hinüber, wo in
den alten Landrepubliken die obersten Amtleute so genannt wurden.

Sie lachte immer mehr darüber; denn da sie in ihrem hohen Alter allezeit
an Gott und die Ewigkeit zu denken liebte, so war ihr auch das
unschuldige Spiel mit dem Namen Gottes willkommen, um ihn zur Hand zu
haben.

Wie beide nun in ihrem nicht gerade schulgerechten Religionsgespräche
sich vergnügten und lachten, schaute Justine durch die Nelkenstöcke
herein, die vor dem Fenster standen, und ihr Gesicht glühte trotz den
Nelken, da sie den Berg erstiegen hatte, um ihren Mann herunter zu
holen. Ihr schönes Gesicht überglühte aber fast noch die roten Nelken,
als die Großmutter lustig rief: »Komm schnell herein, Kind! Eine
Neuigkeit! Dein Mann hier hat ein bißchen ganz ordentliche Gottesfurcht,
er hat es soeben mir selber gestanden!«

Es ergriff sie augenblicklich eine seltsame Eifersucht, daß die
Großmutter mehr von den Gedanken Jukundis wissen sollte, als sie, seine
Frau, und sie sagte: »Wahrscheinlich tut er mir darum kein einziges Mal
die Ehre an, mit mir zur Kirche zu gehen!«

»Sei still!« sagte Jukundus, »zanke nicht! Wir zanken ja auch nicht ums
klare Wasser, das jedes trinkt, wann und wo es will!«

Dieses Wort nahm Justine wieder auf, als sie am Arme ihres Mannes die
abendliche Höhe entlang wandelte, um auf einem entfernteren Wege
hinunter zu gehen.

»Wir zanken nicht ums Wasser! Aber wir müssen sorgen, daß wir auch nie
ums liebe Brot streiten müssen, weder unter uns, noch mit andern!« sagte
sie und erzählte ihm, wie die Familie und sie selbst wünschen, daß er
nun sich in fester Weise in dem großen Gewerbs- und Handelsgeschäfte des
Hauses betätigen und Stellung nehmen möchte. Die ländliche Beschäftigung
bei den Alten auf dem Berge passe auf die Dauer nicht recht für ihn und
führe zu nichts, während unten alle bereit seien, ihn in die Geschäfte
einzuführen und Arbeit wie Gewinn redlich mit ihm zu teilen.

Jukundus fühlte die Meinung wohl, die es hiebei hatte; man wollte
niemand in der Familie dulden, der nicht reich zu werden fähig und
willig war, und da er im Grunde keine bessere Meinung verlangen konnte,
so ergab er sich ohne weiteres Zögern darein, obgleich mit geheimem
Mißtrauen gegen sich selbst. Er sagte also der Justine, er werde gleich
am nächsten Morgen, da es Montag sei, anfangen und einen vollen
Wochenlohn zu verdienen suchen.

So wurde er denn früh am andern Tage in die Schreibstuben und
Arbeitsräume des Hauses eingeführt, um der Reihe nach die verschiedenen
Zweige des Geschäftes kennen zu lernen und derselben Herr zu werden. Das
Haus Glor betrieb seit mehr als dreißig Jahren die Seidenweberei,
welches Geschäft mit der Zeit zu bedeutendem Umfange gediehen war. In
hundert ländlichen Wohnungen an den sonnigen Berglehnen, hinter klaren
Fenstern, standen die Webstühle der Mädchen und jüngeren Frauen der
Bevölkerung, welche die glänzenden Stoffstücke mit leichter fleißiger
Hand webten und so selber allwärts den Grund zu einem kleineren
Wohlstande legten. Auf allen Wegen eilten die rüstigen Gestalten mit den
Weberbäumen auf der Schulter heran, um das fertige Stück abzugeben und
die Seide für ein neues Stück zu holen. In großen Sälen waren aber auch
Maschinen aufgestellt, an welchen schwerere und reichere Stoffe
verfertigt und männliche Arbeiter beschäftigt wurden.

Der Ankauf der rohen Seide, die Vorbereitung derselben durch die
verschiedenen Stadien, die Beaufsichtigung und Beurteilung der Arbeit,
der Verkauf der gehäuften Vorräte, der Ausblick in den allgemeinen
Verkehr und die Berechnung des richtigen Augenblickes für jede
Geschäftshandlung, endlich die vorteilhaftere Verwendung der eingehenden
Wertsummen, alles dies bedingte eine unaufhörliche, rasch laufende
Tätigkeit und eine Reihe ineinandergreifender Erfahrungen.

Der Verkehr mit den zuströmenden Mäklern, welche die aus verschiedenen
Weltteilen herkommenden Würmergespinste anboten, derjenige mit den
Männern, welche die Ausfuhr der fertigen Gewebe nach anderen Weltteilen
vermittelten und hiebei wieder eigenen Reichtum zu gewinnen trachteten,
erheischte fortwährende Gewandtheit und rasche Überlegung. Die täglich
sich mehrende Konkurrenz forderte ein peinliches Zuratehalten der
aufzuwendenden Mittel und zugleich die genaueste Prüfung der gelieferten
Arbeit in Bezug auf ihre Güte und Reinheit, während die gleichen
arbeitenden Hände, die man so streng überwachen mußte, von anderer Seite
eifrig gesucht und abwendig gemacht wurden, wenn die Unternehmungslust
im Schwange war; ging sie aber zurück, so mußten dieselben auf die
besseren Tage hin mit Opfern in Tätigkeit erhalten bleiben.

Wiederum mußte der Wechsel des Geschmacks und der Bedürfnisse unter den
verschiedensten Himmelsstrichen aufmerksam verfolgt werden. Hier mußte
das gefällige und dauerhafte Seidenkleid der Bürgersfrau alt geordneter
Gesellschaftsländer geliefert werden; dort handelte es sich um das
billige Prunkkleid, das die Weiber der kalifornischen oder australischen
Abenteurer einige Jubeltage hindurch schmückte, um nachher weggeworfen
zu werden. Je nach der Bestimmung mußte die Kunst der großen Färbereien
in Anspruch genommen und der Krieg mit denselben geführt werden um die
schönsten und dauerhaftesten Farben für das Kennerauge der echten
Hausfrau oder um den trügerischen Schein für die farbigen Schönheiten im
entlegensten Westen.

In dies verwickelte Getriebe war nun Jukundus hineingestellt, um darin
schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei
den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er
aufmerksam und sorgfältig arbeitete. Allein man klagte bald über
Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten
Jugend vorüber war, und es hieß, er käme nicht recht von der Stelle. Um
ihn nun mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er köpflings in den
Strudel gestürzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder
vielmehr mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, daß ihm
Hören und Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide,
indem sie das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn über die
Ursache belogen. Andere wußten ihm Geschäftsgeheimnisse abzuschwatzen,
um auf eigene Faust eine schädliche Konkurrenz zu eröffnen. Den Mäklern
und Zwischenhändlern glaubte er gegen alle gefaßten Vorsätze immer
wieder aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die
anderen erst begannen, ihnen halbwegs zuzuhören und Antwort zu geben. In
diese Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein,
mehr als es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatürlicher Dummheit
legte sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es
sich um Geschäfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorüber war, hatte
er wie ein verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines
Mindergewinns angerichtet, welchem nachgespürt wurde.

Als Justine bemerkte, daß die fremden Leute und Angestellten des Hauses
ihren Mann bereits nicht mehr für ein Kirchenlicht hielten und ihn
mitleidig belächelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekümmernis
und verfiel in eine beklemmende Angst, daß sie werde anfangen müssen,
ihn für einen unglücklichen beschränkten Menschen zu halten. Die
Aussprüche des Vaters und der Brüder, wenn die Angelegenheit geheim
beraten wurde, waren auch nicht angetan, ihren Mut und ihr Selbstgefühl
zu erhöhen, und selbst die Trostworte der alten Stauffacherin, daß man
in einem solchen Hause wohl vermöge, einen blinden Passagier mitreisen
zu lassen, wenn er sonst gesittet sei, vermochten nicht, sie
aufzurichten.

Ging sie aber zu Jukundis Mutter, um zu fragen und zu klagen, so weinte
diese mit ihr und beschwor sie, nur auszuharren, Jukundus sei gewiß kein
dummer Kerl, er werde sich schon noch bewähren und so weiter.

Jukundus hatte keine Ahnung, wie es um ihn her tönte, und doch war ihm
keineswegs wohl bei der Sache. Da jeder überzeugt war, daß es nicht
lange so gehen und ohnehin eine Aufklärung eintreten werde, so wollte
niemand zuerst mit ihm reden und niemand ihm zuerst weh tun; allein es
verbreitete sich doch ein leichter Nebel um ihn her, welcher die Augen
der Umstehenden zu verhüllen und den Ton ihrer Stimmen zu dämpfen
schien.

Als er aber eines Tages wieder einen Vorrat roher Seide gekauft hatte zu
einem Preise, der noch vor zwölf Stunden gegolten, jetzt aber schon
etwas gefallen war, und er gebeten wurde, diesen Teil der Geschäfte
lieber lassen zu wollen, und als diese Bitte sich in einigen Tagen auch
auf einem anderen Gebiete wiederholte, hörte er, etwas betreten, ganz
auf. Erst als niemand ihn um die Ursache seiner genommenen Muße fragte
und alles seinen Weg fortging, als ob nichts geschehen wäre, erkannte
Jukundus endlich seine Lage und seine völlige Vereinsamung.

Am gleichen Tage wurde ihm auch seine Erkenntnis bestätigt.

Justine war auf den Abend ins Pfarrhaus eingeladen, wo der Pfarrherr
eine Abhandlung über die zeitgemäße Wiederbelebung und Erneuerung der
Kirche durch die Künste vorlesen wollte, ein Thema, welches sie sehr
ansprach und auch nach Maßgabe der kleinen Verhältnisse schon
beschäftigte. Jukundus seinerseits verhielt sich kühl in dieser Sache
und liebte, so wenig als möglich in der Sprechweite des Geistlichen zu
weilen. Doch hatte er, da es ein dunkler Herbsttag war, versprochen, die
Gattin abzuholen.

       *       *       *       *       *

Der Pfarrer stand auf der äußersten Linie der Streiter für die zu
reformierende Kirche, die religiöse Gemeinde der Zukunft. Die
Jugendjahre hindurch hatte er im allgemeinen freisinnig und schön
gepredigt, so daß die Herden, die er gehütet, sehr erbaut, wenn auch
nicht durchaus klar waren, auf welchem Boden sie eigentlich standen.
Unter dem Schutze der weltlichen Macht und nach dem Beispiel
altbewährter Führer hatte das jüngere Geschlecht die freiere
Weltbetrachtung auf der Kanzel, sowie die freiere Bewegung im Leben
errungen. Die strenggläubige Richtung war unvermerkt zur bloßen
Verteidigung ihres Daseins hinübergedrängt worden, ohne daß von alledem
an der äußeren Form des Gottesdienstes viel zu merken war. Die alten
Lieder, die alten Gebetformen, die alten Bibeltexte herrschten, und nur
bei gegebenem Anlasse wurde das Übermenschliche menschlich behandelt; im
übrigen blieb Christus der Erlöser und Herr und an der Einheit und
Persönlichkeit der Weltordnung, sowie an der Unsterblichkeit der Seele
durfte nicht gerüttelt werden. Die Theologie galt noch für eine
geschlossene Wissenschaft, auch wo ihre Träger längst im stillen allen
möglichen zweifelhaften Anschauungen nachhingen und den lieben Gott
einen guten Mann sein ließen, auch mit geheimen Seufzern das mögliche
Ende ihres Selbstbewußtseins bedachten.

Dabei wurde mit Geringschätzung auf die früheren Aufklärer und
Rationalisten herabgesehen, welche mit ihrer trockenen Tapferkeit doch
die jetzige Zeit vorbereitet hatten, und die philiströsen Wundererklärer
wurden selbstzufrieden belächelt, während man selbst immer das eine oder
andere Wunder ausnahm und dasselbe halb natürlich, halb übernatürlich
geschehen ließ.

Allein diese glückliche Zeit, wo alles so behaglich und rühmlich verlief
für jeden, der gewandt in der Rede war und dem es nicht an Keckheit
mangelte, verwandelte sich, wie alles in der Welt.

Gerade durch die wachsende Ausbreitung und Macht der freien Richtung
wurde die Lust zur festeren Vereinigung und Gestaltung und der Wunsch
nach der Herrschaft genährt, was zugleich ein deutlicheres Aussprechen
dessen mit sich brachte, was man eigentlich bekannte und meinte.

Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe
merkwürdiger Erfahrungen und Entdeckungen machten und die Neigung, das
Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, überhand nahm und naturgemäß vom
Stückweisen auf das Ganze geschlossen wurde, öfter aber nur da nicht, wo
es am nötigsten war.

Auch verbreiteten neue Philosophen, welche ihre Stichwörter wie alte
Hüte von einem Nagel zum andern hingen, böse, verwegene Redensarten, und
es geschah ein großer Zwang in nachgesagten Meinungen und Sprüchen.

Wer nun unter den Priestern ruhiger und bescheiden war, dachte, es komme
auf ein gewisses Maß des Mehr oder Weniger in der Unklarheit nicht
gerade an, und verhielt sich klüglicherweise friedlich auf dem
gewonnenen Standort, streitbar nur gegen die alten Feinde und
Unterdrücker. Andere dagegen wollten um keinen Preis den Anschein haben,
als ob sie hinter irgend einer Sache zurückblieben, nicht alles wüßten
und nicht an der Spitze der Dinge ständen. Diese rüsteten sich mit
schweren Waffen und setzten sich auf die äußersten Zweige des Baumes
hinaus, von wo sie einst mit großem Klirren herabfallen werden.

Der Pfarrer von Schwanau hatte sich zu dieser Schar gesellt, weil auch
ihm es nicht möglich war, im Widerspruche mit dem Geiste und der Bildung
der Zeit zu leben, wie er sie verstand.

Er lehrte daher, es sei der Wissenschaft zuzugeben, daß ein persönlicher
Lenker der Welt und hierüber eine Theologie nicht mehr bestehen könne.
Aber da wo die Wissenschaft aufhöre, fange das Glauben und Ahnen des
Unerklärten und Unbestimmten an, welches allein das Gemüt ausfüllen
könne, und diese Ausfüllung sei eben die Religion, die nach wie vor
verwaltet werden müsse, und die Verwaltung dieses Gebietes sei jetzt
Theologie, Priester- und Kirchentum. Das göttliche Wort sei demnach
unsterblich und heilig und seine Verwaltung heilig und weihevoll. Nach
wie vor stehe der Tabernakel aufgerichtet, um welchen alle sich scharen
sollen, die nicht an trostloser Leere des Herzens zu Grunde gehen
wollen. Ja, das geheimnisvolle Ausfüllsel des Tabernakels bedürfe mehr
als je der weihenden und räuchernden Priester, als Lenker der hilflosen
Herde. Keiner dürfe hinter dem Tabernakel herumgehen, sondern jeder
müsse sich vertrauensvoll an dessen Verwalter wenden; dafür dürfen die
Priester nichts menschlichem mehr fern bleiben, das sie immer noch am
besten verständen, und sie seien erbötig, überall nach wie vor zu helfen
und beizustehen, daß die Wurst am rechten Zipfel angeschnitten würde.
Nur verlangen sie dafür Heilighaltung des Tabernakels des Unbekannten
und allgemeine Aufmerksamkeit bei Verkündung und Beschreibung
desselben.

Hiebei beklagte der Pfarrer in ergreifender Weise die Unwahrhaftigkeit
auf der Kanzel, welche die Dinge nicht beim rechten Namen nenne und dem
Volke keinen reinen Wein einzuschenken wage, als ob es denselben nicht
vertragen könnte, und er beschrieb die Unwahrhaftigkeit und Kunst des
Verwischens so trefflich, daß die zuhörende Gemeinde von neuem
hingerissen ausrief: Wie schön, wie wahr und tief hat er das wieder
gesagt!

Dann aber forderte er die Versammlungen wiederum auf, alle Schlacken
auszuwerfen und sich zu weihen für den Gedanken der Unsterblichkeit
durch die Heiligung alles Tuns. Zwar sei der Wissenschaft zuzugeben, daß
die persönliche Fortdauer der Seele ein Traum der Vergangenheit sein
dürfte. Wolle und müsse inzwischen einer doch darauf hoffen, so sei ihm
das unbenommen; im übrigen aber sei die Unsterblichkeit jetzt schon und
in jedem Augenblicke da. Sie bestehe in den unaufhörlichen Wirkungen,
die aus jedem Atemzug in den andern folgen und in denen die Gewähr
ewiger Fortdauer liege. Seinen Schilderungen konnte dann die unvermählt
gebliebene Greisin entnehmen, daß wir in unsern Kindern und Enkeln
fortleben; der Arme im Geiste getröstete sich der unsterblichen
Fortwirkung seiner Gedanken und Werke; der durch haushälterischen und
sparsamen Sinn oft Geplagte freute sich, daß nicht ein Atom seines
Leiblichen wirklich verloren gehe, sondern in dem Haushalte der Natur in
ewig wechselnder Gestaltung zu Ehren gezogen bleiben und
verschwenderisch zur Hervorbringung von tausend neuen Keimen beitragen
werde. Der Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes
Ausruhen von aller Beschwerde hoffen.

Das Gebäude seiner Rede tapezierte er schließlich mit tausend Verslein
und Bildern aus den Dichtern aller Zeiten und Völker auf das schönste
aus, wie nie zuvor gesehen worden; es war wie in dem Stübchen eines
Zolleinnehmers, der die Armut seiner vier Wände mit Bildausschnitten und
Fragmenten, mit Briefköpfen und Wechselvignetten aus allen Ecken der
Welt überklebt und vor dem Fenster ein Kapuzinerchen stehen hat, das die
Kapuze auf und ab tut.

Es galt aber nicht nur, den Tempel des gesprochenen Wortes also
auszuschmücken, sondern auch der wirkliche gemauerte Tempel mußte der
neuen Zeit entsprechend wieder hergestellt werden. Die Kirche zu
Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut
worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und
die strenggeistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das
altertümliche graue Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen,
innen aber hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar
gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert über die
Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die
eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und das Wort des
Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen,
einfachen und doch ehrwürdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei
Jahrhunderten für stark genug gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu
verschmähen, um das innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte
umso eifriger anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, um den
Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen.

Hiefür war vorzüglich Justine gewonnen worden, welche, um den lauen Sinn
ihres Mannes so viel als möglich gut zu machen, dem wunderlichen
Reformwerke doppelt zugetan war und sowohl mit eigenen reichen Gaben,
als mit dem eifrigen Sammeln fremder Spenden voranging und kräftig
eingriff.

Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen eingefaßte
Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer Verzierung
von dazu unkundiger Hand weichen müssen. Die Gewölbefelder der Decke
wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen besät. Dann wurde für
gemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen mit
schwächlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit
ihren großen schwachgefärbten modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern
nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.

Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit
der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen könne mit
dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar dereinst bei dem
wundertätigen blut- oder tränenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem
Götzenbild schlechtweg zu endigen, um künftige Reformen nicht ohne
Gegenstand zu lassen.

Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die weißen
reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und silberne
Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt bei jedem Familienereignis in
reichen Häusern, auf Justines Betreibung hin, deren reichstolzes Gemüt
sich an dem Glanze erfreute, nicht fühlend, daß sie der neuen Kirche zur
Grundlage eines artigen alten Kirchenschatzes verhalf, der sich ja jeden
Tag still aber beharrlich vermehren und auch den Äckern und Weinbergen
und dem Zehnten von jeder Hand Arbeit wieder locken konnte, zumal ein
leerer Tabernakel noch mehr Platz hat, als ein besetzter.

Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen übermalten
Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst
herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht
beisammen waren, stiftete einer einen trompetentönigen Quiekkasten; ein
gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen
konnte, lateinisch sang. Dieser Chor spaltete sich in verschiedene
Abteilungen; Kindergruppen wurden zugezogen und eingeübt, und unter dem
Namen einer den Gottesdienst neubelebenden Liturgie wurde, nur
versuchsweise, ein wackeres kleines Dramolet in Szene gesetzt, aus
welchem sich mit der Zeit wieder die pomphafte Darstellung eines
Weltmysteriums gestalten konnte.

Alles Geschaffene wäre aber salzlos gewesen ohne die Übung heilsamer
Zucht. Um das erneuerte Tempelhaus zu füllen, duldete der Pfarrer
keinen, der nicht hineingehen wollte. Er kehrte also den Spieß vor allem
gegen diejenigen, welche sich draußen hielten und sich vermaßen, das,
was er verkündige, selbst schon zu wissen.

»Nicht die Jesuiten und Abergläubigen,« rief er von der Kanzel mit
lauter Stimme, »sind jetzt die gefährlichsten Feinde der Kirche, sondern
jene Gleichgültigen und Kalten, welche in dünkelhafter Überhebung, in
trauriger Halbwisserei unserer Kirche und religiösen Gemeinschaft
glauben entraten zu können und unsere Lehren verachten, indem sie in
schnödem Weltsinne nur der Welt und ihren materiellen Interessen und
Genüssen nachjagen. Warum sehen wir diesen und jenen nicht unter uns,
wenn wir in unserem Tempel vereinigt und über das Zeitliche zu erheben
und das Göttliche, Unvergängliche zu finden trachten? Weil er glaubt,
nachdem wir in hundertjährigem Kampfe die Kirche befreit vom starren
Dogmenpanzer, er habe jetzt nichts mehr zu glauben, nichts mehr zu
fürchten, nichts mehr zu hoffen, was er sich nicht selbst besser sagen
könne, als jeder Priester! Weil er nicht weiß, daß alles vergangene und
gegenwärtige Glauben und Wissen von göttlichen Dingen nur eine
zusammenhängende, große und tiefe Wissenschaft bildet, die fortlebt und
verwaltet werden muß von denen, die es gelernt haben und verstehen. Weil
er endlich nicht weiß, daß er in der bitteren Stunde seines Todes nach
unserem Beistande schmachten und des geheimnisvollen Trostes des
Tabernakels bedürftig sein wird!

Aber jetzt ist er noch in Selbstsucht und Dünkel befangen. Weil er frei
und ungehindert ist durch _unser_ Verdienst, so verschmäht er es voll
Undank, an unserem Zusammenhalte gegen die Gewalt der Finsternis und der
Lüge teilzunehmen, den Kampf des Lebens gemeinschaftlich mit uns zu
kämpfen, unsere Freude zu der seinigen zu machen und, indem er sich
einen Christen nennt, den Altar mit uns zu zieren! Da geht er denn nun
so hin, der dieser und jener, der Gleichgültling, der Indifferent ist,
der Stölzling. Freilich weiß er nicht, wie dürftig und betrübt er uns
vorkommt in seiner Sicherheit, die wir ihm freilich nicht mehr nehmen
können oder wollen, obgleich er sie nur von uns hat! Freilich weiß er
nicht, wie dürr der Pfad ist, auf dem er so dahinwandelt, an welchem
keine Sonntagsglocken läuten, auf dem keine Ostern und keine
Auferstehung blüht, nicht die Auferstehung des Fleisches meine ich,
sondern die Auferstehung des Geistes, die ewigen Ostern des Herzens! Es
geht ihm auch darnach! Kein Segen begleitet ihn, sein Gemüt verbittert
sich und grollt mit uns, die wir uns unserer Errungenschaften und des
Werkes unseres Herrn Jesu Christi erfreuen und das Osterlamm genießen
jetzt und alle Tage. Wenn dann Strom und Bäche vom Eise befreit sind und
selig und jubelvoll 'bis zum Sinken überladen entfernt sich unser
letzter Kahn', dann wird er traurig am Ufer stehen und uns trotzig
nachschauen, ein Selbstausgeschlossener und Selbstverurteilter! denn _wir_
verurteilen niemanden und verdammen keinen. Nein, wir lassen jedem seine
Freiheit, eingedenk des allerdings furchtbar doppelsinnigen Wortes: 'Vor
dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert
nicht!'

Du aber laß ihn nicht entrinnen aus den diamantenen Ketten deiner ewigen
Sittengesetze, die du gegründet hast, o allliebender Schöpfer und Herr,
Urheber der Grundfesten des Landes und der gürtenden Flut des Meeres, o
du Spanner des ewigen Himmelszeltes! Führe ihn zurück in dein
schützendes Heiligtum, das wir dir errichtet nach deinem Gebote, das du
uns verkündet durch den Mund Mose:

     'Und wer unter euch verständig ist, der komme und
         mache, was der Herr geboten hat:
      Nämlich die Wohnung mit ihrer Hütte und Decke,
         Rengen, Brettern, Nägeln, Säulen und Füßen;
      die Lade mit ihren Stangen, den Gnadenstuhl und
         Vorhang;
      den Tisch mit seinen Stangen und allem seinem Geräte,
         und die Schaubrote;
      den Leuchter zu leuchten und sein Geräte und seine
         Lampen, und das Öl zum Licht;
      den Räuchaltar mit seinen Stangen, die Salbe und
         Spezerei zum Räuchwerke, das Tuch vor der Wohnung Tür;
      das Handfaß mit seinem Fuße;
      die Kleider des Amtes zum Dienst im Heiligen, die
         heiligen Kleider Aarons, des Priesters, mit den
         Kleidern seiner Söhne, zum Priestertum.'

Bringe ihn herein in deine Wohnung, daß er mit uns bete:

      Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine
        Stimme überhöret der dich lobenden Gemeine!
      Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden,
        Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine
      Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden,
        Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine,
      Gieb, daß diese Seele auch durch der Gebetesflammen
        Schürung dir die innere Lebendigkeit bescheine!

Gib, daß er das Land der Unvergänglichkeit suche mit der Sehnsucht der
Goetheschen Priesterjungfrau, die da sagte:

     Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
     Das Land der Griechen mit der Seele suchend!

daß er einst mit der sterbenden Blume des Dichters singe:

     Ew'ges Flammenherz der Welt,
     Laß verglimmen mich an dir!
     Himmel, spann' dein blaues Zelt,
     Mein vergrüntes sinket hier.
     Heil, o Frühling, deinem Schein!
     Morgenluft, Heil deinem Weh'n!
     Ohne Kummer schlaf ich ein,
     Ohne Hoffnung aufzusteh'n.

und ihm die Antwort werde:

     O bescheidenes Gemüt,
     Tröste dich, beschieden ist
     Samen allem, was da blüht.
     Laß den Sturm des Todes doch
     Deinen Lebensstaub verstreu'n,
     Aus dem Staube wirst du noch
     Hundertmal dich selbst erneu'n.
           Amen!«

Hatte er dermaßen wohlklingend und nicht selten mit wirklich feuchten
Augen, von seinem Galimathias selbst aufgeregt, geendet, so geschah es
häufig, daß auf dem Kirchwege die Zuhörer herbeieilten und ihm dankend
die Hände drückten, und an den wohlbesetzten Mittagstafeln wurde er aus
schönem Munde gefühlsbedürftig gepriesen, von klugen Männern gelobt, daß
man jetzt auch wieder einmal kirchlich und christlich sein könne, ohne
sich dem Verdachte der Beschränktheit und des Zurückbleibens
auszusetzen.

       *       *       *       *       *

Zu den also bescholtenen Gleichgültigen und Indifferenten gehörte auch
Jukundus. Er war der neuen Kirche nicht feindlich gesinnt und wünschte
ihr nichts in den Weg zu legen, wohl wissend, daß alle Dinge in der Welt
ihren Verlauf haben müssen. Allein mit seiner naiven Wahrheitsliebe war
es ihm unmöglich, den Schein einer solchen wenigstens für gedankengeübte
Männer unwahren Kirchlichkeit mit zu tragen, und machte von dem Rechte
seiner persönlichen Freiheit ohne Geräusch und Prahlen Gebrauch. Er tat
dies umso hartnäckiger, als dieses Gebiet fast das einzige war, auf
welchem er seine volle Unabhängigkeit von der Sorge wie von der Liebe
noch bewahrte.

Der Pfarrer aber, welcher die Frau Justine zu seinen Hauptstützen
zählte, da sie mit ihrem Ansehen fast für einen Kirchenältesten gelten
konnte, mochte nicht gerne leiden, daß deren Mann die Sache durch sein
Fernstehen nicht zu billigen und so über derselben stehen zu wollen
schien. Er empfand alles solches Fernstehen als einen stillen Vorwurf
gegen sich selbst und eine schweigende Kritik seines Tuns, und er hatte
daher einen Groll gegen Jukundus gefaßt und predigte gegen ihn. Denn
auch diese Untugend hatten einige der neuen Priester von den alten
herübergenommen, daß sie auf der Kanzel, wo sie allein das Wort führten
und niemand erwidern durfte, aussprachen, was sie irgend persönlich
bedrückte, und nach Gutdünken anklagten und anzeigten. Jener wußte aber
hievon nichts, weil er nicht viel achtgab auf der Leute Reden und dem
Sinne undeutlicher Anspielungen nicht nachfragte.

Als Jukundus am späteren Abend also auf den Pfarrhof kam, um seine Frau
versprochenermaßen abzuholen, hatte der Pfarrer seinen Vortrag über die
gegenseitige Verjüngung der Kirche und der schönen Künste vor einigen
Freunden eben beendigt. Jukundus mußte noch ein wenig Platz nehmen.

»Wenn Sie mir gegönnt hätten, meine kleine Arbeit mit Ihrem Mitanhören
zu beehren,« sagte der Pfarrherr, »so würden Sie vielleicht einen
Ausgleichspunkt gefunden haben in dem Gedanken, daß jetzt die Zeit da
ist, wo die Kunst ihr Dasein der Religion danken und der guten reichen
und doch jetzt so armen Mutter vergelten kann! Sie würden vielleicht
selbst einige Befriedigung in der Aussicht finden, wenigstens in einem
bedeutenden Tonwerk etwa einst in Gemeinschaft mit uns Ihr Herz
aussingen zu können, möchten Sie auch dabei denken, was Sie wollten, und
uns überlassen, das gleiche zu tun!«

Justine schaute bei diesen Worten ihren Mann hoffnungsvoll an. Es war
ihre schönste Erinnerung, in dem ersten Jahre ihrer Ehe mit ihm in einer
größeren Stadt an einem musikalischen Feste mitgewirkt zu haben. Bei der
Aufführung eines mächtigen biblischen Oratoriums hatten sie sich, jedes
bei seiner Stimme, so nahe gestanden, daß sie in den Pausen einander die
Hand geben konnten. Am Abend hatte Jukundus seine Frau zärtlich in die
Arme geschlossen und ihr gestanden, daß er trotz allem Erlebten noch nie
so glücklich gewesen sei wie heute, da er in dem wohltönigen Sturme der
Musik und des Gesanges mitgesungen und dabei neben sich noch ihre liebe
Stimme mitgehört habe.

Allein jetzt erwiderte er dem Geistlichen, schon in trüber Stimmung
gekommen und durch dessen Gewaltsamkeit nicht aufgeheitert, etwas
trocken: »Ich bin nicht Ihrer Ansicht, daß die Religion die Kunst
hervorgebracht habe. Ich glaube vielmehr, daß die Kunst für sich allein
da ist von jeher und daß sie es ist, welche die Religion auf ihrem Wege
mitgenommen und eine Strecke weit geführt hat!«

Der Pfarrer wurde ganz rot; er ertrug im Kreise seiner engsten Gemeinde
solchen Widerspruch nicht leicht und sagte: »Nun, wir wollen die Sache
nicht weiter verfolgen; Sie sind wohl in mehr als einer Beziehung ein
Laie, sonst würde Ihnen bekannt sein, daß wir Theologen heutzutage
manche Kreise des Wissens in unsere theologische Wissenschaft
hereingezogen haben, die ihr sonst nicht verpflichtet waren und deren
Übersicht Ihnen in Ihrer Lebensstellung fehlt!«

Jukundus versetzte etwas hart: »Dieses Bedürfnis mögt Ihr Theologen
fühlen; ich glaube aber nicht, daß Eure Theologie dadurch den Charakter
einer lebendigen Wissenschaft wiedergewinnt, so wenig als die ehemalige
Kabbalistik, die Alchimie oder die Astrologie noch eine solche genannt
werden könnte!«

Hierdurch in seinem Innersten getroffen und beleidigt, rief der
Geistliche: »Ihr Haß gegen uns macht Sie blind und töricht! Aber es ist
genug, wir stehen über Ihnen und Ihresgleichen, und Ihr werdet in Eurem
verblendeten Dünkel die Köpfe an unserem festen Bau einrennen!«

»Immer gleich das Gefährlichste!« sagte Jukundus, der inzwischen ganz
ruhig geworden war; »wir rennen gegen keine Wand! Auch handelt es sich
nicht um Haß und nicht um Zorn! Es handelt sich einfach darum, daß wir
nicht immer von neuem anfangen dürfen, Lehrämter über das zu errichten,
was keiner den anderen lehren kann, wenn er ehrlich und wahr sein will,
und diese Ämter denen zu übertragen, welche die Hände danach
ausstrecken. Ich als einzelner halte es vorläufig so und wünsche Euch
indessen alles Wohlergehen; nur bitte ich, mich vollkommen in Ruhe zu
lassen; denn hierin verstehe ich keinen Scherz!«

Er hatte diese letzten Worte mit fester Stimme gesprochen, und diese
Stimme zerriß seiner Frau, die seinen Arm zum Weggehen ergriffen hatte,
das Herz. Sie hatte in der neuen Kirchenkultur, die ihr so freisinnig,
so gebildet, so billig schien, zuletzt fast den einzigen Halt gegen den
geheimen Kummer gefunden, der sie drückte; nun war ihr Mann in offener
Auflehnung dagegen ausgebrochen. Denn sie hielt ihn dem Pfarrer
gegenüber für unwissend und unzulänglich, für einen Unglücklichen! Das
Unheil eines Glaubenszwiespaltes in Verbindung mit einem beginnenden
häuslichen Unglück war plötzlich da, mitten in der so erleuchteten und
wohlredenden Kirchenwelt.

Kaum auf die Straße gekommen, ließ Justine den Arm ihres Mannes fahren
und ging wie taumelnd neben ihm her, leise weinend. Da es herbstlich
stürmte und regnete, so glaubte Jukundus, sie wolle bequemer allein
gehen und achtete nicht auf ihren Zustand. Bis sie zu Hause angekommen,
hatte sie sich äußerlich gefaßt; inwendig aber zitterte sie vor
Aufregung und Entrüstung.

Jukundus, den Vorfall schnell vergessend und von anderen Sorgen erfüllt,
wollte mit ihr jetzt die gemeinsame Lage besprechen und ihr darstellen,
wie er glaube, daß sein rechter Platz nicht in diesem Hause sei, daß er
doch versuchen müsse, auf eigenen Füßen zu stehen, wozu wohl noch schöne
Zeit sei; daß sie ihm in die Hauptstadt folgen sollte, wo er gute
Verbindungen und Freunde habe. Wenn sie einige Mittel von den Eltern
mitnehmen könnte für den Anfang, nur so viel, als sie etwa für den
Kirchenkultus und die anderen Lieblingssachen schon ausgegeben habe, so
wäre ihm für die Zukunft nicht bange.

Er berührte diesen letzteren Punkt nur kleinlaut, weil er für sich
nichts zu bedürfen glaubte und nur die Scheu Justines vor aller
Mittellosigkeit ins Auge faßte.

Kaum war er aber hier angelangt, so schwieg sie nicht länger; die rauhe
Ursprünglichkeit der emporgekommenen Volksfamilie, welche die Männer
zuweilen überfiel, brach mit aller Herbigkeit auch bei ihr unversehens
zu Tage. Leidenschaftlich und rücksichtslos und ebenso unbesonnen rief
sie, er möge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen, wenn er
in ihrem Hause nicht zu gedeihen vermöge, wo es ihm an nichts und an
keinem Entgegenkommen gemangelt habe. Weder den Ihrigen noch ihr selbst
fiele es ein, noch das geringste Opfer an ein solch verlorenes Leben zu
wagen und das Geld einem solchen ... nachzuwerfen.

Sie brauchte dabei einen Ausdruck, den sie kaum je im Munde geführt, und
welchen, ohne daß es gerade ein eigentliches Schimpfwort war, doch kein
rechter Mann von seiten seiner Frau erträgt.

Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblaßte Justine, und sie
schaute ihren Mann mit großen Augen an, der schon vorher erbleicht war
und jetzt schweigend hinausging.

Justine eilte, ihre Mutter zu suchen; die war aber noch im Hause eines
der Brüder, und jene ging daher dorthin, um Rat und Zuflucht zu finden.

Jukundus aber weckte seine eigene Mutter, welche ermüdet schon zu Bette
gegangen war, hieß sie sich ankleiden, packte dann das Notwendigste
zusammen, holte in der Nacht selbst einen Mietwagen herbei und fuhr
unbemerkt in der stürmischen Regennacht mit seiner Mutter davon,
versehen mit dem wenigen Gelde, das er noch von dem Verkaufe jenes alten
Eichbaums übrig behalten und aufbewahrt hatte.

Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten
jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als
ob es niemals darin gewohnt hätte.

In dem dunkeln Wagen, neben der alternden Mutter, die in Ergebung und
Schlaftrunkenheit wieder eingeschlummert war, sah Jukundus das schöne
Gesicht Justines vor sich, wie es ihn zum ersten Male angelacht hatte.
Dieses Lächeln, sagte er sich bitter, sind die Künste eines Muskels, der
gerade so und nicht anders gebildet ist; durchschneidet ihn mit einem
kleinen leichten Schnitt und alles ist vorbei für immer!

In der Morgendämmerung stand Justine, die nicht zu Bette gegangen war,
vor einem Spiegel und sah ihre starren, bleichen Lippen; sie versuchte
schmerzlich zu lächeln über den schönen, schlimmen Traum des
entschwundenen Glückes. Allein ihr Mund und beide Wangen waren starr und
unbeweglich wie Marmor, der Mund blieb von nun an verschlossen, und vom
Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern.


Drittes Kapitel

Jukundus hatte sich nach der Landeshauptstadt begeben, wo es seine erste
Sorge war, die vor Schreck und Kummer erkrankte Mutter zu pflegen und zu
begraben; denn sie erholte sich nicht mehr, weil sie keine Hoffnung mehr
barg, daß es dem Sohne noch wohlgehen und das, was sie nicht gesponnen
und gewebt, vorhalten könne.

Auf dem Rückwege von ihrem Grabe begegnete er einem militärischen
Vorgesetzten, der ihn wohl kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Der
fragte ihn nach seinen jetzigen Umständen, und als er dieselben, soweit
sie mitteilbar waren, kennen gelernt, sagte er zu Jukundus, er wäre
gerade der Mann, den er suche, um in seinem ausgebreiteten Handels- und
Unternehmungswesen eine bestimmte Lücke auszufüllen. Er suche einen
zuverlässigen ruhigen Mann, von dem er wisse, daß er seine
Obliegenheiten kurzweg und pünktlich erfülle, nicht nach rechts oder
links schaue, ohne die Wachsamkeit zu verlieren, und hauptsächlich keine
eigenen Spekulationen betreibe.

Jukundus verband sich mit dem Manne und übernahm sofort die ihm
zugedachte Stelle, und es ging vom erstem Augenblicke an gut. Die ihm
angewiesene Tätigkeit war der Art, daß er weder selbst zu täuschen und
zu lügen, noch die Lügen anderer zu glauben brauchte. Er hatte nicht
nötig zu überfordern oder zu unterbieten, zu feilschen oder zu
überlisten und Überlistungen abzuwehren. Was darüber hinaus an
Menschenkenntnis und deren Anwendung erfordert wurde, ward ihm geläufig,
wie ehedem, da ihm mit der verschwundenen Befangenheit es wie Schuppen
von den Augen fiel.

So flossen seine Tage ernst und still dahin, und nicht die kleinste
Freude erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung;
er erwartete vergeblich ein Zeichen von ihr, daß sie die geschehene
Beleidigung bereue und zurückzunehmen wünsche, während sie hieran von
den Ihrigen verhindert wurde, welche fanden, es sei besser, die Dinge
einstweilen liegen zu lassen, wie sie lägen, und das weitere Glück des
Jukundus abzuwarten, ob dasselbe auch Bestand habe. Sie hatten nicht
unrecht, es ein Glück zu nennen; denn das Finden seiner selbst in
dunkeln Tagen ist meistens mehr Glückssache, als die Menschen gewöhnlich
eingestehen wollen, und hier hatte es vielleicht einzig von der
zufälligen Begegnung mit dem erfahrenen und einsichtigen fremden Manne
abgehangen.

Jukundus' kalte und bittere Ruhe dauerte aber nicht lange. Während er in
seiner Geschäftsstellung sich täglich brauchbarer erwies und bald über
die anfänglich angewiesene Stufe hinausgehoben wurde, fast ohne jemandes
Zutun, so daß der früher so schwer erreichbar erschienene reichere
Erwerb und die gegründete Aussicht auf Besitz sich wie von selbst
einstellten, trat im öffentlichen Leben eine Bewegung ein, in welche er
mehr seiner verbitterten Gemütsstimmung als eigentlicher Neigung gemäß
leidenschaftlich hineingezogen wurde.

In der Republik waren seit der letzten jener politischen Umgestaltungen,
durch welche das Volk sich verlorene Rechte erneuert oder vorhandene
erweitert, vierzig Jahre verflossen, und es war im jüngeren Geschlechte
der Wille einer neueren Zeit reif geworden, ohne daß die noch
herrschenden Träger der früheren Gestaltung denselben kannten oder
anerkennen wollten. Sie hielten die Welt und den Staat, wie sie gerade
jetzt bestanden, für fertig und gut und wiesen ihre Mitwirkung zu jeder
erheblichen Änderung mit einem beharrlichen Nein von sich, indem sie
sich auf eine ununterbrochene Tätigkeit in der mählichen Ausbildung des
Bestehenden, einst so Gepriesenen zurückzogen. Durch diesen Widerstand
erwarben sie sich das Aussehen von Stehenbleibenden, ja Feinden des
Fortschrittes, und erweckten eine je länger je heftiger gereizte
Stimmung gegen sich. Da sie aber die Geschäfte sachlich und redlich
besorgten und alle Mühe auf allerlei Dinge verwendeten, welche an sich
keineswegs wie Rückschritt aussahen, so war der Anfang zu einer großen
Aktion schwer zu finden. Denn wenn das Volk hiebei nicht den Anstoß zu
gewaltsamen Ereignissen gewinnt, woraus an einem Tage von selbst das
Gewünschte sich gestaltet, so bedarf es einer ungeheuren moralischen
Aufregung, um auf dem Wege der gesetzlichen Ordnung zu seinem Ziele zu
gelangen und eine selbstgegebene Verfassung, selbstgewählte Vertreter zu
beseitigen und an deren Stelle das Neue zu setzen.

Diese Aufregung, welche bei der gewaltsamen Umwälzung durch einige
Tropfen rauchenden Blutes hervorgebracht wird, erreicht das Volk auf dem
anderen Wege, um schlüssig zu werden, nur dadurch, daß es das erste
Unrecht begeht mittels einer falschen Anschuldigung und sodann getreu
dem Satze, daß der Unrechttuende den leidenden Teil mit wachsendem Hasse
verfolgt, nicht mehr ruht, bis der Stein des Anstoßes hinweggeräumt und
der neue Rechtsboden, den es will, errungen ist.

Aber auch zu einer vollen runden Hauptanschuldigung, welche für solch
eine allgemein um sich greifende Gemütsbewegung ausgereicht hätte, fand
sich keine rechte Handhabe vor. Jedes einzelne der unerfüllten Begehren
war nicht eine Frage der Unehrlichkeit oder des Volksbetruges, sondern
nur eine Frage der Zweckmäßigkeit, welche bestritten war.

Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Händel suchen
mit ihren Führern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges
verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich
zuletzt einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen
uns nicht mehr.

Dies geschah mittels einer dämonisch seltsamen Bewegung, welche mehr
Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg, als manche blutige
Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrümmt wurde und kein einziger
Backenstreich fiel.

Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender Personen an
irgend einem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr
Bedeutung hatten, wegen halb lächerlicher, halb unzukömmlicher, immerhin
entstellter Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige Laune
verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und Virtuosen
im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der lustige
Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser ihrer Opfer
bezeichnete und das persönliche Leben auf das Straßenpflaster
hinausschleifte.

Nachdem diese Opfer in einen Teig von Lächerlichkeit, bestehend aus
erfundenen körperlichen Gebrechen und Gewohnheiten, meist nur etwa
linkischen Gebärden, eingeknetet waren und so herumgestoßen wurden,
legte man ihnen plötzlich längst begangene geheime Verbrechen, einen
abscheulichen Lebenswandel, eine Niedrigkeit der Denk- und
Handlungsweise zur Last, welche durch das Ansehen, das sie bisher
genossen, nur umso greller und unerträglicher hervorgehoben wurden. Zwar
wurden die Anschuldigungen bestimmter Übeltaten, welche sofort einem
Kriminalverfahren nach allen Seiten hin rufen mußten, beim ersten
Aufschrei der Betroffenen lächelnd fallen gelassen. Allein der Abscheu
blieb an den Personen haften und aller übrige gestaltlose Unfug wurde
festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem
allgemeinen Schrecken und Widerwillen entstand eine förmliche
Straflosigkeit, zumal jede Prozeßverhandlung zu einem Feste für die
Verfolger zu werden begann und mit den schwersten Drohungen begrüßt
wurde.

So eilten denn aus allen Ritzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an dem
allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung herbei.
Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit, Lebensarten und
Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung, des Unwillens und des
Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade in die vorderste
Reihe und erhuben als rechte Herzoge der Schmähsucht und der Verleumdung
ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lärm war, desto stiller und
kleinlauter wurden die Geschmähten. Ein für die Betroffenen furchtbarer
Gemeinplatz wurde von den gedankenlosen Gaffern ausgesprochen. Wenn nur
der hundertste Teil der Anschuldigungen wahr wäre, so würde das mehr als
genug sein! hieß es, und sie bedachten hiebei nicht, daß ja jeder von
ihnen einen solchen hundertsten Teil auf den Schultern trüge, wenn
gerecht gemessen würde.

Neben den Angesehenen und Bekannten im Lande wurde wohl auch etwa in
irgend einem Winkel ein armer Unbekannter vernichtet, daß es anzuhören
war wie das Schreien eines Hühnchens, das ein Marder nächtlicherweise
einsam erwürgt. Oder es fielen ein paar der Herzoge unter den reißenden
Tieren einander selbst an auf irgend einem besonderen Wechselplatz,
kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen zum allgemeinen
Reichstage zurück, ohne daß es ihnen dort etwas geschadet hätte. Sie
beleckten sich die zerzausten Bälge und nahmen frech wieder das Wort.

Die ganze Erscheinung war so neuer und eigentümlicher Art, daß der
Geschichtsfreund sie mit keiner vorangegangenen zu vergleichen wußte,
wo doch auch mehr als einmal aus einem ungerechten Anlaß oder unwahren
Vorwand die Staatsveränderung und die Erweiterung der Freiheit
hervorgegangen war.

Männer, die in ihrer entstellten Gestalt mitten in der Not und
Verfolgung standen, in der doch kein Tropfen Blut floß und kein Arm
berührt wurde, sahen sich von alten Freunden verlassen, die
unentschlossen ihren Unschuldsbeteurungen zuhörten und für sich selber
darum nicht umso besser fuhren.

Andere, die ein entscheidendes Wort des Mutes hätten sprechen können,
schwiegen still, um nicht vor der Braut oder der Gattin eine infame
Beschmutzung erleiden zu müssen, und wiederum andere schwiegen aus Sorge
für den Frieden und die Unschuld ihrer unmündigen Kinder. Mancher dankte
nur Gott, daß er bis jetzt verschont geblieben, wenn er bedachte, daß
diese oder jene menschliche Schwäche, die ihn vielleicht schon
angewandelt, dem Unheil einen Angriffspunkt bieten könnte, und er hielt
sich mäuschenstille. Dicht dabei stand ein offenkundiger Bösewicht
ebenso stille, der doch zu notorisch war, um sich zu den Verfolgern
gesellen zu können, und nun mit stechenden Augen gewärtigte, was an ihn
kommen wolle. Auch der blieb verschont, nicht nur, weil er als
gefährlicher Bösewicht von den Verleumdern gefürchtet war, sondern weil
die merkwürdige Bewegung bei aller scheinbaren Maßlosigkeit ein gewisses
Gesetz der Ökonomie innehielt und keine Opfer verlangte, die ihr nicht
gerade im Wege standen.

Übrigens war nicht zu verkennen, daß das Bewußtsein, es sei eigentlich
nur ein großer, etwas grober Spaß, nicht fehlte. Denn während die Menge
kein Bedenken trug, das Land als von der Schlechtigkeit unterfressen,
angefüllt und beherrscht vor aller Welt darzustellen, blieb die
wirkliche unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande
fehlt, unangefochten in ihrer Ruhe, wo sie nicht freiwillig ans Licht
emporstieg, um auch an den Reichstag zu kommen und die verhaßte
Ehrbarkeit ausplündern zu helfen. Der aktive Lügnerhaufen glich der
volkstümlichen Dorfklätscherin, welche in ihrem Humor es für
selbstverständlich hält, daß jeder zusehe, was er glauben wolle, und daß
jeder Angeschwärzte ihr den Spaß nicht allzu übelnehme.

Von diesem Humor war nun Jukundus nicht. In der Verfassung, in der er
sich befand, war er doppelt aufgelegt, alles zu glauben, wenn er auch
nicht sonst schon durch seine einfache Natur darauf angelegt gewesen
wäre. Während er im Geschäftsleben schon vorsichtiger geworden war,
wurde er von dieser Bewegung überrascht wie ein Kind und glaubte jede
Schändlichkeit, die man vorbrachte, wie ein Evangelium, über die Maßen
erstaunt, wie es also habe zugehen können und was in einer Republik
möglich sei.

Seine besonderen Mitbürger, die Seldwyler, hatten von Anfang an diese
Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrüßt. Nichts Lustigeres konnte
es für sie geben als das Auslachen und Heruntermachen so vieler
betrübter langer Gesichter, die so lange besser hatten sein wollen als
andere Leute. Sie taten sich nicht gerade hervor in der Erfindung von
Abscheulichkeiten, waren aber umso tätiger im Aufbringen von
Lächerlichkeiten. Immer kamen einige oder ganze Gesellschaften von ihnen
nach der Hauptstadt, um zu sehen, was es Neues gäbe, und an der täglich
höher gehenden Bewegung teilzunehmen. Weil Jukundus die beste Gestalt
unter ihnen war, so machten sie ihn zu ihrem Häuptling, und er ging im
tiefsten Ernste vor der lachenden und stets zechenden Zunft der
Seldwyler her, traurig und bekümmert, aber auch entrüstet und
straflustig.

Denn er hatte die Welt noch nie in diesem Lichte gesehen; es war ihm zu
Mut, als ob der Frühling aus derselben entflohen und eine graue, heiße,
trostlose Sandwüste zurückgeblieben wäre, an deren fernem,
verschleiertem Saume der Schatten seiner Frau einsam entschwinde. Wenn
er in den Klubs und Versammlungen neben handfesten und bekannten
Agitatoren allerlei aus dunkeln Löchern hervorgekrochene Gesellen sah,
die langjährigen Unstern in der allgemeinen Sündflut mit schmutzigen
Händen zu ersäufen suchten oder die obere Schicht wie mit Feuerhaken zu
sich herunterzureißen bestrebt waren, so sah er wohl, daß es keine
Oberkirchenräte waren, die ihm die Hand drückten. Aber er empfand jetzt
eher ein tiefes Mitleid mit solchen Heiligen, die er als die Opfer einer
Welt betrachtete, von der er auch ein Lied singen zu können glaubte. Wie
die heilige Elisabeth eine Vorliebe für unreinliche Kranke und Elende
bezeigte und sich sogar in das Bett eines Aussätzigen legte, so hegte
auch Jukundus eine wahre Zärtlichkeit für seine Räudigen und ging
täglich mit Leuten, die er früher, wie man zu sagen pflegt, nicht mit
einem Stecklein hätte anrühren mögen.

Er tat dies, während die Volksbewegung schon über den Anfangsstrudel
hinaus war und das Volk, auf seine Ziele zusteuernd, jene
Schattengestalten laufen ließ und seine neuen Rechte feststellte, wie
man glänzende Farben und Wohlgerüche aus dunklen Stoffen und Schmutz
hervorbringt und diesen wegwirft. Er merkte kaum, daß er mit dem
verlorenen Haufen schon seitwärts der Heerstraße stand, und als er es
einzusehen begann, überfiel ihn neues Mitleiden mit den armen Propheten,
die wiederum betrogen sein sollten. Es half nichts, daß einige klügere
Seldwyler ihm zuraunten, die Verleumder und Ehrenfeinde seien bereits
nicht mehr Mode, man halte sich jetzt an das rein Politische und
Staatsmäßige, und er solle sich nicht bloßstellen; man brauche eben auch
wieder einen Staat mit Einrichtungen und Ehrbarkeiten, wo man mit
Lügnern und Schubiaken nicht kutschieren könne. Er glaubte den Armen und
Verstoßenen, und nicht jenen Warnern.

Um seinen Mut offenkundig zu bewähren und zu zeigen, daß er sie
beschütze, lud er eines Tages eine schöne Auswahl seiner Freunde zu
einem Festmahle ein, das er ihnen in einem Gasthause gab, und bewirtete
sie so reichlich, daß sie in die allerbeste Laune versetzt wurden.

Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine Amtsleute,
betrügerische Agenten, müßiggängerische Kaufleute und Bankerottierer,
verkannte Witzlinge und Sandführer verschiedener Art saßen um ihn
geschart und jubelten und sangen, als ob das tausendjährige Reich da
wäre. Aber je lustiger sie wurden, desto ernster sah Jukundus aus, und
nicht das leiseste Lächeln überflog sein trauriges Gesicht; er gedachte
der Tage, wo er auch froh gewesen und harmlos sich des Lebens gefreut,
und alles war dahin! Als nun der Wein den fröhlichen Gesellen immer mehr
die Zungen löste und die Besonnenheit ersterben ließ, fingen sie an,
ihre Schicksale und Taten zu besprechen und das Unrecht zu erzählen, das
sie erduldet. Es erhob sich jedoch da oder dort ein Widerspruch des
einen gegen den andern, oder die Auflehnung eines dritten, die
Einsprache eines vierten, die nähere Erläuterung eines fünften, woraus
ein wirrer Lärm gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen wurde und für
den unbefangenen Zuhörer sich ergab, daß es sich um ein ziemlich
ausgebreitetes und verknotetes Gewebe von geringen wenig rühmlichen
Verrichtungen handelte, wegen welcher alle sich gegenseitig die
ausgezeichnetsten Spitzbuben schalten, und zwar in einer so künstlichen
Durch- und Überkreuzung, daß wenn man, etwa nach Art der Chladnischen
Klangfiguren, ein sichtbares Bild davon hätte machen können, dieses die
schönste Brüsseler Spitzenarbeit dargestellt hätte, oder das zierlichste
Genueser Silberfiligran, so wunderbar und mannigfaltig sind Gottes
Werke.

Jukundus bemühte sich, zuerst aus Liebe, dann von Verwunderung bewegt,
das Gewebe zu verstehen und zu entwirren, und sein Gesicht wurde immer
ernsthafter, je deutlicher und gewisser ihm seine abermalige
Leichtgläubigkeit wurde. Als das bedenkliche Kreuzgespräch immer lauter
und drohender wurde und an verschiedenen Punkten in Tätlichkeiten
überging, so daß mehrere Paare sich schon an den Kehlen gepackt hielten
oder sich an den Bärten zerrten, immer hinter dem Tische sitzend,
schritt der kundige Wirt mit einem sichern Mittel ein, den ausbrechenden
Sturm zu beschwören. Er besetzte hurtig den Tisch mit einem bereit
gehaltenen zweiten Essen, welches aus groben, aber reichlichen
Salatspeisen bestand, gemacht von Ochsenfüßen, von Bohnen, Kartoffeln,
Zwiebeln, Heringen und Käse. Kaum erblickten die Streitenden diese
Erquickungen, so beruhigten sie sich und setzten sich in tiefstem
Schweigen, welches nicht eher gebrochen wurde, als bis alles aufgezehrt
war.

Dann aber erfolgte eine feierliche allgemeine Versöhnung, wie nach einem
geistlichen Liebesmahl, und alle beklagten die Torheit, sich dergestalt
einander selbst angefallen zu haben, während Eintracht so nottue.

Viel besser und zweckmäßiger wäre, hieß es, wieder einmal über einen
Volksfeind und Unterdrücker Gericht zu halten und eine lustige Jagd nach
einem solchen einzuleiten. Noch mancher laufe ungebeugt und trotzig
herum oder halte sich geduckt, in der Meinung, daß das Wetter an ihm
vorübergehe. Allein Zeit sei es, ihn jetzt hervorzuziehen, und Zeit sei
es, den Schrecken zu erneuern.

Ein solches Vorgehen wurde im Grundsatz beschlossen und sodann zur
Benennung der einzelnen Opfer geschritten, welche um Glück und Ehre
gebracht werden sollten. Es waren bald zwei oder drei Namen solcher
Personen gekürt, welche diesem oder jenem aus der Gesellschaft irgend
einmal in den Weg getreten und deshalb von ihm gehaßt waren. Wie man
aber die Art und Weise des Angriffes und die anzugreifenden Schwächen
und Vergehen der Betreffenden festsetzen wollte, wußte die Versammlung
sich nicht zu helfen, entweder weil die Erfindungsgabe nicht mehr
lebendig genug war oder weil die natürliche Klugheit der Ratschlagenden
in der späten Nachtstunde etwas Not gelitten hatte. Nachdem manches
Vergebliche und Gehaltlose vorgeschlagen und verworfen worden, rief
endlich einer: da muß das Ölweib wieder helfen, es geht nicht anders!

Jukundus, der immer aufmerksamer wurde, fragte, wer oder was das Ölweib
sei? Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklärt, die man so nenne nach
der biblischen Witwe mit dem unerschöpflichen Ölkrüglein, weil ihr der
gute Ratschlag und die üble Nachrede so wenig ausgehe, wie jener das Öl.
Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr über einen Menschen vorzubringen
und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen Hütte
wohne, immer noch ein Tröpflein fetten Öles hervorzupressen, denselben
zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenig Tagen das Land mit einem
Gerüchte anzufüllen.

Jukundus anerbot sich, die Mission zu übernehmen und zu dem alten Ölweib
zu gehen, was ihm fröhlich gewährt wurde. Er ließ sich die Namen der
Opfer, welche fallen sollten, deutlich vorsagen. Es betraf, soviel ihm
bewußt war, rechtliche Leute, die noch nicht viel von sich reden
gemacht, und er schrieb sie genau und sorgfältig in sein Taschenbuch.

Hierauf bestellte er eine neue Ladung guten Wein, um die Gesellschaft zu
weiterer Redseligkeit anzufeuern, und lehnte sich seufzend zurück, um
zuzuhören.

Allein die Herren waren jetzt der ernsteren Arbeit müde und wieder mehr
zum Singen geneigt, und sie sangen mit hoher Stimme die ersten Verse
aller ihnen bekannten Lieder.

Der Saal, in welchem sie sich befanden, war groß, aber sehr niedrig und
mehr dunkel als hell, und seltsam verziert. Denn der Wirt hatte aus
einem größeren Hause eine abgelegte Tapete gekauft und seinen Saal damit
austapeziert.

Dieselbe stellte eine großmächtige und zusammenhängende
Schweizerlandschaft vor, welche um sämtliche vier Wände herumlief und
die Gebirgswelt darstellte mit Schneespitzen, Alpen, Wasserfällen und
Seen. Da aber der Saal, für welchen dieses prächtige Tapetenwerk früher
bestimmt gewesen, um die Hälfte höher war, als der Raum, in welchen es
jetzt verpflanzt worden, so hatte zugleich die Decke damit bekleidet
werden können, also daß die gewaltigen Bergriesen, nämlich die Jungfrau,
der Mönch, der Eiger und das Wetterhorn, das Schreck- und das
Finsterarhorn, sich in ihrer halben Höhe umbogen und ihre schneeigen
Häupter in der Mitte der niedrigen Zimmerdecke zusammenstießen, wo sie
jedoch von Dunst und Lampenruß etwas verdüstert waren. An der Wand
hingegen thronten die grünen Alpen mit roten und weißen Kühen besäet,
weiter unten leuchteten die blauen Seen, Schiffe fuhren darauf mit
bunten Wimpeln, auf Gasthofterrassen sah man Herren und Damen spazieren
in blauen Fräcken und gelben Röcken und mit altmodischen hohen Hüten.
Auch standen Soldaten gereiht mit weißen Hosen und schönen Tschakos; bei
einer ganzen schnurgeraden Reihe war das linke rote Wänglein ein wenig
neben die gehörige Stelle abgesetzt oder gedruckt durch den
Tapetendrucker, was der kommandierende Oberst mit seinem großen Bogenhut
und ausgestrecktem Arm eben zu mißbilligen schien; denn die halbwegs
neben den leeren Backen stehenden roten Scheibchen waren anzusehen, wie
der aus der Mondscheibe tretende Erdschatten bei einer Mondfinsternis.

Auf dem ganzen gemalten Lande herum ging jedoch in der Höhe eines
sitzenden Mannes eine dunkle Beschmutzung von den fettigen Köpfen der
Stammgäste, die sich im Verlaufe der Zeit schon daran gerieben hatten.

Plötzlich entdeckte ein bleicher Genosse, der vorzugsweise als der
Idealist bezeichnet wurde, das gemalte nächtliche Tapetenvaterland und
benutzte es sofort zu einem feurigen Trinkspruche auf das herrliche,
teure, das schöne Vaterland, das den Verein wackerer Eidgenossen hier so
recht als engere Heimat umschließe. Und da auch diese Armen im Geiste
und an Glück das Vaterland liebten, so fand er einen lauten Wiederhall
und es wurden alle bekannten Vaterlandslieder angestimmt. Nur einige
ungerührte Gesellen machten sich nichts daraus und schleuderten, da sie
eben Heringe aßen, die Heringsseelen geschickt an die ewigen Eisfirnen
empor, die über ihren Häuptern hingen, daß jene dort kleben blieben.

Hierüber murrten die andern und der ideale Redner verwies den Übeltätern
ihre gemeine Gesinnung und rief, sie hätten ihre eigenen Heringsseelen
dem Vaterlande ins Angesicht geschleudert und die reinen Alpenfirnen
beschmutzt. Doch jene lachten nur und riefen: »Selbst Heringsseelen!« so
daß es abermals Streit und Lärmen gab.

Jukundus legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf und seufzte
tief.

Jetzt ertönte mitten in dem Tumulte die dünne Fistelstimme eines
gewesenen Gemeindesäckelmeisters, der vergeblich jenes Lied zu singen
suchte, welches Jukundus auf dem Wege zum Gesangfeste durch den Wald
gesungen hatte; endlich besann sich der Sänger auf die Schlußworte und
kreischte in schrillem Tone:

     In Vaterlandes Saus und Brause,
     Da ist die Freude sündenrein,
     Und kehr' ich besser nicht nach Hause,
     So werd' ich auch nicht schlechter sein!

Da erinnerte sich Jukundus des schönen und glücklichen Tages, an dem er
Justinen zum ersten Male gesehen hatte, und verbarg sein Gesicht noch
tiefer, indem er mit Mühe bittere Tränen zurückhielt.

       *       *       *       *       *

Inzwischen gedachte auch Justine mit größerer Sehnsucht der Tage, wo sie
dem Jukundus zuerst begegnet war, und sie hätte ihn gern aufgesucht und
ihr Unrecht gut gemacht, wenn nicht immer die Verhältnisse dazwischen
getreten wären. Vorerst war sein Anschluß an die Volksbewegung und sein
besonderer Umgang mit dem verlorenen Häuflein das Hindernis, weil ihre
ganze Familie und Freundschaft auf der anderen Seite stand und man dort
nur die düstersten Anschauungen von der Sache hegte.

Sie hatte sich daher, um ihre Gedanken zu beschäftigen und ihr Gemüt zu
befriedigen, mit erneutem Eifer dem Pfarrer und der kirchenpflegerischen
Tätigkeit hingegeben und ihr Wirken auch auf weltliche Dinge ausgedehnt.
Sie wurde Vorsteherin nach allen möglichen Richtungen hin und brauchte
jetzt viele und gute Schuhe, die sie sich stärker als früher anfertigen
ließ, da sie stets auf der Straße zu sehen war von Schule zu Schule, von
Haus zu Haus, von Sitzung zu Sitzung. Bei allen Zeremonien und
Verhandlungen, öffentlichen Vorträgen und Festlichkeiten saß sie auf den
vordersten Bänken, aber ohne daß sie Ruhe gefunden hätte oder das
leiseste Lächeln auf ihr blasses Gesicht zurückgekehrt wäre. Die Unruhe
trieb sie selbst wieder in einen musikalischen Verein, den sie seit
lange verlassen, und sie sang ernsten Gesichtes und mit wohltönender
Stimme, ohne jedoch die mindeste Fröhlichkeit zu erreichen. Der Arzt
wurde sogar bedenklich und sagte aus, der melodisch vibrierende Klang
ihrer Stimme lasse auf beginnende Brustkrankheit schließen und man müsse
zusehen, daß sie sich schone.

Alle fühlten wohl, was ihr fehle, wußten ihr aber nicht zu helfen und
wurden unversehens selber hilfsbedürftig; denn es brach eine jener
grimmigen Krisen von jenseits des Ozeans über die ganze Handelswelt
herein und erschütterte auch das Glorsche Haus, welches so fest zu
stehen schien, mit so plötzlicher Wut, daß es beinahe vernichtet wurde
und nur mit großer Not stehen blieb. Schlag auf Schlag fielen die
Unglücksberichte innerhalb weniger Wochen und machten den stolzen
Menschen die Nächte schlaflos, den Morgen zum Schrecken und die langen
Tage zur unausgesetzten Prüfung. Große Warenmassen lagen jenseits der
Meere entwertet, alle Forderungen waren so gut wie verloren und das
angesammelte Vermögen schwand von Stunde zu Stunde mit den
hochprozentigen Papieren, in welchen es angelegt war, so daß zuletzt nur
noch der Grundbesitz und einiges in alten Landestiteln bestehende
Stammvermögen vorhanden war. Aber auch dieses sollte dahingeopfert
werden, um die eigenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, welche im
Augenblicke des Sturmes bei dem großen Verkehre gerade bestanden.

Die Männer rechneten und sprachen miteinander bleich und still Tage und
Nächte lang, und die Hausordnung schien erstarrt zu sein. Die
Dienstboten arbeiteten ohne Befehl und bereiteten das Essen, aber
niemand aß oder wußte, was er aß. Die Uhren liefen ab und wurden
kummervoll aufgezogen, nachdem sie tagelang still gestanden. Die Zeit
mußte dann zusammengesucht werden, wie man in der Finsternis ein
Lichtlein am andern anzündet, um sehen zu können. Einige junge Kätzchen,
welche bis zum Tage des Unglücks der Zeitvertreib und das Spiel von alt
und jung gewesen waren, wurden plötzlich gar nicht mehr gesehen und
zogen sich mit ihren kleinen Sprüngen schüchtern in einen Winkel zurück,
und als nach geraumer Zeit einige Seelenruhe wieder in das Haus gekommen
war, wunderten sich alle, daß die Katzen unter ihren Augen auf einmal
groß geworden seien.

Als es hieß, daß, wenn die Ehre des Hauses gerettet und alle Schulden
bezahlt sein werden, nicht eines Talers Wert mehr im Besitze der Familie
bleibe und sie, gänzlich verarmt, von neuem anfangen müßten, stand die
Frau Gertrud, die Stauffacherin, und schlotterte an ihrem ganzen Leibe;
sie mußte niedersitzen.

Justine dagegen, Schreck und Furcht vor der Armut im Herzen, faßte
sogleich Gedanken der Selbsthilfe. Sie wollte mit ihren Kenntnissen
augenblicklich in die Welt hinaus und nicht nur sich selbst, sondern
auch Vater und Mutter erhalten, und sie entwarf abenteuerliche Pläne mit
fiebriger Hast.

Allein nun trat die Mutter wiederum auf und erklärte, daß sie einen
guten Teil des Vermögens als Weibergut beanspruche, um das Haus zu
retten und ein ferneres Bestehen möglich zu machen. Die Männer sollen
mit den Gläubigern ein Abkommen treffen, wie das fast an allen Orten
jetzt geschehe.

Die Männer schüttelten finster die Köpfe und sagten, das könnten und
wollten sie nicht tun; lieber wollen sie arm werden und auswandern und
in anderm Lande Tag und Nacht arbeiten, um wieder zu etwas zu kommen.

Doch die Stauffacherin hatte jetzt ihre Kraft und Beredsamkeit wieder
gewonnen; sie bestand auf ihrer Meinung und zeigte an mehreren
Beispielen, wie durch solch ein besonnenes Verfahren der Sturm
überstanden, die Zukunft gerettet und später auch jede billige
Verpflichtung noch gelöst und zu Ehren gezogen worden sei.

Alles dieses war gewissermaßen noch das Geheimnis des Hauses. Die vielen
Arbeiter kamen nach wie vor mit ihren Geweben und Gespinsten und
erhielten ihren Lohn und neue Arbeit, weil jede Entschließung angstvoll
hinausgeschoben wurde. Mit jedem Tage längerer Zögerung wankten die
Männer mehr in ihrem Vorsatze strenger Pflichterfüllung, bei welcher sie
als wahrhaft Freie vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchten.
Schon war die Stauffacherin im Begriffe, obzusiegen und in der festen
Überzeugung, daß sie nur im besten Rechte handle, denn sie besaß ein
Weibergut; da stiegen aber die Alten vom Berge herunter, der Ehgaumer
und seine Frau, um gegen die Machenschaft aufzutreten und sie zu
verhindern. Der Alte konnte nicht sprechen, weil er von dem den Kindern
widerfahrenen Unheil, selber stark am Besitze hängend, angegriffen war.
Er setzte sich hustend auf einen Stuhl und hieß die Alte reden.

Diese legte ein Bündel vergilbter Pfandbriefe auf den Tisch und sagte,
da brächten sie, die Alten, was sie erhauset, um den guten Namen retten
zu helfen; aber es müßten alle Schulden bezahlt werden und keine
Machenschaft mit dem Frauenvermögen dürfe stattfinden. Sie sprach mit so
beredten und starken Worten, daß sie in ihrer weißen Zipfelhaube die
wahre Stauffacherin zu sein schien und die letztere sich weinend ans
Fenster stellte.

Solcher Kleinmut wurde ihr von der Alten verwiesen, die aber
gleichzeitig bemerkte, daß in dem wohleingerichteten Zimmer, wo die
ganze Familie sich eben befand, das Klavier und die Spiegeltische mit
Staub bedeckt waren; und unverweilt begann sie, denselben mit ihrem
Schnupftuche abzuwischen.

Die Familie entschloß sich zu der strengen, gegen sich selbst harten
Handlungsweise und blieb in Frieden und Ansehen. Der freie Grundbesitz
wurde verpfändet und der Geschäftsverkehr nicht unterbrochen; allein zur
Zeit waren alle Glieder des Hauses arm, wie die Kirchenmäuse, und keines
hatte einen Franken für etwas Unnötiges oder für eine Liebhaberei
auszugeben.

So fiel auch die Vorsteherschaft und der Glanz Justinens in Kirche und
Gesellschaft dahin und sie hielt sich still und beschämt im verborgenen.
Sie ertrug aber diese gänzliche Mittellosigkeit nicht und verschaffte
sich im geheimen, nach Art verarmter Frauen aus der oberen Schicht,
allerlei feine weibliche Handarbeit, um einiges Taschengeld zu
verdienen. Sie wußte dabei nicht, daß sie der ganz hilflosen Witwe, der
verlassenen Waise, die sich auf gleiche Weise kümmerlich nährte, das
Brot vor dem Munde wegnahm, um ihrem Triebe nach Besitz genug zu tun. Je
merklicher sich die bescheidenen Geldsümmchen vermehrten, welche sie so
erwarb, desto eifriger und fleißiger war sie bei der Arbeit, die sie mit
ihrer Energie und Geschicklichkeit in beträchtlicher Menge an sich zog
und bewältigte, also daß die Leute, welche die Ware bestellten und
verkauften, ihr von derselben kaum genug zuwenden konnten und sie
anderen entziehen mußten.

Die unausgesetzte Beschäftigung war ihr umso lieber, als sie während der
Arbeit ihren schweren Gedanken entweder nachhängen oder dieselben
zerstreuen, die schwachen Hoffnungen auf ein wiederkehrendes Glück
erwägen konnte. Die Mutter war mit im Geheimnis; sie hatte in ihrem
Stolze zuerst dagegen angekämpft; doch als sie in Justinens Erwerb für
sich selbst auch die Mittel fand, manche Nebenausgabe zu bestreiten, für
die sie die Kasse der ängstlich und verdrossen arbeitenden Männer nicht
mehr anzusprechen wagte, fügte sie sich leicht dem Sinne der Tochter.

Allein Vater und Brüder wurden endlich aufmerksam; sie wunderten sich,
wo die vielen Stickereien und Strickarbeiten eigentlich blieben, die
unaufhörlich zu stande kamen und gerieten schließlich hinter das
Geheimnis. Nun wollten sie aber, während sie sich alle Entbehrungen
auferlegten und ihre Wagen, Luxuspferde und dergleichen alles verkauft
hatten, doch nicht für Leute gelten, die nicht mehr vermöchten, ein paar
Weiber zu erhalten, und fanden es ungehörig, daß diese selber um
Handarbeit ausgingen, indessen arme Arbeiterinnen solche im Hause
suchten und fanden.

Die Sache wurde daher mit Entschiedenheit unterdrückt, Justine
angewiesen, für ihre Bedürfnisse, wie früher, das Nötige zu verlangen
und sich keinen Zwang anzutun; denn sie wisse ja, daß sie um diesen
Preis nicht feil sei. Justine jedoch konnte in ihrem gefangenen Sinn
nicht über die Frage hinwegkommen. Sie verfiel immer mehr in die kranke
Sucht nach Selbständigkeit, welche die Frauen dieser Zeit durchfiebert
wegen der etwelchen Unsicherheit, in welcher die Männer die Welt halten.
Sie grübelte und brütete und entwarf zuletzt den Plan, anderwärts als
Lehrerin ein Unterkommen zu suchen. Wenn sie dabei an die Hauptstadt mit
ihren zahlreichen Schulanstalten dachte, so wirkte die stille Hoffnung
mit, dort eher ihrem Manne wieder begegnen zu können als im Elternhause,
wo jetzt härter über ihn geurteilt wurde als früher, obwohl bekannt war,
daß es ihm nun gut gehe.

Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so zögerte sie nicht, ihn auszuführen,
und begab sich zu dem Pfarrer, um dessen Rat und Vermittlung zu finden.
Erst auf dem Wege nach dem Pfarrhof fiel ihr ein und auf, daß der
geistliche Herr, der sonst ein Freund des Hauses gewesen, seit dem
Unfall, der es betroffen, nie mehr in demselben erschienen war, daß er
auch niemandem gemangelt und niemand daran gedacht hatte, sich ihm
mitzuteilen und seinen Trost zu hören.

Eine fröstelnde Empfindung durchschauerte sie, als sie ferner plötzlich
bedachte, daß sie selber seit mehreren Monaten nicht mehr in der von ihr
geschmückten Kirche gewesen sei. Sie stand still und suchte sich den
seltsamen Zustand zurechtzulegen, aber es gelang ihr nicht in der
Schnelligkeit. Umso rascher eilte sie wieder vorwärts, wie um Licht zu
gewinnen.

Im Pfarrgarten traf sie die Gattin des Geistlichen, eine unbeachtete
Frau, welche gelassen Petersilie pflückte, und vernahm von ihr, daß er
soeben vom Besuche eines Sterbenden zurückgekehrt sei und etwas unwohl
scheine. Doch möge Justine nur hinaufgehen, ihr Besuch werde ihn gewiß
freuen. Unverweilt eilte sie nach seinem Studierzimmer und trat, wie sie
gewohnt war, nach kräftigem Klopfen rasch ein.

Er saß erschöpft und bleich in seinem Lehnstuhl und stützte den Kopf auf
die Hand. Als er sich wandte und aufstand, schien er ihr auch abgemagert
und leidend zu sein.

»Sie sehen,« sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrüßt, »daß ich
auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklären, warum
ich mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr
als Sie denken, im gleichen Spitale krank, wie Sie und die Ihrigen!«

Als Justine sich verwundert eine deutlichere Auskunft erbat, fuhr er
fort: »Ich habe reich werden wollen und habe daher im Umgange mit den
Ihrigen, in Ihrem Hause, gelauscht und mir gemerkt, auf welcherlei Weise
die Vermögenssummen dort verwendet werden; ich habe mir die
Handelspapiere aufgeschrieben, von welchen der größte Gewinn erwartet
wurde, und ich habe die Operationen, die ich machen sah, im geheimen
nachgeäfft mit dem mäßigen Vermögen meiner Frau, und als ich ahnte, daß
das Haus Glor erschüttert war, wußte ich zugleich, daß ich selbst alles
verloren und das Erbe meiner Gattin und ihrer Kinder vergeudet und
verspielt hatte. Sie weiß es noch nicht und ich darf es niemandem sagen,
wenn ich nicht meinen Stand verunehren will. Aber Ihnen gegenüber, da
Sie mir so unversehens erscheinen, drängt es mich zur Offenheit!«

Justine war erschrocken; dieser neue Verlust machte ihr aufrichtigen
Ärger und Verdruß, und sie sagte daher etwas unwillig: »Aber was in
aller Welt hat Sie denn gezwungen, in Handelsgeschäften zu wagen, da Sie
ein Pfarramt und Einkommen besitzen?«

»Ich habe Ihnen gesagt,« erwiderte der Pfarrer mit Traurigkeit, »daß ich
meinen Stand nicht bloßstellen dürfe durch das Eingestehen meiner
lasterhaften Torheit, und ich gehöre diesem Stande innerlich nicht
einmal mehr an, ich habe ihn verlassen und darum reich werden wollen, um
unabhängig leben zu können! Nach jenem Unglücksabend, an welchem ich
hier mit Ihrem Manne gestritten hatte, war mir ein Stachel im Herzen
geblieben, den ich vergeblich hinausreden und wegtrotzen wollte. Ich
sah, wie Jukundus bei allem Un- und Mißgeschick religiös so unbeirrt und
unbescholten dahin wandelte, und ich konnte nicht umhin, alles zu
überdenken und zu prüfen, was ich leider mit Beziehung auf die sittliche
Seite der Sache in Ansehung des eigenen Herzens seit Jahren nicht mehr
getan hatte. Ich fand, daß ich nicht religiös oder christlich mehr lebe
und kein Priester mehr sei!

»Ich mußte mir gestehen, daß ich jahraus, jahrein, sobald ich allein
war, nicht den leisesten Trieb fühlte, des gekreuzigten Mannes zu
gedenken, dessen Namen mein Lebensberuf trug und der mich ernährte, daß
mein Herz und alle meine Sinne nur an der Welt und ihren
Annehmlichkeiten, wenn Sie wollen, auch an ihren Mühen und Pflichten
hing, aber ohne daß der leiseste Schauer eigener persönlicher Andacht,
die geringste Furcht vor dem, den wir handwerksmäßig als unsern Herren
und Erlöser verkündeten, an mich herantrat, sei es Tag oder Nacht
gewesen.

»Ja, wenn ich zuweilen noch, ohne vom Berufe dazu veranlaßt zu sein,
der von mir für so geheiligt ausgegebenen Person Christi in der
Einsamkeit gedachte, so geschah es mehr mit dem hochmütigen Sinn eines
Schutzherrn, der sich etwa eines armen Teufels annimmt und ihm im
Vertrauen sagt: »Lieber, du machst mir viele Mühe!«

»Ich empfand endlich, daß ich ein beifallsdurstiger Wohlredner und
Schwätzer geworden sei, ohne es zu merken; daß ich, wenn ich nicht den
goldenen Schlüssel eines wirklichen jenseitigen Gotteswortes besaß, vom
Geheimnis meines Nebenmenschen nicht mehr verstand und nicht mehr Gewalt
über sein Gemüt hatte, als ein Kind, ja, daß ich wegen der Halbwahrheit
und des Doppelsinns meiner Worte auch einem Kinde gegenüber in schlimmer
Lage war.

»Ich fing an, mich des gedankenlosen Beifalls zu schämen, der mir
entgegengetragen wurde; dazu war es mir des Handwerks wegen unmöglich,
meine Gedanken für mein stilles Inneres, für den eigenen Frieden zu
ordnen, weil sich das mit der lauten Gewaltsamkeit und den Anforderungen
des Standes nicht vertrug, und darum wollte ich ihn verlassen und meinen
fadenscheinigen Reformatorenrock an den Nagel hängen.

»Das ist mir nun unmöglich geworden, wenigstens für jetzt, weil ich
mich, indem ich auf dem Wege des Reichtums fliehen wollte, sogar der
Mittel beraubt habe, eine nährende Existenz mit einiger Sicherheit zu
gründen.«

Justine saß wie versteinert; sie war gekommen, Rat und Beistand zu
holen, und sah wieder eine Stütze, einen Lebensinhalt dahinsinken; denn
wie ein Blitz leuchtete es in sie hinein, wie es mit diesen Dingen stand
und warum sie selbst im Unglück ihre bunte Kirche nicht gesucht hatte.
Eine bittere Qual stieg in ihrer arbeitenden Brust auf; aber sie konnte
derselben nicht nachgeben, weil ein noch stärkeres Mitgefühl jetzt
gefordert wurde, als der Geistliche in Tränen ausbrach und sagte:

»Heute ist mir nun das Äußerste widerfahren, ich bin von einem
Sterbebette hinweggewiesen worden! Eine zähe Greisin ringt seit vielen
Stunden mit dem Tode, welche eigensinnig alle ihre Kinder wiederzusehen
hofft, besonders ihren im Elend gestorbenen ältesten Sohn. Ich komme
hin, voll Sorgen und zerstreut, und halte, indem ich mich anschicke,
meine selbstverfaßten, wie Sie wissen, etwas pantheistisch klingenden
Sterbegebete zu verrichten, auf ihre an mich gerichteten Fragen nach der
Gewißheit des ewigen Lebens haltlose, unsichere Reden, so daß die
Sterbende mir den Rücken kehrt und die Umstehenden, vom Arzte
unterstützt, mich zur Seite führen und leise ersuchen, meine
seelsorgerische Funktion hier einzustellen.«

Diesen Vorgang erzählte der Pfarrer mit abgebrochenen Worten und
bedeckte am Schlusse das Gesicht mit seinem Taschentuche. Er war so
erschüttert, weil keiner auch von einer unbeliebten Berufsart sich gerne
nachsagen läßt, daß er sie nicht nach den Regeln der Kunst auszuüben
verstehe.

Auf die entsetzte Justine machte die Szene einen Eindruck, als ob sie
einen Berg einstürzen sähe. Was ihr einen felsenfesten Bestand zu haben
schien, sah sie wanken und vergehen mit dem Selbstvertrauen dieses
Priesters und beim Anblick seiner Tempelflucht. Sie empfand wohl die
drückende Wucht, welche in dem unscheinbaren, noch verborgenen Vorgang
lag, der da, dort, an hundert Punkten vielleicht bald sich wiederholte,
aber sie verstand dessen allgemeine Bedeutung nicht und fühlte nur den
schmerzlichen Druck.

Verwirrt, ratlos ging sie fort, ohne ihr Anliegen, das sie hergeführt,
vorzubringen oder den Pfarrer mit Trostreden beruhigen zu wollen. Erst
auf der Straße, je mehr sie die Äußerungen des Geistlichen überdachte
und mit frühern vereinzelten Worten und Vorfallenheiten zusammenhielt,
fing es sie recht an zu frieren. Sie ward inne, daß sie zunächst keine
Kirche mehr hatte, und in ihrem Frauensinne, durch die Macht der
Gewohnheit wurde es ihr zu Mut wie einer verirrten Biene, welche in der
kalten Herbstnacht über endlosen Meereswellen schwebt. Vom Manne
verlassen, das Gut verloren, und nun auch noch ohne kirchliche
Gemeinschaft: das alles zusammen schien ihr einer fast ehrlos machenden
Ächtung gleich zu kommen.

Die Kirchenlosigkeit, so äußerlich ihre Kirchlichkeit gewesen, schien
ihr alle übrige Mißwende einzuschließen und zu besiegeln, und
merkwürdigerweise glaubte sie jetzt dem Pfarrer aufs erste Wort, daß
nichts in seinem Tabernakel sei, während sie ihres Mannes Anschauungen
nie hatte annehmen wollen, eben weil er keine geistliche Autorität für
sie besaß.

Sie wandelte lautlos nach Hause, nahm dort, um die nächste Stunde
zuzubringen und auszufüllen, ein Strickzeug und setzte sich damit an ein
Gartentor dicht an die Straße, wie um zu zeigen, daß sie noch da sei und
sich nicht zu scheuen brauche. Aber sie sprach mit niemandem und sah
bleich auf ihre Arbeit, während ihre Lippen mechanisch die Strickmaschen
zählten.

Der Abend nahte heran, auf dem still glänzenden See fuhren Schiffe
heimwärts und auf der Straße wanderten Arbeitsleute vorüber, ohne daß
Justine aufblickte, bis ein steinaltes Weiblein, welches mühselig daher
gepilgert kam, vor ihr stillstand, um auszuruhen und Atem zu holen. Das
Wesen trug einen hohen gelben Strohhut auf dem Kopfe, einen kurzen roten
Rock und solche Strümpfe, auf dem gekrümmten Rücken ein weißes Säcklein
und in der Hand einen Stab und stellte sich so als eine Pilgerin dar,
die aus ferner Gegend kommend nach dem berühmten Wallfahrtsorte
wanderte, der wenige Stunden weiter im Gebirge gelegen war.

Als Justine sah, daß das Mütterchen kaum mehr stehen konnte, hieß sie
dasselbe zu ihr auf die Bank sitzen. »Das will ich gern tun, wenn Ihr's
erlaubt, schöne Frau!« sagte die Pilgerin und säumte nicht, sich neben
ihr niederzulassen. Auch kramte sie sogleich in ihrem Reisesack und zog
ein Stück Brot hervor, indem sie sich nach einem Brunnen umsah, der ihr
einen Trunk Wasser dazu böte. Justine holte aber ein Glas guten alten
Weines im Hause und gab es ihr, und sie labte sich vergnüglich daran.

»Warum geht Ihr in Eurem Alter so allein auf der heißen, harten Straße,
während alle andern Wallfahrer auf der Eisenbahn und den Dampfschiffen
reisen und bequemlich beieinander sitzen?« fragte Justine.

»Ei, das wäre ja kein Verdienst und kein Opfer für mich arme Sünderin!«
antwortete die Pilgerin; »die andern, die reisen heutzutage mehr zur
Lust und aus Vorwitz und verrichten allenfalls am Gnadenort ein
nützliches Gebet. Ich aber wandere auf meinen alten Füßen zur
allerseligsten Maria Mutter Gottes, und da bin ich nicht nur vor ihrem
heiligen Altare bei ihr, sondern auf dem ganzen langen Wege begleitet
sie mich auf jedem Schritt und Tritt und hält mich aufrecht, wenn ich
sinken will, wie eine gute Tochter ihre alte schwache Mutter! Eben jetzt
hat sie mir durch Eure weiße Hand diesen stärkenden Trunk gereicht! Wenn
Ihr wüßtet, wie süß und lieb sie ist, wie schön, wie glänzend! Und
welche Macht besitzt sie, welche Klugheit! Für alles weiß sie Rat und
alles kann sie!«

Während solcher Lobpreisung ließ das Mütterchen seinen Rosenkranz nicht
einen Augenblick aus der Hand. Neugierig sah ihr Justine zu, wie sie
fortwährend mit den Kugeln spielte, und verlangte zu wissen, in welcher
Weise man ihn gebrauche und um die Hand wickle. Die Alte zeigte es ihr
sogleich und wand ihr die ärmliche Kugelschnur um die Hände. Justine
hielt diese einige Augenblicke nachdenklich gefaltet und schaute so in
Gedanken verloren vor sich hin; dann schüttelte sie aber langsam den
Kopf und gab der Pilgersfrau ihren Rosenkranz zurück, ohne ein Wort zu
sagen.

Das Pilgerweiblein wollte nun nicht länger ruhen, sondern noch ein gutes
Stündlein weiter gehen, ehe es die Herberge aufsuchte, und so bedankte
es sich, versprach für die gute schöne Frau ein Gebet zu verrichten, ob
sie es wolle oder nicht, und wanderte auf den schwachen Füßen in den
dämmernden Abend hinaus, so wohlgemut und sicher, wie wenn es zu Hause
in seiner Stube herumginge.

Justine lehnte sich zurück und sah der roten, schwankenden Gestalt nach,
bis sie in dem blauen Schatten des Abends verschwand.

»Katholisch!« rief sie, sich selbst vergessend, und versank wieder in
tiefe suchende Gedanken; und sie schüttelte abermals das Haupt.

Aber ihre obdachlose Frauenseele suchte fort und fort; sie ging
ungegessen zu ihrem Lager und brachte schlaflos die Nacht zu. Sie konnte
jetzt nicht einmal mehr sagen, sie sei arm wie eine Kirchenmaus, da sie
nur mehr eine wilde Feldmaus war. In dieser Not erinnerte sie sich einer
kleinen armen Arbeiterfamilie, einer Witwe mit ihrer Tochter, welche im
Rufe einer ganz eigentümlichen Frömmigkeit standen und unter den
armseligsten Umständen einer vollkommenen Zufriedenheit und Seelenruhe
genossen, so daß der Pfarrer selbst, obgleich sie einer wie er sagte
törichten und unwissenden Sekte angehörten, von ihnen geurteilt hatte,
sie könnten ganz gut einen Begriff von den Urchristen der ersten Zeit
geben. Die beiden Personen hatten früher in Schwanau gelebt und die
Tochter hatte in den Glorschen Fabriksälen gearbeitet. Justine, welche
eine gewisse Zuneigung zu den Leutchen empfunden, war zu verschiedenen
Malen von dem Vorsatze, dieselben zu bekehren und für ihre artig
eingerichtete und verständige Kirche zu gewinnen, unwillkürlich
abgestanden, sobald sie an die Ausführung hatte gehen wollen; dann waren
Mutter und Tochter aus der Gegend weg und in die Nähe der Hauptstadt
gezogen, und jetzt beschloß die schlaflose Justine, sie aufzusuchen und
das Geheimnis ihres Friedens und ihres Glaubens zu erforschen und ihrer
Glückseligkeit teilhaftig zu werden, wenn es möglich wäre. Sie beschloß
auch, das schon am nächsten Tage ins Werk zu setzen.


Viertes Kapitel

Am Morgen, der einen schönen Tag ansagte, stand Justine denn auch in
aller Frühe auf und rüstete sich zum Wandern; denn sie wollte, obschon
sie beinahe drei Stunden weit zu gehen hatte, demütig zu Fuß pilgern,
angeregt ohne Zweifel von dem wallfahrenden Mütterchen und weil sie so
am ehesten ihren Gedanken überlassen war. Sie zog ein Paar ihrer
ehemaligen starken Vorsteherinnenschuhe an, welche ihr jetzt trefflich
zu statten kamen, und belud sich auch mit einem Korbe, in welchem sie
für die guten Urchristen eine Gabe barg, eine Flasche guter reiner
Sahne, ein frisches Weizenbrot, ein Dütchen Schnupftabak für die
Mutter, welche, wie sie wußte, trotz ihrer Weltentsagung gerne ein
Prischen nahm, wenn sie es haben konnte und für die Tochter ein Paar
gute neue Strümpfe. So schürzte sie ihr Kleid und begab sich auf den
Weg, statt des Pilgerstabs freilich einen Sonnenschirm in der Hand, der
ihr nebst dem breitrandigen Strohhut genugsam Schatten gab.

Sie überlegte sich während des Gehens noch alles, was sie von den Frauen
wußte, und befreundete sich immer mehr mit dem gefaßten Vorsatze.

Die Mutter Ursula war als arme Dienstmagd in die Gegend gekommen und
hatte still und brav ihrer Pflicht gelebt. Allein sie liebte damals, wie
sie sagte, die Welt und gab einem Sohn wohlhabender Landleute, gerührt
von seiner Gutmütigkeit und Herzenseinfalt, Gehör, also daß sie sich
zusammentaten, arm wie die Tierlein des Feldes, und ein Paar wurden.
Denn der Mann wurde sofort von den Seinigen verstoßen und verlassen, und
sie gaben ihm nicht einmal einen leeren Holzkorb mit. Sie lebten nun
kümmerlich als Tagelöhner in einer elenden entlegenen Hütte und waren
verlassener, als alle Robinsone auf ihren Inseln. Sie lenkten mit ihrer
Einfalt und Geduld alle Hartherzigkeit der Menschen auf sich, mitten in
einer reichen und christlich milden Landschaft, wie der Magnet das
Eisen; alles, was von hochmütigem Mißverstand ringsum vorhanden war,
schien sich vereinigt gegen die Armen zu richten, so daß einer den
andern am Helfen hinderte und sie noch dazu lachten; und niemand wußte
warum, wie es in der Welt so gehen kann.

Das Frauchen war aber immer noch von Weltlust erfüllt. Sie lockte eine
dicke Bauernkatze, die in der Nähe der Hütte im Felde schlich, zog ihr
das Pelzröcklein aus und sott sie im Wasser, um den schwarzen Hunger zu
stillen; auch nahm sie sorglich das Fett ab zum Kochen einiger
Wassersuppen für den Fall, daß ein wenig Mehl oder Brot ins Haus käme.
Allein diese Gewalttat wurde entdeckt und die Geldbuße, welche der Frau
dafür auferlegt wurde, nahm den Lohn eines ganzen Monats hinweg, welchen
der Mann endlich nach langem Suchen bei einem Straßenbau hatte erwerben
können. Deshalb trank derselbe in seiner gutmütigen Einfalt, auf den Rat
anderer, vom nächsten Lohn sogleich einen Rausch, ehe man ihm das Geld
nehmen konnte, und wurde dabei von einer unterhöhlten Erdlast
erschlagen, da er nicht rechtzeitig vor dem Sturze floh. Damit war aber
auch die Zeit der Sünde und der Weltlust für die Frau Ursula vorüber.

Um jene Zeit waren ärmliche namenlose Prediger erschienen, welche unter
dem geringen Volke für irgend eine Sekte Anhänger suchten und die
bekehrten Leute tauften. Sie lehrten das reine ursprüngliche
Christentum, wie es nach ihrer Meinung ohne jede Gelehrsamkeit in der
Bibel zu finden war, wenn man nur jedes Wort ganz buchstäblich und zwar
in der deutschen Übersetzung, die ihnen zu Gebote stand, auffaßte. Die
Hauptsache war, daß in Tat und Wahrheit ein neues geheiligtes Leben
geführt werden müsse zu jeder Stunde des Tages und an jedem Orte, und
daß ferner die Gläubigen unter sich einen festen Verband der Liebe und
der gegenseitigen Anhänglichkeit bilden, um sich für die große Stunde
des verheißenen Weltgerichtes, das bald kommen werde, zu stärken und
bereit zu halten.

Diese Prediger sammelten bald eine Gemeinde um sich, bestehend aus
hilfsbedürftigen dunklen Seelen, aus natürlichen Kopfhängern, aus
schwachen Hochmütigen, welche selbst an ihrem geringen Orte einen
Standpunkt suchten, von welchem aus sie besser sein konnten, als der
Nachbar, aus guten Herzen, die ihre Liebe trieb, aus Unglücklichen, die
einen Trost zu finden hofften, der ihnen anderwärts nirgends blühte.
Einige von ihnen, wenn sie katholisch gewesen wären, hätten sich einfach
in ein Kloster gemacht, andere, wenn es ihre Lebensverhältnisse mit sich
gebracht hätten, wären Freimaurer geworden, wiederum andere, wenn sie
bemittelt und gebildet gewesen wären, hätten sich irgend einem
gemeinnützigen oder wohltätigen Verein oder einer gelehrten, oder einer
musikalischen Gesellschaft angeschlossen, um sich aus dem Staube des
gemeinen Lebens zu erheben. Alles dies ersetzte ihnen nun die stille
gläubige Genossenschaft; da fanden sie nicht nur die Heiligkeit und das
ewige Leben, sondern auch Kurzweil und Unterhaltung zur Genüge in
fortwährendem Reden, Lehren, Disputieren, Beten und Singen.

Allein sie waren keineswegs geschätzt und beliebt, sondern von allen
Seiten verfolgt und verlacht, von der Kirche, von den Freien, von den
Orthodoxen, von den vornehmeren Frommen, vom Volke, von den Behörden.
Besonders auf dem Lande wurden ihre Zusammenkünfte gestört und
auseinandersprengt, und die Unduldsamkeit, welche sich bei ihnen selbst
frühzeitig einnistete, wurde auch reichlich gegen sie geübt.

Am Orte, in welchem die arme Witwe wohnte, waren die Sektierer besonders
heftig verfolgt worden, und sie durften nicht mehr im Gemeindebann sich
versammeln. Sie hielten ihren Gottesdienst daher in einer Wildnis, in
dem abgelegenen Gemäuer einer zerstörten Zwingburg, welche man die
Teufelsküche nannte. Sie kehrten sich nicht an den neuen Spott, der
hiedurch gereizt wurde, und predigten und sangen gar andächtig zwischen
dem Gebüsch und Unkraut.

Ursula hörte in ihrer verfallenen Hütte eines Sonntag Abends die
frommen Lieder durch die stille Luft herübertönen, just von daher, wo
die goldenen Wolken über dem Walde standen. Es zog sie gar tröstlich,
dem Glanz und dem Tone nachzugehen; sie nahm also ihr zweijähriges
Töchterchen, das Agathchen, auf den Arm und ging, bis sie die verborgene
Versammlung fand, setzte sich bescheiden auf ein Trümmerstück im
Hintergrunde der Teufelsküche, das Kind auf dem Schoße in den Armen
haltend, und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
Verschiedene Prediger standen auf, welche neben der Verwaltung der
Heilslehre jeder ein schlichtes Handwerk trieben und das Wort selbst
auch ganz schlicht handhabten; denn noch kannten sie nicht einmal den
theologischen Unterschied zwischen Peter und Paul, und niemand wußte
hier so recht, wer eigentlich die Römer gewesen seien, deren Soldaten
den Heiland gekreuzigt haben.

Im Anfang war die arme Witwe vom Schatten einer Haselstaude bedeckt;
doch wie die Sonne tiefer sank, überstreute sie die Witwe und das Kind
mit spielenden Lichtern, und zuletzt leuchtete das Bild ganz übergüldet
aus dem feurigen Grün heraus. Dadurch fiel es dem Manne in die Augen,
der eben predigte. Er unterbrach sich, als er die still aufhorchende
Frau sah, und hieß sie mit lauter Stimme näher kommen und in dem Kreise
der Gläubigen Platz nehmen, also daß die ganze Gemeinde den Kopf wandte
und die Fremde wahrnahm.

Diese rührte sich aber nicht und blieb schüchtern sitzen, bis von einer
Reihe von fünf oder sechs älteren Waschfrauen, die an hervorragender
Stelle feierlich auf einem Baumstamme saßen, wie ebensoviel Bischöfe,
eine sich erhob und das verlorene Schäflein mit seinem Jungen abholte
und an der Hand herbeiführte.

So war sie nun in die Gemeinde aufgenommen und wuchs mit ihrem Kinde zu
einem angesehenen Mitgliede derselben heran, eigentümlich und
verschieden von allen andern, wie aus dem gleichen Erdreiche je nach
ihrer Art die verschiedensten Pflanzen wachsen.

Die Waschfrauen zunächst einverleibten sie ihrem Verbande und
verschafften ihr genügende Arbeit, so daß sie eine Wäscherin im Herren
wurde, welche in den Häusern vierzig Jahre lang ohne Aufhören schaffte
und sich abmühte Tag und Nacht, bis ihre Kräfte mehr als erschöpft
waren. Während dieser Zeit hatte die Gemeinde sich längst Duldung
errungen und zu einer gewissen Stattlichkeit entwickelt; die Glieder
waren alle, durch gegenseitige Hilfe und geordnetes Leben emporgehalten,
in einem behaglichen Zustande; die Prediger stellten sich schon mehr als
Geistliche mit einiger Gelehrsamkeit dar und trugen bessere Röcke; die
Versammlungen fanden in einem hellen freundlichen Betsaale statt, auch
wurde der Landeskirche sowohl als andern sich ausbreitenden Sekten
gegenüber schon eine kleine Kirchenpolitik getrieben.

Ursula aber und Agathchen, ihre Tochter, blieben sich immer gleich,
verharrten in der Einfalt der ersten Zeit und wurden ohne ihr Wissen
Musterbilder menschlicher Frömmigkeit. Die Tochter war schwach und
kränklich von Körper; sie haspelte lange Jahre Seide in den
Arbeitsräumen des Glorschen Hauses und lebte so mit ihrer Mutter
zusammen, welche wusch. So lange sie so fortarbeiten konnten, erwarben
sie zur Genüge, wessen sie bedurften, konnten ihren Religionsgenossen
helfen und beisteuern, wo es not tat, und ließen sich nicht suchen; und
darüber hinaus hatten sie immer noch kleine Mittel, sich freundlich und
dankbar zu erweisen gegenüber der Welt, für jeden kleinen Dienst, für
jede Freundlichkeit, die ihnen erwiesen wurden. Sie verstanden ohne
Absicht die Kunst, in der Armut reich zu sein, allein durch die
unaufhörliche Arbeit und die eigene Genügsamkeit und Zufriedenheit. Der
einzige Krieg, welchen sie unter sich führten, bestand in dem
gegenseitigen Wetteifer mit eben solchen Freundlichkeiten und Wohltaten,
wie sie den Fremden erwiesen, weil jedes, sobald es empfangen sollte,
sich dagegen wehrte und behauptete, das sei unnötig und übertrieben.

Sonst lebten sie im tiefsten Frieden mit aller Welt. Jede Kränkung
verziehen sie im Augenblicke der Tat und erwiderten nie ein rauhes Wort
im gleichen Tone, da sie aus ihrer Frömmigkeit eine Selbstbeherrschung
schöpften, welche sonst nur durch Geburt und Erziehung erworben wird. In
gleichem Sinne unterdrückten sie ohne Anstrengung unbescheidene
Neugierde und Tadelsucht und wie alle die kleinen Gesellschaftslaster
heißen, und gegen die Ungläubigen und Weltkinder waren sie umso
wohlwollender und duldsamer, je sicherer sie zu wissen glaubten, daß
dieselben tief unglücklich, wohl gar verloren seien.

Das Unrecht nahmen sie hin, ohne sich seiner gerade zu erfreuen, aber
auch ohne es zu bestreiten. Brüder des verstorbenen Mannes und Vaters
hatten sich emporgeschwungen und lebten scheinbar in Wohlhabenheit und
Ansehen, ohne das kleine Erbe, das dem Kinde und seiner Mutter zukam,
jemals herauszugeben oder ihnen auch nur einige Zinsen davon zu gönnen.
Die Hochfahrenden waren eben stets in Geldsachen gedrückt und mochten
die mäßigsten Summen nicht entbehren, das aber nicht eingestehen und
stellten sich daher, als anerkennten sie das Recht nicht, so klar es
war. Es hätte die zwei Frauen nur ein Wort gekostet, jene dazu zu
zwingen und ihr öffentliches Ansehen bloßzustellen; allein sie waren
selbst von ihren Glaubensgenossen nicht dazu zu bewegen und blieben, so
lange sie lebten, die armen geduldigen Gläubiger der hochfahrenden
ungerechten Verwandten, so daß in Wahrheit man sie die Reichen und diese
die Armen nennen konnte.

Mit der Zeit nun waren sie älter und alt geworden; die Arbeit fing an
ihnen beschwerlich, ein tägliches Leiden zu werden, ohne daß sie sich
derselben entschlagen wollten, und die kränkliche Tochter strengte sich
doppelt und dreifach an, um der Mutter wenigstens die nötigste
Erleichterung verschaffen zu können, und bei alledem blieben sie heiter
und gefaßt und gewährten eher immer noch anderen Trost und kleine
Hilfsleistungen, als daß sie solche beanspruchten.

Um diese Zeit kam das große Unglück über das Haus Glor, wo die
zahlreichen Arbeiter über Bedürfnis und Vermögen hinaus fort beschäftigt
wurden. Während nun manche solcher Arbeiter, die Haus und Hof besaßen
und von der Sachlage wohl stille Kenntnis hatten, ihren Verdienst ruhig
weiter bezogen und die Ärmeren vollends ihr Auskommen wie eine
Schuldigkeit nach wie vor forderten, machte sich das arme schwache
Agathchen allein ein Gewissen daraus.

Sie und ihre Mutter sagten sich, daß die verunglückten Herren mit jedem
Tagelohn, den sie weiter auszahlten, ein gezwungenes Opfer brächten,
welches sie nicht annehmen dürften oder wollten; sie beschlossen, ohne
alle Überhebung, sondern aus reiner Güte, diesem Opfer aus dem Wege zu
gehen, und zogen wirklich aus der Gegend hinweg. Agathchen, das alternde
Mädchen, hatte freilich dabei noch den geheimen Plan, die Mutter ihrer
Kundschaft zu entführen, bei deren Bedienung sie anfing
zusammenzubrechen, wenn die großen Waschfeldzüge eines Morgens um drei
Uhr begannen und drei Tage hindurch dauerten. Sie dachte, ein
Haspel- oder Windewerk ins Haus zu bekommen, wo sie dann die ruhende
Mutter den ganzen Tag pflegen und zugleich für beide arbeiten könnte.

Sie fanden in der Nähe der Hauptstadt das gesuchte Unterkommen in einem
kleinen Häuschen, welches ihnen der Seidenherr zum Wohnen gab. Dieses
Gebäudchen befand sich in einem entlegenen Baumgarten und enthielt zwei
kleine Gemächer in der Art, daß das eine nach dem Baumgarten hinausging
und nur zu erreichen war durch das andere, welches an der Landstraße
lag. Jenes war ein sonniger, freundlicher Aufenthalt im Grünen, da die
Wiese mit den Bäumen dicht am Fenster lag. Dieses dagegen war ein
dunkles unfreundliches Gelaß, dessen Eingang zugleich die Haustüre
bildete und auf die staubige Landstraße ging. Neben der Türe gab es als
Fenster nur noch ein kleines vergittertes Loch in der Mauer.

In diesem finstern Aufenthalt saß ein unzufriedenes und häßliches altes
Weib, welches denselben hätte räumen sollen, aber auf Bitten der frommen
Frauen dort gelassen worden war. Sie selbst wohnten in dem freundlichern
Gemach. Zwar hatten sie dasselbe schon einmal mit dem dunkeln Loch
vertauscht, als die böse Alte sich darüber beklagte und zankte, und
diese in das helle Stübchen sitzen lassen; allein hier hatte sie
wiederum nicht bleiben wollen, weil sie den Eingang nicht bewachen und
nicht sehen konnte, was auf der Straße vorging. Die beiden
Geduldüberinnen hatten also doch wieder nach hinten ziehen müssen, und
sie wohnte wiederum im Loch, wo sie unaufhörlich schalt und drohte und
die Ein- und Ausgehenden belauerte, ausfragte und gegen die guten
Leutchen einzunehmen versuchte. Denn sie hatten allerlei Zuspruch von
Freunden und solchen, welche eines friedlichen Wortes bedürftig waren.
Sie teilten auch alle kleinen Liebesgaben, die sie etwa erhielten und
mit aufrichtigem Danke annahmen, sogleich mit dem Ungetüm, das die
Teilung jedoch unwirsch abmaß und grob zurückwies, wenn sie ihm nicht
rasch und pünktlich genug schien.

Sie fürchteten aber das Unwesen keineswegs und lebten in dessen Nähe,
wie etwa fromme Einsiedler in der Nachbarschaft eines wilden Tieres oder
eines schreckhaften Dämons.

Dies Weib war nun jene Sibylle der Verleumdung, welche man das Ölweib
hieß, und die Jukundus Meyenthal aufsuchen wollte, um dem Unheil auf den
Grund zu kommen, das er in der fröhlichen Nacht entdeckt hatte.

Als Justine das Häuschen erfragt und jetzt hergewandert kam, saß das
Ölweib vor der Türe an der Straße und scheuerte mürrisch ein Pfännchen.

Die Sage erzählt, daß zur Zeit, als Attila mit seinen Hunnen erschien,
in der Nähe von Augsburg eine wegen ihrer abscheulichen Häßlichkeit
verbannte Hexe wohnte, welche dem zahllosen Heere, als es über den Lech
setzen wollte, ganz allein und nackt auf einem abgemagerten schmutzigen
Pferde entgegengeritten sei und »Pack dich, Attila!« geschrieen habe,
also daß Attila mit dem ganzen Heere voll Schrecken sich stracks
gewendet und eine andere Richtung eingeschlagen habe, und so die Stadt
von der verstoßenen Hexe gerettet und diese mit einem guten neuen Hemde
belohnt worden sei. Aber diese Hexe hier verdiente um ihr Vaterland
schwerlich ein neues Hemd.

Auch Justine wäre beinahe umgekehrt und entflohen, als sie das Ölweib
vor der Türe sitzen sah mit dem großen viereckigen, gelblichen Gesicht,
in welchem Neid, Rachsucht und Schadenfreude über gebrochener Eitelkeit
gelagert waren, wie Zigeuner auf einer Heide um ein erloschenes Feuer.

Die Unholdin zischte die schöne und stattliche Justine an und fragte
sie, indem sie sich aufrichtete, wohin sie wolle, was sie bei den Leuten
zu tun habe; aber Justine faßte Mut und drang bei ihr vorbei durch die
Finsternis und stand plötzlich bei den friedlichen Frauen im
Sonnenschein, das frische Grün vor den Augen.

»Ei wie schön ist es hier!« rief sie, indem sie Korb und anderes
abstellte, den Hut weglegte und sich setzte. Ursula und Agathe hingegen
gerieten vom Erstaunen über die Überraschung in die herzlichste Freude
hinein. Ursula saß gichtbrüchig in einem Lehnstuhle und konnte sich
nicht erheben; Agathchen aber ließ ihr halbes Dutzend Haspelchen, die
sich mit glänzend roter Seide in der Sonne drehten, stille stehen. Eine
vornehme gelassene Herzlichkeit verklärte das bleiche Gesicht der
Tochter, die doch keine vornehme Erziehung genossen hatte. Justine
bemerkte, daß auch sie nicht ganz sicher auf den Füßen stand; Agathchen
erklärte lächelnd, daß diese sie freilich etwas zu schmerzen anfingen
und zuweilen ein bißchen geschwollen würden. Aber sie klagte, so wenig
wie die Mutter, mit einem einzigen Wörtchen. Vielmehr beschrieben sie
mit unschuldiger Heiterkeit die schnurrige Hexe vor der Türe, als
Justine nach der unheimlichen Erscheinung fragte, und wie man Geduld mit
der armen Kreatur haben müsse, welche von bösen Geistern bewohnt und
gewiß leidend genug sei.

Wie erstaunten sie aber, als Justine ihre einfachen Geschenke
hervorholte. Die Strümpfe hätten dem Agathchen nicht willkommener sein
können; denn es gestand, daß es doch fast keine Zeit mehr finde zum
Stricken, besonders seit die Augen des Nachts beim Lämpchen nicht mehr
recht sehen wollten. Ihrerseits hatte die Mutter das Päcklein frischen
Schnupftabak schon geöffnet und mit einer beinahe zu lebhaften
Befriedigung ihr kleines Horndöschen damit gefüllt. Hier war der einzige
Punkt, wo das Kind die Mutter ein wenig beherrschte, indem es ihr nicht
ganz so viel von der schwärzlichen Weltlust zukommen ließ, wie sie
vielleicht, im Rückfall in ihre Jugendsünden, zu verbrauchen im stande
gewesen wäre. Doch lächelte jetzt Agathchen selbst gegen Justine hin,
als die Mutter die frische Prise so fröhlich zu sich nahm.

Von der Sahne aber füllte Agathchen sogleich eine Schale und schnitt ein
Stück von dem weißen duftigen Brot, um es dem armen Weib draußen zu
bringen. »Nicht so rasch!« sagte die Mutter leise, »damit sie nicht
überrumpelt wird, wenn sie wieder an der Türe horcht! Tritt ein bißchen
laut auf mit den Füßen!«

»Ach, sie tun mir ja zu weh, wenn ich damit stampfe!« erwiderte die
Tochter und lachte selbst zu dem harmlosen Betrug, welchen sie spielen
sollte. Doch hustete sie, ehe sie die Türe aufmachte, ein weniges, und
richtig sah man draußen in der Dämmerung des Vorraumes die unförmliche
Gestalt des Weibes hinhuschen, behender als man von ihr erwartete.

Als es nun wieder stille war, wollten Mutter und Tochter doch wissen,
auf welche Weise die junge Herrenfrau hieher gekommen sei und wohin des
Weges sie gehe; denn sie bildeten sich nicht ein, daß sie nur zu ihnen
allein so weit her habe kommen wollen.

Die Sonnenlichter, mit den Schatten der schwankenden Baumzweige
vermischt, spielten auf dem Boden und an den Wänden des kleinen
Stübchens; vor den offenen Fenstern summten die Bienen und ein grünes
Eidechschen war von der Wiese heraufgeklettert und guckte neugierig in
das Gemach; ein zweites gesellte sich dazu und beide schienen der Dinge
gewärtig, die da kommen sollten. Justine sah alles und fühlte diesen
Frieden; aber sie fand keinen rechten Mut, die Stille zu unterbrechen,
bis sie zu weinen anfing und nun bedrängt und beklemmt den Frauen
anvertraute und erzählte, daß sie religionslos geworden sei und bei
ihnen Rat und Aufschluß suche, worin ihr Glück bestehe und woher ihr
Seelenfrieden komme. Sie hoffte ein Neues, noch nicht Erfahrenes,
Übermächtiges zu erleben, dem sie sich ohne weiteres Grübeln hingeben
könne. Sogleich tat die Ursula ihr Tabaksdöschen weg und Agathe legte
nieder, was sie eben in den Händen hatte; beide sahen sich erschrocken
an, falteten unwillkürlich die Hände und Justine sah, wie jedes für sich
leise betete und die Lippen bewegte, Agathchen mit rinnenden Tränen, die
Mutter aber mit der ruhigeren Fassung des Alters. Keines getraute sich,
ein Wort zu sagen; sie waren ganz erschüttert von der an sie
herangetretenen Forderung, eine gelehrte und glänzende Person für das
Heil zu gewinnen, und doch war die himmlische Fügung nicht zu verkennen
und anzuzweifeln.

Ursula fing zuerst langsam an, einige Worte zu sprechen, während
Agathchen einen Schemel zu Justinen hinschob, sich zu ihren Füßen setzte
und ihre Hände ergriff und streichelte. Denn Justine war längst ihre
geheime Liebe und der vornehmste Gegenstand all ihres Wohlwollens und
ihrer Bewunderung gewesen.

Indessen kam die Sache in den gesuchten Gang, die Zungen lösten sich,
und nun wetteiferten die beiden Wesen, dem Weltkinde die große
Angelegenheit darzutun und einander das Wort abzunehmen und zu ergänzen,
wie zwei Kinder, welche einem dritten das soeben von der Großmutter
gehörte Märchen erzählen.

Aber es war nichts Neues und Unerhörtes, was sie vorbrachten, sondern
die alte harte und dürre Geschichte vom Sündenfall, von der Versöhnung
Gottes durch das Blut seines Sohnes, der demnächst kommen werde, zu
richten die Lebendigen und die Toten, von der Auferstehung des Fleisches
und der Gebeine, von der Hölle und der ewigen Verdammnis und von dem
unbedingten Glauben an alle diese Dinge. Das alles erzählten sie wie
etwas, das niemand so recht und gut wisse, wie sie und ihre Gemeinde,
und sie brachten es vor nicht mit der menschlich schönen Anmut, die
ihnen sonst innewohnte bei allem, was sie taten und sagten, sondern mit
einer hastigen Trockenheit, eintönig und farblos, wie ein
Auswendiggelerntes. Bei keinem Punkte wurden die Worte weicher und
milder, nirgends die Augen wärmer und belebter, selbst das Leiden und
Sterben Jesu behandelten sie wie einen Lehrgegenstand und nicht wie eine
Gemüts- oder Gefühlssache. Es war eine wesenlose Welt für sich, von der
sie sprachen, und sie selbst mit ihrem übrigen Wesen waren wieder eine
andere Welt.

Dazu redeten sie, in einfältiger Nachahmung ihrer Prediger, unbeholfen
und ungefällig, ja befehlshaberisch in Hinsicht auf das bei jedem
zweiten Wort wieder geforderte Glauben.

Da sah Justine, daß die guten Frauen ihren Frieden wo anders her hatten,
als aus ihrer Kirchenlehre, und ihn nicht mit dieser verschenken
konnten; oder daß vielmehr nur sie mit ihrer besonderen Einrichtung auf
diesem dürren Erdreich hatten wachsen können, weil sie die Nahrung aus
den freien Himmelslüften zogen. Sie war vergeblich hergekommen; das Herz
zog sich ihr zusammen, daß es beinahe still zu stehen drohte, und sie
lehnte sich auf ihrem hölzernen Stuhle zurück, um sich zu erholen,
während die Predigerinnen immer noch fortsprachen. Sie erholte sich auch
nach und nach, war aber immer noch weiß, wie die getünchte Wand
ringsumher, und suchte sich zu besinnen, wie sie, ohne die Frauen zu
kränken, die Sache beendigen und fortkommen könne.

Plötzlich ertönte vor der Türe ein häßlicher Schrei, wie wenn einer
Katze auf den Schwanz getreten würde. Erschreckt eilte Agathchen hin und
öffnete die Türe, daß das volle Licht in die dunkle Vorkammer drang, und
man sah einen schlanken hochgewachsenen Mann, welcher das Ölweib an der
Kehle festhielt und ein weniges an die Wand drückte. Beschämt und
verlegen ließ er die Hexe aber sogleich wieder frei, als das Licht auf
die Szene fiel, und auch aus Ekel, weil sie ihm in der Angst und Wut auf
die Hand geiferte, die er nun abwischte. Jetzt ließ sich aber ein
wohltönender Ausruf hören von Seite Justinens her, welche in dem Manne
den Herrn Jukundus Meyenthal erkannte; der kehrte sich zu ihr und sofort
fielen sich beide Gatten um den Hals und hielten sich lange umfaßt. Dann
betrachteten sie sich aufmerksam und sorglich die ernsten traurigen
Gesichter und gingen endlich vorderhand in das Stübchen der Frauen
hinein an das Sonnenlicht.

Jukundus war, während Justine ihren Glaubensunterricht empfing, zur
guten Stunde in die Höhle der Hexe gekommen. Sie hatte zuerst boshaft
und zufrieden gelächelt, weil sie glaubte, der hübsche Mann und die
schöne Frau hätten ein verbotenes Stelldichein bei den frommen Weibern,
und diese böten endlich ihre schwache Seite dar und ein ganzer Krug voll
Rosenöl werde aus diesem Abenteuer zu gewinnen sein.

Als aber Jukundus sein Verzeichnis anzuschwärzender Biederleute
hervorzog, ihr sagte, um was es sich handle, in wessen Namen und Auftrag
er gekommen, und sie ziemlich trocken und kurz zu fragen begann, was sie
von jedem wisse oder was sich tun lasse, um denselben als Bösewicht in
das verdiente Gerücht zu bringen und zur Strafe zu ziehen, sagte sie
mürrisch: »Den kenne ich nicht! Die haben mir nichts getan!«

Dieses Tier hat doch wenigstens den Instinkt, nur diejenigen zu beißen,
die es berührt oder gestoßen haben! dachte Jukundus und fragte, was ihr
denn dieser oder jener von den früher Angefallenen getan habe?

Sie lachte sogleich heiser, als sie die Namen jener Opfer hörte und sich
des gewichtigen Anteils erinnerte, welcher ihr an der lustigen Hetzjagd
vergönnt gewesen. Jedoch gab sie keine Antwort auf die Frage, sondern
begann mit schwerfälliger Beredsamkeit zu schildern, wie sie bei dem
Aufbringen und Ausbreiten der bösen Nachreden und Anschuldigungen
verfahren sei. Da brauche es zuerst nur eine bestimmte, an sich
unschuldige Eigenschaft, einen Zustand, ein Kennzeichen des
Betreffenden, einen Vorfall, das Zusammenkommen zweier Umstände oder
Zufälle, irgend etwas, das an sich wahr und unbezweifelt sei und für die
zu machende Erfindung einen Kern von Wirklichkeit abgebe. Auch seien
nicht nur Erfindungen zu verwenden, sondern man könne auch mit Vorteil
die von dem einen verübten Vergehen und Abscheulichkeiten auf den andern
übertragen mittelst jener äußeren wirklichen Zufälligkeiten, oder das,
was man selbst zu tun immer Lust verspüre oder vielleicht schon ein
bißchen getan habe, einem andern anhängen. Auf solche Weise das oft
unbillige Schicksal auszugleichen und zu verbessern, gewähre ein
gewissermaßen göttliches Vergnügen, wie zum Beispiel wenn man von zwei
Menschen den einen wohl leiden möge, den andern hasse, der erste aber
ein armer, böser mißlungener Schwerenöter, der letztere ein
unerträglicher Rechttuer sei, der nichts an sich kommen lasse. Da fühle
man sich dann so recht wie eine Vorsehung, wenn man die
Unreinlichkeiten und Gebrechen des guten Freundes und Dulders diesem
abzunehmen und dem widerwärtigen Rechthaber aufzubürden verstehe. Ja, es
sei etwas Großes, mit einem ausgestreuten Wörtlein ein stolzes Haus in
Schmach und Ungemach zu stürzen, größer, als wenn ein Zauberer einen
Sturm erregen und Schiffe auf dem Meer untergehen lassen könne.

Bei diesen Reden verriet das Weib weit mehr Welt- und Personenkenntnis,
als ihr ungefüges Äußere und die ärmliche Lage hätten erwarten lassen;
aber alle diese Kenntnis war verkümmert und verkrüppelt und wucherte nur
um die Oberfläche der Dinge herum, wie ein Moosgeflecht. Auch glich sie
trotz ihrer Verschmitztheit zuweilen einem Kinde, welches in
Unwissenheit mit dem Feuer spielt und dabei eine Stadt anzündet.

Den oft verworrenen Worten und Anspielungen war mit Mühe zu entnehmen,
daß das Weib den eigenen Eltern oder Großeltern vorwarf, eine vornehme
Herkunft verläppert und sie dem Elend und der Dunkelheit ausgesetzt zu
haben, daß sie einst mit einem Schuster verheiratet gewesen, der lang
mit ihr gerungen, sie aber zuletzt besiegt und fortgejagt hatte, und daß
sie sich jetzt mit Hausieren ernährte, indem sie bald diese, bald jene
Ware ausfindig machte, mit welcher sie, wenn sie aufgelegt war, in allen
Gassen herumstreichen, von Haus zu Haus schleichen und ihrem finstern
Treiben obliegen konnte.

Plötzlich unterbrach sich die Hexe in ihrer Rede und verlangte nochmals
die Namen derjenigen zu sehen, die neuerdings verleumdet werden sollten,
denn sie hatte über ihrem Reden unversehens Lust bekommen, wieder zu
handeln und Vorsehung zu spielen.

Jukundus gab ihr den Zettel in die Hände, um zum letzten Überfluß noch
zu sehen, wie sie im einzelnen zu Werke ging, nachdem er sich im
allgemeinen schon überzeugt hatte, auf welcher Grundlage die große
öffentliche Verfolgung aufgebaut sei.

Gleich beim ersten Namen, der einem ehrlichen Bürgersmann angehörte,
rief sie: »Halt, den kenne ich doch! Wie konnte ich den übersehen? Das
ist ja der saubere Herr, der mich einmal aus dem Hause gewiesen hat, als
ich in seiner Küche mit den Dienstboten sprach! Der hat rasch
hintereinander mehrere Erbschaften gemacht und ist reich geworden,
während arme Verwandte am Hungertuch nagen! Der wird ein artiger
Erbschleicher sein, wenn man die Sache näher untersucht und in einen
vernünftigen Zusammenhang bringt. Denn ein paar alte Basen von ihm, die
er beerbt hatte, sind unvermutet gestorben, ja, was sage ich? Sein
eigener Vater ist vor ein paar Jahren gestorben, ohne daß er sehr alt
oder krank war, höchst wunderlich!«

Jetzt erschrak aber Jukundus über die Folgen seines Tuns und er entriß
der Alten den Zettel, indem er rief: »Schweigt still, abscheuliche
Ölhexe! und untersteht Euch nicht, ein einziges Wort von alledem zu
wiederholen, was Ihr da lügt, oder Ihr habt es mit mir zu tun!«

»Mit Euch?« erwiderte die Unholdin, die ihn plötzlich mit aufgerissenen
Augen anglotzte und dann zischte: »Was ist's mit Euch? Was willst du
eigentlich von mir, du Hund? Du verfluchter Spion? Willst du mich
bestechen und zu Schlechtigkeiten mißbrauchen? Wart, dich wollen wir
schön in die Mache nehmen! Man kennt dich schon! Man kennt dich schon,
du erzschlechter Kerl!«

Von der häßlichen Wut des Weibes und dem ungeheuerlichen Gesicht, das
sie zeigte, gereizt, packte Jukundus, der sich schon zum Gehen gewandt
hatte, sie einen Augenblick, sich vergessend, am Kragen und entlockte
ihr eben dadurch den Schrei, welcher das Wiedersehen mit Justinen
herbeiführte, so daß er die Verletzung des morgenländischen Gebotes:

     Mit einer Blume nur zu schlagen
     Ein Frauenbild, nicht sollst du wagen!

welches ihm nachher einfiel, schließlich doch nicht bereute.

       *       *       *       *       *

Ursula und ihre Tochter waren von dem Zusammentreffen der getrennten
Gatten in ihrer Wohnung gerührt und erfreut; sie betrachteten es als
eine weitere Fügung Gottes, wobei ihnen zweifelhaft erschien, ob die
begonnene Glaubenslehre ihren Fortgang haben werde; denn sie trauten dem
Herrn Meyenthal nicht ganz. Sie stellten daher die Sache einem Höheren
anheim und schwiegen jetzt bescheiden von derselben; sogleich nahm auch
Ursula ihr Tabaksdöschen wieder zur Hand.

Jukundus und Justine sprachen indessen nicht viel und trachteten, ins
Freie zu kommen. Nachdem sie über ihr Zusammentreffen an diesem Orte das
Nötigste sich erklärt hatten, verabschiedeten sie sich von den guten
Christinnen, die Jukundus noch wohl kannte, und versprachen ihnen
weitere Nachricht und Teilnahme. Als sie durch das Gelaß des Ölweibes
gingen, war dieses nicht zu sehen und mußte sich versteckt haben. Doch
kaum waren sie auf der Straße, so erschien ihr Gesicht unter dem
Gitterfensterchen, wo sie ihnen greuliche Schimpf- und Drohworte
nachrief. Doch sie hörten nichts davon, da sie genügsam mit sich selber
beschäftigt waren und mit einem neuartigen Glücksgefühl, doch immerfort
in tiefem Ernste, nebeneinander hingingen.

Jukundus hatte in einem Gasthause ein Pferd stehen, auf welchem er die
ziemlich weite Strecke hergeritten war; Justine hatte mit einem Bruder
verabredet, auf einem aus der Stadt kommenden Dampfboote an der nächsten
Landungsstelle zur gemeinsamen Rückfahrt zusammenzutreffen. Sie
verabredeten daher, sich am nächsten Morgen wieder zu sehen und zwar bei
den Großeltern auf dem Berge bei Schwanau, wohin Jukundus sich in aller
Frühe aufmachen sollte. Dort wollten sie den ganzen Tag zubringen und
sich aussprechen. So gingen sie für heute voneinander und blickten sich
dabei treuherzig und innig in die Augen, aber immer im tiefsten Ernste.

Der folgende Tag war ein Sonntag, der mit dem schönsten Junimorgen
aufging. Justine war mit der Sonne wach; sie rüstete und schmückte sich,
als ob es zu einem Feste ginge, indem sie gegen ihre letzte Gewohnheit
das Haar in reiche Locken ordnete, ein duftiges helles Sommerkleid
anzog, auch den Hals mit etwelchem feinen Schmucke bedachte. So ging
sie, ungesehen von den noch schlafenden Ihrigen, den Weg nach der Höhe,
das Gesicht leicht gerötet und rüstigen Schrittes. Die Großmutter war
über ihre jugendliche und reizende Erscheinung ganz verwundert und auch
zufrieden mit der Wendung, welche das Schicksal zu nehmen schien. Sie
zwang, da sie beim Frühstück saß, die Enkelin, die noch nichts genossen
hatte, eine Schale Kaffee zu trinken. Doch ruhte Justine nicht lange,
sondern brach wieder auf, um auf dem Bergwege, auf welchem Jukundus
kommen mußte, ihm entgegen zu gehen. So wandelte sie in bänglich froher
Erwartung in die Sonntagsmorgenstille hinein. Die Erde war überall, wo
man hinsah, mit Blumen bedeckt, von den eben verblühenden Bäumen wehten
die Blüten hinweg, wenn ein Lufthauch sich erhob. Jetzt begannen die
Kirchenglocken in der Nähe und in der Ferne zu läuten, rings um den
langhin gedehnten See, in den weißschimmernden Ortschaften; die tiefen
vollen Töne der mächtigen Glocken flossen zusammen und erfüllten weit
und breit die Luft wie ein unendliches Klangmeer, welches an das
klopfende Herz Justines hinanschwoll und es in seine Tiefe
zurückzuziehen drohte. Allein sie kehrte nicht zurück, sondern eilte,
getragen von den tönenden Wogen, dem Manne entgegen, der jetzt im
Scheine der Morgensonne raschen Schrittes herankam. Sobald sie einander
gewahrten, kehrte das verloren gewesene Lachen in ihre Gesichter zurück,
und sie umarmten und küßten sich herzlich.

Ohne darauf zu achten, wohin sie gingen, gerieten sie auf einen Waldpfad
und bestiegen Arm in Arm die oberste Höhe des Berges, während sie in
gegenseitigem Geplauder sich alles erzählten, was ihnen widerfahren und
was sie gelebt und gedacht über die Zeit ihrer Trennung. Das
Glockengeläute verlor sich indessen allmählich durch die hinter ihnen
liegenden Waldungen, sowie durch das endliche Aufhören, und als der
letzte Ton mit einem einzelnen Nachschlag verhallte, wurden sie doch der
tiefen Stille inne, welche jetzt eintrat. Sie befanden sich am Rande
einer geräumigen Waldlichtung, die eine schön gepflegte Baumschule
umfaßte. In wohlgeordneten Reihen standen Tausende und wieder Tausende
von winzigen Weißtännchen, Rottännchen, Fichtchen, Lärchlein, kaum drei
bis vier Zoll hoch, die ihre hellgrünen Köpfchen emporstreckten und
einer festlichen Versammlung vieler Kleinkinderschulen glichen. Dann
standen die gereihten Scharen kniehoher, dann brusthoher Bäumchen, wie
wackere Knabenschulen, bis ein Heer mannshoher Buchen-, Eichen- und
Ahornjünglinge folgte und im Rücken derselben die schützende Gemeinde
der alten Hochwaldbäume die Versammlung abschloß. Die ganze Pflanzschule
war so sorgfältig und zierlich gehalten wie der Garten eines großen
Herren, obwohl sie nur einer bäuerlichen Genossenschaft gehörte; die
feierliche Stille erhöhte den überraschenden Eindruck, welchen der
Anblick einer liebevollen Sorge hervorbrachte, die nicht mehr für das
eigene Leben, sondern für ein kommendes Jahrhundert, für die Enkel und
Urenkel waltete.

Im durchsichtigen Schatten junger Ahornstämmchen war von den Forstleuten
eine Ruhebank angebracht worden, auf welche Jukundus und Justine sich
niederließen, den tröstlichen Anblick schweigend und ruhevoll genießend.

»Siehst du,« sagte endlich Jukundus, indem er Justinens Hände ergriff,
»so wie wir uns nur wieder gefunden haben, sehen wir gleich, daß die
Welt überhaupt nicht so schlimm ist, als sie sich gerne stellen möchte.
Alle diese hastigen und harten Selbstsüchtigen geben sich eigentlich
doch alle ihre Mühe nur für ihre Kinder und erfüllen sogar Pflichten der
Vorsorge für die ihnen unbekannten künftigen Geschlechter!«

»Hast du mich auch noch ein bißchen lieb?« erwiderte Justine, welche in
diesem Augenblicke nur für sich sorgen mochte. Jukundus blickte in die
Ferne und sah durch ein paar Tannenwipfel hindurch eine Spanne des
blauen Horizontes mit einem länglichen weißen Gebäude schimmern, das
mehr zu ahnen als zu erkennen war.

»Kannst du jenes weißglänzende Ding sehen?« sagte er, »es ist einst ein
Kloster gewesen, das vor siebenhundert Jahren ein Rittersmann zum
Gedächtnis seiner Frau gestiftet hat, als sie ihm gestorben war. Er
selbst ging in das Haus hinein und verließ es in seinem Leben nicht
wieder. So lieb bist du mir wie dem seine Frau war, obgleich ich in kein
Kloster gehen würde, wenn ich dich verlöre. Aber der ganze glänzende und
stille Weltsaal wäre für mich das Gotteshaus deines Gedächtnisses,
deine Grabkirche! Doch laß uns nun den kleinen Ehrenhandel schlichten,
der noch zwischen uns schwebt. Zur Buße und Sühnung sollst du mir jenes
grobe Wort noch einmal sagen, das uns entzweit hat, du gröbliches
Liebchen, aber mit lachendem Munde, damit es seinen bösen Sinn verliert!
Schnell also, wie hieß es?«

Er legte hiebei den Arm um ihre Schultern und hielt mit der andern Hand
ihr Kinn fest. Sie schüttelte aber den Kopf und verschloß, so dicht sie
konnte, den Mund. Da klopfte er ihr sachte auf die Wangen, suchte ihr
den Mund aufzumachen und sagte immer: »Schnell! heraus mit der Sprache,
rühre dein Zünglein!« bis sie voll Zärtlichkeit und Scherz das Wort
rasch, aber fast unhörbar hersagte: Lumpazi! worauf Jukundus sie küßte.

Wie sie nun so sich umfaßt hielten und eine Weile schwiegen, sagte
Justine unversehens: »Jukundus, was wollen wir nun mit der Religion oder
mit der Kirche machen?«

»Nichts,« antwortete er. Nach einigem Sinnen fuhr er fort: »Wenn sich das
Ewige und Unendliche immer so stillhält und verbirgt, warum sollten wir uns
nicht auch einmal eine Zeit ganz vergnügt und friedlich stillhalten können?
Ich bin des aufdringlichen Wesens und der Plattheiten aller dieser
Unberufenen müde, die auch nichts wissen und mich doch immer behirten
wollen. Wenn die persönlichen Gestalten aus einer Religion hinweggezogen
sind, so verfallen ihre Tempel und der Rest ist Schweigen. Aber die
gewonnene Stille und Ruhe ist nicht der Tod, sondern das Leben, das
fortblüht und leuchtet, wie dieser Sonntagsmorgen, und guten Gewissens
wandeln wir hindurch, der Dinge gewärtig, die kommen oder nicht kommen
werden. Guten Gewissens und ungeteilt schreiten wir fort; nicht Kopf und
Herz oder Wissen und Gemüt lassen wir uns durch den bekannten elenden
Gemeinplatz auseinanderreißen; denn wir müssen als ganze unteilbare Leute
in das Gericht, das jeden ereilt!«

Justine schaute ihren Mann während dieser Reden unverwandt an und mit
errötendem Gesicht, weil sie empfand, daß sie ihn längst so offen hätte
zu ihr sprechen hören können, wenn sie sich eher ihm anvertraut hätte,
als einem Kirchenmanne.

Mochten nun Jukundus' Worte weise oder töricht sein, so gefielen sie ihr
jedenfalls über die Maßen wohl, zum Beweise, daß sie jetzt ganz ihm
angehörte.

»Amen!« sagte Jukundus, »ich glaube fast, ich fange auch an zu
predigen!«

»Nicht Amen!« rief Justine, »fahre fort und sprich weiter! Denke, diese
Baumschule sei deine Gemeinde und predige ihr, wie jener Heilige den
Steinen oder ein anderer den Fischen!«

»Nein, die Kirche ist aus! hörst du das Zeichen?« antwortete Jukundus
lachend, als wirklich in der Ferne hier und dort die Glocken die
Beendigung des Gottesdienstes verkündeten.

Sie erhoben sich und gingen langsam nach der Wohnung der Großeltern, so
daß es Mittag wurde, bis sie dort anlangten. Die Alten hatten aber, um
ein rechtes Versöhnungsfest bei sich zu sehen, die ganze Familie aus
Schwanau heraufbeschieden und ein einfach kräftiges Mahl nach ländlicher
Art bereitet. Alles war versammelt, als das versöhnte schöne Paar kam.
Es herrschte aber zuerst einige Spannung und Befangenheit; doch als man
sah, daß das verlorene Lachen wiedergekehrt war, verbreitete sich der
Sonnenschein des alten Glückes im ganzen Hause. Die Stauffacherin
glänzte wie ein Stern und ergriff fest wieder das Steuer, um das
wiederhergestellte Glücksschiff zu lenken.

Justine zog nun zu ihrem Mann nach der Stadt, wo er ohne Unterbrechung
wohl gedieh und seine Leichtgläubigkeit in Geschäfts- und Verkehrssachen
verlor, ohne deswegen selbst unwahr und trügerisch zu werden.

Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter, welche sie Justus und Jukunde
nannten und die blühende, lachende Schönheit weiter vererben werden.

Sie besuchten öfter die frommen Frauen Ursula und Agathchen, wenn sie
einen Spaziergang machten, und ließen es ihnen an nichts fehlen. Das
Ölweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Güte nicht
vertrug.

Der Pfarrer, dessen schwache Stunde Justine gesehen hatte, kam zuweilen
auch wieder herbei und vertraute sich dem Paare gerne an. Er führte mit
schwerem Herzen noch eine Zeitlang seinen bedenklichen Tanz auf dem
schwanken Seile aus und war dann froh, durch Jukundis Vermittlung in ein
weltliches Geschäft treten zu können, in welchem er sich viel geriebener
und brauchbarer erwies, als Jukundus selber einst in Seldwyla und
Schwanau getan hatte; denn er, der Pfarrer, glaubte nicht leicht, was
ihm einer vorgab.



     Druck der
     Union Deutsche Verlagsgesellschaft
     in Stuttgart



       *       *       *       *       *



Anmerkungen zur Transkription:

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

S. 11 nichts, als einen Fingerhut --> nichts als einen Fingerhut
(Komma nach 'nichts' entfernt)

S. 79 nachzusinnnen --> nachzusinnen ('n' entfernt)

S. 126 zurechtzukommen, Als --> zurechtzukommen. Als
(Komma durch Punkt ersetzt)

Wenn die wörtliche Rede mehrere Absätze lang ist, werden neue
Absätze, in denen die wörtliche Rede fortgeführt wird, im Original jeweils
mit Anführungszeichen eingeleitet. Diese Anführungszeichen wurden in der
Transkription entfernt.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Leute von Seldwyla — Band 2" ***

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