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Title: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen - Ein Kinderbuch
Author: Lagerlöf, Selma, 1858-1940
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen - Ein Kinderbuch" ***

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  Selma Lagerlöf

  Wunderbare Reise
  des kleinen Nils Holgersson
  mit den Wildgänsen

  Ein Kinderbuch

  Einzige berechtigte Übersetzung aus dem Schwedischen
  von
  Pauline Klaiber

  Ausgabe in einem Bande

  Zehntes bis fünfzehntes Tausend

  Mit 95 Textillustrationen und 8 farbigen Vollbildern
  von
  Wilhelm Schulz

  sowie einer Übersichtskarte von Schweden

  Albert Langen, München 1920

  Druck von Hesse & Becker in Leipzig
  Einbände von E. A. Enders in Leipzig



Inhalt


                                                 Seite

   1 Der Junge                                      1
   2 Akka von Kebnekajse                           15
   3 Das Leben der Wildvögel                       29
   4 Haus Glimminge                                39
   5 Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg       50
   6 Im Regenwetter                                58
   7 Die Treppe mit den drei Stufen                63
   8 Am Ronnebyfluß                                67
   9 Karlskrona                                    75
  10 Die Reise nach Öland                          83
  11 Die Südspitze von Öland                       87
  12 Der große Schmetterling                       94
  13 Die Kleine Karlsinsel                         98
  14 Zwei Städte                                  109
  15 Die Sage von Småland                         119
  16 Die Krähen                                   124
  17 Die alte Bauernfrau                          139
  18 Von Taberg nach Huskvarna                    148
  19 Der große Vogelsee                           152
  20 Die Wahrsagung                               166
  21 Der Rock aus Drillich und Samt               171
  22 Die Geschichte von Karr und Graufell         175
  23 Der schöne Garten                            204
  24 In Närke                                     216
  25 Der Eisgang                                  231
  26 Die Teilung                                  235
  27 Im Bergwerkdistrikt                          239
  28 Der Eisenhammer                              244
  29 Der Dalälf                                   256
  30 Der Bruderteil                               264
  31 Walpurgisnacht                               278
  32 Vor den Kirchen                              286
  33 Die Überschwemmung                           289
  34 Die Sage von Uppland                         299
  35 In Uppsala                                   304
  36 Daunenfein                                   317
  37 Stockholm                                    327
  38 Der Adler Gorgo                              338
  39 Über Gästrikland hin                         348
  40 Ein Tag in Hälsingeland                      355
  41 In Medelpad                                  367
  42 Ein Morgen in Ångermanland                   373
  43 Västerbotten und Lappland                    382
  44 Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats          396
  45 Bei den Lappen                               410
  46 Gen Süden! Gen Süden!                        421
  47 Die Sage vom Härjedal                        436
  48 Wärmland und Dalsland                        445
  49 Ein kleiner Herrenhof                        451
  50 Das Gold auf der Schäre                      460
  51 Silber im Meer                               467
  52 Ein großer Herrenhof                         473
  53 Die Reise nach Vemmenhög                     489
  54 Bei Holger Nilssons                          493
  55 Der Abschied von den Wildgänsen              502



[Illustration]



1

Der Junge

Das Wichtelmännchen


                                                  Sonntag, 20. März

Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr vierzehn Jahre alt, groß und gut
gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief
oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen.

Es war an einem Sonntagmorgen, und die Eltern machten sich fertig, in die
Kirche zu gehen. Der Junge saß in Hemdärmeln auf dem Tischrande und dachte,
wie günstig das sei, daß Vater und Mutter fortgingen und er ein paar
Stunden lang tun könne, was ihm beliebe. »Jetzt kann ich Vaters Flinte
herunternehmen und schießen, ohne daß es mir jemand verbietet,« sagte er zu
sich.

Aber es war fast, als habe der Vater die Gedanken seines Sohnes erraten,
denn als er schon auf der Schwelle stand, um hinauszugehen, hielt er inne
und wendete sich zu ihm. »Da du nicht mit Mutter und mir in die Kirche
gehen willst,« sagte er, »so sollst du wenigstens daheim die Predigt lesen.
Willst du mir das versprechen?«

»Ja,« antwortete der Junge, »das kann ich schon.« Aber er dachte natürlich,
er werde gewiß nicht mehr lesen, als ihm behagte.

Dem Jungen kam es vor, als ob seine Mutter sich noch nie so rasch bewegt
hätte. In einem Nu war sie am Bücherbrett, nahm Luthers Postille herunter,
schlug die Predigt vom Tage auf und legte das Buch auf den Tisch am
Fenster. Sie schlug auch das Evangelienbuch auf und legte es neben die
Postille. Schließlich rückte sie noch den großen Lehnstuhl an den Tisch,
der im vorigen Jahr auf der Auktion im Pfarrhause zu Vemmenhög gekauft
worden war und in dem sonst außer Vater niemand sitzen durfte.

Der Junge dachte, die Mutter mache sich wirklich zu viel Mühe mit diesen
Vorbereitungen, denn er hatte im Sinne, nicht mehr als eine oder zwei
Seiten zu lesen. Aber zum zweiten Male war es, als ob der Vater ihm mitten
ins Herz sehen könnte, denn er trat zu ihm und sagte in strengem Ton: »Gib
wohl acht, daß du ordentlich liest! Wenn wir zurückkommen, werde ich dich
über jede Seite ausfragen, und wenn du etwas übergangen hast, geht es dir
schlecht.«

»Die Predigt hat vierzehn und eine halbe Seite,« sagte die Mutter, als
wollte sie das Maß feststellen. »Du mußt dich gleich daran machen, wenn du
fertig werden willst.«

Damit gingen sie endlich, und als der Junge unter der Tür stand und ihnen
nachsah, war ihm, als sei er in einer Falle gefangen worden. »Jetzt
wünschen sie sich Glück, daß sie es so gut eingerichtet haben, und daß ich,
so lange sie weg sind, über der Predigt sitzen muß,« dachte er.

Aber der Vater und die Mutter wünschten sich sicherlich nicht Glück,
sondern sie waren ganz betrübt. Sie waren arme Kätnerleute, und ihr Gütchen
war nicht größer als ein Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie
nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können; aber sie
waren außerordentlich strebsame und tüchtige Leute, und jetzt hatten sie
auch Kühe und Gänse. Sie waren ungeheuer vorwärts gekommen und wären an dem
schönen Morgen ganz froh und zufrieden in die Kirche gewandert, wenn sie
nicht immer an ihren Jungen hätten denken müssen. Der Vater klagte, daß er
so träg und faul sei, in der Schule habe er nicht lernen wollen, und er sei
ein solcher Taugenichts, daß man ihn mit knapper Not zum Gänsehüten
gebrauchen könne. Die Mutter konnte nichts dagegen sagen, aber sie war
hauptsächlich betrübt, weil er so wild und böse war, hartherzig gegen die
Tiere und boshaft gegen die Menschen.

»Ach, wenn Gott ihm doch die Bosheit austreiben und ihm ein andres Herz
geben würde!« seufzte die Mutter. »Er bringt schließlich noch sich selbst
und uns ins Unglück.«

Der Junge überlegte lange, ob er die Predigt lesen solle oder nicht. Aber
schließlich hielt er es doch fürs beste, diesmal folgsam zu sein. Er setzte
sich also in den Pfarrhauslehnstuhl und begann zu lesen. Aber als er eine
Weile die Wörter halblaut vor sich hingeplappert hatte, war es, als
schläfre ihn das Gemurmel ein, und er fühlte, daß er einnickte.

Draußen war das herrlichste Frühlingswetter. Es war zwar erst der
zwanzigste März, aber der Junge wohnte weit drunten im südlichen Schonen,
im Dorfe Westvemmenhög, und da war der Frühling schon in vollem Gange. Die
Bäume waren zwar noch nicht grün, aber überall sproßten frische Knospen
hervor. Alle Gräben standen voll Wasser, der Huflattich blühte am
Grabenrande, und das Gesträuch, das auf dem Steinmäuerchen wuchs, war braun
und glänzend geworden. Der Buchenwald in der Ferne dehnte sich gleichsam
und wurde zusehends dichter, und über der Erde wölbte sich ein hoher,
blauer Himmel. Die Haustür war angelehnt, man konnte das Trillern der
Lerchen im Zimmer hören. Die Hühner und die Gänse spazierten auf dem Hofe
umher, und die Kühe, die die Frühlingsluft bis in den Stall hinein spürten,
brüllten hin und wieder: »Muh, muh!«

Der Junge las und nickte und kämpfte mit dem Schlafe. »Nein, ich will nicht
schlafen,« dachte er, »sonst werde ich den ganzen Vormittag mit der Predigt
nicht fertig.«

Aber was auch der Grund sein mochte, -- er schlief dennoch ein.

Er wußte nicht, ob er kurz oder lang geschlafen hatte, aber er erwachte
von einem leichten Geräusch, das hinter seinem Rücken hörbar wurde. Auf dem
Fensterbrett, gerade vor ihm, stand ein kleiner Spiegel, in dem man fast
die ganze Stube überschauen konnte. In dem Augenblick nun, wo der Junge den
Kopf aufrichtete, fiel sein Blick in den Spiegel, und da sah er, daß der
Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen war.

Mutter besaß eine große, schwere eichene Truhe mit eisernen Beschlägen, die
außer ihr niemand öffnen durfte. Darin verwahrte sie alles, was sie von
ihrer Mutter geerbt hatte und was ihr besonders ans Herz gewachsen war. Da
drinnen lagen einige altmodische Bauerntrachten aus rotem Tuch mit kurzen
Leibchen und gefältelten Röcken und perlenbestickten Bruststücken. Auch
weiße gestärkte Kopftücher und schwere silberne Schnallen und Ketten waren
darin. Die Leute wollten solche Sachen jetzt nicht mehr tragen, und Mutter
hatte schon wiederholt daran gedacht, sie zu verkaufen, hatte das aber doch
nie übers Herz gebracht.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, daß der Deckel der Truhe
offen stand. Er konnte nicht begreifen, wie das zugegangen war, denn Mutter
hatte, bevor sie fortging, den Deckel zugemacht. Das wäre Mutter nicht
passiert, daß sie die Truhe offen gelassen hätte, wenn er allein zu Hause
blieb.

Es wurde ihm ganz unheimlich zumute. Er fürchtete, ein Dieb könnte sich
hereingeschlichen haben, und wagte nicht, sich zu rühren, sondern saß ganz
still und starrte in den Spiegel hinein.

Während er so dasaß und wartete, daß der Dieb sich zeige, begann er sich zu
fragen, was das wohl für ein schwarzer Schatten sei, der auf den Rand der
Truhe fiel. Er sah und sah und wollte seinen Augen nicht trauen. Aber was
dort im Anfang einem Schatten geglichen hatte, wurde immer deutlicher, und
bald merkte er, daß es etwas Wirkliches war; und es war in der Tat nichts
andres als ein Wichtelmännchen, das rittlings auf dem Rande der Truhe saß.

Der Junge hatte wohl schon von Wichtelmännchen reden hören, aber er hatte
sich nie gedacht, daß sie so klein sein könnten. Das Wichtelmännchen, das
dort auf dem Rande saß, war ja nur eine Spanne lang. Es hatte ein altes,
runzliges, bartloses Gesicht und trug einen schwarzen Rock mit langen
Schößen, Kniehosen und einen breitrandigen schwarzen Hut. Es sah sehr
zierlich und fein aus, mit weißen Spitzen um den Hals und um die
Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und die Strumpfbänder in eine
Schleife gebunden. Jetzt eben hatte es einen gestickten Brustlatz aus der
Truhe herausgenommen und betrachtete die alte Arbeit mit solcher Andacht,
daß es das Erwachen des Jungen gar nicht bemerkt hatte.

Der Junge war äußerst verdutzt, als er das Wichtelmännchen sah; aber
eigentlich Angst hatte er nicht vor ihm. Vor einem so kleinen Geschöpf
konnte man sich unmöglich fürchten. Und da das Wichtelmännchen von seinem
eignen Tun so hingenommen war, daß es weder hörte noch sah, bekam der Junge
sogleich große Lust, ihm einen Streich zu spielen, es in die Truhe
hineinzustoßen und den Deckel zuzuschlagen, oder etwas Ähnliches.

Aber das Wichtelmännchen mit den Händen anzurühren, das getraute sich der
Junge doch nicht; und deshalb sah er sich nach etwas im Zimmer um, womit er
ihm einen Stoß versetzen könnte. Er ließ die Blicke vom Kanapee nach dem
Klapptisch und vom Klapptisch nach dem Herd wandern. Er musterte die
Kochtöpfe und die Kaffeekanne, die auf einem Brett neben dem Herde standen,
den Wasserkrug neben der Tür, und die Löffel, die Messer und Gabeln und die
Schüsseln und Teller, die durch die halbgeöffnete Schranktür sichtbar
waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die neben dem dänischen Königspaar
an der Wand hing, und nach den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem
Fensterbrett blühten. Ganz zuletzt fiel sein Blick auf ein altes
Fliegennetz, das am Fensterkreuz hing.

Kaum hatte er das Fliegennetz erblickt, als er es auch schon zu sich
heranzog und das Netz nach dem Truhenrande schwang. Und er war ganz
überrascht über sein Glück. Er wußte beinahe selbst nicht, wie es
zugegangen war, -- aber er hatte das Wichtelmännchen wirklich gefangen. Der
arme Kerl lag, den Kopf nach unten, in dem langen Netze und konnte sich
nicht mehr heraushelfen.

Im ersten Augenblick wußte der Junge gar nicht, was er mit seinem Fang tun
solle. Er schwang nur immer das Netz sorglich hin und her, damit das
Wichtelmännchen keine Zeit bekomme, herauszuklettern.

Jetzt begann das Wichtelmännchen zu sprechen; es bat und flehte um seine
Freiheit und sagte, es habe der Familie seit vielen Jahren viel Gutes getan
und wäre wirklich einer besseren Behandlung wert. Wenn der Junge es
loslasse, wolle es ihm einen alten Speziestaler geben sowie eine silberne
Kette und eine Goldmünze, die so groß sei wie der Deckel an der silbernen
Uhr seines Vaters.

Dem Jungen kam zwar das Lösegeld nicht gerade groß vor; aber seit er das
Wichtelmännchen in seiner Gewalt hatte, fürchtete er sich gewissermaßen vor
ihm. Er fühlte, daß er sich in etwas eingelassen hatte, was fremd und
unheimlich war und nicht in diese Welt gehörte; deshalb war er nur sehr
froh, es loszuwerden.

Er ging also schnell auf das Angebot ein und hielt das Netz still, damit
das Wichtelmännchen herauskriechen könne. Als dieses aber beinahe aus dem
Netz heraus war, fiel dem Jungen ein, daß er sich größere Dinge und alles
mögliche Gute hätte ausbedingen können. Jedenfalls hätte er die Bedingung
stellen können, daß ihm das Wichtelmännchen die Predigt in den Kopf zaubern
müsse. »Wie dumm von mir, daß ich es freiließ,« dachte er und begann das
Netz aufs neue hin und her zu schwingen, damit das Wichtelmännchen wieder
hineinpurzle.

Aber kaum hatte der Junge das getan, da bekam er eine fürchterliche
Ohrfeige, daß ihm war, als zerspringe ihm der Kopf in tausend Stücke. Er
flog zuerst an die eine Wand und dann an die andre, schließlich fiel er auf
den Boden und blieb da bewußtlos liegen.

Als er wieder erwachte, war er noch in der Hütte. Von dem Wichtelmännchen
war keine Spur mehr zu sehen. Der Truhendeckel war geschlossen, und das
Fliegennetz hing an seinem gewöhnlichen Platz am Fenster. Wenn dem Jungen
nicht die rechte Wange von der Ohrfeige so sehr gebrannt hätte, hätte er
sich versucht gefühlt, alles für einen Traum zu halten. »Was aber auch
geschehen sein mag, jedenfalls werden Vater und Mutter behaupten, daß es
nichts gewesen sei als ein Traum,« dachte er. »Sie werden mir wegen des
Wichtelmännchens sicher nichts von der Predigt abziehen, und es wird am
besten sein, wenn ich mich jetzt eilig dahinter mache.«

Aber als er an den Tisch ging, kam ihm etwas sehr verwunderlich vor. Das
Zimmer konnte doch unmöglich größer geworden sein. Woher kam es denn aber,
daß er jetzt so viel mehr Schritte machen mußte als sonst, wenn er an den
Tisch ging? Und was war denn mit dem Stuhl? Er sah zwar nicht gerade aus,
als sei er größer als vorher, aber der Junge mußte zuerst auf die Leiste
zwischen den Stuhlbeinen steigen und dann vollends auf den Sitz
hinaufklettern. Und gerade so war es auch mit dem Tisch. Er konnte nicht
auf die Tischplatte hinaufsehen, sondern mußte auf die Armlehne des Stuhles
steigen.

»Was ist denn aber das?« sagte der Junge. »Ich glaube wahrhaftig, das
Wichtelmännchen hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube
verhext.«

Die Postille lag auf dem Tische, und anscheinend war sie unverändert. Aber
etwas Verkehrtes mußte doch daran sein, denn er konnte kein Wort lesen,
sondern mußte erst auf das Buch selbst hinaufsteigen.

Er las ein paar Zeilen, dann aber sah er zufällig auf. Dabei fiel sein
Blick in den Spiegel, und da rief er ganz laut: »Ei sieh, da ist ja noch
einer!«

Denn im Spiegel sah er ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps in einer
Zipfelmütze und Lederhosen.

»Der ist genau so angezogen wie ich,« sagte der Junge und schlug vor
Verwunderung die Hände zusammen. Aber da sah er, daß der Kleine im Spiegel
dasselbe tat.

Da begann er sich an den Haaren zu ziehen, sich in den Arm zu kneifen und
sich im Kreise zu drehen, und augenblicklich tat der Kleine im Spiegel
dasselbe.

Jetzt lief der Junge ein paarmal um den Spiegel herum, um zu sehen, ob
vielleicht so ein kleiner Kerl hinter dem Spiegel verborgen sei, aber er
fand niemand dahinter, und da begann er vor Schrecken am ganzen Leibe zu
zittern. Denn jetzt begriff er, daß das Wichtelmännchen ihn selbst
verzaubert hatte, und daß er selbst der kleine Knirps war, dessen Bild er
im Spiegel sah.


Die Wildgänse

Der Junge wollte durchaus nicht glauben, daß er in ein Wichtelmännchen
verwandelt worden war. »Es ist gewiß nur ein Traum und eine Einbildung,«
dachte er. »Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich schon wieder ein
Mensch sein.« Er stellte sich vor den Spiegel und schloß die Augen. Erst
nach ein paar Minuten öffnete er sie wieder und erwartete nun, daß der
Spuk vorbei sei. Aber dies war nicht der Fall, er war noch ebenso klein wie
vorher. Sein weißes Flachshaar, die Sommersprossen auf seiner Nase, die
Flicken auf seinen Lederhosen und das Loch im Strumpfe, alles war wie
vorher, nur sehr, sehr verkleinert.

Nein, es half nichts, wenn er auch noch so lange dastand und wartete. Er
mußte etwas andres versuchen. O, das beste, was er tun könnte, wäre gewiß,
das Wichtelmännchen aufzusuchen und sich mit ihm zu versöhnen!

Er sprang auf den Boden hinunter und begann zu suchen. Er lugte hinter die
Stühle und Schränke, unter das Kanapee und hinter den Herd. Er kroch sogar
in ein paar Mauselöcher, aber das Wichtelmännchen war nicht zu finden.

Während er suchte, weinte er und bat und versprach alles nur erdenkliche.
Nie, nie wieder wolle er jemand sein Wort brechen, nie, nie mehr unartig
sein und nie wieder über einer Predigt einschlafen!

Wenn er nur seine menschliche Gestalt wieder bekäme, würde ganz gewiß ein
ausgezeichneter, guter, folgsamer Junge aus ihm. Aber was er auch immer
versprach, es half alles nichts.

Plötzlich fiel ihm ein, daß er Mutter einmal hatte sagen hören, das
Wichtelvolk halte sich gern im Kuhstall auf, und schnell beschloß er, auch
dort nachzusehen, ob das Wichtelmännchen da zu finden sei. Zum Glück stand
die Tür offen; denn er hätte das Schloß nicht selbst öffnen können, so aber
konnte er ungehindert hinausschlüpfen.

Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im
Zimmer ging er natürlich auf Strümpfen. Er überlegte, wie er sich wohl mit
den großen, schwerfälligen Holzschuhen abfinden solle, aber in diesem
Augenblick entdeckte er auf der Schwelle ein Paar winzige Schuhe. Als er
sah, daß das Wichtelmännchen so vorsorglich gewesen war, auch seine
Holzschuhe zu verwandeln, wurde er ängstlicher. »Dieser Jammer soll
offenbar lange dauern,« dachte er.

Auf dem alten eichenen Brett, das vor der Haustür lag, hüpfte ein Sperling
hin und her. Kaum erblickte dieser den Jungen, da rief er auch schon: »Seht
doch, Nils, der Gänsehirt! Seht den kleinen Däumling! Seht doch Nils
Holgersson Däumling!«

Sogleich wendeten sich die Gänse und die Hühner nach dem Jungen um, und es
entstand ein entsetzliches Geschrei: »Kikerikiki!« krähte der Hahn. »Das
geschieht ihm recht! Kikerikiki! Er hat mich am Kamme gezogen!«

»Ga, ga, ga, gag, das geschieht ihm recht!« riefen die Hühner, und sie
fuhren ohne Aufhören damit fort.

Die Gänse sammelten sich in einen Haufen, steckten die Köpfe zusammen und
fragten: »Wer hat das getan? Wer hat das getan?«

Aber das merkwürdige daran war, daß der Junge verstand, was sie sagten. Er
war so verwundert darüber, daß er auf der Türschwelle stehen blieb und
zuhörte. »Das kommt gewiß daher, daß ich in ein Wichtelmännchen verwandelt
bin,« sagte er, »deshalb verstehe ich die Tiersprache.«

Es war ihm unausstehlich, daß die Hühner mit ihrem ewigen »das geschieht
ihm recht« gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und
rief: »Haltet den Schnabel, Lumpenpack!«

Aber er hatte eines vergessen. Er war jetzt nicht mehr so groß, daß die
Hühner sich vor ihm hätten fürchten müssen. Die ganze Hühnerschar stürzte
auf ihn zu, pflanzte sich um ihn herum auf und schrie: »Ga, ga, ga, gag! Es
geschieht dir recht! Ga, ga, ga, gag! Es geschieht dir recht!«

Der Junge versuchte ihnen zu entwischen; aber die Hühner sprangen hinter
ihm her und schrien so laut, daß ihm beinahe Hören und Sehen verging. Er
wäre ihnen auch wohl kaum entgangen, wenn nicht die Hauskatze daher
gekommen wäre. Sobald die Hühner die Katze sahen, verstummten sie und
schienen an nichts andres mehr zu denken, als fleißig in der Erde nach
Würmern zu scharren.

Der Junge lief schnell auf die Katze zu. »Liebe Mietze,« sagte er, »du
kennst doch alle Winkel und Schlupflöcher hier auf dem Hofe? Sei lieb und
teile mir mit, wo ich das Wichtelmännchen finden kann.«

Die Katze gab ihm nicht sogleich Antwort. Sie setzte sich nieder, legte den
Schwanz zierlich in einem Ring um die Vorderpfoten und sah den Jungen an.
Es war eine große, schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ihr
Fell war glatt und glänzte im Sonnenschein. Sie hatte die Krallen
eingezogen, ihre Augen waren gleichmäßig grau mit nur einem kleinen,
schmalen Schlitz in der Mitte. Die Katze sah durch und durch gutmütig aus.

»Ich weiß allerdings, wo das Wichtelmännchen wohnt,« sagte sie mit
freundlicher Stimme. »Aber damit ist nicht gesagt, daß ich es dir sagen
werde.«

»Liebe, liebe Mietze, du mußt mir helfen,« sagte der Junge. »Siehst du
nicht, wie es mich verzaubert hat?«

Die Katze öffnete ihre Augen ein klein wenig, so daß die grüne Bosheit
herausschien. Sie spann und schnurrte vor Vergnügen, ehe sie antwortete.
»Soll ich dir vielleicht jetzt helfen, weil du mich so oft am Schwanz
gezogen hast?« sagte sie schließlich.

Da wurde der Junge böse; er vergaß ganz, wie klein und ohnmächtig er jetzt
war. »Ich kann dich ja noch einmal am Schwanz ziehen, jawohl,« sagte er und
sprang auf die Katze los.

In demselben Augenblick aber war diese so verändert, daß der Junge sie kaum
noch für dasselbe Tier halten konnte. Sie hatte den Rücken gekrümmt -- die
Beine waren länger geworden, sie kratzte sich mit den Krallen im Nacken,
der Schwanz war kurz und dick, die Ohren legten sich zurück, das Maul
fauchte, und die Augen standen weit offen und funkelten in roter Glut.

Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und trat
noch einen Schritt näher. Aber da machte die Katze einen Satz, ging gerade
auf den Jungen los, warf ihn um und stellte ihm mit weitaufgesperrtem Maul
die Vorderbeine auf die Brust.

Der Junge fühlte, wie ihm ihre Klauen durch die Weste und das Hemd in die
Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne ihm den Hals kitzelten. Da
begann er aus Leibeskräften um Hilfe zu schreien.

[Illustration]

Aber es kam niemand, und er glaubte schon sicher, seine letzte Stunde hätte
geschlagen. Da fühlte er, daß die Katze die Krallen einzog und seinen Hals
losließ.

»So,« sagte sie, »jetzt will ich es genug sein lassen. Für diesmal magst du
meiner guten Hausmutter zuliebe mit der Angst davonkommen. Ich wollte nur,
daß du wüßtest, wer von uns beiden der Stärkere ist.«

Damit ging die Katze ihrer Wege und sah eben so sanft und fromm aus wie
vorher, als sie gekommen war. Der Junge schämte sich so, daß er kein Wort
sagen konnte; er lief deshalb eiligst in den Kuhstall hinein, das
Wichtelmännchen zu suchen.

Es waren nur drei Kühe im Stalle. Aber als der Junge eintrat, begannen sie
alle zu brüllen und einen solchen Spektakel zu machen, daß man hätte meinen
können, es seien wenigstens dreißig.

»Muh, muh, muh!« brüllte Majros. »Es ist doch gut, daß es noch eine
Gerechtigkeit auf der Welt gibt.«

»Muh, muh, muh!« riefen alle drei auf einmal. Der Junge konnte nicht
verstehen, was sie sagten, so wild schrieen sie durcheinander.

Er wollte nach dem Wichtelmännchen fragen, aber er konnte sich kein Gehör
verschaffen, weil die Kühe in vollem Aufruhr waren. Sie betrugen sich genau
so, als wäre ein fremder Hund zu ihnen hereingebracht worden, schlugen mit
den Hinterfüßen aus, rasselten an ihren Halsketten, wendeten die Köpfe
rückwärts und stießen mit den Hörnern.

»Komm nur her!« sagte Majros. »Dann geb' ich dir einen Stoß, den du nicht
so bald wieder vergessen wirst.«

»Komm her!« sagte Gull-Lilja. »Dann lasse ich dich auf meinen Hörnern
reiten.«

»Komm nur, komm, dann sollst du erfahren, wie es mir geschmeckt hat, wenn
du mir deinen Holzschuh auf den Rücken warfst, was du immer tatest!« sagte
Stern.

»Ja, komm nur her, dann werde ich dich für die Wespen bezahlen, die du mir
ins Ohr gesetzt hast!« schrie Gull-Lilja.

Majros war die älteste und klügste von den dreien, und sie war am
zornigsten. »Komm nur,« sagte sie, »daß ich dich für die vielen Male
bezahlen kann, wo du den Melkschemel unter deiner Mutter weggezogen hast,
sowie für jedes Mal, wo du ihr einen Fuß stelltest, wenn sie mit dem
Melkeimer daherkam, und für alle Tränen, die sie hier über dich geweint
hat.«

Der Junge wollte ihnen sagen, wie sehr er sein schlechtes Betragen bereue
und daß er von jetzt an immer artig sein werde, wenn sie ihm nur sagten, wo
das Wichtelmännchen zu finden wäre. Aber die Kühe hörten gar nicht auf ihn;
sie brüllten so laut, daß er Angst bekam, es könne sich schließlich eine
von ihnen losreißen, und so hielt er es fürs beste, sich aus dem Kuhstalle
davonzuschleichen.

Als der Junge wieder auf den Hof kam, war er ganz mutlos. Er sah ein, daß
ihm auf dem ganzen Hofe bei seiner Suche nach dem Wichtelmännchen niemand
beistehen wollte. Und wahrscheinlich würde ihm auch das Wichtelmännchen,
selbst wenn er es fände, wenig helfen.

Er kroch auf das breite Steinmäuerchen, das das ganze Gütchen umgab und das
mit Weißdorn und Brombeerranken überwachsen war. Dort ließ er sich nieder,
zu überlegen, wie es werden solle, wenn er seine menschliche Gestalt nicht
mehr erlangte. Wenn nun Vater und Mutter von der Kirche heimkämen, würden
sie sich baß verwundern. Ja, im ganzen Lande würde man sich verwundern, und
die Leute würden daherkommen von Ost-Vemmenhög und von Torp und von Skurup,
ja, aus dem ganzen Vemmenhöger Bezirk würden sie zusammenkommen, ihn
anzuschauen. Und wer weiß, vielleicht würden die Eltern ihn sogar
mitnehmen, ihn auf den Märkten zu zeigen.

Ach, es war zu schrecklich, nur daran zu denken! Da wäre es ihm schließlich
noch am liebsten, wenn ihn nur kein Mensch mehr zu sehen bekäme!

Ach, wie unglücklich war er doch! Auf der weiten Welt war gewiß noch nie
ein Mensch so unglücklich gewesen wie er. Er war kein Mensch mehr, sondern
ein verhexter Zwerg.

Er begann allmählich zu verstehen, was das heißen wollte, kein Mensch mehr
zu sein. Von allem war er nun geschieden; er konnte nicht mehr mit andern
Jungen spielen, konnte niemals das Gütchen von seinen Eltern übernehmen,
und es war ganz und gar ausgeschlossen daß sich je ein Mädchen entschließen
würde, ihn zu heiraten.

Er betrachtete seine Heimat. Es war ein kleines weiß angestrichnes
Bauernhaus, das mit seinem hohen, steilen Strohdach wie in die Erde
hineingedrückt aussah. Die Wirtschaftsgebäude waren auch klein und die
Äckerchen so winzig, daß ein Pferd sich kaum darauf hätte umdrehen können.
Aber so klein und arm das Ganze auch war, es war doch noch viel zu gut für
ihn. Er konnte keine bessere Wohnung verlangen als ein Loch unter dem
Scheunenboden.

Es war wunderschönes Wetter, rings um ihn her murmelte und knospte und
zwitscherte es. Aber ihm war das Herz schwer. Nie wieder würde er sich über
etwas freuen können. Er meinte, den Himmel noch nie so dunkelblau gesehen
zu haben wie an diesem Tage. Zugvögel kamen dahergeflogen. Sie kamen vom
Auslande, waren über die Ostsee gerade auf Smygehuk zugesteuert und waren
jetzt auf dem Wege nach Norden. Es waren Vögel von den verschiedensten
Arten; aber er kannte nur die Wildgänse, die in zwei langen, keilförmigen
Reihen flogen.

Schon mehrere Scharen Wildgänse waren so vorübergeflogen. Sie flogen hoch
droben, aber er hörte doch, wie sie riefen: »Jetzt gehts auf die hohen
Berge! Jetzt gehts auf die hohen Berge!«

Sobald die Wildgänse die zahmen Gänse sahen, die auf dem Hofe umherliefen,
senkten sie sich herab und riefen: »Kommt mit, kommt mit! Jetzt gehts auf
die hohen Berge!«

Die zahmen Gänse reckten unwillkürlich die Hälse und horchten, antworteten
dann aber verständig: »Es geht uns hier ganz gut! Es geht uns hier ganz
gut!«

Es war, wie gesagt, ein überaus schöner Tag, und die Luft war so frisch und
leicht, daß es ein Vergnügen sein mußte, darin zu fliegen. Und mit jeder
neuen Schar Wildgänse, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse
aufgeregter. Ein paarmal schlugen sie mit den Flügeln, als hätten sie große
Lust, mitzufliegen. Aber jedesmal sagte eine alte Gänsemutter: »Seid nicht
verrückt, Kinder, das hieße so viel als hungern und frieren.«

Bei einem jungen Gänserich hatten die Zurufe ein wahres Reisefieber
erweckt. »Wenn noch eine Schar kommt, fliege ich mit!« rief er.

Jetzt kam eine neue Schar und rief wie die andern. Da schrie der junge
Gänserich: »Wartet, wartet, ich komme mit!« Er breitete seine Flügel aus
und hob sich empor. Aber er war des Fliegens zu ungewohnt und fiel wieder
auf den Boden zurück.

Die Wildgänse mußten jedenfalls seinen Ruf gehört haben. Sie wendeten sich
um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er mitkäme.

»Wartet! Wartet!« rief er und machte einen neuen Versuch.

All das hörte der Junge auf dem Mäuerchen. »Das wäre sehr schade, wenn der
große Gänserich fortginge,« dachte er; »Vater und Mutter würden sich
darüber grämen, wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr da wäre.«

Während er dies dachte, vergaß er wieder ganz, daß er klein und ohnmächtig
war. Er sprang von dem Mäuerchen hinunter, lief mitten in die Gänseschar
hinein und umschlang den Gänserich mit seinen Armen. »Das wirst du schön
bleiben lassen, von hier wegzufliegen, hörst du!« rief er.

Aber gerade in diesem Augenblick hatte der Gänserich herausgefunden, wie er
es machen müsse, um vom Boden fortzukommen. In seinem Eifer nahm er sich
nicht die Zeit, den Jungen abzuschütteln; dieser mußte mit in die Luft
hinauf.

Es ging so schnell aufwärts, daß es dem Jungen schwindlig wurde. Ehe er
sich klar machen konnte, daß er den Hals des Gänserichs loslassen müßte,
war er schon so hoch droben, daß er sich totgefallen hätte, wenn er jetzt
hinuntergestürzt wäre.

Das einzige, was er unternehmen konnte, um in eine etwas bequemere Lage zu
kommen, war ein Versuch, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Und er
kletterte wirklich hinauf, wenn auch mit großer Mühe. Aber es war gar nicht
leicht, sich auf dem glatten Rücken zwischen den beiden schwingenden
Flügeln festzuhalten. Er mußte mit beiden Händen tief in die Federn und den
Flaum hineingreifen, um nicht hintüber zu fallen.


Das gewürfelte Tuch

Dem Jungen war es so wirr im Kopfe, daß er lange nichts von sich wußte. Die
Luft pfiff und sauste ihm entgegen, die Flügel neben ihm bewegten sich, und
in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Dreizehn Gänse flogen um ihn
her, alle schlugen mit den Flügeln und schnatterten. Es schwirrte ihm vor
den Augen, und es sauste ihm in den Ohren; er wußte nicht, ob sie hoch oder
niedrig flogen, noch wohin er mitgenommen wurde.

Schließlich kam er doch wieder so weit zu sich, um sich annähernd klar
machen zu können, daß er doch erfahren müsse, wohin die Gänse mit ihm
flogen. Aber dies war nicht so leicht, denn er wußte nicht, wo er den Mut
hernehmen sollte, hinunterzusehen. Er war fest überzeugt, daß es ihm beim
ersten Versuche ganz schwindlig werden würde. Seinetwegen flogen sie auch
etwas langsamer als gewöhnlich.

Als der Junge schließlich aber doch hinuntersah, meinte er, unter sich ein
großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in eine unglaubliche Menge großer
und kleiner Vierecke eingeteilt war.

»Wohin bin ich denn gekommen?« fragte er sich.

Er sah nichts weiter als Viereck an Viereck. Die einen waren überzwerch,
die andern länglich, aber überall waren Ecken und gerade Ränder. Nichts war
rund, nichts gebogen.

»Was ist denn das da unten für ein großes gewürfeltes Tuch?« sagte der
Junge vor sich hin, ohne von irgend einer Seite eine Antwort zu erwarten.

Aber die Wildgänse um ihn her riefen sogleich: »Äcker und Wiesen! Äcker und
Wiesen!«

Da begriff der Junge, daß das große gewürfelte Tuch, über das er hinflog,
der flache Erdboden von Schonen war. Und er begann zu verstehen, warum es
so gewürfelt und farbig aussah. Die hellgrünen Vierecke erkannte er zuerst,
das waren die Roggenfelder, die im vorigen Herbst bestellt worden waren und
sich unter dem Schnee grün erhalten hatten. Die gelbgrauen Vierecke waren
die Stoppelfelder, wo im vorigen Sommer Frucht gewachsen war, die
bräunlichen waren alte Kleeäcker und die schwarzen leere Weideplätze oder
ungepflügtes Brachfeld. Die braunen Vierecke mit einem gelben Rand waren
sicherlich die Buchenwälder, denn da sind die großen Bäume, die mitten im
Walde wachsen, im Winter entlaubt, während die jungen Buchen am Waldessaum
ihre vergilbten Blätter bis zum Frühjahr behalten. Es waren auch dunkle
Vierecke da mit etwas Grauem in der Mitte. Das waren die großen viereckig
gebauten Höfe mit den geschwärzten Strohdächern und den gepflasterten
Hofplätzen. Und dann wieder waren Vierecke da, die in der Mitte grün waren
und einen braunen Rand hatten. Das waren die Gärten, wo die Rasenplätze
schon grünten, während das Buschwerk und die Bäume, die sie umgaben, noch
in der nackten braunen Rinde dastanden.

Der Junge mußte unwillkürlich lachen, als er sah, wie gewürfelt alles
aussah.

Aber als die Wildgänse ihn lachen hörten, riefen sie wie strafend:
»Fruchtbares, gutes Land! Fruchtbares, gutes Land!«

Der Junge war schon wieder ernst geworden. »Daß du lachen kannst,« dachte
er, »du, dem das Allerschrecklichste widerfahren ist, was einem Menschen
begegnen kann.«

Er war eine Weile sehr ernst, aber bald mußte er wieder lachen.

Nachdem er sich an diese Art des Reisens gewöhnt hatte, so daß er wieder an
etwas andres denken konnte als daran, wie er sich auf dem Gänserücken
erhalten solle, bemerkte er, daß viele Vogelscharen durch die Lüfte
dahinflogen, die alle dem Norden zustrebten. Und es war ein Schreien und
Schnattern von Schar zu Schar.

»So -- ihr seid heute auch herübergekommen!« schrieen einige.

»Jawohl,« antworteten die Gänse. »Was haltet ihr vom Frühling?«

»Noch nicht ein Blatt auf den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen!«
erklang die Antwort.

Als die Gänse über einen Ort hinflogen, wo zahmes Federvieh umherlief,
riefen sie: »Wie heißt der Hof?«

[Illustration: Das gewürfelte Tuch (Zu Seite 12)]

Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: »Der Hof heißt
Kleinfeld, heuer wie im vorigen Jahr, heuer wie im vorigen Jahr!«

Die meisten Häuser hießen wohl nach ihren Besitzern, wie es in Schonen
Sitte ist, aber anstatt zu sagen: »Dieser Hof gehört Per Matsson und jener
Ole Rasson,« gaben die Hähne ihnen den Namen, der ihnen selbst am
passendsten erschien. Wenn sie auf einem armen Gütchen oder Kätnerhäuschen
wohnten, riefen sie: »Dieser Hof heißt >KörnerlosFrißwenig! FrißwenigO ja, so ganz leicht
ist es gerade nicht,< antwortete der liebe Gott. Sankt Petrus blieb noch
eine Weile stehen, und als er merkte, mit welcher Leichtigkeit der liebe
Gott ein Land ums andre herausarbeitete, bekam er Lust, es auch zu
versuchen. >Möchtest du nicht ein wenig ausruhen?< sagte er zum lieben
Gott. >Dann könnte ich indessen deine Arbeit übernehmen.< Aber das wollte
der liebe Gott nicht. >Ich weiß nicht, ob du dich auf diese Kunst so gut
verstehst, daß ich dich da weiterarbeiten lassen kann, wo ich aufhöre,<
antwortete er. Da wurde Sankt Petrus ärgerlich und sagte, er getraue sich,
ebenso gute Länder erschaffen zu können, wie der liebe Gott.

In diesem Augenblick war der liebe Gott gerade an der Erschaffung von
Småland. Es war zwar noch nicht einmal halbfertig, aber es versprach ein
unbeschreiblich schönes und fruchtbares Land zu werden. Da aber der liebe
Gott Sankt Petrus nur schwer etwas abschlagen konnte und außerdem wohl auch
dachte, was so gut begonnen worden sei, könne eigentlich niemand mehr
verderben, sagte er: >Wenn es dir recht ist, wollen wir einmal versuchen,
welcher von uns sich auf diese Art Arbeit am besten versteht. Da du noch
ein Anfänger bist, sollst du an dem Land hier, das ich angefangen habe,
weiterarbeiten, ich aber will ein neues schaffen.< Sankt Petrus ging gleich
auf den Vorschlag ein, und jeder begann sofort an seinem Platz zu arbeiten.

Der liebe Gott rückte ein wenig südwärts und machte sich daran, Schonen zu
erschaffen. Es dauerte auch gar nicht lange, da war er fertig. Nun wendete
er sich an Sankt Petrus und fragte ihn, ob er fertig sei und ob er das neue
Land betrachten wolle. >Ich habe meines schon lange in Ordnung,< sagte
Sankt Petrus; und man hörte seiner Stimme an, wie zufrieden er mit seinem
Werk war.

Als Sankt Petrus Schonen sah, mußte er zugeben, daß von diesem Land nur
Gutes gesagt werden könne. Es war ein fruchtbares, leicht zu bebauendes
Land mit großen Ebenen, wohin man sah, und kaum einer leichten Andeutung
von Berg. Es sah aus, als habe sich der liebe Gott vorgenommen, dieses Land
besonders gut zu machen, damit es den Leuten da wohl sei. >Ja, das ist ein
gutes Land,< sagte Sankt Petrus, >aber ich glaube, meines ist doch noch
besser.< -- >Dann wollen wir es gleich einmal ansehen,< sagte der liebe
Gott.

Als Sankt Petrus die Arbeit aufnahm, war das Land im Norden und Osten schon
fertig gewesen, aber den südlichen und westlichen Teil und die ganze Mitte
hatte er allein machen dürfen. Als nun der liebe Gott sah, was Sankt Petrus
gearbeitet hatte, erschrak er so, daß er unwillkürlich anhielt und ausrief:
>Aber was hast du nur gemacht, Sankt Petrus?<

Sankt Petrus selbst sah ganz verdutzt drein. Er hatte sich eingebildet, für
das Land könne nichts besser sein, als wenn es recht warm sei. Deshalb
hatte er eine ungeheure Menge Steine und Berge aufgehäuft und ein Hochland
zusammengemauert, in dem Glauben, daß er es dadurch näher an die Sonne
heranbringe, und daß es alsdann recht viel Sonnenwärme bekomme. Auf die
Steinhaufen hatte er eine dünne Lage Erde gebreitet, und dann war seiner
Meinung nach alles aufs Beste bestellt gewesen.

Aber während er in Schonen gewesen war, waren ein paar starke Regengüsse
niedergerauscht, und mehr hatte es nicht bedurft, um zu zeigen, wessen
Arbeit die beste sei. Als der liebe Gott herzutrat, das Land zu betrachten,
war alles Erdreich weggeschwemmt, und der nackte Gebirgsstock wurde überall
sichtbar. Wo es noch am besten aussah, lag Lehm und schwerer Kies auf den
Steinflächen, aber auch dies sah äußerst mager aus, und man begriff leicht,
daß da kaum etwas andres als Wacholder und Fichten, Moos und Heidekraut
wachsen könnte. Nur allein das Wasser war in reicher Menge vorhanden, denn
das hatte alle die Schluchten unten in dem Gebirge gefüllt, und überall sah
man Seen, Bäche und Flüsse, von den Mooren und Teichen, die sich über große
Flächen ausbreiteten, gar nicht zu reden. Das ärgerlichste aber war, daß
die einen Gegenden zu viel Wasser hatten, während in andern großer Mangel
daran war; weite Felder lagen wie ausgetrocknete Heiden da, und der
geringste Luftzug wirbelte ganze Wolken von Erde und Sand auf.

>Was kannst du nur für eine Absicht gehabt haben, daß du dieses Land so
erschaffen hast?< fragte der liebe Gott. Sankt Petrus entschuldigte sich
und sagte, er habe das Land so hoch gebaut, damit es recht viel Sonnenwärme
bekomme.

>Aber dann bekommt es ja auch sehr viel Nachtkälte,< entgegnete der liebe
Gott, >denn auch sie kommt vom Himmel herunter. Ich fürchte, das wenige,
was da wachsen kann, wird erfrieren.<

Daran hatte Sankt Petrus natürlich nicht gedacht.

>Ja, das wird ein mageres, vom Frost heimgesuchtes Land sein,< sagte der
liebe Gott. >Daran läßt sich nun nichts mehr ändern.<«

Wenn Klein-Mats in seiner Erzählung so weit gekommen war, fiel ihm immer
die Gänsehirtin Åsa ins Wort. »Ich kann es nicht leiden, Klein-Mats,« sagte
sie, »daß du Småland so elendiglich hinstellst. Du vergißt ganz, wieviel
guter Boden doch da ist. Denk nur an den Mörebezirk am Sund von Kalmar! Ich
möchte wohl wissen, ob es irgendwo üppigere Getreidefelder gibt? Dort liegt
Acker an Acker, ganz wie hier in Schonen. Das ist ausgezeichneter Boden,
und ich wüßte wirklich nicht, was dort nicht wachsen würde.«

»Ich kann nichts daran ändern,« sagte Klein-Mats, »denn ich erzähle die
Geschichte, wie ich sie selbst gehört habe.«

»Und ich habe viele Leute sagen hören, ein so schönes Küstenland wie Tjust
gebe es nirgends mehr. Denk doch an die Buchten und die Holme und die
Herrenhöfe und die Wälder!«

»Ja, das ist wohl wahr,« gab Klein-Mats zu.

»Und weißt du nicht mehr, was die Lehrerin sagte? Eine so belebte, schöne
Gegend wie das Stückchen von Småland, das südlich vom Wettern liegt, gebe
es in ganz Schweden nicht mehr. Denk an den schönen See und an die gelben
Strandberge, und an Grenna und Jönköping mit den Zündholzfabriken und an
den Munksee, und denk doch nur an Huskvarna und an alle die großen Anlagen
dort!«

»Ja, das ist wohl wahr,« sagte Klein-Mats noch einmal.

»Und denk an Visingö, Klein-Mats, mit den Ruinen dort, und an den
Eichenwald, und an alle die historischen Erinnerungen! Denk an das Tal, wo
der Emfluß entspringt, mit allen den Ortschaften und Mühlen und
Holzstoffabriken und Sägereien und Schreinerwerkstätten dort!«

»Ja, das ist alles wahr,« sagte Klein-Mats mit ganz betrübtem Gesicht.

Aber plötzlich schaute er auf. »Sind wir aber dumm!« rief er. »Das alles
liegt ja in dem Småland des lieben Gottes, in dem Teil des Landes, der
schon fertig war, als Sankt Petrus sich an die Arbeit machte. Es ist also
ganz richtig, denn das sollte ja schön und prächtig sein. Aber in Sankt
Petrus Småland sah es ganz so aus, wie es in der Sage heißt, und es wundert
mich gar nicht, daß der liebe Gott betrübt war, als er es sah. Sankt Petrus
verlor aber jedenfalls den Mut nicht, er versuchte im Gegenteil, den lieben
Gott zu trösten. >Sei mir nicht böse,< bat er. >Warte nur, bis ich Menschen
geschaffen habe, die die Moore urbar machen und die Bergrücken in Äcker
umwandeln.<

Aber jetzt war die Geduld des lieben Gottes doch schließlich erschöpft.
>Nein, du magst hinuntergehen nach Schonen, das ich zu einem guten,
fruchtbaren Land gemacht habe, und dort den Schonen schaffen, aber den
Småländer, den überlaß mir.< Und dann erschuf der liebe Gott den Småländer
und machte ihn klug und genügsam, froh und fleißig, unternehmend und
tüchtig, damit er sich in dem armen Land seinen Unterhalt erwerben könne.«

Sobald Klein-Mats an diesem Punkt angekommen war, pflegte er aufzuhören,
und wenn dann Nils Holgersson auch geschwiegen hätte, wäre alles gut
gegangen; der aber konnte es nicht lassen, zu fragen, wie es denn Sankt
Petrus bei der Erschaffung der Menschen gegangen sei.

»Ja, wie gefällst du dir selber?« antwortete Klein-Mats mit so
verächtlicher Miene, daß Nils Holgersson sofort über ihn herfiel, um ihn
durchzubläuen. Aber Mats war nur ein kleiner Kerl, und die ein Jahr ältre
Åsa lief rasch herbei, ihm zu helfen. So gutmütig sie sonst war, sobald
jemand dem Bruder zu nahe kam, fuhr sie auf wie eine Löwin. Nils Holgersson
aber wollte sich nicht mit einem Mädel balgen, deshalb kehrte er den
Geschwistern den Rücken und ging seiner Wege und schaute den ganzen Tag
hindurch nicht ein einziges Mal nach der Seite, wo sich die småländischen
Kinder befanden.

[Illustration]



16

Die Krähen

Der tönerne Topf


In der südöstlichen Ecke von Småland liegt der Bezirk Sunnerbo. Dort ist
aber ganz ebner, gleichmäßiger Boden, und wer diesen Bezirk im Winter
sieht, kann sich nichts andres denken, als daß sich unter dem Schnee
umgepflügte Brachfelder, grüne Roggenäcker und abgemähte Kleewiesen
ausbreiten, wie es im Flachland zu sein pflegt. Aber wenn der Schnee in
Sunnerbo im Anfang April endlich schmilzt, dann zeigt es sich, daß das, was
grün darunter liegen sollte, nichts als trockne, sandige Heiden, nackte
Felskuppen und große, sumpfige Moore sind. Wohl gibt es da und dort auch
Äcker, aber sie sind so klein, daß man sie kaum bemerkt; und kleine graue
oder rote Bauernhütten sind wohl auch da, aber meistens sind sie in einem
Buchenwäldchen ganz versteckt, als ob sie Angst hätten, sich zu zeigen.

Wo der Sunnerboer Bezirk mit der Grenze von Halland zusammenstößt, liegt
eine Sandheide, die so groß ist, daß jemand, der auf der einen Seite steht,
nicht bis zum andern Ende sehen kann. Auf der ganzen Ebene wächst nichts
als Heidekraut, und man könnte wohl auch schwerlich etwas andres dort zum
Wachsen bringen. Zu allererst müßte man dann das Heidekraut ausrotten; denn
obgleich dieses nur einen kleinen, verkrüppelten Stamm, kleine verkrüppelte
Zweige und trockne, verkrüppelte Blätter hat, bildet es sich doch ein, es
sei ein Baum, und beträgt sich demgemäß ganz wie die wirklichen Bäume,
breitet sich waldartig über weite Strecken aus, hält treulich zusammen und
will nicht leiden, daß andre kleine und große Gewächse in seinen Bereich
eindringen.

Die einzige Stelle auf der Heide, wo das Heidekraut nicht Alleinherrscher
sein kann, ist ein niedriger, steiniger Bergrücken, der sich mitten über
das Heideland hinzieht. Da gibt es Wacholderbüsche, Ebereschen und mehrere
große, schöne Buchen. Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen
umherzog, war auch eine Hütte mit einem kleinen Stück gepflügten Landes
dort, aber die Leute, die da gewohnt hatten, waren aus dem einen oder
andern Grunde weggezogen. Die kleine Hütte stand leer, und die Äcker lagen
unbebaut.

Beim Verlassen ihrer Hütte hatten die Menschen zwar vorsorglich die
Ofenklappe zugemacht, die Fensterhaken angelegt und die Tür verschlossen.
Aber sie hatten nicht daran gedacht, daß eine Fensterscheibe zerschlagen
und die Öffnung nur mit einem Lappen verstopft war. Nach ein paar tüchtigen
Sommerregen war der Lappen verfault und zusammengesunken; und schließlich
war es einer Krähe gelungen, ihn wegzupicken.

Der Bergrücken auf der Heide war nämlich nicht so einsam, wie man annehmen
könnte, sondern er war von einem großen Volke Krähen bewohnt, das aber
natürlich nicht das ganze Jahr hindurch seinen Aufenthalt da hatte. Im
Winter zogen die Krähen ins Ausland, im Herbst flogen sie von einem Acker
zum andern im ganzen Götaland umher und pickten Saatkörner auf, im Sommer
zerstreuten sie sich auf die Höfe im Bezirk Sunnerbo und lebten von Eiern,
Beeren und jungen Vögeln; aber in jedem Frühling, wenn sie Nester bauen und
Eier legen wollten, kehrten sie auf dieses mit Heidekraut bewachsene
Heideland zurück.

Die Krähe, die den Lappen aus dem Fenster herausgepickt hatte, hieß Garm
Weißfeder, wurde aber nie anders als Fumle oder Drumle oder schlechtweg
Fumle-Drumle genannt, weil sie sich immer dumm und ungeschickt anstellte
und zu nichts zu gebrauchen war, als daß man sich über sie lustig machte.
Fumle-Drumle war größer und stärker als alle die andern Krähen, aber das
half ihr gar nichts, die andern trieben nach wie vor ihren Spott mit ihr.
Und auch das half ihr nichts, daß sie aus sehr vornehmem Geschlecht
stammte. Von Rechts wegen hätte sie sogar der Anführer der ganzen Schar
sein müssen, weil diese Würde von Urzeiten her dem Ältesten der Weißfeder
zu eigen gewesen war. Aber lange, ehe Fumle-Drumle zur Welt kam, hatte ihre
Familie die Macht verloren, und diese gehörte jetzt einer grausamen wilden
Krähe, namens Wind-Eile.

Der Herrscherwechsel aber stammte daher, daß die Krähen auf dem
Krähenbergrücken beschlossen hatten, ihre Lebensweise zu ändern. Viele
werden wohl glauben, alles, was Krähe heiße, lebe auf ein und dieselbe
Weise, aber dies ist ganz unrichtig. Es gibt ganze Krähenvölker, die ein
ehrenwertes Leben führen, das heißt, sich nur von Samenkörnern,
Würmerlarven und schon gestorbenen Tieren nähren. Und es gibt andre, die
ein wahres Räuberunwesen treiben; diese fallen über junge Hasen und kleine
Vögel her und rauben jedes Vogelnest aus, das sie nur entdecken können.

Die alten Weißfeder waren streng und mäßig gewesen; und so lange sie die
Anführer waren, hatten die Krähen sich so aufführen müssen, daß ihnen die
andern Vögel nichts Böses nachsagen konnten. Aber die Krähen waren sehr
zahlreich; es herrschte große Armut bei ihnen, und sie brachten es auf die
Dauer nicht fertig, einen so strengen Wandel zu führen. Sie empörten sich
deshalb gegen die Weißfeder und gaben die Macht einem Krähenmann namens
Wind-Eile, der der schlimmste Räuber und Nestplünderer war, den man sich
denken konnte, wenn nicht sein Weib, die Wind-Kåra, schließlich noch
schlimmer war. Unter der Anführerschaft dieser beiden hatten sich die
Krähen einem solchen Lebenswandel hingegeben, daß sie jetzt mehr gefürchtet
waren als Habichte und Eulen.

Fumle-Drumle wurde natürlich keine Stimme eingeräumt. Die ganze Schar
erklärte einstimmig, er schlage nicht im geringsten seinen Vorfahren nach
und passe ganz und gar nicht zum Anführer. Es wäre überhaupt nicht von ihm
gesprochen worden, wenn er nicht immer neue Dummheiten gemacht hätte.
Einige besonders kluge sagten allerdings bisweilen, es sei vielleicht ein
Glück für Fumle-Drumle, daß er ein so unbeholfener Tropf sei, sonst hätten
Wind-Eile und Kåra es nicht gewagt, diesen Abkömmling des alten
Häuptlingsgeschlechtes in der Schar bleiben zu lassen.

Jetzt waren diese beiden im Gegenteil sehr freundlich gegen Fumle-Drumle
und nahmen ihn gern mit auf ihre Jagdzüge; da konnten dann alle andern
sehen, daß sie viel geschickter und kühner waren als der gute Fumle-Drumle.

Keine von den Krähen wußte, daß Fumle-Drumle den Lappen aus der
zerbrochenen Fensterscheibe herausgepickt hatte, und wenn sie es gewußt
hätten, würden sie sich aufs höchste darüber verwundert haben. Die
Keckheit, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern, hätten sie
Fumle-Drumle nie zugetraut. Fumle-Drumle behielt die Sache auch vollständig
für sich, und dazu hatte er seine guten Gründe. Wind-Eile und Kåra
behandelten ihn zwar bei Tage und in Gegenwart der andern immer gut, aber
in einer sehr dunklen Nacht, als die Krähen schon auf ihren Zweigen
aufgesessen waren, war er plötzlich von ein paar Krähen überfallen und
beinahe ermordet worden. Von da an begab er sich jeden Abend, nachdem es
dunkel geworden war, von seinem gewohnten Schlafplatz in die Hütte hinein.

Da geschah es, daß die Krähen, nachdem sie schon ihre Nester auf dem
Krähenberge in Ordnung gebracht hatten, einen merkwürdigen Fund machten.
Eines Nachmittags waren Wind-Eile, Fumle-Drumle und ein paar andre in ein
großes, an dem einen Ende der Heide liegendes Loch im Boden hinabgeflogen.
Dieses Loch war nichts weiter als eine Kiesgrube, aber die Krähen konnten
sich mit einer so einfachen Erklärung nicht zufrieden geben; sie flogen
beständig hinein und drehten jedes Sandkorn um, weil sie gar zu gern gewußt
hätten, warum die Menschen diese Grube gemacht hatten. Während sie so
eifrig beschäftigt waren, stürzte plötzlich eine Masse Kies von der einen
Seite herunter. Die Krähen liefen erregt dorthin, und das Glück wollte es,
daß zwischen den herabgestürzten Steinen und dem Kies ein ziemlich großer
tönerner, mit einem Holzdeckel verschlossener Topf lag. Sie wollten
natürlich wissen, ob etwas darin sei, versuchten auch, ein Loch in den Topf
zu hacken und den Deckel aufzumachen; aber keins von beiden gelang ihnen.

Ganz ratlos standen sie um den Topf herum und betrachteten ihn, als sie
plötzlich eine Stimme hörten: »Soll ich kommen und euch helfen, ihr
Krähen?« Sie schauten hastig auf, und da, am Rande der Grube, saß ein
Fuchs, der zu ihnen herunterschaute. Der Fuchs war, was Farbe und Gestalt
betraf, einer der schönsten Füchse, den die Krähen je gesehen hatten. Sein
einziger Schönheitsfehler war, daß er ein Ohr verloren hatte.

»Wenn du Lust hast, uns eine Gefälligkeit zu erweisen,« sagte Wind-Eile,
»werden wir nicht nein sagen.« Gleichzeitig aber flog sie aus der Grube
heraus, und die andern Krähen folgten ihr eilig nach. Der Fuchs hüpfte an
ihrer Statt hinunter, biß an dem Topf herum und zog am Deckel, aber auch er
konnte ihn nicht öffnen.

»Kannst du dir denken, was darin ist?« fragte Wind-Eile.

Der Fuchs rollte den Topf hin und her und horchte aufmerksam. »Silbermünzen
sinds gewiß und wahrhaftig, lauter silberne Münzen sinds!« sagte er.

Das war mehr, als die Krähen erwartet hatten. »Meinst du wirklich, es
könnte Silber sein?« fragten sie, und ihre Augen funkelten vor Begierde;
denn so merkwürdig es auch klingen mag, es gibt auf der Welt nichts, was
die Krähen mehr lieben, als Silbermünzen.

»Hört nur, wie sie klirren!« sagte der Fuchs und rollte den Topf noch
einmal hin und her. »Ich weiß nur nicht, wie wir dazu kommen sollen.«

»Nein, das ist wohl unmöglich,« seufzten die Krähen.

Der Fuchs rieb sich den Kopf mit der linken Pfote und überlegte. Vielleicht
könnte es ihm jetzt mit Hilfe der Krähen gelingen, diesen Knirps, der ihm
immer wieder entging, in seine Gewalt zu bekommen. »Ich wüßte wohl einen,
der uns den Topf öffnen könnte,« sagte der Fuchs schließlich.

»Wen? Wen?« riefen die Krähen, und in ihrem Eifer flatterten sie wieder in
die Grube hinab.

»Das will ich euch sagen, wenn ihr mir versprecht, ihn mir nachher
auszuliefern,« sagte der Fuchs.

Und nun erzählte er den Krähen von Däumling und sagte, wenn sie ihn auf die
Heide hier herausbringen könnten, würde der ihnen den Topf sicher öffnen
können. Aber als Lohn für diesen Rat verlange er, daß ihm Däumling
überlassen werde, sobald er den Krähen die Silbermünzen verschafft hätte.
Die Krähen hatten keinen Grund, Däumling zu verschonen, und gingen ohne
weitres auf die Bedingung ein.

Dies alles war leicht zu vereinbaren gewesen, schwerer aber war es, zu
erfahren, wo der Däumling und die Wildgänse sich befanden. Wind-Eile machte
sich selbst mit fünfzehn Krähen auf den Weg und sagte, er werde bald wieder
zurück sein. Aber ein Tag um den andern verging, ohne daß die Krähen auf
dem Krähenhügel auch nur einen Schein von ihm gesehen hätten.


Von den Krähen geraubt

                                                  Mittwoch, 13. April

Beim ersten Morgengrauen waren die Wildgänse draußen, um sich etwas Nahrung
zu verschaffen, ehe sie die Reise nach Ostgötland antraten. Der Holm in der
Gåsbucht, wo sie geschlafen hatten, war klein und kalt, aber im Wasser
ringsum wuchsen allerlei Gewächse, an denen sie sich sättigen konnten. Der
Junge war schlimmer daran, er suchte vergeblich etwas Eßbares für sich.

Als er sich nun hungrig und in der Morgenkühle schnatternd nach allen
Seiten umsah, fiel sein Blick auf ein paar Eichhörnchen, die auf einer mit
Bäumen bestandenen Landzunge gerade vor der kleinen Felseninsel spielten.
Da dachte er, die Eichhörnchen hätten vielleicht noch etwas von ihrem
Wintervorrat übrig, und er bat den weißen Gänserich, ihn auf die Landzunge
hinüberzubringen, er wolle die Eichhörnchen um ein paar Haselnüsse bitten.

Der große Weiße schwamm gleich mit ihm über die Meerenge; aber zum Unglück
waren die Eichhörnchen von ihrem Spiel vollständig in Anspruch genommen,
sie jagten einander von Baum zu Baum und nahmen sich keine Zeit, den Jungen
anzuhören, sondern zogen sich im Gegenteil immer tiefer ins Gebüsch hinein.
Der Junge lief ihnen eilig nach und war bald aus dem Gesichtskreis des
Gänserichs verschwunden, der ruhig am Strande liegen geblieben war.

Der Junge watete durch einige Wiesen, wo die Anemonen so hoch standen, daß
sie ihm beinahe bis zum Kinn reichten, da fühlte er sich plötzlich hinten
angefaßt, und es wurde der Versuch gemacht, ihn aufzuheben. Rasch wendete
er sich um; da sah er, daß ihn eine Krähe am Halskragen gepackt hatte. Er
versuchte sich loszureißen; aber ehe ihm dies gelang, eilte noch eine Krähe
herbei, biß sich in einem von seinen Strümpfen fest und riß ihn zu Boden.

Wenn der Junge sogleich um Hilfe geschrieen hätte, wäre es dem Gänserich
wohl gelungen, ihn zu befreien, aber der Junge dachte wahrscheinlich, mit
ein paar Krähen müsse er es allein aufnehmen können. Er schlug und stieß um
sich; aber die Krähen ließen nicht los, und es gelang ihnen auch wirklich,
ihre Beute mit sich in die Luft hinaufzunehmen. Sie gingen aber dabei so
unvorsichtig zu Werke, daß der Kopf des Jungen gegen einen Baum stieß. Er
bekam einen starken Schlag auf den Wirbel; es wurde ihm schwarz vor den
Augen, und er verlor das Bewußtsein.

Als der Junge die Augen wieder aufschlug, befand er sich hoch über der
Erde. Nur langsam kehrte ihm das Gedächtnis zurück, und im Anfang wußte er
weder, wo er war, noch was er sah. Als er unter sich schaute, glaubte er,
da unten sei ein ungeheuer großer wolliger Teppich ausgebreitet, der in den
unregelmäßigsten Mustern von grün und blau gewebt war. Es war ein sehr
dicker, prachtvoller Teppich, aber der Junge dachte: »Wie schade, daß er so
verdorben ist!« Denn der Teppich sah geradezu zerfetzt aus, lange Risse
liefen mitten hindurch, und an einigen Stellen waren große Stücke
weggerissen. Das merkwürdigste aber war, daß der Teppich über einen Spiegel
ausgebreitet zu sein schien, denn da, wo die Löcher und Risse waren,
schimmerte helles, glänzendes Spiegelglas hervor.

Das nächste, was der Junge sah, war die aufgehende Sonne, die sich jetzt
über dem Horizont zeigte, und siehe da, der Spiegel unter den Löchern und
Rissen in dem Teppich begann plötzlich in rotem und goldnem Glanze zu
schimmern. Das sah prachtvoll aus, und der Junge freute sich über das
schöne Farbenspiel, obgleich er nicht recht begriff, was er eigentlich sah.
Aber jetzt begannen die Krähen abwärts zu fliegen, und auf einmal entdeckte
er, daß der große Teppich unter ihm die mit grünen Nadelholzwäldern und
braunen, kahlen Laubwäldern bedeckte Erde war, die Löcher und Risse aber
lauter glänzende Fjorde und kleine Seen waren.

Und nun fiel ihm ein, daß er, als er das erstemal auf dem Gänserücken durch
die Luft geflogen war, geglaubt hatte, der Erdboden in Schonen sei ein
gewürfeltes Tuch. Doch dieses Land hier, das wie ein zerrissener Teppich
aussah, wie mochte es wohl heißen?

Eine Menge Fragen gingen ihm durch den Kopf. Warum saß er nicht auf dem
Rücken des weißen Gänserichs? Warum flog ein großer Schwarm um ihn her? Und
warum wurde er hierher und dorthin gezerrt und geschleudert, so daß er fast
hinunterfiel?

Doch plötzlich wurde ihm alles klar. Er war von ein paar Krähen geraubt
worden. Der weiße Gänserich lag noch am Strand und wartete auf ihn, und die
Wildgänse wollten heute noch nach Ostgötland weiterreisen; ihn selbst aber
brachte man fort. Südwestwärts ging es; das erkannte er daran, daß er die
Sonnenscheibe hinter sich hatte. Ja, und der große Wälderteppich dort
drunten mußte Småland sein.

»Wie wird es dem weißen Gänserich nun gehen, wenn ich nicht mehr für ihn
sorgen kann?« dachte der Junge. Er begann den Krähen zuzurufen, sie sollten
ihn sogleich zu den Wildgänsen zurückbringen. Seiner selbst wegen war er
jedoch nicht im geringsten beunruhigt, er glaubte, die Krähen hätten ihn
aus reinem Mutwillen mitgenommen.

Die Krähen aber richteten sich ganz und gar nicht nach seinen Befehlen,
sondern flogen so schnell als möglich weiter. Aber nach einer Weile schlug
eine mit den Flügeln auf eine Art, die bei den Krähen bedeutet: »Seht euch
vor! Gefahr!« Sogleich tauchten alle in einen Fichtenwald unter und drangen
zwischen riesigen Zweigen hindurch bis hinunter auf den Waldboden. Hier
angekommen, setzten sie den Jungen unter einer dichten Fichte nieder, wo er
so gut verborgen war, daß ihn nicht einmal der Blick eines Falken hätte
entdecken können.

Die Schnäbel auf den Jungen gerichtet, stellten sich fünfzehn Krähen als
Wache um ihn herum. »Nun, ihr Krähen, werde ich jetzt vielleicht erfahren,
warum ihr mich geraubt habt?« fragte der Junge.

Aber er hatte kaum ausgeredet, als ihn auch schon eine große Krähe
anzischte: »Schweig! Oder ich hacke dir die Augen aus!«

Und mit diesem Ausspruch war es der Krähe sicherlich Ernst, darüber konnte
kein Zweifel herrschen; dem Jungen blieb also nichts andres übrig, als zu
gehorchen. Schweigend saß er da und starrte die Krähen an, und die Krähen
starrten ihn an.

Aber je länger er sie betrachtete, desto weniger gefielen sie ihm. Ihr
Federkleid war schrecklich schmutzig und schlecht geputzt, ganz als ob die
Krähen von einem Bad oder von Einölen gar nichts wüßten. An ihren Zehen und
Klauen klebte vertrocknete Erde, und in den Schnabelwinkeln saßen
Speisereste. Das war ein andrer Schlag Vögel als die Wildgänse, das sah der
Junge wohl. Sie hatten ein grausames, habsüchtiges, gieriges und freches
Aussehen, ganz wie richtige Räuber und Landstreicher.

»Da bin ich ja wohl unter ein echtes Räuberpack geraten,« dachte der Junge.

In demselben Augenblick hörte er den Lockruf der Wildgänse über sich: »Wo
bist du? Hier bin ich! Wo bist du? Hier bin ich!«

Er erriet, daß Akka und die andern auf der Suche nach ihm waren; aber ehe
er antworten konnte, zischte die große Krähe, die der Anführer der Bande zu
sein schien, ihm ins Ohr: »Denk an deine Augen!« Und es blieb ihm nichts
andres übrig, als zu schweigen.

Die Wildgänse hatten wohl keine Ahnung, daß der Junge ihnen so nahe war;
sie waren gewiß nur zufällig über diesen Wald hingeflogen, denn der Junge
hörte sie nur noch ein paarmal rufen, dann verstummten sie. »Ja, nun mußt
du dir selbst helfen, Nils Holgersson!« sagte er zu sich selbst. »Nun mußt
du zeigen, ob du während der in der Wildnis verbrachten Wochen etwas
gelernt hast.«

Nach einer Weile machten die Krähen Anstalt, aufzubrechen; sie hatten
offenbar die Absicht, den Jungen noch weiter mitzunehmen, und zwar wieder
so, daß ihn die eine am Hemdkragen, die andre am Strumpf festhielt. Doch da
sagte der Junge: »Ist denn keine unter euch stark genug, mich auf ihrem
Rücken zu tragen? Ihr habt mich schon so mißhandelt, daß ich wie gerädert
bin. Laßt mich doch reiten, ich werde mich gewiß nicht hinabstürzen, das
verspreche ich.«

»Glaube nur nicht, daß wir uns darum kümmern, wie es dir geht,« sagte der
Anführer.

Aber jetzt kam die größte von den Krähen herbei; sie hatte eine weiße Feder
im Flügel und sagte: »Es wäre gewiß besser für uns alle, Wind-Eile, wenn
wir Däumling ganz und nicht halb an Ort und Stelle brächten, deshalb will
ich versuchen, ihn auf meinem Rücken zu tragen.«

»Wenn du es kannst, Fumle-Drumle, dann hab ich nichts dagegen,« sagte
Wind-Eile. »Aber verliere ihn ja nicht!«

Damit war schon viel gewonnen, und der Junge war wieder ganz vergnügt. »Den
Mut brauche ich noch nicht zu verlieren, weil mich die Krähen geraubt
haben,« dachte er. »Mit diesen Gaunern werde ich schon fertig werden.«

Die Krähen flogen in südwestlicher Richtung immer weiter über Småland hin.
Es war ein herrlicher, sonniger, warmer Morgen, die Vögel auf der Erde
drunten gingen alle auf Freiersfüßen, sie sangen und zwitscherten ihre
zärtlichsten Weisen. In einem hohen, dunklen Wald, hoch droben in dem
Wipfel einer Fichte, saß eine Drossel mit herabhängenden Flügeln und
aufgeblähtem Hals und sang ein Mal ums andre: »Ach, wie schön bist du! Wie
wunderbar schön bist du! Niemand ist so schön wie du!« Und sobald sie mit
diesem Liede zu Ende war, fing sie wieder von vorn an.

Aber gerade zu der Zeit flog der Junge über den Wald hin, und nachdem er
das Lied ein paarmal mit angehört hatte und merkte, daß die Drossel sonst
keines konnte, hielt er beide Hände wie eine Trompete vor den Mund und rief
hinab: »Das haben wir schon früher gehört! Das haben wir schon früher
gehört!«

»Wer macht sich über mein Lied lustig?« fragte die Drossel und versuchte
den Sprecher zu entdecken.

»Der von den Krähen Geraubte ist es!« antwortete der Junge.

Da wendete der Krähenhäuptling den Kopf und sagte: »Hüte deine Augen,
Däumling!«

Aber der Junge dachte: »Ach, was kümmere ich mich darum! Nun gerade will
ich dir zeigen, daß ich mich nicht fürchte!«

Immer weiter ins Land hinein ging es, und überall gab es Wälder und Seen.
Auf einem von Birken eingefriedigten Weideplatze saß die Waldtaube auf
einem kahlen Zweige, und vor ihr stand der Täuberich. Er blies die Federn
auf, verdrehte den Hals, wiegte den Körper auf und ab, so daß die
Brustfedern den Zweig streiften, und dazwischen gurrte er: »Du, du, bist
die schönste im Walde! Keine im Walde ist so schön wie du, du, du!«

Aber oben in den Lüften flog der Junge vorüber, und als er den Täuberich
hörte, konnte er sich nicht still verhalten. »Glaub ihm nicht! Glaub ihm
nicht!« rief er hinab.

»Wer, wer, wer ist es, der mich verleumdet?« gurrte der Täuberich und
versuchte den zu entdecken, der ihm die Worte zugerufen hatte.

»Der von den Krähen Geraubte ist es!« rief der Junge.

Wieder drehte Wind-Eile den Kopf nach dem Jungen und befahl ihm zu
schweigen; aber Fumle-Drumle, der ihn trug, sagte: »Laß ihn doch schwatzen,
dann denken die kleinen Vögel, wir Krähen seien gute, freundliche Vögel
geworden.«

»O, die sind wohl auch nicht so dumm!« entgegnete Wind-Eile; aber der
Gedanke schmeichelte ihm doch, und von da an ließ er den Jungen rufen, so
viel er wollte.

Weiter und weiter ging es, meistens über Wälder und Waldwiesen hin, aber
natürlich kamen hin und wieder auch Kirchen und Dörfer und am Waldesrand
kleine Häuser. Einmal sahen sie einen alten schönen Herrensitz mit
rotangestrichenen Mauern und einem steilen Dach mit mehreren Absätzen.
Dahinter lag der Wald, davor ein See, der Vorplatz war von mächtigen
Ahornbäumen eingefaßt, und im Garten standen große, vielästige
Stachelbeerbüsche. Ganz oben auf der Wetterfahne saß ein Star und
zwitscherte so laut, daß jeder Ton bis zu dem Starenweibchen hinunterdrang,
das in einem Starenkasten am Birnbaum auf seinen Eiern saß. »Wir haben vier
kleine Eier!« sang der Star. »Wir haben vier schöne, runde Eier! Wir haben
das ganze Nest voll prächtiger Eier!«

Der Star sang sein Lied zum tausendsten Mal, als der Junge über den Hof
hinflog. Da legte er die Hände wie ein Rohr vor den Mund und rief: »Die
Dohle wird sie holen! Die Dohle wird sie holen!«

»Wer ist es, der mich erschrecken will?« fragte der Star und schlug unruhig
mit den Flügeln.

»Der Krähenreiter ists, der Krähenreiter!« rief der Junge. Diesmal gebot
der Krähenhäuptling dem Jungen nicht Schweigen. Er und die ganze Schar
waren im Gegenteil so lustig, daß sie vor Befriedigung krächzten.

Je weiter sie ins Land hineinkamen, desto größer wurden die Seen, und desto
mehr Inseln und Landzungen hatten sie. Am Ufer eines Sees stand der
Enterich und machte tiefe Bücklinge vor der Ente. »Ich will dir treu
bleiben mein Leben lang! Ich will dir treu bleiben mein Leben lang!«
erklärte er feierlich.

»Es dauert keinen Sommer lang!« schrie der Junge, der eben vorüberflog.

»Was bist du denn für einer?« rief ihm der Enterich nach.

»Ich heiße Krähenraub!« schrie der Junge.

Um die Mittagszeit ließen sich die Krähen auf einer Waldwiese nieder. Sie
flogen umher und suchten sich Speise, aber keiner von ihnen fiel es ein,
auch dem Jungen etwas zu geben. Plötzlich flog Fumle-Drumle mit einem
wilden Rosenzweig, an dem einige rote Hagebutten saßen, im Schnabel zu dem
Häuptling hin. »Sieh, was ich dir bringe, Wind-Eile,« sagte er. »Dies ist
etwas Gutes, das für dich paßt.«

Aber Wind-Eile krächzte verächtlich. »Meinst du, ich wolle alte,
vertrocknete Hagebutten fressen?«

»Und ich hatte gedacht, du würdest dich darüber freuen,« sagte Fumle-Drumle
und warf den Zweig in hellem Mißmut weg. Der Zweig aber fiel gerade vor dem
Jungen nieder, und dieser war nicht faul, ihn aufzuheben und seinen Hunger
mit den Beeren zu stillen.

Als die Krähen satt waren, begannen sie miteinander zu plaudern. »Woran
denkst du, Wind-Eile? Du bist heute so still?« sagte eine zu dem Anführer.

»Ich denke daran, daß in dieser Gegend einmal eine Henne lebte, die ihre
Herrin sehr lieb hatte; und um ihr eine rechte Freude zu machen, legte sie
ein besonders großes Ei, das sie unter dem Scheunenboden verbarg. So lange
sie das Ei ausbrütete, freute sie sich immerfort, wie beglückt die Frau
über das Küchlein sein werde. Die Frau wunderte sich natürlich, wo die
Henne so lange blieb. Sie suchte überall nach, fand sie aber nicht.
Langschnabel, kannst du erraten, wer sie fand?«

»Ich glaube, ich kann es erraten, Wind-Eile, und nachdem du dies erzählt
hast, will ich etwas Ähnliches zum besten geben. Entsinnt ihr euch der
großen schwarzen Katze im Hinneryder Pfarrhaus? Sie war mit ihrer
Herrschaft unzufrieden, weil diese ihr immer die neugeborenen Jungen
wegnahm und ertränkte. Nur ein einziges Mal gelang es der Katze, die
kleinen Neugeborenen zu verstecken, denn da legte sie sie in eine
Strohmiete auf dem Acker. Sie war überglücklich mit ihren Jungen, aber ich
glaube, ich hatte noch mehr Freude an ihnen als sie.«

Jetzt wurden die andern Krähen so eifrig, daß sie einander ins Wort fielen.
»Ist das eine Kunst, Eier und neugeborene Junge zu stehlen?« rief eine.
»Ich hab einmal einen jungen, beinahe ausgewachsenen Hasen erjagt. Da galt
es, ihn von Dickicht zu Dickicht zu verfolgen -- --«

Weiter kam sie nicht, denn schon fiel ihr eine andre ins Wort. »Es mag ja
ganz lustig sein, Hühner und Katzen zu ärgern, aber viel interessanter
finde ich es, wenn eine Krähe einem Menschen Verdruß bereiten kann. Ich hab
einmal einen silbernen Löffel gestohlen -- --«

Aber länger konnte der Junge diese Unterhaltung nicht mit anhören. »Nein,
hört nun, ihr Krähen, ihr solltet euch schämen,« sagte er, »so viele
Schlechtigkeiten preiszugeben. Jetzt habe ich drei Wochen bei den
Wildgänsen zugebracht, aber von ihnen habe ich nur Gutes gehört. Ihr müßt
einen schlechten Häuptling haben, wenn er euch erlaubt, auf solche Weise zu
rauben und zu morden. Ihr solltet ein neues Leben anfangen, denn ich sage
euch, die Menschen sind eurer Bosheit so überdrüssig geworden, daß sie euch
auszurotten versuchen, koste es, was es wolle. Und dann wird es bald aus
mit euch sein.«

Als Wind-Eile und die Krähen dies hörten, wurden sie so erbost, daß sie
sich auf den Jungen stürzten, um ihn zu zerhacken und zu zerreißen. Aber
Fumle-Drumle lachte und krächzte und stellte sich vor ihn hin. »Nein, nein,
nein!« wehrte er ab und schien ganz entsetzt zu sein. »Was meint ihr wohl,
was Wind-Kåra sagen wird, wenn ihr den Däumling umbringt, ehe er uns die
Silbermünzen verschafft hat?«

»Ja du, du hast wohl Angst vor dem Weibervolk!« rief Wind-Eile. Aber
jedenfalls ließen er und die andern Krähen Däumling jetzt in Frieden.

Bald darauf zogen die Krähen weiter. Bis dahin hatte der Junge fortwährend
gedacht, Småland sei doch kein so armes Land, wie ihm gesagt worden war. Es
war ja wohl dicht bewaldet und voller Bergrücken, aber an den Flüssen und
Seen lagen bebaute Felder, und eine wirkliche Wildnis hatte er bis jetzt
noch nicht angetroffen. Aber je tiefer er ins Land hineinkam, desto weiter
voneinander entfernt waren die Dörfer und Gehöfte, und schließlich war es
doch, als fliege er über eine wahre Wildnis hin, denn er sah nichts als
Moore, Heideland und Felsenhügel.

Die Sonne war im Untergehen, aber es war doch noch taghell, als die Krähen
die mit Heidekraut bewachsene Ebene erreichten. Wind-Eile schickte eine
Krähe voraus mit der Nachricht, daß ihr Suchen mit Erfolg gekrönt worden
sei; und als dies bekannt wurde, flogen mehrere hundert Krähen, Wind-Kåra
an der Spitze, vom Krähenhügel fort und den Ankommenden entgegen. Mitten
unter dem ohrenzerreißenden Krächzen, das die Krähen bei der gegenseitigen
Begrüßung ausstießen, sagte Fumle-Drumle zu dem Jungen: »Du bist auf der
ganzen Reise so lustig und vergnügt gewesen, daß ich dich liebgewonnen
habe. Deshalb will ich dir jetzt einen guten Rat geben. Sobald wir uns
niederlassen, trägt man dir eine Arbeit auf, die dir sehr leicht vorkommen
wird. Aber hüte dich wohl, sie auszuführen.«

Gleich darauf setzte Fumle-Drumle den Jungen in einer Sandgrube nieder. Der
Junge ließ sich auf den Boden fallen und blieb wie zum Tode ermattet
liegen. Flügelschlagend, daß es wie ein Sturm brauste, flatterten unzählige
Krähen um ihn her; aber der Junge machte die Augen nicht auf.

»Steh auf, Däumling!« befahl Wind-Eile. »Du mußt etwas für uns tun, was für
dich eine Kleinigkeit ist.«

Aber der Junge rührte sich nicht, sondern stellte sich schlafend. Doch ohne
ein weitres Wort zu verlieren, packte ihn Wind-Eile am Arm und schleppte
ihn über den Sand zu einem altertümlich geformten tönernen Topf hin, der
mitten in der Grube stand. »Steh auf, Däumling,« befahl er, »und öffne uns
den Topf!«

»Warum läßt du mich denn nicht schlafen?« sagte der Junge. »Heute abend bin
ich zu müde dazu. Wartet bis morgen!«

»Öffne den Topf!« befahl Wind-Eile und schüttelte den Jungen.

Jetzt setzte sich der Junge auf und betrachtete den Topf sehr genau. »Wie
sollte ich armes Kind einen solchen Topf öffnen können? Er ist ja ebenso
groß wie ich selbst!«

»Öffne ihn!« befahl Wind-Eile noch einmal. »Sonst geht es dir schlecht!«

Der Junge stand auf, wankte zu dem Topf hin, befühlte den Deckel und ließ
die Arme sinken. »Ich bin doch sonst nicht so schwach,« sagte er. »Laßt
mich doch nur bis morgen schlafen, dann werde ich den Deckel gewiß
aufbringen.«

Doch Wind-Eile war ungeduldig; er sprang vor und pickte den Jungen ins
Bein. Aber eine solche Behandlung wollte dieser sich nicht gefallen lassen;
rasch riß er sich los, sprang ein paar Schritte zurück, zog sein Messer aus
der Scheide und hielt es ausgestreckt vor sich hin.

»Nimm dich in acht, du!« rief er Wind-Eile zu.

Der aber war zu erbittert, um der Gefahr auszuweichen. Ganz blind vor Wut
stürzte er auf den Jungen zu und direkt in das Messer hinein, das ihm durch
das eine Auge ins Gehirn hineindrang. Der Junge zog zwar das Messer hastig
zurück, aber Wind-Eile schlug nur noch ein paarmal mit den Flügeln, dann
sank er tot zu Boden.

»Wind-Eile ist tot! Der Fremde hat unsern Häuptling Wind-Eile umgebracht!«
schrien die Krähen, die zunächst standen. Und dann erhob sich ein
entsetzlicher Lärm; die einen jammerten, die andern schrien nach Rache.
Alle miteinander, Fumle-Drumle an der Spitze, stürzten oder flatterten auf
den Jungen zu. Aber wie gewöhnlich benahm sich Fumle-Drumle ganz verkehrt.
Er flatterte nur mit ausgebreiteten Flügeln über dem Jungen und verhinderte
dadurch die andern, an ihn heranzukommen und auf ihn loszuhacken.

Jetzt sah der Junge, daß er sich da in eine schlimme Lage gebracht hatte.
Er konnte den Krähen nicht entfliehen, und nirgends war ein Ort, wo er sich
hätte verstecken können? Aber dann fiel ihm der tönerne Topf ein. Mit einem
kräftigen Ruck riß er den Deckel herunter und sprang hinein, um sich darin
zu verstecken. Aber der Topf war ein schlechter Schlupfwinkel, denn er war
fast bis zum Rande mit kleinen dünnen Silbermünzen gefüllt, und der Junge
konnte nicht tief genug hineinkommen. Da beugte er sich vor und begann die
Münzen herauszuwerfen.

Bis jetzt waren die Krähen in einem dichten Schwarm um ihn hergeflattert
und hatten versucht, nach ihm zu hacken; als er aber die Münzen herauswarf,
vergaßen sie auf einmal ihre Rachgier und pickten die Geldstücke eiligst
auf. Mit vollen Händen warf der Junge Münzen heraus, und alle Krähen, ja
selbst Wind-Kåra, versuchten sie aufzufangen. Und jede, der es gelang, eine
Münze zu erhaschen, stürzte in größter Hast auf und davon nach ihrem Nest,
die Beute dort zu verstecken.

Als der Junge alle Silbermünzen aus dem Topf herausgeworfen hatte, sah er
auf. Da war nur noch eine einzige Krähe in der Sandgrube, Fumle-Drumle mit
der weißen Feder im Flügel, der ihn getragen hatte. »Du hast mir einen
größern Dienst geleistet, als du ahnen kannst, Däumling,« sagte die Krähe
mit einer ganz andern Stimme und mit ganz anderm Tonfall als vorher, »und
deshalb will ich dir das Leben retten. Setz dich auf meinen Rücken, dann
bringe ich dich in ein Versteck, wo du während der Nacht sicher bist.
Morgen werde ich es dann so einrichten, daß du zu deinen Freunden
zurückgebracht wirst.«


Die Hütte

                                                  Donnerstag, 14. April

Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, lag er auf einem Bett, und als
er vier Wände um sich her und ein Dach über sich sah, glaubte er daheim zu
sein. »Ob Mutter nicht bald mit dem Kaffee kommt?« murmelte er noch im
Halbschlaf. Aber dann fiel ihm ein, daß er ganz verlassen in einer Hütte
auf dem Krähenberg lag, und daß Fumle-Drumle mit der weißen Feder ihn am
vorhergehenden Abend hierhergetragen hatte.

Dem Jungen taten alle Glieder weh nach der Reise, die er am gestrigen Tage
gemacht hatte, und das Stilliegen kam ihm deshalb sehr schön vor. Er
wartete auf Fumle-Drumle, der versprochen hatte, wiederzukommen, ihn zu
holen. Das Bett war von einem Vorhang aus gewürfeltem Baumwollstoff
umgeben, der Junge schob ihn zur Seite, um sich in der Stube umzusehen.
Nein, ein solches Gebäude hatte er sicherlich noch nie gesehen! Die Wände
bestanden nur aus einer doppelten Reihe Latten, dann kam gleich das Dach.
Eine Zimmerdecke war nicht da, man konnte bis zum Dachfirst hinaufsehen.
Die ganze Hütte war so klein, daß sie ihm mehr für solche Wesen, wie er
jetzt eines war, als für richtige Menschen gemacht zu sein schien; aber der
Herd und der Kamin waren ganz richtig gebaut und kamen ihm gerade so groß
vor wie alle, die er früher gesehen hatte. Die Eingangstür auf der einen
Giebelseite neben dem Herd war so schmal, daß sie beinahe einer Luke glich.
An der andern Giebelseite war ein niedriges, breites Fenster mit vielen
kleinen Scheiben. Es waren fast keine beweglichen Möbel im Zimmer, die Bank
an der einen Langseite und der Tisch am Fenster waren an der Wand
festgemacht, und desgleichen das große Bett, in dem der Junge lag, sowie
auch der bunte Wandschrank.

Der Junge hätte gar zu gern gewußt, wem die Hütte gehörte, und warum sie
unbewohnt sei. Es sah ganz so aus, als ob die abwesenden Bewohner die
Absicht gehabt hätten, wiederzukommen. Die Kaffeekanne und der Grützentopf
standen auf dem Herd, und in dem Ofenwinkel lag etwas Brennholz. Der
Ofenschürer und die Backschaufel standen in einer Ecke, der Spinnrocken war
auf einen Stuhl gestellt, auf dem Bort über dem Fenster lagen Werg und
Flachs, ein paar Stränge Garn, ein Talglicht und ein Bund Zündhölzer.

Ja, es sah gerade aus, als ob die Leute, denen die Hütte gehörte,
zurückzukehren gedächten. In der Bettlade lagen die nötigen Bettstücke, und
an der Wand waren lange Tuchstreifen befestigt, auf denen drei Reiter zu
sehen waren, die Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Dieselben Pferde
und dieselben Reiter waren viele Male abgebildet. Sie ritten in der ganzen
Stube herum und nahmen ihren Weg sogar bis zu den Dachbalken hinauf.

Aber oben im Dach erblickte der Junge etwas, das ihn eiligst auf die Beine
brachte. Da oben auf einem Haken hingen ein paar trockne Brotkuchen. Sie
sahen allerdings etwas schimmelig und alt aus, aber es war doch immerhin
Brot. Er versetzte ihnen mit der Backschaufel ein paar Schläge, daß ein
Stück herunterfiel. Schnell stillte er seinen Hunger und stopfte auch seine
Taschen noch voll damit. Wie unglaublich gut doch Brot schmeckte!

Dann schaute er sich noch einmal in der Stube um, ob er nicht etwas
entdecke, das ihm nützlich sein könnte! »Ich darf doch wohl das mitnehmen,
was mir notwendig ist, da sich niemand darum kümmert,« dachte er. Aber das
meiste, was er sah, war zu groß und zu schwer. Das einzige, was er etwa
mitnehmen konnte, waren ein paar Zündhölzer.

Er kletterte auf den Tisch hinauf und schwang sich mit Hilfe der Vorhänge
auf das Brett über dem Fenster. Während er da oben stand und die Zündhölzer
in sein Säckchen hineinstopfte, flog die Krähe mit der weißen Feder zum
Fenster herein.

»Nun, da bin ich,« sagte sie und hielt bei dem Tisch an. »Ich konnte nicht
früher abkommen, weil wir Krähen heute einen neuen Häuptling gewählt
haben.«

»Wen habt ihr denn gewählt?« fragte der Junge.

»Einen, der keine Räuberei und Ungerechtigkeit dulden wird,« sagte die
Krähe und reckte sich, daß sie ganz majestätisch aussah. »Garm Weißfeder
ist gewählt worden, der vorher Fumle-Drumle hieß.«

»Das ist eine gute Wahl,« sagte der Junge, und er gratulierte Fumle-Drumle
herzlich.

»Ja, du darfst mir wohl Glück wünschen,« sagte Garm; und dann erzählte er
dem Jungen, was für ein Leben er mit Wind-Eile und Kåra gehabt hätte.

Plötzlich hörte der Junge vor dem Fenster eine Stimme, die ihm bekannt
vorkam. »Ist er hier?« fragte Smirre, der Fuchs.

»Ja, da drinnen hat er sich versteckt,« antwortete eine Krähenstimme.

»Nimm dich in acht, Däumling!« rief Garm. »Wind-Kåra steht mit dem Fuchs
draußen, der dich auffressen will!«

Mehr konnte er nicht sagen, denn der Fuchs machte einen Satz gegen das
Fenster. Die alte, morsche Fensterverkleidung gab nach, und im nächsten
Augenblick stand Smirre auf dem Tische am Fenster. Den neugewählten
Häuptling, Garm Weißfeder, der keine Zeit zum Davonfliegen gehabt hatte,
biß er sofort tot. Dann sprang er auf den Boden hinunter und schaute sich
nach dem Jungen um.

Dieser versuchte sich hinter einem Garnhaspel zu verstecken, aber Smirre
hatte ihn schon gesehen und duckte sich zum Sprunge. Ach, die Hütte war so
gar klein und niedrig, der Junge war keinen Augenblick im Zweifel, daß ihn
der Fuchs ohne Schwierigkeit erreichen könne! Aber in diesem Augenblick war
der Junge nicht ohne Verteidigungswaffen. Eilig brannte er ein Zündholz an,
hielt es an das Wergbündel, und als dieses aufflammte, warf er es auf
Smirre hinunter. Und als das Feuer auf den Fuchs fiel, wurde dieser von
einem wahnsinnigen Schrecken erfaßt. Er dachte nicht mehr an den Jungen;
ohne sich zu besinnen, floh er aus der Hütte hinaus.

Aber es sah aus, als ob der Junge zwar einer Gefahr entgangen sei, jedoch
nur, um sich in eine größere zu bringen. Von dem Wergbündel, das er nach
Smirre geworfen hatte, verbreitete sich das Feuer weiter, und schon hatte
es den Bettumhang ergriffen. Der Junge sprang hinunter und versuchte die
Flammen zu löschen; aber das Feuer brannte schon zu stark, die Stube füllte
sich schnell mit Rauch, und Smirre, der vor dem Fenster stehen geblieben
war, erriet leicht, wie es da drinnen stand. »Na, Däumling,« rief er, »was
willst du wählen? Gebraten werden oder zu mir herauskommen? Ich möchte dich
allerdings am liebsten auffressen, aber wenn dich der Tod auf andre Weise
erreicht, bin ich es auch zufrieden.«

Der Junge war überzeugt, daß der Fuchs recht habe, denn das Feuer griff
schrecklich schnell um sich. Schon brannte das ganze Bett, vom Boden stieg
Rauch auf, und an den gemalten Tuchstreifen krochen die Flammen von einem
Reiter zum andern. Der Junge war auf den Herd hinaufgesprungen und
versuchte die Klappe zum Backofen zu öffnen; da hörte er plötzlich, daß ein
Schlüssel in die Tür gesteckt und leise umgedreht wurde. Das mußten
Menschen sein, und in der Not, in der der Junge sich befand, fürchtete er
sich nicht, er freute sich nur. Er sah zwei Kinder vor sich; aber zu
beobachten, was für Gesichter sie machten, als sie die Stube in Flammen
stehen sahen, dazu ließ er sich keine Zeit, sondern stürzte an ihnen vorbei
ins Freie.

Weit wagte er jedoch nicht zu laufen, denn er wußte wohl, daß Smirre ihm
auflauerte, und daß er am besten tat, sich in der Nähe der Kinder
aufzuhalten. Er wendete den Kopf, um zu sehen, wie sie aussähen; aber er
hatte sie noch keine Sekunde betrachtet, als er auch schon auf sie
zustürzte und ausrief: »Guten Tag, Åsa! Guten Tag, Klein-Mats!«

Denn als der Junge die Kinder erkannte, vergaß er vollständig, wo er sich
befand. Die Krähen, die brennende Hütte und die sprechenden Tiere
verschwanden aus seinem Gedächtnis. In Westvemmenhög auf einem Stoppelfelde
hütete er seine Gänse, auf dem Felde daneben wanderten die beiden
småländischen Kinder mit den ihrigen; und sobald er die Kinder sah, sprang
er auf das Steinmäuerchen und rief: »Guten Tag, Gänsehirtin Åsa! Guten Tag,
Klein-Mats!«

Als aber die beiden Kinder einen kleinen Knirps mit ausgestreckten Händen
auf sich zulaufen sahen, faßten sie sich gegenseitig an, wichen ein paar
Schritte zurück und sahen zum Tod erschrocken aus.

Und als der Junge ihren Schrecken wahrnahm, kam er zu sich und erinnerte
sich, wer er war. Und da meinte er, es könnte ihm nichts Schlimmeres
passieren, als wenn ihn gerade diese Kinder in seiner verhexten Gestalt
sähen. Die Scham und der Kummer darüber, daß er kein Mensch mehr war,
überwältigten ihn. Er wendete sich um und entfloh, wohin, das wußte er
selbst nicht.

Aber siehe da, draußen auf der Heide, was begegnete ihm da Gutes? Aus dem
Heidekraut schimmerte etwas Weißes hervor, und ihm entgegen kamen der weiße
Gänserich und Daunenfein. Als der Weiße ihn in solcher Hast daherrennen
sah, glaubte er, daß der Junge von gefährlichen Feinden verfolgt würde. In
aller Eile hob er ihn auf seinen Rücken und flog mit ihm davon.

[Illustration]



17

Die alte Bauernfrau


                                                  Donnerstag, 14. April

Drei müde Wanderer waren spät am Abend noch unterwegs und suchten sich eine
Nachtherberge. Sie befanden sich in einer armen einsamen Gegend des
nördlichen Smålands, und doch hätte sich ein solches Ruheplätzchen, wie sie
es wünschten, eigentlich finden lassen müssen, denn es waren keine
verwöhnten Schwächlinge, die nach weichen Betten oder wohleingerichteten
Zimmern fragten.

»Wenn nur einer von diesen langen Bergrücken einen so steilen, hohen Gipfel
hätte, daß ein Fuchs an keiner Seite hinaufklettern könnte, dann hätten wir
einen guten Schlafplatz!« sagte einer von ihnen.

»Wenn ein einziges von den großen Mooren aufgefroren und so weich und naß
wäre, daß sich ein Fuchs nicht darauf hinauswagte, dann wäre das auch ein
recht guter Nachtaufenthalt,« sagte der zweite.

»Wenn nur an einem der zugefrorenen Seen, an denen wir vorbeikamen, das Eis
vom Ufer ganz losgelöst wäre, so daß kein Fuchs vom Lande aus hinüber
gelangen könnte, dann hätten wir das, was wir suchen,« sagte der dritte.

Das Schlimmste aber war, daß zwei von den Reisenden nach Sonnenuntergang
furchtbar schläfrig wurden und sich kaum noch aufrecht halten konnten.
Deshalb wurde der dritte, der auch nachts wachen konnte, bei der
zunehmenden Dunkelheit mit jedem Augenblick unruhiger. »Es ist doch
wirklich ein Unglück,« dachte er. »Nun sind wir in ein Land geraten, wo die
Seen und Moore mit Eis bedeckt daliegen, so daß der Fuchs überall
hinübergelangen kann. An andern Orten ist das Eis ganz geschmolzen; aber
jetzt sind wir wohl in dem kältesten Småland, wo der Frühling seinen Einzug
noch nicht gehalten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um einen guten
Schlafplatz ausfindig zu machen. Wenn ich nicht einen Ort erreiche, wo wir
wohlbeschützt sind, fällt Smirre über uns her, ehe der Morgen anbricht.«

Er sah sich nach allen Seiten um; aber nirgends fand sich ein Platz, der
ihm passend erschienen wäre. Ach, und es war ein trüber kalter Abend mit
Wind und Sprühregen! Immer unheimlicher und unbehaglicher wurde es ringsum.

Es mag einem sonderbar vorkommen, aber die Reisenden schienen ganz und gar
keine Lust zu haben, in irgend einem Hof um Obdach zu bitten. Sie waren
schon an vielen Kirchspielen vorübergekommen, ohne an einer einzigen Tür
anzuklopfen. Selbst die kleinen Schutzhütten am Waldesrand, bei deren
Anblick alle armen Wanderer freudig aufatmen, schienen ihnen nicht zu
gefallen. Man hätte sich schließlich versucht fühlen können, zu sagen, es
geschehe ihnen ganz recht, wenn sie in Not seien, da sie ja die Hilfe, die
ihnen geboten werde, nicht annehmen wollten.

Als es aber endlich so dunkel geworden war, daß kaum noch ein heller
Streifen am Himmel zu sehen war, und die beiden, die sich des Schlafes
nicht erwehren konnten, im Halbschlummer weiter wanderten, kamen sie an
einen Bauernhof, der fern von allen andern Höfen ganz einsam dalag. Und er
lag nicht allein einsam da, sondern sah auch aus, als sei er vollständig
unbewohnt. Aus dem Schornstein stieg kein Rauch auf, aus den Fenstern drang
kein Lichtschein heraus, kein Mensch war auf dem Hofplatze zu sehen. Als
nun der eine, der sich auch nachts wach halten konnte, den Hof sah, dachte
er: »Nun mag es gehen, wie es will, aber hier müssen wir hineinzukommen
versuchen. Etwas Besseres finden wir wahrscheinlich doch nicht.«

Gleich darauf standen alle drei auf dem Hofplatze. Die beiden Schläfrigen
schliefen wirklich ein, sobald sie anhielten, der dritte aber spähte eifrig
umher, um herauszufinden, wo sie am besten unterkommen könnten. Der Hof war
durchaus nicht klein; außer dem Wohngebäude, dem Pferde- und Viehstall, war
noch eine lange Reihe von andern Wirtschaftsgebäuden, Scheunen, Lagerräumen
und Geräteschuppen zu sehen. Aber alles sah schrecklich ärmlich und
heruntergekommen aus; die Häuser hatten graue, moosbewachsene, schiefe
Mauern, die einzufallen drohten. Die Dächer zeigten gähnende Löcher, und
die Türen hingen schräg in ihren zerbrochenen Angeln. Offenbar hatte sich
seit langer Zeit niemand mehr die Mühe gegeben, hier auch nur einen Nagel
einzuschlagen.

Indessen aber hatte der von den Reisenden, der wach war, ausfindig gemacht,
welches von den Gebäuden der Viehstall sein mußte. Er rüttelte die beiden
andern auf und führte sie zu der Stalltür hin. Glücklicherweise war sie nur
mit einem Haken zugemacht, den man mit einem Stecken leicht zurückschieben
konnte. In dem Gedanken, daß sie nun bald alle in Sicherheit seien, stieß
der Anführer der drei Wanderer einen Seufzer der Erleichterung aus; als
aber die Stalltür laut knarrend aufging, hörte er plötzlich eine Kuh
brüllen. »Kommt Ihr nun endlich, Mutter?« sagte die Kuh. »Ich glaubte
schon, Ihr würdet mir heute gar kein Futter bringen.«

Als er merkte, daß der Stall nicht leer war, blieb der wache Wanderer ganz
erschrocken in der Tür stehen. Doch bald faßte er wieder Mut, denn er sah,
daß nur eine Kuh und drei oder vier Hühner da waren.

»Wir sind drei arme Reisende, die eine Nachtherberge suchen, wo uns kein
Fuchs überfallen und kein Mensch fangen kann,« sagte er. »Wir möchten wohl
wissen, ob dies ein guter Platz für uns wäre.«

»Das glaube ich gewiß,« antwortete die Kuh. »Die Wände sind zwar schlecht,
aber bis jetzt ist noch nie ein Fuchs hereingedrungen, und auf dem Hofe
wohnt niemand als eine alte Frau, die gewiß nicht imstande ist, jemand zu
fangen. Aber was seid ihr für Leute?« fuhr sie fort und drehte den Kopf, um
die Eingetretenen sehen zu können.

»Ach, ich bin Nils Holgersson aus Westvemmenhög, der in ein Wichtelmännchen
verwandelt worden ist,« antwortete der erste der Reisenden. »Ich habe eine
zahme Gans bei mir, auf der ich gewöhnlich reite, und außerdem auch noch
eine Graugans.«

»So liebe Gäste sind noch nie innerhalb meiner vier Wände gewesen,« sagte
die Kuh. »Ich heiße euch willkommen, obgleich ich fast noch lieber gesehen
hätte, wenn meine Hausmutter mit meinem Nachtessen gekommen wäre.«

Der Junge geleitete nun die Gänse in den recht großen Stall hinein und
brachte sie in einem leeren Stand unter, wo sie auch gleich wieder
einschliefen.

Sich selbst machte er ein kleines Häufchen Stroh zurecht und dachte nicht
anders, als daß er auch gleich einschlafen werde.

Aber daraus wurde nichts, denn die arme Kuh, die kein Futter bekommen
hatte, verhielt sich keinen Augenblick ruhig. Sie rasselte mit ihrer
Halskette, drehte sich in ihrem Stande hin und her und klagte, wie hungrig
sie sei. Der Junge konnte kein Auge schließen; wachend lag er auf seinem
Häuflein Stroh und dachte an alles, was er in den letzten Tagen erlebt
hatte. Da war zuerst das unerwartete Zusammentreffen mit dem Gänsemädchen
Åsa und Klein-Mats, und er grübelte darüber nach, ob wohl die kleine Hütte
in Småland, die er angezündet hatte, die Hütte der beiden Kinder gewesen
sei. Er konnte sich ja wohl erinnern, daß sie gerade von so einem Häuschen
an der großen Heide erzählt hatten. Sie waren also miteinander gekommen,
ihre Heimat wiederzusehen, und als sie endlich dahingelangt waren, hatte
sie in Flammen gestanden. Ach, welch ein großer Schmerz mußte das für sie
gewesen sein! Und er, er war schuld daran! Es tat ihm schrecklich leid, und
er gelobte sich, wenn er je wieder ein Mensch würde, sich alle Mühe zu
geben, sie für den Verlust und die Enttäuschung schadlos zu halten.

Dann kehrten seine Gedanken zu den Krähen zurück, und als er an
Fumle-Drumle dachte, der ihn gerettet, aber in demselben Augenblick, wo er
zum Häuptling gemacht worden war, den Tod erlitten hatte, da wurde der
Junge tief betrübt, und die Tränen traten ihm in die Augen. Ja, er hatte es
recht schwer gehabt in den letzten Tagen. Aber ein großes Glück war ihm
doch widerfahren -- der Gänserich und Daunenfein hatten ihn gefunden.

Der Gänserich hatte ihm dann alles erzählt. Sobald die Wildgänse gemerkt
hatten, daß Däumling verschwunden war, hatten sie alle die kleinen Tiere
des Waldes nach ihm gefragt, und da hatten sie bald erfahren, daß eine
Schar småländischer Krähen ihn fortgeführt habe. Die Krähen waren aber
schon außer Sehweite gewesen, und niemand hatte gewußt, wohin sie sich
gewandt hatten. Um nun den Jungen so schnell als möglich wiederzufinden,
hatte Akka den Wildgänsen befohlen, sich zu zerstreuen und immer zwei und
zwei zusammen nach allen Seiten hin zu suchen. Wenn sie zwei Tage lang
gesucht hätten, sollten sie, ob sie ihn gefunden hätten oder nicht, im
nordwestlichen Småland auf einem hohen Berggipfel, der einem jäh
abgebrochenen Turm glich und Taberg hieß, wieder zusammentreffen. Und
nachdem Akka ihnen noch die besten Wegzeichen angegeben und ihnen
beschrieben hatte, wie sie den Taberg finden könnten, hatten die Gänse sich
getrennt.

Der weiße Gänserich hatte sich Daunenfein als Reisegefährten gewählt. Aufs
höchste besorgt waren sie da und dorthin geflogen, und wie sie so
umhergeirrt waren, hatten sie eine Amsel in einem Baumwipfel klagen und
schelten hören, weil sie von einem, der sich Krähenraub genannt habe,
verspottet worden sei. Die beiden hatten die Amsel ausgefragt, und sie
hatte ihnen gezeigt, in welcher Richtung dieser »Krähenraub« gereist war.
Später waren sie einem Täuberich begegnet, sowie einem Star und einer
Wildente, die sich alle über einen Übeltäter beklagt hatten, der sie in
ihrem Gesang unterbrochen und sich Krähenraub, Krähenbeute und
Krähendiebstahl geheißen habe. Auf diese Weise hatten der Gänserich und
Daunenfein die Spur des Däumlings bis zu der mit Heidekraut bewachsenen
Heide im Bezirk Sunnerbo verfolgen können.

Sobald nun die beiden Däumling gefunden hatten, waren alle drei in
nördlicher Richtung weitergezogen, um den Taberg zu erreichen. Aber das war
ein sehr weiter Weg, und die Dunkelheit hatte sie überfallen, ehe sie den
Berggipfel hatten wahrnehmen können. »Aber wenn wir nur morgen hinkommen,
dann hat alle Not ein Ende,« dachte der Junge und bohrte sich tiefer in das
Stroh hinein, um es wärmer zu haben.

Die Kuh hatte sich indessen nicht beruhigt, und jetzt begann sie plötzlich
mit dem Jungen zu sprechen. »Hat nicht einer von euch vorhin gesagt, er sei
ein Wichtelmännchen? Wenn er wirklich eines ist, versteht er wohl auch,
eine Kuh zu versorgen?«

»Was fehlt dir denn?« fragte der Junge.

»Alles mögliche fehlt mir,« antwortete die Kuh. »Ich bin weder gemolken
noch versorgt worden, habe kein Futter für die Nacht und keine Streu unter
mir. Die Hausmutter kam in der Dämmerung zu mir in den Stall, um mich wie
gewöhnlich zu versorgen, aber sie fühlte sich so krank, daß sie sogleich
wieder hineingehen mußte, und seither ist sie nicht wiedergekommen.«

»Da ist es recht schade, daß ich so klein und schwach bin,« sagte der
Junge, »denn ich werde dir leider nicht helfen können.«

»Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, du seiest schwach, weil du so
klein bist?« sagte die Kuh. »Alle die Wichtelmännchen, von denen ich je
gehört habe, waren so stark, daß sie ein ganzes Fuder Heu tragen und eine
Kuh mit einem einzigen Faustschlag töten konnten.«

Unwillkürlich mußte der Junge lachen. »Das waren Wichtelmännchen von einer
andern Sorte als ich!« rief er. »Aber ich will deine Halskette lösen und
die Stalltür aufmachen, dann kannst du hinausgehen und deinen Durst an
einer der Wasserpfützen löschen. Und dann will ich sehen, ob ich auf den
Heuboden hinaufklettern und Heu in deine Krippe hinunterwerfen kann.«

»Ja, das wäre doch immerhin etwas,« sagte die Kuh.

Der Junge tat, wie er gesagt hatte; und als die Kuh eine volle Krippe vor
sich hatte, hoffte er endlich selbst schlafen zu dürfen. Aber kaum hatte er
es sich auf seinem Lager bequem gemacht, als die Kuh wieder mit ihm zu
sprechen begann.

»Du wirst gewiß ärgerlich über mich, wenn ich dich um etwas bitte,« sagte
sie.

»Gewiß nicht,« antwortete der Junge, »wenn es nur etwas ist, was ich tun
kann.«

»Dann sei so gut und geh in das Haus hier über dem Hof gerade gegenüber und
sieh nach, wie es der Hausmutter geht. Ich fürchte, es ist ihr ein Unglück
zugestoßen.«

»Nein, das kann ich nicht, denn ich habe nicht den Mut, mich vor den
Menschen sehen zu lassen.«

»Vor einer alten, kranken Frau wirst du dich doch nicht fürchten?« sagte
die Kuh. »Und du brauchst nicht einmal zu ihr in die Stube hineinzugehen.
Stell dich nur vor die Tür und schau zu dem Türspalt hinein.«

»Ja, wenn du weiter nichts verlangst, kann ich es ja tun,« sagte der Junge.

Damit öffnete er die Stalltür und trat auf den Hofplatz hinaus. Es war eine
schreckliche Nacht, um draußen zu sein. Weder Mond noch Sterne leuchteten,
der Wind heulte, und der Regen prasselte hernieder. Das Schlimmste aber
war, daß sieben große Eulen auf dem Dachfirst des Wohnhauses saßen. Wie
schauerlich war es für den Jungen, sie da droben krächzen und über das
schlechte Wetter klagen zu hören! Aber noch schrecklicher war ihm doch das
Bewußtsein, daß es um ihn geschehen sei, sobald auch nur eine von ihnen ihn
erblicke.

»Ja, wer klein ist, der ist zu bedauern,« sagte der Junge, als er auf den
Hof trat. Und er hatte ein Recht, so zu sprechen. Zweimal wurde er vom
Sturm umgeblasen, ehe er das Wohnhaus erreichte, und einmal fegte ihn ein
Windstoß in einen Wassertümpel hinein, in dem er beinahe ertrunken wäre.
Aber schließlich erreichte er doch sein Ziel.

Als er vor dem Hause angekommen war, kletterte er ein paar Stufen hinauf,
stieg mühselig über eine Schwelle hinüber und gelangte in den Flur. Die
Zimmertür war geschlossen, aber in der einen Ecke war ein großes Stück
herausgesägt, damit die Katze aus und eingehen könnte. Das Hineingucken in
die Stube fiel also dem Jungen durchaus nicht schwer.

Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er auch schon
erschrocken den Kopf zurückbog. Auf dem Boden da drinnen lag eine alte
grauhaarige Frau. Sie rührte sich nicht und stöhnte auch nicht, und ihr
Gesicht sah merkwürdig weiß aus. Es war, als ob ein unsichtbarer Mond einen
bleichen Schein darauf werfe.

Da tauchte in dem Jungen eine Erinnerung auf. Als sein Großvater starb, war
dessen Gesicht gerade auch so sonderbar weiß geworden. Die alte Frau, die
da drinnen auf dem Boden lag, mußte tot sein. Sie hatte wohl einen Schlag
bekommen, und der Tod hatte sie so rasch ereilt, daß sie sich nicht einmal
mehr zu Bett hatte legen können.

Der Junge erschrak fürchterlich; mitten in der stockfinstern Nacht war er
ganz allein mit einer Toten. Hals über Kopf stürzte er über die Schwelle
und die Treppe hinunter und lief in größter Eile in den Stall zurück.

Als er der Kuh erzählt hatte, was er in der Stube gesehen, hörte sie auf zu
fressen. »So, so, die Hausmutter ist tot,« sagte sie. »Dann wird es auch
mit mir bald aus sein.«

»Es wird schon jemand kommen, der Euch versorgt,« sagte der Junge tröstend.

»Ach,« sagte die Kuh, »du weißt nicht, daß ich schon doppelt so alt bin,
als eine Kuh sonst zu werden pflegt, ehe sie auf die Schlachtbank gelegt
wird. Aber wenn mich meine gute Hausmutter nicht mehr versorgen kann, habe
ich auch gar kein Verlangen, noch länger zu leben.«

Eine Weile schwieg sie; aber der Junge merkte wohl, daß sie weder schlief
noch fraß. Und es dauerte auch nicht lange, da begann die Kuh von neuem:
»Liegt sie auf dem Boden?«

»Ja, mitten in der Stube,« antwortete der Junge.

»Wenn sie hier im Stall war, sprach sie immer von allem, was sie
bekümmerte,« fuhr die Kuh fort. »Ich verstand alles, was sie sagte,
obgleich ich ihr nicht antworten konnte. Und gerade in den letzten Tagen
sagte sie, sie fürchte, wenn es bei ihr ans Sterben gehe, werde niemand bei
ihr sein. Niemand werde ihr die Augen zudrücken, niemand ihr die Hände auf
der Brust falten, wenn sie tot sei. Möchtest du nun nicht hinübergehen und
dies tun?«

Der Junge war unentschlossen. Er erinnerte sich, daß seine Mutter den
Großvater, als er gestorben war, sehr fürsorglich zurecht gelegt hatte. Und
er wußte, daß dies etwas war, was man tun mußte. Aber er fühlte auch, daß
er nicht den Mut habe, mitten in dieser schauerlichen Nacht zu der Toten
hinüberzugehen. Er gab der Kuh keine abschlägige Antwort, aber er machte
auch keinen Schritt in der Richtung der Stalltür.

Das alte Tier verhielt sich eine Weile stumm, als ob es auf Antwort
wartete, und als der Junge fortgesetzt schwieg, wiederholte es seine Bitte
nicht; statt dessen begann es dem Jungen von seiner Hausmutter zu erzählen.

Und wie viel war doch da zu erzählen! In allererster Linie von allen den
Kindern, die sie aufgezogen hatte. Die Kinder waren ja jeden Tag in den
Stall gekommen, und im Sommer waren sie mit dem Vieh auf das Moor und die
Weideplätze gezogen. Die alte Kuh hatte alle genau gekannt, und es waren
lauter gesunde, fröhliche, fleißige Kinder gewesen. »Ja, ja, das Vieh weiß
sehr gut, ob die Hirten tüchtig sind,« sagte die Kuh.

Und ebensoviel hatte sie von dem Hof zu berichten. Er war nicht immer so
armselig gewesen wie jetzt. Ein sehr ausgedehntes Besitztum war es,
obgleich es zum größten Teil aus Moor und steinigem Heideland bestand und
nicht viel Platz zu Äckern vorhanden war; aber als Viehweide war es überall
ausgezeichnet. Zu einer Zeit hatte in dem ganzen langen Stallgebäude in
jedem Stand eine Kuh ihren Platz gehabt, und der jetzt ganz leere
Ochsenstall war voll schöner Ochsen gewesen. Und damals hatte im Wohnhaus
und im Stall eitel Lust und Freude geherrscht. Wenn die Hausmutter die
Stalltür öffnete, sang und trällerte sie, und alle Kühe brüllten vor
Freude, wenn sie sie kommen hörten.

Aber der Hausherr war gestorben, als die Kinder noch klein waren und sich
noch nicht nützlich machen konnten. Die Frau hatte den Hof übernehmen
müssen mit all seiner Arbeit und all seiner Sorge. Sie war stark wie ein
Mann und pflügte und erntete. Wenn sie am Abend zum Melken in den Stall
kam, war sie bisweilen müde und weinte. Aber sobald sie an ihre Kinder
dachte, wurde sie wieder froh. Dann wischte sie sich die Tränen aus den
Augen und sagte: »Das tut nichts, sobald meine Kinder erwachsen sind,
bekomme auch ich gute Tage. Ja, wenn nur sie heranwachsen!«

Doch sobald die Kinder erwachsen waren, überfiel diese eine ganz
eigentümliche Sehnsucht. Sie wollten nicht daheim bleiben, und so zogen sie
fort in ein fremdes Land. Die Mutter bekam keine Hilfe. Einige der Kinder
hatten sich verheiratet, ehe sie weggezogen waren, und diese ließen ihre
kleinen Kinder bei der Großmutter zurück. Und gerade wie früher ihre
Kinder, so begleiteten jetzt die Enkel die Frau in den Stall. Sie hüteten
die Kühe, und es waren auch lauter gute, gesunde Menschenkinder. Und
abends, wenn die Frau gar so müde war, daß sie beim Melken fast einschlief,
rüttelte sie sich doch wieder auf und faßte neuen Mut, sobald sie an die
Enkelkinder dachte. »Auch ich bekomme noch gute Tage,« sagte sie, »wenn sie
einmal herangewachsen sind.«

Aber als diese Kinder herangewachsen waren, zogen auch sie fort, hinüber zu
den Eltern in das fremde Land. Keines kehrte zurück, keines blieb daheim.
Die alte Frau war schließlich ganz allein auf dem Hof.

Sie bat auch niemals, daß eines bei ihr bleibe. »Meinst du denn, Rotkopf,
ich hätte das Herz, sie zu bitten, bei mir zu bleiben, wenn sie es draußen
in der Welt besser bekommen können?« pflegte sie zu sagen, wenn sie neben
der alten Kuh in deren Stand stand. »Hier in Småland steht ihnen ja nichts
als Armut bevor.«

Als aber das letzte Enkelkind fortgezogen war, war auch die Frau am Ende
ihrer Kräfte. Sie wurde auf einmal gebückt und grauhaarig und ging gar
mühselig, als ob sie sich kaum noch von der Stelle bewegen möchte. Und dann
hörte sie auf zu arbeiten. Die Fürsorge für den Hof wurde ihr gleichgültig,
und sie ließ fünf gerade sein. Sie ließ das Gebäude verfallen und verkaufte
die Ochsen und Kühe. Nur die alte Kuh, die jetzt mit Däumling sprach,
behielt sie. Diese ließ sie am Leben, weil alle die Kinder mit ihr auf die
Weide gezogen waren.

Sie hätte sich ja wohl Knechte und Mägde zur Hilfe halten können, aber seit
die eignen Kinder sie verlassen hatten, mochte sie keine Fremden um sich
sehen. Und vielleicht war es ihr gerade recht, wenn der Hof verfiel, da ja
keines der Kinder ihn je übernehmen würde. Sie kümmerte sich nicht darum,
ob sie selbst verarmte, weil sie nicht mehr für ihr Eigentum sorgte. Nur
eins fürchtete sie, daß die Kinder erfahren könnten, wie schlecht es um sie
stünde. »Daß es nur die Kinder nicht erfahren! Daß es nur die Kinder nicht
erfahren!« seufzte sie, wenn sie mit unsichern Schritten durch den Stall
ging.

Die Kinder schrieben beständig und baten sie, zu ihnen zu kommen, aber das
wollte sie nicht. Sie wollte das Land nicht sehen, das ihr die Kinder
genommen hatte. Sie war böse auf das Land. »Es ist wohl dumm von mir, daß
ich es nicht leiden kann, das Land, das gut gegen sie gewesen ist,« sagte
sie, »aber ich will es nicht sehen.«

Sie dachte an nichts als an die Kinder, und daran, daß sie in ein fremdes
Land hatten ziehen müssen. Im Sommer führte sie die Kuh zur Weide hinaus
auf das große Moor. Sie selbst saß den lieben langen Tag am Rande des
Moors, die Hände im Schoß, und wenn sie heimging, sagte sie: »Siehst du,
Rotkopf, wenn hier anstatt des unfruchtbaren Moorlandes große, fette Äcker
gewesen wären, dann hätten sie nicht fortzuziehen brauchen.«

Sie konnte sich in einen wahren Zorn über das Moor hineinreden, das sich so
groß vor ihr ausbreitete und doch von keinem Nutzen war. Und oftmals sagte
sie auch, ihr Mann sei schuld daran, daß die Kinder von ihr fortgezogen
seien.

Am letzten Abend war sie zittriger und schwächer gewesen als je vorher.
Nicht einmal zum Melken hatte sie die Kraft gehabt. Über den Stand gebeugt
erzählte sie von zwei Bauern, die dagewesen seien und ihr das Moor hätten
abkaufen wollen. Sie hätten Ablaufgräben hindurchziehen, dann Getreide
darein säen und ernten wollen. Diese Nachricht hatte die alte Frau froh und
ängstlich zugleich gemacht. »Hör nur, Rotkopf,« sagte sie, »hör nur, sie
sagten, auf dem Moor könnte Roggen wachsen. Jetzt will ich den Kindern
schreiben, sie sollen heimkommen. Sie brauchten nicht länger fortzubleiben,
denn jetzt könnten sie ihr tägliches Brot daheim gewinnen.«

Um diesen Brief zu schreiben, war sie in ihre Stube gegangen -- -- --

Der Junge hörte nicht mehr, was die alte Kuh noch erzählte. Er öffnete die
Stalltür und ging über den Hof in die Stube zu der Toten, vor der er sich
vorhin so gefürchtet hatte.

An der Tür hielt er an und sah sich um.

Es sah in der Stube nicht so ärmlich aus, wie er erwartet hatte. Es waren
viele solche Dinge da, wie die Leute sie zu haben pflegen, die Verwandte in
Amerika haben. In einer Ecke stand ein amerikanischer Schaukelstuhl, auf
dem Tisch am Fenster lag eine schöne Plüschdecke, und eine andre schöne
Decke war über das Bett gebreitet. An den Fenstern hingen in reich
geschnitzten Rahmen die Photographien der fortgezogenen Kinder und Enkel,
auf der Kommode standen hohe Vasen und ein paar Leuchter mit dicken
gedrehten Kerzen.

Der Junge suchte eine Zündholzschachtel und zündete die beiden Kerzen an;
nicht weil er noch besser zu sehen wünschte, sondern weil er wußte, daß
dies eine Sitte war, womit man die Toten ehrte.

Dann trat er zu der Toten, drückte ihr sanft die Augen zu, faltete ihr die
Hände auf der Brust und strich ihr das dünne graue Haar aus dem Gesicht.

Er dachte gar nicht mehr an Furcht, er war im Gegenteil von Mitleid erfüllt
und tief betrübt, daß die alte Frau auf ihre alten Tage so verlassen
gewesen war und so bitteres Heimweh gelitten hatte. Diese eine Nacht
wenigstens wollte er bei ihrem toten Körper Wache halten.

Er suchte nach dem Gesangbuch und begann einige Lieder halblaut zu lesen.
Aber da hörte er mitten in einem Lied auf, denn er hatte plötzlich an seine
Eltern denken müssen.

Nein, daß sich Eltern so nach ihren Kindern sehnen können! Das hatte er ja
noch gar nicht gewußt. Nein, daß das Leben für sie zu Ende sein sollte,
wenn die Kinder nicht mehr da sind! Wie, wenn sich nun seine Eltern daheim
auch so nach ihm sehnten, wie die Alte hier sich nach ihren Kindern gesehnt
hatte?

Der Gedanke machte ihn froh, aber er wagte nicht daran zu glauben. Er war
nicht so gewesen, daß jemand nach ihm Heimweh haben könnte.

Aber was nicht war, das konnte vielleicht noch werden!

Ringsum im Zimmer sah er die Bilder der fernen Kinder. Bilder von großen,
starken Männern und Frauen mit ernsten Gesichtern, Bräute in langen
Schleiern, Herren in feinen Anzügen, und Kinder mit lockigem Haar und in
schönen weißen Kleidern! Und ihm war, als starrten sie alle nur ins Blaue
hinein und wollten nichts sehen.

»Ihr Armen!« sagte er. »Eure Mutter ist tot. Ihr könnt nicht mehr gut
machen, daß ihr sie verlassen habt. Aber meine Mutter lebt.«

Hier hielt er inne; er mußte lächeln. »Ja, meine Mutter lebt,« sagte er.
»Alle beide leben, Vater und Mutter.«

[Illustration]



18

Von Taberg nach Huskvarna


                                                  Freitag, 15. April

Der Junge wachte fast die ganze Nacht hindurch, aber gegen Morgen schlief
er ein, und da träumte er von seinem Vater und seiner Mutter. Er konnte sie
kaum wieder erkennen, denn sie hatten beide graues Haar bekommen, und ihre
Gesichter waren alt und runzlig geworden. Er fragte sie, woher das komme,
und sie sagten, sie seien so gealtert, weil sie so bittres Heimweh nach ihm
gehabt hätten. Dies rührte ihn, aber es verwunderte ihn auch, denn er hatte
immer geglaubt, sie würden sich nur freuen, ihn los zu sein.

Als der Junge erwachte, war es Morgen und helles schönes Wetter draußen.
Zuerst aß er selbst ein Stück Brot, das er in der Stube fand, dann gab er
der Kuh und den Gänsen ihr Morgenfutter, zuletzt machte er die Stalltür auf
und sagte zu der Kuh, sie solle sich nach dem nächsten Hof begeben. Wenn
sie allein daherkomme, würden die Nachbarn schon erraten, wie es bei ihrer
Hausmutter stehe. Sie würden dann herbeieilen, um nach ihr zu sehen, da
würden sie den Leichnam finden und ihn begraben.

Kaum hatte die kleine Gesellschaft sich in die Lüfte erhoben, als sie auch
schon einen hohen Berg mit fast senkrechten Wänden und einem flachen Gipfel
sahen. Das mußte der Taberg sein. Und richtig, auf dem Berggipfel standen
Akka, Yksi und Kaksi, Kolme und Neljä, Viisi und Kuusi, sowie die sechs
jungen Gänse, und alle warteten auf die drei Ankömmlinge. Das war eine
Freude, als sie sahen, daß es dem Gänserich und Daunenfein gelungen war,
Däumling zu finden! Es erhob sich ein Geschnatter und Flügelschlagen und
Hin- und Herfragen, das gar nicht beschrieben werden kann.

Der Taberg ist ziemlich hoch hinauf mit Wald bestanden, aber oben auf dem
Gipfel ist er ganz kahl, und von da aus kann man nach allen Seiten hin
weit umherschauen. Gegen Osten, Süden und Westen bietet sich dem Auge fast
nichts dar, als ein armes bergiges Hochland mit dunklen Tannenwäldern,
braunen Mooren, eisbedeckten Seen und blauenden Bergrücken. Unwillkürlich
dachte der Junge, jene Sage über die Erschaffung von Småland müsse doch
wohl wahr sein. Wer dieses Land geschaffen, habe sich nicht viele Mühe
gegeben, sondern nur flüchtig drauf los gearbeitet. Als der Junge aber nach
Norden schaute, da sah er etwas ganz andres. Hier sah das Land aus, als sei
es mit der größten Liebe und Fürsorge geschaffen worden. Hier sah der Junge
lauter schöne Berge, sanfte Täler, durch die sich Bäche schlängelten bis
hin zu dem großen Wetternsee, der eisfrei und hell glänzend dalag und
leuchtete, als sei er nicht mit Wasser, sondern mit blauem Licht gefüllt.

Ja, der Wettern war es, der gegen Norden alles so schön machte! Es sah
gerade aus, als steige aus dem See ein blauer Schimmer auf, der sich über
die Landschaft ausbreitete. Gehölze und Hügel und die Dächer und Türme der
Stadt Jönköping lagen von einem blauen Schein umflossen da, den das Auge
mit Wohlgefallen betrachtete. »Wenn es im Himmel Länder gibt,« dachte der
Junge, »dann sind sie wohl auch so blau wie dieses hier.« Und es war ihm,
als sei ihm eine Ahnung davon aufgegangen, wie es einst im Paradiese
ausgesehen hatte.

Als die Gänse etwas später am Tage ihre Reise fortsetzten, flogen sie dem
blauen Tale zu. Sie waren alle in bester Laune, schrieen und lärmten
derart, daß alle, die nur Ohren zu hören hatten, auf sie aufmerksam werden
mußten.

Dies war nun aber auch der erste so recht schöne Frühlingstag, den sie in
diesem Landesteil erlebten. Bis dahin hatte der Frühling seine Arbeit unter
Wind und Regen ausgeführt, und als es nun ganz schnell wunderschönes Wetter
geworden war, überkam die Menschen drunten auf der Erde eine wahre
Sehnsucht nach Sonnenwärme und nach grünen Wäldern, und sie konnten es kaum
bei ihrer täglichen Arbeit aushalten. Als jetzt die Wildgänse frei und
lustig hoch über ihnen dahinflogen, hielten alle ohne Ausnahme in ihrer
Arbeit inne und schauten ihnen nach.

Die ersten, die an diesem Tage die Wildgänse erblickten, waren die Taberger
Bergwerkleute, die damit beschäftigt waren, das Erz an der Oberfläche des
Berges herauszubrechen. Als die Arbeiter die Wildgänse vernahmen, hörten
sie auf, an ihren Sprenglöchern zu bohren, und einer von ihnen rief den
Vögeln zu: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«

Die Gänse verstanden nicht, was er sagte; aber der Junge beugte sich über
den Gänserücken vor und antwortete an ihrer Statt: »Dahin, wo es weder
Pickel noch Hämmer gibt!«

Als die Grubenarbeiter diese Worte hörten, glaubten sie, ihre eigne
Sehnsucht habe das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte in ihren Ohren
erklingen lassen. »Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« riefen die Arbeiter.

»Heuer nicht!« schrie der Junge. »Heuer nicht!«

Die Wildgänse flogen den Tabergfluß entlang nach dem Munksee, und immer
noch verführten sie dasselbe Gelärm und Getue. Hier auf dem schmalen
Landstreifen zwischen dem Munksee und dem Wettern liegt Jönköping mit
seinen großen Fabriken. Zuerst flogen die Gänse über die große Papierfabrik
am Munksee hin. Die Mittagspause war eben zu Ende, und große
Arbeiterscharen strömten dem Tor der Fabrik zu. Als sie die Wildgänse
hörten, blieben sie einen Augenblick horchend stehen. »Wohin geht die
Reise? Wohin geht die Reise?« rief einer von den Arbeitern den Gänsen zu.

Die Wildgänse verstanden nicht, was er sagte, aber an ihrer Statt
antwortete der Junge: »Dahin, wo es weder Maschinen noch Dampfkessel gibt!«

Die Arbeiter hörten diese Antwort, aber auch sie glaubten, ihre eigne
Sehnsucht lasse ihnen das Gänsegeschnatter wie menschliche Worte erklingen.
»Nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« rief eine ganze Menge Arbeiter miteinander.

»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge.

Dann flogen die Gänse über die großen Zündholzfabriken hin. Groß wie eine
Festung erheben sie sich am Ufer des Wettern, und ihre hohen Schornsteine
ragen bis zum Himmel auf. Kein Mensch war auf den Höfen zu sehen, aber in
einem großen Saal saßen junge Fabrikmädchen und füllten die Zündhölzer in
Schachteln. Bei dem schönen Wetter hatten sie ein Fenster geöffnet, und das
Rufen der Wildgänse drang zu ihnen herein. Das dem Fenster zunächst
sitzende Mädchen beugte sich mit ihrer Zündholzschachtel in der Hand zum
Fenster hinaus und rief: »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«

»In ein Land, wo man weder Licht noch Zündhölzer braucht!« antwortete der
Junge.

Das Mädchen meinte freilich, was sie höre, sei nur Gänsegeschnatter, aber
ein paar Worte schienen ihr doch klar geworden zu sein, und sie rief als
Antwort: »Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!«

»Heuer nicht!« entgegnete der Junge. »Heuer nicht!«

Östlich von den Fabriken liegt Jönköping auf dem herrlichsten Platz, den
eine Stadt nur einnehmen kann. Der schmale Wettersee hat auf seiner
östlichen und westlichen Seite hohe, steile aus Sand gebildete Ufer, aber
gegen Süden sind die Sandmauern eingestürzt, wie um Platz für ein großes
Tor zu schaffen, durch das man zum See gelangen kann. Und mitten in dem
Tor, mit Bergen rechts und Bergen links, dem Munksee hinter sich und dem
Wettersee vor sich, liegt Jönköping.

Die Gänse flogen über die lange, schmale Stadt hin und vollführten auch
hier noch immer denselben Lärm wie draußen auf dem Lande. Aber in der Stadt
gab lange niemand acht auf sie. Es war nicht zu erwarten, daß die
Stadtbewohner auf der Straße stehen bleiben und die Wildgänse anrufen
würden. Jetzt flogen diese über der Anlage hin, wo die Büste des Dichters
Viktor Rydberg aufgestellt ist. In der Anlage war es still und
menschenleer, keine Spaziergänger waren unter den hohen Bäumen zu sehen.
Aber plötzlich drang eine kraftvolle Stimme zu den Wildgänsen herauf:
»Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?«

»In das Land, wo es weder Straßen noch Plätze gibt!« schrie der Junge.

»Nehmt mich mit!« rief die starke Stimme. Sie klang so kräftig, als ob sie
aus einem ehernen Halse käme.

»Heuer nicht! Heuer nicht!« entgegnete der Junge.

Die Gänse flogen weiter, dem Ufer des Wettern entlang; und nach einer Weile
kamen sie an das Sannaer Krankenheim. Einige von den Kranken standen auf
einer Veranda, um sich an der Frühlingsluft zu erfreuen, da hörten sie das
Gänsegeschnatter. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« fragte
einer der Kranken mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme.

»In ein Land, wo es weder Kummer noch Krankheit gibt!« antwortete der
Junge.

»Nehmt uns mit!« sagten die Kranken.

»Heuer nicht! Heuer nicht!« lautete die Antwort.

Als die Schar noch ein Stück weiter geflogen war, kamen sie nach Huskvarna.
Dieser Ort liegt in einem Tal; steile, schön geformte Berge stehen rings
umher, und in langen, schmalen Wasserfällen kommt ein Bach die Anhöhe
herabgerauscht. Große Werkstätten und Fabriken liegen am Fuß der Berge, im
Tal breiten sich die von kleinen Gärten umgebenen Arbeiterwohnungen aus,
und mitten im Tal erhebt sich ein Schulhaus. In dem Augenblick, wo die
Wildgänse vorüberflogen, läutete eine Glocke, und eine Menge Kinder strömte
aus der Schule heraus. Es waren ihrer so viele, daß sie den ganzen Schulhof
füllten. »Wohin geht die Reise? Wohin geht die Reise?« riefen die Kinder,
als sie die Wildgänse hörten.

»Dahin, wo es weder Bücher noch Aufgaben gibt!« rief der Junge.

»O, nehmt uns mit! Nehmt uns mit!« schrien die Kinder.

»Heuer nicht, aber nächstes Jahr!« erwiderte der Junge. »Heuer nicht, aber
nächstes Jahr!«

[Illustration]



19

Der große Vogelsee

Jarro, die Wildente


Am Ostufer des Wettern liegt Omberg, östlich von Omberg liegt Dagsmosse,
östlich von Dagsmosse liegt der See Tåkern, und rings um den Tåkern breitet
sich die große gleichmäßige Ostgötaebene aus.

Der Tåkern ist ein recht großer See, und in alten Zeiten scheint er noch
größer gewesen zu sein. Aber dann meinten die Menschen, er bedecke einen
gar zu großen Teil der fruchtbaren Ebene, und sie versuchten das Wasser
abzulassen, um den Grund des Sees umzupflügen und Getreide darein zu säen.
Es gelang ihnen jedoch nicht, den ganzen See trocken zu legen, wie es wohl
ihre Absicht gewesen war; und so bedeckt er noch immer eine große Fläche.
Aber seit der See zum erstenmal abgelassen wurde, ist das Wasser an keiner
Stelle mehr als einen Meter tief. Die Ufer sind moorig und schlickrig
geworden, und auf dem See draußen ragen überall kleine sumpfige Holme über
dem Wasser auf.

Doch es gibt jemand, der gern mit den Füßen im Wasser steht, wenn nur sein
Körper und Kopf in der Luft sind. Das ist das Schilf, und nirgends gedeiht
es besser als an den langgestreckten, seichten Ufern des Tåkern und rings
um die kleinen Sumpfholme herum. Ja, es gedeiht da so ausgezeichnet, daß es
mehr als mannshoch wird und so dicht wächst, daß sich ein Boot mit knapper
Not hindurchzwängen kann. Das Röhricht bildet einen breiten grünen Gürtel
um den ganzen See herum, der dadurch nur an ein paar Stellen, wo die
Menschen Luft geschafft haben, zugänglich ist.

Aber wenn das Schilf die Menschen vom See ausschließt, so verleiht es
dagegen vielen andern Geschöpfen Schutz und Schirm. In dem Schilf selbst
gibt es viele Teiche und Kanäle mit grünen stillstehenden Gewässern, wo
Wasserlinsen und Laichkraut gedeihen, und wo Mückenlarven, Fischbrut und
Kaulquappen in unermeßlichen Mengen ausgebrütet werden. An den Ufern dieser
kleinen Teiche und Kanäle gibt es auch eine Menge wohlversteckter Plätze,
wo die Seevögel ihre Eier ausbrüten und ihre Jungen füttern können, ohne
von Feinden bedroht oder von Nahrungssorgen geplagt zu sein.

Es wohnt auch eine unglaubliche Menge Vögel in diesem Röhricht, und deren
Zahl nimmt mit jedem Jahre zu, je mehr es bekannt wird, was für ein
prächtiger Aufenthaltsort das ist. Die ersten, die sich am Tåkern
niedergelassen haben, sind die Wildenten, die auch heute noch zu Tausenden
da wohnen. Aber jetzt haben sie nicht mehr den ganzen See für sich allein,
sie müssen ihn mit Schwänen, Tauchern, Bläßhühnern, Seetauchern,
Löffelenten und vielen andern teilen.

Der Tåkern ist sicherlich der größte und ausgezeichnetste Vogelsee im
ganzen Land, und die Vögel müssen sich glücklich preisen, so lange sie
einen solchen Aufenthaltsort besitzen. Aber es ist ungewiß, wie lange sie
die Herrschaft über die Röhrichtstrecken behalten dürfen, denn die Menschen
können nicht vergessen, daß sich der See über eine bedeutende Strecke
guten, fruchtbaren Landes erstreckt, und einmal übers andre taucht wieder
der Vorschlag unter ihnen auf, den See trocken zu legen. Und wenn dieser
Vorschlag verwirklicht würde, dann müßten die vielen tausend Vögel die
Gegend verlassen.

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, wohnte am
Tåkern ein Wildenterich namens Jarro. Er war noch jung und hatte erst einen
Sommer, einen Herbst und einen Winter erlebt. Das war sein erster Frühling.
Er war erst kürzlich von Nordafrika zurückgekehrt, und zwar sehr
frühzeitig, denn als er am Tåkern anlangte, war dieser noch mit Eis
bedeckt.

Eines Abends, als Jarro und die andern jungen Erpel sich damit vergnügten,
in ununterbrochenem Flug über dem See hin und her zu fliegen, erklangen
plötzlich ein paar Schüsse, und Jarro wurde in die Brust getroffen. Er
glaubte, er müsse sterben; aber damit der Jäger, der auf ihn geschossen
hatte, ihn nicht finden und verspeisen solle, flog er weiter, so lange er
nur konnte. Er überlegte nicht, wohin er flog, sondern suchte nur das
Weite. Als ihn dann die Kräfte verließen und seine Flugkraft erlahmte,
befand er sich nicht mehr über dem See, sondern über einem der großen
Bauernhöfe am Tåkernstrand, und zum Tode erschöpft, sank er gerade vor dem
Eingang dieses Hofes zu Boden.

Kurz darauf ging ein junger Knecht über den Hof. Er sah Jarro und hob ihn
auf. Aber Jarro, der nur noch in Frieden zu sterben wünschte, nahm seine
letzten Kräfte zusammen und biß den Knecht derb in den Finger, damit er ihn
loslasse.

Doch es gelang Jarro nicht, sich freizumachen; aber sein Angriff hatte doch
etwas Gutes, denn der Knecht merkte, daß Jarro nicht tot war. Ganz behutsam
trug er ihn ins Haus hinein und zeigte ihn der Hofbäuerin, einer jungen
Frau mit einem freundlichen Gesicht. Sie nahm dem Knecht Jarro sogleich
ab, streichelte ihm den Rücken und trocknete ihm das Blut ab, das zwischen
dem Flaum an seinem Hals hervorsickerte. Dann betrachtete sie ihn sehr
genau, und als sie sah, wie schön er war mit seinem dunkelgrünen glänzenden
Kopf, seinem weißen Halsband, seinem braunroten Rücken und seinen blauen
Flügeldecken, dachte sie schließlich, es wäre schade, wenn er sterben
müßte. Rasch richtete sie einen Korb her und bettete Jarro darein.

Jarro hatte die ganze Zeit mit den Flügeln geschlagen und loszukommen
versucht, als er aber merkte, daß die Menschen ihn nicht umbringen wollten,
legte er sich mit einem Gefühl des Wohlbehagens in dem Korbe zurecht. Jetzt
erst fühlte er, wie ermattet er von den Schmerzen und dem Blutverluste war.
Die Hausfrau nahm den Korb auf, um ihn in eine Ecke am Herd zu tragen; aber
ehe sie ihn niedersetzte, hatte Jarro schon die Augen geschlossen und war
eingeschlafen.

Nach einer Weile erwachte Jarro dadurch, daß ihn jemand leise anstieß. Als
er die Augen aufschlug, erschrak er so fürchterlich, daß ihm beinahe das
Bewußtsein schwand. Jetzt war er verloren, denn vor ihm stand einer, der
für ihn gefährlicher war als Menschen und Raubvögel. Niemand anders als
Cäsar selbst, der langhaarige Hühnerhund, stand vor ihm und beroch ihn.

Welche geradezu erbarmungswürdige Angst hatte nicht Jarro im vorigen Sommer
ausgestanden, so oft er, als ein kleines mit gelbem Flaum bedecktes Junges,
den Ruf über das Röhricht hin ertönen hörte: »Cäsar kommt! Cäsar kommt!«
Und wenn er den braun- und weißgefleckten Hund mit dem zähnefletschenden
Maul durch das Schilf waten sah, glaubte er den Tod selbst vor sich zu
sehen. Er hatte immer gehofft, die Stunde werde er nie erleben müssen, wo
Cäsar ihm Auge in Auge gegenüberstehe.

Und jetzt hatte er zu seinem Unglück gerade in den Hof hinabfallen müssen,
wo Cäsar daheim war, denn dieser stand vor ihm! »Was bist du denn für
einer?« brummte Cäsar. »Wie bist du denn ins Haus hereingekommen? Bist du
nicht drunten im Röhricht daheim?«

Nur mit knapper Not brachte Jarro die Worte heraus: »Sei mir nicht böse,
Cäsar, daß ich ins Haus hereingekommen bin! Ich kann nichts dafür. Eine
Kugel hat mich getroffen, und die Menschen selbst haben mich in diesen Korb
gebettet.«

»So, so, die Menschen selbst haben dich in den Korb gelegt,« sagte Cäsar.
»Dann haben sie gewiß die Absicht, dich zu heilen, obgleich sie meiner
Meinung nach klüger daran täten, dich zu verspeisen, solange du in ihrer
Macht bist. Aber hier im Hause herrscht jedenfalls Burgfriede. Du brauchst
nicht so angstvoll auszusehen, wir sind jetzt nicht auf dem Tåkern.«

Damit machte Cäsar kehrt und legte sich vor dem flammenden Herdfeuer zum
Schlafen nieder. Sobald Jarro begriff, daß diese gräßliche Gefahr
überstanden war, überfiel ihn die große Mattigkeit aufs neue, und er
schlief wieder ein.

Als Jarro wieder erwachte, sah er ein Gefäß mit Grütze und Wasser neben
sich stehen. Er fühlte sich zwar noch sehr krank, aber Hunger hatte er
trotzdem, und so begann er zu fressen. Als die Hausmutter sah, daß es ihm
schmeckte, trat sie herzu, streichelte ihn und sah sehr vergnügt aus.
Hierauf schlief Jarro abermals ein; mehrere Tage lang tat er nichts als
essen und schlafen.

Eines Morgens aber fühlte er sich so gesund, daß er aus dem Korb
herausstieg und auf dem Boden hinlief. Aber er war noch nicht weit
gekommen, als er auch schon umfiel und nicht mehr aufstehen konnte. Da kam
Cäsar herbei, öffnete sein großes Maul und packte ihn. Jarro glaubte
natürlich, der Hund wolle ihn totbeißen; aber Cäsar trug ihn in seinen Korb
zurück, ohne ihm etwas zuleide zu tun. Dadurch faßte Jarro großes Vertrauen
zu Cäsar; ja, bei seinem nächsten Gehversuch ging er geradewegs zu dem
Hunde hin und legte sich neben ihn. Von da an waren die beiden gute
Freunde, und Jarro lag jeden Tag ganz ruhig schlafend zwischen Cäsars
Pfoten.

Aber noch größere Hingabe als für Cäsar fühlte Jarro für die Hausfrau. Vor
ihr fürchtete er sich auch nicht im geringsten, er rieb sogar seinen Kopf
an ihrer Hand, so oft sie ihm sein Futter brachte. Wenn sie aus dem Zimmer
ging, seufzte er schmerzlich, und wenn sie wieder eintrat, hieß er sie in
seiner eignen Sprache willkommen.

Jarro vergaß vollständig, wie sehr er sich früher vor den Hunden und den
Menschen gefürchtet hatte. Sie kamen ihm sanft und gut vor, er liebte sie
und wünschte sehnlichst, gesund zu sein, um drunten am Tåkern den Wildenten
erzählen zu können, daß ihre alten Feinde durchaus nicht gefährlich seien
und sie sich ganz und gar nicht vor ihnen zu fürchten brauchten.

Jarro hatte herausgefunden, daß die Menschen hier in dem Hause und auch
Cäsar vertrauenerweckende Augen hatten, in die hineinzuschauen einem wohl
tat. Die einzige im Hause, deren Augen er nicht gern begegnete, war
Klaurina, die Hauskatze. Sie tat ihm zwar nichts zuleide, aber er konnte
nun einmal kein Vertrauen zu ihr fassen. Sie zankte sich auch immer mit
ihm, weil er die Menschen lieb hatte. »Du meinst, sie sorgten für dich,
weil sie dich lieb hätten,« sagte Klaurina. »Warte nur, bis du ordentlich
fett bist, dann drehen sie dir den Kragen um. Ich kenne sie, jawohl.«

Jarro hatte wie alle Vögel ein weiches, versöhnliches Herz, und wenn er die
Katze so reden hörte, wurde er tief betrübt. Die Hausfrau sollte ihm den
Kragen umdrehen wollen! Nein, das konnte er nicht von ihr glauben,
ebensowenig als er so etwas von ihrem Söhnchen glauben würde, einem kleinen
Jungen, der mit ihm schäkernd und plaudernd stundenlang neben seinem Korbe
saß. Die beiden liebten ihn gewiß ebenso ehrlich wie er sie, dessen glaubte
er sicher zu sein.

Eines Tages, als Jarro und Cäsar auf ihrem gewohnten Platze vor dem Herde
lagen, saß Klaurina auf der Herdplatte und begann mit der Wildente zu
zanken.

»Ich möchte wohl wissen, was ihr Wildenten im nächsten Jahre tun werdet,
wenn der Tåkern trocken gelegt und in Äcker verwandelt wird?« sagte die
Katze.

»Was sagst du da, Klaurina?« rief Jarro und sprang entsetzt auf.

»Jaso, Jarro, ich vergesse immer wieder, daß du die menschliche Sprache
nicht so gut verstehst wie ich und Cäsar,« erwiderte die Katze, »sonst
wüßtest du doch, was die Männer, die gestern hier waren, gesprochen haben.
Sie sagten, das Wasser des Tåkern solle abgelassen werden, und im nächsten
Jahre werde der Grund des Sees beinahe so trocken sein wie ein Stubenboden.
Deshalb möchte ich wissen, wohin ihr Wildenten euch dann begeben wollt?«

Als Jarro diese Rede hörte, geriet er in einen fürchterlichen Zorn. Wie
eine Schlange zischend fuhr er die Katze an. »Du bist boshaft wie ein
Bläßhuhn und willst mich nur gegen die Menschen aufhetzen. Ich glaube gar
nicht, daß sie so etwas im Sinne haben, denn der See ist das Eigentum der
Wildenten, und das müssen die Menschen doch wissen. Warum sollten sie so
viele Vögel heimatlos und unglücklich machen wollen? Du hast gewiß das
alles nur ausgeheckt, um mir Angst zu machen. Ich wollte, Gorgo, der Adler,
würde dich zerfleischen, ja, ich wollte, die Hausfrau schnitte dir deinen
Schnurrbart ab!«

Aber mit diesem Ausfall konnte Jarro die Katze nicht zum Schweigen bringen.
»So, du meinst also, ich lüge?« sagte sie. »Dann frage doch Cäsar. Er war
gestern Abend auch hier in der Stube, und Cäsar lügt nie.«

»Cäsar,« wendete sich Jarro an den Hund, »du verstehst die Sprache der
Menschen viel besser als Klaurina. Sage, daß sie nicht recht verstanden
hat! Bedenke doch, was geschehen würde, wenn die Menschen den Tåkern
trocken legten und den Seegrund in Äcker verwandelten! Dann gäbe es doch
für die erwachsenen Enten weder Wasserlinsen noch Laichkraut und für die
jungen Entlein keine Fischbrut, keine Kaulquappen und keine Mückenlarven
mehr. Dann würde auch das Röhricht verschwinden, wo die kleinen Entlein
sich verstecken können, bis sie fliegen gelernt haben. Alle Enten müßten ja
fortziehen und sich einen andern Aufenthalt suchen. Aber wo sollten sie
einen solchen Zufluchtsort finden wie den Tåkern? Cäsar, sag, daß Klaurina
nicht recht gehört hat!«

Cäsars Benehmen während dieser Anrede war im höchsten Grade sonderbar. Er
war vorher hellwach gewesen; aber als Jarro sich an ihn wendete, gähnte er,
legte seine lange Nase auf seine Vorderpfoten, und im nächsten Augenblick
lag er im tiefsten Schlafe.

Mit einem durchtriebenen Lächeln sah die Katze auf Cäsar hinunter. »Ich
glaube, Cäsar hat keine Lust, dir zu antworten,« sagte sie zu Jarro. »Er
ist gerade wie alle andern Hunde; sie wollen nie zugeben, daß die Menschen
unrecht tun können. Aber du kannst dich auf mein Wort unbedingt verlassen.
Und ich will dir auch sagen, warum die Menschen den See austrocknen wollen.
Wenn ihr Wildenten die Herrschaft über den See noch hättet, würden sie ihn
nicht ablassen, denn von euch haben sie doch noch einen gewissen Nutzen.

Aber jetzt haben ja die Taucher und die Bläßhühner und andre Vögel, die den
Menschen nicht zur Nahrung dienen, beinahe das ganze Röhricht besetzt, und
derentwegen meinen sie den See nicht beibehalten zu müssen.«

Jarro würdigte die Katze keiner Antwort mehr, aber er hob den Kopf und
schrie Cäsar ins Ohr: »Cäsar! Cäsar! Auf dem Tåkern gibt es noch so viele
Enten, daß sie die Luft wie mit Wolken erfüllen, das weißt du wohl! Darum
sag, daß es nicht wahr ist! Nein, die Menschen können nicht im Sinn haben,
uns heimatlos zu machen!«

Jetzt sprang Cäsar auf und fuhr so heftig auf Klaurina los, daß diese sich
auf ein Wandbrett flüchten mußte. »Ich werde dich lehren, still zu sein,
wenn ich schlafen will!« donnerte er sie an. »Natürlich weiß ich, daß es
sich darum handelt, den See in diesem Jahre abzulassen. Aber man hat ja
schon so oft über diese Sache gesprochen, ohne daß sie je verwirklicht
worden wäre. Und dieses Trockenlegen des Sees ist etwas, was ich durchaus
nicht billige. Denn wie sollte es mit der Jagd gehen, wenn der Tåkern
ausgetrocknet würde? Du bist ein Simpel, wenn du dich über so etwas freust.
Was haben wir denn dann noch für ein Vergnügen, wenn es keine Vögel mehr
auf dem Tåkern gibt?«


Der Lockvogel

                                                  Sonntag, 17. April

Ein paar Tage später war Jarro fast hergestellt, und er konnte schon durchs
ganze Zimmer fliegen. Er wurde denn auch von der Hausfrau gestreichelt, und
der kleine Junge pflückte die ersten hervorsprießenden Grashälmchen für
ihn. Während die Hausfrau ihn streichelte, dachte Jarro, obgleich er jetzt
wieder so gesund war, daß er, sobald es ihm beliebte, an den Tåkern hätte
hinabfliegen können, er wolle sich doch noch nicht von den Menschen
trennen, ja, am liebsten möchte er sein ganzes Leben lang bei ihnen
bleiben.

Aber eines Morgens in aller Frühe legte die Hausmutter eine Halfter oder
Schlinge um Jarro, die ihn am Gebrauch seiner Flügel hinderte, und dann
übergab sie ihn jenem Knecht, der ihn damals auf dem Hofe gefunden hatte.
Der Knecht nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm zum Tåkern hinunter.

Während Jarro krank lag, war das Eis geschmolzen. Das alte vertrocknete
Röhricht vom vorigen Jahre stand noch an den Ufern und Holmen, aber alle
Wasserpflanzen hatten in der Tiefe Schößlinge getrieben, und die grünen
Spitzen reichten schon bis zur Oberfläche des Wassers. Und jetzt waren fast
alle Zugvögel zurückgekehrt. Die gebogenen Schnäbel der Scharben sahen aus
dem Schilf hervor, die Taucher schwammen mit einem neuen Halskragen umher,
und die Bekassinen sammelten eifrig Stroh zu ihren Nestern.

Der Knecht bestieg einen Kahn, legte Jarro auf den Boden und begann in den
See hinauszustechen. Jarro, der sich jetzt daran gewöhnt hatte, nur Gutes
von den Menschen zu erwarten, sagte zu Cäsar, der auch dabei war, er sei
dem Knecht sehr dankbar, daß er ihn auf den See hinausfahre. Aber der
Knecht hätte ihn nicht so fest zu fesseln brauchen, denn er wolle den
Menschen gar nicht entfliehen. Cäsar gab keine Antwort, er war an diesem
Morgen äußerst wortkarg.

Das einzige, was Jarro ein wenig sonderbar vorkam, war, daß der Knecht
seine Flinte mitgenommen hatte. Die guten Leute auf dem Hofe würden doch
sicherlich keine Vögel schießen wollen. Und außerdem hatte ihm Cäsar
gesagt, die Menschen gingen in dieser Jahreszeit nicht auf die Jagd. »Es
ist Schonzeit,« hatte er gesagt, »obgleich das für mich natürlich nicht
gilt.«

Der Knecht ruderte zu einem der schilfumkränzten Sumpfholme hinüber. Hier
stieg er aus, schichtete altes Röhricht zu einem großen Haufen zusammen und
legte sich dahinter nieder. Die Schlinge um die Flügel und mit einer langen
Schnur an das Boot angebunden, durfte Jarro umhergehen.

Plötzlich erblickte dieser einige von den jungen Wildenten, in deren
Gesellschaft er früher um die Wette über den See hin und her geschwommen
war. Sie waren weit entfernt, aber Jarro rief sie mit einigen lauten Rufen
herbei. Sie gaben ihm Antwort, und eine große schöne Schar näherte sich
ihm. Bevor sie noch herangekommen war, begann Jarro von seiner wunderbaren
Errettung und von der Güte der Menschen zu berichten. Aber schon knallten
zwei Schüsse hinter ihm. Drei Enten sanken tot ins Röhricht. Cäsar
platschte hinaus und fing sie auf.

Da verstand Jarro -- die Menschen hatten ihn gerettet, um ihn als Lockvogel
zu gebrauchen. Und das war ihnen auch geglückt. Drei Enten hatten um
seinetwillen sterben müssen.

Es war ihm, als müsse er vor Scham selbst sterben, ja, es war ihm, als ob
ihn auch sein Freund Cäsar verächtlich ansehe; und als sie wieder in der
Stube waren, wagte er nicht mehr, sich neben den Hund zu legen.

Am nächsten Morgen wurde Jarro abermals an den kleinen Holm gebracht. Auch
diesmal gewahrte er bald einige Enten. Als er sie aber auf sich zufliegen
sah, rief er ihnen zu: »Fort! Fort! Nehmt euch in acht! Fliegt wo anders
hin! Hinter dem Schilfhaufen liegt ein Jäger im Hinterhalt! Ich bin nur ein
Lockvogel!« Und es gelang ihm wirklich, die Enten zu verhindern, in
Schußweite heranzukommen.

Jarro hatte kaum Zeit, ein Grashälmchen zu verzehren, so eifrig war er auf
der Wacht. Sobald sich ein Vogel näherte, schrie er ihm seinen Warnungsruf
entgegen; er warnte sogar auch Taucher und Bläßhühner, obgleich er sie
verabscheute, weil sie die Enten aus ihren besten Verstecken verdrängten.
Aber seinetwegen sollte gewiß kein einziger Vogel ins Unglück geraten. Und
dank Jarros Wachsamkeit mußte der Knecht heimkehren, ohne Gelegenheit zu
einem einzigen Schuß bekommen zu haben.

Dessenungeachtet sah Cäsar weniger mißvergnügt aus als am Tage vorher; und
als es Abend wurde, nahm er Jarro ins Maul, trug ihn zum Herd hin und ließ
ihn zwischen seinen Vorderpfoten schlafen.

Aber Jarro fühlte sich nicht mehr behaglich in der Stube; er war tief
unglücklich, und das Herz tat ihm weh bei dem Gedanken, daß die Menschen
ihn nie lieb gehabt hätten. Wenn jetzt die Hausfrau oder der kleine Junge
ihn streichelten, steckte er den Schnabel unter den Flügel und tat, als ob
er schliefe.

Mehrere Tage hatte Jarro seine traurige Wacht gehalten, und man kannte ihn
schon am ganzen Tåkern. Eines Morgens, als er wie gewöhnlich rief: »Nehmt
euch in acht, ihr Vögel! Kommt mir nicht nahe! Ich bin nur ein Lockvogel!«
sah er auf einmal ein Tauchernest daherschwimmen. Dies war nun nichts
besonders Merkwürdiges; es war ein Nest vom vorigen Jahre, und da die
Tauchernester so gebaut sind, daß sie wie Boote auf dem Wasser schwimmen
können, treibt häufig eines auf den See hinaus. Aber Jarro blieb doch
stehen und betrachtete es, denn es schwamm geradeswegs auf den Holm zu, als
ob es jemand über das Wasser steuere.

Als es näher kam, sah Jarro, daß ein kleiner Mensch, der kleinste, den er
je gesehen hatte, in dem Nest saß und mit zwei Stäbchen ruderte. Und dieses
Menschlein rief ihm zu: »Komm so nahe ans Wasser heran, als du kannst,
Jarro, und halte dich zum Fliegen bereit! Du wirst bald befreit werden.«

Einige Augenblicke später lag das Nest am Land, aber der kleine Ruderer
verließ es nicht, sondern saß ganz still zwischen Zweigen und Halmen
verborgen. Jarro verhielt sich auch beinahe regungslos. Der Gedanke, frei
zu werden und seinem Unglück entfliehen zu können, hatte ihn förmlich
gelähmt.

Das nächste, was geschah, war, daß eine Schar Wildgänse daherflog. Da kam
Jarro wieder zu sich, und er warnte sie mit lauten Rufen; aber
dessenungeachtet flogen sie mehrere Male über dem Holm hin und her. Sie
hielten sich so hoch in der Luft, daß sie außer Schußweite waren; aber der
Knecht ließ sich trotzdem verleiten, ein paar Schüsse auf sie abzugeben.
Kaum waren diese abgefeuert, als der kleine Knirps auf und ans Land sprang,
ein kleines Messer aus der Scheide zog und mit einem raschen Schnitt Jarros
Schlinge löste. »Flieg nun davon, Jarro, ehe der Knecht wieder geladen
hat!« rief er, während er selbst in das Nest zurücksprang und vom Lande
abstieß. Der Jäger hatte die Augen auf die Gänse gerichtet und daher nicht
gemerkt, daß Jarro befreit worden war. Aber Cäsar hatte besser acht
gegeben, und gerade als Jarro die Flügel hob, stürzte er herbei und packte
ihn im Nacken.

Jarro schrie zum Erbarmen, aber der Knirps, der ihn befreit hatte, sagte
mit der größten Ruhe zu Cäsar: »Wenn deine Gesinnung so edel ist wie dein
Aussehen, so kannst du nicht jemand bei einer so gemeinen Beschäftigung,
ein Lockvogel zu sein, zurückhalten wollen.«

Als Cäsar diese Worte hörte, grinste er boshaft mit der Oberlippe, aber
nach einem Augenblick ließ er Jarro los. »Flieg, Jarro!« sagte er. »Du bist
wirklich zu gut zu einem Lockvogel. Ich wollte dich auch nicht deshalb
zurückhalten, sondern weil die Stube ohne dich so leer sein wird.«


Die Trockenlegung des Sees

                                                  Mittwoch, 20. April

In der Bauernstube war es wirklich sehr leer, als Jarro nicht mehr da war.
Dem Hund und der Katze wurde die Zeit lang, weil sie sich nicht mehr
miteinander über ihn streiten konnten, und die Hausfrau vermißte das
fröhliche Geschnatter, das Jarro angestimmt hatte, so oft sie ins Zimmer
trat. Am meisten Heimweh nach ihm hatte aber doch der kleine Junge Per Ola.
Per Ola war erst drei Jahre alt und überdies das einzige Kind, und er hatte
noch nie einen so guten Spielkameraden gehabt wie Jarro. Als man Per Ola
sagte, Jarro sei zu den andern Enten auf den Tåkern zurückgekehrt, wollte
er sich mit dieser Nachricht nicht zufrieden geben, sondern dachte
immerfort darüber nach, wie er wohl den guten Jarro wieder bekommen könnte.

Per Ola hatte sehr oft mit Jarro geplaudert, während dieser in seinem Korb
lag, und das Kind war fest überzeugt, daß ihn der Erpel immer verstanden
habe. Er bat die Mutter, mit ihm an den See hinunterzugehen, denn er wolle
Jarro aufsuchen und ihn überreden, wieder zu ihnen zu kommen. Die Mutter
wollte davon nichts hören, aber deshalb gab Per Ola sein Vorhaben nicht
auf.

Am Tag, nachdem Jarro verschwunden war, spielte Per Ola draußen im Garten.
Wie gewöhnlich spielte er ganz allein; aber Cäsar lag auf der Treppe, und
als die Mutter Per Ola herausgebracht hatte, hatte sie zu dem Hunde gesagt:
»Gib auf Per Ola acht, Cäsar!«

Wenn nun alles wie sonst gewesen wäre, hätte Cäsar auch dem Befehl Folge
geleistet. Per Ola wäre gut bewacht gewesen und keinerlei Gefahr gelaufen.
Aber in diesen Tagen war Cäsar gar nicht er selbst. Er wußte, daß die
Bauern, die um den Tåkern herum wohnten, wegen der Trockenlegung des Sees
verhandelt hatten, und daß die Sache beinahe so gut wie beschlossen war.
Die Enten müßten also fortziehen, und Cäsar würde nie mehr ehrlich und
ordentlich Jagd auf sie machen können. Der Gedanke an dieses Unglück
beschäftigte den Hund vollständig, und er dachte nicht mehr daran, über das
Kind zu wachen.

Und Per Ola sah sich kaum allein auf dem Hof, als er auch schon die rechte
Stunde gekommen glaubte, nach dem Tåkern zu gehen und mit Jarro zu reden.
Er öffnete ein Pförtchen und schlug den schmalen Wiesenpfad zum See
hinunter ein. Solange man ihn von daheim sehen konnte, ging er ganz
langsam, aber dann begann er zu laufen. Er hatte große Angst, die Mutter
oder sonst jemand würde ihm zurufen, er dürfe nicht an den See hinunter. Er
wollte zwar nichts Böses tun, nur Jarro überreden, zurückzukehren, fühlte
aber wohl, daß die andern sein Vorhaben nicht gebilligt hätten.

Als Per Ola den Strand erreicht hatte, rief er Jarro mehrere Male mit
Namen. Dann wartete er lange, aber Jarro zeigte sich nicht. Per Ola sah
allerdings verschiedene Vögel, die wie Wildenten aussahen; diese flogen
aber an ihm vorbei, ohne sich um ihn zu kümmern, und daraus schloß Per Ola,
daß keiner von ihnen der rechte sei.

Als Jarro sich nicht zeigte, dachte der kleine Junge, er könne Jarro gewiß
leichter finden, wenn er sich auf den See hinaus begebe. Es lagen mehrere
gute Boote am Ufer, aber die waren alle angebunden. Das einzige nicht
festgemachte Boot war ein alter lecker Kahn, dessen sich niemand mehr
bediente. Per Ola kletterte unter großer Anstrengung hinein, ohne sich
darum zu kümmern, daß der ganze Boden mit Wasser bedeckt war. Die Ruder
konnte der kleine Bursche natürlich nicht handhaben, dafür aber begann er
in dem Boot zu schaukeln und es hin und her zu wiegen. Es wäre sicher
keinem erwachsenen Menschen gelungen, einen Kahn auf diese Weise auf den
Tåkern hinauszubringen, aber wenn hoher Wasserstand ist und das Unglück es
will, haben kleine Kinder eine wunderbare Fähigkeit, aufs Wasser
hinauszukommen; Per Ola trieb wirklich bald auf dem Tåkern umher und rief
nach seinem geliebten Jarro.

Als der alte Kahn auf diese Weise auf dem See schaukelte, öffneten sich
alle seine Ritzen noch weiter, und das Wasser strömte stärker herein. Darum
kümmerte sich aber Per Ola nicht im geringsten. Er saß vorn auf dem kleinen
Brett, rief jeden Vogel an, den er sah, und wunderte sich, warum Jarro
nicht erscheine.

Schließlich aber nahm Jarro den Jungen wirklich wahr. Er hörte, wie Per Ola
ihn mit dem Namen rief, den er bei den Menschen gehabt hatte, und daraus
schloß er, daß sich der Junge auf den Tåkern hinausbegeben habe, um ihn zu
suchen. Jarro freute sich unaussprechlich über diese Entdeckung; also
liebte ihn einer von den Menschen doch aufrichtig! Schnell wie ein Pfeil
schoß er zu Per Ola hinunter, setzte sich neben ihn und ließ sich von ihm
liebkosen. Alle beide waren sehr glücklich über das Wiedersehen.

Aber plötzlich merkte Jarro, wie es mit dem Kahn stand. Er war schon halb
voll Wasser, in kurzer Zeit mußte er untersinken. Jarro versuchte Per Ola
klar zu machen, daß er, da er weder fliegen noch schwimmen könne, versuchen
müsse, ans Land zu kommen. Aber das Kind verstand Jarro nicht. Da zögerte
Jarro keinen Augenblick, sondern flog eilig davon, um Hilfe
herbeizuschaffen.

Nach einer kleinen Weile kehrte Jarro zurück, und da trug er auf seinem
Rücken einen kleinen Knirps, der viel kleiner als Per Ola war. Wenn er
nicht gesprochen und sich bewegt hätte, würde ihn Per Ola für eine Puppe
gehalten haben. Und dieser Knirps befahl Per Ola, sofort eine lange, dünne
Stange zu ergreifen, die im Kahn lag, und zu versuchen, das Fahrzeug nach
einem der kleinen Sumpfholme hinüberzustoßen. Per Ola gehorchte, und dann
begannen die beiden mit vereinten Kräften den Kahn vorwärts zu treiben. Mit
einigen Stößen erreichten sie wirklich einen kleinen, schilfumkränzten
Holm; und als sie hier angekommen waren, wurde Per Ola befohlen, ans Land
zu gehen. Und gerade in dem Augenblick, wo Per Ola den Fuß ans Land setzte,
war der Kahn so mit Wasser gefüllt, daß er sank.

Als Per Ola dies sah, fühlte er ganz deutlich, daß Vater und Mutter sehr
böse über ihn werden würden, und er hätte sicherlich geweint, wenn nicht
seine Gedanken sogleich von etwas ganz anderm in Anspruch genommen worden
wären. Plötzlich kam eine große Schar grauer Vögel dahergeflogen, die sich
auf der Insel niederließ. Dann führte der kleine Knirps Per Ola zu den
Vögeln hin und erzählte ihm, wie sie hießen und was sie sagten. Und das war
so lustig, daß Per Ola alles andre vergaß.

Doch schnell flog Jarro nach dem Bauernhof, um Cäsar mitzuteilen, wo Per
Ola sei. Cäsar folgte Jarro an das Ufer hinunter, und von da schwamm und
watete er nach dem Sumpfholm hinüber. Dort saß Per Ola laut lachend und vor
Freude jubelnd auf einem Haufen trocknen Schilfs, die Wildgänse und die
Wildenten rings um ihn herum.

Cäsar blieb lange auf dem Holm, und zwar nicht allein Per Olas wegen. Zum
erstenmal in seinem ganzen Leben war er mit den Vögeln des Tåkern in
friedlichen Verkehr gekommen, und er verwunderte sich über deren Klugheit.
Sie fragten ihn, ob das, was Jarro berichtet habe, wahr sei, daß nämlich
der Tåkern wirklich ausgetrocknet werden solle?

»Es ist noch nicht entschieden,« sagte Cäsar, »aber morgen wollen die
Strandeigentümer sich versammeln, um einen endgültigen Entschluß zu fassen,
und ich fürchte, diesmal wird der Vorschlag durchgehen. Es ist recht
traurig für die Vögel, aber auch für mich ist es kein Spaß, ich verliere
das beste Jagdgebiet, das ein Hund je gehabt hat.«

Die Vögel wurden über die Maßen betrübt, als sie Jarros Aussage durch Cäsar
bekräftigen hörten. Die Nachricht lief von einem Röhricht zum andern über
den ganzen See hin, und überall erhoben sich laute Klagerufe. Die stolzen
Schwäne jammerten nicht weniger als die kleinen Rohrsänger, und die Enten
und Bläßhühner, die einander sonst verabscheuen, waren ganz einig darüber,
daß dies ein furchtbares Unglück sei.

Als Cäsar endlich aufbrach, um nach dem Hof zurückzukehren, sagte die alte
Akka, die Anführerin der Wildgänse, zu ihm: »Für mich ist es einerlei, denn
ich bin nur ein durchreisender Zugvogel, aber wenn du die Vögel wirklich
hier am Tåkern behalten möchtest, dann müßtest du den Eltern nicht so bald
mitteilen, wo das Kind zu finden sei.«

Cäsar starrte die Wildgans mit weitoffnen Augen an. »Du bist ganz gewiß
eine wunderbare alte Gans,« sagte er.

»Ach, mir ist schon manches vorgekommen in meinem Leben,« sagte Akka, »und
ich weiß, es wird uns allen weich ums Herz, wenn wir unsre Jungen verlieren
sollen.«

»Ich werde deinen Rat befolgen,« sagte Cäsar, »aber ihr steht mir dafür
ein, daß Per Ola kein Leid geschieht.«

Indessen hatten die Leute auf dem Hofe Per Ola vermißt und nach ihm
gesucht. Sie suchten in den Wirtschaftsgebäuden, sahen in den Brunnen
hinunter und untersuchten den Keller. Dann suchten sie auf Wegen und
Stegen, eilten auch auf den Nachbarhof, um zu hören, ob sich das Kind nicht
dahin verirrt habe, und schließlich suchten sie ihn auch am Tåkern. Aber so
viel sie auch suchten, Per Ola war nirgends zu entdecken.

Cäsar, der Hund, wußte recht gut, wen die Herrschaft suchte, aber er tat
nichts, sie auf die richtige Spur zu leiten. Dagegen lag er ganz ruhig da,
als ob ihn die Sache gar nichts anginge. »Es kann euch Menschen nichts
schaden, wenn ihr einmal ein paar Stunden lang in Sorge seid,« dachte er.
»Per Ola geschieht da draußen nichts Böses, und den andern gönne ich es,
wenn sie ordentlich Angst ausstehen.«

Später am Tage entdeckte man Per Olas Fußtapfen drunten am Bootschuppen.
Und dann merkte man, daß der alte lecke Kahn nicht mehr am Ufer lag. Da
begann man zu verstehen, was geschehen war.

Der Hausherr und die Knechte schoben sogleich die Boote ins Wasser und
fuhren hinaus, den Jungen zu suchen. Bis spät am Abend fuhren sie auf dem
Tåkern umher, ohne auch nur einen Schein von ihm zu entdecken. Da konnten
sie sich nichts andres denken, als daß das alte Fahrzeug gesunken sei und
das Kind nun tot auf dem Grunde des Sees liege.

Am Abend wanderte Per Olas Mutter ruhelos am Strande hin und her. Die
andern waren alle überzeugt, daß Per Ola ertrunken sei, sie aber konnte es
nicht glauben und suchte und suchte unaufhörlich. Sie suchte zwischen
Schilf und Binsen, sie wanderte auf dem sumpfigen Strand umher, ohne zu
beachten, wie tief ihre Füße einsanken und wie naß sie wurden. Sie war am
Verzweifeln, und das Herz tat ihr unsäglich weh. Sie weinte nicht, aber sie
rang die Hände und rief mit lauter, klagender Stimme nach ihrem Kind.

Rings herum hörte sie die Klagen der Schwäne und Enten und Brachschnepfen.
Ihr war, als wanderten alle klagend und jammernd hinter ihr drein. »Sie
haben gewiß einen Kummer, weil sie so jammern,« dachte die Mutter. »Aber es
sind ja nur Vögel,« dachte sie weiter, »die haben sicherlich keinen
Kummer.«

Aber wunderbar war es doch, daß die Vögel jetzt nach Sonnenuntergang noch
nicht verstummt waren. Sie hörte, wie alle diese unzähligen Vogelscharen,
die rings um den Tåkern wohnten, nacheinander ihre Klagerufe ertönen
ließen. Mehrere liefen hinter ihr her, andre sausten auf raschen Flügeln an
ihr vorüber, alle jammerten und klagten.

Und die Angst, die sie selbst quälte, öffnete ihr das Herz. Ihr war, als
stehe sie allen den andern lebenden Wesen gar nicht mehr so fern, wie dies
bei den Menschen sonst der Fall zu sein pflegt. Viel besser als je vorher
verstand sie, wie es den Vögeln zumut sein müsse. Auch sie hatten ihre
tägliche Sorge für Haus und Kind. Es war wohl gar kein so großer
Unterschied zwischen den Vögeln und den Menschen, wie sie bisher geglaubt
hatte.

Dann fiel ihr die Trockenlegung des Sees ein. Diese war schon so gut wie
fest beschlossen. Ach und dadurch würden alle die Tausende von Schwänen,
Enten und Tauchern ihre Heimat hier am Tåkern verlieren! »Das wird sehr
traurig für sie sein,« dachte sie. »Wo sollen sie später ihre Jungen
aufziehen?«

Sie blieb stehen und überlegte. »Ja, es mag ja wohl ganz gut und
vorteilhaft sein, einen See in Äcker und Wiesen zu verwandeln,« dachte sie,
»aber der See braucht ja nicht gerade der Tåkern zu sein, sondern ein
andrer, der nicht so vielen Tausenden von Tieren zur Heimat dient.«

»Morgen soll die Trockenlegung endgültig beschlossen werden,« dachte sie
weiter. Und sie fragte sich, ob nicht am Ende Per Ola deshalb gerade an
diesem Tage sich verlaufen habe? Ob es nicht am Ende Gottes Absicht sei,
durch den Kummer ihr Herz zu rühren, damit es sich der Barmherzigkeit
öffne, gerade heute, ehe es zu spät wäre, die schlechte Tat zu verhindern?

Rasch ging sie auf den Hof zurück und sprach mit ihrem Mann über das alles.
Sie sprach von dem See und den Vögeln und sagte schließlich, sie glaube,
Per Olas Tod sei eine Strafe, die Gott über sie verhängt habe. Und sie sah
bald, daß ihr Mann derselben Ansicht war.

Sie besaßen schon vorher einen großen Hof, und wenn die Trockenlegung des
Sees zustande kam, fiel ihnen ein sehr bedeutender Teil des Seegrundes zu,
wodurch ihr Besitztum beinahe noch einmal so groß wurde. Deshalb waren sie
auch eifriger für den Plan gewesen als irgend einer von den andern
Strandbesitzern. Die andern hatten die Ausgaben gescheut und die
Befürchtung ausgesprochen, die Trockenlegung werde am Ende ebensowenig
gelingen wie das erste Mal. Per Olas Vater wußte, daß nur er sie
schließlich zu dem Unternehmen bestimmt hatte. Er hatte seine ganze
Überredungskunst angewendet, um seinem Sohn einen doppelt so großen Hof
hinterlassen zu können, als er selbst einst von seinem Vater geerbt hatte.

Jetzt fragte er sich, ob es wohl eine Fügung Gottes sei, daß der Tåkern ihm
seinen Sohn genommen habe, gerade am Tage, bevor der Kontrakt zur
Trockenlegung unterschrieben werden sollte? Und seine Frau brauchte nicht
mehr viel zu sagen. »Ja, ja, vielleicht will Gott nicht, daß wir in seine
Ordnung eingreifen,« sagte er. »Ich will morgen mit den andern sprechen,
und ich glaube, wir werden alles beim Alten lassen.«

Während die Eheleute so miteinander sprachen, lag Cäsar vor dem Herd. Mit
aufgehobenem Kopf hörte er genau zu. Als er seiner Sache sicher zu sein
glaubte, stand er auf, ging zur Mutter hin, faßte sie am Rock und zog sie
nach der Tür hin. »Aber Cäsar!« sagte sie und wollte sich frei machen.
»Weißt du, wo Per Ola ist?« rief sie gleich darauf. Und Cäsar bellte lustig
und sprang an der Tür hinauf. Die Mutter öffnete, Cäsar stürmte in großen
Sätzen zum Tåkern hinunter, und ohne sich lange zu besinnen, lief die
Mutter hinter ihm drein, so fest war sie überzeugt, daß Cäsar wußte, wo ihr
Kind war. Kaum hatte sie den Strand erreicht, da drang auch schon das
Weinen einer Kinderstimme vom See herüber an ihr Ohr.

Per Ola hatte mit Däumling und den Vögeln den vergnügtesten Tag seines
Lebens verbracht, aber jetzt weinte er, weil er hungrig war und sich bei
der Dunkelheit fürchtete. Ach, wie froh war er, als Vater und Mutter und
Cäsar kamen, ihn zu holen!

Und bei schönem, hellem Mondschein, während die Vögel des Tåkern lustig um
sie herumflatterten, fuhren sie zurück, heim nach dem Bauernhof.

[Illustration]



20

Die Wahrsagung


                                                  Freitag, 22. April

Eines Nachts schlief der Junge auf einem der Holme des Tåkern, als das
Geräusch von Ruderschlägen ihn weckte. Kaum hatte er die Augen aufgemacht
und sie auf den See gerichtet, als ein starker Lichtschein aufflammte, der
ihn beinahe blendete.

Zuerst konnte er nicht begreifen, was draußen auf dem See so hell
leuchtete, bald aber sah er, daß am Schilfrand ein Kahn lag, in dessen
Hintersteven eine große Pechfackel an einer eisernen Gabel brannte. Die
roten Flammen der Fackel spiegelten sich deutlich in dem nachtschwarzen
See, und der prächtige Schein mußte die Fische herbeigelockt haben, denn um
die Flamme in der Tiefe herum zeigte sich eine Menge dunkler Striche, die
sich beständig bewegten und den Platz wechselten.

In dem Kahn befanden sich zwei alte Männer. Der eine saß bei den Rudern,
der andre stand auf dem hintern Brett und hielt einen kurzen, mit großen
Widerhaken versehenen Spieß in der Hand. Der Mann, der die Ruder führte,
schien ein armer Fischer zu sein. Er war klein, ausgemergelt und
wettergebräunt und hatte einen dünnen abgetragenen Rock an. Offenbar war
dieser Mann gewohnt, bei jedem Wetter draußen zu sein, und machte sich
nichts aus der Kälte. Der andre war wohlgenährt und gut gekleidet und sah
wie ein gebieterischer, selbstbewußter Bauer aus.

»Halt nun still!« sagte der Bauer, als sie dicht bei dem Holm waren, wo der
Junge lag. In demselben Augenblick stieß er den Spieß ins Wasser, und als
er ihn wieder herauszog, kam ein langer, prächtiger Aal mit aus der Tiefe
herauf.

»Ei sieh da!« sagte der Bauer, während er den Aal von der Gabel losmachte,
»das ist einer, der sich sehen lassen kann. Jetzt haben wir, glaub ich,
genug und können umdrehen.«

Aber der andre schaute sich um, ohne die Ruder zu bewegen. »Wie schön ist
es heute Abend hier draußen!« sagte er. Und das war in der Tat so. Kein
Lüftchen rührte sich; mit Ausnahme des Streifens, den der Kahn gezogen
hatte, lag der ganze Wasserspiegel regungslos da. Wie eine Fläche aus purem
Golde leuchtete er in dem Feuerschein.

Hoch und klar wölbte sich der mit Sternen besäte dunkelblaue Nachthimmel
darüber. Gegen Westen verdeckten die Schilfholme das Ufer. Dort drüben
erhob sich der Omberg groß und dunkel, viel mächtiger als gewöhnlich, und
er schnitt ein großes dreieckiges Stück des Himmelsgewölbes weg.

Der andre wendete den Kopf von dem Feuerschein ab und schaute sich um. »Ja,
es ist schön hier in Ostgötland,« sagte er. »Aber das beste an der
Landschaft ist doch nicht ihre Schönheit.«

»Was ist denn das beste?« fragte der Fährmann.

»Daß es von jeher eine angesehene, hochgepriesene Landschaft war.«

»Ja, das ist sehr wahr.«

»Und ferner, daß man weiß, daß es immer so bleiben wird.«

»Wie soll man das wissen?« fragte der andre, der die Ruder führte.

Der Bauer richtete sich auf und stützte sich auf seinen Spieß. »In unserer
Familie hat sich eine alte Geschichte immer wieder vom Vater auf den Sohn
vererbt, und in dieser Geschichte erfährt man, wie es mit Ostgötland gehen
wird.«

»Dann könntest du sie mir wohl erzählen,« sagte der Ruderer.

»Wir pflegen sie sonst nicht dem ersten besten zu erzählen, aber einem
alten Kameraden will ich sie nicht vorenthalten.«

»Auf dem Gute Ulvåsa hier in Ostgötland,« fuhr er fort, und jetzt konnte
man an seinem Ton merken, daß er etwas erzählte, was er selbst von andern
gehört hatte und auswendig wußte, »wohnte vor vielen Jahren eine
Schloßherrin, die die Gabe hatte, in die Zukunft zu schauen und den Leuten
vorauszusagen, was ihnen widerfahren werde, und zwar sicher und genau, wie
wenn es wirklich schon geschehen wäre. Deshalb wurde sie weitberühmt, und
man kann sich wohl denken, wie die Leute von nah und fern herbeizogen, um
zu erfahren, was sie Gutes oder Böses zu erwarten hätten.

Eines Tages, als die Frau auf Ulvåsa in ihrem Saal am Spinnrad saß, wie das
in frühern Zeiten Sitte war, trat ein armer Bauer herein und setzte sich
ganz unten an der Tür auf die Bank.

>Ich möchte wohl wissen, was Ihr denkt, liebe Schloßherrin?< sagte der
Bauer nach einer Weile.

>Ich denke an hohe und heilige Dinge,< antwortete sie.

>Es würde sich wohl nicht schicken, wenn ich Euch um etwas fragte, das mir
sehr am Herzen liegt?< fragte der Bauer.

>Ei, es wird dir wohl nichts am Herzen liegen, als die Frage, ob du viel
Korn von deinen Äckern ernten werdest. Aber ich bin gewohnt, von dem Kaiser
gefragt zu werden, wie es um seine Krone stehe, und von dem Papst, wie es
mit seinen Schlüsseln bestellt sei?<

>Ja, so etwas ist wohl nicht leicht zu beantworten,< sagte der Bauer. >Und
ich habe auch gehört, daß noch nie jemand von hier weggegangen sei, der mit
der Antwort, die er erhalten habe, zufrieden gewesen wäre.<

Als der Bauer dies sagte, sah er, daß die Schloßfrau sich auf die Lippe biß
und auf der Bank weiter hinaufrückte. >So, das hast du von mir gehört?<
sagte sie. >Nun, dann mache einmal den Versuch und frage mich nach dem, was
du wissen möchtest, alsdann wirst du ja sehen, ob ich so antworten kann,
daß du zufrieden bist.<

Nach dieser Aufforderung zögerte der Bauer nicht länger mit seinem
Anliegen. Er sagte, er sei gekommen, sich zu erkundigen, wie es zukünftig
mit Ostgötland gehen werde. Denn nichts sei ihm so lieb wie dieses Land,
und er wisse, er würde bis zu seiner letzten Stunde glücklich sein, wenn er
eine gute Antwort auf diese Frage bekäme.

>Wenn du sonst nichts wissen willst,< sagte die weise Frau, >dann werde ich
dich wohl befriedigen können. Denn so wahr ich hier sitze, kann ich dir
sagen, Ostgötland wird allezeit etwas haben, dessen es sich vor andern
Landschaften wird rühmen können.<

>Ja, das ist eine gute Antwort, liebe Schloßfrau,< sagte der Bauer, >und
ich wäre ganz befriedigt, wenn ich nur begreifen könnte, wie das zugehen
soll.<

>Warum sollte es nicht möglich sein?< sagte die Frau von Ulvåsa. >Weißt du
nicht, daß Ostgötland jetzt schon weit berühmt ist? Oder meinst du, es gebe
in ganz Schweden eine Landschaft, die sich rühmen könnte, zwei solche
Klöster zu besitzen wie Alvastra und Vreta, und eine so schöne Domkirche
wie die in Linköping?<

>Das mag wohl so sein,< sagte der Bauer, >aber ich bin ein alter Mann und
weiß, daß das Herz des Menschen veränderlich ist, und ich fürchte, es
möchte eine Zeit kommen, wo sie uns weder wegen Alvastra oder Vreta noch
wegen unserer Domkirche ehren werden.<

>Damit kannst du recht haben,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber deshalb
brauchst du doch nicht an meiner Wahrsagung zu zweifeln. Ich werde jetzt
ein neues Kloster auf Vadstena bauen lassen, und dieses wird sicherlich das
berühmteste hier im Norden werden. Hoch und niedrig wird dorthin
wallfahren, und alle werden diese Landschaft preisen, weil sie einen so
heiligen Ort in ihren Grenzen birgt.<

Der Bauer erwiderte, er freue sich ganz außerordentlich über diese
Nachricht. Aber da er wohl wisse, daß alles vergänglich sei, möchte er eben
doch gar zu gern erfahren, was dem Lande Ansehen verschaffen könne, wenn
das Kloster Vadstena je einmal in üblen Ruf käme.

>Du bist nicht leicht zufrieden zu stellen,< sagte die Frau von Ulvåsa,
>aber ich sehe gar weit in die Zukunft, und deshalb kann ich dir sagen, ehe
das Kloster Vadstena seinen Glanz verliert, wird daneben ein Schloß erbaut
werden, das das prächtigste seiner Zeit sein wird. Könige und Fürsten
werden da wohnen, und es wird der ganzen Landschaft zur Ehre gereichen,
einen solchen Schmuck zu besitzen.<

>Das zu hören, freut mich auch sehr,< sagte der Bauer. >Aber ich bin ein
alter Mann und weiß, wie es mit der Herrlichkeit dieser Welt zu gehen
pflegt, und ich möchte wohl wissen, was die Blicke der Leute auf diese
Landschaft lenken soll, wenn das Schloß einmal in Verfall gerät.<

>Du begehrst nicht wenig zu wissen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber ich
kann doch so weit in die Zukunft schauen, daß ich sehe, wie in den Wäldern
um Finspång herum Leben und Bewegung entsteht. Ich sehe, daß dort
Eisenhütten und Schmiedewerkstätten errichtet werden, und ich glaube, daß
man die ganze Landschaft darum ehren wird, daß in ihrem Gebiet das Eisen
verarbeitet wird.<

Der Bauer verbarg nicht, wie sehr er sich über diese Nachricht freute.
>Aber,< fuhr er fort, >wenn es nun so schlecht ginge, daß auch das
Finspånger Hüttenwerk sein Ansehen verlöre, dann könnte wohl unmöglich noch
etwas Neues aufkommen, dessen sich Ostgötland rühmen könnte?<

>Du bist nicht leicht zufriedenzustellen,< sagte die Frau von Ulvåsa, >aber
so weit in die Zukunft kann ich doch noch schauen, daß ich sehe, wie hier
von Herrenleuten, die in fremden Ländern Krieg geführt haben, Edelsitze
erbaut werden, die so groß wie Schlösser sind, und ich glaube, daß diese
Herrenhöfe dem Lande ebensoviel Ehre eintragen werden, wie alles andre, von
dem ich gesprochen habe.<

>Aber wenn einst die Zeit kommt, wo niemand mehr die großen Herrenhöfe
preist?<

>So brauchst du doch keineswegs ängstlich zu sein,< erwiderte die Frau von
Ulvåsa. >Auf den Auen von Medevi in der Nähe des Wettern sehe ich
Heilquellen hervorsprudeln, und die Quellen von Medevi werden dem Lande
ebensoviel Ehre gewinnen wie irgend etwas, von dem ich bis jetzt gesprochen
habe.<

>Ja, das ist wirklich etwas Großes, was ich da gehört habe,< sagte der
Bauer. >Aber wenn nun eine Zeit kommt, wo die Menschen an andern Quellen
Heilung suchen?<

>Deshalb brauchst du nicht ängstlich zu sein,< antwortete die Frau von
Ulvåsa. >Denn ich sehe, wie die Menschen von Motala bis Mem arbeiten. Sie
graben eine Wasserstraße quer durchs Land, und von dieser wird Ostgötland
ebensoviel Ehre haben wie von irgend etwas anderm.<

Aber der Bauer sah trotzalledem beunruhigt aus.

>Ich sehe, wie die Fälle des Motalastromes Räder drehen,< sagte die Frau
von Ulvåsa, und auf ihren Wangen zeigten sich zwei rote Flecke, denn jetzt
begann sie ungeduldig zu werden. >Ich höre in Motala Hammerschläge dröhnen
und in Norrköping Webstühle schlagen.<

>Ja, das ist ein angenehmer Klang,< sagte der Bauer, >aber alles ist
vergänglich, und ich fürchte, auch dieses könnte einmal vergessen und
verlassen sein.<

Doch als der Bauer auch jetzt noch nicht befriedigt war, da war die Geduld
der Schloßfrau erschöpft. >Du sagst, alles sei vergänglich!< rief sie.
>Aber jetzt will ich dir etwas nennen, was immer und ewig sich gleich
bleiben wird. Und das ist, daß es hier in dieser Landschaft bis zum
jüngsten Tage solche hochmütige, eigensinnige Bauern geben wird, wie du
einer bist!<

Kaum hatte die Frau von Ulvåsa dies gesagt, als der Bauer auch schon
fröhlich und vergnügt aufstand und ihr für die gute Auskunft dankte. Jetzt
endlich sei er befriedigt, sagte er.

>Jetzt verstehe ich nicht, was du meinst,< sagte die Frau von Ulvåsa.

>Ja, seht Ihr, liebe Schloßfrau,< antwortete der Bauer, >ich denke so:
alles, was Könige und Klosterleute und Gutsbesitzer und Stadtbewohner bauen
und errichten, das hat nur einige Jahre Bestand. Aber wenn Ihr mir sagt,
daß es in Ostgötland immer ehrgeizige und beharrliche Bauern geben werde,
dann weiß ich auch, daß es seinen alten Ruhm behalten wird. Denn nur die,
die unter der ewigen Arbeit zur Erde gebückt einhergehen, können das Land
für alle Zeiten in Wohlstand und Ehren erhalten.<«

[Illustration]



21

Der Rock aus Drillich und Samt


                                                  Samstag, 23. April

Hoch droben in der Luft flog der Junge dahin. Er hatte die große
Ostgötaebene unter sich, und im Vorüberfliegen zählte er die vielen weißen
Kirchen, die zwischen den kleinen Baumgruppen aufragten. Und es dauerte
nicht lange, da war er schon bei der Zahl fünfzehn angekommen. Aber dann
kam er draus, und er konnte die richtige Reihenzahl nicht mehr einhalten.

Die meisten Höfe hatten große weißangestrichene zweistöckige Häuser, die
sehr stattlich aussahen, und der Junge verwunderte sich sehr darüber.
»Hierzulande gibt es, wie es scheint, keine Bauern,« sagte er vor sich hin.
»Ich sehe ja lauter Herrenhöfe.«

Doch da riefen die Wildgänse sogleich: »Hier wohnen die Bauern wie
Herrenleute! Hier wohnen die Bauern wie Herrenleute!«

Auf der Ebene drunten waren Eis und Schnee verschwunden, und die
Frühlingsarbeiten hatten begonnen. »Was sind das für lange Krebse, die über
die Äcker hinkriechen?« fragte der Junge nach einer Weile.

»Pflüge und Ochsen! Pflüge und Ochsen!« antworteten alle Wildgänse
zugleich.

Die Ochsen kamen auf den Äckern so langsam vorwärts, daß man gar nicht
merkte, wie sie sich bewegten, und die Gänse riefen ihnen zu: »Ihr kommt
erst im nächsten Jahr an Ort und Stelle! Ihr kommt erst im nächsten Jahr an
Ort und Stelle!«

Aber die Ochsen blieben die Antwort nicht schuldig. Sie taten das Maul auf
und brüllten: »Wir schaffen in einer Stunde mehr Nutzen, als solche
Landstreicher wie ihr in eurem ganzen Leben!«

An einigen Orten wurden die Pflüge von Pferden gezogen, und diese zogen mit
viel größerem Eifer als die Ochsen. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit zu
tun?« riefen die Gänse den Pferden zu. »Schämt ihr euch nicht, Ochsenarbeit
zu tun?«

»Schämt ihr euch nicht selbst, die Faulenzer zu spielen?« wieherten die
Pferde zurück.

Während Pferde und Ochsen bei der Arbeit draußen waren, lief der
Stallhammel auf dem Hofe umher. Er war frisch geschoren und machte allerlei
Bocksprünge, warf die kleinen Jungen um, trieb den Kettenhund in seine
Hütte hinein und stolzierte dann umher, als sei er allein Herr auf dem
Hofe. »Hammel, Hammel, was hast du mit deiner Wolle getan?« fragten die
Wildgänse, die über ihn hinflogen.

»Die hab ich in die Fabriken von Norrköping geschickt!« antwortete der
Hammel mit einem langen Meckern.

»Hammel, Hammel, was hast du mit deinen Hörnern gemacht?« fragten die
Gänse. Aber Hörner hatte der Hammel zu seinem großen Kummer nie gehabt, und
man konnte ihn nicht mehr kränken, als wenn man ihn darnach fragte. Lange
sprang er wild umher und stieß mit dem Kopfe, so zornig war er.

Auf der Landstraße trieb ein Mann aus Schonen eine Herde Ferkel vor sich
her, die erst ein paar Wochen alt waren und weiter oben im Lande verkauft
werden sollten. Die Ferkel trotteten tapfer voran, ob sie auch noch so
klein waren, und hielten sich dicht zusammen, wie um beieinander Schutz zu
suchen. »Nöff, nöff, nöff, wir sind zu zeitig von Vater und Mutter
weggekommen! Nöff, nöff, nöff, wie soll es uns armen Kindern gehen?«
grunzten die Ferkelchen.

Nicht einmal die Wildgänse hatten das Herz, solche arme Tröpfchen zu
necken. »Es wird euch besser gehen, als ihr denkt!« riefen sie ihnen im
Vorbeifliegen zu.

Die Wildgänse waren nie so guter Laune, als wenn sie über ebenes Land
hinflogen. Da beeilten sie sich durchaus nicht, sondern flogen von Hof zu
Hof und trieben ihren Spaß mit den Haustieren.

Während der Junge so über die Ebene hinritt, fiel ihm eine Sage ein, die er
vor langer Zeit einmal gehört hatte. Er erinnerte sich ihrer nicht ganz
genau, es handelte sich darin um einen Rock, dessen eine Hälfte aus
goldglänzendem Samt, die andre aber aus grauem Drillich bestand. Aber der
Besitzer des Rockes besetzte die Drillichseite mit so viel Perlen und
Edelsteinen, daß sie schöner und köstlicher glänzte als der Goldstoff.

An diese Drillichseite mußte der Junge denken, als er jetzt auf Ostgötland
hinabschaute, denn es bestand aus einer großen Ebene, die im Norden und
Süden von zwei bewaldeten Bergen eingeschlossen war. Die beiden Bergeshöhen
lagen schimmernd blau und wie mit einem goldnen Schleier verhüllt im
Morgenlicht da, und die Ebene, die nur einen winterlich kahlen Acker neben
dem andern ausbreitete, machte an und für sich keinen schöneren Eindruck
als grauer Drillich.

Aber den Menschen war es gut gegangen auf dieser Ebene, weil sie freigebig
und gütig ist, und deshalb hatten sie versucht, sie so schön als möglich
herauszuputzen. Als der Junge hoch droben auf dem Gänserücken dahinritt,
kamen ihm die Städte und Höfe, Kirchen und Fabriken, Schlösser und Bahnhöfe
wie große und kleine Schmuckstücke vor, die darüber hingestreut waren. Die
Ziegeldächer glänzten im Sonnenschein, und die Fensterscheiben funkelten
wie Edelsteine. Gelbe Landstraßen, glänzende Eisenbahnschienen und blaue
Kanäle liefen wie aus Seide gestickte Ranken zwischen den Ortschaften hin.
Linköping lag um seine Domkirche herum wie die Perleneinfassung um einen
kostbaren Stein, und die Höfe auf dem Lande waren wie Busennadeln und
Knöpfe. Es war nicht viel Ordnung im Muster, aber es war eine Pracht, die
zu sehen man nie müde wurde.

Die Gänse hatten die Omberggegend verlassen und flogen jetzt in östlicher
Richtung am Götakanal hin. Dieser war auch dabei, sich für den Sommer
herzurichten. Arbeiter besserten die Kanalufer aus und strichen die großen
Schleusentüren mit Teer an.

Ja, überall auf dem Lande wurde gearbeitet, um den Frühling gut zu
empfangen, und desgleichen auch in den Städten. Da standen Maler und Maurer
auf den Gerüsten vor den Häusern und machten sie fein, die Dienstmädchen
beugten sich zu den offnen Fenstern heraus und putzten die Scheiben.
Drunten am Hafen wurden Segelboote und Dampfschiffe hergerichtet.

Bei Norrköping verließen die Wildgänse die Ebene und flogen gen Kolmården,
und eine Weile folgten sie einer alten, hügeligen Landstraße, die sich an
Felsenschluchten und wilden Bergwänden hinzog. Da stieß der Junge plötzlich
einen Schrei aus. Er hatte, während er da auf dem Gänserich durch die Luft
ritt, mit dem einen Fuß geschaukelt und dabei einen Holzschuh verloren.

»Gänserich! Gänserich!« rief der Junge. »Ich habe meinen Holzschuh fallen
lassen!«

Der Gänserich wendete sich um und ließ sich auf die Erde hinabfallen. Aber
da sah der Junge, daß zwei Kinder, die auf dem Wege daherkamen, seinen
Schuh aufgelesen hatten.

»Gänserich! Gänserich!« schrie der Junge schnell. »Flieg wieder hinauf! Es
ist zu spät! Ich kann meinen Schuh nicht wieder erlangen!«

Aber drunten auf dem Wege stand das Gänsemädchen Åsa mit ihrem Bruder
Klein-Mats, und sie betrachteten einen kleinen Holzschuh, der vom Himmel
heruntergefallen war.

»O Klein-Mats, erinnerst du dich, als wir am Övedskloster vorbeikamen,
erzählte man uns in einem Bauernhofe, man habe dort ein Wichtelmännchen
gesehen, das Lederhosen und Holzschuhe angehabt habe wie ein einfacher
Arbeiter. Und weißt du, wie wir nach Vittskövle kamen, erzählte uns ein
Mädchen, sie habe ein Wichtelmännchen in Holzschuhen gesehen, das auf dem
Rücken einer Gans davongeflogen sei. Und weißt du, Klein-Mats, als wir
selbst in unsere Hütte zurückkehrten, da haben wir ein Männlein gesehen,
das gerade so angezogen war und auch auf eine Gans hinaufkletterte, mit der
es dann davonflog. Vielleicht ist eben jetzt dasselbe gute Wichtelmännchen
da oben auf seiner Gans über uns hingeflogen, und das hat den Schuh
verloren.«

»Ja, so wirds wohl sein,« sagte Klein-Mats.

Sie wendeten den Holzschuh um und betrachteten ihn genau, denn man findet
nicht alle Tage den Holzschuh eines Wichtelmännchens auf der Landstraße.

»Warte, warte, Klein-Mats!« rief Åsa. »Hier auf der einen Seite steht
etwas.«

»Ja, wirklich. Aber es sind sehr kleine Buchstaben.«

»Laß mich einmal sehen! Ja, da steht -- -- da steht -- Nils Holgersson von
Westvemmenhög.«

»Das ist das Merkwürdigste, was ich je gehört habe!« sagte Klein-Mats.

[Illustration]



22

Die Geschichte von Karr und Graufell

Der Kolmården


Nördlich von Bråviken, gerade an der Grenze zwischen Ostgötland und
Sörmland liegt ein Berg, der mehrere Meilen lang und über eine Meile breit
ist. Wenn er auch ebenso hoch wie lang und breit wäre, dann wäre er der
schönste Berg, den man sich nur denken könnte; aber er ist nun eben nicht
so hoch.

Ab und zu trifft man wohl ein Gebäude, das von Anfang an so groß angelegt
wurde, daß der Eigentümer es nicht ausbauen konnte. Wenn man ganz nahe
herankommt, sieht man dicke Grundmauern, starke Gewölbe und tiefe Keller,
aber gar keine Außenwände und keine Dächer, das Ganze erhebt sich nur ein
paar Fuß hoch über der Erde; nun, beim Anblick des eben genannten
Grenzberges muß man unwillkürlich an so ein verlassenes Bauwerk denken,
denn er sieht fast aus, als sei er gar kein fertiger Berg, sondern nur die
Grundlage für einen Berg. Mit steil abfallenden Hängen ragt er aus der
Ebene empor, und nach allen Seiten sind große Felsmassen aufgetürmt, die
aussehen, als wären sie dazu bestimmt gewesen, mächtige, hohe Felsenhallen
zu tragen. Alles ist gewaltig und großartig und riesenmäßig angelegt, aber
es hat keine richtige Höhe, keinen richtigen Stil. Der Baumeister muß der
Sache überdrüssig geworden sein und sie aufgegeben haben, ehe er die
steilen Felsenwände und die spitzigen Gipfel und scharfen Kuppen
aufgeführt hatte, die sonst wie Mauern und Dächer auf den fertig gebauten
Bergen stehen.

Aber gleichsam als Ersatz für die Gipfel und Felsenkuppen ist der große
Berg von jeher mit prächtigen Bäumen bestanden gewesen. Eichen und Linden
wuchsen am Saum des Waldes und in den Tälern, Birken und Erlen um den See
herum, Tannen droben auf den steilen Terrassen, Fichten aber überall, wo
sich nur eine Handvoll Erde fand, in der sie Wurzel schlagen konnten. Alle
diese Bäume miteinander bildeten den in alten Zeiten so gefürchteten großen
Wald von Kolmården, der so verrufen war, daß jeder Wanderer, der hindurch
mußte, seine Seele Gott befahl und seines letzten Stündchens gewärtig war.

Jetzt ist es freilich schon so lange her, seit der Wald von Kolmården
heranwuchs, daß niemand mehr imstande wäre, uns zu sagen, wie er allmählich
so wurde, wie er heute ist. Im Anfang mußten sich die Bäume wohl ordentlich
wehren, bis sie in dem harten Felsengrund Wurzel geschlagen hatten, und sie
wurden darum so wetterfest, weil sie zwischen nackten Felsblöcken stehen
und ihre Nahrung aus den magern Schutthalden ziehen mußten. Es ging ihnen
wie so manchem Menschen, der sich in seiner Jugend schwer durchkämpfen muß,
aber gerade dadurch später groß und stark wird. Als der Wald herangewachsen
war, hatte er Bäume, die drei Mann kaum umspannen konnten; die Zweige waren
zu einem undurchdringlichen Netzwerk verflochten, und der Boden ringsherum
war von harten, glatten Wurzeln durchwoben. Der Wald war ein herrlicher
Aufenthaltsort für wilde Tiere und für Räuber, die es verstanden,
hindurchzukriechen und sich einen Weg durch die Wildnis zu bahnen. Aber für
andre Wesen hatte dieser Wald nichts Verlockendes; er war kalt und düster,
unwegsam und unzugänglich, voll stachligen Gestrüpps, und die alten Bäume
mit ihren bärtigen Zweigen und moosbewachsenen Stämmen sahen aus wie wilde
Spukgestalten.

In der ersten Zeit, wo sich die Menschen in Sörmland und Ostgötland
niederließen, war ringsum beinahe nichts als Wald, der aber in den
fruchtbaren Tälern und auf den Ebenen bald ausgerottet wurde. Den Kolmårder
Wald dagegen, der auf magerem Felsengrund stand, nahm sich niemand die Mühe
zu fällen. Und je länger er unberührt stehen bleiben durfte, desto dichter
und mächtiger wuchs er heran, bis er schließlich eine Festung bildete,
deren Mauern von Tag zu Tag dicker wurden; wer da hindurchdringen wollte,
mußte die Axt zu Hilfe nehmen.

Andre Wälder müssen oft Angst vor den Menschen haben, aber bei dem
Kolmårder Walde war es gerade umgekehrt, da waren es die Menschen, die sich
fürchten mußten, denn er war so dunkel und dicht, daß die Jäger und
Besenbinder sich immer wieder darin verirrten und oft halb verhungerten,
bis sie sich endlich aus der Wildnis herausgearbeitet hatten. Und für die
Leute, die von Ostgötland nach Sörmland oder umgekehrt reisen mußten, war
dies ein geradezu lebensgefährliches Unternehmen. Auf schmalen Tierpfaden
mußten sie sich mühselig durcharbeiten; denn die Grenzbevölkerung war
nicht einmal imstande, einen gebahnten Weg durch den Wald zu unterhalten.
Es führten weder Brücken über die Bäche, noch Fähren über die Seen, oder
Baumstämme über die Moore. Und im ganzen Walde war nirgends eine Hütte, wo
friedliche Menschen wohnten, während es Räuberhöhlen und Schlupfwinkel für
die wilden Tiere in Menge gab. Nicht viele Reisende kamen unbeschädigt
durch den Wald hindurch; aber um so mehr stürzten in Abgründe und versanken
in Sümpfen, wurden von Räubern ausgeplündert, oder von wilden Tieren zu
Tode gejagt. Selbst die Ansiedler, die am Rande des großen Waldes wohnten
und sich nie hineinwagten, litten Schaden durch ihn, denn Wölfe und Bären
drangen heraus und raubten ihnen das Vieh. Solange sich die wilden Tiere in
dem dichten Kolmården verstecken konnten, war es ganz und gar unmöglich,
sie auszurotten.

Soviel war sicher, sowohl die Ostgötländer als die Sörmländer wären den
Wald mit Freuden losgewesen; aber das ging eben sehr langsam, solange es
noch anderweitig fruchtbaren Boden gab. Allmählich aber rückte man doch
vor; an den Abhängen rings um den dichten Urwald entstanden Dörfer und
Bauernhöfe, der Wald wurde einigermaßen befahrbar gemacht, und bei Krokek
mitten in der dichtesten Wildnis, bauten Mönche ein Kloster, wo die
Reisenden einen sicheren Zufluchtsort fanden.

Immerhin verblieb der Wald auch fernerhin eine wilde, gefährliche Gegend,
bis eines schönen Tages ein Wanderer, der ganz ins Herz hineingedrungen
war, durch Zufall entdeckte, daß der Kolmårder Berg in seinem Innern
Erzlager barg. Sobald dies bekannt wurde, strömten die Grubenarbeiter und
Bergleute in den Wald, die Schätze zu heben. Und nun kam die Zeit, in der
die Macht des Waldes gebrochen wurde; die Menschen warfen Gruben auf und
bauten Schmelzöfen und Bergwerke in dem alten Walde. Doch dies allein hätte
ihm nicht ernstlich geschadet, wenn bei dem Bergwerkbetrieb nicht auch so
ungeheuer viel Brennmaterial verbraucht worden wäre. Kohlenbrenner und
Holzfäller hielten ihren Einzug in dem alten düstern Urwald, und sie
machten ihm nahezu den Garaus. Um die Bergwerke herum wurde er ganz
niedergehauen und der ausgerodete Boden in Ackerland verwandelt. Viele
Ansiedler zogen hinauf, und bald entstanden da, wo vor kurzem noch nichts
als Bärenhöhlen gewesen waren, mehrere neue Dörfer mit Kirchen und
Pfarrhöfen.

Selbst an den Stellen, wo man den Wald nicht vollständig ausgerottet hatte,
wurden die alten Baumriesen gefällt und das Dickicht gelichtet. Nach allen
Richtungen wurden Wege angelegt und die wilden Tiere und Räuber verjagt.
Als die Menschen so allmählich Herr über den Wald geworden waren, handelten
sie sehr schlecht gegen ihn; ohne eine Spur von Rücksicht wurden die Bäume
gefällt und Kohlen daraus gebrannt. Sie hatten ihren alten Haß gegen den
Wald nicht vergessen, und nun sah es aus, als wollten sie ihn ganz und gar
von der Erde vertilgen.

Zum Glück für den Wald fand sich schließlich gar nicht so sehr viel Erz in
den Kolmårder Gruben. Deshalb nahmen die Grubenarbeit und der
Bergwerkbetrieb bald wieder ab. Dann hörte auch das Kohlenbrennen auf, und
der Wald konnte ein wenig aufatmen. Viele von den Leuten, die sich in den
Kolmårder Ortschaften niedergelassen hatten, wurden arbeitslos und konnten
sich nur schwer durchbringen; der Wald aber wuchs wieder heran und breitete
sich von neuem aus, daß die Höfe und Bergwerke schließlich wie Inseln in
einem grünen Meere dalagen. Die Kolmårder Bewohner versuchten es nun mit
dem Ackerbau, aber ohne besonderen Erfolg; der alte Waldboden wollte lieber
Königseichen und Riesentannen hervorbringen, als Rüben und Getreide.

Zu der Zeit betrachteten die Menschen den Wald mit düstern Blicken; der
Wald schien immer kräftiger und üppiger zu werden, während sie selbst ärmer
und immer ärmer wurden. Aber schließlich fiel ihnen ein, es könnte doch
möglicherweise an dem Walde selbst etwas Gutes sein. Vielleicht könnten sie
gerade durch ihn ihr Auskommen finden; eines Versuches müßte es doch
jedenfalls wert sein.

[Illustration]

So begannen die Leute denn Balken und Bauholz aus dem Walde zu holen und
sie dann an die Tieflandbewohner, die ihren Wald schon ganz gefällt hatten,
zu verkaufen. Und die Menschen erkannten bald, daß sie, wenn sie
einigermaßen vernünftig zu Werke gingen, ihr Auskommen ebensogut vom Walde
als von den Äckern und den Erzgruben haben könnten. Von da an sahen die
Menschen den Wald mit ganz andern Augen an. Sie lernten es, schonend mit
ihm umzugehen und ihn zu lieben. Jetzt vergaßen sie auch die alte
Feindschaft und betrachteten fortan den Wald als ihren besten Freund.


Karr

Ungefähr zwölf Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog,
geschah es, daß einer der Bergwerkbesitzer von Kolmården einen seiner
Jagdhunde los sein wollte. Er ließ seinen Waldhüter kommen und sagte ihm,
es sei ihm unmöglich, den Hund zu behalten, weil man diesem nicht
abgewöhnen könne, alle Schafe und Hühner zu jagen, die er erblicke;
deshalb solle der Waldhüter den Hund mit sich nehmen und draußen im Walde
erschießen.

Der Waldhüter band dem Hund einen Strick um den Hals, um ihn an einen
bestimmten Platz im Walde zu führen, wo man die alten Hunde vom Herrenhofe
erschoß und vergrub. Der Waldhüter war ein guter Mensch, aber er war doch
froh, daß der Hund erschossen werden sollte, denn es war ihm wohlbekannt,
daß dieser Hund auch noch auf andres Wild Jagd machte, als auf Schafe und
Hühner. Sehr häufig trieb er sich im Wald herum und stibitzte bald ein
Häschen, bald einen jungen Auerhahn.

Es war ein kleiner schwarzer Hund mit einer gelben Brust und gelben
Vorderpfoten. Er hieß Karr und war so klug, daß er alles verstehen konnte,
was die Menschen sagten. Als nun der Waldhüter mit ihm durch den Wald zog,
wußte Karr recht wohl, was seiner wartete. Aber das hätte ihm beileibe
niemand ansehen können. Er ließ nicht den Kopf hängen und kniff auch nicht
den Schwanz ein, sondern sah ganz ebenso unbekümmert aus wie sonst.

Wir werden gleich sehen, warum der Hund sich so viele Mühe gab, niemand
merken zu lassen, daß er Angst hatte. Rings um das alte Bergwerk herum
erstreckte sich nämlich ein großer dichter Wald, der allen Bewohnern der
Umgegend und den Tieren recht wohl bekannt war, denn der Eigentümer des
Waldes hatte diesem seit einer Reihe von Jahren die größte Schonung
angedeihen lassen; kaum Brennholz hatte gefällt werden dürfen, ja, man
hatte nicht einmal gewagt, ihn zu lichten, sondern hatte ihn einfach
wachsen lassen, wie er wollte. Aber ein Wald, der auf solche Weise behütet
wird, mußte selbstverständlich ein beliebter Zufluchtsort für die Tiere
werden, und so hatten sich diese auch sehr zahlreich da niedergelassen.
Unter sich nannten die Tiere den Wald den »Friedenswald«, und sie
betrachteten ihn als den allerbesten Zufluchtsort im ganzen Lande.

Während der Hund nun an dem Strick durch den Wald geführt wurde, fiel ihm
ein, wie sehr er von allen kleinen Tieren, die hier wohnten, gefürchtet
war.

»Ei, Karr, denk dir, was das für eine Freude hier ringsum im Walde wäre,
wenn sie wüßten, was deiner wartet!« dachte er. Aber er wedelte mit dem
Schwanze und stieß ein fröhliches Bellen aus, damit doch ja niemand denke,
er fürchte sich und sei niedergeschlagen.

»Welches Vergnügen hätte ich denn im Leben, wenn ich nicht ab und zu einmal
auf die Jagd gehen könnte!« sagte er. »Bereue, wer Lust hat, ich tus gewiß
nicht!«

Aber in demselben Augenblick, wo der Hund dies sagte, ging eine sonderbare
Veränderung mit ihm vor. Er streckte den Kopf und Hals vor, als hätte er am
liebsten laut hinausgeheult; auch lief er jetzt nicht mehr neben dem
Forstwart her, sondern hielt sich hinter ihm. Offenbar war dem guten Karr
etwas Unangenehmes eingefallen.

Der Sommer war jetzt angebrochen, die Elchkühe hatten vor kurzem ihre
Jungen zur Welt gebracht, und am vorhergehenden Abend war es Karr gelungen,
ein kaum fünf Tage altes Elchkälbchen von seiner Mutter weg und auf ein
Moor hinauszutreiben. Da hatte er das Kälbchen zwischen den Rasenhügeln
umhergejagt, nicht eigentlich, um es zu fangen, sondern um sich an dessen
Angst zu ergötzen. Die Elchmutter wußte, daß das Moor jetzt, so kurz nach
dem Auftauen des gefrorenen Bodens, grundlos war und noch kein großes Tier
tragen konnte. Sie blieb deshalb am Rande stehen, solange sie es aushalten
konnte; als aber Karr das Kälbchen immer weiter hinaustrieb, ging die
Elchkuh plötzlich auch aufs Moor hinaus, jagte den Hund weg, nahm das
Kälbchen an sich und ging mit ihm wieder dem Lande zu. Die Elentiere
schreiten viel geschickter als andre Tiere über schwankenden gefährlichen
Grund hin, und es sah aus, als würde es der Elchkuh gelingen, den festen
Boden wieder zu erreichen. Aber als sie schon ganz dicht am Lande angelangt
war, rutschte ein Rasenhügel, auf den sie den Fuß gesetzt hatte, plötzlich
in den Sumpf hinein, und sie selbst sank mit. Sie gab sich alle Mühe,
wieder herauszukommen, konnte aber nirgends festen Fuß fassen, und so sank
sie immer tiefer hinein. Karr stand unbeweglich da und wagte kaum zu atmen,
und als er merkte, daß die Elchkuh sich nicht allein heraushelfen konnte,
lief er so schnell, als seine Füße ihn trugen, davon. Er hatte plötzlich an
alle die Schläge denken müssen, die ihm zuteil werden würden, wenn es
herauskäme, daß er die Elchkuh aufs Moor hinausgelockt hatte, und so wagte
er vor lauter Angst nicht anzuhalten, bis er daheim angelangt war.

Dieses Erlebnis war unserm Karr vorhin eingefallen, und es quälte ihn jetzt
mehr als alle andern lockeren Streiche, die er je ausgeführt hatte.
Vielleicht kam es daher, weil er der Elchkuh und dem Kälbchen gar kein Leid
hatte antun wollen, sondern ganz unabsichtlich schuld an ihrem Tode
geworden war.

»Aber vielleicht sind die beiden noch am Leben,« dachte der Hund mit einem
Male. »Sie waren ja noch nicht tot, als ich von ihnen weglief. Vielleicht
sind sie doch noch herausgekommen.«

Karr bekam eine unwiderstehliche Lust, etwas darüber zu erfahren, solange
er noch Zeit hatte. Er sah, daß der Waldhüter den Strick nicht besonders
festhielt. Da machte er einen raschen Sprung zur Seite -- er kam wirklich
los und rannte nun wie besessen in den Wald hinein und dem Moore zu; der
Waldhüter hatte nicht einmal Zeit, die Flinte an die Wange zu legen, so
schnell entschwand der Hund seinen Blicken.

Dem Waldhüter blieb nichts andres übrig, als hinter Karr herzulaufen, und
als er an das Moor kam, stand der Hund ein paar Meter vom Rande entfernt
auf einem Rasenhügel und heulte aus Leibeskräften. Der Waldhüter dachte, er
müsse doch nachsehen, was das bedeute. Vorsichtig legte er die Flinte neben
sich nieder und kroch auf allen vieren aufs Moor hinaus. Er war noch nicht
weit gekommen, da sah er eine Elchkuh im Moor liegen und neben ihr ein
Kälbchen. Die Kuh war tot, aber das Kälbchen lebte noch; es war aber ganz
ermattet und konnte sich nicht rühren. Karr stand dicht daneben; bald
bückte er sich nieder und leckte das Kälbchen, bald stieß er laute
Klagetöne aus, um Hilfe herbeizurufen.

Der Waldhüter hob das Kälbchen auf und schleppte es ans Ufer. Als nun der
Hund merkte, daß das Kälbchen gerettet würde, geriet er ganz außer sich vor
Freude. Er sprang um den Waldhüter herum, leckte ihm die Hände und stieß
ein fröhliches Bellen aus.

Der Waldhüter trug das Kälbchen nach Hause und legte es im Stall in einen
Stand. Dann holte er Hilfe herbei, damit die tote Elchkuh aus dem Moor
herausgezogen würde; und erst nachdem dies alles geschehen war, fiel ihm
ein, daß er ja Karr hätte erschießen sollen. Er lockte den Hund, der die
ganze Zeit über nicht von seiner Seite gewichen und ihm überall
nachgelaufen war, und ging wieder mit ihm in den Wald hinein.

Der Waldhüter ging geradewegs nach dem Hundegraben; aber plötzlich schien
er sich anders zu besinnen, denn er drehte wieder um und schlug den Weg
nach dem Herrenhof ein.

Karr war ganz ruhig hinter ihm hergelaufen; aber als der Waldhüter umkehrte
und den Weg nach seiner alten Heimstätte einschlug, wurde er unruhig. Ach,
nun hatte der Waldhüter gewiß herausgefunden, daß Karr es gewesen war, der
an dem Tode der Elchkuh schuld war, und nun führte er ihn nach dem
Herrenhof, damit er dort noch vor seinem Tode seine Schläge bekäme!

Aber Schläge bekommen, das war das schlimmste, was Karr widerfahren konnte,
und bei dieser Aussicht konnte er den Mut kaum noch aufrecht erhalten. Er
ließ den Kopf hängen, und als die beiden den Herrenhof erreichten, sah Karr
gar nicht auf, sondern tat, als erkenne er keinen Menschen.

Der gnädige Herr stand auf der Treppe, als der Waldhüter ankam.

»Was haben Sie denn da für einen Hund, Waldhüter?« fragte er. »Das ist doch
wohl nicht unser Karr, der müßte doch schon längst erschossen sein?«

Der Waldhüter erzählte nun von den Elchen; Karr aber machte sich so klein
wie nur möglich und verkroch sich hinter den Beinen des Forstwarts, damit
man ihn nicht sehe.

Aber der Forstwart erzählte die Geschichte nicht so, wie Karr gedacht
hatte. Er lobte Karr über die Maßen und sagte, der Hund habe offenbar
gewußt, daß die Elche in Not gewesen seien, und habe sie retten wollen.

»Nun können der gnädige Herr mit dem Hund machen, was Sie wollen; ich kann
ihn nicht erschießen,« sagte der Forstwart zum Schluß.

Der Hund richtete sich auf und horchte. Er wollte seinen Ohren nicht
trauen, und obgleich er nicht zeigen wollte, wie groß seine Angst gewesen
war, konnte er ein leises Bellen doch nicht unterdrücken. War es wirklich
möglich, daß er das Leben behalten durfte, nur weil er so besorgt um die
Elentiere gewesen war?

Der gnädige Herr fand auch, daß Karr sich gut benommen hatte; da er ihn
aber unter keinen Umständen wieder auf dem Hofe haben wollte, wußte er
nicht gleich, was er sagen sollte.

»Ja, wenn Sie ihn versorgen wollen, Waldhüter, und mir dafür einstehen, daß
er sich künftig besser aufführt, dann mag er am Leben bleiben,« sagte er
schließlich.

Der Waldhüter war bereit, Karr zu sich zu nehmen; und so kam Karr zu dem
Waldhüter.


Graufells Flucht

Von dem Tage an, wo Karr zu dem Waldhüter kam, gab er das unerlaubte Jagen
vollständig auf. Nicht allein, weil er einen so heilsamen Schrecken
davongetragen hatte, sondern vielmehr, weil er nicht wollte, daß der
Waldhüter böse auf ihn würde. Denn seit der Waldhüter ihm das Leben
gerettet hatte, liebte er ihn über alles in der Welt. Karr hatte keinen
andern Gedanken mehr, als seinem neuen Herrn überall nachzulaufen und auf
ihn aufzupassen. Wenn dieser ausging, rannte Karr voraus und untersuchte
den Weg, und wenn er daheim war, lag Karr vor der Tür und beobachtete alle
Aus- und Eingehenden mit scharfem Auge.

Wenn im Waldhause alles ganz still war, wenn ringsum kein Schritt laut
wurde und Karrs Herr sich an den jungen Bäumchen, die er in seinem Garten
heranzog, zu schaffen machte, vertrieb sich Karr die Zeit damit, mit dem
Elchkälbchen zu spielen.

Im Anfang hatte Karr gar keine Lust verspürt, sich mit dem Tiere abzugeben.
Da er aber seinem Herrn auf Weg und Steg nachlief, kam er auch mit ihm in
den Stall, und während dieser das Kälbchen mit Milch tränkte, saß Karr vor
dem Stand und schaute zu. Der Waldhüter nannte das Kälbchen Graufell; er
meinte, einen feineren Namen verdiene es nicht, und darin stimmte Karr mit
seinem Herrn überein. So oft er das Kälbchen ansah, meinte er, seiner
Lebtage noch nie etwas so Häßliches und Unförmliches gesehen zu haben. Das
Kälbchen hatte lange schlotterige Beine, die wie lose Stelzen unter seinem
Körper saßen. Der Kopf war sehr groß; er hatte ein geradezu greisenhaftes
Aussehen und hing immer auf die eine Seite herunter. Die Haut saß runzelig
auf dem Körper, als hätte das Tier einen Pelz an, der nicht für es gemacht
worden war. Auch sah es immer gedrückt und mißmutig aus; aber
merkwürdigerweise stand es stets schnell auf, sobald es Karr vor dem Stand
erblickte, wie wenn es sich über den Anblick des Hundes freute.

Mit jedem Tag wurde das Elchkälbchen elender; es wuchs nicht, und
schließlich konnte es sich nicht einmal mehr aufrichten, wenn es Karr sah.
Einmal sprang der Hund zu ihm in den Stand hinein, und da leuchteten die
Augen des Kälbchens auf, als sei ihm ein besonderer Wunsch in Erfüllung
gegangen. Von dieser Zeit an besuchte Karr das Kälbchen jeden Tag; er blieb
stundenlang bei ihm, leckte ihm den Pelz, spielte und scherzte mit ihm und
teilte ihm dies und das mit, was ein Tier des Waldes wissen sollte.

Und es war merkwürdig, von dem Tag an, wo Karr auf den Gedanken kam, zu
dem Kälbchen hineinzugehen, begann dieses zu wachsen und zu gedeihen. Als
es dann erst ein wenig zu Kräften gekommen war, nahm es in wenigen Wochen
ungeheuer zu, und schon nach kurzer Zeit hatte es keinen Platz mehr in dem
kleinen Stand, sondern mußte in einem Gehege untergebracht werden. Und nach
ein paar weiteren Monaten waren seine Beine so lang geworden, daß es mit
Leichtigkeit über die Hecke hätte springen können.

Da bekam der Waldhüter von dem Gutsbesitzer die Erlaubnis, den Platz mit
einem starken hohen Zaun einzufriedigen. Hier verbrachte das Tier mehrere
Jahre und wuchs allmählich zu einem großen gewaltigen Elch heran. Karr
leistete ihm Gesellschaft, so oft er konnte; aber jetzt geschah dies nicht
mehr aus Mitleid, sondern weil sich eine warme Freundschaft zwischen den
beiden gebildet hatte. Der Elch war noch immer niedergeschlagen und schien
auch träge und energielos; aber Karr verstand es, seinen Freund munter und
fröhlich zu machen.

Graufell hatte nun fünf Sommer bei dem Waldhüter verbracht; da wurde eines
Tages von einem Zoologischen Garten im Ausland an den gnädigen Herrn die
Anfrage gerichtet, ob er den Elch vielleicht verkaufen würde. Ja, das
wollte der gnädige Herr gern. Dem Waldhüter tat es sehr leid; aber es hätte
ja nichts genützt, wenn er sich gesträubt hätte, und so wurde denn der
Verkauf des Tieres endgültig beschlossen. Karr erfuhr bald, was bevorstand,
und lief mit der Nachricht eilends zu seinem Freunde hinaus. Der Hund war
unglückselig, daß er Graufell verlieren sollte; aber der Elch nahm die
Sache ganz ruhig auf und schien weder betrübt noch erfreut darüber zu sein.

»Willst du dich denn so ohne allen Widerstand fortschicken lassen?« fragte
Karr.

»Was könnte es nützen, wenn ich mich auch wehren würde?« erwiderte
Graufell. »Ich bliebe freilich am liebsten da, wo ich bin, aber wenn man
mich verkauft, muß ich eben fort von hier.«

Karr stand vor Graufell und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Man
konnte gut sehen, daß der Elch noch nicht ganz ausgewachsen war. Seine
Schaufeln waren noch nicht so breit und sein Höcker nicht so hoch und seine
Mähne nicht so wild, wie die der ausgewachsene Elche, aber um sich seine
Freiheit zu erkämpfen, dazu wäre er doch stark genug gewesen.

»Man merkt wohl, daß er sein Leben lang in der Gefangenschaft gewesen ist,«
dachte Karr; aber er sagte nichts.

Erst nach Mitternacht kehrte der Hund in das Gehege zurück; er wußte, da
hatte der Elch ausgeschlafen und war bei seiner ersten Mahlzeit.

»Es ist gewiß recht vernünftig von dir, daß du dich so ruhig in dein
Schicksal findest, Graufell,« sagte Karr, der jetzt ganz beruhigt und
vergnügt zu sein schien. »Du wirst in einem großen Garten eingesperrt
werden und da ein sorgenfreies Leben haben. Aber weißt du, es wäre doch
recht schade, wenn du von hier fortkämest, ohne vorher den Wald gesehen zu
haben. Du weißt, deine Stammesgenossen haben den Wahlspruch: >Der Elch ist
eins mit dem Walde<, und du bist noch nicht einmal in einem Walde gewesen.«


Graufell hob den Kopf von dem Klee, an dem er eben kaute. »Ich möchte den
Wald wohl gern sehen, aber wie soll ich über den Zaun kommen?« sagte er mit
seiner gewöhnlichen Trägheit.

»Nein, das ist wohl ganz unmöglich für einen, der so kurze Beine hat,«
sagte Karr.

Der Elch schielte zu Karr hinüber, der trotz seiner Kleinheit jeden Tag
mehrere Male über den Zaun sprang. Er trat an den Zaun, machte einen
Sprung -- und war im Freien, beinahe ohne daß er wußte, wie es zugegangen
war.

Nun wanderten die beiden in den Wald hinein. Es war eine wunderschöne
mondhelle Sommernacht; aber drinnen unter den Bäumen war es dunkel, und der
Elch ging mit vorsichtigen Schritten vorwärts.

»Es wäre vielleicht am besten, wenn wir umkehrten,« sagte Karr. »Du bist ja
noch nie in solch einem wilden Walde gegangen und könntest dir leicht ein
Bein brechen.«

Da begann Graufell plötzlich rascher und kecker vorwärts zu gehen.

Karr führte den Elch in den Teil des Waldes, wo mächtige Tannen wuchsen,
die so dicht standen, daß nie ein Windhauch hindurchdrang. »Hier pflegen
deine Stammesgenossen vor Sturm und Kälte Schutz zu suchen,« sagte Karr.
»Und sie stehen hier den ganzen Winter hindurch unter freiem Himmel. Aber
du bekommst es ja dort, wo du hinkommst, viel besser. Da hast du ein Dach
über dem Kopf und stehst dann wie eine Kuh in einem Stalle.«

Graufell gab keine Antwort; er blieb stehen und zog den würzigen Tannenduft
ein. »Hast du mir noch mehr zu zeigen, oder habe ich jetzt den ganzen Wald
gesehen?« fragte er.

Da ging Karr mit ihm an ein großes Moor und zeigte ihm die Rasenhügel und
das Bebemoor.

»Über dieses Moor hin fliehen die Elche, wenn ihnen Gefahr droht,« sagte
Karr. »Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber trotzdem sie so groß und
schwer sind, können sie darauf gehen, ohne einzusinken. Du wüßtest dir
gewiß auf so schwankem Grunde nicht zu helfen; aber du brauchst es ja auch
gar nicht, denn du wirst nie von Jägern verfolgt werden.«

Graufell gab keine Antwort, aber mit einem großen Satz war er draußen auf
dem Moor. Es war ihm eine Freude, als er fühlte, wie die Rasenhügel unter
ihm schwankten. Er lief weit hinaus und kehrte zu Karr zurück, ohne ein
einziges Mal eingesunken zu sein.

»Haben wir jetzt den ganzen Wald gesehen?« fragte er.

»Nein, noch nicht,« sagte Karr.

Jetzt ging er mit dem Elch an den Waldessaum, wo hohe Laubholzbäume
wuchsen: Eichen, Espen und Linden.

»Hier pflegen deine Stammesgenossen Laub und Rinde zu fressen,« sagte Karr.
»Sie halten dies für die beste Nahrung; aber im Ausland bekommst du
jedenfalls viel besseres Futter.«

Graufell betrachtete verwundert die prächtigen Bäume, die sich wie grüne
Kuppeln über ihm wölbten. Er kostete das Eichenlaub und die Espenrinde.

»Das schmeckt bitter und gut,« sagte er. »Es ist besser als Klee.«

»Dann kannst du dich ja freuen, daß du es einmal zu schmecken bekommen
hast,« sagte der Hund.

Hierauf führte er den Elch an einen kleinen Waldsee. Das Wasser lag ganz
still und glänzend da, und die von leichten Nebelschleiern halb verhüllten
Ufer spiegelten sich darin. Als Graufell den See erblickte, blieb er
unbeweglich stehen.

»Was ist das, Karr?« fragte er; denn er sah zum erstenmal einen See.

»Das ist ein großes Wasser, ein See,« sagte Karr. »Dein Geschlecht pflegt
von einem Ufer zum andern hinüberzuschwimmen. Von dir kann man das freilich
nicht verlangen; aber du solltest doch jedenfalls hineinsteigen und ein Bad
nehmen.« Mit diesen Worten ging Karr selbst an den See hinunter und schwamm
hinaus.

Graufell blieb ziemlich lange am Ufer stehen; schließlich aber stieg er
doch in die Flut. Er hielt den Atem an vor Wohlbehagen, als das Wasser sich
weich und kühl an seinen Körper anschmiegte. Er wollte es auch auf dem
Rücken fühlen und ging deshalb weiter hinein. Da merkte er, daß das Wasser
ihn trug, und nun fing er an zu schwimmen. Bald schwamm er lustig um Karr
herum und war im Wasser wie zu Hause. Als die beiden wieder am Ufer
angelangt waren, fragte der Hund, ob sie nun nach Hause gehen sollten.

»Ach, es ist noch lange bis zum Morgen, laß uns noch eine Weile im Walde
umherstreifen!« sagte Graufell.

Sie gingen wieder in den Nadelwald hinein und erreichten bald einen freien
Platz, der vom hellen Mondschein übergossen dalag. Auf den Gräsern und
Blumen funkelten Tautropfen. Mitten auf der Waldwiese weideten ein paar
große Tiere, ein Elchstier, mehrere Elchkühe und verschiedene Rinder und
Kälber. Als Graufell diese Tiere erblickte, hielt er jäh an. Die Elchkühe
und das Jungvieh beachtete er kaum; seine Augen waren unverwandt auf den
alten Elchstier gerichtet, der ein breites Schaufelgeweih mit vielen
Spitzen, einen mächtigen Höcker auf dem Rist und am Halse einen großen
Mähnensack herunterhängen hatte.

»Was ist denn das für einer?« fragte Graufell, und seine Stimme bebte vor
Erregung.

»Er heißt Hornkrone,« sagte Karr, »und ist dein Stammesgenosse. Solche
breite Schaufeln und eine ebensolche Mähne bekommst du wohl eines Tages
auch, und wenn du im Wald verbliebest, würdest du wohl auch der Anführer
einer Herde.«

»Wenn der dort drüben mein Stammesgenosse ist, dann will ich näher treten
und ihn betrachten,« sagte Graufell. »Ich hätte nie gedacht, daß ein
Elchstier so stattlich sein könnte.«

Graufell ging zu den Elchen hin, kehrte aber fast augenblicklich wieder zu
Karr zurück, der am Waldessaum stehen geblieben war.

»Bist du nicht freundlich aufgenommen worden?« fragte Karr.

»Ich sagte zu ihm, ich treffe hier zum erstenmal mit Stammesgenossen
zusammen, und bat ihn, mich hier unter ihnen weiden zu lassen; aber er wies
mich fort und drohte mir mit seinem Geweih.«

»Du hast wohl getan, daß du ihm ausgewichen bist,« sagte Karr. »Ein junger
Stier, der noch kein Schaufelgeweih hat, muß sich vor einem Kampf mit alten
Elchen hüten. Ein andrer hätte freilich einen schlechten Ruf im Walde
bekommen, wenn er ohne Widerstand zurückgewichen wäre; aber das braucht
dich nicht anzufechten, denn du begibst dich ja ins Ausland.«

Kaum hatte Karr diese Worte gesprochen, als Graufell sich auch schon wieder
der Wiese zuwendete. Der alte Elch kam gerade auf ihn zu, und bald waren
die beiden mitten im heftigsten Kampfe. Sie drangen mit den Geweihen
aufeinander ein und stießen zu, und Graufell wurde über die ganze Wiese
zurückgetrieben; er schien gar nicht zu verstehen, wie er seine Kraft
gebrauchen sollte. Als er aber bis zum Waldessaum zurückgedrängt worden
war, stemmte er die Füße fester auf den Boden, stieß heftig mit dem Geweih
und begann nun seinerseits Hornkrone zurückzutreiben. Graufell kämpfte
lautlos, aber Hornkrone keuchte und schnaubte. Nun wurde der alte Elch
allmählich über die ganze Wiese zurückgedrängt. Plötzlich ertönte ein
lautes Krachen. Von Hornkrones Geweih war die Spitze abgebrochen. Da riß er
sich heftig von Graufell los und rannte in den Wald hinein.

Karr stand noch immer am Waldrand, als Graufell zu ihm zurückkehrte. »Jetzt
hast du alles gesehen, was im Wald ist,« sagte er zu Graufell. »Sollen wir
jetzt nach Hause gehen?«

»Ja, es wird wohl allmählich Zeit dazu,« sagte Graufell.

Auf dem Heimweg waren beide schweigsam. Karr seufzte mehrere Male, wie wenn
er sich in etwas verrechnet hätte, Graufell aber schritt mit hoch erhobenem
Kopf dahin und schien sich über sein Abenteuer zu freuen. Ohne das
geringste Zögern ging er weiter, aber als er mit Karr vor seinem Gehege
angekommen war, blieb er stehen. Er betrachtete den engen Raum, in dem er
bisher sein Leben verbracht hatte, sah das festgetretene Erdreich, das
verwelkte Futter, den kleinen Trog, aus dem er seinen Durst gelöscht, und
den dunkeln Verschlag, wo er geschlafen hatte.

»Der Elch ist eins mit dem Walde!« rief er und warf den Kopf so weit
zurück, daß sein Nacken auf dem Rücken lag; und dann stürmte er in wilder
Flucht in den Wald hinein.

[Illustration: Karr und Graufell (Zu Seite 186)]


Hilflos

Tief drinnen in einem Fichtengehölz des alten Friedenswaldes zeigten sich
jedes Jahr im August grauweiße Nachtschmetterlinge von der Art, die man
Nonnen heißt. Sie waren klein, und es waren ihrer so wenige, daß sie fast
von niemand bemerkt wurden. Nachdem diese Nonnen ein paar Nächte hindurch
in dem Walde umhergeflattert waren, legten sie ein paar Tausend Eier auf
die Baumstämme, und kurz darauf sanken sie leblos zu Boden.

Wenn dann der Frühling kam, krochen aus den Eiern kleine Raupen, die sich
sogleich von Tannennadeln nährten. Sie hatten einen guten Appetit, konnten
aber den Bäumen doch keinen ernstlichen Schaden zufügen, weil ihnen von den
Vögeln hart zugesetzt wurde. Mehr als einige hundert Raupen entgingen den
Verfolgern nur selten.

Die wenigen Raupen, die zu wirklichem Wachstum gelangten, krochen auf die
Zweige hinauf, spannen sich in weiße Fäden ein und blieben ein paar Wochen
lang unbeweglich auf einem Fleck sitzen. Während dieser Zeit wurde
gewöhnlich mehr als die Hälfte von ihnen weggeschnappt. Wenn im August
hundert Nonnen wohlbeschwingt und ausgewachsen im Walde umherflogen, so
konnten sie sich zu einem guten Jahre gratulieren.

Viele Jahre lang führten die Nonnen ein solches unsicheres und unbemerktes
Dasein im Friedenswalde. In der ganzen Gegend war kein einziges Insekt in
so geringer Zahl vertreten. Und so harmlos und ungefährlich wären sie auch
ferner geblieben, wenn ihnen nicht ganz unvermutet ein Helfer erstanden
wäre.

Aber daß die Nonnen einen Helfer bekamen, das hing mit der Flucht des Elchs
aus dem Waldhüterhause zusammen. Graufell wanderte nämlich den ganzen
ersten Tag nach seiner Flucht im Walde umher, um darin heimisch zu werden.
Gegen Abend drang er durch dichtes Buschwerk und fand dahinter einen
offenen Platz, wo der Boden aus Moor und weichem Schlick bestand. In der
Mitte war ein Tümpel schwarzen Wassers, und ringsherum standen hohe
Fichten, die vor Alter und Saftlosigkeit fast gar keine Nadeln mehr hatten.
Graufell gefiel der Platz gar nicht, und er hätte ihn sogleich wieder
verlassen, wenn er nicht dicht bei dem Tümpel einige hellgrüne Kallablätter
entdeckt hätte.

Als er den Kopf zu den Kallablättern herunterneigte, sah er eine große
schwarze Schlange, die darunter lag und schlief. Der Elch hatte Karr von
den giftigen Ottern erzählen hören, die es im Walde gäbe, und als das
Gewürm den Kopf hob, seine gespaltene Zunge herausstreckte und ihn
anzischte, da glaubte Graufell, er habe ein furchtbar gefährliches Tier vor
sich. Er erschrak sehr, hob den Fuß auf, schlug mit dem Huf nach der
Schlange und zertrat sie. Hierauf eilte er in wilder Flucht davon.

Sobald Graufell verschwunden war, tauchte eine andre, ebenso lange und
ebenso schwarze Schlange aus dem Tümpel auf. Sie kroch zu der Getöteten
hin und fuhr ihr mit der Zunge über den zerschmetterten Kopf.

»Ist es möglich, daß du tot bist, meine gute alte Harmlos?« zischte die
Schlange. »Und wir beide haben so viele Jahre lang glücklich zusammen
gelebt! Wir haben es gut beieinander gehabt, und es war so schön hier in
dem Tümpel, daß wir älter wurden, als alle andern Nattern im Walde. Dies
ist das bitterste Leid, das mich hätte treffen können.«

Die Natter war tiefbetrübt, ihr langer Körper ringelte sich, als ob er auch
verwundet wäre. Selbst die Frösche, die in beständiger Angst vor ihr
lebten, hatten Mitleid mit ihr.

»Welch ein böses Geschöpf muß doch das sein, das eine arme Natter
totschlägt, die sich nicht wehren kann?« zischte die Schlange. »Diese Untat
verdiente wahrhaftig eine ausgesucht harte Strafe.« Die Natter wand und
krümmte sich eine Weile in ihrem Schmerz, aber plötzlich hob sie den Kopf.
»So wahr ich Hilflos heiße und die älteste Natter im Walde bin, ich werde
für diese Missetat hier Rache nehmen! Ich will nicht ruhen, bis der
grausame Elch ebenso tot auf der Erde liegt, wie hier meine getreue
Lebensgefährtin!«

Nachdem die Schlange dieses Gelübde abgelegt hatte, ringelte sie sich zu
einem Knäuel zusammen und überlegte. Aber etwas Schwierigeres läßt sich
wohl kaum ausdenken, als wie eine arme Natter sich an einem großen starken
Elch rächen könnte, und der alte Hilflos überlegte zwei volle Tage und zwei
Nächte hindurch, ohne einen Ausweg zu finden.

In einer Nacht jedoch, wo die Schlange noch schlaflos über ihren
Rachegedanken brütete, hörte sie ein leichtes Rascheln über ihrem Kopfe,
und als sie aufschaute, gewahrte sie einige schimmernde
Nonnenschmetterlinge, die zwischen den Bäumen gaukelten. Sie sah ihnen
lange zu, dann zischte sie laut vor sich hin, aber schließlich schlief sie,
offenbar ganz zufrieden mit dem, was sie sich ausgedacht hatte, ein.

Am nächsten Vormittag begab sich die Natter zu Kryle, der Kreuzotter, die
in einem steinigen, hochgelegenen Teil des Friedenswaldes wohnte. Dort
angekommen, berichtete sie von dem Tod der alten Natter und stellte dann
der Kreuzotter das Ansinnen, die Rache für sie auszuführen, weil sie so
gefährliche Bisse versetzen könne. Aber Kryle war nicht sehr geneigt, sich
mit den Elchen in Streit einzulassen.

»Wenn ich einen Elch anfallen würde,« sagte sie, »würde er mich auf der
Stelle töten. Die alte Harmlos ist tot, und wir können sie mit aller Mühe
nicht wieder ins Leben zurückrufen. Warum sollte ich mich da ihretwegen ins
Unglück stürzen?«

Als die Natter diese Antwort vernahm, hob sie den Kopf einen vollen Fuß
hoch vom Boden auf und zischte ganz entsetzlich. »Wisch, wasch! Wisch,
wasch!« sagte sie. »Wie schade, daß jemand, der solche Waffen erhalten hat,
zu feige ist, sie zu gebrauchen.«

Als die Kreuzotter dieses hörte, wurde sie auch zornig. »Krieche deines
Weges weiter, alter Hilflos!« zischte sie. »Das Gift läuft mir schon in die
Zähne; aber ich möchte dich lieber verschonen, da du ja doch als ein
Stammesgenosse von mir betrachtet wirst.«

Aber die Natter rührte sich nicht; und eine gute Weile lagen die Schlangen,
einander anzischend und sich gegenseitig Grobheiten ins Gesicht
schleudernd, auf demselben Fleck. Als aber Kryle so zornig war, daß sie
nicht mehr zischen, sondern nur noch züngeln konnte, schlug die Natter
plötzlich einen andern Ton an.

»Ich hatte eigentlich noch einen zweiten Auftrag für dich,« sagte sie und
ließ ihre Stimme zu einem sanften Flüstern sinken. »Aber jetzt hab ich dich
wohl so erzürnt, daß du keine Lust mehr hast, mir zu helfen.«

»Wenn du nur nichts Unsinniges von mir verlangst, dann stehe ich dir gern
zu Diensten.«

»In den Fichten bei meinem Wassertümpel,« sagte die Natter, »wohnt ein
Schmetterlingsvolk, das in den Nächten des Spätsommers umherfliegt.«

»Ich weiß schon, welche du meinst,« sagte Kryle. »Was ist mit ihnen?«

»Sie sind das kleinste Insektenvolk,« sagte Hilflos, »und dazu auch das
unschädlichste von allen, weil ihre Raupen sich von nichts als Tannennadeln
ernähren.«

»Das weiß ich wohl,« sagte Kryle.

»Ich habe Angst, daß dieses Schmetterlingsvolk bald vollständig ausgerottet
wird,« fuhr die Natter fort. »Im Frühjahr werden die Raupen von gar so
vielen weggeschnappt.«

Nun verstand die Kreuzotter die Absicht der Natter. Diese wollte die Raupen
offenbar für sich allein behalten, und so antwortete sie freundlich: »Soll
ich den Eulen sagen, sie sollen diese Tannenraupen in Frieden lassen?«

»Ja, es wäre mir lieb, wenn du dieses auswirken könntest; du hast ja hier
im Walde etwas zu sagen,« antwortete Hilflos.

»Vielleicht kann ich auch bei den Drosseln ein gutes Wort für die
Nadelfresser einlegen,« sagte die Kreuzotter. »Ich tue dir gern einen
Gefallen, wenn du nichts Unsinniges verlangst.«

»Jetzt hast du mir ein gutes Versprechen gegeben, Kryle,« sagte Hilflos,
»und ich bin sehr froh, daß ich zu dir gekommen bin.«


Die Nonnen

Mehrere Jahre später schlief Karr eines Morgens auf dem Hausflur. Es war im
Frühsommer, zur Zeit der kurzen Nächte, und tageshell, obgleich die Sonne
noch nicht aufgegangen war. Da erwachte Karr davon, daß ihn jemand beim
Namen rief. »Bist du es, Graufell?« fragte er; denn der Elch kam beinahe
jede Nacht, ihn zu begrüßen. Karr erhielt keine Antwort, aber wieder hörte
er, daß ihn jemand rief. Diesmal glaubte er Graufells Stimme deutlich zu
erkennen, und er lief dem Tone nach.

Karr hörte, daß der Elch vor ihm herlief, konnte ihn aber nicht erreichen.
Ohne auf Weg oder Steg zu achten, stürmte der Elch mitten durchs Dickicht
hindurch in den dichtesten Nadelwald hinein, und Karr konnte die Spur nur
mit großer Mühe verfolgen.

»Karr, Karr!« ertönte es wieder. Und die Stimme war sicher Graufells, aber
mit einem Beiklang, den der Hund noch nie vernommen hatte.

»Ich komme, ich komme! Wo bist du?« antwortete Karr.

»Karr, Karr! Siehst du nicht, wie es fällt, fällt?« fragte Graufell.

Da sah Karr, daß von den Fichten unaufhörlich Nadeln herunterrieselten wie
ein dichter Regen. »Ja, ich sehe, wie es fällt!« rief er, lief aber
zugleich tiefer in den Wald hinein, den Elch zu finden.

Graufell eilte gestreckten Laufes durchs Gebüsch, und abermals hätte Karr
fast die Spur verloren.

»Karr, Karr!« brüllte Graufell jetzt geradezu. »Merkst du nicht, wie es
hier im Walde riecht?«

Karr blieb stehen und witterte. Es war ihm vorher nicht aufgefallen; aber
jetzt merkte er, daß die Fichten einen viel stärkeren Duft ausströmten als
gewöhnlich.

»Ja, ich rieche es auch,« sagte er, nahm sich aber gar nicht Zeit,
herauszubringen, woher der Geruch komme, sondern eilte nur weiter hinter
Graufell drein.

Abermals rannte der Elch in größter Eile davon; der Hund konnte ihn nicht
einholen. »Karr, Karr!« rief er nach einer Weile wieder. »Hörst du nicht,
wie es in den Bäumen knackt?« Und jetzt war Graufells Stimme so betrübt,
daß es einen Stein hätte erbarmen können.

Karr hielt an und lauschte. Da hörte er ein schwaches, aber deutliches
Knacken in den Bäumen; es klang wie das Ticken einer Uhr.

»Ja, ich höre, wie es knackt!« rief Karr; und diesmal lief er nicht weiter.
Er fühlte, der Elch wollte nicht, daß er ihm folge, er wollte ihn auf etwas
aufmerksam machen, das hier im Walde vorging.

Karr stand unter einer Fichte mit üppigen, schwer herabhängenden Zweigen
und dicken dunkelgrünen Nadeln. Er betrachtete den Baum genau, und da war
es ihm, als ob die Nadeln sich bewegten. Als er dann noch näher hinzutrat,
entdeckte er eine Menge weißlichgrauer Raupen, die auf den Zweigen
herumkrabbelten und die Nadeln fraßen. Jeder Zweig war bedeckt mit solchen
Raupen, die nagten und fraßen; und es knackte in den Bäumen von allen den
kleinen unermüdlichen Kiefern. Unaufhörlich fielen abgebissene Nadeln
herunter, und der armen Fichte entströmte ein überwältigender Duft, den der
Hund fast nicht aushalten konnte.

»Diese Fichte wird nicht viele von ihren Nadeln behalten dürfen,« dachte
Karr und richtete seine Blicke auf den nächsten Baum. Auch dieser war eine
große stattliche Fichte, aber sie sah genau so aus wie die andre. »Was das
nur ist?« dachte Karr weiter. »Es ist schade um die stolzen Bäume, mit
ihrer Schönheit wird es bald aus sein.« Er ging von Baum zu Baum und suchte
herauszubringen, was eigentlich mit ihnen geschehen war. »Hier ist eine
Edeltanne,« dachte er. »An diese haben sich die Raupen vielleicht nicht
gewagt.« Aber auch diese Tanne war angegriffen. »Und hier eine Birke.
Jawohl, auch hier, auch hier! Da wird der Waldhüter keine Freude daran
haben,« dachte Karr.

Er lief weiter in den Wald hinein, um zu sehen, wie weit die Verheerung
sich ausgedehnt hätte. Wohin er kam, ertönte dasselbe Ticken, verbreitete
sich derselbe Geruch, fiel derselbe Nadelregen; Karr brauchte gar nicht
mehr anzuhalten, um zu untersuchen, an diesen Zeichen erkannte er schon,
wie die Sache stand. Die kleinen Raupen fanden sich überall. Der ganze Wald
war in Gefahr, von ihnen kahl gefressen zu werden.

Plötzlich kam Karr in einen Waldstrich, wo ihm kein Geruch entgegenschlug
und wo alles still und ruhig war. »Hier ist ihre Herrschaft zu Ende,«
dachte der Hund, er hielt an und schaute sich um. Aber hier war es sogar
noch schlimmer, hier hatten die Raupen ihre Arbeit schon beendigt, und die
Bäume standen ohne Nadeln kahl da. Wie tot sahen sie aus, und das einzige,
was sie bedeckte, war eine Menge verwirrter Fäden, die die Raupen gesponnen
und als Brücken und Stege benützt hatten.

Hier drinnen unter den sterbenden Bäumen stand Graufell und wartete auf
Karr. Aber er war nicht allein, neben ihm standen vier alte Elche, die
angesehensten vom ganzen Walde. Karr kannte sie wohl. Da war Krummrück, ein
kleiner Elch, aber mit einem größeren Höcker als alle andern, dann
Hornkrone, der stattlichste des ganzen Elchvolkes, sowie Wirrmähne mit
seinem dichten Pelz, und dann noch ein alter hochbeiniger, der Riesenkraft
hieß und entsetzlich hitzig und streitsüchtig gewesen war, bis er bei der
letzten Herbstjagd eine Kugel in den Schenkel bekommen hatte.

»Was in aller Welt geht denn hier im Walde vor?« fragte Karr, als er die
Elche erreicht hatte, die mit gesenkten Köpfen und weit vorgeschobener
Oberlippe dastanden und äußerst nachdenklich aussahen.

»Das weiß niemand,« antwortete Graufell. »Dieses Insektenvolk ist immer das
schwächste im ganzen Walde gewesen und hat noch nie einen Schaden
angerichtet; aber in den letzten Jahren hat es sich ungeheuer rasch
vermehrt, und jetzt sieht es aus, als wäre es imstande, den ganzen Wald zu
zerstören.«

»Ja, es sieht schlimm aus,« sagte Karr. »Aber wie ich sehe, sind die
Weisesten des Waldes zusammengekommen, zu beraten, und sie haben vielleicht
schon eine Hilfe ersonnen.«

Als der Hund dies sagte, hob Krummrück höchst feierlich seinen schweren
Kopf, bewegte die langen Ohren und sagte: »Wir haben dich hierhergerufen,
Karr, um von dir zu hören, ob die Menschen etwas von dieser Verheerung
wissen?«

»Nein,« erwiderte Karr, »sie wissen nichts von dem Unglück; so tief in den
Wald hinein kommt ja außer zur Jagdzeit nie ein Mensch.«

»Wir, die Alten hier im Walde,« nahm Hornkrone das Wort, »glauben nicht,
daß wir Tiere allein über das Insektenvolk Herr werden können.«

»Dies halten wir jedoch fast für ein ebenso großes Unglück wie das andre,«
sagte Wirrmähne. »Nun wird es bald aus sein mit dem Frieden im Walde.«

»Aber wir können doch nicht den ganzen Wald zugrunde gehen lassen,« sagte
Riesenkraft. »Es bleibt uns durchaus keine Wahl.«

Karr fühlte, wie schwer es den Elchen wurde, mit ihrem Anliegen
herauszurücken, und er versuchte ihnen zu helfen. »Meinet ihr vielleicht,
ich solle es den Menschen zu wissen tun, wie es hier steht?« fragte er.

Da nickten alle die alten Elche mit den Köpfen. »Es ist ein schweres
Unglück, daß wir von den Menschen Hilfe verlangen müssen, aber es gibt
keinen andern Ausweg,« sagten sie.

Bald darauf war Karr auf dem Heimweg. Während er so tief bekümmert über
alles, was er erfahren hatte, dahineilte, kam ihm eine große schwarze
Natter entgegen. »Schön guten Tag hier im Walde!« zischte die Natter.

»Schön guten Tag!« bellte der Hund und eilte vorbei, ohne anzuhalten. Aber
die Natter drehte um und versuchte, Karr einzuholen. »Vielleicht ist sie
auch in Sorge um den Wald,« dachte Karr und blieb stehen.

Die Natter begann sogleich von der großen Verheerung zu reden. »Wenn aber
die Menschen herbeigerufen werden, dann wird es mit der Ruhe und dem
Frieden hier im Walde bald aus sein,« sagte sie.

»Das fürchte ich auch,« erwiderte Karr, »aber die Alten im Walde wissen
wohl, was sie tun.«

»Ich könnte einen bessern Rat geben,« sagte die Natter. »Wenn ich nur den
Lohn bekäme, den ich mir wünsche.«

»Bist du nicht das Tier, das man Hilflos heißt,« sagte der Hund
verächtlich.

»Ich bin im Walde alt geworden,« erwiderte die Natter, »und ich weiß, wie
solches Ungeziefer vertilgt werden muß.«

»Wenn du das könntest,« sagte Karr, »dann wird dir sicher niemand dein
Verlangen weigern.«

Nachdem Karr dies gesagt hatte, schlüpfte die Schlange unter eine
Baumwurzel, und erst, als sie wohlbeschützt in einem engen Loch lag, setzte
sie die Unterredung fort. »Nun, dann grüße Graufell von mir,« rief sie,
»und sag ihm, wenn er aus dem Friedenswalde fortziehen und nicht Rast
machen wolle, bis er hoch in den Norden gezogen sei, wo keine Eiche mehr im
Walde wächst, und auch versprechen wolle, nie wieder zurückzukehren,
solange die Natter Hilflos lebt, dann werde der alte Hilflos über das
Ungeziefer, das jetzt auf den Nadelholzbäumen herumkriecht und sich an
ihren Nadeln mästet, Krankheit und Tod schicken.«

»Was sagst du da?« fragte Karr, während sich ihm vor Entsetzen die Haare
auf dem Rücken sträubten. »Was hat dir denn Graufell zuleide getan?«

»Er hat die umgebracht, die ich am liebsten hatte,« antwortete die
Schlange. »Und ich will mich an ihm rächen.«

Noch ehe die Natter ausgesprochen hatte, fuhr Karr auf sie los; aber sie
lag wohlgeborgen unter der Baumwurzel.

»Bleib du nur da liegen, solang es dir gefällt!« rief Karr schließlich.
»Wir werden auch ohne deine Hilfe Herr über die Tannenraupen werden.«

Am nächsten Tage ging der Gutsbesitzer mit dem Waldhüter durch den Wald.
Karr lief im Anfang neben ihnen her, aber nach einer Weile verschwand er,
und bald nachher ertönte ein heftiges Bellen aus der Tiefe des Waldes
heraus. »Da ist Karr wieder auf der Jagd,« sagte der Gutsbesitzer.

Aber der Waldhüter wollte es nicht glauben. »Karr hat seit vielen Jahren
nicht mehr unerlaubt gejagt,« erwiderte er. Dann lief er rasch in den Wald
hinein, um zu sehen, was für ein Hund gebellt hätte, und der Gutsbesitzer
ging hinter ihm her.

Sie folgten dem Bellen bis in den dichtesten Wald hinein; aber da
verstummte es plötzlich. Die beiden Männer blieben stehen, um zu lauschen;
und da, in der tiefen Stille, hörten sie, wie die Kiefer der Insekten
arbeiteten; sie sahen die Tannennadeln herunterrieseln und rochen den
starken Duft. Dann sahen sie auch, daß alle Bäume mit den Raupen des
Nonnenschmetterlings bedeckt waren, jenen kleinen Baumfeinden, die
meilenweite Wälder zerstören können.


Der große Krieg gegen die Nonnen

Im nächsten Frühling ging Karr eines Morgens im Walde spazieren. »Karr,
Karr!« ertönte eine Stimme hinter ihm. Der Hund wendete sich um; er hatte
richtig gehört. Ein alter Fuchs stand vor seinem Bau, der hatte ihn
angerufen.

»Sag mir, ob die Menschen etwas mit dem Walde vorhaben?« fragte der Fuchs.

»Ja, du kannst dich darauf verlassen,« antwortete Karr. »Sie arbeiten, was
das Zeug hält.«

»Sie haben mir mein ganzes Geschlecht umgebracht, und jetzt werden sie mich
auch totschlagen,« sagte der Fuchs. »Aber es sei ihnen verziehen, wenn sie
nur den Wald retten.«

In diesem Jahre streifte Karr nie im Walde umher, ohne daß er gefragt
wurde, ob die Menschen den Wald retten könnten. Es war nicht leicht für
Karr, darauf zu antworten, denn die Menschen wußten selbst nicht, ob es
ihnen gelingen würde, über die Nonnen Herr zu werden.

Wenn man bedenkt, wie gefürchtet und berüchtigt der alte Kolmården gewesen
war, so war es ein merkwürdiger Anblick, daß jetzt jeden Tag über hundert
Männer in den Wald gingen und aus Leibeskräften arbeiteten, ihn vor dem
Verderben zu retten. Die am meisten verheerten Strecken wurden geschlagen,
das Unterholz gelichtet und die niedrigsten Zweige der großen Bäume
abgehauen, damit die Raupen nicht so leicht von Baum zu Baum kriechen
könnten. Um den verheerten Wald herum hieben die Männer breite Wege aus
und umhegten ihn mit Leimstangen; dadurch hofften sie die Raupen
einzusperren und auf ihr jetziges Bereich zu beschränken. Nachdem dies
getan war, legten sie Leimringe um die Baumstämme. Auf diese Weise wollte
man die Raupen am Herunterkriechen von den schon abgefressenen Bäumen
verhindern und sie zwingen, da zu bleiben, wo sie waren, weil sie dann
verhungern müßten.

Bis spät ins Frühjahr hinein setzten die Menschen diese Arbeit fort. Sie
waren voll guter Hoffnung und warteten fast mit Ungeduld auf das
Ausschlüpfen der Raupen, denn sie waren fest überzeugt, sie so fest
eingesperrt zu haben, daß die meisten Hungers sterben müßten.

Mit dem Beginn des Sommers schlüpften dann die Raupen aus, und sie waren
jetzt noch viel, viel zahlreicher als im letzten Jahre. Aber die Menschen
meinten, das tue nichts, wenn sie nur eingesperrt seien und nicht genug
Futter fänden.

Aber in dieser Beziehung ging es nicht ganz so, wie man gehofft hatte. Es
blieben freilich unzählige Raupen an den Leimstangen hängen, auch mußten
große Mengen vor den Leimringen Halt machen und konnten nicht von den
Bäumen heruntergelangen; aber trotzdem hätte man nicht behaupten können,
daß die Raupen eingesperrt gewesen wären. Sie waren außerhalb und innerhalb
der Einfriedigung; sie waren überall: auf den Landstraßen krochen sie hin,
auf den Feldmäuerchen, an den Häusermauern hinauf. Sie wanderten aus dem
Friedenswald hinaus und in andre Teile des Kolmården hinein.

»Sie hören nicht auf, bis der ganze Wald zerstört ist,« sagten die
Menschen, die sich vor Angst fast nicht zu helfen wußten, und denen die
Tränen in die Augen traten, so oft sie in den Wald kamen.

Karr war das ganze Ungeziefer, das da draußen herumkroch und nagte, so zum
Ekel, daß er sich kaum noch entschließen konnte, vors Haus hinauszugehen.
Aber eines Tages dachte er, er müsse sich doch wieder einmal nach Graufell
umsehen. So schlug er denn den Weg nach dessen Aufenthaltsgebiet ein, und
mit der Nase an der Erde lief der Hund rasch vorwärts. Als er an die
Baumwurzel kam, wo er im vergangenen Jahre mit dem alten Hilflos
zusammengetroffen war, lag dieser wieder in dem Loch und rief ihn an.

»Hast du über das, was ich dir bei unserer letzten Begegnung sagte, mit
Graufell gesprochen?« fragte die Natter. Aber Karr bellte nur und
versuchte, an sie heranzukommen. »Tu es auf alle Fälle,« sagte die
Schlange. »Du siehst ja, daß die Menschen nichts gegen die Verheerung
ausrichten können.«

»Ja, und du auch nicht,« antwortete Karr im Weitereilen.

Karr fand Graufell; aber der Elch war in sehr gedrückter Stimmung. Er
begrüßte Karr nur ganz flüchtig und begann sogleich von dem Walde zu reden.

»Ich wüßte nicht, was ich dafür geben würde, wenn dieses Elend ein Ende
nähme!« sagte er.

»Dann müßte ich dir ja wohl mitteilen, daß es den Anschein hat, als
könntest du den Wald retten,« sagte Karr. Und nun richtete er dem Elch den
Auftrag der Natter aus.

»Wenn dies ein andrer als der alte Hilflos versprochen hätte, würde ich
sofort in die Verbannung gehen,« sagte Graufell. »Aber woher sollte eine
arme Natter solche Macht nehmen?«

»Es ist natürlich nur eine Großtuerei,« sagte Karr. »Die Schlangen tun
immer, als wüßten sie mehr als andre Tiere.«

Als Karr nach Hause gehen mußte, begleitete ihn Graufell eine Strecke. Da
hörte Karr eine Drossel, die hoch oben in einem Tannenwipfel saß, rufen:
»Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist! Da ist
Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist!«

Karr wollte seinen Ohren nicht trauen; aber im nächsten Augenblick lief ein
Hase über den Weg, und als dieser die beiden Daherkommenden sah, blieb er
stehen, wedelte mit den Ohren und rief: »Da kommt Graufell, der an der
Verheerung des Waldes schuld ist!« Dann sprang er davon, so schnell er
konnte.

»Was wollen sie denn damit sagen?« fragte Karr.

»Ich weiß es nicht recht,« antwortete Graufell. »Aber ich glaube, die
kleinen Tiere im Wald sind unzufrieden mit mir, weil ich geraten hatte, daß
wir Hilfe bei den Menschen suchen sollten; denn als das Unterholz
geschlagen wurde, sind ihnen alle ihre Schlupfwinkel und Behausungen
zerstört worden.«

Die beiden Freunde gingen eine Strecke weiter, und Karr hörte, wie es von
allen Seiten ertönte: »Da ist Graufell, der an der Verheerung des Waldes
schuld ist!« Graufell tat, als höre er es nicht, aber Karr glaubte jetzt zu
verstehen, warum der Elch so niedergedrückt war.

»Du, Graufell,« fragte Karr hastig, »was meint denn die Natter damit, wenn
sie sagt, du habest ihr ihre liebste Gefährtin umgebracht?«

»Wie soll ich das wissen?« sagte Graufell. »Du weißt doch, daß ich keinem
Tiere etwas zuleide tue.«

Kurz darauf begegneten sie den vier alten Elchen, Krummrück, Hornkrone,
Wirrmähne und Riesenkraft. Still und nachdenklich wanderten sie daher,
einer hinten dem andern.

»Schön guten Tag!« rief ihnen Graufell entgegen.

»Schön guten Tag!« antworteten die Elche. »Wir wollten dich eben aufsuchen,
Graufell, um mit dir wegen des Waldes zu beraten.«

»Die Sache ist die,« begann Krummrück. »Es ist uns zu Ohren gekommen, daß
hier im Walde eine Missetat verübt worden ist, und weil diese nicht
geahndet wurde, ist der ganze Wald dem Untergang geweiht.«

»Was ist das für eine Missetat?« fragte Graufell.

»Ein Waldbewohner soll ein unschädliches Tier, das er doch nicht verzehren
konnte, umgebracht haben. Dies wird im Friedenswalde für eine Missetat
gerechnet.«

»Und wer hat denn eine solche Freveltat begangen?« fragte Graufell.

»Ein Elch soll es gewesen sein. Und wir wollen dich jetzt fragen, ob du
eine Ahnung hast, wer es sein könnte.«

»Nein,« antwortete Graufell. »Ich habe nie etwas von einem Elch gehört, der
ein unschädliches Tier getötet hätte.«

Graufell verließ die andern und ging mit Karr weiter. Er war noch
schweigsamer als zuvor und schritt mit tiefgesenktem Kopf dahin. Jetzt
kamen sie an der Kreuzotter Kryle vorbei, die auf einem Stein lag. »Da ist
Graufell, der an der Verheerung des Waldes schuld ist,« zischte Kryle,
gerade wie alle andern. Aber jetzt war Graufells Geduld zu Ende. Er stellte
sich vor die Kreuzotter hin und hob ein Vorderbein auf.

»Hast du im Sinn, mich auch umzubringen, wie du die Natter, das Weibchen
des alten Hilflos, umgebracht hast?« rief Kryle.

»Habe ich eine Natter umgebracht?« fragte Graufell.

»Ja, am ersten Tag, wo du in den Wald herauskamst, hast du das Weibchen von
der Natter Hilflos totgetreten.«

Graufell wendete sich rasch ab und gesellte sich wieder zu Karr. Plötzlich
hielt er an. »Karr,« sagte er, »ich habe die Freveltat begangen. Ich habe
ein unschädliches Tier umgebracht. Ich bin schuld an der Zerstörung des
Waldes.«

»Was sagst du da?« unterbrach ihn Karr.

»Sage der Natter Hilflos, Graufell werde heute nacht noch in die Verbannung
gehen.«

»Niemals werde ich so etwas sagen!« rief Karr. »Der hohe Norden ist eine
sehr gefährliche Gegend für die Elche.«

»Meinst du, ich wollte noch hier bleiben, nachdem ich so großes Unheil
angestiftet habe?« erwiderte Graufell.

»Übereile dich nicht. Warte bis morgen, ehe du irgend etwas unternimmst!«

»Du selbst hast mich gelehrt, daß die Elche eins mit dem Walde seien,«
sagte Graufell; und mit diesen Worten trennte er sich von Karr.

Karr ging nach Hause; aber durch die Unterredung unruhig geworden, ging er
schon am nächsten Tag wieder in den Wald, den Elch aufzusuchen. Aber
Graufell war nirgends zu finden, und der Hund suchte auch nicht lange. Er
erriet sogleich, daß Graufell die Natter beim Wort genommen hatte und in
die Verbannung gegangen war.

Während Karr in solche Gedanken versunken dahinwanderte, erblickte er
plötzlich den Waldhüter, der unter einem Baum stand und hinaufdeutete.
»Wonach schaust du?« fragte ein Mann, der neben dem Waldhüter stand.

»Unter den Raupen ist eine Seuche ausgebrochen.«

Karr verwunderte sich über die Maßen; fast aber noch mehr entrüstete er
sich darüber, daß die Natter die Macht gehabt hatte, ihr Wort zu halten.
Nun mußte Graufell wahrscheinlich ewig lange fortbleiben, denn diese Natter
starb wohl nie.

Während Karr noch tiefbetrübt war, kam ihm ein Gedanke, der ihn ein wenig
tröstete. »Die Natter braucht vielleicht gar nicht so schrecklich alt zu
werden, sie wird ja wohl nicht immer wohlbeschützt unter einer Baumwurzel
liegen,« dachte er. »Wenn sie nur erst die Raupen fortgeschafft hat, dann
weiß ich einen, der ihr die Gurgel abbeißt.«

Ja, über die Raupen war wirklich eine Krankheit gekommen, aber im ersten
Sommer verbreitete sie sich nicht in großer Ausdehnung. Kaum war sie
ausgebrochen, da war es für die Raupen Zeit, sich einzupuppen, und aus den
Puppen schlüpften dann Millionen von Schmetterlingen. Diese flatterten in
jeder Nacht, Schneeflocken gleich, zwischen den Bäumen umher und legten
unzählige Eier. Für das nächste Jahr konnte man sich auf noch größere
Verheerungen gefaßt machen.

Die Verheerung kam, aber nicht allein für den Wald, sondern auch über die
Raupen selbst. Die Seuche verbreitete sich rasch von einer Waldstrecke zur
andern. Die erkrankten Raupen fraßen nicht mehr; sie krochen in den Gipfel
des Baums hinauf und starben da. Unter den Menschen herrschte große Freude,
als sie die Raupen sterben sahen; aber noch größere Freude griff unter den
Tieren Platz. Der Hund Karr wanderte Tag um Tag in grimmiger Freude umher
und dachte nur an den Augenblick, wo er es wagen dürfte, dem alten Hilflos
die Gurgel abzubeißen.

Die Raupen hatten sich jedoch schon in meilenweitem Umkreis über den
Nadelwald ausgebreitet, und auch in diesem Sommer erreichte die Krankheit
nicht alle; viele blieben am Leben, die sich einpuppten und Schmetterlinge
wurden.

Durch Zugvögel erhielt Karr oft Grüße von Graufell, der ihm sagen ließ, er
sei noch am Leben, und es gehe ihm gut. Aber die Vögel vertrauten Karr an,
Graufell sei wiederholt von Wilderern hart verfolgt worden und ihnen nur
mit knapper Not entkommen.

Karr verzehrte sich in Sorge und Kummer und Heimweh nach Graufell. Aber
noch zwei Sommer hindurch mußte er ausharren. Da erst war es zu Ende mit
den Raupen.

Kaum hörte Karr den Waldhüter sagen, jetzt sei der Wald außer Gefahr, als
er sich auch schon auf die Jagd nach dem alten Hilflos begab. Aber als er
in das Dickicht kam, machte er eine entsetzliche Entdeckung: er konnte
nicht mehr jagen, konnte nicht mehr rennen, konnte seinen Feind nicht
aufspüren, konnte gar nichts mehr sehen. Während der langen Wartezeit war
leise das Alter über Karr hereingebrochen; ohne daß er es gemerkt hatte,
war er alt geworden. Nicht einmal eine Natter konnte er mehr totbeißen; er
war nicht fähig, seinen Freund Graufell von seinem Feinde zu befreien.


Die Rache

Eines Nachmittags ließ sich Akka von Kebnekajse mit ihrer Schar am Ufer
eines Waldsees nieder. Sie befanden sich zwar noch im Kolmården, hatten
aber Ostgötland schon verlassen und waren jetzt im Jönåker Bezirk in
Sörmland.

Wie es in den Gebirgsgegenden der Fall zu sein pflegt, brach der Frühling
hier sehr spät an, und der ganze See war bis auf einen schmalen offnen Rand
am Ufer noch ganz mit Eis bedeckt. Die Gänse stürzten sich sofort ins
Wasser, um zu baden und Nahrung zu suchen; aber Nils Holgersson hatte am
Vormittag seinen Holzschuh verloren und ging deshalb zwischen die am Ufer
wachsenden Erlen und Birken hinein, um etwas zu suchen, das er sich an den
Fuß binden könnte.

Der Junge mußte ziemlich weit gehen, bis er etwas Passendes fand, und er
sah sich unruhig um, denn es kam ihm nicht ganz geheuer im Walde vor.
»Nein, da ziehe ich Wasser und ebenes Land vor,« dachte er, »denn da sieht
man doch, wohin man kommt. Wenn dies wenigstens ein Buchenwald wäre, dann
ginge es noch an; dort ist fast kein Unterholz, aber Birken- und
Fichtenwälder sind gar so wild und unwegsam. Ich verstehe nicht, wie die
Leute sich das gefallen lassen. Wenn dieser Wald hier mir gehörte, würde
ich die ganze Herrlichkeit abhauen lassen.«

Schließlich entdeckte er ein Stück Birkenrinde und probierte es eben an
seinen Fuß, als er hinter sich etwas rascheln hörte. Er wendete sich um und
sah eine Schlange, die, durch das Unterholz kriechend, gerade auf ihn
zukam. Sie war ungewöhnlich lang und dick; aber der Junge sah sogleich, daß
sie auf beiden Seiten ihres Kopfes einen weißen Fleck hatte, und blieb
deshalb ruhig stehen. »Es ist ja nur eine Natter,« dachte er, »die kann mir
wohl nichts tun.«

Im nächsten Augenblick aber bekam er einen so heftigen Stoß von der
Schlange, daß er umfiel. Er war zwar in einem Nu wieder auf den Beinen und
rannte davon, aber die Schlange verfolgte ihn. Der Boden war steinig und
mit Gestrüpp bewachsen, deshalb kam der Junge nicht sehr schnell vorwärts,
und die Schlange war ihm dicht an den Fersen.

Plötzlich erblickte er einen großen, steil aufragenden Felsblock, und rasch
kletterte er hinauf. »Hierher kann mir die Natter nicht folgen,« dachte er.
Aber als er glücklich droben war und sich umschaute, sah er, daß die
Schlange hinter ihm hinaufzuklettern versuchte.

Oben auf dem Felsblock, dicht neben dem Jungen, lag ein andrer Stein, rund
und so groß wie ein Menschenkopf. Er lag ganz lose auf einem schmalen
Rande; es war fast unbegreiflich, wie er überhaupt daliegen konnte. Als nun
die Schlange näher kam, sprang der Junge hinter den runden Stein und
versetzte diesem einen Stoß. Der Stein rollte auf die Schlange, riß sie mit
auf den Boden hinunter und blieb da gerade auf dem Schlangenkopf liegen.

»Der Stein hat seine Sache gut gemacht,« dachte der Junge und stieß einen
Seufzer der Erleichterung aus. Er sah, wie die Schlange noch ein paar
heftige Zuckungen machte und dann ganz ruhig liegen blieb. »Ich glaube, ich
bin auf der ganzen Reise fast noch nie in größerer Gefahr gewesen!« rief er
noch nachträglich schaudernd aus.

[Illustration]

Aber kaum hatte er sich etwas von seinem Schrecken erholt, da hörte er ein
Sausen in der Luft, und im nächsten Augenblick ließ sich ein Vogel dicht
neben der Schlange nieder. Der Vogel war ungefähr von der Größe und Gestalt
einer Krähe, hatte aber ein schönes Gewand aus schwarzen metallisch
glänzenden Federn. Vorsichtig zog sich der Junge in einen Spalt des
Felsblockes zurück. Die Erinnerung an sein Abenteuer mit den Krähen war
noch frisch in seinem Gedächtnis, und er wollte sich deshalb nicht zeigen,
wenn es nicht durchaus nötig war.

Der schwarze Vogel ging mit langen Schritten neben dem Schlangenkörper hin
und her und drehte ihn mit dem Schnabel um. Schließlich schlug er mit den
Flügeln und schrie mit heiserer, gellender Stimme: »Diese tote Natter hier
ist gewiß der alte Hilflos!«

Noch einmal schritt er die Schlange entlang, dann blieb er in tiefem
Nachdenken stehen und kratzte sich mit dem Fuß im Nacken. »Es kann
unmöglich zwei so große Schlangen hier im Walde gegeben haben,« sagte er.
»Er ist es ganz gewiß.«

Der Vogel war schon im Begriff, seinen Schnabel in die Schlange zu
schlagen, da besann er sich plötzlich eines andern. »Sei kein Dumrian,
Bataki,« sagte er. »Du wirst doch die Schlange nicht fressen, ehe du Karr
herbeigerufen hast. Er würde nie und nimmer glauben, daß der alte Hilflos
tot sei, wenn er ihn nicht selbst hier liegen sähe.«

Der Junge gab sich alle Mühe, ganz still zu sein; aber als er den Vogel so
lächerlich-feierlich auf und ab schreiten sah und mit sich selbst sprechen
hörte, konnte er das Lachen nicht unterdrücken.

Der Vogel hörte es, und mit einem einzigen Flügelschlag war er droben auf
dem Stein. Rasch richtete sich der Junge auf und ging auf den Vogel zu.
»Bist du nicht der Rabe, der Bataki genannt wird und ein guter Freund von
Akka von Kebnekajse ist?« fragte er.

Der Vogel betrachtete den Jungen genau und nickte dann dreimal mit dem
Kopfe. »Du bist doch wohl nicht der Junge, der mit den Wildgänsen
umherzieht und den sie Däumling nennen?« fragte er.

»Doch, der bin ich,« antwortete der Junge.

»Ei, das ist herrlich, daß ich dich treffe!« rief der Rabe. »Du kannst mir
vielleicht sagen, wer diese Natter erschlagen hat?«

»Der Stein hier war es. Ich habe ihn auf die Natter hinuntergerollt, und er
hat sie erschlagen,« sagte der Junge und erzählte hierauf dem Raben, wie
alles zugegangen war.

»Das ist ein ordentliches Stück Arbeit für einen so kleinen Kerl wie du,«
sagte der Rabe. »Ich habe hier in der Nähe einen Freund, der wird sehr
beglückt sein, wenn er hört, daß die Schlange tot ist, und ich wünschte,
ich könnte dir einen Gegendienst leisten.«

»Dann sage mir, warum du dich über den Tod der Schlange so sehr freust,«
erwiderte der Junge.

»Ach, das ist eine lange Geschichte!« seufzte der Rabe. »Wenn du sie
anhören müßtest, würde dir bald die Geduld ausgehen.«

Aber der Junge behauptete, er würde die Geduld sicher nicht verlieren, und
so erzählte ihm denn der Rabe die ganze Geschichte von Karr und Graufell
und der Natter Hilflos. Als er damit fertig war, schwieg der Junge noch
eine Weile und starrte nur immer geradeaus.

»Ich danke dir recht schön,« sagte er schließlich. »Nun ich dies alles
gehört habe, ist es mir, als kennte ich mich hier im Walde viel besser aus.
Ich möchte wohl wissen, ob von dem großen Friedenswalde noch etwas übrig
geblieben ist?«

»Das meiste davon ist verheert,« entgegnete Bataki. »Die Bäume sehen aus,
als sei ein Waldbrand über sie hingegangen; sie müssen gefällt werden, und
es wird viele Jahre dauern, bis der Wald wieder das ist, was er früher
war.«

»Diese Schlange hier hat wirklich den Tod verdient,« sagte der Junge. »Aber
ich möchte doch wissen, ob sie tatsächlich sicher war, daß sie die Seuche
unter die Raupen schicken konnte?«

»Vielleicht wußte sie, daß die Nonnen auf diese Weise umkommen würden,«
sagte Bataki.

»Das ist wohl möglich; jedenfalls war der alte Hilflos ein äußerst kluges
Tier, soviel ist sicher.«

Der Junge schwieg, und der Rabe hatte auch gar nicht auf ihn gehört; er
lauschte mit abgewendetem Kopf in den Wald hinein. »Hörst du!« sagte er.
»Karr ist in der Nähe. Wie glücklich wird er sein, wenn er erfährt, daß der
alte Hilflos tot ist.«

Der Junge drehte den Kopf nach der Seite, woher der Ton kam. »Er spricht
mit den Wildgänsen,« sagte er.

»Ja, er hat sich wohl an den Strand hinunter geschleppt, um das Neueste von
Graufell zu erfahren.«

Nun hüpften der Rabe und der Junge eiligst von dem Felsblock herunter und
liefen miteinander nach dem Strande. Alle Gänse waren aus dem Wasser
herausgegangen; sie umringten einen alten Hund, ein gichtbrüchiges,
schwaches Tier, das aussah, als könnte es jeden Augenblick tot umfallen.

»Siehst du, das ist Karr,« sagte Bataki zu dem Jungen. »Laß ihn nun zuerst
hören, was ihm die Wildgänse zu berichten haben, nachher sagen wir ihm
dann, daß die Schlange tot ist.«

Und sie hörten zu, was Akka dem guten Karr mitteilte.

»Es war im vorigen Jahre auf unserer Frühlingsreise,« begann sie. »Eines
Morgens waren wir, Yksi und Kaksi und ich, von Siljan in Dalarna
weggeflogen, und unser Weg führte uns über die großen Grenzwälder zwischen
Dalarna und Hälsingeland. Unter uns sahen wir nichts als den schwarzgrünen
Nadelwald. Zwischen den Bäumen lag noch hoher Schnee, die Flüsse waren noch
zugefroren, aber da und dort schimmerte eine offene Wake, und an den Ufern
war der Schnee teilweise schon ganz verschwunden. Wir sahen fast nirgends
Dörfer oder große Höfe, nur graue Sennhütten, die jetzt im Winter öde und
verlassen waren. Ab und zu erblickten wir auch einen schmalen gewundenen
Waldweg; da hatten die Leute während des Winters gefällte Bäume
heimgefahren, und drunten an den Flüssen lagen große Stapel Bauholz
aufgeschichtet.

Während wir nun so dahinflogen, sahen wir drei Jäger, die drunten durch den
Wald gingen. Sie liefen auf Schneeschuhen, hatten Hunde am Riemen und das
Messer im Gürtel, aber keine Flinten bei sich. Der Schnee hatte eine harte
Eiskruste, und die Jäger hielten sich nicht an die gewundenen Waldpfade,
sondern liefen ganz geradeaus. Es sah aus, als wüßten sie recht wohl, wohin
sie sich zu wenden hätten, um das zu finden, was sie suchten.

Wir Wildgänse flogen hoch in der Luft dahin, und der ganze Wald lag
deutlich erkennbar unter uns. Als wir die Jäger erblickten, hätten wir gar
zu gerne gewußt, was für ein Wild sie erjagen wollten. Wir flogen deshalb
hin und her und spähten zwischen die Bäume hinein. Da sahen wir in einem
dichten Gehölz etwas, das wie große moosbewachsene Steine aussah. Aber es
konnten doch keine Steine sein, denn es lag gar kein Schnee darauf.

Nun flogen wir eilig hinab und ließen uns mitten in dem Gehölz nieder. Da
bewegten sich die drei Felsblöcke. Es waren drei Elche, die da in dem
Waldesdunkel lagen: ein Elchstier und zwei Kühe. Als wir uns niederließen,
stand der Elchstier auf und kam auf uns zu. Es war der größte und schönste
Elch, den wir je gesehen hatten. Aber als er merkte, daß ihn nur so ein
paar arme Wildgänse geweckt hatten, legte er sich wieder nieder.

>Nein, Väterchen, leg dich nicht wieder schlafen,< sagte ich da zu ihm.
>Flieht, so rasch ihr könnt; es sind Jäger im Walde, und sie steuern
geradenwegs auf euren Aufenthaltsort zu.<

>Hab schönen Dank für die Warnung, Gänsemutter,< sagte der Elch, schon
wieder halb im Schlafe. >Aber Ihr wißt doch wohl, daß uns Elchen seit
vielen Jahren hier im Walde eine Freistatt gewährt ist. Diese Jäger sind
wahrscheinlich nur auf die Fuchsjagd ausgezogen.<

>Es waren eine Menge Fußspuren im Schnee, aber die Jäger beachteten sie gar
nicht. Glaubt mir, ihr Elche! Sie wissen, daß ihr hier liegt. Sie kommen
hierher, euch zu erlegen. Ohne Flinte, nur mit Spieß und Messer bewaffnet,
sind sie ausgezogen, weil sie um diese Zeit hier im Walde nicht zu schießen
wagen.<

Der Elchstier blieb ebenso ruhig liegen wie vorher, aber die Elchkühe
wurden ängstlich. >Es ist vielleicht doch so, wie die Wildgänse sagen!<
riefen sie und richteten sich auf.

>Bleibt nur ruhig liegen!< befahl der Stier. >Es kommen keine Jäger
hierher; ihr dürft euch darauf verlassen.<

Es war nichts zu machen, und so flogen wir Wildgänse wieder in die Luft
hinauf,« fuhr Akka fort. »Aber wir schwebten noch über demselben Platze hin
und her, denn wir wollten sehen, wie es den Elchen ergehen würde. Und kaum
hatten wir uns zu unserer gewöhnlichen Flughöhe erhoben, als wir den
Elchstier aus dem Dickicht heraustreten sahen. Er witterte ringsum und ging
dann geradenwegs auf die Jäger zu. Beim Dahinschreiten trat er auf große
Zweige, die mit lautem Krachen zerbrachen. Nun kam er an ein weites, kahles
Moor. Er ging darauf hinaus und stellte sich mitten auf das offene Moor, wo
ihm nichts Schutz bot.

Und dort blieb der Elch stehen, bis die Jäger am Waldrand auftauchten. In
demselben Augenblick aber warf er sich herum und entfloh in einer andern
Richtung, als in der, woher er gekommen war. Die Jäger ließen die Hunde
los, und sie selber liefen auf ihren Schneeschuhen so rasch wie möglich
hinter ihm her.

Mit weit zurückgeworfenem Kopf rannte der Elch in größter Eile davon. Unter
seinen Hufen flog der Schnee empor und stob um ihn her wie eine dichte
Wolke. Hunde und Jäger blieben weit zurück. Jetzt blieb der Elch stehen,
wie um sie zu erwarten, und erst, als sie wieder in seinem Gesichtskreis
auftauchten, stürmte er weiter. Wir errieten, daß es seine Absicht war, die
Jäger von dem Lagerplatz der Kühe wegzulocken, und wir lobten ihn um seiner
Tapferkeit willen; er selbst begab sich in Gefahr, damit den Seinigen kein
Leid widerfahren sollte. Keine von uns wollte den Ort verlassen, bis wir
wüßten, wie die Sache ablaufen würde.

Ein paar Stunden lang ging die Jagd in derselben Weise fort, und wir
verwunderten uns, daß die Jäger sich die Mühe machten, den Elch immer
weiter zu verfolgen, da sie doch keine Gewehre bei sich hatten. Sie konnten
sich doch wohl nicht einbilden, sie wären imstande, im Laufen länger
auszuhalten, als so ein Renner wie dieser Elch.

Aber allmählich entfloh der Elch nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit.
Er setzte die Füße vorsichtiger auf den Schnee. Und wenn er sie wieder
herauszog, glaubten wir Blutspuren zu erkennen.

Da begriffen wir, warum die Jäger so beharrlich waren. Sie rechneten auf
die Hilfe des Schnees. Der Elch war schwer, bei jedem Schritt sank er bis
auf den Grund der Schneeschicht ein, und dabei scheuerte ihm die harte
Eiskruste des Schnees die Beine wund. Sie schabte ihm die Haare weg und riß
ihm die Haut auf, und das tat dem Elch bei jedem Schritt bitter weh.

Die Jäger und Hunde dagegen, die von viel leichterem Gewicht waren, konnten
auf der Eisdecke gehen und verfolgten den Elch immer weiter. Er floh und
floh, aber seine Schritte wurden immer unsicherer und schwankender, und er
keuchte gewaltig. Er litt nicht allein starke Schmerzen, das Waten durch
den tiefen Schnee ermüdete ihn auch zusehends.

Schließlich verlor er die Geduld. Er hielt an und ließ die Hunde und Jäger
herankommen, um den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Während er so dastand und
auf seine Verfolger wartete, warf er einen Blick nach oben, und als er uns
Wildgänse, die über ihm schwebten, sah, rief er: >Bleibet hier, Wildgänse,
bis alles zu Ende ist! Und wenn ihr wieder über den Kolmården hinzieht,
dann suchet den Hund Karr auf und saget ihm, daß sein Freund Graufell einen
schönen Tod gehabt habe.<«

[Illustration]

Als Akka so weit in ihrer Erzählung gekommen war, richtete sich der alte
Hund auf und ging zwei Schritte näher zu ihr hin. »Graufell hat ein gutes
Leben geführt,« sagte er. »Er kennt mich. Er weiß, daß ich ein tapferer
Hund bin und mich nur freue, wenn ich zu hören bekomme, daß er einen
schönen Tod gehabt hat. Erzähl mir nun ...«

Bei diesen Worten wedelte Karr mit dem Schwanze und hob den Kopf, wie um
eine kecke, stolze Haltung anzunehmen, sank aber dann gleich wieder
zusammen.

»Karr, Karr!« ertönte eine menschliche Stimme aus dem Walde heraus.

Rasch stand der alte Hund auf. »Mein Herr ruft mich,« sagte er, »und ich
zögere nicht, ihm zu folgen. Ich sah ihn vorhin seine Flinte laden, und wir
beide werden nun zum letzten Male miteinander in den Wald gehen. Ich danke
dir, liebe Wildgans. Nun weiß ich alles, was ich zu wissen brauchte, um
zufrieden in den Tod zu gehen.«

[Illustration]



23

Der schöne Garten


                                                  Sonntag, 24. April

Am nächsten Tage flogen die Wildgänse über Sörmland weiter gen Norden. Der
Junge schaute auf die Landschaft hinab und dachte, sie gleiche keiner von
allen den Gegenden, die er bis jetzt gesehen hatte. Es gab da keine großen
Ebenen wie in Schonen und Ostgötland, auch keine großen zusammenhängenden
Waldbezirke wie in Småland, sondern eine Vermischung von allem möglichen.

»Hier haben sie einen großen See und einen breiten Fluß und einen mächtigen
Wald mitsamt einem großen Gebirge zusammengenommen und in Stücke zerhackt,
diese dann untereinander gemischt und ganz aufs Geratewohl auf der Erde
ausgebreitet,« dachte der Junge, denn er sah nichts als kleine Täler und
kleine Seen, kleine Hügel und kleine Waldstrecken. Nichts durfte sich so
recht ausbreiten. Sobald eine Ebene sich richtig dehnen wollte, stellte
sich ihr ein Hügel in den Weg, und wenn der Hügel sich recken wollte, um
ein ordentlicher Berg zu werden, fing gleich die Ebene wieder an. Sobald
ein See so groß geworden war, daß er sich sehen lassen konnte, verengte er
sich wieder zu einem Fluß, und auch dieser durfte nicht sehr weit fließen,
bis er wieder zu einem See ausgedehnt wurde.

Da die Wildgänse ziemlich nahe an der Küste hinflogen, konnte der Junge das
Meer überschauen, und da sah er, daß auch das Meer seinen mächtigen
Wasserspiegel nicht ununterbrochen ausbreiten durfte; überall schauten
kleine Inseln hervor, und selbst diese Inseln hatten keine große
Ausdehnung, gleich schmiegte sich das Wasser wieder um sie her. Überall
war ein beständiger Wechsel; Nadelwälder wurden von Laubholzwäldern
abgelöst, die Äcker von Mooren, die großen Güter von Bauernhöfen.

Auf den Äckern sah man nirgends fleißige Menschen, dafür aber waren die
Straßen und Wege überall belebt. Aus den kleinen Höfen am Rande des
Kolmården kamen sie heraus, in schwarzen Kleidern, Gesangbuch und
Taschentuch in der Hand.

»Es ist Sonntag,« dachte der Junge und ließ seinen Blick andächtig auf den
Kirchgängern ruhen. An einem Ort sah er ein Brautpaar, das mit großem
Gefolge in die Kirche fuhr, und an einem andern kam ein Leichenzug langsam
auf dem Wege daher. Er sah auch große Herrschaftskutschen und kleine
Bauernchaisen, sowie auch große Boote auf den Seen, die alle auf dem Weg
nach der Kirche waren.

Jetzt flogen die Gänse über die Kirche von Björkvik hin, dann über Bettna
und Blaksta und Vadsbro, und dann ging es nach Sköldinge und Floda. Überall
läuteten die Glocken; wunderbar schön drang das Geläute zu dem Jungen
herauf; es war fast, als sei die ganze kristallklare Luft um ihn her zu
lauter Tönen und Klängen geworden.

»So viel ist sicher,« dachte der Junge, »ich mag hinkommen, wo ich will,
überall höre ich das Läuten der Kirchenglocken.« Und bei diesem Gedanken
überkam ihn ein Gefühl der Sicherheit: obgleich er sich jetzt in einer ganz
andern Welt befand, war ihm, als könne er sich nicht vollständig verirren,
so lange diese gewaltigen Stimmen noch imstande wären, ihn zurückzurufen.

Die Wildgänse waren nun schon eine gute Weile über Sörmland hingeflogen,
als der Junge plötzlich einen schwarzen Punkt entdeckte, der sich drunten
auf der Erde unter ihnen hinbewegte. Zuerst glaubte er, es sei ein Hund,
und er hätte nicht weiter darüber nachgedacht, wenn das Tier nicht mit den
Wildgänsen über ihm gleichen Schritt zu halten versucht hätte. Es stürmte
durch das offne Land und durch die Gehölze hindurch, sprang über Gräben,
setzte über Feldmäuerchen und ließ sich durch nichts aufhalten.

»Es sieht fast aus, als sei der Fuchs Smirre wieder unterwegs,« sagte der
Junge. »Aber wir werden ihn jedenfalls bald hinter uns gelassen haben.«

Gleich darauf flogen die Wildgänse so rasch, wie es ihnen nur möglich war,
und hielten nicht an, solange der Fuchs noch in Sicht war. Erst als dieser
sie nicht mehr sehen konnte, wendeten sie um und flogen nun in einem großen
Bogen in südwestlicher Richtung, fast als wollten sie nach Ostgötland
zurückkehren. »Es muß doch Smirre gewesen sein,« dachte der Junge, »da
Mutter Akka hier abbiegt und einen andern Weg einschlägt.«

Als es Abend wurde, schwebten die Wildgänse über einem alten Rittergute in
Sörmland, namens Groß-Djulö. Das große weiße Wohnhaus lag im Schutze eines
prächtigen Laubholzparkes, und vor ihm breitete sich der große Djulösee aus
mit seinen hervorspringenden Landzungen und hohen Ufern. Das Herrenhaus sah
ehrwürdig und behaglich aus; der Junge konnte sich eines leisen Seufzers
nicht enthalten, als die Wildgänse über das Gut hinflogen, und er dachte
unwillkürlich, wie das wohl sein würde, wenn er nach vollendeter Tagereise,
anstatt auf einem sumpfigen Moor oder einer eiskalten Eisscholle abgesetzt
zu werden, in so ein einladendes Herrenhaus eintreten dürfte.

Aber von so etwas konnte natürlich keine Rede sein. Die Wildgänse ließen
sich etwas nördlich von dem Herrenhofe auf einer überschwemmten Waldwiese
nieder, wo nur da und dort ein Rasenhügel herausschaute. Dies war fast die
schlechteste Nachtherberge, die der Junge auf der ganzen Reise bisher
gehabt hatte.

Unschlüssig, was er tun sollte, blieb er noch eine Weile auf dem Rücken des
Gänserichs sitzen. Plötzlich sprang er hinunter und eilte in großen Sätzen
von einem Erdhügel zum andern, bis er festen Boden unter den Füßen hatte;
dann lief er eilig in der Richtung, wo der Hof lag, weiter.

Zufälligerweise saßen an diesem Abend in einer Kätnerhütte, die zu dem Gute
Groß-Djulö gehörte, ein paar Leute um die offene Feuerstelle in eifriger
Unterhaltung beieinander. Sie hatten über die Predigt gesprochen, über die
Frühjahrsarbeit und über die Wetteraussichten; aber als die Unterhaltung
etwas ins Stocken kam, baten sie eine alte Frau, die Mutter des Kätners,
ihnen eine Gespenstergeschichte zu erzählen.

Es ist ja wohl bekannt, daß es im ganzen Reiche nirgends so viele
Herrenhöfe und nirgends so viele Spukgeschichten gibt wie gerade in
Sörmland. Die alte Frau hatte in ihrer Jugend auf den großen Gütern gedient
und wußte so viele seltsame Dinge, daß sie bis zum nächsten Morgen hätte
erzählen können. Sie brachte ihre Geschichten auch überaus gut und
glaubwürdig vor; wer ihr zuhörte, ganz einerlei wer es war, fühlte sich
versucht, alles für reine Wahrheit zu halten. Und die Leute rückten voll
Angst näher zueinander hin, so oft die Alte sich mitten in ihrer Erzählung
unterbrach und fragte, ob die andern nicht auch ein Geräusch gehört hätten.

»Wie merkwürdig, daß ihr es nicht hört!« sagte sie dann. »Irgend etwas
schleicht hier herum.« Aber die andern wollten durchaus nichts gehört
haben.

Nachdem die Alte schon allerlei Geschichten von Eriksberg, Vibyholm,
Julita, Lagmansö und noch von verschiedenen andern Orten erzählt hatte,
fragte einer, ob denn auf Groß-Djulö nie so etwas Merkwürdiges passiert
sei.

»O doch,« sagte die Alte, »von da erzählt man sich auch allerlei.«

Und nun wollten natürlich alle sogleich die Geschichten von ihrem eignen
Gute hören.

Und die Frau erzählte, auf einem Hügel, nördlich von Groß-Djulö, da wo
jetzt nur noch Wald sei, habe einst ein Schloß gestanden, vor dem sich ein
herrlicher Garten ausbreitete. Dann sei einmal ein Mann, den man allgemein
den Herrn Karl genannt und der zu jener Zeit ganz Sörmland regiert habe,
auf das Schloß gekommen. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, sei er in
den Garten hinausgegangen und habe in tiefe Gedanken versunken lange über
den Groß-Djulöer See und dessen schöne Ufer hingeschaut. Aber während er so
dastand und sich an dem, was er sah, erlabte und im stillen dachte, es gebe
doch kein schöneres Land als Sörmland, hörte er plötzlich hinter sich
jemand einen tiefen Seufzer ausstoßen. Rasch drehte er sich um, und da sah
er einen alten tief über seinen Spaten gebeugten Tagelöhner.

»Hast du so traurig geseufzt?« fragte Herr Karl. »Worüber hast du denn zu
seufzen?«

»Ach, ich darf schon seufzen, wenn ich tagaus, tagein hier so schwer
arbeiten muß,« antwortete der Tagelöhner.

Aber Herr Karl war von heftiger Gemütsart, und er konnte es nicht leiden,
wenn die Leute sich beklagten.

»Hast du sonst über nichts zu klagen?« rief er. »Ich sage dir, ich wollte
ganz zufrieden sein, wenn ich mein Lebenlang Sörmlands Boden umgraben
dürfte!«

»Möge es dem gnädigen Herrn so gehen, wie Er sich wünscht!« antwortete der
Tagelöhner.

Aber später sagten die Leute, Herr Karl habe um dieses Ausspruchs willen
nach seinem Tode keine Ruhe im Grabe gefunden, sondern müsse jede Nacht
nach Groß-Djulö kommen und in seinem Garten graben.

»Ja, jetzt ist freilich kein Schloß und kein Garten mehr da,« sagte die
Alte mit Nachdruck. »Wo diese einst lagen, ist jetzt nur ein ganz
gewöhnlicher Waldhügel. Aber schon mancher Wanderer, der in einer dunkeln
Nacht durch den Wald ging, hat dort den Garten wieder erblickt.«

Hier hielt die Alte inne und schielte nach einem dunkeln Winkel in der
Stube. »Hat sich nicht dort etwas gerührt?« fragte sie.

»Ganz gewiß nicht, Mutter, erzähl nur weiter!« sagte die Schwiegertochter.
»Ich habe gestern dort in der Ecke ein großes Mauseloch entdeckt, hatte
aber so viel andres zu tun, daß ich vergaß, es zuzustopfen. Erzähl nur
weiter, ob jemand, den du kennst, den Garten gesehen hat.«

»Jawohl,« fuhr die Alte fort, »und zwar mein eigner Vater. In einer schönen
Sommernacht kam er durch den Wald daher; da sah er plötzlich neben sich
eine hohe Gartenmauer, und über diese hinweg konnte er die herrlichsten
Obstbäume wahrnehmen, die über und über mit Blüten und Früchten bedeckt
waren und deren Zweige weit über die Mauer heraushingen. Mein Vater ging
ganz leise weiter und wunderte sich, woher dieser Garten auf einmal
gekommen sei. Da wurde hastig ein Tor in der Mauer aufgerissen, ein Gärtner
trat heraus und fragte, ob Vater nicht seinen Garten sehen wolle. Der Mann
hatte einen Spaten in der Hand und trug einen gewöhnlichen großen
Gärtnerschurz, und Vater wollte dem Manne gerade folgen, als sein Blick
zufällig auf dessen Gesicht fiel. In demselben Augenblick erkannte er die
große Stirnlocke und den Knebelbart. Es war der leibhaftige Herr Karl, so
wie ihn mein Vater auf den Bildern in den Herrenhöfen ringsum oft gesehen
hatte, wo er ...«

Hier wurde die Alte aufs neue unterbrochen; diesmal durch ein brennendes
Scheit Holz, das so hell aufloderte, daß die Funken und Kohlen auf den
Boden herausstoben. Alle dunkeln Ecken in der Stube wurden hell erleuchtet,
und die alte Großmutter glaubte einen Schimmer von einem Wichtelmännchen zu
sehen, das neben dem Mauseloch saß und ihrer Erzählung zuhörte, sich aber
jetzt eilig davonmachte.

Die Schwiegertochter holte Schaufel und Kehrbesen, kehrte die Kohlen
zusammen und setzte sich dann wieder nieder. »Jetzt kannst du weiter
erzählen, Mutter,« sagte sie.

Aber die Frau wollte nicht mehr. »Es ist genug für heute,« sagte sie mit
sonderbar erregter Stimme.

Die andern wollten noch mehr hören; aber die Schwiegertochter sah, daß die
Alte ganz bleich geworden war und daß ihre Hände zitterten. »Nein, Mutter
ist müde geworden und muß jetzt zu Bett gehen,« sagte sie.

Nach einer Weile kehrte der Junge wieder in den Wald und zu den Wildgänsen
zurück. Er kaute an einer Moorrübe, die er vor dem Keller der Kätnerhütte
gefunden hatte. Das war ein herrliches Abendessen für ihn, und er war sehr
befriedigt, weil er mehrere Stunden lang in der warmen Stube hatte sitzen
dürfen. »Wenn ich jetzt nur auch ein ordentliches Nachtquartier finden
könnte!« dachte er.

Da fiel ihm ein, das beste wäre wohl, wenn er sich eine Schlafstelle auf
einer prächtigen Tanne, die dicht am Wege stand, einrichten würde. Er
schwang sich hinauf, flocht ein paar Zweiglein zusammen und hatte nun ein
Bett, in dem er ausgezeichnet lag.

Er dachte noch eine Weile über das nach, was er in der Hütte gehört hatte;
vor allem aber beschäftigten sich seine Gedanken mit diesem Herrn Karl, der
im Djulöer Walde spuken sollte. Aber bald schlief er ein, und er hätte wohl
ruhig bis zum nächsten Morgen geschlafen, wenn ihn nicht das Knirschen
einer eisernen Gitterpforte, die gerade unter ihm aufgemacht wurde, geweckt
hätte.

Der Junge ist im Nu wach, wischt sich den Schlaf aus den Augen und sieht
sich um. Dicht neben ihm ist eine hohe Mauer, und über die Mauer schauen
Obstbäume heraus, die sich unter der Last ihrer Früchte beugen.

Der Junge denkt zuerst nur: »Das ist doch merkwürdig! Es war doch kein
Garten da, als ich einschlief.« Aber nach ein paar Augenblicken kehrt ihm
die Erinnerung zurück, und er weiß, was das für ein Garten ist.

Aber das Merkwürdigste an der Sache ist vielleicht doch, daß er sich gar
nicht fürchtet, sondern ein unbeschreibliches Verlangen hat, in den Garten
hineinzukommen. Auf der Tanne, wo er liegt, ist es dunkel und kalt, in dem
Garten da unten aber ist es hell; die Rosen und das Obst auf den Bäumen
sind wie von goldnem Sonnenschein überflutet. Wie herrlich wäre es für ihn,
wenn er jetzt, nachdem er so lange Zeit in Regen und Kälte umhergezogen
war, auch einmal ein wenig Sonnenwärme genießen dürfte! Und das
Hineinkommen in den Garten scheint überdies mit gar keiner Schwierigkeit
verbunden zu sein; dicht neben der Tanne ist eine Pforte in der hohen
Mauer, und ein alter Gärtner hat eben die großen Gittertüren aufgemacht. Er
steht jetzt an der Pforte und späht in den Wald hinein, ganz als ob er
jemand erwartete.

In einem Nu ist der Junge von seinem Baum herunter. Die Mütze in der Hand
tritt er auf den Gärtner zu, verbeugt sich und fragt, ob man den Garten
wohl ansehen dürfe.

»Jawohl,« antwortet der Gärtner mit barscher Stimme. »Tritt nur ein!«

Dann macht er die Türen wieder zu und verschließt sie mit einem schweren
Schlüssel, den er vorne in seinen Gürtel steckt. Indessen betrachtet ihn
der Junge genau. Der Mann hat ein bärbeißiges Gesicht, mit großem
Schnurrbart und spitzigem Knebelbart und einer scharfen Nase. Wenn er nicht
eine blaue Gärtnerschürze umgebunden und einen Spaten in der Hand gehalten
hätte, würde der Junge ihn für einen alten Soldaten gehalten haben.

Der Gärtner geht mit langen Schritten in den Garten hinein, daß der Junge
laufen muß, um Schritt mit ihm halten zu können. Der Weg ist sehr schmal,
und der Junge tritt unversehens auf die Raseneinfassung. Aber da wird ihm
sogleich eingeschärft, das Gras nicht niederzutreten, und von da an geht er
nur noch hinter seinem Führer her.

Der Junge hat das Gefühl, der Gärtner halte es für weit unter seiner Würde,
einem so kleinen Wicht wie diesem Jungen den Garten zu zeigen, deshalb wagt
er gar nichts zu fragen, sondern läuft nur mit, und lange Zeit wirft ihm
der Gärtner nur ab und zu eine Bemerkung hin. Gleich hinter der Mauer ist
eine dichte Hecke, und während die beiden hindurchgehen, sagt der Gärtner,
diese heiße er den Kolmården.

»Ja, sie ist so groß, daß sie so einen Namen wohl verdient,« erwidert der
Junge. Aber der Gärtner hört gar nicht auf das, was Nils Holgersson sagt.

Jetzt haben sie das Buschwerk hinter sich, und der Junge kann einen
ansehnlichen Teil des Gartens überschauen. Da sieht er gleich, daß dieser
keine besonders große Ausdehnung hat, er mag wohl kaum ein paar Morgen groß
sein. Im Süden und Westen beschützt ihn die Mauer, aber gegen Norden und
Osten ist er von Wasser umgeben, da braucht er keine Einfriedigung.

Jetzt bleibt der Gärtner stehen, um eine Ranke aufzubinden, und der Junge
hat Zeit, sich umzusehen. Er hat zwar in seinem Leben noch nicht viele
Gärten gesehen, aber er hat das Gefühl, daß dieser hier ganz anders sei,
als jeder andre Garten. Darüber ist er keinen Augenblick im Zweifel, daß er
in ganz altmodischer Weise angelegt sein muß, denn eine so überwältigende
Menge von kleinen Hügeln und kleinen Blumenbeeten und kleinen Hecken und
kleinen Rasenflecken und kleinen Gartenhäuschen sieht man jetzt nirgends
mehr. Und ebensowenig einen solchen Durcheinander von kleinen Teichen und
gewundenen Kanälen, wie hier auf allen Seiten zu sehen sind.

Überall stehen herrliche Bäume und liebliche Blumen, und in den kleinen
Kanälen ist durchsichtig klares, tiefgrünes Wasser, in dem sich alles
ringsum widerspiegelt. Dem Jungen kommt es vor, als sei dies das Paradies.
Er schlägt vor Entzücken die Hände zusammen und ruft: »So etwas Schönes
habe ich noch nie gesehen! Was ist doch das für ein wunderschöner Garten?«

Kaum hat der Junge diesen Ausruf getan, da wendet sich der Gärtner rasch
nach ihm um und sagt mit seiner barschen Stimme: »Der Garten heißt
Sörmland. Wer bist du denn, daß du das nicht weißt? Er hat von jeher für
einen der schönsten Gärten im ganzen Lande gegolten.«

Bei dieser Antwort wird es dem Jungen wohl ein wenig wunderlich zumute;
aber er hat so viel zu sehen, daß er gar keine Zeit hat, weiter über den
Sinn dieses Ausspruchs nachzudenken. Aber so schön alle die vielen Blumen
und die durch die Rasenflächen sich hinschlängelnden Kanäle auch sind, so
macht dem Jungen doch etwas andres noch viel mehr Spaß, nämlich die vielen
kleinen Lauben und Puppenhäuschen, die überall durch die Bäume
hindurchschimmern. Sie sind im ganzen Garten verstreut, aber die meisten
stehen doch am Rande der kleinen Teiche und der Kanäle. Es sind jedoch gar
keine richtigen Häuser, denn sie sind so klein, wie wenn sie für Leute
gebaut wären, die nicht größer sind als der Junge selbst; aber alle sind
außerordentlich hübsch und fein ausgestattet. Und alle Arten von Gebäuden
sind vertreten: die einen sehen aus wie Schlösser mit Türmen und
Seitenflügeln, andre wie Kirchen und wieder andre wie Mühlen und
Bauernhäuser.

Ja, alle sind außerordentlich hübsch, und der Junge hätte am liebsten bei
jedem einzelnen Gebäude Halt gemacht, um es genau zu betrachten, aber er
wagt nicht, vom Pfad abzuweichen, sondern geht nur immer hinter dem Gärtner
her. Bald erreichen sie ein Gebäude, das größer und stattlicher ist als
alle vorhergehenden. Es ist ein dreistöckiges Schloß mit großem Portal und
breiten Seitenflügeln, das auf einem Hügel mitten zwischen Blumenbeeten
steht, und der Weg dahin führt auf kleinen zierlichen Brücken über einen
Kanal nach dem andern.

Der Junge folgt dem Gärtner noch immer gewissenhaft dicht auf den Fersen,
er wagt nicht, etwas andres zu tun; aber als er an all dem Schönen
vorübergehen muß, entschlüpft ihm ein tiefer Seufzer, den der gestrenge
Herr nicht überhören kann. Er bleibt stehen und sagt: »Dieses Gebäude hier
heißt Eriksberg. Wenn du hineingehen willst, habe ich nichts dagegen; aber
hüte dich vor der Pintorpafrau.«

Wer sich das nicht zweimal sagen läßt, das ist der Junge. Er läuft die
Allee hinunter. Alles scheint genau für so einen kleinen Kerl, wie er ist,
ausgemessen zu sein. Die Treppenstufen haben die richtige Höhe, und er kann
jede Türklinke aufmachen. Aber nie hätte er gedacht, daß er je so etwas
Schönes zu sehen bekäme! Die eichenen Fußböden sind glänzend gebohnt, die
Zimmerdecken gegipst und reich bemalt. An den Wänden hängt Bild an Bild,
die mit Seidenstoff überzogenen Sofas und Sessel haben vergoldete Lehnen. Er
kommt in ein Zimmer, wo die Wände über und über mit Büchern bedeckt sind,
und wieder in Gemächer, wo auf den Tischen und in den Schränken herrliche
Kostbarkeiten liegen. Der Junge beeilt sich soviel wie möglich, aber er ist
eben doch erst durch das halbe Haus gegangen, als der Gärtner ihn auch
schon ruft, und als er heraustritt, steht der Alte davor und kaut
ungeduldig an seinem Schnurrbart.

»Nun, wie ist es dir ergangen?« fragt er. »Hast du die Pintorpafrau
gesehen?«

Aber der Junge ist keiner lebenden Seele begegnet, und als er dies sagt,
verzerrt sich das Gesicht des Gärtners wie in großem Schmerz.

»Hat die Pintorpafrau Ruhe gefunden und ich nicht!« sagt er; und der Junge
hätte nie geglaubt, daß eine Menschenstimme je solche Verzweiflung
ausdrücken könnte.

Dann geht der Gärtner wieder mit langen Schritten weiter, und der Junge
läuft hinter ihm her, während er versucht, wenigstens soviel wie möglich
von allen den Merkwürdigkeiten zu sehen. Jetzt geht es um einen Teich
herum, der etwas größer ist als die andern. Lange weiße Lusthäuschen, die
Herrschaftssitzen gleichen, schimmern überall zwischen den Gebüschen und
Blumengruppen hervor. Der Gärtner hält nirgends an, aber im Weitergehen
richtet er ab und zu ein paar Worte an den Jungen. »Dies hier nenne ich den
Yngaren. Dies ist Danbyholm. Hier hast du Hagbyberga. Hier Hovsta. Und hier
Åkerö.«

Kurz darauf erreicht der Gärtner mit ein paar Riesenschritten einen kleinen
Teich, den er Båven heißt. Aber hier hört er den Jungen einen Ruf des
Erstaunens ausstoßen, und so bleibt er stehen. Der Junge hat vor einer
kleinen Brücke Halt gemacht, die zu einem Schloß führt, das mitten auf dem
Teich liegt.

»Wenn du Lust hast, dann kannst du hinüberlaufen und dir Vibyholm ansehen,«
sagt er. »Aber nimm dich vor der Weißen Frau in acht.«

Und der Junge ist natürlich nicht faul, der Aufforderung Folge zu leisten.
In dem Schloß hängen ungeheuer viele Bildnisse an den Wänden, und dem
Jungen ist es fast, als sähe er ein großes Bilderbuch vor sich. Er findet
es so unterhaltend, daß er gern die ganze Nacht hier umhergegangen wäre;
aber es war noch nicht viel Zeit verstrichen, da hört er schon wieder die
Stimme des Gärtners, die ihn ruft.

»Komm, komm!« ruft er. »Ich habe noch andres zu tun, als hier auf dich zu
warten, du kleiner Knirps.«

Als der Junge wieder über die Brücke zurückeilt, ruft ihm der Gärtner zu:
»Nun, wie ist es dir ergangen? Hast du die Weiße Frau gesehen?«

Der Junge hat keine lebende Seele gesehen und sagt dies auch dem Gärtner.
Da stößt der Alte seinen Spaten so hart auf einen Stein auf, daß der Stein
zerspringt, und mit einer Stimme, die die allertiefste Verzweiflung
ausdrückt, ruft er: »Hat die Weiße Frau auf Vibyholm Ruhe gefunden und ich
nicht?«

Bis jetzt sind die beiden in dem südlichen Teil des Gartens umhergewandert;
jetzt wendet sich der Gärtner dem westlichen Teile zu. Dieser ist ganz
anders angelegt. Große ebene Rasenflächen wechseln mit Erdbeerbeeten,
Kohlfelder mit Stachel- und Johannisbeerbüschen ab. Auch hier sind kleine
Gartenhäuschen, aber die meisten sind rot angestrichen; sie sehen aus wie
Bauernhäuser und sind von Hopfengärten und Kirschbäumen umgeben.

Hier hält sich der Gärtner nicht auf; nur im Vorbeigehen sagt er zu dem
Jungen: »Diese Gegend hier heiße ich Vingåker.«

Gleich darauf deutet er auf ein Gebäude, das viel einfacher aussieht als
die übrigen und am ehesten mit einer Schmiede verglichen werden könnte.
»Dies ist eine große Werkstatt,« sagt er. »Ich nenne sie Eskilstuna. Wenn
du Lust hast, kannst du hineingehen und dich darin umsehen.«

Der Junge geht hinein; sieht aber zuerst nichts als eine ungeheure Menge
von Rädern, die schnurren, von Hämmern, die stampfen, und Winden, die
knirschen. Es ist hier so viel zu sehen, daß er wohl die ganze Nacht
dageblieben wäre, wenn ihn der Gärtner nicht gerufen hätte.

Hierauf wandern sie miteinander im nördlichen Teil des Gartens dem See
entlang. Das Ufer tritt bald zurück, ragt bald ins Wasser hinein,
Landzungen und Buchten, Buchten und Landzungen wechseln miteinander ab. Vor
den Landzungen liegen kleine Inseln, die nur durch schmale Wasserarme vom
Lande getrennt sind. Diese Inselchen gehören auch noch zum Garten. Sie sind
mit derselben Sorgfalt angelegt wie alles übrige.

Der Junge kommt an einem schönen Gebäude nach dem andern vorüber, aber der
Gärtner hält nirgends an. Jetzt gelangen sie an eine prächtige rote Kirche,
die von schwerbeladenen Obstbäumen umgeben auf einer Landzunge liegt und
sich da ganz großartig ausnimmt. Der Gärtner will auch hier nur
vorübergehen, aber der Junge faßt sich ein Herz und fragt, ob er nicht
hineingehen dürfe.

»Ja, ja, geh nur hinein,« antwortet der Gärtner. »Aber hüte dich vor dem
Bischof Rogge. Es ist wohl möglich, daß er sich bis zum heutigen Tage hier
in Strängnäs aufhält.«

Rasch läuft der Junge in die Kirche hinein und sieht da schöne
Grabdenkmäler und Altarbilder. Vor allem bewundert er in einer Kapelle
neben der Vorhalle einen Reiter in vergoldeter Rüstung. Auch hier ist so
viel zu sehen, daß der Junge gern die ganze Nacht hier zugebracht hätte;
aber er muß wieder hinaus, denn er darf den Gärtner nicht auf sich warten
lassen.

Als er wieder herauskommt, sieht er, daß der Gärtner eine Eule beobachtet,
die hinter einem Rotschwänzchen herjagt. Der Alte pfeift dem
Rotschwänzchen; es fliegt herbei und läßt sich vertrauensvoll auf der
Schulter des Gärtners nieder, und als die Eule in ihrem Jagdeifer hinter
ihm dreinfliegt, jagt er sie mit seinem Spaten fort.

»Er ist doch nicht so gefährlich, wie er aussieht,« denkt der Junge, als er
sieht, wie zärtlich der Alte den armen Singvogel beschützt.

Aber sobald der Gärtner den Jungen erblickt, wendet er sich zu ihm und
fragt, ob er den Bischof Rogge gesehen habe. Und als der Junge es verneint,
sagt er in bitterem Gram: »Hat der Bischof Ruhe bekommen und ich nicht?«

Bald erreichen sie das stattlichste von den vielen Puppenhäusern. Es ist
eine aus Backsteinen aufgeführte Burg mit drei massiven runden, durch lange
Flügel verbundenen Türmen.

[Illustration]

»Geh hinein und sieh dich um, wenn du Lust hast!« sagt der Gärtner. »Dies
ist Gripsholm, und hier mußt du dich in acht nehmen, daß du dem König Erich
nicht begegnest.«

Der Junge geht durch ein tiefes Torgewölbe und gelangt auf einen großen
dreieckigen, von niedrigen Häusern umgebenen Hof. Die Häuser sehen nicht
besonders vornehm aus, und der Junge hat keine Lust, hineinzugehen. Er
springt nur Bock über zwei lange Kanonen, die hier aufgepflanzt sind, und
eilt dann weiter. Nun geht es durch ein zweites tiefes Torgewölbe, und dann
gelangt er in einen zweiten Schloßhof, der von prächtigen Gebäuden umgeben
ist; hier geht er hinein. Er durchschreitet zuerst große altertümliche
Zimmer, wo an den Decken die Querbalken sichtbar sind und an allen Wänden
große dunkle Bilder hängen, auf denen ernst aussehende Herren und Damen in
seltsamen steifen Gewändern abgebildet sind.

Eine Treppe höher kommt der Junge durch hellere und freundlichere Gemächer.
Hier fühlt er so recht deutlich, daß er sich in einem königlichen Schloß
befindet, denn an den Wänden sind lauter glänzende Bildnisse von Königen
und Königinnen. Noch eine Treppe höher ist ein großer Bodenraum, auf den
ringsherum die verschiedenartigsten Räume münden: die einen sind
freundliche Zimmer mit schönen weißen Möbeln, dann kommt ein kleines
Theater, und gleich daneben ist ein richtiges Gefängnis, ein düsterer Raum
mit nackten, steinernen Wänden, vergitterten Fenstern und einem Boden,
dessen Fliesen von den schweren Tritten der Gefangenen ausgetreten sind.

Hier ist so viel zu sehen, daß der Junge gern viele Tage lang da verweilt
hätte; aber der Gärtner ruft ihn, und er wagt es nicht, den Ruf zu
überhören.

»Hast du König Erich gesehen?« fragt der Gärtner, als der Junge aus dem
Schlosse heraustritt. Aber der Junge hat niemand gesehen, und da sagt der
Alte wieder wie zuvor, nur mit noch größerer Verzweiflung im Ton: »Hat
König Erich zur Ruhe gehen dürfen, ich aber nicht!«

Jetzt richten die beiden ihre Schritte nach dem östlichen Teil des Gartens.
Sie kommen an einem Badeort vorüber, den der Gärtner Södertelje nennt,
sowie an einem alten Schloß, dem er den Namen Hörningsholm gibt. Hier ist
übrigens nicht viel zu sehen. Überall ragen Felsen und Klippen auf, die
immer einsamer und kahler werden, je weiter draußen sie liegen.

Jetzt wenden sie sich nach Süden, und der Junge erkennt die Hecke wieder,
die der Gärtner Kolmården nannte, und daran errät er, daß sie sich dem
Ausgange nähern.

Der Junge ist hocherfreut über alles, was er gesehen hat, und als sie nun
schon nahe bei dem großen Gittertor sind, versucht er dem Gärtner seinen
Dank auszusprechen. Aber der Alte hört gar nicht auf ihn, sondern geht nur
geradenwegs auf das Tor zu. Hier angekommen wendet er sich an den Jungen
und reicht ihm seinen Spaten. »Da, halte ihn, während ich das Tor
aufschließe,« sagt er zu dem Jungen.

Diesem aber ist es ohnedies leid, daß er dem barschen alten Mann schon so
viel Mühe gemacht hat, und er will ihm daher jede weitere Anstrengung
ersparen.

»Meinetwegen braucht Ihr das schwere Tor gar nicht aufzumachen,« sagt er
und schlüpft gleichzeitig zwischen den Gitterstäben hindurch; für so einen
kleinen Knirps hatte das natürlich nicht die geringste Schwierigkeit.

Der Junge tut es in der besten Absicht und ist höchst bestürzt, als er
hört, daß der Gärtner hinter ihm in heftigen Zorn ausbricht, auf den Boden
stampft und an dem Gitter rüttelt.

»Was ist denn? Was ist denn?« fragt der Junge bestürzt. »Ich wollte Euch ja
nur die Mühe ersparen. Warum seid Ihr denn so böse?«

»Sollte ich etwa nicht böse sein?« entgegnet der Alte. »Es wäre nichts
weiter nötig gewesen, als daß du meinen Spaten genommen hättest, dann
hättest du hierbleiben und den Garten besorgen müssen, während ich abgelöst
gewesen wäre. Jetzt weiß ich nicht, wie lange ich noch hier ausharren muß.«

Bei diesen Worten rüttelt der Gärtner wieder heftig an dem Gittertor und
sieht schrecklich zornig aus; aber dem Jungen tut er unwillkürlich von
Herzen leid und er versucht ihn zu trösten.

»Seid doch nicht so betrübt darüber, Herr Karl von Södermanland,« sagt er.
»Denn es findet sich gewiß niemand, der Euren Garten so gut pflegen würde,
wie Ihr es tut.«

Als der Junge das sagt, wird der alte Gärtner ganz still und ruhig, und der
Junge meint einen hellen Schein über die harten Züge hingleiten zu sehen.
Aber er kann es nicht deutlich sehen, denn plötzlich verblaßt die ganze
Gestalt und verschwindet wie im Nebel. Und nicht nur die Gestalt, nein,
auch der ganze Garten mit allen Blumen und Früchten und dem Sonnenschein
verbleicht und verschwindet, und wo er gestanden hat, ist nichts andres
mehr als der öde, wilde Wald.

[Illustration]



24

In Närke

Die Ysätter-Kajsa


In Närke gab es in früheren Zeiten etwas, was es anderswo gar nicht gab,
nämlich eine Hexe, die die Ysätter-Kajsa hieß.

Den Namen Kajsa hatte sie bekommen, weil sie soviel mit Sturm und Wind zu
tun hatte, und solche Wetterhexen werden immer so genannt; der Beinamen
aber war ihr gegeben worden, weil es hieß, sie stamme aus dem Ysätter Sumpf
im Kirchspiel Asker.

Es hatte allerdings den Anschein, als habe sie ihre eigentliche Heimat in
Asker, aber man sah sie auch häufig an andern Orten. In ganz Närke mußte
man stets darauf gefaßt sein, sie vor sich auftauchen zu sehen.

Sie war aber keine traurige oder unheimliche Hexe, sondern munter und
lustig, und am allerwohlsten war es ihr, wenn ein richtiger Sausewind
daherfegte. Sobald es tüchtig stürmte, machte sie sich auf, um auf der
Ebene von Närke einen ordentlichen Reigen zu tanzen.

Der Närker Bezirk ist eigentlich bloß eine einzige Ebene, die von allen
Seiten von waldigen Höhen umgeben ist. Nur im nordöstlichsten Winkel
durchbricht der Hjälmar die lange Gebirgsmauer.

Wenn nun der Wind am Morgen draußen auf der Ostsee ordentlich Kräfte
gesammelt hat und sich ins Land hinein auf den Weg macht, fährt er
ungehindert zwischen den Sörmländer Hügeln hindurch und gelangt ohne
jegliche Schwierigkeit dort am Hjälmar nach Närke hinein. Hier fegt er quer
über die Ebene hin; aber gerade gegenüber stößt er im Westen auf die hohe
Kilsberger Felsenwand und wird von dieser zurückgeworfen. Da krümmt sich
der Wind wie eine Schlange und jagt gegen Süden. Aber hier trifft er auf
den Tived und bekommt einen Stoß, der ihn nach Osten schleudert. Im Osten
jedoch liegt der Tylöwald, und dieser schickt den Wind nordwärts zu dem
Kägla. Und von dem Kägla jagt der Wind aufs neue gegen Kilsberg, Tived und
den Tylöwald.

So geht es fort: der Wind dreht und dreht sich in immer kleineren Kreisen,
bis er sich schließlich wie ein Kreisel mitten auf der Ebene um sich selbst
dreht. Aber an solchen Tagen, wenn der Wirbelwind über die Ebene hinfuhr,
da war die Ysätter-Kajsa so recht vergnügt. Dann stand sie mitten drin im
Wirbel und drehte sich selbst wie ein Kreisel. Ihr langes Haar flatterte
bis hinauf zu den Wolken, ihr Gewand schleifte über den Boden hin wie eine
Staubwolke, und die ganze Ebene breitete sich unter ihr aus wie ein
Tanzboden.

Morgens saß die Ysätter-Kajsa meist auf einer hohen Tanne am Bergabhang und
schaute über die Ebene hin. Zur Winterzeit, wenn es tüchtig geschneit
hatte, kamen viele Schlitten dahergefahren. Und sobald Kajsa die Schlitten
sah, trieb sie eiligst ein ordentliches Schneegestöber daher und fegte so
hohe Schneewehen zusammen, daß die Leute nur mit Mühe und Not wieder nach
Hause kommen konnten. Bei schönem Sommerwetter aber, zur Zeit der Heuernte,
saß die Ysätter-Kajsa ganz still auf ihrem Baum, bis die ersten Heuwagen
hoch beladen zur Abfahrt bereit waren. Dann aber hui! sauste sie mit ein
paar Platzregen daher, die der Arbeit für diesen Tag ein Ende machten.

Soviel war sicher, daß sie selten an etwas andres dachte, als Unheil
anzurichten. Die Kohlenbrenner droben in den Kilsbergen wagten die ganze
Nacht kaum ein Auge zu schließen; denn sobald Kajsa einen unbewachten
Meiler sah, kam sie leise herbeigeschlichen und blies hinein, bis die
hellen Flammen herausschlugen. Und wenn die Fuhrleute von Laxå und Svartå
einmal noch spät abends mit Erzlasten unterwegs waren, hüllte Kajsa den Weg
und die ganze Gegend in so dichten Nebel, daß Menschen und Pferde sich
verirrten und mit den schweren Karren in Moore und Sümpfe hineingerieten.

Wenn die Pröpstin von Glanshammar an einem schönen Sommertage den
Kaffeetisch draußen im Garten gedeckt hatte, und dann ein Windstoß
daherkam, der die Decke aufwirbelte und Tassen und Teller umwarf, da wußte
man schon, wem man diesen Spaß zu verdanken hatte. Wenn dem Bürgermeister
von Örebro der Hut vom Kopf geweht wurde und er ihm über den ganzen
Marktplatz nachlaufen mußte, wenn die Leute von Vinö mit ihren Gemüsebooten
im Hjälmar auf den Grund fuhren, wenn zum Trocknen aufgehängte Wäsche
heruntergerissen und in den Schmutz geworfen wurde, wenn am Abend der Rauch
in die Stuben hineindrang und es aussah, als könne er den Weg durch den
Schornstein gar nicht finden, dann herrschte keine Spur von Zweifel
darüber, wer sich auf diese Weise die Zeit vertrieb.

Aber wenn auch die Ysätter-Kajsa ihre Lust an lauter solchem Schabernack
hatte, war sie doch im Grunde ihres Herzens nicht eigentlich boshaft. Man
merkte wohl, daß sie mit den Händelsüchtigen, den Geizigen und den
Hartherzigen am schlimmsten verfuhr, die guten Leute dagegen und die armen
Kinder nahm sie sehr oft in Schutz. Und alte Leute erzählen auch heute
noch, die Ysätter-Kajsa sei, als in Asker die Kirche brannte, mitten in den
Rauch und die hohen Flammen hineingefahren und habe die Gefahr abgewendet.

Immerhin waren die Leute in Närke der Wetterhexe oft recht überdrüssig, sie
jedoch, die Ysätter-Kajsa, war ihrer tollen Streiche nie überdrüssig. Wenn
sie droben auf dem Rande einer Wolke saß und auf Närke hinabschaute, das so
freundlich und wohlhabend dalag, mit seinen stattlichen Bauernhöfen auf der
Ebene und seinen reichen Erzgruben und Bergwerken in dem Gebirge, mit dem
langsam dahinfließenden Svartå, den seichten fischreichen Binnenseen, der
guten Stadt Örebro, die sich rings um das ernstaufragende Schloß mit den
massiven Ecktürmen ausbreitete, dann dachte sie gewiß: »Hier hätten es die
Menschen sicherlich allzugut, wenn ich nicht da wäre. Hier muß jemand sein
wie ich, der sie aufrüttelt und in Atem erhält.«

Dann stieß sie ein wildes, gellendes Gelächter aus, das klang wie das
Schreien einer Elster, und jagte davon, tanzend und wirbelnd von einem Ende
der Ebene zum andern. Und wenn die Bewohner von Närke sahen, wie sie ihre
Staubschleppe über die Ebene hinzog, konnten sie ein Lächeln nicht
unterdrücken. Denn unartig und neckisch war sie, das konnte nicht geleugnet
werden, aber sie hatte auch einen herrlichen Humor. Der Umgang mit der
Ysätter-Kajsa war für die Bauern ebenso belebend, wie der Sturmwind für die
Ebene, wenn er so recht toll darüber hinfegte.

Heutigentages wird nun behauptet, die Ysätter-Kajsa sei längst tot und
begraben, wie alles andre Hexen- und Zaubervolk auch. Aber das kann man
fast nicht glauben. Das wäre gerade, wie wenn jemand daherkäme und
behaupten wollte, die Luft werde von jetzt an über der Ebene ganz still
stehen und der Sturm werde nie mehr mit Saus und Braus und frischem Wind
und gewaltigem Platzregen darüber hinwirbeln.

Ja, wer da meint, die Ysätter-Kajsa sei tot und begraben, der soll nur
hören, wie es in jenem Jahr in Närke ging, wo Nils Holgersson durch diese
Gegend zog, und dann soll er selbst sagen, was er darüber denkt.


Der Jahrmarktsabend

                                                  Mittwoch, 27. April

Es war am Tag vor dem großen Viehmarkt in Örebro, und es goß so vom Himmel
herunter, daß man draußen nichts mehr voneinander unterscheiden konnte. Das
war ein Regen gerade wie die Sündflut. Der Himmel schien alle seine
Schleusen geöffnet zu haben, und gar mancher dachte im stillen: »Dies ist
ganz wie zur Zeit der Ysätter-Kajsa. Gerade an den Jahrmärkten, da trieb
sie den tollsten Schabernack. So ein Regenwetter am Vorabend des
Jahrmarktes, das hätte ihr gepaßt.«

Je weiter der Abend vorrückte, desto schlimmer wurde der Regen. Als die
Dunkelheit einbrach, ging ein wahrer Wolkenbruch nieder, die Wege wurden
ganz grundlos, und den Leuten, die mit ihrem Vieh unterwegs waren, um bei
guter Zeit nach Örebro zu kommen, ging es schlecht. Die Kühe und Ochsen
waren übermüdet und sträubten sich, weiterzugehen, mehrere von den armen
Tieren warfen sich mitten auf der Landstraße zu Boden, um zu zeigen, daß
sie nicht mehr weiter könnten. Alle die Leute, die am Wege wohnten, mußten
den Jahrmarktbesuchern Tür und Tor öffnen und sie so gut es eben ging für
die Nacht aufnehmen. Alles war überfüllt, nicht nur die Wohnhäuser, nein,
auch die Ställe und Scheunen.

Wer nur immer konnte, versuchte indes sich bis zum Wirtshaus
durchzukämpfen; aber wer es erreicht hatte, bereute fast, nicht in einem
der Häuser an der Straße geblieben zu sein, denn alle Stände in den
Kuhställen und alle Krippen im Pferdestall waren längst besetzt. Die armen
Leute hatten keine Wahl, sie mußten ihre Pferde und Kühe unter freiem
Himmel im Regen stehen lassen, ja, ihre Besitzer selbst konnten nur mit
Mühe und Not unter Dach und Fach kommen.

Auf dem Hofplatz war ein Gedränge, ein Schmutz und eine Nässe, die man gar
nicht beschreiben konnte. Viele von den Tieren standen geradezu im Wasser
und konnten sich nicht einmal niederlegen. Manchen von den Bauern gelang es
allerdings, Stroh für ihr Vieh zu ergattern, da konnten sich die armen
Tiere wenigstens niederlegen, und man konnte sie notdürftig zudecken; andre
aber saßen drin im Wirtshaus, tranken und spielten und vergaßen darüber ihr
Vieh, für das sie sorgen sollten, vollständig.

Nils Holgersson und die Wildgänse hatten an diesem Abend einen Holm im
Hjälmar erreicht. Die kleine Insel war nur durch einen schmalen, seichten
Wasserarm vom Lande getrennt; bei niedrigem Wasserstand konnte man
trockenen Fußes hinüberkommen.

Auf dem Holm draußen regnete es ebenso heftig wie sonst überall auch. Der
Junge konnte bei dem Regen, der unaufhörlich auf ihn herabfiel, nicht
einschlafen. Schließlich stand er auf und wanderte auf der Insel umher. Er
meinte, er fühle den Regen weniger, wenn er sich bewegte.

Kaum war er rings auf der Insel herumgegangen, als er in dem Wasser, das
den Holm vom Festland trennte, ein Plätschern hörte, und schon im nächsten
Augenblick sah er ein einzelnes Pferd zwischen den Büschen daherkommen. Es
war eine alte Mähre, ein so elendes, kraftloses Pferd, wie Nils Holgersson
noch nie eines gesehen hatte. Es war lendenlahm und steifbeinig und
entsetzlich mager, man konnte alle Rippen unter der Haut zählen. Es trug
weder Sattel noch Zaumzeug, nur eine alte Halfter, von der ein
halbverfaultes Strickende herunterhing. Offenbar hatte ihm das Losreißen
keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Das Pferd ging geradenwegs auf die Stelle zu, wo die Wildgänse schliefen,
und der Junge bekam Angst, es könnte sie treten. »Wohin willst du? Nimm
dich in acht!« rief er dem Pferde zu.

»Ach so, da bist du,« sagte das Pferd und kam auf den Jungen zu. »Ich bin
eine ganze Meile weit gegangen, dich zu finden.«

»Weißt du denn etwas von mir?« fragte der Junge verwundert.

»Ich habe ja wohl Ohren zum Hören, wenn ich auch alt bin. Es wird
gegenwärtig viel von dir gesprochen.«

Während es dies sagte, senkte das Pferd den Kopf, um besser sehen zu
können, und Nils Holgersson bemerkte, daß es einen kleinen Kopf mit schönen
Augen und einem feinen, weichen Maule hatte.

»Das ist einstmals ein gutes Pferd gewesen, wenn es auch auf seine alten
Tage heruntergekommen ist,« dachte der Junge.

»Ich möchte dich bitten, mit mir zu gehen und mir in einer Sache
beizustehen,« sagte das Pferd.

Der Junge dachte, es wäre wohl eine gewagte Sache, mit so einem elenden
Geschöpf fortzugehen, und entschuldigte sich mit dem schlechten Wetter.

Doch das Pferd sagte: »Auf meinem Rücken hast du es nicht schlechter, als
wenn du hier liegst. Aber du hast vielleicht den Mut nicht, mit so einer
alten Schindmähre, wie ich eine bin, wegzugehen.«

»O doch, dazu habe ich schon den Mut,« sagte der Junge.

»Dann wecke jetzt die Gänse, damit wir mit ihnen ausmachen, wo sie dich
morgen wieder abholen werden,« sagte das Pferd.

Kurz darauf saß Nils Holgersson auf dem Rücken des Pferdes, das viel besser
trabte, als der Junge gedacht hatte; aber es war doch ein weiter Ritt durch
Nacht und Regen, bis sie endlich vor einer großen Herberge Halt machten.
Hier sah es schrecklich unheimlich aus. Die Wagengeleise auf der Straße
waren übermäßig tief; der Junge war überzeugt, er würde ertrinken, wenn er
da hineinfiele. An dem Lattenzaun, der das Gehöft rings umgab, waren
ungefähr dreißig bis vierzig Pferde und Kühe angebunden; ohne jeglichen
Schutz gegen den Regen standen sie da, und innen im Hofraum sah Nils
Holgersson Karren mit hohen Kisten, in denen Schafe und Kälber, Schweine
und Hühner untergebracht waren.

Das Pferd stellte sich an dem Lattenzaun auf. Der Junge saß noch auf seinem
Rücken, und mit seinen guten Nachtaugen, die er seit seiner Verzauberung
hatte, sah er ganz deutlich, wie schlecht es die armen Tiere hier hatten.

»Wie kommt es nur, daß ihr hier außen im Regen steht?« fragte er.

»Wir sind auf dem Wege nach dem Jahrmarkt in Örebro, aber des Regens wegen
mußten wir hier haltmachen. Dies ist zwar eine Herberge, es sind jedoch so
viele Reisende angekommen, daß wir keinen Platz mehr im Hause fanden.«

Der Junge erwiderte nichts; schweigend schaute er sich um. Nicht viele von
den Tieren schliefen, von allen Seiten ertönten Klagen und lautes Murren.
Und die armen Geschöpfe hatten allen Grund zum Jammern, denn das Wetter war
jetzt noch schlimmer als am Tage. Ein eiskalter Wind hatte sich erhoben,
und der scharfe peitschende Regen war jetzt mit Schnee vermischt. Da war es
nicht schwer zu erraten, welche Hilfe das Pferd von dem Jungen verlangte.

»Siehst du dort den großen Bauernhof, der dem Wirtshause gerade gegenüber
liegt?« fragte das Pferd.

»Jawohl,« sagte der Junge, »ich sehe ihn, und ich begreife nicht, warum ihr
nicht dort um Obdach gebeten habt. Ist dort auch schon alles voll?«

»Nein, es sind keine fremden Tiere dort,« antwortete das Pferd. »Aber die
Besitzer dieses Hofes sind so geizig und ungefällig, daß es gar nichts
nützen könnte, wenn man sie um ein Obdach bitten würde.«

»Ach, so hängt es also zusammen! Ja, dann müßt ihr freilich bleiben, wo ihr
seid.«

[Illustration]

»Aber ich bin auf dem Hofe drüben geboren und aufgewachsen,« sagte das
Pferd, »und ich weiß, daß dort ein großer Pferdestall und auch ein Kuhstall
ist mit vielen Krippen und Ständen, und ich möchte wissen, ob du uns nicht
den Eintritt dazu verschaffen könntest.«

»Ach nein, dazu habe ich sicher den Mut nicht,« erwiderte der Junge. Aber
die armen Tiere taten ihm schrecklich leid, und so entschloß er sich, es
jedenfalls einmal zu versuchen.

Er lief hinüber auf den fremden Hof und sah da gleich, daß alle
Wirtschaftsgebäude verschlossen und alle Schlüssel abgezogen waren. Ratlos
und hilflos stand er da, doch da wurde ihm von einer ganz unerwarteten
Seite Hilfe zuteil. Mit gewaltigem Sausen kam plötzlich eine Windsbraut
dahergefahren und riß eine große Scheunentür auf, vor der der Junge eben
Halt gemacht hatte.

Natürlich kehrte der Junge mit größter Eile zu dem Pferde zurück und sagte:
»Ihr könnt zwar nicht in die Ställe hinein, aber eine große leere Scheune
ist zu schließen vergessen worden, und dahin will ich euch führen.«

»Dafür sollst du schön bedankt sein,« sagte das Pferd. »Es wird mir gut
tun, wenn ich noch einmal in meiner alten Heimat schlafen darf. Dies ist
die einzige Freude, die mir in meinem Leben noch zuteil werden kann.«

Auf dem reichen Bauernhofe, der dem Wirtshaus gerade gegenüber lag, waren
indes die Bewohner an diesem Abend viel länger als gewöhnlich aufgeblieben.

Der Bauer war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren. Er war groß und
schlank und hatte ein schönes, aber etwas finsteres Gesicht. Am Tage war er
im Regen draußen gewesen und war da ebenso naß geworden wie alle andern
Leute auch. Deshalb hatte er beim Abendessen seine alte Mutter, die noch
Herrin auf dem Hofe war, gebeten, ein Feuer auf der offenen Feuerstelle
anzuzünden, damit er seine Kleider trocknen könnte. Die Mutter hatte ein
ärmliches Holzfeuerchen angezündet, denn in diesem Hause wurde kein
Brennholz verschwendet, und der Bauer hatte seinen Rock auf einem Stuhl
dicht vor dem Feuer aufgehängt. Dann hatte er den Fuß auf den Herd
gestellt, den Ellbogen aufs Knie gestützt und nachdenklich in die Flammen
geschaut. So stand er nun schon seit mehreren Stunden, ohne sich zu rühren;
die einzige Bewegung, die er machte, war, ab und zu ein neues Stück Holz
aufs Feuer zu werfen.

Die Mutter hatte den Tisch abgeräumt und sein Bett hergerichtet, dann war
sie ins Hinterstübchen gegangen und hatte es sich da bequem gemacht. Von
Zeit zu Zeit trat sie an die Tür und sah ihren Sohn fragend an, der noch
immer vor dem Feuer stand und nicht zu Bett ging.

»Es fehlt mir nichts, Mutter,« sagte er. »Ich muß nur an etwas aus früherer
Zeit denken.«

Die Sache aber war die: Als der Sohn bei seiner Heimkehr am Wirtshaus
vorbeigekommen war, hatte ihn ein Pferdehändler gefragt, ob er nicht ein
Pferd kaufen wolle. Dabei hatte er ihm einen alten Gaul gezeigt, der so
jämmerlich zugerichtet war, daß der Bauer den Mann unwillkürlich mit den
Worten anfuhr, er müsse ja verrückt sein, wenn er meine, er könne ihn mit
so einer Schindmähre anführen.

»Ach nein,« antwortete der Pferdehändler, »das meine ich nicht. Aber da
dieses Pferd früher in Euerm Besitz war, dachte ich, Ihr hättet vielleicht
Lust, ihm das Gnadenbrot zu gewähren, denn das tut ihm not.«

Da hatte der Bauer das Pferd näher angesehen und es wieder erkannt. Ja, er
hatte es einst selbst großgezogen und eingefahren. Aber deshalb fiel es ihm
doch nicht ein, so ein altes, unbrauchbares Tier zu kaufen. Nein, davon
konnte keine Rede sein. Er gehörte nicht zu denen, die ihr Geld wegwarfen!

Trotzdem hatte der Anblick des Pferdes viele Erinnerungen in ihm
wachgerufen, und diese Erinnerungen hielten ihn jetzt fest. Deshalb mochte
er nicht zu Bett gehen.

Ach ja, dieses Pferd war ein gutes, ein flottes Tier gewesen! Sein Vater
hatte es von Anfang an ihm allein überlassen. Er hatte es eingefahren, und
es war ihm lieber gewesen als alles andre, was er sein eigen nannte. Der
Vater hatte sich beklagt, daß er es zu gut füttere, und da hatte er oft den
Hafer für seinen Liebling stibitzt.

Solange er dieses Pferd hatte, ging er nie zu Fuß in die Kirche, sondern
fuhr immer, und zwar aus keinem andern Grunde, als um mit seinem Pferde
groß zu tun. Er selbst trug eigengewobene und eigengemachte Kleider, das
Fuhrwerk war ärmlich und unangestrichen, aber das Pferd war das schönste
Tier, das den Kirchenhügel hinauffuhr.

Einmal hatte er sich ein Herz gefaßt und seinen Vater gefragt, ob er sich
nicht einen Tuchanzug kaufen und das Fuhrwerk mit Ölfarbe anstreichen
dürfe. Aber der Vater hatte ihn wie versteinert angesehen, ja, der Sohn
hatte einen Augenblick gefürchtet, den Vater werde der Schlag treffen. Er
hatte dann versucht, seinem Vater begreiflich zu machen, daß er, wenn er
mit einem so prächtigen Pferd fahre, selbst auch ein wenig hübsch aussehen
sollte.

Der Vater hatte gar nichts gesagt, aber ein paar Tage nachher war er mit
dem Pferd nach Örebro gegangen und hatte es da verkauft.

Das war grausam vom Vater gewesen; aber dieser hatte offenbar gefürchtet,
das Pferd könnte den Sohn zur Eitelkeit und zur Verschwendung verleiten.
Und jetzt, so lange nachher, mußte der Sohn zugeben, daß der Vater damals
recht gehabt hatte. Ein solches Pferd konnte einem wohl zum Fallstrick
werden. Aber im Anfang war ihm der Verlust seines Lieblings schrecklich
nahe gegangen. Von Zeit zu Zeit war er nur deshalb nach Örebro gefahren,
um, an einer Straßenecke stehend, das Pferd vorbeifahren zu sehen, oder um
sich mit einem Stück Zucker zu ihm in seinen neuen Stall zu schleichen.

»Wenn der Vater stirbt und ich den Hof bekomme, dann kaufe ich mir mein
Pferd wieder. Das ist das erste, was ich tue,« hatte er damals gesagt.

Jetzt war der Vater tot, und er selbst saß schon seit mehreren Jahren auf
dem Hofe; aber er hatte keinen einzigen Versuch gemacht, das Pferd wieder
zu kaufen. Ja, seit langer Zeit hatte er an diesem Abend zum ersten Male
wieder an das Tier gedacht.

Wie merkwürdig, daß er es so ganz und gar hatte vergessen können! Aber der
Vater war ein sehr gebieterischer und eigensinniger Mann gewesen, und als
der Sohn erwachsen war und die beiden den Hof miteinander bewirtschafteten,
da hatte sein Vater große Gewalt über ihn bekommen. Schließlich dachte er,
alles, was der Vater tat, sei gut und recht. Und als er dann selbst den Hof
bekam, hatte er sich nur immer Mühe gegeben, in allem genau so zu handeln,
wie sein Vater gehandelt hatte.

Er wußte ja wohl, daß die Leute sagten, sein Vater sei geizig gewesen; aber
es war doch gewiß nur recht, wenn man den Geldbeutel fest zumachte und das
Geld nicht unnötig zum Fenster hinauswarf. Man durfte das Hab und Gut, das
einem anvertraut worden war, nicht vergeuden. Besser ein Geizhals heißen
und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die andern Bauern
mit großen Hypotheken herumschlagen müssen.

So weit war der Bauer in seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich heftig
zusammenfuhr, weil er etwas Sonderbares gehört hatte. Es war, als ob eine
laute, spottende Stimme gerade das wiederholte, was er eben gedacht hatte.
»Es ist am besten, den Geldbeutel fest zuzumachen. Es ist besser, ein
Geizhals heißen und auf einem schuldenfreien Hofe sitzen, als sich wie die
andern Hofbesitzer mit Hypotheken herumschlagen müssen.«

Das klang gerade, als wolle sich jemand über seine Klugheit lustig machen,
und er war auf dem Punkt, in Wut zu geraten, als er entdeckte, daß alles
auf einem Irrtum beruhte. Draußen hatte sich ein heftiger Wind erhoben, er
aber hatte die ganze Zeit hier gestanden und war schläfrig geworden; da
hatte er das Heulen des Windes im Schornstein für eine menschliche Stimme
gehalten.

Er wendete sich um und sah auf die große Wanduhr; es schlug eben elf Uhr.
»Da ist es höchste Zeit, daß du zu Bett gehst,« dachte er. Aber dann fiel
ihm ein, daß er seine allabendliche Runde auf dem Hofe noch nicht gemacht
hatte, um nachzusehen, ob alle Türen und Läden geschlossen und alle Lichter
gelöscht seien. Dies hatte er noch nie unterlassen, seit er Herr auf dem
Hofe geworden war. Rasch warf er seinen Rock über und ging in den Regen
hinaus.

Draußen fand er alles, wie es sein sollte, nur die Tür der leeren Scheune
war vom Wind aufgerissen worden. Er holte also den Schlüssel, verschloß die
Scheune und steckte den Schlüssel in die Rocktasche. Dann kehrte er in die
Stube zurück, zog den Rock aus und hängte ihn aufs neue vors Feuer. Aber er
ging auch jetzt noch nicht zu Bett, sondern wanderte in der Stube hin und
her. Das war doch ein gräßliches Wetter! So ein durchdringend kalter Wind
und ein eisiger Schneeregen! Und sein altes Pferd stand nun da draußen,
ohne auch nur eine Decke als Schutz gegen das Unwetter zu haben! Er müßte
doch eigentlich hinausgehen und seinem alten Freund ein Obdach gewähren, da
er nun doch einmal in diese Gegend gekommen war.

Jetzt hörte der Junge in dem gegenüberliegenden Gasthof eine alte Uhr mit
schrillem Ton elf Uhr schlagen. Er war gerade im Begriff, die Tiere
loszubinden, um sie in den Bauernhof hineinzuführen. Es dauerte ziemlich
lange, bis er sie geweckt und aufgestellt hatte; aber schließlich war alles
in Ordnung, und in einer langen Reihe, der Junge als Wegweiser voran,
bewegte sich der Zug in den Hof des geizigen Bauern hinein.

Aber während der Junge mit den Tieren beschäftigt gewesen war, hatte der
Bauer seine Runde beendet und das Scheunentor zugeschlossen. Als nun der
Junge vor der Scheune ankam, war der Eingang versperrt. Ganz bestürzt blieb
der Junge stehen. Aber nein, die armen Tiere konnte er nicht hier draußen
lassen. Er mußte ins Haus hinein und sich den Schlüssel verschaffen.

»Sorge dafür, daß sie sich still verhalten, während ich den Schlüssel
hole,« sagte er zu dem alten Pferd. Mit diesen Worten eilte er davon.

Mitten auf dem Hofplatz hielt er an, um zu überlegen, wie er ins Haus
hineinkommen sollte. Während er noch gedankenverloren dastand, sah er auf
der Straße zwei kleine Wanderer daherkommen, und jetzt eben machten sie vor
dem Wirtshaus halt.

Der Junge sah gleich, daß es zwei kleine Mädchen waren, und er lief auf sie
zu, denn er dachte, sie würden ihm vielleicht helfen können.

»Komm, Britta Marie,« sagte das eine von den Kindern, »jetzt darfst du
nicht mehr weinen. Hier ist die Herberge. Hier bekommen wir gewiß ein
Nachtlager.«

Kaum hatte das Mädchen dies gesagt, als der Junge ihr auch schon zurief:
»Nein, ihr braucht gar nicht erst zu fragen, ob man euch im Wirtshaus
aufnehmen wolle, denn das ist ganz unmöglich. Aber in dem Bauernhof hier
sind keine Gäste. Gehet nur hinein!«

Die beiden kleinen Mädchen hörten die Worte deutlich, konnten aber den, der
mit ihnen sprach, nicht sehen. Sie verwunderten sich indes nicht weiter
darüber, denn ringsum war es stockdunkel. Das größere Mädchen erwiderte
denn auch sogleich: »In diesen Hof wollen wir nicht hineingehen, denn die
Leute, die darin wohnen, sind hart und geizig. Sie sind schuld daran, daß
wir hier auf der Landstraße betteln gehen müssen.«

»Das ist wohl möglich,« sagte der Junge. »Aber gehet trotzdem nur hinein;
ihr werdet sehen, es läuft alles gut ab.«

»Nun, wir können es jedenfalls versuchen, aber man wird uns nicht einmal
hineinlassen,« sagten die beiden Kinder; damit gingen sie auf das Wohnhaus
zu und klopften an die Tür.

Der Bauer stand noch immer am Feuer und dachte an sein altes Pferd; da
drang das Klopfen der Kinder an sein Ohr. Er ging an die Haustür, um zu
sehen, wer draußen sei, beschloß aber zugleich, sich gewiß nicht überreden
zu lassen, irgendeinen Wanderer aufzunehmen. Aber in dem Augenblick, wo er
einen Spalt an der Tür öffnete, lag auch schon die Windsbraut auf der
Lauer. Sie riß dem Bauern die Tür aus der Hand und warf ihn selbst gegen
die Wand zurück. Um die Tür wieder zuzuziehen, mußte er auf die Haustreppe
hinaustreten, und als er in die Stube zurückkehrte, standen die beiden
Kinder schon mitten darin.

Es waren zwei arme, schmutzige, in Lumpen gehüllte, halb verhungerte
Bettelkinder, zwei kleine Mädchen, die unter der Last von zwei
Bettelsäcken, die ebenso groß waren wie sie selbst, heftig keuchten.

»Was seid denn ihr für Pack, das noch so spät in der Nacht unterwegs ist?«
fragte der Bauer unfreundlich.

Die beiden Kinder antworteten nicht sogleich, sondern stellten zuerst ihre
Säcke ab. Dann traten sie mit zum Gruß ausgestreckten Händen auf den Bauern
zu. »Wir sind die Anne und die Britta Marie vom Engärd,« sagte die ältere,
»und wir möchten um eine Nachtherberge bitten.«

Der Bauer ergriff die ihm dargebotenen Händchen nicht, ja, er wollte die
beiden Bettelmädchen gerade vor die Tür setzen, als eine neue Erinnerung
vor ihm auftauchte. Das Engärd war ein kleines Haus, wo eine bedürftige
Witwe mit ihren fünf Kindern gewohnt hatte. Die Witwe war dem alten Bauern
einige hundert Kronen schuldig gewesen, und um seine Forderung zu
befriedigen, hatte der Bauer ihre Hütte verkaufen lassen. Die Witwe war
hierauf mit ihren drei ältesten Kindern nach Nordland gezogen, dort Arbeit
zu suchen, die beiden jüngeren aber waren der Gemeinde zur Last gefallen.

Dem Bauern stieg der Ärger auf, als er an dieses Vorkommnis dachte. Er
wußte, wie sehr sein Vater im Kirchspiel verurteilt worden war, weil er das
Geld verlangt hatte, das ihm doch von Rechts wegen gehört hatte.

»Was tut ihr denn gegenwärtig?« fragte er mit barscher Stimme. »Sorgt denn
der Armenpfleger nicht für euch? Warum streicht ihr auf der Landstraße
umher und bettelt?«

[Illustration]

»Wir können nichts dafür,« antwortete das ältere Mädchen. »Die Leute, bei
denen wir sind, haben uns auf den Bettel ausgeschickt.«

»Ja, und ihr könnt euch nicht beklagen, denn eure Säcke sind ja ganz voll,«
sagte der Bauer. »Es ist am besten, ihr esset euch an dem, was ihr darin
habt, satt, denn hier gibt es nichts zu essen. Alle Frauenzimmer auf dem
Hofe sind schon zu Bett. Und dann könnt ihr euch hier in die Ecke am Herd
legen, da friert ihr nicht.«

Dabei machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wie um die Kinder
zurückzuscheuchen, und seine Augen nahmen einen fast harten Ausdruck an,
denn er dachte, er müsse ja froh sein, daß er einen Vater gehabt hatte, der
um sein Besitztum besorgt gewesen war, sonst hätte er, der Sohn,
vielleicht auch als kleiner Junge mit dem Bettelsack umherlaufen müssen,
wie diese Kinder hier.

Kaum hatte der Bauer diesen Gedanken zu Ende gedacht, als die gellende,
spöttische Stimme, die er an diesem Abend schon einmal gehört hatte, Wort
für Wort wiederholte. Er horchte und erkannte gleich, daß es keine
Menschenstimme war, sondern nur der Wind, der im Schornstein sein Wesen
trieb. Aber es war seltsam, sobald der Wind seine Gedanken in dieser Weise
laut wiederholte, erschienen sie ihm merkwürdig dumm, hartherzig und
falsch.

Die Kinder hatten sich indessen nebeneinander auf dem harten Boden
ausgestreckt; aber sie waren nicht still, sondern murmelten noch etwas vor
sich hin.

»Wollt ihr wohl schweigen!« rief der Bauer. Er war jetzt in so gereizter
Stimmung, daß er die Kinder hätte schlagen können.

Aber das Gemurmel hörte nicht auf, obgleich er den Kindern noch einmal
barsch zu schweigen befahl.

»Als unsere Mutter von uns fortging,« sagte da plötzlich eine helle
Kinderstimme, »mußte ich ihr versprechen, mein Abendgebet nie zu vergessen.
Dieses Versprechen muß ich halten und Britta Marie auch. Sobald wir: >Müde
bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Augen zu< gebetet haben, sind wir
ganz still.«

Der Bauer blieb wortlos sitzen und hörte die Kleinen ihr Abendgebet
sprechen. Dann ging er mit langen Schritten im Zimmer hin und her, und
zuweilen preßte er wie in großer Seelenangst die Hände zusammen.

Das Pferd zugrunde gerichtet! Die beiden Kinder zu umherstrolchenden
Bettlern gemacht! Und beides das Werk seines Vaters! Ach, was der Vater
getan hatte, war am Ende doch nicht immer ganz recht gewesen!

Er warf sich auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Plötzlich
begann es in seinem Gesicht zu zucken; die Tränen traten ihm in die Augen,
aber rasch wischte er sie weg. Doch neue Tränen drangen hervor, und es half
nichts, daß er auch diese eilig wegwischte, es kamen immer neue.

Jetzt öffnete seine Mutter die Tür des Hinterstübchens, und eilig drehte
der Bauer seinen Stuhl um, damit er ihr den Rücken zuwendete. Aber sie
mußte doch etwas Außergewöhnliches gemerkt haben, denn sie blieb eine gute
Weile hinter ihm stehen, wie wenn sie darauf wartete, daß er etwas sage.
Dann fiel ihr ein, wie schwer es den Männern immer wird, von dem zu
sprechen, was sie am tiefsten berührt; ja, sie mußte ihm wohl ein wenig
helfen.

Vom Hinterstübchen aus hatte sie gesehen, was sich in der großen Stube
zugetragen hatte; sie brauchte deshalb nicht zu fragen. Sie ging nur ganz
leise zu den beiden schlafenden Kindern hin, hob sie auf, trug sie ins
Hinterstübchen und legte sie da in ihr eigenes Bett. Dann kam sie wieder zu
dem Sohne heraus.

»Du, Lars,« sagte sie und tat, als sähe sie gar nicht, daß er weinte. »Laß
mich die Kinder hier behalten!«

»Was sagst du, Mutter?« fragte er und versuchte seine Tränen zu
unterdrücken.

»Ich habe sie schon immer herzlich bedauert, gleich damals, als dein Vater
ihrer Mutter das Haus verkaufte. Und auch du hast Mitleid mit ihnen
gehabt.«

»Ja, aber ...«

»Ich möchte sie gerne hier behalten und ordentliche Menschen aus ihnen
machen. Sie sind zu gut zum Betteln.«

Der Bauer konnte nichts erwidern, denn jetzt stürzten ihm die hellen Tränen
aus den Augen; er ergriff die runzlige Hand seiner Mutter und streichelte
sie.

[Illustration]

Doch plötzlich fuhr er, wie von Angst erfaßt, jäh auf. »Was würde der Vater
dazu sagen?« rief er.

»Der Vater hat zu seiner Zeit hier geherrscht, jetzt ist die deinige
gekommen. Solange der Vater lebte, mußte ihm gehorcht werden. Jetzt aber
ist die Reihe an dir, zu zeigen, wer du bist.«

Der Sohn war so überrascht über diese Worte, daß seine Tränen versiegten.
»Aber ich zeige mich doch, wie ich bin!« sagte er.

»Nein,« erwiderte seine Mutter, »das tust du eben nicht. Du gibst dir nur
alle Mühe, deinem Vater zu gleichen. Der aber hat harte Zeiten hier
durchgemacht, und deshalb graute ihm vor der Armut. Er meinte, er sei
verpflichtet, in erster Linie nur immer an sich selbst zu denken. Du aber
hast solche schwere Zeiten, die dich hätten hart machen können, nie
gekannt. Du hast mehr, als du brauchst, und da wäre es unnatürlich, wenn du
nicht auch an andre denken würdest.«

Hinter den beiden Kindern war der Junge ins Haus und in die Stube
hineingeschlüpft und hatte sich da in einem dunkeln Winkel versteckt. Schon
im ersten Augenblick hatte er den Scheunentürschlüssel, der aus der
Rocktasche des Bauern herausguckte, entdeckt.

»Wenn der Bauer die Kinder fortschickt, nehme ich den Schlüssel und laufe
mit ihm davon,« dachte er.

Aber dann wurden die Kinder nicht fortgeschickt; der Junge mußte in seinem
Winkel sitzen bleiben und wußte nicht, was er tun sollte. Die Mutter sprach
lange mit ihrem Sohn, und während sie mit ihm sprach, hörte dieser auf zu
weinen; schließlich nahm sein Gesicht einen geradezu schönen Ausdruck an,
es war, als sei er ein ganz andrer Mensch geworden, und noch immer
streichelte er die alte runzlige Hand seiner Mutter.

»Jetzt müssen wir aber doch zu Bett gehen,« sagte die Mutter, als sie sah,
daß er seine Fassung wieder erlangt hatte.

»Nein,« sagte er und stand rasch auf, »ich kann noch nicht zu Bett gehen.
Draußen ist noch ein Gast, dem ich ein Obdach für die Nacht geben muß.«

Mehr sagte er nicht, er warf nur rasch seinen Rock über, zündete eine
Laterne an und ging hinaus. Draußen war es noch ebenso kalt und regnerisch,
aber als er auf die Haustreppe trat, summte er eine Melodie vor sich hin.
Er fragte sich, ob ihn das Pferd wohl erkennen, und ob es sich freuen
werde, wenn es wieder in seinen alten Stall hineinkäme.

Als er über den Hofplatz ging, hörte er eine Tür im Winde auf- und
zuschlagen. »Der Wind hat die Scheunentür wieder aufgerissen,« dachte er
und ging hin, sie abermals zu schließen.

Im nächsten Augenblick stand er vor der Scheune, und er wollte eben die Tür
zumachen, da war es ihm, als ob sich drinnen etwas bewegte.

Das kam aber daher, daß der Junge die Gelegenheit benützt und mit dem
Bauern zu gleicher Zeit das Haus verlassen hatte. Rasch war er an die
Scheune gelaufen, vor der er die Tiere verlassen hatte. Aber diese standen
nicht mehr im Regen draußen. Ein heftiger Windstoß hatte schon lange die
Scheunentür abermals aufgerissen und so den armen Tieren ein Dach über dem
Kopf verschafft. Und das Geräusch, das der Bauer gehört hatte, hatte von
dem Jungen hergerührt, als er in die Scheune hineinlief.

Jetzt leuchtete der Bauer mit seiner Laterne hinein, und da sah er, daß die
ganze Tenne voll von schlafendem Vieh lag. Kein Mensch war zu sehen. Die
Tiere waren nicht angebunden, sie hatten sich auf dem Stroh niedergelegt,
wie es eben ging.

Der Bauer wurde zornig über diese uneingeladenen Gäste; er begann zu rufen
und zu schelten, um sie zu wecken und hinauszujagen. Aber die Tiere
blieben ganz still liegen, wie wenn sie sich durchaus nicht stören lassen
wollten. Ein einziges erhob sich, ein altes Pferd, und kam ruhig auf den
Bauern zu.

Und plötzlich verstummte der Bauer. Schon am Gang erkannte er dieses Tier.
Er hob die Laterne, das Pferd kam zu ihm heran und legte ihm den Kopf auf
die Schulter.

Liebevoll streichelte ihm der Bauer die Nase. »Mein altes gutes Pferd!
Alter guter Kerl!« sagte er. »Was haben sie mit dir gemacht? Jawohl, mein
alter Freund, ich werde dich kaufen. Du sollst nie wieder vom Hofe hier
vertrieben werden, und du sollst es so gut haben, wie du dir nur wünschen
kannst, mein guter Alter. Die andern, die du mitgebracht hast, dürfen hier
übernachten, du aber kommst mit mir in den Stall. Jetzt darf ich dir so
viel Hafer geben, als du nur fressen kannst, ohne daß ich ihn stibitzen
muß. Du wirst wohl auch noch nicht ganz zugrunde gerichtet sein. Das
schönste Pferd auf dem Kirchplatz, das wirst du wieder sein. Ja, wie einst!
So, so, mein gutes Tier, so so!«

[Illustration]



25

Der Eisgang


                                                  Donnerstag, 28. April

Am nächsten Tag war wunderschönes Wetter. Es blies allerdings noch ein
tüchtiger Westwind; aber darüber freute man sich nur, denn er trocknete die
von dem gestrigen Regen aufgeweichten Wege.

Früh am Morgen wanderten auf der Landstraße, die von Sörmland nach Närke
führt, das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats, die beiden Småländer Kinder.
Der Weg führte an dem südlichen Ufer des Hjälmar hin, und die Kinder
betrachteten eifrig das Eis, das noch den größten Teil des Sees bedeckte.
Die Morgensonne goß ihren hellen Schein auf den Eisspiegel, der durchaus
nicht düster und drohend aussah, wie dies im Frühling gewöhnlich der Fall
ist, sondern glänzend hell und einladend zu den Kindern herüberleuchtete.
So weit das Auge reichte, war das Eis fest und trocken. Das Regenwasser war
schon durch alle Löcher und Sprünge hindurchgesickert, oder es war vom Eis
selbst aufgesogen worden; so sahen die Kinder nichts als eine herrliche
Eisdecke.

Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats waren nach dem nördlichen Schweden
unterwegs, und unwillkürlich stieg der Gedanke in ihnen auf, wie viele
Schritte es ihnen doch ersparen würde, wenn sie quer über den großen See
gehen könnten, anstatt rings um ihn herumwandern zu müssen. Sie wußten
allerdings, daß das Frühlingseis gefährlich sei; aber dieses hier sah ja
vollständig sicher aus. Am Ufer war es mehrere Zoll dick, das sahen sie
deutlich. Sie sahen auch einen ausgetretenen Pfad, dem sie folgen könnten,
und das andre Ufer schien überdies ganz nahe vor ihnen zu liegen; in einer
Stunde wären sie sicher drüben.

»Komm, wir wollen es versuchen,« sagte Klein-Mats. »Wenn wir gut achtgeben,
daß wir nicht in eine Wake hineingeraten, geht es ganz leicht.«

Damit begaben sich die beiden Kinder aufs Eis hinaus. Das Eis war gar nicht
glatt, sondern im Gegenteil ganz leicht zu beschreiten. Es war mehr Wasser
darauf, als die Kinder vom Lande aus hatten wahrnehmen können, und da und
dort waren kleine Löcher, wo das Wasser herausquoll. Vor solchen Stellen
mußte man sich hüten; aber mitten am Tage und bei dem hellen Sonnenschein
war das nicht schwer.

Die Kinder kamen rasch und leicht vorwärts, und sie sagten immer wieder,
wie klug es doch gewesen sei, daß sie, anstatt sich auf der aufgeweichten
Landstraße weiter zu plagen, den Weg übers Eis genommen hätten.

Als sie eine Strecke weit gegangen waren, kamen sie an die Vinö. Auf dieser
Insel sah sie eine alte Frau von ihrem Fenster aus. Eilig lief sie aus
ihrem Hause heraus, winkte den Kindern und rief ihnen etwas zu, was diese
aber nicht verstehen konnten; so viel errieten sie indes doch, die Frau
warnte sie vor dem Weitergehen. Aber die Kinder auf dem Eis draußen
dachten, sie sähen ja deutlich, daß ihnen keine Gefahr drohte. Sie wären
wohl dumm, wenn sie das Eis jetzt verließen, da doch alles so gut ging.

Sie wanderten also an der Vinö vorüber, und jetzt hatten sie eine
meilenweite Eisfläche vor sich. Von da an trafen die Kinder wiederholt auf
große Wasserpfützen, um die herum sie große Umwege machen mußten. Aber das
machte ihnen nur Spaß. Sie liefen um die Wette, um herauszufinden, wo das
Eis am besten sei, und fühlten weder Hunger noch Müdigkeit. Sie hatten ja
den ganzen Tag vor sich und lachten nur, so oft sie auf ein neues Hindernis
stießen.

Ab und zu richteten sie den Blick auf das gegenüberliegende Ufer. Es schien
noch immer gleich weit entfernt zu sein, obgleich sie schon eine ganze
Stunde gegangen sein mochten. Da wurden sie doch ein wenig stutzig; sie
hatten den See nicht für gar so breit gehalten. »Es ist, als ob das Ufer
drüben vor uns zurückwiche,« sagte Klein-Mats.

Hier auf dem Eise war kein Schutz vor dem Westwind, der jetzt von Minute zu
Minute heftiger wurde und ihnen die Kleider so um die Beine schlug, daß sie
kaum noch vorwärts kommen konnten. Dieser kalte Wind war die erste
wirkliche Unannehmlichkeit, die ihnen auf ihrem Weg begegnete.

Und über etwas verwunderten sie sich: der Wind kam mit einem sonderbaren
Dröhnen dahergefegt, wie wenn er das Klappern einer großen Mühle oder den
Lärm einer mechanischen Werkstatt mit sich brächte. Aber auf den Eisfeldern
hier gab es ja nichts derartiges.

Die Kinder waren jetzt westwärts um die große Insel Valen herumgegangen,
und jetzt meinten sie auch zu sehen, daß sie dem nördlichen Ufer immer
näher rückten. Aber zugleich wurde der Wind immer unerträglicher; das laute
Donnern, das hinter ihm herklang, nahm auch zu, und da wurden die Kinder
allmählich ängstlich.

Plötzlich stieg der Gedanke in ihnen auf, das Donnern, das sie hörten,
könnte am Ende von Wellen herkommen, die sich mit wildem Schäumen am Ufer
brächen. Aber das war auch unmöglich, denn der See war ja noch ganz mit Eis
bedeckt.

Trotzdem blieben sie stehen und sahen sich um. Weit drüben im Westen, dort
bei Björnö und Göksholmland erhob sich ein weißer Wall, der quer über das
Eis hinging. Sie glaubten zuerst, es sei eine Schneeschanze, die den Weg
entlang lief, aber bald erkannten sie, daß es der Schaum von Wellen war,
die gegen das Eis getrieben wurden.

Als die Kinder das sahen, faßten sie sich bei den Händen und liefen, ohne
ein Wort zu sagen, so schnell als ihre Beine sie zu tragen vermochten,
davon. Dort drüben im Westen war der See offen, und sie meinten auch zu
sehen, wie der aufschäumende Rand gegen Osten vordrang. Sie wußten zwar
nicht, ob das Eis nun überall zugleich aufbrechen würde, oder was sonst
geschehen könnte, aber sie fühlten deutlich, daß sie in Gefahr waren.

Auf einmal war es ihnen, als hebe sich das Eis gerade an der Stelle, über
die sie hinliefen. Ja, ja, es hob sich und senkte sich wieder, wie wenn
jemand von unten darangestoßen hätte. Gleich darauf ertönte ein dumpfer
Knall, dann liefen nach allen Seiten Sprünge über die Eisdecke hin, und die
Kinder sahen, wie diese Sprünge sich rasch nach allen Seiten weiter
ausdehnten.

Jetzt wurde es einen Augenblick ganz still auf dem Eise; aber dann fühlten
die Kinder aufs neue, wie sich das Eis unter ihnen hob und senkte, und
darnach wurden die Sprünge zu Rissen, durch die Wasser heraussprudelte. Und
gleich darauf wurden die Risse zu klaffenden Spalten, die das Eis in große
Schollen zerteilten.

»Åsa!« rief Klein-Mats. »Das ist gewiß der Eisgang!«

»Ja, so ist es, Klein-Mats,« sagte Åsa. »Aber wir können das Land noch
erreichen. Lauf nur rasch weiter!«

In Wirklichkeit hatten die Wellen und der Wind noch ein schweres Stück
Arbeit vor sich, bis das Eis von dem See weggeschafft sein konnte. Das
Schwierigste war zwar getan, als die Eisdecke zerbrochen war, aber alle
diese großen Schollen mußten noch zerkleinert und gegeneinander
geschleudert werden, bis sie ganz zertrümmert, zerrieben und aufgelöst
waren. Es gab noch eine Menge ganz hartes, festes Eis, das große,
unbeschädigte Flächen bildete.

Die größte Gefahr für die Kinder lag aber darin, daß sie keinen Überblick
über das Eis hatten. Sie konnten nicht sehen, wie breit die Risse waren und
ob sie hinüberspringen könnten, und sie wußten auch nicht, welche
Eisschollen groß genug waren, sie zu tragen. So irrten sie ratlos hin und
her und gerieten dabei nur weiter auf den See hinaus, anstatt dem Lande
näher zu kommen. Schließlich wußten sie sich auf dem brechenden Eise gar
nicht mehr zu helfen; in höchster Angst blieben sie stehen und fingen an zu
weinen.

Plötzlich flog eine Schar Wildgänse in sausender Eile über ihnen hin. Die
Gänse schnatterten überlaut, und zu ihrer höchsten Verwunderung hörten die
Kinder mitten aus dem Gänsegeschnatter heraus die Worte: »Ihr müßt nach
rechts gehen, nach rechts!«

Die Kinder folgten hurtig dem Rat; aber es dauerte nicht lange, da standen
sie schon wieder ratlos vor einem breiten, klaffenden Spalt.

Und wieder hörten sie die Gänse über sich schreien, und aus dem Geschnatter
heraus unterschieden sie die Worte: »Bleibt, wo ihr seid! Bleibt, wo ihr
seid!«

Die Kinder sprachen kein Wort über das, was sie hörten, sie gehorchten nur
und blieben stehen. Gleich darauf glitten die Eisschollen wieder zusammen,
und sie konnten über den Riß hinüberspringen. Nun faßten sie einander
wieder an und rannten weiter. Sie hatten Angst, nicht allein vor der
Gefahr, sondern auch vor der Hilfe, die ihnen zuteil geworden war.

Bald mußten sie wieder zweifelnd innehalten; aber sofort drang eine Stimme
zu ihnen herunter, die rief: »Geradeaus! Geradeaus! Geradeaus!«

So ging es ungefähr eine halbe Stunde lang fort; da hatten die Kinder die
lange Lungerspitze erreicht und konnten von da ans Land waten. Man merkte
ihnen wohl an, wie groß ihre Angst gewesen war, denn als sie das Ufer
erreicht hatten, hielten sie nicht an, um den See noch einmal zu
betrachten, wo die Wellen jetzt ein immer wilderes Spiel mit den
Eisschollen trieben, sondern eilten nur immer weiter. Als sie aber eine
Strecke weit gegangen waren, machte Åsa plötzlich halt. »Warte hier ein
wenig, Klein-Mats,« sagte sie. »Ich hab etwas vergessen.«

Damit ging sie wieder ans Ufer zurück. Hier suchte sie eifrig in ihrem Sack
und zog schließlich einen kleinen Holzschuh heraus; den stellte sie auf
einen Stein, wo er recht deutlich sichtbar war. Dann kehrte sie, ohne sich
auch nur ein einziges Mal umzusehen, zu Klein-Mats zurück.

Sie hatte sich aber kaum umgedreht, als rasch wie der Blitz eine große,
weiße Gans aus der Luft herabsauste, den Holzschuh mit dem Schnabel packte
und ebenso rasch wieder hoch hinaufflog.

[Illustration]



26

Die Teilung


                                                  Donnerstag, 28. April

Nachdem die Wildgänse dem Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats über den
Hjälmarsee hinübergeholfen hatten, flogen sie gen Norden, bis sie
Westmanland erreichten. Hier ließen sie sich auf den großen Getreidefeldern
im Fellingsbroer Kirchspiel nieder, um auszuruhen und zu weiden.

Der Junge war auch hungrig, schaute sich aber vergeblich nach etwas Eßbarem
um. Während er nun nach allen Seiten umherspähte, sah er auf dem nächsten
Feld zwei Männer hinter dem Pflug hergehen. Jetzt gerade ließen sie ihre
Pflüge stehen und setzten sich nieder, um ihren mitgenommenen Imbiß zu
verzehren. Rasch eilte der Junge hinter ihnen her und schlich sich ganz
nahe zu den beiden Männern hin. Wenn diese mit ihrer Mahlzeit fertig seien,
dachte er, fänden sich für so einen kleinen Knirps doch vielleicht noch ein
paar Brosamen oder eine Brotrinde.

An dem Feld lief ein Pfad hin, und auf diesem kam ein alter Mann
dahergegangen. Als er die beiden Arbeiter erblickte, hielt er an, kletterte
über das Steinmäuerchen und trat zu ihnen.

»Für mich ist es auch Zeit zum Frühstücken,« sagte er, nahm seinen Ranzen
ab und holte sein Butterbrot heraus. »Ich freue mich, daß ich mein
Frühstück nicht allein essen muß,« fuhr er fort.

Bald war unter den dreien eine Unterhaltung im Gange, und die beiden
Pflüger erfuhren, daß der Fremde ein Grubenarbeiter aus dem Norberger
Bezirk war. Er arbeite jetzt nicht mehr, denn er sei zu alt, die
Grubenleitern herauf und hinunter zu klettern, aber er wohne noch in der
Nähe der Grube in einem kleinen Häuschen. Seine Tochter sei in Fellingsbro
verheiratet, und er sei eben zu Besuch bei ihr gewesen. Sie wolle, er solle
ganz zu ihr ziehen, aber dazu könne er sich nicht entschließen.

»Es gefällt Euch also hier nicht so gut wie in Norberg?« fragte der eine
der Bauern mit einem leisen Lächeln, denn er wußte wohl, daß Fellingsbro
eines der größten und reichsten Kirchspiele in der ganzen Umgegend war.

»Meint ihr, ich könnte es in so einer flachen Gegend aushalten?« erwiderte
der Alte mit einer abweisenden Handbewegung, wie wenn so etwas gar nicht
denkbar wäre.

Und nun begannen die drei in aller Freundschaft sich darüber zu streiten,
wo es in Westmanland am schönsten sei. Der eine der Bauern war in
Fellingsbro geboren und lobte die Ebene sehr, der andre aber stammte aus
dem Weståser Bezirk, und er hielt die Ufer des Mälar mit seinen bewaldeten
Holmen und schönen Landzungen für den besten Teil dieses Landes. Aber der
Alte wollte sich durchaus nicht überzeugen lassen, und um den andern zu
beweisen, daß er recht habe, fragte er, ob er ihnen eine Geschichte
erzählen dürfe, die er in seiner eigenen Jugend von ganz alten Leuten
gehört hatte.

»Hier in Westmanland,« so begann er, »wohnte in alten Zeiten eine betagte
Frau aus dem Riesengeschlecht, die sehr reich war, denn ihr gehörte das
ganze Land. Sie hatte natürlich alles, was sie sich nur wünschen konnte,
und doch drückte sie ein schwerer Kummer, denn sie wußte nicht, wie sie ihr
Besitztum zwischen ihre drei Söhne verteilen sollte.

Das kam aber daher, daß sie die beiden ältesten Söhne nicht so lieb hatte
wie den jüngsten, der ihr Augapfel war. Diesem jüngsten wollte sie den
Löwenanteil an der Erbschaft zuwenden; zugleich aber hatte sie Angst, es
würde Streit und Zank zwischen den Brüdern entstehen, wenn sie die
Erbschaft nicht gleichmäßig unter sie verteilte.

Eines Tages fühlte sich die alte Frau dem Tode nahe, und jetzt war keine
Zeit mehr zum Überlegen. Sie rief alle drei Söhne an ihr Lager und sprach
mit ihnen wegen der Erbschaft.

>Ich habe mein Besitztum in drei Teile geteilt, zwischen denen ihr wählen
müßt,< sagte sie. >Zu dem ersten gehören die mit Eichen bestandenen Hügel
und bewaldeten Holme und blühenden Wiesen, und das alles habe ich um den
Mälar herum zusammengetan. Wer von euch diesen Teil erwählt, wird an den
Ufern eine gute Weide für Schafe und Kühe haben, und auf den Holmen findet
er Laub zum Winterfutter, wenn er nicht etwa Gartenbau dort treiben will.
An den Ufern ziehen sich eine Menge Buchten und Landzungen hin; es ist da
also reichlich Gelegenheit zur Beförderung der Erzeugnisse des Landes und
jeglicher Art von Verkehr. Wo sich die Flüsse in den See ergießen, lassen
sich gute Hafenplätze anlegen, und ich glaube, daß dort bald Dörfer und
Städte heranwachsen werden. Und an gutem Ackerboden wird es ihm auch nicht
fehlen, obgleich das Land so zerrissen daliegt. Es kann nur von Vorteil
sein, wenn die Söhne von Anfang an lernen, von einer Insel zur andern zu
ziehen; denn dadurch werden sie gute Seefahrer, die in fremde Länder reisen
können und von da große Reichtümer heimbringen. Ja, das ist also der erste
Teil. Was sagt ihr dazu?<

Nun, alle Söhne stimmten miteinander überein, daß dies ein ausgezeichneter
Teil sei, und wer ihn bekomme, dürfe sich glücklich preisen.

>Nein, an ihm ist nichts auszusetzen,< sagte die alte Frau aus dem
Riesengeschlecht, >und der zweite Teil ist nicht minder gut. Zu diesem hab
ich alles getan, was ich an ebenem Land und freiem Feld besitze. Da liegt
nun ein Acker neben dem andern, vom Mälar bis hinauf nach Dalarna. Wer
diesen Teil wählt, wird es sicher nicht bereuen. Er kann so viel Getreide
bauen, als er will, und große Güter anlegen, und weder er noch seine
Nachkommen brauchen sich wegen ihres Unterhalts graue Haare wachsen zu
lassen. Damit die Ebene nicht sumpfig wird, habe ich große Wasserläufe
durchgezogen, die bilden öfters Wasserfälle, wo Mühlen und Schmieden
errichtet werden können. Den Gräben entlang habe ich den Schutt hoch
aufgehäuft, da können leicht Wälder angepflanzt werden, aus denen Brennholz
gewonnen wird. Dies ist nun also der zweite Teil, und ich meine, wer den
bekommt, hätte alle Ursache, zufrieden zu sein.<

Auch darin stimmten alle drei Söhne überein, und sie dankten der Mutter
sehr, weil sie alles so gut für sie eingerichtet habe.

>Ja, ich habe mir alle Mühe gegeben, es so gut wie möglich zu machen,< fuhr
diese fort. >Aber jetzt komme ich zu dem Teil, der mir am meisten
Kopfzerbrechen gemacht hat. Denn seht, nachdem ich alle meine Haine und
meine Weiden und Waldhügel zu dem einen Teil, meine Äcker und fruchtbaren
Landstrecken aber zu dem andern getan hatte, merkte ich, daß mir von meinem
Besitztum nichts andres mehr übrig blieb, als die bergigen Fichten- und
Tannenwälder, die Berggipfel, die Gebirgsschluchten, die kahlen Felswände
und mageren Wacholdergebüsche, die ärmlichen Birkengruppen und kleinen
Seen. Dies alles zusammen wird nun natürlich keiner von euch haben wollen.
Trotzdem habe ich all dies kleine Zeug gesammelt und es im Norden und
Westen von dem ebenen Land aufgestellt; aber ich fürchte, wer diesen Teil
wählt, hat nichts als Armut in Aussicht. Er wird nichts als Schafe und
Geißen halten können, und um sich seinen Unterhalt zu verschaffen, wird er
auf den Seen dem Fischfang, im Wald der Jagd obliegen müssen. Wasserfälle
und Stromschnellen sind freilich in Menge vorhanden, so daß er so viele
Mühlen bauen könnte, als er nur Lust hat; aber leider wird er nichts andres
zu mahlen haben, als die Rinde von seinen Bäumen. Und mit Bären und Wölfen
wird er wohl auch seine liebe Not haben, denn in dieser Wildnis werden sie
sich sicherlich heimisch fühlen.

Ja, dies ist nun der dritte Teil. Ich weiß ja wohl, er läßt sich mit den
beiden andern nicht vergleichen, und wenn ich nicht schon so alt wäre,
hätte ich die Teilung noch einmal gemacht, aber das ist mir nicht möglich.
Und jetzt hab ich in meinem letzten Stündlein keine Ruhe, weil ich nicht
weiß, welchem von euch ich diesen schlechtesten Teil geben soll. Ihr seid
mir alle drei gute Söhne gewesen, und es bedrückt mich, daß ich gegen einen
von euch ungerecht sein soll.<

Nachdem die alte Frau aus dem Riesengeschlecht ihren Söhnen die Sache also
dargelegt hatte, sah sie alle drei bekümmert an. Jetzt sagten sie nicht
mehr, wie bei den beiden ersten Malen, sie habe richtig geteilt und gut für
sie gesorgt. Schweigend standen sie da, und man konnte wohl merken, daß
der, so den letzten Teil erhielt, sehr unzufrieden sein würde.

Ja, da lag nun die alte Mutter mit bangem Herzen, und die Söhne sahen, daß
sie schon im voraus Todesqualen erlitt, weil sie die Teile bestimmen mußte
und doch nicht wußte, welchen von den Söhnen sie unglücklich machen sollte,
indem sie ihm den schlechtesten Teil gab.

Doch der jüngste von den dreien, der liebte seine Mutter am meisten, und er
konnte es nicht mit ansehen, wie sie sich abquälte. Deshalb sagte er: >Du
brauchst dir keinen Kummer über diese Sache zu machen, Mutter, leg dich
beruhigt nieder und scheide in Ruhe und Frieden aus diesem Leben. Gib den
schlechten Teil mir; ich werde mich schon durchschlagen, und wie es auch
gehen mag, ich werde mich nicht darüber grämen, wenn die andern es besser
haben als ich.<

Sobald der jüngste Sohn dies gesagt hatte, beruhigte sich die Mutter; sie
dankte ihm innig und lobte ihn. Das Bestimmen der beiden andern Teile
machte ihr keinen Kummer, denn diese waren fast ganz gleich gut.

Als nun alles geordnet war, dankte die Mutter dem Sohne noch einmal und
sagte, sie habe erwartet gehabt, daß gerade er ihr aus der Not helfen
werde. Zugleich sagte sie noch, wenn er nun in seine Einöde hinaufkomme,
solle er sich an die große Liebe erinnern, die sie immer für ihn gehabt
habe.

Damit schloß sie die Augen und starb; und nachdem sie begraben war, ging
jeder von den Brüdern auf sein Erbteil, es in Augenschein zu nehmen.
Jawohl, die beiden ältesten konnten nicht anders, als höchst zufrieden mit
dem ihrigen sein.

Der dritte aber wanderte hinauf in die Einöde, und da sah er, daß die
Mutter die Wahrheit gesprochen hatte: sein Teil bestand hauptsächlich aus
Felswänden und kleinen Seen. Aber er erkannte doch, mit welcher Liebe sie
dieses Erbteil für ihn hergerichtet hatte, denn es waren zwar nur ärmliche
Überreste, aber sie waren so gut zusammengestellt, daß das allerschönste
Land daraus geworden war. An vielen Stellen war es wild und unheimlich,
aber schön war es trotzdem. Dieser Anblick tat dem Sohne ordentlich wohl;
aber froh war er darum doch nicht.

Allmählich jedoch machte er eine Entdeckung: er sah, daß der Felsengrund da
und dort ein merkwürdiges Aussehen hatte. Und als er genauer hinsah, war er
überall mit Erzadern durchzogen. Eisen war vorherrschend, außerdem fand
sich auch noch viel Silber und Kupfer auf seinem Eigentum. Jetzt ahnte der
Sohn, daß er größern Reichtum erhalten hatte als seine beiden Brüder, und
jetzt dämmerte ihm die Erkenntnis auf, was für eine Absicht seine Mutter
mit ihrer Erbteilung gehabt hatte.«

[Illustration]



27

Im Bergwerkdistrikt


                                                  Donnerstag, 28. April

Die Wildgänse hatten eine beschwerliche Reise. Es war ihre Absicht gewesen,
gleich nachdem sie gefrühstückt hätten, geradenwegs über Westmanland
hinzuziehen, aber der Westwind nahm zu und trieb sie anstatt nordwärts ganz
an die Grenze von Uppland.

Sie flogen hoch droben, und der Wind jagte sie in größter Eile davon. Der
Junge schaute hinunter, um zu sehen, wie es in Westmanland beschaffen sei,
konnte aber nicht viel unterscheiden. Der östliche Teil dieser Landschaft
war flach und eben, das sah er deutlich, aber er konnte nicht begreifen,
was alle die Furchen und Striche bedeuteten, die von Norden nach Süden und
quer über die Ebene hinliefen. Das alles sah höchst wunderbar aus, denn
fast alle die Striche erstreckten sich beinahe schnurgerade und mit ganz
gleichem Zwischenraum.

»Dieses Land ist ebenso gestreift wie die Schürze meiner Mutter,« sagte der
Junge. »Ich möchte nur wissen, was das für Streifen sind, die darüber
hinlaufen?«

»Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!« antworteten die
Wildgänse. »Flüsse und Bergrücken, Straßen und Eisenbahnen!«

Und das war wirklich wahr, denn als die Gänse ostwärts getrieben wurden,
kamen sie zuerst über den Hedstrom, der zwischen zwei Bergrücken fließt und
neben dem eine Eisenbahn hinläuft. Dann erreichten sie den Kolbäkfluß, der
auf seiner einen Seite eine Eisenbahn und auf der andern einen Bergrücken
hat, über den eine Landstraße führt. Hierauf kam der Svartå, der auch an
Bergen und Landstraßen hinfließt, dann der Lillå mit dem Badelundberg, und
schließlich der Sagå mit Straße und Eisenbahn auf seiner rechten Seite.

»Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Wege gesehen, die alle von
einer Seite herkommen,« dachte der Junge. »Es müssen doch schrecklich viele
Waren von Norden her durch dieses Land hindurchgeführt werden.«

Zugleich erschien ihm das aber sehr merkwürdig, denn der Junge glaubte,
gleich hinter Westmanland sei Schweden zu Ende. Was dann noch käme, könne
nicht viel andres sein als Wald und Einöde.

Als der Wind die Wildgänse ganz bis zum Sagå hingetrieben hatte, mußte Akka
erkannt haben, daß sie wo anders hingekommen war, als sie beabsichtigt
hatte, denn hier drehte sie um, und die Schar arbeitete sich bei heftigem
Gegenwind zurück gegen Westen. Sie flogen also noch einmal über die
gestreifte Ebene und dann nach dem westlichen Teil der Landschaft, die aus
waldigem Hügelland bestand.

Solange es über die Ebene hinging, hatte sich der Junge über den Hals des
Gänserichs gebeugt und hinabgeschaut, aber als sie die Ebene hinter sich
hatten, richtete er sich auf, um seine Augen ausruhen zu lassen, denn da,
wo die Erde mit Wald bedeckt ist, gab es selten etwas Besonderes zu sehen.

Als sie jedoch eine Strecke über die Waldhügel hingeflogen waren, war es
dem Jungen plötzlich, als höre er drunten auf der Erde etwas knirschen und
ächzen.

Da mußte er sich natürlich wieder vorbeugen und hinuntersehen. Die
Wildgänse flogen jetzt bei dem starken Gegenwind nicht besonders rasch,
deshalb konnte der Junge das Land unter sich sehr deutlich erkennen. Das
erste, was er sah, war ein schwarzes Loch, das senkrecht in die Erde
hineinging. Über dem Loch war von großen Balken ein Hebewerk errichtet, und
das Hebewerk holte unter Knirschen und Ächzen eben eine mit Felsstücken
beladene Tonne herauf. Ringsherum lagen große Steinhaufen; in einem
Schuppen zischte eine Dampfmaschine. Frauen und Kinder saßen in einem Kreis
auf dem Boden und sortierten die Steine. Auf einer kleinen Schienenbahn
rollten ein paar mit grauen Steinen beladene Wagen dahin, und am Waldessaum
lagen kleine Arbeiterwohnungen.

Der Junge konnte nicht begreifen, was das sein sollte, und aus vollem Halse
rief er auf die Erde hinunter: »Was ist denn das für ein Ort, wo man so
viele Feldsteine aus der Erde heraufholt?«

»Hört den Dumrian! Hört den Dumrian!« zwitscherten die Sperlinge, die hier
daheim waren und gut Bescheid wußten. »Er kann Eisenerz nicht von
Feldsteinen unterscheiden! Er kann Eisenerz nicht von Feldsteinen
unterscheiden!«

Da erkannte der Junge, daß das, was er da unten sah, eine Grube war. Er war
ziemlich enttäuscht, denn er hatte geglaubt, eine Grube müßte auf einem
hohen Berg liegen, diese hier aber lag auf dem ebenen Boden zwischen zwei
Hügeln.

Bald hatten die Wildgänse die Grube hinter sich; der Junge saß wieder
aufrecht und sah geradeaus, denn die Waldhügel und die Birkengehölze, die
da unter ihm lagen, hatte er schon gar so oft gesehen. Da drang plötzlich
eine starke Hitze von der Erde bis zu ihm herauf, und rasch mußte er sich
wieder vorbeugen, um zu sehen, woher sie käme.

Unter ihm lagen große Haufen Kohlen und Erz, und zwischen diesen stand ein
hohes achteckiges, rotangestrichenes Gebäude, das eine ganze Flammengarbe
zum Himmel hinaufsandte.

Zuerst konnte sich der Junge nichts andres denken, als daß da unten eine
Feuersbrunst ausgebrochen sei; aber als er sah, wie die Leute ruhig
umhergingen und sich nicht im geringsten um das Feuer kümmerten, da wußte
er gar nicht, was er daraus machen sollte.

»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn ein Haus
in Flammen steht?« rief er auf die Erde hinunter.

»Trala! der hat Angst vor dem Feuer!« zwitscherten die Finken, die am
Waldrande nisteten und wohl wußten, was in ihrer Nachbarschaft vorging. »Er
weiß nicht, wie das Eisen aus dem Erz herausgeschmolzen wird. Er kann das
Feuer aus einem Schmelzofen nicht von einer Feuersbrunst unterscheiden!«

Bald hatten die Wildgänse den Schmelzofen hinter sich, und der Junge
schaute, wieder aufrecht sitzend, geradeaus, weil er meinte, in dieser
Waldgegend sei nichts Besonderes zu sehen.

Aber sie waren noch nicht weit gekommen, als aus der Tiefe der Erde ein
fürchterlicher Lärm und Spektakel zu ihm heraufdrang, und als er
hinunterschaute, fiel ihm zuerst ein Wasserfall auf, der über eine Felswand
hinunterstürzte. Neben dem Wasserfall stand ein großes Gebäude mit einem
schwarzen Dach und einem hohen Schornstein, der einen dicken mit Funken
vermischten Rauch ausstieß. Vor dem Gebäude lagen Eisenklumpen und
Eisenstangen und wirkliche kleine Berge von Kohlen. Der Boden war weit
umher ganz schwarz, und nach allen Seiten hin erstreckten sich schwarze
Pfade. Aus dem Gebäude heraus tönte ein unbeschreiblicher Lärm; es dröhnte
und donnerte ununterbrochen, und es war, als ob sich jemand mit gewaltigen
Schlägen gegen ein brüllendes wildes Tier zu verteidigen suchte. Aber
merkwürdigerweise kümmerte sich niemand um das, was hier vorging. Eine
Strecke weiterhin lagen Arbeiterwohnungen unter grünen Bäumen, und noch
etwas weiter ragte ein großer weißer Herrensitz auf. Auf den Stufen vor den
Arbeiterwohnungen spielten die Kinder seelenvergnügt, und in der Allee, die
zum Herrenhofe führte, gingen die Leute vollkommen beruhigt spazieren.

»Was ist denn das für ein Ort, wo sich niemand darum kümmert, wenn die
Leute in dem Gebäude dort einander totschlagen?« rief der Junge hinunter.

»Hak ak ak ak, der hat eine Ahnung! Hak ak ak ak!« lachte eine Elster.
»Dort wird niemand in Stücke gerissen. Das Eisen siedet und zischt, wenn es
unter den Hammer kommt.«

Bald waren die Wildgänse auch über das Eisenwerk hinweggeflogen; der Junge
hatte sich abermals aufgerichtet und schaute geradeaus, denn er dachte,
jetzt sei hier im Walde gewiß nichts Besonderes mehr zu sehen.

Nachdem sie eine Weile geflogen waren, hörte der Junge eine Glocke läuten,
und noch einmal mußte er sich vorbeugen, um zu sehen, woher der Klang käme.

Da sah er unter sich einen Bauernhof, wie er noch nie einen gesehen hatte.
Das Wohnhaus war ein langes, rotangestrichenes, einstöckiges Gebäude; es
war nicht einmal übermäßig groß, aber was den Jungen in Verwunderung
setzte, waren die vielen großen, stattlichen Wirtschaftsgebäude, die
daneben lagen. Der Junge wußte ungefähr, wie viele Nebengebäude zu einem
Hofe gehörten, hier aber waren alle doppelt und dreifach vorhanden. So
einen Überfluß an Wirtschaftsgebäuden hätte er sich nie träumen lassen. Und
er konnte sich auch durchaus nicht denken, was darin aufbewahrt werden
sollte, denn in der Nähe des Hofes waren fast gar keine bebauten Felder.
Drinnen im Walde sah er wohl ein paar kleine Äcker; diese waren aber
einerseits so klein, daß man sie kaum Äcker nennen konnte, und andrerseits
stand auf jedem von ihnen schon eine Scheune, wo die zu erwartende Ernte
untergebracht werden konnte.

Auf dem Stallgebäude hing die Vesperglocke in einem Türmchen, und das
Läuten dieser Glocke hatte der Junge vorhin vernommen. Eben ging der Bauer
mit seinen Knechten nach der Küche, und der Junge sah, daß er ein
zahlreiches stattliches Gesinde hatte.

»Was sind das für Leute, die mitten im Walde, wo es doch kein Ackerland
gibt, so große Höfe bauen?« rief der Junge hinunter.

Auf dem Misthaufen stand der Hofhahn, und er blieb die Antwort nicht
schuldig.

»Kikeriki! Dies ist ein altes Bergwerk! Ein altes Bergwerk!« krähte er.
»Die Äcker liegen unter der Erde! Die Äcker liegen unter der Erde!«

Jetzt verstand der Junge. Das war kein gewöhnliches Waldland, über das man
nur so hinfliegen durfte. Ringsum waren allerdings Wälder und Berge, diese
aber bargen unglaublich viel Merkwürdiges in ihrer Mitte.

Er sah Grubenfelder, wo die Hebebäume am Umfallen waren, weil die Erde
durch Grubenlöcher schon ganz durchbohrt war, dann andre Grubenfelder, wo
noch immer gearbeitet wurde; von diesen dröhnten dumpfe Sprengschüsse bis
zu den Wildgänsen herauf, und in deren Nähe zogen sich die
Arbeiterwohnungen wie ganze Dörfer am Waldrande hin. Er sah auch alte
verlassene Schmiedewerkstätten, wo er durch die eingestürzten Dächer
hindurch auf riesige eisenbeschlagene Hammerstiele und plump gemauerte
Essen sehen konnte. Dann kamen wieder große Eisenwerke, wo so eifrig
gearbeitet und gehämmert wurde, daß die Erde erzitterte. Tief drinnen in
der Waldeinöde lagen still verborgen kleine Weiler, die aussahen, als
wüßten sie gar nichts von dem Gelärm um sie her. Dann sah er Luftbahnen, an
deren Drahtseilen die mit Erz beladenen Körbe lautlos hin und her glitten.
In allen Wasserfällen drehten sich klappernde Räder, elektrische Leitungen
führten durch den stillen Wald, und ungeheuer lange Eisenbahnzüge kamen
dahergerollt, Züge von sechzig bis siebzig mit Erz und Kohlen, mit
Eisenstangen und Stahldraht beladenen Wagen.

Nachdem der Junge dies alles eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, konnte
er sich nicht länger zurückhalten.

»Wie heißt denn dieses Land hier, wo nichts als Eisen wächst?« fragte er,
obgleich er jetzt wußte, daß die Vögel drunten ihn verspotten würden.

Da fuhr ein alter Uhu, der in einer verlassenen Schmelzhütte eben ein
Schläfchen machte, aus dem Traume auf, streckte seinen runden Kopf heraus
und rief mit unheimlich krächzender Stimme: »Uhu, uhu, uhu! Das Land hier
heißt Bergwerkdistrikt! Wenn hier kein Eisen wüchse, würden bis zum
heutigen Tag nichts als Bären und Eulen hier wohnen.«

[Illustration]



28

Der Eisenhammer


                                                  Donnerstag, 28. April

Der heftige Westwind blies fast den ganzen Tag hindurch, während die
Wildgänse über den Bergwerkdistrikt hinflogen; und sobald sie sich gen
Norden wenden wollten, wurden sie wieder ostwärts getrieben. Aber Akka
glaubte, der Fuchs Smirre versuche ihnen durch den östlichen Teil des
Landes zu folgen, deshalb wollte sie nicht nach dieser Seite fliegen, und
so drehte sie einmal ums andre wieder um und arbeitete sich mühselig gen
Westen zurück. Auf diese Weise kamen die Wildgänse nur sehr langsam
vorwärts, und am Nachmittag waren sie noch immer im Bergwerkdistrikt von
Westmanland. Gegen Abend legte sich indes der Wind, und die ermatteten
Reisenden hofften vor Sonnenuntergang mit Leichtigkeit noch eine gute
Strecke zurücklegen zu können. Aber da fuhr plötzlich eine heftige
Windsbraut daher, die die Wildgänse wie Bälle vor sich hertrieb, und der
Junge, der ganz sorglos dasaß und an nichts Böses dachte, wurde unvermutet
von dem Gänserücken aufgehoben und in den weiten Luftraum
hinausgeschleudert.

Der Junge war indes so klein und leicht, daß er bei dem heftigen Sturm
nicht geradeswegs auf die Erde hinunterfiel, sondern zuerst eine Strecke
weit mit dem Winde fortgetrieben wurde, dann erst sank er langsam und
flatternd hinunter, gerade wie ein Blatt, das von einem Baum herabwirbelt.

»O das ist nicht gefährlich!« dachte der Junge noch im Fallen. »Ich sinke
so langsam auf den Boden hinunter, wie wenn ich ein Blatt Papier wäre.
Gänserich Martin wird schon heruntersausen und mich auflesen.«

Als er unten auf der Erde angekommen war, riß er zuerst die Mütze vom Kopfe
und winkte mit ihr, damit der Gänserich sehen könnte, wo er war. »Hier bin
ich, wo bist du? Hier bin ich, wo bist du?« rief er und war fast erstaunt,
als der Gänserich Martin nicht schon neben ihm stand.

Aber der große Weiße war nirgends zu sehen, und ebensowenig hob sich die
Schar der Wildgänse irgendwo vom Himmel ab. Sie waren spurlos verschwunden.

Dies kam zwar dem Jungen etwas sonderbar vor, aber er beunruhigte sich
deshalb nicht. Es fiel ihm keinen Augenblick ein, Mutter Akka und der
Gänserich Martin könnten ihn im Stiche lassen. Er dachte, der heftige
Windstoß habe sie wohl mitgenommen, und sobald sie umdrehen könnten, würden
sie zurückkehren, ihn zu holen.

Aber was war denn das? Wo befand er sich denn eigentlich? Zuerst hatte er
immer nur zum Himmel hinaufgeschaut, um die Wildgänse zu entdecken, aber
jetzt hatte er sich plötzlich umgesehen. Er war gar nicht auf die ebene
Erde hinabgefallen, sondern in eine tiefe, weite Bergschlucht, oder was es
sonst sein mochte. Es war ein Raum, so groß wie eine Kirche, mit fast
senkrechten Felswänden auf allen Seiten, ohne irgend ein Dach darüber. Auf
dem Boden lagen einige große Felsblöcke zerstreut, und zwischen diesen
wuchs Moos und Heidekraut und kleine, niedrige Birken. Da und dort waren an
den Felswänden hervorspringende Felsen, und von diesen hingen zerbrochene
Leitern herab. Auf der einen Seite gähnte ein tiefes Gewölbe, das aussah,
als ginge es weit, weit in den Berg hinein.

Der Junge war nicht umsonst einen ganzen Tag lang über die vielen Bergwerke
hingeflogen. Er erriet gleich, daß diese große Schlucht von Menschen
geschaffen worden war, die in alten Zeiten hier Erz aus dem Gebirge
gebrochen hatten. »Ich muß gleich versuchen, ob ich hinaufklettern kann,«
dachte er, »denn sonst finden mich meine Reisekameraden am Ende nicht
mehr.«

Er wollte gerade an die Felswand herangehen, als er sich von hinten
angefaßt fühlte und eine rauhe Stimme vernahm, die ihm ins Ohr brummte:
»Was bist denn du für ein Geschöpf?«

Rasch wendete sich der Junge um, und in der ersten Bestürzung glaubte er
einem großen, mit langem braunem Moos bedeckten Felsblock gegenüber zu
stehen; aber dann sah er, daß der Felsblock breite Füße, einen Kopf, Augen
und ein großes brummendes Maul hatte.

Der Junge brachte kein Wort heraus, und das große Tier schien auch gar
keine Antwort zu erwarten. Es warf den kleinen Wicht um, rollte ihn mit der
Tatze hin und her und schnupperte an ihm herum. Es sah aus, als wollte es
den Jungen im nächsten Augenblick verschlingen, doch da schien es sich
anders zu besinnen und rief: »Murre und Brumme, kommt, kommt! Hier ist ein
guter Bissen für euch!«

Augenblicklich kamen zwei zottelige Junge dahergetrottet, die noch unsicher
auf den Beinen waren und eine ganz weiche Haut wie junge Hunde hatten.

»Was hast du denn gefunden, Bärenmutter? Dürfen wir es sehen?« riefen die
Jungen.

»Na, da bin ich also unter die Bären geraten,« dachte der Junge. »Ja, nun
kann sich Smirre wohl die Mühe sparen, noch länger hinter mir herzujagen.«

Mit ihrer Schnauze schob die Bärenmutter den Fund ihren Jungen zu; das eine
packte ihn auch sogleich mit dem Maule und lief mit ihm davon. Aber es biß
nicht hart zu, denn es war ausgelassen und wollte erst eine Weile mit dem
Däumling spielen, ehe es ihn umbrächte. Das zweite Junge lief hinter dem
ersten her, ihm das Spielzeug abzujagen; es humpelte und trottete aber so
schwerfällig daher, daß es seinem Bruder, der den Jungen in der Schnauze
hatte, gerade auf den Kopf fiel. Und dann wälzten sich die beiden
übereinander, bissen und balgten sich und brummten dazu.

Während die beiden jungen Bären so beschäftigt waren, gelang es dem Jungen
zu entwischen; er rannte hurtig zu der Felswand hin und begann
hinaufzuklettern.

Aber die beiden Bärenjungen stürzten hinter ihm her, kletterten rasch und
behende die Wand hinauf, holten den Jungen ein und warfen ihn wie einen
Ball aufs Moos hinunter.

»Nun weiß ich doch, wie es einem armen Mäuschen zumute sein muß, wenn es in
die Krallen einer Katze geraten ist,« dachte der Junge.

Noch mehrere Male versuchte er zu entwischen; er lief weit in den alten
Grubengang hinein, verbarg sich hinter Steinblöcken und kletterte auf die
Birken hinauf; aber wo er sich auch zu verstecken suchte, die jungen Bären
fanden ihn überall. Und sobald sie ihn gefangen hatten, ließen sie ihn
wieder los, damit er aufs neue entfliehen sollte und sie ihn abermals
einfangen könnten.

Schließlich war der Junge so müde und der ganzen Geschichte so überdrüssig,
daß er sich platt auf den Boden warf. »Lauf, lauf!« brummten die jungen
Bären. »Sonst fressen wir dich!«

»Ja, tut es nur,« sagte der Junge, »ich kann nicht mehr laufen.«

Rasch liefen die beiden Jungen zu der Bärenmutter hin. »Bärenmutter,
Bärenmutter!« klagten sie. »Er will nicht mehr spielen!«

»Nun, dann nehmt ihn und verteilt ihn unter euch,« sagte die Bärenmutter.
Aber als der Junge das hörte, erschrak er so sehr, daß er das Spiel
sogleich wieder aufnahm.

Als es Schlafenzeit war und die Bärenmutter ihre Jungen herbeirief, damit
sie sich dicht neben ihr niederlegen sollten, waren sie so vergnügt
gewesen, daß sie sich am nächsten Tag an demselben Spiel ergötzen wollten.
Sie nahmen den Jungen mit, legten ihre Tatzen auf ihn; so konnte er sich
nicht rühren, ohne daß sie erwachten. Sie schliefen auch gleich ein, und
der Junge dachte, er werde nach einer Weile einen Versuch machen können,
sich davonzuschleichen. Aber der arme Kerl war in seinem ganzen Leben noch
nie so hin und her geworfen und gerollt, noch nie so herumgejagt und wie
ein Kreisel herumgedreht worden, er war todmüde und schlief deshalb auch
gleich ein.

Nach einer Weile kam auch der Bärenvater nach Hause. Er kletterte die
Felswand herunter, und der Junge erwachte von dem Gerassel der
herabrollenden Steine, als der Alte sich in die Grube hinuntergleiten ließ.
Er war ein furchtbar großer Bär mit gewaltigen Gliedmaßen, einem riesigen
Rachen, großen, blendendweißen Eckzähnen und kleinen, boshaften Augen. Dem
Jungen lief unwillkürlich ein kalter Schauder den Rücken hinab, als er
diesen alten Waldkönig erblickte.

»Es riecht hier nach Menschen!« sagte der Bärenvater, gleich als er bei der
Bärin angekommen war, und dabei stieß er ein dröhnendes Brummen aus.

»Wie kannst du dir so etwas Dummes einbilden,« erwiderte die Bärin und
blieb ganz ruhig auf ihrem Platze liegen. »Es ist zwar ausgemacht, daß wir
den Menschen keinen Schaden mehr zufügen; aber wenn einer hierherkäme, wo
ich und die Jungen unsern Aufenthaltsort haben, dann wäre bald nicht mehr
so viel von ihm übrig, daß du es riechen könntest.«

Der Bärenvater legte sich neben der Bärin nieder; er schien aber mit der
Antwort, die sie ihm gegeben hatte, nicht recht zufrieden zu sein, denn er
schnupperte und witterte immer wieder von neuem.

»Hör doch auf mit diesem Geschnupper!« sagte die Bärenmutter. »Nachgerade
solltest du mich doch so gut kennen, daß ich den Jungen niemand nahe kommen
lasse, der ihnen etwas zuleide tun könnte. Erzähl mir lieber, was du getan
hast, denn ich habe dich ja seit acht Tagen nicht mehr gesehen.«

»Ich habe mich nach einer andern Wohnung für uns umgesehen,« begann der
Bärenvater. »Zuerst ging ich nach Wärmland hinein, um von den Verwandten in
Nyskoge zu hören, wie es ihnen ginge. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen
können, denn sie sind gar nicht mehr dort. In dem ganzen Wald ist nicht
eine einzige Bärenhöhle mehr bewohnt.«

»Ich glaube, die Menschen wollen den ganzen Wald für sich allein haben,«
erwiderte die Bärin. »Selbst wenn wir sie mitsamt ihrem Vieh ganz in
Frieden lassen und uns von nichts als von Preiselbeeren, Ameisen und
Kräutern nähren, dürfen wir nicht im Walde bleiben. Ich möchte wissen, wo
wir eigentlich hin sollen, um einen sichern Aufenthaltsort zu finden.«

»Hier in dieser Grube ist es uns freilich seit Jahren ausgezeichnet
gegangen,« sagte der Bärenvater. »Aber seit das große Klopfwerk dicht neben
uns errichtet worden ist, kann ich es eben hier nicht mehr aushalten.
Schließlich habe ich mich dann noch östlich vom Dalälf, in der Nähe von
Garpenberg umgesehen. Dort gibt es auch noch viele Grubenlöcher und andre
gute Schlupfwinkel, und es kam mir vor, als könnte man dort ziemlich sicher
vor den Menschen sein ...«

In dem Augenblick, wo der Bärenvater dies sagte, richtete er sich auf und
fing wieder an zu schnuppern. »Es ist doch merkwürdig, sobald ich von
Menschen spreche, steigt mir dieser Geruch wieder in die Nase,« sagte er.

»Dann geh und sieh selber nach, wenn du mir nicht glaubst,« sagte die
Bärin. »Ich möchte wohl wissen, wo hier ein Mensch verborgen sein sollte?«

Schnuppernd ging der Bär in der Höhle umher. Schließlich kehrte er
unverrichteter Sache zu der Bärenmutter zurück und legte sich neben ihr
nieder.

»Hab ich nicht recht gehabt?« fragte sie. »Aber du meinst natürlich, außer
dir habe niemand Augen und Ohren.«

»Bei der Nachbarschaft, die wir haben, kann man nie vorsichtig genug sein,«
sagte der Bär ruhig. Aber plötzlich fuhr er mit großem Gebrüll empor:
Unglücklicherweise hatte einer von den jungen Bären seine Tatze auf Nils
Holgerssons Gesicht hingeschoben, dies hatte dem Jungen den Atem benommen,
und er hatte niesen müssen.

Jetzt konnte die Bärin den alten Bären nicht mehr beschwichtigen. Ein
Junges flog nach rechts, das andre nach links, und dann sah er Nils
Holgersson, ehe dieser sich aufrichten konnte.

Und er hätte ihn auch mit einem Happ hinuntergeschluckt, wenn sich die
Bärenmutter nicht ins Mittel gelegt hätte. »Rühr ihn nicht an! Das ist den
Jungen ihr Spielzeug. Sie sind den ganzen Abend so vergnügt mit ihm
gewesen, daß sie ihn nicht aufaßen, sondern für morgen früh aufgehoben
haben.«

Aber der Bär stieß die Bärin weg. »Mische dich nicht in das, was du nicht
verstehst!« brummte er. »Merkst du denn nicht, daß es schon von weitem nach
Menschen riecht? Sogleich werde ich ihn fressen, sonst spielt er uns irgend
einen schlimmen Streich.«

Wieder sperrte er das Maul auf. Indessen aber hatte der Junge ein wenig
nachdenken können, und dann hatte er in aller Eile seine Zündhölzer aus
seinem Ränzel herausgerissen -- das war das einzige Verteidigungsmittel,
das er hatte. Er rieb eins an seinen Lederhosen an und steckte dem Bären
das brennende Streichholz in den Rachen.

Der Bär fauchte, als ihm der Schwefelgeruch in die Nase stieg, und damit
war die Flamme gelöscht. Der Junge hielt schon ein zweites Zündholz bereit,
aber merkwürdigerweise griff ihn der Bär nicht wieder an.

»Kannst du viele solche blaue Blumen anzünden?« fragte der Bär.

»So viele, daß ich den Wald einäschern könnte,« antwortete der Junge, denn
er glaubte, er könne den Bären dadurch in Angst versetzen.

»Könntest du vielleicht ein Haus oder einen ganzen Hof anzünden?« fragte
der Bär.

»Das wäre keine Kunst für mich,« prahlte der Junge, in der Hoffnung, sich
bei dem Bären in Respekt zu setzen.

»Das ist gut,« sagte der Bär. »Dann mußt du mir einen Dienst leisten. Jetzt
bin ich froh, daß ich dich nicht aufgefressen habe.«

Damit nahm der Bärenvater den Jungen ganz sachte und vorsichtig zwischen
die Zähne und begann mit ihm die Felswand hinaufzuklettern. Es ging
unbegreiflich leicht und hurtig, obgleich der Bär so groß und schwer war,
und sobald er oben angekommen war, rannte er eiligst in den Wald hinein.
Auch hier ging es rasch vorwärts; es war klar, der Bär war wie dazu
geschaffen, sich einen Weg durch dichte Wälder hindurch zu bahnen. Sein
plumper Körper schob sich durchs Gestrüpp hindurch, wie ein Boot durch das
Röhricht im Wasser hindurchgleitet.

»Sieh dir nun das große Klopfwerk dort unten an,« sagte der Bär zu dem
Jungen.

Der große Eisenhammer mit seinen vielen mächtigen Gebäuden lag am Rande
eines Wasserfalls. Riesige Schornsteine sandten schwarze Rauchwolken empor,
die Feuer der Schmelzöfen züngelten hell auf, alle Fenster und Luken waren
erleuchtet. Da drinnen waren die Hämmer und Walzwerke im Gang, und es wurde
mit voller Kraft gearbeitet, daß einem von dem Gerassel und Gedröhne die
Ohren gellten. Rings um die Werkstätten herum lagen ungeheure Kohlenställe,
große Schlackenhaufen, Packhäuser, Bretterstapel und Werkzeugschuppen. Eine
kleine Strecke davon befanden sich lange Reihen von Arbeiterwohnungen,
schöne Villen, Schulhäuser, Vereinshäuser und Kaufläden. Aber dort war
alles still und wie eingeschlafen. Der Junge sah nicht dorthin, er hatte
nur Augen für den Eisenhammer. Der Boden ringsumher war kohlschwarz, der
Himmel wölbte sich herrlich dunkelblau über den aus den Schmelzöfen
herausschlagenden Flammen, der Wasserfall rauschte weißschäumend herunter,
die Gebäude selbst standen riesengroß da und stießen Licht und Rauch und
Feuer und Funken heraus. Es war das großartigste Bild, das der Junge jemals
gesehen hatte.

»Du willst doch wohl nicht behaupten, daß du so ein großes Gebäude in Brand
stecken könntest?« fragte der Bärenvater.

Da war nun der Junge zwischen den Bärentatzen eingeklemmt, und er war
überzeugt, wenn er überhaupt mit dem Leben davonkommen sollte, mußte er dem
Bären Respekt vor seiner Geschicklichkeit beibringen. »Ein großes oder
kleines Gebäude, das ist mir ganz einerlei,« sagte er deshalb. »Ich kann es
gut in Brand stecken.«

»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr der Bär fort. »Meine Vorfahren haben
von der Zeit an, wo der Wald hier heranwuchs, in dieser Gegend gewohnt. Ich
habe das Jagdgebiet und die Weideplätze, die Höhlen und Schlupfwinkel von
ihnen geerbt und mein ganzes Leben lang in Ruhe und Frieden hier gewohnt.
Im Anfang störten mich die Menschen nur wenig. Sie kamen daher, hackten an
den Bergen herum, holten etwas Erz heraus und bauten am Wasserfall einen
Eisenhammer und einen Schmelzofen. Der Hammer dröhnte nur ein paarmal am
Tage, der Schmelzofen wurde nie länger als ein paar Mondwechsel lang
geheizt, und darein konnte ich mich schon finden. Aber seit die Menschen
vor einigen Jahren dieses Klopfwerk da errichtet haben, das Tag und Nacht
hindurch gleichmäßig weitergeht, kann ich es nicht mehr aushalten. Früher
waren nur ein Fabrikdirektor und einige Schmiede da, aber jetzt sind eine
Unmenge Leute hier, und ich bin nie mehr sicher vor ihnen. Ich glaubte
schon, ich müßte fortziehen, aber jetzt hab ich etwas Besseres
herausgefunden.«

Der Junge überlegte, was der Bärenvater wohl ausgeheckt habe; aber er hatte
keine Zeit mehr, zu fragen, denn jetzt nahm ihn der Bär wieder zwischen die
Zähne und trottete mit ihm dem Hügel zu. Der Junge konnte nichts sehen;
aber an dem zunehmenden Getöse erriet er, daß sie sich dem Eisenhammer
näherten.

Der Bärenvater kannte den Eisenhammer genau. In dunkeln Nächten war er oft
herumgestreift und hatte beobachtet, was da drinnen vorging, und sich
gefragt, ob man denn niemals mit der Arbeit aussetze. Er hatte mit den
Tatzen an den Mauern zu rütteln versucht und nur gewünscht, so stark zu
sein, daß er das ganze Gebäude mit einem Schlage zerschmettern könnte.

Der Bär war von dem schwarzen Boden nicht leicht zu unterscheiden, und wenn
er sich überdies im Schatten der Mauern hielt, schwebte er nicht gerade in
Gefahr, entdeckt zu werden. Jetzt ging er ohne Furcht zwischen die
Werkstätten hinein und kletterte auf einen Schlackenhaufen; hier stellte er
sich auf die Hinterbeine, nahm den Jungen zwischen die Vorderbeine und hob
ihn in die Höhe. »Probiere, ob du in das Haus hineinsehen kannst!« sagte
er.

In dem Eisenhammer waren sie gerade beim Bessemerblasen. Oben an der Decke
hing eine große schwarze, runde, mit geschmolzenem Eisen gefüllte Kugel; in
diese wurde ein starker Luftstrom hineingepreßt. Und als diese Luft mit
furchtbarem Getöse in die Eisenmasse hineindrang, stob ein ganzer
Funkenschwall heraus. In Strahlen, in Garben, in langen Dolden fuhren die
Funken empor. Sie hatten die verschiedensten Farben, waren groß und klein,
brachen sich an der Wand und flogen in dem ganzen Saale herum. Der
Bärenvater ließ den Jungen das prächtige Schauspiel genießen, bis die Leute
mit dem Blasen fertig waren und der rote flüssige, schönglänzende Stahl aus
der runden Kugel heraus in ein paar Gefäße floß. Dem Jungen kam alles, was
er da sah, wundervoll vor; er war ganz hingerissen davon und hatte fast
vergessen, daß er zwischen zwei Bärentatzen gefangen saß.

Jetzt ließ der Bärenvater den Jungen auch in das Walzwerk hineinsehen. Ein
Arbeiter nahm eben ein kurzes, dickes Stück Eisen aus dem Ofen heraus und
legte es dann unter eine Walze. Als die Eisenstange unter der Walze wieder
hervorkam, war sie zusammengepreßt und in die Länge gezogen. Rasch ergriff
sie ein andrer Arbeiter und steckte sie unter eine härtere Walze, die sie
noch länger und dünner preßte. So ging es von Walze zu Walze; die
Eisenstange wurde gestreckt und gezogen und schlängelte sich schließlich
als ein mehrere Meter langer rotglühender Draht am Boden hin. Aber während
das erste Stück Eisen also gepreßt wurde, hatten die Arbeiter ein zweites
aus dem Ofen herausgenommen und unter die Walzen gelegt, und nachdem dieses
halbwegs fertig war, holten sie ein drittes. Unaufhörlich schlängelten sich
neue rotglühende Drähte wie zischende Schlangen auf dem Boden hin. Dem
Jungen gefiel dies alles außerordentlich gut; aber noch besser gefielen ihm
die Arbeiter, die leicht und behende die glühenden Stangen mit ihren Zangen
packten und sie unter die Walzen hinunterzwangen. Wie spielend hantierten
sie da mit dem glühenden Eisen. »Das ist eine richtige Mannesarbeit, das
muß ich sagen,« flüsterte der Junge vor sich hin.

Jetzt ließ der Bär den Jungen auch in die Schmelzhütte und in die
Eisenschmiede hineinsehen; da sperrte er vor Verwunderung Mund und Nase
auf. »Diese Leute haben keine Angst vor Hitze und Flammen,« dachte er.
Schwarz und rußig waren sie auch, und sie kamen ihm wie eine Art
Feuermenschen vor, weil sie imstande waren, das Eisen nach Belieben zu
biegen und zu formen. Er konnte sich gar nicht denken, daß gewöhnliche
Menschen wirklich solche Macht hätten.

»So geht es da drinnen Tag um Tag, Nacht um Nacht weiter,« klagte der Bär
und legte sich auf den Boden. »Nein, es ist auf die Dauer nicht zum
Aushalten, das wirst du begreifen. Deshalb bin ich goldfroh, daß ich der
Sache jetzt ein Ende machen kann.«

»So, das könnt Ihr,« fragte der Junge. »Wie wollt Ihr denn das anfangen?«

»Nun, ich meine, du sollst die Gebäude hier in Brand stecken,« sagte der
Bär. »Dann bekäme ich Ruhe vor dem ewigen Spektakel und könnte in meiner
alten Heimat verbleiben.«

Dem Jungen lief es eiskalt den Rücken hinunter. Also deshalb hatte der
Bärenvater ihn hierhergebracht!

»Wenn du das Klopfwerk anzündest, dann schenke ich dir das Leben, wenn du
aber nicht tust, was ich will, wird es bald aus mit dir sein.«

Die großen Werkstätten hatten dicke Backsteinmauern, und der Junge dachte,
der Bärenvater habe gut befehlen, das Gehorchen sei ihm von selbst
unmöglich gemacht. Im nächsten Augenblick jedoch erkannte er, daß es
vielleicht doch nicht so ganz unmöglich wäre. Dicht neben ihnen lag ein
Haufen Stroh und Hobelspäne, die er leicht anzünden konnte; neben den
Spänen ragte ein Stapel Bretter auf, und die Bretter reichten bis dicht an
einen großen Kohlenschuppen heran. Der Kohlenschuppen stieß an die
Werkstätten; und wenn diese in Brand gerieten, griff das Feuer bald auf das
Dach des Eisenhammers hinüber. Alles, was brennen konnte, fing dann Feuer,
die Mauern barsten vor Hitze, und die Maschinen würden vollständig
zerstört.

»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär.

Der Junge wußte, daß er sofort nein sagen sollte; aber er wußte auch, daß
ihn dann die Bärentatzen, die ihn noch immer festhielten, mit einem
einzigen Griff zerdrückten. Deshalb sagte er: »Ich muß es mir zuerst etwas
überlegen.«

»Nun, so tu es,« brummte der Bär. »Aber ich will dir noch etwas sagen. Das
Eisen ist es, das den Menschen eine solche Macht über uns Bären verliehen
hat, und auch aus diesem Grunde will ich der Arbeit hier ein Ende gemacht
haben.«

Der Junge wollte die Bedenkzeit benützen, um irgend etwas herauszufinden,
wodurch er entwischen könnte; aber er war so von Angst überwältigt, daß er
gar nicht Herr über seine Gedanken werden konnte, sondern nur immer daran
denken mußte, welche große Hilfe das Eisen doch für die Menschen sei. Sie
brauchten ja das Eisen zu allem. Aus Eisen bestand die Pflugschar, die das
Feld umpflügte, aus Eisen die Axt, die das Haus baute, aus Eisen die Sense,
die das Getreide schnitt, aus Eisen das Messer, das zu allem möglichen
gebraucht wurde. Aus Eisen bestand der Zaum, der das Pferd lenkte, das
Schloß, das die Tür verschloß, die Nägel, die die Möbel zusammenhielten,
die Platten, die das Dach deckten. Das Gewehr, das die wilden Tiere
ausgerottet hatte, war aus Eisen, und ebenso der Pickel, der in der Grube
das Erz heraushackte. Eisen bekleidete die Kriegsschiffe, die der Junge in
Karlskrona gesehen hatte, auf Eisenschienen rollten die Lokomotiven durchs
Land; aus Eisen bestand die Nadel, die das Kleid nähte, die Schere, die die
Schafe schor, der Topf, in dem das Essen gekocht wurde. Das Große und das
Kleine, alles, was nützlich und unentbehrlich war, bestand aus Eisen. Ja,
der Bärenvater hatte ganz recht, das Eisen war es, das den Menschen die
Übermacht über die Bären gegeben hatte.

»Nun, willst du, oder willst du nicht?« fragte der Bär noch einmal.

Der Junge fuhr auf. Da hatte er nun an vollständig unnötige Sachen gedacht
und noch nichts herausgefunden, was ihn retten könnte.

»Seid doch nicht so ungeduldig,« sagte er. »Dies ist eine sehr wichtige
Sache für mich, und ich muß ordentlich Zeit zum Überlegen haben.«

»Nun, dann überleg dirs noch eine Weile,« sagte der Bärenvater. »Aber das
will ich noch sagen: das Eisen ist schuld daran, daß die Menschen soviel
klüger geworden sind als wir Bären, und gerade deshalb möchte ich der
Arbeit hier ein Ende machen.«

Als der Junge diese neue Bedenkzeit gewonnen hatte, wollte er sie zum
Entwerfen eines Rettungsplanes anwenden. Aber er konnte und konnte in
dieser Nacht seine Gedanken nicht zusammenhalten, sie beschäftigten sich
immer wieder mit dem Eisen. Da ging ihm allmählich ein helles Licht darüber
auf, was die Menschen hatten alles denken und ausklügeln müssen, bis sie
herausgebracht hatten, wie sie das Eisen aus dem Erz herausschmelzen
könnten; und er sah plötzlich ganz deutlich die alten schwarzen Schmiede
vor sich, die sich über die Esse beugten und darüber nachgrübelten, wie sie
die Sache richtig angreifen müßten. Und vielleicht gerade deshalb, weil sie
so lange hatten darüber nachgrübeln müssen, war den Menschen der Verstand
gewachsen, daß sie schließlich so große Fabriken hatten bauen können. Ja,
ja, darüber konnte kein Zweifel herrschen, die Menschen verdankten dem
Eisen mehr, als sie sich selbst bewußt waren.

»Nun, wie stehts?« fragte der Bärenvater. »Willst du, oder willst du
nicht?«

Der Junge fuhr zusammen. Noch immer nahmen ihn unnötige Gedanken gefangen,
obgleich er nicht wußte, was er tun sollte, um zu entwischen! »Die Wahl ist
gar nicht so leicht, wie Ihr meint,« sagte er. »Gebt mir noch ein wenig
Bedenkzeit, Bärenvater.«

»Eine kleine Weile will ich noch warten,« sagte der Bär. »Aber dann gibts
keine Ausflucht mehr. Ich sage dir, dem Eisen allein verdanken es die
Menschen, daß sie hier im Bärenland wohnen können, und eben deshalb will
ich ihnen die Fabrik hier zerstören.«

»Diese letzte Bedenkzeit will ich mir aber nun zunutze machen,« dachte der
Junge. Doch ängstlich und verwirrt, wie er war, konnte er durchaus nicht
Herr über seine Gedanken werden, und diese beschäftigten sich jetzt mit
allem, was er gesehen hatte, während er auf dem Rücken des Gänserichs über
den Bergwerkdistrikt hingeflogen war. Ja, ja, es war merkwürdig, wie viel
Leben und Bewegung und wie viel nützliche Arbeit in der Wildnis erstanden
war! Wie arm und öde wäre es doch da, wenn es kein Eisen gäbe! Der Junge
dachte an den Eisenhammer hier, der, seit er gebaut worden war, so vielen
Menschen ihr tägliches Brot gab, der so viele von Menschen bewohnte Häuser
um sich versammelt und Eisenbahnen und Telegraphendrähte herbeigezogen
hatte, und der in die Welt hinaus ...

»Nun, wie stehts?« fragte der Bär. »Willst du, oder willst du nicht?«

Der Junge fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Keinerlei Rettung hatte er
sich ausgedacht; aber so viel wußte er, daß er nichts gegen das Eisen
unternehmen würde, gegen das Eisen, dem reich und arm so viel verdankte und
das so vielen Menschen in diesem Land das tägliche Brot gab.

»Ich will nicht,« sagte der Junge.

Ohne etwas zu sagen, drückte der Bärenvater seine Tatzen fester zusammen.

»Ihr werdet mich nie dazu bringen, den Eisenhammer zu zerstören,« sagte der
Junge. »Denn das Eisen ist ein großer Segen, und es wäre unrecht, sich
daran zu vergreifen.«

»Dann erwartest du wohl auch nicht, daß ich dich am Leben lasse?« fragte
der Bär.

»Nein, das erwarte ich nicht,« antwortete der Junge und sah dem Bären fest
in die Augen.

Der Bärenvater drückte die Tatzen immer fester zusammen. Es tat sehr weh,
und dem Jungen traten die Tränen in die Augen; aber er schwieg und sagte
kein Wort.

»Gut! Eins, zwei, dr..!« sagte der Bär und hob langsam die eine Tatze, denn
er hoffte bis zuletzt, der Junge werde nachgeben.

In diesem Augenblick hörte der Junge ganz in der Nähe etwas knacken, und
nur ein paar Schritte entfernt sah er einen glänzenden Gewehrlauf blitzen.
Er und der Bärenvater waren beide vollständig mit sich selbst beschäftigt
gewesen und hatten deshalb gar nicht gemerkt, daß sich ein Mensch bis dicht
zu ihnen herangeschlichen hatte.

»Bärenvater!« schrie der Junge. »Hört Ihr nichts? Es hat jemand einen Hahn
gespannt! Flieht, flieht, sonst werdet Ihr erschossen!«

Wie der Blitz sprang der Bär auf, fand aber doch noch Zeit, den Jungen
mitzunehmen. Ein paar Schüsse knallten hinter ihm her, und die Kugeln
pfiffen ihm um die Ohren, trafen ihn aber nicht.

Während der Junge nun so im Maule des Bären hing, dachte er, so dumm wie in
dieser Nacht sei er doch noch nie gewesen. Wenn er nur geschwiegen hätte,
dann wäre der Bär erschossen worden, und er hätte entwischen können. Aber
er hatte sich so daran gewöhnt, den Tieren zu helfen, daß er es ganz
unwillkürlich tat.

Als der Bär ein Stück weit in den Wald hineingelaufen war, blieb er stehen
und stellte den Jungen auf den Boden. »Ich danke dir, Kleiner,« sagte er.
»Wenn du nicht gewesen wärest, hätten die Kugeln sicher besser getroffen.
Und nun will ich dir einen Gegendienst leisten. Wenn du je wieder mit einem
Bären zusammentriffst, dann sage nur das zu ihm, was ich dir jetzt ins Ohr
flüstere, und dann wird er dich nicht anrühren.«

Hierauf sagte der Bärenvater dem Jungen ganz leise ein paar Worte ins Ohr
und trottete dann eiligst davon, denn er glaubte zu hören, daß die Hunde
und Jäger ihn verfolgten.

Der Junge aber stand allein im Walde, frei und unverletzt, und konnte
selbst kaum glauben, daß es so war.

                  *       *       *       *       *

Die Wildgänse waren den ganzen Abend immerfort hin und her geflogen, hatten
gespäht und gerufen, aber keinen Däumling finden können. Sie suchten auch
noch weiter, nachdem schon die Sonne untergegangen war, und als es so
dunkel wurde, daß es Schlafenszeit für sie war, fühlten sich alle sehr
niedergedrückt. Sie glaubten, der Junge sei beim Hinunterfallen verunglückt
und liege nun irgendwo tot im Waldgestrüpp, wo sie ihn nicht sehen könnten.

Aber am nächsten Morgen, als die Sonne das Gesicht über die Berge erhob und
die Gänse weckte, siehe! da lag der Junge wie gewöhnlich ruhig schlafend
mitten unter ihnen, und als er erwachte und ihr verwundertes Geschrei und
Geschnatter hörte, mußte er hell auflachen.

Die Gänse waren äußerst begierig, zu hören, was passiert war, ja, sie
wollten nicht einmal auf die Weide gehen, ehe sie die ganze Geschichte
erfahren hatten. Da berichtete der Junge rasch und vergnügt sein ganzes
Abenteuer mit dem Bären, aber dann schien er plötzlich nicht weiter
erzählen zu wollen. »Nun, wie ich zu euch zurückgekommen bin, das wißt ihr
wohl schon,« sagte er.

»Nein, nein, wir wissen gar nichts! Wir glaubten, du habest dich zu Tod
gefallen!«

»Das ist doch merkwürdig,« sagte der Junge. »Denn als der Bärenvater mich
verlassen hatte, kletterte ich auf eine Tanne und schlief ein. Aber beim
ersten Morgengrauen erwachte ich davon, daß ein Adler auf mich zusauste,
mich in seine Klauen nahm und mit mir davonflog. Ich dachte natürlich,
jetzt sei es aus mit mir. Aber er tat mir gar nichts zuleide, flog nur
geradeswegs hierher und setzte mich mitten unter euch ab.«

»Sagte er nicht, wer er sei?« fragte der große Weiße.

»Ehe ich mich bedanken konnte, war er schon verschwunden. Ich glaubte,
Mutter Akka habe ihn geschickt, mich zu holen.«

»Das ist wirklich merkwürdig,« sagte der Gänserich. »Bist du auch sicher,
daß es ein Adler war?«

»Ich habe zwar noch nie einen Adler gesehen,« sagte der Junge. »Aber der
Vogel war so groß, daß ich keinen andern Namen für ihn wüßte.«

Der Gänserich Martin wendete sich an die Wildgänse und fragte sie, was sie
von der Sache hielten. Diese aber schauten nur in die Luft hinauf, als
dächten sie an ganz andre Dinge.

»Wir dürfen aber doch unser Frühstück nicht ganz vergessen,« sagte Mutter
Akka; damit breitete sie die Flügel aus und flog eilig davon.

[Illustration]



29

Der Dalälf


                                                  Freitag, 29. April

An diesem Tag bekam Nils Holgersson den südlichen Teil von Dalarna zu
sehen. Die Wildgänse flogen über das ungeheure Grubenfeld von Grängesberg
hin, über die großen Anlagen bei Ludovika, über das Ulvhütter Eisenwerk und
die alte Fabrik von Gränghammer bis zur Ebene von Groß-Tuna und dem Dalälf.

Als der Junge gleich im Anfang hinter jedem Hügel Fabrikschlote aufragen
sah, glaubte er, es sei hier alles wie in Westmanland; als er aber dann an
den großen Fluß kam, da sah er etwas ganz Neues. Dies war der erste
richtige Fluß, den er in seinem Leben zu sehen bekam, und der Anblick
dieser großen, breiten Wassermasse, die durch die Landschaft hinzog, machte
einen überwältigenden Eindruck auf ihn.

Als die Wildgänse die Schiffbrücke von Torsång erreichten, änderten sie die
Richtung und flogen dem Flusse entlang nordwestwärts weiter, gerade als
wollten sie diesen als Wegzeiger benützen. Der Junge betrachtete die Ufer,
wo meilenlang ein Gebäude dicht neben dem andern lag. Er sah die großen
Wasserfälle bei Domnarvet und Kvarnsveden, sowie die großen Fabriken, deren
Räder von diesen Wassern getrieben wurden. Er sah die Schiffbrücken auf dem
Wasser liegen, die Boote, die diese Brücke trugen, die Flöße, die auf dem
Flusse hintrieben, die Eisenbahnen, die dem Ufer entlang oder quer übers
Wasser fuhren, und allmählich wurde ihm klar, was dies für ein großes und
merkwürdiges Wasser war.

Gegen Norden machte der Fluß einen großen Bogen. Innerhalb dieser Krümmung
war das Land öde und menschenleer, und hier ließen sich die Wildgänse auf
einer Wiese nieder, um zu weiden. Der Junge lief gleich auf den Uferrain
hinauf; er wollte den Fluß betrachten, der hier in einem breiten Bette
tief unter ihm hinzog. Die Landstraße führte zum Fluß hinunter, und die
Reisenden wurden auf einer Fähre übergesetzt. Das war etwas Neues für den
Jungen, und es machte ihm eine Weile großen Spaß, da zuzusehen. Doch
plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. »Ich glaube, ich muß ein
wenig schlafen, denn ich habe in der letzten Nacht kein Auge geschlossen,«
dachte er. Damit kauerte er an einem dichten Grashügel nieder, versteckte
sich, so gut er konnte, unter Gras und Kräutern und schlief ein.

Er erwachte an einem Geräusch: neben ihm saßen Menschen, die sich
miteinander unterhielten. Sie waren auf der Landstraße dahergekommen,
konnten aber nicht gleich über den Fluß gesetzt werden, weil große
Eisschollen im Wasser trieben, die die Fähre am Überfahren hinderten. Um
sich die Wartezeit zu verkürzen, hatten die Leute den Wall erstiegen und
sich da niedergesetzt; jetzt redeten sie davon, welche Beschwer man mit dem
Flusse doch habe.

»Ob wir wohl heuer auch wieder so eine große Überschwemmung bekommen wie im
vorigen Jahre?« sagte ein Bauer. »Da ging das Wasser bei uns daheim bis
oben an die Telegraphenstangen, und die ganze Schiffbrücke wurde mit
fortgerissen.«

»Im letzten Jahr richtete er in unserer Gegend nicht so viel Schaden an,«
sagte ein andrer Bauer. »Aber vor zwei Jahren wurde mir ein ganzer
Heuschober weggeschwemmt.«

»Die Nacht werde ich nie vergessen, wo die Überschwemmung die große Brücke
bei Domnarvet zerstörte,« sagte ein Eisenbahnarbeiter. »In jener Nacht hat
in der ganzen Fabrik niemand auch nur ein Auge geschlossen.«

»Ja, der Fluß richtet viel Schaden an,« sagte ein großer, stattlicher Mann.
»Aber wenn ich euch hier so über ihn losziehen höre, muß ich unwillkürlich
an unsern Propst denken. In der Propstei wurde einmal ein Fest gefeiert,
und da beklagten sich die Leute auch über den Fluß, gerade wie ihr jetzt,
doch da wurde der Propst ganz erregt und sagte, er wolle uns eine
Geschichte erzählen. Und als er dies getan hatte, wagte von der ganzen
Gesellschaft auch nicht einer mehr ein böses Wort über den Dalälf zu sagen,
und ich möchte wissen, ob es euch nicht auch so gegangen wäre, wenn ihr
zugehört hättet.«

Als die Leute dies hörten, wollten alle wissen, was der Propst über den
Fluß gesagt hätte, und der Bauer erzählte ihnen die Geschichte, so gut er
sich noch daran erinnern konnte.

Hoch droben an der norwegischen Grenze lag tief im Gebirge ein See. Aus
diesem floß ein Bach heraus, der sofort eifrig schäumend daherrauschte. So
klein er auch war, wurde er doch gleich von Anfang an der Storå, der »Große
Fluß« genannt, weil er aussah, als könnte etwas Rechtes aus ihm werden.

Gleich nachdem er den See verlassen hatte, schaute er sich neugierig nach
allen Seiten um, welche Richtung er jetzt wohl am besten einschlagen würde.
Aber was er sah, war nicht gerade ermutigend. Nach rechts, nach links und
geradeaus waren nichts als waldige Hügel, die allmählich zu kahlen
Felsrücken, und weiterhin steile, kahle Felswände, die zu hohen Berggipfeln
wurden.

Der Fluß richtete seine Blicke gen Westen; da hatte er den Långfjäll mit
dem Djupgravstöten, sowie Barfröhågna und Storvätteshågna vor sich. Jetzt
schaute er nordwärts. Da war der Näsfjäll, im Osten ragte der Nipfjäll, im
Süden aber der Städjan auf. Der Fluß überlegte eben, ob er nicht am besten
täte, wieder in den See zurückzukehren. Aber dann dachte er, er müßte doch
wenigstens einen Versuch machen, bis zum Meere durchzudringen, und so
machte er sich denn auf den Weg.

Wie man sich denken kann, war es ein schweres Stück Arbeit für den Fluß,
sich einen Weg durch die Wildnis hindurchzubahnen. Wenn ihm nichts andres
im Wege stand, war immer noch der Wald da. Um freien Lauf zu bekommen,
mußte er eine Kiefer um die andre entwurzeln. Im Frühjahr, wenn der erste
Zulauf kam und sich sein Bett mit Schneewasser aus den Wäldern füllte, und
wenn später die Schneeschmelze auf den Bergen begann, so daß die
Gebirgswasser von den Felsen herabstürzten, da war der Fluß am stärksten
und reißendsten. Da nahm er alle seine Kraft zusammen, rauschte mächtig
daher, fegte Stämme und Erde hinweg und grub sich einen Weg durch die
Sandhügel hindurch. Aber auch im Spätjahr, wenn er nach den Herbstregen
gestiegen war, vollbrachte er ein tüchtiges Stück Arbeit.

Eines schönen Tages, als der Storå sich wie gewöhnlich seinen Weg eifrig
weiterbahnte, hörte er rechts von sich tief im Walde ein Rauschen und
Plätschern. Er lauschte so eifrig, daß er fast ganz still hielt. »Was mag
das nur sein?« fragte er.

Der Wald, der ringsumher aufragte, konnte es nicht lassen, sich über den
Fluß ein wenig lustig zu machen.

»Du meinst wohl, du seiest ganz allein auf der Welt?« sagte er. »Aber ich
will dir nur sagen: was du da hörst, ist der Grövel aus dem Grövelsee.
Jetzt eben hat er sich durch ein schönes Tal hindurchgegraben, und er
erreicht das Meer gewiß ebenso schnell wie du.«

Aber der Storå hatte seinen eigenen Kopf, und als er dies hörte, sagte er,
ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: »Der Grövel ist gewiß ein armer
Schlucker, der nicht allein vorwärts kommt. Sag ihm deshalb, der Storå vom
Vånsee sei auf dem Weg zum Meere, der wolle sich seiner annehmen, und wenn
er sich ihm anschließen wolle, ihm weiterhelfen.«

»Du bist ein rechter Prahlhans,« sagte der Wald. »Ja, ich will ihm deinen
Gruß bestellen, aber der Grövel wird keine Freude daran haben.«

Am nächsten Morgen jedoch stand der Wald vor dem Storå und sagte, er solle
von dem Grövel einen Gruß bestellen. Dieser habe sich so mühselig
durchkämpfen müssen und sei deshalb um jede Hilfe froh, er werde sich daher
so rasch er könne, mit dem Storå vereinigen.

Nachdem dies geschehen war, arbeitete sich der Storå natürlich nur noch
schneller weiter, und nach kurzer Zeit erblickte er einen schönen schmalen
See, in dessen klarem Wasser sich der Idreberg und die Städjanfelsen
widerspiegelten.

»Was ist denn das?« fragte der Fluß, der vor lauter Verwunderung wieder
beinahe stillstand. »Ich kann doch nicht so verrückt gewesen und wieder zum
Vånsee zurückgekehrt sein?«

Aber der Wald, der zu jener Zeit überall zur Hand war, sagte sogleich: »O
nein, du bist nicht zum Vånsee zurückgekommen, dies ist der Idresee, den
der Sörälf mit seinem Wasser gefüllt hat. Das ist ein tüchtiger Fluß. Jetzt
hat er den See ganz gefüllt und sucht sich einen Ausfluß zu verschaffen.«

Als der Storå das hörte, sagte er rasch zu dem Walde: »Du, der überall
hinreicht, könntest dem Sörälf einen Gruß von mir ausrichten und ihm sagen,
der Storå vom Vånsee sei da, und wenn er mich durch den See hindurchziehen
lasse, wolle ich ihn dafür mit nach dem Meere nehmen. Er brauche sich dann
gar nicht mehr um sein Fortkommen zu bekümmern, dafür würde ich sorgen.«

»Nun, ich kann ihm deinen Vorschlag wohl ausrichten,« sagte der Wald, »aber
der Sörälf wird wohl nicht auf deinen Vorschlag eingehen, denn er ist
ebenso mächtig wie du.«

Am nächsten Tag jedoch richtete der Wald aus, der Sörälf sei es auch müde,
sich allein einen Weg zu bahnen, und er wolle sich gern mit dem Storå
vereinigen.

Der Fluß zog also mitten durch den See hindurch und arbeitete sich immer
weiter durch den Wald und das Gebirge. Eine Weile kam er ordentlich
vorwärts; aber dann geriet er in eine Felsenschlucht hinein, die von allen
Seiten verschlossen war. Da gab es keinen Ausweg für ihn. Er brauste und
schäumte vor Zorn, und als der Wald hörte, wie rasend er war, sagte er:
»Jetzt ist es doch aus mit dir!«

»Aus mit mir!« rief der Fluß. »O nein, aber ich habe hier etwas ganz
Besonderes vor. Ich will nur sehen, ob ich nicht ebensogut wie der Sörälf
einen See machen kann.«

So fing er an, den Särnasee zu schaffen, und dazu brauchte er einen ganzen
Sommer hindurch. Je höher das Wasser in dem See stieg, desto höher hob sich
auch der Storå, und schließlich fand er am südlichen Rand eine Stelle, wo
er hinausfließen konnte.

Nachdem der Fluß wohlbehalten aus dieser Klemme hinausgekommen war, hörte
er eines Tages zu seiner Linken ein lautes Brausen und Rauschen. So ein
lautes Brausen hatte er im Walde noch nie vernommen, und er fragte schnell,
was denn das sei.

Und natürlich hatte der Wald auch sogleich eine Antwort bereit. »Das ist
der Fjätälf,« sagte er. »Hörst du, wie er rauscht und braust? Er ist auf
dem Weg nach dem Meere.«

»Wenn du so weit reichst, daß der Fluß dich hören kann,« rief der Storå,
»dann grüß ihn von mir und sage dem Schwächling, der Storå vom Vånsee biete
sich an, ihn mit nach dem Meere zu nehmen; doch nur unter der Bedingung,
daß er meinen Namen annehme und gehorsam mit mir weiter fließe.«

»O, der Fjätälf gibt seine Selbständigkeit nicht auf, das glaube ich nun
und nimmer!« sagte der Wald.

Aber am nächsten Tag mußte er dem Storå gestehen, daß auch der Fjätälf es
müde geworden sei, sich seinen eigenen Weg zu bahnen, und sich gerne mit
dem Storå vereinigen wolle.

Und der Storå zog immer weiter durchs Land. Er war indes noch gar nicht so
groß, wie man eigentlich hätte erwarten können, da er jetzt doch so viele
Helfer bei sich hatte. Aber stolz war er! Sein Lauf bestand fast aus lauter
Wasserfällen, und mit lautem Rauschen rief er alles, was im Walde
plätscherte und rieselte, ja selbst das kleinste Frühlingsbächlein, zu sich
heran.

Eines Tages hörte er weit, weit im Westen einen Fluß rauschen, und als er
den Wald fragte, was das sei, antwortete dieser, das sei der Fuluälf, der
das Wasser von den Fulufelsen aufnehme und sich schon ein sehr langes und
breites Bett gegraben habe.

Kaum hatte der Storå das vernommen, als er dem Wald auch schon den
gewohnten Gruß auftrug; der Wald übernahm auch den Auftrag, und am nächsten
Tag brachte er dann Botschaft vom Fuluälf. »Sage dem Storå,« hatte der Fluß
geantwortet, »ich wolle durchaus keine Hilfe. Ein solcher Gruß hätte
außerdem besser mir angestanden als dem Storå, denn ich bin der mächtigere
von uns beiden und komme sicher früher zum Meere als er.«

Kaum hatte der Storå diese Botschaft gehört, als er auch schon seine
Antwort bereit hatte. »Sage dem Fuluälf sofort,« rief er dem Walde zu, »ich
fordere ihn zum Wettstreit heraus. Wenn er meint, er sei stärker als ich,
soll er es beweisen und mit mir um die Wette laufen. Wer zuerst am Meere
anlangt, hat gewonnen!«

Als der Fuluälf diese Botschaft hörte, erwiderte er: »Ich habe nichts gegen
den Storå, und es wäre mir lieber gewesen, wenn ich meinen Weg in Ruhe und
Frieden hätte fortsetzen dürfen. Aber die Fulufelsen schicken mir gewiß
soviel Beistand, daß es feig von mir wäre, wenn ich die Herausforderung
nicht annähme.«

Hierauf begannen die beiden Ströme das Wettrennen. Mit noch größerer Eile
als vorher rauschten sie dahin und ließen sich Sommer und Winter keine
Ruhe.

Aber es hatte allen Anschein, als ob der Storå sehr bald Grund hätte, seine
verwegene Herausforderung zu bereuen, denn er stieß auf ein Hindernis, das
ihm beinahe unüberwindlich wurde. Dieses Hindernis war ein Berg, der mitten
auf seinem Wege lag, und durch den nur eine ganz enge Felsenspalte führte.
Der Storå machte sich so schmal wie möglich und drängte sich unter wildem
Schäumen hinein; aber er mußte viele Jahre lang waschen und aushöhlen, bis
er die Spalte zu einer annähernd genügend breiten Rinne ausgeweitet hatte.

Während dieser Zeit fragte der Storå den Wald mindestens alle sechs Monate
einmal, wie es dem Fuluälf gehe.

»Dem Fuluälf geht es so gut, wie er es sich nur wünschen kann,« antwortete
der Wald. »Er hat sich mit dem Görälf vereinigt, der das Wasser von dem
norwegischen Gebirge aufnimmt.«

Und ein andres Mal, als der Storå den Wald wieder gefragt hatte, antwortete
dieser:

»Um den brauchst du dir keine Sorge zu machen, er hat eben den ganzen
Horrmundsee mitgenommen.«

Aber den Horrmundsee hatte der Storå selbst mitzunehmen die Absicht gehabt,
und als er nun von dessen Übergang in den Fuluälf hörte, wurde er so
wütend, daß er sich endlich durch seinen Engpaß hindurchzwängte und so
wildschäumend davonstürzte, daß er mehr Erde und Wald mit sich fortriß, als
eigentlich notwendig gewesen wäre. Es war gerade im Frühling, und der Fluß
überschwemmte die ganze Gegend zwischen Hyckjeberg und Väsaberg, und ehe er
sich wieder beruhigen konnte, hatte er eine Landschaft geschaffen, die das
Älfdal genannt wurde.

»Ich möchte nur wissen, was der Fuluälf dazu sagt!« rief der Storå dem
Walde zu.

Der Fuluälf hatte indessen Transtrand und Lima ausgegraben, aber nun stand
er schon ziemlich lange vor Limed und suchte nach einem Ausweg, weil er
sich nicht über das steile Gebirge hinunterzustürzen wagte. Als er jedoch
hörte, daß der Storå seinen Engpaß durchbrochen und das Älfdal ausgegraben
habe, sagte er, nun möge es gehen, wie es wolle, er könne sich nicht länger
aufhalten. Und er warf sich die Limedwand hinunter.

Es war ein gewaltiger Sprung, aber er kam wohlbehalten unten an, und jetzt
ging es natürlich schnellen Laufes weiter. Er grub Malung und Järna aus,
und hier gelang es ihm, den Vanfluß zu überreden, sich mit ihm zu
vereinigen, obgleich der Vanfluß ganze zehn Meilen lang war und sich auf
eigene Faust einen so großen See wie den Vänjan ausgegraben hatte.

Ab und zu glaubte der Fuluälf ein merkwürdig starkes Brausen zu vernehmen.

»Jetzt ist mir, als höre ich, wie sich der Storå ins Meer stürzt,« sagte
er.

»Nein,« sagte der Wald, »was du hörst, ist freilich das Rauschen des Storå,
aber er hat das Meer noch nicht erreicht. Er hat allerdings den Orsasee und
den Skattungen aufgenommen und prahlt nun, er wolle das ganze Siljantal
füllen.«

Das war eine gute Nachricht für den Fuluälf. Er dachte, wenn sich der Storå
einmal ins Siljantal hinunter verirrt hätte, dann sei er dort wie in einem
Gefängnis eingeschlossen, und er selbst werde alsdann das Meer sicher
zuerst erreichen.

Von da an zog der Fuluälf ganz behaglich dahin. Im Frühjahr vollbrachte er
sein schwerstes Stück Arbeit. Da stieg er hoch über Wälder und Hügel hinauf
und wo er hinzog, hinterließ er ein breites Tal. Auf diese Weise schritt er
von Järna nach Näs und von Näs nach Floda. Von Floda kam er nach Gagnef.
Hier war schon im voraus eine Ebene. Die Berge waren weit zurückgewichen,
und der Fuluälf konnte ohne jegliche Schwierigkeit weiterziehen; da vergaß
er seinen vorherigen Eifer vollständig und schlängelte sich in allerlei
Buchten und Krümmungen dahin, fast wie ein ganz junges, fröhliches
Bächlein.

Aber wenn der Fuluälf den Storå vergessen hatte, so hatte doch der Storå
den Fuluälf nicht vergessen. Jeden Tag war er eifrig an seiner Arbeit, das
Siljantal ganz mit Wasser zu füllen, damit er an irgend einer Stelle
hinauskommen könnte; aber wie ein ungeheures Becken lag das Tal noch immer
da und schien niemals voll zu werden. Der Storå war oft am Verzweifeln und
glaubte schon, er müsse schließlich den ganzen Gesundaberg unter Wasser
setzen, nur um aus seinem jetzigen Gefängnis herauszukommen. Er versuchte
bei Rättvik durchzubrechen, aber da stand ihm der Lerdalberg im Wege.
Schließlich kam er aber doch bei Leksand heraus.

»Sag dem Fuluälf nicht, daß ich herausgekommen bin!« rief er dem Wald zu;
und der Wald versprach zu schweigen.

Im Vorbeigehen nahm der Storå nun den Insee mit, und dann floß er als
stolzer, gewaltiger Fluß durch Gagnef hindurch.

Als er in Gagnef nahe bei Mjälgen war, sah er einen prachtvollen, breiten
Fluß, der mit hellem, glänzendem Wasser dahergezogen kam, und der die
Wälder und Sandhügel, die ihm im Wege lagen, wie spielend auf die Seite
schob.

»Was ist denn das für ein wunderschöner Fluß?« fragte der Storå.

Aber gerade in diesem Augenblick fragte der andre Fluß, der der Fuluälf
war, ganz dasselbe. »Was ist denn das für ein Fluß, der so stolz und
gewaltig von Norden daherkommt? Ich hätte nie geglaubt, daß ich einen Fluß
sehen würde, der so mächtig und kraftvoll zu Tale zieht,« sagte er.

Da sagte der Wald so laut, daß beide Flüsse es hörten: »Nachdem ihr alle
beide, der Storå und der Fuluälf, so Gutes über einander gesagt habt, meine
ich, ihr solltet euch nun ohne Säumen miteinander vereinigen und euch dann
gemeinsam einen Weg zum Meere bahnen.«

Das schien den beiden Flüssen zu gefallen. Aber noch ein Hindernis stand
ihnen im Wege. Keiner wollte seinen Namen aufgeben und den des andern
annehmen.

Aus diesem Grunde wäre die Vereinigung schließlich fast nicht zustande
gekommen; da schlug der Wald vor, sie sollten doch einen neuen Namen
annehmen, der bis jetzt keinem von ihnen gehöre.

Darauf gingen sie ein, und der Wald sollte den Namen wählen. Dieser
bestimmte nun, der Storå solle seinen Namen ablegen und sich Ost-Dalälf
nennen, und der Fuluälf solle seinen auch ablegen und den Namen West-Dalälf
annehmen. Und nachdem sie sich dann vereinigt hätten, sollten beide
zusammen recht und schlecht Dalälf heißen.

Und jetzt, nachdem die beiden Flüsse sich vereinigt hatten, ging es mit
gewaltiger Kraft weiter: nun konnte ihnen nichts mehr widerstehen. Sie
machten den Boden von Groß-Tuna so eben wie einen Hofplatz; sie stürzten
sich ohne Zögern über die Felsen bei Kvarnsveden und Domnarvet hinunter.
Als sie in die Nähe des Runnsees kamen, sogen sie dessen Wasser auf und
zwangen alle Flüsse der Umgegend, sich mit ihnen zu vereinigen. Dann zogen
sie ohne große Hindernisse ostwärts, immer weiter dem Meere zu und wurden
an manchen Stellen so breit wie ganze Seen. Bei Söderfors errangen sie sich
großen Ruhm, desgleichen auch bei Älfkarleby, und endlich erreichten sie
das Meer.

Als sie eben im Begriff waren, sich ins Meer zu stürzen, gedachten sie
ihres langen Wettstreits, und wie viele Mühe und Beschwer sie dadurch
gehabt hätten.

Jetzt fühlten sie sich alt und müde und verwunderten sich, daß sie sich in
ihrer Jugend so gerne gestritten und gegenseitig herausgefordert hatten,
ja, sie fragten sich, was für einen Nutzen sie eigentlich davon gehabt
hätten.

Aber auf diese Frage erhielten sie keine Antwort, denn der Wald war weit
droben im Lande stehen geblieben; sie selbst aber konnten sich in ihrem
Bette nicht umdrehen und also auch nicht sehen, wie die Menschen überall
vorgedrungen waren, wie viele Straßen sie gebaut hatten, wie an den Seen
des Ost-Dalälfs und in den Tälern des West-Dalälfs eine Ortschaft um die
andre herangewachsen war, und wie im ganzen Lande noch immer überall nur
öde Wälder und kahle Gebirge waren, ausgenommen da, wo die beiden Flüsse
während ihres heftigen Wettstreits hingezogen waren.

[Illustration]



30

Der Bruderteil

Die alte Grubenstadt


                                                  Freitag, 29. April

Bataki, der Rabe, wußte in ganz Schweden keinen Ort, wo es ihm so gut
gefiel wie in Falun. Sobald im Frühjahr die Erde wieder ein wenig
hervorschimmerte, begab er sich dahin und hielt sich dann mehrere Wochen
lang in der Nähe der alten Bergwerkstadt auf.

Falun liegt in einer Talsenkung, durch die ein Flüßchen von kurzem Lauf
hinzieht. An dem nördlichen Ende des Tals liegt ein schöner, heller kleiner
See mit grünen, reich gegliederten Ufern, namens Varpan. Am südlichen Ende
ist eine weite, große vom Runnsee gebildete Bucht, die auch fast wie ein
See ist; sie heißt Tisken und hat niedriges, trübes Wasser und sumpfige,
unschöne mit allem möglichen Abfall übersäte Ufer. Östlich von dem Tale
zieht sich eine reizende Hügelkette hin, auf deren Gipfel stattliche
Tannenwälder und saftige Birkengehölze prangen und deren Hänge überall mit
schattigen Obstgärten bedeckt sind. Westlich von der Stadt liegt auch ein
Bergrücken. Dieser ist ganz oben mit ärmlichen Kiefern bestanden, die Hänge
aber sind vollständig kahl, ohne Bäume und Kräuter, wie eine richtige
Wüste. Nichts gibt es dort oben, nichts als große runde Steinblöcke, die
überall verstreut liegen.

Die Stadt Falun, die in der Talsenkung rechts und links von dem Flusse
liegt, sieht aus, als sei sie ganz nach der Bodenbeschaffenheit, auf der
sie steht, gebaut worden. Auf der grünen Seite des Tales sind alle die
Gebäude, die ein stattliches oder hübsches Aussehen haben. Da stehen die
beiden Kirchen, das Rathaus, die Wohnung des Bezirkspräsidenten, die
Bergwerkskanzleien, die Bank, die Gasthäuser, die vielen Schulen, das
Spital, sowie alle hübschen Villen und schönen Landhäuser. Auf der
schwarzen Seite dagegen gibt es Straßen auf, Straßen ab nichts als
rotangestrichene einstöckige Häuser, lange traurige Holzschuppen und große
plumpe Fabrikgebäude. Und auf der andern Seite dieser Gassen, mitten in der
großen Steinwüste, liegen die Faluner Gruben mit ihren Fahrkünsten, Winden
und Pumpwerken, mit altmodischen Gebäuden, die schief auf dem untergrabenen
Erdreich stehen, mit hohen schwarzen Schlackenbergen und langen Reihen
Schmelzöfen ringsumher.

Was nun Bataki betrifft, so pflegte er niemals auch nur einen Blick auf den
östlichen Stadtteil zu werfen und ebensowenig auf den schönen Varpansee. Um
so besser aber gefiel ihm die westliche Seite und der kleine Tiskensee.

Der Rabe Bataki liebte alles, was geheimnisvoll war, alles, was ihm
Gelegenheit zum Grübeln gab und ihn zum Nachdenken anregte, und dazu fand
er auf der schwarzen Seite reichlich Gelegenheit. So machte es ihm zum
Beispiel ein großes Vergnügen, zu ergründen, warum diese alte rote
Holzstadt nicht auch abgebrannt sei, wie alle andern roten Holzstädte in
diesem Lande? Ebenso hatte er sich gefragt, wie lange wohl die windschiefen
Häuser am Rande der Gruben noch stehen bleiben könnten? Er hatte über den
großen »Schacht«, jene ungeheure Öffnung im Boden mitten auf dem
Grubenfeld, ernstlich nachgedacht und war auch ganz bis auf den Grund
hineingeflogen, um zu untersuchen, wie dieser unermeßlich große leere Raum
entstanden sei. Er war in helle Verwunderung ausgebrochen über die riesigen
Schlackenhaufen, die wie Mauern den Schacht und die Grubenhäuser umgaben.
Auch hatte er sich klar zu machen versucht, was die kleine Signalglocke zu
bedeuten habe, die das ganze Jahr hindurch in bestimmten Zwischenräumen
einen kurzen, unheimlich klingenden Glockenschlag vernehmen ließ; und in
erster Linie hätte er gerne gewußt, wie es ganz drunten in der Erde
aussähe, wo das Kupfererz seit so vielen hundert Jahren herausgebrochen
wurde, und wo die Erde so untergraben und so voller Gänge war wie ein
Ameisenhaufen. Wenn es dann Bataki schließlich gelungen war, einigermaßen
Klarheit in diese seine Gedanken zu bringen, schwebte er fort und hinaus in
die unheimliche Steinwüste, um weiter darüber nachzusinnen, warum kein Gras
zwischen den Feldsteinen wüchse, oder zuweilen begab er sich auch hinunter
an den Tisken. Dieser See erschien ihm als das wunderbarste Wasser, das er
je gesehen hatte. Woher mochte es nur kommen, daß gar keine Fische darin
waren, und woher wurde denn das Wasser, wenn es ein Sturm aufwühlte,
manchmal ganz rot? Das war um so wunderbarer, als ein Grubenfluß, der in
den See floß, glänzendes hellgelbes Wasser hatte. Bataki zerbrach sich den
Kopf über die Ruinen der zerstörten Gebäude, die noch am Ufer des Sees
lagen, sowie über die Tisker Sägemühle, die von grünen Gärten umgeben und
von hohen Bäumen beschattet zwischen der öden Steinwüste und dem
merkwürdigen See hervorschimmerte.

In dem Jahr, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, stand
am Ufer des Tisken eine Strecke vor der Stadt draußen ein altes Haus, das
die »Schwefelküche« genannt wurde, weil dort alle paar Jahre einige Monate
lang Schwefel gekocht wurde. Das Haus war eine alte Baracke, die einst rot
angestrichen gewesen war, allmählich aber eine graubraune Färbung
angenommen hatte. Statt der Fenster sah man nur eine Reihe Luken, die
überdies beinahe fast immer verrammelt waren. In dieses Haus hatte Bataki
fast noch nie einen Blick hineinwerfen können, und deshalb war es ihm viel
interessanter als jedes andre. Er hüpfte auf dem Dach umher, um irgend ein
Loch zu entdecken, und oftmals saß er auf dem hohen Schornstein und schaute
durch die enge Öffnung hinunter.

Aber eines Tages ging es Bataki schlecht. Es hatte tüchtig gestürmt, und in
der alten Schwefelküche war eine Luke aufgerissen worden. Bataki hatte die
Gelegenheit natürlich sogleich benützt und war durch die Luke in das
Gebäude hineingeflogen. Doch kaum war er drinnen, da schlug die Luke hinter
ihm wieder zu, und Bataki war gefangen. Er hoffte, der Sturm werde die Luke
von neuem aufreißen, aber dazu schien der gar keine Lust zu haben.

Durch die Risse in den Mauern fiel ziemlich viel Licht in das Gebäude
hinein, und so wurde Bataki wenigstens die Freude zuteil, sich in dem Raume
umsehen zu können. Es war nichts darin, als ein großer Herd mit einem
eingemauerten Kessel, und daran hatte sich der Rabe bald satt gesehen. Er
wollte darum das Gebäude jetzt wieder verlassen, fand dies aber noch immer
unmöglich; der Wind wollte die Luke nicht wieder aufreißen. Kein einziges
Loch und keine Tür stand offen; der Rabe befand sich ganz allein in seinem
Gefängnis.

Bataki begann um Hilfe zu rufen, und als keine kam, setzte er sein Geschrei
den ganzen Tag hindurch fort. Es gibt wohl kein andres Tier, das einen so
ununterbrochenen Spektakel verführen kann wie ein Rabe, und das Gerücht,
daß Bataki in Gefangenschaft geraten sei, verbreitete sich wie ein
Lauffeuer. Die graugestreifte Katze von der Tisker Sägemühle war die erste,
die Kunde von dem Unglück erhielt. Sie teilte es den Hühnern mit, und diese
gackerten es den vorbeifliegenden Vögeln zu. Bald wußten alle Dohlen und
Tauben und Krähen und Sperlinge in ganz Falun, was geschehen war, und alle
flogen auch sogleich nach der alten Schwefelküche, um die Sache in der Nähe
zu besehen. Alle hatten großes Mitleid mit dem Raben, aber keinem kam ein
guter Gedanke, wie man ihm heraushelfen könnte.

Da plötzlich rief ihnen Bataki mit seiner scharfen, krächzenden Stimme zu:
»Still, ihr da draußen! Und hört mich an! Da ihr sagt, ihr möchtet mir gern
heraushelfen, so erforscht, wo sich die alte Wildgans von Kebnekajse mit
ihrer Schar befindet. So viel ich weiß, ist sie zu dieser Jahreszeit in
Dalarna. Sagt Akka, wie es hier um mich steht. Ich glaube, der einzige, der
mir helfen kann, ist unter ihrer Schar!«

Die Taube Agar, der beste Botschafter im ganzen Land, traf die Schar der
Wildgänse am Ufer des Dalälf, und als die Dämmerung anbrach, kam sie mit
Akka dahergeflogen. Die beiden ließen sich vor der Schwefelküche nieder.
Auf Akkas Rücken saß der Däumling; die andern Wildgänse waren auf einer
kleinen Insel im Runnsee zurückgeblieben, weil Akka gefürchtet hatte, es
könnte mehr schaden als nützen, wenn alle miteinander nach Falun kämen.

Nachdem Akka sich einen Augenblick mit Bataki beraten hatte, nahm sie den
Däumling auf den Rücken und flog nach einem Hofe, der ganz in der Nähe der
Schwefelküche lag. Sachte schwebte sie über den Garten und das Birkengehölz
hin, die den kleinen Hof umgaben, und währenddessen schauten die beiden,
Akka und der Junge, unverwandt auf die Erde hinab. Hier spielten die Kinder
im Freien, das war leicht zu erraten, denn auf dem Boden lagen allerlei
Spielsachen umher, und es dauerte auch gar nicht lange, bis die beiden in
der Luft droben entdeckt hatten, was sie suchten. In einem lustig
plätschernden Frühlingsbach hämmerte eine Reihe kleiner Mühlen, und ganz in
der Nähe davon lag ein kleines Stemmeisen. Auf ein paar kleinen Holzböcken
stand ein halbfertiges Boot, und daneben fand der Junge einen winzigen
Knäuel Bindfaden.

Mit diesen Sachen flogen die beiden nach der Schwefelküche zurück. Der
Junge band das eine Ende des Bindfadens um den Schornstein, führte das
andre in das tiefe Loch hinein und ließ sich dann selbst daran
hinuntergleiten. Nachdem er Bataki begrüßt hatte, der ihm mit vielen
schönen Worten für sein Kommen dankte, machte sich der Junge daran, mit dem
Stemmeisen ein Loch in die Wand zu schlagen.

Die Schwefelküche hatte keine dicken Wände, aber der Junge brachte mit
jedem Schlag nur einen ganz kleinen dünnen Span los; ein Mäuschen hätte mit
seinen Vorderzähnen ganz dasselbe leisten können. Ach, der Junge sah schon,
er würde unfehlbar die ganze Nacht arbeiten müssen, wenn er ein genügend
großes Loch für den Raben zustande bringen wollte!

Bataki sehnte sich ungeheuer nach der Freiheit und konnte vor lauter
Aufregung nicht schlafen. Im Anfang war der Junge sehr fleißig; aber nach
einer Weile hörte der Rabe, daß die Schläge in immer längeren
Zwischenräumen ertönten, und schließlich setzten sie ganz aus.

»Du bist gewiß müde,« sagte Bataki, »und kannst vielleicht nicht mehr
weitermachen.«

»Nein, ich bin nicht müde,« antwortete der Junge und griff wieder nach dem
Stemmeisen. »Aber ich habe schon längere Zeit keine Nacht ordentlich
geschlafen, und nun weiß ich nicht, wie ich mich wach halten soll.«

Wieder ging die Arbeit eine Weile rasch vorwärts, doch nach kurzer Zeit
ertönten die Schläge wieder in immer längeren Zwischenräumen. Und wieder
weckte der Rabe den Jungen; aber soviel war ihm jetzt klar, wenn er nicht
irgend etwas ausfindig machte, mit dem er ihn wach erhalten konnte, mußte
er nicht nur diese eine Nacht, sondern auch noch den ganzen nächsten Tag in
seinem Gefängnis verbleiben.

»Meinst du, die Arbeit ginge dir besser von der Hand, wenn ich dir eine
Geschichte erzählen würde?« fragte Bataki.

»Ja, das wäre wohl möglich,« antwortete der Junge. Zugleich aber mußte er
laut gähnen; der arme Kerl war furchtbar schläfrig und konnte kaum noch
sein Werkzeug festhalten.


Die Geschichte von der Grube zu Falun

»Siehst du, mein lieber Däumling,« begann der Rabe, »ich habe schon sehr
lange auf der Welt gelebt. Gutes und Schlimmes ist mir widerfahren, und
mehrere Male bin ich sogar von den Menschen gefangen gehalten worden;
dadurch habe ich nicht allein ihre Sprache verstehen lernen, sondern ich
habe mir auch viel von ihrer Gelehrsamkeit zu eigen gemacht. Und jetzt kann
ich behaupten, daß es im ganzen Land keinen Vogel gibt, der so gut Bescheid
über deine Stammesgenossen wüßte wie ich.

Einmal saß ich viele Jahre lang ununterbrochen in einem Käfig bei einem
Obersteiger hier in Falun, und in seinem Hause erfuhr ich das, was ich dir
jetzt erzählen will.

In alten Zeiten wohnte hier in Dalarna ein Riese mit seinen beiden
Töchtern. Als nun der Riese alt war und fühlte, daß er sterben mußte, ließ
er seine Töchter vor sich kommen, um sein Besitztum zwischen ihnen zu
teilen.

Sein Hauptreichtum bestand in einigen ganz mit Kupfer angefüllten Bergen,
und diese wollte er seinen Töchtern schenken. >Aber ehe ich euch die
Erbschaft übergebe,< sagte der Riese, >müßt ihr mir versprechen, jedweden
Fremdling, der euern Kupferberg entdeckt, totzuschlagen, ehe er seine
Entdeckung irgend einem andern Menschen mitteilen kann.<

Die älteste der beiden Riesentöchter war wild und grausam, und sie
versprach ohne Zögern, dem Gebot des Vaters Folge zu leisten. Die andre
aber hatte ein weicheres Gemüt, und der Vater sah, daß sie überlegte, ehe
sie das Versprechen gab. Deshalb vermachte er ihr nur ein Drittel der
Erbschaft; und die älteste erhielt also gerade noch einmal so viel wie die
jüngste.

>Auf dich kann ich mich verlassen wie auf einen Mann, das weiß ich,< sagte
der Riese, >und deshalb erhältst du den Bruderteil.<

Gleich darauf starb der Riese, und lange Zeit hielten die beiden Töchter
gewissenhaft ihr Gelübde. Mehr als ein armer Holzfäller oder Jäger
entdeckte das Kupfererz, das an mehreren Stellen ganz an der Oberfläche der
Berge lag; aber kaum war er zu Hause angelangt und hatte den Seinigen
mitgeteilt, was er gesehen hatte, als ihm auch schon ein Unglück zustieß.
Entweder wurde er von einem stürzenden Baum erschlagen oder unter einem
Bergsturz begraben. Nie hatte er Zeit, einem andern Menschen zu zeigen, wo
der Schatz in der Wildnis zu finden war.

[Illustration: Die Geschichte von der Grube zu Falun (Zu Seite 268)]

Zu jener Zeit war es allgemein Brauch im Lande, daß die Bauern im Sommer
ihr Vieh weit hinein in die Wälder auf die Weide schickten. Die
Hirtenmädchen zogen mit aus, sie zu bewachen, sie zu melken und Butter und
Käse zu bereiten. Und damit die Leute und das Vieh ein Obdach in der
Einöde hätten, rodeten die Bauern mitten in der Wildnis ein Stück Wald um
und errichteten ein paar kleine Blockhäuser, die sie Sennhütten nannten.

Nun aber hatte einmal ein Bauer, der am Dalälf im Kirchspiel Torsång
wohnte, seine Sennhütten drüben am Runnsee errichtet, wo der Boden so
steinig war, daß ihn bis dahin niemand urbar zu machen versucht hatte. In
einem Herbst begab sich der Bauer mit zwei Lastpferden nach der Viehweide,
um beim Heimschaffen des Viehs, der Butterfässer und der Käslaibe zu
helfen. Als er das Vieh zählte, bemerkte er, daß einer der Geißböcke ganz
rote Hörner hatte.

>Was hat denn der Geißbock Kåre für merkwürdig rote Hörner?< fragte der
Bauer die Sennerin.

>Ich weiß nicht, was es ist,< antwortete das Mädchen. >Den ganzen Sommer
hindurch ist er jeden Abend mit solchen roten Hörnern zurückgekommen. Er
glaubt gewiß, das sei schön.<

>Meinst du?< fragte der Bauer.

>Ach, dieser Bock ist eine eigensinnige Kreatur; ich mag ihm die roten
Hörner noch so oft abreiben, sofort läuft er wieder davon und macht sie
sich von neuem rot.<

>Reibe die rote Farbe noch einmal ab,< sagte der Bauer. >Dann will ich
sehen, woher er sie bekommt.<

Kaum hatte das Mädchen die Hörner abgerieben, als der Bock auch schon
wieder rasch in den Wald hineinsprang. Der Bauer lief hinter ihm her, und
als er den Bock einholte, rieb dieser eben seine Hörner an einigen roten
Steinen. Der Bauer hob die Steine auf, leckte und roch daran und war
überzeugt, daß er hier Erz gefunden hätte.

Während er noch dastand und über die Sache nachdachte, rollte dicht neben
ihm ein Felsblock den Berg herunter. Der Bauer sprang auf die Seite und
rettete sich, der Bock Kåre aber wurde getroffen und erschlagen; und als
der Bauer den Abhang hinaufschaute, sah er ein großes, starkes Riesenweib,
das eben im Begriff war, einen zweiten Felsblock auf ihn herunter zu
wälzen.

>Was tust du denn?< rief der Bauer. >Ich habe doch weder dir noch den
Deinigen etwas zuleide getan.<

>Das weiß ich wohl,< erwiderte die Riesin. >Aber ich muß dich umbringen,
weil du meinen Kupferberg entdeckt hast.< Sie sagte dies mit so betrübter
Stimme, wie wenn sie den Bauern ganz gegen ihren Willen töten müsse, und so
faßte sich dieser ein Herz und knüpfte ein Gespräch mit ihr an. Da erzählte
sie ihm von dem alten Riesen, ihrem Vater, von dem Versprechen, das sie
hatte geben müssen, und von der Schwester, die den Bruderteil bekommen
hatte.

>Ach, es ist mir in der Seele zuwider, wenn ich die armen unschuldigen
Tröpfe, die meinen Kupferberg entdecken, immer gleich umbringen muß, und
ich wünschte, ich hätte die Erbschaft gar nicht angetreten,< sagte die
Riesin. >Aber was ich versprochen habe, muß ich halten.< Und damit machte
sie sich wieder an dem Felsblock zu schaffen.

>Habe es nur nicht gar so eilig!< rief der Bauer. >Mich brauchst du deines
Versprechens wegen nicht umzubringen, denn ich habe ja das Kupfer nicht
entdeckt; der Bock ist es gewesen, und ihn hast du doch schon erschlagen.<

>Meinst du, ich könnte mir daran genügen lassen?< fragte die Riesentochter
mit zweifelnder Stimme.

>Ja, sicherlich,< antwortete der Bauer. >Du hast dein Versprechen treulich
gehalten, mehr kann niemand von dir verlangen.< Und er redete ihr so
verständig zu, bis sie ihn wirklich am Leben ließ.

Zu allererst zog der Bauer nun mit seinem Vieh heimwärts. Dann ging er
hinunter in den Bergwerkdistrikt und dingte sich da ein paar Bergleute.
Diese halfen ihm, an der Stelle, wo der Bock erschlagen worden war, nach
dem Erz zu schürfen. Im Anfang hatte er Angst, er würde noch nachträglich
erschlagen; aber die Riesentochter war der ewigen Bewachung ihres
Kupferbergs überdrüssig geworden, und deshalb tat sie ihm nie etwas zuleid.

Die Erzader, die der Bauer entdeckt hatte, lief an der Oberfläche des
Berges hin. Das Ausbrechen des Erzes war deshalb weder eine schwierige noch
eine mühselige Arbeit. Der Bauer und die Knechte schleppten Holz aus dem
Walde herbei, schichteten große Holzstöße auf dem Kupferberg auf und
zündeten sie an. Von der Hitze zersprang das Gestein, und nun konnten sie
leicht zu dem Erz gelangen. Hierauf läuterten sie das Erz so lange immer
wieder in einem andern Feuer, bis sie das reine Kupfer von allen Schlacken
befreit hatten.

In früheren Zeiten verwendeten die Leute noch viel mehr Kupfer zum
täglichen Gebrauch als heutzutage. Kupfer war deshalb eine sehr gesuchte,
nützliche Ware, und der Bauer, dem die Grube gehörte, wurde bald ein
steinreicher Mann. Er baute sich einen großen prächtigen Hof, und die Grube
nannte er nach dem Bock das Kårerbe. Wenn er nach Torsång in die Kirche
fuhr, war sein Pferd mit Silber beschlagen, und bei der Hochzeit seiner
Tochter ließ er aus zwanzig Tonnen Malz Bier brauen und zehn große Ochsen
am Spieße braten.

Zu jener Zeit blieben die Leute meistens ruhig daheim, jeder in seinem
eigenen Bezirk, und die Neuigkeiten verbreiteten sich nicht so hurtig wie
jetzt. Aber das Gerücht von der Kupfergrube drang doch allmählich zu vielen
Menschen, und wer nichts Wichtigeres zu tun hatte, machte sich auf den Weg
hinauf nach Dalarna. Auf dem Kårerbe wurden alle bedürftigen Wanderer gut
aufgenommen. Der Bauer nahm sie in seinen Dienst, gab ihnen einen guten
Lohn und ließ sie Erz für ihn graben. Es gab genug, ja übergenug Erz, und
je mehr Leute der Bauer beschäftigte, desto reicher wurde er.

Eines Abends, so geht die Sage, kamen vier starke Männer mit dem
Bergmannspickel über der Schulter zum Kårerbe gewandert. Sie wurden
freundlich aufgenommen wie alle andern, aber als der Bauer sie fragte, ob
sie für ihn arbeiten wollten, verneinten sie es rundweg.

>Wir wollen auf eigene Rechnung Erz graben,< sagten sie.

>Ihr wißt doch wohl, daß der Erzberg mir gehört?< fragte der Bauer.

>Wir wollen gar nichts aus deiner Grube holen,< entgegneten die Fremden.
>Der Berg ist groß; und an dem, was frei und unbeschützt in der Wildnis
liegt, haben wir ebensoviel Anrecht wie du.<

Mehr wurde nicht über die Sache geredet, und der Bauer bezeigte den Fremden
auch jetzt noch alle Gastfreundschaft. Früh am nächsten Morgen zogen die
Fremden zur Arbeit aus; eine Strecke weiterhin fanden sie wirklich
Kupfererz und fingen an, es auszubrechen. Nachdem sie so ein paar Tage
gearbeitet hatten, kam der Bauer zu ihnen heraus.

>Der Berg ist sehr reich an Erz,< sagte er.

>Ja, da müssen noch viele Leute fleißig sein, bis dieser Schatz gehoben
ist,< erwiderten die Fremden.

>Das weiß ich wohl,< sagte der Bauer, >aber ich meine doch, ihr solltet mir
von dem Erz, das ihr ausbrecht, eine Abgabe zahlen, denn mir habt ihr es zu
verdanken, daß ihr überhaupt hier arbeiten könnt.<

>Wir wissen nicht, was du damit sagen willst,< entgegneten die Männer.

>Nun, ich habe doch den Berg durch meine Klugheit erlöst,< sagte der Bauer.
Und dann erzählte er den Fremden von den beiden Riesentöchtern und dem
Bruderteil.

Die Männer hörten aufmerksam zu; aber was sie sich aus der Erzählung
merkten, war etwas ganz andres, als was der Bauer gemeint hatte.

>Ist es auch gewiß, daß die andre Riesentochter gefährlicher ist als die,
mit der du zusammengetroffen bist?< fragten sie.

>Jawohl, und sie würde euch nicht verschonen,< lautete die Antwort des
Bauern.

Damit verließ er die Männer, beobachtete sie aber doch noch aus der Ferne.
Nach einer Weile sah er, daß sie ihre Arbeit einstellten und in den Wald
hineinwanderten.

Als an diesem Abend der Bauer mit seinen Leuten beim Abendessen saß, drang
plötzlich lautes Wolfsgeheul aus dem Walde heraus. Und durch das Heulen der
wilden Tiere hindurch ertönten menschliche Hilferufe. Rasch sprang der
Bauer auf, aber die Knechte schienen keine Lust zu haben, ihm zu folgen.
>Es geschieht dem Diebsgesindel ganz recht, wenn es von den Wölfen
zerrissen wird,< sagten sie.

>Wer in Not ist, dem muß man beistehen,< sagte der Bauer und begab sich
rasch mit allen seinen fünfzig Knechten in den Wald.

Dort sahen sie gleich ein großes Rudel Wölfe, die umeinander sprangen und
sich um eine Beute balgten. Nachdem die Knechte die Wölfe
auseinandergejagt hatten, lagen vier menschliche Körper auf der Erde, die
so entsetzlich zugerichtet waren, daß man sie nicht hätte erkennen können,
wenn nicht vier Bergmannspickel daneben gelegen hätten.

[Illustration]

Nach diesem Ereignis verblieb der Kupferberg im Besitz des einen Bauern bis
an dessen Tod. Hierauf übernahmen ihn die Söhne; diese ließen die Grube
gemeinsam bearbeiten; alles Erz, das im Laufe des Jahres gewonnen worden
war, wurde in Haufen geteilt, um diese das Los geworfen, und dann schmolz
jeder das Kupfer in seiner eigenen Hütte aus. Sie alle wurden mächtige
Bergleute und bauten sich große stattliche Höfe. Nach ihnen kamen deren
Erben an die Reihe; diese öffneten neue Grubenschächte und vermehrten den
Erzgewinn. Mit jedem Jahre nahm die Grube an Umfang zu, und immer mehr
Bergwerkleute hatten teil daran. Die einen wohnten ganz in der Nähe, andre
hatten ihre Höfe und Schmelzöfen im ganzen Bezirk ringsumher. Es entstand
allmählich eine Anzahl Dörfer, und alles zusammen bekam den Namen
Großer-Kupferbergwerkbezirk.

Nun darf man aber eins nicht vergessen. Das Erz lag an der Oberfläche des
Berges, und man konnte es herausbrechen wie die Steine aus einem
Steinbruch. Mit der Zeit aber nahm das ein Ende, und nun waren die
Grubenarbeiter gezwungen, das Erz tief unter der Erde zu suchen. Mit Hilfe
von tiefen Schächten und langen, gewundenen Gängen mußten sie sich in die
dunkeln Eingeweide der Erde hineinwühlen, dort ihre Minen legen und das Erz
heraussprengen. Das Sprengen ist an und für sich ein sehr mühseliges und
schweres Stück Arbeit, und sie wird noch beschwerlicher, weil der Rauch
nicht abziehen kann; dazu kommt dann noch das Herausschaffen des Erzes auf
steilen Leitern. Je tiefer es ins Innere der Erde hineinging, desto
gefährlicher war die Arbeit. Manchmal drangen reißende Wildwasser aus einem
Winkel in die Grube hinein, manchmal stürzte die Decke über den Arbeitern
zusammen. Dadurch war die Arbeit in der großen Grube schließlich so
berüchtigt, daß sich niemand freiwillig dazu hergeben wollte. Nun bot man
zum Tode verurteilten Verbrechern und vogelfreien Menschen, die den Wald
unsicher machten, an, ihnen ihre Missetaten zu vergeben, wenn sie
Grubenarbeiter in Falun werden wollten.

Seit vielen, vielen Jahren hatte niemand mehr daran gedacht, den Bruderteil
zu suchen. Aber unter den vogelfreien Männern, die zum Großen Kupferberg
kamen, gab es auch solche, die ein ordentliches Abenteuer mehr schätzten
als ihr Leben, und sie streiften oft im Walde umher, in der Hoffnung, den
andern Kupferberg, den Bruderteil, zu finden.

Wie es allen denen, die suchten, erging, weiß niemand, aber eine Geschichte
von ein paar Grubenarbeitern hat sich noch erhalten. Diese Arbeiter kamen
eines Abends ganz spät zu ihrem Herrn und erzählten, sie hätten eine
gewaltige Erzader im Walde entdeckt. Sie hätten den Weg bezeichnet, und am
nächsten Tage wollten sie ihrem Herrn die Ader zeigen. Aber der nächste Tag
war ein Sonntag, und an diesem Tag wollte der Herr nicht in den Wald und
Erz suchen; statt dessen ging er mit allen seinen Leuten in die Kirche. Es
war Winter, und die ganze Schar nahm ihren Weg über den Varpansee. Auf dem
Hinweg ging alles gut, aber auf dem Rückweg gerieten jene beiden Männer in
eine Wake und ertranken. Da begannen die Leute sich an die alte Sage von
dem Bruderteil zu erinnern, und sie raunten einander zu, diese Männer seien
ganz gewiß darauf gestoßen.

Um die Schwierigkeiten bei der Grubenarbeit nach Möglichkeit zu heben,
ließen die Bergwerkbesitzer erfahrne Bergleute aus dem Auslande kommen; und
diese fremden Meister unterrichteten die Leute in Falun, Fahrkünste in die
Gruben zu bauen, mit denen man das Wasser herauspumpen und das Erz
heraufwinden konnte. Die Fremden glaubten nicht so recht an die Sage von
den Riesentöchtern: aber das wollten sie gerne glauben, daß sich irgendwo
in der Nähe noch eine mächtige Erzader finden könnte, und sie suchten auch
eifrig danach. Eines Abends kam denn auch ein deutscher Obersteiger in das
Gasthaus bei der Grube und sagte, er habe den Bruderteil gefunden. Aber der
Gedanke an den großen Reichtum, den er jetzt gewinnen würde, machte ihn
vollständig verwirrt und unzurechnungsfähig. An demselben Abend hielt er
ein großes Gelage in dem Wirtshaus; er trank und tanzte und spielte, und
schließlich entstand Streit und Schlägerei, und der Deutsche wurde von
einem seiner Saufkumpane erstochen.

Aus dem Großen-Kupferbergwerk wurde noch immer so viel Erz gebrochen, daß
diese Grube für die reichste im ganzen Lande galt. Sie war nicht allein für
die nächste Umgebung eine Quelle unversiegbaren Reichtums, -- auch die
Abgaben, die davon erhoben wurden, waren in schweren Zeiten eine große
Hilfe für das schwedische Reich. Durch die Grube entstand nach und nach die
Stadt Falun, die Grube selbst galt für eine Merkwürdigkeit ersten Ranges
und war so nutzbringend, daß selbst die Könige nach Falun zu reisen
pflegten, um sie zu sehen, ja, sie nannten sie geradezu das Glück und die
Schatzkammer des Sveareiches.

Einer der letzten, der den Bruderteil sah, war ein junger Faluner Bergmann
aus einer vornehmen, reichen Familie, der einen Hof und einen Schmelzofen
in der Stadt besaß. Er wollte eine schöne Bauerntochter von Leksand
heiraten, und so machte er sich eines Tages dorthin auf den Weg. Er brachte
seine Werbung vor; sie aber sagte, wenn er sich nicht entschließen könnte,
von Falun wegzuziehen, wolle sie ihn nicht heiraten. In Falun liege der
Rauch aus den Schmelzöfen dick und drückend über der Stadt, und es werde
ihr schon ganz schwer ums Herz, wenn sie nur daran denke.

Der Bergmann hatte das Mädchen sehr lieb, und auf dem Rückweg war er tief
betrübt. Er hatte von jeher in Falun gewohnt, und es war ihm noch nie der
Gedanke gekommen, es könnte jemand schwer fallen, da zu leben. Als er sich
aber jetzt der Stadt näherte, erstaunte er über die Maßen. Aus der großen
Grubenöffnung, aus den hundert Schmelzöfen ringsum wallte ein schwarzer,
beißender Schwefelrauch heraus und hüllte die ganze Stadt wie in einen
Nebel ein. Der Rauch hinderte die Pflanzen am richtigen Wachstum, kahl und
öde lagen die Felder ringsumher. Überall sah der Bergmann von schwarzen
Kohlenschuppen umgebene Schmelzöfen, aus denen die Flammen herausschlugen,
und zwar nicht allein hier in der Stadt und in deren nächster Umgebung,
sondern in der ganzen Umgegend bei Grycksbo, bei Bengtsarvet, bei
Bergsgården, bei Stennäset, bei Korsnäs, in Vika, selbst bis nach Aspeboda.
Ja, nun verstand er es: wer gewohnt war, im hellen Sonnenschein an den
grünen Ufern des glänzenden Siljansees zu wohnen, der konnte hier unten
nicht gedeihen.

Der Anblick der Stadt stimmte ihn noch trauriger, als er schon vorher
gewesen war. Er hatte keine Lust, gleich nach Hause zu gehen, sondern wich
vom Wege ab und wanderte in den Wald hinein. Hier streifte er den ganzen
Tag umher, ohne daran zu denken, wohin er ging.

Gegen Abend stand er plötzlich vor einer Bergwand, die wie lauteres Gold
glänzte, und als er näher hinsah, entdeckte er, daß der Glanz von einer
großen Kupferader herrührte. Zuerst freute er sich über die Entdeckung;
aber dann fiel ihm die Sage von dem Bruderteil ein, der schon so vielen zum
Verderben gereicht hatte, und da erschrak er im tiefsten Innern. >Heute bin
ich wirklich vom Unglück verfolgt,< dachte er. >Vielleicht muß ich nun auch
noch das Leben lassen, weil ich den Reichtum hier entdeckt habe.<

Rasch wendete er sich ab und machte sich auf den Heimweg. Nach einer Weile
begegnete er einer großen starken Frau. Sie sah aus, als könnte sie die
ehrfurchtgebietende Mutter eines Bergmanns sein; aber er konnte sich nicht
erinnern, sie je gesehen zu haben.

>Ich möchte wohl wissen, was du im Walde vorgehabt hast, denn ich habe dich
den ganzen Tag darin umherstreifen sehen?< sagte die Frau.

>Ich habe mich nach einem Bauplatz umgesehen, denn das Mädchen, das ich
liebe, will nicht in Falun wohnen,< antwortete der Bergmann.

>Hast du nicht im Sinn, Erz aus dem Kupferberg zu brechen, den du vorhin
entdeckt hast?< fragte sie weiter.

>Nein, ich muß die Grubenarbeit aufgeben, sonst bekomme ich das Mädchen,
das ich liebe, nicht.<

>Nun, dann halte dein Wort, und es wird dir nichts Böses widerfahren,<
sagte die Frau; und damit verließ sie ihn.

Er aber beeilte sich, das zu verwirklichen, was er nur aus Not als Ausrede
gesagt hatte. Er gab die Grubenarbeit auf und baute sich weit entfernt von
Falun einen Hof. Da hatte sie, die er liebte, nichts mehr gegen seine
Werbung; sie wurde seine Frau und zog mit ihm.«

Damit endigte die Erzählung des Raben. Der Junge hatte sich wirklich die
ganze Zeit wach erhalten, trotzdem aber hatte er sein Werkzeug nicht
besonders fleißig gehandhabt.

»Nun, wie ging es dann später?« fragte er, als der Rabe zu sprechen
aufgehört hatte.

»Ach, seit jener Zeit ist es mit dem Kupfergewinn rückwärts gegangen. Die
Stadt steht allerdings noch, aber die alten Schmelzöfen sind nicht mehr da.
Die ganze Gegend ist mit alten Bergmannshöfen übersät, aber die darin
wohnen, müssen Land- und Forstwirtschaft betreiben. Die faluner Grube ist
nächstens erschöpft, und es wäre jetzt notwendiger als je, daß man den
Bruderteil fände.«

»Ob wohl dieser Bergmann, von dem du eben erzählt hast, der letzte gewesen
ist, der ihn gesehen hat?« fragte der Junge.

»Sobald du ein Loch in die Wand gehauen und mich befreit hast, werde ich
dir sagen, wer dieser letzte gewesen ist,« antwortete der Rabe.

Der Junge fuhr zusammen und begann sein Stemmeisen wieder rascher zu
handhaben. Es war ihm gewesen, als ob Bataki dies letzte in einem
merkwürdig bedeutungsvollen Ton gesagt hätte, beinahe wie wenn er dem
Jungen zu verstehen geben wollte, er selbst, der Rabe, habe die große
Erzader gesehen. Mochte er wohl eine Absicht gehabt haben, als er ihm diese
Geschichte erzählt hatte?

»Du bist gewiß viel in dieser Gegend umhergestreift?« fragte der Junge, um
etwas Näheres zu erfahren. »Und während du über die Berge und Wälder
hingeschwebt bist, hast du gewiß allerlei gefunden?«

»Allerdings, und ich könnte dir viel Merkwürdiges zeigen, wenn du nur erst
mit dieser Arbeit fertig wärest,« sagte der Rabe.

Jetzt hackte der Junge mit einem Eifer darauf los, daß die Späne nur so
flogen. Ganz gewiß hatte der Rabe den Bruderteil gefunden!

»Da ist es nur schade, daß du als Rabe gar keinen Nutzen aus dem Reichtum
ziehen kannst,« sagte der Junge.

»Ich spreche jetzt nicht weiter über die Sache, bis ich sehe, ob du
wirklich ein Loch zustande bringst, durch das ich hinausschlüpfen kann,«
entgegnete Bataki.

Der Junge arbeitete und arbeitete; schließlich wurde das Eisen ganz heiß in
seiner Hand. Er glaubte, die Absicht des Raben zu erraten. Dieser konnte
doch nicht selbst Erz ausbrechen, und da hatte er gewiß im Sinn, seine
Entdeckung ihm, Nils Holgersson, zu vermachen. Das war das glaubwürdigste
und natürlichste. Aber wenn der Junge dann das Geheimnis kannte, dann wußte
er, was er tat: sobald er seine menschliche Gestalt wieder erlangt hätte,
würde er hierher zurückkehren, den großen Reichtum zu heben. Und wenn er
dann genug Geld erworben hätte, kaufte er das ganze Kirchspiel
Westvemmenhög und baute sich da ein Schloß, so groß wie Vittskövle. Und
eines schönen Tages lüde er dann den Häusler Holger Nilsson und dessen Frau
aufs Schloß ein. Wenn diese ankämen, stünde er auf der Freitreppe und
sagte: »Bitte, treten Sie ein und tun Sie, als ob Sie zu Hause wären!« Sie
erkennten ihn natürlich nicht, sondern fragten sich nur immer wieder, wer
denn der feine Herr sei, der sie eingeladen habe. Und dann fragte der feine
Herr: »Würden Sie nicht gerne auf so einem Schlosse wie diesem hier
wohnen?« -- »Doch, das versteht sich von selbst, aber das ist nichts für
uns,« antworteten sie. -- »Doch, doch, Sie sollen das Schloß hier als
Zahlungsstatt bekommen für den großen weißen Gänserich, der im vorigen
Jahre davongeflogen ist,« antwortete dann der feine Herr .....

Der Junge bewegte sein Eisen immer hurtiger. Das zweite, wozu er sein Geld
anwenden würde, wäre, für das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats ein neues
Häuschen auf der Heide von Sunnerbo zu bauen. Natürlich ein viel schöneres
und größeres als das alte. Und dann wollte er den ganzen Tåkern kaufen, und
dann .....

»Jetzt muß ich deinen Fleiß tatsächlich loben,« sagte der Rabe. »Ich
glaube, das Loch ist schon groß genug.«

Und der Rabe konnte sich wirklich hindurchzwängen. Der Junge folgte ihm,
und da sah er Bataki ein paar Schritte entfernt auf einem Stein sitzen.

»Jetzt werde ich mein Versprechen halten, Däumling,« begann Bataki in
höchst feierlichem Ton, »und dir sagen, daß ich selbst den Bruderteil
gesehen habe. Aber ich möchte dir nicht raten, ihn zu suchen, denn ich habe
mich viele Jahre lang abgemüht, bis ich ihn gefunden hatte.«

»Ich dachte, du würdest mir zur Belohnung für meine Hilfe zeigen, wo er
ist,« sagte der Junge.

»Ach, Däumling, du mußt doch schrecklich schläfrig gewesen sein, während
ich von dem Bruderteil erzählte,« sagte Bataki. »Sonst könntest du so etwas
nicht erwarten. Hast du denn nicht gehört, daß alle, die offenbaren
wollten, wo der Bruderteil sich befände, das Leben eingebüßt haben? Nein,
mein Freund, Bataki hat in seinem langen Leben gelernt, den Mund zu
halten.«

Damit breitete Bataki seine Flügel aus und flog davon.

Dicht neben der Schwefelküche schlief Mutter Akka; aber es dauerte eine
gute Weile, bis der Junge zu ihr trat und sie weckte. Er war verstimmt und
betrübt, weil er um den großen Reichtum gekommen war, und er hatte jetzt
das Gefühl, als habe er nicht das geringste, worüber er sich freuen könnte.

»Im übrigen glaube ich gar nicht an die Geschichte mit den Riesentöchtern
und ebensowenig an die Wölfe und an das trügerische Eis,« sagte er vor sich
hin. »Natürlich sind die armen Grubenarbeiter, als sie die reiche Erzader
mitten im wilden Wald entdeckten, vor lauter Freude ganz von Sinnen
gekommen und haben deshalb später den rechten Platz nicht mehr finden
können. Und dann hat sie die Enttäuschung so vollständig überwältigt, daß
sie einfach nicht mehr leben konnten. Denn ganz so ist es mir jetzt
zumute.«

[Illustration]



31

Walpurgisnacht


                                                  Samstag, 30. April

Auf einen Tag im Jahre freuen sich die Kinder in Dalarna ebensosehr wie auf
den Weihnachtsabend. Das ist die Walpurgisnacht, wo sie ringsumher im Lande
Freudenfeuer anzünden dürfen.

Schon wochenlang vorher denken die Jungen und Mädchen an nichts weiter, als
nur recht viel Holz zu den Walpurgisfeuern zusammenzutragen. Sie gehen in
den Wald und sammeln dürre Zweige und Tannenzapfen, sie sammeln Späne beim
Schreiner und Knüppel und Rinde und Holzknorren beim Holzfäller. Alle Tage
gehen sie zum Kaufmann und betteln um alte Kisten; und wenn eines irgendwo
eine alte Teertonne ergattert hat, dann versteckt es sie als seinen größten
Schatz und wagt erst in der letzten Stunde damit herauszurücken, gerade ehe
die Feuer angezündet werden sollen. Die kleinen Reisigzweige, mit denen man
die jungen Bohnen und Erbsen stützt, sind in großer Gefahr, desgleichen
auch alle die alten herausgerissenen Zaunpfähle, alles zerbrochene
Holzgeschirr und alle auf dem Felde vergessenen Heureiter.

Wenn der große Abend endlich da ist, haben in jedem Dorfe die Kinder
entweder auf einem Hügel oder auch am Seeufer aus dürren Zweigen und Reisig
und allem möglichen nur erdenklichen Brennbarem einen großen Haufen
aufgeschichtet. An einzelnen Orten haben sie sogar zwei, ja drei Holzstöße;
denn manchmal entzweien sich die Mädchen und Knaben schon beim Sammeln des
Holzes, oder die Kinder vom südlichen Teil des Dorfes wollen das Feuer bei
sich haben, aber die Kinder vom nördlichen Teil gehen nicht darauf ein und
verschaffen sich deshalb ihr Feuer auf eigene Rechnung.

Die Holzstöße sind meist schon früh am Nachmittag fertig; und dann
versammeln sich alle Kinder mit Zündholzschachteln in der Tasche um sie
herum und warten ungeduldig auf den Einbruch der Dunkelheit. Um diese
Jahreszeit ist es in Dalarna so schrecklich lang Tag! Um acht Uhr abends
fängt es kaum erst an zu dämmern. Kalt und feucht ist es draußen, denn es
ist ja noch halb Winter, und den Kindern wird die Zeit lang. Auf den freien
Plätzen und auf den offenen Feldern ist aller Schnee schon geschmolzen, und
mitten am Tage wenn die Sonne hoch am Himmel steht, ist es auch ganz
behaglich warm; aber in den Wäldern liegen noch große Schneewehen, die Seen
sind noch mit Eis bedeckt, und in der Nacht sinkt das Thermometer häufig
immer noch mehrere Grade unter Null herab. Deshalb wird ab und zu auch
einmal ein Feuer angezündet, ehe es so recht dunkel ist. Aber nur die
kleinsten und ungeduldigsten Kinder übereilen sich in dieser Weise; die
großen warten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen ist, damit sich
die Feuer recht großartig ausnehmen.

Endlich ist die richtige Stunde gekommen. Jedes Kind, es mag einen noch so
kleinen Zweig zum Holzstoß beigetragen haben, ist anwesend; nun zündet der
älteste Junge einen Strohwisch an und steckt ihn unten in den Haufen
hinein. Sogleich beginnt das Feuer zu arbeiten; es knattert und knistert im
Reisig; der Rauch wallt schwarz und drohend auf; endlich dringen die
Flammen oben aus dem Reisighaufen heraus; hell und klar steigen sie auf
einmal mehrere Meter in die Höhe, so daß sie in der ganzen Gegend gesehen
werden können.

Wenn die Kinder eines Dorfes ihren eignen Holzstoß in vollen Brand gesetzt
haben, nehmen sie sich Zeit, sich umzusehen. Ja, dort brennt ein Feuer, und
dort drüben ein zweites! Jetzt flammt eins auf dem Hügel dort auf, und
jetzt eins ganz droben auf dem Berge! Alle Kinder hoffen, ihr eignes Feuer
werde das größte und hellste sein; und sie haben so große Angst, es könnte
die andern möglicherweise nicht übertreffen, daß sie jetzt in der letzten
Stunde nach den Häusern rennen und Vater und Mutter noch um ein paar
Bretterstumpen oder um etwas Brennholz bitten.

Wenn das Feuer eine Weile gebrannt hat, kommen die Erwachsenen und die
alten Leute auch herbei, es sich anzusehen. Aber das Feuer ist nicht allein
schön und hell, es verbreitet auch eine schöne gute Wärme und verlockt
dadurch die Zuschauer, sich auf den Steinen und Erdhügeln ringsum
niederzulassen. Da sitzen sie und schauen in die Flammen, bis es einem
einfällt, es wäre doch recht behaglich, wenn man an dem schönen Feuer ein
Schälchen Kaffee kochen würde. Während der Kaffeekessel summt, erzählt wohl
einer eine Geschichte; und wenn diese zu Ende ist, ist gleich wieder ein
andrer mit einer neuen bei der Hand.

Die Erwachsenen denken hauptsächlich an den Kaffee und die Geschichten, die
Kinder aber suchen das Feuer möglichst lange in hellem Brand zu erhalten.
Dem Frühling ist es so schrecklich schwer geworden, den Schnee zu schmelzen
und das Eis aufzutauen. Wie schön wäre es, wenn man ihm nun mit dem Feuer
ein wenig helfen könnte! Sonst kann er ja unmöglich den Boden rechtzeitig
von der Kälte befreien, damit Bäume und Kräuter auch rechtzeitig
ausschlagen können.

                  *       *       *       *       *

Die Wildgänse hatten sich für die Nacht auf dem Eise des Siljansees
niedergelassen, und da ein schrecklich kalter Nordwind daherfegte, mußte
der Junge unter den Flügel des weißen Gänserichs kriechen. Aber er hatte
noch nicht lange dagelegen, als ihn ein Flintenschuß auffahren ließ. Rasch
glitt er unter dem Flügel hervor und sah sich erschrocken um.

Hier draußen auf dem Eise, wo die Gänse ruhten, war alles ganz still, so
sehr der Junge auch umherspähte, er konnte nirgends einen Jäger entdecken.
Aber als er nach dem Lande hinschaute, nahm er etwas ganz Merkwürdiges
wahr; er meinte zuerst, er sehe eine Gespenstererscheinung, etwas in der
Art, wie damals die Stadt Vineta, oder den Garten bei Groß-Djulö.

Am Nachmittag waren die Gänse mehrere Male über dem großen See hin und her
geflogen, ehe sie den Platz gewählt hatten, wo sie sich niederlassen
wollten. Und da hatten sie dem Jungen die großen Kirchen und Dörfer
gezeigt, die an den Ufern des Sees lagen. Er hatte Leksand, Rättvik, Mora
und die Sollerö gesehen. Die Kirchendörfer waren sehr groß, sie sahen wie
richtige Landstädte aus, und der Junge hatte sich sehr verwundert, wie
dicht bebaut dies Land hier im Norden war. Die ganze Gegend erschien ihm
viel freundlicher und lachender, als er erwartet hatte; er hatte durchaus
nichts Unheimliches oder Schreckeneinjagendes entdecken können.

Aber jetzt, in der dunkeln Nacht, flammte an diesen selben Ufern ein großer
Kranz von hellen Feuern auf. Überall sah man sie lodern: in Mora am
nördlichen Ende des Sees, am Ufer der Sollerö in Vikarby, auf der Höhe über
dem Dorfe Sjurberg, auf dem Kirchenplatz ganz draußen auf der Landzunge bei
Rättvik, auf dem Lerdalberg, und dann weiterhin auf allen Landzungen und
Hügeln bis hinunter nach Leksand. Der Junge zählte mehr als hundert Feuer;
er konnte ganz und gar nicht begreifen, wo sie hergekommen wären, und ob
nicht Hexerei und Zauberkunst mit im Spiele sei.

Bei dem Schuß waren auch die Wildgänse erwacht, aber sobald Akka einen
Blick auf den Strand geworfen hatte, sagte sie: »Die Menschenkinder treiben
heute Kurzweil.« Hierauf steckten alle Wildgänse die Köpfe aufs neue unter
die Flügel und schliefen sogleich wieder ein.

Der Junge aber betrachtete die Feuer, die das ganze Ufer wie eine lange
Reihe von goldenen Kleinodien schmückten, und wie eine Motte wurde er von
dem Licht und der Wärme unwiderstehlich angezogen; er wäre gern näher
hingegangen, aber er wußte nicht recht, ob er die Gänse ohne Gefahr
verlassen könnte. Ein Schuß um den andern tönte zu ihm herüber, und da er
jetzt wußte, daß keine Gefahr damit verbunden war, lockten ihn auch diese.
Die Leute dort drüben bei den Feuern schienen so vergnügt zu sein, daß sie
sich am Lachen und Jubeln nicht genügen lassen konnten, sie mußten auch
noch Freudenschüsse abfeuern. Und jetzt wurden bei einem Feuer, das auf
einem Berg brannte, überdies noch Raketen abgebrannt. Dort hatten sie ein
riesiges Feuer, und es lag hoch droben; aber das war ihnen noch nicht
genug, sie wollten es noch schöner haben. Bis hinauf in die Wolken des
Himmels sollte man sehen, wie vergnügt sie wären.

Der Junge hatte sich ganz allmählich dem Ufer genähert; da drang plötzlich
Gesang an sein Ohr, und jetzt hielt ihn nichts mehr zurück; er rannte dem
Lande zu, da mußte er dabei sein.

Aus der Tiefe der Rättviker Bucht führt eine ungewöhnlich lange
Dampfschiffbrücke ins Wasser hinaus; am äußersten Ende dieser Brücke stand
eine Anzahl von Sängern, die in der späten Nachtstunde ihre Lieder über den
See hinklingen ließen. Es war fast, als meinten sie, der Frühling schlafe,
den Wildgänsen gleich, draußen auf dem Eise des Siljansees, und sie müßten
ihn wecken.

Die Sänger huben an mit dem Lied: »Ich weiß ein Land weit droben im Nord!«
Dann kam: »Im Sommer gar schön, wenn die Erde sich freut, im Tal bei zwei
Flüssen, den großen.« Dann: »Der Marsch geht nach Tuna!« Hierauf: »Freie,
große, kecke Männer,« und zum Schluß: »In Dalarna wohnten, in Dalarna
wohnen«. Es waren lauter Lieder über Dalarna. Auf der Brücke selbst brannte
kein Feuer, und die Sänger konnten nicht weit umhersehen, aber mit den
Tönen tauchte vor ihnen und vor allen, die zuhörten, ihr Land auf, schöner
und hinreißender, als wenn sie es beim Tageslicht gesehen hätten. Es war,
als wollten sie den Frühling also anflehen: »Sieh, solch ein Land wartet
auf dich! Willst du uns nicht zu Hilfe kommen? Willst du den Winter noch
länger seinen Druck über diese wunderschöne Gegend ausüben lassen?«

Nils Holgersson lauschte dem Gesang unbeweglich bis zum Ende, dann erst
eilte er dem Lande zu. Ganz drinnen in der Bucht war das Eis schon
geschmolzen; es war aber hier so viel Sand angeschwemmt, daß der Junge ganz
gut bis zu einem Feuer hingelangen konnte, das dicht am Uferrain lag.
Vorsichtig, vorsichtig schlich er sich immer näher heran, bis er die
Menschen, die neben dem Feuer standen oder saßen, sehen und auch hören
konnte, was sie sprachen. Und wieder begann er sich über das, was sie
sagten, zu verwundern und sich zu fragen, ob er nicht eine Spukerscheinung
vor sich habe. Noch nie hatte er Menschen in solchen Anzügen gesehen. Die
Frauen trugen schwarze spitzige Mützen auf dem Kopf, kleine weiße
Pelzjäckchen, rosa Tücher um den Hals, grünseidene Leibchen und schwarze
Röcke mit einem weiß, rot, grün und schwarz gestreiften Vorderblatt. Die
Männer hatten runde Hüte mit niedrigem Kopf, blaue Röcke mit rot
eingefaßten Säumen, gelbe Lederhosen, die bis an die Kniee reichten und von
roten mit Quästchen gezierten Strumpfbändern festgehalten wurden. Der Junge
wußte nicht, ob es nur von den Anzügen herkäme, aber er meinte, diese
Menschen sähen ganz anders aus als an andern Orten: viel stattlicher und
viel vornehmer. Er hörte, daß sie miteinander sprachen, konnte aber lange
kein Wort verstehen. Da fielen ihm die schönen Kleider ein, die seine
Mutter in ihrer Truhe verwahrte und die seit ewiger Zeit niemand hatte
tragen wollen, und er fragte sich, ob er hier nicht am Ende Leute aus
früheren Zeiten vor sich habe, Leute, die in den letzten hundert Jahren
nicht mehr auf Erden geweilt hätten.

Dies war jedoch nur ein Gedanke, der ihm durch den Kopf ging und gleich
wieder verschwand, denn er sah wohl, daß diese Leute hier lebendige
Menschen waren. Die Ursache aber, warum der Junge so dachte, ist die, daß
sich die Bewohner am Siljansee in ihrer Rede, in ihrer Tracht und in ihren
Sitten noch mehr von den vergangenen Zeiten bewahrt haben, als es an andern
Orten der Fall ist.

Bald wurde sich der Junge auch darüber klar, daß die Leute dort am Feuer
von alten Zeiten sprachen. Sie erzählten, wie es ihnen in ihren jungen
Jahren ergangen sei, wo sie auf weiten Wegen in andre Landesteile hätten
wandern müssen, um durch ihre Arbeit den ihrigen daheim das tägliche Brot
zu verschaffen. Der Junge hörte mehrere Leute ihre Geschichte erzählen;
aber später konnte er sich doch am besten an das erinnern, was eine ganz
alte Frau aus ihrem Leben mitgeteilt hatte.


Die Geschichte der Kerstis vom Moore

»Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Ostbjörka,« begann die Alte,
»aber wir waren viele Geschwister, und die Zeiten waren sehr hart, deshalb
mußte ich schon mit sechzehn Jahren in die Fremde hinaus. Wir zogen
miteinander, so ungefähr zwanzig junge Leute, von Rättvik aus; im Jahre
1845, am 14. April kam ich zum erstenmal nach Stockholm. Als Mundvorrat auf
der Reise hatte ich etwas Brot, ein Stück Kalbfleisch und etwas Käse.
Vierundzwanzig Groschen waren mein ganzer Geldvorrat. Die andern
Lebensmittel, die ich von Hause mitbekam, packte ich in meinen Reisesack
und schickte ihn samt meinem Arbeitsanzug mit einem Bauernwagen im voraus
nach Stockholm.

So schlugen wir denn alle zwanzig den Weg nach Falun ein; wir legten
täglich drei bis vier Meilen zurück, und so erreichten wir Stockholm am
siebenten Tage. Das war noch anders, als wenn die Mädchen sich heutzutage
nur auf die Eisenbahn setzen und dann höchst bequem in acht bis neun
Stunden an Ort und Stelle sind.

Als wir in Stockholm einzogen, riefen die Leute einander zu: >Seht, da
kommt das Dalregiment!< Und es war auch, als ob ein ganzes Regiment
dahermarschiert käme, als wir in unsern Schuhen mit den hohen Absätzen, in
die der Schuhmacher mindestens fünfzehn große Nägel hineingeschlagen hatte,
durch die Straßen schritten; und da wir die spitzigen Pflastersteine nicht
gewohnt waren, traten mehrere von uns häufig fehl und fielen zu Boden.

Wir gingen in ein Wirtshaus, in das >Weiße Roß<, wo die Leute aus Dalarna
abzusteigen pflegten und das auf dem Södermalm in der großen Badstraße lag.
Die Leute aus Mora wohnten in derselben Straße, in der >Großen Krone<.
Jetzt aber mußte eilig etwas verdient werden, das kann ich euch sagen, denn
von den vierundzwanzig Groschen, die ich von daheim mitbekommen hatte,
waren nur noch achtzehn übrig. Eines von den andern Mädchen sagte, ich
solle mich bei einem Rittmeister, der am Hornstull wohne, nach Arbeit
umsehen. Dort wurde ich auf vier Tage gedungen, während der ich in seinem
Garten graben und pflanzen mußte. Als Lohn erhielt ich vierundzwanzig
Groschen, mußte mich aber selbst verköstigen. Da konnte ich mir nur wenig
zum Essen kaufen, doch die kleinen Töchterchen der Herrschaft sahen, daß
ich hungrig war; sie liefen in die Küche hinein und verlangten noch etwas
zum Essen für mich, und so wurde ich doch satt.

Hierauf kam ich zu einer Frau in der Norrlandstraße. Da mußte ich in einer
ganz miserabeln Kammer schlafen; die Mäuse zernagten mir meine Mütze und
mein Halstuch und fraßen ein Loch in meinen Reisesack. Ich mußte ihn mit
einem alten Stiefelschaft, den man mir gab, flicken. In diesem Haus hatte
ich nur auf vierzehn Tage Arbeit, und dann mußte ich mit zwei Reichstalern
in der Tasche nach Hause wandern. Diesmal nahm ich den Weg über Leksand und
hielt mich da in einem Dorfe namens Rönnäs ein paar Tage auf. Ich erinnere
mich, daß die Leute dort Hafergrütze kochten, die mit Spreu und Kleie
vermischt war. Sie hatten nichts andres, und in jenen Tagen der Hungersnot
mußten sie noch froh daran sein.

Ja, in jenem Jahr war es mir nicht gerade glänzend gegangen, aber im
nächsten ging es mir noch schlechter.

Seht, ich mußte eben wieder ausziehen, denn sonst hätten sie daheim nichts
zum Leben gehabt. Diesmal schloß ich mich an zwei andre Mädchen an, und wir
wanderten zusammen nach Hundiksvall. Bis dorthin waren es fünfundzwanzig
Meilen, und wir mußten unsere Reisesäcke den ganzen Weg selber auf dem
Rücken tragen, denn jetzt hatten wir keinen Bauernwagen, der sie
mitgenommen hätte.

Wir hatten gehofft, Gartenarbeit zu finden; aber als wir hinkamen, lag noch
überall der Schnee, und mit der Gartenarbeit war es nichts. Da ging ich
vors Dorf hinaus auf die großen Bauernhöfe und bat flehentlich, man solle
mir doch irgend eine Arbeit geben. Ach, ihr lieben Leute, wie hungrig und
müde war ich, bis ich einen Hof fand, wo man mich behielt und mich um acht
Groschen am Tag Wolle krempeln ließ! Später fand ich schließlich doch auch
Arbeit in den Gärten der Stadt, und da blieb ich bis Juli. Dann aber
überkam mich das Heimweh mit solcher Macht, daß ich mich auf den Weg nach
Rättvik machte. Ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt. Meine Schuhe
waren durchgelaufen, und so mußte ich die vierundzwanzig Meilen barfuß
zurücklegen. Aber ich wanderte frohen Herzens dahin, denn jetzt hatte ich
fünfzehn Reichstaler erspart, und für meine kleinen Geschwister brachte ich
ein paar altbackene Weißbrötchen und eine Tüte voll Zuckerstückchen mit,
die ich mir zusammengespart hatte. So oft mir jemand zwei Stückchen Zucker
in meinen Kaffee gab, warf ich immer nur eines hinein und hob das andre
auf.

Ja, da sitzt ihr nun, ihr Mädchen, und wißt nicht, wie sehr ihr dem lieben
Gott dafür danken solltet, daß er uns bessere Zeiten gegeben hat, denn
damals folgte ein Hungerjahr auf das andre; alle jungen Leute in Dalarna
mußten sich auswärts nach einem Verdienst umsehen. Im nächsten Jahre --
das war Anno 1847 -- wanderte ich wieder nach Stockholm und arbeitete im
großen Hornberger Garten. Außer mir waren noch mehrere Mädchen da, und wir
hatten jetzt einen etwas besseren Taglohn, mußten aber trotzdem tüchtig
sparen. Wir sammelten im Gartenland alte Nägel und Knochen, die wir an den
Lumpensammler verkauften. Für das Geld kauften wir uns dann eine Art
steinharten Zwieback, wie sie in der Militärbäckerei für die Soldaten
gebacken wurden. Ende Juli kehrte ich wieder nach Hause zurück, um daheim
bei der Ernte zu helfen. Diesmal hatte ich mir dreißig Reichstaler erspart.

Auch im folgenden Jahre mußte ich auf den Verdienst ausziehen. Diesmal kam
ich zu einem Stallmeister, der vor Stockholm wohnte. In diesem Sommer war
Manöver auf dem Lagårdsgärdet, und der Kellermeister schickte mich hinaus,
die Küche zu überwachen, die er in einem großen Rüstwagen eingerichtet
hatte. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird mir jener Tag
unvergeßlich sein, wo ich draußen im Lager vor dem König Oskar auf der Lur
blasen mußte. Der König schickte mir einen ganzen Speziestaler zur
Belohnung.

Dann war ich mehrere Sommer nacheinander Fährmädchen bei Brunswik; da
ruderte ich die Leute zwischen Albano und Haga über. Dies war meine beste
Zeit; wir hatten die Luren mit im Boot, und manchmal nahmen die Reisenden
selbst die Ruder, damit wir ihnen auf den Luren blasen konnten. Als im
Herbst die Fähre eingestellt wurde, ging ich nach Uppland hinauf und half
in den Bauernhöfen beim Dreschen. Gegen Weihnachten kehrte ich dann allemal
mit etwa hundert Reichstalern in der Tasche nach Hause zurück. Und dann
hatte ich beim Dreschen auch noch Saatkorn verdient; der Vater holte es ab,
sobald man mit dem Schlitten fahren konnte. Ja, seht, wenn ich und meine
Geschwister nicht mit unsern Sparpfennigen heimgekommen wären, dann hätten
sie daheim nichts zu leben gehabt, denn die Ernte vom eigenen Boden war
meist gegen Weihnachten schon zu Ende, und zu jener Zeit baute man noch
nicht viel Kartoffeln. Dann mußte man beim Kaufmann das Korn kaufen; wenn
aber die Tonne Roggen vierzig Reichstaler und der Hafer vierundzwanzig
Reichstaler kostete, dann galt es haushälterisch zu sein. Zu jener Zeit
wurde bei uns feingehacktes Stroh unter das Brotmehl gemischt. Dieses
Strohbrot glitt nicht leicht hinunter, das kann ich euch sagen; man mußte
ordentlich Wasser dazu trinken, daß man es überhaupt hinunterbrachte.

So wanderte ich jedes Jahr hin und her, bis ich mich verheiratete, und das
war im Jahre 1856. Jon und ich waren in Stockholm gute Freunde geworden.
Aber jedes Jahr, wenn ich wieder nach Hause ging, war mir immer ein wenig
bänglich ums Herz, die Stockholmer Mädchen könnten seine Gedanken von mir
abwendig machen. Sie nannten ihn den schönen Moor-Jon und den schönen
Dalmann, das wußte ich. Doch in seinem Herzen wohnte keine Falschheit, und
als er sich genug erspart hatte, machten wir Hochzeit.

Während der nächsten Jahre herrschte lauter Freude und keine Sorge bei uns;
aber das dauerte nicht lange, 1863 starb Jon, und ich stand mit meinen
fünf Kindern allein auf der Welt. Es ging uns jedoch nicht einmal so
schlecht, denn in Dalarna waren bessere Zeiten angebrochen. Jetzt gab es
Kartoffeln und auch reichlich Getreide. Das war ein großer Unterschied
gegen die früheren Zeiten. Ich bewirtschaftete die kleinen Äcker, die ich
geerbt hatte, und hatte auch mein eigenes Häuschen. So verging ein Jahr ums
andre, die Kinder wuchsen heran, und die von ihnen, die noch leben, sind
jetzt vermögliche Leute, Gott sei Dank! Sie können sich gar nicht so recht
vorstellen, wie knapp die Leute es hier in Dalarna gehabt haben, als ihre
Mutter noch jung war.«

Damit schloß die Alte ihre Erzählung. Während sie gesprochen hatte, war das
Feuer niedergebrannt. Jetzt standen alle auf und sagten, es sei Zeit, nach
Hause zu gehen. Der Junge ging wieder aufs Eis hinaus, sich nach seinen
Reisegefährten umzusehen; aber während er so allein über das Eis hinlief,
klang in seinen Ohren noch immer der Vers, den er die Leute auf der Brücke
hatte singen hören. »In Dalarna wohnten, in Dalarna wohnen trotz Armut auch
Treue und Ehre ...« Dann kamen einige Verse, an die er sich nicht mehr
erinnern konnte, aber den Schluß wußte er noch: »Sie mischten mit Rinde
nicht selten ihr Brot, doch mächtigen Herren ward Hilfe in Not bei den
armen Männern in Dale.«

Der Junge hatte nicht alles vergessen, was er einst in der Schule von den
Männern aus dem Hause Sture und von Gustav Wasa gehört hatte, und er hatte
sich immer gewundert, warum sie gerade bei den Dalmännern Hilfe gesucht
haben sollten. Aber jetzt verstand er es; denn in einem Lande, wo es solche
Frauen gab wie die Alte, die dort am Feuer ihre Geschichte erzählt hatte,
mußten ja die Männer geradezu unbesiegbar sein.

[Illustration]



32

Vor den Kirchen


                                                  Sonntag, 1. Mai

Als der Junge am nächsten Morgen erwachte und aufs Eis hinunterglitt, mußte
er hell auflachen. Während der Nacht hatte es geschneit, ja es schneite
noch immer, die ganze Luft war voll von weißen Flocken, und solange sie
herunterfielen, sah es fast aus, als seien es lauter Flügel von erfrorenen
Schmetterlingen. Auf dem See lag der Schnee mehrere Zentimeter tief, die
Ufer schimmerten ganz weiß, und die Wildgänse sahen wie kleine Schneewehen
aus, soviel Schnee hatten sie auf dem Rücken.

Ab und zu rührten sich Akka oder Yksi oder Kaksi ein wenig; wenn sie aber
sahen, daß es noch immer weiter schneite, steckten sie schnell den Kopf
wieder unter den Flügel. Sie dachten wohl, bei solchem Wetter könnten sie
nichts Besseres tun als schlafen, und darin gab ihnen der Junge vollkommen
recht.

Einige Stunden später erwachte er von dem Geläute der Kirchenglocken in
Rättvik, die zum Gottesdienst riefen. Das Schneien hatte jetzt aufgehört,
aber ein starker Nordwind fegte daher, und auf dem Eise draußen war es
bitter kalt. Der Junge war froh, als die Wildgänse endlich den Schnee
abschüttelten und ans Land flogen, um sich etwas zum Essen zu verschaffen.

An diesem Tage war in Rättvik Konfirmation, und die Konfirmanden, die schon
früh zur Kirche gekommen waren, standen in kleinen Gruppen an der
Kirchhofmauer. Sie waren alle in ihren Sonntagsgewändern, und ihre Kleider
waren so neu und bunt, daß man sie schon von weitem leuchten sah.

»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich die Kinder dort
sehen kann!« rief der Junge.

Die alte Wildgans hielt dies offenbar für einen sehr natürlichen Wunsch,
denn sie ließ sich so tief wie möglich hinabsinken und flog dreimal um die
Kirche herum. Es wäre schwer zu sagen, wie die Kinder in Wirklichkeit
ausgesehen hätten; aber als Nils Holgersson die Knaben und die Mädchen von
oben herab betrachtete, meinte er, noch nie so viele schöne junge
Menschenkinder beisammen gesehen zu haben. »Ich glaube nicht, daß es in des
Königs Schloß schönere Prinzen und Prinzessinnen geben kann,« sagte er vor
sich hin.

Es hatte in der Tat tüchtig geschneit. In Rättvik waren alle Felder mit
Schnee bedeckt, und Akka konnte nirgends ein Plätzchen entdecken, wo sie
sich mit ihrer Schar hätte niederlassen können. Da besann sie sich nicht
lange und flog südwärts gen Leksand.

In Leksand waren wie gewöhnlich alle jungen Leute auf Arbeit ausgezogen. Es
waren also hauptsächlich alte Leute daheim, und als die Wildgänse
dahergeflogen kamen, wanderte eben ein langer Zug von lauter alten Frauen
durch die stattliche Birkenallee, die zur Kirche führt. Sie kamen auf den
weißen Wegen durch die weißstämmigen Birken in schneeweißen Mänteln aus
Schaffellen, weißen Pelzröcken, gelb oder schwarz- und weißgestreiften
Schürzen und weißen Hauben, die das weiße Haar dicht umrahmten.

»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die alten
Leute ansehen kann!« rief der Junge.

Das schien der alten Anführerin wohl ein natürlicher Wunsch, denn sie ließ
sich so weit, wie sie es wagen konnte, herabsinken und flog dreimal über
der Birkenallee hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie die alten Leute
in der Nähe ausgesehen hätten, aber dem Jungen war es, als habe er noch
niemals alte Frauen mit einem so klugen und freundlichen Ausdruck gesehen.
»Diese alten Frauen sehen aus, als hätten sie Könige zu Söhnen und
Königinnen zu Töchtern,« sagte der Junge vor sich hin.

Aber in Leksand war es auch nicht besser als in Rättvik. Überall lag tiefer
Schnee, und Akka wußte sich keinen andern Rat, als weiter gen Süden nach
Gagnef zu fliegen.

In Gagnef hatte an diesem Tage vor dem Gottesdienst ein Begräbnis
stattgefunden. Der Leichenzug hatte sich etwas verspätet, und dann hatte
das Begräbnis auch noch länger gedauert, als man gedacht hatte. Als die
Wildgänse dahergeflogen kamen, waren noch nicht alle Leute in der Kirche,
mehrere Frauen gingen sogar noch auf dem Kirchhof umher und besuchten ihre
Gräber. Sie trugen grüne Leibchen mit roten Ärmeln, und auf dem Kopfe
hatten sie farbige Tücher mit bunten Fransen.

»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, damit ich mir die
Bauernweiber ansehen kann!« rief der Junge.

Dies hielt die alte Gans wohl für einen natürlichen Wunsch, denn sie flog
dreimal über dem Kirchhof hin und her. Es wäre schwer zu sagen, wie sich
die Leute in der Nähe ausgenommen hätten, aber als der Junge die Frauen von
oben her durch die Bäume des Kirchhofs hindurch sah, erschienen sie ihm wie
lauter schöne Blumen. »Sie sehen alle aus, als seien sie im Garten eines
Königs gewachsen,« dachte er.

Aber selbst in Gagnef fand sich nirgends ein freies Feld, und so blieb den
Wildgänsen nichts andres übrig, als sich noch weiter südwärts nach Floda zu
wenden.

In Floda saßen die Leute schon in der Kirche, als die Wildgänse
dahergeflogen kamen; aber gleich nach dem Gottesdienst sollte eine Hochzeit
stattfinden, und der ganze Hochzeitszug stand draußen auf dem Kirchenhügel.
Die Braut trug eine goldene Krone auf dem aufgelösten Haar und war so über
und über mit Blumen und bunten Bändern und Schmucksachen behängt, daß einem
die Augen ordentlich weh taten, wenn man sie ansah. Der Bräutigam trug
einen langen blauen Gehrock, Kniehosen und eine rote Mütze. Die Leibchen
und Rocksäume der Brautjungfern waren mit Rosen und Tulipanen bestickt, und
die Eltern und Nachbarn gingen in ihren bunten Bauerntrachten mit im Zuge.

»Liebe Mutter Akka, flieg hier ein wenig langsam, daß ich die jungen Leute
sehen kann!« bat der Junge.

Und die Anführerin ließ sich so weit, als sie es nur wagen konnte,
hinabsinken und flog dreimal über dem Kirchenhügel hin und her. Es wäre
schwer zu sagen, wie die Hochzeitsleute in der Nähe ausgesehen hätten, aber
so von oben aus meinte der Junge, eine so schöne Braut und einen so stolzen
Bräutigam und einen so stattlichen Hochzeitszug könne es gewiß sonst
nirgends geben. »Ich möchte wissen, ob der König und die Königin schöner
aussehen, wenn sie in ihrem Schlosse umhergehen?« dachte er in seinem
Herzen.

Hier in Floda fanden die Wildgänse endlich ein vom Schnee befreites Feld
und mußten also nicht noch länger nach Futter suchen.

[Illustration]



33

Die Überschwemmung


                                                       1.-4. Mai

Mehrere Tage lang herrschte in den Gebieten nördlich vom Mälar
entsetzliches Wetter. Der Himmel war dicht mit Wolken bedeckt, der Wind
heulte, und es regnete in Strömen. Die Menschen und Tiere wußten wohl, daß
es so sein mußte, wenn es Frühling werden sollte, trotzdem aber erschien
ihnen dieses Wetter fast unerträglich.

Nachdem es einen Tag lang geregnet hatte, fingen die Schneemassen in den
Wäldern im Ernst zu schmelzen an, und die Frühlingsbäche begannen zu
rauschen. Alle Wasserpfützen auf den Höfen, das stillstehende Wasser in den
Gräben, das Wasser, das zwischen den Grashügeln auf den Mooren und in den
Teichen hervorquoll, alles miteinander kam in Bewegung und suchte sich
einen Weg nach den Bächen, um nach dem Meere mitgenommen zu werden.

Die Bäche liefen so rasch wie nur möglich nach den Mälarflüssen, und die
Flüsse taten ihr bestes, ihrerseits die Wassermassen dem Mälar zuzuführen.
Und dann warfen an ein und demselben Tage alle kleinen Seen in Uppland und
im Bergwerkdistrikt ihre Eisdecken ab. Dadurch füllten sich die Bäche mit
Eisschollen, und das Wasser in ihnen stieg hurtig bis zu den Uferrändern.
So vergrößert stürzten sich die Flüsse jetzt in den Mälar, und es dauerte
nicht lange, da hatte dieser so viel Wasser aufgenommen, als er überhaupt
fassen konnte. Reißend und wild schäumend drängte er seinem Ausfluß zu;
aber der Norrstrom ist eine enge Wasserstraße, die das Wasser nicht so
hurtig durchfließen lassen konnte, wie es nötig gewesen wäre. Überdies
wehte ein sehr starker Ostwind, die Meereswellen brachen sich hoch
aufschäumend am Ufer und standen dadurch dem Strom hindernd im Wege, als
dieser sein Süßwasser in die Ostsee ergießen wollte. Da nun die Flüsse dem
Mälar unaufhörlich neues Wasser zuführten, der Strom aber seine Fülle nicht
so rasch hinausführen konnte, blieb dem großen See nichts andres übrig, als
über seine Ufer zu treten.

Der See stieg sehr langsam, wie wenn er den schönen Ufern nur ungern
Schaden zufügen würde. Da diese aber überall sehr niedrig und flach sind,
hatte das Wasser schon nach kurzer Zeit das Land weit überschwemmt, und
mehr brauchte er nicht, um allerorten die größte Aufregung hervorzurufen.

Der Mälar ist ein See von ganz besonderer Beschaffenheit; er besteht aus
lauter engen Fjorden, Buchten und Sunden. Nirgends breitet er sich zu
weiten, sturmgepeitschten Flächen aus; er scheint zu nichts anderm
geschaffen zu sein, als für Lustfahrten, Segeltouren und fröhlichen
Fischfang, und er hat viele reizende bewaldete Holme und Landzungen.
Nirgends sind nackte, einsame, vom Wind umfegte Ufer; es ist, als habe der
See nie daran gedacht, daß hier etwas andres als Lustschlösser,
Sommerhäuser, Herrenhöfe und Vergnügungsorte stehen sollten. Und weil er
sich für gewöhnlich so freundlich und mild zeigt, gerät vielleicht gerade
deshalb alles in so fürchterliche Aufregung, wenn er ab und zu einmal seine
freundliche Miene ablegt und offenbart, daß er auch ernstlich gefährlich
werden kann.

Da es nun aussah, als wolle der Mälar wirklich eine Überschwemmung
anrichten, wurden alle Boote und Einbäume, die während des Winters ans Land
gezogen waren, in aller Eile gedichtet und geteert, damit sie so rasch wie
möglich zum Gebrauch bereit wären. Die Brücken der Waschfrauen wurden
hereingezogen, die Landungsbrücken dagegen verstärkt. Die Bahnwärter, deren
Aufgabe es war, die dem Ufer entlang laufenden Eisenbahnstrecken zu
bewachen, gingen beständig auf dem Bahndamm hin und her und wagten weder
bei Nacht noch bei Tag ein wenig zu schlafen.

Die Bauern, die auf den niedrigen Holmen Heu oder dürres Laub in Scheunen
aufbewahrt hatten, schafften alles eilig ans Land herüber. Die Fischer
zogen ihre Netze und Reusen ein, damit sie nicht vom Hochwasser mit
fortgerissen würden. An den Fähren wimmelte es von Menschen, die rasch
übergesetzt werden wollten. Wer immer unterwegs war, ob auf dem Heimwege
oder nach auswärts, mußte sich beeilen, solange die Überfahrt noch möglich
war.

In der Stockholmer Gegend, wo an den Ufern ein Dorf neben dem andern liegt,
war die Geschäftigkeit am größten. Die meisten Landhäuser lagen allerdings
so hoch über den Ufern, daß ihnen keine Gefahr drohte; aber jedes von
diesen Landhäusern hatte ja auch sein Badehaus und seine Landungsbrücke,
und sie mußten in Sicherheit gebracht werden.

Doch nicht allein die Menschen gerieten in Aufregung, als der Mälar über
seine Ufer stieg, nein, auch die Tiere waren in großer Not: Die Enten,
deren Eier zwischen den Büschen am Ufer lagen, die Wasserratten und die
Spitzmäuse, die am Ufer wohnten und kleine hilflose Junge in ihrem Neste
hatten, ja selbst die stolzen Schwäne bekamen Angst für ihre Nester und
ihre Eier.

Und es waren keine unnötigen Sorgen, denn mit jeder Stunde wuchs der Mälar.

Den Weiden und Erlen an den Ufern ging das Wasser schon hoch an den Stämmen
herauf. In die Gärten war das Wasser eingedrungen; es arbeitete da in
seiner eigenen Weise, und in den Gemüsebeeten und auf den Roggenfeldern,
die ihm erreichbar waren, richtete es großen Schaden an.

Der See stieg und stieg, mehrere Tage hindurch. Die tiefgelegenen Wiesen um
Gripsholm herum standen unter Wasser, und das große Schloß war jetzt nicht
allein durch einen schmalen Graben, sondern durch breite Sunde vom
Festlande getrennt. In Strängnäs wurde die schöne Strandpromenade in einen
brausenden Fluß verwandelt, und in Wästerås bereitete man sich darauf vor,
mit Booten in den Straßen umherzufahren. Ein paar Elche hatten auf einem
Holm im Mälar überwintert; deren Lagerstatt geriet unter Wasser und kam ans
Land geschwommen. Ganze Stapel Brennholz, eine Menge Bretter und Balken,
Bottiche und Eimer schwammen umher, und überall waren die Leute eifrig
bemüht, sie zu bergen.

In dieser schwierigen Zeit schlich Smirre, der Fuchs, eines Tages durch ein
Birkengehölz, das etwas nördlich vom Mälar lag. Wie gewöhnlich
beschäftigten sich seine Gedanken mit den Wildgänsen und dem Däumling, und
er sann und sann, wie er sie wieder finden könnte, denn er hatte ihre Spur
vollständig verloren.

Während er so ganz mutlos dahinwanderte, entdeckte er plötzlich die Taube
Agar, die Botschafterin, auf einem Birkenzweig. »Wie gut, daß ich dich
treffe, Agar!« rief Smirre. »Du kannst mir vielleicht sagen, wo sich Akka
von Kebnekajse mit ihrer Schar aufhält.«

»Es ist wohl möglich, daß ich es weiß,« sagte Agar; »aber ich habe nicht im
Sinn, es dir mitzuteilen.«

»Das ist mir auch einerlei,« fuhr Smirre fort, »wenn du ihr nur eine
Botschaft ausrichten willst, die man mir für sie aufgetragen hat. Du weißt
doch, wie schrecklich es in diesen Tagen am Mälar aussieht. Es ist eine
fürchterliche Überschwemmung, und das große Schwanenvolk, das in der
Hjälstabucht wohnt, ist in größter Sorge um seine Nester und Eier. Nun hat
der Schwanenkönig Dagklar von dem Knirps gehört, der mit den Wildgänsen
umherzieht und für alles Rat weiß, und er hat mich zu Akka geschickt, sie
zu bitten, mit dem Däumling nach der Hjälstabucht zu kommen.«

»Ich werde deinen Auftrag ausrichten,« erwiderte Agar. »Aber es ist mir
nicht recht klar, wie der kleine Wicht den Schwänen helfen könnte.«

»Mir ist es auch nicht klar, aber er kann ja alles mögliche.«

»Ich wundere mich auch sehr darüber, daß Dagklar einen Fuchs mit einem
Auftrag an die Wildgänse schickt,« wandte Agar ein.

»Da hast du ganz recht, wir sind sonst Feinde,« erwiderte Smirre mit
freundlicher Stimme. »Aber in der Not muß man einander beistehen. Übrigens
wirst du gut tun, wenn du Akka nicht sagst, daß du die Botschaft durch
einen Fuchs erhalten hast, sonst könnte sie am Ende mißtrauisch werden.«


Die Schwäne in der Hjälstabucht

Der sicherste Zufluchtsort für die Schwimmvögel am ganzen Mälar ist die
Hjälstabucht; dies ist der innerste Teil der Ekolsundbucht, die wieder eine
Ausweitung des Norra-Björköfjords ist. Dieser Fjord aber ist die
zweitgrößte von den langen Buchten, die der Mälar nach Uppland hinein
erstreckt.

Die Hjälstabucht hat flache Ufer, einen niedrigen Wasserstand und eine
Menge Binsen ganz wie der Tåkern. Sie ist zwar lange nicht so groß wie der
berühmte Vogelsee, aber trotzdem eine ausgezeichnete Heimat für die Vögel,
weil sie seit vielen Jahren als Freistatt anerkannt ist. Es wohnt nämlich
ein großes Schwanenvolk dort, und der Besitzer des ganz in der Nähe
liegenden alten Krongutes Ekolsund hat die Jagd da verboten, damit die
Schwäne nicht gestört oder beunruhigt würden.

Sobald Akka erfahren hatte, daß die Schwäne ihrer Hilfe bedürften, flog sie
eiligst nach der Hjälstabucht. Sie gelangte am Abend hin und sah da gleich,
welche ungeheuern Zerstörungen die Überschwemmung angerichtet hatte. Die
großen Schwanennester waren losgerissen und von dem heftigen Wind auf die
Bucht hinausgetrieben worden; einige waren schon auseinandergefallen, andre
umgestürzt, und die Eier lagen jetzt hell glänzend drunten im Wasser auf
dem Grund.

Als sich Akka in der Bucht niederließ, waren alle hier wohnenden Schwäne am
östlichen Ufer versammelt, wo sie vor dem Winde am besten geschützt waren.
Die Überschwemmung hatte freilich großen Schaden bei ihnen angerichtet,
aber sie waren viel zu stolz, irgend einen Kummer zu zeigen. »Es hat keinen
Wert, unglücklich darüber zu sein. Hier herum gibt es genug Wurzelfasern
und Stiele, um neue Nester zu bauen,« sagten sie. Kein einziger Schwan
hatte daran gedacht, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und sie hatten
keine Ahnung, daß Smirre die Wildgänse herbeigerufen hatte.

Es waren mehrere hundert Schwäne versammelt, und sie hatten sich ihrem Rang
und ihrer Stellung gemäß aufgestellt; die jungen und unerfahrenen zu
äußerst im Kreis, die alten und weisen mehr nach innen. Ganz in der Mitte
lag Dagklar, der Schwanenkönig, mit Schneefrid, der Schwanenkönigin; diese
beiden waren älter als alle andern, und fast alle Mitglieder des
Schwanenvolkes waren ihre Kinder und Kindeskinder.

Dagklar und Schneefrid konnten von jenen Zeiten erzählen, wo es in Schweden
noch gar keine wilden Schwäne gab, sondern nur zahme in den Schloßgräben
und Teichen. Aber dann war einmal ein Schwanenpaar entwischt und hatte sich
in der Hjälstabucht niedergelassen. Von diesen beiden stammten nun alle die
Schwäne ab, die hier wohnten. In der jetzigen Zeit gibt es allerdings eine
Menge wilder Schwäne im Mälar, sowie im Tåkern und im Hornborgasee; aber
alle diese Ansiedler stammen aus der Hjälstabucht, und die Schwäne waren
sehr stolz darauf, daß sich ihre Familie über einen See nach dem andern
ausbreitete.

Die Wildgänse hatten sich zufälligerweise auf der westlichen Seite der
Bucht niedergelassen; aber nachdem Akka entdeckt hatte, wo die Schwäne
lagen, schwamm sie sogleich zu ihnen hinüber. Sie war selbst sehr erstaunt,
daß nach ihr geschickt worden war; aber sie betrachtete es als eine Ehre
und wollte keinen Augenblick verlieren, wenn sie den Schwänen beistehen
konnte.

Als Akka in die Nähe der Schwäne kam, hielt sie an, um zu sehen, ob die
Gänse hinter ihr auch in einer geraden Linie und in der rechten Entfernung
voneinander schwämmen. »Schwimmt nun hübsch und gerade!« sagte sie. »Starrt
die Schwäne nicht an, als ob ihr noch nie etwas Schönes gesehen hättet, und
kümmert euch nicht um das, was sie zu euch sagen!«

Akka besuchte die alte Schwanenherrschaft nicht zum ersten Male, und bis
jetzt war sie immer mit der Aufmerksamkeit empfangen worden, die einem so
weitgereisten und angesehenen Vogel gebührte. Aber es war ihr nie angenehm,
wenn sie durch alle die andern Schwäne, die die Alten umringten,
hindurchschwimmen mußte. Sie kam sich nie so klein und grau vor, als wenn
sie mit den Schwänen zusammen war, und zuweilen ließ auch der eine oder der
andre eine Bemerkung über gewisse graue häßliche Leute fallen. Aber da
hielt es Akka immer fürs klügste, zu tun, als ob sie es nicht gehört hätte,
und nur ruhig weiter zu schwimmen.

Diesmal schien alles ungewöhnlich gut zu gehen. Die Schwäne glitten ganz
still zur Seite, und die Wildgänse schwammen wie durch eine mit großen
weißschimmernden Vögeln eingefaßte Straße hindurch. Und diese weißen Vögel,
die ihre Flügel wie Segel ausspannten, um sich vor den Fremden in ihrer
ganzen Schönheit zu zeigen, boten einen überaus prächtigen Anblick. Sie
machten nicht eine einzige spitzige Bemerkung, worüber Akka sich sehr
verwunderte. »Gewiß hat König Dagklar von ihren Unarten Kenntnis erhalten
und ihnen gesagt, sie sollten sich wie gebildete Tiere benehmen,« dachte
die alte Wildgans.

Aber während die Schwäne sich so alle Mühe gaben, ihre guten Sitten zu
zeigen, entdeckten sie plötzlich den weißen Gänserich, der ganz hinten in
der langen Reihe der Gänse schwamm. Da ging ein Raunen der Verwunderung und
des Zorns durch die Schwanenreihen, und mit einem Schlage war es aus mit
dem gebildeten Benehmen.

»Was ist denn das?« rief einer von den Schwänen. »Wollen die Wildgänse
jetzt weiße Federn haben?«

»Sie werden sich doch nicht einbilden, daß sie deshalb Schwäne würden!«
schrie es von allen Seiten.

Und mit ihren weithintönenden Stimmen schrien die Schwäne immer lauter
durcheinander; es war Akka ganz unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, um
ihnen zu erklären, daß dies eine zahme Gans sei, die sich ihnen
angeschlossen habe.

»Da kommt gewiß der Gänsekönig selbst daher!« spotteten die Schwäne.

»Sie sind ganz unglaublich unverschämt!« riefen die andern.

»Es ist gar keine Gans, es ist eine zahme Ente!«

Der große Weiße gedachte Akkas Ermahnung, sich nicht um das zu kümmern, was
ihnen zugerufen würde. Er schwieg also ganz still und schwamm so schnell
wie möglich vorwärts; aber es half nichts, die Schwäne wurden nur noch
ausfälliger.

»Was hat er denn für eine Kröte auf dem Rücken?« fragte einer von ihnen.
»Die Gänse meinen wohl, wir könnten nicht sehen, daß es eine Kröte ist,
trotzdem sie sich wie ein Mensch herausgeputzt hat?«

Nun schwammen alle die Schwäne, die vorher in so schöner Ordnung dagelegen
hatten, in wilder Aufregung durcheinander; alle drängten sich vor, um die
weiße Wildgans zu sehen.

»So ein weißer Gänserich sollte sich wenigstens schämen, sich hier vor uns
Schwänen sehen zu lassen!«

»Er ist gewiß ebenso grau wie die andern und nur in einen Melkkübel
getaucht.«

Jetzt hatte Akka den König Dagklar erreicht und wollte ihn eben fragen,
womit sie ihm behilflich sein könnte, als dieser den Aufruhr unter seinem
Volke gewahr wurde.

»Was ist denn da los? Habe ich ihnen nicht befohlen, höflich gegen die
Fremden zu sein?« rief er und sah sehr unzufrieden aus.

Schneefrid, die Schwanenkönigin, schwamm zu ihren Untertanen hin, um
Ordnung unter ihnen zu schaffen, und Dagklar wendete sich wieder an Akka.
Doch schon kehrte Schneefrid sehr erregt zurück. »Kannst du sie nicht zum
Schweigen bringen?« rief ihr der Schwanenkönig entgegen.

»Es ist eine weiße Wildgans unter ihnen,« antwortete die Schwanenkönigin.
»Das ist wirklich schändlich. Es wundert mich nicht, daß sie wütend sind.«

»Eine weiße Wildgans!« rief Dagklar. »Das ist zu toll! Das gibt es ja gar
nicht. Du wirst nicht recht gesehen haben.«

Das Gedränge um den Gänserich Martin herum wurde immer größer. Akka und die
andern Wildgänse versuchten, zu ihm hinzuschwimmen; aber sie wurden hin und
her gepufft und konnten nicht bis zu ihm gelangen.

Jetzt setzte sich auch der alte Schwanenkönig, der stärkste von dem ganzen
Volke, in Bewegung. Er schob alle andern zur Seite und bahnte sich einen
Weg zu dem weißen Gänserich hin. Aber als er sah, daß da wirklich eine
weiße Gans auf dem Wasser lag, wurde er ebenso erregt wie alle andern. Er
fauchte vor Zorn, stürzte geradeswegs auf den Gänserich los und rupfte ihm
ein paar Federn aus. »Ich will dich lehren, du Wildgans, in so einem Aufzug
zu den Schwänen zu kommen!« rief er.

»Flieh, Martin, flieh, flieh!« rief Akka, denn sie erkannte, daß ihm die
Schwäne jede Feder ausrupfen würden. Und »Flieh, flieh!« schrie auch der
Däumling.

Aber der Gänserich war so fest zwischen den Schwänen eingekeilt, daß er
seine Flügel nicht ausspannen konnte; und von allen Seiten streckten die
erzürnten Schwäne ihre starken Schnäbel vor, ihm die Federn auszurupfen.

Der Gänserich verteidigte sich, so gut er konnte; er biß und stieß um sich,
und die andern Wildgänse griffen die Schwäne auch an. Aber das Ende war nur
zu gut abzusehen; doch da wurde den Wildgänsen ganz unerwartet von andrer
Seite Hilfe zuteil. Ein Rotkehlchen, das gesehen hatte, wie übel es den
Wildgänsen bei den Schwänen erging, war der Helfer. Es stieß jenen scharfen
Warnungsruf aus, dessen sich die kleinen Vögel bedienen, wenn es gilt,
einen Habicht oder Falken in die Flucht zu jagen. Und kaum war der Ruf
dreimal erklungen, als auch schon alle kleinen Vögel der Umgegend auf
blitzschnellen Schwingen in einem großen kreischenden Schwarm auf die
Hjälstabucht zustürmten.

Und diese armen schwachen Vögelein warfen sich auf die Schwäne; sie
zwitscherten ihnen in die Ohren, versperrten ihnen die Aussicht mit ihren
Flügeln, machten sie mit ihrem Geflatter verwirrt und brachten sie ganz
außer sich, indem sie ihnen in die Ohren schrieen: »Schämt euch! Schämt
euch, ihr Schwäne!«

Der Überfall der kleinen Vögel dauerte nur ein paar Augenblicke; aber als
der Vogelschwarm wieder weggeflogen und die Schwäne einigermaßen zu sich
gekommen waren, hatten die Wildgänse die Flucht ergriffen und schon die
andre Seite der Bucht erreicht.


Der neue Kettenhund

Etwas Gutes wenigstens hatten die Schwäne: als sie sahen, daß die Wildgänse
entkommen waren, fanden sie es unter ihrer Würde, ihnen nachzujagen. Die
Wildgänse durften also in aller Ruhe auf einer mit Binsen bewachsenen Insel
schlafen.

Nils Holgersson aber konnte vor lauter Hunger nicht einschlafen. »Ich muß
sehen, daß ich in irgend einem Hause etwas zum Essen finde,« sagte er.

In diesen Tagen, wo so vielerlei auf dem Wasser umhertrieb, war es für so
einen kleinen Wicht wie Nils Holgersson nicht schwer, ein
Beförderungsmittel zu finden. Er besann sich daher nicht lange, sondern
sprang auf ein Bretterstück, das zwischen die Binsen hineingetrieben war.
Dann fischte er einen kleinen Stock auf und stieß durch das seichte Wasser
dem Ufer zu.

Kaum hatte er dieses erreicht, als er neben sich ein Plätschern im Wasser
hörte. Er blieb unbeweglich stehen und sah da zuerst eine Schwänin, die
ganz in seiner Nähe in ihrem großen Neste lag; dann aber erblickte er einen
Fuchs, der ein paar Schritte ins Wasser hineingewatet war und sich zu dem
Schwanenneste hinschlich.

»Hallo, hallo! Steh auf, steh auf!« rief der Junge und schlug mit seinem
Stock ins Wasser.

Die Schwänin stand auf, aber doch nicht so rasch, daß der Fuchs sich nicht
hätte auf sie werfen können, wenn er gewollt hätte. Aber er gab diesen Plan
auf und rannte eiligst auf den Jungen zu.

Der Däumling sah den Fuchs auf sich zukommen und lief spornstreichs ins
Land hinein. Vor ihm lag weiter, flacher Wiesengrund, nirgends sah er einen
Baum, den er hätte erklettern, nirgends ein Loch, in dem er sich hätte
verstecken können. Es blieb ihm nichts übrig, als zu fliehen. Nun war der
Junge zwar ein guter Läufer, aber daß er es in der Geschwindigkeit mit
einem Fuchs, der frei und ungehindert laufen konnte und nichts zu tragen
hatte, nicht aufnehmen könnte, dessen war er sich nur zu klar.

Eine Strecke weit im Lande drinnen lagen einige Kätnerhütten, aus deren
Fenstern heller Lichtschein herausdrang. Natürlich lief der Junge darauf
zu; aber er mußte sich selbst sagen, daß ihn der Fuchs längst eingeholt
haben würde, ehe er die Häuser erreicht hätte.

Einmal war ihm der Fuchs schon so nahe, daß er den Jungen sicher zu haben
meinte; aber da sprang dieser hastig zur Seite und lief wieder der Bucht
zu. Diese Wendung hielt den Fuchs ein wenig auf, und ehe er den Jungen aufs
neue eingeholt hatte, war dieser zu ein paar Männern hingelaufen, die den
ganzen Tag hindurch und noch am Abend das auf dem Wasser umhertreibende Gut
geborgen hatten und jetzt auf dem Heimweg waren.

Die Männer waren müde und schläfrig; sie hatten weder den Fuchs noch den
Jungen bemerkt, obgleich dieser auf sie zugelaufen war. Der Junge wollte
sie indes gar nicht anreden und sie auch nicht um Hilfe bitten; er begnügte
sich damit, neben ihnen herzulaufen, denn er dachte: »Der Fuchs wird sich
wohl hüten, ganz dicht zu den Menschen hinzugehen.«

Aber bald hörte er, wie der Fuchs herbeischlich. Ja, er wagte sich wirklich
ganz nahe an die Menschen heran, denn er dachte: »Sie werden mich wohl für
einen Hund halten.«

»Was schleicht denn da für ein Hund hinter uns her?« sagte auch in der Tat
einer von den Männern. »Er kommt uns so nahe, als ob er uns beißen wollte.«

Der andre blieb stehen und sah sich um. »Weg mit dir! Was willst du?« rief
er und versetzte dem Fuchs einen Stoß, der ihn auf die andre Seite des
Weges beförderte. Von da an hielt sich der Fuchs in ein paar Metern
Abstand, lief aber unentwegt hinter den Männern her.

Bald erreichten die Männer die Kätnerhütten und gingen miteinander in eine
von ihnen hinein. Der Junge hatte eigentlich im Sinne gehabt, sich mit
ihnen hineinzuschleichen; aber kaum war er auf dem Flur angekommen, da sah
er einen großen, schönen, langhaarigen Kettenhund aus der Hundehütte
herausrasen und den Hausherrn stürmisch begrüßen. Da änderte der Junge
seine Absicht und blieb vor dem Hause.

»Hör einmal, Hofhund,« sagte er leise, sobald die Männer die Tür hinter
sich zugemacht hatten. »Willst du mir nicht helfen, heute nacht einen Fuchs
zu fangen?«

Der Hofhund hatte keine scharfen Augen, und zornig und hitzig war er von
dem Angebundensein auch geworden. »Wie soll ich einen Fuchs fangen?« bellte
er wütend. »Wer bist denn du, daß du daherkommst und mich verspottest? Komm
mir nur so nahe, daß ich dich fassen kann, dann werde ich dich lehren,
deinen Spott mit mir zu treiben.«

»O, ich habe durchaus keine Angst vor dir!« rief der Junge und lief zu dem
Hund hin. Und als der Hund den kleinen Knirps sah, war er so überrascht,
daß er kein Wort herausbringen konnte.

»Ich bin der Junge, den die Tiere den Däumling nennen, und der mit den
Wildgänsen umherzieht,« sagte Nils Holgersson. »Hast du noch nicht von mir
reden hören?«

»Doch, die Schwalben haben wohl so etwas von dir gezwitschert,« antwortete
der Hund. »Du scheinst große Dinge ausgerichtet zu haben, obwohl du nur so
klein bist.«

»Ja, bis heute ist es mir ganz gut gegangen, aber wenn du mir nicht hilfst,
dann ist es wohl aus mit mir. Ein Fuchs ist mir dicht an den Fersen. Er
steht dort an den Ecke und lauert auf mich.«

»Ei freilich, ich wittre ihn wirklich deutlich,« sagte der Hund. »Den
werden wir bald haben.«

Damit jagte der Hofhund davon, so weit seine Kette reichte, und bellte und
kläffte eine gute Weile.

»Ich glaube nicht, daß er sich jetzt noch einmal heranwagt,« sagte er dann.

»Ach, mit dem Bellen allein wird dieser Fuchs nicht in die Flucht
geschlagen,« sagte der Junge. »Er wird gleich wieder da sein, und das wäre
auch am besten, denn ich habe mir nun einmal in den Kopf gesetzt, daß du
ihn gefangen nehmen sollst.«

»Treibst du schon wieder deinen Spott mit mir?« rief der Hund.

»Nein, gewiß nicht. Komm nur mit mir in die Hundehütte hinein, damit der
Fuchs uns nicht hören kann; dann sage ich dir, wie du es machen mußt,«
sagte der Junge.

Der Junge und der Hund krochen miteinander in die Hütte hinein und
flüsterten da eifrig zusammen.

Nach einer Weile steckte der Fuchs die Nase um die Ecke, und als alles
still war, schlich er sich sachte in den Hof hinein. Er verfolgte die Spur
des Jungen bis zur Hundehütte hin und setzte sich in angemessener
Entfernung davon nieder, um zu überlegen, wie er ihn herauslocken könnte.
Plötzlich steckte der Hund den Kopf heraus und knurrte den Fuchs an. »Mach
daß du fort kommst, sonst komme ich heraus und packe dich!« rief er.

»Deinetwegen bleibe ich ruhig hier sitzen, solange ich Lust habe,«
erwiderte der Fuchs.

»Geh deiner Wege!« brummte der Hund noch einmal in drohendem Ton. »Sonst
hast du heute nacht zum letzenmal gejagt.«

Aber der Fuchs grinste den Hund nur an und wich nicht vom Fleck. »Ich weiß
schon, wie weit deine Kette reicht,« sagte er.

[Illustration]

»Nun habe ich dich zweimal gewarnt,« sagte der Hund und trat aus seiner
Hütte heraus. »Jetzt mußt du die Folgen selbst tragen.«

Und in demselben Augenblick fuhr er mit einem großen Satz auf den Fuchs
los. Er erreichte ihn ohne jegliche Schwierigkeit, denn er war frei; der
Junge hatte ihm sein Halsband abgenommen.

Einen Augenblick kämpften die beiden Tiere miteinander; aber der Streit war
bald entschieden: Der Hund stand als Sieger, der Fuchs lag auf dem Boden
und wagte sich nicht zu rühren. »Ruhig, ruhig! Wenn du nicht ganz ruhig
bleibst, beiße ich dich tot,« sagte der Hund. Dann packte er ihn am Nacken
und schleppte ihn in seine Hütte hinein. Da stand der Junge mit der
Hundekette; er legte dem Fuchs das Halsband zweimal um den Hals und zog es
recht fest zu, damit er ganz sicher gefangen saß; und die ganze Zeit über
mußte der Fuchs vollkommen still liegen und wagte sich nicht zu rühren.

»So so, mein Herr Smirre, nun hoffe ich, daß ein guter Kettenhund aus dir
wird,« sagte der Junge, als er fertig war.

[Illustration]



34

Die Sage von Uppland


                                                  Donnerstag, 5. Mai

Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört, aber es stürmte noch den ganzen
Vormittag, und die Überschwemmung nahm immer mehr überhand. Gleich nach
Mittag jedoch trat ein Umschlag in der Witterung ein. Es wurde auf einmal
herrliches Wetter: warm, windstill und wunderschön.

Der Junge lag höchst vergnügt mitten in einem Busch prachtvoll blühender
Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als zwei Schulkinder mit ihren
Büchern und ihrem Vesperbrot auf einem Wiesenpfad daherkamen, der sich am
Ufer hinschlängelte. Die Kinder gingen ganz langsam und sahen sehr betrübt
aus. Als sie dicht bei dem Jungen angekommen waren, setzten sie sich auf
ein paar Steine und schütteten sich gegenseitig das Herz aus.

»Mutter wird sehr ärgerlich werden, wenn sie hört, daß wir heute unsere
Aufgabe wieder nicht gekonnt haben,« sagte eines von ihnen.

»Ja, und der Vater auch,« fuhr das andre fort. Und von ihrem Kummer ganz
überwältigt, brachen die beiden Kinder in lautes Weinen aus.

Der Junge überlegte eben, ob er sie denn nicht auf irgendeine Weise trösten
könnte, als eine kleine, bucklige alte Frau mit einem lieben, freundlichen
Gesicht auf dem Pfade daherkam und vor den Kindern Halt machte.

»Kinder, warum weint ihr denn?« fragte die Alte.

Da erzählten ihr die Kinder, sie hätten in der Schule ihre Aufgabe nicht
gekonnt, und nun schämten sie sich so, daß sie nicht nach Hause gehen
wollten.

»Aber was ist denn das für eine schwere Aufgabe, die ihr gar nicht lernen
könnt?« fragte die Alte. Da berichteten die Kinder, sie hätten die
Geographie von ganz Uppland aufgehabt.

»Das ist allerdings nach dem Buch vielleicht gar nicht so leicht zu
lernen,« sagte die Alte. »Aber nun sollt ihr hören, was meine Mutter mir
einmal von diesem Land erzählt hat. Ich selbst bin nicht in die Schule
gegangen und habe deshalb auch nichts weiter davon gelernt, aber was meine
Mutter mir darüber erzählt hat, hab ich meiner Lebtage nicht wieder
vergessen.«

»Nun also, meine Mutter sagte,« so begann die Alte, indem sie sich neben
die Kinder auf einen Stein setzte, »in alten Zeiten sei Uppland die ärmste
und unbedeutendste Landschaft von ganz Schweden gewesen. Sie habe nur aus
mageren Lehmfeldern und einigen niedrigen Steinhaufen bestanden, und es
soll bis zum heutigen Tage noch viele solcher Landstrecken da geben, wenn
wir hier unten am Mälar auch nicht viel davon sehen.

Nun ja, woher es nun auch kommen mochte, traurig und betrübt sah es in
Uppland aus, und das arme Uppland hatte das Gefühl, daß die andern
Landschaften es für einen richtigen armen Schlucker hielten, und das ist
auf die Dauer doch recht ärgerlich. Eines schönen Tages jedoch hatte
Uppland das ganze Elend so gründlich satt, daß es einen Sack auf den Rücken
und einen Stab in die Hand nahm und auszog, um bei denen, die es so viel
besser hatten, zu betteln.

Zuerst wanderte das arme Uppland immer südwärts, bis es nach Schonen kam.
Dort angelangt, jammerte es, wie arm es sei, und bettelte um etwas
fruchtbares Erdreich.

>Nächstens weiß man nicht mehr, was man allen Bettelleuten, die einen
überlaufen, geben soll,< sagte Schonen. >Aber wir wollen einmal sehen. Da
habe ich gerade ein paar Mergelgruben eröffnet, und du kannst dir einige
von den Rasenstücken nehmen, die ich dort an den Rand geworfen habe!<

Uppland nahm die Rasenstücke, bedankte sich schön, und wanderte von Schonen
nach Westgötland. Dort angekommen, jammerte es, wie arm es sei, und bat
wieder um Erdboden.

>Erdboden kann ich dir nicht geben,< sagte Westgötland. >Einem Bettler
gönne ich auch nicht ein Stückchen von meinen fetten Wiesen. Wenn du aber
einen von meinen kleinen Flüssen brauchen kannst, die durch die Ebene
hinziehen, dann nimm ihn dir.<

Uppland nahm den Fluß und bedankte sich schön. Hierauf zog es nach Halland.
Dort jammerte es aufs neue, wie arm es sei, und bat um Erdboden.

>Ich bin auch nicht reicher als du,< sagte Halland, >und deshalb brauchte
ich dir auch nichts zu geben. Wenn du aber meinst, es verlohne sich der
Mühe, kannst du dir ein paar Steinhaufen ausbrechen und mitnehmen.<

Uppland nahm das Geschenk, bedankte sich schön und eilte weiter nach
Bohuslän. Da durfte es so viele kahle Felsen in seinen Sack stecken, als es
nur wollte. >Sie sehen zwar nichts gleich,< sagte Bohuslän, >aber als
Schutz gegen den Wind kannst du sie schon verwenden. Sie werden dir
nützlich sein, denn du wohnst ja auch am Meere, gerade wie ich.<

Uppland nahm alles, was ihm geschenkt wurde, dankbar an und wies nichts
zurück, obgleich man ihm überall nur das gab, was die andern am leichtesten
entbehren zu können glaubten. Wärmland warf ihm ein Stück Berg hin,
Westmanland gab ihm eine Reihe von seinen Hügeln, Ostgötland schenkte ihm
ein Stück von dem wilden Kolmården, und Småland stopfte ihm fast den ganzen
Sack voll Moorboden, Steinhaufen und Heidehügeln.

Sörmland wollte nichts herschenken als ein paar Mälarbuchten, und Dalarna
wollte auch nichts von seinem Land hergeben und fragte deshalb, ob sich
Uppland nicht mit einem Stück vom Dalälf begnügen wolle.

Zuletzt bekam es von Närke noch einige sumpfige am Hjälmar gelegene Wiesen;
dann aber war sein Sack ganz voll, und nun meinte Uppland auch genug
zusammengebettelt zu haben.

Als es wieder zu Hause anlangte und alles, was es erbettelt hatte, aus
seinem Sack herausnahm, dachte es freilich: >Da habe ich nichts als einen
Haufen Gerümpel mit heimgebracht.< Es seufzte und zerbrach sich den Kopf
darüber, wie es denn seine Gaben nützlich verwenden könnte.

Nun verging ein Jahr ums andre, währenddessen Uppland daheim sein Eigentum
ordnete, und schließlich hatte es auch alles nach seinem Gutdünken
aufgestellt.

[Illustration]

Zu jener Zeit wurde in Schweden viel darüber verhandelt, wo in dem
schwedischen Reiche der König wohnen und wo er sein Schloß und die
Hauptstadt errichten sollte. Natürlich wollte jede Landschaft den König bei
sich haben, und es wurde lange darüber hin und her gestritten.

>Ich meine, der König sollte in der Landschaft wohnen, die sich als die
klügste und tüchtigste ausweist,< sagte schließlich Uppland; und die andern
Landschaften erklärten diesen Ausspruch für einen klugen Rat. Es wurde also
beschlossen, daß die Landschaft, die sich als die klügste und tüchtigste
ausweise, den König und die Hauptstadt bekommen solle.

Kaum waren alle Landschaften wieder zu Hause angelangt, als auch schon eine
Botschaft von Uppland bei ihnen eintraf, die sie zu einem Fest zu sich
einlud. >Was könnte uns denn dieser arme Schlucker wohl zu bieten haben?<
sagten alle Landschaften; aber sie nahmen doch die Einladung an.

Als sie ankamen, waren sie über das, was sie sahen, aufs höchste
überrascht. Dicht bebaut breitete sich Uppland vor ihnen aus. In der Mitte
der Landschaft lag ein schöner Hof neben dem andern, an der Küste dehnten
sich Ortschaften aus, und auf allen Wassern der Landschaft fuhren
zahlreiche Schiffe hin und her.

>Es ist eine Schande, mit dem Bettelsack umherzuziehen, wenn man es daheim
so gut hat,< sagten die andern Landschaften.

>Ich habe euch eingeladen, um euch eure Geschenke ordentlich zu zeigen,
denn euch habe ich es zu verdanken, daß ich mich jetzt so gut fortbringen
kann,< sagte Uppland.

>Als ich heimkam,< fuhr Uppland fort, >leitete ich zu allererst den Dalälf
in meinen Bereich herein, und zwar so, daß er zwei prächtige Wasserfälle
bilden mußte, den einen bei Söderfors und den andern bei Älfkarleby.
Südlich vom Dalälf bei Dannemora stellte ich den Berg auf, den ich von
Wärmland bekam, und da entdeckte ich, daß Wärmland nicht so genau
nachgesehen hatte, was es weggab, denn der Berg bestand aus dem besten
Eisenerz. Ringsherum pflanzte ich den Wald, das Geschenk Ostgötlands, nun
waren an ein und derselben Stelle Erz, Wälder und Wasserkraft beieinander,
und daß da reiche Bergwerke entstehen würden, versteht sich von selber.

Nachdem ich es nun im Norden so gut eingerichtet hatte, stellte ich die
Westmanländischen Hügel auf; aber ich streckte und dehnte sie, bis sie bis
zum Mälar hinreichten und da Landzungen und Holme bildeten, die sich bald
mit Grün bekleideten und zu schönen Gärten wurden. Die Buchten von Sörmland
aber dehnte ich so weit wie möglich ins Land hinein; dadurch wurde dieses
den Schiffen zugänglich und trat in Verbindung mit der Welt draußen.

Nachdem im Norden und Süden alles fertig war, wendete ich mich der
östlichen Küste zu, und nun sammelte ich alle die nackten Klippen und
Steinhaufen, die Heidestrecken und die kahlen Felder, die ihr mir gegeben
hattet, und warf sie ins Meer. So entstanden alle meine Holme und Inseln,
die mir für die Schiffahrt und den Fischfang äußerst nützlich sind und die
ich für mein wertvollstes Eigentum halte.

Dann hatte ich von euern Geschenken nichts mehr übrig als die Rasenstücke
von Schonen; diese legte ich mitten ins Land hinein, und daraus wurde die
fruchtbare Vaksala-Ebene. Den trägen Fluß aber, den mir Westgötland gegeben
hatte, leitete ich über die Wiese hin, und so bildet er eine gute
Verbindung zu den Mälarbuchten.<

Jetzt verstanden die andern Landschaften, wie alles zugegangen war, und
obgleich sie immer noch etwas ärgerlich waren, mußten sie doch zugeben, daß
Uppland seine Sache gut gemacht hätte. >Du hast mit wenig Mitteln Großes
geleistet. Ja, du bist wirklich am klügsten und tüchtigsten von uns allen,<
sagten sie.

>Ich danke euch für diesen Ausspruch,< sagte Uppland. >Wenn ihr das sagt,
dann bin ich auch die Landschaft, die den König und die Hauptstadt bekommen
soll.<

Wieder wurden die Landschaften etwas ärgerlich; aber ein Wort ist ein Wort,
und so blieb es dabei.

So bekam Uppland den König und die Hauptstadt und wurde die erste von allen
Landschaften. Und das war nicht mehr als recht und billig, denn Klugheit
und Tüchtigkeit, diese beiden sind es, die auch heute noch aus Bettlern
Fürsten machen.«

[Illustration]



35

In Uppsala

Der Student


                                                  Donnerstag, 5. Mai

Zu der Zeit, wo Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, war in
Uppsala ein sehr tüchtiger junger Student. Er wohnte in einem Dachstübchen,
und die jungen Leute sagten, er lebe geradezu von der Luft. Sein Studium
betrieb er mit Lust und Liebe, und er wurde früher fertig als alle seine
Studiengenossen. Trotzdem aber war er kein Bücherwurm und Spielverderber,
sondern freute sich mit seinen Kameraden der akademischen Freiheit, gerade
wie ein rechter Student sein soll. Er hatte nicht einen einzigen Fehler,
wenn man nicht etwa das einen Fehler nennen wollte, daß er vom Glück etwas
verwöhnt worden war. Aber das kann dem besten passieren; das Glück ist
nicht so leicht zu ertragen, besonders nicht in der Jugend.

Eines Morgens, gleich nachdem der Student aufgewacht war, dachte er darüber
nach, wie gut es ihm doch immer gegangen sei. »Alle Menschen haben mich
lieb, die Lehrer und die Kameraden,« sagte er vor sich hin. »Und wie gut
ist es mir bei meinem Studium ergangen! Heut muß ich zum letzten Male zum
>Tentamen<, und dann habe ich nicht mehr viel zu tun. Wenn ich nur zur
rechten Zeit fertig werde, bekomme ich gewiß eine gute Stelle mit einem
ordentlichen Gehalt. Ja, ich habe in der Tat merkwürdig viel Glück, aber
ich habe es mir auch tüchtig sauer werden lassen, da kann es mir nicht
anders als gut gehen.«

Die Studenten in Uppsala sitzen nicht in Klassenzimmern und lernen da wie
Schulkinder miteinander, sondern jeder studiert daheim auf seiner eignen
Bude. Wenn sie dann mit einem Fach fertig sind, gehen sie zu ihren
Professoren und werden gleich in diesem Fach examiniert. Eine solche
Prüfung wird ein »Tentamen« genannt, und jetzt sollte der obengenannte
Student gerade in dem letzten und schwersten Fach seiner ganzen Studienzeit
examiniert werden.

Sobald er sich angezogen und sein Frühstück eingenommen hatte, setzte er
sich an den Schreibtisch, um einen letzten Blick in die Bücher zu werfen.

»Ich glaube, es ist ganz überflüssig, denn ich bin ja sehr gut
vorbereitet,« dachte er. »Aber ich will doch lieber bis zuletzt büffeln,
dann habe ich mir nichts vorzuwerfen.«

Er hatte noch nicht lange studiert, als es an seiner Tür klopfte und ein
Student mit einem dicken Band unter dem Arm bei ihm eintrat. Dieser Student
war von einem ganz andern Kaliber als der, der am Schreibtisch saß. Er war
bleich und schüchtern und sah ärmlich und bedürftig aus. Es war einer von
denen, die sich einzig und allein auf die Bücher und nichts weiter
verstehen. Man sagte ihm nach, er sei sehr gelehrt; aber er war so scheu
und schüchtern, daß er sich noch nicht ein einziges Mal zu einem Tentamen
herangewagt hatte. Alle seine Kameraden glaubten, es werde ein »ewiger
Student« aus ihm werden, ein solcher, der ein Jahr ums andre in Uppsala
bleibt, immerfort studiert und studiert, und aus dem doch nie etwas Rechtes
wird.

Jetzt kam dieser »ewige Student« zu unserm Studenten, ihn zu bitten, ein
Buch durchzulesen, das er geschrieben hatte. Es war noch nicht gedruckt,
sondern nur im Manuskript fertig.

»Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du ein wenig hineinsehen
möchtest und mir dann sagen, ob es irgend einen Wert hat,« sagte der
schüchterne Student.

Der Student, der immer Glück hatte, dachte im stillen: »Da haben wirs
wieder, mich können alle Menschen besonders gut leiden; es mögen mich eben
alle. Da kommt nun auch dieser Sonderling zu mir; der kann sich nicht
überwinden, irgend jemand sein Werk zu zeigen, und nun bittet er mich, mein
Urteil darüber abzugeben.«

Er versprach, das Manuskript sobald wie möglich zu lesen, und der andre
legte es vor ihn auf den Schreibtisch. »Du mußt gut Acht darauf geben,«
sagte er. »Ich habe fünf Jahre lang daran gearbeitet; und wenn es verloren
ginge, könnte ich es nicht noch einmal schreiben.«

»So lange es bei mir ist, wird ihm nichts passieren,« sagte der Student.
Und darauf entfernte sich der andre.

Der Student zog den großen Stoß Papier zu sich heran. »Was der wohl da
zusammengeschmiert hat?« sagte er. »Ah, die Geschichte der Stadt Uppsala;
das klingt ja nicht so übel!«

Nun war aber unserm Studenten Uppsala die liebste Stadt von ganz Schweden,
und er war überaus neugierig, zu sehen, was der »ewige Student« über diese
Stadt geschrieben hätte. »Wenn ich mir die Sache recht überlege, kann ich
seine Geschichte ebensogut gleich lesen,« murmelte er. »Es hat ja doch
keinen Wert, wenn ich mich hier bis zum letzten Augenblick schinde. Deshalb
geht es mir doch nicht besser beim Professor.«

Der Student fing also zu lesen an und hob den Kopf nicht mehr von den
Blättern, bis er das letzte gelesen hatte. »Ei sieh einmal!« sagte er. »Das
ist ja ein fürchterlich gelehrtes Werk. Wenn dieses Buch herauskommt, ist
der ewige Student ein gemachter Mann. Nein, wie freue ich mich, ihm sagen
zu können, daß mir sein Werk gefällt!«

Er sammelte alle die losen Blätter, aus denen das Manuskript bestand,
wieder sorgfältig zusammen und legte sie auf den Tisch. Während er noch
damit beschäftigt war, hörte er eine Uhr schlagen.

»Ei der Tausend, es ist höchste Zeit, daß ich zum Professor gehe!« rief er
und eilte zur Türe hinaus, seine schwarzen Kleider zu holen, die in einem
Kämmerchen auf dem Bodenraum hingen. Aber wie es öfters zu gehen pflegt,
wenn man in Eile ist: Schloß und Schlüssel waren widerwillig, und es
dauerte eine gute Weile, bis der Student wieder in sein Zimmer zurückkam.

Als er über die Schwelle trat, stieß er einen lauten Schrei aus. In der
Eile, mit der er hinausgegangen war, hatte er die Tür seines Zimmers hinter
sich offen gelassen, und das Fenster am Schreibtisch war auch offen
gewesen. Dadurch war ein heftiger Zug entstanden, und jetzt sah der Student
die losen Blätter des Manuskripts zum Fenster hinauswirbeln. Mit einem
großen Satz war er am Schreibtisch und legte die Hand auf die Blätter. Aber
es war nicht mehr viel zu retten: höchstens zehn bis zwölf Blätter lagen
noch auf der Tischplatte, alle andern flatterten, vom Wind getrieben, über
die Dächer und Höfe hin.

Der Student bog sich weit zum Fenster hinaus und sah den Blättern nach. Auf
dem Dach vor dem Mansardenfenster saß ein schwarzer Vogel, der ihn mit
spöttischer Überlegenheit ansah. »Ist das nicht ein Rabe?« dachte der
Student. »Man sagt doch, die Raben bedeuteten Unglück.«

Einige von den Blättern lagen noch auf dem Dache, und so hätte er
vielleicht wenigstens noch einen Teil des verlorenen Gutes retten können,
wenn das Tentamen nicht gewesen wäre. Nun aber meinte er, er müsse sich in
erster Linie um seine eignen Angelegenheiten kümmern. »Es handelt sich ja
um meine ganze Zukunft,« dachte er.

Er warf sich in seinen schwarzen Anzug und stürzte zu dem Professor.
Unterwegs mußte er immerfort an das verlorene Manuskript denken. »Das ist
eine recht ärgerliche Geschichte,« dachte er. »Wie schade, daß ich in so
großer Eile war!«

Der Professor begann das Examen; aber der Student konnte an nichts andres
denken, als an das verlorene Manuskript. »Was sagte doch der arme Kerl?«
dachte er. »Sagte er nicht, er habe fünf Jahre lang an dem Buch gearbeitet
und wäre nicht imstande, es noch einmal zu schreiben? Ach, woher soll ich
nun den Mut nehmen, ihm zu gestehen, daß es mir abhanden gekommen ist?«

Der Student war sehr aufgeregt und höchst unglücklich über sein Mißgeschick
mit dem Manuskript und konnte sich auf nichts besinnen. Alle seine
Kenntnisse waren wie weggeblasen. Er hörte nicht, was der Professor fragte,
und hatte auch keine Ahnung, was er antwortete. Der Professor war ganz
entsetzt über eine solche Unwissenheit und konnte nichts andres tun, als
ihn durchfallen lassen.

Als der Student wieder auf die Straße kam, war er unglückselig. »Jetzt
entgeht mir die gute Stelle!« dachte er. »Und wer ist ganz allein schuld
daran? Dieser alte Bücherwurm! Warum mußte er auch gerade heute mit seinem
Werk daherkommen? Aber so geht es, wenn man immer gefällig ist.«

In diesem Augenblick sah der Student den, an den er eben dachte, auf sich
zukommen. Er wollte ihm natürlich nicht sagen, daß ihm das Manuskript
abhanden gekommen sei, ehe er einen Versuch gemacht hätte, es wieder zu
erlangen, und suchte deshalb stillschweigend an ihm vorübergehen. Aber der
andre wanderte ganz betrübt und niedergedrückt daher und dachte nur
immerfort, was der Student wohl über sein Buch sagen werde. Als dieser nun
mit einem unfreundlichen Kopfnicken vorübereilte, wurde er von einer
grenzenlosen Angst erfaßt. Er hielt ihn am Ärmel fest und fragte ihn, ob er
schon ein wenig in das Manuskript hineingesehen habe.

»Ich komme eben von meinem Tentamen,« antwortete der Student und wollte
rasch weitergehen. Aber der andre glaubte, er weiche ihm aus, damit er ihm
nicht sagen müsse, wie wenig ihm das Manuskript gefallen habe. Ach, da war
ihm, als müsse ihm das Herz brechen! Diese Arbeit, der er fünf Jahre seines
Lebens geopfert hatte, war also ganz wertlos! Tief betrübt sagte er zu dem
Studenten: »Höre nun, was ich dir sage. Lies mein Buch, so rasch du kannst,
und dann teile mir mit, was du darüber denkst; aber wenn es nichts wert
ist, verbrenne es, dann will ich es gar nicht mehr sehen.«

Nach diesen Worten ging er hastig davon. Der Student sah ihm nach und
wollte ihn zurückrufen, besann sich dann aber anders und lenkte seine
Schritte heimwärts.

Hier angekommen, zog er rasch seinen Werktagsanzug wieder an und eilte
fort, nach den verlorenen Blättern zu suchen. Er suchte in den Straßen, auf
den freien Plätzen und in den Gärten. Dann suchte er in den Höfen, ja er
ging sogar weit vor die Stadt hinaus; aber er fand nicht ein einziges
Blatt.

Nachdem er ein paar Stunden ununterbrochen gesucht hatte, war er so
hungrig, daß er etwas essen mußte. In seinem gewohnten Gasthaus traf er
wieder mit dem ewigen Studenten zusammen, der auch sogleich auf ihn zukam,
um etwas über sein Buch zu erfahren.

»Ich werde heute abend zu dir kommen und mit dir darüber sprechen,« sagte
der Student ziemlich abweisend. Er wollte den Verlust des Manuskripts nicht
gestehen, ehe er ganz sicher wäre, daß er es nicht wieder erlangen könnte.

Der andre erblaßte: »Vergiß nicht, daß du es vernichten mußt, wenn es
nichts wert ist!« sagte er im Fortgehen; denn jetzt war er vollkommen
überzeugt, daß dem Studenten sein Buch ganz und gar nicht gefallen habe.

Der Student eilte wieder in die Stadt zurück und suchte ununterbrochen,
bis es ganz dunkel war; aber nirgends war eine Spur von den verlorenen
Blättern zu entdecken. Auf dem Rückweg nach seiner Wohnung traf er mit ein
paar Kameraden zusammen.

»Wo hast denn du dich herumgetrieben; du bist ja nicht zum Maienfest
gekommen?« fragten sie.

»Ach, ist heute das Maienfest gewesen?« rief der Student. »Das hatte ich
ganz vergessen.«

Während er noch mit seinen Kameraden sprach, kam ein junges Mädchen, das
der Student sehr lieb hatte, an der Gruppe vorüber. Sie sah ihn nicht an,
sondern sprach mit einem andern Studenten, dem sie überaus freundlich
zulächelte. Da fiel dem Studenten plötzlich etwas ein: Er hatte dieses
junge Mädchen gebeten gehabt, doch ja gewiß zum Maienfest zu kommen, damit
er mit ihr zusammen sein könnte; und nun hatte er selbst sich nicht
eingefunden. Ach, was mochte sie von ihm denken!

Ein Stich ging ihm durchs Herz, und er wollte ihr nacheilen; aber da sagte
einer von seinen Freunden: »Mit Stenberg, unserm guten Bücherwurm, scheint
es schlecht zu stehen. Er ist heute nachmittag krank geworden.«

»Es wird doch nicht gefährlich sein?« fragte der Student hastig.

»Irgend ein Herzleiden. Er hat einen schlimmen Anfall gehabt, der sich
jederzeit wiederholen kann. Der Doktor meint, er habe irgend einen schweren
Kummer, und seine Wiederherstellung hänge davon ab, ob man ihn von dieser
Sorge befreien könne.«

Kurz darauf trat der Student bei dem Kranken ein. Dieser lag bleich und
matt in seinem Bett und war nach dem schweren Anfall noch gar nicht wieder
recht zu sich gekommen.

»Ich komme, wegen deines Buches mit dir zu reden,« begann der Student. »Es
ist ein ausgezeichnetes Werk; ich habe selten so etwas Schönes gelesen.«

Der ewige Student richtete sich in seinem Bette auf und sah den andern mit
großen Augen an. »Warum warst du dann heute nachmittag so sonderbar?«
fragte er.

»Ich war in schlechter Laune, weil ich in dem Tentamen durchgefallen bin,
und ich glaubte auch nicht, daß du dir so viel aus meinem Urteil machen
würdest,« sagte der Student. »Aber dein Buch hat mir ausnehmend gut
gefallen.«

Der Kranke sah den andern forschend an und war immer fester überzeugt, daß
ihm dieser etwas verheimlichen wollte. »Du sagst das nur, weil ich krank
bin und du mich nun trösten möchtest.«

»Ganz gewiß nicht. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit, ich versichere es
dir.«

»Hast du es wirklich nicht vernichtet, wie ich dir gesagt hatte?«

»So verrückt bin ich nicht.«

»Dann hole es. Beweise mir, daß du es nicht vernichtet hast, alsdann will
ich dir glauben,« sagte der Kranke und sank schwach und ermattet auf sein
Kissen zurück. Dem Studenten wurde ganz bang, er fürchtete, der Ärmste
bekomme einen neuen Anfall.

Das war ein entsetzlicher Augenblick für den Studenten. Er nahm die Hände
des Kranken zwischen die seinigen und erzählte ihm, daß der Wind die
Blätter des Manuskripts zum Fenster hinausgeweht hätte, und daß er
unglückselig darüber sei, weil er ihm einen so großen Schaden verursacht
habe.

Als er fertig war, streichelte ihm der Kranke zärtlich die Hand. »Du bist
gut gegen mich, ja, sehr gut,« sagte er. »Aber gib dir keine Mühe, mir
solche Geschichten zu erzählen, um mich zu schonen. Ich weiß, du hast mir
gehorcht und das Manuskript vernichtet, weil es zu schlecht war; aber nun
willst du es nicht eingestehen, weil du meinst, ich könnte die Wahrheit
nicht ertragen.«

Der Student versicherte hoch und teuer, die Wahrheit gesprochen zu haben;
aber der Kranke blieb eigensinnig bei seiner Ansicht und wollte es nicht
glauben. »Wenn du mir mein Manuskript wiedergeben könntest, ja, dann würde
ich dir glauben,« sagte er.

Er wurde immer elender, und der Student hielt es schließlich fürs beste,
sich zu entfernen; er fürchtete, durch seine Anwesenheit die Sache nur noch
zu verschlimmern.

Zu Hause angelangt, fühlte er sich so trostlos und müde, daß er sich kaum
noch aufrecht halten konnte. Er machte sich eine Tasse Tee und legte sich
dann zu Bett. Als er die Decke heraufzog, mußte er unwillkürlich daran
denken, wie glücklich er am Morgen beim Erwachen gewesen war. Und jetzt
waren seine eignen schönen Hoffnungen zerstört; aber das wäre ja noch zu
ertragen gewesen. »Das Schlimmste ist doch, daß ich nun mein ganzes Leben
lang das Bewußtsein mit mir herumtragen muß, das Unglück eines andern
Menschen verschuldet zu haben,« sagte er.

Er war überzeugt, er werde die ganze Nacht kein Auge schließen können. Aber
merkwürdigerweise schlief er gleich ein, sobald er den Kopf aufs Kissen
gelegt hatte. Er hatte nicht einmal mehr Zeit, die Lampe, die auf dem
Tischchen, das neben seinem Bett stand, zu löschen.


Das Maienfest

Aber in dem Augenblick, wo der Student einschlief, stand just draußen auf
dem Dache vor dem Mansardenfenster ein kleiner Knirps in gelben Lederhosen,
grüner Weste und mit einer weißen Zipfelmütze auf dem Kopf, und dieser
kleine Knirps dachte, wenn er an der Stelle des jungen Mannes wäre, der da
drin in seinem Bette lag und schlief, dann wäre er vollkommen glücklich.

Daß sich aber Nils Holgersson, der vor ein paar Stunden in einem
Dotterblumenbusch bei Ekolsundviken lag, jetzt in Uppsala befand, daran war
Bataki, der Rabe, schuld, der ihn mit sich auf Abenteuer gelockt hatte.

Der Junge selbst hatte an dergleichen nicht im entferntesten gedacht. Er
lag da zwischen den Dotterblumen und schaute zum Himmel hinauf, als er
plötzlich Bataki mitten zwischen den dahinziehenden Wolken entdeckte. Der
Junge hätte sich am liebsten vor dem Raben versteckt; aber Bataki hatte ihn
schon gesehen, und im nächsten Augenblick stand er auch mitten in den
Dotterblumen und redete Nils Holgersson an, wie wenn er und der Junge immer
die besten Freunde gewesen wären.

Und so düster und feierlich Bataki auch aussah, der Junge merkte doch, daß
ihm der Schelm im Auge saß, ja, er hatte das Gefühl, der Rabe sei nur
gekommen, sich auf irgend eine Weise über ihn lustig zu machen. Der Junge
nahm sich deshalb vor, auf gar nichts einzugehen, was Bataki auch sagen
möchte.

Bataki sagte, er habe nicht vergessen, daß er dem Jungen eine Genugtuung
schuldig sei, weil er ihm nicht habe sagen dürfen, wo sich der Bruderteil
befinde, und er wolle ihm jetzt dafür ein andres Geheimnis anvertrauen. Er
wisse nämlich, wie einer, der so verzaubert worden sei wie der Junge,
wieder ein Mensch werden könne.

Der Rabe war der festen Überzeugung gewesen, wenn er eine solche Lockspeise
auswerfe, werde der Junge sogleich anbeißen. Dieser aber antwortete in
abweisendem Ton, er wisse schon, daß er wieder ein Mensch werden könne,
wenn es ihm gelinge, den weißen Gänserich wohlbehalten zuerst nach Lappland
und dann wieder zurück nach Schonen zu führen.

»Aber wie du weißt, ist es gar nicht so leicht, einen Gänserich
wohlbehalten durchs Land zu führen,« entgegnete Bataki. »Da wäre es gar
nicht so übel, wenn du noch einen andern Ausweg wüßtest, falls dir der eine
nicht gelingen sollte. Wenn du es jedoch nicht wissen willst, dann halte
ich meinen Schnabel.«

Da antwortete der Junge, er habe nichts dagegen, wenn ihm Bataki das
Geheimnis mitteilen wolle.

»Und das will ich auch,« sagte der Rabe, »doch erst im richtigen
Augenblick. Setze dich auf meinen Rücken und komm mit auf einen Ausflug,
dann werden wir sehen, ob sich vielleicht eine gute Gelegenheit bietet.«

Da wurde der Junge wieder mißtrauisch, und er wußte nicht recht, wie er mit
Bataki daran war. »Du hast wohl den Mut nicht, dich mir anzuvertrauen,«
sagte der Rabe. Aber der Junge konnte durchaus nicht ertragen, wenn jemand
meinte, er fürchte sich vor etwas; und so saß er im nächsten Augenblick auf
dem Rücken des Raben.

Bataki trug ihn nach Uppsala und setzte ihn dort auf einem Dach ab. Hierauf
befahl er ihm, sich recht umzuschauen und ihm dann zu sagen, wer wohl in
dieser Stadt wohne und regiere.

Der Junge schaute über die Stadt hin. Sie war ziemlich groß und hatte eine
herrliche Lage mitten auf einer weiten, fruchtbaren Ebene. Er sah viele
vornehme, stattliche Häuser, und auf einem Hügel ragte ein festgemauertes
Schloß mit zwei massiven Türmen auf.

»Vielleicht wohnt der König mit seinem Gefolge da,« sagte der Junge.

»Du hast nicht gerade schlecht geraten,« versetzte der Rabe. »Der Ort ist
in alten Zeiten eine Königsstadt gewesen; aber jetzt ist es mit dieser
Herrlichkeit vorbei.«

Noch einmal sah sich der Junge um. Da fiel ihm vor allem die schöne
Domkirche auf, die mit ihren drei schlanken Türmen, mit ihren prächtigen
Portalen und reichverzierten Mauern in der Sonne glänzte.

»Vielleicht wohnt hier ein Bischof mit seinen Pfarrern,« sagte er.

»Das ist auch nicht gerade schlecht geraten,« erwiderte der Rabe. »Es haben
hier wirklich einmal Erzbischöfe gewohnt, die ebenso mächtig waren wie
Könige, und auch jetzt noch hat ein Kirchenfürst seinen Sitz hier, aber er
regiert auch nicht in dieser Stadt.«

»Dann weiß ich nicht, wen ich nennen soll,« sagte der Junge.

»In dieser Stadt regiert die Wissenschaft,« sprach der Rabe feierlich. »Die
großen Gebäude, die du hier überall siehst, sind für sie und ihre Jünger
eingerichtet.«

Der Junge wollte dies kaum glauben. Aber der Rabe sagte: »Komm nur mit,
dann sollst du selbst sehen!«

Hierauf flog er mit dem Jungen davon, und sie sahen miteinander in die
großen Häuser hinein. An mehreren Orten standen die Fenster offen, und der
Junge konnte da und dort tief hineinschauen. Da sah er, daß der Rabe die
Wahrheit gesprochen hatte.

Bataki zeigte ihm die große Bibliothek, die vom Erdgeschoß bis zum
Dachfirst mit Büchern angefüllt ist; er führte ihn in das stolze
Universitätsgebäude hinein und zeigte ihm die prächtigen Hörsäle. Dann flog
er mit ihm an den alten Gebäuden vorüber, die das Gustavianum heißen; da
konnte der Junge durch die Fenster ausgestopfte Tiere wahrnehmen. Sie
flogen über das große Gewächshaus mit den vielen seltenen Pflanzen hin und
schauten auf das Observatorium hinunter, wo das lange Fernrohr zum Himmel
gerichtet war.

Sie flogen auch an vielen Fenstern vorüber; und der Junge sah da in Zimmer,
wo die Wände ringsum von oben bis unten mit Büchern bedeckt waren, und wo
alte Herren mit Brillen auf den Nasen eifrig lasen oder schrieben. Dann
flogen sie an Giebelfenstern vorbei, wo die Studenten, auf ihren Sofas
ausgestreckt, dicke Manuskripte vor sich hatten.

Schließlich ließ sich der Rabe auf einem Dache nieder. »Siehst du nun, daß
ich die Wahrheit gesprochen habe, als ich dir sagte, in dieser Stadt
regiere die Wissenschaft?« sagte er. Und der Junge mußte zugeben, daß es
sich so verhalte. »Wenn ich nicht ein Rabe wäre,« fuhr Bataki fort,
»sondern nur ein Mensch wie du, dann würde ich mich hier niederlassen. Ich
würde dann Tag für Tag in einem Zimmer voll Bücher sitzen und alles lesen,
was darin stünde. Hättest du nicht auch Lust zu so etwas?«

»Nein, ich glaube, ich würde viel lieber mit den Wildgänsen umherziehen,«
antwortete der Junge.

»Wie, möchtest du nicht ein Mensch werden, der die Krankheiten heilen
kann?« fragte der Rabe.

»Doch, das möchte ich vielleicht schon.«

»Möchtest du nicht ein Mensch werden, der alles weiß, was sich je in der
Welt zugetragen hat, der alle Sprachen sprechen und einem sagen kann,
welche Bahnen die Sonne, der Mond und die Sterne am Himmel beschreiben?«
fragte der Rabe.

»O ja, das könnte ja auch ganz unterhaltend sein.«

»Möchtest du nicht lernen, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen
Recht und Unrecht?«

»Auch das ist gut und nützlich,« antwortete der Junge. »Ich habe es schon
oft bemerkt.«

»Und möchtest du nicht ein Pfarrer werden und in deiner Kirche daheim
predigen?«

»Wenn ich es so weit brächte, würden Vater und Mutter überglücklich sein!«
seufzte der Junge.

Auf diese Weise gab der Rabe dem Jungen zu verstehen, wie glücklich die
jungen Leute seien, die in Uppsala studieren konnten. Aber der Däumling
wünschte trotzdem nicht, einer von ihnen zu sein.

Gerade an diesem Abend wurde zufälligerweise das große Maienfest gefeiert,
das in Uppsala jedes Jahr dem Frühlingsanfang zu Ehren gehalten wird. Es
hätte eigentlich schon am ersten Mai stattfinden sollen; aber an diesem
Tage hatte es in Strömen geregnet, und so war es auf einen andern Tag
verschoben worden.

Jetzt sah Nils Holgersson die Studenten, als sie nach dem botanischen
Garten zogen, wo das Fest gehalten wurde. In einem langen, breiten Zuge
kamen sie daher mit den weißen Studentenmützen auf dem Kopfe, und die ganze
Straße sah aus wie ein schwarzer, mit weißen Wasserrosen bedeckter Strom.
Dem Zuge voran wurden weißseidene goldgestickte Fahnen getragen, und den
ganzen Weg entlang sangen die Teilnehmer lauter Frühlingslieder. Aber Nils
Holgersson war es, als seien es gar nicht die Studenten, die die Lieder
sangen; ihm war, als schwebe der Gesang über dem Zuge, ja er hatte das
Gefühl, als sängen nicht die Studenten dem Frühling zu Ehren, sondern als
sei der Frühling irgendwo verborgen und singe für die Studenten. Nils
Holgersson hätte gar nicht gedacht, daß Menschengesang so schön klingen
könnte! Er klang wie das Sausen des Windes in den Tannenwipfeln, klang wie
eherne Glockentöne und wie das Lied der wilden Schwäne draußen am
Meeresufer.

Als die Studenten den Garten erreicht hatten, wo die Rasenflächen im
Schmucke des ersten zarten hellgrünen Grases glänzten und die
Frühlingsknospen der Bäume und Sträucher am Aufbrechen waren, hielt der Zug
vor einer Rednerbühne; ein alter Herr stieg hinauf und begann eine Rede.

Die Rednerbühne war auf der Freitreppe des großen Gewächshauses errichtet,
und der Rabe setzte den Jungen auf das Dach des Treibhauses. Da saß er in
aller Ruhe und konnte alles ganz behaglich sehen und hören. Der alte Herr
auf der Rednerbühne sagte, das beste im Leben sei, jung zu sein und in
Uppsala studieren zu dürfen. Er sprach von der guten, friedlichen Arbeit
des Studiums und von der reichen, sonnigen Jugendfreude, die nirgends so
genossen werden könnte, wie in einem großen Kreise von Studiengenossen.
Einmal ums andre betonte er das Glück, das darin liege, im Kreise froher,
hochgesinnter Genossen leben zu dürfen; das mache die Arbeit so leicht, das
Leid so flüchtig, die Hoffnungen so golden.

Der Junge betrachtete die in einem Halbkreis um die Rednerbühne
versammelten Studenten, und da ging ihm ein Licht auf, wie über die Maßen
herrlich es sein müßte, ihrem Kreise anzugehören. Welch eine Ehre und welch
ein Glück, Mitglied einer solchen Schar zu sein! Da galt jeder gleich mehr,
als er für sich allein gegolten hätte.

Nach der Rede wurde ein Lied angestimmt, und nach dem Gesang betrat ein
neuer Redner die Bühne. Der Junge hätte nie geglaubt, daß die menschliche
Sprache so erschüttern, aufmuntern und erfreuen könnte.

Bisher hatte Nils Holgersson hauptsächlich die Studenten betrachtet; jetzt
sah er, daß diese sich nicht allein in dem Garten befanden, sondern daß
auch junge Mädchen in hellen Gewändern und viele andre Leute da waren. Aber
diesen allen ging es offenbar gerade wie dem Jungen, sie schienen auch alle
nur der Studenten wegen gekommen zu sein.

Ab und zu gab es eine Pause zwischen den Reden und Gesängen, und dann
zerstreuten sich die Scharen über den ganzen Garten. Aber schon nach kurzer
Zeit stand ein neuer Redner auf der Bühne, und rasch sammelten sich die
Zuhörer wieder um ihn. Und so ging es weiter, bis die Dunkelheit anbrach.

Als alles zu Ende war, atmete der Junge tief auf, und wie aus einem Traum
erwachend rieb er sich die Augen, denn er war in einem Lande gewesen, in
das er noch nie einen Fuß gesetzt hatte. Alle diese vielen jungen Leute,
die so lebensfroh waren und der Zukunft so siegessicher entgegensahen,
wirkten mit ihrem Frohsinn und ihrer Freude ansteckend auf die andern, und
jetzt war der Junge mit ihnen in dem Lande der Freude gewesen. Als aber die
Töne des letzten Liedes hinstarben, da überkam ihn die Erkenntnis, wie
traurig sein eigenes Leben doch war, und er konnte es fast nicht über sich
gewinnen, zu seinen armen Reisegenossen zurückzukehren.

Der Rabe hatte die ganze Zeit über neben dem Jungen gesessen; jetzt kratzte
er sich mit dem Fuße hinter dem Ohr. »Nun, Däumling, soll ich dir jetzt
mitteilen, wie du wieder ein Mensch werden kannst?« fragte er. »Du mußt
warten, bis du mit jemand zusammentriffst, der zu dir sagt, er möchte gern
an deiner Stelle mit den Wildgänsen umherziehen; dann mußt du den
Augenblick wahrnehmen und zu ihm sagen ...«

Und nun teilte Bataki dem Jungen ein paar Worte mit, die so wirksam und
gefährlich waren, daß sie gar nicht laut ausgesprochen, sondern nur
geflüstert werden durften, solange sie nicht im Ernst gesagt sein sollten.

»So, mehr brauchst du nicht zu sagen, um wieder ein Mensch zu werden,«
sagte Bataki zum Schluß.

»Ja, das glaube ich wohl,« erwiderte der Junge, »denn ich finde natürlich
nie jemand, der sich an meine Stelle wünschte.«

»O, das ist nicht so ganz unmöglich,« sagte der Rabe. Und hierauf war er
mit dem Jungen wieder in die Stadt hineingeflogen und hatte ihn auf dem
Dach vor jenem Kammerfenster abgesetzt, wo, wie wir oben gehört haben, der
Junge nun schon eine Weile saß und darüber nachdachte, wie glücklich doch
der Student sein müsse, der in der Dachkammer da drinnen in seinem Bett lag
und schlief.


Die Probe

Der Student fuhr aus seinem Schlafe auf und sah, daß die Lampe noch immer
auf seinem Nachttischchen brannte. »Ei, die habe ich zu löschen vergessen,«
dachte er und richtete sich auf den Ellenbogen auf, um sie
hinunterzuschrauben. Aber ehe er so weit gekommen war, sah er, daß sich auf
seinem Schreibtisch etwas bewegte.

Das Zimmer war sehr klein; zwischen dem Bett und dem Schreibtisch war kein
breiter Raum, und der Student konnte die Bücher und Papiere, das
Schreibzeug und die Photographien auf dem Tische alle deutlich sehen. Wie
merkwürdig: ganz ebenso deutlich wie alles andre sah er auch einen ganz
kleinen Knirps, der sich eben über die Butterdose neigte und sich ein
Butterbrot zurechtmachte.

Der Student hatte im Laufe des Tages so viel erlebt, daß er allem, was ihm
noch passieren konnte, fast ganz gleichgültig gegenüberstand. Er erschrak
nicht und verwunderte sich auch nicht, sondern nahm es als etwas ganz
Natürliches hin: dieser kleine Knirps war hereingekommen, sich etwas zum
Essen zu holen.

Ohne die Lampe zu löschen, legte sich der Student wieder zurück und
betrachtete den Knirps mit halbgeschlossenen Augen, der jetzt ganz
seelenvergnügt auf einem Briefbeschwerer saß und sich an den Überresten von
des Studenten Abendessen labte. Er zog seine Mahlzeit absichtlich so lange
wie nur möglich hinaus, ja, er verdrehte die Augen vor Wohlbehagen und
schmatzte mit der Zunge. Die trockene Brotrinde und die Käsereste schienen
offenbar seltene Leckerbissen für den kleinen Kerl zu sein.

Der Student wollte ihn bei seiner Mahlzeit nicht stören, aber als er
vollständig satt zu sein schien, redete er ihn an:

»Hallo, du, was bist denn du für ein Kerlchen?« fragte er.

Der Junge fuhr zusammen und lief ans Fenster; als er aber merkte, daß der
Student ganz ruhig liegen blieb und ihn nicht verfolgte, hielt er inne.

»Ich bin Nils Holgersson von Westvemmenhög,« begann er. »Und ich bin ein
Mensch wie du auch, aber ich bin in ein Wichtelmännchen verwandelt worden,
und seitdem ziehe ich mit den Wildgänsen umher.«

»Das ist ja eine sonderbare Geschichte,« sagte der Student. Und dann fragte
er den Jungen aus, bis er ungefähr alles wußte, was Nils Holgersson seit
seinem Weggange von Hause widerfahren war.

»Du hast es wahrhaftig gut,« seufzte der Student. »Ach, wer doch an deiner
Stelle wäre und alle seine Sorgen hinter sich lassen könnte!«

Bataki stand draußen auf dem Fensterbrett und hörte zu. Als nun der Student
diesen Seufzer ausstieß, klopfte er mit dem Schnabel ans Fenster, und der
Junge merkte wohl, daß ihn der Rabe damit mahnen wollte, doch ja die
Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, falls der Student das rechte Wort
sagen sollte.

»Ach, du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß du mit mir tauschen
möchtest!« erwiderte der Junge. »Wer Student ist, will sicher nichts andres
sein.«

»So hab ich heute morgen beim Erwachen auch gedacht,« sagte der Student.
»Aber du solltest nur wissen, was mir heute zugestoßen ist. Für mich gibt
es kein Glück mehr. Das beste für mich wäre, wenn ich mit den Wildgänsen
auf und davon fliegen könnte.«

Wieder klopfte Bataki ans Fenster; dem Jungen selbst wurde es ganz
schwindlig, und sein Herz begann heftig zu klopfen, denn es klang ja fast,
als sei der Student auf dem Punkt, das richtige Wort zu sagen.

»Jetzt habe ich dir erzählt, wie es mir ergangen ist,« sagte der Junge zu
dem Studenten. »Teile mir nun auch deine Geschichte mit.«

Der Student war nur zu froh, sich jemand anvertrauen zu können, und
erzählte ganz der Wahrheit gemäß alles, was ihm widerfahren war. »Das eine
wäre ja am Ende nicht hoffnungslos verloren, aber ich habe einen andern ins
Unglück gestürzt, und das ist mir ganz unerträglich,« sagte er zum
Schlusse. »Es wäre in der Tat besser für mich, wenn ich an deiner Stelle
wäre und mit den Wildgänsen umherziehen könnte.«

Jetzt klopfte Bataki noch lauter ans Fenster; aber der Junge blieb eine
gute Weile ganz ruhig und still sitzen und schaute nur geradeaus.

»Warte einen Augenblick, ich komme wieder,« sagte er dann leise zu dem
Studenten.

Hierauf ging er mit kleinen, zögernden Schritten über den Schreibtisch und
durchs Fenster hinaus. Als er aufs Dach hinauskam, ging eben die Sonne auf,
und die Stadt Uppsala breitete sich, vom roten Morgenlicht übergossen, vor
ihm aus. Es glänzte und gleißte von allen Türmen und Zinnen, und wieder
dachte der Junge unwillkürlich, daß dies doch eine richtige Stadt der
Freude sei.

»Was hast du denn aber gedacht?« rief der Rabe. »Jetzt hast du die
Gelegenheit, wieder ein Mensch zu werden, verpaßt!«

»Ich habe keine Lust, mit dem Studenten zu tauschen,« entgegnete der
Junge. »Denn dann hätte ich nichts als Unannehmlichkeiten wegen der
weggeflogenen Papiere.«

»Derentwegen brauchtest du dir keine Sorge zu machen, die kann ich dir
wieder verschaffen,« sagte Bataki.

»Ja, das glaube ich schon, aber ich bin nicht sicher, ob du es auch tust.
In dieser Beziehung müßte ich zuerst ganz beruhigt sein,« erwiderte der
Junge.

Ohne ein Wort zu sagen, breitete Bataki die Flügel aus und flog davon. Aber
schon im nächsten Augenblick kehrte er mit ein paar Blättern Papier im
Schnabel zurück. Und so flog er eine ganze Stunde lang hin und her, fleißig
wie eine Schwalbe, die ihr Nest baut, und brachte dem Jungen ein Blatt ums
andre.

»So, jetzt hast du wohl fast alles beieinander,« sagte er schließlich und
stellte sich keuchend auf das Fensterbrett.

»Ich danke dir schön, Bataki,« sagte der Junge. »Jetzt will ich wieder
hineingehen und mit dem Studenten sprechen.«

In diesem Augenblick warf der Rabe einen Blick ins Zimmer hinein, und da
sah er, daß der Student eben die Papiere sorgfältig glattstrich und
aufeinanderschichtete. »Du bist doch der größte Dummkopf, den ich je
gesehen habe,« fuhr Bataki den Jungen an. »Hast du dem Studenten die
Blätter gegeben? Dann brauchst du nicht mehr zu ihm hineinzugehen. Jetzt
sagt er gewiß nicht mehr, er wolle mit dir tauschen.«

Der Junge betrachtete den Studenten. Dieser war überglücklich und tanzte im
bloßen Hemde vor lauter Freude in dem kleinen Zimmer umher.

»Ach, Bataki, du hast mich ja nur auf die Probe stellen wollen, das weiß
ich wohl,« sagte Nils Holgersson. »Du dachtest natürlich, ich würde den
Gänserich Martin auf seiner beschwerlichen Reise allein lassen, und er
könnte dann selbst sehen, wie er durchkomme, wenn es mir nur selber gut
ginge. Aber als mir der Student da drinnen seine Geschichte erzählte,
erkannte ich, wie häßlich das ist, wenn man einen Freund in der Not
verläßt, und das wollte ich nicht tun.«

Bataki kratzte sich mit dem Fuß im Nacken und sah beinahe verlegen aus. Er
wußte gar nicht, was er sagen sollte, und flog darum mit dem Jungen
geradenwegs zu den Wildgänsen zurück.

[Illustration]



36

Daunenfein

Die schwimmende Stadt


                                                  Freitag, 6. Mai

Es gab nichts Lieberes und Gütigeres als die kleine Graugans Daunenfein.
Alle andern Wildgänse hatten sie sehr lieb, und der weiße Gänserich hätte
gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte es
ihr selbst die alte Akka nicht abschlagen.

Sobald Daunenfein an den Mälar kam, erkannte sie die Landschaft wieder.
Gleich davor mußte das Meer mit den großen Schären sein, wo ihre Eltern und
Schwestern auf einem kleinen Holm wohnten. Daunenfein bat die Wildgänse,
ehe sie weiter nach Norden zögen, mit ihr nach ihrer Heimat zu fliegen,
damit sie den Ihrigen zeigen könne, daß sie noch am Leben sei; das würde
daheim eine große Freude geben.

Akka sagte Daunenfein gerade heraus, sie sei der Ansicht, Daunenfeins
Eltern und Geschwister hätten sich damals, als sie Öland verließen, nicht
gerade liebevoll gegen die kranke Schwester benommen. Aber Daunenfein
wollte Akka nicht recht geben. »Was hätten sie denn tun sollen, als sie
sahen, daß ich nicht fliegen konnte?« erwiderte sie. »Sie hätten doch
meinethalben nicht auf Öland zurückbleiben können.«

Um die Wildgänse zu bewegen, mit ihr nach den Schären hinauszufliegen,
erzählte ihnen Daunenfein von ihrer Heimat. Diese liege auf einer
Felseninsel. Wenn man die Insel aus der Ferne sehe, meine man, es gäbe gar
nichts als Steine da, wenn man aber dort ankomme, finde man in den Rissen
und Spalten herrliches Futter. Und bessere Brutplätze als dort in den
Felsenspalten und unter den Weidenbüschen könnte man lange suchen. Das
beste von allem aber sei doch ein alter Fischer, der auf dem Holm wohne.
Daunenfein habe gehört, daß er in seiner Jugend ein großer Jäger gewesen
sei, der immer zwischen den Schären gelegen und Vögel erlegt habe. Aber auf
seine alten Tage, nachdem seine Frau gestorben und seine Kinder fortgezogen
seien, wohne er ganz allein in seinem Häuschen, und jetzt beschütze er die
Vögel auf seiner Schäreninsel. Er lege nie mehr auf sie an und halte auch
die andern Fischer davon ab. Statt dessen gehe er jetzt bei den
Vogelnestern umher, und wenn die Weibchen auf ihren Eiern säßen, bringe er
ihnen Futter. Kein einziger Vogel fürchte sich vor ihm. Daunenfein sei oft
in seiner Hütte gewesen, und da habe er ihr Brotkrumen hingestreut. Weil
nun der Fischer so gut gegen die Vögel sei, hätten sich diese auch in
großer Menge auf der Schäre niedergelassen, und es fehle dort nächstens an
dem nötigen Platz. Wenn man im Frühling zu spät eintreffe, könnten
möglicherweise schon alle Brutplätze besetzt sein. »Und deshalb haben meine
Eltern und Geschwister mich auch allein in Öland zurücklassen müssen,«
schloß Daunenfein die Erzählung.

Und Daunenfein bat und bettelte so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt
hatte, obgleich die Wildgänse sich schon etwas verspätet hatten und
eigentlich ohne Aufenthalt nordwärts reisen sollten. Aber der Besuch in den
Schären würde die Reise allerdings nur um einen einzigen Tag verzögern.

Eines Morgens, nachdem sie sich wohl gestärkt hatten, brachen sie auf und
flogen in östlicher Richtung über den Mälar hin. Der Junge wußte nicht
genau, wohin die Gänse flogen, aber er sah bald, wie viel lebhafter der
Verkehr wurde, und wie viel dichter bebaut die Ufer waren, je weiter
ostwärts sie kamen.

Schwerbeladene Prahme und Kähne und Fischerbarken waren in derselben
Richtung wie die Wildgänse unterwegs, und viele schöne, weiße Dampfschiffe
kamen ihnen entgegen, oder fuhren an ihnen vorbei. An den Ufern liefen
Eisenbahnen und Landstraßen hin, alle einem und demselben Ziel entgegen.
Dort im Osten mußte irgendein Ort sein, den alle an diesem Morgen noch zu
erreichen suchten.

Auf einer der Inseln sahen sie ein großes, weißes Schloß, und eine Strecke
weiter waren die Ufer allmählich mit Villen bedeckt. Im Anfang lagen diese
in großen Zwischenräumen, später aber dichter, und bald stand dem ganzen
Ufer entlang eine Villa neben der andern. Die Häuser waren von höchst
verschiedener Bauart: hier lag ein Schloß, dort eine Hütte. Hier erhob sich
ein langer, niedriger Herrenhof, dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen.
Die einen standen mitten in Obstgärten, die meisten aber waren von kleinen
Gehölzen umgeben, die ohne besondere Pflege die Ufer einfaßten. Aber so
ungleich sie auch waren, eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren nicht
einfach und ernst, wie andre Häuser, sondern wie Puppenhäuser, leuchtend
grün und blau und weiß und rot angestrichen.

Der Junge betrachtete eben eifrig alle diese lustigen Sommerhäuser am
Strande, als Daunenfein plötzlich einen Schrei ausstieß. »Jetzt erkenne ich
meine Heimat deutlich wieder!« rief sie. »Dort drüben liegt die schwimmende
Stadt!«

Da schaute Nils geradeaus, er sah aber zuerst gar nichts als feinen Dunst
und Nebel, die über dem Wasser schwebten. Dann unterschied er hohe Türme
und da und dort ein Haus mit langen Fensterreihen. Die Gebäude tauchten auf
und verschwanden wieder, je nachdem der Nebel hin und her wogte. Aber ein
Uferstreifen war nirgends zu erblicken; alles schien auf dem Wasser zu
ruhen.

Als der Junge der Stadt näher kam, sah er keine lustigen Puppenhäuser mehr
am Ufer, die waren dafür mit rauchigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen
Plankenzäunen erstreckten sich große Kohlen- und Bretterhaufen, und an
schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer; darüber
aber breitete sich überall der wogende, durchsichtige Nebelschleier aus,
und dadurch erschien alles so großartig und gewaltig und fremdartig, daß es
einen beinahe schönen Eindruck machte.

[Illustration]

Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und kamen der
nebelumhüllten Stadt immer näher. Da sanken plötzlich alle Nebelschleier
aufs Wasser hinunter, nur ein dünner, leichter in zartestem Rosa und
Hellblau schimmernder Dunst schwebte noch darüber. Die andern Nebel aber
wälzten sich unter der Schar über das Wasser und das Land hin. Sie
verbargen die Grundmauern und den untern Teil der Häuser, während die
oberen Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Dachfirste deutlich
sichtbar waren. Einige der Häuser erschienen auf diese Weise übermäßig hoch
und erinnerten unwillkürlich an den Turm zu Babel. Der Junge konnte sich ja
wohl denken, daß sie auf Hügel und Felsenrücken gebaut sein mußten; diese
selbst sah er allerdings nicht, nur die Häuser, die über den Nebelmassen
aufragten. Der Nebel war glänzend weiß, und die Häuser lagen schwarz und
dunkel mitten darin, denn die Sonne stand im Osten, und ihre Strahlen
fielen nicht auf diese Seite.

Wohin der Junge schaute, überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebelmeer
auftauchen; die Wildgänse flogen offenbar über eine große Stadt hin.
Bisweilen teilten sich die wallenden Nebelmassen, und dann sah der Junge
einen rauschenden, brausenden Strom, aber Land konnte er nirgends
entdecken. Es war ein wunderschöner Anblick, aber er fühlte sich doch ein
wenig beklommen, wie es meistens geht, wenn man etwas sieht, was einem
unverständlich ist.

Sobald sie die Stadt hinter sich hatten, war die Erde nicht mehr vom Nebel
verhüllt. Jetzt konnte man Ufer, Wasser und Inseln deutlich unterscheiden.
Der Junge schaute zurück, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen.
Sie sah jetzt noch mehr wie ein Zaubermärchen aus. Die Sonne hatte alle die
Nebelschleier rosig angehaucht, und diese schwebten nun, in herrlichstem
Blau und Rot und Gelb leuchtend, über der Landschaft. Die Häuser waren ganz
weiß, wie wenn sie aus Licht gebaut wären, die Fenster und Türme aber
glänzten wie lauter Feuer. Und alles schwamm auf dem Wasser wie zuvor.

Die Wildgänse flogen rasch ostwärts. Im Anfang sah es hier ganz so aus wie
am Mälar. Zuerst ging es über Fabriken und Werkstätten hin, dann zeigten
sich an den Ufern allmählich hübsche Landhäuser. Es wimmelte von
Dampfschiffen und Booten; aber jetzt kamen diese von Osten her und fuhren
westwärts der Stadt zu.

[Illustration]

Die Wildgänse flogen weiter, und anstatt der schmalen Mälarfjorde und der
kleinen Inseln breitete sich jetzt eine größere Wasserfläche mit
umfangreicheren Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zur Seite und war
bald nicht mehr zu sehen. Die Pflanzenwelt wurde kärglicher; Laubhölzer gab
es nur noch wenig, das Nadelholz bekam das Übergewicht. Die Landhäuser
hörten auf, und statt ihrer sah man Bauernhäuser und Fischerhütten.

Immer weiter flogen die Wildgänse; jetzt waren keine großen, bebauten
Inseln mehr zu sehen, nur unzählige kleine über das Wasser verstreute
Schären. Die Fjorde wurden nicht mehr vom Festland eingeengt, das weite,
unbegrenzte Meer dehnte sich vor ihnen aus.

Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felseninsel nieder, und
als der Junge abgestiegen war, wendete er sich an Daunenfein. »Was ist denn
das für eine Stadt, über die wir hingeflogen sind?« fragte er.

»Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen genannt wird,« antwortete
Daunenfein. »Wir Graugänse nennen sie nur die schwimmende Stadt.«


Die Schwestern

Daunenfein hatte zwei Schwestern: Flügelschön und Goldauge. Es waren kluge
und starke Vögel; aber sie hatten kein so weiches, glänzendes Federgewand
wie Daunenfein und auch keinen so freundlichen, liebenswürdigen Charakter.
Schon zu der Zeit, wo sie noch kleine häßliche Gösselchen gewesen waren,
hatten ihnen die Eltern und Verwandten, ja sogar auch der alte Fischer
deutlich zu verstehen gegeben, daß sie Daunenfein lieber hätten, und
deshalb hatten diese beiden ihre Schwester Daunenfein von jeher gehaßt.

Als die Wildgänse sich auf der Felseninsel niederließen, weideten
Daunenfeins Schwestern, Flügelschön und Goldauge, eben auf einem grünen
Fleck, und sie sahen die Wildgänse sogleich.

»Sieh nur, Schwester Goldauge, welche stattlichen Wildgänse sich da auf
unsrer Insel niederlassen!« sagte Flügelschön. »Ich habe noch nicht oft
Vögel gesehen, die eine so prächtige Haltung gehabt hätten. Und sieh nur,
sie haben einen weißen Gänserich bei sich! Hast du je einen so schönen
Vogel gesehen? Man könnte ihn fast für einen Schwan halten.«

Goldauge stimmte der Schwester bei und meinte auch, da sei gewiß sehr
vornehmer Besuch auf die Insel gekommen. Aber plötzlich unterbrach sie sich
und rief: »Schwester Flügelschön! Schwester Flügelschön! Siehst du nicht,
wer bei ihnen ist?«

In demselben Augenblick erkannte auch Flügelschön ihre Schwester
Daunenfein, und sie war so überrascht, daß sie eine ganze Weile nur mit
offenem Schnabel dastand und zischte.

»Es ist nicht möglich, es ist nicht möglich! Wie sollte sie zu solchen
Leuten gekommen sein? Wir ließen sie ja auf Öland zurück, und dort hat sie
verhungern müssen.«

»Nun wird sie uns natürlich bei Vater und Mutter verklagen und sagen, daß
wir sie gestoßen hätten, bis sie sich den Flügel ausrenkte. Aber das ist
noch nicht das schlimmste von allem, denn du wirst sehen, wir werden dafür
von der Insel verjagt.«

»Ja, das wird eine nette Geschichte geben; denn wenn der verzärtelte
Nestkegel wieder da ist, gibt es natürlich lauter Widerwärtigkeiten,« sagte
Flügelschön. »Aber ich würde es doch fürs klügste halten, wenn wir im
Anfang täten, als ob wir uns über ihre Rückkehr freuten. Sie ist nämlich
sehr dumm, und vielleicht hat sie nicht einmal gemerkt, daß wir sie mit
Absicht stießen.«

Während Flügelschön und Goldauge so miteinander redeten, hatten die
Wildgänse drunten am Strand ihre von dem raschen Flug zerzausten Federn
geglättet, und jetzt wanderten sie in einer langen Reihe auf den
Felsenspalt zu, wo, wie Daunenfein wußte, die Eltern zu wohnen pflegten.

Daunenfeins Eltern waren ausgezeichnete Leute; sie wohnten schon länger auf
der Insel als alle die andern Vögel. Sie halfen deshalb auch allen
Neuankommenden und gaben ihnen guten Rat. Auch sie hatten die Wildgänse
daherfliegen sehen, aber Daunenfein in der Schar nicht erkannt.

»Sieh nur, da lassen sich Wildgänse auf der Felseninsel nieder, das ist
doch merkwürdig!« sagte der Gänsevater. »Es ist eine prächtige Schar, das
sieht man schon am Fluge, aber es wird schwierig sein, für so viele
ordentliche Weideplätze zu finden.«

»Bis jetzt ist die Insel noch nicht überfüllt, und wir können schon noch
Gäste aufnehmen,« meinte die Gänsefrau, die freundlichen, gutherzigen
Gemütes war, gerade wie Daunenfein.

Als Akka näher herankam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen, und sie
wollten die Gäste eben auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von
ihrem Platze hinten im Zug aufflog und sich gerade vor ihren Eltern
niederließ.

»Vater und Mutter, hier bin ich! Kennt ihr denn eure Daunenfein nicht
mehr?« rief sie.

Zuerst wollten die Alten ihren Augen nicht trauen; aber dann erkannten sie
die Tochter und waren natürlich glückselig über das Wiedersehen.

Während nun die Wildgänse und der Gänserich Martin und auch Daunenfein
eifrig durcheinanderschnatterten, weil alle erzählen wollten, wie
Daunenfein gerettet worden war, kamen Flügelschön und Goldauge
dahergelaufen. Schon aus der Ferne riefen sie: »Guten Tag! Guten Tag!« und
taten so erfreut über Daunenfeins Rückkehr, daß diese ganz gerührt wurde.

Den Wildgänsen gefiel es sehr gut auf der Felseninsel, und so beschlossen
sie, nicht vor dem nächsten Morgen weiterzureisen. Nach einer Weile fragten
die beiden Schwestern Daunenfein, ob sie mit ihnen kommen wolle, um zu
sehen, wo sie ihre Nester zu bauen beabsichtigten. Daunenfein war sogleich
bereit, und als sie die Plätze sah, lobte sie die Schwestern und sagte, sie
hätten sich da sehr wohlgeschützte Brutstätten ausgewählt.

»Wo willst denn du dich niederlassen, Daunenfein?« fragten die Schwestern.

»Ich?« erwiderte Daunenfein. »Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu
bleiben, denn ich will mit den Wildgänsen nach Lappland reisen.«

»Wie schade! Du willst uns also wieder verlassen?« sagten die Schwestern.

»Ich wäre recht gerne bei euch und bei unsern Eltern geblieben,« erwiderte
Daunenfein. »Aber ich bin schon mit dem großen weißen Gänserich verlobt.«

»Hör ich recht?« rief Flügelschön. »Du bekommst den schönen Gänserich? Das
ist doch ....« Aber in diesem Augenblick stieß Goldauge sie heftig an, und
so sprach sie nicht weiter.

Die beiden bösen Schwestern steckten während des Vormittags wiederholt
eifrig die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich vor Zorn, weil
Daunenfein einen Freier wie den weißen Gänserich hatte. Sie selbst hatten
zwar auch Freier; aber die ihrigen waren ganz gewöhnliche Graugänse, und
seit sie den Gänserich Martin gesehen hatten, kamen ihnen ihre Freier
häßlich und ärmlich vor, sie mochten sie gar nicht mehr ansehen.

»Man könnte sich wirklich zu Tode darüber grämen,« sagte Goldauge. »Hättest
wenigstens du ihn bekommen, Schwester Flügelschön!« rief sie.

»Ich wollte, der Kerl wäre tot, dann müßte ich mir jetzt nicht den ganzen
Sommer hindurch unaufhörlich vorsagen: Deine Schwester Daunenfein hat sich
mit einem weißen Gänserich verlobt,« sagte Flügelschön.

Trotzdem waren die Schwestern fortgesetzt sehr freundlich gegen Daunenfein;
und nachmittags nahm Goldauge Daunenfein mit sich, damit sie Goldauges
Freier sehen sollte. »Er ist zwar nicht so schön wie dein Bräutigam,« sagte
Goldauge. »Dafür kann man aber auch ganz sicher sein, daß er das wirklich
ist, wofür er sich ausgibt.«

»Was willst du damit sagen, Goldauge?« fragte Daunenfein.

Goldauge wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus, aber schließlich kam
es doch an den Tag: Goldauge und Flügelschön hatten sich darüber besonnen,
ob die Sache mit dem Weißen auch auf ganz natürliche Weise zugegangen sei.
»Noch niemals ist ein weißer Gänserich mit Wildgänsen umhergezogen,« sagten
die Schwestern, »und wir möchten wohl wissen, ob er nicht am Ende
verzaubert ist.«

»Seid ihr verrückt?« sagte Daunenfein gekränkt. »Er ist ja ein zahmer
Gänserich.«

»Er hat aber einen bei sich, der verzaubert ist,« sagte Goldauge, »und da
könnte er gut selbst auch verzaubert sein. An deiner Stelle hätte ich
Angst, er sei möglicherweise ein schwarzer Kormoran.«

Goldauge wußte ihre Worte sehr gut zu setzen und jagte der armen Daunenfein
einen großen Schrecken ein.

»Was du da sagst, ist doch wohl nicht dein Ernst!« rief die kleine
Graugans. »Du willst mich nur erschrecken.«

»Ich will nur dein Bestes, Daunenfein,« sagte Goldauge. »Denn ich könnte
mir nichts Schrecklicheres denken, als wenn du mit einem Kormoran
fortfliegen würdest. Aber ich will dir etwas sagen. Bring ihn dazu, von
diesen Wurzeln hier, die ich für dich gesammelt habe, zu essen. Wenn er
verzaubert ist, wird es sich sofort zeigen. Ist dies nicht der Fall, dann
bleibt er so, wie er ist.«

Der Junge saß mitten unter den Graugänsen und hörte der Unterhaltung
zwischen Akka und dem Gänsevater zu, als plötzlich Daunenfein
dahergestürzt kam. »Däumling! Däumling!« schluchzte sie. »Der Gänserich
Martin ist am Sterben. Ich habe ihn umgebracht!«

»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich rasch zu ihm hin!«
rief der Junge.

Die beiden flogen davon, und Akka eilte mit den andern Wildgänsen hinter
ihnen her. Als sie bei dem Gänserich ankamen, lag dieser auf dem Boden
ausgestreckt. Er konnte kein Wort herausbringen, sondern schnappte nur
immer nach Luft.

»Kitzle ihn an der Gurgel und schlage ihn auf den Rücken!« befahl Akka.

Der Junge tat es; da hustete der große Weiße einige lange Wurzeln heraus,
die ihm im Halse stecken geblieben waren.

»Hast du hiervon gegessen?« fragte Akka und deutete auf die am Boden
liegenden Wurzeln.

»Ja,« antwortete der Gänserich.

»Dann darfst du von Glück sagen, daß sie dir im Halse stecken geblieben
sind,« sagte Akka. »Die Wurzeln sind giftig, und wenn du sie geschluckt
hättest, wärest du unrettbar verloren gewesen.«

»Daunenfein sagte, ich solle davon essen,« sagte der Gänserich.

»Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,« rief Daunenfein und erzählte,
wie alles zugegangen war.

»Nimm dich vor deinen Schwestern in acht, Daunenfein,« sagte Akka. »Sie
meinen es nicht gut mit dir.«

Aber Daunenfein hatte ein gar zu gutes Herz, sie konnte niemand etwas Böses
zutrauen. Als nun Flügelschön nach einer Weile zu ihr kam und sagte, sie
wolle ihr jetzt auch ihren Freier zeigen, ging sie sogleich mit.

»Er ist freilich nicht so schön wie der deinige,« sagte die Schwester,
»aber dafür ist er auch viel tapferer und kühner.«

»Woher weißt du das?« fragte Daunenfein.

»Das will ich dir sagen. Unter den Möwen und Enten hier herrscht Jammer und
Not, weil jeden Morgen bei Tagesanbruch ein großer Raubvogel dahergeflogen
kommt und eine von ihnen mitnimmt.«

»Was ist es für ein Vogel?« fragte Daunenfein.

»Wir wissen es nicht,« antwortete die Schwester. »Es ist noch nie so einer
hier auf der Insel gesehen worden. Merkwürdigerweise hat er noch nie eine
Gans angefallen. Da hat sich nun mein Freier entschlossen, morgen mit ihm
zu kämpfen und ihn zu verjagen.«

»Wenn die Sache nur gut abläuft!« sagte Daunenfein.

»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein,« versetzte die Schwester. »Ja,
wenn mein Gänserich so groß und stark wäre wie der deinige, dann hätte ich
auch Hoffnung auf Erfolg.«

»Soll ich den Gänserich Martin bitten, mit diesem fremden Raubvogel
anzubinden?« fragte Daunenfein.

»Das wäre mir freilich das allerliebste,« erwiderte Flügelschön. »Du
könntest mir gar keinen größeren Gefallen tun.«

Am nächsten Morgen war der Gänserich Martin schon vor der Sonne auf; er
stellte sich auf die höchste Klippe und spähte nach allen Seiten umher.
Bald tauchte im Westen ein großer dunkler Vogel auf, der auf die Insel
zuflog. Er hatte ungeheuer große Flügel, und der Gänserich sah gleich, daß
es ein Adler war. Er hatte keinen gefährlicheren Gegner als eine Eule
erwartet und erkannte jetzt wohl, daß es das Leben galt. Aber es fiel ihm
nicht ein, dem Kampf mit einem Vogel, der so viel stärker war als er,
auszuweichen.

Jetzt schoß der Adler aus der Höhe herab und schlug seine Klauen in eine
Möwe; aber ehe er mit ihr auffliegen konnte, stürmte der Gänserich heran.

»Laß die Möwe los!« schrie er. »Und laß dich nie wieder hier blicken, sonst
bekommst du es mit mir zu tun!«

»Was bist denn du für ein Prahlhans?« sagte der Adler. »Es ist ein Glück
für dich, daß ich nie eine Gans angreife, sonst wäre es bald um dich
geschehen.«

Der Gänserich Martin glaubte, der Adler sei zu hochmütig, mit ihm zu
kämpfen. Er ging darum wutschnaubend auf ihn los, biß ihn in den Hals und
schlug ihn mit den Flügeln. Das konnte sich der Adler natürlich nicht
gefallen lassen, und nun kämpfte er mit dem Gänserich, aber nicht einmal
mit voller Kraft.

Der Junge schlief noch bei Akka und den andern Wildgänsen. Da hörte er
Daunenfein rufen: »Däumling! Däumling! Der Gänserich wird von einem Adler
zerrissen!«

»Nimm mich auf den Rücken, Daunenfein, und trage mich zu ihm hin,« sagte
der Junge.

Als die beiden die Klippe erreicht hatten, blutete der Gänserich aus
mehreren Wunden; er kämpfte aber trotzdem weiter. Der Junge konnte sich
nicht mit einem Adler einlassen, und es blieb ihm also nichts andres übrig,
als bessere Hilfe herbeizurufen. »Schnell, schnell, Daunenfein! Rufe Akka
und die Wildgänse herbei!« befahl er.

Doch in dem Augenblick, wo der Junge das sagte, hörte der Adler auf zu
kämpfen. »Wer spricht hier von Akka?« fragte er. Und als er den Däumling
gewahr wurde und das Geschnatter der herbeieilenden Wildgänse hörte,
breitete er rasch die Schwingen aus. »Sage Akka, ich hätte nicht erwartet,
sie oder irgend jemand aus ihrem Gefolge hier draußen auf dem Meere
anzutreffen!« rief er; und damit flog er stolz und majestätisch davon.

»Das ist derselbe Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht
hat,« sagte der Junge und schaute ihm verwundert nach.

Die Wildgänse wollten in aller Frühe von der Insel wegfliegen, beschlossen
aber, vorher doch noch ein wenig zu frühstücken. Während sie noch weideten,
flog eine Felsenente zu Daunenfein hin. »Ich soll dich von deinen
Schwestern grüßen,« sagte sie. »Sie wagen es nicht mehr, sich unter den
Wildgänsen sehen zu lassen, aber ich soll sagen, du solltest doch ja die
Insel nicht verlassen, ohne dem alten Fischer einen Besuch gemacht zu
haben.«

»Das will ich auch tun!« rief Daunenfein. Sie war jedoch sehr ängstlich
geworden und wollte nicht allein hingehen. Deshalb bat sie den Gänserich
und den Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten.

Die Tür der Hütte stand offen. Daunenfein ging hinein, die beiden andern
blieben draußen. Im nächsten Augenblick hörten sie Akka das Zeichen zum
Aufbruch geben. Die Graugans trat auch gleich darauf aus der Hütte heraus
und flog mit den Wildgänsen von der Insel fort.

Die Schar war schon eine ziemliche Strecke zwischen den Schären
hingeflogen, als der Junge sich über die Graugans, die mit ihnen flog, sehr
verwunderte. Daunenfein flog doch sonst so leicht und ruhig dahin, diese
aber hier ruderte mit schweren rauschenden Flügelschlägen durch die Luft.
»Akka, wende um! Akka, wende um!« rief der Junge erregt. »Es ist ein
fremder Vogel unter uns. Wir haben Flügelschön in unsrer Schar!«

Kaum hatte er dies gesagt, als die Graugans einen häßlichen zornigen Ruf
ausstieß, und nun war niemand mehr im Zweifel, wer sie war. Akka und die
andern wendeten sich gegen sie; die Graugans entfloh jedoch nicht sogleich,
sondern stürzte sich auf den großen Weißen, packte den Däumling mit dem
Schnabel und flog mit ihm davon.

Nun entspann sich eine wilde Jagd zwischen den Schären. Flügelschön flog
sehr rasch, aber die Wildgänse waren dicht hinter ihr, und sie hatte nicht
die geringste Hoffnung, ihnen zu entkommen.

Da stieg plötzlich ein leichter, weißer Rauch aus dem Meere auf, und
zugleich ertönte der Knall eines Schusses. In ihrem Eifer hatten die Vögel
nicht gemerkt, daß sie über einem Boot hinflogen, in dem ein einzelner
Fischer saß.

Es wurde indes niemand getroffen; aber gerade über dem Boot öffnete
Flügelschön den Schnabel und ließ den Däumling ins Meer fallen.



37

Stockholm


Vor mehreren Jahren wohnte auf Skansen, dem großen Freiluftmuseum bei
Stockholm, wo so gar vielerlei Merkwürdiges aus ganz Schweden
zusammengebracht worden ist, ein kleiner, alter Mann, namens Klement
Larsson. Er stammte aus Hälsingeland und war nach Skansen gekommen, um dort
alte Volkstänze und Volkslieder auf seiner Geige zu spielen. Er trat aber
natürlich meist nur an den Nachmittagen als Geiger auf, vormittags saß er
als Wächter in einem der schönen Bauernhäuser, die man aus allen Teilen des
Landes nach Skansen verpflanzt hat. Im Anfang dachte Klement, er habe es
jetzt auf seine alten Tage besser, als er sich in seinem ganzen Leben je
einmal zu träumen gewagt hätte. Aber nach einiger Zeit wurde es ihm
schrecklich langweilig da droben, besonders in den Stunden, wo er Aufsicht
hatte. Wenn Leute kamen, die sich das Haus ansahen, dann ging es ja noch
an; aber manchmal saß der gute Klement stundenlang ganz allein da drinnen,
und dann überkam ihn das Heimweh mit solcher Gewalt, daß er es oft kaum
mehr aushalten konnte und allen Ernstes daran dachte, seine Stelle
aufzugeben. Er war freilich sehr arm, und wenn er in seine Heimat
zurückkehrte, fiel er der Gemeinde zur Last, das wußte er recht wohl.
Deshalb kämpfte er auch mit aller Macht gegen das Heimweh an, obgleich er
sich von Tag zu Tag unglücklicher fühlte.

Eines schönen Tages, zu Anfang Mai, hatte Klement ein paar Stunden frei,
und er ging eben den steilen Hügel hinab, auf dem Skansen liegt, als er
einem Fischer aus den Schären begegnete, der mit seinem Kasten auf dem
Rücken daherkam. Der Fischer war ein junger, kräftiger Mann, der öfters
nach Skansen kam und Seevögel anbot, die er lebendig gefangen hatte;
Klement war schon oft mit ihm zusammengetroffen.

Heute nun hielt der Fischer Klement an und fragte ihn, ob der Vorstand von
Skansen daheim sei. Nachdem Klement ihm Auskunft gegeben hatte, fragte er
seinerseits den Fischer, was er denn Seltenes in seinem Kasten habe.

»Ich will es dir zeigen, Klement,« sagte der Fischer, »wenn du mir dafür
einen guten Rat geben und mir sagen willst, was ich dafür verlangen soll.«

Damit streckte er Klement seinen Fischkasten hin. Klement sah hinein, sah
noch einmal hinein und trat hastig einen Schritt zurück. »Um alles in der
Welt, Asbjörn, wo hast du denn diesen aufgetrieben?«

Es war ihm eingefallen, daß ihm seine Mutter, als er noch ein Kind war,
oft von den Wichtelmännchen, die unter dem Steinboden wohnten, erzählt
hatte. Er sollte nicht weinen und nicht schreien, damit die Wichtelmännchen
nicht erzürnt würden. Als er dann erwachsen war, hatte er geglaubt, seine
Mutter habe die Geschichten von den Wichtelmännchen nur erfunden, um ihm
einen heilsamen Schrecken einzujagen. »Aber nun ist es also doch keine
Erfindung von meiner Mutter gewesen,« dachte Klement. »Denn hier in
Asbjörns Kasten liegt ja einer aus dem Wichtelvolk.«

In Klements Herzen wohnte noch immer ein Rest von jener Kinderangst, und es
lief ihm kalt über den Rücken hinab, als er in den Kasten hineinschaute.
Asbjörn sah Klements Schrecken und fing zu lachen an; aber Klement nahm die
Sache sehr ernst.

»Erzähle mir doch, wo du ihn her hast,« sagte er.

»O, du mußt nicht denken, ich hätte ihm aufgelauert,« sagte Asbjörn. »Das
Kerlchen ist selbst zu mir gekommen. Heute morgen bin ich in aller Frühe im
Boot hinausgefahren, und kaum hatte ich das Festland hinter mir, als eine
Schar Wildgänse mit lautem Geschnatter von Osten dahergezogen kam. Ich
feuerte einen Schuß auf sie ab, traf jedoch keine von ihnen, dafür aber
sauste dieser kleine Kerl aus der Luft herunter und fiel dicht neben meinem
Boot ins Wasser, ich brauchte nur die Hand nach ihm auszustrecken.«

»Du wirst ihn doch nicht getroffen haben, Asbjörn?«

»O nein, er ist ganz frisch und gesund; aber zuerst war er nicht so recht
bei sich, und diese Gelegenheit benützte ich, ihm Hände und Füße mit einem
Stück Bindfaden zusammenzubinden, damit er mir nicht davonlaufen könnte.
Denn ich dachte ja gleich, das sei etwas für Skansen.«

Klement wurde es ganz sonderbar zumut, als der Fischer sein Erlebnis
erzählte. Alles, was er in seiner Jugend von den Wichtelmännchen gehört
hatte, von ihrer Rachgier gegen Feinde und ihrer Hilfsbereitschaft gegen
Freunde, tauchte in seiner Seele auf. Wer es je einmal versucht hatte, ein
Wichtelmännchen gefangen zu halten, dem war es schlecht ergangen.

»Höre, Asbjörn, du hättest ihn gleich wieder freigeben sollen,« sagte
Klement.

»Ich hätte auch beinahe gar nicht anders gekonnt,« antwortete Asbjörn. »Die
Wildgänse verfolgten mich bis nach Hause, und selbst dann flogen sie noch
lange über den Schären hin und her und schrieen immerfort, wie wenn sie das
Kerlchen wieder haben wollten. Ja, und das war noch nicht einmal alles,
denn die ganze Vogelgesellschaft da draußen, Möwen und Seeschwalben und
alle andern, die keinen ehrlichen Schuß Pulver wert sind, ließen sich laut
schreiend auf den Klippen nieder, und als ich aus meiner Hütte heraustrat,
flatterten sie wie toll um mich her; es blieb mir nichts übrig, als wieder
umzukehren. Meine Frau sagte, ich solle den Knirps wieder laufen lassen,
aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, ihn hierher nach Skansen
zu bringen. Da stellte ich denn eine Puppe von unserm Kleinen ans Fenster,
steckte den Knirps rasch in meinen Kasten und machte mich wieder auf den
Weg. Die Vögel meinten wohl, die Puppe am Fenster sei das Kerlchen, denn
sie ließen mich diesmal unbehelligt gehen.«

»Spricht er nicht?« fragte Klement.

»Doch, im Anfang machte er einen Versuch, den Vögeln etwas zuzurufen; aber
das wollte ich nicht, und so stopfte ich ihm einen Knebel in den Mund.«

»Aber Asbjörn, daß du das gewagt hast! Hast du denn gar kein Verständnis?
Dies ist doch etwas Übernatürliches.«

»Ach, wie soll ich wissen, was es ist,« sagte Asbjörn ruhig. »Das müssen
die andern herausbringen, ich bins zufrieden, wenn man mich nur gut dafür
bezahlt. Und nun sag mir, Klement, wie viel wird mir der gelehrte Herr
Doktor droben auf Skansen wohl für das Kerlchen geben?«

Klement überlegte lange, ehe er antwortete. Er hatte auf einmal
schreckliche Angst für den Knirps bekommen. Es war ihm gerade, als stehe
seine Mutter neben ihm und sage zu ihm, er solle immer gut gegen das
Wichtelvolk sein.

»Ich weiß nicht, was der Doktor dir dafür geben wird,« sagte er
schließlich. »Aber wenn du ihn mir verkaufen willst, dann biete ich dir
zwanzig Kronen dafür.«

Als der Spielmann diese große Summe nannte, sah ihn der Fischer grenzenlos
überrascht an. Er dachte, Klement meine wohl, der Kleine sei im Besitz von
geheimen Kräften, die ihm von Nutzen sein könnten; und da er keineswegs
sicher war, ob der Doktor seinen Fund für ebenso wichtig halten und ihm so
viel dafür bieten würde, nahm er Klements Angebot an.

Der Spielmann steckte seinen Einkauf in eine seiner weiten Taschen, stieg
wieder den Hügel hinauf und ging in eine der Sennhütten, wo weder fremde
Besucher noch sonst ein Aufseher waren. Er schloß die Tür hinter sich zu,
nahm das Kerlchen heraus, das noch immer an Händen und Füßen gebunden war
und einen Knebel im Mund hatte, und legte es vorsichtig auf eine Bank.

»Gib nun wohl acht, was ich dir sage,« begann Klement. »Ich weiß, du und
deinesgleichen, ihr laßt euch nicht gern vor den Menschen sehen, sondern
wollt am liebsten ungehindert euer Wesen treiben. Ich will dir deshalb
deine Freiheit zurückgeben, aber nur unter einer Bedingung: du mußt hier im
Park bleiben, bis ich dir erlaube, dich von hier zu entfernen. Wenn du
darauf eingehen willst, dann nicke dreimal mit dem Kopfe.«

Erwartungsvoll sah Klement den Kleinen an; dieser aber rührte sich nicht.

»Es soll dir nicht schlecht gehen,« fuhr Klement fort. »Ich werde dir jeden
Tag dein Essen bringen; überdies wirst du auch sicher hier allerlei zu tun
bekommen und brauchst also keine Langeweile zu haben. Aber du darfst
nirgends anders hingehen, bis ich es dir erlaube, hörst du! Wir wollen ein
Zeichen ausmachen: so lange ich dir dein Essen in einem weißen Napf
hinstelle, mußt du hierbleiben, wenn es aber in einer blauen Schale ist,
dann darfst du dich entfernen.«

Wieder sah Klement den Kleinen erwartungsvoll an und hoffte auf das
verabredete Zeichen; das Kerlchen aber rührte sich nicht.

»Ja, dann muß ich dich eben doch dem Direktor von Skansen zeigen, es bleibt
nichts andres übrig,« sagte Klement. »Du wirst dann in eine Glasflasche
gesteckt, und alle Leute aus der großen Stadt Stockholm kommen hierher und
gucken dich an.«

Dieser Ausspruch schien dem Kleinen Schrecken einzujagen; denn kaum hatte
Klement ihn getan, als der Kleine mit dem Kopfe nickte.

»So ists recht!« sagte Klement. Er zog sein Messer heraus, durchschnitt dem
Kerlchen die Fessel an den Händen und ging dann hastig zur Tür hinaus.

Vor allem andern löste der Junge jetzt die Schnur von seinen Füßen und zog
sich den Knebel aus dem Mund. Als er sich dann aber nach Klement Larsson
umsah, um ihm zu danken, war dieser schon verschwunden.

                  *       *       *       *       *

Klement war noch nicht weiter als nur eben zur Tür hinausgekommen, als er
einem schönen alten Herrn begegnete, der nach einem nahegelegenen,
herrlichen Aussichtspunkt unterwegs zu sein schien. Klement konnte sich
nicht erinnern, den vornehmen alten Herrn schon einmal gesehen zu haben;
dieser aber hatte Klement wohl schon öfters bemerkt, wenn er seine
Volkweisen spielte, denn er blieb stehen und redete ihn an.

»Guten Tag, Klement,« sagte er. »Wie geht es dir? Du wirst doch nicht krank
sein? Du kommst mir seit einiger Zeit etwas abgemagert vor.«

Der Herr hatte etwas so unbeschreiblich Leutseliges in seinem Wesen, daß
sich Klement ein Herz faßte und ihm erzählte, wie sehr ihn das Heimweh
plage.

»Wie? Hier in Stockholm hast du Heimweh? Das ist doch wohl nicht möglich!«
sagte der vornehme alte Herr und sah dabei fast ein wenig gekränkt aus.
Aber dann fiel ihm ein, daß er ja einen alten Bauern aus Hälsingeland vor
sich hatte, und der frühere freundliche Ausdruck trat wieder in sein
Gesicht.

»Du hast gewiß noch nie gehört, wie Stockholm eigentlich entstanden ist,
Klement? Sonst wüßtest du ganz genau, daß du dir das Heimweh nur
einbildest. Komm, begleite mich zu der Bank dort drüben, dann will ich dir
ein wenig von Stockholm erzählen.«

Nachdem der vornehme alte Herr sich auf der Bank niedergelassen hatte, ließ
er seinen Blick zuerst einige Augenblicke auf Stockholm ruhen, das sich in
seiner ganzen Pracht vor ihm ausbreitete, und er atmete tief auf, wie wenn
er die ganze Schönheit der Gegend in sich aufnehmen wollte. Dann wendete er
sich an den Spielmann.

»Siehst du, Klement,« begann er und zeichnete, während er sprach, in den
Sandweg vor sich eine kleine Landkarte. »Dies hier ist Uppland, und hier
gegen Süden schiebt sich eine von vielen Buchten zerrissene Landzunge
herein. Und hier schließt sich Sörmland an mit einer zweiten von
ebensovielen Buchten zerschnittenen Landzunge, die direkt nach Norden
läuft. Und hier von Westen her kommt ein See mit vielen Inseln. Dies ist
der Mälar. Und hier von Osten fließt ein andres Wasser herbei, das vor
lauter Inseln und Schären kaum vorwärts kommen kann. Das ist die Ostsee.
Hier aber, Klement, hier, wo Uppland mit Sörmland und der Mälar mit der
Ostsee zusammentreffen, fließt ein kleiner Fluß, der heißt der Norrstrom,
und mitten drin im Norrstrom liegen drei kleine Holme.

Ursprünglich waren diese Holme nichts weiter als gewöhnliche Inseln mit ein
paar Bäumen darauf, die seit undenklichen Zeiten ganz unbewohnt dalagen,
wie es heutigentages noch viele hier im Mälar gibt. Sie hatten ganz
zweifellos eine recht gute Lage, da sie gerade in der Mitte von zwei Seen
und zwei Landschaften lagen, aber das fiel niemand auf. Ein Jahr ums andre
verging, die Menschen siedelten sich sowohl an den Mälarufern als draußen
auf den Schären an, aber die drei Holme mitten im Norrstrom bekamen keine
Bewohner. Nur selten einmal legte ein Seefahrer dort an und schlug sein
Nachtlager auf; aber niemand ließ sich dauernd da nieder.

Eines Tages nun hatte ein Fischer, der auf der Lidinginsel draußen am Meere
wohnte, sein Boot in den Mälar hereingesteuert, und fing da eine solche
Menge Fische, daß er ganz vergaß, zu rechter Zeit sein Boot wieder
heimwärts zu lenken. Er war nicht weiter gekommen als bis zu den drei
Holmen, als auch schon die Nacht hereinbrach. Da dachte der Fischer, er
täte gewiß am besten, hier an Land zu gehen und zu warten, bis der Mond
aufgegangen wäre, denn der Mond war im Zunehmen.

Es war im Spätherbst und noch wunderschönes Wetter, obwohl die Abende schon
recht dunkel zu sein pflegten. Der Fischer zog also sein Boot an Land,
legte sich daneben, bettete seinen Kopf auf einen Stein und versank bald in
einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, war der Mond schon hoch am Himmel; er
stand gerade über dem Fischer und leuchtete gar prächtig mit fast
tageshellem Schein.

Der Mann sprang auf und wollte eben sein Boot ins Wasser schieben, als er
draußen auf dem Norrstrom viele dunkle Punkte sah, die sich hin und her
bewegten. Eine große Schar Seehunde schwamm eilig auf den Holm zu, und als
der Fischer merkte, daß die Seehunde ans Land kriechen wollten, bückte er
sich nach seinem Spieß, den er im Boot liegen hatte. Doch als er sich
wieder aufrichtete, sah er keine Seehunde mehr; anstatt der Seehunde
standen wunderschöne junge Mädchen am Strande, in grünen,
langnachschleppenden, seidenen Gewändern, jede mit einer Perlenkrone auf
dem Kopfe. Da wußte der Fischer, wen er vor sich hatte, nämlich die
Meerweibchen, die auf den öden Schären weit draußen im Meere wohnten. Sie
hatten ihre Seehundgewänder nur übergeworfen, um ans Land zu schwimmen, wo
sie sich im Mondschein auf den grünen Holmen zu ergötzen gedachten.

Ganz leise legte der Fischer seinen Speer wieder hin, und als die
Meerweibchen tiefer in die Insel hineingingen, um zu spielen, schlich er
ihnen nach und betrachtete sie. Er hatte gehört, die Meermädchen seien
wunderbar schön, wer sie sehe, werde von ihrer Schönheit ganz bezaubert;
und er mußte wirklich zugeben, daß nicht zu viel von ihnen behauptet worden
war.

Nachdem die Meerweibchen eine Weile unter den Bäumen getanzt hatten, ging
der Fischer ans Ufer hinunter, nahm eines von den Seehundfellen, die noch
dalagen, und versteckte es unter einem Stein. Dann ging er nach seinem Boot
zurück, legte sich neben ihm nieder und stellte sich schlafend.

Nach kurzer Zeit sah er die Meermädchen an den Strand zurückkehren und ihre
Seehundhüllen wieder überwerfen. Im Anfang herrschte eitel Lachen und
Scherzen unter ihnen; aber bald verwandelte sich die Freude in lautes
Jammern und Klagen, weil eine von ihnen ihr Seehundgewand nicht mehr finden
konnte. Alle liefen am Ufer hin und her und halfen ihr suchen, aber kein
Seehundfell war zu finden. Während sie noch eifrig suchten, sahen sie, daß
sich der Himmel im Osten lichtete und der Tag graute. Da schienen sie nicht
länger bleiben zu können, und alle schwammen davon, ausgenommen die eine,
die ohne Seehundfell war. Sie blieb am Strand sitzen und weinte bitterlich.

Dem Fischer tat das arme Meerweibchen herzlich leid; aber er zwang sich,
ganz ruhig liegen zu bleiben, bis es heller Tag war. Da stand er auf, schob
sein Boot ins Wasser, und erst als er schon das Ruder aufgehoben hatte, tat
er, als ob er sie ganz zufälligerweise wahrnähme.

>Wer bist denn du?< rief er. >Bist du eine Schiffbrüchige?<

Sie stürzte auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ihr Seehundfell gesehen
habe; aber der Fischer tat, als verstehe er nicht einmal, was sie meinte.
Da setzte sie sich wieder nieder und fing aufs neue zu weinen an. Aber
jetzt schlug er ihr vor, zu ihm ins Boot zu steigen.

>Komm mit mir in meine Hütte,< sagte er, >meine Mutter wird sich deiner
annehmen. Du kannst doch nicht hier auf dem Holm bleiben, wo du weder ein
Bett findest, noch etwas zu essen bekommst.< Und er sprach ihr gar
freundlich zu, bis sie sich überreden ließ und zu ihm ins Boot stieg.

Der Fischer und seine Mutter waren alle beide außerordentlich gut gegen das
arme Meerweibchen, und es schien sich auch ganz wohl bei ihnen zu befinden.
Mit jedem Tag wurde es fröhlicher, half der Alten bei der Arbeit und war
ganz wie ein andres Mädchen, nur viel schöner als alle andern aus der
Umgegend. Eines Tages fragte sie der Fischer, ob sie seine Frau werden
wolle; da hatte sie gar nichts dagegen und sagte sogleich ja.

Nun richtete man die Hochzeit her, und als sich die Jungfrau zur Hochzeit
schmücken sollte, zog sie das grünseidene Schleppkleid an und setzte die
schimmernde Perlenkrone auf, die sie damals getragen hatte, als der Fischer
sie zum ersten Male sah. In jenen Zeiten aber gab es weder eine Kirche noch
einen Geistlichen auf den Schären; die Hochzeitsleute setzten sich in ein
Boot, fuhren in den Mälar hinein und ließen sich in der ersten Kirche, an
die sie kamen, trauen.

Der Fischer hatte seine Braut und seine Mutter im Boot, und er steuerte
sein Boot so gut, daß es allen andern vorauskam. Als sie jenen Holm sehen
konnten, wo er seine Braut gewonnen hatte, die nun glücklich und geschmückt
neben ihm im Boot saß, mußte er unwillkürlich lächeln.

>Warum lachst du?< fragte die Braut.

[Illustration: Die Meermädchen (Zu Seite 332)]

>Ach, ich denke an jene Nacht, wo ich dein Seehundfell versteckte,<
antwortete der Fischer; er fühlte sich ihrer jetzt vollkommen sicher und
meinte, er brauche nichts mehr vor ihr zu verheimlichen.

>Was sagst du da?< fragte die Braut. >Ich habe doch nie ein Seehundfell
gehabt.< Es war, als habe sie alles vergessen.

>Weißt du denn nicht mehr, wie du mit den Meermädchen getanzt hast?< fragte
der Fischer.

>Ich weiß nicht, was du meinst,< antwortete die Braut. >Du hast wohl heute
nacht einen sonderbaren Traum gehabt.<

>Wenn ich dir nun aber dein Seehundfell zeige, glaubst du mir dann?< fragte
der Fischer und steuerte sogleich auf jenen Holm zu. Als sie dort
angekommen waren, stieg das Brautpaar aus, und der Fischer zog das Fell
unter dem Stein hervor, wo er es damals versteckt hatte.

Aber kaum erblickte die Braut das Seehundfell, als sie es auch schon an
sich riß und sich über den Kopf warf. Das Fell schmiegte sich ihr um die
Glieder wie etwas Lebendiges, und sie warf sich augenblicklich in den Strom
hinein.

Der Bräutigam sah sie fortschwimmen. Rasch sprang er ihr nach ins Wasser,
konnte sie aber nicht mehr erreichen. Als er sah, daß er sie nicht mehr
zurückhalten konnte, warf er in seiner Verzweiflung seinen Spieß hinter ihr
her. Dieser traf besser, als der Fischer gewollt hatte, denn das arme
Meerweibchen stieß einen lauten Schrei aus und verschwand in der Tiefe.

Der Fischer blieb am Ufer stehen und hoffte, sie werde wieder an der
Oberfläche auftauchen. Aber da sah er, wie sich über das Wasser ringsum ein
milder Glanz ergoß, der ihm eine wunderbare Schönheit verlieh. So etwas
hatte der Fischer noch nie gesehen; das Wasser glänzte und blinkte und
spielte in rosigem und weißem Schimmer, gerade wie Perlmutter in einer
Muschel.

Und als die glitzernden Wellen ans Ufer schlugen, sah der Fischer, daß auch
dieses sich veränderte. Überall begann es zu blühen und zu duften; ein
weicher Glanz breitete sich aus, und es bekam eine Schönheit, die es früher
nicht gehabt hatte.

Und der Fischer erriet, woher das alles kam. Die Sache ist nämlich die: Wer
ein Meerweibchen sieht, findet es schöner als alle andern Menschenkinder --
er kann gar nicht anders -- und als sich nun das Blut des Meerweibchens mit
dem Wasser vermischte und alsdann mit den Wellen über die Ufer floß, teilte
sich ihre Schönheit auch diesen mit; die Schönheit wurde ihnen als Erbteil
geschenkt, daß alle, die sie sahen, von der Lieblichkeit dieser Ufer
hingerissen wurden und von da an stets von Sehnsucht nach ihnen erfüllt
waren.«

Als der vornehme Herr in seiner Erzählung so weit gekommen war, sah er
Klement an, und dieser nickte dem Erzähler ernst zu, sagte aber nichts,
denn er wollte ihn nicht unterbrechen.

»Und nun paß wohl auf, Klement, was ich dir sage,« fuhr der vornehme alte
Herr fort, und jetzt blitzte es plötzlich schalkhaft in seinen Augen auf.
»Von jener Zeit an siedelten sich die Menschen auf den Holmen an. Zuerst
waren es nur Bauersleute und Fischer, aber eines schönen Tages kam der
König mit seinem Jarl den Strom heraufgezogen. Als er die drei Holme sah,
machte er die andern gleich darauf aufmerksam, daß jedes Schiff, das in den
Mälar hineinwollte, daran vorbeifahren müsse. Und der Jarl meinte, hier
müßte man eigentlich das Fahrwasser unter Schloß und Riegel legen, dann
könnte man es nach Belieben öffnen und schließen, also die Handelsschiffe
hereinlassen, die Seeräuberflotten aber hinaussperren.

Und siehst du, Klement, dieser Vorschlag wurde ausgeführt,« sagte der alte
Herr, indem er aufstand und von neuem mit seinem Stock in den Sand
zeichnete. »Auf der größten der drei Inseln, siehst du, hier, baute der
Jarl eine Burg mit einem prächtigen Wachturm, der Kärnan genannt wurde. Und
rings um den Holm herum zog er Mauern, siehst du, so. Und hier im Süden
machte er ein Tor in die Mauer und setzte einen starken Turm darauf. Er
baute Brücken nach den andern Holmen hinüber und versah auch diese mit
hohen Türmen. Und draußen auf dem Wasser, in weitem Umkreis um die Holme
herum, schlug er einen Kranz von Pfählen mit Querbalken, die geöffnet und
geschlossen werden konnten; nun konnte kein Schiff ohne seine Erlaubnis
vorbeifahren.

Du siehst also, Klement, die drei Holme, die so lange unbemerkt dagelegen
hatten, waren plötzlich in eine starke Festung verwandelt worden. Aber
damit war es noch nicht genug. Diese Ufer und Sunde hier zogen die Menschen
an, und bald strömten von allen Seiten Leute herbei, die sich auf den
Holmen niederließen. Für diese Leute baute der Jarl eine Kirche, die später
die Storkyrka genannt wurde. Hier liegt sie heute noch, ganz dicht bei der
Burg, und hier, innerhalb der Mauern lagen die kleinen Häuser der ersten
Ansiedler. Sie waren nicht großartig, aber damals brauchte es nicht mehr,
um den Ort eine Stadt zu nennen. Die Stadt wurde Stockholm genannt, und so
heißt sie noch bis auf den heutigen Tag.

Dann kam ein Tag, Klement, wo der Jarl nach seiner großen Arbeit zur Ruhe
eingehen durfte; aber Stockholm fehlte es darum doch nicht an einem
Baumeister. Mönche kamen dahergezogen, die man die schwarzen Brüder nannte;
Stockholm hatte es ihnen angetan, und so baten sie darum, sich da ein
Kloster bauen zu dürfen. Das Kloster wurde dann auch wirklich auf dem
Stadtholm gebaut, hier gleich hinter der Storkyrkan. Nach einiger Zeit
kamen auch noch andere Mönche ins Land, die sich die grauen Brüder nannten.
Diese baten auch um Erlaubnis, sich in Stockholm anzubauen. Aber auf dem
großen Holm war nun kein Platz mehr für ihr Kloster; es wurde daher auf
einem der kleineren, dem Mälar zugekehrten Holme erbaut, und dieser Holm
heißt von jener Zeit an der Gråmunkeholm, oder der Holm der grauen Mönche.
Auf dem dritten Holm aber siedelten sich fromme Männer an, die sich Brüder
vom heiligen Geist nannten und sich besonders um die Krankenpflege
annahmen. Sie bauten ein Krankenhaus, und der Holm wurde seit jener Zeit
der Helgeandsholm, der Holm des heiligen Geistes, genannt.

Siehst du, Klement, nun waren die drei Holme schon ganz mit Häusern
bedeckt; aber immer neue Leute strömten herbei, denn das Wasser und die
Ufer hier haben ja, wie du weißt, die Eigenschaft, die Menschen anzuziehen.
Es kamen fromme Frauen vom Orden der heiligen Klara, die auch um einen
Bauplatz baten. Doch war guter Rat teuer, und es blieb ihnen nichts anderes
übrig, als sich am nördlichen Ufer anzubauen, auf dem Norrmalm, wie dieser
Teil genannt wurde. Sie waren freilich nicht so recht zufrieden damit, denn
mitten durch den Norrmalm zieht sich ein hoher Bergrücken, und dort hatte
die Stadt ihren Galgenhügel, deshalb war der Ort verachtet; aber die
Schwestern vom Orden der heiligen Klara bauten doch ihre Kirche und ihr
Kloster am Ufer, gerade unter dem Galgenhügel. Und nachdem sie sich einmal
in dieser Gegend niedergelassen hatten, kamen bald andre hinzu. Hier, ganz
im Norden auf dem Hügel selbst, wurde ein Krankenhaus und eine Kirche
gebaut, die dem heiligen Georg geweiht waren, und hier, gerade unter dem
Hügel, erstand eine Kirche für den heiligen Jakob.

Auch auf dem Södermalm, wo die Klippen steil aus dem Meere aufragen, fing
man zu bauen an. Hier entstand bald eine Kirche zu Ehren der Heiligen
Jungfrau Maria.

Aber nun, Klement, darfst du nicht glauben, es seien nur Klosterleute nach
Stockholm gezogen. O nein, außer ihnen kamen noch viele andre Leute; vor
allem eine Menge deutscher Handwerker und Kaufleute, und da diese tüchtiger
waren als die schwedischen, wurden sie gut aufgenommen. Sie ließen sich in
der Stadt innerhalb der Mauern nieder, rissen die kleinen, ärmlichen
Häuser, die vorher da standen, nieder und bauten dafür große, prächtige
Gebäude aus Stein. Aber es war nur wenig Platz da drinnen innerhalb der
Mauern, und so mußten die Häuser mit den Giebeln nach der Straße dicht
nebeneinander gebaut werden.

Ja ja, Klement, da siehst du, wie Stockholm die Menschen herbeizog.«

In diesem Augenblick tauchte unten am Wege ein andrer Herr auf, der rasch
auf die beiden zukam. Doch der alte Herr, der mit Klement sprach, winkte
den Neuangekommenen mit einer Handbewegung zurück; da blieb dieser in der
Ferne stehen. Der vornehme alte Herr aber setzte sich neben den Spielmann
auf die Bank.

»Nun sollst du mir einen Gefallen tun, Klement,« sagte er. »Ich habe keine
Zeit, mich noch länger mit dir zu unterhalten, aber ich werde dir ein Buch
über Stockholm schicken, und das sollst du von Anfang bis zu Ende
durchlesen. Jetzt habe ich sozusagen bei dir den Grund von Stockholm
gelegt, Klement, nun sollst du weiter daran bauen. Ja, studiere jetzt
selbst weiter und mache dir klar, wie es der Stadt ferner ergangen ist, und
wie sie sich allmählich verändert hat. Lies, wie die kleine enge,
mauerumschlossene Stadt auf den Holmen sich zu diesem Häusermeer
ausgebreitet hat, das wir hier vor uns sehen. Lies, wie aus dem düsteren
Turm Kärnan das schöne helle Schloß da drunten geworden ist, und wie die
Kirche der grauen Mönche in die Grabstätte der schwedischen Könige
umgewandelt wurde. Lies, wie der eine Holm nach dem andern bebaut wurde.
Lies, wie die Gemüseländer auf Söder und Norr in schöne Gärten oder bebaute
Stadtviertel umgewandelt wurden. Lies, wie die Hügel geebnet und die
Wasserstraßen ausgefüllt wurden. Lies, wie die Könige die Tiergärten
einfriedigen ließen, woraus dann die schönen Ausflugsorte des Volkes
wurden. Gib dir Mühe, so recht vertraut mit Stockholm zu werden, Klement,
denn die Stadt gehört nicht allein den Stockholmern, sie gehört dir und
ganz Schweden.

Und wenn du dann das alles über Stockholm liest, Klement, dann denke daran,
daß ich dir gesagt habe, Stockholm habe die Kraft, alles andre anzuziehen.
Zuerst zog der König hierher, dann bauten sich die vornehmen Herren ihre
Paläste da. Dann zog einer nach dem andern hierher, so daß Stockholm jetzt
nicht nur eine Stadt für sich oder für die nächste Umgebung ist, nein,
Klement, es ist eine Stadt für das ganze Reich.

Du weißt doch, Klement, in jedem Kirchspiel gibt es einen Gemeinderat, aber
in Stockholm wird der Reichstag fürs ganze Volk gehalten. Du weißt, im
ganzen Lande hat jeder Bezirk einen Richter, aber in Stockholm ist ein
Gerichtshof, der über allen andern steht. Du weißt, überall gibt es
Kasernen und Truppen, aber in Stockholm sind die höchsten, die das ganze
Heer unter sich haben. Überall im Lande sind Eisenbahnen, aber alle werden
von Stockholm aus geleitet. Hier sind die Vorgesetzten der Pfarrer, der
Lehrer, der Ärzte, der Vögte, der Richter. Hier ist der Mittelpunkt für
unser Land. Von hier kommt das Geld, das du in deiner Tasche hast, und die
Marken, die wir auf unsere Briefe kleben. Von hier erhalten alle Schweden
irgend etwas, und hier haben auch alle Schweden irgend etwas zu tun. Hier
braucht sich niemand fremd zu fühlen oder Heimweh zu haben. Hier sind alle
Schweden daheim.

Und wenn du das alles liest, Klement, dann denk auch an das letzte, was
Stockholm herbeigezogen hat. Das sind auf Skansen die alten Häuser, die
alten Tänze, die alten Trachten und das alte Hausgerät. Hier sind auch
Spielleute und Märchenerzähler; alles Alte und Gute ist nach Stockholm
gekommen, hierher nach Skansen, damit es in Ehren gehalten werde, und damit
es neugeehrt draußen unter dem Volk wieder erstehen soll.

Aber wenn du dies alles von Stockholm gelesen hast, Klement, dann sollst du
dich vor allem auf diesen Platz hier setzen; du sollst sehen, wie die
Wellen ihr glitzerndes Spiel treiben und die Ufer in blendender Schönheit
erglänzen. Ja, du sollst selbst dafür sorgen, daß auch du von dem Zauber
ergriffen und hingerissen wirst.«

Der schöne alte Herr hatte die Stimme etwas erhoben; sie klang nun laut und
majestätisch gebietend, und seine Augen blitzten. Jetzt stand er auf,
winkte Klement noch freundlich mit der Hand und verließ ihn. Klement aber
fühlte plötzlich in seinem Herzen ganz deutlich, der Herr, der da mit ihm
gesprochen hatte, mußte ein sehr vornehmer Herr sein, und er verbeugte sich
hinter ihm, so tief er nur konnte.

Am nächsten Tage kam ein königlicher Lakai mit einem großen,
roteingebundenen Buch und einem Brief zu Klement, und in dem Briefe stand,
daß das Buch vom König sei.

Darnach war der gute alte Klement Larsson mehrere Tage lang ganz wirr im
Kopfe; es war fast kein vernünftiges Wort aus ihm herauszubringen, und nach
acht Tagen kam er zu dem Direktor von Skansen und kündigte seine Stelle.
Als Grund brachte er vor, er müsse durchaus in seine Heimat zurückkehren.

»Warum willst du denn nach Hause?« fragte der Direktor. »Gefällt es dir
denn gar nicht hier?«

»Doch, doch, es gefällt mir gut,« antwortete Klement. »In dieser Beziehung
habe ich nichts mehr zu klagen, aber ich muß trotzdem nach Hause.«

Klement hatte sich in einer schweren Not befunden, weil der König zu ihm
gesagt hatte, er solle Stockholm genau kennen lernen, dann werde es ihm da
gewiß gefallen. Aber Klement fand Tag und Nacht keine Ruhe mehr, bis er
daheim in seiner Heimat berichten konnte, daß der König das zu ihm gesagt
hatte. Ach, welch ein Glück würde das sein, wenn er vor der Kirche daheim
hoch und nieder erzählte, wie gut der König gegen ihn gewesen war, wie er
auf derselben Bank neben ihm gesessen, sich in ein Gespräch mit ihm
eingelassen und mit ihm, einem armen alten Spielmann, eine ganze Stunde
lang geredet hatte, um ihn von seinem Heimweh zu heilen. Es war ja schon
etwas Großes, daß er es hier auf Skansen den Lappländern und den Mädchen
von Dalarna erzählen konnte; aber was war das gegen das Glück, es denen
daheim mitteilen zu können!

Und wenn Klement auch schließlich ins Armenhaus kommen sollte, selbst das
erschien ihm nach diesem Erlebnis nicht mehr schwer. Er wäre trotzdem ein
ganz andrer Mensch als vorher und würde auf ganz andre Weise geachtet und
geehrt werden.

Und diese neue Sehnsucht überwältigte ihn. Er konnte nicht anders, er mußte
zu dem Direktor gehen und ihm sagen, er wolle durchaus in seine Heimat
zurückkehren.

[Illustration]



38

Der Adler Gorgo

Im Felsental


Weit droben auf dem lappländischen Gebirge lag ein altes Adlernest auf
einem Felsenvorsprung, der über einer schroffen Bergwand herausragte. Das
Nest war aus Tannenzweigen verfertigt, die schichtenweise quer
übereinandergelegt waren. Seit Jahren war es immer mehr erweitert und
erhöht worden, und jetzt hatte es mehrere Meter im Durchmesser und lag da
droben, fast ebenso groß wie eine Lappenhütte.

Die Felsenwand, auf der das Adlernest lag, überschattete ein ziemlich hohes
Tal, das im Sommer immer von einer Schar Wildgänse bewohnt war; und dieses
Tal war auch wirklich ein ausgezeichneter Zufluchtsort für die Gänse, denn
es lag so gut versteckt zwischen den Bergen, daß es nicht vielen Leuten
bekannt war; ja, selbst unter den Lappen wußte man nur wenig davon. Mitten
in dem Tal lag ein kleiner runder See, wo sich reichlich Nahrung für die
kleinen Gänschen fand, und an den mit Weidenbüschen und kleinen
verkrüppelten Birken dicht bestandenen Ufern gab es so gute Brutplätze, wie
sie sich die Gänse nur wünschen konnten.

Seit undenklichen Zeiten hatten droben auf dem Felsen Adler und drunten im
Tal Wildgänse gewohnt. Alle Jahre raubten die Adler einige von den
Wildgänsen, hüteten sich aber wohl, so viele zu rauben, daß diese aus dem
Tale verscheucht worden wären. Ihrerseits hatten die Wildgänse auch nicht
so gar wenig Nutzen von den Adlern; diese waren ja wohl Räuber, aber sie
hielten andre Räuber fern.

Ein paar Jahre, ehe Nils Holgersson mit den Wildgänsen umherzog, stand die
alte Führerin der Schar, Akka von Kebnekajse, eines Morgens in dem
Felsental und schaute zu dem Adlernest hinauf. Die Adler pflegten kurz nach
Sonnenaufgang auf die Jagd auszufliegen; und in allen den Sommern, die Akka
in diesem Tal verbracht hatte, war sie jeden Morgen auf ihrem Posten
gewesen und hatte beobachtet, ob die Adler im Tale blieben, um da zu jagen,
oder ob sie sich nach andern Jagdgebieten begaben.

Sie brauchte nicht lange zu warten, bis die beiden stattlichen Vögel die
Felsenplatte verließen. Schön, aber furchtbar schwebten sie durch die Luft
dahin. Sie schlugen die Richtung nach dem Flachlande ein, und Akka stieß
einen erleichterten Seufzer aus.

Die alte Anführerin war nun zu alt zum Eierlegen und Junge aufzuziehen. So
vertrieb sie sich denn im Sommer die Zeit damit, daß sie von einem
Gänsenest zum andern wanderte und über das Ausbrüten und Aufziehen der
Jungen gute Ratschläge erteilte. Außerdem hielt sie nicht allein Ausschau
nach den Adlern, sondern auch nach den Bergfüchsen, den Eulen und andern
Feinden, von denen den Gänsen und deren Jungen Gefahr drohen konnte.

Gegen Mittag spähte Akka wieder nach den Adlern aus. Das hatte sie nun in
jedem Sommer, seit sie in diesem Tale Aufenthalt nahm, getan. Sie sah auch
den Adlern immer schon am Fluge an, ob sie eine gute Jagd gehabt hatten,
und dann fühlte sie sich für die Ihrigen beruhigt. Aber heute kehrten die
Adler nicht zurück.

»Ich muß alt und stumpfsinnig geworden sein,« dachte Akka, nachdem sie eine
Weile gewartet hatte. »Die Adler müssen ja längst daheim sein.«

Am Nachmittag schaute sie abermals nach der Felsenwand hinauf; jetzt hätten
die Adler auf dem schroffen Felsenvorsprung auftauchen müssen, wo sie ihre
Nachmittagsruhe zu halten pflegten; und am Abend spähte sie abermals, denn
da pflegten die Adler im Bergsee ein Bad zu nehmen; aber immer und immer
spähte sie vergeblich. Und wieder jammerte Akka, daß sie alt werde. Sie war
es so gewohnt, die Adler über sich auf dem Berge zu sehen, deshalb konnte
sie sich gar nicht denken, daß sie noch nicht zurückgekehrt sein könnten.

Am nächsten Morgen war Akka schon früh auf den Beinen, und wieder schaute
sie nach den Adlern aus. Aber auch jetzt sah sie nichts von ihnen. Dagegen
drang durch die Morgenstille ein Schrei an ihr Ohr, der zornig und
jämmerlich zugleich klang und aus dem Neste zu kommen schien.

»Sollte da droben wirklich ein Unglück geschehen sein?« dachte Akka. Sie
breitete die Flügel aus und flog so hoch hinauf, daß sie in das Adlernest
hineinsehen konnte.

Da oben war nichts von dem Adlerpaar zu entdecken; im ganzen Neste war
niemand als ein halbnacktes Junges, das nach Nahrung schrie.

Langsam und zögernd ließ sich Akka zu dem Adlernest hinabsinken. Das war
ein unheimlicher Ort! Man merkte gleich, was für Räuber hier wohnten. In
dem Neste und auf der Felsenplatte lagen gebleichte Knochen, blutige Federn
und Hautfetzen, Hasenköpfe, Vogelschnäbel und federnbesetzte Füße von
Schneehühnern. Auch das Adlerjunge, das mitten in allen diesen
Überbleibseln lag, bot mit seinem großen aufgesperrten Schnabel, seinem
unbeholfenen flaumigen Körper und seinen unfertigen Flügeln einen
widerwärtigen Anblick.

Schließlich überwand Akka ihren Widerwillen und setzte sich auf den Rand
des Nestes, sah sich aber doch ängstlich nach allen Seiten um, denn sie war
darauf gefaßt, die alten Adler im nächsten Augenblick dahersausen zu sehen.

»Gut, daß endlich jemand kommt!« rief das Adlerjunge. »Verschaff mir
sogleich etwas zu essen!«

»Na na, das hat wohl keine so große Eile,« sagte Akka. »Sag mir zuerst, wo
deine beiden Eltern sind.«

»Ja, wenn ich das wüßte! Gestern morgen sind sie fortgeflogen und haben mir
nichts als eine Maus dagelassen. Du wirst dir denken können, daß die schon
lange verzehrt ist! Es ist unverschämt von meiner Mutter, mich so Hunger
leiden zu lassen.«

[Illustration]

Jetzt war Akka überzeugt, daß die alten Adler erschossen worden waren, und
sie dachte, wenn sie das Junge hier verhungern ließe, wäre sie die ganze
Räubergesellschaft in Zukunft los. Aber sie konnte sich eben doch nicht
entschließen, ein solches verlassenes Junge so elendiglich umkommen zu
lassen, wenn es in ihrer Macht stand, ihm zu helfen.

»Was starrst du mich denn so an?« schrie das Junge. »Hörst du nicht, daß
ich etwas zu essen will?«

Akka breitete die Flügel aus und flog rasch zu dem kleinen See hinunter;
kurz darauf erschien sie wieder im Adlernest mit einer Forelle im Schnabel.

Aber als sie den Fisch vor den jungen Adler hinlegte, geriet dieser ganz
außer sich vor Zorn. »Meinst du, ich esse solches Zeug?« schrie er, stieß
den Fisch weg und hackte mit seinem scharfen Schnabel nach Akka. »Verschaff
mir ein Schneehuhn oder eine Wühlmaus, hörst du!«

Aber jetzt streckte Akka den Kopf vor und gab dem Jungen einen ordentlichen
Schlag in den Nacken. »Das laß dir gesagt sein,« rief die Alte, »wenn ich
dir Futter verschaffen soll, mußt du mit dem zufrieden sein, was ich dir
bringen kann. Dein Vater und deine Mutter sind tot, von ihnen kannst du
also keine Hilfe mehr erwarten. Wenn du aber lieber hier verhungern willst,
während du auf Schneehühner und Wühlmäuse wartest, dann habe ich nichts
dagegen.«

Nachdem Akka dies gesagt hatte, flog sie sogleich davon und ließ sich erst
nach einer guten Weile wieder in dem Neste sehen. Da hatte das Junge den
Fisch verzehrt, und als Akka ihm einen neuen Fisch hinlegte, verschlang es
diesen sogleich, obgleich man ihm gut anmerkte, daß er ihm abscheulich
schmeckte.

Nun hatte Akka eine schwere Aufgabe. Die alten Adler kehrten niemals
wieder, und so mußte sie alle Nahrung für das Junge ganz allein
herbeischaffen. Sie brachte ihm Fische und Frösche, und diese Kost schien
dem jungen Adler gar nicht übel zu bekommen, denn er wuchs groß und kräftig
heran. Bald hatte er seine Eltern vollständig vergessen und glaubte, Akka
sei seine rechte Mutter. Und Akka liebte ihn wie ein eigenes Kind. Sie
erzog ihn mit aller Sorgfalt und gab sich die größte Mühe, ihm seinen
wilden Sinn und seinen Hochmut abzugewöhnen.

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, fühlte Akka die Zeit herbeikommen,
wo sie ihre Federn verlor und also nicht fliegen konnte. Sie wußte, während
eines ganzen Monats würde sie dann nicht imstande sein, dem Jungen im
Adlernest Nahrung zu bringen, und so müßte dieses elendiglich verhungern.

»Hör nun, Gorgo,« sagte Akka eines Tages zu dem jungen Adler. »Jetzt kann
ich dir keine Fische mehr hier heraufbringen, und nun fragt es sich, ob du
dich ins Tal hinunterwagst, damit ich dir auch ferner deine Nahrung
verschaffen kann. Du mußt jetzt wählen, ob du lieber hier oben verhungern,
oder dich ins Tal hinunterwerfen willst, was dich möglicherweise das Leben
kosten kann.«

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stieg Gorgo auf den Rand des
Nestes. Er nahm sich kaum die Mühe, die Entfernung mit dem Blick zu messen,
sondern breitete seine kleinen Flügel aus und flog hinunter. Er überschlug
sich zwar ein paarmal in der Luft, gebrauchte aber doch seine Flügel ganz
geschickt, und so kam er unbeschädigt drunten im Tal an.

Von da an verbrachte Gorgo den Sommer zusammen mit den jungen Gösselchen
und wurde ihnen bald ein sehr guter Kamerad. Da er sich selbst für einen
jungen Gänserich hielt, gab er sich alle Mühe, gerade so zu leben wie sie,
und wenn sie in den See hinausschwammen, lief er hinter ihnen her, bis er
fast ertrank. Er schämte sich fürchterlich, daß er nicht schwimmen lernen
konnte, und ging zu Akka, ihr sein Leid zu klagen.

»Warum kann ich nicht ebensogut schwimmen lernen wie die andern?« fragte
er.

»Du hast allzu gekrümmte Zehen und zu große Klauen bekommen, während du da
droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich
deshalb nicht zu grämen, es wird doch noch ein rechter Vogel aus dir.«

Die Flügel des jungen Adlers waren bald groß genug, ihn zu tragen; aber es
dauerte doch noch bis zum Herbst, wo die jungen Gänse fliegen lernen
sollten, bis es ihm einfiel, daß er seine Flügel auch zum Fliegen
gebrauchen könnte. Nun aber brach eine herrliche Zeit für ihn an, denn in
dieser Kunst war er bald der erste von allen. Seine Kameraden blieben nie
länger in der Luft droben, als sie durchaus mußten; er aber hielt sich fast
den ganzen Tag da droben auf und übte sich im Fliegen. Er war noch immer
nicht darauf gekommen, daß er von andrer Art war als die Gösselchen. Aber
es fiel ihm doch allerlei auf, was ihn in Erstaunen setzte, und immer
wieder kam er mit neuen Fragen zu Akka.

»Warum laufen die Schneehühner und die Wühlmäuse davon, sobald sich auch
nur mein Schatten droben am Felsen zeigt?« fragte er. »Vor den andern
Gänsen zeigen sie keinen solchen Schrecken.«

»Deine Flügel sind zu groß geworden, während du droben auf dem
Felsenvorsprung lagst, und vor denen fürchten sich die kleinen Tiere,«
sagte Akka. »Aber du brauchst dich nicht darüber zu grämen, es wird doch
ein rechter Vogel aus dir.«

Nachdem Gorgo fliegen gelernt hatte, lernte er auch ganz von selbst, Fische
und Frösche zu fangen, aber bald begann er auch darüber nachzugrübeln.

»Woher kommt es, daß ich von Fischen und Fröschen lebe?« fragte er. »Das
tun ja meine Brüder und Schwestern auch nicht?«

»Das kommt daher, weil ich keine andre Nahrung für dich hatte, solange du
droben auf dem Felsenvorsprung lagst,« sagte Akka. »Aber du brauchst dich
nicht darüber zu grämen, es wird doch ein rechter Vogel aus dir.«

Als die Wildgänse im Herbst südwärts zogen, flog Gorgo mit in der Schar. Er
betrachtete sich immer als zu ihnen gehörig; aber ringsumher in der Luft
flogen unzählige Vögel, die alle auf dem Wege nach dem Süden waren, und als
Akka mit einem Adler in ihrem Gefolge daherkam, gerieten sie in große
Aufregung. Bald war die Schar der Wildgänse von einem Schwarm neugieriger
Vögel umringt, die ihre Verwunderung laut kundgaben. Akka gebot ihnen
Schweigen, aber es war nicht möglich, so viele böse Zungen im Zaum zu
halten.

»Warum nennen sie mich einen Adler?« fragte Gorgo unaufhörlich, und er
wurde immer hitziger. »Können sie denn nicht sehen, daß ich eine Wildgans
bin? Ich bin doch kein Vogelräuber, der seinesgleichen verzehrt! Wie kommen
sie nur darauf, mir einen so häßlichen Namen zu geben?«

Eines Tages flogen die Wildgänse über einen Bauernhof hin, wo viele Hühner
auf dem Misthaufen scharrten. »Ein Adler! Ein Adler!« riefen alle Hühner
und liefen eiligst davon, sich zu verstecken. Aber jetzt konnte Gorgo, der
von den Adlern immer als von wilden Bösewichten hatte reden hören, seinen
Zorn nicht mehr bemeistern. Er schlug mit den Flügeln, schoß hinunter und
schlug seine Fänge in eines von den Hühnern. »Ich will dich lehren, daß ich
kein Adler bin!« schrie er heftig und hackte mit dem Schnabel auf das Huhn
los.

Da hörte er, daß Akka ihn von oben aus rief. Er gehorchte augenblicklich
und flog hinauf. Die alte Wildgans kam ihm entgegengeflogen, um ihn zu
züchtigen. »Was tust du?« rief sie und schlug mit dem Flügel nach ihm.
»Hattest du etwa im Sinne, das arme Huhn zu zerreißen? Du solltest dich
schämen!«

Als aber der Adler die Züchtigung ohne Widerstand hinnahm, erhob sich unter
den großen Vogelscharen ringsumher ein wahrer Sturm von Spottreden und
Schmähungen. Der Adler hörte es, und nun wendete er sich mit zornigen
Blicken an Akka, wie wenn er sie anfallen wollte. Aber er änderte seine
Absicht sogleich wieder, stieg mit heftigen Flügelschlägen hoch in die Luft
hinauf, so hoch, bis ihn kein Ruf mehr erreichen konnte, und schwebte da
droben umher, solange die Wildgänse ihn noch sehen konnten.

Drei Tage später erschien er wieder bei den Wildgänsen.

»Jetzt weiß ich, wer ich bin,« sagte er zu Akka. »Und da ich ein Adler bin,
muß ich so leben, wie es einem Adler geziemt. Aber deshalb können wir doch
gute Freunde bleiben; dich oder eine der Deinigen werde ich nie angreifen.«

Aber Akka hatte ihren ganzen Stolz darein gesetzt, diesen Adler zu einem
ungefährlichen Vogel heranzuziehen, und sie wollte es nicht leiden, daß er
nach seiner Art leben wollte.

»Meinst du, ich werde mit einem Vogelräuber Freundschaft halten?« sagte
sie. »Lebe so, wie ich es dich gelehrt habe, dann darfst du wie bisher in
meiner Schar bleiben.«

Beide waren stolz und unbeugsam; keines wollte nachgeben, und schließlich
verbot Akka dem Adler geradezu, sich in ihrer Nähe sehen zu lassen, ja, sie
war so böse auf ihn, daß in Akkas Nähe niemand seinen Namen auch nur
auszusprechen wagte.

Von dieser Stunde an zog Gorgo im Lande umher, einsam und von allen
gemieden, wie alle großen Räuber. Er war oftmals in trüber Stimmung, und
sicherlich sehnte er sich oft nach der Zeit zurück, wo er sich noch für
eine Wildgans gehalten und mit den lustigen jungen Gösselchen gespielt
hatte. Unter den Tieren war er wegen seiner Kühnheit berühmt. Es hieß, er
fürchte sich vor nichts und vor niemand als vor seiner Pflegemutter Akka,
und er stand auch in dem Rufe, sich noch nie an einer Wildgans vergriffen
zu haben.


Gefangen

Gorgo war erst drei Jahre alt und hatte noch nicht daran gedacht, sich eine
Frau zu nehmen und eine Heimat zu gründen, als er eines Tages von einem
Jäger gefangen wurde, der ihn an das Freiluftmuseum Skansen in Stockholm
verkaufte. Als Gorgo nach Skansen kam, waren schon zwei Adler da. Sie
wurden in einem Käfig aus eisernen Stangen und Stahldraht gefangen
gehalten; der Käfig stand im Freien und war sehr groß, und damit die Adler
sich heimisch fühlen sollten, hatte man sogar einige Bäume hinein
verpflanzt und einen ordentlichen Berg aus Steinblöcken darin aufgeführt.
Aber trotz allem gediehen die Vögel nicht; fast den ganzen Tag saßen sie
unbeweglich auf demselben Platz, ihr schönes dunkles Gefieder wurde
struppig und verlor seinen Glanz und, hoffnungslose Sehnsucht im Blick,
starrten die armen Tiere gerade in die Luft hinaus.

[Illustration]

In der ersten Woche seiner Gefangenschaft war Gorgo noch wach und lebendig;
aber dann überfiel ihn allmählich eine dumpfe Gleichgültigkeit. Er saß ganz
ruhig auf demselben Platz, starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen, und
die Tage vergingen, ohne daß er es merkte.

Eines Morgens, als Gorgo wie gewöhnlich im Halbschlaf befangen war, hörte
er, daß ihn jemand vom Boden aus anrief.

»Wer ruft mich?« fragte er.

»Aber Gorgo, erkennst du mich denn nicht mehr? Ich bin der Däumling, der
mit den Wildgänsen umherzog.«

»Ist Akka auch gefangen worden?« fragte Gorgo, in einem Ton, wie wenn er
aus einem tiefen Schlafe erwachte und seine Gedanken erst zusammennehmen
müßte.

»Nein, Akka und der weiße Gänserich und die ganze Schar der Wildgänse sind
wahrscheinlich jetzt droben in Lappland,« sagte der Junge. »Nur ich bin
hier gefangen.«

Während der Junge dies sagte, sah er, daß Gorgo die Augen abwendete und wie
vorher in die Luft hinausstarrte.

»Königsadler!« rief der Junge. »Ich habe nicht vergessen, daß du mich
einmal zu den Wildgänsen zurückgebracht und auch das Leben des weißen
Gänserichs verschont hast. Sag mir, ob ich dir in irgend einer Weise helfen
könnte!«

Aber Gorgo hob kaum den Kopf. »Störe mich nicht, Däumling!« sagte er. »Ich
träume eben, ich flöge hoch droben in der Luft umher, und ich will nicht
erwachen.«

»Du mußt dir Bewegung machen und dich darum kümmern, was um dich her
vorgeht,« mahnte der Junge. »Sonst siehst du bald ebenso elendig aus wie
die andern Adler hier.«

»Ich wünschte, ich wäre schon wie sie. Sie sind so traumverloren, daß sie
nichts mehr berühren kann,« sagte Gorgo.

Als es Nacht geworden war und alle Adler schliefen, ertönte ein leichtes
Kratzen an dem Stahldrahtnetz, das den Adlerkäfig bedeckte. Die beiden
alten und abgestumpften Gefangenen ließen sich von dem Geräusch nicht
stören, aber Gorgo erwachte. »Wer da?« rief er. »Wer bewegt sich da oben
auf dem Dache?«

»Ich bin's, Gorgo, der Däumling,« antwortete der Junge. »Ich versuche hier
den Draht durchzufeilen, damit du entfliehen kannst.«

Der Adler hob den Kopf und sah in der hellen Nacht, wie der Junge eifrig an
dem Drahtnetz, das über den Käfig gespannt war, feilte. Einen Augenblick
regte sich die Hoffnung in seinem Herzen, aber die Mutlosigkeit gewann doch
gleich wieder die Oberhand. »Ach, Däumling, ich bin ein sehr großer Vogel,«
sagte er. »So viele Drähte, daß ich hinauskommen kann, wirst du kaum
durchfeilen können. Gib dein Vorhaben lieber gleich auf und laß mich in
Frieden.«

»Schlaf du nur und kümmere dich nicht um mich,« erwiderte der Junge. »Heute
nacht werde ich freilich noch nicht fertig und morgen nacht auch nicht;
aber ich will nun einmal versuchen, dich zu befreien, denn hier gehst du ja
vollständig zugrunde.«

Gorgo schlief wieder ein; als er aber am nächsten Morgen erwachte, sah er
gleich, daß schon eine große Menge Drähte durchgefeilt waren. An diesem Tag
fühlte er sich nicht so schläfrig wie am vorhergehenden; er schlug oft mit
den Flügeln und hüpfte auf den Ästen umher, um seine steifen Glieder wieder
geschmeidig zu machen.

Eines Morgens in aller Frühe, gerade als der erste Streifen Morgenlicht am
Himmel aufleuchtete, weckte der Däumling den Adler. »Versuch es jetzt,
Gorgo!« sagte er.

Der Adler schaute auf. Der Junge hatte wirklich die vielen Drähte
durchgefeilt; da droben in dem Stahldrahtnetz war ein großes Loch. Gorgo
bewegte die Flügel und schwang sich hinauf. Zweimal fiel er wieder in den
Käfig zurück, aber schließlich gelangte er doch glücklich ins Freie.

Mit stolzen Flügelschlägen stieg er hoch zu den Wolken empor. Der kleine
Däumling stand unten und sah ihm mit einem wehmütigen Ausdruck nach. Ach
wie sehr wünschte er, es käme jemand und gäbe auch ihm die Freiheit!

Der Junge war jetzt ganz heimisch auf Skansen. Er hatte mit allen Tieren
Bekanntschaft geschlossen und viele Freunde unter ihnen gewonnen; er sah ja
auch wohl ein, daß in diesem Freiluftmuseum außerordentlich viel
Interessantes und Lehrreiches zu sehen war, und es wurde ihm nicht schwer,
sich die Zeit zu vertreiben; aber doch zogen seine Gedanken jeden Tag
sehnsüchtig hinaus zu seinem lieben Gänserich Martin und allen seinen
andern Reisegefährten.

»Wenn ich doch nur nicht durch mein Versprechen gebunden wäre! Dann wollte
ich schon einen Vogel finden, der mich zu den Wildgänsen trüge,« dachte er.

Es klingt recht merkwürdig, daß Klement Larsson dem Jungen seine Freiheit
nicht wiedergegeben hatte, aber man muß bedenken, wie verwirrt der kleine
Spielmann war, als er Skansen verließ. An dem Morgen, wo er abreiste, hatte
er sich allerdings vorgenommen gehabt, dem kleinen Knirps sein Essen in
einem blauen Napf hinzustellen, aber zum Unglück hatte er keinen solchen
finden können. Dann waren alle die Leute von Skansen -- die Lappen, die
Mädchen aus Dalarna, die Maurer und Gärtner -- herbeigekommen, ihm Lebewohl
zu sagen, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich einen blauen Napf zu
verschaffen. Die Stunde der Abreise kam heran, und schließlich wußte er
sich nicht anders zu helfen, als einen der Lappländer um Hilfe zu bitten.

»Hör einmal,« sagte er. »Hier auf Skansen wohnt einer von dem Wichtelvolk,
dem ich jeden Morgen etwas zu essen bringe. Willst du mir nun einen
Gefallen tun? Hier ist etwas Geld, dafür kaufe einen blauen Napf und stelle
ihn morgen mit etwas Grütze und Milch auf die Treppe der Bollnäshütte.«

Der alte Lappe machte ein sehr verwundertes Gesicht; aber Klement hatte
keine Zeit mehr, ihm die Sache noch näher zu erklären, denn er mußte jetzt
auf den Bahnhof.

Der Lappe war dann auch wirklich in die Stadt gegangen, einen blauen Napf
zu kaufen; als er aber keinen blauen sah, der ihm für seinen Zweck passend
erschien, kaufte er einen weißen, und in diesem stellte er gewissenhaft
jeden Morgen Milch und Grütze hin.

Auf diese Weise war der Junge seines Versprechens nicht entbunden worden.
Er wußte wohl, daß Klement fort war, aber er selbst durfte nicht
davongehen.

In dieser Nacht nun sehnte sich der Junge mehr als gewöhnlich nach der
Freiheit, und das kam daher, daß es jetzt im Ernst Frühling und Sommer
geworden war. Er hatte während der Reise ja oft unter der Kälte und dem
schlechten Wetter gelitten, und in der ersten Zeit auf Skansen hatte er
öfters gedacht, es sei vielleicht ganz gut, daß er die Reise hatte aufgeben
müssen, denn wenn er im Mai nach Lappland gekommen wäre, hätte er dort
droben sicherlich erfrieren müssen. Aber jetzt war es warm geworden, die
Wiesen prangten in frischem Grün, Birken und Pappeln hatten ein seidig
schillerndes Blätterkleid, die Kirschbäume, ja alle möglichen Obstbäume
standen mit Blüten übersät da, die Beerensträucher hatten schon ganz kleine
Früchte auf den Zweiglein, die Eichen rollten äußerst vorsichtig ihre
Blätter auf, Erbsen, Kohl und Bohnen grünten auf den Gemüsebeeten auf
Skansen.

»Jetzt wäre es wohl auch in Lappland warm und schön,« dachte der Junge.
»Wie gerne säße ich an einem schönen Morgen auf dem Rücken des Gänserichs
Martin! Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da
droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen
geschmückte Erde herunterschauen könnte!«

Der Junge war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als plötzlich Gorgo aus
der Luft heruntersauste und sich neben dem Däumling auf das Dach des Käfigs
setzte. »Ich wollte nur meine Flügel prüfen, um zu sehen, ob sie mich noch
ordentlich tragen,« sagte er. »Du hast hoffentlich nicht gedacht, ich werde
dich hier in der Gefangenschaft zurücklassen? Setze dich jetzt auf meinen
Rücken, dann bringe ich dich zu deinen Reisegefährten zurück.«

»Nein, das ist unmöglich,« sagte der Junge. »Ich habe mein Wort darauf
gegeben, daß ich hier bleibe, bis man mir die Freiheit zurückgibt.«

»Was schwatzest du da für dummes Zeug?« erwiderte Gorgo. »Zuerst hat man
dich gegen deinen Willen hierhergebracht und dich dann noch obendrein
gezwungen, hierzubleiben. So ein Versprechen braucht man nicht zu halten,
das wirst du doch verstehen?«

»Ich muß es trotzdem halten,« sagte der Junge. »Nein, mein lieber Gorgo,
ich danke dir für deine gute Absicht, aber du kannst mir nicht helfen.«

»So, kann ich es nicht?« erwiderte Gorgo. »Das sollst du bald sehen!« Und
in demselben Augenblick ergriff Gorgo den Jungen mit seinen großen Fängen,
schwang sich mit ihm zu den Wolken hinauf und verschwand in nördlicher
Richtung.

[Illustration]



39

Über Gästrikland hin

Der kostbare Gürtel


                                                  Mittwoch, 15. Juni

Der Adler flog ununterbrochen in nördlicher Richtung weiter, bis er ein
gutes Stück über Stockholm hinausgekommen war; da ließ er sich auf einen
bewaldeten Hügel hinab und lockerte den Griff, mit dem er den Jungen
festhielt.

Aber kaum fühlte sich dieser frei, als er, so schnell er nur konnte, wieder
nach der Stadt zurücklief.

Da machte der Adler einen großen Sprung, holte den Jungen ein und legte die
Klaue auf ihn. »Willst du ins Gefängnis zurückkehren?« fragte er.

»Was willst du eigentlich von mir? Ich werde doch wohl gehen dürfen, wohin
ich will!« rief der Junge und versuchte sich von dem Adler los zu machen.
Doch da ergriff ihn Gorgo abermals mit seinen starken Fängen, hob ihn auf
und trug ihn fort.

Nun flog er mit dem Jungen über ganz Uppland hin und hielt nicht an, bis er
den großen Wasserfall bei Älvkarleby erreicht hatte. Hier ließ er sich auf
einen Stein nieder, der mitten im Strom gerade unter dem rauschenden
Wasserfall lag, und ließ dann seinen Gefangenen aufs neue los.

Der Junge erkannte sogleich, daß es ihm ganz unmöglich war, dem Adler von
hier aus zu entfliehen. Von oben her kam der weißschäumende Schwall
herabgestürzt, und ringsum brandete und wogte das Wasser mit wildem
Schäumen. Der Junge war sehr erbittert, daß er auf diese Weise wortbrüchig
werden mußte; er wendete dem Adler den Rücken und wollte kein Wort mehr mit
ihm sprechen.

Aber nachdem jetzt der Adler den Jungen an einer Stelle abgesetzt hatte, wo
er ihm nicht mehr entfliehen konnte, erzählte er ihm, wie er von Akka von
Kebnekajse aufgezogen worden, mit dieser seiner Pflegemutter aber jetzt in
Feindschaft geraten sei.

»Und jetzt kannst du vielleicht verstehen, Däumling, warum ich dich zu den
Wildgänsen zurückbringen möchte,« sagte er zum Schluß. »Ich habe gehört, in
welch hoher Gunst du bei Akka stehst, und deshalb wollte ich dich bitten,
den Friedensstifter zwischen uns zu machen.«

Sobald der Junge hörte, daß der Adler ihn nicht nur aus Eigensinn
fortgetragen hatte, wurde er wieder freundlich gegen ihn.

»Ich würde dir außerordentlich gern in dieser Sache helfen,« sagte er,
»aber ich bin ja durch mein Versprechen gebunden.« Und nun erzählte er
seinerseits dem Adler, wie er in Gefangenschaft geraten sei, und daß
Klement Larsson Skansen verlassen hätte, ohne ihm sein Wort zurückzugeben.

Doch der Adler wollte um keinen Preis seinen Plan aufgeben. »Höre mich an,
Däumling!« sagte er. »Meine Flügel tragen mich, wohin du nur willst, und
meine Augen machen alles ausfindig, was du nur sehen möchtest. Erzähl mir,
wie der Mann aussah, der dir das Versprechen abgenommen hat, ich will ihn
aufsuchen und dich zu ihm tragen. Alsdann mußt du sehen, wie du ihn dazu
bringst, dich von deinem Versprechen zu entbinden.«

Dieser Vorschlag leuchtete dem Jungen ein. »Ja, ja, Gorgo, man merkt wohl,
welchen klugen Vogel du als Pflegemutter gehabt hast,« sagte er. Dann
beschrieb er dem Adler Klement Larsson ganz genau und fügte auch noch
hinzu, er habe auf Skansen gehört, daß der kleine Spielmann aus
Hälsingeland stammte.

»Wir wollen ganz Hälsingeland absuchen, von Lingbo bis Mellansjö, von
Storberg bis Hornsland!« rief der Adler. »Gleich morgen, noch ehe es Abend
geworden ist, wirst du mit dem Manne reden können.«

»Jetzt versprichst du sicher mehr, als du halten kannst, Gorgo,« sagte der
Junge.

»O, ich wäre ein schlechter Adler, wenn ich das nicht könnte!« erwiderte
Gorgo.

Als Gorgo mit dem Däumling von Älvkarleby aufbrach, waren die beiden ganz
gute Freunde geworden, und der Junge ritt jetzt auf Gorgos Rücken. Auf
diese Weise sah er wieder etwas von den Gegenden, über die sie hinflogen.
Solange ihn der Adler in den Klauen getragen hatte, war ihm das nicht
möglich gewesen. Es war vielleicht ganz gut für ihn, daß er sich nicht so
genau auskannte, denn wenn er gewußt hätte, daß er am Morgen über so schöne
Orte wie die alten Königshügel von Uppsala, über die große Österbyer
Fabrik, die Danemoraer Grube und das alte Schloß zu Örbyhus hingeflogen
war, hätte er sich gewiß sehr gegrämt, weil er nichts davon gesehen hatte.

Jetzt trug ihn der Adler hurtig über Gästrikland hin. In dem südlichen Teil
war nicht viel zu sehen, was die Aufmerksamkeit gefangen nehmen konnte.
Eine fast ganz mit Tannenwald bestandene Ebene breitete sich ungeheuer groß
unter ihm aus; weiter gegen Norden aber erstreckte sich quer durch die
Landschaft, von der Dalagrenze bis zum Bottnischen Meerbusen, ein schöner
Landstrich mit bewaldeten Hügeln, glänzenden Seen und rauschenden Strömen.
Da lagen dichtbevölkerte Kirchspiele um weiße Kirchen herum, Landstraßen
und Eisenbahnen kreuzten sich, die Häuser waren in Grün gebettet, und
blühende Gärten schickten holde Düfte in die Luft hinauf.

An den Wasserläufen sah der Junge mehrere große Eisenhämmer, ganz ähnliche,
wie er schon im Bergwerkdistrikt gesehen hatte. In ungefähr gleichen
Zwischenräumen lagen sie in einer Reihe bis zum Meere hin, wo schließlich
eine große Stadt ihre weißen Häusermassen ausbreitete. Nördlich von dieser
dichtbevölkerten Gegend setzten die dunkeln Wälder wieder ein; doch war
hier das Land nicht eben, sondern bildete Hügel und Täler, es hob und
senkte sich wie ein aufgeregtes Meer.

»Dieses Land hat ein Kleid aus Tannenzweigen und eine Jacke aus Feldsteinen
an,« sagte sich der Junge im stillen. »Aber um die Mitte trägt es einen
Gürtel, der an Kostbarkeit nicht seinesgleichen hat, denn er ist mit
blauschimmernden Seen und blumigen Wiesen bestickt; die großen Eisenhämmer
schmücken ihn wie eine Reihe von Edelsteinen, und als Schnalle dient ihm
eine große Stadt mit Schlössern und Kirchen und großen Häusergruppen.«

Nachdem Gorgo mit dem Jungen eine Strecke weit in die nördlich sich
hinziehende Waldgegend hineingeflogen war, ließ sich Gorgo ganz oben auf
dem Gipfel eines kahlen Felsen nieder, und als der Junge auf den Boden
hinuntergesprungen war, sagte der Adler: »Es gibt hier im Walde allerlei
Leckerbissen für dich, und ich selbst kann die drückenden Gedanken an die
Gefangenschaft gewiß nicht los werden und mich nicht so recht frei fühlen,
bis ich wieder auf der Jagd gewesen bin. Du hast doch wohl keine Angst,
wenn ich davonfliege?«

»O nein,« sagte der Junge, »fliege du nur.«

»Du kannst gehen, wohin es dir beliebt, nur gegen Sonnenuntergang solltest
du wieder hier sein,« sagte der Adler, und dann flog er davon.

Der Junge fühlte sich ziemlich einsam und verlassen, als er dann auf einem
Stein saß und über die nackten Gebirgshalden und die großen Wälder
hinschaute, die ihn rings umgaben. Aber er hatte noch nicht lange
dagesessen, als von drunten aus dem Walde Gesang zu ihm heraufdrang und er
etwas Helles zwischen den Bäumen schimmern sah. Bald erkannte er eine
blau-gelbe Fahne, und an dem Gesang und dem fröhlichen Rufen erriet er
auch, daß die Fahne einem ganzen Zug von Menschen vorausgetragen wurde;
aber es dauerte noch recht lange, bis er sehen konnte, welche Art von Zug
es war. Die Fahne wurde auf Zickzackwegen heraufgetragen, und Nils
Holgersson war außerordentlich gespannt, wohin diese Fahne und die Menschen
dahinter wollten. Auf die einsame, öde Berghalde, wo er sich eben befand,
kamen sie gewiß nicht, das konnte er sich gar nicht denken. Und doch war es
so. Jetzt tauchte die Fahne am Waldessaum auf, und hinter ihr strömten eine
Menge Menschen heraus, denen die Fahne den Weg gewiesen hatte. Auf dem
ganzen Berge war nun Leben und Bewegung, und an diesem Tage hatte der Junge
so viel zu sehen, daß er sich keinen Augenblick langweilte.


Der große Tag des Waldes

Auf dem breiten Gebirgsrücken, wo der Junge von Gorgo zurückgelassen worden
war, hatte vor ungefähr zehn Jahren ein Waldbrand gewütet. Die verkohlten
Bäume waren gefällt und fortgeschafft worden, und da, wo der große
Brandplatz an den frischen Wald stieß, hatte sich allmählich wieder einiges
Wachstum eingestellt. Aber der größte Teil lag noch immer unheimlich kahl
und verlassen da. Zwischen den Steinen waren zwar noch schwarze Baumstümpfe
und legten Zeugnis davon ab, daß einst ein großer, prächtiger Wald hier
gestanden hatte, aber nirgends sproßten junge Schößlinge aus dem Boden
heraus.

Die Leute wunderten sich darüber, wie lange es dauerte, bis sich die
leere Fläche wieder mit Wald bekleidete; sie vergaßen ganz, daß seit
jener Zeit, wo das Feuer hier gewütet hatte, die Erde aller Feuchtigkeit
ermangelte. Deshalb waren nicht allein alle Bäume gänzlich verbrannt und
alles, was auf dem Waldboden wuchs -- Heidekraut, Maiblumen, Moos und
Preißelbeerstauden --, verschwunden, sondern auch die Erde, die den
Felsengrund bedeckte, war nach dem Brande so trocken und lose wie Asche
geworden. Jeder Windstoß, der daherjagte, wirbelte sie hoch in die Luft
hinauf; und da die Berghöhe dem Winde sehr ausgesetzt war, wurde ein
Steinblock um den andern reingefegt. Der Regen tat natürlich auch das
Seine, das Erdreich hinwegzuschwemmen; und nachdem sich nun Wind und
Wetter zehn Jahre lang alle Mühe gegeben hatten, den Berg abzufegen, sah
er so kahl aus, daß man sich nichts andres denken konnte, als daß er bis
ans Ende der Welt so liegen bleiben würde.

Aber eines Tages, gleich in der ersten Sommerzeit, versammelten sich alle
Kinder des Dorfes, in dessen Gebiet der abgebrannte Berg lag, vor einer der
Schulen. Jedes Kind trug eine Hacke oder einen Spaten auf der Schulter,
sowie ein Paket Mundvorrat in der Hand. Sobald alle Kinder versammelt
waren, wanderten sie in einem langen Zuge dem Walde zu. Die Fahne wurde
vorausgetragen, die Lehrer und Lehrerinnen gingen nebenher, und hinterdrein
kamen einige Waldhüter und ein Pferd, das eine große Ladung
Tannenschößlinge und Tannensamen trug.

Dieser Zug hielt in keinem der dem Dorf zunächstliegenden Birkengehölze
an, nein, er wanderte weit hinauf in den Wald. Immer höher ging es auf
verlassenen alten Viehwegen, und die Füchse streckten die Köpfe aus ihrem
Bau heraus und fragten verwundert, was doch das für Hirtenvolk sei, das zu
Berg ziehe. Der Zug kam an verlassenen Weilern vorüber, wo früher in jedem
Herbst Kohlen gebrannt worden waren, und die Kreuzschnäbel wendeten ihren
krummen Schnabel nach dem Zuge und konnten nicht begreifen, was das für
Kohlenbrenner sein sollten, die da in den Wald eindrangen.

So erreichte der Zug schließlich die große abgebrannte Hochebene. Da waren
die Felsen ganz kahl, ohne die feinen Linäenranken, von denen sie einstmals
bedeckt gewesen waren, und die Steinplatten waren des schönen silberweißen
Mooses und auch der feinen niedlichen Renntierflechten entkleidet. Rings um
die schwarzen Wassertümpel herum, die sich in den Felsenspalten und
Vertiefungen angesammelt hatten, wuchsen weder Kallablätter noch Sauerklee.
Auf den kleinen Plätzen, wo zwischen den Steinblöcken und Rissen noch Erde
lag, standen keine Farrenkräuter, keine Sternmieren, keine weißen Pyrola,
nirgends war eine Spur von all dem Grünen und Roten und Buschigen und
Weichen und Zierlichen, was sonst den Waldboden schmückt.

Es war, als ob plötzlich heller Sonnenschein über die graue Hochebene
hinleuchtete, als die Kinder des Dorfes sich darauf zerstreuten. Das war
doch wieder etwas Frohes und Schönes, etwas Frisches und Rosiges, etwas
Junges und etwas im Wachsen Begriffenes! Vielleicht konnten sie dem armen
verlassenen Waldboden wieder zu etwas Leben verhelfen!

Nachdem die Kinder sich ausgeruht und gesättigt hatten, ergriffen sie die
Hacken und Spaten und fingen an zu arbeiten. Die Waldhüter zeigten ihnen,
wie sie es machen müßten, und nun steckten die Kinder in jedes noch so
kleine Fleckchen Erde, das sie entdecken konnten, die kleinen
Tannenpflänzchen hinein.

Während die Kinder also pflanzten, sprachen sie ganz altklug miteinander
davon, wie diese kleinen Pflänzchen, die sie jetzt in die Erde
hineinsteckten, das Erdreich festhalten würden, damit es nicht wieder
weggeblasen werden könnte. Aber das sei nicht das einzige Gute daran, denn
dadurch bilde sich auch neue Erde unter den Wurzeln, in diese falle Samen
hinein, und in einigen Jahren könnten sie da, wo jetzt nichts als kahle
Felsblöcke seien, Himbeeren und Heidelbeeren pflücken. Und die kleinen
Pflanzen, die sie hier einsetzten, würden allmählich zu großen Bäumen
heranwachsen, ja in späteren Jahren könne man große Häuser oder stolze
Schiffe daraus bauen.

Wenn aber sie, die Kinder, jetzt nicht heraufgekommen wären und gepflanzt
hätten, solange noch ein bißchen Erde in den Felsenspalten lag, dann wäre
durch den Wind und den Regen jede Möglichkeit, daß je hier etwas gepflanzt
werden könnte, vollends zerstört worden, und es hätte also niemals wieder
ein Wald auf diesem Berge entstehen können.

»Ja, es ist nur gut, daß wir heraufgekommen sind,« sagten die Kinder. »Es
war wirklich die höchste Zeit.« Und sie kamen sich ungeheuer wichtig vor.

Während die Kinder so auf dem Berge arbeiteten, waren Vater und Mutter
daheim; nachdem aber einige Zeit vergangen war, hätten sie gar zu gerne
gewußt, wie es den Kindern droben auf dem Berge gehe. Sie dachten, es sei
natürlich nur zum Spaß, daß solche kleinen Leute einen Wald pflanzen
sollten, aber es könnte jedenfalls ganz unterhaltend sein, wenn sie
nachsähen, wie es da droben zugehe. Und ehe sie sich versahen, waren Vater
und Mutter schon auf dem Wege nach dem Walde. Als sie den Bergpfad erreicht
hatten, trafen sie mit andern Nachbarn zusammen.

»Wollt ihr hinauf zum Brandplatz?«

»Ja, wir sind eben auf dem Wege.«

»Um nach den Kindern zu sehen?«

»Ja, wir wollen hinauf und sehen, was sie da treiben.«

»Es ist natürlich nur zum Spaß.«

»Freilich, viele Bäume werden da droben nicht wachsen.«

»Wir haben den Kaffeekessel bei uns, damit sie etwas Warmes bekommen, da
sie den ganzen Tag von trockner Kost leben müssen.«

Jetzt erreichten Vater und Mutter den Brandplatz, und zuerst dachten sie
nichts weiter, als wie hübsch alle die roten Wangen der Kinder auf dem
grauen Berge aussähen. Aber dann gaben sie genau acht, wie die Kinder
arbeiteten: die einen setzten die Pflänzchen ein, die andern zogen Furchen
und säten Samen hinein, wieder andere rissen das Heidekraut heraus, damit
es die jungen Bäumchen nicht ersticken sollte.

Sie sahen auch, wie eifrig und ernsthaft die Kinder es mit der Arbeit
nahmen; sie hatten ja kaum Zeit, aufzuschauen.

Der Vater sah eine Weile zu, dann fing er auch an Heidekraut
herauszureißen. Nur zum Scherze natürlich. Die Kinder waren die
Lehrmeister, denn jetzt kannten sie die Kunst, und sie durften nun Vater
und Mutter zeigen, wie man es machen mußte.

Schließlich nahmen dann auch alle die Erwachsenen, die heraufgekommen
waren, nach den Kindern zu sehen, an der Arbeit teil. Da war es natürlich
noch viel unterhaltender als vorher, und nach kurzer Zeit bekamen die
Kinder noch mehr Hilfe.

Man brauchte nämlich noch mehr Handwerkszeug, und ein paar Jungen mit
langen Beinen wurden nach Hacken und Spaten ins Dorf hinuntergeschickt. Als
diese an den Häusern vorbeirannten, kamen die Bewohner heraus und fragten:
»Was ist denn los? Ist ein Unglück geschehen?«

»Nein, nein, aber das ganze Dorf ist droben auf dem Brandplatz und hilft
den Wald pflanzen.«

»Ei, wenn das ganze Dorf droben ist, dann wollen wir auch nicht
daheimbleiben.«

So strömte alles auf den abgebrannten Berg hinauf. Zuerst blieben die
Neuangekommenen ruhig stehen und schauten eine Weile zu; aber dann konnten
sie es nicht lassen, sich an der Arbeit zu beteiligen. Denn es mochte wohl
sehr vergnüglich sein, wenn der Bauer im Frühjahr seinen Acker bestellt
und dabei an das Getreide denkt, das aus der Erde herauswachsen soll, aber
dies war doch noch verlockender.

Hier sollten nicht nur schwache Halme aus dieser Saat aufgehen, sondern
starke Bäume mit hohen Stämmen und mächtigen Zweigen. Hier handelte es sich
nicht nur darum, die Ernte eines Sommers hervorzurufen, sondern Wachstum
für viele Jahre. Das hier bedeutete so viel, wie Insektensummen,
Drosselschlag und Auerhahnbalzen hervorzurufen und ungezähltes Leben auf
dem Brandplatz zu wecken. Und dann war es auch wie ein Denkmal, das man für
die kommenden Geschlechter errichtete. Bisher hätte man ihnen einen kahlen,
nackten Berg als Erbe hinterlassen, jetzt aber sollten sie einen stolzen
Wald dafür bekommen; und wenn die Nachkommen dies erkannten, dann
verstanden sie sicher auch, daß ihre Vorfahren gute und kluge Leute gewesen
waren, und darum würden sie mit Ehrerbietung und Dankbarkeit der Vorfahren
gedenken.

[Illustration]



40

Ein Tag in Hälsingeland

Ein großes grünes Blatt


                                                  Donnerstag, 16. Juni

Am nächsten Morgen ritt der Junge auf Gorgos Rücken über Hälsingeland hin.
Hellschimmernd lag es unter ihm; die Nadelholzbäume hatten hellgrüne
Triebe, die Birkengehölze frisches Laub, die Wiesen neues saftiges Gras,
und auf den Äckern wogte die junge, grüne Saat. Es war ein hochgelegenes,
bergiges Land, aber mitten hindurch zog sich ein offenes, lachendes Tal,
und von diesem erstreckten sich bald kurze und enge, bald lange und breite
Täler nach beiden Seiten ins Land hinein.

»Dieses Land werde ich wohl mit dem Blatt eines Baumes vergleichen müssen,«
dachte Nils Holgersson, »denn es ist so grün wie ein Blatt, und die Täler
verzweigen sich ungefähr in derselben Weise, wie die Rippen auf einem
ausgebreiteten Blatte.«

Von dem großen Haupttal zweigten sich zuerst gewaltige Seitentäler ab, eins
nach Osten, eins nach Westen. Dann schickte es nur noch kleine Täler aus,
bis es ziemlich weit nach Norden gekommen war. Da streckte es wieder zwei
starke Arme aus, lief alsdann noch eine Strecke weiter, wurde hierauf immer
schmäler und verlor sich schließlich in der Wildnis.

Mitten durch das große Tal floß ein breiter, prächtiger Fluß, der sich an
vielen Stellen zu Seen erweiterte. Ganz dicht am Flusse lagen Wiesen, die
mit kleinen grauen Scheunen wie übersät waren; nach diesen Wiesen kamen die
Äcker, und an der Talgrenze, wo der Wald einsetzte, standen die Höfe. Diese
waren stattlich und schön gebaut, einer lag neben dem andern in einer fast
ununterbrochenen Reihe. Die Kirchen ragten am Flußufer hoch empor, und
rings um diese sammelten sich die Höfe zu großen Dörfern. Andre
Häusergruppen drängten sich um die Bahnhöfe zusammen, sowie um die
Sägewerke, die da und dort an den Seen und Flüssen lagen und leicht zu
erkennen waren an den großen Bretterstapeln, die sich ringsherum
auftürmten.

Die Seitentäler waren ebenso wie das mittlere Tal voller Seen und Wiesen,
Dörfern und Gehöften. Lachend und freundlich glitten sie zwischen die
dunklen Berge hinein, von denen sie allmählich so zusammengepreßt wurden,
daß sie schließlich ganz schmal waren und nur noch für einen kleinen Bach
Platz hatten.

Auf den Bergkuppen zwischen den Tälern ragte der Nadelwald auf. Er hatte
keinen ebenen Boden, und eine Menge Felsblöcke lagen da droben wild
durcheinander, aber der Wald verdeckte alles wie eine Pelzdecke, die über
einen eckigen Körper gebreitet ist.

Ja, es war ein schönes Land, und der Junge sah auch ein gut Teil davon,
denn der Adler suchte ja den alten Spielmann Klement Larsson; und so flog
er, immerfort nach dem alten Manne ausspähend, unermüdlich von Tal zu Tal.

Als der Morgen anbrach, entstand Leben und Bewegung auf den Höfen. An den
Kuhställen, die in diesem Lande sehr groß und hoch sind und sowohl
Schornsteine als auch breite Fenster haben, wurden die Türen sperrangelweit
aufgemacht und die Kühe herausgelassen; es waren schöne weiße feingebaute
und geschmeidige Tiere, überaus sicher auf den Füßen und so munter, daß sie
die lächerlichsten Sprünge machten. Die Kälber und Schafe wurden auch
herausgelassen, und auch diese waren unverkennbar in der allerbesten Laune.

Und mit jedem Augenblick wurde es lebendiger auf den Höfen. Ein paar junge
Dirnen mit Ranzen auf dem Rücken gingen zwischen dem Vieh umher. Ein Junge
mit einem langen Stock in der Hand hielt die Schafe beieinander, ein
Hündchen lief zwischen den Kühen umher und bellte solche Tiere, die sich
stoßen wollten, zornig an. Der Bauer spannte ein Pferd vor einen Karren und
belud ihn mit Butterkübeln, Käseformen und allerlei Lebensmitteln.
Fröhliches Lachen und Singen ertönte, und das Vieh war so vergnügt, wie
wenn heute ein besonderer Festtag wäre.

Bald darauf waren alle miteinander auf dem Wege nach dem Walde. Eine von
den Mägden ging an der Spitze und lockte das Vieh mit schönen Jodlern.
Hinter ihr kam der Zug in einer langen Reihe. Der Hirtenjunge und der
Hirtenhund liefen hin und her und gaben wohl acht, daß keines der Tiere vom
Wege abwich. Ganz hinten kamen der Bauer und sein Knecht. Sie gingen neben
dem Karren, um ihn vor dem Umstürzen zu bewahren, denn es ging einen gar
schmalen, steinigen Waldpfad hinauf.

Entweder ist es in Hälsingeland Sitte, daß die Bauern ihr Vieh an ein und
demselben Tage in die Wälder schicken, oder es traf sich in diesem Jahre
zufälligerweise so. Soviel ist sicher, Nils Holgersson sah solche Fröhliche
Züge von Menschen und Vieh aus jedem Tal und jedem Hof nach dem öden Walde
hinaufziehen und diesen mit Leben erfüllen. Aus den dunkeln Wäldern heraus
hörte er den ganzen Tag das Jodeln der Sennerinnen und das Läuten der
Kuhglocken. Die meisten hatten einen langen beschwerlichen Weg vor sich,
und der Junge sah, wie sie mit großer Mühe über sumpfige Moore hinzogen
und, um einen Windbruch zu vermeiden, oft große Umwege machen mußten. Die
Karren stießen oft gegen Steinblöcke und stürzten um; aber die Männer
überwanden alle Schwierigkeiten mit fröhlichem Lachen und unverwüstlicher
Laune.

Im Lauf des Nachmittags gelangten die Wanderer auf ausgerodete Plätze, wo
ein niedriger Kuhstall und einige kleine graue Hütten standen. Als die Kühe
den Platz zwischen den Hütten erreicht hatten, brüllten sie vergnügt, als
erkennten sie den Ort wieder, und fraßen sogleich von dem grünen saftigen
Gras. Unter Scherzen und lustigen Reden holten die Leute Wasser und
Brennholz herbei, und was auf dem Karren war, wurde in die größte der
Hütten hineingetragen. Bald stieg der Rauch aus dem Schornstein auf, dann
setzten sich die Sennerinnen, der Hirtenjunge und die Männer draußen im
Freien um einen flachen Stein, der als Tisch diente, und hielten ihre
Mahlzeit.

[Illustration]

Der Adler Gorgo war fest überzeugt, daß er Klement Larsson unter diesen
Leuten, die auf dem Wege in den Wald waren, finden würde. Sobald er einen
Viehzug entdeckte, ließ er sich hinabsinken und untersuchte ihn mit seinem
scharfen Auge. Aber eine Stunde um die andre verging, und noch immer hatte
er Klement nicht gefunden.

Nachdem er sehr oft hin und her geflogen war, erreichte der Adler gegen
Abend eine bergige, einsame, östlich von dem großen Haupttal gelegene
Gegend. Wieder sah er eine Sennhütte unter sich; die Leute und das Vieh
waren schon angekommen, die Männer spalteten Brennholz, und die Mägde
melkten die Kühe.

»Sieh dort!« rief Gorgo. »Ich glaube, jetzt haben wir ihn!«

Er ließ sich hinuntersinken, und zu seiner großen Verwunderung sah Nils
Holgersson, daß Gorgo recht hatte. Da stand wirklich der kleine Klement
Larsson und machte Brennholz klein.

Gorgo ließ sich eine kurze Strecke von der Sennhütte entfernt im Walde
nieder.

»Nun habe ich ausgeführt, was ich übernommen hatte,« sagte er und warf den
Kopf stolz zurück. »Jetzt mußt du sehen, daß du mit dem Manne sprichst. Ich
werde mich inzwischen auf jenen dichten Tannenwipfel dort setzen und auf
dich warten.«


Die Neujahrsnacht der Tiere

Auf der Almhütte war die Arbeit zu Ende und das Abendbrot gegessen, aber
die Leute saßen noch beieinander und plauderten. Es war lange her, seit sie
zum letztenmal in einer schönen Sommernacht im Walde gewesen waren, und
alle hatten das Gefühl, als hätten sie gar keine Zeit zum Schlafen. Es war
noch taghell ringsum, und die Sennerinnen waren eifrig mit ihrer Handarbeit
beschäftigt, bisweilen aber hoben sie den Kopf, schauten in den Wald hinein
und lächelten leise vor sich hin.

»Ja, nun sind wir wieder hier oben,« sagten sie; und damit versank das Dorf
mit all seiner Unruhe aus ihrer Erinnerung, und der Wald umschloß sie mit
seinem stillen Frieden. Wenn sie daheim auf ihren Höfen daran dachten, daß
sie den ganzen Sommer hindurch allein da droben im Walde sein müßten,
konnten sie sich kaum denken, wie sie das aushalten sollten; sobald sie
aber in die Sennhütten heraufgekommen waren, kam es ihnen vor, als sei dies
doch ihre allerbeste Zeit.

Vor ein paar Sennhütten, die nahe beieinander lagen, waren die jungen
Mädchen und Burschen zusammengekommen, einander zu begrüßen; es war also
eine ziemliche Anzahl Menschen, die sich da auf der Wiese vor den Hütten
niedergelassen hatten, aber eine rechte Unterhaltung wollte trotzdem nicht
in Gang kommen. Die Burschen mußten am nächsten Tage wieder hinunter ins
Dorf, und die Sennerinnen trugen ihnen noch allerlei kleine Bestellungen
und Grüße an die Ihrigen daheim auf.

Da sah die älteste der Sennerinnen von ihrer Arbeit auf und sagte ganz
lustig: »Es ist gar nicht nötig, daß es heute abend so still bei uns
zugeht, denn wir haben ja zwei Burschen unter uns, die sonst gern etwas
erzählen. Der eine ist Klement Larsson, der hier neben mir sitzt, und der
andere Bernhard von Sunnansee, der dort drüben steht und nach dem Blackåsen
hinaufschaut. Kommt, wir wollen sie bitten, daß jeder von ihnen eine
Geschichte zum besten gebe, und wer die schönste Geschichte erzählt, dem
verspreche ich das Halstuch hier, an dem ich eben stricke.«

Dieser Vorschlag fand großen Beifall; die beiden, die miteinander
wetteifern sollten, machten natürlich zuerst Einwendungen, gaben aber bald
nach. Klement bat Bernhard, den Anfang zu machen, und dieser hatte nichts
dagegen. Er kannte Klement Larsson nicht genau, aber er meinte, von diesem
könnte man nur irgendeine alte Geschichte von Gespenstern und Trollen
erwarten; und da er wußte, daß die Leute so etwas gerne hörten, hielt er es
fürs klügste, gleich selbst etwas derartiges zu wählen.

»Vor mehreren hundert Jahren,« begann er, »geschah es, daß ein Propst von
Delsbo hier in der Nähe in einer Neujahrsnacht mitten durch den dichten
Wald ritt. In seinen dicken Pelz gehüllt und die Pelzmütze auf dem Kopf,
saß er auf seinem Pferd, und an dem Sattelknopf hing ein Felleisen, in dem
er den Abendmahlskelch, das Kirchenbuch und den Kirchenrock verwahrt
hatte. Aus dem entfernten Filialdorf, weit drinnen im Walde, hatte man ihn
zu einem Kranken gerufen; er hatte bis spät in der Nacht bei diesem
gesessen und mit ihm gesprochen. Jetzt endlich war er auf dem Heimweg, aber
er war überzeugt, daß er erst zu Hause ankommen werde, wenn Mitternacht
längst vorüber sei.

Während er nun so durch den Wald dahinreiten mußte, zu einer Zeit, wo er
sonst daheim in seinem Bette lag, war er froh, daß wenigstens kein
schlimmes Wetter herrschte. Es war eine stille Nacht mit ruhiger Luft und
überzogenem Himmel. Der Vollmond segelte groß und rund hinter den Wolken am
Himmel und verbreitete eine gewisse Helle, obgleich er selbst nicht zu
sehen war. Wenn das bißchen Mondlicht nicht geschienen hätte, wäre der Weg
nur schwer von den Feldern zu unterscheiden gewesen; denn es war ja mitten
im Winter, und alles hatte ein und dieselbe graubraune Farbe.

In dieser Nacht ritt der Propst ein Pferd, auf das er große Stücke hielt.
Es war stark und ausdauernd und fast ebenso klug wie ein Mensch. Unter
anderem konnte es von jedem Ort in dem ganzen Kirchspiel, es mochte sein,
wo es wollte, den Weg nach Hause finden. Dies hatte der Propst schon
mehrere Male erfahren, und er verließ sich so fest darauf, daß er nie mehr
an den Weg dachte, wenn er dieses Pferd ritt. So kam er auch jetzt, mit
lose herunterhängenden Zügeln und in seinen Gedanken weit weg, mitten in
der grauen Nacht durch den wilden Wald dahergeritten.

Der Propst dachte an seine Predigt, die er am nächsten Tage halten mußte,
und außerdem auch noch an vieles andere. Es dauerte eine gute Weile, bis er
wieder auf den Weg achtete und sich fragte, wie weit er wohl jetzt gekommen
sei. Als er dann schließlich aufschaute und sah, daß der Wald noch immer
ebenso dicht war wie zu Anfang des Rittes, verwunderte er sich höchlich. Er
war jetzt schon sehr lange geritten, eigentlich hätte er bereits an dem
bebauten Teil des Kirchspiels angekommen sein müssen.

Es sah damals in Delsbo gerade so aus wie heute noch. Die Kirche und der
Pfarrhof und alle großen Höfe lagen im Norden des Kirchspiels um Dellen
her, während gen Süden nur Wälder und Berge waren. Als daher der Propst
sah, daß er sich noch in der Wildnis befand, wußte er, daß dies der
südliche Teil seines Kirchspiels war und er, um nach Hause zu kommen, also
nach Norden hätte reiten müssen. Aber gerade dies schien er nicht zu tun.
Am Himmel leuchteten zwar weder Mond noch Sterne, nach denen er sich hätte
richten können, aber der Propst war einer von denen, die die
Himmelsrichtung im Kopf haben, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß er
gen Süden, vielleicht auch gen Osten reite.

Er war schon im Begriff, das Pferd zu wenden, besann sich aber dann anders.
Das Pferd hatte sich noch nie verirrt und würde es gewiß auch heute nicht
tun. Viel eher könnte er, der Propst, sich täuschen. Er war in tiefe
Gedanken versunken gewesen und hatte des Weges nicht geachtet. So ließ er
denn das Pferd in der bisherigen Richtung weitergehen und versank aufs neue
in seine Grübeleien.

Aber gleich darauf traf ihn ein großer Zweig so heftig, daß er fast vom
Pferde gefallen wäre. Da wurde ihm klar: jetzt mußte er untersuchen, wohin
er eigentlich gekommen war; es half alles nichts.

Er betrachtete den Weg; er ritt über weiches Moos hin, wo kein
ausgetretener Pfad zu erblicken war. Das Pferd aber schritt ohne jegliches
Zögern rasch dahin. Doch gerade wie vorhin war der Propst auch jetzt
überzeugt, daß es in der verkehrten Richtung vorwärts gehe.

Diesmal besann er sich nicht lange, ob er eingreifen solle. Er ergriff die
Zügel, zwang das Pferd, umzudrehen, und es gelang ihm auch, es auf den Pfad
zurückzuführen. Aber kaum waren sie da angekommen, als das Pferd einen
Umweg machte und aufs neue geradeswegs in den Wald hineinlief.

Der Propst war seiner Sache so sicher, wie man einer Sache überhaupt sicher
sein kann. >Aber wenn das Pferd so gar eigensinnig ist,< dachte er, >dann
will es gewiß einen bessern Weg aufsuchen.< Und so ließ er es weitergehen.

Das Pferd kam gut vorwärts, obgleich es keinen gebahnten Weg vor sich
hatte. Wenn ihm ein Berggipfel im Wege stand, kletterte es gewandt wie eine
Geiß hinauf, und wenn es dann wieder bergab ging, stemmte es die Füße
zusammen und rutschte die steilen Felsplatten hinunter.

>Wenn ich nur wenigstens so zeitig nach Hause komme, daß ich die Kirche
noch erreichen kann,< dachte der Propst. >Was würden meine Delsboer sagen,
wenn ich nicht zu rechter Zeit zum Gottesdienst da wäre?<

Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, denn plötzlich erreichte
er einen Ort, den er wiedererkannte. Es war ein kleines dunkles Wasser, wo
er im letzten Sommer gefischt hatte. Da merkte der Propst, daß er mit
seiner Befürchtung recht gehabt hatte. Er befand sich tief drinnen im
Walde, und das Pferd drang immer weiter gegen Südosten vor. Es schien sich
ordentlich vorgenommen zu haben, seinen Herrn so weit wie nur möglich von
der Kirche und dem Pfarrhause wegzutragen.

Rasch sprang der Propst aus dem Sattel. Auf diese Weise konnte er sich von
dem Pferd nicht in die Wildnis hineintragen lassen. Er mußte nach Hause,
und da das Pferd eigensinnig in verkehrter Richtung gehen wollte, beschloß
er, zu Fuß zu gehen und das Tier am Zügel zu führen, bis sie auf bekannten
Wegen angekommen wären. Er wickelte sich also die Zügel um den Arm, und die
Wanderung begann. In dem dicken Pelz durch den Wald zu wandern, war
freilich keine leichte Sache; doch der Propst war ein starker, abgehärteter
Mann, der vor nichts zurückschrak. Aber bald machte ihm das Pferd neue
Sorgen. Anstatt ihm zu folgen, stemmte es die Hufe fest auf den Boden und
sperrte sich.

Da wurde der Propst zornig. Er schlug dieses Pferd sonst nie und wollte das
auch jetzt nicht tun. Statt dessen warf er ihm die Zügel über den Hals und
ließ es stehen. >Wir müssen uns hier wohl trennen, da du durchaus deinen
eigenen Weg gehen willst,< sagte er.

Er war kaum ein paar Schritte gegangen, als das Pferd hinter ihm herkam,
ihn vorsichtig am Rockärmel faßte und ihn zurückzuhalten versuchte. Der
Propst wendete sich um und sah dem Tier in die Augen, wie um zu erforschen,
warum es sich so sonderbar gebärdete.

Der Propst konnte eigentlich nicht recht begreifen, wie es möglich war, --
aber soviel ist sicher: trotz der Dunkelheit sah er das Gesicht des Pferdes
ganz deutlich, er konnte darin lesen wie in dem eines Menschen, und da
begriff er plötzlich, daß sich das Pferd in einer fürchterlichen Angst und
Unruhe befand; es warf seinem Herrn einen Blick zu, der flehend und
vorwurfsvoll zugleich war. >Ich habe dir gedient und Tag um Tag nach deinem
Willen getan,< schien es zu sagen. >Könntest du mir nun nicht in dieser
einzigen Nacht nachgeben?<

Der Propst wurde gerührt über diese Bitte, die er in den Augen des Tieres
las. Es war klar, das Pferd brauchte in dieser Nacht seine Hilfe auf
irgendeine Weise, und da er ein ganzer Mann war, beschloß er sofort, ihm zu
folgen. Ohne weiteres Zögern führte er es an einen Stein, wo er sich in den
Sattel schwingen konnte, und sagte: >Geh du weiter! Da du mich mithaben
möchtest, will ich dich nicht verlassen. Niemand soll von dem Propst von
Delsbo sagen können, daß er sich geweigert habe, jemand beizustehen, der in
Not war.<

Danach ließ er das Pferd gehen, wohin es wollte, und er richtete sein
Augenmerk nur darauf, daß er sich im Sattel hielt. Es war ein gefährlicher
und beschwerlicher Ritt, fast die ganze Zeit über ging es bergan durch
dichten ungebahnten Wald, wo man keine zwei Schritte vor sich sehen konnte.
Aber der Propst meinte doch zu erkennen, daß es einen hohen Berg
hinaufging. Das Pferd arbeitete sich steile Felswände hinauf; wenn der
Propst selbst das Tier geleitet hätte, wäre es ihm gewiß nie eingefallen,
sein Pferd auf solchen Wegen gehen zu lassen.

>Du wirst doch nicht daran denken, den Blackåsen hinaufzuklettern!< sagte
er; und dabei lachte er ein wenig, denn der Blackåsen war, wie er wohl
wußte, der höchste Berg in Hälsingeland.

Während er nun so dahinritt, merkte der Propst, daß er und das Pferd nicht
allein draußen in der Nacht unterwegs waren. Er hörte Steine rollen und
Zweige krachen; es hörte sich an, wie wenn große Tiere sich einen Weg durch
den Wald bahnten; und da es in dieser Gegend viele Wölfe gab, fragte sich
der Propst, ob ihn das Pferd am Ende einem Kampf mit wilden Tieren
entgegentrage.

Bergan ging es, bergan! Und je höher sie kamen, desto lichter wurde der
Wald.

Schließlich ritt der Propst über einen fast kahlen Bergrücken, wo er nach
allen Seiten ausschauen konnte. Unermeßlich dehnte sich das Land vor seinen
Blicken; mit düstern Wäldern bedeckt, reihten sich Hügel und Bergketten
wellenförmig aneinander. Bei der herrschenden Dunkelheit wurde es dem
Propst schwer, sich in der Gegend zurechtzufinden, aber nach kurzer Zeit
wurde ihm doch ganz klar, wo er sich befand.

>Ja, ich bin wahrhaftig auf den Blackåsen geritten,< dachte er. >Es kann
kein andrer Berg sein. Dort im Westen sehe ich den Järvsee, und im Osten
drüben glänzt bei Agön das Meer. Im Norden sehe ich auch etwas schimmern,
das wird Dellen sein, und da in der Tiefe unter mir sehe ich den weißen
Dunst des Nianwasserfalls. Ja, ja, dies ist der Blackåsen, es ist kein
Zweifel. Das ist wahrhaftig ein Abenteuer!<

Als er auf dem höchsten Gipfel angekommen war, hielt das Pferd hinter einem
dichten Fichtenbaum an; es war, als wolle es sich da verborgen halten. Der
Propst beugte sich vor und bog die Zweige auseinander; so erhielt er einen
freien Ausblick.

Des Berges kahler Scheitel lag vor ihm; aber nicht einsam und verlassen,
wie er erwartet hatte. Mitten auf dem offenen Platze lag ein großer
Felsblock, und rings um diesen her waren viele wilde Tiere versammelt. Es
kam dem Propst vor, als seien diese Tiere zur Abhaltung einer Art Thing
hier zusammengekommen.

Dem großen Felsen zunächst sah der Propst die Bären; diese waren so
schwerfällig und von so mächtigem Körperbau, daß sie aussahen wie
pelzbekleidete Steinblöcke. Sie hatten sich niedergelegt und blinzelten
ungeduldig mit ihren kleinen Augen. Man sah, sie waren aus ihrem
Winterschlaf aufgestanden, um zum Thing zu gehen, und es wurde ihnen
schwer, sich wach zu erhalten. Hinter den Bären saßen einige hundert Wölfe
in dichten Reihen; diese waren nicht schläfrig, sondern jetzt mitten in der
Winternacht heller wach als je im Sommer. Wie Hunde saßen sie auf den
Hinterfüßen, peitschten den Boden mit den Schwänzen und schnauften
gewaltig, während ihnen die Zunge zum Maule heraushing. Hinter den Wölfen
schlichen mit steifen Beinen und klotzigen Gliedmaßen, wie große
mißgestaltete Katzen, die Luchse umher. Sie schienen sich vor den andern
Tieren zu scheuen und zischten, wenn ihnen eines nahe kam. Das nächste
Glied hinter den Luchsen bildeten die Vielfraße, die ein Katzengesicht und
einen Bärenpelz haben. Diesen gefiel es nicht auf dem Erdboden, sie
trampelten ungeduldig mit ihren breiten Füßen und wollten wieder hinauf auf
die Bäume. Hinter diesen auf dem ganzen Platze bis hinüber an den Waldrand
tummelten sich die Füchse, die Wiesel, die Marder, lauter Tiere, die alle
klein und besonders schön gebaut waren, aber ein noch viel wilderes und
blutdürstigeres Aussehen hatten als die größern Raubtiere.

Der Propst sah alle diese Tiere sehr gut, denn der ganze Platz war erhellt.
Auf dem hohen Felsblock in der Mitte stand nämlich der Waldgeist, in der
Hand einen brennenden Kienspan, der mit einer hellen, klaren Flamme
brannte. Der Geist war so groß wie der höchste Baum im Walde; er trug einen
Mantel aus Tannenzweigen, und seine Haare waren Tannenzapfen. Ganz ruhig
stand er da und sah spähend und lauschend in den Wald hinein.

Obgleich der Propst alles ganz deutlich sah, wunderte er sich doch so sehr,
daß er sich förmlich dagegen wehrte und seinen eignen Augen nicht trauen
wollte. >Es ist ja ganz und gar unmöglich,< dachte er. >Bei mir muß irgend
etwas nicht in Ordnung sein. Ich bin zu lang im Waldesdunkel umhergeritten;
es ist eine Einbildung, die Gewalt über mich bekommen hat.<

Aber trotzdem verfolgte er alles mit gespannter Aufmerksamkeit und fragte
sich, was er wohl hier zu sehen bekäme und was geschehen würde.

Er brauchte nicht lange zu warten. Aus dem Walde herauf drang jetzt das
Bimmeln einer kleinen Glocke. Und gleich nachher hörte er wieder das
Geräusch von Schritten und brechenden Zweigen, als bräche eine Menge Tiere
durch die Wildnis hindurch.

Eine große Schar Haustiere kam den Berg herauf. Sie tauchten in derselben
Ordnung, wie wenn sie auf dem Wege nach dem Stalle wären, aus dem Walde
auf; voran ging die Leitkuh mit der Glocke, dann kam der Stier, dann die
andern Kühe und dahinter das Jungvieh und die Kälber. Ihnen folgten die
Schafe in einer dichten Herde. Hierauf kamen die Ziegen und zuletzt einige
Pferde und Füllen. Der Schäferhund lief neben der Herde her, die aber weder
von einem Hirten noch von einer Hirtin begleitet war.

Dem Propst zerriß es fast das Herz, als er die Haustiere so geradeswegs auf
die Raubtiere zugehen sah. Er hätte sich ihnen gerne in den Weg gestellt,
sie mit lautem Rufen vor dem Weitergehen zu warnen, aber er fühlte wohl,
daß es in keiner menschlichen Macht stand, in dieser Nacht die Schritte der
Tiere aufzuhalten, und so verhielt er sich ganz still.

Man konnte leicht sehen, wie sehr es den Haustieren vor dem Wege graute,
den sie machen mußten. Sie sahen elend und angstvoll aus; selbst die
Leitkuh schritt mit hängendem Kopf und mutlosen Schritten vorwärts. Die
Ziegen hatten zu nichts Lust, weder zum Hüpfen noch zum Bocken, die Pferde
versuchten mutig auszusehen, aber es lief ihnen ein Schauder nach dem
andern über den Rücken. Am jammervollsten sah der Schäferhund aus; er hatte
den Schwanz eingezogen und kroch beinahe am Boden hin.

Die Leitkuh führte den ganzen Zug bis dicht vor den Waldgeist, der dort auf
dem Felsblock stand. Sie ging rings um den Felsen herum und wendete sich
dann wieder dem Walde zu, ohne daß die wilden Tiere sie angerührt hätten.
Und auf diese Weise wanderte die ganze Herde unangetastet an den Raubtieren
vorüber.

Während die Haustiere so an dem Waldgeist vorüberzogen, sah der Propst, daß
er über einige von ihnen seine Kienfackel senkte und abwärts kehrte.

So oft dies geschah, brachen die Raubtiere in ein lautes, vergnügtes
Gebrüll aus, besonders wenn die Fackel über einer Kuh oder sonst über einem
größern Tier gesenkt wurde. Aber das Tier, auf das sich also die Fackel
herabsenkte, stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, als würde ihm ein
Messer ins Herz gestoßen, und die ganze Herde, zu der es gehörte, brach
gleichfalls in lautes Klagen aus.

Jetzt begann der Propst zu verstehen, was er hier vor sich sah. Er hatte
früher schon von einer Sage gehört, nach der sich die Haustiere von Delsbo
in jeder Neujahrsnacht auf dem Blackåsen versammeln müßten, damit der
Waldgeist da die Tiere bezeichnen könnte, die im Lauf des nächsten Jahres
den Raubtieren zum Opfer fallen sollten. Der Propst wurde von innigem
Mitleid erfaßt für das arme Vieh, das also in die Gewalt der Raubtiere
verfiel, obgleich es ja eigentlich keinen andern Herrn haben sollte als den
Menschen.

Kaum war die erste Herde wieder abgezogen, als auch schon der Ton einer
neuen Kuhglocke aus dem Walde ertönte und der Viehstand von einem andern
Hofe den Berg heraufgezogen kam. Alles verlief in ganz derselben Weise wie
das erstemal. Die Tiere gingen zu dem Waldgeist hin, der streng und ernst
da droben stand und da ein Tier und dort ein Tier als dem Tode verfallen
bezeichnete. Und nach dieser Herde kam ohne Unterbrechung eine Schar um die
andre daher. Einige von den Herden waren so klein, daß sie nur aus einer
einzigen Kuh und einigen Schafen bestanden; andre wieder bestanden nur aus
ein paar Geißen. Man sah, diese kamen aus kleinen, ärmlichen Waldhütten;
aber auch sie mußten vor den Waldgeist, und weder die einen noch die andern
blieben verschont.

Der Propst dachte an die Bauern von Delsbo, die eine so große Liebe für
ihre Haustiere hatten. >Wenn sie das nur wüßten, würden sie es nicht auf
diese Weise geschehen lassen!< dachte er. >Sie würden eher ihr eignes Leben
wagen, als ihren Viehstand zwischen Bären und Wölfen zum Waldgeist
hinwandern und diesen das Urteil über sie fällen lassen.<

Die letzte Schar, die herankam, war der Viehstand des Pfarrhofs. Der
Pfarrer erkannte von weitem die Glocke der Leitkuh, und das mußte auch das
Pferd getan haben. Es begann an allen Gliedern zu zittern, und sein Körper
bedeckte sich mit Schweiß. >Jaso, nun ist die Reihe an dir, am Waldgeist
vorüberzugehen und dein Urteil zu vernehmen,< sagte der Propst zu dem
Pferd. >Aber fürchte dich nicht! Ich verstehe, warum du mich hierher
geführt hast, und werde dich nicht verlassen.<

Der prächtige Viehstand des Pfarrhofs tauchte in einem langen Zug aus dem
Walde auf und ging auf die Raubtiere und den Waldgeist zu. Den Schluß des
Zuges bildete das Pferd, das seinen Herrn auf den Blackåsen gebracht hatte.
Der Propst war nicht abgestiegen, sondern saß ruhig im Sattel und ließ sich
von dem Tier zum Waldgeist hintragen.

Der Propst hatte weder eine Flinte noch ein Messer zu seiner Verteidigung;
aber er hatte das Kirchenbuch herausgenommen und drückte es fest an die
Brust, als er sich jetzt in Kampf mit dem Unhold einließ.

Zuerst schien es, als habe niemand den Propst bemerkt. Genau wie die andern
Herden wanderte auch die aus dem Pfarrhof an dem Waldgeist vorüber, und
dieser senkte seine Kienfackel nicht ein einziges Mal. Erst als das kluge
Pferd vorüberging, machte er eine Bewegung, um es für den Tod zu
kennzeichnen.

[Illustration: Die Neujahrsnacht der Tiere (Zu Seite 364)]

Aber in demselben Augenblick streckte der Pfarrer dem Waldgeist das
Kirchenbuch entgegen, und der Fackelschein fiel auf das Kreuz des
Einbandes. Da stieß der Waldgeist einen lauten, gellenden Schrei aus, die
Fackel entfiel seiner Hand, und die Flamme erlosch in demselben Augenblick.

In dem plötzlichen Übergang von Licht und Dunkel konnte der Propst nichts
sehen, und er hörte auch nichts mehr. Um ihn her herrschte dieselbe tiefe
Stille, wie immer hier draußen in der Wildnis zur Winterzeit.

Da teilten sich plötzlich die dichten Wolken, die den Himmel verdeckten; in
dem Spalt erschien der Vollmond, und sein Licht fiel auf die Erde. Jetzt
sah der Propst, daß er und das Pferd ganz allein auf dem Gipfel des
Blackåsen waren; nicht ein einziges von allen den wilden Tieren war noch
vorhanden, und der Boden war von allen den Viehherden, die darüber
hingewandert waren, nicht zertreten. Er selbst aber saß auf seinem Pferde,
das Kirchenbuch in den ausgestreckten Händen. Das Pferd unter ihm aber
zitterte und war in Schweiß gebadet.

Als der Propst den Berg hinuntergeritten war und seinen Hof erreicht hatte,
wußte er nicht mehr, ob das, was er gesehen hatte, ein Traum oder
Wirklichkeit gewesen war; aber daß es eine Mahnung an ihn sein sollte, auch
der armen Haustiere zu gedenken, die in der Gewalt der wilden Tiere waren,
das verstand er. Und er predigte den Bauern von Delsbo mit so gewaltigen
Worten, daß zu seiner Zeit alle Bären und Wölfe im Walde ausgerottet
wurden; allerdings scheinen sie, nachdem er gestorben war, leider wieder
zurückgekehrt zu sein.«

Hier schloß Bernhard seine Erzählung. Er wurde von allen Seiten sehr
gelobt, und es schien eine ausgemachte Sache, daß er den Preis bekommen
würde. Den meisten tat Klement sogar ordentlich leid, weil er mit Bernhard
wetteifern sollte.

Aber Klement begann seine Erzählung unerschrocken.

»Eines Tages ging ich auf Skansen, dem großen Lustgarten vor Stockholm
umher und hatte Heimweh,« begann er; und dann erzählte er von dem
Wichtelmännchen, das er da freigekauft habe, damit es nicht in einen Käfig
gesetzt und wie ein wildes Tier den Leuten gezeigt worden sei. Und er
erzählte weiter, wie er, nachdem er kaum diese gute Tat getan hatte, auch
dafür belohnt worden war. Er erzählte und erzählte, während die
Verwunderung seiner Zuhörer beständig zunahm, und als er endlich an den
königlichen Lakaien und an das prächtige Buch kam, hatten alle Sennerinnen
ihre Handarbeiten in den Schoß sinken lassen; sie saßen unbeweglich da und
sahen Klement an, der so wunderbare Erlebnisse gehabt hatte.

Sobald Klement geendigt hatte, sagte die älteste Sennerin, daß das Halstuch
ihm gehöre. »Denn,« sagte sie, »Bernhard hat uns das erzählt, was einem
andern passiert ist, Klement aber hat selbst eine richtige Geschichte
erlebt, und das halte ich für mehr.«

Darin stimmten alle mit ihr überein. Seit sie erfahren hatten, daß Klement
mit dem König gesprochen hatte, sahen sie ihn mit ganz andern Augen an als
vorher, und der kleine Spielmann fürchtete sich fast, zu zeigen, wie stolz
er sich fühlte. Aber mitten in seinem großen Glück fragte ihn plötzlich
jemand, was er denn mit dem Wichtelmännchen gemacht habe.

»Die blaue Schale konnte ich ihm leider nicht selbst hinstellen,« sagte
Klement, »aber ich habe den alten Lappen gebeten, es für mich zu tun. Was
später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht.«

Kaum hatte Klement dies gesagt, als ein kleiner Tannenzapfen dahergesaust
kam und ihm an die Nase flog. Der Tannenzapfen war nicht vom Baume
heruntergefallen und auch nicht von einem Menschen geschleudert worden;
niemand konnte begreifen, woher er gekommen war.

»Ei, ei, Klement,« sagte die Sennerin, »es sieht fast aus, als könnte das
Wichtelvolk hören, was wir sprechen! Ich glaube, Ihr hättet nicht einen
andern mit dem Hinausstellen der blauen Schale beauftragen, sondern es
selbst tun sollen.«

[Illustration]



41

In Medelpad


                                                  Freitag, 17. Juni

Der Adler und der Junge waren am nächsten Morgen in aller Frühe wieder
unterwegs, und Gorgo dachte, er werde an diesem Tage weit nach Västerbotten
hinaufkommen, aber da hörte er ganz zufälligerweise den Jungen vor sich
hinsagen, in so einem Land, wie in diesem hier, über das er jetzt
hinfliege, könnten sich wohl Menschen unmöglich fortbringen.

Das Land, das unter ihnen lag, war das südliche Medelpad, und weit umher
war nichts zu sehen als wilde, dunkle Wälder. Aber sobald der Adler hörte,
was Nils Holgersson sagte, rief er: »Hier oben ist der Wald der Acker!«

Der Junge mußte daran denken, welch ein großer Unterschied doch zwischen
den goldig schimmernden Getreidefeldern sei mit ihren weichen Halmen, die
in einem Sommer in die Höhe schossen, und den dunkeln Tannenwäldern mit
ihren harten Stämmen, die Jahre brauchten, bis sie zum Fällen
herangewachsen waren.

»Wer sein Auskommen von so einem Acker haben will, muß ordentlich Geduld
haben,« erwiderte er.

Mehr wurde nicht gesprochen, bis sie einen Ort erreichten, wo der Wald
gefällt und der Boden mit Baumstümpfen und abgehackten Zweigen bedeckt war.
Während sie über dieses Rodland hinflogen, hörte der Adler den Jungen
wieder vor sich hinsagen, das sei doch eine schrecklich häßliche und
armselige Gegend.

»Dies hier ist ein Acker, der im letzten Winter geschnitten worden ist,«
sagte der Adler sogleich.

Der Junge dachte daran, wie die Schnitter in seinem Heimatdorfe am hellen
Sommermorgen mit ihren blanken schönen großen Mähmaschinen auszogen und in
ganz kurzer Zeit einen Acker geschnitten hatten. Aber der Ertrag dieses
Ackers hier wurde im Winter geerntet! Wenn hoher Schnee lag und die Kälte
am strengsten war, zogen die Holzfäller hinaus ins Ödland. Welch ein hartes
Stück Arbeit war schon das Fällen eines einzigen Baumes! Um aber eine so
große Strecke Wald, wie diese hier, auszuroden, mußten die Arbeiter
wahrscheinlich mehrere Wochen im Walde gehaust haben.

»Das müssen tüchtige Leute sein, die einen solchen Acker schneiden können,«
sagte der Junge.

Nachdem der Adler wieder ein paar Flügelschläge getan hatte, sah der Junge
eine kleine Hütte auf dem ausgerodeten Waldboden. Sie war aus groben,
unbehauenen Baumstämmen zusammengezimmert, hatte keine Fenster, und als
Türe dienten nur ein paar lose Bretter. Das Dach war mit Rinde und Zweigen
bedeckt gewesen, die aber jetzt auseinandergefallen waren. Der Junge sah,
daß innen in der Hütte nur ein paar hölzerne Bänke und ein paar große
Steine waren, die als Herd gedient hatten. Als sie über die Hütte
hinflogen, hörte der Adler den Jungen vor sich hinsagen, wer denn wohl in
so einer elenden Hütte gewohnt haben könnte.

»Die Schnitter haben hier gewohnt, als sie den Waldacker mähten,« versetzte
der Adler.

Der Junge dachte daran, wie daheim in seiner Gegend die Schnitter am Abend
froh und lustig von der Arbeit heimkehrten und ihnen das Beste, was Mutter
im Vorratshause hatte, vorgesetzt wurde. Hier mußten sie nach der strengen
Arbeit auf harten Bänken schlafen, in einer Hütte, die schlechter war als
ein Schuppen. Und von was sie sich hier nährten, das konnte er einfach
nicht begreifen.

»Ach, hier wird wohl den Schnittern kein Erntefest gehalten!« sagte er.

Etwas weiter hin sahen sie unter sich einen furchtbar schlechten Weg; er
war schmal und uneben, mit Steinen übersät und voll von Löchern und zog
sich in Schlangenwindungen durch den Wald hin. An mehreren Stellen war er
auch von Bächen durchschnitten; und während der Adler über diesen Waldweg
hinflog, hörte er den Jungen sagen, was denn auf so einem Weg befördert
werden könnte?

»Auf diesem Weg ist die Ernte in die Scheune geführt worden,« sagte Gorgo.

Unwillkürlich mußte der Junge daran denken, welch ein Fest es daheim war,
wenn die großen, mit zwei starken Pferden bespannten Erntewagen das
Getreide vom Acker hereinholten. Der Knecht thronte hoch droben auf dem
Wagen, die Pferde warfen sich stolz in die Brust, und die Dorfkinder, die
auf den Wagen hatten hinaufklettern dürfen, saßen halb beglückt, halb
ängstlich auf den Garben und schrien und lachten durcheinander. Hier aber
wurden Stämme geladen und dann steile Abhänge hinauf- und hinabgefahren.
Die Pferde mußten wie gerädert sein, und der Kutscher war gewiß oft der
Verzweiflung nahe. »Da werden wohl nicht viel lustige Reden unterwegs hin
und her fliegen,« sagte der Junge.

Der Adler segelte mit gewaltigen Flügelschlägen weiter durch die Luft
dahin, und so gelangten sie bald an einen Fluß. Hier sahen sie einen Platz,
der mit Spänen, Holzstücken und Rinde bedeckt war, und der Adler hörte den
Jungen sagen, warum es denn da drunten so unordentlich aussähe?

»Hier sind die Garben in Haufen gesetzt worden.«

Der Junge mußte unwillkürlich an die Garbendiemen in seiner Heimat denken,
die dicht bei den Höfen errichtet werden, als wenn sie deren schönster
Schmuck wären. Hier aber wurde die Ernte nach einem einsamen Flußufer
geschafft und dann da liegen gelassen. »Ob wohl ein einziger Besitzer in
diese Wildnis hier herauskommt, seine Diemen zu zählen und sie mit denen
seiner Nachbarn zu vergleichen?« rief der Junge unwillkürlich.

Bald erreichten sie einen großen Fluß, den Ljungan, der in einem breiten
Tale dahinzieht, und da war mit einem Schlage alles so verändert, daß man
hätte meinen können, man sei in einem ganz andern Lande. Der dunkle
Nadelwald war auf den steilen Abhängen über dem Tale zurückgeblieben, und
die Hänge prangten jetzt überall mit weißstämmigen Birken und Eschen. Das
Tal war so breit, daß sich der Fluß an mehreren Stellen zu einem See
erweitern konnte, und an den Ufern stand ein großer wohlhabender Hof dicht
neben dem andern. Als nun die beiden über das Tal hinflogen, hörte der
Adler, wie der Junge sich fragte, ob denn wohl die Wiesen und Äcker da
drunten für diese ganze Bevölkerung ausreichten?

»Hier wohnen die Schnitter, die den Waldacker geschnitten haben,« sagte der
Adler.

Der Junge dachte an die niedrigen Häuser und die eng zusammengebauten Höfe
in Schonen. »Hier wohnen ja die Bauern geradezu in Herrenhäusern, und es
sieht aus, als lohne sich die Arbeit im Walde doch recht gut,« sagte er.

Der Adler hatte die Absicht gehabt, quer über den Ljungan hinüberzufliegen;
als er aber ein Stück weit über den Fluß geflogen war, hörte er den Jungen
vor sich hinsagen, wer denn nun weiter für das Holz sorge, nachdem es in
Haufen geschichtet worden sei? Da drehte Gorgo um und flog in östlicher
Richtung weiter.

»Der Fluß sorgt weiter dafür; er führt es nach der Mühle,« sagte er.

Der Junge dachte daran, wie sorgfältig man daheim mit den Garben umging,
damit nichts verschleudert wurde. Hier kamen große Mengen von Balken den
Fluß heruntergeschwommen, ohne daß sich jemand darum bekümmerte. Er war
überzeugt, daß nicht die Hälfte von denen da ankommen würden, wo sie
sollten. Die einen schwammen allerdings mitten in der Strömung, und dann
ging alles gut, andre aber wurden gegen die Ufer getrieben, oder sie
stießen an Landzungen an, wo sie dann in dem ruhigen Uferwasser der Buchten
liegen blieben. In den Seen sammelten sich die Stämme in solch großer Zahl,
daß sie oft die ganze Oberfläche bedeckten. Hier blieben sie liegen und
schienen sich bis ins Unendliche ausruhen zu wollen. An den Brücken stauten
sie sich, in den Wasserfällen brachen sie mittendurch, in den
Stromschnellen wurden sie zwischen Steine hineingeklemmt und türmten sich
zu hohen, schwankenden Stapeln auf.

»Ich möchte wohl wissen, wie lange diese Ernte braucht, bis sie die Mühle
erreicht?« sagte der Junge.

Aber Gorgo flog nur langsam immer weiter den Ljungan entlang. Zu
wiederholten Malen hielt er sich mit weit ausgebreiteten Flügeln ganz still
in der Luft droben, damit der Junge sehen konnte, in welcher Weise diese
Erntearbeit vor sich ging.

Nach einer Weile gelangten sie an einen Platz, wo die Flößer an der Arbeit
waren. Und der Adler hörte den Jungen fragen, was denn das für Leute seien,
die da am Ufer hinliefen?

»Diese Leute sorgen für das Getreide, das sich unterwegs aufgehalten hat,«
sagte Gorgo.

Der Junge dachte daran, wie ruhig und still die Leute in seiner Heimat ihre
Garben in die Mühle fuhren. Hier liefen die Männer mit langen Bootshaken in
den Händen am Ufer hin und halfen den Stämmen mit vieler Mühe und
Beschwerlichkeit weiter. Sie wateten ins Uferwasser hinaus, wobei sie von
Kopf bis zu Fuß naß wurden. Sie sprangen von Stein zu Stein in die
Stromschnellen hinein und schritten auf den schwankenden Stämmen so ruhig
umher, wie wenn sie auf dem festen Boden gingen. Das waren kühne und
entschlossene Männer!

»Wenn ich dies alles hier sehe, muß ich unwillkürlich an die Schmiede im
Bergwerkdistrikt denken, die mit dem Feuer umgingen, als sei es vollständig
ungefährlich,« sagte der Junge. »Diese Flößer hier spielen mit dem Wasser,
als seien sie dessen Herren. Sie scheinen es so unterjocht zu haben, daß es
sich nicht mehr an sie heran traut.«

Ganz allmählich hatten sie die Mündung des Flusses erreicht, und nun lag
der Bottnische Meerbusen vor ihnen. Aber Gorgo flog nicht geradeaus,
sondern in nördlicher Richtung dem Ufer entlang. Er war noch nicht weit
geflogen, als sie unter sich ein Sägewerk sahen, das eine förmliche kleine
Ortschaft bildete; und während der Adler darüber hin und her schwebte,
hörte er den Jungen vor sich hinsagen, das sei doch ein prächtiger großer
Ort!

»Hier hast du die große Sägemühle, die Svartvik heißt,« rief der Adler.

Der Junge dachte an die Windmühlen in seiner Heimat, die so friedlich von
grünen Bäumen umgeben dalagen und langsam ihre Flügel drehten. Diese Mühle
hier, wo die Waldernte gemahlen wurde, lag dicht am Meeresufer. Auf dem
Wasser davor schwamm eine Menge Balken, von denen einer nach dem andern mit
eisernen Ketten zuerst auf eine schräge Brücke und von da in ein
scheunenartiges Haus hineingezogen wurde. Was da drinnen mit ihnen geschah,
konnte der Junge nicht sehen, aber er hörte ein lautes Rasseln und Dröhnen,
und auf der andern Seite des Hauses kamen kleine, mit weißen Brettern
hochbeladene Wagen herausgerollt. Die Wagen fuhren auf blanken Schienen
nach dem Zimmerplatz, wo die Bretter zu großen Stapeln aufgebaut waren,
die ganze Straßen bildeten, gerade wie in einer Stadt die Häuser. An einer
Stelle wurden neue Stapel gebaut, an einer andern die alten eingerissen und
die Bretter auf zwei große Schiffe geladen, die schon ihrer Last harrten.
Überall wimmelte es von Arbeitern, deren Häuser hinter dem Zimmerplatz
lagen.

»Hier wird ja gearbeitet, daß schließlich der ganze Wald in Medelpad
zusammengesägt werden wird,« sagte der Junge.

Der Adler bewegte seine Flügel ein wenig, und sofort sah der Junge ein
neues Sägewerk mit Sägemühle, Zimmerplatz, Hafen und Arbeiterwohnungen, das
dem ersten ganz ähnlich sah.

»Hier ist noch eine von den großen Mühlen. Diese heißt die Bienenburg,«
sagte Gorgo.

[Illustration]

»Ja, ich sehe wohl, der Wald gibt eine viel größere Ernte, als ich gedacht
hatte,« sagte Nils Holgersson. »Aber noch mehr solcher Holzmühlen gibt es
doch wohl nicht?«

Der Adler bewegte nur ganz sachte die Flügel; er flog an einigen Sägewerken
vorüber, und so gelangten sie rasch an eine große Stadt. Als der Adler
hörte, daß der Junge fragte, was das wohl für eine Stadt sein könnte, rief
er: »Dies ist Sundsvall. Das ist der Hauptplatz des Bezirks.«

Da mußte der Junge an die Städte drunten in Schonen denken, die gar so alt
und grau und ernst aussahen. Hier oben im kalten Norden lag Sundsvall ganz
drinnen in einer schönen Bucht und sah neu und vergnügt und strahlend schön
aus. Von oben gesehen hatte die Stadt etwas überaus Lustiges, denn in der
Mitte lag eine Gruppe schöner, hoher steinerner Häuser, die kaum in
Stockholm ihresgleichen haben konnten; rings um diese hohen steinernen
Gebäude her war ein freier Raum, und dann erst kam ein Kranz von
Holzhäusern, die freundlich und gemütlich von kleinen Gärten umgeben
dalagen, aber allem Anscheine nach sehr gut wußten, daß sie geringer waren
als die steinernen Häuser und sich deshalb nicht ganz zu ihnen hinwagen
dürften.

»Das ist ja eine sehr große, reiche Stadt,« sagte der Junge. »Sollte der
magere Waldboden dies alles hervorgebracht haben? Das ist aber doch wohl
nicht möglich?«

Der Adler bewegte die Flügel und flog hinüber nach Alnön, das Sundsvall
gerade gegenüber liegt. Hier konnte sich der Junge nicht genug verwundern
über alle die vielen Sägewerke, die der Küste entlang lagen. Hier bei Alnön
lagen sie dicht nebeneinander, und auf dem Festland gerade gegenüber lag
auch Sägewerk neben Sägewerk, Zimmerplatz neben Zimmerplatz. Der Junge
zählte mindestens vierzig, aber er glaubte, es seien noch mehr.

»Es ist doch recht merkwürdig, daß es hier oben so aussehen kann,« sagte
er. »So viel Leben und so viel Bewegung habe ich auf der ganzen Reise noch
nirgends gesehen. Das ist doch ein wunderbares Land! Wohin ich auch kommen
mag, überall gibt es etwas, wodurch sich die Menschen ihren Lebensunterhalt
verschaffen können.«

[Illustration]



42

Ein Morgen in Ångermanland

Das Brot


                                                  Samstag, 18. Juni

Als der Adler am nächsten Morgen eine Strecke weit nach Ångermanland
hineingeflogen war, sagte er, heute sei er hungrig, er wolle sich etwas
Nahrung verschaffen. Er setzte Nils Holgersson auf einer mächtigen Tanne
ab, die auf einem hohen Felsen stand, und flog davon.

Der Junge machte sich einen guten Sitzplatz auf einem gegabelten Ast, und
von da aus schaute er nach Ångermanland hinunter. Es war ein wunderschöner
Morgen, die Sonne vergoldete die Baumwipfel, ein sanfter Wind strich wie
liebkosend durch die Nadeln, und ein lieblicher Duft stieg aus dem Walde
auf. Dem Jungen war froh und sorglos zumute; er dachte, niemand könnte es
besser gehen als ihm.

Nach allen Seiten war die Aussicht offen, und er konnte frei umherschauen.
Gegen Westen war das Land voller Felsenkuppen und Berggipfel, die in der
Ferne immer höher und wilder wurden. Ostwärts war auch hügeliges Land; da
aber senkte es sich und wurde niedriger, bis es sich drunten am Meere
schließlich ganz flach hinzog. Überall blinkten Bäche und Flüsse, die, so
lange sie zwischen den Bergen flossen, einen gar beschwerlichen Lauf mit
vielen Stromschnellen und Wasserfällen hatten, sich aber ausbreiteten,
glänzend hell und breit wurden, sobald sie sich der Küste näherten. Den
Bottnischen Meerbusen konnte Nils Holgersson auch sehen. In der Nähe des
Landes war er mit Inseln gespickt und in Landzungen ausgezackt, aber
weiterhin lag die Wasserfläche dunkelblau glänzend da wie ein Sommerhimmel.

»Dieses Land sieht aus wie ein Flußufer, gleich nachdem es geregnet hat,«
dachte der Junge. »Viele kleine Bäche fließen heraus und graben Furchen in
den Boden, die sich winden und hinschlängeln und ineinanderlaufen. Und es
ist in der Tat ein recht schöner Anblick. Ich erinnere mich wohl, daß der
alte Lappe auf Skansen immer sagte, der liebe Gott habe Schweden, als er
es auf der Erde ausbreitete, verkehrt hingestellt. Die andern lachten ihn
aus, aber er blieb bei seinem Ausspruch und sagte, wenn sie gesehen hätten,
wie schön es da droben im Norden sei, dann würden sie wohl einsehen, daß es
nicht von Anfang beabsichtigt gewesen sei, ein solches Land so abseits zu
legen. Und ich glaube fast, darin hatte er recht.«

Nachdem sich der Junge an der Landschaft satt gesehen hatte, nahm er sein
Ränzel ab, zog ein Stück feines Weißbrot heraus und begann zu essen.

»Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein so gutes Brot
gegessen,« sagte er. »Und wieviel ich noch habe! Das genügt noch für
mehrere Tage. Gestern um diese Zeit hätte ich nicht geglaubt, daß ich heute
im Besitz von solchem Reichtum sein würde.«

Während er lustig kaute und drauf los aß, dachte er daran, auf welche Weise
er das Brot bekommen hatte.

»Es schmeckt mir gewiß auch deshalb so ausgezeichnet, weil ich es auf eine
so schöne Weise erhalten habe,« sagte er.

Schon am Abend vorher hatte der Königsadler Medelpad verlassen, und kaum
hatte er die Grenze von Ångermanland erreicht, als der Junge ein Wiesental
und einen Fluß erblickte, die an Schönheit und Größe alles andre, was er
bisher gesehen hatte, übertrafen.

Das Tal lag ungeheuer breit zwischen den Bergen, und der Junge fragte sich,
ob nicht am Ende dieses Tal in frühern Zeiten von einem andern Flusse,
einem viel größern und breitern als dem jetzigen, ausgegraben worden sein
könnte. Nachdem das Tal hergestellt gewesen war, mußte es durch irgendein
Ereignis mit Sand und Erde verschüttet worden sein, zwar nicht vollständig,
aber doch ein gutes Stück an dem Gebirge hinauf. Durch das Geröll hindurch
hatte sich dann der jetzige Fluß, der sehr breit und wasserreich war, auch
ein tiefes Bett gegraben. Er hatte seine Ufer wunderschön ausgeschnitten:
bald umsäumten ihn Abhänge, die in roter, blauer und gelber Blumenpracht
bis herauf zu dem Jungen leuchteten, bald ragten die felsigen Strecken, die
dem Wasser zu hart zum Durchbrechen gewesen waren, wie steile Mauern und
Türme am Flußufer auf.

Als der Adler den Jungen so hoch droben durch die Lüfte getragen hatte, war
es diesem gewesen, als könne er zu gleicher Zeit in drei verschiedene
Welten hineinschauen. Ganz drunten im Tale, wo der Fluß hinzog, war die
eine Welt. Da wurden Balken fortgeflößt, da eilten Dampfboote von Brücke zu
Brücke, da klapperten die Sägewerke, da wurden große Frachtschiffe beladen,
da wurde der Lachs gefangen, da wurde gerudert und gesegelt, da flogen
unzählige Schwalben, die ihre Nester in der Nähe des Ufers hatten, hin und
her!

Aber ein Stockwerk höher, sozusagen zur ebenen Erde, die sich ganz bis an
den Rand der Berge erstreckte, war die zweite Welt. Da lagen Gehöfte,
Dörfer und Kirchen; da bestellten die Bauern ihre Felder, da weidete das
Vieh, da grünten die Wiesen, da waren die Weiber in ihren kleinen
Gemüsegärten eifrig an der Arbeit, da zogen sich die Landstraßen in vielen
Krümmungen hin, da brauste die Eisenbahn einher!

Und dann, weit entfernt von all diesem, droben auf den waldbestandenen
Höhen, da war die dritte Welt. Da lag das Weibchen des Auerhahns auf seinen
Eiern, da stand der Elch im tiefen Waldesdunkel verborgen, da lauerte der
Luchs, da knabberte das Eichhörnchen, da dufteten die Tannen, da blühten
die Heidelbeeren, da schlug die Drossel ihre Triller!

Als Nils Holgersson das reiche Flußtal erblickte, fing er an, über Hunger
zu klagen. »Nun habe ich seit zwei vollen Tagen nichts zu essen bekommen,«
sagte er, »und ich bin ganz ausgehungert.«

Gorgo war der Gedanke unerträglich, es könne nachher heißen, dem Jungen sei
es bei ihm schlechter gegangen als bei den Wildgänsen, und er flog deshalb
sogleich langsamer.

»Warum hast du das nicht früher gesagt?« fragte er. »Du kannst so viel zu
essen haben, wie du nur willst. Wenn du einen Adler als Reisekameraden
hast, brauchst du nicht zu hungern.«

Gleich darauf gewahrte Gorgo einen Bauern, der drunten am Flusse ein Feld
besäte. Das Saatkorn trug der Mann in einem Korbe vorn auf der Brust, und
so oft der Korb leer war, holte er sich neuen Vorrat aus einem Sack, der
drüben am Rande des Ackers stand. Der Adler vermutete mit Recht, daß dieser
Sack mit dem Besten gefüllt sei, was sich der Junge nur wünschen könnte,
und er ließ sich deshalb an dieser Stelle hinuntersinken.

Aber ehe der Adler den Boden erreicht hatte, entstand um ihn her ein
entsetzlicher Lärm; in dem Glauben, der Adler wolle sich auf einen Vogel
stürzen, kamen Krähen, Sperlinge und Schwalben mit lautem Geschrei eilig
dahergeflogen.

»Weg, weg, du Räuber! Weg, weg, du Vogelmörder!« schrien sie; und sie
verführten einen solchen Spektakel, daß der Bauer aufmerksam wurde und
herbeilief. Da war der Adler gezwungen, zu fliehen, und der Junge hatte
auch nicht ein einziges Körnchen bekommen.

Diese kleinen Vögel hatten sich zu sonderbar benommen; nicht genug, daß sie
den Adler in die Flucht zwangen, sie verfolgten ihn auch noch eine gute
Strecke das Tal entlang. Und überall wurden die Leute auf das laute
Vogelgeschrei aufmerksam; die Weiber liefen vor die Häuser heraus und
klatschten so laut in die Hände, daß es wie Gewehrsalven klang, und die
Männer kamen mit der Flinte in der Hand herbeigelaufen.

Und so ging es jedesmal, sobald sich der Adler auf die Erde hinabsinken
ließ. Der Junge hatte die Hoffnung, der Adler werde ihm etwas Nahrung
verschaffen können, schon aufgegeben. Ach, er hatte bis jetzt gar nicht
gewußt, wie verhaßt und verabscheut Gorgo war! Dieser tat dem Jungen
herzlich leid, und er meinte fast, es geschähe ihm unrecht.

Nach einer Weile flogen sie über einen schönen Bauernhof hin, wo die
Hausfrau offenbar großen Backtag gehabt hatte. Die frischgebackenen
Weißbrote standen zum Abkühlen auf dem Hofplatz, und die Bäuerin selbst
stand zur Aufsicht daneben, damit weder Hund noch Katze eines davon
stibitze.

Der Adler hätte sich auf den Hof hinabsinken lassen können; aber vor den
Augen der Bäuerin wagte er die Brote nicht anzugreifen. Ratlos flog er hin
und her; ein paarmal war er schon dicht über dem Schornstein, flog aber
jedesmal wieder in die Höhe.

Jetzt gewahrte die Bäuerin den Adler; sie hob den Kopf und sah ihm nach.

»Wie sonderbar dieser Vogel sich benimmt!« sagte sie. »Ich glaube gar, er
möchte eines von meinen Brötchen.«

Es war eine sehr schöne Frau, groß und blondhaarig, mit einem offenen,
fröhlichen Gesicht. Sie lachte herzlich, nahm eines der Brötchen von der
Platte und hielt es hoch über ihrem Kopf empor. »Wenn du es willst, dann
hol es dir!« rief sie.

[Illustration]

Der Adler konnte nicht verstehen, was sie sagte; aber er war sich doch
sogleich klar darüber, daß sie ihm das Brot geben wollte. Blitzschnell
schoß er hinunter, schnappte ihr das Brot aus der Hand und schoß wieder in
die Luft hinauf.

Als der Junge den Adler das Brot ergreifen sah, traten ihm die Tränen in
die Augen; einerseits aus Freude, weil er nun mehrere Tage lang nicht zu
hungern brauchte, andrerseits aber, weil er tief gerührt war, daß die
Bäuerin ihr Brot mit einem wilden Raubvogel geteilt hatte.

Und während Nils Holgersson nun hier in dem Tannenwipfel saß, konnte er
sich, sobald er nur wollte, das Bild der großen, blondhaarigen Frau ins
Gedächtnis zurückrufen; er sah sie ganz deutlich vor sich, wie sie auf dem
Hofplatz stand und das Brot in die Höhe hob. O, sie hatte ohne Zweifel
gewußt, daß der große Vogel ein Königsadler war, ein Räuber, den die Leute
sonst mit scharfen Schüssen begrüßen, und sie hatte wohl auch das
sonderbare Wesen bemerkt, das der Adler auf dem Rücken trug; aber sie hatte
nicht erst lange gefragt, wer die beiden waren; sobald sie begriff, daß sie
hungrig waren, hatte sie ihnen von ihrem guten Brot mitgeteilt!

»Wenn ich einmal wieder ein Mensch bin,« dachte der Junge, »dann mache ich
mich auf den Weg und suche die schöne Bäuerin an dem großen Flusse auf, um
ihr dafür zu danken, daß sie so gut gegen uns gewesen ist.«


Der Waldbrand

Während Nils Holgersson noch mit seinem Frühstück beschäftigt war, wehte
ihm plötzlich von Norden her ein schwacher Brandgeruch entgegen. Er wendete
sich gleich nach dieser Seite und sah von einem der bewaldeten Hügel eine
ganz dünne Rauchsäule aufsteigen, und zwar nicht von dem ihm am nächsten
liegenden, sondern von einem aus der dahinter aufragenden Hügelkette.
Dieser Rauch, der da mitten aus dem wilden Walde aufstieg, machte den
Jungen stutzig; aber dann dachte er, es könne ja möglicherweise dort eine
Sennhütte sein, und die Sennerinnen seien beim Kaffeekochen.

Aber es war doch sonderbar, wie sehr der Rauch zunahm und wie er sich immer
weiter ausbreitete! Von einer Sennhütte konnte er nicht aufsteigen; aber
vielleicht waren dort Kohlenbrenner bei ihren Meilern. Auf Skansen hatte
der Junge eine Kohlenbrennerhütte und einen Kohlenmeiler gesehen, und er
hatte auch gehört, daß in diesen Wäldern hier an verschiedenen Orten Kohlen
gebrannt würden. Aber eigentlich hatten Kohlenbrenner doch nur im Frühjahr
und im Winter brennende Meiler!

Der Rauch nahm mit jedem Augenblick zu; jetzt wogte er über den ganzen
Hügel hin. Ein Kohlenmeiler konnte nicht so viel Rauch hervorbringen, das
war ausgeschlossen. Irgendwo mußte ein Brand sein; der Junge sah auch eine
Menge Vögel aufsteigen und nach dem nächsten Hügel hinüberfliegen. Habichte
und Auerhähne und andre kleine Vögel, die der Junge aus dieser Entfernung
nicht erkennen konnte, flüchteten sich vor dem Brande.

Aus der kleinen weißen Rauchsäule war jetzt eine schwere weiße Wolke
geworden, die sich am Hügelrand hinwälzte und von da ins Tal hinabsenkte.
Aus der Wolke heraus flogen Funken und Rußflocken, und ab und zu leckte
auch eine rote Flamme durch den Rauch. Dort drüben mußte sicher eine
gewaltige Feuersbrunst ausgebrochen sein! Aber was in aller Welt brannte
denn dort? Es konnte doch unmöglich ein Bauernhof so tief drinnen im Walde
versteckt liegen?

Und bei einer solchen Feuersbrunst, wie die da drüben, hätte sicher auch
mehr als ein Hof brennen müssen. Jetzt wallte der Rauch nicht nur von dem
Hügel auf; nein, auch aus dem Tale drunten, das der Junge zwar nicht sehen
konnte, weil es von dem nächsten Hügel verdeckt war, stiegen große
Rauchmassen auf. Es war nicht anders möglich, der Wald selbst mußte in
Brand geraten sein.

Der Junge konnte sich fast nicht vorstellen, daß der frische grüne Wald in
Brand geraten könnte. Und doch mußte es so sein! Aber wenn nun der Wald
dort drüben wirklich brannte, dann konnte das Feuer ja bis zu ihm
herüberdringen! »Sehr wahrscheinlich ist dies zwar nicht, aber es wäre mir
doch recht angenehm, wenn der Adler jetzt bald käme,« dachte der Junge.
»Wenn ich doch nur von hier fort wäre!« Schon allein der Brandgeruch, den
er bei jedem Atemzug einatmen mußte, war ihm unerträglich.

[Illustration]

Plötzlich erklang ringsum ein entsetzliches Knattern und Dröhnen. Es kam
von dem nächsten Hügel her. Ganz oben auf dem Gipfel stand eine ebenso hohe
Tanne wie die, auf der Nils Holgersson saß. Sie war sehr hoch und ragte
über alle andern hinaus. Vorhin war sie von der Morgensonne rot beleuchtet
gewesen, jetzt glühten alle ihre Nadeln wie auf einen Schlag, und sie fing
Feuer. So schön war sie noch niemals gewesen; aber dies war das letztemal,
wo sie ihre Schönheit zeigen konnte. Sie war der erste Baum auf diesem
Hügel, der Feuer fing, und der Junge konnte gar nicht begreifen, wie es
zugegangen war. War das Feuer auf roten Schwingen dahergeflogen gekommen?
Oder war es zischend an der Erde hingekrochen wie eine Schlange? Das war
nicht leicht zu entscheiden, jedenfalls war es nun da; der ganze Baum
loderte hell auf wie ein Haufen Reisig.

Da, da! Jetzt schlug der Rauch an verschiedenen Stellen auf dem Hügel
zugleich heraus! Der Waldbrand war Vogel und Schlange zugleich; er konnte
sich ebensogut weit durch die Luft schwingen wie an der Erde hinkriechen;
er entzündete den ganzen Waldhügel auf einen Schlag.

Nun entstand eine wahre Panik; die Vögel flohen in wilder Eile. Wie große
Rußflocken flatterten sie aus dem Rauche heraus, flogen quer übers Tal hin
und auf den Hügel, wo sich der Junge befand. Ein Uhu ließ sich neben dem
Jungen nieder, und gerade über ihm setzte sich ein Habicht auf einen Zweig.
Zu jeder andern Zeit wären dies gefährliche Nachbarn gewesen; aber jetzt
beachteten die Vögel den Jungen gar nicht. Sie starrten nur in das Feuer
hinein und konnten offenbar durchaus nicht begreifen, was dort im Walde
vorging. Ein Marder lief auch auf den Baum herauf; er stellte sich auf die
äußerste Spitze eines Zweiges und schaute unverwandt zu dem brennenden
Waldhügel hinüber. Dicht neben dem Marder saß ein Eichhörnchen; aber die
beiden schienen einander gar nicht zu sehen.

Jetzt jagte das Feuer den Abhang herunter. Es zischte und dröhnte wie ein
brausender Sturm. Durch den Rauch hindurch konnte man die Flammen von Baum
zu Baum züngeln sehen. Ehe eine Tanne in Brand geriet, wurde sie zuerst in
eine dünne Rauchwolke wie in einen Schleier gehüllt, dann wurden mit einem
Schlag alle ihre Nadeln rot, und dann begann sie zu knistern und zu
brennen.

Drunten im Tal vor dem Hügel floß ein kleiner von Erlen und Birken
umsäumter Bach. Es sah aus, als müsse das Feuer hier Halt machen. Die
Laubholzbäume gerieten nicht so rasch in Brand wie die Nadelhölzer. Hier
stand das Feuer wie vor einer Mauer und konnte nicht weiter. Es glühte und
sprühte und versuchte, nach dem Nadelwald auf der andern Seite des Baches
hinüberzuspringen; aber es gelang ihm nicht.

Für eine Weile war das Feuer zum Stillstand gebracht; doch jetzt leckte
eine lange Feuerzunge hinüber nach einer hohen, abgestorbenen Fichte, die
unten am Abhang wuchs; sofort stand auch der ganze Baum in heller Lohe, und
damit war das Feuer über den Bach herübergekommen. Die Hitze war überaus
stark; jeder Baum am ganzen Abhang war in größter Gefahr: er konnte im
nächsten Augenblick in Brand geraten. Und mit solchem wilden Brausen und
Donnern, wie es nur der heftigste Sturm oder der wildeste Wasserfall
hervorbringt, jagte das Feuer jetzt den jenseitigen Hügel hinauf.

Da breiteten der Habicht und der Uhu die Flügel aus und flogen davon. Der
Marder schoß von dem Baum hinunter. Allem Anscheine nach dauerte es jetzt
nicht mehr lange, bis das Feuer diese Tanne ergriff, und der Junge mußte
machen, daß er herunterkam. Aber es war nicht so leicht für ihn, an dem
hohen, geraden Stamm der Tanne hinabzuklettern; er klammerte sich an, so
gut es ging, und ließ sich so von einem Zweig zum andern hinuntergleiten,
und schließlich stürzte er schwer zu Boden. Aber er hatte keine Zeit, sich
zu überzeugen, ob er sich verletzt hatte. Nur fort, fort! Das war die
Losung. Wie ein zischender Blitz schlug das Feuer in die Tanne, der
Erdboden darunter war glühend heiß und begann zu rauchen. Auf der einen
Seite von dem Jungen lief ein Luchs, auf der andern ringelte sich eine
lange Kreuzotter, und ganz dicht neben der Kreuzotter kluckte eine
Auerhenne, die mit ihren kleinen flaumigen Jungen davoneilte.

Als die Flüchtlinge den Abhang hinuntergekommen waren und das Tal erreicht
hatten, trafen sie mit Menschen zusammen, die ausgezogen waren, das Feuer
zu löschen. Sie waren gewiß schon lange hier am Werke gewesen; aber der
Junge hatte so fortgesetzt nach der Seite gestarrt, woher das Feuer kam,
daß er sie nicht früher wahrgenommen hatte. Auch durch dieses Tal floß ein
dicht mit Laubhölzern umsäumter Bach, und hinter diesen Bäumen arbeiteten
die Leute. Sie fällten die den Erlen zunächststehenden Nadelhölzer, holten
Wasser aus dem Bach, schütteten es aufs Erdreich und rissen Heidekraut und
Maiblumenstöcke heraus, damit sich das Feuer keinen Weg durch das Gestrüpp
bahnen könnte.

Auch diese Leute dachten an nichts andres als an den Waldbrand, der sich
ihnen entgegenwälzte. Die fliehenden Tiere liefen ihnen zwischen den Beinen
durch; aber sie kümmerten sich gar nicht darum. Sie schlugen nicht nach der
Kreuzotter, machten keinen Versuch, die Auerhenne zu fangen, während sie
mit ihren kleinen piependen Jungen am Bachufer hin und her lief; ja sie
beachteten nicht einmal den Däumling. Sie standen da und hielten große
Tannenzweige in den Händen, die sie vorher in den Bach getaucht hatten und
offenbar als Waffen gegen das Feuer benützen wollten. Es waren nicht
besonders viele Leute, und es war ein merkwürdiger Anblick, wie sie so ganz
ruhig zum Kämpfen bereit dastanden, während alles andre, was Leben hatte,
entfloh.

Als sich das Feuer mit lautem Dröhnen und Krachen, mit unerträglicher Hitze
und erstickendem Rauch den Hügel herabwälzte und ohne einen Augenblick
anzuhalten, Miene machte, über den Bach mit seiner Mauer aus grünen Bäumen
nach dem andern Ufer hinüberzuspringen, wichen die Menschen zuerst
unwillkürlich zurück, als wenn sie es nicht mehr hier aushalten könnten.
Aber sie flohen nicht weit, sondern kehrten wieder um.

Jetzt lief der Waldbrand mit wilder Gewalt Sturm. Die Funken sprühten und
ergossen sich wie ein Feuerregen über die Laubholzbäume. Lange, feurige
Zungen schlugen zischend aus dem Rauch heraus, als wenn der Wald auf der
andern Seite sie anzöge.

Aber die Laubholzbäume hielten das Feuer auf, und unter ihnen arbeiteten
die Menschen. Wo die Erde zu rauchen anfing, trugen sie in Eimern Wasser
herbei und kühlten sie ab. Wenn ein Baum in Rauch eingehüllt wurde, hieben
sie mit gewaltigen Axtschlägen drauf los, stürzten ihn um und löschten die
Flammen. Wo das Feuer im Heidekraut glimmte, schlugen sie mit den nassen
Tannenzweigen darauf und erstickten es.

Der Rauch war jetzt so dicht, daß er alles einhüllte. Man konnte nicht
sehen, wie der Kampf sich entwickelte; aber es war wohl zu merken, welch
ein harter Kampf es war, und mehrere Male war es gewiß nahe daran, daß das
Feuer den Sieg davongetragen hätte.

Aber gottlob, nach einer guten Weile nahm das laute Krachen und Dröhnen des
verheerenden Feuers ab, und der Rauch verteilte sich! Da hatten die
Laubholzbäume alle ihre Blätter verloren, das Erdreich darunter war
vollständig versengt, die Menschen waren vom Rauch geschwärzt und in
Schweiß gebadet, aber der Waldbrand war überwältigt, er flammte nicht mehr.
Weiß und weich glitt jetzt der Rauch am Boden hin, und eine Menge schwarze
Stämme tauchte aus ihm auf. Das war alles, was von dem prächtigen Wald noch
übrig war.

Der Junge war auf einen Steinblock hinaufgeklettert und hatte von da dem
Kampfe der Menschen mit dem Feuer zugesehen. Aber jetzt, wo der Wald
gerettet war, begann für ihn die Gefahr; der Uhu und der Habicht richteten
plötzlich ihre Augen auf ihn.

Doch in diesem Augenblick hörte der Junge eine ihm wohlbekannte Stimme
seinen Namen rufen. Der Königsadler Gorgo kam durch den Wald
heruntergesaust. Und bald wiegte sich der Junge von aller Gefahr erlöst
hoch in den Lüften.

[Illustration]



43

Västerbotten und Lappland

Die fünf Kundschafter


Während Nils Holgersson auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe des
Bollnäshauses und hörte da, wie Klement Larsson und der alte Lappe sich
miteinander über Lappland unterhielten. Sie stimmten ganz miteinander
überein, daß Norrland der beste Teil von ganz Schweden sei; aber Klement
Larsson gefiel die Gegend südlich vom Ångermanfluß am besten, während der
Lappe behauptete, die nördlich von diesem Fluß liegenden Landschaften seien
die wichtigsten.

Im Laufe des Gesprächs kam es aber heraus, daß Klement nie höher droben
gewesen war als in Härnösand, und da konnte der Lappe das Lachen nicht
unterdrücken, weil er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden
aussprach, die er nie gesehen hatte.

»Ich sehe schon, Klement, ich muß dir eine Geschichte erzählen, aus der du
ersehen kannst, wie es in Västerbotten und Lappland, in dem großen Sameland
aussieht, wo du noch nie gewesen bist,« sagte er.

»Von mir kann gewiß niemand sagen, daß ich eine Geschichte ausgeschlagen
hätte, ebensowenig wie man von dir sagen könnte, du sagtest jemals nein zu
einer Tasse Kaffee,« antwortete Klement.

Und dann begann der alte Lappe seine Geschichte.

»So höre denn, Klement! Einmal geschah es, daß die Vögel, die drunten in
Schweden südlich von dem alten Sameland wohnten, meinten, sie säßen zu eng
aufeinander und könnten sich nicht mehr ausbreiten. Deshalb beschlossen
sie, nordwärts zu ziehen.

Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Ungeduldigen wollten
sogleich aufbrechen; aber die Alten und Klugen bestanden darauf, daß zuerst
Kundschafter ausgesandt würden, die das Land erforschen sollten.

>Jede von den fünf großen Vogelscharen soll einen Kundschafter
ausschicken,< sagten die Weisen, >damit wir alle zuvor erfahren, ob wir da
droben auch gute Brutstätten, Nahrung und Schlupfwinkel finden können.<

Da wählten die fünf großen Vogelscharen sogleich fünf gute kluge Vögel aus.
Die Waldvögel einen Auerhahn, die Vögel der Ebene eine Lerche, die Seevögel
eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen
Schneesperling.

Als diese fünf die Reise antreten sollten, sagte der Auerhahn, der größte
und gebieterischste von diesen fünf: >Was da vor uns liegt, sind sehr große
Länderstrecken. Wenn wir zusammen reisen, dauert es überaus lange, bis wir
über das ganze Gebiet, das wir untersuchen sollen, hingeflogen sind. Fliegt
aber jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes,
dann kann unsre ganze Aufgabe in ein paar Tagen vollendet sein.<

Die vier andern Kundschafter waren mit diesem Vorschlag einverstanden und
richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den
mittelsten Teil des Landes untersuchen sollte; die Lerche sollte eine
Strecke östlicher fliegen, die Fischmöwe noch weiter gegen Osten, da wo das
Land ins Meer abfällt; die Lumme übernahm es, weiter westlich zu fliegen
als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am weitesten westlich, ganz
an der Landesgrenze hinfliegen.

In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, so weit als das
Festland reichte. Dann drehten sie um und kehrten wieder heim und erzählten
den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.

Die Fischmöwe, die dem Meeresufer entlang geflogen war, ergriff zuerst das
Wort.

[Illustration]

>Da droben im Norden ist ein gutes Land,< sagte sie. >Es besteht aus einer
einzigen Reihe von Schären; überall sind fischreiche Sunde und bewaldete
Landzungen und Inseln, von denen die meisten unbewohnt sind, und die
Seevögel finden dort überall ausgezeichnete Brutplätze. Die Menschen
treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, aber nicht so viel,
daß es uns Vögel stören könnte. Wenn die Seevögel meinem Rat folgen, dann
ziehen sie sogleich gen Norden.<

Nach der Fischmöwe begann die Lerche, die das Land innerhalb der Küste
untersucht hatte.

[Illustration]

>Ich verstehe nicht, was die Möwe da von Landzungen und Inseln behauptet,<
sagte sie. >Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und
wunderschöne blühende Wiesen. In meinem ganzen Leben hab ich noch nie ein
Land gesehen, das von so vielen großen Flüssen durchschnitten gewesen wäre;
es war eine wahre Freude, zu sehen, wie diese Ströme mit ihren gewaltigen
Wassermassen so ruhig und gleichmäßig durch die Ebene hinzogen. An den
Ufern liegen die Bauernhöfe so dicht wie die Häuser an einer Straße, und an
den Flußmündungen sind Städte, sonst aber ist das Land sehr einsam und nur
spärlich bewohnt. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen, ziehen sie
sogleich nordwärts.<

Nach der Lerche kam der Auerhahn an die Reihe, der in der Mitte des Landes
geflogen war.

[Illustration]

>Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die
Fischmöwe mit ihren Schären will,< sagte er. >Ich habe auf der ganzen Reise
nichts andres gesehen als Tannen- und Fichtenwälder, eine Menge großer
Moore und viele rauschende, brausende Flüsse; aber alles, was nicht Moor
oder Fluß war, war dunkler Wald, und ich habe keine Felder und keine
menschlichen Wohnungen gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen
wollen, ziehen sie sogleich nordwärts.<

Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich auf der andern
Seite der Wälder untersucht hatte.

>Ich begreife nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt
haben,< sagte die Lumme. >Es ist ja fast gar kein Erdreich da droben.
Nichts als große Seen. Zwischen schönen Ufern blinken dunkelblaue Bergseen,
die sich da und dort zu brausenden Wasserfällen erweitern. An einigen
dieser Seen habe ich Kirchen und Dörfer gesehen, aber andre lagen ganz
einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinem Rat folgen, dann
ziehen sie sogleich nordwärts.<

[Illustration]

Zum Schluß gab der Schneesperling, der an der Landesgrenze hingeflogen war,
seine Meinung preis.

>Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen will, und es ist mir auch
ganz unverständlich, was der Auerhahn, die Lerche und die Fischmöwe für ein
Land gesehen haben wollen,< sagte er. >Ich habe da droben im Norden ein
großes Gebirgsland gefunden. Nirgends traf ich Ebenen und ebensowenig große
Wälder, dagegen Berggipfel um Berggipfel, Felsengegend an Felsengegend. Und
ich habe Eisfelder und Schnee gesehen, sowie Gebirgsbäche, deren Wasser
milchweiß waren. Keine Felder, keine Wiesen, so weit das Auge reichte, nur
große mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Halden. Keine
Bauern, keine Haustiere, keine Höfe habe ich angetroffen, aber Lappen,
Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen, ziehen
sie sogleich nordwärts.<

[Illustration]

Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie einander
und nannten sich gegenseitig Lügner, und sie waren schon im Begriff,
aufeinander loszufahren, um die Wahrheit ihrer Worte mit einem Kampfe
auszufechten. Aber die alten, klugen Vögel, die die Kundschafter
ausgeschickt und mit großer Freude vernommen hatten, was diese berichteten,
beruhigten die Kampflustigen.

>Streitet euch nicht!< sagten sie. >Soviel haben wir aus euren Worten
vernommen, daß da droben im Norden ein gutes Gebirgsland und ein großes
Seenland und ein großes Waldland und ein großes ebenes Land und große
Schären sind. Das ist mehr, als wir erwartet hatten, ja, viele große
Königreiche können sich nicht rühmen, dies alles innerhalb ihrer Grenzen
zu besitzen.<«

[Illustration]


Das wandernde Land

                                                  Samstag, 18. Juni

Jetzt, wo Nils Holgersson selbst über das Land hinflog, von dem der Lappe
erzählt hatte, fiel ihm diese Geschichte wieder ein. Der Adler hatte ihm
gesagt, der flache Küstenstrich, der sich da unter ihnen ausbreitete, sei
Västerbotten, und die blauenden Höhen ganz draußen im Westen seien
Lappland.

Ach, wie glücklich war Nils Holgersson, daß er jetzt nach all der Angst,
die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wohlbehalten wieder auf
Gorgos Rücken saß! Dieses Gefühl war an und für sich schon beglückend, aber
die Reise selbst war jetzt auch wunderbar schön. Am Morgen war der Wind aus
Norden gekommen, jetzt hatte er sich gewendet, die Reisenden hatten ihn im
Rücken, und deshalb spürten sie ihn gar nicht. Da auch der Adler ganz
gleichmäßig flog, glaubte der Junge bisweilen, dieser stehe ganz still, und
er schlage nur immerfort mit den Flügeln, ohne vom Flecke zu kommen. Statt
dessen aber schien unter ihm alles in Bewegung zu sein. Der ganze Erdboden
und alles, was darauf war, glitt langsam südwärts. Wälder, Häuser, Wiesen,
Zäune, Flüsse, Ortschaften, Schäreninseln, Sägewerke, alles war auf der
Wanderschaft! Der Junge überlegte, wohin alle miteinander nur wollten?
Waren sie es müde geworden, so lange da droben im Norden zu stehen, und
wollten sie nun südwärts ziehen?

Zwischen allem diesem, das sich bewegte und gen Süden wanderte, stand nur
eins still, nämlich ein Eisenbahnzug. Er hielt gerade unter den beiden, die
da droben durch die Lüfte flogen, und es ging dem Zuge genau wie Gorgo: er
konnte nicht vom Flecke kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus,
der Junge konnte bis zu sich herauf hören, daß die Räder laut auf den
Schienen rasselten, aber der Zug selbst bewegte sich nicht. Die Wälder
glitten an ihm vorüber, die Bahnwärterhäuschen glitten vorüber, die
Schlagbäume und die Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand
still. Ein breiter Fluß mit einer langen Brücke über sich floß ihm
entgegen; aber der Fluß und die Brücke glitten ohne jegliche Schwierigkeit
unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der
Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem
Bahnsteig und glitt langsam zu dem Zuge hin. Als er seine Fahne schwang,
stieß die Lokomotive noch schwärzere Rauchwirbel heraus als vorher und
pfiff jämmerlich, wie wenn sie sich darüber beklagte, daß sie nicht
vorwärts kommen könne. Aber in demselben Augenblick setzte sich der Zug in
Bewegung und, gerade wie der Bahnhof und alles andre, glitt jetzt auch er
südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren aufgemacht wurden und die
Reisenden ausstiegen, während doch alle beide, die Reisenden mitsamt dem
Zuge, sich in südlicher Richtung weiter bewegten. Aber jetzt wendete Nils
Holgersson seine Blicke von der Erde ab und versuchte geradeaus zu schauen.
Der Anblick dieses wunderbaren Eisenbahnzuges hatte ihn ordentlich
schwindlig gemacht.

Doch nachdem er eine Weile eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde
ihm diese Unterhaltung langweilig, und er schaute wieder hinunter. Immer
noch war es, als halte sich der Adler ganz ruhig in den Lüften, während
alles andre südwärts davon eilte. Als nun der Junge so auf dem Rücken des
Adlers saß und sich mit nichts anderm unterhalten konnte als mit seinen
eignen Gedanken, machte es ihm Spaß, sich auszudenken, wie es wäre, wenn
ganz Västerbotten in Bewegung käme und gen Süden zöge. Ei der Tausend, wenn
nun der Acker dort, der da unter ihm hinglitt -- er war wohl eben erst
eingesät, denn nirgends war ein grünes Hälmchen zu sehen -- hinunter auf
die Südebene in Schonen fahren würde, wo der Roggen um diese Zeit schon
Ähren trug!

Die Nadelwälder hatten sich da oben verändert. Die Bäume standen weit
auseinander, mit kurzen Zweigen und fast schwarzen Nadeln. Viele Bäume
hatten verdorrte Wipfel und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit
alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen niemand sich die Mühe gegeben
hatte. Wie, wenn nun so ein Wald so weit hinunterkäme, daß er den Kolmården
sehen könnte? Wie ärmlich müßte er sich dann vorkommen!

Und der Garten, den er jetzt gerade unter sich sah! Es waren schöne Bäume
darin, aber weder Obstbäume, noch edle Linden oder Kastanien, nur
Vogelbeeren und Birken. Es war auch schönes Gebüsch darin, aber kein
Goldregen und Flieder, nur Faulkirschen und Holunder. Auch Gemüsebeete sah
der Junge, aber die waren bis jetzt weder umgegraben noch angepflanzt. Wie,
wenn nun so ein Gütchen an einem Herrschaftsgarten in Sörmland angefahren
käme? Da würde es sich selbst gewiß nur für eine Einöde halten!

Oder diese Wiese dort, die mit so vielen kleinen grauen Scheunen bedeckt
war, daß man hätte meinen können, die Hälfte des Bodens sei zu Bauplätzen
verwendet worden! Wenn sie hinunterzöge nach der Ostgötaebene, würden die
Bauern da drunten wahrlich große Augen machen!

Aber wenn das große Moorland, das jetzt unter ihm lag und ganz mit Fichten
bestanden war, die aber nicht wie in gewöhnlichen Wäldern aufrecht und
gerade wuchsen, sondern sich mit buschigen Zweigen und üppigen Kronen in
hübschen Gruppen auf dem schönsten Teppich von Renntiermoos aufgestellt
hatten, wenn dieses Moorland den Weg hinunter nach Övedskloster einschlüge,
dann würde der prächtige Park dort einräumen müssen, daß nun seinesgleichen
gefunden sei.

Wie, wenn die hölzerne Kirche dort unter ihm, mit den roten Holzschindeln
an den Wänden, mit dem bunt bemalten Glockenturm und einem ganzen Städtchen
von grauen Kirchenhütten um sich her, in denen die Familien, die weit her
kamen, übernachteten, an einer der großen fest gemauerten Kirchen auf der
Insel Gotland vorübergezogen käme? Die würden einander ordentlich etwas zu
erzählen haben!

Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen
dunkeln Flüsse mit ihren prächtigen Tälern, diesen Tälern mit ihren vielen
Höfen, ihrer Menge Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Dörfern und mit dem
großen Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen! Wenn solch ein Fluß
sich weiter drunten im Land zeigen würde, dann würden alle Flüsse und Bäche
südlich vom Dalälf vor lauter Scham in die Erde versinken!

Und wie, wenn so eine ungeheuer große Ebene, eine so gut gelegene, so
leicht zu bebauende Ebene vor die Augen der armen Smålandbauern
herangeglitten käme? Da würden sie von ihren kleinen Äckerchen und ihren
steinigen Wiesen daherlaufen und eifrig zu graben und zu bebauen anfangen!

Und seht, an einem war diese Landschaft reicher als alle andern, nämlich an
Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren; die Nacht mußte
angebrochen sein, aber das Licht war nicht verschwunden. Die Sonne war
nicht südwärts gezogen wie alles andre. Dagegen war sie jetzt so weit
nördlich gewandert, daß sie dem Jungen mit geraden Strahlen ins Gesicht
schien. Und sie hatte es offenbar gar nicht im Sinne, hinter den Horizont
hinabzutauchen. Wie, wenn dieses Licht und diese Sonne in Westvemmenhög
scheinen würden? Das würde dem Häusler Holger Nilsson und seiner Frau
gefallen, ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden dauerte!


Der Traum

                                                  Sonntag, 19. Juni

Nils Holgersson hob den Kopf und schaute sich plötzlich hell wach um. Das
war doch merkwürdig! Hier lag er und hatte an einem Orte geschlafen, wo er
noch nie gewesen war. Nein, dieses Tal hier, in dem er lag, hatte er gewiß
noch nie gesehen, und ebensowenig die Berge, die es umgaben. Er erkannte
den runden See nicht, der mitten im Tale lag, und noch niemals hatte er so
ärmliche, verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er ruhte.

Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn
verlassen haben. Welch ein Abenteuer!

Der Junge legte sich wieder auf den Boden nieder, schloß die Augen und
versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie alles vor seinem
Einschlafen gewesen war.

Er erinnerte sich, daß es ihm, während sie über Västerbotten hingeflogen
waren, die ganze Zeit gewesen war, als ob der Adler ganz ruhig in der Luft
droben auf ein und demselben Flecke verbliebe, während das Land unter ihnen
gen Süden zog. Aber dann hatte sich der Adler nordwestwärts gewandt, und in
demselben Augenblick hatte das Land drunten stillgestanden, und der Junge
hatte gefühlt, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.

»Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein,« sagte Gorgo. Und sofort beugte
sich der Junge weit vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel
gehört hatte.

Aber er fühlte sich ziemlich enttäuscht, denn er sah nichts als große
Wälder und weite Moore. Nichts als Wald und Moor, Moor und Wald, bis ins
Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig,
daß er beinahe hinuntergestürzt wäre.

Da sagte er zu dem Adler, er könne nicht länger auf dessen Rücken sitzen
bleiben, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Sofort ließ sich Gorgo ins
Tal hinuntersinken, und der Junge warf sich ins Moos; aber dann nahm ihn
Gorgo zwischen seine Klauen und schwang sich wieder mit ihm in die Luft
hinauf.

»Schlaf du nur, Däumling!« rief er. »Mich hält der Sonnenschein wach, und
ich will die Reise fortsetzen.«

Und obgleich der Junge sehr unbequem zwischen den Klauen des Adlers hing,
schlief er wirklich ein, und während er schlief, hatte er einen Traum.

Es war ihm, als sei er auf einer breiten Straße drunten im südlichen
Schweden, und als laufe er da so schnell vorwärts, wie seine kleinen Beine
ihn nur zu tragen vermochten. Er war jedoch nicht allein: eine Menge
Wanderer zog denselben Weg. Dicht neben ihm marschierten Roggenhalme mit
schweren Ähren an der Spitze, blaue Kornblumen und andre bunte Feldblumen;
die Apfelbäume keuchten unter der Last ihrer Früchte daher, hinter ihnen
kamen die Bohnen und Erbsen mit vollen Bälgen, große Büsche Wucherblumen
und ein ganzes Buschwerk von Beerensträuchern. Große Laubholzbäume, Buchen,
Eichen und Linden schritten in aller Ruhe in der Mitte der Straße; stolz
rauschten ihre Kronen, und sie gingen niemand aus dem Wege. Die kleinen
Pflanzen liefen dem Jungen zwischen den Beinen durch: Erdbeerstöcke,
Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte der Junge, es
seien lauter Pflanzen, die auf dem Wege dahinzogen, aber bald entdeckte er,
daß auch Tiere und Menschen dazwischen waren. Die Insekten summten zwischen
den vorwärtsstrebenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, auf den
dahinwandernden Bäumen sangen die Vögel, zahme und wilde Tiere liefen um
die Wette mit; und mitten zwischen all diesem Gewimmel wanderten Menschen
daher, die einen trugen Spaten und Sensen, andre Äxte, wieder andre Flinten
und einige Fischgeräte.

Der Zug wanderte fröhlich und lustig dahin, und das verwunderte den Jungen
gar nicht, als er sah, wer ihn führte. Denn das war niemand geringeres als
die Sonne selbst. Diese rollte auf der Straße vor ihnen her wie ein großes
glänzendes Haupt, von vielfarbig strahlendem Haar umgeben und mit einem
Gesicht, das vor Frohsinn und Güte leuchtete.

»Vorwärts!« rief sie ununterbrochen. »Niemand braucht sich zu fürchten,
wenn ich dabei bin. Vorwärts! Vorwärts!«

»Ich möchte wohl wissen, wohin die Sonne uns zu führen gedenkt?« sagte der
Junge vor sich hin.

Die Roggenhalme, die neben ihm gingen, hörten, was der Junge sagte, und
entgegneten sogleich: »Sie will uns nach Lappland hinaufführen, und dort
sollen wir gegen den großen Versteinerer kämpfen.«

Nils Holgersson sah bald, daß allmählich mehrere von den Fußgängern
bedenklich wurden; sie gingen langsamer und blieben schließlich zurück. Er
sah, wie die großen Buchen anhielten; die Rehe und der Weizen blieben am
Grabenrand stehen, und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben
Dotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.

Er schaute zurück, um zu ergründen, warum so viele zurückblieben. Da
entdeckte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die
Reise war über die Maßen rasch vor sich gegangen, sie befanden sich jetzt
schon im Svealand.

Hier oben ging die Eiche mit immer langsameren Schritten. Sie blieb ein
wenig stehen, machte noch einige zögernde Schritte und hielt dann ganz an.

»Warum geht die Eiche nicht mehr mit?« fragte der Junge.

»Sie hat Angst vor dem großen Versteinerer,« sagte eine helle, grüne junge
Birke, die so froh und wohlgemut vorwärts schritt, daß es eine wahre Lust
war.

Obgleich nun schon viele zurückgeblieben waren, wanderte doch noch eine
große Schar mit frischem Mute weiter. Und das Sonnenhaupt rollte die ganze
Zeit vor ihnen her und rief: »Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht Angst zu
haben, solange ich dabei bin!«

Der Zug setzte seine Reise mit derselben Hast fort. Bald war er droben in
Norrland; aber jetzt half alles nichts mehr, soviel auch die Sonne bat und
flehte. Der Apfelbaum blieb stehen, der Kirschbaum blieb stehen und die
Haferfrucht blieb stehen. Der Junge wendete sich an die Zurückbleibenden.

»Warum wollt ihr nicht mehr mit? Warum verlasset ihr die Sonne?« fragte er.

»Wir wagen es nicht. Wir haben Angst vor dem großen Versteinerer, der
droben in Lappland wohnt,« antworteten sie.

Der Junge schloß daraus, daß sie jetzt sehr hoch hinauf nach Lappland
gekommen sein müßten, und hier wurde die Schar auch immer dünner. Der
Roggen und die Gerste, die Erdbeerstöcke und die Heidelbeerbüsche, die
Erbsenranken, die Johannisbeersträucher waren alle bis hierher mitgegangen;
das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert; aber jetzt blieben
alle diese zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber
dann hielten auch sie an. Die Sonne wäre jetzt beinahe ganz verlassen
gewesen, wenn nicht neue Reisegenossen dazu gekommen wären. Weidenbüsche
und eine Menge anderes Strauchwerk schlossen sich dem Zuge an, desgleichen
auch Lappen und Renntiere, Bergeulen und Blaufüchse und Schneehühner.

Jetzt hörte der Junge, daß ihnen etwas entgegenkam. Eine Menge Bäche und
Flüsse, die mit gewaltigem Rauschen und Brausen daherschäumten.

»Warum haben sie es denn so eilig?« fragte der Junge.

»Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der droben auf dem Gebirge
wohnt,« antwortete ein Schneehuhn.

Ganz plötzlich sah Nils Holgersson, daß gerade vor ihnen eine hohe, dunkle,
mit Zinnen gekrönte Mauer aufragte. Bei dem Anblick dieser Mauer schienen
alle zurückzuweichen; aber die Sonne wendete rasch ihr strahlendes Gesicht
der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Und siehe da! keine Mauer stand
ihnen im Wege, nur lauter wunderschöne Berge, die sich einer hinter dem
andern auftürmten. Die Gipfel leuchteten glänzend im Sonnenschein, und die
Abhänge schimmerten hellblau mit goldenen Streifen dazwischen.

»Vorwärts! Vorwärts! Es ist keine Gefahr, so lange ich dabei bin!« rief die
Sonne; und schon rollte sie an den steilen Bergwänden hinauf.

Aber auf diesem Wege den Berg hinauf wurde die Sonne von der tapfern jungen
Birke, der starken Fichte und der wetterfesten Tanne verlassen. Hier
verließen sie auch das Renntier, die Lappen und das Weidengebüsch. Und
schließlich, als die Sonne den Gipfel des Berges erreicht hatte, war keiner
mehr bei ihr als der kleine Nils Holgersson.

Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, wo die Wände mit Eis bedeckt
waren, und Nils Holgersson wollte ihr in die Schlucht hinein folgen; aber
er kam nicht weiter als bis an den Eingang, denn plötzlich sah er etwas
Entsetzliches. Ganz drinnen in der Schlucht saß ein alter Troll mit einem
Körper aus Eis, mit Haar aus Eiszapfen und einem Mantel aus Schnee. Vor
dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die, sobald die Sonne sich zeigte,
aufstanden und den Rachen weit aufsperrten. Da drang aus dem einen
Wolfsrachen bittere Kälte, aus dem zweiten ein beißender Nordwind und aus
dem dritten schwarze Finsternis heraus.

»Da haben wir wohl den großen Versteinerer und sein Gefolge,« dachte der
Junge. Er war sich ganz klar darüber, daß er am besten täte, wenn er sich
auf und davon machte; aber er war zu neugierig, zu sehen, wie die Begegnung
zwischen der Sonne und dem Troll ablaufen würde, und so blieb er stehen.

[Illustration]

Der Troll rührte sich nicht; mit seinem schauderhaften Eisgesicht starrte
er der Sonne entgegen, und die Sonne stand auch ganz still und lachte und
strahlte ihn nur immerfort an. So verging eine Weile, und der Junge meinte
zu hören, daß der Troll zu seufzen und zu wimmern beginne. Der Schneemantel
glitt von seiner Schulter herab, und die drei fürchterlichen Wölfe heulten
nicht mehr so laut.

Doch da rief die Sonne auf einmal: »Jetzt ist meine Zeit vorbei!« und
rollte rückwärts zu der Schlucht hinaus.

Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und plötzlich kamen der Nordwind,
die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgefahren und jagten
hinter der Sonne her. »Weg mit ihr! Jagt sie fort!« schrie der Troll. »Jagt
sie so weit fort, daß sie nie wieder kommen kann! Zeigt ihr, daß Lappland
mir gehört!«

Als aber Nils Holgersson hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden
sollte, entsetzte er sich über die Maßen. Mit einem lauten Schrei fuhr er
auf und erwachte -- --

Als er ein wenig zu sich gekommen war, sah er, daß er in einem großen, von
Bergen umschlossenen Felsental lag. Aber wo war Gorgo? Und wie sollte er
erfahren, wo er sich befand?

Er richtete sich auf und schaute sich um. Da fiel sein Blick auf ein
sonderbares Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einem Felsenabsatz stand.
»Das ist gerade so ein Adlernest, wie Gorgo ...«

Nils Holgersson dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er die
Mütze vom Kopfe, schwang sie lustig und schrie: »Hurra!« Er hatte erraten,
wohin Gorgo ihn gebracht hatte! Hier war das Tal, wo oben auf dem
Felsenabsatz die Adler und unten im Tal die Wildgänse wohnten. Er war am
Ziel! Im nächsten Augenblick würde er wieder mit dem Gänserich Martin, mit
Akka und allen Reisekameraden vereinigt sein!


Am Ziel

Der Junge ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Ringsum im
Tale war es überall ganz still. Die Sonne war noch nicht über die Felswände
heraufgestiegen; es mußte also noch sehr früh am Tage sein, und die
Wildgänse waren auch noch nicht aufgewacht. Der Junge hatte kaum einige
Schritte gemacht, als er lächelnd stehen blieb, weil er etwas gar so
Schönes sah. Dort im Grase lag eine Wildgans auf einem kleinen Neste, und
neben ihr stand der Gänserich. Er schlief zwar auch, aber man sah wohl, er
hatte sich so nahe dabei aufgestellt, um bei jeder Gefahr zur Hand zu sein.

Ohne die beiden zu stören, wanderte der Junge weiter und lugte zwischen die
kleinen Weidenbüsche hinein, die überall wuchsen. Es dauerte auch nicht
lange, da entdeckte er wieder ein Gänsepaar. Diese gehörten nicht zu seiner
Schar; es waren Fremde, aber der Junge freute sich doch sehr über sie. Und
plötzlich summte er ein fröhliches Liedchen vor sich hin, nur weil er mit
ihnen zusammengetroffen war.

Jetzt schaute er wieder in ein Gebüsch hinein, und da entdeckte er endlich
ein Paar, das er kannte. Das war ganz bestimmt Neljä, die da auf ihren
Eiern lag, und der danebenstehende Gänserich war Kolme. Ja, ja, so war es!
Eine Täuschung war ausgeschlossen!

Er hatte die größte Lust, die beiden zu wecken, unterließ es dann aber doch
und ging weiter.

Im nächsten Strauchwerk sah er Viisi und Kuusi, und nicht weit davon fand
er Yksi und Kaksi. Alle vier schliefen, und der Junge ging vorüber, ohne
sie zu stören.

Als er in die Nähe des nächsten Gebüsches kam, glaubte er zwischen den
Zweigen etwas Weißes hervorschimmern zu sehen, und sogleich begann sein
Herz vor lauter Freude laut und rasch zu klopfen. Ja, es war, wie er
erwartet hatte! Da drinnen lag Daunenfein, noch eben so niedlich wie
früher, auf ihren Eiern, und neben ihr stand der weiße Gänserich. Der Junge
meinte, man könne ihm sogar im Schlafe ansehen, wie stolz er darauf war, da
oben in den lappländischen Bergen bei seiner Frau Wache stehen zu dürfen.

Aber der Junge wollte auch den weißen Gänserich nicht wecken, leise ging er
weiter wie bisher.

Er mußte ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgänse stieß. Aber da
entdeckte er auf einem kleinen Hügel etwas, das einem grauen Erdhaufen
glich. Und als er am Fuß des Hügels angekommen war, war der Erdhaufen
nichts andres als Akka von Kebnekajse, die ganz hell wach da droben stand
und sich umschaute, als bewache sie das ganze Tal.

»Guten Tag, Mutter Akka!« sagte der Junge. »Wie schön, daß Ihr wach seid!
Wollt Ihr jetzt nicht noch ein wenig warten, ehe Ihr die andern weckt? Ich
möchte gar zu gerne ein wenig allein mit Euch sprechen.«

Die alte Anführergans stürzte den Hügel herunter und auf den Jungen zu.
Zuerst packte sie ihn und schüttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem
Schnabel am ganzen Körper auf und ab, und dann schüttelte sie ihn noch
einmal. Aber sie sagte kein Wort, denn er hatte sie ja gebeten, die andern
nicht zu wecken.

Der Däumling küßte die alte Mutter Akka auf beide Wangen, und dann fing er
an zu erzählen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten
worden war.

»Und nun kann ich Euch noch erzählen, daß Smirre, der Fuchs mit dem
abgebissenen Ohre, in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen saß,« fuhr der
Junge fort, nachdem er seine Erlebnisse berichtet hatte. »Und obgleich er
sehr häßlich gegen uns gewesen ist, tat er mir doch herzlich leid. Es waren
noch viele andre Füchse in dem großen Fuchskäfig; diesen schien es indes
ganz wohl da zu sein, nur Smirre saß immer sehr betrübt da und sehnte sich
nach der Freiheit. Ich hatte mir nach und nach viele gute Freunde da droben
erworben, und eines Tages hörte ich von dem Lappenhund, es sei ein Mann
nach Skansen gekommen, der Füchse kaufen wolle. Er sei von einer weit
draußen im Meere liegenden Insel. Auf dieser Insel seien alle Füchse
ausgerottet worden, infolgedessen aber könne man sich jetzt dort der Ratten
nicht mehr erwehren, und deshalb wolle man wieder Füchse einführen.

Sobald ich das erfahren hatte, ging ich nach dem Fuchskäfig und sagte:
>Smirre, morgen kommen Leute hierher, die einige Füchse kaufen wollen.
Versteck dich also nicht, sondern bleibe hier draußen und sorge dafür, daß
du gefangen wirst, dann erhältst du deine Freiheit wieder.< Er ist dann
meinem Rat gefolgt, und nun läuft er wohl auf jener Insel frei umher. Was
sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das eine Tat nach Eurem Sinne?«

»Wenn ich es selbst gewesen wäre, hätte ich es nicht besser machen können,«
antwortete Akka.

»Es freut mich, daß Ihr damit einverstanden seid,« sagte der Junge. »Nun
aber möchte ich Euch noch etwas andres fragen. Eines Tages sah ich, daß der
Adler Gorgo, der damals mit dem Gänserich Martin kämpfte, als Gefangener
nach Skansen gebracht und da in den Adlerkäfig gesetzt wurde. Er sah gar
elend und traurig aus, und manchmal war es mir, als müßte ich in das
Stahldrahtnetz über seinem Kopf ein Loch feilen, damit er herausfliegen
könnte. Aber dann dachte ich wieder: Nein, nein, denn er ist ja ein
gefährlicher Räuber und Vogelfresser! Ich wußte nicht, ob es recht wäre,
einen solchen Missetäter herauszulassen, und so dachte ich, es sei
vielleicht doch am besten, wenn er bliebe, wo er war. Was sagt Ihr dazu,
Mutter Akka? War das richtig gedacht?«

»Nein, das war gar nicht richtig gedacht,« sagte Akka. »Man kann über die
Adler denken, wie man will; aber sie sind stolzer und freiheitsliebender
als andre Tiere, und es ist sehr unrecht, wenn sie in Gefangenschaft
gehalten werden. Weißt du, was ich dir vorschlagen möchte? Sobald du
ausgeruht hast, reisen wir beide hinunter zu dem großen Vogelgefängnis und
befreien Gorgo.«

»Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Es
gibt welche, die sagen, Ihr hättet keine Liebe mehr für den, den Ihr mit so
großer Mühe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler seiner Natur
nach leben muß. Aber eben jetzt hab ich gehört, daß es nicht so ist. Nun
will ich nachsehen, ob der Gänserich Martin noch nicht erwacht ist, und
wenn Ihr indessen dem ein Wort des Dankes sagen wollt, der mich zu Euch
zurückgebracht hat, dann trefft Ihr ihn wahrscheinlich droben auf dem
Felsenabsatz, wo Ihr einstmals ein hilfloses Adlerjunges gefunden habt.«

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Das Gänsemädchen Åsa und Klein-Mats

Die Krankh