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Title: Menschen im Krieg
Author: Latzko, Andreas, 1876-1943
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Menschen im Krieg" ***

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Andreas Latzko:

Menschen
im
Krieg



Vierunddreißigstes bis fünfundvierzigstes Tausend



Max Rascher Verlag, A.-G. Zürich



Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1918 by Max Rascher Verlag, A.-G. Zürich.



Buchdruckerei Züricher Post



Freund und Feind
zu eigen



»Ich weiß gewiß, die Zeit wird einmal kommen,
wo alles denkt wie ich«.



Inhalt:

Der Abmarsch
Feuertaufe
Der Sieger
Der Kamerad
Heldentod
Heimkehr



Der Abmarsch


Es war im Spätherbst des zweiten Kriegsjahres, im Lazarettgarten einer
kleinen österreichischen Provinzstadt, die am Fuße bewaldeter Hügel, wie
hinter einer spanischen Wand verkrochen, ihr verschlafen friedfertiges
Dreinschauen noch immer nicht abgelegt hatte.

Tag und Nacht pfiffen die Lokomotiven, rollten die schwerbeladenen Züge mit
singenden, geschmückten Soldaten, mit hochgeschichteten Heuballen,
brüllendem Schlachtvieh, sorgfältig verschlossenen, finsteren Wagen mit
Munition zur Front hinaus; krochen langsam die anderen heimwärts,
gezeichnet mit dem blutenden Kreuz, das der Krieg über Wände und Insassen
geworfen. Mit Raseschritten durcheilte die große Wut das Städtchen, ohne
seine Ruhe verscheuchen zu können, als hätten die niederen, hell getünchten
Häuser mit den zopfig verschnörkelten Fassaden stillschweigend das kluge
Übereinkommen getroffen, den anspruchsvollen, lärmenden Gesellen, der da
das unterste zu oberst kehrte, vornehm zu ignorieren.

In den Anlagen spielten die Kinder ungestört mit den großen, rostroten
Blättern der alten Kastanien, Frauen standen schwatzend vor den Ladentüren,
in jedem Gäßchen schwebte irgendwo ein Mädchen mit buntem Kopftuch, und
rieb eine Fensterscheibe blank. Trotz der Spitalfahnen, die auf Schritt und
Tritt von den Häusern wehten, trotz der vielen Tafeln, Aufschriften und
Wegweiser, die der Eindringling dem wehrlosen Städtchen ins Antlitz
geheftet, schien da, kaum fünfzig Kilometer hinter dem Gemetzel, dessen
Schein, in klaren Nächten, wie Theaterfeuer über den Horizont zuckte, der
Frieden immer noch in Permanenz. Wenn, für Augenblicke, der Strom der
schweren, fauchenden Kraftwagen und rasselnden Fuhrwerke versiegte, kein
Zug über die Eisenbahnbrücke polterte, und zufällig auch kein
Trompetensignal und kein Säbelklirren kriegerisch tat, dann steckte das
trotzige kleine Nest blitzschnell sein gutmütig-stumpfsinniges
Provinzgesicht auf, um sich vor dem nächsten Generalstabsauto, das mit
wichtigtuerischer Schnelle um die Ecke bog, resigniert hinter die
schlechtsitzende Soldatenmaske zu verkriechen.

Wohl brummten in der Ferne die Kanonen, als kauerte eine ungeheure Dogge
irgendwo tief unter der Erde, sprungbereit den Himmel anknurrend. Das
dumpfe Bellen der großen Mörser klang herüber, wie schweres Husten aus der
Krankenstube die Wachenden schreckt, die mit rotgeweinten Augen nebenan zum
Sterbenden hinüberlauschen. Auch die langen, niederen Häuserreihen zuckten
klirrend zusammen, horchten erschüttert auf, so oft dies Husten den Boden
krampfte, als läge die Kriegsnot, wie ein Alp, würgend auf der Brust der
Welt. Erstaunt blickten die Straßen einander in die Augen, schläfrig
blinzelnd im Widerschein der Nachtlämpchen, die drinn ihre fröhlich
huschenden Schatten über dichtgereihte Betten jagten. Gellende Schreie,
Wimmern, Stöhnen sandten die notgepfropften Räume in die Nacht hinaus.
Jeder menschliche Laut, der durch die offenen Fenster drang, fiel wie ein
wütender Angriff die Stille an, war wilde Anklage gegen den Krieg, der da
vorne seine Arbeit tat, und zerfetzte Menschenleiber wie Abfall hinter sich
warf, alle Häuser mit seinem blutigen Kehricht füllend.

Aber die schönen, schmiedeeisernen Brunnen auf den Plätzen rauschten doch
gleichmütig weiter, plauderten mit beruhigender Ausdauer von den Tagen
ihrer Jugend, da die Menschen noch Zeit und Sorgfalt für edel geschwungene
Linien gehabt, Krieg eine Angelegenheit für Fürsten und Abenteurer gewesen.
Aus jedem Schnörkel und jeder Ecke strömte das Märchen, lief auf leisen
Sohlen, von Frieden und Behagen flüsternd, wie eine unsichtbare Klatschbase
durch alle Gäßchen, und die greisen Kastanienbäume nickten zustimmend,
strichen mit dem Schatten ihrer gespreizten Finger besänftigend über die
erschrockenen Fassaden. So dicht wucherte die Vergangenheit aus den
rissigen Mauern, daß jedem, der in ihren Kreis trat, Brunnenrauschen den
Kanonendonner übertönte, die Kranken und Wunden besänftigt hinaushorchten
vom heißen Lager in die geschwätzige Nacht, bleiche Männer, die man auf
wippenden Bahren durchs Städtchen trug, die Hölle vergaßen, aus der sie
kamen, und selbst die schwerbepackten Opfer, die im nächtlichen Eilmarsch
dröhnend vorbeizogen, milde wurden für eine Wegspanne, als wären sie dem
Frieden begegnet, und ihrem eigenen, unbewaffneten Ich, im Schatten der
Pfeiler und blumengeschmückten Erker.

Es erging dem Kriege wie dem Fluß, der von Norden her in tobender Eile aus
den Bergen kam, schäumend vor Wut über jedes Steinchen, das ihm den Weg
vertrat; -- und der am anderen Ende, bei den letzten Häusern, doch sanft
gerührt Abschied nahm von der Stadt, ganz gebändigt, ganz leise
plätschernd, wie auf Fußspitzen, wie eingeschläfert von all' der
Verträumtheit, die er gespiegelt. Breitspurig trat er ins weite Wiesenfeld
hinaus, einen Bogen schlingend um das Garnisonsspital, das im Schatten
dickleibiger Platanen, wie auf einer Insel stand. Von drei Seiten her
mischte sich das Murmeln der trägen Flut in das Rascheln der Blätter, als
stimmte der Garten, wenn die Dämmerung auf ihn fiel, mitleidig ein
Schlummerlied an für die Geschundenen, die da in Reih und Glied zu leiden
hatten, reglementiert bis in den Tod hinein, bis ans Grab, in das man sie,
verunglückte Schuhmacher, Klempnergesellen, Bauernknechte und
Schreiberseelen, mit großmäuligen Gewehrsalven verscharrte.

Der Zapfenstreich war eben verklungen; die Wache hielt die Runde, stöberte
im Schatten der großen Allee drei Nachzügler auf und jagte sie ins Haus.

-- Seid's Ös vielleicht Offiziere, was? -- brummte gemütlich polternd der
Kommandant, ein stämmiger Landsturmkorporal mit ergrauten Schläfen. --
Mannschaft g'hört ins Bett um neune! --

Und nur um seine Würde zu wahren, fügte er mit schlecht gespielter
Bärbeißigkeit die Drohung hinzu:

-- Alsdann! Is g'fällig oder net? --

Beinahe hätte er die in solchen Fällen übliche Drohung, dem Einen oder
Anderen »Beine zu machen«, schon ausgesprochen, aus Gewohnheit; doch konnte
er im letzten Moment den Satz noch verbeißen, und schnitt ein Gesicht, als
hätte er sich verschluckt. Denn die Drei, die nun ergeben dem
Mannschaftseingang zuhumpelten, hätten gewiß nichts einzuwenden gehabt
gegen das Beinemachen. Sie krochen, zu dritt, auf zusammen zwei Füßen und
sechs klappernden Krücken. Als hätten Regisseurhände, ängstlich um
Symmetrie besorgt, das lebende Bild gestellt, ging rechts Einer, der nur
sein rechtes Bein behalten hatte, links sein Pendant, auf dem linken Fuße
hüpfend; und in der Mitte schaukelte, zwischen zwei hohen Krücken, der
armselige Rest eines Menschenleibes, die leeren Hosenbeine übers Kreuz auf
die Brust gesteckt, so kurz, daß der ganze Mann in einer Kinderwiege Platz
gefunden hätte.

Mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten, wie geduckt unter der Last des
Anblicks, starrte der Korporal der Gruppe nach, knurrte einen Fluch, der
nicht gerade patriotisch klang, und spie in weitem Bogen zischend durch die
Vorderzähne. Als er sich zum Gehen wandte, schlug vom anderen Ende des
Gartens, aus der Richtung des Offiziersflügels, schallendes Gelächter an
sein Ohr. Versteinert blieb er stehen, zog den Kopf ein, wie aufs Genick
geschlagen, und über sein breites, gutmütiges Bauerngesicht huschte ein
Schein von unbändigem Haß. Er spie noch einmal aus, um sich zu beruhigen,
nahm einen Anlauf, und passierte, stramm salutierend, die lustige
Gesellschaft.

Die Herren dankten lässig. Sie saßen, -- angesteckt von dem Behagen, das
wie eine Wolke über dem ganzen Städtchen schwebte, -- fröhlich plaudernd
auf vier, zu einem Quadrat zusammen geschobenen Bänken vor dem Hause,
sprachen vom Krieg und -- lachten, wie vergnügte Schulkinder, die freudig
von überstandenen Prüfungsängsten schwatzen. Jeder hatte seine Pflicht
getan, sein Teil abbekommen, und saß nun, im Schutze seiner Wunde, in
molliger Erwartung auf Heimurlaub, Wiedersehen, Gefeiertwerden, und
wenigstens zwei ganze Wochen als unnumerierter Mensch.

Am lautesten lachte der junge Leutnant, den sie »Musulmann« nannten, wegen
seiner mohamedanischen Kopfbedeckung als Offizier eines Bosnjakenregiments.
Eine herabsausende Hülse hatte ihm das linke Bein gebrochen, und gründlich,
denn es lag seit Wochen schon verschient und eingewickelt in starrer
Gipshülse, sorgfältig gehegt von seinem Besitzer, der es, auf Krücken
gestützt, wie einen fremden, ihm anvertrauten Wertgegenstand mit sich trug.

Auf der Bank gegenüber dem Musulmann saßen zwei Herren: ein Rittmeister --
der einzige Aktive in der Gesellschaft -- mit einem Querschläger im rechten
Arm, und ein Artillerieoffizier, in Zivil Privatdozent der Philosophie --
daher kurz »Philosoph« genannt -- mit einer schon verheilenden
Hasenscharte, die ihm ein Granatsplitter in die Oberlippe gerissen. Diese
drei bestritten, mit den zwei Damen auf der Bank, die an der Mauer stand,
allein die Unterhaltung; denn der vierte: Landsturmleutnant mit gelichtetem
Hinterkopf, bekannter Opernkomponist in Zivil, saß versunken, mit zuckenden
Gliedern und unstet irrenden Augen auf seiner Bank, ohne Anteil zu nehmen
am Gespräch. Er war vor einer Woche erst eingeliefert worden, mit einer
schweren Nervenerschütterung, die er sich auf dem Doberdo-Plateau geholt.
In seinem Blick kauerte noch das Grauen. Finster vor sich hinbrütend ließ
er willenlos alles mit sich geschehen, ging zu Bett, oder saß im Garten,
von den anderen wie durch eine unsichtbare Wand getrennt, auf die er
stierte. Selbst die unverhoffte Ankunft seiner hübschen, blonden Frau hatte
die Vision des grausigen Erlebnisses, das ihn aus dem Gleichgewicht
gebracht, für keinen Augenblick verscheuchen können. Das Kinn auf der
Brust, ließ er die geflüsterten Koseworte seiner Frau ohne ein Lächeln über
sich ergehen, rückte, wie von einem Krampf gepackt, wie gepeinigt bei
Seite, so oft sie, mit unendlich viel Liebe in den Fingerspitzen, ängstlich
eine Berührung mit seinen armen, zitternden Händen suchte.

Schwere Tränen rollten über die zärtlichkeitshungrigen Wangen der kleinen
Frau, die sich so tapfer durch alle Sperrzonen gekämpft hatte, bis zu dem
Spital im Kriegsgebiet -- und nun, nach der erlösenden Freude: ihren Mann
lebend, unverstümmelt wiedergefunden zu haben, plötzlich einen rätselhaften
Widerstand spürte, ein letztes, unerwartetes Hindernis, das sie nicht mehr
wegbetteln, nicht wegweinen konnte, und das doch da war, sie unbarmherzig
von dem Ersehnten trennte. In qualvoller Ratlosigkeit saß sie lauernd neben
ihm, zermarterte sich das Hirn, ohne eine Erklärung finden zu können für
die Feindschaft, die aus ihm strahlte. Ihre Augen durchbohrten die
Finsternis, ihre Hände gingen immer wieder den gleichen Weg, sich
schüchtern vorwärts tastend, um wie versengt, zurückzuzucken, wenn sein
gehässiges Ausweichen sie von neuem in Verzweiflung stürzte.

Es war hart, so den Schmerz verbeißen zu müssen, nicht mit einem
vorwurfsvollen Aufschrei ihrem Manne das Geheimnis entreißen zu können, das
er in seinem Elend noch so trotzig zwischen sich und seine einzige Stütze
schob. Hart war es auch, mit geheuchelter Fröhlichkeit über das
»glückliche« Wiedersehen teilzunehmen an der leichtfertigen Unterhaltung;
immer wieder etwas erwidern müssen und nicht die Geduld zu verlieren über
das ewige Kichern der Andern. Die freilich hatte es leicht! Wußte den Mann
geborgen bei einem höheren Kommando hinter der Front, und war der
Langeweile ihres kinderlosen Hauses hierher entflohen in das ereignisreiche
Leben des Spitals. Seit sieben Uhr abends saß sie, aufbruchbereit, in Hut
und Jacke, ließ sich immer wieder zum Bleiben bewegen und schäkerte lustig
drauf los, als wüßte sie nichts mehr von all den Qualen, die sie tagsüber
in dem Hause gesehen, an das sie den Rücken lehnte. Die traurige kleine
Frau atmete auf, als die Dunkelheit so dicht geworden war, daß sie
unauffällig abrücken konnte von der frivolen Schwätzerin.

Und doch war die Frau Major, trotz des aufreizenden Gekutters, der
wichtigtuerischen Miene, mit der sie von ihren »Schwesternpflichten«
sprach, durchdrungen von einem Gefühl, das sie, -- ohne ihr Wissen, -- hoch
über sie selbst emporhob. Die große Mütterlichkeitswelle, die über alles
weibliche hereinbrach, als den Männem die schwere Stunde geschlagen, trug
auch sie. Die drei Männer, in deren Kreise sie jetzt mollig in Redensarten
plätscherte, hatte sie, -- wie tausend andere, -- blutüberströmt,
unbeholfen, vor Schmerzen wimmernd gesehen; und etwas von der Freude der
Henne, deren Küken flügge werden, durchwärmte ihre Koketterie. Seit die
Männer hockend, kriechend, hungernd, Monat auf Monat den eigenen Tod
austragen, wie Frauen ihre Kinder, -- seit Dulden und Warten, passives sich
Abfinden mit Gefahr und Schmerz das Geschlecht gewechselt, fühlen die
Frauen sich stark, und selbst in ihrer Lüsternheit glimmt noch ein wenig
von der neuen Leidenschaft des Bemutterns.

Die traurige blonde Frau, eben erst angekommen aus einer Zone, in welcher
der Krieg nur in Gesprächen lebt, ganz auf ihren einzigen Mann eingestellt,
litt unter der geschlechtslosen Vertraulichkeit, die sich da im Schatten
von Tod und Qualen breit machte, im Lazarettgarten, den die Dunkelheit
immer mehr verschlang. Die anderen aber waren daheim im Kriege, sprachen
seine eigene Sprache, gemischt aus trotziger Lebensgefräßigkeit, einer
paradoxen Milde in den Männern, geboren aus Übersättigung an Roheit, und
einer seltsamen, geschwätzigen Kaltblütigkeit der Frau, die so viel von
Blut und Sterben gehört, daß ihre ewige Neugier wie Härte und hysterische
Grausamkeit klang.

Der Musulmann und der Rittmeister hechelten den Philosophen durch,
spöttelten wegwerfend über Wortfuchser, Tüftler und ähnliche Tagediebe, und
freuten sich kindisch über seine breit lächelnde Verlegenheit vor der Frau
Major, die, aus weiblichem Anstand, der wehrlosen Gutmütigkeit des
Philosophen ihren Beistand lieh, während ihre Augen voll passionierter
Zuneigung zu den anderen hinüberblitzten, die ihre Fäuste patzig im Munde
führten.

-- Lassen Sie doch den armen Herrn Oberleutnant in Ruh' -- wehrte sie ab
mit gurrendem Lachen, -- er hat recht. Der Krieg ist scheußlich. Die Zwei
ziehen Sie ja doch nur auf! -- zwinkerte sie begütigend hinüber.

Der Philosoph schmunzelte phlegmatisch, und schwieg. Der Musulmann gab
seinem Bein, das, weiß schimmernd, einzig von ihm sichtbar blieb in der
Finsternis, mit leisem Zähneknirschen eine bessere Lage auf der Bank, und
lachte laut auf:

-- Der Philosoph? Ja, was weiß denn der Philosoph vom Krieg, Frau Major?
Der is ja doch Artillerist! Krieg führt nur die Infanterie. Wissen's Frau
Major . . . .

-- Hier heiße ich »Schwester Engelberta« -- fiel sie ein, und ihr Gesicht
wurde fast ernst für einen Augenblick.

-- Pardon, Schwester Engelberta! Artillerie und Infanterie, das is' nämlich
wie Mann und Frau. Wir Infanteristen müssen das Kind auf d'Welt bringen,
wann ein Sieg geboren werden soll. D'Artillerie hat nur's Vergnügen, wie
der Mann in der Liebe; fahrt stolz vor, wann's Kind schon aus der Tauf
gehoben wird. Hab ich nicht recht, Herr Rittmeister? Du bist ja jetzt auch
Reiter zu Fuß. --

Der Rittmeister stimmte dröhnend ein. Laut seiner summarischen Anschauung
gehörten Abgeordnete, die nicht genug Geld für's Militär bewilligten,
Sozialisten und Pazifisten, kurz alles was sprach, schrieb, überflüssige
Worte machte und »vom G'scheit sein lebte«, in das gleiche Kapitel
»Bücherwurm« wie der Philosoph.

-- Ja, ja, -- sagte er mit seiner überschrieenen Stimme, -- für
d'Artillerie is so a Philosoph grad's Rechte. Auf'm Berg oben hock'n und
zuschaun, sonst tun's ja eh nix. Wann's nit unsere eigenen Leut
z'ammschießn! Mit dene Katzlmacher vor uns, sein mir immer leicht fertig
worn; aber vor euch Meuchelmörder im Rücken hab ich immer an Mordsrespekt
ghabt. Aber jetzt hört's endlich auf vom Krieg zu reden, sonst geh ich
schlafn. Da sitzt man endlich mit zwei reizenden Damen, sieht nach langer
Zeit wieder ein G'sicht ohne Bartstoppeln, und Ihr sprichts immer noch von
der damischen Schießerei. Herrgott, wie zu mir in' Lazarettzug das erste
blonde Mäderl reinkommen is, mit 'm weißen Häuberl auf'm Wuschelkopf, ich
hätt's am liebsten bei der Hand g'nommen und immer nur ang'schaut.
Ehrenwort, Frau Major: das bisl Schießen wird einem höchstens fad mit der
Zeit; die Haustierln sind schon ärger; aber 's Ärgste ist das vollkommene
Fehlen der holden Weiblichkeit. Fünf Monat lang nix als Männer sehn, -- und
dann auf einmal wieder so an helles, liebes Frauenstimmerl hören! . . . .
Das is doch's Schönste! Dafür lohnt sich's schon in Krieg zu gehen. --

Der Musulmann verzog sein bewegliches, von Jugend blitzendes Gesicht zu
einer Grimasse:

-- Das Schönste? . . . Nein, weißt Herr Rittmeister, wann ich aufrichtig
sein soll . . . gebadet wer'n, dann, mit'n frischen Verband, ins saubere,
weiße Bett hinein, und wissen, daß ma sei' Ruh habn wird für a paar Wochen,
. . . das is a G'fühl, wie . . . . Da gibt's überhaupt kein Vergleich. Aber
wieder einmal Damen sehen is freilich auch sehr schön.

Der Philosoph hatte seinen runden, fleischigen Epikuräerkopf schief auf die
Schulter gelegt; seine kleinen, listigen Augen bekamen einen feuchten
Glanz. Er blickte hinüber, wo ein heller Fleck, in der fast greifbar
gewordenen Finsternis, das weiße Kleid der Frau Major vermuten ließ, und
hub in einem leise singenden Ton, ganz langsam zu erzählen an:

-- Das Schönste ist, finde ich, die Stille. Wenn man da oben in den Bergen
gelegen ist, wo jeder Schuß fünfmal hin- und hergeworfen wird, und dann
ist's auf einmal ganz still, kein Pfeifen, kein Heulen, kein Donnern,
nichts als eine herrliche Stille, der man zuhören kann, wie einem
Musikstück -- -- -- Ich habe die ersten Nächte sitzend durchwacht und die
Ohren gespitzt auf dieses Schweigen, wie auf eine Melodie, die man von
weitem erhaschen will. Ich glaube, ich habe sogar ein wenig geheult, so
schön war's zuzuhören, daß man gar nichts mehr hört!

Der Rittmeister schleuderte seine Zigarette weg, daß sie, wie ein Komet,
funkensprühend durch die Nacht flog, und schlug sich klatschend auf den
Schenkel.

-- Na, also -- rief er höhnisch -- hab'ns das verstanden, Frau Major?
»Zuhören, daß man nix hört.« Seh'ns, das heißt man Philosophie. Ich weiß
aber noch was Schöneres, du! Nämlich nicht zu hören, was man hört.
Besonders wann's so an philosophischen Stiefel zu hören gibt.

Man lachte, -- und der Gehänselte lächelte gutmütig mit. Auch er war ganz
durchtränkt von dem Frieden, der aus der schlafenden Stadt in den
herbstlichen Garten herüberwehte, und die aggressiven Scherze des
Rittmeisters perlten an ihm ab, wie alles, was geeignet gewesen wäre, die
Süße der wenigen Tage, die ihn von der Rückkehr an die Front noch trennten,
zu mindern. Er wollte seine Zeit ausgenießen, behäbig, mit geschlossenen
Augen; wie ein Kind, das ins finstere Zimmer muß.

Die Frau Major beugte sich vor:

-- Über das Schönste gehen also die Meinungen auseinander, -- sagte sie,
und ihr Atem ging rascher, -- was war aber das Gräßlichste, das Sie draußen
erlebt haben? Viele sagen das Trommelfeuer wäre das Gräßlichste; viele
können den Ersten, den sie fallen gesehen haben, nicht verwinden. Und Sie?

Der Philosoph, an den die Frage gerichtet war, schnitt ein gequältes
Gesicht. Dieses Thema paßte so gar nicht in sein Programm. Er suchte noch
nach einer ausweichenden Antwort, als ein unverständlicher, röchelnder
Ausruf alle Augen in die Ecke zog, in welcher der Landsturmoffizier und
seine Frau saßen. Man hatte die Beiden fast schon vergessen in der
Dunkelheit, und wechselte erschrockene Blicke, als der torkelnde Mann mit
den erloschenen Augen, die zerbrochene Gliederpuppe, deren Stimme kaum
einer kannte, jetzt im krähenden Diskant hastig zu reden anfing:

-- Gräßlich? Gräßlich ist nur der Abmarsch -- rief er -- Man geht, -- -- --
und daß man gelassen wird, das ist gräßlich! --

Ein kaltes, würgendes Schweigen folgte seinen Worten; selbst das ewig
fröhliche Gesicht des Musulmannes erstarrte in peinlicher Verlegenheit. Das
kam so unerwartet, klang so unverständlich, und hatte, -- vielleicht durch
das Vibrieren der Stimme aus dem zitternden Leib, oder den gurgelnden
Nebenton, der wie überschrieenes Schluchzen klang, -- doch alle an der
Kehle gepackt und ließ die Pulse schneller schlagen.

Die Frau Major sprang auf. Sie hatte den Mann ankommen gesehen, auf eine
Bahre geschnallt, weil ihn das Weinen so hoch schleuderte, daß die Träger
nicht anders seiner Herr werden konnten. Irgend etwas unsagbar häßliches
hatte, -- so hieß es, -- den armen Teufel halb um seinen Verstand gebracht,
und die Frau Major durchzuckte jäh die Angst vor einem Tobsuchtsanfall. Sie
kniff den Rittmeister in den Arm und rief mit geheuchelter Eile:

-- Um Gotteswillen! Da klingelt ja schon die letzte Tramway! Schnell,
schnell, gnädige Frau, wir müssen laufen.

Alle waren aufgestanden; die Frau Major hatte sich in den Arm der
unglücklichen kleinen Frau eingehackt und drängte immer hastiger:

-- Wir müssen eine Stunde zu Fuß gehen bis zur Stadt, wenn wir die
Elektrische verpassen.

Ratlos, am ganzen Leibe zitternd, beugte die Frau sich noch einmal zu ihrem
Mann hinab, um Abschied zu nehmen. Sie fühlte genau, daß dieser Aufschrei
ihr galt; daß er einen grimmigen, tötlichen Vorwurf enthielt, den sie nicht
begriff. Sie fühlte ihren Mann zurückweichen, sich verkrampfen unter der
Berührung ihrer Lippen, und schluchzte auf, bei dem gräßlichen Gedanken an
die endlose Nacht in dem frostigen, verwahrlosten Hotelzimmer, allein mit
diesem quälenden Zweifel. Aber die Frau Major zog sie mit sich, zwang sie
zum Laufen; ließ sie erst wieder los, als sie schon, an der Torwache
vorbei, auf die Straße traten.

Die Herren blickten ihnen nach, sahen die Figuren im Scheine der
Straßenlaterne noch einmal auftauchen, horchten dem Sausen der Trambahn
nach. Der Musulmann griff nach seinen Krücken, blinzelte dem Philosophen
bedeutungsvoll zu und sprach gähnend von Schlafengehen. Der Rittmeister sah
neugierig auf den Kranken hinab, fühlte Erbarmen, und wollte dem armen
Teufel eine Freude machen. Er klopfte ihm auf die Schulter und sagte in
seiner burschikosen Art:

-- Eine fesche Frau hast, das muß man sagen. Mein Kompliment!

Im nächsten Augenblick fuhr er erschrocken zurück. Das kümmerliche,
zusammengesunkene Häufchen auf der Bank sprang plötzlich hoch, wie
emporgeschnellt von einer jäh erwachten Kraft.

-- Fesche Frau? Ja, ja. Schneidige Frau! -- kam es geifernd über die
zuckenden Lippen, mit einer Wut, die wie brodelnd die Worte schleuderte, --
Hat keine Träne vergossen beim Einwaggonieren. Waren alle fesch wie wir
abmarschiert sind. Auch die Frau vom armen Dill. Sehr schneidig! Hat ihm
Rosen nachgeworfen in den Zug und war erst seit zwei Monaten seine Frau. --
Er kicherte höhnisch und ballte die Fäuste, schwer ankämpfend gegen die
Tränen, die ihm in der Gurgel glühten. -- Rosen, hehe, und auf
>Wiedersehen< gerufen. So patriotisch waren sie alle! Gratuliert hat unser
Oberst dem Dill, weil seine Frau sich so stramm gehalten hat, beim
Abmarsch. So stramm, verstehst du, als ging's zum Manöver.

Torkelnd, auf weitauseinandergespreizten Beinen, stand der Leutnant jetzt
aufrecht, stützte sich auf den Arm des Rittmeisters, und starrte ihm mit
seinen unsteten Augen erwartungsvoll ins Gesicht.

-- Weißt du, was ihm geschehen ist, dem Dill? Ich war dabei. Weißt du was?

Ratlos blickte der Rittmeister auf die andern.

-- Geh, komm schlafen. Reg di' net auf! -- stammelte er verlegen.

Mit einem Triumphgeheul fiel ihm der Kranke ins Wort, keifend, mit
unnatürlich hoher Stimme:

-- Weißt nicht, was ihm geschehen ist, dem Dill? Weißt nicht? So sind wir
gestanden, wie jetzt, er hat mir grad das neue Bild zeigen wollen, das ihm
seine Frau geschickt hat. Seine tapfere Frau, hehe, seine gefaßte Frau!
Denn gefaßt, das waren's alle. Auf alles gefaßt! Und wie wir so steh'n,
schlagt eine Achtundzwanziger ein -- ganz weit von uns -- gut zweihundert
Schritt -- haben gar nicht hing'schaut. Da seh' ich auf einmal was
schwarzes fliegen -- und der Dill fallt um, mit dem Bild von seiner feschen
Frau in der Hand, -- und im Kopf steckt ihm ein Stiefel, ein Bein, ein
Stiefel mit dem Bein von einem Trainsoldaten, den die Achtundzwanziger
zerrissen hat, ganz weit von uns. --

Einen Augenblick hielt er inne, starrte den Rittmeister triumphierend an.
Dann sprach er weiter mit einem gehässigen Stolz in der Stimme, und doch ab
und zu aussetzend, unterbrochen von einem merkwürdig glucksendem Stöhnen.

-- Nichts hat er mehr gesagt, der arme Dill, mit dem Sporn im Schädel, so
einem richtigen Komissporn, groß wie ein Fünfkronenstück. Nur die Augen hat
er verdreht, traurig das Bild von seiner Frau angeschaut, daß sie so was
hat zugeben können. -- -- -- So was! -- -- So was, mein Lieber! -- -- -- Zu
viert haben wir ihm den Stiefel rauszieh'n müssen, -- zu viert! Hin- und
herdrehen haben wir ihn müssen, du! Bis ein Stück von seinem Gehirn
mitgekommen ist, -- wie ausgerissene Wurzeln, -- wie ein grauer Polyp, ein
krepierter, auf dem Sporn. -- -- --

-- Geh, hör auf! -- schrie wütend der Rittmeister, riß sich los und ging
fluchend ins Haus. Die beiden anderen sahen ihm sehnsüchtig nach. Allein
konnten sie den Unglücklichen doch nicht lassen. Er war, als der
Rittmeister ihm den Arm entzog, erschöpft auf die Bank zurückgefallen, saß
wimmernd, wie ein geschlagenes Kind, mit dem Kopfe auf der Lehne. Erst als
der Philosoph leise seine Schulter berührte, um ihn, gut zuredend, zum
Gehen zu bewegen, fuhr er von neuem auf und brach in ein bellendes,
häßliches Lachen aus.

-- Aber wir haben sie ihm rausgerissen, seine fesche Frau. Zu viert haben
wir gezogen bis sie draußen war. Ich hab ihn befreit! Raus, weg ist sie.
Alle sind's weg. Meine ist auch weg; die Meine ist auch ausgerissen. Alle
werden ausgerissen. Keine Frau gibts! Keine Frau mehr, keine -- -- --

Nickend sank sein Kopf nach vorne; über das tieftraurige Gesicht rollten
langsam die Tränen.

Hinter seinem Rücken tauchte der Rittmeister wieder auf, gefolgt von dem
kleinen Sekundararzt, der die Nachtwache hatte.

-- Du mußt jetzt ins Bett, Herr Leutnant -- knarrte der Doktor mit
forcierter Strenge.

Der Kranke warf den Kopf zurück, starrte verständnislos in das fremde
Gesicht. Als der Arzt den Satz mit gehobener Stimme wiederholte, leuchteten
seine Augen plötzlich auf und er nickte zustimmend.

-- Müssen gehen, natürlich! -- wiederholte er eifrig und seufzte schwer --
Alle müssen wir gehen. Wer nicht geht, ist ein Feigling, und einen Feigling
wollen sie nicht haben. Das ist's ja! Verstehst du nicht? Jetzt sind Helden
modern. Die fesche Frau Dill hat einen Helden haben wollen zu ihrem neuen
Hut, hehe. Darum hat der arme Dill sein Gehirn hinaustragen müssen. Ich
auch, -- Du auch! Mußt sterben gehen, -- mußt dich treten lassen, ins
Gehirn treten! Und die Frauen schaun zu, -- fesch, -- weil's jetzt so Mode
ist.

Er hatte seinen abgezehrten Leib mühsam an der Banklehne hochgestemmt, sah
allen Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht, auf Zustimmung
wartend.

-- Ist das nicht traurig? -- frug er leise. Dann, mit plötzlich wieder
emporschnellender Stimme, von jäher Wut gepackt, schreiend, daß es
unheimlich durch den Garten gellte: -- Ist das nicht Betrug, he? Nicht
Betrug? War ich ein Messerstecher? Ein Raufbold? War ich ihr nicht recht,
am Klavier? Sanft und rücksichtsvoll haben wir sein müssen! Zartfühlend!
Und auf einmal, weil die Mode gewechselt hat, wollen sie Mörder haben.
Verstehst du das?

Losgelöst vom Arzt, stand er wieder torkelnd da, und seine Stimme sank
allmählich zu einem wehleidigen Klageton herab, der, aus gepreßter Kehle,
gröhlend, wie das Lallen eines Trunkenen klang.

-- Die Meine war auch fesch; versteht sich. Keine Träne! Ich habe gewartet,
immer gewartet, wann sie zu schreien anfangen wird, wann sie mich endlich
bitten wird auszusteigen, nicht mitzufahren, feig zu sein, für sie! Aber
sie haben nicht den Mut gehabt; -- keine hat den Mut gehabt; nur fesch
haben's sein wollen. Meine auch! Meine auch! Mit dem Taschentuch gewinkt,
wie die anderen.

Seine zuckenden Arme strebten, sich windend, in die Höhe, als wollte er den
Himmel zum Zeugen anrufen.

-- Was das Gräßlichste war, willst du wissen? -- stöhnte er leise, sich
unvermittelt wieder an den Philosophen wendend, -- die Enttäuschung war das
Gräßlichste, der Abmarsch. Der Krieg nicht! Der Krieg ist, wie er sein muß.
Hat's dich überrascht, daß er grausam ist? Nur der Abmarsch war eine
Überraschung. Daß die Frauen grausam sind, das war die Überraschung! Daß
sie lächeln können und Rosen werfen; daß sie ihre Männer hergeben, ihre
Kinder hergeben, ihre Buben, die sie tausendmal ins Bett gelegt, tausendmal
zugedeckt, gestreichelt, aus sich selbst aufgebaut haben, das war die
Überraschung! Daß sie uns hergegeben haben -- daß sie uns geschickt haben,
geschickt! Weil jede sich geniert hätt' ohne einen Helden dazustehen; das
war die große Enttäuschung, mein Lieber. Oder glaubst du, wir wären
gegangen, wenn sie uns nicht geschickt hätten? Glaubst du? So frag doch den
dümmsten Bauernburschen draußen, warum er eine Medaille haben möchte, ehe
er auf Urlaub geht. Weil ihn sein Mädel dann lieber hat, weil ihm die
Frauenzimmer dann nachlaufen, weil er mit seiner Medaille den anderen die
Weiber vor der Nase wegangeln kann; darum, nur darum. Die Frauen haben uns
geschickt! Kein General hätt' was machen können, wenn die Frauen uns nicht
hätten in die Züge pfropfen lassen, wenn sie geschrien hätten, daß sie uns
nicht mehr anschaun, wenn wir zu Mördern werden. Nicht Einer wär hinaus,
wenn sie geschworen hätten, daß keine von ihnen ins Bett steigt mit einem
Mann, der Schädel gespalten, Menschen erschossen, Menschen erstochen hat.
Nicht Einer, sag ich euch! Ich hab's ja nicht glauben wollen, daß sie's so
tragen können! Sie heucheln nur, hab ich gedacht; sie halten sich noch
zurück; aber wenn erst der Pfiff kommt, dann werden sie aufschreien, werden
uns herausreißen aus dem Zug, werden uns retten. _Einmal_ hätten sie uns
schützen können, und sie haben nur fesch sein wollen! Auf der ganzen Welt,
nur fesch.

Wie zerbrochen saß er nun wieder auf der Bank, geschüttelt von einem
sanften, kummervollen Weinen, den Kopf wehmütig hin- und herrollend auf der
keuchenden Brust.

Hinter seinem Rücken hatte sich ein ganzer Kreis gebildet. Auch der alte
Landsturmkorporal stand da, neben dem Arzt, mit vier Wachsoldaten, bereit,
jeden Augenblick einzugreifen. Im Offiziersflügel waren alle Fenster
aufgeflammt, notdürftig bekleidete Figuren beugten sich heraus, und sahen
neugierig in den Garten hinab.

Der Kranke musterte ängstlich die fremden, teilnahmslosen Gesichter. Er war
erschöpft; die heisere Kehle gab keinen Laut mehr her. Seine Hand griff
hilfesuchend nach dem Philosophen, der wie gebrochen an seiner Seite stand.

Nun hielt der Arzt den richtigen Augenblick für gekommen.

-- Komm', Herr Leutnant, geh'n wir schlafen, -- sagte er mit tölpelhaft
forcierter Gemütlichkeit, -- Die Weiber sind nun mal so. Da kann man nix
mach'n.

Er wollte weiter reden, um den Kranken, im Gespräch, unbemerkt ins Haus zu
locken; aber schon der nächste Satz blieb ihm vor Überraschung in der Kehle
stecken. Das kraftlose, schlotternde Skelett, das sich von ihm und dem
Philosophen eben noch wie ohnmächtig hatte aufrichten lassen, sprang
ruckartig hoch, schnellte die Arme auseinander, daß die beiden, die ihn
hatten stützen wollen, strauchelnd in den Kreis der Zuschauer flogen. Er
duckte sich, in den Knien wippend, wie ein Lastträger mit schwerer Fracht
im Nacken, und so hockend, mit schwellenden Adern, wiederholte er, keifend
vor Wut, die Worte des Doktors.

-- Sind nun mal so? . . . Sind nun mal so? Seit wann denn, he? hast du nie
was von Suffragetten gehört, die Minister geohrfeigt, Museen in Brand
gesteckt, sich an Laternenpfähle haben anketten lassen für das Stimmrecht?
Für das Stimmrecht, hörst du? Und für ihre Männer nicht? Nicht einen Laut,
nicht einen Schrei!

Einen Augenblick hielt er inne, atemholend; übermannt von wilder, würgender
Verzweiflung. Dann raffte er sich noch einmal auf und schrie, mühsam gegen
das Schluchzen ankämpfend, das ihn immer wieder gurgelnd erfaßte, aus
tiefster Not, wie ein gehetztes Tier:

-- Hast du von einer gehört, die sich für ihren Mann vor den Zug geworfen
hat? Hat eine für uns Minister geohrfeigt, sich an die Schienen gebunden?
Keine einzige hat man wegreißen müssen. Nicht eine hat gekämpft, nicht eine
hat uns verteidigt. Nicht eine hat sich gerührt, in der ganzen Welt.
Hinausgejagt haben sie uns! Den Mund verstopft haben sie uns! Die Sporn
haben sie uns gegeben, wie dem armen Dill. Morden haben sie uns geschickt,
sterben haben sie uns geschickt, für ihre Eitelkeit. Willst du sie
verteidigen? Ausgerissen müssen sie werden! Ausgerissen wie Unkraut, mit
der Wurzel! Zu viert müßt ihr zieh'n, wie beim Dill. Zu viert, dann muß sie
raus. Bist du der Doktor? Da! Mach ihn auf meinen Kopf! Ich will keine
Frau. Sieh, -- zieh sie raus . . . .

Weit ausholend sauste seine Faust, wie ein Hammer, auf den eigenen Schädel,
griffen seine gekrümmten Finger erbarmungslos in den spärlichen Haarwuchs
am Hinterkopf, bis er, aufbrüllend vor Schmerz, einen ganzen Büschel
ausgerissen in die Höhe hielt.

Im nächsten Augenblick lagen, auf einen Wink des Arztes, die vier
Wachsoldaten schon keuchend über ihm. Er schrie, knirschte, schlug um sich,
strampelte sich frei, schüttelte sie ab wie Kletten; auch der alte Korporal
und der Doktor mußten mit zugreifen, dann erst gelang es ihn ins Haus zu
schleppen.

Hinter ihm leerte sich rasch der Garten. Als letzter humpelte der
Musulmann, mit dem Philosophen an seiner Seite, dem Eingang zu. Vor dem
Portal blieb er stehen, sah, im Schein der Laterne, ernsthaft auf sein
vergipstes Bein, das wie leblos zwischen den Krücken hing.

-- Weißt, Philosoph, da ist mir meine Hax'n doch lieber. Narrisch wer'n,
wie dieser arme Teufel, is schon 's Ärgste, was ei'm draußen passieren
kann. Dann schon lieber gleich ganz weg mit'n Kopf! Oder meinst du, daß der
noch mal wer'n kann?

Der Philosoph schwieg. Sein rundes, gutmütiges Gesicht war aschfahl
geworden; seine Augen schwammen in Tränen. Er zuckte die Achseln und half
dem andern wortlos über die Treppe. Als sie auf den Korridor traten, hörten
sie, weit irgendwo im Haus, noch Türen schlagen und einen letzten, dumpfen
Schrei.

Dann wurde es still. Die Fenster im Offiziersflügel erloschen der Reihe
nach, und bald lag der Garten, wie eine buschige, schwarze Insel, in den
Fluß geschmiegt, der lautlos sich kräuselnd vorbeizog. Nur das Husten der
Geschütze brachte ein Windstoß ab und zu, wie fernes Echo, aus dem Westen
herüber.

Noch einmal knirschte der Kies, als die Patrouille, quer durch den Garten,
zum Wachtgebäude zurückmarschierte. Ein Soldat fluchte leise und nestelte
an seiner zerrissenen Bluse. Die anderen atmeten schwer, -- wischten sich
mit dem Handrücken den Schweiß von der roten Stirne. Hinter ihnen ging der
alte Landsturmkorporal, die Pfeife im Mundwinkel, mit gesenktem Kopf. Als
er in die Hauptallee einbog, flammte eben ein heller Feuerschein über den
Himmel und ein langes Rollen, das sich schließlich knurrend in die Erde
verkroch, machte alle Fenster erklirren.

Der Alte blieb stehen. Er horchte, bis das Grollen verstummt war, hob
drohend die geballte Faust, spie in weitem Bogen zischend durch die Zähne,
und brummte, mit einem Ekel, der aus tiefster Seele kam:

-- Pfui Teufel! .ch Feuertaufe

Eine halbe Stunde hatte die Kompagnie am Waldrande gerastet; nun gab
Hauptmann Marschner den Befehl zum Aufbruch. Er war, trotz der mörderischen
Hitze, ganz blaß, und sah beiseite, während er Leutnant Weixler den Auftrag
gab, dafür zu sorgen, daß innerhalb zehn Minuten alles marschbereit sei,
bis auf den letzten Mann.

Eigentlich hatte er sich selbst überrumpelt mit diesem Befehl. Denn nun,
das wußte er, gab es keinen Aufschub mehr! Wenn er Weixler auf die
Mannschaft losließ, dann klappte alles; die Leute zitterten vor diesem
knapp zwanzigjährigen Jungen, als wäre er der leibhaftige Teufel. Und
manchmal schien es dem Hauptmann selbst schon, als hätte die baumlange,
knochige Gestalt wirklich etwas Unheimliches an sich. Nie flammte auch nur
ein Funken Wärme aus diesen kleinen, stechenden Augen, die immer eine
flackernde Unruhe spiegelten, immer wie im Fieber glänzten. Nichts war jung
an dem ganzen Menschen, außer dem kleinen, schütteren Schnurrbart über den
verkniffenen Lippen, die sich nur auftaten, um mit hämischer Härte die
Bestrafung eines Soldaten zu fordern. Ein Jahr fast hatte ihn Hauptmann
Marschner schon an seiner Seite, und hatte ihn noch nie lachen gehört;
wußte noch nichts von seiner Familie, nicht woher er kam, ob er überhaupt
Angehörige hatte. Er sprach nur selten, in kurzen, hastigen Sätzen, die er
zischend hervorstieß. Wie das Brodeln einer verbissenen Wut, die in ihm
kochte, klang alles, was er sagte, und handelte immer von Dienst oder
Krieg, als gäbe es außer diesen beiden Dingen überhaupt nichts auf der
Welt, was Worte lohnte.

Und diesem Menschen hatte das Schicksal den Streich gespielt, ihn das ganze
erste Kriegsjahr hindurch im Hinterland zurückzuhalten! Elf und ein halb
Monate dauerte schon der Krieg, und Leutnant Weixler hatte noch keinen
Feind gesehen. Wenige Kilometer war er nur, gleich zu Beginn, über die
russische Grenze gekommen, dann hatte ihn der Typhus erwischt, ehe er noch
einen Schuß abgefeuert. Nun kam er endlich an den Feind! Hauptmann
Marschner wußte, daß er ein Mannschaftsgewehr für sich mitschleppen ließ,
und seine gesamten Ersparnisse für ein Zielfernrohr geopfert hatte, um ganz
auf Numero sicher zu gehen, und genau zu wissen, wie viel Feinden er das
»Lämpchen ausgeblasen«. Er war fast fröhlich geworden, seit man das Feuer
schon aus der Nähe hörte, gesprächig, von einem nervösen Eifer getrieben,
wie ein passionierter Jäger, wenn er die Fährte aufnimmt. Der Hauptmann sah
ihn bald da, bald dort aus dem Gedränge auftauchen, und wandte sich ab. Er
wollte es nicht sehen, wie der Kerl seine armen, totmüden Leute
drangsalierte, sie anfuhr, genau wie ein kläffender Schäferhund, der die
Herde zusammentreibt. Lange, ehe die zehn Minuten vergangen waren, würde
die Kompagnie gestellt sein, dafür sorgte Weixlers Ungeduld; und dann, --
dann gab es keinen Grund mehr, noch länger zu zaudern. Keine Möglichkeit
mehr, den schweren Entschluß weiter hinauszuschieben!

Hauptmann Marschner tat einen tiefen Atemzug, und sah mit merkwürdig
gespannten, weit aufgerissenen Augen zum Himmel hinauf. Da vorne, jenseits
des steilen Hügels, der jetzt noch die Aussicht auf das Gefechtsfeld
versperrte, tackten, in atemloser Eile, unsichtbar die Maschinengewehre;
und kaum eine Spanne hoch über dem Rande der Böschung schwebten, dicht
gesät, kleine, gelb-weiße Päckchen, wie hochgeworfene Schneeballen in der
Luft: die Sprengwolken des Sperrfeuers, durch das er seine Kompagnie zu
führen hatte.

Es war kein kurzer Weg! Zwei Kilometer noch, vom jenseitigen Fuße des
Hügels, bis zum Eingang der Laufgräben; und immer über freies Feld, ohne
jede Deckung. Für eine Landsturmkompagnie, für ehrwürdige Familienväter,
die seit wenigen Stunden im Felde standen, jetzt erst ihre Feuertaufe
erhalten, zum erstenmal Pulver riechen sollten, wahrlich keine kleine
Aufgabe. Für den Weixler, der nichts anderes im Kopf hatte, als das
Verdienstkreuz, das er sich je eher holen wollte, -- für solch einen
zwanzigjährigen Raufbold, der die Welt um die eigene, hochwichtige Person
rotieren ließ und noch keine Zeit gehabt hatte, das Leben schätzen zu
lernen, mochte das nur ein aufregender Spaziergang sein, eine prickelnde
Sache, bei der man sich so richtig fühlen, seine Unerschrockenheit ins
rechte Licht setzen konnte. Im Stillen machte der sich wohl längst schon
lustig über die Unentschlossenheit seines alten Hauptmanns, und fluchte
über diese letzte Rast, die ihn noch eine halbe Stunde länger auf seine
erste Heldentat zu warten zwang.

Marschner mähte mit seinem Reitstock die hohen Grashalme nieder, und
schielte, von Zeit zu Zeit, verstohlen zu seiner Kompagnie. Er merkte es an
den schleppenden Bewegungen der Leute, an dem Widerstreben, mit dem sie
sich erhoben, wie Kinder, die man aus dem Schlafe weckt, daß sie es längst
schon erfaßt hatten, wohin der Weg nun ging. Die lautlose Stille, in der
sie ihre Bündel packten und eintraten in die Reihe, krampfte ihm das Herz
zusammen.

Unermüdlich hatte er sich seit Kriegsbeginn auf diesen Augenblick
vorbereitet, Tag und Nacht gegrübelt, sich's tausendmal vorgesagt, daß wo
Höheres auf dem Spiele stand, die Not des Einzelnen nichts bedeutete; daß
ein gewissenhafter Führer sich wappnen müsse mit Gleichgültigkeit. Und nun
stand er da, -- und merkte mit Schrecken, wie alle guten Vorsätze
abbröckelten und nichts in ihm übrig blieb, als heißes, grenzenloses
Mitleid mit diesen aufgescheuchten Nesthütern, die sich so still ergeben
bereit machten; gleichsam ihr Leben in die Hände nahmen wie ein kostbares
Gefäß, um es in den Kampf zu tragen und dem Feinde vor die Füße zu werfen,
als wäre es ihr Geringstes, was da in Scherben ging!

Ein Kaninchen, das man selbst großgezogen hatte, unter's Messer zu liefern;
einen liebgewonnenen Haushund eigenhändig zum Schinder zu schleifen, schon
Solches hätte man ihm, dem gutherzigen »Onkel Marschner« -- wie er in
Bekanntenkreisen hieß --, nicht zumuten dürfen. Und nun sollte er Menschen,
die er selbst zu Soldaten ausgebildet, monatelang unter den Augen gehabt
hatte, Menschen, die er wie seine Taschen kannte, ins Schrapnellfeuer
hineinjagen! Was nutzten da alle tiefsinnigen Betrachtungen? Er sah nur die
ängstlich flehenden Blicke, die seine Leute zu ihm hinüberschickten, um
Schutz bittend, als glaubten sie, ihr Herr Hauptmann könne auch
Flintenkugeln und Sprengstücken den Weg vorschreiben. Und dieses Vertrauen
sollte er nun mißbrauchen? Sollte diese bärtigen Kindsköpfe, die er
vorgestern erst, von ihren Kleinen umringt, Abschied nehmen gesehen von den
weinenden Frauen, jetzt ohne Rührung in den Tod kommandieren? Sollte
unbekümmert weiter marschieren, wenn der eine oder andere getroffen
hinfiel, sich jammernd in seinem Blute wälzte? Woher sollte er die Kraft
nehmen, zu solcher Härte? Von dem höhern Ziele etwa? Es war nicht da. Nicht
mit den Händen zu fassen. Es war zu sehr gesprochen, zu sehr nur Klang, als
daß es ihm hätte seine Soldaten verdecken können, die mit
heimwärtsgewandter Seele dem Sperrfeuer entgegenbangten!

Wie ein Schlag in die Magengegend traf ihn die Meldung, die ihm Leutnant
Weixler strahlend, mit geröteten Wangen ins Gesicht schmetterte. Das klang
so herausfordernd! Die dreiste Frage: »Nun, warum freust du dich nicht auch
auf die Gefahr, wie ich?« war nicht zu überhören. Hauptmann Marschner
strömte alles Blut in die Schläfen, er mußte den Blick abwenden, und seine
Augen irrten unwillkürlich zu den Schrapnellwolken, trugen eine Bitte, eine
heimliche Invokation zu den dummen, wahllos niederprasselnden Dingern
hinauf: sie möchten diesem frostigen Burschen doch das Leiden lehren, --
ihn überzeugen von seiner Verwundbarkeit!

Eine Sekunde später senkte er schon beschämt den Kopf. Sein Zorn wuchs
gegen den Menschen, der ihm eine solche Regung hatte entlocken können. --
Danke. Laß die Leute »Ruht« stehen; ich muß noch einmal nach den Pferden
schau'n, -- sagte er gemessen, mit einer erzwungenen Ruhe, die ihm wohl
tat. Er wollte sich nicht drängen lassen, nun erst recht nicht, und freute
sich, als er den Leutnant zusammenzucken sah; lächelte zufrieden in sich
hinein über das indignierte Gesicht, und das trotzige »Zu Befehl, Herr
Hauptmann«, das lange nicht mehr so schmetternd hell klang, sondern
knirschend aus gepreßter Kehle kam. Der Junge sollte nur auch einmal
merken, wie wohl es tat, gebändigt zu werden! Sonst liebte er es ja, sich
auf Kosten der Mannschaft an seiner Macht zu berauschen, triumphierend, als
wäre es die Kraft seiner Persönlichkeit, die den Leuten Herr ward, und
nicht das Dienstreglement, das immer ihm zur Seite stand.

Mit gemächlichen Schritten ging Hauptmann Marschner in den Wald zurück,
doppelt froh, daß die Lektion, die er Weixler erteilt, seinen alten Knaben
eine kurze Galgenfrist bescheert hatte. Vielleicht sauste eine Granate vor
ihrer Nase in die Erde, und diese wenigen Minuten retteten zwanzig Menschen
das Leben. Vielleicht? . . . Es konnte freilich auch umgekehrt kommen: just
diese Minuten . . . Ach! was hatten solche Berechnungen für Zweck? Am
besten war nicht daran denken! Er wollte den Leuten helfen so viel er
konnte; Retter konnte er keinem sein.

Oder doch? . . . Den einen, der ihm eben mit Feuereifer aus dem Walde
entgegenstürzte, hatte er vorläufig geborgen. Der blieb, mit sechs Mann,
bei den Pferden und dem Train zurück. War es ein Unrecht, gerade diesen zu
bestimmen? Alle anderen Unteroffiziere waren älter, und verheiratet; der
kleine, dicke, mit den O-Beinen hatte sogar sechs Kinder daheim. Konnte er
es vor seinem Gewissen verantworten, diesen jungen, ledigen Burschen hier
in Sicherheit . . .

Mit einer wütenden Handbewegung unterbrach der Hauptmann seine Gedanken. Am
liebsten hätte er sich mit der Faust an der Brust gepackt und tüchtig
durchgebeutelt. Daß er das verdammte Grübeln und Abwägen noch immer nicht
lassen konnte! Gab es hier noch eine Gerechtigkeit, im Machtbereiche der
Granaten, die Taugenichtse verschonten und die Besten niederstreckten?
Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, sein Gewissen, seine Rührseligkeit,
sein ewig waches Mitgefühl mit allen überflüssigen Gedanken daheim zu
lassen, bei seiner eingekampferten Zivilkleidung, in der Friedenswohnung?
Das alles gehörte zum Zivilingenieur Rudolf Marschner, der früher einmal
Offizier gewesen und mit dreißig Jahren noch einmal zur Schulbank
zurückgekehrt war, um das Kriegshandwerk, in das er sich als dummer Junge
verirrt hatte, gegen einen Beruf zu vertauschen, der seiner weichen,
nachdenklichen Natur besser entsprach. Daß ihn dieser Krieg jetzt, zwanzig
Jahre später, noch einmal zum Soldaten gemacht hatte, war ein Unglück. Eine
Katastrophe, die ihn -- wie alle --, unverdient traf; mit der er sich aber
endlich abfinden mußte. Und dazu gehörte, in erster Reihe, das Loskommen
von allem raisonieren! Wozu sich viel mit Fragen quälen? Einer mußte doch
im Walde zurückbleiben, zur Aufsicht. Der Kommandant hatte diesen jungen
Zugführer bestimmt, also blieb dieser da. Und damit basta!

Peinlich war es nur, daß der Kerl so ein gerührtes Gesicht schnitt.
Widerlich, einfach widerlich war die hündische Dankbarkeit, die ihm aus den
feuchtschimmernden Augen strahlte! Wie kam der Mensch dazu, etwas von
seiner Mutter zu stammeln? Er wurde hier gelassen, weil der Dienst es
erforderte; seine Mutter hatte dabei nichts zu tun. Die saß in Wien, -- und
hier war Krieg. Das mußte er sich gesagt sein lassen: sein Kommandant
wollte nicht hoffen, daß er es als Glück, oder gar besondere Gnade
empfinde, nicht mit in den Kampf zu müssen!

Es wurde Hauptmann Marschner gleich leichter ums Herz, als er den
zerknirschten Sünder so herunterkapitelt hatte. Sein Gewissen war jetzt
ganz frei, als hätte er den Mann wirklich nur ganz zufällig auf diesen
Posten beordert. Doch dauerte dieses Gefühl nicht lange, denn der alberne
Kerl ließ es sich nicht nehmen, ihn, wie seinen Retter, anzuhimmeln. Und
als er, in stramm militärischer Haltung, aber mit einer Stimme, die rauh
und zitternd klang von verschluckten Tränen, »Wünsche gehorsamst viel
Glück, Herr Hauptmann« stammelte, da strahlte aus diesem Wunsch eine solche
Inbrunst, eine so glühende Anhänglichkeit, daß es dem Hauptmann auf einmal
wieder leer wurde im Magen, und er mit einer plötzlichen Wendung auf und
davon ging.

Nun wußte er ja Bescheid. Konnte sichs beiläufig ausrechnen, was der
Weixler schon alles an ihm beobachtet, wie der sich schon insgeheim über
seine Rührseligkeit mokiert haben mußte, wenn ein einfacher Mensch, wie
dieser Tischlergeselle, seine geheimsten Gedanken erriet! Er hatte ihm ja
kein Wort gesagt; hatte ihn nur verstohlen beobachtet, vorgestern abend,
beim Einwaggonieren in Wien, wie er von seiner Mutter Abschied nahm. Woher
ahnte der verdammte Kerl, daß die verwuzelte, eingeschrumpfte Knusperhexe,
mit der Haut, die, wie ausgedörrt vom Leben, in tausend Falten, schlaff an
den Backenknochen hing, solchen Eindruck auf seinen Hauptmann gemacht
hatte? Er selbst wußte es ja sicher gar nicht, wie rührend es aussah, als
das winzige Mütterchen, so von unten her, zu ihm emporblickte, und weil es
sein Gesicht nicht erreichen konnte, mit der zitternden Hand den breiten
Brustkasten streichelte. Kein Mensch konnte es ihm verraten haben, daß sein
Kompagniekommandant ihn seither nicht anschauen konnte, ohne auf der
himmelblauen Bluse, wie hingemalt, die zitronengelbe, dichtgeaderte Hand,
die knolligen, verkrümmten Finger zu sehen, die mit so unsagbar viel Liebe
den rauhen, haarigen Loden berührt hatten. Und doch war der Lump irgendwie
dahintergekommen, daß diese Hand schützend über ihm schwebte, für ihn
gebeten und das Herz seines Führers erweicht hatte.

Wütend stampfte Marschner über die Wiese, beschämt, als hätte ihm jemand
eine Larve vom Gesicht gerissen. So leicht war es also, ihn zu
durchschauen; trotz der vielen Mühe, die er sich nahm? . . . Er blieb
stehen, um sich zu verschnaufen; hieb wieder auf das Gras ein und fluchte
laut auf. Nun ja, er konnte sich eben nicht verstellen, konnte nicht
plötzlich aus seiner Haut heraus, und wenn es tausendmal Weltkrieg gab! Er
war gewöhnt, sich von Neffen und Nichten, gutmütig lachend, um die Finger
wickeln zu lassen; war unfähig, von heut auf morgen, zum Eisenfresser zu
werden, der vergnügt auf Menschenjagd geht! Was war das auch für ein
wahnwitziger Gedanke, alle Menschen über einen Löffel barbieren zu wollen?
Niemand dachte daran, aus Weixler einen weichherzigen Philanthropen zu
machen; und er sollte, so mir nichts, dir nichts, auf Befehl, ein
blutrünstiger Haudegen werden? . . . Er war nun mal nicht mehr zwanzig
Jahre alt, wie der Weixler, und diese stillen, traurigen Männer, die man so
grausam aus ihrem Erdreich gerissen hatte, waren ihm jeder mehr, als nur
ein Gewehr, das man in Reparatur schickt, wenn es beschädigt, gleichgültig
liegen läßt, wenn es unbrauchbar geworden ist. Wer das Leben schon von
allen Seiten angesehen und überdacht hatte, konnte nicht so zum
»Nur-Soldaten« werden, wie sein Leutnant, der noch gar nicht richtig Mensch
geworden war, die Welt noch gar nicht anders gesehen hatte, als vom Hofe
der Kadettenschule und der Kaserne aus.

Ja, wenn es noch gewesen wäre, wie am Anfang, als noch lauter junge,
abenteuerlustige Burschen aus den Waggonfenstern johlten, die nichts daheim
zurückließen, als höchstens Eltern, denen sie nun endlich imponieren
konnten! Damals hätte auch er seinen Mann gestellt, so gut wie irgend
einer; so gut, oder besser, als der stramme Leutnant Weixler. Damals
marschierten die Leute zwei, drei Wochen lang, ehe sie auf den Feind
stießen. Da löste man sich noch langsam vom Leben los, ging durch tausend
Mühen und Entbehrungen; bis über Hunger, Durst und Müdigkeit allmählich
alles vergessen war, was man weit -- weit rückwärts zurückgelassen hatte.
Da schwelte der Haß gegen den Feind, der einem all' die Not angetan hatte,
von Tag zu Tag immer höher; und der Kampf war Erlösung nach der langen,
passiven Leidenszeit.

Heute aber ging das alles auf eins--zwei. Vorgestern noch in Wien, -- und
jetzt, noch mit dem Abschiedskuß auf den Lippen, noch nicht ganz
losgerissen, gleich hinein ins Feuer. Und nicht blindlings, nicht
ahnungslos, wie die ersten! Für diese armen Teufel hatte der Krieg keine
Geheimnisse mehr. Jeder hatte schon Tote in seiner Familie oder seiner
Bekanntschaft; jeder hatte schon mit Verwundeten gesprochen, hatte
verstümmelte, entstellte Invaliden gesehen, und wußte mehr über
Schrapnellwunden, Querschläger, Gasgranaten und Flammenwerfer, als, vor dem
Kriege, Artilleriegeneräle und Stabsärzte gewußt.

Und just diese Sehenden, diese grausam Entwurzelten, mußte er nun führen!
Er, der ausrangierte Hauptmann Marschner, der Zivilist, der anfangs hatte
zu Hause bleiben müssen, bei den Rekruten. Jetzt, da es tausendmal härter
war, jetzt kam die Reihe an ihn, den Führer zu machen und er durfte sich
nicht wehren gegen die Aufgabe, der er nicht gewachsen war. Nein, er hatte
sich noch vordrängen, hatte, -- aus Anstand, -- auf seinem Rechte bestehen
müssen, damit nicht andere, die schon draußen ihr Blut vergossen hatten,
noch einmal hinausgingen, für ihn! -- -- --

Eine dumpfe, ohnmächtige Wut kam über den Hauptmann, als er nun vor seine
Soldaten hintrat, die in breiter Reihe aufgestellt, in atemloser Spannung
auf seine Lippen starrten. Was sollte er ihnen sagen? . . . Es widerstrebte
ihm, die üblichen patriotischen Phrasen, die wie von außen her diktiert auf
die Lippen verlangten, gefügig abzuleiern! Seit Monaten trug er den
trotzigen Entschluß in sich herum, das vorgeschriebene »dulce est pro
patrira mori« nicht auszusprechen, koste es was es wolle. Nichts war ihm so
zuwider, als dieses Klimpern mit dem Opfertod, dieser Marktschreierkniff:
das Sterben auszurufen, während es drinn in der Bude um's Morden ging.

Er biß die Zähne aufeinander und senkte scheu den Blick vor dieser Mauer
aus bleichen Gesichtern. Die dumme, kindische Bitte: »Gieb acht auf uns!«
blinzelte aufreizend aus allen Augen; brachte ihn zur Verzweiflung.

Am liebsten hätte er sie alle zurückgejagt zu den ihren, und wäre allein
weiter! Mit einem Ruck warf er sich trotzig in die Brust, heftete den Blick
starr auf eine Medaille, die ein Mann, in der Mitte der langen Reihe, auf
der Brust trug, und rief:

»-- Kinder! Wir geh'n jetzt an den Feind. Ich rechne darauf, daß jeder von
euch seine Pflicht tun wird, getreu seinem Fahneneid. Ich werde nichts von
euch verlangen, was nicht im Interesse unseres Vaterlandes, in eurem
eigenen Interesse also, für die Sicherheit euerer Frauen und Kinder
geschehen _muß_; darauf könnt ihr euch verlassen. Viel Glück! Und jetzt
los! --«

Er hatte, ohne es zu bemerken, die Stimme Weixlers, seinen überlauten,
forciert-schneidigen Kommandoton nachgeahmt, um die Rührung zu
überschreien, die ihm zitternd in der Kehle lauerte; und nach dem letzten
Worte kehrte er sich blitzschnell ab. Nur über die Schulter hinweg, ohne
sich noch einmal umzuschauen, gab er Befehl zum Ausschwärmen, ließ den Kopf
auf die Brust fallen, und begann mit großen Schritten den Aufstieg.

Hinter ihm knirschten die Stiefel, schlugen die Eßschalen klappernd gegen
irgend ein Ausrüstungsstück. Bald setzte auch das Keuchen der
schwerbepackten Mannschaft ein, und eine dicke, würgende Schweißwolke legte
sich über die marschierende Kompagnie.

Hauptmann Marschner schämte sich! Ein tiefer, körperlicher Ekel überkam ihn
vor der Rolle, die er da gespielt hatte. Was blieb diesen einfachen Leuten,
diesen Maurern, Monteuren und Landarbeitern, die ohne Fernblick, über ihren
Werktag gebeugt, dahingelebt hatten, denn zu tun übrig, wenn die feinen
Herrschaften, die studierten Leute, wenn der Herr Hauptmann, mit den drei
goldenen Sternen auf dem Kragen, sie versicherte, es sei ihre Pflicht und
höchst rühmenswert, italienische Maurer, Monteure und Landarbeiter über den
Haufen zu schießen? Sie gingen; -- -- keuchten hinter ihm her; und er -- --
-- er führte sie! Führte sie, gegen seinen Glauben, aus erbärmlicher
Feigheit, und forderte von ihnen Mut und Todesverachtung. Er hatte sie
beschwatzt, hatte ihr Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe zu Frau und Kind
ausgebeutet, weil er eben lieber, für eine Lüge, vielleicht am Leben blieb,
vielleicht doch noch heil aus dem Kriege heim kam, als sich für die
Wahrheit, an die er glaubte, sicher füsilieren zu lassen! Er setzte sein
Leben, und das ihre, va banque auf falsche Karten, weil er zu feige war,
dem sicheren Verlust allein ins Auge zu schauen! -- -- --

Die Sonne brannte mit mörderischer Glut auf den steilen, baumlosen Abhang.
In das Platzen der Schrapnells, das Tacken der Maschinengewehre, das
Aufbrüllen der eigenen Geschütze, mischte sich, jetzt schon immer näher,
immer heller, das Heulen der herankommenden Geschosse. Und immer noch war
die Kammlinie nicht erreicht! . . . Der Hauptmann fühlte seine Lunge
versagen, blieb stehen, und hob den Arm. Die Leute sollten sich einen
Augenblick verschnaufen; waren seit vier Uhr morgens schon unterwegs;
hatten Tüchtiges geleistet mit ihren vierzigjährigen Beinen. Er merkte es
an sich selbst.

Mitleidig blickte er auf die blauroten, schweißüberströmten Gesichter, und
fuhr zusammen, als er Leutnant Weixler mit großen Schritten auf sich
zukommen sah. Warum konnte er dieses Gesicht nicht mehr sehen, ohne sich
wie angefallen zu fühlen, wie an der Kehle gepackt von einem Haß, der sich
kaum noch zügeln ließ? Er hätte eigentlich froh sein müssen, ihn hier
draußen an seiner Seite zu haben. Ein Blick in diese lauernden Augen mußte
genügen, um jeder Rührung Herr zu werden.

-- Bitt gehorsamst, Herr Hauptmann, -- hörte er ihn schnarren -- ich geh
auf den linken Flügel hinüber. Da sind ein paar Kerle, die mir nit recht
g'fallen. Besonders der Simmel, der rote Hund! Der zieht jetzt scho' den
Kopf ein, wann drüben ein Schrapnell platzt. --

Marschner schwieg. »Der rote Hund?« -- -- »Der Simmel?« -- -- Das war doch
der rothaarige Flügelmann im zweiten Zug; der Tapezierer, der das
entzückende, kleine Mäderl auf dem Arm getragen hatte, bis zum letzten
Augenblick. Bis der Weixler ihn brutal in den Wagen gejagt . . . Dem
Hauptmann war's, als sähe er noch den erstaunten Aufblick der Kinder zu dem
mächtigen Mann, der ihren Vater anzuschnauzen wagte.

-- Laß ihn nur, er wird sich schon drann gewöhnen -- sagte er mild. -- Er
hat halt noch seine Kinder im Kopf, und hat's net eilig, sie zu Waisen zu
machen. Die Leut können ja net alle Helden sein! Wann's nur ihre Pflicht
tun. --

Das Antlitz Weixlers wurde starr. Um die schmalen Lippen erschien wieder
jener harte, verächtliche Zug, der den Hauptmann jedesmal wie ein
Peitschenhieb traf.

-- Er soll jetzt eben nicht mehr an seine Fratz'n denken, sondern an den
Fahneneid, den er seinem allerhöchsten Kriegsherrn g'schworn hat! Hast es
Ihnen ja eben erst g'sagt, Herr Hauptmann. --

-- Ja, ja. Ich hab's ihnen gesagt! -- nickte Hauptmann Marschner
geistesabwesend, und ließ sich langsam ins Gras nieder. Nicht daß dieser so
sprach, wunderte ihn. Aber daß auch ihm einmal vor fünfundzwanzig Jahren,
als er, durch und durch mit Begeisterung wattiert, aus der Kadettenschule
kam, »Fahneneid« und »allerhöchster Kriegsherr« genau so erschöpfend
geklungen hatten! Wie dieser, wäre damals auch er voll freudiger
Begeisterung in einen Krieg gezogen. Wie aber sollte er heute, taub
geworden für den Fanfarenklang solcher Worte, und hellsehend für das
Gebälk, das sie trug, Schritt halten mit der Jugend, die für alles, was
stehend und mit erhobener Stimme verkündet wurde, ein gläubiges Echo war?
Wie sollte er von seinen braven, behäbigen Spießern, die das Leben schon so
gründlich gebändigt hatte, daß sie daheim hungernd an Reichtümern
vorbeigingen, die nur eine dünne Glaswand von ihnen schied, hier plötzlich
ein wildes Draufgehen verlangen? Wie an den Tapezierermeister Simmel die
gleichen Anforderungen stellen, als an den jungen Leutnant, der noch nie
anderes erstrebt hatte, als im Fechten, Ringen und Mut zeigen unter den
ersten genannt zu werden? Waren je Söldner für ihre Sitten, biedere
Bürgersleute für ihre Unerschrockenheit berühmt, -- je ein und dieselben
Menschen zwanzig und fünfundvierzig Jahre alt zugleich gewesen? -- -- --

Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Fäusten, war der Hauptmann so tief
in seine Gedanken versunken, daß er Zeit und Ort vergaß, und alle Versuche
Leutnant Weixlers, ihn durch wiederholtes Vorbeischleichen, lautes
Umherhetzen der Mannschaft aufzuscheuchen, blieben erfolglos. Endlich
brachte ihn nahes Pferdegetrappel wieder zu Bewußtsein. Auf dem Feldweg,
der in halber Höhe um den Hügel lief, galoppierte ein Offizier, die hohe
Generalstäblermütze auf dem Kopf. Er parierte sein Pferd, erkundigte sich
verbindlich nach dem Marschziele der Kompagnie, und rümpfte die Nase, als
Hauptmann Marschner die Nummer der Quote nannte.

-- Dorthin geht's Ihr! -- rief er aus, und die Grimasse ging langsam in ein
respektvolles Lächeln über. -- Aa, da gratulier' ich! Da kommt's ja grad in
die dickste Schweinerei hinein. Dort wollen die Herren Katzelmacher seit
drei Tagen scho durch. Da will ich Euch net aufhalten! Die armen Teufln,
die dort liegen, wern die Ablösung gut brauch'n können. Servus. Und viel
Glück!

Mit Grazie berührten seine Finger die Kappe; das Pferd schrie auf unter dem
Druck der Sporen; -- und fort war er.

Der Hauptmann starrte ihm wie betäubt nach. »Aa, da gratulier ich!« klang
es ihm in den Ohren. Ein Mensch, hoch zu Roß, gut ausgeruht, rosig, sauber,
wie aus dem Schachterl, trifft zweihundert todgeweihte Opfer: verschwitzt,
atemlos, am Rande der Gefahr; weiß, daß in einer Stunde so manches Gesicht,
das sich jetzt noch neugierig ihm zuwendet, schon leidverzerrt oder
totenstarr im Grase liegen wird; -- und sagt lächelnd: »Aa, da gratulier'
ich!« Reitet weiter, ohne daß ihm ein andächtiger Schauer über den Rücken
liefe, ohne daß ein Schatten seine Stirne streifte!

Spurlos wird die Begegnung aus seinem Gedächtnis verschwinden; . . . nichts
heute abend, beim tafeln, ihn an den Kameraden erinnern, dem er am Morgen,
als Letzter vielleicht, die Hand gereicht! . . . Was bedeutete diesen
Auserwählten, die, aus sicherem Hinterhalt die Kolonnen ins Feuer schoben,
der Todesmarsch einer Kompagnie? Und der unglückselige rothaarige
Tapezierer, da nebenan, zitterte, zog den Kopf ein, riß großmächtig die
Augen auf, als hinge das Schicksal der Welt daran, ob er sein rotgelocktes
Mäderl noch einmal wird auf dem Arm tragen. Wahrlich, wenn man die Sache so
aus der richtigen Perspektive sich ansah, -- als vorbeigaloppierender
Generalstäbler, der das Ziel, den Sieg, den man früher oder später, bei
Gläserklirren bejubeln wird, im Auge hat, -- dann hatte der Weixler
eigentlich recht! Es mußte ihn empören, ein so großzügiges Heldengedicht
von einem einzelnen Hasenfuß derart ins Lächerliche gezogen, zu einer
weinerlichen Familienangelegenheit degradiert zu sehen.

-- Die armen Teufel, die dort liegen! . . . Marschner überlief es kalt, als
ihm, über die Worte des Generalstäblers, jäh die Vision des zerschossenen,
blutgetränkten Grabens aufstieg, mit der zu Tode erschöpften Besatzung, die
ihn, wie den Erlöser, herbeisehnte. Er erhob sich stöhnend, übermannt von
einem grimmigen, erbitterten Haß gegen diese Zeit. Keine Masche blieb da
offen! Jede Minute, die er seinen Leuten noch schenkte, war Diebstahl oder
gar Totschlag, begangen an jenen dort vorne. Wild warf er den Arm in die
Höhe und schritt aus, fest entschlossen, nicht mehr stehen zu bleiben, ehe
der Graben erreicht war, den er zu beziehen hatte. Sein Gesicht war bleich,
vergrämt; verzerrte sich zu einem gequälten Lächeln, so oft vom anderen
Flügel das aufreizend schnarrende: »Vorwärts, vorwärts!« seines Leutnants
zu ihm herüberklang.

Auf einmal blieb er stehen. In das Knattern, Pochen, Knallen sprang
plötzlich ein neuer Ton hinein; hob sich hell aus dem ganzen, kaum noch ins
Bewußtsein dringenden Spektakel. Er kam so gellend, so scharf drohend und
blitzschnell heran, daß der Ton gleichsam sichtbar wurde, ein heulender
Bogen in der Luft entstand, sich nahe an die Stirne heranbiß, und dort mit
einem kurzen, harten Peitschenschlag abriß, während, wenige Schritte weiter
vorne, ein kleiner Staubwirbel aufstieg, und unsichtbare Hagelkörner
klatschend ins Gras prasselten.

-- Ein Schrapnell! . . . .

Verdutzt blickte Hauptmann Marschner sich um, und sah zu seinem Schrecken
alle Blicke auf sich gerichtet. Wie um Rat fragend starrten alle Augen ihn
an; um die Lippen aller spielte ein sonderbares, verlegen verschämtes
Lächeln;

Nun hieß es mit gutem Beispiel vorangehen! Unbekümmert weiter marschieren
ohne stehen zu bleiben oder aufzublicken! Es war ja im Grunde ganz alles
eins was man tat. Ein Davonlaufen oder Verstecken gab's da nicht. Da hieß
es Glück haben; -- sonst gab es keinen Schuß. Also vorwärts, als wüßte man
von nichts! War nur einer da, der sich nichts aus der Sache zu machen
schien, dann bekamen's die anderen mit der Scham, kontrollierten sich
gegenseitig, und dann war alles gewonnen. Er merkte es ja an sich selbst,
wie ihm das Gefühl, von allen Seiten beobachtet zu werden, Haltung gab.
Wäre er ganz allein gewesen, er hätte sich vielleicht hingeworfen; hätte
hinter einem Stein Deckung gesucht, und wenn er noch so klein gewesen wäre.

-- War nur ein Weitschuß! Vorwärts Kinder! -- rief er laut, fast fröhlich
gemacht von dem Gefühl: seinen Leuten eine Stütze zu sein. Da schwirrten,
-- ehe er noch fertig gesprochen hatte, schon die nächsten heran. Er
versteifte alle Muskeln, und knirschte vor Wut, als sein Oberkörper dennoch
zurückfuhr, und der Kopf für einen Augenblick zwischen den Schultern
versank. Nicht die Wucht, mit der das Heulen heranflog, ließ ihn
zusammenzucken! Die sonderbare Deutlichkeit, mit der die Flugbahn, genau
wie auf der Abbildung im Artillerieunterricht, sich vor ihm wölbte; dieses
widernatürliche Gefühl, einen Ton mehr mit den Augen, als mit dem Ohr
erfassen zu müssen, das war's, wogegen kein Wille aufkam.

Man mußte was tun, sich irgendwie die Illusion verschaffen, nicht ganz
wehrlos zu sein! -- Kompagnie Laufschritt! -- schrie er, so laut er nur
konnte, beide Hände als Sprachrohr vor dem Mund.

Wie erlöst stürmten die Leute los. Die Spannung schwand von ihren
Gesichtern; jeder einzelne war irgendwie mit sich beschäftigt, stolperte,
raffte sich auf, haschte nach locker gewordenen Ausrüstungsstücken; und in
dem allgemeinen Keuchen und Pusten ging der drohende Pfiff der ankommenden
Geschosse fast unbemerkt unter.

Nach einer Weile war es Hauptmann Marschner, als fauchte ihm jemand ins
linke Ohr hinein. Er wandte den Kopf, und sah Weixler, dunkelrot im
Gesicht, neben sich herlaufen. -- Was gibt's? -- frug er, unwillkürlich in
Schritt fallend.

-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, man sollt' ein Exempel statuieren!
Der Simmel, der Feigling, demoralisiert die ganze Kompagnie. Bei jedem
Schrapnell schreit er »Jesus-Maria«, schmeißt sich hin und macht den andern
Angst. Man sollt' den Kerl als abschreckendes Beispiel . . . .

Mitten in den Satz sauste eine Lage von vier Schrapnells hinein. Das Heulen
schien noch lauter. noch schärfer geworden zu sein; dem Hauptmann war's,
als flitzte, blendend hell, eine ungeheure Sense in steilem Bogen direkt
auf seinen Schädel zu. Diesmal aber durfte er mit keiner Wimper zucken! Wie
beim Zahnarzt, wenn die Zange ansetzt, krampften sich seine Glieder;
zugleich starrte er seinem Leutnant forschend ins Gesicht, neugierig, wie
er sich im ersehnten Feuer nun benahm. Allein der schien von den
Schrapnells gar nicht Notiz zu nehmen. Er reckte sich, sah mit gespannter
Aufmerksamkeit zum linken Flügel hinüber und rief empört:

-- Da! Siehst, Herr Hauptmann! Da liegt der verdammte Kerl schon wieder!
Ich will ihm doch . . .

Ehe ihn Marschner erhaschen konnte, war er schon losgesprungen, blieb aber
auf dem halben Wege stehen, machte Kehrt und kam mißmutig zurück.

-- Der Kerl ist getroffen, -- meldete er mürrisch, mit einem verärgerten
Achselzucken.

-- Getroffen? -- entfuhr es dem Hauptmann, und ein häßlicher, bitterer
Geschmack klebte ihm plötzlich die Zunge an den Gaumen. Er sah die frostige
Ruhe in Weixlers Zügen, den teilnahmslosen, gleichgültigen Blick, und seine
Hand zuckte in die Höhe. Schlagen hätte er ihn mögen, so aufreizend wirkte
diese Unberührtheit, so weh tat ihm dieses hingeworfene »der Kerl ist
getroffen«. Das Bild des netten Mäderls, mit der hellen Schleife in den
roten Locken, blitzte vorbei, und die Vision einer verkrümmten Leiche, die
ein Kind in den Armen hielt. Wie durch einen Schleier hindurch sah er
Weixler, an sich vorbei, der Kompagnie nacheilen, und lief hinüber, wo
neben etwas Unsichtbarem zwei Sanitätssoldaten knieten.

Der Verwundete lag am Rücken; seine flammend roten Haare umrahmten ein
grün-graues, gespenstisch-regungsloses Gesicht. Vor wenigen Minuten hatte
Hauptmann Marschner den Mann noch laufen, -- dasselbe Antlitz noch erhitzt,
in erregter Lebendigkeit gesehen. Seine Kniee gaben nach; -- wie eine kalte
Hand wühlte der Anblick dieses unfaßbar jähen Wechsels in seinem Innern.
War das möglich? . . . . Konnte so alles Blut in einer Sekunde entweichen;
ein gesunder, kräftiger Mensch in wenigen Augenblicken zur Ruine zerfallen?
Welche Höllenkraft lauerte in so einem Stück Eisen, daß es die Arbeit
monatelangen Siechtums zwischen zwei Atemzügen verrichten konnte.

-- Keine Angst, Simmel, -- stammelte der Hauptmann, auf die Schulter eines
Sanitätssoldaten gestützt, -- man wird sie runtertragen zum Train! -- und
tief atemholend, rang er sich mühsam die Lüge ab: -- Jetzt kommen's gar als
Erster nach Wien zurück! -- Er wollte auch noch etwas von der Familie, von
dem rotlockigen Mäderl hinzufügen, brachte es aber nicht über die Lippen.
Es war ihm bange vor einem Aufschrei des Sterbenden nach den Seinen, und
ein inneres Zittern durchlief ihn, als der qualvoll verzerrte Mund sich
langsam auftat. Er sah die Augen sich öffnen; erschauerte vor dem gläsernen
Blick, der an nichts Körperlichem mehr einen Halt zu finden, durch alle
Anwesenden hindurch in weiter Ferne was zu suchen schien. Der Körper
krümmte sich unter den wühlenden Händen des Sanitäters; aus der
aufgerissenen, blutüberströmten Brust stiegen gurgelnd unverständliche
Laute, bliesen den roten Schaum vor dem Mund zu platzenden Luftblasen auf.

-- Simmel! Was wollen Sie Simmel? -- bat Marschner, tief über den
Verwundeten gebeugt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er dem Lallen,
überzeugt, daß es eine letzte Botschaft zu erhaschen galt! Er atmete auf,
als die verirrten Augen endlich zurückfanden, und ängstlich forschend
haften blieben auf seinem Gesicht. -- Simmel -- rief er wieder und haschte
nach der Hand, die zitternd die Wunde suchte. -- Simmel! Kennen's mich denn
nicht?

Simmel nickte. Er riß die Augen auf, seine Mundwinkel sanken herab, und
weinerlich, vorwurfsvoll, -- wie es dem Hauptmann schien, -- kam aus der
zerfetzten Brust die Klage: -- Weh -- -- Herr Hauptmann -- -- -- so weh! --
und nach einem kurzen, röchelnden Schmerzenslaut wiederholte er schäumend,
mit einem gellenden Wutschrei: -- Weh! -- -- -- Weh! -- -- -- und schlug um
sich, mit Händen und Füßen.

Hauptmann Marschner sprang auf. -- Tragt's ihn hinunter! -- befahl er,
hielt sich, ohne zu wissen was er tat, die Ohren zu, und lief davon, der
Kompagnie nach, die schon oben auf der Kammlinie stand. Er lief, den Kopf,
wie in einen Schraubstock, zwischen die Hände gepreßt, torkelnd, atemlos;
von einer Angst getrieben, als stürmte das Wehklagen des Verwundeten mit
erhobener Axt hinter ihm her. Er sah den eingeschrumpften Leib sich winden,
sah das blitzschnell verwelkte Gesicht, das vergilbte Weiß der Augen, und
das »So weh, Herr Hauptmann« klang in ihm fort, krallte sich ihm in die
Brust, daß er, oben angelangt, halb erstickt niederfiel, als hätte man ihm
den Boden unter den Füßen weggezogen.

Nein, er konnte das nicht! Er wollte nicht mehr! . . . . Er war kein
Henker; war nicht fähig, Menschen in den Tod zu peitschen; konnte nicht
taub sein für ihren Jammer, für dieses Kinderwimmern, das wie bitterer
Vorwurf sein Gewissen traf! Seine Füße stampften trotzig den Boden; alles
in ihm bäumte sich gegen die Aufgabe, die ihn rief.

Unten dehnte sich das Schlachtfeld; trostlos grau. Kein Baum, kein
Fleckchen Grün. Eine steinerne Wüste; zerhackt, zermürbt, aufgewühlt, ohne
ein einziges Lebenszeichen. Die Laufgräben, die, in der Talsohle beginnend,
hinaufführten zum Hügelrand, aus dem die Drahtzäune starrten, sahen wie zum
Griff gespannte Finger aus; krallten sich tief in den erwürgten Boden ein.
Marschner blickte sich unwillkürlich noch einmal um. Hinter ihm senkte sich
die grüne Böschung steil zu dem Wäldchen, in dessen Schutz er seinen Train
zurückgelassen hatte. Weiter rückwärts glänzte weiß die Landstraße, wie ein
Fluß, von bunten Wiesen umrahmt. Eine kurze Wendung -- und das Grün
verschwand! Alles Leben ging unter, wie niedergebrüllt von den Geschützen,
von dem Heulen und Knallen, das, gleich dem Pulsschlag eines ungeheuren
Fiebers, in das jenseitige Tal hineinhämmerte. Granattrichter neben
Granattrichter gähnte dort unten; dicke, schwarze Erdsäulen sprangen
zuweilen auf, verdeckten für Augenblicke ein Teilchen dieser zu Asche
gebrannten Öde, aus der die geborstenen, wie mit dem Federmesser
zerschnitzelten Baumstümpfe höhnend emporragten, eine Herausforderung an
die ohnmächtige Phantasie: in diesem Totenfeld aus Schutt die Landschaft
wiederzuerkennen, die es gewesen, ehe der Wahnsinn darüber hinweggefegt,
und es mit Trümmern besät zurückgelassen hatte, wie einen Tanzboden, auf
dem zwei Welten um eine Dirn' gerauft.

Und in dieses Höllental sollte er nun hinuntersteigen! Dort unten _leben_,
fünf Tage und fünf Nächte lang, mit einem Häufchen Verdammter da
hinausgespien, bei lebendigem Leibe auf den Angelhaken gespießt, als Köder
für den Feind! . . . .

Ganz allein, von niemandem belauscht, umtobt von dem Platzen der Geschosse,
die da oben dicht, wie Gewitterregen fielen, -- gab Hauptmann Marschner
sich ganz seiner Wut hin, der ohnmächtigen Wut gegen eine Welt, die ihm
solches angetan! Er fluchte, schrie seinen Haß aus voller Kehle in den
tauben Lärm hinein, und sprang auf, als weit unten, fast im Tal schon,
seine Leute auftauchten, gefolgt von Leutnant Weixler, der hinter ihnen
herlief, wie ein Metzgergesell, der seine Ochsen zur Schlachtbank treibt.
Der Hauptmann sah sie eilen, sah die Sprengwolken sich mehren über ihren
Köpfen, sah, zwischen sich und ihnen, da und dort auf dem Abhang, wie
liegengebliebene Rucksäcke, blau-graue Häufchen zerstreut, regungslos die
einen, wie große Spinnen zappelnd die anderen; -- und stürmte los.

Wie toll raste er über die steile Böschung, fühlte kaum die Erde unter den
Füßen, hörte das Prasseln der Sprengstücke nicht, flog mehr, als er lief,
stolperte über verkohlte Wurzeln, fiel hin, raffte sich auf und sprang
weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit geschlossenen Augen
fast. Ab und zu sah er -- wie aus dem Eisenbahnfenster --, ein blasses,
verstörtes Gesicht vorbeihuschen; einmal war's ihm, als wimmerte jemand um
Wasser; aber er wollte nichts sehen, wollte nichts hören, lief weiter,
blind und taub, unaufhaltsam, gejagt von der Angst vor jenem bösen,
vorwurfsvollen »So weh!« . . . .

Nur einmal blieb er stehen, fest gewurzelt, als wäre er in eine Falle
getreten, die sich eisern an seine Beine klammerte. Eine Hand hielt ihn
auf, eine graue, verkrampfte Hand, die mit gekrümmten Fingern, wie aus
Stein gehauen, starr vor ihm aufragte. Ein Gesicht sah er nicht; hatte
keine Ahnung, wer ihm drohend die tote Faust entgegenhielt. Nur, daß diese
selbe Hand vor zwei Stunden noch gelebt, drüben im Wäldchen gemächlich
Schwarzbrot in Scheiben geschnitten, oder eine letzte Feldpostkarte
geschrieben hatte, wußte er. Und ein Grauen sprang ihn an vor diesen
Fingern, gab seinen Beinen neue Kraft, daß er, wie ein Knabe, in großen
Sätzen weiter stürmte, bis er mit fliegenden Flanken, eine rote Wolke vor
den Augen, endlich bei der Kompagnie ankam, ganz unten im Tal schon, am
Eingang der Laufgräben.

Leutnant Weixler trat stramm vor ihn hin, und meldete den Verlust von
vierzehn Mann. Marschner hörte den Stolz, der in seiner Stimme klang, wie
Triumph über das Geleistete, wie das Jubilieren eines unreifen Jungen, der
mit den ersten Härchen auf der Oberlippe prahlt, mit Würde seinen jungen
Baß forciert. Was waren diesem Burschen die Verwundeten, die oben, auf dem
Abhang, sich kugelten? Der rothaarige Feigling mit seinem Gewimmer, -- die
Kinder, die ihrer Ernährer beraubt einem Bettlerdasein, dem Sumpf,
vielleicht dem Gefängnis entgegenreiften -- alles Statisten, Hintergrund,
dessen Dunkel leuchtend den Heldenmut des Leutnant Weixler hob. Vierzehn
blutige Leiber säumten den Weg, den er furchtlos gegangen. Mußten seine
Augen nicht Hochmut sprühen? . . . .

Der Hauptmann eilte weiter, an Weixler vorbei. Nur nicht ihn anschauen --
sagte er sich, -- nur nicht diesem zufrieden leuchtenden Blick begegnen;
sonst könnte der Zorn Herr werden über alle Vernunft, die Zunge sich lösen,
die geballte Rechte den Weg des eigenen Willens gehen! Hier aber mußte er
diesen Menschen schonen, hier war der Leutnant Weixler in seinem Recht,
wuchs von Minute zu Minute, überragte alle, schwamm obenauf, während die
anderen, mit der Last ihrer gereiften Menschlichkeit behängt, klotzig
versanken. Hier galten andere Gesetze! Der finstere Schacht, in dem man nun
mit zitternden Knien vorwärts wankte, führte zu einer Insel, die nur der
Tod umspülte. Wer da strandete, durfte nichts mithaben, was er in einer
anderen Welt gebraucht. Nur wer nichts herübergerettet hatte, als Faust und
Axt, war hier der Meister; war der Reiche, an dessen Überfluß die anderen
sich klammerten. Immer klarer wurde es Hauptmann Marschner, während er sich
durch den glitschigen Graben betäubt weiter tastete, daß er seinen
verhaßten Leutnant jetzt wie einen Schatz hüten müsse, daß er verloren
wäre, ohne ihn! Er sah die Spur geronnener Blutlachen vor seinen Füßen,
trat auf zerfetzte, blutdurchtränkte Uniformstücke, auf abgeschossene
Hülsen, klirrende Konservenbüchsen, Geschoßtrümmer; gähnende Granattrichter
öffneten sich plötzlich, mit angebrannten Brettern halsbrecherisch
überbrückt; überall grinsten die Spuren tobsüchtiger Verwüstung, verkohlte
Reste, ein Wust von Drähten, Pfosten, Säcken, zerbrochenen Werkzeugen, eine
atemraubende, schwindelerregende Unordnung, eingehüllt in stickigen
Brandgeruch, Pulverdampf, und den scharfen, stechenden Atem der
Ecrasitgranaten; die Erde auf Schritt und Tritt von riesenhaften
Explosionen zerfleischt, mühsam zusammengeflickt, wieder aufgerissen, noch
einmal eingeebnet, -- daß man, wie durch einen Orkan, wie von einem Wirbel
erfaßt, bewußtlos dahintorkelte.

Zermalmt von der Wucht seiner Eindrücke, kroch Hauptmann Marschner wie ein
Wurm durch den Graben, und seine Gedanken kehrten immer leidenschaftlicher,
immer verzweifelter zu Leutnant Weixler zurück. Nur Weixler konnte ihm
helfen, konnte ihn ersetzen, mit seiner frostigen, grimmigen Energie, mit
seiner Blindheit für alles, was nicht an seinem eigenen Leben riß, was
überstrahlt wurde von der glanzvollen Vorstellung eines mit Dekorationen
übersäten, außertourlich beförderten Erich Weixler! -- -- Ängstlich sah er
sich immer wieder nach seinem Leutnant um; atmete auf, so oft von rückwärts
die schnarrende, treibende Stimme an sein Ohr schlug.

Noch immer wollte der Graben kein Ende nehmen! Marschner fühlte seine
Kräfte erlahmen, stolperte immer häufiger, und schloß doch erschauernd die
Augen vor den sich kreuzenden Blutspuren, die genau den Weg der Verwundeten
zeigten. Auf einmal riß er den Kopf hoch. Ein neuer Geruch drang auf ihn
ein, ein süßlicher Gestank, der immer stärker wurde, bis er, bei einer
Einbuchtung der Grabenwand, die hier, nach links einschwenkend,
halbkreisförmig zurücktrat, wie eine dichte Wolke vorbrach. Von Ekel
geschüttelt, den Magen in der Kehle sah er sich um, erblickte in der
Vertiefung einen Hügel von schmutzigen, zerfetzten Uniformen, übereinander
geschichtet, mit merkwürdig starren Kontouren. Nur allmählich erfaßte sein
Blick das Grauen, das sich vor ihm türmte. Gefallene Soldaten lagen da, wie
zusammengetragene Bretter und Traversen auf einem Bauplatz; verkrümmt, wie
der Todeskampf sie gelassen. Zeltbahnen waren über sie gebreitet, waren
beiseite geglitten, enthüllten steingraue, grimmige Fratzen, herabgefallene
Kinnladen, glotzende Augen. Die Arme der Obenaufliegenden hingen wie ein
Spalier bis zur Erde hinab, griffen den Unteren ins Gesicht, waren schon
übersät mit den bunten Flecken der Verwesung.

Hauptmann Marschner stieß einen kurzen, rülpsenden Schrei aus und torkelte
vornüber. Sein Kopf erzitterte im Genick, wie haltlos geworden; seine Knie
knickten ein, daß er den Boden schon auf sich zukommen sah, als plötzlich
ein unbekanntes Gesicht vor ihm auftauchte, seinen Blick auf sich zog, ihm
jäh wieder Haltung gab. Ein fremder Feldwebel stand vor ihm, starrte ihn
sprachlos an, mit großen, fiebrig glänzenden Augen in dem totenbleichen
Gesicht. Eine Sekunde lang blieb er wie gelähmt, dann riß er den Mund auf,
klatschte in die Hände, sprang in die Luft, wie ein Tänzer, und lief, ohne
an eine Ehrenbezeugung zu denken, in riesigen Sprüngen davon.

-- Ablösung! -- schrie er im Laufen, blieb stehen vor einem schwarzen Loch,
das wie der Eingang zu einer Höhle in der Grabenwand gähnte, und rief mit
unbeschreiblichem Jubel in der Stimme, mit einem Jauchzer, der wie durch
Tränen klang, gebückt, in die finstere Öffnung hinein: -- Ablösung! . . .
Herr Oberleutnant! Ablösung is' da! . . .

Der Hauptmann folgte ihm mit den Blicken, hörte den Ruf, und seine Augen
wurden feucht, so rührend war dieser kindliche Freudenschrei, dieses
Schmettern aus befreiter Brust. Langsam ging er dem Feldwebel nach, sah, --
als hätte der Schrei die Toten geweckt, -- aus allen Ecken blasse Gesichter
hervorlugen, Verwundete mit blutigen Verbänden, schlotternde Gestalten mit
dem Gewehr in der Hand. Von allen Seiten strömten Leute herbei, starrten
ihn an, formten mit den Lippen lautlos das Wort »Ablösung« nach, bis
endlich einer losbrüllte, ein gellendes Hurrah ausbrachte, das wie Feuer
weiterlief, ein Echo fand in unsichtbaren Kehlen, die es begeistert
wiederholten. Erschüttert beugte Marschner den Kopf; -- fuhr sich schnell
mit der Hand über die Augen, als ihm der Kommandant aus der Höhle
entgegenstürzte.

Nichts war mehr lebendig an diesem Menschen: sein Gesicht war aschgrau,
seine Augen erloschen, glanzlos, von fingerbreiten Rändern umzogen; die
Lider glühend rot vom Wachen. Haare, Bart, Kleidung waren überzogen mit
einer dicken Kruste aus Lehm und Schmutz, daß er aussah, als wäre er eben
aus dem Grab gestiegen. Die Hand, die, nach kurzer, militärischer Meldung,
mit überschwenglicher Freude die Rechte des Hauptmanns umklammerte, war
leichenkalt, und klebte von Schweiß und Erde. Unheimlich war der Gegensatz
zwischen diesem, mit Kleidern behängten Knochengerippe, zwischen dieser
starren Totenmaske, und der zappligen, überreizten Lebendigkeit, mit
welcher der Oberleutnant über seine Befreier herfiel.

Die Worte strömten wie ein Wasserfall von seinen zersprungenen Lippen. Er
zog Marschner in die Höhle hinein, drückte den Strauchelnden, der, wie
geblendet um sich griff, auf eine unsichtbare Sitzgelegenheit nieder, und
begann zu erzählen. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig stehen. Er
hüpfte, schlug sich an die Schenkel, lachte überlaut, lief tänzelnd auf und
ab, warf sich auf das Lager in der Ecke, verlangte zwischendurch immer
wieder eine Cigarette, schleuderte sie, -- ohne es zu merken, -- nach zwei
Zügen schon weg, und bat gleich um eine neue.

-- Also drei Stunden später, -- krähte er selig, mit einer forcierten
Heiterkeit, -- Drei . . . nein! In _einer_ Stund schon wär's zu spät
g'wesen. Weißt', wie viel Patronen ich noch hab? Elfhundert im ganzen!
Maschinengewehr: ausgeleiert; Telephon: kaput, seit gestern Nacht schon!
Patrouille zum reparieren, -- unmöglich, weil ich jeden Mann im Graben
brauch. Hundertvierundsechzig san mir eingezogen, -- jetzt hab' ich noch
einunddreißig, und elf Verwundete, die kein G'wehr mehr halten können.
Einunddreißig Manderln, und damit soll ich den Grab'n halten. Heit Nacht
war'n wir noch fünfundvierzig, wie's kommen sind; haben's auch zum Teufl
g'jagt; aber vierzehn san wieder draufgangen! Die habn mir noch gar nicht
begraben können. Hast sie nit liegen g'sehn, vor dem Mannschaftsunterstand?
--

Der Hauptmann ließ ihn reden; hatte die Ellenbogen auf den primitiven Tisch
aufgestützt, hielt den Kopf zwischen den Händen, und schwieg. Seine Augen
irrten durch den finsteren, muffigen Raum, den ein blakendes
Petroleumlämpchen mit seinem Gestank erfüllte. Er sah das verschimmelte
Stroh in der Ecke, den verwaisten Fernsprecher neben dem Eingang, eine
leere Konservenkiste, auf der eine verknüllte Landkarte ausgebreitet lag;
sah einen Berg von Gewehren, Bündel von Uniformen, mit Zetteln besteckt;
und fühlte, wie langsam ein stummes, eisiges Grauen in ihm hochstieg, ihm
den Atem verschnürte, als läge die Erde, die da oben von geborstenen
Brettern gehalten, jeden Augenblick niederzustürzen drohte, mit Zentnerlast
auf seiner Brust. Wie ein böser Traum wirkte dieses tänzelnde Gespenst, mit
dem kichernden Totenkopf, der vor acht Tagen vielleicht noch jung gewesen;
und der Gedanke, daß jetzt an ihn die Reihe kam, in diesem Grabgewölbe
fünf, sechs, acht Tage lang auszuharren, die gleichen Greuel zu erleben,
die der andere lachend erzählte, steigerten seine Mutlosigkeit zu einer
heißen, hämmernden Empörung, die er kaum noch meistern konnte. Er hätte
brüllen mögen; aufspringen, hinauslaufen, und aus tiefster Seele heraus die
Menschheit anbrüllen, warum sie ihn dahergeworfen, warum er da liegen
bleiben sollte, bis er zu Aas oder zum Narren geworden. Er konnte es nicht
begreifen, wie er sich hatte hier hinaustreiben lassen; sah keinen Sinn,
kein Ziel, nur dieses Erdloch, die verwesenden Leichen draußen und --
gleich daneben --, einen Schritt weit nur von dieser Tobsucht, sein Wien,
wie er es vor zwei Tagen erst verlassen hatte, -- mit Trambahnen,
Schaufenstern, grüßenden Menschen und Theatersälen. Was war das für ein
Wahnsinn, hier zu kauern, in blöder Geduld auf den Tod zu warten, -- in
Schmutz und Blut, wie ein Tier, auf nackter Erde zu verrecken, während
andere froh, sauber, geschmückt, in hellen Sälen saßen, sich was
vormusizieren ließen, in ihr weiches Bett krochen, ohne Angst, ohne Gefahr;
gehütet von einer Welt, die entrüstet über jeden herfiele, der ihnen auch
nur ein Härchen krümmen wollte! . . . . War er schon irr, oder waren's die
anderen?

Seine Pulse tobten, als müßte die Brust ihm platzen, wenn er sich diese Not
nicht von der Seele schreien durfte. Und in diesem Augenblick kam Leutnant
Weixler in geschäftiger Eile, wie ein Ballarrangeur, in den Unterstand,
stellte sich stramm vor ihn hin und meldete, daß oben alles in Ordnung sei,
daß er die Posten schon bestimmt, die Wachen abgeteilt, die
Maschinengewehre schon plaziert habe. Der Hauptmann sah ihn an, und mußte
die Augen niederschlagen, wie geohrfeigt von dieser Gelassenheit, die seine
Wut jäh zu einer tiefen, brennenden Scham welken ließ. Warum blieb dieser
unberührt von der großen Todesangst, die hier die Luft schwängerte? Warum
konnte dieser da ordnen, befehlen, mit der Umsicht eines reifen Mannes
walten, während er wie ein verschüchtertes Kind sich verkroch, mit dem
sinnlosen Trotz der bedrängten Kreatur sich gegen das Schicksal bäumte,
statt es zu meistern, wie es seinem Alter geziemte? . . . War er denn feig?
. . War er wirklich von niedriger, kläglicher Angst beherrscht, -- von
jener erbärmlichen Blindheit der Seele, die über das eigene Ich nicht
emporblicken, für keine Idee sich selbst übersehen kann? War er so, ohne
Sinn für Gemeinschaft, wirklich ganz von kurzsichtiger Selbstsucht
beherrscht; um sein nacktes, elendes Dasein nur besorgt? . . . .

Nein, so war er nicht! Hing nicht mehr an seinem Leben, als irgend ein
anderer; könnte es begeistert hingeben ohne Fahnen, ohne Rausch, ohne
Applaus! Wenn der feindliche Graben da drüben mit Menschen, wie der Weixler
gefüllt wäre, wenn der Kampf gegen diese verbohrte Härte ginge, gegen diese
mit Menschenfleisch aufgemästeten Schlagworte, gegen diese ganze,
raffiniert aufgebaute Gewaltmaschine, die ihre Schützlinge als Schutzwall
vor sich hertrieb, -- -- -- er würde sich mit den bloßen Fäusten
hineinstürzen, ohne das Platzen der Geschosse, das Wimmern der Verwundeten
zu hören! . . . Nein, er war nicht feig. Nicht so, wie diese beiden
dachten! Er sah sie spöttisch blinzeln, sich heimlich lustig machen über
den unglücklichen Landsturmonkel, der wie ein Häufchen Elend in der Ecke
saß. Was wußten die von seiner Not! Standen da als »Helden«, fühlten den
Blick der Heimat auf sich ruhen, sprachen Worte, die, getragen von dem Echo
einer Welt, die Einsamkeit mit Gleichgesinnten bevölkerten und die Kraft
von Millionen in ihre Seele strömten; -- und lachten über einen, der töten
sollte ohne Haß, und sterben ohne Begeisterung, für einen Sieg, der ihm
nichts war als Gewalt, die sich durchsetzte, weil sie stärker zuschlug,
nicht aber weil sie im Rechte, weil ihr Ziel gut und edel war. Möchten
diese nur über ihn spotten; -- er hatte keinen Grund sich zu verkriechen
vor ihrem Mut!

Ein kalter, stolzer Trotz durchströmte ihn, daß er aufstand, auf einmal
stark geworden, wie gehoben von der übermenschlichen Last, die er allein
auf seinen Schultern trug. Er sah den Oberleutnant immer noch umhertänzeln,
alles zusammenraffen und in seinen Rucksack stopfen; hörte ihn brüllend den
Burschen beschimpfen, zur Eile treiben, und zwischendurch immer wieder neue
Einzelheiten auskramen, grausige Episoden aus den Kämpfen der letzten Tage,
die Weixler mit gespannter Aufmerksamkeit verschlang.

-- Was fragst? -- schrie er eben lachend seinen Zuhörer an, -- ob
d'Italiener auch große Verluste g'habt haben? Ja, meinst, wir hab'n uns nur
so z'ammpfeffern lassen wie die Has'n? Kannst dir ja ausrechnen, was die
verloren haben, in den elf Angriffen, wann mir schon auf dreißig Manderln
zammg'schmolz'n san, ohne aus'm Graben zu kriechen. Die soll'n nur so
weiter machen, noch a paar Woch'n lang, dann werden's bald fertig sein mit
ihrem Menschenmaterial! --

Hauptmann Marschner hatte nicht aufpassen wollen, stand über die Karte
gebeugt und fuhr in die Höhe, als das Wort »Menschenmaterial« an sein Ohr
schlug. Das klang in seine Gedanken hinein, wie ein Hohnschrei; -- als
hätten die beiden ihn durchschaut und sich verabredet, ihm so recht zu
zeigen, wie allein er war.

»Menschenmaterial!«

In einem Graben, den Leichengeruch durchzog, der Einschlag der Granaten
durchzitterte, standen zwei: jeder selbst Einsatz, und sprachen, während
auch um ihre Knochen die Würfel noch rollten, von »Menschenmaterial«!
Brachten dies ruchlos-schändliche Wort über die Lippen, ohne jede Empörung,
als wäre es nur natürlich, daß ihr Leib nicht mehr als eine Spielmünze war
in der Hand von Menschen, die sich das Recht nahmen, wie Götter zu spielen!
Legten ihr einzig-unwiederbringliches Leben ohne Bedenken einer Macht unter
die Füße, die es erst mit ihren Leichen beweisen konnte, ob sie den Einsatz
richtig zu plazieren weiß. Und die so sprachen, waren Offiziere! . . . . Wo
gab es da noch einen Hoffnungsschimmer?

Draußen bei den Einfachen, beim Kanonenfutter vielleicht! Die kauerten
jetzt ergeben auf ihren Plätzen, dachten nach Hause, und fühlten sich doch
jeder immer noch als Mensch. -- Es zog ihn zu seinen Leuten, zu ihrer
stillen, stumpfen Trauer, zu dieser wirklichen Größe, die ohne Pathos und
ohne Feierlichkeit, gleichsam in der Hausjoppe, geduldig den Heldentod
erwartete. Lautlos ging er, an den beiden Schwätzern vorbei, hinaus ins
Freie.

Vor dem Ausgang standen marschbereit die Übriggebliebenen der abgelösten
Kompagnie im Laufgraben: immer zwei Mann mit einem toten Kameraden auf der
Zeltbahn zwischen sich. Ein langer Zug, erschütternd in der lautlosen
Erwartung, in die von oben das Zischen und Knallen der Schrapnells, das
Krachen der Granaten wie eine Drohung an die noch Lebenden sich mischte.
Marschner ballte erbittert die Fäuste gegen diese dröhnende
Unersättlichkeit, als plötzlich der bleiche Feldwebel vor die Toten trat,
und ihn aus seiner Versunkenheit schreckte.

-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, wir haben noch drei
Schwerverwundete, die net geh'n können, außer unsere vierzehn Toten. Für
die drei Italiener sind mir keine Träger geblieben.

-- Die lass'n wir euch zum Andenken da! -- fiel mit seinem dröhnenden
Lachen der Oberleutnant ein, der eben mit Weixler den Unterstand verließ.
-- Bei der Nacht kannst du sie da oben, zwischen den Laufgräben,
verscharren lassen, Herr Hauptmann. Wann's finster wird, verlegen die Herrn
Katzelmacher ihr Sperrfeuer weiter zurück, da kann man schon hinauf. Viel
Ruh werdens zwar net hab'n, denn die Granaten reiß'n alles wieder auf; aber
unsere eigenen Toten habens auch net schöner. Meinen armen Kadetten hab ich
scho' dreimal begraben lass'n.

-- Wie kommen denn die drei überhaupt her? -- fragte Leutnant Weixler sich
vordrängend, -- Habt's ihr denn einen Grabenkampf g'habt?

Der Oberleutnant schüttelte stolz den Kopf: -- Ja warum net gar! So weit
hab'ns die Herrschaften nie 'bracht. Die Drei hab'n uns vorgestern Nacht
den Stacheldraht abzwick'n wollen. Aber unser Maschinist hat's erwischt und
hat ihnen den Spaß verdorb'n mit seiner Kugelspritz'n. Na, und nachher
san's uns grad so vor der Nas'n g'legen, und haben so wunderschöne
kanariengelbe Schuh ang'habt; die haben ihnen meine Leut net gönnt. Da --
schloß er mit einem Fingerzeig auf die Füße des blassen Feldwebels, -- da
hast gleich ein Paar davon. Jetzt müss'n wir aber gehn! Los, Feldwebel!
Respekt, Herr Hauptmann. Die Katzelmacher wer'n schaun, heut abend, wann's
so daherkommen, um uns schön bequem abzukrageln, und auf einmal legen
hundertfünfzig Gewehre los und zwei feine neue Kugelspritzen. Haha! Schad',
daß i net dabei sein kann! Servus Kleiner, viel Glück! -- Einen lustigen
Gassenhauer trällernd folgte er seinen Leuten; ohne sich noch einmal
umzusehen, ohne zu bemerken, daß Marschner ihm noch ein Stück weit das
Geleite gab.

Fröhlich, wie einen Sonntagsausflug, traten da Menschen den Weg an, der
über das grausige Trümmerfeld, den steilen, zerschossenen Hügel führte.
Welche Hölle mußten die hier, in diesem Maulwurfsbau, durchlitten haben!
. . . . Mit einem schweren Seufzer blieb der Hauptmann stehen. Es war, als
ginge mit der langen, grauen Kolonne, die sich langsam durch den Graben
schlängelte, die letzte Hoffnung weg. Der Rücken des letzten Soldaten, wie
er so schaukelnd immer kleiner wurde, war die Welt; der Blick klammerte
sich an diesen Rücken, maß bang die schwindende Entfernung von der
Grabenecke, die ihn bald für immer verdecken mußte. Noch konnte man einen
Gruß nachrufen, -- im Laufschritt noch einen Brief nachtragen! Dann
verschwand auch dieser letzte Mittler, die letzte Möglichkeit, die Weite in
zwei Hälften zu teilen. Und die Sehnsucht scheute zurück vor dem endlosen
Raum, den sie nun allein zu überbrücken hatte.

Marschner sank in sich zusammen, als er nun ganz verlassen im leeren Graben
stand. Wie ausgehöhlt fühlte er sich, sah hilfesuchend umher, und sein
Blick blieb haften an der Mulde, die nun freigemacht war von den Leichen.
Nur die drei Italiener lagen noch da. Der eine zeigte sein Gesicht, sperrte
immer noch den Mund auf, zu einem Schrei, und seine Hände krallten sich,
wie abwehrend, in den aufgedunsenen Leib. Die anderen lagen mit
hochgezogenen Knien, den Kopf zwischen den Armen. Die nackten Füße starrten
mit den grauen, verkrampften Zehen wie ausgeraubt, wie eine stumme Anklage
in den Laufgraben hinein. Es lag eine Ferne um diese Leichen, eine
Verlassenheit um diese entblößten Füße! Ein wirres Gewebe aus Erinnerungen,
ein Gedränge von verwehten Gesichtern flimmerte auf: Ruderknechte aus
Venedig -- -- geschwätzige Kutscher -- -- eine zahnlose Wirtin aus dem
Posilipo; -- -- -- zwei Urlaubsreisen durch Italien jagten ein Heer von
Leidtragenden vorbei, -- -- und als Letzte schloß die eigene Schwester den
Reigen, saß sorglos bei der Musik auf der Türkenschanze, während der Bruder
schon irgendwo starr auf der Erde lag, als toter Feind, den man mit dem Fuß
beiseite schob.

Schaudernd eilte der Hauptmann weiter, als gingen die drei Toten, auf ihren
nackten Sohlen, lautlos hinter ihm her; fühlte sich wie geborgen, als er
endlich bei seinen Leuten ankam. Die Granaten fielen jetzt so dicht, daß
keine Pause mehr die einzelnen Einschläge trennte, daß alle Geräusche zu
einem einzigen, gleichmäßig fließenden Donner zusammenschmolzen, der die
Erde wie einen Schiffsleib erzittern machte. Nur einem Volltreffer, der
oben die Deckungen auseinanderwirbelte, folgte ein scharfes Krachen und
Splittern, und, wenige Minuten später, schleppten zwei Männer ächzend eine
Leiche herunter, lehnten sie an die Grabenwand und stiegen, durch den
schmalen Schacht, wieder zurück auf ihren Posten. Marschner sah den
Feldwebel aufstehn, den Mund bewegen, -- dann erhob sich in der Ecke ein
Soldat, nahm sein Gewehr und stapfte mit schweren Schritten den beiden
anderen nach. Das war so trostlos! So unbarmherzig sachlich; etwa, wie man
bei Einzelübungen im Kasernenhof, gelangweilt »der Nächste« ruft. Nur daß
sich um den Toten sofort eine kleine Gruppe zusammenscharte, von der
scheuen Neugier getrieben, die einfache Leute unwiderstehlich zu Leichen
und Beerdigungen zieht. Auch von ihm erwarteten die meisten, -- er fühlte
es an ihren Blicken, -- daß er nun hinübergehen werde, um dem Toten seine
Reverenz zu erweisen. Aber er wollte nicht! Er war fest entschlossen, nicht
zu erfahren, wie der Gefallene hieß; fest entschlossen, sich endlich
beherrschen zu lernen, allen kleinen Ereignissen gegenüber gleichgültig zu
bleiben! So lange er das Antlitz des Toten nicht gesehen, seinen Namen
nicht gehört hatte, war nur »ein Mann« gefallen, Einer von den vielen
Tausenden. Wenn man Distanz behielt, sich nicht über jeden Einzelnen
beugte, kein fest bestimmtes Schicksal vor sich aufsteigen ließ, war es gar
nicht schwer, gleichgültig zu bleiben.

Trotzig ging er vor den zweiten Schacht hin, der nach oben führte, und
merkte jetzt erst, daß es ganz still geworden war; daß kein Heulen, kein
Bersten mehr herunterdrang. Lähmend löste dieses Schweigen den betäubenden
Lärm ab, -- füllte den Raum mit einer gespannten Erwartung, die ängstlich
in allen Augen flackerte. Er wollte sich befreien von diesem beklemmenden
Druck, und kroch durch den bröckelnden Schacht in die Stellung hinauf.

Das erste was er erblickte, war der gekrümmte Rücken Weixlers, der sich mit
dem Fernglas vor den Augen an ein Schutzschild schmiegte. Auch die anderen
standen wie angesaugt an ihren Schießscharten, und die Regungslosigkeit
ihrer Schulterblätter hatte etwas Erschreckendes. Auf einmal durchlief ein
Zucken die erstarrte Reihe! Weixler sprang zurück, prallte gegen den
Hauptmann, schrie: -- Sie kommen! -- stürzte weiter zum Schacht, und blies,
mit geblähten Backen in seine Alarmpfeife.

Hilflos starrte ihm Marschner nach, trat zaudernd zur Schießscharte, und
sah hinaus in das weite, rauchdurchzogene Feld, das jenseits der zerzausten
Drähte, grau, zerrissen und blutbefleckt sich wölbte, wie der geblähte Leib
einer riesenhaften Leiche. Weit rückwärts ging eben die Sonne unter, wuchs,
halb schon versunken, rotglühend aus dem Boden. Und vor diesem blendenden
Hintergrund tanzten schwarze Silhouetten, wie Mücken im Mikroskop, wie
Indianer, die das Kriegsbeil schwingen. Ganz klein waren sie noch
verschwanden bisweilen, sprangen hoch, kamen näher, fuchtelten mit den
Gewehren wie mit Polypenarmen, und ihr Geschrei wurde allmählich hörbar,
anschwellend, wie fernes Hundebellen; hell heulend, wenn sie »Avanti«
brüllten; wie von dumpfem Donnerrollen abgelöst, wenn der Ruf »Coraggio«
durch ihre Reihen lief.

An der Böschung stand jetzt, dicht gedrängt, Kopf an Kopf die Kompagnie;
die Gesichter aus Stein, verbissen, kreideweiß, mit lippenlosem Mund, das
Gewehr im Anschlag; -- ein einziges Raubtier mit hundert Armen und Augen.

-- Nicht schießen! Nicht schießen! Nicht schießen! -- gellte die Stimme
Weixlers ohne Atempause durch den Graben; schlang sich um alle Kehlen, und
hielt die Finger fest, die sich in bleicher Gier um die Hähne krallten.
Schon flog die erste Handgranate in den Graben! . . . . Der Hauptmann sah
sie kommen; -- sah einen Mann sich aus der Masse lösen, dem Ausgange
zutaumeln, mit ausgebreiteten Armen, vornübergebeugt, einen roten Schleier
aus Blut vor dem Gesicht. Da setzte -- endlich! -- erlösend das Tacken der
Maschinengewehre ein, und sofort rasten auch die Gewehre los, wie eine
schnaubende Meute. Eine abstoßende, kalte Gier lag auf allen Gesichtern.
Manche schrieen laut auf vor Haß und Wut, wenn wieder neue Gruppen
auftauchten hinter den gelichteten Reihen; -- die Gewehrläufe glühten
schon, -- und immer noch kam das gröhlende »Coraggio« näher und näher.

Wie von Tobsucht befallen hüpften draußen die Silhouetten, sprangen in die
Luft, fielen hin, kollerten durch einander, als hätte der Kriegstanz jetzt
erst seinen Paroxismus erreicht.

Da sah Hauptmann Marschner, wie der Mann neben ihm für einen Augenblick das
Gewehr senkte, und mit hastigen, schlotternden Händen das Bajonett auf den
rauchenden Lauf klemmte. Ein Erbrechen stieg in ihm hoch, daß er
schwindelnd die Augen schloß und sich gegen die Grabenwand gelehnt, auf die
Erde niedergleiten ließ. -- Sollte, . . . sollte er das . . . das sehen?
. . . Menschen morden sehen, aus nächster Nähe? . . Er riß den Revolver aus
der Tasche, nahm das gefüllte Magazin heraus und warf es weg. Nun war er
wehrlos, -- wurde auf einmal ruhig, richtete sich auf, von einer
wunderbaren Gefaßtheit gehoben, bereit sich niedermachen zu lassen von
einem dieser keuchenden Tiere, die da, von blinder Todesangst gehetzt,
heranstürmten. Er wollte als Mensch sterben, ohne Haß, ohne Wut, mit
sauberen Händen! . . .

Ein heiseres Aufbrüllen, ein fürchterlicher, entmenschter Schrei in seiner
nächsten Nähe, riß seine Gedanken in den Graben zurück. Ein breiter Strahl
aus Licht und Feuer fiel in steilem Bogen, blendend neben ihm nieder; floß
spritzend über die Schulter des großen, pockennarbigen Schneiders vom
ersten Zug. Im Nu stand die ganze linke Seite des Mannes in Flammen. Er
warf sich heulend auf die Erde, wälzte sich kreischend, sprang wieder auf,
lief wie eine lebende Fackel jammernd umher, bis er zusammenbrach, halb
schon verkohlt, zuckend um sich griff, und erstarrte. Hauptmann Marschner
sah ihn liegen, atmete den Geruch des verbrannten Fleisches, und sein Blick
fiel unwillkürlich auf die eigene Hand, wo, unter dem Daumen, ein winziger,
weißer Fleck, an die Qualen einer Brandwunde erinnerte, die er sich als
Junge zugezogen.

Durch den Graben lief in diesem Augenblick ein brausendes, jauchzendes
Hurrah aus hundert befreiten Kehlen. Der Angriff war abgeschlagen! Leutnant
Weixler hatte den Flammenwerfer auf's Korn genommen und auf den ersten
Schuß getroffen. Die erstarrte Hand des Gefallenen hatte die Flammen, steil
aufsteigend wie eine Fontaine, auf die eigenen Kameraden ergossen, und die
dezimierten Reihen waren von der unerwarteten Gefahr jäh zurückgescheut, --
wichen Hals über Kopf, -- verfolgt von rasendem Feuer aus allen Gewehren.

Wie leblos fielen die Soldaten hin, mit schlaffen Zügen und erloschenen
Augen, als hätte jemand den Kontakthebel der Leitung abgestellt, die diese
toten Leiber von irgendwoher mit Kraft gespeist hatte. Einzelne lehnten
käseweiß an der Grabenwand, legten den Kopf beiseite, und erbrachen sich
vor Übermüdung. Auch Marschner fühlte ein Übelsein in sich aufsteigen;
tastete sich dem Ausgange zu. Nun wollte er in seinen Unterstand, -- ganz
allein sein, -- sich irgendwie befreien von der Verzweiflung, die ihn
umklammerte.

-- Holla! -- rief Leutnant Weixler ganz unerwartet in die Stille hinein,
und galoppierte nach links, wo die Maschinengewehre standen.

Der Hauptmann wandte sich noch einmal um, stieg auf den Antritt und sah ins
Vorfeld hinaus. Da, dicht vor den Drahthindernissen, kniete ein Italiener,
die Linke schlaff am Leib, die Rechte flehend erhoben, und rutschte langsam
heran. Weiter rückwärts, halb verdeckt von dem Knienden, regte sich etwas
auf der Erde. Drei Verwundete krochen dort, an den Boden gepreßt, dem
eigenen Graben zu; man sah genau, wie sie hinter Leichen Deckung suchten,
immer wieder eine Weile regungslos liegen blieben, um nicht entdeckt zu
werden vom Feind. So jämmerlich war der Anblick dieser gottverlassenen
Kreaturen, die so mit Zähnen und Krallen an das bißchen Leben sich
klammerten, vom Tod umlauert, jede Sekunde wie eine Ewigkeit über sich.

-- Geht's, ist nicht irgendwo ein Strick da? -- rief ein alter Korporal in
den Graben zurück, -- Der arme Teufel von an Salamucci dauert mich. Ziehg
mer ihn rein! --

Mitten in seine Rede perlte eine Skala des Maschinengewehres. Der Knieende
vor dem Stacheldraht horchte auf, warf sich zurück, wie zum Anlauf, und
fiel aufs Gesicht. Hinter ihm sah man die Erde stauben vom Einschlagen der
Kugeln, und die anderen, weit rückwärts, sich wie Schlangen aufrichten.
Dann machten alle drei einen kurzen Satz nach vorne; -- und blieben liegen.

Einen Augenblick stand Hauptmann Marschner sprachlos, sperrte den Mund auf,
und brachte keinen Laut aus der Kehle. Endlich löste sich seine Zunge, und
er schrie, mit einer wahnsinnigen, würgenden Wut in der Stimme: -- Herr
Leutnant Weixler! --

-- Befehlen Herr Hauptmann? -- kam es unbefangen zurück.

Er lief dem Leutnant entgegen mit geballten Fäusten, krebsrot im Gesicht.
-- Haben Sie geschossen? -- keifte er atemlos.

Der Leutnant sah ihn erstaunt an, legte die Hände an die Hosennaht und
meldete stramm: -- Zu Befehl, Herr Hauptmann. --

Wieder blieb Marschner für einen Augenblick die Stimme aus; seine Zähne
schlugen klappernd aneinander. -- Schämen Sie sich! -- stammelte er am
ganzen Leibe zitternd, -- auf wehrlose Verwundete schießt ein Soldat nicht,
merken Sie sich das! --

Weixler wurde kreideweiß. -- Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, der eine,
der bei uns war, hat mir die anderen verdeckt; ich hab' ihn nicht
verschonen können. -- Dann, mit jäh sich aufbäumendem Zorn, fügte er
trotzig hinzu: -- Ich dachte auch, wir hätten genug hungrige Mäuler daheim.

Wie ein bissiger Hund fuhr der Hauptmann ganz nahe an ihn heran, stampfte
mit dem Fuß und schrie: -- Was Sie denken interessiert mich nicht. Ich
verbiete Ihnen, auf Verwundete zu schießen! So lange ich hier das Kommando
führe, ist jeder Verwundete heilig! Ob er zu uns will, oder zum Feind!
Haben Sie mich verstanden?

Der Leutnant reckte sich hochmütig. -- Dann muß ich Herrn Hauptmann
gehorsamst bitten, mir diesen Befehl schriftlich zu geben. Ich halte es für
meine Pflicht, dem Feinde möglichst viel Schaden zuzufügen. Ein Mann, den
ich heute laufen lasse, kommt in zwei Monaten geheilt zurück, und schießt
mir vielleicht zehn Kameraden tot.

Eine Sekunde lang standen sie sich regungslos gegenüber, und starrten sich
an, wie zwei Kämpfer auf Leben und Tod. Dann nickte Marschner ganz leise
mit dem Kopf, und sagte tonlos: -- Sie sollen es schriftlich haben! --
machte kehrt, und ging. Vor seinen Augen tanzten farbige Kugeln, er mußte
alle Kraft zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und
fiel zerschlagen auf die Konservenkiste nieder, als er endlich den
Unterstand erreicht hatte. Sein Haß wandelte sich langsam in eine tiefe,
erbitterte Mutlosigkeit. Er wußte genau, daß er im Unrecht war. Seinem
Gewissen gegenüber nicht! Ihm galt die Tat als feiger Meuchelmord, -- aber
er und sein Gewissen hatten hier nichts zu sagen, hatten sich hierher
verirrt, und mußten Unrecht behalten. Was sollte er tun? Gab er den Befehl
schriftlich aus der Hand, dann bescherte er Weixler eine erwünschte
Gelegenheit, sich hervorzutun, und brachte sich selbst vor den Auditor. Und
diesen Triumph wollte er dem hämischen Kerl nicht gönnen! Lieber selbst
Schluß machen: hingehen zum Brigadekommando, und es den hohen Herren offen
ins Gesicht sagen, daß er das blutige Scheibenschießen nicht länger
mitanschauen, daß er Menschen nicht wie reißende Tiere jagen könne,
gleichviel welche Uniform sie trugen. Wenigstens hörte das
Versteckenspielen endlich auf. Sie sollten ihn nur füsilieren, oder
aufknüpfen lassen, wie einen gemeinen Verbrecher. Er würde ihnen zeigen,
daß er zu sterben wußte.

Mit festen Schritten ging er hinaus, befahl einem Soldaten, den Herrn
Leutnant zu holen. So hell war es jetzt in ihm, und so ruhig! Er hörte das
höllische Feuer, das die Italiener wieder auf den Graben legten, und ging
langsam, wie ein Spaziergänger, nach vorne.

-- Jetzt schmeißens mit schweren Minen! -- meldete der alte Korporal, --
und schaute den Hauptmann verzweifelt an. Aber der ging vorbei, ungerührt
von dem flehenden Kummer. Das alles ging ihn nichts mehr an. Der Herr
Leutnant übernahm hier das Kommando. Das wollte er ihm eben sagen; konnte
es kaum erwarten, die Verantwortung von sich zu wälzen! . . . Und kroch,
als Weixler noch immer nicht kam, durch den Schacht in die Stellung hinauf.

Die kleinen, schlechten Augen flogen ihm entgegen, suchten den
geschriebenen Befehl in seiner Hand. Er tat, als merkte er den fragenden
Blick gar nicht, herrschte ihn hochfahrend an: -- Herr Leutnant, ich
übergebe Ihnen jetzt die Kompagnie bis . . . .

Ein kurzes Heulen von unerhörter Stärke schnitt ihm das Wort ab. Er hatte
das Gefühl: -- Das trifft mich! -- sah im selben Augenblick auch schon
etwas wie einen schwarzen Walfisch, vor seinen Augen aus dem Himmel sausen,
kopfüber in die rückwärtige Grabenwand hineinfahren -- -- -- dann brach ein
Krater aus der Erde, ein Flammenmeer, das ihn aufhob, und ihm die Lunge mit
Feuer füllte.

Als er langsam zu sich kam, lag er unter einem Erdwall begraben, nur der
Kopf und der linke Arm waren frei; die anderen Glieder fühlte er nicht
mehr. Sein ganzer Körper war gewichtlos geworden, er fand seine Beine
nicht, es war nichts da, was er hätte bewegen können, nur ein Brennen und
Wühlen, das von irgendwo her in sein Gehirn mündete, die Stirne versengte,
und die Zunge zu einem schweren, würgenden Klumpen anschwellen ließ.

-- Wasser! -- stöhnte er. -- War denn niemand da, um ihm einen Schluck
Wasser in die ausgebrannte Mundhöhle zu träufeln? War niemand? . . . . Wo
war denn Weixler? Der mußte doch da in der Nähe stehen, oder? -- -- -- oder
sollte der . . . am Ende auch verwundet? . . . Er wollte hochschnellen, --
wissen, was mit Weixler geschehen war -- -- -- er wollte! . . . . Wie ein
überlasteter Dampfkran mühte sich seine linke Hand, den Kopf zu erreichen,
und als es ihm endlich gelang, sie unter den Nacken zu schieben, da fühlte
er erschauernd, daß der feste Widerstand der Hirnschale ausblieb, daß er in
einen weichen, warmen Brei hineingriff, in dem seine Haare, vom geronnenen
Blut verkleistert, wie ein feuchter, warmer Filz an den Fingern pappen
blieben.

-- Sterben! -- durchfuhr es ihn kalt, -- Hier sterben, ganz allein. . . . .
Und Weixler? . . . Er mußte erfahren, was mit dem . . . . mußte! . . . .

Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte er seinen Kopf, mit der Linken, so
weit hoch, daß er einige Schritte weit den Graben überblicken konnte. Und
nun sah er Weixler, mit dem Rücken gegen sich, mit dem rechten Arm an die
Wand gelehnt, schief dastehen, die linke Hand an den Leib gepreßt, die
Schultern hoch oben, wie im Krampf. Noch eine Spanne höher reckte er sich,
erblickte den Boden, und einen breiten, dunklen Schatten, den Weixler warf.
-- Blut? . . . Er blutet! . . . . Oder? -- Das war doch Blut! . . . Konnte
nur Blut sein . . . . Und dehnte sich doch so merkwürdig, zog wie ein
dünner, roter Faden zu Weixler hinauf, dorthin, wo er sich den Leib hielt,
-- -- -- als wollte er die Wurzeln abreißen, die ihn an die Erde fesselten.
-- -- --

Er mußte doch sehen! . . . schleuderte den Kopf nach vorne -- -- -- und
stieß einen röchelnden Schrei aus, einen Schreckensschrei, -- als er
erkannte, daß der Unglückliche seine Eingeweide hinter sich herzog. --
Weixler! -- entfuhr es ihm gellend, von heißem Mitleid durchzittert.

Der Angerufene wandte sich langsam, sah fragend zu Marschner hinunter,
blaß, traurig, mit erschrockenen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde
lang stand er so, dann verlor er das Gleichgewicht, taumelte und fiel
nieder, verschwand aus dem Gesichtskreis des Hauptmanns. Kaum daß ihre
Blicke Zeit gehabt hatten, sich zu kreuzen, -- vorbeigehuscht war nur das
bleiche Gesicht! Und doch stand es da; blieb haften in der Luft, mit einem
milden, weichen, klagenden Zug um die schmalen Lippen, mit einem
unvergeßlichen Ausdruck von sanftem, ängstlichem Sichergeben.

-- Er leidet! -- . . . . durchflammte es Marschner. -- Er leidet! --
. . . . jauchzte es in ihm. Und ein Leuchten ergoß sich über seine Blässe,
. . . . seine blutverklebten Finger fuhren wie streichelnd durch die Luft
. . . . bis der Kopf zurücksank, und die Augen brachen.

Die ersten Soldaten, die durch den hochgetürmten Erdwall endlich bis zu ihm
vordrangen, fanden ihn schon entseelt; um seinen Mund schwebte, trotz der
gräßlichen Verwundung, ein zufriedenes, fast glückliches Lächeln.



Der Sieger


Auf dem großen Platz vor dem alten Rathaus, das jetzt dem
Armee-Oberkommando als Amtsgebäude diente, und die drei zauberkräftigen
Buchstaben A. O. K. wie ein kabalistisches Zeichen auf der Stirne trug,
konzertierte auf Befehl seiner Excellenz, von drei bis vier Uhr
nachmittags, täglich eine Militärkapelle. Es sollte der Zivilbevölkerung
für die vielen Unannehmlichkeiten, die das Einquartieren von mehreren
hundert Stabsoffizieren und einer Reihe niederer Kommandostellen
unvermeidlich im Gefolge hat, dieses kleine Vergnügen als Entschädigung
geboten werden. Auch trugen -- nach Ansicht des Excellenzherrn --,
derartige Veranstaltungen viel zur Beliebtheit des Militärs bei, und
förderten den Patriotismus der Schuljugend und der kompakten Masse. Für die
Stimmung im Publikum zu sorgen und für gutes Einvernehmen zwischen den
Militärs und Zivilbehörden, hielt der gestrenge Herr Oberkommandierende --
bei aller Wahrung seiner Vorrechte --, im Interesse der Kriegführung für
dringend geboten. -- Nebenbei aber hatte der Umstand, daß die Herren des
Generalstabes, mit Excellenz an der Spitze, um diese Zeit ihren Schwarzen
einnahmen, nicht unwesentlich zu der Einführung dieser Nachmittagskonzerte
beigetragen.

Unter den hundertjährigen Platanen, die mit ihren riesigen, ineinander
greifenden Kronen den ganzen Platz wie ein Kirchenschiff überwölbten, saß
es sich sehr angenehm. Die Herbstsonne lag mit mattem Glanz auf den Mauern
ringsum, streute, wie durch Butzenscheiben, goldene Ringe durch das dichte
Laub, auf die kleinen, runden Tische, die in langen Reihen vor dem
Kaffeehaus standen. Für die Herren vom Generalstab war eine Extrareihe da,
schneeweiß gedeckt, mit kleinen Blumenvasen, und frischen, knusprigen
Kuchen, die ein Verpflegsfeldwebel, täglich Punkt drei, aus der großen
Feldbäckerei herüberbrachte, wo sie für Excellenz und seine
Kaffeegesellschaft eigens, und mit entsprechender Sorgfalt, unter
persönlicher Aufsicht des Kommandanten verfertigt wurden.

Es war ein schönes, lustiges Bild, ein buntes, richtiges Großstadttreiben
um den Musikpavillon, so lebendig und sorglos fröhlich, wie auf dem Graben
in Wien, an einem schönen Frühlingssonntag, im tiefsten Frieden. Die Kinder
umstanden andächtig das Orchester, schlugen den Takt, und klatschten
begeistert Beifall nach jedem Stück. In den Straßen, die auf den Platz
mündeten, zirkulierte die heranwachsende Jugend, kichernde Backfische mit
buntbemützten Gymnasiasten; während die haute-volée, die Damen der
ortsansässigen Beamten- und Kaufmannschaft, in der benachbarten Konditorei
auf der Lauer saßen, um sich emsig zu entrüsten über die
unternehmungslustigen Hüte, durchschimmernden Strümpfe, und fast kniefreien
Röcke einer gewissen zugereisten Weiblichkeit, die da, trotz aller Proteste
und Verfügungen, bei hellichtem Tage, schamlos ihr Unwesen trieb.

Die Hauptnote aber gaben doch die durchreisenden Offiziere. Alles was auf
Urlaub ging, oder wieder zur Truppe einrückte, mußte durch die Stadt, und
genoß in vollen Zügen den ersten oder letzten freien Tag. Jeder geringste
Mangel draußen an der Front, ob es nun Hufnägel, Sattelseife,
Sanitätsmaterial oder Flaschenbier zu holen galt, -- alles konnte hier am
nächsten und raschesten besorgt werden, in dieser ersten kleinen -- großen
Stadt. Wer Pech hatte oder unbeliebt war, erhielt eine Auszeichnung für
seine Heldentat, und damit basta. Wer aber die Gunst seines Kommandanten
genoß, wurde vor allem hierher zum Einholen geschickt, als Lohn. Eine
unglaubliche Findigkeit im Entdecken dringender Bedürfnisse hatte sich
allmählich herausgebildet, und ein geheimnisvolles, aritmethisches
Verhältnis waltete unverkennbar, zwischen dem Aufwand der einzelnen
Truppenteile an Holzkohle, Wagenfette etc. und der Entfernung ihres
Standortes von der beliebten Etappenstation.

Lange währte das Vergnügen ja nicht. Gerade die Zeit ein heißes Wannenbad
zu nehmen, seine besten Uniformstücke, frisch aufgebügelt, einigemal in den
Hauptstraßen herumzuzeigen, zwei Mahlzeiten an weißgedecktem Tisch, und
eine kurze Nacht in einem richtiggehenden Bett, mit, oder, -- wenn's
durchaus sein mußte --, ohne Zärtlichkeit; -- dann ging es wieder betrübt
und in nervöser Reizbarkeit hinaus zum rasend überfüllten Bahnhof, und
zurück zur Front, in das feuchte Erdloch oder sonnendurchglühte Blockhaus.

Die Lebensgier dieser jungen Offiziere, die so mit hungrigen Augen durch
das Städtchen bummelten, ein Hasten im Blut, wie der Taucher, der in einem
Augenblick die Lunge sich voll saugt, -- hatte allmählich das ganze,
langweilige Provinznest angesteckt. Es prickelte, schäumte, bereicherte
sich und wurde leichtlebig; konnte gar nicht genug haben an Sensationen,
nun es einmal im Mittelpunkte des Weltgeschehens stand und einen Anspruch
hatte auf Ereignisse.

Kopf an Kopf wogte die Menge auch an diesem Wochentage an der Musik vorbei,
festlich gekleidet und festlicher Laune, durchzuckt von den Rythmen des
Blauen-Donau-Walzers, den das Orchester mit Trommelwirbel und
Tschinellenschlag hinreißend exekutierte. Wie hinter den Kulissen eines
ganz großen Festspielhauses, während der Aufführung einer Tragödie mit
Chören und Massenaufzügen, ging es eigentlich zu. Von dem blutig ernsten
Stück, das vorne gespielt wurde, sah und hörte man nichts. Das Gesicht der
Akteure entspannte sich hier auf der Hinterbühne; sie rasteten, warfen sich
hinein in den farbigen Rummel, herzlich froh, nichts zu wissen von dem
Fortgang des Trauerspiels; genau wie richtige Schauspieler auch in ihr
bürgerliches Dasein zurückfallen, bis zum nächsten Stichwort.

Wer da, im Schatten der alten Bäume sitzend, bei Kaffee und Cigarre diesem
Treiben zusah, konnte leicht von der Illusion erfaßt werden, auch das
Drama, das vorne an der Front gespielt wird, sei nur ein lustiges
Spetakelstück. Der ganze Krieg präsentierte sich, von hier aus gesehen, wie
ein lebenspendender Strom, der Musikkapellen heranschwemmt, Geld und
Frohsinn unter die Leute bringt, und von promenierenden Offizieren
betrieben, von gemächlich verdauenden Generalstäblern dirigiert wird. Von
seiner blutigen Seite war nichts zu sehen! Kein Geschützdonner schlug an's
Ohr, kein Verwundeter trug sein persönliches Elend als störende Note in die
allgemeine Lebenslust hinein.

Das war freilich nicht immer so gewesen. In den ersten Tagen, als das
tägliche Kaffeekonzert noch den Reiz der Neuheit hatte, ergossen sämtliche
Sanitätsanstalten, alle Ergänzungs-, Not- und Reservelazarette ihren
ungeheueren Bestand an Rekonvalescenten und Leichtverwundeten in die Stadt
hinein, auf die Promenade. Aber das dauerte nur zwei Tage. Dann befahl
seine Exzellenz der Oberkommandierende den Garnisonschefarzt zu kurzer
Audienz und erklärte dem zerknirschten Sünder in scharfen Worten, wie
ungünstig ein solcher Anblick die Stimmung im Publikum beeinflußte. Er gab
der Hoffnung Ausdruck, daß alles was Verbände trägt, verstümmelt ist, oder
sonstwie geeignet erscheint, deprimierend auf die allgemeine
Kriegsbegeisterung einzuwirken, künftighin in den Spitälern konsigniert
bleiben werde.

Und seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht! Nichts Unerfreuliches trübte
mehr sein Vergnügen, wenn er, mit der geliebten Virginia zwischen den
Zähnen, über die lange Reihe seiner Untergebenen hinweg, auf die Straße
hinaus sah. Niemand ging da vorbei, ohne einen ehrfurchtsvoll scheuen
Seitenblick auf den allmächtigen Schlachtenlenker zu werfen, der wie andere
gewöhnliche Sterbliche seinen Kaffee schlürfte, trotzdem er der berühmte
Generaloberst X. war, unbeschränkter Herr über hunderttausende von
Menschenleben, in den Zeitungen mit Vorliebe »Der Sieger von ***« genannt.
Kein Schicksal gab es in dieser Stadt, das er nicht mit einem Federstrich
hätte umbiegen, -- nichts was er nicht nach Gutdünken hätte fördern oder
vernichten können. Seine Gunst bedeutete Lieferungen und Reichtum, oder
Auszeichnung und Avancement; seine Ungnade Aussichtslosigkeit, oder eine
Marschroute in den sicheren Tod.

Mollig zurückgelehnt in den großen Korbstuhl, der einmal historisch zu
werden versprach, saß lächelnd der Gewaltige und scherzte mit der Frau
seines Generalstabschefs. Er wies mit der Hand hinaus auf die Straße, wo im
grellen Sonnenschein die Menge wogte, und sagte mit einer satten,
triumphierenden Heiterkeit in der Stimme:

-- Da! Dieses Treiben möchte ich einmal den Herren Pazifisten zeigen, die
immer so tun, als wäre der Krieg nichts, als ein scheußliches Gemetzel. Sie
hätten dieses Nest im Frieden sehen sollen, gnädige Frau. Zum Einschlafen!
Der Dienstmann an der Ecke verdient heute mehr Geld, als früher der größte
Kaufmann. Und haben Sie sich schon die jungen Leute angesehen, die von der
Front hereinkommen? Sonnenverbrannt, gesund und vergnügt! Die meisten sind
im Frieden in irgendeiner Kanzlei gehockt; schlapp, käsig, verbummelt.
Glauben Sie mir, die Welt ist noch nie so gesund gewesen, wie heute. Nehmen
Sie aber eine Zeitung in die Hand, dann lesen Sie von einer
Weltkatastrophe; vom Verbluten Europas, und was die Herren sonst noch
zusammenschmieren. --

Die buschigen, weißen Brauen glitten hoch hinauf, bis zur Mitte der stark
gewölbten Stirne; die kleinen, stechend schwarzen Augen huschten
beobachtend über die Gesichter der Anwesenden.

Die Anregung des Excellenzherrn wurde sofort emsig aufgenommen. An allen
Tischen flammte das Gespräch auf, wurde die segensreiche Wirkung des
Krieges abgewandelt, ergingen die Spaßmacher sich in witzigen Bemerkungen
über das Schreibergeschwätz der Friedensfreunde. Nicht ein Einziger saß in
der ganzen Gesellschaft, dem der Krieg nicht wenigstens zwei
Auszeichnungen, materielle Sorglosigkeit und eine herrschaftliche
Lebensführung beschert hatte, wie sie in Friedenszeiten nur vielbeneideten
Geldmagnaten beschieden ist. Der Krieg trug, in diesem Kreise, die Maske
Knecht Rupprechts, einen Sack voll guter Gaben auf dem Rücken, und eine
Anweisung auf glänzende Karriere in der Hand. Wohl hatte der eine oder
andere der Herren einen Trauerflor auf dem Ärmel, für den Bruder, oder
Schwager, der, als Truppenoffizier, das andere, das todbringende
Gorgonenantlitz des Krieges geschaut. Aber dieses Antlitz war so weit, --
über sechzig Kilometer in der Luftlinie; und ein gelegentlicher Ausflug in
seine Nähe war kurzer Nervenkitzel, spannendes Erlebnis. In einer Stunde
raste das Auto wieder in die Sicherheit zurück, zur Badewanne; und man ging
wieder in Stiefeletten über asphaltierte Straßen. Wer hätte da nicht
einstimmen mögen in das Loblied der Excellenz? . . . .

Der hohe Herr lauschte eine Weile noch befriedigt dem Stimmengewirr, das
seine Worte entfesselt hatten, und zog sich dann allmählich wieder in seine
Gedanken zurück. Er blickte ernsthaft vor sich hin, sah die Sonnenringe,
die durch das bewegliche Laubdach, wie durch ein Sieb auf ihn herabfielen,
glitzernd mit den Kreuzen und Sternen spielen, die in drei dichtgesäten
Reihen seine linke Brusthälfte bedeckten. Alles, was die Herrscher vier
mächtiger Reiche für Heldenmut, Todesverachtung und hohe Verdienste als
sichtbares Dankeszeichen zu vergeben hatten, war vollzählig da in der
reichen Sammlung. Es gab keine Ehrung, die der Sieger von *** noch hätte
erstreben können. Und das alles hatten ihm elf kurze Kriegsmonate an den
Hals geworfen; war die Ernte eines einzigen Kriegsjahres. Neununddreißig
Dienstjahre hatte er vorher in öder Gleichmäßigkeit, in ewigem Kampfe mit
schäbigen Alltagssorgen abgehaspelt; hatte sich müde gerungen mit all den
Nöten eines hoffnungslosen Kleinbürgerdaseins, das den kläglichen
Bemühungen eines verschämten Armen gleicht, der einen Defekt seiner
Kleidung mit tausend Kniffen zu verbergen sucht, und das verräterische Loch
immer wieder hervorlugen sieht aus der krampfhaft drapierten Verhüllung.
Neununddreißig Jahre lang hatte er sich unentwegt auf Enthaltsamkeit
träniert, mit sehr viel Gold auf der Uniform und sehr wenig in der Tasche;
war eigentlich längst schon bereit gewesen abzugehen, gründlich satt des
billigen Vergnügens, als Nero auf dem Exerzierfeld den Krampus zu machen
für junge Offiziere. Und da kam das Wunder! Im Handumdrehen war aus dem
grantigen alten Herrn eine Art Nationalheld, eine europäische Berühmtheit,
war er »der Sieger von ***« geworden. Genau wie im Märchen, wenn die gütige
Fee erscheint, der verwunschene Prinz in strahlender Jugend der garstigen
Hülle entsteigt, und, von Lakaien und Rittern umringt, sein prächtiges
Schloß bezieht.

Die strahlende Jugend blieb ihm wohl versagt; aber er war doch wieder
elastisch geworden, das ereignisreiche Jahr hatte ihn aufgerüttelt,
Lebenslust und Arbeitskraft eines Vierzigjährigen pulsierten, neu erwacht,
in seinen Adern. Als Herrscher saß er da, im Schatten der Platanen; das
Glück an seiner Brust spiegelte leuchtend die Sonne, -- und eine Stadt lag
ihm zu Füßen! Nichts, gar nichts fehlte, um das Märchen vollkommen zu
machen. Vor dem Kaffeehaus schlummerte das riesige, graue Tier, von zwei
strammen Unteroffizieren bewacht, mit der Lunge von hundert Pferden im
Brustkasten, des Kurbelschlages harrend, der es weckt, um den Herrn mit
Windeseile hinauszufahren auf sein Schloß, hoch über Stadt und Tal. Wo war
die Zeit, da man, mit Generalsstreifen auf der Hose, noch mit der Trambahn
nach Hause fuhr, in die standesgemäße Sechszimmerwohnung, die, eigentlich,
eine Fünfzimmerwohnung war mit einer Kammer? Wo war das alles? . . .
Jahrhunderte hatten ihre edelsten Kräfte, Generationen ihren Kunstsinn
aufgeboten, um das Schloß, -- das jetzt für seine Excellenz den
Oberkommandierenden der --ten Armee requieriert war, -- mit den erlesensten
Schätzen zu füllen. Sonne und Zeit hatten unermüdlich ihre Arbeit getan,
bis der laute Glanz des aufgestapelten Reichtums, zu wohltemperierter
Pracht gedämpft, wie durch einen feingewobenen Schleier schimmerte. Wer da
täglich, als Herr des Hauses, die mächtige Freitreppe hinanstieg, seinen
Willen laut durch die vornehm schlummernden Räume hetzte, -- mußte sich als
König fühlen, konnte den Krieg nur wie ein herrliches Märchen erleben. Oder
gab es je einen Hofhalt, der näher das Wunder streifte? In der Küche
regierte ein Meister seiner Kunst: der Chef des ersten Hotels im Lande, --
sonst mit doppeltem Generalsgehalt nicht zufrieden, -- für einen Lohn von
fünfzig Heller täglich; und wandte doch seine ganze Kunst auf, -- hatte nie
angstvoller gestrebt, dem Gaumen, dem er diente, zu schmeicheln! Der
Braten, den er servieren ließ, war das schönste Stück Fleisch, das
zweihundert Ochsen, die täglich im Armeebereich ihr Leben für's Vaterland
ließen, bei sorgfältigster Wahl zu vergeben hatten! Die würdigen Männer,
die ihn auf silbernen Schüsseln, -- von Schülern Benvenutos für den Ahn des
Hauses geschmiedet, -- auftrugen, waren Generäle des Kellnerstandes,
ließen, im Frieden, den Frack in London bauen, und lauerten jetzt, wie
verprügelte Piccolos, zitternd auf jeden Wink des Gebieters! Und dieser
ganze Train, dieser ganze fürstliche Haushalt funktionierte automatisch,
und -- ganz ohne Geld! Ohne daß der Herr, für den alles sich mühte, jemals
den sonst so unvermeidlichen Griff zur Brieftasche tat. Unerschöpflich
zirkulierte das Benzin in den Adern der drei Kraftwagen, die Tag und Nacht
auf den Marmorquadern des Schloßhofes sich rekelten; -- wie von Feenhänden
gespendet strömte alles herbei, was Mund und Auge begehrten. Kein Bedienter
forderte seinen Lohn, alles schien selbstverständlich da zu sein, wie in
Märchenschlössern, wo jeder Wunsch Schöpferkraft besitzt.

Allein nicht nur das »Tischlein deck' dich« war Ereignis, war ernste,
greifbare Wirklichkeit geworden. Das Wunder war nicht erschöpft, wenn es
neunundzwanzig Tage lang alle Vorratskammern gefüllt hatte. Es trieb am
dreißigsten Tag auch den Esel, der sich streckt und Reichtum spendet noch
auf, und an Stelle der leidigen Lieferantenrechnungen flatterten Banknoten
ins Haus. Statt Ärger, Streit, notwendige Knauserei seufzend zu tragen,
stopfte man sich die Taschen gelangweilt mit den Scheinen voll, die ja doch
gänzlich überflüssig waren in dem Schlaraffenland, das der Krieg seinen
Vasallen erschlossen hatte.

Eine einzige finstere Wolke nur huschte ab und zu über das strahlende
Firmament dieses Wunderlandes, und ihr Schatten streifte die Stirne seiner
Excellenz. Der Gedanke, das Märchen könnte der Wirklichkeit weichen; die
Angst, eines Tages erwachen zu müssen aus diesem herrlichen Traum, störte
zuweilen die reine Freude. Nicht vor dem Frieden war es dem Excellenzherrn
bange. An den dachte er gar nicht. Aber wie, wenn die Mauer, aus
Menschenleibern kunstvoll gebaut, eines Tages doch in's Wanken geriete?
Wenn der Feind alle Riegelstellungen durchstößt, die Disziplin der Panik
weicht, und die mächtige Mauer in ihre Bestandteile zerfällt, sich in
angsterfüllte, um ihre Leben jagende Menschen auflöst? . . . Dann würde der
Sieger von ***, der allmächtige Märchenkönig wieder in den schäbigen Alltag
zurücksinken, müßte irgendwo, in einem stillen Nest, unbemerkt, seine
Pension verzehren, seine Trophäen in eine bescheidene Etagenwohnung
pfropfen, und, unter andern Ausrangierten, als Stammtischgröße sich
bescheiden! Ein Mißerfolg, -- und die Welt vergißt im Nu ihre Begeisterung;
ein Anderer zieht in's Schloß hinauf, ein Anderer rast im Kraftwagen als
Herrscher durch die Stadt, der ganze riesige Troß blickt demütig zum neuen
Herrn empor, und der alte wird zur Anekdote, eine entlarvte Vogelscheuche,
die jeder Spatz frech besudelt!

Die kleine, fleischige Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust und die
gefürchtete Querfalte über der Nasenwurzel, das »Gewitterzeichen«, das die
eigenen Soldaten wie der Feind fürchten gelernt, grub sich, für einen
Augenblick, in die hochgewölbte Stirne. Dann hellte sich das Gesicht wieder
auf, und Excellenz sah sich stolz im Kreise um.

Nein! Der Sieger von *** hatte keine Angst. Seine Mauer stand fest und
wankte nicht. Drei Monate hatte jede Nachricht, die in der Abteilung für
Kundschafterdienste einlief, von den ungeheueren Vorbereitungen im
feindlichen Lager berichtet. Drei Monate lang hatten sie drüben Munition
gehäuft, und Kräfte zusammengezogen für den Monstreangriff, der nun, seit
heute Nacht, entfesselt war. Der General wußte, was die Menschenmenge, die
da lustig in der Sonne wimmelte, erst am nächsten Morgen aus den Zeitungen
erfahren sollte, daß draußen an der Front seit zwanzig Stunden eine
erbitterte Schlacht im Gange war; daß, kaum sechzig Kilometer von dem
Promenadenkonzert, die Geschütze ohne Atempause tobten, ein dichter Hagel
von glühendem Eisen zischend auf seine Soldaten niederprasselte. Drei
restlos abgewiesene Infanterieüberfälle hatten die Morgenberichte schon
gemeldet, und jetzt hämmerte mit rasender Wut die Artillerie, als
Einleitung zu neuen Kämpfen während der Nacht.

Nun, sie sollten nur kommen!

Mit einem Ruck richtete sich der Excellenzherr auf, und sein Blick bekam
einen gespannten Ausdruck, als könnte er, -- während seine Finger auf der
Tischplatte nervös den Takt zum Donauwalzer trommelten, -- das Trommelfeuer
hören, das draußen an der Front wie Sturmwind brüllte. Seine Vorkehrungen
waren getroffen: das Menschenreservoir bis zum Überlaufen aufgefüllt!
Zweimalhunderttausend junge, kräftige Burschen, die erlesensten Jahrgänge,
lagen rückwärts bereit, um im geeigneten Moment vor die Walze geworfen zu
werden, bis sie in einem Sumpf von Blut und Knochen stecken blieb. Sie
sollten nur kommen, je stärker desto besser. Der Sieger von *** war bereit,
seinen Lorbeeren einen neuen Zweig hinzuzufügen, und seine Augen blitzten,
wie die vielen Tapferkeitszeichen an seiner Brust.

Da erhob sich am Nachbartisch sein Adjutant, kam zögernd heran, und
flüsterte Excellenz einige Worte zu.

Der hohe Herr schüttelte ablehnend das Haupt.

-- Es ist eine wichtige ausländische Zeitung, Excellenz! -- drängte der
Adjutant, und fügte, als der Gebieter immer noch energisch abwinkte,
bedeutungsvoll hinzu: -- Der Herr hat ein Empfehlungsschreiben aus dem
Hauptquartier mitgebracht, Excellenz.

Da gab der General den Widerstand endlich auf, erhob sich seufzend und
sagte, halb scherzhaft, halb ergrimmt zu seiner Nachbarin: -- Ein
rechtschaffenes Kartäschfeuer wär' mir lieber! -- Dann folgte er ergeben
dem Adjutanten, reichte dem kahlköpfigen Zivilisten, der stürmisch
hochschnellte und in der Mitte auseinanderbrach, wie ein zuklappendes
Federmesser, jovial die Hand, und lud ihn zum Sitzen ein.

Der Journalist stammelte einige Worte der Bewunderung, schlug
erwartungsvoll sein Notizbuch auf, eine Reihe von Fragen auf den Lippen.
Allein der Excellenzherr ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen. Er hatte
sich für derlei Fälle -- im Laufe der Zeit -- einige wohlüberlegte,
unverfängliche Äußerungen zurechtgelegt, und sagte nun seine Rede, mit
scharfer Betonung und kurzen Denkpausen, gehorsam her.

Vor allem gedachte er rühmend seiner braven Soldaten, lobte ihre
Tapferkeit, ihre Todesverachtung, ihre, über alles Lob erhabenen
Leistungen. Sodann sprach er sein Bedauern aus über die Unmöglichkeit,
jeden Einzelnen dieser Helden nach Gebühr zu belohnen, und forderte vom
Vaterlande, -- mit erhobener Stimme, -- unvergängliche Dankbarkeit für so
viele Treue und Selbstverleugnung bis in den Tod. Er erklärte, mit einem
Fingerzeig auf den dichten Ordenswald, die Auszeichnungen, die ihm zu Teil
geworden waren für eine Ehrung, die seinen Soldaten galt. Endlich flocht er
noch einige maßvoll lobende Worte über den Gefechtswert der feindlichen
Soldaten und die Umsicht ihrer Führung ein; und schloß mit der Äußerung
seines unerschütterlichen Vertrauens in den Endsieg.

Der Journalist lauschte andächtig und warf nur ab und zu ein kurzes
Stichwort zu Papier. Die Hauptsache war ja doch das Auftreten des
Gewaltigen, seine Art zu reden, seine Gesten zu beobachten; seine
Persönlichkeit in wenigen, markanten Zügen einzufangen.

Der Excellenzherr legte, nachdem er seine Rede geschlossen, den Feldherrn
gleichsam ab, wandelte sich aus dem Sieger von *** zum Weltmann. -- Sie
gehen jetzt an die Front, Herr Doktor? -- frug er mit verbindlichem
Lächeln, und antwortete auf das begeisterte »Ja« des Schriftstellers mit
einem schweren, melancholischen Seufzer. -- Sie Glücklicher! Ich kann Sie
nur beneiden. Sehen Sie, das ist der tragische Zug im Leben des Feldherrn
von heute, daß er seine Truppen nicht mehr selbst in's Feuer führen darf!
Ein ganzes Leben lang hat er sich auf den Krieg vorbereitet, ist Soldat mit
Leib und Seele, und kennt die Aufregungen des Kampfes nur vom Hörensagen.
--

Hoch erfreut über die subjektive Äußerung, die er nun doch noch ergattert
hatte, und die ihm durchaus geeignet erschien, den allmächtigen
Befehlshaber in der gewinnenden Rolle des Entsagenden, der auch nicht immer
konnte wie er mochte, zu zeigen, hatte der Journalist sich für einen
Augenblick über sein Notizbuch gebeugt, und fand, als er wieder aufblickte,
das Gesicht der Excellenz -- zu seinem Erstaunen --, gänzlich verändert.
Die Stirne lag in drohenden Falten, die Augen starrten, weit aufgerissen,
erwartungsvoll über den Interviewer hinweg. Der wandte sich rasch um und
sah einen blassen, abgemagerten Infanteriehauptmann, mit merkwürdig
schlotterndem Gang, grinsend auf die Excellenz zusteuern. Immer näher kam
er, -- starrte mit gläsern glotzenden Augen und lachte ein häßliches,
stumpfsinniges Lachen. Schon sprang der Adjutant erschrocken auf von seinem
Tisch, -- die Adern seiner Excellenz schwollen wie Taue aus der Stirne, --
der Journalist sah ein Attentat kommen und erblaßte. Bis auf einen halben
Schritt wankte der unheimliche Hauptmann an die beiden heran. Dann blieb er
stehen, kicherte blödsinnig und griff, -- wie ein Kind, das nach dem Lichte
hascht, -- in die dichtgehäuften Orden der Excellenz hinein.

-- Sehr schön -- -- -- glänzt schön! -- lallte er mit schwerer Zunge; wies
mit seinem endlos dünnen, zitterigen Zeigefinger zur Sonne hinauf, gröhlte:
-- Sonne! -- dann, wieder nach den Orden greifend, noch einmal: -- Glänzt
schön! -- Dabei wanderte sein unruhiger Blick, wie suchend, hin und her,
und das häßliche, vertierte Lachen wiederholte sich nach jedem Wort.

Die Rechte des Excellenzherrn war in die Höhe geschnellt, um den Kerl, der
da so respektlos auf ihn loskam, vor die Brust zu stoßen. Nun legte sie
sich dem armen Narren begütigend auf die Schulter.

-- Sind wohl aus dem Spital hereingekommen, Herr Hauptmann, zur Musik? --
sagte er, und winkte seinem Adjutanten mit den Augenbrauen. -- Es ist weit
hinaus zum Spital mit der Trambahn! Setzen Sie sich in mein Automobil, das
fährt schneller.

-- Auto -- -- -- schneller! -- -- -- echote der Irrsinnige mit seinem
gräßlichen Lachen, ließ sich geduldig unter den Arm fassen und wegführen.
Noch einmal wandte er sich grinsend nach den glitzernden Ordenskreuzen um;
dann zog ihn der Adjutant mit sich.

Der General folgte mit den Blicken, bis die beiden das Auto bestiegen
hatten. Zwischen seinen Augenbrauen stand, unheildrohend, das
»Gewitterzeichen«. Er kochte vor Zorn über die unerhörte Nachlässigkeit, so
einen Menschen frei herumlaufen zu lassen! Aber der Zivilist an seiner
Seite fiel ihm noch rechtzeitig ein; er bezwang sich und sagte
achselzuckend:

-- Ja! Das sind so die traurigen Seiten des Krieges. Sehen Sie, schon darum
muß der Führer heute weit rückwärts bleiben, wo nichts zu seinem Herzen
spricht. Kein Feldherr brächte sonst die nötige Härte auf, wenn er alles
Elend in der vordersten Reihe mitansehen müßte.

-- Sehr interessant! -- hauchte dankbar der Journalist; machte sich rasch
eine kurze Notiz, und klappte das Heft zu. Er mußte befürchten, die
kostbare Zeit seiner Excellenz bereits allzulange in Anspruch genommen zu
haben. Nur eine einzige Frage bat er sich noch erlauben zu dürfen:

-- Für -- -- -- wann glauben Euer Excellenz, daß wir den Frieden erhoffen
dürfen?

Der General zuckte zusammen, biß sich in die Unterlippe und sah bei Seite,
mit einem Blick, vor dem jeder Generalstäbler der . . . ten Armee sich in
die Erde verkrochen hätte. Mit sichtbarer Mühe setzte er noch einmal das
verbindliche Lächeln auf, wies mit der Hand quer über den Platz, auf das
offene Portal der alten Basilika: -- Da kann ich Ihnen nur raten, dort
hinüberzugehen und den Herrn im Himmel zu fragen! Er ist der Einzige, der
Ihnen diese Frage beantworten kann.

Ein freundliches Nicken, ein kräftiger Händedruck, -- dann ging er,
ehrfurchtsvoll gegrüßt von der Menge, mit großen Schritten zu Fuß in sein
Amt hinüber.

Als er das Gebäude betrat, stand die gefürchtete Querfalte fingertief auf
seiner Stirne. Eine angehaltene Ordonnanz führte ihn zitternd vor das
Zimmer des Garnisonschefarztes. Dann hielt das ganze Haus einige Minuten
lang den Atem an, während die Stimme des Gewaltigen durch alle Korridore
donnerte. Er kommandierte den würdigen, alten Oberstabsarzt, wie einen
Schreiber, an seinen Tisch, und diktierte ihm einen Erlaß in die Feder, der
allen Spitalinsassen, ohne Unterschied der Charge, gleichviel ob krank oder
verwundet, das Verlassen der Anstaltsmauern strengstens untersagte. -- Denn
-- so schloß der Befehl --, wer krank ist, gehört ins Bett; und wer sich
genügend kräftig fühlt, um in die Stadt zu gehen und im Kaffeehaus zu
sitzen, der melde sich an die Front zurück, wohin die Pflicht ihn ruft. --

Das Auf- und Abgehen mit klingenden Sporen, das Hinabdonnern auf den
zusammengekauerten alten Doktor, hatte seinen Zorn besänftigt. Schon galt
das Unwetter für überstanden, da spielte ihm ein unglücklicher Zufall die
Meldung der Brigade in die Hand, die, am stärksten vom Feinde berannt,
schwere Verluste erlitten hatte und nur noch weiter auf ihrem Platze
belassen wurde, um dem Gegner, in verzweifeltem Ringen, das Vordringen
möglichst kostspielig zu machen. Hinter ihr lauerten schon die
Flatterminen, hockte -- seit gestern schon --, eine ganze frische Division
in unterirdischen Kasematten, um dem siegesfroh heranflutenden Feinde eine
kleine Überraschung zu bereiten. Natürlich hatte es der Oberkommandierende
dem Brigadier nicht auf die Nase gebunden, daß er auf einem verlorenen
Posten stand und keine andere Aufgabe hatte, als seine Haut teuer zu
verkaufen. Je länger das Ringen dauerte, desto besser! Und die Leute
schlugen sich viel zäher, wenn sie bis zum letzten Augenblick auf Entsatz
hofften.

Das alles hatte der Excellenzherr eigenhändig so verfügt; war im Grunde
hoch erfreut, daß die Brigade nach drei übermächtigen Infanterieangriffen
immer noch standhielt. Aber nun lag da eine Meldung vor ihm, die allen
soldatischen Traditionen widersprach, und den schon verebbten Sturm jäh neu
entfesselte.

Dieser Generalmajor, -- seinen Namen wollte sich Excellenz, auf alle Fälle,
genau merken, -- schilderte, mit einer durchaus unmilitärischen
Gesprächigkeit und Nervosität, die furchtbare Wirkung des Trommelfeuers,
erklärte; -- statt sich auf zahlenmäßige Angaben zu beschränken, -- seine
Brigade für dezimiert, die Widerstandskraft der Mannschaft für erschöpft,
und bat zum Schluß dringend um Verstärkung, da er, mit den Resten seines
Bestandes, den Abschnitt gegen die bevorstehenden Nachtangriffe unmöglich
halten könne.

-- Unmöglich halten? . . . Unmöglich? . . . -- Wie eine Fanfare schmetterte
der Excellenzherr diesen Satz seinen regungslos dastehenden Herren immer
wieder in die Ohren. -- Unmöglich?! -- Seit wann hatte sich denn der
Oberkommandierende von seinen Abschnittskommandanten darüber belehren zu
lassen, was »möglich« war? . . .

Purpurrot vor Empörung nahm er die Feder in die Faust, und schrieb als
Antwort den einzigen Satz auf die Meldung: -- Der Abschnitt wird gehalten!
-- und darunter seinen Namen, mit den großen steilen Strichen, die jedes
Schulkind im Lande von den Postkarten mit dem Bildnis des Siegers von ***
her kannte. Er selbst drückte den Umschlag dem Motorradler in die Hand, zur
Beförderung an die Funkenstation, da die Telephondrähte der betreffenden
Brigade längst schon in Grund und Boden getrommelt waren. Dann brauste er
wie eine Gewitterwolke durch alle Räume, blieb eine halbe Stunde im
Kartenzimmer, hatte eine kurze Besprechung mit seinem Generalstabschef, und
erbat sich die Abendmeldungen in's Schloß hinauf. Als er endlich sein
dröhnendes »Gute Nacht, meine Herren« in den großen Kuppelsaal hineinrief,
seufzte alles erleichtert auf. Die Wache trat unter's Gewehr; der Chauffeur
warf den Motor an; und die große Maschine stürzte aufknurrend, wie ein
wildes Tier, auf die Straße los. Fauchend, mit Sirenengeheul, wandt sie
sich blitzschnell durch die engen Gassen, hinaus ins Freie, wo das Schloß
mit der Perlenreihe seiner erleuchteten Fenster, wie ein Feenpalast, in das
dunstdurchzogene Tal hinabsah.

Fest in seinen Kragen gehüllt, saß der Excellenzherr nachdenklich im Wagen,
und ließ, -- wie immer um diese Zeit, -- alle Ereignisse des Tages noch
einmal an sich vorbeiziehen. Auch der Journalist fiel ihm wieder ein und
seine tolpatschige Frage: -- Für wann hoffen Excellenz auf den Frieden. --
»Hoffen?« . . . War das zum Glauben, daß so ein Mensch, der doch schon was
Besseres sein mußte in seinem Beruf, -- sonst hätte er kein
Empfehlungsschreiben aus dem Hauptquartier mitgebracht, -- mit einer
solchen Ahnungslosigkeit jedem soldatischen Gefühle gegenüberstand? Auf den
Frieden hoffen? Was hatte denn ein Feldherr vom Frieden Gutes zu erwarten?
Konnte denn so ein Zivilist gar nicht begreifen, daß ein kommandierender
General eben nur im Krieg wirklich kommandierte und wirklich General war,
im Frieden aber nur so was wie ein strenger Herr Lehrer mit goldenem
Kragen; ein Ölgötze, der sich aus Langeweile zuweilen heiser schreit. Und
nach dieser öden Tretmühle sollte er sich zurücksehnen? Sollte, -- den
Herrn Zivilisten zu Liebe, -- die Zeit herbei »hoffen«, die den siegreichen
Führer der . . . . ten Armee wieder nur zu Inspizierungen verwenden würde;
sollte es nicht erwarten können, wieder jenen anderen, aussichtslosen Kampf
leiten zu müssen, zwischen einer zu knappen Gage und einer auf Glanz
polierten Lebensführung, in welchem von Monat zu Monat doch immer der
Geldmangel Sieger blieb? . . .

Ärgerlich lehnte sich der General in die Kissen zurück, und fuhr erstaunt
auf, als das Auto mit einem plötzlichen Ruck mitten auf der Landstraße
hielt. Eben wollte er den Chauffeur fragen, -- da prasselten schon die
ersten großen Tropfen auf sein Mützenschild. Es war dasselbe Gewitter, das,
denen an der Front, eine kurze Feuerpause beschert hatte am Nachmittag.

Die beiden Unteroffiziere waren abgesprungen und spannten mit raschen
Griffen das Dach über den Wagen. Der Excellenzherr hatte sich aufgerichtet,
hielt ein Ohr in den Wind und lauschte gespannt. In das Brausen mischte
sich ganz deutlich, aber ganz -- ganz leise, ein dumpfes Brummen, ein
hohles, kaum hörbares Pochen, wie das ferne Echo der Holzfäller im Wald.

Das Trommelfeuer! . . . .

Die Augen der Excellenz leuchteten auf, über das eben noch verärgerte
Gesicht huschte ein Schein innerer Befriedigung.

Gott sei Dank! Noch gab es Krieg.



Der Kamerad


-- Ein Tagebuch --

Auch mir hat der Weltkrieg einen Kameraden beschert. Einen bessern findst
du nit.

Es sind nun genau vierzehn Monate her, daß ich in einem Wäldchen, hart an
der Görzer Straße, seine Bekanntschaft gemacht. Für keinen Augenblick ist
er seither von meiner Seite gewichen! Viele hundert Nächte haben wir schon
zusammen durchwacht und immer noch marschiert er unentwegt neben mir her,
wie's im Liede heißt: in gleichem Schritt und Tritt.

Nicht daß er etwa zudringlich wäre! Im Gegenteil. Die Distanz, die ihn, als
Gemeinen, von dem Offizier trennt, den er in mir verehren muß, hält er
gewissenhaft inne. Stets bleibt er mir drei Schritt vom Leibe, genau nach
dem Reglement. Respektvoll in eine Ecke, oder hinter eine Säule gepreßt,
ist es nur sein Blick, den er mir schüchtern nachzuschicken wagt.

Er will eben nur zugegen sein. Verlangt nicht mehr, als daß ich ihn in
meiner Nähe dulde; -- immer und überall! Wenn ich zuweilen die Augen
schließe, um wieder einmal allein zu sein, für einige Minuten nur ganz
allein mit mir selbst, wie früher, vor dem Kriege, dann fixiert er mich aus
seiner Ecke, mit einer zähen, vorwurfsvollen Beharrlichkeit so fest und
durchdringend, daß sein Blick mich im Rücken brennt, sich unter meinen
Augenlidern einnistet, mich so sehr mit seinem Bilde durchtränkt, daß ich
mich fragend nach ihm umschaue, wenn er mich eine Weile nicht an seine
Anwesenheit gemahnt.

Er hat sich in mich hineingefressen, sich häuslich in mir niedergelassen;
er sitzt in mir, wie der geheimnisvolle Zauberer der Lichtspieltheater in
dem schwarzen Kasten, über den Köpfen der Zuschauer an der Kurbel hockt,
und wirft sein Bild, durch meine Augen, auf jede Mauer, jeden Vorhang, jede
Fläche, die meine Blicke auffängt.

Aber auch wo kein Hintergrund für sein Bild sich findet, auch wenn ich aus
dem Fenster krampfhaft in die Ferne starre, um ihn los zu werden für kurze
Zeit, -- auch dann ist er da, schwebt vor mir her, als wäre sein Bild auf
die unsichtbare Stange meiner Blicke gespießt, wie eine Kirchenfahne,
schwankend vor der Prozession. Gäbe es X-Strahlen, die durch die
Schädeldecke dringen, man fände sein Bild, leicht verschwommen, -- wie die
Figuren alter Gobelins -- in mein Gehirn eingewoben.

Ich entsinne mich einer Reise in Friedenszeiten, von München nach Wien, im
Orient Expreß, an der herbstlichen Milde der bayerischen Seen vorbei, --
durch die goldene Glut des welkenden Wiener-Waldes. Und über all' die
Herrlichkeiten, die ich, bequem gelagert, in wollüstiger Zufriedenheit
eingesogen, lief unentwegt ein häßlicher, schwarzer Punkt: eine Luftblase
in der Fensterscheibe meines Abteils. So huscht auch mein hartnäckiger
Kriegskamerad über Wälder und Mauern, bleibt stehen, wenn ich stehen
bleibe, tanzt über das Gesicht eines Vorübergehenden, über den
regenfeuchten Asphalt, über alles was mein Auge streift; schiebt sich
zwischen mich und die Welt, wie jene Luftblase alles vor mir zu ihrem
eigenen Hintergrunde degradierte.

Die Ärzte, freilich, wissen es anders. Sie glauben nicht, daß _Er_ in mir
wohnt und mir die Treue hält. Wissenschaftlich betrachtet läge es nur an
mir, Ihn nicht länger hinter mir herzuziehen, Ihm die Kameradschaft zu
künden, so etwa, wie ich auf jener Reise, das Fenster mit der lästigen
Blase zornig in die Tiefe gefeuert. Die Ärzte glauben's nicht, daß ein
Mensch sich dem andern im Tode vermählen, sein Leben im andern mit zäher
Unerbittlichkeit weiter leben könne. Sie meinen: wer am Fenster steht,
müsse das gegenüberliegende Haus sehen; niemals aber die Zimmerwand, die
hinter seinem Rücken lauert.

Die Ärzte glauben nur an Dinge, die sind. Daß man Tote in sich tragen, vor
sich hinzustellen vermag, so daß sie ein Bild verdecken, das hinter ihnen
liegt, -- solcher Aberglauben reicht an die Herren Ärzte nicht heran. In
ihrem Leben spielt ja der Tod keine Rolle, denn ein Kranker, der stirbt,
hört eben auf krank zu sein. Und was weiß der Tag von der Nacht, die ihn
doch auch ewig ablöst?

Ich aber weiß, daß nicht ich den toten Kameraden gewaltsam durch mein Leben
schleife. Ich weiß, daß der Tote stärker in mir lebt als ich selbst! Mag
sein, daß Gestalten, die über Tapeten huschen, in Ecken kauern, vom
finsteren Balkon aus ins erleuchtete Zimmer stieren und ans Fenster pochen,
so laut, daß man die Scheibe klirren hört, -- nur Visionen sind, und nichts
weiter. Wo kommen sie her? . . . . . _Mein_ Hirn liefert das Bild, _meine_
Augen besorgen die Projektion, -- an der Kurbel aber sitzt der Tote! Er ist
der Filmarrangeur; die Vorstellung beginnt, wenn's Ihm so paßt und hört
nicht auf, so lange Er die Kurbel dreht. Wie könnte ich nicht sehen, was Er
mir zeigt? Schließe ich die Augen, so fällt das Bild eben auf die Innenwand
meiner Augenlider, und das Drama spielt in mir, statt weit weg über Türe
und Tapete zu tanzen.

Ich sollte der Stärkere sein, heißt es? Einen Toten kann man doch nicht
umbringen, das sollten die Herren Ärzte doch wissen!

Hängen nicht die Bilder Titians und Michel-Angelos immer noch in den
Museen, nach Jahrhunderten noch? Und die Bilder, die ein Sterbender mit der
ungeheuerlichen Kraft seines letzten Ringens, vor vierzehn Monaten in mein
Gehirn gemeißelt, sollten verschwinden, nur weil jener, der sie schuf, in
seinem Soldatengrabe liegt? . . . . Wer sieht denn nicht, wenn er das Wort
»Wald« liest oder hört, irgendeinen Wald, den er irgendmal, irgendwo
durchwandert, aus dem Kupeefenster oder auf der Bühne gesehen? Wem
erscheint nicht, wenn er von seinem verstorbenen Vater spricht, das längst
vermoderte Antlitz, bald streng, bald milde, bald in der steinernen
Starrheit des letzten Abschieds? Was wäre unser ganzes Sein, ohne die
Bilder, die -- jedes auf sein Stichwort --, wie im Lichtkegel des
Scheinwerfers, für Augenblicke aus der Vergessenheit steigen?

                                * * *

Krankheit? . . . . Gewiß! Die Welt ist wund, und duldet kein anderes
Stichwort, kein Bild, das nicht den Massengräbern gilt. Für keinen
Augenblick kann der Kamerad in mir zu den Toten sich legen, weil Alles, was
geschieht, ein Blitzlicht ist, das ihn streift. Das erste Zeitungsblatt am
Morgen: versenkte Schiffe, -- abgeschlagene Angriffe. Und schon wirbelt der
Film keuchende, ringende Menschen, -- gekrümmte Finger, die aus
Wellenbergen noch einmal nach dem Leben greifen, -- von Tollwut und
Schmerzen entstellte Gesichter durcheinander. Jedes Gespräch, das man
erhascht, jedes Schaufenster, jeder Atemzug: ein Stichwort! Ein Stichwort
auch der stille Frieden der Nacht! Oder tickt nicht jeder Sprung des
Sekundenzeigers das letzte Röcheln von Tausenden? Genügt nicht das Wissen
von abgerissenen Kinnbacken, durchschnittenen Kehlen, von ineinander
verbissenen Leichen, um die Hölle zu hören, die jenseits der dicken
Luftmauer tobt?

Wer da mit Sicherheit wüßte, daß im Nachbarhause eben einer gemordet wird,
während er behaglich in den Kissen liegt, -- und aufspränge mit fliegenden
Pulsen, wäre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten,
wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den
Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fäusten auf die Erde hämmert? Kann
man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die
ganze Welt von Stichworten widerhallt? . . . .

Nein!

Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen
Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über
Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre
Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu
wissen, was in dem Jenseits, das sie _»Die Front«_ nennen, an ihresgleichen
verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten,
schlafen kann, wissend daß andere, mit den eigenen Eingeweiden in den
Händen, wie halbzertretene Würmer über Ackerschollen kriechen, um auf
halbem Wege zum Verbandplatz, wie ein Tier zu verenden, während weit,
irgendwo, ein Weib mit heißem Leibe neben einem leeren Bette träumt. Krank
sind alle, die das Stöhnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, -- das
Jammern, Fluchen und Verrecken überhören können, weil rings um sie der
Alltag murmelt, oder selige Nachtruhe liegt.

Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!

Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen
Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur
Echo sind jedem Dröhnen. Oder ist etwa der Gedächtnisschwache, der wie eine
überlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, -- der _gesunde_ Mensch?
. . . . Ist nicht gerade Erinnerung der höchste Inhalt jedes
Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie
Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen
können.

Soll ich von meinem Gedächtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und
wäre doch ohne mein Gedächtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus
seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene
Kamera durchs Leben geht. Könnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend
verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen;
-- könnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedächtnis
durchblättern und das betreffende Bild aufschlagen, -- wie schnell wäre die
Diagnose: »senil« oder »schwachsinnig« bei der Hand! Ja, muß man denn, um
als »geistig normal« zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel
handhaben, Bilder, die gräßlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando
wegwerfen können, wie man Seiten aus einem Photographiealbum reißt? . . .

Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamem
Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle
Phasen seines Ringens, -- wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt,
-- neu erleben muß, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie
aufschlägt, wäre ich krank? . . . . Ich krank? -- Und die anderen, die über
das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brüder, -- über das langsame
Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblättern können, wie über
weiße Seiten, _die_ sind gesund? . . . .

Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?

Soll ich vergessen, daß ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick,
da, in der verrauchten Bahnhofshalle, käseweiß, mit zusammengekniffenen
Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem
Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwätzte,
während meine Augen gierig die Gesichtszüge von Frau und Kind durchwühlten,
ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Märschen die
brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlürft? Vergessen das
gallenbittere Würgen, als der Bahnhofsrachen langsam zuschnappte und Kind,
Weib und Welt verschlang?

Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge,
überfüllt mit Familienvätern, die über Sonntag in die Sommerfrische fuhren,
mir aus der Erinnerung reißen, wie einen lästigen Wisch? Soll ich
vergessen, wie mir's war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde,
gleichsam das Leben von mir abbröckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr
ein -- zwei schlafende Soldaten im Abteil saßen und ein käseweißes,
schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde Öllicht schwebte? Muß man
wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wärme, dieses
Losfahren, mit Haß und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Riß in
sich zu tragen? Was wäre schwerer zu fassen, wann hätten Menschen je
Rasenderes getan, als dieses: mit 6o Kilometer Geschwindigkeit durch die
Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen
und in einen andern steigen, weil dieser, und nur _dieser_, dorthin fährt,
wo unsichtbare Maschinen glühende Eisenstücke schleudern, der Tod ein
engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reißt mir das
Bild der kleinen, schmutzigen Station, der fröstelnden, schlaftrunkenen
Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge
nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, fröhlich pfeifend, in die
Büsche schlug; wer reißt mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen
Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?

Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen könnte, wie
eine erledigte Angelegenheit; -- bliebe mir nicht doch der Morgen, da der
Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor
einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, daß wir
Lazarettzüge passieren lassen müßten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die
Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennüstern auf
die fröhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen
sehen, wie sie so träge herankrochen, als wären sie übersättigt mit
zersetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weiße Verbände,
stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht,
Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern,
als überquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jämmerlichen
Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrümmerten Menschen
sahen _mitleidig_, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich
krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefühls, von blutenden Krüppeln auf
gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslöschlich auf der Seele brennen?
Und diese Ahnung, die damals fröstelnd den ganzen Zug durchlief, von einer
Hölle, der man lieber in blutige Tücher gehüllt entflieht, als ihr
unversehrt entgegen zu fahren, -- dieser Schauder sollte zum Wissen, zum
Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschütteln sein, solange
immer noch, Tag für Tag, solche Züge sich begegnen? . . . Ein hingeworfenes
Wort über Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kämpfen, läßt
unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen
macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung
auftauchen, und ich sehe: auf dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und
Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur
Front.

»Zur Front!«

Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder
niederschreiben kann, ohne daß inbrünstiger Haß mir die Zunge pelzig
machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht,
romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese
Krüppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wär's nicht
klüger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Muß ich
es den Herren Ärzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, daß ein
paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das
ganze Unheil angerichtet haben?

»Front« -- »Feind« -- »Heldentod« -- »Sieg« -- mit hängender Zunge und
rollenden Augen rasen die Köter durch die Welt. Millionen, die man
vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in
Raserei! Millionen werden in Züge gepfercht, -- hüben und drüben, -- fahren
singend einander entgegen, -- und hacken, stechen, schießen aufeinander
los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre
Knochen her für den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken
werden soll für jene Glücklichen, die ihre Kalbs- und Rindshäute gegen
hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den
Markt zu tragen, für dreißig Heller täglich! . . . . . Man denke einmal:
das Wort »Krieg« wäre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjährigen
Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit
gewickelt. Wer würde es wagen, das mangelnde Wort »Kriegserklärung« durch
folgende Rede zu ersetzen:

»Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim
Nachbarstaate, heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines
Salonwagens zum letztenmal den Zylinder gelüftet vor den Herren, die ihm
das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lächelnd
entgegentreten, ehe _ihr_ nicht viele hunderttausend Männer des
Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Güterwagen für
6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie
tot, sägt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten
Erdhöhlen, verkommt, verwildert, verlaust, -- bis wir den Zeitpunkt für
gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die
Zylinder zu lüften, um in prunkvollen Räumen, vornehm und manierlich über
den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Großkaufleuten aus dem
Gemetzel zu erwachsen hat. Dann dürft ihr, soweit ihr noch nicht unter der
Erde fault, oder als Bettler von Türe zu Türe humpelt, wieder nach Hause,
zu euren halbverhungerten Familien, und dürft -- nein: müßt! -- mit
doppeltem Eifer an die Arbeit, unermüdlicher und doch anspruchsloser als
vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmärschen zerfetzt,
die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schweiß und Entbehrung
bezahlen könnt!« . . . .

Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! Und _keine_ Narren
die Opfer, die draußen frieren, hungern, töten, und sich töten lassen, nur
weil sie glauben gelernt: dies ginge nicht anders, wenn der tolle Köter
Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?

Waren so die Kriege, die uns das Wort »Krieg« überliefert? Waren »Krieg«
und »Beute« nicht gegenseitig bedingt? Führte den Landsknecht nicht
Hoffnung auf zügelloses Leben, -- Hoffnung auf Weiber und Dukaten und
goldgezäumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses
Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-spielen mit Ungeheuern, die aus
blauer Ferne ihre Höllenkessel schleudern, -- noch »Krieg«? Krieg war das
Aufeinanderprallen der überschüssigen Kräfte, -- der Raufbolde aller
Nationen. Jugend, der das Städtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog
hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche
Wort herhalten, wenn Männer, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen,
hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer
Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der
Munitionsindustrien? . . . .

Ist es erlaubt, das Wort »Krieg« als Standarte zu mißbrauchen, wenn statt
Mut und Kraft -- Streukegel und Tragweite kämpfen, und der Fleiß von
Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer
Zeiten, die ohnmächtige Menschen vor Löwen und Tiger warfen, heute noch
ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen mißt, die diesen Kampf
zwischen Mensch und Maschine, wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht
dirigieren, von der schönen Hoffnung beseelt, daß unser Vorrat an
Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner überdauern werde? --
-- --

Nein! Alle Worte, die geprägt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu
schön und zu ehrlich; wie das Wort »Front«, das ich hassen gelernt! Bietet
man Geschützen, die hinter Bergen verkrochen, den Tod tagereisenweit über
Land schicken, oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar
herankriechen die »Stirne«? Eine Kopfstation ist eure »Front«; ein
zerschossenes Häuschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil
die Züge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen, braungebrannten Männern
löschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen
Gliedern und grünspanüberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.

Als ich, gegen Abend, ausstieg an dieser Kopfstation, saß auf der Erde,
gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein bärtiger Soldat, den
rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da
streichelte er mit der linken Hand zärtlich seine zertrümmerte Rechte, warf
mir einen häßlichen, gehässigen Blick ins Gesicht, und rief mit
gefletschten Zähnen:

»Ja, ja, Herr Leutnant! Hier gibt's an Menschensalat!« . . . .

Sollt' ich's vergessen, dieses hämische Grinsen, das den schmerzumzuckten
Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort »Front« nicht mehr
hören kann, ohne daß mir ein unvermeidliches Echo »Menschensalat« in die
Ohren krächzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt
»Menschensalat« zu hören, gierig das feige Gewäsch jener zeitgenössischen
Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende für die Marke »Weltkrieg«
emsig in Reklame machen, weil sie dafür, wie kommandierende Generäle, in
Autos herumgondeln dürfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in
lehmigen Gräben dem Tode gegenüber zu liegen.

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in
die Hand nehmen können, ohne daß ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann
man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem
Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im
Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen
Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schützengräben
lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich
noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In
ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan
des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer
Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten
Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, -- und wagen den Mund
nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit
geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen
drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den
Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein
unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne
Schauer geworden.

So mag's denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der
Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenüber, die um den Kopf
aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das
Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben,
statt, -- als einzige Mittler zwischen Not und Macht, -- das Gewissen der
Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten
Plätzen so lange _»Men-schen-sa-lat!«_ zu brüllen, bis allen, deren Väter,
Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen,
und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .

Jetzt, -- wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, -- könnte
ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen
von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und
Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein
Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter
Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens
die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Groß, -- auseinanderstrebend, -- grauenhaft verzerrt hebt sich sein
Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers
aus dem Schweißtuche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei
Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und -- wandten sich unwillig ab, mit
einem fast militärisch exakten »kurz kehrt euch«. Mir galt ja ihr Besuch!
Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit
Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse
auf der Görzer Straße lag.

Liebenswürdige Herren waren's, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen,
mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten
Briefe mitnehmen, und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir,
lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, -- und wurden
besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche
Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, mußten sie doch wieder an dem Manne vorbei,
der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese
kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die
Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher
angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den
Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.

Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt.
Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War
das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den
die großen Caproniapparate mit weit gespannten Flügeln, wie Geier
umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer
der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? Aus _diesem_ Walde
fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken?
. . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang
unter den knickenden Ästen? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur
vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen, oder blutigen
Gliedern auftat? . . . .

Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das
leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise
vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder
gebunden; -- -- dann schnellte der Körper, -- wie losgerissen, -- ins Leere
zurück, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam
aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor
Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, --
mit einem einzigen Biß, -- für's ganze restliche Leben, unheilbar!.

Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den
Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten
Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben
dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen
die hochgezogenen Knie gepreßt, und hörte mich nicht, hinter ihm lag der
kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer
noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-täglich
bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns
Munition brachten, und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital
gefahren zu werden, -- hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine
Lieblingsecke auf dem Familiensopha.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn -- zwölf Stunden lang
oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren, oder überfüllt, oder -- nach
heftigen Gefechten --, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden
waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das
Kriegswort _»Tausendguldenschuß«_ auf den fahlen und doch lachenden Lippen,
-- neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der
Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert
hätten, für die gleiche Gewißheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie
viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; -- wie
viele bei strömendem Regen, -- halb schon begraben im aufgeweichten Lehm,
-- stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören!
. . . .

Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den
flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot
ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er
rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er
den Kopf, -- und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein
Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die
rechte Wange hinauf, -- die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes
Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von
Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein
Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler,
zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte.

Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!

Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser
Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung
an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in
den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme
gehalten hatte, -- versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz
Frieden, ganz milde Menschlichkeit; -- rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes,
geblähtes Haßgebilde schien.

-- Schrapnell? -- . . . . stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur daß sein rechtes Schienbein ein
Dum-dumgeschoß zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte
er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von
einer _Angel_? . . . .

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in
seinen Adern, daß er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem
Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn faßte es nicht, daß es Menschen
geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts
gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen
Sätzen, derben Flüchen, und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen
Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen
Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm.
Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund
und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer
Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht,
hatte ihm ein Tölpel, -- Gott verdamm ihn! -- die Wange aufgerissen, ehe
einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er -- gehorsamst
bittend --, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um --
sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln
hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen
Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten
Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf
der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim
Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre
Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .

Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei
einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch
von ihrem Wagen schießen!

Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den
Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das
zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln.
Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir
in die Kehle, als ich -- zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, -- dem leisen
Wimmern des Hülflosen lauschen mußte.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte
sich, -- während meiner Abwesenheit, -- zu ihm gesellt. Ich sah sie, --
zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, -- im Kreise auf der Wiese
hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke
Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere
werfend.

Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach
ihnen fürstliche Belohnung für einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche
unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.

Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den
Knien, den Leib vornüber gebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden
Gegenstand, hin und her auf der Erde. Als er plötzlich wieder
hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der
Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgültig dagesessen waren,
ein erschrockenes Murmeln.

Das war nichts Menschliches mehr! . . . . Die Haut, unfähig sich weiter zu
dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompaß liefen die breiten
Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glühend das rohe Fleisch
hervor.

Und er schrie! . . . . Er hämmerte mit der Faust auf den riesigen,
rötlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlägen der eigenen Hand
wehklagend wieder in die Knie fiel.

Es war schon finster als man ihn -- endlich! auf einen Wagen lud. Und als
langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen
Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedränge der
schwarzen Stämme, die zusammenrückten in der Finsternis; -- da war er
wieder zurück, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine
zermarterte, kürbisgroße Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen
Schatten der Bäume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; --
Nacht für Nacht; -- leuchtete in jeden Traum hinein, daß ich die Augenlider
mit den Fingern auseinanderspreizte, -- bis mein Körper, nach zehn
grauenvollen Nächten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender
Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem
verpesteten Blute erlegen war.

Und nun bin ich toll! Schwarz auf weiß steht es auf der Kopftafel meines
Bettes zu lesen. Man klopft mich besänftigend ab, wie ein scheues Pferd,
wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das die _anderen_
einfangen sollte.

Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich über die
Gartenmauer auf die Straße hinab, und sehe sie eilen, die Hüte lüften, sich
die Hände schütteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe
Frauen und Mädchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Männern trippeln,
die ein Kreuz auf der Brust als Mörder zeichnet. Ich sehe Witwen, in
wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen
auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren
Ecken zerschundene, zersetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem
Leib, oder blauleuchtender Wange.

Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; -- weil
die Worte der Begeisterung täglich frisch geprägt aus der Münze kommen, und
jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fühlt, wenn sie
ihm hell von den Lippen klingen. Ich weiß, daß sie schweigen, auch wenn sie
sprechen, schreien, aufheulen möchten; daß sie auf »Drückeberger« pirschen
und kein Schimpfwort haben für jene tausendmal ärgeren Feiglinge, die von
keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von
Millionen klar erkannt im Bewußtsein tragen, und dennoch den Mund nicht
auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.

Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen
tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung,
von seilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.

Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu träge um das
eigene Ich zu formen, sich blähen wollen im gleißenden Lob, das ihrer Herde
gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genährt,
scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen
Braven ins Gewissen hämmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz
noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel,
das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgültig
vorbeiwandern und heiße ein Narr, wenn ich das Fenster aufreiße, um
hinunterzuschreien, daß die Kinder, die sie getragen und gehegt, -- die
Männer die sie geliebt haben, mit angstvoll rückwärts gewandten Augen wie
Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!

Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche,
anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, -- ihr
Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, -- als Aas auf dem Felde
faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem »Feinde« das
Gleiche angetan zu haben; -- diese Narren bleiben frei, und dürfen mit
ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben
vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muß ohnmächtig hier sitzen, --
allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu
gebärt.

Ich stehe am Fenster -- und zwischen mir und der Straße liegen
hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos
stehe ich da, -- denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich
heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muß in andersfarbige Uniformen
gesteckt, über den Haufen knalle, -- wurde mir hier abgenommen, aus Angst:
ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als
warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.

So muß ich hier harren, als Seher über den Blinden, -- hinter meinen
Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde
übergeben, -- Tag für Tag von neuem niederschreiben und immer wieder
hinausstreuen auf die Straße.

Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen
Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben -- gespenstisch blau --
ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, -- endlich, als
herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei:
_»Men-schen-sa-lat!«_ unter meinem Fenster erklingt.



Heldentod


Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schüttelte ärgerlich den Kopf
und sah, über den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.

Der blonde Oberarzt schwieg schüchtern und stramm, denn er hatte auch nicht
verstanden.

Nur der Bursche, am Fußende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt
zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen
seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespießt, zwei
Tränentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so ließ ihn der
Herr Stabsarzt mit einem halblauten »dummes Luder«, neben dem Bett stehen
und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schüchternheit, schwitzend
und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.

Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel über dem Bette, den Kopf
des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No
. . . . in ihrem Innern barg, sank, als die Ärzte gegangen waren, auf die
Kissen zurück. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die
Tränen hoch und dachte, den Kopf zwischen die großen, ungewaschenen Hände
gepreßt, verzweifelt über seine Zukunft nach. Denn, daß es mit dem Herrn
Oberleutnant nicht mehr lange dauern könne, darüber war er sich im klaren.
Er wußte ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die
zertrümmerte Schädeldecke gesehen, und das fürchterliche graue Gekröse
unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der
so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er
auf so ein Mordsglück nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen
seelenguten Herrn überhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami,
die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, --
die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflüstern
hören, -- alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als
Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte,
stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska,
in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenüber der großen Kriegsmaschine,
in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der
sicheren Stütze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.

So kauerte er, den breiten Bauernschädel zwischen den Fäusten, wie ein
Hund, zu Füßen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit
Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spießten sich in sanfter
Folge die herabrollenden Tränen auf.

Ganz klar war es ja Miska auch nicht, warum der arme Herr Oberleutnant
immer wieder so furchtbar nach seinem Grammophon schrie. Er wußte nur, daß
die Herren im Unterstand gesessen, und sich vom Grammophon den
Rakoczymarsch hatten vorspielen lassen, als plötzlich die verdammte Granate
heranpfiff und dann alles in Rauch und Erde verschwand. Ihm selbst war ja
auch Hören und Sehen vergangen, denn ein losgerissenes Brett hatte ihn, wie
vom Himmel kommend, über den Rücken geschlagen, daß er hinfiel und eine
Ewigkeit nicht Atem holen konnte.

Dann . . . . dann, erinnerte sich Miska nur mehr, ganz unklar, an einen
unerhörten Haufen von zerhackten Brettern, eingestürzten Balken, an einen
Brei aus Sackfetzen, Beton, Erde, menschlichen Gliedern und viel Blut!
. . . . und . . . . an den Herrn Kadetten Meltzar, der immer noch aufrecht
dasaß, den Rücken gegen die Reste der Seitenwand gelehnt, mit der
Grammophonplatte, die eben noch den Rakoczymarsch gespielt hatte und die,
wie durch ein Wunder, ganz geblieben war, an der Stelle, wo eigentlich sein
Kopf hingehörte. Aber der Kopf war nicht da. Der Kopf war weg, ganz weg,
nur die schwarze Grammophonplatte stand, auch an die Wand gelehnt, direkt
auf dem blutigen Kragen. Das war schauderhaft gewesen! Kein Soldat hatte
Hand anlegen wollen an den sitzenden Körper, mit der Platte, die genau wie
ein Kopf auf dem Halse oben saß. Brr! . . . . Miska fühlte, wie's ihm kalt
über den Rücken lief bei der Erinnerung, und das Herz blieb ihm stehen vor
Schrecken, als just in diesem Augenblick der Herr Oberleutnant wieder zu
schreien anfing:

-- Grammophon! nur Grammophon! -- . . . .

Miska sprang auf, sah die große Wattekugel sich mühselig von den Kissen
lösen, sah das einzige Auge, das seinem Herrn geblieben war, gierig auf ein
unsichtbares Etwas geheftet, und stand beschämt da, wie ein Schuldiger, als
ihm aus allen benachbarten Betten unwillige Blicke zuflogen.

-- Das ist ja nicht zum aushalten! -- schrie ein schwerverwundeter Major
vom anderen Ende des langen Korridors, -- tragen Sie den Menschen doch weg!
--

Aber der Major sprach deutsch, und so stand Miska erst recht ratlos da,
wischte sich den Angstschweiß von der Stirne und meldete, -- da ihn sein
Herr ja doch nicht hören konnte, -- einem nebenan liegenden Leutnant, daß
das Grammophon kaput gegangen sei, in tausend Stücke kaput, sonst hätte er,
Miska, es gewiß nicht liegen lassen, sondern mitgebracht, wie alles, was
von den Sachen des Herrn Oberleutnant noch irgend aufzufinden gewesen.

Niemand gab ihm Antwort. Den ganzen langen Korridor entlang hatten die
Herren Offiziere, wie auf Kommando, die Köpfe unter die Kissen gesteckt,
die Decken über die Ohren gezogen; der alte Major wickelte sich sogar
seinen blutigen Mantel wie einen Turban um, bloß um das fürchterliche,
glucksende Lachen, das bald in Heulen, bald in wütende Schreie nach dem
Grammophon überging, nicht zu hören.

-- Herr Oberleutnant! . . . . Bitt' gehorsamst Herr Oberleutnant -- . . . .
bettelte Miska, und strich mit seinen großen, harten Pratzen ganz -- ganz
leise über die zuckenden Kniee seines Herrn.

Aber Herr Oberleutnant Kadar hörte ihn nicht. Fühlte auch die schwere Hand
nicht, die auf seinen Knieen lag. Denn ihm gegenüber saß immer noch der
Kadett Meltzar, auf dem Halse einen flachen, schwarzen, runden Kopf, in
welchen der Rakoczymarsch spiralförmig eingezeichnet war. Nun wurde es dem
Oberleutnant auf einmal sonnenklar, daß er dem armen Meltzar bitter Unrecht
getan hatte, sechs Monate lang! Was konnte denn der arme Teufel für seine
Dummheit, für die abgeschmackten patriotischen Floskeln? Wie hätte er mit
einer Grammophonplatte als Kopf vernünftig denken können? . . . . Der arme
Meltzar! . . . . Oberleutnant Kadar konnte einfach nicht begreifen, es
schien ihm unfaßbar, daß er nicht vor sechs Monaten schon, gleich als
Kadett Meltzar seine Einrückung zur Batterie meldete, dahinter gekommen
war, was man dem guten Jungen im Hinterlande angetan hatte! . . . .

Man hatte ihm den Kopf vertauscht! Den hübschen, blonden, achtzehnjährigen
Kopf abgeschraubt und mit einer zerkritzelten schwarzen Scheibe ersetzt,
die nichts konnte als den Rakoczymarsch krächzen, -- das war ja jetzt
erwiesen. Wie mußte der arme Junge gelitten haben, als ihm sein zwanzig
Jahre älterer Oberleutnant immer wieder lange Vorträge hielt über
Menschlichkeit! Mit der flachen, runden Scheibe, die man ihm aufgesetzt,
konnte er es natürlich nicht begreifen, daß die italienischen Soldaten, die
zerfetzt und blutig an der Batterie vorbei geführt wurden, auch viel lieber
zuhause geblieben wären, wenn nicht ein Plakat an einer Straßenecke sie
genau so gezwungen hätte alles stehen und liegen zu lassen, wie die
Mobilmachung in Ungarn die ungarischen Kanoniere.

Jetzt erst begriff Oberleutnant Kadar den unbändigen Trotz seines Kadetten.
Nun verstand er erst, warum der Junge, der ja sein Sohn hätte sein können,
die schönsten, klügsten Reden und Erklärungen stumm hatte über sich ergehen
lassen, um zum Schluß mit zusammengebissenen Zähnen den Rakoczymarsch zu
pfeifen, und immer wieder knirschend den stereotypen Satz zu murmeln:

»Totschlagen soll man die Hunde!«

Also nicht weil er so jung und dumm gewesen! Nicht weil er, vom Hofe der
Kadettenschule, schnurstracks ins Feld gekommen war. Die Grammophonplatte
hatte die Schuld. Die Grammophonplatte!

Oberleutnant Kadar fühlte die Adern wie Stricke anschwellen, das Blut wie
mit Hammerschlägen gegen die Schläfen pochen, so unbändig war seine Wut
gegen die Missetäter, die dem armen Meltzar den lieben Jungenkopf, den er
früher auf dem Halse getragen, heimtückischer Weise abgeschraubt hatten.

Und . . . . das war das gräßlichste an der Sache: er sah, wenn er jetzt an
seine Untergebenen und Offizierskameraden zurückdachte, alle genau wie den
armen Meltzar, ohne Kopf umherlaufen! Er preßte die Augen zusammen, wollte
sich die Gesichtszüge seiner Kanoniere wieder ins Gedächtnis rufen, . . . .
umsonst! Kein einziges Gesicht tauchte in seiner Erinnerung auf. Monate und
Monate hatte er im Kreise derselben Menschen verbracht, -- und kam jetzt
erst dahinter, daß keiner von allen einen Kopf auf dem Halse getragen!
Sonst hätte er sich doch entsinnen müssen, ob sein Feuerwerker einen
Schnurrbart gehabt hatte; ob der Geschützführer vom ersten Geschütz blond
oder brünett gewesen war. Aber nein! . . . . Nichts war ihm geblieben. Nur
Grammophonplatten sah er, schwarze, scheußliche, kreisrunde Scheiben auf
blutigen Blusen aufsitzend . . . . .

Die ganze Isonzogegend lag plötzlich, wie eine riesige topographische Karte
tief unter ihm, so wie er sie oft in illustrierten Zeitungen gesehen. Das
silberne Band des Flusses schlängelte sich durch Kappen und Hügel, und
Oberleutnant Kadar flog über das Gewimmel hinweg, ohne Motor und ohne
Flugzeug, nur von seinen ausgebreiteten Armen getragen. Und überall, wohin
seine Blicke fielen, auf jedem Hügel, jedem Berg, in jeder Mulde, sah er
die Schalltrichter von unzähligen Sprechapparaten in die Erde eingelassen.
Tausende und abertausende von jenen bekannten Füllhörnern aus himmelblauem
Blech, mit Goldkanten verziert, stierten mit geöffnetem Maul zu ihm empor.
Und um jeden solchen eingegrabenen Schalltrichter wimmelte ein
Ameisenhaufen von emsigen Kanonieren mit Patronen und Granaten.

Und nun sah es Oberleutnant Kadar ganz genau: alle trugen Grammophonplatten
auf dem Halse, wie der Kadett Meltzar. Nicht einer hatte seinen eigenen
Kopf auf! Wenn aber die Granaten heulend hinausflogen aus den himmelblauen
Trichtern, mitten hinein in einen Ameisenschwarm, dann brachen die flachen,
schwarzen Scheiben unter der Wucht der Sprengstücke krachend auseinander,
und verwandelten sich im selben Augenblick auch schon wieder in richtige
Menschenköpfe. Oberleutnant Kadar sah, aus der Höhe, das Gehirn aus den
zertrümmerten Platten quellen, sah die gleichmäßig gerippten Flächen sich
blitzschnell in fahle, leidende Menschenantlitze verwandeln.

Alle Geheimnisse des Krieges, alles, worüber der sterbende Oberleutnant
monatelang Nächte durchgrübelt hatte, schien jetzt mit einem Schlage
entschleiert. So war es also zu verstehen! Diese Leute bekamen offenbar
ihre Köpfe erst zurück, wenn es schon ans Sterben ging. Weit -- weit
rückwärts, irgendwo, wurden sie ihnen abgeschraubt, mit Platten ersetzt,
die nichts konnten, als den Rakoczymarsch spielen. So präpariert wurden sie
in die Züge gepfercht, kamen so erst an die Front, wie der arme Meltzar,
wie er selbst, wie alle . . . .

Von wütendem Zorn gepackt, schnellte die Wattekugel wieder in die Höhe.
Oberleutnant Kadar wollte aufspringen, den Leuten das Geheimnis verraten,
sie aneifern, ihre Köpfe zurück zu fordern. Jedem Einzelnen wollte er's ins
Ohr flüstern, auf der ganzen weiten Front: von Plava bis hinunter zum
Meere. Jedem einzelnen Kanonier und jedem einzelnen Infanteristen, und auch
den Italienern drüben! Auch denen wollte er es sagen. Auch denen hatte man
ja Platten auf die Hälse geschraubt. Auch die sollten zurück, zurück nach
Verona, nach Venedig, nach Neapel, wo ihre Köpfe aufgeschichtet lagen in
Magazinen, zur Aufbewahrung bis nach dem Kriege. Von Mann zu Mann wollte
Oberleutnant Kadar laufen, um jedem Einzelnen, Freund wie Feind, wieder zu
seinem Kopfe zu verhelfen!

Aber da merkte er auf einmal, daß er nicht gehen konnte. Auch mit dem
Fliegen war's vorbei! Mit dicken, eisernen Trossen waren seine Füße ans
Bett gefesselt worden, damit er das große Geheimnis nicht enthüllen könne.

Nun, dann wollte er es ausrufen, mit schmetternder, übermenschlich lauter
Stimme. Mit einer Stimme, die über das Heulen und Krachen der Granaten, von
Plava bis Triest, und hinüber nach Tirol, und bis ans Meer in Flandern, und
bis zum Persischen Golf hinunter, wie die Fanfare des jüngsten Gerichtes,
die Wahrheit verkünden sollte! Schreien wollte er, wie noch nie ein Mensch
geschrien hatte:

-- Grammophon . . . . . Holt die Köpfe! . . . . . Nur Grammophon! --
. . . . .

Da brach seine Stimme, mitten in seiner Heilsverkündung, mit einem
gurgelnden Schmerzenslaut plötzlich ab. Es tat zu weh! Er konnte nicht
schreien. Ihm war's, als bohrte sich bei jedem Worte, das er rief, eine
spitze Nadel tief in sein Gehirn ein.

Eine Nadel? . . .

Gewiß! Wie hatte er das vergessen können? Auch ihm war ja der Kopf
abgeschraubt worden. Auch er trug ja nur eine Grammophonplatte auf dem
Halse, wie alle andern. Wenn er sprechen wollte, grub die Nadel sich in
seinen Schädel und lief, erbarmungslos, über alle Windungen seines
Gehirnes.

Nein! Das konnte er nicht ertragen! Lieber wollte er schweigen. Das
Geheimnis für sich behalten. Nur nicht mehr diesen Schmerz, diesen
wahnsinnigen Schmerz im Kopfe! . . . .

Aber die Maschine lief weiter. Oberleutnant Kadar packte seinen Kopf mit
beiden Fäusten, krallte die Nägel tief in die Schläfen ein. Gelang es ihm
nicht, die verdammte Maschinerie rechtzeitig zum Halten zu bringen, dann
brach ihm sein eigener Kopf, immer weiter herumgedreht, unfehlbar das
Genick in kurzer Zeit!

Eisig perlte der Angstschweiß aus allen Poren.

-- Miska! -- schrie der Oberleutnant in höchster Not.

Aber Miska verstand nicht, was er tun sollte. Die Platte drehte sich weiter
und sang freudig schmetternd den Rakoczymarsch. Schon spannten sich alle
Sehnen, . . . . . immer wieder fühlte Oberleutnant Kadar den eigenen Kopf
seinen Händen entgleiten; . . . . . schon tauchte sein Rückgrat vor seinen
Augen auf! Mit einer letzten, rasenden Kraftanstrengung versuchte er noch
einmal in den Verband hinein zu greifen, den Kopf nach vorne zu pressen
. . . . . . Dann . . . . . dann noch ein fürchterliches Knirschen und
Stöhnen . . . . . und dann, dann ward es endlich mäuschenstill auf dem
langen Korridor.

Als der semmelblonde Assistenzarzt aus dem Operationszimmer zurückkam,
verriet ihm das Winseln Miskas von weitem schon, daß wieder ein Bett frei
geworden war auf der Offiziersabteilung. Der ungeduldige alte Major winkte
ihn, zum Überfluß, noch an sich heran, und verkündete mit respektvoll
vibrierender Stimme, laut, damit es alle Herren hören:

-- Der arme Teufel dort unten hat endlich ausgelitten. Als echter Ungar!
Mit dem Rakoczymarsch auf den Lippen. --



Heimkehr


Durch die Blätter blinkte zum ersten Mal der See, und auch die
wohlbekannten grauen Kalkberge tauchten schon auf, griffen, wie drohende
Finger, über den Bahndamm tief ins Wasser hinein. Da, hinter dem
verrauchten, schwarzen Loch in der hellen Wand, gleich nach der Ausfahrt
aus dem kurzen Tunnel, guckte für einen Augenblick die Kirchturmspitze über
die Böschung, und ein Eckchen vom Schloß.

Johann Bogdán beugte sich weit zum Waggonfenster hinaus, mit gierigem
Blick, wie einer, der sein Inventar revidiert, gespannt und voller
Mißtrauen, ob ihm nichts abhanden gekommen, während seiner Abwesenheit. Bei
jeder erwarteten Baumgruppe nickte er befriedigt, die Richtigkeit der
Landschaft an dem Bilde messend, das er fest eingebrannt in der Erinnerung
trug. Alles klappte. Jeder Kilometerstein auf der großen Chaussee, die
jetzt neben dem Geleise einherlief, stand fest auf seinem Platze; eben
blitzte auch flammend die Rotbuche vorbei, an der die Racker immer
scheuten, und einmal auf's Haar den Wagen umgeworfen hätten.

Johann Bogdán tat einen tiefen, schweren Atemzug, fischte seinen winzigen
runden Spiegel aus der Tasche, und besah sich noch ein letztes Mal vor dem
Aussteigen sein Gesicht. Es schien ihm mit jeder Station häßlicher zu
werden. Die rechte Hälfte ging ja noch an: da war noch ein wenig von seinem
Schnurrbart übrig geblieben, und auch die Wange war leidlich glatt, bis auf
den schlecht verheilten Riß neben dem Mundwinkel. Links aber! . . . Über
die linke Seite hatte er sich was aufschwätzen lassen von der verdammten
Großstadtsippschaft, die im Krieg, genau wie in Friedenszeiten, doch nur
darauf aus war, arme Bauersleute zum Narren zu halten. Schurken waren sie
alle miteinander, der großartige Herr Professor sowohl wie die feinen
Damen, mit den schneeweißen Mänteln und den albernen, geschraubten
Redensarten. Es war, weiß Gott, kein Kunststück, einen einfältigen
Kutscher, der mit Ach und Krach das bischen Lesen und Schreiben erlernt
hatte, in eine Falle zu locken. Da haben sie ihn angegrinst und ihm schön
getan, und ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und nun saß er
da, hilflos, sich selbst überlassen, -- ein verlorener Mann.

Mit einem wütenden Fluch riß er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich
auf die Bank.

War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so
herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Würfeln
zusammengestückelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen,
wie rohes Fleisch, so rot, und kreuz und quer von tiefen Narben durchzogen.
Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Höhle,
so tief, daß ein Finger drin verschwand. Und dafür hatte er sich so quälen
lassen? Dafür hatte er sich siebzehnmal, wie ein geduldiges Schaf, in das
verfluchte Zimmer mit den Glaswänden, und den vielen, blitzenden Messern
hineinlocken lassen. Ein heißer Schauer lief ihm heute noch über den Rücken
bei der Erinnerung an die Qualen, die er zähneknirschend ertragen hatte,
nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen, und heimkehren zu
können zu seiner Braut.

Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien
vor dem Häuschen des Stationsvorstehers grüßten zum Fenster herein. Grimmig
zerrte Johann Bogdán seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor,
stieg zögernd die Treppen hinunter, und stand ratlos, hilfesuchend da, als
der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rücken davonfuhr.

Er zog sein großes, geblümtes Taschentuch hervor und trocknete den Schweiß,
der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen?
Warum war er überhaupt hergekommen? . . . . Nun, da er endlich den Fuß auf
den heißersehnten Heimatboden gesetzt, überfiel ihn mit einemmal rasendes
Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden
erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den
vielen, in Verbände gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten,
lahm, blind oder entstellt waren. Dort stieß sich längst niemand mehr an
seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch,
weil er doch wenigstens arbeitsfähig geblieben war, seine gesunden Arme und
Beine behalten hatte, und das rechte Auge. Gar viele wären gerne bereit
gewesen mit ihm zu tauschen. So mancher hatte mißgönnische Bemerkungen
gemacht und es für ein Unrecht erklärt, daß der Staat ihm eine
Invalidenrente bewilligt, für das verlorene Auge. Ein Auge, und ein bisl
ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen
lahmen Arm, oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine
pfiff und rasselte, bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glückspilz war er
im Kreise der vielen Krüppel gewesen. Eine Berühmtheit! Alle Welt kannte
dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann
Bogdán sehen, der sich siebzehnmal operieren, die Haut sich in Streifen
hatte aus Rücken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen
Operation stand, -- wenn der Verband entfernt wurde, -- die Türe seines
Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben,
jedem Neuhinzugekommenen ausführlich erklärt, wie arg das Gesicht vorher
gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdán das Zimmer geteilt,
schilderten den früheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als hätten
sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdán
allmählich fast eitel geworden auf seine fürchterliche Verwundung, auf die
Fortschritte, die seine Verschönerung machte, und hatte das Spital mit der
Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden.
Und jetzt? . . .

Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, überflutet vom
prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte
Dorf, fühlte Johann Bogdán sich jäh von Kleinmut überfallen, von einer
Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben
und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschürfende
Betrachtungen waren seinem trägen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und
Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives
Unbehagen, das feindselige Mißtrauen, das ihn übermannte, sagten ihm
deutlich genug, daß er Enttäuschungen und Kränkungen entgegenging, von
welchen er sich im Spital nichts hatte träumen lassen. Kleinlaut lud er
sich sein Gepäck auf den Rücken und ging mit zögernden Schritten dem
Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er, und die
ihn wachsen gesehen, fühlte er sich jäh mit seinem früheren Ich, mit dem
schönen Johann Bogdán, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt
war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was
wert! Da gab es keinen anderen Vergleich, als den einen, schmerzlichen,
zwischen dem kecken, übermütigen Burschen, der hier am ersten
Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes
Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krüppel, der jetzt mit einem Auge,
zertrümmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor
demselben Stationsgebäude stand, -- verbittert und niedergeschlagen, als
wäre ihm das Unglück an diesem Morgen erst zugestoßen.

Vor der kleinen Gittertüre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die
Frau des Bahnwärters Kovacs, -- der seit Kriegsbeginn, irgendwo im
Russischen Dienst tat --, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier.
Johann Bogdán sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an,
daß er unwillkürlich noch langsamer ging. Würde sie ihn erkennen, oder
nicht? Seine Knie knickten ein, wie plötzlich morsch geworden, und seine
Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.

Sie nahm es ihm ab und ließ ihn passieren; -- ohne ein Wort.

Dem armen Bogdán stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen,
sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht, und sagte, mühsam seine
Stimme festigend: -- Grüß Gott! --

-- Grüß Gott -- wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie
sich weiten, erstarren, über sein zerschundenes Gesicht tasten, und dann --
schnell über ihn hinwegschauen, als könnte sie den Anblick nicht ertragen.
Schon wollte er stehen bleiben, da merkte er, daß ihre Lippen bebend ein
lautloses »Jesus Maria« stammelten, als wäre er der leibhaftige
Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekränkt, ging er weiter.

-- Nicht erkannt! -- hämmerte das Blut ihm in den Ohren, -- Nicht erkannt.
Nicht erkannt! -- Er schleppte sich bis zur Bank gegenüber dem
Stationshaus, warf sein Gepäck ab und sank nieder.

Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwärters Kovacs, den Johann Bogdán nicht
erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren
mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie
in den Armen gehalten, sie abgeküßt, weiß Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins
Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an
der Stimme, -- so verändert war er!

Unwillkürlich warf er noch einen Blick hinüber, sah sie eifrig auf den
Stationsvorsteher einsprechen, und erriet aus ihren Geberden, daß sie von
dem schauderhaften Anblick erzählte, von dem greulich entstellten, fremden
Soldaten, den sie eben gesehen. Er stieß einen kurzen, krächzenden Laut
aus, einen mißglückten Fluch, dann fiel sein Kopf vornüber, und er heulte
los, wie ein verlassenes Weibsbild.

Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schloß, die Tür aufstoßen zum
Gesindehaus, und der verblüfften Marcsa ein patziges »Grüß Gott« zurufen?

. . . Ja, so hatte er sich's gedacht. Hatte sich, weiß der Teufel wie oft,
-- das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mägde, den
Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals, und die tausend
Fragen, die sich über ihn ergießen würden, während er, die Marcsa auf den
Knieen, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gäbe der andächtig
lauschenden Gesellschaft.

Wo war das jetzt alles? . . . Zur Marcsa gehen? Er? . . . Mit diesem
Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt? . . . War die Marcsa
nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer
Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle
ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn
vergaffte.

Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief
ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen
überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte
nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, überall hatte man
ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloß, und
auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter
Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er,
vergnügt vor sich hin pfeifend durch's Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber
geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig
eine Kußhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert;
aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und
selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft,
als sie sich verlobten.

-- Ein schönes Paar! -- hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche
und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen, wehmütigen Traurigkeit. Das
sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses
Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte
Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da
zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mit _dem_ Johann
Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben
hatte, als es losging. Für die Marcsa gab es nur _einen_ Johann Bogdán, der
war Herrschaftskutscher und der schönste Mann im Dorf. War er noch
Herrschaftskutscher? . . . Der gnädige Herr wird sich hüten, sein schönes
Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die
Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen
wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schöne
Marcsa, um die sich alle Männer reißen, sollte die Frau eines elenden
Taglöhners werden?

Nein, das fühlte Johann Bogdán ganz genau, für die Marcsa war der Mensch,
der da auf der Bank saß, nicht der Johann Bogdán mehr. Sie wird ihn nicht
mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen
wird. Ein Krüppel bleibt ein Krüppel, und die Marcsa hat sich mit dem
Johann Bogdán verlobt, und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt
nach Hause brachte.

Seine Traurigkeit wich allmählich einer unbändigen Wut gegen das
Großstadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm weiß Gott was aufgebunden hatte.
Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt
worden war? Stolz? Haha!

Er lachte höhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den
vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach, und ihm die Hand
zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den Ärmel, ohne daß er es merkte,
so groß war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit
solchem Gewäsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl,
für eine Bauerndirne wäre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch
gut genug? Vaterland? . . . Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar?
Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig
nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bändern auf dem Hut
durch das Dorf? Lächerlich! . . .

Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die
in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine
Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfaßte, fiel Johann Bogdán
ganz plötzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Häuschen hinter
der Mühle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind
gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden
Stelzfuß und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein
Bein hingeopfert »für's Vaterland«, -- in Bosnien unten, während der
Okkupation, und mußte dann allein in der alten Hütte hausen, verspottet von
den Kindern, die seinen Gang nachmachten; übellaunig geduldet von den
Bauern, die es ihm nachtrugen, daß er der Gemeinde zur Last fiel, und von
ihrem Gelde lebte. »Im Dienste des Vaterlandes?« -- -- -- -- Nie hatte
jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte
ihn verächtlich den Dorfarmen, und damit basta.

Johann Bogdán preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten, vor Ärger
darüber, daß ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann
hätte er den Städtischen tüchtig seine Meinung gesagt über ihr dummes
Geschwätz vom Vaterland, und von der großen Ehre, wie ein Aff' heimzukehren
zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor hätte in die Krallen kriegen
können! Photographiert hatte ihn der Betrüger, -- und nicht _einmal_ nur,
-- ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von
neuem; als wäre ihm weiß Gott was für ein Kunststück gelungen. Und nun
hatte ihn nicht einmal die Bahnwärter Juli erkannt -- die Bahnwärter Juli
-- -- ein Nachbarskind! . . . .

So tief versunken war Johann Bogdán in seinen Kummer, so verbissen in
grimmige Rachepläne, daß er den Mann, der seit einigen Minuten schon vor
ihm stand, und ihn neugierig prüfend von allen Seiten begaffte, gar nicht
sah. Eine Hitzwelle flog ihm ins Gesicht, und sein Herz blieb stehen vor
freudigem Schreck, als ihn plötzlich eine Stimme aus seinem Brüten weckte:

-- Bist du's, Bogdán?

Er fuhr auf, selig, doch noch erkannt zu werden, und runzelte tief
enttäuscht die Stirne, als er den buckligen Mihály vor sich stehen sah. Im
ganzen Dorf, im ganzen Komitat, gab es keinen zweiten Menschen, dem Johann
Bogdán nicht in aufquellender Dankbarkeit herzlich die Hand geschüttelt
hätte in diesem Augenblick. Mit dem Buckligen aber wollte er nichts zu tun
haben. Jetzt schon gar nicht! Der Kerl bildete sich am Ende ein, einen
Kameraden an ihm gewonnen zu haben, und war wohl froh, nicht mehr der
einzige Krüppel im Ort zu sein.

-- Nun ja, ich bin's. Was gibt's weiter? --

Der Bucklige wühlte mit seinen kleinen, stechenden Augen neugierig in
Bogdáns narbendurchfurchtem Gesicht und schüttelte mitleidig den Kopf:

-- Aa, dich hat der Russ' ja nett zugerichtet.

Wie ein kläffender Köter schnaubte ihn Bogdán an:

-- Geht dich nichts an! Hast was zu reden, du! Wär' ich aus 'm Mutterleib
schon so zugerichtet auf die Welt kommen, mit dem Bauch auf dem Rücken, wie
du, hätt' mir der Russ' nichts tun können.

Der Bucklige setzte sich ruhig neben ihn hin, ohne auch nur im geringsten
gekränkt zu sein.

-- Höflicher bist du nicht geworden im Krieg, Bogdán, -- das merke ich
schon, -- sagte er trocken. -- Bist nicht in rosiger Stimmung, kann's mir
denken. Ja, so geht's! Die armen Leut müssen ihre gesunden Knochen
hergeben, damit der Feind den Reichen nichts von ihrem Überfluß wegnimmt!
Kannst noch froh sein, daß du so davon gekommen bist.

-- Bin ich auch, -- knurrte Bogdán, mit einem gehässigen Seitenblick. -- Ob
arm oder reich fragt die Granate nicht. Da liegen Grafen und Barone draußen
und faulen in der Sonne, wie hingeworfenes Aas. Wen unser lieber Hergott
nicht schon in der Wiege geschlagen hat, daß er nicht zum Mann, und nicht
zum Frauenzimmer taugt, der ist jetzt im Feld, ob er nun arm ist wie eine
Kirchenmaus, oder gewohnt ist aus goldenen Schüsseln zu essen.

Der Bucklige räusperte sich, und zuckte die Achseln:

-- 's gibt Solche und Solche, -- meinte er; wollte noch was hinzufügen,
besann sich aber eines besseren, und schwieg. Dieser Bogdán war immer schon
eine elende Lakaiennatur gewesen, stolz darauf, den hohen Herren dienen zu
dürfen. Fühlte sich solidarisch mit seinen Unterdrückern, weil er in
verschnürten Joppen mit silbernen Knöpfen zu ihrem Glanze beitragen durfte.
Nun hatten sie ihn vor die Kanonen gehetzt, damit er ihren Reichtum
verteidigen half, und der Kerl saß da, entstellt, mit einem Auge nur, und
ließ noch immer nichts auf die gnädigen Herrschaften kommen. Gegen solche
Dummheit konnte man nichts ausrichten. Es war schade um jedes Wort.

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander. Bogdán stopfte umständlich
seine Pfeife, und der andere sah ihm interessiert zu.

-- Gehst ins Schloß hinauf? -- frug vorsichtig der Bucklige, als die Pfeife
endlich brannte.

Johann Bogdán wußte ganz genau, wohin der verhaßte Kerl hinaus wollte. Er
kannte ihn ja. Ein Sozi war der! So ein Hallunke, der die armen Leute um
ihr Brot bringt, mit seinem dummen Geschwätz. Genau wie ein schlechter
Hund, der die Hand beißt, die ihn füttert. Er hatte in der Ziegelei als
Aufseher sein schönes Auskommen gehabt, und zum Dank die ganze
Arbeiterschaft gegen die Herrschaft aufgehetzt, bis sie den doppelten Lohn
forderten, und das Schloß anzünden wollten an allen vier Ecken. Auch bei
ihm hatte er schon einmal sein Glück versucht, hatte den gnädigen Herrn
schlecht machen wollen. Aber da war er an den Richtigen gekommen! Ein paar
Ohrfeigen rechts und links und ein tüchtiger Fußtritt dazu war die Antwort
gewesen, damit er's nicht noch einmal versucht, den Johann Bogdán zu einem
Sozi zu machen, zu solch' einem Spitzbuben, der keinen Herrgott und kein
Vaterland kennt.

Der andere rutschte unruhig hin und her auf der Bank, warf ab und zu von
der Seite her einen prüfenden Blick auf seinen Nachbarn, faßte sich endlich
ein Herz und sagte ganz plötzlich:

-- Sie werden ja wohl froh sein um dich, da oben. Deine Arme sind doch ganz
geblieben, und sie können Leute brauchen in der Fabrik.

Bogdán rümpfte die Nase.

-- In der Ziegelei? -- -- frug er wegwerfend.

Der Bucklige lachte laut auf:

-- Ziegelei? warum nicht gar. Wer braucht denn Ziegel im Krieg? Ziegelei
gibt's längst nicht mehr, mein Lieber. Da werden jetzt Granathülsen
fabriziert. Siehst du die Waggons dort drüben? Das ist alles voll mit
Granathülsen. Jeden Samstag geht ein ganzer Zug von hier ab.

Interessiert hörte Bogdán zu. Das war was Neues. Eine Änderung auf dem Gut,
von der er noch nichts wußte.

-- Siehst du, das ist alles so hübsch eingeteilt, -- erzählte der andere
weiter, und lächelte spöttisch, -- der eine geht hinaus und läßt sich den
Schädel kaput schlagen, der andere bleibt schön daheim, fabriziert
Granathülsen, und tapeziert sein Schloß mit Tausendkronenscheinen. Mir
kann's ja recht sein. --

-- Sollen wir vielleicht mit Erbsen schießen, he, oder mit der Luft? Ohne
Granaten kannst keinen Krieg führen. Die sind genau so nötig wie die
Soldaten. --

-- Stimmt! Und weil die reichen Herren die Wahl haben, so lassen sie dich
deinen Kopf hinaustragen. Was kriegst denn für dein Aug? Hundert Kronen im
Jahr? Oder gar hundertfünfzig? Und die andern, die von den Raben gefressen
werden, haben nicht einmal so viel vom Krieg. Der gnädige Herr da droben
verdient aber jeden Tag seine paar Tausender, und riskiert nicht einmal
seinen kleinen Finger dabei. So wär ich auch gern Patriot. Kannst es mir
glauben! Anfangs hieß es ja natürlich, er ginge ins Feld. Ist auch
großartig abgefahren. Aber drei Wochen später war er schon wieder da, mit
Monteuren und Maschinen, und jetzt hält er schöne Reden, drinnen im
Komitatshaus, schickt die andern sterben und ist auch noch der Hahn im Korb
bei ihren Frauen. Stopft sich die Taschen voll, und tätschelt alle Mädel ab
in der Fabrik. Ist ja der einzige richtige Mann weit und breit.

Unwillig, mit gerunzelter Stirne ließ Bogdán die Rede über sich ergehen.
Nur der letzte Satz machte ihn stutzig. Er horchte auf, wurde unruhig, und
kämpfte eine Weile heldenhaft gegen die Frage, die ihm auf den Lippen
brannte. Dann konnte er endlich doch nicht mehr an sich halten und platzte
heraus:

-- Ist -- -- die Marcsa auch oben in der Fabrik?

In den Augen des Buckligen blitzte es auf:

-- Die schöne Marcsa! Das glaub' ich! Vorarbeiterin ist sie geworden. Man
sagt zwar, daß sie noch nie eine Hülse in der Hand gehabt hat, -- dafür
haben aber die Hände des gnädigen Herrn -- -- --

Mit einem kurzen, heiseren Krächzen fuhr ihm Johann Bogdán an die Gurgel,
preßte ihm den Adamsapfel in die Kehle hinein, hielt ihn fest in
unbarmherziger Umklammerung, bis er, um sich schlagend, mit angstvoll
hervorquellenden Augen, glucksend und blau im Gesicht hinschlug, und
röchelnd liegen blieb. Dann kramte Bogdán eilig sein Zeug zusammen und
marschierte los, weit ausgreifend, mit riesigen Schritten, als könnte er
was versäumen oben im Schloß.

Keinen Blick warf er mehr auf den buckligen Mihály, wandte sich kein
einzigesmal um, zog ruhig weiter, und fühlte noch lange die warme Kehle in
seiner Hand.

Was war ihm denn ein Mensch, der röchelnd auf der Straße lag? Ein Mensch
mehr oder weniger! -- An Tausenden war er so vorbeigezogen, in der
schaukelnden Gleichmäßigkeit der marschierenden Kolonne, stumpfsinnig vor
Müdigkeit, ohne daran zu denken, daß die dichtgesäten, grauen Flecke in den
Wiesen, die Klumpen, die, wie Dunghaufen im Frühjahr, auf Schritt und Tritt
die Straße säumten, Menschen waren, die der Tod hingelegt. Gewatet waren
sie in Toten, dort bei Kielce, als es über das Feld ging, wo aus jeder
Furche erdgraue Hände in die Luft krallten, blutgetränkte Hosenbeine und
verzerrte Gesichter aus dem Boden wuchsen, als krabbelten alle Toten aus
den Gräbern zum jüngsten Gericht. Gestolpert waren sie damals über Leichen;
dem dicken, kleinen Reserveleutnant war es sogar totenübel geworden, zur
großen Belustigung seines Zuges, weil ein schon halbverfaulter Russe, dem
er versehentlich auf die Brust getreten, unter ihm einbrach, so daß er den
Fuß kaum wieder frei bekam aus dem verpesteten Loch. Lächelnd erinnerte
sich Johann Bogdán an die boshaften Scherze der Kompagnie über den
leichenblassen Offizier, der, an einen Baum gelehnt, den heiligen Ulrich
anrief, wie einer, der tüchtig über den Durst getrunken hat.

Glühend leuchtete die Landstraße in der Mittagsonne. Im Dorf schlug die
Turmuhr zwölf; drüben vom Hügel ertönte, wie als Antwort, das tiefe Summen
der Fabrikspfeife, und ein weißes Wölkchen stieg über die Baumwipfel.
Bogdán beschleunigte seine Schritte, lief mehr, als er ging, ohne sich um
die Schweißtropfen zu scheren, die ihm kitzelnd über den Nacken perlten.
Fast ein volles Jahr lang hatte er Spitalsluft geatmet, nur Dächer und
Mauern gesehen und Lysol und Jodoform gerochen. Wollüstig zog seine Lunge
den Duft der blühenden Wiesen ein, und seine Sohlen klatschten kräftig auf
die Straße, als marschierte er wieder in Reih und Glied. Seit dem Tage
seiner Verwundung war dies sein erster Gang; die erste Landstraße seit den
wilden Gefechtsmärschen im Russischen. Zuweilen schien es ihm, als hörte er
die Kanonen rollen. Der kurze Kampf mit dem buckligen Lumpen hatte sein
Blut in Wallung gebracht; und seine Kriegserinnerungen, von der öden
Eintönigkeit des Lazarettlebens, wie von einer dichten Staubschichte
überdeckt, wirbelten jäh wieder auf.

Fast reute es ihn, den verdammten Hallunken zu früh freigegeben zu haben!
Eine Minute länger, -- und er hätte sein Lästermaul nie wieder aufgetan.
Hätte den Kopf erschöpft zur Seite gelegt, mit auseinandergespreizten
Fingern noch einmal sehnsüchtig die Luft umarmt, und wäre dann blitzschnell
zusammengeschrumpft, genau wie der struppige, dicke Russe, mit den großen,
blauen Augen, der als erster, mit einem schönen Gruß vom Johann Bogdán,
beim heiligen Petrus vorsprach. Dem hatte er die Kehle nicht mehr locker
gegeben, ehe er das Gezappel nicht ganz sein ließ! Mausetot hatte er den
gewürgt. Und war doch ein ganz possierlicher Kerl gewesen, lange nicht so
widerlich, wie dieser bucklige Schuft. Aber freilich, er war der erste
Feind, den er zu packen bekommen; sein allererster Ruß! Eine stattliche
Reihe war gefolgt, aber erwürgt hatte er nur diesen einen. Mit dem Kolben
niedergeschmettert, mit dem Bajonett erstochen, mit den Stiefeln
zertrampelt sogar, den Hallunken, der ihm seinen liebsten Kameraden vor den
Augen niederschlug. Aber erwürgt hatte er keinen mehr. Darum war ihm der
kleine Dicke so in der Erinnerung geblieben! Von den andern wußte er nichts
mehr. Sah nur einen Knäuel von graugrünen Uniformen, und das Knirschen,
Stampfen, Röcheln und Fluchen des Handgemenges klang ihm wirr ins Ohr, wenn
er an seine Heldentaten dachte. Wie viele er wohl so ins Jenseits
geschickt? Der liebe Gott mochte sie gezählt haben. Er selbst hatte genug
damit zu schaffen, sich die Kerle vom Leibe zu halten. Wer sich da erst
lange umschauen wollte, wäre die längste Zeit neugierig gewesen.

Und doch! Da war noch ein zweites Gesicht, das er sich auch genau gemerkt
hatte. So ein großer, hagerer Kerl, lang wie eine Hopfenstange, mit großen,
gelben Hauern im Mund, die er wie ein Eber fletschte. Ja, an den erinnerte
er sich noch, als wär's erst gestern gewesen. Er sah ihn stehen, halb schon
an die Wand gepreßt, das Gewehr über dem Kopfe schwingend. Noch ein
Augenblick, und der Kolben wäre niedergesaust! Aber um dem Bogdán
zuvorzukommen, dazu war so ein schläfriger Ruß noch lange nicht der rechte.
Ehe er noch zuschlagen konnte, hatte er das Bajonett schon zwischen den
Rippen, fiel hintenüber auf sein Gewehr. Durch und durch war ihm das
Bajonett gegangen, hinter ihm noch in die Wand gefahren, auf ein Haar wäre
es abgebrochen. Das passierte aber kein zweitesmal! Das war nur geschehen,
weil er zu stark zugestoßen hatte, mit zusammengebissenen Zähnen, die
Finger krampfig um den Schaft gekrallt, aus voller Kraft, als gälte es
Eisen zu zerschneiden. Er hatte eben noch nicht gewußt, daß es gar nicht so
schwer war, einen Menschen niederzumachen; war auf weiß Gott was für einen
Widerstand gefaßt gewesen, und entsann sich ganz genau, daß ihm der Mund
offen stehen geblieben war vor Erstaunen, wie das Bajonett so glatt
hineinfuhr in den langen Kerl, als hätte er in Butter gestochen. Wer das
noch nie probiert hat, denkt, der Mensch wäre ganz aus Knochen, holt weit
aus, und kann nachher schauen, wie er sein Gewehr wieder frei kriegt, ehe
einer von den struppigen Teufeln seine Wehrlosigkeit ausnützt. Ganz leicht
mußte man ansetzen, mit einem kurzen, ruckartigen Stoß, dann lief das Ding
ganz von selbst hinein, wie ein gutes Pferd, -- man hatte ordentlich Mühe,
es zurückzuhalten. Das wichtigste war: den Feind nicht aus dem Auge zu
lassen! Nicht aufs Bajonett durfte man starren, nicht dorthin, wohin man
stechen wollte. Immer dem Gegner ins Aug, um seine Parade rechtzeitig
erraten zu können. Aus den Gesichtszügen mußte man den richtigen Augenblick
zum Zurückweichen abpassen. Sie machten es ja alle ganz gleich: alle aufs
Haar so wie der Erste, der lange, wilde Kerl mit den gefletschten Zähnen.
Mit einemmal wurde ihr Gesicht ganz glatt, als hätte das kalte Eisen im
Leib ihre ganze Wut abgekühlt, rissen erstaunt die Augen auf und blickten
zum Feind hinüber, als wollten sie vorwurfsvoll die Frage an ihn richten:
»Was machst du denn?« Dann griffen sie gewöhnlich ins Bajonett hinein,
zerschnitten sich überflüssigerweise noch die Hände, ehe sie hinfielen. Wer
da nicht genau Bescheid wußte, die Waffe nicht rechtzeitig anhielt und
schnell aus der Wunde herauszog, in dem Moment, da er die Augen groß werden
sah, wurde mit umgerissen, oder bekam von irgendwoher einen Kolbenschlag
über den Kopf, lange ehe es ihm gelang loszukommen. Alles das hatte Johann
Bogdán gar oft besprochen mit den Kameraden, wenn nach harten Gefechten
Kritik geübt wurde an den Gefallenen, die sich dumm gestellt, und ihre
Ungeschicklichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.

Mit Riesenschritten vorwärts eilend auf dem wohlbekannten Wege hügelan zum
Schloß, war er jetzt gleichsam untergetaucht in seinen Erinnerungen. Seine
Beine liefen von selbst, wie Pferde auf dem Heimweg. Er passierte das
offene Gittertor, und ging schon auf gekiesten Wegen, den Kopf auf der
Brust, ohne zu ahnen, daß er angekommen war.

Pferdewiehern riß ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr auf und blieb stehen,
von tiefer Rührung gepackt, als er, wenige Schritte weit, das Stallgebäude
erblickte, und drinnen, im Dämmerlicht, schimmernd hell die Krupp seines
geliebten Schimmels. Schon wollte er abschwenken, auf die Stalltüre zu; da
tauchte, weit unten, am anderen Ende des großen Platzes, ein Frauenzimmer
auf. Es kam von der Ziegelei her, ein rotgetupftes, seidenes Tuch auf dem
Kopfe, die pralle Büste hochaufgerichtet, mit einem herausfordernden Wiegen
in den Hüften, daß die weiten Röcke wie reife Halme wogten.

Johann Bogdán stand starr, als hätte ihn jemand vor die Brust gestoßen. Das
war die Marcsa! So ging kein zweites Mädel im ganzen Komitat. Er warf sein
Gepäck auf die Erde und stürmte los.

-- Marcsa! Marcsa! -- klang es schmetternd hell über den weiten Hof.

Das Mädel wandte sich um und ließ ihn herankommen, neugierig, mit
zusammengekniffenen Augen. Drei Schritt weit blieb Bogdán stehen.

-- Marcsa! -- wiederholte er flüsternd, den Blick angstvoll auf ihr Gesicht
geheftet. Er sah sie blaß werden, kreideweiß; sah ihre Augen unruhig hin
und her hüpfen, von seiner linken Wange zur rechten hinüber und wieder
zurück. Dann kam ein Grauen in ihre Augen, sie schlug die Hände vor's
Gesicht und lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen.

Tief traurig starrte ihr Bogdán nach. Genau so hatte er sich das
Wiedersehen vorgestellt; so, und nicht anders, seit die Bahnwärtersfrau,
das Nachbarskind, ihn nicht erkannt. Nur daß sie davonlief, wurmte ihn! Das
hatte sie nicht nötig. Johann Bogdán war nicht der Mann, der einem
Frauenzimmer Gewalt antat. Gefiel er ihr nicht mehr, so wie er geworden
war, nun dann konnte sie sich einen Anderen suchen, und er würde schon auch
noch Eine finden, darum war ihm nicht bange. Das wollte er ihr auch sagen.

In großen Sätzen sprang er ihr nach, erwischte sie bei der Hand, als sie
nur mehr wenige Schritte vom Maschinenhaus trennten.

-- Warum laufst du davon? -- knurrte er sie an, atemlos. -- Brauchst nur zu
sagen, wenn du mich nicht mehr willst. Meinst ich freß' dich auf? . . .

Sie starrte ihn an, forschend, -- unsicher. Fast tat sie ihm leid, so arg
zitterte ihr ganzer Körper.

-- Wie siehst du aus? -- hörte er sie stammeln, und wurde rot vor Zorn.

-- Hab's dir ja schreiben lassen, daß mich eine Granate erwischt hat, hast
gemeint ich bin schöner geworden? Sag's nur grad raus, wenn du mich nicht
mehr willst. Reinen Wein will ich haben! Ja, oder nein? Ich werde dich
nicht zwingen zum heiraten. Sag's nur gleich: ja oder nein!

Marcsa schwieg. Es war irgend etwas in seinem Gesicht, in seinem einzigen
Auge, das ihr den Atem nahm, wie mit kalten Fingern in ihren Eingeweiden
wühlte. Sie schlug die Augen nieder und stotterte:

-- Du hast ja noch gar keine Stellung. Wie können wir heiraten? . . . .
Mußt erst den gnädigen Herrn fragen ob er . . . .

Johann Bogdán war's, als fiele ein roter Vorhang, aus Feuer gewoben, vor
seine Augen. Der Herr? . . . . Was sprach sie vom Herrn? . . . . Er dachte
an den Buckligen, und fühlte mit einem Schlag, daß der Hallunke nicht
gelogen hatte. Wie eine glühende Zange umklammerten seine Finger ihr
Handgelenk, daß sie aufschrie vor Schmerz.

-- Der Herr? -- . . . . brüllte Bogdán, -- was hat der gnädige Herr
zwischen dir und mir zu suchen? Ja oder nein? Antwort will ich! Der Herr
hat da nichts zu schaffen, zwischen uns.

Marcsa richtete sich auf. Mit einemmal kam eine merkwürdige Sicherheit über
sie. Ihre Wangen bekamen wieder Farbe, ihre Augen funkelten stolz.
Hochmütig, wie er sie immer gekannt, stand sie da, den Kopf herausfordernd
in den Nacken geworfen.

Bogdán sah die Änderung, sah, daß ihr Blick über seine Schultern
hinwegging, ließ sie fahren, und wandte sich blitzschnell um. Es war so,
wie er sich's gedacht hatte: aus dem Maschinenhause trat soeben der gnädige
Herr, gefolgt vom alten Tóth, seinem Waldhüter. Wie eine Katze war die
Marcsa vorbeigehuscht, stürzte zum Herrn hin, beugte sich nieder und küßte
ihm die Hand.

Bogdán sah sie herankommen, zu dritt, senkte den Kopf, wie ein Widder zum
Angriff. Eine entschlossene, kalte Ruhe stieg langsam in ihm hoch, wie im
Schützengraben, wenn der Hornist zum Angriff blies. Er fühlte die Hand des
gnädigen Herrn seine Schulter berühren, und wich einen Schritt zurück. Was
sollte das alles? Der Herr sprach von Tapferkeit und Vaterland, lauter
überflüssiges Zeug, das nichts mit der Marcsa zu schaffen hatte! Er ließ
ihn sprechen, ließ die Worte auf sich niederprasseln, wie Regen, ohne sich
um ihren Sinn zu kümmern. Sein Blick irrte unruhig hin und her, vom Herrn
zur Marcsa und zum Waldhüter, bis er an etwas Glänzendem neugierig haften
blieb.

Es war der vernickelte Knauf am Hirschfänger, den der alte Waldhüter an
seiner Seite trug, der funkelnd die Sonne spiegelte.

-- Wie ein Bajonett, -- -- dachte Bogdán; und der Einfall durchzuckte ihn,
das Ding aus der Scheide zu reißen, und dem Luder, der Marcsa in den Leib
zu rennen, bis zum Heft. Aber ihre runden Hüften, die bauschigen, bunten
Röcke machten ihn irre. Mit Weibern hatte er im Krieg nie zu schaffen
gehabt. Er konnte sich's nicht recht vorstellen, wie das wäre, wenn man da
hineinstieße. Sein Blick glitt auf den Herrn zurück, und nun bemerkte er,
daß er ihn in Harnisch gebracht hatte, mit seinem verstockten, trotzigen
Schweigen.

-- Er fletscht die Zähne, -- fiel ihm ein, -- genau wie der lange Ruß! --
Und er lächelte fast bei der Vorstellung, wie auch der gnädige Herr gleich
ein glattes Gesicht bekäme, und erstaunt, fragende Augen. Sprach er da
nicht gerade von der Marcsa? Was ging ihn die an?

Trotzig richtete sich Bogdán auf.

-- Mit der Marcsa ordne ich mir meine Angelegenheit schon selbst, gnädiger
Herr. Das ist eine Sache zwischen ihr und mir, -- sagte er heiser, und sah
dem Herrn fest ins Gesicht. Der hatte noch seinen Schnurrbart! Rechts und
links ganz gleich, und fein hochgezwirbelt. Wie hatte der Bucklige gesagt?
»Der Eine geht hinaus und laßt sich den Kopf kaputschlagen.« -- Er war
eigentlich gar nicht so dumm, der Bucklige.

Nun wurde der Herr ganz zornig. Bogdán ließ ihn schreien, und starrte, wie
hypnotisiert, auf den glänzenden Knauf hinüber. Erst als immer wieder der
Name »Marcsa« an sein Ohr schlug, wurde er wieder aufmerksam.

-- Die Marcsa steht jetzt in meinem Dienst -- hörte er den Herrn sagen, --
Du weißt, ich kann dich gut leiden, Bogdán; ich will dich auch wieder bei
den Pferden beschäftigen, wenn dir darum zu tun ist. Aber die Marcsa läßt
du mir in Ruhe. Rauferein dulde ich nicht! Will sie dich noch heiraten, so
ist's mir sehr recht. Will sie aber nicht, dann läßt du sie zufrieden! Hör'
ich noch einmal, daß du ihr weh getan hast, dann jag' ich dich zum Teufel,
verstehst du mich?

Schäumend vor Wut legte Bogdán los:

-- Zum Teufel? -- schrie er biemend. -- Der gnädige Herr will mich zum
Teufel jagen? Gehen der gnädige Herr doch erst selber hinaus! Ich war schon
beim Teufel! Ich bin acht Monate draußen gelegen in der Hölle. Da ist mein
Gesicht, da können der gnädige Herr sehen, daß ich aus der Hölle komme.
Hier den Beschützer spielen, sich die Taschen vollpfropfen, und die anderen
sterben schicken, das ist bequem. Wer sich zu Hause herumdrückt, der sollte
nicht andere zum Teufel schicken, die schon für ihn in der Hölle gewesen
sind!

So maßlos war seine Wut, daß er wie der bucklige Sozi sprach, ohne sich zu
schämen. Sprungbereit stand er da, mit straff gespannten Muskeln, wie ein
wildes Tier. Er sah den Herrn mit verzerrtem Gesicht auf sich losstürzen,
den Reitstock durch die Lust flitzen, -- sah ihn auch niedersausen, aber
den Schlag, der hart und scharf seinen Rücken traf, fühlte er nicht mehr.

Mit einem Satz riß er den Hirschfänger aus der Scheide, und stieß ihn dem
Herrn zwischen die Rippen. Nicht etwa weit ausholend, daß ihm jemand noch
hätte in den Arm fallen können. Oh nein! Ganz leicht, von unten her, mit
einem kurzen Ruck, genau wie er es im Felde erlernt hatte. Der Hirschfänger
war nicht schlechter als sein Bajonett; er lief nur so ins Fleisch hinein.

Dann kam alles genau wie immer. Johann Bogdán stand mit vorgepralltem Kinn,
sah das zornentstellte Gesicht des gnädigen Herrn jäh sich glätten, ganz
weich und ruhig werden, wie ausgebügelt. Er sah seine Augen sich weiten, --
sah ihn erstaunt herüberschauen, genau wie ein getroffener Ruß, -- mit der
vorwurfsvollen Frage im Blick: »Was machst du denn?« Nur das Niedersinken
konnte er nicht mehr sehen, denn ein mächtiger Schlag traf ihn von
irgendwoher auf den Hinterkopf, krachend, als stürzte aus unendlicher Höhe
ein Wasserfall zermalmend auf ihn herab. Eine Sekunde lang sah er noch das
Gesicht der Marcsa, umrahmt von einem flammenden Rad, dann fiel er mit
gespaltenem Schädel auf seinen Herrn, der schon zuckend auf der Erde lag.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Menschen im Krieg" ***

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