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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Vierter Band
Author: Macaulay, Thomas Babington Macaulay, Baron, 1800-1859
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Vierter Band" ***

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  Thomas Babington Macaulay’s

  Geschichte von England


  seit der

  Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  +Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


  Vierter Band.


  Leipzig, 1854.
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Siebentes Kapitel.

  Jakob II.



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Wilhelm, Prinz von Oranien                                       5
  Sein Äußeres                                                     5
  Sein früheres Leben und seine Erziehung                          5
  Seine religiösen Ansichten                                       7
  Seine militairischen Talente                                     8
  Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit          10
  Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen    10
  Seine Freundschaft für Bentinck                                 10
  Marie, Prinzessin von Oranien                                   12
  Gilbert Burnet                                                  14
  Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen
      und der Prinzessin                                          17
  Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien                18
  Seine Gesinnungen gegen England                                 18
  Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich                  19
  Seine Politik durchaus consequent                               22
  Vertrag von Augsburg                                            24
  Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition            25
  Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor            26
  Wilhelm verwirft den Rath                                       26
  Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde             27
  Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury               27
  Wycherley, Tindal, Haines                                       28
  Dryden                                                          29
  +„The Hind and Panther.“+                                       30
  Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner         32
  In Schottland theilweise Duldung gewährt                        35
  Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet        36
  Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung                    37
  Admiral Herbert                                                 37
  Die Indulgenzerklärung                                          37
  Stimmung der protestantischen Dissenters                        39
  Stimmung der anglikanischen Kirche                              40
  Der Hof und die Kirche                                          40
  „Brief an einen Dissenter.“                                     42
  Benehmen der Dissenters                                         43
  Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop,
      Rosewell                                                    45
  Lobb                                                            46
  Penn                                                            46
  Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter            46
  Howe                                                            47
  Bunyan                                                          47
  Kiffin                                                          49
  Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
      Indulgenzerklärung                                          52
  Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen
      Katholiken                                                  53
  Jakob’s Feindschaft gegen Burnet                                57
  Sendung Dykvelt’s nach England                                  59
  Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern          59
  Danby                                                           60
  Nottingham                                                      60
  Halifax                                                         61
  Devonshire                                                      62
  Eduard Russel                                                   64
  Compton. -- Herbert. -- Churchill                               65
  Lady Churchill und die Prinzessin Anna                          66
  Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern
      nach dem Haag zurück                                        68
  Zulestein’s Sendung                                             69
  Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm               70
  Einfluß der holländischen Presse                                71
  Stewart’s und Fagel’s Correspondenz                             71
  Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom                              72



[_Wilhelm, Prinz von Oranien._] Wilhelm Heinrich, Prinz von
Oranien-Nassau, nimmt in der Geschichte Englands und der gesammten
Menschheit eine so bedeutende Stelle ein, daß es wünschenswerth
erscheint, die markirten Züge seines Characters mit einiger
Ausführlichkeit zu zeichnen.[1]

    [Anmerkung 1: Die Hauptquellen, aus denen ich meine Schilderung
    des Prinzen von Oranien geschöpft habe, sind Burnet’s Geschichte,
    Temple’s und Gourville’s Memoiren, die Unterhandlungen der Grafen
    Estrades und Avaux, Sir Georg Downing’s Briefe an den Lordkanzler
    Clarendon, Wagenaar’s umfangreiches Geschichtswerk, Van Kampen’s
    +Karakterkunde Vaderlandsche Geschiedenis+, und vor Allem
    Wilhelm’s eigene vertrauliche Correspondenz, von welcher der
    Herzog von Portland Sir Jakob Mackintosh eine Abschrift zu nehmen
    erlaubte.]


[_Sein Äußeres._] Er stand jetzt in seinem siebenunddreißigsten
Lebensjahre, war aber körperlich und geistig älter als andere Leute in
diesen Jahren. Man könnte fast sagen, er sei niemals jung gewesen. Sein
Äußeres ist uns fast eben so gut bekannt, als seinen eigenen Heerführern
und Räthen. Bildhauer, Maler und Münzschneider haben ihre ganze
Geschicklichkeit aufgeboten, um seine Züge der Nachwelt zu überliefern,
und diese waren von der Art, daß kein Künstler sie verfehlen und daß,
wer sie einmal gesehen, sie nie vergessen konnte. Sein Name erinnert uns
sogleich an eine schmächtige und zarte Gestalt, an eine hohe und breite
Stirn, an eine wie der Schnabel eines Adlers gebogene Nase, an ein Paar
Augen, die an Glanz und Schärfe mit denen des Adler wetteiferten, an
eine gedankenvolle, etwas finstre Miene, einen festen und etwas
mürrischen Mund, an eine bleiche, eingefallene und durch Krankheit und
Sorgen tief gefurchte Wange. Dieses gedankenvolle, ernste und feierliche
Aussehen konnte kaum einem glücklichen und lebensfrohen Manne angehört
haben; aber es verräth in unverkennbarer Weise die Befähigung zu den
schwierigsten Unternehmungen und einen durch kein Mißgeschick und durch
keine Gefahren zu erschütternden Muth.


[_Sein früheres Leben und seine Erziehung._] Die Natur hatte Wilhelm mit
allen Eigenschaften eines großen Herrschers reich ausgestattet und die
Erziehung hatte diese Eigenschaften in nicht gewöhnlichem Grade
entwickelt. Mit einem scharfen natürlichen Verstande und einer seltenen
Willenskraft sah er sich, als sein Geist zu erwachen begann, als vater-
und mutterlose Waise, als das Oberhaupt einer großen, aber unterdrückten
und entmuthigten Partei und als den Erben ausgedehnter aber unbestimmter
Ansprüche, welche die Furcht und die Abneigung der damals in den
Niederlanden herrschenden Oligarchie erregten. Das gemeine Volk, das
seit einem Jahrhundert seinem Hause treu ergeben war, bewies so oft es
ihn sah, auf nicht zu verkennende Weise, daß es ihn als sein
rechtmäßiges Oberhaupt betrachtete. Die geschickten und erfahrenen
Minister der Republik, die seinen Namen tödtlich haßten, brachten ihm
täglich ihre erzwungene Huldigung dar und beobachteten dabei die
Fortschritte seines Geistes. Die ersten Regungen seines Ehrgeizes wurden
sorgfältig bewacht, jedes unüberlegte Wort, das ihm entschlüpfte, wurde
niedergeschrieben, und er besaß nicht einen einzigen Rathgeber, auf
dessen Ausspruch Vertrauen gesetzt werden konnte. Er war kaum funfzehn
Jahre alt, so wurden alle Diener, die seinem Interesse ergeben waren und
die sein Vertrauen genossen, von der mißtrauischen Regierung aus seinem
Hause entfernt. Er sträubte sich dagegen mit einer weit über seine Jahre
hinausgehenden Energie, aber vergebens. Aufmerksame Beobachter sahen
mehr als einmal Thränen in den Augen des jungen Staatsgefangenen. Seine
von Haus aus zarte Gesundheit war eine Zeit lang durch die
Gemüthsbewegungen, die seine traurige und vereinsamte Stellung erzeugte,
ernstlich erschüttert. Eine solche Lage macht den Schwachen muthlos und
bestürzt, dem Starken giebt sie eine verdoppelte Kraft. Von Schlingen
umgeben, in denen ein gewöhnlicher Jüngling umgekommen sein würde,
lernte Wilhelm vorsichtig und zu gleicher Zeit energisch auftreten.
Schon lange bevor er das Mannesalter erreicht, verstand er es,
Geheimnisse zu bewahren, die Neugierde durch trockene und wohlüberlegte
Antworten abzutrumpfen und alle Leidenschaften unter dem nämlichen
Scheine ernster Ruhe zu verbergen. In der feinen Weltbildung und in
literarischen Kenntnissen machte er dagegen nur geringe Fortschritte.
Dem Benehmen des holländischen Adels jener Zeit fehlte die
liebenswürdige Anmuth, welche bei den gebildeten Franzosen in höchster
Vollkommenheit zu finden war und in geringerem Grade auch den englischen
Hof zierte; seine Manieren waren durchaus holländisch. Selbst seine
eigenen Landsleute nannten ihn plump, und Ausländern erschien er oft
noch mehr als dies. In seinem Verkehr mit der Welt im Allgemeinen schien
er jene Fertigkeiten, welche den Werth einer Gunstbezeugung erhöhen und
einer Verweigerung die Spitze abbrechen, nicht zu kennen oder sie zu
verschmähen. Die Literatur und die Wissenschaften interessirten ihn
wenig; er wußte nichts von den Entdeckungen eines Newton und Leibnitz,
von den Poesien eines Dryden und Boileau; dramatische Darstellungen
langweilten ihn und er war froh, wenn er den Blick von der Bühne
abwenden und von öffentlichen Angelegenheiten sprechen konnte, während
Orestes raste oder Tartüffe der Elmira die Hand drückte. Er besaß zwar
einiges Talent zu Sarkasmen und entfaltete nicht selten ganz unbewußt
eine sonderbar klingende, aber kräftige und originelle natürliche
Redekunst, aber nach den Titel eines Schöngeistes oder eines Redners
strebte er nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf diejenigen Studien
gerichtet gewesen, welche einen tüchtigen und umsichtigen Geschäftsmann
bilden. Von Kindheit an hörte er mit Interesse zu, wenn wichtige Fragen
über Bündnisse, Finanzen und Krieg besprochen wurden. Von der Geometrie
lernte er soviel als zum Bau einer Schanze oder eines Hornwerks nöthig
war. Von fremden Sprachen lernte er mit Hülfe seines ausgezeichneten
Gedächtnisses soviel als er bedurfte, um Alles, was mit ihm gesprochen
wurde, und jeden Brief, den er empfing, verstehen und beantworten zu
können. Das Holländische war seine Umgangssprache. Er verstand
Lateinisch, Italienisch und Spanisch, sprach und schrieb Französisch,
Englisch und Deutsch, zwar nicht elegant und grammatisch richtig, aber
fließend und verständlich. Keine Fähigkeit konnte wichtiger sein für
einen Mann, der dazu bestimmt war, große Bündnisse zu organisiren und
Armeen zu commandiren, die aus verschiedenen Nationalitäten
zusammengesetzt waren.


[_Seine religiösen Ansichten._] Eine Klasse von philosophischen Fragen
war durch die Umstände seiner Aufmerksamkeit dringend empfohlen worden
und scheint ihn mehr interessirt zu haben, als man es von seinem
allgemeinen Character hätte erwarten sollen. Die Protestanten der
Vereinigten Provinzen bestanden wie die unsrer Insel aus zwei großen
religiösen Partein, welche zwei großen politischen Parteien fast genau
entsprachen. Die Oberhäupter der städtischen Oligarchie waren Arminianer
und wurden im Allgemeinen von der Menge als nicht viel besser denn
Papisten betrachtet. Die Prinzen von Oranien waren gewöhnlich die
Schutzpatrone der calvinistischen Theologie gewesen und verdankten
keinen geringen Theil ihrer Popularität ihrem Eifer für die Lehren von
der Gnadenwahl und dem endlichen Beharren, einem Eifer, der nicht immer
durch Kenntnisse erleuchtet oder durch Humanität gemäßigt war. Wilhelm
war von Kindheit auf in dem theologischen System, dem seine Familie
anhing, sorgfältig unterrichtet worden, und betrachtete dieses System
mit größerer Vorliebe, als man in der Regel für seinen ererbten Glauben
hegt. Er hatte über die großen Probleme, welche auf der Synode von
Dortrecht erörtert worden waren, nachgedacht und in der strengen,
unbeugsamen Logik der genfer Schule etwas gefunden, was seinem Verstande
und seinem Gemüth zusagte. Das Beispiel von Unduldsamkeit, das einige
seiner Vorgänger gegeben, ahmte er jedoch niemals nach; er empfand gegen
alle Verfolgung eine entschiedene Abneigung, die er nicht allein da
aussprach, wo ein solches Eingeständniß offenbar staatsklug war, sondern
auch in Fällen, wo es den Anschein hatte, daß sein Interesse durch
Verstellung oder Stillschweigen hätte gefördert werden können.
Gleichwohl waren seine theologischen Ansichten noch entschiedener als
die seiner Vorgänger. Die Lehre von der Prädestination war der
Grundstein seiner Religion. Er erklärte oft, daß wenn er diese Lehre
aufgeben müßte, er zugleich mit derselben allen Glauben an eine waltende
Vorsehung aufgeben und ein reiner Epikuräer werden müßte. Diesen
einzigen Punkt ausgenommen, wurde die ganze Fülle seines kräftigen
Geistes frühzeitig von dem Theoretischen ab und auf das Praktische
gelenkt. Die Fähigkeiten, deren es zur Leitung wichtiger Geschäfte
bedarf, gediehen bei ihm schon in einem Alter zur Reife, wo sie sich bei
gewöhnlichen Menschen kaum erst zu entfalten begonnen haben. Seit
Octavius hatte die Welt kein solches Beispiel frühzeitiger
staatsmännischer Befähigung gesehen. Erfahrene Diplomaten erstaunten
über die treffenden Bemerkungen, die der siebzehnjährige Prinz über
öffentliche Angelegenheiten machte, und mit noch weit größerem Erstaunen
sahen sie diesen Knaben in Lagen, wo man hätte erwarten sollen, daß er
starke Leidenschaften verrathen werde, eine eben so unerschütterliche
Ruhe bewahren, wie sie selbst. Mit achtzehn Jahren saß er bereits unter
den Vätern der Republik, ernst, besonnen und einsichtsvoll wie der
Älteste unter ihnen. Mit zweiundzwanzig Jahren ward er an einem Tage der
Trauer und des Schreckens an die Spitze der Verwaltung gestellt. Mit
dreiundzwanzig Jahren war er durch ganz Europa als Feldherr und
Staatsmann berühmt. Er hatte innere Factionen niedergeworfen, war die
Seele einer mächtigen Coalition und hatte im Felde gegen einige von den
größten Generälen seiner Zeit mit Ehren gefochten.


[_Seine militairischen Talente._] Seine persönlichen Neigungen waren
mehr die eines Kriegers als die eines Staatsmannes, aber wie sein
Urgroßvater, der schweigsame Prinz, der die batavische Republik
gründete, nimmt er unter den Staatsmännern einen viel höheren Rang ein
als unter den Feldherren. Der Verlauf der Schlachten ist allerdings kein
untrüglicher Prüfstein für die Talente eines Befehlshabers, und es würde
ganz besonders ungerecht sein, wollte man diesen Prüfstein bei Wilhelm
anwenden, denn das Schicksal wollte, daß er fast stets Feldherren,
welche vollendete Meister in ihrer Kunst, und Truppen gegenüberstand,
welche in der Disciplin den seinigen weit überlegen waren. Indessen läßt
sich mit gutem Grunde annehmen, daß er als General im offenen Felde
Manchem, der in geistiger Beziehung tief unter ihm stand, keineswegs
gleichkam. Mit Leuten, die sein Vertrauen besaßen, sprach er über diesen
Gegenstand mit der edlen Offenheit eines Mannes, der Großes vollbracht
hat und der recht wohl auch einige Mängel eingestehen kann. Er sagte, er
habe keine Lehrzeit für den militairischen Beruf bestanden; er sei schon
als Knabe an die Spitze einer Armee gestellt worden, unter seinen
Offizieren habe sich keiner befunden, der fähig gewesen wäre, ihn zu
unterweisen; nur aus seinen eigenen Fehlern und deren Folgen habe er
etwas lernen können. „Ich würde einen guten Theil meines Vermögens darum
geben,“ rief er einmal aus, „wenn ich einige Feldzüge unter dem Prinzen
von Condé mitgemacht hätte, ehe ich gegen ihn commandiren mußte.“ Es ist
nicht unwahrscheinlich, daß der Umstand, welcher Wilhelm verhinderte,
eine ausgezeichnete strategische Bildung zu erlangen, der allgemeinen
Entwickelung seiner Geisteskräfte zu Gute gekommen ist. Bewiesen seine
Schlachten auch nicht den großen Taktiker, so berechtigten sie ihn doch
zu dem Titel eines großen Mannes. Kein Mißgeschick konnte ihn nur einen
Augenblick seiner Festigkeit und des vollständigen Besitzes aller seiner
Fähigkeiten berauben. Seine Niederlagen wurden mit einer so wunderbaren
Schnelligkeit wieder gut gemacht, daß er, noch ehe seine Feinde das
Tedeum gesungen hatten, schon wieder zum Kampfe gerüstet war; auch
beeinträchtigten solche Schläge in keiner Weise die Achtung und das
Vertrauen, dessen er sich von Seiten seiner Soldaten erfreute. Diese
Achtung und dieses Vertrauen verdankte er in nicht geringem Maße seinem
persönlichen Muthe. Den Grad von Muth, dessen der Soldat bedarf, um
einen Feldzug ohne Schande zu bestehen, besitzen die meisten Menschen
oder wenigstens können sie denselben in einer guten Schule erlangen. Ein
Muth wie der des Prinzen Wilhelm aber ist in der That selten. Er wurde
auf jede nur mögliche Weise geprüft, durch Krieg, durch Wunden, durch
schmerzhafte und entnervende Krankheiten, durch Seestürme, durch die
beständig drohende Gefahr, ermordet zu werden, eine Gefahr, die schon
sehr starke Nerven erschüttert hat und durch welche selbst die eiserne
Tapferkeit Cromwell’s einen harten Stoß erhielt. Aber Niemand konnte je
etwas entdecken, was der Prinz von Oranien fürchtete. Seine Rathgeber
konnten ihn nur mit Mühe dazu bringen, daß er einige Vorsichtsmaßregeln
gegen die Pistolen und Dolche von Verschwörern ergriff.[2] Alte Seeleute
erstaunten über die kaltblütige Ruhe, die er inmitten tobender
Brandungen an einer gefahrvollen Küste bewahrte. In der Schlacht
zeichnete ihn seine Tapferkeit unter Zehntausenden tapferer Krieger aus,
erweckte die hochherzige Anerkennung selbst der feindlichen Heere und
wurde selbst von der Unbilligkeit feindlicher Factionen nie bestritten.
Während seiner ersten Feldzüge setzte er sich der Gefahr aus, als ob er
den Tod gesucht hätte, war beim Angriff stets der Erste, beim Rückzug
der Letzte, kämpfte mit dem Schwerte in der Hand im dichtesten Gewühl,
und mit einer Flintenkugel im Arm, den Harnisch von Blut überströmt,
hielt er noch immer Stand und schwenkte im furchtbarsten Feuer seinen
Hut. Seine Freunde beschworen ihn, er solle doch sein für das Vaterland
unschätzbares Leben mehr schonen. Sein berühmtester Gegner, der große
Condé, bemerkte nach der blutigen Schlacht von Seneff, der Prinz von
Oranien habe sich in jeder Beziehung wie ein alter General benommen, nur
in sofern nicht, als er sich wie ein junger Soldat ausgesetzt. Wilhelm
leugnete, daß er sich der Tollkühnheit schuldig gemacht habe. Er stelle
sich, meinte er, nur aus Pflichtgefühl und aus kalter Berechnung dessen,
was das öffentliche Interesse erheische, immer auf den Posten der
Gefahr. Die Truppen, die er befehlige, seien wenig an den Krieg gewöhnt
und fürchteten ein Handgemenge mit den französischen Veteranen; es sei
daher nöthig, daß ihr Anführer ihnen zeige, wie man Schlachten gewinnt.
Und in der That wurde auch mehr als eine Schlacht, welche rettungslos
verloren schien, noch durch die Kühnheit gewonnen, mit der er seine
zersprengten Bataillone sammelte und eigenhändig die Memmen niederhieb,
welche das Beispiel zur Flucht gaben. Zuweilen sah es jedoch ganz so
aus, als ob er ein eignes Vergnügen daran finde, sein Leben zu
gefährden. Es wurde bemerkt, daß er nie heiterer, freundlicher und
liebenswürdiger war, als im blutigen Getümmel der Schlacht. Selbst bei
seinen Zerstreuungen liebte er das Aufregende der Gefahr. Kartenspiele,
Schach und Billard machten ihm kein Vergnügen; seine Lieblingserholung
war die Jagd, und die gefährlichste war ihm die liebste. Er machte oft
Sätze, daß seine kühnsten Begleiter nicht Lust hatten, ihm zu folgen.
Selbst die verwegensten Sportvergnügungen Englands scheint er für
weibisch gehalten zu haben, und im großen Parke von Windsor sehnte er
sich nach dem Wilde, das er in den Forsten von Geldern zu jagen gewohnt
war, nach Wölfen, Ebern und riesigen Sechzehnendern.[3]

    [Anmerkung 2: Nach dem Frieden von Ryswick drangen die Freunde
    Wilhelm’s in ihn, mit dem französischen Gesandten ganz ernstlich
    über die Mordanschläge zu sprechen, welche die Jakobiten von St.
    Germain beständig schmiedeten. Die kaltblütige Hochherzigkeit,
    mit der er diese Warnungen vor Gefahr aufnahm, ist besonders
    characteristisch. Dem Grafen Bentinck, der von Paris sehr
    beunruhigende Nachrichten gemeldet hatte, antwortete er nur am
    Schlusse eines langen Geschäftsbriefes: +„Pour les assasins je ne
    luy en ay pas voulu parler, croiant que c’etoit au desous de
    moy.+“ -- 2.(12.) Mai 1698. Ich habe die Orthographie des
    Originals, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann,
    beibehalten.]

    [Anmerkung 3: Von Windsor schrieb er an Bentinck, damals Gesandten
    in Paris: +„J’ay pris avant hier un cerf dans la forest avec les
    chains du Pr. de Denm. et ay fait un assez jolie chasse, autant,
    que ce vilain paiis le permest.“+ -- 20. März (1. April) 1698. Die
    Orthographie ist schlecht, aber nicht schlechter als die
    Napoleon’s. In besserer Stimmung schrieb Wilhelm von Loo aus:
    +„Nous avons pris deux cerfs, le premier dans Dorewaert, qui est
    un des plus gros que je sache avoir jamais pris. Il porte seize.“+
    -- 25. Oct. (4. Nov.) 1697.]


[_Sein Vergnügen an Gefahren; seine schlechte Gesundheit._] Seine
Tollkühnheit war um so merkwürdiger, da er von ungemein zarter
Körperconstitution war. Er war von früher Jugend an schwächlich und
kränklich gewesen, und im ersten Mannesalter waren seine Leiden durch
einen heftigen Pockenanfall noch verschlimmert worden. Er war engbrüstig
und schwindsüchtig. Sein schwächlicher Körper wurde durch einen
beständigen heiseren Husten erschüttert. Er konnte nicht schlafen, wenn
sein Kopf nicht durch mehrere Kissen unterstützt wurde, und nur in der
reinsten Luft konnte er ohne Beschwerden athmen. Dabei quälten ihn oft
heftige Kopfschmerzen. Körperliche Anstrengungen ermüdeten ihn sehr
bald. Die Ärzte pflegten die Hoffnung seiner Feinde dadurch aufrecht zu
erhalten, daß sie einen Termin festsetzten, über den hinaus, wenn sich
überhaupt irgend etwas in der Wissenschaft mit Sicherheit bestimmen
lasse, sein zerrütteter Organismus unmöglich ausdauern könnte. Dennoch
verließ seinen Geist während seines ganzen Lebens, das nur eine lange
Krankheit war, bei keiner wichtigen Gelegenheit die nöthige Kraft, um
seinen leidenden und siechen Körper aufrecht zu erhalten.


[_Kälte seines Benehmens und Heftigkeit seiner Gemüthsregungen._] Er war
mit heftigen Leidenschaften und mit leichter Reizbarkeit geboren; aber
die Welt hatte keine Ahnung von der Stärke seiner Gemüthsaffecte. Vor
den Blicken der Menge verbarg er seine Freude und seinen Kummer, seine
Zuneigung und seinen Groll unter einer phlegmatischen Ruhe, die ihm den
Ruf des kaltblütigsten und gleichgültigsten Menschen verschaffte. Wer
ihm eine gute Nachricht brachte, konnte selten ein Zeichen von Freude
entdecken; wer ihn nach einer Niederlage sah, spähte umsonst nach einer
Spur von Unmuth. Er lobte und tadelte, belohnte und bestrafte mit der
kalten Gelassenheit eines Mohawkhäuptlings; aber wer ihn genauer kannte
und ihn näher betrachtete, der bemerkte wohl, daß unter dieser Eisrinde
beständig ein ungestümes Feuer brannte. Nur selten raubte der Zorn ihm
seine Selbstbeherrschung; wenn er aber einmal in Wuth gerieth, so war
der erste Ausbruch seiner Leidenschaft furchtbar. Es war dann in der
That nicht rathsam, ihm zu nahe zu kommen. In diesen seltenen Fällen
jedoch gab er, sobald er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt hatte,
Denen, die er beleidigt, so vollständige Genugthuung, daß sie sich fast
zu dem Wunsche versucht fühlten, er möchte aufs neue in Wuth gerathen.
Seine Liebe war nicht minder stürmisch als sein Zorn. Wo er einmal
liebte, da liebte er mit der ganzen Kraft seiner starken Seele. Wenn der
Tod ihn von einem geliebten Wesen trennte, fürchteten die wenigen Zeugen
seiner Schmerzensausbrüche für seinen Verstand und für sein Leben. Einem
sehr kleinen Kreise intimer Freunde gegenüber, auf deren Treue und
Verschwiegenheit er sich unbedingt verlassen konnte, war er ein ganz
andrer Mensch als der verschlossene und stoische Wilhelm, dem die Menge
jedes menschliche Gefühl absprach. In ihrer Gesellschaft war er
freundlich, gemüthlich, offenherzig, selbst gesellig und witzig, konnte
Stunden lang bei Tische sitzen und vollen Antheil an einer heiteren
Unterhaltung nehmen.


[_Seine Freundschaft für Bentinck._] Am höchsten in seiner Gunst stand
ein Kavalier seines Hofstaates, Namens Bentinck, der aus einem edlen
batavischen Geschlecht stammte und der Gründer eines der großen
patrizischen Häuser Englands werden sollte. Bentinck’s Treue hatte sich
in nicht gewöhnlicher Weise erprobt. Zu der Zeit, als die Vereinigten
Provinzen gegen die Macht Frankreichs um ihre Existenz kämpften, wurde
der junge Prinz, auf dem alle ihr Hoffnungen ruhten, von den Pocken
befallen. Diese Krankheit hatte bei mehreren Mitgliedern seiner Familie
einen tödtlichen Ausgang genommen und zeigte auch bei ihm anfangs einen
sehr bösartigen Character. Die Bestürzung des Volks war groß. Von früh
bis Abends waren die Straßen im Haag mit Leuten angefüllt, die sich
ängstlich nach dem Befinden Seiner Hoheit erkundigten. Endlich nahm das
Übel eine günstige Wendung. Seine Genesung wurde zum Theil seinem eignen
Gleichmuth, zum Theil der unerschrockenen und unermüdlichen Freundschaft
Bentinck’s zugeschrieben. Nur aus seinen Händen nahm Wilhelm Speisen und
Arzneien an; er allein hob ihn aus dem Bette und legte ihn wieder
hinein. „Ich weiß nicht, ob Bentinck während meiner Krankheit geschlafen
hat oder nicht,“ sagte Wilhelm mit inniger Rührung zu Temple; „soviel
aber weiß ich, daß ich in den sechzehn Tagen und Nächten nicht ein
einziges Mal etwas verlangte, ohne daß Bentinck augenblicklich an meiner
Seite gewesen wäre.“ Bevor der treue Diener seine Aufgabe ganz vollendet
hatte, wurde er selbst angesteckt. Trotzdem überwand er noch immer
Müdigkeit und Fieberschauer, bis sein Gebieter als Reconvalescent
erklärt wurde. Jetzt endlich bat er um Erlaubniß, nach Hause gehen zu
dürfen. Es war die höchste Zeit, denn seine Füße wollten ihn nicht mehr
tragen. Er kam in die größte Gefahr, genas aber und eilte, sobald er das
Bett verlassen konnte, zur Armee, wo er in vielen heißen Feldzügen immer
dicht an Wilhelm’s Seite gefunden ward, wie er es in einer Gefahr andrer
Art gewesen.

Dies war der Ursprung einer so innigen und reinen Freundschaft wie
irgend eine, von der uns die alte oder neue Geschichte erzählt. Die
Nachkommen Bentinck’s bewahren noch heute viele Briefe auf, die Wilhelm
an ihren Ahnherrn geschrieben, und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man
behauptet, daß wer diese Briefe nicht gelesen hat, sich keinen richtigen
Begriff von dem Character des Prinzen bilden kann. Der Mann, den selbst
seine Verehrer in der Regel für den zurückhaltendsten und frostigsten
Menschen hielten, vergißt hier jeden Rangunterschied und schüttet alle
seine Gedanken mit der Offenherzigkeit eines Schulknaben aus. Ohne
Rückhalt theilt er Geheimnisse von der höchsten Wichtigkeit mit und legt
mit der größten Einfachheit umfassende Pläne vor, welche alle
Regierungen Europa’s berührten. Mit seinen Mittheilungen über solche
Dinge verbindet er Mittheilungen von ganz andrer, aber vielleicht nicht
weniger interessanter Art. Alle seine Abenteuer, alle seine persönlichen
Ansichten, seine langen Jagdritte nach gewaltigen Hirschen, seine Gelage
am St. Hubertustage, das Gedeihen seiner Anpflanzungen, das Mißrathen
seiner Melonen, der Zustand seines Gestüts, der Wunsch, einen frommen
Zelter für seine Gemahlin zu erlangen, sein Verdruß, als er erfährt, daß
einer seiner Kavaliere, nachdem er ein Mädchen aus guter Familie
unglücklich gemacht, sich weigert, sie zu heirathen, seine Anfälle von
Seekrankheit, sein Husten, seine Kopfschmerzen, seine andächtigen
Stimmungen, seine Dankbarkeit für den göttlichen Schutz nach Errettung
aus einer großen Gefahr, seine Anstrengungen, sich nach einem
Unglücksfalle dem göttlichen Willen zu unterwerfen, dies Alles ist darin
mit einer liebenswürdigen Redseligkeit geschildert, die man von dem
verschwiegensten und ernstesten Staatsmanne jener Zeit kaum erwarten
sollte. Noch auffallender sind die sorglosen Ergüsse seiner Zärtlichkeit
und die brüderliche Theilnahme, die er an seines Freundes häuslichem
Glücke nimmt. Als Bentinck ein Erbe geboren wurde, sagte Wilhelm: „Ich
hoffe, er wird ein so braver Mann werden als Sie einer sind, und sollte
ich einen Sohn bekommen, so werden unsere Kinder einander hoffentlich
ebenso lieben, wie wir uns geliebt haben.“[4] Während seines ganzen
Lebens blickte er mit väterlicher Liebe auf die kleinen Bentincks. Er
ruft sie bei den zärtlichsten Diminutiven, er sorgt für sie in ihres
Vaters Abwesenheit, und so schwer es ihm wird, ihnen ein Vergnügen zu
versagen, so will er sie doch nicht an einer Jagdpartie teilnehmen
lassen, wo ihnen die Gefahr droht, von einem Hirsche gestoßen zu werden,
noch ihnen erlauben, bei einem Abendschmause bis spät in die Nacht
hinein zu verweilen.[5] Als ihre Mutter während der Abwesenheit ihres
Gatten krank wird, findet Wilhelm inmitten der wichtigsten und
dringendsten Staatsgeschäfte noch soviel Zeit, um an einem Tage mehrere
expresse Boten mit kurzen Briefen abzuschicken, in denen er von ihrem
Zustande Nachricht giebt.[6] Einmal als sie nach einem heftigen Anfall
außer Gefahr erklärt wird, ergießt sich der Prinz in die wärmsten
Dankesbezeigungen gegen Gott. „Ich schreibe,“ sagt er, „mit Thränen der
Freude in den Augen.“[7] Es liegt ein eigner Reiz in diesen Briefen von
der Hand eines Mannes, dessen Alles überwältigende Energie und
unbeugsame Festigkeit selbst seinen Feinden Achtung abnöthigte, dessen
kaltes und unfreundliches Benehmen in den meisten seiner Anhänger keine
innigere Zuneigung aufkommen ließ und dessen Geist beständig mit
gigantischen Plänen beschäftigt war, welche die Gestalt der Welt
veränderten.

Seine Güte ward keinem Unwürdigen zu Theil. Temple hatte frühzeitig
Bentinck für den besten und treuesten Diener erklärt, den je ein Fürst
zu besitzen das Glück hatte, und er verdiente diesen ehrenvollen Titel
sein ganzes Leben hindurch. Die beiden Freunde waren in der That wie für
einander geschaffen. Wilhelm bedurfte weder eines Führers noch eines
Schmeichlers. Da er ein festes und wohlbegründetes Vertrauen in sein
eignes Urtheil setzte, so war er kein Freund von Rathgebern, die ihn mit
Vorschlägen und Einwendungen überhäuften. Zu gleicher Zeit besaß er eine
zu scharfe Unterscheidungsgabe und einen zu edlen Sinn, als daß er an
Schmeicheleien hätte Vergnügen finden können. Der Vertraute eines
solchen Fürsten mußte ein Mann sein nicht von erfinderischem Genie oder
von gebieterischem Character, aber bieder und treu, im Stande, jeden
Befehl pünktlich zu vollziehen, Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren,
Ereignisse umsichtig zu beobachten und treulich zu berichten. Und ein
solcher Mann war Bentinck.

    [Anmerkung 4: 3. März 1679.]

    [Anmerkung 5: +„Voilà en peu de mot le détail de nostre St.
    Hubert. Et j’ay en soin que M. Woodstoc+ (Bentinck’s ältester
    Sohn) +n’a point esté à la chasse, bien moin au soupé, quoyqu’il
    fut icy. Vous pouvez pourtant croire que de n’avoir pas chassé l’a
    un peu mortifié, mais je ne l’ay pas ausé prendre sur moy, puisque
    vous m’aviez dit que vous ne le souhaitiez pas.“+ -- Von Loo, 4.
    Nov. 1697.]

    [Anmerkung 6: Am 15. Juni 1688.]

    [Anmerkung 7: 6. Sept. 1679.]


[_Marie, Prinzessin von Oranien._] Wilhelm war in der Ehe nicht weniger
glücklich als in der Freundschaft. Anfangs hatte jedoch seine Ehe kein
besonderes häusliches Glück versprochen. Seine Wahl war hauptsächlich
durch politische Rücksichten bestimmt worden, und es sah nicht
wahrscheinlich aus, daß zwischen einem hübschen sechzehnjährigen
Mädchen, die zwar ein sanftes Gemüth und natürlichen Verstand besaß, im
übrigen aber unwissend und einfach war, und einem Bräutigam, der, obwohl
noch nicht ganz achtundzwanzig Jahr alt, doch seinem körperlichen
Zustande nach älter war als ihr Vater, der ein kaltes, abstoßendes
Benehmen hatte und dessen Kopf beständig mit Staatsgeschäften und
Sportvergnügungen angefüllt war, eine innige Zuneigung würde entstehen
können. Eine Zeit lang vernachlässigte Wilhelm seine Gemahlin, indem er
durch andere Frauen von ihr abgezogen wurde, besonders durch eine ihrer
Hofdamen, Namens Elisabeth Villiers, welche Talente besaß, die sie wohl
geeignet machten, seine Sorgen zu theilen, obgleich sie aller
persönlichen Reize entbehrte und sogar durch ein häßliches Schielen
entstellt war.[8] Er schämte sich zwar seiner Fehler und bemühte sich
nach Kräften, sie zu verbergen, aber trotz aller Vorsicht wußte Marie
wohl, daß er ihr nicht ganz treu war. Spione und Ohrenbläser thaten auf
Anregen ihres Vaters ihr Möglichstes, um ihren Zorn zu entflammen. Ein
Mann von ganz andrem Character, der vortreffliche Ken, der mehrere
Monate lang im Haag ihr Kaplan war, wurde so aufgebracht durch die ihr
widerfahrenden Kränkungen, daß er mit mehr Eifer als Besonnenheit
drohte, ihren Gemahl ernstlich zur Rede zu setzen.[9] Sie selbst ertrug
jedoch alles Unrecht mit einer Sanftmuth und Geduld, welche ihr nach und
nach Wilhelm’s Achtung und Dankbarkeit erwarben. Indessen war auch noch
eine andre Ursache der Entfremdung vorhanden. Es kam ohne Zweifel eine
Zeit, wo die Prinzessin, welche nur zu Stickereiarbeiten, zum
Spinetspiel und zum Lesen der Bibel und der „Pflichten des Menschen“
erzogen war, das Oberhaupt einer großen Monarchie wurde und das
Gleichgewicht Europa’s in ihrer Hand ruhte, während ihr ehrgeiziger,
geschäftskundiger und beständig auf große Unternehmungen sinnender
Gemahl bei der britischen Regierung keine vorausbestimmte Stelle für
sich fand und nur durch ihre Güte und so lange es ihr gefiel Macht
ausüben konnte. Es kann nicht befremden, daß ein Mann, der die Gewalt so
liebte wie Wilhelm, und der sich seines Herrschergenies so bewußt war,
in hohem Maße die Eifersucht empfand, die während eines Königthums von
wenigen Stunden zwischen Guildford Dudley und Lady Johanna Zwietracht
hervorrief und einen noch viel tragischeren Bruch zwischen Darnley und
der Königin von Schottland herbeiführte. Die Prinzessin von Oranien
hatte nicht die leiseste Ahnung von den Gefühlen ihres Gemahls. Ihr
Lehrer, der Bischof Compton, hatte sie in der Religion sorgfältig
unterrichtet und ihr Gemüth namentlich gegen die Künste der
römisch-katholischen Theologen gestählt, sie aber in völliger Unkenntniß
der englischen Verfassung und ihrer eignen Stellung gelassen. Sie wußte,
daß ihr eheliches Gelübde sie zum Gehorsam gegen ihren Gemahl
verpflichtete und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß dieses
gegenseitige Verhältniß einmal umgekehrt werden könnte. Sie war bereits
neun Jahre vermählt, ehe sie die Ursache von Wilhelm’s Verstimmung
entdeckte, und von ihm selbst würde sie dieselbe auch nie erfahren
haben. In Folge seiner ganzen Gemüthsart brütete er eher über die ihn
niederdrückenden Sorgen, als daß er denselben einen Ausdruck gab, und in
diesem speciellen Falle wurde sein Mund durch ein ganz natürliches
Zartgefühl versiegelt. Endlich aber kam durch die Vermittelung Gilbert
Burnet’s eine vollkommene Verständigung und Aussöhnung zu Stande.

    [Anmerkung 8: Siehe Swift’s Bericht über sie im +Journal to
    Stella+.]

    [Anmerkung 9: Heinrich Sidney’s Tagebuch vom 31. März 1680 in Mr.
    Blencowe’s interessanter Sammlung.]


[_Gilbert Burnet._] Burnet’s Ruf ist mit auffallender Böswilligkeit und
Hartnäckigkeit angegriffen worden. Der Angriff begann schon frühzeitig
in seinem Leben und wird noch jetzt mit unverminderter Heftigkeit
fortgesetzt, obgleich er bereits über ein und ein Viertel Jahrhundert im
Grabe liegt. Allerdings ist er auch für den Parteihaß und den
muthwilligen Spott eine Zielscheibe, wie sie sich keine bessere wünschen
können, denn die Mängel seines Verstandes und seines Characters liegen
klar am Tage und können Niemandem entgehen. Es waren jedoch nicht die
Fehler, welche man als seinen Landsleuten eigen zu betrachten pflegt. Er
allein unter den vielen Schotten, die sich in England zu Auszeichnung
und Wohlstand emporgeschwungen haben, hatte den Charakter, welchen
Satiriker, Romanschreiber und Schauspieldichter allgemein den irischen
Abenteurern zuschreiben. Seine physische Lebendigkeit, seine
Ruhmredigkeit, seine unverhohlene Eitelkeit, seine Faseleien, seine
herausfordernde Indiscretion und seine kecke Dreistigkeit boten den
Tories unerschöpflichen Stoff zu Spötteleien. Auch unterließen seine
Feinde nicht, ihm nebenbei über seine breiten Schultern, seine dicken
Waden und sein Glück in Heirathsspekulationen auf verliebte reiche
Wittwen mehr witzige als artige Complimente zu machen. Obwohl jedoch
Burnet in vieler Beziehung dem Spott und selbst dem Tadel Blößen darbot,
so verdiente er doch keineswegs eine solche Geringschätzung. Er besaß
einen regen Geist, einen unermüdlichen Fleiß und eine vielseitige,
ausgedehnte Belesenheit. Er war zu gleicher Zeit Geschichtsschreiber,
Alterthumsforscher, Theolog, Prediger, Tagesschriftsteller, Polemiker
und thätiger politischer Parteiführer, und in allen diesen
Eigenschaften zeichnete er sich unter vielen geschickten Mitbewerbern
vortheilhaft aus. Die vielen geistreichen Abhandlungen, die er über
Tagesbegebenheiten schrieb, sind jetzt nur noch Forschern bekannt; aber
seine +History of his own Times+, seine +History of the Reformation+,
seine +Exposition of the Articles+, sein +Discourse of Pastoral Care+,
sein +Life of Hale+ und sein +Life of Wilmot+ werden noch immer neu
aufgelegt und fehlen in keiner guten Privatbibliothek. Gegen eine solche
Thatsache vermögen alle Anstrengungen der Verleumder nichts. Ein
Schriftsteller, dessen umfangreiche Werke in verschiedenen Zweigen der
Literatur noch hundertdreißig Jahre nach seinem Tode zahlreiche Leser
finden, kann große Fehler gehabt haben, muß aber auch große Vorzüge
gehabt haben, und diese hatte Burnet: einen fruchtbaren und regen Geist
und einen Styl, der allerdings von tadelloser Reinheit weit entfernt,
doch stets klar, oft lebendig ist und sich zuweilen selbst zu
feierlicher und glühender Beredtsamkeit erhebt. Auf der Kanzel wurde die
Wirkung seiner ohne irgend welche schriftliche Notizen gehaltenen
Predigten noch erhöht durch eine edle Gestalt und einen imponirenden
Vortrag. Er wurde oft durch das Beifallsgemurmel seiner Zuhörer
unterbrochen, und wenn die Sanduhr, die sich damals auf jeder Kanzel
befand, abgelaufen war und er dieselbe emporhielt, forderte ihn die
Gemeinde durch lauten Zuruf auf fortzufahren, bis der Sand noch einmal
abgelaufen wäre.[10] Die großen Mängel seines sittlichen Characters und
seines Geistes wurden durch große Vorzüge mehr als ausgeglichen.
Obgleich durch Vorurtheil und Leidenschaft oft auf Irrwege geführt, war
er doch im strengsten Sinne des Worts ein Ehrenmann. Konnte er auch den
Versuchungen der Eitelkeit nicht immer widerstehen, so stand sein
Character doch hoch über den Einflüssen der Habsucht und der Furcht. Er
war von Gemüth leutselig, hochherzig, dankbar und nachsichtig.[11] Sein
Glaubenseifer, obwohl stetig und glühend, wurde im Allgemeinen durch
Humanität und durch Achtung der Gewissensfreiheit in Schranken gehalten.
Trotz seiner unerschütterlichen Anhänglichkeit an das was er als den
Geist des Christenthums betrachtete, war er doch gleichgültig gegen
Gebräuche, Namen und Formen der kirchlichen Verfassung und war selbst
gegen Ungläubige und Ketzer, deren Lebenswandel tadellos war und deren
Irrthümer mehr die Wirkung falscher Begriffe als eines verderbten
Characters zu sein schienen, durchaus nicht zur Strenge geneigt. Aber
gleich vielen anderen braven Männern jener Zeit betrachtete er die Sache
der römischen Kirche als eine Ausnahme von allen gewöhnlichen Regeln.

Burnet genoß schon seit mehreren Jahren eines europäischen Rufes. Seine
Geschichte der Reformation war von allen Protestanten mit lautem Beifall
aufgenommen und von den römischen Katholiken als ein gewaltiger Schlag
gefühlt worden. Der größte Gelehrte, den die römische Kirche seit dem
Schisma des sechzehnten Jahrhunderts hervorgebracht, Bossuet, Bischof
von Meaux, war mit der Bearbeitung einer ausführlichen Erwiederung
beschäftigt. Burnet war von einem der glaubenseifrigen Parlamente,
welche während der durch das papistische Complot verursachten Aufregung
tagten, mit einem Dankvotum beehrt und im Namen der Gemeinen von England
ersucht worden, seine geschichtlichen Forschungen fortzusetzen. Er war
von Karl sowohl als von Jakob in deren engere Unterhaltungszirkel
gezogen worden, hatte mit mehreren ausgezeichneten Staatsmännern,
besonders mit Halifax auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war der
Gewissensrath einiger sehr hochstehenden Personen gewesen. Er hatte
ferner einen der glänzendsten Wüstlinge jener Zeit, Johann Wilmot, Earl
von Rochester, von Atheismus und Ausschweifung zurückgebracht. Lord
Stafford, das Opfer des Oates, war, obgleich Katholik, in seinen letzten
Stunden durch Burnet’s geistlichen Zuspruch über diejenigen Punkte, in
denen alle Christen übereinstimmen, erbaut worden. Wenige Jahre später
begleitete Burnet einen noch erlauchteren Dulder, Lord Russell, vom
Tower auf das Schaffot in Lincoln’s Inn Fields. Der Hof hatte nichts
unversucht gelassen, um einen so thätigen und tüchtigen Theologen zu
gewinnen. Weder königliche Schmeicheleien, noch die Verheißung
einträglicher Stellen waren gespart worden. Aber Burnet war, obwohl in
früher Jugend von den servilen Lehren angesteckt, denen der damalige
Klerus durchgehends anhing, aus Überzeugung Whig geworden und er blieb
seinen Grundsätzen durch alle Wechselfälle des Lebens treu. Er hatte
jedoch keinen Antheil an der Verschwörung genommen, welche soviel
Schmach und Unheil über die Whigpartei brachte und verabscheuete nicht
nur die Mordpläne Goodenough’s und Ferguson’s, sondern war auch der
Meinung, daß selbst sein geliebter und verehrter Freund Russell gegen
die Regierung weiter gegangen sei, als es sich rechtfertigen ließ.
Endlich kam eine Zeit, wo die Unschuld kein hinreichender Schutz war.
Burnet wurde, obgleich er sich keiner Übertretung des Gesetzes schuldig
gemacht, von der Rache des Hofes verfolgt. Er begab sich auf den
Continent und nachdem er etwa ein Jahr auf jene Wanderungen durch die
Schweiz, durch Italien und Deutschland verwendet, von denen er uns eine
anziehende Beschreibung hinterlassen hat, ging er im Sommer 1686 nach
dem Haag, wo er mit Freundlichkeit und Achtung aufgenommen wurde. Er
unterhielt sich sehr freisinnig mit der Prinzessin über Politik und
Religion und wurde bald ihr geistlicher Beistand und vertrauter
Rathgeber. Wilhelm erwies sich als ein viel freundlicherer Wirth, als es
zu erwarten gewesen wäre. Denn von allen Fehlern waren ihm
Zudringlichkeit und Indiscretion am meisten verhaßt und Burnet war, wie
selbst seine Freunde und Verehrer zugestanden, der zudringlichste und
indiscreteste Mensch, den es geben konnte. Aber der scharfsichtige Prinz
bemerkte sehr wohl, daß dieser vorlaute und schwatzhafte Theolog, der
beständig Geheimnisse ausplauderte, naseweise Fragen stellte und
unerbetenen Rath aufdrängte, bei alledem ein freimüthiger, furchtloser
und kluger Mann war, der die Gesinnungen und Absichten der britischen
Secten und Factionen genau kannte. Auch war der Ruf von Burnet’s
Beredsamkeit und Gelehrsamkeit weit verbreitet. Wilhelm selbst war kein
Freund vom Lesen, aber er stand jetzt seit vielen Jahren an der Spitze
der holländischen Regierung zu einer Zeit, wo die holländische Presse
eines der gewaltigsten Werkzeuge war, durch welche die öffentliche
Meinung in Europa bearbeitet wurde, und obgleich er an literarischen
Genüssen kein Vergnügen fand, war er doch viel zu klug und
scharfsichtig, als daß er den Werth des literarischen Beistandes nicht
hätte erkennen sollen. Er wußte sehr wohl, daß eine populäre Flugschrift
zuweilen ebenso gute Dienste leistet als ein Sieg auf dem Schlachtfelde.
Auch sah er ein, wie wichtig es sei, daß er immer einen Mann um sich
hatte, der mit der bürgerlichen und kirchlichen Verfassung unsrer Insel
vertraut war, und Burnet eignete sich vortrefflich dazu, als lebende
Encyclopädie über britische Angelegenheiten benutzt zu werden, denn
seine Kenntnisse waren, wenn auch nicht immer ganz zuverlässig, doch von
erstaunlicher Vielseitigkeit und es gab in England wie in Schottland
wenige ausgezeichnete Männer irgend einer politischen oder religiösen
Partei, mit denen er nicht verkehrt hätte. Es wurde ihm daher die
nämliche Gunst und das nämliche Vertrauen gewährt wie nur irgend Einem
außer denen, welche den kleinen intimsten Kreis von Privatfreunden des
Prinzen bildeten. Nahm sich der Doctor Freiheiten heraus, was nicht
selten der Fall war, so wurde sein Gönner noch kälter und mürrischer als
gewöhnlich gegen ihn und äußerte zuweilen eine kurze, beißende
Bemerkung, die einem Menschen von gewöhnlicher Dreistigkeit für immer
den Mund geschlossen haben würde. Trotz solcher Vorfälle aber dauerte
die Freundschaft dieses sonderbaren Paares mit wenigen kurzen
Unterbrechungen so lange, bis sie durch den Tod aufgelöst wurde. Es war
in der That nicht leicht, Burnet zu kränken. Seine Selbstgefälligkeit,
seine heitere Sorglosigkeit und seine Taktlosigkeit waren so groß, daß
er wohl oft Anstoß gab, aber nie Anstoß nahm.

    [Anmerkung 10: Sprecher Onslow’s Note zu Burnet I. 596; +Johnson’s
    Life of Sprat+.]

    [Anmerkung 11: Niemand hat Burnet häufiger und bitterer
    widersprochen als Dartmouth. Und doch schrieb auch Dartmouth: „Ich
    glaube nicht, daß er jemals vorsätzlich etwas veröffentlichte, was
    er für falsch hielt.“ Zu einer späteren Zeit nahm er, durch einige
    Bemerkungen über sich im zweiten Bande der Geschichte des Bischofs
    gereizt, dieses Lob zurück; aber auf einen solchen Widerruf darf
    man kein großes Gewicht legen. Selbst Swift war so gerecht zu
    sagen: „Im Ganzen war er ein hochherziger und braver Mann.“ +Short
    Remarks on Bishop Burnet’s History+.

    Burnet wird gewöhnlich als ein auffallend ungenauer
    Geschichtsschreiber getadelt; aber ich halte diesen Vorwurf für
    ungerecht. Er scheint nur deshalb ungenau zu sein, weil seine
    Darstellung einer besonders strengen und unfreundlichen Kritik
    unterzogen worden ist. Wenn ein Whig sich die Mühe nehmen wollte
    +Reresby’s Memoirs, North’s Examen, Mulgrave’s Account of the
    Revolution+ oder +Clarke’s Life of James the Second+ einer
    ähnlichen Prüfung zu unterwerfen, so würde es sich bald zeigen,
    daß Burnet keineswegs der ungenaueste Geschichtsschreiber seiner
    Zeit war.]


[_Er vermittelt eine innigere Annäherung zwischen dem Prinzen und der
Prinzessin._] Alle Eigenthümlichkeiten seines Characters machten ihn
ganz dazu geeignet, der Friedensstifter zwischen Wilhelm und Marien zu
werden. Wenn Personen, die einander achten und lieben sollten, durch
eine Ursache von einander fern gehalten werden, welche drei freimüthig
gesprochene Worte beseitigen könnten, so ist es ein Glück für sie, wenn
sie einen indiscreten Freund haben, der mit der ganzen Wahrheit
herausplatzt. Burnet sagte der Prinzessin ganz offen, welches Gefühl an
dem Herzen ihres Gemahls nagte. Sie erfuhr jetzt zum ersten Male mit
nicht geringem Erstaunen, daß, wenn sie Königin von England würde,
Wilhelm ihren Thron nicht theilen sollte. Sie erklärte mit den innigsten
Worten, daß es keinen Beweis von ehelicher Unterwerfung und Liebe gebe,
zu dem sie nicht jeden Augenblick bereit wäre. Unter vielen
Entschuldigungen und feierlichen Versicherungen, daß kein andrer Mensch
ihm ein Wort in den Mund gelegt habe, sagte ihr Burnet nun, daß das
Heilmittel in ihrer Hand liege. Wenn die Krone ihr zugefallen sei, könne
sie leicht ihr Parlament dazu bewegen, daß es ihrem Gatten nicht nur den
Königstitel gewährte, sondern ihm sogar durch ein Gesetz die Zügel der
Regierung in die Hand gab. „Aber,“ setzte er hinzu, „Ihre königliche
Hoheit müssen wohl überlegen, ehe Sie einen solchen Entschluß
aussprechen, denn es ist ein Entschluß, dessen Zurücknahme weder rathsam
noch leicht sein würde, wenn er einmal angekündigt wäre.“ -- „Ich bedarf
keiner Zeit zur Überlegung,“ antwortete Marie. „Es ist genug, daß ich
eine Gelegenheit habe, um dem Prinzen meine Achtung zu beweisen. Theilen
Sie ihm mit was ich gesagt habe, und bringen Sie ihn zu mir, damit er es
aus meinem eigenen Munde höre.“ Burnet wollte den Prinzen sogleich
herbeiholen, aber er war viele Meilen weit entfernt auf einer
Hirschjagd. Erst am folgenden Tage konnte die entscheidende Unterredung
stattfinden. „Ich habe erst gestern erfahren,“ sagte Marie, „daß
zwischen den Gesetzen Englands und den Gesetzen Gottes ein solcher
Unterschied obwaltet. Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie jederzeit der
Gebieter sein sollen, und ich verlange keinen andren Lohn dafür, als daß
Sie das Gebot, welches den Gatten vorschreibt, ihre Frauen zu lieben,
ebenso befolgen, wie ich das Gebot halte, welches den Frauen
vorschreibt, ihren Gatten zu gehorchen.“ Dieser Beweis von edelmüthiger
Zuneigung gewann ihr Wilhelm’s Herz vollständig. Von diesem Augenblicke
an bis zu dem traurigen Tage, an welchem er ohnmächtig von ihrem
Sterbebett hinweggetragen wurde, herrschte vollkommene Freundschaft und
unbegrenztes Vertrauen zwischen ihnen. Viele von ihren Briefen an ihn
sind noch vorhanden und sie enthalten zahlreiche Beweise, daß es diesem
Manne, der in den Augen der Menge für so unliebenswürdig galt, gelungen
war, einer schönen und tugendhaften Frau, welche in Hinsicht der Geburt
über ihm stand, eine bis zur abgöttischen Verehrung gehende Liebe
einzuflößen.

Der Dienst, den Burnet seinem Vaterlande erzeigt, war von hoher
Bedeutung. Es war eine Zeit gekommen, wo es für das Wohl des Staates
sehr wichtig war, daß zwischen dem Prinzen und der Prinzessin
vollkommene Eintracht herrschte.


[_Beziehungen Wilhelm’s zu den englischen Parteien._] Bis nach der
Unterdrückung des Aufstandes im Westen hatten ernste Ursachen des
Zwiespaltes Wilhelm sowohl von den Tories als von den Whigs getrennt. Er
hatte mit großem Mißfallen die Versuche der Whigs beobachtet, der
ausübenden Gewalt einige Befugnisse zu entziehen, die er zur
Aufrechthaltung ihrer Wirksamkeit und ihrer Würde für nöthig hielt. Mit
noch größerem Mißfallen hatte er die Unterstützung gesehen, welche ein
großer Theil dieser Partei den Anmaßungen Monmouth’s angedeihen ließ. Es
schien als ob die Opposition zuerst die Krone Englands des Tragens nicht
mehr werth machen und sie dann einem Bastard und Betrüger aufs Haupt
setzen wollte. Zu gleicher Zeit war das religiöse System des Prinzen
weit verschieden von dem, welchem die Torypartei huldigte. Sie waren
Arminianer und Prälatisten. Sie sahen mit Verachtung auf die
protestantischen Kirchen des Continents herab und hielten jede Zeile
ihrer eignen Liturgie und Rubrica für kaum weniger geheiligt als die
Evangelien. Seine Ansichten über die metaphysischen Seiten der Theologie
waren calvinistisch. Seine Ansichten bezüglich der Kirchenverfassungen
und der gottesdienstlichen Formen waren latitudinarisch. Er gab zu, daß
das Episcopat eine gesetzliche und zweckmäßige Form des Kirchenregiments
sei; aber er sprach mit Bitterkeit und Hohn von der Bigotterie Derer,
welche die bischöfliche Ordination für ein wesentliches Erforderniß
einer christlichen Gesellschaft hielten. Gegen die durch die Liturgie
vorgeschriebenen Gewänder und Gesten hatte er keine Bedenken, aber er
gestand, daß ihm die Gebräuche der anglikanischen Kirche lieber sein
würden, wenn sie ihn weniger an die Gebräuche der römischen Kirche
erinnerten. Man hatte ihn ein ominöses Gemurmel von sich geben hören,
als er in der Privatkapelle seiner Gemahlin zum ersten Male einen Altar
nach anglikanischer Weise geschmückt sah, und es schien ihm nicht
sonderlich zu gefallen, als er Hooker’s +Ecclesiastical Policy+ in ihrer
Hand sah.[12]

    [Anmerkung 12: +Dr.+ Hooper’s handschriftliche Erzählung im
    Anhange zu Lord Dungannon’s +Life of William+.]


[_Seine Gesinnungen gegen England._] Er verfolgte daher lange den Streit
zwischen den englischen Parteien mit Aufmerksamkeit, aber ohne eine
starke Vorliebe für die eine oder die andre Partei zu hegen. Er wurde
auch bis ans Ende seines Lebens in der That niemals weder ein Whig, noch
ein Tory. Es fehlte ihm das was die gemeinsame Grundlage beider
Charactere ist, denn er wurde nie ein Engländer. Er rettete zwar
England, liebte es aber nie und erlangte ebensowenig die Liebe der
Engländer. Für ihn war es nur ein Verbannungsort, den er mit Widerwillen
besuchte und mit Freuden verließ. Selbst als er dem Lande die Dienste
leistete, deren günstige Wirkungen wir bis auf den heutigen Tag fühlen,
war sein Hauptzweck nicht die Wohlfahrt desselben.


[_Seine Gesinnungen gegen Holland und Frankreich._] All’ sein
patriotisches Gefühl gehörte Holland. Hier befand sich das prächtige
Grabmal, in welchem der große Staatsmann ruhte, dessen Blut, dessen
Namen, dessen Character und dessen Genie er geerbt hatte. Hier war der
bloße Klang seines Namens schon ein Zauberspruch, welcher durch drei
Generationen die liebevolle Begeisterung der Landleute und Handwerker
erweckt hatte. Die holländische Sprache war die Sprache seiner
Kinderstube; unter dem holländischen Adel hatte er seine ersten Freunde
gewählt; die Vergnügungen, die Bauart und die Gegenden seines
Heimathlandes wurzelten tief in seinem Herzen. Zu ihm wendete er sich
immer wieder mit unveränderter Zärtlichkeit von einem stolzeren und
schöneren Nebenbuhler ab. In den Sälen von Whitehall sehnte er sich nach
dem traulichen Hause im Busche im Haag und er fühlte sich nie
glücklicher, als wenn er die Pracht von Windsor mit der bescheidenen
Einfachheit von Loo vertauschen konnte. Während seiner glänzenden
Verbannung fand er einigen Trost darin, daß er durch Bauen, Pflanzen und
Graben um sich her einen Schauplatz schaffen konnte, der ihn an die
regelmäßigen Gebäude von rothem Backstein, an die langen Kanäle und an
die symmetrischen Blumenbeete erinnerte, unter denen er seine Jugend
verlebt hatte. Doch selbst die Liebe zu seinem Vaterlande war einem
andren Gefühle untergeordnet, welches schon frühzeitig in seiner Seele
die Oberherrschaft gewann, das sich mit allen seinen Leidenschaften
vermischte, das ihn zu großartigen Unternehmungen anspornte, das ihn
aufrecht erhielt, wenn Kränkungen, Schmerzen, Krankheit und Sorgen ihn
zu Boden drücken wollten, das gegen das Ende seiner Laufbahn einmal
kurze Zeit erloschen zu sein schien, aber bald heftiger als je wieder
hervorbrach und ihn noch beseelte, als das Sterbegebet an seinem Lager
gesprochen wurde. Dieses Gefühl war der Haß gegen Frankreich und den
prachtliebenden König, der in mehr als einer Hinsicht Frankreich
repräsentirte und der mit seinen specifisch französischen Tugenden und
Vorzügen jenen unruhigen, gewissenlosen und dünkelhaften Ehrgeiz
verband, der zu wiederholten Malen den Zorn ganz Europa’s über
Frankreich gebracht hat.

Es ist nicht schwer, die Fortschritte des Gefühls zu verfolgen, welches
nach und nach die Alleinherrschaft in Wilhelm’s Seele erlangte. Als er
kaum erst dem Knabenalter entwachsen, war sein Vaterland in
prahlerischem Trotze gegen Recht und Gerechtigkeit überfallen, verwüstet
und allen Excessen der Raubsucht, Ausschweifung und Grausamkeit
preisgegeben worden. Die Holländer hatten sich in ihrer Bedrängniß vor
dem Eroberer gedemüthigt und um Gnade gefleht. Darauf war ihnen der
Bescheid geworden, daß wenn sie Frieden wünschten, sie ihre
Selbstständigkeit aufgeben und alljährlich dem Hause Bourbon huldigen
müßten. Die schwer beleidigte Nation hatte, zur Verzweiflung getrieben,
ihre Deiche durchbrochen und das Meer als Bundesgenossen gegen die
französische Tyrannei zu Hülfe gerufen. Mitten in den Greueln dieses
Kampfes, während die Landleute entsetzt vor den Eroberern flohen,
während Hunderte von schönen Gärten und Lusthäusern in den Fluthen
begraben, während die Berathungen der Generalstaaten durch die
Ohnmachten und das laute Weinen alter Senatoren unterbrochen wurden,
welche den Gedanken nicht ertragen konnten, die Freiheit und den Ruhm
ihres Vaterlandes zu überleben, war Wilhelm an die Spitze der Geschäfte
berufen worden. Eine Zeit lang dünkte ihm jeder Widerstand hoffnungslos.
Er sah sich vergebens nach Hülfe um. Spanien war ausgesogen, Deutschland
zerrissen, England bestochen. Es schien dem jungen Statthalter, als ob
ihm nichts weiter übrig bliebe, als mit dem Schwerte in der Hand zu
fallen, oder der Aeneas einer großen Völkerwanderung zu werden und in
Gegenden, welche außer dem Bereiche der Tyrannei Frankreichs lagen, ein
neues Holland zu gründen. Dann wäre kein Hinderniß mehr vorhanden
gewesen, das die Fortschritte des Hauses Bourbon hätte hemmen können.
Noch wenige Jahre und dieses Haus würde seine Besitzungen durch
Lothringen und Flandern, Castilien und Arragonien, Neapel und Mailand,
Mexico und Peru vergrößert haben. Ludwig hätte sich dann die Kaiserkrone
aufsetzen, einen Prinzen seines Hauses auf den Thron Polens erheben und
der Alleinherrscher in Europa von den scythischen Wüsten bis zum
Atlantischen Ocean, sowie in Amerika von den Gegenden nördlich vom
Wendekreis des Krebses bis zu den Gegenden südlich vom Wendekreis des
Steinbocks werden können. Dies waren die Aussichten, die sich Wilhelm
darboten, als er in das öffentliche Leben eintrat und welche ihn bis zu
seinem letzten Tage unaufhörlich verfolgten. Die französische Monarchie
war für ihn das was die römische Republik für Hannibal, was das
ottomanische Reich für Scanderbeg, was die südliche Herrschaft für
Wallace war. Die Religion gab diesem glühenden und unverlöschlichen
Hasse ihre Weihe. Hunderte von calvinistischen Predigern verkündeten,
daß die nämliche Macht, welche Simson vom Mutterleibe an dazu bestimmt,
die Geißel der Philister zu werden, und welche Gideon von der
Dreschtenne abgerufen, um die Midianiter zu schlagen, Wilhelm von
Oranien zum Vorkämpfer aller freien Nationen und aller reinen Kirchen
erkoren habe, und diese Ansicht war nicht ohne Einfluß auf sein Gemüth
geblieben. Dem Vertrauen, welches dieser heldenmüthige Fatalist in seine
erhabene Bestimmung und in seine heilige Sache setzte, ist zum Theil
seine auffallende Gleichgültigkeit gegen jede Gefahr zuzuschreiben. Er
hatte ein großes Werk zu vollbringen und bis es vollbracht war, konnte
ihm nichts schaden. Daher kam es auch, daß er trotz der Prophezeiungen
der Ärzte von hoffnungslos scheinenden Krankheiten genas, daß Schaaren
von Mördern sich vergebens gegen sein Leben verschworen, daß der offene
Nachen, dem er sich in sternenloser Nacht auf einem tobenden Ocean an
einer verrätherischen Küste anvertraute, ihn wohlbehalten ans Land trug
und daß auf zwanzig Schlachtfeldern die Kanonenkugeln auf allen Seiten
an ihm vorübersausten. Die Begeisterung und Ausdauer, womit er sich
seiner Sendung widmete, haben kaum ein Beispiel in der Geschichte.
Seinem großen Ziele gegenüber achtete er das Leben Anderer ebenso gering
als sein eigenes. Selbst die menschlichsten und edelmüthigen Soldaten
jener Zeit waren zu sehr daran gewöhnt, das Blutvergießen und die
Verheerungen, welche von großen kriegerischen Unternehmungen
unzertrennlich sind, mit kalter Gleichgültigkeit zu betrachten, und
Wilhelm’s Herz war nicht allein durch berufsmäßige Unempfindlichkeit,
sondern auch durch die noch starrere Unempfindlichkeit gestählt, welche
die Wirkung des Pflichtgefühls ist. Drei große Coalitionen, drei lange
und blutige Kriege, in denen ganz Europa von der Weichsel bis zum
westlichen Ocean unter den Waffen stand, sind lediglich seiner
unbezwinglichen Energie zuzuschreiben. Als im Jahre 1678 die
Generalstaaten erschöpft und entmuthigt nach Ruhe verlangten, stimmte er
noch immer dagegen, das Schwert in die Scheide zu stecken, und der
Friede wurde nur geschlossen, weil er seinen wilden und entschlossenen
Geist nicht auch Anderen einhauchen konnte. Noch im letzten Augenblicke
schlug er in der Hoffnung, dadurch die Unterhandlungen abzubrechen, von
denen er wohl wußte, daß sie dem Abschlusse nahe waren, eine der
blutigsten und hartnäckigsten Schlachten jener Zeit. Von dem Tage an, wo
der Friede von Nymwegen unterzeichnet worden war, begann er auf eine
neue Coalition zu sinnen. Sein Streit mit Ludwig, der nun vom
Schlachtfelde in das Kabinet versetzt wurde, ward bald durch eine
Privatfehde noch erbitterter. Die beiden Rivalen waren einander in
Talenten, Character, Manieren und Ansichten gerade entgegengesetzt.
Ludwig, fein und würdevoll, verschwenderisch und ausschweifend, ein
Freund von Prunk und Feind von persönlicher Gefahr, ein freigebiger
Beschützer der Künste und Wissenschaften und ein grausamer Verfolger der
Calvinisten, bildete einen auffallenden Contrast mit Wilhelm, der
einfach in seinen Neigungen, unfreundlich in seinem Benehmen,
unermüdlich und unerschrocken im Kriege, gleichgültig gegen alle
Luxuszweige des Wissens und ein entschiedener Anhänger der genfer
Theologie war. Die beiden Feinde beobachteten nicht lange jene
Artigkeit, welche Männer ihres Ranges, selbst wenn sie einander an der
Spitze von Armeen gegenüberstehen, selten aus den Augen setzen. Wilhelm
gebrauchte zwar die Formalität, daß er Ludwig seine besten Dienste
anbot; aber diese Höflichkeit wurde nach ihrem wahren Werthe gewürdigt
und mit einer trocknen Zurückweisung vergolten. Der große König
verachtete den kleinen Prinzen, der der Diener eines Bundes von
Handelsstädten war und auf jedes Zeichen von Verachtung antwortete der
unerschrockene Statthalter mit einer neuen Herausforderung, Wilhelm
entlehnte seinen Namen, ein Name, den die Ereignisse des
vorhergegangenen Jahrhunderts zu einem der glänzendsten und berühmtesten
von ganz Europa gemacht hatten, von einer Stadt, welche nicht weit von
Avignon an den Ufern der Rhone liegt und die, wie Avignon, obgleich von
allen Seiten von französischem Gebiet umgeben, doch eigentlich nicht der
französischen, sondern der kaiserlichen Krone als Lehen gehörte. Ludwig
besetzte Orange mit der ihm eigenen übermüthigen Verachtung des
Völkerrechts, schleifte die Befestigungswerke und eignete sich die
Einkünfte der Stadt zu. Wilhelm erklärte laut bei Tische in Anwesenheit
vieler Personen, der allerchristlichste König solle diese Beleidigung
schwer bereuen, und als der Graf von Avaux ihn um eine nähere Erklärung
dieser Worte bat, weigerte er sich auf das Bestimmteste, sie zu
widerrufen oder wegzuerklären. Der Streit ging so weit, daß der
französische Gesandte es nicht wagen durfte, sich im Empfangzimmer der
Prinzessin blicken zu lassen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen
wollte, öffentlich beleidigt zu werden.[13]

Wilhelm’s Gesinnungen gegen Frankreich erklären zugleich seine ganze
Politik gegen England. Sein Gemeinsinn war ein europäischer. Der
Hauptgegenstand seiner Sorge war nicht unsre Insel, ja selbst sein
Geburtsland nicht, sondern die große Gemeinschaft der Nationen, der die
Unterjochung durch ein zu mächtiges Mitglied drohte. Wer in dem Irrthume
befangen ist, ihn als einen englischen Staatsmann zu betrachten, muß
nothwendig sein ganzes Leben in einem falschen Lichte erblicken und wird
nicht im Stande sein, irgend einen Grundsatz, sei es ein guter oder ein
schlechter, ein whiggistischer oder ein toryistischer, zu entdecken, auf
den sich seine wichtigsten Thaten zurückführen ließen. Betrachten wir
ihn aber als einen Mann, dessen besondere Aufgabe es war, eine Masse von
schwachen, zerrissenen und entmuthigten Staaten zu einem festen und
starken Bunde gegen den gemeinsamen Feind zu sammeln, betrachten wir ihn
als einen Mann, in dessen Augen England namentlich deshalb wichtig war,
weil ohne dasselbe die von ihm beabsichtigte große Coalition
unvollständig gewesen sein würde, so werden wir zugeben müssen, daß
keine langjährige Laufbahn, von der uns die Geschichte erzählt, von
Anfang bis zu Ende gleichmäßiger war als die dieses großen Fürsten.[14]

    [Anmerkung 13: +Avaux Negotiations+, Aug. 10.(20.), Sept.
    14.(24.), Sept. 28. (Oct. 8.), Dec. 7.(17.) 1682.]

    [Anmerkung 14: Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen,
    Massillon’s unfreundliche, aber scharfsinnige und edle
    Characteristik Wilhelm’s hier anzuführen: +„Un prince profond dans
    ses vues; habile à former des ligues et à reunir les esprits, plus
    heureux à exciter les guerres qu’à combattre; plus encore à
    craindre dans le secret du cabinet, qu’à la tête des armées; un
    ennemi que la haine du nom Français avait rendu capable d’imaginer
    de grandes choses et de les exécuter; un de ces génies qui
    semblent être nés pour mouvoir à leur gré les peuples et les
    souverains; un grand homme, s’il n’avoit jamais voulu être roi.“+
    Grabrede auf den Dauphin.]


[_Seine Politik durchaus consequent._] Der Leitfaden, den wir jetzt
besitzen, wird es uns möglich machen, ohne Schwierigkeit den wirklich
consequenten, obgleich anscheinend zuweilen gewundenen Gang zu
verfolgen, den er gegen unsere inneren Factionen beobachtete. Er
erkannte deutlich, was übrigens auch weit weniger scharfsichtigen Leuten
als er war, nicht entging, daß das Unternehmen, an dem er mit ganzer
Seele hing, wahrscheinlich gelingen würde, wenn England auf seiner Seite
wäre, daß der Ausgang ungewiß sein würde, wenn England neutral bliebe,
und daß es hoffnungslos sein würde, wenn England handelte, wie es in den
Tagen der Cabale gehandelt hätte. Nicht weniger deutlich sah er, daß
zwischen der äußeren und der inneren Politik Englands ein enger
Zusammenhang stattfand, daß der Regent dieses Landes, wenn er mit dem
gesetzgebenden Körper harmonirte, stets einen großen Einfluß auf die
Angelegenheiten der Christenheit ausüben und daß ihm offenbar daran
gelegen sein mußte, der ungebührlichen Machtvergrößerung irgend eines
festländischen Potentaten entgegenzuwirken; daß auf der andren Seite der
Souverain, wenn der gesetzgebende Körper ihm nicht traute und ihn in
seinen freien Bewegungen hemmte, in der europäischen Politik nur von
geringem Gewicht sein konnte und daß dieses ganze kleine Gewicht in die
falsche Wagschale fallen würde. Der erste Wunsch des Prinzen war daher:
Eintracht zwischen dem Throne und dem Parlamente. Wie diese Eintracht
herzustellen war und auf welcher Seite Zugeständnisse gemacht werden
mußten, dies waren seiner Ansicht nach Fragen von untergeordneter
Bedeutung. Allerdings würde es ihm am liebsten gewesen sein, wenn eine
vollständige Aussöhnung hätte bewirkt werden können, ohne einen
Buchstaben von der Prärogative zu opfern, denn er hatte an der
ungeschmälerten Aufrechthaltung derselben ein anwartschaftliches
Interesse, und war von Natur mindestens eben so herrschsüchtig und ein
eben so großer Feind von Beschränkung, als irgend ein Stuart. Aber es
gab kein Kleinod der Krone, das er nicht, selbst nachdem sie auf sein
eignes Haupt gesetzt worden, bereitwilligst zum Opfer gebracht hätte,
wenn er überzeugt sein konnte, daß ein solches Opfer zur Erreichung
seines großen Zieles unumgänglich nöthig war. Daher empfahl er auch der
Regierung in den Tagen des papistischen Complots Nachgiebigkeit,
obgleich er die Heftigkeit mißbilligte, mit der die Opposition die
königliche Autorität angriff. Das Verfahren der Gemeinen bezüglich der
inneren Angelegenheiten, sagte er, sei höchst unverständig, aber so
lange die Gemeinen unzufrieden seien, könnten die Freiheiten Europa’s
nicht sicher sein und dieser überwiegenden Rücksicht müsse jede andre
weichen. Nach diesen Grundsätzen handelte er, als die Ausschließungsbill
die ganze Nation erschütterte. Man hat keinen Grund zu der Annahme, daß
er die Opposition aufgemuntert habe, diese Bill einzubringen oder die
wiederholt gemachten Vergleichsvorschläge des Thrones zurückzuweisen.
Als es aber klar wurde, daß, wenn diese Bill nicht durchging, ein
ernster Bruch zwischen den Gemeinen und dem Hofe entstehen mußte, sprach
er deutlich, obwohl mit gebührender Mäßigung, seine Ansicht dahin aus,
daß man sich um jeden Preis mit den Vertretern des Volks versöhnen
müsse. Als ein heftiger und reißender Umschwung der öffentlichen Meinung
die Whigpartei eine Zeit lang völlig hilflos gelassen hatte, versuchte
er es sein großes Ziel auf einem andren Wege zu erreichen, der seiner
Natur vielleicht besser zusagte als der vorher betretene. Die veränderte
Stimmung der Nation bot wenig Aussicht dar, daß ein Parlament gewählt
werden würde, das geneigt war, die Wünsche des Souverains zu
durchkreuzen. Karl war eine Zeit lang Herr. Ihn zu gewinnen, war daher
des Prinzen erster Wunsch. Im Sommer 1683, fast in dem Augenblicke, als
die Entdeckung des Ryehousecomplots die Niederlage der Whigs und den
Sieg des Königs vollständig machte, traten anderwärts Ereignisse ein,
welche Wilhelm nicht ohne die größte Angst und Besorgniß mit ansehen
konnte. Die türkischen Heere rückten bis an die Vorstädte Wiens heran.
Die große österreichische Monarchie, auf deren Unterstützung der Prinz
gerechnet hatte, schien ihrem Untergange nahe zu sein. Bentinck wurde
daher schleunigst vom Haag nach London gesandt, mit dem Auftrage nichts
zu versäumen, was nöthig sein konnte, um den englischen Hof zu gewinnen,
und ganz besonders war er angewiesen, in den stärksten Ausdrücken den
Abscheu seines Gebieters gegen die Whigverschwörung zu versichern.

Während der nächsten achtzehn Monate war einige Hoffnung, daß der Einfuß
Halifax’ überwiegen und daß der Hof von Whitehall zur Politik der
Tripleallianz zurückkehren werde. An diese Hoffnung klammerte sich
Wilhelm mit Vorliebe an und sparte keine Mühe, um Karl günstig zu
stimmen. Die gastliche Aufnahme, welche Monmouth im Haag fand, muß
hauptsächlich dem ernstlichen Bestreben des Prinzen, die wirklichen
Wünsche von Monmouth’s Vater zu erfüllen, zugeschrieben werden. Sobald
Karl gestorben war, schlug Wilhelm in unabänderlicher Verfolgung seines
Zieles wieder ein andres Verfahren ein. Er hatte Monmouth aufgenommen,
um dem verstorbenen Könige zu gefallen; damit nun der gegenwärtige König
keine Ursache zu Beschwerden haben sollte, wurde Monmouth fortgeschickt.
Wir haben gesehen, daß beim Ausbruche des Aufstandes im Westen die in
holländischen Diensten stehenden britischen Regimenter durch die
thätigen Bemühungen des Prinzen auf die erste Aufforderung in ihre
Heimath zurückgesandt wurden. Wilhelm erbot sich sogar, persönlich ein
Commando gegen die Rebellen zu übernehmen, und daß dieses Anerbieten
vollkommen aufrichtig gemeint war, kann von Niemandem, der seine
vertraulichen Briefe an Bentinck gelesen hat, bezweifelt werden.[15]

Der Prinz gab sich zu dieser Zeit augenscheinlich der Hoffnung hin, daß
der große Plan, dem in seinem Geiste alles Andre untergeordnet war, den
Beifall und die Unterstützung seines Schwiegervaters erhalten werde. Der
hohe Ton, den Jakob damals gegen Frankreich annahm, die
Bereitwilligkeit, mit der er sich zu einem Defensivbündnisse mit den
Vereinigten Provinzen verstand, und seine Geneigtheit zu einer
Verbindung mit dem Hause Österreich bestärkten diese Erwartung. Aber
bald verfinsterte sich der Horizont. Die Entlassung Halifax’, der Bruch
zwischen Jakob und dem Parlamente, die Prorogation desselben und die
ausdrückliche Erklärung, welche der König den auswärtigen Gesandten gab,
daß die festländische Politik seine Aufmerksamkeit nicht länger von
inneren Maßregeln zur Befestigung seiner Hoheitsrechte und zur Förderung
der Interessen seiner Kirche ablenken sollte, machten der Täuschung ein
Ende. Es war klar, daß England, wenn Jakob sein Beherrscher war, im Fall
einer europäischen Krisis entweder unthätig bleiben oder im Einklange
mit Frankreich handeln würde. Und die europäische Krisis rückte immer
näher. Das Haus Österreich war durch eine Reihe von Siegen gegen fernere
Gefahr von Seiten der Türkei gesichert worden und hatte daher nicht mehr
nöthig, die Übergriffe und Beleidigungen Ludwig’s geduldig zu ertragen.

    [Anmerkung 15: Zum Beispiel: +„Je crois M. Feversham un très brave
    et honeste homme. Mais je doute s’il a assez d’expérience à
    diriger une si grande affaire qu’il a sur le bras. Dieu lui donne
    un succès prompt et heureux. Mais je ne suis pas hors
    d’inquiétude.“+ -- 7.(17.) Juli 1685. Als er die Nachricht von der
    Schlacht von Sedgemoor erhalten hatte, schrieb er wieder: +„Dieu
    soit loué du bon succès que les troupes du Roy ont eu contres les
    rebelles. Je ne doute pas que cette affaire ne soit entièrement
    assoupie, et que le règne du Roy sera heureux, ce que Dieu
    veuille.“+ -- 10.(20.) Juli.]


[_Vertrag von Augsburg._] In Folge dessen wurde im Juli 1686 zu Augsburg
ein Vertrag unterzeichnet, durch den sich die Fürsten des Reichs zum
Zwecke gegenseitiger Vertheidigung eng verbanden. Die Könige von Spanien
und von Schweden waren diesem Bunde ebenfalls beigetreten, der König von
Spanien als Besitzer der im burgundischen Kreise liegenden Provinzen,
der König von Schweden als Herzog von Pommern. Die Verbündeten
erklärten, daß sie nicht die Absicht hätten irgend eine Macht
anzugreifen oder irgend eine zu beleidigen, daß sie aber entschlossen
seien, keine Verletzung der Rechte zu dulden, welche das deutsche Reich
unter Sanction des Völkerrechts und der öffentlichen Treue besitze. Sie
verpflichteten sich, einander im Falle der Noth beizustehen und
bestimmten das Truppencontingent, das jedes Mitglied des Bundes stellen
mußte, wenn es nöthig werden sollte, einen Angriff zurückzuweisen.[16]
Der Name Wilhelm’s war in dieser Urkunde nicht genannt aber Jedermann
wußte, daß sie sein Werk war und sah voraus, daß er in nicht langer Zeit
wieder an der Spitze einer Coalition gegen Frankreich stehen werde.
Zwischen ihm und dem Vasallen Frankreichs konnte unter solchen Umständen
kein herzliches Einvernehmen stattfinden. Es erfolgte zwar kein offener
Bruch und kein Austausch von Drohungen oder Vorwürfen; aber
Schwiegervater und Schwiegersohn waren vollständig und für immer
geschieden.

    [Anmerkung 16: Der Vertrag ist in dem +Recueil des Traités, IV.
    No. 209+ zu finden.]


[_Wilhelm wird das Oberhaupt der englischen Opposition._] Gerade zu der
Zeit, als der Prinz so dem englischen Hofe entfremdet wurde,
verschwanden die Ursachen, welche bisher eine Kälte zwischen ihm und den
beiden großen Parteien des englischen Volks hervorgerufen hatten. Ein
großer Theil, der Zahl nach vielleicht die Mehrheit der Whigs, hatte die
Ansprüche Monmouth’s begünstigt, aber Monmouth existirte jetzt nicht
mehr. Die Tories auf der andren Seite hatten gefürchtet, die Interessen
der anglikanischen Kirche mochten unter der Leitung eines Mannes nicht
sicher sein, der unter holländischen Presbyterianern aufgewachsen und
dessen Ansichten über die Gewänder, die Ceremonien und die Bischöfe als
latitudinarisch wohl bekannt waren; seitdem aber jener geliebten Kirche
von einer ganz andren Seite weit furchtbarere Gefahren drohten, hatten
diese Befürchtungen fast ihre ganze Kraft verloren. So kam es, daß beide
große Parteien in dem nämlichen Augenblicke ihre Hoffnungen und ihre
Liebe auf den nämlichen Führer zu richten begannen. Alte Republikaner
konnten ihr Vertrauen einem Manne nicht versagen, der viele Jahre
hindurch das höchste Amt einer Republik würdig bekleidet hatte, und alte
Royalisten sahen ein, daß sie in Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen
handelten, wenn sie einem dem Throne so nahe gehenden Prinzen die
tiefste Ehrerbietung bezeigten. Unter diesen Umständen war es von
höchster Wichtigkeit, daß zwischen Wilhelm und Marien die vollkommenste
Einigkeit herrschte. Eine Mißhelligkeit zwischen der präsumtiven
Thronerbin und ihrem Gemahl hätte in der großen Masse, die sich von
allen Seiten her um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt schaarte, eine
Spaltung hervorbringen müssen. Zum Glück wurde jede Gefahr einer solchen
Mißhelligkeit im entscheidenden Augenblicke durch Burnet’s
Dazwischenkunft beseitigt und der Prinz wurde das unbestrittene Haupt
der ganzen Partei, welche der Regierung feindlich gegenüberstand, einer
Partei, welche fast die ganze Nation in sich begriff.

Es ist nicht der mindeste Grund zu der Annahme vorhanden, daß er schon
um diese Zeit das große Unternehmen im Sinne hatte, zu dem ihn später
die gebieterische Nothwendigkeit trieb. Er wußte sehr gut, daß die
öffentliche Stimmung in England, wenn auch durch Kränkungen gereizt,
doch zu einer Revolution keineswegs reif war. Gewiß würde er gern das
Ärgerniß vermieden haben, das ein blutiger Streit zwischen Personen,
welche durch die engsten Bande der Blutsverwandtschaft und der
Verschwägerung an einander gekettet waren, nothwendig erregen mußte.
Auch sein Ehrgeiz ließ es ihm nicht wünschenswerth erscheinen, die
Größe, die im gewöhnlichen Laufe der Natur und des Rechts ihm zufallen
konnte, einer Gewaltthätigkeit zu verdanken, denn er wußte jetzt, daß,
wenn die Krone auf regelmäßigem Wege auf seine Gemahlin überging,
zugleich mit derselben auch alle ihre Vorrechte ungeschmälert auf ihn
selbst übergehen würden, daß sie aber, wenn sie durch eine Wahl erlangt
wurde, unter den Bedingungen angenommen werden mußte, welche die Wähler
zu stellen für gut fanden. Er schien daher geduldig den Tag erwarten zu
wollen, wo er mit unbestrittenem Rechte die Regierung antreten konnte,
und sich bis dahin darauf zu beschränken, als erster Prinz von Geblüt
und als Oberhaupt der Partei, welche in der Nation entschieden das
Übergewicht hatte, und die auch darauf rechnen konnte, in beiden Häusern
eines zu versammelnden Parlaments entschieden zu überwiegen, einen
großen Einfluß auf die englischen Angelegenheiten auszuüben.


[_Mordaunt schlägt Wilhelm eine Landung in England vor._] Indessen war
er bereits durch einen Rathgeber, der weniger scharfsichtig, aber
ungestümer war als er selbst, gedrängt worden, einen kühneren Weg
einzuschlagen. Dieser Rathgeber war der junge Lord Mordaunt. Das
damalige Zeitalter hat kein erfinderischeres Genie und keinen
verwegeneren Geist hervorgebracht. Aber wenn ein Plan nur glänzend war,
so fragte Mordaunt selten danach, ob er auch ausführbar sein würde, sein
ganzes Leben war ein wilder Roman, zusammengesetzt aus geheimnißvollen
Intriguen der Politik und der Liebe, aus heftigen und schnellen Wechseln
des Schauplatzes und des Glücks, und aus Siegen, welche mehr denen eines
Amadis und eines Lancelot, als denen eines Luxemburg und eines Eugen
glichen. Die Episoden, welche mit dieser seltsamen Lebensgeschichte
verflochten waren, entsprachen ganz der Hauptintrigue. Es waren darunter
nächtliche Kämpfe mit edelmüthigen Räubern und Befreiungen vornehmer und
schöner Damen aus den Händen von Entführern. Nachdem sich Mordaunt durch
die Beredtsamkeit und Kühnheit ausgezeichnet, mit der er im Hause der
Lords gegen den Hof aufgetreten war, zog er sich bald nach der
Prorogation nach dem Haag zurück und empfahl dringend eine unverzügliche
Landung in England. Er bildete sich ein, es sei eben so leicht, drei
große Königreiche zu überrumpeln, als es ihm lange nachher wurde,
Barcellona zu nehmen.


[_Wilhelm verwirft den Rath._] Wilhelm hörte ihn an, überlegte sich die
Sache und erwiederte endlich in allgemeinen Ausdrücken, er interessire
sich sehr für die englischen Angelegenheiten und werde dieselben scharf
im Auge behalten.[17] Was aber auch seine Absicht sein mochte, es ist
nicht anzunehmen, daß er einen voreiligen und hitzköpfigen fahrenden
Ritter zu seinem Vertrauten erwählt haben würde. Die beiden Männer
hatten nichts mit einander gemein als persönlichen Muth, der bei ihnen
bis zum fabelhaften Heroismus ging, Mordaunt wollte lediglich die
Aufregung des Kampfes genießen und die Menschen in Erstaunen setzen,
Wilhelm hatte beständig ein erhabenes Ziel vor Augen. Nach diesem Ziele
trieb ihn eine gewaltige Leidenschaft, die ihn im Gewande einer heiligen
Pflicht erschien. Auf dieses Ziel steuerte er mit einer Geduld hin, die,
wie er einmal sagte, der Geduld eines Bootsführers glich, den er auf
einem Kanale gegen eine widrige Strömung hatte ankämpfen sehen, der
immer wieder zurückgeworfen wurde, aber nicht aufhörte zu rudern und
zufrieden war, wenn er nach stundenlanger Arbeit um einige Yards
vorwärts gekommen war.[18] Heldenthaten, die ihn seinem Ziele nicht
näher brachten, mochten sie in den Augen des großen Haufens noch so
ruhmvoll sein, waren seiner Ansicht nach kindische Eitelkeiten, aber
kein Theil der wahren Aufgabe des Lebens.

Er beschloß, Mordaunt’s Rath zu verwerfen und es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß dies ein weiser Entschluß war. Hätte Wilhelm im Jahre
1686 oder selbst 1687 das versucht, was er 1688 mit so glänzendem
Erfolge unternahm, so würden zwar vielleicht auf seinen Ruf viele Whigs
zu den Waffen gegriffen haben, aber er würde bald gesehen haben, daß die
Nation noch nicht hinreichend vorbereitet war, um einen bewaffneten
Befreier aus fremdem Lande willkommen zu heißen, und daß die Kirche noch
nicht genugsam gereizt und beleidigt worden war, damit sie den
Grundsatz, der seit so langer Zeit ihr Losungswort war, schon hätte
vergessen haben können. Die alten Kavaliere würden sich um das
königliche Banner geschaart haben und es würde wahrscheinlich in allen
drei Königreichen ein eben so langer und heftiger Bürgerkrieg als der
unter der vorigen Generation ausgebrochen sein. Während dieser Krieg auf
den britischen Inseln wüthete, was konnte Ludwig inzwischen nicht Alles
auf dem Continent versuchen? Und welche Aussichten hätte dann Holland
gehabt, das von seinen Truppen entblößt und von seinem Statthalter
verlassen gewesen wäre?

    [Anmerkung 17: +Burnet I. 762.+]

    [Anmerkung 18: +Temple’s Memoirs.+]


[_Unzufriedenheit in England nach dem Sturze der Hyde._] Wilhelm
begnügte sich daher für jetzt, Maßregeln zu ergreifen, um der mächtigen
Opposition, deren Oberhaupt er geworden war, Einigkeit und Lebenskraft
einzuhauchen. Dies war nicht schwer. Der Fall der Hyde hatte durch ganz
England eine heftige Aufregung und Entrüstung hervorgerufen. Man fühlte,
daß es sich jetzt nicht mehr darum handelte, ob der Protestantismus
herrschen, sondern ob er geduldet werden sollte. An die Stelle des
Schatzmeisters war eine Commission getreten, deren Oberhaupt ein Papist
war. Das Geheimsiegel war einem Papisten anvertraut worden und der
Nachfolger des Lordlieutenants von Irland war ein Mann, der durchaus
keinen andren Anspruch auf einen so hohen Posten hatte, als daß er
Papist war. Tyrconnel wäre der Letzte gewesen, den eine Regierung,
welcher das allgemeine Wohl des Landes am Herzen lag, nach Dublin als
Stellvertreter geschickt hätte. Seine brutalen Manieren machten ihn
geradezu unfähig, die Majestät der Krone zu repräsentiren. Sein
beschränkter Verstand und sein heftiges Temperament machten ihn
untauglich, wichtige Staatsgeschäfte zu leiten. Sein unversöhnlicher Haß
gegen die Besitzer des größeren Theiles des irischen Grund und Bodens
machte ihn ganz untauglich, gerade dieses Land zu verwalten. Aber die
Maßlosigkeit seiner Bigotterie wurde als ein genügender Ersatz für die
Maßlosigkeit seiner anderen Leidenschaften betrachtet und aus Rücksicht
auf seinen Haß gegen den reformirten Glauben gestattete man ihm, seinem
Hasse gegen den englischen Namen freien Lauf zu lassen. Dies war also
der wirkliche Sinn der Achtung Seiner Majestät vor den Rechten der
Überzeugung! Er wollte, daß sein Parlament alle den Papisten auferlegte
Ausschließungen beseitigte, nur damit _er_ gleich drückende
Ausschließungen über die Protestanten verhängen konnte. Es war klar, daß
unter einem solchen Fürsten Glaubensabfall der einzige Weg zur Größe
sein konnte. Dennoch wagten es nur Wenige, diesen Weg einzuschlagen,
denn der Geist der Nation war furchtbar aufgeregt, und jeder Renegat
hatte ein solches Maß von Hohn und Verachtung zu ertragen, daß auch die
verhärtetsten Naturen nicht ganz unempfindlich dagegen bleiben konnten.


[_Bekehrungen zum Papismus; Peterborough, Salisbury._] Allerdings hatten
erst kürzlich mehrere bemerkenswerthe Übertritte stattgefunden; aber sie
waren von der Art, daß sie der römischen Kirche wenig Ehre machten. Zwei
vornehme Männer hatten sich in ihren Schooß aufnehmen lassen: Heinrich
Mordaunt, Earl von Peterborough und Jakob Cecil, Earl von Salisbury.
Aber Peterborough, früher ein thätiger Soldat, Hofmann und Diplomat, war
jetzt durch Alter und Krankheit gebeugt und wer ihn, auf einen Stock
gestützt und in Flanell und Pflaster eingehüllt, durch die Gallerien von
Whitehall hinken sah, tröstete sich über seinen Abfall damit, daß er
seinen Glauben erst gewechselt, nachdem er seine Körper- und
Geisteskräfte überlebt hatte.[19] Salisbury war sprüchwörtlich albern.
Sein Körper war in Folge sinnlicher Genüsse dermaßen aufgeschwollen, daß
er sich fast nicht mehr bewegen konnte, und dieser träge Körper war der
Wohnsitz eines eben so trägen Geistes. In populären Spottliedern war er
als ein Mensch dargestellt, der dazu geschaffen war, betrogen zu werden,
als ein Mensch, der bisher die Beute von Spielern gewesen und der eben
so gut die Beute von Mönchen werden konnte. Ein Pasquill, das zur Zeit
von Rochester’s Rücktritt an die Thür von Salisbury House am Strand
angeheftet wurde, schildert in starken Ausdrücken das Entsetzen, mit dem
der weise Robert Cecil, wenn er aus seinem Grabe auferstehen könnte,
sehen würde, auf was für ein Geschöpf seine Würden und Ehren gekommen
waren.[20]

    [Anmerkung 19: Siehe die beiden Gedichte, betitelt: +The Converts+
    und +The Delusion+.]

    [Anmerkung 20: Die Verse befinden sich in der +Collection of State
    Poems+.]


[_Wycherley, Tindal, Haines._] Dies waren im Range die höchststehenden
von Jakob’s Proselyten. Außerdem gab es noch Renegaten ganz andrer Art,
unbemittelte Leute von Talent, die aber keine Grundsätze und keine Spur
von Ehrgefühl besaßen. Man hat Grund zu glauben, daß Wilhelm Wycherley,
der zügelloseste und hartherzigste Schriftsteller einer ganz besonders
zügellosen und hartherzigen Schule, zu diesen gehörte.[21] Gewiß ist,
daß Matthäus Tindal, der sich später durch seine Schriften gegen das
Christenthum einen Namen machte, um diese Zeit in den Schooß der
alleinseligmachenden Kirche aufgenommen wurde, ein Schritt, den, wie man
leicht denken kann, die Theologen, mit denen er nachmals polemisirte,
nicht vergessen hatten.[22] Ein noch ehrloserer Apostat war Joseph
Haines, dessen Name jetzt so gut wie vergessen ist, der aber damals als
ein Abenteurer von vielseitiger Begabung, als Gauner, Falschmünzer,
falscher Zeuge, falscher Bürge, Tanzmeister, Possenreißer, Dichter
und Schauspieler wohl bekannt war. Einige von seinen Prologen und
Epilogen wurden von seinen Zeitgenossen viel bewundert und sein
Schauspielertalent war allgemein anerkannt. Dieser Mann wurde Katholik,
ging im Gefolge Castelmaine’s mit nach Italien, wurde aber bald wegen
schlechter Aufführung wieder entlassen. Wenn man einer Tradition glauben
darf, die sich lange im Garderobezimmer erhalten hat, so hatte Haines
die Frechheit zu behaupten, daß ihm die Jungfrau Maria erschienen sei
und ihn zur Buße aufgefordert habe. Nach der Revolution versuchte er es
sich mit der Stadt durch eine Buße auszusöhnen, die noch skandalöser war
als sein Vergehen. Eines Abends, ehe er in einer Posse auftrat, erschien
er in ein weißes Betttuch gehüllt und mit einer Kerze in der Hand auf
der Bühne und trug einige gottlose, unanständige Knittelverse vor, die
er seinen Widerruf nannte.[23]

    [Anmerkung 21: Die Nachrichten, die wir über Wycherley haben, sind
    äußerst dürftig; zweierlei aber ist gewiß: daß er sich in seinen
    späteren Jahren einen Papisten nannte und daß er von Jakob Geld
    erhielt. Ich zweifle kaum daran, daß er ein bezahlter Convertit
    war.]

    [Anmerkung 22: Siehe den Artikel über ihn in der +Biographia
    Britannica+.]

    [Anmerkung 23: Siehe Jakob Quin’s Bericht über Haines in +Davies’s
    Miscellanies+; +Tom Brown’s Works+; +Lives of Sharpers+; Dryden’s
    Epilog zu der +Secular Masque+.]


[_Dryden._] Mit dem Namen Haines wurde in vielen Libellen der Name eines
berühmteren Renegaten, Johann Dryden’s verbunden. Dryden näherte sich
jetzt dem Abend seines Lebens. Nach vielen Erfolgen und vielen
Enttäuschungen hatte er endlich mit allgemeiner Zustimmung die erste
Stelle unter den lebenden Dichtern Englands erhalten. Er hatte größere
Ansprüche auf den Dank Jakob’s als irgend ein andrer Schriftsteller des
Königreichs. Doch Jakob war an Versen wenig, sehr viel aber am Gelde
gelegen. Vom Tage seiner Thronbesteigung an bemühte er sich kleine
Ersparnisse zu machen, welche einer Regierung den Vorwurf der Knauserei
zuziehen, ohne die Finanzlast merklich zu erleichten. Zu den Opfern
seiner unverständigen Sparsamkeit gehörte auch der +Poeta Laureatus+. Es
wurde Befehl gegeben, daß in dem neuen Diplom, welches durch die
Erledigung der Krone nöthig geworden war, das jährlich gespendete Faß
Sect, das ursprünglich Jonson bewilligt und auch dessen Nachfolgern
zugestanden worden war, weggelassen werden sollte.[24] Dies war die
einzige Notiz, welche der König im ersten Jahre seiner Regierung von dem
gewaltigen Satiriker zu nehmen geruhte, der im kritischesten Augenblicke
des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill in den Reihen der Whigs
Schrecken verbreitet hatte. Dryden war arm und seine Armuth drückte ihn
nieder. Von Religion wußte er wenig und kümmerte sich auch nicht darum.
Wenn irgend ein Gefühl tief in seiner Brust wurzelte, so war es der
Widerwille gegen die Priester jeden Glaubens, gegen Leviten, Auguren,
Muftis, römisch-katholische Geistliche, presbyterianische und
anglikanische Geistliche. Er war von Natur kein hochherziger Mann, und
seine Bestrebungen waren nicht von der Art, daß sie seinem Sinne höhere
Würde und größeres Zartgefühl verleihen konnten. Er hatte viele Jahre
lang sich seinen Unterhalt dadurch erworben, daß er dem verderbten
Geschmacke des Publikums diente und reichen, adeligen Gönnern auf die
plumpste Manier schmeichelte. Selbstachtung und ein feines
Schicklichkeitsgefühl konnte man von einem Manne, der das Leben eines
Bettlers und Speichelleckers geführt hatte, nicht erwarten. Da er die
Bemerkung machte, daß seine Dienste unbeachtet bleiben würden, wenn er
fortführe sich einen Protestanten zu nennen, so erklärte er sich zum
Papisten. Augenblicklich ließ die Knauserei des Königs nach. Dryden
wurde mit einem Jahrgelde von hundert Pfund belohnt und dazu verwendet,
seine neue Religion in Prosa und in Versen zu vertheidigen.

Zwei ausgezeichnete Männer, Samuel Johnson und Walter Scott, haben ihr
Möglichstes gethan, um sich selbst und Andere zu überreden, daß dieser
denkwürdige Glaubenswechsel aufrichtig war. Es war natürlich, daß sie
einen Schandfleck von dem Gedächtnisse eines Mannes verwischen
wollten, dessen Genie sie mit Recht bewunderten und mit dessen
politischen Ansichten sie stark sympathisirten; der unparteiische
Geschichtsschreiber aber muß ein ganz andres Urtheil aussprechen. Es
wird jederzeit starker Zweifel gegen die Aufrichtigkeit einer Bekehrung
erhoben werden, durch welche der Bekehrte unmittelbar gewinnt. Und in
Dryden’s Falle ist nichts vorhanden, was diesen Zweifel entkräften
konnte. Seine theologischen Schriften beweisen zur Genüge, daß er sich
nie fleißig und ernstlich bemüht hat, die Wahrheit zu ergründen, und daß
seine Kenntniß der Kirche, die er verließ, wie auch der, zu der er
übertrat, höchst oberflächlich war. Eben so wenig benahm er sich in der
Folge wie ein Mann, den ein starkes Pflichtgefühl zu einem Schritte von
so hochwichtiger Bedeutung bewogen hatte. Wäre er ein solcher Mann
gewesen, so würde die nämliche Überzeugung, die ihn in den Schooß der
römischen Kirche geführt hatte, ihn abgehalten haben, allgemeine Regeln,
welche diese Kirche in Übereinstimmung mit jeder andren christlichen
Gemeinschaft als bindend anerkennt, gröblich und gewohnheitsmäßig zu
verletzen. Es würde ein merklicher Unterschied zwischen seinen früheren
und seinen späteren Werken zu erkennen gewesen sein; er würde mit Reue
auf seine fast dreißigjährige literarische Laufbahn zurückgeblickt
haben, während welcher er seine seltenen Talente für die Diction und den
Versbau systematisch zur Verbreitung der Sittenverderbniß angewendet
hatte. Nicht eine Zeile, welche darauf hinzielte, die Tugend verächtlich
zu machen und unreine Begierden zu entzünden, würde von diesem
Augenblicke an mehr aus seiner Feder geflossen sein. Leider aber ist es
nur zu wahr, daß die Dramen, welche er nach seiner angeblichen Bekehrung
schrieb, in keiner Hinsicht weniger unrein und profan sind, als die
seiner Jugend. Selbst in seinen Übersetzungen wich er beständig von den
Originalen ab, um Bilder aufzusuchen, die er hätte übergehen müssen,
wenn er sie in den Originalen gefunden hätte. Das Schlechte wurde durch
seine Übertragungen noch schlechter, und das Unschuldige wurde durch die
Berührung mit seinem Geiste befleckt. Er machte die derbsten Satiren
Juvenal’s noch derber, schob in die Erzählungen Boccacio’s schlüpfrige
Schilderungen ein und befleckte die liebliche und reine Poesie der
Georgica mit Schmutz, der Vergil’s Ekel erregt haben würde.

Dryden’s Beistand war denjenigen römisch-katholischen Theologen
willkommen, welche gegen die ausgezeichnetsten Männer der Staatskirche
mit Mühe einen Kampf unterhielten. Sie konnten es sich nicht verhehlen,
daß ihr durch ausländische, in Rom oder Douay aufgelesene Ausdrücke
entstellter Styl der Beredtsamkeit eines Tillotson und Sherlock
gegenüber eben in keinem vortheilhaften Lichte erschien. Man glaubte es
nicht gering anschlagen zu dürfen, daß man die Mitwirkung des größten
lebenden Meisters der englischen Sprache gewonnen hatte. Der erste
Dienst, der von ihm zum Dank für die bewilligte Pension verlangt wurde,
war eine in Prosa geschriebene Vertheidigung seiner Kirche gegen
Stillingfleet. Aber einem Manne, der nichts zu sagen weiß, hilft das
Talent, Alles gut sagen zu können, nichts, und in diesem Falle befand
sich Dryden. Er sah bald ein, daß er einem Gegner, dessen ganzes Leben
ein langes Studium der Polemik gewesen, nicht gewachsen war. Der
langgediente Gladiator entwaffnete den Neuling, versetzte ihm mit
Verachtung einige Hiebe und wendete sich dann von ihm ab, um
achtunggebietenderen Kämpfern entgegenzutreten.

    [Anmerkung 24: Diese Thatsache, welche den genauen Forschungen
    Malone’s entging, ergiebt sich aus dem Briefbuche des Schatzamts
    von 1685.]


[_+„The Hind and Panther.“+_] Jetzt griff Dryden zu einer Waffe, in der
er schwerlich einen ebenbürtigen Gegner zu fürchten hatte. Er zog sich
auf einige Zeit von dem Geräusch der Kaffeehäuser und Theater in einen
ruhigen Winkel von Huntingdonshire zurück und schrieb dort mit
ungewohnter Sorgfalt und Anstrengung sein berühmtes Gedicht über die
zwischen der römischen und anglikanischen Kirche obschwebenden
Streitpunkte. Die römische Kirche ist darin bildlich als eine milchweiße
Hindin dargestellt, die beständig in Lebensgefahr schwebt, aber dazu
bestimmt ist, nicht zu sterben. Die Thiere des Feldes sannen auf ihr
Verderben. Der zitternde (+quaking+) Hase beobachtete eine furchtsame
Neutralität, aber der socinianische Fuchs, der presbyterianische Wolf,
der independente Bär und der anabaptistische Eber schossen hämische
Blicke auf das makellose Geschöpf. Unter dem Schutze ihres Freundes, des
königlichen Löwen, konnte sie es indessen wagen, mit ihnen aus der
nämlichen Quelle zu trinken. Die anglikanische Kirche war als Panther
dargestellt, der zwar Flecken hat, aber schön, für ein Raubthier nur zu
schön ist. Hindin und Panther, von der blutdürstigen Bevölkerung des
Waldes in gleichem Grade gehaßt, beriethen sich im Stillen über ihre
gemeinsame Gefahr. Dann gingen sie zur Discussion der Punkte über, in
denen sie verschiedener Ansicht waren, und hielten, mit dem Schwanze
wedelnd und sich den Bart leckend, ein langes Zwiegespräch über die
wirkliche Anwesenheit Christi beim Abendmahl, über die Autorität der
Päpste und Concilien, über die Strafgesetze, die Testacte, die Meineide
des Oates, Buttler’s schlecht belohnte Dienste für die Kavalierpartei,
Stillingfleet’s Pamphlets und Burnet’s breiten Rücken und glückliche
Heirathsspekulationen.

Das Unpassende dieses Planes springt in die Augen. Die Allegorie konnte
in der That nicht zehn Zeilen hintereinander ununterbrochen beibehalten
werden. Keine noch so kunstvolle Ausführung konnte die Fehler eines
solchen Planes verdecken. Dessenungeachtet ist die Fabel von der Hindin
und dem Panther unbestreitbar der werthvollste Beitrag zu der englischen
Literatur aus der kurzen und unruhigen Regierungszeit Jakob’s II. In
keinem andren Werke Dryden’s finden sich ergreifendere und erhabenere
Stellen, eine größere Biegsamkeit und Kraft der Sprache und ein
lieblicherer und abwechselnderer Wohllaut.

Das Gedicht erschien mit allen Vortheilen ausgestattet, welche
königliche Gunst gewähren konnte. Eine Prachtausgabe für Schottland
wurde in der in Holyrood House errichteten Officin gedruckt. Aber die
Leute waren nicht in der Stimmung, um sich von dem durchsichtigen Style
und den melodischen Reimen des Apostaten bezaubern zu lassen. Der durch
seine Feilheit erregte Unwille, die durch die Politik, deren Lobhudler
er war, hervorgerufene Besorgniß ließen sich nicht in Schlaf singen. Die
gerechte Entrüstung des Publikums wurde von Vielen, die den Stachel
seines Spotts gefühlt, und von Vielen, die seinen Ruhm beneideten,
angeschürt. Trotz aller Beschränkungen, denen die Presse unterlag,
erschienen täglich Angriffe auf sein Leben und seine Schriften. Bald
hieß er Bayes, bald der Dichter Squab. Man erinnerte ihn daran, daß er
in seiner Jugend dem Hause Cromwell in der nämlichen knechtischen Weise
den Hof gemacht, wie jetzt dem Hause Stuart. Ein Theil seiner Gegner
druckte boshafterweise die sarkastischen Verse wieder ab, die er zu
einer Zeit, wo es ihm nichts eingebracht haben würde, wenn er Papist
geworden wäre, gegen den Papismus geschrieben hatte. Von den vielen
satirischen Arbeiten, welche bei dieser Gelegenheit erschienen, war die
gelungenste das gemeinsame Werk zweier junger Männer, welche kürzlich
ihre Studien in Cambridge vollendet hatten und als vielversprechende
Anfänger in den literarischen Kaffeehäusern Londons begrüßt worden
waren: Karl Montague und Matthäus Prior. Montague war von adeliger
Abkunft, Prior’s Ursprung aber war so dunkel, daß kein Biograph im
Stande gewesen ist, demselben auf die Spur zu kommen. Beide Abenteurer
waren arm und strebsam. Beide hatten einen scharfen Verstand und einen
lebendigen Geist, Beide schwangen sich später hoch empor. Beide
verbanden in nicht gewöhnlichem Grade mit der Liebe zu den
Wissenschaften Geschicklichkeit in denjenigen Gebieten des praktischen
Lebens, gegen welche die Schöngeister in der Regel einen entschiedenen
Widerwillen haben. Von den funfzig Dichtern, deren Lebenslauf Johnson
geschildert hat, waren Montague und Prior die beiden einzigen, die sich
durch eine gründliche Kenntniß des Handels und des Finanzwesens
auszeichneten. Ihre Wege gingen bald weit auseinander, und ihre
Jugendfreundschaft löste sich auf. Einer von ihnen wurde das Haupt der
Whigpartei und wurde von den Tories angeklagt; der Andre wurde in alle
Geheimnisse der toryistischen Diplomatie eingeweiht und von den Whigs
lange in strenger Haft gehalten. Endlich wurden die so lange getrennt
gewesenen Freunde nach vielen ereignißvollen Jahren in der
Westminster-Abtei wieder mit einander vereinigt.


[_Änderung in dem Verfahren des Hofes gegen die Puritaner._] Wer die
Fabel von der Hindin und dem Panther aufmerksam gelesen hat, muß bemerkt
haben, daß während der Bearbeitung dieses Werks in den Ansichten Derer,
welche Dryden als Dolmetscher benutzten, eine große Veränderung vorging.
Anfangs wird von der anglikanischen Kirche mit Liebe und Achtung
gesprochen und sie wird ermahnt, sich mit der römisch-katholischen gegen
die puritanischen Secten zu verbinden; am Schlusse des Gedichts aber und
in der Vorrede, welche nach Vollendung des Ganzen geschrieben wurde,
werden die protestantischen Dissenters aufgefordert, mit den Katholiken
gemeinschaftliche Sache gegen die anglikanische Kirche zu machen.

Dieser Umschlag in der Sprache des Hofpoeten deutete auf einen großen
Umschlag in der Politik des Hofes hin. Der ursprüngliche Zweck Jakob’s
war gewesen, nicht allein vollständige Befreiung von allen Strafen und
bürgerlichen Ausschließungen, sondern auch einen großen Antheil an den
kirchlichen und akademischen Stiftungen für seine Kirche zu erlangen und
zu gleicher Zeit die Gesetze gegen die puritanischen Secten mit Strenge
auszuüben. Alle von ihm gewährten besonderen Dispensationen waren
römischen Katholiken gewährt worden. Alle Gesetze, welche auf den
Presbyterianern, Independenten und Baptisten am schwersten lasteten,
hatte er eine Zeit lang mit aller Strenge durchgeführt. Während Hales
ein Regiment commandirte, während Powis im Geheimen Rathe saß, während
Massey eine Dechanei bekleidete, während in Oxford mit königlicher
Genehmigung Breviarien und Meßbücher gedruckt wurden, während in London
die Hostie unter dem Schutze der Piken und Musketen der Fußgarde
öffentlich ausgestellt wurde, während Ordensbrüder und Mönche in ihren
Kutten in den Straßen von London einhergingen, saß Baxter im Gefängniß,
war Howe in der Verbannung, standen die Fünfmeilenacte und die
Conventikelacte in voller Kraft, mußten die puritanischen Schriftsteller
zur ausländischen oder geheimen Pressen ihre Zuflucht nehmen, konnten
puritanische Gemeinden sich nur des Nachts oder in abgelegenen Einöden
versammeln, mußten puritanische Geistliche in Kohlengräber- oder
Matrosenverkleidung predigen. In Schottland hatte der König neue Gesetze
von beispielloser Härte gegen die Presbyterianer von den Ständen
verlangt und erhalten, während er keine Anstrengung sparte, ihnen jede
Erleichterung für die Katholiken abzupressen. Sein Verfahren gegen die
verbannten Hugenotten hatte seine Gesinnungen nicht minder deutlich
verrathen. Wir haben gesehen, wie er, als die öffentliche Mildthätigkeit
eine große Summe zur Unterstützung dieser Unglücklichen in seine Hände
gelegt, allen Gesetzen der Gastfreundschaft und der Rechtschaffenheit
zum Hohn von ihnen verlangte, daß sie dem calvinistischen Ritual, dem
sie mit großer Liebe anhingen, entsagen und sich der anglikanischen
Kirche anschließen müßten, ehe er ihnen das Geringste von den seiner
Verwaltung anvertrauten Gaben spenden könnte.

Dies war seine Politik gewesen, so lange er noch einigermaßen hoffen
konnte, daß die anglikanische Kirche einwilligen werde, die Herrschaft
mit der römischen Kirche zu theilen. Einmal stieg diese Hoffnung zur
festen Überzeugung. Die Begeisterung, mit der die Tories seinen
Regierungsantritt begrüßt hatten, die Wahlen, die demüthige Sprache und
die reichen Geldbewilligungen seines Parlaments, die Unterdrückung des
Aufstandes im Westen, die völlige Vernichtung der Partei, die ihn vom
Throne hatte ausschließen wollen, dies Alles steigerte seine Zuversicht
bis über die Grenzen der Vernunft. Er glaubte fest, daß seiner Macht und
seiner Entschlossenheit jedes Hinderniß weichen werde. Sein Parlament
leistete ihm Widerstand. Er versuchte die Wirkung von ungnädigen Blicken
und Drohungen, und da er mit diesen nichts erreichte, versuchte er es
mit der Prorogation. Aber von dem Augenblicke der Prorogation an wurde
der Widerstand gegen seine Pläne immer stärker und stärker. Es schien
klar, daß, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, er ihn im
Widerspruch mit der großen Partei durchsetzen mußte, die seinem Throne,
seinem Hause und seiner Person so glänzende Beweise von Treue gegeben
hatte. Die ganze anglikanische Geistlichkeit, die ganze Kavaliergentry
war gegen ihn. Vergebens hatte er kraft seines kirchlichen Supremats dem
Klerus anbefohlen, sich jeder Erörterung von Streitpunkten zu enthalten.
Jede Gemeinde der Nation wurde allsonntäglich gegen die Irrthümer Roms
gewarnt, und diese Warnungen waren um so wirksamer, weil sie stets mit
Versicherungen der Ehrerbietung gegen den König und des Entschlusses,
Alles mit Geduld zu ertragen, was ihm zu verhängen belieben werde,
verbunden waren. Die royalistischen Ritter und Squires, welche durch
fünfundvierzig Jahre des Kriegs und der Parteiwuth dem Throne mannhaft
zur Seite gestanden hatten, sprachen jetzt in sehr nachdrücklichen
Worten den Entschluß aus, daß sie eben so mannhaft zur Kirche halten
würden. Trotz seines beschränkten Verstandes und seines despotischen
Characters sah Jakob nun doch ein, daß er sein Verfahren ändern müsse.
Er konnte es ohne Gefahr nicht wagen, alle seine protestantischen
Unterthanen zugleich zu beleidigen. Wenn er es über sich gewinnen
konnte, der Partei, welche in beiden Häusern das Übergewicht hatte,
Zugeständnisse zu machen, wenn er sich entschließen konnte, der
Staatskirche alle ihre Würden, Einkünfte und Privilegien zu lassen, so
mochte er auch fernerhin presbyterianische Versammlungen verbieten und
die Gefängnisse mit baptistischen Predigern füllen. Blieb er aber dabei,
die Hierarchie zu plündern, so mußte er sich entschließen, dem
Vergnügen, die Dissenters zu verfolgen, zu entsagen. Wollte er von nun
an mit seinen alten Freunden in Fehde leben, so mußte er mit seinen
alten Feinden einen Waffenstillstand schließen. Er konnte die
anglikanische Kirche nur dadurch bezwingen, daß er eine umfassende
Coalition gegen sie bildete, welche Secten in sich schloß, die zwar in
Lehre und Verfassung von einander selbst viel stärker abwichen als von
ihr, aber doch durch ihre gemeinsame Eifersucht auf ihre Größe und durch
die gemeinsame Furcht vor ihrer Unduldsamkeit bewogen werden konnten,
ihre Feindseligkeiten so lange ruhen zu lassen, bis jene Kirche die
Macht verloren hatte, sie zu tyrannisiren.

Ein Grund schien besonders für diesen Plan zu sprechen. Wenn es ihm nur
gelang, die protestantischen Nonconformisten zu gewinnen, so durfte er
sich mit der Hoffnung schmeicheln, vor jeder Rebellion sicher zu sein.
Nach der Ansicht der anglikanischen Geistlichen konnte keine Kränkung
irgend welcher Art einen Unterthanen berechtigen, den Gesalbten des
Herrn gewaltsamen Widerstand zu leisten. Die Theorie der puritanischen
Sectirer lautete ganz anders. Diese Sectirer trugen kein Bedenken,
Tyrannen mit dem Schwerte Gideon’s zu Boden zu schlagen, und manche von
ihnen scheuten sich auch nicht, den Dolch Ehud’s zu gebrauchen.
Wahrscheinlich sannen sie eben jetzt wieder auf einen neuen westlichen
Aufstand oder auf ein neues Ryehousecomplot. Jakob glaubte daher, daß er
getrost die Staatskirche verfolgen könnte, wenn es ihm nur gelang, die
Dissenters zu gewinnen. Die Partei, deren Grundsätze ihm keine
Sicherheit gewährten, war dann durch das Interesse an ihn gefesselt, und
die Partei, deren Interessen er angriff, erregte aus Grundsatz keinen
Aufruhr.

Unter dem Einflusse solcher Erwägungen begann Jakob von dem Augenblicke
an, als er sich zornig von seinem Parlament trennte, auf eine Coalition
aller katholischen wie protestantischen Nonconformisten gegen die
Landeskirche zu denken. Schon um Weihnachten 1685 meldeten die Gesandten
der Vereinigten Provinzen den Generalstaaten, daß der Plan einer
allgemeinen Duldung entworfen sei und bald ans Licht treten werde.[25]
Indessen erwiesen sich die Nachrichten, welche der holländischen
Gesandtschaft zugekommen waren, als verfrüht. Die Separatisten scheinen
jedoch im Jahre 1686 schon viel milder behandelt worden zu sein, als
während des Jahres 1685. Aber nur ganz allmälig und nach vielen inneren
Kämpfen vermochte es der König über sich, mit Allem, was er am meisten
verabscheute, ein Bündniß zu schließen. Er hatte einen nicht
oberflächlichen und launenhaften, nicht erst kürzlich entstandenen oder
rasch aufgeschossenen, sondern in seiner Familie erblichen Groll zu
überwinden, welcher durch große, während hundertzwanzig ereignißvoller
Jahre zugefügte und erlittene Unbilden verstärkt worden und mit allen
seinen religiösen und politischen, häuslichen und persönlichen Gefühlen
verwachsen war. Vier Generationen von Stuarts hatten mit vier
Generationen von Puritanern einen Krieg auf Leben und Tod geführt, und
während dieses ganzen langen Krieges hatte kein Stuart die Puritaner so
stark gehaßt, und war so stark von ihnen gehaßt worden, als er. Sie
hatten es versucht, seine Ehre zu untergraben und ihn seines
Geburtsrechts zu berauben; sie hatten ihn einen Brandstifter, einen
Kehlabschneider und einen Giftmischer genannt; sie hatten ihn aus der
Admiralität und aus dem Staatsrathe verdrängt; sie hatten ihn zu
wiederholten Malen in die Verbannung getrieben, sie hatten einen
Mordanschlag auf ihn gemacht, und sie hatten sich zu Tausenden mit
bewaffneter Hand gegen ihn erhoben. Dafür hatte er sich an ihnen durch
ein Gemetzel gerächt, wie es England noch nie gesehen. Ihre Köpfe und
Glieder verwesten noch auf Pfählen auf allen öffentlichen Plätzen von
Somersetshire und Dorsetshire. Bejahrte Frauen, die wegen ihrer
Frömmigkeit und Mildthätigkeit von den Sectirern in hohen Ehren gehalten
wurden, waren um geringfügiger Vergehen willen, die kein guter Fürst nur
eines strengen Verweises werth gehalten haben würde, enthauptet oder
lebendig verbrannt worden. In einem solchen Verhältnisse hatte selbst in
England der König zu den Puritanern gestanden, und in Schottland hatte
die Tyrannei des Königs und die Wuth der Puritaner einen Grad erreicht,
von dem sich die Engländer kaum einen Begriff machen konnten. Einen so
langjährigen und so tödtlichen Haß zu vergessen, war für einen ganz
besonders harten und unversöhnlichen Character keine leichte Aufgabe.

Der Kampf, der im Innern des Königs stattfand, entging dem Blicke
Barillon’s nicht. Ende Januar 1687 schrieb er einen interessanten Brief
nach Versailles. Der König -- dies war der wesentliche Inhalt des
Schreibens -- habe sich so ziemlich überzeugt, daß er nicht völlige
Freiheit für die römischen Katholiken erlangen und dabei doch die
Gesetze gegen die protestantischen Dissenters aufrecht erhalten könne.
Er neige sich daher zu einem Plane allgemeiner Indulgenz hin, im Herzen
aber würde es ihm weit lieber sein, wenn er auch jetzt noch seinen
Schutz und seine Gunst zwischen der römischen und der anglikanischen
Kirche, mit Ausschluß aller anderen religiösen Überzeugungen, theilen
könnte.[26]

    [Anmerkung 25: Leeuwen, 25. Dec. (4. Jan.) 1685/6.]

    [Anmerkung 26: Barillon, 31. Jan. (10. Febr.) 1686/7. +„Je crois
    que, dans le fond, si on ne pouvoit laisser que la religion
    Anglicane et la Catholique établies par les loix, le Roy
    d’Angleterre en seroit bien plus content.“+]


[_In Schottland theilweise Duldung gewährt._] Wenige Tage nach dem
Abgang dieser Depesche that Jakob zögernd und widerstrebend den ersten
Schritt zur Annäherung an die Puritaner. Er hatte sich entschlossen, mit
Schottland zu beginnen, wo seine Befugniß, von Parlamentsacten zu
dispensiren, von den willfährigen Ständen anerkannt war. Demgemäß wurde
am 12. Februar in Edinburg eine Proklamation erlassen, welche
ängstlichen Gewissen eine Erleichterung gewährte.[27] Diese Proklamation
beweist vollkommen die Richtigkeit von Barillon’s Urtheil. Selbst in der
Acte, durch die er den Presbyterianern Zugeständnisse machte, konnte
Jakob seinen Widerwillen gegen sie nicht verhehlen. Die den Katholiken
gewährte Duldung war vollkommen. Auch die Quäker hatten wenig Ursache
sich zu beklagen. Aber die den Presbyterianern, welche die Hauptmasse
des schottischen Volks bildeten, bewilligte Indulgenz war durch
Bedingungen beschränkt, die sie fast werthlos machten. An die Stelle des
bisherigen Religionseides, der sowohl Katholiken als Presbyterianer von
Staatsämtern ausschloß, war ein neuer Religionseid gesetzt, der die
Katholiken zuließ, aber die meisten Presbyterianer ausschloß. Den
Katholiken war es erlaubt, Kapellen zu erbauen und sogar die Hostie
überall, mit Ausnahme der Straßen in königlichen Burgflecken, in
Prozession umherzutragen; den Quäkern war es gestattet, sich in
öffentlichen Gebäuden zu versammeln; die Presbyterianer aber durften nur
in Privatwohnungen Gottesdienst halten; es war ihnen streng verboten,
Bethäuser zu bauen, sie durften nicht einmal eine Scheune oder ein
Nebenhaus zu Andachtsübungen benutzen, und es ward ihnen nachdrücklich
eingeschärft, daß, wenn sie es wagten, Conventikel unter freiem Himmel
zu hatten, das Gesetz, welches sowohl den Predigern als den Zuhörern mit
dem Tode drohte, mit schonungsloser Strenge angewendet werden sollte.
Jeder katholische Priester durfte Messe lesen, jeder Quäker durfte vor
seinen Glaubensbrüdern Reden halten; aber der Geheime Rath war
angewiesen, darüber zu wachen, daß kein presbyterianischer Geistlicher
sich unterfange, ohne specielle Erlaubniß der Regierung zu predigen.
Jede Zeile dieses Dokuments und der dasselbe begleitenden Briefe
beweist, wie schwer es dem Könige wurde, nur einigermaßen die Härte zu
mildern, mit der er die alten Feinde seines Hauses von jeher behandelt
hatte.[28]

Man hat wirklich Grund zu glauben, daß er bei Veröffentlichung dieser
Proklamation noch keineswegs zu einer Coalition mit den Puritanern fest
entschlossen war und daß er ihnen zuvörderst nur eben so viele
Begünstigungen gewähren wollte, als durchaus nöthig waren, um die
Anhänger der Landeskirche durch Einschüchterung zum Gehorsam zu bringen.
Er wartete daher einen Monat, um zu sehen, welchen Eindruck das in
Edinburg erlassene Edict in England machen werde. Diesen Monat
verwendete er auf Petre’s Rath eifrig zu dem, was man +closeting+[29]
nannte.

    [Anmerkung 27: Sie ist zu finden im Anfange zu Wodrow II. 129.]

    [Anmerkung 28: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 128, 129, 132.+]

    [Anmerkung 29: Persönliche Bearbeitung Einzelner im Privatkabinet
    des Königs.    D. Übers.]


[_Persönliche Bearbeitung Einzelner im königlichen Kabinet._] London war
voll von geeigneten Persönlichkeiten. Man erwartete die baldige
Zusammenberufung des Parlaments zur Erledigung von Geschäften, und viele
Mitglieder waren bereits in der Stadt. Der König nahm sich vor, sie Mann
für Mann zu werben. Er hoffte, daß die eifrigen Tories -- und aus
solchen bestand das Unterhaus mit wenigen Ausnahmen -- seinen dringenden
Bitten schwer würden widerstehen können, wenn er dieselben nicht an die
Gesammtheit, sondern an jeden Einzelnen, und nicht vom Thronsessel
herab, sondern im vertraulichen Gespräch an sie richtete. Die
Mitglieder, welche nach Whitehall kamen, um ihre Aufwartung zu machen,
wurden demnach auf die Seite genommen und mit langen Privatunterredungen
beehrt. Der König drang in sie, daß sie, als loyale Gentlemen, ihm nur
in dem einem Punkte, der ihm mehr als alles Andre am Herzen liege, den
Willen thun möchten. Er meinte, die Sache berühre seine persönliche
Ehre. Die unter der vorigen Regierung von factiösen Parlamenten gegen
die Katholiken erlassenen Verordnungen seien lediglich gegen ihn selbst
gerichtet gewesen; diese Gesetze hätten ihm ein Brandmal aufgedrückt,
ihn aus der Admiralität und aus dem Staatsrathe vertrieben, und er sei
berechtigt, zu erwarten, daß Alle, die ihn liebten und ehrten, sich zur
Abschaffung jener Gesetze vereinigen würden. Sah er, daß seine Zuhörer
gegen diese Ermahnungen taub blieben, so nahm er seine Zuflucht zu
Drohungen und Bestechungen. Denjenigen, die sich weigerten, ihm in
dieser Angelegenheit zu Willen zu sein, wurde geradezu gesagt, daß sie
keine Gunstbezeigung zu erwarten hätten. Trotz seiner Knauserei öffnete
und vertheilte er seine Schätze. Mehrere von Denen, die zu einer
Conferenz mit ihm eingeladen worden waren, nahmen aus seinem
Schlafzimmer Geld mit fort, das sie aus königlicher Hand empfangen
hatten. Die Richter, die sich gerade auf ihrer Frühjahrsrundreise
befanden, erhielten Befehl vom Könige, die noch in der Provinz
zurückgebliebenen Mitglieder zu besuchen und die Gesinnungen jedes
Einzelnen zu erforschen.


[_Erfolglosigkeit der persönlichen Bearbeitung._] Das Resultat aller
dieser Nachforschungen war, daß die große Majorität des Hauses der
Gemeinen entschlossen zu sein schien, sich den Maßregeln des Hofes zu
widersetzen.[30] Einer von Denjenigen, deren Festigkeit allgemeine
Bewunderung erregten, war Arthur Herbert, der Bruder des Oberrichters,
Parlamentsmitglied für Dover, Kammerherr und Contreadmiral von England.

    [Anmerkung 30: Barillon, 28. Febr. (10. März) 1686/7; Citters,
    15.(25.) Febr.; +Reresby’s Memoirs+; Bonrepaux, 25. Mai (4. Juni)
    1687.]


[_Admiral Herbert._] Arthur Herbert war bei den Seeleuten sehr beliebt
und galt für einen der tüchtigsten adeligen Marineoffiziere. Man hatte
allgemein vermuthet, daß er sich den Wünschen des Königs bereitwillig
fügen werde, denn er fragte wenig nach der Religion, war
vergnügungslustig und verschwenderisch, hatte kein Privatvermögen, bezog
aus seinen Stellen ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund und
wurde seit langer Zeit zu den ergebensten persönlichen Anhängern Jakob’s
gerechnet. Als aber der Contreadmiral im Privatkabinet vorgenommen und
das Versprechen von ihm verlangt wurde, daß er für die Aufhebung der
Testacte stimmen wolle, antwortete er, seine Ehre und sein Gewissen
erlaubten ihm nicht, ein solches Versprechen zu geben. „Niemand zweifelt
an Ihrer Ehre“, sagte der König, „aber ein Mann, der so lebt wie Sie,
sollte nicht von seinem Gewissen sprechen.“ Auf diesen Vorwurf, einen
Vorwurf, der dem Geliebten der Katharine Sedley übel anstand, erwiederte
Herbert mit männlicher Offenheit: „Ich habe meine Fehler, Sire, aber ich
könnte Leute nennen, welche viel häufiger von ihrem Gewissen sprechen
als ich und dabei ein eben so lockeres Leben führen.“ Er wurde aller
seiner Stellen entsetzt und die Rechnung über seine Ausgaben und
Einnahmen als Kammerherr wurden mit großer und, wie er klagte,
ungerechter Strenge geprüft.[31]

Es war jetzt augenscheinlich, daß jede Hoffnung auf ein Bündnis zwischen
der anglikanischen und römischen Kirche zu dem Zwecke, die Ämter und
Einnahmen unter sich zu theilen und die puritanischen Secten zu
unterdrücken, aufgegeben werden mußte. Es blieb weiter nichts übrig, als
der Versuch, eine Koalition zwischen der römischen Kirche und den
puritanischen Secten gegen die anglikanische Kirche zu Stande zu
bringen.

    [Anmerkung 31: Barillon, 14.(24.) März 1687; Lord Russell an +Dr.+
    Fitzwilliam, 1. April; +Burnet I. 671, 672+. In +Clarke’s Life of
    James the Second, II. 204+ ist die Unterredung etwas anders
    erzählt. Diese Stelle aber ist kein Theil der eigenen Memoiren des
    Königs.]


[_Die Indulgenzerklärung._] Am 18. März kündigte der König dem Geheimen
Rathe an, daß er beschlossen habe, das Parlament bis Ende November zu
prorogiren und allen seinen Unterthanen aus eigner Machtvollkommenheit
völlige Gewissensfreiheit zu gewähren.[32] Am 4. April erschien die
denkwürdige Indulgenzerklärung.

In dieser Erklärung sagte der König, es sei sein innigster Wunsch, seine
Unterthanen als Mitglieder derjenigen Kirche zu sehen, der er selbst
angehöre. Da dies aber nicht sein könne, erkläre er, daß es seine
Absicht sei, sie in der freien Ausübung ihrer Religion zu schützen. Er
wiederholte alle die schönen Redensarten, welche acht Jahre früher, als
er selbst ein Unterdrückter war, so oft aus seinem Munde kamen, die er
aber nicht mehr gebrauchte, seitdem ein Wechsel des Glücks ihm die Macht
verliehen hatte, selbst ein Unterdrücker zu werden. Er sei schon längst
überzeugt, sagte er, daß man dem Gewissen keinen Zwang anthun dürfe, daß
Verfolgungen der Zunahme der Bevölkerung und dem Handel nachtheilig
seien und nie zu dem Zwecke führten, den die Verfolger erreichen
wollten. Er wiederholte das schon oft gegebene und eben so oft
gebrochene Versprechen, daß er die Staatskirche im Genusse ihrer
gesetzlichen Rechte schützen wolle. Hierauf erklärte er, ebenfalls aus
eigner Machtvollkommenheit, eine lange Reihe von Gesetzen für null und
nichtig, hob alle Strafbestimmungen gegen alle Klassen von
Nonconformisten auf, ermächtigte die römischen Katholiken wie auch die
protestantischen Dissenters, ihren Gottesdienst öffentlich zu halten,
verbot seinen Unterthanen bei Strafe seines allerhöchsten Mißfallens,
irgend eine religiöse Versammlung zu stören, und schaffte auch alle
diejenigen Gesetze ab, welche die Befähigung zu bürgerlichen und
militairischen Ämtern von einem Religionseide abhängig machten.[33]

Daß die Indulgenzerklärung verfassungswidrig war, darüber sind beide
große Parteien Englands zu allen Zeiten einig gewesen. Jeder, der in
politischen Fragen ein Urtheil hat, muß einsehen, daß ein Fürst, der
eine solche Erklärung erlassen darf, nichts Geringeres ist als ein
absoluter Monarch. Auch kann man zur Vertheidigung dieser Handlung
Jakob’s nicht die Gründe geltend machen, mit denen viele willkürliche
Maßregeln der Stuarts vertheidigt oder entschuldigt worden sind. Man
kann nicht sagen, daß er den Umfang seiner Prärogative verkannt habe,
weil sie nicht genau bestimmt gewesen sei, denn er überschritt die
Grenze angesichts einer ganz kürzlich erst festgestellten Grenzmarke.
Funfzehn Jahre früher hatte sein Bruder auf Anrathen der Cabale auch
eine Indulgenzerklärung erlassen, welche im Vergleich zu der Erklärung
Jakob’s gemäßigt und vorsichtig genannt werden konnte. Die Erklärung
Karl’s dispensirte nur von Strafgesetzen, die Erklärung Jakob’s
dispensirte auch von allen Religionseiden. Die Erklärung Karl’s
gestattete den Katholiken, nur in Privatwohnungen ihren Gottesdienst zu
halten, nach der Erklärung Jakob’s konnten sie Tempel bauen und
ausschmücken und sogar mit Kreuzen, Bildern und Rauchfässern in
Prozession durch Fleet Street ziehen. Dennoch war die Erklärung Karl’s
in alter Form für gesetzwidrig erklärt worden. Die Gemeinen hatten sich
dahin ausgesprochen, daß der König nicht befugt sei, in kirchlichen
Angelegenheiten von Gesetzen zu dispensiren. Karl hatte hierauf das
mißliebige Schriftstück vor seinen Augen vernichten lassen, hatte mit
eigner Hand das Siegel davon abgerissen und sowohl durch eine von ihm
eigenhändig unterschriebene Botschaft als auch mündlich vom Throne herab
in vollem Parlament beiden Häusern fest versprochen, daß der Schritt,
der so großen Anstoß gegeben, als nie geschehen betrachtet werden solle.
Die beiden Häuser hatten dann ohne eine einzige opponirende Stimme eine
gemeinschaftliche Dankadresse für diese Erfüllung ihrer Wünsche an ihn
gerichtet. Nie war eine Verfassungsfrage mit reiflicherer Erwägung, mit
unzweideutigerer Klarheit und mit vollkommnerer Einhelligkeit
entschieden worden.

Jakob’s Vertheidiger haben zu seiner Entschuldigung häufig das
Erkenntniß anführt, welches der Gerichtshof der Kings Bench in der
abgekarteten Klage gegen Sir Eduard Hales abgab; aber dieser
Entschuldigungsgrund hat gar kein Gewicht. Jakob hatte diesen Ausspruch
notorisch durch Bitten, durch Drohungen, durch Entlassung gewissenhafter
Beamten und durch Besetzung der Richterbank mit anderen höfischer
gesinnten Richtern erlangt. Und obgleich dieses Erkenntniß von der
Advokatur wie von der Nation allgemein für verfassungswidrig erklärt
wurde, erstreckte es sich doch nur so weit, daß der König aus besonderen
Staatsgründen einzelnen Individuen Dispensationen von ausschließenden
Gesetzen bewilligen dürfe. Daß er durch ein Alles über den Haufen
werfendes Edict alle seine Unterthanen ermächtigen konnte, ganze Bände
von Gesetzen nicht mehr zu befolgen, dies hatte kein Gerichtshof
angesichts der feierlichen Entscheidung des Parlaments von 1673 zu
behaupten gewagt.

    [Anmerkung 32: +London Gazette, March 21, 1686/7.+]

    [Anmerkung 33: +London Gazette, April 7+. 1087.]


[_Stimmung der protestantischen Dissenters._] Die Stellung der Parteien
war jedoch von der Art, daß Jakob’s Indulgenzerklärung, obgleich der
kühnste von allen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche Freiheit,
wohl geeignet war, gerade demjenigen Theile der Gesellschaft zu
gefallen, der allen anderen Angriffen der Stuarts auf die öffentliche
Freiheit den beharrlichsten Widerstand entgegengesetzt hatte. Es stand
kaum zu erwarten, daß der durch ein hartes und streng gehandhabtes
Gesetzbuch von seinen Landsleuten getrennte protestantische
Nonconformist geneigt sein werde, die Gültigkeit eines Erlasses zu
bestreiten, der ihn von unerträglichen Bedrückungen erlöste. Ein kalter
und philosophischer Beobachter würde ohne Zweifel erklärt haben, daß
alles Übel, das aus allen intoleranten Gesetzen, welche je von
Parlamenten erlassen wurden, hervorgehen könne, nicht zu vergleichen sei
mit dem Unheil, welches durch eine Übertragung der gesetzgebenden Gewalt
vom Parlament auf den Souverain entstehen würde. Aber eine so ruhige und
philosophische Überlegung kann man nicht von Leuten erwarten, die unter
einem vorhandenen Drucke seufzen und denen die lockende Aussicht auf
sofortige Erleichterung dargeboten wird. Ein puritanischer Theolog
konnte allerdings nicht leugnen, daß die jetzt von der Krone
beanspruchte Dispensationsgewalt mit den Grundprinzipien der
Verfassung unvereinbar war. Aber es war vielleicht zu entschuldigen,
wenn er fragte, was die Verfassung eigentlich für ihn sei. Die
Gleichförmigkeitsacte hatte ihn trotz königlicher Versprechungen von
einer Pfründe vertrieben, die sein rechtmäßiges Eigenthum war, und hatte
ihn in Armuth und Abhängigkeit zurückgeworfen. Die Fünfmeilenacte hatte
ihn von seiner Heimath, von seinen Verwandten, von seinen Freunden, von
fast jedem öffentlichen Zufluchtsorte verbannt. Kraft der
Conventikelacte war er seines Vermögens beraubt und aus einem
schmutzigen Kerker in den andren mitten unter Straßenräuber und Diebe
geworfen worden. Außerhalb des Gefängnisses wurde er beständig von den
Gerichtsdienern verfolgt; er hatte Angeber durch Geldgeschenke zum
Schweigen bringen, hatte sich in schimpflicher Verkleidung durch Fenster
und Fallthüren heimlich zu seiner Gemeinde schleichen müssen, und
während er das geweihte Wasser auf den Täufling sprengte oder das Brod
des heiligen Abendmahls austheilte, hatte er in beständiger Angst auf
das Zeichen horchen müssen, welches ihm sagte, daß die Sbirren der
Justiz sich näherten. War es nicht bitterer Hohn, einen so
ausgeplünderten und bedrückten Mann aufzufordern, daß er für das
Eigenthum und die Freiheit seiner Plünderer und Bedrücker zum Märtyrer
werden solle? Mochte die Indulgenzerklärung seinen glücklichen Nachbarn
noch so despotisch erscheinen, ihm brachte sie Erlösung. Er wurde
aufgefordert, nicht zwischen der Freiheit und der Knechtschaft, sondern
zwischen zwei Jochen zu wählen, und es wäre nicht unnatürlich gewesen,
wenn er das Joch des Königs für erträglicher gehalten hätte als das der
Kirche.


[_Stimmung der anglikanischen Kirche._] Während solche Gedanken die
Gemüther vieler Dissenters beschäftigten, war die anglikanische Partei
in Angst und Bestürzung. Diese neue Wendung der Dinge war in der That
beunruhigend. Das Haus Stuart im Bunde mit republikanischen und
königsmörderischen Secten gegen die alten Kavaliere Englands; der
Papismus im Bunde mit dem Puritanismus gegen ein kirchliches System, an
welchem die Puritaner nichts weiter auszusetzen hatten, als daß es
zuviel Papistisches beibehalten: das waren Zeichen und Wunder, welche
alle Berechnungen der Staatsmänner über den Haufen warfen. Die Kirche
sollte also mit einem Male von allen Seiten angegriffen werden, und zwar
unter der Leitung Dessen, der ihrer Verfassung nach ihr Oberhaupt war.
Es war kein Wunder, wenn sie von Erstaunen und Entsetzen ergriffen
wurde. Und zu dem Erstaunen und dem Entsetzen gesellten sich noch andere
bittere Gefühle: Groll gegen den meineidigen Fürsten, dem sie nur zu
treu gedient, und Reue über die Grausamkeiten, die sie in Gemeinschaft
mit ihm verübt hatte und für die er sie jetzt, wie es schien, bestrafen
wollte. Ihre Strafe war gerecht, sie erntete was sie gesäet hatte. Als
nach der Restauration ihre Macht den Höhepunkt erreicht, hatte sie nur
Rache geschnaubt. Sie hatte die Stuarts aufgefordert, gedrängt, fast
gezwungen, die kürzlich geleisteten Dienste der Presbyterianer mit
schnödem Undanke zu vergelten. Hätte sie sich in jener Zeit ihrer
höchsten Blüthe, wie es ihr geziemte, ihrer Feinde angenommen, so würde
sie jetzt, in der Zeit der Noth, Freunde in ihnen gefunden haben.
Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte sie noch die
Taktik ihres Bedrückers gegen ihn selbst kehren. Es gab unter den
Anglikanern eine gemäßigte Partei, welche den protestantischen
Dissenters immer freundlich gesinnt gewesen war. Allerdings war diese
Partei nicht zahlreich, aber die Talente, Kenntnisse und Tugenden ihrer
Mitglieder machten sie achtunggebietend. Sie war von den höchsten
Würdenträgern der Kirche nicht mit günstigem Auge betrachtet und von den
Frömmlern aus der Schule Laud’s schonungslos verunglimpft worden; aber
von dem Tage, an welchem die Indulgenzerklärung erschien, bis zu dem
Tage, wo Jakob’s Macht aufhörte Schrecken einzuflößen, schien die ganze
Kirche von dem Geiste der verleumdeten Latitudinarier beseelt zu sein
und von ihren Rathschlägen geleitet zu werden.


[_Der Hof und die Kirche._] Nun folgte eine Art von Versteigerung, die
sonderbarste, von der uns die Geschichte erzählt. Der König auf der
einen, die Kirche auf der andren Seite begannen einander zu überbieten,
um die Gunst Derer zu erlangen, zu deren Unterdrückung sie bis dahin
verbündet gewesen waren. Die protestantischen Dissenters, die noch vor
wenigen Monaten eine verachtete und geächtete Klasse gewesen waren,
hielten jetzt die Wage der Macht in ihrer Hand. Die Härte, mit der sie
behandelt worden waren, wurde allgemein verdammt. Der Hof suchte die
ganze Schuld auf die Hierarchie zu wälzen, und die Hierarchie warf sie
zurück auf den Hof. Der König erklärte, daß er die Separatisten wider
Willen nur deshalb verfolgt habe, weil seine Angelegenheiten in einem
Zustande gewesen wären, bei dem er es nicht hatte wagen dürfen, dem
Klerus der Staatskirche zu nahe zu treten. Dieser versicherte, daß er
nur aus Ehrerbietung vor der Autorität des Königs an einer Strenge Theil
genommen habe, die seinen Gefühlen durchaus fremd sei. Der König brachte
eine Sammlung von Anekdoten von Rectoren und Vikaren zusammen, welche
durch Androhung von Verfolgung von protestantischen Dissenters Geld
erpreßt hatten. Er sprach häufig und öffentlich über diesen Gegenstand,
drohte mit einer Untersuchung, welche die Pfarrer der ganzen Welt in
ihrem wahren Character zeigen werde und erließ in der That mehrere
Verordnungen, durch welche Agenten, auf die er sich verlassen zu können
glaubte, ermächtigt wurden, den Betrag der Summen zu ermitteln, welche
in verschiedenen Landestheilen von Bekennern der herrschenden Religion
Sectirern abgepreßt worden waren. Die Vertheidiger der Landeskirche
führten dagegen Beispiele von rechtschaffenen Pfarrern an, welche vom
Hofe Verweise und Drohungen erhalten, weil sie auf der Kanzel
Duldsamkeit empfohlen und sich geweigert hatten, kleine Gemeinden von
Nonconformisten auszuspüren und zu Tode zu hetzen. Der König behauptete,
daß einige Mitglieder der Staatskirche, die er privatim vorgenommen,
sich erboten hatten, den Katholiken ausgedehnte Zugeständnisse zu
machen, unter der Bedingung, daß die Verfolgung gegen die Puritaner
ihren Fortgang behalte. Die angeklagten Anhänger der Staatskirche
leugneten heftig die Wahrheit dieser Beschuldigung und behaupteten, daß,
wenn sie sich mit dem, was der König für seine eigene Kirche verlangte,
einverstanden erklärt hätten, er ihnen sehr gern gestattet haben würde,
sich durch Verfolgung und Ausplünderung protestantischer Dissenters zu
entschädigen.[34]

Der Hof hatte seine Physiognomie verändert. Die Schärpe und der
Priesterrock der anglikanischen Geistlichen konnten sich daselbst kaum
noch sehen lassen ohne spöttisches Lächeln und boshaftes Geflüster
hervorzurufen. Die Hofdamen erlaubten sich nicht mehr zu kichern und die
Kammerherren verbeugten sich bis zur Erde, wenn sich das puritanische
Gesicht und die puritanische Tracht, welche in den vornehmen Zirkeln so
lange Zeit Lieblingsgegenstände des Spotts gewesen waren, in den
Gallerien des Palastes zeigten. Taunton, das zwei Generationen hindurch
die Veste der Rundkopfpartei im Westen gewesen war, das die Armeen
Karl’s I. zweimal tapfer zurückgeschlagen, sich zur Unterstützung
Monmouth’s wie ein Mann erhoben hatte und von Kirke und Jeffreys in eine
Schlachtbank verwandelt worden war, schien plötzlich die Stelle erobert
zu haben, welche Oxford einst in der königlichen Gunst eingenommen.[35]
Der König gewann es über sich, ausgezeichneten Dissenters sogar mit
kriechender Höflichkeit zu begegnen. Einigen bot er Geld an, Anderen
städtische Ehrenämter, noch Anderen Begnadigung von Verwandten und
Freunden, die wegen Theilnahme an dem Ryehousecomplot oder wegen
Anschluß an die Fahne Monmouth’s auf dem Kontinent umherirrten oder in
den Zuckerplantagen von Barbados schwitzten. Er stellte sich sogar, als
ob er mit den freundlichen Gesinnungen der englischen Puritaner gegen
ihre auswärtigen Glaubensbrüder sympathisirte. Eine zweite und dritte
Proklamation erschien in Edinburg, welche die den Presbyterianern durch
das Februaredict gewährte nichtssagende Duldung bedeutend
erweiterten.[36] Die verbannten Hugenotten, die der König seit vielen
Monaten mit ungnädigem Auge angesehen und denen er die von der Nation
aufgebrachten milden Gaben vorenthalten hatte, wurden jetzt unterstützt
und gehätschelt. Es wurde ein Ministerialbefehl erlassen, der die
öffentliche Mildthätigkeit nochmals zu ihren Gunsten aufrief. Die
Vorschrift, welche von ihnen den Anschluß an die anglikanische
Gottesverehrung als Bedingung des Empfangs einer Unterstützung
verlangte, scheint zu dieser Zeit stillschweigend aufgehoben gewesen zu
sein, und die Vertheidiger der Politik des Königs hatten die Frechheit
zu behaupten, diese Vorschrift sei auf Andringen der Prälaten der
Staatskirche erlassen worden, während wir aus den sichersten Quellen
wissen, daß sie von ihm selbst im Einverständniß mit Barillon ersonnen
worden war.[37]

Während der König sich so die Gunst seiner alten Gegner zu erwerben
suchte, waren die Freunde der Landeskirche nicht weniger thätig. Von der
Bitterkeit und dem Hohne, mit dem die Prälaten und Priester seit der
Restauration die Sectirer zu behandeln pflegten, war kaum noch eine Spur
zu erkennen. Die, welche man ganz kürzlich noch Schismatiker und
Fanatiker genannt hatte, waren jetzt geliebte Mitprotestanten,
Glaubensbrüder, die vielleicht schwach sein mochten, aber deren
Gewissensskrupel immerhin zarte Rücksichtnahme verdienten. Wenn sie nur
in dieser Krisis der englischen Verfassung und dem reformirten Glauben
treu blieben, so sollte ihre Hochherzigkeit bald und reich belohnt
werden. Anstatt einer Indulgenz, welche keine gesetzliche Gültigkeit
hätte, sollten sie eine wirkliche, durch eine Parlamentsacte gesicherte
Indulgenz haben. Ja, viele Mitglieder der Staatskirche, die sich bisher
durch ihr starres Festhalten an jeder in der Liturgie vorgeschriebenen
Geberde und Formel ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt nicht nur
zur Duldung, sondern sogar zur Gleichstellung geneigt. Der Streit um
Chorröcke und Stellungen, sagten sie, habe nur zu lange Christen von
einander getrennt, welche doch in den wesentlichen Glaubenspunkten
übereinstimmten. Wenn der Kampf auf Tod und Leben gegen den gemeinsamen
Feind vorüber wäre, dann würde man sehen, daß die anglikanische
Geistlichkeit zu jedem billigen Zugeständnisse bereit sei. Wenn die
Dissenters nur nicht unbescheiden wären, so würden ihnen nicht blos
bürgerliche, sondern auch geistliche Ämter offen stehen, und Baxter und
Howe würden ohne einen Flecken an ihrer Ehre oder ihrem Gewissen auf der
Bank der Bischöfe sitzen können.

    [Anmerkung 34: Verordnungen des Schatzamts. Siehe besonders die
    Instructionen vom 8. März 1687/88; +Burnet, I. 715+; +Reflections
    on His Majesty’s Proclamation for a Toleration in Scotland+;
    +Letters containing some Reflections on His Majesty’s Declaration
    for Liberty of Conscience+; +Apology for the Church of England
    with relation to the spirit of Persecution for which she is
    accused, 1687/88.+ Doch es ist mir unmöglich, alle Flugschriften
    anzuführen, aus denen ich mein Urtheil über den damaligen Stand
    der Parteien geschöpft habe.]

    [Anmerkung 35: +Letter to a Dissenter+.]

    [Anmerkung 36: +Wodrow, Appendix, vol. II. Nos. 132, 134.+]

    [Anmerkung 37: +London Gazette, April 21. 1687+; +Animadversions
    on a late paper entituled a Letter to a Dissenter, by H. C. (Henry
    Care), 1687.+]


[_„Brief an einen Dissenter.“_] Von den zahlreichen damaligen
Flugschriften, in denen die Sache des Hofes und die Sache der Kirche vor
dem Puritaner, der jetzt durch eine sonderbare Wendung des Geschicks das
Loos seiner Verfolger entscheiden sollte, eifrig und ängstlich
entwickelt wurde, ist jetzt nur noch eine in der Erinnerung, betitelt:
+Letter to a Dissenter+. In dieser meisterhaften kleinen Schrift waren
alle Argumente, die einen Nonconformisten überzeugen konnten, daß es
seine Pflicht und sein Interesse sei, ein Bündniß mit der Staatskirche
einem Bündnisse mit dem Hofe vorzuziehen, auf einem engen Raume in der
übersichtlichsten Ordnung zusammengestellt, mit geistreichem Witze
erörtert und mit einer zwar lebhaften, aber selbst in den Momenten der
leidenschaftlichsten Heftigkeit die Grenzen des Anstandes und der seinen
Bildung nie überschreitenden Beredtsamkeit zur Geltung gebracht. Die
Schrift machte einen ungeheuren Eindruck, denn da sie nur einen Bogen
stark war, wurden über zwanzigtausend Exemplare durch die Post versandt
und die Wirkung zeigte sich in jedem Winkel des Reichs. Es erschienen
vierundzwanzig Antworten darauf, aber die ganze Stadt erklärte sie für
schlecht und die von Lestrange für die schlechteste von allen
vierundzwanzig.[38] Die Regierung war sehr ärgerlich und sparte keine
Mühe, um den Verfasser des Briefs ausfindig zu machen; aber es war nicht
möglich, rechtskräftige Beweise gegen ihn aufzubringen. Einige meinten
die Denk- und Sprachweise Temple’s zu erkennen.[39] In Wirklichkeit aber
gehörte dieser umfassende und scharfe Verstand, diese lebhafte
Phantasie, dieser elegante und kräftige Styl, diese ruhige und edle,
halb hofmännische, halb philosophische Würde, welche die heftigste
Aufregung des Kampfes nicht einen Augenblick aus der Fassung bringen
konnte, keinem Andren als Halifax an.

    [Anmerkung 38: +Lestrange’s Answer to a Letter to a Dissenter+;
    +Care’s Animadversions on a Letter to a Dissenter+; +Dialogue
    between Harry and Roger+, nämlich Harry Care und Roger Lestrange.]

    [Anmerkung 39: Der Brief war mit T. W. unterzeichnet. Care sagt in
    seinen +Animadversions+: „Dieser Herr Politiker T. W. oder W. T.,
    denn einige Kritiker halten dies für die richtigere Lesart.“]


[_Benehmen der Dissenters._] Die Dissenters schwankten und man darf
ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Sie litten und der König hatte ihnen
Linderung verschafft. Einige ausgezeichnete Geistliche waren ihrer Haft
entlassen worden, andere hatten es gewagt, aus dem Exil zurückzukehren.
Gemeinden, die ihre Zusammenkünfte bisher nur heimlich und im Dunklen
hatten abhalten können, versammelten sich jetzt am hellen Tage und
sangen laut ihre Psalmen vor den Augen von Magistratsbeamten,
Kirchenvorstehern und Constablern. Bescheidene Gotteshäuser von
puritanischer Bauart begannen sich in allen Gegenden Englands zu
erheben. Der aufmerksame Reisende kann noch jetzt an einigen der
ältesten Bethäuser die Jahrzahl 1687 erkennen. Dessen ungeachtet waren
die Anerbietungen der Kirche für einen klugen Dissenter viel lockender
als die des Königs. Die Indulgenzerklärung war in den Augen des Gesetzes
null und nichtig. Sie suspendirte die Strafgesetze gegen Nonconformität
nur auf so lange, als die Grundprinzipien der Verfassung und die
rechtmäßige Autorität des gesetzgebenden Körpers aufgehoben blieben.
Welchen Werth hatten Privilegien, die auf einen so schmachvollen und
zugleich so unsicheren Besitztitel beruhten? Es konnte bald eine
Thronerledigung eintreten, ein der Landeskirche anhängender Souverain
konnte auf den Thron kommen und ein aus Mitgliedern der Landeskirche
bestehendes Parlament gebildet werden. Wie beklagenswerth mußte dann die
Lage der Dissenters werden, die sich mit Jesuiten gegen die Verfassung
verbündet hatten! Die Kirche bot eine Indulgenz ganz andrer Art als die
von Jakob gewährte dar, eine Indulgenz, die eben so rechtsgültig und
heilig war als die Magna Charta. Beide streitende Parteien versprachen
dem Separatisten Glaubensfreiheit; aber die eine Partei verlangte von
ihm, daß er sie durch Aufopferung der bürgerlichen Freiheit erkaufen
sollte, während die andre ihn zum Genuß der bürgerlichen und religiösen
zugleich einlud.

Aus diesen Gründen konnte ein Dissenter sich wohl entschließen, sein
Loos mit dem der Staatskirche zu verknüpfen, selbst wenn er hätte
glauben können, daß der Hof es aufrichtig meinte. Aber wer garantirte
ihm für die Aufrichtigkeit des Hofes? Jedermann kannte das bisherige
Benehmen Jakob’s. Es war zwar nicht gerade unmöglich, daß ein Verfolger
durch Vernunftgründe und Erfahrungen von den Vortheilen der
Religionsduldung überzeugt werden konnte. Aber Jakob behauptete, nicht
erst neuerdings überzeugt worden zu sein; im Gegentheil, er versäumte
keine Gelegenheit, um zu versichern, daß er schon seit vielen Jahren aus
Grundsatz aller Unduldsamkeit feind gewesen sei. Dennoch hatte er noch
vor wenigen Monaten Männer, Frauen und junge Mädchen um ihrer Religion
willen bis zum Tode verfolgt. Hatte er damals gegen die bessere
Überzeugung seines Gewissens gehandelt? oder sagte er jetzt eine
wissentliche Unwahrheit? Aus diesem Dilemma gab es keinen Ausweg und
jede der beiden Annahmen war für den Ruf der Rechtschaffenheit des
Königs gleich verderblich. Außerdem war auch allbekannt, daß ihn die
Jesuiten ganz in ihrer Gewalt hatten. Erst wenige Tage vor der
Bekanntmachung der Indulgenz war dieser Orden dem wohlbekannten Willen
des heiligen Stuhles zum Trotz mit einem neuen Beweise seines Vertrauens
und seines Beifalls beehrt worden. Sein Beichtvater, Pater Mansuetus,
ein Franziskaner, dessen menschenfreundlicher Character und tadelloser
Lebenswandel die größte Achtung verdienten, den aber Tyrconnel und Petre
schon längst haßten, war entlassen worden. Den dadurch erledigten Posten
erhielt ein Engländer, Namens Warner, der von dem Glauben seines
Vaterlandes abgefallen und Jesuit geworden war. Den gemäßigten
Katholiken und dem Nuntius war dieser Wechsel nichts weniger als
angenehm, und jeder Protestant erblickte darin einen Beweis, daß die
Jesuiten eine unumschränkte Herrschaft über das Gemüth des Königs
ausübten.[40] So großes Lob auch diese Väter mit Recht beanspruchen
konnten, besondere Liberalität und Wahrheitsliebe konnte selbst die
Schmeichelei ihnen nicht beimessen. Daß sie, wenn es das Interesse ihres
Glaubens oder ihres Ordens galt, niemals Bedenken trugen, den Beistand
des weltlichen Schwerts anzurufen, oder die Gesetze der Wahrheit und
Treue zu verletzen, dies war der Welt nicht nur durch protestantische
Ankläger, sondern auch durch Männer verkündet worden, deren
Tugendhaftigkeit und Genie der Stolz der römischen Kirche war. Es war
unglaublich, daß ein ergebener Schüler der Jesuiten der
Gewissensfreiheit aus Grundsatz zugethan sein sollte; dagegen aber war
es weder unglaublich noch unwahrscheinlich, daß er es für gerechtfertigt
hielt, seine wahren Gesinnungen zu verbergen, um seiner Religion einen
Dienst zu erzeigen. Es war gewiß, daß dem Könige im Herzen die
Anglikaner lieber waren als die Puritaner; es war gewiß, daß, so lange
er noch Hoffnung hatte, die Anhänger der Staatskirche zu gewinnen, er
den Puritanern nie die geringste Freundlichkeit erwiesen hatte. Konnte
es also wohl einem Zweifel unterliegen, daß er selbst jetzt noch die
Puritaner willig aufopfern würde, wenn die Anglikaner sich seinen
Wünschen fügten? Sein wiederholt gegebenes Versprechen hatte ihn nicht
abgehalten, die gesetzlichen Rechte der Geistlichkeit anzutasten, welche
so viele sprechende Beweise von treuer Anhänglichkeit an sein Haus
gegeben hatte. Welche Sicherheit konnte sonach sein Wort Secten
gewähren, welche durch die Erinnerung an tausend geschlagene und
empfangene, nicht wieder gut zu machende Wunden von ihm geschieden
waren?

    [Anmerkung 40: Ellis’ Correspondenz, 15. März u. 27. Juli 1686;
    Barillon, 28. Febr. (10. März), 3.(13.) März, 6.(16.) März 1687;
    Ronquillo, 9.(19.) März 1687 in der Mackintosh-Sammlung.]


[_Einige von ihnen halten es mit dem Hofe. Care, Alsop, Rosewell._] Als
die durch Bekanntmachung der Indulgenz verursachte Aufregung sich ein
wenig gelegt hatte, zeigte es sich, daß in der puritanischen Partei eine
Spaltung eingetreten war. Die Minorität, mit einigen wenigen thätigen
Männern an der Spitze, deren Urtheil mangelhaft oder durch das Interesse
geleitet war, unterstützte den König. Heinrich Care, welcher lange Zeit
der heftigste und thätigste Pamphletist unter den Nonconformisten
gewesen war und der in den Tagen des papistischen Complots Jakob in
einer Schrift unter dem Titel +Packet of Advice from Rome+
(Nachrichtenpacket von Rom) mit schrankenloser Wuth angegriffen hatte,
schmeichelte ihm jetzt eben so laut, als er ihn früher geschmäht und
verleumdet hatte.[41] Der Hauptagent, dessen sich die Regierung zur
Bearbeitung der Presbyterianer bedient hatte, war Vincenz Alsop, ein
Geistlicher, der als Prediger wie auch als Schriftsteller nicht
unbekannt war. Sein Sohn, der wegen Hochverraths bestraft worden war,
wurde begnadigt, und daher widmete der Vater seinen ganzen Einfluß dem
Hofe.[42] Mit Alsop verbunden war Thomas Rosewell. Rosewell war während
der durch die Entdeckung des Ryehousecomplots herbeigeführten Verfolgung
der Dissenters fälschlich angeklagt worden, daß er gegen die Regierung
gepredigt habe. Jeffreys hatte auf seine Verurtheilung zum Tode
angetragen und eine bestochene Jury hatte ihn den klarsten Beweisen von
seiner Unschuld zum Trotz für schuldig erklärt. Die Ungerechtigkeit des
Urtheils war so himmelschreiend, daß selbst die Höflinge sich darüber
empört zeigten. Ein angesehener Tory, der den Verhandlungen des
Prozesses beigewohnt hatte, ging augenblicklich zu Karl und erklärte,
daß der Hals des loyalsten Unterthanen in England nicht mehr sicher sein
würde, wenn man Rosewell hinrichtete. Die Geschwornen selbst wurden von
Reue ergriffen, als sie überlegten, was sie gethan hatten, und boten
Alles auf, um dem Gefangenen das Leben zu retten. Endlich wurde seine
Begnadigung bewilligt, aber Rosewell mußte drückende Bürgschaft für sein
ferneres Wohlverhalten stellen und zu bestimmten Zeiten persönlich vor
dem Gerichtshofe der Kings Bench erscheinen. Seine Bürgschaften wurden
jetzt auf königlichen Befehl erlassen und dadurch seine Dienste
gewonnen.[43]

    [Anmerkung 41: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Observator+;
    +Heraclitus Ridens+ an mehreren Stellen. Doch Care’s eigene
    Schriften sind das beste Material zur Würdigung seines
    Characters.]

    [Anmerkung 42: +Calamy’s Account of the Ministers ejected or
    silenced after the Restoration, Northamptonshire+; +Wood’s Athenae
    Oxonienses+; +Biographia Britannica.+]

    [Anmerkung 43: +Collection of State Trials+; +Samuel Rosewell’s
    Life of Thomas Rosewell, 1718+; +Calamy’s Account.+]


[_Lobb._] Das Geschäft, die Independenten zu gewinnen, war vornehmlich
einem ihrer Geistlichen, Namens Stephan Lobb, übertragen. Lobb war ein
schwacher, heftiger und ehrgeiziger Mann. Er hatte die Opposition gegen
die Regierung so weit getrieben, daß sein Name in mehreren
Proklamationen geächtet worden war, söhnte sich aber jetzt mit dem Hofe
aus und ging in der Servilität eben so weit als er je in der Opposition
gegangen war. Er schloß sich der jesuitischen Cabale an und rieth eifrig
zu Maßregeln, vor denen die verständigsten und ehrenwerthesten
Katholiken zurückschauderten. Man bemerkte, daß er fortwährend im
Palaste und häufig im Privatkabinet des Königs war, daß er in einem
Glanze lebte, an den die puritanischen Geistlichen nicht gewöhnt waren,
und daß er beständig von Bittstellern belagert war, denen er durch
seinen Einfluß Stellen und Begnadigungen verschaffen sollte.[44]

    [Anmerkung 44: +London Gazette, March 15. 1685/6+; +Nichols’s
    Defence of the Church of England+; +Pierce’s Vindication of the
    Dissenters.+]


[_Penn._] Mit Lobb eng befreundet war Wilhelm Penn. Penn war nie ein
characterfester Mann gewesen, das Leben, das er seit zwei Jahren führte,
hatte sein sittliches Zartgefühl nicht wenig verhärtet, und wenn sein
Gewissen ihm einmal Vorwürfe machte, so tröstete er sich immer wieder
mit dem Gedanken, daß er einen guten und edlen Zweck verfolge und daß
ihm seine Dienste nicht mit Geld bezahlt würden.

Durch den Einfluß dieser und anderer weniger hervorragender Männer
wurden mehrere Dissentergemeinden bewogen, Dankadressen an den König zu
richten. Toryistische Schriftsteller haben mit Recht bemerkt, daß die
Sprache dieser Adressen so widerlich servil war wie nur in irgend einer
der überschwenglichsten Lobreden, welche den Stuarts von Bischöfen
gespendet worden sind. Bei genauer Untersuchung stellt es sich heraus,
daß die Schmach nur einem sehr kleinen Theile der puritanischen Partei
zur Last fällt. Es gab kaum einen Marktflecken in England, der nicht
wenigstens ein kleines Häuflein Separatisten gehabt hätte, und man
sparte keine Mühe, um sie zu einer Äußerung ihrer Dankbarkeit für die
Indulgenz zu bewegen. Rundschreiben, welche sie zur Unterzeichnung
aufforderten, wurden nach allen Gegenden des Landes in solchen Massen
geschickt, daß, wie man scherzweise sagte, die Postfelleisen den Pferden
zu schwer waren. Indessen belief sich die Gesammtzahl der Adressen, die
man von allen über ganz England zerstreuten Presbyterianern,
Independenten und Baptisten erlangen konnte, noch nicht auf sechzig;
auch ist kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß diese Adressen
zahlreiche Unterschriften hatten.[45]

    [Anmerkung 45: Die Adressen sind in der London Gazette zu finden.]


[_Die Mehrzahl der Puritaner ist gegen den Hof. Baxter._] Die große
Masse der protestantischen Nonconformisten, welche fest an den
bürgerlichen Freiheiten hing und den Versprechungen des Königs und der
Jesuiten nicht traute, weigerte sich standhaft, für eine Begünstigung zu
danken, hinter der man mit gutem Grund eine Schlinge argwöhnen durfte.
Dies war die Stimmung aller angesehensten Oberhäupter der Partei. Zu
ihnen gehörte Baxter. Er war, wie wir gesehen haben, bald nach Jakob’s
Thronbesteigung in Untersuchung gezogen, von Jeffreys gröblich insultirt
und von einer Jury, wie die höfischen Sheriffs der damaligen Zeit sie zu
wählen pflegten, für schuldig erklärt worden. Baxter befand sich seit
ungefähr anderthalb Jahren im Gefängniß, als der Hof ernstlich darauf zu
denken begann, die Nonconformisten zu gewinnen. Er wurde nicht allein in
Freiheit gesetzt, sondern auch bedeutet, daß er, wenn er sonst wollte,
seinen Aufenthalt in London nehmen könnte, ohne die Anwendung der
Fünfmeilenacte gegen sich zu fürchten. Die Regierung hoffte
wahrscheinlich, daß die Erinnerung an vergangene Leiden und das Gefühl
der gegenwärtigen Erlösung auf ihn die nämliche Wirkung äußern werde,
wie auf Rosewell und Lobb. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als irrig.
Baxter war weder zu bestechen, noch zu täuschen; er weigerte sich,
irgend eine Dankadresse für die Indulgenz zu unterzeichnen und
verwendete seinen ganzen Einfluß zur Herbeiführung eines guten
Vernehmens zwischen der Staatskirche und den Presbyterianern.[46]

    [Anmerkung 46: +Calamy’s Life of Baxter.+]


[_Howe._] Wenn es irgend einen Mann gab, der in der Achtung der
protestantischen Dissenters noch höher stand als Baxter, so war dies
Johann Howe. Howe hatte, wie Baxter, durch den neuerlichen Umschwung der
Politik persönlich gewonnen. Die nämliche Tyrannei, welche Baxter ins
Gefängniß warf, hatte ihn in die Verbannung getrieben und bald nach
Baxter’s Entlassung aus dem Gefängnisse der Kings Bench kehrte Howe von
Utrecht nach England zurück. Man erwartete in Whitehall, daß Howe den
ganzen Einfluß, den er auf seine Glaubensgenossen ausübte, zu Gunsten
des Hofes verwenden werde. Der König selbst ließ sich herab, den
Unterthan, den er unterdrückt hatte, um seinen Beistand zu bitten. Howe
scheint geschwankt zu haben; der Einfuß Hampden’s aber, mit dem er intim
befreundet war, vermochte ihn, der Sache der Verfassung treu zu bleiben.
Eine Versammlung presbyterianischer Geistlichen wurde in seinem Hause
gehalten, um über die Lage der Dinge zu berathen und über den
einzuschlagenden Weg einen Beschluß zu fassen. Im Palaste erwartete man
mit ängstlicher Spannung das Ergebniß. Zwei königliche Abgesandte
wohnten der Verhandlung bei, und sie kamen mit der unwillkommnen
Nachricht zurück, daß Howe sich entschieden gegen das Dispensationsrecht
erklärt und nach langer Debatte die Majorität der Versammlung für sich
gewonnen habe.[47]

    [Anmerkung 47: +Calamy’s Life of Howe+. Den Antheil, den die
    Familie Hampden an dieser Angelegenheit gehabt, habe ich aus einem
    Briefe von Johnstone an Waristoun vom 13. Juni 1688 erfahren.]


[_Bunyan._] Neben Baxter und Howe muß noch ein andrer Mann genannt
werden, der nach seiner Stellung und Gelehrsamkeit tief unter ihnen, an
Tugend aber ihnen gleich, und an Genie hoch über ihnen stand, Johann
Bunyan. Bunyan war ursprünglich Kesselflicker gewesen und hatte als
gemeiner Soldat in der Parlamentsarmee gedient. Schon in seinen früheren
Jahren hatten ihn furchtbare Gewissensbisse wegen seiner Jugendsünden
gequält, von denen jedoch die schlimmsten solche gewesen zu sein
scheinen, welche die Welt für verzeihlich hält. Seine große Reizbarkeit
und seine glühende Phantasie machten seine inneren Kämpfe ganz besonders
qualvoll. Er bildete sich ein, daß ein Verdammungsurtheil über ihn
verhängt sei, daß er den heiligen Geist gelästert, daß er Christum
verkauft habe und daß er thatsächlich von einem bösen Geiste besessen
sei. Bald vernahm er laute Warnungsstimmen vom Himmel, bald versuchte
ihn der Teufel durch gottlose Einflüsterungen. Er hatte Visionen von
entfernten Berggipfeln, welche die Sonne glänzend beleuchtete, von denen
er aber durch eine Schneewüste getrennt war. Er fühlte wie der Teufel
ihn an den Kleidern zupfte; er glaubte, das Kainszeichen sei ihm
aufgedrückt; er fürchtete daß er zerbersten werde, wie Judas. Diese
Seelenkämpfe zerrütteten seine Gesundheit. Den einen Tag zitterte er wie
ein vom Schlage Getroffener; ein andermal brannte es ihn wie Feuer in
der Brust. Es ist kaum zu begreifen, daß er so entsetzlichen und
andauernden Qualen nicht unterlag. Endlich zertheilten sich die Wolken.
Aus dem Abgrunde der Verzweiflung erhob sich der Büßende in einen
Zustand heiterer Glückseligkeit. Ein unwiderstehlicher Drang trieb ihn
an, auch Andere des Segens theilhaftig werden zu lassen, dessen er
selbst genoß.[48] Er schloß sich den Baptisten an und wurde Prediger und
Schriftsteller. Seine Erziehung war die eines Handwerkers gewesen und er
verstand keine andre Sprache als die englische, wie sie von dem niederen
Volke gesprochen wird. Er hatte kein großes Musterwerk studirt, mit der
einzigen, allerdings sehr bedeutenden Ausnahme unsrer herrlichen
Bibelübersetzung. Seine Orthographie war schlecht; er machte häufige
Verstöße gegen die Regeln der Grammatik. Doch sein angebornes Genie und
seine durch eigene Erfahrung erworbene Kenntniß aller religiösen
Gefühle, von der Verzweiflung bis zur Verzückung, ersetzten in ihm
reichlich den Mangel an Gelehrsamkeit. Seine natürliche Beredtsamkeit
erhob und rührte Zuhörer, welche bei den fleißig ausgearbeiteten
Vorträgen großer Dialektiker und Hebraisten kalt blieben. Seine Werke
waren unter den niederen Klassen weit verbreitet. Eines davon, des
Pilgers Reise, wurde schon zu seinen Lebzeiten in mehrere fremde
Sprachen übersetzt. Den Gelehrten und höher Gebildeten war es jedoch
kaum bekannt, und die frommen Hüttenbewohner und Handwerker hatten sich
bereits seit einem Jahrhundert daran erfreut, als es endlich von einem
in der Literatur sehr hochstehenden Manne öffentlich empfohlen wurde.
Die Kritik ließ sich nun herab, das Geheimniß einer so ausgedehnten und
dauernden Popularität zu erforschen. Sie mußte gestehen, daß die
unwissende Menge richtiger geurtheilt hatte als die Gelehrten und daß
das verachtete Büchlein wirklich ein Meisterwerk war. Bunyan ist in der
That ebenso gewiß der erste Allegoriker, wie Demosthenes der erste
Redner und Shakespeare der erste Dramatiker ist. Zwar haben andere
Allegoriker eine gleiche Erfindungsgabe gezeigt; aber kein andrer ist je
im Stande gewesen, das Herz zu rühren und abstracte Begriffe zu
Gegenständen des Entsetzens, des Mitleids und der Liebe zu machen.[49]

Es dürfte zu bezweifeln sein, ob irgend ein englischer Dissenter die
Last der Strafgesetze schwerer empfunden hat als Johann Bunyan. Von den
siebenundzwanzig Jahren, welche seit der Restauration verstrichen waren,
hatte er zwölf im Gefängniß zugebracht. Dennoch fuhr er fort zu
predigen, aber um dies zu können, mußte er sich als Fuhrmann verkleiden.
Oft wurde er, im Fuhrmannskittel und mit der Peitsche in der Hand, durch
eine Hinterthür in die Versammlung eingeführt. Hätte er nur an seine
eigene Ruhe und Sicherheit gedacht, so würde er die Indulgenzerklärung
freudig begrüßt haben. Jetzt durfte er endlich am hellen Tage predigen
und ermahnen. Seine Gemeinde wuchs mit reißender Schnelligkeit. Tausende
hingen an seinen Lippen und in Bedford, wo er sich größtentheils
aufhielt, gingen reiche Beisteuern zum Bau eines Bethauses für ihn ein.
Er stand in so hohem Ansehen bei dem gemeinen Volke, daß die Regierung
ihm gern ein städtisches Amt übertragen hätte; aber sein scharfer
Verstand und sein treues englisches Herz widerstanden siegreich allen
Versuchungen und Täuschungen. Er war fest überzeugt, daß die angebotene
Duldung nur ein Köder sei, um die puritanische Partei damit ins
Verderben zu locken; auch wollte er nicht durch Annahme einer Stelle, zu
der er nicht gesetzlich qualificirt war, die Gültigkeit der
Dispensationsgewalt anerkennen. Eine der letzten edlen Handlungen seines
tugendreichen Lebens war die Ablehnung einer Unterredung, zu der er
durch einen Agenten der Regierung eingeladen wurde.[50]

    [Anmerkung 48: +Bunyan’s Grace Abounding.+]

    [Anmerkung 49: Young stellt Bunyan’s Prosa auf gleiche Stufe mit
    Durfey’s Poesie. Die fashionablen Leute im +Spiritual Quixote+
    stellen den +Pilgrim’s Progress+ mit +Jack the Giantkiller+
    zusammen. Spät im achtzehnten Jahrhundert wagte Cowper nur eine
    Anspielung auf den großen Allegoriker:

      Nicht nennen will ich dich, damit Dein Name
      Statt wohlverdienten Ruhm nicht Hohn Dir bringe.]

    [Anmerkung 50: Fortsetzung von Bunyan’s Biographie im Anhang zu
    seiner „Überströmenden Gnade.“]


[_Kiffin._] So groß Bunyan’s Ansehen bei den Baptisten war, Wilhelm
Kiffin’s Ansehen war noch größer. Kiffin war in Bezug auf Rang und
Reichthum der Erste unter ihnen. Er pflegte seine geistlichen Talente
bei ihren Versammlungen auszuüben, erwarb sich aber nicht durch Predigen
seinen Unterhalt. Er machte große Handelsgeschäfte, stand an der Börse
in hohem Ansehen und hatte sich ein bedeutendes Vermögen gesammelt.
Niemand hätte vielleicht unter den dermaligen Verhältnissen dem Hofe
werthvollere Dienste leisten können als er. Aber zwischen ihm und dem
Hofe stand die Erinnerung an ein entsetzliches Ereigniß. Er war der
Großvater der Gebrüder Hewling, der beiden muthigen Jünglinge, welche
von allen Opfern der blutigen Assisen vielleicht am allgemeinsten
bedauert worden waren. Für das traurige Loos des einen von ihnen war
Jakob ganz besonders verantwortlich. Jeffreys hatte dem jüngeren Bruder
einen Aufschub bewilligt. Churchill hatte der Schwester der beiden
jungen Männer eine Audienz beim Könige verschafft, und sie hatte um
Gnade gefleht; aber des Königs Herz war unerbittlich gewesen. Es war für
die ganze Familie ein harter Schlag; am meisten aber war Kiffin zu
bedauern. Er war siebzig Jahr alt, als er vereinsamt dastand. Diejenigen
überlebend, die ihn hatten überleben sollen. Die herzlosen und feilen
Schmarotzer von Whitehall glaubten, indem sie nach sich selbst
urtheilten, der alte Mann werde durch einen Aldermansmantel und durch
eine Geldentschädigung für das verwirkte Vermögen seiner Enkel leicht
wieder zu gewinnen sein. Penn wurde zu dem Verführungswerke ausersehen;
aber seine Bemühungen waren vergebens. Der König beschloß hierauf, die
Wirkung seiner persönlichen Artigkeit zu versuchen. Kiffin wurde in den
Palast beschieden. Er fand einen glänzenden Kreis von Kavalieren und
Gentlemen versammelt. Jakob kam ihm sogleich entgegen, redete ihn sehr
freundlich an und schloß mit den Worten: „Ich habe Sie zu einem der
Aldermen von London bestimmt, Herr Kiffin.“ Der alte Mann sah den König
fest an, brach in Thränen aus und antwortete: „Sire, ich bin abgenutzt,
ich bin nicht mehr fähig, Eurer Majestät oder der Hauptstadt zu dienen.
Und überdies, Sire, hat der Tod meiner armen Jungen mir das Herz
gebrochen. Diese Wunde ist noch heute so frisch wie jemals, und ich
werde sie mit ins Grab nehmen.“ Der König schwieg einige Augenblicke
sichtlich bewegt und sagte dann: „Ich werde einen Balsam für diese Wunde
finden, Herr Kiffin.“ Es war gewiß nicht Jakob’s Absicht, etwas
Kränkendes oder Übermüthiges zu sagen, im Gegentheil, er scheint sich in
einer ungewöhnlich weichen Stimmung befunden zu haben. Dennoch wirft
keine Äußerung die uns von ihm berichtet wird, ein so nachtheiliges
Licht auf seinen Character als diese wenigen Worte. Es sind die Worte
eines hartherzigen, niedrig denkenden Mannes, der sich keine Verwundung
des Gefühls denken kann, welche durch eine Stelle oder durch eine
Pension nicht vollkommen zu heilen wäre.[51]

Der Theil der Dissenters, der sich der neuen Politik des Königs günstig
zeigte, war von Anfang an klein gewesen und begann bald noch mehr
zusammenzuschmelzen. Denn die Nonconformisten erkannten in nicht langer
Zeit, daß ihre geistlichen Privilegien durch die Indulgenz eher
geschmälert als erweitert worden waren. Der characteristische Zug des
Puritaners war Abscheu gegen die Eigenthümlichkeiten der römischen
Kirche. Er hatte sich nur deshalb von der anglikanischen Kirche
losgetrennt, weil er meinte, daß sie ihrer hochmüthigen und üppigen
Schwester, der Zauberin mit dem goldenen Becher und dem Purpurgewande,
zu ähnlich sähe. Jetzt fand er, daß eine von den stillschweigenden
Bedingungen des Bündnisses, welches einige seiner Seelenhirten mit dem
Hofe geschlossen hatten, die war, daß die Religion des Hofes mit Achtung
und Schonung behandelt werden sollte. Er begann bald sich nach den Tagen
der Verfolgung zurückzusehnen. So lange die Strafgesetze noch angewendet
wurden, hatte er die Worte des Lebens zwar im Geheimen und mit
persönlicher Gefahr angehört, aber er hatte sie doch gehört. Wenn die
Brüder in ihrer Stube versammelt waren, wenn die Schildwachen
ausgestellt und die Thüren verschlossen waren, wenn der Prediger in der
Kleidung eines Metzgers oder Fuhrmanns über das Dach hereingekommen war,
dann wurde wenigstens ein wirklicher Gottesdienst gehalten. Kein Theil
der göttlichen Wahrheit ward aus weltlichen Rücksichten unterdrückt oder
verstümmelt, alle unterscheidenden Lehren der puritanischen Theologie
wurden vollständig und sogar in ihrer ungeschminktesten Form
dargestellt. Der römischen Kirche ward kein Pardon gegeben. Das Thier,
der Antichrist, der Mensch der Sünde, die mystische Isabel, das
mystische Babylon waren die Ausdrücke, mit denen man jenen hehren und
bezaubernden Aberglauben zu bezeichnen pflegte. Dies war einst die
Sprache Alsop’s, Lobb’s, Rosewell’s und anderer Geistlichen gewesen,
welche kürzlich im Palast wohl aufgenommen worden waren; aber so
sprachen sie jetzt nicht mehr. Geistliche, die nach einer hohen Stufe in
der Gunst und dem Vertrauen des Königs strebten, durften es nicht wagen,
in harten Worten von der Religion des Königs zu sprechen. Die Gemeinden
beklagten sich daher laut, daß sie seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung, welche ihnen dem Wortlaute nach doch völlige
Gewissensfreiheit gewähren wollte, das Evangelium nie mehr kühn und rein
hätten verkünden hören. Früher hatten sie ihre geistliche Nahrung
verstohlen erhaschen müssen, aber wenn sie sie erhascht hatten, so
fanden sie sie wenigstens ganz nach ihrem Geschmacke zubereitet. Jetzt
konnten sie sie öffentlich und in aller Bequemlichkeit zu sich nehmen,
aber sie hatte ihren ganzen Wohlgeschmack verloren. Sie versammelten
sich bei Tage und in geräumigen Lokalen; aber sie hörten Predigten, die
ihnen bei weitem nicht so gefielen, als die, welche der Rector ihnen
gehalten haben würde. In der Pfarrkirche wurde der selbstgeschaffene
Gottesdienst und die Abgötterei Roms jeden Sonntag energisch
angegriffen; im Versammlungshause aber hütete sich der Pastor, der noch
vor wenigen Monaten die Geistlichen der Landeskirche für nicht viel
besser als die Papisten erklärt hatte, jetzt sorgfältig, den Papismus zu
tadeln, oder kleidete seinen Tadel wenigstens in ein so mildes Gewand,
daß er selbst das Ohr eines Pater Petre nicht beleidigt haben würde.
Auch war es nicht möglich, für diesen Wechsel einen stichhaltigen Grund
aufzufinden. Die römisch-katholischen Lehren hatten sich nicht
verändert; seit Menschengedenken waren die katholischen Priester noch
nie so eifrig im Proselytenmachen gewesen; noch nie waren so viele
katholische Schriften aus der Presse hervorgegangen; noch nie hatten
Alle, die sich um die Religion kümmerten, den Streit zwischen Katholiken
und Protestanten mit so gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Was konnte
man also von der Aufrichtigkeit von Theologen halten, welche nicht müde
geworden waren, den Papismus zu schmähen, so lange derselbe
vergleichsweise harmlos und wehrlos war, und die jetzt, wo eine Zeit
wirklicher Gefahr für den reformirten Glauben gekommen, sorgfaltig jedes
Wort vermieden, das einem Jesuiten Anstoß geben konnte? Ihr Benehmen war
in der That nicht schwer zu erklären. Es war bekannt, daß einige von
ihnen Begnadigungen erlangt, es wurde vermuthet, daß andere Geld
bekommen hatten. Ihr Vorbild war der schwache Apostel, der aus Angst den
Herrn verleugnete, dem er prahlerisch die unverbrüchlichste Treue gelobt
hatte, oder der noch schlechtere Apostel, der seinen Herrn um eine
Handvoll Silberlinge verkaufte.[52]

So verloren die vom Hofe gewonnenen Dissentergeistlichen rasch den
Einfluß, den sie einst auf ihre Glaubensbrüder besessen hatten. Auf der
andren Seite fühlten sich die Sektirer durch eine starke religiöse
Sympathie zu den anglikanischen Prälaten und Priestern hingezogen,
welche trotz königlicher Befehle, Drohungen und Versprechungen einen
heftigen Krieg gegen die römische Kirche unterhielten. Die so lange
durch tödtliche Feindschaft getrennt gewesenen Anglikaner und Puritaner,
näherten sich einander mit jedem Tage mehr und mehr und jeder Schritt
zur Einigung vermehrte den Einfluß des Mannes, der ihr gemeinsames
Oberhaupt war. Wilhelm eignete sich in jeder Beziehung zum Vermittler
zwischen diesen beiden großen Parteien der englischen Nation. Man konnte
nicht sagen, daß er einer von beiden angehöre; aber keine von beiden
konnte sich bei ruhiger Überlegung weigern, ihn als einen Freund zu
betrachten. Sein theologisches System stimmte mit dem der Puritaner
überein. Zu gleicher Zeit betrachtete er das Episcopat wenn auch nicht
als eine göttliche Einrichtung, doch als eine vollkommen rechtmäßige und
höchst nützliche Form des Kirchenregiments. Fragen über Stellungen,
Gewänder, Festtage und Liturgien waren in seinen Augen keine
Lebensfragen. Ein einfacher Gottesdienst wie der, an den er von jeher
gewöhnt war, würde seinem persönlichen Geschmacke am meisten zugesagt
haben, aber er war dabei gern bereit, sich jedem Ritual zu fügen, das
der Nation angenehm war, und bestand nur darauf, daß man ihm nicht
zumuthete, diejenigen seiner protestantischen Brüder zu verfolgen, denen
ihr Gewissen es nicht zuließ, seinem Beispiele zu folgen. Zwei Jahre
früher würde er von zahlreichen Bigotten auf beiden Seiten für einen
bloßen Laodicäer erklärt, worden sein, der weder kalt noch warm war und
zu nichts taugte als ausgestoßen zu werden. Aber der Eifer, der
Anglikaner gegen Dissenters und Dissenters gegen Anglikaner entflammt
hatte, war durch gemeinsame Widerwärtigkeiten und Gefahren so gedämpft
worden, daß die Lauheit, die man ihm früher als Verbrechen angerechnet,
jetzt als eine seiner Haupttugenden betrachtet wurde.

    [Anmerkung 51: +Kiffin’s Memoirs+; Luson’s Brief an Brooke vom 11.
    Mai 1773 in der Hughes-Correspondenz.]

    [Anmerkung 52: Man sehe unter anderen zeitgenössischen
    Flugschriften eine mit dem Titel: +A Representation of the
    threatening Dangers impending over Protestants.+]


[_Der Prinz und die Prinzessin von Oranien gegen die
Indulgenzerklärung._] Jedermann war gespannt auf seine Ansicht über die
Indulgenzerklärung. Eine Zeit lang nährte man in Whitehall die Hoffnung,
daß seine bekannte Achtung vor den Rechten des Gewissens ihn wenigstens
abhalten werde, öffentlich seine Mißbilligung einer Politik
auszusprechen, die einen unleugbaren Anstrich von Freisinnigkeit hatte.
Penn schickte zahlreiche Auseinandersetzungen nach dem Haag und begab
sich sogar persönlich dahin, in der Hoffnung daß seine Beredtsamkeit,
von der er eine hohe Meinung hatte, sich als unwiderstehlich erweisen
werde. Aber obgleich er sein Lieblingsthema mit einer Redseligkeit
entwickelte, die seine Zuhörer ermüdete und obgleich er sie versicherte,
daß ein Mann, der mit den Engeln verkehre, ihm das Herannahen eines
goldenen Zeitalters der Religionsfreiheit geoffenbart habe, so machte er
doch keinen Eindruck auf den Prinzen.[53] „Ihr verlangt von mir,“ sagte
er zu einem der Agenten des Königs, „daß ich einen Angriff auf meine
eigne Religion unterstützen soll. Das kann ich mit gutem Gewissen nicht
thun, und ich werde es nicht thun, nein, nicht um die Krone Englands,
nicht um die Herrschaft der Welt!“ Diese Worte wurden dem Könige
mitgetheilt und sie beunruhigten ihn nicht wenig.[54] Er schrieb mit
eigner Hand eindringliche Briefe. Zuweilen nahm er den Ton des
Beleidigten an. Er sei das Oberhaupt der königlichen Familie, als
solches sei er berechtigt, von den jüngeren Mitgliedern Gehorsam zu
erwarten, und es sei sehr hart, daß er in einer Angelegenheit, die ihm
über Alles am Herzen liege, auf Widerstand stoße. Andere Male wurde ihm
ein Köder vorgehalten, den man für unwiderstehlich hielt. Wenn Wilhelm
nur in diesem einen Punkte nachgäbe, so würde die englische Regierung
ihm dafür kräftigen Beistand gegen Frankreich leisten. Er ließ sich aber
nicht bethören. Er wußte, daß Jakob selbst beim besten Willen ohne die
Unterstützung eines Parlaments nicht im Stande sein würde, der
gemeinschaftlichen Sache Europa’s einen wirksamen Dienst zu leisten, und
es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß wenn ein Parlament
zusammenkam, die erste Forderung beider Häuser die Cassirung der
Indulgenzerklärung sein würde.

Die Prinzessin stimmte allen Meinungsäußerungen ihres Gemahls bei, und
ihre gemeinschaftliche Ansicht wurde dem Könige in entschiedenen aber
gemäßigten Ausdrücken mitgetheilt. Sie erklärten, daß sie das von Seiner
Majestät eingeschlagene Verfahren lebhaft bedauerten. Sie seien
überzeugt, daß er sich ein Hoheitsrecht angemaßt habe, das ihm
gesetzlich nicht zustehe. Gegen diese Anmaßung protestirten sie, nicht
nur als Freunde der bürgerlichen Freiheit, sondern auch als Mitglieder
des königlichen Hauses, als welche sie ein hohes Interesse an der
Erhaltung der Rechte dieser Krone hätten, die sie einst tragen könnten.
Denn die Erfahrung habe gelehrt, daß Willkürherrschaft in England
unfehlbar eine Reaction nach sich ziehe, die noch verderblicher sei als
jene selbst, und man müsse mit Grund befürchten, daß die durch die
Aussicht auf Despotismus beunruhigte und entrüstete Nation selbst gegen
die constitutionelle Monarchie einen Widerwillen fassen würde. Sie gäben
daher dem Könige den Rath, daß er in allen Dingen streng nach dem
Gesetze regieren möge. Sie geständen sehr gern zu, daß das Gesetz mit
Nutzen durch die competente Autorität abgeändert werden könne und daß
ein Theil seiner Erklärung es wohl verdiene, einer Parlamentsacte
einverleibt zu werden. Sie seien keine Verfolger, sie würden mit
Vergnügen römische Katholiken so gut als protestantische Dissenters in
geeigneter Weise von allen Strafgesetzen befreit, und ebenso gern
protestantische Dissenters in zweckmäßiger Weise zu bürgerlichen Ämtern
zugelassen sehen. Weiter aber könnten Ihre Hoheiten nicht gehen. Sie
könnten sich der ernsten Besorgniß nicht enthalten, daß die Zulassung
römischer Katholiken zu Staatsämtern große Nachtheile hervorrufen
würden, und es war nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß der Grund
zu dieser Besorgniß namentlich in Jakob’s Handlungsweise liege.[55]

    [Anmerkung 53: +Burnet I. 693, 694.+]

    [Anmerkung 54: +„Le Prince d’Orange, qui avoit éludé jusqu’alors
    de faire une réponse positive dit ... qu’il ne consentira jamaia à
    la suppression de ces lois qui avoient été établies pour le
    maintien et la sureté de la religion Protestante, et que sa
    conscience ne lui permettoit point, non seulement pour la
    succession du royaume d’Angleterre, mais même pour l’empire du
    monde; en sorte que le roi d’Angleterre est plus aigri contre lui
    qu’il n’a jamais été.“+ -- Bonrepaux, 11.(21.) Juni 1687.]

    [Anmerkung 55: +Burnet, I. 710+; Bonrepaux, 24. Mai (4. Juni)
    1687.]


[_Vertheidigung ihrer Ansichten bezüglich der englischen Katholiken._]
Die ausgesprochene Ansicht des Prinzen und der Prinzessin über die
Ausschließungen, denen die römischen Katholiken unterworfen waren,
theilten fast alle Staatsmänner und Philosophen, welche damals der
politischen und religiösen Freiheit eifrig das Wort redeten. In unsrer
Zeit dagegen haben erleuchtete Männer oft mit Bedauern sich dahin
geäußert, daß Wilhelm in diesem einen Punkte gegen seinen Schwiegervater
im Nachtheil stehe. Das Wahre ist, daß einige Erwägungen, welche
nothwendig sind, wenn man sich ein richtiges Urtheil bilden will, von
vielen Schriftstellern des neunzehnten Jahrhunderts nicht berücksichtigt
worden zu sein scheinen.

Es sind zwei einander entgegengesetzte Irrthümer, in welche Diejenigen,
die sich mit dem Studium unsrer vaterländischen Geschichte beschäftigen,
in steter Gefahr sind zu verfallen: der Irrthum, daß sie die Gegenwart
nach der Vergangenheit, und der Irrthum, daß sie die Vergangenheit nach
der Gegenwart beurtheilen. Dem ersteren sind Diejenigen unterworfen,
welche geneigt sind alles Alte zu verehren, dem zweiten Diejenigen,
welche von allem Neuen angezogen werden. Auf den ersteren stößt man
beständig in den Raisonnements conservativer Politiker über die Fragen
ihrer Zeit, der zweite findet sich immer in den Betrachtungen von
Schriftstellern der liberalen Richtung, wenn sie die Ereignisse einer
früheren Zeit besprechen. Der erstere ist bei einem Staatsmanne, der
andre bei einem Geschichtsschreiber verderblicher.

Es ist für Niemanden, der es in Unsrer Zeit unternimmt, über die
Revolution zu schreiben, welche die Stuarts stürzte, so leicht, die
rechte Mittelstraße zwischen diesen beiden Extremen stetig einzuhalten.
Die Frage, ob es gerathen sei, Mitglieder der katholischen Kirche zum
Parlament und zu Staatsämtern zuzulassen, erschütterte unser Vaterland
während der Regierung Jakob’s II., durch seinen Sturz wurde sie in den
Hintergrund zurückgedrängt, und nachdem sie über ein Jahrhundert lang
geruht hatte, kam sie in Folge der großen Aufregung der Gemüther, welche
dem Zusammentritt der französischen Nationalversammlung folgte, wieder
zur Sprache. Dreißig Jahre währte der Streit in beiden Häusern des
Parlaments, in jedem Wahlkörper, in jedem Kreise der Gesellschaft. Er
stürzte Ministerien, zerriß Parteien, machte in einem Theile des Landes
jede Regierung unmöglich und brachte uns zuletzt an den Rand des
Bürgerkrieges. Selbst nach Beendigung des Kampfes gohren die
Leidenschaften, die er aufgeregt hatte, noch immer fort. Ein Mann,
dessen Geist unter dem Einflusse dieser Leidenschaften stand, konnte
fast unmöglich die Ereignisse der Jahre 1687 und 1688 in einem
vollkommen richtigen Lichte erblicken.

Eine Klasse von Politikern, welche von dem richtigen Vordersatze
ausging, daß die Revolution eine große Wohlthat für unser Land gewesen
sei, gelangte zu dem irrigen Schlusse, daß keine Bürgschaft, die von den
Staatsmännern der Revolution zum Schutze unsrer Religion und unsrer
Freiheit für nöthig erachtet worden war, ohne Gefahr abgeschafft werden
könnte. Eine andre Klasse, die von dem ebenfalls richtigen Vordersatze
ausging, daß die über die Katholiken verhängten Ausschließungen lange
Zeit nichts als Unheil verursacht hätten, kam zu dem falschen Schlusse,
daß diese Ausschließungen zu keiner Zeit nützlich und nothwendig gewesen
sein könnten. Der erste Trugschluß durchdrang die Reden des geistreichen
und gelehrten Eldon, der andre blieb selbst auf einen so ruhigen und
philosophischen Kopf wie Mackintosh nicht ganz ohne Einfluß.

Bei näherer Prüfung wird es sich jedoch vielleicht zeigen, daß wir das
von allen großen englischen Staatsmännern des siebzehnten Jahrhunderts
einstimmig gebilligte Verfahren rechtfertigen können, ohne die Weisheit
des von allen großen englischen Staatsmännern unsrer Zeit eben so
einstimmig gebilligten Verfahrens in Zweifel zu ziehen.

Es ist unbestreitbar ein Übel, wenn ein Bürger seiner religiösen Meinung
halber vom Staatsdienste ausgeschlossen sein soll; aber der menschlichen
Weisheit bleibt zuweilen nichts andres übrig als die Wahl zwischen zwei
Übeln. Eine Nation kann in eine Lage kommen, in der die Mehrheit
entweder Ausschließungen verhängen oder sich solche gefallen lassen
muß und wo das was unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Recht als
Verfolgung verdammt werden würde, noch innerhalb der Grenzen der
Selbstvertheidigung liegt. In einer solchen Situation befand sich
England im Jahre 1687.

Nach der Verfassung des Reichs hatte Jakob das Recht, fast alle
öffentlichen Beamten, bei der Regierung, bei den Gerichten, in der
Kirche, beim Militair und bei der Flotte zu ernennen. Bei der Ausübung
dieses Rechts war er nicht, wie unsere gegenwärtigen Souveraine,
genöthigt, in Übereinstimmung mit dem Rathe von Ministern, die das Haus
der Gemeinen billigte, zu handeln. Es lag also auf der Hand, daß es,
wenn er durch das Gesetz nicht streng verbunden war, nur Protestanten
anzustellen, ihm frei stand, lauter Katholiken anzustellen. Die Anzahl
der römischen Katholiken war unbedeutend, und es gab nicht einen
einzigen Mann unter ihnen, dessen Dienste der Staat ernstlich vermißt
haben würde. Das Verhältniß, in dem ihre Zahl zur Gesammtbevölkerung
stand, war noch viel geringer als es gegenwärtig ist, denn gegenwärtig
ergießt sich ein ununterbrochener Auswanderungsstrom von Irland in
unsere großen Städte, während es im siebzehnten Jahrhunderte noch nicht
einmal in London eine irische Colonie gab. Neunundvierzig Funfzigstel
der Bewohner des Königreichs, neunundvierzig Funfzigstel des Vermögens
des Königreichs, fast alle politischen, juristischen und militairischen
Talente und Kenntnisse, die das Land besaß, waren protestantisch.
Trotzdem hatte der König in thörichter Verblendung sich vorgenommen,
sein unbegrenztes Ernennungsrecht als Mittel zum Proselytenmachen zu
benutzen. Seiner Kirche angehören war in seinen Augen der erste
Befähigungstitel für ein Amt. Der Landeskirche angehören war entschieden
ein Grund der Nichtbefähigung. Er verwarf zwar in einer Sprache, welche
den Beifall einiger leichtgläubigen Freunde der Glaubensfreiheit fand,
die monströse Ungerechtigkeit des Religionseides, der eine kleine
Minderheit der Nation von öffentlichen Ämtern ausschloß; zu gleicher
Zeit aber führte er einen andren Religionseid ein, der die Mehrheit
ausschloß. Es schien ihm hart, daß ein guter Finanzmann und loyaler
Unterthan lediglich deshalb weil er ein Papist war, von dem Posten eines
Lordschatzmeisters ausgeschlossen sein sollte; aber er selbst hatte
einen Lordschatzmeister, den er als einen tüchtigen Finanzmann und
loyalen Unterthan anerkannt, bloß deshalb abgesetzt, weil er Protestant
war. Er hatte wiederholt und bestimmt erklärt, er sei fest entschlossen,
den weißen Stab niemals in die Hände eines Ketzers zu geben. Mit vielen
anderen hohen Staatsämtern war er ebenso verfahren. Bereits waren der
Lordpräsident, der Geheimsiegelbewahrer, der Oberkammerherr, der
Garderobeaufseher, der erste Lord des Schatzes, ein Staatssekretär, der
Lordobercommissar von Schottland, der Kanzler von Schottland und der
Sekretär von Schottland Katholiken oder gaben sich wenigstens dafür aus.
Die meisten von diesen Beamten waren von Haus aus Anglikaner und hatten
sich des offenen oder geheimen Abfalls schuldig gemacht, um ihre hohen
Stellen zu erlangen oder zu behalten. Jeder Protestant, der noch einen
wichtigen Staatsposten bekleidete, bekleidete ihn in beständiger
Ungewißheit und Angst. Wir würden nicht fertig werden, wollten wir
die untergeordneteren Stellen anführen, welche von Mitgliedern der
begünstigten Klasse besetzt waren. In jedem Zweige der Verwaltung
wimmelte es schon von Katholiken. Sie waren Lordlieutenants,
stellvertretende Lieutenants, Richter, Friedensrichter, Zollcommissare,
Gesandte an fremden Höfen, Regimentsobersten und Festungscommandanten.
Der Antheil, den sie binnen wenigen Monaten von den durch die Krone zu
besetzenden weltlichen Ämtern erlangt hatten, war weit über zehnmal so
groß, als er unter einem unparteiischen Systeme gewesen sein würde.
Dies war indessen noch nicht das Schlimmste. Man hatte sie auch zu
Beherrschern der anglikanischen Kirche gemacht. Männer, die den König
versichert hatten, daß sie seines Glaubens seien, saßen in der Hohen
Commission und übten die höchste geistliche Gerichtsbarkeit über alle
Prälaten und Priester der Landeskirche aus. Kirchliche Pfründen von
hohem Ansehen waren theils erklärten, theils verkappten Papisten
verliehen worden. Und dies Alles war geschehen, während die Gesetze
gegen den Papismus noch in Kraft waren und Jakob noch gegründete Ursache
hatte, Achtung vor den Rechten des Gewissens zu heucheln. Was war also
von ihm zu erwarten, wenn seine Unterthanen einwilligten, ihn durch ein
Gesetz von jedem Schatten der Beschränkung vollends zu befreien? Kann
man wohl daran zweifeln, daß Protestanten durch eine streng gesetzmäßige
Anwendung der königlichen Prärogative eben so wirksam von Anstellungen
ausgeschlossen worden wären, als jemals römische Katholiken durch eine
Parlamentsacte ausgeschlossen worden sind?

Wie hartnäckig Jakob entschlossen war, den Mitgliedern seiner Kirche
einen Antheil an den öffentlichen Ämtern zu gewähren, der zu ihrer Zahl
und zu ihrer Bedeutung außer allem Verhältniß stand, geht aus den
Instructionen hervor, die er im Exil und im hohen Alter als Leitfaden
für seinen Sohn aufzeichnete. Es ist unmöglich, diese Ergüsse eines
Mannes, an dem alle Lehren der Erfahrung und des Unglücks spurlos
vorübergegangen waren, ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung zu
lesen. Dem Prätendenten wird anempfohlen, wenn er einmal zur Regierung
in England gelangen sollte, die Ämter zu theilen und den Mitgliedern der
römischen Kirche einen Antheil zu reserviren, der groß genug für sie
gewesen sein würde, wenn sie die Hälfte, anstatt ein Funfzigstel der
Nation gebildet hätten. Ein Staatssekretär, ein Schatzcommissar, der
Kriegssekretär, die Mehrheit der Großwürdenträger des Hofstaates und die
Mehrzahl der Offiziere der Armee müßten immer Katholiken sein. Dies
waren Jakob’s Ansichten selbst dann noch, als seine thörichte Bigotterie
ihm eine Strafe zugezogen hatte, über welche die ganze Welt erschrocken
war. Kann man also wohl in Zweifel darüber sein, wie er gehandelt haben
würde, wenn sein Volk, durch den leeren Namen der religiösen Freiheit
geblendet, ihn ohne Zügel hätte fortregieren lassen?

Selbst Penn scheint trotz seiner blinden und maßlosen Begeisterung für
die Indulgenzerklärung eingesehen zu haben, daß man sich nicht wundern
durfte, wenn die Parteilichkeit, mit der römische Katholiken mit
Ehrenstellen und Einkünften überschüttet wurden, die Eifersucht der
Nation erregte. Er gab zu, daß die Protestanten im Fall der Aufhebung
der Testacte Anspruch auf ein Äquivalent hätten, und ging sogar so weit,
daß er verschiedene Äquivalente vorschlug. Schon seit mehreren Wochen
war das Wort Äquivalent, damals erst kürzlich aus Frankreich eingeführt,
im Munde aller Kaffeehausredner; endlich aber machten einige Seiten
scharfsinniger Logik und feiner Sarkasmen aus Halifax’ Feder diesen
hohlen Projecten ein Ende. Einer von Penn’s Plänen bestand darin, daß
ein Gesetz erlassen werden sollte, welches die von der Krone zu
verleihenden Ämter in drei gleiche Theile theilte, von denen nur einer
den Mitgliedern der katholischen Kirche zufallen sollte. Selbst unter
einem solchen System würden die Katholiken noch immer zwanzigmal den
ihnen eigentlich zustehenden Antheil erhalten haben, und doch kann man
nicht annehmen, daß der König selbst in eine solche Anordnung gewilligt
haben würde. Hätte er aber auch darein gewilligt, welche Garantie konnte
er bieten, daß er auch wirklich an diesem Übereinkommen festhielt? Man
hatte keine Antwort auf das von Halifax aufgestellte Dilemma: wenn
Gesetze für Euch bindend sind, so beobachtet das jetzt bestehende
Gesetz; sind sie nicht bindend für Euch, so ist es auch nutzlos, uns ein
Gesetz als Bürgschaft zu bieten.[56]

Es ist sonach klar, daß es sich gar nicht darum handelte, ob weltliche
Ämter allen Religionsparteien ohne Unterschied offen stehen sollten. So
lange Jakob König war, war Ausschließung unvermeidlich, und es fragte
sich nur, wer ausgeschlossen werden sollte, ob Papisten oder
Protestanten, die Wenigen oder die Vielen, hunderttausend Engländer oder
fünf Millionen.

Dies sind die gewichtigen Gründe, durch welche das Verfahren des Prinzen
von Oranien gegen die englischen Katholiken mit den Grundsätzen der
Glaubensfreiheit in Einklang gebracht werden kann. Diese Gründe haben,
wie man bemerken wird, mit keinem Theile der katholischen Theologie
etwas zu thun. Ebenso wird man einsehen, daß sie ihr ganzes Gewicht
verlieren mußten, als die Krone an ein protestantisches Herrscherhaus
gekommen und die Macht des Unterhauses im Staate ein so entschiedenes
Übergewicht erlangt hatte, daß kein Souverain, mochten seine Ansichten
oder Neigungen sein, welche sie wollten, das Beispiel Jakob’s
nachahmen konnte. Die Nation befand sich indessen nach ihren Schrecken,
ihren Kämpfen und ihrer mit genauer Noth erlangten Rettung in
einer mißtrauischen und rachsüchtigen Stimmung. Daher wurden
Vertheidigungsmittel, welche die Nothwendigkeit gerechtfertigt hatte,
die aber auch nur die Nothwendigkeit rechtfertigen konnte, noch lange,
nachdem die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden war, hartnäckig
beibehalten, und erst aufgegeben, nachdem das herrschende Vorurtheil
einen langjährigen Kampf gegen die Vernunft bestanden hatte. Zu den
Zeiten Jakob’s aber standen Vernunft und herrschendes Vorurtheil auf der
nämlichen Seite. Der Fanatiker und Ignorant wollte den Katholiken vom
Staatsdienste ausschließen, weil er Klötze und Steine anbetete, weil er
das Zeichen des Thieres an sich trug, weil er London angezündet und Sir
Edmondsbury Godfrey erwürgt hatte, und der einsichtsvollste und
toleranteste Staatsmann wurde, während er über den Irrwahn lächelte, in
dem das gemeine Volk befangen war, auf einem ganz andren Wege zu dem
nämlichen Schlusse geführt.

Wilhelm’s großer Plan war jetzt, die zahlreichen Theile des großen
Körpers, der ihn als sein gemeinschaftliches Oberhaupt betrachtete, zu
einem Ganzen zu vereinigen. Bei diesem Werke hatte er mehrere geschickte
und zuverlässige Mitarbeiter, von denen zwei, Burnet und Dykvelt, ihm
ganz besonders nützlich waren.

    [Anmerkung 56: Johnstone, 13. Jan. 1688; +Halifax’s Anatomy of an
    Equivalent+.]


[_Jakob’s Feindschaft gegen Burnet._] Burnet’s Dienste mußten allerdings
mit einiger Vorsicht angewendet werden. Die freundliche Aufnahme, die er
im Haag gefunden, hatte Jakob heftig aufgebracht, und Marie erhielt von
ihrem Vater zwei Briefe voll Invectiven gegen den frechen und
wühlerischen Theologen, den sie beschützte. Diese Beschuldigungen aber
machten einen so geringen Eindruck auf sie, daß sie Antworten darauf
zurücksandte, welche Burnet selbst dictirt hatte. Im Januar 1687 endlich
schritt der König zu energischeren Maßregeln. Skelton, der die englische
Regierung bei den Vereinigten Provinzen vertreten hatte, wurde nach
Paris versetzt und erhielt Albeville, das schwächste und gemeinste
Mitglied der ganzen jesuitischen Cabale, zum Nachfolger. Geld war
Albeville’s einziger Lebenszweck, und er nahm es von Jedem, der es ihm
anbot. Er wurde zu gleicher Zeit von Frankreich und von Holland bezahlt.
Er verschmähte sogar den erbärmlichen Anstand, den auch die
Bestechlichkeit zu beobachten pflegt, und nahm so kleine Geschenke an,
wie sie eher einem Lastträger oder einem Bedienten zukommen als einem
Gesandten, der mit einer englischen Baronie und einem ausländischen
Marquisate beehrt worden war. Einmal steckte er mit der größten
Gemüthsruhe ein Trinkgeld von fünfzig Pistolen für einen Dienst ein, den
er den Generalstaaten geleistet hatte. Dieser Mann war beauftragt, zu
verlangen, daß Burnet im Haag nicht länger begünstigt werde. Wilhelm,
der keine Lust hatte, sich von einem so werthvollen Freunde zu trennen,
antwortete zuerst mit seiner gewohnten Kälte: „Ich wüßte nicht, Sir, daß
der Doctor seit seinem Hiersein etwas gethan oder gesagt hätte, worüber
Seine Majestät sich mit Grund beklagen könnte.“ Jakob aber bestand
entschieden auf seiner Forderung, und da die geeignete Zeit zu einem
offenen Bruche noch nicht gekommen war, so mußte Wilhelm nachgeben. Über
anderthalb Jahr lang kam Burnet weder mit dem Prinzen, noch mit der
Prinzessin in persönliche Berührung; aber er wohnte in ihrer Nähe, wurde
von Allem, was vorging, genau unterrichtet, sein Rath ward beständig in
Anspruch genommen, seine Feder bei jedem wichtigen Anlasse benutzt und
viele der schärfsten und wirksamsten Aufsätze und Flugschriften, welche
damals in London erschienen, wurden ihm mit Recht zugeschrieben.

Jakob’s Wuth entbrannte. Er war von jeher für zornige Leidenschaften nur
zu empfänglich gewesen, aber noch keinen seiner Feinde, selbst die
nicht, welche sich gegen sein Leben verschworen oder es versucht hatten,
ihm durch Meineid die Schuld des Verraths und des Mordes aufzubürden,
hatte er mit einer solchen Erbitterung gehaßt, als er jetzt Burnet
haßte. Seine Majestät schimpfte täglich in höchst unköniglicher Sprache
auf den Doctor und sann auf ungesetzliche Rache. Selbst Blut genügte
diesem wüthenden Hasse nicht; der unverschämte Theolog mußte gefoltert
werden, ehe er sterben durfte. Zum Glück war er ein Schotte von Geburt,
und in Schottland konnten seine Beine erst in den spanischen Stiefeln
zerquetscht werden, bevor er auf dem Grasmarkte gehängt wurde. Zu dem
Ende wurde in Edinburg der Prozeß gegen ihn eingeleitet; aber er war in
Holland naturalisirt, hatte eine vermögende Frau aus dieser Provinz
geheirathet und es war gewiß, daß sein Adoptivvaterland ihn nicht
ausliefern würde. Man beschloß daher, ihn wegfangen zu lassen. Mit
großen Summen wurden einige Bösewichter für diesen gefährlichen und
schändlichen Dienst gedungen; im Staatssekretariat wurde zu diesem
Zwecke eine Anweisung auf dreitausend Pfund Sterling ausgestellt. Ludwig
wurde von dem Plane unterrichtet und interessirte sich außerordentlich
dafür; er sicherte seinen kräftigen Beistand zu, damit der Schurke nach
England gebracht werde, und versprach, daß die Werkzeuge der Rache
Jakob’s in Frankreich eine Freistätte finden sollten. Burnet kannte die
ihm drohende Gefahr wohl, aber Furcht gehörte nicht zu seinen Fehlern.
Er veröffentlichte eine beherzte Antwort auf die in Edinburg gegen ihn
erhobenen Anschuldigungen. Er wisse, sagte er, daß man ihn ohne Prozeß
hinzurichten gedenke, aber er vertraue auf den König aller Könige, zu
dem unschuldiges Blut selbst gegen die mächtigsten Fürsten der Erde
nicht vergebens schreien werde. Er gab einigen Freunden ein
Abschiedsmahl, und nach demselben nahm er als ein Mann, der dem Tode
verfallen sei und mit dem sie ohne Gefahr nicht mehr umgehen könnten,
feierlich Abschied von ihnen. Dessenungeachtet zeigte er sich nach wie
vor so furchtlos auf allen öffentlichen Plätzen im Haag, daß seine
Freunde ihm wegen seiner Tollkühnheit bittere Vorwürfe machten.[57]

    [Anmerkung 57: +Burnet I. 726--731+; +Answer to the Criminal
    Letters issued out against Dr. Burnet+; +Avaux Neg., July 7.(17.),
    14.(24.) July 28. (Aug. 7.) 1687, Jan. 19.(29.) 1688+; Ludwig an
    Barillon, 30. Dec. 1687 (9. Jan. 1688); Johnstone an Waristoun,
    21. Febr. 1688; Lady Russel an +Dr.+ Fitzwilliam, 5. Oct. 1687.
    Da man vermuthet hat, daß Burnet, der seine persönliche
    Wichtigkeit nicht zu unterschätzen pflegte, die ihm drohende
    Gefahr übertrieben habe, so will ich hier die Worte Ludwig’s und
    Johnstone’s anführen: +„Qui que ce soit“+, sagt Ludwig, +„qui
    entreprenne de l’enlever en Hollande trouvera non seulement une
    retraite assurée et une entière protection dans mes états, mais
    aussi toute l’assistance qu’il pourra désirer pour faire conduire
    surement ce scélérat en Angleterre.“+ -- „Mit Bamfield (Burnet)
    ist es ganz bestimmt so“, sagt Johnstone. „Niemand zweifelt hier
    daran, und Einige, die dabei betheiligt sind, leugnen es nicht.
    Seine Freunde sagen, sie hätten gehört, daß er nicht vorsichtig
    sei, sondern aus Eitelkeit, um seinen Muth zu zeigen, mit
    thörichter Verwegenheit handle, so daß Jedermann ihn auslachen
    werde, wenn ihm ein Unglück zustoßen sollte. Ich bitte ihm dies
    von Seiten Jones’ (Johnstone) zu sagen. Wenn Einige abgefaßt
    werden könnten, während sie ihren +coup d’essai+ auf ihn machen,
    so wäre das sehr gut, weil sie dadurch abgeschreckt würden, etwas
    gegen Ogle (den Prinzen) zu unternehmen.“]


[_Sendung Dykvelt’s nach England._] Während Burnet Wilhelm’s Sekretär
für die englischen Angelegenheiten in Holland war, wurde Dykvelt mit
nicht geringerem Nutzen in London verwendet. Dykvelt war einer von den
ausgezeichneten Staatsmännern, welche in der edlen Schule des Johann de
Witt ihre politische Bildung erhalten hatten und nach dem Falle dieses
großen Ministers ihre Pflichten gegen die Republik dadurch am besten zu
erfüllen glaubten, daß sie sich um den Prinzen von Oranien schaarten.
Keiner von den Diplomaten im Dienste der Vereinigten Provinzen stand in
Bezug auf Gewandtheit, Character und Manieren über Dykvelt, und ebenso
scheint keiner ihm in der Kenntniß der englischen Verhältnisse
gleichgekommen zu sein. Es fand sich ein Vorwand, um ihn zu Anfang des
Jahres 1687 mit Beglaubigungsschreiben von den Generalstaaten in einer
besonderen Mission nach England zu senden. Eigentlich aber galt seine
Sendung nicht der Regierung, sondern der Opposition, und er handelte
nach Privatinstructionen, welche von Burnet entworfen und von Wilhelm
genehmigt waren.[58]

    [Anmerkung 58: +Burnet, I. 708+; +Avaux Neg., Jan. 3.(13.), Feb.
    6.(16.) 1687+; +Van Kampen, Karakterkunde der Vaderlandsche
    Geschiedenis.+]


[_Unterhandlungen Dykvelt’s mit englischen Staatsmännern._] Dykvelt
berichtete, daß Jakob sich durch das Benehmen des Prinzen und der
Prinzessin tief gekränkt fühle. „Die Pflicht meines Neffen ist, meine
Hand zu stärken“, sagte der König, „aber es hat ihm von jeher Vergnügen
gemacht, wenn er mir hat hinderlich sein können.“ Dykvelt antwortete, in
Privatangelegenheiten habe Seine Hoheit stets die Wünsche des Königs
berücksichtigt und werde dies auch in Zukunft jederzeit thun, aber es
sei doch kaum recht und billig, die Unterstützung eines protestantischen
Fürsten gegen die protestantische Kirche zu erwarten.[59] Der König war
zum Schweigen gebracht, aber nicht besänftigt. Mit einem Verdrusse, den
er nicht verhehlen konnte, sah er, daß Dykvelt alle die verschiedenen
Abteilungen der Opposition mit einer Geschicklichkeit musterte und
einschulte, welche dem gewandtesten englischen Staatsmanne zur Ehre
gereicht haben würde und die bei einem Ausländer bewundernswürdig war.
Der Geistlichkeit wurde gesagt, daß sie in dem Prinzen einen Freund des
Episcopats und der Liturgie finden werde. Den Nonconformisten wurde
Hoffnung gemacht, daß sie von ihm nicht nur Duldung, sondern sogar
Gleichstellung zu erwarten hätten. Selbst die römischen Katholiken
wurden versöhnt und einige der Angesehensten unter ihnen sagten dem
Könige ins Gesicht, daß sie mit dem, was Dykvelt ihnen biete, zufrieden
seien und daß sie eine durch das Gesetz verbürgte Duldung einem
gesetzwidrigen und unsicheren Übergewichte vorzögen.[60]

    [Anmerkung 59: +Burnet I. 711+. Dykvelt’s Depeschen an die
    Generalstaaten enthalten, so weit ich es habe ersehen oder
    erfahren können, kein Wort über den wirklichen Zweck seiner
    Sendung. Seine Correspondenz mit dem Prinzen von Oranien war
    streng privater Natur.]

    [Anmerkung 60: Bonrepaux, 12.(22.) Sept. 1687.]


[_Danby._] Die Oberhäupter aller wichtigen Parteien der Nation hielten
häufige Besprechungen in Gegenwart des geschickten Gesandten. Die
Ansicht der Torypartei war bei diesen Zusammenkünften hauptsächlich
durch die Earls von Danby und von Nottingham vertreten. Obgleich seit
Danby’s Sturze bereits über acht Jahre vergangen waren, so stand sein
Name doch bei den alten Kavalieren Englands noch in hohem Ansehen, und
selbst viele von denjenigen Whigs, die ihn früher verfolgt hatten, gaben
jetzt bereitwillig zu, daß er für die Sünden Anderer habe büßen müssen
und daß sein Eifer für die Hoheitsrechte ihn zwar oft irre geleitet
habe, aber bei alledem durch zwei ehrenwerthe Gefühle gemildert worden
sei: durch Eifer für die Staatsreligion und durch Eifer für die Würde
und Unabhängigkeit seines Vaterlandes. Auch im Haag wurde er hoch
geschätzt, denn man vergaß es ihm dort nie, daß er es gewesen war, der
Karl trotz des Einflusses Frankreichs und der Papisten bewogen hatte,
die Hand der Prinzessin Marie ihrem Vetter zu geben.


[_Nottingham._] Daniel Finch, Earl von Nottingham, ein Edelmann, dessen
Name in der Geschichte dreier ereignißvoller Regierungen häufig genannt
werden wird, stammte aus einer Familie von unvergleichlicher
juristischer Auszeichnung. Einer seiner Verwandten hatte das Siegel
Karl’s I. geführt, hatte seine eminenten Talente und Kenntnisse zu
schlechten Zwecken gemißbraucht und war von der Rache der Gemeinen
Englands, mit Falkland an der Spitze, verfolgt worden. Einen
ehrenvolleren Ruf erlangte unter der folgenden Generation Heneage
Finche. Er war unmittelbar nach der Restauration zum Staatsprokurator
ernannt worden und war nacheinander zum Lordsiegelbewahrer, zum
Lordkanzler, zum Baron Finch und Earl von Nottingham emporgestiegen.
Während dieser ganzen glänzenden Laufbahn hatte er die Hoheitsrechte
stets so hoch gehalten, als er es mit Ehren und Anstand konnte; nie aber
war er bei irgend einer Machination gegen die Grundgesetze des Reichs
betheiligt gewesen. Inmitten eines verderbten Hofes hatte er seine
persönliche Rechtschaffenheit unbefleckt zu erhalten gewußt. Auch als
Redner genoß er eines hohen Rufes, obwohl seine nach Mustern aus der
Zeit vor dem Bürgerkriege gebildete Diction gegen das Ende seines Lebens
von den Schöngeistern der heranwachsenden Generation steif und
pedantisch genannt wurde. In Westminsterhall wird er noch immer mit
Achtung als der Mann erwähnt, welcher aus dem Chaos, dem man in alter
Zeit den Namen der Billigkeit gab, zuerst ein neues juristisches System
bildete, das ebenso geregelt und vollständig ist wie das nach welchem
die Richter des gemeinen Rechts verfahren.[61] Ein wesentlicher Theil
der sittlichen und geistigen Eigenschaften dieses großen Staatsmannes
ging mit dem Titel Nottingham auf seinen ältesten Sohn über. Dieser
Sohn, der Earl Daniel, war ein rechtschaffener und tugendhafter Mann.
Obwohl er in einigen abgeschmackten Vorurtheilen befangen und
sonderbaren Anfällen von Launenhaftigkeit unterworfen war, kann man ihn
doch nicht beschuldigen, daß er um unredlichen Gewinns oder strafbaren
Genusses willen vom Pfade des Rechts abgewichen wäre. Er war, wie sein
Vater, ein ausgezeichneter Redner und sprach eindringlich, aber
weitschweifig und mit zu monotoner Gemessenheit. Seine Persönlichkeit
entsprach ganz seiner Rede. Seine Haltung war steif, seine Gesichtsfarbe
so dunkel, daß man ihn für den Eingebornen eines wärmeren Himmelstrichs
hätte halten können, und seine scharf markirten Gesichtszüge hatten
einen Ausdruck, welcher dem des Hauptleidtragenden bei einem Begräbnisse
glich. Man pflegte von ihm zu sagen, daß er eher wie ein spanischer
Grande als wie ein englischer Gentleman aussähe. Spottvögel gaben ihm
die Spitznamen Dismal (Trübselig), Don Dismallo und Don Diego, welche
noch heute nicht vergessen sind. Er hatte auf das Studium der
Wissenschaft, durch die seine Familie sich so hoch emporgeschwungen,
großen Fleiß verwendet und war für einen vornehm und reich gebornen Mann
in den Gesetzen seines Vaterlandes erstaunlich bewandert. Er war ein
treuer Sohn der Hochkirche und bewies seine Achtung vor derselben auf
zwei Wegen, welche bei den Lords, die sich zu seiner Zeit als ihre
besonderen Freunde gerirten, nicht gewöhnlich war, nämlich dadurch, daß
er Schriften zur Vertheidigung ihrer Glaubenssätze herausgab und daß er
sich in seinem Privatleben nach ihren Gebeten richtete. Wie viele andre
eifrige Anglikaner hatte er bis vor Kurzem die monarchische
Regierungsform kräftig unterstützt. Die Politik aber, welche seit der
Unterdrückung des Aufstandes im Westen befolgt wurde, empörte ihn auf
das heftigste, und zwar deshalb nicht weniger, weil sein jüngerer Bruder
Heneage in Folge seiner Weigerung, die Dispensationsgewalt des Königs zu
vertheidigen, seines Amtes als Generalprokurator entsetzt worden
war.[62]

    [Anmerkung 61: Siehe seine Biographie von Lord Campbell.]

    [Anmerkung 62: Johnstone’s Correspondenz; +Mackay’s Memoirs+;
    +Arbuthnot’s John Bull+; Swift’s Schriften von 1710 bis 1714 an
    mehreren Stellen; Whiston’s Brief an den Earl von Nottingham und
    des Letzteren Antwort darauf.]


[_Halifax._] Mit diesen beiden großen toryistischen Earls war jetzt
Halifax, das ausgezeichnete Oberhaupt der Trimmers, verbunden. Auf
Nottingham’s Gesinnungen scheint Halifax damals in der That einen
entschiedenen Einfluß ausgeübt zu haben. Zwischen Halifax und Danby
bestand eine Feindschaft, welche am Hofe Karl’s begonnen hatte und
nachher auch den Hof Wilhelm’s beunruhigte, während der Tyrannei Jakob’s
aber wie viele andere Feindschaften ruhte. Die beiden Gegner trafen
häufig in den von Dykvelt veranstalteten Conferenzen zusammen und
stimmten in dem Ausdrucke des Mißfallens an der Politik der Regierung
und der Verehrung für den Prinzen von Oranien überein. In ihrem Verkehr
mit den holländischen Gesandten trat die Characterverschiedenheit der
beiden Staatsmänner stark hervor. Halifax zeigte ein bewundernswürdiges
Talent für Auseinandersetzungen, scheute sich aber vor kühnen und
unwiderruflichen Entschlüssen. Danby war minder fein und beredt, besaß
aber mehr Energie, Entschlossenheit und praktischen Scharfblick.


[_Devonshire._] Mehrere ausgezeichnete Whigs waren mit Dykvelt in
fortwährender Verbindung; aber die Oberhäupter der großen Häuser
Cavendish und Russel konnten keinen so thätigen und vorwiegenden
Antheil an den Unterhandlungen nehmen, als man nach ihrer Stellung und
ihren Ansichten hätte erwarten dürfen. Der Ruhm und das Glück
Devonshire’s wurden im Augenblicke durch eine Wolke verdunkelt. Er hatte
einen beklagenswerthen Streit mit dem Hofe, der nicht aus einer
öffentlichen und ehrenvollen Angelegenheit, sondern aus einem
Privatzwist entsprungen war, in welchem selbst seine wärmsten Freunde
ihn nicht von aller Schuld freisprechen konnten. Als er einmal nach
Whitehall kam, um seine Aufwartung zu machen, war er von einem gewissen
Colepepper insultirt worden, einem jener Raufbolde, welche die
Umgebungen des Hofes unsicher machten und die sich durch Beleidigung von
Mitgliedern der Opposition bei der Regierung in Gunst zu setzen suchten.
Der König selbst äußerte seine Entrüstung über die einem seiner
ausgezeichneten Peers unter dem königlichen Dache widerfahrene
Behandlung und Devonshire wurde durch die Versicherung besänftigt, daß
der Beleidiger den Palast nie wieder betreten solle. Dieses Verbot wurde
jedoch bald wieder aufgehoben und der Groll des Earls erwachte von
neuem. Seine Diener nahmen sich der Sache an und die Straßen von
Westminster wurden durch Händel beunruhigt, die in ein roheres Zeitalter
gehörten. Die Zeit des Geheimen Raths ward durch Anklagen und
Gegenanklagen der streitenden Parteien in Anspruch genommen.
Colepepper’s Frau erklärte: sie und ihr Gatte seien ihres Leben nicht
sicher und ihr Haus sei beständig von Banditen in der Livree der
Cavendish belagert; Devonshire erwiederte, es sei aus Colepepper’s
Fenstern auf ihn geschossen worden. Dies wurde heftig geleugnet. Es
wurde zwar eingeräumt, daß ein blind geladenes Pistol abgefeuert worden
sei, aber dies sei nur in einem Augenblicke des Schreckens geschehen, um
die Wache zu alarmiren. Wahrend diese Fehde ihren Höhepunkt erreicht
hatte, traf der Earl im Empfangzimmer zu Whitehall mit Colepepper
zusammen und er glaubte in den Mienen des Raufboldes triumphirenden
Übermuth zu erkennen. Vor den Augen des Königs geschah nichts
Unziemliches; sobald aber die beiden Gegner das Audienzzimmer verlassen
hatten, machte Devonshire den Vorschlag, den Streit auf der Stelle mit
dem Degen zu entscheiden. Die Herausforderung wurde zurückgewiesen. Da
vergaß der stolze Peer die Achtung, die er dem Orte an dem er sich
befand, und seiner eignen Würde schuldig war, und schlug Colepepper mit
einem Stocke ins Gesicht. Diese Handlung wurde allgemein als übereilt
und unschicklich getadelt und Devonshire selbst konnte, nachdem sein
Blut sich abgekühlt hatte, nicht ohne Verdruß und Beschämung daran
denken. Die Regierung aber verfuhr mit gewohntem Unverstande so streng
gegen ihn, daß das Publikum bald ganz auf seine Seite trat. Es wurde
eine Criminalanklage bei der Kings Bench anhängig gemacht. Der
Angeklagte berief sich auf seine Vorrechte als Peer des Königsreichs;
dieser Punkt aber wurde sogleich zu seinem Nachtheile entschieden, und
es läßt sich auch nicht leugnen, daß diese Entscheidung, mochte sie den
technischen Regeln der englischen Gesetzgebung entsprechen oder nicht,
in vollkommenem Einklange mit den großen Prinzipien stand, welche die
Grundlage jeder Gesetzgebung sein sollen. Es blieb ihm somit nichts
übrig, als sich dem Erkenntnisse zu unterwerfen. Der Gerichtshof war
durch eine Reihe von Entlassungen zu so vollständigem Gehorsam gebracht
worden, daß die Regierung, welche die Untersuchung eingeleitet hatte,
die Strafe selbst vorschreiben konnte. Die Richter machten Jeffreys +in
pleno+ ihre Aufwartung und dieser bestand auf der Zuerkennung einer
Geldbuße von dreißigtausend Pfund. Dreißigtausend Pfund waren im
Verhältniß zu den damaligen Einkünften der englischen Großen ungefähr
soviel als hundertfunfzigtausend im neunzehnten Jahrhundert. In
Anwesenheit des Kanzlers wurde kein Wort der Mißbilligung geäußert; als
aber die Richter sich entfernt hatten, bemerkte Sir Johann Powell, in
welchem sich das wenige Rechtsgefühl des ganzen Collegiums concentrirte,
daß die beantragte Strafsumme übermäßig hoch und ein Zehntel derselben
vollauf genug sei. Seine Collegen waren nicht dieser Meinung und er
zeigte in diesem Falle nicht den Muth, durch den er einige Monate später
an einem denkwürdigen Tage seinen Ruf glänzend wiederherstellte. Der
Earl wurde demnach in eine Geldbuße von dreißigtausend Pfund und bis zur
Bezahlung dieses Betrags zu persönlicher Haft verurtheilt. Eine solche
Summe konnte damals auch der reichste Edelmann nicht in einem Tage
aufbringen. Indessen war das Hafturtel leichter gesprochen, als
vollzogen. Devonshire hatte sich nach Chatsworth zurückgezogen, wo er
eben damit beschäftigt war, das alte gothische Stammschloß seiner
Familie in ein Gebäude umzuwandeln, das Palladio’s würdig war. Der Peak
war damals ein fast ebenso unwirthbarer Bezirk als gegenwärtig
Connemara, und der Sheriff erkannte oder behauptete wenigstens, daß es
schwer sein dürfte, den Lord in einer so wilden Gegend und inmitten treu
ergebener Diener und Pächter zu verhaften. Darüber vergingen einige
Tage, endlich aber wurde nicht nur der Earl, sondern auch der Sheriff
zur Haft gebracht. Inzwischen verwendeten sich eine Menge Fürsprecher
mit ihrem ganzen Einflusse. Es hieß die verwittwete Gräfin von
Devonshire habe eine Privataudienz beim Könige erlangt, sie habe ihn
daran erinnert, daß ihr Schwager, der tapfere Karl Cavendish, im Kampfe
für die Krone bei Gainsborough gefallen sei, und ihm schriftliche
Empfangsbescheinigungen von Karl I. und Karl II. über bedeutende Summen
vorgelegt, die ihr Gemahl während der bürgerlichen Unruhen beiden
Monarchen geliehen hatte. Diese Darlehen waren nie zurück gezahlt worden
und sollten angeblich mehr betragen als die ungeheure Geldstrafe, welche
die Kings Bench über den Earl verhängt hatte. Dazu kam noch ein andrer
Punkt, der beim Könige noch mehr Gewicht gehabt zu haben scheint als die
Erinnerung an früher geleistete Dienste. Es konnte nothwendig werden ein
Parlament einzuberufen, und man glaubte, daß Devonshire in diesem Falle
sofort eine Cassationsklage einreichen werde. Der Punkt, auf den er
seine Appellation gegen das Erkenntniß der Kings Bench zu stützen
gedachte, waren seine Privilegien als Peer, und das Tribunal, vor das
die Appellation kommen mußte, war das Haus der Peers. In einem solchen
Falle konnte der Hof nicht einmal auf die Unterstützung der ihm
ergebensten Adeligen mit Gewißheit rechnen. Es stand kaum zu bezweifeln,
daß das Urtel cassirt werde, und daß die Regierung dadurch, daß sie zu
viel haben wollte, Alles verlieren würde. Jakob war daher zu einem
Vergleiche geneigt. Es wurde dem Earl angekündigt, daß, wenn er eine
Schuldverschreibung über die ganze Summe geben und sich des möglichen
Vortheils einer Cassationsklage begeben wolle, er in Freiheit gesetzt
werden solle. Ob er zur Bezahlung der Summe angehalten werden würde oder
nicht, sollte von seinem ferneren Benehmen abhängen. Wenn er das
Dispensationsrecht unterstützte, solle er nicht dafür in Anspruch
genommen werden; trachte er aber nach Popularität, so müsse er die
dreißigtausend Pfund bezahlen. Er weigerte sich eine Zeit lang, auf
diese Bedingungen einzugehen; aber die Haft war ihm unerträglich. Er
stellte die Verschreibung aus und wurde aus den Gefängnis entlassen;
aber obgleich er sich dazu verstand seinem Vermögen diese drückende
Schuldlast aufzubürden, konnte ihn doch nichts zu dem Versprechen
bestimmen, daß er seinen Grundsätzen und seiner Partei untreu werden
wolle. Er wurde nach wie vor in alle Geheimnisse der Opposition
eingeweiht, aber einige Monate lang hielten seine politischen Freunde es
um seiner selbst wie um ihrer Sache willen für gerathen, daß er im
Hintergrunde blieb.[63]

    [Anmerkung 63: Kennet’s Grabrede auf den Herzog von Devonshire und
    Memoiren der Familie Cavendish; +Collection of State Trials+;
    +Privy Council Book, March 5. 1685/6+; Barillon, 30. Juni (10.
    Juli) 1687.; Johnstone, 8.(18.) Dec. 1687.; +Lords’ Journals May
    6. 1689+. +„Ses amis et ses proches,“+ sagt Barillon, +„lui
    conseillent de prendre le bon parti, mais il persiste jusqu’à
    présent à ne se point soumettre. S’il vouloit se bien conduire et
    renoncer à être populaire, il ne payeroit pas l’amende, mais s’il
    opiniâtre, il lui en coutera trente mille pièces, et il demeurera
    prisonnier jusqu’à l’actuel payement.“+]


[_Eduard Russell._] Der Earl von Bedford hatte sich von dem harten
Schlage, der ihm vor vier Jahren fast das Herz gebrochen, nie wieder
erholen können. Seine persönlichen wie auch seine öffentlichen Gefühle
machten ihn zum Gegner des Hofes; aber an der Verabredung von Maßregeln
gegen denselben nahm er keinen thätigen Antheil. Seine Stelle in den
Versammlungen der Mißvergnügten vertrat sein Neffe. Dies war der
berühmte Eduard Russell, ein Mann von unbezweifeltem Muth und Talent,
aber von lockeren Grundsätzen und ruhelosem Geiste. Er war Seemann,
hatte sich in seinem Berufe ausgezeichnet und hatte unter der vorigen
Regierung ein Hofamt bekleidet; aber durch den Tod seines Vetters
Wilhelm Russell waren alle Bande, die ihn an den Hof ketteten, zerrissen
worden. Der verwegene, unruhige und racheschnaubende Seemann saß jetzt
in den von dem holländischen Gesandten berufenen Versammlungen als
Vertreter des kühnsten und heftigsten Theiles der Opposition, der
Männer, welche unter den Namen Rundköpfe, Exclusionisten und Whigs einen
fünfundvierzigjährigen Kampf gegen drei aufeinanderfolgende Könige mit
wechselndem Glück unterhalten hatten. Diese Partei, welche vor Kurzem
niedergeworfen und fast vernichtet gewesen war, sich jetzt aber mit
voller Lebenskraft rasch zu Ansehen und Einfluß erhob, wurde durch keine
von den Bedenklichkeiten behindert, welche die Bewegungen der Tories und
der Trimmers noch immer hemmten, und war bereit, das Schwert gegen den
Tyrannen zu ziehen, sobald es mit gegründeter Aussicht auf den Sieg
gezogen werden konnte.


[_Compton. -- Herbert. -- Churchill._] Drei Männer sind noch zu
erwähnen, mit denen Dykvelt in vertrauter Verbindung stand und mit deren
Hülfe er sich die Mitwirkung von drei großen Ständen zu sichern hoffte.
Bischof Compton war der Agent, der die Geistlichkeit zu bearbeiten
hatte, Admiral Herbert übernahm es, seinen ganzen Einfluß bei der Flotte
zu verwenden und durch Churchill suchte man die Armee zu gewinnen.

Das Benehmen Compton’s und Herbert’s bedarf keiner Erklärung. Nachdem
sie der Krone in allen weltlichen Dingen mit Treue und Eifer gedient,
hatten sie sich durch ihre Weigerung, als Werkzeuge der Zerstörung ihrer
eignen Religion zu dienen, das Mißfallen des Königs zugezogen. Beiden
hatte die Erfahrung gelehrt, wie bald Jakob eingegangene Verpflichtungen
vergaß und mit welchem bitteren Groll er sich dessen erinnerte, was er
als Beleidigung anzusehen für gut fand. Der Bischof war durch einen
ungesetzlichen Richterspruch seiner bischöflichen Functionen enthoben,
der Admiral in einer Stunde aus Reichthum in Armuth gestürzt worden.
Ganz anders war die Lage Churchill’s. Er war durch königliche Gunst aus
der Dunkelheit zu hohem Ansehen, aus der Dürftigkeit zum Reichthum
erhoben worden. Als armer Fähndrich hatte er seine Laufbahn begonnen und
jetzt war er, in seinem siebenunddreißigsten Jahre, Generalmajor, Peer
von Schottland und Peer von England, befehligte eine Abtheilung der
Leibgarde, bekleidete mehrere ehrenvolle und einträgliche Stellen und
bis jetzt verrieth noch nichts, daß er den geringsten Theil von der
Gunst verloren hatte, der er so viel verdankte. Er war nicht nur durch
die allgemeine Pflicht der Unterthanentreue, sondern auch durch
militairische Ehren, durch persönliche Dankbarkeit und, wie es
oberflächlichen Beobachtern schien, durch die stärksten Bande des
Interesses an Jakob gebunden. Aber Churchill selbst war kein
oberflächlicher Beobachter, er wußte genau, worin sein wirkliches
Interesse bestand. Er war überzeugt, daß, wenn sein Gebieter einmal
volle Freiheit erhielt Papisten anzustellen, er nicht einen einzigen
Protestanten mehr anstellen würde. Eine Zeit lang wurden vielleicht
einige hochbegünstigte Diener der Krone noch von der allgemeinen
Proscription ausgenommen, in der Hoffnung, daß sie sich dadurch
bestimmen ließen, ihren Glauben zu wechseln, aber selbst diese mußten
nach einer kurzen Frist Einer nach dem Andren fallen, wie Rochester
schon gefallen war. Churchill konnte sich allerdings durch Übertritt zur
katholischen Kirche gegen diese Gefahr sicher stellen und noch höher in
der königlichen Gunst steigen; auch hätte man glauben können, daß ein
Mann, der sich eben so sehr durch Habsucht und Characterlosigkeit, wie
durch Talent und Tapferkeit auszeichnete, schwerlich an dem Gedanken,
eine Messe anhören zu müssen, Anstoß nehmen würde. Aber die menschliche
Natur ist so reich an Widersprüchen, daß selbst abgestumpfte Gewissen
eine empfindliche Stelle haben. So hatte dieser Mann, der seine
Erhebung der Schande seiner Schwester verdankte, der von der
verschwenderischesten, herrschsüchtigsten und schamlosesten Buhlerin
unterhalten worden war und dessen öffentliches Leben Jedem, der mit
unbefangenem Blicke den schimmernden Glanz des Genies und des Ruhms zu
durchdringen vermag, als ein Abgrund von Schändlichkeit erscheinen muß,
einen blinden Glauben an die Religion, die ihm als Kind eingelernt
worden war, und schauderte bei dem Gedanken, sie förmlich abzuschwören.
Es stand ihm eine furchtbare Alternative bevor. Das irdische Übel, das
er am meisten fürchtete, war die Armuth, das einzige Verbrechen, vor dem
sein Herz zurückbebte, war der Glaubensabfall, und wenn die Pläne des
Hofes gelangen, konnte er nicht zweifeln, daß er bald zwischen Armuth
und Abfall wählen mußte. Daher entschloß er sich, diese Pläne zu
durchkreuzen, und es zeigte sich bald, daß er bereit war, jede Schuld
und jede Schmach auf sich zu laden, wenn er nur der Nothwendigkeit
entging, entweder seine Stellen oder seine Religion aufgeben zu
müssen.[64]

    [Anmerkung 64: Der Beweggrund, welcher das Verfahren der Churchill
    bestimmte, ist kurz und bündig in +The Duchess of Marlborough’s
    Vindication+ dargelegt. „Jedermann erkannte deutlich,“ sagt sie,
    „daß bei dem Systeme, das König Jakob angenommen hatte, Jeder der
    nicht Katholik werden wollte, früher oder später zu Grunde gehen
    mußte. Diese Überzeugung ließ mich das Unternehmen des Prinzen von
    Oranien, uns aus solcher Knechtschaft zu erlösen, mit Wohlgefallen
    betrachten.“]


[_Lady Churchill und die Prinzessin Anna._] Nicht bloß als
militairischer Befehlshaber von hohem Range und ausgezeichnetem Geschick
und Muth konnte Churchill der Opposition Dienste leisten. Es war für das
Gelingen der Pläne Wilhelm’s wenn nicht absolut nothwendig, doch höchst
wichtig, daß seine Schwägerin, welche nach der englischen
Thronfolgeordnung zwischen ihm und seiner Gemahlin stand, in
vollkommener Übereinstimmung mit ihm handelte. Alle ihm
entgegenstehenden Schwierigkeiten würden bedeutend vergrößert worden
sein, wenn Anna sich günstig für die Indulgenz ausgesprochen hätte. Auf
welche Seite sie treten würde, hing von dem Willen Anderer ab, denn ihr
Verstand war träge, und obgleich in ihrem Character ein erblicher
Eigenwille und Starrsinn verborgen lag, welche viele Jahre später durch
große Macht und heftige Provocationen zum Vorschein gebracht wurden, so
war sie doch zur Zeit die willige Sklavin einer Frau von viel
lebhafterem und herrschsüchtigerem Character als der ihrige war. Diese
Frau, welche sie völlig beherrschte, war Churchill’s Gattin, ein Weib,
die nachmals auf die Geschicke England’s und Europa’s einen großen
Einfluß ausübte.

Der Name dieser berühmten Günstlingin war Sara Jennings. Ihre ältere
Schwester Franziska hatte sich durch Schönheit und Leichtfertigkeit
selbst unter der Masse von schönen Gesichtern und leichtfertigen
Characteren ausgezeichnet, welche Whitehall während des wilden Carnevals
der Restauration zierten und schändeten. Einmal verkleidete sie sich
als Apfelsinenmädchen und rief in den Straßen ihre Früchte aus.[65]
Gesetzte Leute meinten, daß ein Mädchen von so wenig Takt- und
Schicklichkeitsgefühl nicht leicht einen Gatten finden werde. Sie war
indessen zweimal verheirathet und jetzt die Gattin Tyrconnel’s. Sara
war nicht so regelmäßig schön als ihre Schwester, aber vielleicht noch
anziehender. Ihr Gesicht war ausdrucksvoll, ihre Gestalt entbehrte
keines weiblichen Reizes, und die Fülle ihrer schönen Haare, welche noch
nicht nach der barbarischen Mode, deren Einführung sie noch erlebte,
durch Puder verunziert waren, erfüllten ihre zahlreichen Bewunderer mit
Entzücken. Von den Freiern, die sich um ihre Hand bewarben, erhielt der
junge, schöne, liebenswürdige, einschmeichelnde, beredte und tapfere
Oberst Churchill den Vorzug. Er mußte sie wirklich lieben, denn außer
der Leibrente, die er sich für den von der Herzogin von Cleveland
erhaltenen schmachvollen Lohn gekauft hatte, besaß er wenig Vermögen,
war unersättlich in seiner Gier nach Schätzen, Sara war arm, und es war
ihm ein einfaches Mädchen mit einem großen Vermögen angetragen worden.
Nach einem kurzen Kampfe trug die Liebe den Sieg über die Habsucht
davon, die Ehe verstärkte nur noch seine Leidenschaft, und Sara genoß
bis zum letzten Augenblicke seines Lebens das Vergnügen und die
Auszeichnung, das einzige menschliche Wesen zu sein, das im Stande war,
diesen weitsehenden und sicheren Blick auf sich zu fesseln, das von
diesem kalten Herzen heiß geliebt und von diesem unerschrockenen Geiste
knechtisch gefürchtet wurde.

Im weltlichen Sinne ward Churchill’s treue Liebe reich belohnt. Bei
aller Dürftigkeit brachte seine Braut ihm doch ein Heirathsgut zu, das
klug verwendet ihn endlich zum englischen Herzog, zum deutschen
Reichsfürsten, zum Oberfeldherrn einer großen Coalition, zum
Schiedsrichter zwischen mächtigen Fürsten und was in seinen Augen noch
viel mehr werth war, zum reichsten Privatmann von ganz Europa machte.
Sie war von früher Kindheit an mit der Prinzessin Anna aufgewachsen und
es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen
gebildet. Im Character glichen sie einander nur wenig. Anna war
phlegmatisch und schweigsam. Gegen Diejenigen, die sie liebte, war sie
sanft; ihr Zorn äußerte sich nur durch ein mürrisches Schmollen. Sie
hatte einen starken religiösen Sinn und war den Gebräuchen und der
Verfassung der anglikanischen Kirche mit wahrer Bigotterie zugethan.
Sara war lebhaft und redselig, dominirte selbst Diejenigen, die sie am
meisten liebte, und wenn sie gekränkt wurde, äußerte sich ihre Wuth
durch Thränen und heftige Vorwürfe. Auf Frömmigkeit machte sie keinen
Anspruch, ja sie entging sogar kaum der Beschuldigung der
Irreligiosität. Sie war jetzt noch nicht das was sie später wurde,
nachdem das Glück _eine_ Klasse von Fehlern, das Unglück eine andre
vollkommen entwickelt, als Siege und Huldigungen ihr den Kopf verrückt
und Mißgeschick und Kränkungen ihren Character verbittert hatten. Sie
wurde in ihren späteren Lebensjahren das verächtlichste und
erbärmlichste Geschöpf: ein altes Weib, die in beständigem Hader lebte
mit ihrem ganzen Geschlecht, mit ihren eigenen Kindern und Enkeln, zwar
vornehm und reich, aber Vornehmheit und Reichthum hauptsächlich nur
deshalb schätzend, weil dieselben sie in den Stand setzten, der
öffentlichen Meinung Hohn zu sprechen und rückhaltlos ihrem Hasse gegen
Lebende und Todte zu fröhnen. Unter der Regierung Jakob’s II. galt sie
für nichts Schlimmeres als eine schöne, stolze junge Frau, die wohl
zuweilen launenhaft und eigensinnig sein konnte, der man aber in
Berücksichtigung ihrer Reize ihre Launen gern verzieh.

Es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, daß Verschiedenheit der
Neigungen und Geistesfähigkeiten keine Hindernisse der Freundschaft sind
und daß gerade zwei Herzen, die sich gegenseitig ergänzen, das Band der
innigsten Zuneigung umschlingt. Lady Churchill wurde von der Prinzessin
Anna geliebt, ja fast angebetet. Die Prinzessin konnte ohne den
Gegenstand ihrer romanhaften Zärtlichkeit nicht leben. Sie vermählte
sich und wurde eine treue, sogar liebevolle Gattin; aber Prinz Georg,
ein beschränkter Mann, dessen Hauptgenüsse die Freuden der Tafel und der
Flasche waren, erlangte keinen Einfluß auf sie, der sich mit dem ihrer
Freundin vergleichen ließ, und gab sich bald mit stupider Geduld der
Herrschaft des heftigen und gebieterischen Geistes hin, von dem seine
Gemahlin sich leiten ließ. Das königliche Paar bekam Kinder und Anna
entbehrte keineswegs der Gefühle einer Mutter; aber die Liebe zu ihren
Kindern war lau im Vergleich mit ihrer hingebenden Zärtlichkeit für ihre
Jugendfreundin. Endlich wurde die Prinzessin des Zwanges müde, den die
Etikette ihr auferlegte, es war ihr unerträglich, die Worte Madame und
Königliche Hoheit aus dem Munde einer Frau zu hören, die ihr mehr war
als eine Schwester. In der Gallerie und im Empfangzimmer waren diese
Worte nicht zu umgehen, aber im Boudoir wurden sie abgeschafft. Hier
hieß Anna Mrs. Morley, Lady Churchill Mrs. Freeman, und unter diesen
kindlichen Namen bestand zwanzig Jahre hindurch ein intimer Verkehr
zwischen den beiden Freundinnen, von dem schließlich das Schicksal von
Regierungen und Dynastien abhing. Bis jetzt hatte jedoch Anna noch keine
politische Macht und nur geringen persönlichen Einfluß. Ihre Freundin
bekleidete in ihrem Hausstaate das Amt der ersten Kammerdame mit nur
vierhundert Pfund Sterling Gehalt. Gleichwohl hat man Grund zu glauben,
daß es Churchill schon zu dieser Zeit möglich war, seine vorherrschende
Leidenschaft durch den Einfluß seiner Gattin zu befriedigen. Obgleich
die Prinzessin ein hohes Einkommen hatte und sehr einfach lebte, so
machte sie doch Schulden, die ihr Vater mit einigem Unwillen bezahlte,
und man sagte, daß der Grund ihrer finanziellen Verlegenheiten in ihrer
verschwenderischen Freigebigkeit gegen ihren Liebling zu suchen sei.[66]

Endlich war die Zeit gekommen, wo diese sonderbare Freundschaft einen
großen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten ausüben sollte. Man
war äußerst gespannt darauf, welche Rolle Anna in dem Kampfe, der
England erschütterte, spielen werde. Auf der einen Seite stand die
Kindespflicht, auf der andren die Interessen der Religion, der sie
aufrichtig zugethan war. Ein minder phlegmatischer Character würde
zwischen so starken und wichtigen Beweggründen, die ihn nach
entgegengesetzten Richtungen hinzogen, gewiß lange geschwankt haben. Der
Einfluß der Churchill aber entschied die Frage und ihre Gönnerin wurde
ein wichtiges Mitglied des umfassenden Bundes, dessen Oberhaupt der
Prinz von Oranien war.

    [Anmerkung 65: +Mémoires de Grammont+; +Pepys’s Diary, Feb. 21.
    1684/5.+]

    [Anmerkung 66: Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle die
    Werke aufzählen, aus denen ich mein Urtheil über den Character der
    Herzogin geschöpft habe. Meine Hauptquellen sind ihre eigenen
    Briefe, ihre „Rechtfertigung“ und die Entgegnungen, welche diese
    veranlaßte.]


[_Dykvelt kehrt mit Briefen von vielen angesehenen Engländern nach dem
Haag zurück._] Im Juni 1687 kehrte Dykvelt nach dem Haag zurück. Er
überreichte den Generalstaaten ein königliches Schreiben voll
Lobeserhebungen über sein Benehmen während seines Aufenthalts in London.
Diese Lobeserhebungen waren jedoch nur eine Formalität. In
Privatmittheilungen von seiner eigenen Hand beschwerte Jakob sich bitter
darüber, daß der Gesandte einen so vertrauten Umgang mit den heftigsten
Oppositionsmännern seines Reiches gepflogen und sie in allen ihren
Umsturzplänen bestärkt habe. Außerdem brachte Dykvelt auch eine Anzahl
Briefe von den ausgezeichnetsten derjenigen Männer mit, mit denen er
sich während seines Aufenthalts in London berathen hatte. Die Schreiber
dieser Briefe versicherten den Prinzen allgemein ihrer unbegrenzten
Verehrung und Hingebung und verwiesen ihn wegen der näheren Darlegung
ihrer Ansichten an den Überbringer. Halifax erörterte den Zustand und
die Aussichten des Landes mit gewohnter Schärfe und Lebendigkeit, hütete
sich aber sorgfältig, für irgend ein gefährliches Verfahren die
Verantwortung zu übernehmen. Danby schrieb in einem kühneren und
entschlosseneren Tone und konnte sich nicht enthalten, über die
Besorgnisse und Bedenklichkeiten seines genialen Nebenbuhlers zu
spötteln. Der interessanteste Brief aber war der von Churchill. Er war
mit der natürlichen Beredtsamkeit, an der es ihm trotz seines Mangels an
höherer Bildung bei wichtigen Anlässen nie fehlte, und mit einem
Anstrich von Hochherzigkeit geschrieben, den er sich, so perfid er auch
war, mit seltener Geschicklichkeit zu geben verstand. Die Prinzessin
Anna, sagte er, habe ihm befohlen, ihre erlauchten Verwandten im Haag zu
versichern, daß sie mit Gottes Hülfe fest entschlossen sei, eher ihr
Leben zu lassen, als sich eines Glaubensabfalls schuldig zu machen. Was
seine Person betreffe, so lege er auf seine Stellen und auf die
königliche Gunst einen weit geringeren Werth als auf seine Religion. Er
schloß mit der hochtrabenden Erklärung, daß man ihn, obgleich er keinen
Anspruch darauf mache, wie ein Heiliger gelebt zu haben, doch
vorkommenden Falls bereit finden werde, den Märtyrertod zu sterben.[67]

    [Anmerkung 67: Das Formalitätsschreiben, welches Dykvelt den
    Generalstaaten überbrachte, befindet sich in den Archiven des
    Haags. Die anderen in diesem Paragraphen erwähnten Briefe giebt
    Dalrymple im Anhange zu Buch +V.+]


[_Zulestein’s Sendung._] Dykvelt’s Sendung hatte einen so glänzenden
Erfolg gehabt, daß bald ein neuer Vorwand gefunden war, um einen andren
Agenten abzusenden, der das so glücklich begonnene Werk fortsetzen
sollte. Der neue Gesandte, nachmals der Gründer eines jetzt erloschenen
englischen Adelshauses, war ein illegitimer leiblicher Vetter Wilhelm’s
und führte einen der Herrschaft Zulestein entlehnten Namen. Seine
Verwandtschaft mit dem Hause Oranien gab Zulestein in den Augen des
Publikums ein bedeutendes Ansehen. Sein Benehmen war das eines tapferen
Soldaten. In diplomatischen Talenten und Kenntnissen stand er Dykvelt
weit nach, aber gerade diese Inferiorität hatte ihre Vortheile. Ein
Militair, der sich anscheinend nie um die Politik gekümmert hatte,
konnte ohne Verdacht zu erregen mit der englischen Aristokratie einen
Verkehr unterhalten, der mit argwöhnischem Auge bewacht worden sein
würde, wenn er ein bekannter Meister in der Staatskunst gewesen wäre.
Nach kurzer Abwesenheit kehrte Zulestein mit nicht minder wichtigen
Briefen und mündlichen Botschaften, als die welche seinem Vorgänger
anvertraut worden waren, in sein Vaterland zurück. Von diesem
Augenblicke an trat der Prinz mit der Opposition in einen regelmäßigen
Briefwechsel. Geschäftsträger verschiedenen Ranges reisten beständig
zwischen der Themse und dem Haag hin und her. Der nützlichste von diesen
war ein Schotte von einigem Talent und großer Thätigkeit, Namens
Johnstone. Er war Burnet’s Vetter und der Sohn eines angesehenen
Covenanters, der bald nach der Restauration wegen Hochverraths
hingerichtet worden war und von seiner Partei als Märtyrer verehrt
wurde.


[_Zunehmende Feindschaft zwischen Jakob und Wilhelm._] Die Entfremdung
zwischen dem Könige von England und dem Prinzen von Oranien wurde mit
jedem Tage vollkommener. Es hatte sich ein ernsthafter Streit in Betreff
der sechs britischen Regimenter erhoben, welche im Solde der Vereinigten
Provinzen standen. Der König wollte diese Regimenter unter das Commando
römisch-katholischer Offiziere stellen, und der Prinz widersetzte sich
diesem Ansinnen entschieden. Der König nahm seine Zuflucht zu seinen
Lieblingsgemeinplätzen von der Duldung; der Prinz erwiederte daß er nur
das Beispiel Seiner Majestät nachahme. Es sei notorisch erwiesen, daß
loyale und tüchtige Männer in England lediglich deshalb, weil sie
Protestanten waren, aus dem Staatsdienste entlassen worden seien, und
dies berechtige den Statthalter und die Generalstaaten doch gewiß dazu,
die Papisten von hohen öffentlichen Ämtern auszuschließen. Diese Antwort
erbitterte Jakob dermaßen, daß er in seiner Wuth die Wahrhaftigkeit und
den gesunden Verstand völlig aus den Augen verlor. Es sei nicht wahr,
behauptete er mit Heftigkeit, daß er irgend Jemanden jemals aus
religiösen Gründen abgesetzt habe. Und wenn er es wirklich gethan hätte,
was ginge es dann dem Prinzen oder die Generalstaaten an? Wären sie etwa
seine Herren? wären sie befugt, sich zu Richtern über die Handlungen
fremder Fürsten aufzuwerfen? Von jetzt an wünschte er seine in
holländischen Diensten stehenden Unterthanen zurückzuberufen, denn er
glaubte durch diese Maßregel sich selbst zu verstärken und seine
schlimmsten Feinde zu schwächen. Es traten ihm jedoch finanzielle
Schwierigkeiten entgegen, die er unmöglich übersehen konnte. Die Zahl
der bereits von ihm unterhaltenen Truppen war schon so groß, als es
seine Einkünfte nur irgend zuließen, obgleich dieselben die aller seiner
Vorgänger weit überstiegen und mit großer Sparsamkeit verwaltet wurden.
Wenn aber die jetzt in Holland stehenden Bataillone noch zu dem
vorhandenen Etat kamen, so war die Staatskasse bankerott. Vielleicht
ließ Ludwig sich bewegen, sie in seinen Dienst zu nehmen. In diesem
Falle wurden sie aus einem Lande entfernt, wo sie dem verderblichen
Einflusse einer republikanischen Regierung und einer calvinistischen
Kirchenverfassung ausgesetzt waren, und kamen in ein Land, wo Niemand
die Autorität des Monarchen und die Lehren der wahren Kirche zu
bestreiten wagte. Die Soldaten würden dann bald alle politische und
religiöse Ketzerei wieder verlernen, ihr Landesfürst konnte zu jeder
Zeit binnen kurzer Frist über ihre Hülfe verfügen und sich unter allen
Umständen auf ihre Treue verlassen.

Es wurden zwischen Whitehall und Versailles Unterhandlungen in dieser
Angelegenheit eröffnet. Ludwig hatte soviel Soldaten als er brauchte,
und wäre es auch anders gewesen, so würde er dennoch keine Lust gehabt
haben, englische Truppen in Dienst zu nehmen, da der englische Sold, so
niedrig er unsrer Generation erscheinen muß, doch viel höher war als der
französische. Auf der andren Seite aber hätte er Wilhelm sehr gern um
eine so schöne Brigade geschwächt. Nach einer mehrwöchentlichen
Correspondenz wurde Barillon zu der Erklärung ermächtigt, daß, wenn
Jakob die britischen Truppen aus Holland zurückriefe, Ludwig die
Unterhaltungskosten für zweitausend Mann in England übernehmen wolle.
Jakob nahm dieses Anerbieten mit dem wärmsten Danke an. In Folge des
getroffenen Arrangements ersuchte er die Generalstaaten um Rücksendung
der sechs Regimenter. Die Generalstaaten aber, welche Wilhelm ganz nach
seinem Willen leitete, antworteten, daß ein solches Verlangen unter den
obwaltenden Umständen durch die bestehenden Verträge nicht
gerechtfertigt werde, und weigerten sich entschieden, demselben zu
entsprechen. Es ist bemerkenswerth, daß Amsterdam, welches für
Zurückhaltung dieser Truppen in Holland gestimmt hatte, als Jakob ihrer
gegen die Insurgenten im Westen bedurfte, jetzt heftig für die Erfüllung
seines Verlangens stritt. In beiden Fällen beabsichtigten die Behörden
dieser großen Stadt nichts weiter, als dem Prinzen von Oranien zu
opponiren.[68]

    [Anmerkung 68: Sunderland an Wilhelm, 24. Aug. 1686; Wilhelm an
    Sunderland, 2.(12.) Sept. 1686; Barillon, 6.(16.) Mai, 26. Mai (5.
    Juni), 3.(13.) Oct., 28. Nov. (8. Dec.) 1687; Ludwig an Barillon,
    14.(24.) Oct. 1687; Memorial von Albeville, 15.(25.) Dec. 1687;
    Jakob an Wilhelm, 17. Jan., 16. Feb., 2. u. 13. März 1688: Avaux,
    1.(11.), 6.(16.), 8.(18.) März, 22. März (1. April) 1688.]


[_Einfluß der holländischen Presse._] Die holländischen Waffen waren
jedoch für Jakob kaum so gefährlich als die holländische Presse. Fast
täglich erschienen im Haag englische Bücher und Flugschriften gegen die
Regierung, und keine Wachsamkeit konnte es verhindern, daß viele
Tausende von Exemplaren in die an der Nordsee gelegenen Grafschaften
eingeschmuggelt wurden. Unter diesen Schriften zeichnete sich besonders
eine durch ihre Wichtigkeit und durch den Eindruck, den sie machte, aus.
Jedermann, der mit den öffentlichen Angelegenheiten vertraut war, kannte
die Ansicht des Prinzen und der Prinzessin von Oranien in Betreff der
Indulgenz; da aber keine officielle Erklärung dieser Ansicht erschienen
war, so wurden Viele, denen gute Privatquellen nicht zugänglich waren,
durch die Zuversicht, mit der die Anhänger des Hofes behaupteten, daß
Ihre Hoheiten die letzten Maßregeln des Hofes billigten, getäuscht oder
verwirrt gemacht. Es würde ein sehr einfacher und naheliegender Weg
gewesen sein, diese Behauptungen öffentlich zu widerlegen, wenn Wilhelm
keinen andren Zweck gehabt hätte, als seinen Einfluß in England zu
befestigen. Allein er betrachtete England hauptsächlich als das zur
Ausführung seines großen europäischen Planes nöthige Werkzeug. Er hoffte
für diesen Plan die Mitwirkung der beiden Linien des Hauses Österreich,
der italienischen Fürsten und selbst des Papstes zu gewinnen, und er
hatte Grund zu der Befürchtung, daß jede die britischen Protestanten
befriedigende Erklärung in Madrid, Wien, Turin und Rom Besorgniß und
Unwillen erregen könnte. Deshalb enthielt sich der Prinz lange jeder
officiellen Äußerung seiner Gesinnungen. Endlich aber wurde er darauf
aufmerksam gemacht, daß sein beharrliches Stillschweigen unter den ihm
Wohlwollenden viel Besorgniß und Mißtrauen erweckt habe und daß es hohe
Zeit sei, sich offen auszusprechen. Er beschloß daher, sich zu erklären.


[_Stewart’s und Fagel’s Correspondenz._] Ein schottischer Whig, Namens
Jakob Stewart, war vor einigen Jahren nach Holland geflüchtet, um dem
spanischen Stiefel und dem Galgen zu entgehen, und er war mit dem
Großpensionär Fagel befreundet worden, der das Vertrauen und die Gunst
des Statthalters in hohem Grade besaß. Stewart war der Verfasser des
heftigen und gehässigen Manifestes von Argyle. Als die Indulgenz
erschien, erkannte Stewart, daß sich ihm die Gelegenheit darbot, nicht
nur Begnadigung, sondern noch obendrein eine Belohnung zu erlangen. Er
bot der Regierung, deren Feind er gewesen war, seine Dienste an, diese
wurden angenommen und er schrieb an Fagel einen Brief, zu dem er
angeblich von Jakob selbst beauftragt war. In diesem Briefe wurde der
Großpensionär dringend aufgefordert, seinen ganzen Einfluß bei dem
Prinzen und der Prinzessin aufzubieten, um sie zur Unterstützung der
Politik ihres Vaters zu bewegen. Nach einiger Zeit schickte Fagel eine
tief durchdachte und ausgezeichnet geschriebene Erwiederung ein. Wer
dieses interessante Dokument liest, muß bemerken, daß es zwar in einer
Weise abgefaßt ist, welche geeignet war, die englischen Protestanten zu
beruhigen und ihnen zu gefallen, dennoch aber kein Wort enthält, das
selbst dem Vatikan Anstoß hätte geben können. Es war darin gesagt, daß
Wilhelm und Marie mit Vergnügen zur Abschaffung jedes Gesetzes mitwirken
würden, welches über irgend einen Engländer seiner religiösen
Überzeugung wegen Strafe verhänge. Aber zwischen Strafen und
Ausschließungen war ein Unterschied gemacht. Katholiken zu Staatsämtern
zuzulassen, könne nach der Ansicht Ihrer Hoheiten weder im allgemeinen
Interesse Englands, noch im Interesse der Katholiken selbst liegen.
Dieses Manifest wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war auf dem
Continent weit verbreitet. Von der durch Burnet besorgten englischen
Ausgabe wurden nahe an funfzigtausend Exemplare in die östlichen
Grafschaften eingeführt und rasch über das ganze Land verbreitet.
Nie hat eine Staatsschrift einen vollständigeren Erfolg gehabt. Die
Protestanten unsrer Insel priesen die männliche Entschiedenheit, mit der
Wilhelm erklärte, daß er es nicht gutheißen könne, die Papisten Antheil
an der Regierung nehmen zu lassen. Den katholischen Fürsten auf der
andren Seite gefiel der milde und gemäßigte Ton, in welchem diese
Erklärung gehalten war, sowie die ihnen eröffnete Aussicht, daß unter
seiner Regierung kein Mitglied ihrer Kirche um seines Glaubens willen
belästigt werden würde.


[_Castelmaine’s Gesandtschaft in Rom._] Es ist wahrscheinlich, daß der
Papst selbst einer von Denen war, die den berühmten Brief mit Vergnügen
lasen. Einige Monate zuvor hatte er Castelmaine auf eine Art entlassen,
welche wenig Rücksicht auf die Gesinnungen des Königs zeigte. Innocenz
war mit der ganzen inneren und äußeren Politik der englischen Regierung
durchaus nicht zufrieden. Er sah, daß die ungerechten und unklugen
Maßregeln der jesuitischen Cabale viel eher dazu beitrugen, das
Fortbestehen der Strafgesetze als die Abschaffung des Testes zu
bewirken. Sein Streit mit dem Hofe von Versailles wurde mit jedem Tage
ernsthafter, und er konnte weder als weltlicher Fürst, noch als
Oberhaupt der katholischen Kirche für einen Vasallen dieses Hofes eine
herzliche Freundschaft fühlen. Castelmaine war nicht geeignet, diesen
Widerwillen zu beseitigen. Er kannte zwar für einen Laien Rom ziemlich
gut und war auch in der theologischen Polemik gründlich bewandert,[69]
besaß aber durchaus nicht das Geschick, welches sein Posten erforderte,
und wenn er auch der talentvollste Diplomat gewesen wäre, so würde doch
ein Umstand ihn für die besondere Mission, mit der er betraut war,
untauglich gemacht haben. Er war in ganz Europa als der Gatte des
schamlosesten Weibes bekannt, und als weiter nichts. Man konnte
unmöglich mit ihm oder von ihm sprechen, ohne daran zu denken, wie er zu
dem Titel gekommen war, bei dem er genannt wurde. Dieser Umstand würde
wenig auf sich gehabt haben, wenn er an einem sittenlosen Hofe
accreditirt gewesen wäre, wie zum Beispiel bei dem, an welchem unlängst
die Herzogin von Montespan das Regiment geführt hatte. Aber es war
offenbar ein grober Mißgriff, ihn mit einem Auftrage mehr geistlichen
als weltlichen Characters an einen Papst von patriarchalischer
Sittenstrenge zu senden. Die Protestanten von ganz Europa spöttelten
darüber, und Innocenz, der ohnehin schon gegen die englische Regierung
eingenommen war, betrachtete die ihm mit so großer Gefahr und so großen
Kosten erzeigte Aufmerksamkeit als nicht viel besser denn eine
Beleidigung. Der Gehalt des Gesandten war auf hundert Pfund die Woche
festgesetzt. Castelmaine klagte, daß dies zu wenig sei und daß das
Dreifache dieses Betrags kaum ausreichen werde. Denn in Rom bemühten
sich die Gesandten aller großen Continentalmächte einander vor den Augen
eines Volks, das durch den beständigen Anblick prächtiger Gebäude,
Decorationen und Ceremonien verwöhnt war, im Glanz zu überbieten. Er
erklärte stets, daß er bei seiner Gesandtschaft Geld zusetzen müsse. Es
waren ihm mehrere junge Adelige aus den vornehmsten katholischen
Familien Englands, wie die Ratcliffe, die Arundell und Tichborne,
beigegeben, und er bewohnte in Rom den Palast der Familie Pamfili an dem
prächtigen Navonaplatze. Eine Privatunterredung mit Innocenz wurde ihm
bald bewilligt, die officielle Audienz aber wurde lange hinausgeschoben.
Castelmaine’s Vorbereitungen zu diesem wichtigen Acte waren so
prachtvoll, daß sie, obgleich schon zu Ostern 1686 begonnen, im
darauffolgenden November noch nicht beendigt waren, und im November
bekam der Papst einen wirklichen oder angeblichen Gichtanfall, der einen
weiteren Aufschub verursachte. Im Januar 1687 endlich fand die
feierliche Vorstellung und Aufwartung mit ungewöhnlichem Pompe statt.
Die Staatswagen, welche zu der Auffahrt in Rom gebaut wurden, waren so
prächtig, daß man sie für werth hielt, der Nachwelt in schönen
Abbildungen überliefert und von Dichtern in mehreren Sprachen besungen
zu werden.[70] Die Façade des Gesandtschaftspalastes wurde an diesem
hochwichtigen Tage mit geschmacklosen allegorischen Gemälden von
riesenhafter Größe decorirt. Man sah hier den heiligen Georg mit dem
Fuße auf dem Nacken des Titus Oates, und Herkules, wie er mit seiner
Keule den protestantischen Tischler College zu Boden schlägt, der sich
vergebens mit seinem Flegel zu vertheidigen sucht. Nach dieser
öffentlichen Schaustellung lud Castelmaine alle damals in Rom anwesenden
Notabilitäten zu einem Bankett in dem freundlichen und prächtigen Saale
ein, den Peter von Cortona mit Gemälden von Scenen aus der Aeneide
geschmückt hat. Die ganze Stadt drängte sich zu dem Schauspiele und nur
mit Mühe konnte eine Compagnie der Schweizergarde die Ordnung unter den
Zuschauern aufrechterhalten. Die Kavaliere des päpstlichen Hofstaates
gaben hierauf ihrerseits dem Gesandten glänzende Gastmähler, und Dichter
und Literaten überhäuften seinen Gebieter mit abgeschmackten und
hyperbolischen Schmeicheleien, wie sie da am meisten floriren, wo Genie
und Geschmack am tiefsten gesunken sind. An der Spitze der Schmeichler
stand ein gekröntes Haupt. Mehr als dreißig Jahre waren verflossen, seit
Christine, die Tochter des großen Gustav Adolph, freiwillig vom
schwedischen Throne herabgestieqen war. Nach langen Wanderungen, während
denen sie viele Thorheiten und Verbrechen begangen, hatte sie endlich in
Rom ihren bleibenden Aufenthalt genommen, wo sie sich mit astrologischen
Berechnungen und mit den Intriguen des Conclave beschäftigte und sich
nebenbei mit Gemälden, Gemmen, Handschriften und Münzen die Zeit
vertrieb. Jetzt dichtete sie einige italienische Stanzen zu Ehren des
englischen Fürsten, der, wie sie selbst, einem Geschlecht von Königen
entsprossen, welche zu ihrer Zeit als die Vorkämpfer der Reformation
betrachtet wurden, sich, gleich ihr, mit der alten Kirche wieder
ausgesöhnt hatte. Sie gab eine glänzende Gesellschaft in ihrem Palaste.
Ihre in Musik gesetzten Verse wurden unter allgemeinem Beifalle
vorgetragen und einer ihrer literarischen Günstlinge hielt über
denselben Gegenstand eine Rede in so blühendem Style, daß er den
Geschmack der englischen Zuhörer beleidigt zu haben scheint. Die dem
Papste feindlich gesinnten, den Interessen Frankreichs ergebenen
Jesuiten, denen jede Gelegenheit, Jakob Ehre zu erzeigen, willkommen
war, empfingen den englischen Gesandten mit möglichstem Gepränge in dem
fürstlichen Hause, wo die Überreste des Ignatius Loyola in einem Schrein
von Lasurstein und Gold aufbewahrt werden. Bildhauerkunst, Malerei,
Poesie und Beredtsamkeit wurden aufgeboten, um den Fremden zu
bewillkommnen; aber alle diese Künste lagen tief im Argen. Es wurde viel
schwülstige und unedle Latinität entfaltet, die eines so gelehrten
Ordens unwürdig war, und einige von den die Wände zierenden Inschriften
zeigten noch schlimmere Fehler als schlechten Styl. An einer Stelle war
gesagt, daß Jakob seinen Bruder als Boten zum Himmel gesandt habe, an
einer andren, daß Jakob die Schwingen geliefert, welche seinen Bruder in
eine höhere Region emporgetragen. Außerdem gab es ein noch viel
unglücklicheres Distichon, welches damals wenig beachtet wurde, dessen
man aber einige Monate später mit boshaften Auslegungen gedachte.
„O König,“ sagte der Dichter, „seufze nicht länger nach einem Sohne. Mag
auch die Natur Deinen Wunsch nicht erfüllen, die Sterne werden Mittel
finden, um ihn zu befriedigen.“

Inmitten dieser Festlichkeiten erfuhr Castelmaine schwere Kränkungen und
Demüthigungen. Der Papst behandelte ihn mit äußerster Kälte und
Zurückhaltung. So oft der Gesandte ihn um eine Antwort auf das zu
Gunsten Petre’s gestellte Anliegen bat, bekam Innocenz einen heftigen
Hustenanfall, der dem Gespräch ein Ende machte. Ganz Rom unterhielt sich
von diesen sonderbaren Audienzen. Pasquino schwieg nicht und die ganze
neugierige und geschwätzige Bevölkerung der müßigsten aller Städte, mit
alleiniger Ausnahme der Jesuiten und der Prälaten der französischen
Faction, lachte über Castelmaine’s verunglückte Mission. Sein von Natur
unfreundlicher Character wurde bald auf’s Heftigste erbittert und er
verbreitete eine Denkschrift mit Betrachtungen über den Papst. Dadurch
gerieth er in eine schiefe Stellung, der kluge Italiener hatte einen
Vortheil gewonnen und er ließ sich denselben nicht wieder entreißen. Er
erklärte gerade heraus, die Regel, welche die Jesuiten von kirchlichen
Würden ausschließe, dürfe zu Gunsten Petre’s nicht übertreten werden.
Der immer mehr gereizte Castelmaine drohte jetzt Rom zu verlassen.
Innocenz erwiederte ihm mit sanfter Impertinenz, die um so kränkender
war, weil sie sich kaum von treuherziger Einfalt unterscheiden ließ.
Seine Excellenz könne gehen, wenn es ihm beliebe. „Wenn wir ihn aber
verlieren müssen,“ setzte der ehrwürdige Pontifex hinzu, „so hoffe ich
wenigstens, daß er unterwegs seine Gesundheit schonen wird. Ein
Engländer weiß nicht, wie gefährlich es ist, hier zu Lande während der
Tageshitze zu reisen. Man thut am besten, wenn man vor Tagesanbruch
aufbricht und zu Mittag Rast macht.“ Mit diesem wohlmeinenden Rathe und
einem Rosenkranze wurde der unglückliche Gesandte entlassen. Wenige
Monate darauf erschien eine pomphafte Geschichte seiner Sendung in einer
prachtvollen Folioausgabe mit Kupferstichen in italienischer und
englischer Sprache. Das Titelkupfer zeigte zum großen Ärgerniß aller
Protestanten Castelmaine in der Peersrobe und mit der Adelskrone in der
Hand, wie er Innocenz den Fuß küßt.[71]

    [Anmerkung 69: Adda, 9.(19.) Nov. 1685.]

    [Anmerkung 70: Der Professor der griechischen Sprache am Kollegium
    +De Propaganda Fide+ machte seiner Bewunderung in einigen
    abscheulichen Hexametern und Pentametern Luft, von denen folgende
    Probe genügen mag:

        Ρωγερίου δὴ σκεψόμενος λαμπροῖο θρίαμβον,
          Ὦκα μάλ’ ἤϊσσεν καὶ θέεν ὄχλος ἅπας·
        Θαυμάζουσα δὲ τὴν πομπὴν, παγχρύσεά τ’ αὐτοῦ
          Ἅρματα, τοὺς θ’ ἵππους, τοίαδε Ῥώμη ἔψη.

    Die lateinischen Verse sind etwas besser. Nahum Tate stimmte auf
    Englisch ein:

        Um etwas von dem Prachtzug zu erspähen,
        Wie selbst in Rom noch Niemand ihn gesehen,
        Drängt Alt und Jung sich nach der Thürme Zinnen
        Und über jede Wange Freudenthränen rinnen.]

    [Anmerkung 71: Correspondenz Jakob’s und Innocenz’ im Britischen
    Museum; +Burnet, I. 703--705+; +Welwood’s Memoirs+; +Commons’
    Journals, Oct. 28. 1689+; +An Account of his Excellency Roger Earl
    of Castelmaine’s Embassy, by Michael Wright, chief steward of his
    Excellency’s house at Rome, 1688.+]


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Achtes Kapitel.

  Jakob II.



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste                     5
  Sein officieller Empfang. -- Der Herzog von Somerset             5
  Auflösung des Parlaments                                         6
  Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen                 7
  Verfahren der Hohen Commission                                   8
  Die Universitäten                                                9
  Verfahren gegen die Universität Cambridge                       10
  Der Earl von Mulgrave                                           11
  Zustand Oxford’s                                                13
  Das Magdalenen-Collegium in Oxford                              15
  Anton Farmer, vom Könige als Präsident empfohlen                17
  Wahl des Präsidenten                                            18
  Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die
      Hohe Commission geladen                                     18
  Parker zum Präsidenten empfohlen                                19
  Die Karthause                                                   19
  Rundreise des Königs                                            20
  Der König in Oxford                                             21
  Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis     22
  Penn sucht zu vermitteln                                        22
  Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt      24
  Hough’s Protest                                                 24
  Einsetzung Parker’s                                             25
  Vertreibung der Collegiaten                                     26
  Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar
      verwandelt                                                  27
  Groll der Geistlichkeit                                         28
  Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge       29
  Jakob’s und Tyrconnel’s Plan, die Prinzessin von Oranien
      von der Erbfolge im Königreich Irland auszuschließen        30
  Schwangerschaft der Königin                                     31
  Allgemeiner Zweifel                                             31
  Stimmung der Wahlkörper und der Peers                           33
  Jakob beschließt, ein bestochenes Parlament zusammenzusetzen    34
  Die Regulatoren                                                 36
  Entlassung vieler Lordlieutenants                               36
  Der Earl von Oxford                                             36
  Der Earl von Shrewsbury                                         37
  Der Earl von Dorset                                             38
  An die Obrigkeiten gerichtete Fragen, und Antworten darauf      41
  Scheitern der Pläne des Königs                                  42
  Liste der Sheriffs                                              45
  Character der katholischen Landgentlemen                        45
  Stimmung der Dissenters                                         47
  Regulirung der Corporationen                                    47
  Untersuchung in allen öffentlichen Verwaltungszweigen           50
  Entlassung Sawyer’s                                             51
  Williams Generalprokurator                                      52
  Zweite Indulgenzerklärung                                       53
  Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel
      zu verlesen                                                 53
  Die Geistlichkeit ist unschlüssig                               54
  Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons       54
  Berathung der londoner Geistlichkeit                            55
  Berathung im Palast zu Lambeth                                  57
  Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht          57
  Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen
      Befehle nicht                                               60
  Unschlüssigkeit der Regierung                                   61
  Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen
      Libells beschlossen                                         63
  Sie werden im Geheimen Rathe verhört                            63
  Geburt des Prätendenten                                         65
  Man hält ihn allgemein für untergeschoben                       65
  Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und
      müssen Bürgschaft leisten                                   69
  Aufregung der Gemüther                                          70
  Sunderland’s Angst                                              71
  Er erklärt sich für einen Katholiken                            72
  Prozeß der Bischöfe                                             72
  Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks                   80
  Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung
      zu jener Zeit                                               84



[_Consecration des Nuntius im St. Jamespalaste._] Die auffallende
Unhöflichkeit des Papstes hätte wohl den sanftmüthigsten Fürsten reizen
müssen. Auf Jakob aber machte sie keinen andren Eindruck, als daß er mit
Schmeicheleien und Komplimenten noch verschwenderischer wurde. Während
Castelmaine, das Herz von Zorn und Unwillen erfüllt, auf der Rückreise
nach England begriffen war, wurde der Nuntius mit Ehrenbezeigungen
überhäuft, die sein eigner Verstand verwerfen mußte. Er war in Folge
einer bei der römischen Kirche häufig in Anwendung kommenden Fiction
unlängst zur Bischofswürde ohne Bischofssitz erhoben worden. Jetzt wurde
er zum Erzbischof von Amasia, einer Stadt am Pontus, dem Geburtsorte
Strabo’s und Mithridates’, erhoben. Jakob bestand darauf, daß die
Ceremonie der Consecration in der Kapelle des St. Jamespalastes
stattfinden sollte. Der apostolische Vikar Leyburn und zwei irische
Prälaten versahen den Dienst. Die Thüren wurden dem Publikum geöffnet
und man bemerkte unter den Zuschauern einige von den Puritanern, die
sich neuerdings dem Hofe angeschlossen hatten. Am Abend erschien Adda in
seiner neuen Amtstracht im Gesellschaftszirkel der Königin. Jakob fiel
angesichts des ganzen Hofes auf die Knie und bat um seinen Segen. Trotz
aller Vorschriften der Etikette konnten die Umstehenden ihr Erstaunen
und ihren Widerwillen nicht unterdrücken.[1] Es hatte in der That seit
langer Zeit kein englischer Souverain vor einem Sterblichen gekniet und
wer das sonderbare Schauspiel mit ansah, erinnerte sich unwillkürlich
des schmachvollen Tages, an welchem Johann sich seine Krone von Pandolph
aufs Haupt setzen ließ.

    [Anmerkung 1: Barillon, 2.(12.) Mai 1687.]


[_Sein officieller Empfang. -- Der Herzog von Somerset._] Bald darauf
fand eine noch prächtigere Schaustellung zu Ehren des Heiligen Stuhles
statt. Es wurde beschlossen, daß der Nuntius sich in feierlicher
Prozession an den Hof begeben sollte. Bei dieser Gelegenheit zeigten
mehrere Personen, auf deren Gehorsam der König gerechnet hatte, zum
ersten Male eine Neigung zur Widersetzlichkeit. Der Hervorragendste
unter ihnen war der zweite Peer des Königreichs, Karl Seymour,
gewöhnlich der stolze Herzog von Somerset genannt. Er war in der That
ein Mann, bei dem Geburts- und Rangstolz fast zu einer krankhaften Manie
geworden war. Sein ererbtes Vermögen war der hohen Stelle, die er unter
dem englischen Adel einnahm, nicht angemessen; aber durch seine
Vermählung mit der Tochter und Erbin des letzten Percy, der die alte
Krone von Northumberland trug, war er in den Besitz des größten
Vermögens in England gelangt. Somerset war erst fünfundzwanzig Jahre alt
und im Publikum noch wenig bekannt. Er war Kammerherr des Königs und
Oberst eines der Regimenter, welche zur Zeit des Aufstandes im Westen
neu errichtet worden waren. Er hatte kein Bedenken dagegen erhoben, bei
feierlichen Gelegenheiten das Staatsschwert in die königliche Kapelle zu
tragen; diesmal aber weigerte er sich entschieden, an dem Festzuge zu
Ehren des Nuntius Theil zu nehmen. Einige Mitglieder seiner Familie
baten ihn dringend, sich das königliche Mißfallen nicht zuzuziehen; aber
ihr Bitten war fruchtlos. Der König setzte ihn nun selbst zur Rede. „Ich
hätte geglaubt, Mylord,“ sagte er, „daß ich Ihnen eine große Ehre
erzeigte, indem ich Sie dazu ausersah, den Gesandten des ersten aller
gekrönten Häupter zu begleiten.“ -- „Sire,“ entgegnete der Herzog, „ich
bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich Eurer Majestät nicht
gehorchen kann, ohne das Gesetz zu verletzen.“ -- „Ich will Sie lehren,
mich ebenso zu achten wie das Gesetz,“ erwiederte der König in
hochfahrendem Tone. „Wissen Sie noch nicht, daß ich über dem Gesetz
stehe?“ -- „Eure Majestät mögen über dem Gesetz stehen, ich aber nicht,
und wenn ich dem Gesetz gehorche, fürchte ich nichts.“ Der König
entfernte sich höchlich erzürnt und Somerset wurde augenblicklich seiner
Stellen im Hofstaate und in der Armee entsetzt.[2]

In einem Punkte zeigte jedoch der König einige Klugheit. Er wagte es
nicht, den päpstlichen Gesandten in feierlichem Aufzuge der ganzen
Bevölkerung der Hauptstadt vorzuführen. Die Ceremonie fand am 3. Juli
1687 in Windsor statt. Eine große Menschenmenge strömte nach dem
Städtchen. Der Schaulustigen waren so viele, daß sie weder Speise und
Trank noch ein Unterkommen fanden und eine Menge vornehmer Leute den
ganzen Tag in ihrem Wagen zubringen mußten, um das Schauspiel mit
anzusehen. Spät am Nachmittag endlich erschienen die Leute des
Hofmarschalls zu Pferde. Hierauf folgte ein langer Zug von Läufern und
dann in einem königlichen Staatswagen Adda im Purpurmantel und mit einem
Brillantenkreuze auf der Brust. Hinter ihm fuhren die Equipagen der
vornehmsten Hofkavaliere und der Staatsminister. Mit großem Mißfallen
bemerkte das Volk in dem Zuge die Wappen und Livreen Crewe’s, Bischofs
von Durham, und Cartwright’s, Bischofs von Chester.[3]

    [Anmerkung 2: +Memoirs of the Duke of Somerset+; Citters, 5.(15.)
    Juli 1687; +Eachard’s History of the Revolution+; +Clarke’s Life
    of James the Second, II. 116, 117, 118+; +Lord Lonsdale’s
    Memoirs.+]

    [Anmerkung 3: +London Gazette, July 7. 1687+; Citters, 7.(17.)
    Juli; Bericht über die Ceremonie in den Somers’schen Schriften.]


[_Auflösung des Parlaments._] Am folgenden Tage erschien in der Gazette
eine Proklamation, welche das Parlament auflöste, das von allen durch
die Stuarts einberufenen Parlamenten das fügsamste gewesen war.[4]

Mittlerweile hatten sich neue Schwierigkeiten in Westminsterhall
gezeigt. Erst vor wenigen Monaten waren mehrere Richter entlassen und
andere an deren Stelle gesetzt worden, um in dem Prozesse gegen Sir
Eduard Hales ein Erkenntniß zu Gunsten der Krone zu erlangen, und schon
waren neue Änderungen nöthig.

    [Anmerkung 4: +London Gazette, July, 4. 1687.+]


[_Gesetzwidrige Bestrafung militairischer Vergehen._] Der König hatte
kaum die Armee gebildet, auf die er zur Ausführung seiner Pläne
namentlich rechnete, so erkannte er auch schon, daß er sie selbst nicht
regieren konnte. Wenn ein Krieg im Lande wüthete, so konnte ein Meuterer
oder Deserteur vor ein Kriegsgericht gestellt und das Urtel durch den
Generalprofoß vollzogen werden. Aber man war jetzt im tiefsten Frieden.
Das englische Landrecht, das aus einem Zeitalter herrührte, wo
erforderlichenfalls Jedermann, Niemand aber beständig die Waffen trug,
machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen einem Soldaten und
jedem andren Unterthan, und es gab kein Gesetz ähnlich dem, durch
welches heutzutage dem Souverain alljährlich die zum Oberbefehl über die
reguläre Truppenmacht nöthige Autorität verliehen wird. Zwar erklärten
einige alte Verordnungen die Desertion in gewissen angeführten Fällen
für Felonie; aber diese Verordnungen galten nur für die Soldaten, welche
dem Könige im wirklichen Kriege dienten und konnten nicht ohne die
arglistigste Willkür so weit ausgedehnt werden, daß sie auch auf einen
Mann Anwendung fanden, der in einer Zeit der vollständigsten inneren und
äußeren Ruhe des Lagers von Hounslow überdrüssig wurde und daher in sein
heimathliches Dorf zurückkehrte. Die Regierung hatte offenbar über einen
solchen Mann keine andre Macht, als die, welche ein Bäcker- oder
Schneidermeister über seine Gesellen hat. Er und seine Offiziere standen
vor dem Gesetz auf gleicher Stufe. Fluchte er gegen sie, so konnte er
wegen Schwörens mit einer Geldstrafe belegt werden; schlug er sie, so
konnte er wegen thätlicher Mißhandlung verklagt werden. Das stehende
Heer stand factisch unter einer milderen Disciplin als die Miliz, denn
die Miliz war durch eine Parlamentsacte errichtet worden, in welcher
zugleich bestimmt war, daß Disciplinarvergehen summarisch mit leichten
Strafen geahndet werden könnten.

Es scheint nicht, daß die aus diesem Zustande des Gesetzes
entspringenden praktischen Nachtheile sich unter der Regierung Karl’s
II. sehr fühlbar gemacht hatten, was sich vielleicht dadurch erklären
läßt, weil bis zum letzten Jahre seiner Regierung die Streitmacht, die
er in England unterhielt, hauptsächlich aus Haustruppen bestand, welche
einen so hohen Sold bekamen, daß die Entlassung aus dem Dienste von den
Meisten sehr schmerzlich empfunden worden wäre. Eine Anstellung als
Gemeiner in der Leibgarde war für den jüngeren Sohn eines Gentleman eine
gute Versorgung; selbst die Fußgarden wurden so gut bezahlt als
Fabrikarbeiter unter besonders günstigen Verhältnissen, und sie befanden
sich daher in einer Lage, um die sie die große Masse der arbeitenden
Bevölkerung wohl beneiden konnte. Die Rückkehr der Garnison von Tanger
und die Errichtung der neuen Regimenter hatte eine große Veränderung
herbeigeführt. Es gab jetzt in England viele Tausend Soldaten, welche
nur acht Pence den Tag erhielten. Die Furcht vor der Verabschiedung war
nicht mehr hinreichend, um sie der Dienstpflicht treu zu erhalten, und
körperliche Strafen durften die Offiziere gesetzlich nicht zuerkennen.
Jakob hatte daher nur die Wahl, entweder die Armee ihrer Auflösung
entgegengehen zu lassen oder die Richter zu der Erklärung zu bewegen,
daß das Gesetz das sei, was es, wie jeder Student wußte, nicht war.

Es war besonders wichtig, die Mitwirkung zweier Gerichtshöfe zu
gewinnen: der Kings Bench, welche der erste Criminalgerichtshof des
Landes war, und des Gerichtshofs für Leerung der Gefängnisse, der in der
Old Bailey saß und über die in der Hauptstadt begangenen Vergehen
abzuurtheilen hatte. In beiden Gerichtshöfen aber stieß man auf große
Schwierigkeiten. Herbert, der Oberrichter der Kings Bench, wollte trotz
aller bis dahin bewiesenen Servilität nicht weiter gehen. Ein noch
entschiedenerer Widerstand war von Sir Johann Holt zu erwarten, der als
Syndikus der City von London auf der Bank der Old Bailey saß. Holt war
ein ausgezeichnet gelehrter und aufgeklärter Jurist, dabei ein
rechtschaffener und muthiger Mann und seine politische Meinung hatte
eine whiggistische Färbung, obgleich er sich von allem Parteitreiben
stets fern hielt. Dem Willen des Königs mußten jedoch alle Hindernisse
weichen. Holt wurde seines Syndikats entsetzt. Herbert und ein andrer
Richter von der Kings Bench entfernt, und die erledigten Stellen mit
Männern besetzt, auf die sich die Regierung verlassen konnte. Allerdings
mußte man in ziemlich niedere juristische Regionen hinabsteigen, ehe man
Leute fand, welche zu Dienstleistungen, wie man sie jetzt brauchte,
bereit waren. Der neue Oberrichter, Sir Robert Wright, war
sprichwörtlich ein Ignorant, und die Unwissenheit war noch nicht sein
ärgster Fehler. Seine Laster hatten ihn zu Grunde gerichtet. Um sich
Geld zu verschaffen, hatte er zu unredlichen Mitteln seine Zuflucht
genommen und einmal einen falschen Eid abgelegt, um in den Besitz von
fünfhundert Pfund zu gelangen. Arm, ausschweifend und schamlos war er
einer von den Schmarotzern Jeffreys’ geworden, der ihn beförderte und
verächtlich behandelte. Dies war der Mann, den Jakob zum Lord
Oberrichter von England erkor. Ein gewisser Allibone, der in der
Rechtskunde noch unwissender war als Wright und als Katholik eigentlich
gar nicht fähig war, ein öffentliches Amt zu bekleiden, wurde zum
Unterrichter der Kings Bench ernannt. Sir Bartholomäus Shower, als
serviler Tory und langweiliger Redner gleich bekannt, wurde Syndikus von
London. Nachdem diese Veränderungen bewirkt waren, wurden mehrere
Deserteurs zur Untersuchung gezogen und dem Wortlaute und dem Geiste des
Gesetzes zum Hohn für schuldig befunden. Einige von ihnen vernahmen ihr
Todesurtheil vor den Schranken der Kings Bench, Andere vor den Schranken
der Old Bailey. Sie wurden vor den Augen der Regimenter, denen sie
angehört hatten, gehängt und dafür Sorge getragen, daß diese
Hinrichtungen durch die London Gazette, welche derartige Vorgänge nur
selten berichtete, zur Öffentlichkeit gelangten.[5]

    [Anmerkung 5: Siehe +Statutes 18 Henry 6. c. 19; 2 & 3 Ed. 6. c.
    2.+; +Eachard’s History of the Revolution+; +Kennet, III. 468+;
    +North’s Life of Guildford, 247.+; + London Gazette, April 18. &
    May 23. 1687+; +Vindication of the E. of R. (Earl of Rochester.)+]


[_Verfahren der Hohen Commission._] Man kann wohl denken, daß das
Gesetz, das so gröblich von denjenigen Gerichtshöfen verletzt wurde,
deren ganze Autorität sich auf dasselbe gründete und die es als
Richtschnur zu betrachten pflegten, von einem durch tyrannische Willkür
errichteten Tribunale eben so wenig geachtet wurde. Während der ersten
Monate ihres Bestehens hatte die neue Hohe Commission Geistlichen nur
die Ausübung ihrer Amtshandlungen verboten; die Eigenthumsrechte waren
noch unangetastet geblieben. Zu Anfang des Jahres 1687 aber beschloß man
auch gegen die Pfründeneinkünfte einen Schlag zu führen und jedem
anglikanischen Priester und Prälaten die Überzeugung beizubringen, daß,
wenn er seine Beihülfe zur Vernichtung der Kirche, deren Diener er war,
verweigerte, er in einer Stunde zum Bettler gemacht werden würde.


[_Die Universitäten._] Es würde der Klugheit angemessen gewesen sein,
das erste Exempel an einem unbekannten Individuum zu statuiren. Die
Regierung aber war in einer so unseligen Verblendung befangen, daß man
dieselbe in einem naiveren Zeitalter als eine göttliche Strafe
betrachtet haben würde. Es wurde daher ohne weiteres gleich von Anfang
an den beiden ehrwürdigsten Korporationen des Reichs, den Universitäten
Oxford und Cambridge, der Krieg erklärt.

Die Macht dieser beiden Körperschaften war schon seit vielen
Jahrhunderten groß; in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts
aber hatte sie ihren Höhepunkt erreicht. Kein Nachbarland konnte sich so
glänzender und reicher Sitze der Wissenschaft rühmen. Die Hochschulen
von Edinburg und Glasgow, von Leyden und Utrecht, von Löwen und Leipzig,
von Padua und Bologna kamen Gelehrten, welche in den prächtigen
Stiftungen Wykeham’s und Wolsey’s, Heinrich’s VI. und Heinrich’s VIII.
gebildet waren, ärmlich vor. Literatur und Wissenschaft waren in dem
akademischen Systeme Englands mit Gepränge umgeben, mit obrigkeitlicher
Gewalt bekleidet und mit den vornehmsten Institutionen des Landes eng
verbunden. Kanzler einer Universität zu werden, war eine Auszeichnung,
nach der die Magnaten des Reichs eifrig strebten; eine Universität im
Parlament zu vertreten, war das Lieblingsziel des Ehrgeizes von
Staatsmännern. Edelleute und selbst Fürsten waren stolz darauf, wenn
eine Universität ihnen das Recht verlieh, den Scharlach der Doctorwürde
zu tragen. Die Neugierigen wurden von den Universitäten angezogen durch
alte, mit mittelalterlichen Verzierungen reich ausgestattete Gebäude,
durch neuere Gebäude, welche glänzendes Zeugniß von dem künstlerischen
Genie eines Jones und Wren gaben, durch imposante Hallen und Kapellen,
durch Museen, durch botanische Gärten und durch die einzigen
öffentlichen Bibliotheken, welche das Königreich damals besaß. Der
Prunk, den namentlich Oxford bei feierlichen Gelegenheiten entfaltete,
wetteiferte mit dem souverainer Fürsten. Wenn der Kanzler, der
ehrwürdige Herzog von Ormond, in seinem geflickten Mantel auf seinem
Throne unter der gemalten Decke der Sheldon’schen Tribüne saß, umgeben
von vielen hundert Graduirten in der ihrem verschiedenen Range
entsprechenden Kleidung, während die vornehmsten Jünglinge Englands ihm
als Bewerber um akademische Ehren feierlich vorgeführt wurden, spielte
er eine kaum minder königliche Figur als sein Gebieter im Bankethause zu
Whitehall. Auf den Universitäten waren fast alle ausgezeichneten
Geistlichen, Rechtsgelehrten, Ärzte, Schriftsteller, Dichter und Redner
des Landes und zum großen Theil auch der hohe Adel und die reiche Gentry
gebildet. Auch ist zu bemerken, daß die Verbindung zwischen dem Schüler
und der Schule durch seinen Abgang nicht aufgelöst wurde. Er blieb oft
während seines ganzen Lebens Mitglied des akademischen Körpers und
behielt bei allen wichtigen Wahlen eine Stimme. Er hing daher an seinem
alten Lieblingsaufenthalte am Cam und Isis mit weit größerer Zuneigung,
als gebildete Leute sie in der Regel zu ihren Bildungsstätten empfinden.
Es gab in England keinen Winkel, wo nicht beide Universitäten dankbare
und treuergebene Söhne gehabt hätten. Jeder Angriff auf die Ehre oder
die Interessen von Cambridge oder Oxford mußte nothwendig den Unwillen
einer mächtigen, thätigen und intelligenten Klasse erregen, die über
alle Grafschaften, von Northumberland bis Cornwall, zerstreut war.

Die seßhaften Graduirten waren vielleicht im Ganzen genommen den
seßhaften Graduirten unsrer Zeit nicht überlegen, aber im Vergleich zu
den anderen Gesellschaftskreisen standen sie damals auf einer viel
höheren Stufe; denn Cambridge und Oxford waren die beiden einzigen
Provinzialstädte im ganzen Königreiche, wo man eine bedeutende Anzahl
hochgebildeter Männer fand. Selbst die Hauptstadt hatte große Achtung
vor der Autorität der Universitäten, nicht nur in Fragen der Theologie,
der Naturwissenschaften und des klassischen Alterthums, sondern auch in
solchen Angelegenheiten, in denen die Hauptstädte in der Regel für die
höchsten Instanzen gelten wollen. Von Will’s Kaffeehaus und dem Parterre
des Drurylanetheaters appellirte man noch an die beiden großen
Nationalsitze des Geschmacks und der Gelehrsamkeit. Schauspiele, die in
London mit enthusiastischem Beifalle aufgenommen worden waren, galten
erst dann für außer Gefahr, wenn sie die strenge Prüfung eines mit
Sophokles und Terenz vertrauten Zuhörerkreises bestanden hatten.[6]

Die englischen Universitäten hatten ihren großen moralischen und
intellectuellen Einfluß energisch zu Gunsten der Krone angewendet. Das
Hauptquartier Karl’s I. war in Oxford gewesen und die silbernen Krüge
und Teller sämmtlicher Collegien waren zur Unterstützung seiner
Kriegskasse eingeschmolzen worden. Cambridge war nicht weniger loyal
gesinnt. Es hatte ebenfalls einen großen Theil seines Silbergeräths in’s
königliche Lager gesandt, und der Rest würde auch nachgefolgt sein, wäre
die Stadt nicht von den Parlamentstruppen genommen worden. Beide
Universitäten waren von den siegreichen Puritanern mit der äußersten
Strenge behandelt worden, beide hatten die Restauration mit Freuden
begrüßt, beide hatten sich der Ausschließungsbill standhaft widersetzt
und ihren tiefsten Abscheu über das Ryehousecomplot ausgesprochen.
Cambridge hatte nicht nur seinen Kanzler Monmouth abgesetzt, sondern
seinen Unwillen über den Verrath des Herzogs sogar in einer eines Sitzes
der Gelehrsamkeit unwürdigen Weise zu erkennen gegeben, indem es die
Leinwand, auf der Kneller seine einnehmende Physiognomie und Gestalt mit
künstlerischer Vollendung dargestellt hatte, den Flammen übergab.[7]
Oxford, das dem Herde des westlichen Aufstandes näher lag, hatte noch
stärkere Beweise von Loyalität gegeben. Die Studenten hatten mit
Bewilligung ihrer Professoren zu Hunderten die Waffen zur Vertheidigung
der erblichen Thronrechte ergriffen. Und diese Körperschaften beschloß
Jakob jetzt in offenem Widerspruch mit den Gesetzen und mit seinem
verpfändeten Worte zu beschimpfen und zu berauben.

    [Anmerkung 6: Dryden’s Prologe und Cibber’s Memoiren enthalten
    zahlreiche Beweise von dem Ansehen, welches der Geschmack der
    Oxforder bei den gefeiertsten Dichtern und Schauspielern genoß.]

    [Anmerkung 7: Siehe das Gedicht: +Advice to the Painter upon the
    Defeat of the Rebels in the West+, sowie noch ein andres ganz
    abscheuliches Gedicht über den nämlichen Gegenstand von Stepney,
    welcher damals am Trinity-Collegium studirte.]


[_Verfahren gegen die Universität Cambridge._] Mehrere Parlamentsacte,
die so klar waren als nur irgend eine Verordnung des Gesetzbuches,
hatten vorgeschrieben, daß auf beiden Universitäten Niemand zu irgend
einem Grade zugelassen werden sollte, ohne den Suprematseid und einen
andren ähnlichen Eid, der Gehorsamseid genannt, abgelegt zu haben.
Dessenungeachtet wurde im Februar 1687 ein königliches Schreiben nach
Cambridge gesandt, worin die Aufnahme eines Benedictinermönches, Namens
Alban Francis, als Magister der freien Künste anbefohlen wurde.

Die akademischen Würdenträger, zwischen der Ehrerbietung gegen den König
und der Achtung vor dem Gesetz schwankend, waren in großer Verlegenheit.
Es wurden in aller Eile Boten an den Herzog von Albemarle gesandt, der
Monmouth’s Nachfolger als Kanzler der Universität war, und er wurde
dringend ersucht, dem Könige die Sache in geeigneter Weise vorzustellen.
Unterdessen begaben sich der Registrator und die Pedelle zu Francis und
erklärten ihm, daß er sogleich aufgenommen werden solle, wenn er die
gesetzlich vorgeschriebenen Eide leiste. Er weigerte sich dessen, machte
den Beamten Vorwürfe wegen ihrer Nichtachtung des königlichen Befehls,
und da sie nicht nachgaben, reiste er auf der Stelle wieder ab, um sich
in Whitehall zu beschweren.

Die Vorsteher der Collegien versammelten sich zu einer Berathung. Die
Gutachten der ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten wurden abgehört und sie
sprachen sich entschieden zu Gunsten des beobachteten Verfahrens aus.
Aber schon war ein zweites hochmüthiges und drohendes Schreiben von
Sunderland unterwegs. Albemarle antwortete der Universität unter vielen
Versicherungen seiner Theilnahme und seines Bedauerns, daß er alles
Mögliche gethan habe, aber vom Könige sehr kalt und unfreundlich
aufgenommen worden sei. Der akademische Körper, durch die königliche
Ungnade erschreckt und von dem aufrichtigen Willen beseelt, den Wünschen
Seiner Majestät nachzukommen, dabei aber auch fest entschlossen, das
klare Gesetz des Landes nicht zu verletzen, unterbreitete die
bescheidensten und ehrerbietigsten Auseinandersetzungen, aber ohne
Erfolg. Bald darauf kam eine Vorladung, welche den Vicekanzler und den
Senat auf den 24. April vor die Hohe Commission nach Westminster
beschied. Der Vicekanzler sollte in Person erscheinen, der Senat, der
aus allen Doctoren und Magistern der Universität besteht, eine
Deputation senden.


[_Der Earl von Mulgrave._] Als der festgesetzte Tag erschien, füllte
sich der Sitzungssaal mit einer großen Zuschauermenge. Jeffreys fungirte
als Präsident der Commission. Rochester war, seit ihm der weiße Stab
abgenommen worden, nicht mehr Mitglied, anstatt seiner erschien der
Lordkammerherr Johann Sheffield, Earl von Mulgrave. Das Schicksal dieses
Edelmanns glich in einer Beziehung dem seines Collegen Sprat. Mulgrave
schrieb Verse, die sich kaum über die absolute Mittelmäßigkeit erhoben,
da er aber ein in den politischen und vornehmen Kreisen hochangesehener
Mann war, so fanden seine Verse doch Bewunderer. Die Zeit zerstörte den
Zauber, zu seinem Unglücke aber erst nachdem seine Gedichte bereits ein
unveräußerliches Recht auf eine Stelle in allen Sammlungen englischer
Dichtungswerke erlangt hatten. Dennoch werden bis auf den heutigen Tag
seine, abgeschmackten Reimereien und seine jämmerlichen Lieder an
Amoretta und Gloriana in Gesellschaft des „Comus“ und des „Festes
Alexander’s“ immer wieder gedruckt. Die Folge davon ist, daß unsre
Generation Mulgrave hauptsächlich als einen Dichterling kennt und ihn
als solchen verachtet. Er war jedoch, wie selbst Diejenigen zugaben, die
ihn weder liebten noch achteten, ein durch schöne Talente
ausgezeichneter Mann und in der parlamentarischen Beredtsamkeit stand er
kaum einem Redner seiner Zeit nach. Dagegen verdiente sein moralischer
Character keine Achtung. Er war ein Wüstling, aber ohne jene Offenheit
des Herzens und der Hand, welche zuweilen auch die Ausschweifung
liebenswürdig, und ein stolzer Aristokrat ohne jene Hoheit der
Denkungsart, welche zuweilen den aristokratischen Hochmuth achtungswerth
macht. Die damaligen Satiriker gaben ihm den Spottnamen Lord Allpride
(Ganzstolz). Sein Stolz vertrug sich indessen mit allen schmachvollen
Lastern. Viele wunderten sich darüber, wie ein Mann, der ein so
übertriebenes Gefühl seiner Würde zur Schau trug, in Geldangelegenheiten
so zäh und knauserig sein konnte. Er hatte der königlichen Familie
großes Ägerniß dadurch gegeben, daß er den Gedanken zu hegen wagte, das
Herz und die Hand der Prinzessin Anna zu erobern. In dieser Hoffnung
getäuscht, hatte er sich bemüht, durch kriechende Gemeinheit die durch
Anmaßung verwirkte Gunst wieder zu gewinnen. Seine von ihm selbst
verfaßte Grabschrift sagt noch heute jedem Besucher der
Westminsterabtei, daß er in religiösen Dingen als Zweifler lebte und
starb, und aus seinen hinterlassenen Memoiren ersehen wir, daß der
römische Aberglaube ein Lieblingsthema seines Spottes war. Dennoch
begann er unmittelbar nach Jakob’s Regierungsantritt eine starke
Hinneigung zum Papismus zu zeigen und gerirte sich endlich privatim als
Convertit. Der Lohn für diese verworfene Heuchelei war seine Anstellung
bei der Hohen Commission.[8]

Vor diesem gefürchteten Tribunal erschien jetzt der Vicekanzler der
Universität Cambridge, Doctor Johann Pechell. Er selbst war kein Mann
von ausgezeichneter Befähigung und Energie, aber es begleiteten ihn acht
vom Senat gewählte vorzügliche Akademiker. Einer davon war Isaak Newton,
Fellow des Trinity-Collegiums und Professor der Mathematik. Sein Genie
stand damals in seiner vollsten Kraft. Das große Werk, welches ihm die
erste Stelle unter den Geometern und Naturforschern aller Zeiten und
aller Nationen sichert, wurde seit einiger Zeit unter der Sanction der
Königlichen Societät gedruckt und war seiner Vollendung nahe. Er war der
entschiedenste Freund der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen
Religion, aber seine Gewohnheiten machten ihn für die Kämpfe des
praktischen Lebens durchaus nicht geeignet. Er verharrte daher in
bescheidenem Stillschweigen unter den Delegirten und überließ anderen
Männern, welche im Geschäftsleben mehr bewandert waren, die Aufgabe,
seine geliebte Universität zu vertheidigen.

Es konnte keinen klareren Rechtsfall geben. Das Gesetz ließ keinen
Zweifel zu und die Praxis hatte fast stets im Einklang mit dem Gesetz
gestanden. Es konnte vielleicht schon vorgekommen sein, daß an einem
besonders feierlichen Tage, wo viele Ehrengrade verliehen wurden, in der
Menge Einer durchgeschlüpft war, der die Eide nicht abgelegt hatte; aber
eine solche Unregelmäßigkeit, lediglich die Folge der Eil und
Unachtsamkeit, konnte nicht als Vorgang geltend gemacht werden. Fremde
Gesandte verschiedener Glaubensrichtungen, insbesondere ein Muselmann,
waren ohne die Eide aufgenommen worden. Aber es war eine große Frage, ob
solche Fälle im Bereiche der Ansicht und des Geistes der betreffenden
Parlamentsverordnungen lagen. Es war nicht einmal behauptet worden, daß
schon einmal Jemand, dem die Eide angesonnen wurden und der sie nicht
leisten wollte, einen akademischen Grad erlangt habe, und in dieser Lage
befand sich Francis. Die Delegirten erboten sich zu beweisen, daß unter
der vorigen Regierung mehrere königliche Befehle unberücksichtigt
geblieben waren, weil die empfohlenen Personen sich dem Gesetz nicht
hatten fügen wollen, und daß die Regierung sich in solchen Fällen stets
bei dem Verfahren der Universität beruhigt habe, da sie es als das
richtige anerkennen mußte. Jeffreys aber wollte von nichts hören. Er kam
bald dahinter, daß der Vicekanzler ein schwacher, unerfahrener und
schüchterner Mann war und ließ daher der ganzen Unverschämtheit, welche
so lange der Schrecken der Old Bailey gewesen war, freien Lauf. Der
unglückliche Doctor, der an ein solches Auditorium und an eine solche
Behandlung nicht gewöhnt war, wurde bald so eingeschüchtert, daß er
gänzlich die Fassung verlor. Sobald andere zur Verfechtung ihrer Sache
besser befähigte Akademiker das Wort ergreifen wollten, wurden sie auf
die unsanfteste Weise zum Schweigen gebracht. „Sie sind nicht
Vicekanzler; wenn Sie es einmal sein werden, dann mögen Sie sprechen,
bis dahin aber geziemt es Ihnen, den Mund zu halten.“ Die Angeklagten
wurden, ohne gehört worden zu sein aus dem Gerichtssaale gewiesen. Nach
einer Weile wurden sie wieder hereingerufen und ihnen kundgethan, daß
die Commission beschlossen habe, Pechell seiner Würde als Vicekanzler zu
entheben und ihm alle Einkünfte vorzuenthalten, die er als Vorsteher
eines Collegiums bezog und welche ganz den Character eines unantastbaren
Eigenthums hatten. „Sie, meine Herren,“ sagte Jeffreys zu den
Delegirten, „sind größtentheils Theologen, und ich will Sie daher mit
einer Stelle aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin und sündigt fortan
nicht mehr, damit Euch nicht etwas Ärgeres widerfahre.“[9]

    [Anmerkung 8: +Mackay’s Character of Sheffield+ nebst Swift’s
    Note; +Satire on the Deponents, 1688+; +Life of John, Duke of
    Buckinghamshire, 1729+; Barillon, 30. Aug. 1687. Ich besitze ein
    handschriftliches Spottgedicht aus Mulgrave von 1690, das nicht
    ohne Witz ist. Die bemerkenswerthesten Zeilen sind diese:

      Heut’ schmeichelt er dem Peters (Petre), morgen dem Burnet.
      Fragt nicht nach Glauben und Partei, denn alle sind ihm gleich.]

    [Anmerkung 9: Siehe den Prozeß gegen die Universität Cambridge in
    der +Collection of State Trials+.]


[_Zustand Oxford’s._] Man sollte meinen, daß dieses Verfahren ungerecht
und willkürlich genug war. Aber der König hatte schon angefangen, Oxford
mit einer Strenge zu behandeln, im Vergleich zu welcher die gegen
Cambridge bewiesene Milde genannt werden konnte. Schon war das
University-Collegium durch Obadja Walker in ein römisch-katholisches
Seminar verwandelt, schon stand das Christchurch-Collegium unter der
Leitung eines römisch-katholischen Dechanten, schon wurde in diesen
beiden Collegien täglich Messe gelesen. Die ruhige, majestätische Stadt,
so lange das Bollwerk des monarchischen Prinzips, war von Leidenschaften
aufgeregt, die sie bisher nie gekannt hatte. Die Untergraduirten
verhöhnten mit stillschweigender Erlaubniß ihrer Vorgesetzten die
Mitglieder von Walker’s Gemeinde und sangen Spottlieder unter ihren
Fenstern. Einige Bruchstücke von den Serenaden, welche damals in High
Street die Ruhe störten, sind der Nachwelt erhalten worden; der Refrain
einer Ballade lautet:

  „Der alte Obadja
  singt Ave Maria.“

Als die Schauspieler nach Oxford kamen, äußerte sich die öffentliche
Meinung noch stärker. Es wurde Howard’s „Comité“ gegeben. Dieses bald
nach der Restauration geschriebene Stück stellte die Puritaner in einem
gehässigen und verächtlichen Lichte dar und war deshalb seit einem
Vierteljahrhundert ein Lieblingsstück des oxforder Publikums. Jetzt war
es beliebter als je zuvor, denn ein glücklicher Zufall wollte, daß eine
der Hauptrollen ein alter Heuchler Namens Obadja war. Das Publikum brach
in einen Beifallsjubel aus, als Obadja in der letzten Scene mit einem
Strick um den Hals hereingeschleppt wurde, und der Applaus nahm zu, als
einer der Schauspieler, von dem vorgeschriebenen Texte abweichend,
ankündigte, daß Obadja wegen Glaubenabfalls gehängt werden solle. Der
König war höchlich entrüstet über diesen Hohn. Die Stimmung der
Universität war so rebellisch, daß eines der neu errichteten Regimenter,
das welches gegenwärtig das zweite Gardedragonerregiment heißt, nach
Oxford versetzt wurde, um einen Aufstand zu verhindern.[10]

Diese Vorgänge hätten Jakob überzeugen können, daß er einen Weg
eingeschlagen hatte, der ihn ins Verderben führen mußte. An das Geschrei
der Londoner war er schon längst gewöhnt. Es war zuweilen
ungerechterweise, zuweilen vergebens gegen ihn erhoben worden; er hatte
demselben wiederholt getrotzt und konnte ihm auch fernerhin trotzen. Daß
aber Oxford, der Sitz der Loyalität, das Hauptquartier der
Kavalierarmee, der Ort, wohin sein Vater und sein Bruder ihren Hof
verlegten, wenn sie sich in ihrer stürmisch bewegten Hauptstadt nicht
mehr sicher glaubten, der Ort, wo die Schriften der großen
republikanischen Lehrer unlängst den Flammen überliefert worden waren,
daß diese Stadt sich jetzt in einer unzufriedenen Gährung befand und die
muthigen Jünglinge, die sich vor wenigen Monaten so eifrig als
Freiwillige gemeldet hatten, um gegen die Insurgenten im Westen zu
marschiren, jetzt nur mit Mühe durch Säbel und Karabiner im Schach
gehalten wurden: das waren Zeichen von schlimmer Vorbedeutung für das
Haus Stuart. Doch der abgestumpfte, starrsinnige und eigenwillige Tyrann
beachtete den Warnungsruf nicht. Er hatte sich einmal vorgenommen,
seiner Kirche die reichsten und glänzendsten Stiftungen Englands zu
verschaffen. Umsonst machten ihm die besseren und verständigeren seiner
römisch-katholischen Rathgeber Vorstellungen. Sie erklärten ihm, daß er
der Sache seiner Religion viel nützen könne, ohne die Eigenthumsrechte
zu verletzen. Eine Bewilligung von jährlich zweitausend Pfund aus seiner
Privatchatulle würde hinreichen, um ein Jesuitencollegium in Oxford zu
unterhalten, und diese Summe könne er leicht verschmerzen. Ein solches
Collegium, mit tüchtigen, gelehrten und eifrigen Lehrern ausgestattet,
würde ein gefährlicher Nebenbuhler für die alten akademischen Anstalten
werden, welche nur zu deutliche Symptome einer von Reichthum und
Sicherheit unzertrennlichen Erschlaffung zeigten. König Jakob’s
Collegium würde bald selbst von den Protestanten hinsichtlich der
Wissenschaften sowohl als auch der moralischen Zucht als die erste
Bildungsanstalt der Insel anerkannt werden. Dies würde der wirksamste
und zugleich glimpflichste Weg sein, um die anglikanische Kirche zu
demüthigen und die römische zu Ansehen zu bringen. Der Earl von
Ailesbury, einer der ergebensten Diener des königlichen Hauses,
erklärte, daß er, obgleich Protestant und nicht reich, lieber selbst
einen Beitrag von tausend Pfund zu diesem Zwecke hergeben wolle, als daß
sein Gebieter die Eigenthumsrechte verletze und sein der Staatskirche
gegebenes Wort breche.[11] Der Plan fand jedoch keinen Beifall in den
Augen des Königs. Allerdings entsprach er auch in mehr als einer
Beziehung seinem unfreundlichen Character nicht. Denn es machte ihm
Vergnügen, den Sinn der Menschen zu beugen und zu brechen, und von
seinem Gelde konnte er sich nur schwer trennen. Was er auf seine Kosten
zu unternehmen nicht hochherzig genug war, das beschloß er auf Kosten
Anderer durchzuführen. Wenn er einmal etwas begonnen hatte, so hielt
sein Stolz und sein Starrsinn ihn ab, wieder zurückzutreten, und er ließ
sich endlich Schritt für Schritt zu Handlungen türkischer Tyrannei
verleiten, zu Handlungen, welche die Nation zu der Überzeugung bringen
mußten, daß das Vermögen eines protestantischen Freisassen Englands
unter einem römisch-katholischen König ebenso unsicher war, wie das
eines Griechen unter der Herrschaft eines Moslem.

    [Anmerkung 10: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Apology for the Life
    of Colley Cibber+; Citters, 2.(12.) März 1686.]

    [Anmerkung 11: +Burnet, I.+ 697; Brief von Lord Ailesbury,
    abgedruckt im +European Magazine+, April 1795.]


[_Das Magdalenen-Collegium in Oxford._] Das Magdalenen-Collegium,
gegründet im funfzehnten Jahrhundert von Wilhelm von Waynflete, Bischof
von Winchester und Lordgroßkanzler, war eine der hervorragendsten
unserer akademischen Institute. Ein schlanker Thurm, auf dessen Zinnen
alljährlich am Morgen des ersten Mai von Choristen eine lateinische
Hymne gesungen wurde, fesselte schon von weitem die Aufmerksamkeit des
von London her kommenden Reisenden. Wenn er sich näherte, bemerkte er,
daß dieser Thurm sich von einem mit Zinnen versehenen, zwar niedrigen
und unregelmäßigen, aber doch sehr ehrwürdig aussehenden Gebäude erhob,
das von Bäumen beschattet und von den trägen Fluthen des Chervell
bespült wurde. Er trat durch einen Thorweg,[12] über dem eine stattliche
Gallerie hinlief, in einen geräumigen Kreuzgang, der mit Emblemen der
Tugenden und Laster, von den Bildhauern des funfzehnten Jahrhunderts roh
in grauen Stein gemeißelt, verziert war. Der Tisch der Gesellschaft
wurde in einem mit Gemälden und phantastischem Schnitzwerk reich
ausgestatteten Refectorium gedeckt. Der Gottesdienst wurde früh und
Abends in einer Kapelle gehalten, die von den Reformers und den
Puritanern viel zu leiden gehabt hatte, aber trotz alledem ein
wunderschönes Bauwerk war, das in unseren Tagen mit seltenem Geschmack
und Geschick restaurirt worden ist. Die großen Gartenanlagen am Ufer des
Flusses zeichneten sich durch hohe Bäume aus, unter denen ein Wunder der
Pflanzenwelt unsrer Insel emporragte, eine riesige Eiche, welche hundert
Jahre älter sein sollte, als das älteste Collegium der Universität.

Die Statuten der Gesellschaften bestimmten, daß die Könige von England
und die Prinzen von Wales in dem Hause aufgenommen werden sollten, wie
in ihrem eignen Palaste. Eduard IV. hatte das Gebäude bewohnt, als es
noch nicht vollendet war. Richard III. hatte darin sein Hoflager
gehalten, im großen Saale Disputationen mit angehört, war königlich
bewirthet worden und hatte die Küche seiner Wirthe mit einem Geschenk
von fetten Rehböcken aus seinen Forsten beehrt. Zwei muthmaßliche
Thronerben, welche frühzeitig hinweggerafft wurden, Arthur, der ältere
Bruder Heinrich’s VIII., und Heinrich, der ältere Bruder Karl’s I.,
hatten in dem Collegium studirt; ebenso auch ein andrer Prinz von
Geblüt, der letzte und beste der römisch-katholischen Erzbischöfe von
Canterbury, der menschenfreundliche Reginald Pole. Zur Zeit des
Bürgerkriegs war das Collegium der Sache der Krone treu geblieben.
Ruprecht hatte dort sein Hauptquartier aufgeschlagen, und ehe er zu
einigen seiner kühnsten Unternehmungen auszog, hatte man in den stillen
Kreuzgängen seine Trompeter zum Aufbruch blasen hören. Die Mehrzahl der
Fellows waren Theologen und konnten den König nur mit Gebeten und
Geldspenden unterstützen. Doch einer von den Mitgliedern der
Gesellschaft, ein Doctor des Civilrechts, warb eine Truppe
Untergraduirter und fiel an ihrer Spitze im tapferen Kampfe gegen die
Soldaten von Essex. Als die Feindseligkeiten beendigt und die Rundköpfe
Herren von England waren, verweigerten sechs Siebentel der Mitglieder
der usurpirten Gewalt ihre Unterwerfung. In Folge dessen wurden sie aus
ihren Wohnungen vertrieben und ihrer Einkünfte beraubt. Nach der
Restauration kehrten die noch Lebenden an ihren lieblichen Wohnsitz
zurück. Eine neue Generation war auf sie gefolgt, die ihre Ansichten und
ihren Muth geerbt hatte. Zur Zeit des Aufstandes im Westen hatten
diejenigen Collegiaten, welche nicht durch Alter oder Beruf zum
Gebrauche der Waffen unfähig waren, sich bereitwilligst erboten, für die
Krone zu kämpfen. Es dürfte schwerlich im ganzen Königreiche irgend eine
Korporation zu finden sein, welche gerechteren Anspruch auf die
Dankbarkeit des Hauses Stuart gehabt hätte.[13]

Die Gesellschaft bestand aus einem Präsidenten, vierzig Fellow’s,
dreißig Studenten (+Demies+, Halbe genannt) und einer Anzahl von
Kaplanen, Schreibern und Chorsängern. Zur Zeit der Generalvisitation
unter Heinrich VIII. waren die Einkünfte viel bedeutender als die jeder
andren ähnlichen Stiftung des Landes, fast um die Hälfte größer als die
der reichen Stiftung Heinrich’s VI. in Cambridge und über noch einmal so
groß als die, welche Wilhelm von Wykeham seinem Collegium in Oxford
vermacht hatte. In den Tagen Jakob’s II. war der Reichthum des
Magdalenen-Collegiums enorm und wurde durch das Gerücht noch
übertrieben. Das Collegium wurde allgemein für reicher als die reichsten
Abteien des Continents gehalten. Wenn die Pachtgelder alle eingingen,
hieß es unter dem Volke, so beliefen sich die jährlichen Einkünfte auf
die ungeheure Summe von vierzigtausend Pfund Sterling.[14]

Die Collegiaten waren durch die von dem Begründer festgesetzten Statuten
ermächtigt, sich ihren Präsidenten unter Personen, welche Mitglieder
ihrer Gesellschaft oder des Neuen Collegiums waren oder gewesen waren,
selbst zu wählen. Dieses Recht war in der Regel mit völliger Freiheit
ausgeübt worden. Nur in einzelnen Fällen waren königliche Zuschriften
gekommen, welche dem Collegium befähigte Personen anempfahlen, die bei
Hofe in Gunst standen, und es war in solchen Fällen Sitte gewesen, auf
die Wünsche des Souverains gebührende Rücksicht zu nehmen.

Im März 1687 starb der Präsident des Collegiums. Einer der Fellows,
Doctor Thomas Smith, vom Volke spottweise Rabbi Smith genannt, ein
ausgezeichneter Reisender, Büchersammler, Alterthumsforscher und
Orientalist, der Kaplan bei der Gesandtschaft in Konstantinopel gewesen
und mit der Vergleichung der alexandrinischen Handschriften beauftragt
worden war, bewarb sich um den erledigten Posten. Er meinte als
Gelehrter und als eifriger Tory einigen Anspruch auf die Begünstigung
von Seiten der Regierung zu haben. Seine Loyalität war auch in der That
so glühend und so unwandelbar, wie man sie in der ganzer englischen
Kirche nur finden konnte. Er war lange mit dem Bischof Parker von Oxford
intim befreundet gewesen und hoffte durch die Verwendung dieses Prälaten
ein königliches Empfehlungsschreiben an das Collegium zu erhalten.
Parker versprach sein Möglichstes zu thun, berichtete aber bald, daß er
auf Schwierigkeiten gestoßen sei. „Der König,“ sagte er, „mag Niemanden
empfehlen, der nicht ein Freund seiner Religion ist. Was können Sie in
dieser Beziehung thun, um ihn zufrieden zu stellen?“ Smith antwortete,
daß, wenn er Präsident werden sollte, er sich bemühen würde,
Gelehrsamkeit, wahres Christenthum und Loyalität zu fördern. „Das wird
nicht genügen,“ sagte der Bischof. „Nun so mag Präsident werden wer da
will,“ versetzte Smith mannhaft; „ich kann nicht mehr versprechen.“

    [Anmerkung 12: Dieser Thorweg ist jetzt verschlossen.]

    [Anmerkung 13: +Wood’s Athenae Oxonienses+; +Walker’s Sufferings
    of the Clergy.+]

    [Anmerkung 14: +Burnet, I. 697+; +Tanner’s Notitia Monastica.+ Bei
    der Visitation im sechsundzwanzigsten Regierungsjahre Heinrich’s
    VIII. ergab es sich, daß die Einkünfte des Kings-Collegiums 751
    Pfd. St., die des Neuen Collegiums 487 Pfd. St. und die des
    Magdalenen-Collegiums 1076 Pfd. St. betrugen.]


[_Anton Farmer vom Könige als Präsident empfohlen._] Die Wahl wurde auf
den dreizehnten April festgesetzt und die Fellows aufgefordert,
derselben beizuwohnen. Es ging die Rede, daß ein königliches Schreiben
einlaufen werde, das einen gewissen Anton Farmer für die erledigte
Stelle empfehle. Das Leben dieses Mannes war eine Reihenfolge ehrloser
Handlungen. Er war Mitglied der Universität Cambridge gewesen und der
Ausstoßung nur durch rechtzeitige freiwillige Entfernung entgangen. Dann
hatte er sich den Dissenters angeschlossen und hierauf war er nach
Oxford gegangen, um in das Magdalenen-Collegium einzutreten, wo er sich
bald durch alle möglichen Laster auszeichnete. In der Regel taumelte er
spät in der Nacht so betrunken, daß er nicht sprechen konnte, seinem
Collegium zu. Es war allbekannt, daß er an der Spitze eines
unehrenvollen Aufruhrs in Abingdon gestanden hatte, und er war ein
regelmäßiger Gast bekannter Lieblingsorte von Wüstlingen gewesen.
Endlich war er Kuppler geworden, hatte sogar die gewöhnliche Gemeinheit
seines abscheulichen Gewerbes noch übertroffen und hatte von
liederlichen jungen Leuten für Dienste, welche die Geschichte nicht gut
erzählen kann, Geld genommen. Dieser erbärmliche Mensch war jetzt zum
Papismus übergetreten. Sein Abfall sühnte alle seine Laster, und
obgleich noch sehr jung, wurde er zum Vorsteher einer ernsten religiösen
Gesellschaft empfohlen, in welcher das Ärgerniß, das er durch seine
Lasterhaftigkeit gegeben, noch im frischen Andenken war.

Durch das allgemeine Landesgesetz war er als römischer Katholik von
allen akademischen Ämtern ausgeschlossen, und da er niemals Fellow des
Magdalenen-Collegiums noch des Neuen Collegiums gewesen, so hatte er der
besonderen Verordnung Wilhelm’s von Waynflete gemäß gar kein Recht, sich
um die erledigte Präsidentenstelle zu bewerben. Überdies hatte Waynflete
den Mitgliedern seiner Stiftung noch ausdrücklich eingeschärft, daß sie
bei der Wahl ihres Vorstehers namentlich auf seinen moralischen
Character Rücksicht nehmen sollten, und hätte er auch keine derartige
Weisung hinterlassen, so konnte eine meist aus Theologen bestehende
Gesellschaft einem Mann wie Farmer schicklicherweise nicht die Leitung
einer Bildungsanstalt übertragen.

Die Collegiaten stellten dem Könige ehrerbietigst vor, in welche
Verlegenheit sie kommen würden, wenn das Gerücht, daß Farmer ihnen
empfohlen werden sollte, sich als begründet erwies, und baten darum, daß
Seine Majestät, wenn es ihm beliebe, sich in die Wahl einzumischen,
ihnen einen Mann vorschlagen möchte, für den sie gesetzlicherweise und
mit gutem Gewissen stimmen könnten. Von dieser ergebenen Bitte wurde
keine Notiz genommen. Das königliche Schreiben lief ein. Der Überbringer
desselben war ein Fellow des Collegiums, der unlängst Papist geworden
war, Namens Robert Charnock, ein Mann von Talent und Geist, aber von
heftigem und ruhelosem Temperament, das ihn einige Jahre später zu einem
abscheulichen Verbrechen und zu einem entsetzlichen Schicksale trieb.
Das Collegium versammelte sich am 13. April in der Kapelle. Man hatte
noch immer einige Hoffnung, daß der König sich durch die an ihn
gerichteten Vorstellungen werde bewegen lassen, und die Versammlung
vertagte sich deshalb bis auf den 15. April, als den letzten Termin, an
welchem die Wahl nach den Statuten des Collegiums stattfinden mußte.


[_Wahl des Präsidenten._] Der 15. April erschien und die Collegiaten
versammelten sich wieder in ihrer Kapelle. Von Whitehall war keine
Antwort gekommen. Einige der älteren Mitglieder, darunter Smith, waren
der Meinung, die Wahl lieber noch einmal zu verschieben, als einen
Schritt zu thun, der den König möglicherweise beleidigen konnte. Aber
die Sprache der Statuten war klar und die Mitglieder des Collegiums
hatten sich eidlich verpflichtet, dieselben zu befolgen. Die Ansicht der
Mehrheit war daher, daß kein weiterer Aufschub stattfinden dürfe. Es
erfolgte eine heftige Debatte. Die Wähler waren zu aufgeregt, als daß
sie hätten auf ihren Plätzen bleiben können; die ganze Kapelle war in
Aufruhr. Diejenigen, welche für die Vornahme der Wahl stimmten, beriefen
sich auf ihre Eide und auf die Verordnungen des Stifters, dessen Brot
sie aßen. Sie behaupteten ganz richtig, der König habe nicht das Recht,
ihnen selbst einen geeigneten Candidaten aufzudringen. In der Hitze des
Streits fielen einige für toryistische Ohren anstößige Äußerungen und
Smith ließ sich zu der Bemerkung verleiten, der Geist Ferguson’s habe
sich seiner Collegen bemächtigt. Mit großer Stimmenmehrheit wurde
endlich der Beschluß gefaßt, die Wahl unverzüglich vorzunehmen. Charnock
verließ die Kapelle. Die übrigen Fellows gaben, nachdem sie vorher das
Sakrament empfangen, ihre Stimmen ab. Die Wahl fiel auf Johann Hough,
einen Mann von seltener Tugend und Besonnenheit, der, nachdem er
Verfolgungen mit hohem Muthe und das Glück mit ernster Würde ertragen,
zu hohen Ehren emporgestiegen und noch höhere bescheiden abgelehnt
hatte, mehr als sechsundfünfzig Jahre nach diesem ereignißvollen Tage in
hohem Alter, aber noch in voller Kraft des Geistes starb.

Die Gesellschaft beeilte sich, dem Könige die Umstände
auseinanderzusetzen, welche es nothwendig gemacht hatten, ohne weiteren
Verzug zur Wahl eines Präsidenten zu schreiten, und ersuchte den Herzog
von Ormond als Kanzler der ganzen Universität, und den Bischof von
Winchester als Visitator des Magdalenen-Collegiums, das Amt der
Vermittelung zu übernehmen. Der König aber war viel zu aufgebracht und
viel zu befangen, als daß er auf derartige Verstellungen hätte hören
können.


[_Die Mitglieder des Magdalenen-Collegiums werden vor die Hohe
Commission geladen._] Anfangs Juni wurden die Collegiaten vor die Hohe
Commission nach Whitehall beschieden. Fünf von ihnen kamen als Deputirte
der Korporation der Aufforderung nach. Jeffreys behandelte sie nach
seiner gewohnten Manier. Als einer von ihnen, ein ehrwürdiger Doctor,
Namens Fairfax, einigen Zweifel an der Rechtsgültigkeit der Commission
äußerte, begann er zu brüllen wie ein wildes Thier: „Wer ist der Mann?
Wer giebt ihm das Recht, hier unverschämt zu sein? Ergreift ihn und
steckt ihn in ein finstres Zimmer! Wie kann man ihn ohne Wächter lassen?
Er steht als Wahnsinniger unter meiner Aufsicht. Es wundert mich, daß
noch Niemand bei mir darauf angetragen hat, daß er in sicheres Gewahrsam
gebracht werde.“ Als aber der Sturm ausgetobt hatte und die Aussagen
über den sittlichen Charakter des vom Könige empfohlenen Kandidaten
verlesen waren, hatte keiner der Commissare die Frechheit zu behaupten,
daß ein solcher Mensch sich zum Präsidenten eines großen Collegiums
eigne. Obadja Walker und die übrigen oxforder Papisten, die sich
eingefunden hatten, um ihren Proselyten zu unterstützen, waren nicht
wenig bestürzt. Die Commission erklärte Hough’s Wahl für ungültig und
suspendirte Fairfax von seiner Collegiatur; von Farmer aber war keine
Rede mehr und im August kam ein königliches Schreiben an, welches dem
Collegium den Bischof von Oxford, Parker, empfahl.


[_Parker zum Präsidenten empfohlen._] Parker war kein erklärter Papist.
Es lag jedoch ein Umstand gegen ihn vor, der, selbst wenn die
Präsidentur erledigt gewesen wäre, hätte entscheidend sein müssen: er
hatte weder dem Neuen Collegium noch dem Magdalenen-Collegium jemals
angehört. Aber die Präsidentur war gar nicht erledigt, denn Hough war
rechtskräftig gewählt und sämmtliche Mitglieder des Collegiums waren
eidlich verpflichtet, ihn in seinem Amte zu erhalten. Sie entschuldigten
sich daher mit vielen Versicherungen ihrer Loyalität und ihres
Bedauerns, daß sie dem Befehle des Königs nicht Folge leisten könnten.


[_Die Karthause._] Während Oxford so der Tyrannei energisch entgegen
trat, leistete man an einem andren Orte nicht weniger tapferen
Widerstand. Jakob hatte vor einiger Zeit den Administratoren der
Karthause, Männern von hohem Rang und Ansehen im Königreiche, den Befehl
gegeben, einen römischen Katholiken, Namens Popham, in das unter ihrer
Verwaltung stehende Hospital aufzunehmen. Der Vorsteher der Anstalt,
Thomas Burnet, ein durch Genie, Gelehrsamkeit und Tugend ausgezeichneter
Geistlicher, hatte, obgleich der wilde Jeffreys im Collegium saß, den
Muth, sie darauf aufmerksam zu machen, daß jene Zumuthung dem Willen des
Stifters sowohl als einer Parlamentsacte zuwiderlaufe. „Was thut dies
zur Sache?“ fragte ein dem Vorstande angehörender Höfling. „Ich meine,
es thut sehr viel zur Sache,“ antwortete eine von Alter und Sorgen
geschwächte Stimme, die aber in keiner Versammlung ohne Achtung gehört
wurde, die Stimme des ehrwürdigen Ormond. „Eine Parlamentsacte,“ fuhr
der Patriarch der Kavalierpartei fort, „ist meiner Ansicht nach keine
Kleinigkeit.“ Es wurde die Frage gestellt, ob Popham zugelassen werden
solle, und der Beschluß lautete auf seine Zurückweisung. Da der Kanzler
seinem Grolle nicht wohl durch Fluchen und Verwünschungen gegen Ormond
Luft machen konnte, so lief er in voller Wuth fort und mehrere von der
Minorität folgten ihm. In Folge dessen blieb keine beschlußfähige Anzahl
übrig und es konnte daher auf den königlichen Befehl keine formelle
Antwort gegeben werden.

Die nächste Sitzung fand nur zwei Tage, nachdem die Commission
Hough’s Wahl für ungültig erklärt und Fairfax suspendirt hatte,
statt. Die Administratoren erhielten einen zweiten Befehl mit dem
großen Staatssiegel; aber das tyrannische Verfahren gegen das
Magdalenen-Collegium hatte ihren Muth noch erhöht, anstatt ihn zu
schwächen. Sie setzten ein Schreiben an Sunderland auf, durch welches er
ersucht wurde, dem Könige mitzutheilen, daß sie im vorliegenden Falle
Seiner Majestät nicht gehorchen könnten, ohne das Gesetz und ihre
Amtspflicht zu verletzen.

Es dürfte kaum zu bezweifeln sein, daß, wenn diese Zuschrift nur von
unbedeutenden Männern unterzeichnet gewesen wäre, der König irgend einen
Gewaltschritt gethan haben würde. Aber selbst er erschrak beim Anblick
der großen Namen Ormond, Halifax, Danby und Nottingham, der Oberhäupter
aller Farben der großen Partei, der er seine Krone verdankte. Er
begnügte sich deshalb, Jeffreys zu bedeuten, daß er das weiter
einzuschlagende Verfahren in Erwägung ziehen solle. Einmal hieß es, es
werde ein Prozeß bei der Kings Bench anhängig gemacht werden, ein
andermal, die Kirchliche Commission werde den Fall in die Hand nehmen,
aber diese Drohungen verstummten nach und nach wieder.[15]

    [Anmerkung 15: +A Relation of the Proceedings at the Charterhouse,
    1689.+]


[_Rundreise des Königs._] Der Sommer war jetzt weit vorgerückt und der
König trat eine Reise an, die längste und glänzendste, die man seit
vielen Jahren gesehen hatte. Am 16. August begab er sich von Windsor
nach Portsmouth, besichtigte die Festungswerke, berührte einige mit
Kröpfen Behaftete und fuhr dann in einer seiner Yachten nach
Southampton. Von hier reiste er nach Bath, wo er sich einige Tage
aufhielt und die Königin zurückließ. Als er wieder abreiste, begleiteten
ihn der Obersheriff von Somersetshire und eine große Anzahl Gentlemen
bis an die Grenze der Grafschaft, wo ihn der Obersheriff von
Gloucestershire mit einem nicht minder glänzenden Gefolge erwartete. Der
Herzog von Beaufort kam bald darauf den königlichen Equipagen entgegen
und geleitete dieselben nach Badminton, wo ein des Rufes, den sich der
Herzog durch seinen glänzenden Haushalt erworben hatte, würdiges Mahl
für ihn angerichtet war. Am Nachmittag ging der Zug weiter nach
Gloucester. Zwei Meilen vor der Stadt wurde er vom Bischofe und der
Geistlichkeit bewillkommnet. Am Südthore erwartete ihn der Mayor mit den
Schlüsseln. Die Glocken gingen und aus allen Röhrtrögen floß Wein,
während der König durch die Straßen nach dem Platze zog, der die
ehrwürdige Kathedrale umgiebt. Er übernachtete in der Dechanei und brach
am folgenden Morgen nach Worcester auf. Von Worcester ging er nach
Ludlow, Shrewsbury und Chester, und wurde überall mit äußeren Zeichen
der Freude und Ehrerbietung empfangen, die er schwach genug war, als
Beweise zu betrachten, daß die durch seine Maßregeln hervorgerufene
Unzufriedenheit gedämpft sei und ihm ein leichter Sieg bevorstehe. Der
scharfblickendere Barillon benachrichtigte Ludwig, daß der König in
einer Täuschung befangen sei, daß die Reise keinen wirklichen Nutzen
gebracht habe und daß die nämlichen Gentlemen von Worcestershire und
Shropshire, die es für ihre Pflicht gehalten, ihren Souverain und Gast
mit allen Ehrenbezeigungen zu empfangen, sich so widerspenstig als je
zeigen würden, wenn die Testangelegenheit zur Sprache käme.[16]

Unterwegs schlossen sich dem königlichen Zuge zwei Höflinge an, die in
Character und Meinungen weit von einander verschieden waren. Penn war
auf einer geistlichen Hirtenreise in Chester. Seine Popularität und sein
Ansehen waren unter seinen Glaubensbrüdern tief gesunken, seitdem er ein
Werkzeug des Königs und der Jesuiten geworden war.[17] Jakob aber nahm
ihn sehr freundlich auf und er durfte am Sonntage im Ballhause einen
Vortrag halten, während Cartwright in der Kathedrale predigte und der
König an einem in der Grafschaftshalle errichteten Altare die Messe
hörte. Man sagt sogar, Seine Majestät habe geruht, einen Augenblick in
das Ballhaus einzutreten und der melodischen Beredtsamkeit seines
Freundes mit Anstand zuzuhören.[18]

Der wüthende Tyrconnel war von Dublin über den Kanal gekommen, um von
seiner Verwaltung Bericht zu erstatten. Alle achtungswertheren
englischen Katholiken behandelten ihn als einen Feind ihres Stammes und
als eine Schande ihrer Religion mit Kälte. Sein Gebieter aber hieß ihn
herzlich willkommen und entließ ihn mit Versicherungen seines
ungeschwächten Vertrauens und seiner steten Unterstützung. Jakob vernahm
mit großer Freude, daß bald die ganze Verwaltung Irlands in
römisch-katholischen Händen sein werde. Die englischen Ansiedler waren
schon ihrer ganzen politischen Macht beraubt, es blieb nur noch übrig,
sie auch ihres Eigenthums zu berauben, und diese letzte Gewaltthat wurde
so lange aufgeschoben, bis man sich die Mitwirkung eines irischen
Parlaments gesichert haben würde.[19]

Von Cheshire wendete sich der König nach dem Süden und in der festen
Überzeugung, daß die Fellows des Magdalenen-Collegiums es trotz ihres
widerspenstigen Geistes nicht wagen würden, einem ihnen mündlich
gegebenen Befehle den Gehorsam zu verweigern, reiste er nach Oxford. Auf
dem Wege dahin machte er einige kleine Abstecher nach Orten, die ihn als
König, als Bruder und als Sohn besonders interessirten. Er besuchte das
gastliche Dach von Boscobel und die Überreste der Eiche, die in der
Geschichte seines Hauses eine so wichtige Rolle spielt. Er fuhr über das
Schlachtfeld von Edgehill, wo die Kavaliere zuerst mit den Soldaten des
Parlaments die Schwerter kreuzten. Am 3. September speiste er mit großem
Gepränge im Palast von Woodstock, einem alten berühmten Schlosse, von
dem kein Stein mehr vorhanden ist, dessen Lage aber noch heute auf der
Wiese des Blenheimparks durch zwei unweit der stattlichen Brücke
stehende Platanen bezeichnet wird.

    [Anmerkung 16: London Gazette vom 18. Aug. bis 1. Sept. 1687;
    Barillon, 19.(29.) Sept.]

    [Anmerkung 17: +„Penn, chef des Quakers, qu’on sait être dans les
    intérêts du Roi d’Angleterre, est si fort décrié parmi ceux de son
    parti qu’il n’ont plus aucune confiance en lui.“+ -- Bonrepaux an
    Seignelay, 12.(22.) Sept. 1687. Gerhard Croese’s Zeugniß lautet
    ganz ebenso: +„Etiam Quakeri Pennum non amplius, ut ante ita
    amabant ac magnifaciebant, quidam aversabantur ac fugiebant.“ --
    Historia Quakeriana, lib. II. 1695.+]

    [Anmerkung 18: +Cartwright’s Diary, Aug. 30. 1687+; +Clarkson’s
    Life of William Penn.+]

    [Anmerkung 19: +London Gazette, Sept. 5.+; +Sheridan MS.+;
    Barillon 6.(16.) Sept. 1687. +„Le Roi son maître,“+ sagt Barillon,
    +„a témoigné une grande satisfaction des mesures qu’il a prises,
    et a autorisé ce qu’il a fait en faveur des Catholiques. Il les
    établit dans les emplois et les charges, en sorte que l’autorité
    se trouvera bientôt entre leurs mains. Il reste encore beaucoup de
    choses à faire en ce pays là pour retirer les biens injustement
    ôtés aux Catholiques. Mais cela ne peut s’exécuter qu’avec le
    temps et dans l’assemblée d’un parlement en Irlande.“+]


[_Der König in Oxford._] Am Abend erreichte er Oxford, wo er mit den
gewohnten Ehrenbezeigungen empfangen wurde. Die Studenten hatten sich in
ihrer akademischen Tracht vom Stadtthore bis an den Haupteingang des
Christchurch-Collegiums in einer Doppelreihe aufgestellt. Er stieg in
der Dechanei ab, wo er unter anderen Bequemlichkeiten eine zum Meßdienst
eingerichtete Kapelle vorfand.[20]

    [Anmerkung 20: +London Gazette, Sept. 5, 8. 1687+.]


[_Er giebt den Collegiaten des Magdalenenstifts einen Verweis._] Den Tag
nach seiner Ankunft erhielten die Fellows des Magdalenen-Collegiums
Befehl, ihm ihre Aufwartung zu machen. Als sie vor ihm erschienen,
behandelte er sie mit einem Übermuth, wie ihn die puritanischen
Visitatoren gegen ihre Vorgänger nie bewiesen hatten. „Sie haben Sich
nicht wie Gentlemen gegen mich benommen,“ rief er aus; „Sie haben Sich
eben so unschicklich als ungehorsam gezeigt.“ Sie fielen auf die Knie
und überreichten ihm eine Petition. Er wollte sie nicht ansehen. „Ist
das die Loyalität Ihrer englischen Kirche? Ich hätte nicht gedacht, daß
so viele Geistliche der Kirche Englands sich bei einer solchen Sache
betheiligen könnten. Gehen Sie nach Hause, gehen Sie. Ich bin König und
ich verlange Gehorsam. Gehen Sie augenblicklich in Ihre Kapelle und
nehmen Sie den Bischof von Oxford auf. Und wehe Denen, die sich weigern,
sie sollen das ganze Gewicht meiner Hand fühlen, sie sollen erfahren,
was es heißt, sich die Ungnade seines Souverains zuziehen!“ Die noch
immer vor ihm knieenden Collegiaten reichten ihm wiederholt ihre
Petition dar. Er warf sie zornig zu Boden. „Gehen Sie, sage ich, ich
nehme nichts von Ihnen an, bis Sie den Bischof aufgenommen haben!“

Sie gingen und versammelten sich augenblicklich in ihrer Kapelle. Es
wurde die Frage gestellt, ob sie sich dem Befehle Seiner Majestät fügen
sollten. Smith war abwesend, nur Charnock antwortete mit Ja. Alle
übrigen Collegiaten erklärten, daß sie in allen gesetzlichen Dingen dem
Könige bereitwilligst gehorchen, ihre Statuten und ihre Eide aber nicht
verletzen würden.

Voll Zorn und Ärger über seine Niederlage verließ der König Oxford und
kehrte nach Bath zur Königin zurück. Seine Hartnäckigkeit und Willkür
hatte ihn in eine sehr schwierige Lage versetzt. Er hatte zu fest auf
die Wirkung seiner finstren Miene und seiner gebieterischen Rede
gerechnet und unbesonnenerweise nicht nur das Ansehen seiner Regierung,
sondern auch seine persönliche Würde aufs Spiel gesetzt. Konnte er
Unterthanen nachgeben, denen er mit erhobener Stimme und zornigen
Geberden gedroht hatte? Konnte er es auf der andren Seite wagen, an
einem Tage eine Anzahl achtungswerther Geistlicher aus ihrer Heimath zu
vertreiben, weil sie eine in den Augen der ganzen Nation heilige Pflicht
gethan hatten? Vielleicht gab es noch einen Ausweg aus dieser
Verlegenheit, vielleicht konnte das Collegium doch noch durch Drohungen,
durch Zureden oder durch Bestechung zur Unterwerfung gebracht werden.


[_Penn sucht zu vermitteln._] Man bediente sich Penn’s als Vermittler.
Er hatte zuviel Rechtsgefühl, als daß er das gewaltsame und ungerechte
Verfahren der Regierung hätte billigen können und er wagte es sogar,
einem Theile seiner Gedanken Worte zu geben. Jakob beharrte wie
gewöhnlich auf seinem Vorsatze, und der höfische Quäker that daher sein
Möglichstes, um das Collegium vom Pfade des Rechts abzuziehen. Zuerst
versuchte er es mit Einschüchterungen. Er sagte, der Gesellschaft drohe
der Untergang, denn der König sei im höchsten Grade aufgebracht. Es sei
allerdings ein schwerer Schritt für sie, das sahen die meisten Leute
ein; aber jedes Kind wisse auch, daß Seine Majestät seinen Willen gern
durchsetze und daß er Widerspruch nicht vertragen könne. Penn ermahnte
daher die Collegiaten, nicht auf die Gerechtigkeit ihrer Sache zu
pochen, sondern sich zu fügen oder wenigstens zu temporisiren. Ein
solcher Rath klang sonderbar aus dem Munde eines Mannes, der selbst von
der Universität vertrieben worden war, weil er wegen des Chorhemds einen
Tumult hervorgerufen, der sich lieber der Gefahr der Enterbung
ausgesetzt hatte, als daß er sich entschloß, vor einem königlichen
Prinzen den Hut abzunehmen und der wegen seiner in Conventikeln
gehaltenen Reden mehr als einmal in’s Gefängniß geschickt worden war. Es
gelang ihm jedoch nicht, die Magdalenen-Collegiaten zu schrecken. In
Antwort auf seine drohenden Winke wurde er daran erinnert, daß unter der
vorigen Generation vierunddreißig von den vierzig Collegiaten lieber mit
Freuden ihre geliebten Kreuzgänge und Gärten, ihre Halle und ihre
Kapelle verlassen hätten und fortgegangen seien, ohne zu wissen wo sie
ein Mahl oder ein Nachtlager finden würden, als daß sie ihren
Unterthaneneid gebrochen hätten. Jetzt verlange der König die Verletzung
eines andren Eides von ihnen, aber er solle erfahren, daß der alte Geist
noch nicht erstorben sei.

Penn zog nun gelindere Saiten auf. Er hatte eine Besprechung mit Hough
und einigen Collegiaten und begann endlich nach vielen Versicherungen
von Theilnahme und Freundschaft die Möglichkeit eines Vergleichs in
Aussicht zu stellen. Der König vertrage nun einmal keinen Widerspruch,
sagte er, das Collegium müsse nachgeben und Parker annehmen. Aber seine
Gesundheit sei schwankend und alle seine Ämter würden voraussichtlich
bald erledigt sein. „Doctor Hough,“ setzte er hinzu, „kann dann Bischof
von Oxford werden. Wie würde Ihnen das gefallen, meine Herren?“ Penn
hatte während seines ganzen Lebens gegen eine Miethlingsgeistlichkeit
gepredigt. Er hielt sich für verpflichtet, die Entrichtung von Zehnten
zu verweigern, und dies selbst als er mit Zehnten belastete Ländereien
gekauft hatte und ihm der Betrag der Zehnten von der Kaufsumme
nachgelassen worden war. Nach seinen eigenen Grundsätzen würde er eine
große Sünde begangen haben, wenn er sich dabei betheiligt hätte, dem
frömmsten Geistlichen selbst unter den ehrenvollsten Bedingungen eine
Pfründe zu verschaffen. Aber sein Character war durch schlechte
Gesellschaft so verdorben und sein Verstand durch übermäßigen Eifer für
einen einseitigen Zweck so verdunkelt, daß er keinen Anstand nahm, bei
einer Simonie von ganz besonders unehrenhafter Art den Unterhändler
abzugeben und ein Bisthum als Köder zu benutzen, um einen Geistlichen
zum Eidbruche zu verführen. Hough erwiederte mit höflicher
Geringschätzung, daß er von der Krone nichts weiter verlange als
einfache Gerechtigkeit. „Wir sind an unsere Statuten und unsere Eide
gebunden,“ sagte er; „aber auch ganz abgesehen von unseren Statuten und
unseren Eiden fühlen wir uns verpflichtet, unsren Glauben zu
vertheidigen. Die Papisten haben uns schon das University-Collegium und
das Christchurch-Collegium geraubt, jetzt greifen sie auch das
Magdalenen-Collegium an. Sie werden bald Alles haben.“

Penn war so unbesonnen, hierauf zu antworten, daß er ernstlich glaube,
die Papisten würden nun zufrieden sein. „Das University-Collegium,“
sagte er, „ist ein schönes Collegium, Christchurch ein vortrefflicher
Platz und Magdalenen ein herrliches Gebäude. Die Lage ist angenehm, die
Gartenanlagen am Flusse reizend. Wenn die Katholiken vernünftig sind,
werden sie sich damit begnügen.“ Diese alberne Erklärung würde allein
schon Hough und seine Collegen in die Unmöglichkeit versetzt haben,
nachzugeben. Die Unterhandlung wurde abgebrochen, und der König beeilte
sich, seiner Drohung gemäß die Ungehorsamen fühlen zu lassen, was es
hieß, sich seine Ungnade zuziehen.


[_Eine kirchliche Specialcommission wird nach Oxford gesandt._]
Cartwright, Bischof von Chester, Wright, Oberrichter der Kings Bench,
und Sir Thomas Jenner, ein Baron des Schatzkammergerichts, erhielten
eine Specialvollmacht zur Visitation des Collegiums. Am 20. October
kamen sie in Oxford an, begleitet von drei Schwadronen Kavalerie mit
gezogenen Säbeln. Am folgenden Morgen nahmen die Commissare im Hörsaale
des Magdalenen-Collegiums ihre Sitze ein und Cartwright hielt eine
loyale Rede, welche noch vor wenigen Jahren von den Oxfordern mit lautem
Beifall aufgenommen worden wäre, die aber jetzt mit stummem Unwillen
angehört wurde. Es erfolgte hierauf eine lange Debatte. Der Präsident
vertheidigte seine Rechte mit Geschick, Mäßigung und Entschiedenheit. Er
versicherte seine hohe Achtung vor der königlichen Autorität, behauptete
aber fest, daß er nach den Gesetzen Englands ein Eigenthumsrecht an das
Haus und an die mit der Präsidentur verbundenen Einkünfte habe. Dieses
Rechts könne ihn ein Machtspruch des Landesherrn nicht berauben. „Wollen
Sie sich unsrer Visitation unterwerfen?“ fragte der Bischof. „Ich
unterwerfe mich derselben,“ antwortete Hough mit weiser Vorsicht, „in so
weit sie mit dem Gesetz im Einklange steht, weiter nicht.“ -- „Wollen
Sie den Schlüssel zu Ihrer Wohnung ausliefern?“ fragte Cartwright. Hough
schwieg. Die Frage wurde wiederholt, und Hough antwortete nun mild aber
entschieden, daß er dies nicht thun werde. Die Commissare nannten ihn
einen unberufenen Eindringling und forderten die Collegiaten auf, seine
Autorität nicht mehr anzuerkennen und für die Aufnahme des Bischofs von
Oxford zu stimmen. Charnock versprach bereitwilligst Gehorsam, Smith gab
eine ausweichende Antwort, die Hauptmasse der Collegiaten aber erklärte
auf das Bestimmteste, daß sie Hough noch immer als ihren rechtmäßigen
Präsidenten betrachteten.


[_Hough’s Protest._] Jetzt bat Hough um die Erlaubniß, selbst noch
einige Worte an die Commissare richten zu dürfen. Sie bewilligten ihm
dies sehr artig, vielleicht weil sie nach seinem ruhigen und gelassenen
Benehmen erwarteten, daß er ein Zugeständniß machen werde. „Mylords,“
sprach er, „Sie haben mich heute meines freien Eigenthums beraubt; ich
protestire hiermit gegen Ihr ganzes Verfahren als gesetzwidrig,
ungerecht und nichtig und appellire an unsren erlauchten Gebieter, den
König, in seinen Gerichtshöfen.“ Ein lautes beifälliges Gemurmel erhob
sich unter den Studirenden, welche den Saal füllten. Die Commissare
waren wüthend. Man suchte die Verbrecher, welche applaudirt hatten,
herauszufinden, aber vergebens. Der ganze Zorn der Commission richtete
sich nun gegen Hough. „Glauben Sie nicht, daß Sie uns trotzen können,“
rief Jenner mit einem Wortspiel auf den Namen des Präsidenten.[21] „Ich
werde die Autorität Seiner Majestät aufrecht erhalten, so lange ich
Athem in meiner Brust habe,“ setzte Wright hinzu. „Das Alles kommt von
Ihrem nach Popularität haschenden Protest. Sie haben den Landfrieden
gebrochen und sollen sich dafür vor der Kings Bench verantworten. Ich
verpflichte Sie bei Strafe von tausend Pfund, beim nächsten Termine zu
erscheinen. Wir wollen sehen, ob die Civilgewalt Sie nicht bändigen
wird. Reicht sie nicht aus, so sollen Sie auch die militairische haben.“
Oxford befand sich in der That in einer Stimmung, welche die Commissare
nicht wenig beunruhigte. Die Soldaten erhielten Befehl, ihre Carabiner
zu laden, und man sagte, es sei ein expresser Bote nach London geschickt
worden, um schleunige Nachsendung von Verstärkungen zu verlangen. Es
fand jedoch keine Ruhestörung statt.

    [Anmerkung 21: Im Deutschen läßt sich das Wortspiel nicht
    wiedergeben. +Hough+ und +huff+ (trotzen) wird im Englischen
    ziemlich gleich ausgesprochen.    D. Übers.]


[_Einsetzung Parker’s._] Der Bischof von Oxford wurde mittelst Vollmacht
ruhig eingesetzt, aber nur zwei Mitglieder des Magdalenen-Collegiums
wohnten der Feierlichkeit bei. Mancherlei Anzeichen bewiesen, daß der
Geist des Widerstandes sich auch des Volks bemächtigt hatte. Der
Thürsteher des Collegiums warf seinen Schlüssel weg. Der Kellermeister
weigerte sich, den Namen Hough’s aus dem Wirthschaftsbuche zu streichen.
In der ganzen Stadt war kein Schlosser aufzutreiben, der die Thür der
Präsidentenwohnung aufsprengen wollte. Die eigenen Diener der Commissare
mußten die Thür mit eisernen Stangen erbrechen. Die Predigten, welche am
nächstfolgenden Sonntage in der Universitätskirche gehalten wurden,
waren voll von Bemerkungen, welche Cartwright tief kränkten; aber sie
waren so gehalten, daß er nichts dagegen thun konnte.

Wäre Jakob nicht ganz verblendet gewesen, so würde er hier innegehalten
haben. Die Collegiaten waren im Ganzen genommen nicht geneigt, den
Widerstand noch weiter zu treiben. Sie waren der Meinung, daß sie ihre
Achtung vor ihren Statuten und Eiden hinreichend bewiesen hätten, indem
sie ihre Mitwirkung bei der Einsetzung eines Unberufenen verweigerten,
und daß sie sich ihm jetzt, da er im factischen Besitze des Amtes war,
als ihrem Oberhaupte unterwerfen könnten, ohne einen Vorwurf auf sich zu
laden, bis er durch den Ausspruch eines competenten Gerichts entfernt
wurde. Nur ein Collegiat, Doctor Fairfax, weigerte sich, auch nur soweit
nachzugeben. Die Commissare würden zu einer solchen Verständigung gern
die Hand geboten haben und einige Stunden lang herrschte eine
Waffenruhe, von der Viele glaubten, daß sie zu einem gütlichen Vergleich
führen werde. Aber bald war Alles wieder in Aufregung. Die Collegiaten
sahen, daß die öffentliche Meinung sie offen der Kleinmüthigkeit
beschuldigte; in der Stadt sprach man schon ironisch von einem
Magdalenengewissen und sagte, der tapfere Hough und der brave Fairfax
seien verrathen und verlassen worden. Noch ärgerlicher waren die
Spötteleien Obadja Walker’s und seiner Renegatensippschaft. Das also,
sagten diese Apostaten, sei das Ende von all den hochtrabenden Worten,
in denen die Gesellschaft ihren Entschluß erklärt habe, treu zu ihrem
rechtmäßigen Präsidenten und zu ihrem protestantischen Glauben zu
stehen! Während die Collegiaten, tief gekränkt durch den öffentlichen
Tadel, ihre bedingte Unterwerfung bereueten, erfuhren sie, daß diese den
König noch keineswegs zufriedengestellt habe. Es sei nicht genug, sagte
er, daß sie sich erboten hätten, dem Bischof von Oxford als factischem
Präsidenten zu gehorchen; sie müßten auch die Commission und Alles was
dieselbe gethan habe, als gesetzlich anerkennen. Sie müßten eingestehen,
daß sie pflichtvergessen gehandelt hätten, müßten ihr Benehmen bereuen
und versprechen, daß sie sich in Zukunft besser betragen wollten, müßten
Seine Majestät um Verzeihung bitten und ihm zu Füßen fallen. Nur zwei
Collegiaten, Charnock und Smith, über welche der König nicht zu klagen
hatte, wurden von der Verpflichtung, diese erniedrigenden
Entschuldigungen zu machen, ausgenommen.

Nie that Jakob einen thörichteren Fehlgriff. Die Collegiaten, schon mit
sich selbst unzufrieden, weil sie so weit nachgegeben hatten, und durch
den Tadel des Publikums gereizt, ergriffen eifrig die ihnen jetzt
gebotene Gelegenheit, die öffentliche Achtung wieder zu gewinnen. Sie
erklärten einstimmig, sie würden niemals deshalb, daß sie in ihrem
Rechte gewesen seien, um Verzeihung bitten, und eben so wenig
anerkennen, daß die Visitation ihres Collegiums und die Beraubung ihres
Präsidenten gesetzlich gewesen sei.


[_Vertreibung der Collegiaten._] Jetzt ließ sie der König das angedrohte
ganze Gewicht seiner Hand fühlen. Durch ein summarisches Edict wurden
sie zur Vertreibung verurtheilt. Diese Strafe wurde indessen noch nicht
für genügend erachtet. Man wußte, daß viele Edelleute und Gentlemen,
welche ein kirchliches Patronatrecht hatten, sich bemühen würden, für
Männer zu sorgen, welche für die Gesetze Englands und für den
protestantischen Glauben so viel gelitten. Deshalb erklärte die Hohe
Commission die Vertriebenen für unfähig, irgend ein geistliches Amt
wieder zu bekleiden, und Diejenigen, welche noch nicht ordinirt waren,
wurden für unfähig erklärt, die geistliche Ordination zu empfangen. So
hatte Jakob die Genugthuung, Viele von ihnen aus einer Lage, in der sie
alle möglichen Annehmlichkeiten des Lebens genossen und die schönsten
Aussichten auf zukünftige Anstellungen hatten, in hoffnungslose
Dürftigkeit zurückgeworfen zu haben.

Aber all’ diese Strenge hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung als er
erwartete. Der Geist der Engländer, dieser trotzige Geist, den kein
König aus dem Hause Stuart jemals durch Erfahrung erkennen lernte,
empörte sich heftig gegen die Ungerechtigkeit. Oxford, der friedliche
Sitz der Gelehrsamkeit und Loyalität, war in einem Zustande, ähnlich
dem, in welchem sich London am Morgen nach dem Versuche Karl’s I., die
fünf Parlamentsmitglieder festnehmen zu lassen, befunden hatte. Der
Vicekanzler war am Tage der Vertreibung von den Commissaren zu Tische
eingeladen worden. Er lehnte die Einladung ab. „Mein Geschmack,“ sagte
er, „ist verschieden von dem des Obersten Kirke; ich kann unter dem
Galgen nicht mit Appetit essen.“ Die Studenten weigerten sich, den neuen
Vorsteher des Magdalenen-Collegiums zu grüßen. Smith erhielt den
Spottnamen +Dr.+ Schuft und wurde in einem Kaffeehause öffentlich
insultirt. Als Charnock die Demies aufforderte, in seiner Gegenwart ihre
akademischen Übungen vorzunehmen, antworteten sie ihm, daß sie ihrer
rechtmäßigen Vorsteher beraubt seien und sich keiner widerrechtlichen
Autorität unterwerfen würden. Sie versammelten sich zum Studiren wie zum
Gottesdienst auf eigne Hand. Man versuchte es, sie durch das Anerbieten
der einträglichen Collegiaturen, welche eben für erledigt erklärt worden
waren, zu verführen, aber ein Untergraduirter nach dem andren antwortete
mit männlichem Freimuth, daß sein Gewissen ihm nicht gestatte, aus einem
Unrecht für sich Nutzen zu ziehen. Ein Student, der sich zur Annahme
einer Collegiatur überreden ließ, wurde von seinen Comiletonen aus dem
Saale gestoßen. Es wurden junge Leute aus anderen Collegien eingeladen,
aber mit geringem Erfolg; die reichste Stiftung des Landes schien selbst
für arme Studenten alle Anziehungskraft verloren zu haben. Inzwischen
wurde in London und im ganzen Lande Geld zur Unterstützung der
vertriebenen Collegiaten gesammelt. Die Prinzessin von Oranien zeichnete
zur großen Freude aller Protestanten zweihundert Pfund. Der König,
beharrte nichtsdestoweniger bei dem eingeschlagenen Verfahren. Auf die
Vertreibung der Collegiaten folgte bald die Ausstoßung einer Menge
Demies. Währenddem nahmen die körperlichen und geistigen Kräfte des
neuen Präsidenten mehr und mehr ab. Er hatte zu der Zeit, als sein
Kollegium sich in offener Empörung gegen seine Autorität befand, noch
einen schwachen Versuch gemacht, der Regierung einen Dienst zu leisten,
indem er eine Vertheidigung der Indulgenzerklärung oder vielmehr der
Lehre von der Transsubstantiation erscheinen ließ. Diese Schrift rief
viele Entgegnungen hervor, namentlich eine von Burnet, die mit
außerordentlicher Kraft und Schärfe geschrieben war. Wenige Wochen nach
der Vertreibung der Demies starb Parker in dem Hause, von dem er
gewaltsam Besitz ergriffen hatte. Man sagte damals, Reue und Scham
hätten sein Ende beschleunigt. Er ruht in der schönen Vorkapelle des
Collegiums, aber kein Denkstein bezeichnet sein Grab.


[_Das Magdalenen-Collegium in ein papistisches Seminar verwandelt._] Der
ganze Plan des Königs wurde nun vollends ausgeführt: das Collegium wurde
zu einem papistischen Seminar umgestaltet. Bonaventura Giffard, der
katholische Bischof von Madura, ward Präsident. In der Kapelle wurde
katholischer Gottesdienst gehalten und an einem Tage zwölf Katholiken
als Collegiaten aufgenommen. Einige servile Protestanten bewarben sich
um die Aufnahme, wurden aber abschläglich beschieden. Smith, der loyal
bis zur Begeisterung, aber noch immer ein aufrichtiges Mitglied der
anglikanischen Kirche war, konnte das veränderte Aussehen des Hauses
nicht ertragen. Er entfernte sich, kam der Aufforderung zur Rückkehr in
seine Wohnung nicht nach, und wurde daher abgesetzt. So war das
Beraubungswerk vollendet.[22]

Das Universitätssystem Englands ist von der Art, daß jedes Ereigniß, das
die Interessen oder die Ehre irgend einer Universität berührt, im ganzen
Lande nothwendig einen starken Eindruck machen muß. Jeder neue Schlag
gegen das Magdalenen-Collegium wurde daher bis an die äußersten
Endpunkte des Königreichs gefühlt. In den londoner Kaffeehäusern, in den
juristischen Hochschulen, unter den Geistlichen aller Domkapitel, in
Pfarrwohnungen und Landschlössern selbst der entferntesten Grafschaften
war das Mitleid mit den Duldern und der Unwille gegen die Regierung
beständig im Zunehmen. Hough’s Protest fand überall Beifall, das
Aufsprengen seiner Thür wurde überall mit Abscheu erzählt und das über
die Collegiaten verhängte Beraubungs- und Vertreibungsurtheil zerriß
endlich die einst so engen und theuren Bande, welche die anglikanische
Kirche mit dem Hause Stuart verknüpften.

    [Anmerkung 22: Prozeßverfahren gegen das Magdalenen-Collegium zu
    Oxford wegen Nichterwählung Anton Farmer’s zum Präsidenten, in der
    +Collection of State Trials+, Ausgabe von Howell; +Luttrell’s
    Diary, June 15., 17., Oct. 24., Dec. 10. 1687+; +Smith’s
    Narrative+; Brief von Doctor Richard Rawlinson vom 31. Oct. 1687;
    +Reresby’s Memoirs+; +Burnet, I. 699+; +Cartwright’s Diary+;
    Citters, 25. Oct. (4. Nov.), 28. Oct. (7. Nov.), 8.(18.) u.
    18.(28.) Nov. 1687.]


[_Groll der Geistlichkeit._] Bitterer Groll und schlimme Befürchtungen
traten an die Stelle der Liebe und des Vertrauens. Es gab keinen
Pfründner, keinen Rector und keinen Vikar, der nicht von der Angst
gequält worden wäre, daß er, so friedlich sein Character und so
unbedeutend seine Stelle sein mochte, vielleicht in wenigen Monaten
durch einen willkürlichen Machtspruch aus seinem Hause vertrieben werden
könne, um im zerrissenen Priesterrocke mit Frau und Kindern zu betteln,
während sein durch uralte Gesetze und durch das königliche Wort
gesichertes Eigenthum von einem Apostaten in Besitz genommen wurde. Das
war also der Lohn für die heldenmüthige Loyalität, die sich in allen
Wechselfällen fünfzig stürmischer Jahre nicht ein einziges Mal
verleugnet hatte! Deshalb also hatte die Geistlichkeit für Karl I.
Plünderung und Verfolgung ertragen, deshalb hatte sie Karl II. in seinem
harten Kampfe mit der whiggistischen Opposition unterstützt, deshalb
hatte sie in der vordersten Reihe gegen Diejenigen gestanden, welche
Jakob seines Geburtsrechtes berauben wollten! Ihrer Treue allein
verdankte ihr Unterdrücker die Macht, die er jetzt zu ihrem Verderben
anwendete. Lange genug hatten sie mit bitterem Schmerze die Leiden
aufgezählt, die sie von den Puritanern in den Tagen ihrer Macht hatten
erdulden müssen. Der Puritaner war indessen einigermaßen zu
entschuldigen. Er war ein erklärter Feind, er hatte sich für erlittenes
Unrecht zu rächen und selbst er war nicht ganz ohne Mitleid gewesen, als
er die Kirchenverfassung des Landes umgestaltete und Alle, die seinen
Covenant nicht unterschreiben wollten, absetzte. Er hatte denen, die er
ihrer Pfründen beraubte, wenigstens so viel davon gelassen, als sie zu
ihrem Lebensunterhalte nothwendig brauchten. Aber des Königs Haß gegen
die Kirche, die ihn vor der Verbannung bewahrt und auf den Thron erhoben
hatte, war nicht so leicht zu sättigen. Nur der völlige Ruin seiner
Opfer konnte ihn zufrieden stellen. Nicht genug, daß sie aus ihren
Wohnungen vertrieben und ihres Einkommens beraubt wurden, auch jede
andre Laufbahn, auf der Männer ihrer Art ihren Unterhalt suchen konnten,
war ihnen mit raffinirter Böswilligkeit verschlossen und es blieb ihnen
nichts Andres übrig, als die unsichere und beschämende Hülfsquelle der
öffentlichen Mildthätigkeit.

Die anglikanische Geistlichkeit und diejenigen Laien, welche dem
protestantischen Episcopat mit Liebe zugethan waren, betrachteten daher
jetzt den König mit Gefühlen, wie sie eine durch Undank noch
verschlimmerte Ungerechtigkeit nothwendig, erregen muß. Indessen hatte
der Anglikaner noch immer viele Bedenken des Gewissens und der Ehre zu
überwinden, ehe er sich zum gewaltsamen Widerstande gegen die Regierung
entschließen konnte. Man hatte ihn gelehrt, daß das göttliche Gesetz
passiven Gehorsam ohne Bedingung oder Ausnahme vorschreibe. Diese
Ansicht hatte er laut und offen ausgesprochen und die Insinuation, daß
extreme Fälle eintreten könnten, welche dem Volke das Recht gäben, gegen
königliche Tyrannei das Schwert zu ziehen, mit Verachtung
zurückgewiesen. Sowohl Grundsatz als Scham hielten ihn demnach ab, das
Beispiel der rebellischen Rundköpfe nachzuahmen, so lange noch einige
Hoffnung auf friedliche und gesetzmäßige Befreiung vorhanden war, und
eine solche Hoffnung konnte man vernünftigerweise wohl hegen, so lange
die Prinzessin von Oranien die nächste Thronerbin war. Wenn er diese
Glaubensprüfung geduldig überstand, so würden die Gesetze der Natur bald
das für ihn thun, was er ohne Sünde und Schande nicht selbst für sich
thun konnte. Die Bedrückungen der Kirche wurden dann abgestellt, ihr
Eigenthum und ihre Würde durch neue Bürgschaften gesichert und die
schändlichen Minister, die sie in Zeiten der Bedrängniß gekränkt und
verhöhnt hatten, wurden exemplarisch bestraft.


[_Pläne der jesuitischen Cabale in Bezug auf die Thronfolge._] An das
Ereigniß, von dem die anglikanische Kirche eine ehrenvolle und
friedliche Erlösung von ihren Leiden erwartete, konnten auch die
sorglosesten Mitglieder der jesuitischen Cabale nicht ohne quälende
Besorgnisse denken. Wenn ihr Gebieter starb, ohne ihnen eine größere
Sicherheit gegen die Strafgesetze zu hinterlassen als eine
Indulgenzerklärung, welche die ganze Nation einstimmig für null und
nichtig erklärt hatte, wenn ein von dem nämlichen Geiste, welcher in den
Parlamenten Karl’s II. vorgeherrscht, beseeltes Parlament sich um den
Thron eines protestantischen Landesoberhauptes versammelte, war dann
nicht vorauszusehen, daß eine furchtbare Vergeltung ausgeübt, daß die
alten Gesetze gegen den Papismus mit schonungsloser Strenge gehandhabt
und daß noch härtere neue Gesetze dem Gesetzbuche einverleibt werden
würden? Von diesen schlimmen Befürchtungen wurden die bösen Rathgeber
der Krone schon seit langer Zeit gequält, und einige von ihnen hatten
sonderbare und verzweifelte Schutzmittel ersonnen. Jakob hatte den Thron
kaum bestiegen, so begann man sich in Whitehall schon zuzuflüstern, daß,
wenn die Prinzessin Anna katholisch werden wollte, es mit Hülfe Ludwig’s
vielleicht nicht unmöglich sein würde, das Geburtsrecht ihrer älteren
Schwester auf sie zu übertragen. Bei der französischen Gesandtschaft
fand diese Idee großen Beifall und Bonrepaux war der Meinung, daß
Jakob’s Einwilligung nicht schwer zu erlangen sein werde.[23] Bald
jedoch zeigte es sich deutlich, daß Anna der Landeskirche
unerschütterlich treu war. Der Gedanke, sie zur Königin zu machen, wurde
daher wieder aufgegeben. Dessenungeachtet nährte ein kleines Häuflein
Fanatiker noch immer die kühne Hoffnung, daß es ihnen gelingen könne,
die Thronfolgeordnung zu ändern. Der Plan dieser Männer wurde in einem
Entwurfe dargelegt, von dem noch eine schlechte französische Übersetzung
vorhanden ist. Es sei zu hoffen, sagten sie, daß der König im Stande
sein werde, den wahren Glauben zu befestigen, ohne zu extremen Mitteln
zu greifen; im schlimmsten Fall aber könne er die Verfügung über seine
Krone Ludwig anheimstellen. Es sei für die Engländer immer noch besser,
wenn sie Vasallen Frankreichs wären, als Sklaven des Teufels.[24] Dieses
höchst merkwürdige Actenstück ging unter den Jesuiten und Höflingen von
Hand zu Hand, bis endlich einige ausgezeichnete Katholiken, in denen die
Bigotterie noch nicht allen Patriotismus erstickt hatte, dem
holländischen Gesandten eine Abschrift anfertigten. Dieser zeigte den
Aufsatz dem Könige, und Jakob erklärte denselben für eine erbärmliche
Fälschung, die von einem holländischen Pamphletschmierer ersonnen sein
müsse. Der holländische Gesandte antwortete mit Entschiedenheit, daß er
durch das Zeugniß mehrerer ausgezeichneter Mitglieder der eigenen Kirche
Seiner Majestät das Gegentheil beweisen könne, ja daß es sogar nicht
schwer sein werde, den Verfasser ausfindig zu machen, welcher im Grunde
nur das niedergeschrieben habe, wovon viele Priester und geschäftige
Politiker täglich in den Gallerien des Palastes sprächen. Der König
hielt es nicht für rathsam, nach dem Verfasser zu forschen, nahm den
Vorwurf der Fälschung zurück und versicherte mit großer Heftigkeit und
Feierlichkeit, daß es ihm nie in den Sinn gekommen sei, seine älteste
Tochter zu enterben. „Niemand,“ sagte er, „hat es je gewagt, eine solche
Idee gegen mich zu äußern, und ich würde auch nie darauf hören. Gott
befiehlt uns nicht, die wahre Religion durch Ungerechtigkeit zu
verbreiten, und dies würde die empörendste, widernatürlichste
Ungerechtigkeit sein“.[25] Trotz aller dieser Betheuerungen meldete
Barillon wenige Tage später seinem Hofe, daß Jakob angefangen habe, auf
Einflüsterungen in Betreff einer Änderung der Thronfolgeordnung zu
hören, daß die Sache zwar sehr kitzlich sei, daß man aber gegründete
Hoffnung habe, mit der Zeit und durch vorsichtiges Verfahren einen Weg
zu finden, um die Krone mit Ausschließung der beiden Prinzessinnen auf
ein römisch-katholisches Haupt zu bringen.[26] Dieser Plan wurde noch
viele Monate von den heftigsten und überspanntesten Papisten am Hofe
besprochen, und es wurden wirklich Candidaten für den Königsthron
genannt.[27]

    [Anmerkung 23: +„Quand on connoit le dedans de cette cour aussi
    intimement que je la connois, on peut croire que Sa Majesté
    Britannique donnera volontiers dans ces sortes de projets.“+
    Bonrepaux an Seignelay, 18.(28.) März 1686.]

    [Anmerkung 24: +„Que, quand pour établir la religion Catholique et
    pour la confirmer icy, il+ (Jakob) +devroit se rendre en quelque
    façon dépendant de la France, et mettre la décision de la
    succession à la couronne entre les mains de ce monarque là, qu’il
    seroit obligé de le faire, parcequ’il vaudroit mieux pour ses
    sujets qu’ils devinssent vassaux du Roy de France, étant
    Catholiques, que de demeurer comme esclaves du Diable.“+ -- Dieses
    Schriftstück befindet sich sowohl im französischen als auch im
    holländischen Archive.]

    [Anmerkung 25: Citters, 6.(16.) u. 17.(27.) Aug.; Barillon,
    19.(29.) Aug.]

    [Anmerkung 26: Barillon, 13.(23.) Sept. 1686. +„La succession est
    une matière fort délicate à traiter. Je sais pourtant qu’on en
    parle au Roy d’Angleterre et qu’on ne désespère pas avec le temps
    de trouver des moyens pour faire passer la couronne sur la tête
    d’un héritier Catholique.“+]

    [Anmerkung 27: Bonrepaux, 11.(21.) Juli 1687.]


[_Jakob’s und Tyrconnel’s Plan, die Prinzessin von Oranien von der
Erbfolge im Königreich Irland auszuschließen._] Es ist jedoch nicht
wahrscheinlich, daß Jakob jemals einen so unsinnigen Schritt zu thun
beabsichtigte. Er mußte wissen, daß England nicht einen einzigen Tag das
Joch eines Usurpators ertragen hätte, der noch obendrein Papist war, und
daß sowohl Diejenigen, welche die Ausschließungsbill unterstützt, als
auch Die, welche sich ihr widersetzt hatten, jeden Versuch, die
Prinzessin Marie bei Seite zu schieben, auf Leben und Tod bekämpft haben
würden. Dagegen unterliegt es keinem Zweifel, daß der König bei einem
minder unsinnigen, aber eben so unverantwortlichen Anschlage auf die
Rechte seiner Kinder die Hand im Spiele hatte. Tyrconnel hatte im
Einverständniß mit seinem Gebieter Anstalten getroffen, um Irland von
dem Königreiche zu trennen und es unter Ludwig’s Protection zu stellen,
sobald die Krone einem protestantischen Oberhaupte zufallen würde.
Bonrepaux war zu Rathe gezogen worden, hatte seinem Hofe den Plan
mitgetheilt und die Weisung erhalten, Tyrconnel zu versichern, daß
Frankreich zur Ausführung dieser großartigen Idee kräftigen Beistand
leisten werde.[28] Diese Unterhandlungen, welche im Haag vielleicht
nicht in ihrem ganzen Umfange genau bekannt waren, aber doch stark
vermuthet wurden, dürfen nicht außer Acht gelassen werden, wenn man sich
ein richtiges Urtheil über das Verfahren bilden will, das die Prinzessin
von Oranien wenige Monate später einschlug. Wer sie einer Verletzung der
Kindespflicht beschuldigt, muß zugeben, daß ihr Fehler durch das ihr
zugefügte Unrecht wenigstens sehr gemildert wird. Wenn sie im Interesse
ihres Glaubens die heiligsten Bande der Blutsverwandtschaft zerriß, so
folgte sie nur dem Beispiele ihres Vaters. Sie lieh erst dann die Hand
zu seiner Absetzung, als er einen Anschlag zu ihrer Enterbung
geschmiedet hatte.

    [Anmerkung 28: Bonrepaux an Seignelay, 25. Aug. (4. Sept.) 1687.
    Ich will eine Stelle aus dieser wichtigen Depesche hier anführen.
    +„Je sçay bien certainement que l’intention du Roy d’Angleterre
    est de faire perdre ce royaume+ (Irland) +à son successeur, et de
    le fortifier en sorte que tous ses sujets Catholiques y puissent
    avoir un asile assuré. Son projet est de mettre les choses en cet
    estat dans le cours de cinq années.“+ -- In den +Secret Consults
    of the Romish Party in Ireland, 1690+, findet sich eine Stelle,
    aus welcher hervorgeht, daß diese Unterhandlung nicht streng
    geheim gehalten wurde. „Obgleich der König es selbst vor seinen
    Räthen verschwieg, so ist es doch gewiß, daß er dem französischen
    König die Verfügung über jene Regierung und jenes Königreich
    versprochen hat, sobald die Dinge so weit gediehen sein würden,
    daß es sich thun ließe.“]


[_Schwangerschaft der Königin._] Bonrepaux war kaum davon
benachrichtigt, daß Ludwig beschlossen habe, Tyrconnel’s Vorhaben zu
unterstützen, so wurde jeder Gedanke an diesen Plan wieder aufgegeben.
Jakob erblickte den ersten Schimmer einer Hoffnung, die ihn mit Stolz
und Entzücken erfüllte: die Königin war schwanger.


[_Allgemeiner Zweifel._] Gegen Ende October 1687 begann sich die große
Neuigkeit gerüchtweise zu verbreiten. Man hatte bemerkt, daß Ihre
Majestät sich unter dem Vorwande der Unpäßlichkeit von mehreren
öffentlichen Feierlichkeiten fern gehalten. Es hieß, daß ihr eine Menge
Reliquien, denen man eine außerordentliche Wirkung zuschrieb, umgehängt
worden seien. Die Geschichte fand bald ihren Weg aus dem Palaste in die
Kaffeehäuser und verbreitete sich rasch durch das ganze Land. Nur sehr
Wenige begrüßten das Gerücht mit Freuden, der bei weitem größte Theil
der Nation vernahm es mit einem Gemisch von Zweifel und Besorgniß. Die
Sache war jedoch keineswegs so unglaublich. Der König hatte eben erst
sein vierundfünfzigstes Jahr vollendet und die Königin stand im Sommer
ihres Lebens. Sie hatte vier Kinder geboren, welche jung starben, und
lange nachher wurde sie von einem fünften entbunden, das Niemand ein
Interesse hatte als untergeschoben zu betrachten und das daher auch nie
für ein solches erklärt wurde. Da indessen seit dieser letzten
Schwangerschaft fünf Jahre verstrichen waren, so hatte das Volk unter
dem Einflusse der Täuschung, welche die Menschen so leicht verleitet,
das zu glauben was sie wünschen, jede Besorgniß, daß sie noch einen
Thronerben zur Welt bringen werde, aufgegeben. Auf der andren Seite
schien nichts natürlicher und wahrscheinlicher, als daß die Jesuiten
einen frommen Betrug ersonnen haben könnten. Es unterlag keinem Zweifel,
daß sie die Thronbesteigung der Prinzessin von Oranien als einen der
härtesten Schläge betrachten mußten, der ihre Kirche treffen konnte.
Eben so gewiß war es, daß sie nicht sehr gewissenhaft in der Wahl der
Mittel sein würden, mit deren Hülfe sie ein so großes Unglück von ihrer
Kirche abwenden konnten. In Werken von ausgezeichneten Mitgliedern ihrer
Gesellschaft, welche von ihren Oberen sanctionirt waren, war es deutlich
ausgesprochen, daß selbst Mittel, welche allen Begriffen von
Gerechtigkeit und Humanität noch viel ärger Hohn sprachen, als die
Einschmuggelung eines unächten Erben in eine Familie, mit Fug und Recht
zu minder wichtigen Zwecken angewendet werden dürften, als die Bekehrung
eines ketzerischen Königreichs war. Es war ruchbar geworden, daß einige
Räthe des Königs und sogar der König selbst Pläne geschmiedet hätten, um
die Prinzessin Marie ganz oder theilweis um ihr rechtmäßiges Erbe zu
betrügen. Es bemächtigte sich der öffentlichen Meinung ein Verdacht, der
zwar nicht wohl begründet, aber keineswegs so abgeschmackt war, als man
gewöhnlich glaubt, und die Unbesonnenheit einiger Katholiken bestärkte
das allgemeine Vorurtheil. Sie sprachen von dem glücklichen Ereignisse
wie von etwas Außerordentlichem und Wunderbaren, wie von einem Zeichen
derselben göttlichen Allmacht, welche Sara durch Isaak stolz und
glücklich machte und die Gebete Hanna’s mit Samuel belohnte. Marien’s
Mütter, die Herzogin von Modena, war unlängst gestorben. Kurz vor ihrem
Tode sollte sie mit inbrünstigen Gebeten und reichen Opfergaben die
heilige Jungfrau von Loretto angefleht haben, daß sie Jakob einen Sohn
schenken möge. Der König selbst hatte im vergangenen August auf seiner
Reise einen Abstecher nach der sogenannten heiligen Quelle gemacht und
dort die heilige Winifreda gebeten, daß sie ihm das Geschenk verschaffen
möge, ohne welches seine großen Pläne zur Verbreitung des wahren
Glaubens nur unvollkommen ausgeführt werden könnten. Die unbesonnenen
Zeloten, die auf solche Geschichten ein großes Gewicht legten,
prophezeiten mit Zuversicht, daß das ungeborne Kind ein Knabe sein werde
und boten darauf eine Wette von zwanzig Guineen gegen eine an. Sie
meinten, der Himmel werde sich nicht in’s Mittel gelegt haben, wenn er
nicht einen großen Zweck dabei hätte. Ein Fanatiker verkündete sogar,
die Königin werde Zwillinge gebären, von denen der ältere König von
England, der jüngere Papst werden würde. Marie konnte das Vergnügen, mit
dem sie diese Prophezeiungen anhörte, nicht verbergen, und ihre Hofdamen
sahen, daß sie sich nicht besser bei ihr insinuiren könnten, als wenn
sie davon sprachen. Die Katholiken würden klüger gethan haben, wenn sie
von der Schwangerschaft als von einem ganz natürlichen Ereignisse
gesprochen und ihr unverhofftes Glück mit mehr Mäßigung getragen hätten.
Ihr übermüthiger Triumph erregte nur den Unwillen des Volks und ihre
Prophezeiungen bestärkten es in seinem Verdacht. Von dem Prinzen und der
Prinzessin von Dänemark herab bis zu den Lastträgern und Waschweibern
erwähnte Niemand die verheißene Geburt ohne ein höhnisches Lächeln. Die
londoner Spottvögel beschrieben das neue Wunder in Reimen, die, wie man
leicht denken kann, nicht eben die zartesten waren. Die ungeschliffenen
Landsquires brachen in ein schallendes Gelächter aus, wenn sie mit
Jemandem zusammentrafen, der so einfältig war zu glauben, daß die
Königin wirklich noch einmal Mutter werden würde. Es erschien eine
königliche Verordnung, welche der Geistlichkeit befahl, ein von Crewe
und Sprat für dieses freudige Ereigniß besonders verfaßtes Bitt- und
Dankgebet zu verlesen. Die Geistlichen gehorchten, aber man bemerkte,
daß die Gemeinden nicht respondirten und kein Zeichen von Ehrerbietung
äußerten. Bald circulirte in allen Kaffeehäusern ein rohes Spottgedicht
auf die höfischen Prälaten, deren Feder sich der König bedient hatte.
Mutter East (Ost) war darin ebenfalls reichlich mit Schmähungen bedacht.
Zu diesem einheimischen einsilbigen Wörtchen hatten unsere Vorfahren den
Namen des großen Hauses Este, welches in Modena regierte,
verstümmelt.[29]

Die neue Hoffnung, welche den Muth des Königs so sehr hob, war indessen
mit mancherlei Besorgnissen vermischt. Es bedurfte noch etwas mehr als
die Geburt eines Prinzen von Wales zum Gelingen der von der
Jesuitenpartei entworfenen Pläne. Es war nicht anzunehmen, daß Jakob so
lange lebte, bis sein Sohn das zur Ausübung der königlichen Functionen
erforderliche Alter erreicht hatte. Das Gesetz hatte den Fall eines
minderjährigen Thronerben nicht vorgesehen, und der regierende
Landesherr war nicht berechtigt, für diesen Fall eine testamentarische
Verfügung zu treffen. Die gesetzgebende Versammlung allein konnte die
Lücke ausfüllen. Starb Jakob, bevor Letzteres geschehen war, und
hinterließ er einen Nachfolger von zarter Jugend, so mußte die höchste
Gewalt unfehlbar protestantischen Händen zufallen. Selbst diejenigen
Tories, welche am festesten an dem Grundsatze hingen, daß nichts sie zum
Widerstande gegen ihren Lehnsherrn berechtigen könne, würden gewiß kein
Bedenken getragen haben, das Schwert gegen ein papistisches Weib zu
ziehen, die es gewagt hätte, sich die Vormundschaft über das Reich und
über den jugendlichen Souverain anzumaßen. Der Ausgang eines Kampfes
konnte kaum zweifelhaft sein. Der Prinz von Oranien oder seine Gemahlin
wurde Regent und der junge König kam in die Hände ketzerischer Lehrer,
deren Kunstgriffe die Eindrücke, welche sein Gemüth in der Kinderstube
empfangen hatte, jedenfalls bald verwischten. Er konnte ein zweiter
Eduard VI. werden und der durch die Fürsprache der Mutter Gottes und der
heiligen Winifreda erlangte Segen konnte sich in Fluch verwandeln.[30]
Gegen eine solche Gefahr konnte nur eine Parlamentsacte schützen, und
eine solche Acte war nicht leicht zu erlangen.

    [Anmerkung 29: Citters, 28. Oct. (7. Nov.), 22. Nov. (2. Dec.)
    1687; die Prinzessin Anna an die Prinzessin von Oranien, 14. u.
    20. März 1687/8; Barillon, 1.(11.) Dec. 1687; +Revolution
    Politics+; das Gedicht: +„Two Toms and a Nat“+; Johnstone, 4.
    April 1688; +Secret Consults of the Romish Party in Ireland,
    1690+.]

    [Anmerkung 30: Die Besorgnisse des Königs über diesen Punkt werden
    von Ronquillo in einer Depesche vom 12.(22.) Dec. 1688 mit starken
    Farben geschildert: +„Un Principe de Vales y un Dogue de York y
    otro di Lochaosterna+ (vermuthlich Lancaster), +no bastan, a
    reducir la gente; porque el Rey tiene 54 años, y vendrá á morir,
    dejando los hijos pequeños, y que entonces el reyno se apoderará
    dellos, y los nombrará tutor, y los educará en la religion
    protestante, contra la disposicion que dejare el Rey, y la
    autoridad de la Reyna.“+]


[_Stimmung der Wahlkörper und der Peers._] Es schien Alles anzudeuten,
daß, wenn die Häuser einberufen werden sollten, sie von dem Geiste von
1640 beseelt nach Westminster kommen würden. Das Resultat der
Grafschaftswahlen konnte kaum zweifelhaft sein. Die ganze Masse der
Grundeigenthümer, hohe und niedere, geistlichen und weltlichen Standes,
waren gegen die Regierung heftig aufgebracht. In der großen Mehrzahl
derjenigen Städte, wo das Stimmrecht von der Entrichtung örtlicher
Steuern oder von dem Besitze eines Grundstücks abhängig war, hätte sich
kein höfisch gesinnter Kandidat blicken lassen dürfen. Ein sehr großer
Theil des Unterhauses wurde von Mitgliedern von Municipalcorporationen
gewählt. Diese Corporationen waren unlängst reorganisirt worden, um den
Einfluß der Whigs und der Dissenters zu zerstören, mehr als hundert
Wahlkörper waren durch der Krone ergebene Gerichtshöfe ihrer Freibriefe
beraubt oder doch veranlaßt worden, einer gewaltsamen Entziehung ihrer
Privilegien durch freiwilliges Aufgeben derselben zuvorzukommen. Jeder
Mayor, jeder Alderman, jeder Stadtschreiber von Berwick bis Helstone war
Tory und Anglikaner; aber Tories und Anglikaner waren jetzt dem
Souverain nicht mehr ergeben. Die neuen Municipalbehörden waren noch
unlenksamer als die früheren je gewesen waren, und sie wählten ohne
allen Zweifel solche Abgeordnete, deren erster parlamentarischer Act
eine Anklage gegen alle papistischen Geheimräthe und gegen alle
Mitglieder der Hohen Commission war.

Bei den Lords waren die Aussichten fast eben so trübe als bei den
Gemeinen. Es unterlag keinem Zweifel, daß die große Mehrzahl der
weltlichen Peers gegen die Maßregeln des Königs sein würden, und auf der
Bischofsbank, welche ihn vor sieben Jahren einstimmig gegen Diejenigen
unterstützt hatte, die ihn seines Geburtsrechtes berauben wollten,
konnte er nur auf den Beistand von vier oder fünf servilen Schmeichlern
rechnen, die von ihren Berufsgenossen wie von der ganzen Nation
verachtet wurden.[31]

Jedem, den die Leidenschaft nicht gänzlich verblendete, mußten diese
Hindernisse unübersteiglich erscheinen. Die gewissenlosesten Sklaven der
Gewalt ließen Zeichen von Besorgniß laut werden. Dryden äußerte, der
König werde durch seinen Versuch, die Sache besser zu machen, sie nur
verschlimmern, und er sehnte sich zurück nach den goldenen Tagen des
sorglosen und gutmüthigen Karl.[32] Selbst Jeffreys wurde schwankend. So
lange er arm war, war er stets bereit gewesen, um des Gewinns willen dem
bösen Leumunde und dem öffentlichen Hasse zu trotzen; aber er hatte sich
jetzt durch Bestechlichkeit und Erpressungen große Reichthümer erworben,
und es lag ihm mehr daran, sich den Besitz derselben zu sichern, als sie
noch zu vermehren. Seine Lauheit zog ihm einen strengen Verweis aus
königlichem Munde zu. Aus Furcht, das große Siegel zu verlieren,
versprach er Alles was von ihm verlangt wurde; Barillon aber bemerkte in
seinem hierauf bezüglichen Berichte an Ludwig, daß der König von England
sich selbst auf Diejenigen, die etwas zu verlieren hätten, nicht mehr
verlassen könne.[33]

    [Anmerkung 31: Drei damals entworfene Stimmlisten sind noch
    vorhanden; eine befindet sich in den französischen Archiven, die
    beiden anderen in den Archiven der Familie Portland. In diese
    Listen sind die Peers unter drei Rubriken eingetragen: Für
    Aufhebung des Testes, gegen die Aufhebung, und zweifelhaft. Nach
    der einen Liste waren 31 für, 86 gegen und 20 zweifelhaft; nach
    der zweiten 33 für, 87 gegen und 19 zweifelhaft; nach der dritten
    35 für, 92 gegen und 10 zweifelhaft. Abschriften der drei Listen
    befinden sich unter den Mackintosh-Manuscripten.]

    [Anmerkung 32: Im Britischen Museum befindet sich ein Brief von
    Dryden an Etherege vom Februar 1688. Ich entsinne mich nicht, ihn
    gedruckt gesehen zu haben. „Ach,“ sagt Dryden, „möchte doch unser
    König durch sein eignes Beispiel zu edler Muße aufmuntern, wie
    sein Vorgänger hochseligen Andenkens es that. Mich dünkt er wird
    mit all’ seinem Geschäftseifer die Angelegenheiten nicht
    fördern.“]

    [Anmerkung 33: Barillon, 29. Aug. (8. Sept.) 1687.]


[_Jakob beschließt, ein bestochenes Parlament zusammenzusetzen._] Trotz
alledem beschloß Jakob, seinen Weg beharrlich zu verfolgen. Die
Zustimmung eines freien und gesetzlichen Parlaments zu erlangen, war
offenbar unmöglich; aber nicht ganz unmöglich war es, durch Bestechung,
Einschüchterung, gewaltthätige Anwendung der Prärogative und
betrügerische Rechtsverdrehungen eine Versammlung zu Stande zu bringen,
die sich ein Parlament nennen konnte und bereit war, jeden Befehl des
Souverains als Gesetz zu registriren. Es mußten Wahlbeamte ernannt
werden, die den geringsten Vorwand benutzten, um Freunde des Königs für
rechtsgültig gewählt zu erklären. Jedem Angestellten, von den höchsten
bis zu den niedrigsten, mußte zu verstehen gegeben werden, daß, wenn er
sein Amt behalten wolle, er diesmal den Thron durch seine Stimme und
seinen Einfluß unterstützen müsse. Zu gleicher Zeit mußte die Hohe
Commission ein scharfes Auge auf die Geistlichkeit haben. Die Wahlorte,
welche erst kürzlich reorganisirt worden waren, um dem einen Zwecke zu
dienen, konnten noch einmal umgestaltet werden, um einem andren zu
dienen. Auf diese Weise hoffte der König im Hause der Gemeinen eine
Majorität zu erlangen. Das Oberhaus war dann ganz in seiner Gewalt, denn
er hatte das unbestrittene gesetzliche Recht, Peers nach seinem
Gutdünken zu ernennen, und er war fest entschlossen, von diesem Rechte
Gebrauch zu machen. Er wünschte zwar nicht, was auch kein Souverain
wünschen kann, die höchste Ehrenbezeigung, welche die Krone zu verleihen
vermag, werthlos zu machen; aber er schmeichelte sich mit der Hoffnung,
daß es ihm durch Einberufung einiger nächster Erben in die Versammlung,
in der sie doch früher oder später einmal ihren Sitz einnehmen mußten,
und durch Verleihung englischer Adelstitel an schottische und irische
Lords gelingen werde, sich eine Majorität zu sichern; ohne so viele
Leute in den Adelsstand erheben zu müssen, daß dadurch die Adelskrone
und der Hermelin an Ansehen verloren. Indessen hatte er sich
vorgenommen, im Nothfall auch zu den äußersten Mitteln zu greifen. Als
in einer zahlreichen Gesellschaft einmal die Meinung ausgesprochen
wurde, daß sich die Peers unfügsam zeigen würden, sagte Sunderland zu
Churchill: „Wie einfältig! Ihre Garde wird vor dem Hause der Lords
stehen.“[34]

Nachdem Jakob beschlossen hatte, ein corrumpirtes Parlament
zusammenzubringen, ging er energisch und planmäßig an die Ausführung. Es
erschien in der Gazette eine Proklamation, welche ankündigte, daß der
König sich entschlossen habe, die Bestallungen der Friedensrichter und
der Grafschaftsstatthalter einer Revision zu unterwerfen und daß nur
diejenigen Gentlemen im Staatsdienste bleiben sollten, welche geneigt
waren, seine Politik zu unterstützen[35]. Ein Ausschuß von sieben
Geheimräthen saß in Whitehall, um, wie man sich ausdrückte, die
Municipalkörperschaften zu reguliren. In diesem Ausschusse vertrat
Jeffreys allein das protestantische, Powis das gemäßigte katholische
Interesse. Alle anderen Mitglieder gehörten der jesuitischen Faction an.
Unter ihnen befand sich auch Petre, der in den Geheimen Rath vereidigt
worden war. Seine Ernennung war bis zum factischen Antritt dieser
Function vor Jedermann, mit alleiniger Ausnahme Sunderland’s, sorgfältig
geheim gehalten worden. Der öffentliche Unwille über diese abermalige
Verletzung des Gesetzes äußerte sich laut, und man bemerkte, daß die
Katholiken sie noch rücksichtsloser tadelten als die Protestanten. Der
eitle und ehrgeizige Jesuit war jetzt beauftragt, die Hälfte der
Wahlkörper des Reichs aufzulösen und neu zu organisiren.

    [Anmerkung 34: Lord Bradford, welcher anwesend war, erzählte dies
    Dartmouth; Note zu Burnet I. 755.]

    [Anmerkung 35: +London Gazette, Dec. 12, 1687+.]


[_Die Regulatoren._] Unter der Oberleitung des Ausschusses der
Geheimräthe stand ein aus thätigen Agenten untergeordneten Ranges
gebildeter Unterausschuß, der die Einzelheiten des Geschäfts zu
besorgen hatte, und im ganzen Lande waren örtliche Ausschüsse von
Regulatoren errichtet, welche mit dem Centralcomité in Westminster
correspondirten.[36]

Die Personen, auf deren Unterstützung Jakob bei diesem neuen
und schwierigen Unternehmen hauptsächlich rechnete, waren die
Lordlieutenants. Sie erhielten sämmtlich den schriftlichen Befehl, sich
unverweilt in ihre respectiven Grafschaften zu begeben. Dort sollten sie
alle ihre Stellvertreter und Friedensrichter vor sich laden und ihnen
eine Reihe Fragen vorlegen, um zu erfahren, wie sie sich bei einer
allgemeinen Wahl verhalten würden. Die Antworten sollten sie
niederschreiben und der Regierung einsenden. Ferner sollten sie ein
Verzeichniß derjenigen Katholiken und protestantischen Dissenters
anfertigen, welche für die Richterbank und für die Commandos in der
Miliz am geeignetsten erschienen. Auch sollten sie die Stimmung aller
Wahlorte der Grafschaft untersuchen und Berichte darüber einsenden,
welche den Regulatoren bei ihrer Arbeit als Leitfaden dienen konnten.
Schließlich war ihnen bedeutet, daß sie alle diese Pflichten in Person
zu vollziehen hätten und keine Stellvertreter mit der Ausführung
beauftragen dürften.[37]

    [Anmerkung 36: Bonrepaux an Seignelay, 14.(24.) Nov.; Citters,
    15.(25.) Nov.; +Lords’ Journals, Dec. 20. 1689+.]

    [Anmerkung 37: Citters, 28. Oct. (7. Nov.) 1687.]


[_Entlassung vieler Lordlieutenants._] Der erste Eindruck, den diese
Befehle machten, würde einen weniger verblendeten Fürsten als Jakob
sofort zur Besinnung gebracht haben. Die Hälfte der Lordlieutenants von
England verweigerten auf das Bestimmteste den gehässigen Dienst, den man
von ihnen verlangte. Sie wurden auf der Stelle entlassen. Alle, welche
diese ihnen zum Ruhme gereichende Ungnade traf, waren hochangesehene
Peers, welche bisher als feste Stützen der Monarchie gegolten hatten.
Einige Namen der Liste verdienen besondere Erwähnung.


[_Der Earl von Oxford._] Der vornehmste Unterthan von England und, wie
die Engländer gern sagten, von ganz Europa, war Aubray de Vere, der
zwanzigste und letzte der alten Earls von Oxford. Sein Adelstitel
schrieb sich durch eine ununterbrochene Reihenfolge männlicher Ahnen aus
einer Zeit her, wo die Familien Howard und Seymour noch unbekannt waren,
wo die Nevilles und die Percy erst eine provinzielle Berühmtheit hatten
und wo selbst der große Name Plantagenet in England noch nicht gehört
worden war. Ein Oberhaupt des Hauses de Vere hatte bei Hastings ein
hohes Commando bekleidet, ein Andrer war mit Gottfried und Tancred über
Haufen erschlagener Moslems nach dem Grabe Jesu Christi gezogen. Der
erste Earl von Oxford war Minister Heinrich Beauclerc’s gewesen; der
dritte hatte sich unter den Lords ausgezeichnet, welche von Johann die
Magna Charta erpreßten; der siebente hatte bei Cressy und Poitiers
tapfer gefochten; der dreizehnte war unter vielen Glückswechseln das
Oberhaupt der Partei der Rothen Rose gewesen und hatte in der
entscheidenden Schlacht von Bosworth die Vorhut angeführt; der
siebzehnte hatte am Hofe der Königin Elisabeth geglänzt und sich einen
ehrenvollen Platz unter den älteren Meistern der englischen Dichtkunst
erworben; der neunzehnte war im Kampfe für den protestantischen Glauben
und für die Freiheit Europa’s unter den Mauern von Mastricht gefallen.
Sein Sohn Aubray, mit welchem der älteste und erlauchteste Adelsstamm,
den England je gesehen, erlosch, ein Mann von lockeren Sitten, aber von
harmlosem Charakter und artigen Manieren, war Lordlieutenant von Essex
und Oberst der Blauen. Er war von Natur nicht widersetzlich und es lag
in seinem Interesse, einen Bruch mit dem Hofe zu vermeiden, denn seine
Güter waren mit Schulden belastet und sein Commando ein sehr
einträgliches. Er wurde in das königliche Kabinet beschieden und eine
bündige Erklärung über seine Gesinnungen von ihm verlangt. „Sire,“
antwortete Oxford, „ich werde bis zum letzten Blutstropfen gegen alle
Feinde zu Eurer Majestät stehen; aber dies ist eine Gewissenssache, in
der ich Ihnen nicht willfahren kann.“ Er wurde augenblicklich seiner
Statthalterschaft und seines Commando’s entsetzt.[38]

    [Anmerkung 38: +Halstead’s Succinct Genealogy of the Family of
    Vere, 1685+; +Collins’s Historical Collections+. Siehe auch in den
    +Lords’ Journals+ und in +Jones’s Reports+ den Prozeß wegen des
    Earlthums Oxford im März und April 1625/26. Die Einleitung der
    Rede des Lordoberrichters Crew gehört zu den glänzendsten Proben
    der altenglischen Beredtsamkeit. Citters, 7.(17.) Febr. 1688.]


[_Der Earl von Shrewsbury._] Dem Hause de Vere, aber auch nur diesem,
stand an Alter und Glanz das Haus Talbot nach. Seit der Regierung
Eduard’s III. hatten die Talbot stets unter den Peers des Reichs
gesessen. Das Earlthum Shrewsbury war im funfzehnten Jahrhundert Johann
Talbot, dem Gegner der Jungfrau von Orleans, verliehen worden. Seine
Landsleute hatten seiner noch lange in Liebe und Verehrung als eines der
berühmtesten Krieger gedacht, welche auf dem europäischen Festlande ein
großes englisches Reich zu gründen versuchten. Der unerschütterliche
Muth, den er im Unglück gezeigt, hatten ihn zum Gegenstande einer
größeren Theilnahme gemacht als glücklichere Feldherren sie erweckt
haben, und sein Tod lieferte unsrer älteren Bühne den Stoff zu einer
ungemein ergreifenden Scene. Seine Nachkommen waren zwei Jahrhunderte
lang ein blühendes und ehrenvolles Geschlecht. Zur Zeit der Restauration
war Franz, der elfte Earl, ein Katholik, das Oberhaupt der Familie. Sein
Tod war von Umständen begleitet gewesen, die selbst in jenen zügellosen
Zeiten, welche unmittelbar auf den Sturz der puritanischen Partei
folgten, Abscheu und Mitleid erweckt hatten. Der Herzog von Buckingham
war im Laufe seiner leichtfertigen Liebeshändel einen Augenblick von der
Gräfin von Shrewsbury angezogen worden. Sie wurde leicht erobert. Ihr
Gemahl forderte den Verführer zum Zweikampfe und fiel. Einige sagten,
das pflichtvergessene Weib habe den Zweikampf in männlicher Verkleidung
mit angesehen. Andere wollten sogar wissen, sie habe den siegreichen
Geliebten ans Herz gedrückt, während sein Hemd noch vom Blute ihres
Gatten geröthet war. Die Titel des Ermordeten gingen auf seinen
unmündigen Sohn Karl über. Als der verwaiste Jüngling zum Manne
heranwuchs, ward es allgemein anerkannt, daß kein andrer junger Adeliger
Englands von der Natur so reich begabt sei. Er besaß ein einnehmendes
Äußere, einen ungemein sanften Character und einen solchen Schatz von
Talenten, daß er, selbst wenn er in einem niederen Stande geboren
gewesen wäre, sich ohne Zweifel zu einer hohen Stellung im Staate
emporgeschwungen haben würde. Alle diese natürlichen Vorzüge hatte er so
gut angewendet, daß er schon vor seiner Volljährigkeit für einen der
feinsten und kenntnißreichsten Gentlemen seiner Zeit galt. Für seine
Gelehrsamkeit sprechen die noch vorhandenen eigenhändigen Anmerkungen
von ihm zu Werken aus fast allen Zweigen der Literatur. Er sprach
Französisch wie ein Kammerherr des Königs Ludwig und Italienisch wie ein
Florentiner. Es war wohl natürlich, daß ein Jüngling von solchen Gaben
nach den Gründen forschte, aus denen seine Familie sich der
Staatsreligion nicht angeschlossen hatte. Er studirte sorgfältig die
Streitpunkte, theilte seine Zweifel Priestern seines eignen Glaubens
mit, legte deren Antworten Tillotson vor, erwog lange und aufmerksam die
beiderseitigen Gründe und erklärte sich nach einer zweijährigen genauen
Untersuchung zum Protestanten. Die anglikanische Kirche nahm den
erlauchten Convertiten freudig in ihren Schooß auf. Er genoß einer
großen Popularität, und diese nahm zu, als man erfuhr, daß der König
umsonst Bitten und Versprechungen an ihn verschwendet hatte, um ihn zu
dem Irrglauben zurückzuführen, den er abgeschworen. Der Character des
jungen Mannes entwickelte sich jedoch nicht in einer Weise, welche
Diejenigen, die an seiner Bekehrung den hauptsächlichsten Antheil
hatten, vollkommen befriedigte. Seine Sittlichkeit entging der
allgemeinen Ansteckung der modischen Ausschweifungen nicht. Der Stoß,
der seine Jugendvorurtheile zerstört, hatte zu gleicher Zeit alle seine
Überzeugungen erschüttert und ihn der schwankenden Leitung seiner
Gefühle preisgegeben. Aber wenn auch seine Grundsätze ihren Halt
verloren hatten, so waren doch die Triebfedern seines Handelns so edel,
sein Gemüth so sanft, sein Benehmen so freundlich und gewinnend, daß es
unmöglich war, ihn nicht zu lieben. Er wurde schon frühzeitig der König
der Herzen genannt und verlor in seinem langen, ereignißvollen und
bewegten Leben nie das Recht auf diese Bezeichnung.[39]

Shrewsbury war Lordlieutenant von Staffordshire und Oberst eines der
Kavallerieregimenter, die in Folge des Aufstandes im Westen errichtet
worden waren. Er weigerte sich jetzt, seine Thätigkeit durch die
Regulatoren bestimmen zu lassen und wurde deshalb seiner beiden Stellen
entsetzt.

    [Anmerkung 39: +Coxe’s Shrewsbury Correspondence+; +Mackay’s
    Memoirs+; +Life of Charles Duke of Shrewsbury, 1718+; +Burnet, I.
    762+; +Birch’s Life of Tillotson.+ In letzterem Werke findet der
    Leser einen Brief von Tillotson an Shrewsbury, der meiner Ansicht
    nach ein Muster von ernstem, freundschaftlichem und
    rücksichtvollem Tadel ist.]


[_Der Earl von Dorset._] Kein englischer Adeliger erfreute sich der
Volksgunst in einem reicheren Maße als Karl Sackville, Earl von Dorset.
Er war in der That ein merkwürdiger Mann. In seiner Jugend war er einer
der bekanntesten Wüstlinge der zügellosen Zeit gewesen, welche auf die
Restauration folgte. Er war der Schrecken der londoner Nachtwächter,
hatte manche Nacht auf der Wache zubringen müssen und zum mindesten
einmal eine Zelle in Newgate bewohnt. Seine Liebe zu Betty Morrice und
zu Lorchen Gwynn, die ihn ihren Karl I. zu nennen pflegte, hatte der
Stadt nicht wenig Stoff zur Unterhaltung und zum Ärgerniß gegeben.[40]
Doch bei all’ seinen Thorheiten und Lastern hatte er sich durch
hochherzigen Muth, durch scharfen Verstand und durch natürliche
Herzensgüte ausgezeichnet. Die Leute meinten, die Ausschweifungen, denen
er sich hingäbe, theile er mit dem ganzen Geschlechte der lebenslustigen
jungen Kavaliere, aber sein Mitgefühl für die Leiden der Menschheit und
die Großmuth, mit der er diejenigen, welche durch seine muthwilligen
Streiche verletzt wurden, zu entschädigen suchte, sei nur ihm allein
eigen. Seine Freunde wunderten sich darüber, daß das Publikum zwischen
ihm und ihnen einen Unterschied machte. „Der kann thun was er will,“
sagte Wilmot; „ihm geschieht nie etwas.“ Das Urtheil der Welt über
Dorset gestaltete sich noch günstiger, als er mit den Jahren und in der
Ehe gesetzter wurde. Jedermann pries seine herablassenden Manieren,
seine geistreiche Unterhaltung, sein weiches Gemüth und seine
Freigebigkeit. Man sagte es vergehe kein Tag, ohne daß eine bedrängte
Familie Ursache habe, seinen Namen zu segnen. Und doch war bei aller
seiner Herzensgüte sein Witz so beißend, daß Spötter, deren Sarkasmus
die ganze Stadt fürchtete, vor dem Sarkasmus Dorset’s zitterten. Alle
politischen Parteien achteten und liebten ihn; ihm selbst aber behagte
die Politik überhaupt nicht sonderlich. Hätte ihn die Nothwendigkeit zu
Anstrengungen gespornt, so würde er wahrscheinlich zu den höchsten
Posten im Staate gestiegen sein; aber er nahm schon durch seine Geburt
einen so hohen Rang ein und war dabei so reich, daß ihm viele
Beweggründe fehlten, welche die Menschen antreiben, sich mit den
öffentlichen Angelegenheiten zu befassen. Er nahm gerade nur so viel
Theil an parlamentarischen und diplomatischen Geschäften, als
hinreichte, um zu beweisen, daß ihm nichts weiter fehlte als die Lust
dazu, um mit Danby und Sunderland zu rivalisiren, und richtete seine
Thätigkeit auf Bestrebungen, die ihm besser zusagten. Gleich vielen
anderen Männern, welche mit großen natürlichen Fähigkeiten eine
angeborne und gewohnheitsmäßige Indolenz verbinden, wurde er ein
geistiger Genußmensch und ein Meister in allen unterhaltenden Zweigen
des Wissens, die man sich ohne ernstes Studium aneignen kann. Er war
anerkanntermaßen der beste Richter in der Malerei, der Sculptur, der
Baukunst und der Schauspielerkunst, den der Hof aufzuweisen hatte. In
Angelegenheiten der schönen Künste und Wissenschaften galt sein Urtheil
in allen Kaffeehäusern für unwiderruflich maßgebend. Mehr als ein
hübsches Theaterstück, das bei der ersten Aufführung durchfiel, wurde
lediglich durch seine Autorität gegen das Geschrei des ganzen Parterres
siegreich vertheidigt und bestand mit glücklichem Erfolge die zweite
Probe. St. Evremond und Lafontaine rühmten die feine Eleganz seines
französischen Styls. Noch nie hatte England einen solchen Gönner der
Literatur gehabt. Er übte seine Freigebigkeit mit eben so richtiger
Einsicht als liberaler Unparteilichkeit, keine Secte oder Faction wurde
dabei von ihm bevorzugt. Geniale Männer, welche durch literarische
Eifersucht oder durch Verschiedenheit ihrer politischen Meinung einander
entfremdet waren, stimmten in der Anerkennung seiner unparteiischen Güte
überein. Dryden gestand, daß Dorset’s fürstliche Freigebigkeit ihn vom
Untergange gerettet habe. Und dennoch wurden Montague und Prior, welche
Dryden durch beißende Satiren getadelt hatten, von Dorset ins
öffentliche Leben eingeführt, und das beste Lustspiel von Dryden’s
Todfeind, Shadwell, war auf Dorset’s Landsitze geschrieben. Hätte der
freigebige Earl sonst gewollt, so hätte er sehr gut mit Denen
rivalisiren können, deren Wohlthäter er zu sein sich begnügte, denn die
Verse, die er gelegentlich dichtete, zeigen bei aller unkünstlerischen
Form Spuren eines angebornen Genies, das bei sorgfältiger Pflege Großes
hätte schaffen können. In dem kleinen Bande seiner Werke finden sich
Lieder, welche die ungezwungene Lebendigkeit Suckling’s besitzen, und
kleine Satiren, deren glänzender Humor dem eines Butler nicht
nachsteht.[41]

Dorset war Lordlieutenant von Sussex und auf Sussex blickten die
Regulatoren mit besonders ängstlicher Spannung, denn in keiner andren
Grafschaft, Cornwall und Wiltshire ausgenommen, befanden sich so viele
kleine Wahlorte. Er erhielt Befehl, sich auf seinen Posten zu begeben.
Keiner von Denen, die ihn kannten, erwartete, daß er gehorchen werde. Er
gab eine Antwort, wie sie sich für ihn ziemte, und wurde bedeutet, daß
man seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Das allgemeine Interesse, das er
seinen vielen edlen und liebenswürdigen Eigenschaften verdankte, wurde
nicht wenig erhöht, als man erfuhr, daß er durch die Post einen anonymen
Brief erhalten hatte, worin ihm angekündigt wurde, daß, wenn er sich
nicht sofort den Wünschen des Königs füge, ihn all’ sein Geist und seine
Popularität nicht vor der Ermordung schützen werde. Eine ähnliche
Warnung erhielt auch Shrewsbury. Drohbriefe waren damals viel seltener
als sie es späterhin geworden sind, und man kann sich daher nicht
darüber wundern, daß das ohnehin schon aufgeregte Volk zu dem Glauben
geneigt war, die besten und edelsten Engländer seien wirklich für
papistische Dolche ausersehen.[42] Gerade zu der Zeit, als diese Briefe
in ganz London das Tagesgespräch bildeten, wurde der verstümmelte
Leichnam eines angesehenen Puritaners auf der Straße gefunden. Es zeigte
sich indessen bald, daß der Mörder die That nicht aus religiösen oder
politischen Beweggründen verübt hatte. Aber der erste Verdacht des
gemeinen Volkes fiel auf die Papisten. Die verstümmelten Überreste des
Ermordeten wurden in feierlicher Prozession nach dem Jesuitencollegium
im Savoy getragen und einige Stunden lang war die Furcht und Wuth der
Menge kaum weniger heftig als an dem Tage, wo Godfrey zu Grabe getragen
ward.[43]

Mit den übrigen Entlassungen muß ich mich kürzer fassen. Der Herzog von
Somerset, dem vor einigen Monaten schon sein Regiment wieder abgenommen
worden war, wurde nun auch seiner Stelle als Lordlieutenant des
Ostbezirks[44] von Yorkshire enthoben. Die Statthalterschaft des
Nordbezirks verlor der Viscount Fauconberg, die von Shropshire der
Viscount Newark und die von Lancashire der Earl von Derby, der Enkel des
tapferen Kavaliers, der auf dem Schlachtfelde sowohl als auf dem
Schaffot für das Haus Stuart dem Tode so muthig ins Auge geblickt hatte.
Der Earl von Pembroke, der unlängst der Krone gegen Monmouth treu und
tapfer gedient hatte, wurde in Wiltshire, der Earl von Rutland in
Leicestershire, der Earl von Bridgewater in Buckinghamshire, der Earl
von Thanet in Cumberland, der Earl von Northampton in Warwickshire, der
Earl von Abingdon in Oxfordshire, der Earl von Scarsdale in Derbyshire
abgesetzt. Scarsdale verlor außerdem auch sein Reiterregiment und seine
Stelle im Hofstaate der Prinzessin von Dänemark. Diese weigerte sich,
ihn aus ihren Diensten zu entlassen und gab nur einem peremptorischen
Befehle ihres Vaters nach. Der Earl von Gainsborough wurde nicht nur der
Statthalterschaft von Hampshire, sondern auch des Gouverneurpostens von
Portsmouth und des Wildmeisteramts im Neuen Forste entsetzt, zwei
Stellen, die er erst vor wenigen Monaten für fünftausend Pfund gekauft
hatte.[45]

Der König konnte keine angesehenen Lords und namentlich gar keine
protestantischen auftreiben, welche die erledigten Stellen anzunehmen
bereit waren. Man mußte zwei Grafschaften Jeffreys, einem Manne von sehr
jungem Adel und von geringem Grundbesitz, und zwei andere Preston, der
nicht einmal Peer von England war, zuertheilen. Die übrigen ihrer
Statthalter beraubten Grafschaften wurden fast ohne Ausnahme bekannten
Katholiken oder solchen Höflingen überwiesen, welche dem Könige im
Geheimen versprochen hatten, zur römisch-katholischen Kirche
überzutreten, sobald die Klugheit es ihnen gestatten würde.

    [Anmerkung 40: Der König war nur Lorchen’s Karl III. Ob Dorset
    oder Major Hart die Ehre hatte ihr Karl I. zu sein, ist eine
    streitige Frage. Meines Bedünkens scheint Dorset gegründeteren
    Anspruch auf diesen Vorzug zu haben. Siehe die gestrichene Stelle
    in Burnet I. 263, und Pepys’ Tagebuch vom 26. Oct. 1667.]

    [Anmerkung 41: +Pepys’s Diary+; Prior’s Widmung seiner Gedichte an
    den Herzog von Dorset; +Johnson’s Life of Dorset+; +Dryden’s Essay
    on Satire+ und seine Widmung des +Essay on Dramatic Poesy+.
    Dorset’s Liebe zu seiner Gattin und seine strenge eheliche Treue
    wird von dem ausschweifenden Narren Sir Georg Etherege in seinen
    Briefen aus Regensburg vom 9.(19.) Dec. 1687 und 16.(26.) Jan.
    1688 mit höhnender Geringschätzung erwähnt; Shadwell’s Widmung
    zu seinem +Squire of Alsatia+; +Burnet I. 264+; +Mackay’s
    Characters.+ Einige Seiten von Dorset’s Character werden in
    seiner von Pope verfassten Grabschrift treffend angedeutet:

      Doch sanft war sein Herz, wenn auch streng sein Lied;

    und weiterhin:

      Ein glücklicher Hofmann, von Fürst und Land geliebt,
      Und dennoch treu der Freundschaft und der Muße.]

    [Anmerkung 42: Barillon, 9.(19.) Jan. 1688; Citters, Jan. 31.
    (Febr. 10.)]

    [Anmerkung 43: Adda, 3.(13.) u. 10.(20.) Febr. 1688.]

    [Anmerkung 44: Die Grafschaft York, die größte von England, wird
    in drei Bezirke (+Ridings+) eingetheilt.    D. Übers.]

    [Anmerkung 45: Barillon, 5.(15.), 8.(18.) u. 12.(22.) Dec. 1687;
    Citters, 29. Nov. (9. Dec.) u. 2.(12.) Dec.]


[_An die Obrigkeiten gerichtete Fragen, und Antworten darauf._] Endlich
wurde die neue Maschinerie in Bewegung gesetzt und bald kam aus allen
Gegenden des Landes die Nachricht von der vollständigen und
hoffnungslosen Niederlage. Der Katechismus, nach welchem die
Lordlieutenants die Gesinnungen der Landgentry erforschen sollten,
bestand aus drei Fragen. Jeder Magistratsbeamte und jeder Stellvertreter
des Lordlieutenants mußte gefragt werden, erstens ob er, im Fall er
gewählt würde, um im Parlamente zu dienen, für eine im Sinne der
Indulgenzerklärung gefaßte Bill stimmen wolle; zweitens ob er als Wähler
seine Stimme solchen Candidaten geben wolle, die sich verpflichteten,
für eine derartige Bill zu stimmen; und drittens ob er als Privatmann
die wohlwollenden Zwecke des Königs fördern wolle, indem er mit Leuten
jeder religiösen Überzeugung in Frieden lebte.[46]

Sobald diese Fragen bekannt geworden waren, wurde ein mit seltener
Geschicklichkeit entworfenes Antwortformular im ganzen Lande verbreitet
und allgemein angenommen. Es lautete folgendermaßen: „Im Fall mir die
Ehre zu Theil werden sollte, einen Sitz im Hause der Gemeinen
einzunehmen, werde ich als Mitglied dieses Hauses es für meine Pflicht
halten, die Gründe, welche für und gegen eine Indulgenzbill im Laufe der
Debatte geltend gemacht werden, sorgfältig zu erwägen, und dann nach
meiner gewissenhaften Überzeugung zu stimmen. Als Wähler werde ich meine
Stimme solchen Candidaten geben, deren Begriffe von den Pflichten eines
Volksvertreters mit meinen eigenen übereinstimmen. Als Privatmann hege
ich den Wunsch, mit Jedermann in Frieden und Eintracht zu leben.“

    [Anmerkung 46: Citters, 28. Oct. (7. Nov.) 1687; +Lonsdale’s
    Memoirs.+]


[_Scheitern der Pläne des Königs._] Diese Antwort, die noch viel
trotziger war als eine förmliche Weigerung, weil sie einen leichten
Anflug von milder und anständiger Ironie hatte, über die man sich nicht
wohl gereizt zeigen konnte, war Alles was die Emissäre des Hofes von den
meisten Landgentlemen erlangen konnten. Gegenvorstellungen,
Versprechungen und Drohungen wurden vergebens angewendet. Der Herzog von
Norfolk, obgleich Protestant und mit dem Verfahren der Regierung
unzufrieden, hatte sich zu ihrem Werkzeuge in zwei Grafschaften
hergegeben. Er begab sich zuerst nach Surrey, wo er aber bald sah, daß
er nichts ausrichten konnte.[47] Dann ging er nach Norfolk, von wo er
ebenfalls bald zurückkehrte, um dem Könige zu melden, daß ihm von
siebzig Gentlemen, welche in dieser großen Provinz öffentliche Ämter
bekleideten, nur sechs Hoffnung gemacht hätten, die Politik des Hofes zu
unterstützen.[48] Der Herzog von Beaufort, dessen Autorität sich über
vier englische Grafschaften und über das ganze Fürstenthum Wales
erstreckte, kam mit einem nicht minder niederschlagenden Berichte nach
Whitehall.[49] Rochester war Lordlieutenant von Hertfordshire. Sein
ganzer kleiner Schatz von Tugend war in dem Kampfe gegen die starke
Versuchung, seine Religion für Geld zu verkaufen, aufgezehrt worden; er
war noch durch einen Jahrgehalt von viertausend Pfund an den Hof
gebunden, und zum Dank dafür war er zu jedem wenn auch noch so
ungesetzlichen und erniedrigenden Dienste bereit, vorausgesetzt, daß man
nicht die Formalität einer Aussöhnung mit Rom von ihm verlangte. Er
hatte sich bereitwilligst der Aufgabe unterzogen, seine Grafschaft zu
bearbeiten, und er ging dabei, wie immer, mit übereilter Heftigkeit und
Gewaltthätigkeit zu Werke. Aber er verschwendete seinen Eifer vergebens
an die starrsinnigen Squires, mit denen er es zu thun hatte. Sie
erklärten ihm einstimmig, daß sie keinen Mann ins Parlament schicken
wollten, der für die Beseitigung der Schutzwehren des protestantischen
Glaubens stimmen würde.[50] Dieselbe Antwort erhielt der Kanzler auch in
Buckinghamshire.[51] Die Gentry von Shropshire weigerte sich in einer zu
Ludlow veranstalteten Zusammenkunft einhellig, sich durch das von dem
Könige verlangte Versprechen zu binden.[52] Der Earl von Yarmouth
berichtete aus Wiltshire, daß von sechzig Magistratsbeamten und
Statthaltersubstituten, mit denen er gesprochen, nur sieben eine
günstige Antwort gegeben hätten und daß man selbst diesen nicht trauen
könne.[53] Der Renegat Peterborough richtete eben so wenig in
Northamptonshire aus.[54] Nicht glücklicher war sein Genosse Dover in
Cambridgeshire.[55] Auch Preston brachte schlechte Nachrichten aus
Cumberland und Westmoreland; Dorsetshire und Huntingdonshire waren von
dem nämlichen Geiste beseelt. Der Earl von Bath kehrte nach langem
Stimmenwerben mit trostlosen Nachrichten aus dem Westen zurück. Er war
ermächtigt worden, den Bewohnern dieser Gegenden die verführerischesten
Anerbietungen zu machen. Insbesondere hatte er versprochen, daß, wenn
die Wünsche des Königs gebührend berücksichtigt würden, der Zinnhandel
von den auf ihm lastenden drückenden Beschränkungen befreit werden
solle. Aber dieser Köder, dem man zu einer andren Zeit nicht
widerstanden haben würde, wurde jetzt mit Verachtung zurückgewiesen.
Alle Friedensrichter und Statthaltersubstituten von Devonshire und
Cornwall erklärten ohne eine einzige Ausnahme, daß sie Gut und Blut für
den König opfern würden, daß aber die protestantische Religion ihnen
noch theurer sei als Gut und Blut. „Und,“ setzte Bath hinzu, „wenn Eure
Majestät alle diese Gentlemen absetzte, so würden ihre Nachfolger ganz
die nämliche Antwort geben“.[56] Wenn es irgend einen Bezirk gab, in
welchem die Regierung auf einen günstigen Erfolg hoffen durfte, so war
es Lancashire. Man hatte starke Zweifel gehegt, ob das Resultat in
dieser Provinz mit dem der meisten anderen Grafschaften übereinstimmen
werde. In keinem Theile des Landes gab es so viele reiche und angesehene
Familien, welche dem alten Glauben anhingen, und die Oberhäupter vieler
dieser Familien waren kraft der Dispensationsgewalt zu Friedensrichtern
und Commandanten der Miliz ernannt worden. Doch auch von dort meldete
der neue Lordstatthalter, selbst ein Katholik, daß zwei Drittel seiner
Substituten und der Magistratsbeamten dem Hofe feindlich gesinnt
seien.[57] Noch viel schmerzlicher verletzte das Ergebniß in Hampshire
den Stolz des Königs. Arabella Churchill hatte ihm vor mehr als zwanzig
Jahren einen Sohn geboren, der späterhin als einer der geschicktesten
Generäle Europa’s weit und breit berühmt wurde. Der junge Mann hieß
Jakob Fitzjames und bis dahin hatte noch nichts in ihm vermuthen lassen,
daß er sich einst zu hoher Auszeichnung emporschwingen würde; aber sein
Character und sein Benehmen waren so sanft und herzgewinnend, daß er
keinen Feind hatte, außer Marien von Modena, welche den Sohn der
Concubine schon seit langer Zeit mit dem bitteren Ingrimm einer
kinderlosen Gattin haßte. Ein kleiner Theil der jesuitischen Faction
hatte, bevor die Schwangerschaft der Königin angekündigt wurde, ganz
ernstlich daran gedacht, ihn als Kronprätendenten neben der Prinzessin
von Oranien aufzustellen.[58] Wenn man bedenkt, wie vollständig dem
Herzoge von Monmouth, obgleich das niedere Volk ihn für legitim hielt
und obgleich er der Vorkämpfer des nationalen Glaubens war, ein
ähnlicher Versuch mißlang, so muß es unbegreiflich erscheinen, wie ein
Mann durch den Fanatismus so ganz verblendet sein konnte, daß er nur auf
die Idee kam, einen jungen Menschen, der allgemein als ein papistischer
Bastard bekannt war, auf den Thron erheben zu wollen. Es läßt sich nicht
mit Gewißheit sagen, ob der König diesem albernen Plane seinen Beifall
zollte. Der junge Mann war übrigens als Prinz anerkannt und wurde mit
allen Auszeichnungen überschüttet, welche ein nicht aus königlichem
Blute entsprossener Unterthan nur irgend zu erlangen hoffen konnte. Er
war zum Herzog von Berwick erhoben worden und bekleidete jetzt mehrere
ehrenvolle und einträgliche Stellen, welche Edelleuten, die sich den
königlichen Befehlen nicht hatten fügen wollen, abgenommen worden waren.
Er war der Nachfolger des Earls von Oxford als Oberst der Blauen und des
Earls von Gainsborough als Lordlieutenant von Hampshire, Wildmeister des
Neuen Forstes und Gouverneur von Portsmouth. Berwick erwartete, daß ihn
an der Grenze von Hampshire, der Sitte gemäß, ein langer Zug von
Baronets, Rittern und Squires empfangen werde; aber nicht eine einzige
angesehene Person hatte sich zu seiner Begrüßung eingefunden. Er sendete
Schreiben aus, durch welche er die Gentry zu sich entbot, aber nur fünf
oder sechs beachteten diese Einladung. Die Übrigen warteten ihre
Entlassung gar nicht ab; sie erklärten im voraus, daß sie keinen Theil
an der Civil- oder Militairverwaltung ihrer Grafschaft haben möchten, so
lange der König daselbst durch einen Papisten vertreten sei, und legten
ihre Stellen freiwillig nieder.[59]

Sunderland, der an die Stelle des Earls von Northampton zum
Lordlieutenant von Warwickshire ernannt worden war, fand eine Ausflucht,
um nicht in diese Grafschaft zu gehen und die Entrüstung und Verachtung
der dortigen Gentry auf sich zu laden, und seine Entschuldigung wurde um
so bereitwilliger angenommen, da der König endlich einzusehen begann,
daß sich der Sinn der Landgentry nicht beugen ließ.[60]

Es muß bemerkt werden, daß Diejenigen, welche diesen trotzigen Sinn an
den Tag legten, nicht die alten Feinde des Hauses Stuart waren. Die
Listen der Friedensrichter und Statthaltersubstituten waren schon längst
von allen republikanischen Namen sorgfältig gesäubert. Die Männer, denen
die Regierung vergebens das Versprechen der Unterstützung abzuzwingen
versucht hatte, waren fast ohne Ausnahme Tories. Die älteren von ihnen
konnten noch Narben, welche von den Schwertern der Rundköpfe herrührten,
und Empfangsbescheinigungen über Silbergeschirr aufweisen, das sie
Karl I. in seiner Noth geschickt hatten. Die Jüngeren hatten gegen
Shaftesbury und Monmouth fest zu Jakob gehalten. Dies waren die Männer,
welche jetzt von dem nämlichen Fürsten, dem sie so glänzende Beweise von
treuer Anhänglichkeit gegeben hatten, in Masse ihrer Ämter entsetzt
wurden. Die Entlassung machte sie aber nur noch entschlossener; es war
bei ihnen zu einer heiligen Ehrensache geworden, in dieser Krisis fest
zusammenzuhalten. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß, wenn bei
der Stimmenzählung ehrlich zu Werke gegangen wurde, nicht ein einziger
der Regierungspolitik günstiger Grafschaftsabgeordneter gewählt werden
würde. Die Leute fragten einander daher mit nicht geringer Besorgniß, ob
man wohl erwarten könne, daß bei der Stimmenzählung ehrlich zu Werke
gegangen werden würde.

    [Anmerkung 47: Citters, 22. Nov. (2. Dec.) 1687.]

    [Anmerkung 48: Citters, 27. Dez. (6. Jan.) 1687/88.]

    [Anmerkung 49: +Ibid.+]

    [Anmerkung 50: Johnstone erwähnt zweimal, unterm 25. Nov. und
    unterm 8. Dec. 1687, den beleidigenden Eifer, den Rochester bei
    dieser Gelegenheit zeigte. Das Mißlingen seiner Bemühungen erwähnt
    Citters unterm 6.(16.) Dec.]

    [Anmerkung 51: Citters, 6.(16.) Dec. 1687.]

    [Anmerkung 52: +Ibid.+ 20.(30.) Dec. 1687.]

    [Anmerkung 53: Citters, 30. März (9. April) 1687.]

    [Anmerkung 54: +Ibid.+ 22. Nov. (2. Dec.) 1687.]

    [Anmerkung 55: +Ibid.+ 15.(25.) Nov. 1687.]

    [Anmerkung 56: +Ibid.+ 10.(20.) April 1688.]

    [Anmerkung 57: Die ängstliche Spannung wegen Lancashire erwähnt
    Citters in einer Depesche vom 18.(28.) Nov. 1687, das Resultat in
    einer vier Tage später datirten.]

    [Anmerkung 58: Bonrepaux, 11.(21.) Juli 1687.]

    [Anmerkung 59: Citters, 3.(13.) Febr. 1688.]

    [Anmerkung 60: Citters, 5.(15.) April 1688.]


[_Liste der Sheriffs._] Mit Ungeduld sah man der Liste der Sheriffs für
das neue Jahr entgegen. Sie erschien, während die Lordlieutenants noch
auf ihrer Werbungsreise begriffen waren, und wurde mit einem allgemeinen
Schrei des Zornes und Unwillens aufgenommen. Die Mehrzahl dieser
Beamten, welche bei den Grafschaftswahlen die Oberleitung hatten, waren
entweder Katholiken oder protestantische Dissenters, die ihre Zustimmung
zur Indulgenzerklärung ausgesprochen hatten.[61] Eine Zeit lang hegte
man die schlimmsten Befürchtungen, die aber bald wieder schwanden. Man
hatte guten Grund, anzunehmen, daß über einen gewissen Punkt hinaus der
König auch nicht auf die Unterstützung der seiner eigenen Kirche
angehörenden Sheriffs rechnen könne.

    [Anmerkung 61: +London Gazette, Dec. 5. 1687+; Citters, 6.(16.)
    Dec.]


[_Character der katholischen Landgentlemen._] Zwischen dem katholischen
Höflinge und dem katholischen Landgentleman herrschte nur sehr geringe
Sympathie. Die in Whitehall dominirende Cabale bestand theils aus
Fanatikern, welche zum Zwecke der Verbreitung ihres Glaubens bereit
waren, alle Gesetze der Moral über den Haufen zu werfen und die ganze
Welt in eine heillose Verwirrung zu stürzen, theils aus Heuchlern,
welche um des Gewinnes willen von dem Glauben, in dem sie erzogen
worden, abgefallen waren und die jetzt den allen Neubekehrten eigenen
Eifer auf die Spitze trieben. Sowohl die Fanatiker als auch die Heuchler
am Hofe hatten zum größten Theil keine Spur von englischer
Anschauungsweise. In einigen von ihnen hatte die unbedingte Hingebung
für ihre Kirche alles Nationalgefühl erstickt; andere waren Irländer,
deren Patriotismus in einem tödtlichen Hasse gegen die sächsischen
Eroberer Irlands bestand; noch andere waren Verräther, die von einer
auswärtigen Macht einen regelmäßigen Sold bezogen, und wieder andere
hatten einen großen Theil ihres Lebens im Auslande zugebracht, und waren
entweder bloße Kosmopoliten oder hegten einen positiven Widerwillen
gegen die Sitten und Staatseinrichtungen des Landes, das sie jetzt zu
regieren hatten. Diese Leute hatten mit einem noch der alten Kirche
anhängenden Gutsbesitzer von Cheshire oder Staffordshire kaum irgend
etwas gemein. Er war weder Fanatiker noch Heuchler, er war Katholik,
weil sein Vater und Großvater Katholiken gewesen waren, und er hing an
seinem ererbten Glauben, wie die Menschen in der Regel an demselben
hängen, aufrichtig aber ohne sonderliche Begeisterung. In jeder andren
Beziehung war er nichts weiter als eben ein englischer Squire, der sich
von den benachbarten Squires höchstens dadurch unterschied, daß er noch
etwas ungebildeter und bäuerischer war als sie. Die auf ihm lastenden
Ausschließungen hatten ihn verhindert, sich bis zu der allerdings selbst
nur mäßig hohen Bildungsstufe zu erheben, auf der die meisten
protestantischen Landgentlemen standen. Als Knabe von Eton und
Westminster, als Jüngling von Oxford und Cambridge, als Mann vom
Parlament und von der Richterbank ausgeschlossen, vegetirte er still und
ruhig hin, wie die Ulmen der Allee, die zu dem ererbten Meierhofe seiner
Vorfahren führte. Seine Kornfelder, seine Milchwirthschaft, seine
Ciderpresse, seine Jagdhunde, seine Angelruthe und seine Flinte, sein
Bier und sein Tabak beschäftigten fast allein seine Gedanken. Mit seinen
Nachbarn stand er trotz der Glaubensverschiedenheit in der Regel auf
gutem Fuße. Sie kannten ihn als einen harmlosen Mann ohne Ehrgeiz, er
stammte fast durchgängig aus einer guten und alten Familie und war immer
ein Kavalier. Er drang Niemandem seine persönlichen Ansichten auf und
wurde Niemandem lästig damit, er quälte nicht, wie ein Puritaner, sich
selbst und Andere mit Gewissensskrupeln über alle Genüsse des Lebens; im
Gegentheil, er war ein eben so leidenschaftlicher Jagdliebhaber und ein
eben so heiterer Gesellschafter als irgend Einer, der den Suprematseid
und die Erklärung gegen die Transsubstantiation angenommen hatte. Er
ging mit seinen Nachbarsquires auf die Jagd, hielt bis zum Hallali bei
ihnen aus und nahm sie nach beendeter Jagd mit sich nach Hause zu einer
Wildpretpastete und zu einem Kruge Octoberbier, das seine vier Jahre auf
Flaschen lag. Die Bedrückungen, die er erduldet, waren nicht so arg, daß
sie ihn zu einem verzweifelten Entschlusse hätten treiben können; selbst
als seine Kirche schonungslos verfolgt wurde, waren sein Leben und sein
Eigenthum nicht in großer Gefahr. Der schamloseste falsche Zeuge würde
es schwerlich gewagt haben, der Wahrheit so frech ins Gesicht zu
schlagen, daß er ihn beschuldigt hätte, ein Verschwörer zu sein. Die
Papisten, welche Oates zu seinen Angriffen auswählte, waren Peers,
Prälaten, Jesuiten, Benedictiner, thätige politische Agenten, Juristen
mit ausgedehnter Praxis und Hofärzte. Der katholische Landgentlemen
konnte unter dem Schutze seiner Verborgenheit, seines leutseligen Wesens
und der Zuneigung seiner Umgebungen unbelästigt seine Ernte einbringen
und seine Waidtasche mit Wild füllen, während Coleman und Langhorne,
Whitbread und Pickering, Erzbischof Plunkett und Lord Stafford durch den
Strick oder durch das Beil starben. Eine Bande elender Schurken machte
zwar den Versuch, gegen Sir Thomas Gascoigne, einen bejahrten
katholischen Baronet in Yorkshire, eine Anklage auf Hochverrath zu
erheben, aber zwölf der besten Gentlemen des Westbezirks, die seinen
Lebenswandel kannten, hielten es nicht für möglich, daß ihr ehrenwerther
alter Bekannter Banditen zur Ermordung des Königs gedungen haben sollte,
und sprachen trotz mancherlei der Richterbank eben nicht zur Ehre
gereichender Versuche ein „Nichtschuldig“ aus. Wohl mochte es für das
Oberhaupt einer alten, angesehenen Familie in der Provinz ein
schmerzlicher Gedanke sein, daß er seines Glaubens wegen von ehrenvollen
Stellen und Ämtern ausgeschlossen war, zu deren Bekleidung Männer von
niedererer Herkunft und geringerem Vermögen für berechtigt gehalten
wurden; aber er hatte nicht Lust, Land und Leben im Kampfe gegen eine
erdrückende Übermacht auf’s Spiel zu setzen, und sein gerader, ächt
englischer Character würde, vor Mitteln, wie ein Petre und Tyrconnel sie
anwendeten, mit Abscheu zurückgebebt sein. Deshalb würde er jedoch eben
so bereitwillig, als irgend einer seiner protestantischen Nachbarn zur
Vertheidigung seines Vaterlandes gegen einen Einfall der Franzosen oder
irischen Papisten das Schwert um die Lenden gegürtet und die Pistolen in
die Halfter gesteckt haben. Dies war der allgemeine Character der
Männer, in denen Jakob jetzt die sichersten Werkzeuge zur Leitung der
Grafschaftswahlen zu erblicken glaubte. Er überzeugte sich jedoch bald,
daß sie nicht geneigt waren, sich durch einen ihm zu leistenden
schimpflichen und strafbaren Dienst die Achtung ihrer Nachbarn zu
verscherzen und Leben und Vermögen zu gefährden. Mehrere von ihnen
weigerten sich, Sheriffs zu werden, und von denen, welche die Ernennung
annahmen, erklärten viele, daß sie eben so gewissenhaft, als wenn sie
Mitglieder der Staatskirche wären, ihre Pflicht erfüllen, und keinen
Wahlcandidaten, der nicht eine wirkliche Stimmenmehrheit hätte, in’s
Parlament schicken würden.[62]

    [Anmerkung 62: Etwa zwanzig Jahre vor dieser Zeit sprach sich ein
    Jesuit über die eingezogene Lebensweise der katholischen Gentry
    Englands folgendermaßen aus: +„La nobilità Inglese, senon se
    legata in serviglio di Corte ò in opera di maestrato, vive, e godo
    il più dell’ anno a la campagna, ne’ suoi palagi e poderi, dove
    son liberi e padroni; è ciò tanto più sollecitamente i Cattolici
    quanto più utilmente, si come meno osservati colà.“ --
    L’Inghilterra descritta dal P. Daniello Bartoli. Roma, 1667.+

    „Viele von den papistischen Sheriffs,“ schrieb Johnstone, „sind
    begütert und erklären, daß man sich sehr irren würde, wenn man
    gefälschte Wahlen von ihnen erwartete. Die papistische Gentry,
    welche auf ihren Landgütern lebt, ist von der städtischen weit
    verschieden. Mehrere von ihnen haben es abgelehnt, Sheriffs oder
    Statthaltersubstituten zu werden.“ -- 8. Dec. 1687.

    Ronquillo sagt das Nämliche: +„Algunos Catolicos que fueron
    nombrados por sherifes se han excusado.“+ -- 9.(19.) Jan. 1688.
    Einige Monate später versichert er seinem Hof, daß die
    katholischen Landgentlemen gern zu einer Verständigung die Hand
    bieten würden, deren Grundbedingungen die Abschaffung der
    Strafgesetze und die Beibehaltung des Religionseides wären.
    +„Estoy informado,“+ sagt er, +„que los Catolicos de las
    provincias no lo reprueban, pues no pretendiendo oficios, y siendo
    solo algunos de la Corte los provechosos, les parece que mejoran
    su estado, quedando seguros ellos y sus descendientes en la
    religion, en la quietud, y en la seguridad de sus haciendas.“+ --
    23. Juli (2. Aug.) 1688.]


[_Stimmung der Dissenters._] Konnte der König schon auf seine
katholischen Sheriffs wenig rechnen, so konnte er sich noch viel weniger
auf die puritanischen verlassen. Seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung waren mehrere Monate verflossen, Monate voll
wichtiger Ereignisse und fortwährender Streitigkeiten. Die öffentliche
Besprechung der Angelegenheiten hatte vielen Dissenters die Augen
geöffnet, aber die Maßregeln der Regierung, und vorzugsweise das strenge
Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium, hatte mehr als selbst die
Feder eines Halifax dazu beigetragen, alle Klassen der Protestanten
aufzurütteln und zu vereinigen. Die meisten von den Sectirern, die sich
hatten verleiten lassen, ihren Dank für die Indulgenz auszudrücken,
schämten sich jetzt ihres Irrthums und wünschten sehnlichst, ihn dadurch
wieder gut zu machen, daß sie sich der großen Masse ihrer Landsleute
anschlossen.


[_Regulirung der Corporationen._] In Folge dieses Umschwungs in den
Gesinnungen der Nonconformisten stieß die Regierung in den Städten auf
fast eben so große Schwierigkeiten, wie auf dem platten Lande. Als die
Regulatoren ihre Arbeit begannen, hatten sie fest darauf gerechnet, daß
jeder Dissenter, der sich zu Gunsten der Indulgenz ausgesprochen hatte,
auch die Politik des Königs unterstützen werde. Sie waren daher
überzeugt, daß sie im Stande sein würden, alle Municipalämter des
Königreichs mit zuverlässigen Freunden zu besetzen. In den neuen
Städteordnungen hatte sich die Krone das Recht vorbehalten,
Magistratsbeamte nach ihrem Belieben zu entlassen. Dieses Recht wurde
jetzt ohne alle Beschränkung ausgeübt. Durchaus nicht so klar war es
jedoch, daß Jakob auch das Recht hatte, neue Magistratsbeamte zu
ernennen; aber mochte es ihm nun zustehen oder nicht, er beschloß, es
sich zu nehmen. Allenthalben, vom Tweed bis Landsend, wurden
toryistische Beamte abgesetzt und Presbyterianer, Independenten und
Baptisten an ihrer Stelle ernannt. In dem neuen Freibriefe der
Hauptstadt hatte sich die Krone das Recht vorbehalten, alle Vorsteher,
Pfleger und Beisitzer der Innungen zu entlassen. In Folge dessen wurden
über achthundert angesehene Bürger, sämmtlich Mitglieder der Partei, die
sich der Ausschließungsbill widergesetzt hatte, durch einen einzigen
Erlaß ihrer Ämter enthoben. Bald darauf erschien ein Nachtrag zu dieser
langen Liste.[63] Aber die neuen Angestellten waren kaum vereidigt, so
zeigte es sich, daß sie eben so unfügsam waren, als ihre Vorgänger. In
Newcastle am Tyne ernannten die Regulatoren einen katholischen Mayor und
puritanische Aldermen. Man zweifelte keinen Augenblick, daß die so
umgestaltete Municipalbehörde eine Adresse beschließen werde, in der sie
die Maßregeln des Königs zu unterstützen versprach. Die Adresse wurde
jedoch verweigert. Der Mayor reiste wüthend nach London und sagte dem
Könige, die Dissenters seien alle Schurken und Rebellen und die
Regierung könne in der ganzen Corporation auf nicht mehr als vier
Stimmen rechnen.[64] In Reading wurden vierundzwanzig toryistische
Aldermen entlassen und vierundzwanzig neue ernannt. Von diesen erklärten
sich dreiundzwanzig sofort gegen die Indulgenz und wurden deshalb
ebenfalls wieder entlassen.[65] Im Laufe weniger Tage wurde der
Stadtbezirk von Yarmouth nacheinander durch drei verschiedene
Magistratskörper verwaltet, welche sämmtlich dem Hofe gleich feindlich
gesinnt waren.[66] Dies sind nur einzelne Beispiele von dem was im
ganzen Lande geschah. Der holländische Gesandte berichtete an die
Generalstaaten, daß in manchen Städten die Magistratsbeamten in einem
Monate zwei und selbst dreimal, aber dennoch vergebens gewechselt worden
seien.[67] Aus den Acten des Geheimen Raths geht hervor, daß die Zahl
der Regulationen, wie sie genannt wurden, zweihundert überstieg.[68] Die
Regulatoren fanden in der That, daß in nicht wenigen Städten die
Veränderung eine Verschlimmerung war. Die mißvergnügten Tories hatten,
wenn sie auch über die Politik des Königs murrten; doch wenigstens stets
Achtung für seine Person und seinen Thron an den Tag gelegt und jeden
Gedanken an Widerstand verworfen. Ganz anders war die Sprache einiger
neuen Mitglieder der Corporationen. Man sagte, daß alte Soldaten der
Republik, welche zu ihrem eignen wie zum Erstaunen des Publikums zu
Aldermen ernannt worden waren, den Agenten des Hofes deutlich zu
verstehen gäben, es müsse erst Blut fließen, bevor Papismus und
Willkürgewalt in England zur Herrschaft gelangten.[69]

Die Regulatoren sahen, daß mit dem was sie bis jetzt gethan hatten,
wenig oder nichts gewonnen war. Es gab indessen noch ein Mittel, aber
auch nur dieses eine, durch das sie hoffen konnten ihren Zweck zu
erreichen. Die Gemeindeordnungen der Wahlflecken mußten zurückgezogen
und durch neue ersetzt werden, welche das Wahlrecht auf sehr kleine, vom
König zu ernennende Wahlkörper beschränkten.[70]

Aber wie war dieser Plan auszuführen? In einigen der neuen Freibriefe
hatte sich die Krone zwar das Recht der Wiederentziehung vorbehalten,
aber die übrigen konnte Jakob nur durch freiwillige Zurückgabe von
Seiten der Corporationen oder durch einen Ausspruch der Kings Bench
wieder in die Hand bekommen. Aber nur wenige Corporationen waren jetzt
geneigt, ihre Gemeindeordnungen freiwillig aufzugeben, und ein
Richterspruch, wie er den Zwecken des Hofes diente, war selbst von einem
Sklaven wie Wright nicht zu erwarten. Die Quo-Warranto-Erlasse,[71]
welche vor einigen Jahren erschienen waren, um die Whigpartei zu
vernichten, waren von allen Unparteiischen einhellig verdammt worden.
Doch hatten diese Erlasse wenigstens einen Anschein von Recht für sich,
denn sie waren gegen alte Municipalkörper gerichtet, und unter diesen
gab es wenige, in denen im Laufe der Zeit nicht Mißbrauche eingerissen
waren, welche genügenden Anhalt zu einem Prozeßverfahren darboten. Die
Corporationen aber, welche jetzt angegriffen wurden, befanden sich noch
im Alter der kindlichen Unschuld, die ältesten von ihnen hatten kaum ihr
fünftes Lebensjahr erreicht, und es war unmöglich, daß viele von ihnen
schon so schwer gesündigt haben sollten, daß sie eine Zurücknahme ihrer
Privilegien verdienten. Den Richtern selbst war nicht wohl zu Muthe. Sie
gaben zu bedenken, daß das, was man von ihnen verlange, den einfachsten
und klarsten Grundsätzen des Rechts und der Gerechtigkeit schnurstracks
zuwiderlaufe; aber alle Vorstellungen waren umsonst. Die Wahlorte wurden
zur Rücksendung ihrer Freibriefe aufgefordert. Einige wenige kamen der
Aufforderung nach; aber das Verfahren, welches der König gegen diese
wenigen einschlug, war eben nicht geeignet, bei den anderen Vertrauen zu
erwecken. In mehreren Städten wurde der Gesammtbürgerschaft das
Wahlrecht entzogen und auf eine kleine Anzahl Personen beschränkt und
diese mußten sich eidlich verpflichten, die von der Regierung
empfohlenen Candidaten zu unterstützen. In Tewkesbury zum Beispiel wurde
das Wahlrecht dreizehn Personen übertragen. Doch selbst diese Anzahl war
noch zu groß. Haß und Furcht hatten sich so weit verbreitet, daß es kaum
möglich war, auch durch die unredlichsten Mittel nur dreizehn Männer zu
finden, auf die sich der Hof unbedingt verlassen konnte. Es hieß, daß
die Mehrheit des neuen Wahlkörpers von Tewkesbury von dem nämlichen
Sinne beseelt sei, welcher in der ganzen Nation überwiege, und daß
derselbe an dem entscheidenden Tage zuverlässige Protestanten in’s
Parlament schicken werde. Die Regulatoren drohten in heftigem Zorne, die
Zahl der Wähler auf drei zu reduciren.[72] Inzwischen weigerte sich die
große Mehrzahl der Wahlorte entschieden, ihre Privilegien aufzugeben.
Barnstaple, Winchester und Buckingham zeichneten sich durch die Kühnheit
ihres Widerstandes besonders aus. In Oxford wurde der Antrag, daß die
Stadt ihr Wahlrecht dem Könige zurückgeben solle, mit achtzig gegen zwei
Stimmen verworfen.[73] Der Tempel und Westminsterhall kamen durch die
plötzliche Häufung von Aufträgen aus allen Theilen des Landes in
ungewohnte Bewegung. Jeder Advokat von bedeutender Praxis erhielt
Vollmachten über Vollmachten von den städtischen Corporationen, und die
gewöhnlichen Clienten beklagten sich, daß ihre Angelegenheiten
vernachlässigt würden.[74] Es lag auf der Hand, daß eine geraume Zeit
darüber hingehen mußte, ehe eine so große Anzahl Prozesse entschieden
werden konnten. Diese Verzögerung war der Tyrannei unerträglich. Es
wurde nichts unterlassen, um die widerspenstigen Wahlkörper durch
Drohungen zur Unterwerfung zu bringen. In Buckingham hatten einige
Municipalbeamten sich in nicht eben lobender Weise ausgesprochen. Man
machte ihnen den Prozeß und kündigte ihnen an, daß mit schonungsloser
Strenge gegen sie verfahren werden würde, wenn sie sich nicht durch
Herausgabe ihres Freibriefs loskauften.[75] In Winchester griff man zu
noch strengeren Gewaltmaßregeln. Eine bedeutende Truppenabtheilung wurde
in die Stadt gelegt, einzig und allein zu dem Zwecke, die Einwohner zu
belästigen und zu quälen.[76] Die Stadt blieb fest und die öffentliche
Stimme beschuldigte den König laut, daß er die schlimmsten Verbrechen
seines Bruders von Frankreich nachahme; die Dragonaden hätten begonnen,
sagte man. Man hatte auch wirklich Grund zu ernsten Besorgnissen. Jakob
war auf den Einfall gekommen, daß er den Widerstandsgeist einer
hartnäckigen Stadt nicht wirksamer brechen könne, als indem er den
Einwohnern Soldaten in’s Quartier legte. Er mußte wissen, daß diese
Maßregel sechzig Jahre früher heftigen Unwillen erregt und durch die
Bitte um Recht, ein Gesetz, das von den Engländern kaum weniger verehrt
wurde, als die Magna Charta, feierlichst für gesetzwidrig erklärt worden
war. Aber er hoffte von den Gerichtshöfen eine Erklärung zu erlangen,
daß selbst die Bitte um Recht die Prärogative nicht beschränken könne.
Er fragte in der That den Oberrichter der Kings Bench über diesen
Gegenstand um Rath;[77] aber das Resultat der Besprechung wurde geheim
gehalten, und in einigen Wochen gestalteten sich die Dinge so, daß eine
Furcht, welche noch stärker war, als selbst die vor der königlichen
Ungnade, sogar einen so servilen Mann wie Wright bewog, ein wenig
einzuhalten.

    [Anmerkung 63: +Privy Council Book, Sept. 25. 1687, Febr. 21,
    1687/88+.]

    [Anmerkung 64: Acten der Corporation, angeführt in +Brand’s
    History of Newcastle+; Johnstone, 21. Febr. 1687/88.]

    [Anmerkung 65: Johnstone, 21. Febr. 1687/88.]

    [Anmerkung 66: Citters, 14.(24.) Febr. 1688.]

    [Anmerkung 67: Citters, 1.(11.) Mai 1688.]

    [Anmerkung 68: Am Rande der Geheimrathsacten findet man die
    Bemerkung „Zweite Regulation“ und „Dritte Regulation“, wenn ein
    Wahlkörper mehr als einmal umgestaltet worden war.]

    [Anmerkung 69: Johnstone, 23. Mai 1688.]

    [Anmerkung 70: Johnstone, 21. Febr. 1688.]

    [Anmerkung 71: Diese Erlasse, so genannt nach den beiden
    Anfangsworten +Quo warranto+, ordneten eine Untersuchung über die
    Rechtsbefugnisse an, auf welche sich die Privilegien einer
    Corporation gründeten, und wenn sich eine Unregelmäßigkeit fand,
    wurde der Freibrief entzogen.    D. Übers.]

    [Anmerkung 72: Johnstone, 21. Febr. 1688.]

    [Anmerkung 73: Citters, 20.(30.) März 1688.]

    [Anmerkung 74: +Ibid.+ 1.(11.) Mai 1688.]

    [Anmerkung 75: +Ibid.+ 22. Mai (1. Jun.) 1688.]

    [Anmerkung 76: +Ibid.+ 1.(11.) Mai 1688.]

    [Anmerkung 77: +Ibid.+ 18.(28.) Mai 1688.]


[_Untersuchung in allen öffentlichen Verwaltungszweigen._] Während die
Lordlieutenants die Friedensrichter ausforschten und die Regulatoren die
Wahlkörper umgestalteten, wurden alle Zweige des Staatsdienstes einer
strengen Untersuchung unterworfen. Zuerst wurde der Palast gesäubert.
Jeder mit Narben bedeckte alte Kavalier, der zum Ersatz für das der
Sache des Königs geopferte Blut und Grundeigenthum ein Ämtchen in der
königlichen Garderobe oder im Marstalle erhalten hatte, wurde
aufgefordert, zwischen dem Könige und der Kirche zu wählen. Die Zoll-
und Steuercommissare wurden zu Seiner Majestät ins Schatzamt beschieden,
hier das Versprechen von ihnen verlangt, daß sie seine Politik
unterstützen wollten, und ihnen bedeutet, daß sie allen ihren
Unterbeamten ein ähnliches Versprechen abzunehmen hätten.[78] Ein
Zollbeamter motivirte seine Unterwerfung unter den Willen des Königs in
einer Weise, welche Heiterkeit und zugleich Mitleid erregte. „Ich habe,“
sagte er, „vierzehn Gründe, die mich bestimmen, Seiner Majestät Befehlen
zu gehorchen: eine Frau und dreizehn unerzogene Kinder“.[79] Gegen
solche Gründe ließ sich allerdings nichts einwenden; dennoch aber kamen
nicht wenig Fälle vor, wo die religiösen und patriotischen Gefühle
selbst solche Gründe überwogen.

Man hat Grund zu der Vermuthung, daß die Regierung um diese Zeit
ernstlich mit dem Plane umging, einen Schlag zu führen, der viele
tausend Familien an den Bettelstab gebracht und auf die socialen
Zustände aller Landestheile störend eingewirkt haben würde. Niemand
durfte Wein, Bier oder Kaffee ohne Concession verkaufen. Es hieß nun,
daß jeder Inhaber einer solchen Concession demnächst aufgefordert werden
sollte, entweder dieselben Verpflichtungen einzugehen, welche den
öffentlichen Beamten auferlegt worden waren, oder sein Geschäft
aufzugeben.[80] Wäre ein solcher Schritt gethan worden, so würden ohne
allen Zweifel die Wirthshäuser und öffentlichen Vergnügungsorte im
ganzen Lande zu Hunderten geschlossen worden sein. Welche Wirkung ein
solcher Eingriff in die Lebensgenüsse aller Stände hervorgebracht haben
würde, läßt sich nur muthmaßen. Der durch Übel erzeugte Unwille steht
nicht immer im Verhältnisse mit der Wichtigkeit derselben, und es ist
durchaus nicht unwahrscheinlich, daß die Einziehung von
Schankconcessionen das bewirkt haben würde, was die Entziehung von
Freibriefen nicht bewirkt hatte. Die Vornehmeren würden ihr
Chokoladenhaus in St. James Street, die Geschäftsmänner ihre
Kaffeekanne, bei der sie in Change Alley zu rauchen und zu politisiren
pflegten, schmerzlich vermißt haben. Die Hälfte der Clubs hätte sich
neue Versammlungslokale suchen müssen. Der Reisende würde des Nachts den
Gasthof, in welchem er gewohnt war abzusteigen und seine Abendmahlzeit
einzunehmen, verödet gefunden haben. Der Landmann würde die Bierschenke
vermißt haben, wo er im Sommer auf der Bank vor der Thür, im Winter am
Kamin seinen Krug zu trinken gewohnt war. Es war leicht möglich, daß die
auf solche Art gereizte Nation sich zu einem allgemeinen Aufstande
erhob, ohne auf die Hülfe fremder Verbündeter zu warten.

    [Anmerkung 78: Citters, 6.(16.) April 1688; +Treasury Letter Book.
    March 14. 1687/88+; Ronquillo, 16.(26.) April.]

    [Anmerkung 79: Citters, 18.(28.) Mai 1688.]

    [Anmerkung 80: +Ibid.+ 18.(28.) Mai 1688.]


[_Entlassung Sawyer’s._] Es war nicht zu erwarten, daß ein Fürst, der
von allen niederen Dienern der Regierung bei Strafe der Entlassung
Unterstützung seiner Politik verlangte, einen Generalfiskal behalten
würde, dessen Abneigung gegen diese Politik kein Geheimniß war. Sawyer
hatte noch über anderthalb Jahr in seiner Stellung bleiben dürfen,
nachdem er sich gegen die Dispensationsgewalt erklärt hatte. Diese
ungewöhnliche Nachsicht verdankte er nur der außerordentlichen
Schwierigkeit, die es der Regierung machte, einen Nachfolger für ihn zu
finden. Es war um der pekuniären Interessen der Krone willen nothwendig,
daß wenigstens einer der beiden ersten Staatsanwälte ein talentvoller
und kenntnißreicher Mann war, und es war keineswegs leicht, einen diesen
Anforderungen genügenden Juristen zu bewegen, daß er sich durch das
tägliche Begehen von Handlungen, welche das nächste Parlament
wahrscheinlich als schwere Übertretungen und Verbrechen betrachtete,
sehr ernster Gefahr aussetzte. Es war nicht möglich gewesen, einen
besseren Generalprokurator als Powis aufzutreiben, ein Mann, der sich
zwar aus nichts ein Gewissen machte, der aber auch nicht einmal den
gewöhnlichsten Pflichten seines Postens gewachsen war. Unter diesen
Umständen hielt man es für wünschenswerth, die Arbeit zu theilen. Ein
Fiskal, dessen Berufstüchtigkeit durch Gewissensskrupel bedeutend
beeinträchtigt wurde, hatte einen Prokurator zur Seite, dessen
Gewissenlosigkeit seinen Mangel an Befähigung einigermaßen ersetzte.
Wenn es der Regierung um energische Durchführung des Gesetzes zu thun
war, so wendete sie sich an Sawyer; wollte sie das Gesetz mit Füßen
treten, so hielt sie sich an Powis. Dieses Arrangement wurde so lange
beibehalten, bis der König die Dienste eines Anwalts erlangte, der zu
gleicher Zeit noch gewissenloser als Powis und geschickter als Sawyer
war.


[_Williams Generalprokurator._] Keiner der damals lebenden Advokaten
hatte der Regierung giftiger opponirt als Wilhelm Williams. Er hatte
sich unter der vorigen Regierung als Whig und Exclusionist hervorgethan.
Als die Parteiwuth den höchsten Grad erreicht hatte, war er zum Sprecher
des Unterhauses erwählt worden. Nach der Prorogation des oxforder
Parlaments war er der gewöhnliche Rechtsbeistand der heftigsten
Demagogen gewesen, die des Aufruhrs angeklagt wurden. Er besaß
anerkanntermaßen bedeutende juristische Gewandtheit und Kenntnisse.
Unbesonnene Überstürzung und Parteigeist hielt man für seine
Hauptfehler; daß er noch andere Fehler hatte, in Vergleich mit denen die
genannten als Tugenden gelten konnten, ahnete man damals noch nicht. Die
Regierung suchte eine Gelegenheit, um ihm etwas anzuhaben, und es wurde
ihr nicht schwer, eine solche zu finden. Er hatte auf Befehl des Hauses
der Gemeinen einen von Dangerfield verfaßten erzählenden Bericht
herausgegeben. Hätte ein Privatmann diese Schrift veröffentlicht, so
würde sie unbestreitbar als ein aufrührerisches Libell zu betrachten
gewesen sein. Es wurde bei der Kings Bench eine Criminaluntersuchung
gegen Williams eingeleitet; er berief sich umsonst auf die Privilegien
des Parlaments und wurde zu einer Geldbuße von zehntausend Pfund
verurtheilt. Einen großen Theil dieser Summe bezahlte er baar und über
den Rest gab er eine Schuldverschreibung. Der Earl von Peterborough, der
in Dangerfield’s Erzählung in beleidigender Weise erwähnt war, wurde
durch den Erfolg der Criminaluntersuchung ermuthigt, eine Civilklage auf
eine bedeutende Entschädigungssumme anhängig zu machen. Williams gerieth
dadurch in die größte Verlegenheit. Da bot sich ihm ein rettender Ausweg
dar. Allerdings war es ein Ausweg, der einem Manne von festen
Grundsätzen und edlem Character noch schrecklicher gewesen sein würde,
als Armuth, Gefängniß und selbst Tod. Er konnte sich der Regierung
verkaufen, deren Feind und Opfer er gewesen war; er konnte sich
erbieten, bei jedem Angriffe auf die Freiheiten und die Religion, für
welche er einen maßlosen Eifer gezeigt hatte, den gefährlichsten Posten
zu übernehmen; er konnte seinen Whiggismus durch Dienste wieder gut
machen, vor denen selbst die eingefleischtesten Tories, an deren Händen
das Blut Russell’s und Sidney’s klebte, mit Abscheu zurückbebten. Der
Handel wurde abgeschlossen. Der noch schuldige Rest der Strafsumme wurde
erlassen und Peterborough durch Vermittelung des Königs zu einem
Vergleich bewogen. Sawyer wurde abgesetzt, Powis wurde Generalfiskal,
Williams wurde zum Generalprokurator ernannt, in den Adelstand erhoben
und war bald ein Günstling des Königs. Obgleich im Range nur der zweite
Kronjurist, gelang es ihm doch sehr bald, durch seine Gewandtheit,
Gelehrsamkeit und Energie seinen Vorgesetzten völlig in den Schatten zu
stellen[81].

Williams war noch nicht lange im Amte, als er aufgefordert wurde, in dem
denkwürdigsten Staatsprozesse, von dem die Annalen der britischen Justiz
berichten, eine Hauptrolle zu übernehmen.

    [Anmerkung 81: +London Gazette, Dec. 15. 1687+. Siehe den Prozeß
    gegen Williams in der +Collection of State Trials+. +„Ha hecho,“+
    sagt Ronquillo, +„grande susto el haber nombrado el abogado
    Williams, que fue el orador y el mas arrabiade de toda la casa des
    comunes en los ultimos terribles parlamentos del Rey difunto.“+
    27. Nov. (7. Dec.) 1687.]


[_Zweite Indulgenzerklärung._] Am 27. April 1688 erließ der König eine
zweite Indulgenzerklärung. In diesem Schriftstücke führte er die
Erklärung vom vorjährigen April in ihrer ganzen Länge auf. Sein
bisheriges Leben, sagte er dann, habe sein Volk überzeugen können, daß
er nicht der Mann sei, der sich von einem einmal gefaßten Beschlusse so
leicht abbringen lasse. Da aber heimtückische Menschen es versucht
hätten, die Welt glauben zu machen, daß man ihn doch noch zum Nachgeben
in dieser Angelegenheit werde bestimmen können, halte er es für nöthig,
zu erklären, daß sein Vorsatz unwiderruflich fest stehe, daß er
entschlossen sei, nur solche Männer anzustellen, welche bereit wären,
ihn bei der Ausführung seiner Pläne zu unterstützen, und daß er in
Gemäßheit dieses Entschlusses viele seiner ungehorsamen Diener von
Civil- und Militairämtern habe entheben müssen. Schließlich zeigte er
an, daß er spätestens im November ein Parlament einzuberufen gedenke,
und ermahnte seine Unterthanen, solche Vertreter in dasselbe zu wählen,
die ihn bei dem begonnenen großen Werke zu unterstützen geneigt
wären[82].

    [Anmerkung 82: +London Gazette, April 30. 1688+; Barillon, 26.
    April (6. Mai).]


[_Die Geistlichkeit erhält Befehl, sie von der Kanzel zu verlesen._]
Diese Erklärung machte anfangs nur wenig Sensation. Sie enthielt nichts
Neues und die Leute wunderten sich, daß der König es für nöthig hielt,
ein feierliches Manifest zu erlassen, blos um ihnen zu sagen, daß er
seinen Sinn nicht geändert habe[83]. Die Gleichgültigkeit, mit der die
Ankündigung seines festen Entschlusses vom Publikum aufgenommen wurde,
verdroß ihn wahrscheinlich und er glaubte ohne Zweifel, daß seine Würde
und Autorität leiden könnten, wenn er nicht unverzüglich etwas Neues und
Auffallendes thue. In Folge dessen verfügte er unterm 4. Mai durch einen
Geheimrathsbefehl, daß seine Erklärung von vergangener Woche an zwei
aufeinanderfolgenden Sonntagen beim öffentlichen Gottesdienste von den
dienstthuenden Geistlichen aller Kirchen und Kapellen des Reiches
verlesen werden solle. In London und seinen Vorstädten sollte die
Verlesung am 20. und 27. Mai, in den anderen Landestheilen am 3. und 10.
Juni stattfinden. Die Bischöfe waren angewiesen, Exemplare der Erklärung
in ihren respectiven Diöcesen zu vertheilen[84].

Wenn man berücksichtigt, daß die Geistlichen der anglikanischen Kirche
fast ohne Ausnahme die Indulgenzerklärung als eine Verletzung der
Landesgesetze, als einen Wortbruch des Königs und als einen
verderblichen Gewaltstreich gegen die Interessen und die Würde ihres
Standes betrachteten, so wird man schwerlich daran zweifeln können, daß
der Geheimrathsbefehl darauf berechnet war, als eine tiefe Kränkung von
ihnen empfunden zu werden. Man glaubte im Volke, daß Petre diese Absicht
durch ein der orientalischen Redeweise entlehntes rohes Gleichniß
ausgesprochen habe. Er sollte gesagt haben, er wolle sie Koth essen
lassen und zwar den abscheulichsten und ekelhaftesten Koth. Aber konnte
man annehmen, daß die anglikanische Geistlichkeit diesem tyrannischen
und gehässigen Befehle den Gehorsam verweigern werde? Der Character des
Königs war willkürlich und streng und das Verfahren der kirchlichen
Commission eben so summarisch wie das eines Kriegsgerichts. Wer sich
aufzulehnen wagte, konnte in Zeit von acht Tagen seiner Stelle entsetzt,
seines ganzen Einkommens beraubt, der ferneren Bekleidung jedes
geistlichen Amts unfähig erklärt und in die Nothwendigkeit versetzt
werden, von Haus zu Haus sein Brot zu erbetteln. Wenn der ganze Stand
sich einmüthig dem königlichen Willen widersetzte, dann war es
allerdings wahrscheinlich, daß selbst Jakob nicht den Muth haben würde,
zehntausend Schuldige auf einmal zu bestrafen. Aber zu einer allgemeinen
Verständigung in dieser Angelegenheit war keine Zeit. Am 7. Mai erschien
der Befehl in der Gazette und schon am 20. sollte die Erklärung von
allen Kanzeln Londons und dessen Umgegend verlesen werden. Er wäre
damals mit der größten Anstrengung nicht möglich gewesen, binnen
vierzehn Tagen die Ansichten nur des zehnten Theiles der im ganzen Lande
zerstreuten Pfarrgeistlichen einzuholen, ja nur die Stimmen der Bischöfe
hätten nicht leicht in so kurzer Zeit gesammelt werden können. Auch
stand zu befürchten, daß, wenn die Geistlichkeit das Verlesen der
Erklärung verweigerte, die protestantischen Dissenters die Weigerung
falsch auslegen, die Hoffnung, von den Mitgliedern der anglikanischen
Kirche Duldung zu erlangen, aufgeben und ihr ganzes Gewicht in die
Wagschale des Hofes werfen würden.

    [Anmerkung 83: Citters, 1.(11.) Mai 1688.]

    [Anmerkung 84: +London Gazette, Mai 7. 1688.+]


[_Die Geistlichkeit ist unschlüssig._] Die Geistlichkeit war daher
unschlüssig und diese Unschlüssigkeit läßt sich wohl entschuldigen, denn
einige hochgestellte Laien, welche das öffentliche Vertrauen in hohem
Maße genossen, waren geneigt, zur Unterwerfung zu rathen. Sie waren der
Meinung, ein allgemeiner Widerstand stehe kaum zu erwarten und ein
theilweiser werde für die Einzelnen verderblich und für die Kirche und
die Nation im Allgemeinen nur von geringem Nutzen sein. Dies war die
ausgesprochene Ansicht von Halifax und Nottingham. Der Tag rückte heran
und noch war keine Verständigung und kein bestimmter Entschluß
erzielt.[85]

    [Anmerkung 85: Johnstone, 27. Mai 1688.]


[_Patriotismus der protestantischen Nonconformisten Londons._] In diesem
Augenblicke erwarben sich die protestantischen Dissenters der Hauptstadt
einen Anspruch auf die ewige Dankbarkeit ihres Vaterlandes. Die
Regierung hatte sie bisher als einen Theil ihrer Stärke betrachtet.
Einige von ihren thätigsten und lautesten Predigern hatten, durch die
Gnadenbezeigungen des Hofes bestochen, Adressen zu Gunsten der Politik
des Königs zu Stande gebracht. Andere, welche durch die Erinnerung an
viele schwere Unbilden sowohl der anglikanischen Kirche als dem Hause
Stuart entfremdet waren, hatten mit boshafter Schadenfreude gesehen, wie
der tyrannische Fürst und die tyrannische Hierarchie durch bittere
Feindschaft von einander getrennt waren und sich gegenseitig überboten,
um den Beistand von Secten zu erlangen, die sie noch unlängst verfolgt
und verachtet hatten. Aber so natürlich dieses Gefühl auch sein mochte,
man hatte sich demselben lange genug hingegeben. Die Zeit war gekommen,
wo man eine Wahl treffen mußte, und die Nonconformisten traten in einer
hochherzigen Regung auf die Seite der Anglikaner, um gemeinschaftlich
mit ihnen die Grundgesetze des Reichs zu vertheidigen. Baxter, Bates und
Howe zeichneten sich durch ihre Anstrengungen, dieses Bündniß zu Stande
zu bringen, besonders aus; aber die edle Begeisterung, welche die
Gesammtheit der Puritaner beseelte, erleichterte ihnen die Aufgabe. Der
Eifer der Pfarrer wurde von dem ihrer Gemeinden noch übertroffen.
Diejenigen Presbyterianer- und Independentenprediger, welche Lust
zeigten, mit dem Könige Partei gegen die Landeskirche zu nehmen, wurden
nachdrücklich bedeutet, daß, wenn sie ihr Verfahren nicht änderten, ihre
Gemeinden sie fernerhin weder hören noch bezahlen würden. Alsop, der
sich mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, daß er im Stande sein werde,
einen großen Theil seiner Anhänger dem Könige zuzuführen, sah sich
plötzlich von Denen, die ihn kurz zuvor noch als ihren geistlichen
Führer verehrt hatten, verachtet und verabscheut, verfiel darüber in
eine tiefe Schwermuth und verbarg sich vor den Blicken der Welt. Bei
mehreren londoner Geistlichen erschienen Deputationen, um sie zu bitten,
daß sie die Masse der Dissenters nicht nach den kriechenden
Schmeicheleien beurtheilen möchten, welche kürzlich die Spalten der
Gazette gefüllt hätten, und forderten sie, als bei dem großen Kampfe in
vorderster Reihe stehend, auf, mit männlicher Tapferkeit für die
Freiheiten Englands und den den Heiligen überlieferten Glauben zu
streiten. Diese Versicherungen wurden freudig und dankend aufgenommen.
Unter Denen aber, die sich zu entscheiden hatten, ob sie am nächsten
Sonntage, den 20. Mai, dem Befehl des Königs nachkommen wollten
oder nicht, herrschte noch immer große Ängstlichkeit und
Meinungsverschiedenheit.


[_Berathung der londoner Geistlichkeit._] Die londoner Geistlichkeit,
welche damals allgemein als die Elite ihres Standes anerkannt war,
veranstaltete eine berathende Versammlung. Funfzehn Doctoren der
Theologie waren anwesend. Tillotson, Dechant von Canterbury, der
berühmteste Kanzelredner der damaligen Zeit, kam vom Krankenlager dahin.
Sherlock, Vorsteher des Tempels, Patrick, Dechant von Peterborough und
Oberpfarrer des wichtigen Kirchspiels St. Paul in Coventgarden, sowie
auch Stillingfleet, Archidiakonus von London und Dechant der St.
Pauls-Kathedrale, nahmen daran Theil. Die Versammlung im Allgemeinen
schien der Ansicht zu sein, daß es im Grunde doch gerathen sei, dem
Geheimrathsbefehl zu gehorchen. Der Streit begann hitzig zu werden und
hätte vielleicht schlimme Folgen haben können, wäre er nicht durch die
Festigkeit und Einsicht des Unterpfarrers von St. Giles, Cripplegate,
Doctor Eduard Fowler, beendigt worden. Dieser Mann gehörte zu der
kleinen aber ausgezeichneten Klasse von Theologen, welche die der Schule
Calvin’s eigene Liebe zur bürgerlichen Freiheit mit der Theologie der
Schule des Arminius verbanden[86]. Er erhob sich und sprach: „Ich will
offen meine Meinung sagen. Die Sache ist so klar und einfach, daß lange
Erörterungen kein neues Licht auf sie werfen können, sondern nur die
Leidenschaften aufregen müssen. Lassen Sie einem Jeden blos Ja oder Nein
sagen. Ich für meine Person kann mich durch das Votum der Majorität
nicht binden lassen. Es würde mir leid thun, wenn dadurch unsre
Einigkeit gestört werden sollte, aber mein Gewissen erlaubt mir nicht,
diese Erklärung zu verlesen.“ Tillotson, Patrick, Sherlock und
Stillingfleet erklärten, daß sie der nämlichen Meinung seien, und die
Majorität fügte sich einer so achtbaren Minorität. Es wurde ein Beschluß
schriftlich ausgefertigt, durch den sich alle Anwesenden gegen einander
verpflichteten, die Erklärung nicht zu verlesen. Patrick war der Erste,
der seinen Namen unterschrieb, Fowler der Zweite. Das Papier wurde dann
in der Stadt herumgeschickt und war bald von fünfundachtzig
Pfründeninhabern unterzeichnet[87].

Unterdessen beriethen sich mehrere Bischöfe in banger Sorge über das
einzuschlagende Verfahren. Am 12. Mai war ein ernster und gelehrter
Kreis um den Tisch des Primas zu Lambeth versammelt. Compton, Bischof
von London, Turner, Bischof von Ely, White, Bischof von Peterborough,
und Tenison, Oberpfarrer des Kirchspiels St. Martin, befanden
sich unter den Anwesenden. Der Earl von Clarendon, ein warmer und
unerschütterlicher Freund der Kirche, war ebenfalls eingeladen worden.
Cartwright, Bischof von Chester, drängte sich, wahrscheinlich als Spion,
in die Versammlung. So lange er anwesend war, konnten vertrauliche
Mittheilungen nicht stattfinden; nach seinem Weggange aber wurde die
große Frage, welche alle Gemüther erfüllte, zur Sprache gebracht und
erörtert. Die allgemeine Ansicht war, daß die Erklärung nicht verlesen
werden solle. An mehrere der achtbarsten Prälaten der Provinz Canterbury
wurden sogleich Briefe geschrieben, durch welche dieselben aufgefordert
wurden, unverzüglich nach London zu kommen, um ihren Metropoliten in
dieser Angelegenheit zu unterstützen[88]. Da man kaum zweifeln konnte,
daß diese Briefe geöffnet werden würden, wenn sie durch das Postamt in
Lombard Street gingen, so wurden sie bis zu den nächsten Poststationen
in den verschiedenen Richtungen durch reitende Boten befördert. Der
Bischof von Winchester, dessen Loyalität sich bei Sedgemoor so glänzend
erprobt hatte, beschloß trotz eines ernstlichen Unwohlseins der
Aufforderung nachzukommen und sofort abzureisen, sah aber, daß er die
Erschütterung des Fahrens nicht vertragen konnte. Der an Wilhelm Lloyd,
Bischof von Norwich, gerichtete Brief wurde ungeachtet aller
Vorsichtsmaßregeln von einem Postmeister zurückgehalten, und dieser
Prälat, welcher keinem seiner Amtsbrüder in Muth und Eifer für die
gemeinsame Sache seines Berufs nachstand, kam zu spät in London an[89].
Sein Namensvetter, Wilhelm Lloyd, Bischof von St. Asaph, ein frommer,
rechtschaffener und gelehrter Mann, aber von schwacher Urtheilskraft und
halb aufgerieben durch seine beharrlichen Anstrengungen, aus Daniel und
der Offenbarung einige Aufschlüsse über den Papst und den König von
Frankreich zu gewinnen, eilte nach der Hauptstadt und traf am
Sechzehnten ein[90]. Am nächstfolgenden Tage kamen auch der treffliche
Ken, Bischof von Bath und Wells, Lake, Bischof von Chichester, und Sir
Johann Trelawney, Bischof von Bristol, ein Baronet aus einer alten und
angesehenen Familie in Cornwall.

    [Anmerkung 86: Der verstorbene Alexander Knox, dieser
    ausgezeichnete Mann, dessen beredte Conversation und vortrefflich
    ausgearbeitete Briefe einen großen Einfluß auf die Gemüther seiner
    Landsleute ausübten, hat, wie ich vermuthe, vieles von seinem
    theologischen System und Fowler’s Schriften gelernt. Fowler’s Werk
    über den Zweck des Christenthums wurde von Johann Bunyan mit einer
    durch nichts zu rechtfertigenden Heftigkeit angegriffen, die sich
    nur durch die Herkunft und mangelhafte Erziehung des ehrlichen
    Kesselflickers einigermaßen entschuldigen läßt.]

    [Anmerkung 87: Johnstone, 23. Mai 1688. Es existirt ein
    satirisches Gedicht auf diese Versammlung betitelt: „Die
    geistliche Cabale.“]

    [Anmerkung 88: +Clarendon’s Diary, May 22. 1688.+]

    [Anmerkung 89: Auszug aus Tanner’s Handschriften in +Howell’s
    State Trials+; +Life of Prideaux+; +Clarendon’s Diary, May 16.
    1688+.]

    [Anmerkung 90: +Clarendon’s Diary, May 16 & 17. 1688+.]


[_Berathung im Palast zu Lambeth._] Am Achtzehnten wurde im Palast des
Primas zu Lambeth eine Versammlung von Prälaten und anderen
ausgezeichneten Theologen gehalten. Tillotson, Tenison, Stillingfleet,
Patrick und Sherlock waren dabei anwesend. Vor dem Beginn der Berathung
wurde eine feierliche Betstunde gehalten. Nach einer langen Besprechung
setzte der Erzbischof eigenhändig eine Petition auf, in der die
allgemeine Ansicht ausgesprochen war. Sie war nicht im elegantesten
Style abgefaßt. Sancroft zog sich durch den schwülstigen und unschönen
Periodenbau sogar spöttelnden Tadel zu, den er mit weniger Geduld
ertrug, als er bei viel härteren Prüfungen gezeigt hatte. Dem Inhalte
nach aber konnte nichts geschickter entworfen sein, als dieses
denkwürdige Actenstück. Man verwahrte sich entschieden gegen alle
Illoyalität und Intoleranz, versicherte dem König, daß die Kirche noch
immer, wie von jeher, dem Throne treu ergeben sei und daß die Bischöfe
seiner Zeit am geeigneten Orte als Lords des Parlaments und als
Mitglieder des Oberhauses der Convocation beweisen wurden, wie es ihnen
keineswegs an humaner Rücksicht auf die Gewissensbedenken der Dissenters
fehle. Aber das Parlament habe sowohl unter der vorigen wie unter der
gegenwärtigen Regierung ausgesprochen, daß der Souverain nach der
Verfassung nicht berechtigt sei, in kirchlichen Angelegenheiten von
Gesetzen zu dispensiren. Deshalb sei die Erklärung gesetzwidrig und
Klugheit, Ehre und Gewissen gestatte den Petenten nicht, sich bei der
feierlichen Veröffentlichung einer ungesetzlichen Erklärung im Hause
Gottes und während der Zeit des Gottesdienstes zu betheiligen.

Diese Petition wurde von dem Erzbischof und sechs seiner Suffraganen,
Lloyd von St. Asaph, Turner von Ely, Lake von Chichester, Ken von Bath
und Wells, White von Peterborough und Trelawney von Bristol,
unterzeichnet. Der Bischof von London unterzeichnete nicht mit, weil er
suspendirt war.


[_Die Petition der sieben Bischöfe dem Könige überreicht._] Es war spät
am Freitag Abend, und am Sonntag Morgen sollte die Erklärung in den
Kirchen von London verlesen werden. Die Petition mußte daher dem Könige
unverweilt überreicht werden. Die sechs Bischöfe brachen sofort nach
Whitehall auf; der Erzbischof, dem schon seit geraumer Zeit der Zutritt
bei Hofe untersagt war, begleitete sie nicht. Lloyd ließ seine fünf
Collegen im Hause des Lord Dartmouth in der Nähe des Palastes zurück,
begab sich zu Sunderland und bat den Minister, die Petition zu lesen und
sich zu erkundigen, wann der König geneigt sein werde, sie in Empfang zu
nehmen. Sunderland wollte, aus Furcht sich zu compromittiren, die
Petition gar nicht ansehen, begab sich aber sogleich ins königliche
Kabinet. Jakob befahl, die Bischöfe vorzulassen. Er hatte von seinem
Spion Cartwright erfahren, daß sie wohl geneigt wären, dem königlichen
Befehle zu gehorchen, aber einige kleine Änderungen in der Form
wünschten und eine unterthänige Bitte in diesem Sinne vorlegen wollten.
Seine Majestät war daher sehr gut gelaunt. Als die Prälaten vor ihm
knieten, bat er sie freundlich, aufzustehen, nahm das Papier, aus
Lloyd’s Händen und sagte: „Das ist Mylord Canterbury’s Hand.“ -- „Ja,
Sire, seine eigene Hand,“ war die Antwort. Jakob las die Petition, brach
sie dann zusammen und sprach, während seine Stirn sich verfinsterte:
„Dies ist eine große Überraschung für mich. Ich hätte dies von Ihrer
Kirche, insbesondere von einigen unter Ihnen, nicht erwartet. Das heißt
die Fahne des Aufruhrs aufpflanzen.“ Die Bischöfe ergossen sich in die
wärmsten Versicherungen ihrer Loyalität; der König aber wiederholte
seiner Gewohnheit nach die gesprochenen Worte von Anfang bis zu Ende.
„Ich sage Ihnen, es ist eine Fahne des Aufruhrs!“ -- „Des Aufruhrs?“
rief Trelawney auf die Knie fallend. „Um des Himmels willen, Sire,
sprechen Sie nicht so hart von uns. Ein Trelawney kann nie ein Rebell
werden. Erinnern Sie Sich, daß meine Familie für die Krone gekämpft hat,
erinnern Sie Sich, wie ich Eurer Majestät gedient habe, als Monmouth im
Westen war.“ -- „Wir haben den letzten Aufstand unterdrückt,“ sagte
Lake, „und wollen gewiß nicht einen neuen hervorrufen.“ -- „Wir,
Rebellen!“ rief Turner; „wir sind bereit, zu den Füßen Eurer Majestät zu
sterben.“ -- „Sire,“ hob jetzt Ken in einem männlicheren Tone an, „ich
hoffe, Sie werden uns die Gewissensfreiheit zugestehen, die Sie
Jedermann gewähren.“ Jakob aber wiederholte abermals: „Das ist Aufruhr!
das ist eine Fahne des Aufruhrs! Hat jemals ein guter Diener der
Staatskirche das Dispensationsrecht in Frage gestellt? Haben nicht
einige von Ihnen zu Gunsten desselben gepredigt und geschrieben? Ich
will durchaus, daß meine Erklärung verlesen werde!“ -- „Wir haben zwei
Pflichten zu erfüllen,“ erwiederte Ken, „unsre Pflicht gegen Gott und
unsre Pflicht gegen Eure Majestät. Wir ehren Sie, aber wir fürchten
Gott.“ -- „Habe ich das um Sie verdient?“ versetzte der König mit
wachsendem Zorne; „bin ich nicht stets ein Freund Ihrer Kirche gewesen?
Ich hätte dies nicht von Ihnen erwartet. Aber ich verlange Gehorsam.
Meine Erklärung muß verlesen werden. Sie sind die Trompeter des
Aufruhrs. Was wollen Sie hier? Gehen Sie in Ihre Diöcesen und sorgen Sie
dafür, daß meinen Befehlen gehorcht wird. Dieses Papier will ich
behalten. Sie bekommen es nicht zurück. Ich werde Sie, die
Unterzeichner, nicht vergessen.“ -- „Gottes Wille geschehe,“ sagte Ken.
-- „Gott hat mir die Dispensationsgewalt verliehen,“ fuhr der König
fort, „und ich werde sie zu behaupten wissen. Ich sage Ihnen, es sind
noch Siebentausend in Ihrer Kirche, die das Knie nicht vor dem Baal
gebeugt haben.“ Die Bischöfe entfernten sich ehrerbietig[91]. Noch den
nämlichen Abend erschien die Petition, die sie dem Könige überreicht
hatten, Wort für Wort, in Druck und wurde in allen Kaffeehäusern
ausgelegt und in den Straßen zum Verkauf ausgeboten. Allenthalben
standen die Leute aus den Betten wieder auf und gingen hinunter auf die
Straße, um zu sehen, was es gab. Man sagte, daß der Drucker binnen
wenigen Stunden durch dieses Pennyblatt tausend Pfund verdient habe.
Dies mag übertrieben sein, aber es beweist wenigstens, daß der Absatz
ungeheuer war. Wie die Petition in die Öffentlichkeit kam, ist noch
heute ein Geheimniß. Sancroft versicherte, daß er jede erdenkliche
Vorsicht beobachtet habe und von keinem andren Exemplare wisse, als von
dem, welches er selbst geschrieben und das der König aus Lloyd’s Händen
entgegengenommen hatte. Die Wahrhaftigkeit des Erzbischofs ist über alle
Zweifel erhaben. Nicht unwahrscheinlich aber ist es, daß einige von den
anwesenden Geistlichen das kurze Schriftstück ihrem Gedächtniß genau
eingeprägt und es zum Druck befördert hatten. Die vorherrschende Meinung
war jedoch, daß eine Person aus der nächsten Umgebung des Königs eine
Indiscretion oder einen Verrath begangen habe[92]. Kaum weniger Aufsehen
machte ein kurzer, mit großer logischer Schärfe und in kräftiger Sprache
geschriebener Brief, der im Geheimen gedruckt und an dem nämlichen Tage
durch die Post und durch die gewöhnlichen Botenfuhrleute verbreitet
wurde. Jedem Geistlichen im ganzen Lande wurde ein Exemplar zugesandt.
Der Verfasser versuchte es nicht, die Gefahr zu verhehlen, der sich
Diejenigen aussetzten, welche dem königlichen Befehle nicht gehorchten;
aber er schilderte mit lebhaften Farben die noch größere Gefahr der
Unterwerfung. „Wenn wir die Erklärung verlesen,“ sagte er, „so fallen
wir, um uns nicht wieder zu erheben. Und wir werden nicht bedauert,
sondern nur verachtet werden; wir fallen unter den Verwünschungen einer
Nation, die unsre Willfährigkeit ins Verderben gestürzt hat.“ Einige
waren der Meinung, die Schrift sei aus Holland herübergekommen, Andere
schrieben sie Sherlock zu. Aber Prideaux, Dechant von Norwich, der bei
der Verbreitung besonders thätig war, hielt sie für das Werk Halifax’.

Das Verfahren der Prälaten fand allgemeinen und lebhaften Beifall; aber
hier und da ließ sich auch ein Murren vornehmen. Man sagte, daß so
ernste Männer, wenn ihr Gewissen ihnen geboten hätte, beim Könige zu
remonstriren, dies früher hätten thun sollen. Wäre es recht gegen ihn
gehandelt, daß sie ihn bis sechsunddreißig Stunden vor der zur Verlesung
der Erklärung festgesetzten Zeit im Dunkeln ließen? Selbst wenn er den
Geheimrathsbefehl hätte zurücknehmen wollen, wäre es dazu zu spät
gewesen. Aus dem Allen scheine hervorzugehen, daß die Petition nicht den
Zweck gehabt habe, den König andren Sinnes zu machen, sondern nur die
Unzufriedenheit des Volks zu erregen[93]. Diese Beschwerden waren jedoch
völlig grundlos. Der König hatte den Bischöfen einen neuen, unerwarteten
und in Verlegenheit setzenden Befehl gegeben. Es war ihre Pflicht, mit
einander in Vernehmen zu treten und so weit als möglich die Ansicht des
Standes, dessen Oberhäupter sie waren, einzuholen, ehe sie irgend einen
Schritt thaten. Die Mitglieder waren im ganzen Lande zerstreut, einige
waren eine volle Tagereise von einander entfernt. Jakob hatte ihnen nur
vierzehn Tage Zeit gelassen, um sich zu erkundigen, zu berathschlagen
und einen Entschluß zu fassen, und er konnte sich gewiß nicht darüber
beklagen, daß diese vierzehn Tage zu Ende gingen, bevor er ihren
Entschluß erfuhr. Ebenso ist es auch nicht wahr, daß sie ihm nicht Zeit
ließen, seinen Befehl zurückzunehmen, wenn er hätte so klug sein wollen,
dies zu thun. Er hätte am Samstag Morgen den Geheimen Rath
zusammenberufen können und vor dem Abend konnte es in ganz London und
dessen Vorstädten bekannt sein, daß er den Bitten der Väter der Kirche
nachgegeben. Der Samstag ging jedoch ohne ein Zeichen von Sinnesänderung
seitens der Regierung vorüber und der Sonntag kam heran, ein Tag, dessen
man sich noch lange erinnerte.

    [Anmerkung 91: Sancroft’s Bericht aus Tanner’s Handschriften
    abgedruckt; Citters, 22. Mai (1. Juni) 1688.]

    [Anmerkung 92: +Burnet, I. 741+; +Revolution Politics+; +Higgins’s
    Short View.+]

    [Anmerkung 93: +Clarke’s Life of James the Second, II. 155.+]


[_Die londoner Geistlichkeit gehorcht dem königlichen Befehle nicht._]
In der City und den Vorstädten Londons gab es ungefähr hundert
Pfarrkirchen. Nur in vier derselben wurde der Geheimrathsbefehl befolgt.
In der St. Gregorskirche wurde die Erklärung von einem Geistlichen,
Namens Martin, verlesen. Sobald er die ersten Worte sprach, stand die
ganze Gemeinde auf und entfernte sich. In der St. Matthäuskirche in
Friday Street wurde ein Elender, Namens Timotheus Hall, der seinen
Priesterrock geschändet, indem er der Herzogin von Portsmouth bei dem
Handel mit Begnadigungen als Zwischenträger gedient und der jetzt
Hoffnung auf das erledigte Bisthum Oxford hatte, ebenfalls von seiner
Gemeinde in der Kirche allein gelassen. In Serjeant’s Inn, in Chancery
Lane, gab der Geistliche vor, er habe vergessen, ein Exemplar der
Erklärung mitzubringen, und der Oberrichter der Kings Bench, welcher
anwesend war, um darauf zu sehen, daß dem königlichen Befehle gehorcht
werde, mußte sich mit dieser Entschuldigung begnügen. Samuel Wesley, der
Vater Johann’s und Karl’s Wesley, Pfarrer in London, wählte an diesem
Sonntage zum Text seiner Predigt die edle Antwort, welche die drei Juden
dem chaldäischen Tyrannen gaben: „So sollst Du nun wissen, o König, daß
wir Deine Götter nicht ehren, noch das güldene Bild, das Du hast setzen
lassen, anbeten wollen.“ Selbst in der Kapelle des St. Jamespalastes
hatte der dienstthuende Geistliche den Muth, dem Befehle nicht zu
gehorchen. Die Knaben von Westminster erinnerten sich noch lange dessen,
was an jenem Tage in der Abtei vorging. Sprat, Bischof von Rochester,
fungirte hier als Dechant. Sobald er die Erklärung zu verlesen begann,
übertäubte das Murren und das Geräusch des sich aus der Kirche
drängenden Volks seine Stimme. Er zitterte so heftig, daß man das Papier
in seiner Hand sich bewegen sah. Lange bevor er geendet hatte, war die
Kirche von Allen verlassen, bis auf Diejenigen, die ihre Stellung zum
Bleiben nöthigte.[94]

Noch nie war die Kirche der Nation so theuer gewesen, als an jenem
Nachmittage. Der Geist der Zwietracht schien erloschen zu sein. Baxter
hielt auf der Kanzel eine Lobrede auf die Bischöfe und die Pfarrer.
Wenige Stunden später schrieb der holländische Gesandte an die
Generalstaaten, daß die anglikanische Geistlichkeit in der Achtung des
Publikums unglaublich gestiegen sei. Die Nonconformisten, sagte er,
sprächen sich allgemein dahin aus, daß sie lieber unter dem Drucke der
Strafgesetze bleiben, als ihre Sache von der der Prälaten trennen
wollten.[95]

So verging noch eine Woche ängstlicher Aufregung, und der zweite Sonntag
kam heran. Abermals waren die Kirchen der Hauptstadt mit
Hunderttausenden gefüllt. Die Erklärung wurde nirgends anderwärts
verlesen, als an den wenigen Orten, wo sie vor acht Tagen verlesen
worden war. Der Geistliche, der in der Kapelle des St. Jamespalastes
gepredigt hatte, war seines Amtes entsetzt worden und es erschien ein
servilerer Geistlicher mit dem Papier in der Hand; aber er war so
befangen, daß er nicht vernehmlich sprechen konnte. Die Stimmung der
ganzen Nation hatte sich in der That so gestaltet, daß nur die besten
und hochherzigsten, oder die schlechtesten und characterlosesten
Menschen ihr ohne große Angst die Stirn bieten konnten.[96]

    [Anmerkung 94: Citters; 22. Mai (1. Juni) 1688; +Burnet+, I. 740
    und Lord Dartmouth’s Note; +Southey’s Life of Wesley+.]

    [Anmerkung 95: Citters, 22. Mai (1. Juni) 1688.]

    [Anmerkung 96: +Ibid.+ 29. Mai (8. Juni) 1688.]


[_Unschlüssigkeit der Regierung._] Selbst der König war einen Augenblick
bestürzt über die Heftigkeit des von ihm heraufbeschworenen Sturmes. Was
sollte er nun zunächst thun? Er mußte entweder vorwärts oder rückwärts
gehen, und ersteres konnte er nicht ohne Gefahr, letzteres nicht ohne
Demüthigung. Einmal nahm er sich vor, einen neuen Befehl zu erlassen,
durch den er der Geistlichkeit in hochmüthigem und zornigem Tone gebot,
seine Erklärung zu verlesen, und jedem Widerspenstigen mit
augenblicklicher Amtsentsetzung drohte. Dieser Befehl wurde zu Papier
gebracht und in die Druckerei geschickt, dann zurückgeholt, dann zum
zweitenmal in die Druckerei geschickt und noch einmal zurückgeholt.[97]
Zu einem andren Plane riethen einige von Denen, welche für strenge
Maßregeln waren. Sie meinten, die Prälaten, welche die Petition
unterzeichnet hatten, könnten ja vor die kirchliche Commission citirt
und ihrer Bischofssitze beraubt werden. Gegen dieses Verfahren aber
wurden im Staatsrathe energische Einwendungen erhoben. Man habe
angekündigt, daß die Kammern noch vor Ende des Jahres einberufen werden
sollten und die Lords würden das Absetzungsurtel unzweifelhaft für null
und nichtig erklären, auf der Einberufung Sancroft’s und seiner
Mitpetenten bestehen und sich weigern, einen neuen Erzbischof von
Canterbury oder einen neuen Bischof von Bath und Wells anzuerkennen. So
würde die Session, die aller Wahrscheinlichkeit nach im günstigen Falle
immer noch sehr stürmisch werden würde, sogleich mit einem erbitterten
Streite zwischen der Krone und den Peers beginnen. Wenn daher eine
Bestrafung der Bischöfe für nöthig gehalten würde, so müßte dieselbe
nach dem bekannten Gange des englischen Rechtsverfahrens über sie
verhängt werden. Sunderland hatte sich von Anfang an, soweit er es ohne
Gefahr wagen konnte, dem Geheimrathsbefehl widersetzt. Jetzt rieth er zu
einem Verfahren, das zwar nicht frei von Nachtheilen, aber doch das
klügste und würdigste war, welches der Regierung nach einer Reihe von
Fehlgriffen noch offen stand. Der König solle mit Huld und Majestät der
Welt ankündigen, daß das ungehorsame Benehmen der anglikanischen Kirche
ihn tief verletzt habe, daß er aber die vielen Dienste nicht vergessen
könne, die diese Kirche in schweren Prüfungszeiten seinem Vater, seinem
Bruder und ihm selbst geleistet; daß er als Freund der Gewissensfreiheit
nicht streng gegen Männer verfahren wolle, deren allerdings
irregeleitetes und über alle Maßen bedenkliches Gewissen ihnen nicht
erlaubt habe, seinen Befehlen zu gehorchen, und daß er daher die
Schuldigen der Strafe überlassen werde, die ihre eigne Überzeugung ihnen
zuerkennen müsse, wenn sie ihre neuesten Schritte mit den loyalen
Grundsätzen verglichen, deren sie sich so laut gerühmt hätten. Nicht
allein Powis und Bellasyse, welche stets für gemäßigte Beschlüsse waren,
sondern selbst Dover und Arundell neigten sich zu diesem Vorschlage hin.
Jeffreys dagegen behauptete, daß die Regierung entehrt sein würde, wenn
sie solche Verbrecher, wie die sieben Bischöfe, mit einem bloßen
Verweise davon kommen ließe. Er wünschte jedoch nicht, daß sie vor die
Hohe Commission, in welcher er als erster oder vielmehr einziger Richter
saß, geladen würden, denn die Last des öffentlichen Hasses, die er
bereits zu tragen hatte, war selbst für seine schamlose Stirn und sein
verknöchertes Herz zu groß, und er erschrak vor der Verantwortlichkeit,
die er durch eine gesetzwidrige Verurtheilung der Oberhäupter der
Staatskirche und der Lieblinge des Volkes auf sich geladen haben würde.

    [Anmerkung 97: +Ibid.+]


[_Es wird eine gerichtliche Verfolgung der Bischöfe wegen Libells
beschlossen._] Jeffreys empfahl deshalb einen Criminalprozeß gegen sie
anhängig zu machen. In Folge dessen wurde beschlossen, den Erzbischof
und die sechs anderen Bittsteller unter der Anklage auf Abfassung eines
aufrührerischen Libells vor den Gerichtshof der Kings Bench zu stellen.
Daß sie für schuldig befunden werden würden, daran war kaum zu zweifeln,
denn die Richter und ihre Unterbeamten waren Werkzeuge des Hofes.
Seitdem der Hauptstadt ihr alter Freibrief entzogen worden, war kaum ein
Gefangener, den die Regierung bestraft wissen wollte, von einer Jury
freigesprochen worden. Die widerspenstigen Prälaten wurden höchst
wahrscheinlich zu unerschwinglichen Geldbußen und langer Haft
verurtheilt und waren dann froh, wenn sie sich dadurch loskaufen
konnten, daß sie in und außer dem Parlament den Absichten des Königs
dienten.[98]

Am 27. Mai wurde den Bischöfen angekündigt, daß sie am 8. Juni vor dem
Könige im Geheimen Rathe erscheinen sollten. Warum eine so lange Frist
gestattet wurde, ist uns nicht bekannt. Vielleicht hoffte Jakob, daß
einige der Schuldigen sich aus Furcht vor seiner Ungnade bis zu dem zum
Verlesen der Erklärung bestimmten Tage noch fügen und, um sich mit ihm
auszusöhnen, die Geistlichen ihrer Diöcesen zum Gehorsam überreden
würden. Wenn dies wirklich seine Hoffnung war, so wurde sie vollständig
getäuscht. Der 3. Juni kam und alle Theile Englands folgten dem
Beispiele der Hauptstadt. Die Bischöfe von Norwich, Gloucester,
Salisbury, Winchester und Exeter hatten bereits Abschriften der Petition
zum Beweis ihrer Zustimmung unterzeichnet; der Bischof von Worcester
hatte sich geweigert, die Erklärung unter seine Geistlichen zu
vertheilen; der Bischof von Hereford hatte sie vertheilt, wurde aber,
wie allgemein bekannt war, deshalb von Reue und Scham gequält. Von
fünfzig Pfarrern fügte sich noch nicht einer dem Geheimrathsbefehl. In
der großen Diöcese Chester, welche die Grafschaft Lancaster umfaßt,
konnte Cartwright nicht mehr als drei Geistliche zum Gehorsam gegen den
König bewegen. Die Diöcese Norwich enthält viele hundert Pfarreien, und
nur in vieren davon wurde die Erklärung verlesen. Dem höfischen Bischof
von Rochester gelang es nicht, die Gewissensscrupel des
Gefängnißpredigers von Chatham, der von der Regierung besoldet wurde, zu
heben. Es existirt noch ein rührender Brief, den dieser wackere
Geistliche an den Sekretär der Admiralität schrieb. „Ich kann wohl nicht
erwarten,“ schrieb er darin, „daß Euer Ehren sich für mich verwenden.
Der Wille Gottes geschehe. Ich will lieber leiden, als sündigen“[99].

    [Anmerkung 98: Barillon, 24. Mai (3. Juni), 31. Mai (10. Juni)
    1688; Citters, 1.(11.) Juli; Adda 25. Mai (4. Juni), 30. Mai (9.
    Juni), 1.(11.) Juni; +Clarke’s Life of James the Second, II.
    158+.]

    [Anmerkung 99: +Burnet, I. 740+; +Life of Prideaux+; Citters,
    12.(22.), 15.(25.) Juni 1688; +Tanner MS.+; +Life and
    Correspondence of Pepys+.]


[_Sie werden im Geheimen Rathe verhört._] Am Abend des 8. Juni begaben
sich die sieben Prälaten, von den ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten
Englands gehörig instruirt, in den Palast, wo sie alsbald in das
Geheimrathszimmer gerufen wurden. Ihre Petition lag auf dem Tische. Der
Kanzler nahm das Papier, zeigte es dem Erzbischofe und sagte: „Ist dies
die Schrift, die Euer Gnaden aufgesetzt und welche die hier anwesenden
Bischöfe Seiner Majestät überreicht haben?“ Sancroft warf einen Blick
auf das Papier und sagte dann zum Könige: „Sire, ich stehe hier als
Angeklagter. Ich war dies noch nie und hätte früher nicht geglaubt, daß
ich es je einmal werden könnte. Am allerwenigsten aber habe ich daran
gedacht, daß mir ein Vergehen gegen meinen König zur Last gelegt werden
könnte. Da ich aber das Unglück habe, in diese Lage gekommen zu sein, so
wird Eure Majestät es mir nicht übel nehmen, wenn ich von dem mir
gesetzlich zustehenden Rechte Gebrauch mache, nichts zu sagen, was mich
als schuldig erscheinen lassen könnte.“ -- „Dies ist bloße Chikane,“
erwiederte der König. „Euer Gnaden werden hoffentlich nicht so
gewissenlos sein, daß Sie Ihre eigne Hand verleugnen?“ -- „Sire,“ sagte
Lloyd, der die Casuistik gründlich studirt hatte, „alle Theologen
stimmen darin überein, daß Jemand, der sich in unsrer Lage befindet, die
Antwort auf eine solche Frage verweigern darf.“ Der König, der eben so
beschränkten Verstandes, als heftigen Temperamentes war, wußte nicht
sogleich was der Prälat meinte. Er beharrte jedoch auf seinem Verlangen
und gerieth in sichtbaren Zorn. „Sire,“ hob der Erzbischof wieder an,
„ich bin nicht verpflichtet, mich selbst anzuklagen. Dessenungeachtet
will ich, wenn Eure Majestät es durchaus befiehlt, eine Antwort geben,
in dem Vertrauen, daß ein gerechter und edelsinniger Fürst das was ich
lediglich aus Gehorsam gegen Höchstdessen Befehl thue, nicht als
Rechtsbeweis gegen mich anwenden lassen wird.“ -- „Sie dürfen mit Ihrem
Souverain nicht kapituliren,“ sagte der Kanzler. „Nein,“ setzte der
König hinzu, „ich werde einen solchen Befehl nicht geben. Wenn Sie es
vorziehen, Ihre eigenen Handschriften abzuleugnen, so habe ich Ihnen
nichts mehr zu sagen.“

Die Bischöfe wurden zu wiederholten Malen ins Vorzimmer hinausgeschickt
und eben so oft wieder hereingerufen. Endlich gab ihnen Jakob den
bestimmten Befehl, auf die Frage zu antworten. Er verpflichtete sich
allerdings nicht ausdrücklich dazu, daß ihr Geständniß nicht gegen sie
angewendet werden sollte; aber nach dem was vorausgegangen war, mußten
sie natürlich annehmen, daß diese Zusage selbstverständlich mit in dem
Befehle enthalten sei. Sancroft erkannte seine Handschrift an, und seine
Collegen folgten seinem Beispiele. Hierauf wurden sie über den Sinn
einiger in der Petition vorkommenden Worte und über den Brief befragt,
der im ganzen Lande verbreitet worden war und so großes Aufsehen gemacht
hatte; aber ihre Antworten waren so vorsichtig, daß durch das Verhör
nichts gewonnen wurde. Der Kanzler sagte ihnen nun, daß eine
Criminaluntersuchung bei der Kings Bench gegen sie eingeleitet werden
würde und forderte sie auf, sich wegen ihres Erscheinens jeder für seine
eigne Person zu verpflichten. Dies lehnten sie aber ab. Sie seien Peers
des Reiches, sagten sie, die besten Rechtsgelehrten von Westminster Hall
hätten ihnen gesagt, daß keinem Peer in einer Untersuchung wegen Libells
persönliche Bürgschaft angesonnen werden könne, und sie hielten sich
nicht für berechtigt, auf eines ihrer Standesvorrechte zu verzichten.
Der König war einfältig genug, es als eine persönliche Beleidigung gegen
sich zu betrachten, daß die Bischöfe in einer Rechtsfrage sich durch
juristischen Rath leiten ließen. „Sie glauben ja auch jedem Andren eher
als mir,“ sagte er. Er fühlte sich ernstlich gedemüthigt und beunruhigt,
denn er war so weit gegangen, daß ihm, wenn sie auf ihrem Vorsatze
beharrten, nichts Andres übrig blieb, als sie in’s Gefängniß zu
schicken, und wenn er auch keineswegs _alle_ Folgen eines solchen
Schrittes voraussah, so sah er doch so viel davon voraus, daß ihm bange
wurde. Sie blieben fest. Es wurde daher wirklich ein Befehl
ausgefertigt, welcher den Gouverneur des Tower anwies, sie in sicherem
Gewahrsam zu halten und eine Barke brachte sie den Fluß hinunter nach
dem Staatsgefängnisse.[100]

Ganz London wußte, daß die Bischöfe vor dem Geheimen Rathe standen. Das
Publikum war in gespannter Erwartung. Eine große Menschenmenge füllte
die Höfe von Whitehall und alle umliegenden Straßen. Viele Leute
pflegten sich damals an Sommerabenden an der kühlen Themseluft zu
erlaben; an diesem Abend aber war der ganze Fluß mit Böten bedeckt. Als
die sieben Bischöfe in Begleitung einer Wache erschienen, konnte das
Volk seine Gefühle nicht mehr beherrschen. Tausende fielen auf die Knie
und beteten laut für die Männer, welche mit dem christlichen Muthe eines
Ridley und Latimer einem von der ganzen Bigotterie der Maria erfüllten
Tyrannen Trotz geboten hatten. Viele sprangen in den Fluß und riefen,
bis über den Hüften in Schlamm und Wasser stehend, die heiligen Väter um
ihren Segen an. Auf der ganzen Strecke von Whitehall bis zur
London-Brücke fuhr die königliche Barke zwischen Reihen von Böten, aus
denen beständig der Ruf: „Gott segne Eure Lordschaften!“ ertönte. Der
König gab in seiner Angst Befehl, daß die Besatzung des Tower verstärkt,
die Garden zum Feuern bereit gehalten und zwei Compagnien von jedem
Regiment im ganzen Reiche unverzüglich nach London berufen werden
sollten. Die Militairmacht aber, die er als das zuverlässigste Werkzeug
zur Bändigung des Volkes ansah, theilte alle Gefühle desselben. Selbst
die Schildwachen, welche am Verrätherthore unter Waffen standen, baten
die Märtyrer, die sie bewachen sollten, um ihren Segen. Der Gouverneur
des Tower war Sir Eduard Hales. Er war nicht eben geneigt, seine
Gefangenen freundlich zu behandeln, denn er war von der Kirche, für die
sie litten, abgefallen und bekleidete kraft der Dispensationsgewalt,
gegen die sie protestirt hatten, mehrere einträgliche Stellen. Mit
Entrüstung vernahm er, daß seine Soldaten auf das Wohl der Bischöfe
tranken, und er befahl seinen Offizieren, dies ein für allemal zu
verbieten; aber diese brachten ihm die Meldung, daß es sich nicht mehr
verhindern lasse und daß in der ganzen Besatzung keine andre Gesundheit
mehr ausgebracht werde. Übrigens bewiesen die Truppen ihre Verehrung für
die Väter der Kirche nicht allein durch Toaste. Im ganzen Tower
herrschte eine so andächtige Stimmung, daß fromme Geistliche dem Himmel
dankten, daß er aus Bösem Gutes hervorgehen ließe und die Verfolgung
seiner treuen Diener zum Rettungsmittel für viele Seelen machte. Tag für
Tag sah man die Equipagen und Livreen der vornehmsten Kavaliere Englands
vor den Eingängen des Gefängnisses, und Tausende von Zuschauern aus den
bürgerlichen Klassen bedeckten fortwährend Towerhill.[101] Von den
verschiedenen Zeichen der öffentlichen Verehrung und Theilnahme für die
Prälaten erfüllte aber namentlich eines mehr als alle anderen den König
mit Zorn und Besorgniß. Er erfuhr, daß eine Deputation von zehn
nonconformistischen Geistlichen die Bischöfe im Tower besucht hatte. Er
ließ vier von ihnen zu sich entbieten und machte ihnen persönlich
heftige Vorwürfe; sie aber antworteten ihm muthig, daß sie es für ihre
Pflicht hielten, vergangene Streitigkeiten zu vergessen und zu den
Männern zu stehen, welche die Träger des protestantischen Glaubens
seien.[102]

    [Anmerkung 100: Sancroft’s Bericht, abgedruckt aus Tanner’s
    Handschriften.]

    [Anmerkung 101: +Burnet, I. 741+; Citters, 8.(18.), 12.(22.) Juni
    1688; +Luttrell’s Diary, June 8+; +Evelyn’s Diary+, Brief von
    +Dr.+ Ralson an seine Gattin vom 14. Juni abgedruckt aus Tanner’s
    Handschriften; +Reresby’s Memoirs+.]

    [Anmerkung 102: +Reresby’s Memoirs+.]


[_Geburt des Prätendenten._] Kaum hatten sich die Thore des Tower hinter
den Gefangenen geschlossen, so trat ein Ereigniß ein, welches die
allgemeine Aufregung noch vermehrte. Es war angekündigt worden, daß die
Königin erst im Juli ihre Entbindung erwarte. Den Tag nach dem Verhöre
der Bischöfe aber bemerkte man, daß der König sich angelegentlich nach
ihrem Befinden erkundigte. Sie saß jedoch diesen Abend noch bis gegen
Mitternacht in Whitehall am Spieltisch. Dann aber wurde sie in einer
Sänfte in den St. Jamespalast gebracht, wo in aller Eil Zimmer für sie
eingerichtet worden waren. Bald darauf eilten Boten nach allen
Richtungen hin, um Ärzte und Priester, Staatsräthe und Kammerdamen
herbeizuholen. Binnen wenigen Stunden waren eine Menge Staatsbeamte und
vornehme Damen im Zimmer der Königin versammelt, und hier wurde am
Morgen des 10. Juni, einem Sonntage, der von den allzutreuen Freunden
einer schlechten Sache lange in Ehren gehalten wurde, der unglücklichste
aller Fürsten geboren, bestimmt zu siebenundsiebzig Jahren der
Verbannung und des Umherirrens, zu einem Leben voll eitler Pläne, voll
Ehrenbezeigungen, welche kränkender sind als offene Beleidigungen, und
voll Hoffnungen, die das Herz vor Gram vergehen lassen.


[_Man hält ihn allgemein für untergeschoben._] Die traurigen Schicksale
des armen Kindes begannen schon vor seiner Geburt. Die Nation über
welche er nach der gewöhnlichen Erbfolgeordnung einst regiert haben
würde, war fest überzeugt, daß seine Mutter gar nicht schwanger sei.
Wäre seine Geburt auch durch noch so viele Zeugen bewiesen worden,
ein großer Theil des Volks würde trotzdem wahrscheinlich bei der
Behauptung geblieben sein, daß die Jesuiten ein geschicktes
Taschenspielerkunststück ausgeführt hätten; der Beweis für die Thatsache
ließ aber, theils durch Zufall, theils durch grobe Versehen manchen
Einwürfen und Zweifeln Raum. Es waren zwar viele Personen beiderlei
Geschlechts im königlichen Schlafgemache anwesend, als das Kind das
Licht der Welt erblickte, aber keine von ihnen erfreute sich des
öffentlichen Vertrauens im besonderen Grade. Von den anwesenden
Geheimräthen waren die Hälfte Katholiken und die, welche sich
Protestanten nannten, galten allgemein für Verräther an Gott und
Vaterland. Unter den Kammerdamen befanden sich viele Französinnen,
Italienerinnen und Portugiesinnen, und von den englischen Damen waren
einige selbst Papistinnen, andere die Gattinnen von Papisten. Mehrere
Personen, welche vorzugsweise hätten anwesend sein sollen, und deren
Zeugniß allen Verständigen genügt haben würde, fehlten und man legte die
Schuld an ihrer Abwesenheit dem Könige zur Last. Die Prinzessin Anna war
von allen Bewohnern der ganzen Insel am meisten bei der Sache
interessirt. Ihr Geschlecht und ihre Erfahrung berechtigte sie, als
Wächterin des Geburtsrechts ihrer Schwester und ihres eigenen
aufzutreten. Sie hatte starken Verdacht geschöpft, in welchem sie
täglich durch geringfügige oder imaginäre Umstände bestärkt wurde. Es
schien ihr, als ob die Königin geflissentlich ihren Fragen auswiche und
sie schrieb diese Zurückhaltung, welche vielleicht im Zartgefühl ihren
Grund hatte, dem Schuldbewußtsein zu.[103] In Folge dessen hatte Anna
sich vorgenommen, an dem entscheidenden Tage anwesend zu sein und ein
scharfes Auge zu haben. Sie hatte es aber nicht für nöthig gehalten,
schon einen Monat vor diesem Tage auf ihrem Posten zu sein, sondern war
mit Bewilligung und angeblich auf Anrathen ihres Vaters nach Bath
gereist, um dort eine Brunnenkur zu gebrauchen. Sancroft, dessen hohe
Stellung ihm die Pflicht auferlegte, anwesend zu sein, und in dessen
Rechtschaffenheit die Nation volles Vertrauen setzte, war einige Stunden
vorher von Jakob in den Tower geschickt worden. Die Hyde waren die
geeigneten Beschützer der Rechte beider Prinzessinnen. Der holländische
Gesandte konnte als der Vertreter Wilhelm’s betrachtet werden, der als
der erste Prinz von Geblüt und als Gemahl der ältesten Tochter des
Königs das größte Interesse an dem Ereignisse hatte. Jakob aber dachte
nicht daran, ein männliches oder weibliches Mitglied der Familie Hyde
herbeizurufen und eben so wenig wurde der holländische Gesandte
zugezogen.

Die Nachwelt hat den König von dem Betrug, dessen sein Volk ihn
beschuldigte, vollkommen freigesprochen. Unmöglich aber kann man ihn von
der Thorheit und Verkehrtheit freisprechen, welche den Irrthum seiner
Zeitgenossen erklären und entschuldigen. Er wußte recht gut, welche
argwöhnischen Vermuthungen man im Publikum hegte,[104] und er hätte eben
so gut wissen können, daß dieser Argwohn nicht durch das Zeugniß von
Mitgliedern der römischen Kirche oder solchen Personen zerstreut werden
konnte, die sich zwar Mitglieder der anglikanischen Kirche nannten, aber
sich ganz bereit gezeigt hatten, die Interessen dieser Kirche zu opfern,
um seine Gunst zu gewinnen. Daß der Eintritt des Ereignisses ihn vor der
erwarteten Zeit überraschte, ist wahr, aber er hatte immerhin zwölf
Stunden vor sich, um seine Anordnungen zu treffen. So gut als er den St.
Jamespalast mit Bigotten und Schmarotzern füllen konnte, deren Wort die
Nation nicht traute, eben so gut hätte er auch für die Anwesenheit
einiger angesehenen Personen sorgen können, deren treue Anhänglichkeit
an die Prinzessinnen und an die Landeskirche außer Zweifel stand.

Zu einer späteren Zeit, als er für seine tollkühne Verachtung der
öffentlichen Meinung schwer gebüßt hatte, pflegte man in Saint-Germain
ihn dadurch zu entschuldigen, daß man die Schuld auf Andere wälzte.
Einige Jakobiten behaupteten, Anna habe sich absichtlich fern gehalten,
ja sie scheuten sich nicht zu sagen, Sancroft habe den König
herausgefordert, ihn in den Tower zu schicken, damit das Zeugniß,
welches die Verleumdungen der Unzufriedenen widerlegen konnte,
mangelhaft wäre.[105] Die Abgeschmacktheit dieser Beschuldigung ist
handgreiflich. Konnte Anna oder Sancroft vermuthen, daß die Königin sich
in ihrer Berechnung um einen ganzen Monat geirrt hatte? Wäre ihre
Berechnung richtig gewesen, so würde Anna gewiß, um der Entbindung
beiwohnen zu können, zur rechten Zeit von Bath zurückgekehrt und
Sancroft nicht im Tower gewesen sein. Jedenfalls aber waren die
mütterlichen Oheime der Tochter des Königs weder von London entfernt
noch im Gefängniß. Die nämlichen Boten, welche die ganze Schaar der
Renegaten, Dover, Peterborough, Murray, Sunderland und Mulgrave,
herbeiholten, hätten ganz eben so leicht auch Clarendon herbeirufen
können. Er war so gut Geheimer Rath als sie, und seine Wohnung befand
sich in Jermyn Street, keine zweihundert Schritt von den Gemächern der
Königin. Dennoch ließ man es ihn erst in der St. Jameskirche durch die
Bewegung und das Geflüster der Gemeinde erfahren, daß seine Nichte
aufgehört hatte, die präsumtive Thronerbin zu sein.[106] Gehörte er etwa
deshalb nicht in das Entbindungszimmer, weil er ein naher Verwandter der
Prinzessinnen von Oranien und von Dänemark war, oder weil er
unerschütterlich treu an der anglikanischen Kirche hing?

Die ganze Nation sprach es laut und offen aus, daß ein Betrug gespielt
worden sei. Mehre Monate lang hätten die Papisten auf der Kanzel und
durch die Presse, in Prosa und in Versen, in englischer und in
lateinischer Sprache prophezeit, daß die Bitten der Kirche erhört und
ein Prinz von Wales geboren werden würde, und sie hätten jetzt selbst
ihre Prophezeiung erfüllt. Jeder nicht zu bestechende oder zu
hintergehende Zeuge sei sorgfältig ausgeschlossen worden. Anna habe man
arglistigerweise zu einer Reise nach Bath überredet. Der Primas sei
gerade am Tage vor dem zur Ausführung des Betrugs bestimmten den
Vorschriften des Gesetzes und der Privilegien der Peers zum Trotz ins
Gefängniß geworfen worden. Nicht eine einzige männliche oder weibliche
Person, die das geringste Interesse an der Enthüllung des Betrugs haben
konnte, sei zugezogen worden. Man habe die Königin plötzlich mitten in
der Nacht in den St. Jamespalast gebracht, weil dieses Gebäude, für
unehrliche Zwecke passender eingerichtet als Whitehall, einige für die
Absichten der Jesuiten vortrefflich geeignete Zimmer und Gänge enthalte.
Hier sei inmitten eines Kreises von Zeloten, denen nichts, was die
Interessen ihrer Kirche fördern konnte, ein Verbrechen dünkte, und von
Höflingen, welche nichts, was zu ihrer Bereicherung und Erhebung
beitragen konnte, für Sünde hielten, ein neugeborenes Kind ins Bett der
Königin practicirt und dann triumphirend als Erbe dreier Königreiche
herumgegeben worden. Durch diesen zwar unbegründeten, aber nicht ganz
unnatürlichen Verdacht aufgeregt, drängten sich die Leute nur um so
eifriger danach, den frommen Opfern des Tyrannen zu huldigen, der,
nachdem er lange seinem Volke das empörendste Unrecht zugefügt, das Maß
seiner Schändlichkeit voll machte, indem er sich noch empörender an
seinen eigenen Kindern verging[107].

Der Prinz von Oranien, der selbst keinen Betrug argwöhnte und den
Zustand der Volksstimmung in England nicht kannte, ordnete Dankgebete
für seinen kleinen Schwager unter seinem eigenen Dache an und schickte
Zulestein mit einem förmlichen Beglückwünschungsschreiben nach London.
Zulestein hörte zu seinem großen Erstaunen Jedermann ganz offen von dem
schändlichen Betruge sprechen, den die Jesuiten eben begangen haben
sollten, und erblickte jede Stunde ein neues Pasquill auf die
Schwangerschaft und die Entbindung der Königin. Er schrieb sehr bald
nach dem Haag, von zehn Personen glaube nicht eine, daß die Königin
dieses Kind geboren habe[108].

Das Benehmen der gefangenen Prälaten erhöhte inzwischen die allgemeine
Theilnahme, die ihre Lage erweckte. Am Abend des „schwarzen Freitags“,
wie man den Tag ihrer Einkerkerung nannte, kamen sie gerade zur Stunde
des Gottesdienstes in ihrem Gefängnisse an. Sie begaben sich sogleich in
die Kapelle. Der Zufall wollte, daß im zweiten Vorlesestück die Worte
vorkamen: „In allen Dingen lasset uns beweisen als die Diener Gottes in
großer Geduld und Trübsalen, in Nöthen und Ängsten, in Schlägen, in
Gefängnissen.“ Alle eifrigen Anhänger der Staatskirche freuten sich
dieses Zusammentreffens und erinnerten sich, wie ein ganz ähnliches vor
fast vierzig Jahren Karl I. in seiner Todesstunde getröstet und erhoben
hatte.

Am Abend des folgenden Tages, Samstag den 9. Juni, kam ein Schreiben von
Sunderland, welcher dem Kaplan des Tower befahl, am nächsten Morgen beim
Gottesdienste die Erklärung zu verlesen. Da die in dem Geheimrathsbefehl
zur Verlesung in London bestimmte Zeit längst verstrichen war, so konnte
dieses Verfahren der Regierung nur als eine ganz gemeine und kindische
persönliche Insulte gegen die ehrwürdigen Gefangenen betrachtet werden.
Der Kaplan weigerte sich zu gehorchen; er wurde sofort entlassen und die
Kapelle geschlossen[109].

    [Anmerkung 103: Correspondenz zwischen Anna und Marie in
    Dalrymple; +Clarendon’s Diary Oct. 31. 1688+.]

    [Anmerkung 104: Dies geht aus Clarendon’s Tagebuche vom 31. Oct.
    1688 klar hervor.]

    [Anmerkung 105: +Clarke’s Life of James the Second, II. 159.
    160.+]

    [Anmerkung 106: +Clarendon’s Diary, June 10. 1688.+]

    [Anmerkung 107: Johnstone giebt in kurzen Worten eine treffliche
    Übersicht der gegen den König erhobenen Beschuldigungen. „Die
    große Masse des Volks ist der Meinung, daß Alles ein Betrug sei,
    denn, sagen sie, die Berechnung treffe nicht zu, die Prinzessin
    sei entfernt und weder Jemand von der Familie Clarendon noch der
    holländische Gesandte herbeigerufen worden; dazu komme noch der
    plötzliche Eintritt des Ereignisses, die Predigten, die Zuversicht
    der Priester und die Eil.“ -- 13. Juni 1688.]

    [Anmerkung 108: Ronquillo, 26. Juli (5. Aug.). Ronquillo setzt
    hinzu, daß Zulestein’s Bericht über den Zustand der öffentlichen
    Meinung vollkommen wahr sei.]

    [Anmerkung 109: Citters, 12.(22.) Juni 1688; +Luttrell’s Diary,
    June 18.+]


[_Die Bischöfe werden vor die Kings Bench gestellt und müssen Bürgschaft
leisten._] Die Bischöfe erbauten Alle, die sich ihnen näherten, durch
die Standhaftigkeit und Freudigkeit, mit der sie ihre Haft ertrugen,
durch die Bescheidenheit und Demuth, mit der sie die Beifallsbezeigungen
und Segenswünsche der ganzen Nation aufnahmen, und durch die loyale
Anhänglichkeit, die sie für den Tyrannen, der sie in’s Verderben stürzen
wollte, an den Tag legten. Am Freitag den 15. Juni, dem ersten
Sitzungstage der Kings Bench, wurden sie vor diesen Gerichtshof
gestellt. Eine ungeheure Menschenmenge erwartete ihre Ankunft. Vom
Landungsplatze bis zur Court of Requests gingen sie durch eine
Doppelreihe von Zuschauern, welche ihnen Segenswünsche und Beifall
zuriefen. „Lieben Freunde,“ sagten die Gefangenen im Vorübergehen,
„ehret den König und gedenket unserer in Euren Gebeten.“ Diese
demüthigen und frommen Worte rührten Viele bis zu Thränen. Als sich der
Zug endlich durch das Gedränge einen Weg gebahnt hatte und vor den
Richtern angekommen war, verlas der Generalfiskal die Anklage, welche er
auf hohen Befehl ausgearbeitet hatte und stellte den Antrag, daß die
Beklagten aufgefordert werden sollten, auf die Klage einzugehen. Der
Vertheidiger wendete dagegen ein, die Bischöfe seien gesetzwidrig
verhaftet worden, und ihr Erscheinen vor dem Gerichtshofe sei daher
nicht ordnungsgemäß. Die Frage, ob ein Peer unter einer Anklage wegen
Libells sein Erscheinen vor Gericht gehörig zu verbürgen habe, wurde
ausführlich erörtert und endlich von der Mehrheit der Richter zu Gunsten
der Krone entschieden. Die Gefangenen erklärten sich nun für
nichtschuldig. Der vierzehnte Tag darauf, der 29. Juni, wurde zur
Verhandlung ihres Prozesses anberaumt. Bis dahin wurden sie gegen das
persönliche Versprechen, sich zu stellen, in Freiheit gesetzt. Die
Kronanwälte thaten sehr weise daran, aß sie keine fremde Bürgschaft
verlangten, denn Halifax hatte dafür gesorgt, daß einundzwanzig
weltliche Peers vom höchsten Ansehen, je drei für einen Angeklagten, zur
Bürgschaftleistung bereit waren, und eine solche Gesinnungsäußerung des
hohen Adels würde für die Regierung ein harter Schlag gewesen sein. Eben
so wußte man, daß einer der reichsten, Dissenters der Hauptstadt um die
Ehre nachgesucht hatte, für Ken Bürgschaft leisten zu dürfen.

Die Bischöfe durften nun in ihre Heimath zurückkehren. Das niedere Volk,
welches von dem bei der Kings Bench beobachteten Gerichtsverfahren
nichts wußte und nur sah, daß ihre Lieblinge, nachdem sie unter
Bedeckung nach Westminster Hall gebracht worden waren, jetzt sich in
voller Freiheit wieder entfernen durften, glaubte, die gute Sache habe
gesiegt, und brach in lauten Beifallsjubel aus, während zugleich
fröhliches Glockengeläute von allen Thürmen ertönte. Sprat erstaunte
nicht wenig, als er die Glocken seiner eigenen Abtei lustig erklingen
hörte. Er brachte sie sofort zum Schweigen, aber seine Einmischung
erregte viel unwilliges Murren. Die Bischöfe wußten gar nicht, wie sie
sich vor der zudringlichen Masse ihrer Freunde retten sollten. Lloyd
wurde im Palasthofe von Verehrern zurückgehalten, die sich um die Gunst
stritten, seine Hände zu berühren und den Saum seines Rockes zu küssen,
bis endlich Clarendon ihn nicht ohne Anstrengung befreite und ihn durch
eine Seitengasse nach Hause führte. Man sagte, Cartwright sei so
unvorsichtig gewesen, sich unter das Volk zu mischen. Jemand, der ihn an
seinem Bischofsgewand erkannte, erbat sich und erhielt seinen Segen.
„Wißt Ihr, von wem Ihr Euch eben habt segnen lassen?“ rief einer der
Umstehenden. „Nun, es war doch gewiß einer von den Sieben?“ versetzte
Der, welcher eben mit dem Segen beehrt worden war. „Nein,“ entgegnete
der Andere, „es war der papistische Bischof von Chester.“ --
„Papistischer Hund!“ rief der Protestant wüthend, „nimm Deinen Segen
zurück!“

Der Zusammenlauf und die Aufregung waren so groß, daß der holländische
Gesandte sich wunderte, den Tag ohne einen Aufstand enden zu sehen. Dem
Könige war durchaus nicht wohl zu Muthe gewesen. Um jede Ruhestörung
sogleich unterdrücken zu können, hatte er am Morgen in Hydepark mehrere
Bataillone Infanterie gemustert. Es ist jedoch keineswegs ausgemacht,
daß diese Truppen zu ihm gehalten haben würden, wenn er ihrer Dienste
bedurft hätte. Als Sancroft am Nachmittag in Lambeth ankam, fand er die
in dieser Vorstadt liegenden Grenadiergarden vor dem Eingange seines
Palastes versammelt. Sie stellten sich in einer Doppelreihe auf und
während er zwischen ihnen hinschritt, baten sie ihn um seinen Segen. Nur
mit Mühe hielt er sie davon ab, daß sie zur Feier seiner Rückkehr in
seine Wohnung ein Freudenfeuer anzündeten. Es brannten übrigens an jenem
Abend mehrere Freudenfeuer in der Hauptstadt. Zwei Katholiken, welche so
unbesonnen waren, einige Knaben zu schlagen, weil sie an diesen
öffentlichen Freudenbezeigungen Theil nahmen, wurden vom Pöbel
ergriffen, nackt ausgezogen und schimpflich gebrandmarkt[110].

Jetzt forderte Sir Eduard Hales seine Gebühren von den Bischöfen, die
seine Gefangenen gewesen waren. Sie weigerten sich, einem Beamten,
dessen Bestallung sie nach ihren Grundsätzen für null und nichtig
ansahen, etwas für eine in ihren Augen gesetzwidrige Haft zu bezahlen.
Hierauf gab ihnen der Gouverneur sehr deutlich zu verstehen, daß, wenn
sie noch einmal in seine Hände kämen, er sie in schwere Eisen legen und
auf die nackten Steine betten werde. „Wir haben uns die Ungnade unsres
Königs zugezogen,“ war ihre Antwort, „und wir empfinden dies sehr
schmerzlich; ein Mitunterthan aber, der uns droht, strengt nutzlos seine
Lunge an.“ Man kann leicht denken, mit welchem Unwillen das ohnehin
schon gereizte Volk erfuhr, daß ein vom protestantischen Glauben
Abgefallener, der den Grundgesetzen Englands zum Hohn einen
Commandoposten bekleidete, es gewagt hatte, ehrwürdigen Geistlichen mit
allen Barbareien von Lollard’s Tower zu drohen[111].

    [Anmerkung 110: Über die Ereignisse dieses Tages sehe man die
    +Collection of State Trials+; +Clarendon’s Diary+; +Luttrell’s
    Diary+; Citters, 15.(25.) Juni; Johnstone, 18. Juni und
    +Revolution Politics.+]

    [Anmerkung 111: Johnstone, 18. Juni 1688; +Evelyn’s Diary, June
    29.+]


[_Aufregung der Gemüther._] Bis zu dem Tage des Prozesses hatte sich die
Aufregung nach den entferntesten Winkeln der Insel verbreitet. Aus
Schottland erhielten die Bischöfe Zuschriften, in denen sie der
Sympathie aller Presbyterianer dieses dem Prälatenthum so lange und so
bitter Feind gewesenen Landes versichert wurden[112]. Die Bevölkerung
von Cornwall, ein trotziges, kühnes und herkulisches Geschlecht, das ein
stärkeres Provinzialgefühl hatte, als man es in irgend einem andren
Theile des Landes fand, nahm großen Antheil an der Gefahr, in welcher
Trelawney schwebte, den sie weniger als einen Leiter der Kirche, denn
als das Oberhaupt eines angesehenen Hauses und als den Erben von zwanzig
Ahnen verehrten, welche schon in hohem Ansehen standen, ehe die
Normannen den Fuß auf englischen Boden gesetzt hatten. In der ganzen
Grafschaft sang das Landvolk eine Ballade, deren Refrain noch nicht
vergessen ist:

  „Und bringt man Trelawney um, bringt man Trelawney um,
  Wollen dreißigtausend cornische Burschen wissen warum?“

Die Bergleute sangen das Lied mit einer kleinen Variation:

  „Wollen Zwanzigtausend unter der Erde wissen warum.“[113]

In manchen Theilen des Landes sprachen die Bauern laut eine sonderbare
Hoffnung aus, welche nie aufgehört hat, in ihren Herzen fortzuleben. Sie
meinten, ihr protestantischer Herzog, ihr geliebter Monmouth, werde
plötzlich wieder erscheinen, sie zum Siege führen und den König wie die
Jesuiten unter seinen Füßen zertreten[114].

Die Minister waren in der größten Angst; selbst Jeffreys würde gern
seine Maßregeln zurückgenommen haben. Er beauftragte Clarendon mit
freundlichen Botschaften an die Bischöfe und wälzte die Schuld an der
Verfolgung, zu der er selbst gerathen hatte, auf Andere. Sunderland
wagte es noch einmal, Zugeständnisse anzuempfehlen. Die glückliche
Geburt eines Prinzen, sagte er, biete dem Könige eine vortreffliche
Gelegenheit, eine gefährliche und nachtheilige Stellung aufzugeben, ohne
sich den Vorwurf der Zaghaftigkeit oder der Launenhaftigkeit zuzuziehen.
Bei so erfreulichen Anlässen sei es stets Sitte gewesen, daß der Fürst
die Herzen seiner Unterthanen durch Gnadenacte erfreue, und nichts könne
dem Prinzen von Wales mehr zum Vortheile gereichen, als wenn er schon in
der Wiege der Friedensstifter zwischen seinem Vater und der
aufgebrachten Nation würde. Aber des Königs Entschluß stand fest. „Ich
werde fortfahren,“ sagte er, „ich bin nur zu nachsichtig gewesen. Die
Nachsicht war meines Vaters Verderben“[115].

    [Anmerkung 112: +Tanner MS.+]

    [Anmerkung 113: Diese Thatsache wurde mir freundlichst von dem
    Rev. R. S. Hawker von Morwenstow in Cornwall mitgetheilt.]

    [Anmerkung 114: Johnstone, 18. Juni 1688.]

    [Anmerkung 115: Adda, 29. Juni (9. Juli) 1688.]


[_Sunderland’s Angst._] Der schlaue Minister kam dahinter, daß sein Rath
früher nur deshalb angenommen worden war, weil er denselben jederzeit
nach dem Willen des Königs eingerichtet hatte, daß er aber von dem
Augenblicke an, wo er wirklich guten ertheilte, kein Gehör mehr finden
würde. Bei dem Verfahren gegen das Magdalenen-Collegium hatte er einige
Lauheit gezeigt. Er hatte ferner ganz neuerdings den König zu überzeugen
gesucht, daß Tyrconnel’s Plan zur Confiscirung des Eigenthums der
englischen Colonisten in Irland höchst gefährlich sei, und er hatte es
mit Hülfe Powis’ und Bellasyse’s wenigstens dahingebracht, daß die
Ausführung des Planes noch um ein Jahr aufgeschoben wurde. Aber diese
zaghafte Bedenklichkeit hatte den Keim des Widerwillens und Mißtrauens
ins Herz des Königs gelegt[116]. Der Tag der Vergeltung war jetzt
gekommen. Sunderland war in der nämlichen Lage, in der sich einige
Monate früher sein Nebenbuhler Rochester befunden hatte. Beide
Staatsmänner lernten die Angst eines Menschen kennen, der sich
krampfhaft an eine Stütze anklammert, die seinen Händen mehr und mehr
entschlüpft. Beide sahen ihre Rathschläge verächtlich zurückgewiesen.
Beide erlitten die Qual, in den Mienen und dem Benehmen ihres Gebieters
Unzufriedenheit und Mißtrauen zu lesen, und doch wurden Beide von ihrem
Vaterlande für die Verbrechen und Irrthümer, von denen sie ihn vergebens
zurückzubringen versucht hatten, verantwortlich gemacht. Während er sie
in dem Verdacht hatte, daß sie auf Kosten seiner Autorität und seiner
Würde sich populär machen wollten, beschuldigte die öffentliche Stimme
sie laut des Versuchs, auf Kosten ihrer eigenen Ehre und des Gemeinwohls
die königliche Gunst zu gewinnen. Doch trotz aller Kränkungen und
Demüthigungen hielten Beide ihren Ministerposten mit der verzweifelten
Kraft Ertrinkender umklammert. Beide versuchten es, den König wieder
günstig zu stimmen, indem sie sich stellten, als ob sie zum Anschluß an
seine Kirche geneigt wären. Es gab aber eine Grenze, welche Rochester
entschlossen war nicht zu überschreiten. Er ging bis an den Rand des
Glaubensabfalls; hier aber blieb er stehen und in Berücksichtigung der
Standhaftigkeit, mit der er sich weigerte, den letzten Schritt zu thun,
verzieh ihm die Welt großmüthig seine frühere Willfährigkeit.

    [Anmerkung 116: Sunderland’s eigner Erzählung darf man natürlich
    nicht unbedingten Glauben beimessen. Aber er führte Godolphin zum
    Zeugen für das an, was in Betreff der irischen Ansiedlungsacte
    vorgegangen war.]


[_Er erklärt sich für einen Katholiken._] Der weniger gewissenhafte und
für das Schamgefühl weniger empfängliche Sunderland beschloß durch einen
Schritt, der jedem von der Wichtigkeit der religiösen Überzeugung
durchdrungenen Gemüth als eines der schändlichsten Verbrechen erscheinen
mußte und den selbst weltlich gesinnte Menschen als das Übermaß von
Verworfenheit betrachten, seine bisherige Mäßigung wieder gut zu machen
und das Vertrauen des Königs wieder zu gewinnen. Ungefähr eine Woche vor
dem zur Verhandlung des Prozesses anberaumten Tage erschien die
öffentliche Ankündigung, daß er Papist geworden sei. Der König sprach
mit Entzücken von diesem Siege der göttlichen Gnade. Die Höflinge und
auswärtigen Gesandten bemühten sich nach Kräften ernsthaft zu bleiben,
als der Renegat versicherte, daß er schon lange von der Unmöglichkeit
überzeugt sei, außerhalb des Schooßes der römischen Kirche selig werden
zu können, und daß sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen, bis er sich
von dem Ketzerglauben losgesagt habe, in dem er erzogen worden. Die
Neuigkeit verbreitete sich schnell. In allen Kaffeehäusern erzählte man
sich, wie der Premierminister von England barfuß und mit einer Kerze in
der Hand sich nach der königlichen Kapelle begeben und demüthig um
Einlaß gebeten, wie die Stimme eines Priesters drinnen gefragt habe, wer
da sei, wie Sunderland zur Antwort gegeben, ein armer Sünder, der lange
fern von der wahren Kirche umherirre, flehe um Aufnahme und Absolution,
wie hierauf die Thüren geöffnet worden seien und der Neubekehrte an den
heiligen Mysterien habe Theil nehmen dürfen[117].

    [Anmerkung 117: Barillon, 21. Juni (1. Juli) 1688; Adda, 29. Juni
    (9. Juli); Citters, 26. Juni (6. Juli); Johnstone, 2. Juli 1688;
    +The Converts, a poem+.]


[_Prozeß der Bischöfe._] Dieser schmachvolle Abfall konnte das Interesse
nur erhöhen, mit dem die Nation dem Tage entgegensah, an welchem das
Schicksal der sieben muthigen Bekenner der anglikanischen Kirche
entschieden werden sollte. Eine willfährige Jury zusammenzubringen war
jetzt das Hauptziel des Königs. Die Kronanwälte erhielten Befehl, die
Gesinnung der Männer, welche in das Verzeichniß der Freisassen
eingetragen waren, genau zu erforschen. Sir Samuel Astry, Sekretär der
Krone, dem die Auswählung der Namen in solchen Fällen oblag, wurde in
den Palast beschieden und hatte eine Unterredung mit Jakob, an welcher
der Kanzler Theil nahm[118]. Sir Samuel scheint sein Möglichstes gethan
zu haben, denn es befanden sich, wie es hieß, unter den achtundvierzig
Personen, die er auswählte, mehrere Diener des Königs und mehrere
Katholiken[119]. Da aber der Vertheidiger der Bischöfe das Recht hatte,
zwölf davon zu streichen, so waren diese natürlich die gestrichenen. Die
Kronanwälte strichen ebenfalls zwölf und die Liste reducirte sich
dadurch auf vierundzwanzig. Die ersten zwölf, welche aufgerufen wurden,
hatten dann den Ausspruch zu thun.

Am neunundzwanzigsten Juni waren Westminsterhall, der alte und der neue
Palasthof und alle benachbarten Straßen weithin mit einer dicht
gedrängten Volksmasse angefüllt. Ein so zahlreiches Auditorium war nie
zuvor und ist auch seitdem nie wieder im Gerichtssaale der Kings Bench
versammelt gewesen. Man zählte fünfunddreißig weltliche Peers unter der
Menge[120].

Sämmtliche vier Richter des Gerichtshofes waren anwesend. Wright, der
den Vorsitz führte, war einzig und allein wegen seiner gewissenlosen
Servilität vielen tüchtigeren und gelehrteren Männern bei Besetzung
seines hohen Postens vorgezogen worden. Allibone war Papist und
verdankte seine Stellung der Dispensationsgewalt, deren Gesetzlichkeit
eben in Frage stand. Holloway war seither ein willenloses Werkzeug der
Regierung gewesen. Selbst Powell, der sich des Rufes strenger
Rechtschaffenheit erfreute, hatte bei einigen Vorgängen eine Rolle
gespielt, die sich nicht vertheidigen läßt. Er hatte in dem wichtigen
Prozesse Sir Eduard Hales’, allerdings mit einigem Bedenken und nach
einigem Zögern, mit der Mehrheit der Richter gestimmt und dadurch auf
seinen Character einen Flecken geworfen, der aber durch sein
ehrenwerthes Benehmen an diesem Tage völlig verwischt wurde.

Die beiderseitigen Rechtsanwälte waren einander durchaus nicht
ebenbürtig. Die Regierung hatte von ihren Kronjuristen so gehässige und
entehrende Dienste verlangt, daß die ausgezeichnetsten Rechtsgelehrten
und Advokaten der Torypartei nach einander ihre Mitwirkung verweigert
hatten und ihrer Ämter entsetzt worden waren. Sir Thomas Powis,
der Generalfiskal, war kaum ein Jurist dritten Ranges. Der
Generalprokurator, Sir Wilhelm Williams, besaß zwar einen scharfen
Verstand und einen unbeugsamen Muth, aber es fehlte ihm an der nöthigen
Ruhe und Bedächtigkeit; er war streitsüchtig, konnte sein Temperament
nicht beherrschen und wurde von allen politischen Parteien gehaßt und
verachtet. Die hervorragendsten Beistände des Fiskals und des
Prokurators waren Serjeant Trinder, ein Katholik, und Sir Bartholomäus
Shower, Syndikus von London, der einige juristische Kenntnisse besaß,
aber wegen seiner oft den Anstand verletzenden Vertheidigungen und
seiner endlosen Wiederholungen das Gespött von ganz Westminsterhall war.
Gern hätte die Regierung Maynard’s Dienste gewonnen; aber er hatte
geradezu erklärt, daß er sich auf das, was man von ihm verlangte, mit
gutem Gewissen nicht einlassen könne[121].

Auf der andren Seite hingegen standen fast alle ausgezeichneten
juristischen Talente der damaligen Zeit. Sawyer und Finch, welche beim
Regierungsantritt Jakob’s Fiskal und Prokurator gewesen waren, und die
während der Verfolgung der Whigs unter der vorigen Regierung der Krone
mit nur zu großem Eifer und zu glücklichem Erfolge gedient hatten,
befanden sich unter den Vertheidigern der Angeklagten. Ihnen zur Seite
standen zwei Männer, welche, seit Maynard’s Thätigkeit durch sein
vorgerücktes Alter vermindert worden war, für die beiden besten Juristen
galten: Pemberton, der zur Zeit Karl’s II. Oberrichter der Kings Bench
gewesen, wegen seiner Menschlichkeit und Mäßigung aber dieses hohen
Postens entsetzt worden und deshalb wieder zur advokatorischen Praxis
zurückgekehrt war, und Pollexfen, der lange die Assisen im Westen
geleitet und von dem man, obgleich er sich bei den blutigen Assisen
durch Annahme von Aufträgen für die Krone und besonders durch sein
Auftreten gegen Alice Lisle sehr unpopulär gemacht hatte, dennoch wußte,
daß er im Herzen ein Whig, wenn nicht gar ein Republikaner war. Ferner
war dabei Sir Creswell Levinz, ein Mann von gründlichen Kenntnissen und
reichen Erfahrungen, aber von auffallend ängstlichem Wesen. Er war
einige Jahre vorher von der Richterbank entfernt worden, weil er sich
nicht hatte entschließen können, den Zwecken der Regierung zu dienen.
Jetzt scheute er sich wieder, als Vertheidiger der Bischöfe aufzutreten
und hatte sich zuerst geweigert, ihnen seine Dienste zu widmen; aber die
ganze Corporation der Gerichtsadvokaten, die ihn beschäftigten, hatten
ihm erklärt, daß wenn er diesen Auftrag zurückwiese, er nie wieder einen
erhalten sollte[122].

Sir Georg Treby, ein reichbegabter und eifriger Whig, der unter der
alten städtischen Verfassung Syndikus von London gewesen war, stand auf
der nämlichen Seite. Sir Johann Holt, ein noch ausgezeichneterer
whiggistischer Advokat, wurde wahrscheinlich deshalb, weil Sancroft
gegen ihn eingenommen war, nicht mit zur Vertheidigung berufen, war aber
vom Bischof von London privatim um Rath gefragt worden[123]. Der jüngste
Rechtsbeistand der Bischöfe war ein junger Advokat, Namens Johann
Somers. Er war weder durch hohe Geburt noch durch Vermögen begünstigt
und hatte auch noch keine Gelegenheit gehabt, sich öffentlich
auszuzeichnen, aber sein Genie, sein Fleiß und sein vielseitiges großes
Talent waren einem kleinen Kreise von Freunden wohl bekannt, und sein
gründliches, klares System der Beweisführung, sowie sein jederzeit
taktvolles Benehmen hatten ihm trotz seiner whiggistischen Ansichten die
Aufmerksamkeit des Gerichtshofes der Kings Bench bereits gesichert.
Johnstone hatte den Bischöfen eindringlich vorgestellt, wie wichtig es
sei, seinen Beistand zu gewinnen, und Pollexfen sollte erklärt haben,
daß Niemand in Westminsterhall zur Behandlung einer geschichtlichen und
die Verfassung berührenden Frage so befähigt sei, als Somers.

Die Jury wurde vereidigt; sie bestand aus Männern, welche sehr geachtete
Stellungen in der Gesellschaft einnahmen. Der Vormann war Sir Roger
Langley, ein Baronet von alter und angesehener Familie. Ihm zur Seite
stand ein Ritter und zehn Esquires, von denen mehrere sehr vermögend
waren. Es befanden sich einige Nonconformisten unter ihnen, denn die
Bischöfe hatten wohlweislich beschlossen, kein Mißtrauen gegen die
protestantischen Dissenters zu zeigen. Ein Name jedoch erregte große
Besorgniß, der Name Michael Arnold’s. Er war Hofbrauer und man
fürchtete, daß die Regierung auf seine Stimme rechnen könne. Es wird
erzählt, daß er sich bitter über die Stellung beklagt habe, in die er
versetzt war. „Was ich auch thun mag,“ soll er geäußert haben, „so habe
ich die Gewißheit, halb ruinirt zu werden. Sage ich Nichtschuldig, so
werde ich nicht mehr für den König brauen; sage ich Schuldig, so werde
ich für niemand Andren mehr brauen“.[124]

So begann denn die gerichtliche Verhandlung, die, selbst wenn man sie
nach Verlauf von mehr als anderthalb Jahrhunderten mit kaltem Blute
liest, das ganze Interesse eines Drama’s hat. Die Advokaten stritten auf
beiden Seiten mit einer mehr als berufsmäßigen Schärfe und Heftigkeit,
das anwesende Publikum hörte mit so gespannter Aufmerksamkeit zu, als
hätte das Schicksal jedes Einzelnen von dem Ausspruche der Geschwornen
abgehangen, und die Aussichten auf den Sieg wechselten so plötzlich und
so ergreifend, daß die Menge zu wiederholten Malen in der nämlichen
Minute von der größten Angst zur lebhaftesten Freude und umgekehrt von
der lebhaftesten Freude zu noch größerer Angst übersprang.

Die Anklage beschuldigte die Bischöfe, in der Grafschaft Middlesex ein
falsches, böswilliges und aufrührerisches Libell geschrieben oder
veröffentlicht zu haben. Der Generalfiskal und der Staatsprokurator
versuchten zuvörderst den Beweis zu führen, daß die Angeklagten das
Libell unterschrieben hatten. Zu dem Ende wurden mehrere Personen
aufgefordert, die Handschriften der Bischöfe zu recognosciren. Aber die
Zeugen thaten dies mit solcher Unlust, daß kaum einem von ihnen eine
klare und deutliche Antwort zu entlocken war. Pemberton, Pollexfen und
Levinz behaupteten, daß keine genügenden Beweise vorhanden seien, die
der Jury vorgelegt werden könnten; zwei von den Richtern, Holloway und
Powell, traten dieser Ansicht bei, und die Hoffnung der Zuschauer stieg
bedeutend. Da erklärten plötzlich die Kronanwälte, daß sie einen andren
Weg einzuschlagen gedächten. Powis führte mit unverkennbarer Beschämung
und Widerstreben einen Sekretär des Geheimen Raths, Namens Blathwayt,
der zugegen gewesen war, als der König die Bischöfe verhörte, in die
Zeugenloge ein. Blathwayt versicherte eidlich, daß er gehört habe, wie
sie ihre Unterschriften selbst anerkannt hätten. Dieses Zeugniß war
entscheidend. „Warum haben Sie,“ sagte der Richter Holloway zu dem
Fiskal, „da Sie einen solchen Zeugen hatten, ihn nicht sogleich
vorgeführt? es wäre dadurch viel unnöthiger Zeitverlust erspart worden.“
Es ergab sich bald, warum der Kronanwalt sich nur höchst ungern durch
die dringendste Nothwendigkeit hatte bestimmen lassen, zu diesem
Beweismittel zu greifen. Pemberton hielt Blathwayt zurück, unterwarf ihn
einem umständlichen Verhör und verlangte eine genaue Erzählung alles
dessen, was zwischen dem Könige und den Angeklagten vorgegangen sei.
„Das wäre etwas ganz Neues!“ rief Williams. „Glauben Sie,“ sagte Powis,
„daß Sie ein Recht dazu haben, an unsere Zeugen jede impertinente Frage
zu richten, die Ihnen in den Sinn kommt?“ Die Advokaten der Bischöfe
waren jedoch nicht die Männer, die sich so leicht werfen ließen. „Er ist
darauf vereidigt,“ sagte Pollexfen, „die Wahrheit, die ganze Wahrheit zu
sagen; wir wollen und müssen eine Antwort haben.“ Der Zeuge wurde
verlegen, gab ausweichende Antworten, wollte die Fragen nicht richtig
verstanden haben und bat um den Schutz des Gerichtshofes; aber er war in
Händen, aus denen nicht leicht wieder loszukommen war. Endlich schlug
der Generalfiskal sich wieder ins Mittel. „Wenn Sie durchaus auf Ihrer
Forderung bestehen,“ hob er an, „so sagen Sie uns wenigstens, welchen
Gebrauch Sie von der Antwort zu machen gedenken.“ Pemberton, der während
der ganzen Verhandlung seine Pflicht muthig und geschickt erfüllte,
erwiederte ohne Besinnen: „Mylords, ich will dem Herrn Generalfiskal
antworten, ich will offen mit dem Gerichtshofe reden. Wenn die Bischöfe
sich unter dem Versprechen von Seiten Seiner Majestät, daß ihr
Geständniß nicht gegen sie angewendet werden solle, zu dieser Schrift
bekannten, so wird man sich hoffentlich nicht eines unredlichen
Vortheils gegen sie bedienen.“ -- „Sie erheben eine Beschuldigung gegen
Seine Majestät, die ich kaum auszusprechen wage,“ sagte Williams; „da
Sie es so genau nehmen, dann verlange ich auch für den König, daß die
Frage zu Protokoll genommen wird.“ -- „Was meinen Sie damit?“ fragte
jetzt Sawyer. „Ich weiß, was ich meine,“ antwortete der Apostat, „ich
verlange, daß die Frage vor Gericht zu Protokoll genommen wird.“ --
„Nehmen Sie zu Protokoll, was Sie wollen, Herr Prokurator, ich fürchte
Sie nicht,“ sagte Pemberton. Es folgte nun ein lauter und heftiger
Wortwechsel, den der Oberrichter nur mit Mühe beschwichtigen konnte. In
jedem andren Falle hätte er die Frage ohne Zweifel zu Protokoll nehmen
und Pemberton verhaften lassen. Aber an diesem wichtigen Tage wagte er
dies nicht. Er warf oft einen Seitenblick auf die dichten Reihen der
Earls und Barone, die ihn scharf beobachteten und die ihn beim nächsten
Parlamente zur Rechenschaft ziehen konnten. Ein Anwesender meinte
nachher, es habe ausgesehen, als ob alle zuhörenden Peers Stricke in der
Tasche gehabt hätten.[125] Blathwayt wurde endlich gezwungen, über den
ganzen Vorgang einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Es stellte sich
heraus, daß der König den Bischöfen gegenüber keine ausdrückliche
Verpflichtung eingegangen war; ebenso aber ergab es sich auch, daß die
Bischöfe wohl Grund hatten, eine stillschweigende Zusage anzunehmen. Aus
dem Widerstreben, mit dem die Kronanwälte den Sekretär des Geheimraths
in die Zeugenloge einführten und aus der Heftigkeit, mit der sie sich
Pemberton’s Kreuzfragen widersetzten, geht klar hervor, daß sie der
nämlichen Ansicht waren.

Die Handschrift war jedoch bewiesen. Aber jetzt wurde ein neuer und
ernster Einwand erhoben. Der Beweis, daß die Bischöfe das gesetzwidrige
Libell geschrieben hatten, war nicht genügend; es mußte auch bewiesen
werden, daß sie es in der Grafschaft Middlesex geschrieben hatten.
Allein dies konnten der Fiskal und der Prokurator nicht nur nicht
beweisen, sondern die Angeklagten waren sogar im Stande, das Gegentheil
zu beweisen, denn Sancroft hatte von dem Augenblicke an, wo der
Geheimrathsbefehl erschien, bis zu dem Augenblicke, wo die Petition dem
Könige überreicht wurde, seinen Palast in Lambeth nicht verlassen. Die
ganze Anklage fiel daher in sich selbst zusammen und das Publikum
erwartete mit großer Freude eine vollständige Freisprechung.

Die Kronjuristen änderten nun abermals ihre Taktik, ließen die Anklage
auf Abfassung eines Libells ganz fallen und unternahmen es, zu beweisen,
daß die Bischöfe in Middlesex ein Libell _veröffentlicht_ hätten. Das
war nicht leicht. Die Überreichung der Petition an den König war in den
Augen des Gesetzes unzweifelhaft eine Veröffentlichung. Aber wie war
diese Überreichung zu beweisen? Es war bei der Audienz im königlichen
Kabinet außer dem Könige und den Angeklagten Niemand zugegen gewesen.
Den König konnte man nicht wohl als Zeugen vereidigen. Das Factum der
Veröffentlichung konnte also nur durch das Eingeständniß der Angeklagten
constatirt werden. Blathwayt wurde noch einmal vernommen, aber
vergebens. Er sagte, er erinnere sich wohl, daß die Bischöfe ihre
Unterschriften anerkannt, nicht aber, daß sie das auf dem Tische des
Geheimen Raths liegende Papier als das nämliche anerkannt hätten,
welches sie dem Könige überreichten, noch daß sie überhaupt über diesen
Punkt befragt worden waren. Mehrere andere Beamte, die im
Geheimrathszimmer zugegen gewesen waren, wurden aufgerufen, unter ihnen
Samuel Pepys, Sekretär der Admiralität; aber keinem von ihnen war es
erinnerlich, daß von der Überreichung irgend die Rede gewesen sei.
Williams bemühte sich vergebens, sie durch verfängliche Fragen zu dem
gewünschten Zeugnisse zu verleiten, bis endlich die Rechtsanwälte der
Gegenpartei erklärten, daß ein solches Drehen und Wenden noch an keinem
Gerichtshofe vorgekommen sei, und Wright selbst zugestehen mußte, daß
die Vernehmungsweise des Generalprokurators allen Regeln zuwider sei. Da
ein Zeuge nach dem andren verneinend antwortete, wiederhallte der ganze
Saal von lautem Gelächter und triumphirendem Jubel, welche zum Schweigen
zu bringen die Richter gar nicht versuchten.

Der harte Kampf schien endlich gewonnen zu sein; für die Krone war
nichts mehr vorzubringen. Hätten die Anwälte der Bischöfe nun
geschwiegen, so war die Freisprechung gewiß, denn es war nichts
ausgesagt worden, was auch der parteiischeste und gewissenloseste
Richter einen rechtskräftigen Beweis für die Veröffentlichung hätte
nennen kennen. Der Oberrichter schickte sich bereits an, den Geschwornen
das Resumé vorzulegen und er würde sie ohne Zweifel angewiesen haben,
die Angeklagten freizusprechen, als Finch, der zu aufgeregt war, um mit
gehöriger Besonnenheit handeln zu können, noch auftrat und gehört zu
werden verlangte. „Wenn Sie gehört sein wollen,“ sagte Wright, „so
können wir Sie nicht hindern zu sprechen; aber ich muß Ihnen bemerken,
daß Sie Ihren eigenen Vortheil nicht erkennen.“ Die anderen Vertheidiger
bewogen Finch, sich wieder niederzusetzen und baten den Oberrichter
fortzufahren. Eben wollte er dies auch thun, da kam ein Bote an den
Generalprokurator mit der Nachricht, daß Lord Sunderland die
Veröffentlichung beweisen könne und sogleich im Gerichtssaal erscheinen
werde. Wright bemerkte den Vertheidigern in ziemlich spitzigem Tone, daß
sie sich diese neue Wendung der Dinge lediglich selbst zuzuschreiben
hätten. Die Gesichtszüge der versammelten Zuschauer verfinsterten sich;
Finch war einige Stunden lang der unpopulärste Mann im ganzen Lande.
Warum konnte er nicht ruhig sitzen bleiben wie seine verständigeren
Collegen Sawyer, Pemberton und Pollexfen? Seine Sucht, auch etwas zu
sagen, der Wunsch eine schöne Rede zu halten, hatte Alles verdorben.

Inzwischen wurde der Lordpräsident in einer Sänfte durch die Halle
getragen. Nicht ein einziger Hut wurde gelüftet und viele Stimmen
riefen: „Papistischer Hund!“ Bleich und zitternd, mit zu Boden gesenktem
Blicke trat er vor die Schranken und gab mit unsicherer Stimme seine
Zeugenaussage ab. Er versicherte eidlich, daß ihm die Bischöfe ihre
Absicht, dem Könige eine Petition zu überreichen, mitgetheilt hätten und
daß sie zu dem Ende in das königliche Kabinet eingelassen worden seien.
Dieser Umstand in Verbindung mit dem, daß sich, nachdem sie das Kabinet
verlassen, eine von ihnen unterzeichnete Petition in den Händen des
Königs befand, war für das Factum der Veröffentlichung ein Beweis, der
einer Jury wohl genügen konnte.

Die Veröffentlichung in Middlesex war also ebenfalls bewiesen. Aber war
das veröffentlichte Schriftstück ein falsches, böswilliges und
aufrührerisches Libell? Bis jetzt hatte es sich nur darum gehandelt, ob
eine Thatsache, die Jedermann als wirklich geschehen kannte, nach den
technischen Regeln des Beweises constatirt werden konnte; jetzt aber
erhielt der Streit ein höheres Interesse. Man mußte die Grenzen der
königlichen Hoheitsrechte und der bürgerlichen Freiheit, das Recht des
Königs, von Gesetzen zu dispensiren, und das Recht der Unterthanen um
Abstellung von Mißständen zu petitioniren, untersuchen. Drei Stunden
lang vertheidigten die Anwälte der Petenten mit energischem Nachdrucke
die Grundprinzipien der Verfassung und bewiesen aus den Protokollen des
Hauses der Gemeinen, daß die Bischöfe nur etwas Wahres behauptet hätten,
indem sie dem Könige vorstellten, daß die von ihm beanspruchte
Dispensationsgewalt mehr als einmal vom Parlament für ungesetzlich
erklärt worden sei. Somers erhob sich zuletzt. Er sprach wenig über fünf
Minuten lang, aber jedes seiner Worte war gewichtigen Inhalts, und als
er seinen Platz wieder einnahm, war sein Ruf als Redner und als
constitutioneller Jurist fest begründet. Er untersuchte die Ausdrücke
der Anklage, in welcher das den Bischöfen zur Last gelegte Vergehen
dargestellt war, und bewies, daß jedes Wort, Adjectiv oder Substantiv,
durchaus unangemessen sei. Die Anklage laute auf ein falsches,
böswilliges und aufrührerisches Libell. Falsch sei das Schriftstück
nicht, denn jede darin behauptete Thatsache sei durch die
Parlamentsprotokolle als wahr bewiesen. Auch böswillig sei das
Schriftstück nicht, denn die Angeklagten hätten nicht Streit gesucht,
sondern die Regierung habe sie in eine Lage versetzt, in der sie sich
entweder dem königlichen Willen widersetzen oder die heiligsten
Pflichten des Gewissens und der Ehre verletzen mußten. Aufrührerisch sei
das Schriftstück eben so wenig, denn die Verfasser hätten es nicht unter
dem Volke vertheilt, sondern es privatim den Händen des Königs allein
übergeben; auch sei es kein Libell, sondern eine anständige Petition,
wie sie nach den Gesetzen Englands, ja nach den Gesetzen des römischen
Kaiserreichs und nach den Gesetzen aller civilisirten Staaten jeder
Unterthan, welcher glaubt, daß ihm Unrecht geschehen, mit Fug und Recht
dem Souverain überreichen dürfe.

Der Fiskal replicirte kurz und schwach. Der Prokurator sprach sehr
ausführlich und mit großer Bitterkeit, so daß er oft durch Zurufe und
Zischen des Publikums unterbrochen wurde. Er ging so weit zu behaupten,
daß kein einzelner Unterthan und keine Gemeinschaft von Unterthanen,
außer die Parlamentshäuser, berechtigt sei, eine Petition an den König
zu richten. Die Zuschauer waren wüthend und selbst der Oberrichter war
ganz betroffen über die Frechheit dieses feilen Achselträgers.

Wright schritt endlich zum Resumé. Seine Rede bewies, daß seine Furcht
vor der Regierung durch die Furcht vor dieser zahlreichen, glänzenden
und heftig aufgeregten Versammlung gemäßigt wurde. Er sagte, er wolle
nicht seine Ansicht über die Dispensationsfrage abgeben, er habe dies
nicht nöthig, er könne dem Staatsprokurator in vielen Punkten seiner
Rede nicht beistimmen, ein Unterthan habe allerdings das Recht, zu
petitioniren, aber die dem Gerichtshofe vorliegende specielle Petition,
sei ungebührlich abgefaßt und daher in den Augen des Gesetzes ein
Libell. Allibone sprach die nämliche Ansicht aus, bewies aber in seinem
Vortrag eine so gänzliche Unkenntniß des Rechts und der Geschichte, daß
er sich die Verachtung Aller zuzog, die ihn anhörten. Holloway umging
die Dispensationsfrage, sagte aber, ihm scheine die Petition so gefaßt,
wie sie Unterthanen, die sich in ihrem Rechte gekränkt glaubten, wohl zu
überreichen befugt seien, und sie sei daher kein Libell. Powell trat
noch kühner auf. Er erklärte geradezu, daß seiner Ansicht nach die
Indulgenzerklärung null und nichtig und die Dispensationsgewalt, wie sie
neuerdings ausgeübt worden, mit allen Gesetzen durchaus unvereinbar sei.
Wenn man solche Übergriffe der Prärogative dulden wolle, so seien die
Parlamente ganz überflüssig, die ganze gesetzgebende Gewalt liege dann
in den Händen des Königs. „Diese Entscheidung, meine Herren,“ sagte er,
„stelle ich Gott und Ihrem Gewissen anheim“.[126]

Es war dunkel geworden, als die Jury sich zurückzog, um über ihren
Schiedsspruch zu berathen. Diese Nacht war eine Nacht voll ängstlicher
Spannung. Es existiren noch einige Briefe, welche während jener Stunden
der Ungewißheit abgesendet wurden und die daher ein ganz besonderes
Interesse haben. „Es ist sehr spät,“ schrieb der päpstliche Nuntius,
„und noch ist die Entscheidung nicht bekannt. Die Richter und die
Angeklagten haben sich nach Hause begeben, die Geschwornen aber bleiben
beisammen. Morgen werden wir den Ausgang dieses wichtigen Kampfes
erfahren.“

Der Prokurator der Bischöfe brachte mit einer Anzahl Bedienten die ganze
Nacht auf der Treppe zu, welche nach dem Berathungszimmer der
Geschwornen führte. Es war durchaus nothwendig, die an den Thüren Wache
haltenden Beamten scharf zu beobachten, denn man vermuthete, daß sie von
der Regierung gewonnen waren, und sie konnten daher, wenn sie nicht
sorgfältig bewacht wurden, einen höfisch gesinnten Geschwornen mit
Speise und Trank versehen, so daß er dann im Stande war, seine elf
Collegen auszuhungern. Es wurde daher strenge Wache gehalten und nicht
einmal ein Licht, um eine Pfeife anzuzünden, eingelassen. Gegen vier Uhr
Morgens ließ man einige Becken mit Wasser zum Waschen passiren. Die vor
Durst verschmachtenden Geschwornen tranken gierig die Gefäße aus. Die
umliegenden Straßen waren bis zum Morgen von einer großen Volksmenge
angefüllt. Von Stunde zu Stunde kam ein Bote von Whitehall um sich nach
dem Stande der Sache zu erkundigen. Verschiedene Male hörte man drinnen
im Zimmer einen heftigen Wortstreit; aber etwas Gewisses erfuhr man
nicht.[127]

Zuerst waren neun für die Freisprechung und drei für die Verurtheilung.
Zwei von der Minorität gaben bald nach; Arnold aber beharrte auf seinem
Ausspruche. Thomas Austin, ein reichbegüterter Landgentleman, der die
Zeugenaussagen und Reden aufmerksam verfolgt und sich ausführliche
Notizen gemacht hatte, wollte die Sache mit ihm speciell erörtern.
Arnold aber lehnte dies ab, indem er ärgerlich sagte, er sei nicht
gewöhnt zu raisonniren und zu debattiren, sein Gewissen gestatte ihm
nicht, die Bischöfe freizusprechen. „Wenn Sie dabei beharren,“ sagte
Austin, „so sehen Sie mich an. Ich bin der Größte und Stärkste von uns
Zwölfen; ehe ich aber eine Petition wie diese als ein Libell anerkenne,
bleibe ich hier, bis ich nicht mehr dicker bin als ein Pfeifenrohr.“ Es
war sechs Uhr Morgens, als Arnold endlich nachgab. Es wurde bald
bekannt, daß die Geschwornen einig waren; wie aber ihr Ausspruch
lautete, war noch ein Geheimniß.[128]

Um zehn Uhr versammelte sich der Gerichtshof wieder. Das Gedränge war
noch ärger als am vorigen Tage. Die Geschwornen erschienen in ihrer Loge
und es trat eine lautlose Stille ein.

    [Anmerkung 118: +Clarendon’s Diary, June+ 21. 1688.]

    [Anmerkung 119: Gitters, 26. Juni (6. Juli) 1688.]

    [Anmerkung 120: Johnstone, 2. Juli 1688.]

    [Anmerkung 121: Johnstone, 2. Juli 1688.]

    [Anmerkung 122: Johnstone, 2. Juli 1688. Der Herausgeber von
    +Levinz’s Reports+ drückt seine große Verwunderung darüber aus,
    daß Levinz nach der Revolution nicht wieder in sein Richteramt
    eingesetzt wurde. Die von Johnstone erzählten Thatsachen können
    dies anscheinende Ungerechtigkeit vielleicht erklären.]

    [Anmerkung 123: Ich schließe dies aus einem Briefe von Compton an
    Sancroft vom 12. Juni.]

    [Anmerkung 124: +Revolution Politics.+]

    [Anmerkung 125: Der Ausdruck eines Augenzeugen. Er findet sich in
    einem Neuigkeitsbriefe in der Mackintosh-Sammlung.]

    [Anmerkung 126: Siehe den Prozeß in der +Collection of State
    Trials+. Einiges habe ich auch von Johnstone und Citters
    entlehnt.]

    [Anmerkung 127: Johnstone, 2. Juli 1688; Brief von Mr. Ince an den
    Erzbischof, datirt von sechs Uhr Morgens; +Tanner MS.+;
    +Revolution Politics+.]

    [Anmerkung 128: Johnstone, 2. Juli 1688.]


[_Das Verdict der Geschwornen; Freude des Volks._] Sir Samuel Astry
sprach: „Finden Sie die Angeklagten oder einen von ihnen des Vergehens,
dessen sie angeklagt sind, schuldig oder nicht schuldig?“ Sir Roger
Langley antwortete: „Nicht schuldig.“ Sobald diese Worte über seine
Lippen waren, sprang Halifax auf und schwenkte seinen Hut. Auf dieses
Zeichen brachen alle Bänke und Gallerien in donnernden Beifallsjubel
aus. Im nächsten Augenblick stimmten die zehntausend Menschen, welche
die große Halle füllten, mit noch lauterem Jubel ein, von dem die alte
eichene Decke erdröhnte, und noch einen Augenblick, so ließ die draußen
versammelte Menge ein drittes Hurrah erschallen, das man in Templebar
hören konnte. Die Böte, welche den Fluß bedeckten, antworteten mit
gleicher Begeisterung, ein Kanonenschlag knallte auf dem Wasser, dann
wieder einer und wieder einer, und so flog die frohe Nachricht binnen
wenigen Augenblicken über den Savoy und über die Friars hinaus bis zur
Londonbrücke und zu dem Mastenwalde der jenseit derselben liegenden
Schiffe. Wohin die Botschaft kam, brachen Straßen und Squares,
Marktplätze und Kaffeehäuser in Freudenjubel aus. Der Jubel aber war
minder auffallend, als die Thränen. Denn die Gefühle der Leute waren so
angespannt worden, daß selbst die kalte, an Äußerungen von
Gemüthsbewegung wenig gewöhnte englische Natur überwältigt wurde und
Tausende vor lauter Freude schluchzten. Inzwischen sprengten von den
Endpunkten der Menge Reiter fort, um die Kunde von dem Siege der Kirche
und der Nation durch alle Hauptstraßen zu verbreiten. Aber selbst dieser
gewaltige Ausbruch der Freude vermochte den hämischen und furchtlosen
Sinn des Staatsprokurators nicht zu erschüttern. Er versuchte es, sich
in dem betäubenden Lärme Gehör zu verschaffen und forderte die Richter
auf, Diejenigen, welche durch ihr Geschrei die Würde des Gerichtshofes
verletzt hatten, verhaften zu lassen. Einer aus der jubelnden Menge
wurde wirklich festgenommen. Indessen sah das Tribunal doch ein, daß es
geradezu lächerlich gewesen wäre einen Einzelnen für eine Übertretung zu
bestrafen, welche Hunderttausende begangen hatten, und entließ ihn daher
wieder mit einem leichten Verweis.[129]

Es war jetzt nicht daran zu denken, etwas Andres vorzunehmen, denn das
Getöse der Menge war so arg, daß man eine halbe Stunde lang im
Gerichtssaale kein Wort verstehen konnte. Williams stieg unter einem
Sturme von Zischen und Verwünschungen in seinen Wagen. Cartwright, der
eine unbezähmbare Neugierde besaß, hatte die Thorheit und
Unschicklichkeit begangen, nach Westminster zu kommen, um zu hören, wie
das Urtel ausfallen würde. Man erkannte ihn an seiner Priestertracht und
seiner Korpulenz und verfolgte ihn durch die ganze Halle mit Geschrei.
„Nehmt Euch vor dem Wolfe in Schafskleidern in Acht,“ sagte Einer.
„Platz für den Mann mit dem Papst im Bauche!“ rief ein Andrer.[130]

Die freigesprochenen Prälaten flüchteten sich vor der Menge, die sie um
ihren Segen bat, in die nächste Kapelle, wo eben Gottesdienst gehalten
wurde. Viele Kirchen der Hauptstadt waren an diesem Morgen geöffnet und
wurden von vielen Andächtigen besucht. In allen Kirchspielen der City
und der Vorstädte gingen die Glocken. Unterdessen konnten sich die
Geschwornen kaum einen Weg aus der Halle bahnen. Von Hunderten mußten
sie sich die Hand drücken lassen. „Gott segne Euch,“ rief das Volk;
„Gott segne Eure Familien! Ihr habt wie brave Gentlemen gehandelt und
uns Alle heute gerettet.“ Während die Peers, welche zur Unterstützung
der guten Sache herbeigekommen waren, fortfuhren, warfen sie Hände voll
Geld unter die Menge und hießen sie auf das Wohl des Königs, der
Bischöfe und der Geschwornen trinken.[131]

Der Generalfiskal überbrachte die Nachricht Sunderland, der sich gerade
mit dem Nuntius unterhielt. „Seit Menschengedenken,“ sagte Powis, „hat
man nicht einen solchen Jubel und so viel Freudenthränen gesehen wie
heute“.[132] Der König hatte am Morgen das Lager auf der Hounslowhaide
besucht. Sunderland schickte sofort einen Courier mit der Botschaft an
ihn ab. Jakob befand sich in Feversham’s Zelte, als der Expresse ankam.
Er war sehr ärgerlich über die Nachricht und rief auf Französisch aus:
„Sie sollen es bereuen!“ Er brach sogleich nach London auf. So lange er
anwesend war, hielt der Respekt die Soldaten ab, ihren Gefühlen freien
Lauf zu lassen; kaum aber hatte er das Lager verlassen, so hörte er
hinter sich ein lautes Jubelgeschrei. Er wunderte sich darüber und
fragte, was das bedeute. „Es ist nichts,“ erhielt er zur Antwort, „die
Soldaten freuen sich nur über die Freisprechung der Bischöfe.“ -- „Das
nennen Sie nichts?“ sagte der König und wiederholte dann noch einmal:
„Sie sollen es bereuen!“[133]

Er hatte in der That Ursache, verstimmt zu sein, denn seine Niederlage
war vollständig und im höchsten Grade demüthigend. Wären die Prälaten
auf Grund mangelhaften Beweises freigesprochen worden, etwa weil sie die
Petition nicht in Middlesex geschrieben hatten, oder weil es ihnen
streng nach den Regeln des Gesetzes nicht bewiesen werden konnte, daß
sie dem Könige die Petition, um dessentwillen sie in Untersuchung waren,
überreicht hatten, so würde die Prärogative keinen Stoß erhalten haben.
Zum Glück für das Land aber war die Thatsache der Veröffentlichung
vollkommen festgestellt worden und die Vertheidiger der Angeklagten
hatten daher das Dispensationsrecht angreifen müssen. Dies hatten sie
mit großer Gelehrsamkeit, Beredtsamkeit und Kühnheit gethan. Die Anwälte
der Krone waren, wie allgemein anerkannt wurde, in dem Kampfe
unterlegen. Nicht ein einziger Richter hatte die Indulgenzerklärung für
gesetzlich zu erklären gewagt, einer hatte sie sogar in den stärksten
Ausdrücken als ungesetzlich bezeichnet. Die ganze Stadt sprach davon,
daß die Dispensationsgewalt den Todesstoß bekommen habe. Finch, der den
Tag vorher allgemein geschmäht worden war, wurde jetzt allgemein
gepriesen. Man sagte, er habe die Sache nicht in einer Weise entschieden
sehen wollen, wobei die große Verfassungsfrage auf immer zweifelhaft
geblieben wäre. Er habe eingesehen, daß die Freisprechung seiner
Klienten ohne Verdammung der Indulgenzerklärung nur ein halber Sieg
gewesen sein würde. Es ist gewiß, daß Finch weder die Vorwürfe
verdiente, mit denen er überhäuft wurde, so lange der Ausgang noch
zweifelhaft war, noch die Lobpreisungen, die ihm gespendet wurden,
nachdem derselbe so günstig ausgefallen. Es war thöricht, ihn zu tadeln,
weil die Kronanwälte während des von ihm veranlaßten kurzen Verzugs
unerwartet einen neuen Zeugen fanden. Eben so thöricht war die Annahme,
daß er seine Klienten absichtlich einer Gefahr ausgesetzt habe, um ein
allgemeines Prinzip festzustellen, und noch thörichter war es, ihn wegen
etwas zu loben, was eine grobe Verletzung seiner Berufspflichten gewesen
sein würde.

Dem freudigen Tage folgte eine nicht minder freudige Nacht. Die Bischöfe
und einige ihrer achtungswerthen Freunde bemühten sich vergebens,
tumultuarische Freudenbezeigungen zu verhindern. Die ältesten Leute
erinnerten sich nicht, jemals, selbst nicht an dem Abende, als es in
London bekannt wurde, daß die schottische Armee sich für ein freies
Parlament erklärt hatte, die Straßen von so zahlreichen Freudenfeuern
erhellt gesehen zu haben. Um jedes Feuer hatte sich ein Haufe gelagert,
der auf das Wohl der Bischöfe und auf den Untergang der Papisten trank.
Die Fenster waren ebenfalls glänzend erleuchtet, jedes gewöhnlich durch
sieben Lichter, von denen das mittelste und längste den Primas
vorstellte. Dazu hörte man fortwährend das Knallen von Schwärmern,
Raketen und Gewehrschüssen. Ein ungeheurer Holzstoß brannte gerade dem
Haupteingange von Whitehall gegenüber; andere wurden vor den Thüren
katholischer Peers angezündet. Lord Arundell von Wardour beschwichtigte
wohlweislich den Pöbel mit ein wenig Geld; im Palast Salisbury am Strand
aber wurde ein Widerstandsversuch gemacht. Die Dienerschaft Lord
Salisbury’s machte einen Ausfall und feuerte; aber nur der unglückliche
Büttel des Bezirks fiel, der gerade gekommen war, um das Feuer
auszulöschen, und die Schaar wurde bald in den Palast zurückgetrieben.
Kein Schauspiel jener Nacht amüsirte das gemeine Volk so sehr, als
eines, das ihnen vor mehreren Jahren wohl bekannt gewesen war, und das
ihnen jetzt nach einer langen Pause wieder gegeben wurde: die
Verbrennung des Papstes. Dieses vor Zeiten sehr beliebte Schauspiel
kennt unsere Generation nur aus Beschreibungen und Abbildungen. Eine
Figur, die aber keineswegs jenen plumpen Conterfeyen von Guy Fawx glich,
welche noch jetzt am 5. November zur Schau umhergetragen werden, sondern
die mit einiger Geschicklichkeit von Wachs verfertigt und mit nicht
geringen Kosten mit Gewändern und einer Tiara geschmückt war, wurde auf
einen Stuhl gesetzt, ähnlich dem, auf welchem noch heute an einigen
hohen Festtagen die römischen Bischöfe durch die Peterskirche zum
Hochaltare getragen werden. Seine Heiligkeit war gewöhnlich umgeben von
einem Gefolge von Cardinälen und Jesuiten, und ihm zur Seite stand ein
als Teufel mit Schweif und Hörnern verkleideter Hanswurst. Kein reicher
und eifriger Protestant sah bei dieser Gelegenheit eine Guinee an, und
wenn man der Sage glauben darf, betrugen die Kosten einer solchen
Prozession zuweilen nicht weniger als tausend Pfund. Nachdem der Papst
eine Zeit lang über den Köpfen der Menge zur Schau umhergetragen worden
war, wurde er unter lautem Jubel den Flammen überliefert. Zur Zeit der
Popularität Oates’ und Shaftesbury’s wurde das Schauspiel alljährlich am
Geburtstage der Königin Elisabeth in Fleet Street unter den Fenstern des
Whig-Clubs aufgeführt. Der groteske Gebrauch war so berühmt, daß
Barillon sich einmal in Lebensgefahr begab, um aus einem Versteck
zuzusehen.[134] Seit der Entdeckung des Ryehousecomplots war die
Ceremonie bis zu dem Tage der Freisprechung der Bischöfe unterblieben.
An diesem Abende aber tauchten in verschiedenen Stadttheilen Londons
mehrere Päpste auf. Der Nuntius war höchlich entrüstet und der König
fühlte sich durch diese Verhöhnung seiner Kirche schwerer gekränkt als
durch irgend eine andre ihm zugefügte Beleidigung. Die Behörden konnten
jedoch nichts thun. Der Sonntagmorgen graute bereits und die Glocken der
Pfarrkirchen riefen zum Frühgebet, ehe die Feuer zu erlöschen und die
Volksmassen sich zu verlaufen begannen. Es erschien nun alsbald eine
Proklamation gegen die Ruhestörer. Viele von ihnen, meist Lehrlinge,
wurden verhaftet: aber die Anklagen gegen sie wurden von den Gerichten
von Middlesex nicht angenommen. Die Magistratsbeamten, von denen viele
Katholiken waren, geriethen mit der großen Jury in Streit und schickten
sie mehrere Male zurück, aber ohne Erfolg.[135]

    [Anmerkung 129: +Collection of State Trials+; +Oldmixon, 739+;
    +Clarendon’s Diary, June 25. 1688+; Johnstone, 2. Juli; Citters,
    3.(13.) Juli; Adda, 6.(10.) Juli; +Luttrell’s Diary+; Barillon,
    2.(12.) Juli.]

    [Anmerkung 130: Citters, 3.(13.) Juli. Der würdevolle Ernst, mit
    dem er die Geschichte erzählt, macht einen komischen Eindruck:
    +„Den Bisschop van Chester, wie seer de partie van het hof houdt,
    om te voldoen aan syne gewoone nieusgierigheyt, hem op dien tyt in
    Westminster Hall mede hebbende laten vinden, in het uytgaan
    doorgaans was uytgekreten voor een grypende wolf in schaaps
    kleederen; en hy synde een heer van hooge stature en vollyvig,
    spotsgewyse allomme geroepen was dat men voor hem plaats moeste
    maken, om te laten passen, gelyck ook geschiede, om dat soo sy
    uytschreeuwden en hem in het aansigt seyden, hy den Paus in syn
    buyck hadde.“+]

    [Anmerkung 131: Luttrell; Citters, 3.(13.) Juli 1688. +„Soo syn in
    tegendeel gedagte jurys met de uyterste acclamatie en alle
    teyckenen van genegenheyt en danckbaarheyt in het door passeren
    van de gemeente ontvangen. Honderden vielen haar om den hals met
    alle bedenckelycke wewensch van segen en geluck over hare
    persoonen en familien, om dat sy haar so heusch en eerlyck buyten
    verwagtinge als het ware in desen gedragen hadden. Veele van de
    grooten en kleynen adel wierpen in het wegryden handen vol gelt
    under de armen luyten, om op de gesontheyt van den Coning, der
    Heeren Prelaten, on de Jurys te drincken.“+]

    [Anmerkung 132: +„Mi trovava con Milord Sunderland la stessa
    mattina, quando venne l’Avvocato Generale a rendergli conto del
    successo, e disse, che mai piu a memoria d’huomini si era sentito
    un applauso, mescolato di voce e lagrime di giubilo, egual a
    quello che veniva egli di vedere in quest’ occasione.“+ Adda,
    6.(16.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 133: +Burnet, I. 744+; Citters, 3.(13.) Juli 1688.]

    [Anmerkung 134: Siehe eine interessante Erzählung, welche Danby,
    damals Herzog von Leeds, zugleich mit anderen Papieren im Jahre
    1710 veröffentlichte. Eine anziehende Beschreibung der Ceremonie
    der Papstverbrennung findet sich auch in North’s +Examen, 570+.
    Ferner sehe man die Note zum Epilog des Trauerspiels „Ödipus“ in
    Scott’s Ausgabe von Dryden.]

    [Anmerkung 135: +Reresby’s Memoirs+; Citters, 3.(13.) Juli 1688;
    Adda, 6.(16.) Juli; Barillon 2.(12.) Juli; +Luttrell’s Diary+;
    Neuigkeitsbrief vom 4. Juli; +Oldmixon, 739+; Ellis’
    Correspondenz.]


[_Eigenthümlicher Zustand der öffentlichen Meinung zu jener Zeit._]
Inzwischen verbreitete sich die frohe Nachricht durch das ganze Land und
wurde allenthalben mit Jubel aufgenommen. Gloucester, Bedford und
Lichfield gehörten zu den Städten, die sich durch besonderen Eifer
auszeichneten; Bristol und Norwich aber, welche nach Bevölkerung und
Reichthum London am nächsten standen, kamen bei diesem freudigen Anlasse
auch in der Begeisterung der Hauptstadt am nächsten.

Die gerichtliche Verfolgung der sieben Bischöfe ist ein Ereigniß, das in
unsrer Geschichte einzig dasteht. Es war der erste und letzte Fall, wo
zwei mächtige in der Regel einander entgegengesetzte Gefühle, von denen
jedes für sich allein bei heftiger Erregung hinreichend war, um den
Staat zu erschüttern, in vollkommener Eintracht verbündet waren. Diese
Gefühle waren die Liebe zur Kirche und die Liebe zur Freiheit. Während
vieler Generationen war jeder heftige Ausbruch des kirchlichen Gefühls,
mit einer einzigen Ausnahme, der bürgerlichen Freiheit nachtheilig
gewesen; und ebenso war jeder heftige Ausbruch des Freiheitsgefühls, mit
einer einzigen Ausnahme, dem Ansehen und Einflusse des Prälatenthums und
der Priesterschaft verderblich. Im Jahre 1688 war die Sache der
Hierarchie einen Augenblick die Sache der Volkspartei. Mehr als
neuntausend Geistliche, mit dem Primas und seinen ehrenwerthesten
Suffraganen an der Spitze, erklärten sich bereit, Haft und
Eigenthumsberaubung für das große Grundprinzip unsrer freien Verfassung
zu erdulden. Die Folge war eine Coalition, welche die eifrigsten
Kavaliere, die eifrigsten Republikaner und alle zwischeninne liegenden
Parteien der Gesammtheit umfaßte. Der Geist, welcher Hampden unter der
vergangenen Generation aufrecht erhalten hatte, verband sich mit dem
Geiste, welcher Sacheverell unter der folgenden aufrecht erhielt, um den
Erzbischof, der ein Hampden und ein Sacheverell zugleich war, aufrecht
zu erhalten. Diejenigen Klassen der Gesellschaft, denen an der Erhaltung
der Ruhe am meisten gelegen ist, welche in stürmischen Zeiten gewöhnlich
am ersten bei der Hand sind, die Regierung zu unterstützen, und welche
einen natürlichen Widerwillen gegen Aufwiegler hegen, folgten ohne
Bedenken der Leitung eines ehrwürdigen Mannes, des ersten Peers des
Reiches, des ersten Dieners der Kirche, eines Tory’s in der Politik,
eines Heiligen in seinem Privatleben, den die Tyrannei wider seinen
Willen in einen Demagogen verwandelt hatte. Auf der andren Seite flehten
jetzt selbst Diejenigen, welche das Episcopat als einen Überrest des
Papismus und als ein Werkzeug der Willkürherrschaft stets verabscheut
hatten, auf den Knien um den Segen eines Prälaten, der bereit war, eher
Ketten zu tragen und seine alterschwachen Glieder auf die nackten Steine
eines Kerkers zu legen, als daß er die Interessen des protestantischen
Glaubens verrathen und die Hoheitsrechte der Krone über das Gesetz
gestellt hätte. Mit der Liebe zur Kirche und der Liebe zur Freiheit
verband sich in dieser wichtigen Krisis noch ein drittes Gefühl, das zu
den achtungswerthesten Zügen unsres Nationalcharacters gehört. Ein durch
Willkürgewalt unterdrückter Mensch findet bei uns, hätte er sonst auch
nicht den mindesten Anspruch auf Achtung und Dankbarkeit, gewöhnlich
eine rege Theilnahme. So wurde zu den Zeiten unserer Großväter die
Gesellschaft durch Wilkes’ Verfolgung heftig aufgeregt. Wir selbst sahen
die Nation durch die gegen die Königin Karoline geübte Härte fast bis
zum Wahnsinn gereizt. Daher wurde England, selbst wenn von dem Ausgange
des Prozesses gegen die Bischöfe keine wichtigen politischen oder
religiösen Interessen abgehangen hätten, es wahrscheinlich nicht ohne
starke Regungen von Mitleid und Unwillen mit angesehen haben, wie einige
Greise von makelloser Tugend von der Rache eines jähzornigen und
unerbittlichen Fürsten verfolgt wurden, der ihrer Treue seine Krone
verdankte.

Von diesen Gefühlen angetrieben, stellten sich unsere Vorfahren in einer
ungeheuren und compacten Masse der Regierung entgegen. Die mächtige
Phalanx war aus allen Ständen, allen Parteien, allen protestantischen
Seelen gebildet. Im Vordertreffen standen die geistlichen und weltlichen
Lords, dann kamen die begüterte Gentry und der Klerus, beide
Universitäten, alle Gerichtshöfe, Großhändler, Krämer und Pächter, die
Lastträger, die sich in den Straßen der großen Städte plagten, und die
Landleute, welche das Feld bebauten. Die Koalition gegen den König
umfaßte selbst die Matrosen, die seine Schiffe bemannten, selbst die
Schildwachen, die seinen Palast bewachten. Die Namen Whig und Tory waren
einen Augenblick vergessen. Der alte Ausschließungsmann reichte dem
alten Verabscheuer die Hand; Episcopalen, Presbyterianer, Independenten
und Baptisten vergaßen ihre langjährigen Fehden, um nur an ihren
gemeinsamen Protestantismus und an ihre gemeinsame Gefahr zu denken;
Theologen, die in der Schule Laud’s gebildet waren, sprachen nicht nur
von Duldung, sondern sogar von Einigung. Der Erzbischof erließ bald nach
seiner Freisprechung einen Hirtenbrief, der eines der merkwürdigsten
Schriftstücke jener Zeit ist. Er hatte von Jugend auf mit den
Nonconformisten in Streit gelegen und sie mehrmals mit ungerechter und
unchristlicher Heftigkeit angegriffen. Sein Hauptwerk war eine häßliche
Karrikatur auf die Calvinistische Theologie.[136] Er hatte für den 30.
Januar, den Jahrestag der Hinrichtung Karl’s I., und für den 29. Mai,
den Jahrestag der Rückkehr Karl’s II., Gebetsformulare abgefaßt, welche
so heftige Schmähungen gegen die Puritaner enthielten, daß die Regierung
es für nöthig erachtet hatte, dieselben zu mildern. Jetzt aber war sein
Herz erweicht und geöffnet. Er ermahnte die Bischöfe und die Geistlichen
feierlich und eindringlich, ihren Brüdern, den protestantischen
Dissenters, mit zarter Rücksicht zu begegnen, sie oft zu besuchen, sie
gastlich zu bewirthen, sich freundlich mit ihnen zu unterhalten und sie
womöglich zum Anschluß an die Kirche zu bewegen, sich aber, wenn ihnen
dies nicht gelänge, in ihrem Wirken für die segensreiche Sache der
Reformation herzlich und liebreich zu verbinden.[137]

Viele fromme Leute dachten in späteren Jahren mit schmerzlicher
Sehnsucht an jene Zeit zurück. Sie schilderten dieselbe als den
flüchtigen Schimmer eines goldenen Zeitalters zwischen zwei eisernen
Zeitaltern. Waren solche Klagen auch natürlich, so waren sie doch nicht
begründet. Die Coalition von 1688 war und konnte nur das Erzeugniß einer
an Wahnsinn grenzenden Tyrannei und einer alle großen Institutionen des
Landes gleichzeitig bedrohenden Gefahr sein. Daß eine solche Coalition
seitdem nicht wieder vorgekommen, hat seinen Grund darin, weil noch nie
wieder so schlecht und verkehrt regiert worden ist. Man darf nicht
vergessen, daß, wenn auch Eintracht an sich besser ist als Zwietracht,
doch Zwietracht das Zeichen besserer Zustände sein kann als Eintracht
sie andeutet. Unglück und Gefahr zwingen die Menschen oft, sich zu
verbinden. Glück und Sicherheit bestimmen sie oft, sich zu trennen.

    [Anmerkung 136: Der +Fur Praedestinatus+.]

    [Anmerkung 137: Dieser Hirtenbrief findet sich in der ersten der
    zwölf Sammlungen von Urkunden über die englischen Angelegenheiten,
    die zu Ende des Jahres 1688 und zu Anfang des Jahres 1689 gedruckt
    wurden. Er wurde am 26. Juli, nicht ganz einen Monat nach dem
    Prozesse erlassen. Um die nämliche Zeit äußerte Lloyd von St.
    Asaph gegen Heinrich Wharton, daß die Bischöfe ein ganz neues
    Verfahren gegen die protestantischen Dissenters einzuschlagen
    gedächten: +„Omni modo curaturos, ut ecclesia sordibus et
    corruptelis penitus exueretur; ut sectariis reformatis reditus in
    ecclesiae sinum exoptati occasio ac ratio concederetur, si qui
    sobrii et pii essent; ut pertinacibus interim jugum levaretur,
    extinctis penitus legibus mulctatoriis.“ -- Excerpta ex Vita H.
    Wharton.+]



  Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.


       *       *       *       *       *
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Druckfehler und Unregelmässigkeiten

Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil«
und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Russel« und
»Russell« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die selbe Person
handelt). Einige doppelte Punkte wie

  [_Sir Patrick Hume und Sir Johann Cochrane._].

sind leise korrigiert.

VII. Kapitel

  [Inhalt]
  Wycherley, Tindal, Haines  [Tintal]
  Compton. -- Herbert. -- Churchill  [Compten]
  [Anm. VII.1] ... Van Kampen’s ... Sir Jakob Mackintosh
    [Van Kamper’s, Makintosh]
  Zeugen seiner Schmerzensausbrüche  [Schmerzensausbbrüche]
  [Anm. VII.5] ... j’ay en soin que M. Woodstoc
    [_ungeändert: Namen ist »Woodstock«_]
  [Anm. VII.57] +Burnet I. 726--731+  [I.,]
  [Anm. VII.63] ... jusqu’à l’actuel payement.  [j’usqu’à]
  Namens Johnstone  [Johnestone]
  die Überreste des Ignatius Loyola  [Loyla]

VIII. Kapitel

  Heinrich’s VI. und Heinrich’s VIII. gebildet waren  [Heinrichs VIII.]
  „Sie ... sind ... aus der Schrift heimschicken: „Gehet hin ...
  widerfahre.“
    [_anführungsszeichen ungeändert_]
  vierzig Fellow’s  [_’ im Original_]
  Von Whitehall war keine Antwort gekommen.  [Withehall]
  von Windsor nach Portsmouth  [Portsmuth]
  [Anm. VIII.34] ... Note zu Burnet I. 755  [I, 755]
  [Anm. VIII.41] ... +Burnet I. 264+  [I, 264]
  [Anm. VIII.45] ... 2.(12.) Dec.  [2.(12. Dec.).]
  [Anm. VIII.127] ... +Tanner MS.+  [Ms.]
  durch Wilkes’ Verfolgung  [Wilke’s]





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