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Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Zweiter Band
Author: Macaulay, Thomas Babington Macaulay, Baron, 1800-1859
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. - Zweiter Band" ***

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  Thomas Babington Macaulay’s

  Geschichte von England


  seit der

  Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.


  Aus dem Englischen.


  +Vollständige und wohlfeilste Stereotyp-Ausgabe.+


  Zweiter Band.


  Leipzig, 1854.
  _G. H. Friedlein._


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Drittes Kapitel.

  England im Jahre 1685.



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Einleitung                                                       5
  Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685             6
  Bevölkerung Englands im Jahre 1685                               6
  Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden        8
  Staatseinkünfte im Jahre 1685                                   10
  Das Militairsystem                                              12
  Die Seemacht                                                    17
  Die Artillerie                                                  22
  Kosten der Civilverwaltung                                      23
  Große Einkünfte der Minister und Höflinge                       24
  Zustand des Ackerbaues                                          25
  Mineralreichthum des Landes                                     29
  Zunahme der Grundrente                                          31
  Die Landgentlemen                                               31
  Die Geistlichkeit                                               34
  Die Freisassen                                                  41
  Wachsthum der Städte                                            41
  Bristol                                                         42
  Norwich                                                         42
  Andere Provinzialstädte                                         44
  Manchester                                                      45
  Leeds                                                           45
  Sheffield                                                       46
  Birmingham                                                      46
  Liverpool                                                       47
  Die Badeorte                                                    47
  Cheltenham                                                      48
  Brighton                                                        48
  Buxton                                                          48
  Tunbridge Wells                                                 48
  Bath                                                            49
  London                                                          50
  Die City                                                        51
  Der vornehme Theil der Hauptstadt                               55
  Die Londoner Polizei                                            58
  Beleuchtung von London                                          59
  Whitefriars                                                     59
  Der Hof                                                         60
  Die Kaffeehäuser                                                62
  Schwierigkeiten des Reisens                                     65
  Schlechter Zustand der Landstraßen                              66
  Die Diligencen                                                  69
  Straßenräuber                                                   71
  Die Gasthöfe                                                    73
  Die Briefposten                                                 74
  Zeitungen                                                       76
  Die Neuigkeitsbriefe                                            77
  Der „Observator“                                                78
  Seltenheit von Büchern auf dem Lande                            79
  Weibliche Erziehung                                             79
  Literarische Bildung der Gentlemen                              80
  Einfluß der französischen Literatur                             81
  Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands                   82
  Zustand der Wissenschaft in England                             87
  Zustand der schönen Künste                                      91
  Lage des niederen Volks                                         93
  Löhne der Feldarbeiter                                          93
  Löhne der Fabrikarbeiter                                        95
  Arbeit der Kinder in den Fabriken                               96
  Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern                     97
  Zahl der Armen                                                  97
  Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation
      dem gemeinen Volke brachten                                 99
  Täuschung welche die Menschen verleitet, das Glück
      früherer Geschlechter zu überschätzen                      101



[_Einleitung._] In diesem Kapitel gedenke ich eine Schilderung des
Zustandes zu geben, in welchem sich England zu der Zeit befand, als die
Krone von Karl II. auf seinen Bruder überging. Eine solche Schilderung
kann allerdings nur sehr unvollkommen sein, da sie aus spärlichem und
zerstreutem Material gebildet ist; indessen wird sie doch vielleicht zur
Berichtigung mancher falschen Ansichten dienen, welche das Verständniß
oder das Interesse der nachfolgenden Erzählung beeinträchtigen würden.

Wenn wir die Geschichte unserer Vorfahren mit wirklichem Nutzen studiren
wollen, müssen wir uns stets sorgfältig vor dem Irrthume hüten, den die
wohl bekannten Namen von Familien, Orten und Ämtern sehr leicht
hervorrufen, und dürfen nie vergessen, daß das Land, von dem wir lesen,
ganz verschieden war von dem, in welchem wir leben. Wie jede
Erfahrungswissenschaft die Tendenz zur Vervollkommnung in sich trägt,
so liegt auch in jedem menschlichen Wesen der Wunsch, seine Lage zu
verbessern. Diese beiden Prinzipien waren oft hinreichend zum raschen
Fortschreiten der Civilisation, selbst wenn derselben große öffentliche
Calamitäten und schlechte Einrichtungen hindernd im Wege standen. Kein
gewöhnliches Unglück, keine, gewöhnlichen Regierungsfehler können in
gleichem Maße das Sinken einer Nation herbeiführen, wie die
unterbrochenen Fortschritte der Naturwissenschaften und das
stete Streben jedes Einzelnen nach Verbesserung seiner Lage das
Emporblühen einer Nation befördern. Man hat viele Beispiele
davon, daß verschwenderischer Aufwand, hohe Abgaben, verkehrte
Handelsbeschränkungen, verderbte Gerichtshöfe, unglückliche Kriege,
Aufstände, Verfolgungen, Feuersbrünste und Überschwemmungen nicht im
Stande waren, das Kapital so rasch zu vernichten, wie die Thatkraft
einzelner Bürger es zu schaffen vermochte. Es ist nicht schwer zu
beweisen, daß in unserem Lande der Nationalreichthum seit mindestens
sechs Jahrhunderten in fast ununterbrochenem Wachsen begriffen ist; daß
er unter den Tudors größer war als unter den Plantagenets; daß er unter
den Stuarts größer war als unter den Tudors; daß er trotz Kriegen,
Belagerungen und Confiscationen zur Zeit der Restauration größer war als
beim Zusammentritte des Langen Parlaments; daß er trotz schlechter
Verwaltung und Verschwendung, trotz öffentlichen Bankerotts, trotz
zweier kostspieligen und unglücklichen Kriege, trotz verheerender
Seuchen und Feuersbrünste beim Tode Karls II. größer war als bei seiner
Wiedererhebung auf den Thron. Dieser Fortschritt erhielt, nachdem er
bereits mehrere Jahrhunderte gedauert, um die Mitte des achtzehnten
einen ungeheuren Aufschwung und hat seine Schnelligkeit während des
neunzehnten verdoppelt. Wir haben es theils unserer geographischen,
theils unserer sittlichen Lage zu danken, daß wir mehrere Menschenalter
hindurch von Übeln verschont geblieben sind, welche anderwärts die
Anstrengungen des Gewerbfleißes hemmten und die Früchte desselben
zerstörten. Während der ganze Continent, von Moskau bis Lissabon, der
Schauplatz blutiger und verheerender Kriege war, sah man bei uns kein
feindliches Banner, außer als Trophäe. Während rund um uns her
Revolutionen stattgefunden haben, ist unsere Regierung niemals gewaltsam
gestürzt worden. Seit hundert Jahren hat unsere Insel keinen Tumult
gesehen, der so bedeutend gewesen wäre, daß man ihn einen Aufstand hätte
nennen können. Nie ist bei uns das Gesetz, weder durch die Volkswuth,
noch durch königliche Tyrannei mit Füßen getreten worden. Der
öffentliche Credit ist heilig gehalten worden und die Rechtspflege stets
rein gewesen. Selbst in Zeiten, welche der Engländer mit gutem Grunde
schlimme Zeiten nennen kann, haben wir noch immer die bürgerliche und
religiöse Freiheit in einem Maße genossen, das fast jede andere Nation
der Welt als ein reichliches betrachtet haben würde. Jedermann hatte die
vertrauensvolle Überzeugung, daß der Staat ihn im Besitze dessen was er
sich durch Betriebsamkeit erworben und durch weise Sparsamkeit
gesammelt, schützen werde. Unter dem wohlthätigen Einflusse des Friedens
und der Freiheit blühten die Wissenschaften und wurden in einem vorher
nicht gekannten Umfange zu praktischen Zwecken angewendet.


[_Große Veränderung in dem Zustande Englands seit 1685._] Die Folge
davon ist, daß in unserem Lande eine Veränderung stattgefunden, von der
die Geschichte der alten Welt kein ähnliches Beispiel aufzuweisen hat.
Könnte das England von 1685 durch einen Zauberprozeß vor unsere Augen
gebracht werden, so würden wir nicht eine Gegend unter Hunderten, nicht
ein Haus unter Tausenden erkennen. Der Gutsbesitzer würde seine eigenen
Felder, der Städter seine eigene Straße nicht wieder erkennen. Alles hat
sich verändert bis auf die großen Hauptzüge der Natur und einige wenige
dauerhafte Werke der menschlichen Kunst. Den Snowdon und Windermere, die
Cheddar-Klippen und Beachy-Head würden wir wohl finden, auch hier und da
einen normännischen Dom oder ein altes Schloß erkennen, das die Kriege
der Rosen mit angesehen; aber mit wenigen solchen Ausnahmen würde uns
Alles fremd sein. Viele Tausend Quadratmeilen, welche gegenwärtig reiche
Getreidefelder und Wiesen sind, durchschnitten von grünen Hecken und
Zäunen und besäet mit freundlichen Dörfern und reizenden Landsitzen,
würden sich unseren Blicken als mit Ginsterbüschen bedeckte Moore oder
den wilden Enten überlassene Sümpfe darstellen. Wo wir jetzt große
Fabrikstädte und Seehäfen erblicken, deren Name und Ruf bis an die
äußersten Enden der Welt reicht, würden wir nur einzelne hölzerne Hütten
mit Strohdächern finden. Selbst die Hauptstadt würde zu einem Umfange
zusammenschrumpfen, welche den ihrer heutigen Vorstadt am südlichen
Themseufer nicht übersteigen dürfte. Nicht minder auffallend würden uns
Tracht und Sitten des Volks, Geräthschaften und Equipagen, so wie die
innere Einrichtung der Läden und Wohnungen erscheinen. Eine solche
Veränderung in dem Zustande einer Nation hat gewiß mindestens eben so
gegründeten Anspruch auf die Beachtung des Geschichtsschreibers, wie ein
Wechsel der Dynastie oder des Ministeriums.


[_Bevölkerung Englands im Jahre 1685._] Für den Forscher, der sich einen
richtigen Begriff von dem Zustande eines Staates zu einer gegebenen Zeit
bilden will, muß es eine der ersten Aufgaben sein zu untersuchen,
wieviel Bewohner derselbe damals hatte. Leider kann man die Volkszahl
Englands im Jahre 1685 nicht mit vollkommener Genauigkeit bestimmen,
denn zu jener Zeit hatte noch kein großer Staat die weise Einrichtung
einer periodischen Volkszählung angenommen. Man überließ das der
Schätzung jedes Einzelnen und da solche Schätzungen gewöhnlich ohne
gründliche Untersuchung und unter dem Einflusse von Leidenschaften und
Vorurtheilen angestellt wurden, so war das Ergebniß derselben oft
widersinnig und lächerlich. Selbst verständige Londoner gaben die
Bevölkerung der Hauptstadt zu mehreren Millionen Seelen an. Viele
behaupteten allen Ernstes, die Einwohnerzahl habe sich während der
fünfunddreißig Jahre zwischen der Thronbesteigung Karls I. und der
Restauration um zwei Millionen vermehrt.[1] Selbst unmittelbar nach den
Verheerungen, welche Pest und Feuer angerichtet, pflegte man zu sagen,
daß London noch immer anderthalbe Million Einwohner zähle.[2] Dagegen
verfielen einige Andere, denen solche Übertreibungen zuwider waren, in
das entgegengesetzte Extrem. So behauptete Isaak Vossius, ein Mann von
unbestreitbaren Talenten und Kenntnissen, daß in England, Schottland und
Irland zusammengenommen nicht mehr als zwei Millionen Menschen
lebten.[3]

Es fehlt uns indessen nicht an den nöthigen Quellen, um die lächerlichen
Irrthümer, zu denen Einige durch Nationaleitelkeit und Andere durch eine
krankhafte Sucht nach Paradoxen verleitet wurden, zu berichtigen. Es
existiren drei verschiedene Berechnungen, welche vorzugsweise Beachtung
verdienen, da sie völlig unabhängig von einander, nach ganz
verschiedenen Prinzipien angestellt wurden, und doch in ihren Resultaten
nur wenig von einander abweichen.

Eine dieser Berechnungen wurde im Jahre 1696 von Gregor King, Lancaster
Herold, einem Statistiker von großem Scharfblick und treffendem
Urtheile, vorgenommen. Die Grundlage seiner Schätzungen bildete die
Häuserzahl, wie sie im Jahre 1690 von den Beamten, welche die letzte
Heerdsteuer erhoben, angegeben ward. Er gelangte dadurch zu dem
Resultate, daß sich die Bevölkerung Englands auf nahe an fünf und eine
halbe Million Seelen belief.[4]

Um die nämliche Zeit wünschte König Wilhelm III. die Mitgliederzahl der
verschiedenen religiösen Secten zu erfahren, in welche die
Gesammtbevölkerung zerfiel. Zu dem Ende wurden genaue Forschungen
angeordnet und ihm aus allen Kirchspielen des Reichs Berichte vorgelegt,
aus denen sich ergab, daß die Zahl der englischen Unterthanen ungefähr
fünf Millionen und zweimalhunderttausend betragen mußte.[5]

Endlich hat in unseren Tagen Mr. Finlaison, ein Beamter von großer
Einsicht und Geschäftstüchtigkeit, die alten Gemeinderegister den
Prüfungen unterworfen, zu denen ihn die Fortschritte der Neuzeit in der
Statistik in den Stand setzten, und seine Ansicht geht dahin, daß zu
Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Bevölkerung Englands etwas unter
fünf Millionen und zweimalhunderttausend Seelen betrug.[6]

Von diesen drei Schätzungen, welche ganz unabhängig von einander durch
verschiedene Personen und nach verschiedenen Materialien aufgestellt
wurden, übersteigt die höchste, die von King, die niedrigste, die von
Finlaison, noch nicht um ein Zwölftel. Wir können daher zuversichtlich
behaupten, daß unter der Regierung Jakobs II. England zwischen fünf und
sechsthalb Millionen Einwohner zählte. Nimmt man die höchste Schätzung
an, so hatte es damals weniger als ein Drittel der gegenwärtigen
Bewohnerzahl und nicht ganz dreimal so viel als jetzt seine riesige
Hauptstadt allein enthält.

    [Anmerkung 1: +Observations on the Bills of Mortality+, vom
    Kapitain John Graunt (Sir William Petty) Kap. 11.]

    [Anmerkung 2:
      „Sie birgt in ihren Mauern
      Voll Fünfzehnhundert Tausend, die ihr Leben
      D’rin verbringen.“
        -- +Great Britain’s Beauty, 1671.+]

    [Anmerkung 3: +Isaac Vossius, de Magnitudine Urbium Sinarum,
    1685.+ St. Evremond sagt uns, daß Isaak Vossius öfter und
    ausführlicher über diesen Gegenstand sprach, als es in den höheren
    Kreisen gern gesehen wurde.]

    [Anmerkung 4: +King’s Natural and Political observations, 1696.+
    Diese werthvolle Abhandlung, die man so lesen muß, wie der
    Verfasser sie schrieb, und nicht in dem Auszuge von Davenant,
    findet sich in einigen Ausgaben von +Chalmers’s Estimate+.]

    [Anmerkung 5: +Dalrymple’s Appendix to Part II. Book I.+ Das
    Verfahren, die Bevölkerung nach der Kopfzahl der Religionssecten
    zu berechnen, war lange üblich. Gulliver sagt von dem Könige von
    Brobdingnag: „Er lachte über meine einfältige Arithmetik, wie er
    dieselbe zu nennen beliebte, weil ich die Zahl unseres Volks nach
    einer Berechnung der Mitglieder unserer verschiedenen religiösen
    und politischen Parteien schätzte.“]

    [Anmerkung 6: Vorrede zu den +Population Returns+ von 1831.]


[_Die Zunahme der Bevölkerung im Norden größer als im Süden._] Die
Zunahme der Bevölkerung ist zwar in allen Theilen des Landes stark
gewesen, im Durchschnitt aber in den nördlichen Provinzen viel
bedeutender als in den südlichen. Ein großer Theil des Landes jenseit
des Trent befand sich in der That bis zum achtzehnten Jahrhunderte in
einem Zustande von Rohheit. Physische und moralische Ursachen verbanden
sich, um die Ausbreitung der Civilisation in diesen Gegenden zu hemmen.
Das Klima war rauh, der Boden im Allgemeinen von solcher Beschaffenheit,
daß er einer geschickten und mühsamen Pflege bedurfte, und in einer
Gegend, welche häufig der Schauplatz von Kriegen war und selbst in
nominellen Friedenszeiten beständig durch schottische Räuberbanden
beunruhigt wurde, konnte man wohl kaum viel Gewerbfleiß und
Betriebsamkeit erwarten. Vor der Vereinigung der beiden britischen
Kronen und noch lange nachher war ein eben so großer Unterschied
zwischen Middlesex und Northumberland als heutzutage zwischen
Massachusetts und den Austeilungen jener Squatters im fernen Westen des
Mississippi, welche mit Büchse und Dolch eine rohe Justiz ausüben. Noch
unter der Regierung Karl’s II. waren die Spuren, welche
jahrhundertelange Metzeleien und Plünderungen zurückgelassen, viele
Meilen südlich vom Tweed, an dem Aussehen des Landes und an dem
gesetzlosen Treiben des Volks deutlich zu erkennen. Um diese Zeit gab es
dort noch eine Menge Straßenräuber, welche davon lebten, daß sie die
Wohnungen plünderten und ganze Viehherden forttrieben. Bald nach der
Restauration hielt man es für nöthig, sehr strenge Gesetze zu erlassen,
um diesem Unwesen zu steuern. Die Behörden von Northumberland und
Cumberland wurden ermächtigt, zur Vertheidigung des Eigenthums und der
Ordnung bewaffnete Mannschaften zu errichten, und zur Deckung der
Kosten, welche die Aushebung und der Unterhalt dieser Truppen
verursachten, wurden örtliche Abgaben auferlegt.[7] Die Gemeinden wurden
angewiesen, Bluthunde zu halten, um damit auf die Freibeuter Jagd zu
machen. Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten sich viele
alte Leute noch sehr gut der Zeit erinnern, wo diese fürchterlichen
Hunde in Gebrauch waren.[8] Doch selbst mit diesen Hülfsmitteln war es
oft unmöglich, die Räuber bis in ihre Schlupfwinkel im Gebirge und in
den Sümpfen zu verfolgen, denn die topographische Kenntniß jener
Gegenden war damals noch sehr unvollkommen. Selbst nach dem
Regierungsantritte Georg’s III. war zum Beispiel der Weg von Borrowdale
nach Ravenglas über das Gebirge noch ein Geheimniß, das von den
Thalbewohnern, von denen einige in ihrer Jugend wahrscheinlich auf
diesem Wege den Verfolgungen der Justiz entronnen waren, sorgfältig
bewahrt wurde.[9] Die Landsitze des Adels und die größeren Pachthöfe
waren befestigt; die Rinder wurden des Nachts unter den Wetterdächern
des Hauses angebunden, was man „Peel“ nannte; die Bewohner schliefen nur
mit den Waffen zur Seite; man hielt beständig große Steine und kochendes
Wasser in Bereitschaft, um den Räuber, der es etwa wagte, die kleine
Besatzung anzugreifen, zu zerschmettern und zu verbrühen. Kein Reisender
wagte sich in diese Gegend, ohne vorher sein Testament zu machen. Die
Richter, welche auf ihrer Rundreise begriffen waren, ritten bewaffnet
und von einer starken Bedeckung unter dem Commando der Sheriffs
begleitet, mit der ganzen Schaar der Anwälte, Schreiber und Diener von
Newcastle nach Carlisle. Man mußte sich mit Lebensmitteln versehen, denn
diese Gegend war eine Wildniß, in der nichts zu bekommen war. Der Platz
unter einer riesigen Eiche, wo die Cavalcade Halt zu machen pflegte, um
das Mittagsmahl einzunehmen, ist heutigen Tages noch nicht vergessen.
Die ungewöhnliche Strenge, mit der die Strafrechtspflege dort gehandhabt
wurde, machte einen erschütternden Eindruck auf solche Beobachter,
welche bis dahin in ruhigeren Distrikten gelebt hatten. Wer bei einem
Einbruche oder einem Viehdiebstahle ergriffen wurde, den verurtheilten
die von Haß und dem Gefühle der gemeinsamen Gefahr erfüllten Geschwornen
mit der summarischen Schnelligkeit eines Kriegsgerichts bei einer
Meuterei, und die Verurtheilten wurden zu Zwanzigen an den Galgen
geschickt.[10] Noch zu einer Zeit, deren sich manche Leute der jetzigen
Generation erinnern können, fand der Waidmann, den die Verfolgung des
Wildes zu den Quellen des Tyne führte, die Haiden in der Umgegend von
Keeldar Castle von Menschen bewohnt, die kaum weniger wild waren, als
die Indianer von Kalifornien, und hörten mit Erstaunen halb nackte
Weiber einen wilden Gesang anstimmen, während die Männer mit
geschwungenen Dolchen einen Kriegstanz aufführten.[11]

Langsam und mit großer Mühe wurde endlich die Ruhe in dem Grenzgebiete
hergestellt, und mit derselben fanden sich auch Gewerbfleiß und alle
Künste des Lebens ein. Mittlerweile machte man die Entdeckung, daß die
Gegenden nördlich vom Trent in ihren Kohlenlagern eine reichere Quelle
des Wohlstandes besaßen, als die Goldgruben von Peru, und man überzeugte
sich bald, daß in der Nähe dieser Lager fast jede Fabrik mit großem
Vortheil betrieben werden konnte. In Folge dessen begann eine anhaltende
Auswanderung nach dem Norden. Aus den Bevölkerungslisten von 1841 ergab
es sich, daß die ehemalige erzbischöfliche Provinz York zwei Siebentel
der gesammten Einwohnerzahl Englands enthielt, während man zur Zeit der
Revolution annahm, daß nur ein Siebentel der Gesammtbevölkerung auf
diese Provinz komme.[12] In Lancashire hat sich die Einwohnerzahl um das
Neunfache vermehrt, während sich dieselbe in Norfolk, Suffolk und
Northamptonshire kaum verdoppelt hat.[13]

    [Anmerkung 7: +Statutes 14 Car. II. c. 22; 18 & 19 Car. II. c. 3;
    29 & 30 Car. II. c. 2.+]

    [Anmerkung 8: +Nicholson and Bourne, Discourse on the ancient
    State of the Border, 1777.+]

    [Anmerkung 9: +Gray’s Journal of a Tour in the Lakes, Oct. 3.
    1769.+]

    [Anmerkung 10: +North’s life of Guildford. Hutchinson’s History of
    Cumberland, parish of Brampton.+]

    [Anmerkung 11: Siehe Sir Walter Scotts Tagebuch vom 7. Oct. 1827
    in seiner Biographie von Lockhart.]

    [Anmerkung 12: +Dalrymple Appendix to Part II. Book I.+ Die
    Heerdgeldlisten ergeben so ziemlich dasselbe Resultat. Die Heerde
    in der Provinz York betrugen nicht den sechsten Theil der
    sämmtlichen Heerde Englands.]

    [Anmerkung 13: Ich mache hier natürlich keinen Anspruch auf
    strenge Genauigkeit; allein ich glaube, daß wer sich die Mühe
    nehmen will, die letzten Heerdgeldlisten aus der Regierungszeit
    Wilhelms III. mit dem Ergebnisse der Volkszählung von 1841 zu
    vergleichen, zu einem Resultate gelangen wird, das von dem
    meinigen nicht erheblich abweicht.]


[_Staatseinkünfte im Jahre 1685._] Von dem Ertrage der Steuern können
wir mit größerer Sicherheit und Genauigkeit sprechen als von der
Bevölkerung. Die öffentlichen Einnahmen Englands waren klein im
Verhältniß zu den Hilfsquellen, die es schon damals besaß, oder im
Vergleich mit den Summen, welche von den Regierungen der Nachbarländer
erhoben wurden. Sie hatten sich zwar seit der Restauration fast
beständig vermehrt, betrugen aber doch wenig mehr als drei Viertel von
denen der Vereinigten Provinzen und kaum ein Fünftel von denen
Frankreichs.

Der bedeutendste Einnahmeposten war die Accise, welche im
letzten Jahre der Regierung Karl’s einen Reinertrag von
fünfhundertfünfundachtzigtausend Pfund Sterling abwarf. Der Nettoertrag
der Zölle belief sich in demselben Jahre auf fünfhundertdreißigtausend
Pfund. Diese Abgaben lasteten nicht schwer auf der Nation. Die
Heerdsteuer erregte ein viel lauteres Murren, obgleich sie bei weitem
weniger eintrug. Allerdings steht auch die Unzufriedenheit, welche durch
directe Steuern hervorgerufen wird, fast immer in keinem Verhältniß zu
der Menge des Geldes, das sie dem Staatsschatze einbringen, und die
Heerdsteuer war selbst unter den directen Steuern noch eine ganz
besonders drückende, denn sie konnte nur durch Besichtigung der
Wohnungen festgestellt werden, und derartige Besuche sind den Engländern
von jeher in einem Grade verhaßt gewesen, von dem sich andere Ländern
nur einen schwachen Begriff machen können. Die ärmeren Einwohner waren
oft nicht im Stande, ihr Heerdgeld zur rechten Zeit zu bezahlen, und
wenn dieser Fall eintrat, wurden sie ohne Gnade ausgepfändet, denn die
Steuer war verpachtet, und der Steuerpächter ist sprichwörtlich der
habgierigste und unerbittlichste Gläubiger. Die Einsammler wurden laut
beschuldigt, daß sie ihre mißliebige Pflicht mit anmaßender Härte
ausübten; man sagte, daß, sobald sie auf der Schwelle eines Hauses
erschienen, die Kinder zu weinen begannen und die alten Weiber eiligst
ihr Küchengeschirr versteckten. Ja das einzige Bett einer armen Familie
ward zuweilen weggenommen und verkauft. Der jährliche Reinertrag dieser
Steuer belief sich auf zweimalhunderttausend Pfund.[14]

Rechnen wir zu den eben erwähnten drei Hauptquellen der Staatseinkünfte
die königlichen Domänen, welche damals viel bedeutender waren als
gegenwärtig, die Naturalleistungen und Zehnten, welche noch nicht der
Kirche überwiesen waren, die Herzogthümer Cornwall und Lancaster, sowie
die Geldstrafen und Geldbußen, so finden wir, daß das gesammte
Jahreseinkommen der Krone recht gut auf ungefähr eine Million
viermalhunderttausend Pfund geschätzt werden kann. Ein Theil dieses
Einkommens war erblich, das übrige war Karl auf Lebenszeit gesichert,
und er durfte ganz nach Belieben darüber verfügen. Was er an dem
Aufwande für die verschiedenen Departements der Verwaltung ersparen
konnte, war ein Beitrag zu seiner Privatchatulle. Von dem Postwesen,
dessen Erträgnisse das Parlament dem Herzoge von York zugetheilt hatte,
werden wir nachher ausführlicher sprechen.

Auf den Einkünften des Königs lastete -- oder hätte vielmehr lasten
sollen, -- die jährliche Ausgabe von achtzigtausend Pfund als Zinsen für
die Summe, welche die Cabale betrügerischer Weise im Staatsschatze
zurückgehalten hatte. So lange Danby an der Spitze der Finanzverwaltung
stand, hatten die Gläubiger ihre Zinsen erhalten, wenn auch nicht mit
der strengen Pünktlichkeit der neueren Zeit; seine Nachfolger im
Schatzamte aber hatten es weniger verstanden oder es weniger für nöthig
erachtet, den öffentlichen Credit aufrecht zu erhalten. Seit dem Siege,
den der Hof über die Whigs davongetragen, war nicht ein Farthing bezahlt
worden, und die darunter Leidenden hatten keine Aussicht, eher etwas zu
erhalten, als bis eine neue Dynastie und mit dieser ein neues System zur
Herrschaft gelangte. Es kann keinen größeren Irrthum geben, als wenn man
glaubt, die Erfindung, die Bedürfnisse des Staatshaushaltes durch
Anlehen zu decken, sei durch Wilhelm III. auf unserer Insel eingeführt
worden. Schon seit undenklichen Zeiten haben alle englischen Regierungen
Schulden gemacht. Die Revolution brachte nur den Gebrauch mit, dieselben
ehrlich zu bezahlen.[15]

Durch Beraubung der Staatsgläubiger wurde es möglich, mit einem
Einkommen von ungefähr vierzehnhunderttausend Pfund, nebst einigen
gelegentlichen Zuschüssen aus Frankreich, die nothwendigen Ausgaben der
Regierung und den verschwenderischen Aufwand des Hofes zu bestreiten.
Denn die Last, welche am schwersten auf den Finanzen der großen Staaten
des Continents lag, wurde bei uns kaum gefühlt. In Frankreich, in
Deutschland und in den Niederlanden wurden mitten im Frieden Armeen
unterhalten, wie Heinrich IV. und Philipp II. sie in Kriegszeiten nicht
verwendeten. Allenthalben erhoben sich Bastionen und Schanzwerke, welche
nach Systemen angelegt waren, die Parma und Spinola nicht gekannt
hatten. Es wurden Vorräthe von Geschützen und Kriegsbedarf aufgehäuft,
welche selbst Richelieu, den die vorhergehende Generation als einen
Schöpfer von Wunderwerken betrachtet hatte, fabelhaft genannt haben
würde. Man konnte in diesen Ländern nicht viele Meilen weit reisen, ohne
den Trommelwirbel eines auf dem Marsche begriffenen Regiments zu hören
oder von den Schildwachen auf der Zugbrücke einer Festung angerufen zu
werden.

    [Anmerkung 14: In der Pepys’schen Bibliothek finden sich einige
    Balladen aus jener Zeit über das Heerdgeld, von denen ich hier
    einige Proben anführen will:

      Sobald die guten Damen den Heerdmann kommen seh’n,
      Flieh’n sie erschreckt hinweg mit Topf und Krug;
      Im ganzen Lande ist Eine unter Zehn
      Der bei dem Worte Heerdmann nicht entschlüpft ein Fluch.

    Ferner:

      Wie plündernde Soldaten stürmen sie herein
      Zu rauben selbst dem Armen sein letztes Gut;
      Wie auch die Kinder angstvoll mögen schrei’n
      Nichts beuget ihren frechen Übermuth.

    Im Britischen Museum finden sich Knittelverse über denselben
    Gegenstand und in gleichem Sinne:

      Und wenn die Armuth nicht bezahlen kann
      Greift rohe Hand das einz’ge Bett selbst an
      Auf das der Arme legt sein müdes Haupt.
      So Ruh’ und Brod zugleich man raubt.

    Ich ergreife diese Gelegenheit, die erste, die sich mir darbietet,
    um dem Vorsteher und dem Vicevorsteher des Magdalenencollegiums zu
    Cambridge für die freundliche Bereitwilligkeit zu danken, mit der
    sie mir die werthvollen Pepys’schen Sammlungen zugänglich machten.]

    [Anmerkung 15: Meine hauptsächlichsten Autoritäten für diese
    finanziellen Angaben finden sich in den +Commons’ Journals+ vom 1.
    und 20. März 1688--89.]


[_Das Militairsystem._] Auf unsrer Insel hingegen konnte man lange leben
und weite Reisen machen, ohne ein einziges Mal durch irgend einen
kriegerischen Anblick oder Ton daran erinnert zu werden, daß die
Vertheidigung der Nationen eine Wissenschaft und ein Beruf geworden war.
Die meisten jungen Engländer unter fünfundzwanzig Jahren hatten
vielleicht noch nie eine Compagnie regulärer Truppen gesehen, und von
den Städten, welche zur Zeit des Bürgerkrieges feindliche Heere tapfer
zurückgeschlagen hatten, war kaum eine jetzt im Stande, eine Belagerung
auszuhalten. Die Thore waren Tag und Nacht geöffnet, die Gräben waren
ausgetrocknet und die Wälle hatte man verfallen lassen oder sie nur in
so weit erhalten, damit sie den Bewohnern an schönen Sommerabenden zu
einem angenehmen Spaziergange dienen konnten. Von den alten Stammburgen
der früheren Barone waren viele durch die Kanonen Fairfax’ und
Cromwell’s zerschmettert und lagen jetzt in Trümmerhaufen, auf denen
Epheu wucherte. Die verschont gebliebenen hatten ihren kriegerischen
Character verloren und waren jetzt ländliche Paläste des hohen Adels.
Die Wallgräben waren in Behälter für Karpfen und Hechte verwandelt, die
Mauern waren mit duftenden Sträuchern und Gebüschen bepflanzt, zwischen
denen sich gewundene Pfade zu reizenden Lusthäusern schlängelten,
die mit Spiegeln und Gemälden reich geschmückt waren.[16] Auf den
Vorgebirgen der Seeküste und auf vielen Anhöhen des Binnenlandes sah man
noch hohe Pfähle mit leeren Fässern auf den Spitzen derselben. Diese
Fässer waren einst mit Pulver gefüllt gewesen. In Zeiten der Gefahr
wurden hier Wachen aufgestellt, und wenige Stunden nachdem ein
spanisches Segel im Kanal entdeckt oder nachdem ein Schwarm schottischer
Räuber über den Tweed gegangen war, loderten funfzig Meilen in der Runde
Signalfeuer empor und ganze Grafschaften traten unter die Waffen. Doch
viele Jahre waren verflossen, seit die Lärmfeuer geleuchtet hatten, und
sie wurden nur noch mehr als merkwürdige Erinnerungszeichen an alte
Sitten, denn als Theile einer für die Sicherheit des Staates nöthigen
Einrichtung angesehen.[17]

Die einzige Armee, die das Gesetz anerkannte, war die Miliz. Diese
Streitmacht war durch zwei kurz nach der Restauration erlassene
Parlamentsacte umgestaltet worden. Jeder, der aus Grundeigenthum ein
jährliches Einkommen von fünfhundert Pfund bezog oder ein bewegliches
Vermögen von sechstausend Pfund besaß, war verpflichtet, auf seine
Kosten einen Reiter zu liefern, zu equipiren und zu unterhalten, und wer
funfzig Pfund jährlich von Grundbesitz bezog oder sechshundert Pfund
bewegliches Vermögen hatte, mußte in gleicher Weise einen Lanzknecht
oder einen Musketier stellen. Kleinere Grundbesitzer wurden zu einer Art
Societät verbunden, für welche unsre Sprache keinen besonderen Namen
hat, die aber ein Athenienser eine Synteleia genannt haben würde, und
jede solche Societät war gehalten, je nach ihren Mitteln einen Reiter
oder einen Fußsoldaten zu liefern. Die Gesammtzahl der auf diese Weise
zusammengebrachten Reiterei und Infanterie wurde gewöhnlich auf
hundertdreißigtausend Mann geschätzt.

Kraft der alten Verfassung des Reichs und durch die neuere feierliche
Anerkennung beider Parlamentshäuser war der König der einzige
Generalcapitain dieser starken Streitmacht. Die Lord Lieutenants und
ihre Stellvertreter befehligten unter ihm und bestimmten die
Zusammenkünfte zur Waffenübung und Musterung. Diese Übungen und
Musterungen durften jedoch nicht mehr als vierzehn Tage im Jahre Zeit
wegnehmen. Die Friedensrichter waren ermächtigt, für Disciplinarvergehen
leichte Strafen zuzuerkennen. Die Krone trug zu den gewöhnlichen Kosten
nichts bei; wenn aber die Miliz gegen den Feind aufgeboten wurde, so
fiel ihr Unterhalt den allgemeinen Staatseinkünften zur Last und sie war
dann der äußersten Strenge der Kriegsgesetze unterworfen.

Von Vielen wurde jedoch die Miliz nicht mit freundlichem Auge
betrachtet. Leute, die oft auf dem Continent gereist waren und die
trotzige Entschiedenheit bewundert hatten, mit welcher in den von Vauban
erbauten Festungen jede Schildwache sich bewegte und sprach, die die
gewaltigen Heere gesehen hatten, die sich auf allen Straßen Deutschlands
dahin wälzten, um den Osmanen von den Thoren Wiens zu verjagen, und die
über die wohlgeordnete Pracht der Haustruppen König Ludwigs gestaunt
hatten, machten sich bei jeder Gelegenheit darüber lustig, wie die
plumpen Bauern von Devonshire und Yorkshire marschirten, sich bewegten
und ihre Gewehre oder Piken trugen. Die Feinde der Freiheiten und der
Religion Englands blickten mit entschiedener Abneigung auf eine
Streitmacht, welche nicht ohne die größte Gefahr gegen diese Freiheiten
und gegen diese Religion verwendet werden konnte, und sie benutzten jede
Gelegenheit, um das ländliche Kriegsvolk zu verspotten.[18] Und selbst
aufgeklärte Patrioten mußten bei Vergleichung der ungeübten Truppen mit
den wohl disciplinirten Bataillonen, welche in Kriegszeiten binnen
wenigen Stunden an die Küste von Kent oder Sussex gelangen konnten,
eingestehen, daß, so gefährlich auch die Unterhaltung eines stehenden
Heeres sein könne, es am Ende doch noch weit gefährlicher sei, die Ehre
und Unabhängigkeit des Landes in einem Kampfe zwischen Bauern unter der
Anführung von Friedensrichtern, und langgedienten Kriegern unter dem
Commando der Marschälle Frankreichs aufs Spiel zu setzen. Im Parlament
mußte man jedoch solche Ansichten mit einiger Vorsicht aussprechen, denn
die Miliz war eine außerordentlich populäre Institution. Jede tadelnde
Bemerkung gegen dieselbe erregte den Unwillen beider großen Parteien im
Staate und ganz besonders derjenigen, die sich vorzugsweise durch ihren
Eifer für die Monarchie und für die anglikanische Kirche auszeichneten.
Das Aufgebot der Grafschaften wurde fast ausschließlich durch Tories vom
Adel und von der Gentry befehligt, und diese, stolz auf ihren
militairischen Rang, betrachteten jede Beleidigung des Dienstes, dem sie
angehörten, als eine Beleidigung ihrer selbst. Auch erkannten sie recht
gut, daß Alles was gegen die Miliz gesagt wurde indirect für ein
stehendes Heer sprechen sollte, und der bloße Name eines stehenden
Heeres war ihnen schon verhaßt. Eine solche Armee hatte bereits einmal
in England geherrscht und unter dieser Herrschaft war der König
ermordet, der Adel seiner Ehren und Titel beraubt, die bürgerlichen
Grundbesitzer ausgeplündert und die Kirche verfolgt worden. Es gab kaum
einen Landedelmann, der nicht eine Geschichte von Beschimpfungen und
Unbilden zu erzählen wußte, die er oder sein Vater von Seiten der
Soldaten des Parlaments zu ertragen gehabt hatte. Jener alte Cavalier
hatte es mit ansehen müssen, wie die Hälfte seines Stammschlosses in die
Luft gesprengt ward; einem Andern waren seine uralten Ulmen umgehauen
worden; ein Dritter konnte nicht in die Kirche seines Sprengels gehen,
ohne durch die verstümmelten Wappen und Standbilder seiner Ahnen daran
erinnert zu werden, daß Cromwells Rothröcke einst diese Räume zum Stall
für ihre Pferde benutzt hatten. In Folge dessen waren gerade die
Royalisten, welche am bereitwilligsten persönlich für den König gekämpft
haben würden, die Letzten, von denen er die Mittel zur Werbung regulärer
Truppen zu verlangen wagen durfte.

Gleichwohl hatte Karl einige Monate nach seiner Wiedereinsetzung
angefangen, eine kleine stehende Armee zu errichten. Er fühlte, daß ohne
einen besseren Schutz als den der Miliz und seiner Leibwächter sein
Palast und seine Person in der Nähe einer großen Stadt, in der es von
eben erst entlassenen kriegslustigen Männern der fünften Monarchie
wimmelte, kaum sicher sein würden. Trotz seiner Sorglosigkeit und
Verschwendungssucht beschloß er daher, seine Ausgaben für Vergnügungen
in soweit zu beschränken, daß er die zum Unterhalt einer Leibgarde
erforderliche Summe ersparte. Mit der Zunahme des Handels und des
öffentlichen Wohlstandes vermehrten sich auch seine Einkünfte, und er
wurde dadurch in den Stand gesetzt, trotz des gelegentlichen Murrens der
Gemeinen, seine reguläre Streitmacht nach und nach zu verstärken. Noch
wenige Monate vor dem Ende seiner Regierung erhielt dieselbe einen
ansehnlichen Zuwachs. Die kostspielige, nutzlose und ungesunde Besitzung
Sanger, wurde den umwohnenden Barbaren überlassen und die aus einem
Regiment Reitern und zwei Regimentern Fußvolk bestehende Garnison nach
England zurückgebracht.

Die kleine Armee, welche Karl II. auf diese Art gebildet, war der Keim
zu seinem großen und berühmten Heere, das in dem gegenwärtigen
Jahrhundert siegreich in Madrid und Paris, in Canton und Kandahar
eingezogen ist. Die Leibgarden, welche jetzt zwei Regimenter bilden,
bestanden damals aus drei Abtheilungen, von denen jede ohne die
Offiziere zweihundert Carabiniers zählte. Dieses Corps, dem die
Bewachung des Königs und der Königlichen Familie anvertraut war, hatte
einen ganz eigenthümlichen Character. Selbst die Gemeinen wurden
„Gentlemen von der Garde“ genannt; viele von ihnen waren von guter
Familie und hatten während der Bürgerkriege Offizierstellen bekleidet.
Ihr Sold war bedeutend höher als in unsrer Zeit der des bevorzugtesten
Regiments und würde damals als ein ganz anständiges Einkommen für den
jüngeren Sohn eines Landedelmanns betrachtet worden sein. Ihre schönen
Pferde, ihre kostbaren Schabracken, ihre Brustharnische und ihre mit
Bändern, Sammet und Goldtressen reich verzierten Wämser nahmen sich in
St. James Park prächtig aus. Jeder Abtheilung war ein kleines Corps
Grenadier-Dragoner beigegeben, welche von niederer Herkunft waren und
auch geringeren Sold erhielten. Eine andere Truppe Leibcavallerie, die
sich durch blaue Röcke und Mäntel unterschied und daher noch jetzt „die
Blauen“ genannt wird, lag gewöhnlich in der Umgegend der Hauptstadt in
Garnison. Eben so stand in der Nähe der Hauptstadt das Corps, welches
gegenwärtig als das erste Dragonerregiment bezeichnet wird, damals aber
das einzige derartige Regiment der englischen Armee war. Dieses Regiment
war erst kürzlich aus der von Tanger zurückgekehrten Reiterei gebildet
worden. Ein besonderer Zug Dragoner, der keinem Regiment angehörte,
stand unweit Berwick, um die Räuber des Grenzgebiets im Schach zu
halten, denn zu diesem Dienste wurde der Dragoner als besonders geeignet
betrachtet. Später ist er ein bloßer Reitersoldat geworden; im
siebzehnten Jahrhundert aber beschrieb ihn Montecucculi genau als einen
Fußsoldaten, der sich des Pferdes nur dazu bediente, um schneller an den
Ort zu gelangen, wo es militairischen Dienst zu verrichten gab.

Die Gardeinfanterie bestand aus zwei Regimentern, welche damals, wie
noch jetzt das erste Regiment Fußgarden und die Coldstreamgarden genannt
wurden und in der Regel um Whitehall und St. James Palast Dienste
thaten. Da es damals noch keine Kasernen gab, nach der „Petition um
Recht“ aber Militair in Privatwohnungen nicht einquartirt werden durfte,
so waren alle Alehäuser in den Stadttheilen Westminster und Strand mit
Rothröcken angefüllt.

Außerdem gab es noch fünf andere Infanterieregimenter. Eines davon,
das sogenannte Admiral’s-Regiment, war speciell für den Dienst auf der
Flotte bestimmt, und die vier übrigen werden noch jetzt als die vier
ersten Linienregimenter bezeichnet. Zwei davon repräsentirten zwei
Brigaden, welche auf dem Continente lange Zeit den Ruf der britischen
Tapferkeit aufrecht erhalten hatten. Das erste oder Königliche Regiment
hatte unter dem großen Gustav zur Befreiung Deutschlands wesentlich
beigetragen, und das dritte Regiment, das sich durch fleischfarbene
Aufschläge unterschied, welche ihm den allbekannten Namen der „Buffs“
(Rothgelben oder Büffelhäute) verschafften, hatte unter Moritz von
Nassau nicht weniger tapfer für die Befreiung der Niederlande gefochten.
Diese beiden wackeren Truppen waren endlich nach langen, wechselvollen
Kämpfen von Karl II. aus dem fremden Dienste zurückgerufen und auf den
englischen Militairetat gesetzt.

Die beiden Regimenter, welche gegenwärtig als das zweite und vierte
Linienregiment bezeichnet werden, waren 1685 eben erst aus Tanger
zurückgekehrt und hatten von dort grausame und ausschweifende
Gewohnheiten mitgebracht, die sie während ihres langjährigen Krieges mit
den Mauren angenommen. Außerdem lagen noch einige Compagnien Fußvolk,
welche noch keinem Regimente einverleibt waren, als Garnison in Tilburg’
Fort, Portsmouth, Plymouth und einigen anderen wichtigen Plätzen an oder
unweit der Küste.

Seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts war in der Bewaffnung der
Infanterie eine wichtige Veränderung eingetreten. Die Lanze war nach und
nach durch die Muskete verdrängt worden, und am Schlusse der Regierung
Karl’s II. waren die meisten seiner Fußsoldaten Musketiere. Es befanden
sich indessen noch immer eine bedeutende Anzahl Lanzenträger darunter.
Jede Truppengattung wurde gelegentlich im Gebrauche der Waffe geübt,
welche vorzugsweise der anderen Gattung angehörte. Der Fußsoldat war zum
Gebrauch beim Handgemenge mit einem Seitengewehr versehen; der Dragoner
war bewaffnet wie ein Musketier und trug ebenfalls noch eine Nebenwaffe,
die im Laufe vieler Jahre nach und nach eingeführt wurde und welche die
Engländer damals Dolch (+dagger+) nannten, für die aber seit unsrer
Revolution der französische Name Bajonett angenommen ist. Das Bajonett
scheint jedoch damals noch kein so furchtbares Mordwerkzeug gewesen zu
sein, als es nachmals geworden ist, denn es wurde in der Mündung des
Gewehres befestigt und der Soldat verlor viel Zeit mit dem Herausziehen
des Bajonetts, wenn er feuern wollte, und mit dem Aufstecken desselben,
wenn er im Sturm angreifen mußte.

Die reguläre Armee, welche zu Anfang des Jahres 1685 in England
unterhalten wurde, bestand mit Einschluß der Offiziere aus etwa
siebentausend Mann Fußvolk und ungefähr siebzehnhundert Mann Reitern und
Dragonern. Die sämmtlichen Kosten ihres Unterhalts beliefen sich auf
etwa zweihundertneunzigtausend Pfund jährlich, das heißt noch nicht ein
Zehntel von dem, was das französische Heer damals in Friedenszeiten
kostete. Der Tagessold eines Gemeinen von der Leibgarde war vier
Schilling, bei den Blauen zwei und ein halber Schilling, bei den
Dragonern achtzehn Pence, bei der Fußgarde zehn Pence und bei der Linie
acht Pence. Die Disciplin war locker und sie konnte auch nicht anders
sein. Das englische gemeine Recht wußte nichts von Kriegsgerichten und
machte in Friedenszeiten keinen Unterschied zwischen dem Soldaten und
jedem andren Bürger; auch durfte es die Regierung damals nicht wagen,
selbst das loyalste Parlament um ein Aufruhrgesetz anzugehen. Wenn daher
ein Soldat seinen Obersten zu Boden schlug, so traf ihn dafür nur die
gewöhnliche, auf Thätlichkeiten und Mißhandlungen gesetzte Strafe,
und wenn er einem Befehl nicht gehorchte, oder auf seinem Wachposten
einschlief oder desertirte, so verwirkte er dadurch gar keine
gesetzliche Strafe. Allerdings wurden unter der Regierung Karl’s II.
ohne Zweifel militairische Strafen verhängt, aber doch nur selten und in
einer Weise, daß sie die öffentliche Aufmerksamkeit nicht erregten und
keine Berufung an die Gerichtshöfe von Westminsterhall veranlaßten.

Ein solches Heer war sicherlich nicht geeignet, fünf Millionen Engländer
zu knechten; es würde kaum im Stande gewesen sein, einen Aufstand in
London zu unterdrücken, wenn die Stadtmiliz sich den Aufrührern
angeschlossen hätte. Auch konnte der König, im Fall ein Aufstand in
England ausbrach, nicht erwarten, daß er aus seinen anderen Besitzungen
Beistand erhalten würde, denn obgleich sowohl Schottland als Irland ein
eignes Heer unterhielten, so war dieses doch eben nur hinreichend, um
die puritanischen Unzufriedenen des ersteren Landes und die papistischen
Unzufriedenen des andren im Schach zu halten. Indessen hatte die
Regierung eine andre bedeutende militairische Hülfsquelle, die nicht
unberücksichtigt bleiben darf. Im Dienste der Vereinigten Provinzen
standen sechs schöne Regimenter, welche früher der tapfere Ossory
befehligt hatte. Von diesen Regimentern waren drei in England und drei
in Schottland ausgehoben und ihr Landesfürst hatte sich das Recht
vorbehalten, sie zurückrufen zu können, sobald er ihrer Hülfe gegen
einen auswärtigen oder einheimischen Feind bedürfe. Inzwischen wurden
sie unterhalten, ohne daß sie ihm selbst das Geringste kosteten, und
standen unter einer vorzüglichen Disciplin, der er sie zu unterwerfen
nicht hätte wagen dürfen.[19]

    [Anmerkung 16: Man sehe zum Beispiel die Schilderung der Wälle von
    Marlborough in +Stokeley’s Itinerarium Curiosum.+]

    [Anmerkung 17: +Chamberlayne’s State of England+, 1684.]

    [Anmerkung 18: Dryden drückt in seinem +Cymon und Iphigenia+ mit
    der ihm eigenen rücksichtslosen Derbheit die Besinnungen aus,
    welche unter den kriechenden Schmeichlern Jakobs II. im Schwunge
    waren:

      Das ganze Land erdröhnt vom lauten Lärme
      Der roh sich tummelnden Milizenschwärme.
      Viel Mäuler ohne Arm, kostspiel’ges Heer:
      Im Frieden eine Last, im Krieg ’ne schwache Wehr.
      Einmal im Monat tobt die Schaar durch’s Land,
      Ist stets, nur nicht wenn man sie braucht, zur Hand.
      So sieht man sie am Morgen der Parade
      In Reih’ und Glied in ihrem Waffenstaate,
      Bereit zum kurzen, flücht’gen Kriegesspiel.
      Dann geht’s zum Trinkgelag’, dem wahren Ziel.]

    [Anmerkung 19: Die meisten Materialien, welche ich zu diesem
    Nachweis über die reguläre Armee benutzt habe, findet man in den
    auf Befehl König Wilhelm’s IV. und unter der Leitung des
    Generaladjutanten veröffentlichten +Historical Records of
    Regiments+. Außerdem sehe man +Chamberlayne’s State of England,
    1684+; +Abridgement of the english Military Discipline+, auf
    besonderen Befehl gedruckt, 1685, und +Exercise of foot+, auf
    Befehl J. J. M. M., 1690.]


[_Die Seemacht._] Wenn aber das Mißtrauen des Parlaments und der Nation
es dem Könige unmöglich machten, ein achtunggebietendes stehendes Heer
zu unterhalten, so stand ihm kein ähnliches Hinderniß entgegen, England
zur ersten Seemacht zu erheben. Whigs und Tories waren gleich bereit,
jeden Schritt beifällig aufzunehmen, der darauf hinzielte, eine Macht zu
verstärken, welche gegen die bürgerliche Freiheit nichts vermochte,
während sie der beste Schutz für die Insel gegen auswärtige Feinde war.
Die größten von englischen Soldaten verrichteten Heldenthaten, deren
sich die damalige Generation erinnern konnte, waren im Kampfe gegen
englische Fürsten ausgeführt worden. Unsere Seeleute dagegen hatten ihre
Siege über fremde Feinde erfochten und den vaterländischen Boden vor
Verwüstung und Plünderung bewahrt. Der Schlacht von Naseby erinnerte
sich mindestens die Hälfte der Nation mit Abscheu, und selbst der von
Dunbar nur mit einem Stolze, der nicht frei war von schmerzlichen
Gefühlen; an die Niederlage der Armada aber und an die Seeschlachten
Blake’s gegen die Holländer und Spanier dachten alle Parteien mit
ungetrübter Begeisterung zurück. Seit der Restauration hatten sich die
Gemeinen, selbst in Zeiten, wo sie höchst mißvergnügt und geizig waren,
stets bis zur Verschwendung freigebig gezeigt, sobald es das Interesse
der Seemacht galt. Während Danby Minister war, hatte man ihnen
vorgestellt, daß viele Schiffe der königlichen Flotte alt und nicht mehr
seetüchtig seien, und obgleich das Haus damals eben nicht in freigebiger
Stimmung war, so bewilligte es doch eine Summe von nahe an
sechsmalhunderttausend Pfund zum Bau von dreißig neuen Kriegsschiffen.

Die Freigebigkeit der Nation war jedoch durch die Sünden der Regierung
fruchtlos gemacht worden. Die Liste der königlichen Kriegsfahrzeuge sah
zwar ganz stattlich aus; sie zählte neun Linienschiffe ersten, vierzehn
zweiten, neununddreißig dritten Ranges und viele kleinere. Allerdings
waren die Linienschiffe erster Größe damals kleiner als in unseren Tagen
die des dritten Ranges, und die der dritten Größe würden gegenwärtig
nicht mehr für sehr große Fregatten gelten. Dessen ungeachtet würde
diese Flotte, wenn sie wirklich vorhanden gewesen wäre, von den größten
Machthabern als eine furchtbare betrachtet worden sein. Aber sie
existirte nur auf dem Papiere. Gegen das Ende der Regierung Karl’s war
seine Flotte in einem so schlechten, verfallenen Zustande, daß man es
kaum glauben würde, wäre es nicht durch die ganz von einander
unabhängigen und übereinstimmenden Aussagen von Zeugen bestätigt, deren
Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Pepys, damals der
ausgezeichnetste Admiral Englands, entwarf im Jahre 1684 für den König
eine Denkschrift über den Stand seines Verwaltungszweiges. Einige Monate
später legte Bonrepaux, der fähigste Kopf in der französischen
Admiralität, der eigens zu dem Zwecke nach England gekommen war, um die
Stärke seiner Seemacht zu untersuchen, Ludwig das Resultat seiner
Nachforschungen vor. Beide Berichte stimmen im Wesentlichen mit einander
überein. Bonrepaux erklärte, er habe Alles in Unordnung und in
jämmerlichem Zustande gefunden, die Überlegenheit der französischen
Seemacht werde in Whitehall mit Beschämung und Neid anerkannt und der
Zustand unsrer Marine und unserer Schiffswerften biete schon an sich
hinreichende Bürgschaft dafür, daß wir uns in die europäischen
Streitigkeiten nicht mischen würden.[20] Pepys berichtete seinem
Gebieter, daß die Verwaltung des Seewesens ein beispielloses Gewebe von
Geldverschwendung, Bestechung, Unwissenheit und Sorglosigkeit sei, daß
man keiner Schätzung trauen dürfe, daß kein Vertrag gehalten, kein
Verbot durchgesetzt würde. Die Schiffe, zu deren Bau die kürzliche
Freigebigkeit des Parlaments die Regierung in den Stand gesetzt und
welche noch nie den Hafen verlassen hatten, waren von so schlechtem
Holze gezimmert, daß sie weniger seetüchtig waren als die alten Wracks,
welche vor dreißig Jahren durch die Kanonen der Holländer und Spanier
zerschossen wurden. Einige von den neuen Kriegsschiffen waren wirklich
schon so verfault, daß sie auf ihren Ankerplätzen sinken mußten, wenn
sie nicht schleunigst reparirt wurden. Und dabei wurden die Matrosen so
unpünktlich bezahlt, daß sie froh waren, wenn sie einen Wucherer fanden,
der ihre Soldanweisungen mit vierzig Procent Abzug kaufte. Die
Commandanten, welche keine mächtigen Freunde bei Hofe hatten, waren noch
schlimmer daran, und mehrere Offiziere, welche bedeutende Rückstände zu
fordern hatten, waren, nachdem sie die Regierung viele Jahre hindurch
vergebens um Bezahlung angegangen, aus Mangel an einem Stück Brod
gestorben.

Die meisten brauchbaren Kriegsschiffe wurden von Männern befehligt,
welche nicht für den Seedienst erzogen und gebildet waren. Dies war
allerdings kein Mißbrauch, den die Regierung Karl’s eingeführt hatte.
Kein alter oder neuer Staat hatte bis dahin den Seedienst streng von dem
Landkriegsdienste getrennt. Bei den großen civilisirten Nationen der
alten Welt hatten Cimon und Lysander, Pompejus und Agrippa zur See so
gut wie zu Lande Schlachten geliefert, und auch der Aufschwung, den die
Schifffahrtskunde am Schlusse des fünfzehnten Jahrhunderts nahm, hatte
keinen wesentlichen Fortschritt in der Theilung des Dienstes zur Folge
gehabt. Bei Flodden wurde der rechte Flügel des siegreichen Heeres von
dem englischen Admiral befehligt; bei Jarnac und Moncontour führte der
französische Admiral die Reihen der Hugenotten. Weder Johann von
Österreich, der Sieger von Lepanto, noch Lord Howard von Effingham,
dessen Leitung die britische Seemacht anvertraut war, als die Spanier
sich in feindseliger Absicht unseren Küsten näherten, hatte eine
seemännische Erziehung genossen. Der als Schiffscommandant so hoch
gerühmte und gefeierte Raleigh hatte mehrere Jahre in Frankreich, den
Niederlanden und Irland als Soldat gedient. Blake hatte sich durch seine
geschickte und tapfere Vertheidigung einer Binnenstadt ausgezeichnet,
bevor er den übermüthigen Stolz Hollands und Castiliens zur See beugte.
Das nämliche System war auch nach der Restauration noch befolgt worden,
man hatte die Führung großer Flotten Ruprecht und Monk übertragen,
von denen Ersterer vorzugsweise als ein feuriger und waghalsiger
Reiteroffizier bekannt war und Letzterer die Heiterkeit seines
Schiffsvolks erregte, wenn er, um die Richtung seines Schiffes verändern
zu lassen, „links abgeschwenkt!“ commandirte.

Um diese Zeit aber kamen kluge Männer zu der Einsicht, daß die raschen
Fortschritte in der Kriegskunst, wie in der Schifffahrtskunde es nöthig
machten, zwischen diesen beiden bisher vermischten Berufsarten eine
Scheidelinie zu ziehen. Das Commando eines Regiments sowohl wie eines
Schiffes war jetzt eine Beschäftigung, welche die ganze Thätigkeit eines
Mannes in Anspruch nahm. Die französische Regierung beschloß daher im
Jahre 1672, junge Männer aus guter Familie von früher Jugend an
ausschließlich für den Seedienst heranbilden zu lassen. Anstatt aber
dieses treffliche Beispiel nachzuahmen, verlieh die englische Regierung
nicht nur nach wie vor hohe Schiffscommando’s an Offiziere des
Landheeres, sondern wählte dazu sogar solche Leute, denen man auch zu
Lande einen wichtigen Posten nicht mit Ruhe hätte übertragen können.
Jeder junge Laffe von adeliger Abkunft, jeder sittenlose Höfling, für
den eine der Maitressen des Königs ein gutes Wort einlegte, durfte
hoffen, daß ein Linienschiff und mit demselben die Ehre des Landes und
das Leben von Hunderten wackerer Seeleute seiner Obhut anvertraut werden
würde. Daß er in seinem Leben noch keine andre Reise zu Wasser als auf
der Themse gemacht, daß er sich bei einem Sturme nicht auf den Füßen
erhalten und die Längengrade nicht von den Breitengraden unterscheiden
konnte, war Nebensache. Eine vorhergehende Ausbildung für seinen Beruf
wurde nicht für nöthig erachtet, oder man schickte ihn höchstens auf
kurze Zeit auf ein Kriegsschiff, wo er keiner Disciplin unterworfen,
mit ausgezeichneter Achtung behandelt wurde und seine Zeit unter
Vergnügungen und Lustbarkeiten hinbrachte. Lernte er in den wenigen
Stunden zwischen Schmausen, Trinken und Spielen die Bedeutung einiger
technischer Ausdrücke und die Benennungen der Compaßstriche, so war er
vollkommen befähigt, um das Commando eines Dreideckers zu übernehmen.
Diese Schilderung ist durchaus nicht übertrieben. Im Jahre 1666 diente
der siebzehnjährige John Sheffield, Earl von Mulgrave, als Freiwilliger
zur See gegen die Holländer. Er brachte sechs Wochen auf seinem Schiffe
zu, amüsirte sich nach Möglichkeit in Gesellschaft einiger junger
vornehmer Wüstlinge und kehrte dann nach Hause zurück, um das Commando
einer Reitertruppe zu übernehmen. Hierauf ging er nicht wieder zur See
bis zum Jahre 1672, wo er abermals in die Marine eintrat und fast
sogleich zum Kapitain eines Schiffes von vierundachtzig Kanonen, das für
das schönste der ganzen Flotte galt, ernannt wurde. Er war damals
dreiundzwanzig Jahr alt und hatte im Ganzen keine drei Monate auf der
See zugebracht. Sobald er wieder ans Land zurückkam, wurde er zum
Obersten eines Infanterieregiments ernannt. Dies ist ein Beispiel
von der Art und Weise, wie zur damaligen Zeit die höchsten
Befehlshaberposten in der Marine vergeben wurden, und zwar ist es noch
ein günstiges Beispiel, denn es fehlte Mulgrave allerdings an Erfahrung,
aber wenigstens nicht an Talent und Muth. Auf dieselbe Art wurden jedoch
auch Andere befördert, welche nicht nur keine guten Offiziere waren,
sondern denen es selbst an der geistigen und sittlichen Befähigung
fehlte, jemals gute Offiziere zu werden und deren einzige Empfehlung
darin bestand, daß sie sich durch thörichte Verschwendung und
Lasterhaftigkeit zu Grunde gerichtet hatten. Der Hauptköder, der diese
Leute in den Seedienst lockte, war der Gewinn, den sie durch die
Beförderung edler Metalle und anderer werthvoller Waaren von einem Hafen
zum andern ziehen konnten, denn das Atlantische wie das Mittelländische
Meer wurden damals durch Seeräuber aus der Barbarei so unsicher gemacht,
daß die Kaufleute werthvolle Ladungen nicht gern einem anderen als einem
Kriegsschiffe anvertrauten. Auf diese Weise verdiente ein Kapitain
zuweilen mehrere Tausend Pfund Sterling durch eine kurze Seereise, und
über dieses einträgliche Geschäft vernachlässigte er nur zu oft das
Interesse seines Landes und die Ehre seiner Flagge, erniedrigte sich
fremden Mächten gegenüber, mißachtete die bestimmtesten Befehle seiner
Vorgesetzten, lag unthätig in einem Hafen, während er auf einen
Seeräuber von Salleh Jagd machen sollte, oder segelte mit einer
Geldladung nach Livorno, während seine Instructionen ihn nach Lissabon
riefen. Und dies Alles konnte er ungestraft thun. Der nämliche Einfluß,
der ihm den Posten, für den er ganz untauglich war, verschafft hatte,
erhielt ihn auch auf demselben. Ein Admiral, der von diesen verderbten
und leichtsinnigen Palastgünstlingen zum Besten gehalten wurde, wagte es
kaum, ihnen schüchtern mit dem Kriegsgericht zu drohen. Zeigte ein
Offizier mehr Pflichtgefühl als seine Kameraden, so gelangte er bald zu
der Einsicht, daß er dadurch Geld verlor, ohne Ehre zu gewinnen. Zu
einem Kapitain, der durch strenge Befolgung der Admiralitätsbefehle sich
eine Ladung entgehen ließ, die ihm viertausend Pfund Sterling
eingebracht haben würde, sagte Karl mit unedler Leichtfertigkeit, er sei
ein rechter Narr, daß er so gewissenhaft gehandelt habe.

Die Disciplin der Flotte war durchgängig in allen Rangverhältnissen
gleich. Wie der höfische Kapitain die Admiralität verachtete, so wurde
er wieder von seiner Mannschaft verachtet. Es ließ sich nicht verhehlen,
daß er in seemännischen Kenntnissen jedem Matrosen an Bord nachstand,
und man konnte daher nicht erwarten, daß alte Seeleute, die mit den
Stürmen der Tropengegenden und mit den Eisbergen der Polarmeere vertraut
waren, einem Vorgesetzten, der von Wind und Wellen nicht mehr wußte, als
man auf einer Fahrt in vergoldeter Barke zwischen Whitehall-Stairs und
Hampton-Court lernen konnte, pünktlichen und ehrerbietigen Gehorsam
leisten sollte. Einem solchen Neuling die Leitung eines Schiffes
anzuvertrauen, war geradezu unmöglich. Diese wurde demnach dem Kapitain
entzogen und dem ersten Leutnant übertragen; aber diese Theilung der
Autorität hatte unzählige Nachtheile in ihrem Gefolge. Eine strenge
Grenzlinie war nicht gezogen und konnte vielleicht auch nicht gezogen
werden; daher gab es beständig Streit und Zank. Der Kapitain, der um so
gebieterischer auftrat, je unwissender er war, behandelte seinen
Leutnant mit vornehmer Geringschätzung, und der Leutnant, der wohl
wußte, wie gefährlich es für ihn werden konnte, wenn er sich seinen
mächtigen Vorgesetzten zum Feinde machte, gab nur zu oft gegen seine
Überzeugung nach kurzem Widerstreben nach, und man konnte noch von Glück
sagen, wenn Schiff und Mannschaft nicht dabei zu Grunde gingen. In der
Regel waren die unschädlichsten unter den hochadeligen Kapitainen
diejenigen, welche die Leitung ihres Schiffes ganz und gar anderen
Händen überließen und sich nur damit beschäftigten, Geld zu verdienen
und zu verschwenden. Diese Herren führten indeß ein so glänzendes und
üppiges Leben, daß sie bei all’ ihrer Habgier doch nur selten reich
wurden. Sie kleideten sich beständig wie zu einer Galacour in
Versailles, speisten von Silbergeschirr, tranken die feinsten Weine und
hielten förmliche Harems auf ihren Schiffen, während Hunger und Skorbut
unter der Mannschaft wütheten und täglich Leichname über Bord geworfen
wurden.

Dies war der gewöhnliche Character derjenigen, welche damals
Gentlemen-Kapitaine genannt wurden. Zum Glück für unser Vaterland gab es
jedoch unter ihnen auch Schiffscommandeure ganz anderer Art, Männer, die
ihr ganzes Leben auf dem Meere zugebracht und sich von der niedrigsten
Stufe zu Rang und Auszeichnung emporgearbeitet und gekämpft hatten.
Einer der vorzüglichsten von diesen Offizieren war Sir Christoph Mings,
der als Kajütenjunge in den Dienst trat, im tapferen Kampfe gegen die
Holländer fiel und von seiner Mannschaft unter Thränen und Rachegelübden
zu Grabe getragen ward. Von ihm stammten gewissermaßen durch eine
eigenthümliche Art von Nachkommenschaft eine Reihe tapferer und
erfahrener Seeleute ab. Sein Kajütenjunge war Sir John Narborough, und
dessen Kajütenjunge wieder Sir Cloudesley Shovel. Dem ausgezeichneten
natürlichen Verstande und dein unerschrockenen Muthe dieser Klasse von
Männern ist England zu großem Danke verpflichtet, den es nie vergessen
darf. Durch solche energische Charactere wurden trotz schlechter
Verwaltung und trotz der Mißgriffe höfischer Admiräle, viel traurige und
gefahrvolle Jahre hindurch unsere Küsten beschützt und der gute Ruf
unserer Flagge aufrecht erhalten. Dem Nichtseemanne erschienen diese
„Theerjacken“, wie man sie nannte, als ein ganz sonderbares und halb
wildes Geschlecht. Ihre Kenntnisse beschränkten sich lediglich auf ihren
Beruf, und auch diese waren mehr praktischer als theoretischer Art.
Außerhalb ihres Elements waren sie einfältig wie Kinder; ihr Benehmen
war unbeholfen, selbst in ihrer Treuherzigkeit lag etwas Rauhes und wo
ihre Rede nicht mit Seemannsausdrücken durchflochten war, strotzte
dieselbe nur zu häufig von Flüchen und Schwüren. Dies waren die
Befehlshaber, unter deren strenger Zucht jene rauhen Krieger gebildet
wurden, nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert den Leutnant Bowling
und den Commodore Trunnion zeichnete. Es scheint jedoch unter keinem der
Stuarts einen einzigen Flottenoffizier gegeben zu haben, wie er nach den
Begriffen unserer Zeit sein soll, das heißt ein Mann, der in der Theorie
wie in der Praxis seines Berufs gleich erfahren, gegen alle Gefahren des
Kampfes und des Sturmes abgehärtet ist und dabei doch einen gebildeten
Geist und feine Manieren besitzt. Es gab in der Flotte Karl’s II.
Gentlemen und Seemänner; aber die Seemänner waren keine Gentlemen und
die Gentlemen keine Seemänner.

Die englische Seemacht hatte nach den genauesten Schätzungen, welche auf
uns gekommen sind, mit einem Aufwande von dreihundertachtzigtausend
Pfund jährlich in gutem Zustande erhalten werden können. In Wirklichkeit
aber wurden vierhunderttausend Pfund für dieselbe ausgegeben, und mit
wie geringem Nutzen, haben wir eben gesehen. Die französische Marine
kostete ungefähr eben so viel zu unterhalten, die holländische dagegen
bedeutend mehr.[21]

    [Anmerkung 20: Ich beziehe mich hier auf eine Depesche von
    Bonrepaux an Seignelay vom 8--18. Februar 1680. Sie wurde während
    des Friedens von Amiens für Fox aus den französischen Archiven
    abgeschrieben und mir nebst anderen Materialien, welche dieser
    große Mann zusammengetragen hat, durch die Gefälligkeit der
    verstorbenen Lady Holland und des gegenwärtigen Lord Holland zur
    Benutzung anvertraut. Ich muß noch bemerken, daß ich selbst
    inmitten der Unruhen, welche vor kurzem Paris bewegten, keine
    Schwierigkeiten fand, um durch die Liberalität der dortigen
    Beamten Auszüge zu erlangen, die einige Lücken in Fox’ Sammlung
    ausfüllen.]

    [Anmerkung 21: Meine Angaben über den damaligen Zustand der Marine
    sind hauptsächlich aus Pepys geschöpft. Der Bericht, den er
    Karl II. im Mai 1684 vorlegte, ist, wie ich glaube, nie gedruckt
    worden. Die Handschrift befindet sich im Magdalenen-Collegium zu
    Cambridge. Ebendaselbst befindet sich auch ein werthvolles
    Manuscript, das eine ausführliche Abhandlung über das Seewesen des
    Landes im December 1684 enthält. +Pepys’ Memoirs relating to the
    State of the Royal Navy for Ten Years, determined December 1688+,
    sowie sein Tagebuch und sein Briefwechsel während seines
    Aufenthalts in Tanger, sind gedruckt, und ich habe diese Schriften
    vielfach benutzt. Man sehe außerdem +Sheffield’s Memoirs, Teonge’s
    Diary, Aubrey’s Life of Monk, The Life of Sir Cloudesley Shovel,
    1708+, und +Commons’ Journal+ vom 1. und 20. März 1688--89.]


[_Die Artillerie._] Die Kosten der britischen Artillerie waren im
siebzehnten Jahrhundert im Vergleich mit den Ausgaben für andere
Bedürfnisse des Heeres und der Flotte, weit geringer als gegenwärtig.
Wohl befanden sich bei allen Besatzungen Geschütze und an diesem und
jenem wichtigen Platze auch ein Ingenieur; aber es gab kein besonderes
Artillerieregiment, keine Brigade Sappeurs und Mineurs und keine
Anstalt, in der junge Leute die wissenschaftliche Seite der Kriegführung
lernen konnten. Die Schwierigkeit, Feldstücke zu transportiren, war
außerordentlich groß. Als Wilhelm einige Jahre später aus Devonshire
nach London marschirte, erregte der Kriegsapparat, den er mit sich
führte, obgleich ein solcher auf dem Festlande schon längst in Gebrauch
war und derselbe gegenwärtig in Woolwich als roh und schwerfällig gelten
würde, bei unseren Vorfahren die nämliche Bewunderung, mit der die
Indianer Amerika’s die kastilianischen Büchsen betrachteten. Von dem
Pulvervorrathe, welcher damals in den britischen Festungen und
Zeughäusern aufbewahrt wurde, sagen patriotische Schriftsteller der
damaligen Zeit, daß derselbe den Nachbarvölkern wohl Respect einflößen
werde. Er belief sich auf vierzehn- bis fünfzehntausend Fässer, ungefähr
ein Zwölftel des Quantums, das man in unseren Tagen immer vorräthig zu
halten für nöthig erachtet. Die Ausgaben für die Artillerie betrugen im
Durchschnitt etwas über sechzigtausend Pfund jährlich.[22]

Die Gesammtkosten für den Effektivbestand der Armee, der Marine und der
Artillerie beliefen sich auf etwa siebenhundertfunfzigtausend Pfund.
Ausgaben für den nichtaktiven Dienst, welche gegenwärtig einen sehr
bedeutenden Theil unserer Staatslasten bilden, gab es damals so gut wie
gar nicht. Nur eine sehr geringe Anzahl von Seeoffizieren, die nicht im
wirklichen Dienste angestellt waren, bezog halben Sold. Auf der Liste
stand kein Leutnant und sogar kein Kapitain, der nicht ein Schiff ersten
oder zweiten Ranges befehligt hatte. Da nun das Land damals nur siebzehn
Schiffe ersten und zweiten Ranges besaß, welche jemals zur See gewesen
waren, und ein großer Theil der Offiziere, welche derartige Schiffe
commandirt hatten, einträgliche Posten zu Lande bekleideten, so können
die Ausgaben unter dieser Rubrik in der That nur sehr unbedeutend
gewesen sein.[23] Bei dem Landheere wurde der halbe Sold ebenfalls nur
als eine besondere und zeitweilige Vergünstigung einer kleinen Anzahl
von Offizieren zweier bevorzugter Regimenter bewilligt.[24] Das Hospital
von Greenwich war noch nicht gegründet; das von Chelsea war im Bau
begriffen, aber die Kosten dieser Anstalt wurden zum einen Theil durch
einen Abzug von der Löhnung der Truppen, zum andern durch Privatbeiträge
bestritten. Der König versprach nur zwanzigtausend Pfund zu den
Baukosten und fünftausend Pfund jährlich zum Unterhalt der Invaliden
beizusteuern.[25] Daß auch Invaliden außerhalb des Hospitals Pensionen
erhalten sollten, lag nicht im Plane des Unternehmens. Der
Gesammtaufwand für den nicht aktiven Land- und Seedienst kann
zehntausend Pfund des Jahres kaum überstiegen haben. Jetzt beträgt
derselbe täglich über zehntausend Pfund.

    [Anmerkung 22: +Chamberlayne’s State of England, 1684+; +Commons’
    Journals+ vom 1. März und 20. März 1688--89. Im Jahre 1833 wurde
    nach reiflicher Erwägung festgesetzt, daß beständig
    hundertsiebzigtausend Fässer Schießpulver vorräthig gehalten
    werden sollten, und diese Norm wird noch jetzt festgehalten.]

    [Anmerkung 23: Aus den Urkunden der Admiralität geht hervor,
    daß Flaggenoffizieren im Jahre 1668 halber Sold gewährt wurde,
    Kapitainen ersten und zweiten Ranges erst seit 1674.]

    [Anmerkung 24: Verordnung in den +War Office Records+, +d. d.+
    26. März 1678.]

    [Anmerkung 25: +Evelyn’s Diary+ vom 27. Januar 1682. Ich habe eine
    geheime Kabinetsordre vom 17. Mai 1683 gesehen, welche Evelyn’s
    Aussage bestätigt.]


[_Kosten der Civilverwaltung._] Von den Kosten der Civilverwaltung trug
die Krone nur einen kleinen Theil. Die große Mehrzahl der Beamten, denen
die Ausübung der Justiz und die Aufrechthaltung der Ordnung übertragen
war, leisteten ihre Dienste dem Publikum entweder ganz unentgeltlich,
oder sie wurden auf eine Weise bezahlt, daß diese Ausgabe den
Staatseinnahmen nicht zur Last fiel. Die Sheriffs, Mayors und Aldermen
der Städte, die Landedelleute, welche als Friedensrichter fungirten, die
Oberkonstabels (+Head-boroughs+), Bailiffs und Unterkonstabels kosteten
dem Könige nichts. Die höheren Gerichtshöfe wurden hauptsächlich durch
den Ertrag ihrer Gebühren unterhalten.

Unsere Vertretung an auswärtigen Höfen war nach einem äußerst sparsamen
Fuße eingerichtet. Der einzige diplomatische Agent, der den Titel eines
Gesandten führte, residirte in Konstantinopel und wurde zum Theil von
der Türkischen Compagnie unterhalten. Sogar am Hofe von Versailles hatte
England nur einen Geschäftsträger, und an dem spanischen, schwedischen
und dänischen Hofe nicht einmal einen solchen. Die Gesammtausgaben unter
dieser Rubrik können im letzten Jahre der Regierung Karl’s II. nicht
viel über zwanzigtausend Pfund betragen haben.[26]

    [Anmerkung 26: Jakob II. schickte Gesandte nach Spanien, Schweden
    und Dänemark, aber dennoch betrug der jährliche Aufwand für die
    Diplomatie unter seiner Regierung nicht viel über dreißigtausend
    Pfund. Siehe +Commons’ Journals+ vom 20. März 1688--89, und
    +Chamberlayne’s State of England+, 1684, 1688.]


[_Große Einkünfte der Minister und Höflinge._] Diese Sparsamkeit war
jedoch keineswegs lobenswerth. Karl war wie immer knauserig am unrechten
Orte und freigebig am unrechten Orte. Die Staatsdiener ließ er darben,
um Höflinge zu mästen. Die Ausgaben für die Flotte, für das
Geschützwesen, für Pensionirung bedürftiger alter Offiziere und für die
auswärtigen Gesandtschaften müssen der jetzigen Generation sehr gering
erscheinen. Dagegen wurden die persönlichen Günstlinge des Königs, seine
Minister und die Kreaturen dieser Minister mit dem Gelde des Landes
förmlich überschüttet. Ihre Gehalte und Pensionen waren im Vergleich zu
den Einkünften des hohen Adels, der Gentry und der Handels- und
Gewerbsleute jener Zeit ungeheuer. Die größten Vermögen im Königreiche
überstiegen damals wenig mehr als zwanzigtausend Pfund Renten. Der
Herzog von Ormond hatte jährlich zweiundzwanzigtausend Pfund,[27] der
Herzog von Buckingham, bevor sein großes Vermögen sich durch
Verschwendung vermindert, neunzehntausendsechshundert Pfund zu
verzehren.[28] Georg Monk, Herzog von Albemarle, der zum Lohn für seine
ausgezeichneten Dienste mit unermeßlichen Kronländereien beschenkt
worden und wegen seiner Geldgier wie wegen seines Geizes gleich bekannt
war, hinterließ fünfzehntausend Pfund jährlicher Einkünfte von
Grundstücken und sechzigtausend Pfund zinsbar angelegte Kapitalien,
welche höchst wahrscheinlich sieben Prozent trugen.[29] Diese drei
Herzöge galten allgemein für drei der reichsten englischen Unterthanen.
Der Erzbischof von Canterbury kann kaum fünftausend Pfund jährlich
gehabt haben.[30] Das durchschnittliche Einkommen eines weltlichen Peers
wurde von den Bestunterrichteten auf dreitausend Pfund, das eines
Baronets auf neunhundert, das eines Mitglieds des Unterhauses auf
weniger als achthundert Pfund geschätzt.[31] Tausend Pfund jährlich galt
als ein hohes Einkommen für einen Rechtsanwalt. Auf zweitausend Pfund
brachte man es kaum beim Gerichtshofe der Kings-Bench, die Kronanwälte
ausgenommen.[32] Aus dem allen ergiebt es sich, daß ein öffentlicher
Beamter gut bezahlt gewesen wäre, wenn er den vierten oder fünften Theil
von dem bekommen hätte, was gegenwärtig als ein angemessener Gehalt
betrachtet wird. Trotzdem aber standen sich die höheren Staatsbeamten
thatsächlich eben so gut als jetzt, ja nicht selten noch besser. Der
Lord Schatzmeister hatte zum Beispiel achttausend Pfund jährlich, und
wenn der Staatsschatz durch eine Commission verwaltet wurde, so hatten
die derselben angehörenden jüngeren Lords sechzehnhundert Pfund. Der
Zahlmeister des Heeres bekam von allem Gelde, das durch seine Hände
ging, eine Provision, die sich auf ungefähr fünftausend Pfund im Jahre
belief. Der Oberkammerherr hatte fünftausend Pfund, die Zollcommissäre
jeder zwölfhundert, die Kammerherrn jeder tausend Pfund jährlich.[33]
Allein der feste Gehalt war damals der geringste Theil des Einkommens
eines öffentlichen Beamten. Von den Edelleuten an, welche den weißen
Stab und das große Siegel führten, bis herab zu dem untersten
Zollbeamten und Aichmeister wurde ungescheut und ungestraft ausgeübt,
was man jetzt grobe Bestechlichkeit nennen würde. Titel, Stellen, Ämter
und Begnadigungen wurden von den hohen Würdenträgern des Reichs täglich
auf offenem Markte verkauft, und jeder Schreiber in irgend welchem
Staatsbureau ahmte das böse Beispiel nach so gut er konnte.

Während des letzten Jahrhunderts ist kein auch noch so mächtiger
Premierminister im Amte reich geworden, mehrere setzten sogar ihr
Privatvermögen zu, um ihre hohe Stelle auch äußerlich würdig
auszufüllen. Im siebzehnten Jahrhundert dagegen konnte ein Staatsmann,
der an der Spitze der Verwaltung stand, in nicht zu langer Zeit, ohne
Ärgerniß zu geben, ein Vermögen sammeln, das mehr als hinreichend war,
um ein fürstliches Haus zu führen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das
Einkommen eines Premierministers während seiner Amtsführung das jedes
anderen Unterthanen weit überstieg. Die Stelle des Lord Lieutenants von
Irland wurde auf vierzigtausend Pfund jährlich geschätzt.[34] Die
Einkünfte des Kanzlers Clarendon, Arlingtons, Lauderdale’s und Danby’s
waren kolossal. Der prachtvolle Palast, den das gemeine Volk von London
Dunkirk-House nannte, die stattlichen Pavillons, die Fischteiche, der
Thiergarten und die Orangerie von Euston, der mehr als italienische
Luxus von Ham mit seinen Statuen, Springbrunnen und Vogelhäusern waren
einige von den vielen Zeichen, welche den kürzesten Weg zu unermeßlichen
Reichthümern andeuteten. Dies ist auch die wahre Ursache der
rücksichtslosen Heftigkeit, mit welcher die Staatsmänner der damaligen
Zeit nach hohen Ämtern rangen, der Zähigkeit, mit der sie, aller
Mühseligkeiten, Demüthigungen und Gefahren ungeachtet, daran hingen,
und der schmachvollen Erniedrigungen, zu denen sie sich herabließen, um
dieselben zu behaupten. Selbst in unsrer Zeit würde, so groß auch die
Macht der öffentlichen Meinung und so streng der Maßstab der
Rechtschaffenheit gegenwärtig ist, eine beklagenswerthe Veränderung in
dem Character unserer Staatsmänner ernstlich zu befürchten sein, wenn
der Posten des ersten Lords des Schatzes oder des Staatssekretärs
hunderttausend Pfund jährlich eintrüge. Zum Glück für unser Land sind
die Einkünfte der höchsten Beamtenklasse nicht nur keineswegs im
Verhältniß zu der allgemeinen Vermehrung unsres Wohlstandes gestiegen,
sondern sie haben sich sogar positiv vermindert.

    [Anmerkung 27: +Carte’s Life of Ormond.+]

    [Anmerkung 28: +Pepys’s Diary+ vom 14. Februar 1688--89.]

    [Anmerkung 29: Siehe den Bericht über den Prozeß Bath-Montague,
    der im December 1693 durch den Lord Siegelbewahrer Somers
    entschieden ward.]

    [Anmerkung 30: Dreiviertel Jahr lang, von Weihnachten 1689 an
    wurden die Einkünfte des Erzbisthums Canterbury durch einen von
    der Krone dazu angestellten Beamten erhoben. Die Rechnungsablage
    dieses Beamten befindet sich gegenwärtig im Britischen Museum
    (+Lansdown Mscrpts. 885+). Die Bruttoeinnahme während dieser drei
    Quartale betrug nicht ganz viertausend Pfund, und der Unterschied
    zwischen dem Brutto- und dem Nettoeinkommen war jedenfalls nicht
    unbedeutend.]

    [Anmerkung 31: +King’s Natural and Political Conclusions.
    Davenant, On the Balance of Trade.+ Sir W. Temple sagt:
    „Die Einkünfte eines Hauses der Gemeinen haben selten
    viermalhunderttausend Pfund überstiegen.“ Dessen Memoiren.
    3. Theil.]

    [Anmerkung 32: +Langton’s Conversations with Chief Justice Hale,
    1672.+]

    [Anmerkung 33: +Commons’ Journals+ vom 27. April 1689;
    +Chamberlayne’s State of England, 1684+.]

    [Anmerkung 34: Siehe die Reisen des Großherzogs Cosmus.]


[_Zustand des Ackerbaues._] Die Thatsache, daß sich der Ertrag der
Steuern in England während eines Zeitraums von etwa zwei langen
Menschenleben um das Dreißigfache vermehrt hat, ist auffallend und mag
auf den ersten Anblick fast etwas Erschreckendes haben. Aber wen die
Vermehrung der öffentlichen Lasten beunruhigt, der wird sich vielleicht
wieder beruhigen, wenn er dagegen die Zunahme der öffentlichen
Hülfsquellen in Erwägung zieht. Im Jahre 1685 überstieg der Werth der
Bodenerzeugnisse bei weitem den aller anderen Früchte des menschlichen
Fleißes. Gleichwohl befand sich damals der Ackerbau in einem Zustande,
den man heutzutage roh und unvollkommen nennen würde. Die besten
Statistiker jener Zeit schätzten den Umfang des pflügbaren Ackerlandes
und des Weidelandes auf nicht viel über die Hälfte des gesammten
Flächeninhalts der Monarchie.[35] Das Übrige bestand angeblich aus Moor,
Sumpf und Waldungen. Die Richtigkeit dieser Berechnungen wird durch die
Reisebücher und Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts vollkommen
bestätigt. Aus diesen Büchern und Karten geht klar und deutlich hervor,
daß viele Straßen, welche gegenwärtig durch endlose Obstpflanzungen,
Wiesen und Bohnenfelder führen, damals über nichts als Haiden, Sümpfe
und Jagdgehege gingen.[36] Auf den Zeichnungen englischer Landschaften,
welche damals für den Großherzog Cosmus angefertigt wurden, sieht man
kaum eine Baumhecke, und zahlreiche Strecken, welche jetzt vortrefflich
angebaut sind, erscheinen kahl wie die Ebene von Salisbury.[37] Bei
Enfield, wo man fast noch den Rauch der Hauptstadt sehen kann, war ein
Gebiet von fünfundzwanzig Meilen im Umfange, das nicht mehr als drei
Häuser und fast gar keine umfriedigten Felder enthielt. Das Rothwild
tummelte sich dort zu Tausenden wie in einem amerikanischen Urwalde.[38]
Ich muß hierbei bemerken, daß wilde Thiere von bedeutender Größe damals
noch viel zahlreicher waren als jetzt. Zwar waren die letzten
Wildschweine, welche zum Vergnügen des Königs gehegt wurden und die mit
ihren Hauern das angebaute Land verwüsten durften, während des
zügellosen Treibens zur Zeit der Bürgerkriege durch das erbitterte
Landvolk vernichtet, und der letzte Wolf, der auf unsrer Insel gehaust,
kurz vor dem Ende der Regierung Karl’s II. in Schottland erlegt worden.
Aber viele jetzt ganz ausgestorbene oder doch nur sehr selten
vorkommende Arten von Säugethieren und Vögeln waren noch sehr
gewöhnlich. Der Fuchs, dessen Leben gegenwärtig in vielen Grafschaften
fast so heilig gehalten wird als das eines Menschen, wurde lediglich als
eine Landplage betrachtet. Oliver St. John sagte dem Langen Parlamente,
Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase zu betrachten, auf den man
noch einige Rücksicht nehmen könne, sondern als ein Fuchs, den man auf
jede Weise verfolgen und ohne Mitleid todtschlagen müsse. Dieser
Vergleich würde nichts weniger als glücklich gewählt sein, wenn man
denselben gegen einen Landedelmann unserer Zeit aussprechen wollte; zu
St. John’s Zeiten aber wurden nicht selten große Vertilgungkriege gegen
die Füchse veranstaltet, zu denen sich die Landleute mit allen Hunden,
die sie auftreiben konnten, eifrig drängten. Es wurden Fallen gelegt und
Netze gestellt und kein Pardon gegeben; die Erlegung eines trächtigen
Weibchens wurde als eine That betrachtet, welche den Dank der ganzen
Nachbarschaft verdiente. Das Hochwild war damals in Gloucestershire und
Hampshire so gewöhnlich, wie jetzt in den Grampian-Gebirgen. Die Königin
Anna erblickte einst auf einer Reise nach Portsmouth ein Rudel von nicht
weniger als fünfhundert Stück. Den wilden Stier mit seiner weißen Mähne
begegnete man noch zuweilen in einigen südlichen Wäldern. Der Dachs grub
noch an jedem Hügelabhange, der mit dichtem Gebüsch bewachsen war,
seinen dunklen, gewundenen Bau. Wilde Katzen hörte man noch häufig des
Nachts in der Nähe der Wildmeisterwohnungen heulen. Der gelbbrüstige
Marder wurde noch in Cranbourne Chase seines Pelzes wegen gejagt, dem
man nur das Zobelfell vorzog. Sumpfadler, welche von einer Flügelspitze
bis zur andern über neun Fuß maßen, stellten den Fischen an der Küste
von Norfolk nach. Auf allen Dünen vom Britischen Kanal bis nach
Yorkshire schwärmten riesige Trappen in Schaaren von funfzig bis sechzig
Stück umher und wurden oft mit Windhunden gehetzt. Die Moorgegenden von
Cambridgeshire und Lincolnshire waren jedes Jahr einige Monate lang mit
ungeheuren Schwärmen von Kranichen bedeckt. Durch die Fortschritte des
Landbaues sind einige dieser Thiergattungen völlig ausgerottet; andere
Arten haben sich so vermindert, daß das Volk ein Exemplar davon
anstaunt, wie einen bengalischen Tiger oder einen Eisbär.[39]

Das Fortschreiten dieser großen Veränderung läßt sich nirgends leichter
verfolgen als in der Gesetzsammlung. Die Anzahl der seit der
Thronbesteigung König Georg’s II. genehmigten Einhegungsakte beträgt
über viertausend, und der kraft dieser Bewilligungen eingefriedigte
Flächenraum übersteigt nach mäßiger Schätzung zehntausend Quadratmeilen.
Wieviel Quadratmeilen früher gar nicht, oder doch schlecht angebauten
Landes in der nämlichen Zeit von den Besitzern ohne specielle
Genehmigung der Behörden eingefriedigt und sorgfältig cultivirt wurden,
läßt sich bloß muthmaßen. Man kann jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit
annehmen, daß im Laufe von wenig mehr als einem Jahrhunderte der vierte
Theil von England aus einer Wildniß in einen Garten verwandelt worden
ist.

Selbst in denjenigen Theilen des Reichs, welche zu Ende der Regierung
Karl’s II. am besten angebaut waren, stand die Landwirthschaft
ungeachtet der großen Fortschritte, die seit den Bürgerkriegen darin
gemacht waren, doch noch nicht auf einer solchen Stufe, daß man
heutzutage von ihr sagen würde, sie sei mit Geschick betrieben worden.
Bis jetzt hat die Regierung leider noch keine wirksamen Maßregeln
angeordnet, um genaue Aufstellungen über den Ertrag des englischen Grund
und Bodens zu erhalten. Der Geschichtsschreiber muß sich daher mit
einigem Mißtrauen an die Angaben derjenigen Statistiker halten, welche
am meisten in dem Rufe der Sorgfalt und Zuverlässigkeit stehen. Der
gegenwärtige Durchschnittsertrag an Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und
Hülsenfrüchten wird auf weit über dreißig Millionen Quarters geschätzt.
Die Weizenernte, die zwölf Millionen Quarters nicht überstiege, würde
als eine schlechte gelten. Nach einer Berechnung Gregor King’s vom Jahre
1696 betrug damals die jährliche Gesammtproduction von Weizen, Roggen,
Gerste, Hafer und Hülsenfrüchten etwas unter zehn Millionen Quarters.
Den Ertrag des Weizens, welcher damals nur auf dem fettesten Lehmboden
erbaut und nur von der wohlhabenderen Klasse consumirt wurde, schätzte
er auf weniger als zwei Millionen Quarters. Karl Davenant, ein
scharfsinniger und wohlunterrichteter, aber durchaus charakterloser und
gehässiger Politiker, wich zwar in einigen Punkten der Berechnung von
King ab, gelangte aber so ziemlich zu demselben allgemeinen
Resultate.[40]

Die sogenannte Wechselwirthschaft verstand man damals noch sehr
unvollkommen. Man wußte zwar, daß einige seit Kurzem auf unserer Insel
eingeführte Pflanzen, namentlich die weiße Rübe, ein vortreffliches
Winterfutter für Schafe und Rinder gaben; allein es war noch nicht
gebräuchlich, das Vieh damit zu füttern. Es war daher keineswegs leicht,
die Thiere während der Jahreszeit, wo das Gras selten wird, zu erhalten.
Beim Beginn der kalten Witterung wurden sie denn auch in großer Menge
geschlachtet und eingesalzen und mehrere Monate hindurch aß selbst der
Reiche fast gar kein frisches Fleisch, ausgenommen Wild und Flußfische,
welche eben deshalb damals in der Haushaltung eine viel wichtigere Rolle
spielten als gegenwärtig. Aus dem +Northumberland Household Book+
ersehen wir, daß unter der Regierung Heinrichs VII. selbst die Gentlemen
im Gefolge eines großen Earl nur während der kurzen Zeit zwischen der
Mitte des Sommers und Michaelis frisches Fleisch genossen. Im Laufe von
zwei Jahrhunderten waren jedoch schon manche Verbesserungen in der
Viehzucht eingetreten, und unter Karl II. legten die Familien ihren
Wintervorrath von gesalzenem Fleische, das man damals Martinsfleisch
nannte, nicht vor Anfang Novembers ein.[41]

Die Schafe und Rinder jener Zeit waren im Vergleich mit denen, welche
heutzutage auf unsere Märkte getrieben werden, sehr klein.[42] Unsere
einheimischen Pferde waren zwar brauchbar, aber nicht besonders
geschätzt und ziemlich wohlfeil. Die zuverlässigsten Autoritäten in der
Berechnung des Nationalreichthums schlugen sie im Durchschnitt auf nicht
höher als funfzig Schilling das Stück an. Die Pferde ausländischer Zucht
wurden allgemein vorgezogen, und für die schönsten galten die spanischen
Zelter, welche für den Bedarf des Luxus und des Kriegs eingeführt
wurden. Die Kutschen des hohen Adels wurden von grauen flamändischen
Stuten gezogen, welche für die elegantesten Traber galten und besser als
irgend ein einheimischer Schlag geeignet sein sollten, die damaligen
plumpen Equipagen über das holperige Straßenpflaster von London zu
schleppen. Weder das Zugpferd noch das Racepferd der Neuzeit waren
damals bekannt. Erst zu einer viel späteren Periode wurden die Vorfahren
der riesigen Vierfüßler, welche jetzt von allen Fremden zu den größten
Merkwürdigkeiten der Weltstadt gerechnet werden, aus dem Moorlande von
Walcheren, die Ahnen eines Childers und Eclipse[43] aus den Sandwüsten
Arabiens zu uns gebracht. Indessen war schon damals unser Adel und unsre
Gentry für die Vergnügungen der Rennbahn leidenschaftlich eingenommen.
Man sah die Nothwendigkeit ein, unsere Gestüte durch Beimischung fremden
Blutes zu veredeln, und zu diesem Zwecke war vor kurzem eine
beträchtliche Anzahl von Pferden aus der Barbarei eingeführt worden.
Zwei Männer, deren Autorität in solchen Dingen besonderes Gewicht hatte,
der Herzog von Newcastle und Sir John Fenwick, erklärten, daß der
geringste Klepper aus Tanger eine schönere Nachkommenschaft erzeugen
werde, als man sie von dem besten Hengste unserer einheimischen Zucht
erwarten könne. Sie ahneten damals schwerlich, daß eine Zeit kommen
würde, wo die Fürsten und Edelleute der Nachbarstaaten eben so eifrig
bemüht waren, Pferde aus England zu beziehen, als die Engländer damals
nach der Einführung von Berberrossen trachteten.[44]

    [Anmerkung 35: +King’s Natural and Political Conclusions.
    Davenant, On the Balance of Trade.+]

    [Anmerkung 36: Siehe das +Itinerarium Angliae, 1675+, von John
    Ogilby, königl. Kosmographen. Nach seiner Beschreibung befanden
    sich in einem großen Theile des Landes zu beiden Seiten der
    Straßen nichts als Wald, Sumpf und Haide. Auf einigen seiner
    Karten sind die durch eingehegtes Land gehenden Straßen mit
    Linien, und die durch uneingehegtes führenden mit Punkten
    bezeichnet. Der verhältnißmäßige Umfang des nicht eingehegten
    Landes, das, wenn es überhaupt angebaut war, doch sehr schlecht
    angebaut sein mußte, scheint sehr bedeutend gewesen zu sein.
    Zwischen Abingdon und Gloucester zum Beispiel, eine Strecke von
    vierzig bis funfzig Meilen, befand sich nicht eine einzige
    Einfriedigung, zwischen Biggleswade und Lincoln kaum eine solche.]

    [Anmerkung 37: Eine große Anzahl von diesen höchst interessanten
    Zeichnungen befinden sich in der Sammlung, welche Grenville dem
    Britischen Museum vermacht hat.]

    [Anmerkung 38: +Evelyn’s Diary+ vom 2. Juni 1675.]

    [Anmerkung 39: Siehe +White’s Selborne+; +Bell’s History of
    British Quadrupeds+; +Gentleman’s Recreation, 1686+; +Aubrey’s
    Natural History of Wiltshire, 1685+; +Morton’s History of
    Northamptonshire, 1712+; +Willoughby’s Ornithology+, herausgegeben
    von Ray, 1678; +Latham’s General Synopsis of Birds+ und +Sir
    Thomas Browne’s Account of Birds found in Norfolk.+]

    [Anmerkung 40: +King’s Natural and Political Conclusions+;
    +Davenant, On the Balance of Trade.+]

    [Anmerkung 41: Siehe die Almanachs von 1684 und 1685.]

    [Anmerkung 42: Siehe +M’Culloch’s Statistical Account of The
    British Empire III.+ Thl. 1. Kap. 6. Abschn.]

    [Anmerkung 43: Namen berühmter Rennpferde der Neuzeit.
    Anm. d. Übers.]

    [Anmerkung 44: King und Davenant wie oben; der Herzog von
    Newcastle über die Reitkunst; +Gentleman’s Recreation, 1686+. Die
    scheckigen flandrischen Stuten waren zu Pope’s Zeiten und auch
    noch später Zeichen von Vornehmheit. Das gemeine Sprichwort „die
    graue Stute ist das beste Pferd“ hat, wie ich vermuthe, seinen
    Ursprung ebenfalls in dem Vorzuge, den man den grauen flandrischen
    Stuten vor den schönsten englischen Kutschpferden gab.]


[_Mineralreichthum des Landes._] So groß aber auch die Vermehrung der
Erzeugnisse des Pflanzen- und Thierreichs war, so erscheint sie doch nur
unbedeutend im Vergleich mit der Zunahme unseres Mineralreichthums.
Im Jahre 1685 war das Zinn von Cornwall, welches vor mehr als zwei
Jahrtausenden die tyrischen Schiffe bis über die Säulen des Herkules
hinaus gelockt hatte, noch eines der werthvollsten unterirdischen
Erzeugnisse der Insel. Die Quantität, welche davon alljährlich gewonnen
wurde, belief sich einige Jahre später auf sechzehnhundert Tonnen,
ungefähr ein Drittel des gegenwärtigen Ertrags.[45] Aber die in der
nämlichen Gegend befindlichen Kupferadern wurden zur Zeit Karl’s II.
noch fast gar nicht beachtet, und kein Grundeigenthümer brachte sie mit
in Anschlag, wenn er den Werth seines Besitzthums feststellte.
Gegenwärtig liefern Cornwall und Wales zusammen jährlich nahe an 15,000
Tonnen Kupfer im Werthe von fast anderthalb Millionen Pfund Sterling,
das heißt dem ungefähren doppelten Werthe der jährlichen Ausbeute aller
englischen Bergwerke irgend welcher Art zusammengenommen im siebzehnten
Jahrhunderte.[46] Das erste Steinsalzlager war nicht lange nach der
Restauration in Cheshire entdeckt worden, scheint aber damals noch nicht
ausgebeutet worden zu sein. Das Salz, welches durch ein rohes Verfahren
aus Salzquellen gewonnen wurde, war nicht sehr geschätzt. Die Pfannen,
in denen die Bereitung geschah, dünsteten einen Schwefelgeruch aus und
nach vollendeter Verdampfung war die zurückgebliebene Substanz fast
unbrauchbar. Die Ärzte schrieben die unter den Engländern verbreiteten
Skorbut- und Lungenaffectionen diesem ungesunden Gewürz zu. Es wurde
daher von den höheren und mittleren Ständen nur selten gebraucht und in
Folge dessen fand eine regelmäßige und bedeutende Einfuhr aus Frankreich
statt. Gegenwärtig decken unsere Quellen und Bergwerke nicht allein
unseren eigenen großen Bedarf, sondern versenden jährlich noch ungefähr
700 Millionen Pfund vortrefflichen Salzes nach dem Auslande.[47]

Noch viel bedeutender sind die Fortschritte unsrer Eisenerzeugung. Schon
lange existirten auf unsrer Insel Eisenwerke, aber sie wollten nicht
gedeihen und wurden weder von der Regierung noch vom Publikum mit
günstigen Augen angesehen. Es war damals noch nicht gebräuchlich, zum
Schmelzen des Erzes Kohlen anzuwenden und der ungeheure Verbrauch von
Holz machte die Staatsökonomen besorgt. Schon unter der Regierung
Elisabeth’s klagte man laut darüber, daß ganze Wälder geschlagen wurden,
um die Schmelzöfen zu speisen und das Parlament war eingeschritten,
indem es den Fabrikanten verbot, Bauholz zu brennen. In Folge dessen
gerieth die Fabrikation ins Stocken. Zu Ende der Regierung Karl’s II.
wurde ein großer Theil des Eisenbedarfs für das Land von auswärts
eingeführt und die Gesammtmasse des bei uns gewonnenen Eisens betrug
nicht über zehntausend Tonnen. Gegenwärtig gilt dieser Fabrikationszweig
für gedrückt, wenn weniger als eine Million Tonnen im Jahre producirt
werden.[48]

Noch ist ein Mineral zu erwähnen, das vielleicht wichtiger ist als
selbst das Eisen. Obwohl die Steinkohle in den Fabriken noch fast gar
keine Verwendung fand, so war sie doch in einigen Gegenden, die so
glücklich waren, große Lager davon zu besitzen, wie auch in der
Hauptstadt, welche zu Wasser leicht damit versehen werden konnte,
bereits das gewöhnliche Brennmaterial. Man kann mit Recht annehmen, daß
damals mindestens die Hälfte der aus allen Gruben gewonnenen Menge in
London verbraucht wurde. Die Consumtion Londons erschien den
Schriftstellern jener Zeit ungeheuer und ward von ihnen oft als ein
Beweis für die Größe der Hauptstadt erwähnt. Sie erwarteten kaum Glauben
zu finden, wenn sie versicherten, daß in dem letzten Regierungsjahre
Karls II. 280,000 Chaldrons, das heißt etwa 350,000 Tonnen zur Themse
gebracht worden seien. Gegenwärtig braucht London jährlich nahe an 3½
Millionen Tonnen und die gesammte Jahresausbeute des Landes darf nach
der mäßigsten Schätzung nicht unter 30 Millionen Tonnen angeschlagen
werden.[49]

    [Anmerkung 45: Siehe eine interessante Note von Tonkin in Lord de
    Dunstanville’s Ausgabe von +Carew’s Survey of Cornwall.+]

    [Anmerkung 46: +Borlase’s Natural History of Cornwall, 1758.+
    Meine Angabe der gegenwärtig erzeugten Kupfermenge ist den
    statistischen Verzeichnissen des Parlaments entnommen. Davenant
    schätzte den jährlichen Ertrag aller Bergwerke Englands im Jahre
    1700 auf sieben- bis achtmalhunderttausend Pfund Sterling.]

    [Anmerkung 47: +Philosophical Transactions+ Nr. 53, Nov. 1669,
    Nr. 66, Dec. 1670, Nr. 103, Mai 1674, Nr. 156, Febr. 1683--1684.]

    [Anmerkung 48: +Yarranton, England’s Improvement by Sea and Land,
    1677+; +Porter’s Progress of the Nation.+ Siehe auch die
    gedrängte, aber ungemein klare Geschichte der britischen
    Eisenwerke in +M’Culloch’s Statistical Account of the British
    Empire.+]

    [Anmerkung 49: Siehe +Chamberlayne’s State of England, 1684,
    1687+; +Angliae Metropolis, 1691+; +M’Culloch’s Statistical
    Account of the British Empire+ III. Thl. 2. Kap. (Ausg. v. 1847).
    Im Jahre 1845 betrug die nach London gebrachte Kohlenmenge nach
    den Parlamentslisten 3,460,000 Tonnen.]


[_Zunahme der Grundrente._] Während diese großen Veränderungen vor sich
gingen, war die Grundrente, wie sich erwarten ließ, in fortwährendem
Steigen. In einigen Districten hat sie sich mehr als verzehnfacht, in
anderen nur verdoppelt; im Durchschnitt aber kann man annehmen, daß sie
um das Vierfache gestiegen ist.

Ein großer Theil dieser Einkünfte vertheilte sich unter die
Landgentlemen, eine Klasse von Leuten, deren Stellung und Character klar
zu erkennen von großer Wichtigkeit ist, denn durch ihren Einfluß und
ihre Leidenschaften wurde das Schicksal der Nation in mehreren wichtigen
Krisen entschieden.


[_Die Landgentlemen._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die
Squires des siebzehnten Jahrhunderts ihren heutigen Nachkommen, mit den
Grafschaftsabgeordneten und Vorsitzenden der Quartalsitzungen der
Friedensrichter, wie wir sie kennen, eine genaue Ähnlichkeit gehabt
hätten. Der Landgentleman unsrer Zeit erhält in der Regel eine sehr gute
Erziehung, besucht nach genossener vortrefflicher Schulbildung eine
ausgezeichnete Universität und es wird ihm jede Gelegenheit geboten,
um etwas Tüchtiges zu lernen. Er hat sich gewöhnlich in fremden Ländern
umgesehen, hat einen großen Theil seines Lebens in der Hauptstadt
zugebracht und die verfeinerten Sitten der Hauptstadt begleiten ihn auf
das Land. Es giebt vielleicht keine reizenderen Wohnungen, als die
Landsitze der englischen Gentry. In den Parks und Gartenanlagen
erscheint uns die durch die Kunst verschönerte, aber nicht verwischte
Natur in ihrem lieblichsten Gewande. In den Gebäuden verbindet sich
taktvolle Einsicht mit gutem Geschmack, um eine glückliche Vereinigung
von Comfort und Eleganz zu erzeugen. Die Gemälde, die musikalischen
Instrumente und die Bibliothek würden in jedem anderen Lande als ein
Beweis von der feinen Bildung ihres Eigenthümers betrachtet werden.
Ein Landgentleman, der die Revolution erlebte, bezog damals aus seinem
Grundbesitz wahrscheinlich nur etwa den vierten Theil der Einkünfte, die
seine gegenwärtige Nachkommenschaft genießt. Er war daher im Vergleich
mit dieser ein armer Mann und in der Regel genöthigt, mit kurzen
Unterbrechungen auf seinem Gute zu wohnen. Reisen auf dem Continente,
eine häusliche Einrichtung in London oder selbst nur häufige Besuche der
Hauptstadt waren Genüsse, die sich nur die großen Gutsbesitzer erzeugen
konnten. Man kann dreist behaupten, daß von zwanzig Squires, deren Namen
unter den Friedensrichtern und Grafschaftsvorständen figurirten, nicht
einer war, der alle fünf Jahre einmal nach London gekommen oder je in
seinem Leben nach Paris gereist wäre. Manche Gutsherren hatten eine
Erziehung genossen, die sich von der ihrer Dienstleute wenig
unterschied. Oft hatte der Erbe eines Gutes während seiner Knaben- und
Jünglingsjahre auf dem Stammsitze seiner Familie keine anderen
Hofmeister, als Lakaien und Wildhüter, und lernte kaum soviel, damit er
seinen Namen unter einen gerichtlichen Verhaftbefehl schreiben konnte.
Besuchte er eine Schule oder eine Universität, so kehrte er gewöhnlich
schon vor dem zwanzigsten Jahre in die Abgeschiedenheit des väterlichen
Hauses zurück und wenn ihn die Natur in geistiger Beziehung nicht
besonders reich, begabt hatte, vergaß er bald seine akademischen Studien
über ländlichen Beschäftigungen und Vergnügungen. Sein wichtiges
Geschäft war die Sorge für seine Besitzung. Er untersuchte Kornproben,
betastete Ferkel und an Markttagen schloß er beim Glase mit den Vieh-
und Hopfenhändlern Verkäufe ab. Seine Hauptvergnügungen beschränkten
sich fast ausschließlich auf Jagd und Pferderennen und auf die Genüsse
einer rohen Sinnlichkeit. Seine Rede und seine Aussprache waren so, wie
wir sie jetzt nur von dem ungebildetsten Menschen erwarten würden; seine
Flüche, seine rohen Scherze und unsauberen Schimpfworte wurden in dem
breitesten Dialecte seiner Provinz ausgesprochen. Schon nach den ersten
Worten, die er sprach, konnte man leicht unterscheiden, ob er aus
Somersetshire oder aus Yorkshire war. Er kümmerte sich wenig um die
Ausschmückung seines Hauses, und wenn er wirklich einen derartigen
Versuch machte, war das Resultat selten etwas Besseres als geschmacklose
Entstellung. Der Unrath des Wirthschaftshofes sammelte sich unter den
Fenstern seines Schlafzimmers und die Kohlköpfe und Stachelbeersträucher
wuchsen bis dicht vor die Hausthür. Sein Tisch war reich besetzt mit
ordinären Speisen und Gäste waren ihm an demselben herzlich willkommen.
Da aber in der Klasse, der er angehörte, die Gewohnheit, übermäßig viel
zu trinken, allgemein war und seine Mittel ihm nicht erlaubten, jeden
Tag eine zahlreiche Gesellschaft mit Burgunder und Kanariensect zu
berauschen, so war ein starkes Bier das gewöhnliche Getränk. Die
Biermasse, welche zur damaligen Zeit consumirt wurde, war in der That
ungeheuer, denn es wurde damals unter den mittleren und niederen Ständen
nicht nur von denen getrunken, die es gegenwärtig trinken, sondern es
ersetzte auch den jetzigen Genuß von Wein, Thee und Branntwein. Nur in
vornehmen Häusern oder bei festlichen Gelegenheiten kamen ausländische
Getränke auf die Tafel. Die Frau vom Hause, welche gewöhnlich das Mahl
selbst bereitet hatte, zog sich zurück, sobald die Schüsseln geleert
waren und ließ die Herren beim Ale und beim Tabak, denen die Schwelger
in lärmender Fröhlichkeit oft noch so lange zusprachen, bis sie unter
den Tisch fielen.

Nur sehr selten hatte der Landedelmann hin und wieder einen Blick in die
vornehmen Zirkel gethan, und was er davon sah, diente eher dazu, seinen
Verstand zu verwirren, als aufzuklären. Da er seine Ansichten über
Religion, Verfassung, fremde Länder und frühere Zeiten nicht aus eigenen
Studien und Beobachtungen oder aus der Unterhaltung mit gebildeten
Leuten, sondern nur aus den Traditionen seines beschränkten
Gesellschaftskreises geschöpft hatte, so waren es die Ansichten eines
Kindes. Trotzdem hing er mit der Zähigkeit an denselben, welche
unwissenden Menschen, die gewohnt sind, mit Schmeicheleien überhäuft zu
werden, eigen ist, dabei besaß er zahlreiche und heftige Abneigungen.
Er haßte Franzosen und Italiener, Schotten und Iren, Papisten und
Presbyterianer, Independenten und Baptisten, Quäker und Juden. Gegen
London und die Londoner hegte er einen Widerwillen, der mehr als einmal
bedeutende politische Folgen hatte. Seine Gattin und seine Tochter
standen in Bildung und Kenntnissen unter einer Haushälterin oder einem
Kammermädchen unserer Tage. Sie näheten und spannen, braueten
Stachelbeerwein, setzten Früchte ein und buken Wildpasteten.

Aus dieser Beschreibung des englischen Esquires könnte man schließen,
daß er sich wenig von einem Müller oder einem Schenkwirthe unserer Zeit
unterschied; allein wir haben noch einige wesentliche Characterzüge zu
erwähnen, welche diese Meinung bedeutend modificiren werden. So
mangelhaft seine Bildung und seine Kenntnisse auch waren, so zeigte er
sich doch in einigen wichtigen Punkten als ein ächter Gentleman. Als
Mitglied einer stolzen und mächtigen Aristokratie zeichnete er sich
durch manche den Aristokraten eigene, theils gute, theils schlechte
Eigenschaften aus. Sein Familienstolz war größer als der eines Talbot
oder eines Howard. Er kannte die Stammbäume und Wappen aller seiner
Nachbarn, er konnte sagen, welche von ihnen sich widerrechtlich angemaßt
hatten, Wappenträger zu halten, und welche so unglücklich waren, Urenkel
von Aldermen zu sein. Er war Gerichtsherr und übte als solcher bei den
Bewohnern der Umgegend unentgeltlich eine patriarchalische und rohe
Justiz aus, welche trotz zahlreicher Irrthümer und gelegentlicher Acte
von Tyrannei immer noch besser war als gar keine. Er war ferner Offizier
bei der Miliz, und mochte diese militairische Würde den Tapferen, welche
an einem Feldzuge in Flandern Theil genommen, auch lächerlich
erscheinen, so erhob sie ihn doch in seinen eigenen Augen, wie in denen
seiner Nachbarn. Übrigens war es auch in der That ungerecht, seine
militairischen Functionen zu verspotten. In jeder Grafschaft gab es
ältere Gentlemen, welche Zeiten gesehen hatten, in denen der Dienst der
Bürgerwehr kein Kinderspiel war. Der Eine war nach der Schlacht von
Edgehill von Karl I. zum Ritter geschlagen worden; ein Andrer trug noch
das Pflaster auf einer Wunde, die er bei Naseby erhalten; ein Dritter
hatte sein altes Schloß vertheidigt, bis Fairfax die Thür mit einer
Petarde sprengte. Die Anwesenheit dieser ergrauten Cavaliere mit ihren
alten Schwertern, ihren alten Pistolenholftern und ihren alten
Geschichten von Goring und Lunsford verlieh den Musterungen der Miliz
ein ernstes und kriegerisches Gepräge, das ihnen sonst gefehlt haben
würde. Selbst diejenigen Landgentlemen, welche zu jung waren, als daß
sie sich mit den Kürassieren des Parlaments geschlagen haben konnten,
waren wenigstens von Jugend auf von den zurückgelassenen Spuren der
letzten Kriege umgeben gewesen und waren mit den Geschichten der
tapferen Heldenthaten ihrer Väter und Oheime genährt worden. So bestand
der Character des englischen Esquire des siebzehnten Jahrhunderts aus
zwei Elementen, die wir nicht gewohnt sind, beisammen zu finden; seine
Unwissenheit, seine mangelhafte Bildung, seine rohen Neigungen und seine
gemeine Sprache würden heutzutage als ein Zeichen von durchaus
plebejischer Herkunft und Erziehung betrachtet worden sein: dessen
ungeachtet war er entschieden ein Patrizier und besaß in hohem Maße die
Tugenden und Fehler, welche denen eigen sind, die ihrer Geburt nach
einen hohen Rang einnehmen und an Befehlen, an Decorum und an
Selbstachtung gewöhnt sind. Einer Generation, welche gewohnt ist,
ritterliche Gesinnungen nur im Verein mit wissenschaftlicher Bildung und
feinen Manieren zu finden, wird es nicht leicht, sich einen Mann mit dem
Benehmen, dem Vocabularium und der Redeweise eines Karrenführers zu
denken, der gleichwohl in Sachen der Herkunft und der Rangordnung
ungemein streng und bereit ist, eher sein Leben aufs Spiel zu setzen,
als einen Flecken auf die Ehre seines Hauses werfen zu lassen. Indessen
können wir uns eben nur durch die Vereinigung dieser Eigenschaften,
welche in unserer eigenen Erfahrung selten oder nie beisammen gefunden
werden, einen richtigen Begriff von dem Landadel bilden, der die
Hauptstärke der Heere Karl’s I. war und lange Zeit mit bewundernswerther
Treue die Interessen seiner Nachkommen vertheidigte.

Dieser rohe, ungebildete und selten gereiste Landgentleman war
gewöhnlich ein Tory; aber obgleich ein entschiedener Anhänger der
erblichen Monarchie, hegte er doch keine parteiliche Vorliebe für die
Höflinge und Minister. Er war, und nicht ohne Grund, der Meinung, daß
Whitehall mit den verderbtesten Creaturen angefüllt sei; er glaubte, daß
ein Theil der ungeheuren Summen, die das Parlament seit der Restauration
bewilligt, von schlauen Staatsmännern unterschlagen, ein anderer an
Possenreißer und ausländischen Courtisanen vergeudet worden sei. Sein
stolzes englisches Herz empörte sich bei dem bloßen Gedanken, daß die
Regierung seines Vaterlandes von Frankreich Vorschriften annehmen
sollte. In der Regel selbst ein alter Cavalier oder doch der Sohn eines
solchen, gedachte er mit heftigem Unwillen des schnöden Undanks, mit dem
die Stuarts ihre unglücklichen Freunde belohnt hatten. Wer ihn über die
Geringschätzung, mit der er behandelt, und über die Verschwendung,
mit der die Bastarde von Lorchen Gwynn und Madame Carwell ausgestattet
wurden, murren hörte, hätte ihn für eine Rebellion reif halten können;
aber sein Unmuth dauerte nur so lange, als der Thron in Gefahr schwebte.
Gerade wenn Diejenigen, die der Monarch mit Reichthümern und
Ehrenbezeigungen überhäuft hatte, ihn verließen, schaarten sich die zur
Zeit seines Glücks so mürrischen und widersetzlichen Landedelleute wie
ein Mann um ihn. So kamen sie Karl II., nachdem sie zwanzig Jahre lang
gegen seine schlechte Regierung gemurrt hatten, im Augenblicke der
äußersten Gefahr zu Hülfe, als seine eigenen Staatssekretäre und Lords
des Schatzes von ihm abfielen, und setzten ihn in den Stand, die
Opposition vollständig zu besiegen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß
sie auch seinem Bruder Jakob die nämliche Hingebung bewiesen haben
würden, wenn er sich noch im letzten Augenblicke hätte enthalten können,
ihre heiligsten Gefühle zu verletzen; denn eine Institution, aber auch
nur diese eine, achteten sie noch höher als die erbliche Monarchie, und
diese Institution war die englische Kirche. Ihre Liebe zu dieser war
zwar nicht das Resultat des Nachdenkens oder des Studiums, denn nur
wenige unter ihnen hätten einen aus der heiligen Schrift oder aus der
Kirchengeschichte hergeleiteten Grund angeben können, weshalb sie den
Lehren, den Gebräuchen und der Verfassung dieser Kirche anhingen, und
eben so wenig waren sie, im Ganzen genommen, strenge Beobachter des
allen christlichen Secten gemeinsamen Sittengesetzes; aber die Erfahrung
vieler Jahrhunderte beweist uns, daß Menschen im Stande sein kennen, für
eine Religion, deren Glaubenssätze sie nicht verstehen und nach deren
Vorschriften sie so gut als gar nicht handeln, bis zum letzten Athemzuge
zu kämpfen und die Gegner derselben erbarmungslos zu verfolgen.[50]

    [Anmerkung 50: Meine Schilderung des Landadels des 17.
    Jahrhunderts ist zu vielen Quellen entlehnt, als daß ich sie hier
    anführen könnte. Ich muß daher meine hier angesprochenen Ansichten
    der Beurtheilung Derer überlassen, welche die Geschichte und die
    leichtere Literatur jener Zeit studirt haben.]


[_Die Geistlichkeit._] Die Landgeistlichkeit war in ihrem Toryismus
sogar noch heftiger als die Landgentry und dabei ein kaum minder
wichtiger Stand. Es muß jedoch bemerkt werden, daß der Geistliche als
Individuum, verglichen mit dem Gentleman als solchem, auf einer viel
tieferen Stufe stand als in unseren Tagen. Die hauptsächlichste
Finanzquelle der Kirche war der Zehnten, und der Zehnten bildete damals
einen viel geringeren Theil des Einkommens, als gegenwärtig. King
schätzte die Gesammteinkünfte der Parochial- und Collegiatgeistlichen
auf nicht mehr als vierhundertachtzigtausend Pfund Sterling jährlich,
Davenant auf fünfhundertvierundvierzigtausend Pfund. Gegenwärtig
übersteigen sie sicherlich das Siebenfache der letzteren Summe. Der
Durchschnittsertrag der Landrente ist nach seiner Schätzung in gleichem
Verhältnisse gestiegen, und daraus folgt, daß die Pfarrer und ihre
Vikare im Vergleich zu den benachbarten Rittern und Squires im
siebzehnten Jahrhunderte viel ärmer gewesen sein müssen, als im
neunzehnten.

Die gesellschaftliche Stellung des Geistlichen war durch die Reformation
völlig verändert worden. Vor diesem Zeitabschnitte bildeten die
Geistlichen die Majorität im Hause der Lords; sie kamen an Glanz und
Reichthum den vornehmsten weltlichen Baronen gleich, ja sie übertrafen
diese zuweilen darin und bekleideten in der Regel die höchsten
Staatsämter, der Lordschatzmeister war häufig ein Bischof, der
Lordkanzler war es fast stets. Der Geheimsiegelbewahrer und der
Staatsarchivar waren ebenfalls gewöhnlich Priester, Diener der Kirche
versahen die wichtigsten diplomatischen Geschäfte, kurz, man war der
Ansicht, daß der ganze, sehr bedeutende Zweig der Verwaltung, zu dessen
Führung der rauhe, kriegerische Adel untauglich war, speziell den
Theologen zustehe. Eben deshalb nahmen Männer, welche dem Lagerleben
abgeneigt, dabei aber von dem Drange beseelt waren, eine hohe Stellung
im Staate zu erlangen, in der Regel die Tonsur. Man zählte unter ihnen
Söhne unserer vornehmsten Familien und nahe Verwandte des Thrones, wie
die Scroop und Neville, die Bourchier, die Stafford und die Pole. Die
Klöster bezogen die Einkünfte ungeheurer Grundbesitzungen und den ganzen
sehr bedeutenden Theil des Zehnten, der sich gegenwärtig in den Händen
von Laien befindet. Bis um die Mitte der Regierung Heinrich’s VIII. war
daher kein Beruf so lockend für ehrgeizige und habsüchtige Charactere,
als der Priesterstand. Dann aber trat eine gewaltsame Veränderung ein.
Die Abschaffung der Klöster entzog der Kirche zu gleicher Zeit den
größten Theil ihres Reichthums und das Übergewicht im Oberhause des
Parlaments. Kein Abt von Glastonbury oder von Reading saß mehr unter den
Peers und bezog Einkünfte, welche denen eines mächtigen Earl
gleichkamen. Die fürstliche Pracht eines Wilhelm von Wykeham und eines
Wilhelm von Wayneflete war verschwunden, der rothe Hut des Kardinals und
das silberne Kreuz des Legaten waren dahin. Überdies hatte der Clerus
auch den Einfluß verloren, der die natürliche Folge der Überlegenheit an
geistiger Bildung ist. Wenn ehedem ein Mann lesen konnte, vermuthete man
sogleich, daß er dem geistlichen Stande angehöre; zu einer Zeit aber,
welche Laien, wie Wilhelm Cecil und Nikolaus Bacon, Roger Ascham und
Thomas Smith, Walter Mildmay und Franz Walsingham hervorbrachte, war es
nicht mehr nöthig, Prälaten als ihren Kirchspielen herbeizurufen, damit
sie Verträge abschlössen, die Finanzen beaufsichtigten oder die Justiz
verwalteten. Der geistliche Stand hatte nicht nur aufgehört, eine
nothwendige Bedingung zur Übernahme hoher Staatsämter zu sein, sondern
er begann sogar als eine Eigenschaft betrachtet zu werden, welche dazu
unfähig machte. Die weltlichen Beweggründe, welche früher so viele
intelligente, strebsame und vornehme junge Männer bestimmt hatten, das
Priestergewand anzulegen, existirten somit nicht mehr. Unter zweihundert
Pfarreien brachte noch nicht eine soviel ein, als ein Mann von Stande zu
seinem Unterhalt für nöthig erachtete. Es gab zwar noch einträgliche
Stellen in der Kirche, doch ihrer waren sehr wenige und selbst die
reichsten erschienen dürftig im Vergleich mit dem Glanze, der früher die
Fürsten der Kirche umgeben hatte. Das Haus, das ein Parker und Grindal
führten, mußte Denen ärmlich vorkommen, die sich der kaiserlichen Pracht
Wolsey’s, seiner Paläste, Whitehall und Hampton Court, welche die
Lieblingswohnungen der Könige geworden waren, der drei glänzenden
Tafeln, welche täglich in seinem Speisesaale gedeckt wurden, der
vierundvierzig prachtvollen Chorröcke, die in seiner Kapelle hingen, der
kostbaren Livreen seiner Bedienten und der vergoldeten Streitäxte seiner
Leibwächter erinnerten. So verlor der geistliche Stand seine
Anziehungskraft für die höheren Klassen, und während des ganzen
Jahrhunderts nach der Thronbesteigung der Königin Elisabeth sah man kaum
einen einzigen Jüngling von vornehmer Geburt in den Priesterstand
treten. Zu Ende der Regierung Karl’s II. gab es zwei Bischöfe und vier
oder fünf Geistliche mit einträglichen Stellen, welche Peerssöhne waren;
aber diese wenigen Ausnahmen verwischten den Mißcredit nicht, der auf
dem ganzen Stande lastete. Der Klerus wurde in seiner Gesammtheit als
eine plebejische Klasse betrachtet. Und in der That, auf einen
Geistlichen, der wie ein Gentleman lebte, kamen zehn andere, die nicht
viel mehr als Hausdiener waren. Ein großer Theil von denjenigen, welche
keine Pfründen hatten oder deren Pfründen zu gering waren, um ein
anständiges Auskommen zu gewähren, lebte in den Häusern von Laien. Daß
diese Sitte die Würde des geistlichen Standes untergraben mußte, hatte
man schon längst erkannt; Laud hatte sich bemüht, eine Änderung
herbeizuführen und Karl I. hatte mehr als einmal auf das Bestimmteste
anbefohlen, daß es nur vornehmen und angesehenen Familien gestattet
werden solle, Hauskaplane zu halten.[51] Aber diese Verordnungen wurden
nicht mehr befolgt. Während der Herrschaft der Puritaner konnten auch
wirklich viele abgesetzte Diener der anglikanischen Kirche auf keine
andere Art Obdach und Brod erhalten, als indem sie sich royalistischen
Familien anschlossen, und diese zu den Zeiten der bürgerlichen Unruhen
angenommene Sitte bestand noch lange nach der Wiederherstellung der
Monarchie und des Episcopats. In den Häusern freisinniger und gebildeter
Leute wurde der Kaplan allerdings freundlich und anständig behandelt,
seine Unterhaltung, sein wissenschaftlicher und geistlicher Rath wurden
als reichliche Gegenleistung für die ihm gewährte Kost, Wohnung und
Besoldung betrachtet, allein so war es nicht bei der Mehrzahl der
Landedelleute. Der ungebildete und unwissende Squire hielt es für ein
nothwendiges Attribut seiner Würde, daß ein Priester in vollem Ornate an
seiner Tafel das Tischgebet sprach und wußte es so einzurichten, daß er
die Würde mit Sparsamkeit vereinigte. Für Kost, ein Dachstübchen und
zehn Pfund Sterling jährlich war ein junger Levit -- dies war die damals
übliche Benennung -- zu haben, und dafür mußte er nicht nur seine
amtlichen Functionen verrichten, sondern auch die geduldige Zielscheibe
des Witzes und den stets bereitwilligen Zuhörer abgeben, bei schönem
Wetter jederzeit zum Kegeln, bei Regenwetter zum Beillespiel bei der
Hand sein und zuweilen sogar die Ausgabe für einen Gärtner oder einen
Bedienten ersparen, denn nicht selten verstutzte der hochwürdige Mann
die Obstbäume, oder striegelte die Pferde, oder bezahlte die Rechnung
des Hufschmieds, oder ging mit einem Briefe oder einem Packete zehn
Meilen weit über Land. Er durfte zwar mit am Familientische essen, aber
man erwartete von ihm, daß er sich mit der einfachsten Kost begnügte; er
durfte sich seinen Teller mit Pökelfleisch und Möhren füllen so oft er
wollte, sobald aber die Torten und Pasteten erschienen, stand er auf und
ging auf die Seite, bis er wieder gerufen wurde, um Gott für eine
Mahlzeit zu danken, die er nur theilweise genossen hatte.[52]

Nachdem er einige Jahre so gedient, fand er vielleicht eine Anstellung,
die sein Auskommen sicherte; aber oft mußte er dieses Glück durch eine
Art von Simonie erkaufen, welche mehreren Generationen von Spöttern
reichen Stoff zu Witzeleien lieferte. Es war gebräuchlich, daß er mit
der Pfarre zugleich auch eine Frau nahm. Diese hatte gewöhnlich bei
seinem Principal in Dienst gestanden, und er konnte von Glück sagen,
wenn man sie nicht in dem Verdacht hatte, die Gunst ihres Herrn in zu
reichem Maße besessen zu haben. Der Character der ehelichen
Verbindungen, welche der Geistliche der damaligen Zeit zu schließen
pflegte, bezeichnet in der That am besten die Stellung, die er in der
Gesellschaft einnahm. Ein Oxforder, der einige Monate nach dem Tode
Karl’s II. schrieb, beklagte sich bitter nicht nur über die
Geringschätzung, mit der auf dem Lande der Advokat und der Apotheker auf
den Pfarrer herabsahen, sondern auch darüber, daß man jedes junge
Mädchen aus anständiger Familie eindringlich ermahnte, nie einen
geistlichen Anbeter zu ermuthigen, und daß eine junge Dame durch
Nichtachtung dieser Vorschrift fast in gleichem Grade entehrt wurde, wie
durch eine unerlaubte Liebe.[53] Clarendon, der gewiß der Kirche nicht
feind war, erwähnt es als einen Beweis von der durch die große
Revolution herbeigeführten Verschmelzung der verschiedenen Stände, daß
einige junge adelige Fräulein sich mit Geistlichen verbunden hatten.[54]
Ein Kammermädchen wurde gewöhnlich als die geeignetste Lebensgefährtin
für einen Pfarrer betrachtet. Die Königin Elisabeth selbst hatte dieses
Vorurtheil gewissermaßen förmlich sanctionirt durch die specielle
Verordnung, daß kein Geistlicher sich erlauben dürfe, ein Dienstmädchen
ohne Erlaubniß ihrer Herrschaft zu heirathen.[55] Daher waren denn
mehrere Generationen hindurch die Liebesverhältnisse zwischen
Geistlichen und Dienstmädchen ein unerschöpfliches Thema für Scherz und
Spott, und es dürfte nicht leicht sein, in den Theaterstücken des
siebzehnten Jahrhunderts ein einziges Beispiel zu finden, daß ein
Geistlicher eine Frau bekommt, die sich über den Rang einer Köchin
erhebt.[56] Selbst noch unter der Regierung Georg’s II. bemerkte ein
Geistlicher, der scharfsinnigste Beobachter der Lebensweise und der
Sitten seiner Zeit, daß in reichen Häusern der Kaplan der letzte Trost
für eine Kammerzofe von zweideutigem Rufe sei, die keine Hoffnung mehr
habe, den Hausverwalter zu kapern.[57]

In der Regel machte der Geistliche, der seinen Kaplanposten um einer
Pfarre und einer Gattin willen aufgegeben, sehr bald die Erfahrung,
daß er seine Knechtschaft nur mit einer andren vertauscht hatte. Es gab
unter funfzig Pfarrstellen noch nicht eine, die ihrem Inhaber so viel
eintrug, daß er mit seiner Familie anständig leben konnte. In dem Maße
als die Kinder sich mehrten und heranwuchsen, zog Noth und Elend in das
Haus des Pfarrers ein; die Löcher im Dache seines Presbyteriums und in
seinem einzigen Rocke wurden immer größer und zahlreicher; oft mußte er
durch Handarbeit auf dem Felde, durch Füttern der Schweine oder durch
Auf- und Abladen von Düngerkarren sein tägliches Brod verdienen und
selbst die äußerste Anstrengung schützte ihn nicht immer davor, daß der
Gerichtsbote ihm auf dem Wege der Execution seine Concordanz und sein
Schreibzeug nahm. Es war ein Festtag für ihn, wenn er in die Küche eines
vornehmen Hauses eingelassen und von der Dienerschaft mit kaltem Braten
und Bier bewirthet wurde. Seine Kinder erhielten keine bessere Erziehung
als die der benachbarten Landleute; die Söhne mußten den Acker pflügen
und die Töchter in Dienst gehen. Zu studiren war ihm unmöglich, denn die
Summe, für welche das Patronatrecht seines Amtes hätte verkauft werden
können, würde kaum zur Anschaffung einer guten theologischen Bibliothek
hingereicht haben; er mußte sich daher schon überaus glücklich schätzen,
wenn er auf seinem Regale zwischen den Töpfen und Schüsseln etwa ein
Dutzend alter Bücher stehen hatte. In einer so ärmlichen Lage mußte auch
ein hervorragender und lernbegieriger Geist verrosten.

Zwar fehlte es auch damals der englischen Kirche nicht an Geistlichen,
die sich durch Talente und wissenschaftliche Bildung auszeichneten, aber
diese waren nicht unter dem Landvolke zerstreut. Sie concentrirten sich
in einigen Städten, wo die Mittel und Gelegenheiten, sich Kenntnisse zu
erwerben und die Verstandeskräfte durch häufige Übung auszubilden, in
Überfluß vorhanden waren.[58] An solchen Orten fand man Theologen,
welche durch Talent, Beredtsamkeit, umfassende Kenntniß der Literatur,
der Wissenschaft und des Lebens befähigt waren, ihre Kirche gegen Ketzer
und Zweifler siegreich zu vertheidigen, die Aufmerksamkeit eines
frivolen und weltlichen Zuhörerkreises zu fesseln, öffentliche
Verhandlungen zu leiten und der Religion selbst bei dem
ausschweifendsten Hofe Achtung zu verschaffen. Einige beschäftigten sich
damit, die Tiefen der metaphysischen Theologie zu erforschen; Andere
waren in der Auslegung der Bibel gründlich bewandert; noch Andere
verbreiteten Licht über die dunkelsten Stellen der Kirchengeschichte.
Diese zeigten sich als vollendete Meister in der Logik, Jene widmeten
sich der Redekunst mit solchem Eifer und Erfolg, daß ihre Vorträge noch
heute mit vollem Rechte für Muster des Styls gelten. Diese
ausgezeichneten Männer fanden sich jedoch fast ohne Ausnahme nur auf den
Universitäten, an den großen Kathedralen, oder in der Hauptstadt. Barrow
war kürzlich in Cambridge gestorben, Pearson war von dort auf die
Bischofsbank versetzt worden, und Cudworth und Heinrich More lebten noch
daselbst. South und Pococke, Jane und Aldrich waren in Oxford, Prideaux
in dem Kapitel von Norwich, Whitby in dem von Salisbury. Vorzugsweise
aber war es die Londoner Geistlichkeit, von der man überhaupt stets wie
von einer besonderen Klasse sprach, welche den Ruf der Gelehrsamkeit und
Beredtsamkeit ihres Standes aufrecht erhielt. Die ersten Kanzeln der
Hauptstadt waren damals mit einer bedeutenden Anzahl ausgezeichneter
Männer besetzt, unter denen man auch einen großen Theil der
Hauptwürdenträger der Kirche wählte. Sherlock predigte im Temple,
Tillotson in Lincoln’s Inn, Wake und Jeremias Collier in Gray’s Inn,
Burnet im Archive, Stillingfleet in der St. Paulskathedrale, Patrik in
der St. Paulskirche in Coventgarden, Fowler in St. Giles, Cripplegate,
Sharp in St. Giles in the Fields, Tenison in St. Martin, Sprat in St.
Margaret, Beveridge in St. Peter in Cornhill. Von diesen zwölf Männern,
die sich sämmtlich einen berühmten Namen in der Kirchengeschichte
gemacht haben, wurden zehn Bischöfe und vier von diesen zehn
Erzbischöfe. Ebenso waren fast die einzigen bedeutenden theologischen
Werke, welche von einem Landgeistlichen herrührten, die von Georg Bull,
der später Bischof von St. David wurde, und auch diese Werke würde Bull
schwerlich zu Stande gebracht haben, hätte er nicht ein Gut geerbt,
dessen Verkauf ihm die Mittel gewährte, sich eine Bibliothek
anzuschaffen, wie sie damals wahrscheinlich kein anderer Landgeistlicher
in England besaß.[59]

So zerfiel der anglikanische Klerus in zwei Klassen, die in Bezug auf
Kenntnisse, Sitten und gesellschaftliche Stellung weit verschieden von
einander waren. Die eine von diesen beiden Klassen, welche für die
Städte und Höfe herangebildet war, enthielt Männer, welche gründliche
Kenntniß der alten und neuen Wissenschaften besaßen; Männer, welche
fähig waren, gegen einen Hobbes oder Bossuet mit allen Waffen der
Polemik aufzutreten; Männer, welche in ihren Kanzelreden die Schönheit
und Erhabenheit des Christenthums mit solchem Scharfsinn und so
kräftiger Sprache zu schildern verstanden, daß selbst der gleichgültige
Karl II. ihnen aufmerksam zuhörte und der übermüthige Buckingham zu
hohnlächeln vergaß; Männer, welche ihre Bildung, ihre feinen Manieren
und ihre Weltkenntniß befähigte, die Gewissensräthe der Reichen und
Adeligen zu sein; Männer, mit denen Halifax gern über das Wohl und Wehe
der Staaten sprach und von denen Dryden, wie er sich nicht scheute offen
zu gestehen, schreiben gelernt hatte.[60] Der andren Klasse war ein
bescheideneres und härteres Loos bestimmt. Sie war auf dem platten Lande
zerstreut und bestand größtentheils aus Leuten, die nicht wohlhabender
und auch nicht viel gebildeter waren als kleine Pächter oder höhere
Dienstboten. Und dennoch war bei diesen Landgeistlichen, die ihr Leben
nur kärglich mit den Zehntgarben und Zehntferkeln fristeten und nicht
die entfernteste Aussicht hatten, es je in ihrem Berufe zu etwas Höherem
zu bringen, das Gefühl der Amtswürde am stärksten. Unter den Theologen,
welche der Stolz der Universitäten und die Freude der Hauptstadt waren,
und die Reichthum und hohen Rang entweder schon besaßen oder doch
gegründete Hoffnung hatten, solche zu erlangen, gab es eine der Zahl
nach sehr bedeutende Partei von höchst ehrenwerthem Character, die sich
zu den constitutionellen Regierungsgrundsätzen hinneigte. Diese Partei
lebte auf dem freundschaftlichsten Fuße mit Presbyterianern,
Independenten und Baptisten, sie würde gern allen protestantischen
Secten die unbeschränkteste Duldung gewährt und selbst einige Änderungen
in der Liturgie bewilligt haben, um die aufrichtigen und redlichen
Nonconformisten auszusöhnen. Von solcher Toleranz und Mäßigung aber
wollte der Landgeistliche nichts wissen. Er war in der That stolzer auf
seinen zerrissenen Rock als seine Vorgesetzten auf ihren Purpur und
Batist. Gerade das Bewußtsein, daß er sich in Bezug auf seine
gesellschaftliche Stellung nur wenig von den Landleuten unterschied, vor
denen er predigte, war der Grund, warum er einen übertrieben hohen Werth
auf die geistliche Würde legte, die ihm allein Anspruch auf ihre Achtung
gab. Da er in beständiger Abgeschiedenheit gelebt und nur wenig
Gelegenheit gehabt hatte, durch Lesen oder durch mündliche Unterredungen
seine Ansichten zu modificiren, so glaubte und predigte er die Lehren
von dem unveräußerlichen Erbrechte, dem passiven Gehorsam und der
Verwerflichkeit des Widerstandes in ihrer ganzen abgeschmackten
Ungereimtheit. Seit langer Zeit im Kriege mit den Dissenters der
Nachbarschaft haßte er diese nur zu oft lediglich um des Unrechts
willen, das er ihnen zugefügt und fand an den Fünfmeilen-[61] und der
Conventikelacte nichts weiter auszusetzen, als daß diese verhaßten
Gesetzte nicht schärfer wären. Den ganzen Einfluß, den seine amtliche
Stellung ihm verlieh, und dieser Einfluß war sehr groß, verwendete er
mit leidenschaftlichem Eifer zu Gunsten des Toryismus. Man würde sehr
irren, wollte man glauben, daß die Macht des Klerus damals geringer war
als jetzt, weil der Landpfarrer im Allgemeinen nicht als ein Gentleman
angesehen wurde, weil er sich nicht um die Hand einer Tochter des
Gutsherrn bewerben durfte, weil er in höheren Gesellschaftszirkeln
keinen Zutritt hatte und man es ihm überließ, mit den Dienstleuten zu
trinken und zu rauchen. Der Einfluß einer ganzen Klasse richtet sich
keineswegs nach dem Ansehen der einzelnen Glieder derselben. Ein
Kardinal ist gewiß ein viel angesehenerer Mann als ein Bettelmönch, aber
es würde ein gewaltiger Irrthum sein, wenn man annehmen wollte, daß das
Kardinalscollegium deshalb eine größere Herrschaft über die öffentliche
Meinung in Europa ausgeübt, als zum Beispiel der Franziskanerorden.
In Irland steht gegenwärtig ein Peer weit höher im Ansehen als ein
römisch-katholischer Priester; dennoch aber giebt es in Munster und
Connaught wenige Grafschaften, in denen bei einem Wahlkampfe ein Verein
von Priestern gegen eine Verbindung von Peers nicht den Sieg davon
tragen würde. Im siebzehnten Jahrhunderte war die Kanzel für einen
großen Theil der Bevölkerung das, was heutzutage die periodische Presse
ist. Kaum einer von den Bauern, die zur Pfarrkirche kamen, hatte je in
seinem Leben eine Zeitung, oder eine politische Flugschrift zu Gesicht
bekommen. Mochten die Kenntnisse ihres Seelenhirten noch so gering sein,
jedenfalls war er unterrichteter als sie. Allwöchentlich sprach er
einmal zu ihnen und Niemand erwiderte etwas auf seine Reden; bei jeder
wichtigen Gelegenheit ertönten auf vielen tausend Kanzeln zu gleicher
Zeit heftige Schmähungen gegen die Whigs und Ermahnungen zum Gehorsam
gegen den Gesalbten des Herrn, und die Wirkung dieser Reden war
ungeheuer. Von allen Ursachen, welche nach der Auflösung des Oxforder
Parlaments die heftige Reaction gegen die Exclusionisten hervorriefen,
scheinen die Predigten der Landpfarrer die wirksamsten gewesen zu sein.

    [Anmerkung 51: +Heylin’s Cyprianus Anglicus.+]

    [Anmerkung 52: +Eachard, Causes of the Contempt of the Clergy+;
    +Oldham, Satire adressed to a Friend about to leave the
    University+; +Tatler, 255, 258.+ Auch in den Reisen des
    Großherzogs Cosmus, Anhang A, wird gesagt, daß die englische
    Geistlichkeit eine „niedrig geborene“ Klasse sei.]

    [Anmerkung 53: +A causidico, medicastro, ipsaque artificum
    farragine, ecclesiae rector aut vicarius contemnitur et fit
    ludibrio. Gentis et familiae nitor sacris ordinibus pollutus
    censetur: foeminisque natalitio insignibus unicum inculcatur
    saepius praeceptum, ne modestiae naufragium, faciant, aut, (quod
    idem auribus tam delicatulis sonat) ne clerico se nuptas dari
    patiantur. -- Angliae Notitia+ von T. Wood am New-College, Oxford
    1686.]

    [Anmerkung 54: +Clarendon’s Life II. 21.+]

    [Anmerkung 55: Siehe die Verordnungen von 1559 in der Sammlung des
    Bischofs Sparrow. Jeremias Collier spricht in seinem +Essay of
    Pride+ ebenfalls mit einem Unwillen von dieser Verordnung, welcher
    beweist, daß sein eigner Stolz noch nicht gebeugt war.]

    [Anmerkung 56: Roger und Abigail in Fletcher’s +Scornful Lady+,
    Bull und die Amme in Vanbrugh’s +Relapse+, Smirk und Susanna in
    Shadwell’s, +Lancashire Witches+ sind nur einige Beispiele.]

    [Anmerkung 57: +Swift’s Directions to Servants.+]

    [Anmerkung 58: Diese Unterscheidung zwischen Land- und
    Stadtgeistlichen wird von Eachard besonders hervorgehoben und muß
    Jedem auffallen, der die Kirchengeschichte der damaligen Zeit
    studirt.]

    [Anmerkung 59: +Nelson’s Life of Bull.+ Wie schwer es dem
    Landgeistlichen damals war, sich Bücher anzuschaffen, darüber
    findet man Näheres in der Biographie von Thomas Bray, dem Gründer
    der Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums.]

    [Anmerkung 60: „Ich habe ihn (Dryden) oft mit wahrem Vergnügen
    äußern hören, daß er sein geringes schriftstellerisches Talent nur
    dem häufigen Lesen der Schriften des großen Erzbischofs Tillotson
    verdanke.“ Congreve’s Widmung zu Dryden’s Schauspielen.]

    [Anmerkung 61: Siehe S. 22 im zweiten Kapitel.  D. Übers.]


[_Die Freisassen._] Dem Einflusse des Landadels und der
Landgeistlichkeit hielt indessen der Einfluß der Freisassen, einer
höchst energischen und biederen Klasse, einigermaßen die Wage. Die
kleinen Grundbesitzer, welche mit eigner Hand ihr Feld bestellten und
ein mäßiges Einkommen genossen, ohne sich um Wappen und Helmbüsche zu
kümmern oder nach einem Sitze auf der Richterbank zu trachten, bildeten
damals einen viel bedeutenderen Theil der Bevölkerung als gegenwärtig.
Wenn man den besten Statistikern jener Zeit glauben darf, so lebten
nicht weniger als hundertsechzigtausend Gutsbesitzer, welche mit ihren
Familien mehr als ein Siebentel der ganzen Bevölkerung ausgemacht haben
müssen, von dem Ertrage kleiner Freigüter. Das durchschnittliche
Jahreseinkommen dieser kleinen Grundeigenthümer, bestehend aus Renten,
Nutznießungen und Miethzinsen, wurde auf sechzig bis siebzig Pfund
Sterling geschätzt. Man hatte berechnet, daß die Anzahl der
Gutsbesitzer, welche ihren Grund und Boden selbst bebauten, größer war
als die Zahl Derer, welche die Güter Anderer pachtweise
bewirthschafteten.[62] Ein großer Theil der Freisassen hatte sich seit
dem Beginn der Reformation zu dem Puritanismus hingeneigt, war im
Bürgerkriege auf die Seite des Parlaments getreten, hatte auch nach der
Restauration dabei beharrt, Presbyterianer- und Indepedentenprediger zu
hören, hatte die Exclusionisten bei den Wahlen stets kräftig unterstützt
und betrachtete selbst nach der Entdeckung des Ryehousecomplots und der
Verbannung der Whighäupter das Papstthum und die Willkürherrschaft noch
mit ungeschwächter Feindseligkeit.

    [Anmerkung 62: Ich habe hierbei Davenant’s Schätzung zum Grunde
    gelegt, die etwas niedriger ist als die von King.]


[_Wachsthum der Städte._] So groß auch die Veränderungen waren, die seit
der Revolution auf dem platten Lande vorgingen, in den Städten waren sie
noch viel staunenerregender. Gegenwärtig ist ein Sechstel der ganzen
Bevölkerung in den Provinzialstädten von mehr als dreißigtausend
Einwohnern zusammengedrängt. Zur Zeit Karl’s II. hatte noch keine
einzige Provinzialstadt im ganzen Reiche dreißigtausend Einwohner,
nur vier zählten zehntausend Seelen.


[_Bristol._] Der Hauptstadt zunächst, aber noch immer in ungeheurem
Abstande, kamen Bristol, damals der wichtigste Seehafen, und Norwich,
damals die erste Fabrikstadt Englands. Beide sind seitdem von jüngeren
Nebenbuhlerinnen weit überflügelt worden, haben aber gleichwohl beide
sehr bedeutende positive Fortschritte gemacht, denn die Bevölkerung von
Bristol hat sich vervierfacht, die von Norwich mehr als verdoppelt.

Pepys, welcher Bristol acht Jahre nach der Restauration besuchte, war
erstaunt über den Glanz dieser Stadt. Allerdings scheint er keinen hohen
Maßstab angelegt zu haben, denn er bezeichnet es als ein Wunder, daß man
in Bristol allenthalben nichts als Häuser erblicke, wenn man sich
umsehe. Danach scheint es, daß in keiner andren ihm bekannten Stadt,
London ausgenommen, die Häuser Wald und Feld völlig verdrängt hatten.
So groß Bristol damals erschien, bedeckte es doch nur einen sehr kleinen
Theil des Flächenraumes, den es gegenwärtig einnimmt. Einige Kirchen von
ausgezeichneter Schönheit erhoben sich aus einem Labyrinth von engen
Gäßchen, deren Häuser keine besonders festen Grundmauern hatten. Fuhr
ein Wagen oder Karren durch diese Gassen, so lief er Gefahr, zwischen
den Häusern stecken zu bleiben oder in die Kellergewölbe einzubrechen.
Die Waaren wurden daher fast ausschließlich auf kleinen, von Hunden
gezogenen Karren in die Stadt gebracht und die reichen Einwohner trugen
ihren Wohlstand nicht in goldstrotzenden Equipagen zur Schau, sondern
indem sie sich auf ihren Gängen durch die Stadt von einer zahlreichen
Dienerschaft in prächtiger Livree begleiten ließen und glänzende
Gastmähler gaben. Der Pomp bei Taufen und Leichenbegängnissen überstieg
dort Alles, was man irgend anderwärts in England sah. Die
Gastfreundschaft dieser Stadt war weit berühmt, ganz besonders die
Collationen, mit denen die Besitzer der Zuckerraffinerien ihre Gäste
bewirtheten. Diese Mahlzeiten wurden in dem Siedekessel servirt und
waren stets von einem aus dem besten spanischen Weine bereiteten
köstlichen Getränk begleitet, das im ganzen Lande unter dem Namen
„Bristolmilch“ bekannt war. Der damals blühende Handel mit den
nordamerikanischen Pflanzungen und mit Westindien gestattete diesen
Luxus. Die Leidenschaft für den Handel mit den Colonien war so
allgemein, daß es in Bristol kaum einen Krämer gab, der nicht
Handelsgüter am Bord eines nach Virginien oder nach den Antillen
bestimmten Schiffes gehabt hätte. Diese Geschäfte waren allerdings zum
Theil nicht der ehrenvollsten Art. In überseeischen Besitzungen der
Krone war große Nachfrage nach Arbeitern und diesem Bedarfe wurde
theilweis durch ein förmliches Preß- und Menschenraubsystem genügt,
das sich in den englischen Seehäfen gebildet hatte. Dieses System wurde
nirgends mit solcher Thätigkeit und in solchem Umfange betrieben als in
Bristol. Selbst die höchsten Magistratsbeamten der Stadt scheuten sich
nicht, sich durch einen so schmachvollen Handel zu bereichern. Aus den
damaligen Heerdgeldlisten geht hervor, daß die Häuserzahl im Jahre 1685
gerade fünftausenddreihundert betrug. Die Zahl der Bewohner eines Hauses
dürfen wir kaum höher annehmen, als sie in der City von London war, und
hier kamen damals auf je zehn Häuser fünfundfünfzig Personen. Demnach
muß die Bevölkerung von Bristol sich auf ungefähr neunundzwanzigtausend
Seelen belaufen haben.[63]

    [Anmerkung 63: +Evelyn’s Diary, June 27. 1654+; +Pepys’s Diary,
    June 13. 1668+; +Roger North’s Lives of Lord Keeper Guildford,
    and of Sir Dudley North+; +Petty’s Political Arithmetic.+ Ich habe
    Petty’s Angaben zum Grunde gelegt, aber in den daraus
    hergeleiteten Folgerungen habe ich mich an King und Davenant
    gehalten, die zwar nicht geschickter waren als jener, aber den
    Vortheil hatten, daß sie nach ihm kamen. Bezüglich des
    Menschenhandels, wegen dessen Bristol berüchtigt war, sehe man
    +North’s Life of Guildford, 121. 216.+ und die Rede Jeffreys’ in
    der „Unparteiischen Geschichte seines Lebens und Todes“
    zusammengedruckt mit den „Blutigen Assisen“. Sein Styl war, wie
    immer, roh und widerlich, aber ich kann den Verweis, den er den
    Magistratsbeamten von Bristol gab, nicht zu seinen Verbrechen
    zählen.]


[_Norwich._] Norwich war die Hauptstadt einer großen und fruchtbaren
Provinz, der Sitz eines Bischofs und eines Kapitels und der Hauptsitz
des wichtigsten Fabrikationszweiges. Manche ausgezeichnete Männer der
Wissenschaft hatten in letzter Zeit dort gelebt und keine Stadt des
Landes, die Hauptstadt und die Universitätsstädte ausgenommen, enthielt
so viele Sehenswürdigkeiten. Die Mitglieder der +Royal Society+ waren
der Meinung, schon die Bibliothek, das Museum, das Vogelhaus und der
botanische Garten Sir Thomas Browne’s seien einer weiten Reise werth.
Auch besaß Norwich einen kleinen Hof. Im Herzen der Stadt stand ein
alter Palast der Herzöge von Norfolk, der für das größte städtische
Wohnhaus im ganzen Lande, mit Ausnahme von London, galt. Dieser Palast,
zu dem ein Ballhaus, eine Kegelbahn und ein großer Park gehörte, der
sich an den Ufern des Wansum hinzog, ward zu Zeiten von der vornehmen
Familie der Howard bewohnt, welche ein Haus führte wie mancher kleine
Souverain. Die Getränke wurden den Gästen in Bechern von reinem Golde
gereicht, selbst die Kohlenschaufeln und Feuerzangen waren von Silber.
Die Wände waren mit Gemälden von italienischen Meistern geschmückt und
die Zimmer mit einer prächtigen Sammlung von Gemmen gefüllt, die jener
Earl von Arundel gekauft hatte, dessen Marmorbilder jetzt eine Zierde
von Oxford sind. Hier war im Jahre 1671 König Karl mit seinem Hofstaate
glänzend bewirthet worden, hier waren jedes Jahr von Weihnacht bis zum
Dreikönigstag alle Gäste willkommen. Für das gemeine Volk floß das Bier
in Strömen; drei Wagen, von denen einer, der vierzehn Personen faßte,
fünfhundert Pfund Sterling gekostet hatte, fuhren jeden Abend in der
Stadt umher, um die Damen zu den Festlichkeiten zu holen, und der Tanz
wurde jedesmal mit einem glänzenden Festmahle beschlossen. Wenn der
Herzog von Norfolk nach Norwich kam, wurde er empfangen wie ein König,
der in seine Residenz einzieht. Die Glocken der Kathedrale und der
Kirche St. Peter-Mancroft wurden geläutet, die Kanonen des Schlosses
abgefeuert und der Mayor und die Aldermen überreichten ihrem hohen
Mitbürger Glückwunschadressen. Im Jahre 1693 fand man durch wirkliche
Zählung, daß die Bevölkerung von Norwich zwischen achtundzwanzig- und
neunundzwanzigtausend Seelen betrug.[64]

Viel tiefer als Norwich, aber doch immer hoch in Ansehen und Bedeutung
standen die Hauptstädte einiger anderen Grafschaften. Es geschah damals
selten, daß ein Landgentleman mit seiner Familie nach London kam; seine
Metropole war die Hauptstadt der Grafschaft und dort verlebte er
zuweilen einen Theil des Jahres. Jedenfalls riefen ihn Geschäfte und
Vergnügungen, Assisen, Quartalsitzungen, Wahlen, Musterungen der Miliz,
Pferderennen und andere Festlichkeiten oft dahin. Dort waren die Säle,
in denen die Richter in ihren scharlachrothen Röcken und begleitet von
Trompetern und Hellebardieren zweimal des Jahres im Namen des Königs
ihre Verhandlungen eröffneten. Dort waren die Märkte, auf welchen die
Umgegend ihr Getreide, ihr Vieh, ihre Wolle und ihren Hopfen zum Verkauf
brachte, sowie die großen Jahrmärkte, zu denen selbst Kaufleute von
London kamen und wo die Landkrämer ihren Jahresbedarf an Zucker,
Schreibmaterialien, Stahlwaaren und Kleiderstoffen einkauften. Dort
waren endlich die Läden und Magazine, aus denen die angesehendsten
Familien der Nachbarschaft ihre Spezereiwaaren und Modeartikel bezogen.
Einige von diesen Städten hatten außerdem wegen geschichtlicher
Erinnerungen eine gewisse Berühmtheit. Bald war es eine Kathedrale, die
in aller Kunst und Pracht des Mittelalters strahlte, bald ein Palast,
den eine lange Reihe von Prälaten bewohnt hatte, bald ein Domkapitel,
umgeben von den ehrwürdigen Wohnungen der Dechanten und Canonici, bald
ein festes Schloß, das in alter Zeit den Nevilles oder De Vere
widerstanden hatte und das noch die neueren Spuren der Rache Cromwell’s
oder Ruprecht’s zeigte.

    [Anmerkung 64: +Fuller’s Worthies+; +Evelyn’s Diary, Oct. 17.
    1671+; +Journal of E. Browne+, dem Sohne des Sir Thomas Browne,
    vom Januar 1663--64; +Blomfield’s History of Norfolk+; +History of
    the City and County of Norwich, 2 vols. 1768.+]


[_Andere Provinzialstädte._] Unter diesen interessanten Städten
zeichneten sich namentlich York, die Hauptstadt des Nordens, und Exeter,
die Hauptstadt des Südens, aus. Keine von beiden kann damals viel über
zehntausend Einwohner gehabt haben. Worcester, die Königin des
Ciderlandes, zählt deren achttausend, Nottingham wahrscheinlich eben so
viel. Gloucester, berühmt durch seine entschlossene Vertheidigung,
welche Karl I. so verderblich wurde, hatte gewiß zwischen vier- und
fünftausend, Derby nicht ganz viertausend. Shrewsbury war der Hauptort
eines großen fruchtbaren Bezirks, und die Sitzungen der Marken von Wales
wurden daselbst gehalten. In der Sprache der Gentry viele Meilen im
Umkreise von Wrekin hieß „zur Hauptstadt gehen“ so viel als nach
Shrewsbury gehen. Die Stutzer und Damen, der Provinz ahmten so gut sie
konnten, auf den Promenaden am Ufer des Severn die Moden und Sitten von
St. James-Park nach. Die Einwohnerzahl belief sich auf ungefähr
siebentausend.[65]

Die Bevölkerungen aller dieser Städte haben sich seit der Revolution
mehr als verdoppelt, in einigen ist sie auf das Siebenfache gestiegen.
Die Straßen sind fast durchgängig neu gebaut, das Stroh ist durch
Schiefer, das Holz durch Backsteine ersetzt worden. Unser gegenwärtiges
Pflaster und unsere Straßenbeleuchtung, die prachtvolle Ausstattung
vieler Kaufläden und die in den Wohnungen der Gentry herrschende
geschmackvolle Eleganz würden im siebzehnten Jahrhundert wie eben so
viele Wunder angestaunt worden sein; dessen ungeachtet haben die alten
Provinzialhauptstädte jetzt bei weitem nicht die relative Wichtigkeit,
die sie ehedem hatten. Jüngere Städte, die von unseren früheren
Geschichtsschreibern selten oder gar nicht erwähnt werden und welche
keine Vertreter ins Parlament schickten, sind unter den Augen noch
lebender Personen zu einer Größe herangewachsen, die unsere Generation
mit Stolz und Bewunderung, aber auch nicht ohne Angst und Besorgniß
betrachtet.

    [Anmerkung 65: Aus den Tauf- und Sterbelisten in Drake’s
    Geschichte geht hervor, daß die Bevölkerung von York im Jahre 1730
    ungefähr dreizehntausend Seelen betrug. Exeter hatte noch 1801 nur
    siebzehntausend Einwohner. Die Bevölkerung von Worcester wurde
    kurz vor der Belagerung im Jahre 1646 gezählt. Siehe +Nash’s
    History of Worcestershire+. Ich habe auf die während eines
    Zeitraums von vierzig Jahren wahrscheinliche Zunahme Rücksicht
    genommen. Im Jahre 1740 wurde durch eine Zählung die Bevölkerung
    von Nottingham gerade zehntausend Seelen stark gefunden. Siehe
    +Dering’s History+. Die Einwohnerzahl von Gloucester läßt sich aus
    der Häuserzahl, welche King in den Heerdgeldlisten fand, sowie aus
    den Geburts- und Sterbetabellen in Atkyns’ Geschichte leicht
    ermitteln. Derby zählte 1712 viertausend Einwohner. Siehe
    +Wolley’s M.S. History+, die in +Lyson’s Magna Britannia+ erwähnt
    ist. Die Bevölkerung von Shrewsbury wurde im Jahre 1695 durch
    wirkliche Zählung ermittelt. Bezüglich der Annehmlichkeiten von
    Shrewsbury sehe man +Farquhar’s Recruiting Officer+. Farquhar’s
    Schilderung wird durch eine Ballade in der Pepys’schen Bibliothek
    bestätigt, deren Refrain lautet: „Shrewsbury für mich“.]


[_Manchester._] Indessen waren die hervorragendsten dieser Städte schon
im siebzehnten Jahrhunderte als wichtige Sitze des Gewerbfleißes
bekannt. Ja ihr rasches Emporblühen und ihr Reichthum ward sogar
zuweilen in einer Sprache geschildert, welche Jedem, der ihren
gegenwärtigen Glanz steht, spaßhaft vorkommt. Eine der bevölkertsten und
blühendsten war Manchester. Der Protector hatte sie aufgefordert, einen
Vertreter in sein Parlament zu schicken und die Schriftsteller aus der
Zeit Karl’s II. nennen sie eine betriebsame und reiche Stadt. Seit einem
halben Jahrhunderte schon wurde Baumwolle von Cypern und Smyrna dahin
gebracht, aber die Fabrikation war noch in ihrer Kindheit, denn Whitney
hatte noch nicht gelehrt, wie der Rohstoff in fast fabelhaften
Quantitäten erlangt werden konnte, so wenig als Arkwright die Kunst
gezeigt, sie mit einer zauberhaften Geschwindigkeit und Akkuratesse zu
verarbeiten. Die jährliche Gesammteinfuhr erreichte zu Ende des
siebzehnten Jahrhunderts noch nicht zwei Millionen Pfund, ein Quantum,
das gegenwärtig kaum den Bedarf von achtundvierzig Stunden decken würde.
Diese wundervolle Handelsstadt, die an Einwohnerzahl und Reichthum so
viele berühmte Hauptstädte, wie Berlin, Madrid und Lissabon bei weitem
übertrifft, war damals noch ein kleiner und schlecht gebauter
Marktflecken mit kaum sechstausend Einwohnern. Damals hatte es nicht
eine einzige Presse, jetzt hat es hundert Druckereien; damals besaß es
nicht eine einzige Kutsche, jetzt zählt es zwanzig Wagenfabrikanten.[66]

    [Anmerkung 66: +Blome’s Britannia, 1678+; +Aikin’s Country round
    Manchester+; +Manchester Directory, 1845+; +Baines, History of the
    Cotton Manufacture.+ Die besten Aufschlüsse über die Bevölkerung
    von Manchester im siebzehnten Jahrhundert fand sich in einem von
    dem Rev. R. Parkinson verfaßten Aufsatze im +Journal of the
    Statistical Society+ vom October 1842.]


[_Leeds._] Leeds war schon damals der Hauptsitz der Wollenmanufactur von
Yorkshire, aber die älteren Einwohner erinnerten sich noch recht gut der
Zeit, als das erste Backsteinhaus, damals und noch lange nachher das
„rothe Haus“ genannt, erbaut worden war. Sie rühmten sich laut ihres
zunehmenden Wohlstandes und der ungeheuren Tuchverkäufe, welche unter
freiem Himmel auf der Brücke abgeschlossen wurden. Hunderte, ja Tausende
von Pfunden Sterling wurden an einem einzigen lebhaften Markttage
umgesetzt. Die zunehmende Bedeutung von Leeds hatte die Aufmerksamkeit
mehrerer aufeinanderfolgenden Regierungen auf diese Stadt gelenkt.
Karl I. gewährte ihr gewisse städtische Vorrechte und Oliver Cromwell
forderte sie auf, einen Vertreter in das Haus der Gemeinen zu senden.
Aus den Heerdgeldlisten scheint jedoch klar hervorzugehen, daß die
Bevölkerung des ganzen Stadtgebiets, zu welchem damals mehrere Dörfer
gehörten, unter der Regierung Karl’s II. die Zahl von siebentausend
Seelen nicht überstieg. Im Jahre 1841 zählte es deren mehr als
hundertfunfzigtausend.[67]

    [Anmerkung 67: +Thoresby’s Ducatus Leodensis+; +Whitaker’s Loidis
    and Elmete+; +Wardell’s Municipal History of the Borough of
    Leeds.+]


[_Sheffield._] Ungefähr eine Tagereise südlich von Leeds lag am Saume
einer wilden Moorstrecke ein alter jetzt reich angebauter, damals aber
unfruchtbarer und nicht einmal eingehegter Gutsbezirk, der unter dem
Namen Hallamshire bekannt war. Dort gab es Eisen im Überfluß und die
daselbst fabricirten plumpen Messer wurden im ganzen Lande verkauft.
Geoffrey Chaucer erwähnt ihrer in seinen +Canterbury Tales+. Die
Fabrikation machte jedoch während der nächstfolgenden drei Jahrhunderte
nur sehr langsame Fortschritte. Dieser Umstand läßt sich vielleicht
dadurch erklären, daß der Handel fast während jenes ganzen langen
Zeitraums den Bestimmungen unterworfen war, welche der Gutsherr und
dessen Gerichtshof vorzuschreiben für gut fanden. Die feineren
Messerschmiedewaaren wurden daher theils in London fabricirt, theils vom
Continent eingeführt. Erst unter Georg I. hörten die britischen Ärzte
auf, die feinen Instrumente, deren sie zu ihren chirurgischen
Operationen bedurften, aus Frankreich zu beziehen. Die Mehrzahl der
Werkstätten von Hallamshire befand sich in einem Marktflecken, der in
der Nähe des herrschaftlichen Schlosses entstanden war und der noch
unter Jakob I. ein elender Ort mit etwa zweitausend Einwohnern war, von
denen der dritte Theil aus halbverhungerten und halbnackten Bettlern
bestand. Aus den Kirchenregistern ergiebt sich mit ziemlicher Gewißheit,
daß die Bevölkerung zu Ende der Regierung Karl’s II. noch nicht
viertausend Seelen betrug. Man sah dort eine Menge Krüppel und jeder
Reisende erkannte auf den ersten Blick die verderblichen Wirkungen einer
der Gesundheit und Kraft des menschlichen Körpers höchst nachtheiligen
Beschäftigung. Dies war das Sheffield, welches gegenwärtig mit seinen
Vorstädten hundertzwanzigtausend Einwohner zählt und seine
vortrefflichen Messer, Scheeren und chirurgischen Instrumente bis nach
den entferntesten Weltgegenden versendet.[68]

    [Anmerkung 68: +Hunter’s History of Hallamshire.+]


[_Birmingham._] Birmingham ward zu Oliver’s Zeiten noch nicht für
wichtig genug gehalten, um im Parlament durch ein Mitglied vertreten zu
sein. Indessen waren die dortigen Fabrikanten schon ein sehr
betriebsames Völkchen, dessen Wohlstand sich fortwährend vermehrte. Sie
waren stolz auf den Ruf, den ihre Eisenwaaren, wenn auch noch nicht in
Peking und Lima, in Bokhara und Timbuktu, so doch in London und selbst
in Irland genossen. Eine minder ehrenvolle Berühmtheit hatten sie als
Falschmünzer erlangt. Der Spottname „Birminghams“, den die Torypartei
den Demagogen gab, welche einen heuchlerischen Eifer gegen das Papstthum
zur Schau trugen, war eine Anspielung auf die dort verfertigten falschen
Groatstücke. Die Bevölkerung der Stadt, welche gegenwärtig nicht viel
unter zweimalhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals noch
nicht auf viertausend. Die Birminghamer Knöpfe fingen eben erst an
bekannt zu werben, von Birminghamer Schießgewehren hatte noch kein
Mensch etwas gehört, und die Stadt, aus der zwei Generationen später die
Prachtwerke Baskerville’s hervorgingen, welche alle Buchhändler Europa’s
in Erstaunen setzten, hatte damals noch nicht einen einzigen
ordentlichen Buchladen, wo man eine Bibel oder einen Kalender kaufen
konnte. Nur an den Markttagen kam ein Buchhändler, Namens Michael
Johnson, der Vater des großen Samuel Johnson, von Lichfield, um auf
einige Stunden seine Marktbude zu öffnen, und diese literarische
Bezugsquelle wurde lange Zeit für den Bedarf genügend erachtet.[69]

Diese vier Hauptsitze unsrer großartigen Fabrikindustrie verdienen
besondere Erwähnung. Es würde ermüdend sein, wollten wir außerdem alle
die jetzt dicht bevölkerten und reichen Bienenstöcke des Gewerbfleißes
anführen, welche vor hundertfunfzig Jahren noch Dörfer ohne Pfarrkirche
oder öde Moorstrecken waren, auf denen nur Birkhühner und andres Wild
hauste. Nicht minder wichtig sind die Veränderungen in den
Ausfuhrplätzen gewesen, durch welche sich die Erzeugnisse der englischen
Webstühle und Schmieden nach allen Weltgegenden ergießen.

    [Anmerkung 69: +Blome’s Britannia, 1763+; +Dugdale’s
    Warwickshire+; +North’s Examen+, 321; Vorrede zu +Absalom and
    Achitophel+; +Hutton’s History of Birmingham+; +Boswell’s Life of
    Johnson+. Im Jahre 1690 starben in Birmingham 150 Personen und 125
    Kinder wurden getauft. Ich glaube daß die jährliche Sterblichkeit
    nicht mehr als vier Prozent betrug; in London war sie viel
    bedeutender. Ein Geschichtsschreiber in Nottingham rühmte funfzig
    Jahre später die außerordentliche Gesundheit seiner Vaterstadt,
    in der die Sterblichkeit nur 3⅓ Prozent betrug. Siehe +Dering’s
    History of Nottingham+.]


[_Liverpool._] Liverpool zählt gegenwärtig dreimalhunderttausend
Einwohner und der Rauminhalt der in seinen Hafenregistern
eingezeichneten Schiffe beträgt zwischen vier- und fünfmalhunderttausend
Tonnen. Mehr als einmal ist im dortigen Zollhause in einem Jahre eine
Summe bezahlt worden, welche das Gesammteinkommen der englischen Krone
im Jahre 1685 um mehr als das Dreifache übersteigt. Die Einnahme des
Postamtes zu Liverpool übertrifft selbst seit der Portoermäßigung die
Summe, die das Postwesen des ganzen Reiches dem Herzoge von York
eintrug. Seine riesigen Docks, Quais und Waarenspeicher werden zu den
Weltwundern gerechnet, und doch scheinen sie für den Bedarf des
ungeheuren Merseyhandels kaum zu genügen, so daß bereits eine
rivalisirende Stadt am andren Ufer des Flusses rasch emporwächst. Zu den
Zeiten Karl’s II. wurde Liverpool als eine aufblühende Stadt
beschrieben, welche neuerdings große Fortschritte gemacht habe und mit
Irland und den Zuckercolonien einen ergiebigen Handel treibe. Binnen
sechzehn Jahren hatte sich der Ertrag der Zölle verachtfacht und die
damals als ungeheuer betrachtete Summe von fünfzehntausend Pfund
Sterling jährlich erreicht. Die Bevölkerung kann jedoch kaum viertausend
Seelen überstiegen haben, der Gehalt seiner Schiffe betrug ungefähr
vierzehnhundert Tonnen, das heißt weniger als der Tonnengehalt eines
einzigen unserer jetzigen Ostindienfahrer erster Klasse, und die Anzahl
der zum Hafen gehörenden Seeleute darf auf nicht mehr als zweihundert
Köpfe angeschlagen werden.[70]

    [Anmerkung 70: +Blome’s Britannia+; +Gregson’s Antiquities of the
    County Palatine and Duchy of Lancaster, Part. II.+; Petition von
    Liverpool in dem +Privy Council Book, May 10, 1686+. Im Jahre 1690
    war die Zahl der Sterbefälle in Liverpool hunderteinundfunfzig,
    die der Taufen hundertzwanzig. Im Jahre 1844 belief sich der
    Reinertrag der Zölle in Liverpool auf 4,365,526 Pf. St. 1 Schill.
    8 P.]


[_Die Badeorte._] So wuchsen die Städte empor, in denen Reichthümer
erworben und aufgehäuft wurden. Nicht minder rasch erhob sich eine andre
Klasse von Städten, in denen der anderwärts erworbene Reichthum entweder
aus Gesundheitsrücksichten oder um des Vergnügens willen verzehrt wird.
Von den bedeutendsten derselben sind einige erst seit den Zeiten der
Stuarts entstanden.


[_Cheltenham._] Cheltenham ist jetzt größer als irgend eine Stadt des
ganzen Reichs im siebzehnten Jahrhundert, London allein ausgenommen,
während es im siebzehnten und noch zu Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts von Lokalgeschichtschreibern nur als ein ländliches
Kirchspiel erwähnt wird, das am Fuße der Cotswold-Hügel liege und guten
Boden für Ackerbau und Weide habe. An der Stelle, welche gegenwärtig mit
freundlichen Straßen und Landhäusern bedeckt ist, wuchs damals Korn und
weidete Vieh.[71]

    [Anmerkung 71: +Atkyns’ Gloucestershire.+]


[_Brighton._] Brighton wurde als ein ehemals wohlhabender Ort
geschildert, der eine Menge kleiner Fischerboote besessen und in seiner
höchsten Blüthe etwa zweitausend Einwohner gehabt habe, jetzt aber
seinem Untergänge entgegeneile. Das Meer spülte ein Haus nach dem andren
fort und die Stadt mußte endlich ganz verschwinden. Noch vor neunzig
Jahren konnte man zwischen den Steinen und dem Seetang am Strande die
Trümmer eines alten Forts sehen, und alte Leute konnten noch die Spuren
der Grundmauern einer Straße von mehr als hundert Hütten bezeichnen, die
von den Wogen verschlungen worden war. Nach diesem Unglücke verödete der
Ort bald dermaßen, daß man die dortige Pfarrei kaum noch des Besitzes
werth hielt. Einige arme Fischer fuhren jedoch fort, ihre Netze auf den
Küstenfelsen zu trocknen, wo jetzt eine Stadt, die mehr als zweimal so
groß und volkreich ist, als das Bristol der Stuarts in einer Ausdehnung
von mehreren Meilen ihre freundliche und fantastische Fronte dem Meere
zeigt.[72]

    [Anmerkung 72: +Magna Britannia+; +Grose’s Antiquities+; +New
    Brighthelmstone Directory, 1770.+]


[_Buxton._] England war jedoch im siebzehnten Jahrhundert durchaus nicht
ohne alle Badeorte. Die Gentry von Derbyshire und der benachbarten
Grafschaften begab sich nach Buxton, wo sie in niedrigen hölzernen
Hütten zusammengepfercht und mit einem Brode von Hafermehl und einem
Fleische bewirthet wurden, welches die Gastwirthe für Hammelfleisch
ausgaben, das aber die Consumenten stark in dem Verdachte hatten, daß es
von Hunden herrührte.[73]

    [Anmerkung 73: +Tour in Derbyshire, by Thomas Browne, Son of Sir
    Thomas Browne.+]


[_Tunbridge Wells._] Weit mehr Anziehendes hatte Tunbridge Wells, das
etwa eine Tagereise von London in einer der reichsten und kultivirtesten
Gegenden des Reiches lag. Gegenwärtig erblicken wir daselbst eine Stadt,
die der Einwohnerzahl nach vor hundertsechzig Jahren die vierte oder
fünfte Stadt Englands gewesen wäre. Die Eleganz der Läden und der Luxus
der Privatwohnungen übertrifft jetzt Alles was England damals irgendwo
aufzuweisen hatte. Als der Hof kurz nach der Restauration Tunbridge
Wells besuchte, war es noch keine Stadt, sondern man sah nur eine Anzahl
Hütten, etwas freundlicher und sauberer als die gewöhnlichen Hütten
jener Zeit, welche in der nächsten Umgebung der Heilquellen zerstreut
umherlagen. Einige von diesen Hütten waren transportabel und wurden auf
Schleifen versetzt wohin man es wünschte. In diese Hütten kam die feine
Welt von London, des Geräusches und des Rauches der Hauptstadt müde,
zuweilen im Sommer, um frische Luft einzuathmen und einen Vorgeschmack
vom Landleben zu erhalten. Während der Saison wurde täglich in der Nähe
der Quellen eine Art Markt gehalten. Die Frauen und Töchter der
Landwirthe von Kent brachten aus den umliegenden Dörfern Rahm, Obst,
Weißkehlchen und Wachteln zum Verkauf, und mit ihnen zu scherzen und zu
tändeln, ihre Strohhüte und ihre kleinen Füßchen zu rühmen, war für
Wüstlinge, welche der prätentiösen Manieren der Schauspielerinnen und
Hofdamen überdrüssig waren, ein angenehmer Zeitvertreib.
Putzmacherinnen, Galanteriewaarenhändler und Juweliere kamen von London
und eröffneten unter den Bäumen einen Bazar. In der einen Bude fand der
Politiker seine Tasse Kaffee und die Londoner Zeitung; in einer andren
wurde heimlich Basset gespielt; an schönen Abenden fanden sich
Musikanten ein und auf einem weichen Rasenplatze wurde der Mohrentanz
aufgeführt. Im Jahre 1685 war eben unter den Brunnengästen eine Sammlung
zum Bau einer Kirche eröffnet worden, welche auf Verlangen der damals
überall dominirenden Tories dem heiligen Karl, dem Märtyrer, geweiht
werden mußte.[74]

    [Anmerkung 74: +Memoires de Grammont+; +Hasted’s History of Kent+;
    +Tunbridge Wells, a Comedy, 1678+; +Causton’s Tunbridgialia,
    1688+; +Metellus, a poem on Tunbridge Wells, 1693.+]


[_Bath._] Der wichtigste Badeort Englands war jedoch unstreitig Bath.
Die dortigen Heilquellen waren schon zu den Zeiten der Römer berühmt und
mehrere Jahrhunderte lang war die Stadt der Sitz eines Bischofs gewesen.
Aus allen Theilen des Landes strömten die Kranken dahin und selbst der
König hielt dort zuweilen seinen Hof. Bei alledem war Bath damals nur
ein winkeliger Ort von vier- bis fünfhundert Häusern, welche unweit des
Avon innerhalb einer alten Befestigungsmauer zusammengedrängt waren.
Es giebt noch Abbildungen von den schönsten dieser Häuser, welche große
Ähnlichkeit mit den schlechtesten Hütten und Schenken an der
Radcliffestraße zeigen. Selbst die damaligen Reisenden klagten über die
Enge und Unsauberkeit der Straßen. Die schöne Stadt, welche gegenwärtig
selbst das Auge Derer entzückt, die an den Anblick der Meisterwerke
eines Bramante und Palladio gewöhnt sind, und deren Boden durch den
Genius von Anstey und Smollett, von Frances Burney und Johanna Austen
eine klassische Berühmtheit erlangt hat, existirte damals noch nicht.
Die jetzige Milsomstraße war noch ein Stück Feld, das weit außerhalb der
Umfassungsmauer lag, und Baumhecken durchzogen den Platz, den
gegenwärtig der „Crescent“ und der „Cirkus“ einnehmen. Die
bedauernswerthen Kranken, denen der Gebrauch der Heilquellen verordnet
war, mußten in Räumen zubringen, welche, um uns des Ausdrucks eines
damaligen Arztes zu bedienen, mehr einem Stalle, als einer menschlichen
Wohnung glichen. Über den Luxus und die Bequemlichkeiten, welche die zum
Zwecke, der Kur oder des Vergnügens dahin kommenden vornehmen Badegäste
in den Häusern fanden, haben wir vollständigere und genauere
Nachrichten, als sie sonst in Bezug auf derartige Gegenstände zu
erlangen sind. Ein Schriftsteller, der ungefähr sechzig Jahre nach der
Revolution eine Beschreibung der Stadt herausgab, schildert mit großer
Genauigkeit die Veränderungen, die im Bereiche seiner Erinnerung
daselbst stattgefunden haben. Er versichert uns, daß in seinen jüngeren
Jahren die Badegäste in Zimmern schlafen mußten, welche nicht viel
besser waren als die Dachkammern, die er später von den Dienstleuten
bewohnt fand. Der Fußboden der Speisezimmer war mit keinem Teppiche
bedeckt und mit einer aus Ruß und Dünnbier bereiteten Flüssigkeit
überstrichen, um seine Unsauberkeit zu verbergen; keine Wand war gemalt,
kein Herd oder Kaminmantel war von Marmor, eine Platte von ordinären
Quadern und Feuerböcke, die nicht mehr als einige Schillinge kosteten,
wurden für genügend erachtet. Die besten Zimmer waren mit einem groben
wollenen Stoffe ausgeschlagen und mit Rohrstühlen versehen. Leser, die
sich für die Fortschritte der Civilisation und der nützlichen Künste
interessiren, werden dem bescheidenen Topographen für die Aufzeichnung
dieser Details dankbar sein und es vielleicht bedauern, daß
anspruchsvollere Geschichtschreiber ihre Erzählungen von Schlachten und
politischen Intriguen nicht zuweilen um einige Seiten abkürzen, um uns
mitzutheilen, wie es in den Wohn- und Schlafzimmern unserer Voreltern
aussah.[75]

    [Anmerkung 75: Siehe +Wood’s History of Bath, 1749+; +Evelyn’s
    Diary, June 27. 1654+; +Pepys’s Diary, June 12, 1668+; +Stukeley’s
    Itinerarium Curiosum+; +Collinson’s Somersetshire+; +Dr. Peirce’s
    History and Memoirs of the Bath, 1713, book I, chap. 8, obs. 2.
    1684.+ Ich habe mehrere alte Pläne und Abbildungen von Bath,
    besonders einen höchst interessanten, der mit Ansichten der
    Hauptgebäude eingefaßt ist, vor Augen gehabt. Letzterer ist v.
    Jahre 1717.]


[_London._] London nahm im Verhältniß zu den anderen Städten des
Königreichs zur Zeit Karl’s II. einen viel höheren Rang ein als
gegenwärtig. Seine Bevölkerung ist jetzt wenig mehr als sechsmal so
stark wie die von Manchester oder Liverpool; unter Karl II. aber
überstieg dieselbe die von Bristol oder Norwich um mehr als das
Siebzehnfache. Ich glaube nicht, daß es noch eine andre Hauptstadt in
der Welt giebt, deren Größe in einem ähnlichen Verhältnisse zu der
zweiten Stadt des Landes steht. Man hat guten Grund zu glauben, daß
London schon 1685 seit etwa einem halben Jahrhundert die volkreichste
Stadt in Europa war. Die Einwohnerzahl, welche jetzt mindestens
neunzehnhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals wahrscheinlich
auf nicht viel über eine halbe Million.[76] Als Handelsstadt hatte
London nur eine Nebenbuhlerin, die jedoch längst überflügelt ist: das
mächtige, und reiche Amsterdam. Die englischen Schriftsteller rühmten
den Wald von Masten, der von der Brücke bis zum Tower den Fluß bedeckte,
und die enormen Summen, welche im Zollhause von Thames Street eingingen.
Es unterliegt in der That keinem Zweifel, daß der Handel der Hauptstadt
damals zu dem Handel des ganzen Landes in einem günstigeren Verhältnisse
stand als jetzt; allein unserer Generation müssen die übrigens
wohlbegründeten Lobpreisungen unserer Vorfahren doch ein wenig komisch
vorkommen. Der Inhalt der der Stadt gehörenden Schiffe, den sie als
ungeheuer betrachteten, scheint siebzigtausend Tonnen nicht überstiegen
zu haben. Allerdings war dies damals mehr als ein Drittel des
Tonnengehalts sämmtlicher Schiffe des Landes, gegenwärtig aber ist es
nur ein Viertel von dem Tonnengehalte Newcastle’s, und der Tonnengehalt
der Themsedampfer allein dürfte ihm ziemlich gleichkommen.
Der Ertrag der Zölle belief sich 1685 in London auf ungefähr
dreihundertdreißigtausend Pfund jährlich; in unseren Tagen übersteigt
der Reinertrag derselben zehn Millionen.[77]

Wenn man die zu Ende der Regierung Karl’s II. erschienenen Pläne von
London betrachtet, so findet man, daß damals nur erst der Kern der
gegenwärtigen Hauptstadt existirte. Die Stadt erstreckte sich noch nicht
in unmerklichen Abstufungen weit über die ländliche Umgegend. Es zogen
sich noch keine langen Reihen von Landhäusern, umrankt von Hollunder und
Bohnenbaum, von dem großen Mittelpunkte des Reichthums und der
Civilisation bis zu den Grenzen von Middlesex und tief ins Herz von Kent
und Surrey hinein. Man dachte noch nicht an die Anlage der endlosen
Reihen von Waarenmagazinen und der künstlichen Seen, die sich jetzt im
Osten der Stadt vom Tower bis Blackwall erstrecken. Im Westen sah man
kaum eines von den stattlichen Häusern, in denen jetzt die Reichen und
Vornehmen wohnen, und Chelsea, das gegenwärtig über vierzigtausend
Einwohner zählt, war noch ein bloßes Dorf, dessen Bevölkerung tausend
Seelen nicht überstieg.[78] Im Norden weidete das Vieh und Jäger
streiften mit ihren Hunden und Flinten umher, wo sich jetzt der Borough
Marylebone befindet, sowie auf der noch weit größeren Fläche, welche die
Boroughs Finsbury und Tower Hamlets bedecken. Islington war fast noch
eine Einöde, deren friedliche Stille die Dichter gern dem lärmenden
Getümmel des Ungeheuers London gegenüberstellten.[79] Im Süden ist die
Hauptstadt jetzt mit ihren Vorstädten durch mehrere Brücken verbunden,
die an Schönheit und Festigkeit den stolzesten Bauwerken der Cäsaren
nicht nachstehen. Im Jahre 1685 hemmte nur eine einzige Linie
unregelmäßiger Bögen, mit einer Anzahl schmutziger und halb verfallener
Häuser bedeckt und nach einer der nackten Barbaren von Dahomey würdigen
Sitte mit etwa zwanzig verwesenden Köpfen verziert, die Schifffahrt auf
dem Flusse.

    [Anmerkung 76: Nach King fünfhundertdreißigtausend.]

    [Anmerkung 77: +Macpherson’s History of Commerce+; +Chalmers’s
    Estimate+; +Chamberlayne’s State of England, 1684.+ Der Gehalt der
    dem Londoner Hafen gehörenden Dampfer betrug zu Ende des Jahres
    1847 etwa sechzigtausend Tonnen. Die jährlichen Zolleinnahmen
    beliefen sich von 1842--45 auf durchschnittlich elf Millionen Pfd.
    Sterl.]

    [Anmerkung 78: +Lyson’s Environs of London.+ Von 1680--90 wurden
    in Chelsea jährlich nicht mehr als zweiundvierzig Kinder getauft.]

    [Anmerkung 79: +Cowley, Discourse of Solitude.+]


[_Die City._] Der wichtigste Theil der Hauptstadt war die City. Sie war
zur Zeit der Restauration größtentheils aus Holz und Mörtel erbaut
worden, die wenigen Backsteine, die man dazu verwendet, waren schlecht
gebrannt, die Buden, in denen die Waaren feilgeboten wurden, traten weit
in die Straße hervor und die oberen Stockwerke der Häuser hingen
gleichsam über ihnen. Einige Beispiele von dieser Bauart kann man noch
in den Straßen sehen, die bei dem großen Brande verschont geblieben
waren. Diese Feuersbrunst hatte binnen wenigen Tagen einen Flächenraum
von ziemlich einer Quadratmeile mit den Trümmern von neunundachtzig
Kirchen und dreizehntausend Häusern bedeckt. Die City aber war mit einer
Schnelligkeit wiedererstanden, welche die Bewunderung der Nachbarländer
erweckte. Leider wurde die vorherige Richtung und Breite der Straßen zum
großen Theile beibehalten und da sie ursprünglich zu einer Zeit angelegt
waren, wo selbst die Prinzessinnen zu Pferde reisten, waren sie meist zu
schmal, damit Räderfuhrwerke einander bequem ausweichen konnten. Reiche
Leute konnten daher zu jener Zeit, wo sechsspännige Equipagen ein
modischer Luxus waren, die City nicht gut bewohnen. Der Baustyl der
neuen Häuser war übrigens weit schöner als der der niedergebrannten und
das gewöhnliche Baumaterial waren Ziegelsteine von viel besserer
Qualität, als die früher benutzten. An der Stelle der früheren
Pfarrkirchen hatten sich eine Menge neuer Kathedralen, Thürme und
Thürmchen erhoben, welche das fruchtbare Genie Wren’s bekundeten.
Überall, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, waren die Spuren der
verheerenden Feuersbrunst vollständig verschwunden, aber noch lange sah
man unzählige Arbeiter, gigantische Gerüste und Massen behauener Steine
an der Stelle, wo sich der stolzeste aller protestantischen Tempel
langsam aus den Trümmern der alten St. Paulskathedrale erhob.[80]

Seit jener Zeit hat sich der ganze Character der City durchaus
verändert. Gegenwärtig kommen die Bankiers, die Großhändler und die
vornehmsten Detailhändler an den sechs Werktagen der Woche jeden Morgen
dahin, um ihre Geschäfte zu besorgen, aber sie wohnen in anderen Theilen
der Hauptstadt oder auf nahegelegenen Landsitzen mit schönen Parken und
Gärten. Diese Umwälzung in den Privatgewohnheiten hat eine politische
Veränderung von nicht geringer Wichtigkeit hervorgebracht. Die reichen
Kaufleute hängen nicht mehr mit der Vorliebe, die Jedermann für seine
Heimath empfindet, an der City und es knüpfen sich keine häuslichen
Zuneigungen und Annehmlichkeiten mehr an diesen Namen, denn der
häusliche Herd, die Kinderstube, die gesellige Tafel und das trauliche
Bett befinden sich nicht mehr dort. Lombard Street und Threadneedle
Street sind weiter nichts mehr als Lokalitäten zum Arbeiten und
Geldverdienen; um das erworbene Geld auszugeben und zu genießen geht man
anderswohin. Des Sonntags oder des Abends nach den Geschäftsstunden sind
viele Höfe und Passagen, in denen es wenige Stunden zuvor von eiligen
Füßen und ängstlichen Gesichtern wimmelte, still und einsam wie ein
Friedhof. Die Häupter des Handelsstandes sind nicht mehr Bürger der
City; sie vermeiden und verachten fast die städtischen Ehren und
Pflichten und überlassen dieselben Anderen, welche zwar ebenfalls ganz
nützliche und achtbare Männer sein mögen, aber doch nur selten den
fürstlichen Handelshäusern angehören, deren Firmen in der ganzen Welt
bekannt sind.

Im siebzehnten Jahrhunderte dagegen _wohnten_ die Kaufleute auch in der
City. Die noch vorhandenen Wohnhäuser der ehemaligen reichen Bürger sind
zu Comptoirs und Waarenmagazinen eingerichtet, aber man sieht es ihnen
noch heute an, daß sie ursprünglich den Palästen des hohen Adels an
Schönheit und Pracht nicht nachstanden. Sie stehen zum Theil in
abgelegenen und düsteren Höfen und haben unbequeme Zugänge, aber ihr
Umfang ist bedeutend und ihr Aussehen majestätisch. Ihre Eingänge sind
mit reicher Bildhauerarbeit verziert, die Treppenhäuser und Vorplätze
sind prächtig und die Fußböden zuweilen auf französische Art
parquettirt. Der Palast Sir Robert Clayton’s in der alten Judenstadt
enthielt einen prachtvollen Speisesaal mit Wandgetäfel von Cedernholz
und mit Frescogemälden, welche die Kämpfe der Götter und Titanen
darstellten.[81] Sir Dudley North verwendete viertausend Pfund, eine
Summe, welche damals für einen Herzog schon bedeutend gewesen wäre, auf
die reiche Ausschmückung seiner Wohnzimmer in Basinghall Street.[82] In
solchen Häusern entfalteten noch unter den letzten Stuarts die Häupter
der großen Firmen eine außerordentliche Pracht und Gastfreundschaft,
und die stärksten Bande des Interesses und des Herzens fesselten sie an
dieselben. Hier hatten sie ihre Jugend verlebt, ihre Freundschaften
geschlossen, ihre Gattinnen kennen gelernt und ihre Kinder heranwachsen
sehen; hier ruhten die irdischen Überreste ihrer Eltern, an deren Seite
sie ebenfalls einst ruhen wollten. Unter solchen Verhältnissen mußte
sich in hohem Maße der glühende Patriotismus entwickeln, welcher Denen
eigen ist, die auf einem engen Raume beisammenleben. London war dem
Londoner, was Athen zu den Zeiten des Perikles dem Athener, was Florenz
dem Florentiner des fünfzehnten Jahrhunderts war. Der Bürger war stolz
auf die Größe seiner Stadt, legte hohen Werth auf die Wahrung ihres
Ansehens wie auf die Bekleidung von städtischen Ehrenämtern und war
eifersüchtig auf ihre Freiheiten.

Zu Ende der Regierung Karl’s II. erfuhr der Stolz der Londoner eine
schmerzliche Demüthigung. Ihr alter Freibrief war ihnen genommen und die
Magistratur neu organisirt worden. Alle städtischen Beamten waren Tories
und die Whigs, obgleich an Zahl und Reichthum ihren Gegnern überlegen,
sahen sich von jedem Ehrenamte ausgeschlossen. Indessen hatte sich der
äußere Glanz der städtischen Verwaltung durch diesen Wechsel eher noch
vermehrt als vermindert. Unter der Herrschaft einiger Puritaner, welche
unlängst an der Spitze der Behörden gestanden, hatte der alte Ruf der
City hinsichtlich des heiteren Wohllebens in der That abgenommen, unter
dem neuen Magistrate aber, der einer lebenslustigeren Partei angehörte
und an dessen Tafel oft vornehme und angesehene Gäste von jenseit Temple
Bar zu finden waren, wurden Guildhall und die Säle der großen
Gesellschaften oft durch glänzende Gastmähler belebt. Bei diesen
Banketten wurden Oden, die der gekrönte Dichter der Corporation zu Ehren
des Königs, des Herzogs und des Mayors verfaßt hatte, unter
Musikbegleitung gesungen. Es wurde stark getrunken und laut gejubelt.
Ein toryistischer Beobachter, der oft an diesen Gelagen Theil genommen,
bemerkt, daß die Sitte, nach ausgebrachten Toasten donnernde Hurrahs
erschallen zu lassen, sich aus jener fröhlichen Zeit herschreibe.[83]

Der höchste städtische Beamte entfaltete eine fast königliche Pracht.
Der vergoldete Staatswagen, welcher jetzt alljährlich von der gaffenden
Menge bewundert wird, existirte damals allerdings noch nicht, denn bei
feierlichen Gelegenheiten erschien der Lordmayor zu Pferde, begleitet
von einer zahlreichen Cavalcade, die an Pracht nur dem Gefolge
nachstand, das bei einer Krönung den Monarchen vom Tower nach
Westminster geleitete. Er zeigte sich öffentlich nie ohne seinen
prachtvollen Mantel, sein schwarzes Sammetbarett, seine goldene Kette,
seine Juwelen und ein großes Gefolge von Läufern und Garden.[84] Dieser
ihn beständig umgebende Pomp hatte auch durchaus nichts Lächerliches in
den Augen der damaligen Zeitgenossen, denn er entsprach nur der
Stellung, welche dieser Mann als Repräsentant der Macht und Würde der
Stadt London im Staate einnahm. Diese Stadt, welche damals im ganzen
Lande nicht ihres Gleichen, ja nicht einmal eine ihr nahekommende
Rivalin hatte, übte fünfundvierzig Jahre lang einen fast eben so großen
Einfluß auf die Politik Englands aus, wie Paris in unseren Zeiten auf
die Politik Frankreichs. An Intelligenz war London allen übrigen Theilen
des Königreichs weit überlegen, und eine Regierung, welche die
Unterstützung und das Vertrauen der Hauptstadt besaß, konnte in einem
Tage Geldmittel erlangen, zu deren Aufbringung in den übrigen Theilen
der Insel viele Monate nöthig gewesen wären. Auch die militairischen
Hülfsquellen der Hauptstadt waren nicht zu verachten. Die Gewalt, welche
in anderen Theilen des Landes die Lordleutnants ausübten, war in London
einer Commission von angesehenen Bürgern anvertraut. Unter den Befehlen
dieser Commission standen zwölf Regimenter Infanterie und zwei
Regimenter Kavalerie. Allerdings würde diese Armee von Handlungsdienern
und Schneidergesellen, deren Hauptleute Gemeinderäthe und deren Obersten
Aldermen waren, gegen reguläre Truppen nicht lange Stand gehalten haben,
aber es gab damals auch nur sehr wenig reguläre Truppen im Lande. Daher
mußte eine Stadt, die binnen einer Stunde zwanzigtausend von natürlichem
Muthe beseelte und leidlich bewaffnete Streiter, denen es keineswegs
ganz an militairischer Disciplin fehlte, ins Feld stellen konnte, eine
eben so werthvolle Bundesgenossin als furchtbare Feindin sein. Man hatte
noch nicht vergessen, daß Hampden und Pym durch die Londoner Miliz gegen
gesetzwidrige Tyrannei vertheidigt worden, daß in der kritischen Zeit
des Bürgerkrieges die Londoner Miliz nach Gloucester marschirt war, um
die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, noch daß sie bei der Bewegung
gegen den Militairdespotismus, der auf den Sturz Richard Cromwell’s
folgte, eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatte. Man kann ohne
Übertreibung behaupten, daß Karl I. nie besiegt worden wäre, wenn er die
City nicht gegen sich gehabt hätte, und daß Karl II. ohne den Beistand
der City schwerlich hätte wiedereingesetzt werden können.

Aus diesen Verhältnissen läßt es sich auch erklären, warum trotz des
Zuges, der seit einer langen Reihe von Jahren die Aristokratie allmälig
nach der weltlichen Seite Londons führte, einige wenige Männer von hohem
Range bis auf die neueste Zeit in der Nachbarschaft der Börse und von
Guildhall wohnen blieben. Als Shaftesbury und Buckingham in heftiger und
rücksichtsloser Opposition gegen die Regierung verwickelt waren,
glaubten sie ihre Intriguen nirgends so sicher und bequem betreiben zu
können, wie unter dem Schutze der städtischen Behörden und der Miliz.
Shaftesbury wohnte daher in Aldersgate Street, in einem Hause, das noch
jetzt an seinen Säulen und guirlandenartigen Verzierungen, dem
geschmackvollen Werke Inigo’s, leicht zu erkennen ist. Buckingham hatte
seinen Palast unweit Charing Croß, die ehemalige Wohnung der Erzbischöfe
von York, niederreißen lassen und während an dieser Stelle neue Straßen
und Gassen entstanden, welche noch jetzt seinen Namen führen, zog er es
vor, in Dowgate zu wohnen.[85]

    [Anmerkung 80: Die ausführlichsten und glaubwürdigsten Aufschlüsse
    über den damaligen Zustand der Londoner Gebäude findet man auf den
    Plänen und Zeichnungen im Britischen Museum und in der Pepys’schen
    Bibliothek. Die schlechte Beschaffenheit der Backsteine, aus denen
    die alten Häuser von London bestehen, wird auch in den Reisen des
    Großherzogs Cosmus erwähnt. Einen Bericht über den Bau der St.
    Paulskirche findet man in Ward’s London Spy. Ich schäme mich fast,
    derartige schlechte Literatur zu citiren, aber beim Forschen nach
    Materialien habe ich oft noch tiefer herabsteigen müssen, wenn
    dies überhaupt möglich ist.]

    [Anmerkung 81: +Evelyn’s Diary, Sept. 20. 1672.+]

    [Anmerkung 82: +Roger North’s Life of Sir Dudley North.+]

    [Anmerkung 83: +North’s Examen.+ Dieser höchst unterhaltende
    Schriftsteller hat uns eine kleine Probe von dem poetischen
    Entzücken hinterlassen, dem sich die Pindare der City zuweilen
    hingaben:

      Zu dem verehrten Sir John Moore
      Blick’ noch die Nachwelt stolz empor!]

    [Anmerkung 84: +Chamberlayne’s State of England, 1684+; +Angliae
    Metropolis, 1690+; +Seymour’s London, 1734.+]

    [Anmerkung 85: +North’s Examen, 116. Wood, Ath. Ox. Shaftesbury.
    The Duke of Buckingham’s Litany.+]


[_Der vornehme Theil der Hauptstadt._] Dies waren jedoch nur seltene
Ausnahmen. Fast alle hochadeligen Familien Englands hatten die Mauern
der City schon längst verlassen. Der Stadttheil, in dem sich die
Mehrzahl ihrer Wohnhäuser befand, liegt zwischen der City und den
Straßen, welche gegenwärtig als die vornehmsten gelten. Nur wenige Große
behielten ihre ererbten Paläste zwischen dem Strand und dem Flusse inne.
Am gesuchtesten waren damals die stattlichen Wohnungen südlich und
westlich von Lincoln’s Inn Fields, die Piazza of Coventgarden,
Southampton Square, jetzt Bloomsbury Square genannt, und King’s Square
in Soho Fields, der gegenwärtig Soho Square heißt. Bloomsbury Square
wurde selbst fremden Fürsten als eines der Wunder Englands gezeigt.[86]
Soho Square, der eben erst angelegt war, wurde von unseren Vorfahren mit
einem Stolze betrachtet, den ihre Nachkommen wohl schwerlich theilen
werden. So lange das Glück des Herzogs von Monmouth blühte, dessen
Palast sich auf der Südseite erhob, hatte der Platz den Namen Monmouth
Square geführt. Die Façade dieses Palastes war zwar unschön, aber
imposant und reich verziert. Die Wände der Prunkgemächer waren mit
Schnitzwerk in Früchten, Laubgewinden und Wappenfiguren geschmückt und
mit gesticktem Seidenstoffe ausgeschlagen.[87] Jetzt ist von dieser
Pracht nichts mehr vorhanden und man findet in diesem ehedem
aristokratischen Stadttheile nicht eine einzige aristokratische Wohnung
mehr. Etwas weiter nördlich von Holborn, am Saume von Weiden und
Kornfeldern, standen zwei berühmte Paläste, jeder mit einem großen
Garten. Der eine davon, zu jener Zeit Southampton House und später
Bedford House genannt, ward vor etwa fünfzig Jahren niedergerissen, um
einem neuen Stadttheile Platz zu machen, der mit seinen Plätzen, Straßen
und Kirchen eine große Fläche bedeckt, die im siebzehnten Jahrhundert
ihrer Pfirsichen und Schnepfen wegen berühmt war. Der andre, Montague
House, der sich durch seine Fresken und seine Möbeln auszeichnete,
brannte einige Monate nach dem Tode Karl’s II. bis auf den Grund nieder,
wurde aber alsbald wieder durch ein neues und viel prächtigeres Montague
House ersetzt, das, nachdem es lange Zeit so mannichfaltige und kostbare
Schätze der Kunst, Wissenschaft und Literatur geborgen, wie sie
schwerlich je zuvor unter einem Dache vereinigt waren, unlängst einem
noch prachtvolleren Gebäude Platz gemacht hat.[88]

Dem Hofe näher, auf einem Platze mit Namen St. James Fields, waren vor
Kurzem St. James’ Square und Jermyn Street angelegt und zur
Bequemlichkeit der Bewohner dieses Stadttheils die St. Jameskirche
eröffnet worden.[89] Golden Square, der in der nächstfolgenden
Generation von Lords und Staatsministern bewohnt wurde, war damals noch
nicht begonnen. Überhaupt sah man im Norden von Piccadilly noch keine
anderen Wohnungen als einige alleinstehende, fast ländlich aussehende
Häuser, von denen das berühmteste der von Clarendon erbaute kostspielige
Palast war, den man den Spottnamen Dunkirk House gegeben hatte. Nach dem
Sturze seines Erbauers war er vom Herzoge von Albemarle angekauft
worden. Das Hotel Clarendon und Albemarle Street erinnern noch an die
Lage des Platzes.

Wer sich damals in die Gegend verlief, welche jetzt den schönsten und
lebhaftesten Theil von Regent Street bildet, sah sich in einer Einöde,
wo er vielleicht so glücklich war, eine Schnepfe schießen zu können.[90]
Weiter nördlich zog sich die Straße nach Oxford zwischen Hecken hin.
Einige hundert Yards gegen Süden sah man die Gartenmauern einiger großen
Häuser, die nicht mehr als zur Stadt gehörend betrachtet wurden. Auf der
Westseite befand sich eine Wiese, berühmt durch eine Quelle, welche
später der Conduit Street (Wasserleitungsstraße) den Namen gab. Östlich
war ein Feld, über welches damals kein Londoner ohne Grauen gehen
kennte. An dieser von jeder menschlichen Wohnung entfernten Stelle war
zwanzig Jahre früher, zur Zeit der großen Pest, eine ungeheure Grube
angelegt worden, in welche die Leichenkarren allnächtlich Haufen von
Todten warfen. Das Volk war der Meinung, die Erde sei dadurch verpestet
und könne nicht ohne Gefahr für das menschliche Leben wieder ausgegraben
werden. Erst nachdem zwei Generationen vorübergegangen waren, ohne daß
die Pest zurückkehrte, und nachdem der unheimliche Platz schon auf allen
Seiten von Häusern umgeben war, wagte man es endlich, ihn zu
bebauen.[91]

Wir würden uns sehr irren, wenn wir glaubten, daß irgend eine der
Straßen oder einer der Plätze so ausgesehen habe wie jetzt. Die große
Mehrzahl der Häuser ist seitdem ganz oder theilweis neugebaut worden.
Die vornehmsten Stadttheile würden, wenn sie uns jetzt in ihrer
damaligen Gestalt vor Augen träten, uns durch ihr schmutziges Aussehen
und durch ihre verdorbene Atmosphäre abstoßen. In Coventgarden wurde
ganz nahe bei den Wohnungen der Großen ein unsauberer und lärmender
Markt gehalten. Obstweiber riefen ihre Waare aus, Kärrner schlugen sich
und Kohlstengel und verfaulte Äpfel lagen haufenweis vor den Hausthüren
der Herzogin von Berkshire und des Bischofs von Durham.[92]

Der Mittelpunkt von Lincoln’s Inn Fields war ein freier Platz, auf dem
sich jeden Abend der Pöbel wenige Schritte von Cardigan House und
Winchester House versammelte, um die Reden von Marktschreiern anzuhören
und Bärentänze oder Kämpfe zwischen Hunden und Stieren anzusehen. Eine
widerliche Unreinlichkeit herrschte auf dem ganzen Platze, Pferde wurden
daselbst zugeritten und das Bettelvolk war dort so lärmend und
zudringlich wie in den am schlechtesten verwalteten Städten des
Continents. Die Bezeichnung „Lincoln’s-Inn-Bettler“ war sprichwörtlich.
Die ganze Sippschaft kannte das Wappen und die Livree jedes mildthätigen
Großen in der nächsten Umgebung und sobald die sechsspännige Equipage
Seiner Herrlichkeit erschien, hinkten und krochen sie schaarenweis
herbei, um ihn durch ihr Gewinsel zu belästigen. Diese Unordnungen
währten trotz vielfacher Unfälle und jeweiligen gerichtlichen
Einschreitens so lange, bis unter der Regierung Georg’s II. der
Staatsarchivar, Sir Joseph Jeckyll, mitten auf dem Platze zu Boden
geschlagen und fast ermordet wurde. Jetzt endlich wurde er eingezäunt
und durch freundliche Gartenanlagen verschönert.[93]

St. James Square war der Sammelplatz für allen Unrath, alle Asche und
alle todten Katzen und Hunde von Westminster. Eine Zeitlang gab ein
Stockkämpfer dort seine Vorstellungen; später erbaute ein frecher Mensch
aus eigner Machtvollkommenheit einen Schuppen zur Aufbewahrung von
Lumpen und anderen Abgängen, unter den Fenstern der vergoldeten
Prunksäle, in denen die ersten Magnaten des Reichs, die Norfolk, die
Ormond, die Kent und die Pembroke Gastmähler und Bälle gaben. Erst
nachdem diese Unzuträglichkeiten ein ganzes Menschenalter gedauert
hatten und viel darüber geschrieben worden war, wendeten sich die
Bewohner an das Parlament und erhielten die Erlaubniß, den Platz
einzäunen und einige Bäume auf demselben pflanzen zu dürfen.[94]

Wenn sich der von der vornehmsten Klasse der Gesellschaft bewohnte
Stadttheil in einem solchen Zustande befand, so läßt sich leicht denken,
daß die große Masse der Bevölkerung Dinge ertragen mußte, welche jetzt
für unerträglich gehalten werden würden. Das Straßenpflaster war
abscheulich und alle Fremden schrieen Zeter darüber; die Abzugskanäle
waren so schlecht, daß bei starkem Regen die Gossen zu reißenden Strömen
wurden. Mehrere humoristische Dichter haben die Wuth besungen, mit der
sich diese schwarzen Ströme Snow Hill und Ludgate Hill hinabwälzten,
um Fleet Ditch einen ansehnlichen Beitrag an animalischem und
vegetabilischem Unrath aus den Buden der Metzger und der Gemüsehändler
zuzuführen. Durch die vorüberfahrenden Wagen und Karren wurde dieses
schmutzige Wasser nach allen Seiten hin emporgesprützt, so daß jeder
Fußgänger sich möglichst weit von dem Fahrwege zu entfernen, suchte.
Die Sanftmütigen und Schüchternen gaben die Mauer frei, der sich die
Dreisteren und Stärkeren bemächtigten; begegneten einander aber zwei
Starrköpfe, so drückten sie die Hüte ins Gesicht und stießen sich so
lange herum, bis der Schwächere in den Rinnstein taumelte. War der
Besiegte ein Poltron, so zog er mit der Drohung, es werde sich schon
eine Gelegenheit finden, ab; war er dagegen rauflustig, so endete die
Geschichte zuweilen mit einem Zweikampfe hinter Montague House.[95]

Die Häuser waren damals nicht nummerirt, was auch nur geringen Nutzen
gehabt haben würde, da die große Mehrzahl der Kutscher, Sänftenträger,
Hausknechte und Laufburschen Londons nicht lesen konnte. Man mußte sich
daher solcher Kennzeichen bedienen, die auch der Unwissendste verstand,
und zu dem Ende waren alle Läden mit gemalten Schildern versehen, welche
den Straßen ein eben so freundliches als seltsames Ansehen gaben. Der
Weg von Charing Croß nach Whitechapel führte durch eine endlose Reihe
von Mohrenköpfen, Königseichen, Blauen Bären und Goldenen Lämmern,
welche verschwanden, sobald sie dem gemeinen Volke nicht mehr als
Wegweiser dienen konnten.

Des Abends war eine Fußwanderung durch London in der That mit ernsten
Schwierigkeiten und selbst mit Gefahren verknüpft. Die Fenster wurden
geöffnet und allerhand Gefäße ohne Rücksicht auf die Vorübergehenden
ausgeschüttet. Fälle, Quetschungen und Arm- oder Beinbrüche kamen sehr
häufig vor, denn bis zum letzten Regierungsjahre Karl’s II. ließ man die
meisten Straßen des Nachts in tiefster Finsterniß. Diebe und
Straßenräuber konnten ungestraft ihr Handwerk ausüben, doch waren diese
von den friedlichen Bürgern kaum so gefürchtet, als eine andre Klasse
von Bösewichtern. Es war ein Lieblingsvergnügen der übermüthigen jungen
Herren, des Nachts durch die Stadt zu schwärmen und Fenster einzuwerfen,
Sänften umzustürzen, ruhige Leute zu prügeln und hübsche Damen durch
rohe Zudringlichkeiten zu belästigen. Seit der Restauration hatten schon
mehrere Dynastien dieser Tyrannen die Straßen beherrscht. Die „Muns“ und
die „Tityre Tus“ hatten den „Hectors“ Platz gemacht und auf die
„Hectors“ waren neuerdings die „Scourers“ gefolgt. Später kam der
„Nicker“, der „Hawcubite“ und der noch weit mehr gefürchtete
„Mohawk“.[96]

    [Anmerkung 86: Reisen des Großherzogs Cosmus.]

    [Anmerkung 87: +Chamberlayne’s State of England, 1684+; +Pennant’s
    London+; +Smith’s Life of Nollekens.+]

    [Anmerkung 88: +Evelyn’s Diary, Oct. 10. 1683, Jan. 19.
    1685--86.+]

    [Anmerkung 89: +Stat. 1. Jac. I. c. 22.+ +Evelyn’s Diary, Dec. 7.
    1684.+]

    [Anmerkung 90: Der alte General Oglethorpe, der 1785 starb,
    versicherte, das er dort zu den Zeiten der Königin Anna Vögel
    geschossen habe. Siehe +Pennant’s London+ und +Gentleman’s
    Magazine, July 1785.+]

    [Anmerkung 91: Das Pestfeld ist noch auf Plänen angegeben, welche
    zu Ende der Regierung Georg’s I. erschienen.]

    [Anmerkung 92: Man sehe einen höchst interessanten Plan von
    Coventgarden, der ums Jahr 1690 für Smith’s +History of
    Westminster+ gestochen wurde. Ferner auch Hogarth’s „Morgen“,
    welcher zu der Zeit gemalt wurde, als die Häuser der Piazza noch
    von vornehmen Leuten bewohnt waren.]

    [Anmerkung 93: +London Spy+; +Tom Brown’s Comical View of London
    and Westminster+; +Turner’s Propositions for the employing of the
    Poor, 1678+; +Daily Courant and Daily Journal+ vom 7. Juni 1733;
    +Case of Michael v. Allestree, 1676, 2 Levinz p. 172.+ Michael war
    von zwei Pferden, welche Allestree auf Lincoln’s Inn Fields
    einfuhr, niedergeworfen worden. Die Anklage lautete dahin, daß der
    Angeklagte +„porta deux chivals ungovernable en un coach, et
    improvide, incaute, et absque debita consideratione ineptitudinis
    loci la eux drive pour eux faire tractable et apt pur un coach,
    quels chivals, pur ceo que, per leur ferocite, ne poient estre
    rule, curre sur le plaintiff et le noie.“+]

    [Anmerkung 94: +Stat. 12. Geo. I. c. 25+; +Commons’ Journals,
    Febr. 25, March 2. 1725--26+; +London Gardener, 1712+; +Evening
    Post, March 23. 1731.+ Ich habe diese Nummer der „Evening Post“
    nicht erlangen können und führe sie daher nur auf Verantwortung
    Malcolm’s an, der sie in seiner +History of London+ erwähnt.]

    [Anmerkung 95: +Lettres sur les Anglois+, geschrieben während der
    ersten Regierungsjahre Wilhelm’s III.; +Swift’s City Shower+;
    +Gay’s Trivia+. Johnson pflegte oft ein interessantes Gespräch zu
    erzählen, das er in Bezug auf das Geben und Nehmen der Mauerseite
    mit seiner Mutter gehabt.]

    [Anmerkung 96: +Oldham’s Imitation of the 3d Satire of Juvenal+,
    1682; +Shadwell’s Scourers+, 1690. Wer die Volksliteratur dieser
    und der nächstfolgenden Generation kennt, dem werden leicht noch
    andere Autoritäten beifallen. Man kann annehmen, daß es einige
    Tityre Tus waren, die kurz nach der Restauration als ächte
    Kavaliere Milton die Fenster einwarfen. Ich bin überzeugt, daß
    der Dichter diese Quälgeister von London im Sinne hatte, als er
    die schönen Strophen niederschrieb:

      Und wenn in prächt’gen Städten das Geräusch
      Des frechen Übermuths emporsteigt zu
      Den höchsten Thürmen, wenn des Abends Schatten
      Sich auf die Straßen senken, dann tobt Belial’s Gezücht
      Vom Weine trunken lärmend hin und her.]


[_Die Londoner Polizei._] Die Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ruhe
waren höchst mangelhaft. Zwar gab es eine Verordnung des Gemeinderaths,
nach welcher mehr als tausend Nachtwächter fortwährend von
Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang auf den Beinen sein und daß jeder
Einwohner der Reihe nach diesen Dienst versehen sollte, allein diese
Verordnung wurde nur sehr lässig durchgeführt. Wenige von Denen, welche
aufgefordert waren, verließen das Haus und diese Wenigen fanden es meist
angenehmer, in den Bierhäusern zuzubringen als durch die Straßen zu
wandern.[97]

    [Anmerkung 97: +Seymour’s London.+]


[_Beleuchtung von London._] Es muß bemerkt werden, daß im letzten Jahre
der Regierung Karl’s II. in dem Polizeiwesen der Hauptstadt eine
wichtige Veränderung eintrat, welche zum Wohle der Gesammtbevölkerung
vielleicht eben so viel beigetragen hat, als manche andre viel
berühmtere Umwälzung. Ein spekulativer Kopf, Namens Eduard Heming,
erhielt ein Patent, durch welches ihm auf eine bestimmte Anzahl Jahre
die Beleuchtung London’s ausschließlich überlassen wurde. Gegen eine
mäßige Vergütung verpflichtete er sich in mondlosen Nächten von
Michaelis bis zum Tage Maria Verkündigung, Abends von sechs bis zwölf
Uhr an jeder zehnten Hausthür ein Licht anzubringen. Wer jetzt die
Hauptstadt das ganze Jahr hindurch von der Abend- bis zur
Morgendämmerung in einem Lichtmeere strahlen sieht, gegen welches die
festlichen Illuminationen wegen der Siege von La Hogue und Blenheim matt
erschienen sein würden, der wird vielleicht bei dem Gedanken an Heming’s
Laternen lächeln, die ungefähr den dritten Theil des Jahres während
einiger Stunden der Nacht vor jedem zehnten Hause einen schwachen
Lichtschein verbreiteten. Heming’s Zeitgenossen waren andrer Meinung;
sein Plan fand enthusiastischen Beifall, erfuhr aber auf der andren
Seite auch die heftigsten Angriffe. Die Freunde des Fortschritts priesen
ihn als den größten Wohlthäter seiner Vaterstadt. Was waren, fragten
sie, die vielgerühmten Erfindungen des Archimedes im Vergleich zu der
Verbesserung dieses Mannes, der die Schatten der Nacht in helles
Tageslicht verwandelt! Aber trotz dieser beredten Lobeserhebungen hatte
auch die Sache der Finsterniß ihre Vertheidiger. Es gab zu jener Zeit
Schwachköpfe, die sich der Einführung dieses sogenannten „neuen Lichtes“
eben so hartnäckig widersetzten, wie sich die Thoren unsrer Zeit der
Einführung der Kuhpockenimpfung und der Eisenbahnen und die Thoren der
grauen Vorzeit ohne Zweifel der Einführung des Pfluges und der
Buchstabenschrift widersetzt haben. Noch viele Jahre nach Ertheilung des
Patents an Heming gab es ganze Stadttheile, in denen keine Lampe zu
sehen war.[98]

    [Anmerkung 98: +Angliae Metropolis, 1690, Sect. 17+, unter der
    Überschrift: +„On the new lights“+. -- +Seymour’s London+.]


[_Whitefriars._] Man kann daraus leicht schließen, in welchem Zustande
sich damals diejenigen Stadttheile London’s befunden haben mögen, die
von dem Auswurfe der Gesellschaft bewohnt waren. Einer von diesen
Stadttheilen war ganz besonders berüchtigt. An den Grenzen der City und
des Temple war im dreizehnten Jahrhunderte ein Kloster für Karmeliter,
die sich durch ihre weißen Kaputzen unterschieden, erbaut worden. Die
Räume dieses Klosters waren vor der Reformation eine Zufluchtsstätte für
Verbrecher gewesen und es besaß noch immer das Privilegium, verfolgte
Schuldner vor der Verhaftung zu schützen. Das ganze Kloster war daher
beständig, vom Keller bis zum Dachboden, mit solchen Leuten angefüllt,
von denen ein großer Theil Schurken und Wüstlinge waren, die gewöhnlich
noch verworfenere Weibspersonen mit in dieses Asyl brachten. Die
bürgerliche Gewalt war nicht im Stande, in einem Stadtbezirke, der von
solchen Bewohnern wimmelte, Ordnung zu halten, und so wurde Whitefriars
der Lieblingsaufenthalt aller Derjenigen, die sich von dem lästigen
Zwange des Gesetzes befreien wollten. Obgleich sich die dem Kloster
gesetzlich zustehenden Vorrechte nur auf Schuldverhältnisse erstreckten,
so fanden doch auch Betrüger, falsche Zeugen, Fälscher und Räuber
daselbst bereitwillige Aufnahme. Unter einem so verzweifelten Gesindel
war ein öffentlicher Beamter seines Lebens nicht sicher. Auf den Ruf „zu
Hülfe!“ stürmten Raufbolde mit Schwertern und Knitteln und kampflustige
Weiber mit Bratspießen und Besenstielen zu Hunderten herbei, und der
unberufene Eindringling konnte noch von Glück sagen, wenn er ohne
Kleider und am ganzen Körper zerschlagen die Straße wieder erreichte.
Selbst ein Verhaftbefehl von Seiten des Oberrichters von England konnte
nicht ohne den Beistand einer Compagnie Soldaten vollzogen werden.
Solche Überreste von dem Barbarismus des rohesten Zeitalters fanden sich
in geringer Entfernung von den Zimmern, in denen Somers Geschichte und
Rechtswissenschaft studirte, von der Kirche, in welcher Tillotson
predigte, von dem Kaffeehause, wo Dryden über Poesie und Theater sein
Urtheil abgab, und von dem Saale, in welchem die Königliche Societät das
Sternensystem Isaak Newton’s prüfte.[99]

    [Anmerkung 99: +Stowe’s Survey of London+; +Shadwell’s squire of
    Alsatia+; +Ward’s London Spy+; +Stat. 8. and 9 Gul. III. cap.
    27.+]


[_Der Hof._] Jede der beiden Städte, welche zusammen die Hauptstadt
England’s bildeten, hatte ihren besonderen Mittelpunkt, der seine
Anziehungskraft ausübte. In der Hauptstadt des Handels war dieser
Centralpunkt die Börse, in der Hauptstadt der vornehmen Welt der
königliche Palast. Letzterer behauptete jedoch seinen Einfluß nicht so
lange als die Börse. Die Revolution führte eine vollständige Veränderung
des Verhältnisses zwischen dem Hofe und den höheren Klassen der
Gesellschaft herbei. Man kam nach und nach dahinter, daß der König für
seine Person sehr wenig zu vergeben hatte, daß Adelsdiplome und Orden,
Bisthümer und Gesandtschaften, Schatz- und Zahlmeisterposten in der
Schatzkammer, ja selbst Stallmeister- und Kammerherrnstellen eigentlich
nicht von ihm, sondern von seinen Räthen vergeben wurden. Jeder
Ehrgeizige und Habsüchtige sah ein, daß er weit besser für seinen
Vortheil sorge, wenn er die Herrschaft in einem Flecken von Cornwall
erlangte und dem Ministerium in einer kritischen Parlamentssession gute
Dienste leistete, als wenn er der Gesellschaft und selbst der Günstling
seines Fürsten wurde. Die Menge der Stellenjäger war daher alltäglich
nicht in den Vorzimmern Georg’s I. und Georg’s II., sondern in denen
Walpole’s und Pelham’s zu finden. Auch muß bemerkt werden, daß die
nämliche Revolution, die es unseren Königen unmöglich machte, das ihnen
zustehende Patronatsrecht im Staate lediglich zur Befriedigung ihrer
persönlichen Neigungen auszuüben, uns mehrere Könige gab, die in Folge
ihrer Erziehung und ihrer Gewohnheiten unfähig waren, freundliche und
angenehme Wirthe zu sein. Sie waren auf dem Continent geboren und
erzogen und fühlten sich nie recht heimisch auf unsrer Insel. Wenn sie
unsre Sprache überhaupt sprachen, so sprachen sie sie doch ohne Eleganz
und nur mit Anstrengung, verstanden unsren Nationalcharacter nie
vollkommen und versuchten es kaum, sich unsere Nationalsitten
anzueignen. Zwar erfüllten sie den wichtigsten Theil ihrer Pflicht
besser als irgend einer ihrer Vorgänger, denn sie regierten streng den
Gesetzen gemäß, aber nie konnten sie die ersten _Gentlemen_ des Reichs,
die Oberhäupter der gebildeten Gesellschaft werden. Wenn sie einmal den
Zwang der Etikette abwarfen, so geschah es nur in einem sehr kleinen
Kreise, in welchem kaum ein englisches Gesicht zu erblicken war und sie
fühlten sich nie glücklicher, als wenn sie auf einen Sommer in ihr
Geburtsland entfliehen konnten. Sie empfingen zwar an bestimmten Tagen
unsren Adel und unsre Gentry, aber dieser Empfang war eine bloße
Formalität und wurde zuletzt so feierlich wie ein Leichenbegängniß.

Anders war es am Hofe Karl’s II. Whitehall war während seines
Aufenthalts daselbst der Brennpunkt der politischen Intriguen und der
vornehmen Vergnügungen. Die Hälfte aller Ränke und Umtriebe der ganzen
Hauptstadt wurde unter seinem Dache gesponnen. Wer es verstand, sich die
Gunst des Fürsten oder seiner Maitresse zu erwerben, der durfte hoffen,
sich emporzuschwingen, ohne der Regierung Dienste geleistet zu haben,
ja ohne einem Minister nur von Ansehen bekannt zu sein. Dieser erlangte
eine Fregatte, Jener eine Compagnie, ein Dritter die Begnadigung eines
reichen Verbrechers, ein Vierter die Pachtung von Kronländereien unter
billigen Bedingungen. Sprach der König den Wunsch aus, daß ein
unbeschäftigter Advokat zum Richter, oder ein ausschweifender Baronet
zum Peer ernannt werden mochte, so fügten sich auch die ernstesten Räthe
der Krone nach schüchterner Einsprache.[100] Das Interesse führte daher
beständig eine Menge Bittsteller an die Thore des Palastes und diese
waren stets geöffnet. Der König hielt jeden Tag vom Morgen bis zum Abend
offenes Haus für die gute Gesellschaft von London, mit alleiniger
Ausnahme der heftigsten Whigs. Einem Gentlemen wurde es fast niemals
schwer, zu der Person des Königs zu gelangen. Das Lever war ein solches
im wahren Sinne des Worts, denn jeden Morgen fanden sich einige
hochstehende Männer ein, um ihrem Gebieter Gesellschaft zu leisten und
ihn zu unterhalten, während er sich ankleiden ließ, und ihn dann auf
seinem Morgenspaziergange durch den Park zu begleiten. Jeder der bei
Hofe gehörig vorgestellt war, konnte ohne besondere Einladung in den
Palast kommen, um den König speisen, tanzen oder spielen zu sehen, und
konnte das Vergnügen haben, ihm höchst interessante und unterhaltende
Geschichten von seiner Flucht aus Worcester und von den Leiden, die er
als Staatsgefangener in den Händen der frömmelnden und anmaßenden
Priester Schottland’s hatte ertragen müssen, erzählen zu hören.
Anwesende, die Seine Majestät erkannte, wurden oft mit einem
freundlichen Worte beglückt. Dieses Verfahren erwies sich als weit
nutzbringender für den König als das seines Vaters oder seines
Großvaters. Auch der starrste Republikaner aus Marvel’s Schule konnte
dem Zauber einer solchen Freundlichkeit und Herablassung nicht leicht
widerstehen, und mancher alte Veteran, in dessen Herzen der Gedanke an
unvergoltene Opfer und Dienste zwanzig Jahre lang bitteren Groll gehäuft
hatte, fühlte sich für Wunden und Vermögensconfiscation durch den
freundlichen Blick seines Souverains und durch ein „Gott grüß’ Euch,
alter Freund!“ in einem Augenblicke entschädigt.

So wurde Whitehall ganz natürlich die Hauptquelle aller Neuigkeiten.
Wenn sich das Gerücht verbreitete, daß irgend etwas Wichtiges geschehen
sei oder geschehen werde, so strömte alsbald das Volk dahin, um aus der
ersten Hand Nachricht zu erhalten. Die Corridors hatten dann das
Aussehen eines modernen Clubzimmers in bewegter Zeit. Sie waren
angefüllt mit Leuten, die sich erkundigten, ob die holländische Post
eingetroffen sei, welche Nachrichten der Expresse aus Frankreich
gebracht, ob Johann Sobiesky die Türken geschlagen habe oder ob der Doge
von Genua wirklich in Paris sei. Dies waren Dinge, von denen man
ungescheut sprechen durfte, allein es gab auch andere, über die man nur
leise Erkundigungen einzog und Auskunft gab. War Rochester durch Halifax
verdrängt? Sollte das Parlament einberufen werden? Ging der Herzog von
York wirklich nach Schottland? War Monmouth wirklich aus dem Haag
zurückberufen wurden? Man versuchte es in den Mienen des Ministers zu
lesen, der sich eben durch das Gewühl drängte, um in das königliche
Kabinet zu gehen, oder aus demselben zurückkehrte. Aus dem Tone, in
welchem Seine Majestät mit dem Lord Präsidenten gesprochen, oder
aus dem Lächeln, mit dem Seine Majestät einen Scherz des Lord
Geheimsiegelbewahrers beehrt hatte, wurden allerhand Schlüsse gezogen,
und binnen wenigen Stunden hatten sich die aus solchen geringfügigen
Anzeichen geschöpften Hoffnungen oder Befürchtungen durch alle
Kaffeehäuser vom St. Jamespalast bis zum Tower verbreitet.[101]

    [Anmerkung 100: Siehe Sir Roger North’s +Account of the way in
    which Wright was made a judge+, und Clarendon’s +Account of the
    way in which Sir George Savile was made a peer.+]

    [Anmerkung 101: Die Quellen, denen ich meine Mittheilungen über
    den Hof entlehnt habe, sind zu zahlreich, als daß ich sie alle
    hier anführen könnte. Unter anderen sind es die Depeschen von
    Barillon, Citters, Ronquillo und Adda, die Reisen des Großherzogs
    Cosmus, die Tagebücher von Pepys, Evelyn und Teonge und die
    Memoiren von Grammont und Reresby.]


[_Die Kaffeehäuser._] Das Kaffeehaus darf nicht bloß oberflächlich
berührt werden, denn es hätte damals nicht mit Unrecht eine höchst
wichtige politische Institution genannt werden können. Seit Jahren war
kein Parlament versammelt gewesen; der Gemeinderath der City war nicht
mehr der Repräsentant der Gesinnung der Bürger; Volksversammlungen,
Reden, Beschlüsse und das ganze übrige neuere Getriebe der Agitation war
noch nicht angekommen, es gab noch kein Zeitungswesen, das dem unsrigen
ähnelte. Unter solchen Umständen waren die Kaffeehäuser die Hauptorgane,
durch welche sich die öffentliche Meinung der Hauptstadt äußerte.

Das erste derartige Etablissement war zur Zeit der Republik von einem
mit der Türkei Handel treibenden Kaufmanne errichtet worden, der bei den
Muhamedanern Geschmack an ihrem Lieblingsgetränk gefunden hatte. Die
Annehmlichkeit, in allen Theilen der Stadt Zusammenkunftsorte zu haben
und die Abende sehr wohlfeil in Gesellschaft zubringen zu können, war so
groß, daß sich die Mode rasch verbreitete. Jeder Mann aus den höheren
und mittleren Ständen ging täglich in sein Kaffeehaus, um Neuigkeiten zu
erfahren und darüber zu sprechen, und jedes Kaffeehaus hatte einen oder
mehrere Wortführer, deren Reden der große Haufe mit Bewunderung anhörte
und welche bald das wurden, als was man auch die Journalisten unsrer
Zeit bezeichnet hat: ein vierter Stand des Reichs. Der Hof hatte das
Erstehen dieser neuen Macht im Staate schon längst mit mißliebigem Auge
betrachtet und es war auch unter Danby’s Verwaltung ein Versuch gemacht
worden, die Kaffeehäuser zu schließen; aber Männer aller Parteien
vermißten ihre gewohnten Versammlungsorte so schmerzlich, daß ein
allgemeines Wehgeschrei ertönte. Die Regierung wagte es daher nicht,
so allgemein und entschieden ausgesprochenen Wünschen entgegen eine
Verordnung durchzuführen, deren Gesetzmäßigkeit wohl in Zweifel gezogen
werden konnte. Seitdem waren zehn Jahre vergangen und während dieses
Zeitraums hatte sich die Zahl und der Einfluß der Kaffeehäuser beständig
vermehrt. Fremde machten die Bemerkung, daß das Kaffeehaus das sei,
wodurch sich London wesentlich von allen anderen Städten unterscheide,
daß es die eigentliche Heimath des Londoners sei und daß Derjenige, der
einen Gentleman aufsuchen wolle, nicht danach zu fragen pflege, ob er in
Fleet Street oder in Chancery Lane wohne, sondern ob er den „Griechen“
oder den „Regenbogen“ besuche. Niemand war von diesen Lokalen
ausgeschlossen, der seinen Penny bezahlte. Indessen hatte jeder Rang und
Stand und jede religiöse und politische Farbe ihr besondres
Hauptquartier. In der Nähe von St. James Park waren Kaffeehäuser, in
denen sich Stutzer versammelten, deren Kopf und Schultern mit schwarzen
oder weißen Perrücken von nicht geringerem Umfange bedeckt waren, wie
sie jetzt der Kanzler und der Sprecher des Hauses der Gemeinen tragen.
Die Perrücke stammte aus Paris, eben so auch der übrige Staat des feinen
Herrn: der gestickte Frack, die mit Fransen besetzten Handschuhe und die
Troddelschnur, die das Beinkleid über den Hüften festhielt. Dort wurde
in dem Dialecte gesprochen, der noch lange, nachdem er in den vornehmen
Kreisen aus der Mode gekommen war, im Munde Lord Foppington’s die
Lachlust des Theaterpublikums reizte.[102] Die Atmosphäre hatte
Ähnlichkeit mit der eines Parfümerieladens und der Tabak war in jeder
andren Form als in der eines lieblich duftenden Schnupftabaks streng
verpönt. Fiel es einem mit den Sitten bei Hauses noch Unbekannten etwa
ein, eine Pfeife zu verlangen, so belehrten ihn das höhnische Lächeln
der Anwesenden und die kurzen Antworten der Kellner sehr bald, daß er
besser thun würde, anderswohin zugehen. Er hatte auch nicht weit zu
gehen, denn in den meisten Kaffeehäusern wurde geraucht wie in einer
Wachstube und Fremde wunderten sich zuweilen darüber, daß so viele Leute
ihre Wohnung verließen, um beständig in einem solchen Nebel und Gestank
zu sitzen. Am stärksten wurde in Will’s Kaffeehause geraucht. Dieses
berühmte Haus, das zwischen Coventgarden und Bow Street lag, war den
schönen Wissenschaften geweiht. Die Hauptgegenstände der Unterhaltung
waren dort die poetische Gerechtigkeit und die Einheit von Raum und
Zeit; es gab eine Faction für Perrault und die Neueren, eine andere für
Boileau und die Alten. Die eine Gruppe diskutirte darüber, ob das
„Verlorene Paradies“ nicht hätte in Reimen geschrieben werden sollen,
einer andern bewies ein mißgünstiges Poetlein, daß das „Gerettete
Venedig“ im Theater hätte ausgezischt werden sollen. Nirgends konnte man
unter einem Dache eine größere Mannichfaltigkeit von Gestalten sehen:
Earls mit Sternen und Ordensbändern, Geistliche in ihren Priesterröcken,
naseweise Templer, schüchterne Knaben von den Universitäten, Übersetzer
und Indexmacher in zerrissenen Flausröcken. Das ärgste Gedränge war
immer in der Nähe des Platzes, auf dem John Dryden saß. Im Winter war
dieser Platz im wärmsten Winkel unweit des Kamins, im Sommer auf dem
Balcon. Ihn zu begrüßen und seine Meinung über Racine’s neuestes
Trauerspiel oder über Bossu’s Werk über die epische Dichtkunst zu hören,
galt für ein Glück. Eine Prise aus seiner Dose war eine Ehre, die einem
jungen Enthusiasten den Kopf verrücken konnte. Es gab ferner
Kaffeehäuser, in denen man die angesehensten Ärzte consultiren konnte.
Der Doctor John Radcliffe, der im Jahre 1685 von allen Londoner Ärzten
die ausgedehnteste Praxis besaß, kam täglich um die Zeit, wo es an der
Börse am lebhaftesten war, aus seiner Wohnung in Bow Street, damals
einem eleganten Stadttheile von London, in Garraway’s Kaffeehaus, wo man
ihn regelmäßig, von Wundärzten und Apothekern umgeben, an einem
besonderen Tische fand. Auch gab es puritanische Kaffeehäuser, in denen
man keinen Schwur hörte, und wo glattköpfige Männer in näselndem Tone
von Gnadenwohl und Verdammniß sprachen; ferner jüdische Kaffeehäuser, wo
sich schwarzäugige Geldwechsler aus Venedig und Amsterdam versammelten,
und endlich papistische, in denen, wie die guten Protestanten glaubten,
Jesuiten bei der Kaffeetasse über den Plan zu einem neuen großen Brande
brüteten und silberne Kugeln gossen, um damit den König zu
erschießen.[103]

Diese geselligen Gewohnheiten bildeten einen characteristischen Zug des
Londoners der damaligen Zeit. Er war in der That ein von dem englischen
Provinzbewohner ganz verschiedenes Wesen, und es bestand damals zwischen
diesen beiden Klassen noch nicht der Verkehr, wie gegenwärtig. Nur sehr
vornehme und reiche Leute pflegten ihren Aufenthalt zwischen Stadt und
Land zu theilen. Wenige Landedelleute kamen in ihrem Leben dreimal nach
London, und ebensowenig war es damals Mode, daß die wohlhabenderen
Bewohner der Hauptstadt im Sommer einige Wochen lang die frische
Landluft einathmeten. Das Londoner Stadtkind wurde auf dem Dorfe
angestaunt, als ob es sich in ein Hottentotten-Kraal verlaufen hätte.
Wenn auf der andren Seite ein Gutsbesitzer aus Lincolnshire oder
Shropshire in Fleet Street erschien, so wurde er von den Stadtbewohnern
eben so leicht unterschieden, wie ein Türke oder ein Lascar. Seine
Kleidung, sein Gang, seine Sprache, die Art und Weise, wie er die Läden
anstaunte, in die Rinnsteine stolperte, gegen die Lastträger anrannte
und unter den Dachtraufen stehen blieb, machte ihn zu einem willkommenen
Schlachtopfer für Gauner und zu einer trefflichen Zielscheibe für
muthwillige Spaßvögel. Raufbolde stießen ihn absichtlich in die Gosse,
Miethkutscher bespritzten ihn vom Kopf bis zu den Füßen, und wenn er mit
bewunderndem Entzücken den Lord Mayor mit seinem glänzenden Gefolge
vorüberziehen sah, untersuchten gewandte Diebe mit alter Bequemlichkeit
die weiten Taschen seines Reitrockes. Verschmitzte Gauner, noch wund von
der Peitsche des Zuchtmeisters, knüpften ein Gespräch mit ihm an und
dünkten ihm die liebenswürdigsten und rechtschaffensten Männer, die er
jemals kennen gelernt. Geschminkte Dirnen, der Auswurf von Lewkner Lane
und Whetstone Park, gab sich ihm gegenüber für Gräfinnen und
Hoffräuleins aus. Wenn er sich nach dem Wege nach St. James erkundigte,
schickte man ihn nach Mile End. Trat er in einen Laden, so erkannte man
in ihm sogleich einen Käufer für solche Waaren, die kein Mensch sonst
haben mochte, und man hing ihm verlegene Stickereien, kupferne Ringe und
Uhren auf, die nicht gehen wollten. Ließ er sich in einem eleganten
Kaffeehause blicken, so wurde er alsbald die Zielscheibe des
rücksichtslosen Spottes der Stutzer und ernsterer Neckereien von Seiten
der Studenten. Voll Ärger und Verdruß kehrte er sehr bald auf sein
Landgut zurück und fand in der Ehrerbietung seiner Pächter und in der
Unterhaltung mit seinen heiteren Genossen Trost für die erlittenen
Demüthigungen und Kränkungen. Hier fühlte er sich wieder als Mann von
Gewicht und erblickte Niemanden über sich, ausgenommen, wenn er bei den
Assisen seinen Platz neben dem Richter einnahm oder wenn er bei der
Musterung der Miliz den Lordlieutenant begrüßte.

    [Anmerkung 102: Die Haupteigenthümlichkeit dieses Dialectes
    bestand darin, daß in einer Menge von Wörtern das +o+ wie +a+
    ausgeprochen wurde. So wurde z.B. +stork+ (Storch) +stark+
    ausgesprochen. Siehe +Vanbrugh’s Relapse.+ Lord Sunderland war ein
    großer Meister in dieser Hofsprache, wie Roger North sie nennt,
    und Titus Oates affectirte dieselbe, in der Hoffnung, für einen
    eleganten Gentleman gehalten zu werden. +Examen, 77, 254.+]

    [Anmerkung 103: +Letters sur les Anglois+; +Tom Brown’s Tour+;
    +Ward’s London Spy+; +The Character of a Coffee-House, 1673+;
    +Rules and Orders of the Coffee-House, 1674+; +Coffee-Houses
    vindicated, 1675+; +A Satyr against Coffee+; +North’s Examen,
    138+; +Life of Guildford, 152+; +Life of Sir Dudley North, 149+;
    +Life of Dr. Radcliffe, published by Curll, 1715.+ Die
    unterhaltendste Beschreibung von Will’s Kaffeehause befindet sich
    in +The City and County Mouse+. Eine interessante Stelle über den
    Einfluß der Kaffeehausredner kommt auch in +Halstead’s Succinct
    Genealogies, 1685+, vor.]


[_Schwierigkeiten des Reisens._] Ein Haupthinderniß für die
Verschmelzung der verschiedenen Elemente der Gesellschaft war die große
Schwierigkeit, die es unseren Vorfahren machte, wenn sie sich an einen
andren Ort begeben wollten. Mit alleiniger Ausnahme des Alphabets und
der Buchdruckerkunst haben diejenigen Erfindungen, welche die Entfernung
abkürzten, zur Civilisation unsres Geschlechts am meisten beigetragen.
Jede Vervollkommnung der Communicationsmittel bringt der Menschheit
sowohl in materieller, als auch in moralischer und intellectueller
Hinsicht Nutzen und erleichtert nicht nur den Austausch der
verschiedenen Natur- und Kunstproducte, sondern trägt auch zur
Beseitigung nationaler und provinzieller Vorurtheile und zur engeren
Verbindung aller Zweige der großen menschlichen Familie bei. Im
siebzehnten Jahrhundert waren die Bewohner von London zu fast jedem
praktischen Zwecke von Reading weiter entfernt, als heutzutage von
Edinburg, und von Edinburg weiter als jetzt von Wien.

Den Unterthanen Karl’s II. war übrigens die Kraft, die in unseren Tagen
eine beispiellose Umwälzung in allen menschlichen Dingen hervorgebracht,
welche Flotten in den Stand gesetzt hat gegen Wind und Fluth zu steuern,
und Bataillone, mit Gepäck und Geschützen ganze Reiche mit der
Geschwindigkeit des besten Renners zu durcheilen, nicht mehr ganz
unbekannt. Der Marquis von Worcester hatte unlängst die Expansivkraft
des durch Hitze verdünnten Wassers erkannt, und nach vielen Versuchen
war es ihm gelungen, eine rohe Dampfmaschine zu construiren, die er
Feuerwasserwerk nannte und als eine bewunderungswürdige
Fortbewegungsmaschine von außerordentlicher Kraft bezeichnete.[104] Aber
man hielt den Marquis für wahnsinnig und überdies war er als Papist
bekannt. Seine Erfindungen fanden daher keine günstige Aufnahme; sein
Feuerwasserwerk gab vielleicht Stoff zu einem Vortrage in der
Königlichen Societät, aber zu einem praktischen Zwecke wurde es nicht
angewendet. Schienenwege gab es damals noch nicht, einige hölzerne
ausgenommen, von den Kohlengruben in Northumberland bis an die Ufer des
Tyne.[105] Die inneren Wasserverbindungen waren ebenfalls noch sehr
spärlich; zwar hatte man einige Versuche gemacht, die Flüsse zu
vertiefen und zu dämmen, aber mit sehr geringem Erfolge. Kaum ein
einziger schiffbarer Kanal war nur projectirt. Die damaligen Engländer
sprachen mit einer neidischen Bewunderung von dem großen Kanale, durch
welchen Ludwig XIV. den Atlantischen Ocean mit dem Mittelländischen
Meere verbunden hatte. Sie ahneten nicht, daß ihr ganzes Land einige
Generationen später auf Kosten von Privatunternehmern von künstlichen
Strömen durchschnitten sein würde, welche viermal so lang sind als die
Themse, der Severn und der Trent zusammengenommen.

    [Anmerkung 104: +Century of Inventions, 1663, No. 68.+]

    [Anmerkung 105: +North’s Life of Guildford, 136.+]


[_Schlechter Zustand der Landstraßen._] Die Reisenden und Waaren wurden
meist auf den Landstraßen von Ort zu Ort geschafft und diese befanden
sich in einem viel schlechteren Zustande, als man es bei dem Grade von
Reichthum und Civilisation, den die Nation schon damals erreicht, hätte
erwarten sollen. Die besten Verbindungswege hatten tiefe Geleise, steile
Abhänge und waren im Dunkeln kaum von den zu beiden Seiten befindlichen
Haiden und Sümpfen zu unterscheiden. Der Alterthumsforscher Ralph
Thoresby war in Gefahr, sich auf der großen Nordstraße zwischen Barnby
Moor und Tuxford zu verirren und verirrte sich wirklich zwischen
Doncaster und York.[106] Pepys und seine Gattin, welche mit eigner
Equipage reisten, verirrten sich zwischen Newbury und Reading; auf der
nämlichen Reise verirrten sie sich noch einmal in der Nähe von
Salisbury, wo sie die Nacht fast hätten auf freiem Felde zubringen
müssen.[107] Nur bei gutem Wetter konnte die Straße in ihrer ganzen
Breite von Räderfuhrwerk benutzt werden. Oft lag tiefer Koth zu beiden
Seiten und nur ein schmaler Streifen festen Bodens zog sich zwischen dem
Moraste hin.[108] Zu solchen Zeiten gab es häufigen Aufenthalt und
Streit, denn die Straße war zuweilen lange von Fuhrleuten versperrt, die
einander nicht ausweichen wollten. Es kam fast täglich vor, daß Kutschen
stecken blieben, bis ein Ochsenvorspann aus dem nächsten Dorfe
herbeigeschafft werden konnte, um sie aus dem Schlamme zu ziehen. In der
schlechten Jahreszeit aber hatte der Reisende mit noch viel größeren
Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Thoresby, der oft von Leeds nach der
Hauptstadt und zurück reisen mußte, hat in seinem Tagebuche eine Reihe
von Gefahren und Unfällen aufgezeichnet, die für eine Reise nach dem
Eismeere oder durch die Wüste Sahara vollkommen genug sein würden.
Einmal erfuhr er, daß zwischen Ware und London die Flüsse ausgetreten
waren, daß Reisende sich nur durch Schwimmen gerettet hatten und daß ein
Hausirer, der dies, auch hatte versuchen wollen, ums Leben gekommen war.
In Folge dieser Nachrichten lenkte er von der Heerstraße ab und ritt
über einige Wiesen, wo ihm das Wasser bis an den Sattel ging.[109] Auf
einer andren Reise entging er mit knapper Noth der Gefahr, von einer
Überschwemmung des Trent hinweggespült zu werden. Später einmal mußte er
des schlechten Zustandes der Straße wegen vier Tage in Stamford liegen
bleiben und wagte dann die Weiterreise nur in Gesellschaft von vierzehn
Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, welche mit Führern und einem
zahlreichen Gefolge nach London zum Parlament reisten.[110] Auf den
Straßen von Derbyshire waren die Reisenden in steter Gefahr, den Hals zu
brechen und mußten oft absteigen und ihre Pferde führen.[111] Die
Hauptstraße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß
im Jahre 1685 ein Vicekönig, der sich nach Irland begab, fünf Stunden
brauchte, um den vierzehn Meilen langen Weg von St. Asaph nach Conway
zurückzulegen. Zwischen Conway und Beaumaris mußte er eine große Strecke
zu Fuß gehen und seine Gemahlin in einer Sänfte tragen lassen. Sein
Wagen konnte ihm nur mit Beihülfe vieler Hände in unverändertem Zustande
nachgeschickt werden. In der Regel wurden die Wagen in Conway
auseinandergenommen und von kräftigen waleser Landleuten bis ans Ufer
der Menaistraße getragen.[112] In einigen Theilen von Kent und Sussex
konnten im Winter nur die stärksten Pferde durch den Schlamm kommen,
in den sie bei jedem Schritte versanken. Die Märkte mußten deshalb oft
mehrere Monate ausgesetzt werden. Es wird erzählt, daß die Feldfrüchte
zuweilen an einem Orte unbenutzt verfaulten, während an einem wenige
Meilen davon entfernten Orte der Vorrath bei weitem nicht dem Bedarf
entsprach. Die Räderfuhrwerke wurden in dieser Gegend meist von Ochsen
gezogen.[113] Als der Prinz Georg von Dänemark bei nassem Wetter das
prächtige Schloß Petworth besuchte, brauchte er sechs Stunden zu neun
Meilen Wegs und mehrere kräftige Männer mußten zu beiden Seiten des
Wagens gehen, um denselben zu stützen. Von den Wagen seines Gefolges
wurden mehrere umgeworfen und beschädigt. Es existirt noch ein Brief von
einem seiner Kammerdiener, worin der gute Mann sich beklagt, daß er in
vierzehn Stunden nicht ein einziges Mal ausgestiegen sei, außer wenn
sein Wagen umwarf oder im Kothe stecken blieb.[114]

Eine Hauptursache der schlechten Beschaffenheit der Heerstraßen scheint
die Mangelhaftigkeit der Gesetze gewesen zu sein. Jedes Kirchspiel war
verpflichtet, die durch sein Gebiet führende Chaussee in Stand zu
halten. Zu dem Ende mußte jeder Landmann sechs Tage im Jahre
unentgeltlich daran arbeiten, und genügte dies nicht, so wurden Arbeiter
gemiethet und die Kosten durch freiwillige Beiträge aufgebracht. Daß
eine Heerstraße, welche zwei große Städte verbindet, die einen lebhaften
und einträglichen Handel mit einander treiben, auf Kosten der zwischen
ihnen zerstreuten ländlichen Bevölkerung unterhalten werden soll, ist
offenbar unbillig, und diese Unbilligkeit war namentlich bei der großen
Nordstraße in die Augen fallend, indem dieselbe durch sehr arme und dünn
bevölkerte Districte führte, aber sehr wohlhabende und volkreiche mit
einander verband. Es liegt wohl klar am Tage, daß man den Gemeinden von
Huntingdonshire nicht zumuthen konnte, eine Straße in Stand zu halten,
welche durch den lebhaften Handelsverkehr zwischen dem Westen von
Yorkshire und London arg zugerichtet wurde. Bald nach der Restauration
erregte dieser Übelstand die Aufmerksamkeit des Parlaments und es wurde
eine Verordnung, das erste unserer zahlreichen Chausseegesetze,
erlassen, durch welche den Reisenden und Gütern eine kleine Abgabe als
Beitrag zu den Unterhaltungskosten dieser wichtigen Verbindungslinie
auferlegt ward.[115] Diese Neuerung erregte jedoch heftiges Murren und
die übrigen großen Zugänge nach der Hauptstadt blieben daher noch lange
unter dem alten Systeme, bis endlich, nicht ohne große Schwierigkeiten,
eine Veränderung vorgenommen wurde. Ungerechte und zwecklose Steuern,
an die das Volk einmal gewöhnt ist, zahlt es oft williger als eine neue,
wenn auch noch so vernünftige Abgabe. Erst nachdem viele Schlagbäume
gewaltsam zerstört, in vielen Bezirken die bewaffnete Macht gegen das
Volk eingeschritten und viel Blut vergossen worden war, gewann das
zweckmäßige System festen Boden.[116] Der Verstand siegte nach und nach
über das Vorurtheil und gegenwärtig ist unsre Insel mit einem Netze von
dreißigtausend Meilen vortrefflicher Chausseen überzogen.

Auf den besseren Landstraßen wurden zur Zeit Karl’s II. schwere Güter
gewöhnlich durch öffentliche Frachtfuhrwerke befördert. In dem Strohe
dieser Frachtwagen nistete immer ein Häufchen Passagiere, welche nicht
die Mittel hatten, um in einer Kutsche oder zu Pferde zu reisen und die
durch Gebrechlichkeit oder durch ihr Gepäck verhindert waren, zu Fuße zu
gehen. Die Kosten der Versendung von Frachtgütern auf diesem Wege waren
enorm. Von London nach Birmingham betrug die Fracht sieben Pfund, von
London nach Exeter zwölf Pfund Sterling für die Tonne.[117] Dies machte
pro Tonne etwa fünfzehn Pence auf die Meile, ein Drittel mehr als später
auf den besten Chausseen bezahlt wurde, und fünfzehnmal so viel als
jetzt die Eisenbahngesellschaften verlangen. Bei manchen nützlichen
Gegenständen waren die hohen Frachtkosten so gut wie ein Prohibitivzoll.
Besonders Steinkohlen sah man nirgends als in den Districten, wo sie zu
Tage gefördert wurden, oder höchstens in den Gegenden, wohin sie zur See
gebracht werden konnten, weshalb sie auch im südlichen England allgemein
unter dem Namen „Seekohlen“ bekannt waren.

Auf Nebenwegen und namentlich durch das ganze Gebiet nördlich von York
und westlich von Exeter wurden die Frachtgüter durch lange Züge von
Packpferden befördert. Diese starken und frommen Thiere, deren Schlag
jetzt ausgestorben ist, wurden von einer eignen Menschenklasse geführt,
welche große Ähnlichkeit mit den spanischen Maulthiertreibern gehabt zu
haben scheint. Dem unbemittelten Reisenden war es oft willkommen, wenn
er auf einem Packsattel zwischen zwei Waarenballen unter der Obhut
dieser kräftigen Führer reisen konnte. Die Kosten dieser
Reisegelegenheit waren gering, aber die Karawane ging nur im Schritt und
die Kälte war daher im Winter oft nicht zu ertragen.[118]

Die Reichen reisten gewöhnlich in eigenen Wagen und mit wenigstens vier
Pferden. Der humoristische Dichter Cotton versuchte es von London nach
dem Peakgebirge nur zweispännig zu fahren; in St. Albans aber überzeugte
er sich, daß die Reise entsetzlich langweilig werden würde, und er
änderte daher seinen Plan. Sechsspännige Equipagen sieht man heutzutage
fast nie mehr, außer bei feierlichen Gelegenheiten. Die häufige
Erwähnung solcher Equipagen in alten Büchern kann uns leicht zu dem
Irrthum führen, diesen Aufwand der Prachtliebe zuzuschreiben, während er
in Wirklichkeit nur eine sehr unangenehme Nothwendigkeit war. Zur Zeit
Karl’s II. reiste man mit sechs Pferden, weil man mit wenigeren große
Gefahr lief, im Kothe stecken zu bleiben. Selbst sechs Pferde
waren nicht immer hinreichend. Unter der nächsten Generation
beschrieb Vanbrugh mit geistreichem Humor die Reise eines zum
Parlamentsabgeordneten gewählten Landedelmanns nach London. Alle
Anstrengungen der sechs Pferde, deren zwei vom Pfluge weggenommen waren,
vermochten bei dieser Gelegenheit die Familienkutsche nicht dagegen zu
schützen, daß sie in den Schlamm gebettet wurde.

    [Anmerkung 106: +Thoresby’s Diary, Oct. 21, 1680, Aug. 3, 1712.+]

    [Anmerkung 107: +Pepys’s Diary, June 12. & 16. 1668.+]

    [Anmerkung 108: +Ibid. Feb. 28. 1660.+]

    [Anmerkung 109: +Thoresby’s Diary, May 17. 1695.+]

    [Anmerkung 110: +Ibid. Dec. 27. 1708.+]

    [Anmerkung 111: +Tour in Derbyshire, by J. Browne, son of Sir
    Thomas Browne, 1662. Cotton’s Angler, 1676.+]

    [Anmerkung 112: +Correspondence of Henry Earl of Clarendon, Dec.
    30. 1685, Jan. 1. 1686.+]

    [Anmerkung 113: +Postlethwaite’s Dict., Roads.+ Geschichte von
    Hawthurst in der +Bibliotheca Topographica Britannica.+]

    [Anmerkung 114: +Annals of Queen Anne, 1703. Appendix No. 3.+]

    [Anmerkung 115: +15, Car. II. c. 1.+]

    [Anmerkung 116: Die Nachtheile des alten Systems sind in vielen
    Petitionen, die sich in dem +Commons’ Journal+ von 1725--26
    finden, schlagend dargethan. Welche heftige Opposition das neue
    System fand, kann man aus dem +Gentleman’s Magazine+ von 1749
    ersehen.]

    [Anmerkung 117: +Postlethwaite’s Dictionary, Roads.+]

    [Anmerkung 118: +Loidis and Elmete. Marshall’s Rural Economy of
    England+. Roderich Random kam 1739 auf einem Packpferde aus
    Schottland nach Newcastle.]


[_Die Diligencen._] Die öffentlichen Reisegelegenheiten waren neuerdings
sehr verbessert worden. Während der ersten Jahre nach der Restauration
war die Diligence zwischen London und Oxford zwei Tage unterwegs, und in
Beaconsfield wurde übernachtet. Im Frühjahr 1669 ward endlich eine
wichtige und kühne Neuerung versucht. Es wurde angekündigt, daß ein
Wagen, den man die „fliegende Kutsche“ nannte, die ganze Reise zwischen
Aufgang und Untergang der Sonne machen werde. Das muthige Unternehmen
ward von den Häuptern der Universität feierlich berathen und genehmigt
und erregte damals das Interesse in gleichem Maße, wie heutzutage die
Eröffnung einer neuen Eisenbahn. Der Vicekanzler bestimmte in einer an
allen Straßenecken angeschlagenen Bekanntmachung Ort und Stunde der
Abfahrt. Der Versuch gelang vollkommen. Um sechs Uhr Morgens fuhr der
Wagen von dem Platze vor dem Allerseelen-Collegium in Oxford ab, und um
sieben Uhr Abends stiegen die muthigen Gentlemen, welche die gefährliche
Reise zuerst gewagt hatten, wohlbehalten am Thore ihres Gasthofes in
London aus.[119] Dadurch wurde der Wetteifer der Schwesteruniversität
rege gemacht, und bald war eine Diligence eingerichtet, welche die
Passagiere ebenfalls in einem Tage von Cambridge nach London brachte.
Zu Ende der Regierung Karl’s II. fuhren dreimal wöchentlich solche
fliegende Kutschen von London nach den wichtigsten Provinzialstädten.
Aber keine Diligence und selbst kein Frachtwagen scheint weiter nach
Norden als bis York und weiter nach Westen als bis Exeter gefahren zu
sein. Eine Eilkutsche machte im Sommer gewöhnlich ungefähr funfzig
Meilen den Tag; im Winter aber, wo die Wege schlecht und die Nächte lang
waren, wenig mehr als dreißig. Die Diligencen von Chester, York und
Exeter erreichten während der schönen Jahreszeit London gewöhnlich in
vier Tagen, um Weihnachten aber nicht vor dem sechsten Tage. Die
Passagiere, sechs an der Zahl, saßen alle im Innern des Wagens, denn es
kamen so häufig Unfälle vor, daß es lebensgefährlich gewesen wäre, die
Imperiale zu besteigen. Das gewöhnliche Fahrgeld betrug im Sommer etwa
dritthalb Pence auf die Meile, im Winter etwas mehr.[120]

Diese Art zu reisen, welche der Engländer unserer Tage als unerträglich
langsam betrachtet haben würde, dünkte unseren Vorfahren wunderbar, ja
erschreckend schnell. In einem wenige Monate vor dem Tode Karl’s II.
erschienen Werke werden die Eilkutschen als alle ähnlichen Fuhrwerke,
die die Welt je gesehen, weit übertreffend gepriesen. Ganz besonders
wird ihre Schnelligkeit gerühmt und triumphirend mit dem Schneckengange
der festländischen Posten verglichen. Mit diesen Lobeserhebungen
vermischten sich jedoch auch klagende und schmähende Stimmen. Die
Einführung der neuen Diligencen hatte in der That die Interessen einiger
Klassen beeinträchtigt, und außerdem erhoben, wie immer, Viele aus
bloßer Beschränktheit und zäher Anhänglichkeit an das Bestehende, ein
lautes Geschrei gegen diese Neuerung, lediglich deshalb, weil es eben
eine Neuerung war. Man behauptete mit Heftigkeit, daß eine solche
Beförderungsweise der Pferdezucht und der edlen Reitkunst verderblich
werden, daß die Themse, welche so lange eine wichtige Schule für
Seeleute gewesen sei, aufhören werde, die Hauptfahrstraße von London
nach Windsor hinauf und nach Gravesend hinunter zu sein, daß Hunderte
von Sattlern und Sporern ruinirt und zahlreiche Gasthöfe, in denen
Reisende mit eigenem Geschirr abzusteigen pflegten, veröden und keine
Abgaben mehr zahlen würden, daß es in den neuen Wagen im Sommer zu heiß,
im Winter zu kalt sei, daß die Passagiere durch Kranke und durch
schreiende Kinder arg belästigt würden, daß die Kutsche zuweilen so spät
an Ort und Stelle ankomme, daß man kein Abendessen mehr erhalten, und
zuweilen so frühzeitig abfahre, daß man noch kein Frühstück bekommen
könne. Aus allen diesen Gründen wurde ganz ernstlich darauf angetragen,
daß es keinem öffentlichen Wagen erlaubt sein solle, mehr als vier
Pferde vorzuspannen, öfter als ein Mal wöchentlich zu fahren und mehr
als dreißig Meilen den Tag zurückzulegen. Man hoffte, daß wenn dieses
Regulativ angenommen würde, Jedermann, mit Ausnahme von Kranken und
Gebrechlichen, zu der früheren Art des Reisens zurückkehren würde.
Petitionen in diesem Sinne von verschiedenen Corporationen der City, von
mehreren Provinzialstädten und von den Richtern mehrerer Grafschaften
wurden dem Könige im Ministerrathe überreicht. Wir lächeln jetzt über
dergleichen Dinge, aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß unsere
Nachkommen, wenn sie die Geschichte der Opposition lesen, welche die
Verbesserungen des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der Habsucht und
des Vorurtheils erfahren haben, ebenfalls lächeln werden.[121]

Trotz der Vortheile, welche die Eilkutschen gewährten, pflegten gesunde
und kräftige Leute, die nicht viel Gepäck bei sich zu führen brauchten,
längere Reisen noch häufig zu Pferde zu machen. War dem Reisenden um
schnelles Fortkommen zu thun, so bediente er sich dazu der Postpferde.
Auf allen großen Hauptstraßen waren in gemessenen Entfernungen frische
Reitpferde und Führer zu bekommen. Jedes Pferd kostete für die Meile
drei Pence und vier Pence erhielt der Führer für die Station. Wenn die
Wege gut waren, konnte man auf diese Weise eine geraume Zeit so schnell
vorwärts kommen, wie durch irgend ein vor der Erfindung der Dampfkraft
in England bekanntes Transportmittel. Postchaisen gab es damals noch
nicht, auch konnten Diejenigen, welche mit eigener Equipage reisten, in
der Regel die Pferde nicht wechseln. Nur der König und die vornehmsten
Staatsbeamten konnten Relais bestellen. So reiste Karl gewöhnlich in
einem Tage von Whitehall nach Newmarket, ein etwa fünfundfünfzig Meilen
langer Weg in durchaus ebener Gegend, und dies galt bei seinen
Unterthanen für eine außerordentliche Geschwindigkeit. Evelyn machte
diese Reise einmal, in Gesellschaft des Lordschatzmeisters Clifford. Der
Wagen ward von sechs Pferden gezogen, welche zuerst in Bishop Stortford
und dann noch einmal in Chesterford gewechselt wurden. Die Reisenden
erreichten Newmarket in der Nacht. Eine solche Art zu reisen scheint
jedoch als ein nur Fürsten und Ministern zustehender Luxus betrachtet
worden zu sein.[122]

    [Anmerkung 119: +Anthony à Wood’s Life of himself.+]

    [Anmerkung 120: +Chamberlayne’s State of England, 1684.+ Man sehe
    auch das Verzeichniß der öffentlichen Personen- und Frachtwagen am
    Schlusse des Buches, betitelt +Angliae Metropolis, 1690.+]

    [Anmerkung 121: +John Cresset’s Reasens for suppressing Stage
    Coaches, 1672.+ Diese Gründe wurden später in einer Abhandlung
    betitelt: +The Grand Concern of England explained, 1673+,
    aufgenommen. Cresset’s Angriff gegen die Diligencen rief einige
    Erwiderungen hervor, die mir vorgelegen haben.]

    [Anmerkung 122: +Chamberlayne’s State of England, 1684. North’s
    Examen, 105, Evelyn’s Diary, Oct. 9, 10. 1871.+]


[_Straßenräuber._] Mochte man indeß reisen wie man wollte, stets war man
der Gefahr ausgesetzt, angefallen und beraubt zu werden, wenn man nicht
in zahlreicher und wohlbewaffneter Gesellschaft reiste. Der berittene
Straßenräuber, den unsre Generation nur noch aus Büchern kennt, war auf
jeder Hauptstraße zu finden, ganz besonders aber hausten diese Banditen
auf den öden Strecken, welche zur Seite der großen Chausseen unweit
London lagen. Am berüchtigtsten in dieser Beziehung waren vielleicht die
Hounslow-Haide an der großen Weststraße und der Finchley-Anger an der
großen Nordstraße. Die Studenten von Cambridge zitterten selbst am
hellen Tage, wenn sie sich dem Eppingwalde näherten. Seeleute, welche
eben in Chatham ihren Sold ausgezahlt bekommen hatten, mußten häufig
ihre Börsen bei Gadshill herausgeben, welcher Ort hundert Jahre früher
von dem größten aller Dichter als Schauplatz der Missethaten Poins’ und
Fallstaff’s gefeiert worden war. Die Behörden schienen oft nicht zu
wissen, wie sie die Räuber behandeln sollten. Einmal wurde in der
Gazette angekündigt, daß mehrere Personen, welche stark im Verdachte des
Straßenraubes ständen, gegen die aber keine genügenden Beweise vorlägen,
in Newgate in Reitkleidern zur Schau ausgestellt werden sollten; auch
sollten ihre Pferde gezeigt werden und alle Gentlemen, welche kürzlich
ausgeplündert worden, waren eingeladen, die sonderbare Ausstellung in
Augenschein zu nehmen. Ein andermal wurde einem Räuber öffentlich
Straflosigkeit zugesichert, wenn er einige ungeschliffene Diamanten von
ungeheurem Werthe herausgebe, die er bei einem Überfalle der Harwicher
Eilpost entwendet hatte. Kurze Zeit darauf erschien eine andre
Bekanntmachung, in der den Gasthaltern bedeutet wurde, daß die Regierung
ein wachsames Auge auf sie habe, indem ihr verbrecherisches
Einverständniß mit den Banditen es diesen möglich mache, die Heerstraßen
ungestraft zu beunruhigen. Daß dieser Verdacht nicht ungegründet war,
beweisen die letzten Geständnisse einiger reuiger Straßenräuber jener
Zeit, denen die Wirthe offenbar ähnliche Dienste geleistet hatten, wie
Farquhar’s Bonifaz dem Gibbet leistete.[123]

Um das gefährliche Handwerk mit Erfolg und Sicherheit betreiben zu
können, mußte der Straßenräuber ein kühner und gewandter Reiter und sein
Äußeres und sein Benehmen von der Art sein, wie man es von dem Besitzer
eines schönen Pferdes erwartete. Er nahm daher in der Gemeinschaft der
Diebe einen hohen Rang ein, besuchte die elegantesten Kaffee- und
Spielhäuser und wettete auf der Rennbahn mit vornehmen Männern.[124]
Zuweilen war er auch wirklich von guter Herkunft und Bildung. Es knüpfte
sich daher und knüpft sich vielleicht jetzt noch ein romantisches
Interesse an die Namen der Freibeuter dieser Klasse. Der große Hause war
ganz versessen auf die Geschichtchen von ihrer Wildheit und
Verwegenheit, von gelegentlichen Acten der Großmuth und Gutherzigkeit,
von ihren Liebschaften, ihren wunderbaren Entweichungen, ihren
verzweifelten Kämpfen und ihrem männlichen Benehmen vor Gericht und auf
dem Karren. So wurde von Wilhelm Nevison, dem großen Räuber von
Yorkshire, erzählt, daß er von allen Viehhändlern des Nordens eine
bestimmte Abgabe erhob, wogegen er nicht allein selbst sie verschonte,
sondern sie auch gegen alle anderen Räuber schützte, daß er die Börsen
auf die höflichste Manier abforderte, von dem, was er den Reichen
genommen, den Armen reichlich gab, daß die königliche Gnade ihm einmal
das Leben schenkte, daß er aber dessenungeachtet wiederholt sein Glück
versuchte und endlich im Jahre 1685 in York am Galgen starb.[125] Es
wurde ferner erzählt, wie Claude Duval, der französische Page des
Herzogs von Richmond, daß Räuberhandwerk ergriff, der Hauptmann einer
gefürchteten Bande wurde und die Ehre hatte, in einem königlichen
Erlasse gegen berüchtigte Missethäter zuerst genannt zu werden; wie er
an der Spitze seiner Schaar den Wagen einer Dame anhielt, in welchem er
eine Beute von vierhundert Pfund fand, von denen er nur hundert nahm und
die übrigen dreihundert der schönen Eigenthümerin unter der Bedingung
ließ, daß sie dafür mit ihm einen Coranto auf der Haide tanzte; wie er
durch seine feurige Galanterie die Herzen aller Frauen gewann, wie seine
Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen ihn zum Schrecken aller Männer
machte und wie er endlich im Jahre 1670 im Weinrausch ergriffen ward;
wie vornehme Damen ihn im Gefängniß besuchten und sich mit Thränen für
sein Leben verwendeten; wie der König ihn auch begnadigt haben würde,
hätte der Richter Morton, der Schrecken aller Straßenräuber, nicht
Einsprache dagegen erhoben und gedroht, sein Amt niederzulegen, wenn man
dem Gesetze nicht seinen Lauf lasse, und wie nach der Hinrichtung der
Leichnam mit allem Gepränge von Wappenschildern, Wachskerzen,
Trauerbehängen und stummen Wächtern zur Parade ausgestellt wurde, bis
der nämliche herzlose Richter, der sich der Gnade des Königs widersetzt,
Beamte abschickte, um die Todtenfeier zu stören.[126] Gewiß hat die
Phantasie starken Antheil an diesen Anekdoten, aber sie verdienen
deshalb nicht minder erwähnt zu werden, denn es ist eine ebenso
authentische als bedeutungsvolle Thatsache, daß solche Erzählungen,
mochten sie nun wahr oder unwahr sein, bei unseren Vorfahren ein
bereitwilliges und gläubiges Ohr fanden.

    [Anmerkung 123: Siehe die London Gazette vom 14. Mai 1677, vom 4.
    Aug. 1687 und vom 5. Dec. 1687. Die letzte Beichte Augustin
    King’s, welcher der Sohn eines ausgezeichneten Theologen und in
    Cambridge erzogen war, aber im März 1688 zu Colchester gehängt
    wurde, ist höchst interessant.]

    [Anmerkung 124:

      _Aimwell._ Erlauben Sie, Sir, habe ich Sie nicht in Will’s
          Kaffeehause gesehen?
      _Gibbet._ Ja, Sir, und auch bei White.

        +Beaux’ Stratagem+.]

    [Anmerkung 125: +Gent’s History of York.+ Ein andrer Straßenräuber
    von derselben Art, Namens Biß, wurde 1695 in Salisbury gehängt.
    In einer Ballade, die sich in der Pepys’schen Bibliothek befindet,
    wird seine Vertheidigung vor dem Richter folgendermaßen
    dargestellt:

      Was sagt Ihr nun, mein edler Lord,
      Was war so Böses d’ran?
      Nur reiche Filze haßte Biß
      Der tapfre, brave Mann.]

    [Anmerkung 126: +Pope’s Memoirs of Duval+, welche kurz nach der
    Hinrichtung erschienen. Oates’ Εἰκὼν βασιλικὴ, Theil I.]


[_Die Gasthöfe._] Die mannichfachen Gefahren, denen der Reisende
ausgesetzt war, wurden durch die Dunkelheit noch bedeutend vergrößert,
und er wünschte daher für die Nacht ein schützendes Obdach, das nicht
schwer zu erlangen war. Die Gasthöfe Englands sind schon von Alters her
berühmt. Unser erster großer Dichter (Chaucer) hat schon die
vortrefflichen Bequemlichkeiten geschildert, die sie den Reisenden des
vierzehnten Jahrhunderts darboten. Neunundzwanzig Personen nebst ihren
Pferden fanden in den geräumigen Zimmern und Ställen des „Waffenrocks“
in Southwark Platz. Die Speisen waren vortrefflich und die Weine so,
daß sie die Tischgesellschaft zum reichlichen Genusse verleiteten.
Zweihundert Jahre später, unter der Regierung Elisabeth’s, gab Wilhelm
Harrison eine anziehende Beschreibung von dem Überflusse und dem Comfort
der großen Gasthöfe. Er sagte, das ganze übrige Europa habe nichts
Ähnliches aufzuweisen. Es gab Gasthöfe, in denen zwei- bis dreihundert
Menschen mit ihren Pferden ohne Schwierigkeit Aufnahme und Unterhalt
finden konnten. Die Betten, die Teppiche und vor Allem die Fülle und
Sauberkeit des Leinzeugs setzten Jedermann in Erstaunen. Auf den Tafeln
sah man nicht selten kostbares Silbergeschirr und manche Schilder hatten
dreißig bis vierzig Pfund Sterling gekostet. Im siebzehnten Jahrhundert
hatte England schon Überfluß an vortrefflichen Gasthöfen jeden Ranges.
Oft fand der Reisende in einem kleinen Dorfe ein Gasthaus, wie Walton es
beschrieben hat, wo die steinernen Fußböden von Sauberkeit glänzten,
wo die Wände mit Balladen geschmückt waren, die Betten nach Lavendel
dufteten und ein behagliches Feuer, ein Krug guten Bieres und ein
Gericht Forellen, im nahen Bache frisch gefangen, für wenig Geld zu
haben waren. In den größeren Gasthöfen fand man Betten mit seidenen
Vorhängen, feine Küche und Claret, wie er in London nicht besser
getrunken wurde.[127] Auch die Wirthe, sagte man, seien ganz verschieden
von den Gastwirthen anderer Länder. Auf dem Festlande war der Wirth der
Tyrann Derer, die seine Schwelle überschritten, in England war er ihr
Diener. Der Engländer fühlte sich nie heimischer, als wenn er es sich in
seinem Gasthofe bequem machte. Selbst reiche Leute, die sich in ihrem
eigenen Hause jeden nur denkbaren Luxus erzeugen konnten, pflegten oft
ihre Abende im Gesellschaftszimmer eines nahen Gasthofes zuzubringen;
sie schienen der Meinung zu sein, daß sie Comfort und Freiheit nirgends
in gleicher Vollkommenheit genießen konnten. Diese Neigung war mehrere
Generationen hindurch ein characteristischer Zug der Nation. Die
Ungebundenheit und Fröhlichkeit des Gasthoflebens bot lange Zeit unseren
Roman- und Schauspieldichtern reichen Stoff. Johnson erklärte, ein Stuhl
im Gasthause sei der Thron des irdischen Glücks, und Shenstone beklagte
sich sanft darüber, daß kein auch noch so befreundetes Privathaus den
Wanderer so freundlich und zuvorkommend aufnehme, als das Dach eines
Gasthofes.

In den Hotels unsrer Zeit findet man manche Annehmlichkeiten, welche im
siebzehnten Jahrhundert in Hampton Court und Whitehall unbekannt waren.
Im Ganzen genommen aber ist soviel gewiß, daß die Verbesserung unserer
Gasthöfe mit den Verbesserungen unserer Straßen und unserer
Beförderungsmittel keineswegs gleichen Schritt gehalten hat. Dies kann
auch nicht auffallen, denn es liegt auf der Hand, daß unter übrigens
gleichen Verhältnissen die Gasthäuser da am besten sein werden, wo die
Beförderungsmittel am mangelhaftesten sind. Je schneller man reisen
kann, um so weniger bedarf es zahlreicher angenehmer Ruheplätze für den
Reisenden. Wer vor hundertsechzig Jahren aus einer entfernten Grafschaft
in die Hauptstadt kam, brauchte in der Regel unterwegs zwölf bis
fünfzehn Mahlzeiten und fünf bis sechs Nachtquartiere. War er ein
vornehmer Mann, so erwartete er überall eine wohlbesetzte Tafel und eine
bequeme, ja selbst elegante Wohnung. Gegenwärtig fliegen wir von York
oder Exeter nach London beim Sonnenschein eines einzigen Wintertages.
Der Reisende hält sich daher jetzt selten bloß der Ruhe und Erfrischung
halber unterwegs auf, und die Folge davon ist, daß Hunderte
vortrefflicher Gasthöfe gänzlich in Verfall gerathen sind. Binnen Kurzem
wird man gute Häuser dieser Art nur noch an solchen Orten finden, wo
sich beständig viel Fremde in Geschäften oder zum Vergnügen aufhalten.

    [Anmerkung 127: Siehe den Prolog zu den +Canterbury Tales,
    Harrison’s Historical Description of the Island of Great Britain+
    und Pepys’ Beschreibung seiner Reise im Sommer 1668. Auch in den
    Reisen des Großherzogs Cosmus wird die Vorzüglichkeit der
    englischen Gasthöfe erwähnt.]


[_Die Briefposten._] Die Art und Weise der Briefbeförderung zwischen
entfernten Punkten mag der jetzigen Generation ein mitleidiges Lächeln
entlocken, aber sie würde die Bewunderung und den Neid der gebildetsten
Nationen des Alterthums sowie der Zeitgenossen Raleigh’s und Cecil’s
erregt haben. Bereits unter Karl I. war eine rohe und mangelhafte
Briefpost eingerichtet worden, der Bürgerkrieg aber hatte sie wieder
zerstört. Unter der Republik wurde der Plan von neuem aufgenommen. Nach
der Restauration ward der Ertrag der Postanstalt, nach Abzug aller
Kosten, dem Herzoge von York überwiesen. Auf den meisten Routen gingen
und kamen die Briefposten nur einen Tag um den andren; in Cornwall,
in den Sümpfen von Lincolnshire und zwischen den Bergen und Seen von
Cumberland erhielt man sogar nur einmal wöchentlich Briefe. Während
einer Reise des Königs wurde täglich eine Briefpost von London nach dem
Orte expedirt, wo der Hof sich eben aufhielt. Ebenso bestand eine
tägliche Postverbindung zwischen London und den Dünen, welcher Vorzug
zuweilen auch auf Tunbridge Wells und Bath ausgedehnt wurde, während der
Monate, wo diese Bäder von den Großen zahlreich besucht waren. Die
Postfelleisen wurden zu Pferde, am Tage wie bei Nacht, mit einer
Schnelligkeit von etwa fünf Meilen in der Stunde befördert.[128]

Das Briefporto war übrigens nicht die einzige Ertragsquelle dieser
Anstalt. Das Postamt war außerdem allein berechtigt, Postpferde zu
liefern, und die Zähigkeit, mit der man dieses Monopol aufrecht erhielt,
beweist am besten, daß es sehr einträglich war.[129] Hatte indessen ein
Reisender eine halbe Stunde gewartet, ohne das gewünschte Pferd erhalten
zu haben, so durfte er anderwärts eins miethen.

Die Erleichterung des Briefverkehrs zwischen den verschiedenen Theilen
von London gehörte ursprünglich nicht zu den Zwecken des Postamts. Unter
der Regierung Karl’s II. aber errichtete ein unternehmender Bürger der
Hauptstadt, Namens Wilhelm Dockwray, mit großen Kosten eine Pennypost,
durch welche Briefe und Packete in den geschäftsreichen und belebten
Straßen zunächst der Börse täglich sechs- bis achtmal, in den
entfernteren Stadttheilen aber viermal besorgt wurden. Diese
Verbesserung stieß, wie jede andre, auf heftigen Widerstand. Die
Austräger beklagten sich, daß man ihren Verdienst schmälere und rissen
die Anschläge ab, in denen der Plan dem Publikum mitgetheilt wurde.
Die durch Godfrey’s Ermordung und durch die Auffindung von Coleman’s
Papieren hervorgerufene Erbitterung hatte damals gerade ihren Höhepunkt
erreicht und die Pennypost wurde daher allgemein als eine papistische
Erfindung ausgeschrieen. Man behauptete, der große Doctor Oates habe den
Verdacht geäußert, daß die Jesuiten hinter dem Plane steckten und daß
man die Briefbeutel bei näherer Untersuchung voll verrätherischer
Papiere finden werde.[130] Der Nutzen des Unternehmens war jedoch so
groß und in die Augen springend, daß aller Widerstand erfolglos blieb.
Sobald es sich zeigte, daß die Spekulation einträglich war, verklagte
der Herzog von York den Unternehmer wegen Eingriffs in sein Monopol und
die Gerichtshöfe sprachen sich zu Gunsten des Ersteren aus.[131]

Der Ertrag des Postamts steigerte sich von allem Anfang an fortwährend.
Im Jahre der Restauration hatte ein Ausschuß des Hauses der Gemeinen
nach sorgfältiger Prüfung den reinen Gewinn auf ungefähr zwanzigtausend
Pfund geschätzt; zu Ende der Regierung Karl’s II. betrug derselbe schon
wenig unter funfzigtausend Pfund, und dies galt damals für eine
ungeheure Summe. Die Bruttoeinnahme belief sich auf etwa siebzigtausend
Pfund. Das Porto für einen einfachen Brief betrug bis zu achtzig Meilen
zwei Pence, für eine größere Entfernung drei Pence. Es stieg im
Verhältniß zu dem Gewicht des Packets.[132] Gegenwärtig wird ein
einfacher Brief bis ans äußerste Ende von Schottland oder Irland für
einen Penny befördert und das Postpferdmonopol besteht schon längst
nicht mehr. Trotzdem beläuft sich die jährliche Bruttoeinnahme dieses
Departements auf mehr als achtzehnhunderttausend Pfund und der
Nettoertrag auf siebenhunderttausend Pfund. Es ist daher kaum zu
bezweifeln, daß die Zahl der gegenwärtig durch die Post beförderten
Briefe siebzigmal so groß ist als sie zur Zeit der Thronbesteigung
Jakob’s II. war.

    [Anmerkung 128: +Stat. 12 Car. II. c. 35. Chamberlayne’s State of
    England, 1684. Angliae Metropolis, 1690. London Gazette, June 12.
    1685, Aug. 15. 1687.+]

    [Anmerkung 129: +London Gazette, Sept. 14. 1685.+]

    [Anmerkung 130: +Smith’s Current Intelligence, March 30. & April
    3. 1680.+]

    [Anmerkung 131: +Angliae Metropolis, 1690.+]

    [Anmerkung 132: +Commons’ Journals, Sept. 4, 1660, March 1.
    1688--89. Chamberlayne, 1684. Davenant on the Public Revenue,
    Discourse IV.+]


[_Zeitungen._] Der wichtigste Theil der Packereien, welche die alten
Posten beförderten, waren die Neuigkeitsbriefe. Im Jahre 1685 gab es
noch nichts, was der heutigen Londoner Tagespresse ähnlich sah, und es
konnte auch nichts Derartiges geben. Weder das nöthige Kapital, noch das
nöthige Geschick war dazu vorhanden; auch fehlte die Freiheit, ein nicht
minder wesentlicher Mangel als der des Kapitals und der
Geschicklichkeit. Allerdings stand die Presse damals noch nicht unter
einer allgemeinen Censur, denn das kurz nach der Restauration erlassene
Censurgesetz war schon 1679 nicht mehr in Kraft. Jedermann konnte daher
auf eigne Gefahr und ohne vorherige Genehmigung von Seiten irgend eines
öffentlichen Beamten eine Geschichte, eine Predigt oder ein Gedicht
drucken; aber die Richter waren einstimmig der Meinung, daß diese
Freiheit sich nicht auch auf Zeitungen erstrecke, und daß nach dem
gemeinen Rechte Englands Niemand ohne specielle Erlaubniß der Krone
berechtigt sei, politische Neuigkeiten zu veröffentlichen.[133] So lange
die Whigpartei noch mächtig war, hielt die Regierung es für gerathen,
eine Übertretung dieser Regel vorkommendenfalls nicht zu streng zu
nehmen. Während des großen Kampfes wegen der Ausschließungsbill durften
viele Zeitungen erscheinen, wie die +Protestant Intelligence+, die
+Current Intelligence+, die +Domestic Intelligence+, die +True News+,
der +London Mercury+.[134] Keine von diesen erschien jedoch öfter als
zweimal wöchentlich und keine überstieg in Umfang ein einfaches kleines
Blatt. Die Quantität des Stoffes, die der ganze Jahrgang einer dieser
Zeitungen enthielt, war nicht größer als man oft in zwei Nummern der
„Times“ findet. Nach Besiegung der Whigs hatte der König nicht mehr
nöthig, bei der Ausübung des ihm nach dem Ausspruche aller seiner
Richter unzweifelhaft zustehenden Hoheitsrechts besondere Rücksichten zu
nehmen. So durfte denn auch gegen das Ende seiner Regierung keine
Zeitschrift mehr ohne seine Genehmigung erscheinen, und diese wurde
ausschließlich der „London Gazette“ ertheilt. Auch die „London Gazette“
erschien nur Montags und Donnerstags. Der Inhalt einiger Nummern bestand
gewöhnlich in einer königlichen Proklamation, einigen toryistischen
Adressen, der Anzeige von einigen Beförderungen, einen Bericht von einem
Scharmützel zwischen den Kaiserlichen und den Janitscharen an der Donau,
das Signalement eines Straßenräubers, die Ankündigung eines von zwei
hochstehenden Personen veranstalteten Hahnenkampfes und eine Anzeige,
welche dem Wiederbringer eines entlaufenen Hundes eine Belohnung
zusicherte. Dies Alles füllte zwei Seiten von mäßig großem Format. Alle
Mittheilungen über Angelegenheiten von hoher Bedeutung waren in dem
hölzernsten und förmlichsten Style abgefaßt. Wenn es indessen der
Regierung zuweilen beliebte, die öffentliche Neugierde in Betreff eines
wichtigen Vorfalls zu befriedigen, so wurde ein großer Bogen ausgegeben,
der ausführlichere Mittheilungen enthielt, als die Gazette sie geben
konnte; aber weder diese noch irgend eine amtlich gedruckte Beilage
brachte je eine Nachricht, deren Veröffentlichung nicht den Zwecken des
Hofes diente. Die wichtigsten parlamentarischen Verhandlungen und
Staatsprozesse, von denen uns die Geschichte erzählt, wurden mit tiefem
Stillschweigen übergangen.[135] In der Hauptstadt ersetzten die
Kaffeehäuser einigermaßen die fehlenden Zeitungen; dahin strömten die
Londoner, wie einst die alten Athener nach dem Marktplatze, um zu hören,
ob etwas Neues geschehen sei. Dort konnte man erfahren, wie brutal ein
Whig am vorigen Tage in Westminsterhall behandelt worden war, welche
haarsträubenden Berichte von den Folterqualen der Covenanters die Briefe
aus Edinburg enthielten, wie gröblich die Admiralität die Krone bei der
Verproviantirung der Flotte betrogen und welche schweren Anschuldigungen
der Geheimsiegelbewahrer in Betreff des Heerdgeldes gegen das Schatzamt
erhoben habe.

    [Anmerkung 133: London Gazette vom 5. und 17. Mai 1680.]

    [Anmerkung 134: Eine höchst interessante und meines Wissens die
    einzige Sammlung dieser Zeitungen befindet sich im Britischen
    Museum.]

    [Anmerkung 135: So wird zum Beispiel von den wichtigen
    Parlamentsverhandlungen vom November 1685, wie von dem Prozesse
    und der Freisprechung der sieben Bischöfe kein Wort erwähnt.]


[_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen, welche von der großen
Schaubühne des politischen Kampfes entfernt waren, konnten von dem, was
daselbst vorging, nur durch die sogenannten Neuigkeitsbriefe regelmäßig
Nachricht erhalten. Das Schreiben derartiger Briefe wurde daher in
London ein Erwerbszweig, wie es dies jetzt bei den Eingeborenen Indiens
ist. Der Neuigkeitsschreiber wanderte von Kaffeehaus zu Kaffeehaus, um
Nachrichten zu sammeln, drängte sich in den Sitzungssaal der Old Bailey,
wenn daselbst ein interessanter Prozeß verhandelt wurde, und erlangte
sogar zuweilen Zutritt in die Galerien von Whitehall, wo er bemerken
konnte, wie der König und der Herzog aussahen. Auf diese Weise sammelte
er Materialien zu Wochenberichten, welche bestimmt waren, eine
Provinzialstadt oder einen ländlichen Magistrat zu erleuchten. Dies
waren die Quellen, aus denen die Bewohner der größeren Provinzialstädte
und die Gesammtheit der Landgentry und der Geistlichkeit fast allein
ihre ganze Kenntniß der Geschichte ihrer Zeit schöpften. Wir dürfen
annehmen, daß es in Cambridge eben so viele Leute gab, welche gern
erfahren wollten, was in der Welt vorging, als in irgend einer andren
Stadt des Königreichs, London ausgenommen. Dennoch hatten die Doctoren
des Rechts und die Magister der freien Künste in Cambridge während eines
großen Theils der Regierung Karl’s II. keine andre regelmäßige
Neuigkeitsquelle als die Londoner Gazette, bis endlich die Dienste eines
der Nachrichtensammler in der Hauptstadt angenommen wurden. Es war ein
denkwürdiger Tag, an welchem die ersten Neuigkeitsbriefe aus London auf
einem Tische des einzigen Kaffeehauses von Cambridge ausgelegt
waren.[136] Auf dem Wohnsitze eines reichen Mannes auf dem Lande wurde
der Neuigkeitsbrief stets mit Ungeduld erwartet, und acht Tage nach
seiner Ankunft war er durch die Hände von zwanzig Familien gegangen.
Er lieferte den umwohnenden Squires den Stoff zu ihrer Unterhaltung an
Winterabenden und den benachbarten Pfarrern Themata zu heftigen
Predigten gegen Whiggismus oder Papismus. Bei genauer Nachsuchung in den
Archiven alter Familien würden sich ohne Zweifel noch viele von diesen
merkwürdigen Journalen finden. Einige werden in unseren öffentlichen
Bibliotheken aufbewahrt und eine Reihenfolge derselben, welche einen
werthvollen Theil der von Sir Jakob Mackintosh gesammelten literarischen
Schätze bildet, wird im Verlaufe dieses Werks noch dann und wann citirt
werden.[137]

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß es damals keine Provinzialblätter
gab. Ja es gab sogar, außer in der Hauptstadt und in den beiden
Universitätsstädten, kaum noch einen Buchdrucker im Königreiche. Die
einzige Presse in England nördlich vom Trent scheint sich in York
befunden zu haben.[138]

    [Anmerkung 136: +Roger North’s Life of Dr. John North.+ Über die
    Neuigkeitsbriefe sehe man das +Examen, 133.+]

    [Anmerkung 137: Ich ergreife diese Gelegenheit, um der Familie
    meines lieben und verehrten Freundes, Sir Jakob Mackintosh meinen
    wärmsten Dank dafür auszusprechen, daß sie mir die Materialien zur
    Benutzung überließ, die er zu einer Zeit gesammelt hatte, als er
    ein ähnliches Werk wie das vorliegende zu schreiben gedachte. Ich
    habe nie eine so werthvolle Sammlung von Auszügen aus öffentlichen
    und Privatarchiven gesehen, und ich glaube nicht, daß irgendwo
    noch eine zweite von gleichem Umfange existirt. Der richtige
    Scharfblick, mit dem Sir Jakob aus großen Massen geschichtlichen
    Stoffes das Werthvollste auswählte und das Werthlose unbeachtet
    ließ, versteht nur Derjenige zu würdigen, der nach ihm das
    nämliche Gebiet bearbeitet hat.]

    [Anmerkung 138: +Life of Thomas Gent.+ Ein vollständiges
    Verzeichniß aller im Jahre 1724 vorhanden gewesenen Druckereien
    befindet sich in +Nichol’s Literary Anecdotes of the eighteenth
    century+. Obgleich sich binnen wenigen Jahren die Zahl der Pressen
    bedeutend vermehrt hatte, gab es doch in vierunddreißig
    Grafschaften, darunter Lancashire, noch keinen Buchdrucker.]


[_Der „Observator.“_] Die „London Gazette“ war übrigens nicht das
einzige Organ, durch welches die Regierung dem Volke politische
Belehrung ertheilte. Dieses Journal enthielt nur spärliche Nachrichten
ohne Commentar; ein andres, ebenfalls unter dem Patronat des Hofes
erscheinendes Journal, brachte dagegen nur Commentare ohne Nachrichten.
Dieses Blatt, „der Observator“ betitelt, wurde von einem alten
toryistischen Pamphletschreiber, Namens Roger Lestrange, herausgegeben.
Es fehlte diesem Lestrange durchaus nicht an schriftstellerischer
Gewandtheit und an Schlauheit; seine Diction war zwar gemein und durch
einen damals im Vorzimmer und im Wirthshause für witzig geltenden Jargon
verunziert, aber dennoch nicht ohne Schwung und Kraft. In jeder Zeile
aber, die aus seiner Feder floß, zeigte sich sein heftiger und unedler
Character. Als die ersten Nummern des „Observator“ erschienen, gab es
allerdings einige Entschuldigungsgründe für seine Bitterkeit, denn die
Whigs waren damals mächtig und er hatte zahlreiche Gegner zu bekämpfen,
deren rücksichtslose Heftigkeit eine gleiche Sprache zu rechtfertigen
schien. Im Jahre 1685 aber war alle Opposition unterdrückt, und ein
edler Character würde es daher verschmäht haben, eine Partei, die nicht
antworten durfte, zu beschimpfen und die traurige Lage von Gefangenen,
Verbannten und beraubten Familien noch zu verschlimmern; aber dem
hämischen Lestrange war selbst das Grab und das Trauerhaus nicht heilig.
Im letzten Monate der Regierung Karl’s II. starb Wilhelm Innkyn, ein
hochbetagter und angesehener Dissenterpfarrer, der wegen keines andren
Vergehens, als weil er Gott auf die Weise anbetete, welche damals von
dem ganzen protestantischen Europa allgemein angenommen war; grausame
Verfolgungen zu erdulden hatte, in Newgate an Gram und Entbehrungen. Dem
Ausdruck der innigen Theilnahme von Seiten des Volks konnte man nicht
Schweigen gebieten, und es folgte daher dem Sarge ein Zug von
hundertfunfzig Wagen. Selbst Höflinge betrauerten den Verstorbenen und
sogar der gedankenlose König zeigte einige Theilnahme. Lestrange allein
brach in ein rohes Freudengeheul aus, lachte über das weibische Mitleid
der Trimmer, erklärte laut, daß der lästerliche alte Heuchler seine
wohlverdiente Strafe erhalten, und gelobte alle Scheinheiligen und
falschen Märtyrer nicht nur bis zum Tode, sondern noch über das Grab
hinaus zu bekriegen.[139] Dies war der Geist des Blattes, welches damals
das Orakel der Torypartei und ganz besonders der Landgeistlichkeit war.

    [Anmerkung 139: Observator vom 29. und 31. Januar 1685. +Calamy’s
    Life of Baxter. Nonconformist Memorial.+]


[_Seltenheit von Büchern auf dem Lande._] Die Literatur, welche durch
das Postfelleisen verbreitet werden konnte, bildete damals den größten
Theil der geistigen Nahrung, welche den Geistlichen und Richtern auf dem
Lande zu Gebote stand. Die Beförderung großer Packete von einem Orte zum
andren war mit solchen Schwierigkeiten und Kosten verknüpft, daß ein
umfangreiches Werk mehr Zeit brauchte, um von Paternoster Row nach
Devonshire oder Lancashire zu gelangen, als gegenwärtig nach Kentucky.
Wie spärlich eine Landpfarre damals selbst mit solchen Büchern versehen
war, die ein Theolog am nöthigsten braucht, ist schon bemerkt worden.
Die Häuser der Gentry waren nicht reichlicher versehen. Nur wenige
Landedelleute der Grafschaft hatten so gute Bibliotheken, wie man sie
jetzt in jedem Bedientenzimmer und in der Ladenstube jedes Krämers
findet. Ein Esquire, der auf seinem Fensterbrete zwischen Angeln und
Vogelflinten den +Hudibras+ und +Baker’s Chronicle+, +Tarlton’s Jests+
und die +Seven Champions of Christendom+ liegen hatte, galt bei seinen
Nachbarn für einen großen Gelehrten. Selbst in der Hauptstadt gab es
damals noch weder Leihbibliotheken noch Lesezirkel; aber diejenigen
Bücherfreunde, welche nicht viel kaufen konnten, hatten dort wenigstens
ein Aushülfsmittel. Die Läden der großen Buchhändler in der Umgebung der
Paulskirche waren den ganzen Tag mit Lesern gefüllt und ein bekannter
Kunde durfte oft auch ein Buch mit nach Hause nehmen. Auf dem Lande
fehlte diese Annehmlichkeit, was man lesen wollte, mußte man
kaufen.[140]

    [Anmerkung 140: Cotton scheint, wie aus seinem +Angler+
    hervorgeht, auf seinem Fensterbrete Platz genug für seine ganze
    Bibliothek gehabt zu haben, und Cotton war ein wissenschaftlich
    gebildeter Mann. Selbst als Franklin 1724 das erstemal nach London
    kam, waren Leihbibliotheken daselbst noch unbekannt. Von dem
    Zudrange zu den Buchläden im Stadtviertel Little Britain spricht
    Roger North in der Lebensbeschreibung seines Bruders Johann.]


[_Weibliche Erziehung._] Die Literaturschätze der Gattin und Töchter des
Grundherrn bestanden gewöhnlich in einem Gebetbuche und einem
Receptbuche. Indessen verloren sie in der That wenig bei ihrer
ländlichen Abgeschiedenheit, denn selbst in den höchsten Ständen und
unter Verhältnissen, welche die geistige Ausbildung erleichterten,
genossen die Engländerinnen zur damaligen Zeit eine schlechtere
Erziehung als jemals seit dem Wiederaufblühen der Wissenschaften. In
früherer Zeit studirten sie die Meisterwerke des antiken Genius, in
unseren Tagen kümmern sie sich zwar wenig um die todten Sprachen, sind
aber dafür mit der Sprache Pascal’s und Molière’s, Dante’s und Tasso’s,
Göthe’s und Schiller’s vertraut, und es giebt kein reineres und
eleganteres Englisch als das, welches gebildete Frauen gegenwärtig
sprechen und schreiben. Während der zweiten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts aber scheint die Bildung des weiblichen Geistes fast ganz
vernachlässigt worden zu sein. Eine junge Dame, die nur die
oberflächliche Kenntniß der Literatur besaß, galt für ein Wunder.
Hochgeborne, vornehm erzogene und mit guten natürlichen Anlagen
ausgestattete Ladies waren nicht im Stande eine Zeile in ihrer
Muttersprache ohne orthographische und stylistische Fehler zu schreiben,
deren sich jetzt eine Armenschülerin schämen würde.[141]

Die Erklärung liegt sehr nahe. Maßlose Ausschweifung, die natürliche
Wirkung übertriebener Strenge, war damals vorherrschend und die
Ausschweifung hatte ihre gewöhnliche Folge, die sittliche und geistige
Erniedrigung der Frauen, nach sich gezogen. Ihren körperlichen Reizen
pflegte man rohe und freche Huldigungen darzubringen, aber die
Bewunderung und das Verlangen, welche ihre Schönheit erregte, war selten
mit Achtung, wahrer Zuneigung und irgend einem ritterlichen Gefühl
gepaart. Die Eigenschaften, welche sie zu Lebensgefährtinnen,
Rathgeberinnen und vertrauten Freundinnen befähigten, stießen die
Wüstlinge von Whitehall eher ab, als daß sie sie anzogen. Ein
Ehrenfräulein, die sich so kleidete, daß ihrem Busen das vollste Recht
widerfuhr, die beständig liebäugelte, wollüstig tanzte, sich durch
vorlaute Keckheit auszeichnete, sich nicht entblödete, mit Kammerherren
und Offizieren zu kokettiren, schlüpfrige Lieder mit bezeichnendem
Ausdrucke zu singen, und sich zur Ausführung eines muthwilligen
Streiches als Page zu verkleiden, hatte an diesem Hofe mehr Aussicht,
gefeiert und bewundert zu werden, die Beachtung des Königs auf sich zu
ziehen und einen reichen und vornehmen Gatten zu erobern, als eine
Johanna Gray oder Lucie Hutchinson gehabt haben würden. Unter solchen
Umständen mußte das Maaß der weiblichen Bildung nothwendig sehr niedrig
sein, und es war gefährlicher, über diesem Maße zu stehen, als unter
demselben. Äußerste Unwissenheit und Leichtfertigkeit wurden bei einer
Dame viel eher entschuldigt, als der geringste Anflug von Pedanterie.
Von den nur zu berühmten Frauen, deren Portraits wir noch jetzt an den
Wänden von Hampton Court bewundern, pflegten wenige etwas Besseres zu
lesen als Akrosticha, Spottlieder und Übersetzungen der „Clelia“ und des
„Großen Cyrus“.

    [Anmerkung 141: Ein Beispiel mag genügen. Die Königin Marie hatte
    gute natürliche Anlagen, war von einem Bischofe erzogen, eine
    Freundin der Geschichte und Poesie und wurde von den
    ausgezeichnetsten Männern als eine hochgebildete Frau betrachtet.
    Zu der Bibliothek im Haag befindet sich eine prachtvolle Bibel,
    die ihr bei der Krönung in der Westminsterabtei überreicht worden
    war. Auf dem Titelblatte dieser Bibel stehen folgende von ihr
    eigenhändig geschriebene Worte: +„This book was given the King
    and I, at our crownation. Marie R.“+]


[_Literarische Bildung der Gentlemen._] Die literarischen Kenntnisse
selbst der vollendetsten Gentlemen jener Zeit scheinen bei weitem nicht
so solid und gründlich gewesen zu sein, als in früheren oder späteren
Zeiten. Griechische Gelehrsamkeit wenigstens blühte unter der Regierung
Karl’s II. bei uns nicht, wie sie vor dem Bürgerkriege geblüht hatte und
lange nach der Revolution wieder blühte. Es gab wohl auch Gelehrte,
denen die ganze griechische Literatur von Homer bis Photius genau
bekannt war, aber solche Gelehrte fanden sich fast ausschließlich nur
unter den Geistlichen der Universitätsstädte, ja selbst dort waren ihrer
nur wenige, und diese wenigen nicht gebührend geschätzt. In Cambridge
wurde es durchaus nicht für nöthig gehalten, daß ein Theolog die Bibel
in der Ursprache lesen konnte.[142] Auch in Oxford stand die
Gelehrsamkeit auf keiner höheren Stufe. Als sich unter der Regierung
Wilhelm’s III. das ganze Christchurch-Kollegium wie ein Mann erhob,
um die Ächtheit der Briefe des Phalaris zu vertheidigen, stand diesem
großen Kollegium, welches damals als der Hauptsitz der Philologie im
ganzen Lande betrachtet wurde, nicht soviel attische Gelehrsamkeit zu
Gebote, als sie heutzutage mancher Gymnasiast besitzt. Nach dem allen
wird man leicht denken können, daß eine todte Sprache, welche die
Universitäten vernachlässigten, von den Laien nicht viel studirt wurde.
Zu einer früheren Zeit hatten die Poesie und die Beredtsamkeit
Griechenlands einen Raleigh und Falkland entzückt, zu einer spätern
Periode entzückten sie einen Pitt und Fox, einen Windham und Grenville;
während der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts aber gab es in
England kaum einen bedeutenden Staatsmann, der eine Seite von Sophokles
oder Plato mit Genuß lesen konnte.

Gute Lateiner gab es dagegen in Menge. Allerdings hatte auch damals die
Sprache Roms ihren Character als Weltsprache noch nicht ganz verloren
und war in manchen Ländern Europa’s dem Reisenden und Diplomaten noch
unentbehrlich. Die Fertigkeit, sie gut zu sprechen, war daher viel
häufiger als zu unsrer Zeit, und es fehlte weder Oxford noch Cambridge
an Dichtern welche bei einer feierlichen Gelegenheit glückliche
Nachahmungen der Verse, in denen Virgil und Ovid die Größe des Augustus
gepriesen hatten, am Fuße des Thrones niederlegen konnten.

    [Anmerkung 142: Roger North erzählt uns, daß sein Bruder Johann,
    welcher Professor der griechischen Sprache in Cambridge war, sich
    über die allgemeine Vernachlässigung dieser Sprache unter der
    Universitätsgeistlichkeit bitter beklagte.]


[_Einfluß der französischen Literatur._] Doch auch das Latein wurde
durch einen jüngeren Nebenbuhler verdrängt. Frankreich behauptete damals
fast in jeder Beziehung den Vorrang. Sein militairischer Ruhm hatte den
Höhepunkt erreicht, es hatte wichtige Coalitionen besiegt, Verträge
dictirt und große Städte und Provinzen unterworfen; es hatte den
kastilianischen Stolz gezwungen, ihm den Vorrang zuzugestehen, es hatte
italienische Fürsten sich unterthan gemacht, sein Verfahren war in allen
Angelegenheiten der feinen Lebensart, vom Zweikampfe bis zur Menuett
maßgebend; es bestimmte, welchen Schnitt der Rock eines Gentleman haben,
wie lang seine Perrücke, ob seine Absätze hoch oder niedrig und ob sein
Hutband breit oder schmal sein müsse. In der Literatur gab es der Welt
Gesetze, ganz Europa war des Ruhmes seiner Schriftsteller voll, kein
andres Land hatte einen tragischen Dichter wie Racine, einen komischen
wie Molière, einen so liebenswürdigen Tändler wie Lafontaine, einen so
gewandten Redner wie Bossuet aufzuweisen. Der literarische Ruhm Italiens
und Spaniens war untergegangen, der von Deutschland war noch nicht
aufgegangen. Das Genie der ausgezeichneten Männer, welche die Hauptstadt
Frankreichs zierten, strahlte daher in einem Glanze, welcher durch den
Contrast noch mehr hervorgehoben ward. In der That, Frankreich übte
damals eine Weltherrschaft aus, wie selbst die römische Republik sie nie
erreicht hatte, denn als Rom in politischer Beziehung herrschte, war es
in den Künsten und Wissenschaften Griechenlands demüthiger Schüler;
Frankreich hatte auf die benachbarten Länder zu gleicher Zeit den
Einfluß, den Rom auf Griechenland, und den, welchen Griechenland auf Rom
ausübte. Das Französische erhob sich rasch zur Weltsprache, zur Sprache
der feinen Gesellschaft und zur Sprache der Diplomatie. An mehreren
Höfen sprachen die Fürsten und der Adel sie besser und eleganter als
ihre Muttersprache. Auf unsrer Insel war jedoch diese sklavische
Unterordnung noch nicht so weit gediehen als auf dem Continent, weder
unsere guten noch unsere schlechten Eigenschaften waren fremden
Ursprungs. Doch auch bei uns huldigte man der literarischen
Überlegenheit unserer Nachbarn, wenn auch ungeschickt und ungern. Die
wohlklingende toskanische Sprache, die allen vornehmen Herren und Damen
am Hofe Elisabeth’s so geläufig war, kam aus der Mode. Ein Gentleman,
der den Horaz oder Terenz citirte, galt in feiner Gesellschaft für einen
prahlerischen Pedanten; verzierte er aber seine Unterhaltung mit
französischen Brocken, so war dies der beste Beweis, den er von seinen
Talenten und seiner Bildung geben konnte.[143] Neue Regeln der Kritik,
neue Muster des Styls kamen in die Mode. Die gesuchte Gespreiztheit,
welche Donne’s und Cowley’s Verse verunziert hatte, verschwand aus
unsrer Poesie. Unsre Prosa verlor zwar an edlem Schwunge, an kunstvollem
Satzbau und an wohllautender Abwechselung im Vergleich mit der einer
früheren Periode, aber sie wurde klarer, gefälliger und besser geeignet
zur Polemik und zum Erzählen. Es ist unmöglich, in diesen Veränderungen
den Einfluß französischer Muster und französischen Beispiels zu
verkennen. Selbst große Meister unsrer Sprache verschmähten es nicht in
ihren werthvollsten Werken sich französischer Ausdrücke zu bedienen, wo
ebenso bezeichnende und wohlklingende englische ganz nahe lagen[144] und
aus Frankreich wurde die Tragödie in Versen bei uns eingeführt, eine
exotische Pflanze, welche in unsrem Boden siechte und bald einging.

  [Anmerkung 143: Butler sagt in einer sehr beißenden Satire:

      Citirst Du Griechen und Lateiner,
      So bist Du der Pedanten einer;
      Doch flechtest Du französ’sche Brocken ein
      Gilt’s für verdienstlich und für fein.]

    [Anmerkung 144: Das gröbste Beispiel dieser Art, dessen ich mich
    entsinne, kommt in einem Gedicht auf die Krönung Karl’s II. von
    Dryden vor, der es gewiß nicht durch Wortarmuth entschuldigen
    konnte, daß er einer fremden Sprache Worte entlehnte:

      +Hither in summer evenings you repair
      To taste the _fraicheur_ of the cooler air+
      (Hier bringst im Sommer Du die Abendstunden hin,
      Um kühle, frische Luft mit Wonne einzuzieh’n.)]


[_Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands._] Unsere Schriftsteller
würden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt hätten,
den ihre großen französischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen
beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele,
Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem
Nationalruhm. Die Quelle des Übels ist leicht zu finden. Die
Schöngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fuße mit
einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt.
Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus
verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der
einen war der andern Spott, die Vergnügungen jeder von beiden waren der
andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dünkte selbst das unschuldige
Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und
lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden
Brüder reichen Stoff zu Spötteleien. Von der Reformation bis zu dem
Bürgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur
Auffindung des Lächerlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit
ergriffen, um den glatthaarigen, näselnden und weinerlichen Heiligen,
die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des
Hans im Grünen[145] im Stillen seufzten und die es für gottlos hielten,
am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch
eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes
Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoßenden Zeloten zwei
Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten,
erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten
mit schadenfrohem Lächeln die ganze Schaar der Spötter unter die Füße.
Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der
finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frömmlern eigen ist,
die ihren Groll für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und
die Schauspieler gestäupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger
Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und
Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrstühle
entsetzt, der junge Candidat für akademische Würden mußte nicht mehr
ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er
wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau über Tag und Stunde
seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mußte natürlich eine
Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der
Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glühende
Verlangen nach zügelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde
endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von
einem unerträglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und
zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr,
sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die
er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer
Sklaventreiber von aufständischen Sklaven, welche die Spuren seiner
Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.

Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg
zwischen Verstand und Moralität. Die durch eine lächerliche Karrikirung
der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche
Tugend nicht mehr. Alles was der näselnde Rundkopf mit Ehrfurcht
betrachtet hatte, wurde verhöhnt, und was er verdammt hatte, ward
begünstigt. Weil er gegen die geringfügigsten Kleinigkeiten Bedenken
erhoben hatte, würde jeder Gewissensskrupel ins Lächerliche gezogen.
Weil er seine Fehler mit der Maske der Frömmigkeit verhüllt hatte,
so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die
abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er
unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden
jungfräuliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem
scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer,
nicht minder widerlicher und häßlicher Jargon gegenübergestellt. Wie er
den Mund nicht öffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so
öffnete die neue Brut von Schöngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne
Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lastträger schämen würde,
und ohne den Schöpfer anzurufen, daß er die Heuchler verfluchen,
verderben, vernichten und verdammen möge.

Es ist daher kein Wunder, daß unsre schöne Literatur, als sie zugleich
mit der früheren bürgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder
auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige
ausgezeichnete Männer, die einer früheren und besseren Periode
angehörten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller’s
Poesien athmeten noch immer die Gefühle, welche ein ritterlicheres
Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhänger des
Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen
die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalität schändete.
Ein noch größerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmähungen
und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprüft,[146] ließ, nicht achtend
des wüsten Lärms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und
heiligen Gesang ertönen, daß er die Lippen der hehren Tugenden nicht
entweiht haben würde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein
Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das
Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler’s starker und fruchtbarer Genius
entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die
Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Männer, deren
Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat
bald eine jüngere Generation von Schöngeistern, und der vorherrschende
Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine
gefühl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane
Unzüchtigkeit. Der Einfluß dieser Schriftsteller war ohne Zweifel
schädlich; aber er hätte noch weit schädlicher werden können, wenn sie
minder verderbt gewesen wären. Das Gift, welches sie gaben, war so
stark, daß es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner
von ihnen verstand die gefährliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein
anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, daß
auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, daß Verhüllung lockender
sein kann als Nacktheit, und daß die Phantasie durch leise Andeutungen,
die sie zu eigner Thätigkeit reizen, mächtiger erregt wird, als durch
plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.

Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze
schöne Literatur der Regierungsepoche Karl’s II. Die wahre Quintessenz
dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die
Schauspielhäuser, welche die rücksichtslosen Fanatiker in den Tagen
ihrer Herrschaft geschlossen hätten, waren wieder gefüllt und zu ihren
früheren Reizen hatten sich neue und mächtigere gesellt. Scenerien,
Kostüme und Dekorationen, die zwar heutzutage für dürftig und
geschmacklos gelten würden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang
des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bänken der „Hoffnung“
oder unter dem Strohdache der „Rose“ gesessen hatten, von unglaublicher
Pracht erschienen sein würden, entzückten die Augen der Menge. Der
Zauber des schönen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der
Kunst zu unterstützen, und der junge Schauspieler sah mit einer den
Zeitgenossen Shakespeare’s und Jonson’s unbekannten Gefühlserregung
liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem
Augenblicke ihrer Wiedereröffnung an wurden die Theater Pflanzstätten
des Lasters, und das Übel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit
der Darstellungen verscheuchte bald die anständigen Leute, und die
Frivolen und Schamlosen, welche zurückblieben, verlangten mit jedem
Jahre stärkere Reizmittel. So verdarben die Künstler die Zuschauer und
umgekehrt die Zuschauer die Künstler, bis endlich die Unsittlichkeit der
Bühne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen muß, welcher
nicht berücksichtigt, daß äußerste Erschlaffung die natürliche Folge
höchster Anspannung ist und daß nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge
auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen
mußte.

Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben
der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am
weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von
den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein
Hochgenuß für das verderbte Publikum, die unanständigsten Zeilen aus dem
Munde eines schönen Mädchens zu hören, von der man annehmen kennte, daß
sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.[147]

Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere
den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was
unsere dramatischen Dichter berührten, das beschmutzten sie auch. In
ihren Nachahmungen wurden die Häuser der ehrenwerthen und hochherzigen
kastilianischen Herren Calderon’s Pfühle des Lasters, Shakespeare’s
Viola eine Kupplerin, Molière’s Menschenfeind ein Ehrenräuber, Molière’s
Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, daß es bei der
Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hände nicht schmutzig
und gemein geworden wäre.

So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig
der schönen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte,
sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bücher wurden so wenig
gekauft, daß selbst ein Mann mit dem berühmtesten Namen für das
Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte.
Es giebt keinen sprechenderen Beleg für diese Behauptung, als das
Schicksal von Dryden’s letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser
Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende
Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthält ungefähr zwölftausend
Zeilen. Der Versbau ist wunderschön, die Erzählungen und Schilderungen
voll Leben. Noch heutzutage entzücken „Palamon und Arcite“, „Cymon und
Iphigenia“, „Theodora und Honoria“ jeden Kritiker wie jeden Schulknaben.
Die Sammlung enthält auch das „Fest Alexanders“, die herrlichste Ode in
unsrer Sprache. Dryden erhielt für das Verlagsrecht funfzig Pfund
Sterling, das heißt weniger als heutzutage zuweilen für zwei Beiträge
für eine Zeitschrift bezahlt wird.[148] Dessenungeachtet scheint das
Honorar im Verhältniß nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging
nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine
zweite Auflage nöthig. Wer für die Bühne schrieb, konnte mit weit
geringerer Anstrengung viel größere Summen erwerben. So erhielt Southern
für ein einziges Stück siebenhundert Pfund;[149] Otway schwang sich
durch den Erfolg seines „Don Carlos“ aus tiefster Armuth zu
vorübergehendem Reichthum empor;[150] Shadwell bekam für eine einzige
Vorstellung seines „Squire of Alsatia“ hundertdreißig Pfund,[151] Die
Folge davon war, daß Jedermann, der von dem Ertrage seiner
Geistesproducte leben mußte, Theaterstücke schrieb, gleichviel ob er
inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker
wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter hätte er, bei
Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden
können, und außerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der
erhabenste, doch der glänzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die
ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das
dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner
besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu
erkennen, daß ihm die Fähigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu
zeichnen, und er that sein Möglichstes, um diesen Mangel bald durch
überraschende und ergötzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation,
bald durch wohllautende Verse; bald durch schlüpfrige Zweideutigkeiten,
zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen
Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen
dramatischen Erfolg, ähnlich denen, welche die Anstrengungen einiger
Männer belohnten, die an Talent überhaupt tief unter ihm standen. Er
schätzte sich glücklich, wenn er hundert Guineen für ein Stück erhielt,
ein karger, aber jedenfalls höherer Lohn, als ihm jede andre
literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,[152]

Die Unterstützung, welche den Schöngeistern jener Zeit von Seiten des
Publikums zu Theil wurde, war so gering, daß sie sich gezwungen sahen,
ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Börsen der Großen in
Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von
den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender
Schmeichelei belästigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen
müssen. Von dem Gönner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der
Verfasser, daß er ihn mit einer goldgefüllten Börse belohnen werde. Das
für die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender,
als die Summe, welche irgend ein Verleger für das Verlagsrecht bezahlt
haben würde. Es wurden daher oft Bücher lediglich um der Zuneigung
willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon
zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende
Schmeichelei war keine Schande für den Dichter, die Welt verlangte keine
Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war
in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem
Bettler.

Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schändeten,
kam gegen das Ende der Regierung Karl’s II. die maßloseste Heftigkeit
des Parteigeistes. Die Schöngeister als Stand waren durch ihren alten
Haß gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu
treten, und hatten sich als nützliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden
insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein „Absalom und
Achitophel“, die größte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in
Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in ländliche
Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die
Exclusionisten tief gekränkt und den Muth der Tories gehoben. Wir dürfen
jedoch über die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schönen
Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem
nicht außer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner
Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hämische
Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener
schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergießen, als die
Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche
Späße über den Strang und bittere Verhöhnung Derjenigen, welche, nachdem
sie dem Könige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm
jetzt zu einer nachsichtigen und großmüthigen Behandlung seiner
besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bühne ausgesprochen, und
zwar, damit das Maß der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in
denen man so jeden Funken von Mitgefühl zu ersticken suchte, nachdem sie
schon längst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.[153]

    [Anmerkung 145: +Jack in the Green+, ein Scherz der Essenkehrer,
    den sie am 1. Mai vorzunehmen pflegen und welcher darin besteht,
    daß sie den Längsten von ihnen in ein mit Blumen und grünen
    Zweigen umgebenes taugliches Korbgeflecht stecken, so daß man fast
    nichts von ihm sieht.  D. Übers.]

    [Anmerkung 146: Milton.  Der Übers.]

    [Anmerkung 147: Jeremias Collier hat diese schmachvolle Unsitte
    mit gewohnter Kraft und Schärfe gegeißelt.]

    [Anmerkung 148: Der Contract findet sich in Sir Walter Scott’s
    Ausgabe von Dryden’s Werken.]

    [Anmerkung 149: Siehe +Shiels’s Life of Southern.+]

    [Anmerkung 150: Siehe +Rochester’s Trial of the Poets.+]

    [Anmerkung 151: Aus einem Bericht über die englische Bühne.]

    [Anmerkung 152: +Life of Southern by Shiels.+]

    [Anmerkung 153: Sollte dieser oder jener Leser meine Ausdrücke zu
    stark finden, so rathe ich ihm, Dryden’s Epilog in seinem „Herzog
    von Guise“ zu lesen und dabei im Auge zu behalten, daß derselbe
    von einer Dame gesprochen wurde.]


[_Zustand der Wissenschaft in England._] Es ist eine bemerkenswerthe
Thatsache, daß, während die leichtere Literatur Englands auf diese Art
ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius
in der Wissenschaft eine Umwälzung bewirkte, die bis an’s Ende aller
Zeiten zu den glänzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezählt
werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungünstiger Zeit in einen
trägen Boden gesäet. Auch hatte er keine frühzeitige Ernte erwartet und
in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nächsten
Zeitalter vermacht. Während einer ganzen Generation war seine
Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen
wenigen reich begabten Köpfen langsam gereift. Während Parteien um die
Herrschaft über einander kämpften, hatte sich eine kleine Schaar von
Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurückgezogen und
sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen über die
Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden
diese Lehrer ohne Mühe aufmerksame Zuhörer, denn die Schule, durch
welche die Nation gegangen war, hatte den öffentlichen Geist in eine
Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl
geeignet machte. Die bürgerlichen Unruhen hatten die Fähigkeiten der
gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thätigkeit und eine
unersättliche Wißbegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor
gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, daß
politische und religiöse Reformpläne in der Regel mit Argwohn und
Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rührige und
scharfsinnige Männer vorzugsweise damit beschäftigt, Verfassungen mit
und ohne höchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu
wählenden Senaten, mit jährlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden
Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plänen vergessen. Alle
Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der
imaginären Regierung war vollständig ausgeführt: Polemarchen und
Phylarchen, Tribus und Galaxien,[154] der Lord Archon und der Lord
Strategus, welche Wahlurnen grün und welche roth, welche Kugeln von Gold
und welche von Silber sein, welche Beamten Hüte und welche schwarze
Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und
wann die Herolde sich entblößen sollten; alle diese und noch hundert
andere derartige Kleinigkeiten waren von Männern nicht gewöhnlicher
Fähigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und
festgestellt.[155] Aber die Zeit für solche Träume war vorüber, und wenn
wirklich noch hier und da ein zäher Republikaner sich damit
beschäftigte, so bewog ihn doch die Furcht, öffentlich ausgelacht und
des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfältigsten
Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulär und
gefährlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut
werden zu lassen, aber kühne und erfinderische Köpfe konnten sich dafür
entschädigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit
mitleidiger Geringschätzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedämmte
Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionäre Geist konnte
in der Politik nicht mehr thätig sein und fing daher an, sich mit noch
nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der
Naturwissenschaften zu rühren. Das Jahr 1660, die Epoche der
Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt,
mit dem der Einfluß der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde
die königliche Societät gegründet, welche das Hauptwerkzeug einer langen
Reihe von rühmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.[156] Binnen
wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode.
Die Transfusion des Blutes, das Wägen der Luft und die Fixirung des
Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis
vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefüllt hatten. Ideen über
vollkommenere Verfassungsformen machten Träumen von Flügeln, mit denen
man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen
Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme,
nicht möglich sein sollte. Die herrschende Stimmung riß alle Klassen mit
sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner
waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmänner,
Edelleute und Fürsten erhöhten den Sieg der Bacon’schen Philosophie. Die
Dichter verkündeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen
Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glänzenden Versen die
Auserwählten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und
Honig flössen, von dem Lande, das ihr großer Befreier und Gesetzgeber
wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten
dürfen.[157] Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntniß in
den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als
irgend Jemand verstand. Die Königliche Societät, prophezeiete er, werde
uns bald an den äußersten Rand des Erdballs führen und uns dort mit
einer besseren Ansicht des Mondes überraschen.[158] Zwei gebildete und
strebsame Prälaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof
von Chester, gehörten zu den Führern der Bewegung. Die Geschichte
derselben wurde in beredter Sprache von einem jüngern Theologen
geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung
emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der
Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren
richterlichen Geschäften einige Stunden ab, um Schriften über die
Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche
in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford’s unmittelbarer
Leitung verfertigt.[159] Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein
und der Liebe, mit der Bühne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen
und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen
Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst
zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche
so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit
gesetzt hat.[160] Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und
war dort viel thätiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehörte
fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, daß er über
Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen
hielten es zuweilen für passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau
zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswürdigkeiten und
stießen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, daß ein Magnet wirklich
eine Nadel anzog und daß eine Fliege unter dem Mikroskop so groß aussah
wie ein Sperling.[161]

Wie in jeder großen Bewegung des menschlichen Geistes, lag allerdings
auch in dieser etwas, das wohl ein Lächeln entlocken konnte. Es ist eine
allgemeine Regel, daß jede Lehre, jedes Studium, wenn es zur Modesache
wird, einen Theil der Würde verliert, die es besaß, während es noch auf
einen kleinen aber ernsten Kreis beschränkt war und nur um seiner selbst
willen geliebt wurde. Es ist wahr, die Thorheiten mancher Leute, die
ohne wirkliches Geschick für die Wissenschaft eine leidenschaftliche
Liebe zu derselben zur Schau trugen, lieferten einigen boshaften
Satirikern, die noch der vorhergehenden Generation angehörten und welche
das, was sie in der Jugend gelernt, nicht gern vergessen wollten, Stoff
zu verächtlichem Spott.[162] Nicht minder wahr aber ist es, daß das
große Werk der Erforschung der Natur von den Engländern jener Zeit in
einer Weise gefördert wurde, wie nie zuvor zu irgend einer Zeit und von
irgend einer Nation. Der Geist Franz Bacon’s, dieser Geist, in welchem
Kühnheit und Besonnenheit zu einem wundervollen Ganzen verbunden waren,
schwebte über dem Volke. Man war fest überzeugt, daß die ganze Welt voll
von Geheimnissen von hoher Wichtigkeit für das Wohl des Menschen sei und
daß der Schöpfer ihm den Schlüssel in die Hand gelegt, der bei richtigem
Gebrauch ihm die Kenntniß derselben verschaffen konnte. Zu gleicher Zeit
aber war man auch überzeugt, daß man in den Naturwissenschaften nur
durch genaue Beobachtung einzelner Erscheinungen zur Kenntniß der
allgemeinen Gesetze gelangen konnte. Tief durchdrungen von diesen großen
Wahrheiten widmeten sich die Jünger der neuen Philosophie ihrer Aufgabe,
und noch vor Ablauf eines Vierteljahrhunderts hatten sie schon einen
großen Theil von den Schätzen zu Tage gefördert, welche später
vervollständigt worden sind. Schon hatte eine Reform des Landbaus
begonnen, neue Pflanzen wurden angebaut, neue landwirthschaftliche
Geräthe und neue Düngemittel wurden angewendet.[163] Evelyn hatte mit
ausdrücklicher Genehmigung der Königlichen Societät seinen Landsleuten
Unterricht im Anpflanzen gegeben. Temple hatte in seinen Mußestunden
allerhand Versuche im Gartenbau angestellt und den Beweis geliefert, daß
viele köstliche Früchte, die Erzeugnisse begünstigterer Himmelsstriche,
mit Hülfe der Kunst in englischem Boden gezogen werden konnten. Die
Arzneiwissenschaft, die sich in Frankreich noch in trauriger
Abhängigkeit befand und Molière unerschöpflichen Stoff zu gerechtem
Spott lieferte, war in England eine Experimentalwissenschaft geworden,
welche trotz Hippokrates und Galen mit jedem Tage einen neuen
Fortschritt machte. Zum ersten Male richtete sich die Aufmerksamkeit
denkender Männer auf die so wichtige Gesundheitspolizei. Die große Pest
von 1665 gab ihnen Veranlassung, die Mängel der Bauart, der Abzugskanäle
und der Lüftung der Hauptstadt sorgfältig zu untersuchen, und der große
Brand im darauffolgenden Jahre bot Gelegenheit zur Einführung
ausgedehnter Verbesserungen. Die Königliche Societät prüfte die Sache
mit größter Thätigkeit, und den Anregungen von Seiten dieser
Gesellschaft sind zum Theil die Veränderungen zuzuschreiben, welche
allerdings noch weit hinter dem zurückblieben, was die öffentliche
Wohlfahrt erheischte, aber doch einen großen Unterschied zwischen dem
alten und dem neuen London hervortreten ließen und den Verheerungen der
Pest in unsrem Vaterlande wahrscheinlich ein Ziel setzten.[164] Zu
gleicher Zeit schuf einer von den Gründern der Gesellschaft, Sir Wilhelm
Petty, die Wissenschaft der politischen Arithmetik, die bescheidene,
aber unentbehrliche Gehülfin der Staatsweisheit. Kein Naturreich blieb
unerforscht. Jener Zeit gehören die Entdeckungen Boyle’s im Gebiete der
Chemie und Sloane’s erste botanische Forschungen an. Damals stellte Ray
eine neue Classification der Vögel und Fische auf und Woodward begann
seine Aufmerksamkeit den Fossilien und Muscheln zuzuwenden. Die
Phantome, die während langer Jahrhunderte der Finsterniß die Welt
bethört hatten, flohen eines nach dem andren vor dem Lichte. Die
Astrologie und Alchymie wurden Gegenstände des Spotts. Bald gab es kaum
noch eine Grafschaft, wo nicht Einige auf der Richterbank verächtlich
gelächelt hätten, wenn eine alte Frau vor sie geführt wurde, weil sie
auf Besenstielen geritten sei oder es dem Viehe angethan habe. Die
wichtigsten Triumphe aber errang der englische Genius der damaligen Zeit
in den edelsten und schwierigsten Zweigen der Wissenschaft, in denen
Induction und mathematischer Beweis zur Entdeckung der Wahrheit
zusammenwirken. John Wallis gab dem ganzen System der Statik eine neue
Grundlage. Edmund Halley untersuchte die Eigenschaften der Atmosphäre,
die Ebbe und Fluth des Meeres, die Gesetze des Magnetismus und den Lauf
der Kometen; weder Mühen, noch Gefahren, noch die Verbannung konnten ihm
die Pflege der Wissenschaft verleiden. Während er auf dem Felsen von St.
Helena eine Karte von den Sternbildern der südlichen Hemisphäre entwarf,
ward unsre Nationalsternwarte in Greenwich erbaut, und John Flamsteed,
der erste königliche Astronom, begann die lange Reihe von Beobachtungen,
welche auf keinem Punkte der ganzen Erde ohne Achtung und Dankbarkeit
erwähnt werden. Doch wie groß auch der Ruhm dieser Männer ist, er wird
durch den Alles überstrahlenden Glanz eines unsterblichen Namens in den
Schatten gestellt. In Isaak Newton vereinigten sich wie in keinem Andren
vor ihm oder nach ihm zwei Arten von geistiger Kraft, welche wenig mit
einander gemein haben und nicht oft in einem hohen Grade der Vollendung
beisammen gefunden werden, die aber nichtsdestoweniger bei Erforschung
der höchsten Gebiete der Naturwissenschaft gleich nothwendig sind.
Es mag Geister gegeben haben, welche für den Anbau der reinen
mathematischen Wissenschaft eben so glücklich constituirt waren als der
seinige; es mag Geister gegeben haben, welche in der Pflege der reinen
Experimentalwissenschaft dem seinigen nicht nachstanden: in keinem
andren Geiste aber haben sich das demonstrative und das inductive Talent
in solch höchster Vollendung und in so unvergleichlicher Harmonie
vereinigt. In einem Zeitalter von Scotisten und Thomisten würde
vielleicht auch sein Geist verkümmert sein, wie mancher andre, der nur
dem seinigen nachstand. Glücklicherweise aber gab der Geist des
Zeitalters, das ihm zugefallen war, seinem Geiste die rechte Richtung,
und sein Genie wirkte wieder mit zehnfacher Kraft auf den Geist seiner
Zeit zurück. Im Jahre 1685 war sein Ruhm, obwohl schon glänzend, doch
erst im Entstehen, sein Genie aber hatte den Zenith erreicht. Sein
großes Werk, das Werk, das auf den wichtigsten Gebieten der
Naturwissenschaft eine Revolution herbeiführte, war vollendet, aber noch
nicht im Druck erschienen, und sollte eben der Beurtheilung der
Königlichen Societät unterbreitet werden.

    [Anmerkung 154: +Galaxy+, Milchstraße, im bildlichen Sinne eine
    glänzende Versammlung.  D. Übers.]

    [Anmerkung 155: Siehe besonders +Harrington’s Oceana.+]

    [Anmerkung 156: Siehe +Sprat’s History of the Royal Society.+]

    [Anmerkung 157: +Cowley’s Ode to the Royal Society.+]

    [Anmerkung 158:

      „Dann geh’n wir an des Erdballs fernsten Rand,
      Wo Meer und Himmel in einander fließen.
      Um unsere Nachbarn in dem Sternenland,
      Die ganze Mondwelt freundlich zu begrüßen.“

          +Annus Mirabilis, 164.+]

    [Anmerkung 159: +North’s Life of Guildford.+]

    [Anmerkung 160: Die Glasthränen oder Glastropfen heißen im
    Englischen +Rupert’s+ drops.  D. Übers.]

    [Anmerkung 161: +Pepys’s Diary, May 30. 1667.+]

    [Anmerkung 162: Butler war meines Wissens in der Zeit zwischen der
    Restauration und der Revolution der einzige wirklich geistreiche
    Mann, der gegen die neue Philosophie, wie sie damals genannt
    wurde, eine heftige Feindschaft an den Tag legte. Siehe seine
    Satire auf die Königliche Societät und „der Elephant im Monde“.]

    [Anmerkung 163: Der Eifer, mit dem die Landwirthe der damaligen
    Zeit Versuche anstellten und Verbesserungen einführten, wird von
    Aubrey in seiner +Natural History of Wiltshire, 1685+, treffend
    geschildert.]

    [Anmerkung 164: +Sprat’s History of the Royal Society.+]


[_Zustand der schönen Künste._] Es ist nicht ganz leicht zu erklären,
warum die Nation, die in den Wissenschaften ihren Nachbarn so weit
voraus war, in der Kunst ihnen allen weit nachstand. Dennoch war es so.
In der Baukunst, einer Kunst, die eine halbe Wissenschaft ist, einer
Kunst, in der sich nur ein Geometer auszeichnen kann, eine Kunst, welche
nur einen mittelbar oder unmittelbar vom Nutzen abhängigen Maßstab der
Schönheit hat und deren Schöpfungen wenigstens einen Theil ihrer
Majestät von der bloßen körperlichen Masse herleiten, konnte sich unser
Vaterland allerdings in Christoph Wren eines wahrhaft großen Mannes
rühmen, und das Feuer, welches London in Asche legte, hatte ihm eine in
der neueren Geschichte noch nicht dagewesene Gelegenheit gegeben, sein
Talent zu entfalten. Die ernste Schönheit der atheniensischen
Säulenhalle und die düstre Großartigkeit des gothischen Spitzbogens war
er, gleich allen seinen Zeitgenossen, unfähig zu erreichen, aber kein
diesseits der Alpen Geborener hat die Pracht der palastähnlichen Kirchen
Italiens mit so glücklichem Erfolge nachgeahmt. Selbst der
prachtliebende Ludwig hat der Nachwelt kein Werk hinterlassen, das mit
der Paulskirche einen Vergleich aushalten könnte. Aber zu Ende der
Regierung Karl’s II. gab es nicht einen einzigen englischen Maler oder
Bildhauer, dessen Name noch jetzt genannt würde. Diese Unfruchtbarkeit
hat etwas Räthselhaftes, denn Maler und Bildhauer waren durchaus keine
verachtete oder kärglich bezahlte Klasse von Künstlern, sie nahmen
damals eine fast eben so hohe Stellung in der Gesellschaft ein als
jetzt, ja ihr Verdienst war im Verhältniß zu dem Nationalreichthum und
dem Lohne, welcher anderen Arten geistiger Arbeit gewährt wurde, sogar
größer als gegenwärtig. In der That zog die freigebige Gönnerschaft,
welche den Künstlern zu Theil ward, sie schaarenweise an unsere Küsten.
Lely, der uns die üppigen Locken, die vollen Lippen und die
schmachtenden Augen der von Hamilton gefeierten ätherischen Schönheiten
hinterlassen hat, war ein Westfale. Er starb 1680, nachdem er lange
glänzend gelebt, die Ritterwürde empfangen und sich von den Früchten
seiner Kunst ein ansehnliches Vermögen erspart hatte. Seine schöne
Sammlung von Zeichnungen und Gemälden wurde nach seinem Tode mit
Erlaubniß des Königs im Bankethause von Whitehall ausgestellt und dann
für die fast unglaubliche Summe von sechsundzwanzigtausend Pfund
Sterling versteigert, eine Summe, welche zu dem Vermögen der damaligen
Reichen in einem größeren Verhältnisse stand, als hunderttausend Pfund
zu dem Vermögen eines Reichen unserer Tage.[165] Auf Lely folgte sein
Landsmann Gottfried Kneller, der nacheinander zum Ritter und zum Baronet
erhoben wurde und der, obgleich er ein großes Haus geführt und in
unglücklichen Spekulationen viel Geld verloren hatte, seiner Familie
doch noch ein sehr bedeutendes Vermögen hinterlassen konnte. Die beiden
Vandevelde, geborene Holländer, waren durch die englische Freigebigkeit
bewogen worden, zu uns überzusiedeln, und malten für den König und den
hohen Adel einige der schönsten Seestücke, die es giebt. Ein andrer
Holländer, Simon Varelst, malte herrliche Sonnenblumen und Tulpen zu
Preisen, wie sie bis dahin noch nie bezahlt worden waren. Verrio, ein
Neapolitaner, schmückte Decken und Treppenhäuser mit Gorgonen und Musen,
mit Nymphen und Satyrn, mit Tugenden und Lastern, mit nektarschlürfenden
Göttern und lorbeerbekränzten, im Triumph einherziehenden Fürsten. Das
Einkommen, das ihm seine Arbeiten verschafften, setzte ihn in den Stand,
eine der üppigsten Tafeln in England zu führen. Für seine Malereien in
Windsor allein erhielt er siebentausend Pfund, eine Summe, welche damals
hinreichte, einem Gentleman von bescheidenen Ansprüchen für seine
Lebenszeit ein anständiges Auskommen zu sichern, eine Summe, welche
Dryden während einer vierzigjährigen literarischen Laufbahn von den
Buchhändlern noch bei weitem nicht erhalten hatte.[166] Verrio’s erster
Gehülfe und Nachfolger, Ludwig Laguerre, stammte aus Frankreich. Auch
die zwei berühmtesten Bildhauer jener Zeit waren Ausländer. Cibber,
dessen ergreifende Statuen der Raserei und der Melancholie noch jetzt
eine Zierde von Bedlam sind, war ein Däne. Gibbons, dessen anmuthiger
Phantasie und zartem Pinsel viele unserer Paläste, Collegien und Kirchen
ihre schönsten inneren Ausschmückungen verdanken, war ein Holländer.
Selbst die Zeichnungen für die Münze wurden von französischen Künstlern
gefertigt. Erst unter der Regierung Georg’s II. konnte sich unser
Vaterland eines großen Malers rühmen, und Georg III. saß auf dem Throne,
bevor es Ursache hatte, auf einen seiner Bildhauer stolz zu sein.

Es ist Zeit, daß ich mit der Betreibung des England, das Karl II.
regierte, zum Schluß eile. Ein Gegenstand von hoher Wichtigkeit ist
jedoch noch nicht berührt worden. Ich habe noch nichts von der großen
Masse des Volks gesagt, von Denen, die hinter dem Pfluge gingen, welche
die Ochsen pflegten, an den Webstühlen von Norwich arbeiteten und die
Portlandsteine für die St. Paulskirche herrichteten. Viel kann von ihnen
auch nicht gesagt werden. Gerade über die zahlreichste Klasse haben wir
die dürftigsten Nachrichten. Damals betrachteten es die Philantropen
noch nicht für eine heilige Pflicht und die Demagogen erkannten es noch
nicht als ein einträgliches Geschäft, sich über die Noth des Arbeiters
ausführlich zu verbreiten. Die Geschichte war zu sehr von Höfen und
Lagern in Anspruch genommen, als daß sie eine Zeile für die Hütte des
Landmanns oder für die Dachstube des Handwerkers hätte erübrigen können.
Die Presse liefert jetzt oft in einem Tage eine größere Menge von
Erörterungen und Schilderungen der Lage des Arbeiters, als in den
achtundzwanzig Jahren zwischen der Restauration und der Revolution
veröffentlicht wurden. Man würde jedoch sehr irren, wollte man aus der
Vermehrung der Klagen über diesen Gegenstand auf eine Zunahme des Elends
schließen.

    [Anmerkung 165: +Walpole’s Anecdotes of Painting+; +London
    Gazette, Mai 31. 1683+; +North’s Life of Guildford.+]

    [Anmerkung 166: Die hohen Preise, welche Varelst und Verrio
    bezahlt wurden, sind in Walpole’s +Anecdotes of Painting+
    erwähnt.]


[_Lage des niederen Volks._] Der wichtigste Maßstab für die Lage des
gemeinen Volks ist die Höhe der Arbeitslöhne, und da im siebzehnten
Jahrhundert vier Fünftel des gemeinen Volks beim Landbau beschäftigt
war, so ist die Feststellung der Löhne bei der landwirthschaftlichen
Industrie von ganz besonderer Wichtigkeit. Es stehen uns die Mittel zu
Gebote, um in Bezug auf diesen Gegenstand zu Ergebnissen zu gelangen,
die für unsren Zweck hinreichend genau sind.


[_Löhne der Feldarbeiter._] Sir Wilhelm Petty, dessen bloße Aussage
schon großes Gewicht hat, versichert uns, daß ein Feldarbeiter, der mit
Kost vier Pence und ohne Kost acht Pence Tagelohn erhielt, sich noch
nicht am schlechtesten stand. Vier Schillinge, war daher nach Petty’s
Berechnung beim Landbau ein sehr guter Wochenlohn.[167]

Wir haben mehr als hinlängliche Beweise dafür, daß diese Berechnung
nicht weit von der Wirklichkeit abweicht. Zu Anfang des Jahres 1685
setzten die Richter von Warwickshire kraft einer ihnen durch einen Erlaß
der Königin Elisabeth ertheilten Vollmacht in ihrer Quartalsitzung eine
Lohntaxe für die Grafschaft fest und bestimmten, daß jeder Arbeitgeber,
der mehr als die festgesetzten Löhne bewilligte, sowie jeder Arbeiter,
der mehr annähme, bestraft werden solle. Der Lohn des gemeinen
Feldarbeiters wurde vom März bis zum September genau auf den von Petty
angegebenen Betrag festgesetzt, nämlich auf vier Schillinge wöchentlich,
ohne Kost. Vom September bis zum März sollte der Lohn nur drei
Schillinge 6 Pence betragen.[168]

Die Löhne des Landmanns waren jedoch damals, wie auch jetzt, in den
verschiedenen Theilen des Landes sehr verschieden. In Warwickshire
betrugen sie wahrscheinlich ungefähr die Durchschnittssumme, in den
Grafschaften zunächst der schottischen Grenze waren sie noch niedriger;
allein es gab auch begünstigtere Districte. In dem nämlichen Jahre --
1685 -- ließ ein Gentleman von Devonshire, Namens Richard Dunning, ein
kleines Schriftchen erscheinen, in welchem er die Lage der Armen dieser
Grafschaft beschrieb. Es kann nicht bezweifelt werden, daß er von seinem
Gegenstande die genaueste Kenntniß hatte, denn schon nach wenigen
Monaten erlebte die Schrift eine neue Auflage und wurde von den zur
Quartalsitzung in Exeter versammelten Magistratsbeamten der Beachtung
aller Gemeindevorstände dringend empfohlen. Nach ihm betrug der
Wochenlohn des Feldarbeiters in Devonshire ungefähr fünf Schillinge ohne
Kost.[169]

Noch besser standen sich die Arbeiter in der Umgegend von Bury St.
Edmund’s. Die Magistratsbeamten von Suffolk versammelten sich dort im
Frühjahr 1682, um eine Lohntaxe festzustellen, und sie beschlossen, daß
der Arbeiter, wenn er nicht beköstigt würde, im Winter fünf und im
Sommer sechs Schillinge wöchentlich erhalten sollte.[170]

Im Jahre 1661 hatten die Richter von Chelmsford den Wochenlohn des
Arbeiters in Essex, wenn er nicht beköstigt wurde, auf sechs Schillinge
im Winter und sieben im Sommer festgesetzt. Dies scheint der höchste
Lohn zu sein, der zwischen der Restauration und der Revolution für
Feldarbeit im Königreiche bewilligt wurde, und es ist hierbei noch zu
bemerken, daß in dem Jahre, wo diese Bestimmungen getroffen wurden, die
Lebensmittel unmäßig theuer waren. Der Quarter Weizen kostete siebenzig
Schillinge, ein Preis, bei dem man selbst heutzutage von Hungersnoth
sprechen würde.[171]

Diese Thatsachen stehen im vollkommensten Einklange mit einem anderen
Factum, das Beachtung verdient. Es liegt auf der Hand, daß in einem
Lande, wo Niemand zum Militairdienst gezwungen werden kann, die Reihen
einer Armee sich nicht füllen werden, wenn die Regierung einen erheblich
geringeren Sold bietet, als der Lohn eines gewöhnlichen Landarbeiters
beträgt. Gegenwärtig beträgt die Löhnung eines Gemeinen, einschließlich
des Biergeldes, bei der Linie sieben Schillinge und sieben Pence die
Woche. Dieser Sold, verbunden mit der Aussicht auf eine Pension, zieht
jedoch die englische Jugend nicht in hinreichender Zahl an, und man
sieht sich genöthigt, den Ausfall durch ausgedehnte Werbungen unter der
ärmeren Bevölkerung von Munster und Connaught zu decken. Im Jahre 1685
betrug die Löhnung des gemeinen Infanteristen nur vier Schillinge acht
Pence die Woche, und dennoch ist es erwiesen, daß es der Regierung in
jenem Jahre nicht schwer wurde, binnen sehr kurzer Zeit viele Tausend
englische Rekruten zu erhalten. In der Armee der Republik hatte die
Löhnung des gemeinen Fußsoldaten sieben Schillinge betragen, das heißt
so viel, als unter Karl II. ein Korporal bekam,[172] und dieser Sold
erwies sich als hinreichend, um die Reihen des Heeres mit Männern zu
füllen, welche entschieden über der großen Masse des Volks standen. Im
Ganzen scheint man daher mit gutem Grunde annehmen zu können, daß unter
der Regierung Karl’s II. der gewöhnliche Lohn des Bauern nicht über vier
Schillinge die Woche betrug, daß aber in einigen Gegenden des Landes
fünf Schillinge, sechs Schillinge, und während der Sommermonate selbst
sieben Schillinge bezahlt wurden. Gegenwärtig würde der Zustand eines
Districts, in welchem der Arbeitsmann nur sieben Schillinge wöchentlich
verdiente, für höchst traurig gelten. Der durchschnittliche Lohn ist
bedeutend höher, und in wohlhabenden Grafschaften steigt der Wochenlohn
des ländlichen Arbeiters auf zwölf, vierzehn und sogar sechzehn
Schillinge.

    [Anmerkung 167: +Petty’s Political Arithmetic.+]

    [Anmerkung 168: +Stat. 5. Eliz. c. 4. Archaeologia vol. XI.+]

    [Anmerkung 169: +Plain and easy Method showing how the Office of
    Overseer of the Poor may be managed, by Richard Dunning; 1st
    edition, 1685, 2d edition, 1686.+]

    [Anmerkung 170: +Cullum’s History of Hawsted.+]

    [Anmerkung 171: +Ruggles on The Poor.+]

    [Anmerkung 172: Siehe in +Thurloe’s State Papers+ das Memorandum
    der holländischen Deputirten, vom 2.(12.) August 1653.]


[_Löhne der Fabrikarbeiter._] Der Lohn der in den Fabriken beschäftigten
Arbeiter ist stets höher gewesen, als der der landwirthschaftlichen
Arbeiter. Im Jahre 1680 bemerkte ein Mitglied des Hauses der Gemeinen,
daß es wegen der hohen Arbeitslöhne, die in unsrem Lande bezahlt würden,
unseren Geweben unmöglich sei, mit den Erzeugnissen der indischen
Webstühle zu concurriren. Anstatt wie ein Eingeborner von Bengalen für
eine Kupfermünze zu arbeiten, verlange ein englischer Fabrikarbeiter
täglich einen Schilling.[173] Man hat noch andere Beweise dafür, daß der
englische Fabrikarbeiter damals auf einen Tagelohn von einem Schilling
Anspruch machen zu können glaubte, daß er aber oft gezwungen war, für
einen geringeren Lohn zu arbeiten. Das gemeine Volk jener Zeit pflegte
sich noch nicht zum Behuf öffentlicher Besprechungen zu versammeln,
Reden zu halten oder beim Parlament zu petitioniren. Keine Zeitung
vertrat seine Sache, nur in rohen Liedern sprach seine Liebe und sein
Haß, seine Freude und sein Kummer sich aus. Einen großen Theil seiner
Geschichte kann man nur aus seinen Balladen lernen. Eins der
merkwürdigsten von den Volksliedern, welche zur Zeit Karl’s II. in den
Straßen von Norwich und Leeds gesungen wurden, kann man noch heute auf
dem ursprünglichen Druckbogen lesen. Es ist ein heftiger und bitterer
Wehschrei der Arbeit gegen das Kapital, es schildert die guten alten
Zeiten, als noch jeder Arbeiter in den Wollenmanufacturen so gut lebte
wie ein Pächter. Aber diese Zeiten waren vorbei. Sechs Pence den Tag
waren jetzt das Höchste, was bei angestrengter Arbeit am Webstuhle
verdient werden konnte. Wenn die Armen sich beklagten, daß sie von so
kargem Lohne nicht leben könnten, antwortete man ihnen, daß es ihnen
freistehe, denselben anzunehmen oder nicht. Für so jämmerlichen Lohn
mußten die Erzeuger des Reichthums vom frühen Morgen bis zum späten
Abend arbeiten, während der Meister Tuchmacher unter Essen, Schlafen und
Müßiggehen durch ihre Anstrengungen reich wurde. Ein Schilling den Tag,
erklärt der Dichter, sei der Lohn, der dem Weber von Rechtswegen
zukomme.[174] Wir können daraus schließen, daß unter der der Revolution
vorausgehenden Generation ein in der großen Hauptmanufactur Englands
beschäftigter Arbeiter sich für gut bezahlt hielt, wenn er sechs
Schillinge die Woche verdiente.

    [Anmerkung 173: Der Redner war John Basset, Abgeordneter von
    Barnstaple. Siehe +Smith’s Memoirs of Wool, chap. 68.+]

    [Anmerkung 174: Diese Ballade befindet sich im Britischen Museum.
    Das Jahr ist nicht angegeben, aber das Imprimatur von Roger
    Lestrange bezeichnet das Datum hinreichend genau für meinen Zweck.
    Ich will einige Strophen hier anführen. Der Meister Tuchmacher
    wird folgendermaßen redend eingeführt:

      In früheren Zeiten zahlten wir einen Lohn,
      Daß der Arbeiter lebte wie des Pächters Sohn,
      Doch mögen sie wissen, daß sich ändert die Zeit.
      -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
      Hart soll er arbeiten für sechs Pence den Tag,
      Obwohl ihm ein Schilling zukommen mag.
      Und murrt er und sagt, der Lohn sei zu klein,
      So hat er die Wahl, ob ja oder nein.
      So werden wir reich und pflegen uns gut
      Von des Armen saurem Schweiß und Blut.
      Das Tuchgeschäft hoch! Es geht ja ganz brav!
      Doch wir denken nicht d’ran uns zu plagen wie ’n Sklav’.
      Unser Arbeiter schwitzt, wir freu’n uns der Welt
      Und gehen und kommen wie’s uns gefällt.]


[_Arbeit der Kinder in den Fabriken._] Es mag hier erwähnt werden,
daß der Gebrauch, Kinder frühzeitig zur Arbeit zu verwenden, ein
Gebrauch, den der Staat als rechtmäßiger Beschützer Derer, die sich
selbst noch nicht beschützen können, in unsrer Zeit mit weiser
Menschenfreundlichkeit verboten hat, im siebzehnten Jahrhundert in einer
Ausdehnung herrschte, welche bei Vergleichung mit dem Umfange des
Fabrikwesens kaum glaublich erscheint. In Norwich, dem Hauptsitze der
Tuchmanufactur, wurde ein sechsjähriges Kind schon für arbeitsfähig
gehalten. Verschiedene Schriftsteller jener Zeit, darunter manche, die
für große Menschenfreunde galten, erwähnen rühmend, daß in dieser Stadt
allein Knaben und Mädchen von zartem Alter einen Reichthum erzeugten,
der das zu ihrem Lebensunterhalt Erforderliche um zwölftausend Pfund
Sterling jährlich übersteige.[175] Je sorgfältiger wir die Geschichte
der Vergangenheit prüfen, um so mehr Grund finden wir, von der Meinung
Derer abzuweichen, welche glauben, unsre Zeit sei fruchtbar an neuen
socialen Übeln gewesen. Die Wahrheit ist, daß diese Übel, mit kaum einer
Ausnahme, alt sind. Neu ist nur die Einsicht, welche dieselben erkennt,
und die Humanität, die sie beseitigt.

    [Anmerkung 175: +Chamberlayne’s State of England+; +Petty’s
    Political Arithmetic, chap. VIII+; +Dunning’s Plain and Easy
    Method+; +Firmin’s Proposition for the Employing of the Poor.+ Es
    muß bemerkt werden, daß Firmin ein ausgezeichneter Philantrop
    war.]


[_Löhne verschiedener Klassen von Handwerkern._] Wenn wir von den
Tuchwebern zu einer andren Klasse von Arbeitern übergehen, so werden
unsere Untersuchungen zu den nämlichen Resultaten führen. Die Commissare
des Greenwich-Hospitals zeichneten mehrere Generationen hindurch die
Löhne auf, welche verschiedenen bei den Reparaturen des Gebäudes
beschäftigten Handwerkern bezahlt wurden. Aus diesen werthvollen
Aufzeichnungen ergiebt sich, daß im Laufe von hundertzwanzig Jahren der
Tagelohn des Ziegeldeckers von einer halben Krone auf vier Schillinge
zehn Pence, der des Maurers von einer halben Krone auf fünf Schillinge
drei Pence, der des Zimmermanns von einer halben Krone auf fünf
Schillinge fünf Pence, und der des Bleideckers von drei Schillingen auf
fünf Schillinge sechs Pence gestiegen ist.

Daraus geht klar hervor, daß die Arbeitslöhne, nach dem Geldbetrage, im
Jahre 1685 nur halb so hoch waren als gegenwärtig, und nur wenige für
den Arbeiter wichtige Artikel waren 1685 nur halb so theuer als jetzt.
Das Bier war allerdings damals viel wohlfeiler als jetzt. Auch das
Fleisch war wohlfeiler, aber immer noch so theuer, daß Tausende von
Familien kaum den Geschmack desselben kannten.[176] Der Preis des
Weizens hat sich wenig geändert. Während der zwölf letzten
Regierungsjahre Karl’s II. war der Durchschnittspreis des Quarters
funfzig Schillinge. Daher war ein Brod, wie es gegenwärtig die Bewohner
eines Zuchthauses bekommen, damals selbst auf dem Tische eines
Freisassen oder eines Ladenkrämers eine Seltenheit. Die große Mehrzahl
der Nation lebte von Roggen, Gerste und Hafer.

Die Erzeugnisse der tropischen Gegenden, die Erzeugnisse des Bergbaues
und die Erzeugnisse des Maschinenwesens waren unzweifelhaft theurer als
gegenwärtig. Zu den Bedürfnissen, welche der Arbeiter 1685 theurer
bezahlen mußte als seine Nachkommen im Jahre 1848, gehörten unter
anderen Zucker, Salz, Kohlen, Lichter, Seife, Schuhe, Strümpfe und
überhaupt alle Bekleidungsstücke und alles Bettzeug. Man darf
hinzusetzen, daß die Kleider und Bettdecken in früherer Zeit nicht nur
theurer, sondern auch weniger haltbar waren als die neueren Fabrikate.

    [Anmerkung 176: King veranschlagt in seinen +National and
    Political Conclusions+ das gemeine Volk Englands auf ungefähr
    achthundertachtzigtausend Familien. Nur die Hälfte von diesen
    Familien genoß seiner Aussage nach zweimal wöchentlich animalische
    Nahrung, die andre Hälfte gar keine, oder höchstens einmal die
    Woche.]


[_Zahl der Armen._] Man darf nicht vergessen, daß diejenigen Arbeiter,
welche im Stande waren, sich und ihre Familien durch ihrer Hände Arbeit
zu ernähren, nicht die bedürftigsten Mitglieder des Gemeinwesens waren.
Unter ihnen stand noch eine zahlreiche Klasse, welche ohne fremde
Unterstützung nicht leben konnte. Es wird kaum einen besseren Maßstab
für die Lage des gemeinen Volks geben als das Verhältniß, in welchem die
erwähnte Klasse zu der Einwohnerzahl steht. Aus den amtlichen
Armenlisten geht hervor, daß gegenwärtig die Männer, Frauen und Kinder,
welche Unterstützung erhalten, in schlechten Jahren ein Zehntel und in
guten ein Dreizehntel der Bewohner Englands bilden. Gregor King schätzte
sie zu seiner Zeit auf mehr als ein Fünftel; und diese Schätzung, die
wir bei aller Achtung vor seiner Autorität kaum anders als übertrieben
nennen können, wurde von Davenant für höchst verständig erklärt.

Wir sind nicht ganz ohne die Mittel, um selbst eine Schätzung zu machen.
Die Armensteuer war unzweifelhaft die drückendste Abgabe, die zu jener
Zeit auf unseren Vorfahren lastete. Sie wurde unter Karl II. auf nahe an
siebenhunderttausend Pfund Sterling jährlich berechnet; das war weit
mehr als der Ertrag der Accise und Zölle und nicht viel weniger als die
Hälfte des Gesammteinkommens der Krone. Die Armensteuer nahm mit
reißender Schnelligkeit zu und stieg in kurzer Zeit auf acht- bis
neunhunderttausend Pfund, das heißt auf ein Sechstel ihres jetzigen
Betrags. Die Einwohnerzahl war damals nur ein Drittel so stark als
gegenwärtig. Das Minimum des Arbeitslohnes, in Gelde geschätzt, war die
Hälfte von dem was es jetzt ist, und wir dürfen daher kaum annehmen, daß
die einem Armen gewährte Unterstützung im Durchschnitt mehr als die
Hälfte von dem betrug, was ihm gegenwärtig zu Theil wird. Daraus scheint
zu folgen, daß damals ein größerer Theil des englischen Volks
Gemeindeunterstützung erhielt als jetzt. Man muß gegen solche
Schätzungen immer mißtrauisch sein, jedenfalls aber ist es noch durch
nichts bewiesen worden, daß der Pauperismus während des letzten Viertels
des siebzehnten Jahrhunderts eine minder drückende Last oder ein
kleineres sociales Übel war als er es in unsrer Zeit ist.[177]

In einem Punkte muß man indessen zugestehen, daß der Fortschritt der
Civilisation das physische Wohlsein eines Theils der ärmsten Klasse
vermindert hat. Es ist schon erwähnt worden, daß viele tausend
Quadratmeilen, die jetzt eingehegt und angebaut sind, damals Sumpf, Wald
und Heide waren. Von diesem wilden Land war ein großer Theil rechtliches
Gemeingut, und vieles von dem, was nicht Gemeingut war, hatte einen so
geringen Werth, daß die Eigenthümer es factisch Gemeingut sein ließen.
Auf solchen Landstrecken wurden unbefugte Ansiedler in einer jetzt nicht
gekannten Ausdehnung geduldet. Der dort wohnende Landmann konnte sich
mit wenig oder gar keinen Kosten zuweilen eine schmackhafte Zuspeise zu
seiner harten Kost verschaffen und sich für den Winter mit Brennholz
versorgen. Auf dem Platze, der gegenwärtig ein Obstgarten mit blühenden
Äpfelbäumen ist, hielt er eine Heerde Gänse. Er fing wildes Geflügel auf
dem Sumpfe, der jetzt schon längst ausgetrocknet und in Korn- und
Rübenfelder abgetheilt ist. Er stach Torf unter den Ginsterbüschen auf
dem Moore, der jetzt eine Wiese mit blühendem Klee ist, berühmt durch
ihre Butter und ihrem Käse.

    [Anmerkung 177: Vierzehnter Bericht der Armengesetz-Commission,
    Anhang +B+, Nr. 2, Anhang +C+, Nr. 1, 1848. Von den beiden oben
    erwähnten Schätzungen war die eine von Arthur Moore, die andre,
    einige Jahre später vorgenommene von Richard Dunning. Moore’s
    Schätzung findet man in Davenant’s +Essay on Ways and Means+, die
    Dunning’sche in Sir Friedrich Eden’s werthvollem Werke über die
    Armen. King und Davenant schätzen die Armen und Bettler im Jahre
    1696 auf die unglaubliche Zahl von 1,330,000 bei einer Bevölkerung
    von 5½ Millionen. Im Jahre 1846 belief sich nach den amtlichen
    Listen die Zahl Derer, welche Unterstützung erhielten, nur auf
    1,332,089 bei einer Bevölkerung von ungefähr 17 Millionen. Hierbei
    ist auch zu bemerken, daß in den amtlichen Listen ein Armer sehr
    leicht mehr als einmal gezählt wird. -- Ich möchte dem Leser
    rathen, De Foe’s Flugschrift, betitelt: +Giving Alms no Charity+,
    zu lesen und die Listen von Greenwich in M’Culloch’s +Commercial
    Dictionary+ unter dem Artikel +Prices+ nachzusehen.]


[_Welchen Nutzen die Fortschritte der Civilisation dem gemeinen Volke
brachten._] Die Fortschritte des Landbaues und die Zunahme der
Bevölkerung mußten den Landmann dieser Vortheile nothwendig berauben;
dafür aber läßt sich eine lange Liste anderer Vortheile anführen. Ein
großer Theil der Segnungen, welche Civilisation und wissenschaftliche
Bildung in ihrem Gefolge haben, kommt allen Ständen zu Gute und würde im
Fall der Entziehung von dem Arbeiter eben so schmerzlich vermißt werden,
als von dem Peer. Der Marktort, den der Bauer mit seinem Karren jetzt in
einer Stunde erreichen kann, war vor hundertsechzig Jahren eine
Tagereise weit entfernt. Die Straße, die dem Handwerker jetzt die ganze
Nacht hindurch einen sicheren, bequemen und glänzend erleuchteten
Spaziergang darbietet, war vor hundertsechzig Jahren nach
Sonnenuntergang so dunkel, daß er die Hand nicht vor den Augen hätte
sehen können, so schlecht gepflastert, daß er beständig in Gefahr
geschwebt hätte, den Hals zu brechen, und so schlecht bewacht, daß er
keinen Augenblick sicher gewesen wäre, überfallen und seines kleinen
Verdienstes beraubt zu werden. Jeder Maurer, der von einem Gerüste
herabfällt, jeder Gassenkehrer, der von einem Wagen überfahren wird, hat
jetzt die Gewißheit, daß seine Wunden so zweckmäßig verbunden und seine
Glieder so geschickt eingerichtet werden, wie es vor hundertsechzig
Jahren ein vornehmer Lord wie Ormond, oder ein Handelsfürst wie Clayton
für all’ seinen Reichthum nicht haben konnte. Manche schreckliche
Krankheiten sind durch die Wissenschaft ausgerottet, manche andere durch
polizeiliche Maßregeln beseitigt worden. Die Dauer des menschlichen
Lebens hat sich im ganzen Königreiche und namentlich in den Städten
verlängert. Das Jahr 1685 galt für kein ungesundes, und doch starb in
diesem Jahre mehr als einer von dreiundzwanzig Bewohnern der
Hauptstadt.[178] Gegenwärtig stirbt erst von vierzig Einwohnern der
Hauptstadt im Jahre einer. Der Unterschied in gesundheitlicher Beziehung
zwischen dem London des neunzehnten und dem London des siebzehnten
Jahrhunderts ist weit größer als der zwischen dem heutigen London in
gewöhnlicher Zeit und zur Cholerazeit.

Noch wichtiger sind die Vortheile, welche allen Klassen der
Gesellschaft, und namentlich den niederen durch den mildernden Einfluß
der Civilisation auf den Nationalcharacter erwachsen sind. Der Grundzug
desselben ist allerdings viele Menschenalter hindurch insofern der
nämliche geblieben, als man überhaupt sagen kann, daß der allgemeine
Character des Einzelnen, nachdem er ein gebildeter und verständiger Mann
geworden, noch derselbe ist als zu der Zeit, da er ein unerfahrener und
gedankenloser Schulknabe war. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, daß
der englische Volksgeist, während er gereift ist, sich zugleich auch
gemildert hat und daß wir im Laufe der Zeit nicht nur ein weiseres,
sondern auch ein sanfteres Volk geworden sind. Es giebt kaum ein Blatt
der Geschichte oder der leichteren Literatur des siebzehnten
Jahrhunderts, welches nicht einen Beleg dafür enthielte, daß unsere
Vorfahren weniger human waren als ihre Nachkommen es sind. In den
Werkstätten, in den Schulen und in den Familien herrschte eine ungleich
strengere, obwohl keineswegs wirksamere Zucht als gegenwärtig.
Dienstherren von guter Herkunft und Erziehung pflegten ihre Untergebenen
zu schlagen; Lehrer und Erzieher kannten kein andres Mittel, um ihren
Zöglingen Kenntnisse beizubringen, als Schläge, und Ehemänner ganz
achtbaren Standes schämten sich nicht, ihre Gattinnen zu schlagen.
Die Erbitterung feindlicher Parteien war so heftig, daß wir es kaum
begreifen können. Whigs murrten darüber, daß man Stafford sterben ließ,
ohne vorher seine Eingeweide vor seinen Augen zu verbrennen. Tories
schmähten und insultirten Russell, als er vom Tower nach dem Richtplatze
in Lincoln’s Inn Fields fuhr.[179] Eben so wenig Mitleid zeigte der
Pöbel gegen Verurtheilte niederen Standes. Ein Verbrecher, der an den
Pranger gestellt wurde, konnte von Glück sagen, wenn er unter dem Hagel
von Ziegel und Pflastersteinen mit dem Leben davon kam.[180] Wenn er an
den Karren angebunden wurde, um gestäupt zu werden, drängte sich der
Haufe um ihn und ermahnte den Henker, ihm tüchtig aufzuzählen, damit er
ordentlich heulte.[181] Gentlemen unternahmen an Gerichtstagen
Lustfahrten nach Bridgewell, um die unglücklichen Weiber auspeitschen zu
sehen, welche dort Hanf brechen mußten.[182] Ein Mann, der zu Tode
gepreßt wurde, weil er sich weigerte, vor Gericht zu antworten, oder
eine Frau, die wegen Falschmünzerei verbrannt wurde, erregten weniger
Theilnahme als jetzt ein wundgeriebenes Pferd oder ein übermäßig
angestrengter Ochse; Kämpfe, im Vergleich mit denen ein Boxerkampf ein
edles und humanes Schauspiel ist, gehörten zu den Lieblingsbelustigungen
eines großen Theiles der Bewohner. Massen von Zuschauern versammelten
sich, um Gladiatoren einander mit tödtlichen Waffen in Stücke hauen zu
sehen und brachen in Jubelgeschrei aus, wenn einer der Kämpfer einen
Finger oder ein Auge verlor. Die Gefängnisse waren irdische Höllen,
Herde aller nur denkbaren Laster und Krankheiten. Bei den Assisen
brachten die abgezehrten und leichenhaft aussehenden Angeklagten aus
ihren Kerkern einen Pestgestank mit in das Gerichtszimmer, der sie
zuweilen an den Richtern, Anwälten und Geschwornen empfindlich rächte.
Aber gegen all’ dieses Elend blieb die Gesellschaft vollkommen
gleichgültig. Nirgends fand man die mitleidige, nie ruhende Theilnahme,
welche in unsrer Zeit dem Kinde in den Fabriken, wie der Hinduwittwe und
dem Negersklaven einen kräftigen Schutz gewährt, die die Mundvorräthe
und Wasserfässer jedes Auswandererschiffes untersucht, der jeder
Peitschenhieb auf den Rücken eines betrunkenen Soldaten weh thut, die es
nicht dulden will, daß der Dieb auf den Gefangnenschiffen schlecht
genährt oder übermäßig angestrengt wird und die sich wiederholt selbst
für das Leben des Mörders verwendet hat. Allerdings muß, wie jedes andre
Gefühl, das Mitleid unter der Oberherrschaft der Vernunft bleiben und es
hat, wenn es sich von dieser Herrschaft lossagt, schon oft nachtheilige
und selbst beklagenswerthe Folgen gehabt. Aber je genauer wir die
Annalen der Vergangenheit studiren, um so freudiger werden wir erkennen,
daß wir in einem Zeitalter des Erbarmens leben, in einem Zeitalter, in
welchem jede Grausamkeit verabscheut und selbst wohlverdienter Schmerz
nur mit Widerwillen und lediglich aus Pflichtgefühl zugefügt wird. Durch
diese große sittliche Veränderung hat unzweifelhaft jede Klasse viel
gewonnen, am meisten aber die ärmste, die abhängigste und wehrloseste
Klasse.

    [Anmerkung 178: Die Zahl der Todesfälle betrug 23,222. -- +Petty’s
    Political Arithmetic.+]

    [Anmerkung 179: +Burnet I. 560.+]

    [Anmerkung 180: +Muggleton’s Acts of The Witnesses of the
    Spirit.+]

    [Anmerkung 181: Tom Browne schildert eine solche Scene in Worten,
    die ich nicht anzuführen wage.]

    [Anmerkung 182: +Ward’s London Spy.+]


[_Täuschung, welche die Menschen verleitet, das Glück früherer
Geschlechter zu überschätzen._] Das Gesammtergebniß der dem Leser
vorgeführten Thatsachen dürfte kaum zweifelhaft sein. Trotz der
augenfälligsten Beweise aber werden sich noch immer Viele das England
der Stuarts als ein glücklicheres Land vorstellen als das England ist,
in dem wir leben. Es mag auf den ersten Blick sonderbar scheinen, daß
eine Gesellschaft, die mit rastloser Eil vorwärts schreitet, dennoch
beständig mit schmerzlicher Sehnsucht zurückblickt. Aber wie unvereinbar
diese beiden Neigungen auch scheinen mögen, so lassen sie sich doch
leicht auf gleichen Ursprung zurückführen. Beide entspringen aus unsrer
Unzufriedenheit mit dem Zustande, in dem wir uns eben befinden, und
diese Unzufriedenheit spornt uns an, vergangene Generationen zu
überflügeln, verleitet uns aber zu gleicher Zeit auch, ihr Glück zu
überschätzen. In gewissem Sinne ist es thöricht und undankbar von uns,
daß wir beständig unzufrieden sind mit einem Zustande, der sich
beständig bessert. Aber eben weil beständige Unzufriedenheit herrscht,
findet beständige Besserung statt. Wenn wir mit der Gegenwart vollkommen
zufrieden wären, würden wir aufhören zu sinnen, zu arbeiten und in
Hinblick auf die Zukunft zu sparen. Da uns aber die Gegenwart nicht
befriedigt, ist es auch natürlich, daß wir eine zu günstige Meinung von
der Vergangenheit haben.

Wir sind in der That in einer Täuschung befangen, ähnlich der, welche
den Reisenden in der arabischen Wüste irre führt. Unter den Füßen der
Karawane ist Alles trocken und kahl, und vor und hinter ihr in weiter
Ferne schimmern erquickende Wasserspiegel. Die Pilger eilen vorwärts und
finden nichts als Sand, wo sie vor einer Stunde einen See gesehen
hatten. Sie wenden sich um und erblicken einen See da, wo sie vor einer
Stunde durch den Sand wateten. Eine ähnliche Täuschung scheint die
Nationen durch alle Stadien der langen Reise aus Armuth und Barbarei zu
den höchsten Stufen des Wohlstandes und der Civilisation zu begleiten.
Verfolgen wir aber das Trugbild entschlossen nach rückwärts, so werden
wir es bis in die Regionen des sagenhaften Alterthums zurückweichen
sehen. Man pflegt jetzt das goldene Zeitalter Englands in eine Zeit zu
versetzen, wo der vornehmste Mann Bequemlichkeiten entbehrte, deren
Mangel einem modernen Lakaien unerträglich sein würde, wo der Landwirth
und Krämer zum Frühstück ein Brod aßen, dessen bloßer Anblick in einem
Arbeitshause der Neuzeit eine Meuterei hervorrufen würde, wo die
Menschen in der reinsten Landluft früher starben, als jetzt in den
verpestetsten Gäßchen unserer Städte, und wo sie in den Gäßchen der
Städte früher starben als jetzt auf der Küste von Guiana. Auch wir
werden einst übertroffen, auch wir werden einst beneidet werden. Es kann
wohl kommen, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Landmann von Dorsetshire
sich mit fünfzehn Schillingen die Woche für schlecht bezahlt hält, daß
der Zimmermann in Greenwich zehn Schillinge den Tag verdient, daß der
Arbeiter eben so wenig gewohnt ist, zu Mittag das Fleisch zu entbehren,
als er jetzt gewohnt ist, Roggenbrod zu essen, daß Gesundheitspolizei
und arzneiwissenschaftliche Entdeckungen die durchschnittliche Dauer des
menschlichen Lebens noch um mehrere Jahre verlängern, daß zahlreiche
Annehmlichkeiten und Genüsse, die jetzt unbekannt oder doch nur Wenigen
zugänglich sind, jedem fleißigen und strebsamen Arbeiter erreichbar
werden. Und doch wird man auch dann vielleicht sagen, daß die Zunahme
des Wohlstandes und die Fortschritte der Wissenschaft nur der Minderheit
auf Kosten der Mehrheit zu Gute gekommen seien, und wird von der
Regierung der Königin Victoria sprechen als von einer Zeit, da England
wirklich das glückliche England war, wo das Band brüderlicher Sympathie
alle Klassen umschlang, wo der Anblick des Reichen das Auge des Armen
nicht verletzte und der Arme den Glanz des Reichen nicht beneidete.


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *


  Viertes Kapitel

  Jakob II.



  =Inhalt.=

                                                               Seite
  Tod Karl’s II.                                                   5
  Verdacht der Vergiftung                                         13
  Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath                           14
  Ausrufung Jakob’s                                               15
  Stand des Ministeriums                                          16
  Neue Anordnungen                                                17
  Sir Georg Jeffreys                                              18
  Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte                  22
  Einberufung eines Parlaments                                    23
  Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich       23
  Churchill als Gesandter nach Frankreich geschickt               25
  Seine Geschichte                                                25
  Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England    27
  Innerer Kampf Jakob’s II.                                       31
  Schwankungen seiner Politik                                     31
  Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palast   33
  Jakob’s Krönung                                                 34
  Enthusiastische Adresse der Tories                              36
  Die Wahlen                                                      37
  Prozeß gegen Oates                                              41
  Prozeß gegen Dangerfield                                        44
  Prozeß gegen Baxter                                             45
  Zusammentritt des schottischen Parlaments                       48
  Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner                         49
  Grausame Behandlung der schottischen Covenanters                50
  Stimmung Jakob’s gegen die Quäker                               53
  Wilhelm Penn                                                    55
  Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker                 57
  Zusammenkunft des englischen Parlaments                         59
  Trevor zum Sprecher gewählt                                     59
  Seymour’s Character                                             59
  Rede des Königs an das Parlament                                60
  Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour’s                     61
  Bewilligung des Einkommens                                      62
  Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion            62
  Bewilligung nachträglicher Steuern                              63
  Sir Dudley North                                                63
  Verhandlungen der Lords                                         64
  Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford’s                 65



[_Tod Karl’s II._] Der Tod Karl’s II. war der Nation überraschend. Er
besaß eine kräftige Constitution und schien nicht durch Ausschweifungen
gelitten zu haben. Bei seinen Vergnügungen ließ er nie die Rücksicht auf
die Gesundheit aus den Augen, und seine Gewohnheiten berechtigten zur
Erwartung eines langen Lebens und rüstigen Greisenalters. Wie träge er
auch immer da erschien, wo Anstrengung des Geistes nöthig war, in
körperlichen Übungen war er lebhaft und ausdauernd. Er war in seiner
Jugend ein rühmlich bekannter Ballspieler gewesen,[1] und noch im
höheren Lebensalter ein unermüdlicher Fußgänger von so außergewöhnlichem
Schritt, daß Diejenigen, denen die Ehre seines Umgangs zu Theil wurde,
Mühe hatten, mit ihm fortzukommen. Er verließ sehr zeitig das Bett und
bewegte sich regelmäßig drei bis vier Stunden in der freien Luft. Ehe
noch der Thau von dem Grase des St. James-Parks verschwunden war, sah
man ihn schon unter den Bäumen lustwandeln und mit seinen Wachtelhunden
spielen, oder den Enten Korn vorwerfen, und diese Beschäftigungen
machten ihn beim gemeinen Volke sehr beliebt, welches immer die
Mächtigen gern bei ihren zwanglosen Erholungen beobachtet.[2]

Endlich -- es war gegen den Schluß des Jahres 1684 -- traf ihn ein
leichter Anfall, wie man glaubte, von Gicht, wodurch es ihm unmöglich
wurde, seine gewöhnlichen Ausflüge vorzunehmen und er die Morgenstunden
in seinem Laboratorium zubrachte, beschäftigt mit Experimenten über die
Natur des Quecksilbers. Auf seine Gemüthsstimmung schien dieses
Abgeschlossensein eine ungünstige Wirkung zu äußern. Es bestand keine
gerechtfertigte Ursache zur Unruhe, das Königreich war beruhigt, es
drückte ihn kein Geldmangel, seine Macht war bedeutender als jemals,
die Partei, welche ihm so oft im Wege stand, war vernichtet, aber die
Fröhlichkeit, welche ihn auch bei dem traurigsten Geschick nicht
gänzlich verlassen, war in dieser Zeit des Glücks von ihm gewichen. Ein
unbedeutendes Ereigniß vermochte jetzt die elastischen Lebensgeister
niederzuhalten, welche gegen Niederlage, Verbannung und Dürftigkeit
angestrebt hatten. Seine Reizbarkeit verrieth sich oft durch Mienen und
Äußerungen, wie man sie von einem durch heitere Laune und seine Bildung
bekannten Manne kaum erwarten konnte, man hatte jedoch keine Ahnung, daß
seine Gesundheit ernstlich angegriffen sei.[3]

Selten hatte sein Palast einen lustigeren oder auch unanständigeren
Anblick geboten, als am Sonntag Abend den 1. Februar 1685.[4] Einige
würdige Personen, welche nach der Sitte jener Zeit nach Hofe gingen, um
dem Souverain ihre Ehrfurcht zu beweisen, und an diesem Tage daselbst
ein anständiges Aussehen erwarteten, wurden von Erstaunen und Abscheu
erfüllt. Die große Halle von Whitehall, ein herrlicher Überrest der
Pracht der Tudors, war gedrängt voller Schwelger und Spieler. Darunter
saß der König, plaudernd und scherzend mit drei Frauen, deren Reize der
Stolz und deren Verdorbenheit die Schande dreier Nationen waren. Es war
dabei Barbara Palmer, Herzogin von Cleveland, zwar nicht mehr jung, aber
noch jetzt mit Spuren jener wunderbaren, üppigen Reize begabt, welche
vor zwanzig Jahren ihr die Herzen aller Männer gewannen; dann die
Herzogin von Portsmouth, deren sanfte, feine Züge von französischer
Lebhaftigkeit überflogen waren. Hortensia Manzini, Herzogin von Mazarin
und Nichte des berühmten Cardinals schloß die Gruppe. Man hatte sie in
früher Jugend aus ihrem Geburtslande Italien nach dem Hofe gebracht, wo
ihr Oheim herrschte. Die Macht desselben und ihre Reize hatte eine Menge
vornehmer Freier um sie gesammelt, und Karl selbst hatte während seines
Exils ohne Erfolg um ihre Hand geworben. Keine Gabe der Natur und des
Glücks schien ihr versagt zu sein. Ihr Antlitz zeigte die vollendete
Schönheit des Südens, ihr Verstand war lebhaft, ihr Benehmen
liebenswürdig, ihr Stand hocherhaben und ihre Besitzungen von ungeheurer
Größe; aber ihre wilden Leidenschaften hatten all diesen Segen in Fluch
verwandelt. Sie hatte die Beschwerden einer unglücklichen Ehe
unerträglich gefunden, war dem Gemahl entflohen, hatte ihre Reichthümer
im Stiche gelassen, und nachdem sie Rom und Piemont durch ihre Abenteuer
in Verwunderung gesetzt, ihren Aufenthalt in England genommen. Ihr Haus
war der Lieblingsaufenthalt von witzigen und lebenslustigen Männern,
welche um ihres Lächelns und ihrer Tafel willen oftmalige Ausbrüche von
Übermuth und Launenhaftigkeit sich gefallen ließen. Rochester und
Godolphin erholten sich oft in ihrer Gesellschaft von den Sorgen der
Regierung, Barillon und St. Evremond trösteten sich durch den Umgang mit
ihr über die lange Verbannung von Paris; Vossius’ Gelehrsamkeit und
Waller’s Geistesreichthum waren eifrig bemüht ihr zu schmeicheln und
Unterhaltung zu verschaffen; aber ihr krankes Gemüth verlangte
kräftigere Aufregungsmittel. Sie suchte dieselben in Liebschaften,
Basset und irländischem Gewürzbranntwein.[5] Während Karl mit seinen
drei Sultaninnen scherzte, trällerte Hortensia’s französischer Page, ein
hübscher Knabe, dessen Gesangsleistungen ganz Whitehall bezauberten und
durch häufige Geschenke von schönen Kleidern, kleinen Pferden und
Guineen belohnt wurden, verliebte Lieder.[6] Um eine große Tafel saßen
eine Anzahl von zwanzig Hofherren vor mächtigen Goldhaufen und spielten
Karten.[7] Schon damals beklagte sich der König über ein leichtes
Unwohlsein, er hatte keinen Appetit zum Abendessen und eine ruhelose
Nacht, stand aber am nächsten Morgen nach seiner Gewohnheit frühzeitig
auf.

Auf diesen Morgen hatten die streitenden Factionen des Geheimen Rathes
seit mehreren Tagen mit ängstlicher Erwartung hingeblickt. Der Kampf
zwischen Halifax und Rochester schien sich einem entscheidenden
Wendepunkte zu nähern. Halifax, nicht zufrieden, seinen Nebenbuhler
bereits vom Schatzamte verdrängt zu haben, war entschlossen, den Beweis
zu führen, daß derselbe sich einer solchen Unredlichkeit oder
Nachlässigkeit in der Finanzverwaltung schuldig gemacht, welche
nothwendig mit Entfernung aus dem Staatsdienste geahndet werden müsse.
Man flüsterte sich sogar zu, der Lord Präsident würde vermuthlich in den
Tower gebracht werden. Der König hatte eine Untersuchung dieser Sache
versprochen, und der zweite Februar war dazu bestimmt; mehrere
Finanzbeamte sollten sich mit ihren Büchern an diesem Tage einfinden[8]
-- aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. --

Kaum hatte Karl sein Lager verlassen, als die aufwartenden Personen
bemerkten, daß seine Aussprache undeutlich und seine Gedanken verwirrt
und unstät zu sein schienen. Mehrere hochgestellte Männer hatten sich,
wie es üblich war, eingefunden, um ihren Herrn rasiren und ankleiden zu
sehen. Er machte eine Anstrengung, mit ihnen in seiner gewöhnlichen
heiteren Manier sich zu unterhalten, aber sein verstörtes Aussehen
bestürzte und ängstigte sie. Bald darauf wurde sein Antlitz schwarz, er
verdrehte die Augen, schrie laut auf, taumelte und sank in die Arme des
Thomas Lord Bruce, Sohnes des Earls von Ailesbury. Zufällig war der Arzt
in der Nähe, dem die Sorge für des Königs Schmelztiegel und Retorten
oblag, dieser öffnete in Ermangelung einer Lanzette mit dem Federmesser
eine Ader, das Blut floß ungehindert, aber der König war noch immer ohne
Bewußtsein.

Man brachte ihn auf sein Bett, wo sich die Herzogin von Portsmouth eine
Zeit lang mit der Vertraulichkeit einer Gattin über ihn hinneigte. Aber
schon war Lärm geworden. Die Königin und die Herzogin von York eilten
herbei und nöthigten die begünstigte Favorite, sich in ihre Zimmer
zurückzuziehen. Diese Gemächer waren von ihrem Geliebten zu Befriedigung
ihrer Launen dreimal niedergerissen und dreimal wieder aufgebaut worden.
Selbst das Geräth des Kamins war aus massivem Silber gearbeitet.
Verschiedene prachtvolle Gemälde, eigentlich der Königin gehörig, waren
in die Zimmer der Maitresse gebracht worden. Die Seitentische waren mit
dem kostbarsten Silbergeräth bedeckt. In den Nischen standen Kästchen,
welche Meisterwerke japanischer Geschicklichkeit waren. Auf den
Vorhängen, welche eben von den Pariser Webstühlen kamen, befanden sich
in Farben, welche keine englische Kunst nachzuahmen verstand, Vögel mit
dem prachtvollsten Gefieder, Landschaften, Jagdbilder, die wunderschöne
Terrasse von Saint-Germain, die Statuen und Fontainen von Versailles
dargestellt.[9] Und mitten in dieser durch Schuld und Schmach erworbenen
Pracht gab das unglückliche Weib sich dem tiefsten Kummer hin, welcher,
um gerecht zu sein, nicht ganz selbstsüchtig war.

Jetzt wurden die Pforten von Whitehall, welche in der Regel allen
Kommenden offen standen, geschlossen. Nur bekannten Personen wurde der
Eintritt bewilligt. Die Vorzimmer und Gallerien waren bald darauf
überfüllt, und selbst im Krankenzimmer drängten sich Pairs, Geheime
Räthe und fremde Gesandte. Alle Ärzte von Ruf in London wurden
herbeigeholt. Man kann sich einen Begriff von der politischen
Erbitterung machen, wenn man erfährt, daß die Anwesenheit einiger
whiggistisch gesinnter Ärzte als ein höchst auffallender Umstand
betrachtet wurde.[10] Ein damals durch seine Geschicklichkeit sehr
berühmter katholischer Arzt, Doctor Thomas Short, war zugegen.
Verschiedene von den verordneten Recepten sind auf unsere Zeit gekommen,
eines davon ist von vierzehn Ärzten unterzeichnet. Man ließ dem
Patienten reichlich zur Ader, brachte glühendes Eisen an seinen Kopf und
füllte ihm ein ekelhaftes, flüchtiges Salz ein, welches aus
Menschenschädeln präparirt war. Die Besinnung kehrte zurück, aber der
Zustand des Kranken war offenbar ein äußerst gefährlicher.

Eine Zeit lang pflegte ihn die Königin unverdrossen, und der Herzog von
York wich kaum einen Augenblick vom Bette seines Bruders. Der Primas und
vier andere Bischöfe, welche damals in London waren, blieben den ganzen
Tag in Whitehall und wachten abwechselnd während der Nacht in dem Zimmer
des Königs. Die Kunde von seiner Krankheit erregte in der Hauptstadt
Angst und Sorge, denn sein freundliches Gemüth und leutseliges Wesen
hatten ihn bei der Mehrzahl des Volkes beliebt gemacht, und Diejenigen,
welche nicht eben günstig für ihn gesinnt waren, zogen doch seinen
charakterlosen Leichtsinn der strengen und finstren Bigotterie seines
Bruders vor.

Am Morgen des Donnerstag, den 5. Februar, machte die Londoner Gazette
bekannt, daß das Befinden Sr. Majestät sich zusehends bessere und die
Ärzte die Gefahr für beseitigt hielten. Fröhliches Glockengeläute
ertönte von den Thürmen und in den Straßen wurden Vorbereitungen zu
einer Erleuchtung getroffen; jedoch am Abend verbreitete sich die
Nachricht, daß ein Rückfall stattgefunden habe und von den Ärzten alle
Hoffnung aufgegeben worden sei. Alles war in heftiger Aufregung, doch
zeigte sich nirgends Neigung zu Aufruhr. Der Herzog von York, welcher es
schon übernommen hatte, Befehle zu ertheilen, erkannte durch eigene
Anschauung, daß die Stadt vollkommen ruhig sei und daß er ohne Mühe zum
König ausgerufen werden könne, sobald sein Bruder die Augen schloß.

Der König fühlte große Schmerzen und klagte darüber, daß er die
Empfindung habe, als ob Feuer in seinem Innern brenne, ertrug jedoch
seine Leiden mit einer Ergebung, welche seiner weichlichen, üppigen
Gemüthsart nicht angemessen schien. Die Königin war vom Anblick seines
trostlosen Zustandes so tief erschüttert, daß sie ohnmächtig wurde und
man sie besinnungslos nach ihren Zimmern bringen mußte. Die anwesenden
Prälaten hatten schon anfangs ihn ermahnt, an den Tod zu denken, jetzt
hielten sie es für ihre Pflicht, ihn noch dringlicher daran zu mahnen.
Der Erzbischof von Canterbury, Wilhelm Sancroft, ein redlicher, frommer,
wenn auch etwas beschränkter Mann, sprach ohne alle Rücksichten. „Es ist
jetzt Zeit, offenherzig zu sein,“ sagte er, „denn Sie sind im Begriff,
Sire, vor einen Richter zu treten, bei dem kein Ansehen der Person
gilt.“ Der König erwiderte kein Wort.

Jetzt begann Thomas Ken, Bischof von Bath und Wells, seine
Überredungskunst zu versuchen. Er war ein talentvoller, gelehrter Mann,
von feinem Tact und begründeter Tugend. Seine größeren Werke sind längst
vergessen, aber seine Morgen- und Abendhymnen werden noch täglich in
Tausenden von Wohnungen wiederholt. Obgleich er wie fast alle seine
Standesgenossen, vollkommen monarchisch gesinnt war, hatte er sich doch
nie als Schmeichler gezeigt, und bevor er Bischof wurde, seine
geistliche Würde dadurch gewahrt, daß er bei Anwesenheit des Hofes zu
Winchester sich weigerte, Eleonore Gwynn in dem Hause, welches er damals
als Priester innehatte, Wohnung zu geben.[11] Der König war vernünftig
genug, einen so kräftigen Geist zu achten, unter allen Prälaten war er
Ken am meisten zugethan, trotzdem aber blieb die eifrige Beredtsamkeit
des guten Bischofs ohne den gewünschten Erfolg. Seine feierliche und
ergreifende Rede rief unter den Umstehenden eine so hohe Ehrfurcht und
Zerknirschung hervor, daß einige derselben glaubten, derselbe Geist sei
über ihn gekommen, welcher durch den Mund des Nathan und Elias sündige
Fürsten zur Buße ermahnte. Karl jedoch blieb ungerührt. Er duldete zwar,
daß ihm das Gebet von der Heimsuchung der Kranken vorgelesen wurde, und
erwiderte auf die dringenden Fragen der Geistlichen, daß er seine Sünden
bereue, gestattete auch, daß die Absolution nach dem Ritus der
englischen Kirche über ihn gesprochen wurde; als man ihn aber
aufforderte, laut zu erklären, daß er im Schooße dieser Kirche sterben
wolle, schien er diese Worte nicht zu verstehen, und nichts konnte ihn
dahin bringen, das Abendmahl aus der Hand der Bischöfe zu empfangen. Man
brachte einen Tisch mit Brod und Wein an sein Lager; es war aber Alles
vergeblich. Einmal sagte er, es habe keine Eile, und dann, er sei zu
schwach.

Viele hielten diese Gleichgültigkeit für eine Verachtung göttlicher
Dinge, Andere für Stumpfsinn, welcher bisweilen dem Tode vorausgeht. Es
befanden sich jedoch im Palaste einige Personen, welche den Grund besser
kannten. Karl war niemals ein aufrichtiger Bekenner der Staatskirche
gewesen, er hatte lange zwischen Hobbismus und Papismus geschwankt.
Bei gesundem Körper und frohem Lebensmuthe war er Spötter, und in den
wenigen ernsten Augenblicken seines Lebens Katholik. Der Herzog von York
wußte das, er war jedoch mit der Sorge für seine eigenen Angelegenheiten
zu sehr beschäftigt. Er hatte befohlen, die Häfen zu schließen und
Detachements der Garden auf verschiedenen Punkten der Stadt
aufzustellen. Ebenso war es ihm gelungen, die mit zitternder Hand
geführte Unterschrift des sterbenden Königs unter ein Dokument zu
erhalten, wodurch einige, nur bis zum Thronwechsel bewilligte Zölle auf
fernere drei Jahre verpachtet wurden. Diese Angelegenheiten
beschäftigten Jakob so ausschließlich, daß er, der sonst keine
Gelegenheit vorüberließ, durch unzeitigen und rücksichtslosen Eifer
seiner Kirche Proselyten zu gewinnen, jetzt nicht daran dachte, daß sein
Bruder Gefahr laufe, ohne die letzten Sakramente aus der Welt zu
scheiden. Diese Saumseligkeit war um so unbegreiflicher, da die Herzogin
von York auf die Bitte der Königin an dem Morgen, wo der König
erkrankte, darauf aufmerksam gemacht hatte, wie nothwendig es sein
möchte, für geistliche Beihülfe Sorge zu tragen. Diesen Beistand empfing
Karl durch eine ganz andre Vermittelung, als die seiner frommen Gemahlin
und Schwägerin. Ein lasterhaftes und frivoles Leben hatte in der
Herzogin von Portsmouth noch nicht alles religiöse Gefühl und alle jene
Güte erstickt, welche der Ruhm des weiblichen Geschlechts ist. Der
französische Gesandte, Barillon, welcher nach dem Palaste gekommen war,
um sich nach dem Zustande des Königs zu erkundigen, stattete ihr einen
Besuch ab und fand sie in Kummer und Verzweiflung. Sie bat ihn, ihr in
ein geheimes Zimmer zu folgen, und sprach sich ohne Rückhalt aus. „Ich
muß Ihnen -- sagte sie -- eine Sache von großer Wichtigkeit mittheilen,
würde sie bekannt, so könnte mein Leben in Gefahr kommen. Der König ist
ganz gewiß katholisch, aber er wird sterben, ohne mit der Kirche Frieden
geschlossen zu haben. Des Königs Zimmer ist mit protestantischen
Geistlichen angefüllt, ich darf nicht hineingehen ohne Anstoß zu geben
und der Herzog denkt nur an sich. Sprechen Sie mit ihm, erinnern Sie
ihn, daß es eine Seele gilt, er ist jetzt der Gebieter, auf seinen
Befehl wird man das Zimmer räumen. Gehen Sie diesen Augenblick, oder es
wird zu spät sein!“ Barillon ging nach dem Krankenzimmer, trat mit dem
Herzog bei Seite und entdeckte ihm die Mittheilung der Favorite. Da
erwachte Jakob’s Gewissen, er fuhr, wie aus dem Schlafe geweckt, heftig
empor und versicherte, daß er ohne jede Rücksicht die heilige Pflicht
erfüllen werde, welche schon zu lange verabsäumt worden sei. Mehre Pläne
wurden hin und her überlegt, zuletzt befahl der Herzog den Umstehenden,
auf die Seite zu treten, ging an das Bette, neigte sich herab und
flüsterte einige Worte, welche Niemand im Zimmer hören konnte, die man
aber für eine Frage in Bezug auf Staatsangelegenheiten hielt. Karl
entgegnete mit munterer Stimme: „Ja, ja, von ganzem Herzen!“ Keiner der
Anwesenden, mit Ausnahme des französischen Gesandten, hatte eine Ahnung,
daß der König mit diesen Worten den Entschluß aussprach, sich in die
Arme der katholischen Kirche zu werfen.

„Soll ich einen Priester bringen?“ fragte der Herzog. „Thue es, mein
Bruder,“ entgegnete der kranke Mann, „um Gottes Willen thue es und
verliere keine Zeit. Aber nein, es wird dir viele Mühe machen.“

„Und sollte es mein Leben kosten,“ rief der Herzog, „ich schaffe einen
Priester!“

Es war aber keine leichte Aufgabe, in diesem Augenblicke einen Priester
zu solchem Zweck aufzufinden, denn nach damaligem Gesetz war Derjenige,
welcher einen Proselyten in die katholische Kirche aufnahm, ein schwerer
Verbrecher. Graf Castel Melhor, ein portugiesischer Edelmann, der aus
politischen Gründen seine Heimath verlassen mußte und am englischen Hofe
ein Asyl gefunden hatte, unternahm es, einen Beichtvater aufzusuchen.
Er wandte sich an seine Landsleute, welche dem Hofstaate der Königin
angehörten, aber es zeigte sich, daß keiner ihrer Kapläne der englischen
oder französischen Sprache mächtig genug war, um das Amt eines
Beichtigers beim Könige zu versehen. Der Herzog und Barillon waren schon
im Begriff, den venetianischen Gesandten um seinen Geistlichen zu
bitten, als sie erfuhren, daß ein Benediktinermönch, mit Namen John
Huddleston, zufällig in Whitehall anwesend sei. Derselbe hatte mit
großer Lebensgefahr dem König nach der Schlacht bei Worcester das Leben
gerettet und war aus diesem Grunde seit der Restauration stets eine
bevorzugte Person gewesen. In den strengsten Verordnungen gegen
katholische Priester, und als falsche Zeugen das Volk zur Wuth
entflammten, war Huddleston stets namentlich ausgenommen worden.[12] Er
war gern erbötig, sein Leben ein zweites Mal für seinen König
preiszugeben, aber es war noch immer eine große Klippe im Wege. Der gute
Mönch war nämlich so unwissend, daß er keinen Begriff davon hatte, was
er bei einer so wichtigen Veranlassung sagen müsse. Durch Vermittelung
Castel Melhor’s empfing er von einem portugiesischen Priester
verschiedene Andeutungen und wurde, so instruirt, von Chiffinch eine
geheime Treppe hinaufgeführt. Dieser war ein vertrauter Diener, welcher,
nach den Satiren jener Zeit zu urtheilen, oft Besuche ganz andrer Art
auf diesem Wege eingeführt hatte. Der Herzog gebot jetzt im Namen des
Königs allen Anwesenden, mit Ausnahme von Ludwig Duras, Earl von
Feversham, und Johann Granville, Earl von Bath, sich aus dem Gemache zu
entfernen. Beide Lords waren zwar Protestanten, aber Jakob wußte, daß er
auf ihre Ergebenheit sich verlassen konnte. Feversham, ein Franzose von
hoher Geburt und Neffe des großen Turenne, bekleidete einen hohen Posten
in der englischen Armee und war dabei Kammerherr der Königin; Bath
versah das Amt eines Garderobeinspectors.

Dem Befehle des Herzogs wurde Folge geleistet, und selbst die Ärzte
zogen sich zurück, worauf Pater Huddleston durch die Hinterthür eintrat.
Über sein Priesterornat hatte er einen Mantel geworfen, und über der
Tonsur trug er eine lockige Perrücke. „Sire“, sagte der Herzog, „dieser
brave Mann rettete einst Ihr Leben, er kommt jetzt, Ihre Seele zu
retten“. „Er ist willkommen“, entgegnete Karl mit leiser Stimme.
Huddleston erfüllte seine Aufgabe über alte Erwartung. Er warf sich
neben dem Bett auf die Knie, nahm die Beichte ab, gab die Absolution und
ertheilte die letzte Ölung. Er fragte, ob der König das heilige
Abendmahl zu empfangen wünsche? „Das will ich“, entgegnete Karl, „wenn
ich dessen nicht unwürdig bin!“ Man brachte die Hostie, und der König
machte eine mühsame Anstrengung, sich vor ihr zu erheben und
niederzuknieen, der Priester aber gebot ihm, ruhig liegen zu bleiben,
indem Gott die Demüthigung des Geistes, nicht aber des Körpers verlange.
Es kostete dem König so große Mühe, die Hostie zu verschlucken, daß man
die Thür öffnen und ein Glas Wasser herbeischaffen lassen mußte. Nach
Beendigung dieser Feierlichkeit erhob der Mönch vor dem Bußfertigen das
heilige Kreuz, ermahnte ihn, seine letzten Gedanken auf die Leiden des
Heilands zu richten, und verließ das Sterbezimmer. Der ganze Act hatte
etwa dreiviertel Stunden gedauert, und während dieser Zeit hatten die in
den Vorzimmern befindlichen Höflinge durch Flüstern und bezeichnende
Winke einander ihren Verdacht mitgetheilt. Endlich wurde die Thür
geöffnet, und die Menge trat wiederum in das Zimmer des Sterbenden.

Es war jetzt spät am Abend und der König schien durch das eben
Geschehene sehr erleichtert zu sein. Man führte seine natürlichen Kinder
an das Bett: die Herzöge von Grafton, Southampton und Northumberland,
Söhne der Herzogin von Cleveland, den Herzog von St. Albans Sohn der
Eleonore Gwynn, und den Herzog von Richmond, Sohn der Herzogin von
Portsmouth. Karl gab Allen seinen Segen, behandelte aber mit besonderer
Zärtlichkeit den Herzog von Richmond. Aber ein Gesicht fehlte, das
hierher gehörte, das älteste und geliebteste Kind war in der Verbannung
und streifte heimathlos umher. Sein Name kam nicht ein einziges Mal über
des Vaters Lippen!

Während der Nacht empfahl Karl die Herzogin von Portsmouth und ihren
Sohn der Fürsorge Jakob’s; „und laß auch das arme Lorchen keine Noth
leiden“, fügte er gutmüthig hinzu. Die Königin ließ sich durch Halifax
wegen ihrer Abwesenheit entschuldigen, indem sie vorgab, so tief
ergriffen zu sein, daß sie sich außer Stande fühle, ihre Stelle am
Sterbelager wieder einzunehmen. Sie ließ um Verzeihung bitten für alles
Unrecht, das sie ihm unwissentlich angethan haben könnte. „Sie bittet um
meine Verzeihung, das arme Weib!“ sagte Karl; „ich bitte um die ihrige
mit aufrichtigem Herzen!“

Die Morgensonne fiel durch die Fenster von Whitehall herein und Karl bat
die Diener, die Vorhänge zurückzuschlagen, damit er noch einmal den Tag
sehen könne. Er machte darauf aufmerksam, daß es an der Zeit sei, eine
Uhr aufzuziehen, welche nicht weit von seinem Bett sich befand. Diese
unerheblichen Umstände blieben lange im Gedächtniß, weil sie den klaren
Beweis lieferten, daß zur Zeit, wo er sich für den Katholicismus
erklärte, der König im völligen Besitz seiner Geisteskräfte gewesen war.
Er bat alle Diejenigen, welche sein Lager umstanden, während der Nacht
um Verzeihung, daß er ihnen so viele Unruhe mache. Er liege eine ganz
unverantwortlich lange Zeit im Sterben, sagte er, aber er hoffe,
sie würden das entschuldigen. Dies war das letzte Aufblitzen jener
unverwüstlichen Heiterkeit, durch deren Macht er so oft den gerechten
Zorn seines entrüsteten Volkes hinwegzuzaubern vermocht hatte. Bald nach
der Morgendämmerung verlor der Sterbende die Sprache, und noch vor der
zehnten Stunde das Bewußtsein. Das Volk hatte sich in Massen zur Stunde
des Frühgottesdienstes in die Kirchen begeben, und als das Gebet für den
König verlesen wurde, verriethen schwere Seufzer und lautes Schluchzen
die allgemeinste innige Theilnahme. In der Mittagstunde, am Freitag den
6. Februar, verschied er ruhig und ohne Kampf.[13]

    [Anmerkung 1: +Pepys’s Diary, Dec. 28. 1663, Sept. 2. 1667.+]

    [Anmerkung 2: +Burnet, I. 606+; +Spectator, No. 462+; +Lords’
    Journals, Oct. 28. 1678+; +Cibber’s Apology.+]

    [Anmerkung 3: +Burnet, I. 605, 606+; +Welwood 138. North’s Life of
    Guildford, 251.+]

    [Anmerkung 4: Ich bemerke hierbei, daß da, wo ich nur ein Datum
    anführe, ich dem alten Style folge, welcher im siebzehnten
    Jahrhundert in England gebräuchlich war, aber ich rechne das Jahr
    vom 1. Januar an.]

    [Anmerkung 5: +Saint Evremont, passim+; +St. Real, Memoires de la
    Duchesse de Mazarin+; +Rochester Farewell+; +Evelyn’s Diary, Sept.
    6. 1676, June 11, 1699.+]

    [Anmerkung 6: +Evelyn’s Diary, Jan. 28. 1684/85+; +Saint
    Evremont’s Letter to Déry.+]

    [Anmerkung 7: +Evelyn’s Diary, Feb. 4. 1684/85.+]

    [Anmerkung 8: +Roger North’s Life of Sir Dudley North, 170+; +The
    True Patriot vindicated, or a Justification of his Excellency the
    E-- of R--+; +Burnet, I. 605.+ Die Bücher des Schatzamts beweisen,
    daß Burnet gut unterrichtet war.]

    [Anmerkung 9: +Evelyn’s Diary, Jan. 24. 1681/82, Oct. 4. 1683.+]

    [Anmerkung 10: +Dugdale’s Correspondence.+]

    [Anmerkung 11: +Hawkins’s Life of Ken, 1713.+]

    [Anmerkung 12: Siehe die London Gazette vom 21. Nov. 1678.
    Barillon und Burnet versichern, daß Huddleston von allen
    Parlamentsacten, welche gegen Priester erschienen, ausgenommen
    gewesen sei, doch ist das ein Irrthum.]

    [Anmerkung 13: +Clarke’s Life of James the Second, I. 746. Orig.
    Mem.+; +Barillon’s Despatch of Febr. 8.(18.) 1685+; +Citters’s
    Despatches of Febr. 3.(13.) and Febr. 6.(16.)+; +Huddleston’s
    Narrative+; +Letters of Philip, second Earl of Chesterfield, 277+;
    +Sir H. Ellis’s Original Letters, First Series, III. 333+; +Second
    Series IV. 74+; +Chaillot M.S.+; +Burnet, I, 606+; +Evelyn’s Diary
    Feb. 4. 1684(5)+; +Welwood’s Memoirs, 140+; +North’s Life of
    Guildford, 252+; +Examen, 648+; +Hawkins’s Life of Ken+; +Dryden’s
    Threnodia Augustalis+; +Sir H. Halford’s Essay on Deaths of
    Eminent Persons+. Man sehe auch das Bruchstück eines Briefes,
    welchen Lord Bruce geraume Zeit nach seiner Ernennung zum Earl von
    Ailesbury schrieb und welcher im +European Magazine+ vom April
    1795 abgedruckt ist. Ailesbury nennt Burnet einen Betrüger, allein
    seine eigene Darstellung und die Burnet’s werden einem
    unbefangenen und umsichtigen Leser keinen Widerspruch erkennen
    lassen. Im Britischen Museum, sowie in der Bibliothek des
    königlichen Instituts ist mir ein merkwürdiger Foliobogen zu
    Gesicht gekommen, auf welchem sich ein Bericht über den Tod Karl’s
    befindet. Der Verfasser desselben war offenbar ein Katholik, und
    es müssen ihm vorzügliche Quellen zu Gebote gestanden haben. Ich
    vermuthe, daß er zu Jacob selbst in mittelbaren oder unmittelbaren
    Beziehungen gestanden haben mag. Kein Name ist ausgeschrieben,
    aber die Anfangsbuchstaben sind völlig verständlich, bis auf eine
    Stelle, Es heißt hier: Der D. von Y. sei an die Pflicht, welche er
    seinem Bruder schuldig, durch P. M. A. C. F. gemahnt worden. Ich
    muß gestehen, daß ich diese fünf letzten Buchstaben nicht zu
    entziffern vermag.

    Man sollte meinen, es könnten uns keine Vorgänge in der Geschichte
    klarer sein, als diejenigen, welche sich am Sterbelager Karl’s
    ereigneten. Es existiren verschiedene Berichte, von Personen
    niedergeschrieben, welche in der That an seinem Krankenbett
    standen, und ebenso Berichte von Anderen, die zwar nicht
    Augenzeugen waren, aber vorzügliche Gelegenheit hatten, von
    solchen Kunde zu erhalten. Wer aber auch immer versuchen wollte,
    diese große Menge von Stoff zu einer Erzählung zu bearbeiten,
    würde bald einsehen, daß er sich eine mühsame Aufgabe gestellt
    hat. Selbst Jakob und dessen Gemahlin, als sie die Geschichte den
    Nonnen von Chaillot erzählten, konnten über einige Punkte nicht
    ins Klare kommen. Die Königin versicherte, nachdem Karl die
    letzten Sakramente empfangen, hätten die protestantischen Bischöfe
    ihre Ermahnungen von Neuem begonnen; der König hingegen erwiderte,
    es sei nicht der Fall gewesen. „Gewiß“, rief die Königin, „Sie
    selbst haben es mir ja erzählt!“ -- „Es ist nicht möglich, daß ich
    es Ihnen gesagt haben sollte“, entgegnete der König, „denn es ist
    etwas Derartiges gar nicht vorgekommen.“

    Es ist zu bedauern, daß Sir Heinrich Halford sich so wenig Mühe
    gegeben, über die Thatsachen etwas Bestimmtes zu erfahren, die er
    seinem Urtheile unterwarf. Er scheint von der Existenz der
    Erzählungen von Jakob, Barillon und Huddleston gar nichts gewußt
    zu haben.

    Da diese Gelegenheit die erste ist, wo ich den Briefwechsel der
    holländischen Gesandten am englischen Hofe erwähne, so kann ich
    hier nicht unbemerkt lassen, daß eine Anzahl ihrer Depeschen von
    der Thronbesteigung Jakob’s II. an bis zu seiner Flucht einen sehr
    werthvollen Theil der Macintosh-Sammlung bilden. Die darauf
    folgenden Depeschen bis zur Festsetzung der Regierung im Februar
    1689 verschaffte ich mir vom Haag. Man hat die holländischen
    Archive noch nicht genug durchsucht. Sie enthalten eine Menge von
    Nachrichten, welche für jeden Engländer vom höchsten Interesse
    sind. Dabei sind sie vortrefflich geordnet und werden von Männern
    verwahrt, deren Höflichkeit, Liberalität und Eifer für die
    Interessen der Literatur nicht genug gerühmt werden können.
    Ich spreche in der aufrichtigsten Weise meine dankbaren
    Verpflichtungen gegen die Herren de Jonge und Van Zwanne aus.]


[_Verdacht der Vergiftung._] In jener Zeit pflegte das gemeine Volk in
ganz Europa, namentlich aber in England, den Tod fürstlicher Personen,
zumal wenn der Verstorbene beim Volke beliebt war und der Tod rasch
eintrat, dem abscheulichsten und schändlichsten Meuchelmorde Schuld zu
geben. Man hatte Jakob I. in Verdacht, den Prinzen Heinrich vergiftet zu
haben, und ebenso, behauptete man, hätte Karl I. Jakob I. ums Leben
gebracht. Als während der Republik die Prinzessin Elisabeth zu
Carisbrook starb, wurde laut versichert, Cromwell wäre feig und ruchlos
genug gewesen, schädliche Stoffe unter die Speisen eines jungen Mädchens
zu mischen, der etwas Böses zuzufügen kein einziger vernünftiger Grund
vorhanden war.[14] Nach wenigen Jahren wurde die rasche Verwesung von
Cromwell’s eigenem Körper von Vielen einem tödtlichen Mittel
schuldgegeben, welches ihm in der Arznei beigebracht worden wäre. Es ist
nur zu natürlich, daß auch bei dem Tode Karl’s II. ähnliche Gerüchte
umgingen. Das Publikum hatte schon verschiedene Male Geschichten von
papistischen Anschlägen auf des Königs Leben gehört, so daß viele
Gemüther bereits von Vorurtheilen eingenommen waren, und einige
unglückliche Zufälligkeiten schienen diese befangenen Gemüther darauf
hinzuweisen, daß in der That ein Verbrechen verübt worden sei. Die
vierzehn Ärzte, welche über den Krankheitsfall des Königs disputirten,
widersprachen einander, so wie sich selbst. Einige von ihnen erklärten
den Anfall für epileptischer Natur, dem man seinen ungestörten Verlauf
lassen müsse; die Mehrzahl aber erklärte ihn für apoplectisch und
peinigte den Kranken mehrere Stunden lang wie einen Indianer am
Marterpfahl. Hierauf einigte man sich, die Krankheit ein Fieber zu
nennen und ihm Quantitäten von Chinarinde einzugeben. Ein Arzt
protestirte aber gegen diese Behandlung und versicherte der Königin, daß
bei solchem Verfahren der König unter den Händen seiner Kollegen sterben
werde. Von einer so großen Anzahl von Rathgebern ließ sich natürlich
nichts Andres als Zwist und Unentschlossenheit erwarten, aber viele
Leute glaubten natürlicher Weise, bei der außerordentlichen Verlegenheit
dieser großen Heilkünstler, daß die Krankheit ganz ungewöhnlicher Art
sein müsse. Es ist Ursache da, zu glauben, daß Short, der trotz seiner
ärztlichen Geschicklichkeit doch ein reizbarer, grilliger Mann gewesen
zu sein scheint und der sich vermuthlich durch die Besorgniß vor
gehässigen Beschuldigungen, denen er als Katholik besonders ausgesetzt
war, in nicht ganz ungestörtem Genusse seiner Urtheilskraft befand, von
einem furchtbaren Verdachte ergriffen worden sei. Es kann daher nicht
überraschen, wenn von dem gemeinen Volke eine Menge toller Geschichten
nacherzählt und geglaubt wurden. Die Zunge Sr. Majestät war bis zur
Größe einer Rindszunge angeschwollen, in seinem Gehirn hatte man eine
verhärtete Masse von giftigem Pulver gefunden, auch auf seiner Brust
blaue Flecken und auf seiner Schulter schwarze Flecken wahrgenommen. Es
war ihm irgend Etwas in die Schnupftabaksdose gethan worden, oder auch
in seine Suppe; vielleicht hatte man ihm auch in seinem
Lieblingsgericht, Eier mit grauem Ambra, etwas beigebracht. Die Herzogin
von Portsmouth hatte ihn mit einer Tasse Chokolade, die Königin mit
einer Schale gebackener Birnen vergiftet. Solche Erzählungen verdienen
aufbewahrt zu werden, denn sie geben uns einen Begriff von der Einsicht
und Moralität einer Generation, welche sie begierig in sich aufnahm. Daß
in unserer Zeit dergleichen Gerüchte keinen Boden mehr finden, selbst
wenn Menschenleben, von denen wichtige Interessen abhängen, durch
raschentwickelte Krankheitsanfälle beendigt wurden, ist eines Theils dem
Fortschritte der medizinischen und chemischen Wissenschaft, so wie
andren Theils, wie wir annehmen dürfen, den Fortschritten zu danken,
welche das Volk in Bezug auf vernünftiges Urtheil, Gerechtigkeit und
Menschlichkeit gemacht hat.[15]

    [Anmerkung 14: Clarendon spricht von dieser Verleumdung mit
    geziemender Verachtung. Nach der freundlichen Gesinnung jener Zeit
    gegen Cromwell suchten viele die Ursache dieses Todesfalls in
    einer Vergiftung, wofür jedoch eben so wenig ein äußeres Anzeichen
    sprach, als jemals später ein Beweis dafür aufzufinden gewesen
    ist.]

    [Anmerkung 15: +Welwood. 139+; +Burnet I. 609+; +Sheffield’s
    Character of Charles the Second+; +North’s Life of Guildford,
    252+; +Examen, 648+; +Revolution Politics+; +Higgons on Burnet.+
    Was North von der Rathlosigkeit und dem Schwanken der Ärzte sagt,
    bestätigen die Depeschen Citters’. Ich war sehr im Unklaren über
    die auffallende Geschichte hinsichtlich des Short’schen Verdachts.
    Einmal war ich entschlossen, die Erklärung North’s anzunehmen,
    aber obgleich ich auf die Autorität Welwood’s und Burnet’s in
    solchem Falle wenig Gewicht lege, kann ich doch das Zeugniß eines
    so wohl unterrichteten und unparteiischen Mannes wie Sheffield
    nicht verwerfen.]


[_Rede Jakob’s II. an den Geheimen Rath._] Als Alles vorüber war, zog
sich Jakob von dem Sterbelager nach seinem Zimmer zurück, wo er eine
Viertelstunde allein blieb. Indessen versammelten sich die im Palaste
anwesenden Geheimen Räthe, der neue König erschien und nahm seinen Sitz
am oberen Theile der Sessionstafel ein. Dem Herkommen gemäß eröffnete er
seine Regierung mit einer Rede an den Geheimen Rath. Er sprach sein
Bedauern aus, rücksichtlich des Verlustes, der ihn so eben betroffen,
und versicherte, die hohe Milde nachahmen zu wollen, welche eine der
vorzüglichsten Eigenschaften der letzten Regierung gewesen sei. Es sei
ihm nicht unbekannt, sagte er, daß man ihn einer Vorliebe für
Willkürherrschaft beschuldige, es sei das aber nicht die einzige Lüge,
die sich über ihn im Umlaufe befinde. Er habe die Absicht, die
bestehende Verfassung in Kirche und Staat aufrecht zu erhalten. Die
Kirche von England sei ausgezeichnet loyal, daher werde er aufs
Angelegentlichste bemüht sein, sie zu unterstützen und zu vertheidigen.
Es sei ihm bekannt, daß Englands Gesetze genügten, ihn zu einem so
großen Könige zu erheben, als er nur wünschen könne. Seine eigenen
Rechte werde er streng aufrecht erhalten, aber auch die Rechte Anderer
achten. Er habe vordem sein Leben bei der Vertheidigung des Vaterlandes
preisgegeben und werde auch jetzt beim Schutz der gerechten Freiheiten
so weit gehen wie irgend Einer. Diese Rede war nicht, wie es bei
ähnlichen Gelegenheiten geschieht, von den Räthen des Souverains
vorbereitet, sondern sie enthielt den augenblicklichen Ausdruck der
Empfindungen des neuen Königs in einem Momente hoher Aufregung. Die
Rathsmitglieder ergossen sich in lauten Äußerungen des Entzückens und
der Dankbarkeit. Der Lord Präsident Rochester sprach im Namen des
Kollegiums den Wunsch aus, daß Sr. Majestät glückverheißende Erklärung
zur Öffentlichkeit gelangen möchte. Der Generalprokurator Heneage Finch,
erbot sich, den Sekretär abzugeben. Er war ein eifriger Anhänger der
Staatskirche, und als solcher wünschte er natürlich, daß die gnädige
Zusage, welche so eben ausgesprochen worden, in einer unvergänglichen
Urkunde wiedergegeben würde. Diese Versprechungen, rief er aus, haben
einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich sie wörtlich
wiederholen kann. Bald darauf legte er seinen Bericht vor, den Jakob
durchlas, genehmigte, und darauf befahl, ihn zur öffentlichen Kenntniß
zu bringen. In späterer Zeit behauptete er diesen Schritt ohne die
nöthige Überlegung gethan zu haben, seine vorher nicht überdachten
Ausdrücke rücksichtlich der englischen Kirche seien zu stark gewesen,
und Finch habe mit einer Gewandtheit, welche damals von ihm unbeachtet
gelassen worden, sie noch stärker gemacht.[16]

    [Anmerkung 16: +London Gazette, Feb. 9. 1684/5+; +Clarke’s Life of
    James the second II. 3.+; +Barillon, Feb. 9.(19.)+; +Evelyn’s
    Diary, Feb. 6.+]


[_Ausrufung Jakob’s._] Der König fühlte sich durch langes Wachen und
rasch auf einander folgende Gemüthsbewegungen erschöpft, und begab sich
zur Ruhe. Nachdem ihn die Geheimen Räthe voll Ehrerbietung nach dem
Schlafzimmer begleitet hatten, kehrten sie in den Sitzungssaal zurück,
und erließen Verordnungen in Betreff der feierlichen Ausrufung. Die
Garden standen unter den Waffen, die Herolde erschienen in ihren
prachtvollen Wappenröcken und die Feierlichkeit ging ohne jede Störung
vor sich. In den Straßen waren Weinfässer aufgestellt und die
Vorübergehenden wurden aufgefordert, auf die Gesundheit des neuen
Herrschers zu trinken. Obgleich aber hier und da ein Jubelruf ertönte,
befand sich das Volk dennoch in keiner frohen Stimmung. Viele weinten,
und man konnte wahrnehmen, daß in London kaum eine Magd war, die sich
nicht mit einem Stückchen Trauerflor zu Ehren König Karl’s geschmückt
hätte.[17]

Das Leichenbegängniß erfuhr vielfachen Tadel. Es wäre auch wirklich
eines reichen, adeligen Unterthanen kaum würdig gewesen. Die Tories
tadelten mit Schonung die Sparsamkeit des neuen Königs, die Whigs
raisonnirten über den Mangel an verwandtschaftlicher Zuneigung, und die
heftigen schottischen Covenanters verkündigten frohlockend, daß der seit
Alters her über ruchlose Fürsten verhängte Fluch offenbar in Erfüllung
gegangen, und der dahingegangene Tyrann wie ein Esel zu Grabe gebracht
worden sei.[18] Doch trat Jakob seine Regierung bei einem ziemlichen
Maße des öffentlichen Vertrauens an. Seine Rede an den Geheimen Rath
erschien im Druck und der durch sie hervorgebrachte Eindruck war ein
höchst günstiger. Das war also der Fürst, den eine Partei in das Exil
getrieben und seines Geburtsrechts zu berauben gesucht hatte, aus der
Ursache, weil man ihn für einen heftigen Widersacher der Religion und
der Landesgesetze hielt. Er hatte gesiegt, er saß auf dem Throne, und
seine erste That war die Versicherung, daß er die Kirche schützen und
die Rechte seines Volkes streng in Ehren halten wolle. Die Ansicht,
welche jede Partei über seinen Character sich gebildet hatte, veranlaßte
eine Überschätzung jedes Wortes, das von ihm kam. Die Whigs erklärten
ihn für hochmüthig, unversöhnlich, starrköpfig, rücksichtslos gegen die
öffentliche Meinung; die Tories rühmten seine fürstlichen Tugenden,
beklagten aber dabei, daß er die Künste vernachlässige, durch welche er
sich die Liebe des Volkes erwerben könne. Selbst die Satire hatte ihn
nie als einen Mann hingestellt, der die Absicht habe, die Gunst des
Publikums dadurch zu gewinnen, daß er etwas vorgebe, was er nicht
empfinde, und etwas verspreche, was er nicht zu erfüllen beabsichtige.
An dem Sonntage, welcher dem Regierungsantritt folgte, wurde seine Rede
auf vielen Kanzeln erwähnt. „Wir haben jetzt für unsre Kirche“ -- rief
ein loyaler Prediger -- „das Wort eines Königs, und zwar eines Königs,
welcher niemals schlechter war als sein Wort!“ Diese geistreiche
Äußerung machte bald die Runde durch Stadt und Land und wurde das
Losungswort der Torypartei.[19]

    [Anmerkung 17: Man sehe die in der vorhergehenden Note angeführten
    Citate, außerdem +Examen 647+; +Burnet I. 620+; +Higgons on
    Burnet.+]

    [Anmerkung 18: +London Gazette, Feb. 14. 1684/5+; +Evelyn’s Diary+
    von demselben Datum; +Burnet I. 610+; +the Hind let loose.+]

    [Anmerkung 19: +Burnet I. 628+; +Lestrange, Observator, Feb. 11.
    1684/5.+]


[_Stand des Ministeriums._] Durch die Erledigung des Thrones waren
sämmtliche hohe Staatsämter freigeworden, und es wurde nöthig, daß Jakob
ihre Wiederbesetzung vornahm. Wenige von den Mitgliedern des vorigen
Kabinets hatten Ursache, auf seine Gunst zu rechnen. Sunderland, der
Staatssekretär, und Godolphin, der erste Lord des Schatzes, hatten für
die Ausschließungsbill gestimmt; und Halifax, der Geheimsiegelbewahrer,
hatte sich zwar mit der Kraft der Beweisführung und Beredtsamkeit
derselben widersetzt, aber er war ein Todfeind von Despotismus und
Papstthum. Mit tiefer Besorgniß sah er den Fortschritt der französischen
Waffen auf dem Festlande und die Wirkung des französischen Goldes auf
die Rathschlüsse Englands. Hätte man seinen Rath befolgt, so wären die
Gesetze streng beobachtet, die besiegten Whigs mit Güte behandelt, das
Parlament zusammenberufen und ein Versuch gemacht worden, die inneren
Parteien zu versöhnen; die Prinzipien der Triplealliance würden alsdann
unsre auswärtige Politik wieder geleitet haben. Dadurch hatte er sich
Jakob’s bittere Feindschaft zugezogen. Von dem Lord Siegelbewahrer
Guildford ließ sich kaum behaupten, daß er einer der Parteien angehöre,
in welche der Hof zerfiel. Er war keineswegs ein Freund der Freiheit und
besaß doch eine so hohe Achtung vor dem Buchstaben des Gesetzes, daß er
als Werkzeug willkürlicher Herrschaft nicht zu verwenden war. Die
heftigen Tories bezeichneten ihn daher als Trimmer und Jakob empfand
gegen ihn einen stark mit Verachtung gemischten Widerwillen. Ormond,
Lord Oberhofmeister und Vicekönig von Irland, befand sich damals in
Dublin. Derselbe hatte gerechtere Anwartschaft auf die Dankbarkeit des
Königs, als jeder andre Unterthan. Er hatte für Karl I. tapfer die
Waffen geführt, war Karl II. in die Verbannung gefolgt und seiner
Loyalität trotz mancher Versuchungen treugeblieben. Obgleich zur Zeit
des Übergewichts der Cabale in Ungnade gefallen, hatte er doch niemals
einer factiösen Opposition sich angeschlossen und in den Tagen des
papistischen Complots und der Ausschließungsbill sich unter den ersten
Vertheidigern des Thrones befunden. Jetzt war er alt, und kürzlich hatte
ihn das Schicksal schwer betroffen, indem er einen Sohn zu Grabe
geleitet, der nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge seinem Sarge hätte
folgen müssen: den tapferen Ossory. Die anerkennungswerthen Verdienste,
das hohe Alter und das häusliche Mißgeschick Ormond’s erregten für ihn
die allgemeine Theilnahme des Volkes. Die Kavaliere sahen in ihm ihr
Haupt nach dem Rechte des Alters wie des Verdienstes, und den Whigs war
wohlbekannt, daß er zwar stets treulich auf Seite der Monarchie
gestanden, dabei aber niemals weder dem Despotismus noch dem
Katholicismus zugethan gewesen war. Obgleich er aber die allgemeine
Achtung genoß, auf die Gunst seines neuen Gebieters durfte er wenig
Hoffnung setzen. Jakob hatte, als er selbst noch Unterthan war, seinen
Bruder aufgefordert, mit der irischen Verwaltung eine Umänderung
vorzunehmen. Karl war darauf eingegangen, und man hatte bestimmt, daß
nach einigen Monaten Rochester zum Lord Statthalter ernannt werden
solle.[20]

    [Anmerkung 20: Die Briefe, welche Rochester und Ormond in dieser
    Angelegenheit gewechselt, befinden sich in der Correspondenz
    Clarendon’s.]


[_Neue Anordnungen._] Rochester war das einzige Mitglied des Kabinets,
welches sich der hohen Gunst des Königs erfreute. Man glaubte allgemein,
daß er unverzüglich mit der Leitung der Geschäfte beauftragt und daß mit
allen übrigen hohen Staatsbeamten ein Wechsel vorgenommen werden würde,
aber diese Annahme bewies sich nur zum Theil als begründet. Rochester
wurde zum Lord Schatzmeister ernannt und war als solcher erster
Minister; jedoch unterblieb die Wahl eines Lord Großadmirals, sowie
eines Admiralitätsraths. Der neue König, welcher für die Einzelnheiten
der Marineverwaltung eingenommen war und einen vortrefflichen Beamten
auf den Werften von Chatham abgegeben haben würde, entschloß sich, sein
eigner Marineminister zu werden. Unter ihm wurde die Leitung dieses
wichtigen Verwaltungszweiges dem Samuel Pepys übergeben, dessen
Bibliothek und Tagebuch seinen Namen bis auf unsre Zeit gebracht haben.
Keinen der Räthe des verstorbenen Souverains traf öffentliche Ungnade.
Sunderland entwickelte eine solche Schlauheit und Gewandtheit, wußte so
viel Gönner in Thätigkeit zu setzen und war in so viele Geheimnisse
eingeweiht, daß man ihn im Besitze seiner Siegel ließ. Godolphin’s
Gefügigkeit, Fleiß, Erfahrung und Verschwiegenheit ließen sich nicht
wohl entbehren, und da er beim Schatzamte überflüssig geworden war, so
wurde er zum Kammerherrn der Königin erwählt. Diese drei Lords fragte
der König bei allen wichtigen Angelegenheiten um Rath; was aber Ormond,
Halifax und Guildford betraf, so nahm er sich vor, sie noch nicht zu
entlassen, sondern nur zu demüthigen und zu peinigen.

Dem Halifax wurde befohlen, das Geheimsiegel abzugeben und das Präsidium
im Geheimen Rathe zu übernehmen. Er gehorchte mit größtem Widerwillen.
Denn obgleich der Vorsitzende des Geheimen Rathes immer im Range über
dem Lord Geheimsiegelbewahrer stand, so war doch die Stellung eines
Geheimsiegelbewahrers zu damaliger Zeit eine viel wichtigere, als die
eines Lord-Präsidenten. Rochester hatte den Witz, der vor einigen
Monaten bei seinem Abgange vom Schatzamte gemacht worden, noch nicht
vergessen, und genoß nun seines Theils das Vergnügen, seinen Nebenbuhler
die Treppe hinaufzuwerfen. Das Geheimsiegel empfing Rochester’s älterer
Bruder, Heinrich Earl von Clarendon. Vor Barillon machte Jakob kein Hehl
aus seinem heftigen Widerwillen gegen Halifax. „Ich kenne ihn wohl,
es ist ihm nicht zu trauen, er soll bei den Staatsgeschäften nicht
verwendet werden! Was die Stellung betrifft, die ich ihm angewiesen
habe, so wird dieselbe dazu dienen, um zu zeigen, wie unbedeutend sein
Einfluß ist.“ Halifax gegenüber hielt man es freilich für gerathener, in
ganz andrer Weise zu sprechen. „Alles Geschehene ist vergessen, sagte
der König, mit Ausnahme des Dienstes, welchen Sie mir bei der Debatte
über die Ausschließungsbill erzeigt haben.“ Diese Bemerkung ist oft als
Beweis angeführt worden, daß Jakob nicht so rachsüchtig gewesen sei,
als seine Feinde behaupteten; sie scheint jedoch eher darzuthun, daß er
durchaus des Lobes nicht würdig ist, welches seine Freunde seiner
Offenherzigkeit ertheilten.[21]

Ormond wurde höflich in Kenntniß gesetzt, daß man seine Dienste in
Irland nicht länger beanspruche, und aufgefordert, nach Whitehall zu
gehen und das Amt eines Lord Oberhofmeisters zu übernehmen. Er fügte
sich pflichtgemäß, machte aber kein Hehl daraus, daß die neue Anordnung
seine Gefühle tief verletze. Am Abend vor seiner Abreise gab er den
Offizieren der Dubliner Besatzung in dem damals eben beendigten
Kilmainhamhospital ein glänzendes Mahl. Zu Ende der Tafel stand er auf,
füllte einen Pokal bis zum Rande mit Wein und frug, ihn emporhaltend,
ob er einen Tropfen verschüttet habe. „Nein, meine Herren, was auch die
Hofleute reden mögen, noch bin ich nicht kindisch geworden, noch versagt
mir meine Hand nicht den Dienst und meine Hand ist nicht fester als mein
Herz. Auf das Wohl König Jakob’s!“ Es war Ormond’s letztes Lebewohl an
Irland. Er überließ die Verwaltung den Oberrichtern und ging nach
London, wo man ihn mit den auffallendsten Zeichen öffentlicher
Hochachtung empfing. Viele Personen von hohem Range kamen ihm entgegen.
Eine lange Reihe von Wogen folgte ihm nach dem St. Jamesplatz, wo sein
Haus stand, und der Platz war mit einer zahlreichen Volksmenge bedeckt,
die ihn mit lautem Jubel empfing.[22]

    [Anmerkung 21: Die Veränderungen im Ministerium sind angezeigt in
    der London Gazette vom +19. Febr. 1684/5. Burnet, I., 621+;
    +Barillon, Feb. 9.(19.) 16.(26.) & Feb. 19. (March 1.)+]

    [Anmerkung 22: +Carte’s Life of Ormond+; +Secret Consults of the
    Romish Party in Ireland, 1690+; +Memoirs of Ireland, 1716.+]


[_Sir Georg Jeffreys._] Das große Siegel blieb in Guildford’s
Verwahrung, aber eine harte Demüthigung ward ihm zu gleicher Zeit zu
Theil. Es wurde der Entschluß gefaßt, einen energischen und tüchtigen
Juristen der Verwaltung beizugeben, und hierzu wählte man Sir Georg
Jeffreys, Oberrichter des Gerichtshofes der Kings-Bench. Die
Verworfenheit dieses Mannes ist zum Sprichwort geworden. Die beiden
großen Parteien Englands haben sein Andenken mit wetteifernder
Heftigkeit angegriffen, denn die Whigs erblickten in ihm einen grausamen
Feind, und die Tories fanden es für angemessen, die Schuld an allen den
Verbrechen, durch welche sie ihren Sieg entehrten, auf ihn zu wälzen.
Eine genaue und auf Wahrheit beruhende Untersuchung wird darthun, daß
einige entsetzliche Geschichten, welche man von ihm erzählt, unrichtig
oder übertrieben sind, doch selbst der besonnene Geschichtsschreiber
kann von der beispiellosen Menge von Schändlichkeiten, welche das
Andenken dieses verworfenen Richters entehren, nur wenige beseitigen.

Er war ein Mann von regsamem, kräftigem Geiste, aber von Natur zur
Frechheit und wilden Leidenschaften geneigt. Kaum dem Kindesalter
entwachsen, hatte er seine Praxis an den Schranken der Old Bailey
begonnen, wo die Rechtsgelehrten immer eine Freiheit der Sprache
ausgeübt haben, wie sie in Westminsterhall völlig unbekannt war. Hier
war viele Jahre lang seine Hauptbeschäftigung, die Verhöre der
verstocktesten Bösewichter der Hauptstadt abzuhalten, und seine tägliche
Berührung mit lockeren Dirnen und Dieben weckte und vervollkommnete sein
Talent dergestalt, daß er der ausgebildetste Rabulist wurde, den jemals
sein Beruf erzeugte. Jede schonende Rücksicht für die Gefühle Anderer,
jede Selbstachtung, jeder Sinn für Anstand waren ihm fremd. Er gewann
eine unbeschreibliche Fertigkeit in der Ausdrucksweise, in welcher der
Pöbel Haß und Verachtung ausspricht. Der Reichthum von Verwünschungen
und Schmähreden, aus denen sein Wörterbuch bestand, ließ kaum auf dem
Fischmarkt oder im Bärengarten etwas Ähnliches auffinden. Sein
Gesichtsausdruck und seine Stimme müssen immer unliebenswürdig gewesen
sein, aber diese natürlichen Vorzüge -- denn als solche scheint er sie
betrachtet zu haben -- waren von ihm zu einer solchen Vollkommenheit
ausgebildet worden, daß es nicht Viele gab, die ihn in seinen
Wuthausbrüchen sehen und hören konnten, ohne heftig erregt zu werden.
Frechheit und Wildheit thronten auf seiner Stirne. Der Blick seines
Auges übte einen Zauber aus auf das unselige Schlachtopfer, auf das es
sich richtete; doch behauptete man, seine Stirn und seine Augen hätten
weniger Entsetzliches gehabt, als die verzerrten Züge seines Mundes.
Sein Wuthgebrüll klang, wie Jemand sagte, der ihn oft gehört, wie der
Donner des Weltgerichts. Diese Eigenschaften brachte er von der Barre
mit auf den Richterstuhl. Er wurde sehr bald Gemeindesachwalter und
später Syndikus von London. Als Richter bei den Sitzungen der City
entwickelte er dieselben Neigungen, die ihm nach der Zeit in einer
höheren Stellung einen nicht eben beneidenswerthen Nachruhm verschafft
haben. Schon konnte man an ihm das abscheulichste Laster, dessen die
menschliche Natur fähig ist, Vergnügen am Elend, lediglich als solchem,
wahrnehmen. Es lag eine hämische Wollust in der Art und Weise, wie er
den Verbrechern das Urtheil verkündigte. Ihr Jammern und Flehen schien
ihm einen angenehmen Kitzel zu verursachen, und es amüsirte ihn, sie bis
zu Krämpfen zu peinigen, indem er ihnen mit der weitläufigsten
Ausführlichkeit die Einzelheiten der Qualen schilderte, welche sie zu
erdulden hätten. Wenn er Gelegenheit fand, eine unglückliche
Frauensperson zum Staupbesen zu verurtheilen, so rief er: „Henker!
ich verlange, daß Ihr dieser Dame besondere Aufmerksamkeit schenkt.
Peitschet derb drauf los, Mann! Haut sie, bis das Blut herunterläuft!
Es ist Weihnachten, eine kühle Zeit für Madame, um sich zu entkleiden,
bemüht Euch, daß ihr die Schultern warm werden.“[23] Er war kaum weniger
scherzhaft, als er den armen Ludwig Muggleton verurtheilte, den
trunkenen Schneider, der sich für einen Propheten ausgab. „Frecher
Schurke, brüllte Jeffreys, Du sollst eine leichte, eine ungemein leichte
Strafe erhalten.“ Ein Theil dieser leichten Strafe war der Schandpfahl,
an welchem der arme Fanatiker durch Steinwürfe beinahe getödtet
wurde.[24]

Zu dieser Zeit war Jeffreys’ Gemüth bis zu einem Grade verhärtet, wie es
bei den schlimmsten Werkzeugen der Tyrannei erforderlich ist. Bisher
hatte er in Betreff seiner Beförderung im Amte nur auf die Corporation
von London gerechnet. Aus diesem Grunde hatte er sich zum Rundkopf
bekannt, und immer eine freudigere Aufregung gezeigt, wenn er
katholischen Priestern ankündigte, daß sie lebendig aufgeschnitten
werden und mit eigenen Augen ansehen sollten, wie ihre Eingeweide ins
Feuer geworfen würden, als wenn er ein gewöhnliches Todesurtheil
aussprach. Sobald er von der City alles erlangt hatte, was von ihr zu
erwarten war, ließ er es sich angelegen sein, seine eiserne Stirn und
giftgeschwollene Zunge dem Hofe zu verkaufen. Chiffinch, dem es nichts
Neues war, bei ehrlosen Geschäften aller Art den Unterhändler abzugeben,
war ihm dabei behülflich. Derselbe hatte manche galante und politische
Intrigue geleitet, nie aber seinem Herrn einen schändlicheren Dienst
erwiesen, als durch die Einführung Jeffreys’ in Whitehall. Der
Überläufer erfreute sich bald der Gönnerschaft des hartherzigen und
rachsüchtigen Jakob, während Karl, dessen Fehler, so bedeutend sie
auch immer waren, doch in keiner Verbindung mit Unverschämtheit und
Grausamkeit standen, Verachtung und Abneigung gegen ihn empfand.
„Dieser Mensch“, sagte der König, „hat weder Kenntnisse, noch
Verstand und Lebensart, und mehr Frechheit als zehn ausgepeitschte
Bordellschwestern.“[25] Aber es gab Beschäftigungen, die Niemand
übernehmen mochte, der Achtung vor dem Gesetz oder Gefühl für Schande
hatte, und so wurde Jeffreys in einem Lebensalter, wo ein Sachwalter
sich glücklich schätzt, wenn man ihm einen bedeutenden Prozeß
anvertraut, zum Oberrichter an der Kings Bench erhoben.

Selbst seine Feinde konnten übrigens nicht in Abrede stellen, daß er
manche Eigenschaften eines großen Richters besaß. Seine Rechtskunde
beschränkte sich allerdings nur auf Kenntnisse, wie sie eine Praxis von
nicht besonderer Wichtigkeit verleihen konnte, doch besaß er einen
vortheilhaft organisirten Verstand, der ihn durch Irrwege von
Sophistereien und Massen unerheblicher Thatsachen gerade auf das
gesuchte Ziel hinführte. Übrigens war er selten im vollen Besitz seiner
Geisteskräfte, und selbst in civilen Rechtsfallen verwirrte sein
boshafter und despotischer Character sehr häufig sein gesundes Urtheil.
Vor seinen Gerichtshof treten war wie der Eintritt in die Höhle eines
reißenden Thieres, das unzähmbar ist und durch Liebkosungen wie durch
Angriffe in gleiche Wuth versetzt wird. Er überhäufte bisweilen Kläger
und Beklagte, Anwälte und Advokaten, Zeugen und Geschworne mit einer
Fluth unsinniger Schimpfworte, vermischt mit Fluchreden und Schwüren.
Sein Blick und Ton hatten Furcht erregt, als er noch ein junger Advokat
war, der sich Praxis zu verschaffen suchte, jetzt, wo er Präsident des
furchtbarsten Gerichtshofs des Reiches war, gab es in Wahrheit nur
Wenige, die nicht vor ihm gezittert hätten. Selbst in nüchternem
Zustande war seine Leidenschaftlichkeit entsetzlich genug, gewöhnlich
aber befand sich sein Verstand unter dem Einflusse des Rausches und
seine gehässigen Leidenschaften erlangten dadurch eine höhere
Gereiztheit. Seine Abende verbrachte er insgemein bei Trinkgelagen, und
wer ihn blos bei der Weinflasche sah, mußte ihn für einen zwar groben,
plumpen, rohen und sinnlichen Menschen, zugleich aber auch für einen
gemüthlichen und geselligen Mann halten. In seiner Gesellschaft befanden
sich bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich Possenreißer, welche in der
Mehrzahl aus den erbärmlichsten Zungendreschern, welche vor ihm
praktizirten, gewählt waren, und sich zu seinem Amüsement schimpften und
aufzogen. Er riß mit ihnen Zoten, stimmte in ihre Rundgesänge ein, und
wenn sein Kopf erhitzt wurde, so herzte und küßte er sie in seliger
Weinlaune. Wenn aber auch anfänglich der Wein auf sein Herz einen
besänftigenden Einfluß auszuüben schien, so machte sich doch nach
einigen Stunden eine ganz andre Wirkung bemerkbar. Oft, wenn der
Gerichtshof ihn längere Zeit erwartet und sein Rausch erst halb
verflogen war, betrat er seinen Gerichtssitz mit glühenden Wangen und
Augen, starrend wie die eines Verrückten. Befand er sich in solchem
Zustande, so thaten seine Zechgenossen von voriger Nacht wohl, wenn sie
ihm fern blieben, denn die Erinnerung an die ihnen gestattete
Vertraulichkeit erregte seinen Zorn und er benutzte zuverlässig jeden
Anlaß, um sie mit Schimpf und Schande zu überschütten. Unter seinen
vielen abscheulichen Sonderbarkeiten bestand eine in dem Vergnügen,
Diejenigen, welchen er bei seinen Anfällen von trunkener Zärtlichkeit
seine Gunst zugesagt hatte, nachher öffentlich anzufahren und sie zu
beleidigen.

Die Dienste, welche die Regierung von ihm erwartete, leistete er nicht
nur ohne Zögern, sondern eifrig und triumphirend. Der Justizmord
Algernon Sidney’s war seine erste That, und was darauf folgte, stand mit
derselben in völligem Einklange. Ehrenwerthe Tories beklagten die
Schande, welche die Unmenschlichkeit und das unanständige Betragen eines
so hochgestellten Beamten auf die Verwaltung der Rechtspflege brachte,
aber die Frevelthaten, welche bei diesen Männern Entsetzen erregten
gaben Anspruch auf die Hochschätzung Jakob’s, und deshalb erhielt
Jeffreys nach Karl’s Tode einen Sitz im Kabinet und die Pairswürde.
Letztere Auszeichnung war ein besonderes Zeichen der königlichen Gnade,
denn seit der Umgestaltung der Gerichtsverfassung des Reichs -- im
dreizehnten Jahrhundert -- war kein Oberrichter Lord des Parlaments
gewesen.[26]

Guildford sah sich nun von seiner politischen Thätigkeit entfernt und
auf sein Amt als Billigkeitsrichter beschränkt. Im Rathe wurde er von
Jeffreys mit bemerkbarer Unhöflichkeit behandelt. Die Besetzung aller
Justizämter befand sich in den Händen des Oberrichters, und die
Rechtsgelehrten wußten wohl, daß es das beste Mittel sei, den
Oberrichter zu beruhigen, wenn man den Lord Siegelbewahrer verächtlich
behandelte.

    [Anmerkung 23: Protokolle der Weihnachtssession von 1678.]

    [Anmerkung 24: +The Acts of the Witnesses of the Spirit, part V.
    chapter V.+ In diesem Werke rächt sich Ludwig nach seiner Weise an
    dem brüllenden Teufel, wie er Jeffreys nennt, durch eine Masse von
    Flüchen, um welche ihn Ernulphus beneidet haben würde. Der Prozeß
    fand im Jahre 1677 statt.]

    [Anmerkung 25: Dieser Ausspruch ist in vielen gleichzeitigen
    Flugschriften zu finden. Titus Oates wurde nicht müde, denselben
    anzuführen. Man sehe sein Εἰκὼν βασιλικὴ.]

    [Anmerkung 26: Die besten Auskunftsquellen über Jeffreys sind die
    Staatsprozesse und +North’s Life of Lord Guildford.+ Einige
    weniger wichtige Züge verdanke ich gleichzeitigen Flugschriften in
    Versen und Prosa. Dergleichen sind the +Bloody Assizes, the Life
    and Death of George Lord Jeffreys, the Panegyric on the late
    Jeffreys, the Letter to the Lord Chancellor, Jeffreys’s Elegy.+
    Man sehe auch +Evelyn’s Diary, Dec. 5. 1683, Oct. 31. 1685.+ Es
    ist unnöthig, dem Leser zu empfehlen, Lord Campbell’s
    vortreffliches Buch zu Rathe zu ziehen.]


[_Erhebung der Kroneinnahmen ohne Parlamentsacte._] Nur wenige Stunden
erst war Jakob König, als schon zwischen den beiden Häuptern der Justiz
Streitigkeiten ausbrachen. Die Zölle waren Karl nur auf die Dauer seines
Lebens überlassen worden, und der neue Souverain konnte sie aus diesem
Grunde gesetzlich nicht erheben. Ehe ein Haus der Gemeinen gewählt
wurde, mußten einige Wochen vergehen, und wenn während dieser Zeit die
Erhebung der Zölle sistirt wurde, so erlitt das Staatseinkommen
Verluste, der regelmäßige Handelsverkehr kam ins Stocken, die
Consumenten hatten keinen Gewinn davon, und die Einzigen, welche
Vortheil daraus zogen, waren die glücklichen Spekulanten, deren
Waarenladungen zufällig in der Zeit zwischen dem Thronwechsel und der
Versammlung des Parlaments anlangten. Das Schatzamt wurde von Kaufleuten
umlagert, deren Magazine mit verzollten Gütern angefüllt waren, und
welche in großer Sorge schwebten, durch niedrigere Preise zu Grunde
gerichtet zu werden. Unparteiische Männer mußten zugestehen, daß dies
ein Fall war, wo die Abweichung einer Regierung von dem streng
verfassungsmäßigen Verfahren zu rechtfertigen ist; gebietet ihr aber die
Nothwendigkeit, den strengverfassungsmäßigen Weg zu verlassen, so darf
sie nicht weiter von demselben sich entfernen, als die Umstände es
erfordern. Guildford sah das ein, und machte einen Vorschlag, der ihm
zur Ehre gereichte. Er gab den Rath, daß man die Zölle einfordere, die
eingegangenen Gelder aber, getrennt von anderen Summen, im Schatzamte so
lange verwahre, bis das Parlament zusammengetreten sei. Auf diese Art
würde der König den Beweis liefern, daß wenn er auch den Buchstaben des
Gesetzes verletze, er doch im Geiste desselben zu handeln wünsche.
Jeffreys war andrer Meinung. Er rieth Jakob, ein Edict zu erlassen,
worin gesagt würde, es sei Sr. Majestät Wunsch und Wille, daß die Zölle
fortgezahlt würden. Dieser Rath war vollkommen nach des Königs Sinne.
Der vernünftige Vorschlag des Lord Siegelbewahrers wurde als nur eines
Whigs, -- oder was viel schlimmer -- eines Trimmers würdig, verworfen,
und es erschien eine öffentliche Bekanntmachung nach der Angabe des
Oberrichters. Viele glaubten, daß der allgemeine Unwille dadurch in
hohem Grade erregt werden würde, es war aber nicht der Fall. Der Geist
der Opposition war noch nicht wieder zu Leben gekommen, und der Hof
konnte ohne alle Gefahr sich Handlungen erlauben, welche fünf Jahre
früher eine Revolution hervorgerufen haben würden. In der vor kurzer
Zeit noch so unruhigen Hauptstadt ließ sich kaum ein Murren hören.[27]

    [Anmerkung 27: +London Gazette, Feb. 12. 1684--85. North’s Life of
    Guildford, 254.+]


[_Einberufung eines Parlaments._] Die Proklamation, welche die
Forterhebung der Zölle ankündigte, zeigte zugleich an, daß baldigst ein
Parlament zusammenkommen würde. Nicht ohne großes Bedenken hatte Jakob
den Entschluß gefaßt, die Stände des Reiches zu versammeln. Allerdings
war der Zeitpunkt zu einer allgemeinen Wahl ein höchst günstiger, denn
seit der Thronbesteigung des Hauses Stuart waren die Wahlkörper noch nie
dem Hofe so wohlgesinnt gewesen, wie jetzt; aber der Geist des neuen
Herrschers war von einer Besorgniß umfangen, die selbst nach so langer
Zeit noch Scham und Ärger erzeugen muß, wenn man ihrer gedenkt. Er
fürchtete, daß die Versammlung des englischen Parlaments den Unwillen
des Königs von Frankreich erregen könnte.


[_Verhandlungen zwischen Jakob und dem König von Frankreich._] Dem König
von Frankreich war es höchst gleichgültig, welche der zwei englischen
Parteien bei den Wahlen den Sieg davon trug, denn sämmtliche Parlamente,
welche seit der Restauration zusammengekommen waren, in welcher Stimmung
sie auch rücksichtlich der inneren Staatsverwaltung sich befunden,
hatten die emporstrebende Macht des Hauses Bourbon mit eifersüchtigem
Auge betrachtet. In dieser Beziehung bestand kein großer Unterschied
zwischen den Whigs und den trotzigen Landedelleuten, welche die
Hauptmacht der Torypartei bildeten. Ludwig hatte deshalb weder
Bestechungen noch Drohungen unterlassen, um Karl von der
Zusammenberufung der Häuser abzuhalten, und Jakob, von jeher in das
Geheimniß der auswärtigen Politik seines Bruders eingeweiht, war nun,
nachdem er König von England geworden, gleichfalls ein Miethling und
Vasall Frankreichs.

Rochester, Godolphin und Sunderland, aus welchen das innere Kabinet
bestand, war es kein Geheimniß, daß ihr voriger Herrscher von dem
Versailler Hofe Geld empfing. Jakob zog sie zu Rathe, ob es angemessen
sei, den gesetzgebenden Körper zu versammeln. Sie gestanden zu, daß es
von großer Bedeutung sei, Ludwig bei guter Laune zu erhalten, aber es
schien ihnen, daß die Einberufung eines Parlaments durchaus keine Sache
einer freien Wahl sein könne. Wie nachgiebig die Nation sich auch
zeigte, ihre Geduld hatte Grenzen. Der Grundsatz, daß der König nicht
berechtigt sei, das Geld seiner Unterthanen ohne Beistimmung der
Gemeinen zu erheben, hatte in der öffentlichen Meinung feste Wurzel
gefaßt, und wenn auch in einem außerordentlichen Falle selbst Whigs
bereit waren, einige Wochen hindurch Zölle zu entrichten, deren Erhebung
nicht gesetzlich gerechtfertigt war, so ließ sich doch nicht bezweifeln,
daß selbst Tories widerspenstig werden mußten, wenn solche unbillige
Besteuerung länger währen sollte, als die besonderen Verhältnisse,
welche sie veranlaßt hatten. Die Häuser mußten daher unbedingt
zusammentreten, und je früher sie einberufen wurden, um so besser war
es. Selbst der kurze Aufschub, welcher, aus einer Mittheilung nach
Versailles entstehen mußte, konnte ein Unglück herbeiführen, das nicht
wieder zu beseitigen war. Unzufriedenheit und Verdacht würden sich
schnell im Publikum verbreiten, und Halifax sich beschweren, daß man die
Grundgesetze der Verfassung angegriffen habe. Der Lord Siegelbewahrer,
als furchtsamer, pedantischer Kleinigkeitskrämer, würde ihn
unterstützen. Was man mit freiem Willen hätte thun können, würde man
später gezwungen thun. Gerade diejenigen Minister, denen der König die
öffentliche Achtung zu entziehen wünschte, würden sich auf seine Kosten
beliebt machen. Die schlechte Volksstimmung konnte auf die Wahlresultate
einen wichtigen Einfluß haben. Diese Gründe ließen sich nicht
widerlegen, und der König that dem Lande seinen Willen, kund, ein
Parlament zusammen zu berufen. Dabei aber war er ängstlich bemüht, sich
von dem Verdachte freizuhalten, als habe er vertragswidrig und
unehrerbietig gegen Frankreich gehandelt. Er geleitete Barillon in ein
geheimes Zimmer und bat um Verzeihung, daß er einen so bedeutungsvollen
Schritt ohne vorherige Erlaubniß Ludwig’s gethan habe. „Geben Sie Ihrem
Herrn die Versicherung meiner Dankbarkeit und Ergebenheit, ich weiß,
daß ich ohne seinen Schutz machtlos bin. Es ist mir bekannt, welche
Unannehmlichkeiten meinem Bruder dadurch entstanden sind, daß er nicht
treulich zu Frankreich hielt. Ich werde Sorge tragen, daß die Häuser
sich nicht in auswärtige Angelegenheiten mischen können; bemerke ich bei
ihnen die Absicht, Unheil anzustiften, so werde ich sie unverzüglich
heimschicken. Sagen Sie das meinem geliebten Bruder, ich hoffe, er wird
es mir nicht übel deuten, daß ich ohne seinen Rath gehandelt habe, er
hat ein Recht darauf, von mir um Rath gefragt zu werden, und es ist mein
Wunsch, über Alles seinen Rath zu hören; bei dieser Gelegenheit aber
hätte ein Aufschub von einer einzigen Woche ernste Folgen nach sich
ziehen können.“ Diese schmachvollen Entschuldigungen wurden am nächsten
Morgen von Rochester wiederholt, und Barillon nahm sie artig auf.
Rochester, dadurch ermuthigt, bat nun um Geld. „Es wird gut angelegt
werden“, bemerkte er, „Ihr Gebieter kann seine Einnahmen nicht
einträglicher verwenden. Machen Sie ihn angelegentlichst darauf
aufmerksam, von welcher Bedeutung es ist, daß der König nicht von seinem
Volke, sondern von der Freundschaft Frankreichs abhängig sei.“[28]

Barillon säumte nicht, Ludwig mit den Wünschen der englischen Regierung
bekannt zu machen, aber Ludwig war ihnen bereits zuvorgekommen. Kaum
hatte er den Tod Karl’s erfahren, so beeilte er sich, Wechsel auf
England, im Werthe von fünfhunderttausend Livres, anzuschaffen, eine
Summe, die etwa siebenunddreißigtausendfünfhundert Pfund Sterling
gleichkam. Solche Wechsel waren zu jener Zeit in Paris nicht leicht im
Laufe eines Tages aufzubringen, nach wenigen Stunden aber war das
Geschäft schon besorgt, und ein Courier ging nach London ab.[29] Sobald
Barillon die Rimessen erhielt, eilte er mit seinen angenehmen
Neuigkeiten nach Whitehall. Jakob schämte sich nicht, Thränen der Freude
und Dankbarkeit zu vergießen, oder zu thun, als vergösse er solche.
„Niemand, außer Ihrem König, begeht so edle und freundliche Handlungen,“
sagte er. „Ich kann ihm niemals meine Dankbarkeit zur Genüge beweisen,
geben Sie ihm die Versicherung, daß meine Ergebenheit erst mit meinem
Tode endigen wird.“ Rochester, Sunderland und Godolphin kamen, Einer
nach dem Andern, den Gesandten zu umarmen und ihm ins Ohr zu raunen,
daß er ihrem königlichen Herrn neues Leben gegeben habe.[30]

Obgleich Jakob und seinen drei Räthen die von Ludwig bewiesene
Schnelligkeit recht wohlgefiel, so erreichte doch der Betrag des
Geschenks keineswegs ihre Erwartung. Da sie durch zudringliche Bettelei
anstößig zu werden besorgten, so deuteten sie ihre Wünsche nur leise an.
Sie versicherten, es sei nicht ihre Absicht, mit einem so edelmüthigen
Wohlthäter wie der König von Frankreich zu feilschen, und sie wären
entschlossen, gänzlich seiner Freigebigkeit zu vertrauen. Zugleich
machten sie den Versuch, ihn durch ein großes Opfer der Nationalehre
sich geneigt zu machen. Es war kein Geheimniß, daß es ein Hauptzweck
seiner Politik war, die belgischen Provinzen mit seinem Gebiete zu
vereinigen. England hatte durch einen Vertrag mit Spanien, der
abgeschlossen werden war, als Danby das Schatzmeisteramt verwaltete, die
Verpflichtung übernommen, jedem Versuche Frankreichs auf jene Provinzen
sich zu widersetzen. Die drei Minister erklärten Barillon, daß ihr Herr
durch jenen Vertrag sich nicht mehr für gebunden erachte, da er durch
Karl abgeschlossen worden sei. Für diesen könne er gültig gewesen sein,
sein Bruder aber fühle sich nicht durch ihn verpflichtet. Der
allerchristlichste König möge daher ohne jede Besorgniß vor Einspruch
von Seiten Englands beliebige Schritte thun, Brabant und Hennegau seinem
Reiche einzuverleiben.[31]

    [Anmerkung 28: Die Hauptquelle für Barillon’s Depesche vom 9.(19.)
    Febr. 1685. Sie befindet sich im Anhange zu +Fox’ History.+ Man
    sehe auch Preston’s Brief an Jakob +d. d.+ 18.(28.) April 1685 bei
    Dalrymple.]

    [Anmerkung 29: Ludwig an Barillon, 16.(26.) Febr. 1685.]

    [Anmerkung 30: Barillon, 16.(26.) 1685.]

    [Anmerkung 31: Barillon, 18.(26.) Febr. 1685.]


[_Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt._]. Zu gleicher
Zeit wurde bestimmt, daß eine außerordentliche Gesandtschaft abgeschickt
werden sollte, um Ludwig der Dankbarkeit und Ergebenheit Jakob’s zu
versichern. Mit dieser Sendung beauftragte man eine Persönlichkeit,
welche noch keine besonders hohe Stellung einnahm, deren Ruf aber,
seltsam aus Schande und Ruhm hervorgegangen, zu einer späteren Periode
die ganze gebildete Welt erfüllte.


[_Seine Geschichte._] Bald nach der Restauration, in den fröhlichen,
sittenlosen Zeiten, welche durch die Feder Hamilton’s so lebhaft
geschildert worden ist, fühlte sich Jakob, jung und feurig im Genuß, von
Arabella Churchhill angezogen, einer Ehrendame seiner ersten Gemahlin.
Das Fräulein war nicht schön, aber Jakob’s Geschmack auch nicht
wählerisch, und so wurde sie seine erklärte Maitresse. Sie war die
Tochter eines armen Ritters, welcher nach Whitehall kam und sich durch
Herausgabe einer längst verschollenen, schwerfälligen und gezierten
Folioschrift blamirte. Die Verlegenheiten der Churchhills waren
dringender Art, ihre Loyalität glühend, und ihre einzige Empfindung bei
Arabella’s Entehrung scheint ein freudiges Erstaunen gewesen zu sein,
daß ein so einfaches Mädchen so hoher Auszeichnung würdig befunden
wurde.

Ihr Einfluß war von nicht geringem Nutzen für ihre Anverwandten, keiner
von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glück wie ihr ältester Bruder,
Johann, ein schöner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde
zu Fuß bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte
sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besaß eine
stattliche Gestalt, ein hübsches Antlitz und ein äußerst einnehmendes
Betragen, jedoch mit solcher Würde gepaart, daß es dem naseweisesten
Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und
dabei wußte er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten
Fällen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte
Erziehung genossen, daß er die gewöhnlichsten Worte seiner Muttersprache
nicht richtig zu schreiben wußte, aber sein durchdringender, kräftiger
Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Büchergelehrsamkeit. Er
war nicht gesprächig, aber bei der Nothwendigkeit öffentlich zu reden,
wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den geübtesten Rhetoriken
bewundert. Während vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er
auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner
seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.

Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stieß er mit seinem Regimente zu
den französischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine
fröhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten
aus, seine militairische Tüchtigkeit gewann ihm die Achtung der älteren
Offiziere. Turenne, der damals das höchste militairische Ansehen genoß,
dankte ihm einst öffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele
Beweise von Achtung und Vertrauen.

Unglücklicherweise waren die glänzenden Eigenschaften Churchhill’s mit
Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei
der Jugend besonders widerwärtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig
zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern ließ er den Vortheil nicht aus
den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch
die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er
ein Gegenstand der heftigen aber vergänglichen Liebe der Herzogin von
Cleveland. Als er einst vom König bei ihr angetroffen wurde, war er
genöthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese
ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fünftausend Pfund. Mit
diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von
fünfhundert Pfund jährlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.[32]
In seinen geheimen Schubfächern befanden sich bereits Haufen von
Goldstücken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfürst und
der reichste Unterthan in Europa war, noch unberührt lagen.[33]

Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York
zugeordnet, ging mit seinem Gönner nach den Niederlanden und Edinburg
und erhielt für seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl
über das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere
sich befand.[34] Seine Gemahlin war im Hofstaate der jüngeren Tochter
Jakob’s, der Prinzessin von Dänemark, angestellt.

Lord Churchhill ging nun als außerordentlicher Gesandter nach
Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen
Regierung für das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher
hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel größere Geldsumme zu
ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgniß gehegt, solch
unzarte Gier könnte dem Wohlthäter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich
so glänzend gezeigt, unangenehm berühren, deshalb bekam Churchhill
Befehl, blos den Dank für das Geschehene auszudrücken und über die
Zukunft zu schweigen.[35]

Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu
vermeiden suchten, wußten sie doch sehr verständlich anzudeuten, welche
Wünsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaßen an dem französischen
Gesandten einen gewandten, thätigen, wohl auch nicht uneigennützigen
Unterhändler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem
Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhöhen, in einigen Wochen aber
erhielt Barillon von Versailles fernere fünfzehnhunderttausend
Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefähr
einhundertzwölftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen.
Er sollte der englischen Regierung dreißigtausend Pfund zur Bestechung
von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhändigen, und den Rest
für irgend einen außerordentlichen Fall, wie eine Auflösung des
Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.[36]

Die Nichtswürdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber
ihre wahre Natur scheint oft Mißdeutungen unterlegen zu haben, denn
obgleich die auswärtige Politik der letzten zwei Könige der Stuart’schen
Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon’s zur Kenntniß des
Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so
existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein
läßt, ihre innere Politik zu beschönigen. Es besteht aber kein Zweifel,
daß zwischen ihrer inneren und auswärtigen Politik ein nothwendiger und
nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Hätten sie nur einige Monate
lang die Ehre des Landes nach Außen vertreten, so mußten sie sich
entschließen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer Änderung
zu unterwerfen. Sie zu rühmen, weil sie sich sträubten, in
Übereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie
doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig’s Folge leisteten, ist ein
Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom
Parlamente abhängig zu sein.

Um gerecht zu sein, muß man sagen, daß Jakob gern einen dritten Weg
eingeschlagen haben würde, aber es war keiner aufzufinden. Er wurde
Frankreichs Sklave, aber man würde sich irren, wollte man glauben, er
sei ein zufriedener Sklave gewesen. Er hatte Verstand genug, bisweilen
sich selbst über solche Beugung unter das französische Joch zu zürnen
und eine Befreiung davon zu wünschen, welche Absicht von den Agenten der
fremden Mächte aufs Eifrigste unterstützt wurde.

    [Anmerkung 32: Dartmouth’s Note in Burnet, +I. 264+;
    +Chesterfield’s Letters, Nov. 18. 1748.+ Chesterfield ist ein
    unverwerflicher Zeuge, denn die Leibrente ruhte auf dem Gute
    seines Großvaters Halifax. Ich hoffe, daß ein Zusatz zu dieser
    Geschichte, der sich bei Pope findet, keine Wahrheit enthält:

      Der Ritter, dem sie diese Summe gab,
      Schlug später eine halbe Kron’ ihr ab.

    Curll nennt dies ein Stück wandernden Skandal.]

    [Anmerkung 33: Pope in Spence’s +Anecdotes.+]

    [Anmerkung 34: Man sehe die geschichtlichen Nachrichten von dem
    ersten, oder königlichen Dragonerregimente. Die Ernennung
    Churchhill’s zum Befehlshaber dieses Regiments wurde als Beispiel
    unsinniger Parteilichkeit verschrieen. Ein Spottgedicht jener
    Zeit, das ich nicht gedruckt gesehen zu haben mich erinnere,
    von dem aber ein Manuscript im britischen Museum sich befindet,
    enthält folgende Zeilen:

      Schneidet mit Löffeln ins Fleisch
      So zeigt das mehr Verstand,
      Als daß Churchhill sollte sein
      Der Dragoner Commandant.]

    [Anmerkung 35: Barillon, 16.(24.) Febr. 1685.]

    [Anmerkung 36: Barillon, 6.(16.) April, Ludwig an Barillon,
    14.(24.) April.]


[_Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England._] Sein
Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und
Befürchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von
Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen
eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wünschte, daß die Unruhen,
welche England drei Menschenalter hindurch erschüttert hatten, niemals
aufhören möchten; alle übrigen Regierungen aber, republikanische wie
monarchische, protestantische wie katholische, hofften, daß diese
Zerwürfnisse bald ein glückliches Ende nehmen möchten.

Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren
Parlamenten wurde freilich von den auswärtigen Diplomaten nur sehr
unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung
verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der
europäischen Mächte ausübten. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge
würden die Sympathien der Höfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem
Fürsten gehört haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem
katholischen Fürsten, der gegen ketzerische Unterthanen kämpfte, aber
alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mächtigeres Gefühl
beherrscht. Die Besorgniß und der Haß, welche durch die Macht, die
Ungerechtigkeit und den Stolz des französischen Königs hervorgerufen
worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn
konnten wohl in Ungewißheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in
Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hörte er nicht auf, sie
zu berauben und zu verhöhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen
Erfolg mit ihm geführt. In dieser bedrängten Lage richteten sie ihren
Blick mit banger Erwartung auf England. Ließ sich annehmen, daß es nach
den Grundsätzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover
handeln würde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner
Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch möglich, Ludwig
Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hülfe von ihm rechnen,
so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen
dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges;
von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es
wieder in die Reihe der Mächte höchsten Ranges, so lange aber der
Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthätigkeit und Abhängigkeit verdammt.
Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es groß gewesen, unter den
Fürsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saßen, war es
wiederum groß, aber unter den Königen aus der Dynastie der Stuarts
zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Während eine
Gattung von Kräften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht
gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte
möglich machte, Frankreich und Spanien zu demüthigen, war verschwunden;
die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und
Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war
nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch
noch nicht eine beschränkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie
besaß die Mängel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft
eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt
vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig.
Überall herrschte Unschlüssigkeit, Hader und Unordnung. Das
hauptsächliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prärogative des
gesetzgebenden Körpers zu beeinträchtigen, und das Streben des
gesetzgebenden Körpers ging nach Übergriffen in die Hoheitsrechte des
Souverains. Der König bediente sich unbedenklich auswärtiger
Unterstützung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem
aufrührerischen Parlamente abhängig zu sein. Das Parlament verweigerte
dem König die Mittel, die Ehre der Nation nach Außen hin kräftig zu
vertreten, weil es mit gutem Grunde befürchtete, diese Mittel möchten
benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses
gegenseitigen Mißtrauens war, daß unser Vaterland trotz seiner
bedeutenden Hülfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der
Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum
Lothringen, und gewiß noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz
Holland.

Frankreich hatte die begründetsten Ursachen, den Stand dieser
Verhältnisse so lange wie möglich zu erhalten,[37] während alle übrigen
Mächte dringend wünschen mußten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war
von dem Wunsche durchdrungen, daß Jakob im Einverständniß mit dem Gesetz
und der öffentlichen Meinung regieren möchte. Selbst vom Escurial
langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung
aussprachen, daß der neue König in gutes Vernehmen mit seinem Volke und
seinem Parlamente treten werde.[38] Auch der Vatikan sandte Warnungen
gegen unweisen Eifer für den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi,
welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle saß,
empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die
Befürchtungen, mit denen andere Fürsten die Überhandnahme der
französischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Gründe
zur Besorgniß. Es war ein wohlthätiger Umstand für den Protestantismus,
daß in dem Moment, wo der letzte katholische König von dem Throne
Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit
geschwächt und von einem Schisma bedroht war. Ein ähnlicher Kampf, wie
im elften Jahrhundert die Kaiser und Päpste mit einander führten, war
zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis
zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner
königlichen Autorität haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in
die weltlichen Rechte der französischen Krone, und erhielt wiederum vom
Papste den Vorwurf, daß er sich Eingriffe in das geistliche Amt der
Schlüssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der König auch immer besaß, er
fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz
war in seinem Privatleben ein höchst sanfter und gutmüthiger Mann, wenn
er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone,
wie ihn Gregor VII. und Sixtus V. zu gebrauchen pflegten. Der Streit
wurde heftiger, Beauftragte des Königs wurden in den Bann gethan;
Anhänger des Papstes verwiesen. Der König erhob die Vertheidiger seiner
Autorität zu Bischöfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie
bewohnten die bischöflichen Paläste und bezogen die Einkünfte, aber sie
waren nicht berechtigt, das bischöfliche Amt zu verrichten. Noch vor der
Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreißig Prälaten,
welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.[39]

Hätte zu damaliger Zeit ein andrer Fürst als Ludwig eine solche
Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so hätte er darauf rechnen können,
daß alle protestantischen Regierungen für ihn Partei nehmen würden, aber
die Besorgniß und der Mißmuth, welche der Ehrgeiz und Übermuth des
Königs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, daß
Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen,
der allgemeinen Billigung gewiß sein durfte. Selbst Lutheraner und
Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Haß fühlten, konnten
nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie
herzustellen beabsichtigte, glücklichen Erfolg zu wünschen. Auf gleiche
Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den
Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht
Napoleon’s entgegenstellte.

Die Erbitterung Innocenz’ gegen Frankreich veranlaßte ihn, die
englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die
Rückkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er hütete, würde ihn ohne
Zweifel sehr glücklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller
Mann, um zu erwarten, daß eine so kühne und trotzige Nation durch die
gewaltthätige und verfassungswidrige Handhabung der königlichen
Autorität in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeleitet werden
könne. Es war leicht vorauszusehen, daß ein Versuch Jakob’s, die
Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopuläre Mittel zu
unterstützen, mißlingen würde, daß der Haß, den die ketzerischen
Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und stärker als
jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung
zwischen Protestantismus und bürgerlicher Freiheit, zwischen
Katholizismus und Willkürherrschaft bilden müsse. Zu gleicher Zeit würde
der König für sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts
sein. Wie zur Zeit Jakob’s I., Karl’s I. und Karl’s II. würde England
als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rücksichtslos
über die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausüben. In anderer
Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, daß Jakob bei klugem und
gemäßigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er
sich bemühte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen
Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte.
Die Strafgesetze mußten sofort fallen, und die Gesetze, welche die
Unfähigkeit zu bürgerlichen Ämtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen
konnte der englische König und sein Volk an die Spitze der europäischen
Coalition treten und den Gelüsten Ludwig’s einen unübersteiglichen Damm
entgegenstellen.

Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Engländer, welche
an seinem Hofe lebten, unterstützt. Der bedeutendste unter ihnen war
Philipp Howard, Abkömmling einer der edelsten Familien Britanniens, von
einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von
Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen
Collegiums, wurde gewöhnlich als der Cardinal von England bezeichnet,
und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland
betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei
fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein
Mitglied seiner Familie, der unglückliche Stafford, war als ein Opfer
ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch
die seines Hauses hatten sein Gemüth so erbittert, daß er unbesonnene
Rathschläge gegeben hätte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom
Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Mäßigung und Rücksicht
auf die Vorurtheile des englischen Volks.[40]

    [Anmerkung 37: Es ließe sich die halbe Correspondenz Barillon’s
    als Beweis dieser Behauptung abschreiben, ich werde jedoch blos
    eine Stelle angeben, worin die Absichten, welche die französische
    Politik rücksichtlich Englands leiteten, kurz und mit völliger
    Klarheit ausgesprochen sind. +„On peut tenir pour une maxime
    indubitable, que l’accord du Roy d’Angleterre avec son Parlament,
    en quelque manière qu’il se fasse, n’est pas conforme aux intérèts
    de V. M. Je me contente de penser cela sans m’en ouvrir à
    personne, et je cache avec soin mes sentiments à cet égard.“+ --
    Barillon an Ludwig, 28. Febr. (10. März) 1687. Daß dieses das
    wirkliche Geheimniß der ganzen Politik Ludwig’s in Bezug auf unser
    Vaterland war, wußte man in Wien recht gut. Kaiser Leopold schrieb
    am 30. März (9. April) 1689 an Jakob: +Galli id unum agebant, ut,
    perpetuas inter Serenitatem vestram et ejusdem populos fovendo
    simultates, reliquae Christianae Europe tanto securius
    insultarent.+]

    [Anmerkung 38: +Que sea unido con su reyno, y en todo buena
    intelligencia con el parlamento.+ Depesche des Königs von Spanien
    an Don Pedro Ronquillo vom 16.(26.) März 1685. Diese Depesche ist
    in den Archiven von Simancas aufbewahrt, welche eine Menge Papiere
    enthalten, die sich auf englische Angelegenheiten beziehen.
    Copieen der interessantesten derselben besitzt Herr Guizot, welche
    er mir geliehen hat. Es macht mir ein besonderes Vergnügen, heute
    diesen Beweis der Freundschaft eines so großen Mannes erwähnen zu
    können.]

    [Anmerkung 39: Wenige englische Leser werden ein tieferes Eingehen
    in die Geschichte dieses Handels beanspruchen. Übersichten finden
    sich in Cardinal Bausset’s Leben, Bossuet’s und in Voltaire’s
    Zeitalter Ludwig’s XIV.]

    [Anmerkung 40: +Burnet, I. 661+ und Brief von Rom; +Dodd’s Church
    History, part. VIII, book I, art. 1.+]


[_Innerer Kampf Jakob’s II._] In Jakob’s Seele fand ein heftiger Kampf
statt. Man würde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, daß ein
Abhängigkeitszustand seiner Gemüthsart zugesagt hätte. Er liebte Ansehen
und Beschäftigung und besaß einen hohen Begriff von seiner persönlichen
Würde, ja es fehlte ihm nicht gänzlich eine Empfindung, welche
Ähnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief quälte ihn der Gedanke, daß
das von ihm beherrschte Königreich weit weniger Bedeutung in der Welt
habe, als viele Staaten, welche geringere natürliche Vortheile besaßen,
und er hörte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in
ihn drangen, die Würde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze
eines großen Bündnisses zu stellen, der Schutzherr gekränkter Nationen
zu werden und den Stolz jener Macht zu demüthigen, welche der Schrecken
des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust
Regungen, wie sie sein leichtfertiger und üppiger Bruder nie gefühlt
hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein stärkeres Gefühl
verdrängt. Eine kräftige, auswärtige Politik setzte natürlich eine
versöhnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs
entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen.
Die ausübende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen
etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu
erreichen, daß sie in Übereinstimmung mit der Ansicht des Hauses
handelte. So fand Jakob, daß die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise
strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen ließen.


[_Schwankungen seiner Politik._] Sein andrer Wunsch war, im Auslande
gefürchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande
unumschränkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten
Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange
unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte,
gab seinen öffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von
Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nähere Kenntniß der Sache
die Irrgänge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im
Stande, sich zu erklären, wie derselbe Mann in der nämlichen Woche so
hochmüthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde
durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen
Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen überging,
aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob’s
klar vor uns liegt, scheint diese Unschlüssigkeit eine ganz einfache
Deutung zuzulassen.

Als Jakob die Regierung antrat, war er in Ungewißheit, ob das Königreich
sich gutwillig seiner Gewalt fügen werde. Die Ausschließungsmänner,
welche vor kurzer Zeit noch so große Macht besaßen, konnten die Waffen
gegen ihn ergreifen, er konnte französisches Geld und französische
Truppen sehr nothwendig brauchen müssen, und so ließ er sich bestimmen,
einige Tage lang die Rolle eines Schmeichlers und Bettlers zu spielen.
Er bat demüthig um Verzeihung, daß er sich erlaubt habe, sein Parlament
ohne Genehmigung der französischen Regierung zusammen zu berufen. Er bat
dringend um französische Subsidiengelder, vergoß Freudenthränen über die
französischen Wechsel und schickte eine außerordentliche Gesandtschaft
nach Versailles, welche die Versicherung seiner Dankbarkeit, Ergebenheit
und Unterwerfung überbringen sollte. Die Gesandtschaft war jedoch kaum
abgegangen, als auch schon seine Gesinnungen sich änderten. Man hatte
ihn aller Orten ohne einen einzigen Aufstand, ohne jede aufrührerische
Kundgebung zum König ausgerufen, aus jedem Winkel der Insel kamen
Nachrichten, daß das Volk ruhig und gehorsam sei, und sein Muth nahm
überhand. Das unwürdige Verhältniß, in welchem er zu einer fremden Macht
stand, schien ihm jetzt unerträglich, er wurde anmaßend, rechthaberisch,
großprahlerisch und streitsüchtig. Er sprach in einem so hohen Tone über
die Würde seiner Krone und das Gleichgewicht der Macht, daß sein ganzer
Hof nichts Geringeres vermuthete, als eine vollständige Revolution in
der auswärtigen Politik des Königreichs. Er gab Churchhill Befehl, eine
genaue Darstellung des Ceremoniells in Versailles einzusenden, damit der
französische Gesandte zu Whitehall nur dieselben Ehren empfangen möchte,
welche der englischen Gesandtschaft am französischen Hofe zu Theil
geworden waren. Die Kunde von dieser Sinnesänderung wurde zu Madrid,
Wien und im Haag mit großer Freude aufgenommen.[41] Anfänglich fand
Ludwig die Sache nur spaßhaft. „Mein guter Bundesgenosse spricht stolz“,
sagte er, „aber er hat eben so große Liebe zu meinen Pistolen, wie sein
Bruder sie jemals hatte.“ Bald jedoch erregte das veränderte Betragen
Jakob’s, und die Erwartungen, welche daraus für die beiden Zweige des
Hauses Österreich hervorgingen, ernstere Aufmerksamkeit. Ein
interessanter Brief des französischen Königs ist auf unsre Zeiten
gekommen, worin derselbe den starken Verdacht ausspricht, daß er
betrogen sei, und daß die Summen, welche er nach Westminster gesandt,
gegen ihn benutzt werden könnten.[42]

Zu dieser Zeit hatte sich England von der Bestürzung und den
Befürchtungen erholt, welche durch den Tod des gutmüthigen Karl
hervorgerufen worden waren. Die Tories bekannten offen ihre
Anhänglichkeit an den neuen Herrscher und die Whigs wagten nicht, ihren
Haß zu zeigen. Die große Masse, welche nicht bleibend einer Partei
angehört, sondern heute dem Whiggismus, morgen dem Toryismus huldigt,
stand noch immer auf Seiten der Tories. Die Reaction, welche nach der
Auflösung des Oxfordparlaments eintrat, hatte ihre Kraft noch nicht
erschöpft.

    [Anmerkung 41: Berathungen des spanischen Staatsraths am 2.(12.)
    und 16.(26.) April 1685, in den Archiven von Simancas.]

    [Anmerkung 42: Ludwig an Barillon vom 22. Mai (1. Juni) 1685;
    +Burnet, I. 623.+]


[_Öffentliche Ausübung des katholischen Ritus in Jakob’s Palaste._] Der
König unterwarf die Loyalität seiner protestantischen Freunde sehr bald
einer Prüfung. So lange er noch Unterthan war, hatte er die Gewohnheit,
die Messe bei verschlossenen Thüren in einer kleinen Kapelle zu hören,
welche für seine Gemahlin hergestellt worden; jetzt gab er Befehl, die
Thüren zu öffnen, damit Alle, welche in der Absicht ihm ihre Ehrfurcht
zu bezeigen nach Hofe kamen, die Ceremonie mit ansehen möchten. Bei der
Erhebung der Hostie entstand im Vorzimmer eine heillose Verwirrung. Die
Katholiken sanken auf die Knie, die Protestanten verließen das Zimmer.
Es wurde bald darauf im Palaste eine neue Kanzel hergestellt, und
während der Fastenzeit eine Reihe von Predigten durch katholische
Geistliche vorgetragen, zur größten Entrüstung der eifrigen Anhänger der
Landeskirche.[43]

Eine Neuerung ernsterer Art folgte. Die Charwoche kam heran, und der
König faßte den Entschluß, die Messe mit derselben Pracht zu hören,
welche seine Vorgänger zur Schau gestellt hatten, wenn sie sich in die
Gotteshäuser der Landeskirche verfügten. Er theilte seine Absicht den
drei Mitgliedern des inneren Kabinets mit und beanspruchte ihre
Begleitung. Sunderland, bei welchem alle Religionen gleiche Geltung
hatten, willigte ohne Weiteres ein; Godolphin als Kammerherr der Königin
war daran gewöhnt, derselben den Arm zu bieten wenn sie nach der Kapelle
ging, und deshalb trug er kein Bedenken von Amtswegen sich in dem Hause
Rimmon’s zu demüthigen. Aber Rochester war in großer Verlegenheit. Sein
Einfluß im Lande gründete sich auf die vom Klerus und der Partei der
Tories gefaßte Meinung, daß er ein eifriger unbeugsamer Anhänger der
Landeskirche sei, und seine Rechtgläubigkeit galt als ein vollkommener
Ersatz für Fehler, welche ihn außerdem zum mißliebigsten Manne im Reiche
gemacht hätten: für grenzenlosen Hochmuth, übertriebene Heftigkeit und
Brutalität.[44] Er hegte die Besorgniß, daß durch Fügsamkeit in das
königliche Verlangen er die Achtung seiner Partei verlieren würde. Nach
einigen Debatten bekam er die Erlaubniß, die Festtage außerhalb der
Hauptstadt zu verleben; alle übrigen hohen Staatsbeamten erhielten die
Aufforderung, am Ostersonntag auf ihrem Posten zu sein. Die Gebräuche
der römischen Kirche wurden wiederum nach einem Zeitraum von einhundert
und siebenundzwanzig Jahren zu Westminster mit königlicher Pracht
ausgeübt. Die Garden standen in Parade, die Ritter des Hosenbandes
trugen die großen Bänder. Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen
Großen des Reiches im Range der zweite, hielt das Staatsschwert. Ein
langer Zug hoher Lords geleitete den König nach seinem Sitze, doch
bemerkte man, daß Ormond und Halifax im Vorzimmer zurückblieben. Noch
vor wenigen Jahren hatten sie die Sache Jakob’s muthig gegen einige von
Denen beschützt, welche sich jetzt an ihnen vorüberdrängten. Ormond
hatte sich bei den Hinopferungen der Katholiken nicht betheiligt,
Halifax hatte den Muth gehabt, Stafford für unschuldig zu erklären.
Während Diejenigen, welche den Mantel nach dem Winde hingen, einst
vorgaben, schon bei dem Gedanken an einen katholischen König sich zu
entsetzen, und unbarmherzig das unschuldige Blut eines katholischen
Peers vergossen, stießen sie jetzt einander zur Seite, um sich dem
katholischen Altar zu nähern. Wohl hatte der vollkommene Trimmer einiges
Recht, sich mit geheimem Stolze seines unpopulären Spottnamens zu
freuen.[45]

    [Anmerkung 43: +Clarke’s Life of James de Second, II. 5.+;
    Barillon, 19. Febr. (1. März) 1685; +Evelyn’s Diary, March 5.
    1684--85.+]

    [Anmerkung 44:

      Und wird von ihm etwas begehrt
      So schimpft und flucht er unerhört,
      Als wärs ein Löffeldieb, der bei ihm eingekehrt.

          +Lamentable Lory, a Ballad, 1684.+]

    [Anmerkung 45: Barillon, April 20.(30.) 1685.]


[_Jakob’s Krönung._] Eine Woche nach dieser Ceremonie brachte Jakob
seinen eigenen religiösen Vorurtheilen ein bedeutenderes Opfer, als er
jemals von einem seiner protestantischen Unterthanen beansprucht hatte.
Er wurde am 23. April, dem Tage des heiligen Schutzpatrons des Reiches
gekrönt. Die Abtei und die Halle waren prachtvoll geschmückt, und die
Anwesenheit der Königin, umgeben von den Damen der Peers, gab der
Festlichkeit einen Glanz, welcher bei der prachtvollen Inauguration des
vorigen Königs gefehlt hatte. Diejenigen aber, die sich derselben noch
erinnerten, meinten doch, daß der jetzigen Feierlichkeit etwas äußerst
Erhebliches mangle. Es war eine alte Sitte, daß der Souverain vor seiner
Krönung umgeben von den Herolden, Richtern, Geheimen Räthen, Lords und
Großwürdenträgern im glänzenden Zuge vom Tower nach Westminster ritt.
Die letzte und prachtvollste dieser Cavalcaden war die, welche sich
durch die Hauptstadt bewegte, als die durch die Restauration
hervorgerufenen Empfindungen noch in voller Kraft waren. Triumphbögen
überragten die Straßen, ganz Cornhill, Cheapside, der St. Paulskirchhof,
Fleet Street und der Strand waren mit Schaugerüsten umgeben, und die
ganze City eingeladen, das Königthum in der prachtvollsten und
feierlichsten Gestalt zu bewundern, in der es sich zeigen kann. Jakob
ließ die Kosten berechnen, welche eine solche Procession erfordern
würde, und da sich herausstellte, daß dieselben ungefähr die Hälfte der
Summe betragen würde, welche er zur Anschaffung von Schmuck für seine
Gemahlin bestimmt hatte, so faßte er den Entschluß, da verschwenderisch
zu sein, wo Sparsamkeit an ihrem Orte, und geizig, wo Verschwendung zu
entschuldigen gewesen wäre. Der Putz der Königin wurde mit
hunderttausend Pfund bezahlt, und der Festzug vom Tower unterblieb. Die
Thorheit dieses Verfahrens ist einleuchtend. Wenn Prunk im Staatsleben
von Vortheil ist, so kann er es nur als Mittel sein, um auf die
Phantasie der Menge einzuwirken. Es verräth einen hohen Grad von
Beschränktheit, das gemeine Volk von einem glänzenden Schauspiel
zurückzuweisen, dessen Zweck eben darin besteht, einen Eindruck auf den
großen Haufen zu machen. Jakob hätte eine weit vernünftigere
Freigebigkeit und weisere Sparsamkeit gezeigt, wenn er London mit der
gewohnten Pracht von Ost nach West durchzogen und die Staatskleider
seiner Gemahlin etwas weniger reich mit Perlen und Diamanten hätte
besetzen lassen. Seine Nachfolger ahmten übrigens sein Beispiel noch
lange Zeit nach, und Geldsummen, welche vernünftig angewendet einem
großen Theile des Volkes einen außerordentlichen Genuß verursacht haben
würden, verschwendete man zu Schaustellungen, welchen nur drei- bis
viertausend bevorzugte Personen beiwohnen durften. Schließlich trat der
altehrwürdige Gebrauch wieder ins Leben. An dem Tage, wo die Königin
Victoria gekrönt wurde, fand ein Festzug statt, bei welchem zwar nicht
wenig Mängel zu bemerken waren, der aber mit theilnehmender Freude von
einer halben Million ihrer Unterthanen betrachtet ward, und ohne Zweifel
weit größeres Vergnügen machte und höhere Begeisterung hervorrief, als
das kostbarere Schauspiel, dessen Zeuge ein auserwählter Kreis im Innern
der Abtei war.

Jakob hatte Sancroft den Auftrag ertheilt, das Ritual abzukürzen.
Öffentlich führte man als Ursache an, daß der Tag zur Durchführung alles
dessen, was zu thun sei, zu kurz wäre, aber wer die Abänderungen, welche
getroffen wurden, genauer prüft, wird finden, daß man die Beseitigung
einiger, die religiösen Gefühle eines Katholiken verletzenden Dinge
beabsichtigte. Der Dienst beim Abendmahl wurde nicht verlesen, die
Ceremonie, dem Souverain ein prachtvoll gebundenes Exemplar der
englischen Bibel zu überreichen, und ihn zu ermahnen, höher als alle
Reichthümer der Erde ein Buch zu schätzen, welches er, als von falschen
Lehren entstellt betrachten gelernt hatte -- kam in Wegfall. Was aber
alle diese Abkürzungen noch übrig ließen, hätte wohl in dem Herzen eines
Mannes, welcher überzeugt war, daß die englische Kirche eine ketzerische
Genossenschaft sei, in deren Schooße man auf keine Seligkeit zu hoffen
habe, Bedenklichkeiten erregen können. Der König legte ein Opfer auf dem
Altar nieder, schien in die Bitten der Litanei einzustimmen, welche die
Bischöfe absangen, erhielt von den falschen Propheten die eine göttliche
Ausgießung darstellende Salbung und sank mit dem Ausdruck der Demuth auf
die Knie, während sie den heiligen Geist auf ihn herabriefen, dessen
böse und hartnäckige Feinde sie nach seiner Meinung waren. So groß
zeigen sich die Widersprüche in der menschlichen Natur, daß dieser Mann,
der aus fanatischem Eifer für seinen Glauben drei Königreiche von sich
warf, lieber eine Handlung beging, die einer Apostasie sehr ähnlich sah,
als daß er das kindische Vergnügen entbehrte, mit dem symbolischen Tand
der königlichen Gewalt geschmückt zu werden.[46]

Franz Turner, Bischof von Ely, hielt die Predigt. Er gehörte zu jenen
Schriftstellern, welche noch immer den veralteten Styl des Erzbischofs
Williams und des Bischofs Andrews nachahmten. Die Predigt bestand aus
gezierten Künsteleien, wie sie siebzig Jahre früher Bewunderung
hervorgerufen haben würden, die aber den Spott einer Generation
erregten, welche an die reinere Beredtsamkeit eines Sprat, South und
Tillotson gewöhnt war. König Salomo war König Jakob, Adonia war
Monmouth. Joab war ein Roggenhaus-Verschwörer, Simei ein whiggistischer
Pasquillant, Ab Jathar ein redlicher, aber der Verführung erlegener
Kavalier. Eine Stelle in den Büchern der Chronik wurde dergestalt
interpretirt, daß der König über dem Parlament stehe, und eine andre als
Beweis citirt, daß blos der König das Recht habe, die Miliz zu
commandiren. Am Ende des Vortrags deutete der Prediger äußerst
schüchtern auf die neue und schwierige Situation hin, in der sich die
Kirche hinsichtlich des Souverains befand, und erinnerte seine Zuhörer,
daß Kaiser Constantius Chlorus, obgleich kein Christ, doch diejenigen
Christen hoch geachtet, welche ihrer Religion treu blieben, diejenigen
aber mit Verachtung behandelt habe, welche sein Wohlwollen durch Abfall
zu erwerben suchten. Nach dem Gottesdienste fand ein großes Banket in
der Halle statt, dem Banket folgte ein Feuerwerk, und dem Feuerwerke
eine Menge schlechte poetische Ergüsse.[47]

    [Anmerkung 46: Aus Adda’s Depesche vom 22. Jan. (1. Febr.) 1686
    und aus den Worten des Paters d’Orleans (+Histoire des Revolutions
    d’Angleterre liv. XI+) geht hervor, daß die strengen Katholiken
    das Verfahren des Königs für unverantwortlich hielten.]

    [Anmerkung 47: +London Gazette+; +Gazette de France+; +Clarke’s
    Life of James the Second, II. 10+; +History of the Coronation of
    King James the Second and Queen Mary by Francis Sandford,
    Lancaster Herald, fol. 1687+; +Evelyn’s Diary, May 21. 1685.+
    Depesche der holländischen Gesandten vom 10.(20.) April 1685;
    +Burnet, I. 628+; +Eachard, III. 734+; +A Sermon, preached before
    their Majesties King James the Second and Queen Mary at their
    Coronation in Westminster Abbey, April 23. 1685 by Francis, Lord
    Bishop of Ely and Lord Almoner.+ Ich habe einen italienischen
    Bericht in der Hand gehabt, welcher in Modena veröffentlicht und
    besonders wegen der Geschicklichkeit merkwürdig ist, womit der
    Verfasser die Thatsache umgeht, daß die Gebete und Psalmen
    englisch und die Bischöfe Ketzer waren.]


[_Enthusiastische Adressen der Tories._] Diesen Moment kann man als
denjenigen bezeichnen, wo die Begeisterung der Torypartei den
Culminationspunkt erreicht hatte. Seit dem Antritte seiner Regierung war
der neue König mit Adressen überschüttet worden, welche die tiefste
Verehrung für seine Person und sein Amt und den stärksten Abscheu gegen
die besiegten Whigs aussprachen. Die Magistratspersonen von Middlesex
dankten Gott, daß er die Anschläge jener Königsmörder und
Ausschließungsmänner zu Nichte gemacht, welche, nicht zufrieden, einen
vortrefflichen Fürsten gemordet zu haben, auch mit der Absicht
umgegangen seien, die Grundpfeiler der Monarchie umzustürzen. Die Stadt
Gloucester verdammte die blutgierigen Bösewichter, welche den Versuch
gewagt hätten, Se. Majestät um ihr Erbrecht zu bringen. Die Bürgerschaft
von Wigan versprach ihrem Herrscher, daß sie ihn gegen alle
verschwörungssüchtigen Ahitophels und rebellischen Absaloms vertheidigen
wollte. Die große Jury von Suffolk sprach die Hoffnung aus, daß das
Parlament alle Ausschließungsmänner in die Verbannung schicken werde.
Verschiedene Körperschaften verpflichteten sich, niemals Jemand in das
Parlament zu wählen, der seine Stimme für die Entziehung von Jakob’s
Geburtsrecht gegeben habe. Selbst die Hauptstadt zeigte sich höchst
unterwürfig. Die Juristen und der Handelsstand wetteiferten zusammen in
der Dienstbeflissenheit. Die Collegien der Gerichtshöfe des gemeinen
Rechts und der Kanzlei übersandten bombastische Versicherungen der
Anhänglichkeit und Devotion, und die großen Handelsgesellschaften,
die Ostindische Compagnie, die Afrikanische, Türkische, Moskowitische,
Hudsonsbai-Compagnie, die Marylandkaufleute, die Jamaikakaufleute,
die abenteuernden Kaufleute, sie Alle erklärten, daß sie sich der
königlichen Verordnung, welche von ihnen die fernere Bezahlung des
Zolles beanspruchte, gern fügten. Bristol, die zweite Stadt Englands,
war das Echo von London, nirgends aber zeigte sich der Geist der
Loyalität bedeutender, als an den beiden Universitäten. Oxford
versicherte, daß es nimmer die religiösen Grundsätze aufgeben werde,
welche ihm die Verbindlichkeit auferlegten, dem König ohne jeden
Vorbehalt und jede Beschränkung Gehorsam zu leisten; Cambridge
mißbilligte in den heftigsten Ausdrücken die Eigenmächtigkeit und
Verrätherei jener unruhigen Männer, welche den böswilligen Versuch
gewagt hätten, den Gang der Thronfolge aus seiner alten Bahn zu
drängen.[48]

    [Anmerkung 48: Siehe die London Gazette in den Monaten Februar,
    März und April 1685.]


[_Die Wahlen._] Adressen, wie die angeführten, füllten lange Zeit die
Nummern der Londoner Zeitung, doch bewiesen die Tories nicht nur durch
Adressen ihren Eifer. Die Aufforderungen zur Wahl eines neuen Parlaments
waren erlassen worden und das Land durch die geräuschvolle Thätigkeit
der Wählenden in Aufregung versetzt. Noch nie hatte die Wahl unter
Verhältnissen stattgefunden, welche dem Hofe so günstig waren wie die
jetzigen. Hunderttausende, welche das papistische Complot zum Whiggismus
getrieben, waren durch das Ryehousecomplot wieder zum Toryismus
zurückgescheucht worden. In den Grafschaften konnte die Regierung auf
eine überwiegende Majorität der Gentlemen mit dreihundert Pfund und mehr
jährlichen Einkommens, so wie bei dem Klerus auf jedes Mitglied
desselben zählen. Jenen Burgflecken, einst die Festungen des Whiggismus,
hatte man kürzlich durch richterlichen Ausspruch ihre Freibriefe
entzogen, oder sie waren dem Urtheil durch freiwilliges Aufgeben
derselben zuvorgekommen. Sie waren jetzt in der Art umgestaltet, daß man
überzeugt sein konnte, sie würden bei der Wahl nur auf Männer
reflectiren, welche der Krone zugethan waren. Wo man den Stadtbewohnern
kein Vertrauen schenken konnte, wurde das Wahlrecht auf die benachbarten
Squires übertragen. In einigen kleinen Corporationen des Westens
bestanden die Wahlkörper hauptsächlich aus Hauptleuten und Leutnants der
Garde. Überall handelten die Wahlbeamten im Interesse des Hofes. Der
Lordlieutenant und seine Abgeordneten bildeten in jeder Grafschaft einen
mächtigen, thätigen und aufmerksamen Ausschuß, um die Freisassen zu
gewinnen und einzuschüchtern. Von tausend Kanzeln ertönten feierliche
Warnungen, für keinen Whigcandidaten zu stimmen, indem eine solche
Handlung vor Demjenigen zu verantworten sein werde, der die Obrigkeit
angeordnet und die Rebellion für eine eben so große Todsünde erklärt
habe, wie die Zauberei. Alle diese Vortheile benutzte die herrschende
Partei nicht nur aufs Äußerste, sondern trieb mit ihnen einen so
schamlosen Mißbrauch, daß ruhige und besonnene Männer, welche der
Monarchie in der Gefahr treu zur Seite gestanden und weder für
Republikaner, noch für Schismatiker eingenommen waren, erschraken und
aus solchem Beginnen das Herannahen schlimmer Zeiten weissagten.[49]

Die Whigs aber, obgleich sie die gerechte Vergeltung ihrer Irrthümer
erduldeten, obgleich sie besiegt, entmuthigt und zersprengt waren,
wichen nicht ohne Kampf. Noch immer waren sie eine bedeutende Anzahl,
namentlich aus den Handelsleuten und Handwerkern der Städte und den
Freisassen und Landleuten des flachen Landes bestehend. In einigen
Bezirken, wie in Dorsetshire und in Somersetshire bildeten sie die
Mehrzahl der Bevölkerung. Zwar konnten sie in den neuconstituirten
Burgflecken nichts ausrichten, aber in jeder Grafschaft, wo sich ihnen
irgend eine Aussicht bot, kämpften sie wie Verzweifelte. In
Bedfordshire, dessen letzter Vertreter der edle, tugendhafte Russel
gewesen war, siegten sie beim Händeaufheben, unterlagen aber bei der
Abstimmung.[50] In Essex hatten sie dreizehnhundert Stimmen gegen
achtzehnhundert.[51] Bei der Wahl für Northampton war der Pöbel in
seinem Hasse gegen den Candidaten des Hofes so heftig, daß Truppen auf
dem Marktplatze der Hauptstadt der Grafschaft aufgestellt wurden und
Befehl erhielten, scharf zu laden.[52] Die Geschichte des Wahlgefechts
um Buckinghamshire ist noch merkwürdiger. Der Candidat der Whigs, Thomas
Wharton, ältester Sohn von Lord Philipp Wharton, war ein durch
Gewandtheit und Kühnheit ausgezeichneter Mann, und bestimmt, eine
hervorragende, wenn auch nicht immer achtungswerthe Rolle in der Politik
verschiedener Regierungen zu spielen. Er gehörte zu den Mitgliedern des
Hauses der Gemeinen, welche damals die Ausschließungsbill vor die
Schranke des Hauses der Lords gebracht hatten. Der Hof bemühte sich
daher, ihn durch redliche oder unredliche Mittel zu beseitigen. Der Lord
Oberrichter Jeffreys verfügte sich selbst nach Buckinghamshire, um einem
Gentleman, mit Namen Hacket, beizustehen, welcher zu den Hochtories
gehörte. Es wurde eine Kriegslist ersonnen, von der man erwartete, daß
sie nicht mißglücken könne. Man verbreitete das Gerücht, die Wahl solle
zu Ailesbury vor sich gehen, und Wharton, der eine ungemeine
Geschicklichkeit in der Anwendung von Wahlkünsten besaß, entwarf auf
diese Voraussetzung hin seinen Plan; im letzten Augenblicke jedoch
verlegte der Sheriff die Wahlhandlung nach Newport Pagnell. Wharton
verfügte sich mit seinen Freunden schleunigst dorthin, fand aber,
daß Hacket, dem das Geheimniß bekannt war, dort alle Gasthäuser und
sonstigen Herbergen in Beschlag genommen hatte. Die whiggistischen
Freisassen sahen sich gezwungen, ihre Pferde an die Hecken zu binden und
auf den Wiesen, welche die kleine Stadt umgaben, zu übernachten. Es
machte außerordentliche Mühe, in so kurzer Zeit für eine so große Anzahl
von Menschen und Thieren die nothwendigen Nahrungsmittel
herbeizuschaffen, obgleich Wharton, der im Interesse seines Ehrgeizes
und Parteigeistes kein Geld schonte, an einem Tage fünfzehnhundert Pfund
ausgab, in damaliger Zeit eine sehr bedeutende Summe. Diese
Ungerechtigkeit mag übrigens auf den Muth der munteren Freisassen von
Bucks, der Söhne der Wähler John Hampden’s, günstig eingewirkt haben,
denn Wharton erhielt nicht allein die meisten Stimmen, sondern er konnte
auch seine übrigen Stimmen auf einen Mann von gemäßigteren Ansichten
übertragen, wodurch der Candidat des Oberrichters durchfiel.[53]

In Cheshire währte der Kampf sechs Tage. Die Whigs hatten ungefähr
siebzehnhundert Stimmen, die Tories etwa zweitausend. Das niedere Volk
stand entschieden auf Seiten der Whigs, schrie: „Nieder mit den
Bischöfen!“ beleidigte die Geistlichen auf den Straßen von Cheshire,
schlug einen Gentleman von den Tories zu Boden, zertrümmerte die Fenster
und prügelte die Constabler. Man rief die Miliz unter die Waffen, um dem
Tumult ein Ende zu machen, und ließ sie beisammen, um die Festlichkeiten
der siegreichen Partei zu schützen. Als die Abstimmung vorüber war,
verkündete eine Salve aus fünf schweren Geschützen vom Schlosse der
umliegenden Gegend den Sieg der Kirche und der Krone, die Glocken
ertönten und die neugewählten Abgeordneten zogen feierlich, begleitet
von einem Musikcorps und einem langen Zuge von Rittern und Squires zu
dem Stadtkreuz, Auf ihrem Wege sang die Prozession „Heil dem großen
Cäsar“, eine loyale Ode, die Durfey kürzlich gedichtet und die, wie alle
literarischen Erzeugnisse desselben, zwar sehr jämmerlich, aber trotzdem
damals nicht weniger beliebt war, als einige Jahre später das
Lillibullero.[54] Die Milizen standen in Parade um das Kreuz, ein
Freudenfeuer loderte empor, die Ausschließungsbill ward verbrannt und
unter lautem Jubelgeschrei auf das Wohl König Jakob’s getrunken. Am
folgenden Tage, einem Sonntage, bildete am frühen Morgen die Miliz auf
den Straßen, welche nach der Kathedrale führten, ein Spalier. Die beiden
Abgeordneten der Grafschaft wurden von den Magistratspersonen der Stadt
mit großem Pomp nach dem Chor geführt, hörten eine Predigt des Dechanten
-- vermuthlich über die Pflicht des passiven Gehorsams -- mit an, und
wurden sodann von dem Mayor zu einem feierlichen Mahle gezogen.[55]

In Northumberland war der Sieg Sir Johann Fenwick’s, eines Hofmanns,
dessen Name später eine traurige Berühmtheit erlangte, von Umständen
begleitet, welche in London Aufsehen erregten und für wichtig genug
gehalten wurden, in den Depeschen fremder Minister erwähnt zu werden.
Newcastle war durch brennende Holzstöße erleuchtet und von den Thürmen
schallte das fröhliche Geläute der Glocken. Eine Copie der
Ausschließungsbill und ein schwarzes Kästchen, ähnlich demjenigen,
welches nach der Volkssage den Heirathsvertrag zwischen Karl II.
und Lucie Walters umschließen sollte, wurde öffentlich unter lautem
Jubelrufe in die Flammen geworfen.[56]

Das allgemeine Resultat der Wahlen übertraf die kühnsten Erwartungen des
Hofes. Voller Freude entdeckte Jakob, daß es nicht nothwendig sei, auch
nur einen Heller zur Erkaufung von Stimmen zu zahlen; er sagte,
mit Ausnahme von etwa vierzig Personen wäre das Haus genau so
zusammengesetzt, wie er selbst es gewählt haben würde,[57] und nach
damaligem Gesetze stand es völlig in seiner Macht, dieses Haus der
Gemeinen für die ganze Dauer seiner Regierung zu behalten.

Des parlamentarischen Beistandes gewiß konnte er nun daran denken, sich
dem Rachegefühl hinzugeben. Er war nicht versöhnlicher Natur, und als er
noch Unterthan war, hatte er verschiedene Male Beleidigungen und
Beschimpfungen erduldet, welche selbst ein zur Versöhnung geneigtes
Gemüth zu heftiger und nachhaltiger Rachsucht aufregen konnten.
Namentlich hatte _eine_ Klasse von Menschen mit beispielloser und
unbeschreiblicher Niederträchtigkeit und Grausamkeit seine Ehre und sein
Leben bedroht: die Zeugen des Complots. Es war zu verzeihen, wenn er Haß
gegen sie fühlte, da noch heute die Erwähnung ihrer Namen den Abscheu
und das Grausen aller Secten und Parteien hervorruft.

Einige dieser Elenden waren bereits dem Arme menschlicher Gerechtigkeit
entrückt. Bedloe war in seiner Verruchtheit gestorben, ohne jedes
Zeichen von Reue oder Scham.[58] Auch Dugdale war ins Grab gesunken, zum
Wahnsinn getrieben, wie man sagte, durch die Qualen des bösen Gewissens,
und mit Jammergeschrei die Umstehenden anflehend, Lord Stafford von
seinem Sterbelager zu entfernen.[59] Auch Carstairs war gestorben. Er
endete mit Grauen und Verzweiflung, und in den letzten Augenblicken
seines Lebens hatte er den Wärtern geboten, man solle ihn, wie einen
Hund, in einen Graben werfen, denn er verdiene kein Grab auf einem
christlichen Friedhofe.[60]

    [Anmerkung 49: Es ließe sich leicht ein Band füllen mit dem, was
    Geschichtschreiber und Verfasser von Flugschriften über diesen
    Gegenstand gesagt haben. Ich will nur einen Zeugen nennen, einen
    Kirchenmann und Tory. Von den Wahlen, sagt Evelyn, behaupte man,
    daß sie in den meisten Orten höchst unschicklich vor sich gingen.
    Gott gebe einen bessern Erfolg, als Manche erwarten (10. Mai
    1685). Dann sagt er: „Es ist die Wahrheit, daß unter den neuen
    Mitgliedern sich viele befinden, deren Wahlen und Abordnungen
    allgemein verdammt werden.“ (22. Mai.)]

    [Anmerkung 50: Aus einem Neuigkeitsbriefe in der Bibliothek des
    königlichen Instituts. Citters erwähnt die Stärke der Whigpartei
    in Bedfordshire.]

    [Anmerkung 51: +Bramston’s Memoirs.+]

    [Anmerkung 52: +Reflexions on a Remonstrance and Protestation of
    all the good Protestants of this Kingdom, 1689+; +Dialogue between
    Two Friends 1689.+]

    [Anmerkung 53: +Memoirs of the Life of Thomas Marquess of Wharton,
    1715.+]

    [Anmerkung 54: Man sehe den Guardian Nr. 67, ein treffliches
    Probestück von Addison’s eigenthümlicher Manier. Es würde nicht
    leicht sein, bei einem andren Schriftsteller einen solchen Beweis
    von Wohlwollen, mit Spott gewürzt, aufzufinden.]

    [Anmerkung 55: +The Observator, April 4. 1685.+]

    [Anmerkung 56: Depesche des holländischen Gesandten v. 10.(20.)
    April 1685.]

    [Anmerkung 57: +Burnet I. 626.+]

    [Anmerkung 58: +A faithful account of the Sickness, Death and
    Burial of Captain Bedlow, 1680+; +Narrative of Lord Chief Justice
    North.+]

    [Anmerkung 59: +Smith’s Intrigues of the Popish Plot, 1685.+]

    [Anmerkung 60: +Burnet I. 439.+]


[_Prozeß gegen Oates._] Oates und Dangerfield aber befanden sich noch im
Bereiche des strengen Fürsten, den sie beleidigt hatten. Kurz vor seinem
Regierungsantritte hatte Jakob eine Civilklage gegen Oates wegen
ehrverletzender Äußerungen erhoben und eine Jury hatte den Schadenersatz
auf den ungeheuren Betrag von hunderttausend Pfund festgestellt. Der
Beklagte war in Arrest genommen worden und befand sich jetzt ohne
Hoffnung auf Befreiung im Gefängniß. Einige Wochen vor Karl’s Tode hatte
die große Jury von Middlesex ihn zweimal des Meineides schuldig
befunden, und bald nach dem Schlusse der Wahlen nahm der Prozeß seinen
Anfang.[61]

Oates war unter den höheren und mittleren Klassen kaum ein Freund
geblieben. Alle einsichtsvolleren Whigs hatten jetzt die Überzeugung,
daß, wenn auch seiner Erzählung einige Thatsachen zu Grunde lägen, er
doch auf diese Grundlage ein großes Gebäude romantischer Darstellungen
errichtet habe. Eine nicht unbedeutende Anzahl von Fanatikern aus der
niederen Volksklasse sahen in ihm jedoch noch immer einen öffentlichen
Wohlthäter. Diesen Leuten war es nicht unbekannt, daß sein Urtheil ein
höchst strenges sein würde, wenn es gelang, ihm seine Schuld zu
beweisen, und sie waren daher unermüdlich in ihren Versuchen, ihm zur
Flucht zu verhelfen. Obgleich er sich jetzt nur in Schuldhaft befand,
wurde er doch von den Beamten des Gefangenhauses in Eisen gelegt und
selbst auf diese Art nur mit großer Mühe in sicherem Gewahrsam erhalten.
Ein Bullenbeißer, welcher als Wächter vor seiner Thür lag, wurde
vergiftet und in der Nacht vor dem Beginn seines Prozesses eine
Strickleiter in seine Zelle gebracht.

An dem Tage, wo er vor Gericht gestellt wurde, war Westminsterhall
überfüllt von Zuschauern, worunter viele Katholiken, die begierig waren,
das Elend und die Erniedrigung ihres Verfolgers zu betrachten.[62] Vor
wenigen Jahren war sein kurzer Hals, seine krummen Dachsbeine, seine
Stirn, so zusammengedrückt wie die eines Pavians, seine dunkelrothen
Wangen und die seltsame Länge seines Kinnes Allen wohlbekannt, welche
die Gerichtshöfe betraten; damals war er der Abgott des Volkes, wo er
sich zeigte, hatte man vor ihm das Haupt entblößt, das Leben und die
Güter der ersten Männer des Reichs waren seiner Willkür preisgegeben;
jetzt war es anders geworden, und Viele, die früher in ihm den Befreier
des Vaterlandes erblickten, erfaßte jetzt ein Grausen, als sie die
scheußlichen Züge erblickten, auf welche die Hand Gottes den Stempel der
Schurkerei gedruckt zu haben schien.[63]

Es war bis zur größten Gewißheit erwiesen, daß dieser Mann durch falsche
Beschuldigungen mit Absicht mehrere unschuldige Personen um’s Leben
gebracht hatte. Vergeblich bat er die bedeutendsten Mitglieder des
Parlaments, welche ihn belohnt und erhoben hatten, zu seinem Gunsten
Zeugniß abzulegen, einige von den Aufgeforderten verließen den Saal,
keiner aber machte den geringsten Versuch zu seiner Vertheidigung.
Einer, der Earl von Huntingdon, machte ihm die heftigsten Vorwürfe, daß
er die Häuser betrogen und die Schuld auf sie geladen habe, unschuldiges
Blut zu vergießen. Die Richter ließen den Angeklagten hart an und
schmähten ihn mit einer Leidenschaftlichkeit, welche selbst in den
scheußlichsten Fällen mit der richterlichen Würde sich nicht verträgt.
Er zeigte jedoch weder Furcht noch Scham und ertrug die Fluth von
Schmähungen, welche von den Schranken, der Richterbank und Zeugenloge
auf ihn losbrach, mit dem Trotze der Verzweiflung. Er wurde beider
Anklagen schuldig befunden. Sein Verbrechen war zwar, vom moralischen
Standpunkte angesehen, Mord der schwersten Art, nach dem Gesetz jedoch
noch kein peinliches Verbrechen. Es lag aber in der Absicht des
Tribunals, seine Strafe empfindlicher zu machen, als sie Verbrechern der
ersten und zweiten Klasse zu Theil wurde, und ihm nicht blos das Leben
zu rauben, sondern ihn auch unter entsetzlichen Qualen zu tödten. Es
wurde das Urtheil über ihn ausgesprochen, er solle, seiner geistlichen
Tracht entkleidet, im Palasthofe an den Pranger gestellt werden, alsdann
sollte man ihn -- mit einer Inschrift, welche seine Schandthaten
aussprach, über seinem Haupte -- um Westminsterhall führen, der
königlichen Börse gegenüber wieder an den Pranger stellen und alsdann
von Oldgate nach Newgate peitschen. Nach einer Pause von zwei Tagen
sollte er wieder von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Wenn er
gegen alle Wahrscheinlichkeit nach dieser entsetzlichen Strafe noch
lebte, so sollte er lebenslänglich -- in enger Kerkerhaft bleiben, in
jedem Jahre aber fünfmal aus dem Gefängniß gebracht und in verschiedenen
Theilen der Hauptstadt an den Schandpfahl gestellt werden.[64]

Das schreckliche Urtheil wurde streng vollstreckt. An dem Tage, wo Oates
am Pranger stand, wurde er unbarmherzig gesteinigt und war in größter
Gefahr, zerrissen zu werden.[65] In der City erregten zwar seine
Anhänger, die sich in bedeutender Anzahl versammelt hatten, einen Tumult
und warfen den Pranger um; aber es gelang ihnen nicht, ihren Liebling zu
befreien.[66]

Man besorgte, er würde einen Versuch machen, dem schrecklichen
Schicksale, welches seiner harrte, sich durch Gift zu entziehen, deshalb
wurde Alles, was er genoß, einer sorgfältigen Prüfung unterworfen. Am
nächsten Morgen wurde er vorgeführt, um die erste Auspeitschung zu
empfangen, und schon in der frühesten Stunde wogten die Menschenmassen
in den Straßen zwischen Oldgate und der Old Bailey. Der Henker führte
die Peitsche mit solcher Erbarmungslosigkeit, daß man wohl sah, er habe
ganz besondere Befehle erhalten. Das Blut strömte an dem Verbrecher
herab. Eine Zeit lang zeigte er eine außerordentliche Standhaftigkeit,
bis endlich seine hartnäckige Ausdauer erlag. Sein Geheul war
fürchterlich, er fiel mehrere Male in Ohnmacht, aber die Peitsche hörte
nicht auf, ihn zu zerfleischen. Als er losgebunden wurde, schien er das
Äußerste ertragen zu haben, was ein menschlicher Körper bis zur
Auflösung auszuhalten vermag. Jakob wurde gebeten, die zweite
Auspeitschung zu unterlassen, aber seine Antwort war kurz und bündig:
„Man soll damit fortfahren, so lange er noch Athem im Leibe hat!“ Ein
Versuch, die Verwendung der Königin für den Unglücklichen zu erlangen,
mißglückte gleichfalls, indem sie sich entrüstet weigerte, ein Wort zu
Gunsten eines solchen Elenden zu verlieren. Nach einer Pause von
achtundvierzig Stunden wurde Oates wiederum aus dem Gefängniß
herbeigeholt. Er war nicht mehr fähig, sich auf den Füßen zu erhalten,
so daß es nöthig wurde, ihn auf einer Schleife nach Tyburn zu schleppen.
Wie es schien, hatte er nicht die geringste Empfindung, und die Tories
versicherten, daß er sich durch den Genuß starker Getränke betäubt habe.
Eine Person, welche die Schläge, welche er am zweiten Tage empfing,
gezählt hat, versicherte, daß er deren siebzehnhundert erhalten. Der
elende Mensch kam mit dem Leben davon, jedoch mit so genauer Noth, daß
seine beschränkten und bigotten Anhänger seine Genesung für ein Wunder
hielten und dieselbe als einen Beweis seiner Schuldlosigkeit anführten.
Die Thür des Gefängnisses fiel hinter ihm ins Schloß und viele Monate
lang lag er gefesselt in dem finstersten Kerker von Newgate. Man
versicherte, daß er in seiner Zelle gänzlich der Schwermuth anheimfiel
und, tiefe Seufzer ausstoßend, die Arme verschlungen und den Hut über
die Augen gezogen, Tage lang vor sich hinbrütete. Nicht blos England
nahm an diesen Ereignissen regen Antheil. Millionen Katholiken, welche
weder von unseren Institutionen, noch unseren Parteien etwas wußten,
hatten erfahren, daß auf unsrer Insel die Bekenner des wahren Glaubens
einer unmenschlichen Verfolgung ausgesetzt gewesen wären, daß viele
fromme Männer den Märtyrertod erlitten und Titus Oates das Haupt der
Mörderbande gewesen sei; daher entstand großer Jubel in fernen Landen,
als man erfuhr, daß Gottes Gericht ihn getroffen habe. Kupferstiche,
welche ihn am Schandpfahl und auf der Schleife sich windend darstellten,
verbreiteten sich über das ganze Europa und Epigrammenschreiber machten
in allen Sprachen ihre Witze über den Doctortitel, welchen er von der
Universität zu Salamanca erlangt haben wollte, und bemerkten, da seine
Stirn nicht mehr des Erröthens fähig sei, so wäre es ganz in der
Ordnung, daß sein Rücken dazu gebracht werde.[67]

Obgleich die Leiden des Oates entsetzlich waren, so standen sie doch zu
seinen Verbrechen in keinem Verhältniß. Das alte englische Gesetz,
welches außer Gebrauch gekommen war, behandelte den falschen Zeugen, der
durch seinen Meineid den Tod eines Menschen verursachte, als Mörder.[68]
Es verrieth das eben so viel Weisheit wie Gerechtigkeit, denn ein
solcher Zeuge ist in der That ein höchst gefährlicher Mörder. Mit dem
Verbrechen, unschuldiges Blut zu vergießen, vereinigt er die schwere
Schuld, die heiligste Verpflichtung zu verletzen, welche der Mensch
seinem Mitmenschen gegenüber eingehen kann, und Gerichtsstellen, auf die
das Volk nothwendig mit Ehrerbietung und Vertrauen blicken muß, zu
Werkzeugen abscheulichen Unrechts und Gegenständen des allgemeinen
Mißtrauens zu machen. Das Unglück, welches durch einen gewöhnlichen
Meuchelmord herbeigeführt wird, steht in keinem Verhältniß zu dem
Unglück, welches ein Meuchelmord erzeugt, bei dessen Ausübung die
Gerichtshöfe als Helfershelfer mitgewirkt haben. Die bloße Vernichtung
des Menschenlebens ist der unbedeutendste Theil von dem, was eine
Hinrichtung entsetzlich macht. Die verlängerte Seelenangst des
Delinquenten, die Schande und das Unglück seiner Angehörigen, die bis
zur dritten und vierten Generation nachwirkende Schmach, das sind viel
schrecklichere Dinge, als der Tod selbst. Man kann mit Gewißheit
annehmen, daß der Vater einer zahlreichen Familie lieber alle seine
Kinder durch ein böses Geschick oder Krankheit verlieren würde, als ein
einziges durch die Hand des Henkers. Mord, durch falsches Zeugniß
herbeigeführt, ist daher die schwerste Art des Mordes, und Oates hatte
sich vieler solcher Morde schuldig gemacht; dennoch läßt sich die
Strafe, mit welcher er belegt wurde, nicht rechtfertigen. Indem ihn die
Richter verurtheilten, das geistliche Gewand abzulegen und auf
Lebenszeit im Kerker zu schmachten, scheinen sie über ihre gesetzliche
Berechtigung hinausgegangen zu sein. Sie waren ohne Zweifel befugt, ihn
zur Auspeitschung zu verurtheilen, auch hatte das Gesetz die Anzahl der
Hiebe nicht bestimmt; vollkommen verständlich war aber der Geist des
Gesetzes, daß kein peinliches _Vergehen_ strenger bestraft werden
dürfte, als ein scheußliches Verbrechen. Der schwerste Verbrecher konnte
blos zum Galgen verurtheilt werden, die Richter jedoch verurtheilten den
Oates -- wie sie wenigstens glaubten -- zum Tode durch die Peitsche.
Die Mangelhaftigkeit des Gesetzes bietet keine genügende Entschuldigung,
denn mangelhafte Gesetze müssen durch die gesetzgebende Gewalt geändert
und nicht von den Gerichtshöfen ausgedehnt werden, am wenigsten aber
sollte man ein Gesetz mißbrauchen, um Qualen zu verursachen und Leben zu
vernichten. Daß Oates ein Schurke war, entschuldigt nicht ausreichend,
denn in der Regel erdulden zuerst die Schuldigen solche Unbilden, welche
man nachher als Vorgänge benutzt, um die Unschuldigen zu unterdrücken.
So war es in diesem Falle. Die unbarmherzige Anwendung der Peitsche
wurde sehr bald eine Strafe für unbedeutende politische Vergehen. Man
verurtheilte wegen unüberlegter Äußerungen gegen die Regierung Menschen
zu solchen Martern, daß sie in vollem Ernste baten, man möchte sie
lieber eines Capitalverbrechens anklagen und an den Galgen schicken.
Glücklicherweise wurde diesem großen Übel sehr bald durch die Revolution
und durch den Artikel der „Bill der Rechte“, welche alle grausamen und
ungewöhnlichen Strafen verwirft, eine Ende gemacht.

    [Anmerkung 61: Man sehe die Verhandlungen in der +Collection of
    State Trials.+]

    [Anmerkung 62: +Evelyn’s Diary, May 7, 1685.+]

    [Anmerkung 63: Es giebt noch verschiedene Portraits von Oates. Die
    richtigsten Schilderungen seiner Person finden sich in +North’s
    Examen, 225+; in +Dryden’s Absalom and Achitophel+ und in einem
    Folioblatt unter dem Titel: +A Hue and Cry after T. O.+]

    [Anmerkung 64: Die Verhandlungen sind ausführlich in der Sammlung
    der Staatsprozesse zu finden.]

    [Anmerkung 65: +Gazette de France, May 29. (Juni 9.) 1685.+]

    [Anmerkung 66: Depesche des holländischen Gesandten, 19.(29.) Mai
    1685.]

    [Anmerkung 67: +Evelyn’s Diary, May 22. 1685+; +Eachard III. 741+;
    +Burnet, I. 637+; +Observator, May 27. 1685+; +Oates’s Εἰκὼν
    βροτολοιγοῦ, 1697+; +Commons’ Journals, May, June and July, 1689+;
    +Tom Brown’s Advice to Dr. Oates.+ Einige interessante Umstände
    werden auf einem Foliobogen im Verlag von A. Brooks, Charing Croß,
    1685, erwähnt. Ebenso habe ich damals erschienene französische und
    italienische Flugschriften gesehen, welche die Geschichte des
    Prozesses und der Strafvollstreckung enthielten. Ein Kupferstich,
    worauf Titus am Pranger abgebildet ist, erschien zu Mailand mit
    folgender wunderlicher Inschrift: +Questo e il naturale ritratto
    di Tito Otez o vero Oatz, Inglese, posto in berlina, uno de,
    principali professori della religione protestante acerrimo
    persecutore de Cattolici e gran spergiuro.+ Ebenso ist mir ein
    holländischer Kupferstich mit seiner Bestrafung vorgekommen,
    worauf einige lateinische Verse stehen, von denen ich hier eine
    Probe gebe:

      +„At Doctor Fictus non Fictos pertulit ictus,
      A tortore datos haud molli in corpore gratos,
      Disceret ut vere scelera ob commissa rubere.“+

    Das Anagram seines Namens: +„Testis Ovat“+ ist auf vielen in den
    verschiedenen Ländern erschienenen Stichen zu finden.]

    [Anmerkung 68: +Blackstone’s Commentaries, Chapter of Homicide.+]


[_Prozeß gegen Dangerfield._] Die Schurkerei des Dangerfield hatte nicht
wie die des Oates viele unschuldige Opfer vernichtet, indem Dangerfield
das Geschäft eines falschen Zeugen erst zu betreiben anfing, als das
Complot bereits seine Wichtigkeit verloren und die Geschwornen ungläubig
geworden waren.[69] Man stellte ihn nicht wegen Meineids, sondern wegen
des geringern Vergehens, eine Schmähschrift verfaßt zu haben, vor
Gericht. Während der Aufregung, welche die Ausschließungsbill
hervorrief, hatte er eine Erzählung in Umlauf gebracht, worin einige
unwahre und heimtückische Beschuldigungen gegen den vorigen und den
jetzigen König enthalten waren; in Folge dieser Veröffentlichung wurde
er jetzt, nach Ablauf von fünf Jahren, plötzlich verhaftet, vor den
Geheimen Rath gebracht, verhört, für schuldig erklärt und verurtheilt,
von Oldgate nach Newgate und von da nach Tyburn gepeitscht zu werden.
Der Unglückliche behauptete während der Verhandlungen eine große
Keckheit, als ihm aber sein Urtheil bekannt gemacht wurde, erfaßte ihn
die äußerste Verzweiflung, er betrachtete sein Leben als verloren und
wählte einen Text zu seiner Leichenpredigt. Er hatte richtig geahnet.
Wenn er auch nicht so ganz unmenschlich gepeitscht wurde wie Oates,
so besaß er auch nicht dessen körperliche und geistige Kraft. Nach
erlittener Strafe wurde Dangerfield in eine Miethkutsche gebracht und
nach dem Gefängniß zurücktransportirt. Als er an der Ecke von Hatton
Garden vorüberkam, hielt ein Tory von Gray’s Inn, mit Namen Francis, den
Wagen an und rief mit brutaler Übermüthigkeit: „Nun Freund, ist es Euch
diesen Morgen nicht warm geworden?“ Der blutbedeckte Gefangene, durch
diesen Hohn zur Wuth gebracht, antwortete mit einem Fluche; da schlug
ihn Francis sofort mit einem Rohrstocke über das Gesicht und verletzte
ihm das Auge. Dangerfield wurde mit dem Tode ringend nach Newgate
gebracht. Diese schändliche Gewaltthätigkeit empörte die Umstehenden
dermaßen, daß sie Francis ergriffen und nur mit größter Mühe
zurückgehalten wurden, ihn in Stücken zu reißen. Der Anblick von
Dangerfield’s Körper, den die Peitsche entsetzlich zerfleischt hatte,
ließ Viele glauben, daß sein Tod vorzüglich, wenn auch nicht allein
durch die Peitschenhiebe verursacht worden sei; die Regierung aber und
der Oberrichter hielten es für gut, die ganze Schuld auf Francis zu
laden, dem man, obgleich er im schlimmsten Falle nur eines Todtschlags
unter erschwerenden Umständen schuldig gewesen zu sein scheint, wegen
Mordes den Prozeß machte und ihn hinrichten ließ. Seine letzte Rede ist
ein höchst merkwürdiges Denkmal der Sitten jener Zeit. Der wilde Geist,
der ihn an den Galgen brachte, blieb ihm bis zum letzten Augenblick.
Prahlerische Versicherungen seiner Loyalität und Schimpfreden auf die
Whigs wechselten ab mit Abschiedsseufzern, womit er seine Seele der
Gnade des Himmels empfahl. Es circulirte ein Gerücht, daß Dangerfield,
der ein schöner Mann war und im Rufe der Galanterie stand, von Francis’
Weibe geliebt worden sei, und man behauptete, die Eifersucht habe den
verhängnißvollen Schlag geführt. Der dem Tode geweihte Ehemann nahm mit
einem halb komischen, halb rührenden Eifer die Ehre seiner Gattin in
Schutz. „Sie ist ein tugendhaftes Weib aus einem loyalen Geschlecht“,
sagte er, „und wenn sie die Absicht gehabt hätte, ihr eheliches Gelübde
zu brechen, so würde sie wenigstens einen Tory und Anhänger der
Landeskirche zu ihrem Geliebten gewählt haben.“[70]

    [Anmerkung 69: Nach Roger North entschieden die Richter, daß
    Dangerfield, der früher des Meineids überführt wurden, der
    Zeugenschaft in der Verschwörungsgeschichte unfähig sei. Das ist
    aber eines der vielen Beispiele von Roger’s Ungenauigkeit. Aus
    einem Berichte über den Prozeß des Lord Castlemaine im Juli 1680
    geht hervor, daß nach vielen Debatten unter den Sachwaltern und
    langer Berathung unter den Richtern der verschiedenen Gerichtshöfe
    in Westminsterhall Dangerfield vereidet wurde und seine Erzählung
    vortragen durfte; die Jury aber schenkte ihm vernünftiger Weise
    keinen Glauben.]

    [Anmerkung 70: Über Dangerfield’s Prozeß fehlen die offiziellen
    Nachrichten, ich habe aber einen gedrängten Bericht darüber in
    einer gleichzeitigen Flugschrift gefunden. Ein Auszug des Beweises
    gegen Francis, so wie seine letzte Rede, befindet sich in der
    +Collection of State Trials+. Man sehe +Eachard III. 741+.
    Burnet’s Erzählung enthält mehr Fehler als Zeilen. Auch sehe man
    +North’s Examen+, 256, den Abriß von Dangerfield’s Leben in den
    +Bloody Assizes+, den Observator vom 29. Juli 1685, und das
    Gedicht mit der Überschrift: +Dangerfields Ghost to Jeffreys+.
    In dem sehr seltenen Band, betitelt: +„Succinet Genealogies, by
    Robert Halstead“+, erklärt Lord Peterborough, daß Dangerfield,
    mit dem er einigen Umgang hatte, ein junger Mann war, dessen
    anständiges Äußere, ernste Haltung und Rede mehr als gewöhnliche
    Bildung verriethen.]


[_Prozeß gegen Baxter._] Zu derselben Zeit betrat ein Angeklagter ganz
andrer Art wie Oates und Dangerfield den Gerichtssaal der Kings Bench.
Kein hervorragender Parteiführer ist jemals durch lange Jahre
bürgerlicher und religiöser Unruhen schuldloser geblieben, als Richard
Baxter. Er gehörte der mildesten und gemäßigtsten Klasse der Puritaner
an und war noch ein junger Mann, als die Revolution ausbrach. Überzeugt,
daß das Recht auf Seiten der Häuser sich befinde, übernahm er
unbedenklich die Stelle eines Kaplans bei einem Regimente der
Parlamentsarmee, und sein heller und etwas skeptischer Verstand, sowie
sein starker Sinn für Gerechtigkeit schützten ihn vor allen Übergriffen.
Er ließ es sich angelegen sein, die fanatische Wildheit der Soldaten zu
zügeln, und mißbilligte die gewaltthätigen Handlungen des hohen
Gerichtshofs. Während der Republik war er verwegen genug, bei vielen
Gelegenheiten, und sogar einmal in Cromwell’s Anwesenheit, Liebe und
Ehreehrbietung für die alten Staatseinrichtungen des Vaterlandes
auszusprechen. Während die königliche Familie in der Verbannung lebte,
hielt sich Baxter meistentheils zu Kidderminster auf und lag mit großem
Eifer seinen geistlichen Pflichten ob. Er betheiligte sich aufs
Angelegentlichste bei der Restauration und wünschte von ganzem Herzen
eine Einigung, zwischen den Episcopalen und den Presbyterianern
herbeizuführen. Mit einer, für die damalige Zeit seltenen Unbefangenheit
betrachtete er die Fragen über die kirchliche Verfassung als von
geringerer Bedeutung, als die großen Prinzipien des Christenthums, und
hatte selbst damals, als das Prälatenthum von den dominirenden Gewalten
am meisten gehaßt war, nicht in das Geschrei gegen die Bischöfe
eingestimmt. Der Versuch, die feindlichen Parteien zu versöhnen,
mißglückte. Baxter theilte freiwillig sein Schicksal mit dem seiner
verbannten Freunde, wies den Bischofshut von Hereford zurück, entsagte
der Pfarrei zu Kidderminster und beschäftigte sich nur mit seinen
Studien. Seine theologischen Werke, obgleich zu gemäßigt, um den
bigotten Anhängern einer der beiden Parteien zu gefallen, hatten einen
großen Ruf. Eifernde Männer der Hochkirche nannten ihn einen Rundkopf,
und viele Nichtconformisten schimpften ihn einen Erastinianer und
Arminianer. Sein redliches Herz aber, so wie die Unbescholtenheit seines
Lebens, die Stärke seiner Fähigkeiten und seine bedeutenden Kenntnisse
erkannten die rechtlichsten und weisesten Männer jeder Glaubensrichtung
an. Trotz der Unterdrückung, welche ihm und seinen Brüdern zu Theil
geworden, hatten seine politischen Meinungen die Grenzen der Mäßigung
nie überschritten. Er war ein Freund der kleinen Partei, welche die
Whigs und die Tories haßten, und versicherte, nicht in die Verdammung
der Trimmer einstimmen zu können, wenn er daran dächte, wer es gewesen
sei, der die Friedensstifter gesegnet habe.[71]

In einem Commentar zum neuen Testamente hatte er mit einiger Bitterkeit
über die Verfolgung geklagt, der die Dissenters ausgesetzt waren. Daß
Männer, die, weil sie das Gebetbuch nicht benutzten, aus ihren Häusern
vertrieben, ihres Eigenthums beraubt und in das Gefängniß gebracht
wurden, es wagten, ihre Unzufriedenheit darüber kundzugeben, wurde
damals als ein schweres Verbrechen gegen Staat und Kirche betrachtet.
Roger Lestrange, der Kämpfer für die Regierung und das Orakel der
Geistlichkeit, erhob im Observator den Kriegsruf, und es wurde eine
Anklage geschmiedet. Baxter bat um eine Frist, seine Vertheidigung
vorzubereiten. An demselben Tage, wo Oates im Palasthofe am Pranger
stand, kam das berühmte Haupt der Puritaner, niedergedrückt von Alter
und Kränklichkeit, nach Westminsterhall, um dieses Gesuch vorzutragen.
Jeffreys schäumte vor Wuth. „Nicht eine Minute“, brüllte er, „und
kostete es mein Leben. Ich werde mit Heiligen ebenso gut fertig, wie mit
Sündern. Dort steht Oates auf einer Seite des Prangers, wenn Baxter auf
der andren stände, so würden die zwei größten Halunken des Landes
nebeneinander stehen.“

Als der Prozeß in Guildhall begann, war der Gerichtshof angefüllt mit
Denen, welche Baxter Liebe und Verehrung zollten. Ihm zur Seite stand
Doctor William Bates, einer der vorzüglichsten nonconformistischen
Geistlichen. Zwei whiggistische Advokaten von bedeutendem Rufe,
Pollexfen und Wallop, erschienen für den Angeklagten. Eben hatte
Pollexfen seine Anrede an die Jury begonnen, als der Oberrichter
losdonnerte: „Pollexfen, ich kenne Euch sehr gut und will Euch ein
Zeichen anhängen, Ihr seid der Beschützer der Faction! Das ist ein alter
Schuft, ein schismatischer Halunke, ein heuchelnder Bube! Er ist ein
Feind der Liturgie und verlangt nichts als langgedehntes Gewinsel ohne
Buch.“ Darauf verdrehte Seine Herrlichkeit die Augen, faltete die Hände
und begann in einer Art, welche er für eine Persiflage von Baxter’s
Manier zu predigen hielt, durch die Nase zu singen: „Herr, wir sind dein
Volk, dein auserwähltes Volk, dein theures Volk!“ Pollexfen machte den
Gerichtshof mit Bescheidenheit darauf aufmerksam, daß Seine Majestät,
der verstorbene König, Baxter eines Bisthums würdig gehalten habe. „Und
was kratzte denn den alten Dummkopf, daß er es nicht annahm?“ schrie
Jeffreys. Seine Wuth erreichte jetzt den höchsten Grad, er schimpfte
Baxter einen Hund, und schrie, daß es nur ein Act der höchsten
Gerechtigkeit sein würde, solch einen Buben durch die Stadt peitschen zu
lassen. Jetzt nahm Wallop das Wort, es erging ihm aber nicht besser,
als seinem Vorgänger. „Ihr betheiligt Euch bei allen schmutzigen
Angelegenheiten, Mr. Wallop“, sagte der Richter, „Gentlemen in der Robe
der Rechtsgelehrten sollten sich schämen, solchen revolutionären
Schuften ihren Beistand zu gewähren.“ Der Anwalt bemühte sich noch
einmal, Gehör zu erlangen, aber vergebens, „Wenn Euch Eure Pflicht
unbekannt ist“, rief Jeffreys, „so will ich sie Euch kennen lehren.“

Wallop setzte sich nieder, und jetzt machte Baxter einen Versuch, sich
zu vertheidigen, aber der Oberrichter ließ durch einen Strom von
schmutzigen und schmähenden Worten, vermischt mit Citaten aus Hudibras,
keine vernünftige Vorstellung aufkommen. „Mylord“, sagte der Greis, „die
Dissenters haben mir den Vorwurf gemacht, daß ich mit Achtung von den
Bischöfen gesprochen.“ „Was?“ schrie der Richter, „Baxter für die
Bischöfe? das ist in der That ein köstlicher Einfall! ich verstehe,
was Ihr unter Bischöfen versteht, Schufte, wie Ihr selbst,
Kidderminster-Bischöfe, revolutionäre, schnüffelnde Presbyterianer!“
Noch einmal bemühte sich Baxter, zu Worte zu kommen, und wiederum schrie
Jeffreys. „Richard, Richard, glaubst Du, wir werden Dir erlauben den Hof
zu vergiften? Du bist ein alter Schurke, Richard, hast so viel Bücher
geschrieben, daß man einen Wagen damit beladen könnte, und jedes Buch
ist mit revolutionären Ideen angefüllt, wie ein Ei mit Flüssigkeiten!
Bei der Gnade des Himmels, ich will mit Dir fertig werden. Wie ich
bemerke, harrt eine große Anzahl Eurer Brüderschaft auf den Ausgang, um
zu erfahren, welches Schicksal ihren Meister treffen wird. Und hier ist
ein Doctor der Partei an Eurer Seite“, fuhr er fort, indem er mit wilden
Blicken Bates betrachtete, „aber beim allmächtigen Gott, Ihr sollt alle
der Vernichtung anheimfallen!“

Baxter schwieg, aber einer der jüngeren Advocaten, welchem die
Vertheidigung zustand, machte einen letzten Versuch, um den Beweis zu
liefern, daß die Worte, auf welche die Anklage gegründet war, die
Auslegung nicht gestatteten, welche die Klagschrift angab. Zu diesem
Behuf begann er den Inhalt derselben vorzulesen, aber sofort wurde er
niebergebrüllt. „Ihr sollt den Gerichtshof in keinen Betsaal
verwandeln!“ Als Baxter’s Freunde in lautes Weinen ausbrachen, nannte
sie der Richter „blökende Kälber“.

Unter den Entlastungszeugen befanden sich auch mehrere Geistliche der
Landeskirche, der Oberrichter aber wollte nichts hören. „Glaubt Eure
Herrlichkeit“, fragte Baxter, „daß irgend eine Jury bei einem Verfahren
wie das gegenwärtige den Angeklagten für schuldig erklären kann?“ „Das
versichere ich Euch, Mr. Baxter“, entgegnete Jeffreys, „tragt keine
Sorge darum!“ Jeffreys hatte wahr gesprochen, die Sheriffs waren
Werkzeuge der Regierung, die Geschwornen von den Sheriffs aus den
eifrigsten Anhängern der Torypartei genommen, und so beriethen sich
diese nur wenige Augenblicke und sprachen dann das „Schuldig“ aus. Als
Baxter den Gerichtshof verließ, sagte er: „Mylord, es gab einst einen
Oberrichter, der ganz anders mit mir umgegangen sein würde!“ Er meinte
seinen gelehrten und redlichen Freund, Sir Matthäus Hale. Jeffreys
erwiderte: „Es giebt keinen anständigen Mann in England, der in Dir
nicht einen Schurken erblicken wird!“[72]

Das Urtheil war für damalige Zeiten sehr mild. Was bei der Berathung
unter den Richtern geschah, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Die
Nonconformisten glaubten, und wohl mit Recht, daß der Oberrichter von
seinen drei Kollegen überstimmt worden sei. Derselbe soll den Vorschlag
gemacht haben, Baxter durch London hin den Staupbesen geben zu lassen.
Die Majorität war der Ansicht, daß ein vorzüglicher Geistlicher, dem vor
einem Vierteljahrhundert eine Mitra geboten wurde und der jetzt siebzig
Jahre zählte, mit Geldbuße und persönlicher Haft hinreichend bestraft
sein würde.[73]

    [Anmerkung 71: Baxter’s Vorrede zu Sir Matthew Hale’s +Judgment of
    the Nature of True Religion, 1684.+]

    [Anmerkung 72: Man sehe den Observator vom 25. Februar 1685, die
    Klagschrift in der +Collection of State Trials+, den von Calamy im
    14. Kap. von Baxter’s Lebensbeschreibung gegebenen Bericht von den
    Ereignissen im Gerichtshof und die sehr interessanten Excerpte aus
    Baxter’s Manuscripten in der von Orme 1830 herausgegebenen
    Lebensbeschreibung.]

    [Anmerkung 73: +Baxter M.S.+ angeführt von Orme.]


[_Zusammentritt des schottischen Parlaments._] Die Behandlung, welche
sich Baxter von einem Richter gefallen lassen mußte, der ein Mitglied
des Kabinets war und sich der Gunst des Monarchen erfreute, beweist in
nicht zu verkennender Art die Gesinnung, welche zu jener Zeit die
Regierung gegen die protestantischen Nonconformisten hegte. Diese
Stimmung aber hatte sich schon durch stärkere und entsetzlichere
Andeutungen bemerkbar gemacht. Das schottische Parlament war
zusammengetreten, Jakob hatte es sich angelegen sein lassen, die
Versammlung dieser Körperschaft nach Kräften zu beschleunigen und die
Sitzung der englischen Häuser in der Erwartung hinausgeschoben, daß das
zu Edinburg gegebene Beispiel in Westminster eine vortheilhafte Wirkung
äußern werde. Denn der gesetzgebende Körper im Norden seines Königreichs
war so gefügig wie jene bretagnischen und burgundischen Provinzalstände,
denen Ludwig XIV. noch immer mit einigen ihrer alten Rechte zu spielen
erlaubte. Nur Bischöfliche hatten das Recht, im schottischen Parlamente
zu sitzen oder auch nur hinein zu wählen, und in Schottland war ein
Bischöflicher immer ein Tory. Von einer derartig constituirten
Versammlung war für die Wünsche des Königs keine Opposition zu erwarten,
und selbst diese Versammlung konnte ohne vorhergegangene Genehmigung von
Seiten eines Ausschusses von Hofleuten kein Gesetz erlassen.

Jedes Verlangen der Regierung wurde ohne Widerspruch gewährt. In
finanzieller Beziehung hatte die Freigebigkeit der schottischen Stände
allerdings wenig Bedeutung, indeß gaben sie, was in ihren Kräften stand.
Sie vereinigten für immer mit der Krone die Zölle, welche dem vorigen
König zugestanden und damals auf vierzigtausend Pfund berechnet worden
waren. Dann gewährten sie Jakob auf die Dauer seines Lebens eine
Erhöhung seines Einkommens von zweihundertsechszehntausend schottischen
Pfunden oder so viel wie achtzehntausend Pfund Sterling. Die ganze
Summe, welche sie bewilligen konnten, bestand in jährlich etwa
sechzigtausend Pfund, nicht viel mehr, als die Einnahme der englischen
Schatzkammer in vierzehn Tagen betrug.[74]

Da wenig Geld zu ihrer Verfügung stand, so ersetzten die Stände diesen
Mangel durch loyale Versicherungen und unmenschliche Gesetze. Der König
verlangte in einem Schreiben, welches in heftiger Sprache verfaßt war
und ihnen bei der Eröffnung der Sitzung vorgelesen wurde, sie möchten
darauf bedacht sein, neue Strafgesetze gegen die widerspenstigen
Presbyterianer zu beschließen, und bedauerte, daß er durch Geschäfte
abgehalten sei, solche persönlich vom Throne aus in Vorschlag zu
bringen. Seinen Befehlen wurde gehorcht. Rasch wurde ein von den
Ministern der Krone entworfenes Gesetz angenommen, welches selbst unter
den Gesetzen des unglücklichen Landes in jener traurigen Zeit an
Abscheulichkeit nicht seines Gleichen hat. Es wurde in kurzen
nachdrücklichen Worten verordnet, daß Jeder, der bei einer
Betversammlung in einem Hause predigen, oder, gleichviel ob als Prediger
oder als Zuhörer, an einem Conventikel unter freiem Himmel theilnehmen
würde, mit Verlust seines Vermögens und dem Tode bestraft werden
solle.[75]

    [Anmerkung 74: +Act. Parl. Car. II. March 29. 1661+; +Jac. VII.
    April 28. 1685 & May 13. 1685.+]

    [Anmerkung 75: +Act. Parl. Jac. VII., May 8. 1685+; +Observator,
    June 20. 1685.+ Lestrange hegte offenbar den Wunsch, daß man
    diesem Beispiele in England folgen möge.]


[_Gesinnungen Jakob’s gegen die Puritaner._] Dieses Gesetz, welches auf
Verlangen des Königs von der, seinem Willen gehorsamen Versammlung
angenommen wurde, ist einer besonderen Beachtung werth. Unwissende
Schriftsteller haben ihn oft als einen zwar unüberlegten und in der Wahl
seiner Mittel rücksichtslosen Regenten, zugleich aber auch als einen
Fürsten dargestellt, der es sich angelegen sein ließ, den edelsten Zweck
eines solchen, die Begründung vollständiger religiöser Freiheit,
zu erreichen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß einige
Abschnitte in seinem Leben, wenn man sie von den anderen sondert und
oberflächlich betrachtet, diese vortheilhafte Meinung von seinem
Character zu bestätigen scheinen. Noch als Unterthan war er lange Jahre
der Verfolgung ausgesetzt gewesen, und diese hatte ihre gewöhnliche
Wirkung auf ihn nicht verfehlt; sein schwacher und beschränkter Geist
hatte durch diese harte Schule gewonnen. Als er vom Hofe, der
Admiralität und dem Geheimen Rathe ausgeschlossen war, als er sogar
Gefahr lief, das Recht der Thronfolge zu verlieren, nur deshalb, weil er
mit Überzeugung an die Transsubstantiation und an die Autorität des
päpstlichen Stuhles glaubte, machte er so schnelle Fortschritte in den
Lehren der Duldung, wie sie Milton und Locke nicht gekannt. Wie könne es
ein größeres Unrecht geben, pflegte er zu sagen, als _Absichten_ mit
Strafen zu belegen, die blos der _That_ gebührten, und wie unklug würde
es sein, tüchtige Kriegsleute, Seemänner, Juristen, Diplomaten und
Finanzmänner zurückzuweisen, blos weil sie eine falsche Meinung über die
Anzahl der Sakramente und mehrfache Gegenwart der Heiligen hätten.
Er wußte die Gemeinplätze auswendig, welche alle Sekten so geläufig
wiederholen, wenn sie Verfolgung erdulden, und sofort vergessen, wenn es
ihnen möglich wird, Vergeltung auszuüben. Und in der That wußte er seine
Lektion so vortrefflich herzusagen, daß Diejenigen, welche ihn zufällig
über diesen Gegenstand sprechen hörten, ihm viel mehr Einsicht und
Redefertigkeit zutrauten, als er besaß. Seine Versicherungen täuschten
einige gutherzige Personen und vielleicht sogar ihn selbst, aber sein
Eifer für die Gewissensfreiheit verschwand mit der Herrschaft der
Whigpartei. Als das Glück sich wendete und nicht länger zu besorgen war,
daß er der Verfolgung Anderer ausgesetzt sein würde, es aber in seiner
Macht stand, Andere zu verfolgen, machten sich seine wahren Neigungen
bemerklich. Der Haß, den er gegen die puritanischen Sekten hegte, war
mannigfaltig: theologisch und politisch, angeerbt und persönlich. Er sah
in ihnen Feinde des Himmels, Feinde aller legitimen Gewalt in Staat und
Kirche, Feinde seiner Urgroßmutter, seines Großvaters, seiner Eltern,
seines Bruders und seiner selbst; er, der sich so bitter über die
Gesetze gegen Papisten beklagte, behauptete jetzt, er begreife nicht,
wie man die Frechheit haben könne, auf Zurücknahme der den Puritanern
entgegenstehenden Verordnungen anzutragen.[76] Er, dessen Lieblingsthema
die Ungerechtigkeit gewesen war, von Staatsdienern Religionseide zu
verlangen, führte während seines Aufenthalts in Schottland dort den
strengsten Religionseid ein, den man jemals im Lande gekannt hatte;[77]
er, der seinen begründeten Unwillen aussprach, als man die Priester
seines eigenen Glaubens hängte und viertheilte, hatte, sein Vergnügen
daran, das Jammergeschrei der Covenanters zu hören und die schmerzlichen
Windungen ihres Körpers anzusehen, indem ihre Kniee in den spanischen
Stiefeln zerquetscht wurden.[78] In dieser Stimmung bestieg er den
Thron, und ohne Zögerung beanspruchte und erhielt er von den
unterwürfigen schottischen Ständen als überzeugendsten Beweis ihrer
Loyalität das blutigste Gesetz, welches jemals auf unseren Inseln gegen
protestantische Nonconformisten erlassen worden ist.

    [Anmerkung 76: Seine eignen Worte, berichtet von ihm selbst.
    +Clarke’s Life of James the Second, I. 656. Orig. Mem.+]

    [Anmerkung 77: +Act. Parl. Car. II. August 31. 1681.+]

    [Anmerkung 78: +Burnet I. 583+; +Wodrow III. v. 2.+ Leider fehlen
    die Acten des schottischen Geheimen Rathes während der ganzen
    Verwaltung des Herzogs von York.]


[_Grausame Behandlung der schottischen Covenanters._] Mit diesem Gesetz
stand der Geist seiner Verwaltung in vollständigem Einklang. Die
grausame Verfolgung, welche während seiner Statthalterschaft in
Schottland wüthete, wurde von dem Tage seiner Thronbesteigung an noch
heftiger. Diejenigen Grafschaften, in denen die meisten Covenanters
lebten, wurden der Zügellosigkeit des Heeres preisgegeben. Unter der
Armee befand sich eine Miliz, welche aus den wildesten und verworfensten
Subjekten Derjenigen gebildet war, welche sich Episcopalen nannten.
Hervorragend unter den Banden, welche diese unglücklichen Distrikte
unterdrückten und verwüsteten, waren die Dragoner, welche unter dem
Befehle Jakob Graham’s von Claverhouse standen. Man behauptete, daß
diese verworfenen Menschen bei ihren Zechgelagen um die Höllenstrafen
spielten, und sich unter einander mit den Namen von Teufeln und
verdammten Seelen zu benennen pflegten.[79] Der Anführer dieser Hölle
auf Erden, ein durch Muth und Geschicklichkeit in seinem Berufe
ausgezeichneter Soldat, jedoch räuberisch, ruchlos, von heftiger
Gemüthsart und Hartherzigkeit, hat einen Namen hinterlassen, der überall
auf Erden, wo der schottische Stamm sich angesiedelt hat, mit
untilgbarem Hasse genannt wird. Es würde eine nicht zu lösende Aufgabe
sein, wollte man alle die Unthaten aufzählen, durch welche dieser Mann
und seine Rotte die Landleute des westlichen Niederlandes zur
Verzweiflung trieb. Wenige Beispiele mögen hinreichen, und dieselben
sollen aus einem Zeitraume von nur zwei Wochen genommen werden, jenen
zwei Wochen, in denen auf Jakob’s dringendes Ansuchen das schottische
Parlament ein neues Gesetz von unerhörter Strenge gegen die Dissenters
erließ.

Johann Brown, ein armer Fuhrmann in Lanarkshire, wurde wegen seiner
besonderen Frömmigkeit insgemein der christliche Fuhrmann genannt. Nach
vielen Jahren, als Ruhe, Wohlstand und religiöse Freiheit nach
Schottland zurückgekehrt waren, schilderten ihn hochbejahrte Leute, die
sich jener traurigen Zeit erinnerten, als einen in göttlichen Dingen
bewanderten Mann, unbescholten im Leben und so friedfertig, daß die
Tyrannen nichts Unrechtes an ihm auffinden konnten, außer daß er den
öffentlichen Gottesdienst der Episcopalen nicht besuchte. Am 1. Mai
arbeitete er in einer Torfgrube, als er von den Claverhouse’schen
Dragonern ergriffen, eilig verhört, der Nonconformität überführt und zum
Tode verurtheilt wurde. Selbst unter den Soldaten soll sich keiner zur
Vollstreckung des Urtheils haben entschließen können, denn die Frau des
unglücklichen Mannes war zugegen. Sie führte ein kleines Kind an der
Hand, und man sah, daß sie nahe daran war, ein andres zur Welt zu
bringen. Die wilden, herzlosen Menschen, die einander mit den Beinamen
Apollyon und Beelzebub belegten, schauderten vor der Ruchlosigkeit
zurück, den Mann vor den Augen der Gattin abzuschlachten. Der Gefangene,
durch die nahe Aussicht auf die Ewigkeit erhoben, betete laut und
inbrünstig wie in Begeisterung, bis Claverhouse in Wuth gerathend ihn
niederschoß. Glaubwürdige Zeugen berichteten, daß die Wittwe in ihrem
tiefen Schmerze ausrief: „Gut, Herr, gut, der Tag der Rechenschaft wird
kommen!“ worauf der Mörder entgegnete: „Was ich gethan, kann ich vor
Menschen verantworten, mit Gott will ich schon fertig werden!“ Doch ging
die Sage, daß selbst auf sein verhärtetes Gewissen und unmenschliches
Herz die Sterbegebete seines Opfers einen Eindruck machten, der sich
nimmer verwischen ließ.[80]

Am 5. Mai wurden zwei Handwerker, Peter Gillies und John Bryce in
Ayrshire durch ein Kriegsgericht verurtheilt, welches aus fünfzehn
Soldaten zusammengesetzt war. Die Anklage ist noch vorhanden. Man
beschuldigte die Gefangenen nicht etwa einer revolutionären Handlung,
sondern daß sie denselben verderblichen Lehren huldigten, welche Andere
zum Aufruhr veranlaßt hätten, und es nur an Gelegenheit gefehlt habe,
ihnen gemäß zu handeln. Das Verfahren war summarisch. Einige Stunden
später waren die beiden Angeklagten überführt, gehängt und ihre
Leichname in ein Loch unter dem Galgen geworfen.[81]

Der 11. Mai zeichnete sich durch mehr als ein großes Verbrechen aus.
Einige strenge Calvinisten hatten aus der Lehre von der Verwerfung den
Schluß gezogen, daß das Gebet für eine Person, welche zur Verdammniß
bestimmt wäre, eine Handlung der Auflehnung gegen die ewigen Beschlüsse
des Allmächtigen sei. Drei arme Arbeitsleute, welche von diesem
herzlosen Glauben tief überzeugt waren, wurden nahe bei Glasgow von
einem Offizier verhaftet, und gefragt, ob sie für König Jakob VII. beten
wollten. Sie weigerten sich dessen, es wäre denn, daß er zu den
Auserwählten gehöre. Eine Abtheilung Musketiere traten vor, die
Gefangenen knieten nieder, man verband ihnen die Augen, und eine Stunde
nach ihrer Festnehmung leckten die Hunde ihr Blut vom Boden.[82]

Während sich dieses in Clydesdale ereignete, wurde in Eskdale eine nicht
weniger abscheuliche That verübt. Ein geächteter Covenanter hatte, von
Krankheit heimgesucht, in dem Hause einer rechtlichen Wittwe Zuflucht
gefunden und war daselbst gestorben. Der Laird von Westerhall, ein
kleiner Tyrann, der in den Tagen der Covenanters den größten Eifer für
die presbyterianische Kirche gezeigt, seit der Restauration aber das
Wohlwollen der Regierung durch seinen Abfall erlangt hatte, und gegen
die von ihm aufgegebene Partei, wie jeder Abtrünnige, unversöhnlichen
Haß fühlte, entdeckte den Leichnam des Verstorbenen. Dieser Mensch ließ
das Wohnhaus des armen Weibes niederreißen, ihren Hausrath wegbringen,
und indem er sie und ihre Kinder hinaustrieb, um auf den Feldern
herumzuirren, schleppte er ihren Sohn Andreas, der fast noch ein Knabe
war, vor Claverhouse, welcher gerade damals durch diesen Theil des
Landes zog. Claverhouse war eben auffallend mild gesinnt, -- Einige
versicherten, seit dem vor zehn Tagen geschehenen Morde des christlichen
Fuhrmanns wäre er noch nicht wieder zu sich selbst gekommen -- aber
Westerhall wünschte sehnlichst, einen Beweis von seiner Loyalität zu
geben, und erzwang eine ungern gegebene Zustimmung. Die Musketen wurden
geladen, und der Jüngling aufgefordert, die Mütze über das Gesicht zu
ziehen. Er schlug es ab, und stand mit freiem Blick, die Bibel in der
Hand, seinen Mördern gegenüber. „Ich kann Euch offen ins Antlitz
blicken“, rief er, „denn ich habe nichts gethan, dessen ich mich schämen
müßte. Aber wie wollt Ihr an jenem Tage dreinsehen, wo Ihr nach dem
gerichtet werden sollt, was in diesem Buche steht?“ -- Er stürzte todt
zu Boden und wurde im Moore eingescharrt.[83]

An demselben Tage wurden zwei Frauen, Margarethe Maclachlan und
Margarethe Wilson, erstere eine bejahrte Wittwe, letztere ein Mädchen
von achtzehn Jahren, für ihren Glauben in Wigtonshire ermordet. Sie
sollten ihr Leben geschenkt erhalten, wenn sie sich entschließen
könnten, die Sache der aufrührerischen Covenanters abzuschwören und dem
bischöflichen Gottesdienste beizuwohnen. Sie weigerten sich und wurden
zum Tode durch Ertränken verurtheilt. Man führte sie an einen Ort, wo
der Solway zweimal des Tages seine Ufer überschwemmt, und band sie
zwischen den Zeichen des hohen und niederen Wasserstandes an in dem
Sande befestigte Pfähle. Die ältere der beiden Dulderinnen wurde in der
Erwartung, daß ihre Todesqual die jüngere zum Abfall bewegen möchte, der
aufsteigenden Fluth näher gebracht. Der Anblick war grauenhaft, aber der
Muth der Überlebenden war von so hoher Begeisterung unterstützt, wie die
Geschichte der Märtyrer sie nur zu schildern vermag. Ohne jedes Zeichen
von Unruhe sah sie die See herankommen, sie betete und sang Verse aus
Psalmen, bis die Wogen ihre Stimme erstickten. Als sie die Bitterkeit
des Todes gefühlt, hatte man die grausame Barmherzigkeit, sie
loszubinden und wieder zum Leben zu bringen. Nachdem ihr Bewußtsein
zurückgekehrt war, flehten sie mitleidige Freunde und Nachbarn an, sich
zu fügen. „Liebe Margarethe, sage nur, Gott erhalte den König!“ Das
unglückliche Mädchen, ihrem strengen Glauben getreu, wimmerte: „Mag ihn
Gott erhalten, wenn es Gottes Wille ist!“ Ihre Freunde drängten sich um
den vorsitzenden Offizier. „Sie hat es gesagt, Herr, wahrhaftig, sie hat
es gesagt!“ „Wird sie die Abschwörungsformel leisten?“ erkundigte sich
der Offizier. „Nimmermehr,“ rief sie aus, „ich bin Christi, laßt mich
gehen!“[84] -- Die Wogen schlugen zum letzten Male über ihr zusammen.

So regierte Schottland ein Fürst, den unwissende Menschen als einen
Freund religiöser Freiheit geschildert haben, dessen Unglück es gewesen,
zu weise und zu gütig für das Zeitalter zu sein, in welchem er lebte.
Ja sogar die Gesetze, welche ihm die Gewalt gaben, in solcher Weise zu
regieren, waren nach seiner Ansicht von einer tadelnswerthen Milde.
Indem seine Offiziere die Mordscenen verübten, welche eben geschildert
wurden, verlangte er von dem schottischen Parlament ein neues Gesetz,
mit welchem im Vergleich alle früheren Gesetze barmherzig genannt zu
werden verdienen.

So groß auch in England sein Ansehen war, unterlag dasselbe doch einer
Beschränkung durch alte, edle Gesetze, deren Übertretung selbst die
Tories von ihm nicht ruhig hingenommen haben würden. Hier durfte er
nicht Dissenters vor Kriegsgerichte treiben, oder im Rathe das Amüsement
haben, sie in den spanischen Stiefeln ohnmächtig niederstürzen zu sehen;
hier gab es keine Jungfrauen zu ersäufen, weil sie sich weigerten, die
Abschwörungsformel zu leisten, oder arme Landleute niederzuschießen,
weil sie in Zweifel waren, ob er einer der Auserwählten sei. Jedoch
unterließ er auch in England nicht, die Puritaner, soweit seine Macht
reichte, zu verfolgen, bis Ereignisse, welche später erzählt werden
sollen, ihn veranlaßten, den Plan zu fassen, Puritaner und Papisten zur
Entwürdigung und Beraubung der Landeskirche mit einander zu vereinigen.

    [Anmerkung 79: +Wodrow III. 9, 6.+]

    [Anmerkung 80: +Wodrow, III. 9. 6.+ Der Herausgeber der Oxforder
    Ausgabe des Burnet macht einen Versuch, diese That zu
    entschuldigen, indem er sagt, daß Claverhouse zu jener Zeit eben
    bemüht war, alle Verbindung zwischen Argyle und Monmouth
    abzuschneiden, und glaubt, Brown möge als Zwischenträger der
    beiden Rebellenheere entdeckt worden sein. Zum Unglück für diese
    Annahme wurde Brown am 1. Mai erschossen, wo Argyle und Monmouth
    in Holland waren und kein Aufruhr in irgend einem Stelle unsrer
    Insel stattfand.]

    [Anmerkung 81: +Wodrow, III. 9. 6.+]

    [Anmerkung 82: +Ibid.+]

    [Anmerkung 83: +Wodrow, III. 9. 6. Cloud of Witnesses.+]

    [Anmerkung 84: +Wodrow, III. 9. 6.+ Die Grabschrift der Margarethe
    Wilson auf dem Friedhofe zu Wigton ist in dem Anhange zu +the
    Cloud of Witnesses+ gedruckt:

      Gemordet, blos weil sie geglaubt,
      Daß Christus seiner Kirche Haupt;
      Weil sie die Prälatur nicht ehrte,
      Sich nicht von reiner Lehre kehrte,
      Hat sie zu Christi Lob, gebunden
      Im Meer ihr frühes Grab gefunden!]


[_Stimmung Jakob’s gegen die Quäker._] Eine Sekte der protestantischen
Dissenters betrachtete er jedoch selbst in dieser frühen Periode seiner
Regierung mit einiger Zuneigung: die Gesellschaft der Freunde. Seine
Vorliebe für diese eigenthümliche Brüderschaft ist keinen religiösen
Sympathien zuzuschreiben, denn unter Allen, welche an die göttliche
Sendung Christi glauben, weichen der römische Katholik und der Quäker am
weitesten von einander ab. Es klingt widersinnig, zu behaupten, daß eben
dieser Umstand ein Band zwischen dem Katholiken und dem Quäker knüpfte,
und doch ist es so, denn sie entfernten sich in entgegengesetzten
Richtungen von dem, was die Mehrzahl des Volkes als wahr anerkannt, so
weit, daß selbst vorurtheilsfreie Männer in der Regel sie außerhalb der
Grenzen der ausgedehntesten Duldung betrachteten. So hatten die zwei
extremen Sekten eben dadurch, daß sie extrem waren, ein gemeinsames
Interesse, welches sich von dem der dazwischenliegenden Sekten
unterschied; auch trugen die Quäker durchaus keine Schuld an dem
Unrecht, das Jakob und seinem Hause angethan worden war. Sie bildeten
erst dann eine Gemeinschaft, als der Krieg zwischen seinem Vater und dem
Langen Parlamente sich zu Ende neigte, und von einigen der
revolutionären Regierungen hatten sie sogar grausame Verfolgung
ausstehen müssen. Seit der Restauration hatten sie trotz oftmaliger
übler Behandlung der königlichen Gewalt sich demüthig gefügt, denn --
obgleich aus Vordersätzen schließend, welche die anglikanischen
Gottesgelehrten als heterodox ansahen -- waren sie gleich diesen zu der
Überzeugung gekommen, daß keine übertriebene Tyrannei eines Fürsten den
thätigen Widerstand der mißhandelten Unterthanen rechtfertigen könne.
Niemals war ein Quäker als Verfasser einer Schmähschrift erfunden
worden,[85] und nie war ein solcher bei einer Verschwörung gegen die
Regierung betheiligt gewesen. Die Gesellschaft hatte sich nicht bei dem
Rufe nach der Ausschließungsbill betheiligt, und das Ryehousecomplot als
einen höllischen Anschlag und ein Satanswerk feierlich verdammt.[86] Die
Quäker betheiligten sich in damaliger Zeit wirklich sehr wenig bei
bürgerlichen Streitigkeiten, denn sie wohnten nicht, wie zu jetziger
Zeit, in großen Städten massenhaft zusammen, sondern trieben fast
durchgängig Landbau, aus welcher Beschäftigung sie nach und nach durch
die Bedrückungen vertrieben wurden, welche eine Folge ihres seltsamen
Bedenkens über die Entrichtung des Zehnten waren. Sie standen daher dem
Schauplatze der politischen Streitigkeiten ziemlich fern, auch vermieden
sie aus Grundsatz, selbst im häuslichen Leben, jede politische
Unterhaltung. Denn dergleichen Gespräche waren ihrer Ansicht nach nicht
zuträglich für ihre geistliche Stimmung und hatten störenden Einfluß auf
den strengen Gleichmuth ihres Benehmens. Die jährlichen Versammlungen
damaliger Zeit warnten die Brüder mehrere Male, Gespräche über
Staatsangelegenheiten zu führen.[87] Noch jetzt lebende Personen wissen
sich zu erinnern, daß jene ernsten Ältesten, welche die Sitten einer
vergangenen Generation festgehalten hatten, solche weltliche Reden
systematisch zu verhindern suchten.[88] Natürlich mußte Jakob einen
großen Unterschied machen zwischen diesen friedlichen Leuten und jenen
aufgeregten, eifrigen Sekten, welche den Kampf gegen Tyrannei für eine
Christenpflicht hielten, in Deutschland, Frankreich und Holland, gegen
legitime Fürsten die Waffen ergriffen und vier Generationen hindurch dem
Hause Stuart feindlich gegenüber gestanden hatten. Hierzu kam die
Möglichkeit, den Katholiken und den Quäkern eine bedeutende
Erleichterung zu gewähren, ohne die Bedrückung der puritanischen Sekten
zu mildern. Ein damaliges Gesetz belegte Jedermann mit Strafen, welcher
auf Verlangen die Ablegung des Supremateides verweigerte. Dieses Gesetz
konnte die Presbyterianer, Independenten oder Baptisten nicht berühren,
denn diese zeigten sich sämmtlich willig, Gott zum Zeugen aufzurufen,
daß sie aller geistlichen Verbindung mit auswärtigen Prälaten und
Potentaten sich enthielten; aber der römische Katholik wollte keinen Eid
schwören, daß der Papst in England keine Gerichtsbarkeit habe, und der
Quäker leistete überhaupt keinen Eid. Andrerseits wurden weder
Katholiken noch Quäker von der Fünfmeilen-Acte getroffen, welche unter
allen Gesetzen des Gesetzbuchs wohl das drückendste für die
puritanischen Nonconformisten war.[89]

    [Anmerkung 85: Brief an König Karl II., der sich vor Barclay’s
    Apologie befindet.]

    [Anmerkung 86: +Sewel’s History of the Quakers, book X.+]

    [Anmerkung 87: +Minutes of Yearly Meetings, 1689, 1690.+]

    [Anmerkung 88: +Clarkson on Quakerism+; +Peculiar Customs, chapter
    V.+]

    [Anmerkung 89: Als ich diese Stelle geschrieben hatte, fand ich in
    dem britischen Museum ein Manuscript (+Harl. Ms. 7506+) betitelt:
    +„An account of the Seizures, Sequestrations, great Spoil and
    Havock made upon the Estates of the several Protestant Dissenters
    called Quakers, upon Prosecution of old Statutes made against
    Papist and Popish Recusants.“+ Dieses Manuscript ist als früheres
    Eigenthum Jakob’s bezeichnet und scheint von seinem vertrauten
    Diener, Oberst Graham, dem Lord Oxford eingehändigt worden zu
    sein. Dieser Umstand bestärkt mich in der Meinung, die ich von dem
    Verfahren des Königs gegen die Quäker gefaßt habe.]


[_Wilhelm Penn._] Die Quäker hatten einen mächtigen und eifrigen
Fürsprecher am Hofe. Obgleich sie als Gesellschaft betrachtet mit der
Welt wenig in Berührung kamen, und die Staatsangelegenheiten als eine
Sache vermieden, die ihre geistlichen Interessen gefährdete, so lebte
doch einer der Ihrigen, der sich von den Anderen durch Stellung und
Reichthum bedeutend unterschied, in den höchsten Kreisen, und fand bei
dem König stets bereitwilliges Gehör. Es war dies der gepriesene Wilhelm
Penn. Sein Vater hatte eine hohe Befehlshaberstelle bei der Flotte
bekleidet, war Commissar der Admiralität und Parlamentsmitglied gewesen
und hatte, nachdem er die Ehre des Ritterschlags empfangen, Aussicht auf
eine Peerschaft erlangt. Dem Sohne war eine liberale Erziehung zu Theil
geworden, er sollte in Kriegsdienste treten, als er, noch sehr jung,
seine Aussichten dadurch trübte und seinen Angehörigen dadurch Kummer
verursachte, daß er sich denen anschloß, die man zu jener Zeit allgemein
für eine Rotte unsinniger Ketzer hielt. Man hatte ihn bald in den Tower,
bald in Newgate eingesperrt, und ihm bei der Old Bailey den Prozeß
gemacht, weil er gegen den Willen des Gesetzes Predigten gehalten.
Nochmals schloß er jedoch mit seiner Familie Versöhnung, und hatte so
mächtigen Schutz zu erlangen gewußt, daß während alle Gefängnisse
Englands mit seinen Brüdern angefüllt waren, er es viele Jahre hindurch
wagen durfte, seine Meinungen ohne Belästigung auszusprechen. Gegen das
Ende der vorigen Regierung hatte man ihn zur Tilgung einer alten Schuld,
welche er von der Krone zu fordern hatte, mit ungeheuren Länderstrecken
in Nordamerika beliehen, und er forderte seine verfolgten Freunde auf,
sich in dieser, blos von indianischen Jägern bewohnten Gegend
niederzulassen. Als Jakob zur Regierung gelangte, war die Colonie noch
im Entstehen.

Jakob und Penn hatten schon seit langer Zeit eine vertraute
Bekanntschaft unterhalten. Der Quäker wurde jetzt ein Hofmann und
beinahe ein Günstling. Er wurde täglich aus dem Vorzimmer in das Kabinet
gerufen und hatte häufig lange Audienzen, während Peers im Vorzimmer
warten mußten, und man behauptete, daß er mehr wirkliche Gewalt zu
nützen und zu schaden habe, als viele mit hohen Ämtern beliehene
Edelleute. Bald sah er sich von Schmeichlern und Bittstellern umgeben,
und in seinem Hause zu Kensington fanden sich, wenn er Morgens das Bett
verließ, oft mehr als zweihundert Menschen ein, welche ihm ein Anliegen
vorzutragen hatten. Jedoch kam ihm dieses scheinbare Glück theuer zu
stehen, seine eigene Sekte behandelte ihn mit Kälte, und lohnte seine
Dienste mit Vorwürfen. Man beschuldigte ihn laut, Papist und Jesuit zu
sein, Einige behaupteten, er sei zu St. Omer erzogen, Andere er habe in
Rom die Ordination empfangen. Obgleich nun diese Verleumdungen nur bei
dem kurzsichtigen Haufen Glauben fanden, so waren dieselben doch mit
besser begründeten Beschuldigungen verbunden.[90]

Die volle Wahrheit über Penn auszusprechen ist ein Unternehmen, welches
einigen Muth erfordert, indem er mehr eine mythische als eine
historische Person ist. Eifersüchtige Nationen und feindliche Sekten
haben sich zu seiner Heiligsprechung geeinigt, England nennt mit Stolz
seinen Namen, eine mächtige Republik jenseit des atlantischen Ozeans
empfindet für ihn eine ähnliche Ehrfurcht, wie sie die Athenienser für
Theseus und die Römer für Quirinus füllten. Die ehrenwerthe
Gesellschaft, der er angehörte, erblickt in ihm einen Apostel, und
fromme Männer andren Glaubens haben ihn in der Regel als ein Muster
christlicher Tugenden aufgestellt. Dagegen ist sein Lob auch von
Verehrern ganz anderer Art ausgesprochen worden. Die französischen
Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verziehen ihm das, was sie
seine abergläubischen Einbildungen nannten, in Betracht seiner
Verachtung der Priester und seines menschenfreundlichen Wohlwollens, das
sich ohne Unterschied über alle Stämme und Glaubensformen erstreckte.
Deshalb ist sein Name in allen civilisirten Ländern von gleicher
Bedeutung mit Redlichkeit und Menschenliebe.

Dieser hohe Ruf ist nicht ganz unverdient. Penn war ohne Zweifel ein
Mann von großen Tugenden. Er hatte ein starkes Gefühl für religiöse
Pflicht und einen heißen Trieb, das Glück der Menschen zu fördern. Über
einige Punkte von hoher Bedeutung besaß er richtigere Ansichten, als zu
damaliger Zeit selbst Männer von unbefangenem Geiste sie hegten, und als
Besitzer und Gesetzgeber einer Provinz, welche anfänglich fast unbewohnt
war und ein weites Feld für moralische Versuche darbot, hatte er das
seltene und vorzügliche Glück, seine Theorien ohne Rücksicht auf bereits
bestehende Einrichtungen in Ausführung bringen zu können. Er wird stets
als der Gründer einer Colonie, der das Übergewicht, welches die
Civilisation gewährt, bei seinem Verkehr mit einem wilden Volke, niemals
mißbrauchte, sowie als Gesetzgeber, der in einem Zeitalter der
Verfolgung religiöse Freiheit zum Grundstein der Staatsverfassung
machte, in hohen Ehren bleiben; seine Werke jedoch, wie auch sein Leben
beweisen hinreichend, daß er kein Mann von großem Geiste war. Er hatte
kein Geschick dazu, die Charactere zu erforschen, und sein Vertrauen zu
Leuten, die nicht so tugendhaft waren als er selbst, veranlaßte manchen
Irrthum und häufiges Mißgeschick. Sein Enthusiasmus für einen großen
Grundsatz ließ ihn oftmals anderen großen Grundsätzen zu nahe treten,
gegen die er hatte tiefe Ehrfurcht zeigen sollen, auch hielt seine
Rechtlichkeit nicht immer den Versuchungen Stand, denen er in jener
glänzenden, feingebildeten, aber völlig sittenlosen Gesellschaft, in der
er sich bewegte, ausgesetzt war. Intriguen der Galanterie und des
Ehrgeizes erhielten den Hof in beständiger Gährung, der Handel mit
Ehren, Ämtern und Begnadigungen wurde ohne Unterbrechung getrieben, es
war also natürlich, daß man einen Mann, der täglich im Palaste war und
von dem man wußte, daß er täglich Zutritt zum König hatte, häufig anlag,
seinen Einfluß für Zwecke geltend zu machen, die eine strenge Moral
verwerfen mußte. Die Biederkeit Penn’s hatte der Verleumdung und
Verfolgung widerstanden, aber jetzt, angegriffen durch das Lächeln des
Königs, den Zauber weiblicher Liebenswürdigkeit, gewinnender
Überredungskunst und feiner Schmeichelei gewandter Diplomaten und
Hofleute fing seine Festigkeit an zu wanken. Titel und Redensarten,
welche er oft gemißbilligt hatte, flossen jetzt bei Gelegenheit von
seinen Lippen und aus seiner Feder. Es wäre gut, wenn man ihm nichts
Übleres vorwerfen könnte, als daß er sich den Gebräuchen der Welt fügte,
aber leider ist nicht in Abrede zu stellen, daß er bei einigen
Verhandlungen sehr stark betheiligt war, welche nicht nur von der
strengen Moral der Gesellschaft, der er angehörte, sondern überhaupt von
dem Rechtlichkeitsgefühl aller unverdorbenen Menschen mit Abscheu
betrachtet wurden. Er versicherte späterhin feierlich, daß er sich nie
durch unerlaubten Gewinn bereichert, und nie Belohnung von Denjenigen
angenommen habe, welche ihm verpflichtet waren, obgleich während der
Zeit seines Einflusses am Hofe es ihm leicht gewesen sein würde, sich
auf diese Weise hundertzwanzigtausend Pfund zu verschaffen.[91] Diese
Bereicherung ist nicht in Zweifel zu ziehen, aber Bestechungen lassen
sich sowohl der Habgier wie der Eitelkeit anbieten, und es kann nicht
geleugnet werden, daß Penn bestimmt wurde, sich bei einigen
unverantwortlichen Verhandlungen zu betheiligen, von denen Andere den
Gewinn zogen.

    [Anmerkung 90: Die Besuche Penn’s zu Whitehall und seine Levers zu
    Kensington beschreibt -- wenn auch in schlechtem Latein -- Gerhard
    Croese mit großer Lebendigkeit. Er sagt: +„Sumebat rex saepe
    secretum, non horarium, vero horarum plurium, in quo de variis
    rebus cum Penno serio sermonem conferebat, et interim differebat
    audire praecipuorum nobilium ordinem, qui hoc interim Spatio in
    procoetone, in proximo, regem conventum praesto erant.“+ Über den
    Zudrang der Bittsteller nach Penn’s Hause sagt Croese: +„Vidi
    quandoque de hoc genere hominum non minus bis centum.“ Historia
    Quakeriana, lib. II. 1695.+]

    [Anmerkung 91: „Zwanzigtausend in meinen Beutel und hunderttausend
    in meine Provinz.“ Penn’s Brief an Popple.]


[_Besondere Bevorzugung der Katholiken und Quäker._] Der erste Gebrauch,
den er von seinem Einflusse machte, war sehr lobenswerth. Er schilderte
dem neuen König die Leiden der Quäker, und dieser erkannte mit
Vergnügen, daß man diesen friedlichen Sektirern und den römischen
Katholiken Nachsicht gewähren könne, ohne dieselbe den übrigen Parteien,
welche damals noch der Verfolgung ausgesetzt waren, zu Theil werden zu
lassen. Es wurde ein Verzeichniß der Personen angefertigt, welche
deshalb in Anklagezustand versetzt worden, weil sie die Eide verweigert,
oder die Kirche nicht besucht, über deren Loyalität aber die Regierung
gültige Zeugnisse empfangen hatte. Diese Leute wurden in Freiheit
gesetzt, und befohlen, daß kein ähnliches Verfahren eingeleitet werden
solle, bevor der König dazu Belieben tragen würde. Auf diese Art
erlangten etwa fünfzehnhundert Quäker und eine noch größere Anzahl
Katholiken ihre Freiheit.[92]

Jetzt war die Zeit herangerückt, wo das englische Parlament
zusammentreten mußte. Die Mitglieder des Hauses der Gemeinen, welche
nach der Hauptstadt gekommen waren, bildeten eine so große Anzahl, daß
man zweifelte, der Sitzungssaal in seiner damaligen Einrichtung würde
genügenden Raum zu ihrer Aufnahme darbieten. Sie benutzten die der
Eröffnung der Sitzung vorangehenden Tage zu Unterredungen über die
öffentlichen Angelegenheiten unter sich und mit den Beauftragten der
Regierung. Eine große Zusammenkunft der loyalen Partei fand in dem
Wirthshause zur Quelle am Strand statt, und Roger Lestrange, dem der
König kürzlich den Ritterschlag ertheilt, und den die Stadt Winchester
ins Parlament gewählt hatte, betheiligte sich bei der Leitung ihrer
Berathungen.[93]

Bald stellte es sich heraus, daß ein großer Theil der Gemeinen Absichten
hegte, welche mit den Wünschen des Hofes nicht ganz im Einklange
standen. Die toryistischen Landedelleute verlangten fast einstimmig die
Aufrechterhaltung der Testacte und der Habeas-Corpus-Acte, und einige
von ihnen waren der Ansicht, man solle das Einkommen nur auf eine
bestimmte Reihe von Jahren gewähren. Sie zeigten jedoch die größte
Bereitwilligkeit, strenge Gesetze gegen die Whigs zu erlassen, und sie
würden mit Vergnügen gesehen haben, daß man alle Diejenigen, welche die
Ausschließungsbill unterstützten, für unfähig erklärte, ein öffentliches
Amt zu versehen. Andrerseits wünschte der König vom Parlament ein
lebenslängliches Einkommen, die Zulassung der Katholiken zu Ämtern und
die Aufhebung der Habeas-Corpus-Acte zu erlangen. Auf diese drei Punkte
richtete sich seine Sehnsucht und er fühlte sich keineswegs geneigt, ein
Strafgesetz gegen die Ausschließungsmänner als Ersatz anzunehmen. Im
Gegentheile, es würde ihm ein derartiges Gesetz nicht angenehm gewesen
sein, indem eine Klasse der Ausschließungsmänner bei ihm in hoher Gunst
stand, die Klasse, welche Sunderland repräsentirte, und die während der
Tage des Complots nur deshalb mit den Whigs gemeinschaftliche Sache
machte, weil diese die Herrschaft führten, mit dem Umschwunge des Glücks
aber ihre Gesinnungen wechselte. Jakob sah mit Recht in diesen Renegaten
die nutzbarsten Werkzeuge, welche zu seiner Verfügung standen. Von den
tapferen Kavalieren, welche in trüber Zeit ihm treu zur Seite geblieben,
durfte er in seinem Glück keinen sklavischen, gewissenlosen Gehorsam
erwarten. Die Männer aber, welche nicht von dem Gefühl für Freiheit oder
Religion durchdrungen, sondern nur von selbstsüchtiger Gier und Furcht
getrieben, während seiner Machtlosigkeit zu seiner Unterdrückung
mitgewirkt hatten, waren die passenden Leute, um von derselben Gier und
Furcht geleitet, ihm jetzt, wo er Gewalt hatte, bei der Unterdrückung
des Volkes zur Hand zu gehen.[94] Obgleich rachsüchtig, machte er doch
in der Ausübung seiner Rache einen Unterschied. Es giebt kein einziges
Beispiel, wo er ein edelmüthiges Mitleid für Diejenigen an den Tag
gelegt hätte, die ihm offenherzig und aus politischen Beweggründen
entgegentraten; nicht selten aber verschonte und erhob er Andere, welche
aus niedrigen Ursachen ihn beleidigt hatten, denn die Schlechtigkeit,
welche sie zu brauchbaren Werkzeugen der Tyrannei stempelte, schätze er
hoch genug, daß er selbst dann, wenn sie auf seine eigenen Kosten sich
geltend machte, Nachsicht eintreten ließ.

Die Wünsche des Königs wurden auf verschiedenen Wegen den toryistischen
Mitgliedern des Unterhauses bekannt gemacht. Die Mehrzahl ließ sich
leicht bestimmen, jede Absicht auf ein Strafgesetz gegen die
Ausschließungsmänner aufzugeben, und einzuwilligen, daß Se. Majestät das
Einkommen auf die Dauer des Lebens erhielt. In Bezug auf die Testacte
und Habeas-Corpus-Acte konnten die Geschäftsträger des Hofes keine
zufriedenstellende Zusicherung erhalten.[95]

    [Anmerkung 92: Diese Befehle, von Sunderland unterzeichnet, finden
    sich in Sewel’s Geschichte. Sie datiren vom 18. April 1685 und
    sind in einem dunklen und verwickelten Style abgefaßt, doch glaube
    ich den Sinn richtig wiedergegeben zu haben. Es ist mir nicht
    gelungen, einen Beweis zu finden, daß eine Person, welche nicht
    Quäker oder Katholik gewesen, auf diese Befehle hin in Freiheit
    gesetzt worden wäre. Man sehe: +Neal’s History of the Puritans,
    vol. II. chap. II+; +Gerard Croese, lib. II.+ Croese schätzt die
    Zahl der freigelassenen Quäker auf vierzehnhundertsechzig.]

    [Anmerkung 93: Barillon, 28. Mai (7. Juni) 1685. +Observator,
    May 27. 1685+; +Sir J. Reresby’s Memoirs.+]

    [Anmerkung 94: Ludwig schrieb über diese Klasse der
    Ausschließungsmänner an Barillon: +„L’intérêt qu’ils auront á
    effacer cette tâche par des services considérables les portera,
    selon toutes les apparences, à le servir plus utilement que ne
    pourraient faire ceux qui ont toujours été les plus attachés à sa
    personne.“+ 15.(25.) Mai 1685.]

    [Anmerkung 95: Barillon, 4.(14.) Mai 1685; +Sir John Reresby’s
    Memoirs.+]


[_Zusammenkunft des englischen Parlaments._] Am 19. Mai wurde die
Sitzung eröffnet. Die Bänke der Gemeinen gewährten einen seltsamen
Anblick. Jene mächtige Partei, welche in den drei letzten Parlamenten
die Oberhand gehabt, war jetzt zu einer kläglichen Minderzahl
zusammengeschmolzen und betrug in der That nicht viel mehr als den
fünfzehnten Theil des Hauses. Von den fünfhundertunddreizehn Rittern und
Bürgern hatten hundertfünfunddreißig früher diesen Platz eingenommen.
Es ist klar, daß eine Versammlung so unerfahrener Neulinge in einigen
wichtigen Beziehungen weit unter dem durchschnittlichen Werthe unserer
repräsentativen Corporationen stehen mußte.[96]

Die Leitung des Hauses hatte Jakob zwei Peers des Königreichs Schottland
übertragen. Der Eine, Carl Middleton, Earl von Middleton, hatte früher
ein hohes Amt in Edinburg bekleidet, war aber kurz vor dem Tode des
vorigen Königs im englischen Geheimen Rath vereidigt und zum
Staatssekretär ernannt worden; der Andre war Richard Graham, Viscount
Preston, welcher lange Zeit den Gesandtschaftsposten in Versailles
innegehabt hatte.

    [Anmerkung 96: +Burnet, I. 626+; +Evelyn’s Diary, May 22. 1685.+]


[_Trevor zum Sprecher gewählt._] Das erste Geschäft der Gemeinen bestand
in der Wahl eines Sprechers. Wer es werden sollte, war eine im Kabinet
schon vielfach verhandelte Frage. Guildford hatte Sir Thomas Meres
vorgeschlagen, der, wie er selbst, zu den Trimmern gehörte. Jeffreys,
der jede Veranlassung benutzte, dem Lord Siegelbewahrer
entgegenzutreten, unterstützte mit allen Kräften Sir Johann Trevor.
Trevor hatte eine Erziehung, halb als Rabulist, halb als Spieler
erhalten, und Gesinnungen und Grundsätze in das politische Leben mit
hinübergenommen, welche dieses doppelten Berufes würdig waren. Dabei war
er ein Schmarotzer des Oberrichters geworden, und verstand es,
gelegentlich den Strafredenstyl seines Gönners mit ziemlichem Glück
nachzuahmen. Jeffreys’ Günstling wurde natürlich von Jakob bevorzugt,
von Middleton in Vorschlag gebracht und ohne Widerspruch gewählt.[97]

    [Anmerkung 97: +Roger North’s Life of Guildford, 218+; +Bramston’s
    Memoirs.+]


[_Seymour’s Character._] So weit ging Alles gut, aber ein Widersacher
von bedeutendem Muthe wartete seine Zeit ab. Es war dies Eduard Seymour
von Berry Pomeroy Castle, Mitglied für die Stadt Exeter. Durch seine
Abkunft stand Seymour mit dem vornehmsten Adel Europa’s auf gleicher
Stufe. Er war der directe männliche Leibeserbe jenes Herzogs von
Somerset, Schwagers Heinrich’s VIII. und Protectors des englischen
Reiches. Nach der ursprünglichen Bestimmung der herzoglichen Familie
Somerset war der jüngere Sohn des Protectors dem älteren vorgezogen
worden, vom jüngeren stammten die Herzöge von Somerset, vom älteren die
Familie ab, welche zu Berry Pomeroy wohnte. Seymour besaß ein sehr
großes Vermögen und bedeutenden Einfluß im Westen Englands, auch war die
Bedeutung, welche ihm Geburt und Reichthum verliehen, nicht die einzige,
denn sowohl in der Debatte, wie in den Staatsgeschäften gehörte er zu
den vorzüglichsten Männern im Lande. In den vielen Jahren, welche er im
Hause der Gemeinen zugebracht, hatte er eine genaue Kenntniß aller
Regeln und Herkömmlichkeiten desselben erlangt, und kannte alle
Eigenthümlichkeiten desselben von Grund aus. Während der vorigen
Regierung hatte man ihn unter Umständen, welche diese Bevorzugung
besonders ehrenvoll erscheinen ließen, zum Sprecher erwählt, indem
mehrere Menschenalter hindurch nur Rechtsgelehrte auf den
Präsidentenstuhl berufen worden waren, und er als der erste
Landedelmann, dessen Kenntnisse und Geschick ihn dazu befähigten, diesem
alten Herkommen ein Ende machte. Er hatte später hohe Staatsämter
bekleidet und einen Sitz im Kabinet inne gehabt, aber sein stolzes und
unfügsames Wesen erweckte ihm soviel Widersacher, daß er sich
zurückziehen mußte. Als Tory und Hochkirchenmann, welcher zugleich der
Ausschließungsbill sich kräftig widersetzt, konnte er sich deshalb mit
aller Sicherheit in dem Hause eine Sprache erlauben, für welche jede im
Verdacht des Republikanismus stehende Person in den Tower geworfen
worden wäre. Lange Zeit war er der Führer einer starken
parlamentarischen Verbindung gewesen, welche die „Westliche Allianz“
genannt wurde und viele Gentlemen aus Devonshire, Somersetshire und
Cornwall in sich faßte.[98]

In jedem Hause der Gemeinen wird ein Mann, der neben Rednergabe,
Kenntnissen, Geschicklichkeit und Reichthum auch noch von vornehmer
Abkunft ist, ein hohes Ansehen genießen; aber in einem Hause der
Gemeinen, von welchem die vorzüglichsten Redner und parlamentarischen
Tactiker jener Zeit ausgeschlossen und das mit Männern angefüllt war,
die niemals eine Debatte angehört hatten, mußte der Einfluß eines
solchen Mannes furchtbarer Art sein. Sittlichen Werth besaß Eduard
Seymour allerdings nicht, er war liederlich, ruchlos, verdorben, zu
stolz, die gewöhnliche Höflichkeit zu zeigen, und doch nicht zu stolz,
um unredlichen Gewinn zu verschmähen; dabei aber ein nützlicher
Bundesgenosse und gefährlicher Widersacher, so daß ihm oft Diejenigen am
meisten schmeichelten, welche die gründlichste Abneigung gegen ihn
fühlten.[99]

Er befand sich jetzt in gereizter Stimmung gegen den Hof. Durch die neue
Organisirung der westlichen Burgflecken hatte sein Einfluß an einigen
Orten gelitten, durch die Erhebung Trevor’s auf den Stuhl des
Präsidenten hatte man seinen Stolz verletzt, und er ergriff bald eine
Gelegenheit zur Rache.

    [Anmerkung 98: +North’s Life of Guildford 228+; +News from
    Westminster.+]

    [Anmerkung 99: +Burnet, I. 382+; +Rawdon Papers+; Lord Conway an
    Sir Georg Rawdon vom 28. Dec. 1677.]


[_Rede des Königs an das Parlament._] Am 22. Mai wurden die Gemeinen vor
die Schranken des Oberhauses geladen, und der König, auf seinem Throne
sitzend, hielt an beide Häuser eine Rede. Er erklärte seinen Entschluß,
die bestehende Verfassung in Staat und Kirche aufrecht zu erhalten, aber
er beeinträchtigte den Eindruck dieser Erklärung, indem er eine
besondere Ermahnung an die Gemeinen erließ. Er hege die Besorgniß,
äußerte er, daß sie geneigt wären, ihm das Geld in Zwischenräumen
zuzutheilen, um ihn dadurch zu häufigerer Einberufung zu veranlassen;
aber er müsse ihnen ein für alle Mal erklären, daß er sich in dieser Art
nicht behandeln lassen würde, und daß sie nur bei einem angemessenen
Betragen hoffen dürften, häufiger einberufen zu werden. Da es offenbar
unmöglich war, daß die Regierung ohne die nothwendigen Geldmittel
fortgeführt werden konnte, so besagten diese Worte ganz einfach, daß,
wenn sie ihm weniger bewilligten, als sich mit seinen Wünschen
vereinigen ließ, er sich das Fehlende nehmen würde. Merkwürdigerweise
wurde diese Rede von den Gentlemen der Torypartei mit lauten
Acclamationen begrüßt, doch waren solche Zurufe damals nicht
ungewöhnlich. Seit langen Jahren hat jetzt das Parlament die ernste und
würdige Sitte angenommen, alle Äußerungen, angenehme wie unangenehme,
die vom Throne ausgehen, in ehrfurchtsvollem Schweigen anzuhören.[100]

Es herrschte damals der Gebrauch, daß, nachdem der König in gedrängter
Kürze seine Gründe für die Zusammenberufung des Parlaments angegeben
hatte, der Minister, dem das große Siegel anvertraut war, dem Hause den
Stand der Staatsangelegenheiten ausführlicher auseinandersetzte.
Guildford hatte, wie seine Vorgänger, Clarendon, Shaftesbury, Bridgeman
und Nottingham zu thun pflegten, eine ausgearbeitete Rede in
Bereitschaft, erfuhr jedoch zu seiner großen Demüthigung, daß man seiner
Dienste nicht bedurfte.

    [Anmerkung 100: +London Gazette, May 25. 1685+; +Evelyn’ Diary,
    May 22. 1685.+]


[_Debatte bei den Gemeinen. -- Rede Seymour’s._] Nachdem die Gemeinen in
ihr Sitzungslokal zurückgekehrt waren, wurde der Vorschlag gemacht, für
die Feststellung des königlichen Einkommens einen Ausschuß zu ernennen.
Jetzt erhob sich Seymour. Die Bilder, welche noch von ihm existiren,
geben uns eine Vorstellung, wie er dastand, er, das Haupt eines
ausschweifenden stolzen Adels, mit den künstlichen Locken, die in
modischer Fülle über seine Schultern wallten, und den Ausdruck von
Üppigkeit und Verachtung in den Augen und auf den Lippen. Er wünsche
nicht, sagte der stolze Kavalier, daß das Parlament der Krone die Mittel
zur Führung der Regierung verweigere, aber wäre denn wirklich ein
Parlament vorhanden? Befänden sich nicht hier auf diesen Sitzen eine
ziemliche Anzahl von Männern, die, wie allgemein bekannt, nicht
berechtigt wären, auf diesen Bänken einen Platz einzunehmen, viele
Männer, deren Wahl durch Bestechung befleckt. Viele, welche man durch
Einschüchterung den widerstrebenden Wählern aufgedrungen, und Viele,
deren Wahl von Corporationen vollzogen worden sei, die das Gesetz als
bestehend nicht anerkenne? Hatte man nicht Wahlkörper trotz königlicher
Freibriefe und uralter Verjährung neugestaltet? und wären nicht überall
Wahlbeamte die rücksichtslosen Geschäftsträger des Hofes gewesen? Da er
erkenne, daß die Grundlage der Volksvertretung so systematisch
angegriffen werde, könne er sich nicht entschließen, die ihn umgebende
Menge von Gentlemen mit dem ehrenwerthen Namen eines Hauses der Gemeinen
zu bezeichnen, und doch wäre es niemals nöthiger gewesen, als jetzt, wo
das öffentliche Wohl es erheischt hätte, daß das Parlament Würde und
Ansehen in sich vereinige. Die kirchliche und bürgerliche Verfassung des
Landes sei von großen Gefahren bedroht, es sei allgemein bekannt und
bedürfe keines Beweises, daß man die Testacte, den Schild der Religion,
und die Habeas-Corpus-Acte, den Schild der bürgerlichen Freiheit, der
Vernichtung anheim geben wolle. Ehe wir zur Verhandlung über Fragen von
so bedeutender Wichtigkeit übergehen, wollen wir uns wenigstens
Gewißheit verschaffen, ob wir in der That eine gesetzgebende Versammlung
sind. Beginnen wir daher mit der Untersuchung, in welcher Art und Weise
die Wahlen stattgefunden haben, und laßt uns aufmerksam sein, daß diese
Prüfung völlig unparteiisch bleibe. Denn wenn das Volk zu der
Überzeugung gelangt, daß keine Abhülfe auf friedlichem Wege erreicht
werden kann, dann dürfte vielleicht bald an uns die Gerechtigkeit
vollstreckt werden, welche gegen Andere auszuüben wir Bedenken tragen.
Er schloß mit dem Antrage, daß noch vor jeder Geldbewilligung das Haus
Petitionen gegen die Wahlen in Erwägung ziehen, und daß kein Mitglied,
dessen Wahl angefochten werde, stimmfähig sein solle.

Aber kein Zuruf ertönte, nicht ein Mitglied hatte die Kühnheit, den
Antrag zu unterstützen. Seymour hatte in der That viel gesagt, was kein
Andrer ungestraft hätte sagen dürfen. Der Antrag fiel durch und wurde
nicht einmal in das Protokoll aufgenommen, machte aber einen
außerordentlichen Eindruck. Barillon schrieb seinem Monarchen, daß
Viele, die es nicht gewagt, diese merkwürdige Rede zu unterstützen, sie
vollkommen gebilligt hätten, daß sie das Tagesgespräch in London bilde
und daß der Eindruck, die sie auf die öffentliche Meinung ausgeübt, ein
bleibender sein werde.[101]

    [Anmerkung 101: +Burnet, I. 639+; +Evelyn’s Diary, May 22. 1685+;
    Barillon, 23. Mai (2. Juni) und 25. Mai (4. Juni) 1685. Das
    Schweigen des Protokolls fiel Mr. Fox auf, es erklärt sich jedoch
    dadurch, daß Seymour keine Unterstützung fand.]


[_Bewilligung des Einkommens._] Die Gemeinen bildeten unverzüglich einen
Ausschuß und bewilligten dem König auf die Dauer seines Lebens das ganze
Einkommen, welches sein Bruder genossen hatte.[102]

    [Anmerkung 102: +Journals, May 22. Stat. Jac. II. I, 1.+]


[_Verhandlungen der Gemeinen hinsichtlich der Religion._] Die eifrigen
Hochkirchenmänner, aus denen die Majorität des Hauses bestand, scheinen
die Ansicht gehabt zu haben, daß die Schnelligkeit, mit der sie dem
Wunsche Jakob’s hinsichtlich seines Einkommens nachkamen, ihnen
Berechtigung auf einige Zugeständnisse auch von seiner Seite gebe. Sie
sagten, es sei viel zu seiner Zufriedenstellung gethan worden, man müsse
nun auch etwas thun, um die Nation zu befriedigen. Das Haus verwandelte
sich daher in einen Ausschuß für Religionsangelegenheiten, um die besten
Mittel zur Sicherheit der Kirchenverfassung in Erwägung zu ziehen. In
diesem Ausschusse wurden einstimmig zwei Beschlüsse angenommen: der eine
sprach feurige Anhänglichkeit an die Kirche von England aus, der andre
forderte den König auf, die Strafgesetze gegen alle Personen, welche
nicht zu dieser Kirche gehörten, in Anwendung zu bringen.[103]

Die Whigs würden es gewiß am liebsten gesehen haben, wenn man die
protestantischen Dissenters duldete und nur die Katholiken der
Verfolgung aussetzte, aber die Whigs bildeten jetzt eine kleine,
entmuthigte Minderheit. Sie machten sich daher so wenig als möglich
bemerkbar, gaben ihren Parteinamen auf, hüteten sich, ihre besonderen
Ansichten einem feindseligen Zuhörerkreise aufzudrängen, und bemühten
sich, jeden Vorschlag zu unterstützen, der die Eintracht, welche bisher
noch zwischen dem Parlamente und dem Hofe bestand, zu stören geeignet
war.

Als der König die Verhandlungen des Religionsausschusses in Whitehall
erfuhr, gerieth er in heftigen Zorn, auch ist er mit Recht nicht zu
tadeln, daß ihn das Verhalten der Tories beleidigte. Hatten sie die
Absicht, an der strengen Ausführung der Strafgesetze festzuhalten, so
mußten sie unbedingt die Ausschließungsbill unterstützen, denn einen
Katholiken auf den Thron erheben und dann verlangen, daß er die Lehrer
des Glaubens, in welchem nach seiner Ansicht einzig das Heil der Seele
zu erstreben sei, auf den Tod verfolgen solle, wäre ein offenbarer
Unsinn gewesen. Milderte der König durch eine weniger strenge Verwaltung
die Härte der blutigen Gesetze Elisabeth’s, so trat er keinem
verfassungsmäßigen Grundsatze zu nahe, sondern bediente sich nur einer
Gewalt, welche stets der Krone zugestanden war; ja er that nichts
weiter, als was späterhin eine Reihe von Souverainen, welche mit großem
Eifer den Lehren der Reformation huldigten, wie Wilhelm, Anna und die
Fürsten des Hauses Braunschweig, gethan haben. Hätte er gestattet, daß
katholische Geistliche, deren Leben er ohne Verletzung der Gesetze
retten konnte, gehängt, geschleift und geviertheilt wurden, weil ihre
Handlungen ihren geistlichen Pflichten entsprachen, so würden selbst
Diejenigen ihn mit Haß und Abscheu betrachtet haben, deren Vorurtheilen
er dieses verwerfliche Zugeständniß machte, und hätte es ihm genügt,
den Mitgliedern seiner eigenen Kirche eine ausgedehnte Duldung zu Theil
werden zu lassen, so würde die Nachwelt ihn deshalb einstimmig gepriesen
haben.

Die Gemeinen erkannten vermuthlich bei ruhigerem Nachdenken über die
Sache, daß sie sich eine widersinnige Handlungsweise hatten zu Schulden
kommen lassen, und es erregte ihre Besorgniß, als sie hörten, daß der
König, dem sie eine abergläubische Verehrung zollten, sehr erbittert
sei. Sie ließen es sich daher angelegen sein, ihre Fehler wieder gut zu
machen, verwarfen im Hause einstimmig den Antrag, den sie im Ausschuß
einstimmig angenommen hatten, und faßten einen Beschluß des Inhalts,
daß sie sich mit vollständigem Vertrauen auf Sr. Majestät Versprechen
verließen, die Religion in Schutz zu nehmen, welche ihnen theurer sei
als selbst das Leben.[104]

    [Anmerkung 103: +Journals, May 26, 27. Sir J. Reresby’s Memoirs.+]

    [Anmerkung 104: +Commons’ Journals, May 27. 1685.+]


[_Bewilligung nachträglicher Steuern._] Drei Tage nachher zeigte der
König dem Hause an, daß sein Bruder einige Schulden hinterlassen habe
und die Vorräthe der Flotte und der Artillerie ziemlich erschöpft seien.
Es wurde sofort der Entschluß gefaßt, neue Steuern aufzulegen. Die
Person, welcher der Auftrag wurde, Mittel und Wege ausfindig zu machen,
war Sir Dudley North, jüngerer Bruder des Lord Siegelbewahrers.


[_Sir Dudley North._] Dudley North war einer der befähigtsten Männer
seiner Zeit. In seiner Jugend hatte man ihn nach der Levante gesandt, wo
er sich lange mit kaufmännischen Unternehmungen beschäftigt hatte. Die
meisten Menschen würden in dieser Lage ihre Fähigkeiten haben einrosten
lassen, da es in Smyrna und Konstantinopel an Büchern und gebildetem
Umgange fehlte, aber der jugendliche Geschäftsführer besaß einen starken
Geist, der von äußeren Hülfsmitteln unabhängig war. In seiner Einsamkeit
gab er sich tiefem Nachsinnen über die Philosophie des Handels hin und
schuf sich nach und nach eine Theorie, im Allgemeinen derjenigen gleich,
welche hundert Jahre später Adam Smith entwickelte. Nach vieljähriger
Abwesenheit von der Heimath kehrte Dudley North mit großen Reichthümern
nach England zurück und gründete in der City von London ein
Handelsgeschäft nach der Türkei. Seine ausgedehnte theoretische wie
praktische Kenntniß des Handels und die klare, lebhafte
Auseinandersetzung seiner Ansichten lenkte bald die Aufmerksamkeit der
Staatsmänner auf seine Person. Die Regierung entdeckte in ihm einen
erleuchteten Rathgeber und gewissenlosen Diener, denn neben seinen
außerordentlichen geistigen Vorzügen besaß er weder Character noch ein
fühlendes Herz. Als die toryistische Reaction in vollem Gange war, ließ
er sich zum Sheriff ernennen, lediglich zu dem Zwecke, dem Hofe bei
seiner Rache behülflich zu sein. Seine Geschwornen verabsäumten niemals
das „Schuldig“ auszusprechen, und an dem Tage einer gerichtlichen
Metzelei wurden zum Entsetzen seiner Gemahlin Karren, auf welchen die
Glieder geviertheilter Whigs lagen, vor seinen Palast in Basinghall
Street zu weiterer Bestimmung aufgefahren. Der Lohn für seine Dienste
bestand in der Ehre des Ritterschlags, einem Aldermans-Mantel und dem
Amte eines Zollcommissars. Er war als Abgeordneter für Banbury ins
Parlament getreten, und obgleich ein neues Mitglied, hatte doch auf ihn
der Lord Schatzmeister rücksichtlich der Leitung der Finanzgeschäfte im
Unterhause hauptsächlich sein Vertrauen gesetzt.[105]

Obgleich die Gemeinen den einmüthigen Entschluß gefaßt hatten, der Krone
weitere Geldmittel zu bewilligen, so waren sie doch noch durchaus nicht
über die Quellen einig, aus denen dieselben geschöpft werden sollten.
Man beschloß alsbald, daß ein Theil des nöthigen Geldes durch eine
Erhöhung des Zolles auf Wein und Essig, auf acht Jahre hinaus,
aufgebracht würde; das war aber nicht ausreichend. Verschiedene
unsinnige Vorschläge wurden gemacht. Viele Landedelleute empfahlen, eine
bedeutende Steuer auf alle Neubauten der Hauptstadt zu legen. Hierdurch
hoffte man der Vergrößerung einer Stadt hemmend entgegenzutreten, deren
Wachsthum schon seit längerer Zeit von der ländlichen Aristokratie mit
Eifersucht und Abneigung betrachtet wurde. Dudley North’s Plan ging
dahin, daß man Zusatzzölle auf Zucker und Tabak acht Jahre hindurch
legen solle; darüber entstand aber ein großes Geschrei. Verkäufer von
Colonialwaaren, Zuckerbäcker und Tabakshändler richteten Bittgesuche an
das Haus und belagerten die Behörden. Die Bewohner Bristol’s, welche mit
Jamaika und Virginien in ausgedehnten Handelsverbindungen standen,
sandten eine Deputation, welche an den Schranken der Gemeinen gehört
wurde. Rochester war einen Augenblick betroffen, aber North’s rascher
Verstand und vollkommene Handelskenntniß beseitigten, im Schatzamt wie
im Parlament, jeden Widerspruch. Die alten Mitglieder sahen mit
Verwunderung, wie ein Mann, der kaum vierzehn Tage im Hause saß und sein
Leben größtentheils in fernen Ländern zugebracht, alle Verrichtungen
eines Kanzlers der Schatzkammer mit größter Zuversicht und
Geschicklichkeit übernahm und befolgte.[106]

Sein Plan ging durch und die Krone kam in Besitz eines aus
England allein hervorgehenden Einkommens von einer Million und
neunhunderttausend Pfund. Ein solches Einkommen genügte damals
vollkommen zur Bestreitung der Regierungskosten in Friedenszeit.[107]

    [Anmerkung 105: +Roger North’s Life of Sir Dudley North+; +Life of
    Lord Guildford 166+; +M’Culloch’s Literature of Political
    Economy.+]

    [Anmerkung 106: +Life of Dudley North, 176+; +Lonsdale’s Memoirs+;
    Van Citters 12.(22.) Juni 1685.]

    [Anmerkung 107: +Commons’ Journals, March 1, 1689.+]


[_Verhandlungen der Lords._] Während dem waren bei den Lords mehrere
wichtige Fragen zur Erörterung gekommen. Die Torypartei war unter den
Peers stets stark vertreten gewesen, zu ihr gehörte die Bank der
Bischöfe, und in den letzten vier Jahren nach der vorigen Auflösung
hatte sie durch einige neue Ernennungen bedeutende Verstärkung erlangt.
Von den neun Peers waren die hervorragendsten der Lord Schatzmeister
Rochester, der Lord Siegelbewahrer Guildford, der Lord Oberrichter
Jeffreys und Lord Churchill, der nach seiner Rückkehr von Versailles zum
englischen Baron ernannt worden war.

Die Peers zogen sehr bald die Sache von vier Mitgliedern ihrer
Körperschaft, welche unter der vorigen Regierung in Anklage versetzt,
niemals aber gerichtet und nach kurzer Haft von dem Gerichtshof der
Kings Bench gegen Bürgschaft freigelassen worden waren, zur Verhandlung.
Drei dieser angeklagten Peers, welche auf Verlangen sich dem Gerichtshof
zu stellen hatten, waren katholischen Glaubens, der vierte ein
Protestant von großem Ansehen und Einfluß, der Earl von Danby. Nach
seinem Falle und der Anklage der Gemeinen gegen ihn auf Hochverrath
waren vier Parlamente aufgelöst, er aber weder freigesprochen, noch
verurtheilt worden. 1679 hatten die Lords mit Rücksicht auf seine Lage
in Erwägung gezogen, ob eine Anklage durch Auflösung des Parlaments
erlösche oder nicht, und nach langer Debatte und genauer Prüfung der
Vorgänge entschieden, daß die Anklage noch anhängig sei. Diese
Entscheidung wurde jetzt verworfen, obgleich mehrere whiggistische
Mitglieder einen erfolglosen Versuch machten, dagegen zu protestiren.
Die Gemeinen beruhigten sich ohne Widerspruch bei der Entscheidung des
Oberhauses, Danby nahm seinen Sitz unter den Peers ein und wurde ein
thätiges und einflußreiches Mitglied der Torypartei.[108]

Die Verfassungsfrage, über welche die Lords in dem kurzen Zeitraume von
sechs Jahren zweimal in entgegengesetztem Sinne entschieden hatten,
ruhte länger als ein Jahrhundert und wurde zuletzt durch die
Parlamentsauflösung, welche während der Dauer des langen Prozesses von
Warren Hastings eintrat, wieder in Anregung gebracht. Es war damals
nöthig, zu entscheiden, ob die 1679 aufgestellte oder die im Jahre 1685
geschaffene, ersterer entgegenlaufende Regel als Gesetz des Lande zu
betrachten sei. Es wurde in beiden Häusern lange über diesen Punkt
debattirt, wobei sich die vorzüglichsten juristischen und
parlamentarischen Kräfte, an denen jenes Zeitalter überaus reich war,
betheiligten. Die Juristen waren nicht ungleich getheilt. Thurlow,
Kenyon, Scott und Erskine stellten die Behauptung auf, daß die Auflösung
die Anklage aufhebe; die entgegengesetzte Meinung vertheidigten
Mansfield, Camden, Loughborough und Grant. Unter denjenigen
Staatsmännern aber, welche ihre Beweisgründe nicht auf Vorgänge und
technische Analogien, sondern auf tiefe und klare verfassungsmäßige
Grundsätze stützten, bestand wenig Meinungsverschiedenheit. Pitt und
Grenville, sowie Burke und Fox waren der Ansicht, das die Anklage noch
immer gültig sei. Beide Häuser verwarfen mit großer Majorität die
Entscheidung von 1685 und erklärten die von 1679 für übereinstimmend mit
den Gesetzen des Parlaments.

    [Anmerkung 108: +Lords’ Journals, March 18. 19. 1679, May 22.
    1685.+]


[_Bill zur Aufhebung der Verurtheilung Stafford’s._] Von den
Nationalverbrechen, welche während der Herrschaft des panischen
Schreckens, hervorgerufen durch die Lügen des Oates, begangen worden
waren, nahm der Justizmord Stafford’s die erste Stelle ein. Alle
unparteiischen Männer sahen jetzt in der Verurtheilung des unglücklichen
Edelmanns ein schweres Unrecht. Dem Hauptzeugen für seine Schuld hatte
man eine Reihe der niederträchtigsten Meineide nachgewiesen, und unter
solchen Verhältnissen war es die Pflicht der gesetzgebenden Versammlung,
dem Andenken eines schuldlos Hingeopferten Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, und einen unverdienten Flecken von einem Namen zu tilgen, der so
lange in den Jahrbüchern unsres Vaterlandes geglänzt hat. Eine Bill auf
Umstoßung der Verurtheilung Stafford’s ging im Oberhause durch, trotz
des Murrens einiger Peers, denen es unangenehm war, zugestehen zu
müssen, daß sie unschuldiges Blut vergießen halfen. Im Unterhause wurde
die Bill zweimal ohne Abstimmung verlesen und dann an den Ausschuß
verwiesen, an dem Tage aber, welcher für diesen Ausschuß bestimmt war,
kam die Kunde, daß im Westen Englands ein furchtbarer Aufstand
ausgebrochen sei. Hieraus entstand die Nothwendigkeit, viele wichtige
Geschäfte zu verschieben. Die Genugthuung, welche man dem Andenken
Stafford’s schuldig war, wurde, wie man glaubte, nur auf kurze Zeit
hinausgeschoben, aber die fehlerhafte Regierung Jakob’s veränderte in
wenigen Monaten den Standpunkt der öffentlichen Stimmung vollkommen.
Mehrere Menschenalter hindurch waren die Katholiken nicht in der Lage,
Genugthuung für erlittene Ungerechtigkeiten zu verlangen, und waren
völlig zufrieden, wenn man sie unbeschwert in Schweigen und Dunkelheit
leben ließ. Endlich, unter der Regierung Georg’s IV., mehr als
hundertvierzig Jahre nach dem Tage, wo Stafford’s Blut den Boden von
Towerhill färbte, wurde die lang verschobene Sühne gewährt. Ein Gesetz,
welches die Verurtheilung für nichtig erklärte und die schwergekränkte
Familie in ihre alten Würden einsetzte, wurde von den Ministern der
Krone dem Parlamente vorgelegt, von den Männern aller Parteien freudig
begrüßt und ohne eine widersprechende Stimme angenommen.[109]

Es ist jetzt nothwendig, daß ich die Veranlassung und den Fortschritt
des Aufstandes verfolge, durch den die Berathung der Häuser plötzlich
unterbrochen wurde.

    [Anmerkung 109: +Stat. V. Georg IV, Chap. 46.+]



  Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.


       *       *       *       *       *
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Druckfehler und Unregelmässigkeiten

Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig«, »Urtel« : »Urtheil«
und »Partein« : »Parteien« sind ungeändert. Die Namen »Evremond« und
»Evremont«, »Churchill« und »Churchhill« sind ebenso ungeändert (auch
wenn es um die selbe Person handelt). Weitere:

  Clerus : Klerus
  Collegium : Kollegium
  Pepys’ : Pepys’s, Citters’ : Citters’s _und ähnliche_

Einige doppelte Punkte wie

  [_Churchhill als Gesandter nach Frankreich geschickt._].

sind leise korrigiert.

III. Kapitel

  [Anm. III.4] ... +Chalmers’s Estimate+  [Chalmer’s]
  Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts  [Jahrhunders]
  [Anm. III.19] ... the english Military Discipline  [_ungeändert_]
  bei Jarnac und Moncontour  [Mancontour]
  nach denen Smollet im folgenden Jahrhundert  [_ungeändert_]
  [_Zustand des Ackerbaues._]
    [_Titel fehlt: aus Inhaltsverzeichniss ergänzt_]
  Stafford sei nicht als ein Hirsch oder Hase  [Strafford]
  [Anm. III.52] ... Satire adressed to a Friend  [_ungeändert_]
  [Anm. III.63] ... die Rede Jeffreys’  [Jeffrey’s]
  [Anm. III.65] ... sehe man +Farquhar’s Recruiting Officer+.
    Farquhar’s Schilderung ...  [_beide_ Farguhar]
  [Anm. III.71] Atkyns’ Gloucestershire  [Atkyn’s]
  [Anm. III.75] ... Stukeley’s Itinerarium Curiosum  [Itinerarum]
  hatte der Platz den Namen Monmouth Square geführt  [Monmuth]
  in einem Flecken von Cornwall  [Cornwallis]
  [Anm. III.100] ... the way in which Wright was  [Whrigt]
  jede religiöse und politische Farbe  [reliöse]
  noch einmal in der Nähe von Salisbury  [Salesbury]
  [Anm. III.121] ... John Cresset’s Reasens for suppressing Stage
    Coaches, 1672.  [_ungeändert_]
  So wurde von Wilhelm Nevison  [Wilhem]
  [Anm. III.124] ... +Beaux’ Stratagem+.  [Beaux’ +Stratagem+]
    [_d.h., als ob »Beaux« der Verfasser wäre_]
  in Cornwall, in den Sümpfen von Lincolnshire  [Cornwallis]
  [Anm. III.132] ... Commons’ Journals  [Common’s]
  [_Die Neuigkeitsbriefe._] Aber Diejenigen  [Dienigen]
  [Anm. III.143] ... Butler sagt  [Buttler]
  Wilkins, Bischof von Chester  [Milkins]
  [Anm. III.158] ... Die ganze Mondwelt freundlich zu begrüßen.“
    [_anführungsszeichen fehlt_]
  der Beachtung aller Gemeindevorstände dringend empfohlen  [empohlen]

IV. Kapitel

  [Anm. IV.5] ... +Saint Evremont, passim+; +St. Real  [passim+. +St.]
  [Anm. IV.12] ... Huddleston von allen Parlamentsacten  [Huddlestone]
  [_Seine Geschichte._] Bald nach der Restauration
    [ [_Seine Geschichte_]. ]
  [Anm. IV.32] [drei Folgende]
  Dartmouth’s Note in Burnet, +I. 264+; +Chesterfield’s Letters ...+
    [Dortmouth’s ... +I. 264+. ... Lettres]
  der französischen Regierung zusammen zu berufen  [zusammmen]
  Der Herzog von Somerset, unter den weltlichen Großen  [Sommerset]
  [Anm. IV.43] ... +Clarke’s Life of James de Second, II. 5.+
    [_ungeändert_]
  alle verschwörungssüchtigen Ahitophels und rebellischen Absaloms
    [_ungeändert: Fehler für »Achitophels«?_]
  als man erfuhr, daß Gottes Gericht  [das]
  der Vater einer zahlreichen Familie  [Famile]
  [Anm. IV.90] ... sagt Croese: +„Vidi quandoque
    [_anführungsszeichen fehlt_]
  die Entscheidung von 1685 und erklärten  [erlärten]
  [Anm. IV.108] ... Lords’ Journals  [Lord’s]





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