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Title: Der Schäfer - Eine Geschichte aus der Stille
Author: Mann, Franziska, 1859-1927
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Der Schäfer


Eine Geschichte aus der Stille



von

Franziska Mann


mit

Scherenschnitten

von

Alfred Thon



Axel Juncker Verlag
Berlin W 15


Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.



      _Ich widme dieses Buch
      meinem Freunde_

      _*Dr.* Julius Mann._



      Seelen gibt es, die an Sterne mahnen,
      Unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen;
      Dämmerung und Finsternis erst sagen
      Euch, wieviel des Lichts sie in sich tragen.

      _Anastasius Grün._



[Abbildung]

Mutig ragt auf roter Heide eine Fichte in die Höhe. Mutig und einsam!
Kein Nordwind konnte ihre Äste bisher verbiegen oder zerbrechen. Die
leicht sich wiegenden Zweige bilden sich ein, daß sie immer aufwärts
gestreckt von würzigen Wohlgerüchen umspielt sein werden. Ja, genau so
hoffnungssicher ist diese Fichte, wie junge Menschen, die noch nichts
von Wintersnot und Lebensschicksalen erfuhren. --

Durch die sonnige Stille klingt leises Krähen. Vergebens versuchen die
frohen Äste sich abwärts zu neigen; denn gerade neben ihrem Stamm erhebt
sich ein Stimmchen. Vogelsang, Sturmgebraus oder menschliches Lachen und
Weinen vermögen sie nicht mit Sicherheit zu unterscheiden.

Über den Rand einer grob zusammengezimmerten Holzkiste, die hier
verlassen stehen geblieben -- welches mag ihr früherer Inhalt gewesen
sein? -- krallt sich ein rotes, winziges Fäustchen. Es kann nur einem
Erdenbürger gehören, der noch nicht lange in der Welt Aufenthalt
genommen hat.

Kinderwagen kosten Geld, aber eine alte Holzkiste und starker Bindfaden
sind leicht gefunden, und kleine Mädchen sind gern auch öfter mal Pferd
oder Kutscher. Ann-Gret hat zuerst fein behutsam gezogen. Nur Trin und
Dortchen hätten nicht kommen dürfen. Im Staube liegt die Leine. --

Betrachtete jemand das krähende Geschöpfchen etwas genauer, so wüßte er,
dies Bübchen ist nicht fürs Traurigsein geschaffen. Es lacht und hätte
doch so manchen Grund zum Weinen: große Schweißperlen tropfen von seiner
Stirn; ein Krüstchen Brot, an dem die roten Lippen mit Behagen gesaugt
hatten, ist seinem Mündchen entglitten. Auf des Kindes Nase sitzt eine
Fliege, die fast halb so groß ist wie die ganze kleine Nase. Ungemach
genug für das Menschlein, und doch kräht Jachl vor Lust. Es bekümmert
ihn wenig, daß Ann-Gret, die Wagenlenkerin, ihn schmählich hier
verlassen hat.

Niemand ist in der Nähe. Nur ein Hase hockt auf der Heide und spitzt die
Ohren. Er wagt sich nicht hervor, hat er doch hier, nicht weit entfernt,
Furchtbares entdeckt. Wieder einmal sah er etwas Riesenhaftes, das die
Menschen »Haus« nennen. Ein Haus ist für den bebenden Hasen fast so
schlimm wie ein Gewehrlauf. Häusern darf man, wenn man seines Lebens
froh bleiben will, nie zu nahe kommen. Dem Hasen erscheinen alle Gebäude
in gleicher Weise gefährlich. Doch vor diesem Hüttchen -- Mutter Bohn
haust in ihm -- brauchte er wahrlich nicht Reißaus zu nehmen. Das
Häuschen _steht_ nicht. So stolz ist es nicht. Es hat sich nur auf die
Erde gekauert, bescheiden dicht an einen Heidehügel hingeduckt. Sonne
umhuscht sein morsches Gemäuer; auf braune Balken hat sie schillernde
Funken gestreut. Das gefällt den Menschen. Es tut ihnen wohl, wenn die
karge Wirklichkeit ein bißchen trügerisch überflammt ist. Dann können
sie vergessen, daß die Sonne untergehen muß, und daß Not und Sorge
Alltagsgäste auf Erden sind. --

In dieser Stunde leuchtet alles im Umkreise in schimmerndem Reichtum.
Auch der seichte Bach funkelt. Drei pausbäckige Dirnchen umspringen ihn.
Ann-Gret tappt mit den Fußspitzen ins Wasser. Sie hat Mut: sogar an
Baden denkt sie, an Kleiderausziehen und weit ins Wasser springen.
Lustig, lustig ist alles auf Erden auch für Trin und Dortchen. Beide
haschen vergeblich nach dem winzigen Getier im Tümpel, das so leicht zu
fangen scheint, und das doch immer wieder behend davon schlüpft. Dann
wieder bespritzen sich die Freundinnen gegenseitig und laufen
voreinander davon. Keine denkt in ihrem Vergnügen an den, der unter der
hochästigen Fichte kräht. --

[Abbildung]

Endlich sind die Kinder am Bache des Spielens müde; Hunger erinnert sie
ans Nachhausegehen. Nun wird auch der Jachl in seiner Wagen-Kiste nicht
vergessen. Ann-Gret fürchtet ihn nicht; sie kennt seine Langmut. Drei
Mädchen, drei Pferdchen ziehen jubelnd die Leine.

Über Stock und Stein rast die Jagd mit dem Jungen, dem immer Vergnügten.
Einmal nur, als das Gefährt umfällt, und Jachl sich eine tüchtige Beule
schlägt, schreit er auf. Aber nur wenig Zureden ist nötig, und wieder
strahlt Lachen auf seinem runden Gesichtchen. --

Scheltend steht Mutter Bohn vor ihrem Häuslein, als die lustige
Gesellschaft angaloppiert kommt. Ein bißchen vorsichtiger hätte Ann-Gret
wohl sein sollen. Ist der Jachl auch nur ein Bauernjunge, aus Eisen ist
er deshalb doch nicht. Zärtlich streichelt ihn Mutter Bohn. Wieder und
wieder summt sie: »Wo will di dat noch gahn?«

Kein anderes Lied paßt wie dieses für das Bübchen. Nur immer die eine
Melodie kommt Mutter Bohn über die Lippen, für die ihr hochdeutsche
Worte unmöglich erscheinen:

      »Putt, putt, putt min Höhneken,
      Wat deist in minen Hof
      Und pflückst mi all min Blömeken?
      Du makst mi dat to grow.
      Un's Mudder schall di schilln (schelten),
      Un's Vadder schall di slahn,
      Putt, putt, putt min Höhneken,
      Wo will di dat noch gahn?«

Hastig muß der Jachl (viel zu warm und viel zu schnell) seinen Mehlbrei
schlucken. Sein Magen darf nicht empfindlich sein; er ist es auch nicht.
Kaum hat er die Mahlzeit beendet, da fallen ihm schon die Augenlider
zu. Trotz der Wärme wird er unter ein schweres Federbett gesteckt.

Mutter Bohn muß in den Stall. Neben Jachl wacht der alte Schäferhund.
Nichts regt sich Stunde um Stunde. -- --

       *       *       *       *       *

Vor sechs Wochen ist ihr der Kleine ins Haus geschneit. Was blieb ihr
übrig, als ihn hier zu behalten? Vor die Türe konnte sie ihn doch nicht
setzen. Ihre Trude wußte nicht »wohin« mit ihm. Nur gut, daß der Ohm
einverstanden war. Er murrte bloß: »Nich früh genug können se hier fort
in die große Stadt, aber wenn se sich >sowas< da geholt hab'n, find'n se
mit'n Mal wieder 'n Weg ins Dorf zurück.« --

Gewundert hat sich niemand; solche Überraschungen kennen hier Eltern.
Zum Glück hat Mutter Bohn nur ihre Eine; da ist das Unglück nicht so
schlimm. Und als Schande betrachtet sie es überhaupt nicht, nur ist sie
selber schon recht mürbe von mancherlei Lebens-Ungemach. Mit ihren
verfurchten Zügen sieht sie zwanzig Jahre älter aus als sie ist. Längst
mußte ihr Mann, unter dem von ihr als Braut gewebten Sarglaken, den Weg
zum Friedhof geleitet werden. Schon als sie mit ihm nur »ging«, war er
auf der Brust nicht fest. Nun haust sie mit dem Ohm, ihrem einzigen
Anverwandten; beide mürbe, gelassen, arbeitssam, wenig gesprächig. --

Für den kleinen Joachim -- den Jachl -- hat niemand Zeit. Der Bauer muß
auf die Heide oder in den Stall, und die Frau, die mitarbeitet, findet
selten eine Viertelstunde, in der sie den kleinen Eindringling auf dem
Arm tanzen lassen kann. Zum Herzen und Küssen kommt's fast nie;
Zärtlichkeit ist in dem niederen Hüttchen nicht heimisch, wenigstens
keine äußerlich sichtbare. Nur am Sonntag Nachmittag, da hat's auch der
Jachl gut. Mutter Bohn hebt ihn, der sonst in irgendeinem Stubenwinkel
herumkriecht, auf den Schoß, läßt ihn tanzen und springen und sich von
ihm die dünnen, grauen Haare zerzausen.

»Die sind zu zählen, die hier im Dorf mit'n Myrtenkranz in die Kirche
kommen,« tröstet sie sich, wenn ihr schwer ums Herz wird. Ihre Trude hat
sich damals auch zu früh eingestellt, aber Bohn hat sie bei sich
behalten und ihr einen ehrlichen Namen verschafft. Wer weiß dagegen, mit
wem die Tochter in Berlin gegangen ist? Kein Wort hat sie vom Heiraten
gesprochen, als sie den Jachl nach Hause brachte. Mutter Bohn dankt
Gott, daß es bei ihr nur bei der Trude geblieben ist; mehr Kinder hätten
ihr wohl leicht auch mehr solcher Überraschungen ins Haus geschleppt.
Was kann man tun als stillehalten?

Wenn nur nicht alles so knapp wäre! Bis jetzt kostet der Jachl ja noch
nicht viel, aber wenn er größer sein wird, wie soll ihm dann das
hungrige Mäulchen gestopft werden?

       *       *       *       *       *

Zwischen Mühsal und Dürftigkeit gedeiht der Kleine wie ein bestgehegtes
Kind. Längst schon traben seine dicken Beinchen durch den Sand der
Heide. Nicht einmal krumm sind sie, die doch so viel Entschuldigung
hätten, nicht kerzengrade zu wachsen.

Immer ist der Jachl vor Tau und Tag draußen. Die hellen Haare stehen ihm
stets zu Berge. Den Inhalt seines grauen Frühstücksbeutels stopft er,
sobald er unterwegs, schleunigst in das rote Mäulchen. Eifrig sucht er,
je nach der Jahreszeit, Blätter jeder Art und Heidekraut, violettes oder
purpurgefärbtes oder silbergraues Moos. Die schönsten Kränze im Dorf
winden seine dicken Finger. Stundenlang sitzt Jachl geduldig bei der
Arbeit. Förmlich schwer wird ihm die Trennung von seinen Kunstgebilden.
Das darf er aber nicht merken lassen, wenn der Händler, der wöchentlich
einmal ins Dorf kommt, sie abholt. Mutter Bohn braucht Geld, und Jachl,
der kleine Mitverdiener, weiß, daß er sich nicht zu oft an den Indianer-
und Kriegsfahrten der anderen Jungen beteiligen darf. --

Heute ist er nicht allein bei der Arbeit. Neben ihm sitzt Lieschen, das
große Lieschen. Zwei Jahre ist sie älter als er. Achtlos hat sie die
Schultasche neben sich ins Gras geworfen. Auch sie versucht eifrig mit
Bindfaden allerlei Heideblumen zum Kranz zusammen zu binden. -- Bis zur
Schule muß sie eine Stunde laufen. Die kleinen, nackten Füße sind mit
Staub überweht; denn Lieschen trägt ihre festen Holzpantoffeln öfter in
der Hand als auf den Füßen. Jene Staubschicht gehört zur Rotwangigen,
wie die Uniform zum Soldaten. Zwar steckt ihre Mutter sie allabendlich
ins große Regenfaß unter die Rinne, und auch mit Seife spart sie nicht,
aber in der Frühe, mit dem ersten Schritt vor die Hütte, ist das kleine
Mädchen gleich wieder wie in Sand und Staub getaucht. --

Während Lieschen sich an ihrem Kranze quält, reibt sie des öfteren mit
einem derben, rotgewürfelten Taschentuch, das sie umständlich aus der
Tasche ihres blauleinenen Röckchens holt, große Schweißtropfen von Stirn
und Näschen. Manch wohlgepflegtes Stadtkind dürfte die kleine Dörflerin
um ihre tiefschwarzen Haare, ihre blauen Augen, ihre frischen Farben
beneiden, auch um die fein geformten Füße, die noch nie in beengendem
Schuhwerk sich verstecken mußten.

Staunend folgt Lieschens Blick einem vorübersausenden Auto. So ein
Wunderwagen kam ja nicht einmal in den Märchen vor, die ihr das
Stadtfräulein erzählte, welches hier im Dorf gesund werden wollte. Ja,
die! War die drollig! _Bloß_ um Luft und Sonne war sie hergekommen? Luft
und Sonne hat Lieschen doch immerfort, was soll denn das bedeuten? Alle
haben sie die doch im Dorfe. Warme Luft und kalte Luft und Schnee, ach,
wieviel Schnee und Eis und Schlittenfahren und eisigen Wind! Auch rote
Nasen und halberstarrte Fingerspitzen, in denen man die Schulmappe gar
nicht lange tragen kann. Man muß sie oft von einer Hand in die andere
nehmen auf dem Wege zur Schule. --

Daß der Weg nicht kurz ist, bemerkt Lieschen gar nicht. Gewöhnlich
gesellen sich ihr auf der Landstraße andere Kinder zu. Munter schreitet
dann die kleine Schar vorwärts, heiter ohne beredt zu werden.
Wortkargheit haftet fast allen Dorfkindern an, von der ihre Lebenslust
aber nicht beeinträchtigt ist. Zu Haus, bei Vater und Mutter, hören sie
selten viele Worte, daher kommt wohl auch ihre Einsilbigkeit. --

Heut eilt es Lieschen nicht mit dem Pünktlichkommen zur Schule, heut ist
ganz etwas anderes im Schulhause »los«. Dem Herrn Kantor ist gestern die
Frau gestorben. Für sie windet Lieschen den Kranz. Ihr will sie ihn
schenken. Und vor allem: sie ist heute von Neugier erfüllt, sich die
anzusehen, die sie jetzt »die Leiche« nennen. --

Lieschens Eltern sind von früh bis spät auf dem Acker beschäftigt. Um
Kindererziehung sorgen sie sich trotz der wachsenden Zahl ihrer
Schreihälse nicht. »Lieschen wird schon werden,« brummelt der Vater,
wenn der oder jener über seine Kinder seufzt. Ihre Mutter denkt oft
ebenso, während sie gebückt beim Bauern arbeitet. --

Der Kleinen Kranz ist fertig: Heidekraut, Kamillen und Blätter, viel
grüne Blätter in buntem Gemisch, nicht kunstvoll gebunden, aber doch als
Kranz erkenntlich. Hurtig schüttelt sie die Schürze ab. Geschwind läuft
sie weiter. Manchmal bleibt sie stehen und guckt sich ringsum. Irgendwo
muß ja Jachl stecken; er ist ihr eben davongelaufen; auf irgendeinem
Baume wird er sitzen.

»Ju--hu, ju--hu!«

Vor die Füße ist er Lieschen gesprungen. Breitbeinig steht er da, die
Hände in den Taschen seiner braunen Hose.

»Ju--hu, ju--hu!« Einen richtigen Jodler bringt Jachl nicht zustande,
aber Fröhlichkeit klingt doch aus seinem Ju--hu. --

Auch Mutter Bohn gehört zu denen, die sich um Erziehung nicht sorgen.
»Die Bäume wachsen ja von selbst, und mit kleinen Jungen wird es nicht
anders sein«. -- Niemand hat eigentlich je für diese zwei Kinder Zeit.
Aber beide merken es gar nicht. Sie entbehren weder väterliche noch
mütterliche Fürsorge. --

Jachl bewundert zuerst nochmal Lieschens Kranz. »Och, is der aber
schön.« Dann holt er wieder aus der Tasche die große Muschel hervor, die
bereits seit vier Tagen Lieschens höchste Sehnsucht ist. Aber das
Tauschgeschäft, das die zwei Kinder erörtern, führt zu keinem
befriedigenden Endziel. Jachl gibt seinen kostbaren Fund nicht nur für
drei Griffel her. Im Augenblick ist Lieschen auch nicht ordentlich bei
der Sache, sie ist von ganz anderen Vorstellungen erfüllt; kaum sieht
sie ordentlich hin, kaum hört sie wirklich Jachl's Versicherung, daß er
»so dumm nich is wie sie denkt«. Ihr ganzes Verlangen richtet sich nur
auf die Leiche. Wenn Jachl ihr doch ordentlich Bescheid sagen könnte,
aber er hat nicht mehr Erfahrung mit dem Tode als seine Freundin. Ihre
dürftigen Häuschen liegen vereinzelt abseits; so sind die Kleinen bisher
weder mit Werden noch Vergehen auf Erden in enge Berührung gekommen. --

Sorglos marschieren sie bis ans Kantorhaus. Alle Fenster sind dort weit
geöffnet. Viele Leute aus dem Dorfe strömen hinein. Lieschen möchte gern
erst mal von draußen in die Stube sehen. Sie hebt sich auf Zehenspitzen,
aber die Augen reichen nicht bis ins Fenster. Da nimmt Jachl sie ein
wenig in die Höhe. Doch erschreckt stößt Lieschen einen leisen Schrei
aus. So richtig gesehen hat sie eigentlich nichts, aber ängstliche Scheu
hat sie gepackt. Zögernd bleibt sie mit ihrem Kranz auf dem Arm vor der
Türe stehen. Ihre Holzpantoffeln hält sie in der andern Hand. --

Erwartungsvoll und bedrückt schieben sich endlich beide Kinder zwischen
die Erwachsenen durch die Tür. Unbewußt haben sie einander zum ersten
Male, seit sie sich kennen, fest an die Hand genommen. Kräftig halten
sich die runden Fäustchen umschlossen. Immer weiter treten sie vor.

Auf die flackernden Kerzen, die zu Häupten der Toten brennen, richten
sich zuerst Lieschens Blicke. Von diesen gleiten sie hernieder auf die
Frau, welche sie frisch und beweglich täglich gesehen hat. Noch
vorgestern ist ihr Lieschen im Schulgarten begegnet. Nun sieht sie ein
Gesicht, bekannt und doch fremd, das rührt sich nicht und bewegt sich
nicht, und die Hände liegen lang ausgestreckt auf einer weißen Decke
und halten weiße und rote Astern.

Dem lustigen Lieschen drückt etwas in der Kehle. Sie möchte davon
stürzen, aber ihre Füße zittern. Die Blumen, der starke Duft, das Licht,
die Stille, die schwarzen Gestalten, das murmelnde Beten der andern und
die Frau, die stumm und starr, und doch als ob sie lächle, ausgestreckt
daliegt -- -- wie ein schaurig Schönes umfängt es die Kinder.

»Tot« -- denken sie -- »tot? Das ist tot?«

Lieschen hat ja öfter mal von Leuten reden hören, die gestorben sind,
aber wirklich beschäftigt hat sie sich nie mit dem Tode. Wohl ist ihr
Kätzchen gestorben, aber das war doch ganz anders.

Niemand beachtet die Kinder. Niemand führt die Kleinen liebevoll hinaus.
Niemand empfindet das jähe Erschrecken der Seelen.

       *       *       *       *       *

Jachl stößt Lieschen leise an. Auch ihm ist so seltsam. Gern liefe er
davon, aber allein? Nein, das geht nicht. Doch, was tun? Lieschen steht
wie angenagelt. Da zieht er scheu ein wenig an ihrem Rock, bald ein
wenig mehr, ein wenig stärker. Noch hält Lieschen ihren Kranz auf dem
Arm. Ihr fehlt der Mut ihn niederzulegen, ihn der Toten zu schenken; sie
wagt sich nicht ganz nahe heran. --

»Lieschen,« hört sie es leise flüstern. »Lieschen, komm.« Gleichzeitig
zieht der Junge sie -- zieht und zieht sie langsam bis zur Tür. Noch ein
scheuer Blick fällt zurück auf die Tote, aber plötzlich jagen beide --
immer noch Hand in Hand -- durch die Tür, durchs Haus auf die Straße.
Atemlos laufen sie, rasen durch die Heide, durchs Dorf, rasch, so rasch
ihre Kräfte es zulassen, weiter, nur weiter. Jedes trägt in der freien
Hand seine Pantoffel. Anfangs wagen sie gar nicht zurückzublicken. Sie
müssen laufen; sie selbst wissen gar nicht weshalb. --

Zuerst dreht Jachl sich um. Nein, nichts jagt hinter ihnen her,
wirklich, die Straße ist leer, nichts zu sehen, nur ein paar Hähne
stolzieren über die Heide. Da guckt auch Lieschen zurück. »Nichts, gar
nichts«, bestätigt sie. Allmählich verlangsamen die Flüchtenden ihren
Lauf. Endlich bleiben sie erhitzt und staubbedeckt stehen.

»Och --«

»Ah --«

Tiefauf seufzen beide. --

Unter dem ersten Baum sinken sie förmlich atemlos zusammen. War das
schrecklich! Sie fühlen sich wie befreit. Von Sterben und Tod und Leiche
wagen sie gar nicht zu reden. Nie wieder wollen sie eine Leiche sehen --
nie -- nie wieder. -- -- --

Jachl holt einen vergessenen Apfel aus der Hosentasche. Lieschen fängt
eifrig an ihr Frühstück zu verzehren. Schmausend sitzen sie
nebeneinander; enger als sonst sind sie zusammengerückt.

Sonne und Helle und Vögel erheben ihre Stimmen.

Nur solange sie ihn sahen, war der Tod für Lieschen und Jachl auf Erden.
Rasch trennt das frohe Leben die Kinder von ihrem großen Erlebnis. --

Zuerst fängt Jachl von etwas anderm an. Seine Gedanken sind schon wieder
beim heut früh unterbrochenen Tauschhandel. Aber die kurze Zwischenzeit
hat seine Forderungen sonderbar beeinflußt: am liebsten schenkte er
Lieschen jetzt die schöne Muschel. Zwar schämt er sich dieser Dummheit
(wie sollte er sich solche Weichheit erklären können?), dennoch legt er
ihr sein Kleinod wortlos in den Schoß. Und merkwürdig, das kleine
Lieschen, das beim Tauschen immer gern ein bißchen betrügt, hat längst
freiwillig alle gelben Zigarrenbänder aus ihrer Tasche hervorgezogen,
die Jachl zum Fuhrmannspielen so oft vergeblich erbettelt hat. --

Von der Gewalt des Todes haben die Kinder nichts begriffen. Vielleicht
haben sie ihn vorübergehend, wie eine dunkle Macht geahnt, vor der ihnen
in der Erinnerung grauen wird. Aber sie werden sich nicht oft
erinnern. --

Drüben -- fern -- in der stillen Stube -- beim Kerzenschein -- dort, wo
die stille Frau gelegen -- dort, ja dort war der Tod. Hier ist ganz
etwas anderes, hier ist Bewegung, ist Leben. Nicht nur die Füßchen sind
vor dem Tode davongerannt, rasch auch entfloh ihm die Kinderseele. --

Lieschen und Jachl sind aufgestanden. Am Graben entlang schlendern sie
weiter; die Kleine voran und Jachl, wie immer, etliche Schritte
hinterher. Vor des Jungen Hütte wird heute haltgemacht. Schnell holt er
seinen Hund und spannt ihn vor das kleine Wägelchen, mit dem er öfter
Gras heimholt. Jetzt soll Lieschen es gut haben! Ein Sprung, und die
Kleine thront in der Karosse. Der halbwelke Kranz ist ihr auf die
Schulter geflogen, das dunkellockige Köpfchen ist ganz von Blumen
umgeben. Stolz schwenkt Jachl seine Peitsche mit den rasch angeknüpften
gelben Bändern durch die Luft. Wie ein richtiger Fuhrmann schreitet er
neben seinem Gespann dahin. »Hü -- hü -- Karo zieh an.« Lieschen lacht.
Jachl streichelt den Hund. Von Staub umhüllt, von Sonne überstrahlt
entschwinden beide Kinder dem Blick. --

       *       *       *       *       *

Nur wenige Tage später und Jachl windet Kränze für eigenen Bedarf.
Mutter Bohn ist gestorben. Der Junge wagt nicht wie sonst laut
aufzutreten. Zwar lag Mutter Bohn wochenlang zu Bett, aber das war doch
ganz, ganz anders. Jachl besorgte nach ihrer Anweisung die Wirtschaft.
Jeden Augenblick rief sie seinen Namen. Zuletzt -- Jachl glaubte, sie
schlafe -- sagte sie immer dieselben Worte: »Wo wart di dat noch gahn,
wo wart die dat noch gahn.« Dann kamen der Herr Pastor und der Doktor.
Jachl schlich aus der Stube. Er wußte gar nicht, wohin. Lieschen war in
der Schule. Niemand dachte an ihn. Weit fort wollte er nicht laufen.
Mutter Bohn würde ihn gewiß bald rufen. Aber sie rief ihn nicht. Da fing
er an zu weinen, ohne zu wissen weshalb. --

Eingeschüchtert trat er ins Haus zurück, ans Bett der Großmutter.

Alle Nachbarn haben sich entfernt. Nur zwei dünne Lichte brennen in der
engen Stube. Auf seinem großen, morschen Korbstuhl sitzt der Ohm. Er
ruft den Kleinen zu sich heran und streichelt ihm mit der hagern,
faltigen Hand über die hellen Haare. Jachl wagt kein Wort zu sprechen.
Vielleicht hat er wieder ein bißchen Angst vor der Leiche. Nahe preßt er
sich an den Alten, ein Verlassener an den andern. --

Ein Brief nach Berlin, der Herr Schulmeister hat ihn geschrieben,
welcher Trude den Tod ihrer Mutter melden soll, kommt mit dem Vermerk
zurück: »Unbekannt verzogen!«

Welch Glück für Mutter Bohn, daß sie dies »Unbekannt verzogen« nicht
mehr miterlebt. Für sie diente Trude immer auf ihrer ersten Stelle. Die
Harmlose hatte sehr unklare Vorstellungen von Berlin und seinen
Gefahren. Von einem »Palais de danse« hörte sie nie, und wenn sie von
ihm gehört hätte, dann stellte sie sich gewiß keine Autos vor und keine
Füße, die in seidenen Strümpfen und feinen weißen Schuhen vom Trittbrett
springen. Nein, es wäre unmöglich gewesen, daß sich Mutter Bohn ein Bild
solchen Glanzes hätte machen können. Das Beste ihres Lebens war
vielleicht ihre Ahnungslosigkeit bezüglich des Abgrundes, in dem ihre
Trude längst untergegangen. Aber dieses Beste konnte sie ja nicht
dankbar empfinden. Und niemand sonst liebt die Trude genug, um an ihrem:
»Unbekannt verzogen« zu leiden.

       *       *       *       *       *

Jachl, der noch nicht zur Schule geht, drückt sich beständig um den Ohm
herum. Er folgt ihm überall hin wie ein Hündchen; ob's schneit oder ob
die Sonne scheint, das macht den beiden keinen Unterschied.

In seiner arbeitsfreien Zeit spielt der Junge mit allem, was er in des
Alten Nähe entdeckt. Und er findet beständig Neues und Schönes. Da
stehen z. B. in der Stube, wie Soldaten aufmarschiert, viele
Tabakspfeifen, ganz lange und ganz kurze. Schmauchen zu können wie der
Ohm, das wäre fein. Jachl wird es auch lernen! Er muß es nur mal
versuchen.

Vom Herde holt er Streichhölzer. Alles will er genau nachmachen.

Wahrhaftig! Die Pfeife brennt und das -- das ist ja richtiger Rauch und
Dampf.

Stolz und strahlend geht der Jachl auf und ab in der engen Stube. Je
mehr Qualm, desto stolzer wird er. Die Augen brennen ihm; er muß sie
fest schließen. Er kann nicht sehen, daß nicht nur aus der Pfeife,
sondern auch aus des Ohm Bett Qualm kommt. Ein Fünkchen nur ist aufs
Stroh geflogen. Jachl zwinkert ein bißchen mit den Augen: Ist da nicht
eine große, große Flamme?

Schnell reißt er die Tür auf und läuft davon. --

Auf demselben Heidefleck, der einst die Kiste mit dem ganz winzigen
Jachl beherbergte, macht er halt. Ängstlich duckt er sich unter die
Fichte. Schneelast und Stürme drückten deren Krone schon flacher. Sie
recken sich nicht mehr ganz so grad und siegessicher in die Wolken,
diese Äste, die meinen Jachl bereits kennen. -- --

Etwas Furchtbares muß er getan haben. Etwas, wofür sie ihn prügeln
werden und schimpfen, wie niemals vorher. -- Nach einer Weile streckt er
seinen schlanken Bubenhals in die Höhe und klettert auf einen hohen
Steinhaufen. Aus des Ohm kleinem Häuschen sieht er große Flammen
züngeln, und alle Leute laufen mit Wassereimern durch die Straßen. --

Jachls Herz klopft. Ganz kalt sind seine Finger. Er hört wie der Ohm und
die Nachbarn ihn rufen: »Jachl -- Jachl!«

Soll er sich melden?

Je später sie ihn finden werden, desto besser für ihn. Das ahnt er. Aber
immer lauter ruft die heisere Stimme, die er so genau kennt: »Jaachl --
Jaachl -- Ja -- achl!« --

Alle sind sie zusammengelaufen: der Gendarm und der Schullehrer und der
Dorfschulze, die Bauern und die Knechte. Sie alle jammern: »Ist der
Jachl verbrannt? Wo ist Jachl?« -- Der Ohm sorgt nicht um sein bißchen
Hab und Gut; nur an den Jungen denkt er. --

»Ja--a--chl!«

Endlich macht sich Jachl auf den Rückweg. Ganz behutsam schleicht er
heran --

Wenn sie ihn nur nicht gleich sehen! -- --

Es ist geschehen!

Des Müllers Knecht hatte die besten Augen. --

»Halloh -- halloh -- --«

Der Ohm weint, weint wie ein kleines Kind. Er hört gar nicht auf zu
schluchzen. Den Stock haben nur die Nachbarn bei der Hand. »Der
verfluchte Bengel!« hört sich Jachl nennen. »Brandstifter!« ruft eine
andere Stimme. »Unglückswurm -- von Gott Verlassener!«

Jachl rührt sich nicht; er weiß nicht, was das ist: »Brandstifter« und
»von Gott Verlassener«. Dicht zum Ohm hat er sich gestellt; vermutlich
-- er ahnt es dunkel -- wird der es nicht erlauben, daß die andern zu
toll losschlagen. Püffe und Stöße hageln aber doch reichlich auf ihn
nieder. --

Endlich steht der Sünder schluchzend allein neben den Mauerresten im
Rauch. Jachls Tränen gelten nicht so sehr den Püffen, als der
verworrenen Ahnung des Unheils, das er angerichtet hat. Alles, was der
Ohm und er besessen und lieb gehabt haben, sieht er verdorben. Das
meiste ist verbrannt. --

Abend ist's geworden. Beide merken es kaum. Ohne sich erst noch nach
einem anderen Asyl umzusehen, wenden sie sich dem verfallenen Ställchen
zu, das ihre einzige Schnucke beherbergt. Platz genug werden sie finden,
um sich auszustrecken. Jachl fegt mit einem dicken Strauchbesen die
Schlafstelle sauber, bevor er ein paar alte Tücher, die Nachbarsleute
herbeischleppten, auf den Boden wirft. Wenige Minuten nur und beide
schlafen. Sie besitzen nichts, auch nicht Nerven, die sie ruhe- und
schlaflos machen könnten.

Durch die kleine Luke fällt ein Mondstreifen. Friedlich schnarchen Ohm
und Jachl. Sie scheinen zu lächeln: der Kleine vielleicht, weil er weiß,
daß er einen Beschützer hat, und der Alte, weil er fühlt, daß er auf
Erden noch jemandem nötig ist. --

Erst der nächste Morgen zeigt ihnen deutlich, was sie verloren haben.
Wie in die Trümmer eines Palastes schauen sie auf ihre vernichtete
Hütte.

Ohne langes Besinnen fängt Jachl an mit einem Beil zwischen dem Schutt
zu rühren. Zu heiß ist er noch für seine Hände. Jeden Scherben, den er
aus der glühenden Asche holt, begrüßt er glückselig. Behutsam legt er
ein Stück auf das andere. Einen ganzen Berg schichtet er rasch auf; wie
ein Schatzgräber jubelt er bei jedem Fund.

Im Dorf wundern sie sich sehr über soviel Schlechtigkeit. _Sie_ wissen
ja nichts von der Seele eines Kindes; auf so Kostbares verstehen sie
sich nicht. Höchstens meint der eine oder der andere entschuldigend: »Er
is ja noch zu klein«, oder: »Er weiß doch nicht, was er angerichtet
hat«, oder: »Gott sei Dank, daß er nicht meiner is.«

Mittags, als der Ohm von der Arbeit heimkehrt, gräbt Jachl immer noch so
eifrig, wie wenn er sich die schönste Burg baue. Trotz allen Bemühens
bleiben die beiden aber von jetzt ab Stallbewohner. Zum Wiederaufbauen
der kleinen Hütte langt des Alten Beutel nicht. So voll wird seine Kasse
auch niemals werden. Der Ohm ist schon zufrieden, etwas Ähnliches wie
eine Stube an den Stall geklebt zu haben. Eine Kochgelegenheit töpfert
er auch zurecht.

Um den Jachl haben alle ein paar Tage einen weiten Bogen gemacht. Rasch
ist der Bogen kleiner geworden. Seine Freunde wissen eine Weile nicht,
ob sie ihn nun als Helden, Indianer oder Bösewicht behandeln sollen.
Jedenfalls rufen sie den Stallbewohner nur noch neckend »Scheper«. Und
weil sie wissen, daß dieser Schäfer nichts zu hüten hat, brüllen sie
höhnend:

      »Scheper, Scheper, dudeldei,
      Lät de Schap in unse Wei (Weide).«

Jachl hat aber nicht lange Zeit, sich über ihr Gebrüll zu ärgern. Er
wird in die Schule geschickt. Ein anderes Leben beginnt. --

       *       *       *       *       *

Solche große Stube, wie die Klasse ist, hat Jachl noch nie betreten. Er
berichtet dem Ohm, daß da alle stillsitzen müssen, und daß er nun
»Joachim« heiße, ganz großartig: »Joachim«. Zuerst habe er, der doch der
»Jachl« ist, gar nicht gewußt, daß er gerufen sei. Aber gefallen tue es
ihm, und wehe dem, der ihn von jetzt ab anders nenne; bloß der Ohm, der
darf, weil er doch schon so _alt_ ist, weiter »Jachl« rufen.

Joachim malt in stiller Begeisterung Buchstaben. Niemand kümmert sich um
seine Schularbeiten, wie sich niemand um seine Spiele bekümmert hat. Er
buchstabiert eifrig; nicht, weil er fleißig zu sein für nötig hält,
sondern weil er neugierig ist, »was kommt«. Bevor er ein halbes Jahr zur
Schule geht, kennt er sein Lesebuch auswendig, jedes Gedicht und jede
Geschichte. Immer hat er an dem Ohm einen geduldigen Zuhörer.
»Verstehste auch, Ohm?« fragt er fortwährend. Jachl hat das nicht
unbegründete Empfinden, daß das Nicken des Alten mehr der Gewohnheit,
als dem Verständnis entspringe. Furchtbar laut muß er sprechen; der Ohm
ist im Laufe der Jahre recht taub geworden. Sehen kann er auch schlecht.
Daß man einen Arzt fragen könnte, fällt beiden nicht ein. Fürs »doktern«
war der Alte nie. Auch nicht fürs Nachdenken. --

»Ohm, wo bleib' ich, wenn du tot bist?« fragt ihn der Junge.

»Ich leb' schon noch, Jachl.«

»Aber, wenn du sterbst?«

Ein bißchen Angst irrt manchmal durch Jachls Kopf; nur ein schwaches
Ahnen, daß es Kinder besser haben könnten als er. Vielleicht nicht
besser, nur anders. --

Wenn Freiheit wirklich immer eine köstliche Gabe wäre, so müßte Jachl zu
den Großgrundbesitzern gezählt werden. Sicher ist, daß er sich solchen
Besitzes nicht bewußt ist, und daß er zu jung ist, um nicht oft durch
ihn gefährdet zu werden. --

Kein Auge ist da, für das sein Anzug zu schlecht oder zu dünn ist. Vor
drei Jahren erbte Jachl seinen jetzigen von des Schulzen Sohn. Damals
schlotterte er ihm um die hageren Glieder. Nun strecken sich schon lange
seine Arme weit aus den kurzen Ärmeln hervor. Entgegen dem Brauch, daß
zuerst die kurzen Hosen an die Reihe kommen und später die langen,
hält's der Jachl umgekehrt. Nur noch bis knapp über die Knie lassen sich
die Hosen, deren Farbe längst unergründlich geworden ist, ziehen. --

Jachl kennt kein Kranksein. Einmal hat er Zahnschmerzen gehabt. Der Ohm
erbot sich sofort zum Ausziehen. Ohne lange Vorbereitung -- trotz
unsicheren Erkennens -- riß der Alte wirklich den richtigen Missetäter
heraus. Jachl brüllte eine Minute auf, aber er zweifelte nicht, daß das
Ausziehen eines Zahnes immer so, nur so erledigt werden könne. --

Nach einer Keilerei auf der Dorfstraße kommt eines Tages der Achtjährige
mit der Frage auf den Alten zugesprungen:

»Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?«

»Weiß Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!«

»Un meine Mutta?«

»Weiß ich auch nich -- >unbekannt verzogenchronisch<, und das heißt doch
soviel wie: >nie wieder ganz werden<. Vater hat es aus einem
Medizinbuch rausgelesen. Und >chronische< hast du auch, Jachl, darauf
kannst du dich verlassen.«

In Jachls Kehle kommt etwas Schweres in die Höhe, er muß ordentlich
schlucken, bis er's runtergepreßt hat: das ist Schreck. -- Später hat's
Jachl seinem Nachbarn nicht mehr geglaubt. Das war Unsinn mit
»chronisch«. --

Der kleine Maler weiht Jachl -- trotz »chronisch« -- in die Geheimnisse
von Berlin ein; nicht in die allerschlimmsten, aber doch in Dinge, von
denen ein Hütejunge, wenn er auch schon ein richtiger Schäfer ist,
nichts wissen kann. An seiner Krankheit, versichert der Nachbar, sei die
Schlafstelle schuld; na, was da alles passiert! und seine Braut, die
hat's auch auf der Lunge. --

Daß in Berlin mit sechzehn und achtzehn Jahren _jeder_ eine Braut haben
muß, leuchtet Jachl wieder nicht ein. In Berlin sind sie doch wohl viel
weiter.

Am liebsten erzählt der kleine Maler vom Theater. Theater ist sehr
schwer zu begreifen, wenn es einer noch nie gesehen hat. Jachl will
nicht streiten, aber, was kann an all dem Vorgemachten, was doch alles
nur ausgedacht ist, sein? Ihm gefällt nur, was wahr ist. Auf der Heide
sind ihm die Wolken und der Wind und der Schnee und die bunten Farben am
Himmel Theater genug. Aber erzählen läßt sich Jachl gern von all den
Dingen, dann ist das Stilleliegen nicht so langweilig. --

Der Nachbar zur Linken sollte vor Jahren in »Fürsorge«; er fing aber an
zu husten, und so haben sie ihn hier eingesperrt. Für den »langen
August« ist die Heilstätte zuerst dasselbe wie ein Gefängnis gewesen. Er
zeigt Jachl einen Zettel, den er mal stibitzt hat, auf dem steht:

»Durch den freiwilligen Erziehungsbeirat geschickt, erscheint bei uns
die Großmutter eines 14 jährigen ehelichen Knaben. Seine Mutter ist vor
einigen Monaten an der Schwindsucht gestorben. Der Vater lebt mit einer
Wirtschafterin zusammen. Der Knabe soll von beiden schlecht behandelt
werden.«

Schwarz auf weiß ist es also geschrieben, daß die Schuld nicht an August
allein lag, daß er »so« geworden ist. Er findet, Jachl kann überhaupt
noch nicht mitreden, denn Rumtreiben, ohne Obdach sein, Stehlen, das
alles kennt er nicht. -- Der lange August hat in den drei Jahren seines
Aufenthaltes hier auch eingesehen, daß man weiter mit Ehrlichsein kommt,
als mit Schlechtsein. Sein Husten hat sich gebessert. August soll so
lange als möglich in der Anstalt festgehalten werden.

Den Zettel, welchen er Jachl zeigte, hat er von einem Bogen abgerissen,
auf dem lauter Sachen von schlechtgewordenen Kindern zu lesen sind.
August borgt Jachl den Bogen, damit er sieht, wie es in Berlin zugeht.
Das hat Jachl wirklich nicht gewußt! In Lüttersloh gibt es auch eklige
Mädchen und Jungen, die stehlen und betrügen, aber daran ist Lüttersloh
nicht schuld. In Berlin sind die vielen schlechten Beispiele und die
vielen Kleider und Ringe und all die Sachen, die sie sich auf den Leib
kaufen möchten. Ja, das ist wohl zu glauben, daß sie da einen
»Kinder-Rettungsverein« brauchen. --

Nicht weit von Jachl liegt ein kleiner Junge, dessen einziger Wunsch
darin besteht, an seinem Geburtstag bei Vater und Mutter zu sein und bei
all seinen Geschwistern. Gar keine Geschenke will er haben, nur den
einen Tag zu Hause sollen sie ihm schenken. Als Jachl dem Kleinen
erzählt, daß er nie einen Geburtstag mit Vater und Mutter gefeiert habe,
meint der: »Das lügst du; ein Junge muß doch Vater und Mutter zum
Geburtstagfeiern haben, sonst ist er ja gar kein Kind.« --

Erst in der Heilstätte fängt Jachl allmählich zu fühlen an, daß er zu
niemandem gehört. »Das traurige Simulieren kommt bloß vom Nichtstun,«
denkt er, »beim Arbeiten merkt man von allen Schmerzen nichts.« --

Auch er hat einen Wunsch, einen riesengroßen, wie der kleine
Geburtstagsjunge. Er lautet: zur ländlichen Kolonie! Sie gehört auch zur
Volksheilstätte. Wenn er dorthin überwiesen würde! Sie wäre für ihn das
gelobte Land. Jedes Mal, während der Untersuchung beim Doktor, faßt er
sich ein Herz und fängt davon an. --

Seitdem er kurze Spaziergänge machen darf, wählt er stets den Weg zum
Schweinestall. Die dorthin gelieferten Küchenabfälle betrachtet er
prüfend; und die Frage, »wie Schweine fettgemacht werden?« verursacht
ihm Herzklopfen. Schließlich wäre er aber auch schon froh, wenn er in
die Abteilung: Puten, Gänse, Enten und Truthähne käme. Durch den hohen
Drahtzaun beobachtet er das Geflügel so innig und so hingebend, daß der
kleine Malernachbar immer wieder rufen muß, wenn die Stunden für den
Aufenthalt in der Liegehalle herangerückt sind.

Endlich kommt Jachls großer Tag.

»Gartenbauschule« heißt das Paradies, das er betreten darf. Ein neues
Leben beginnt: Jäten, Harken, Begießen! Mit dem Herumliegen ist es
vorüber.

Von seiner Krankheit wissen die Ärzte wohl mehr als er selbst. Hin und
wieder mal ein bißchen Husten. Das ist doch nicht Krankheit?

Die Gartenarbeit bringt all sein Denken zurück zu seinen Schnucken und
zu Lieschen. Die Heide, die Schnucken und Lieschen kommen immer bei ihm
dicht zusammen.

Lieschen ist doch seine Freundin; vielleicht sollte er sie nur ein
bißchen daran erinnern. Vor Ostern schreibt er ihr deshalb:

»Liebes Lieschen, wenn Du nicht kommst, reise ich zu Dir. Erlauben
werden sie es hier jetzt bald. Komme doch an einem Feiertag. Ich bin
bald gesund. Vielleicht mache ich auch nach Berlin, aber zuerst will ich
doch mal nach meinen Schnucken sehen. Ich schicke Dir das Reisegeld; so
viel kann ich noch an Dich wenden. Ich stehe am ersten Feiertag am
Gitter und warte und am zweiten wieder und am dritten auch wieder. Dein
alter Jachl.«

Zu den meisten von den »Großen« kommt eine Braut. Jachl ist
entschlossen, mit Lieschen die Sache mal zu bereden. Sein Mut wird
täglich größer; bloß _kommen_ muß sie, dann wird die Sache schon
werden. --

       *       *       *       *       *

Besuchsstunde! Sonnenschein! Feiertag! Noch viel mehr Gutes ist den
kleinen und großen Menschen in der Heilstätte kaum beschieden. --

Jachl steht pünktlich am Zaun. Ein Veilchensträußchen dreht er in der
heißen Hand. Mit ihm warten Scharen von Leuten auf die Besucher. --

Wie gut es die Kranken auch haben mögen, immer fühlen sie sich als
Verbannte, fern dem flutenden Lebensgetriebe. Zank und Streit zwischen
Angehörigen hat hier aufgehört; ein Gefühl verbindet die Besucher und
ihre Erkrankten: Liebe.

Heute strömen besonders viele im Sonnenschein der Heilstätte zu. Jachls
scharfer Blick irrt suchend umher: dort die Eine könnte es sein. Genau
weiß er es nicht. Die städtische Kleidung macht die Menschen ganz
anders. Er sucht weiter und sieht doch rasch wieder zurück. Sein Herz
klopft wie ein Hammer. --

Das Fräulein im grauen Paletot, das ihm bekannt vorkam, tritt mit durch
die Pforte. Zögernd hält es Umschau. --

So groß war Lieschen nicht; sie kann ja aber noch gewachsen sein. Also
los: »Fräulein« --

Das Fräulein bleibt stehen.

»Wäre sie es doch nicht«, denkt Jachl eine Sekunde lang, aber schon
fragt eine bekannte Stimme: »Wo finde ich hier Herrn Bohn?«

Gott, Gott! Jachl kann nur stottern. Da lacht das Fräulein und sagt:
»Ich war wohl blind, daß ich-- ich -- (sie bekommt das: »Du« auch nicht
leicht über die Lippen) -- daß ich Sie, nein, daß ich Dich nicht gleich
erkannte.«

_So_ rasch faßt Jachl sich nicht. Verlegen steht er da, so verlegen, als
wäre er nur noch der Schäfer und hätte Berlin und die Heilstätte nie
gesehen.

Aber reden muß man, wenn einer zu Besuch kommt! Was nur, was?! Jachl hat
sich doch vorgenommen zu zeigen, wie viel er hier gelernt hat. Nun
benimmt er sich recht wie ein ganz dummer Bauer! Ja, die Herren in
Berlin werden wohl anders reden können! Lieschen fängt aber auch gar
nicht an mit Erzählen! So war sie doch früher nicht! Sie hat doch sonst
immer das Wort geführt. -- --

Weshalb Lieschen nicht redet?

Wenn Jachl nicht blind ist, muß er »es« doch merken. Bei dem Gedanken
wird ihr glühend heiß. Was gäbe sie darum, wenn ihr »das« nicht passiert
wäre! In diesen Augenblicken ist für sie das große Berlin versunken. Sie
hat Jachl ja nie vergessen, aber es gibt da zu viele Herren und zu
viele Tanzlokale und zu viele Warenhäuser, in denen Sachen ausgestellt
sind, die man haben möchte!

Dunkel empfindet sie: sie ist ja gar nicht mehr _das_ Lieschen, welches
mit Jachl gemeinsam den Reisekorb vor Jahren zum Bahnhof schleppte. --

In Berlin war Lieschen beinah stolz auf ihre Umwandlung, aber Jachls
gute, blauen Augen haben ganz rasch etwas in ihr geweckt, das lange
schon schlief. Man könnte es mit dem unbequemen Wort »Gewissen«
bezeichnen. Sie wehrt sich zwar: »Geht es nicht den meisten ebenso?«
»Jugend hat keine Tugend« und »Berlin ist nicht Lüttersloh«. Aber so
recht überzeugen kann sie sich von ihrer Tugendhaftigkeit doch nicht
mehr. Wie konnte sie _das_ nur tun? Wenn's noch einer zum Heiraten
gewesen wäre! Aber ein Studierter, der gar nicht an Heiraten denken
kann. Das hat sie doch gewußt. Bis heute, inmitten der Großstadtluft,
nannte es Lieschen nur »ihr Pech«; heute, während sie den treuen
Landsmann wieder trifft, nennt sie es zum ersten Mal »ihr Unglück«. --
Ganz stolz stellt sie fest: groß und stattlich ist Jachl! Von der
Krankheit ist ihm nichts anzusehen. Seine Augen kommen ihr noch blauer
vor als früher. Immer hat er sowas »Sinnierendes« in den Augen, »sowas
Anständiges« hat er an sich -- sowas -- worüber sie in Berlin lachen.
Warum hat Lieschen ihn nur nicht früher besucht?! Sie war wohl ganz von
Gott verlassen? Behext muß sie gewesen sein, ja, den Kopf haben sie ihr
gründlich in Berlin verdreht. Das fühlt sie erst hier! --

Langsam kommen sie endlich in ein Gespräch. Manchmal sagt Jachl die
Worte nicht in richtiger Ordnung, und Lieschen geht es nicht viel
besser. Sie wissen selbst nicht deutlich, daß das, was sie ganz in
Unordnung bringt, Rührung ist. Wie Pferde, die schwer anziehen, und dann
im Galopp weiter wollen, so ringen sich ihnen zuerst die Worte mühevoll
aus den Herzen.

Schreckhaft durchfährt es Jachl sofort: »Nur drei Stunden -- dann ist er
wieder allein -- dann ist er wieder Einspänner.« Lieschen hat sich ja
_sehr_ verändert, aber ihre Stimme, die ist noch genau wie früher, wenn
sie auch berlinisch redet.

Vielleicht ist allein diese Stimme die Ursache, daß Jachl, den Schäfer,
plötzlich ein fressendes Heimweh überfällt: Heimweh, wie er es nie
gehabt hat, nach _seinem_ Himmel und _seiner_ Heide und _seinem_ Stall
und _seinen_ Schnucken -- nach den Wolken, die auch _seine_ Wolken
sind. --

       *       *       *       *       *

Je mehr ich meinen Jachl kennen lerne, je öfter grüble ich, wess'
Standes und Geistes sein Vater gewesen sein mag. Der Möglichkeiten gibt
es wohl wie Sand am Meer. Blut von dessen Blut ist ja in seinen Adern,
deshalb wüßte ich so gern, wie dieses Blut beschaffen war. Jung, denke
ich, muß Jachls Vater gewesen sein, nicht gar weit vom Knabenalter
entfernt, als ihm der Sohn geboren wurde. Das Leben wird noch nichts in
ihm zertreten haben; die große Erwartung mag noch hell in ihm geleuchtet
haben. Er war ein Vornehmer, wie immer sein Rock beschaffen sein mochte.
Vielleicht war er vor der Welt nur »ein gewöhnlicher Mann«. Aber der
Welt trauen ist ein unsicherer Glaube. Lauschen und tief schauen ist ihr
nicht eigentümlich. Gewöhnliche Leute! Sie hausen nicht immer in
Dachkammern. -- Beseligt wird der junge Träumer ein frisches Ding, das
noch ganz vom Hauch der Heide umströmt war, umfangen haben -- --

Dann -- ja dann kam die Wirklichkeit. Sie hieß: Joachim Bohn und
_schien_ nicht mehr als ein Bauernjunge.

Ja, so denke ich manchmal, wenn ich meinen Jachl ansehe und fühle, wie
er derb und doch voll Gemüt ist, wie Ursprünglichkeit und ungebundene
Natürlichkeit ihn gegen alles Gemachte und Übertriebene feien.

       *       *       *       *       *

Lieschen, die trotz aller raschen Lebenserfahrung ein großes Kind
geblieben ist, weiß gar nicht, was für einer da neben ihr geht. Daß
Berlin mit seinem Lärm und Halloh verwandelt, glaubt sie wohl, aber vom
Einfluß der Einsamkeit und ihrer eindrucksvollen inneren Beredsamkeit
ahnt ihr Gemüt nichts. -- --

Zuerst nach der Ankunft hat Jachl Lieschen stolz durch die Heilstätte
geführt. All die vorzüglichen Einrichtungen soll sie bewundern, und
dabei will Jachl den andern zeigen, daß auch zu ihm Besuch kommen kann.
Weshalb sollte gerade zu ihm niemand kommen? --

Nachdem Lieschen alles gesehen hat, schlägt Jachl einen Spaziergang vor.
Lange reden sie darauf vom Wetter; wie schön der April und wie die Heide
jetzt wohl aussehen mag. Immer aber ist es, als ob etwas Schweres auf
Jachl läge. Am liebsten finge er an zu heulen. Das wäre doch aber eine
furchtbare Schande.

Lieschen wischt immerfort mit dem Taschentuch über ihr Gesicht. Ihr ist
glühend heiß, nicht nur weil die Sonne so wärmt, sondern weil innere
Angst ihr Schweißtropfen erpreßt. --

Jachl fragt nach ihrem Dienst, und wo sie Sonntags immer hingehe, aber
er hört gar nicht, was sie antwortet. Wie macht er es bloß, daß er ihr
gefällt? _Wie wird er Bräutigam?_

Allmählich fängt Lieschen an, mitteilsamer zu werden. Durch viel reden
möchte sie ihre innere Verwirrung verdecken.

Sie merkt wohl, daß Jachl etwas überlegt, und daß seine Gedanken nicht
hier und nicht in Berlin sind. Sie weiß selbst nicht, was sie
herausschwatzt von Konzert-Cafés und Kino und Landpartien und
Tanzvergnügungen und von all dem dummen Zeug, das mit daran schuld ist,
daß es soweit mit ihr gekommen ist. Jachl nickt beinah ebenso mechanisch
wie der Ohm damals, als er ihm seine ersten Schulabenteuer erzählte.

Ja, die Herren in Berlin sind klüger als die aus Lüttersloh. Die wissen
besser, wie sie rasch zu einer Braut kommen. Jachl ist nur von einem
Gedanken erfüllt. Immer und immer summen die Worte in ihm: »Alles hängt
von Lieschen ab -- alles hängt von Lieschen ab« -- --

Wie er das meint, könnte er selber nicht erklären. Denkt er dabei nur an
diesen Augenblick oder an sein ganzes Leben? --

Er möchte gern nach des Mädchens Hand greifen, angefaßt mit ihr gehen --
nur angefaßt. Ob er wohl solche Tat zustande bringt? Solche Tat könnte
ja wohl einen Brautstand beginnen? Wenn er doch rasch den kleinen Maler
um Rat fragen könnte.

Von winzigen Knöspchen sind die schwärzlichen jungen Zweige besät, neben
denen sie dahin schlendern. Lieschen bleibt stehen und sucht, ob sie
nicht einen Zweig findet, dessen Grün bereits etwas größer ist. Den
möchte sie dann mit nach Haus nehmen. »Zum Andenken«, wie sie sagt. Ein
paar Augenblicke sehen beide in die Büsche, dann holt Jachl sein Messer
aus der Tasche, schneidet ein paar herrliche, frühlingsfrische Zweige
und reicht sie Lieschen. Ja, er reicht sie ihr und -- mutvoll hält er
ihre Hand ganz fest. Und nun gehen sie wirklich noch eine halbe Stunde,
wie zwei artige Kinder angefaßt, ihres Weges. Manchmal sieht Jachl sich
um. Er weiß nicht, wünscht er, daß andere ihn sehen oder wünscht er es
nicht. --

Der Duft der knospenden Pflanzen tut Lieschen wohl. Weit, weit fort von
Berlin fühlt sie sich. Hätte sie nur nicht ihr Mieder so fest
zusammengeschnürt. Sie möchte gern wieder mal tief, ganz tief Atem
holen, aber das geht nicht, das ist ihr unmöglich. Der Druck von Jachls
warmer Hand durchströmt sie wie Feuer. Am liebsten fiele sie ihm um den
Hals und gestände ihm ihre Not. --

Sie staunt: hier muß etwas Berauschendes in der Luft sein; wie können
Leute hier gesund werden; hier wird man eher wie von Sinnen.

Den Zug haben beide vergessen, an seine pünktliche Abfahrt gar nicht
mehr gedacht. --

Im Fluge haben sich Jachls Gefühle verändert. Ihm genügt nicht mehr das
Handhalten: einen Kuß, einen einzigen, möchte er Lieschen geben.
Unermeßlich schwer erscheint ihm das, und er weiß doch, wie viele
Menschen dies Schwere vollbringen.

Eigentlich ist er wütend auf Lieschen. Weshalb fängt sie nicht mit
Küssen an. Sie weiß doch immer rasch Rat. Sie kommt doch aus Berlin!

Wieder werden sie beide einsilbig. Zuletzt verstummen sie ganz. -- --
»Jetzt -- jetzt,« denkt Jachl, während Lieschen ihn ganz bekümmert
ansieht -- »jetzt«. -- Seine roten Lippen pressen sich glühend auf die
ihren -- »Lieschen, liebes Lieschen --«

Gellend schrillt der Pfiff der Eisenbahn durch die Luft.

»Ich muß weg«, schreit Lieschen auf -- »das ist der Zug -- meine
Herrschaft erwartet mich.« Eilig reißt sie sich los.

Jachl begreift, da gibt es kein Festhalten. Daß auch gerade jetzt der
Zug kommen muß, jetzt in dem Augenblick, der ihn gelehrt hat, daß das
Küssen gar nichts Schweres ist! Welch ein Jammer!

Beide laufen atemlos zum Bahnhof. Noch rechtzeitig kann Lieschen sich in
das Gewühl auf dem Bahnsteig mischen. Schwatzend drängen Hunderte in die
Wagen. Lieschen sitzt eingeengt zwischen singenden Burschen. Nicht
einmal mehr mit ihrem Taschentuch kann sie Jachl zuwinken. --

Lange noch bleibt er auf dem Bahnsteig stehen, nachdem vom Zuge nichts
mehr zu sehen ist. Langsam dreht er sich um. So viel Freude war wohl
noch nie in ihm! Beinahe wie Schluchzen hört sich sein glückliches
Aufatmen an. --

       *       *       *       *       *

»Joachim Bohn ließ sich doch in der Arbeit so gut an,« meint der
Obergärtner, »aber in letzter Zeit ist er wie auf'n Kopf gefallen« --

Ja, das ist Jachl. Verliebtsein ist aber auch ein Zustand, bei dem man
nicht weiß, hat man noch einen Kopf oder hat man keinen. --

Wenn die andern von einer Braut reden, beteiligt Jachl sich jetzt zwar,
aber immer nur kleinlaut. War jener Kuß ein Verlobungskuß? Woher soll er
das bestimmt wissen? Fort kann er hier nicht so plötzlich, und seinen
langen Brief hat Lieschen bisher nicht beantwortet. Das Warten auf
diese Antwort ist schlimmer wie eine Krankheit. Jachl wundert sich, daß
die Ärzte von solcher Heimwehkrankheit nichts merken. Ihn überfällt sie
meist ruckweise. Seit Lieschens Besuch hat er sie fast täglich ein paar
Stunden. --

Liebe, Sehnsucht, Heimweh sind für ihn dasselbe. Nie stellt er sich
Lieschen in Berlin vor, immer nur auf der Heide. Zum Dichter macht sie
ihn: mit Lieschen hört er in seiner Vorstellung die Rotkehlchen singen
und die Märzdrosseln flöten; mit ihr steht er unterm Kirschbaum, und sie
freuen sich an der reichen, roten Ernte. Er steckt ihr eine Kirsche in
den Mund, die so sauer, daß sie das Gesicht verzieht. Darüber lachen sie
beide. Jachl verspricht, nur noch mit süßen Kirschen zu kommen. --

Lieschen kennt Lüttersloh, aber nicht die weite Heide, auf die Jachls
Schnuckenstall gesetzt ist; sie wird es bald selber merken. Viele Tage
werden notwendig sein, um ihr die Herrlichkeiten zu zeigen, zwischen
denen sie nun wieder immer und immer leben darf. Berlin ist rascher
gezeigt, als die Heide. Teure Blumen gibt es dort wohl in Massen, aber
wer hat in Berlin solchen Haselbusch für sich allein oder solchen
Walnußbaum? Jachls Grasgarten ist eine Pracht. Wieviel Buntes blüht da
nicht je nach der Jahreszeit: Schneeglöckchen, Pfingstrosen, Studenten-
und Ringelblumen. Wenn im Rasen gelbe Butterblumen leuchten, wird Jachl
immer besonders lustig zu Sinn. Lieschen wird erst im Grasgarten
glauben, daß Berlin beim Vergleichen schlecht fortkommt. Jachl kann
sich kein Leben unterhaltsamer vorstellen, wie das auf der Heide. --

Pfingsten wird er einen Tag Urlaub erbitten und die Sache in Berlin in
Ordnung bringen. Oktober soll er aus der Heilstätte entlassen werden. Er
zählt die Tage. --

»Unser Paradepatient! Ist gar nicht mehr zum Wiedererkennen,« sagt der
Doktor, während er Jachl den fremden Ärzten präsentiert. »Der hat's
erreicht.« Dann redet der Doktor noch etwas von »geordneter
Nahrungszufuhr, wohltuender Wirkung körperlicher Bewegung, von gut
gelüfteten Schlafhäusern und von planmäßig in Angriff genommenem Kampf
gegen Tuberkulose«. Jachl hat das fremdländische Wort so oft aussprechen
hören, daß es ihm selbst ganz glatt, ohne Stottern, auch über die Lippen
geht. --

Kurz vor Pfingsten schreibt Lieschen endlich. Jachl traut sich gar nicht
den Brief aufzumachen. Gut, daß er allein beim Begießen ist; niemand
kann sehen, wie lange er das Papier zwischen den Fingern hin und her
dreht. --

Also mit seiner Reise nach Berlin ist es nichts. Lieschen muß ihre
Herrschaft in einen Badeort begleiten; sie bleibt lange fort, viele
Monate. --

Schriftlich möchte »es« Jachl nicht mit ihr abmachen. Er ist hierbei
mehr fürs Mündliche. Nach Pfingsten vergeht die Zeit wohl rascher.
Vielleicht bekommt er ein paar Tage im September Urlaub.

[Abbildung]

Ordentlich in die Glieder ist ihm der Schreck gefahren. Aber »was soll
man dabei tun?« -- --

       *       *       *       *       *

Zwischen den Genesenden der Heilstätte werden alle Gespräche jetzt zu
Plänen. Nur Worte wie: »Zu Hause, bei Muttern, Stellung, Arbeit,
Vorwärtskommen« sind zu vernehmen.

Der lange August versichert Jachl unzählige Male, »daß er viel zu schade
ist, um als Schäfer zu versauern.« Hundert Stellen kann er ihm in Berlin
besorgen. Kinderspiel! Bei der Figur!

Am frohesten ist der kleine Maler, daß er mit seinem Nachbarn zusammen
fortkommt. Solche Jungen wie Jachl hat er in Berlin nie kennen
gelernt. --

Jachl sagt wenig. Ich glaube, seine Seele bebt. Immer ist ihm, als
schiene ganz hell die Sonne.

Zuerst will er -- gleich wenn er ankommt -- in Berlin die
Verlobungsringe besorgen, aber nein, das geht nicht, er muß das Maß von
Lieschens Finger haben. -- Ganz elend ist ihm manchmal vor Freude und
Sehnsucht. Manchmal weiß er selbst nicht mehr, freut er sich am meisten
auf Lieschen oder auf die Schnucken. Es ist schwer zu unterscheiden.
Ordentlich wie Fieber ist es, aber mit der Lunge hat es nichts mehr zu
tun. -- Ja, die Schnucken! Ob die wohl einer vergessen kann, der mit
ihnen zusammen gewohnt hat, und der ihre Leiden und Freuden genau kennt?

Jochem, der nun schon so lange Jachls Schnucken in Behandlung hat, kann
eigentlich überhaupt nicht schreiben. Mühsam, sehr mühsam buchstabiert
Jachl aus den Zetteln, die von Zeit zu Zeit ankommen, was in »seinem«
Stall passiert. Immer bleibt der Schnuckenstall »seiner«. Dem würde er
schön grob kommen, der an diesen seinen Rechten zweifelte. --

Nun er heute allen Lebewohl sagt, gibt es ihm doch einen Stoß; einen
ganzen Tag hat er nur mit Bedanken zu tun. Schreiben wird er und nie
vergessen, wie gut hier alle waren, und immer so leben, wie er es hier
gelernt hat. Ja, das wird er. Darauf können sie sich verlassen.

Mit ihm treten zwanzig junge Menschen die Reise an; nicht nur die Fahrt
in eine andere Stadt, sondern gleich auch die Fahrt in die Mühsal des
Lebens. Alle sind frohbewegt, erwartungsvoll und siegessicher. --

Diesmal erscheinen Jachl die Häuser der Hauptstadt lange nicht mehr so
hoch, wie zur Zeit seiner ersten Ankunft. Er findet aber noch, daß der
Himmel zwischen den Dächern wie eingepfercht ist. Die breiteste Straße
kommt ihm luftlos vor. Vor Fleischerläden bleibt er zwar noch stehen,
aber nicht mehr sehr lange. -- Ganz ruhig betritt er eine Kneipe, als er
Hunger verspürt. Der kleine Maler hat Jachl in seine Schlafstelle
»eingeführt«. Erst am folgenden Morgen wollen sie nachsehen, ob Lieschen
wieder zurück ist. --

Geschrieben hat sie nicht mehr. Er wiederholt sich immer, daß sie im
Dienst schwer Zeit für Briefschreiben findet.

Ermüdet begibt Jachl sich am ersten Tage auf die Schlafstelle. Der
Unterschied zwischen dem schlechtgelüfteten, engen Raum und dem
Schlafhaus, das er so lange bewohnte, ist doch sehr groß. Nur die
unruhige Erwartung des nahen Wiedersehens, die ihm das Blut rascher als
sonst durch die Adern jagt, macht ihn unempfindlich gegen den Lärm, der
von der Straße hereinschallt und gegen das laute Sprechen in der Stube.
In ihm selbst mag wohl an diesem Abend der Lärm am größten sein. --

Ob auch ein Schäfer Nerven hat? Dieweil er ein Mensch ist: Ja!

Mein Jachl besitzt niemanden, der ihm Schreck und Kümmernis aus dem Wege
räumt. Nicht immer wird er in der großen Stadt aufrecht stehen. Manchmal
werde ich mich seiner ein wenig schämen müssen, obwohl ich verstehe,
daß ein trauriges Herz ein unguter Begleiter ist. --

An diesem ersten Abend in Berlin sind wieder nur die paar Worte in ihm:
»Von Lieschen hängt es ab -- von Lieschen hängt es ab.« --

Schliefest du doch recht lange, mein Jachl. Wann wirst du noch einmal so
erwartungsfroh erwachen wie am kommenden Tage?! --

Der kleine Maler ist pünktlich als Begleiter zur Stelle. Zuerst müssen
die nötigen Einkäufe für Jachls Verschönerung gemacht werden. Er selbst
wundert sich: ganz sicher geht er über die Straßen. Den Automobilen
weicht er ohne Furchtsamkeit aus. Im großen Warenhaus stellt er sich
beim Anprobieren seines Anzuges so gelassen vor den Spiegel, als habe er
von jeher auf diese Weise den Eindruck festgestellt, den er und ein
neuer Anzug hervorrufen. --

Der kleine Maler ist ein guter Führer. Schon früh gegen zehn Uhr sitzen
die beiden und stärken sich im großen Kaufhause. -- Jachl ist nun wie
ein richtiger Stadtherr angezogen, aber für den heutigen Besuch ist die
Verschwendung unbedingt nötig. --

Vor dem Haus: »Schaperstraße 24« verabschiedet sich der Maler. --

Joachim Bohn betrachtet erst jedes Fenster des Hauses, bevor er beim
Portier klingelt. Vielleicht putzt Lieschen gerade die Scheiben. Nein,
zu sehen ist sie nicht. Langsam steigt er die Treppen hinauf. Drei hohe
Stiegen. »Links«, hat der Portier ihm noch nachgerufen. --

»*Dr.* Marwitz«, liest Jachl. Er klingelt. Dauert es immer so lange,
bevor jemand öffnet?!

Endlich hört Jachl Schritte. Sie könnte es sein. Die Tür wird geöffnet.

»Ach, bitte, ich möchte zu Fräulein Lieschen.« Leicht lächelnd sieht das
Stubenmädchen Joachim prüfend an: »Ach, die -- die ist schon seit fünf
Monaten hier fort -- --«

Ehe Jachl noch etwas fragen kann, steht er vor der geschlossenen Tür. --

Nie ist ihm der Gedanke gekommen, Lieschen könnte die Stelle gewechselt
haben. Genau so arglos wie Großmutter Bohn scheint der Jachl zu sein.
Nur hatte sie es besser wie er. Sie brauchte sich nicht suchend aufs
Einwohnermeldeamt zu begeben; sie erfuhr nie, wie oft Trude die Stelle
gewechselt hatte, bis sie überhaupt mit »Stellenannehmen« fertig
war. -- --

Etwas Furchtbares ist ein Einwohnermeldeamt. So ruhig Jachl sich bis
dahin in Berlin bewegt hat, auf den langen Korridoren des
Polizeipräsidiums wird ihm doch ganz schwindlig. Zweimal muß der kleine
Maler, der noch vor dem Hause Schaperstraße 24 stand, als Jachl
herunterkam, erinnern, daß die Auskunft fünfundzwanzig Pfennige koste.
Dann sucht Jachl so lange in seinem Portemonnaie, als könne er nicht
mehr eine Mark von zehn Pfennigen unterscheiden. --

»Sie suchen Lieschen Müller?«

Der kleine Maler bejaht die Frage.

Minutenlanges Blättern.

»Lieschen Müller, zurzeit im Mütterheim, Akazienallee.« --

Erledigt! Fertig!

Jachl steht auf der Straße. Er hört nicht, was sein Führer redet. Er hat
so furchtbares Sausen im Kopf, als führen alle Autos geradeswegs durch
seinen Kopf, immer nur durch seinen Kopf.

Hin zu ihr muß er. Dabei ist nichts zu besinnen.

Gegen vier Uhr hat er sich bis zur Akazienallee durchgefragt. Der Weg
war lang. Jachl wünschte, er wäre noch viel länger gewesen. --

Ein ganz kleines Schild ist am Eingang angebracht. »Mütterheim« steht
darauf.

Die erste, die ihm auf dem Hofe des Gebäudes begegnet, ist Lieschen. Sie
trägt ein Kind auf dem Arm, das genau ihre Augen und ihre Nase und ihren
Mund hat. Sofort erkennt das Jachl, obwohl er eigentlich alles wie durch
Nebel sieht. --

In einen Winkel des Hofes sind sie getreten. Lieschen ist kalkbleich
geworden. Sie weiß nicht, was sie sagen soll.

»Es ist ja gar nicht sowas Schlimmes«, begehrt sie endlich fast zornig
auf. --

Wut, Schmerz, Eifersucht reißen an Jachl. Zorn übermannt ihn. Sein Arm
zittert. Er möchte die Hand heben und sie schlagen; er möchte sie
erwürgen. --

Das Kind schützt Lieschen. So viel Verstand hat er behalten: dem Kinde
will er nicht weh tun. --

Stumm, grollend stehen die alten Freunde einige Sekunden voreinander. --

Jachl hat gewußt, daß Mädchen Liebhaber haben, und daß sie Kinder
bekommen, aber Lieschen, sein Lieschen! Er fühlt, etwas Gefährliches
tobt in ihm. »Bin ich das denn? Wovon ist mir so rot vor den Augen? Nur
fort, hier fort,« denkt er.

Als habe er ein Verbrechen begangen, läuft Jachl davon. -- --

Herz, du weißt nichts von Schäfer und König. Du weißt nur von
Menschenleid und Menschenlust. -- --

Schon nach einer Viertelstunde verlangsamt Jachl seine Schritte. Nicht
lange, und er schleicht nur noch. In der Brust tut ihm etwas furchtbar
weh. Von einer Straße in die andere schiebt er sich ohne Ziel, ohne
klare Gedanken. --

Grelles elektrisches Licht erinnert ihn, daß der Abend längst
hereingebrochen sein muß. Ohne zu wählen betritt er eine Kneipe, einen
Keller, der laut Aufschrift bis früh acht Uhr geöffnet bleibt. An einen
langen Tisch setzt er sich neben halbtrunkene Männer.

»Jauersche und Kartoffelsalat«, hört er eine Stimme rufen.

»Mir auch«, schreit Jachl.

»Und 'ne Weiße.« --

»Mir auch«, wiederholt er.

Er ißt und trinkt, hört zu und trinkt, bis aller Jammer schwindet; nicht
nur schwindet, sondern einer hellen Lustigkeit gewichen ist. Von
Lieschen und ihrem Kinde weiß er bald gar nichts mehr. Was gehen die ihn
an? Da sitzt ja ein dralles Fräulein neben ihm; eins, das kaum siebzehn
ist, mit gekrausten roten Haaren und vielen Ringen auf den Fingern und
einem Mund, der so rot ist, wie Jachl noch nie einen Mund sah. Eine
weiße Bluse ist über ihre Brust gespannt; deutlich erkennt man rosa
Bändchen darunter und ein Hemd, das ganz mit Spitzen besetzt ist. »Wie
kommt solche Feine in'n Keller?« simuliert Jachl. »Und weshalb drängt
sie sich gerade an mich? Darüber muß man staunen! Schade, daß der kleine
Maler nicht mit hier ist, der wüßte sicherlich Bescheid zu geben.« --

Unsicher erinnert sich Jachl, daß er noch gestern in der Heilstätte
gewesen, daß er fest versprochen, alles Gute, was er dort gelernt hat,
weiter einzuhalten: schlechte Luft zu meiden und schlechte Gesellschaft
und Rauch und Hitze und Alkohol und noch viele, viele Dinge, auf die er
sich jetzt gar nicht mehr besinnt. Schon heute nicht mehr besinnt! --

Immer lustiger wird es in dem halbdunklen, von Fuseldunst erfüllten,
überhitzten Raum. Jachl hört Schimpfworte gemeinster Art. Taumelnde
Gestalten verlassen den Keller. Andere, auch taumelnd, fallen die Stufen
herab. Johlend erheben sich Männer, deren Gesichter dunkel gerötet und
schweißtriefend sind. Sekundenlang wundert sich Jachl immer noch, woher
er hier zwischen diesen sitzt. Dann aber hört auch das Wundern auf. --

Alle haben ein Mädchen am Arm. Sie streiten oder sie küssen. --

Mit vielen zusammen steht Jachl endlich auf der Straße. Er merkt, auch
er hat eine untergehakt; er glaubt, es ist die mit dem spitzenbesetzten
Hemd. Genau weiß er es aber nicht. --

Bezahlen kann Jachl nichts mehr. Die rote Jule hat ihm ihr gefülltes
Portemonnaie gegeben. Ist das schwer und dick! Er wiegt es bewundernd in
der Hand. »Weil du mir gefällst,« hat sie gesagt und ihm laut schmatzend
einen Kuß versetzt. »Sapperment,« lacht Jachl, »der schmeckt, der
schmeckt, so was gibt's bloß bei euch hier in Berlin.«

Für einige Minuten hat ihn die frische Luft klar im Kopf gemacht. Er
merkt, um die rote Jule beneiden ihn andere. »Ja, das ist Meine,«
schreit er, »mir gehört die.« Dabei stößt er mit den Ellenbogen um sich.
»Keiner ran -- keiner ran,« wiederholt er unzählige Male, ebenso
brüllend wie die anderen.

Die rote Jule streichelt ihn und versucht ihn zu beruhigen. Ihre
Freundinnen gönnen ihr den hübschen, starken Jungen nicht. Rasch stößt
sie einen schlafenden Kutscher an. »Heda, Männeken, 'ne Fuhre.« --

In weiche Polster sinkt Jachl. Zum erstenmal in seinem Leben fährt _ihn_
eine Droschke.

Wohin die schöne Jule mit ihm fährt, weiß er nicht. --

Erst am nächsten Vormittag, als er vors Haus tritt, studiert er:
»Körnerstraße«. Er dreht sich rundum. Wo ist er? In dieser Gegend war er
vorher nicht. Aber das ist ja alles egal jetzt. Wie gestorben kommt er
sich vor.

»Auf Wiedersehn« hat die rote Jule gerufen und ihn gestreichelt und ihn
geküßt und »Schatz« gesagt und »Liebster«. --

Er lebt also doch. Das ist gewiß. Aber krank ist er! An so viel Leid und
Liederlichkeit ist mein Jachl nicht gewöhnt. Nicht mal an seine
Schnucken denkt er. Gleichgültig sind sie ihm, ganz gleichgültig. Kein
bißchen Verlangen hat er nach ihnen. Er muß ja nun auch in Berlin
bleiben. Ja, das muß er. Geld zum Weiterreisen besitzt der Schäfer nicht
mehr. Schadet nicht. Ob Berlin oder Lüttersloh ist nun egal. Alles ist
egal, alles, alles. --

Schmunzelnd empfängt ihn der kleine Maler. Gar nicht erstaunt. Ja,
Berlin! Hat er nicht vorher gesagt, wie's da zugeht? Na, Rat zu schaffen
ist nicht schwer. Den neuen Anzug, ja, den müssen sie versetzen. In die
alte Kluft muß Jachl zurück. »'s ist kein Unglück; auf'n Leib bekommt
man schon wieder was,« tröstet der Freund.

Jachl, der allmählich wieder zu Verstand kommt, setzt eine
gottesjämmerliche Miene auf bei der Vorstellung an die rasche Trennung
von dem besten Anzug, den er im Leben besessen hat.

Tapfer steht der kleine Maler ihm in aller Not bei. Versetzt ist rascher
wie gekauft. Dann gehen sie in die Jägerstraße. »Mietskontor« heißt es.
Jachls große Figur gefällt. Nach zwanzig Minuten ist er angestellt,
oder, wie der kleine Maler es nennt, »verkauft«; so rasch geht alles,
daß Jachl gar nicht mehr zur Besinnung kommt. --

       *       *       *       *       *

Jachl heißt plötzlich nicht mehr Joachim, nicht mehr Jachl, er heißt:
Karl. Und Schäfer ist er auch nicht mehr, sondern Hausdiener. Schäfer
werden in Berlin nicht gebraucht.

Der kleine Maler versichert, Joachim habe das große Los gezogen:
Hausdiener mit Livrée in solchem vornehmen Hotel. Gleich möchte er
tauschen! Die Hauptsache ist aber, in Berlin muß einer »was vorstellen«.
Ja, und beim »Was vorstellen« kommt der kleine Freund nicht mit. --

Von früh bis spät hört Karl-Jachl seinen neuen Namen rufen. Immer
kommandiert ihn einer, manchmal gleich zwei. Er kommt sich nur noch wie
eine Schnucke vor; hier hat _er_ gar nichts mehr zu rufen, hier wird er
bloß immer gerufen. Am Abend ist er so müde, daß er sofort einschläft.
Während des ganzen Tages muß er sehr aufpassen, damit er nicht grob
angeschrieen wird. --

Zuerst war ihm immer, als habe ihn ein Schlag auf'n Kopf getroffen. Das
muß wohl vom Schreck im Mütterheim gekommen sein. Nach einer Woche ward
es besser. -- Nicht einmal so viel Zeit bleibt Jachl zum ruhigen
Überlegen. Und auch nicht so viel Ruhe; denn, was war die
Volksheilstätte gegen die Pracht, zwischen der Jachl jetzt zu arbeiten
hat. Seide und Samt, Gold und Silber, wohin er sieht. Seine Gedanken muß
einer dazwischen beisammen haben, sonst können sie ihn nicht gebrauchen.
An die vielen großen Spiegel überall im Haus muß man sich auch erst
gewöhnen. Und dann _die_ feinen Leute! Jachl gefallen sie gar nicht und
Berlin auch nicht, aber er weiß wohl, der wird ausgelacht, der das
eingesteht. In Berlin ist sich verstellen die Hauptsache, das merkt er
rasch. --

Nie wäre Jachl hier geblieben, hätte Lieschen nicht sein Leben ganz
verdreht. Er geht ja mit der roten Jule, das ist wahr, aber mit einer
gehen und an eine andere denken, das kann passieren. --

Manchmal kommt es Jachl so vor, als nähme einer, der nicht zu sehen ist,
jeden Tag einen großen Sandsack und schütte ihn über Berlin aus. Jedes
Sandkorn ist ein Kind oder ein Eingewanderter, und nachher soll jedes
Sandkorn allein aufpassen, daß es nicht in die Erde gestampft wird. Das
ist wohl dumm gedacht, aber wenn Jachl sich in Livrée noch so fein in
den Hotelspiegeln sieht, immer und immer fällt ihm das von den
Sandkörnern ein. -- Ja, auf der Heide! Da war er wohl eher etwas wie ein
festgewurzelter Baum!

Ganz leise haben sie sich wieder in ihn eingeschlichen, die Gedanken an
die Schnucken und an den Grasgarten und an die Heidewege und an die
schwarzen Machangelbüsche, an die braunen Farren, an die roten Eichen,
an die weichen Moosdecken, an die scheuen Rehe, an die Spitzmäuse und an
die bunten Schnirkelschnecken. Immer sind sie alle auch mit hier in
diesem feinen Hause. --

Das Beste im Hotel ist ein Landsmann, sogar einer, dem Berlin auch nicht
gefällt. Richtige Feiertagsstunden verleben beide im geheimen, wenn sie
von »ihrer« Gegend sprechen. Zuerst sehen sie sich immer ängstlich um;
sie wissen, gleich heißt es, einer ist ein Dummkopf, wenn er an Berlin
kein Gefallen hat. Dann aber beginnen sie. Schwatzhaft wie sonst nie
wird Jachl. Anfangs ist das Gespräch ein rasch sprudelnder Quell, dann
verlangsamt es sich, bis jeder mit einem müden Seufzer aufsteht.

»Jetzt, wie sieht es jetzt auf der Heide aus?,« sagt Karl-Jachl. »In
brennender Sonnenglut werden die Schnuckenwege liegen -- ein Mann wird
im Sonnenbrand am Heidemoor stehen und Torf stechen, er wird die
schwarzen Stücke zum Trocknen hoch aufbauen. Keiner ist wie hier in der
Nähe, der immerfort ruft.« Oder vom Wacholderfeld reden sie. Oder Jachl
schwärmt von den hellen Nächten, in denen es heller ist wie hier mit
allem elektrischen Licht. Und wie anders der Regen herabrieselt als
hier, wo er immer nur stört, und wo kein Mensch auf ihn gewartet hat
und Tag und Nacht ihn herbeisehnt und »Gott sei Dank« bei den ersten
Tropfen sagt und sich auch noch weiter freut, wenn er stundenlang wie in
Mollen von oben herabgeschüttet wird. Hier denken sie bloß an die
Kleider, die verdorben werden, nicht an den dürren Erdboden, der
getränkt werden muß. Ja, was wissen sie hier überhaupt von der Welt!?
Die Heide haben die wenigsten gesehen, und wenn sie sie sahen, konnten
sie sie wieder vergessen. Ja, wie _kann_ ein Mensch die Heide
_vergessen_? Er muß ja gar kein Herz haben. Vor den Schaufenstern, wo es
blitzt und blinkert, stehen sie, und das ist doch rein nichts gegen das
Silber des Wollgrases oder das Gold des blühenden Postes oder das
Kupferrot vieler Büsche!

Die beiden Hausdiener reden immer nur halblaut. --

Längst hat Karl-Jachl Geld genug zur Heimreise. Er wartet aber: eines
Tages könnte Lieschen kommen und nach ihm fragen, dann muß er doch da
sein. Je länger er hier arbeitet, je weniger böse ist er ihr. Hier
werden sie nun doch mal so -- die Mädchen. -- --

       *       *       *       *       *

Ein Glücksjäger bist du, mein Jachl, nicht, du Scheuer, du Reiner!
Hinter deinen Schnucken verstehst du herzulaufen, aber nicht hinter
deinem Glück! Was du auch tust, mir kommt es vor, du sähest in die
Wolken. Ja, und »in die Wolken sehen« ist ein unsicherer Glücksweg.

       *       *       *       *       *

Jeden zweiten Sonntag geht Karl-Jachl mit der roten Jule aus. Sie
schwärmt fürs Kabarett. Beim erstenmal traute er sich gar nicht richtig
hinein. Manche hatten ja gar nichts an. Was sie sangen und worüber alle
lachten, verstand er kaum. Aber schließlich gewöhnt sich auch ein
Schäfer daran. Das bunte, wechselnde Licht gefällt Karl-Jachl und die
Studenten- oder Soldatenlieder, bei denen zuletzt alle lustig mitsingen.

Am liebsten geht er in den Zirkus. Pferde, die sind was! Die lohnen
anzusehen. Hat er einmal einen freien Abend, so steht er auf der Galerie
im Zirkus und wendet keinen Blick von den Schulreitern. --

Das »nach dem Himmel sehen« hat Karl-Jachl sich abzugewöhnen versucht.
Wozu auch? Fabrikschlote jagen ihren Rauch in die Höhe; die langen
Häuserreihen verderben alles. Und dann ist der Weg auch vom
Stiefelputzen und Koffertragen bis zum Himmel _zu_ weit; so hoch kann
Karl-Jachl nicht sehen, so scharf seine Augen auch sind. --

Einige Monate ist Karl-Jachl sehr hinter Zeitungen hergewesen. Mit
einmal sind sie ihm ganz »über« geworden.

Politisches! Das geht ja, wenn es einer ordentlich versteht. Dagegen ist
nichts zu sagen. Aber sonst! Wozu steht alles drin von Zank und Mord
und Betrügerei und all den Schlechtigkeiten, die so leicht zum
Nachmachen sind? Damit mag Karl-Jachl lieber gar nichts zu tun haben.
Zuerst dachte er, sowas stehe nur selten mal drin. Ja, prost Mahlzeit!
Wie zum Bäcker Semmel gehören, so gehören in die Zeitung Mord und
Totschlag. Darum sieht er nicht mehr hinein. Und auch weil sie ein'n
immer zum Geldverschwenden bringt. Besser ist, wenn man gar nicht weiß,
wo es furchtbar billige Hosen oder Hüte oder allen möglichen Krims-Krams
gibt. Zeitunglesen kostet mehr Geld als einer glaubt.

       *       *       *       *       *

Wer meinen Jachl nicht kennt, der könnte ihm nicht mehr den Heidjer
anmerken. Er hat sogar aufgehört, sich, wie er es anfangs immerfort tat,
zu wundern. Er weiß, in Berlin kommen wohl täglich tolle Sachen vor. Was
erlebt er nicht allein in seinem Hotel, seitdem er nicht mehr _ganz
blind_ ist!

Aus der weiten Welt steigen sie ab; Damen sind dazwischen, die so fein
aussehen wie Prinzessinnen. Der Staat der roten Jule ist nichts dagegen.
Manche betrachten den Hausdiener in der hellblauen sauberen Uniform so
freundlich, daß Karl-Jachl das Blut in den Kopf steigt. Was haben sie an
ihm zu besehen? Einmal ist eine mit einem Grafen gekommen, die hat ihn
angesehen und gesagt: »Sie sind Ihrer Sprache nach wohl nicht aus
Berlin?« Karl-Jachl hat natürlich vor ihr stramm gestanden und ganz
stolz geantwortet: »Joachim Bohn aus Lüttersloh.« Da ist die Dame --
ganz jung ist sie nicht mehr gewesen -- wie Schnee geworden; aber
gefragt hat sie nicht weiter. Karl-Jachl wußte nicht, wodurch er es mit
ihr verdorben hatte. Am selben Abend sind der Graf und die Gräfin weg,
ganz plötzlich. -- (Karl-Jachl merkte schon oft, daß Herrschaften sehr
veränderlich sind.) Die Dame hat ihm einen Briefumschlag gegeben, als
sie klingelte, damit er das Gepäck herunterschaffe, ja -- und da hat sie
gesagt: »Behalten Sie das für sich« -- aber so undeutlich hat sie
geredet, daß Karl-Jachl fragen mußte, erst dann hat sie deutlich
wiederholt: »Für Sie.«

Ja, Karl-Jachl hat es längst gemerkt: Tolle Sachen passieren in Berlin.

Also in dem Briefumschlag haben fünf Scheine gesteckt, jeder ist 100
Mark wert.

Soviel Geld für gar nichts! Karl-Jachls Schreck ist nicht klein gewesen.
Große Damen haben wohl ihre Launen. Wenn sie nicht so plötzlich
fortgereist wäre, hätte Jachl sie angesprochen, weshalb sie _ihm_ das
geschenkt? Doch nicht weil er aus Lüttersloh ist? Erzählt hat er es
keinem. Wozu? In Berlin traut einer dem andern immer rasch Schlechtes
zu. Womöglich hätte man ihn noch für 'nen Dieb gehalten und in die
Zeitung gebracht. Beschwören kann Karl-Jachl: Das Geld ist ihm richtig
geschenkt worden. --

Wenn er zurück nach Lüttersloh kommt, will er mal rumhorchen, ob von da
eine Gräfin gebürtig ist. Kann wohl möglich sein. Von überall kommen
Barone und Grafen. --

In den gewölbten Truhendeckel hinter die heilige Genoveva steckt
Karl-Jachl die Scheine. Da sind sie sicher aufgehoben. Er gebraucht sie
nicht. --

Allmählich ist Berlin ja ganz leidlich und wäre zum Aushalten, wenn es
auf der Welt keine Heide gäbe. Aber wie der eine immer aufs Wasser will
und mit seinen Gedanken auf den großen Schiffen ist, so muß es Jachl
wohl in die Heide zwingen. Er kann nichts dafür. Und wenn Lieschen auch
das Kind hat, mit soll sie doch.

Gerade als Jachl beim Überlegen ist, wann er hier aufhören will, bekommt
er einen Brief von seinem früheren Dienstherrn. Der schreibt ihm:

»Lieber Jachl, Du bist so wie die andern auch und kommst nicht zurück,
aber ich will Dich fragen, ob Du als Oberschäfer hier bei mir annehmen
willst. Ausstehen tust Du nichts, das weißt Du. Hier sind die Schäfer
sehr knapp, ein ordentlicher Mann ist versorgt für Lebenszeit. Zu
Johanni geht meiner. Es grüßt Dein Dienstherr Klas Hinnerk.«

       *       *       *       *       *

Nun ist es also soweit. Karl-Jachl hat nichts erst zu überlegen. Er ist
mit sich einig: »Viele passen besser nach Berlin und manche besser nach
Lüttersloh.« --

Komisch ist es: Zweimal müssen sie ihn heut rufen: Karl! Karl! Für sich
selber heißt er schon in diesem Augenblick wieder nur noch: Jachl. Den
eigentlichen Namen nehmen sie einem in Berlin auch ohne viel zu fragen.
Das braucht sich wohl eine anständige Kreatur nicht gefallen zu lassen.

Noch zwei Wochen bleibt er in der hellblauen Livrée. Daß er nur den
einen Platz in Berlin gehabt hat, ist selbstverständlich. »Was nützt
verändern? Fehler sind überall, man weiß nie, was man eintauscht.
Schäfer sein, ist auch nicht immer ein Vergnügen. Was können einem nicht
die Schnucken zusetzen mit Bocken und Krankheit und dazu Wind oder Nebel
oder Nässe.«

Jachl weiß wohl, »alle soewen Johr ännert sik de Natur, aber nein, so
verändern kann sich seine Natur nicht, daß er je Verlangen nach Berlin
bekommt. Stadtmensch ist Stadtmensch und Heidjer ist Heidjer. Es ist
gut, daß wenige die Heide mögen! Was wäre sonst wohl für'n Gedränge auf
ihr.« --

Bald kommt Jachl hierher nicht zurück. Er sieht sich deshalb an seinen
freien Nachmittagen gründlich den »Zoologischen« an. Bis zur Dunkelheit
geht er herum. Am meisten staunt er über die vielen Sorten Schafe. So
verschieden hat er sie sich denn doch nicht vorgestellt! Bücher kauft er
auch noch, in denen man nachlesen kann von Rassen und Wolle und
Krankheiten, und wie man sie behandeln muß. Und dann ein Buch, das ganz
vollgeschrieben ist vom »Leben der Bienen«. Schäfer und Schäfer ist
nicht immer dasselbe. --

Erst zuletzt will er im Hotel von seiner Abfahrt erzählen. Lachen werden
sie nur und »dummer Schäfer« sagen. »Dumm! Dumm! Ja, wer ist denn
eigentlich der Dumme? Rasch ist das wohl gar nicht ausgemacht. In Berlin
halten sie sich ja für furchtbar klug. Wenn man aber ordentlich
hinsieht, dann findet man nicht viel, was sie von ihrem Klugsein haben.
Viele sind kränklich, viele haben kein Geld, viele Schulden, liederlich
sind viele, und die, die ordentlich sind, müssen sich furchtbar quälen,
wenn sie weiter kommen wollen. Jachl weiß, weshalb er nicht in Berlin
aushält: Zu viel Ungerechtes muß der Mensch da hinnehmen oder mit
ansehen. Auf der Heide ist mehr Gerechtigkeit und weniger Gerede und
Großtun.«

Stillvergnügt lächelt er. Ihm ist bei seiner Dummheit wohler, wie denen
bei ihrer Klugheit.

Wenn bloß die Sache mit Lieschen erst richtig im Gang wäre. Wohl
hundertmal wollte er hin zu ihr, aber vor lauter Angst ging er nie.
Angst wovor? Ja, das kann er selber nicht sagen. Er ist ihr furchtbar
gut, und doch traut er sich nicht hin zu ihr. Das muß wohl von der Liebe
kommen. Immer wurde er ganz kopfschwach, weil sein Herz toll zu klopfen
anfing, so oft er mit ihr zusammen war. --

Jetzt kann er es aber nicht länger aufschieben. Hin zu ihr muß er,
gleich heute, nun er nicht mehr Karl ist, sondern schon Jachl, Jachl,
der Schäfer! --

Wieder sucht er Lieschens Adresse auf dem Einwohnermeldeamt. Diesmal
blättert der Beamte länger als das erste Mal, bevor er fragt:
»Verehelichte Schütze?« Und hinzusetzt er: »Hören Sie denn nicht?«

Jachl schluckt, bis er leise herausbringt: »Kann wohl sein.« --

So dunkel ist ihm noch nie vor Augen geworden. Aber, daß er in die
Ackerstraße gehen muß, das steht fest. Ohne Lieschen nochmal gesehen zu
haben, kann er doch nicht abfahren. --

       *       *       *       *       *

Fünf Treppen hoch, dicht unterm Dach wohnt Frau Schütze. Laute Stimmen
sind zu hören. Jachl klopft. Ein halb Trunkener reißt die Tür auf. In
eine enge, halb dunkle Kammer tritt er.

Wieder hat Lieschen ein ganz kleines Kind auf dem Arm. Ein zweijähriges
hockt am Boden. Ihr Mann zankt weiter, er schimpft »auf das fremde
Biest, das er mit satt machen soll«. Gleich aber wirft er sich auf den
Strohsack und schnarcht schon nach einigen Minuten laut.

Leise streichelt Jachl Lieschens Arm; am liebsten streichelte er sie
immer weiter und sagte gar nichts. Aber ohne Reden geht es doch nicht.
Beide stehen dicht nebeneinander vor der Dachluke. Lieschen erklärt, daß
es zu schwer gewesen allein mit dem Kinde, daß sie kränklich war und
nicht mehr ordentlich hat verdienen können. Und egal sei ihr auch alles
gewesen, weil Jachl nie mehr was hat von sich hören lassen. Zu wütend
ist er damals weggestürzt. -- Ihr Mann war nicht immer »so«. Erst
seitdem er arbeitlos geworden, trinkt er. Zuerst ging alles ganz gut.
Sie haben eine ordentliche Wirtschaft anschaffen können. Maurer
verdienen nicht schlecht, wenn sie Arbeit haben. Nur mit Matten, dem
Jungen, fing bald der Ärger an; den Matten kann der Mann nicht
ausstehen.

Während Lieschen das alles erzählt, hebt Jachl den Jungen auf.
Zutraulich greift ihm der gleich nach der Nase.

Jachl ist noch immer nicht für viel Worte, er hat sich darin auch in
Berlin nicht verändert.

»Ja, denn gib ihn mir man mit, Lieschen; da ist gar nichts bei zu
besinnen.« --

       *       *       *       *       *

Zusammen gehen sie die Treppe herunter. Lieschen schluchzt. Das Kleinste
übergibt sie einer Nachbarin. Für den kümmerlichen Matten ist es wohl
Glück, aber auch Glück kommt -- besonders für Mütter -- oft wie Schmerz
und ist nicht immer gleich zu erkennen. --

Lieschen hat ihren Jungen auf den Arm genommen. Zwischen vielen Menschen
kommt er auf seinen eigenen Beinen schlecht vorwärts. Jachl geht wie ein
richtiger Ehemann neben ihnen.

Bis zum Abendzug kann er noch viel besorgen. Er will gleich noch heute
fort. Wohin sollte er hier mit dem Kinde? Und für Lieschen und ihn ist
langes Hinziehen unklug. --

Zuerst gehen sie in ein Warenhaus und kaufen Matten ein bißchen Zeug.
Lieschen muß sich auch ein fertiges Kleid aussuchen. Jachl besteht
darauf.

Was hätten sie sich alles zu sagen! Wochen würden nicht ausreichen. Aber
in solchen Stunden ist Reden das Schwerste. Zwischen Klugen und Dummen
hört da jeder Unterschied auf. Allen liegen Steine auf den Herzen und
Schlösser vor den Lippen, und die schöne Zeit geht unbenützt vorüber. --

Ohne es erst zu verabreden, bleiben sie bis zur Abfahrt beisammen. Viel
Stunden sind es nicht. Eine Woge, die ihm fast Schwindel verursacht,
geht Jachl durch die Brust. -- --

Lieschen kniet vor der altersgrauen Truhe. Sie packt alles schön
ordentlich zusammen. Die heilige Genoveva klebt so fleckenlos im Deckel,
als habe sie nicht schon vor Jahren Jachl auf die Reise ins Leben
begleitet. Aber mit dem schönen Spruch: »Fürchte dich nicht, glaube
nur!«, der auch noch unbeschädigt im Deckel befestigt ist, mit dem hat
es doch nicht seine Richtigkeit gehabt. Der Vers ist mehr für den Himmel
geschrieben, als für die Erde. Und für Berlin überhaupt nicht.

Später sitzen sie einsilbig in einem Gasthaus nebeneinander. Essen muß
der Mensch. Eisbein und Sauerkraut ist doch Lieschens Lieblingsgericht.
Ein gehäufter Teller steht vor ihr. Es schmeckt ihr aber nicht. Die
mitgeschluckten Tränen drücken zu sehr auf den Magen.

Um sechs Uhr sind sie am Bahnhof. Wieder viel zu früh; genau wie damals,
als Lieschen die Fahrt nach Lüneburg antrat. Jachl hat Lieschens Hand
genommen. Angefaßt mit ihr zu gehen, war ja immer sein höchster Wunsch.
Fest hat sie seine Finger umklammert.

»Wenn die Zeit doch nicht so rasch herum wäre.« Nur das können sie
denken. Haben aber Denken und Wünschen schon je einen Zug aufgehalten?
Auch der für Jachl bestimmte braust unbarmherzig heran. Zwei Hände
fallen auseinander -- schwer und langsam -- --

Rasch ist ein Abteil gefunden. Lieschen langt Matten hinein. Noch einmal
steigt Jachl aus und küßt ruhig die Frau, die, fast so lang er denken
kann, zu ihm gehört, und die doch nie wirklich sein gewesen. --

       *       *       *       *       *

Fahrplanmäßig geht alles weiter -- auf Bahnhöfen und im Leben. --

Kerzengrade sitzt Jachl all die Stunden auf der Bank. Matten schläft in
seinem Arm. Er darf doch Matten nicht stören. Vom Kinderpflegen hat
Jachl bisher nichts gelernt, deshalb stellt er sich nicht gerade
geschickt an.

Ganz steif sind seine Glieder, als der kleine Schläfer sich endlich
regt. Ordentlich recken muß er sich und strecken, bevor er die Knochen
wieder in Ordnung bekommt. --

Die letzte Fahrstunde bringt Jachl stehend am Fenster zu. Alte Häuschen
tauchen auf; kleiner und grauer scheinen sie geworden, aber so
lichtumflutet liegen sie da, als wolle die Natur ihn feierlich empfangen
und beweisen, daß vor ihr Unterschiede nicht bestehen. -- --

»Vater!«

Jachl hört's und hört's doch nicht.

»Vater!« --

Fast erschrocken dreht er sich um. Daran hat er gar nicht gedacht, daß
er wohl nun der Vater ist. Rasch verwandelt sich sein erstes Fühlen in
Dank. Er drückt Matten einen Augenblick fest an seine Brust. »Wir wissen
nu beide, wohin mit uns, mein Jung'; wir haben nu 'nen Platz für alle
Liebe.« Um sich gleich wie ein erfahrener Vater einzuführen, fragt Jachl
seinen Sohn: »Kannst du reiten?« (Etwas Besseres fällt ihm nicht gleich
ein.) Schnell hebt er Matten auf seine Kniee und läßt ihn reiten, bis
sie beide ganz außer Atem kommen.

Die letzte Haltestelle ist erreicht. Jachl übergibt einem Fuhrmann seine
Sachen, nimmt den Kleinen an die Hand und wandert mit ihm auf
wohlbekannten Heidewegen weiter. --

       *       *       *       *       *

Der Schäfer weiß: Manch einer wird fehlen, der dahin gehen mußte in den
Jahren, während denen er in der Fremde gewesen ist. Aber der kleine
Heidefluß hier, neben dem sie eben schreiten, der ist ebenso
still-fröhlich geblieben wie früher. Und gegen den rosigen Schein, der
gerade auf den Heidbergen liegt, kommt keine Illumination auf, wenn sie
in Berlin auch eine Menge Geld dafür hingeben. --

[Abbildung]

Jachl, der doch selten für viel Worte war, muß von der Heimatluft wie
betrunken sein; er redet an diesem Morgen zu Matten, als könne er ihm
nicht eilig genug von allem erzählen, was die Heide für sie beide in
Bereitschaft hält.

»Gewiß, wir sollen hier nur geringe Leute sein, Matten, aber du sollst
mit der Zeit selbst sehen, wo die Geringen sind; zu vielen Vergleichen
wirst du aber nicht kommen, denn du bleibst ja hier bei mir -- du und
ich gehören nun doch zusammen. Gut sollst du's haben, Matten. Ich bin so
leidlich geworden, ja, das bin ich; aber du mußt anders werden, ganz
anders, dafür bin ich da; ich weiß jetzt auch, was 'nem Menschen guttut
an Ordnung und Reinlichkeit und wie er sich benehmen soll. Wenn zu uns
Leute aus der Stadt kommen, sollen sie sich wundern, wie du hier
zwischen die Schnucken kommst.«

Matten verstünde nichts von diesem allen, auch wenn er aufpaßte. Das tut
er aber gar nicht. Er ist mit den Gräsern und den Blumen und den Moosen
beschäftigt, die er am Boden sieht. Sonst ist er auf harten, kahlen
Dielen in lichtlosen Hofräumen herumgerutscht. Wie sollte er hier nicht
gucken und lachen und mit beiden Händen in die Luft greifen, so oft er
in die Höhe sieht. Das Helle droben, das will er sich herunter holen.
Jachl begreift's und lacht auch und möchte ebenso nach dem Hellen
fassen.

»Ja, Matten, greif du nur in die Luft. So viel Luft hast du doch in
deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Recht hast du zu lachen, ganz,
ganz laut zu lachen, mein Jung'. Von allem Bösen sind wir jetzt fort.
Solche Jungen wie dich machen sie in der großen Stadt krüpplig. So oder
so! Nachher kommen sie mit ihrem »Kinder-Rettungsverein« und tun sich
groß, aber was sie vorher alles ruhig geschehen lassen, davon reden sie
nicht. Hier haben wir Frieden und Segen und Gesundheit für dich. Und
reich sind wir auch, Matten, dir kann ich's anvertrauen: Fünf blaue
Scheine haben wir. Mit der Zeit bauen wir uns ein kleines Häuschen, ein
blitzblankes Häuschen neben unserm Schnuckenstall. Mitbauen mußt du
helfen, Matten, dabei kann ich dich nicht schonen. Für das ganze große
Hotel mit allem Gold und Silber tausch' ich es nicht ein, unser
Häuschen. Hör' doch ein bißchen zu, mein Jung', was Vater red't -- --«

Jachl sagt's, aber in Wahrheit verlangt er gar nicht, daß Matten
aufpaßt. Was kümmert es einen Trunkenen, ob ihn jemand anhört! Jachl
wird weiter reden, bis sein glückseliges Herz zur Ruhe kommt und rasch,
ach zu rasch veratmet ja solch bißchen Glückstrunkenheit.

»In die Schule wirst du müssen, Matten, das gehört sich, aber wir haben
ja noch ein paar Jährchen Zeit. Immer will ich dir ein Stückchen Weg
entgegenkommen. Die Schnucken müssen auch mit. Und wenn du nachher
sagst: Lehrer möcht' ich werden, Dorfschullehrer, werd' ich's überlegen.
Ein bißchen hoch hinaus, das schadet nicht. Und das sag' ich, Matten,
solch Prämienblatt wie Vater, das mußt du Ostern auch immer mitbringen
und es ganz von weitem auch durch die Luft schwenken, und eingerahmt
soll es werden, nicht bloß so angeklebt an der Wand hängen, wo
Fliegenschmutz und Staub drauf sitzen. Und, Matten, diesen Sonntag gehen
wir in die Kirche; mir ist so nach Betenmüssen. In Berlin ist der liebe
Gott viel weiter weg; -- ich weiß ja, daß das Unsinn is, und es kommt
Vatern bloß so vor, ja, das weiß er, aber hin wollen wir, Matten -- du
brauchst nicht bloß allein einen Vater -- ich auch.«

Die Stille und der Duft der Heide treiben Jachl in diesen Minuten nur
immer stärker in einen seltsamen Rausch hinein. So leicht und frei hat
er sich noch nie gefühlt. Wie kann ihm so wohl sein ohne Lieschen? Die
schmerzliche Sehnsucht ist nicht mehr in ihm. Vielleicht kommt sie
wieder, die Sehnsucht. Wie soll er das wissen? Aber heute, heute ist sie
verflogen.

Wohin, mein Jachl, wohin ist sie verflogen?

Mit der Hand beschattet er wieder und wieder die Augen, um deutlicher
erkennen zu können, wenn eine wohlbekannte Kuppe in der Ferne
emportaucht oder eine Waldeswand, deren Bäume sich wohl doch nicht wenig
verändert haben. Breiter und höher sind sie geworden, grad wie der
Schäfer. Aber dieselben sind sie doch geblieben; bei ihnen ist es bloß
von außen, das Verändern.

So oft Jachl Verändertes sieht, sagt er dasselbe, nein, er ruft es:
»Matten, Matten, haben wir es gut! In Berlin kommt einer beim Verändern
selten gut fort. Zum Bessern verändert er sich nich, mehr zum Schlechten
bei allem Zeitungslesen und Großtun und Geldverbrauchen und Nichtshaben.
Matten! Matten! Um uns brauch' sich keiner mehr zu ängst'gen.« --

       *       *       *       *       *

Genau wie Jachl bei der Trennung von der Heide unglücklich gewesen ist,
obwohl keiner da war, dem der Abschied von ihm schwer wurde, so ist
heute niemand da, der seine Seligkeit mitempfindet. Kein Mensch. Das ist
wahr. Aber an Menschen hat Jachl auch gar nicht gedacht, so oft seine
Gedanken nach Hause flogen. Zu Hause ist er unter diesen zitternden
Zweigen, die verlangend nach ihm zu greifen scheinen, wie Mutterhände.
Und sonst hat er hier noch hundert »zu Hause«, ohne Vater oder Mutter
oder Geschwister. --

Zuerst ist Jachl ganz langsam gegangen. Jetzt plötzlich hebt er seinen
Jungen auf, um rascher weiter zu kommen. Nicht wegen Klas Hinnerk, dem
Dienstherrn, hat er Eile, dem kommt er früh genug auch eine Stunde
später. Und die Schnucken können auch noch ein bißchen warten. Nur
Freude jagt ihn; zu sprechen hat er aufgehört. Ein paar Minuten hat er
flöten müssen. Auf der Heide ist niemand, der Flöten verbietet. Nach dem
Flöten ist das Singen gekommen und dann -- das Schweigen.

Hügelauf, hügelab gehen sie. Jedesmal, wenn sie aufwärts steigen,
scheint es Jachl, als käme er seinem Himmel wieder ein wenig näher.

Mit dem Himmel ist es ja wohl immer nur Einbildung, aber -- wer an ihn
glaubt, der hat ihn. --

[Abbildung]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Schäfer - Eine Geschichte aus der Stille" ***

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