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Title: Flöten und Dolche - Novellen
Author: Mann, Heinrich
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Flöten und Dolche - Novellen" ***

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  [Transcriber's Note:
  The original was typeset in German Fraktur. Text that was s p a c e d - o u t
  has been changed to _italics_. Double quotation marks have been encoded as
  » and « and single quotation marks as > and <, respectively.]



Heinrich Mann

Flöten und Dolche

Novellen


Albert Langen
Verlag für Litteratur und Kunst
München 1905



Inhalt

                                     Seite
Pippo Spano  . . . . . . . . . . . . .   7
Fulvia . . . . . . . . . . . . . . . .  89
Drei-Minuten-Roman . . . . . . . . . . 111
Ein Gang vors Tor  . . . . . . . . . . 123



Pippo Spano

   Semblable à ces criminels d'autrefois, qui, poursuivis
   par la justice, étaient sauvés s'ils atteignaient
   l'ombre d'un autel, il essayait de se glisser dans le
   sanctuaire de la vie. (La Peau de Chagrin)



I

Die Komödie


»Und verratet mich nicht,« sagte Mario Malvolto zu seinen zwei Freunden.
»Laßt sie glauben, ich käme zurück.«

»Du kommst nicht?«

»Ich muß nach Hause. Ich habe Kopfschmerzen . . . Nein, ich will euch
gestehen, ich muß allein sein.«

»Deinen Triumph überdenken. Gute Nacht, glücklicher Dichter.«

»Schlafen wirst du kaum.«

»Wer weiß. Gute Nacht.«

Die andern gingen hinein. Mario Malvolto stand noch einen Augenblick oben
an der Treppe. Hinter ihm verhallte das Bankett zu seinen Ehren. Links und
rechts neigten sich tief zwei Lakaien voll goldener Schnüre. Er hielt seine
schmächtige Gestalt ganz steif und schritt hinab, über den blassen, dicken
Teppich, zwischen den vergoldeten Geländern.

»Diese Eitelkeit muß ausgekostet werden,« dachte er dabei. »Drinnen
arbeitete ich zu sehr an meiner Rolle. Jetzt beherrsche ich das Erlebnis.«

»Wohin fahren wir, Herr Malvolto?« fragte der Kutscher.

»Nach Settignano.«

»Warum fragte denn der. Meinte er, ich fahre jetzt noch zu Mimi? O Mimi, du
hinundherwehendes Seidenfähnchen! Bald flattert es dem um den Hals, bald
jenem. Ich hab' es geküßt, so oft an mir die Reihe war, habe sogar
Abenteuer hineingestickt. Ja, Mimi, kleine Kokotte mit flüchtigen Impulsen,
aber ohne Spur von Größe in deiner Sinnlichkeit, ich habe dir
Leidenschaften angedichtet, habe sie zu meiner eigenen Genugtuung, aus
Eitelkeit, aus Sehnsucht, deinen ganzen Lebenslauf entlang aufgestellt, wie
Puppen, die große Gebärden schleudern. Du warst nur ein Mädel. Adieu, Mimi.

Wir wünschen mehr, wünschen Stärkeres. So etwas wie Mimi läßt sich noch
neben einer Tragödie her lieben. Es nimmt so wenig Herz ein. Meine Tragödie
hat heute abend gesiegt. Ja, ich werde stark. Aber es heißt von den kleinen
Genugtuungen ganz frei bleiben, die schwach erhalten, und die Der
verbietet, der in meinem Zimmer über seine eiserne Schulter hinweg mich
herausfordert!«

Nahm dieses enge Florenz kein Ende? Es verlangte ihn auf einmal heftig nach
der Luft von seinen Hügeln, nach der von Öllaub durchschimmerten, von
Lorbeer gewürzten Luft, die ihn bitter und sanft auf den Mund küßte. Die
Gassen ließen noch immer ihr nächtliches Echo klappern. Der Schatten von
Pferd und Kutscher stieg die Mauern hinauf und hinab. Dann lichteten sich
die Vorstadthäuser. In die ersten Gärten tauchte das Mondlicht.

»Ich habe den Hügel dort hinten erobert, der mein Haus trägt. Und nicht
bloß ihn -- alle diese Hügel hab' ich erobert.«

Seine Hand formte in der Luft einen Halbkreis; sie glitt über das entfernte
Bild eines Hügels, wie über eine Frauenbrust.

»Dies ganze Land, alle seine Städte, jedes Haus, bis auf das letzte, hab'
ich erobern müssen. Denn mir gehörte keines. Kein heimlicher Feldweg in
keinem Winkel des Landes kennt mich von meinem Anfang an. Bedenke das
heute. Du bist auf dem Meer geboren, von einer Mutter aus fremdem Volk.
Deine tragische Kunst hat um dieses Land, um jede seiner Ackerfurchen
geworben, wie ein sehnsüchtiger Pilger im Kettenhemd, der aus Inbrunst Blut
vergießt.

Jetzt hab' ich Fuß gefaßt. Jeder in Italien weiß, in welchem Dorf und auf
welchem Tisch das Blatt Papier liegt, das ich mit Zeichen bedecke. Heute
Nacht sind die Besiegten an mir vorübergezogen, ein ganzer Theatersaal, von
mir unterworfen. Was habe ich zu vermerken? Elf Hervorrufe. Die Worte der
Königin. Den Händedruck des Grafen von Turin. Dann das Bankett. Die beiden
Deputierten, das Telegramm des Ministers. Der Bürgermeister redet. Die
Kollegen helfen sich mit Ironie. Was noch? Nichts; keine Frauen beim
Bankett. Keine Frauen -- was bleibt von allem also übrig.«

Aus dem Wagen gelehnt, das Kinn in der Hand, sah Mario Malvolto zu, wie die
Blütenbäume weithin in bleichem Lichte schwammen. Vor Ponte a Mensola
meinte er einen Augenblick einen zweiten Wagen zu entdecken, dem seinigen
voraus, in der Höhe. Er war gleich wieder verschwunden. Das Verdeck war
aufgestellt gewesen. Der Kutscher hatte nichts gesehen, und wer sollte die
Nacht auf der Landstraße verbringen.

»Ob sie's eigentlich wissen, die Frauen, daß alles im Grunde nur für sie
geschieht? Manche tun, als ob sie an den Geist glaubten -- an den Geist,
das hilflose Kind, das ohne unsere Sinne nicht stehen und gehen kann. Wir
haben nur unsere Sinnlichkeit; und wem gilt die, wie heißt ihr höchster
Preis? O, eine Sitzung am Schreibtisch ist verschwendetes Werben um die
Frau, eine durchdichtete Nacht ist eine fruchtlose Liebesnacht. Ob sie's
wissen? Was frag' ich. Ihr Mißtrauen gegen das Talent lehrt mich genug, und
ihre Vorliebe für den Dummkopf, der nur ihnen gehört, und nicht dem Buch.
Die Frau und das Buch, das sind Feinde.

Ein Dichter von zwanzig Jahren, ich kann mich entsinnen, hat ihnen zu viel
zu sagen -- darum schweigt er linkisch; sucht zu viel Leidenschaft -- das
ist den Wesen unbequem, die keinen Rausch kennen als den der Eitelkeit. Ich
habe damals von jeder einzelnen geträumt, so viele in einem Salon saßen,
oder in den Wagen beim Korso. Mit fanatischer Entschlossenheit und fürs
Leben hätte ich mich der zu Füßen geworfen, die mich erkannt hätte. Sie
sind nicht so dumm. Keine einzige fühlt sich berufen, unsere
neurasthenischen Überreiztheiten zu trösten. Sie gesellen sich niemals
unsern einsamen Verfeinerungen, sondern unfehlbar dem wohlgelungenen Typus.
Den erhalten sie, das ist ihre Bestimmung. Sie lassen es, unwissend über
ihre Funktion, geschehen, daß wir schönen Krankhaftigkeiten uns an ihnen
zugrunde richten. Sie aber sind von der Menschheit das Unverwüstliche. Und
ich bete sie an, weil ich die Kraft anbete!

Mitten aus meinen Schüchternheiten heraus entführte ich mich damals
plötzlich -- mich, und die kleine Prinzessin Nora. Was für eine
Überraschung! Ein Hauslehrer von unbedeutender Gestalt, dem die Damen nicht
einmal ein Paket zu tragen gaben! . . . Ich hatte sie durch eine Tat der
Verzweiflung alle auf einmal erniedrigt. Eine entführte Prinzessin
Gallipoli -- wer war die, vor der ich noch die Lider zu senken brauchte.
Ach, ich behielt trotzdem immer die Neigung, zu Boden zu sehen. Jede
Frechheit bei Frauen ist mir seither gelungen; aber zu jeder habe ich mich
zwingen müssen.

Man wirft mir Unzartheiten vor, etwas Schlimmeres als Frechheiten. Ein
Klubmann hat sich geweigert, sich mit mir zu schlagen, und ein Ehrenrat hat
ihm recht gegeben. Die Toren, wie könnten sie ahnen, daß meine Unzartheiten
aus meiner Furcht vor der eigenen Zartheit stammen. Ich leide an zu viel
Verstehen, zu viel Bedenken, zu viel Voraussicht des Jammers der andern.
Ich habe ganz das Zeug, als Besiegter zu enden. Welche Selbstvergewaltigung
hat es mich gekostet, die kleine Prinzessin Nora sitzen zu lassen, entehrt,
deklassiert. Noch heute, wenn ich ihr in Rom in der hohen Halbwelt begegne
-- ich spüre etwas wie Angst . . .

Hab' ich nicht oftmals Angst wegen Tina, der großen Tragödin, die an mir
leidet?«

Mario Malvolto warf sich in den Wagen zurück, er spähte erregt nach der
Höhe des fernen Berges, wo dem Mondgrau weiter Laubwellen mondgrau ein
Schloß entstieg. Ein Licht, ein kleines, bohrendes, schwälendes Licht stak,
ähnlich einem Gedanken, hinter einer Baumkrone und verwandelte sie in eine
rötliche Wolke.

»Wo in der Welt wacht sie jetzt? Wie lange schon bin ich ohne Nachricht. Es
ist schlimm diesmal, da sie sich geweigert hat, heute abend die Schöpferin
meiner Arachne zu sein. Habe ich ihr einen Schmerz zugefügt, den ich nicht
von ihr empfangen hätte? Wer ist so kundig im Leiden und im Leidenmachen
als wir beide. Wir wissen, daß wir nirgends so arbeiten, daß wir nie so
große Künstler sind, wie beieinander, durcheinander. Und trotz aller
Verwünschungen, aller Erschlaffung und allen Hasses stürzen wir immer
wieder aufeinander zu. Es gibt in der Welt keine Komödie wie unsere Liebe.
Hinter allen unseren Leidenschaften, wilden Gestalten, die von unserm Leben
brennen, lauert die Kunst, ein zweifelhaft lächelnder Kulissenmensch,
gierig nach Wirkungen für eine neue Rolle.

Von Zeit zu Zeit ertappt einer den andern darauf, daß er nur Komödie
spielt. Und plötzlich bricht bei beiden der Ekel aus, und wir prallen
auseinander. Aber vier Monate später erscheinen wir wieder bei der Probe.
Das ist Berufsangelegenheit. Von Liebe hat das nichts -- nichts von der
Liebe, für die man als Jüngling die arbeitsamen Nächte durchwacht, um
derentwillen man den Ruhm ersehnt. Denn ich möchte wissen, wozu der Ruhm
dient, wenn er nicht Liebe einträgt . . . Ach, er ist Phantom wie sie. Er
entweicht immer weiter, je hastiger man auf ihn zuläuft. Als ich ganz
unbekannt war, hatte er Körper; ein König, der den goldenen Kranz schwang.
Seit ich ihn Fetzen um Fetzen erkauft habe und genau weiß, wie er
hergestellt wird -- was kann er mich noch fühlen lassen. Der Ruhm ist ein
von mir weithin ausgestreuter, glänzender Irrtum über meine Person. Er gilt
einem, der nicht ich bin. Über mich darf die Wahrheit keiner wissen.

Man muß sagen: Dieser Malvolto behandelt Weiber und Leben mit einer
Entschlossenheit -- etwas anrüchig ist er. Er ist ein stählerner
Daseinskämpfer, das ist auch die Seele seiner Kunst. Die Größe und die
Kraft der Rasse ist auferstanden in einem Dichter. Man sieht, auch in einer
schmalen Brust können sie sich erheben. Die Renaissance ist, zum Angriff
bereit, zurückgekehrt . . . Das muß man sagen, und darf nichts ahnen von
meinen schwarzen Ängsten, von der Demütigung, die mir jede Frau, jedes
große Kunstwerk, jeder gesunde Mann zufügt; nichts davon, daß ich für eine
meiner Seiten, worin das Leben rauscht mit reichem Blut, halbe Tage
seelischen Jammers und hygienischer Übungen bezahle. Ich will nicht, daß
man es ahne. Es steht wohl hinter jeder vollendeten Schönheit der Schmerz
und hat noch den Meißel in der Hand. Sollte ich nicht stolz sein?

Ich fühle den melancholischen Stolz auf ein Werk, das nicht die Kraft
schuf, sondern nur der Wille zu ihr; auf ein Leben ohne wahre Stärke, das
nur sehnsüchtiger Drang in die Höhe reckt, wie eine Niobe ihre Arme. Ich
sehne mich am Schlusse von allen, die ich gehabt habe, noch heute nach der
Frau. Ich träume noch von ihr wie mit zwanzig Jahren -- nur hoffnungsloser.
Denn ich habe sie inzwischen erprobt, und daß sie nie die Gefährtin des
Komödianten ist. Sie ist mir zu ähnlich, was hätte sie mir zu bieten, oder
ich ihr. Sie will selber Applaus. Sie will mit Leidenschaften bezahlt
werden: -- mir ist sie zu teuer. Ich brauche meine Gefühle, um sie den
Leuten vorzuspielen. Ich muß an meiner Seele sparen, damit andere sich mit
ihr berauschen können. Je mehr ich Leben austeile, desto ärmer muß mein
eigenes werden.

Die seltenere Frau aber und die wahre -- sie, die sich einfach hingibt, in
unbedachter Leidenschaft; die an nichts zweifelt, nichts verlangt, keinen
Beifall, kein Martyrium; die all ihr Leben zusammenrafft, um es ohne ein
Zaudern, ohne ein Besinnen auf Welt, Ruf, Zukunft in meines zu werfen, mich
reich zu machen, durch mich zu atmen und mit mir unterzugehen: natürlich
gibt es sie für mich nicht. Träte sie auch leibhaftig in meine Tür, das
Wunder wäre unvollständig. Denn in mir, in meinen Tagen, hätte sie nicht
Raum: nicht sie selbst, die zu groß, zu stark wäre; nur die Sehnsucht nach
ihr!

Hab' ich sie heute abend wieder begehrt, auf der Bühne, durch das Loch im
Vorhang, hinter dem mein Platz ist! Hab' ich sie alle begehrt!«

Mario Malvolto legte den Kopf in den Nacken, stöhnte und schaute tief in
den bleichen Fluß der Sterne.

»Ich kannte fast alle. Ein paar hatte ich besessen, einige andere könnte
ich haben. Wozu. Soll ich sie zu meiner sentimentalen Erziehung und zu
meinem gesellschaftlichen Fortkommen benutzen, wie die kleine Prinzessin
Nora, oder zum Studium von zwanzig verschiedenen Rollen, wie Tina, die
Tragödin? Oder sollen sie arme leere Gliederpuppen sein wie Mimi, und ich
behänge sie im Traum mit Leidenschaften, die weder sie erleben werden noch
ich? Sollen sie zum Schluß dahinterkommen, wer ich bin, und mich beleidigt
und voll Verachtung wegschicken? . . . Man wird müde, die Sterne dort oben
mit den Augen zu pflücken, einen nach dem andern, und am Ende nichts in den
Händen zu halten . . .

So glänzten sie auf den Rängen heute abend.«

Er betrachtete einen großen, reifen Stern.

»Die Linozzo. Ägyptisch platte, lange Nase, lange Augen eng beieinander.
Die Brauen dicht unter der fettschwarzen Haarwelle. Weiter weicher Mund,
feucht, tief gefärbt, beweglich. Sie ist am begehrenswertesten, wenn sie
einen hellglitzernden Fächer an den Mundwinkel hält, oder wenn sie über die
Schulter weg, den Kopf zurückgelegt, aus den Ecken ihrer Augen lächelt
. . . Solange ich in der Loge der Königin war, hat sie immerfort
hingesehen. Sie ist ehrgeizig, ich könnte sie haben.«

Seine Augen hängten sich an andere Gestirne.

»Die Borgosinale. Ein fettes Profil mit hängendem Kinn, wildäugig aus einem
heftigen Wulst braunroter Haare hervor, über einem mächtigen
Hermelinkragen. Das war eine der ersten, die mich hinaufgehißt haben. Auf
ihrem zerstörten Gesicht treffe ich meine Erinnerungen an so viele erlogene
Aufregungen. Sie aber war vielleicht ehrlich?

Eine Unmögliche: die Lancredoni. Magere Prinzessin von bräunlicher Haut.
Ein steiler Hals trägt den kleinen, starren Kopf, mit der entweichenden
Linie von Nase und Stirn. Der Spitzenärmel entfaltet sich sehr tief unter
der nackten Schulter, die abfällt, zerbrechlich, rein. Unter den kalten
Blitzen ihres Diadems gähnt die Prinzessin . . . Und heute abend, hinter
meinem Vorhang, hab' ich sie vergewaltigt! Ich habe zu ihr hinauf
triumphiert, wissend, daß ich mehr von ihr schmecke als der, der sie jede
Nacht in den Armen hielte! Was bleibt davon übrig. Vielleicht ein paar
Zeilen, die ich drucken lasse. Aber für mich, in der Seele? . . .

Die jungen Mädchen! Da saßen sie, ganz nah, und lugten helläugig aus einer
Welt hervor, in die kein Weg führt. Die Cantoggi traf einmal mein Auge, im
Loch des Vorhangs. Ich erschrak tief über diesen Blick, den sie aussandte,
ohne zu ahnen wohin.

Welche von ihnen kommt und nimmt mich bei der Hand und führt mich heimwärts
in ihr Land, wo man stark und mit Unschuld empfindet!

Keine. Denn sie haben selbst nichts Eiligeres zu tun, als die Komödie zu
erlernen. Gemma Cantoggi, das Kind, frisch vom Lande, heiratet den Lanti,
einen Viveur auf dem Abmarsch. Sauber ist das.

Verlangt man von einer, sie solle machen, daß man sich selbst vergißt --
wahrscheinlich darf man auch von ihr nichts wissen? Im Parkett saß eine
Fremde, ein schönes, starkes Profil unter der Samtschleife des großen
Hutes. Eine wehende Kravatte hüllte sie bis an den Mund in rosige Gaze
. . .«

Mario Malvolto träumte noch, als er auf den Platz von Settignano einbog.
Der niedrige, flach geschweifte Kirchengiebel war von Mond bläulich
gepudert. Eine einsame Laterne erblindete in der weiten Sternennacht, in
deren Mitte auf seinem Hügel das Städtchen schlief.

Ein Geräusch verlor sich irgendwo. Mario Malvolto sah dahinten in der
langen Gasse etwas Dunkles sich bewegen. Gewiß, es war der Wagen von
vorhin; das Verdeck war aufgestellt. Ein Mondstreif fiel plötzlich darüber;
etwas Weißes hatte sich herausgebeugt. Wo in der Umgegend war dieses
Gefährt zu Hause? Nirgends, sagte der Kutscher. Es verschwand im Schatten.

Sie verließen die Gasse und fuhren ein Stück bergab. Mario Malvolto stieg
aus, machte ein paar Schritte zwischen Hecken, elf Stufen hinan; da stand
er vor seiner Tür. Sie war offen. Sein Diener lag schlafend davor.

Mario Malvolto schritt über ihn weg, er nahm im Vestibül die Lampe vom
Tisch, ging die Treppe hinauf und betrat sein Arbeitszimmer. Auf der
Bibliothek die Frauenbüsten in ihrer schmalen alten Tracht lächelten weiß,
verschlossen, aus steilen Träumen; und auf ihren Stirnen die große Perle
schien im Mondlicht an ihrer Kette zu schwanken.

Das Zimmer war so hell, daß Malvolto die Lampe löschte. Er lehnte sich in
die offene Terrassentür. Wie weiß war der Garten! All dies schwere dunkle
Laub über den ganzen Hügelrücken hin und bis unter die Mauer mit ihrem
Baldachin von Steineichen, alles blitzte in bleicher und kostbarer
Verzauberung. Als ein silberner Mantel hingen die Glycinien um die starre,
tote Zypresse. Und die Kamelien in den Tiefen versenkter Büsche bluteten
nur wie Geister.

Er sah ins Zimmer zurück, und er erschrak. Einen Augenblick hatte es ihm
geschienen, der überlebensgroße Mensch dort auf der grellen Wand reiße sein
Schwert in die Höhe. Mario Malvolto sagte in Gedanken zu ihm, zu diesem
Bilde, dem einzigen, das täglich auf seine Arbeit herniedersah:

»So finden wir uns wieder. Als ich dich heute abend verließ, war ich
kampfesfroh, gespannt auf einen lauten Sieg oder eine derbe Niederlage. Es
ist Sieg gewesen. Bei Wein und Reden ist er angeschwollen. Ich gehe, seiner
sicher, davon. Ich brauche ihn nur aus der Brust zu ziehen und zu
betrachten, nicht wahr? Und unterwegs, in einer Mondnacht voll gespenstigen
Besinnens, wird eine Niederlage daraus -- o, eine stille, blasse
Niederlage, und eine schlimmere, als wäre ich lärmend ausgepfiffen.

Hast auch du einmal einen Sieg, wenn er am lautesten scholl, plötzlich
umwenden und davonfahren gesehen? Krieg und Kunst, das ist dieselbe
übermenschliche Ausschweifung. Kennst du den Ekel nach der Orgie? Antworte,
Pippo Spano!

Da stehst du, aufgereckt, die eisernen Beine gespreizt, das riesige Schwert
quer darüber in Händen, die aus Bronze sind. Du hast schmale Gelenke, bist
leicht, bereit zu Sprung, Jagd, hitzigen Umarmungen und kalten Dolchstößen,
zu Wein und zu Blut. In den Lauten deines Namens selbst geschieht ein
Pfeifen von geschwungener Waffe, und dann ein breiter Schlag. Über deiner
breiten Brust wölbt sich Eisen, um deine feinen Hüften kreist ein goldener
Gürtel, auf dem fröhlichen Blau des Röckchens. Du hast einen kurzen,
zweigespitzten Bart, dein Mund steht gewalttätig heraus aus deinem magern
Gesicht, und düster blonde Locken umzotteln es. Es blickt zurückgeworfen
über die Schulter, mit aufgerissenen Augen, wach und furchtbar. Wenn man
länger hinsieht, lächelt es. Das Übermaß von grausamer Selbstsicherheit
bringt dieses Lächeln hervor, das sich nicht nachweisen läßt, das man nur
ahnt, das tief verwirrt, in Grauen stürzt, fesselt, dem man sich
widersetzt, und das man schließlich verehrt!

Da du so ungeheuerlich zu triumphieren verstehst -- wie entsetzlich mußt du
manchmal geschlagen sein! Ja! wie mußt du gelitten haben, du und dein
Maler, der so stark war wie du. Große Kunstwerke -- dein Leben oder dein
Bild -- haben so leuchtende Höhen nur, weil sie so grausige Tiefen haben.
Ach, du Türkensieger, verstell' dich nicht -- ich höre dennoch deinen
tollen Aufschrei, wenn ein Schlag dich traf. Ich seh' dich bluten, wenn ein
Freund dich verriet. Ich versuche den Rausch von Schmerz zu ahnen, den du
erlebt hast, so oft eine Frau ihre spitzen Finger in dein Herz grub!«

Mario Malvolto verschränkte die Arme. Er kam näher, die Augen auf dem
Gesicht des Condottiere. Er flüsterte:

»Siehst du, nach solchem Rausche schmachte nun ich! Ich bin zu zerbrechlich
dafür und zu nüchtern; darum erdichte ich Menschen, die anders sind. Darum
stehst du hier, als mein Gewissen, als mein Zwang zur Größe. Du sollst mir
Überdruß machen an der mäßigen Lust und dem haushälterischen Leiden, womit
wir unzulänglichen Spätgeborenen uns bescheiden. Unsere Kunst befruchtet
sich mit einem mattfarbenen Rokokoleiden, geziert und ohne Größe.
Belanglose Neurastheniker-Geschicke dehnen sich aus über ein bürgerliches
Dasein von siebzig Jahren, währenddessen man täglich für einige
Kupfermünzen Leid verzehrt und für einen Nickel Behagen. Der Künstler gräbt
umständlich in seiner verstopften Seele umher, immer nur in seiner eigenen,
und fördert Traurigkeiten zutage, die er eitel herumzeigt. Mit feindseliger
Ironie blinzelt er über alles weg, was stark ist und in ganzen Farben lebt.

So aber will ich leben! Ich will verschwenden; innerhalb meiner kurzen
Jahre soll meine Kunst mir ein zweites, mächtigeres Leben schaffen. Nichts
will ich wissen von mir, dem Schwachen; er lehrt mich immer noch genug von
sich. Ich will fremde Schönheiten erleben, fremde Schmerzen. Recht fremde.
Geopferte Frauen; Vornehme, die zu viel begehren; Meister, die einen vollen
Schmerz an einem Stück Marmor austoben. Sie schlagen die Gestalten der
Hölle aus dem Block heraus, und ihr Schmerz ist der Wirbelwind, der die
Seelen durch purpurne Finsternis treibt . . . Zu Denen will ich auswandern,
in Die hinein, die noch nicht auf die Launen ihrer Nerven lauschen; deren
Schicksal noch nicht in ihrem armen Blut gefangen sitzt. Nein, draußen in
freier Welt erwartet es sie zum Kampf, und sie dürfen hinstürmen!

In ihr Leben dringe ich ein, wie in eine mit Dornenhecken umstellte,
üppigere und jähere Welt, wo Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo
namenlose Untergänge ausgekostet werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo
man ganz lebt und auf einmal stirbt.

Und die Frau, die du lieben könntest, Pippo Spano, die ist der Preis aller
meiner Sehnsucht. Die tritt mir als die Letzte aus der von mir entzauberten
Welt entgegen. Nicht wahr --«

Und Mario Malvolto vergaß sich, er redete lauter.

»Nicht wahr, sie tritt mir entgegen? Glaubst du es, Pippo Spano? Sie tritt
--«

Er brach ab: da stand sie.

Sie stand auf der Schwelle des kleinen weißen Salons, den ein paar
Mondstrahlen plötzlich aus seinem Schatten hoben. Sie war selber weiß und
bedeckt mit Mond. Ihr bleiches, kurznasiges Gesicht mit starken Lippen
umrahmten schwere schwarze Flechten. Von ihrer kleinen, schmalen Gestalt,
von Schultern und Nacken lösten sich gestickte Silberblumen bei jedem ihrer
Atemzüge; sie lebten mit ihrem Atem. Sie hob ihren Arm zum Vorhang an der
Tür -- und der Ärmel aus lauter Blumenkelchen fiel auseinander in viele
blasse Blätter. Ihr Arm stand darin als Blütenstempel, schimmernd von Mond.

Mario Malvolto war zurückgewichen. Er griff sich an die Stirn. Eine
Sinnestäuschung? Er hatte viel getrunken und noch mehr geschwärmt. Aber
sein Herz ging ruhig und stark, er fühlte sich helleren, freieren Geistes
als gewöhnlich. Wollte das da noch immer nicht verschwinden? . . . Er
machte zwei rasche Schritte darauf zu. Aber es blieb da, es sprach sogar.

Das junge Mädchen sagte leise und einfach:

»Mario Malvolto, ich liebe dich. Ich bin hergekommen, damit wir uns
lieben.«



II

Das Wunder

Da erkannte er Gemma Cantoggi.

»Sie hier? Aber ein Wort, Contessa, hätte genügt,« stammelte er. »Ich wäre
zu Ihnen geeilt.«

»Nun bin ich schon da,« erwiderte sie.

»Aber Sie kompromittieren sich!«

»Nein nein. Wir haben ja ein Landhaus ganz nahe. Man glaubt, daß ich dort
übernachte. Ich verlasse manchmal nachts unser Stadthaus, ich habe solche
Launen. Meine Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist eingeweiht.«

Er sah sie zweifelnd an. Das war die Cantoggi, die den Lanti heiraten
sollte, einen Viveur auf dem Abmarsch; eine der sehr schönen Frauen, die
eine Zeitlang von allen Männern begehrt, von allen Frauen gehaßt werden; um
die ein Knabe Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der
Mode tänzeln, und wenn sie vorüber sind, Unzähligen Glück versprochen, ein
paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis einiger
Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie
selbst? Was erlebten sie? Er wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des
Mannes und den Applaus der Menge.

Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat
holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten
nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt:

»Aber was führt Sie her?«

»Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto,« wiederholte sie, und ihre Stimme
zitterte leicht.

»Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie
nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich hätte
mich Ihnen zu Füßen gelegt.«

»Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu dürfen, hätten wir
uns heiraten müssen.«

»Ah!«

Er empfand eine böse Genugtuung.

»Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum Manne wollen!«

Und sie, ohne zu verstehen:

»Sie hätten sich mir versprochen, Mario, ohne zu wissen wer ich bin. Sie
hätten versichert, mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn
ich das merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß
jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von der
schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie? Das können
Sie nicht.«

Er murmelte:

»Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?«

»Nein, ich glaub' es nicht. Verzeih! Ich bin eifersüchtig im voraus. Ich
möchte dich einschließen hier!«

Sie trat lebhaft auf ihn zu, in sein Zimmer hinein.

»Und ich könnte nicht ertragen, daß wir uns vor Fremden sehen, uns mit
Zurückhaltung sprechen müßten. Ich möchte vor dir immer -- du, ich liebe
dich!«

Sie öffnete, über eine letzte Schüchternheit hinwegspringend, rasch die
Arme:

»Ich möchte vor dir immer nackt sein!«

Ihn überkam eine Wallung; er griff nach ihr.

»Wenn ich glauben könnte, daß du wirklich da in meinen Armen liegst!«

Den Mund auf ihrem Haar, stöhnte er. Die seltene Frau, die mit unbedachter
Leidenschaft ihn reich machen wollte: da war sie, da war das Wunder. Eines
der jungen Mädchen, klaräugig hervorlugend aus ihrer Welt, in die kein Weg
führte: da war es, da war das Wunder.

»Wenn ich es glauben könnte!«

»Du fühlst mich ja,« sagte sie bebend. »Und daß ich dich liebe, das mußt du
doch fühlen.« »Ich fühle,« sagte er, mitleidig mehr mit sich als mit ihr.

»Und du willst mich lieben?«

»Ich will. Ob ich will!« rief er schmerzlich. Sie fragte, das Gesicht
versteckt an seinem Halse.

»Hast du mich schon einmal schön gefunden? hättest du mich haben wollen?«

»Immer dich!«

Und er wußte, daß er lüge und dennoch aufrichtig sei. Er hatte alle
begehrt, würde immer alle begehren. Aber hielt er nicht alle in dieser?
Vielleicht, vielleicht.

»Auch ich,« sagte sie und sah groß auf.

»Immer dich!«

»Dann wußtest du, daß du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge
trafest, und wessen Auge?«

»Nein.«

»Nicht? Hast du mich nicht viele Male im Parkett bemerkt?«

»Nein. Ich wußte bis eben nicht, wie du aussahst. Als du eintratest,
zögerte ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein.«

Er war sprachlos.

»Wir haben so lange in San Gimignano gewohnt,« erklärte sie. »Erst seit
Papa tot ist und mein Bruder in Florenz in Garnison steht, wohne ich hier.«

»Also kommst du, weil ich berühmt bin.«

»Berühmt? Ich weiß nicht. Vielleicht hat man in meiner Gegenwart einiges
dummes Zeug über dich geredet; ich wußte aber nicht, daß du gemeint seiest.
Ich hatte deine Bücher gelesen, aber ohne nach deinem Namen zu sehen.«

Mario Malvolto dachte: »Das ist der Ruhm.«

»Es waren Menschen darin, die ich verstand. Ich sagte mir: so hätte ich
gehandelt, so würde ich fühlen, wenn --«

»Wenn --«

»Wenn ich diesen Mann fände. Bei meinem Verlobten, das wußte ich, konnte
ich davon nichts erleben.«

»Ja, Sie sind verlobt.«

»Ich _war_ es. Ich habe, bevor ich zu dir kam, ihm abgeschrieben.«

»Ich _fasse_ das alles nicht.«

»Es ist so einfach. Heute abend, in deinem Stück, sah ich dieselben
Menschen leben und sterben, die ich aus deinen Büchern kannte. Sie waren
heftiger als die Leute, mit denen ich diniere und Korso fahre. Sie
lächelten nicht so viel, und ich konnte ihnen glauben -- _weil sie ja
starben_!«

»Weil sie starben.«

»Zu Hause sah ich nach dem Namen des Verfassers auf den Romanen. Es war
deiner, da fuhr ich her.«

»Da fuhrst du her!«

Er war entzückt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Daß
man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie wollte von
ihm mehr. Er hatte plötzlich Angst zu unterdrücken.

»Glaubst du denn, daß ich bin wie meine Geschöpfe? Ich habe sie vielleicht
geschaffen, weil ich _nicht_ so bin.«

»Aber du hast _sie geschaffen_. Du mußt sie doch im Herzen getragen haben
. . . Das ist so einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klar geworden.
Wenn die Menschen, die wir lieben könnten, in unserer Welt nicht leben --
wenn sie nirgends leben -- suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie
erträumt hat! Warum tun die Frauen das nicht? Es wäre zu dumm gewesen,
nicht zu dir zu kommen.«

»Ich bin nicht so stark . . .«

Es war ihm, als ringe er mit dieser Siebzehnjährigen, als gelte es seine
Selbsterhaltung.

»Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held gegen mich. Er hat mehr künstliche
Kraft als wirkliche, ich weiß es, mehr Fechteranspannung und
Douchenlebendigkeit, als Muskeln und Nerven. Aber wenigstens das Äußere
deutet auf einen unternehmenden Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles
zu erwarten.«

»Ich weiß so ziemlich, was ich zu erwarten hätte,« versetzte sie und
schüttelte die Schultern. Sie ließ sich an seinem Tisch nieder, in seinem
Arbeitssessel. Sie spielte mit Schreibgerät, warf ein Heft mit Notizen zu
Boden und stützte den Kopf in die Hand.

»Als er mich in San Gimignano besuchte, als ich mit ihm im Garten auf dem
bröckligen Aussichtsturm stand, hoch im Epheu und unter uns das blaue Land
-- weißt du, wie er mir vorkam? So fremd wie ein Engländer, der das
photographiert. Was ich alles dort gefühlt hatte, was man in sechzehn
Jahren alles fühlen kann am Grunde dieser Nester von Epheu und auf diesen
durchlöcherten, warmen Mauern, bei den Eidechsen -- meinst du, er hätte
davon was geahnt? Ich hätte mich geschämt, ihm ein Wort zu verraten . . .
Dir --«

»Mir?« fragte Mario Malvolto und griff mit schlechtem Gewissen nach dem
Geschenk, das sie hinhielt.

»Dir sag' ich's!«

Und sie sprang auf.

»Vielmehr, du weißt es schon. Auch du hast so gefühlt, ich hab's ja von dir
selbst erfahren!«

Er sträubte sich.

»Wir treiben ein verdächtiges Gewerbe, wir Dichter. Wir führen euch Freuden
zu, darum sind es aber noch nicht unsere . . .«

»Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist kokett.«

Und da er eine Bewegung machte:

»Oder glaubst du mir nicht?«

Sie streckten gleichzeitig nach einander die Arme aus.

»Dir nicht glauben!«

Das war unmöglich. Ihr Atem, ihr Blick, die Linien ihres Körpers selbst
verkündeten Wahrheit. Die Linien dieses zarten Körpers, dieser Seele aus
Fleisch, überfluteten ihn, singend vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen,
er wünschte heftig, sie möchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit
all dem Künstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts
mehr fühlen als sie! Welch ein Ziel -- und welche Ohnmacht, es zu
erreichen!

»Höre,« bat er, heiser vor Qual, »du täuschst dich über mich, Gemma. Ich
bin nicht so ehrlich wie du. Ich kann es nicht sein.«

»Würdest du das sagen, wenn du es nicht wärest?«

»Ich bemühe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du darfst mich
nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er mag kalt sein -- er
hat immer noch mehr gutes Gefühl als ich. Er ist dir immer noch verwandter.
Du hast immer noch mehr von ihm zu hoffen.«

»Ich weiß, was ich zu hoffen hätte.«

»Er mag in deine Kinderträume nicht zurückblicken können. Sei froh, daß
er's nicht kann. Er wird dich um so gutgläubiger lieben, wie du jetzt bist,
wenn er nicht das Talent hat, in dich hineinzulügen, was nicht mehr ist
oder nie war.«

Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich auf die Ottomane,
verschränkte ihre Arme über dem Kopfpolster und stützte ihre Brust dagegen.

»Nicht nur daher weiß ich über ihn Bescheid,« sagte sie langsam und sah
erweiterten Blicks in das Mondlicht. »Ich weiß es auch von seiner
Geliebten.«

»Von der Traffetti?« fragte er rasch.

»Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das? Sie ist eine große Sängerin und
eine schöne Frau. Ich habe gedacht, sie hat keinen Grund, mir nicht die
Wahrheit zu sagen. Und sie ist die einzige, die sie mir sagen kann . . .
Nun, er ist schwach, er -- vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?«

Er prallte zurück. »Hält sie denn mich für einen Stier?!« Sie deutete seine
Bewegung.

»Ich bin ja kein Kind, ich kann urteilen. Er gebraucht künstliche Reizungen
und Hilfsmittel, verlangt von seinen Maitressen Dienstleistungen, die --
die mir die Traffetti erst erklären mußte.«

»Ah! Ah! Sie hat dir's erklärt?«

Er dachte: »Ein junges Mädchen, das zu einer Dirne geht, um sich über die
Leistungsfähigkeit ihres Verlobten zu unterrichten! Nein, das hätte ich
nicht erfunden, das erfindet keiner!«

Sie sah ihn groß an.

»Und die -- die brauchst du nicht.«

Er gab zu, erstaunt:

»Nein.«

Sie belebte sich.

»Siehst du, du hast mir eben niedrige Begierden zugetraut, ich weiß es,
leugne nicht. Du kennst mich ja noch nicht . . . Das Schlimme ist nicht,
daß er kein starker Mann ist. Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt
ihn, sie hat geweint, als sie es mir gestand!«

»Aber er hat sich neulich für sie geschlagen,« sagte Malvolto, ehe er's
bedacht hatte.

»Ich möchte nicht, daß sich einer so für mich schlüge. Er hat die ganze
Zeit kalt und ruhig seinen Platz behauptet, seinen wütenden Gegner in
Distanz gehalten -- das Auge immer an der Degenspitze des andern -- bis er
ihn schließlich treffen konnte . . . Wer eine beleidigte Geliebte rächt,
ficht anders! Er liebt nicht, sage ich dir.«

»Also nicht,« dachte Malvolto und gab es auf, diesen Bräutigam zu retten.
Er sah zu, wie das junge Mädchen an ihrem Corsage nestelte. Ein paar
Schmuckstücke rollten auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein
wenig blaugeädertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer
Wanderung nach Hause gefunden hat, müde und glücklich.

»Ich werde nie seine Seele zu fühlen bekommen. Deine hab' ich oft gefühlt.
Ich bring' dir meine.«

Sie stand auf.

»Und meinen Körper.«

Er stürmte hin zu ihr, stürzte auf die Knie, warf Küsse auf ihr Kleid und
ihre Hände. Er war auf einmal voll durchwärmt von dem Gefühl dieser Seele,
die seit Monaten, an seine denkend, sich aus einem Gefängnis, aus den
Schlingen der Fremden frei machte; die tastete, nachtwandelte, und durch
mondbeschienene Wälder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fand zu
ihm! Da war sie, da trat sie aus dem weißen Zimmer in einem Mondstrahl. Da
stand sie, für ihn erschaffen, unerklärlich ohne ihn. Da lag sie auf seiner
Brust, ihn zu erlösen, ihn in das Heiligtum des Lebens zu retten, ihm
langen Atem einzublasen, ihn alles vergessende Empfindungen und starke
Gebärden zu lehren!

»Ich liebe dich, Gemma!«

Sie lächelte nur, die Hände auf seinem Haar.

»Aber ich glaube ja!« rief er sich zu. »Das Wunder ist für mich geschehen,
ich bin stark genug, es zu glauben, mich von ihm erlösen zu lassen!«

Er sprang auf, legte den Arm um sie . . . Auf einmal überrann es ihn kalt.
»Jetzt glaubst du, Komödiant. Und morgen früh wird deine Sorge sein, was
wohl mit dieser Minute der Gläubigkeit künstlerisch anzufangen ist.«

»Aber ich liebe sie,« versicherte er seinem Widersacher. »Und sie mich. Bin
ich denn kein Mensch?«

»Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrücke diesmal deinen
Effekt, dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem Kinde. Bedenke --«

»O ich weiß, ich habe ja Angst. Dies ist kein Abenteuer, das man hinnimmt,
aus dem man entkommt, sobald man es müde ist. Es ist kein Haus mit zwei
Eingängen. Es ist ein Felsental, über dessen einzige Pforte Wasser stürzen,
wenn man drinnen ist!«

Er löste widerstrebend die Hände von dem jungen Mädchen. Sein Blick, von
Schmerz verwirrt und über die Wände gejagt, traf plötzlich ins Auge von
Pippo Spano. Jetzt lächelte Pippo Spano. Sein fürchterliches Lächeln, das
niemals nachzuweisen gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:

»Ist das die Stärke, zu der ich, dein Gewissen, dich zwingen sollte? Ein
Weib kommt, es betet dich an. Dein Blut reißt dich zu ihr. Und den Bedenken
von Kranken zuliebe schickst du das heiße Leben fort? Tu's -- aber versuche
nie wieder, dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein,
wo man liebt, raubt, und, wenn es sein muß, dafür stirbt!«

Mario Malvolto riß Gemma vom Boden. Alles Blut im Gesicht, gleich einem
Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit weißer Umarmung den Hals zuschnürt,
trug er sie in sein Schlafzimmer.



III

Der Glaube


Mario Malvolto stand allein auf seiner Terrasse und sah den Tag aufgehen.
Gemma war fort, er lauschte auf die letzten Schwingungen des Glücks, das
sie in ihm angeschlagen hatte. Gleich würde es ausgeklungen haben. Wenn sie
heute abend wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von
Leidenschaft -- wie fand sie ihn? Er wußte es selbst nicht. Zwanzig Stunden
konnten ihn wer weiß wohin tragen. Er würde eine Anstrengung machen zu ihr
zurück. Sie würde vielleicht gelingen.

»Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht wiedersehen. Das
ist stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und werde sie noch oft
begehren . . . Ich will ihr schreiben. Sie wird sehr leiden. Das wird ein
rascher Schmerz gewesen sein, rasch wie das Glück war. Ist man nicht daran
gestorben, so ist's eben vorbei. Wäre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu
täuschen -- das gäbe lange, lange Ängste, zitternde Wiederbelebungen
dessen, was doch sterben muß.«

Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege, deren Lauben ihn oftmals
bückten, und schrieb in Gedanken:

»Meine angebetete Gemma!

Heute habe ich noch das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend
wiederkämest, wäre es vielleicht schon zur Lüge geworden -- zu der ersten
von all den Lügen, mit denen ich unsere Liebe fristen würde. Ich will das
nicht, dafür waren wir eben noch zu stark und zu glücklich. Ich will Dir
Dein wahres Gefühl mit der Wahrheit vergelten, die ich geben kann. Höre,
meine Gemma.

Du liebst mich auf immer, nicht wahr? Du bist überzeugt, Du liebest mich
auf immer. Und Du würdest ein Gefühl für nichtig halten, das seinen Tod
voraussieht. Das aber, Gemma, tut meines. O, ich werde Dich in Jahren noch
so heftig zu mir herwünschen, wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kämest
Du in zwei Stunden, vielleicht kämest Du schon zu spät. Vielleicht,
Geliebte, bin ich Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, festen
Umarmungen schon untreu geworden. Wer weiß, ob ich nicht an ein Wort
gedacht habe, das diese Umarmungen zu malen vermöchte? Die Kunst, Gemma,
ist Deine Rivalin, und Du darfst sie nicht leicht nehmen.

Manchmal, wenn du, die Arme geöffnet, in mein Zimmer treten wirst, hält sie
mich an ihrer harten Brust.«

Mario Malvolto sah zu, wie eine Traube Glycinien durch seine hohle Hand
schlüpfte, und überlegte: »Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust?« Er
ließ es vorläufig gut sein.

»Du verstehst mich nicht, ich sehe es voraus. Du meinst, eine Beschäftigung
könne man doch verlassen, wenn eine Frau eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn
heiratetest, würde sein Pferd wegschicken, sobald du wolltest. Ein
Börsenmann würde seine Kunden abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft,
die selten stand hält vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders.
Nur sie, der Krieg und die Macht sind widernatürliche Ausschweifungen, die
einen Menschen _ganz_ wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die
verderblichste, sie enthält die beiden anderen. Sie allein höhlt ihr Opfer
so aus, daß es unfähig bleibt auf immer zu einem echten Gefühl, zu einer
redlichen Hingabe. Bedenke, daß mir die Welt nur Stoff ist, um Sätze daraus
zu formen. Alles, was Du siehst und genießt -- Deine Mauern von San
Gimignano, über die Deine Kinderträume huschten wie Eidechsen: mir wäre
nicht an ihrem Genuß gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder
goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gefühle und noch der
Schmerz darüber, daß sie so verderbt sind -- es ist Stoff zu Worten. Du
selbst wärest einer. Gemma, das ist unerträglich.

Ich werde nicht bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glücklich sein.
Ich werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und auf
welche unerhörte Art ich es ansehen muß, damit ein überraschendes Bild in
mir entsteht und ein merkwürdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares Fleisch
-- ich gebrauche ein recht dürftiges Wort: wunderbar -- wenn ich es unter
meinen Händen spüre, werde ich nach einem kunstvolleren suchen, nach einem,
worin Dein Fleisch, und nur Deines, ganz gefangen ist.

O, ich werde sehr beflissen sein bei Dir, Du wirst mich oftmals fiebern
sehen vor Gefühl, vor Drang zu Dir, in Dich hinein. Glaube nicht, das sei
Liebe! Ich habe es nötig, mich in Empfindungen hineinzuschwindeln, damit
ich sie darstellen kann. Ich muß in Menschen, in schöne, starke Menschen,
wie Du einer bist, eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit
ihnen verdammt sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen
nicht kennen, denn ich bin keiner; ich bin ein Komödiant.

Denke an alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die dir
zulächeln; denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr
betrogen und werde es wieder tun -- in meiner Seele. Und doch sollte in ihr
nichts geschehen als Du! Aber noch Schlimmeres: ich werde Dich mit dir
selbst betrügen, mit einer gefälschten Gemma.

Meine Geschöpfe, die Du liebst, um derentwillen Du zu mir und in meine Arme
gestürzt bist, Gemma, sie waren ja alle einmal wirkliche Menschen. Meinen
Wirkungen zuliebe habe ich sie umgelogen. So werd' ich Dich umlügen. Ich
bin schon dabei. Dieser Brief ist schon das erste Stück Kunst, das ich aus
Dir mache.«

Mario Malvolto hatte Tränen in den Augen. Er litt aufrichtig; aber es war
von Vorteil für ihn, zu leiden. »Mein Brief wird gut,« sagte er sich.

»Du, Gemma, ein Weib, würdest notwendig Zeiten haben, wo du launisch, krank
und traurig wärest; bei Deinem Geliebten würdest Du Hilfe suchen. Ich würde
sie Dir spenden, zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein
Leiden und mein Mitleiden, beides könnte mir zu statten kommen . . . Ja,
wenn Du stürbest -- meine schöne Gemma, ich würde verzweifeln, ganz gewiß.
Aber noch bevor Du ausgeatmet hättest, wären aus meiner Verzweiflung und
Deinem Tod zwei Rollen geworden.

Hasse mich dafür nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der
erleuchteten Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten
Gefühl trennt.

Wie sehr wünschte ich, es wäre anders -- und daß das Herzklopfen, das mich
beim Rauschen Deines warmen Blutes befällt, nicht ebensogut den Erregungen
gälte, die aus einem Tintenfaß steigen.

Könnte ich mich Dir auf einmal und völlig darbringen! Alles abdanken, was
ich erworben habe und durch lange Kunst geworden bin; alles vor Deinen
Knien niederlegen! Man sollte von mir nur noch hören, daß ich einer Frau
zuliebe verschwunden bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es überzogen hat,
möchte ich wie einen einzigen Lorbeerhain deinen kleinen Tritten
hinbreiten!

All meine Sehnsucht drängt nach den Starken, die das könnten, nach den
Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes Leben
verschlingen und glücklich sterben. Anstatt uns nun trübe zu verlassen,
hätten wir heute früh zusammen sterben sollen, o Gemma!«

Mario Malvolto unterbrach sich.

»Und warum nicht heute abend?« rief er in den durchglühten Schatten
zwischen zwei Rosenbüschen. »Warum nicht übermorgen, oder jeden andern Tag,
den wir glücklich waren!

Bemerke einmal, Freund, daß du da eine schlicht bürgerliche Niedertracht
begehst! Du möchtest das Mädchen, das du genossen hast, in Bälde los sein.
Du enthüllst ihr geheime Ärmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein
Recht dazu. Da du sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie
wie ein Stück Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast -- tu' deine
Schuldigkeit und bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem der
Künstler von früher, die zwei Frauen gleichzeitig vollauf befriedigten,
eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf der ihres Bettes. Im
Grunde hast du Angst, diese oder jene könne deiner Gesundheit schlecht
bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder ist für dich geschehen. Es ist,
dieses Wunder namens Frau, aus einer üppigeren und jäheren Welt, der von
deiner Sehnsucht entzauberten, hervor und in dein Zimmer getreten. Du hast
es begrüßt; nun glaube es! Nun glaube, daß es dich erlöst! Und bist du zu
schwach zu glauben, dann stirb doch dafür, ohne deinen Zweifelmut zu
verraten, wie ein Märtyrer, der sich ohne rechte Überzeugung, aber
schweigend ans Kreuz nageln läßt!«

Mario Malvolto entschloß sich. Er zerriß in Gedanken den im Kopf
geschriebenen Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme
verschränkt, vor das Bild des Pippo Spano. Nein, Pippo Spano lächelte
nicht. Vielleicht doch? Aber sein Lächeln war nie so unnachweisbar gewesen.

Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend, und am folgenden wieder, und an
jedem Abend.

Er bedachte, daß der Glaube sich erwerben lasse. Man mußte seine Gebärden
nachahmen, in seinen Riten leben, seine diätetischen Vorschriften befolgen;
am Ende kam er.

Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht der Liebe eine Maske
drückte, zu überwinden, sie am Rande des Bettes abzuschütteln; den eigenen
Geist herumzureißen wie ein Pferd, seine schöpferische Neugier von der
ganzen Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen Ehrgeiz,
eine vollkommene Liebe in sich zu erschaffen.

»Gelegentliche Ausschreitungen,« sagte er sich, »sind den günstigen
Arbeitsbedingungen des Künstlers weniger gefährlich, als die langsame
Überschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von Alkohol. Ich werde
von jetzt an alle Tage Wein trinken.«

»Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und zwar bei den im Geiste
Ärmsten.«

»Das war ein Fehler,« gestand er einige Tage darauf. »Denn was dort
gesprochen wird, läßt mir Zeit, zwischen zwei Sätzen eine Novelle zu
erfinden.«

Aber aus anspruchsvolleren Häusern kehrte er ebenso unbefriedigt zurück.

»Die zwei Wochen Nichtstun haben mich abscheulich wach gemacht. Alles, was
man als Künstler in Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens
durch einen schönen Anblick, die Erbitterung durch eine Unempfindlichkeit
und die Demütigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmäßigkeit; der
Hymnus bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe Traurigkeit
darüber, nicht zu gefallen, während es doch unser Geschäft ist, zu gefallen
-- ich erlebe es heftig. Alles, was die in uns Künstlern wirksamen
Instinkte reizt: unsere Rachgier, mit dem Willen die Natur zu bändigen, der
Welt uns aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach
Selbstverherrlichung -- alles, was diese Instinkte zu der Ausschweifung
reizt, die Kunst heißt, ich merke es unverzüglich und antworte darauf.

Bleiben wir zu Hause.«

Er versuchte ein Buch zu lesen, um dessen willen, was darin stand. Bisher
hatte er sie nur geöffnet, um etwas Eigenes aus ihnen zu machen. Bei seinem
neuen Verfahren übermannte ihn düstere Langeweile. Darauf ging er
spazieren.

Er stellte als Gesetz auf, daß die dunstige Linie der Berge am Horizont
keinen Namen habe; und den silbernen Augen, die das Olivenfeld aufschlug,
wenn die Sonne darüberfuhr, entsprächen keine Worte. Meistens legte er sich
inmitten einer Landschaft unter einen Baum und schloß die Lider, wie ein
Kranker, dem der langsame Atem der Natur Mut machen soll, und den ihr Licht
und ihr Durcheinander nicht erschrecken darf. »Sie wird mich heilen. Ich
bin ein Kranker, ich bin besessen von Kunst.«

Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen, deuchte sie ihm sanft und neu. Die
gute Welt schenkte sich ihm keusch zurück, wie einem Genesenden. Nie war er
ihr so still begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben
ihn die Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von
Worten zu beugen. Jetzt endlich ließ diese Angst ihn los, täglich ein wenig
mehr. Die Erde wollte nicht mehr erobert sein; milde winkte ihm jene Ferne,
als Freund drückte ihn dieser Grashügel an seine Brust.

Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta über Settignano, auf einem
braunen Wege aus Steinen und Nadeln, und schaute in ein Tal, worauf aus
raschen Wolken Lichter schossen. Nun blitzte ein Fluß auf am Rande
schwarzer Äcker. Nun schlug an die steile Wand eines Waldes eine jähe,
grüne Flamme. Nun brach aus der Schattenmasse von Zypressen weiß lodernd
ein Haus. Mario Malvolto genoß das Glück, das alles ansehen zu dürfen, ohne
es malen zu müssen.

Auf einmal ward aus dem Licht, das über entlegene Wiesen sprang, eine Herde
traf, einen Fels und einen Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine
Gestalt. Sie kam näher. Sie war weiß und leicht. Sie huschte zwischen das
dürre Geäst drunten am Fuß des Gehölzes, von dem Malvolto herniedersah. Ihm
schlug das Herz; er wußte, wer das gewesen war. Jetzt lebte in den Hainen
sie, statt der Worte, die solange darin gehaust hatten! Im Bach spielten
ihre Glieder. Blitzend trug jener Vogelflug die Sehnsucht nach ihr in eine
geliebte Ferne.

»Die Erde ist voll von ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefühl, worin nicht
ihr Atem ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgepränge, nein, in
Küsse. Kein Kunstwerk erschafft sie in mir, nur Liebe. Ich liebe sie, ich
liebe sie!«

Er lief nach Haus; er meinte, er müsse sie dort finden.

»Ich bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.«

Er hängte sich dennoch behutsam über die Gartenmauer, sie zu belauschen.
Und sie war da. Sie sprang weiß und leicht aus einem Gebüsch, vom
fliegenden Licht getroffen, wie er sie noch eben an fernen Feldrainen
erblickt hatte. Sie setzte einem jungen Vogel nach; er flatterte auf einen
Ast hinter dem Brunnen. Sie sprang hinauf, sie kreiste, gleitenden
Schritts, ohne zu stocken und ohne ihre Füße anzusehen, auf dem schmalen
Rande des tiefen Brunnens. Ihr wehender Ärmel machte die Zweige erzittern.
Und das Licht aus den Wolken schien mit ihr zu laufen. Sie war selbst ein
fremd gefiedertes Geschöpf voll wilder Schwungkraft, und dieser tiefe
Garten lud sie ein in alle seine Verstecke. Sie streckte schon die Hand aus
nach dem kleinen Zeisig . . .

Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war erschrocken; sie hatte seinen
Ruf gehört. Sie schaute um, die Hand als Dach über den Augen. Ein
unterdrückter Jubelschrei, der Schrei eines aufschießenden Vogels, und sie
sprang vom Brunnen. Sie flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach
seiner Hand, ihre Füße suchten die Lücken zwischen den Steinen, und so
gelangte sie hinauf bis zu seinen Küssen.

Ihre Körper, auf den Bauch gelagert, schmiegten sich am Rande der breiten,
warmen Mauer im Halbrund umeinander, wie zwei Eidechsen. Ihre Liebkosungen
waren spielerisch und jäh. Gemma biß, stumm und wild, ihren Geliebten in
den Hals, und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft düster und
haltlos, in den Garten zurück. Sie begehrte dorthin, sie ließ sich hinab
und zog ihn hinein in ihr gewalttätiges Reich, zwischen Sträucher voll
roter Blüten, die alle bluteten und nickten bei dem Fall der ineinander
Verschlungenen.

Mario Malvolto meinte zum ersten Male eine Frau umarmt zu haben. Zum ersten
Male war er, und mit ihm die Welt, von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz in
eine starke Frauenseele entrückt worden. Und aus diesen Sekunden eines
Lebens ohne Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung
mit Bitterkeit zurück.

Gleichviel -- er hatte geliebt. Gemma hatte ihn aus einem Komödianten zum
Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren lautlos gleitenden Schritten so
weit in die Natur zurückgeleitet, daß er Ahnungen durchmachte! Er, der das
Leben immer nur als Vorwand benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust
beben macht, immer nur Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an
nichts gehangen hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefühl im
Nebenzimmer gesessen hatte, während seine Mutter starb -- Gemma hatte sich
ihm aus der Ferne angesagt!

Er war sich kaum bewußt, wie er ihr dankte, mit welchen Worten er sich
glücklich pries. Er überlegte keines und behielt keines; nur den Namen, den
er plötzlich für sie wußte: Santa Venere.

Sie war gekommen, weil sie eine große Freude mitbrachte. Ihr Bruder war
dazu kommandiert worden, seine Leute ins Sommerbiwak zu führen. In drei
Tagen brach er auf, und vielleicht monatelang würden sie ganz beieinander
sein. Gemma bezog jetzt ihre nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor
durch die Nachricht, sie sei anämisch und immer auf weiten Spazierwegen.
Welche neuen Seligkeiten erschlossen sich nun! Durch viele märchenhaft
reiche Tage sahen sie auf einmal hindurch, wie durch lange, grüne Lauben
mit Sonnengold durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz marmornen
Galerien ihrer künftigen Nächte gleißten Wonnen!

Als sie gegangen war, kam er sich plötzlich leer vor, aus einem andern
Leben wieder einmal bitter und leer zurückgekehrt.

Er wanderte unbestimmt suchend durch seine Zimmer. Dort trieb sich einer
ihrer Handschuhe umher und dort zerpflückte Blumen. Ein Werk mit Bildern
lag auf zerknickten Blättern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst
trug um den Hals eine riesige Damenkravatte vom neuesten Geschmack.
Malvolto setzte sich den Hut auf, wie im Café, in irgend einem Raum, wo man
zufällig eine Stunde hingehen läßt. Er war hier nicht mehr zu Hause, er
gehörte zu ihr, zu dem fremden Geschöpf voll gesetzloser Schwungkraft, das
herbeiflog, umarmte, aufflatterte. Sie hatte sich verbündet mit Pippo
Spano, um diesen kriegerischen Zustand herzustellen zwischen seinen Wänden.
Auf der erdbeerfarbenen Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch
einmal so entschlossen zum Sprung. Mario Malvolto fühlte sich dieser
fortwährenden Kampfbereitschaft nicht gewachsen. Er sandte einen trüben
Blick in das verwüstete Schlafgemach, in das Toilettenzimmer, das von
Wasser troff. Und nur der kleine weiße Salon, wo sie ihm in jener Mondnacht
zuerst erschienen war, lag unberührt. Sie betrat ihn nie, er war ihr zu
zerbrechlich und zu sanft. Tina, seine große Tragödin, hatte darin
gesessen, wenn sie manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch
kunstreiche Stimmungen mit ihm geschweift war. »Ah! die ließ mir Zeit zum
arbeiten. Was sag' ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das wirklich
so beklagenswert?«

Er steckte seufzend den Schlüssel in die Schieblade seines Schreibtisches,
die sein begonnenes Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo
Gemmas kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte.

»Mein Gott, wie lange ist es denn her, daß ich geschrieben habe! Ich weiß
nicht mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brächte ich mehr
fertig, ich habe alles Talent verloren!«

Er nahm den Kopf zwischen die Hände.

»Wenn wir fertig sind, das Mädel und ich -- wir müssen doch einmal fertig
werden! -- wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd' ich dann
brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe.

Ob die ahnt, daß sie mich jetzt schon einen halben Roman kostet? Sie ist
teuer; aber man glaubt gar nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten; was
sie alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist bekannt; nur daß
man Augenblicke hat, wo man's neu entdeckt.

Ach was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich doch aus der Geschichte.
Ich hatte es vielleicht nötig, einmal wieder etwas Starkes zu erleben; man
hat sonst nur noch Kunst, die sich selbst befruchtet. Was mir das Mädel
genützt hat, werde ich später erfahren. Später . . .«

Und er bewegte, alle Gedanken wegschiebend, die Hand.

»Ich bin ja zu müde. Was ist im Grunde der Glaube, den sie mir beibringt;
der Glaube an sie, das Wunder? Müdigkeit, nichts weiter. Sie nimmt mich zu
sehr in Anspruch, als daß ich noch arbeiten könnte.

Das weiß sie nicht. Ich bin sicher, daß sie das nicht weiß. Sie ist sehr
keusch. Bei ihren starken roten Lippen, deren Küsse saugen; bei ihrem Gang,
der einen beschleicht; ihren Gebärden, die umstricken, ihren Augen, die sie
vor Leidenschaft manchmal verschließt -- bei alledem ist sie sehr keusch.
Ihre Augen sind voll der süßen tierischen Reinheit der begehrlichen Frau.
Da ihre Seele immerfort nach mir verlangt, wie sollte es nicht auch ihr
Körper. Sie ist noch aus einem Stück. Sie weiß von keiner Seligkeit ohne
Kitzel. Sie meint, um die Seele zu entzücken, müsse man den Leib
berauschen. Hat sie nicht recht?«

Er warf das Manuskript in die Schieblade, vergaß zum erstenmal den
Schlüssel abzuziehen, betrat die Terrasse, atmete tief. Er verlangte schon
wieder nach ihr.

Tags darauf kam statt ihrer ein Brief. Sie sei beim Umzug, und auch ihr
Bruder gebe ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!

Mario Malvolto saß die drei Tage unbeschäftigt, immer zum Aufspringen
bereit, in seinem Zimmer. Vielleicht wollte sie ihn überraschen? Jeden
Augenblick konnten hinten im Garten die Zweige krachen, die sie
zurückbiegen mußte, wenn sie durch das heimliche Pförtchen schlüpfte.

Aber sie kam erst zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. »Wie das
Warten dich aufgeregt haben muß! . . . Und mich!« sagte sie ehrlich, und
fiel ihm zitternd um den Hals.

In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall gehabt.

»Sag einmal, arbeitest du eigentlich?«

Er wich aus.

»Nein, das möcht' ich wissen. Wenn ich kam, hast du immer bloß gewartet.
Oft warst du über Land gelaufen. Du siehst vorzüglich aus, besser als
anfangs. Aber ich habe dich noch niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst
doch nicht, ich will dich davon abhalten?«

Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am Schreibtisch. »Sie fürchtet, ich
verstecke mich vor ihr, wenn ich dichte; ich enthalte ein zweites Leben ihr
vor. Wenn sie wüßte, wie sehr sie irrt!«

Sie hatte den Schlüssel in der Schieblade bemerkt, sie stürzte sich darauf,
riß das Manuskript heraus.

»Da haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas Schönes!«

Es war das erstemal, daß er sie einen Gegenstand mit Achtung berühren sah.
Sie legte die Blätter wohlgeordnet auf den Tisch.

»Da, setze dich hin!«

»Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du, ich hab' mich drei lange Tage
nach dir gesehnt!«

»Ich mag dich nicht -- wenn du nicht schreibst.«

Er gehorchte. Er blätterte, unklaren Kopfes, in dem Fertigen, besann sich
mühsam auf den nächsten Satz, den er schon gewußt hatte. Er schrieb ihn
hin, dann war's aus. Wie er aufsah, stand Gemma ganz nackt da, und die Arme
halb erhoben.

»Nun schreibe,« sagte sie leise, mit Ehrfurcht.

Er saß aufrecht und blaß und biß sich die Lippen. Sie tänzelte; er fühlte
sie wie eine große, sehr weiße Blüte, bewegt von heißem Luftzug, um sich
herschwanken.

»Ich will, daß du von mir Genie bekommst,« flüsterte sie.

Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles Blut im Kopf. O ja, Genie! Es
schossen plötzlich die Ahnungen unerhörter Schöpfungen in ihm auf, ein
wahrer Urwald des Geistes, glühend von Kelchen, strotzend von Saft, heulend
von Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich hilflos, er bändigte kein
Gefühl, schnitt kein Bild heraus, entdeckte kein Wort. »Das alles wird
später kommen. Später . . .«

Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle der besonnten Terrasse. Sie
hatte rosige Umrisse, und ihre Formen verschleierte eine durchgoldete
Dämmerung. Sie war eine kostbare Muschel; ihr Haar, das sich auflöste,
schlug um sie her wie Algen.

Sie war eine zierliche Nymphe, die kaum erkennbar, so rasch ging es, nur
wie ein Lichtstreif die erdbeerfarbene Wand hinhuschte, einen Augenblick
scheu und wild über seine Schulter lugte, und von der gleich darauf nichts
übrig war, als ein leiser Duft, wie der Rest eines Fabeltraums.

Und plötzlich erhob sich drüben auf dem Rande seines breiten Tisches, das
Haar hoch aufgebunden über dem abgewandten Profil, mit keusch gebogenem
Nacken, eine Hand an der Brust, die andere vor den geschlossenen Schenkeln
-- die Venus.

»Wenn du nicht schreibst --« sagte sie schließlich.

Er warf Hals über Kopf hin, was ihm durch den Kopf ging. Sie kam neugierig
herbei, setzte sich auf die Armlehne seines Sessels und schaute zu. Er sah
die Muskeln ihrer feinen Beine spielen und schrieb immer weiter. Was kam
darauf an! Ihn schüttelte eine halsbrecherische Genugtuung. Er fühlte sich
auf schlimmen Gipfeln, über alles hinaus, was ihm einst hoch gedeucht
hatte. Die Kunst? Die steile Einsamkeit der Kunst? Sie, zu deren Ernährung
man das Leben aussog und arm machte, um derentwillen man den Menschen
abdankte und Komödiant ward? Ah! jetzt spielte er Komödie. Aber seine
Arbeit, die Arbeit am Schreibtisch, die Kunst selbst war Komödie geworden,
und er spielte sie der Liebe vor!

Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn zurück, ganz als holte sie ein
Kind heim, das sich lange genug umhergetrieben hatte. Das alles war nur der
Kampf zwischen der Frau und dem Buch gewesen. »Ihr ist er nicht bewußt
geworden . . . Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt hat!«

Sie senkte sich langsam über ihn, zu genußsüchtigen, runden und tiefroten
Küssen. Er war auf einmal in ihr Fleisch eingehüllt wie in eine Duftwolke.
Es war durchtränkt mit Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Und mit
geschlossenen Augen meinte er, die großen, blauen Lilien schlügen für immer
über ihm zusammen.

Zum Essen mußte sie nach Haus. Sie ging ins Toilettezimmer. Und sofort
fühlte er sich tief im Unglück, weil er sie eine Stunde lang entbehren
sollte.

»Ich bin unersättlich,« sagte er sich mit Jubel. »Es scheint, ich werde ihr
niemals unterliegen. Im Gegenteil, sie bekommt mir, ich bin stärker als je.
Ich habe Appetit, ich reite ohne Anstrengung, fechte mit Leichtigkeit. Ich
denke an nichts -- ich bin glücklich.

Darin besteht das Glück: Körper zu werden. Was mich überfeinert und
entmenscht hat, war die Phantasie. Ich habe nicht nur die Frau mit dem
Körper geliebt, sondern auch noch mit der Seele die Träume, die ich aus ihr
machte. Es war jedesmal doppelte Arbeit, und mußte mich aufreiben. Jetzt
werde ich gesund. Gemma ist kein Traum, ich selbst bin mir keiner mehr. Ich
bin ein Körper im Gleichgewicht, und froh, einer zu sein . . . Ich liebe
sie ohne Hintergedanken, ohne Sehnsucht, mit einfacher Leidenschaft und so,
wie sie geliebt sein wollte, als sie eines Nachts in meine Arme lief! Ich
erdichte nichts mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen einer
schönen Körperlichkeit. Ich sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als
wäre sie gar nicht hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut ist voll
von ihrem Körper, von ihren blütenfarbenen Armen um meinen Hals, von ihren
langen, zart gewölbten Schenkeln, die sich mir öffnen, von ihren getanzten
Liebkosungen. Ihre Gebärden -- ich bin ganz behangen damit! Ich, mein Haus,
mein Garten, dieser Hügel: überall hat sie, mag sie auch fern sein, ihre
Gebärden hinterlassen, die wie abgerissene Blütenzweige sind, die ich sehe,
greife, und deren Duft ich einatme!«

Sie kehrte zurück, im Anzug. Sie nahmen so heißen Abschied, daß sie am Ende
wieder halb entkleidet ihm in den Armen lag.

»Ich gehe nicht mehr,« sagte sie und stampfte auf. »Wir essen zusammen.«

Er führte sie auf die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf
deren Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden
Bäumen schritt, und über einem heftig blauen Meer Galathea helle Glieder
wiegte. Sanft schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken bis unter die
Bogen der Halle.

Malvolto nahm vor der Tür dem Diener die Schüsseln ab und trug sie hinein.

»Du bist zu ängstlich,« sagte Gemma.

»Nein, ich bin eifersüchtig,« gestand er. »Nicht einmal der arme Alte soll
einen Streifen Fleisch schimmern sehen zwischen den Spitzen auf deiner
Brust. Alles ist mein!«

Sie riß, ohne zu antworten, und die Zähne auf der Lippe, herunter, was sie
noch am Leibe trug. Er stürzte sich mit dem Mund auf ihre Kniee.

»Habe ich dir nicht vorher gesagt,« murmelte sie mit einem versunkenen
Lächeln, »ich wolle vor dir immer nackt sein?«

Er richtete sich auf.

»Es könnte sein, daß uns Pan zusieht, draußen vom Acker her. Sonst
niemand.«

»Wir wollen's hoffen,« sagte sie leichthin und lächelnd.

»Der Bauer arbeitet nicht mehr in dieser heißen Stunde, und sein Feld ist
abgeschlossen. In unserm Garten ist kein Fleck, den man von irgend einem
Nachbarhaus sehen könnte. Ich habe mich überzeugt, ich habe dazu ringsumher
Besuche gemacht . . . Was mich beunruhigt, sind deine Leute. Wie erklärst
du deine langen Abwesenheiten?«

»Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner Gesellschafterin. Soll sie doch einen
Ort erfinden, wo ich wohl sein könnte. Wozu habe ich eine Anstandsdame.«

Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht wußte und Listen
verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Südsturm. Ihm stockte der Atem.

Sie aß die Gerichte hastig, und nachdem sie sie stark gewürzt hatte. Und
sie saß dabei ihm auf dem Schoß. »Das Hauptgericht bleibe ich!« meinte er.

Er sagte nachher, leicht ermattet:

»Ich werde, um nicht zu verhungern, heimliche Mahlzeiten einlegen müssen.«

Sie lachte, ohne zu verstehen.

Wie sie in der Frühe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten
feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster, zerbrochen zwischen den
hohen, blaugrünen Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin,
um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte
Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fußwand des
Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am
Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün an Wänden, Estrich und
Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten
Renaissance von Siena, dazwischen der weite Raum halb öde lag, flimmerten
unsicher und rätselhaft die vergoldeten Schnitzereien.

Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bilde kreiste rote Sonne.

»Was ist das?«

Und Gemma streckte die Arme durch die lichtdurchsickerte Dämmerung, wie ein
Meergeschöpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt.

»Das hab' ich noch nie bemerkt.«

»Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint einem
nur in dieser Morgenstunde.«

»Ich sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit er
Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen, kleine Drachen,
Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen, große Frauen, die Haare
voll reifer, dunkler Früchte, oder die Locken zu Zangen gebogen -- Frauen
mit langen, schmalen Brüsten wie Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden
Spiele aus Fleisch, nein, aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer
Gewänder, drehen Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein
. . . Ich möchte so träumen,« sagte Gemma. »Und dort, in der Tiefe des
Säulenkreises steht ein Lager, da träumt Einer!«

»Das bin ich, Gemma. Weil ich der Einzige bin, der die Köstlichkeiten des
Bildes gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel
auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz! . . . In
wievielen Morgenstunden,« sagte Malvolto, im Bette aufgestützt, vor sich
hin, »in wievielen, ehemals, habe ich alle meine Träume erscheinen lassen,
und alle fand ich in diesem Bilde angekündigt -- und gerichtet.«

Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die Arme ihres Geliebten.

»Scheußlich -- nein, das ist scheußlich! Eine Maske -- eine Maske mit einer
großen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus
Haut: Haut von einem Gesicht!«

Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie:

»Was soll das heißen?«

»Ich hab' es immer für eine Erklärung der Kunst gehalten,« erwiderte er.
»Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Körpers prahlt, und
auf unmögliche Weise sich färbt vom Lauf eines Blutes, das längst gestockt
hat -- mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das
Leben die Nüstern bläht und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach
dem Leben selbst. Es war nicht da -- für mich nicht . . . Aber jetzt halt'
ich es!«

Sie kehrten aus tiefer Umarmung zurück. Gemma trat noch einmal vor das
Bild.

»Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske
daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir
abzeichnen. Gleich! Komm, hol' dir Papier!«

Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stöberten umher in den Schiebladen
und stießen schließlich auf das Manuskript.

»Es scheint, es ist nichts anderes da,« meinte Gemma zögernd.

Er drückte ihr ein Blatt vors Gesicht, so fest, daß ihre Nase es
durchbrach.

»Was tust du?!«

»Du weißt nicht, was das ist? Das ist die Haut -- die Haut, unter der
scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!«

Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzündete ein wächsernes
Zündstäbchen und ließ die Flamme die geschriebenen Zeilen hinan klettern.
Als sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum
Kamin.

Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie war blaß geworden. Sie ahnte,
ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.

»Was tust du?« fragte sie nochmals. »Du willst doch nicht dein Werk
verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben --
später.«

»Später? Wann?«

Sie wußte es nicht.

»Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es kein Später. Wir lieben uns,
und dann kommt der Tod.«

Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem
sprach er:

»Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort auf dem Bilde sind alle in
die langen nächtlichen Säulengänge verschwunden, die sie früher ausspieen.
Statt aller Träume hab' ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der
Preis aller meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen
--«

»Ja!«

Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch dachte:

»-- wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und jähere Welt, wo
Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergänge ausgekostet
werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal
stirbt.«

»Auf einmal stirbt,« wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte
nichts gehört als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen
sie losließen.

»Ja, so kommt es, ich fühle es,« sagte sie.

Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und
legte es auf die Feuerstätte. Sie brachte noch eines herbei und noch eines;
das Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in
den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände den
Scheiterhaufen ordneten aus Gedanken, Sehnsüchten, schmerzlichem Ringen
nach Größe -- sie trug ein zweideutiges Lächeln, süß und grausam.

Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschränkt. Er sagte sich, voll
selbstmörderischen Frohlockens:

»Ich glaube.«



IV

Die Tat


Er saß in der Dämmerung und erwartete sie. Sie war auf ein Stündchen nach
Haus, um mit ihrer Gesellschafterin zu sprechen, die sie in Toilettefragen
zur Stadt geschickt hatte. Der Sommer war zu Ende, ein kühler Hauch kam aus
dem Garten, die tote Zypresse ragte ohne ihre Schleier von Glycinien,
entblößt und drohend. Malvolto legte sich vornüber, das Gesicht in die
Hände, und dachte an Gemma, unbegreiflich beklommen.

Plötzlich wußte er, sie sei da. Kein welkes Blatt hatte geraschelt. Sie
stand, dunkel und scharf, in dem bleichen Rahmen der geöffneten
Terrassentür.

Sie kam langsam herbei -- er tat einen Atemzug bei jedem ihrer Schritte --
und stellte sich zwischen seine Kniee, mit herabhängenden Armen, ohne ihn
zu berühren. Er sah ihr Gesicht über seinem planen, verhalten schimmernd
unter dem Schleier des Abends, eines Abends, der ihn beunruhigte, als
sollte er sich nie mehr lichten. Und die beiden Augen über ihm, groß und
schwarz, erblindend in Nacht, heiß von verdeckter Glut -- er hielt sie für
zwei Krater, ihm weit geöffnet. Sie kamen ihm langsam näher, ganz nahe, es
ward ein einziger daraus, über dessen Rand er sich beugte, schwindelnd und
verlockt zu tiefen Lüsten. Da berührte Gemmas Wange die seinige, und Gemma
flüsterte:

»Lieber, wir müssen sterben.«

Er drückte als Antwort nur ein wenig fester seine Wange an ihre. Sie hatte
ihm nichts neues gesagt. Er hatte ihre Worte kommen fühlen, den ganzen Weg
von ihrem Hause zu seinem. Nein, noch viel weiter kamen sie her: aus jener
ersten Nacht, da sie sich ihm gegeben hatte! Sie hatten beide von jeher
gewußt, daß nach ihren Umarmungen nichts mehr übrig sein werde als Sterben.
In ihrer Liebe war der Tod von Anfang an mit eingeschlossen. Sie hatten
gesagt »Für immer«; und die längste Zeit des Immer, wußten sie, war Tod.

Sie hatte ihn um die Schultern gefaßt, und er sie. Sie fühlten einen
krankhaften Zauber sie einwiegen, sie ertränken und auflösen. Rings um sie
her lösten die Formen und die Farben sich auf, die ein Tag den Dingen
geliehen hatte.

Malvolto arbeitete sich mit Anstrengung empor, an die Oberfläche eines
schwarzen Wassers. Er fragte:

»Aber weshalb? Was ist geschehen?«

Gemma lächelte; sie trat von ihm weg und sagte leichthin:

»Mein Gott, man hat uns photographiert.«

»Uns --«

»Ja. Unser Bild geht in der Stadt von Hand zu Hand. Es soll sehr gut
gelungen sein. Ich stehe auf der Terrasse und du liegst vor mir.«

»Du bist -- nackt?«

»Und du, Armer, hast auch nicht viel an.«

»Unerhört! Das ist doch unerhört. Wenn ich mich doch vergewissert habe, daß
von keinem Punkt der ganzen Umgebung meine Terrasse zu entdecken ist! Es
muß vom Garten aus geschehen sein. Das kann nur Niccolo, mein Diener,
gewesen sein -- oder es war deine Gesellschafterin. Ich will doch --«

Und er wollte zur Tür. Gemma faßte seinen Arm.

»Sage, geht das uns noch etwas an, wer es getan hat? Ein namenloser
Vorübergehender. Wir wollen unsere Augenblicke sparen, und uns noch
lieben.«

Er kam zurück, auf einmal beruhigt.

»Du hast recht. Wie hast du's erfahren?«

»Meine Gesellschafterin hat das Bild gesehen, bei zwei Damen, in einem
Laden, wo man sie nicht kannte. Man verkauft es unter der Hand, es soll
großen Absatz finden. Du begreifst, ich, die Cantoggi, und du, Mario
Malvolto . . .«

Er hatte eine Regung von Eitelkeit. Und gleich darauf, wütend vor Scham
darüber, und auf sie losstürzend, ihr zu Füßen:

»Und du, Gemma -- all deine keuschen Schätze, die nur für mich, für mich
geglänzt haben, nun zeigt man sie in den Salons, in den Klubs, hinter den
Kulissen umher! Ja, wir müssen sterben, denn wie sollten wir das
aushalten!«

»Das hielte ich schon aus,« sagte sie, immer lächelnd.

»Ich habe deinen Ruf getötet! Man beglückwünscht mich jetzt in der Stadt,
alle beneiden mich. Das ist zu viel Schmutz.«

Er schlug sich die Stirn mit den Fäusten.

»Wir müssen sterben!«

»Nicht deshalb,« sagte sie sanft. »Das alles ist mir gleich. Aber weil man
uns trennen würde.«

»Man würde uns --«

Er stand auf.

»Weiß dein Bruder es? Ist er zurück?«

»Er kommt erst nächste Woche. Aber er kann es täglich erfahren.«

»Man wird es ihm ja nicht sagen!«

»Wenn er ein Gatte wäre,« sagte Gemma, und ihr Lächeln war kaum noch zu
erkennen. Malvolto senkte die Stirn.

»Allerdings. Einem Bruder wird man es sagen.«

Plötzlich fuhr er in die Höhe.

»Dann schlagen wir uns eben!«

Gemma schüttelte nur den Kopf. Er rief:

»Du meinst, er werde mich töten? O bitte. Vor vier Monaten vielleicht.
Jetzt bin ich sehr stark mit dem Säbel.«

Sie erwiderte:

»Tötest du ihn, sind andere Verwandte da, und sie werden uns trennen. Ich
bin erst Siebzehn.«

Und da er schwieg, setzte sie in einfachem Ton hinzu:

»Siehst du, dann müßten wir dennoch sterben. Warum willst du vorher meinen
armen Bruder töten. Sterben wir lieber gleich jetzt.«

Malvolto sah hastig umher: nein, es blieb nichts anderes mehr zu tun.
Gemma, dieser schmale, verschwimmende Umriß dort vor ihm, mit dem Gesicht,
das schimmernd in der Nacht ruhte, mit den Augen, die noch tiefer waren als
sie -- Gemma war nun zu einer kleinen, weißen Judith geworden, und um einen
ihrer lieblichen Finger schlang sich eine Locke, daran hing ein Kopf: sein
Kopf.

Aber sie starb mit ihm! Er verleumdete sie -- die starke Märtyrerin, die so
schlicht und klar auf den Tod zuschritt, indes er, ihr Geliebter um
dessentwillen sie hinging, noch nach Ausflüchten suchte. Er zog sie an
seine Brust.

»Gemma, du einzige Liebende! Wie kannst du nur so stark und ruhig sein. Ich
bin es, der dich tötet! Haßt du mich denn nicht?«

»Dich hassen!« rief sie, zum erstenmal mit Erregung. »Mir scheint ja, jetzt
lieb' ich dich erst! Als ich vorhin in die Tür trat, und du saßest in der
Dämmerung: ich stellte mich zwischen deine Kniee, wir sahen uns an -- ja,
wir sahen uns an. Hattest du mich schon einmal so angesehen? Ich dich
niemals. Ich hätte nicht geglaubt, ich könnte noch glücklicher werden als
ich war. Es ist jetzt etwas da, was noch glücklicher macht . . . Wir wollen
genießen,« flüsterte sie, die Lider geschlossen.

Er riß sie vom Boden, mit solcher Wildheit wie in ihrer ersten Nacht. Ja,
sie war die große Sinnliche: durch ihre ganze üppige und jähe Welt jagte
sie ihn, bis ins letzte Dickicht, wo die tiefsten Lüste gefeiert wurden,
die in Blut ertranken!

Er schleppte sie, rasend unter der Peitsche des Todes, in das Schlafzimmer.

Als sie zurückkehrten, war der Mond aufgegangen. Sie hielten einander
umfaßt, sie lehnten die Schläfen aneinander, und gingen müde. Wie sie den
grellen Lichtstreifen betraten, der von der Terrasse her breit durch das
Zimmer strich, schraken sie auf, als seien sie kalt übergossen, und
trennten sich. Gemma ging zur Tür, stützte den Arm an den Pfosten und legte
die Stirn dagegen. Sie hörte Mario rastlos über den Teppich wandern. Er sah
sich um. Wie dieser Raum sich verändert hatte! Er gehörte schon nicht mehr
ihrer Liebe; er sollte sie beide sterben sehen, dieser selbe Raum! Die
breite Ottomane bot sich nicht mehr ihren Umarmungen dar; sie glich einem
Operationstisch!

Gemma wandte sich unversehens um und sagte kurz:

»Also tue es.«

Er blieb stehen, mit unüberlegter Erbitterung:

»Ich soll -- dich soll ich --?«

»Ja, soll denn ich es tun?«

Sie sahen einander gerade in die Augen, und sahen es darin aufflammen von
Feindseligkeit.

In der nächsten Sekunde liefen sie aufeinander zu, sanken sich an die
Brust. Einer fühlte des andern Tränen auf der Wange.

»Wir, die wir nur noch ein Leben haben!«

»Ich habe dein Blut in mir,« sagte Gemma. »Nur deines!«

»Und doch müssen wir uns töten, du mich, ich dich.«

»Wir sind unglücklich!«

Sie blieben lange reglos. Da schluchzte Gemma auf.

»Ich soll dich nie mehr haben -- nie mehr.«

»Ich soll niemals mehr deine Hüften küssen,« sagte Mario, »und ihre kleinen
Gruben mit den Lippen messen. Nie mehr das Gesicht in dein Haar wühlen, nie
mehr deine Knie --«

Er hielt, an sie geklammert, eine schmerzliche Andacht. Er füllte ihre
zarte, rote Ohrmuschel noch einmal mit der Last seiner geflüsterten
Begierden, klagte sie, Glied für Glied, an, weil sie ihn verriet, weil sie
ihm keine Freuden mehr spenden würde.

Sie machte sich schließlich los, ging mit ihrem gleitenden Schritt zur
Ottomane, stützte sich darauf und lächelte ihm zu:

»Ich bin bereit.«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann trat er rasch an seinen
Schreibtisch. Sie sah weg, sie hörte etwas Metallenes klappern. Er kam auf
sie zu, eine Hand im Rücken.

»Dein Mörder kommt,« stammelte er. »Er beschleicht dich.«

Er brach vor ihr zusammen, die Stirn auf ihren Knien.

»Ich kann doch nicht! Du bist stärker, Gemma --«

Er reichte ihr die Waffe.

»Du liebst mich nicht, wie ich dich liebe -- bis zum Zittern der Hand.«

»Ich liebe dich so,« sagte sie, und hüllte seinen Kopf noch einmal in ihre
Arme -- »so, daß es kein Glück mehr für mich gibt, als durch dich zu
sterben! Bedenke doch, der Tod erst gibt dich mir ganz. Er macht uns
unzertrennlich Du, küsse mich, während du zustößt.«

Aber er riß sich los.

»Du sollst leben!« rief er. »Was geht mein Schicksal _dich_ an! Ich, ich
bin's zufrieden, und ich danke dir!«

Sie fiel ihm in den Arm, sie war leichenblaß. »Was hast du tun wollen. Du
hast mich allein lassen wollen? Das könntest du?«

Und sie schluchzte bitterlich.

»Deine Weste ist aufgeschnitten, das Hemd auch. Hilf Himmel, du blutest!«

»Ein Hautriß,« murmelte er. »Es wird anders kommen.«

»Sei lieb,« flüsterte sie, und sie zog ihn zu sich auf das Ruhebett, als
verlangte sie eine Umarmung.

»Alles Gute hab' ich immer nur von dir gehabt, jede schöne Sonne. Weißt du
nicht, wovon ich in San Gimignano geträumt habe, als Kind, auf meinen
Epheumauern? Von dir, Lieber.«

Den Kopf träumerisch im Nacken, mit einem unsichern Lächeln der Wollust,
führte sie den Dolch, dem zaudernd seine Hand folgte, zu sich hin, ihrem
Leibe zu, in den er eindringen sollte; und ihre heldenhafteste Gebärde war
von der begehrlichen Anmut ihrer unkeuschesten.

Da stieß er, die Lider eingedrückt, drauf los -- gepackt von Entsetzen,
ohne daß er's gewollt, und ehe sie's erwartet hatte. Sie schrie auf.

Wie er die Augen öffnete, fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war sie? Er
suchte ihren Kopf. Der hing über den Rand. Er hob ihn auf das Kissen. Aber
ein Stückchen weißes Fleisch rollte ihm gegen den Magen. Was war das? Das
Glied eines Fingers. Er hatte ihr einen Finger abgeschnitten. Er sprang
auf, gräßlich erschrocken. Das Eisen klapperte zu Boden.

»Was hab' ich getan. Das tat ich? Ich? Da liegt diese Frau -- sie hat Blut
auf den Lippen, was seh' ich auf einmal alles. Sie ist verzerrt, sie wälzt
sich. Warum? Mein Gott, ihre Brust klafft! . . . Gemma!«

Er beugte sich über sie, aufheulend. Sie sah ihm in die Augen, mit
getrübtem Blick, der fragte.

Er begriff plötzlich. Sie verlangte, er solle nun auch in seine Brust
stoßen!

Er stand und schwankte, kalt überlaufen. Eine Kluft war jäh aufgerissen
zwischen ihr und ihm, die ganze Tiefe zwischen dem Lebenden, dem alles
freistand, und einer, der der Tod keine Wahl mehr ließ, gähnte ihn an. »Was
geht das Geschick dieser Sterbenden mich an!« Und er erinnerte sich dumpf,
daß er einige Augenblicke früher ihr zugerufen hatte: »Was geht mein
Schicksal dich an!« Und er hatte sie retten wollen, und auf sich selbst
gezielt. Da lag nun sie . . .

Er bückte sich nach dem Dolch. Die Augen in ihrem zuckenden Gesicht folgten
ihm.

Nein! Wenn er's auch tat -- er starb doch nicht mit ihr. Es war ein zu
ungleiches Sterben. Ihr Tod war etwas Einfaches, Leichtes. Sie starb als
Kind. Was wußte sie. Woran hatte sie je gezweifelt. Welche Enttäuschungen
hatten sie an das Leben schmerzlich festgebunden? Sie war auf der Erde
erschienen zum Dienst einer einzigen Leidenschaft. All ihr voriges Leben,
ihre kurzen Jahre, hatten wie eine kurze, gerade Allee, an deren Ende eine
Herme steht, auf ihn zugeführt, auf ihn und auf jene Mondnacht, als sie ihm
in die Arme stürzte. Zwischen jener Mondnacht und dieser, in der sie starb,
lag alles was ihr Sinn gab, alles was sie fühlen konnte -- lag sie ganz.
Wenn sie nun starb, mit ihm starb, hinterließ sie nichts, hatte sie nichts
zu bereuen.

Aber er -- o, er! Er war in dieser Minute aus einem wilden, zugewachsenen
Garten herausgebrochen und sah wieder die weite Welt daliegen. Was gab es
zu genießen an Lüsten, Leiden, winkenden Zielen! Welche namenlosen Reize
schillerten ringsumher auf Frauen, Spielen, Worten! Er fühlte sich voll von
neuen Seltenheiten. Die Schöpfungen, die wie Urwälder in seinem Geiste
aufgeschossen waren, als Gemma, eine nackte kleine Muse, ihn umspielte,
jetzt sollte seine Kunst durch ihre Dickichte brechen! Sie hatte ihre
Sendung vollendet, die prachtvolle Liebende, die dort verging. Und was er
nun aus ihr machen wollte! Und aus ihrem Tode! Wozu starb sie denn, wenn er
nichts mehr aus ihr machen sollte.

Aber ihr Blick, weiß verdreht, war mit dem schmalen Halbkreis der Pupillen
immer auf ihm.

»Was denke ich, was tue ich. Ich verliere den Verstand. Kann ich denn
untätig zusehen, wie sie sich quält!«

Er wandte sich weg, drückte, sinnlos vor Angst, auf die Klingel. Er eilte
zur Tür. Die Sterbende rang nach Atem, sie schrie gellend:

»Mörder! Du Mörder!«

Er fuhr herum, und weiß wie sie, und die Augen weit wie ihre, begegnete er
nochmals ihrem vollen Blick.

Draußen gingen Schritte. Der alte Niccolo trat auf die Schwelle, brach in
Geschrei aus und lief davon. Die Tür war offen geblieben, im Hause entstand
Lärm.

Mario Malvolto starrte noch immer in die Augen seiner Geliebten, die tiefer
erloschen.

»Mörder,« sagten seine fahlen Lippen. »Du hast recht. Ich hab' dich
beschlichen, hab' mich in dein Leben eingeschlichen, in das Leben der
Starken, habe ganz leben, ohne Vorbehalt lieben und endlich Mensch sein
wollen. Auch sterben wollt' ich, wie Starke sterben: auf einmal. Verzeih
mir, das war ein Irrtum. Ich hab' dich nicht betrogen. Ich glaubte. Erst da
es Ernst werden soll, merke ich, es war Komödie. Auch das war Komödie, wie
alles übrige. Verzeih mir, geliebtes kleines Mädchen. Es ist nicht einfache
Feigheit -- es ist nur, weil man sich zum Schluß einer Komödie doch nicht
wirklich umbringt.«

Da hob er die Waffe vom Boden.

»Und ich tu's doch! Sieh nur, ich tu's!«

Er riß sich das Hemd auf, zeigte ihr die Dolchspitze auf seiner Brust.

»Siehst du's? Und erkennst du's an? Ich tu's, weil du zusiehst, nur für
dich!«

Aber er bemerkte, daß ihre Augen glasig waren.

»Du bist tot? Was ist das! Wir sollten zusammen sterben, und du verläßt
mich? In dem Augenblick, wo ich bereit bin, wo ich dir alles, alles opfere,
nicht ein einzelnes Leben wie du mir, sondern die hundert unerschaffenen,
die in mir sind -- in dem Augenblick verschwindest du? Bist fort für
immer?«

Er stammelte wirr.

»Ja dann -- was tue ich? Was bleibt mir zu tun? Ich weiß nichts mehr.«

Er hob die Arme, ließ sie fallen. Seine Blicke, irr umherflatternd, trafen
ins Gesicht des Pippo Spano.

»Du! Was tätest nun du! Erlebtest du einmal solche Niederlage? Du bist der
Starke, der mich verführt hat. Du warst mein Gewissen. Du bist schuld! Was
soll ich tun!«

Pippo Spano lächelte. Sein mondgrelles Lächeln, sein Lächeln aus einem
Übermaß grausamer Selbstsicherheit, stürzte in Frauen und fesselte. Es
bannte Mario Malvolto. Er befragte es mit all seiner Seele, die Hände
faltend, wankend und nach Atem ringend, unter fliegender Hitze und kalten
Schweißausbrüchen, zerstört und von Jammer hingerafft -- ein stecken
gebliebener Komödiant.



Fulvia


Es war spät. Raminga ordnete mit ihrer fetten und rußigen Hand zwei
sparsame Scheite in den Kamin. Gioconda beendete ihre bescheidene
Klatschgeschichte zu Füßen der Marchesa Grimi, die gähnte. Die Marchesa
Quattrocchi blinzelte in die Flamme. Niemand sprach mehr; über die Dächer,
aus der Nacht kam die aufgeregte Stimme eines Glöckchens. Die alte Fulvia
sagte plötzlich:

»Ihr Jungen, ihr redet immer, als käme alles im Leben auf Liebesgeschichten
an. Ich könnte euch Frauen zeigen, die sie manchmal verachtet haben, weil
ihr Herz nach Wichtigerem schlug.«

»O,« machte die Marchesa Grimi. Sie lebte von ihrem Mann getrennt, und sie
lebte nur der Anstrengung, mit der sie Tröstungen entsagte.

Die Marchesa Quattrocchi war ganz bedeckt mit Abenteuern. Sie meinte
erstaunt:

»Wichtigere Dinge?«

Raminga und Gioconda sagten mit saurer Heiterkeit:

»Die Mama hat leicht reden, da sie ja den Papa gehabt hat. Da möchten auch
uns die Liebesgeschichten gleich sein.«

»Einer der Befreier des Landes,« erklärte die Marchesa Grimi. »Das waren
noch Ritter, mit denen ließ sich leben.«

Sie seufzte. Die Marchesa Quattrocchi rief:

»Liebe und Freiheit!«

»Die Freiheit ging uns vor,« sagte Fulvia. »Säßen wir sonst hier?«

Und sie lauschte. Von Rom war nichts vernehmlich als das einzige Glöckchen.

»Hätten wir sonst Ferrara, unsere Stadt, hätten wir unsere Familie
verlassen, mein Mann und ich? Wären wir gegen die Deutschen gezogen? Hätten
wir unser Vermögen dem Lande gegeben? Hätte Claudio seine Gesundheit und
einen Arm darangegeben, und ich mein Behagen? O, viele haben die Opfer, die
sie der Freiheit brachten, als Einsatz benützt, und haben großen Gewinn
gemacht. Wir nicht. Claudio wollte Gemeiner bleiben, er, ein Advokat. Alle
Grade hat er sich auf Schlachtfeldern geholt, und unser Oberst Calvi, der
Arme, den die Deutschen zu Mantua gehängt haben, er war es, der meinen Mann
zum Kapitän machte, auf dem Markusplatz in Venedig.

Wie viel Not, wie viele Ermüdungen, wie viel Blut von 48 bis 70! Wir wurden
von der Regierung als Beamte in Alpendörfer geschickt, und kamen im Eise
um. Wir mußten Ordnung und Sicherheit herstellen in Cesena und Forli,
Städten, die unter der langen Priesterherrschaft verwildert waren. Wenn
Claudio abends ausging, zitterte ich in meinem Bett; denn man fand jeden
Morgen Leichen vor den Schwellen ihrer Häuser. Dann waren wir
Unterpräfekten in Comacchio, wo es in den Sümpfen nichts gab als Aale und
Aalfischer; dann in Pesaro, wo die Damen der guten Gesellschaft zur Hälfte
frühere Dienstmädchen, zur anderen Hälfte alte Balletteusen waren, und alle
gingen in Holzschuhen . . . Endlich, das ist wahr, kamen wir als Präfekten
nach Parma. Wir wohnten in dem Palast der Marie Luise, wir gaben Feste, in
jedem Theater gehörte uns eine Loge. Es fror uns sehr in den weiten Sälen
mit ihrem vergoldeten Stuck. Aber ich, Fulvia Galanti, habe mit dem König
Viktor Emanuel getanzt.«

Die vier Frauen sahen stumm zu ihr hinüber, sie erkannten einen Abglanz
ihrer alten Größe auf Fulvia. Sie saß am andern Ende des staubigen Salons,
weit fort von dem Feuer, das sie verachtete, und an dessen Reste sie erst
spät in der Nacht, wenn alle schliefen, heimlich ihre gekrümmten Hände
hielt. Ganz allein saß sie vor dem langen Tisch, mager, steif wie ein Idol,
mit goldenen Ketten bedeckt, und weiße, gebrannte Locken über dem langen,
weißen Gesicht.

»Aber als sie Claudio pensionierten, was blieb uns? Er wollte in Rom
sterben, und in Rom ist er gestorben. Auch ich werde hier sterben; das ist
alles, was uns beiden die Freiheit des Landes eingetragen hat. Und es ist
genug.«

»Du hattest auch die Liebe,« sagte hartnäckig Raminga, und ließ sich von
ihrem Hündchen das Gesicht lecken.

»Wenn ich Lino hätte heiraten können!« äußerte Gioconda. »Aber wir sind zu
arm, wir sind der Freiheit des Landes geopfert; und sie hat es uns nicht
vergolten, wie dir, Mama. Du hattest, was du wolltest.«

»Meint ihr, Töchterchen? . . . Ihr habt recht, ich war glücklich mit eurem
Vater. Das hindert nicht, daß Oreste schön war.«

Ihre Augen wurden ganz klein, ihre Falten verschoben sich; man wußte nicht,
ob sie lachte. Es war dahinten in unsicherm Licht die weiße, beunruhigende
Grimasse eines Idols.

»Wer war Oreste?« fragte die Marchesa Grimi.

»Oreste Gatti, der Neffe des Kardinal-Legaten. Er hatte blaue Augen, er war
mein Jugendfreund. Wir spielten im Garten des erzbischöflichen Palastes,
auch war ich oft bei den Conversazioni der Damen und Herren. Es gab
Zuckerwasser oder Wasser ohne Zucker, aber gekühlt gemäß der Jahreszeit.
Die Säle hatten ein Echo. Eine alte Contessa, deren Namen ich nicht mehr
weiß, ließ eine silberne Kugel, in der heißes Wasser war, immerfort von
einer Hand in die andere fallen.

Als ich sechzehn Jahre alt war, kam er von Rom, von der Universität, und
begann mir den Hof zu machen. Auf der Promenade ging er zwanzigmal ganz
langsam an mir vorbei und grüßte sogar meine Magd hinter mir. Am Abend
stellte er sich mit seinen Freunden unter meinen Balkon und spielte und
sang. Er hatte eine Stimme, ich höre sie noch.

Eines Abends aber, als ich vom Spaziergang heimkehrte, war die Stadt ganz
voll und laut. Man hatte eben das Ghetto geschlossen, sein Tor lag gleich
beim großen Platz. Ich sah einen jungen Mann am Turm neben dem Tor
hinaufklettern und oben eine Axt schwingen. Dann bestiegen viele andere die
Mauer und das Tor, schlugen auf die Steine und Bretter und rissen daran.
Die Juden sollten herauskommen. Ich erfuhr, dies geschehe im Namen der
Freiheit. In mir stand damals ein großes Gefühl auf, das mich nie mehr
verlassen hat. Mir scheint, es steht noch heute in meiner Brust, und es hat
die Gestalt des Jünglings, der als erster auf dem Turm des Ghetto die Axt
schwang. Das war, Töchter, euer Vater.

Er war nicht schön, er war eher schwächlich, und ich sehe es als Wunder an,
daß ich ihn durchgebracht habe, bis ins sechsundsiebzigste Jahr . . . Ich
erblickte ihn am Tage nachher auf der Promenade und nickte ihm zu, obwohl
unsere Eltern sich nicht kannten. Ich nötigte meinen Papa, zu dem seinigen
zu gehen. Auch Claudio machte mir den Hof, aber meistens redete er von der
Freiheit, ja, von der Freiheit des Landes, und von Rom. Er war ein großer
Sprecher, und seine Arme arbeiteten so dabei, daß ich alles begriff und
mitfühlte. Er wachte spät über Büchern, die, wenn man sie bei ihm entdeckt
hätte, ihn ins Gefängnis gebracht hätten. Er trank viel heißen Kaffee dazu,
hinterher eiskaltes Wasser, darum sind ihm auch später alle Zähne, noch
heil und gesund, aus dem Munde gefallen.

Oreste seinerseits erklärte mir, er wolle mich heiraten. Als er wieder
einmal meiner Magd ein Briefchen zugesteckt hatte, antwortete ich ihm, ich
werde nur einen Freund der Freiheit heiraten, und einen, der die Priester
verjagen werde. Oreste sagte, dieser Brief sei sehr gefährlich, und zerriß
ihn vor meinen Augen. Ich beschwor ihn, die Freiheit zu lieben. Er sagte,
er sei mit dem Claudio Galanti schon in Rom zusammengestoßen. Jener sei
unter den liberalen Studenten der dreisteste gewesen; er, Oreste, könne ihn
sich jeden Augenblick vom Halse schaffen.

»Du bist feige!« rief ich.

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich fürchte ihn nicht, er soll bleiben was er ist. Aber auch ich bleibe
das.«

»Glaube, mein Oreste, an diese große Sache, die Freiheit! Fühle mit uns,
mit deinem Lande, mit diesem edlen, alten Lande, das im Joch von Fremden
und Priestern vor Scham zittert!«

»Ich bin Graf Oreste Gatti, der Neffe des Legaten. Ich gehöre zu den
Herren. Was täte ich bei den Empörten? Eure Freiheit lebt nur im Geschwätz
ehrsüchtiger Plebejer.«

»O du, du hättest nicht das Tor des Ghetto einzuschlagen gewagt!«

»Hätte ich's nicht? Wir wollen sehen, was ich wage!«

Er haschte nach mir, wir jagten uns, wir scherzten. Ich weiß noch, es war
seltsam, wie mir schwindelte, als er mich fing, zwischen den zwei
Kameliensträuchern voll roter Blumen, wo aus dem Sockel des großen
steinernen Bildes ein Quell rann. Er atmete ganz ruhig unter seinen kurzen,
blonden Locken; und am Hals sah aus seinem Samtmantel ein Stück seines
Spitzenkragens. Ich begriff wohl, er war Graf Oreste, der Neffe des
Legaten.

Wir gingen langsam zwischen den geschnittenen Bäumen zurück bis unter die
Fenster des Palastes. Dort stand ein Brunnen, ein großes, mechanisches
Werk, wo Kraft des Wassers viele künstliche Figuren sich bewegten,
arbeiteten oder Scherz trieben. Ein Mann auf einem Esel ritt um den
Brunnenrand. Ganz oben warfen mehrere sich eine schwere Kugel zu. Oreste
sprang plötzlich auf den Esel und steckte den Kopf zwischen die Hände
derer, die Ball spielten. Ich schrie auf; er zog lachend den Kopf zurück.
Einen Augenblick später, und die schwere Kugel hätte ihn zerschlagen.

Am Portal kam uns ein Diener entgegen mit dem Befehl des Kardinals, Oreste
habe bis morgen abend in seinem Zimmer zu bleiben. Der Kardinal hatte
gesehen, wie sein Neffe den Kopf zwischen die Kugelwerfer hielt; und er war
erzürnt.

Ich stand in jener Nacht an meinem Fenster, sehr betrübt, weil Oreste nicht
kommen durfte und singen; und immerfort sah ich hinüber zu ihm. Die
Rückseite meines Hauses ging auf Gärten, und dahinter war der Palast und
sein Zimmer. Der Mond ging auf, wir erkannten uns. Er trat auf seinen
Balkon, wir grüßten uns aus der Ferne. Wir ließen vorsichtig unsere Tücher
flattern, es war im Mondschein nur wie ein wenig Silber, das rieselte. Ich
hörte den Schritt der Wache auf dem Hofe unter ihm.

Auf einmal schwang er sich über das geschmiedete Gitter des Balkons, hängte
sich mit den Händen an zwei gebogene Stäbe und schaukelte. Der Posten ging
eben, abgewendet, am anderen Ende der langen Hofmauer. Oreste blickte
hinter sich; die Mauer war drei Meter entfernt und fast so hoch wie das
erste Stockwerk, wo er hing. Er schaukelte stärker; ich drückte mein Tuch
ganz in den Mund hinein. Da ließ er sich los, er flog über die Mauer weg.
Ich fiel hin. Als ich aufstand, war er schon davon, über die weiche Erde
des Gartens. Er fand eine Pforte, er verschwand im Schatten des Gäßchens,
auf der Straße zu mir. Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinuntersteigen
konnte, ohne entdeckt zu werden, und die Stange vor der Haustür
wegschieben, ohne daß sie klirrte. Denn ich zitterte und fühlte das Herz im
Halse. Wir drängten uns in den Winkel bei der Tür, nur einige Minuten und
ohne zu sprechen.

Sehr bald darauf heiratete ich Claudio. Zwei Jahre nach dem Sturm auf das
Ghetto, am 12. Mai 1848, brachen wir auf gegen die Deutschen. Ich ging mit
meinem Mann, er stand im Freikorps. Der Papst selbst war mit uns, weil sein
Bruder, ein Verschwörer, gefangen saß. Der Papst selbst hatte unsere Fahnen
gesegnet. Die Deutschen schlugen uns überall, in Vicenza, bei Cornuda, in
Venedig. In Vicenza glaubten wir, sie würden in die Stadt dringen, wir
könnten sie aus den Fenstern mit Pflastersteinen zermalmen und mit Öl
verbrennen, die Armen. Sie aber beschossen uns von den Bergen. Was wollt
ihr, wir waren unerfahren. In Venedig schlossen sie uns ein, wir lebten von
Eselsfleisch, und das kostete ein Auge aus dem Kopf. Wir waren immer voll
Freude und Zuversicht. Ich trug eine dreifarbige Schärpe, ihr seht sie in
jenem Glaskasten; und mein Haus war voll Verwundeter, die ich pflegte.
Meinem Mann durchschossen sie die Wange; der halbe Schnurrbart war fort.
Die rechte Hälfte ist später immer ärmer an Haaren gewesen als die linke.

Aber als wir nach Ferrara zurückkehrten, hatte der Papst schon längst Angst
bekommen vor den Deutschen. Sein Bruder war heraus aus dem Gefängnis. Der
Papst war nun der Freund unserer Feinde. Nun waren wir Verräter; wir, die
mit seinem Segen auf unseren Fahnen hinausgezogen waren.

Claudio wollte die Advokatur ausüben; sie verboten es ihm. Er kam manchmal
nach Hause und sagte, er wundere sich, daß er nicht verhaftet werde. Die
meisten seiner Freunde waren schon verhaftet auf Befehl der Triumvirn.
Einer dieser drei Schergen des Papstes war Oreste Gatti.

Indes durchsuchten sie unser Haus. Wir wären verloren gewesen, hätten sie
die Waffen gefunden. Aber sie lagen in einem Küchentisch, von dem die Füße
abgeschraubt waren, und der in die Wand hineingeklappt war; es sah aus, als
hinge nur ein Brett an der Wand. Sie fanden Papiere, die Claudio
unterschreiben sollte. Er weigerte sich. Auch als Oreste Gatti ihn rufen
ließ, weigerte er sich.

Mir war sehr unheimlich zumute, ich beschloß mit dem Legaten zu sprechen.
Er hatte mir doch oft über die Wange gestrichen, als ich klein war. Wie ich
eintrat, sahen sie mich bedenklich an. Ich trug alte Kleider, Claudio
verdiente ja nichts. Ich hatte durch das Ghetto gehen müssen, ein öliger
Schmutz war an meinen Schuhen. Man holte mich aus dem Vorzimmer von den
anderen Bittstellern weg und führte mich in ein Kabinett, wo ich allein
war. Da ging die Tür auf und Oreste kam.

»Wie bist du braun geworden,« sagte er. »Du bist noch viel schöner.«

Er wollte wie früher nach mir greifen, er streifte mit der Hand meine
Schulter.

»Dort hat die Trikolore gelegen,« sagte ich, und trat von ihm fort. Er
faltete die Brauen.

»Du wirst bald frei sein, dein Mann lebt nicht mehr lange.«

»Ich weiß,« erwiderte ich, »daß der und jener unterschrieben haben und
gehängt sind. Aber Claudio unterschreibt nicht.«

»Jene wären auch ohne Unterschrift gehängt worden.«

»Du hättest meinen Mann gleich damals verraten sollen, wie er als Student
für die Freiheit sprach. Du hättest deine Feigheit nicht so lange aufsparen
sollen.«

Er blieb ruhig.

»Ich weiß, daß du mein sein wirst,« sagte er. »Ich verlange nichts, du
gibst alles von selbst.«

Er besann sich.

»Dein Mann muß flüchten; es steht nicht in meiner Macht, ihn zu schonen. Er
soll heute abend um sieben als Bauer durch das Tor fahren.«

Ich ging nach Hause. Claudio kam; seine Freunde hatten ihm geraten zu
fliehen. Ich ließ ihn die Kleider des Mannes anziehen, der uns Gemüse
brachte, und er entkam.

Ich blieb zurück; Claudio wollte mich nicht mitnehmen auf seine ungewisse
Fahrt. Übrigens wußte ich, man hätte mich nicht fortgelassen. Ich war ganz
allein in unserem Hause, ich hatte nichts mehr für mich selbst zu essen,
viel weniger für eine Magd. Und aus welchem Fenster ich den Kopf steckte,
immer sah ich in das Gesicht eines Spions. Sie ließen niemand hinein zu
mir.

Eines Abends aber hörte ich das Haustor gehen. Ich lugte aus meinem Zimmer.
Drunten im Flur war alles finster. Aber in der Finsternis näherten sich
feste Schritte. Ich schloß nicht meine Tür, ich fand alles nutzlos. Eine
jähe, fiebernde Angst sprang in meinen Adern -- nicht vor dem, der jetzt
die Treppe heraufkam, nicht vor ihm. Es war heiß, mein Hals war entblößt.
Und ich hatte Angst vor meiner eigenen Brust und vor den Schlägen darin.
Ich suchte nach Hilfe; da nahm ich meine dreifarbige Schärpe und legte sie
über meine nackte Brust. So stand ich und wartete.

Er trat ein, und er verzog den Mund.

»Da stehst du und weißt genau, daß du mein bist --, und mit einem gefärbten
Tuch willst du trotzen, mir und dir. Wie töricht bist du!«

Aber ich fühlte jetzt Mut. Eine Öllampe mit drei brennenden Schnäbeln
flackerte auf dem Tisch hinter mir; er sah von meinem Gesicht nur den
Umriß. Ich aber konnte erkennen, wie bleich er war. Große Schatten tanzten
um uns her an den Wänden. Er sagte:

»Aber so war es immer. Du hast dir die Freiheit immer nur wie ein Tuch
umgebunden, weil du mir deine Schönheit versagen wolltest. Und du liebst
mich, von jeher liebtest du mich! Ist es wahr, daß du geweint hast, als ich
vom Balkon über die Mauer gesprungen war?«

»Es ist wahr,« sagte ich. »Und ich hätte dich geliebt. Aber ich durfte
nicht, denn es gab etwas Größeres, das ich erblickt hatte und nicht
vergessen durfte: Jenen, der auf dem Turm vor dem Ghetto stand und seine
Axt ins Tor schlug.«

»Wie viel Gewissen!« rief er. »Jetzt sind wir allein in diesem Hause, in
das keiner den Fuß setzt. Jener andere ist fern, verschwunden, wer weiß wo.
Was lebt jetzt noch von der Welt umher? Auch die Freiheit ist tot, jenes
Phantom. Wir sind allein: jetzt wirst du den Mut haben zu unserer Liebe.
Und hast du ihn nicht, dann hab' ich ihn für dich mit!«

Er warf die Arme um meinen Hals, ich fühlte sie zittern. Ich stieß ihn
zurück, lief aus der Tür, die Treppe hinab. Er war immer hinter mir.
Drunten in einem der dunklen Zimmer ergriff er mich von neuem; wir stürzten
hin, rafften uns auf, stolperten weiter. Zuweilen trennten uns Möbel, die
wir nicht sahen und die er umstieß. Dann flüsterte er wieder dicht an
meinem Gesicht: »Du liebst mich!« Und ich würgte an einem »Nein«.

Endlich gelangten wir, wir wußten nicht wie, in den Garten. Es war kein
Mond da. Wir taumelten stumm und atemlos hintereinander her, durch schwarze
Büsche. In einer Laube, in tiefer Nacht fing er mich und warf mich auf die
Bank. Seine Hand lag auf meiner nackten Brust; das dreifarbige Tuch war mir
längst entfallen, irgendwo im dunklen Hause. Wir fühlten, daß wir einander
in die Augen sahen: und dabei unterschied keiner des anderen Gesicht. Auch
spürte ich sein Herz klopfen und er meines. Ein Blatt raschelte über
unseren Köpfen. Einmal meinte ich, hinter der Gartenmauer schliche ein
Schritt. Wir waren bewacht. Haus und Garten und Stadt lagen schwarz und
gebannt. Es gab in der Welt nur noch unsere klopfenden Herzen. Ich hatte
wieder Angst, solche Angst wie noch nie. Ein Glöckchen fing an zu hämmern,
ein gewisses Glöckchen mit einer aufgeregten Stimme. Mir war doch, ich
hörte es wieder?«

Die alte Fulvia lauschte. Aber über den Dächern Roms war die Nacht ganz
verstummt.

»Wie man sich erinnert,« murmelte sie. »Wie wenig bedarf es.«

»Ich sagte dort in der Laube mit trauriger Stimme:

»Höre, Oreste, es ist seltsam, mir schwindelt, wie zwischen jenen
Kameliensträuchern im Garten des Kardinals, wo du mich gefangen hast. Auch
damals hatten wir einander gejagt. Aber wir waren damals besser.«

»Es ist deine Schuld,« erwiderte er, und ich, ohne ihm zuzuhören:

»Wir waren ganz jung, und alle Bäume im Garten hingen voll von unseren
Träumen. Weißt du noch, wie wir bei den Conversazioni zwischen den alten
Leuten saßen, und sprachen eine Sprache ganz für uns?«

»Und auf der Promenade,« setzte er hinzu, »wenn wir einander begegnet waren
und uns in die Augen geblickt hatten; dann zählte ich meine Schritte: fünf,
zehn, zwanzig. Nun kehrtest du um, und ich durfte dir wieder entgegengehen,
und meine Füße wurden so leicht, als ob der Weg zu dir durch die Luft
führte.«

Wir schwiegen. Dann sagte er hart:

»Und nun bin ich endlich ganz bei dir. Nun kann ich dich haben. Du wolltest
es doch so? Und unser Geschick hat uns doch hierher geführt?«

Plötzlich ließ er mich los, trat von mir fort, in das Laub hinein, daß ich
nicht einmal mehr seinen Schattenriß sah.

»Nein, nicht hierher,« sagte er. Ich flüsterte:

»Ich wollte, in Vicenza hätten sie mich erschossen . . . O, Oreste, du
weißt nicht, wie gut es sich stirbt für diese große Sache, für die
Freiheit!«

»Doch. Seit ich dich dort draußen wußte, weiß ich auch das. Und ich wollte,
wir könnten zusammen durch eine Stadt wandern, auf die Kugeln fallen. Sag
doch, Fulvia, hast du einmal daran gedacht, daß die gleiche Kugel auf uns
beide hätte niederfallen können?«

»Wenn du mit mir gewesen wärest, ja, und mit der Freiheit . . . Ich habe
mit meinen Händen die Pflastersteine ausgegraben, die wir aus den Fenstern
werfen wollten. Warum warst du nicht da, mir zu helfen?«

»Du hast auch Wunden gepflegt. Hätte ich eine tödliche bekommen und wäre an
ihr gestorben! Nur deine Lippen hätten sie zum Schluß streifen sollen!«

»Es kommen andere Schlachten,« sagte ich nach einem Schweigen leise.

»Ich gehe hin!« rief er, aufstampfend. »Auch ich gehöre diesem Lande und
will es frei machen!«

»Wann gehst du?«

»Gleich. Heute nacht!«

Ich erschrak, ich schrie auf.

»Nein! Du wirst mich nicht verlassen. Auch Claudio ist verschwunden. Soll
ich immer in diesem Hause bleiben, wo nichts atmet? Wo, scheint mir's, kein
Tag mehr aufgehen wird? Oreste!«

Ich glitt von der Bank, ich sank vor ihm hin, tastete nach seinen Knien.
All meine Besinnung war fort, eine kranke Närrin war ich.

»Nimm mich hin,« sagte ich. »Nimm mich lieber hin! Aber geh nicht fort!
Verlaß mich nicht!«

Er hob mich auf wie ein Bruder.

»Wir gehen zusammen, ich bringe dich nach Turin, in Sicherheit.«

Am Himmel entstand ein grauer Schein. Wir unterschieden unsere Gestalten.
Wir warteten stumm, bis wir auch unsere Augen sahen. Wie vieles Stürmische
mußte in ihnen geschehen sein in dieser Nacht, ohne daß wir's gesehen
hatten. Jetzt waren sie still wie Geister.

Oreste sprengte in der Stadt aus, daß er mich auf sein Lusthaus entführe,
vor das Tor. Wir flohen, gelangten über die Grenze und nach Turin. Dort
fanden wir Claudio. Er litt noch an seinen Wunden; eine Krankheit kam
hinzu, ich mußte dableiben und ihn pflegen. Oreste allein zog hinaus. Er
ist für die Freiheit gefallen, bei Varese.«

Die Marchesa Grimi sagte nach einer Weile seufzend:

»Aber er ist doch für Sie gestorben, für Sie!«

»Ja, Mama,« meinte Raminga, und ließ sich von ihrem Hündchen das Gesicht
lecken. »Du hast alles Gute gehabt. Er starb für dich.«

»Schweigt!« befahl Fulvia. »Er fiel für die Freiheit!«



Drei-Minuten-Roman


Als ich einundzwanzig war, ließ ich mir mein Erbteil auszahlen, ging damit
nach Paris und brachte es ohne besondere Mühe in ganz kurzer Zeit an die
Frau. Mein leitender Gedanke bei dieser Handlungsweise war: ich wollte das
Leben aus der Perspektive eines eigenen Wagens, einer Opernloge, eines
ungeheuer teuren Bettes gesehen haben. Hiervon versprach ich mir
literarische Vorteile. Bald stellte sich aber ein Irrtum heraus. Es nutzte
mir nämlich nichts, daß ich alles besaß: ich fuhr fort, es mir zu wünschen.
Ich führte das sinnenstarke Dasein wie in einem Traum, worin man weiß, man
träume, und nach Wirklichkeit schmachtet. Ich schritt an der Seite einer
chiken, ringsum begehrten, mir gnädigen Dame nur wie neben den
zerfließenden Schleiern meiner Sehnsucht . . .

Wenige Tausende lagen noch in meiner Brieftasche, da öffnete ich sie
unvorsichtigerweise eines Nachts auf einem öffentlichen Ball unter den
Augen eines jungen Mädchens. Sie lud mich ein und ich folgte ihr weitab in
ein kelleriges Haus mit schlüpfrigen Treppen und mit Wänden, von denen es
troff. Ich hatte soeben meinen Rock über einen Stuhl gehängt, da klappte
der Bettvorleger, auf dem ich stand, mitsamt einem Stück Diele nach unten,
und ich rutschte in einen Schacht hinein. Er war ziemlich weit. Ein
Vorsprung ermöglichte es mir, drei oder vier Fuß unterhalb des soeben
verlassenen Zimmers einen Aufenthalt zu nehmen und der Freude einer
weiblichen und einer männlichen Stimme über meine Hinterlassenschaft
beizuwohnen . . . Auch das war eine Perspektive. Es war nicht jene
oberweltliche, der zuliebe ich nach Paris gekommen war. Es war eine aus
traumfremder, aus traumschlimmer Tiefe. Aber ihr eignete etwas Stillendes.

Damals blieb mir kaum noch Drang, wieder ans Licht zu steigen. Übrigens
ging die Klappe in die Höhe. Ich schloß die Augen und ließ mich weiter
hinuntergleiten. Wider Erwarten brach ich nicht den Hals, sondern entkam
durch einen Kanal. Entkam bis nach Florenz -- wo ich mir wünschte, den
gepuderten Pierrot zu lieben, der in einer Pantomime des Teatro Pagliano
jeden Abend vor einem Haubenstock in die Knie sank, weil er zu schüchtern
war, es vor seiner Angebeteten zu tun; der sie bekam, betrog, arm machte;
der spielte, stahl, und dem seine kindlich hingetändelten Verbrechen immer
schmelzendere Kreise um seine unschuldigen Sünderaugen zogen. Zuletzt starb
er, am Schluß eines etwas frostigen Apriltages, in all seiner rosigen
Verderbtheit, zu den leichten Tränen einer schlanken, biegsamen Musik
. . . Ich wünschte mir, ihn zu lieben. Nur war er, wenn er die Bühne
verließ, eine bedeutende Courtisane und kostete allein den Conte Soundso im
Monat tausend Lire, was in Florenz sehr, sehr viel Geld ist. Ich ging also
zu ihrem Coiffeur und gab ihm meinen letzten Kassenschein dafür, daß er
mich anlernte und mit Schminken und Puder zu ihr in die Garderobe schickte.
Meine Dienste befriedigten sie nicht immer; und die erste Berührung ihrer
schönen, vollen und spitzen Hand erfuhr ich in meinem Gesicht. Eines
Abends, als ich ihr eine neue Perrücke aufprobieren sollte, wagte ich mich
mit allem heraus und ward von ihr entlassen. Ich wünschte mir weiter, sie
zu lieben . . .

Unsere Beziehungen entwickelten sich jäh. Der Conte Soundso, von dem sie
tausend Lire bekam, zog sich plötzlich und unter Protest von ihr zurück. Er
hatte bereits den größten Teil seiner Familie unglücklich gemacht: durch
ihre Schuld, wie er vorgab. Auch andere erklärten sich für geschädigt in
ihrem Besten, dank ihr. Nun ward sie selbst von allen entlassen, wie sie
mich entlassen hatte; auch von ihrem Direktor. Bald mußte sie, gepfändet,
dem Hospital entlaufen, verachtet und umhergejagt, sich begnügen mit dem,
was auf der Straße zu finden ist. Und so oft sich noch einer von diesen
durch sie ins Verderben ziehen ließ, erlitt sie selbst dabei die
unsinnigsten Schmerzen . . . Dies war der Zeitpunkt, wo sie mir erlaubte,
ihr ein Lager aufzuschlagen in meiner Dachkammer am Ende der engen und
volkreichen Via dell' Agnolo. Da lag sie nun in den Mondnächten, den Kopf
an der dunkeln Wand, nur die Hände immer unterwegs zu geisterhaft grellen
Schlichen und Windungen, wie kranke, launische Blumen, die nach Insekten
schnappen. Ich saß am Tisch bei einer Talgkerze und schrieb. Es war eine
hallende, glitzernde, stahlblaue Stille in der Weite; und der junge Pierrot
war mondgepudert und sterbensmüd aus seinen Sündenfahrten hergetaumelt,
grad' in mein Zimmer. Wie ich mir wünschte, ihn zu lieben! . . . Sie schlug
den Blick auf, schmelzend von sanftem Erstaunen über das Schicksal. Sie
ließ sich widerwillig pflegen von mir, suchte dabei immer mit den Augen in
mir. Sie verachtete mich, weil ich noch bei ihr aushielt. Sie begehrte
mich, weil sie mich nicht begriff. Sie hatte manchmal Grauen, manchmal
stürmisches Verlangen, manchmal Haß. Sie quälte mich, ganz glücklich, noch
ein wenig böse sein zu dürfen, noch einen Schatten von Rache zu haben für
das, was mit ihr geschah. Dann weinte sie an meiner Schulter. Und wieder
suchten ihre Augen in mir: warum ich sie noch liebe. Eine Antwort bekam sie
nicht. Hatte ich sie doch niemals geliebt; ich wünschte es mir nur . . .

In einer dieser Nächte starb sie. Ich stieg darauf zur Straße hinab; und
die leere Via dell' Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen
Nebengassen entlang weinte ich in der Finsternis Tränen, auf die ich
namenlos stolz war, und deren Versiegen ich nicht erleben wollte . . . Sie
dauerten nicht viel weniger als eine Stunde: die Stunde, die in meiner
Erinnerung das beste, wahrste, schönste Stück meines Lebens umfaßt . . .
Aber ich ward schon matt; -- und inmitten der Scham und des Zornes über
mein Versagen fand ich ganz bequem dazu Muße, um mein Leben zu bangen, weil
vor meinem Hause zwei verdächtige Gesellen standen. Ich ging auf sie los,
aus Furcht davor, ihnen den Rücken zuzukehren. Der eine hatte eine
zerquetschte Nase, Kalmückenaugen, einen viereckigen Oberkörper, kurze,
krumme Beine. Der andere, in einem dünnen Jäckchen und mit etwas Schwarzem
um den Hals, war schlank, dunkel, außerordentlich schön. Er setzte sich in
Bewegung, kam mit der Hand in der inneren Brusttasche und den andern neben
sich, mir entgegen. Er hatte den Gang der Toten! . . . Ich tat gebannt und
doch mit fliegenden Sinnen noch zwei Schritte. Aus seinem blassen,
dicklippigen Gesicht -- ihrem Gesicht -- sah ich schon die Wimpern schwarz
herausstechen. Das Heft des Messers erschien in seiner Faust am Rande des
Jäckchens. Mein Tod stand beschlossen auf seinem Gesicht. Auf dem der
Toten. Sie hatten nur eines, denn er war ihr Bruder. Er war mit einem
Kumpanen in die Stadt gekommen, um sie von mir zu befreien; weil er der
Meinung war, daß sie im Getändel mit mir ihr Geschäft versäume und darum
den Eltern und ihm kein Geld mehr schicke.

Auf einmal -- fast berührte ich mich schon mit ihrem Bruder -- wichen die
zwei mir im Bogen aus, gaben den Weg frei, verleugneten mich und
verschwanden. Ich konnte, halb ohnmächtig, nicht mehr beurteilen, was
vorging. Dann erst hörte ich den Trab eines Dritten, der aus dem Dunkel
hervor, dazwischengetreten war. Es war ein schmächtiger Mensch mit einem
Röckchen über dem Arm, und hatte es sehr eilig, weiterzukommen. Aus
Dankbarkeit, aus Kopflosigkeit, aus Gemeinschaftsgefühl machte ich zwei
lange Sätze hinter ihm her. Er rückte geängstet die linke Schulter, fing an
zu laufen. Er lief davon vor mir; er hielt mich für etwas anderes als ich
war. Auch ihr Bruder hatte mich verwechselt. Und ich habe das Gefühl, als
sei der Verkehr von Menschen immer so ein ratloses und grausames
Durcheinander von Irrtümern, wie diese nächtliche Szene an der Ecke der Via
dell' Agnolo . . .

In Mailand, meiner Heimatstadt, ließ ich mir etwas Geld geben für das, was
ich geschrieben hatte in den fragwürdigen Nächten gegenüber einer Kranken,
die ich nicht liebte. Eine hochstehende, begabte Dame warf sich aus diesem
Anlaß auf mich. Sie sagte, sie suche, seit sie lebe; ihre Existenz sei
tragisch; und den, der dies geschrieben habe, müsse sie lieben. Ich fand im
stillen, das gehe nicht mich an, und war höflich. Ich schulde ihr Dank,
behauptete sie; denn niemand auf der Welt werde mich je verstehen wie sie.
Das gab ich nicht zu, sträubte mich und erkannte meine Schuld nicht an.
Ihre Existenz sei tragisch, wiederholte sie, und ein Sturz vom Felsen von
Leukos werde sie enden. Ich war entrüstet, geschmeichelt und befremdet. Wie
kam ich zu solchen Dingen? Ich wollte nichts von ihnen wissen. Niemandem
erteilte ich das Recht, meine Einsamkeit zu brechen. Die chiken, ringsum
begehrten, mir gnädigen Damen meiner Jugend waren nur mit zerfließenden
Schleiern an mir hingestreift. Pierrot war mondgepudert gestorben, wie ein
Reflex. Und ein Körper wollte nun hinein zu mir? Wollte mich heilen? Mir
Wirklichkeit verleihen? Mir mein Leiden fortlieben? Aber alles Interesse an
mir selbst hing ab für mich von diesem Leiden! Jedes kranke Gesicht ist
vornehmer als jedes gesunde. Ich war nicht geneigt, zu sinken. Ich
versuchte ihr nahe zu bringen, daß sie sich widerspreche, wenn sie mich für
meine Bücher lieben wolle: denn dies hebe meine Bücher auf. Es kam ihr
nicht nahe; sie wollte ja glücklich sein, also glücklich machen. Was waren
ihr Bücher. Ich fand sie schließlich nur noch dumm und mißhandelte sie
dafür, entschlossen, aber mit dem Vorbehalt, mich dieses Stückes Seele zu
schämen, wenn einst Zeit dazu wäre, und Kunst zu machen aus der Scham
. . .

Als ihre Krisis überstanden war und sie anfing, sich loszulösen, holte ich
sie zurück und nötigte sie, meine Freundin zu sein. Es befriedigte mich,
sie als einen Beweis meiner ungebrochenen Einsamkeit vor Augen zu haben
. . .

Diese Einsamkeit gleicht einer jähen Windstille vor der Ausfahrt. Eben
klettern noch eine Menge Matrosen rastlos umher an Masten und
Schiffswänden, heben Anker, binden Segel los, spannen sie aus. Im nächsten
Augenblick fallen die Segel schlaff zusammen, das Schiff rührt sich nicht,
die Leute rutschen herab, stehen und sehen sich an . . . Auf diesen Seiten
haben sich wohl ungewöhnliche Sachen ereignet? Meine Lebensstimmung aber
ist kahl, als sei nie etwas eingetroffen. Sind hier etwa die Mitglieder
eines hervorragenden Variétés, dem Publikum zu heftigerer Unterhaltung,
sämtlich wahnsinnig geworden? Ich meinesteils sitze, scheint mir, die ganze
Zeit vor einem Grau-in-Grau-Stück, wo lebenslänglich auf langweilige Art
gestorben wird. Was ist Wirklichkeit.

Wirklich waren vielleicht die Tränen, die ich einst die leere Via dell'
Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen entlang geweint
habe, in einer Nacht, fast eine Stunde. Die Stunde war wirklich. Von einem
Leben fast eine Stunde. Oder wenigstens die erste halbe Stunde war
wirklich. Vielleicht . . . Aber es ist nicht ganz sicher.



Ein Gang vors Tor


Lukas war schon auf der Schwelle, er stieß schon die geborstene Tür zurück;
aber er blieb noch einmal stehen, die hohle Stimme des Alten, die längst
von den Zeiten verschlungen schien, gewann noch einmal Macht über ihn.

»Geh hinaus und durchkämpfe die Welt! Wenn sie hinter dir auf den Knien
liegt und du heimkehrst zu uns wie jeder zu uns heimkehrt, was hast du dann
weiter getan als einen Gang vors Tor?«

Die drei Greisinnen bliesen wimmernd ihren kalten Atem in die kalte Luft
des feuchten Saales. In den Mauern erweiterten sich täglich die Risse, die
Eichentafeln faulten an den Wänden, und alle Scheiben erblindeten, hilflos
und mit Schweigen.

Die erste der Greisinnen hatte einen berghoch angeschwollenen Bauch, die
zweite einen ungeheuren Blähhals, die dritte einen Buckel. Womit nährten
sie ihre fürchterlichen Auswüchse? Lukas meinte, mit seiner Jugend, die in
ihren alten Fängen zerdrückt wie eine Taube den Kopf drehte und zitterte;
mit seinem frischen Blut, das ihre verlebten, enttäuschten Lehren aus
seiner Brust leckten.

Der Alte war blind. Womit füllte er sein verstopftes Gehirn? Mit Lukas'
neuen strahlenden Bildern, mit den Bildern von Blumenwiesen, wo junge
Frauen in schwarzen Haaren blonde Ritter mit Rosen krönten; von weißen
Städten, die an violetten Meeren von ihrem Eroberer träumten. Der Alte nahm
sie ihm alle und sagte, sie seien nichts wert. Er klagte aus der Tiefe:

»Geh doch und erlöse Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde! Zwinge
Satan um Gnade zu flehn! Geh doch und erobere Reiche! Geh doch und mache
das Weib zu deiner Kaiserin! Am Ziel erfährst du, nüchtern und ohne Stolz,
daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das Beste ist
geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es vorweggenommen.
Er eilt dir voran und führt das Schwert, das du nicht tragen kannst. Du
schleichst ihm nach, mit leeren Händen.«

Eine Fledermaus strich durch den finstern Saal und an Lukas' Wange vorbei.
Er hielt sie für des Alten Wort, das ihn anwehte. Er schüttelte sich und
lief über den Hof, zum Tor hinaus. Er war schon halb den Hügel hinab, von
der traurigen Burg sah er nur noch schiefe, zerrissene Dächer.

Drunten lag im grauen Abend ein weites Feld. Es flog darüber hin wie die
Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich schwer
geballte Wolken. Eine Herde von winzigen Schafen drängte sich, ängstlich
und verlassen, in einen Punkt der Riesenfläche dicht zusammen. Der Hirt saß
tief in den Falten seines Mantels auf einem Stein und rührte sich nicht.
Kein Hund schlug an, und doch erkannte Lukas genau, wie ein Mann, auf
dessen Hut eine Feder stand, ein Lamm ergriff und damit fortrannte.

Sogleich fing auch Lukas zu laufen an. Er drückte sein Schwert gegen die
Hüfte und machte große Sätze. »Mag jener die ganze Herde stehlen,« dachte
er, »nur dieses Lamm nicht!« Ob er ihn einholen würde, bevor der Mann im
Walde verschwand? Er stolperte über den unbekannten Boden und schrie
unaufhörlich: »Nur dieses nicht! Hörst du, nur dieses nicht!« Aber der
andere erreichte schon die Bäume und Lukas war dreißig Schritte hinter ihm.
Er wollte sein Schwert aus der Scheide ziehen: da sprengte ein schwarzer
Gepanzerter aus dem Busch und hieb mit der Klinge dem Dieb über den Arm, so
daß er das Lamm fallen ließ. Er entfloh kreischend, das Pferd mit dem
Gepanzerten verschwand im Dickicht, Lukas stand allein und keuchend vor dem
Lamm.

Er hob es auf und trug es langsam und zärtlich in den Wald hinein, zu einer
Kapelle, die im Sternenschein auf einer Lichtung stand. Er setzte es vor
das Muttergottesbild auf den Altar; und sogleich ward aus dem Kamm ein
kleiner Knabe, der lächelnd mit der Linken die Hand der Jungfrau erfaßte.
Die Rechte erhob er segnend gegen Lukas, der sich auf die Knie niederließ.
»Was ist das?« dachte er mit gesenktem Haupt, »was habe ich getan? Wer tat
es, ich oder der Gepanzerte?«

Er mochte den Knaben nicht mehr ansehen und schlich gebeugt hinaus. Aber
draußen richtete die duftende Nacht ihn auf, er ging zwei Stunden, bis die
Bäume seltener standen. Dort vernahm er ein gelles Geschrei und gewahrte
den schwarzen Gepanzerten, der mit langem Schwert einen grauen Mönch um
eine Fichte trieb. Der Mönch umklammerte den Stamm mit beiden Händen und
schwenkte sich, die Streiche meidend, blitzschnell im Kreise. Er kreischte:
»Gnade! Gnade! Herr, befreit mich von dem Mörder! Seht Ihr nicht, daß es
der Teufel selbst ist?« Lukas stürzte wütend auf den Gepanzerten los, der
einen frommen Mann bedrohte. Er rief: »Du warst es also doch, der mir den
Dieb verjagte! Du hast mich gehindert, mit meinen Händen das Lamm zu
retten!« Und er stieß ihm seine Waffe ins Gesicht.

Rasselnd sank jener auf den braunen Nadeln zusammen; der Mönch lachte wie
eine Ziege. Lukas blickte hin: er war fort, ein scharfer Geruch war übrig
geblieben.

Lukas murmelte voll Scham: »Stehe auf, ich bitte dich!« Der Gepanzerte
stützte sich auf ein Knie, er hob seine Hakennase gegen den Mond; aus
seiner linken Augenhöhle, die ausgeleert klaffte, floß das Blut breit über
seine weiße Wange.

»Du bist müde,« sagte Lukas, und führte ihm sein Pferd zu. Der andere
erwiderte: »Es ist für dich. Du hast gesiegt, ich gehöre dir.« Und er
nötigte Lukas, auf seine eiserne Hand zu steigen, um den hohen Pferderücken
zu erreichen.

Sie legten einen langen Weg zurück, und Lukas hörte nichts als das Klirren
des Eisernen, der vor seinem Tiere herging, er sah nichts als ein
dunkelrotes Band, so oft jener den Kopf wandte.

Da bekam die Straße einen Saum von blühenden Büschen, die der Nachtwind
bewegte. Hoffnungen, noch verschlafene Vögel, begannen aus der Dunkelheit
herzuflattern. Hinter halb geöffneten Gartentoren bat ein weißer,
steinerner Busen: »Bleibe!« Doch drüben, wo im zweifelhaften Mondlicht der
Pfad hinter dem Berge verschwand, eilte es fiebernd vorbei: ein Zug von
Abenteuern, die zu bestehen waren, von Schönheit, die erlöst zu werden, von
Größe, die erkämpft zu werden begehrte.

Im Morgentau, als der Tag seine ersten Rosen auf die grauen Wege warf,
hielten sie hoch über Orangenhainen, aus deren Mitte die spitzen Türmchen
eines Schlosses in den Himmel hineinstachen. Die Stadt stieg mit träumenden
Häusern auf Felsterrassen zum Meer hinab. Es lag hinter einem Zaun von
Zypressen in leerem Nebelblau. Weit hinten am Vorgebirge verwehte es wie
ein Flug grauer Wandervögel; ein einzelnes Segel, das von der Küste
fortflüchtete, ward von den andern eingeschlossen, und alle zusammen
drängten sich um die Bergecke.

Lukas verstand nicht, wovon plötzlich seine Füße leichter wurden, wovon
sein Atem höher ging. Es klirrte neben ihm; das einzige Auge des
Gepanzerten war auf ihn gerichtet:

»Dianora, die Tochter des Grafen von Melfi, ist heute nacht vom Sultan der
Berberei geraubt worden, und noch weiß niemand es. Der Ruf ihrer Schönheit
hat ihm nicht eher Ruhe gelassen, als bis er sie auf seinem Schiffe hatte.
Nun ist sie schon weit.«

»Ich hole sie zurück!« rief Lukas und stieg den Pfad nach Melfi hinunter.
Aber sein Genosse war ihm längst voraus.

Drunten standen alle Felsstufen voll bunten Volkes, das die ohnmächtigen
Arme nach dem verödeten Meere ausstreckte und schallend jammerte: »Sie ist
fort, wie sollen wir noch leben?« Alle Gesichter waren bleich vor Schmerz,
in alle Türen war das Unglück getreten.

»Ich hole sie zurück!« rief Lukas, und sogleich verfolgten ihn jubelnde
Scharen, die auf seine Tat warteten. Das Schloßtor ging auf, der Gepanzerte
kam heraus und neben ihm der Graf von Melfi, der Lukas die Hand küßte: »Ihr
holt sie zurück, Herr! So holt Ihr sie Euch selbst zurück, sie ist Euer!«

Ein kleines Schiff ward ihnen ins Wasser gezogen. Der Gepanzerte stellte
sich an den Mastbaum, Lukas saß am Steuer. Keine Stimme vom Lande holte sie
mehr ein, sie jagten schneller als Gedanken den Berbersegeln nach. Jene
tauchten schon aus dem blauen Dunst, sie waren schon so groß wie
Reiherflügel. Lukas sann: »Der Räuber ist noch nicht daheim, er hält seine
Beute auf schwachem Boden, sie kann ihm entfallen.«

Der Harnisch des Gepanzerten rasselte. Sie waren ganz nahe und schauten zu,
wie alle Schiffe der Heiden zerschellten. Die Bretter fielen klatschend ins
Wasser, die Masten sanken um.

Lukas beugte sich hinüber: Dianora schwamm unter seinen Händen, doch die
zitterten. Der Gepanzerte war es, der das Weib ins Schiff hob. Aus Scham
und um etwas auszurichten, schlug Lukas dem Sultan und den beiden Mohren,
die ihm zunächst im Wasser trieben, die Köpfe ab. Er steckte einen ans
Steuer, den andern auf den Schnabel, und den des Sultans oben auf den Mast.
Darunter lag auf Kissen Dianora; Lukas sah sie an und empfand plötzlich
eine Pein und war versucht in Tränen auszubrechen: so schön war sie.

Ihr Gesicht glänzte mattweiß und still, wie ein vom Schatten zugedecktes
Kleinod. So oft sie es wandte, spiegelte ein rosiger oder ein blaßblauer
Schein darüber hin. Aus den Augen tauchte ein violettes Licht. Es waren
zwei Amethyste in einem Opal, und um das kühle Rund des Steins legte sich,
schwer von Trauer und Gedanken, der Ebenholzkranz ihres Haars.

Zur Heimfahrt wollte kein Wind wehen. Sie landeten an einer steilen Insel,
wo alte Greifen ein graues, vergittertes Schloß bewachten. Dianora lehnte
sich an eine Stufe der zersprungenen Treppe, ganz unten, und ihr weißes
Kleid flatterte über dem blauen Abgrund. Aber der Gepanzerte stand bei ihr,
die eiserne Hand neben ihrer schwachen Schulter.

Lukas sprach zu ihr aus banger Entfernung:

»Ich habe dich aus dem Meer und aus den Händen der Heiden gezogen: willst
du nicht mein sein?«

Sie antwortete:

»Das Meer hat mich genommen, und der Sultan nahm mich: Ich danke dir
nicht.«

Er sah entsetzt zu dem blutigen Kopf hinauf, auf dem ein goldener Turban
schwankte. Auch Dianora blickte hin.

»Hast du ihn geliebt?« murmelte er.

»Nein. Er war nicht mächtig genug, da ja seine Schiffe zerbrachen.«

»Und ich, der ich ihn überwunden habe? Bin ich mächtig genug?«

»Du fragst? Dann bist du nicht mächtig genug.«

Der Gepanzerte mußte sie wieder ins Schiff tragen. Lukas trachtete
schweigend: »Ich will mächtiger werden,« und inzwischen ließen sie die
Meere hinter sich. Sie stiegen an einer Küste aus, wo weiße Straßen
zwischen steinigen Äckern in ein Land voller Ungewißheiten führten.

Vier Knechte trugen Dianoras Sänfte, voran schritt der Gepanzerte und Lukas
hinterher. Zwei des Wegs ziehende schlossen sich an, ein Gebräunter im
roten Mantel und ein blasser, dünnbärtiger Gauch mit schwarzem
Schnürkittel. »Ich habe schon einen Mühlstein um den Hals gehabt,« sagte
er. Der andere sagte: »Ich lag im Block, mit Feuer an den Füßen.«

Sie gingen weiter und es wurden ihrer immer mehr, die mitgingen: Männer mit
noch blutrünstigen Wunden und andere mit Pestgeschwüren hoch am entblößten,
fleischlosen Schenkel. Sie brachten Gebreste, Lüste und Todesverachtung aus
glühenden Ländern mit. Ihre Augen funkelten, ihre Sinne wurden von Gier
verbrannt.

Unterwegs plünderten sie die Dörfer, verkündeten die Herrschaft des neuen
Gebieters und nahmen sich das Vieh und die Weiber. Einmal blieben alle
stehen. Fern, in der Höhe, thronte auf weißen Felsen die Stadt: des Reiches
leuchtende Hauptstadt, die Hauptstadt des Kaiserreiches Trapezunt. Es
hingen goldene Paniere von den Mauern und Rosengewinde zogen darauf hin.

Die Abenteurer stöhnten und fluchten.

Sie traten in eine Schlucht von schwarzen Felsen, so eng und hoch, daß sie
darüber am Mittag die Sterne erblickten. Auf den Bergkämmen standen die
Verteidiger, sie rissen Blöcke los und warfen sie hinab. Aber der Fels zog
sie an: sie hafteten, keiner fiel, und die Krieger stürzten in Verzweiflung
und Grauen sich selbst in die Tiefe.

Als sie das schmale Tal verließen, sahen sie wieder die Stadt, doch waren
Fahnen und Kränze fort. Es rannte wirr auf den Mauern umher, ein Zittern
von tausend angstvollen Atemzügen stieg zum Himmel. Die Abenteurer nickten
sich zu und kicherten.

Nun kam ein Wald, davor hatte das Heer des Reiches sich aufgestellt. Es sah
dem Gepanzerten in das einzige Auge und senkte die Waffen, um still
mitzugehen auf dem Schicksalsgange des Siegers.

Zum dritten Male lag vor ihnen die Stadt. Sie war verstummt, schwarze
Tücher schlotterten von allen Dächern. Das Entsetzen breitete die hagern
Arme nach dem Überwinder aus, bereit in sein Schwert zu fallen. Die
Abenteurer keuchten vor Lust.

Sie rannten die Mauern ein, Lukas öffnete die Sänfte und tief: »Das ist
eure Herrin!«

Ein paar Stimmen antworteten: »Wir haben einen Kaiser. Er ist ein Kind und
hat keine Eltern, und wir lieben ihn.«

Lukas winkte, und die Abenteurer begannen ein Gemetzel. Als sie aufhörten,
hatte die neue Herrin manchen Männern Achtung und Liebe eingeflößt. Aber
aus den Häusern der winkligen Gassen schütteten die Weiber, mit Todesrufen
auf die Mörder, siedendes Öl herab. Man nahm ihnen die Kinder weg, auch der
junge Kaiser ward seinen Beschützern entrissen, und alle starben, wie Lukas
es befahl.

Da ward Dianora, der schon so viel geopfert war, dem Volk zu einer
Heiligen. Sie zerfleischten sich an ihrem Wege und küßten den Kot von ihrer
Sänfte.

Lukas erbaute ihr auf dem Säulenplatz vor dem Palast einen schmalen Thron
aus wachsgelbem Marmor. Daran lehnte sie sich, im goldenen Ornat, mit
purpurnen Schuhen, und das blutige Licht eines ungeheuren Rubins floß über
ihre unbewegte Stirn. Um sie her war ein metallener Glanz bestickter
Gewänder und silberner Rüstungen, ein Funkeln und Glitzern von Geschmeide,
ein Leuchten von Kronen die voll Gemmen prangten, von emaillierten Schalen,
goldenen Thronen und Purpurteppichen, übersät mit Edelgestein.

Mit dem Flügelrauschen eines Riesenvogels brach die Menge ins Knie.
Zehntausend lallten und brüllten ihre Anbetung. Besessene, die unablässig
tanzten, warfen den Kopf mit weißen Augen zurück und verkündeten ihre
Heilung. Posaunen und kupferne Pauken rasselten und schmetterten.

Der Weg zum Thron war mit Lorbeer bestreut; Lukas beschritt ihn allein. Er
erstieg die Stufen und blieb stehen, weil er Dianoras Atem auf seiner
Schläfe fühlte.

»Jetzt bist du Kaiserin,« sagte er und wartete.

Sie sah ihn an: er trug auf den Wangen die Fahlheit aller begangenen
Verbrechen, seine Lippen bluteten. Sie sagte:

»Du bist nicht mächtig genug.«

Da kehrte er um und verschloß sich im Palast.

Er wanderte rastlos, Tag für Tag durch goldene Säle voll gewirkter Decken,
zwischen blauen, goldgeäderten Säulen; silberne Blätterranken hingen von
einer zur andern. Silberne Brunnen dufteten wie die Wunden heiliger Frauen.
Lukas aber erschrak tötlich, wenn draußen in den Gartenwegen die goldenen
Kiesel knirschten unter den Tritten der Sklaven, die Dianoras Sänfte
trugen. Sie sang zur Laute; ihre Stimme schwankte, sanft und schwermütig,
über den Schwingungen der Saiten hin, wie ein Schmetterling über einem
wogenden Blumenanger. Und droben, im spitzen Porphyrrahmen seines Fensters,
lag Lukas, die Faust an der Stirn.

Er schlich ihr nach, wenn sie badete, in der Abendkühle, bei der
warmatmenden Aloe von Mandal, unter Zedern und vergoldeten Palmen. In der
Mitte des scharlachnen Brunnens schlug ein Schwan mit silbernen Flügeln.
Sie stand am Rande, nackt, mit lässigen Armen, und einen breiten Gürtel aus
getriebenem Gold um die Hüften. Von ihren Brüsten tropfte das Wasser, ihr
Fleisch erbebte im Schmeicheln der Abendluft. Rosiger Sonnenstaub umspielte
sie; manchmal flog mit schrillem, seltsamem Schrei ein großes gold- und
silberblau schillerndes Tier schwerfällig über sie hin.

Lukas' gekrampfte Finger zerknickten die Büsche, die ihn verbargen. »Ich
bin mächtig genug,« stöhnte er, »ich will sie nehmen.«

Am Abend ging er nach ihrer Kammer. Der Vorhang war zurückgeschlagen, er
erblickte sie: Ihre weißen Glieder hingen an der schwarzen Eisenbrust des
Gepanzerten.

Lukas füllte darauf seine Säle mit Weibern und seinen Sinn und alle seine
Gedanken mit dem Wogen großer Brüste, mit den Schlangenwindungen
fleischiger Hüften, mit einem Knäul mächtiger Glieder und dem verzehrenden
Lächeln breiter, blasser Gesichter.

Er ersann Martern und teilte sie rings unter die Sklaven aus; seine
vorgeschobene Unterlippe zitterte, seine Hände umkrampften die Lehnenknäufe
seines Thrones. Dann stahl er sich in die Kerker und flehte die Elenden an,
ihm zu vergeben und seine Freunde zu sein.

Auf seinen weißen Terrassen, auf die blau und feierlich ein unerbittlicher
Himmel drückte, brach er in Hilferufe aus: »Gnade! Hör' auf!« Niemand
vernahm es als seine stummen schwarzen Eunuchen. Nichts bewegte sich als
ihre rollenden Emailaugen, und Lukas stürzte, die Arme weit geöffnet, zu
Boden, so daß das Juwelenband seines Hauptes auf den Marmorfliesen
zersprang.

Eines Nachts tastete er sich durch finstere Gänge. Die Mordgedanken, die er
hegte, glühten vor ihm her und zeigten ihm den Weg. Er kratzte an Dianoras
Pforte, sie ging klagend auf, und er sah, daß es schon geschehen war: Ihr
Kopf hing mit schwerem Haar über den Rand ihres Lagers, ihr Hals trug den
dunkel unterlaufenen Abdruck einer eisernen Faust.

Er floh und lebte als schweifendes Tier. Er heulte ihren Namen dem
Sturmwind entgegen, er fluchte ihn zum Himmel hinauf, er brüllte ihn den
Ungeheuern in die Erdhöhlen hinein. Er tobte, bis sein Leib von Stahl und
seine Seele erschöpft war. Allmählich sah er sie bloß noch als schwaches
Traumbild an der Oberfläche seines Schlummers vorüberwandeln. Und endlich
fühlte er, wenn er an sie dachte, nur mehr in dämmeriger Ferne ein paar
Augen hinter sich, wie die einer sanften Geopferten, die uns von ihrer
Schattenwand in stiller Kapelle immer nachschaut auf unsern Gängen durch
die lauten Straßen der Welt.

Seine Miene zeigte weder Hoffnung noch Reue; aber er schlief nie anders als
hinter verschlossenen Türen, denn er fürchtete, sein Schlaf möchte etwas zu
verraten haben. Er war ein Abenteurer, dem nichts neu dünkte, ein Sieger
ohne Hochmut und ein Genießer mit kalten Lippen.

An einem grauen Abend schritt er über ein weites Feld. Es flog darüber hin
wie die Schatten von Dingen, die man nicht sah. In der Höhe bewegten sich
schwer geballte Wolken. Er erstieg einen Hügel: schiefe, zerrissene Dächer
erschienen ihm. Er war schon im Schatten der traurigen Burg, er stand schon
unter dem Tor. Die drei Greisinnen im feuchten Saal bliesen wimmernd ihren
kalten Atem in die kalte Luft. Sie sagten: »Lukas ist heimgekehrt,« und
sogleich begann des Alten hohle Stimme, die längst von den Zeiten
verschlungen schien.

»Nun hast du die Welt durchkämpft, sie hat hinter dir auf den Knien
gelegen, und du bist zu uns heimgekehrt, wie jeder zu uns heimkehrt. Was
hast du nun weiter getan als einen Gang vors Tor?«

Da Lukas schwieg, sprach der Alte weiter.

»Du hast Gott aus der Gefangenschaft seiner Feinde erlöst, du hast Satan
gezwungen, um Gnade zu flehen! Du hast Reiche erobert und das Weib zu
deiner Kaiserin gemacht! Am Ziel hast du, nüchtern und ohne Stolz,
erfahren, daß alles größer und schöner war, als du noch träumtest. Das
Beste ist geschehen, bevor du die Augen öffnetest; dein Traum hat es
vorweggenommen. Er ist dir vorangeeilt und hat das Schwert geführt, das du
nicht tragen konntest. Du bist ihm nachgeschlichen mit leeren Händen.«

Lukas senkte die Stirn und erhob sie wieder.

»Das alles ist wahr,« sagte er. »So war mein Leben. Aber wenn ich weiter
nichts getan habe als einen Gang vors Tor, so will ich jetzt dennoch nicht
bei euch Alten sitzen bleiben, die ihr so weise seid. Lieber tue ich einen
zweiten Gang vors Tor und beginne alles, was ich versucht habe, noch
einmal, und lasse es mich nicht gereuen, wenn mir der Tod auf einer
Landstraße begegnet. Dann will ich mich auch mit ihm messen; vielleicht
fühlt er meine Streiche, vielleicht ich seine. Ich decke ihn mit meiner
roten Fahne zu, oder er mich mit seiner schwarzen.«

Darauf wandte er sich und schritt den Hügel wieder hinab, und über Felder
und Steige. Junge Mädchen, über herbstliche Beete geneigt in den Gärten am
Wege, bewarfen den Vorübergehenden mit Astern. Eine große rote Blume
haftete auf seinem grauen Haar; es flatterte lang im Winde.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Flöten und Dolche - Novellen" ***

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