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Title: Buddenbrooks - Verfall einer Familie
Author: Mann, Thomas, 1875-1955
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Buddenbrooks - Verfall einer Familie" ***

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                       THOMAS MANN + BUDDENBROOKS



                              THOMAS MANN

                              Buddenbrooks

                                Verfall
                                 einer
                                Familie


                       DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT
                                  GMBH

                                 Berlin



             Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin

              Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin

                        Alle Rechte vorbehalten



                              Buddenbrooks



Erster Teil


Erstes Kapitel

»Was ist das. -- Was -- ist das ...«

»Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!«

Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf
verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen
Blick auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam
ihrer kleinen Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den
Knien hielt.

»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott --«

Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen
aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig
vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer hinein,
wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam: »Ich
glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte, rasch
hinzu: »-- geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf
glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam,
den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
_anno_ 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit den
Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem geradezu
die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man auch
wollte.

»Dazu Kleider und Schuhe«, sprach sie, »Essen und Trinken, Haus und Hof,
Weib und Kind, Acker und Vieh ...« Bei diesen Worten aber brach der
alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles,
verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und
hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen vorgenommen.
Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte, wieviel sie für
den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu machen. Sein
rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem er beim besten
Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte, wurde von
schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein ganz leise
angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines mausgrauen
Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode seiner
Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen den
Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit,
doppelt und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen
Spitzen-Jabot.

Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung
gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem schwarz
und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit und
Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen Händen, in
denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem Schoße hielt. Ihre
Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche Weise denjenigen
ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die lebhafte Dunkelheit
ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb romanischen Herkunft; sie
stammte großväterlicherseits aus einer französisch-schweizerischen
Familie und war eine geborene Hamburgerin.

Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine geborene
Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem pruschenden
Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust drückte. Sie
war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und war sie
auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen und
besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen aller
Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das
auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten
künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein
außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen
Sommersprossen. Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu
langen Nase und dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn
sich durchaus keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit
hochgepufften Ärmeln, an das sich ein enger Rock aus duftiger,
hellgeblümter Seide schloß, ließ einen Hals von vollendeter Schönheit
frei, geschmückt mit einem Atlasband, an dem eine Komposition von großen
Brillanten flimmerte.

Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel
vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und
keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem
weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen
Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn
schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte ... Er hatte die ein
wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge
waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
waren viel weniger voll als die des Alten.

Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte mit
einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte:

»Immer der nämliche, _mon vieux_, Bethsy ...?« »Immer« sprach sie wie
»Ümmer« aus.

Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr
goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr
eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob sie
ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte.

Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem Lächeln
und Vorwurf in der Stimme:

»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!...«

Man saß im »Landschaftszimmer«, im ersten Stockwerk des weitläufigen
alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann Buddenbrook vor
einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie noch nicht
lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von den Mauern
durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden
bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen
Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die
reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder
sich mit zärtlichen Schäfern küßten ... Ein gelblicher Sonnenuntergang
herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der
weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden
Fenstern übereinstimmten.

Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht zahlreich.
Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold
ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen
Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden
verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am
Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär,
bedeckt mit Nippes.

Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das
Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom
Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der
anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und
hinter einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der
Ofen.

Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war
schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen
Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter
Regen ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man
die doppelten Fenster schon eingesetzt.

Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche die
Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt
ansässigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz
einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr
nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste ...

Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den
Großvater nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer
ein bißchen hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere
geschoben. Jetzt war sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber
unfähig, der glatten Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein
Stück über das Ziel hinaus ...

»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!«

»_Tiens!_ Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die
Neugier im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was!
Kann mir denn niemand sagen ...«

»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem Wort
mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter Schlag
ist, so schlägt der Donner ein!«

Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse
auf diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die
kürzlich für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es
gewesen, mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.

»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über
dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
dürfen ...«

»_Excusez, mon cher!... Mais c'est une folie!_ Du weißt, daß solche
Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit
in? Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer
Preußin ...«

Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von
der Welt gesehen, war _anno_ 13 vierspännig nach Süddeutschland
gefahren, um als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war
in Amsterdam und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklärter Mann, bei
Gott nicht alles für verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner
giebeligen Vaterstadt lag. Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in
gesellschaftlicher Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul,
geneigt, strenge Grenzen zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen.
Als daher eines Tages seine Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies
junge Mädchen -- sie war erst jetzt zwanzig Jahre alt -- als eine Art
Jesuskind mit sich ins Haus gebracht hatten, eine Waise, die Tochter
eines unmittelbar vor Ankunft der Buddenbrooks in Marienwerder
verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte der Konsul für diesen frommen
Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu bestehen gehabt, bei dem der
alte Herr fast nur Französisch und Plattdeutsch sprach ... Übrigens
hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im Hausstande und im Verkehr mit den
Kindern erwiesen und eignete sich mit ihrer Loyalität und ihren
preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste für ihre Stellung in
diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen Grundsätzen, die
haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen Mittelstand und
geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf, als ergebene
Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern, wenn Tony
sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach Mamsell
Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen war ...

In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle sichtbar
und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig gebautes
Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem ehrlichen
Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein
außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit
glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock
als Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und
ward, weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war,
hier im Hause erzogen.

»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das _r_ in
der Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen
können. »Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast
nichts zu tun brauchen ...«

M. Buddenbrook schmunzelte spöttisch in sein Jabot über Idas fremdartige
Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte die Wange
und sagte:

»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte
sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und
Übermut ...«

Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater an,
denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde.

»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, _courage_! Eines schickt sich
nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind
auch nicht zu verachten. Spreche ich _raisonnable_, Bethsy?«

Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
sich die beiden Generationen, im _chassez croisez_ gleichsam, die Hände.

»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich bemühen,
eine kluge und tüchtige Frau zu werden ... Sind die Knaben aus der
Schule gekommen?« fragte sie Ida.

Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs Fenster
sah, rief fast gleichzeitig:

»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf ... und Herr
Hoffstede ... und Onkel Doktor ...«

Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
ping, ping -- pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen
vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit,
und während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll
erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und
Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean
Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.


Zweites Kapitel

Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für
den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel
jünger als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen
Farbe seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war
dünner und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke,
grünliche Augen und eine lange, spitze Nase.

»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt und
vor den Damen -- im besonderen vor der Konsulin, die er außerordentlich
verehrte -- ein paar seiner ausgesuchtesten _compliments_ vollführt
hatte, _compliments_, wie die neue Generation sie schlechterdings nicht
mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche
Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies
auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm
standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich,
als sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche -- Frau Konsulin?
Thomas, das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden,
darüber besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig
Tausendsassa zu sein, wie? ein wenig _Incroyable_ ... Allein ich
verhehle nicht mein _engouement_. Er wird studieren, dünkt mich; er ist
witzig und brillant veranlagt ...«

Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.

»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?«

Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald lag
das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen Licht
der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf dem
Sekretär standen.

»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian
Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.

Er war ein Bürschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe
lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen,
ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die
Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde.

»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine
Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr
Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor,
schüttelte den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein:
»Äußerlich, mein gutes Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja,
aber innerlich, mein gutes Kind, da bist du schwarz ...« Und dies sagte
er unter Weglassung des »r« und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach
-- mit einem Gesicht, in dem sich der Unwille über diese »äußeliche«
Glätte und Gelecktheit mit einer so überzeugenden Komik malte, daß alles
in Gelächter ausbrach.

»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken.

»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel kennen!
Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!«

Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren Bruder
und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders
schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
seinem Großvater.

Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen, man
plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus ...
Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus
Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen spärlichem
Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte, betrachtete
die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten Salzfäßchen,
die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz und Brot«,
das der Familie von Verwandten und Freunden zum Wohnungswechsel
übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die Gabe nicht aus
geringen Häusern komme, bestand das Brot in süßem, gewürztem und
schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde umschlossen.

»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die
Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem Kopf
ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor.

»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer koulant,
mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht spendiert,
als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so war er
immer ... nobel! spendabel! ein _à la mode_-Kavalier ...«

Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor Wunderlich
langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem Rock, mit
gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht, in dem ein
Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen Jahren Witwer
und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie der lange
Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner hageren
Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt, als
prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.

Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige Freunde
des Hauses, -- nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit dem großen,
dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten Ärmeln saß, und
seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin ...

Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen,
die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob
und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger,
Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar,
das sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen
pflegte.

»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte seiner
Schwiegermutter die Hand.

»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine weite
Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er dem Alten
die Hand schüttelte ...

Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, eine große, distinguierte
Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch
gekleidet. An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von
Edelsteinknöpfen. Justus, sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz
emporgedrehtem Schnurrbart, ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf,
stark seinem Vater; auch über die nämlichen runden und eleganten
Handbewegungen verfügte er.

Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander.
Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen seinen
Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:

»Na, wenn wir alle Appetit haben, _mesdames et messieurs_ ...«

Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür zum
Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit,
bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften
Bissens gewärtig sein bei Buddenbrooks ...


Drittes Kapitel

Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit der
Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden,
um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein
paar Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale
zu, dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine
Mutter, die als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die
Schwelle überschreiten wollte.

»Pardon, lieber Herr Pastor ... Auf zwei Worte, Mama!« Und während der
Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame ins
Landschaftszimmer zurück und zum Fenster.

»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er
rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. »Das ist seine
Handschrift ... Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa
ihm beantwortet ... Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm
heute die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
herauszubitten ...«

»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook und
erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm ihres
Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt
nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme
für den Anteil am Hause ... Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt ... Heute
abend vielleicht, vorm Zubettegehen ...«

»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben
... Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den
Eltern eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte ... auch dem
Vater gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn
ich ehrlich sein soll ... ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen
Bethsy und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock
... Was meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache
arrangiert. Ihr Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine
Abstandssumme, ein Viertel bloß von der Hauskaufsumme ... Das ist ein
vorteilhaftes Geschäft, das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und
das im Sinne der Firma höchst erfreulich ist. Und wenn Papa sich
Gotthold gegenüber so ganz abweisend verhält, so ist das ...«

»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen
Kinder sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
Traurige ...«

»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte
dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine
Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er
nicht vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten
und den ... Laden ...« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei
diesem Worte. »Es ist eine Schwäche, Vaters Widerwille gegen den Laden;
aber Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen ...«

»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!«

»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer erregten
Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und
deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich
habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu
haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen ... Es handelt sich um
mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld ... Nein, nein, ich
kann nicht zuraten ... aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon
wissen. Nur die Szene mit Papa ist mir _désagréable_ ...«

»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet ...«

Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum
hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um
die lange Tafel soeben fertiggeworden war.

Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen schlanken
Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren roten
Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des Zimmers
brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen, abgesehen
von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen. Über
dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein
umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton
in dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige,
steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wänden.

Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der
an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ.

»_Bon appétit!_« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu
den Kindern hinuntergleiten ließ ...


Viertes Kapitel

»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige Stimme
des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen mit den
nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der kleinen
weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell Jungmanns und
des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße Kräutersuppe nebst
geröstetem Brot serviert hatte und man anfing, behutsam zu löffeln.

»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse ... ich muß sagen,
hier läßt sich leben, muß ich sagen ...« Herr Köppen hatte bei den
früheren Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange
reich, stammte nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich
einiger Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«,
leider noch nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«.

»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der
es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den
Golf.

Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie
gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger
aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und Madame
Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine reservierten
Scherze an die beiden Damen.

»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg
über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt.

»_Anno_ ... warte mal ... Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß
übrigens besser mit solchen Daten Bescheid ...«

»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
damals an, aufs glänzendste bergauf zu gehen ... Traurig, dieses Sinken
der Firma in den letzten zwanzig Jahren ...«

Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine
halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals
so glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
verarmt, heruntergekommen, davongezogen war ...

»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher
Wahnsinn den Ruin herbeiführte ... Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott, die
Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu wirtschaften.
Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie greulich der
hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und Akzepte dort
auf Namen der Firma gegeben hat ... Schließlich war es aus ... Da waren
die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung ... Sie haben keine
Vorstellung ... Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
Ratenkamp kümmerte sich um nichts ...«

»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann
einen kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum
oberen Tischende hinaufschweifen.

»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann diesen
Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu verbinden,
der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den besten Leumund
machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen Teil der furchtbaren
Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen, weil er fühlte, daß
es unaufhaltsam zu Ende ging ... Diese Firma hatte abgewirtschaftet,
diese alte Familie war _passée_. Wilhelm Geelmaack hat sicherlich nur
den letzten Anstoß zum Ruin gegeben ...«

»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor Wunderlich
mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich selbst Rotwein
ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und seines wilden
Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?«

»Das wohl nicht«, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine
bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp
sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit
das Schicksal erfüllt würde ... Er muß unter dem Druck einer
unerbittlichen Notwendigkeit gehandelt haben ... Ach, ich bin überzeugt,
daß er das Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er
auch über die Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend
war. Aber er war erstarrt ...«

»Na, _assez_, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel
aus der Hand. »Das ist so eine von deinen _idées_ ...«

Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater
entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach:

»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!«

Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-Bouteille,
auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«,
las er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!«

Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell
Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:

»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz selbstverständlich.
Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten freuen, denken wohl
nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte ... Ich darf
sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht selten
persönlichen Anteil genommen habe ... Immer wenn ich diese Dinge vor
Augen habe« -- und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er einen
der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm --, »muß ich denken, ob
sie nicht zu den Stücken gehören, die _anno_ sechs unser Freund, der
Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in
Händen hatte ... und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße,
Madame ...«

Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb
erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute
aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja,
erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht
liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu
berichten, begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen
Geschichte, auf welche die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht
hätten, und die vielleicht einem oder dem anderen noch unbekannt war ...

»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die
Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort,
die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren
Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in
den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten
Stimme gesagt hatte: `Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn
doch woll --!´ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden ...
Nun, ich denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein
Zuspruch könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und
Madame wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.«

»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen? Unsere
allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung? Sie eilt
ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die Schultern
geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre _coiffure_ ist eine
komplette Wirrnis ... Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
Rede von einer _coiffure_.«

»`Welch angenehme _surprise_!´ sage ich und erlaube mir, sie, die mich
gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes ...
`Wohin doch so schnell, meine Liebe?´ Sie bemerkt mich, sie blickt mich
an, sie stößt hervor: `Sind Sie's ... leben Sie wohl! Alles ist zu Ende!
Ich gehe hinunter in die Trave!´«

»`Behüte!´ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. `Das ist der Ort
nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?´ Und ich halte sie so
fest, als der Respekt es zuläßt. `Was passiert ist?´ ruft sie und
zittert. `Sie sind über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert!
Und Jean liegt mit der Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte
auch nicht helfen, wäre er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel,
meine silbernen Löffel, das ist passiert, Wunderlich, und ich gehe in
die Trave!´«

»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
Fällen, `Courage´, sage ich, `Liebste!´ und `Alles wird gut werden!´ und
`Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie,
und gehen wir!´ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im
Eßzimmer droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die
zwanzig Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das
Silberzeug liegt.«

»`Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen´, frage ich höflich,
`meine Herren?´ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: `Mit uns allen,
Papa!´ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der
lang ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und
großen roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen.
`Lenoir´, sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten
hält er ein Bündel von fünf oder sechs silbernen Löffeln, `Lenoir,
Sergeant. Was wünscht der Herr?´«

»`Herr Offizier!´ sage ich und ziele auf den _point d'honneur_. `Sollte
die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge
vereinbaren?... Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen ...´ --
`Was wollen Sie?´ antwortet er. `Das ist der Krieg! Die Leute benötigen
dergleichen Geschirr ...´«

»`Sie sollten Rücksicht nehmen´, unterbrach ich ihn, denn mir kommt ein
Gedanke. `Diese Dame´, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
Lage, `die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin ...´ -- `Wie, eine
Französin?´ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange
Haudegen hinzufügt? -- `Eine Emigrantin also?´ sagt er. `Aber dann ist
sie eine Feindin der Philosophie!´«

»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. `Sie sind´, sage ich,
`ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht
würdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen!´ -- Er schweigt
einen Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine
sechs Löffel in die Truhe und ruft: `Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich
etwas anderes mit diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu
betrachten?! Hübsche Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute
ein Stück als Souvenir mit sich nehmen sollte ...´«

»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen, da half
keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit ... Sie
kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen
Menschen ...«


Fünftes Kapitel

»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« --

Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner,
säuerlicher Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle
aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger
übernahm das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die
langen Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel
ausgestreckt, schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch
das Meisterwerk der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein
prickelnd und spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte,
wurde gereicht. --

Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu
Paris, unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer
Parade im Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig ...

»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen
Bissen von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. Ȇbrigens soll er
sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals
einen Scherz ... Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generälen.
`_N'est-ce pas, Rapp_´, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom
Tische, `_les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?_´ --
`_Oui, Sire, plus que le Grand!_´ antwortete Rapp ...«

In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde -- denn Hoffstede hatte
die Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des
Kaisers markiert --, sagte der alte Buddenbrook:

»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen
Großheit ... Was für eine Natur!«

Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf.

»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die Verehrungswürdigkeit
des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete, der in Ägypten die
achthundert Gefangenen niedermetzelte ...«

»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor
Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr
gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines korrekten
Kriegsrates ...« Und er erzählte von einem Buche, das vor einigen Jahren
erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines Sekretärs des
Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene ...

»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife
nicht die Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als
Mensch von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum
für ein solches Gefühl.«

Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck
angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt
-- während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
einander ganz leise zulächelten.

»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen Napoléons
waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis Philipp«, fügte
er hinzu.

»Schwärmt?« wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bißchen mokant ...
»Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen ...«

»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge zu
lernen haben ...« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche
und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den
neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit ... ist etwas so
überaus Dankenswertes ...«

»Praktische Ideale ... na, ja ...« Der alte Buddenbrook spielte während
einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose.
»Praktische Ideale ... ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor
Verdruß in den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und
die technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle
Welt denkt an nichts, als Bergwerke ... und Industrie ... und
Geldverdienen ... Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen
stüpide, von der anderen Seite, so auf die Dauer -- wie? Ich weiß nicht,
warum es mir ein Affront ist ... ich habe nichts gesagt, Jean ... die
Juli-Monarchie ist eine gute Sache ...«

Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem Konsul
zur Seite ... Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und den
gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte Achtung
haben ... Herr Köppen sagte wieder »Achung«. -- Er war noch viel röter
geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor Wunderlichs
Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in aller
Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.

Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und wann,
wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
Wachsgeruch über die Tafel hinwehen.

Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem
Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und
sagte seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel
unwillkürlich mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich
schwerfällige Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie
wohlhabende Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da
mit gutmütiger Selbstironie übertrieben wurde. Man sagte nicht: »an der
Börse«, man sagte ganz einfach: »an Börse« ..., wobei man zum Überfluß
das r wie ein kurzes ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu
machte.

Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger führte
ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen ... »Wenn sie in
ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit
etwas Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer ... Aber nicht waschen,
Liebste, alles Blut mitnehmen, um Gottes willen ...«

Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul Justus,
sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe der
Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch
angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden:
»Du gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor
Herzlichkeit.

Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung
spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens,
den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen ...

»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich
mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich
herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen --
es ist eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten
wären ...«

Der Konsul aber protestierte mit Eifer.

»Um Gottes willen, Papa --! Ich ergehe mich Sommers dort gern im
Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so
kläglich zusammengeschnitten wäre ...«

»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck
nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten ...«

»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden Gebüsch
liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich
nicht das mindeste Recht über sie ...«

»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook,
»Thilda, der schadt es nichts ... packt ein wie söben Drescher, die
Dirn ...«

Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses stille,
magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen entwickelte.
Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe wünsche, gedehnt
und demütig geantwortet: »J--a-- bit--te!« Sie hatte sich vom Fisch wie
vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst starken Haufen
von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den Teller gebeugt,
und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in großen Bissen.
Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur langgezogen,
freundlich, verwundert und einfältig: »Gott -- On--k--el--?« Sie ließ
sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man
sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen
Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte
ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager.


Sechstes Kapitel

Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein
schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder hatten
ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding bekommen.

»Thomas, mein Sohn, sei mal so gut«, sprach Johann Buddenbrook und zog
sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller
rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen,
du?« Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und
kam wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte
Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick
gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das Gespräch
verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu toasten
begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines und
spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in
zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte ... »Und
wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, -- auf die
Wohlfahrt der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der
abwesenden Mitglieder ... vivant hoch!«

»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor den
Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in
Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
alte Wunderlich seine Hintergedanken ...?« Er stand auf, um sein Glas an
das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
blickte.

Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das nahm
Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete er mit
seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann Buddenbrook
und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre der Stadt.

Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als
Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses
zum zweiten -- und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille
Malvasier, denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei
genügen würden.

Auch Lebrecht Kröger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei,
weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste
mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den
beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ.

Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede
... die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.

»Ja, _excusez_! ich konnte nicht umhin ...« sprach er, wobei er leicht
seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog ... Ein
tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.

Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen
Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte:

    »Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
    Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
    Buddenbrook. Oktober 1835.«

Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden Stimme:

    Hochverehrte! -- Nicht versäumen
    Darf es mein bescheiden Lied,
    Euch zu nah'n in diesen Räumen,
    Die der Himmel euch beschied.

    Dir soll's, Freund im Silberhaare,
    Und der würd'gen Gattin dein,
    Eurer Kinder trautem Paare,
    Freudevoll gewidmet sein!

    Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
    Sich vor unserem Blick verband, --
    Venus Anadyomene
    Und Vulcani fleiß'ge Hand.

    Keine trübe Zukunft störe
    Eures Lebens Fröhlichkeit,
    Jeder neue Tag gewähre
    Euch stets neue Seligkeit.

    Freuen, ja unendlich freuen
    Wird mich euer künftig Glück.
    Ob ich oft den Wunsch erneuen
    Werde, sagt euch itzt mein Blick.

    Lebet wohl im prächt'gen Hause
    Und behaltet wert und lieb
    Den, der in geringer Klause
    Heute diese Zeilen schrieb! --

Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los.

»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein, das
war allerliebst!«

Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot
ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die
er bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte ...


Siebentes Kapitel

Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste
zu öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die
alten Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau
so aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor
Wunderlich blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich
zwar ein bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur
Justus Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.

Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und ging
davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann, Doktor
Grabow und Christian freigeworden, und aus der Säulenhalle klang es
beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem
Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal --
und wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich
um die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian
und ächzte leise und herzbrechend.

»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht ...«

»Mir ist übel, Mama, mir ist =verdammt= übel!« wimmerte Christian,
während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase
unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer
Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:

»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
größerer Übelkeit!«

Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger und
milder geworden zu sein.

»Eine kleine Indigestion ... nichts von Bedeutung, -- Frau Konsulin!«
tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen ... ein bißchen
Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren ...
Und strenge Diät, -- Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig
Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«

»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie--mals
wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist =verdammt= übel!« Das starke
Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst
stieß er es hervor.

Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und beinahe
etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen, der junge
Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter,
Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen
würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, -- ein wenig
Taube, ein Scheibchen Franzbrot ... ja, ja -- und mit gutem Gewissen
versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so
jung er war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten,
der seine letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter
verzehrt hatte und, sei es plötzlich und überrascht in seinem
Kontorsessel oder nach einigem Leiden in seinem soliden alten Bett, sich
Gott befahl. Ein Schlag, hieß es dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und
unvorhergesehener Tod ... ja, ja, und er, Friedrich Grabow, hätte sie
ihnen vorrechnen können, alle die vielen Male, wo es »nichts auf sich
gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal gerufen war, wo nur
vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor zurückgekehrt war, ein
kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet hatte ... Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht derjenige, der die
gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken mit
Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als man
schon schwer atmete, der Plettenpudding -- Makronen, Himbeeren und
Eierschaum, ja, ja ... »Strenge Diät, wie gesagt, -- Frau Konsulin? Ein
wenig Taube, -- ein wenig Franzbrot ...«


Achtes Kapitel

Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch.

»Wohl bekomm's, _mesdames et messieurs_, gesegnete Mahlzeit! Drüben
wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns alle
und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör ... Die Billards, hinten, sind
zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl die
Führung ins Hinterhaus ... Madame Köppen, -- die Ehre ...«

Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer
gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große
Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst
hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.

»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?«

Nein, Lebrecht Kröger blieb bei den Damen, aber Justus könne ja nach
hinten gehen ... Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor
Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen
wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß
ich abwarten ... _Au revoir, messieurs ..._«

Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten,
im Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin
auf dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die
sinnig durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange
etwas zu hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer
zurückgeblieben, um in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen
Träumen und Gefühlen nachzuhängen; allein die Wirtspflicht ...

»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte
er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging.

»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer
Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den
roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
und schmecke er bereits.

»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben gesehen
hat«, bemerkte Konsul Kröger.

Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?«

Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die
Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten,
durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
stehen.

»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das
Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig benutzter
Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als Korridor
nebenher ... Aber vorwärts! -- Ja, sehen Sie, die Diele wird von den
Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück bis
zur Bäckergrube.«

Die weite, hallende Diele drunten war mit großen, viereckigen
Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen
Ende lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer
der säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe,
sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der
Wand hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender,
gerader Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer
alter Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.

Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare
Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber
herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit
Strohmatten gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom
»Portal« abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die
Herren aber schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen
zwei Mauern über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte.

Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit Lehmboden
hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen höchstem Boden ein
Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing. Aber man stieg zur Rechten
die reinlich gehaltene Treppe ins erste Stockwerk hinauf, woselbst der
Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum Billardsaale öffnete.

Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den
Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.

»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen
von seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise
durch Euer Haus, Buddenbrook!«

Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem Messinggitter
der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte man über
feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel ...

»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die
Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher
der beiden Billards. »Wer will mit uns sein? Grätjens? Der Doktor? _All
right._ Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere ... Köppen, du
=mußt= mitspielen.«

Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch, auf
einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen
prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.

»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß der
`Wullenwewer´ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein Hundewetter ...«

Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies
bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete.
Stürme in allen Küsten. _Anno_ 24 war es, weiß Gott, nicht viel
schlimmer, als in St. Petersburg die große Wasserflut war ... Na, da kam
der Kaffee.

Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen. Dann
aber begann man vom Zollverein zu sprechen ... oh, Konsul Buddenbrook
war begeistert für den Zollverein!

»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten
Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort
gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten ...«

Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu vor
Opposition.

»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er
beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es
damit? Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser
Preußenerfindung mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben
lassen, Buddenbrook? Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem
Zollverein, möchte ich wissen! Geht nicht alles gut?...«

»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den
russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein
bißchen Korn nach Holland und England, gewiß!... Ach nein, es geht
leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte
gemacht worden ... Aber im Zollverein würden uns die Mecklenburgs und
Schleswig-Holstein geöffnet werden ... Und es ist nicht auszurechnen,
wie das Propregeschäft sich aufnehmen würde ...«

»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang
über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein ... ich verstehe das
nicht. Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die
Einklarierung auf Bürgereid ...«

»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben.

»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, -- wenn Sie etwas `schön´ finden!«
Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann ...
aber wenn ich ehrlich sein soll -- nein, das mit dem Bürgereid ist ein
Unfug, allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden,
über die man ziemlich schlank hinweggeht ... und der Staat hat das
Nachsehen. Man erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin
überzeugt, daß der Eintritt in den Zollverein von seiten des
Senates ...«

»Dann gibt es einen Konflikt --!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das
Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle
Vorsicht in betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh'
ich mich auf. Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja
woll nich zu helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von
Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und
Freistaaten ...

Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
sorgloserer Zeit.

»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen
Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen ... passen
Sie auf!«

Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber,
die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein
Blättchen aus der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem
Siegelring an die spitze Nase und verlas mit einer fröhlichen und
naiv-epischen Betonung:

    »Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour
    Im goldnen Phaeton -- vergnügt spazieren fuhr,
    Sah Frelon dieses Paar --
                              oh, rief er, seht sie beide!
    Des Königs Schwert -- und seine Scheide!«

Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und Staatswohl
dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß der Saal
widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten und
kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
hin.

Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft.
Herr Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune,
denn er befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte
drollige plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann
und wann beglückt vor sich hin:

»Als Sachsens Marschall einst ...«

Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß ...


Neuntes Kapitel

Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort,
nachdem sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer
hinauf, um nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht
über die Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat,
und Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber
geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die
Haustür auf die Straße hinaus.

Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten
Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre
majestätische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der
Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die
abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen
oder Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten
Pflaster empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten,
Dunkelheit und Regen gehüllt.

»_Merci_«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am Wagen
stand, die Hand. »_Merci_, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der
Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem
Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder
auf dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem
bittersten Baß:

»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank
-- du? Ich habe gegessen wie lange nicht ... und mein Roter zu vier
Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal ...«

Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß
hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen ...

Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen
Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar
Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den
menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann
wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in
altertümlichen Lettern gemeißelt stand: -- »_Dominus providebit._«
Während er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß
sorgfältig die schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die
Windfangtüre ins Schloß schnappen und schritt langsam über die hallende
Diele. Die Köchin, die mit einem Teebrett voll Gläser klirrend die
Treppe herunterkam, fragte er: »Wo ist der Herr, Trina?«

»Im Eßsaal, Herr Konsul ...« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.

Er ging hinauf, und noch in der dunklen Säulenhalle machte seine Hand
eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat
er in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der
säuerliche Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.

Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann
Buddenbrook gemächlich auf und ab.


Zehntes Kapitel

»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte dem
Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber
feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur
die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich
matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab.

»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind ... verflixtes
Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs ...«

»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!«

»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott auf
du und du stehst ...«

Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.

»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht nur
gute Nacht sagen, Papa, sondern ... aber Sie dürfen nicht böse werden,
wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe -- er ist heute Nachmittag gekommen
-- bis jetzt nicht ennuyieren wollen ... an diesem heiteren Abend ...«

»Monsieur Gotthold -- _voilà_!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
»Herrn Johann Buddenbrook _sen._ Persönlich ... Ein Mann von _conduite_,
dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten ...« Während
sein rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem
Finger das Siegel, entfaltete rasch das dünne Papier, wandte sich
schräge, daß die Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte
einen energischen Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser
Handschrift schien Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während
die Zeilen der Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das
Papier eilten, waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem
Drucke versehen; viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen
Federzug unterstrichen.

Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle
standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen,
während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las ...

»Mein Vater!

Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird,
um die =Entrüstung= zu ästimieren, welche ich empfand, als mein zweiter,
so =dringlicher= Brief in betreff der wohl bewußten Angelegenheit ohne
Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine Entgegnung (ich
geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich muß Ihnen
aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem Herrn
sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit
vertiefen, eine =Sünde= ist, welche Sie einstmals vor Gottes
Richterstuhl aufs =schwerste= werden verantworten müssen. Es ist traurig
genug, daß Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem
Zuge meines Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch
Übernahme eines Laden-Geschäftes Ihren =maßlosen= Stolz beleidigte, sich
so überaus grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in
welcher Sie mich jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie
vermeinen, daß ich mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und
still verhalten werde, so irren Sie =gröblichst=. -- Der Kaufpreis Ihres
neu erworbenen Hauses in der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen
und ist mir ferner bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé,
=Johann=, bei Ihnen mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit
dem Geschäfte auch das Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird.
Mit meiner Stiefschwester in Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie
Vereinbarungen getroffen, in die ich mich nicht zu mischen habe.
Was aber mich, Ihren ältesten Sohn, angeht, so treiben Sie Ihren
=unchristlichen= Zorn so weit, es schlanker Hand zu refüsieren, mir
irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause zukommen zu
lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie mir bei
meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark auszahlten und mir
testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von 100000 zusprachen.
Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über Ihre
Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so =beanspruche=
ich in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335
Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
Vermutungen darüber anstellen, welchen =verdammungswürdigen= Einflüssen
ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden genötigt war;
aber ich =protestiere= gegen dieselbe mit dem ganzen Rechtssinn des
=Christen= und des =Geschäftsmannes= und versichere Sie zum letzten
Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können, meine gerechten
Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als =Christ= noch als =Vater=
noch als =Geschäftsmann= länger werde achten können.

                                        =Gotthold Buddenbrook.=«

»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal
vorzubeten. -- _Voilà!_« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.

Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie
flatterte, und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten
des Vaters. Der alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim
Fenster lehnte und ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den
entgegengesetzten Winkel, zum Kandelaber.

»_Assez!_ sage ich. _N'en parlons plus_, Punktum! Ins Bett! _En avant!_«
Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es
brannten nur noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem
Sohne umwandte, den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.

»_Eh bien_, was stehst du, was sagst du? Du mußt doch irgend etwas
sagen!«

»Was soll ich sagen, Vater? -- Ich bin ratlos.«

»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit
böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht
viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im
entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war.

»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse ...« fuhr der Konsul fort.
»Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!«

»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern lassen,
-- ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher hinter
sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich
sagen, -- diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine
Kompanei, ihr jungen Leute, -- wie? Den Kopf voll christlicher und
phantastischer Flausen ... und ... Idealismus! und wir Alten sind die
herzlosen Spötter ... und nebenbei die Juli-Monarchie und die
praktischen Ideale ... und lieber dem alten Vater die gröbsten Sottisen
ins Haus schicken, als auf ein paar tausend Taler verzichten!... Und als
Geschäftsmann wird er geruhen, mich zu verachten! Nun! als Geschäftsmann
weiß ich, was _faux-frais_ sind, -- _faux-frais_!« wiederholte er mit
grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich mache mir diesen exaltierten
Schlingel von einem Sohn nicht ergebener, wenn ich mich demütigen sollte
und nachgeben ...«

»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat
mit dem, was er von `Einflüssen´ sagt! Ich bin als Teilhaber
interessiert und gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem
Standpunkt zu bestehen, jedoch ... Und ich bin ein so guter Christ als
Gotthold, jedoch ...«

»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, `jedoch´ zu sagen, Jean! Wie
verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine
Mamsell Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und
am Ende, meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da
schrieb ich ihm: _Mon très cher fils_, du heiratest deinen Laden,
Punktum. Ich enterbe dich nicht, ich mache kein _spectacle_, aber mit
unserer Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift,
ich vermache dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit
bist du abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. -- Dazu hat er
geschwiegen. Was geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn
du und deine Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn
von dem Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde ...«

»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde! Um der
Familieneintracht willen müßte ich raten ... aber ...« Der Konsul
seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte,
gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig
lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.

»Vater, -- dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der
Konsul leise.

»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?«

»Vater, ... wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem
Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben ... unsere
Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr
Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird ... Aber, Vater,
diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne ... Es
sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes
gnädiger Hilfe errichtet haben ... Eine Familie muß einig sein, muß
zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür ...«

»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge ...«

Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.

»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar
nicht mehr.«

»Ich rechne«, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und man
sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und aufmerksam,
wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein geschaut
hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. -- »Einerseits: Sie geben
33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht 48335 in
Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt, und das
bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht alles.
Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den Anteil
am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals =nicht=
endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht
rechnen kann ... Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen
Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten,
nachzugeben!« --

»Na also! Punktum! _N'en parlons plus! En avant!_ Ins Bett!«

Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter
Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim
Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand.

»Gut' Nacht, Jean ... Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten ... Auf
Wiedersehen morgen beim Frühstück!«

Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das
weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen
Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken
pfiff.



Zweiter Teil


Erstes Kapitel

Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war zeitiger
als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein Ereignis
eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen trällern
machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.

Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer vor
dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen gewölbter
Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus zurückgeschoben war. Eine
dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor ihm; aber er hatte ein
Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt herausgenommen und schrieb,
eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen, winzig dahineilenden Schrift,
-- emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß er die Gänsefeder in das
schwere Metalltintenfaß tauchte ...

Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die
Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die
Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die
Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten
Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der
Vergoldung der mörserförmigen Tassen ...

Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von dorther
vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise nach einer
alten drolligen Melodie vor sich hin summte:

    »Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen;
    Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
    Und riecht nach Pomeranzen.«

Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei
dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten
sich, der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten
eingerichtet, während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze
über dem gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen
Locken, sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen
machte, das dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.

Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so sehr war
er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug einen
ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war leicht
geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen
verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:

»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von
einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage
des Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem
nicht alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat.
Ach, wo ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du
hilfst in allen Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu
erkennen, damit wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu
mögen erfunden werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir
leben auf Erden ...« -- Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und
indem sie hie und da einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und
redete Zeile für Zeile zu Gott. Zwei Seiten weiter hieß es:

»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke
du ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen
des ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
Seele zu glauben, daß der ganze liebe süße Jesus mein sei, weil unser
irdisches kleines schwaches Herz ...« Nach drei Seiten schrieb der
Konsul ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem
Geräusch noch über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle,
die den müden Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen,
bluttriefenden Wunden, vom engen und vom breiten Wege und von Gottes
großer Herrlichkeit. Es kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach
diesem oder jenem Satze die Neigung verspürte, es nun genug sein zu
lassen, die Feder fortzulegen, hinein zu seiner Gattin zu gehen oder
sich ins Kontor zu begeben. Wie aber! Wurde er es so bald müde, sich mit
seinem Schöpfer und Erhalter zu bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem
Herrn, schon jetzt einzuhalten mit Schreiben ... Nein, nein, als
Züchtigung gerade für sein unfrommes Gelüste, zitierte er noch längere
Abschnitte aus den heiligen Schriften, betete für seine Eltern, seine
Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch für seinen Bruder
Gotthold, -- und endlich, nach einem letzten Bibelspruch und einem
letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift und
lehnte sich aufatmend zurück.

Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte
zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß
alle Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal
-- er war noch ein Knabe -- hatte er den Vorbereitungen zu einer
Hochzeit beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die
alte Sitte, das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein
großes Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder
und die Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt,
daß die Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten,
es wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann
heftig über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen,
und da noch ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen
schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe ... Und nun
höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
vollkommenen Gesundheit! -- Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste
aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb
hinter sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!«

Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem
wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen
sind, sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu
unserer Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem
Rande der Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen
die Jagd gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem
Unglück brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte,
und ich falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber
niemand ist so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal
auf, allein die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da,
die mich gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die
Jagd und Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch
nichts geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb,
und ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen,
so gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus
der Schute über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der
Schute lag, mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein
da er sich selbst nicht halten konnte, schrie und brüllte er so
gewaltig, daß die anderen es hörten und ihn so geschwind an den Hüften
faßten und mit Macht festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich
hielt immer fest, wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch
dahin, daß er auch mir helfen konnte ...« Und dann folgte ein sehr
langes Dankgebet, das der Konsul mit feuchten Augen überlas.

»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich
gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein ...« Nun,
hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen
aus der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen.
Diese Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen,
was man eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter
geklopft und ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine
stattliche Mitgift zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen
einverstanden gewesen und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm
von Gott vertraute Gefährtin ...

Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
verhalten.

    »Ein guter Mann, ein braver Mann,
    Ein Mann von Complaisancen« ...

trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für
alle diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden
Beinen in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der
Vergangenheit der Familie, wenngleich er ehemals dem dicken
Goldschnittheft immerhin ein paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen
Handschrift hinzugefügt hatte, und zwar hauptsächlich in betreff seiner
ersten Ehe.

Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das
Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben
begannen ... Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die
Tochter eines Bremer Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und
das eine, kurze Jahr, das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen,
schien sein schönstes gewesen zu sein. »_L'année la plus heureuse de ma
vie_«, stand dort, mit einer krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die
Gefahr hin, daß Madame Antoinette es las ...

Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen zugrunde
gerichtet ... Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft, auf
dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen ehrlich
und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine ersten
kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, --
gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während
Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, -- und
niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos
heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben ... Der Konsul
verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen
übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
hinterließ ... Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie
etwas anderes als den ruchlosen Zerstörer seines Glückes erblickt. Dann,
später, hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen
und hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und
aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt ...

Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden
hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis
zu den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die
der alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte
in weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der
älteste, der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau
Ratsherr geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider
seines Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« -- was
unterstrichen war -- und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
tote und lebendige, wie es gerade kam ... Wie wiederum einer, der schon
Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich,
am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater hierhergekommen sei
und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem Vorfahren waren schon
alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern
gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten Boden auf die Darre
gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine Menge Balken im Wege
gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen,
stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen manche gute
Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen, sorgfältig in
hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz hervorstach: »Mein
Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche,
daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann war umständlich
nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte Bibel zugehöre,
und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf dessen Ältesten
übergehen solle ...

Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder jenes
der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren uralte,
gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mütter an ihre in der Fremde
arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit der
Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt beherzigt.« Da
waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und Hansestadt,
Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese rührenden
Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon aus
Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
=sogleich= Frau und Kinder zu grüßen ... Da war ein besonderes Tagebuch
des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte
darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds
an seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte
Festgedicht Jean Jacques Hoffstedes ...

Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen
altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun
auf ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und
verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann
ging er ins Schlafzimmer hinüber.

Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche ausgeschlagen, dem
gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des Wochenbettes bestanden.
Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach überstandenen Ängsten und
Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch leise erwärmt, mit einem
Mischgeruch von _Eau de Cologne_ und Medikamenten durchsetzt war. Die
geschlossenen Vorhänge ließen das Licht nur dämmernd herein.

Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig
bleich noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne
Hand entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise
klirrte. Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit
als möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen
schien ...

»Nun, Bethsy, wie geht es?«

»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!«

Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht
dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während
einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm
ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des
kleinen Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine
verzweifelte Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen.

»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur, sie
hat stupende zugenommen ...«

»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann
Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz.
»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel ...«

Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt von
einer Ähnlichkeit sprechen ... Du willst zur Kirche, Jean?«

»Ja, es ist zehn, -- hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder ...«

Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf
der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen -- denn in der Marienkirche
war es natürlich noch winterlich -- leise und vorsichtig herein, erstens
wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor
dem Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch
ein Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln,
entschieden, hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles
mitgebracht: eine neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine
große Puppe mit wirklichem -- dies war das Außerordentliche -- mit
wirklichem Haar für Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige
Klothilde, die sich aber still und dankbar fast ausschließlich mit den
Zuckertüten beschäftigte, die gleichfalls eingetroffen waren, und für
Christian ein komplettes Kasperle-Theater mit Sultan, Tod und Teufel ...

Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter die
grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
Pelerinenmantel übergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen hatte,
schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich
erwacht war ...


Zweites Kapitel

Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony Buddenbrook
immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit heller Freude.

Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten
Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und Remisen
und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich schräg
abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem Fuße,
und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand
in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern
alles immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das
machte Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.

An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu
denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen
Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
Befehl erteilte ... Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen
zum Personale der alten Herrschaften.

Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer, während
durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft hereinstreicht, statt
des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade verabreicht wird, ja,
jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken Stück feuchten
Napfkuchens.

Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen, ohne
Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der
Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die
Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.

Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem Strohhut
quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler wurde,
natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende Oberlippe gab
dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren Augen einen
Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen kleinen Gestalt
wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den schneeweißen
Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen Zuversichtlichkeit. Viele
Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter des Konsuls Buddenbrook,
wenn sie durch die Gartenpforte in die Kastanienallee hinaustrat. Eine
Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große Strohschute mit hellgrünen
Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen vom Dorfe hereinkutschierte,
rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook, Mamselling!« zu, und der
große Kornträger Matthiesen, der in seinem schwarzen Habit mit
Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen vorüberging, nahm vor
Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab ...

Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen Hagenström
zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte. Dies war ein
Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken, schwarzen Augen,
das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen Villa wohnte. Ihr
Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange am Orte ansässig
war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame mit
außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der
Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström,
welcher Teilhaber einer Exportfirma -- Strunck & Hagenström -- war,
entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs,
Langhals' und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt
und war, davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von
Ausschüssen, Kollegien, Verwaltungsräten und dergleichen nicht
sonderlich beliebt. Er schien es darauf abgesehen zu haben, den
Angehörigen der alteingesessenen Familien bei jeder Gelegenheit zu
opponieren, ihre Meinungen auf schlaue Weise zu widerlegen, die seine
dagegen durchzusetzen und sich als weit tüchtiger und unentbehrlicher zu
erweisen als sie. Konsul Buddenbrook sagte von ihm: »Hinrich Hagenström
ist aufdringlich mit seinen Schwierigkeiten ... Er muß es geradezu auf
mich persönlich abgesehen haben; wo er kann, behindert er mich ... Heute
gab es eine Szene in der Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein
paar Tagen im Finanz-Departement ...« Und Johann Buddenbrook fügte
hinzu: »Ein oller Stänker!« -- Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn
zornig und deprimiert zu Tische ... Was passiert sei? Ach, nichts ...
Eine große Lieferung Roggen nach Holland sei ihnen verloren gegangen;
Strunck & Hagenström hätten sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein
Fuchs, dieser Hinrich Hagenström ...

Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum besten
gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam, weil
sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander.

»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich zu
lügen. »Deiner vielleicht --?«

Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
beiläufig:

»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt ... Was trinkst du
eigentlich zum Frühstück, Julchen?«

»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen
von meinen Äpfeln haben? -- Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei
kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
vor Vergnügen. --

Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie,
gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens
Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet.
Hermann war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der
Oberlippe. Auch schmatzte er beständig mit den Lippen, denn er atmete
nur durch den Mund.

»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das
Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule
nicht Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales
Milchgebäck, das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit
Zungenwurst oder Gänsebrust belegte ... Dies war so sein Geschmack.

Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit Gänsebrust,
-- übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine Blechbüchse
blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu probieren. Eines
Morgens sagte Hermann:

»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück mehr
mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür
wiedergeben willst.«

Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf
Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute,
und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am
Riemen hin und her und schmatzte leise.

»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
nicht einmal Fett daran, -- das pure Fleisch ... Was gibst du mir
dafür?«

»Ja, -- einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in
der Allee.

»Einen Schilling ...« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
und sagte:

»Nein, ich will etwas anderes haben.«

»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den
Leckerbissen zu geben ...

»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony und
küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie
hielt mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke
Hand mit der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten
drei oder viermal aus allen Kräften in sein Gesicht ... Er taumelte
zurück; aber im selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester
Julchen wie ein schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor
Wut, auf Tony, riß ihr den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen
aufs jämmerlichste ... Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit
der Kameradschaft.

Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen
Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf, das
mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen
besaß, das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr
Betragen in so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die
Schulvorsteherin, welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig
schwitzend vor Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin
höflichst anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung
zuteil werden zu lassen -- denn dieselbe habe sich, trotz vieler
liebevoller Verwarnungen, auf der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs
schuldig gemacht.

Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle Welt
kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen umher,
die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den Arbeitern
und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu ebener
Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke. Sie
kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch
die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück von
ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen,
hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut waren,
die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die
Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten ... Gut und
schön!

Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu
lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem
plötzlichen Laut, den man ausstößt -- zum Beispiel »Ha!« oder »Ho!« --
auf einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie
ihn zu Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige
kleine Frau mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder
Witterung einen ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt
zu halten, beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!«
zu betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese
erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen
Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, -- dort
aus Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt ... Das
alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig
gutem Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine
Drohung zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat,
den hübschen Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb
entrüstetes, halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen:
»Wage es nur, mir etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks
Tochter, wenn du es vielleicht nicht weißt ...«

Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute
Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
Laune.


Drittes Kapitel

Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls
Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt.

Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen
Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger,
regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste
amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
die Lehrer nachahmte -- im besonderen den tüchtigen Herrn Marcellus
Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den
Unterricht erteilte.

Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote
Perücke und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die
Knöchel reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen
bedeckten, und war ein witziger Kopf, der philosophische
Unterscheidungen liebte, wie etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein
gutes Kind, und was machst du? Du machst 'nen Strich!« -- Er sagte
»Line« statt »Linie«. Oder zu einem Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht
Jahre, will ich dir sagen, sondern Jahren!« -- Wobei er »Quäta« statt
»Quarta« sagte und nicht »Jahre«, sondern beinahe »Schahre« aussprach
... Sein Lieblingsunterricht bestand darin, in der Gesangstunde das
schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu lassen, wobei einige Schüler auf
den Korridor hinausgehen mußten, um, wenn der Chorus angestimmt hatte:
»Wir ziehen so fröhlich durch Feld und Wald ...« ganz leise und
vorsichtig das letzte Wort als Echo zu wiederholen. Waren jedoch
Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen Kröger oder sein Freund
Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors, hiermit beamtet, so warfen
sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den Kohlenkasten die Treppe
hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in der Wohnung des Herrn
Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich zu. Herr Stengel
hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den Schülern
Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu verabreichen,
worauf er die jungen Herren wieder entließ ...

In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
Gewölben der alten Schule -- einer ehemaligen Klosterschule -- ihres
Amtes walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der
Ansicht, daß Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen,
und bestrebt, mit Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in
den mittleren Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen
unterrichtete, ein gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem
Backenbart und munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser
Übereinstimmung seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht
oft genug die Vokabel _pastor_ sich übersetzen lassen konnte. Seine
Lieblingsredensart lautete »grenzenlos borniert!« und es ist niemals
aufgeklärt worden, ob dies ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er
aber, seine Schüler völlig zu verblüffen, so gebot er über die Kunst,
die Lippen in den Mund zu klemmen und sie wieder hinauszuschnellen, in
einer Art, daß es knallte wie ein springender Champagnerpfropfen. Er
liebte es, mit langen Schritten im Klassenzimmer umherzugehen und
einzelnen Schülern mit ungeheurer Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges
Leben zu erzählen, und zwar zu dem ausgesprochenen Zwecke, ihre
Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber ging er ernstlich zur Arbeit
über, das heißt, er überhörte die Verse, die er über _genus_-Regeln --
er sagte »Genußregeln« -- und allerhand schwierige Konstruktionen mit
wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor Hirte mit
unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der Reime
hervorbrachte ...

Toms und Christians Jugendzeit ... es ist nichts Bedeutendes davon zu
melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook, wo
in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal gab
es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses:

Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen
Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen
verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel ...
Herr Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt,
die zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf
die Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein
kleines Geschäft ... kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein
ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten
irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr
Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor des
Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart einem
strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber mit
seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes,
daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig
Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep gangen«
sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach ernster
Überlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, daß er das
Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in
Versuchung.

Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu
setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von
verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken ...

Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen
angebissenen Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich,
und seine runden, tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben
sich erweitert.

»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er.

»Warum nicht, Christian ... Was für ein Unsinn ... Was ist dir?«

»Denkt euch, wenn ich aus Versehen ... diesen großen Kern verschluckte,
und wenn er mir im Halse steckte ... und ich nicht Luft bekommen könnte
... und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle spränget auch
auf ...« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!« hinzu, das
voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle empor und
wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen.

Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf.

»Gott im Himmel, -- Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!«
Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.

»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber =wenn=
ich ihn verschluckte!«

Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu
schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und
verbittet sich die Narrenspossen ... Allein Christian ißt wirklich
längere Zeit keinen Pfirsich mehr. --


Viertes Kapitel

Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette
Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der
Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes
Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen
Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in
der Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks
selbst veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im
Repräsentieren nicht nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich,
hatte sich ein halb unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter
Darmkatarrh anfangs nur, gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und
Franzbrot verordnet hatte, eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit
unbegreiflicher Schnelligkeit Entkräftung herbeiführte, einen sanften
und hinfälligen Zustand, der beängstigend war.

Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste Unterredung
draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu hinzugezogener
Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender Mann, neben
Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich gleichsam die
Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher, man flüsterte
ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen. Etwas Neues,
Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein Geheimnis, das einer
in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod hatte sich Einlaß
geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen.

Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit ihrem
Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten im
Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die
verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben und
Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken
ward ...

Droben saß Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die matte
Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
kurz und oberflächlich auf ... Eine schwarze Schwester machte sich am
Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und
verschwand wieder.

Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche Wehmut
vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte,
ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau
blickte, die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz
bereitet, die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm
ausgehalten und nun ebenfalls langsam davonging.

Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das
ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig
geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich
unmerklich von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte ... Manchmal sagte er mit halber
Stimme vor sich hin:

»Kurios! Kurios!«

Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung
stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
schwerfällig davonzuschaffen, -- da änderte sich seine Stimmung nicht,
da weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln
blieb ihm, und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort
... Kein Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.

Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn er
einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:

    »Der Omnibus fährt durch die Stadt ...«

oder

    »Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand ...«

so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam
aus einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem
kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden ...
Eines Tages sagte er:

»Jean, -- _assez_, du?«

Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
Buddenbrook _senior_ sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter
ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben,
und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater _Anno_ 1768
gegründete Handlung =Johann Buddenbrook= mit _Activis_ und _Passivis_
unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen Associé
Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der Bitte, das
ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten ...
Hochachtungsvoll -- Johann Buddenbrook _senior_, welcher aufhören wird
zu zeichnen.

Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine
nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte
März, ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, -- und dann, in einer
Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
Konsul sagte:

»Alles Glück, -- du? Jean? Und immer _courage_!«

Und zu Thomas:

»Hilf deinem Vater!«

Und zu Christian:

»Werde was Ordentliches!«

-- worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten
»Kurios!« nach der Wand kehrte ...

Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die
schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten
Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook, Inhaber
der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der Breitenstraße, raschen
Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig, klein und beleibt,
besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden durchsetzte Kotelettes. Er
war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen aus rauhem, kariertem
Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul entgegen, indem er die
Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes erhob und sie dennoch
zusammenzog.

»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
angenehmer Stimme, »wie steht es?«

»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und ergriff
die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste
Vater!«

Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach
einem Schweigen sagte er nachdrücklich:

»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?«

Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine
Stufe zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden,
sagte er:

»Nichts.«

Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und seine
Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.

»Und was habe ich von =deiner= Gerechtigkeit zu gewärtigen?« sagte er
mit gesenkter Stimme.

Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn wieder
zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben nach unten
und antwortete leise und fest:

»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand als
Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren
alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir =diese=
Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.«

Gotthold ging ... Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der Verwandten,
Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger, Kontoristen
und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte und die
sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße hinunterstanden,
-- zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des Konsuls aufs neue;
ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing, und seine drei
schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette, die beide sehr
lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige Jüngste, die allzu
klein und beleibt erschien.

Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort draußen
vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling von Sankt
Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber Redeweise, das
maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen hatte, im
Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« -- dies war sein
Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des jüngst
verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, -- als
die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80
Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen ... da erbot sich
Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er
erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er
es tue, und das Andenken des Vaters solle für ihn kein böses sein. Er
verzichte auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen
sei, sich von allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe
und dem, was ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das
Leinengeschäft mache ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich
nicht entschließen werde, noch mehr hineinzustecken ... »Der Trotz gegen
den Vater hat ihm keinen Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem
inneren frommen Aufblick; und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.

In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer
hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander
tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit
seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt
hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im
Gartenhause zu erscheinen ... Er begann schon zu liquidieren.


Fünftes Kapitel

Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den
Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der
schon um Ostern desselben Jahres erfolgte.

Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark
gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der
Pastor Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte,
ganz herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um
seinen Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm
zugesprochen hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie
hing, diesem melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig
schraffierte Fläche, ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten
Weide am Ufer zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den
wahrscheinlich schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock
getragen hatte, war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen.

Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark
entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein
rundes und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die
des Alten. Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen
von den schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war
dunkelblond, und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die
Brauen, von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell
und farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das
seine ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig.
Er blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen ...

Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus, dem
Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen Personale
zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als er zum
ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit Stempeln,
Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags auch an
die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und
»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war,
wo er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde ...

Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen Fleiß
des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und manches
Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren ... Eines
Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin
ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus.

Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann schliefen
draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock stand nun leer
und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die Konsulin saß auf
dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im Munde, die
Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte sich über
eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während sie mit
der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem zierlichen
Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.

Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger näherte,
hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen, runden
Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase sprang,
wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast schien
an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig
gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am
Ende der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch
glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den
vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr
rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
gleiten ließ, sagte sie:

»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren ... Ich bin zu
dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke ...«

Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die
Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
handelte sich um Geldausgeben.

»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in
die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir
haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell
Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt ...«

»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage:
`Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt
worden!´ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen
schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist ... Ein Diener
wäre so angenehm für Kommissionen und dergleichen ... Man bekommt einen
braven und anspruchslosen Mann vom Lande ... Aber ehe ich es vergesse,
Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
Sicherheit servieren sehen ...«

»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig unbehaglich
hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen jetzt weder
Gesellschaften, noch geben wir selbst welche ...«

»Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem häufig genug, und das ist
nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich
herzlich darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von
dir, du bittest ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen
und übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der
vielleicht acht Tage bei uns bleibt ... Für übernächste Woche erwarten
wir Pastor Mathias aus Kannstatt ... Nun, um kurz zu sein, die Salairs
sind so gering ...«

»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!«

»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?« fragte
die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts geneigtem
Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern denke ...«

»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir
eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?«

»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche
Einsicht ...«

»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im
Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner
Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen ...

»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die Dinge
bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der
Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an Gotthold
ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich noch ein
paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die nach Vaters
Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-Witwenkasse usw.
gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000 mehr. Das sind, in
runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren Schwankungen des
Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so ungemein reich,
meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken, daß das Geschäft
zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen dieselben
geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht gestattet,
die Unkosten herabzusetzen ... Hast du mir folgen können?«

Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße. »Recht
gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie
hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.

Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem
Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:

»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott gerufen
werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist
richtig. Jedoch ... wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen.
Ich weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und
zwar, wie bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst
liebenswürdiger Mensch, aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann
und hat auch unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden
höchst störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten
Betriebskapitals war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und
dein Vater hat mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen,
damit kein Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird
sich, fürchte ich, wiederholen, denn -- verzeih mir, Bethsy, wenn ich
aufrichtig rede -- die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem
Vater, der mit Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt,
kommt deinem Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten ... Du
verstehst mich ... er ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch
und obenhinaus ... Im übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so
aufrichtig freut, nichts abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben,
wie es ... ihren Verhältnissen entspricht ...«

Die Konsulin lächelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten
gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.

»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß
der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe
zurückführen kann ... Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere,
liebe Bethsy --?«

»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu antworten,
denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns zur Ruhe
gehn, wie? es ist allzu spät geworden ...«

Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton zu
engagieren.


Sechstes Kapitel

»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte
Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb.

Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich mit
Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte
man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn
Stengel Kaffee zu trinken, -- obgleich die Konsulin, der dies zu viel
wurde, eines Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum
Zwecke einer Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel
erschien in seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern,
die Weste von lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit
der Konsulin im Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale
der Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn
auch ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen
Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im übrigen während dieser
Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser vornehmen
Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer Viertelstunde
erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn Stengel
sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache zur
Unzufriedenheit gegeben habe ... »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte
ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler
Buddenbrook. Und infolgedessen ... Allein ein wenig übermütig, wenn ich
mir erlauben darf, hm ... und infolgedessen ...« Der Konsul führte ihn
höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete ... Das
alles aber war nicht das Schlimme.

Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der Schüler
Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten Freunde das
Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller gegeben
wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine junge Dame,
eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne Bewandtnis
hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen oder
nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der
Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren,
die in der Stadt »Suitiers« genannt wurden -- wie zum Beispiel auch
Justus Kröger --, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er
war verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber
seit längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie
ein Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte,
dessen Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen;
aber man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich
meistens im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden
Morgen um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig
Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches
Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren
mit Brillanten ausgezeichnet hatte ...

Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell -- sie
trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche -- ganz allerliebst aus
und spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer
Begeisterung die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer
Handlungsweise hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken
Empfinden hervorgehen kann. In einer Pause nämlich erstand er im
gegenübergelegenen Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit
welchem dieser vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen
kleinen tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da
niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la
Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der
Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen,
schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang:

»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!«

»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul Döhlmann
mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber zog die
hübschen Brauen empor und fragte:

»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen Verehrer
mit vielem Wohlwollen die Wange.

Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im »Klub«
zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt bekannt
wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn wiederum zum
Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook machte. Wie faßte
dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu überwältigt und
geschlagen ... Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß er beinahe
gebrochen im Landschaftszimmer.

»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich ...«

»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber ... Und erzähle es
nur Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren ...«

Hier begehrte der Konsul auf. »Ha! Ja! ich bin überzeugt, daß er sich
amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges
Blut und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem ... Suitier,
sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben ... sapperlot,
du zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt
sein Taschengeld aus für diese Lorette --! Er weiß es nicht, nein; aber
die Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!...«

Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete
sie mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den
Kopf in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer
draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart
und Eitelkeit.

Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie
gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in
dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es an
den Tag, daß Tony -- Antonie Buddenbrook -- ganz allein mit einem
Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen
war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte
die beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell
Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo ... und Frau Senatorin
Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese
Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß
Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem
Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine
Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben
Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere
Obhut zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt,
am Mühlenbrink Numero 7.


Siebentes Kapitel

Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel
höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals
Gewicht auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet
wie eine Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten
Ohrlocken saß eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen
Kinderschultern hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen
Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden ... ausgenommen die große, ovale
Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.

Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen,
eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
zusammenpressen konnte ... Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und
allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber
durchaus respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre
Sprache bei. Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des
Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt
und dialektfrei, klar, bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes
Konsonanten. Den Klang der Vokale aber übertrieb sie sogar in einer
Weise, daß sie z. B. nicht »Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar
»Batterkruke« sprach und ihr eigensinnig kläffendes Hündchen nicht
»Bobby«, sondern »Babby« rief. Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind,
sei nich--t sa domm!« und zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten
Zeigefinger auf den Tisch pochte, so machte dies Eindruck, das ist
sicher; und wenn Mademoiselle Popinet, die Französin, sich beim Kaffee
mit allzuviel Zucker bediente, so hatte Fräulein Weichbrodt eine Art,
die Zimmerdecke zu betrachten, mit einer Hand auf dem Tischtuch Klavier
zu spielen und zu sagen: »Ich wörde die =ganze= Zockerböchse nehmen!«
daß Mademoiselle Popinet heftig errötete ...

Als Kind -- mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! --
hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese
Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete,
sie so zu nennen. »Nenne mich `Sesemi´, Kind«, sagte sie gleich am
ersten Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
knallenden Geräusch auf die Stirn küßte ... »Ich höre es gern.« Ihre
ältere Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly.

Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem
verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte
bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war
aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren
Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich
vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit
beinahe klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so
eindringlich »Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte
sie eingeschüchtert.

Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich von
ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie
herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges
und glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen
Kämpfen bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt,
unschuldig und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi.
»Mein Gott, sie ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel
gestoßen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist
glücklich ...« In solchen Worten lag ebensoviel Geringschätzung wie
Neid, und das war ein schwacher, wenn auch verzeihlicher Charakterzug
Sesemis.

Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das von
einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im
oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden. Die
Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen,
nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf,
daß nur Töchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen ...
Tony Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja,
zum Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen
Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
verstand ... »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem
Kopfschütteln ... und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand.

Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel und
beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den Tisch,
rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem Blicke,
wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten Kalbsbratens
anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda Arnoldsen,
die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und fremdartigen
Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden
braunen Augen und einem weißen, schönen, ein wenig hochmütigen Gesicht.
Ihr gegenüber plapperte die Französin, die aussah wie eine Negerin und
ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren Tischende saß mit
säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown, die gleichfalls im
Hause wohnte.

Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle. Popinet
hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie ...
_Ah, quelle horreur!_ Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!«
zu rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus,
daß Gerda Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern
Geige, und daß Papa -- ihre Mutter war nicht mehr am Leben -- ihr eine
echte Stradivari versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten
Buddenbrooks und alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die
Choräle erkennen, die in der Marienkirche gespielt wurden ... Oh, die
Orgel in der Nieuwe Kerk zu Amsterdam hatte eine _vox humana_, eine
Menschenstimme, die prachtvoll klang! -- Armgard von Schilling erzählte
von den Kühen zu Hause.

Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck auf
Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in
Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern
hatten das schönste alte Haus der Stadt, und die Großeltern waren
vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und
»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im
geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von«
eigentlich viel besser gepaßt haben würde, -- denn Armgard, mein Gott,
sie wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem
dicken Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten
mecklenburgischen Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war
durchaus nicht vornehm, sie machte nicht den geringsten Anspruch darauf,
sie hatte keinen Sinn für Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß
erstaunlich fest in Tonys Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem
Nachdruck auf Gerda Arnoldsen an.

Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches an
sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es =albern=, daß sie die
Geige spiele -- wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten
Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony
übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre für
ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da
sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre
Eltern oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert
hielten.

Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und
behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
beim Auskleiden plauderte -- mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
Mlle. Popinet von Dieben zu träumen ... Sie schlief zusammen mit der
kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer
und Sammler, sich in München angesiedelt hatte.

Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
und frischer Wäsche erfüllte das Zimmer und eine gemächliche, gedämpfte
Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei.

»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die
Klasse, stellt sich an den Tisch und spricht von Racine ...«

»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor
dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
Haare kämmte.

»Ja!« sagte Armgard rasch.

»Und du hast auch =nur= von ihm angefangen, um das zu hören zu bekommen,
Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen Augen an, als
ob ...«

»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
=bitte= Gerda ... so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es
ist eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.«

»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde
sicherlich keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann ...«

»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand
hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.

»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben ... Ach, wie
freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und
wirtschaften ...« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum
Plafond empor.

»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und
betrachtete ihre Freundin im Spiegel.

Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs
Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch
ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.

»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß recht
viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin ich
meiner Familie und der Firma schuldig«, fügte sie ernsthaft hinzu. »Ja,
ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.«

Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen
Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.

»Ich werde =wahrscheinlich= gar nicht heiraten«, sagte sie ein wenig
mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht ein,
warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und spiele
Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten Schwester ...«

»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
dich hier verheiraten und immer hier bleiben ... Höre mal, du solltest
zum Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten ...«

»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen
zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
Mund hielt.

»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig ... Gott, wie ihr euch
einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der
Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu
Besuch kommen ...«

Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:

»_Ah! voyons, mesdames!_ zu Bette, _s'il vous plaît_! Sie werden sich
heute abend nicht mehr verheiraten!«

Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder
draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes
Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See, wenn
man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und Esel
ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte gemacht,
Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch Weihnachtsfest,
vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den Großeltern und bei
Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in Strömen floß ... Am
herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu Hause, denn der
Konsul hielt darauf, daß das heilige Christfest mit Weihe, Glanz und
Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei
alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich
in der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger
Gesang, den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam
Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten
der hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin
aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam
das Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so
stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge
durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen
in der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd,
leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen
Schnee der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und
vom Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer
der kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten
Abendessen in der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in
übergewaltigen Mengen gab ...

Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie mit
ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling, das
Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein
anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht
einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
verachten.

So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte.



Dritter Teil


Erstes Kapitel

Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem »Portale«
im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel, dessen
Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten
Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren
und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel
hinausgestellt.

Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde um
den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen
Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der
Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die
Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der
kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«,
während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine
Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch
glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem
Tischtuche zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern
ergriff und behutsam verzehrte.

Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weiße Wolken standen, begann
langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch
angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch
die Luft daher.

»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich dir
erzählte, arrangiert sich.«

»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu plagen.

»Sechzig Taler für tausend Kilo ... nicht übel, wie?«

»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war.

»Tony, deine Haltung ist nicht _comme il faut_«, bemerkte die Konsulin,
worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
vom Tische nahm.

»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie
bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
Schönsten in der Familie.«

Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom --?« machte sie, und es
war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er
würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die
Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen
ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
lebhaft bei der Sache.

»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so
fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann --!«

»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. -- Hierauf kam Anton
über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah ihm
erwartungsvoll entgegen.

»=Grünlich=, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer, gut
empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist da
eine Sache ... Sage dem Herrn, Anton -- es ist dir recht Bethsy? -- er
möge sich hierher bemühen ...«

-- Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit ziemlich
kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer Mann
von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und langschößigen Anzug
und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter dem hellblonden,
spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem einen Nasenflügel
aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und Oberlippe
glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang
hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
-- Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine
Gebärde der Ergebenheit ...

Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
verbeugte.

»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher
Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand genommen,
man plaudert ... Ich muß um Verzeihung bitten!«

»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul, der
sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise
meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer
Geschäftsfreund ... Meine Tochter Antonie ... Meine Nichte Klothilde ...
Sie kennen Thomas bereits ... Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
Gymnasiast.«

Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
geantwortet.

»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den
Eindringling zu spielen ... Ich komme in Geschäften, und wenn ich den
Herrn Konsul ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu
tun ...«

Die Konsulin antwortete:

»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!«

»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf dem
Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich, Hut
und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen einen
Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie:
»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das
wäre die Einleitung. Was nun?«

Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung.

»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur Seite
neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ.

»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen
Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein
außerordentlich reges ... hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.«

Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung, als
sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?«

»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr Grünlich
halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er den
Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten
und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren messen,
und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung
überzugehen.

»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu sagen.

»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen
Mutter.«

»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu
erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und
Geist, -- hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist
herrschte wie in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet
man Gottesglaube, Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre
Christlichkeit, die mein Ideal ist; und damit verbinden diese
Herrschaften eine edle Weltläufigkeit, eine Vornehmheit, eine glänzende
Eleganz, Frau Konsulin, die mich persönlich nun einmal charmiert!«

Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören
wollen ... Der Konsul aber sprach beifällig:

»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.«

Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen Klirren
des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher Weise
ganz weit herumdrehte.

»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie.

Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über
seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.«

Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs
Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage ... »In der Tat«,
bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende
Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
hohem Danke verpflichtet ... ich bin nicht im geringsten getroffen
worden. Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri
und Nikolai ... Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er
sich dankend mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »-- doch, für einen
Stadtgarten ist er ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor ...
oh, mein Gott, ich gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur
im allgemeinen! Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein ...«

Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für
jeden ein liebenswürdiges Wort.

»Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektüre zu erkundigen, Mademoiselle
Antonie?« fragte er lächelnd.

Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und
antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken:

»Hoffmanns Serapionsbrüder.«

»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«,
bemerkte er. »Aber um Vergebung ... ich vergaß den Namen Ihres zweiten
Herrn Sohnes, Frau Konsulin.«

»Christian.«

»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« -- und Herr
Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn -- »die Namen, welche schon
an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer
Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich ... wer dächte dabei
nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße
wie die meisten meiner Vorfahren Bendix, -- ein Name, der ja nur als
eine mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und
Sie lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die
Werke dieses großen römischen Redners. _Quousque tandem, Catilina_ ...
hä-ä-hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig
vergessen!«

Der Konsul sagte:

»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine Einwände
gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen Köpfe mit dem
Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und wichtige
Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig sind ...«

»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr
Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, =nicht unanfechtbare=
Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt
anstößiger Stellen in diesen Reden ...«

Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe. Denn
Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem
Sitze empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig:

»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? -- Ich beschwöre Sie, mein
Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen
sollte, »bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung ...! --
Beachten Sie«, fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem
Haare Ihres Fräulein Tochter spielt? -- Ich habe niemals schöneres Haar
gesehen!« sprach er plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein,
als ob er zu Gott oder seinem Herzen redete.

Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der
Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm die
Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich.

»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften ... allein wer könnte
widerstehen ... Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte ...«

»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es
mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am Orte
in unserem Hause vorlieb nehmen möchten ...«

Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin
Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem
Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht
mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt Hamburg ...«

»Ein =paar= Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was sie
nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte.

»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male
gesehen haben.«

Herr Grünlich küßte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick, daß
auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück,
verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er das
Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
davon ...

»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner
Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm.

»Ich finde ihn =albern=«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
Nachdruck.

»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig
entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!«

»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul. »Du
weißt nicht, was du sagst.« -- Es geschah manchmal, daß die Eltern in
dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
desto sicherer, einig zu sein.

Christian zog seine große Nase in Falten und sagte:

»Wie wichtig er immer spricht!... Man plaudert! Wir plauderten gar
nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
laut zu sich selbst spräche. Ich störe -- ich muß um Verzeihung
bitten!... Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!...« Und Christian
ahmte Herrn Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen
mußte.

»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach
beständig von sich selbst! =Sein= Geschäft ist rege, =er= liebt die
Natur, =er= bevorzugt die und die Namen, =er= heißt Bendix ... Was geht
uns das an, möchte ich wissen ... Er sagt alles nur, um sich
herauszustreichen!« rief sie plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama,
und dir, Papa, =nur=, was ihr gern hört, um sich bei euch
einzuschmeicheln!«

»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet
sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt
seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist klar ...«

»Ich finde, er ist ein guter Mensch«, sagte Klothilde sanft und gedehnt,
obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im
geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.

»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger,
tätiger und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18
oder nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen
hat, du solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache
Menschen, und du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein
aufheben dürfte ... Tom, an die Arbeit!«

Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und dabei
zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan hatte.


Zweites Kapitel

»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!«
sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang
zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm
zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
machen, und ich vermißte Sie schmerzlich ... Wie entzückt aber bin ich,
Sie nun doch noch zu treffen!«

Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu sprechen
begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn
Grünlichs Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen
unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und
verwirft ... Ihre Lippen bewegten sich -- was sollte sie antworten? Ha!
es mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal
zurückschleuderte, vernichtete ... aber es mußte ein gewandtes,
witziges, schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und
ihm imponierte ...

»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn
Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
abgeschossen, ließ sie ihn stehen, legte den Kopf zurück und ging rot
vor Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst
sie erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
gebeten sei ...

Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
und Solidität verlieh, -- rosig übrigens und lächelnd, das spärliche
Haar sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß
Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel mit
Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er mit
Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut
zu sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein
großes Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen;
ich =muß= die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er
der Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über
Geschäfte und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den
Tag legte, er plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften
und Toiletten; er hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde,
ja selbst für die kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte
... Tony verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es
nicht, sich ihr zu nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit
seitwärts geneigtem Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie
Ermunterung lag.

Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein
vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und
achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der
sich mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert
hatte, nicht zum letztenmal gesehen habe.

In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem
Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im
Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley«
vorlas -- und zwar mit mustergültiger Aussprache, denn die Reisen im
Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem
Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit
zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
zum Beispiel: »Nicht im geringsten!«

Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh
verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein
Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem
Grade weltläufiger Mann gewesen war ... Dann jedoch, ohne daß Tony
seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg
abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine
vertraute Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber
antwortete: »Kindchen, wirst sehen ...«

Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer ... Tony
kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben der
Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen
an ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem
Kräuterkäse.

»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie,
während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem
Teelöffel öffnete.

»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul,
der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits
beendete langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte
sich dann ins Sofa zurück.

»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich
nicht in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu
sprechen hätten.«

Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer
Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.

»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem ihr
Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!«
wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu
spielen: »Iß nur.«

Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank, ihr
Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht,
sie ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit
leiser Stimme, daß sie fertig sei ...

»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen Augenblick
geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden haben, ist
in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der Zeitung,
mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu sein:
Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und liebenswürdigen
Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während seines hiesigen
Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt habe, und
bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind darüber?«

Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand drehte
den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber
schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor:

»Was will dieser Mensch von mir --! Was habe ich ihm getan --?!« Worauf
sie in Weinen ausbrach. --

Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
verlegen seine leere Tasse.

»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du
kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge
haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung
auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du
noch keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber
das kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit ... Einem so
jungen Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will ... Im
Kopfe sieht es so wirr aus wie im Herzen ... Man muß dem Herzen Zeit
lassen und den Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die
planvoll für unser Glück sorgen ...«

»Ich weiß gar nichts von ihm --« brachte Tony trostlos hervor und
drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke
befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart
hat und ein reges Geschäft ...« Ihre Oberlippe, die beim Weinen
zitterte, machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck.

Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen
Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar.

»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen? Du
bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte ...
Du bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und
das sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im
Sinne haben ...«

»Ich verstehe es nicht ... ich verstehe es nicht ...« schluchzte Tony
fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die
streichelnde Hand. »Er kommt hierher ... sagt allen etwas Angenehmes ...
reist wieder ab ... und schreibt, daß er mich ... ich verstehe es nicht
... wie kommt er dazu ... was habe ich ihm getan?!...«

Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony, und
es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß
durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will ... Das alles
kann mit Ruhe erwogen werden, =muß= mit Ruhe erwogen werden, denn es ist
eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig antworten
und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen ... Es gibt da viele
Dinge zu überlegen ... So ... sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht Papa
an seine Arbeit ... Adieu, Bethsy ...«

»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.«

-- »Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony«, sagte die
Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die
unbeweglich und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß
man hinlänglich ...«

Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von
Gedanken ... Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt,
daß sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der
Firma entsprach ... Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male,
daß jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte
man sich dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich
plötzlich um alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie
bislang nur gelesen hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« ... »fürs
Leben« ... Gott! Was für eine gänzlich neue Lage auf einmal!

»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein ... Jawort zu
geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu
hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen
Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger
unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die
Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.

Die Konsulin sagte:

»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht abgeraten,
das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von mir, wenn
wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony ... Du
kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf
großem Fuße leben ...«

Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich vor
ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab ... Ob sie als Madame
Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich nicht,
danach zu fragen.

»Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur Überlegung«, fuhr die
Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine
solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und
daß diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir
vorschreiben. Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg,
der sich dir heute eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du
selbst recht wohl ...«

»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer
Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war
stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als
Tochter des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
Gewandschneider zu Rostock hatte sich =sehr= gut gestanden, und seit
seiner Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den
Beruf, auf ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann
Buddenbrook« zu fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat
einging ... Tom arbeitete dafür im Kontor ... Ja, die Art dieser Partie
war sicherlich die richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich ... Sie sah
ihn vor sich, seine goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht
mit der Warze am Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen
wolligen Anzug zu fühlen und seine weiche Stimme zu hören ...

»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen
zugänglich sind ... haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?«

»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher
Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn
beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt ... Ich begreife überhaupt
nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im
Leibe haben ...«

Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu träufeln.


Drittes Kapitel

In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch während der Schulferien
Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul erklärte,
geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die schwebende
Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in der
Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des Konsuls
geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber der
Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen geäußerte
Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich kann ihn
nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt
sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« -- sonst pflegte
Tony »Papa« zu sagen -- »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.«

Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
Unterredung im Frühstückszimmer -- man stand in der Mitte des Juli --,
das Folgende ereignet hätte ...

Es war Nachmittag -- ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im Landschaftszimmer
am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte. Bevor sie noch
Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in glockenförmigem
Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es war, wie sich
versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck
flehender Zärtlichkeit.

Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung, als
wollte sie in den Eßsaal entfliehen ... Wie war es möglich, noch mit
einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften
Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person
und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da!
Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie
weinen werde.

Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
Töte mich, wenn du willst! kam Herr Grünlich auf sie zu. »Welch eine
Fügung!« rief er. »Ich finde =Sie=, Antonie!« Er sagte »Antonie«.

Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit einer
tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor:

»Was -- fällt -- Ihnen -- ein!«

Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle.

Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf hätte
beachten können.

»Konnte ich länger warten ... Mußte ich nicht hierher zurückkehren?«
fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres
=lieben= Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung
erfüllt hat! Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren,
Fräulein Antonie? Ich hielt es nicht länger aus ... Ich habe mich in
einen Wagen geworfen ... Ich bin hierher geeilt ... Ich habe ein paar
Zimmer im Gasthofe Stadt Hamburg genommen ... und da bin ich, Antonie,
um von Ihren Lippen das letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen,
das mich glücklicher machen wird, als ich es zu sagen vermag!«

Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also
war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede
Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! -- Sie
stammelte drei- oder viermal:

»Sie irren sich. -- Sie irren sich ...«

Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder
niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff
war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme
fort:

»Fräulein Antonie ... Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
Nachmittage ... Sie erinnern sich jenes Nachmittages?... als ich Sie zum
ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft
liebliche Erscheinung, erblickte ... ist Ihr Name mit unauslöschlichen
Buchstaben in mein Herz geschrieben ...« Er verbesserte sich und sagte:
»gegraben«. »Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger,
mein heißer Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der
Brief Ihres =lieben= Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie
mir nun zur glücklichen Gewißheit machen ... nicht wahr?! ich darf mit
Ihrer Gegenneigung rechnen ... Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei
ergriff er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in
die ängstlich geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe;
seine Hände waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen.

Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.

»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu
sprechen, aber sie weinte schon.

»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?« fragte
er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein von
liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen ... aber ich schwöre
Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf Händen
tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden, daß Sie
in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden ...«

Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen
hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt:

»Nein ... nein! Ich habe ja =nein= gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!...«

Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und
sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß:

»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser
Weise beleidigen lassen darf?«

»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie
bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies
begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte
geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei ...

»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann
ihn nicht annehmen ... So, und ich muß Sie nun ... verlassen,
entschuldigen Sie, ich habe keine Zeit mehr.«

Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege.

»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos ...

»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« ...

Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte
rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme:

»Antonie --!«

So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in
aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und
zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab
und durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er
hier zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die
Scheiben in die beginnende Dämmerung.

Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die Glastür
zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
Grünlich aufs neue bei ihr stand.

»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er
sank ... sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.

»Tony ...«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier ... Dahin haben Sie es
gebracht ... Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?... Hören Sie mich
an ... Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet
ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit
einer gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich
... bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie --?«

»Nein, nein!« sagte Tony plötzlich in tröstendem Ton. Ihre Tränen waren
versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz
fremd und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß =sie=
dies erlebte? In Romanen las man dergleichen, und nun lag im
gewöhnlichen Leben ein Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und
flehte!... Ihr war der Gedanke, ihn zu heiraten, einfach unsinnig
erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern gefunden hatte. Aber, bei
Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus nicht albern! Aus seiner
Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche Angst, eine so
aufrichtige und verzweifelte Bitte ...

»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn
beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie
dergleichen sagen!... Aber nun stehen Sie auf ... bitte ...«

»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch
einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton:

»Nein -- nein ...«

»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort
aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal
nieder und sagte ängstlich beschwichtigend:

»Gut, gut ... sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal,
ich bitte Sie, von dieser Sache ... Wir reden weiter davon ... Ein
anderes Mal ... Ein anderes Mal ... Leben Sie wohl für heute ... Leben
Sie wohl ... Ich kehre zurück ... Leben Sie wohl! --«

Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom
Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür
hinausgeeilt.

Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des
Zimmers, das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände.


Viertes Kapitel

Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin:

»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten Beweggrund
hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können! Aber sie
ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen, läßt
sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie weiß,
daß sie hübsch und von Familie ist ... sie ist vielleicht im geheimen
und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie
man zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt ... Fragte man sie, so
würde sie den Kopf hin und her drehen und nachdenken ... aber sie würde
niemanden finden ... Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld ...
Sagt sie ja, so wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett
installieren können, wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon
nach ein paar Tagen lieben ... Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein,
er ist kein Beau ... aber er ist immerhin im höchsten Grade präsentabel,
und man kann am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du
mir die kaufmännische Phrase zugut halten willst!... Wenn sie warten
will, bis jemand kommt, der eine Schönheit und außerdem eine gute Partie
ist -- nun, Gott befohlen! Tony Buddenbrook findet immer noch etwas.
Indessen andererseits ... es bleibt ein Risiko, und, um wieder
kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage, aber nicht alle Tage
Fangetag!... Ich habe gestern vormittag in einer längeren Unterredung
mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten Ernste bewirbt, seine
Bücher gesehen ... er hat sie mir vorgelegt ... Bücher, Bethsy, zum
Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen ausgesprochen! Seine
Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut, recht gut. Sein
Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was ersichtlich nur die
vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen hübschen Schnitt
... Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch nicht übel: Seine
Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe _gentleman
like_, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei ein
notorisch lebhaftes und weit verzweigtes ... Was ich bei einigen anderen
Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt,
Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! -- Es tut
mir ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage
befindet, daß sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und
kaum noch spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht
entschließen, Grünlich kurzerhand abzuweisen ... denn noch eines,
Bethsy, und das kann ich nicht oft genug wiederholen: Wir haben uns in
den letzten Jahren bei Gott nicht in allzu hocherfreulicher Weise
aufgenommen. Nicht als ob der Segen fehlte, behüte, nein, treue Arbeit
wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen ruhig ... ach, allzu ruhig,
und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht zu Werke gehe. Wir
sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit Vater abgerufen
wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den Kaufmann ...
Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist heiratsfähig
und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als vorteilhaft
und rühmlich in die Augen springt -- sie soll sie machen! Warten ist
nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet ...«

-- Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die
Lippen zu bringen -- Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht
recht, warum sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.

Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
Entschließung zu fordern ... Onkel Gotthold und seine Familie hatte man
in die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant
gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi Weichbrodt
hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache zum
guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen, brauchst
keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen ...« und Tony konnte
nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen, ohne
daß die alte Madame Kröger anfing: »_A propos_, ich höre da von einer
Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine ...«

Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text,
der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
nachfolgen soll -- wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte
entsetzt zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe ... Nein, Gott
sei Dank, er hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt
und predigte nur im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und
dennoch war es nur allzu klar, daß dies ein neuer Angriff auf sie war
und jedes Wort ihr galt. Ein jugendliches, ein noch kindliches Weib,
verkündete er, das noch keinen eigenen Willen und keine eigene Einsicht
besitze und dennoch den liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich
widersetze, das sei strafbar, das wolle der Herr ausspeien aus seinem
Munde ... und bei dieser Wendung, welche zu denen gehörte, für die
Pastor Kölling schwärmte und die er mit Begeisterung hervorbrachte, traf
Tony dennoch ein durchdringender Blick aus seinen Augen, der von einer
furchtbaren Armbewegung begleitet war ... Tony sah, wie ihr Vater neben
ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So! nicht zu heftig ...« Aber
es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm oder der Mutter ins
Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an ihrem Platze, mit
dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten -- und am nächsten
Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche zu besuchen.

Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen ... Man
mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an
Frische ein. Schließlich sagte der Konsul:

»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren.
Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
und die Ferien sind beinahe vorüber ... aber wir können auch alle ganz
gut zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von
Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ
ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn
für einige Zeit bei sich aufzunehmen ... Ich gebe ihm eine kleine
Entschädigung ... Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden
und Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und
alles ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später ...«

Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt
war, mit den Eltern verhandelte und wartete ... Mein Gott, er konnte
jeden Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In
Travemünde und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein
... So packte sie eilig und vergnügt ihren Koffer, und dann, an einem
der letzten Julitage, stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in
die majestätische Krögersche Equipage, sagte in bester Laune Adieu und
fuhr aufatmend zum Burgtor hinaus.


Fünftes Kapitel

Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser und
dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen
von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte
ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche
Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.

Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen
Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und
den sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit
Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander
gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage
geschaffen.

Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch gekleidet,
hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische Zigaretten. Er
war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler als Haar
und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner Gewohnheit
eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken und auf die
vorüberziehenden Chausseebäume.

Tony sagte:

»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen, wie
diesmal, ... erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich
durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar
goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurücklassen ... Dann
aber wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei
Schwarzkopfs ... Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
bekümmern ... Das kenne ich zur Genüge ... Und ich bin gar nicht dazu
aufgelegt ... Überdies steht dem ... Menschen da draußen alles offen, er
geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben
mir auftauchen ...«

Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in
deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren
Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim
Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.

»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst
einer ... Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa
... Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein
bißchen mittust ... Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist
er nie in der Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab
... komisch! Na ... Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen
hinaus und macht der Roulette einen Besuch ... Dann sind da Möllendorpfs
und Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms ...«

»Ha! -- Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich ...«

»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.«

»Mit Julchen natürlich ... Julchen =soll= sich diesen Sommer mit August
Möllendorpf verloben, und Julchen =wird= es tun! Dann gehören sie doch
endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene
Familie ...«

»Ja, lieber Gott ... Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich
heraus; das ist die Hauptsache ...«

»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen ... Mit den
Ellenbogen, weißt du ... ohne jede Kulanz und Vornehmheit ... Großvater
sagte von Hinrich Hagenström: `Dem kalbt der Ochse´, das waren seine
Worte ...«

»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und
was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft.
Julchen wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen
Posten ...«

»Ach ... du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles ... Ich
verachte diese Menschen ...«

Tom fing an zu lachen. »Mein Gott ... man wird sich mit ihnen einrichten
müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die Heraufkommenden
... Während zum Beispiel Möllendorpfs ... Und dann kann man den
Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist schon sehr
nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen Brust die
Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
Jura.«

»Schön ... aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch
andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und
daß zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch ...«

»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen
Summen aushelfen müssen ... Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
Abgangsexamen ... Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
schickt ihm Tante Rosalie ... Nein, ich finde, man soll keinen Stein
aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst,
so solltest du doch Grünlich heiraten!«

»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will
es einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie
wissentlich nie gesehen ... Es sind wohl nette Leute?«

»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl ... Das
heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf
Gläser Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen
wir zusammen in die Schiffergesellschaft ... Er trank wie ein Loch. Sein
Vater ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf
dieser Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht;
die Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut
bezahlte Stellung. Er ist ein alter Seebär ... aber immer galant mit den
Damen. Paß auf, er wird dir die Kur machen ...«

»Ha! -- Und die Frau?«

»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein.
Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß
und jetzt wohl studiert ... Sieh mal, da ist die See! Eine kleine
Viertelstunde noch ...«

In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch,
ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am
Flusse hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen
Veranda dicht mit Weinlaub bewachsen war.

Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim
Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter,
breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von
Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem
offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
vorgestrecktem Bauche stand er da.

»Ist wahrhaftig eine Ehre für mich, Mamsell, alles was recht ist, daß
Sie eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen ...« Er hob Tony mit
Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf, der
Herr Papa? Und die Frau Konsulin?... Ist mir ein aufrichtiges
Pläsier!... Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so
etwas wie einen kleinen Imbiß bereit. -- Fahr'n Se man to Gastwirt
Peddersen«, sagte er zum Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen
hatte; »da sünd de Pierd ganz gaut unnerbracht ... Sie übernachten doch
bei uns, Herr Buddenbrook?... I, warum nicht gar! Die Pferde müssen doch
verschnaufen, und dann kämen Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur
Stadt ...«

»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im Kurhaus«,
sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um den
Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!«

Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte man
auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und
Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der
vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen Tassen
mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem zierlichen
alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz ein
Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte Hunger
gemacht.

»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die
Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so
ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
Fêten ...«

Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50
Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich
schmächtig. Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak
in einem großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem
kleinen weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war
sauber, sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes
Korinthenbrot, das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig,
in dem bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von
Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein
achtjähriges, artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen
und mit einem flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner
Mutter saß.

Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony
bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte.
Es sei so einfach ...

»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in
ihren Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt
in der Stadt repariert wurde ...

Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in die
Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas
linkisch verbeugte.

»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät ...« Dann
stellte er vor: »Das ist mein Sohn --«, er nannte einen Vornamen, den
Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor ... bringt seine Ferien
bei uns zu ...«

»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf und
gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals, legte
sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische Platz.

Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich.
Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses
Porzellan, die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte.
Seine Augen waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und
hatten denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck;
seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing
zu essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die
spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine
graue, geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug
im Rücken.

»Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spät«, sagte er. Seine
Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen
am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf
kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann prüfend
von unten herauf.

Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde,
zuzulangen, sagte er:

»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook ... Das
ist reines Naturprodukt ... Da weiß man doch, was man verschluckt ...
Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt ...
die beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen,
so fallen Sie ab ...« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich
beim Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
anzublicken als die, an die er sich wandte.

Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf
aber sagte:

»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel ... Da
wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und
wieder errötend auf Tonys Teller blickte.

Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines Sohnes, aber
Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie »Moor« oder
»Mord« ... unmöglich, es in der breiten und platten Aussprache des Alten
zu erkennen.

Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert ... »Du sollst 'ne Line
machen, und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian
nicht da war; er konnte das noch viel besser ...

Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr stehenden
Blumen wies:

»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!«

Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen
Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ.

Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet, und
man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den
»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der Kommandeur
sich erhob.

»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch
drüben im Lotsenhause zu tun ... Wir essen um achte, wenn's gefällig ist
... Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?... Und du --« hier
nannte er wieder den Vornamen, -- »nun sitz hier nur nicht herum ... Nun
geh nur hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab ... Mamsell
Buddenbrook wird wohl auspacken ... Oder wenn die Herrschaften an den
Strand gehen wollen ... Störe nur nicht!«

»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte
Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an
den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch
Ferien, Diederich!... Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche
haben?«


Sechstes Kapitel

In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem
Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem
angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
die Augen öffnet.

Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang und
den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und
blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen Läden
hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen Erlebnisse
wieder hervor.

Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grünlichs Person. Die Stadt und der
gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen
ganz sorglos erwachen ... Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute.
Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr
vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte ... Aber
es war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte!
Sie hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen
nicht mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt,
danach zu fragen. Sie dachte angestrengt nach ... Mein Gott, wie hieß
der junge Mensch! Moor ... Mord ...? Übrigens hatte er ihr gut gefallen,
dieser Moor oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen,
wenn er um Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen
dahinter nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die
wissenschaftliche Formel für Wasser ... allerdings nicht für =dieses=
Wasser, denn die Formel für =diese= Travemünder Flüssigkeit sei wohl
viel komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden
... Die hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser ...
Worauf ihm wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er
in wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht, und
wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt ... Er
hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte
geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel
Blut zu haben ... Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das
schließe nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen
im Kopfe seien ... Sie sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig ...

Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele Male
hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!« Und
damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der
Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das
Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im
Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in
grünlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen
Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt ...
Und damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten
Bewegungen ans Waschen und Ankleiden.

Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des
Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe
wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch
gelegenen Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee.
Das schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und
er nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den
Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des
Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
weißen Pikeekleide die Veranda.

Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der schon
teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze über
ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr.

»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir nicht
gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir einfachen
Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun ... Schwarzkopf ist in seinem Büro
... Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?«

Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich
immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle
von gestern abend ...«

Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.

»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!... Sie haben beständig
mit mir angestoßen ... Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee. Ich
müßte schon gefrühstückt und gebadet haben ...«

»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das Wasser
noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad ... das schneidet ein bißchen
nach der Bettwärme ...«

»Woher wissen Sie denn, daß ich lauwarm baden will, _monsieur_?« Und
Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten, Frau
Schwarzkopf!... Aber einschenken tue ich mir selbst ... vielen Dank!«

Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß.

»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
Matratze ist mit Seegras gefüllt ... wir sind einfache Leute ... Aber
nun wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell
wird sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen ... Wenn es angenehm
ist, begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger
Gesellschaft leiste, aber ich =muß= nach dem Essen sehen. Ich habe eine
Bratwurst ... Wir geben es so gut, wie wir können.«

»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein
waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!«

Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die Brüstung
der Veranda.

»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn
ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch in
der Stube ... Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß
ein Ei soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?«

Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten
haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich
habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner
Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte ...«

»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung einen
Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
sagen!... Ich möchte gern etwas erfahren ... Mein Gott, ich bin eine
Gans, sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den
Faulsten. Und Sie wissen, glaube ich, so viel ...« Innerlich dachte sie:
Wichtigtuerei? Man befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von
seiner besten Seite, setzt seine Worte und sucht zu gefallen -- das ist
doch klar ...

»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was
gewisse Nährstoffe betrifft ...«

Hierauf, während Tony frühstückte und der junge Schwarzkopf fortfuhr,
seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu
schwatzen, von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda
Arnoldsen, die nun wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling,
deren weißes Haus man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei
klarem Wetter ...

Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:

»Steht etwas Neues darin?«

Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid den
Kopf.

»Ach nein ... Was soll wohl darin stehen?... Wissen Sie, diese
Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«

»Oh?... Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«

»Ja, nun!« sagte er und wurde rot ... »Ich lese sie ja auch, wie Sie
sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler
Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht
allzu erschütternd ... Ja -- ja! Sie lachen ... Aber Sie sollten mal
andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung ... oder die
Rheinische Zeitung ... da würden Sie etwas anderes finden! Was der König
von Preußen auch sagen mag ...«

»Was sagt er denn?«

»Ja ... nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren ...« Und
er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse
geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort,
das Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr
glimpflich mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit
Pfaffen und Junkern ... sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase
zu führen ...«

»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?«

»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit ... Tony stand auf.

»Na, darüber müssen wir ein anderes Mal reden. Wie wäre es, wenn ich nun
zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden. Heute
wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in
die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?...«


Siebentes Kapitel

Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging,
heftige Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut,
sein Buch in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von
der Seite. Sie gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den
Kurgarten, der stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und
Rosenanlagen dalag. Der Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt,
stand schweigend dem Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein
langes Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern
gegenüber. Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am
Strande befinden.

Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der
großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und wanderten
langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem Grase und ließ
diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus aufsteigen, in
dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein monotones,
gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne dann und wann
kleine Schaumköpfe aufblitzten.

»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony.

Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell von
hinten nach vorne durch.

»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und
Gedärme und Elend ... Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die
Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit
einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt ... das ist hochgradig
gefährlich und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann
man nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz
kühl von oben herab behandelt ...«

»Ja, pfui!... Aber wenn man Doktor werden will ... Ich werde dafür
sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal
zur Ruhe setzt, passen Sie auf!«

»Ha!... Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein
Buddenbrook?«

»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony.

»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
hübsch ... Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer
müssen heute etwas anderes lesen.«

»Jetzt muß ich Sie =eines= fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten
und faßte einen Entschluß. »Nämlich, =wie= heißen Sie eigentlich mit
Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden ... das macht
mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt ...«

»Sie haben darüber gegrübelt?«

»Ach ja -- nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig ... Übrigens
brauche ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.«

»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.

»Morten? Das ist hübsch!«

»Nun! hübsch ...«

»Ja, mein Gott ... es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches ...«

»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben zuviel
Hoffmann gelesen ... Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein Großvater
war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich getauft
worden. Das ist alles ...«

Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande des
nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit
ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf
die Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien
im warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren
Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit
großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach
Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit bloßen
Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe schwimmen
ließen ... Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die See
hinaus.

»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon zu«,
sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!«

»Gern ... aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften anschließen
... Ich setze mich da hinten auf die Steine.«

»Anschließen ... ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber es
ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
meinen Frieden zu haben ...«

»Frieden? Vor wem?«

»Nun! Vor wem ...«

»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch =eines= fragen
... aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben Sie,
daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine ...«

»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit
Wichtigkeit.

»Nein, ach nein« ... sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre
doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
Steine ...«

Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während Morten
Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab, die
neben der Badeanstalt vom Wasser bespült wurden, -- eine Gruppe, die vor
dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien Möllendorpf,
Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward. Abgesehen von Konsul
Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen, und Peter Döhlmann, dem
Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen und Kindern, denn es war
Alltag, und die meisten Herren befanden sich in der Stadt bei ihren
Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit glattrasiertem,
distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen Pavillon mit
einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau
Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein
geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren
trug; Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche,
eine runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade
Wirtspflichten versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als
Reunions, Kinderbälle, Verlosungen und Segelpartien ... Ihre Vorleserin
saß in einiger Entfernung. Die Kinder spielten am Wasser.

Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den letzten
Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden Söhne,
Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft. --
Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über die
etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der
Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte,
daß er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten
Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte,
die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in
Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick
bün so wied, Fru Konsulin!«

Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzählte er augenblicklich
fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen Wendungen würzte ...
Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer sich vor Lachen,
einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören Sie einen
Augenblick auf!«

-- Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen
Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß
wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das
Bad zu bevölkern.

»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner
Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren nicht
besonders bevorzugte.

»Mademoiselle Buddenbrook!«

»Sie hier?«

»Wie reizend!«

»Und seit wann?«

»Und welch inzückende Toilette!« -- Man sagte »inzückend«. --

»Und Sie wohnen?«

»Bei Schwarzkopfs?«

»Beim Lotsenkommandeur?«

»Wie originell!«

»Wie =finde= ich das =forchtbar= originell!« -- Man sagte
»forchtbar«. --

»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer des
Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte ...

»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten Reunion?«
fragte seine Gattin ...

»Oh, nur für kurze Zeit in Travemünde?« antwortete eine andere Dame ...

»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu
exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin
Möllendorpf ...

»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den jungen
Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen, Luischen?
Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein Antonie ...«

Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony zu
baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den
Strand entlang zu geleiten.

»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte
Tony Julchen Hagenström.

»J--ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem
Lächeln.

Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo
Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne
mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen
grüßtest du, Tony?«

»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich
herunterbegleitet ...«

»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und blickte
mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der
seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich:
nämlich, daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist ... Es muß
doch alltags recht langweilig am Strande sein!«


Achtes Kapitel

Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook, kurzweiligere
und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte. Sie blühte
auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen kehrten
Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit
Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde
kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann,
sich drängten: Der Konsul spielte niemals. --

Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und
machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite
Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das
hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke
hing ... Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein
zu finden gab ...

Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein
strenges und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit
hervorbrachte, obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie
schalt ihn, wenn er mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle
Adeligen für Idioten und Elende erklärte; aber sie war sehr stolz
darauf, daß er ihr gegenüber offen und zutraulich seine Anschauungen
aussprach, die er den Eltern verschwieg ... Einmal sagte er: »Dies muß
ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude in Göttingen habe ich ein
vollkommenes Gerippe ... wissen Sie, so ein Knochengerippe, notdürftig
mit etwas Draht zusammengehalten. Na, diesem Gerippe habe ich eine alte
Polizistenuniform angezogen ... ha! Finden Sie das nicht ausgezeichnet?
Aber sagen Sie es um Gottes willen nicht meinem Vater!« --

Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen
Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser
oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten
»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«, das
bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag, der
die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig
mit dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die
Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den
Steinen sitzen ... das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es
bleibt nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen,
Morten, obgleich es mich greulich langweilt.«

»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns ... Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
sind, so sind es keine Steine mehr!« ... Übrigens sagte er dergleichen
nicht, wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.

»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem Mittagessen Tony
und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten, auf und davon
zu gehen ... »Wohin mit den jungen Herrschaften!«

»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«

»So, darfst du das? -- Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am Ende
angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen
kommst ...«

Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll er
nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
denn gar nichts von unserem Besuche haben?« -- So gingen sie.

Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos
gehen kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und
andere, längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses
Seegras mit runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie
zerdrückt; und Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe,
giftige, welche das Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt ...

»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte
die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze
Menge Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf
den Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten ... dann mußten die
Sterne doch übrigbleiben! Ja, schön ... Als ich nachsah, war da ein
ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem
Seetang ...«

Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben
sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine
gedämpfte Betäubung hervorruft ... Sie gingen in diesem weiten, still
sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah,
zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt ...

Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll,
gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu
steinig wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den
ansteigenden Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder
Pavillon, war aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren
Innenseiten mit Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war
... Tony und Morten setzten sich in eine der kleinen abgeteilten
Kammern, die der See zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie
in den Kabinen der Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im
Hintergrunde.

Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte
sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in
dessen Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor
dem Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie
plötzlich eine nachdenklich stimmende Stille.

Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?«

»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme ... und als ob er
aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das
ist der `Bürgermeister Steenbock´, der nach Rußland fährt. -- Ich möchte
nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch
empörender zugehen als bei uns!«

»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen,
Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ...
Haben Sie jemals einen gekannt?«

»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!«

»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von
Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war
gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie `von´ hieß, sie aß
Mettwurst und sprach von ihren Kühen ...«

»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber
hören Sie ... Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an.
Sie kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
Gewiß ... aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen ... Wie? Jemand braucht nur
geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein ... der
verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, ... die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?...« Morten sprach mit
einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu
machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder.
Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen
zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen
trotzigen Ausdruck ... »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des
Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
leugnen die jetzige Rangordnung der Stände ... wir wollen, daß alle
Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist,
sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!... Es soll keine
Privilegien und keine Willkür mehr geben!... Alle sollen
gleichberechtigte Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft
mehr existiert zwischen dem Laien und dem lieben Gott, so soll auch der
Bürger zum Staate in unmittelbarem Verhältnis stehen!... Wir wollen
Freiheit der Presse, der Gewerbe, des Handels ... Wir wollen, daß alle
Menschen ohne Vorrechte miteinander konkurrieren können und daß dem
Verdienste seine Krone wird!... Aber wir sind geknechtet, geknebelt ...
was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie auf: Vor vier Jahren sind die
Bundesgesetze über die Universitäten und die Presse erneuert worden --
schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit niedergeschrieben oder gelehrt
werden, die vielleicht nicht mit der bestehenden Ordnung der Dinge
übereinstimmt ... Verstehen Sie? Die Wahrheit wird unterdrückt, sie
kommt nicht zum Worte ... und warum? einem idiotischen, veralteten,
hinfälligen Zustande zuliebe, der, wie jedermann weiß, früher oder
später ja dennoch abgeschafft werden wird ... Ich glaube, Sie begreifen
diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die dumme, rohe,
augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für das Geistige
und Neue ... Nein, von allem abgesehen will ich nur noch eines sagen ...
Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen! Damals, _anno_
dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns gerufen und uns
die Konstitution versprochen ... wir sind gekommen, wir haben
Deutschland befreit ...«

Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete,
überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich
geholfen haben könne, Napoleon zu vertreiben.

»... aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach
nein! -- Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein
Romantiker, wie Sie, Fräulein Tony ... Denn eines müssen Sie beachten:
Wenn die Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein
Prinzip soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt
allmählich ein König, der nun gerade =da=bei angelangt ist, der nun
gerade =dies= für das Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu
müssen glaubt ... Ja, so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige
sind nicht nur Menschen, sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen,
sie sind immer um mehrere Postmeilen zurück ... Ach, mit Deutschland ist
es gegangen, wie mit einem Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der
Freiheitskriege seine mutige und begeisterte Jugend hatte und nun zum
kläglichen Philister geworden ist ...«

»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen ...
Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße ...«

»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich müßte eigentlich noch
`Demoiselle´ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
Schranken, Abstand, Aristokratie -- hier wie dort!... Sie haben
Sympathie für die Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie
selbst eine Adlige sind! Ja--ha, haben Sie das noch nicht gewußt?... Ihr
Vater ist ein großer Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt
Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden
Familien gehören. Sie können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung
ein bißchen an der See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren
Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man auf den
Steinen sitzen ...« Seine Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.

»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich =doch= geärgert, wenn
Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen zu
lassen ...«

»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich, Fräulein
Tony! Ich spreche doch im Prinzip ... Ich sage, daß bei uns nicht mehr
brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen ... Und wenn ich
persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer
Stimme fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden
war, »so würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht
die Zukunft, ... wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in
Ihrem vornehmen Bereich verschwinden werden und ... man Zeit seines
Lebens auf den Steinen sitzen kann ...«

Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es
herrschte ziemlich lange eine beklommene Stille.

»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal sagte,
ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit
dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen ...
Raten Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich
frage ein anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich
im Grunde gar nichts an, es ist bloß Neugierde ... Nein, heute will ich
Ihnen nur das eine verraten ... etwas anderes ... Sehen Sie mal.«

Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
Erwartung und Triumph in Tonys Augen.

»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«

Morten aber sprach feierlich: »Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer
Burschenschaftsverbindung angehöre -- nun wissen Sie es! Ich habe auch
eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem
Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt ... denn hier dürfte ich
mich nicht damit sehen lassen, verstehen Sie ... Ich kann doch darauf
rechnen, daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache
erführe, so gäbe es ein Unglück ...«

»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!... Aber ich weiß
gar nichts davon ... Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?... Was
wollen Sie?«

»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.

»Die Freiheit?« fragte sie.

»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit ...!« wiederholte er,
indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener
Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern
dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig
und unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte ...

Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während nicht
viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen Holzbank
lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne. Sie
schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen
heraufrauschte ... und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten
in einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen
Verständnis dessen, was »Freiheit« bedeutete.


Neuntes Kapitel

»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann,
Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
lang auf dem Rücken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken
nachzuhängen ...«

»Ja, ja ... Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal
gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her ...«

Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe,
zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.

Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben
da. Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten
Gegend: dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am
»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr einen
festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken, die
Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt, in
ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr
zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe
schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei
vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der
Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
sich ihnen entgegenstellte ... in diesem irren, ewigen Getöse, das
betäubt, stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.

Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte, und
fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«

»Nein ... wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.

»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, ... meine Ferien sind
ohnehin bald zu Ende ... wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
auf die Gesellschaften in der Stadt ...? Sagen Sie mal: Es sind wohl
liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen ... Nein, das wollte ich
auch nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er,
indem er mit plötzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrückte
und sie anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe,
... wissen Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«

Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre Augen
umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert wird.
Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.

»=Das= wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich
es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß
Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn einmal
gehört haben ... genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein
Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
der in der Stadt um meine Hand angehalten hat ... aber nein!« antwortete
sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich
habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu
erteilen.«

»Und warum nicht ... wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.

»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht =ausstehen= konnte!« rief sie beinahe
entrüstet ... »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris ... völlig
unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte,
mit dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet ... Außerdem war er falsch. Er
schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
nach dem Munde ...«

Morten unterbrach sie.

»Aber was heißt ... Sie müssen mir noch eines sagen ... was heißt: Das
putzt ganz ungemein?«

Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen.

»Ja ... so sprach er, Morten! Er sagte nicht: `Das nimmt sich gut aus´,
oder: `Das schmückt das Zimmer´, sondern: `Das putzt ganz ungemein´ ...
so albern war er, ich versichere Sie!... Dabei war er im höchsten Grade
aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders
als mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er
beinahe weinte ... ich bitte Sie: ein Mann, der weint ...«

»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise.

»Aber was ging das =mich= an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an
ihrem Sandberg zur Seite wandte ...

»Sie sind grausam, Fräulein Tony ... Sind Sie immer grausam? Sagen Sie
mir ... Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind
Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?... Manchmal denke ich: Haben
Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen ... es ist so
wahr, daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil
er darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen ... das ist es.
Ich bin nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls ...
Sehen Sie, Sie sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf ... Mokieren Sie
sich immer nur über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie
wirklich ein kaltes Herz?«

Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu
zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die
langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben
Sie das von mir?... Das müssen Sie nicht von mir glauben.«

»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem
Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war ... Er wälzte
sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah
mit seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr
Gesicht.

»Und Sie ... Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage,
daß ...«

»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf
ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die
Finger gleiten ließ.

»Sie wissen ...! Und Sie ... =Sie=, Fräulein Tony ...«

»Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich
habe Sie lieber als alle, die ich kenne.«

Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was er
tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr
nieder und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug
und wieder tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke
Ihnen! Sehen Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem
Leben!...« Dann fing er an, ihre Hände zu küssen.

Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende ... dann muß ich
wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen
Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme
... und Doktor bin ... und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so
schwer es sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich
erhören werden?... Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich
werde arbeiten, wie ein ... und es ist gar nicht schwer ...«

»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen,
seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten ...

Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und
bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht ... Darf ich das nicht ...
bekräftigen ...?«

Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und
Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie
nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die
Maßen.


Zehntes Kapitel

»Teuerste Demoiselle Buddenbrook!

Wie lange ist es her, daß Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten
Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem
geistigen Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und
bangenden Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen
Nachmittags in Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen,
ein halbes und verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes
entschlüpfen ließen. Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer
Sie sich behufs Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen
haben, so daß ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber
ist. Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle,
mitfolgendes Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit
hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
liebevollsten Handküssen zeichne als

                   Dero Hochwohlgeboren ergebenster
                                                    =Grünlich=.«

»Lieber Papa!

O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring erhielt
ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und weiß ich
nichts Besseres zu tun, als beides an =Dich= zurückgehen zu lassen. Gr.
=will= mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
`Versprechen´ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß =ich jetzt
noch tausendmal weniger= als vor sechs Wochen in der Lage bin, ihm mein
Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden lassen
soll, er =macht= sich ja =lächerlich=. Dir, dem besten Vater, kann ich
es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa!
Darüber könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn
Morten Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um
meine Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann
zu heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen
Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama
gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin,
aber das wird das Leben manchen gelehrt haben, daß Reichtum allein nicht
immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich

                              Deine gehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

_PS._ Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.«

»Meine liebe Tony!

Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr.
über Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du
bist ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten
Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu
machen, die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen
kann. Herr Gr. nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus,
indem er rief, so sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen
Verlust verschmerzen, daß er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn
Du auf Deinem Entschlusse bestündest. Da ich das, was Du mir von einer
anderweitigen Neigung schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich
Dich, Deine Erregung über den zugesandten Ring zu bemeistern und alles
noch einmal bei Dir selbst mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen
Überzeugung nach, liebe Tochter, ist es des Menschen Pflicht, die
Gefühle eines anderen zu achten, und wir wissen nicht, ob Du nicht einst
würdest von einem höchsten Richter dafür haftbar gemacht werden, daß der
Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und kalt verschmähtest, sich gegen
sein eigenes Leben versündigte. Das eine aber, welches ich Dir mündlich
schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich Dir ins Gedächtnis
zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben, es Dir schriftlich
zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede lebendiger und
unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene Wort den Vorzug,
daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß es feststeht und
in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und berechneten Form und
Stellung wieder und wieder gelesen werden und gleichmäßig wirken kann.
-- Wir sind, meine liebe Tochter, nicht =dafür= geboren, was wir mit
kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück
halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende
Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir wären, so wie
wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns vorangingen
und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und ohne nach
rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen
Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren
Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine
Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und
überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich
Dich, in Deinem Herzen zu bewegen. --

Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
wieder in unsere Arme schließen zu können.

                                  In treuer Liebe
                                                  =Dein Vater=.«


Elftes Kapitel

Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen ineinander,
während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben
trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Klagende und verzweifelnde Stimmen redeten in
den Ofenröhren ...

Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife vor
die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute
vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und
deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes,
die aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
Weihnachtsnüsse vergoldet.

Der Herr im Ülster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht,
leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist
der Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?«

»Allerdings ...« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater ...«

Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
diejenigen einer Gans.

»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er ...

»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.

»Sieh da! In der Tat ...« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er
fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
Mann. Mein Name ist Grünlich.«

Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor
rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um
seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging,
ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die
Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das
»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der
silbernen Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. -- Tony
befand sich droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.

Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes, der
mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem
roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge
fuhr behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in
die abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz,
ruckartig und mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es
ja wohl!

»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!«

Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise:
»Hä-ä-hm.«

Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß hoch
mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk zeigten.
Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte, hingen
gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein langer,
roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte von
Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
unter vollen Segeln herab.

Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür
gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten
Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in fest
geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu
berühren, genau auf der Kante des Sofas saß.

»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, =Grünlich=, Grünlich
von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich einen
nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook nennen darf.«

»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr
sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
rufe sofort in die Küche ...«

»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe,
»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich
lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
ersuchen.«

»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
eingeschüchtert. Es entstand eine Pause.

»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit
Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann
schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er
schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
Schnüren zusammenzieht.

»Herr Kommandeur«, wiederholte er und sagte dann rasch: »Die
Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die
junge Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.«

»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf ...

»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe; an
seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen.

»Ich ... sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin
trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz
der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein
selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form
stattgefunden hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand
gegeben hat.«

»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft ... »Davon hab' ich
noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr ... Grünlich! Gratuliere Ihnen
aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles ...«

»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was mich
jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser
Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings =Schwierigkeiten= in
den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten ... von Ihrem Hause
ausgehen --?« Die letzten Worte sprach er mit fragender Betonung, als
wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu Ohren gekommen ist?

Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine
ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen,
braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles
ergriff.

»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger
Bestimmtheit. »Ich =höre=, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es
sich ... unwissentlich zwar ... gestattet hat, in meine Rechte
einzugreifen, ich =höre=, daß er die hiesige Anwesenheit des Fräuleins
dazu benutzt hat, ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen ...«

»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die Armlehnen
stützte und emporsprang ... »Da soll doch gleich ... I, dat wier je denn
doch woll ...« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf und
rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung
übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!«

»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen
Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre
eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur ...«

Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.

»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein
scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt ... »Ich bin man'n einfachen
Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen ... aber
wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß ... na! denn lassen Sie sich
gesagt sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über
meine Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer
Mamsell Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel
Stolz im Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun
redet mal, nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre
ich da eigentlich, was?...«

Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere
ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der
Miene eines verstockten Sünders ... Herr Grünlich hatte sich bei ihrem
Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller
Haltung fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante.

»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der
Lotsenkommandeur Morten an.

Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner Joppe;
er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
aufgeblasen.

»Ja, Vater«, sagte er, »Fräulein Buddenbrook und ich ...«

»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n
Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen
abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n
Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!«

»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände
faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß ...«
Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen
zusammenstürzte.

»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der
Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich ...

»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf
mitleidig und gerührt.

»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig aufatmete,
und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit gemessen ist
und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er fort, indem
er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von oben nach unten
beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste Genugtuung und
Anerkennung angesichts Ihres männlichen und charaktervollen Benehmens
auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich habe die Ehre. Adieu.«

Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur kurz
und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne fallen,
als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!

Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich gemessenen
Schrittes zur Tür hinaus.


Zwölftes Kapitel

Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da.

Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen kleinen
Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie am
ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig
war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte ... Er war in
Göttingen. Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied
voneinander genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und
gesagt: »So, Punktum. Hü.«

Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und
fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber
und einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre
Brust mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine
Meta, drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als
er sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für
ungut, was?«

»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa und
die Frau Konsulin ...« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die dicken
Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre Tücher ...

Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus. Der
Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die schnell
vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine Tropfen gegen
die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die Leute vor ihren
Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen herbeigelaufen und
betrachteten neugierig den Wagen. =Die= blieben hier ...

Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und
schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren
Koffer in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In
ihrem ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte
sich so hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen
zurückzudrängen, die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen
emporstiegen.

Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in Travemünde
in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig vor sich,
wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie und
da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine schönen
Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte ... und es wurde
ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und
erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich
feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und
Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein
großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches
Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über
die Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und
tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde
betrachten können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im
Familienkreise, beim Essen würde sie daran denken ... Wer weiß?
vielleicht würde sie ihren vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich
heiraten, das war ganz gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde
sie plötzlich denken: Ich weiß etwas, was du nicht weißt ... Die
Adeligen sind -- im =Prinzip= gesprochen -- verächtlich!

Sie lächelte zufrieden vor sich hin ... Aber da, plötzlich, vernahm sie
in dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit
leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen
sitzen, Fräulein Tony ...«, und diese kleine Erinnerung überwältigte
sie. Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
ließ sie die Tränen hervorstürzen ... In ihren Winkel gedrückt, hielt
sie das Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte
bitterlich.

Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
Chaussee hinaus.

»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du
tust mir herzlich leid ... ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was
ist da zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur ...
ich kenne das auch ...«

»Ach, du kennst gar nichts, Tom!« schluchzte Tony.

»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang
nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich ...
bei van der Kellen & Comp. ... Da werde ich Abschied nehmen müssen für
lange, lange Zeit ...«

»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
nichts!«

»Ja --!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und
wandte den Kopf zur Seite.

»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das
gibt sich. Man vergißt ...«

»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt.
»Vergessen ... ist das denn ein Trost?!« --


Dreizehntes Kapitel

Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und
über den Koberg ... Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über
die Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon
fast entblätterten Linden davor ... Mein Gott, alles das war geblieben,
wie es gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und
ehrwürdig, während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten
Traum erinnert hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und
Überlieferte, das sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben
sollte. Sie weinte nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das
Abschiedsleid war beinahe betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser
altbekannten Gesichter darin. In diesem Augenblick -- der Wagen rasselte
durch die Breite Straße -- ging der Träger Matthiesen vorüber und nahm
tief seinen rauhen Zylinder ab mit einem so bärbeißigen Pflichtgesicht,
als dächte er: Ich wäre ja wohl ein Hundsfott ...!

Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen standen
schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom war seiner
Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während Anton und Line
herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man mußte warten,
bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen schoben sich
soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt mit vollen
Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die Firma »Johann
Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig widerhallendem Gepolter
schwankten sie über die große Diele und die flachen Stufen zum Hofe
hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im Hinterhause verladen werden
und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen« oder die »Eiche« wandern ...

Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
entgegen.

»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!«

Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte
kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten
Frühstück gewartet.«

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt ...

                   *       *       *       *       *

Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie
stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen
Sinnes ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben
Uhr. Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
Morgenkaffee.

»Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie und sah sich mit kleinen,
verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?«

Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war,
faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor
Nässe schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und
feuchten Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den
Visitkarten und Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen ...

Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit
gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß
Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
Schublade dort hinten verschlossen hatte.

Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was
sie las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung
feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt
angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung
und Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich
manchesmal mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals
hatte ihr Inhalt einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die
ehrerbietige Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten
Tatsachen behandelt waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg
ihr zu Kopf ... Sie stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender
Hingebung, mit Stolz und Ernst.

Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in
Mlle. Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation ... Alles war in der
kleinen, fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit
einer fast religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn
war nicht der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke
der Familie wunderbar gelenkt?... Was würde hier hinter ihrem Namen, den
sie von ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu
berichten sein? Und alles würde von späteren Familiengliedern mit der
nämlichen Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren
Begebnisse verfolgte.

Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich.
Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher
Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch
den Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein
Schauer. »Wie ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben ... ja,
ja! Gerade als Glied dieser Kette war sie von hoher und
verantwortungsvoller Bedeutung, -- berufen, mit Tat und Entschluß an der
Geschichte ihrer Familie mitzuarbeiten!

Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem rauhen
Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern und
Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert worden
war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der
Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß
es, entsprossen vier Kinder ... worauf mit den Geburtsjahren und -tagen
die Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des
älteren Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das
väterliche Geschäft als Lehrling eingetreten sei.

Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und
eifrigen Mienenspiel -- sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
sich einen Augenblick ganz schnell aneinander -- ergriff sie die Feder,
tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit
gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts
emporfliegenden Schrift: »... Verlobte sich am 22. September 1845 mit
Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.«


Vierzehntes Kapitel

»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage ist
von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die traditionelle
Barmitgift für ein junges Mädchen aus unserer Familie beträgt 70000
Mark.«

Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und
prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu.

»In der Tat ...«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger
gleiten ließ ... Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet
war.

»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein
... sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine
Übertreibung bedeuten?... Ein Geschäft vergrößert sich ... eine Familie
blüht empor ... kurzum die Bedingungen werden andere und bessere ...«

»Mein werter Freund«, sprach der Konsul ... »Sie sehen in mir einen
Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott ... Sie haben mich nicht einmal
ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit
bin, Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den
70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.«

»80000 also ...«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine
Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt.

Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul
klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in
seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle
Höhe der Barmitgift« erreicht. --

Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen ... Mitte Oktober hatte
sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms
veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!«
Aber sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.

Im übrigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der
Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu
machen und für ihre Aussteuer, eine =vornehme= Aussteuer, Sorge zu
tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen,
welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit grünem
Käse aßen ...

»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?«

»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.«

»Schön. -- Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!«

»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.«

»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.«

»Line -- --!«

»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen ...«

»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen ...«

»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?«

»_Moirée antique_, Mama!... Ich lasse mich nicht trauen ohne _moirée
antique_!«

So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien Herr
Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen Familie
zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten Krögers
schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war erfüllt
von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war. Keine
unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in
Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt ... Zuweilen
verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung,
die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu
entsprechen schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren
Besitzermiene ... Hie und da freilich, wenn er zufällig mit ihr allein
geblieben war, konnte eine scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn
überkommen, konnte er den Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen,
um seine Favoris ihrem Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit
zitternder Stimme zu fragen: »Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich
doch noch ergattert?...« Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen
sich!« und sich mit Geschicklichkeit befreite.

Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg zurück,
denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche
Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
Bekanntschaft zu machen.

Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche
Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch -- und zwar
in der Spitalerstraße -- sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein
der Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung
zum Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel ... in
romantischer und weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht
geeignet für ein junges Ehepaar -- »_procul negotiis_« -- nein, er hatte
sein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen!

Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig ward
Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die halbe
Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen -- darunter auch Armgard von
Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war --
tanzten mit Toms und Christians Freunden --, darunter auch Andreas
Gieseke, Sohn des Branddirektors und _studiosus iuris_, sowie Stephan
und Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« --, im Eßsaale und auf
dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war ...
Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf
den Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er
habhaft werden konnte.

Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal Gelegenheit,
in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell Jungmann und die
Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette unterstützte. Sie hatte,
strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen, lag, so dick sie
war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd erhobenen Augen die
kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen _moirée antique_ ... Dies geschah
im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in langschößigem Frack und
seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht zeigte einen ernsten
und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem linken Nasenflügel
bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben Favoris waren mit
Sorgfalt frisiert.

Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
hatte sich die Familie versammelt -- eine stattliche Gesellschaft! Da
saßen die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie
stets die distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit
ihren Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten
Duchamps, von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und
seine Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi,
die sich leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden ... Da war
die mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit
großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
Reise war doch zu umständlich ... An ihrer Stelle aber waren, als
einzige, die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt,
und Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen -- Sesemi
Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken und
einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du =gutes= Kind!« sagte sie,
als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte
sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. --
Die Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und
heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber.

Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten Seite
errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung, wobei
er mit starken Worten im besonderen zur =Mäßigkeit= ermahnte. Alles
verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und gutmütiges
»Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte, um seine
Kehle zu reinigen. Dann ward ganz außerordentlich gut und viel
gegessen.

... Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte, zu
speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft
hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
der Haustür.

Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte, daß sie
sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch der Eltern
in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie guten
Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die
warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.

»Und ... Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der
kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen
unter den Paletot, wie? Diese Akzise ... man muß das nach Möglichkeit
umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
sei mit dir!«

»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die
Konsulin ...

»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich.

Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm Grünlich« ...

Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer
plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es
verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus,
stieg rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren
begann, und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.

»Adieu, Papa ... Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise:
»Bist du zufrieden mit mir?«

Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
Hände ...

Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte,
die Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ
ihr Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die
Straße hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.

Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre Pelzpelerine
mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog.

»Da fährt sie hin, Bethsy.«

»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. -- Glaubst du, daß sie glücklich
ist mit ihm?«

»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
Glück, das wir auf Erden erlangen können.«

Sie kehrten zu ihren Gästen zurück.


Fünfzehntes Kapitel

Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum »Fünfhausen«. Er
vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen, um nicht der
vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen zu müssen.
Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen, dunkelgrauen
Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den
hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen
Stiefeln knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte ...
Der Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe,
würzige Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von
fünf Grad Frost, ein Februartag sondergleichen.

Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die Bäckergrube
und gelangte durch eine schmale Querstraße in die Fischergrube. Diese
Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße steil zur Trave hin
abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er vor einem
kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit schmaler
Tür und dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit
Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen.

Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann wie
ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im Gespräch mit
der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in türkischem
Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch, mäkelte und
schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem Schnupftuch den
Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie höflich und trat zur
Seite ... Sie war eine unbegüterte Verwandte der Langhals', eine
gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen einer Familie aus
der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft doch zuzugehören,
die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu kleinen
Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller Welt
»Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte,
nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen:
»Geben Sie mir ... ein paar Rosen, bitte ... Ja, gleichgültig. _La
France_ ...«

Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und
verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna ...
Guten Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens
gekommen.«

Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen
beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers und
einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu
finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit.

Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen Ladens,
wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas folgte
ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die
Lippen und die Augen.

»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie.

»Fünf Grad!« sagte Tom ... »Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich
traurig hierher.«

Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?... heute müssen wir nun vernünftig sein.
Es ist so weit.«

»Ach Gott ...!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer ihre
Schürze ...

»Einmal mußte es doch herankommen, Anna ... So! nicht weinen! Wir
wollten doch vernünftig sein, wie? -- Was ist da zu tun? Dergleichen muß
durchgemacht werden.«

»Wann ...?« fragte Anna schluchzend.

»Übermorgen.«

»Ach Gott ... warum übermorgen? Eine Woche noch ... Bitte!... Fünf
Tage!...«

»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
... Sie erwarten mich in Amsterdam ... Ich könnte auch nicht einen Tag
zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!«

»Und das ist so fürchterlich weit fort ...!«

»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und =denken= kann man doch immer aneinander,
wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort bin ...«

»Weißt du noch ...«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim
Schützenfest?...«

Er unterbrach sie entzückt ...

»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!... Ich hielt dich für eine Italienerin
... Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch ... Ich habe sie
noch ... Ich nehme sie mit nach Amsterdam ... Was für ein Staub und eine
Hitze war auf der Wiese!...«

»Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan ... Ich
erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen ...«

»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an, was
für eine Bewandtnis es mit uns hatte?«

»Und du wolltest mit mir Karussell fahren ... aber das ging nicht; ich
mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten ...«

»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.«

Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
abgeschlagen habe.«

Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.

»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!... Ja, man muß anfangen, Adieu
zu sagen!«

»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?«

»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich mich
irgend losmachen kann ... Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna ...
Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit,
Amsterdam ... und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg,
hörst du, Anna?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen, das
sage ich dir!«

Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
hielt.

»Und du?... Und du?...«

»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht immer
jung ... du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von heiraten
gesagt und dergleichen ...«

»Nein, behüte!... daß ich das von dir verlange ...«

»Man wird getragen, siehst du ... Wenn ich am Leben bin, werde ich das
Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen ... ja, ich bin offen
gegen dich, beim Abschied ... Und auch du ... das wird so gehen ... Ich
wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
nicht weg, hörst du?... Denn bis jetzt hast du dich =nicht= weggeworfen,
das sage ich dir ...!«

Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag in
dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an,
unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am
Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.



Vierter Teil


Erstes Kapitel

                                             Den 30. April 1846.

Meine liebe Mama,

tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von Schillings
Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest. Armgard
selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm, Goldrand)
und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst entzückt über
den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und von
vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch aus
München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen
Brauereidirektor.

Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch immer
nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst verlautet!
Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das wäre
nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun.
Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im
allergeringsten! Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder
Heimweh? Du lieber Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe
mitten im Leben und bin gereift.

Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind
angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann
(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche
Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch
werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen
Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er
hat einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare
auf dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge
flattern. Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und
ziemlich geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber
Grünlich verbietet mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr
Kesselmeyer aber sei ein Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert
mit den Armen. Seine Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des
Hinterkopfes, und von da an ist sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat
etwas so äußerst Fröhliches an sich! Manchmal klopft er mir auf die
Wange und sagt: Sie gute kleine Frau, welch Gottessegen für Grünlich,
daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er einen Zwicker hervor (er hat
stets drei davon bei sich, an langen Schnüren, die sich beständig auf
seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf die Nase, die er
ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde so vergnüglich
an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er gar nicht
übel.

Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen
gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal
sitzt er bei mir und liest die Zeitung.

Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder Konsul
Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der Rathausstraße, so
müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich schon oft um
Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier draußen. Er
hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?

Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen
noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts
einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr hübsch
getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich sitze
im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein Rauch-
und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere
Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen Groom.
Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß nicht, ob
sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf jeden
Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.

Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir bis
zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein
bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein
ganz kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren
geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als
Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der
beinahe hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun,
Du hättest ihn sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner
Brille, zwinkerte mit seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner
Kartoffelnase zu, kicherte und musterte mich so impertinent, daß ich
nicht wußte, wo ich bleiben sollte. Dann untersuchte er mich und sagte,
alles lasse sich aufs prächtigste an, nur müsse ich Mineralwasser
trinken, denn ich sei vielleicht ein =bißchen= bleichsüchtig. -- O Mama,
vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an, damit er es in die
Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du Weiteres!

Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir. An
Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.

                          Deine treugehorsame Tochter
                                                      =Antonie=.

                                             Den 2. August 1846.

Mein lieber Thomas,

mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein mit
Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage gewesen
sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach England
noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich
vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich
entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht
zu spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas
Tüchtiges zu lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und
Segen begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du
weißt, ein naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich
glücklich, meine beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir
freundschaftlichst verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon
verspüren: Ich empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen
Dein Salair bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin
Nebenverdienste einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein
tüchtig Führen Dich dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und
zeigen wirst.

Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig auf
der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte mich
an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort nach
Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches sich für
Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns
andere derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.

Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine Fahrt
nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen. Ihr Gatte
hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer Herzlichkeit
und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm verbrachten,
so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir kaum Zeit
zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand sich im
fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und
erfreulicher Weise verlaufen werde. --

Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem ich
mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du
die Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir
zuteil werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in
Deinem Alter, sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen
sein ließ, mich meinen =Prinzipalinnen= dienstlich und angenehm zu
machen, was mir zum höchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von
der ehrenden Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der
Vorstandsfamilie, schafft man sich in der Prinzipalin eine fördernde
Fürsprecherin, wenn der allerdings möglichst zu vermeidende,
nichtsdestoweniger mögliche Fall eintreten sollte, daß ein Versehen im
Geschäft sich ereignete oder die Zufriedenheit des Prinzipals hie oder
da zu wünschen übrigließe. --

Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so erfreuen
sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst von
der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die Umgegend
unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute und
Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste, nachhaltigste
Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe mich
zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch sehr
gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für
meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die
Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere
Kultivierung derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des
Mahnwortes eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der
Firma, uns hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am
Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!«

Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von
Leuten, die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an
Strunck & Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während
unsere Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das
Haus nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht
mehr gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte
wenigstens in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem
Prokuristen Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen
Helfer. Wenn nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig
besser beieinander halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so
großer Wichtigkeit sein!

Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich
überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das
Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St.
Annen-Armenhaus gewählt.

Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben mir
mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck, Konsul
Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor Herr Marcus
und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich aufgetragen. Gottes
Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!

                                In sorgender Liebe
                                                   Dein =Vater=.

                                            Den 8. Oktober 1846.

Liebe und hochverehrte Eltern!

Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist
ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom
Verlaufe der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt,
es wäre gar nichts gewesen. -- Die Erregung zwingt mich, die Feder
niederzulegen. Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in
hochachtungsvoller Zärtlichkeit.

                                                  =B. Grünlich.=

Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt
möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika.

                                                              T.


Zweites Kapitel

»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich
unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?«

Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein geworden.
Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die zehnjährige
Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde daran. Der
Konsul blickte umher ... alle Gesichter waren lang und bekümmert. Was
war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn die Börse ward
in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-holsteinischen
Angelegenheit ... Und noch eine andere Unruhe lag in der Luft: Später,
als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu holen, erfuhr der
Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin Trina, ein
Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag gelegt hatte,
war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum großen Verdrusse
der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine Freundschaft, eine
Art von geistigem Bündnis mit einem Schlachtergesellen, und dieser ewig
blutige Mensch mußte die Entwicklung ihrer politischen Ansichten in der
nachteiligsten Weise beeinflußt haben. Als die Konsulin ihr wegen einer
mißratenen Chalottensauce einen Verweis hatte zuteil werden lassen,
hatte sie die nackten Arme in die Hüften gestemmt und sich wie folgt
geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr
lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt =ick= doar
up'm Sofa in' sieden Kleed, un =Sei= bedeinen mich denn ...«
Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden.

Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit
allerhand Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren
Träger und Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf
setzen zu lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener
durch sein Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der
Empörung sich tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte ... Im
Frühjahr hatte ein Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue
Verfassung, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im
Entwurf vorhanden war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches
Lebrecht Krögers und einiger anderer störrischer alter Herren, durch
Senatsdekret zum Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden
gewählt, eine Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die
Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das
Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich. »Ständisches
Prinzip!« sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte
es. »Allgemeines Wahlrecht!« sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström
sagte es. Noch andere schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht
wußten sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch
solche Ideen in der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen
Bürgern und Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu
erlangen, auch auf Nichtchristen ... Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina
auf Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach,
es sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche
Wendung zu nehmen ...

Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß
durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß
war, daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer
schon der Ofen geknistert hätte.

Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde,
auf gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin
innehatte. Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre
verheiratete Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr
langes Gesicht bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr
glattgescheiteltes Haar, das niemals blond, sondern von jeher mattgrau
gewesen, trug dazu bei, daß das Bild der alten Jungfer schon fertig war.
Sie war zufrieden damit, sie tat nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht
war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu werden, um schnell über alle
Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen. Da sie keinen Silbergroschen
besaß, so wußte sie, daß niemand in der weiten Welt sich finden würde,
sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer Zukunft entgegen, die darin
bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine kleine Rente zu verzehren,
die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse irgendeiner wohltätigen
Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie verschaffen würde.

Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektüre zweier Briefe beschäftigt.
Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen ...
Die Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich
bitterlich über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern.
Der zarte Teint, der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen
Jahren trotz aller Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde
unerbittlich zu ergrauen beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das
Rezept einer Pariser Tinktur besäße, die das fürs erste verhütete. Die
Konsulin war entschlossen, niemals weiß zu werden. Wenn das Färbemittel
sich nicht mehr als tauglich erwiese, so würde sie eine Perücke von der
Farbe ihres jugendlichen Haares tragen ... Auf der Höhe ihrer noch immer
kunstvollen Coiffure war eine kleine, von weißen Spitzen umgebene
seidene Schleife angebracht: der Beginn, die erste Andeutung einer
Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und bauschig; ihre
glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt. Wie stets
klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. -- Es war
drei Uhr nachmittags.

Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen,
Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein
Lärm, der sich näherte und anwuchs ...

»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den »Spion«
blickte. »All die Leute ... Was haben sie? Worüber freuen sie sich so?«

»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es ... O mein Gott,
ja, die Revolution ... Es ist das Volk ...«

Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der
Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die
Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes
zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn
Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.

»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal hinüber,
wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte ... »Anton, geh hinunter!
Schließe die Haustür! Mach' alles zu! Es ist das Volk ...«

»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin ein
Herrschaftsknecht ... Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen ...«

»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
Handarbeit Einhalt zu tun. -- In diesem Augenblick kam der Konsul durch
die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot
über dem Arm und den Hut in der Hand.

»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt ...

»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft ...«

»Aber das Volk, Jean, die Revolution ...«

»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy ... Wir stehen in
Gottes Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das
Hinterhaus ...«

»Jean, wenn du mich lieb hast ... Du willst dich dieser Gefahr
aussetzen, willst uns hier allein lassen ... Oh, ich ängstige mich, ich
ängstige mich!«

»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise ... die
Leute werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln ...
Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das
ist alles.«

»=Wohin= willst du, Jean?«

»In die Bürgerschaft ... Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte
haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist ...«

»Ja, dann geh mit Gott, Jean ... Aber sei vorsichtig, ich bitte dich,
nimm dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
zustieße ...«

»Unbesorgt, meine Liebe ...«

»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach ...

»Je nun, um halb fünf, um fünf Uhr ... je nachdem. Es steht Wichtiges
auf der Tagesordnung, es kommt darauf an ...«

»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin,
indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
bewegte.


Drittes Kapitel

Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück. Als
er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte.
Während er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut
lüftete und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte,
sprach er mit gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul ... ich
grüße Sie!«

Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig Jahren,
war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch von der
Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein
glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein
spitz hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts
gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang
ihm nicht übel -- ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt
zur Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und
furchtgebietende Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon ...
Sein ergrautes Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er
bedauerte aufrichtig, nicht bucklig zu sein. -- Er war eine fremdartige
und liebenswürdige Erscheinung unter den Bewohnern der alten
Handelsstadt. Er gehörte zu ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein
kleines, solides und in seiner Bescheidenheit geachtetes
Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen, dunklen Kontor aber stand
ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken in allen Sprachen gefüllt
war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem zwanzigsten Jahre an
einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen arbeite ... Einmal
jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung von Schillers »Don Carlos«
den Domingo gespielt. Dies war der Höhepunkt seines Lebens. -- Niemals
war ein unedles Wort über seine Lippen gekommen, und selbst in
geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen Redewendungen nur
zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele hervor, als wollte er
sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine Ahnen!« Er war, in
mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des seligen Jean Jacques
Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und pathetischer war und daß ihm
nichts von der scherzhaften Heiterkeit eignete, die der Freund des
älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet
hatte. -- Eines Tages verlor er an der Börse mit einem Schlage sechs und
einen halben Kuranttaler an zwei oder drei Papieren, die er
spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches Empfinden ihn
mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf einer Bank
nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo verloren,
preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte mehrere Male
mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha, verflucht!« Da die
kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim Verkaufe dieses oder
jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde langweilten, so war dieser
Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der Himmel ihn, den
Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an dem er
wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück gehabt,
Herr Gosch? Das tut mir leid ...«, pflegte er zu antworten: »Oh, mein
werter Freund! _Uomo non educato dal dolore riman sempre bambino!_«
Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de Vega? Fest
stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und merkwürdiger Mensch
war.

»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook,
während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm
die Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!«

»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt. Man
dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip ...

»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den ganzen
Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren herrliche
Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und Begeisterung ...«

Johann Buddenbrook fing an zu lachen. »Sie sind mir der Rechte, mein
Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir
... eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen
Spektakel zu machen ...«

»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen ... Ich war dabei, als
Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf ...
Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht
leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich
einmal etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges,
Sturm, Wildheit ... ein Gewitter ... Ach, das Volk ist unwissend, ich
weiß es! Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm ...« Sie
waren schon vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus
gelangt, in dessen Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft
befand.

Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe namens
Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und
auf dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch
eine aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch
Schloß besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen
so großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig,
mit geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten
Wänden; seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und
waren ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch
aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer
großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für
den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare
bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere
hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt.

Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als sie
hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren
ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern,
welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in
Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern
der Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen
vorgezogen, zu Hause zu bleiben.

Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem
Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul
noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er
rasierte nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die
Möllendorpfs, Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner
Allwissenheit in städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und
Gewandtheit, seinem bei aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein
verdankte er seine Wahl in die Bürgerschaft.

»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen
seinem Gönner entgegen ...

»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?«

»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben ... Herr Konsul
entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das Rathaus
oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft bedrohen!
Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt ...«

»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den
vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals und
James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte
er, indem er ihnen die Hände schüttelte ...

In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten zogen
hierher, sie waren schon zu hören ...

»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in
seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
ehemaligen »_à la mode_-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen Umständen
von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber stand er
ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel, über denen
die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht emporstarrten,
vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen Sammetweste
blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen ...

Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen
untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer
dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den
Konsul durchaus nicht.

Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender
Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe
... »Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach ...
hindurch und dann auf eine Rolle grünen Rips ... Das Pack!... Nun, es
ist Sache des Staates ...«

In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des Herrn
Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock über
dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem er
mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« --
Übrigens sagte er »Infamje«.

Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F. Köppen,
dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu begrüßen. Er
drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar Worte mit dem
Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem Wortführer Doktor
Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten, Lehrern und
Advokaten ...

Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle
Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam,
von dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe ... und zwar wozu?
Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der
Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was
aber wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles.
Es war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals
befunden hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu
erfahren. Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie
Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus
Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich
hatte steigen lassen ...

Plötzlich schwoll draußen das Getöse an ... Die Revolution war unter den
Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die
erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor
Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf
die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein ausgelassenes,
unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft erfüllte. Dann
jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst über ihr
Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still wie im
Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte,
ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht
Kröger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam
und nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »=Die Canaille!=«

Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes
Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!«

Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin ...

»Meine Herren ... meine Herren ... hören Sie auf mich ... Ich kenne das
Haus ... Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke ...
Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen ... Man kann ganz gut
aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen ...«

»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den Zähnen.
Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und starrte,
gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den Fenstern
hinüber.

»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner ... Die Leute werfen mit
Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von ...«

In diesem Augenblick wuchs draußen der Lärm von neuem an, aber ohne sich
wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte er nun
ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und beinahe
vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe sowie
einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied ... Die
Bürgerschaft lauschte mit Andacht.

»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor
Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe,
mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
Sitzung eröffne ...«

Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht die
geringste Unterstützung zuteil wurde.

»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen
Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher
Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das
Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
ins Gewicht ... Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt
hatte Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck
verliehen.

»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf
den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen
mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von ...«

»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen
verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot ...
drücken wir uns ja wol!«

»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht.

»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich bitte
Sie, doch zu erwägen ... Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister
zuzustellen ... Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch
den Druck ... Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob
die Sitzung eröffnet werden soll ...«

Aber abgesehen von einigen wenigen Bürgern, die den Wortführer
unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur
Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos
erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es
wollte. Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner
Richtung hin vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht
regen. Von der Marienkirche schlug es halb fünf ...

Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll,
abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
Stühlen niederzulassen ... Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen
Bürger begann sich zu regen ... Man wagte hie und da, über Geschäfte zu
sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen ... Die Makler
näherten sich den Großkaufleuten ... Die eingeschlossenen Herren
plauderten miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters
beisammen sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb
sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand darüber,
daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich erlaubte,
die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten darüber
wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte:
»Ich bin ja doch zu dick dazu!«

Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin, neben
seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas besorgt,
als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich nicht
nahe, Vater?«

Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei
bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während
die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden
Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen
Brillanten geschmückt, auf seinen Knien.

»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit. »Ich
bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen,
indem er plötzlich hervorzischte: »_Parbleu_, Jean! man müßte diesen
infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
knallen ... Das Pack ...! Die Canaille ...!«

Der Konsul summte begütigend. »So ... so ... Sie haben ja recht, es ist
eine ziemlich unwürdige Komödie ... Aber was soll man tun? Man muß gute
Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen ...«

»Wo ist mein Wagen?... Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte Lebrecht
Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am ganzen
Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!... Wo ist er?... Die Sitzung
wird nicht abgehalten ... Was soll ich hier?... Ich bin nicht gesonnen,
mich narren zu lassen!... Ich will meinen Wagen!... Insultiert man
meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!«

»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
alterieren sich ... das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich ... ich
gehe nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach
Hause zu gehen ...«

Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich
ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie
vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den
Saal.

Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch
eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher
Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?...«

Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis
zur Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und
er hielt seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm
wahrhaftig gelang, das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er
hervorstieß: »Sie sehen mich gewillt, zum Volke zu reden!«

Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch ... Ich
habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten ...«

»Es sei!« antwortete der Makler tonlos. »Sie sind ein größerer Mensch
als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde
Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen ...«

»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen
... Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha,
Herr Konsul! Da ist das Volk!«

Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür
hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen
blieben, die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen
befremdenden Anblick. Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon
erleuchteten Fenstern der umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige,
die auf die schwärzliche, sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge
der Aufrührer hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker
als die Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von
Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu
Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die Buddenbrooksche
Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich, die Füße im
Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot.

Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit vorgeschritten
war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten über der Straße.
Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte Unterbrechung der Ordnung,
war das erste, was den Konsul Buddenbrook aufrichtig erzürnte, und sie
war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem und ärgerlichem Tone zu
sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für dumm Tüg, wat Ji da
anstellt!«

Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen
ab. Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte
gedämpft: »Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red'
hollen! Holl din Mul, Krischan, hei kann höllschen fuchtig warn!...
Dat's Makler Gosch ... kiek! Dat's son Aap!... Is hei 'n beeten
öwerspönig?«

»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen
Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot,
unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet!
Ji heww hier den leewen langen Namiddag bröllt ...«

»Je, Herr Kunsel ...«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n
Saak ... öäwer ... Dat is nu so wied ... Wi maaken nu Revolutschon.«

»Wat's dat för Undög, Smolt!«

»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied ... wi
sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak ... Wie verlangen nu ne anner
Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat =wat= is ...«

»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is, der
geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier nich
de Ordnung ...«

»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend ...

»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die
Lampen sind angezündet ... Dat geiht denn doch tau wied mit de
Revolution!«

Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände ...

»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen das
allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht ...«

»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen
vor Indignation ... »Du redest ja lauter Unsinn ...«

»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat is
nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß.
Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris ...«

»Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!«

»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
man bloß ...«

»Öwer du Döskopp ... Ji =heww= ja schon een!«

»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.«

Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig und
herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl Smolts
verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An den
Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen Gesichtern
einige Herren mit Bierseideln in den Händen ... Der einzige, den diese
Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund Gosch.

»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu dat
beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!«

Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht,
antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je
woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel
mi dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel ...«

Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.

»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den
Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?«

»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr Kunsel
sin Hoff ruppfoahrn ...«

»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.«

»Jewoll, Herr Kunsel!« ... Und indem er seine Mütze auf den Kopf warf
und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter.


Viertes Kapitel

Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen
die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel,
stießen an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau
Suerkringel, die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich
treuherzig ihrer eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten,
da die Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in
Vorschlag gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine
bedeutende Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres
abzusetzen. Soeben, beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler,
schleppte der Hausknecht in Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln
einen neuen Vorrat von Flaschen herbei, und obgleich der Abend
vorgeschritten, obgleich es zu spät war, der Verfassungsrevision noch
Aufmerksamkeit zu schenken, war niemand geneigt, schon jetzt dies
Beisammensein zu unterbrechen und nach Hause zu gehen. Mit dem Kaffee
war es in jedem Fall für heute vorbei ...

Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die ihn zu
seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu seinem
Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen
Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an
seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus
zurückkehren zu lassen?«

Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den
Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot,
ihn zu begleiten, mit einem nachlässigen »_merci_« seinen Arm unter den
seines Schwiegersohnes.

Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt vor
der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls begann,
die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil, stumm,
ohne sich zurückzulehnen, mit halb geschlossenen Augen saß Lebrecht
Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des Konsuls, während
der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen Spitzen seines
weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen Mundwinkel in zwei
senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn hinunterzogen. Der Grimm
über die erlittene Demütigung zehrte und nagte in ihm. Matt und kalt
blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber.

In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den
glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft.

»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«,
sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das Ganze
war ... Eine Farce ...« Und um irgendeine Antwort und Äußerung des Alten
zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im allgemeinen zu
sprechen ... »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie
wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient ... Ach, mein Gott,
es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein kurzes
Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der alles mit
den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet ... Sehen Sie,
Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und
seine Haut zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?«

»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr
Kröger.

Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die
Glasscheibe nieder.

»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt ...

»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng.

»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er, um
irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
Schwiegervaters zog.

Plötzlich -- die Equipage rasselte durch die Burgstraße -- geschah etwas
Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in
Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender und
vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe
eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint
und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von
dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke
hinab und blieb am Boden liegen.

»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute
abend aus Rand und Band?... Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
Schwiegervater?«

Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im
Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu
berühren. Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus ... langsam, kalt
und schwer, ein einziges Wort: »=Die Canaille.=«

Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht. Der
Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich drei
Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck,
den der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt ... Der Wagen hielt an der
Terrasse.

»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der zuerst
ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und
Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die
wenigen Schritte bis zu der weißglänzenden Freitreppe, die zum
Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die
Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende
Unterkiefer mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen
verdrehten sich und brachen ...

Lebrecht Kröger, der _à la mode_-Kavalier, war bei seinen Vätern.


Fünftes Kapitel

Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen Januarmorgen
des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst ihrem kleinen
dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem Holze getäfelten
Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25 Kurantmark gekostet
hatte, beim ersten Frühstück.

Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In dem
grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand -- neben der
offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse
erblickte -- knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer
sanften, ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite
gestatteten halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in
den braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit
wattierten Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse
sich in dem weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte
ein dritter Ausgang auf den Korridor.

Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von einem
grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit goldgerändertem
und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie Perlmutter
schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen, flachen
Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten
Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter
einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter
einer anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber,
grünmarmorierter und weißer sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche
Rotwein, welche vor dem Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte
warm.

Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon
zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein
leicht gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm,
außerdem aber auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals
hatte entschließen können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen
einzutauschen.

Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien
ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause
dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun
als verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen
und zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer
Balltoilette. Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen
Farbe genau mit dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte
und dessen großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem
Sprühregen ganz winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt
war ... Eine gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom
Halsverschluß bis zum Saume hinunter.

Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der
kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig
kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte
Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden,
handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.

Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem aus
dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen,
saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden
Locken. Sie hielt mit beiden Händchen eine große Tasse umklammert, in
der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem
sie hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ.

Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat vom
Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in die
Spielstube zu tragen.

»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«, sagte
Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?... Es
nebelt.« -- Sie blieb mit ihrem Gatten allein.

»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm ...
»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!... Ich =kann= mich nicht
immer um das Kind bekümmern ...«

»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«

»Kinderlieb ... kinderlieb ... Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber
auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht
ausgeführt sind ...«

»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau ...«

»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen, reinzumachen, zu
bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du ißt schon am
frühen Morgen Koteletts ... Denke doch nach, Grünlich! Erika muß über
kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben ...«

»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
Kindermädchen zu halten.«

»Unseren Verhältnissen!... O Gott, du =machst= dich lächerlich! Sind wir
denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
gebracht ...«

»Ach, mit deinen achtzigtausend!«

»Gewiß!... Du sprichst geringschätzig davon ... Es kam dir nicht darauf
an ... Du hast mich aus Liebe geheiratet ... Gut. Aber liebst du mich
überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das
Kind soll kein Mädchen haben ... Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie
das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr ... Warum läßt du uns
dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren =Verhältnissen=
nicht =entspricht=, einen Wagen zu halten, in dem wir anständigerweise
in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es niemals gern, daß ich
in die Stadt komme?... Am liebsten möchtest du, daß wir uns hier ein für
alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr zu Gesichte bekäme.
Du bist sauertöpfig!«

Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.

»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony ... »Dein Schweigen
ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an einen
gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern ... Damals
machtest du eine andere Figur!... Vom ersten Tage an hast du nur abends
bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs nahmst
du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit langer Zeit
ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«

»Und du? Du ruinierst mich.«

»Ich?... Ich ruiniere dich ...«

»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach Bedienung
und Aufwand ...«

»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen Eltern
nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich mühsam
in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du mir
nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen
würde ...«

»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas
nützt.«

»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?!... Ich sage, daß wir vermögende
Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen bin ...«

Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte
überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.

»Grünlich«, sagte sie ruhiger ... »Du lächelst, du sprichst von unseren
Verhältnissen ... Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte
Geschäfte gemacht? Hast du ...«

In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein.


Sechstes Kapitel

Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und Paletot
in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach
durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick
noch dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock,
ebensolche Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf
der sich eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren
kreuzte. Von seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße
Backenbart ab, der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ.
Sein Mund war klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im
Unterkiefer zwei Zähne. Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen
senkrechten Hosentaschen vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich
stehenblieb, setzte er diese beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf
die Oberlippe. Die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe
flatterten leise, obgleich nicht der geringste Lufthauch fühlbar war.

Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe hängen
und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen Verwicklung
auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem Schlag auf
die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt, musterte das
Ehepaar und bemerkte: »Ahah.«

Es ist, da er diese Redewendung außerordentlich oft gebrauchte, sofort
zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger
Weise hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf,
krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft umherfuchtelnden
Händen mit einem langgezogenen, nasalen und metallischen Klange ertönen
lassen, der an den Gesang eines chinesischen Gongs erinnerte ... und er
konnte sie, andererseits und abgesehen von vielen Nuancen, ganz kurz,
beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich vielleicht noch drolliger
ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und näselndes A. Heute ließ
er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen krampfhaften
Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer ungeheuer
fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien ... und doch durfte dem
nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der Bankier
Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune er
sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf die
Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und
sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so
konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte ...
Herr Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an.

»Schon so früh?« fragte er ...

»Jaha ...« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner
kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen:
Gedulde dich nur, es gibt eine Überraschung!... »Ich habe mit Ihnen zu
reden! Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst
lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet.
Herrn Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer.

»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich hin. Es
ist hübsch, daß Sie kommen ... Passen Sie mal auf. Sie sollen
Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt ...
Nun sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben
oder nicht! Nun?...«

Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte
Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem
Zeigefinger seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes
Geräusch ergab, und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich
fröhlicher Miene den eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb,
die Etikette der Rotweinflasche ...

»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!«

Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an ... und dann blickte er Herrn
Grünlich an ... und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie
ruinieren ihn ...?« rief er. »Sie ... ruin ... Sie ... Sie ruinieren ihn
also?... O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!... Das ist spaßhaft!... Das
ist höchst, höchst, =höchst= spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von
unterschiedlichen Ahahs überließ.

Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her.
Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände
gleiten ...

»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?«

»Worüber ich lache?... Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
eine Zigarre ... Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau
Gemahlin Sie ruiniert?«

»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich.

Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände
im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit
keck hervorgeschobener Oberlippe: »Ja ... So bin ich einmal. Das ist
klar. Ich habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus
gehabt.«

Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig,
jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete
sie nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
Eigenschaften feststellte und anerkannte ... ohne Unterschied und ohne
den Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der
Meinung, daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück,
eine Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor
man in jedem Falle Respekt haben müsse.

Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden
Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.

»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr ... »Nehmen Sie eine
andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein ... Sie wollen also
mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?... Finden Sie es vielleicht zu
warm hier?... Wir fahren nachher zusammen zur Stadt ... Im Rauchzimmer
ist es übrigens kühler ...« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte
Herr Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen:
Das führt zu nichts, mein Lieber!

Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb, um
das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich
seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze
seines linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte,
schritt er geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand
Herr Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.

Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die
glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften
Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins
Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde.
Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an
Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht,
drückte das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von
oben herab. In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb,
die andere leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes
geschoben, ließ sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten
umspielen, während doch der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes
verriet, daß diese ganze Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und
Spielerisches war.

Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause
umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte
ihre Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung
beitrugen. Sie betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der
dicken, runden Schäfte, prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten
Fächer und entfernte hie und da eine gelbe Spitze mit der Schere ...
Plötzlich horchte sie auf. Die Unterredung im Rauchzimmer, die schon
seit mehreren Minuten einen lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt
so laut, daß man hier drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe
stark und die Portiere schwer war.

»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!« hörte
man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die Überanstrengung nicht
vertragen konnte und sich daher quiekend überschlug ... »Nehmen Sie doch
noch eine Zigarre!« setzte er dann mit verzweifelter Milde hinzu.

»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier,
worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl
bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen
Sie nicht, eins von beidem!«

»Kesselmeyer, prolongieren Sie!«

»Ahah? Na...hein, =nein=, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt
nicht die Rede ...«

»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des Himmels
willen! Haben Sie so lange gewartet ...«

»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf ...«

»Keinen Namen, Kesselmeyer!«

»Keinen Namen ... schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren
wohllöblichen Herrn Schw ...«

»Keine Bezeichnung ...! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht albern!«

»Schön, keine Bezeichnung! Verläßt sich noch irgend jemand auf die
bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel
hat sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend?
Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz
ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern ...
Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war ... schön, keinen Namen!
Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen
vor Bedrängnis ... Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist
fläuer-am-fläuesten ... das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie
sind doch der erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat ... Wie
begegnet man Ihnen denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker
sind wohl ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich
denn die Kreditbank?«

»Sie prolongiert.«

»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen
Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?... Nun
sehen Sie mal!... Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in
Ihrem Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig
und sicher sind ... Na -- hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul.
Ich warte eine Woche.«

»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!«

»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich erlegen, um
sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu überzeugen! Habe ich
das Bedürfnis, =darüber= Experimente anzustellen? Ich weiß doch
wundervoll Bescheid, wie es mit =Ihrer= Zahlungsfähigkeit bestellt ist!
Ha-ahah ... Abschlagssumme finde ich höchst, höchst spaßhaft ...«

»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst ... ja, ich
gestehe, sie ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der
Schwebe ... Alles kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf:
Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent ...«

»Nichtsda, nichtsda ... höchst lächerlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin
ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent
geboten, und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent
geboten, und ich habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40
bieten, und ich würde nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran
denken, mein Lieber!... Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase
fielen, sucht für den Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten
Firma abzuwickeln und sich sicherzustellen ... Wie gesagt, ich bin für
rechtzeitigen Verkauf. Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange
Johann Buddenbrook zweifellos gut war ... mittlerweile konnte ich ja die
rückständigen Zinsen zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente
steigern! Aber man behält eine Sache doch nur so lange, als sie steigt
oder wenigstens solide feststeht ... wenn sie anfängt zu fallen, so
verkauft man ... will sagen, ich verlange mein Kapital.«

»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!«

»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!... Was wollen Sie überhaupt?
Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die
Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade
fleckenlos ...«

»Nein, Kesselmeyer ... ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig
zu!... Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen ... Es sind mir
Wechsel vorgelegt worden ... Alles scheint sich verabredet zu haben ...«

»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen ... Aber da ist es doch ein
Aufwaschen ...«

»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!... Tun Sie mir doch die Liebe,
noch eine Zigarre zu nehmen ...«

»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich
mit Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie ...«

»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen ... Sie sind mein
Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«

»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?«

»Jaja ... aber kündigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht,
Kesselmeyer ...!«

»Kredit? =Kredit= auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
Anleihe ...?«

»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie ... wenig, eine Kleinigkeit!... Ich
brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen
zu machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen ... Halten
Sie mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine
Menge Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe ... Alles wird sich
zum Guten wenden ... Sie wissen, ich bin rege und findig ...«

»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
wollen?... Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen
auch nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
Schwiegervater?... Ach nein ... Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung!
Na-hein, meine höchste Anerkennung ...«

»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen ...«

»Ein Geck sind Sie! Rege und findig ... ja, aber immer nur zugunsten
anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch
niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie
haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen.
Sie haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten
Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund und
sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!... Warum haben Sie eigentlich
solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten
zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals
vor vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich
zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge ...«

»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert? Wenn
er mich fallen läßt?...«

»Oh ... aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein höchst
spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an,
nicht im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie
hie und da zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten
gekommen ... und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer
... Und passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier
Bescheid bei Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon
zum voraus in der Tasche ... aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch
kein silbernes Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft
wird ...«

»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen ...«

»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!... In acht Tagen hole ich mir
Antwort. Ich =gehe= zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir ungeheuer
gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten Morgen ...«

Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm seine
sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
Geiste mit den Armen rudern ...

Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die messingne
Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.

»Was stehst du ... was starrst du ...«, sagte er, indem er die Zähne
zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die
Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
Scharlachkranken.


Siebentes Kapitel

Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte
mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine
Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er
neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den
Schläfen bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von
den steifen Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes
und der Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein
Haupthaar.

Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas war an
einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der Kellen
war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er hatte die
Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen zurückgelassen
und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt. Es hatte sich
erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine unmittelbare Gefahr in
sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in Südfrankreich,
dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte, daß auch
für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant worden
war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig war,
gemeinsam nach Pau abreisen lassen.

Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten
erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf
einem Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte ... wodurch? Die auf
»Gebr. Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer
ihre Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht
als ob Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie
vermochte, sofort, ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war
kein Hindernis dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte,
die Zurückhaltung, das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein
solcher Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei
Banken, bei »Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt ...

Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt,
geregelt, die Stirne geboten ... Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn
hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war
zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich
kläglichen Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von
hundert- bis hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz,
oberflächlich und schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt
und unverbindlich geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft
mit dem erwähnten Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des
ersteren, und war abgereist.

Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen
Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein
hellgraues, auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes
Kleid mit Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode
und einer kleinen Brillantspange am Halsverschluß.

»Guten Tag, Papa, =endlich= sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
Mama?... Hast du gute Nachrichten von Tom?... Lege doch ab, setz' dich
doch, bitte, lieber Papa!... Willst du nicht ein bißchen Toilette
machen? Ich habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen ...
Grünlich macht auch gerade Toilette ...«

»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich
bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen ... zu einer sehr,
sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?«

»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album ...«

»Wo ist Erika?«

»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
Puppe ... natürlich nicht im Wasser ... eine Wachspuppe ... kurzum, sie
tut nur so ...«

»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht
annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage ... die Lage deines Mannes
unterrichtet bist?«

Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen
Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg
übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß.
Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem
Halse.

»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar
nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine
Einsicht! Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit
Grünlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer
wieder nur Spaß machte ... er redet immer so lächerlich. Ein- oder
zweimal verstand ich deinen Namen ...«

»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«

»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!... Grünlich war seit
diesem Tage mürrisch ... ja, unausstehlich, das muß ich sagen!... Bis
gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder
zwölfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn
einlegen würde, wenn er dich etwas zu bitten hätte ...«

»Ah ...«

»Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen
... Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich ... Grünlich hat
den grünen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und
Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer
eine Beratung abhalten ...«

»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand über
ihr Haar strich ... »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage
mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«

»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht,
wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du
wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?... Der
Konsul schwieg einen Augenblick.

»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben
könntest ... unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen
seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden
würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
Dingen zu umgeben ...?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige Bewegung
über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die vergoldete
Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid hinunter.

»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie beinahe
immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres
Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Märchenvorlesen
so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral und Pflichten
einfließen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und
Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.

Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit
nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
daheim und unterwegs alles reiflich erwogen ...

Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster
Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an seinen
Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie
dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befürwortet
hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem das
Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt
hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich
niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben
und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung
nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des
Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne
mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und
weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen konnte.
In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe jeder
Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwürde, daß
Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglück folgte;
wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag legen würde, so
fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschönerungen und
Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewöhnt war,
unverschuldet entbehren zu lassen ... so fühlte er sich verpflichtet,
eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um jeden Preis zu halten.
Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der Wunsch gewesen, seine
Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grünlich seiner
Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies Äußerste verhüten! Für jeden Fall
bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender
Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernähren, zur Scheidung
berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten seiner Tochter
erforschen ...

»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu
streicheln, »ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und
lobenswerten Grundsätzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht
annehmen, daß du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt,
betrachtet werden müssen: nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht
gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =würdest=,
sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich weiß nicht,
inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die
traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich genötigt sieht,
seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht mehr halten
kann ... ich glaube, du verstehst mich ...«

»Grünlich macht Bankerott ...?« fragte Tony leise, indem sie sich halb
von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff ...

»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«

»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet ...«, stammelte sie. »Dann hat
Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht ...?« fuhr sie fort, indem sie
schräg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... »=O Gott!=«
stieß sie plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in
diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott«
verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem
und Fürchterlichem empfunden hatte ... »Bankerott« ... das war etwas
Gräßlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach,
Schande, Verzweiflung und Elend ... »Er macht Bankerott!« wiederholte
sie. Sie war dermaßen geschlagen und niedergeschmettert von diesem
Schicksalswort, daß sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die
von ihrem Vater kommen könnte.

Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen,
tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz
außerordentliche Spannung verrieten.

»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich
bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...«
Gleich darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv
als Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich
wieder emporarbeiten ...«

»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in
Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen
besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch völlig ihr
Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.

Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst,
mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.

»Muß ich nicht ...«, schluchzte sie. »Ich muß doch ...«

»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er
sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an
deinen Mann fesselten ...«

Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen an.

»Wieso, Papa ...?«

Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel.

»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft
empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des
Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt
werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach
Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst ...?«

Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen trocknete.
Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es gegen die
Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in
entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, =ist= Grünlich
schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«

»Höchst wahrscheinlich!...« sagte der Konsul. »Das heißt ... nein, ich
weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit
ihm und seinem Bankier noch aussteht ...«

Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf
ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und
das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.

»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
»wäre es damals nicht besser gewesen ...«

Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster ihres
kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte
auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze
nach unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und
zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die
in die Ferne schweifte.

»Besser ...?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen wäre,
mein Kind?«

Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen wäre,
diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
»Ach, nichts!«

Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte
und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich
genötigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.

»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch
ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt,
der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde
bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu
sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte,
dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel
hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß
er damals, leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt
hat! Grünlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten
Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann
... Später habe ich geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die
so günstig lauteten als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft ...
Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht
wahr, du klagst mich nicht an ...«

»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht zu
Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar
Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
und küßte ihn auf die Wangen.

»Ich danke dir«, sagte er; »so, so ... laß nur, ich danke dir. Ja, ich
habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel
Ärgernis gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht,
daß ich mich dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein
Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt
habe, die du mir aber noch nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich
offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann
lieben gelernt?«

Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie das
Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
hervor: »Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt
... er war mir immer widerlich ... weißt du das denn nicht ...?«

Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich
abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich
falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes
Geschäft zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre ...«

Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand,
richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre
... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen
in diesen vier Jahren ...!«

»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt ...«, sagte der Konsul bewegt.

»Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich
behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich würde mich nie von ihr
trennen, das sage ich dir ... aber Grünlich -- nein!... Grünlich --
nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und
Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weißt du es!«

Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst zufrieden.
Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei der
Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.

»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind,
daß ja Hilfe denkbar wäre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos
fühlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, daß du es von ihm
erhoffst ... erwartest ... würde er einspringen, würde er das Falliment
verhüten, würde er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und
sein Geschäft flott erhalten ...«

Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung.
Es drückte Enttäuschung aus.

»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.

»Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine große, große Summe!« Und
Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des
Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte. »Dabei«,
fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz
abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe
dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich
schwer ... schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs,
um ...«

Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar
Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der
Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«

Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen.
Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
gegen Herrn Grünlich.

»Das tust du =nicht=, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst
auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd, und
Herr Grünlich trat ein.

Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrückte:
Erledigt.


Achtes Kapitel

Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste
gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden
Leibrock, ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen
er einstmals in der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer
schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden
gerichtet, mit weicher und matter Stimme: »Vater ...«

Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen
Griffen seine Halsbinde.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.

»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur fürchte
ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
vermag.«

Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine
noch schlaffere Haltung an.

»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer,
uns erwartet ... welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich
stehe zu Ihrer Verfügung ...«

»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.

Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh
hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«

Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins
Wohngemach.

Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die
weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken
dann sanft auf den Schädel zurück.

»Herr Bankier Kesselmeyer ... Großhändler Konsul Buddenbrook, mein
Schwiegervater ...«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des
Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit
hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die Oberlippe
setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion,
das Vergnügen zu haben!«

»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«, sagte
Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den
anderen.

»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin
und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte
die Herren ...«

Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer
aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen?
Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit!
Gäbe es ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee ...! Aber nichts da!
Regen! Kot! Höchst, höchst widerwärtig ...«

Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.

In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren,
stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der
Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr Grünlich die
drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald
entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und
abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen
bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein
dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und
Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall.

Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei einem
Begräbnis komplimentiert.

»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr
Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...«

Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn
gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.

Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf
seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem
nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hände
auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und fröhlich:
»Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«

»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den
Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die
ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick!
Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick
in die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen
Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem
Sinne ...«

»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit
sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem
Geschicke seinen Lauf zu lassen.

Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen
Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen
Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln
des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der
fallende Regen das einzige Geräusch.

Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste
geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und
sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß
ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich
hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem
Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit
dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein
abgespanntes Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die
er nun »Einblick gewann« ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn
Grünlichs Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«

»Vater ...« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen
liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris
hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem
größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und
starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul
Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglück, das ihn
selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortriß; aber
rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.

»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln ...
»In diesen wenigen Jahren!«

»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier Jahren
kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter
Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen ...«

Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er
hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den
er grübelte ... Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch
verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon
vor zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah
man mit einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er
hatte von den Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von
soliden Häusern wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für
seine Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten
kursiert wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt -- und der Chef
der Firma Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt
verstand -- dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale
Zurückziehen alles Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige
Herfallen über B. Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder
Höflichkeitsform? Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht
gewußt, daß das Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung
Grünlichs mit seiner Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute
kommen müssen. Aber hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so
eklatant, so ausschließlich von dem seinen abgehangen? War Grünlich
selbst denn nichts gewesen? Und die Erkundigungen, die der Konsul
eingezogen, die Bücher, die er geprüft hatte?... Mochte es sich damit
verhalten, wie es wollte, so stand sein Entschluß, in dieser Sache auch
nicht das Glied eines Fingers zu regen, fester als jemals. Man sollte
sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte B. Grünlich die Anschauung
zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann Buddenbrook solidarisch?
Diesem, wie es schien, entsetzlich weit verbreiteten Irrtum mußte ein
für alle Male vorgebeugt werden! Und auch dieser Kesselmeyer sollte sich
wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen? Es sprang in die Augen, wie
schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte, daß er, Johann
Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen lassen, wie er
dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit gewährt, ihn
aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben lassen ...

»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
müssen, daß dies die Lage eines zwar unglücklichen, aber auch eines in
hohem Grade schuldigen Mannes ist.«

»Vater ...« stammelte Herr Grünlich.

»Diese Anrede klingt mir =schlecht= in die Ohren!« sagte der Konsul
rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er
sich flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen
sechzigtausend Mark ...«

»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn
Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.

»Sehr wohl ... Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre Geduld
zu verlängern?«

Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem Munde,
stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er dem
Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
einzustimmen.

Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und umgaben
sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den Wangenknochen
hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte sehr wohl, daß
ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die Sachlage ganz
unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der dieser Mensch
ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste. Mit einer
einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor ihm lag,
legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So erkläre
ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit
dieser Angelegenheit zu beschäftigen.«

»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft
schüttelte ... »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen.
Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
Parlamentieren! Schlanker Hand!«

Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.

»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund«, wandte er sich ruhig an
Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie eingeschlagen
haben ... Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten. Fassen Sie
sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese Unterredung
als geschlossen betrachten.«

Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine
langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten.

»Vater ... Herr Konsul ...« sagte er mit wankender Stimme, »Sie werden
... Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie mich an!
Es handelt sich in Summa um ein Manko von hundertzwanzigtausend ... Sie
können mich retten! Sie sind ein reicher Mann! Betrachten Sie die Summe
wie Sie wollen ... als eine endgültige Abfindung, als das Erbteil Ihrer
Tochter, als ein verzinsbares Darlehen ... Ich werde arbeiten ... Sie
wissen, daß ich rege und findig bin ...«

»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul.

»Erlauben Sie nur ... =können= Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer und
sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an ... »Wenn ich dem Herrn
Konsul zu bedenken geben dürfte ... dies wäre eigentlich gerade jetzt
eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu
beweisen ...«

»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines Hauses
mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit klarzustellen,
habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu werfen ...«

»Nicht doch, nicht doch! A-aha, `Pfütze´ ist höchst spaßhaft! Aber
meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung ... wie?...
bringen würde ... wie?... rücken würde?...«

»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul.

Herr Grünlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von
neuem: »Vater ... ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!... Ist
denn von mir allein die Rede? Oh, ich ... mag ich immerhin zugrunde
gehen! Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir
in so heißem Kampfe erworben ... und unser Kind, unser beider
unschuldiges Kind ... auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht
tragen! Ich würde mich töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde
ich mich töten ... glauben Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von
jeder Schuld freisprechen!«

Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in seinem
Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses Mannes auf
ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit trug, wieder
mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder Brief seiner
Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung vernehmen, und
wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht seiner Generation
vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem nüchternen und
praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser Anfall aber
währte nicht länger als eine Sekunde. Hundertundzwanzigtausend Mark ...
wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: »Antonie ist
meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig
leidet.«

»Was wollen Sie damit sagen ...?« fragte Herr Grünlich, indem er langsam
erstarrte ...

»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich
meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte
seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür.

Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte sich
ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen
vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück ... ja, sie
nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das
Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam
ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der
Luft, seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor
übermäßiger Fröhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weißen, geschorenen
Backenbart war zinnoberfarben ...

»A-aha!« schrie er, daß seine Stimme sich überschlug ... »Das finde ich
höchst ... höchst spaßhaft! Aber Sie sollten es sich überlegen, Herr
Konsul Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch köstliches
Exemplar von einem Schwiegersöhnchen in den Graben zu werfen!... So
etwas von Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber
Erdenwelt nicht zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns
schon einmal das Messer an der Kehle stand ... der Strick um den Hals
lag ... wie wir da plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook
an der Börse ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden
hatte ... jederlei Achtung! Na-hein, meine höchste Anerkennung ...!«

»Kesselmeyer!« kreischte Herr Grünlich, machte krampfhafte Bewegungen
mit den Händen, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte, und lief in
einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl setzte, das
Gesicht in den Händen verbarg und sich so tief bückte, daß die Enden
seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar die
Knie empor.

»Wie haben wir das eigentlich gemacht?« fuhr Herr Kesselmeyer fort. »Wie
haben wir es eigentlich angefangen, das Töchterchen und die
achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man
auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so
arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche
Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs beste
bestellt ist ... nur daß sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht völlig
übereinstimmen ... Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der
Mitgift schon Wechselschulden!«

Der Konsul stand totenblaß an der Tür, den Griff in der Hand. Das Grauen
rann ihm den Rücken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen, unruhig
beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit tollen
Affen?

»Herr, ich verachte Ihre Worte«, brachte er mit geringer Sicherheit
hervor. »Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als
sie auch mich treffen ... mich, der ich meine Tochter nicht
leichtfertigerweise ins Unglück gebracht habe. Ich habe sichere
Erkundigungen über meinen Schwiegersohn eingezogen ... das übrige war
Gottes Wille!«

Er wandte sich, er =wollte= nichts mehr hören, er öffnete die Tür. Aber
Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: »Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei
Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Maßmann & Timm? Die waren ja
alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja
alle ungemein froh, daß sie durch die Heirat sichergestellt wurden ...«

Der Konsul schlug die Tür hinter sich zu.


Neuntes Kapitel

Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin.

»Bitte Madame Grünlich herunterzukommen«, befahl der Konsul.

»Mach' dich fertig, mein Kind«, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit
ihr in den Salon hinüber. »Mach' dich in aller Eile bereit und trage
Sorge, daß auch Erika bald reisefertig ist ... Wir fahren zur Stadt ...
Wir werden im Gasthof übernachten und morgen nach Hause fahren.«

»Ja, Papa«, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstört und ratlos. Sie
machte unnütze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu
wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch
recht an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu können.

»Was soll ich mitnehmen, Papa?« fragte sie ängstlich und erregt ...
»Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?... Macht Grünlich wirklich
Bankerott?... O Gott!... Aber kann ich dann meine Schmucksachen
mitnehmen?... Papa, die Mädchen müssen doch gehen ... ich kann sie nicht
mehr ablohnen ... Grünlich hätte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld
geben müssen ...«

»Laß das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm nur
das Notwendigste ... einen Koffer ... einen kleinen. Man wird dir dein
Eigentum nachschicken. Spute dich, hörst du? Wir haben ...«

In diesem Augenblicke wurden die Portieren auseinandergeschlagen und in
den Salon kam Herr Grünlich. Mit raschen Schritten, die Arme
ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines
Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst!
eilte er auf seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie
nieder. Sein Anblick war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren
zerzaust, sein Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben,
sein Kragen stand offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu
bemerken.

»Antonie ...!« sagte er. »Sieh mich hier ... Hast du ein Herz, ein
fühlendes Herz?... Höre mich an ... du siehst einen Mann vor dir, der
vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn ... ja, der vor Kummer sterben
wird, wenn du seine Liebe verschmähst! Hier liege ich ... bringst du es
über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich --? Ich verlasse
dich --?«

Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder sah
sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich
gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rührung, daß diese Angst
und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren.

»Steh' auf, Grünlich«, sagte sie schluchzend. »Bitte, steh' doch auf!«
Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue
dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!...« Ohne zu wissen, was sie
sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem
Vater zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem
Schwiegersohn und ging mit ihr der Korridortüre zu.

»Du gehst?« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße ...

»Ich habe Ihnen schon ausgesprochen«, sagte der Konsul, »daß ich es
nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglück zu
überlassen, und ich füge hinzu, daß auch Sie das nicht können. Nein,
mein Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken
Sie Ihrem Schöpfer dafür, daß er das Herz dieses Kindes so rein und
ahnungslos erhalten hat, daß sie sich =ohne= Abscheu von Ihnen trennt!
Leben Sie wohl.«

Hier aber verlor Herr Grünlich den Kopf. Er hätte von kurzer Trennung,
von Rückkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft
retten können; aber es war zu Ende mit seiner Überlegung, seiner
Regsamkeit und Findigkeit. Er hätte den großen, unzerbrechlichen,
bronzenen Teller nehmen können, der auf der Spiegeletagere stand, aber
er nahm die dünne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben
befand, und warf sie zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang ...

»Ha! Schön! Gut!« schrie er. »Geh' nur! Meinst du, daß ich dir
nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe
dich =nur= deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht
genug war, so mach' nur, daß du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner
überdrüssig ... überdrüssig ... überdrüssig ...!«

Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst
aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die
Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte,
berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: »Fassen Sie
sich. =Beten= Sie.«


Zehntes Kapitel

Das große Haus in der Mengstraße blieb lange Zeit von einer gedämpften
Stimmung erfüllt, als Madame Grünlich, zusammen mit ihrer kleinen
Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher und sprach
nicht gerne »davon« ... ausgenommen die Hauptperson der ganzen
Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon sprach
und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte.

Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals, zur
Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein
wenig enttäuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen
ließ, ein eignes Dienstmädchen für sie zu engagieren, und sie durchlebte
eine nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten
auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes für sie, als
in Zurückgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu
verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prüfung
über sie verhängt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege
doch ihre Stellung als geschiedene Frau ihr fürs erste die äußerste
Zurückhaltung auf. Aber Tony besaß die schöne Gabe, sich jeder
Lebenslage mit Talent, Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen
anzupassen. Sie gefiel sich bald in ihrer Rolle als eine von
unverschuldetem Unglück heimgesuchte Frau, kleidete sich dunkel, trug
ihr hübsches aschblondes Haar glatt gescheitelt wie als junges Mädchen
und hielt sich für die mangelnde Geselligkeit schadlos, indem sie zu
Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und unermüdlicher Freude an dem Ernst
und der Bedeutsamkeit ihrer Lage Betrachtungen über ihre Ehe, über Herrn
Grünlich und über Leben und Schicksal im allgemeinen anstellte.

Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar
überzeugt, daß ihr Gatte korrekt und pflichtgemäß gehandelt habe; aber
sie erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schöne weiße
Hand und sagte: »_Assez_, mein Kind. Ich höre nicht gern von dieser
Affäre.«

Klara, erst zwölfjährig, verstand nichts von der Sache, und Cousine
Thilda war gleichfalls zu dumm. »O Tony, wie traurig!« war alles, was
sie langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wußte. Dagegen fand die
junge Frau eine aufmerksame Zuhörerin in Mamsell Jungmann, die nun schon
35 Jahre zählte und sich rühmen durfte, im Dienste der ersten Kreise
ergraut zu sein. »Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein
Kindchen«, sagte sie; »bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.«
Übrigens widmete sie sich mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen
Erika und erzählte ihr dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor
fünfzehn Jahren die Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel
im besonderen, der zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er
»sich das Herz abgestoßen« hatte.

Am liebsten und längsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen oder
morgens beim ersten Frühstück, mit ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm
war mit einem Schlage weit inniger geworden als früher. Sie hatte
bislang, bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen,
soliden, strengen und frommen Tüchtigkeit, mehr ängstliche Ehrfurcht als
Zärtlichkeit für ihn empfunden; während jener Auseinandersetzung aber in
ihrem Salon war er ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit
Stolz und Rührung erfüllt, daß er sie eines vertrauten und ernsten
Gespräches über diese Sache gewürdigt, daß er die Entscheidung ihr
selbst anheim gestellt und daß er der Unantastbare, ihr fast mit Demut
gestanden, er fühle sich nicht schuldlos ihr gegenüber. Es ist sicher,
daß Tony selbst niemals auf diesen Gedanken gekommen wäre; da er es aber
sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefühle für ihn wurden weicher und
zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so änderte er seine
Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit verdoppelter Liebe
ihr schweres Geschick entgelten zu müssen.

Johann Buddenbrook war in keiner Weise persönlich gegen seinen
betrügerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre
Mutter aus dem Verlaufe einiger Gespräche erfahren, zu welch unredlichen
Mitteln Herr Grünlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber
der Konsul hütete sich wohl, die Sache der Öffentlichkeit oder gar der
Justiz zu übergeben. Er fühlte in seinem Stolz als Geschäftsmann sich
bitter gekränkt und verwand schweigend die Schmach, so plump übers Ohr
gehauen worden zu sein.

Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grünlich
erfolgt -- der übrigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht
unerhebliche Verluste bereitete --, mit Entschlossenheit den
Scheidungsprozeß an ... und dieser Prozeß war es hauptsächlich, der
Gedanke, daß sie, sie selbst den Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses
bildete, der Tony mit einem unbeschreiblichen Würdegefühl erfüllte.

»Vater«, sagte sie; denn in solchen Gesprächen nannte sie den Konsul
niemals »Papa«. »Vater, wie geht unsere Sache vorwärts? Du meinst doch,
daß alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe
ihn genau studiert! `Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu
ernähren ...´ Die Herren müssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wäre,
würde Grünlich ihn behalten ...«

Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner Ehe
nachgedacht, Vater. Ha! also =deshalb= wollte der Mensch durchaus nicht,
daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also
=deshalb= sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt
verkehrte und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer
als in Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es
eigentlich um ihn bestellt war!... Was für ein Filou!«

»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul.

Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit wichtiger
Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere eingetragen, Vater?
Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun ... Bitte, gib mir den Schlüssel zum
Sekretär.«

Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier
Jahren hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward _anno_ 1850 im
Februar rechtskräftig wieder aufgelöst.«

Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.

»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in
unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber
nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem
Buche. Aber sei ruhig ... es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren!
Ich bin noch jung ... findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch
bin? Obgleich Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: `O
Gott, Madame Grünlich, wie sind Sie alt geworden!´ Nun, man kann
unmöglich sein Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren
war ... das Leben nimmt einen natürlich mit ... Kurz, nein, ich werde
mich wieder verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue
vorteilhafte Partie wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?«

»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus
nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.«

Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung »Wie
es im Leben so geht ...« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben« hatte
sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen gab,
welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan ...

Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue
Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von
Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der
ja auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und
gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das
einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.

»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht,
Tony ...« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in
den anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine
Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit den
Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das
Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte.

Thomas Buddenbrook, noch ein wenig blaß, war eine auffallend elegante
Erscheinung. Es schien, daß diese letzten Jahre seine Erziehung durchaus
vollendet hatten. Mit seiner über den Ohren zu kleinen Hügeln
zusammengebürsteten Frisur, mit seinen nach französischer Mode sehr
spitz gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen
Schnurrbart und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt
machte seine Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das
bläuliche, allzu sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen
das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung
zum Schüttelfrost, die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte,
deutete an, daß seine Konstitution nicht besonders kräftig war. Was
Einzelheiten der Körperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die
Hände ... wunderbar echt Buddenbrooksche Hände! betraf, so war seine
Ähnlichkeit mit dem Großvater noch größer geworden.

Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und setzte
jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne Schriftsteller
satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen ... Nur bei dem
finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt für diese Neigung
Verständnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste.

Das hinderte nicht, daß der Stolz und das Glück, das der Konsul über
seinen ältesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rührung
und Freude begrüßte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als
Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit
größerer Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten
Madame Kröger, der am Ende des Jahres erfolgte.

Man mußte den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war
steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu
Gott, und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler
Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wünschenswertester Weise
verstärkten.

Eine weitere Folge dieses Sterbefalles war diejenige, daß des Konsuls
Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Händen hatte,
müde seiner beständigen geschäftlichen Mißerfolge, liquidierte und sich
zur Ruhe setzte. Justus Kröger, der Suitier, des _à la mode_-Kavaliers
lebensfroher Sohn, war kein sehr glücklicher Mensch. Er hatte, mit
seiner Kulanz und seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer
sicheren, soliden und zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen
können, er hatte einen bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im
voraus eingebüßt, und neuerdings kam hinzu, daß Jakob, sein ältester
Sohn, ihm schwere Kümmernisse bereitete.

Der junge Mann, der in dem großen Hamburg sich sittenlose Gesellschaft
gewählt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren eine
ungebührliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul Kröger
sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache und
zärtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen zukommen
ließ, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mißhelligkeiten entstanden.
Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als B.
Grünlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Kröger bei den
Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches
vorgefallen ... Ein Übergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden
... Man sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Kröger;
aber es hieß, daß Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden
habe und demnächst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt,
wurde er in der Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um
außer dem Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter
noch mehr zu erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jüngling von
ungesundem Aussehen.

Kurz, es war dahin gekommen, daß Konsul Justus, als ob er nur einen
Leibeserben besäße, ausschließlich von »meinem Sohne« sprach ... womit
er Jürgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig
gemacht, aber geistig allzu beschränkt erschien. Er hatte das Gymnasium
mit großer Mühe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo
er sich, ohne viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der
Jurisprudenz widmete.

Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle
Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer
Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste
Zuversicht in die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu
setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben,
der junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische
Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschäft nicht immer
hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche für die
Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag.
Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis
und bat eifrig um die Erlaubnis, »drüben«, das heißt in Südamerika,
vielleicht in Chile, eine Stellung annehmen zu dürfen. »Aber das ist
Abenteuerlust«, sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst während eines
vierten Jahres seine merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu
vervollständigen. Es wurden dann noch einige Briefe über seine Pläne
gewechselt, und im Sommer 1851 segelte Christian Buddenbrook in der Tat
nach Valparaiso, wo er sich eine Position verschafft hatte. Er reiste
direkt von England, ohne vorher in die Heimat zurückzukehren.

Abgesehen aber von den beiden Söhnen, bemerkte der Konsul zu seiner
Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefühle Tony
ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte ...
obgleich man hatte vorhersehen müssen, daß sie in ihrer Eigenschaft als
geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf
seiten der anderen Familien werde zu überwinden haben.

»Ha!« sagte sie, als sie mit gerötetem Gesicht von einem Spaziergang
zurückkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer ...
»Diese Möllendorpf, diese geborene Hagenström, diese Semmlinger, dieses
Julchen, dieses Geschöpf ... was meinst du wohl, Mama! Sie grüßt mich
nicht ... nein, sie grüßt mich nicht! Sie wartet, daß ich sie zuerst
grüße! Was sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Straße mit erhobenem
Kopfe an ihr vorübergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht
gesehen ...«

»Du gehst zu weit, Tony ... Nein, alles hat seine Grenzen. Warum
konntest du Madame Möllendorpf nicht zuerst grüßen? Ihr seid
gleichaltrig, und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es
warst ...«

»Niemals, Mama! O Gott, das Geschmeiß!«

»_Assez_, meine Liebe! So undelikate Worte ...«

»Oh, man kann sich hinreißen lassen!«

Ihr Haß gegen diese »hergelaufene Familie« wurde durch die bloße
Vorstellung genährt, daß die Hagenströms sich nun vielleicht berechtigt
fühlen könnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glück,
mit dem dies Geschlecht emporblühte. Der alte Hinrich starb zu Anfang
des Jahres 51, und sein Sohn Hermann ... Hermann mit den Zitronensemmeln
und der Ohrfeige, führte nun an der Seite des Herrn Strunck das glänzend
gehende Exportgeschäft fort und heiratete ein kurzes Jahr später die
Tochter des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit
seinem Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei
Millionen hinterlassen zu können. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner
Brustschwächlichkeit ein ungewöhnlich erfolgreiches Studium hinter sich
und ließ sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt für einen
hellen, schlauen, witzigen, ja sogar schöngeistigen Kopf und zog rasch
eine beträchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in
seinem Äußern, besaß aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lückenhafte
Zähne.

Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel
Gotthold fern den Geschäften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten
Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer
Blechbüchse Brustbonbons aß, denn er liebte sehr die Süßigkeiten ... war
seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer
milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschloß, daß er
angesichts seiner drei unverheirateten Töchter einige stille Genugtuung
über Tonys mißglückte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der
geborenen Stüwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben-
und achtundzwanzig Jahre alten Mädchen zu reden, so bewiesen sie für das
Unglück ihrer Cousine und den Scheidungsprozeß ein beinahe
übertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals für die
Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den »Kindertagen«,
die seit dem Tode der alten Madame Kröger Donnerstags wieder in der
Mengstraße abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen
gegenüber ...

»O Gott, du Ärmste!« sagte Pfiffi, die Jüngste, die klein und beleibt
war und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schütteln und
Feuchtigkeit in die Mundwinkel zu bekommen. »Nun ist es also
ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?«

»Ach, im Gegenteile!« sagte Henriette, die wie ihre ältere Schwester von
außerordentlich langer und dürrer Gestalt war. »Du bist sehr viel
trauriger daran, als wenn du dich überhaupt nicht verheiratet hättest.«

»Das muß ich sagen«, bestätigte Friederike. »=Dann= ist es ja
unvergleichlich viel besser, =niemals= zu heiraten.«

»O nein, liebe Friederike!« sagte Tony, indem sie den Kopf zurücklegte
und sich eine recht schlagkräftige und formgewandte Erwiderung
ausdachte. »Da dürftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein,
nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weißt du!
Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr
Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum
ersten Male zu tun.«

»Zo?« sagten die Kusinen einstimmig ... Sie sagten »Zo« mit einem Z, was
sich desto spitziger und ungläubiger ausnahm.

Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch
nur zu erwähnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem
roten Häuschen, am Mühlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl
junger Mädchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus
der Mode zu kommen; und auch das tüchtige alte Mädchen ward hie und da
in die Mengstraße auf einen Rehrücken oder eine gefüllte Gans gebeten.
Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte Tony gerührt,
ausdrucksvoll und mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. Was ihre
ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings
mit großer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys
Geschichte verstanden. Sie stieß bei immer unpassenderen Gelegenheiten
ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen
aus, so daß Sesemi sich beständig genötigt sah, auf den Tisch zu pochen
und »Nally!« zu rufen ...

Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul
Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen
hatte, verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur
dann und wann erinnert, wenn sie im Gesicht der gesund heranwachsenden
kleinen Erika diese oder jene Ähnlichkeit mit Bendix Grünlich bemerkte.
Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder über die Stirn
gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem
Bekanntenkreise.

Immerhin war sie recht froh, daß ihr Gelegenheit geboten wurde, jährlich
im Sommer die Stadt auf längere Zeit zu verlassen ... denn leider machte
das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig.

»Man weiß nicht, was es heißt, alt zu werden!« sagte er. »Ich bekomme
einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser
daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen ...
Was konnte man sich früher erlauben?« Auch litt er manchmal an
Schwindelanfällen.

Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach Kissingen,
man machte von dort aus sogar eine so bildende wie unterhaltende Reise
über Nürnberg nach München, durchs Salzburgische über Ischl nach Wien,
über Prag, Dresden, Berlin nach Hause ... und obgleich Madame Grünlich
wegen einer nervösen Magenschwäche, die sich neuerdings bei ihr
bemerkbar zu machen begann, in den Bädern gezwungen war, sich einer
strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als eine höchst
erwünschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht, daß sie sich
zu Hause ein wenig langweilte.

»Oh, mein Gott, weißt du, wie es im Leben so geht, Vater!« sagte sie,
indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete ... »Gewiß, ich habe
das Leben kennengelernt ... aber gerade darum ist es eine etwas trübe
Aussicht für mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu müssen wie ein
dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich nicht gern bei euch
bin, Papa ... ich müßte ja Schläge haben, es wäre die höchste
Undankbarkeit! Aber wie es im Leben so ist, weißt du ...«

Hauptsächlich aber ärgerte sie sich über den immer religiöseren Geist,
der ihr weitläufiges Vaterhaus erfüllte, denn des Konsuls fromme
Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde,
immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie
an dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren
stets im Buddenbrookschen Hause üblich gewesen; jetzt aber bestand seit
längerer Zeit das Gesetz, daß sich morgens und abends die Familie
gemeinsam mit den Dienstboten im Frühstückszimmer versammelte, um aus
dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen. Außerdem
mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von Jahr zu Jahr,
denn das würdige Patrizierhaus in der Mengstraße, wo man, nebenbei
bemerkt, so vorzüglich speiste, war in der Welt der lutherischen und
reformierten Geistlichkeit, der inneren und äußeren Mission längst als
ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen
gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein
paar Tage hier zu verweilen ... gottgefälliger Gespräche, einiger
nahrhafter Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken
gewiß. Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und
ein ...

Tom war viel zu diskret und verständig, um auch nur ein Lächeln sichtbar
werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie ließ es
sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lächerlich zu machen,
sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot.

Zuweilen, wenn die Konsulin an Migräne litt, war es Madame Grünlichs
Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Menü zu bestimmen. Eines
Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine
Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtückisch
Specksuppe an, das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem
Kraute bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken,
Kartoffeln, saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen,
Rüben und andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die
niemand auf der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran
gewöhnt war.

»Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor?« fragte Tony beständig ...
»Nein? O Gott, wer hätte das gedacht!« Und dabei machte sie ein wahrhaft
spitzbübisches Gesicht und ließ ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun
pflegte, wenn sie einen Streich erdachte oder ausführte, ganz leicht an
der Oberlippe spielen.

Der dicke Herr legte mit Ergebung den Löffel nieder und sagte arglos:
»Ich werde mich an das nächste Gericht halten.«

»Ja, es gibt noch ein kleines Apres«, sagte die Konsulin hastig ... denn
ein »nächstes Gericht« war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz
einiger Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mußte der
betrogene Geistliche, während Tony vor sich hin kicherte und Tom mit
Selbstüberwindung eine Braue emporzog, sich ungesättigt vom Tische
erheben ...

Ein anderes Mal stand Tony mit der Köchin Stina in häuslichem Gespräche
auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder einmal
während einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang zurückkehrte und
an der Windfangtür klingelte. Mit ländlich watschelnden Schritten ging
Trina zu öffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein leutseliges Wort an
sie zu richten und sie ein wenig zu prüfen, fragte freundlich: »Liebscht
den Herrn?« ... Vielleicht war er willens, ihr etwas zu schenken, wenn
sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte.

»Je, Herr Paster« ... sagte Trine zögernd, errötend und mit großen
Augen. »Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?«

Madame Grünlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit lauter
Stimme zu erzählen, so daß selbst die Konsulin in ihr pruschendes
Krögersches Lachen ausbrach.

Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder.

»Ein Mißverständnis ...« sagte Pastor Mathias verwirrt.


Elftes Kapitel

Was folgt, geschah im Spätsommer des Jahres fünfundfünfzig, an einem
Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saßen im Landschaftszimmer und warteten
auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der
Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem
Vergnügungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und
Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine
Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und
vielleicht, wenn das Wetter es erlaubte, eine Ruderpartie auf dem Flusse
unternehmen ...

»Mit Papa ist es zum Heulen«, sagte Tony, indem sie nach ihrer
Gewohnheit starke Worte wählte. »Kann er jemals zur festgesetzten Zeit
fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt ... und sitzt ... dies
und das =muß= noch fertig werden ... großer Gott, vielleicht ist es
wirklich notwendig, ich will nichts gesagt haben ... obgleich ich nicht
glaube, daß wir geradezu Bankerott ansagen müßten, wenn er die Feder
eine Viertelstunde früher weggelegt hätte. Gut ... wenn es schon zehn
Minuten zu spät ist, fällt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die
Treppen herauf, indem er immer zwei Stufen überspringt, obgleich er
weiß, daß er oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt ... So ist es vor
jeder Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen?
Kann er nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist
unverantwortlich. Ich würde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen
reden, Mama ...«

Sie saß, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa bei
der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter,
mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen
und steifem Tüll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer
Atlasschleife zusammengefaßt waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr
glattgescheiteltes Haar war unveränderlich rotblond. Sie hielt einen
Pompadour in ihren beiden weißen und zartblau geäderten Händen. Neben
ihr im Fauteuil lehnte Tom und rauchte seine Zigarette, während am
Fenster Klara und Thilda einander gegenübersaßen. Es war unfaßlich, wie
völlig erfolglos die arme Klothilde täglich so gute und reichliche
Nahrung zu sich nahm. Sie wurde beständig magerer, und ihr schwarzes
Kleid, welches überhaupt gar keinen Schnitt hatte, beschönigte diese
Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen, grauen Gesicht unter dem
glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade und poröse Nase, die
sich vorn verdickte ...

»Meint ihr, daß es =nicht= regnen wird!« sagte Klara. Das junge Mädchen
hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu erheben, und
sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem einzelnen ins
Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen, weißen,
gestärkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmückt. Sie saß
aufrecht, die Hände im Schoße zusammengelegt. Die Dienstboten fürchteten
sie am meisten, und sie hielt morgens und abends die Andacht ab, denn
der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im Kopf zu
verursachen.

»Nimmst du für heute abend deinen =Baschlik= mit, Tony!« fragte sie
wieder. »Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es
für richtiger, daß ihr euren Spaziergang verschiebt ...«

»Nein«, erwiderte Tom; »Kistenmakers kommen. Es macht nichts ... das
Barometer ist zu plötzlich gefallen ... Es gibt irgendeine kleine
Katastrophe, einen Guß ... nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig,
schön. Wir können ruhig warten, bis es vorüber ist.«

Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. »Du glaubst, daß ein Gewitter
kommt, Tom? Ach, du weißt, ich ängstige mich.«

»Nein«, sagte Tom. »Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitän Kloot
gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt bloß einen Platzregen ... nicht
einmal stärkeren Wind.«

Verspätete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei
Süd-Süd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt
gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte über den Giebeln
geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wüste; und nach
Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straßen Häuser und Bürgersteige
wie Öfen eine dumpfe Wärme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach
Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser plötzliche
Barometersturz stattgefunden ... Noch war ein großer Teil des Himmels
blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf,
dick und weich wie Kissen.

Tom fügte hinzu: »Ich finde auch, der Regen käme höchst erwünscht. Wir
würden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren müßten. Es ist
eine unnatürliche Wärme. Ich habe dergleichen in Pau nicht gehabt ...«

In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand,
ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen,
verbreitete einen Geruch von Stärke und Seife und sah sehr drollig aus.
Es hatte ganz die rosige Gesichtsfarbe und die Augen des Herrn Grünlich;
aber die Oberlippe war diejenige Tonys.

Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe weiß, obgleich sie kaum die
Vierzig überschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der
Onkel, welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreißig
Jahren schon weißes Haar gehabt; übrigens blickten ihre kleinen braunen
Augen treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei
Buddenbrooks und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie führte
die Aufsicht über Küche, Speisekammer, Wäscheschränke und Porzellan, sie
machte die wichtigeren Einkäufe, sie las der kleinen Erika vor, machte
ihr Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem
Paket von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf
dem Mühlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin
Buddenbrook oder ihrer Tochter: »Was für eine Mamsell haben Sie, Liebe!
Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!...
und sie wird mit sechzig und länger noch rüstig sein! Diese knochigen
Leute ... und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, -- Liebe!« Aber
Ida Jungmann hielt auch auf sich. Sie wußte, wer sie war, und wenn auf
dem Mühlenwall sich ein gewöhnliches Dienstmädchen mit ihrem Zögling auf
derselben Bank niederließ und von gleich zu gleich ein Gespräch beginnen
wollte, so sagte Mamsell Jungmann: »Erikachen, hier zieht's«, und ging
von dannen.

Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und küßte sie auf eine der
rosigen Bäckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lächeln
die Handfläche entgegenstreckte ... denn sie beobachtete ängstlich den
Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervös
auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwärts
zum Fenster.

Erika durfte sich neben die Großmutter setzen, und Ida nahm, ohne die
Rückenlehne zu benützen, auf einem Sessel Platz und begann zu häkeln. So
saßen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft
war dumpf. Draußen war das letzte Stück Blau verschwunden, und tief,
schwer und trächtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben
des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der
Möbel und der Vorhänge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide
spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und
der Wind, der Westwind, der eben noch drüben in den Bäumen auf dem
Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Straße in
kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war
einen Augenblick vollkommen still.

Da, plötzlich, trat dieser Moment ein ... ereignete sich etwas
Lautloses, Erschreckendes. Die Schwüle schien verdoppelt, die Atmosphäre
schien einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck
auszuüben, der das Gehirn beängstigte, das Herz bedrängte, die Atmung
verwehrte ... drunten flatterte eine Schwalbe so dicht über der Straße,
daß ihre Flügel das Pflaster schlugen ... Und dieser unentwirrbare
Druck, diese Spannung, diese wachsende Beklemmung des Organismus wäre
unerträglich geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks
länger gedauert hätte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Höhepunkt
eine Abspannung, ein Überspringen stattgefunden hätte ... ein kleiner,
erlösender Bruch, der sich unhörbar irgendwo ereignete und den man
gleichwohl zu hören glaubte ... wenn nicht in demselben Moment, fast
ohne daß ein Tropfenfall vorhergegangen wäre, der Regen
herniedergebrochen wäre, daß das Wasser im Rinnstein schäumte und auf
dem Bürgersteig hoch emporsprang ...

Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner Nerven zu
beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt, eine
Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette fortgeworfen. Er
sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefühlt und beachtet hätten.
Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den übrigen schien
nichts bewußt geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin in den dicken
Regen hinaus, der die Marienkirche völlig verhüllte, und seufzte: »Gott
sei Dank.«

»So«, sagte Tom. »Das kühlt in zwei Minuten. Nun werden draußen die
Tropfen an den Bäumen hängen, und wir werden in der Veranda Kaffee
trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.«

Das Geräusch des Regens drang stärker herein. Er lärmte förmlich. Alles
rauschte, plätscherte, rieselte und schäumte. Der Wind war wieder
aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn
und trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Kühlung.

Da kam Line, das Folgmädchen Line im Laufschritt durch die Säulenhalle
und fuhr so heftig ins Zimmer herein, daß Ida Jungmann beschwichtigend
und vorwurfsvoll ausrief: »Gott, ich sage!...«

Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre
Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens ...

»Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink ... ach Gottes nee,
wat heww ick mi verfiert ...!«

»Gut«, sagte Tony, »nun hat sie wieder Stücke gemacht! Wahrscheinlich
aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal ...!«

Aber das Mädchen stieß geängstigt hervor: »Ach nee, Ma'm' Grünlich ...
un wenn es dat man wier ... öäwer dat is mit den Herrn, und ick wollt
man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul
und kann nich reden und kiemt man immer bloß so, un ick glöw, dat geht
nich gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel ...«

»Zu Grabow!« schrie Thomas und drängte sie zur Tür hinaus.

»Mein Gott! O mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Hände neben
ihrem Gesichte faltete und hinauseilte ...

»Zu Grabow ... mit einem Wagen ... sofort!« wiederholte Tony atemlos.

Man flog die Treppe hinunter, durchs Frühstückszimmer, ins Schlafzimmer.

Aber Johann Buddenbrook war schon tot.



Fünfter Teil


Erstes Kapitel

»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm
Platz.«

Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner
ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er
zählte nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem
kleinen Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der
das Kinn frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige
Glatze waren sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein
breiter Trauerflor saß an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes.

»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es
besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun
verkauft ... an wen? Nicht etwa an =einen= Mann, sondern an zwei, denn
es wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer
hindurchgezogen, und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links
Kaufmann Sörenson eine Hundehütte ... nun, Gott befohlen.«

»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete
und zum Plafond emporblickte ... »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist
das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit
... die eigentlich überflüssig war ... aber das war das Vornehme. Der
große Garten ... bis zur Trave hinunter ... und das zurückliegende Haus
mit der Auffahrt, der Kastanienallee ... Nun wird es also geteilt.
Benthien wird vor der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und
Sörenson vor der anderen. Ja, ich sage auch `Gott befohlen´, Onkel
Justus. Es ist wohl niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu
bewohnen. Gut, daß Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt ...«

Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß
Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck
geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach
des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin
Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich
mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über
die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse
beteilige, und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den
Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt,
sei sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge,
dieser Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu
verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der
beiden Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten
Speisetisch brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen
vergoldeten Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine
Menge Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen
niemand wußte, wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.

Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit, und
obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so
herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand,
obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere
Tränen ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen
Familienrat, diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde
teilzunehmen gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu
beleben, ihren Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben ... Die
Konsulin dagegen, ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend
Trauerformalitäten und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus.
Ihr Gesicht, von den schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt,
erschien noch bleicher dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt.
In ihrem glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein
einziges weißes Fädchen zu sehen ... War auch dies noch die Pariser
Tinktur oder schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und
sie würde es nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.

Man saß am Ende des Speisetisches und wartete, daß Thomas und Herr
Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten
Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.

Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus ... ich
habe dich bitten lassen ... kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das
Kind. Mein lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die
Dirn noch während dreier Jahre bedarf, mir überlassen ... Ich weiß, du
liebst es nicht, mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast
Pflichten gegen deine Frau, gegen deine Söhne ...«

»Gegen meinen Sohn, Bethsy.«

»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir
vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters
im Himmel.«

Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus des
verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen ...

»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit
diesem Liebesamte verbunden ... Ich möchte dich bitten, die
Vormundschaft zu übernehmen.«

»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht
sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind ...«

Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit traurig
zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters Tode
fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen
Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und
Gottesfurcht.

Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich
beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige
wohlgesetzte Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der
Konsulin einen Kuß auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.

»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie
fühlt er sich in Wismar?«

»Gut«, antwortete Justus Kröger, indem er sich mit einem Achselzucken
wieder niedersetzte ... »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden.
Er ist ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber ... nachdem
ihm das Examen zweimal mißglückt, war es das beste ... Die Jurisprudenz
machte ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar
ist ganz akzeptabel ... Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?«

»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es
dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach
Jeans Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann
braucht er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß
kommen, ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean
würde es niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso
fahren läßt ... aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn
nicht gesehen habe! Und dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie
alle um mich haben in dieser schweren Zeit ... das ist natürlich für
eine Mutter ...«

»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die
Tränen.

»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist
Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters,
in Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten ... ach, ich bin
auch beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut ...«

Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den Saal.
Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger
Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit
Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes
Wort eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade
ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und
vorsichtig über seinen rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden
Schnurrbart zu streichen oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben,
wobei er seine runden, braunen Augen so bedächtig zur Seite wandern
ließ, daß er den Eindruck völliger Konfusion und Abwesenheit machte,
obgleich er stets aufmerksam prüfend bei der Sache war.

Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen
Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an
den Tag; aber er war bleich, und seine Hände im besonderen, an deren
einer nun der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß
wie die Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von
einer frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken
und kalt waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel
dazu neigten, eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen
Augenblicken, in gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten
Stellungen einen unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender
Empfindsamkeit und einer beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen,
einen Ausdruck, der den ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch
fein gegliederten Händen der Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war
und wenig zu ihnen paßte ... Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum
Landschaftszimmer zu öffnen, um die Wärme des Ofens, der dort hinter dem
schmiedeeisernen Gitter brannte, dem Saale zugute kommen zu lassen.

Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm, Herrn
Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony mit
erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in einer
Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede Bemerkung
über ihre Gegenwart unterdrückte.

»Also man darf noch nicht `Herr Konsul´ sagen?« fragte Justus Kröger ...
»Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?«

»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten ... sieh mal, ich
hätte das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer
Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung ... und dann
habe ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.«

»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch ... Vollkommen
_gentlemanlike_.«

»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und sie
reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die er
langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick
entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten ... Sie wissen, um was es
sich handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger
Mann hat in seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen,
Sie möchten nach seinem Heimgang Ihre treue, bewährte Kraft nicht länger
als fremder Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma
stellen ...«

»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte
ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche
in diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die
Mittel, welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu
geringe. Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als
Ihre und Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.«

»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit,
einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich
vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin,
indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn
die beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität.

»Kumpanie is Lumperie ... na, Sie beide werden den Schnack ja wohl
zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die
Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift
meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie
des Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?«

»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein goldnes
Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und, zurückgelehnt,
ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge
auseinanderzusetzen ...

Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen
beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift
seiner ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die
die Firma gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war
ein schwerer Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige
Jahr 55 mit ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht.
Aber der Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft
von 400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht,
volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach Kaufmannsart
beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen etwa
fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage gehalten
worden. Das Vermögen also betrug, abgesehen von jedem Grundbesitz, in
runder Zahl 750000 Mark Kurant.

Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem
Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die
Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit
einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und
dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen
konnte, welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch
reiche Leute?... während Herr Marcus sich langsam und anscheinend
zerstreut die Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte,
erfüllte ihn selbst diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und
treibenden Stolz, der sich beinahe wie Unmut ausnahm.

»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor
Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten ... »Großvater
hat in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt ... Und
welche Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups
hie und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige
Zersplitterung ... Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge;
verzeiht, wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne
der Firma rede und wenig familiär ... Diese Mitgiften, diese
Auszahlungen an Onkel Gotthold und nach Frankfurt, diese
Hunderttausende, die dem Betrieb entzogen werden mußten ... Und das
waren damals nur =zwei= Geschwister des Firmenchefs ... Genug, wir
werden zu tun bekommen, Marcus!«

Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die
Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte
die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das
Prestige der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren
wissen werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken
aus alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten
Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook
unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er ...

Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus
Kröger sagte:

»Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als
dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« --

Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und kleinen
Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle beteiligten,
und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er von Thomas
beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden Fürsten«
sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß ohne
weiteres bei der Krone«, sagte er.

Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß alles
nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau Elisabeth
Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze Vermögen im
Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er das
Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas
waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche
Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere.
Justus Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward:
»Die Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter
Klara im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner
inniggeliebten Frau« ... »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er
sich zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen
seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst.
Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.

»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten
Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß
bereits an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als
Aussteuer die Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten
werden ...« Frau Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste
die Arme nach vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie
blickte zur Decke empor, indem sie ausrief: »=Grünlich -- ha!=« Es klang
wie ein Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie
eigentlich, wie es sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie.
»Wir sitzen eines harmlosen Nachmittags im Garten ... vorm Portal ...
Sie wissen, Herr Marcus: unser Portal. -- Gut! Wer erscheint? Eine
Person mit einem goldfarbenen Backenbart ... Was für ein Filou!...«

»So«, sagte Thomas. »Wir reden nachher von Herrn Grünlich, nicht wahr?«

»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger
Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor
kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles
immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« ...

»Ja ...«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm
Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des
Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge ... Justus Kröger und
Herr Marcus blieben zum Abendbrot.


Zweites Kapitel

Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte
Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben
und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte,
mit der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines
Schwertfisches und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb
zerstreuter, halb verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin
entgegen.

Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach
seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um
auf dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander
auf dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die
Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie
umgaben ... vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des
kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen
Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.

Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die Platte
eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees am
Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie,
und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr
ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und
andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser
hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darüber
nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem
Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als
wollte er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch
nicht verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing
diesen Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in
Verlegenheit. Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und
wandte sich mit würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian
sichtlich erleichterte.

War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott und
dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der
unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und
gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks
zu sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle
empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer
Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater
den Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu
sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch
geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten
Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen
Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die Charaktereigenschaften
und die Person des toten Vaters zu feiern liebte. Solchen Ausbrüchen
gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes Schweigen, ein
zurückhaltendes Kopfnicken ... und gerade dann, wenn niemand des
Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne daß sein
Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit Tränen.

Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und kindlichen
Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung zu
bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das
Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit
einem leisen und gequälten: »Gott ... Tony ...«, wobei seine große Nase
in unzählige Fältchen gezogen war.

Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch
sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die
undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle, sondern auch die
Gefühle selbst fürchtete und mied.

Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen sehen.
Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige aber
war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen
derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein
beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen
Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu
lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten.

»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male ... »Was schrie das
Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?... Er sah also ganz gelb aus?...
Und hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?... Was sagte das
Mädchen? Wie hat er nur noch machen können? `Ua ... ua´?...« Er schwieg,
schwieg lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen
schnell und gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »=Gräßlich=«, sagte er
plötzlich, und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er
aufstand. Und immer mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und
nieder, während Tony sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus
unbegreiflichen Gründen zu schämen schien, wenn sie laut den Vater
betrauerte, mit einer Art schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die
Todeslaute desselben wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von
Line, dem Mädchen, erfragt hatte ...

Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich.
Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den
Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf
und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet.
Sein Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine
starke Krümmung nach außen ... Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt
ihn am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso
am meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze
Erscheinung etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es
lag etwas davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff
seines Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in
der Art, wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem
Ausdruck ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem
matten und porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten
mit ihren rund und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen
Gründen einen englischen Eindruck.

»Sage mal ...« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl ... es ist
schwer zu beschreiben ... wenn man einen harten Bissen verschluckt und
es tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine
ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.

»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen
Schluck Wasser ...«

»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir
dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
Gesichte hin und her ...

Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer
abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft
stundenlang in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem
Stadttheater ... ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde ...

»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben
gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt
nicht darum.«

Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu
sprechen ... »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin!
Schon das Wort `Theater´ macht mich geradezu glücklich ... Ich weiß
nicht, ob jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang
stillsitzen und den geschlossenen Vorhang ansehen ... Dabei freue ich
mich wie als Kind, wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen
... Schon das Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater
gehen, nur um =das= zu hören!... Besonders gern habe ich die
Liebesszenen ... Einige Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des
Liebhabers so zwischen beide Hände zu nehmen ... Überhaupt die
Schauspieler ... ich habe in London und auch in Valparaiso viel mit
Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich wahrhaftig stolz, mit ihnen so
im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu können. Im Theater achte ich auf
jede ihrer Bewegungen ... das ist sehr interessant! Einer sagt sein
letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und geht ganz langsam und
sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er weiß, daß die Augen
des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen ... wie man das kann!...
Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter die Kulissen zu
kommen -- ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann ich sagen.
Stellt euch vor ... in einem Operettentheater -- es war in London --
ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand ...
Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose ... einem Fräulein Watercloose
... ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der
Zuschauerraum ... mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne
heruntergekommen bin!«

Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er
sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer
Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen
Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »_That's Maria_«!
gesungen habe ... »_Maria_, wißt ihr, _Maria_ ist die Schändlichste von
allen ... Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: _that's Maria!_
_Maria_ ist die =Allerschlimmste=, wißt ihr ... das Laster ...« Und das
letzte Wort sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase
krauste und die rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob.

»_Assez_, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns
durchaus nicht.«

Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte
auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein
tiefes, unruhiges Nachdenken über _Maria_ und das Laster versunken.

Plötzlich sagte er: »Sonderbar ... manchmal kann ich nicht schlucken!
Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt
ein, daß ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es
wirklich nicht. Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der
Hals, die Muskeln ... es versagt ganz einfach ... Es gehorcht dem Willen
nicht, wißt ihr. Ja, die Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich
zu wollen.«

Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes Zeug!
Du wagst nicht, schlucken zu wollen ... Nein, du machst dich ja
lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles ...!«

Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven,
Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima
drüben hätte dich noch krank gemacht.« --

Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale
stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins
Zimmer; dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus
nicht spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten
Buddenbrooks, begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten,
vollführte wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach
oben und griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten
... Selbst Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von
Leidenschaft und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die
den burlesken und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug
und weit entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er
selbst fühlte sich allzu wohl und sicher darin.

»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe es
gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!... Ja,
es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«

Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz
unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine
Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand
durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb
dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem
Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch.

... »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte Madame
Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein waren ...
»Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail, dünkt mich
... oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so
fremdartigen Seite an, wie?...«

»Ja«, sagte Tom, »ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony.
Christian ist herzlich indiskret ... es ist schwer, es auszudrücken. Ihm
fehlt etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht
nennen kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten
anderer Leute gegenüber die Fassung zu bewahren ... Er ist dem nicht
gewachsen, er versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar
die Contenance ... Aber andererseits kann er auch in =der= Weise die
Contenance verlieren, daß er selbst in das unangenehmste Ausplaudern
gerät und sein Intimstes nach außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu
unheimlich an. Ist es nicht, wie wenn einer im Fieber spricht? Dem
Phantasierenden fehlt in ganz derselben Weise die Haltung und die
Rücksicht ... Ach, die Sache ist ganz einfach die, daß Christian sich zu
viel mit sich selbst beschäftigt, mit den Vorgängen in seinem eignen
Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre Manie, die kleinsten und
tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und auszusprechen ...
Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht bekümmert, von
denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil
er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so viel Schamlosigkeit
in solcher Mitteilerei, Tony!... Siehst du: auch ein anderer Mensch als
Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er wird es mit einem
anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen. Christian aber
sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine Schwärmerei für die
Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und Interessantes? Er kämpft
mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach, etwas ausbündig
Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu bringen ...«

»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er
seine Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf ...
»Ich selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige
Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher
ebenfalls dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren,
untüchtig und haltlos macht ... und die Haltung, das Gleichgewicht ist
für mich meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die
zu diesem Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer
Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben
mit Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die
Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache
Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt
unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von
Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß wir
manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen ... Ach, wir sollen uns
hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas
geleistet haben ...«

»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese
Hagenströms sich immer mehr aufnehmen ... O Gott, das =Geschmeiß=, weißt
du ... Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig
richtige. Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen
Familien mehr gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß
laut lachen ...!«


Drittes Kapitel

Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei dessen
Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte ihm
während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige
Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen
und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier
befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im
Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und
amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung
gab ...

Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen
arbeiten, mein Junge?... Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im
Einverständnis, nicht wahr?... Na, wie du weißt, ist Marcus mein
Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten Vermögen
entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder, ungefähr
seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung ...
wenigstens repräsentativ ... Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß
ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten
sind. Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?...
Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am
meisten zusagen ... Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber!
In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natürlich
tatsächlich unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein
... aber ich brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel
mehr durch Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst,
als indem du von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst.
Also die Kontorstunden innehalten und immer die _dehors_ wahren,
wie?...«

Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den
Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen
und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen
Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.

Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und Christians
Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann ...

Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen
und soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, daß, seitdem
Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt, ein genialerer, ein
frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und
da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter
dem früheren _régime_ eigentlich bloß ein Begriff, eine Theorie, ein
Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und ausgenützt ...
Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook will mit
_avec_ Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz gut,
daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine
Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus'
Einfluß bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er
strich mit zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit
peinlicher Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser
zurecht, das stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit
abwesendem Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die
Gewohnheit, fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den
Hof und in die Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den
Strahl der Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.

»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser
zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter
Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien
wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran,
wie der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde ... Auch Herr
Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den
ersten Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k
di man vertellen!«

Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel,
war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon
darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den
Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten
und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit
Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer
Entfernung zu halten ... Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen
Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig
unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu
lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit
überließ.

Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den Glanz zu
wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte es
überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen,
denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten,
seiner gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche
manch gutes Geschäft verdankte.

»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan
Kistenmaker -- von »Kistenmaker & Söhne« -- seinem ehemaligen
Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und
der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung
weiterzugeben ... »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist =mein=
Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu
erkämpfen ist ... wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der
Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein ... Ich habe stets das
Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und Geste
zu dirigieren ... ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens,
meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu
beherrschen. Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies
persönliche Eingreifen des Kaufmannes ... Die Zeit schreitet fort, aber
sie läßt, wie mich dünkt, das Beste zurück ... Der Verkehr erleichtert
sich immer mehr, die Kurse sind immer schneller bekannt ... Das Risiko
verringert sich und mit ihm auch der Profit ... Ja, die alten Leute
hatten es anders. Mein Großvater zum Beispiel ... er kutschierte
vierspännig nach Süddeutschland, der alte Herr mit seinem Puderkopf und
seinen Eskarpins, als preußischer Heereslieferant. Und dann scharmierte
er umher und ließ seine Künste spielen und machte ein unglaubliches
Geld, Kistenmaker! -- Ach, ich fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine
immer banalere Existenz wird, mit der Zeit ...«

So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten
Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange
vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt
fühlte, plauderte und leichthin, _en passant_, in guter Laune, einen
guten Kontrakt mit ihm abschloß ... Dergleichen lag seinem Sozius fern.

... Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem
Eifer und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich
ausnehmend wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während
mehrerer Tage eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu
rauchen und seine Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben,
die seiner behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr
gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus
und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel
Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las
er die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu
Ende rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen
alten Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu
verschaffen, sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den
Zähnen umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen
Briefe waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das
Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos
dahinplätschernd, so schrieb er es auch.

Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die
ihn erfüllte.

»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender Beruf!«
sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich ... ich bin wahrhaftig
ganz dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt ihr ...
kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins
Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und
wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein
bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich
aus, und dann geht's wieder an die Arbeit ... Man schreibt, man hat
gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder ... Lineal,
Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich ... und damit
erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis
man schließlich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man
zum Abendbrot hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden ...
jedes Glied fühlt sich zufrieden ... die Hände fühlen sich
zufrieden ...!«

»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände
fühlen sich zufrieden ...«

»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine ...« Und ereiferte sich
in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären ... »Man schließt
die Faust, weißt du ... sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist
müde von der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht ... sie ärgert einen
nicht ... Sie fühlt sich selbst gut und behaglich an ... Es ist ein
Gefühl von Selbstgenügsamkeit ... Man kann ganz stillsitzen, ohne sich
zu langweilen ...«

Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen
Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet,
damit ...« Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe
andere Ziele dabei vor Augen«, fügte er hinzu.

Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er befand
sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus Valparaiso
zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er persönlich
zugegen gewesen war ... »Aber da reißt der Kerl das Messer heraus -- --«
Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an denen Christian
reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich amüsierte, während
die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und Mamsell Jungmann
nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas stets ohne Beifall
aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen Bemerkungen zu
begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als glaube er, daß
Christian übertreibe und blagiere ... was sicherlich nicht der Fall war;
aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht gern, daß
sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als
er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der
exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?...
Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die Ablehnung seiner
Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er selbst war
allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als daß er auf
Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er geendet
hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.

Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander mit der
Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht
derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen
seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein
Urteil, eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit
stillschweigender Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er
die Überlegenheit, den größeren Ernst, die größere Fähigkeit,
Tüchtigkeit und Respektabilität des Älteren anerkannte. Aber gerade
diese unbegrenzte, gleichgültige und kampflose Unterordnung reizte
Thomas, denn Christian ging bei jeder Gelegenheit leichten Herzens so
weit darin, daß es den Anschein gewann, als lege er überhaupt gar keinen
Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit, Respektabilität und Ernst.

Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr und
mehr mit stillem Unwillen entgegenkam ... wozu derselbe Gründe hatte, denn
leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der ersten
Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu verringern.
Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur Arbeit,
die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude
ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und
Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich
über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz
von selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden
hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner
Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen,
daß er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spät, zuweilen erst
abends, zuweilen auch gar nicht zurückkehrte ...

Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten, besaß
im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable Lokalitäten,
woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen und oft nicht
ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab eine Roulette.
Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul Kröger und
selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder, und der
Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So
drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors,
sich aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als
Rechtsanwalt niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für
einen ziemlich wüsten Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in
erneuerter Freundschaft anschloß.

Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde,
Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder
befreundet war -- denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus
Stengel --, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder
Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so
kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat
gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten
Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte
englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab
in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus
verschiedenen Gegenden zum besten -- denn kein Zweifel: Christian
Buddenbrook war ein »Suitier« --, er berichtete Abenteuer, die er auf
Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald
erlebt hatte ... Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß,
mit leicht klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos
wie ein englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes,
der in einer Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt
worden und obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe
der Anekdote bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik.
Und wenn dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß
er selbst, mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen
Halse und seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen
unruhigen und unerklärlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner
mageren, nach außen gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen ...
Beinahe schien es, als lache man auf seine Kosten, als lache man über
ihn ... Aber daran dachte er nicht.

Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in
Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von
einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem Bummelanten,
einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich, niemals hatte
arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann gewesen sei
... »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef kommt ins
Kontor ... wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und rauchen
Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber Gott!
`Nun´, sagt der Chef, `Sie arbeiten nicht, meine Herren?!´ ... `_No,
Sir!_´ sagt Johnny Thunderstorm. `Wie Sie sehen, Sir!´ Und dabei blasen
wir ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!«

»Warum sagst du eigentlich fortwährend `Du lieber Gott´?« fragte Thomas
gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte, daß
Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil
sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu
sprechen.

Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über.

Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin Buddenbrook,
geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und verachten; das kommt
vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht davon. Man
vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.


Viertes Kapitel

Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold Buddenbrook, nun
sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von Herzkrämpfen befallen ward
und in den Armen seiner Gattin, der geborenen Stüwing, eines schweren
Todes starb.

Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenüber seiner nachgeborenen
und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame Antoinettens, im
Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit seinem Geschicke
beschieden und in den letzten Jahren, besonders nachdem ihm sein Neffe
das niederländische Konsulat überlassen, ganz ohne Ranküne aus seiner
Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten Familienzwist in Form
einer allgemeinen und unbestimmten Animosität hegte und bewahrte, das
waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und beschränkte Gattin nicht
sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder die Konsulin, noch
Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges Flämmchen in den Augen
anzublicken vermochten ...

Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier Uhr,
fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um dort zu
Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen -- manchmal erschienen auch
Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer ungelehrten Schwester --
und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße mit
ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys verflossene Ehe brachten, um
Madame Grünlich zu einigen großen Worten zu veranlassen und sich dabei
kurze, spitzige Blicke zuzusenden ... oder wo sie allgemeine
Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige Eitelkeit es doch
sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende Erkundigungen
über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie gaben der
armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die sich in
der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu kosten,
der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und
hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und
erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras
Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit
Thomas sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei
Dank, nicht zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein
lächerlicher Mensch. Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine
Schwäche erfindlich war, und der ihnen seinerseits mit einem
nachsichtigen Gleichmut entgegenkam, welcher andeutete: Ich verstehe
euch, und ihr tut mir leid ... so behandelten sie ihn mit leicht
vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig und
wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in
beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi,
indem sie sich schüttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum
Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger
Grünlich aufmerksam machte ...

Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters,
und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der
Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote
dorthin entsandt.

Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und
da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte,
machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus.

Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen
des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen
im Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den
Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas
weichlichen Zügen und den weißen Koteletts ...

»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast
es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen ...
Aber das ist nötig ... Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag
bereits einen Laden geheiratet ... Die _dehors_ wahren!... Wolltest du
es überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst
und wohl glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein
Geist wenig Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der
jemanden befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender,
befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen
alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu
Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab,
obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben
und zu heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold.
Freilich, der alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn,
indem man einer Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine
eigene Person in einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig
macht ... Dachtest du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und
schere mich um keine praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram
und Pfahlbürgertum?... Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet
genug, um recht gut zu erkennen, daß die Grenzen, die unserem Ehrgeize
gesteckt sind, von außen und oben gesehen nur eng und kläglich sind.
Aber alles ist bloß ein Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du
nicht, daß man auch in einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann?
Daß man ein Cäsar sein kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee?
Freilich, dazu gehört ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus ... und
den besaßest du nicht, was du auch von dir selbst gedacht haben magst.«

Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und blickte,
die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten Gesicht,
zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen Fassade des
Rathauses hinüber.

                   *       *       *       *       *

Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich
niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines
Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs
maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen,
Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der Mengstraße
unter dem »_Dominus providebit_« zu sehen.

Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben
Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach
Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen
werde.


Fünftes Kapitel

Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung
hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin
Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene
hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt
gewesen war.

Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und
rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt
war, das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, daß
sie, die schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie
alterte, mit seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine
fromme Weltanschauung vollends zu der ihren machte.

Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des
Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der
eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und
Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die Familie
versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der
Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen
Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus
dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin
spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und
Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser
Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe,
deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig
widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.

Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den Thomas
bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die Übungen
erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden. Was Madame
Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig korrekt
dabei. Eines Morgens -- es war gerade ein fremder Prediger bei
Buddenbrooks zu Gast -- war man genötigt, zu einer feierlichen,
glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:

    »Ich bin ein rechtes Rabenaas,
    Ein wahrer Sündenkrüppel,
    Der seine Sünden in sich fraß,
    Als wie der Rost den Zwippel.
    Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
    Wirf mir den Gnadenknochen vor
    Und nimm mich Sündenlümmel
    In deinen Gnadenhimmel!«

... worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich
warf und den Saal verließ.

Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von
ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am
Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der
Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der
Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen
Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem
semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das
helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht
mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die Konsulin
Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem schwarzem
Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch weißeren
Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas
Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte.

Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte außer
Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen. Einmal
wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim Scheine
von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter standen, wo
es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel umzusehen,
tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und Pudding,
lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten
Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden
und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.

Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der
Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals,
die Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm
an, während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt
waren, wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch
die Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin
Buddenbrook, geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer
ungelehrten Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang
und kein Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere
und seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges
Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im
Heiligen-Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres
Geschlechtes war ... »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich
wehmütig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um
sich zu krauen.

Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein
Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus
dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen
Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie
hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt
abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie
lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen ... »Liebe!«
bemerkte die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen
schämte, »Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett ...
Man muß auf sich halten ...« Aber dann küßten sie ihre elegante
Freundin, welche die Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn
... mit der ganzen nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen
Überlegenheit des Geringen über den Vornehmen, der das Heil sucht. Es
waren keineswegs dumme Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen,
verschrumpften Papageiköpfen saßen blanke, sanft verschleierte braune
Augen, die mit einem seltsamen Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt
schauten ... Ihre Herzen waren voll von wunderbaren und geheimnisvollen
Kenntnissen. Sie wußten, daß in unserer letzten Stunde all unsere zu
Gott vorangegangenen Lieben in Sang und Seligkeit kommen, uns abzuholen.
Sie sprachen das Wort »der Herr« mit der Leichtigkeit und
Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des Meisters eigenem Munde
noch das »Über ein Kleines, so werdet ihr mich sehen« vernommen haben.
Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über innere Lichter und
Ahnungen, über Gedankenübertragung und -wanderungen ... denn Lea, die
eine von ihnen, war taub und wußte gleichwohl fast immer, wovon die Rede
war.

Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den
Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und
ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches
lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in
Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn
enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein
wenig hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der
Wind sich im Ofenrohre verfängt:

    »Will Satan mich verschlingen ...«

Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl verschlingen!
Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und dachte
darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde wie die
beiden Fräulein Gerhardt.

Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über
die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls
sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause
allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere
Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester
hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser
fressen und lange Gebete vorwenden.

Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau,
die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie
sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben.
»Mutter!« sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles
nachsagen ... gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch
aussprechen, und ich würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht
gelehrt hätte, nämlich, daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und
`Herr, Herr!´ sagen, immer ganz makellos sind!«

Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt,
die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber
hatte gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit
krauser Nase zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre
Kopie zu liefern ...

Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu
leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein
Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien
gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt
herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge
zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken
sich eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen ...
Ach! er hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer
Redegewandtheit gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und
man sah, wie ihr Hirn arbeitete. Dann aber kam es: »=Darf ich Sie
bitten, mein Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu bekümmern?!=«
... Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein wenig emporzog,
den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken
suchte. -- Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig Haupthaar, ja, sein
Schädel war nackt zu nennen!

Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke
nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil
er allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu
weinen begann ... Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht,
rote Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn
Tage lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die
Wette aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in
Tony ... nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre
Oberlippe, ihr starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende
Gestalt! Und dieser Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder
besaß, entblödete sich nicht, durch den Bedienten Anton in Madame
Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stock einen Brief niederlegen zu
lassen, der aus Bibelextrakten und einer sonderbar anschmiegsamen
Zärtlichkeit wirksam gemischt war ... Sie fand ihn beim Zubettegehen,
sie las ihn und ging festen Schrittes die Treppen hinunter ins
Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin, woselbst sie ihrer
Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des Seelsorgers völlig ungeniert
und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-Trieschke fortan in der
Mengstraße unmöglich war.

»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich ... »Ha! so sind sie alle! O
Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben
hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous
... ja, das ist leider wahr. =Grünlich -- --!=« Und der Name klang wie
eine Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen
Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ.


Sechstes Kapitel

Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit großem Kopfe und
trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und
dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten
hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl
ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß,
äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und
oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner
platter Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und
seine grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde
umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise
erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe
herausspringen ...

Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre in
Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner
Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte.
Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in
der Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen
hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer
seines Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte,
zu Gaste geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten
Stockwerk am Korridor.

Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage,
und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz
und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die
»Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom
nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von
seiner Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben
aufforderte, verzog er aufs neue.

Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-Trieschke.
Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens gebrannte
Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto aufmerksamer aber
beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und ernsthafteren
Schwester. In =ihrer= Gegenwart, wenn =sie= sprach, ging oder kam,
konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise
erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast
heraussprangen ... und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf,
indem er geistliche und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr
vorlas ... mit seiner hohen, sich überschlagenden Stimme und in der
drollig hüpfenden Aussprache seiner baltischen Heimat.

Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau
Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer
Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!«

»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so
oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm
hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner
Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab
sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei
Gott sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu
Riga als Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches
einstmals ihm selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens
sichere sein Amt ihm ein hinreichendes Einkommen.

Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre und
war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und
dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen
Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen,
schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher
Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und
ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich
gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal zu
»etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie
ererbt, sich irgendwo in Pension zu begeben ... Von Thildas gedehnter,
geduldiger und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im
Gegenteil eignete ihr im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren
Geschwistern und ihrer Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre
Altstimme schon, die sich nur mit Bestimmtheit zu senken, nie aber
fragend zu heben verstand, trug einen befehlshaberischen Charakter und
konnte oft eine kurze, harte, unduldsame und hochfahrende Klangfarbe
annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an Kopfschmerzen litt.

Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hüllte, mit
unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von
gleicher Rangstufe mitgemacht ... Die Konsulin betrachtete sie, und sie
konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und
Klaras häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu
verehelichen. Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen
Kaufherren ihrer Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich
an der Seite des ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und
da dieser Gedanke die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors
Tiburtius zarte Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und
freundliches Entgegenkommen.

Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer Präzision.
An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die Familie einen
Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda, Erika
Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius zogen
weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien an
Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach
der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum
Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen
Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.

Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er,
sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden
Schultern, hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen
Kopfe genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die
Stirn trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit
ihr, in dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit
ernster und ruhiger Stimme ein Ja sprach.

Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und
erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius
-- draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags -- zu ihr
in den sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und
sanftes Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber
Herr Pastor ... Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und
Sie Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie
versichern. Wer hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem
Hause so wunderbar gesegnet sein werde!... Ich will heute mein letztes
Wort noch nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem
Sohne, dem Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im
Auslande befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga
ab, um Ihr Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an
die See zu begeben ... Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen,
und der Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.«


Siebentes Kapitel

                                     Amsterdam, den 20. Juli 56.
                                         Hotel »Het Haasje«

Meine liebe Mutter!

Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile ich
mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die
darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung
einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern
füge auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß
Ihr, Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne
Name Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit
dem Alten in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in
angenehme Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem
Temperamente zusagen.

Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August
noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann bei
uns in der Mengstraße -- munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn
Ihr wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh
erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches
allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine
ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen
gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur
Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß
ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in
betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurückempfange! Drei harte
Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber
dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest ...
Aber ich will zur Sache reden.

Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal,
inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen
zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer
neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit
Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in
erwünschter Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der
Stadt, war ich, obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden,
auch gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe
kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht,
und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala
werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der
Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu
Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich ... habt Ihr Lust zu
raten? Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige
Pensionsgenossin, deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch
größere Geigenvirtuos, sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte
ebenfalls zugegen waren.

Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda -- gestattet, daß ich mich
bereits ausschließlich des Vornamens bediene -- schon als ganz junges
Mädchen, als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur
Schule ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich
gemacht hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter,
schöner, geistreicher ... Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm
ausfallen könnte, die Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald
von Angesicht zu Angesicht werdet schauen können!

Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu einem
guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der Suppe
das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und fesselnderen
Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart halten, denn
wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon; aber in der
niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in der
Literatur verstanden wir uns durchaus.

Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische ließ ich mich dem alten
Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit
entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und
auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich
ich keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem
Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem
beinahe die Tränen in die Augen traten.

Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich
wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich
mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir
plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal
noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu
verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony, von
unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede ...

Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese
oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines
Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu einer
kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren
Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und
sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde ... und
nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen
begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu
werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«,
sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem
Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie
hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit
aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt,
als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu
einiger Hoffnung gegeben habe.

Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er
hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich
bin der Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung
perfekt.

Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen
schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise
ich ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns,
der Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August
besuchen werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß
dies die Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand
darin, daß Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals
angenommen haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem
Kreise Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.

Und was die »Partie« betrifft?... Ach, ich ängstige mich beinahe davor,
daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann und
Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn man
von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist
Millionär ... Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel
Halbes in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda
Arnoldsen mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief
genug in mich selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern
die hohe Mitgift, die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in
ziemlich zynischer Weise ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus
beigetragen hat. Ich liebe sie, aber es macht mein Glück und meinen
Stolz desto größer, daß ich, indem sie mein eigen wird, gleichzeitig
unserer Firma einen bedeutenden Kapitalzufluß erobere.

Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des
Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück
werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir
einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die
Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.

                            In treuer Liebe
                                            Dein gehorsamer Sohn
                                                     T.


Achtes Kapitel

In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen Hochsommer
im Buddenbrookschen Hause.

Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und besuchte,
gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in Anspruch
genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während Christian
sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte über
einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow
durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto
eingehender nachdachte ...

»Es ist kein Schmerz ... so kann man es nicht nennen«, erklärte er
mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine
große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine
fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein ... und an der
linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt ... Sonderbar ... ich
finde es sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom ...«

»Ja, ja ...« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder ...«

Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft
Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in
den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und
einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.

Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in
Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe ... »Good'n
Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor
Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her,
öäwer dat wier ne verdammt nette Tied ... Un uns Morten, de is nu all
lang Dokter in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis,
der Bengel ...« Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und
sie vesperten in der grünen Veranda wie ehemals ... nur daß alle um
volle zehn Jahre älter waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta,
die den Ortsvorsteher von Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der
Kommandeur, schon ganz weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß
seine Frau in ihrem Netze ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame
Grünlich keine Gans mehr war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was
sie aber nicht hinderte, eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie
sagte: »Das ist reines Naturprodukt; da weiß man doch, was man
verschluckt!«

Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten anderen
Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick, wo,
fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von
Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen.

Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine
Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit
ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda,
die mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt,
war hoch und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren
nahe beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten
umlagerten Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd
zeigte, ihrer geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten
Munde war dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten,
fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war
mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die
Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und
ihr die schneeige, makellose Stirne küßte ... »Ja, nun heiße ich dich
willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne,
gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen ... sehe
ich es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem
rechten Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen.

Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und
geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die
Gäste aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im
Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr
Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit
grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung, seine
ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn, ein
eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in den
Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen Räumen
zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock ...

Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige
Geistliche im elterlichen Hause war ... sie war mehr als froh! Die
Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre
Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den
Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000
Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was
die Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu
sagen würden ... das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand
beständiger Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten
umarmte sie ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft ...

»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer
geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer
gehaßt, aber ...«

»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich
wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir
eigentlich Greuliches angetan hast?«

Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus
übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch
dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits -- und
ihre Augen füllten sich mit Tränen -- diesen Haß stets mit Liebe
vergolten habe. Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das
hast du gut gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß
=Vater= dies nicht mehr erlebt ... es ist zum Heulen, weißt du! Ja,
hiermit wird manches ausgewetzt ... nicht zuletzt die Sache mit jener
Persönlichkeit, deren Namen ich nicht gern in den Mund nehme ...« Worauf
es ihr einfiel, Gerda in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze
Ehe mit Bendix Grünlich in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen.
Auch plauderte sie lange Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren
abendlichen Gesprächen damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg
und Eva Ewers in München ... Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung
mit Klara bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden
trachteten auch nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und
sprachen sanft und ernst von einer schönen Zukunft.

Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so wurden
die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda Arnoldsen aber
war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre Person bildete
den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub, im
Stadttheater, in Gesellschaft ... »Tipptopp«, sagten die Suitiers und
schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische Ausdruck
für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine Rotweinmarke,
um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche Bonität. Aber unter
den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren viele, die den Kopf
schüttelten ... »Sonderbar ... diese Toiletten, dieses Haar, diese
Haltung, dieses Gesicht ... ein bißchen reichlich sonderbar.« Kaufmann
Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was Gewisses ...«, und
dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie wenn ihm an der
Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war Konsul Buddenbrook
... es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser Thomas
Buddenbrook, ein bißchen ... anders: anders auch als seine Vorfahren.
Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß er nicht nur
seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke -- und er besaß
deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen, Beinkleider
und Krawatten -- ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog. Man wußte
sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das Hemd
wechselte und sich das Taschentuch und den _à la_ Napoleon _III._
ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der
Firma und der Repräsentation zuliebe -- das Haus »Johann Buddenbrook«
hatte das nicht nötig --, sondern aus einer persönlichen Neigung zum
Superfeinen und Aristokratischen ... wie sollte man das ausdrücken,
Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern,
die er manchmal bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen
oder städtischen Fragen in seine Rede einfließen ließ ... Und nun diese
Frau ... Nein, auch an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein
bißchen was Gewisses« -- -- was selbstverständlich mit jederlei Respekt
bemerkt werden sollte, denn die Familie war hoch achtbar, und die Firma
war von höchster Bonität, und der Chef war ein gescheuter,
liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr sicher noch
erfolgreich dienen würde ... Und es war ja auch eine höllisch feine
Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant ... Indessen ... Und
unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz einfach
»=albern=« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen sehr
harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.

Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut,
Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte,
das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der
»Schiffergesellschaft«, indem er sein Punschglas emporhielt und sein
Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte ... »Welch ein Weib,
meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person
... Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und
keiner der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten
Holzbänken des alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen
Fischen, die von der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen
tranken, keiner verstand, welches Ereignis das Erscheinen Gerda
Arnoldsens in dem bescheidenen und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen
Leben des Maklers Gosch bedeutete ...

Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die
kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut
miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der
seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die
Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war,
und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden
sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum Sekretär
im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den
Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits
vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der
Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits so
sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:

    »Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
    Sich vor unsrem Blick verband:
    Venus Anadyomene
    Und Vulcani fleiß'ge Hand ...«

wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe
spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs
das Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer
Persönlichkeit, deren Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund
nahm ...

Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus Kröger kam
mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte, weil sie
selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob Geld über
Geld sandte ... sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde und aß
mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrütze, da war nichts zu
machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, die denn
doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten, daß Erika
Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater, dem
Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut eine
=ziemlich= auffällige Frisur trage ... Und auch Sesemi Weichbrodt kam,
stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem
Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!«

Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und
phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man
den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer
Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit ... aber auch Gerda holte
ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit
ihrer süßen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse
Duos, im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo
einstmals des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der
Flöte geblasen hatte.

»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß
... »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und
gewichtig, mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften
und aufrichtigen Empfindungen auszudrücken ... »Nein, wißt ihr, wie es
im Leben so geht ... nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil!
Mir hat der Himmel dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in
mancher Nacht darum angefleht ... Ich bin eine Gans, ein dummes Ding ...
Ja, Gerda, laß dir sagen ... ich bin die Ältere und habe das Leben
kennengelernt .... Du solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien
dafür danken, ein solch gottbegnadigtes Geschöpf zu sein ...!«

»... Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen,
breiten Zähne.

Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste Zukunft
das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am Ende des
Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden Sievert
Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren. Gleich nach
der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit allem Aufwand
gefeiert werden, während die Hochzeit in Amsterdam, der »bei Leben und
Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis zum Beginn des
nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine Ruhepause
vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte. »Bitte!« sagte
die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm ... »Sievert hat das
_prévenir_!«

Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda
und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach
Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber
sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße,
das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem
nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der
Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit
ausführen! »Ihr sollt es =vornehm= haben!« sagte sie; und davon waren
alle überzeugt.

Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner
großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den
Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer
und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte
Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich
sagte er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine,
die ältlich, still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten
der Glücklichen saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt
... jeder für sich!«


Neuntes Kapitel

Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner
Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als
fünf Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe
gestrichenen Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und
erwachsene Bürger blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu
sehen. Frau Antonie Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die
sie getroffen, in der Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls
zum Empfange bereit, mit weißen Mützen, nackten Armen und dicken,
gestreiften Röcken, die beiden Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin
kundig erwählt hatte.

Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen
hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern
bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein ...

»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit
herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein
Dach?... Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich
küssen ... nein, auch auf den Mund ... so! Guten Tag, alter Tom, ja, du
bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut
gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor
macht ihr es euch bequem ... Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist
alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich
angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte ...«

Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem
Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im
Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen ... vorläufig«,
wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen.
»Dies hier ist hübsch« -- und sie öffnete gleich rechts beim Windfang
eine Tür. -- »Da ist Efeu vor den Fenstern ... einfache Holzmöbel ...
Eiche ... Dort hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes,
größeres. Hier rechts sind Küche und Speisekammer ... Aber wir wollen
hinaufgehen; oh, ich will euch alles zeigen!«

Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe
empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler
Korridor. Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden
Tisch, auf dem der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen
Tapeten, an denen geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein
massives Büfett standen. Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war
da, nur durch Portieren getrennt von einem schmalen Salon mit
grüngestreiften Ripsfauteuils und einem Erker. Ein Viertel des ganzen
Stockwerkes aber nahm ein Saal von drei Fenstern ein. Dann gingen sie
ins Schlafzimmer hinüber.

Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und
mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen
Pforte dort hinten, drückte die Klinke und legte den Zugang zu einer
Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins
Badezimmer und die Mädchenkammern.

»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank
aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.

Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es
ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern ...«

»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich
erwarte euch im Eßzimmer ...« Und sie ging dorthin.

Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas herüberkam.
»Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde ruhen. Sie
hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße ... Alles
wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?... Aber nun«, fuhr
er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten
Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles
gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für
ihren Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren
Ölgemälden umsehe ... Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du
getrieben unterdessen!«

Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank
langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen.

»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt
hinter mir ...«

»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben ... Aber wir langweilen uns wohl
ziemlich stark?«

»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor
Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht,
und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin ... Aber
ich bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine
Sünde ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das
Alter, um mit der letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder
einem von Mutters Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen,
Busenfreundschaft zu schließen ... Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind
Wölfe in Schafspelzen ... Otterngezücht ... Wir sind alle schwache
Menschen mit sündigen Herzen, und wenn sie mitleidig auf mich armes
Weltkind herabsehen wollen, so lache ich sie aus. Ich bin immer der
Meinung gewesen, daß alle Menschen gleich sind, und daß es keiner
Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem lieben Gott. Du kennst auch
meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der Bürger zum Staate ...«

»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie
wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?«

»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine
gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb ... Aber,
siehst du ... ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich
rede, wie's mir ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen ...«

»Was sehr hübsch von dir ist, Tony.«

»Kurz, das traurige ist, daß das Kind mich allzusehr an Grünlich
erinnert ... auch Buddenbrooks in der Breiten Straße sagen, daß es ihm
so sehr ähnlich ist ... Und dann, wenn ich es vor mir habe, muß ich
beständig denken: Du bist eine alte Frau mit einer großen Tochter und
das Leben liegt hinter dir. Du hast einmal während einiger Jahre
daringestanden, aber nun kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden
und wirst hier sitzen bleiben und Lea Gerhardt vorlesen hören. Der
Gedanke ist mir so traurig, Tom, daß er mir hier in der Kehle sitzt und
drückt. Denn ich empfinde noch so jugendlich, weißt du, und sehne mich
danach, noch einmal ins Leben hinauszukommen ... Und schließlich: nicht
bloß im Hause, auch in der ganzen Stadt fühle ich mich nicht ganz wohl,
denn du mußt nicht glauben, daß ich mit Blindheit geschlagen bin für die
Verhältnisse, ich bin keine Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich
bin eine geschiedene Frau und bekomme es zu fühlen, das ist sehr klar.
Du kannst mir glauben, Tom, daß es mir immer schwer auf dem Herzen
liegt, unseren Namen, wenn auch ohne eigene Schuld, so befleckt zu
haben. Du kannst tun, was du willst, du kannst Geld verdienen und der
erste Mann in der Stadt werden, -- die Leute werden immer noch sagen:
`Ja ... seine Schwester ist übrigens eine geschiedene Frau.´ Julchen
Möllendorpf, geborene Hagenström, grüßt mich nicht ... nun, sie ist eine
Gans! Aber so geht es bei allen Familien ... Und doch, ich =kann= die
Hoffnung nicht aufgeben, Tom, daß alles noch wieder gutzumachen ist! Ich
bin noch jung ... Bin ich nicht noch ziemlich hübsch? Mama kann mir
nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein annehmbares Stück
Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen gestanden, Tom, es ist
mein lebhaftester Wunsch! Damit wäre alles in Ordnung, der Fleck wäre
ausgelöscht ... O Gott, wenn ich eine unseres Namens würdige Partie
machen, mich wieder einrichten könnte --! Glaubst du, daß es so völlig
ausgeschlossen ist?«

»Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehört, damit zu
rechnen. Aber vor allem scheint es mir nötig, daß du mal ein bißchen
hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast ...«

»Das ist es eben!« sagte sie eifrig. »Nun muß ich dir mal eine
Geschichte erzählen.«

Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurück. Er war
schon bei der zweiten Zigarette. Die Dämmerung begann vorzuschreiten.

»Also während euerer Abwesenheit hätte ich beinahe eine Stelle
angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Hättest du
es empörend gefunden?... Aber immerhin etwas fragwürdig?... Ja, ja, es
wäre wahrscheinlich unwürdig gewesen. Aber es war mein so dringender
Wunsch, fortzukommen ... Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der
Missis meine Photographie, und sie mußte auf meine Dienste verzichten,
weil ich zu hübsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. `Sie sind
zu hübsch´, schrieb sie ... ha, ich habe mich niemals so amüsiert!«

Die beiden lachten sehr herzlich.

»Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen«, fuhr Tony fort.
»Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
... ja, sie heißt übrigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist
Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich
denke demnächst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich, Erika
könnte nicht mitgehen. Ich würde sie zu Sesemi Weichbrodt in Pension
geben. Dort wäre sie ausgezeichnet aufgehoben. Hättest du etwas dagegen
einzuwenden?«

»Gar nichts. Jedenfalls ist es nötig, daß du einmal wieder in neue
Verhältnisse kommst.«

»Ja, das ist es!« sagte sie dankbar. »Aber nun du, Tom! Ich spreche
beständig von mir, ich bin ein eigennütziges Weib! Nun erzähle du. O
Gott, wie glücklich du sein mußt!«

»Ja, Tony!« sagte er nachdrücklich. Es entstand eine Pause. Er atmete
den Rauch über den Tisch hinüber und fuhr fort: »Zunächst bin ich sehr
froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begründet zu
haben. Du kennst mich: ich hätte schlecht zum Garçon getaugt. Alles
Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei,
und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weißt. Ich halte meine Karriere
weder geschäftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch für
beendigt ... aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn
man Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar
gehangen, Tony ... Ich bin ein bißchen wählerisch. Ich habe es lange
Zeit nicht für möglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden.
Aber Gerdas Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, daß sie die
einzige sei, ausgemacht sie ... obgleich ich weiß, daß viele Leute in
der Stadt mir böse sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles
Wesen, wie es deren sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie
sehr anders als du, Tony. Du bist einfacher von Gemüt, du bist auch
natürlicher ... Meine Frau Schwester ist ganz einfach temperamentvoller«,
fuhr er fort, indem er plötzlich zu einem leichteren Tone überging. »Daß
übrigens auch Gerda Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr
Geigenspiel; aber sie kann manchmal ein bißchen kalt sein ... Kurz, es
ist nicht der gewöhnliche Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine
Künstlernatur, ein eigenartiges, rätselhaftes, entzückendes Geschöpf.«

»Ja, ja«, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam
zugehört. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend
hereinbrechen lassen.

Da öffnete sich die Korridortür, und von der Dämmerung umgeben stand vor
den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus schneeweißem
Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar umrahmte das
weiße Gesicht, und in den Winkeln der nahe beieinander liegenden braunen
Augen lagerten bläuliche Schatten.

Es war Gerda, die Mutter zukünftiger Buddenbrooks.



Sechster Teil


Erstes Kapitel

Thomas Buddenbrook nahm das erste Frühstück in seinem hübschen
Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spät das
Schlafzimmer zu verlassen, da sie während des Vormittags oft einer
Migräne und allgemeiner Mißstimmung unterworfen war. Der Konsul begab
sich dann sofort in die Mengstraße, wo die Kontors der Firma verblieben
waren, nahm das zweite Frühstück im Zwischengeschoß gemeinsam mit seiner
Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit Gerda erst wieder um
vier Uhr beim Mittagessen zusammen.

Das geschäftliche Treiben bewahrte dem Erdgeschoß Leben und Bewegung;
die Stockwerke aber des großen Mengstraßenhauses lagen nun recht leer
und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle Weichbrodt als
interner Zögling aufgenommen worden, die arme Klothilde hatte sich mit
ihren vier oder fünf Möbeln bei der Witwe eines Gymnasiallehrers, einer
Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension begeben, selbst der Bediente
Anton hatte das Haus verlassen, um zu den jungen Herrschaften
überzugehen, wo er nötiger war, und wenn Christian im Klub weilte, so
saßen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann an dem runden Tisch,
in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und der sich in dem
weiten Speisetempel mit seinen Götterbildern verlor, nun ganz allein
beieinander.

Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das gesellschaftliche
Leben in der Mengstraße erloschen, und die Konsulin sah, abgesehen von
dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen Gäste mehr um
sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn aber und
seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner, bei
dem im Speise- und Wohnzimmer gedeckt worden war, ein Diner mit
Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine
Mittagsgesellschaft, die um fünf Uhr begonnen, und deren Gerüche und
Geräusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals',
Hagenströms, Huneus', Kistenmakers, Överdiecks und Möllendorpfs zugegen
gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers, die mit
Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der man
an der Börse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrücken sprach.
Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, daß die junge Frau Konsulin zu
repräsentieren verstand ... Der Konsul hatte an jenem Abend, allein
geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Räumen,
zwischen den durcheinandergerückten Möbeln, in dem dichten, süßen und
schweren Dunst von feinen Speisen, Parfüms, Weinen, Kaffee, Zigarren und
den Blumen der Toiletten und Tafelaufsätze, ihre Hände gedrückt und
gesagt: »Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schämen brauchen.
Dergleichen ist sehr wichtig ... Ich habe gar keine Lust, mich viel mit
Bällen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu
reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten muß es schmecken
bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr ... aber das ist nicht übel
angelegt.«

»Du hast recht«, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch
die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. »Auch ich ziehe durchaus
die Diners den Bällen vor. Ein Diner wirkt so außerordentlich beruhigend
... Ich hatte heute nachmittag musiziert und fühlte mich ein wenig
merkwürdig ... Jetzt ist mein Gehirn so tot, daß hier der Blitz
einschlagen könnte, ohne daß ich bleich oder rot würde.«

                   *       *       *       *       *

Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am
Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor:

                                     München, den 2. April 1857.
                                        Am Marienplatz Nr. 5.

Meine liebe Mama,

ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht
geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu
sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt --
aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und
Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut
geht; das ist das Wichtigste.

Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die
Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater und
die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen,
sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir
schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht
genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr
Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen
an einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in
der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der
Nähe des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist
von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den
Drachen töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen.
Stellt Euch vor!

Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr
nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in
Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als
das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch
nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum
Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein
ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die
Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr
die Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und
Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne
von sich dabei.

Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr Euch
denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die
ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen
Leuten, dem Dienstpersonal zu verständigen, denn ich spreche ihnen zu
rasch und sie mir zu kauderwelsch -- und dann ist da der Katholizismus;
ich hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon ...

Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit
geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte.

»Ja, Tom, du lachst ...«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den
Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es
völlig an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die
unevangelischen Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in
Frankreich und Italien eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche
gefaßt hast, aber das ist nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas
anderes, und ich verstehe auch, was; aber obgleich wir duldsam sein
sollen, ist Spielerei und Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade
strafbar, und ich muß Gott bitten, daß er dir und deiner Gerda -- denn
ich weiß, sie gehört ebenfalls nicht gerade zu den Gefesteten, mit den
Jahren den nötigen Ernst darin gibt. Diese Bemerkung wirst du deiner
Mutter verzeihen.«

»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster aus
sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann
knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht
hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft
sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus.
Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein
höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es
der Erzbischof, ein älterer Herr -- genug, und dieser Herr wirft mir aus
dem Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter,
ich halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare
und Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen
Suitier von einem Kirchenfürsten ...«

»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein.

»Echt Tony!« sagte der Konsul.

»Wieso, Tom?«

»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben ... zur Prüfung?
Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses `Paar Augen´ sie köstlich
amüsiert ... was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.«

Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort:
»Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war,
obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton
manchmal ziemlich _équivoque_ fand. Sogar ein Hofopernsänger war da,
welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von
ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für
passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn =Permaneder=
unterhalten -- hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen
könnte? --, Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten
Jahren und Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn,
weil er der einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er
ein guter Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er
versicherte, daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du
kannst Dir denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte,
in welchem er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie
viele Geschwister wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und
sogar nach Grünlich fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird
wohl morgen mit uns zum Würmsee fahren.

Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und
Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen
hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn
brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir
sehr gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf
anständige Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das
Leben hinter sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber
wenn zum Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher
verheiratete, so würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen ...«

Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in das
Sofa zurücklegen.

»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie
unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande
ist, sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg ...«

»Ja, Tom«, sagte die Konsulin; »sie ist ein gutes Kind, das alles Glück
verdient.«

Dann las sie den Brief zu Ende ...


Zweites Kapitel

Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und
obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte
Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am
Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz
augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.

Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte --
sie war von Büchen gekommen -- und mit ihr durch das Holstentor in die
Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu
machen, daß -- nächst Klothilden -- sie doch noch immer die Schönste in
der Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse
dich! Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen ...«

Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich konservierte
sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken, aschblonden
Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den kleinen
Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem breiten
Schildkrotkamm zusammengefaßt war -- angesichts des weichen Ausdrucks,
der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe, des feinen
Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf dreißig,
sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante
herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre
Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem,
dunklem Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen
gab ihrer Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit ...

Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags,
wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der
Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika
zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den
Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte porträtieren wollen, und den
Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte
im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß
Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ,
daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein
praktischer Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte
Frau Grünlich das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf
zurücklegte und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte ...

Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke der
Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu
eilen, um zu sehen, wer käme ... Was mochte dies zu bedeuten haben? Das
wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute,
die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen,
sollst sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen ...«

Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank für
ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der
Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen dem
Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit nicht
gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter,
die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte
genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln ... Ihren
Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war
Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines
Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen
Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während
weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer
obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine
gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt
wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und
mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.

Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete ihm
nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende
Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören,
und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen
»die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«.

Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die
Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und
neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel
hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für
Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner
Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen
bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß
Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche
Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen
sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den
Gebrauch eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man
entzünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente
Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs
antwortete er, daß in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen
einen Fächer besessen habe: »Johnny Thunderstorm ... du lieber Gott!«
Als er aber eines Tages, nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf
seinem Sessel hin und her gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der
Tasche zog und einen so starken und übelriechenden Qualm entwickelte,
daß mehrere Leute heftig zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz
blaß wurde ... da gab es einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine
fürchterliche Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben
würde, hätte nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit
Vernunft besprochen und zum Guten gewandt ...

Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des
Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor Gieseke,
seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit Widerwillen. Er
war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich wohl seiner
eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt, diese Hafen-
und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren Bürger mit so
unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren Spazierstöcken
stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei. Man
entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft verbrachten
Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten ... Aber ein
dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese Entschädigungen, und
wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war, »die Dehors zu wahren«,
so zeigte er sich in dieser Beziehung durchdrungen von der
Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt Gieseke gehörte zu den
»Gelehrten«, die sich der Daseinsform der »Kaufleute« behaglich
anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was ihm übrigens jedermann
ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen Lebemänner verstand er
es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu vermeiden und seinen
politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf unanfechtbarer Solidität
zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein Huneus war soeben publik
geworden. Er erheiratete also einen Platz in der ersten Gesellschaft und
eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark unterstrichenem Interesse in
städtischen Angelegenheiten tätig, und man sagte sich, daß er sein
Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt wohl auf den Sessel des
alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet halte.

Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst
entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen
war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein,
wie schön haben Sie gespielt!« -- Christian hatte sich infolge seines
Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu
naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so
wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun,
Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer
Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt,
und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten
Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß
»Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter
Straße gesehen worden sei.

Auch das nahm man nicht übel ... Man war von einer zu biderben Skepsis,
um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian
Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich
darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu
Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft
geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend,
daß in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre
Vornamen genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie
den Hagenströms, stand es frei, nicht über Krischans Geschichten und
Späße, sondern über Krischan selbst zu lachen.

Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem Augenblick
seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder, der Konsul,
aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der Familie
einen Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu
viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und würde
nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers spielten
gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge Geschichten
mit ihrem Sohne ... Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat blieb etwas
Unangenehmes ... Des Konsuls Schwester war eine geschiedene Frau, wenn
man auch die Hoffnung auf ihre Wiedervermählung nicht fahren zu lassen
brauchte -- und sein Bruder sollte ein lächerlicher Mensch sein, durch
dessen Clownerien sich tätige Herren mit wohlwollendem oder höhnischem
Lachen die Mußestunden ausfüllen ließen, der zu alledem Schulden machte
und am Ende des Quartals, wenn er kein Geld mehr hatte, sich ganz
offenkundig von Doktor Gieseke freihalten ließ ... eine unmittelbare
Blamage der Firma.

Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ und
die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in
all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern,
die aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das
Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die
Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand,
mit Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen
Vorfahren zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten
Bemerkung das Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder
so sehr, daß er ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst
liebte. Er hätte es viel lieber gehört, wenn Christian im Dialekte
Marcellus Stengels davon gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen,
irgendein historisches Werk, das starken Eindruck auf ihn gemacht und
das er mit bewegten Worten rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf,
der das Buch allein gar nicht ausfindig gemacht haben würde, aber
eindrucksfähig und jeder Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser
Weise vorbereitet und empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz
herrlich, gab seinen Empfindungen möglichst genauen Ausdruck ... und
fortan war das Buch für Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgültigkeit
und Kälte davon. Er tat, als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem
Bruder, es allein zu bewundern ...


Drittes Kapitel

Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für Herren,
in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte, in die
Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam rasch
zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen
bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen
verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein
Bruder zu Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann
schritt er durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem
Erscheinen sich tiefer über die Rechnungen beugten, in sein
Privatbureau, legte Hut und Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und
begab sich an seinen Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten
standen zwischen seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück
einer aufgerauchten russischen Zigarette wanderte unruhig von einem
Mundwinkel in den anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und
Schreibzeug zur Hand nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus
sich mit zwei Fingern bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz
langsamen, prüfenden Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die
jungen Leute sich mit erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im
Zorn.

Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das Kratzen
der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus vernommen hatte,
blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz hinweg und sah
Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus dem Klub, wo er
gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug den Hut ein
wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock, der »von
drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte Büste einer
Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und bester
Laune. Irgendeinen _song_ vor sich hinsummend, kam er ins Kontor, sagte
»Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag war,
und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«.
Aber der Konsul erhob sich, und im Vorübergehen sagte er, ohne ihn
anzublicken: »Ach ... auf zwei Worte, mein Lieber.«

Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas
hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian
dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb
des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf,
knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie
über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte
durch den Garten begleiten, mein Freund.«

»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres
Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der
Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die
ersten Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen
Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und
zwar infolge deines Betragens.«

»Meines ...«

»Ja. -- Man hat mir in der `Harmonie´ von einer Bemerkung erzählt, die
du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so
über alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde ... Die
Blamage hat nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche
Abfertigung zuteil geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?«

»Ach ... nun weiß ich, was du meinst. -- Wer hat dir denn das erzählt?«

»Was tut das zur Sache. -- Döhlmann. -- Mit einer Stimme
selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht
kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können ...«

»Ja, Tom, ich muß dir sagen ... Ich habe mich für Hagenström geschämt!«

»Du hast dich für ... Aber das ist denn doch ... Höre mal!« rief der
Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich
ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt
demonstrierend schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl
aus Kaufleuten als aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können:
Eigentlich und bei Lichte besehen sei doch jeder Geschäftsmann ein
Gauner ... du, selbst ein Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus
allen Kräften nach absoluter Integrität, nach makelloser Solidität
strebt ...«

»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!... Obgleich ... eigentlich ...«
fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den Kopf ein wenig
schräge nach vorne schob ... In dieser Haltung machte er mehrere
Schritte.

»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu
verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist!
`Ich meinerseits halte meinen Beruf =sehr= hoch´, hat Hermann Hagenström
dir geantwortet ... Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der
von seinem eignen Beruf nichts hält ...«

»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die
ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob
sie mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt
fürchterlich ernst: `Ich meinerseits ...´ Der dumme Kerl. Ich habe mich
wahrhaftig für ihn geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange
darüber nachgedacht und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei ... Ich
weiß nicht, ob du das kennst ...«

»Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht!« unterbrach ihn der
Konsul. Er zitterte am ganzen Körper vor Unwillen. »Ich gebe ja zu ...
ich gebe dir ja zu, daß die Antwort vielleicht nicht der Stimmung
entsprach, daß sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute
aus, zu denen man dergleichen sagt ... wenn es schon einmal durchaus
gesagt werden muß ... und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so
schnöden Abfertigung aus! Hagenström hat die Gelegenheit benutzt, uns
... ja, nicht nur dir, sondern =uns= eins zu versetzen, denn weißt du,
was sein `Ich meinerseits´ bedeutete? `Solche Erkenntnisse verschaffen
Sie sich wohl im Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?´ =Das=
bedeutete es, du Esel!«

»Na ... Esel ...«, sagte Christian und machte ein verlegenes und
unruhiges Gesicht ...

»Schließlich gehörst du nicht dir allein an«, fuhr der Konsul fort,
»aber trotzdem soll es mir gleichgültig sein, wenn du dich persönlich
lächerlich machst ... und womit machst du dich =nicht= lächerlich!« rief
er. Er war blaß, und die blauen Äderchen an seinen schmalen Schläfen,
von denen das Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, waren deutlich zu
sehen. Eine seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die
steifen, lang ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas
Zorniges, während er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte
seitwärts vor Christians Füße hin auf den Kiesweg niedersprach ... »Du
machst dich lächerlich mit deinen Liebschaften, mit deinen
Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit deinen Mitteln dagegen ...«

»Oh, Thomas«, sagte Christian, schüttelte ganz ernsthaft den Kopf und
hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor ... »Was das
betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du ... Die Sache
ist die ... Man muß sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten ... Ich
weiß nicht, ob du das kennst ... Grabow hat mir eine Salbe für die
Halsmuskeln verordnet ... gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich
es, sie zu gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor,
bin unruhig und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht
schlucken. Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, daß ich meine
Pflicht getan habe und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen,
bin still und zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut
es, glaube ich, nicht, weißt du ... aber die Sache ist, daß so eine
Vorstellung, versteh mich recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine
Gegenvorstellung aufgehoben werden kann ... Ich weiß nicht, ob du das
kennst ...«

»Ach ja --! Ach ja --!« rief der Konsul und hielt einen Augenblick
seinen Kopf mit beiden Händen fest ... »Tue es doch! Handele doch
danach! Aber rede nicht darüber! Schwatze nicht darüber! Laß andere
Leute mit deinen widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser
unanständigen Geschwätzigkeit machst du dich lächerlich vom Morgen bis
zum Abend! Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich
kalt lassen, wie sehr du dich persönlich zum Narren machst; aber ich
verbiete dir, hörst du mich wohl? ich =verbiete= es dir, die Firma in
einer Weise zu kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!«

Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand
über sein schon spärliches rötlichblondes Haar und ließ, einen unruhigen
Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend umherschweifen.
Ohne Zweifel beschäftigte er sich noch mit dem, was er zuletzt gesagt
hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller Verzweiflung
daher.

»Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du«, begann er von neuem ...
»Gut! bist du deines Berufes überdrüssig? Bereust du es, Kaufmann
geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt ...«

»Ja, Tom«, sagte Christian nachdenklich; »ich würde wahrhaftig lieber
studieren! Auf der Universität, weißt du, das muß sehr nett sein ... Man
geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hört zu,
wie im Theater ...«

»Wie im Theater ... Ach, ins _Café chantant_ gehörst du als Possenreißer
... Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte Überzeugung,
daß das dein heimliches Ideal ist!« beteuerte der Konsul, und Christian
widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der Luft
umher.

»Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du, der
du keine Ahnung ... nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit ist,
der du dein Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei und
Narreteien eine Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen
verschaffst, mit denen du dich beschäftigen, die du beobachten und
pflegen, über die du in schamloser Weise schwatzen kannst ...«

»Ja, Tom«, sagte Christian ein wenig betrübt und strich wieder mit der
Hand über seinen Schädel. »Das ist wahr; das hast du ganz richtig
ausgedrückt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst
auch gern ein Theaterstück an und hast früher, unter uns gesagt, auch
deine Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe
Romane und Gedichte und dergleichen ... Aber du hast es immer so gut
verstanden, das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des
Lebens zu verbinden ... Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem
anderen, von dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weißt du, und behalte
für das Ordentliche gar nichts übrig ... Ich weiß nicht, ob du mich
verstehst ...«

»Also, das siehst du ein!« rief Thomas, indem er stehenblieb und die
Arme auf der Brust kreuzte. »Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch läßt
du alles beim alten! Bist du denn ein Hund, Christian?! Man hat doch
seinen Stolz, Herrgott im Himmel! Man führt doch nicht ein Leben fort,
das man selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! =Das=
ist dein Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie
beschreiben kannst ... Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian!« Und
der Konsul tat einen raschen Schritt rückwärts, wobei er mit dem Arme
waagrecht eine heftige Bewegung machte ... »Sie ist zu Ende, sage ich
dir! Du beziehst deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor ...
das ist es nicht, was mich aufbringt. Gehe hin und verjökele dein Leben,
wie du es bisher getan! Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du
gehst und stehst! Du bist ein Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper
unserer Familie! Du bist vom Übel hier in dieser Stadt, und wenn dies
Haus mein eigen wäre, so würde ich dich hinausweisen, da hinaus, zur
Türe hinaus!« schrie er, indem er eine wilde und weite Bewegung über den
Garten, den Hof, die große Diele hin vollführte ... Er hielt nicht mehr
an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge von Wut entlud sich ...

»Was fällt dir ein, Thomas!« sagte Christian. Er hatte einen Anfall von
Entrüstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der
Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine
runden, tiefliegenden Augen, die er so groß wie möglich machte, hatten
sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rändern
umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. »Wie sprichst du zu mir!«
sagte er. »Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du
brauchst mich nicht hinauszuwerfen. -- =Pfui!=« fügte er mit
aufrichtigem Vorwurf hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer
kurzen, schnappenden Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege.

Merkwürdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch
heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den
Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu
wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht ... ihn endlich zu
einer energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben.

»Du kannst mir glauben«, sagte er ruhig, indem er die Hände wieder auf
dem Rücken zusammenlegte, »daß diese Unterredung mir aufrichtig leid
tut, Christian, aber sie mußte einmal stattfinden. Solche Szenen
innerhalb der Familie sind etwas Fürchterliches, aber aussprechen mußten
wir uns einmal ... und wir können ganz gelassen über die Dinge reden,
mein Junge. Du gefällst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich
sehe, nicht wahr ...?«

»Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja
außerordentlich zufrieden ... und ich habe es hier ja auch besser, als
in einem fremden Geschäft. Aber was mir fehlt, ist die Selbständigkeit,
glaube ich ... Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah
und arbeiten, denn es ist eigentlich gar keine Arbeit für dich; du
arbeitest nicht, weil du mußt, sondern als Herr und Chef, und läßt
andere für dich arbeiten und machst deine Berechnungen und regierst und
bist frei ... Das ist ganz etwas anderes ...«

»Gut, Christian; hättest du das nicht schon früher sagen können? Es
steht dir doch frei, dich selbständig oder selbständiger zu machen. Du
weißt, daß Vater dir so gut wie mir ein vorläufiges Erbteil von 50000
Kurantmark ausgesetzt hat und daß ich selbstverständlicherweise in jeder
Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernünftigen und soliden
Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere,
aber beschränkte Geschäfte genug, die einen Kapitalzufluß gebrauchen
können und in denen du als Teilhaber eintreten könntest ... Laß uns,
jeder für sich, die Sache mal überlegen und gelegentlich auch mit Mutter
darüber sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du könntest in diesen Tagen
die englische Korrespondenz noch erledigen, bitte ...«

»Wie denkst du zum Beispiel über H. C. F. Burmeester & Comp. in
Hamburg?« fragte er noch auf der Diele ... »Import und Export ... Ich
kenne den Mann. Ich bin überzeugt, daß er zugreifen würde ...«

                   *       *       *       *       *

Das war Ende Mai des Jahres siebenundfünfzig. Zu Beginn des Juni bereits
reiste Christian über Büchen nach Hamburg ab ... ein schwerer Verlust
für den Klub, das Stadttheater, das »Tivoli« und die ganze freiere
Geselligkeit der Stadt. Sämtliche »Suitiers«, darunter Doktor Gieseke
und Peter Döhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und überbrachten ihm
Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskräften lachten ... in
der Erinnerung ohne Zweifel an all die Geschichten, die Christian ihnen
erzählt hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter
allgemeinem Hallo einen großen Kotillonorden aus Goldpapier an
Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nähe des
Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne über der Haustür
führte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter
herging ... und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook für
hervorragende Verdienste verliehen worden.


Viertes Kapitel

Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gemäß erschien Frau
Grünlich auf dem Treppenabsatz, um über das weißlackierte Geländer
hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geöffnet
worden, als sie sich mit einem jähen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann
zurückprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund
drückte, mit der anderen ihre Röcke zusammenfaßte und in etwas gebückter
Haltung nach oben eilte ... Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete
ihr Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflüsterte,
worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang
wie: »Meiboschekochhanne!« --

Zur selben Zeit saß die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer und
häkelte mit zwei großen hölzernen Nadeln einen Schal, eine Decke oder
etwas Ähnliches. Es war elf Uhr vormittags.

Plötzlich kam das Folgmädchen durch die Säulenhalle, pochte an die
Glastür und überbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine
Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rückte ihre Brille zurecht,
denn sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie
wieder zu dem roten Gesichte des Mädchens empor, las abermals und sah
aufs neue das Mädchen an. Schließlich sagte sie freundlich, aber
bestimmt: »Was soll dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?«

Auf der Karte stand gedruckt: »X. Noppe & Comp.« X. Noppe aber sowohl
wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen, so daß
nur das »Comp.« übrigblieb.

»Je, Fru Kunsel«, sagte das Mädchen, »doar wier'n Herr, öäwer hei red'
nich dütsch un is ook goar tau snaksch ...«

»Bitte den Herrn«, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, daß es die
»Comp.« sei, die Einlaß begehrte. Das Mädchen ging. Gleich darauf
öffnete es die Glastür aufs neue und ließ eine untersetzte Gestalt
eintreten, die im schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick
stehenblieb und etwas Langgezogenes verlauten ließ, das klang wie: »Hab'
die Ähre ...«

»Guten Morgen!« sagte die Konsulin. »Wollen Sie nicht nähertreten?«
Dabei stützte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob
sich ein wenig, denn sie wußte noch nicht, ob es angezeigt sei, sich
ganz zu erheben ...

»I bin so frei ...«, antwortete der Herr wiederum mit einer gemütlich
singenden und gedehnten Betonung, indem er, höflich gebückt, zwei
Schritte vorwärts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend
umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem
Aufbewahrungsort für Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen
klauenartig gebogene Hornkrücke gut und gern anderthalb Fuß maß, hatte
er mit ins Zimmer gebracht.

Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er
einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und
geblümte Weste, die in weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf der
eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen Sammlung von
Anhängseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen prangte -- ein
Beinkleid ferner von unbestimmter graugrüner Farbe, welches zu kurz war
und aus ungewöhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn seine Ränder
umstanden unten kreisförmig und faltenlos die Schäfte der kurzen und
breiten Stiefel. -- Der hellblonde, spärliche, fransenartig den Mund
überhängende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner
gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas
Seehundartiges. Die »Fliege«, die der fremde Herr zwischen Kinn und
Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig
empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und
gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen,
hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen
bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen
Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender
Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
schmale weiße Halsbinde hinein ... die Linie eines kropfartigen Halses,
der keine Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals,
Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und
gepolstert ineinander über ... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller
dieser Schwellungen über die Gebühr straff gespannt und zeigte an
einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten
der Nase, eine spröde Rötung ... In der einen seiner kurzen, weißen und
fetten Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes
Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart.

Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und stützte sich noch immer in
halb stehender Haltung auf das Sofapolster.

»Wie kann ich Ihnen dienen«, sagte sie höflich, aber bestimmt.

Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock auf
den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die freigewordenen
Hände, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen, verquollenen
Äuglein an und sagte: »I bitt' die gnädige Frau um Verzeihung von wegen
dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist Permaneder;
Alois Permaneder aus München. Vielleicht hat die gnädige Frau schon von
der Frau Tochter meinen Namen k'hert --«

Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem
knorrigen Dialekt voller plötzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem
vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: »Wir
verstehen uns schon ...«

Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts
geneigtem Kopfe und ausgestreckten Händen auf ihn zu ...

»Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen
erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den
Aufenthalt in München angenehm und unterhaltend zu machen ... Und Sie
sind in unsere Stadt verschlagen worden?«

»Geltn's, da schaun's!« sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der
Konsulin in einem Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer
Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine
kurzen und runden Oberschenkel zu reiben ...

»Wie beliebt?« fragte die Konsulin ...

»Geltn's, da spitzen's!« antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte,
seine Knie zu reiben.

»Nett!« sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich, die Hände im
Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder merkte
das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß warum, mit der Hand Kreise
in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung: »Da tun sich die
gnädige Frau halt ... wundern!«

»Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!« erwiderte die
Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um
aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden
Seufzer: »Es is halt a Kreiz!«

»Hm ... wie beliebt?« fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen
ein wenig beiseite gleiten ließ ...

»A Kreiz is'!« wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und
grob.

»Nett«, sagte die Konsulin begütigend; und somit war auch dieser Punkt
abgetan.

»Darf man fragen«, fuhr sie fort, »was Sie so weit hergeführt hat,
lieber Herr? Es ist eine tüchtige Reise von München ...«

»A G'schäfterl«, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in der
Luft hin und her drehte, »a kloans G'schäfterl, gnädige Frau, mit der
Brauerei zur Walkmühle!«

»Oh, richtig, Sie sind Hopfenhändler, mein lieber Herr Permaneder! Noppe
& Comp., nicht wahr? Seien Sie überzeugt, ich habe von meinem Sohne, dem
Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes über Ihre Firma gehört«, sagte die
Konsulin höflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: »Is scho recht. Davon
is koa Red'. Ah, naa, die Hauptsach' is halt, daß i allweil den Wunsch
k'habt hob, der gnädigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und die Frau
Grünlich wiederzusehn! Dös is Sach' gnua, um die Reis' net z' scheun!«

»Ich danke Ihnen«, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm nochmals
die Hand reichte, deren Fläche sie ganz weit herumwandte. »Aber nun soll
man meine Tochter benachrichtigen!« fügte sie hinzu, stand auf und
schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastür hing.

»Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm!« rief Herr Permaneder und
drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tür zu.

Die Konsulin befahl dem Mädchen: »Bitte Madame Grünlich herunter,
Liebe.«

Dann kehrte sie zum Sofa zurück, worauf auch Herr Permaneder seinen
Sessel wieder herumdrehte.

»Werd' i a Freid' ha'm ...« wiederholte er abwesend, indem er die
Tapeten, das große Sevrestintenfaß auf dem Sekretär und die Möbel
betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: »Is dös a Kreiz!... Es is halt
a Kreiz!...« wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund
schwer seufzte. Dies füllte ungefähr die Zeit bis zu Frau Grünlichs
Erscheinen aus.

Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille
angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hübscher
denn je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel ...

Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr mit
einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in
Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte sie und rief: »Ja,
die Frau Grünlich! Ja, grüß Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil
gegangen? was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a
narrische Freid'! Denken's denn noch amol an d' Münchnerstadt und an
unsre Berg'? O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Türken
nei! und da san mer wieder! Jetzt wer hätt' denn des glaubt ...«

Auch Tony ihrerseits begrüßte ihn mit großer Lebhaftigkeit, zog einen
Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Münchener Wochen zu plaudern
... Die Unterhaltung floß nun ohne Hindernis dahin, und die Konsulin
folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und ermunternd
zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins Schriftdeutsche
übersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, daß sie es verstanden, ins
Sofa zurücklehnte.

Herr Permaneder mußte auch Frau Antonien nochmals den Grund seines
Hierseins erklären, aber er legte diesem »G'schäfterl« mit der Brauerei
ersichtlich so wenig Bedeutung bei, daß es den Anschein gewann, als habe
er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er
sich mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Söhnen der
Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er
»allweil den Wunsch k'habt« habe, »die gonze Famili« kennenzulernen ...

Über die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt äußerte er sich überaus
unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: »Ich erwarte in jedem
Augenblick meinen Sohn zum Frühstück, Herr Permaneder; machen Sie uns
das Vergnügen, ein Butterbrot mit uns zu essen ...?« -- da nahm er diese
Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit
an, als habe er darauf gewartet.

Der Konsul kam. Er hatte das Frühstückszimmer leer gefunden und erschien
im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und überhäuft, um zu einem
flüchtigen Imbiß zu mahnen ... Aber kaum war er der fremden Erscheinung
des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehängen und seiner Lodenjacke sowie
des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden, als er aufmerksam den
Kopf erhob, und kaum war der Name genannt worden, den er aus Frau
Antoniens Munde oft genug gehört hatte, als er einen raschen Blick zu
seiner Schwester hinüberwarf und Herrn Permaneder mit seiner
gewinnendsten Liebenswürdigkeit begrüßte ... Er nahm nicht erst Platz.
Man ging sofort ins Zwischengeschoß hinunter, wo Mamsell Jungmann den
Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen ließ -- einen echten Samowar,
ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner Gattin.

»Ös tuats enk leicht!« sagte Herr Permaneder, als er sich niederließ und
die Auswahl an kalter Küche auf dem Tische überblickte ... Hie und da,
in der Mehrzahl wenigstens, bediente er sich mit dem harmlosesten
Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede.

»Es ist nicht gerade Hofbräu, Herr Permaneder, aber immerhin
genießbarer, als unser einheimisches Gebräu.« Und der Konsul schenkte
ihm von dem braun schäumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu
trinken pflegte.

»I donk scheen, Herr Nachbohr!« sagte Herr Permaneder kauend und merkte
nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm zuwarf. Von
dem Porter aber genoß er mit solcher Zurückhaltung, daß die Konsulin
eine Bouteille Rotwein heraufkommen ließ, worauf er merklich munterer
wurde und wieder mit Frau Grünlich zu plaudern begann. Er saß, des
Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine weit
voneinander entfernt und ließ meistens den einen seiner kurzen Arme mit
der feisten, weißen Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhängen,
während er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur
Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrießlichen Behaglichkeit und
einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und
Antworten anhörte.

Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brätlinge, worin er gar keine
Übung besaß, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung über das
Leben zurück ...

»O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, daß alles Gute und
Schöne im Leben so schnell vorübergeht!« sagte sie mit Bezug auf ihren
Münchener Aufenthalt, legte für einen Augenblick Messer und Gabel fort
und sah ernst zur Decke empor. Übrigens machte sie dann und wann ebenso
drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen ...

Während der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling überbrachte ein
Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines
Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten ließ, und obgleich man
sah, daß er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschäftigt war,
fragte er dabei im leichtesten Tone: »Wie gehen die Geschäfte, Herr
Permaneder?...«

»Es ist gut«, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge
Mensch verschwand.

»O mei, Herr Nachbohr!« antwortete Herr Permaneder und wandte sich mit
der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals hat,
nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne
hinunterhängen zu lassen. »Do is nix'n z'red'n, dös is halt a Plog!
Schaun's, München« -- er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in
einer Weise aus, daß man nur erraten konnte, was gemeint war -- »München
is koane G'schäftsstadt ... Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Maß ...
Und a Depeschen tuat ma fei nöt lesen beim Essen, dös fei net. Jetzt da
haben's daheroben an onderen Schneid, Sakrament!... I donk scheen, i
nehm' scho noch a Glaserl ... Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe,
hat allweil nach Nürnberg g'wollt, weil's da die Börs' ham und an
Unternehmungsgeist ... aber i verloß mei München nöt ... Dös fei nöt! --
Es is halt a Kreiz!... Schaun's, da hamer dö damische Konkurrenz, dö
damische ... und der Export, dös is scho z'm Lochen ... Sogar in Rußland
werden's nächstens anfangen, selber a Pflanzen z' bauen ...«

Plötzlich aber warf er dem Konsul einen ungewöhnlich hurtigen Blick zu
und sagte: »Übrigens ... i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Dös is
fei a nett's G'schäfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei,
wovon der Niederpaur Direktor is, wissen's. Dös is a ganz a kloane
G'sellschaft g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares
Göld ... zu 4 Prozent, auf Hypothek ... damit's eahnere Gebäud' ham
vergreßern können ... Und jatzt mochen's an G'schäft, und mer ham an
Umsatz und a Jahreseinnahm' -- dös haut scho!« schloß Herr Permaneder,
lehnte dankend Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife
mit langem Hornkopf aus der Tasche und ließ sich, von Qualm umhüllt, mit
dem Konsul in ein geschäftliches Gespräch ein, welches sodann auf das
politische Gebiet hinüberglitt und von Bayerns Verhältnis zu Preußen,
vom Könige Max und dem Kaiser Napoleon handelte ... ein Gespräch, das
Herr Permaneder hie und da mit vollkommen unverständlichen Redewendungen
würzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoßseufzern
ausfüllte, wie: »Is dös a Hetz!« oder: »Des san G'schichten!« ...

Mamsell Jungmann vergaß vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen im
Munde hatte, beständig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus ihren
blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach, Messer und
Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und her
bewegte. Solche Laute hatten diese Räume noch nicht vernommen, solcher
Pfeifenrauch hatte sie noch nicht erfüllt, solche verdrossen behagliche
Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd ... Die Konsulin verharrte,
nachdem sie eine besorgte Erkundigung über die Anfechtungen eingezogen,
denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter Papisten
ausgesetzt sein mußte, in freundlicher Verständnislosigkeit, und Tony
schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig
geworden zu sein. Der Konsul aber amüsierte sich ganz vortrefflich,
bewog sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu
lassen und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der
Breitenstraße ein; seine Frau werde außerordentlich erfreut sein ...

Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhändler
Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein
Glas, erklärte irgend etwas für ein »Kreiz« und erhob sich.

»I hob die Ähre, gnädige Frau ... Pfüaht Ihna Gott, Frau Grünlich ...
Pfüaht Gott, Herr Buddenbrook ...« Bei dieser Anrede zuckte Ida Jungmann
sogar zusammen und verfärbte sich ... »Guten Tag, Freilein ...« Er sagte
beim Fortgehen »Guten Tag«!...

Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick ... Herr Permaneder
hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der
Trave zurückzukehren, woselbst er abgestiegen war ...

»Die Münchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte«, sagte die alte
Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, »sind fern, und
wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns für ihre
Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr,
uns die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
vorlieb zu nehmen ... Sie würden uns herzlich willkommen sein ...«

Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne
Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frühstück
nahm er auch diese Einladung an, küßte den beiden Damen die Hand, was
ihm ziemlich merkwürdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem
Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer
herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner
Geschäfte, wieder zur Stelle zu sein und ließ sich vom Konsul die Treppe
hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und
sprach mit einem stillbegeisterten Kopfschütteln: »Nix für ungut, Herr
Nachbohr, Ihre Frau Schwester, dös is scho a liaber Kerl! Pfüaht Ihna
Gott!« ... Und immer noch kopfschüttelnd verschwand er.

Der Konsul empfand das dringendste Bedürfnis, sich nochmals hinauf zu
begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit
Bettwäsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten.

Die Konsulin saß noch am Frühstückstisch, hielt ihre hellen Augen auf
einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weißen
Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony saß am Fenster, hielt die Arme
verschränkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit würdiger
und sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen.

»Nun?« fragte Thomas, indem er in der Tür stehenblieb und der Dose mit
der Troika eine Zigarette entnahm ... Seine Schultern bewegten sich auf
und ab vor Lachen.

»Ein angenehmer Mann«, erwiderte die Konsulin harmlos.

»Ganz meine Ansicht!« Dann machte der Konsul eine schnelle und überaus
galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er
ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng
geradeaus.

»Aber mich dünkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen«, fuhr die Konsulin
ein wenig bekümmert fort. »Verstand ich ihn recht, so sprach er in einer
Weise vom Sakramente und vom Kreuze ...«

»Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Böses ...«

»Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom, wie?«

»Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!« sagte der Konsul, atmete langsam
den Rauch in die Stube hinein, lächelte seiner Mutter zu und ließ
verstohlen seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das
durchaus nicht.

»Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die
Liebe.«

»Gern, Mutter; mit dem größten Vergnügen. Ehrlich gesagt, ich verspreche
mir viel Vergnügen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch? Das ist doch
einmal etwas anderes, als deine Geistlichen ...«

»Jeder nach seiner Art, Tom.«

»Einverstanden! Ich gehe ... Apropos!« sagte er, den Türgriff in der
Hand. »Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz
ohne Zweifel! Weißt du, wie er dich eben da unten genannt hat? `Ein
lieber Kerl´ -- das sind seine Worte ...«

Hier aber wandte Frau Grünlich sich um und sagte mit lauter Stimme:
»Gut, Tom, du erzählst mir dies ... er wird es dir wohl nicht verboten
haben, aber trotzdem weiß ich nicht, ob es passend ist, daß du es mir
hinterbringst. Das aber weiß ich, und das möchte ich denn doch
aussprechen, daß es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas
ausgesprochen und ausgedrückt wird, sondern wie es im Herzen gemeint und
empfunden ist, und wenn du dich über Herrn Permaneders Ausdrucksweise
mokierst ... wenn du ihn etwa lächerlich findest ...«

»Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worüber ereiferst du
dich ...«

»_Assez!_« sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und
bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie!

»Na, nicht böse sein, Tony!« sagte er. »Ich habe dich nicht ärgern
wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, daß jemand von den
Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt ... Auf Wiedersehn!«


Fünftes Kapitel

Herr Permaneder zog in der Mengstraße ein, er speiste am folgenden Tage
bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten, einem
Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krögers und seiner Frau, der Damen
Buddenbrook aus der Breitenstraße, die ihn forchtbar komisch fanden --
sie sagten »forchtbar« ... Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich streng
behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen Erika,
welcher er eine Tüte mit »Gutzeln«, das heißt: Bonbons, überreichte ...

Er war von unverwüstlich gemütlicher Laune mit seinen verdrießlichen
Stoßseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem Überfluß mit
Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen
Sprache, der unverdrossenen Seßhaftigkeit, mit der er lange nach den
Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte,
trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten
Hause einen ganz neuen und fremden Ton hinzufügte, obgleich sein ganzes
Wesen gleichsam etwas Stilwidriges in diese Räume brachte, störte er
doch keine der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und
Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule
der Konsulin zuzuhören und erschien sogar am »Jerusalemsabend« auf einen
Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen, worauf er
sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstört zurückzog.

Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den großen
Häusern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus
Bayern; aber weder in den Familien noch an der Börse besaß er
Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum
großen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul
Abstand von einer Einführung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er
selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen
geschäftlichen und städtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der
Stadt umherzuführen, ihm alle mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten, die
Kirchen, die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die
»Schiffergesellschaft«, zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu
unterhalten, ihn immerhin auch an der Börse mit seinen nächsten Freunden
bekannt zu machen ... und als die Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit
nahm, ihm für seine Opferwilligkeit Dank zu sagen, bemerkte er trocken:
»Tja, Mutter, was tut man nicht alles ...«

Dieses Wort ließ die Konsulin so unbeantwortet, daß sie nicht einmal
lächelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen
still beiseitegleiten ließ und irgendeine Frage in anderer Beziehung
tat ...

Sie war von gleichmäßig herzlicher Freundlichkeit gegen Herrn
Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden
konnte. Zwei »Kindertagen« hatte der Hopfenhändler schon angewohnt --
denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner
Ankunft beiläufig zu erkennen gegeben hatte, daß sein Geschäft mit der
hiesigen Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen
seitdem verflossen -- und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau
Grünlich mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und
scheue Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen
Buddenbrook oder Thomas geworfen, war errötet, hatte sich während
längerer Minuten steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer
verlassen ...

                   *       *       *       *       *

Die grünen Stores in Frau Grünlichs Schlafzimmer im zweiten Stockwerk
wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht bewegt, denn die
beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur Seite des
Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer Ölschicht, die ihrerseits
auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hälfte gefüllt war, mehrere
kleine Dochte und gaben dem großen Zimmer mit seinen gradlinigen
Armstühlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand bezogen waren,
ein stilles, ebenmäßiges und schwaches Licht. Frau Grünlich ruhte im
Bette. Ihr hübscher Kopf war weich in die von breiten Spitzenborten
umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hände lagen gefaltet auf der
Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu schließen,
folgten langsam den Bewegungen eines großen Insektes mit langem Leibe,
das standhaft mit Millionen lautloser Flügelschwingungen das helle Glas
umkreiste ... Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei alten
Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war eingerahmt
der Spruch zu lesen: »Befiehl dem Herrn deine Wege ...« aber ist das ein
Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und sich
entschließen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder
Nein über sein Leben und nicht nur darüber entscheiden soll?

Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang im
Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren getrennt
war, das Räuspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles Licht. Die
treue Preußin saß noch aufrecht am Ausziehtische unter der Hängelampe
und stopfte Strümpfe für die kleine Erika, deren tiefe und friedliche
Atemzüge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts Zöglinge hatten
nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der Mengstraße.

Frau Grünlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und
stützte den Kopf in die Hand.

»Ida?« fragte sie mit verhaltener Stimme, »sitzest du noch da und
stopfst?«

»Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen«, ließ sich Idas Stimme hören ...
»Schlaf nur, wirst morgen früh aufstehen müssen, wirst nicht
ausgeschlafen haben.«

»Schon gut, Ida ... Du weckst mich also morgen um sechs?«

»Halb sieben ist früh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht
bestellt. Schlaf nun weiter, daß du wirst hübsch frisch sein ...«

»Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!«

»Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht
marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und
zähl' bis tausend ...«

»Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bißchen herüber! Ich kann nicht
schlafen, will ich dir sagen, ich muß so viel denken, daß der Kopf mir
weh tut ... sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es
wieder der Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen
Schläfen sind ganz geschwollen und pulsieren, daß es weh tut, so voll
sind sie, was ja nicht ausschließt, daß trotzdem zu wenig Blut im Kopfe
ist ...«

Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in
ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den
Portieren.

»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen ... Woll'n mal
ein Kompreßchen machen ...«

Und mit ihren ein wenig männlich langen und festen Schritten ging sie
zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel,
trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie
es noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich.

»Danke, Ida, das tut gut ... Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir,
gute alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an
morgen denken ... Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im
Kopfe herum.«

Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die
Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während sie
den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken
braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird
fragen, morgen?«

»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht
verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie ... Ich könnte
es ja vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und
ihn nicht herankommen lassen ... Aber damit ist es dann auch vorbei! Er
reist übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger
bleiben, wenn morgen nichts daraus wird ... Es =muß= sich morgen
entscheiden ... Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du
bist noch nie verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich
nicht, aber du bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist
zweiundvierzig Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so
nötig ...«

Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken.

»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was ich
finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er
kann gar nicht mehr weg« -- Ida sagte, »weck« -- »ohne mit dir und
deiner Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st
ihn müssen früher weckschicken ...«

»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja
schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück,
noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich ...«

»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!«

»Ja, Ida. Da müßte ich lügen, wenn ich das leugnen wollte. Er ist nicht
schön, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein
grundguter Mann und keiner Bosheit fähig, das glaube mir. Wenn ich an
Grünlich denke ... o Gott! er sagte beständig, daß er rege und findig
sei, und bemäntelte in tückischer Weise seine Filouhaftigkeit ... So ist
Permaneder nicht, siehst du. Er ist, möchte ich sagen, zu bequem dazu,
und nimmt das Leben zu gemütlich dazu, was übrigens andererseits auch
wieder ein Vorwurf ist, denn Millionär wird er sicher nicht werden und
neigt, glaube ich, ein bißchen dazu, sich gehen zu lassen und so
weiterzuwursteln, wie sie da unten sagen ... Denn sie sind alle so dort
unten, und das ist es, was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache.
Nämlich in München, wo er unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so
sprachen und so waren wie er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand
ich ihn, so treuherzig und behaglich. Und ich merkte auch gleich, daß es
gegenseitig war, -- wozu vielleicht beitrug, daß er mich für eine reiche
Frau hält, für reicher, fürchte ich, als ich bin, denn Mutter kann mir
nicht mehr viel mitgeben, wie du weißt ... Aber das wird ihm nichts
ausmachen, bin ich überzeugt. So sehr viel Geld, das ist gar nicht nach
seinem Sinn ... Genug ... was wollte ich sagen, Ida?«

»In München, Tonychen; aber hier?«

»Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so
ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders
sind, strenger und ehrgeiziger und würdiger, sozusagen ... hier muß ich
mich oft für ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin
ein ehrliches Weib, ich geniere mich für ihn, obgleich es vielleicht
eine Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du ... mehrere Male ist es ganz
einfach vorgekommen, daß er im Gespräche »mir« statt »mich« gesagt hat.
Das tut man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten
Menschen, wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet
nichts und läuft so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht
Mutter ihn von der Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und
Onkel Justus gibt sich einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krögers
immer tun, und Pfiffi Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike
oder Henriette einen Blick zu, und dann schäme ich mich so sehr, daß ich
am liebsten aus der Stube laufen möchte, und kann mir nicht denken, daß
ich ihn heiraten könnte ...«

»Ach wo, Tonychen! Sollst ja auch in München mit ihm leben.«

»Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird
gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor
Kistenmakers und Möllendorpfs und den anderen beständig schämen muß,
weil er so wenig vornehm ist ... ach, Grünlich war vornehmer, wofür er
allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer
gesagt haben soll ... Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die
Kompresse ein.«

»Schließlich soll es ja doch sein«, sagte sie wieder, indem sie
aufatmend den kalten Umschlag entgegennahm, »denn die Hauptsache ist und
bleibt, daß ich wieder unter die Haube komme und hier nicht länger als
geschiedene Frau herumliege ... Ach, Ida, ich muß soviel zurückdenken in
diesen Tagen, an damals, als Grünlich zuerst erschien, und an die
Auftritte, die er mir machte -- skandalös, Ida! -- und dann Travemünde,
Schwarzkopfs ...«, sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile
träumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf ... »und dann
die Verlobung und Eimsbüttel, und unser Haus -- es war vornehm, Ida;
wenn ich an meine Schlafröcke denke ... So werde ich es nicht wieder
haben, mit Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weißt
du -- und Doktor Klaaßen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer ... und
dann das Ende -- es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und
wenn man so grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben ... Aber
Permaneder wird sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; -- das ist
das letzte, was ich ihm zutraue, und geschäftlich können wir uns gut auf
ihn verlassen, denn ich glaube wirklich, daß er mit Noppe bei der
Niederpaurschen Brauerei ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau
bin, Ida, das sollst du sehen, dann will ich schon dafür sorgen, daß er
ehrgeiziger wird und uns weiterbringt und sich anstrengt und mir und
uns allen Ehre macht, denn =die= Verpflichtung übernimmt er schließlich,
wenn er eine Buddenbrook heiratet!«

Sie faltete die Hände unterm Kopf und sah zur Decke hinauf.

»Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grünlich
nahm ... Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder
jemandem mein Jawort erteilen. Weißt du, Ida, das Leben ist furchtbar
ernst!... Aber der Unterschied ist, daß damals ein großes Wesen gemacht
wurde und alle mich drängten und quälten, und daß sich jetzt alle ganz
still verhalten und es als selbstverständlich nehmen, daß ich Ja sage;
denn du mußt wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois -- ich sage schon
Alois, denn es soll ja schließlich doch sein -- ist gar nichts
Festliches und Freudiges, und um mein Glück handelt es sich eigentlich
gar nicht dabei, sondern, indem ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich
nur in aller Ruhe und Selbstverständlichkeit meine erste Ehe wieder gut,
denn das ist meine Pflicht unserem Namen gegenüber. So denkt Mutter, und
so denkt Tom ...«

»Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich nicht
wird glücklich machen ...«

»Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine Augen
im Kopf. Mutter ... das mag sein, die würde nicht geradezu darauf
dringen, denn über fragwürdige Dinge geht sie hinweg und sagt _Assez_.
Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weißt du, wie Tom
denkt? Er denkt: `Jeder! Jeder, der nicht absolut unwürdig ist. Denn es
handelt sich diesmal nicht um eine glänzende Partie, sondern nur darum,
daß die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefähr wieder
ausgewetzt wird.´ So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war, hat
Tom in aller Stille geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, da
sei überzeugt, und als die ziemlich günstig und sicher lauteten, da war
es beschlossene Sache bei ihm ... Tom ist ein Politiker und weiß, was er
will. Wer hat Christian an die Luft gesetzt?... Obgleich das ein hartes
Wort ist, Ida, aber es verhält sich so. Und warum? Weil er die Firma und
die Familie kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida,
nicht mit Taten und Worten, sondern mit meiner bloßen Existenz als
geschiedene Frau. Das, will er, soll aufhören, und damit hat er recht,
und ich liebe ihn darum bei Gott nicht weniger und hoffe auch, daß das
auf Gegenseitigkeit beruht. Schließlich habe ich mich in all diesen
Jahren immer danach gesehnt, wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich
langweile mich bei Mutter, Gott strafe mich, wenn das eine Sünde ist,
aber ich bin kaum dreißig und fühle mich jung. Das ist verschieden
verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreißig schon graues Haar, das
liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am Schluckauf
starb ...«

Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und
da noch einmal: »Schließlich soll es ja doch so sein«, und schlummerte
dann fünf Stunden lang sanft und tief.


Sechstes Kapitel

Dunst lag über der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in der
Johannisstraße, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten, aber
an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstraße vorfuhr,
sagte: »In 'ner lütten Stund' is de Sünn durch«, und somit konnte man
beruhigt sein.

Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann hatten
miteinander gefrühstückt und fanden sich nun einer nach dem anderen
reisefertig auf der großen Diele ein, um Gerda und Tom zu erwarten. Frau
Grünlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte unterm Kinn,
sah trotz der verkürzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus; Zagen und
Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre Miene,
während sie im Gespräch mit dem Gaste langsam die Knöpfe ihrer leichten
Handschuhe schloß, war ruhig, sicher, fast feierlich ... Sie hatte die
Stimmung wiedergefunden, die ihr aus früheren Zeiten her wohlbekannt
war. Das Gefühl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung,
die ihr anheimgestellt war, das Bewußtsein, daß abermals ein Tag
gekommen sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschluß in die
Geschichte ihrer Familie einzugreifen, erfüllte sie und machte ihr Herz
höher schlagen. Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den
Familienpapieren vor Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer
zweiten Verlobung zu vermerken gedachte ... diese Tatsache, die jenen
schwarzen Flecken, den die Blätter enthielten, tilgte und bedeutungslos
machte, und nun freute sie sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom
erscheinen und sie ihn mit ernsthaftem Nicken begrüßen würde ...

Etwas verspätet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht gewohnt,
so früh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin ein.
Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen ließen, und seine
Augen lächelten, als er Tonys unvergleichlich würdevolle Miene gewahrte.
Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rätselhafte Schönheit einen
seltsamen Gegensatz zu der hübschen Gesundheit ihrer Schwägerin bildete,
zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich
hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer
Robe ausmachte und in höchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres
schweren Haares zusammenklang, ließ ihren Teint noch weißer, noch matter
erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer
nahe beieinander liegenden braunen Augen bläuliche Schatten ... Kalt bot
sie ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder
mit ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grünlich bei
ihrem Anblick die Hände zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief:
»Gerda, o Gott, wie =schön= bist du wieder --!« antwortete sie lediglich
mit einem ablehnenden Lächeln.

Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige:
zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume meistens
verhängt, im Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete die
Sonne, den Staub, die festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch
von Kaffee, Bier, Tabak ... und über alles in der Welt verabscheute sie
die Erhitzung, das Derangement. »Mein lieber Freund«, hatte sie
beiläufig zu Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem
»Riesebusch« verabredet worden war, damit der Münchener Gast auch ein
wenig von der Umgebung der alten Stadt kennenlerne -- »du weißt: wie
Gott mich gemacht hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen ... In
diesem Falle ist man für Anregung und Abwechselung nicht geschaffen.
Nicht wahr, ihr dispensiert mich ...«

Sie würde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen
im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wäre.

»Ja, lieber Gott, du hast natürlich recht, Gerda. Daß man sich bei
derartigen Sachen amüsiert, ist meistens bloß Einbildung ... Aber man
macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern
als Sonderling erscheinen möchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du
nicht?... Man gerät sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und
Unglück und büßt an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda ... Wir
alle haben Ursache, dem Herrn Permaneder ein bißchen den Hof zu machen.
Ich zweifle nicht, daß du die Situation übersiehst. Es entwickelt sich
da etwas, und es wäre schade, ganz einfach schade, käme es nicht
zustande ...«

»Ich sehe nicht ein, lieber Freund, inwiefern meine Gegenwart ... aber
gleichviel. Da du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen
über uns ergehen.«

»Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.« --

Man trat auf die Straße hinaus ... Wahrhaftig, schon jetzt begann die
Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntäglich läuteten die Glocken
von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Der Kutscher
zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas
manchmal ein bißchen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein
überaus herzliches »Guten Morgen, lieber Mann!« zu ihm hinauf. »Also
eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wäre Zeit zur Frühpredigt, aber
heut' wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben,
nicht wahr, Herr Permaneder?«

»Is scho recht, Frau Konsul.«

Und man kletterte nacheinander über die beiden Blechstufen durch das
schmale Hintertürchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefaßt
haben würde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die -- ohne
Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders -- blau und weiß gestreift waren.
Dann klinkte das Türchen ins Schloß, Herr Longuet schnalzte mit der
Zunge und stieß unterschiedliche Ho- und Hürufe aus, seine muskulösen
Braunen zogen an, und das Gefährt rollte die Mengstraße hinunter,
entlang der Trave, am Holstentore vorbei, und später nach rechts auf der
Schwartauer Landstraße dahin ...

Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehöfte ... und man suchte in dem immer
höheren, dünneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren Stimmen man
vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam um sich, wenn
man an Getreide vorüberkam, und zeigte Herrn Permaneder, wie es stand.
Der Hopfenhändler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune, hatte seinen
grünen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt, balancierte seinen
Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weißen und breiten
Handfläche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststück, welchem,
obgleich es beständig mißlang, besonders von seiten der kleinen Erika
lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: »Die Zugspitz'
wird's halt net sein, aber a weng kraxeln wermer doch, und a Hetz wermer
ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grünlich?!«

Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack und
Eispickel zu erzählen, wofür ihn die Konsulin mit mehreren bewundernden
»Dausend!« belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem Gedankengange
heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians, von dem er gehört
habe, daß er gar so ein lustiger Herr sei.

»Unterschiedlich«, sagte der Konsul. »Aber bei solchen Gelegenheiten ist
er unvergleichlich, das ist wahr. -- Wir werden Krebse essen, Herr
Permaneder!« rief er aufgeräumt. »Krebse und Ostseekrabben! Sie haben
schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund
Dieckmann, der Besitzer der Restauration `Zum Riesebusch´, führt sie
stets in hervorragender Qualität. Und Pfeffernüsse, die berühmten
Pfeffernüsse dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht
gedrungen? Nun, Sie werden sehen.«

Frau Grünlich ließ zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am
Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflücken, und jedesmal beteuerte
Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu
wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig fürchtete,
so unterließ er es dennoch.

Erika jubelte über jede Krähe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie
immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst
Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die
kindlichen Stimmungen nicht nur äußerlich eingeht, sondern sie ebenso
kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden Lachen
ein, so daß Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden sehen,
sie wiederholt einigermaßen kalt und erstaunt betrachtete ...

Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der Wagen
fuhr durch den Ort, über das Marktplätzchen mit seinem Ziehbrunnen,
gelangte wieder ins Freie, rollte über die Brücke, die über das Flüßchen
Au führt und hielt endlich vor dem einstöckigen Wirtshaus »Zum
Riesebusch«. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit
Grasflächen, sandigen Wegen und ländlichen Beeten gelegen, und jenseits
dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die
einzelnen Stufen waren durch rauh angelegte Treppen verbunden, zu denen
man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte,
und auf den Etagen, zwischen den Bäumen, waren weiß gestrichene Tische,
Bänke und Stühle aufgeschlagen.

Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gäste. Ein paar wohlgenährte
Mägde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten eilfertig
über den Platz und trugen kalte Küche, Limonaden, Milch und Bier zu den
Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abständen, schon mehrere
Familien mit Kindern Platz genommen hatten.

Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Käppchen und Hemdärmeln,
trat persönlich an den Schlag, um den Herrschaften beim Aussteigen
behilflich zu sein, und während Longuet beiseite fuhr, um auszuspannen,
sagte die Konsulin: »Wir machen nun also zunächst einen Spaziergang,
guter Mann, und möchten dann, nach einer Stunde oder anderthalb, ein
Frühstück haben. Bitte, lassen Sie uns drüben servieren ... aber nicht
zu hoch; auf dem zweiten Absatz dünkt mich ...«

»Strengen Sie sich an, Dieckmann«, fügte der Konsul hinzu. »Wir haben
einen verwöhnten Gast ...«

Herr Permaneder protestierte. »I ka Spur! A Bier und a Kaas ...«

Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit großer
Geläufigkeit: »Allens, was da is, Herr Kunsel ... Krebse, Krabben,
diverse Wurst, diverse Käse, geräucherten Aal, geräucherten Lachs,
geräucherten Stör ...«

»Schön, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben Sie uns
-- sechs Gläser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr
Permaneder, wie?...«

»Einmal Bier, sechsmal Milch ... Süße Milch, Buttermilch, dicke Milch,
Sattenmilch, Herr Kunsel ...«

»Halb und halb, Dieckmann; süße Milch und Buttermilch. In einer Stunde
also.«

Und sie gingen über den Platz.

»Zunächst liegt es uns nun ob, die Quelle zu besuchen, Herr Permaneder«,
sagte Thomas. »Die Quelle: das heißt die Quelle der Au, und die Au ist
das kleine Flüßchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen
Mittelalter ursprünglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte
-- sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie -- und an
der Trave wieder aufgebaut wurde. Übrigens knüpfen sich schmerzliche
Erinnerungen an den Namen des Flüßchens. Als Jungen fanden wir es
witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heißt der
Fluß bei Schwartau? Worauf man natürlich, weil's wehtat, wider Willen
den Namen rief ... Da!« unterbrach er sich plötzlich, zehn Schritte von
dem Anstieg entfernt; »wir sind überholt worden. Möllendorpfs und
Hagenströms.«

In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saßen
die hauptsächlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten
Familien an zwei zusammengerückten Tischen und speisten unter angeregten
Gesprächen. Der alte Senator Möllendorpf präsidierte, ein blasser Herr
mit weißen, dünnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine
Gattin, geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette,
und nach wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr
Sohn war da, August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem Äußeren
und Gatte Julchens, der geborenen Hagenström, welche, klein, lebhaft,
mit großen, blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso großen
Brillanten an den Ohrläppchen, zwischen ihren Brüdern Hermann und Moritz
saß. Konsul Hermann Hagenström begann sehr stark zu werden, denn er
lebte vortrefflich und man sagte sich, daß er gleich morgens mit
Gänseleberpastete beginne. Er trug einen rötlich blonden kurzgehaltenen
Vollbart, und seine Nase -- die Nase seiner Mutter -- lag auffallend
platt auf der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem
Teint, zeigte in lebhaftem Gespräch seine spitzigen, lückenhaften Zähne.
Beide Brüder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte
war seit mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Fräulein
Puttfarken aus Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und übermäßig
leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber außerordentlich
schönen und regelmäßigen Gesichtszügen, denn Doktor Hagenström hätte es
mit seinem Rufe als Schöngeist nicht vereinbaren können, ein häßliches
Mädchen zu ehelichen. Schließlich waren noch die kleine Tochter von
Hermann Hagenström und der kleine Sohn von Moritz Hagenström zugegen,
zwei weißgekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander
verlobt waren, denn das Huneus-Hagenströmsche Vermögen sollte nicht
verzettelt werden. -- Alle aßen Rührei mit Schinken.

Man grüßte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der
Gesellschaft vorüberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und
gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lüftete den Hut, indem er die
Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Kühles, und
Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt
durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grünen Hut und rief mit
lauter und fröhlicher Stimme: »Wünsch' recht an guat'n Morg'n!« --
Worauf die Senatorin Möllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm ... Tony
ihrerseits zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurück,
suchte trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken und grüßte gleichsam
von einer unabsehbaren Höhe herab, wobei sie genau über Julchen
Möllendorpfs breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte ... In dieser
Minute setzte sich ihr Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr
fest ...

»Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, daß wir erst in einer Stunde
frühstücken! Ich möchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen
sehen lassen, weißt du ... Hast du beachtet, wie sie grüßte? Beinahe gar
nicht. Dabei war meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ihr Hut ganz unmäßig
geschmacklos ...«

»Na, was den Hut betrifft ... Und mit dem Grüßen warst du wohl auch
nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. Übrigens ärgere dich nicht;
das macht Falten.«

Ȁrgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten an
der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist für ein
Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Daß
sie keinen Filou, sondern bloß einen `Duschack´ zum Manne bekommen hat,
wie Ida sagen würde, und wenn sie einmal in meiner Lage wäre im Leben,
so würde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden würde ...«

»Was besagt, daß du deinerseits einen finden wirst?«

»Einen Duschack, Thomas?«

»Sehr viel besser als ein Filou.«

»Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darüber spricht
man nicht.«

»Richtig. Wir bleiben auch zurück. Herr Permaneder steigt mit Elan ...«

Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis
sie die »Quelle« erreicht hatten, einen hübschen, romantischen Punkt mit
einer hölzernen Brücke über einem kleinen Abgrund, zerklüfteten Abhängen
und überhängenden Bäumen, deren Wurzeln bloßlagen. Sie schöpften mit
einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die Konsulin
mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich unterhalb
der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen, eisenhaltigen
Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von Galanterie hatte,
indem er darauf bestand, daß Frau Grünlich ihm den Trunk kredenzte. Er
war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: »A, des is fei nett!« und
plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin und Thomas
als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika ... Selbst Gerda,
die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art von
stummer und starrer Nervosität einhergegangen war, begann nun
aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rückwege wieder vor
dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse
an einem überreichlich besetzten Tische niederließ, war sie es, die es
in liebenswürdigen Wendungen bedauerte, daß Herrn Permaneders Abreise so
nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es
zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, daß auf beiden Seiten immer
seltener Miß- und Nichtverständnisse des Dialektes wegen unterliefen ...
Sie könne die Behauptung vertreten, daß ihre Freundin und Schwägerin
Tony zwei- oder dreimal mit Virtuosität »Pfüaht Gott!« gesagt habe ...

Herr Permaneder unterließ es, auf das Wort »Abreise« irgendeine
bestätigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den
Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der
Donau nicht alle Tage bekam.

Sie verzehrten die guten Sachen mit Muße, wobei die kleine Erika sich
beinahe am meisten über die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr
unvergleichlich schöner schienen als die großen leinenen zu Hause, und
von denen sie mit Erlaubnis des Kellners sogar einige zum Andenken in
die Tasche steckte; und dann saß, während Herr Permaneder mehrere
tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte,
die Familie mit ihrem Gaste noch längere Zeit beisammen und plauderte;
-- bemerkenswert aber war, daß niemand mehr der Abreise des Herrn
Permaneder gedachte und daß überhaupt die Zukunft völlig unberührt
gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die
politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder
berichtete, nachdem er über einige achtundvierziger Anekdoten, die die
Konsulin ihrem verstorbenen Gatten nacherzählte, sich vor Lachen
geschüttelt hatte, von der Revolution in München und von Lola Montez,
für welche Frau Grünlich sich unbändig interessierte. Dann aber, als
allgemach die erste Stunde nach Mittag vorüber war, als Erika, ganz
erhitzt und bepackt mit Gänseblumen, Wiesenschaumkraut und Gräsern, von
einem Streifzug mit Ida zurückkehrte und die Pfeffernüsse in Erinnerung
brachte, die noch einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort
hinunter auf ... nicht bevor die Konsulin, deren Gäste heut alle waren,
mit einem gar nicht kleinen Goldstück die Rechnung beglichen hatte.

Vorm Gasthaus ward Order gegeben, daß in einer Stunde der Wagen
bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein
wenig ruhen können; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne
brannte auf den Staub, den niedrigen Häusern des Fleckens zu.

Gleich nach der Au-Brücke ordnete sich ungezwungen und von selbst die
Reihenfolge, die dann während des Weges innegehalten ward: Voran nämlich
war Mamsell Jungmann, vermöge ihrer langen Schritte, neben der
unermüdlich springenden und nach Kohlweißlingen jagenden Erika, dann
folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in
einigem Abstande sogar, Frau Grünlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es
laut, denn das kleine Mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem
eigentümlich tiefen, gutmütigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle
drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervöse
Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren
in Gedanken. Auch hinten war es still ... aber nur scheinbar, denn Tony
und der Gast aus Bayern unterhielten sich gedämpft und intim. -- Wovon
sprachen sie? Von Herrn Grünlich ...

Herr Permaneder hatte die treffende Bemerkung gemacht, daß Erika »fei«
ein gar zu liebes und hübsches Kind sei, daß sie aber trotzdem der Frau
Mama fast gar nicht ähnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: »Sie
ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn
äußerlich war Grünlich ein Gentleman -- alles, was wahr ist! So hatte er
goldfarbene Favoris; völlig originell; ich habe nie wieder dergleichen
gesehen ...«

Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs in
München die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzählt hatte, noch
einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ängstlich
teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott ...

»Er war ein böser Mensch, Herr Permaneder, sonst hätte Vater mich ihm
nicht wieder weggenommen, das können Sie mir glauben. Nicht alle
Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich
gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich für eine Person, die seit zehn
Jahren Witwe oder etwas Ähnliches ist, noch bin. Er war böse, und
Kesselmeyer, sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger
Hund, war noch böser. Aber das soll nicht heißen, daß ich mich selbst
für einen Engel halte und aller Schuld bar erachte ... mißverstehen Sie
mich nicht! Grünlich vernachlässigte mich, und wenn er einmal bei mir
saß, so las er die Zeitung, und er hinterging mich und ließ mich
beständig in Eimsbüttel sitzen, weil ich in der Stadt von dem Morast
hätte erfahren können, darin er steckte ... Aber ich bin auch nur eine
schwache Frau und habe meine Fehler und bin ganz sicher nicht immer
richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich meinem Mann durch
Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue Schlafröcke Grund zu Sorge
und Klage ... Aber eins darf ich hinzufügen: ich habe eine
Entschuldigung, und die besteht darin, daß ich ein Kind war, als ich
heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum Beispiel,
daß ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewußt hätte, daß
vier Jahre früher die Bundesgesetze über die Universitäten und die
Presse erneuert worden seien? Schöne Gesetze übrigens!... Ach, ja, es
ist wahrhaftig so sehr traurig, daß man nur einmal lebt, Herr
Permaneder, daß man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man würde
so manches geschickter anfassen ...«

Sie schwieg und blickte gespannt auf den Weg nieder; sie hatte ihm,
nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwägung lag
gar nicht fern, daß ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmöglich, der
Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen
sei. Allein Herr Permaneder ließ die Gelegenheit vorübergehen und
beschränkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grünlich zu
schelten, wobei die Fliege über seinem kleinen, runden Kinn sich
sträubte ...

»Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier hätt', den Hund, den
ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tät' ...«

»Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit müssen Sie aufhören. Wir sollen
vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr ...
fragen Sie nur Mutter. Bewahre ... ich weiß nicht, wo Grünlich sich
aufhält, und wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wünsche ihm
alles Gute, wenn er es auch vielleicht nicht verdient hat ...«

Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Häuschen, in dem der
Bäckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie
stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie
mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und
Gerda gebückt durch die lächerlich niedrige Ladentür verschwinden sehen:
so vertieft waren sie in ihr Gespräch, obgleich sie bis jetzt nichts als
überflüssige und alberne Dinge geredet hatten.

Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet
entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze
Erde Frau Grünlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer
eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflügte. Herr Permaneder,
dessen grünes Hütchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand
dicht bei ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines
Spazierstockes an dem Umgraben des Beetes. Auch er ließ den Kopf hängen;
aber seine kleinen, hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank
geworden und sogar ein wenig gerötet waren, blickten von unten herauf
mit einem Gemisch von Ergebenheit, Betrübtheit und Spannung zu ihr
empor, und mit ebendemselben Ausdruck überhing der ausgefranste
Schnauzbart seinen Mund ...

»Und da haben's jetzt wohl«, sagte er, »a damische Furcht vor der Eh'
und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau
Grünlich ...?«

Wie ungeschickt! dachte sie. Das muß ich ja bestätigen?... Sie
antwortete: »Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, daß es
mir schwer fallen würde, noch einmal jemandem mein Jawort fürs Leben zu
erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was für ein furchtbar
ernster Entschluß das ist ... und dazu bedürfte es der festen
Überzeugung, daß es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen
herzensguten Mann handelt ...«

Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn für einen solchen Mann
halte, worauf sie antwortete: »Ja, Herr Permaneder, dafür halte ich
Sie.«

Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das
Verlöbnis enthalten war, und für Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu
Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden ...

Als die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren großen
Düten voll Pfeffernüssen, wieder im Freien erschienen, ließ der Konsul
seine Augen diskret über die Köpfe der beiden hinwegschweifen, denn sie
waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das zu
verbergen, Tony unter der Maske einer fast majestätischen Würde.

Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich
bedeckt und Tropfen fielen.

                   *       *       *       *       *

Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders
Erscheinen genaue Erkundigungen über seine Lebensstellung eingezogen,
die als Resultat ergeben hatten, daß X. Noppe & Comp. eine etwas
beschränkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken
mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen
hübschen Gewinn erzielte, und daß, im Verein mit Tonys 17000
Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil für ein gutbürgerliches
Zusammenleben ohne Luxus ausreichen würde. Die Konsulin war unterrichtet
darüber, und in einem ausführlichen Gespräche zwischen ihr, Herrn
Permaneder, Antonie und Thomas, welches gleich am Abend des
Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis
alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf
Tonys Wunsch und mit dem gerührten Einverständnis ihres Verlobten
ebenfalls nach München übersiedeln sollte.

Zwei Tage später reiste der Hopfenhändler ab -- »weil der Noppe sonst
schimpfen tät'« --, aber schon im Monat Juli traf Frau Grünlich
wiederum in seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und
Gerda, die sie für vier oder fünf Wochen nach Bad Kreuth begleitete,
während die Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb.
Übrigens hatten die beiden Paare in München bereits Gelegenheit, das
Haus zu besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Straße -- ganz
in der Nähe also der Niederpaurs -- anzukaufen im Begriffe war, und
dessen größten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwürdiges,
altes Haus, mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustür
schnurgerade und ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den
ersten Stock hinanführte, woselbst man erst nach beiden Seiten über den
Korridor zurückschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern
gelangte ...

Mitte August kehrte Tony nach Hause zurück, um sich während der nächsten
Wochen der Sorge für ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war noch aus
der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mußte durch Neuankäufe
ergänzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher manches
bezogen ward, sogar ein Schlafrock an ... nicht mit Sammet freilich,
sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert.

Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der
Mengstraße ein; man wollte die Sache nicht länger verzögern ...

Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie
Tony es erwartet und nicht anders gewünscht hatte: Es wurde nicht viel
Aufhebens davon gemacht. »Lassen wir den Pomp«, sagte der Konsul; »du
bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als hättest du niemals
aufgehört, es zu sein.« Nur wenige Verlobungskarten waren versandt
worden -- daß aber Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, eine
erhalten hatte, dafür hatte Madame Grünlich gesorgt --, von einer
Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder »so a Hetz'«
verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt,
schon die Reise nach München zu weit fand, und die Trauung, die diesmal
nicht die Säulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte,
fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Würde die
Orangeblüten statt der Myrten, und Hauptpastor Kölling predigte mit
etwas schwächerer Stimme als ehemals, aber noch immer in starken
Ausdrücken über =Mäßigkeit=.

Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig
angegriffen, aber lustig aussehend, erzählte, daß sein Geschäft mit
Burmeester »tip-top« sei, erklärte, daß Klothilde und er sich wohl erst
»da oben« verheiraten würden -- »das heißt: Jeder für sich!...« und kam
viel zu spät zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet
hatte. Onkel Justus war sehr gerührt und zeigte sich so kulant wie
stets, indem er den Neuvermählten einen außerordentlich schönen,
schwersilbernen Tafelaufsatz verehrte ... Er und seine Frau hungerten zu
Hause beinahe, denn die schwache Mutter bezahlte dem längst enterbten
und verstoßenen Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris
aufhielt, nach wie vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. -- Die
Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße bemerkten: »Nun, hoffentlich
hält es diesmal.« Wobei das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob
sie dies wirklich hofften ... Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf
die Zehenspitzen, küßte ihren Zögling, die nunmehrige Frau Permaneder,
mit leicht knallendem Geräusch auf die Stirn und sagte mit ihren
herzlichsten Vokalen: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!«


Siebentes Kapitel

Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, über die
Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen
war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte,
begann Konsul Buddenbrook sich mit öffentlichen Dingen zu beschäftigen.
Dann nämlich erschien, mit seinen roten Händen und seinem intelligenten
Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Küche
geholt, und den übrigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied
der Bürgerschaft, in der Badestube, und während der Konsul sich,
zurückgebeugten Hauptes, in einem großen Lehnstuhle niederließ und Herr
Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein
Gespräch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu
Ereignissen in der großen Welt überging, sich hierauf mit intim
städtischen Angelegenheiten beschäftigte und mit ganz eng geschäftlichen
und familiären Gegenständen zu schließen pflegte ... Dies alles zog die
Prozedur sehr in die Länge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mußte
Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen.

»Wohl geruht, Herr Konsul?«

»Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?«

»Frost und ein bißchen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche
haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, daß
ich beinah' hingeschlagen wär', als ich vom Bürgermeister kam. Hol' sie
der Düwel ...«

»Schon Zeitungen gesehen?«

»Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als Orsinibomben
... Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper ... Eine nette Gesellschaft da
drüben ...«

»Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts
zu tun, und der Effekt ist nun bloß, daß die Polizei und der Druck auf
die Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut ... Ja, es
ist eine ewige Unruhe, das muß wahr sein, denn er ist immer auf
Unternehmungen angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er
-- ganz einerlei. Mit =den= Traditionen kann man wenigstens kein Dujack
sein, wie Mamsell Jungmann sagt, und das mit der Bäckereikasse und den
billigen Brotpreisen zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut
ohne Zweifel eine Menge fürs Volk ...«

»Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.«

»Stephan? Wir sprachen gestern darüber.«

»Und mit Friedrich Wilhelm von Preußen, das steht schlimm, Herr Konsul,
das wird nichts mehr. Man sagt schon, daß der Prinz endgültig Regent
werden soll ...«

»Oh, darauf muß man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein
liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der
Konstitution nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenüber ... Es
ist doch am Ende nur der Gram, der ihn aufreibt, den armen Mann ... Was
Neues aus Kopenhagen?«

»Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut
erklären, daß die Gesamtverfassung für Holstein und Lauenburg
rechtswidrig ist ... Sie sind da oben ganz einfach nicht dafür zu haben,
sie aufzuheben ...«

»Ja, es ist ganz unerhört, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur
Exekution heraus, und wenn er ein bißchen alerter wäre ... Ach ja, diese
Dänen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner
Junge beständig über einen Gesangvers ärgerte, der anfing: `Gib mir, gib
allen denen, die sich von Herzen sehnen ...´ wobei ich `denen´ im Geiste
immer mit `ä´ schrieb und nicht begriff, daß der Herrgott auch den Dänen
irgend etwas geben sollte ...«

»Sehen Sie sich mit der spröden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen ... Nun,
und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon
diplomatische Kämpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in
Kopenhagen die Konzession geben ...«

»Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, daß die Altona-Kieler
Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das
sagte Bürgermeister Doktor Överdieck vorhin auch schon. Sie haben eine
verfluchte Angst für den Aufschwung von Kiel ...«

»Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und Nordsee
... Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhören, zu
intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen:
Ostholsteinisch, Neumünster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen.
Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, und direkte Fahrt nach
Hamburg müssen wir haben.«

»Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.«

»Tja ... soweit das in meinen Kräften steht, und soweit mein bißchen
Einfluß reicht ... Ich interessiere mich für unsere Eisenbahnpolitik,
und das ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem
Vorstand der Büchener Bahn angehört, und daran liegt es denn auch wohl,
daß ich mit meinen zweiunddreißig Jahren hineingewählt bin; meine
Verdienste sind ja noch nicht beträchtlich ...«

»Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der
Bürgerschaft ...«

»Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille ist
jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, daß mein
Vater, Großvater und Urgroßvater mir die Wege geebnet haben, und daß
viel von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt
erworben haben, ohne weiteres auf mich übertragen wird, denn sonst
könnte ich mich gar nicht so regen ... Was hat zum Beispiel nach 48 und
zu Anfang dieses Jahrzehnts mein Vater nicht alles für die Reformation
unseres Postwesens getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der
Bürgerschaft gemahnt hat, die Hamburger Diligencen mit der Post zu
vereinigen, und wie er _anno_ 50 beim Senate, der damals ganz
unverantwortlich langsam war, mit immer neuen Anträgen zum Anschluß an
den deutsch-österreichischen Postverein getrieben hat ... Wenn wir jetzt
einen niedrigen Portosatz für Briefe haben und die Kreuzbandsendungen
und die Freimarken und Briefkasten und die telegraphischen Verbindungen
mit Berlin und Travemünde, er ist nicht der Letzte, dem wir dafür zu
danken haben, und wenn er und ein paar andere Leute den Senat nicht
immer wieder gedrängt hätten, so wären wir wohl ewig hinter der
dänischen und der Thurn- und Taxischen Post zurückgeblieben. Nun, und
wenn ich jetzt in solchen Sachen meine Meinung sage, so hört man
darauf ...«

»Das weiß Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort. Und
was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, daß
Bürgermeister Doktor Överdieck zu mir gesagt hat: `Wenn wir erst so weit
sind, daß wir in Hamburg ein geeignetes Terrain für den Bahnhof ankaufen
können, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook ist
bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist´ ...
Das waren seine Worte ...«

»Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da überm
Kinn noch ein bißchen Schaum; das muß da noch sauberer werden.«

»Ja, kurz und gut, wir müssen uns regen! Nichts gegen Överdieck, aber er
ist eben bei Jahren, und wenn ich Bürgermeister wäre, so ginge alles ein
wenig schneller, meine ich. Ich kann nicht sagen, welche Genugtuung ich
empfinde, daß nun die Arbeiten für die Gasbeleuchtung begonnen haben
und endlich die fatalen Öllampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf
mir gestehen, daß ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin
... Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten
ändern sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue
Zeit. Wenn ich an meine erste Jugend denke ... Sie wissen besser, als
ich, wie es damals bei uns aussah. Die Straßen ohne Trottoirs und
zwischen den Pflastersteinen fußhoher Graswuchs und die Häuser mit
Vorbauten und Beischlägen und Bänken ... Und unsere Bauten aus dem
Mittelalter waren durch Anbauten verhäßlicht und bröckelten nur so
herunter, denn die einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand
hungerte; aber der Staat hatte gar nichts, und alles wurstelte so
weiter, wie mein Schwager Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht
zu denken. Das waren ganz behäbige und glückliche Generationen damals,
und der Intimus meines Großvaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques
Hoffstede, spazierte umher und übersetzte kleine unanständige Gedichte
aus dem Französischen ... aber beständig so weiter konnte es nicht
gehen; es hat sich vieles geändert und wird sich noch immer mehr ändern
müssen ... Wir haben nicht mehr 37000 Einwohner, sondern schon über 50,
wie Sie wissen, und der Charakter der Stadt ändert sich. Da haben wir
Neubauten, und die Vorstädte, die sich ausdehnen, und gute Straßen und
können die Denkmäler aus unserer großen Zeit restaurieren. Aber das ist
am Ende bloß äußerlich. Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein
lieber Wenzel; und nun bin ich wieder bei dem _ceterum censeo_ meines
seligen Vaters angelangt: der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den
Zollverein, das sollte gar keine Frage mehr sein, und Sie müssen mir
alle helfen, wenn ich dafür kämpfe ... Als Kaufmann, glauben Sie mir,
weiß ich da besser Bescheid als unsere Diplomaten, und die Angst, an
Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist lächerlich in diesem Falle.
Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-Holstein, würde sich uns
erschließen, und das ist um so wünschenswerter, als wir den Verkehr mit
dem Norden nicht mehr so vollständig beherrschen wie früher ... genug
... bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul, und wenn dann noch
über den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort gesagt worden war,
der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum Fallen inkliniere,
wenn vielleicht noch eine Bemerkung über irgendein Familienereignis in
der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel durch das Souterrain,
um auf der Straße sein blankes Schaumgefäß aufs Pflaster zu entleeren,
und der Konsul stieg über die Wendeltreppe ins Schlafzimmer hinauf, wo
er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die Stirn küßte und sich
ankleidete.

Diese kleinen Morgengespräche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten die
Einleitung zu den lebhaftesten und tätigsten Tagen, über und über
ausgefüllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und
Widergehen ... Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen
war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten bürgerlich
beschränkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und
Kleinheit der Verhältnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber
draußen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des
öffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine
Periode der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu
öde, um einen lebendigen Sinn zu beschäftigen, und so besaß er denn
Geist genug, um den Spruch von der bloß symbolischen Bedeutung alles
menschlichen Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was
an Wollen, Können, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in
den Dienst des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein
Name zu den ersten gehörte -- sowie in den Dienst dieses Namens und des
Firmenschildes, das er ererbt ... Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im
kleinen zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und
ernst zu nehmen.

Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frühstück
genommen, so machte er Straßentoilette und begab sich in sein Kontor an
der Mengstraße. Er verweilte dort nicht viel länger als eine Stunde. Er
schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese
oder jene Weisung, gab gleichsam dem großen Triebrade des Geschäftes
einen kleinen Stoß und überließ dann die Überwachung des Fortganges dem
bedächtigen Seitenblick des Herrn Marcus.

Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte an
der Börse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat
Inspektionsgänge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder
mit Kapitänen ... und es folgten, unterbrochen nur durch ein flüchtiges
Frühstück mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach
welchem er eine halbe Stunde auf dem Diwan mit einer Zigarre und der
Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten:
handelte es sich nun um sein eigenes Geschäft oder um Zoll, Steuer, Bau,
Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich
fernlagen und in der Regel den »Gelehrten« zustanden, verschaffte er
sich Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch
eine glänzende Begabung ...

Er hütete sich, das gesellige Leben zu vernachlässigen. Zwar ließ in
dieser Beziehung seine Pünktlichkeit zu wünschen übrig, und beständig
erst in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in großer Toilette, und
der Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit
einem »Pardon, Gerda; Geschäfte ...« um sich hastig in den Frack zu
werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bällen und Abendgesellschaften
verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich
als liebenswürdigen Causeur zu zeigen ... und er und seine Gattin
standen den anderen reichen Häusern an Repräsentation nicht nach; seine
Küche, sein Keller galten für »tip-top«, er war als verbindlicher,
aufmerksamer und umsichtiger Gastgeber geschätzt, und der Witz seiner
Toaste erhob sich über das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber
verbrachte er in Gerdas Gesellschaft, indem er rauchend ihrem
Geigenspiel lauschte oder ein Buch mit ihr las, deutsche, französische
und russische Erzählungen, die sie auswählte ...

So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der
Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung
und Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem
aber gab es manches, was für Stunden seinen Mut lähmte, die Elastizität
seines Geistes beeinträchtigte, seine Stimmung trübte.

Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im Frühling
dieses Jahres 58 ganz plötzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine Erben
entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul
widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln
fortzuführen, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein größer
zugeschnittenes Geschäft mit plötzlich stark vermindertem Kapital zu
halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbständigkeit,
er übernahm Aktiva und Passiva von H. C. F. Burmeester & Comp. ... und
Unannehmlichkeiten standen zu befürchten.

Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga ... Daß ihre Ehe mit
dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen,
denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewünscht und besaß
ohne Zweifel höchst wenig mütterliches Talent. Aber ihre Gesundheit
ließ, ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wünschen
übrig, und die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mädchen
gelitten, traten, so hieß es, neuerdings periodisch in fast
unerträglichem Grade auf.

Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, daß auch
hier, an Ort und Stelle selbst, für das Fortleben des Familiennamens
noch immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage
mit einem souveränen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung äußerst
nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber nahm
die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. »Doktor, unter uns, da
muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bißchen Bergluft in Kreuth
und ein bißchen Seeluft in Glücksburg oder Travemünde scheint da nicht
anzuschlagen. Was meinen Sie ...« Und Grabow, weil sein angenehmes
Rezept: »Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot« in diesem
Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug eingegriffen haben
würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad ...

Das waren drei Bedenken. Und Tony? -- Arme Tony!


Achtes Kapitel

Sie schrieb: »Und wenn ich `Frikadellen´ sage, so begreift sie es nicht,
denn es heißt hier `Pflanzerln´; und wenn sie `Karfiol´ sagt, so findet
sich wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, daß
sie Blumenkohl meint; und wenn ich sage: `Bratkartoffeln´, so schreit
sie so lange `Wahs!´, bis ich `Geröhste Kartoffeln´ sage, denn so heißt
es hier, und mit `Wahs´ meint sie `Wie beliebt´. Und das ist nun schon
die zweite, denn die erste Person, welche Kathi hieß, habe ich mir
erlaubt, aus dem Hause zu schicken, weil sie immer gleich grob wurde;
oder wenigstens schien es mir so, denn ich kann mich auch geirrt haben,
wie ich nachträglich einsehe, denn man weiß hier nicht recht, ob die
Leute eigentlich grob oder freundlich reden. Diese jetzige, welche
Babette heißt, was Babett auszusprechen ist, hat übrigens ein recht
angenehmes Exterieur und schon etwas ganz Südliches, wie es hier manche
gibt, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und Zähnen, um die man sie
beneiden könnte. Auch sie ist willig und bereitet unter meiner Anleitung
manches von unseren heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel
Sauerampfer mit Korinthen, aber davon habe ich großen Kummer gehabt,
denn Permaneder nahm mir dies Gemüse so übel (obgleich er die Korinthen
mit der Gabel herauspickte), daß er den ganzen Nachmittag nicht mit mir
sprach, sondern nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, daß das Leben
nicht immer leicht ist.«

Allein, es waren nicht nur die »Pflanzerln« und der Sauerampfer, die ihr
das Leben verbitterten ... Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag
sie getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaßliches war über
sie hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen
hatte und das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war
folgendes.

Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in München lebte,
hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner
Schwester, das heißt 51000 Mark Kurant, flüssig machen können, und diese
Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn
Permaneders Hände gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht
ungünstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zögern und Erröten, seiner
Gattin gesagt hatte, war dies: »Tonerl« -- er nannte sie Tonerl --
»Tonerl, mir war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil
g'schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's
Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und
können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi
z'sammrichten und aufdrahn ... und am Abend hab' i 's Hofbräuhaus. I bin
ka Prozen net und mag net allweil a Göld z'ammscharrn; i mag mei
G'müatlichkeit! Von morgen ab mach' i Schluß und werd' Privatier!«

»Permaneder!« hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem
ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grünlichs Namen zu nennen
pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: »A geh, sei stad!« und dann
hatte ein Streit sich entsponnen, wie er, so früh, so ernst und heftig,
das Glück einer Ehe für alle Zeit erschüttern muß ... Er war Sieger
geblieben. Ihr leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach
»G'müatlichkeit« gescheitert, das Ende war gewesen, daß Herr Permaneder
sein in dem Hopfengeschäft steckendes Kapital liquidiert hatte, so daß
nun Herr Noppe seinerseits das »Komp.« auf seiner Karte blau
durchstreichen konnte ... und wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen
er abends am Stammtische im Hofbräuhause Karten spielte und seine
regelmäßigen drei Liter trank, beschränkte Tonys Gatte nun seine
Tätigkeit auf Mietesteigern als Hausbesitzer und ein bescheidenes und
friedliches Kuponschneiden.

Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen
aber, die Frau Permaneder darüber an ihren Bruder geschrieben hatte, war
der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand ... arme Tony! ihre
schlimmsten Befürchtungen waren weitaus übertroffen worden. Sie hatte
zuvor gewußt, daß Herr Permaneder nichts von der »Regsamkeit« besaß, von
der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; daß er aber so
gänzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am
Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte, daß
er so völlig die Verpflichtungen verkennen werde, die er übernahm,
indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt ...

Es mußte verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren
Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einförmig lebte sie mit ihrem
Manne und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren
Hausstand, verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die für das
Parterre und den ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit
der Familie Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von
Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr
Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, daß er, der in
seinem »liaben« München mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch
niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte.

Die Tage gingen ... Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war für
Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer
Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals würde sie
einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten können. So wie es
jetzt war, sorglos aber beschränkt und so herzlich wenig »vornehm«, so
sollte es unabänderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf
ihr. Und aus ihren Briefen ging ganz deutlich hervor, daß gerade diese
nicht sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewöhnung in die süddeutschen
Verhältnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich
mit den Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, »Pflanzerln«
statt »Frikadellen« zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr
vorzusetzen, nachdem er dergleichen als »a G'schlamp, a z'widres«
bezeichnet hatte. Aber im großen ganzen blieb sie stets eine Fremde in
ihrer neuen Heimat, denn die Empfindung, daß eine geborene Buddenbrook
zu sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine
beständige, eine unaufhörliche Demütigung für sie, und wenn sie
brieflich erzählte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand
einen Maßkrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Straße
angeredet und gesagt: »I bitt', wiea spät is', Frau Nachborin?«, so war
trotz aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrüstung
fühlbar, und man konnte überzeugt sein, daß sie den Kopf zurückgelegt
und den Mann weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt hatte ...
Übrigens war es nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn für
Distanz allein, was ihr fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht
tief in das Münchener Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die
Münchener Luft, die Luft einer großen Stadt, voller Künstler und Bürger,
die nichts taten, eine ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor
einzuatmen ihre Stimmung ihr oft verwehrte.

Die Tage gingen ... Dann aber schien doch ein Glück kommen zu wollen,
und zwar dasjenige, welches man in der »Breiten Straße« und der
»Mengstraße« vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage
1859 ward die Hoffnung zur Gewißheit, daß Tony zum zweiten Male Mutter
werden sollte.

Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von
übermütigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie lange
nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren Sommerfahrten, die
sich übrigens mehr und mehr auf den Ostseestrand beschränkten, das
Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in dieser Zeit
fernbleiben zu müssen und versicherte sie nur schriftlich des göttlichen
Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe an, und
Tonys Kopf war erfüllt von Plänen in betreff eines =vornehmen= Empfanges
... Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig gestalten,
und diese Taufe, die ihr als ein entzückendes kleines Fest mit Blumen,
Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte überhaupt nicht
stattfinden, -- denn das Kind, ein kleines Mädchen, sollte nur ins Leben
treten, um nach einer armen Viertelstunde, während welcher der Arzt sich
vergeblich bemühte, den unfähigen kleinen Organismus in Gang zu halten,
dem Dasein schon nicht mehr anzugehören ...

Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in München
eintrafen, Tony selbst nicht außer Gefahr. Weit schwerer als das
erstemal lag sie danieder, und während mehrerer Tage verweigerte ihr
Magen, an dessen nervöser Schwäche sie schon vorher hie und da gelitten
hatte, die Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die
Buddenbrooks konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, -- wenn auch
andererseits nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen
allzu deutlich gezeigt und besonders der Beobachtung des Konsuls war es
nicht entgangen, daß nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen
war, die beiden Gatten einander erheblich zu nähern.

Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz ... Er war aufrichtig
erschüttert gewesen, dicke Tränen waren angesichts seines leblosen
Kindes aus den verquollenen Äuglein über die zu aufgetriebenen Wangen in
den ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit
schwerem Seufzen hervorgebracht: »Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O
mei!« Aber seine »G'müatlichkeit« hatte nach Tonys Begriffen nicht lange
genug darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbräuhaus hatten ihn
bald darüber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmütigen, ein
bißchen mürrischen und ein bißchen stumpfsinnigen Fatalismus, der in
seinem »Es is halt a Kreiz!« enthalten war, »wurstelte« er fort.

Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage ... »Ach, Mutter«, schrieb
sie, »was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der
Bankerott und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind.
Womit habe ich soviel Unglück verdient!«

Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich eines
Lächelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den Zeilen
steckte, verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz, und er
wußte, daß Tony Buddenbrook als Madame Grünlich sowohl wie als Madame
Permaneder immer ein Kind blieb, daß sie alle ihre sehr erwachsenen
Erlebnisse fast ungläubig, dann aber mit kindlichem Ernst, kindlicher
Wichtigkeit und -- vor allem -- kindlicher Widerstandsfähigkeit erlebte.

Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich
über die große Frömmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll
davon, daß sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrünstig
glaubte ... arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte
noch der härteste Schlag, der sie treffen sollte ...

Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Fürchterliches ...


Neuntes Kapitel

Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit
dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem
Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an
denen in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tückischen Pfeifen
um die massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzündung
wohlfeil zu haben war.

Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins »Frühstückszimmer« trat,
fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am Tische über ein Papier
gebeugt.

»Tom«, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden
Händen beiseitehielt, als zögere sie, es ihm zu zeigen ... »Erschrick
nicht ... Etwas Unangenehmes ... Ich begreife nicht ... Es ist aus
Berlin ... Es muß etwas geschehen sein ...«

»Bitte!« sagte er kurz. Er verfärbte sich, und einen Augenblick traten
die Muskeln an seinen Schläfen hervor, denn er biß die Zähne zusammen.
Er streckte mit einer äußerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als
wollte er sagen: »Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine
Vorbereitungen!«

Stehend las er die Zeilen auf dem Papier, indem er eine seiner hellen
Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch
die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: »Erschreckt nicht.
Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglückliche Antonie.«

»Umgehend ... umgehend«, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit
schnellem Kopfschütteln an. »Was heißt umgehend ...«

»Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie
meint: `Sogleich´ oder etwas Ähnliches ...«

»Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?«

»Ich weiß es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist
vor zehn Minuten gekommen. Aber es muß etwas geschehen sein, und wir
müssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, daß alles sich zum Guten
wendet. Setze dich, mein Sohn, und iß.«

Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe
Glas.

»Alles ist zu Ende«, wiederholte er. »Und dann `Antonie´. --
Kindereien ...«

Dann aß und trank er schweigend.

Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: »Sollte es etwas mit
Permaneder sein, Tom?«

Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.

Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir
müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins
Haus fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man
mich benachrichtigt, bitte ...«

                   *       *       *       *       *

Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte höchst ungenügend
in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr im
hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich Zuckerwasser
bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer Handarbeit
aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in ängstlicher
Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß Tony, wenn sie
käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von Büchen
eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im »Landschaftszimmer«
am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen, auf dessen schwarzem
Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu sehen war.

Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken
Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und
blickte hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier
Uhr, als sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen
hatte, entstand eine Bewegung unten im Hause ... Sie wandte hastig den
Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden
Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und
schon kam man die Treppe herauf!

Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen;
aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und
drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter
entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der
Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch
das Zimmer kam.

Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen länglichen
Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre
Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als
Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt
alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in
den Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte.
Dies alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden
Weges von München in einem Atem dahergestürmt -- und da lag sie nun, am
Ziele ihrer Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen
Augenblick.

»Tony!« sagte sie dann mit zärtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die große
Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte
den Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit
beiden Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter ...

»Was ist, mein Kind ... Was ist geschehen?«

Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch ziemlich
lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.

»Mutter«, brachte Frau Permaneder hervor ... »Mama!« Allein dabei blieb
es.

Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastür, und während sie mit einem
Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin
entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand.

»Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist groß geworden und
siehst frisch und wohl aus, wofür wir Gott danken wollen. Wie alt bist
du nun, Erika?«

»Dreizehn, Großmama ...«

»Tausend! Eine Dame ...«

Und über Tonys Kopf hinweg küßte sie das kleine Mädchen, worauf sie
fortfuhr: »Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen.
Aber jetzt hat Mama mit mir zu reden, weißt du.«

Sie blieben allein.

»Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhören zu weinen? Wenn Gott
uns eine Prüfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen. Nimm
dein Kreuz auf dich, heißt es ... Aber hast du vielleicht den Wunsch,
ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen
und dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer
vorbereitet ... Ich danke dir für dein Telegramm. Es hat uns recht sehr
erschreckt ...« Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und
gedämpft aus ihren Kleiderfalten hervor: »Er ist ein verworfener Mensch
... ein verworfener Mensch ist er ... ein verworfener ...«

Über dieses starke Wort kam Frau Permaneder nicht hinweg. Es schien sie
völlig zu beherrschen. Sie preßte ihr Gesicht dabei fester in den Schoß
der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust.

»Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind?« fragte die alte
Dame nach einer Pause. »Ich sollte nicht auf diesen Gedanken kommen, ich
weiß es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken übrig, Tony. Hat
Permaneder dir Leid zugefügt? Hast du dich über ihn zu beklagen?«

»Babett ...!« stieß Frau Permaneder hervor ... »Babett ...!«

»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend ... Dann lehnte sie sich
zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte
nun, um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von
Tonys allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.

»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in
der Tat ein Kummer zugefügt worden ist ... daß dir Grund zur Klage
gegeben wurde ... Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern?
War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so
daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein
haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren ...?«

»Das will ich auch nicht!... Nie ...!« rief Frau Permaneder, indem sie
mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz
wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder
in den Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf.

»-- Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam
ihren Kopf von einer Seite zur anderen ... »nun aber, da du hier bist,
ist es gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst
mir alles erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht
und Bedacht der Schaden zu korrigieren ist.«

»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und
obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen
Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von
Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz
einfach folgender Sachverhalt bestand.

Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats war
Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der Magennerven
gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem leichten Schlummer
geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn an der Treppe war
schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter, geheimnisvoller Lärm,
in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes Gekicher, gepreßte
Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und ächzende Laute
unterschied ... Nicht einen Augenblick konnte man über das Wesen dieses
Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht sobald, mit noch
schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie es auch schon
begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen weichen
fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und mit
schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer
langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den
Kissen gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht
verstummte, hatte sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll
Verzweiflung, Grimm und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür
aufgerissen und war in Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis
in die Nähe der Treppe geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die
von der Haustür direkt in das erste Stockwerk heraufführte. Und dort,
auf den oberen Stufen eben dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das
Bild in voller Körperlichkeit dargeboten, das sie drinnen im
Schlafzimmer, beim Lauschen auf das unzweideutige Geräusch, mit Augen,
die das Entsetzen erweiterte, schon im Geiste hatte erblicken müssen ...
Es war eine Balgerei gewesen, ein unerlaubter und unsittlicher Ringkampf
zwischen der Köchin Babette und Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein
Schlüsselbund und ebenfalls eine Kerze in der Hand, denn sie mußte so
spät noch irgendwo im Hause beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und
her gewunden und den Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den
Hut auf dem Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht
hatte, seinen Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie
und da auch gelungen war ... Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette
etwas wie »Jessas, Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und
Joseph!« hatte Herr Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen --
und während das Mädchen im selben Augenblick auf geschickte Weise
spurlos verschwunden gewesen war, hatte er mit hängenden Armen,
hängendem Kopfe und hängendem Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden
und irgend etwas ausgemacht Unsinniges wie: »Is dös a Hetz!... Es is
halt a Kreiz!« gestammelt ... Sie war nicht mehr dagewesen, als er die
Augen aufzuschlagen gewagt hatte; drinnen im Schlafzimmer hatte er sie
gefunden: in halb sitzender, halb liegender Haltung, auf dem Bette, wie
sie unter verzweifeltem Schluchzen immer wieder das Wort »Schande«
wiederholt hatte. Er war, in schlaffer Haltung an die Tür gelehnt,
stehengeblieben, hatte eine ruckartige Schulterbewegung nach vorn
gemacht, als erteilte er ihr einen aufmunternden Rippenstoß, und hatte
gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad, Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl
hat halt sei Namenstag g'feiert heit abend ... Wir san alle a weng
schwar ...« Aber der stark alkoholische Geruch, den er im Zimmer
verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel gebracht. Sie hatte nicht
mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig und schwach gewesen,
ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit der Maßlosigkeit der
Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel, ihren ganzen Abscheu,
ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins und Wesens ins Gesicht
geschleudert ... Herr Permaneder war nicht stillgeblieben. Sein Kopf
war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde Ramsauer zu Ehren nicht
nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger« getrunken; er hatte
geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich entsponnen, weit
schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders Rückzug in den
Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider zusammengerafft, um sich ins
Wohnzimmer zurückzuziehen ... Da aber war, zum Schlusse, ein Wort ihr
nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein Wort, das sie nicht wiederholen
würde, das über ihre Lippen niemals kommen würde, ein Wort ... ein
Wort ...

Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die Madame
Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ. Über
das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht
bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht
hinweg, sie wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es
nicht, beteuerte sie, obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang,
sondern nur, kaum merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe
nickte, während sie auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah.

»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und
ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht
bloß deine Mama, sondern auch eine Frau wie du ... Ich sehe nun, wie
sehr berechtigt dein Schmerz ist, wie völlig dein Mann während eines
Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet ...«

»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei
Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines
Augenblickes, Mama?!... Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das
hat er vergessen ... das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann,
der sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein
Mann ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des
Blutes einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat ... ja,
davon bin ich überzeugt!... der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten
herbeiläßt, wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine
Nichtswürdigkeit vorhält, mit einem Worte antwortet ... einem
Worte ...«

Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht
wiederholte. Plötzlich aber tat sie einen Schritt vorwärts und sagte mit
unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: »Wie allerliebst.
Woher ist das, Mama?«

Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behälter, einen rohrgeflochtenen
Korb, einen zierlichen kleinen Ständer, mit Atlasschleifen geschmückt,
in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu bewahren
pflegte.

»Ich habe ihn mir zugelegt«, antwortete die alte Dame; »ich hatte ihn
nötig.«

»Vornehm!« ... sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwärts geneigtem
Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin ließ ihre Augen auf dem Gegenstande
ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken.

»Nun, meine liebe Tony«, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter noch
einmal die Hände entgegenstreckte, »wie die Dinge auch liegen mögen: du
bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein Kind. Mit
ruhigerem Gemüte wird sich alles besprechen lassen ... Lege ab, in
deinem Zimmer, mach' es dir bequem ... Ida!?« rief sie mit erhobener
Stimme in den Eßsaal hinein. »Daß Kuverts aufgelegt werden für Madame
Permaneder und Erika, Liebe!«


Zehntes Kapitel

Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurückgezogen,
denn während des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung
bestätigt worden, daß Thomas um ihre Ankunft wisse ... und sie schien
auf das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein.

Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins
Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter
hatte.

»Und wie ist sie?« fragte er. »Wie benimmt sie sich?«

»Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich ... Mein Gott, sie ist so
sehr gereizt ... Und dann dieses Wort ... wenn ich nur das Wort wüßte,
das er gesagt hat ...«

»Ich gehe zu ihr.«

»Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe
ruhig, hörst du? Ihre Nerven sind in Unordnung ... Sie hat fast nichts
gegessen ... Es ist ihr Magen, weißt du ... Sprich mit Ruhe zu ihr.«

Rasch, mit gewohnheitsmäßiger Eile immer eine Stufe überspringend, stieg
er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem
Schnurrbart drehte. Aber schon während er pochte, hellte sein Gesicht
sich auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur
möglich mit Humor zu behandeln.

Er öffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder
vollständig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhänge
zurückgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rücken, ein Fläschchen
mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein
wenig, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden
Lächeln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit
ausgebreiteten Händen eine feierliche Geste beschrieb.

»Gnädige Frau ...! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und
Residenzstädterin ...«

»Gib mir einen Kuß, Tom«, sagte sie und richtete sich auf, um ihm ihre
Wange darzubieten und sich dann wieder zurücksinken zu lassen. »Guten
Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverändert, wie ich sehe, seit
euren Münchener Tagen!«

»Na, darüber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein Urteil
haben, meine Teure. Und jedenfalls hättest du mir das Kompliment nicht
vor der Nase wegnehmen dürfen, denn es gebührt natürlich dir ...«

Er hatte, während er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl
herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt.

»Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde ...«

»Pfui, Tom!... Wie geht es Thilda?«

»Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt für sie und daß sie nicht
hungert. Was aber nicht hindert, daß Thilda hier Donnerstags ganz
ausnehmend schlingt, als wäre es für die nächste Woche im voraus ...«

Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber
mit einem Seufzer ab und fragte: »Und was machen die Geschäfte?«

»Tja ... man schlägt sich durch. Man muß zufrieden sein ...«

»Oh, Gott sei Dank, daß =hier= wenigstens alles steht, wie es stehen
soll! Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergnügt zu schwatzen ...«

»Schade. Den Humor soll man sich, _quand même_, bewahren.«

»Nein, damit ist es aus, Tom. -- Du weißt alles?«

»Du weißt alles ...!« wiederholte er, ließ ihre Hand fahren und setzte
mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stück rückwärts. »Heiliger Gott, wie das
klingt! `Alles!´ Was liegt alles in diesem `alles´ begraben! `Ich senkt'
auch meine Liebe und meinen Schmerz hinein´, wie? Nein, höre mal ...«

Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief
gekränkten Blick.

»Ja, dies Gesicht habe ich erwartet«, sagte er, »denn ohne dieses
Gesicht wärest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, daß
ich die Sache um ebensoviel zu leicht nehme, als du sie zu schwer
nimmst, und du wirst sehen, daß wir uns vorteilhaft ergänzen ...«

»Zu schwer, Thomas, zu schwer ...?«

»Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragödie! Reden wir ein bißchen
bescheiden und nicht mit `Alles ist zu Ende´ und `Eure unglückliche
Antonie´! Versteh' mich recht, Tony; du weißt gut, daß ich der erste
bin, der sich so herzlich über dein Kommen freut. Ich habe schon lange
gewünscht, du möchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, daß
wir wieder einmal so ganz _en famille_ beieinander sitzen könnten. Aber,
daß du =jetzt= kommst und =so= kommst, pardon, das ist eine Dummheit,
mein Kind!... Ja ... laß mich zu Ende sprechen! -- Permaneder hat sich
reichlich mangelhaft betragen, das muß wahr sein, und das werde auch ich
ihm zu verstehen geben, sei überzeugt ...«

»=Wie= er sich betragen hat, Thomas«, unterbrach sie ihn, indem sie sich
aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, »das habe ich ihm schon
zu verstehen gegeben und nicht nur `zu verstehen gegeben´, will ich dir
sagen. Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem
Taktgefühle nach, für vollkommen unangebracht!« Damit ließ sie sich
wieder zurückfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor.

Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er
lächelnd auf seine Knie nieder.

»Na, so werde ich ihm denn also =keinen= groben Brief schreiben: ganz
wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es genügt
durchaus, daß du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist
du berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja übrigens die mildernden
Umstände nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er kommt
in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und läßt sich
einen kleinen Übergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung
zuschulden kommen ...«

»Thomas«, sagte sie, »ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den
Ton, in dem du redest! Du ... Ein Mann von deinen Grundsätzen ... Aber
du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfaßte in seiner Betrunkenheit,
wie er aussah ...«

»Komisch genug, wie ich mir denken kann. Aber das ist es ja, Tony: du
nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natürlich dein Magen
schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwäche ertappt, du hast ihn ein
wenig lächerlich gesehen ... aber das sollte dich nicht so fürchterlich
empören, sondern dich eher ein bißchen amüsieren und ihn dir menschlich
noch näher bringen ... Ich will dir eines sagen: du konntest sein
Betragen natürlich nicht ohne weiteres mit Lächeln und Stillschweigen
billigen, bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas
lebhaft vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe -- denn wie
betrübt er in diesem Augenblick dasitzt, das möchte ich nicht sehen --
aber immerhin gerecht. Meine Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge
etwas weniger entrüstet und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus
betrachten ... wir reden ja unter uns. Ich muß dir einmal andeuten, daß
es doch in einer Ehe keineswegs gleichgültig ist, auf welcher Seite sich
das ... moralische Übergewicht befindet ... versteh' mich, Tony! Dein
Mann hat sich eine Blöße gegeben, darüber besteht kein Zweifel. Er hat
sich kompromittiert, sich ein bißchen lächerlich gemacht ... lächerlich
gerade darum, weil sein Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu
nehmen ist ... Kurz, seine Würde ist nicht mehr unantastbar, eine
gewisse Überlegenheit ist jetzt entschieden auf deiner Seite, und
gesetzt, daß du sie geschickt zu nutzen verstehst, so ist dein Glück
gewiß. Wenn du nun in ... sagen wir vierzehn Tagen -- ja, bitte, so
lange muß ich dich =mindestens= für uns in Anspruch nehmen! -- in
vierzehn Tagen nach München zurückkehrst, so wirst du sehen ...«

»Ich werde nicht nach München zurückkehren, Thomas.«

»Wie beliebt?« fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans
Ohr legte und sich vorwärts beugte ...

Sie lag auf dem Rücken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrückt, so
daß das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien.
»=Niemals=«, sagte sie; worauf sie lang und geräuschvoll ausatmete und
sich räusperte: langsam und ausdrücklich -- ein trockenes Räuspern, das
anfing, bei ihr zur nervösen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit
ihrem Magenleiden zusammenhing. -- Eine Pause trat ein.

»Tony«, sagte er plötzlich, indem er aufstand und seine Hand fest auf
die Lehne des Empirestuhles niedersinken ließ, »du machst mir keinen
Skandal!...«

Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an
seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie
geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm
empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die
Füße vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen,
zusammengezogenen Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie
an: »Skandal, Thomas ...?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu
machen, wenn man mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht
speit?! Ist das eines Bruders würdig?... Ja, diese Frage mußt du mir
gefälligst erlauben! Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber
es gibt eine Grenze im Leben, Tom -- und ich kenne das Leben, so gut wie
du -- wo die Angst vor dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und
ich wundere mich, daß ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und
ein dummes Ding bin ... Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn
Permaneder mich nie geliebt hat, denn ich bin alt und ein häßliches
Weib, das mag sein, und Babett ist sicherlich hübscher. Aber das enthob
ihn nicht der Rücksicht, die er meiner Herkunft und meiner Erziehung und
meinem Empfinden schuldete! Du hast nicht gesehen, Tom, in welcher Weise
er diese Rücksicht vergaß, und wer es nicht gesehen hat, der weiß gar
nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie widerlich er war in seinem
Zustande ... Und du hast das Wort nicht gehört, das er mir, mir, deiner
Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen nahm und das Zimmer
verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu schlafen ... Ja! da habe ich
hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören müssen ... ein Wort ... ein
Wort ...! ... Kurz, Thomas, dies Wort war es ganz eigentlich, daß du es
weißt, was mich veranlaßt, =gezwungen= hat, während der ganzen Nacht zu
packen und in aller Frühe Erika zu wecken und davonzugehen, denn bei
einem Manne, in dessen Nähe ich solcher Worte gewärtig sein muß, konnte
ich nicht bleiben, und zu einem solchen Manne werde ich, wie gesagt,
niemals zurückkehren ... oder ich müßte verkommen und könnte mich nicht
mehr achten und hätte keinen Halt mehr im Leben!«

»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort
mitzuteilen, ja oder nein?«

»Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen wiederholen!
Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig bin ...«

»Dann ist nicht mit dir zu reden!«

»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr
darüber ...«

»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?«

»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die
Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen
schuldig bin.«

»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem
Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze
erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß
Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird,
der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend ...«

»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu
lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner
17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat
ihn gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das
ist Christians Freund, und der wird mir beistehen ... Gewiß, es war
etwas anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es
`Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren´ ja! Du siehst
übrigens, daß ich sehr wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du
wahrhaftig tust, als wäre es das erstemal im Leben, daß ich mich
scheiden lasse!... Aber das ist ganz gleich, Tom. Vielleicht geht es
nicht an und ist unmöglich -- das mag sein; du kannst gern recht haben.
Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an meinen Entschlüssen. Dann
mag er die Groschen behalten -- es gibt höhere Dinge im Leben! Aber mich
sieht er niemals wieder.«

Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich
in dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne
gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte
Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts
gewandt, blickte sie mit erregten und geröteten Augen starr durchs
Fenster hinaus.

Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schüttelte den Kopf
und zuckte die Achseln. Schließlich blieb er mit gerungenen Händen vor
ihr stehen.

»Du bist ja ein Kindskopf, Tony!« sagte er verzagt und flehend. »Jedes
Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht,
wenn ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge während eines einzigen
Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, daß du
dich benimmst, als hättest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als
hätte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach
überhäuft!? Aber so bedenke doch nur, daß ja nichts geschehen ist! Daß
von diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der
Kaufingerstraße ja keines Menschen Seele etwas weiß! Daß du deiner und
unserer Würde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und
höchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurückkehrst ...
im Gegenteil! daß du unserer Würde erst schadest, indem du das =nicht=
tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst
dadurch erregst du Skandal ...«

Sie ließ rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht.

»Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt höre zu!
Wie? ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter
die Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an
einem zehrt und die Selbstachtung wegfrißt, der ist viel schlimmer! Sind
wir Buddenbrooks Leute, die nach außen hin `tip-top´ sein wollen, wie
ihr hier immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen
hinunterwürgen? Tom, ich muß mich wundern über dich! Stelle dir Vater
vor, wie er sich heute verhalten würde, und dann urteile in seinem
Sinne! Nein, Sauberkeit und Offenheit muß herrschen ... Du kannst
täglich aller Welt deine Bücher zeigen und sagen: Da ... Anders darf es
mit keinem von uns sein. Ich weiß, wie Gott mich gemacht hat. Ich
fürchte mich gar nicht! Laß Julchen Möllendorpf nur an mir vorübergehen
und mich nicht grüßen! Und laß Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier
sitzen und sich vor Schadenfreude schütteln und sagen: `Nun, das ist ja
leider schon das zweitemal, aber es hat =natürlich= beide Male an den
Männern gelegen!´ Ich bin so unsäglich erhaben darüber, Thomas! Ich
weiß, daß ich getan habe, was ich für gut hielt. Aber aus Angst vor
Julchen Möllendorpf und Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen
hinunterzuschlucken und mich in einem ungebildeten Bierdialekt
beschimpfen zu lassen ... aus Angst vor ihnen bei einem Manne, in einer
Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an solche Szenen, wie
die auf der Himmelsleiter, gewöhnen müßte, wo ich mich und meine
Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und gar verleugnen
lernen müßte, nur um glücklich und zufrieden zu erscheinen, -- das nenne
=ich= unwürdig, das nenne =ich= skandalös, will ich dir sagen ...!«

Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf
die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gestützt, die Hände
in den Hosentaschen, und ließ seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu
sehen, in Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte.

»Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
gewußt, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar
nicht der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf
der Himmelsleiter. Es ist das Ganze überhaupt. Du hast dich nicht
akklimatisieren können. Sei aufrichtig.«

»Da hast du recht, Thomas!« rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und
wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht
war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen
Hand den Stuhl erfaßt, gestikulierte mit der anderen und hielt eine
Rede, eine leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam
hervorsprudelte. Der Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, daß sie
sich Zeit ließ, Atem zu schöpfen, so brausten und brodelten schon wieder
neue Worte hervor. Ja, sie fand Worte, sie drückte alles aus, was sich
während dieser Jahre an Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bißchen
ungeordnet und verworren, aber sie drückte es aus. Es war eine
Explosion, ein Ausbruch voll verzweifelter Ehrlichkeit ... Hier entlud
sich etwas, gegen das es keine Widerrede gab, etwas Elementares, worüber
nicht mehr zu streiten war ...

»Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich bemerke
dir ausdrücklich, daß ich kein dummes Ding mehr bin und weiß, was ich
vom Leben zu halten habe. Ich erstarre nicht mehr, wenn ich erfahre, daß
es nicht immer ganz säuberlich zugeht darin. Ich habe Leute wie
Tränen-Trieschke gekannt und bin mit Grünlich verheiratet gewesen und
kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom
Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und für sich und
aus dem Zusammenhang genommen, hätte mich nicht auf und davon gejagt,
das glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, daß es das Maß voll
gemacht hat ... und dazu gehörte nicht viel, denn es war eigentlich
schon voll ... schon lange voll ... schon lange voll! Ein Nichts hätte
es überfließen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, daß ich
mich nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das
hat allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen!
Das hat meinen Entschluß, von München auf und davon zu gehen, mit einem
Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen begriffen
gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und seinen
heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! =Wie= unglücklich ich gewesen
bin, du weißt es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch kamst, habe
ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt, die
andere nicht mit Klagen belästigt und ihr Herz nicht an jedem Wochentage
auf der Zunge trägt, und habe immer zur Verschlossenheit geneigt. Aber
ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und
sozusagen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich
dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich
verpflanzt worden ... obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest,
denn ich bin ein häßliches Weib ... aber in fremderes Erdreich konnte
ich nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei! Oh, wir sollten
niemals fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht
bleiben und uns redlich nähren ... Ihr habt euch zuweilen über meine
Vorliebe für den Adel mokiert ... ja, ich habe in diesen Jahren oft an
einige Worte gedacht, die mir vor längerer Zeit einmal jemand gesagt
hat, ein gescheuter Mensch. `Sie haben Sympathie für die Adligen ...´
sagte er, `soll ich Ihnen sagen, warum? Weil Sie selbst eine Adlige
sind! Ihr Vater ist ein großer Herr und Sie sind eine Prinzeß. Ein
Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem Kreise von
herrschenden Familien gehören ...´ Ja, Tom, wir fühlen uns als Adel und
fühlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu leben versuchen, wo man
nichts von uns weiß und uns nicht einzuschätzen versteht, denn wir
werden nichts als Demütigungen davon haben, und man wird uns lächerlich
hochmütig finden. Ja, -- alle haben mich lächerlich hochmütig gefunden.
Man hat es mir nicht gesagt, aber gefühlt habe ich es zu jeder Stunde
und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande, wo man Torte
mit dem Messer ißt, und wo die Prinzen falsches Deutsch reden, und wo es
als eine verliebte Handlungsweise auffällt, wenn ein Herr einer Dame
den Fächer aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht, hochmütig zu
scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne Würde, Moral,
Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten, unhöflichen und
saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und
leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind ... bei solchen Leuten
kann ich mich nicht akklimatisieren und würde es niemals können, so wahr
ich deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt ... gut! Aber eine
Ewers ist noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu
etwas nütze ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach,
Thomas, fang' von vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus
diesem Hause, wo es etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin
gekommen, zu Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt
hat ... ha, es war echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war
auch das einzig Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie
habe ich mich gefreut! Es hätte mir alles entgolten! Was geschieht? Es
stirbt. Es ist tot. Das war nicht Permaneders Schuld, behüte, nein. Er
hatte getan, was er konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins
Wirtshaus gegangen, bewahre! Aber es gehörte doch dazu, Thomas. Es
machte mich nicht glücklicher, kannst du dir denken. Ich habe
ausgehalten und nicht gemurrt. Ich bin allein und unverstanden und als
hochmütig verschrien umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein
Jawort fürs Leben erteilt. Er ist ein bißchen plump und träge und hat
deine Hoffnungen getäuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist
rein. Und dann habe ich dies erleben müssen und ihn in diesem
widerlichen Augenblick gesehen. Dann habe ich erfahren: so gut versteht
er mich und um so viel besser weiß er mich zu respektieren als die
anderen, daß er mir ein Wort nachruft, ein Wort, das keiner deiner
Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen würde! Und da habe ich gesehen,
daß nichts mich hielt, und daß es eine Schande gewesen wäre, zu bleiben.
Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstraße herauffuhr, ging der
Träger Nielsen vorüber und nahm tief seinen Zylinder ab, und ich habe
wiedergegrüßt: durchaus nicht hochmütig, sondern wie Vater die Leute
grüßte ... so ... mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du kannst
zwei Dutzend Arbeitspferde anspannen, Tom: nach München bekömmst du
mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke! --«

Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschöpft in
den Stuhl zurücksinken ließ, das Kinn in die Hand vergrub und auf die
Fensterscheiben starrte.

Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschüttert stand der Konsul vor ihr
und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Höhe der
Schultern und ließ sie auf die Oberschenkel hinabfallen.

»Ja, da ist nichts zu machen!« sagte er leise, drehte sich still auf dem
Absatz um und ging zur Tür.

Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen
hatte: leidend und schmollend.

»Tom?« fragte sie. »Bist du mir böse?«

Er hielt den ovalen Türgriff in der einen und machte eine müde Bewegung
der Abwehr mit der anderen Hand. »Ach nein. Keineswegs.«

Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter.

»Komm her, Tom ... Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben. Alles
kommt auf sie herab ... Und sie hat in diesem Augenblick wohl niemanden,
der zu ihr steht ...«

Er kehrte zurück und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaßen
gleichgültig und matt, ohne sie anzusehen.

Plötzlich begann ihre Oberlippe zu zittern ...

»Du mußt nun allein arbeiten«, sagte sie. »Mit Christian, das ist wohl
nichts Rechtes, und ich bin nun fertig ... ich habe abgewirtschaftet ...
ich kann nichts mehr ausrichten ... ja, ihr müßt mir nun schon das
Gnadenbrot geben, mir unnützem Weibe. Ich hätte nicht gedacht, daß es
mir so gänzlich mißlingen würde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom!
Nun mußt du ganz allein zusehen, daß wir Buddenbrooks den Platz
behaupten ... Und Gott sei mit dir.«

Es rollten zwei Tränen, große, helle Kindertränen über ihre Wangen
hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen.


Elftes Kapitel

Tony ging nicht müßig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der Hoffnung,
sie möchte sich beruhigen, besänftigen, anderen Sinnes werden, hatte der
Konsul vorläufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten
und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich
zum besten wenden ... Fürs erste sollte nichts in der Stadt bekannt
werden. Der Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt.

Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward
Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die
Mengstraße entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am
Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu
irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfaß, Schreibzeug
und eine Menge weißen Papiers in Folioformat, das von unten aus dem
Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnstühlen Platz ...

»Herr Doktor!« sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf
zurücklegte und zur Decke emporblickte. »Sie sind ein Mann, der das
Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu
Ihnen sprechen!« Und dann eröffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im
Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr
erklären zu müssen, daß weder der betrübende Vorfall auf der Treppe,
noch die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, über die des Nähern
sich zu äußern sie sich weigere, einen hinlänglichen Scheidungsgrund
darstelle.

»Gut«, sagte sie. »Ich danke Ihnen.«

Dann ließ sie sich eine Übersicht der zu Recht bestehenden
Scheidungsgründe liefern und nahm daranschließend mit offenem Kopf und
eindringlichem Interesse einen längeren dotalrechtlichen Vortrag
entgegen, worauf sie den Doktor Gieseke vorläufig mit ernster
Freundlichkeit entließ.

Sie begab sich ins Erdgeschoß hinab und nötigte den Konsul in sein
Privatkontor.

»Thomas«, sagte sie, »ich bitte dich, dem Manne nun unverzüglich zu
schreiben ... ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld
betrifft, so bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklären.
So oder so, mich sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskräftige
Scheidung, gut, so betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner
_dos_. Weigert er sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen,
denn du mußt wissen, Tom, daß Permaneders Recht an meiner _dos_ nach
seiner juristischen Gestalt allerdings Eigentum ist, -- gewiß, das ist
zuzugeben! -- daß ich aber materiell immerhin auch meine Befugnisse
habe, Gottseidank ...«

Der Konsul ging, die Hände auf dem Rücken, umher und bewegte nervös die
Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort »_dos_« hervorbrachte,
war gar zu unsäglich stolz.

Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden
und sich gefälligst noch fünfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunächst,
und zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer
Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte
geschrieben, um Unterstützung, um Aushilfe geschrieben, welche die
Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mußte. Um seine Geschäfte
stand es jammervoll, und obgleich er beständig einer Reihe von
Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im
Theater doch königlich zu amüsieren, und, den Schulden nach zu urteilen,
die jetzt zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin
hatte machen können, weit über seine Verhältnisse zu leben. Man wußte in
der Mengstraße, wußte es im »Klub« und in der ganzen Stadt, wer vor
allem schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine
alleinstehende Dame, die Aline Puvogel hieß und zwei hübsche Kinder
besaß. Von den Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook
allein zu ihr in engen und kostspieligen Beziehungen ...

Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen Dinge
noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. Übrigens war es
wahrscheinlich, daß Permaneder seinerseits zunächst selbst von sich
hören lassen würde ...

Der Konsul reiste, und er kehrte in zorniger und trüber Stimmung zurück.
Da aber aus München noch immer keine Nachricht gekommen war, so sah er
sich genötigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb kühl,
sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im
Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttäuschungen ausgesetzt gewesen
... auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im großen und ganzen das
erhoffte Glück in dieser Ehe nicht finden können ... ihr Wunsch, das
Bündnis gelöst zu sehen, müsse dem billig Denkenden berechtigt
erscheinen ... leider scheine ihr Entschluß, nicht nach München
zurückzukehren, unerschütterlich festzustehen ... Und es folgte die
Frage, wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenüber verhalte ...

Tage der Spannung!... Dann antwortete Herr Permaneder.

Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die Konsulin,
noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte mit
schlichten Worten in die Scheidung.

Er schrieb, daß er das Vorgefallene herzlich bedaure, daß er aber
Antoniens Wünsche respektiere, denn er sähe ein: sie und er paßten »doch
halt nimmer so recht zueinand'«. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet
habe, so möge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen ...
Da er sie und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wünsche er ihr und
dem Kinde für immer alles erdenkliche Glück ... Alois Permaneder. --
Ausdrücklich erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen
Restituierung der Mitgift. Er für sein Teil könne mit dem Seinen sorglos
leben. Er brauche keine Frist, denn Geschäfte seien nicht abzuwickeln,
das Haus sei seine Sache, und die Summe sei sofort liquid. --

Tony war fast ein wenig beschämt und fühlte sich zum ersten Male
geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten
lobenswert zu finden.

Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem
Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, »beiderseitige
unüberwindliche Abneigung« ward festgesetzt, und der Prozeß begann --
Tonys zweiter Scheidungsprozeß, dessen Phasen sie mit Ernst,
Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie
ging und stand, so daß der Konsul mehrere Male ärgerlich wurde. Sie war
fürs erste nicht imstande, seinen Kummer zu teilen. Sie war in Anspruch
genommen von Wörtern wie »Früchte«, »Erträgnisse«, »Akzessionen«,
»Dotalsachen«, »Tangibilien«, die sie, den Kopf zurückgelegt und die
Schultern ein wenig emporgezogen, mit würdevoller Geläufigkeit beständig
hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes
Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem
etwaigen im Dotalgrundstück gefundenen »Schatze« handelte, welcher als
Bestandteil des Dotalvermögens anzusehen und nach Beendigung der Ehe
herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war,
erzählte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen
Klothilde, den Damen Buddenbrook in der Breiten Straße, die übrigens,
als ihnen die Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hände im Schoße
zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, daß
ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde ... Therese Weichbrodt,
deren Unterricht Erika Grünlich nun wieder genoß, und sogar der guten
Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste
davon begriff ...

Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskräftig und endgültig
ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalität
erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und
eigenhändig das neue Faktum verzeichnete ... und nun galt es, sich an
die Sachlage zu gewöhnen.

Sie tat es mit Tapferkeit. Sie überhörte mit unberührbarer Würde die
wunderbar hämischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie übersah
auf der Straße mit unaussprechlicher Kälte die Köpfe der Hagenströms und
Möllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete gänzlich auf das
gesellschaftliche Leben, das ja übrigens seit Jahren nicht mehr in ihrem
elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich abspielte. Sie
hatte ihre nächsten Angehörigen: die Konsulin, Thomas, Gerda; sie hatte
Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mütterliche Freundin, Erika, auf
deren =vornehme= Erziehung sie Sorgfalt verwandte und in deren Zukunft
sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte ... So lebte sie, und
so entschwand die Zeit.

Später, auf irgendeine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen
Familiengliedern das »Wort« bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das
in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte
er gesagt? -- »Geh zum Deifi, =Saulud'r dreckats=!«

So schloß Tony Buddenbrooks zweite Ehe.



Siebenter Teil


Erstes Kapitel

Taufe!... Taufe in der Breiten Straße!

Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung träumend
vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische -- behutsam und ohne
Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde -- füllt das
Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade,
die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten,
muschelförmigen Griffen beieinander stehen ... während der Diener Anton
einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann
Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei
sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger
weit von den übrigen entfernt hält ...

Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die Herrschaften
sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben, umhergereicht
werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist die Familie
im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im weitesten,
denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers ein wenig
verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre
unmöglich, eine Grenze zu ziehen!... Die Överdiecks aber sind vertreten,
und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar
Överdieck, regierender Bürgermeister.

Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den Arm
Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine Anwesenheit
erhöht die Würde der Feier ... und ohne Zweifel: Diese Feier ist aller
Würde würdig!

Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen
geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und schneeweißer,
gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher spricht,
hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige, sorgfältig
genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen
verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen ... ein Erbe! Ein
Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?

Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste,
leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen
worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser
Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und -- behutsamer -- ihre Schwägerin
umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres
einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen
Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so
viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den
man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat ... er ist
da und sieht ganz unscheinbar aus.

Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme, und
der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt ist,
liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf dem
Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden Blinzeln in
den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen Augen, deren
obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der väterlichen
und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten, unbestimmten, nach
der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden; die Winkel aber zu
beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in bläulichem
Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas
vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht zum
besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn
auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so ... und
gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen
die eigentliche Freude.

Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den
Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier
Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie
dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt ...« Der Konsul hat
nicht zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den
Gedanken, daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen
Geschöpfe, das so sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre
wie mit Antoniens zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich ... Aber
er weiß, daß es für Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen
ist, vor vier Wochen, und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda
nieder, welche, die Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm
und neben der alten Konsulin in einem Armsessel lehnt.

Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit
ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit
einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist
Herr Andreas Pringsheim, _pastor marianus_, der nach des alten Kölling
plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist.
Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet.
Er hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes
Gesicht, dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung
wechselt und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken,
woselbst er während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine
kleine lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem
Streben nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig
eigenartigen Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten
Vokalen und einem an den Zähnen rollenden r geworden ...

Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die
Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der
ihr Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast
fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und
dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von
Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur
anderen Seite schweifen läßt ... Pastor Tiburtius und seine Gattin haben
die Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu
können: Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen
Backenbartes über beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue
Augen sich hie und da in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer
werden, hervorquellen, beinahe herausspringen ... und Klara, die dunkel,
ernst und streng dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt,
denn dort schmerzt es ... Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein
prachtvolles Geschenk mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten,
ausgestopften, braunen Bären mit offenem Rachen, den ein Verwandter des
Pastors irgendwo im inneren Rußland geschossen, und der jetzt, eine
Visitenkartenschale zwischen den Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.

Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock: ein
einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß niemand
außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen Frau, die
heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden ... Auch
die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut über das
glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu
bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die
Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider
bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und
hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf
Baumkuchen mit Schokolade ... Von nicht zur Familie gehörigen Personen
sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.

Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer
Pflicht. Justus Kröger ist der eine ... Konsul Buddenbrook hat sich
anfangs geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu
Torheiten heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen
mit seiner Frau wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt,
und er fängt wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in
seinem Äußern zu werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter,
so schenkt er dem Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt
keinen Dank dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen
Paten hörte -- Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt
-- in so hohem Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen
hat; und der goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas
Buddenbrooks Befriedigung nicht übertrieben schwer.

Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der
hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock,
aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches
hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock
beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg!
Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist
doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den
Haaren herbeigezogen ... Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine
Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat.
Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit
waren, ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! -- Der soll den
Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat
es aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er
sich die Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So
haben sie sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer
Schwägerin, der Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die
ihrerseits ihren greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren
müssen. Dann hat ein ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem
Staatsoberhaupte das Seine getan ...

Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der
Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen
vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des
kleinen Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf
die er ihn tauft: -- =Justus=, =Johann=, =Kaspar=. Dann folgt ein kurzes
Gebet, und die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen
Wesen einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken ... Therese
Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig
hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm =zwei= Küsse, die leise
knallen und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«

Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer gruppiert,
und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim in seinem
langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel
hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne
von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in
einer ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer
Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich
kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind
sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der
alten Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch
und mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen,
schalkhaften Heiterkeit ... Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er
die Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und
macht ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und
zischend durch die geschlossenen Zähne ein.

Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die
Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant.
Es ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit
beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen.
Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat
ihm einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens
erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte
Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten
aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält,
während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und
salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk
entgegennimmt. Aber er tut es nicht =darum=!

Er hat einen schwarzen Rock angezogen -- es ist ein abgelegter des
Konsuls -- trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen
Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein
großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich
zum Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten
Augen blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen ... Er bleibt in
der Tür stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu
reden, während die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt
und kleine, erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet,
indem er eine seiner hellen Brauen emporzieht, und einige
Familienmitglieder, wie zum Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem
Taschentuch bedecken.

»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n
empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel
Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so
bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze
hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind
gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n
Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn,
un uns Herrgott wird ihn das allens lohnen ...«

»So, Grobleben! Dat hewn Sei schön segt! Veelen Dank ook, Grobleben! Wat
wolln Sei denn mit de Rosen?«

Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche
Stimme an und übertönt die des Konsuls.

»... uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze
hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul
stahn, denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin
heiliger Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut
düern Holz, un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi
alle warn, wi müssen all tau Moder warn, tau Moder ... tau Moder ...!«

»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!...«

»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben.

»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat
kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!... Na,
hier! Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die
Hand auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.

»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren Heiland
lieb?«

»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr ...!« Und
Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen
dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen
zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen,
in Gedanken wieder mitnimmt ...

... Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen -- der Konsul hat ihn
hinunter zum Wagen geleitet -- und das ist das Zeichen zum Abschiede
auch für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung.
Es wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und
Mamsell Jungmann sind die letzten.

»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht -- und meine Mutter
ist einverstanden -- Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der
kleine Johann ein bißchen größer ist ... jetzt hat er noch die Amme, und
nach ihr wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann
zu uns überzusiedeln?«

»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht
sein ...«

Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag
schon jetzt zum Beschluß.

Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich noch
einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide Wangen
und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie seit
manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus dem
letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten Grade!
Jetzt, wo der kleine Johann da ist -- es ist so schön, daß wir ihn
wieder Johann genannt haben -- jetzt ist mir, als ob noch einmal eine
ganz neue Zeit kommen muß!«


Zweites Kapitel

Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester & Comp. zu
Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock mit der
Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders, der mit
Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des
Tauftages.

»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal dringend
sprechen ... Entschuldige, Gerda ... Es eilt, Thomas.«

Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul eine
der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete. Ihm
ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung, noch
nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn
heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß
er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe
von Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den
Saal für mehrere Minuten verlassen hatte ... Thomas hatte ihm keine
Zeile mehr geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian
zehntausend Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur
Deckung von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul
gesagt. »Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich
betrifft, ich hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen
wirst. Du hast meine Freundschaft während all der Jahre auf zu harte
Proben gestellt« ... Warum kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn
treiben ...

»Nun?« fragte der Konsul.

»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut
und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der
hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.

»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb.

»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit
fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33
Jahre, aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark
gelichtet, daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief
eingefallenen Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber
buckelte sich, nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine
große Nase ...

»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner
linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren ... »Es ist
kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte
Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite
alle Nerven zu kurz sind ... Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite
sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar ... manchmal ist
mir, als ob hier an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung
stattfinden müßte, eine Lähmung für immer ... Du hast keine Vorstellung
... Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil
plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen
Schreck bekomme ... Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor
ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es kennst ... ich will es dir ganz
genau beschreiben ... Es ist ...«

»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du
hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«

»Nein, Thomas, wenn es nur =das= wäre; aber =das= ist es nicht allein!
Es ist mit dem Geschäft ... Ich kann es nun nicht mehr.«

»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er
wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder
von der Seite mit einer müden Kälte ansah.

»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen -- es ist ja nun doch gleich
-- ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt ... Die waren eigentlich
nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die ...
Ich habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee ... und bei dem
Bankerott in Antwerpen ... Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich
gar nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben
... und nun sind da Wechsel und andere Schulden ... fünftausend Taler
... Ach, du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese
Qual ...«

»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In
diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im
Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich
nicht vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und
in Klubs und mit minderwertigen Frauenzimmern.«

»Du meinst Aline ... Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas, und
es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn
darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer
ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen ... wir sind
hier unter uns Brüdern ... Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit
einem halben Jahre da ist ... es ist von mir.«

»Esel.«

»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen sie
und gegen ... warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline
betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du
nicht sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und
sie hat meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat
als ich, so gut ist sie gesinnt ... Nein, du hast keinen Begriff,
Thomas, was für ein prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund ...
so =gesund= ...!« wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren
Rücken nach außen, mit gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich
wie er zu tun pflegte, wenn er von »_That's Maria_« und dem Laster in
London erzählte. »Du solltest nur ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich
habe solche Zähne auf der ganzen Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso
nicht und in London nicht ... Ich werde nie den Abend vergessen, als ich
sie kennenlernte ... bei Uhlich in der Austernstube ... Sie hielt es
damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte ein bißchen und war ein
bißchen nett mit ihr ... Und als ich sie dann nachher bekam ... tja,
Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man ein gutes Geschäft
macht ... Aber du hörst nicht gern von solchen Dingen, ich sehe es dir
auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende. Ich werde ihr nun
Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr in Verbindung
bleiben werde ... Ich will in Hamburg alles bezahlen, was ich schuldig
bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht mehr. Mit
Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die fünftausend Taler
im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und damit wirst du
einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz einfach:
Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland ... als wenn
ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich
wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die
Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr.
Diese Verantwortlichkeit ... Als Angestellter geht man abends sorglos
nach Hause ... Und in London bin ich gern gewesen ... Hast du etwas
dagegen?«

Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem Bruder
den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit einem Fuße
Figuren auf dem Boden beschrieben.

»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich
auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn
hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück.

Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der
Lektüre saß, und gab ihr die Hand.

»Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnächst wieder nach
London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so ins
Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten
Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar ...
kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen ... ganz
sonderbar ...«


Drittes Kapitel

James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf groteske
und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die
Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den
letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen
und Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs
Hausarzt war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert,
und die besorgte Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit
sanfter Gewalt entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig
gebrochen, wie er war, hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen
Straße, in der Kleinen Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein
Zimmer gemietet, eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich
geschlichen hatte, um Torte zu essen ... und dort fand man auch den
Entseelten, den Mund noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste
seinen Rock befleckten und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein
tödlicher Schlaganfall war der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.

Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie
nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der
Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der
»Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen,
Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar --
den Februar des Jahres 62 -- und das gesellschaftliche Leben war noch in
vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten
sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea
Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen
Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die
große Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der
Glockengießerstraße hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen
verkehrte, eine ausführliche Unterredung darüber.

Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet
bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten
Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht ... als aber die Erde ihn
deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist
der Nachfolger?

Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der Fremde, der
gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und die anmutige
Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts davon; aber
welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation! Ehrenfeste,
gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen aufeinander,
poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen sich langsam,
langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und Eitelkeit wühlen
im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf und werden
enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der bei jeder
Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage bebend in
seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch diesmal
nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll
Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock
zu stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen,
nicht Senator geworden zu sein ...

Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen
Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach
einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der
Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder
hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte,
unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf
Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu schließen.
Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner Schwester
erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung gegeben. Er wußte,
daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den Tony glückselig in sich
bewegte ...

Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und wurden
gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische
Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen
Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war
verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte.
Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann
Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang
beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der Wahltag
sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann
Hagenström die meisten Chancen besaß.

Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer. Sein
Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit,
mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich
entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er
führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht,
ihren Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit
seinem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt
auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch
niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner
reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe
unmöglich gewesen war und der dennoch, verschwägert sowohl mit den
Huneus als mit den Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder
sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war
unleugbar eine merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das
Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn
auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war
der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und
großzügige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas
anderes als die zähe, geduldige und von streng überlieferten Prinzipien
geleitete Arbeit seiner kaufmännischen Mitbürger. Dieser Mann stand frei
von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Pietät auf seinen
eigenen Füßen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines
der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um
deren ungeheure Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus
in der Sandstraße -- der südlichen Verlängerung der Breiten Straße --,
mit schlichter Ölfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und
reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen
Stiles bar. Übrigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem,
gelegentlich einer seiner größeren Abendgesellschaften, eine ans
Stadttheater engagierte Sängerin geladen, hatte sie nach Tische vor
seinen Gästen, unter denen sich auch sein kunstliebender und
schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die
Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der
Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur Restaurierung und
Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu befürworten. Daß er aber
der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine
Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache.
Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition lebte, so war es die
von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström, übernommene
unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie
Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.

Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er
selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines
Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen
geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines
hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend
liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und
verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein
selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad
formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie
Respekt erregte ...

Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in
Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast
gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret
ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau
Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer
erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen
sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso
eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen.
Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog
alle denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den
feierlichen Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der
»freimütigen Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen
Wahlkammern über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der
Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der
»freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms
teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und
begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen:
»Edelmann -- Bedelmann -- Doktor -- Pastor -- -- Ratsherr!« sagte sie
und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen
Teller hinüber ... Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie
den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische.

»O Gott, Tom! wenn du es wirst ... wenn unser Wappen in die Kriegsstube
im Rathause kommt ... ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot,
du sollst sehen!«

»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich bitten
darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie
Henning Kurz? Wir sind auch ohne `Senator´ was ... Und du wirst
hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«

Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen ihren
Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich
verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner
27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich daran,
indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem
ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den
betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator«
nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein
brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu
erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.

»Konsul Buddenbrook, meine Herren ... ha! welch ein Mann! Ich habe an
der Seite seines Vaters gestanden, als er _anno_ 48 mit einem Worte die
Wut des entfesselten Pöbels zähmte ... Gäbe es eine Gerechtigkeit auf
Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem
Senate angehören müssen ...«

Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen
Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als
vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der
Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem
Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte
nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war
nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach
Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon
erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß
diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig
mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die
ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er
in Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der
niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben
verbissenen Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er
auf der Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor
ihr zog ... Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit,
für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche
er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem
Gleichmut verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten
gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige
Listen auf einen Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als
im Rathause für die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und
ihr, vielleicht, dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen
Dramen zu widmen.


Viertes Kapitel

Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt
werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James
Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen,
ein Tauwettertag am Ende des Februar.

In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen
Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den
grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen ruhenden
gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf
den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren ... vorm Rathause drängen
sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem
schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen vollends
zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hälse.
Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im
Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus
Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende Wahlversammlung
die Vorschläge der Wahlkammern ...

Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten in
den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und
daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe
Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als
gewählt erklärt werden ... Sonderbar! Niemand begreift, woher sie
kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale
auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr
Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders
als »Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit
geschlossenen Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach
draußen? Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen
sind, und daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen
wurde: Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun
wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels
Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme
Überschuhe trägt, fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die
Füße schmerzen vor Kälte.

Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man
sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten,
niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus
schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen
Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten
Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des
Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und
dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und
den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit ihren
Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit holländischen
Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen Ärmeln, die aus dem
buntgestickten Mieder hervorquellen ... Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer
aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen
tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres
Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit
erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen ...

Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht
eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um
zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das
Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz
besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen zusammenhält,
und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen Schleier
verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser
umher ...

»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine
Arbeitsmann zum andern.

»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen
nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«

»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«

»Je, dat seg du man noch mal.«

»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«

»Je, du Klaukscheeter ... Red' du un de Düwel.«

Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt
ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die
Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström,
dat's so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is
hei all ... Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün
ick vör Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl ...«

»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker ...«

»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«

»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin Manschetten
un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart ... Hest em gehen seihn?
Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel ...«

»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.«

»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen is?«

... Die Dame im Abendmantel erbebt ...

»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der
Kunsel doar ook nix för.«

Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände
unterm Mantel zusammenpreßt ... Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!

»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat
ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat
bedüden, will 'k di man vertellen ...«

Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!... Sie
zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im
Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine
Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen
erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und
Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß,
wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner«
zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben ...

Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!«

Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der
Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich
auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im
Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick
ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die
ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?... nimmt sie sich
ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden
Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben
Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne
öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft,
vernichtet ...

=Hagenström!= -- Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da,
wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist
überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden.
Hagenström! -- Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu
erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es
immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt,
wie das Weinen in ihr aufsteigt ...

Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein
plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze
Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten
fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu
gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt ... Die
roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in
Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und
Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende
Menge hindurch ihren Weg gehen.

Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach
rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen ... und schlagen mit
unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis
der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist
=nicht= die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die
Breite Straße hinunter!

Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her
sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben
Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee,
Buddenbrook! nich Hagenström!« ... und schon kommen in angeregten
Gesprächen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen
geschwinden Schrittes die Breite Straße hinunter, um die ersten bei der
Gratulation zu sein.

Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie läuft,
wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt sich
und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und
obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee
beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert,
überholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der
Bäckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem
öffnenden Mädchen zu: »Sie kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die
Treppe, stürmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der
wahrhaftig ein bißchen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr
eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht ... sie umarmt ihn
und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann
Hagenström ist durchgefallen!«

                   *       *       *       *       *

Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook
im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Möllendorpf, und in
Gegenwart der versammelten Väter sowie des Bürgerausschusses leistete er
diesen Eid: »Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des
Staates nach allen meinen Kräften erstreben, die Verfassung desselben
getreu befolgen, das öffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner
Amtsführung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil
noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die
Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei
reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was
Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was
geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!«


Fünftes Kapitel

Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen
unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was
man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt, die er seinem
Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in
Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts
mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur
Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung
gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an
seine Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und
öffentlichen Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung
der Ämter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das
Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere
staatliche Geschäfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen
von Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das
Präsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit
und Elastizität, um beständig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute
zu berücksichtigen, sich scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen
und dennoch die Macht in Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu
beobachten war, daß gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses
Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am
Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch
zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich
Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zählte, ganz einfach ein Nachlassen
seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit ...

Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen, so
antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er
wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten
habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben
würde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen
können. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn
vorwärts und ließ ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach
Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer
gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines
Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar
wurden, tausend Pläne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war
gleich heftig beim Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer
öffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand
seinen gesamten Vorrat an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in
dieser Beziehung für einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein!

Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend eine
gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die Ausgaben
dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in diesen
Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters. Der
Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an
Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen.
Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tüchtigkeit
und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach rang, mit
Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner
planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.

So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres
63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus zu
bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb
ihn dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit«
zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale
Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit
Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages
vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von
Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung ... und er
mußte alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach
und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.

Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren
Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort
zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein
Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte,
kürzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus
erstehen lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft
mit prüfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute
Bürgerhäuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das
_vis-à-vis_: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im
Erdgeschoß.

Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen
ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er
vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne
Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem
Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und
gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und
die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine
halbbewußten Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen
her in seinem Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er
sich zunächst seiner Schwester.

»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum
Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß
eine Schachtel. Es ist so wenig repräsentabel, wie? Und jetzt, wo du es
richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin ... Mit einem
Worte: Bin ich's mir schuldig ...?«

Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht
schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf
der Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem
Kopfe im Zimmer umher.

»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar keinen
Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern hat ...
Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das ist
schön von dir!... Und =wenn= schon, Tom, dann auch =vornehm=, das sage
ich dir ...!«

»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt
soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu
besehen. Voigt hat viel Geschmack ...«

Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige Gerdas.
Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde nichts
Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit guter
Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so war
sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu
betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der
Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr
Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein
Sohn, der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße aufs höchste irritierte.

Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von dem
Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben nahm. Am
Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig Genugtuung,
und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons, seines
ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von dort aus
ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte,
Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der
Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war ... über Christian, der ganz
einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten
geschlossen. So entschädigte man sich ein wenig an den kleinen Schwächen
der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch
auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der
sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht ... während
doch alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die
Damen Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich
rötlichblonde Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr
»ihr« Haar genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony
zu veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr
bisheriges Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten.
Tränen-Trieschke! Grünlich! Permaneder! Hagenströms!... Diese Namen, die
Tony, wenn sie gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des
Abscheus mit etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten
ließ, klangen den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.

Übrigens verhehlten sie sich nicht -- und übernahmen keineswegs die
Verantwortung, es zu verschweigen --, daß der kleine Johann zum
Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne ... Sie waren im Rechte
damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno -- dies war der Rufname, den Frau
Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte -- zu einer Zeit,
als er alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu
nennen vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike,
Henriette und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen
betraf, so war ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein
selbständiger Schritt gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen
Buddenbrook mit hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind
werde stumm und lahm bleiben für sein ganzes Leben.

Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber
niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand.
Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu
bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als
ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald
nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von
Brechdurchfall beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines
Herz endgültig stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute
Doktor Grabow traf nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege,
Vorkehrungen gegen die drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte
die erste weiße Spitze den Kiefer durchbrechen, als auch schon die
Krämpfe sich einstellten, um sich dann stärker und einige Male in
Entsetzen erregender Weise zu wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der
alte Arzt den Eltern nur noch wortlos die Hände drückte ... Das Kind lag
in tiefster Erschöpfung, und der stiere Seitenblick der tief
umschatteten Augen deutete auf eine Gehirnaffektion. Das Ende schien
fast wünschenswert.

Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann die
Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine
Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch
keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten.

Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein
hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu
wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines
faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die
Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen. Von
Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks: breit,
ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die
seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben
zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch
gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der
mütterlichen Familie -- wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig --
schon jetzt -- dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher
Weise verschlossen zu halten ... mit diesem Ausdruck, dem später der
Blick seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten
sich immer mehr anpaßte ...

Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm
schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und
Pflege überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und
Kreiseln beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus -- begann er zu
leben, und wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien,
blickten die Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die
würdige Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst
versah, so war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr
sie, sondern an ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die
Konsulin sich nach anderer Hilfe umsehen würde ...

Senator Buddenbrook verwirklichte seine Pläne. Der Ankauf des
Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und
das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch
sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan
Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn
gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm
den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen
sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger
Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen
Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man
nachmittags Kaffee darauf trinken könne ... Selbst in betreff der
Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen
würden, denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube
zu verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich,
daß die städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die
Stuben mietweise als Büros zu übernehmen.

Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über
geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder an
Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in der
Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das
schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?...
Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche
Sprünge sicherlich nicht gemacht ... Die Nachbarn, die Bürgersleute in
den Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer
auf den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten
den Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.

Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben auf
dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren Ende
er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während
zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem Laub
und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber ward in
einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen Tischen ein
Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben, und mit
seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf dem Arme
trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume zwischen den
Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die Hochrufe entgegen,
die man ihm darbrachte.

Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas
überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten
Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor
dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen
Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen
nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen,
der Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in
wollener Jacke, neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen
dunklen, südlichen Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder
fünfjährigen Jungen an der einen Hand, schob mit der andern ein
Wägelchen, in dem ein kleineres Kind schlummerte, langsam hin und her
und befand sich ersichtlich in guter Hoffnung.

Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine Frau,
die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus ihren
schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die
Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.

Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone hinauf.

»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!«

»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.«

»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den Kopf
erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht
Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er
sich mit einer verbindlichen Handbewegung.


Sechstes Kapitel

Eines Sonntags, zu Beginn des Juli -- Senator Buddenbrook hatte seit
etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen -- erschien Frau Permaneder
noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen,
steinernen Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmückt war und von
dem zur Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der
Windfangtür, die von der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball
geöffnet werden konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am
Fuße der Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von
Anton, dem Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei.

»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.«

Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach
rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat,
dieses Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des
gußeisernen Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten
Etage aber zu einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während
von der schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger,
goldblanker Lustre herniederschwebte ... »Vornehm!« sagte Frau
Permaneder leise und befriedigt, indem sie in diese offene und helle
Pracht hineinblickte, die ihr ganz einfach die Macht, den Glanz und
Triumph der Buddenbrooks bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in
einer betrübenden Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich
langsam dem Kontoreingang zu.

Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und
schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen
emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.

»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.«

»Ach, nicht viel Gutes, Tom!... Nein, das Treppenhaus ist gar zu
herrlich!... Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.«

»Ja ... ein eiliger Brief. -- Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir
ein bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.«

Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab, während
sie über die Diele gingen.

»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen ...
»Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib ... sie ist eine Fee!
Wie geht es Hanno, Tom?«

»Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, daß es mit
seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will ...«

»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit Ida
zufrieden?«

»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein ...«

Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die
Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen
in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.

»Nun?« fragte der Senator.

Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen
in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene
Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem
dunklen Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen.
Im Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken
flankierte Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem
ein offener, hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen
Markise einige Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück
durch eine Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die
Seitenwand des Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen
Gerüst verkleidet, das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen
bedeckt zu werden. Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des
Pavillonplatzes ein paar Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur
=ein= großer Baum war da, ein knorriger Walnußbaum, der links an der
Mauer stand.

»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die
Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten
begannen ... »Tiburtius schreibt ...«

»Klara?!« fragte Thomas ... »Bitte, kurz und ohne Umstände!«

»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet,
daß es Tuberkeln sind ... Gehirntuberkulose ... so schwer es mir fällt,
es auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir
schreibt. Diese Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt
er, dasselbe steht, sollen wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen
vorbereitet haben. Und dann ist hier noch diese zweite Einlage: auch an
Mutter und von Klara selbst sehr unsicher mit Bleistift geschrieben. Und
Tiburtius erzählt, daß sie selbst dabei gesagt hat, es seien ihre
letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß sie sich gar keine Mühe
gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem Himmel gesehnt ...«
schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.

Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief
gesenktem Kopfe neben ihr.

»Du bist so still, Tom ... Und du hast recht; was soll man sagen? Und
dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt ...«

Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in
letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle
Schmerzen verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber
vergessen hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner
Mutter geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen
zu lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist.
Kaum aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der
Arzt hatte Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel
ins Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste
unmöglich sei. Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst
trübselige Briefe ...

»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern
kommen soll.«

Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.

»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein
Recht! Du hast guten Mut nötig ...«

»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!«

»Wieso, Tom?... Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern,
Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen
darf?«

»Ach ... Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie
Roggen nicht sehr vorteilhaft ... na, kurz und gut: eine große Partie
sehr unvorteilhaft verkaufen müssen ...«

»Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's
wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen ...«

»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist
nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. =Umgekehrt.= Das ist mein
Glaube, und darum trifft es auch zu.«

»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und
erstaunt. »Man sollte annehmen ... du solltest fröhlich sein, Tom! Klara
ist am Leben ... alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen?
Hier gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort
liegt dein Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt
eine Kate im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht ...«

»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es
verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen,
die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf
dies alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste,
denn das Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn
man sich nicht mehr recht darüber freuen kann ...«

»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!«

»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. -- Und =wenn= es kommt,
das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es,
behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem
Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet
hat, und der einen reizt ... reizt ...«

»Ja, ja ... Aber so jung oder alt wie man sich =fühlt=, Tom --?«

»Ja, Tony. Es mag vorübergehen ... eine Verstimmung -- gewiß. Aber ich
fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche
Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul
Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem
allgemeinen Lächeln ausgesetzt ... Mir ist, als ob mir dergleichen
früher nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu
entschlüpfen begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest
in Händen hielte, wie ehemals ... Was ist der Erfolg? Eine geheime,
unbeschreibliche Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft ... das Bewußtsein,
einen Druck auf die Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes
Vorhandensein auszuüben ... Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu
meinen Gunsten ... Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten:
fest, tief. Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich
abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei um uns her,
widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß ... Dann kommt
eines zum andern, Schlappe folgt auf Schlappe, und man ist fertig. Ich
habe in den letzten Tagen oft an ein türkisches Sprichwort gedacht, das
ich irgendwo las: `Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod´. Nun, es
braucht noch nicht grade der Tod zu sein. Aber der Rückgang ... der
Abstieg ... der Anfang vom Ende ... Siehst du, Tony«, fuhr er fort,
indem er den Arm unter den seiner Schwester schob, und seine Stimme
wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du dich? Da sagtest
du zu mir: `Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit beginnen
müsse!´ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als solltest
du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte Glück, und
hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber `Senator´ und Haus sind
Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht gedacht hast,
ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die äußeren,
sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes und
Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts
geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht
eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht
schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am
hellsten strahlt ...«

Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der
Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des
Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf, daß
es wie Schluchzen klang.

»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut,
daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir
alles das aus dem Sinn zu schlagen.«

»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die
beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn
ich dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter
spreche. Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich
ergeben.«


Siebentes Kapitel

»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!«

»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!«

»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!«

»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!«

»Oh, keine Phrasen!... Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit,
die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!«

»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die
Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!«

»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch
niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null
wird, sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches
Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« ...

»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!«

»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und
Schwäche erkennst!«

»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!«

»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!«

»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!«

»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu
schlagen vermöchtest ...!«

»Tom!... Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme
vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des Landschaftszimmers,
während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten den Raum durchmaß
und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf dem Sofa saß, indem
sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die andere bei einem
heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle drei trugen
Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei waren
bleich und außer sich ...

Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den
Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit,
eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!

Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon,
nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe
von Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere
Aufgabe geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann
war er zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager
Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner
entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger
Krankenhause besucht hatte ... und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen
sich wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit
ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht ...

»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er und
schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die
Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein
Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du
fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« ...

»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte
ich denn anders? Konnte ich es denn?!... Sie, die nun bei Gott, und all
dem entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus ... mit
Bleistift ... mit zitternder Hand ... `Mutter´, schreibt sie, `wir
werden uns hier unten niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich
so deutlich, meine letzten Zeilen ... Mit meinem letzten Bewußtsein
schreibe ich sie, das meinem Manne gilt ... Gott hat uns nicht mit
Kindern gesegnet; aber was =mein= gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt
hätte, laß es, wenn Du mir dereinst =dorthin= nachfolgst -- laß es =ihm=
zufallen, damit er es zu seinen Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine
letzte Bitte ... die Bitte einer Sterbenden ... Du wirst sie mir nicht
abschlagen ...´ Nein, Thomas! ich habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich
konnte es nicht! Ich habe ihr depeschiert, und sie ist in Frieden
hinübergegangen ...« Die Konsulin weinte heftig.

»Und man gönnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man
geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator.

»Ja, ich =habe= geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte
Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen =mußte= ... und ich weiß, daß du
versucht hättest, es mir zu verbieten!«

»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«

»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder
sind einig mit mir!«

»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines maroden
Narren auf ...«

»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«

»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist ein
Kind, -- das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn
es hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?... Ja, er
hat sich Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius ... Wer
hätte dergleichen von ihm erwartet?!... Weißt du noch nicht, begreifst
du noch nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er!
Ein Erbschleicher ...!«

»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit dumpfer
Stimme.

»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an
Christians Bett und redet auf ihn ein. `Ja!´ sagt Christian. `Ja,
Tiburtius. Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner
linken Seite?...´ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich
verschworen --!« Und der Senator -- außer sich, an das Schmiedeeisengitter
der Ofennische gelehnt -- drückte seine beiden verschlungenen Hände
gegen die Stirn.

Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen! Nein, es
waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand
versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte!
Es war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden
sich auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen
anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt
hatte erfahren müssen ... Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach
seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter in
den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« ...? Daß ein
Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?... Er hätte es verhindern
können, aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse
waren ohne ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher
nicht hätte geschehen können, daß es früher nicht =gewagt= haben würde,
zu geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an
sein Glück, seine Macht, seine Zukunft ... Und es war nichts als seine
innere Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während
dieses Auftrittes hervorbrach.

Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.

»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so
schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so
lange zu leben ... und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns
zurück! Und es soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es
nicht geändert werden, Mama?«

Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.

»Nein ... ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte und
mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es
ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter
prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen?
Es gehe wie es will ...« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen
zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb.

»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft.
»Tony hat 80000 Kurantmark verloren ... und Christian hat außer seiner
Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht
... die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in
Öynhausen gebrauchen wird ... Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für
immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für
unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus ... Und die Geschäfte gehen
schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr
als Hunderttausend an mein Haus gewandt habe ... Nein, es steht nicht
gut um eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie
dieser hier. Glaubt mir -- glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben,
wäre er hier bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der
Gnade Gottes empfehlen.«


Achtes Kapitel

Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit: Preußische
Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der Bel-Etage
von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame die Hände und
werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist, in den Klub
eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin, Riekchen
Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen eine Menge
Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das voll von
Soldaten ist.

Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften ziehen zum
Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen, schlafen,
erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln, Trompetensignalen und
Kommandorufen und marschieren wieder ab. Königliche Prinzen werden
begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch. Dann Stille und Erwartung.

Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden
wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden
Bürger nach Hause. -- Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von
fünfundsechzig.

Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten seines
Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt der
kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der
eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten
Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre ... Diese Spiele, deren
Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu
denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz,
das vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die
reine, starke, inbrünstige, keusche, noch unverstörte und
uneingeschüchterte Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben
sich noch scheut, uns anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand
an uns zu legen wagt, wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen
dürfen, ohne daß noch die Welt Dienste von uns verlangt ... wo die
Ungeduld derer, die wir doch lieben möchten, uns noch nicht nach
Anzeichen und ersten Beweisen quält, daß wir diese Dienste mit
Tüchtigkeit werden leisten können ... Ach, nicht lange mehr, und mit
plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um uns zu
vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu verderben ...

Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte, der
Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks Vaterstadt,
die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne Genugtuung auf
das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich bezahlen mußte,
indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein.

Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli,
unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann
Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend Talern
Kurant.



Achter Teil


Erstes Kapitel

Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der
städtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen
Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf männliche und ernste Art in
die Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hängenden
Unterlippe, wiegenden und selbstbewußten Schrittes über die große Diele
schritt, um sich von den vorderen Büros in die hinteren zu begeben,
wobei er seine beiden Fäuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in
legerer Weise an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines tätigen,
wohlsituierten und imponierenden Mannes.

Andererseits war Erika Grünlich, nun zwanzigjährig: ein großes,
erblühtes Mädchen, frischfarbig und hübsch vor Gesundheit und Kraft.
Führte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Geländer, wenn
eben Herr Weinschenk des Weges kam -- und der Zufall tat dies nicht
selten -- so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen
Haupthaar, das an den Schläfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich
stärker in der Taille seines Gehrockes und begrüßte das junge Mädchen
mit einem erstaunten und bewundernden Blick seiner kühn
umherschweifenden, braunen Augen ... worauf Erika davonlief, sich
irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung
eine Stunde lang weinte.

Fräulein Grünlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Züchten
herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte über
Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine
Brauen emporzucken und wieder fallen ließ, seine höchst königliche
Haltung und seine balancierenden Fäuste. Ihre Mutter inzwischen, Frau
Permaneder, sah weiter.

Die Zukunft ihrer Tochter bekümmerte sie seit Jahren, denn Erika war,
verglichen mit anderen heiratsfähigen Mädchen, ja im Nachteile. Frau
Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in
Feindschaft mit ihr. Die Annahme, daß man sie in den ersten Kreisen auf
Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr
ein wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und
Gehässigkeit da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgültigkeit
vorhanden war. Wahrscheinlich zum Beispiel würde Konsul Hermann
Hagenström, dieser freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter
und wohlwollend machte, sie auf der Straße gegrüßt haben, wenn der
Blick, mit dem sie zurückgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte
vorbeisah, diesem »Gänseleberpastetengesicht«, das sie, mit einem ihrer
starken Worte, »haßte wie die Pest«, es ihm nicht aufs strengste
verboten hätte. So kam es, daß auch Erika der Sphäre ihres Onkels, des
Senators, durchaus fern stand, daß sie keine Bälle besuchte und,
Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr wenig Gelegenheit bot.

Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte,
»abgewirtschaftet« hatte, Frau Antonies heißester Wunsch, daß ihre
Tochter die Hoffnungen erfüllen möge, die ihr, der Mutter,
fehlgeschlagen, und eine Heirat machen, welche, vorteilhaft und
glücklich, der Familie zur Ehre gereichen, und die Schicksale der Mutter
vergessen lassen würde. In erster Linie ihrem älteren Bruder gegenüber,
der in letzter Zeit so geringe Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte,
sehnte Tony sich nach einem Beweise, daß das Glück der Familie noch
nicht erschöpft, daß sie keineswegs schon am Ende angelangt sei ... Ihre
zweite Mitgift, die 17000 Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz
wieder herausgegeben hatte, lagen für Erika bereit, und kaum hatte Frau
Antonie, scharfäugig und erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die
sich zwischen ihrer Tochter und dem Direktor angesponnen hatte, als sie
schon den Himmel mit Gebeten anzugehen begann, Herr Weinschenk möge
Visite machen.

Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen,
Großmutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang
und versprach, nachmittags um die Kaffeezeit einmal zu zwangloser
Unterhaltung wiederzukommen.

Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war aus
Schlesien gebürtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie
indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr
ein _self-made man_ zu sein. Er besaß das nicht angeborene, nicht ganz
sichere, etwas übertriebene und etwas mißtrauische Selbstbewußtsein
eines solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine
Konversation von Herzen ungewandt. Übrigens zeigte sein etwas
kleinbürgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine
Manschetten mit den großen Jettknöpfen waren nicht ganz frisch und
sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines
Unglücksfalles der Nagel völlig verdorrt und kohlschwarz ... ein
ziemlich unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, daß Hugo
Weinschenk ein hochachtungswerter, fleißiger, energischer Mensch mit
12000 Kurantmark jährlicher Einkünfte und in Erika Grünlichs Augen sogar
ein schöner Mann war.

Frau Permaneder hatte rasch die Lage überblickt und abgeschätzt. Sie
sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darüber aus. Es war
klar, daß die Interessen sich entgegenkamen und sich ergänzten. Direktor
Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung;
die beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott
ersichtlich füreinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den
Vierzig näherte, und dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen
Hausstand gründen, was seiner Stellung zukam und seinen Verhältnissen
entsprach, so eröffnete ihm die Verbindung mit Erika Grünlich den
Eintritt in eine der ersten Familien der Stadt und war geeignet, ihn in
seinem Berufe zu fördern, in seiner Position zu befestigen. Was aber
Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau Permaneder sich sagen, daß
wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem Falle ausgeschlossen seien.
Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk nicht die geringste
Ähnlichkeit auf, und von Bendix Grünlich unterschied er sich durch seine
Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt, die eine
weitere Karriere nicht ausschloß.

Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden,
die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher
Folge, und im Januar -- dem Januar des Jahres 1867 -- gestattete er
sich, mit einigen kurzen, männlichen und geraden Worten um Erika
Grünlichs Hand zu bitten.

Von nun an gehörte er zur Familie, begann an den »Kindertagen«
teilzunehmen und ward von den Angehörigen seiner Braut mit
Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, daß er
unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefühl
mit einer desto kühneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus,
Senator Buddenbrook -- wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus
der Breiten Straße -- waren gegenüber diesem tüchtigen Büromenschen,
diesem gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu
taktvoller Nachsicht bereit.

Sie war vonnöten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden und
ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der
Familientafel im Eßsaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in
allzu neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschäftigte, wenn er
sich gesprächsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei,
-- »Mehlschpeis'« sagte er mit kecker Betonung -- oder wenn er der
Meinung Ausdruck gab, »Romeo und Julia« sei ein Stück von Schiller ...
Dinge, die er unter sorglosem Händereiben, den Oberkörper schräg gegen
die Stuhllehne zurückgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit
hervorbrachte.

Am besten verständigte er sich mit dem Senator, der über Politik und
Geschäftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wußte,
ohne daß ein Unglück geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete
sich sein Verhältnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persönlichkeit dieser
Dame befremdete ihn in solchem Grade, daß er außerstande war, einen auch
nur für zwei Minuten ausreichenden Gesprächsstoff für sie zu finden. Da
er wußte, daß sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken
Eindruck auf ihn gemacht hatte, so beschränkte er sich darauf, bei jedem
Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu
richten: »Wie geht's der Geige?« -- Nach dem dritten Male aber bereits
enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf.

Christian seinerseits pflegte seinen neuen Verwandten mit gekrauster
Nase zu beobachten und am nächsten Tage sein Benehmen und seine
Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul
Johann Buddenbrook war in Öynhausen von seinem Gelenkrheumatismus
genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und
die periodische »Qual« in seiner linken Seite -- dort, wo »alle Nerven
zu kurz« waren -- sowie die sonstigen Störungen, denen er sich
ausgesetzt fühlte: Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten
des Herzens und Neigung zu Lähmungserscheinungen oder Furcht davor --
waren keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein Äußeres kaum
dasjenige eines Mannes, der erst am Ende der Dreißiger steht. Sein
Schädel war vollständig entblößt; nur am Hinterkopf und an den Schläfen
stand noch ein wenig seines dünnen, rötlichen Haares, und seine kleinen,
runden Augen, die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als
jemals in ihren Höhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals,
sprang seine große, gehöckerte Nase zwischen den hageren und fahlen
Wangen hervor, über dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund
überhing ... Und die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff
umschlotterte seine dürren, gekrümmten Beine.

Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor der
ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im »Klub«
als in der Mengstraße auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr
angenehm gemacht. Riekchen Severin nämlich, Ida Jungmanns Nachfolgerin,
die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den Hausstand führte,
ein untersetztes, 27jähriges Geschöpf vom Lande, mit roten, gesprungenen
Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit bäuerlichem Sinn für Tatsachen
erkannt, daß auf diesen beschäftigungslosen Geschichtenerzähler, der
abwechselnd albern und elend war, und über den die Respektsperson, der
Senator, mit erhobener Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rücksicht zu
nehmen sei, und sie vernachlässigte ganz einfach seine Bedürfnisse. »Je,
Herr Buddenbrook!« sagte sie. »Ich hab' nu keine Zeit für Ihnen!« Worauf
Christian sie mit krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schämst
du dich gar nicht?... und mit steifen Gelenken seines Weges ging.

»Meinst du, ich habe immer eine Kerze?« sagte er zu Tony ... »Selten!
Meistens muß ich mit einem Streichholz zu Bette gehen ...« Oder er
erklärte auch -- denn das Taschengeld, das seine Mutter ihm noch
bewilligen konnte, war gering --: »Schlechte Zeiten!... Ja, das war
früher alles anders! Was meinst du wohl?... ich muß mir jetzt oft fünf
Schillinge für Zahnpulver leihen!«

»Christian!« rief Frau Permaneder. »Wie unwürdig! Mit einem Streichholz!
Fünf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon!« Sie war entrüstet,
empört, in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt; allein das änderte
nichts ...

Die fünf Schillinge für Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten
Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glück mit dieser
Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser
Suitier, der die Würde zu wahren wußte, war im vergangenen Winter, als
der alte Kaspar Överdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an
seine Stelle gerückt war, zum Senator erwählt worden. Seinen
Lebenswandel aber beeinflußte das nicht. Man wußte, daß ihm, der seit
seiner Verheiratung mit einem Fräulein Huneus inmitten der Stadt ein
geräumiges Haus besaß, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine,
grünbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehörte, die von einer
noch jungen und außerordentlich hübschen Dame unbestimmter Herkunft ganz
allein bewohnt ward. Über der Haustür prangte in zierlich vergoldeten
Buchstaben das Wort »_=Quisisana=_«, und in der ganzen Stadt war das
friedliche Häuschen bekannt unter diesem Namen, den man übrigens mit
sehr weichen S- und sehr getrübten A-Lauten sprach. Christian
Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich
Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nämliche Art
reüssiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei ähnlichen
Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten
der Erde. Er hatte »ein bißchen erzählt«, er war »ein bißchen nett«
gewesen, und er verkehrte nun in dem grünen Häuschen mit der gleichen
Regelmäßigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und
Einverständnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist,
daß Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe
freundliche Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde
seiner Gattin bezahlen mußte.

Kurze Zeit nach der Verlobung Hugo Weinschenks mit Erika Grünlich machte
der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das Versicherungsbüro
einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn Tage lang im
Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, daß nicht allein
die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine übrigen, schwer
bestimmbaren Übel sich hierdurch verstärkten, daß übrigens der Direktor
ein überaus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines Mißgriffes
keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen »Seehund« zu nennen
... und Christian war genötigt, diesen Posten wieder zu verlassen.

Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glücklich, so äußerte ihre
lichte Gemütsstimmung sich in Aperçus wie dieses, daß das irdische Leben
doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie
erblühte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden
Geschäftigkeit, ihren vielfältigen Plänen, ihren Wohnungssorgen und
ihrem Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen
ersten Verlöbnisses gemahnten, als daß sie sie nicht verjüngt und mit
grenzenloser Hoffnungsfreudigkeit erfüllt hätten. Viel von dem graziösen
Übermut ihrer Mädchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen
zurück, ja, die Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie
durch eine so ausgelassene Fröhlichkeit, daß selbst Lea Gerhardt das
Buch ihres Vorfahren sinken ließ und mit den großen, unwissenden und
mißtrauischen Augen der Tauben im Saale umherblickte ...

Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverständnis
des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, daß
Frau Antonie -- wenigstens vorderhand -- bei den Weinschenks wohnen, daß
sie der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte ... und
dies grade war es, was in ihr die köstliche Empfindung hervorrief, als
hätte niemals ein Bendix Grünlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt,
als zergingen alle Mißerfolge, Enttäuschungen und Leiden ihres Lebens zu
nichts, und als dürfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von
vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der
ihr den einzig geliebten Mann beschere, während sie selbst, die Mutter,
ihre erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertöten
müssen; zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors
mit vor Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb ... aber
sie, sie selbst, Tony Buddenbrook, war die eigentliche Braut. Sie war
es, die noch einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prüfen,
noch einmal Möbel- und Ausstattungsmagazine durchstöbern, noch einmal
eine =vornehme= Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die
noch einmal das fromme und weitläufige Elternhaus verlassen und aufhören
sollte, bloß eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die
Möglichkeit sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu
beginnen, geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das
Ansehen der Familie zu fördern ... Ja, war es ein Traum? Schlafröcke
erschienen auf der Bildfläche! Zwei Schlafröcke für sie und Erika, aus
weichem, gewirktem Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von
Sammetschleifen, vom Halsverschluß bis zum Saume hinunter!

Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grünlichs Brautzeit neigte sich
ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Häusern
Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen
unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Mußestunden der
intimen Häuslichkeit zu widmen ... ein Verlobungsdiner hatte Thomas,
Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit
der nächsten Freundschaft des Senators in dem großen Saale des
Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, daß der
Direktor nicht aufhörte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen ... und
die Hochzeit nahte heran.

Die Säulenhalle war, wie einst, als Frau Grünlich die Myrten trug, der
Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengießerstraße,
dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim
Faltenarrangement ihres weißen Atlaskleides und beim Anlegen des grünen
Schmuckes behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und
Christians Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautführer, zwei ehemalige
Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo
Weinschenk sah stattlich und männlich aus und trat, auf dem Wege zum
improvisierten Altar, nur =ein=mal auf Erikas herabwallenden Schleier,
Pastor Pringsheim, die Hände unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller
verklärten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch
und Würde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle
»Ja« -- beide ein wenig heiser -- in der Stille erklangen, brach Frau
Permaneder, überwältigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in
lautes Weinen aus -- es war noch immer ihr unbedenkliches und
unverhohlenes Kinderweinen -- während die Damen Buddenbrook, von denen
Pfiffi zur Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug,
wie immer bei solchen Gelegenheiten ein wenig säuerlich dareinlächelten
... Mlle. Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten
Jahren noch sehr viel kleiner geworden war, als früher, Sesemi, die
ovale Brosche mit dem Porträt ihrer Mutter an ihrem dünnen Hälschen,
sprach mit jener übergroßen Festigkeit, welche eine tiefe innere Rührung
verbergen soll: »Sei glöcklich, du =gutes= Kend!«

Dann folgte, im Kreise der weißen Götterfiguren, welche in
unveränderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten,
ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die
Neuvermählten verschwanden, um ihre Reise durch einige Großstädte
anzutreten ... Das war um die Mitte des April; und während der folgenden
vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, unterstützt vom Tapezierer
Jacobs, eines ihrer Meisterstücke: die vornehme Herrichtung jener
geräumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bäckergrube
gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Räume dann
das heimkehrende Paar umfingen.

Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe.

Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines
Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem
Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen
lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber
auch Freude und Stolz nahm sie für sich in Anspruch, und eines Tages,
als sie unversehens mit der Konsulin Julchen Möllendorpf geb. Hagenström
auf der Straße zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so
triumphierenden und herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, daß Frau
Möllendorpf sich dazu verstand, zuerst zu grüßen ... Stolz und Freude
wurden in ihrer Miene und Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie
die Verwandten, die kamen, das neue Heim zu besichtigen, darin
umherführte, während Erika Weinschenk selbst fast ebenfalls wie ein
bewundernder Gast dabei erschien.

Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern
ein wenig emporgezogen, den Kopf zurückgelehnt und am Arme den mit
Atlasschleifen besetzten Schlüsselkorb -- sie schwärmte für
Atlasschleifen -- zeigte Frau Antonie den Besuchern die Möbel, die
Portieren, das durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die
großen Ölgemälde, die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben
von Eßwaren und unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo
Weinschenks Geschmack -- und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht,
dahin habe ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm
wie bei Grünlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder!

Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen
diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, ließ ihre hellen Augen
geruhig über alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu
äußern, eine anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit
Frau und Kind, amüsierte sich mit Gerda über Tonys glückselige
Überheblichkeit und verhinderte mit Mühe, daß sie ihren angebeteten
kleinen Hanno mit Korinthenbrot und Portwein erstickte ... Es kamen die
Damen Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schön, daß
sie ihrerseits, bescheidene Mädchen wie sie seien, nicht darin wohnen
möchten ... Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, ließ sich
auslachen und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles übrige in
gedehnten und freundlichen Worten belobte ... Dann und wann, wenn im
»Klub« niemand anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein
Gläschen Benediktiner, erzählte, daß er jetzt willens sei, die Agentur
für eine Champagner- und Kognakfirma zu übernehmen -- darauf verstehe er
sich, und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner
Herr, schreibe sich hie und da ein bißchen in sein Notizbuch und habe im
Handumdrehen dreißig Taler verdient -- lieh sich hierauf vierzig
Schilling von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom
Stadttheater ein Bukett überreichen zu können, kam, Gott weiß, infolge
welcher Ideenverbindung, auf »Maria« und das »Laster« in London zu
sprechen, verfiel in die Geschichte des räudigen Hundes, der in einer
Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzählte
nun, da er im Zuge war, mit einer solchen Fülle, Schwunghaftigkeit und
Komik, daß er einen Saal voll Menschen hätte unterhalten können.

Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch,
Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische
Messerabenteurer und Diebsaffären aus Whitechapel, verfiel darauf, einen
Blick in seinen Vorrat von Couplets tun zu lassen und sang oder sprach
mit mustergültigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den
Handbewegungen:

    »Ick güng so ganz pomad'
    So up de Esplanad',
    Da güng so'n lüttje Deern
    So vor mir up;
    Die hatt' so'n feinen Pli
    Mi so'n französ'schen _cu_
    Und 'n groten Deller achter up'm Kopp
    Ick seg: `Mein liebes Kind,
    Wei Sie so nüdlich sind,
    Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?´
    Sie dreit sik um so recht
    Und -- kiekt -- mi an -- und segt -- --:
    `Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!´«

Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus Renz
überging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer Art
wiederzugeben begann, daß man sich einbilden konnte, vor der Manege zu
sitzen. Man vernahm das übliche Geschrei schon hinter der Gardine, das
»Machen Sie mich die Türe auf!«, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister
und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von
Erzählungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine
Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm
seinerseits rät, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken ... Die
Geschichte von »Meiner Großmutter, frisch und gesund wie die Frau war«,
in welcher ebendieser Großmutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend
Abenteuer begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau
war, der Zug vor der Nase davonfährt ... worauf Christian die Pointe mit
einem triumphierenden »Musik, Herr Kapellmeister!« abbrach und selbst,
wie erwachend, ganz erstaunt schien, daß die Musik nicht einsetzte ...

Und dann, ganz plötzlich, verstummte er, veränderte sich sein Gesicht,
erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden
Augen begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er
strich mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche
er in sein Inneres hinein, woselbst Seltsames geschah ... Er trank noch
ein Gläschen Likör, ward noch einmal ein wenig aufgeräumter, versuchte
noch eine Geschichte zu erzählen und brach dann in ziemlich deprimierter
Stimmung auf.

Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich
köstlich amüsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune
zur Treppe. »Adieu, Herr Agent!« sagte sie. »Minnesänger! Mädchenfänger!
Altes Schaf! Komm bald mal wieder!« Und sie lachte aus vollem Halse
hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurück.

Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er überhörte es, denn er
war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bißchen nach
Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gestützt auf
seinen Stock mit der Nonnenbüste, langsam, steif und ein wenig lahmend
ging er die Treppe hinab.


Zweites Kapitel

Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder eines
Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des Fischergrubenhauses
einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im Wohnzimmer, das mit
olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem runden Mitteltisch im
Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond herabhing. Er hatte die
»Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und las, leicht über den
Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der
Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er sich seit
einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte seiner
Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den Augen und
blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den Portieren
und im Lichtbereich auftauchte.

»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht es
deinen Freunden?«

»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf ... Du bist hier ganz
einsam?«

»Ja, du kommst mir sehr erwünscht. Ich habe heute abend so allein essen
müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als Gesellschaft
nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt und
hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen ... Gerda ist im Kasino. Tamayo
geigt dort. Christian hat sie abgeholt ...«

»Dausend! um wie Mutter zu reden. -- Ja, ich habe in letzter Zeit
bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.«

»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu
gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden
beschreibt ... Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: `Er
ist kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!´ ...«

»Bürger ... Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter Welt
keinen besseren Bürger als du ...«

»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!... Leg' ein bißchen ab, mein
Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?«

»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit
lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung
auf einem der Fauteuils am Tische niederließ ... »Magen und Nachtruhe,
alles hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und
diese Würste und Schinken ... man gedeiht, wie das Vieh und das Korn.
Und dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten
Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch,
was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard,
daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich
einlud. Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit
... Sie baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben,
aber du weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders
jetzt, da die kleine Elisabeth auf der Welt ist ...«

»_A propos_, wie geht es dem Kinde?«

»Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick für
seine vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht
für lebensfähig hielten ...«

»Und Weinschenk? Wie fühlt er sich als Vater? Ich sehe ihn ja eigentlich
nur Donnerstags ...«

»Oh, der ist unverändert! Siehst du: er ist ein so braver und fleißiger
Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er
verachtet die Wirtshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause und
verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom --
unter uns können wir ja offen darüber reden --: Er verlangt von Erika,
daß sie beständig heiter ist, beständig spricht und scherzt, denn wenn
er abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er,
daß seine Frau ihn in leichter und fröhlicher Weise unterhält, ihn
amüsiert und aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt ...«

»Dummkopf!« murmelte der Senator.

»Wie?... Nun, das Schlimme ist, daß Erika ein wenig zur Melancholie
neigt, Tom, sie muß es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und
schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in
Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfühlend sind. Man
merkt es eben allzu häufig, daß er eigentlich kein Mann von Familie ist
und das, was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen
hat. Ja, ich gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise
nach Pöppenrade ist es vorgekommen, daß er den Deckel der Suppenterrine
am Boden zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war ...«

»Allerliebst!«

»Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen. Mein
Gott, wir sind alle mit Mängeln behaftet, und ein so tüchtiger,
gediegener und arbeitsamer Mann ... behüte ... Nein, Tom, eine rauhe
Außenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im
irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhältnissen, will ich dir sagen,
die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich
geweint ...«

»Was du sagst! -- Herr von Maiboom?...«

»Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern,
aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und
wichtigen Angelegenheit gekommen.«

»Nun? Was ist denn mit Herrn von Maiboom?«

»Ralf von Maiboom ist ein liebenswürdiger Mann, Thomas, aber er ist ein
Junker Leichtfuß, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in
Warnemünde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es
nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pöppenrade lebt! Das
Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und
Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal
keinen Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse ... Kurz, sie sind in
Wahrheit aufs jämmerlichste zerrüttet, Tom, was Armgard mir unter
herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.«

»Traurig, traurig.«

»Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, daß, wie
sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz
uneigennützigem Antriebe zu sich eingeladen haben.«

»Wieso?«

»Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er braucht
sofort eine größere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte, die
zwischen seiner Frau und mir besteht, und wußte, daß ich deine Schwester
bin, so hat er in seiner Bedrängnis sich hinter seine Frau gesteckt, die
ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat ... verstehst du?«

Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem Scheitel
hin und her und verzog ein wenig das Gesicht.

»Ich glaube, ja«, sagte er. »Deine ernste und wichtige Angelegenheit
scheint mir auf einen Vorschuß auf die Pöppenrader Ernte hinauszulaufen,
wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht
an den richtigen Mann gewandt, wie mich dünkt. Erstens nämlich habe ich
noch niemals ein Geschäft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wäre
denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknüpfung von Beziehungen.
Zweitens haben wir, Urgroßvater, Großvater, Vater und ich, wohl hie und
da den Landleuten Vorschüsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre
Persönlichkeit und sonstigen Verhältnisse eine gewisse Sicherheit boten
... Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms
Persönlichkeit und Verhältnisse charakterisiert hast, kann doch von
solcher Sicherheit hier kaum die Rede sein ...«

»Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im
Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschuß handeln. Maiboom
braucht fünfunddreißigtausend Kurantmark ...«

»Donnerwetter!«

»Fünfunddreißigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen fällig
sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er
muß zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.«

»Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl!« Und der Senator, der mit dem
Pincenez auf der Tischdecke spielte, schüttelte den Kopf. »Aber das
scheint mir für unsere Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Fall zu
sein«, sagte er. »Ich habe von solchen Geschäften hauptsächlich aus
Hessen gehört, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Händen von
Juden ist ... Wer weiß, in das Netz welches Halsabschneiders der arme
Herr von Maiboom gerät ...«

»Juden? Halsabschneider?« rief Frau Permaneder überaus verwundert ...
»Aber es ist von dir die Rede, Tom, von =dir=!«

Plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den
Tisch, so daß es ein Stück auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit
einem Ruck den ganzen Oberkörper seiner Schwester zu.

»Von -- mir?« fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu
geben; und dann setzte er laut hinzu: »Geh schlafen, Tony! Du bist ja
übermüde.«

»Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade anfingen,
vergnügt zu werden. Aber ich versichere dich, daß ich niemals wacher und
munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu dir komme,
um dir Armgards -- also, indirekt, Ralf von Maibooms Vorschlag zu
machen ...«

»Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivität und der Ratlosigkeit
der Maibooms zugute.«

»Ratlosigkeit? Naivität? Ich verstehe dich nicht, Thomas, ich bin leider
weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun
und gleichzeitig das beste Geschäft deines Lebens zu machen ...«

»Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn!« rief der Senator und
warf sich sehr ungeduldig zurück. »Verzeih, aber du kannst einen mit
deiner Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, daß du mir
zu etwas höchst Unwürdigem, zu unreinlichen Manipulationen rätst? Ich
soll im Trüben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrängnis
dieses Gutsbesitzers benützen, um den Wehrlosen übers Ohr zu hauen? Ihn
zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten,
damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?«

»Ach, so siehst du die Sache an«, sagte Frau Permaneder eingeschüchtert
und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: »Aber es ist nicht
nötig, durchaus nicht nötig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen! Ihn
zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er benötigt das Geld, und er möchte
die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in
aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgespürt, und darum
bin ich eingeladen worden!«

»Kurz, er täuscht sich über mich und den Charakter meiner Firma. Ich
habe meine Überlieferungen. Ein solches Geschäft ist von uns in hundert
Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen
Manövern den Anfang zu machen.«

»Gewiß, du hast deine Überlieferungen, Tom, und jederlei Achtung davor!
Sicherlich, Vater hätte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer
behauptet das?... Aber, so dumm ich bin, das weiß ich, daß du ein ganz
anderer Mensch bist als Vater, und daß, als du die Geschäfte übernahmst,
du einen ganz anderen Wind wehen ließest als er, und daß du unterdessen
manches getan hast, was er nicht getan haben würde. Dafür bist du jung
und ein unternehmender Kopf. Aber ich fürchte immer, du hast dich in
letzter Zeit durch ein und das andere Mißgeschick einschüchtern lassen
... und wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie
früher, so liegt das daran, daß du dir aus lauter Vorsicht und
ängstlicher Gewissenhaftigkeit die Gelegenheit zu guten Coups
entschlüpfen läßt ...«

»Ach, ich bitte dich, liebes Kind, du reizest mich!« sagte der Senator
mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. »Sprechen wir doch von
etwas anderem!«

»Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang
an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, daß du
dich zu Unrecht beleidigt fühlst. Wenn ich mich aber frage, warum du
gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, daß du im Grunde doch nicht so
ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschäftigen. Denn ein so
dummes Weib ich bin, das weiß ich aus mir selbst und von anderen Leuten,
daß man im Leben über einen Vorschlag nur dann erregt und böse wird,
wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fühlt und
innerlich sehr versucht ist, darauf einzugehen.«

»Sehr fein«, sagte der Senator, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette
und schwieg.

»Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich
gelehrt hat. Aber laß es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen.
Kann ich dich zu einer solchen Sache überreden? Nein, dazu fehlen mir
die Kenntnisse. Ich bin bloß ein dummes Ding ... Schade ... Nun,
gleichviel. Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits
erschrocken und betrübt für Maibooms, andererseits aber froh für dich.
Ich habe mir gedacht: Tom geht seit einiger Zeit ein bißchen freudelos
umher. Früher klagte er, und jetzt klagt er schon nicht einmal mehr. Er
hat hie und da Geld verloren, die Zeiten sind schlecht, und das grade
jetzt, da =meine= Lage sich eben wieder durch Gottes Güte verbessert hat
und ich mich glücklich fühle. Und dann habe ich mir gedacht: Dies ist
etwas für ihn, ein Coup, ein guter Fang. Damit kann er manche Scharte
auswetzen und den Leuten zeigen, daß bis heute die Firma Johann
Buddenbrook noch nicht gänzlich vom Glücke verlassen ist. Und wenn du
darauf eingegangen wärest, so wäre ich sehr stolz gewesen, die Sache
vermittelt zu haben, denn du weißt, daß es immer mein Traum und meine
Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich zu sein ... Genug ...
nun ist also die Frage wohl erledigt. -- Was mich aber ärgert, das ist
der Gedanke, daß Maiboom ja dennoch und in jedem Falle auf dem Halm
verkaufen muß, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich umsieht, so wird
er schon Käufer finden ... er wird schon einen finden ... und das wird
Hermann Hagenström sein, ha, der Filou ...«

»Oh, ja, man darf zweifeln, ob er die Sache von der Hand weisen würde«,
sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete dreimal
hintereinander: »Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!«

Plötzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schütteln und ärgerlich
zu lachen.

»Es ist albern ... Wir sprechen hier, mit einem großen Aufwand von
Ernst, -- wenigstens deinerseits -- über etwas ganz Unbestimmtes,
vollständig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch
nicht einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von
Maiboom eigentlich zu verkaufen hat ... Ich kenne ja Pöppenrade gar
nicht ...«

»Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist
ein Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr!
Was er zu verkaufen hat? Pöppenrade ist ein großes Gut. Ich weiß
positiv, daß es mehr als tausend Sack Weizen bringt ... Aber mir ist
nichts Genaueres bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt?
Sind es 500 Sack von jedem? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Es
steht alles herrlich, das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit
Zahlen dienen, Tom, ich bin eine Gans. Du müßtest natürlich
hinfahren ...«

Eine Pause entstand.

»Nun, es ist nicht der Mühe wert, zwei Worte darüber zu verlieren«,
sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die
Westentasche, knöpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit
raschen, starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von
Nachdenklichkeit geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu
gehen.

Dann blieb er am Tische stehen, und während er sich ein wenig darüber
hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrümmten
Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: »Ich werde dir mal
eine Geschichte erzählen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich
mich zu dieser Sache verhalte. Ich kenne dein _faible_ für den Adel im
allgemeinen und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum
bitte ich dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren
einen Denkzettel erhält ... Du weißt, unter ihnen ist dieser und jener,
der den Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so nötig sind wie er ihnen,
nicht allzuviel Hochachtung entgegenbringt, die -- bis zu einem gewissen
Grade anzuerkennende -- Überlegenheit des Produzenten über den
Zwischenhändler im geschäftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz,
den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden
Juden, dem man, mit dem Bewußtsein, übervorteilt zu werden, getragene
Kleider überläßt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines
moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu
haben, und habe unter ihnen weit zähere Händler angetroffen, als ich
bin. Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen
Gewaltstreichs, um mich ihm gesellschaftlich ein wenig näher zu bringen
... Es war der Herr von Groß-Poggendorf, von dem du gewiß gehört hast,
und mit dem ich vor Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz,
ein höchst feudaler Mann mit einem viereckigen Glas im Auge ... ich
begriff niemals, daß er sich nicht schnitt ... lackierten Stulpstiefeln
und einer Reitpeitsche mit goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit
halb geöffnetem Munde und halb geschlossenen Augen von einer
unbegreiflichen Höhe auf mich herabzublicken ... Mein erster Besuch bei
ihm war bedeutsam. Nach einer einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm
und trat, vom Bedienten gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz saß
am Schreibtisch. Er erwidert meine Verbeugung, indem er sich halbwegs
vom Sessel erhebt, schreibt die letzte Zeile eines Briefes, wendet sich
dann zu mir, indem er über mich hinwegsieht, und beginnt die
Unterhandlungen über seine Ware. Ich lehne am Sofatische, kreuze Arme
und Beine und bin amüsiert. Ich stehe fünf Minuten lang im Gespräche.
Nach weiteren fünf Minuten setze ich mich auf den Tisch und lasse ein
Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen nehmen ihren Fortgang,
und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit einer wirklich gnädigen
Handbewegung leichthin: »Wollen Sie nicht übrigens einen Stuhl nehmen?«
-- »Wie?« sagte ich ... »Oh, nicht nötig! Ich sitze längst.«

»Sagtest du? Sagtest du es?« rief Frau Permaneder entzückt ... Sofort
hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollständig in
dieser Anekdote. »Du saßest längst! Es ist ausgezeichnet!...«

»Nun ja; und ich versichere dich, daß der Graf von diesem Augenblick an
sein Benehmen durchaus änderte, daß er mir die Hand reichte, wenn ich
kam, mich zum Sitzen nötigte ... und daß wir in der Folge geradezu
befreundet geworden sind. Warum aber erzähle ich dir das? Um dich zu
fragen: Würde ich wohl das Herz, das Recht, die innere Sicherheit haben,
auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir
über den Pauschalpreis für seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte,
mir -- einen Stuhl anzubieten ...?«

Frau Permaneder schwieg. »Gut«, sagte sie dann und stand auf. »Du sollst
recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich
dringen. Du mußt wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit
Punktum. Wenn du mir nur glaubst, daß ich in guter Absicht gesprochen
habe ... Abgemacht! Gute Nacht, Tom!... Oder nein, warte. Ich muß zuvor
deinem Hanno einen Kuß geben und die gute Ida begrüßen ... Ich gucke
dann hier noch einmal herein ...«

Und damit ging sie.


Drittes Kapitel

Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, ließ den »Altan« zur
Rechten liegen, ging an dem weißgoldenen Geländer der Galerie entlang
und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tür zum Korridor offenstand und
von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des
Senators führte. Dann drückte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus
gelegenen Tür und trat ein.

Es war eine außerordentlich geräumige Stube, deren Fenster mit faltigen,
großgeblümten Vorhängen verhüllt waren. Die Wände waren ein wenig kahl.
Abgesehen von einem sehr großen schwarzgerahmten Stich, der über
Fräulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von den
Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von
englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten
Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete
befestigt waren. Ida Jungmann saß in der Mitte des Zimmers an dem großen
Ausziehtisch und stopfte Hannos Strümpfchen. Die treue Preußin stand nun
am Anfang der Fünfziger, aber obgleich sie sehr früh begonnen hatte, zu
ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht weiß geworden,
sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre
aufrechte Gestalt war so starkknochig und rüstig, ihre braunen Augen
waren so frisch, klar und unermüdlich wie vor zwanzig Jahren.

»Guten Abend, Ida, du gute Seele!« sagte Frau Permaneder gedämpft aber
fröhlich, denn die kleine Erzählung ihres Bruders hatte sie in die beste
Stimmung versetzt. »Wie geht es dir, du altes Möbel?«

»Ei, ei, Tonychen; Möbel, mein Kindchen? So spät noch hier?«

»Ja, ich war bei meinem Bruder ... in Geschäften, die keinen Aufschub
duldeten ... Leider hat sich die Sache zerschlagen ... Schläft er?«
fragte sie und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der
linken Seitenwand stand, das grünverhüllte Kopfende hart an der hohen
Tür, die zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin
führte ...

»Pst«, sagte Ida; »ja, er schläft.« Und Frau Permaneder trat auf den
Zehenspitzen an das Bettchen, lüftete vorsichtig die Gardinen und lugte
gebückt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen.

Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rücken, hatte aber sein von
dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer zugewandt
und atmete mit einem leichten Geräusch in das Kopfkissen hinein. Von
seinen Händen, deren Finger kaum aus den viel zu langen und weiten
Ärmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner Brust,
die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann zuckten die
gekrümmten Finger leise. Auch an den halb geöffneten Lippen war eine
schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu bilden. Von
Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches über dieses
ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes beginnend, sich
über die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nüstern vibrieren ließ und
die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte ... Die langen
Wimpern vermochten nicht die bläulichen Schatten zu verdecken, die in
den Augenwinkeln lagerten.

»Er träumt«, sagte Frau Permaneder gerührt. Dann beugte sie sich über
das Kind, küßte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt
die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der
Lampe, einen neuen Strumpf über die Stopfkugel zog, das Loch prüfte und
es zu schließen begann.

»Du stopfst, Ida. Merkwürdig, ich kenne dich eigentlich gar nicht
anders!«

»Ja, ja, Tonychen ... Was das Jungchen alles zerreißt, seit er zur
Schule geht!«

»Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?«

»Ja, ja ... Aber doch.«

»Geht er denn gern zur Schule?«

»Nein, nein, Tonychen! Hätt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen.
Und ich hätt's auch gewünscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn
ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn
nehmen muß beim Lernen ... Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er
wird rasch müde ...«

»Der Arme! Hat er schon Schläge bekommen?«

»Aber nein! Mei boje kochhanne ... sie werden doch nicht so hartherz'g
sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht ...«

»Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er
geweint?«

»Ja, das hat er. Er weint so leicht ... Nicht laut, aber so in sich
hinein ... Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen
und immer wieder gebeten, er möchte dableiben ...«

»So, hat mein Bruder ihn hingebracht?... Ja, das ist ein schwerer
Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich weiß es wie gestern! Ich heulte ... ich
versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich
schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie
Hanno. Die Kinder aus vornehmen Häusern weinten alle, das ist mir sofort
aufgefallen, während die anderen sich gar nichts daraus machten und uns
anglotzten und grinsten ... Gott! was ist ihm, Ida --?!«

Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken nach
dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte, ein
Angstschrei, der sich im nächsten Augenblick mit noch gequälterem, noch
entsetzterem Ausdruck wiederholte und dann drei-, vier-, fünfmal rasch
nacheinander erklang ... »Oh! oh! oh!« ein vor Grauen überlauter,
entrüsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas
Abscheuliches richten mußte, was sich zeigte oder geschah ... Im
nächsten Augenblick stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und
während er unverständliche Worte stammelte, blickten seine
weitgeöffneten, so eigenartig goldbraunen Augen, ohne etwas von der
Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine gänzlich andere Welt hinein ...

»Nichts«, sagte Ida. »Der _pavor_. Ach, das ist manchmal noch viel
ärger.« Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren
langen, schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, während sie mit
tiefer, beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke.

»Ja, so, der _pavor_ ...« wiederholte Frau Permaneder. »Wacht er nun?«

Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr
blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen ...

»Wie? So ... so ... Nun hören wir auf zu plappern ... =Was= sagst du?«
fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat näher, um auf dies unruhige
Murmeln und Stammeln zu horchen.

»Will ich ... in mein ... Gärtlein gehn ...«, sagte Hanno mit schwerer
Zunge, »will mein' Zwiebeln gießen ...«

»Er sagt seine Gedichte her«, erklärte Ida Jungmann mit Kopfschütteln.
»So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!...«

»Steht ein ... bucklicht Männlein da, ... fängt als an zu niesen ...«,
sagte Hanno und seufzte dann. Plötzlich aber veränderte sich sein
Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf
auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er
fort:

    »Der Mond der scheint,
    Das Kindlein weint,
    Die Glock schlägt zwölf,
    Daß Gott doch allen Kranken helf!...«

Bei diesen Worten aber schluchzte er tief auf, Tränen traten hinter
seinen Wimpern hervor, liefen langsam über seine Wangen ... und hiervon
erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte
befriedigt etwas von »Tante Tony«, schob sich ein wenig zurecht und
schlief dann ruhig weiter.

»Sonderbar!« sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch
setzte. »Was für Gedichte waren das, Ida?«

»Sie stehen in seinem Lesebuch«, antwortete Fräulein Jungmann, »und
darunter ist gedruckt: `Des Knaben Wunderhorn´. Sie sind kurios ... Er
hat sie in diesen Tagen lernen müssen, und über das mit dem Männlein hat
er viel gesprochen. Kennst du es?... Recht graulich ist es. Dies
bucklige Männlein steht überall, zerbricht den Kochtopf, ißt das Mus,
stiehlt das Holz, läßt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus ... und
dann, zum Schlusse, bittet es auch noch, man möge es in sein Gebet
einschließen! Ja, das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein --
tagaus darüber nachgedacht. Weißt du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat
er gesagt: `Nicht wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht
aus Schlechtigkeit!... Es tut es aus Traurigkeit und ist dann noch
trauriger darüber ... Wenn man betet, so braucht es das alles nicht mehr
zu tun.´ Und heute abend noch, als seine Mama ihm Gute Nacht sagte,
bevor sie ins Konzert ging, hat er sie gefragt, ob er auch für das
bucklige Männlein beten solle ...«

»Und hat es auch getan?«

»Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen ... Aber über das andere
Gedicht, das `Ammenuhr´ heißt, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur
geweint. Er gerät so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann
lange nicht aufhören ...«

»Aber was ist denn so traurig darin?«

»Weiß =ich= ... Über den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im
Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg ... und auch nachher
über den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er
geweint ...«

Frau Permaneder lachte gerührt und machte dann ein ernstes Gesicht.

»Aber ich will dir sagen, Ida, es ist nicht gut, ich halte es nicht für
gut, daß ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf --
nun, mein lieber Gott, dafür ist er ein Fuhrmann! Das Kind -- soviel
weiß ich schon -- neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen
anzusehen und sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen ... Das muß an ihm
zehren, glaube mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen ...
Aber das ist es eben«, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschränkte,
den Kopf zur Seite neigte und mißmutig mit der Fußspitze auf dem Boden
trommelte; »Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist,
ein Biedermann, ein wirklich braver Mensch ... was seine Eigenschaften
als Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn, Ida,
Gott verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche. So zum Beispiel mit
Hannos Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfällen im
Traume ... Grabow weiß es, und alles, was er tut, ist, daß er uns sagt,
was es ist, uns einen lateinischen Namen nennt: _pavor nocturnus_ ...
ja, lieber Gott, das ist sehr belehrend ... Nein, er ist ein lieber
Mann, ein guter Hausfreund, alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein
bedeutender Mensch sieht anders aus und zeigt schon in der Jugend, daß
etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit von Achtundvierzig mit erlebt; er
war ein junger Mann damals. Aber meinst du, daß er sich jemals erregt
hat -- über die Freiheit und die Gerechtigkeit und den Umsturz von
Privilegien und Willkür? Er ist ein Gelehrter, aber ich bin überzeugt,
daß die unerhörten Bundesgesetze von damals über die Universitäten und
die Presse ihn vollständig kalt gelassen haben. Er hat sich niemals ein
wenig wild gebärdet, niemals ein wenig über die Schnur gehauen ... Er
hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun verordnet er Taube
und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen Eßlöffel Altheesaft
... Gute Nacht, Ida ... Ach nein, ich glaube, da gibt es ganz andere
Ärzte!... Schade, daß ich Gerda nicht mehr sehe ... Ja, danke, es ist
noch Licht auf dem Korridor ... Gute Nacht.«

Als Frau Permaneder im Vorübergehen die Tür zum Eßzimmer öffnete, um,
ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah sie,
daß in der ganzen Flucht Licht war und daß Thomas, die Hände auf dem
Rücken, darin hin und wider ging.


Viertes Kapitel

Allein geblieben, hatte der Senator seinen Platz am Tische wieder
eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektüre seiner
Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine
Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung
seines Körpers zu verändern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den
Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt.

Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn er
sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst
diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer
unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie
eine Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der
Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab,
um es in dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die
Augen, mit trübem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet,
ohne ihn zu umfassen, röteten sich, begannen zu tränen -- und ohne Mut
zu dem Versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von
allen Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur
den einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrook mit
zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.

Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand über Stirn und Augen,
entzündete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wußte, daß es ihm
schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken ... Welch
ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Züge und der
eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet war
-- dem parfümierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich
rasierten Glätte von Kinn und Wangen, der sorgfältigen Frisur des
Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Möglichkeit
verdeckt war, das, in zwei länglichen Einbuchtungen von den zarten
Schläfen zurücktretend, einen schmalen Scheitel bildete und über den
Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz
gehalten war, damit man nicht sehe, daß es an dieser Stelle ergraute ...
Er selbst empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wußte wohl, daß
niemandem draußen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der
zwischen seiner beweglichen, elastischen Aktivität und der matten Blässe
seines Gesichtes bestand.

Nicht, daß er in geringerem Maße als ehemals dort draußen eine wichtige
und unentbehrliche Persönlichkeit gewesen wäre. Die Freunde wiederholten
es, und die Neider konnten es nicht leugnen, daß Bürgermeister Doktor
Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den Ausspruch seines Vorgängers
Oeverdieck bestätigt hatte: Senator Buddenbrook sei des Bürgermeisters
rechte Hand. Daß aber die Firma Johann Buddenbrook nicht mehr das war,
was sie vorzeiten gewesen, das schien eine so gassenläufige Wahrheit,
daß Herr Stuht in der Glockengießerstraße es seiner Frau erzählen
konnte, wenn sie mittags zusammen ihre Specksuppe verzehrten ... und
Thomas Buddenbrook stöhnte darüber.

Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser Anschauungsweise
am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann, und keiner der
Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres sechsundsechzig
nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich in Frage
stellen können. Aber obgleich er, wie selbstverständlich, fortfuhr, in
angemessener Weise zu repräsentieren und seinen Diners die Anzahl von
Gängen zu geben, die seine Gäste von ihnen erwarteten, hatte doch die
Vorstellung, sein Glück und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die
mehr eine innere Wahrheit war, als daß sie auf äußere Tatsachen
gegründet gewesen wäre, ihn in einen Zustand so argwöhnischer
Verzagtheit versetzt, daß er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu
halten und in seinem Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen
begann. Hundertmal hatte er den kostspieligen Bau seines neuen Hauses
verwünscht, das ihm, so empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte.
Die Sommerreisen wurden eingestellt, und der kleine Stadtgarten mußte
den Aufenthalt am Strande oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die
er gemeinsam mit seiner Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf
sein wiederholtes und strenges Geheiß von einer Einfachheit, die im
Gegensatze zu dem weiten, parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen
und luxuriösen Plafond und seinen prachtvollen Eichenmöbeln komisch
wirkte. Während längerer Zeit war Dessert nur für den Sonntag gestattet
... Die Eleganz seines Äußeren blieb dieselbe; aber Anton, der
langjährige Bediente, wußte doch in der Küche zu erzählen, daß der
Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das weiße Hemd wechsele, da die
Wäsche das feine Linnen allzusehr ruiniere ... Er wußte noch mehr. Er
wußte auch, daß er entlassen werden sollte. Gerda protestierte. Drei
Dienstboten seien zur Instandhaltung eines so großen Hauses kaum genug.
Es half nichts: mit einem angemessenen Geldgeschenk ward Anton, der so
lange den Bock eingenommen hatte, wenn Thomas Buddenbrook in den Senat
fuhr, verabschiedet.

Solchen Maßregeln entsprach das freudlose Tempo, das der Geschäftsgang
angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspüren von dem neuen und
frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst den Betrieb
belebt hatte -- und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, welcher,
nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden Einfluß
besessen hätte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar.

Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur
vollständigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde,
um sich, unter Schnurrbartstreichen, Räuspern und bedächtigen
Seitenblicken, eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen
Geldbeutel zu versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des
Kontors taghell erleuchteten, unterließ er es niemals, noch eine
brennende Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben
Stunde erhob er sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen
Kopf zu begießen. Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer
Getreidesack unter seinem Pult, den er für eine Katze hielt und zum
Gaudium des gesamten Personals unter lauten Verwünschungen zu verjagen
suchte ... Nein, er war nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines
Kompagnons zum Trotz, fördernd in die Geschäfte einzugreifen, und oft
erfaßte den Senator, wie jetzt, während er matten Blickes in die
Finsternis des Salons hinüberstarrte, die Scham und eine verzweifelte
Ungeduld, wenn er sich den unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das
pfennigweise Geschäftemachen vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter
Zeit die Firma Johann Buddenbrook erniedrigt hatte.

Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit.
War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht,
sich nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln?
Warum mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus
seiner klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln
und Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig?
Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit
aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er
das Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich
das Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man
begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in
seinem Widerstande nicht sicher fühlt ...« Eine verteufelt schlaue
Person, diese kleine Tony!

Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation ... Im Trüben
fischen ... Brutale Ausbeutung ... Einen Wehrlosen übers Ohr hauen ...
Wucherprofit ...« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann
Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben.
War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen Tat
oder ein skrupulöser Nachdenker?

O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte,
seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in
seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des
großen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen
fest wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug,
von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von
Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren
müssen ... Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern
als etwas Selbstverständliches =empfinden= -- würde er das niemals
vollständig erlernen?

Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf
ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich
schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er
hatte eine große Summe Geldes verloren ... ach, nicht das war das
Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange
und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens
verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen
Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt
der Selbsterhaltung verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei
den Freunden, den besten Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl,
sondern -- »Mißtrauen«, kaltes, ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte
er das nicht gewußt? War er berufen, sich darüber zu verwundern? Wie
sehr hatte er sich später in besseren und stärkeren Stunden darüber
geschämt, daß er in den schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll
Ekel und unheilbar verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des
Lebens aufgelehnt hatte!

Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen
gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt
möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein
praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?

Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte
sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und -- in müden --
bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er
sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein
Gemisch von beidem sei.

Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann
präsentiert; aber soweit er mit Recht dafür galt -- war er es nicht, mit
seinem gern zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch -- aus bewußter
Überlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt ...
aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft
hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun
daniederlag, da seine Kräfte -- wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer
-- erschöpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses
unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden
Widerstreites in seinem Innern?... Ob sein Vater, sein Großvater, sein
Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden?
Gleichviel!... Gleichviel!... Aber daß sie praktische Menschen gewesen,
daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen
waren, als er, das war es, was feststand!...

Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und
Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und
entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er
blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen
Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln
ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas
Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagere daneben,
dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten
über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit
Palmen angefüllt.

Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen.
Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins
Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu
schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu
tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken,
weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel
möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den
Zigarrenschrank, verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische,
den Deckel einer kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks
und ähnliche Dinge enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken
klappernd durch seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich
abermals zum Gehen.

Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das
Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die
ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier
aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren
Parkettfläche und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die
auf den Garten hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in
Anspruch nahm. Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger
Sofas von dem Rot der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die
hochlehnig und ernst an den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter
dessen Gitter falsche Kohlen lagen und mit ihren Streifen von
rotgoldenem Glanzpapier zu glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor
dem Spiegel, ragten zwei mächtige chinesische Vasen ...

Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie nach
einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator
durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster
stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten
hinaus.

Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der
Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden
Zweigen des Walnußbaumes plätschern. Thomas sah hinüber auf den
Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende
Terrasse mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die
frisch umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze ... aber diese
ganze zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu
beruhigen, verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke
des Fensters, legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren
qualvollen Gang wieder antreten.

Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er
vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er
selbst sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst
Überflüssiges geärgert hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen,
vom Landadel, und hatte bei dieser Gelegenheit klar und deutlich die
Meinung ausgedrückt, daß eine soziale Überlegenheit des Produzenten über
den Zwischenhändler anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein
Gott, es war so unsäglich gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war
=er= berufen, diesen Gedanken auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen,
überhaupt darauf zu verfallen? War er imstande, sich seinen Vater,
seinen Großvater, irgendeinen seiner Mitbürger vorzustellen, wie er
diesem Gedanken nachhing und ihm Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest
und zweifellos in seinem Berufe steht, kennt nur diesen, weiß nur von
diesem, schätzt nur diesen ...

Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er
errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich
mit seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen,
begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten
erregten Auseinandersetzungen ... Christian hatte, in seiner indiskreten
und kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung
getan, über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur
Rede gestellt hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und
im Grunde sei doch jeder Geschäftsmann ein Betrüger ... Wie? war diese
insipide und nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt
von derjenigen, die er selbst sich soeben noch seiner Schwester
gegenüber gestattet hatte? Er hatte sich darüber entrüstet, hatte
wutentbrannt dagegen protestiert ... Aber wie hatte diese schlaue,
kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert ...

»Nein!« sagte der Senator plötzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem
Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon
zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er
sich, um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine
eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell
gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle
Zimmer zu gehen.

»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden! Ich
verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es war
unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber befand,
wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu
korrigieren! Mit Gewalt!... Laß sehen ... laß sehen ... was war es für
ein Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte ... Die
Pöppenrader Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit
leidenschaftlichem Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit
ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!«

Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein
Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach --
und ein wenig übertrieben ausgedrückt -- zu verdoppeln?... Ja, es war
ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen
Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war,
ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es,
dann war er wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde
er das Glück und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen
Klammern halten ...

Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider entgehen!
Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von persönlichen
Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!... In der Tat, das Persönliche
war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches Geschäft, das man
kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug vielmehr, wie es durch
Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den Charakter einer
Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit zu behandeln
war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der Mann dafür
gewesen!... Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur und auch beim
Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen wissen! Andererseits
aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen Dienst, zu dem er, durch
die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom, ganz allein berufen
war. Schreiben also ... heute abend noch schreiben -- nicht auf dem
Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem Privatbriefbogen, auf
dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand -- in rücksichtsvollster
Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den nächsten Tagen genehm
sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter Grund und Boden, auf
dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte ... Desto mehr etwas für
ihn!

Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte
sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle
Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn Marcus,
an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife Ernte von
Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem allgemeinen
Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde, verwarf zornig alle
Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde es tun!«

Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute Nacht!«
Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an der
Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe
beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die
Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr
stehen, fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe
seines Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe
begeben zu wollen.

Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder auf. Er
dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche die
Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde« füllen
sollten, sann über dem Preise, dem -- oh, durchaus nicht unanständigen
Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht leise ins
Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in einem Zuge
einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen Brief, der, als
er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm als der beste
und taktvollste seines Lebens erschien.

Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nächsten Tage eröffnete er
seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache
nun von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht
einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen
könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr
von dort mit einem Mietswagen über Land.

Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch
und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte
herzlich über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine
ganze Stunde lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem
er seinem Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen,
ziegelroten Speicher hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten
Rufe der Arbeiter nachahmte ... und hielt in der Bürgerschaftssitzung
vom 3. Juni über den langweiligsten Gegenstand von der Welt, über
irgendeine Steuerfrage, eine so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er
in allen Stücken Recht bekam und Konsul Hagenström, der ihm opponiert
hatte, der allgemeinen Heiterkeit anheimfiel.


Fünftes Kapitel

War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite -- es fehlte
nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch
Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den
Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache,
daß in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der
Firma angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages
bevorstand.

Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony ihn
mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung seiner
Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still
geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er
das Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten
umherzugehen, dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben
und seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er
sprach sich nicht aus ... Gegen wen auch? Herr Marcus war -- ein
erstaunlicher Anblick -- zum ersten Male in seinem Leben heftig
geworden, als sein Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit
Pöppenrade Mitteilung gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und
jede Beteiligung abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber
verriet sich Thomas an einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie
sich mit einer Anspielung auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch
einen einzigen kurzen Händedruck, dem er hastig und leise die Worte
hinzufügte: »Ach, Tony, ich wollte, ich hätte schon wieder verkauft!«
Dann wandte er sich, jäh abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie
verdutzt und ergriffen zurück ... Dieser plötzliche Händedruck hatte
etwas von ausbrechender Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel
von lange verhaltener Angst gehabt ... Als aber Tony bei der nächsten
Gelegenheit versucht hatte, auf die Sache zurückzukommen, hatte er sich
in desto ablehnenderes Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche,
mit der er sich einen Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung
über seine Untauglichkeit, dies Unternehmen vor sich selbst zu
verantworten ...

Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich
wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!«

»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest diese
Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die Bedeutung
dieses Tages vergessen?«

»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre,
wir könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu
feiern, ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter
Dinge ist ... Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich
einig mit ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt
zu haben ... Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit ... Kurz, ich bin
wenig aufgelegt, Feste zu feiern.«

»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt wohl,
daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum der
Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen! Du
bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum ... obgleich
eigentlich gar keine Ursache dafür vorhanden ist ... Aber wenn der Tag
da ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle ...«

Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen.
Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf,
die eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen
Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte -- und es hätte
ihrer kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu
machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der
am Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder
sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe
mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als
Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan
Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt
waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten
Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und
wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem
religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück
bis ins 16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu
dem, der zu Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in
Rostock, der sich »sehr gut gestanden« -- was unterstrichen war -- und
so außerordentlich viele lebendige und tote Kinder gehabt ... »Was für
ein prächtiger Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte
vergilbte und eingerissene Briefe und Festpoeme vorzutragen ...

                   *       *       *       *       *

Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der
erste Gratulant.

»Ja, Herr Senater, hundert Jahr!« sagte er und ließ Messer und
Streichriemen behende in seinen roten Händen spielen ... »Und ungefähr
die Hälfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten
Familie rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste
ist, der den Chef zu sprechen kriegt ... Der selige Herr Konsul war auch
immer des Morgens am gesprächigsten, und dann fragte er mich woll:
Wenzel, fragt' er, was halten Sie von dem Roggen? Soll ich verkaufen
oder meinen Sie, daß er noch steigt?...«

»Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr
Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel
Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie
klüger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefähr allen großen
Häusern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem
einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr
interessant.«

»Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine eigne
Laune betrifft, wenn ich so sagen darf ... Herr Senater sind heut'
morgen wieder ein bißchen blaß?«

»So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher
Voraussicht nicht so schnell vorübergehen, denn ich glaube, man wird
mich heute etwas in Anspruch nehmen.«

»Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist groß, die Teilnahme
ist sehr groß. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem
Fenster. Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der
`Wullenwewer´ und die `Friederike Oeverdieck´ mit allen Wimpeln ...«

»Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu
verlieren.« --

Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu seinem
hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die weiße
Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten. Er
warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die
langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und
wandte sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann ... Wäre
erst dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen
Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während des
ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen
mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht und
sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste,
freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche ... und vom
Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller ...

Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und
fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen
unbestimmten Gram auf sich lasten ... Warum hatte er gelogen? War es
nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein
schlechtes Gewissen? Warum? Warum?... Aber es war jetzt keine Zeit,
darüber nachzudenken.

Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie war
schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus schottischem
Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes Zuavenjäckchen darüber,
von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares. Sie zeigte lächelnd
ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer waren als ihr schönes
Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen liegenden,
rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten, lächelten
heute.

»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst,
wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.«

»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?«

»Den allertiefsten!... Aber es ist auch möglich, daß es nur das
Festliche überhaupt ist ... Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und
sie wies auf den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt
war, »ist Fräulein Jungmanns Werk ... Übrigens irrst du, wenn du denkst,
du könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die
wichtigsten Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der
ich ebenfalls nicht ganz unbeteiligt bin ... Höre, Thomas, dies ist
natürlich nur der Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln
wird. Zu Anfang will ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich
zurück, das sage ich dir. Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein
wenig gefallen ist, noch immer von einem unverschämten Blau -- was zwar
zu den Flaggen ... denn die ganze Stadt ist beflaggt ... sehr gut
aussieht -- aber es wird eine fürchterliche Hitze geben ... Komm jetzt
hinüber. Dein Frühstück muß warten. Du hättest früher aufstehen sollen.
Nun mußt du die erste Rührung auf deinen leeren Magen wirken lassen ...«

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder und
Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht
ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel,
aufrecht ... Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung.

»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag ... ein schöner Tag ...«
wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu
preisen für alle Gnade ... für alle Gnade ...« Sie weinte.

Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob in
seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten.
Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an
ihrer Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres
Kleides ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen
und nichts mehr sagen zu müssen ... Er küßte sie und richtete sich auf,
um seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten
und halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen
war. Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein
Jungmann betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu
verbeugen, wobei ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an
ihrem flachen Busen hing ...

»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme; »wir können
es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel beinahe
allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer
begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre
Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze
spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an
der Oberlippe ...

»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt
los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel
aufrecht gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.

Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton, welcher
unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann Buddenbrook
zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter jedem. Da war,
nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan Buddenbrooks, des
Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit festgeschlossenen
Lippen streng und willensfest über sein Jabot hinwegblickte; da war das
breite und joviale Angesicht Johann Buddenbrooks, Jean Jacques
Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die Vatermörder geschobenen
Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und seiner großen, stark
gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die geistvollen, von
religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den Beschauer gerichtet;
und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in etwas jüngeren Jahren
... Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich zwischen den Bildern
hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868
bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen aber war in
hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen
Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit Lust
bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht
ruhig schlafen können.«

Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere Zeit.

»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine
ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache ...« Dann, ernst, wenn auch ein
wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch
herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges
Geschenk!... Was meint ihr -- wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?«

»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau
Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und
wies hinaus.

Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen Flaggen
von allen Häusern -- die ganze Fischergrube hinunter, von der
Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die
»Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem Wimpelschmuck
lagen.

»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte
... »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben
geflaggt! Ha, sie können nicht anders ... Ich würde ihnen die Fenster
einwerfen ...«

Er lächelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurück an den Tisch.

»Und hier sind Telegramme, Tom ... nur die ersten, persönlichen
natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden
gehen ans Kontor ...«

Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den
Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam,
von Jürgen Kröger in Wismar ... Plötzlich errötete Frau Permaneder tief.

»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem
Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet:
»=Permaneder=«.

»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner
Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft
leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag ...«

Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn
zurück.

»Einen Augenblick, Thomas ... Du weißt, Hanno muß gleich in die
Privatstunde ... Er möchte dir ein Gedicht hersagen ... Komm her, Hanno.
Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!«

Der kleine Johann mußte auch während der Ferien -- denn im Juli waren
Sommerferien -- Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache
mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt
Sankt Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch,
erwartete ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um
mit ihm dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es,
dem Papa das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem
Altan in der zweiten Etage sorgfältig erlernt ...

Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem
breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken
Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine
gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll
scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes
Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine
Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darüber lustig gemacht hatten.
Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in
die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider
gesenkt, daß die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung
seiner Augen fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig
verzerrt.

Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor Weinen
dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz
zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der
Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise
spielte ... weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte,
daß er sich produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und
Geistesgegenwart prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber
nichts von Aufregung gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie
war verfehlt, das fühlte er. Da standen sie und sahen ihn an. Sie
fürchteten und erwarteten, daß er weinen werde ... war es da möglich,
=nicht= zu weinen? Er hob die Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit
ihrer Uhrkette spielte und ihm in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem
Kopfe zunickte. Ein übergroßes Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu
schmiegen, sich von ihr fortbringen zu lassen und nichts zu hören, als
ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte: Sei still, Hannochen, mein
Jungchen, brauchst nichts hersagen ...

»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in
einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte
durchaus nicht -- heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten.
Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen
Johann mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick.

Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte
Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden
hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den
Augen Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser,
ein wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied ... Von Uhland.«

»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort
nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche ... Frei stehen!
Frei sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die
Portieren! Und nun den Kopf hoch ... und die Arme ruhig hängen
lassen ...«

Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und ließ die Arme
hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so tief
gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich
schwammen schon Tränen darin.

»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker
klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag
beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch
einmal, bitte! `Schäfers Sonntagslied´ ...«

Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit den
letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge
sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren
lassen! Er sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen ... »Schäfers
Sonntagslied ...!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd ...

Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und
seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten
ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel
hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin
allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus.
Die Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid
mit sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und
daß die Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine
Sehnsucht nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein
wenig krank, mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida
kam, um ihm zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf
seine Stirn zu legen ... Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf
die Hand, mit der er sich an der Portiere hielt, und schluchzte.

»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und
stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst
an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir
eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus
dir werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in
Tränen zu baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?...«

Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!

»Überlege dir die Sache bis heute nachmittag«, schloß der Senator; und
während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete
und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er
ins Eßzimmer hinüber.

Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony,
Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den
Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu
Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im
Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben
gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem
Hause vorzufinden.

Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse, aß
hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette.
Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den Hals,
einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in der
Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur auf
die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe
entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale
seinen Platz hatte ...

»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' ... un de Ein is arm, und de Anner is
riek ...«

»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in
die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch
das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der
Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in
sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu
übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz
am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die
bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür
gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen.

Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die
breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit
ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen drehten.
Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die Stube, zog
seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von »hunnert Jahren«
und »noch veelen hunnert Jahren« ... Der Senator stellte ihnen eine
beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und entließ sie.

Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu
beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl
Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von
den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und »Friederike
Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam
eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen, Kniehosen und
Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger. Schneidermeister
Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen schwarzen Rock über
dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhändler Iwersen
gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart, Ringen in den Ohren
und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf
der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu nennen pflegte, rief
schon in der Tür: »Es is nich =da=rum, Herr Senator, ick komm nich
=da=rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt
jeder wat schenkt kriegt ... öäwer dat is nicht darum ...!« Dennoch nahm
er dankbar sein Geldstück entgegen ... Das fand kein Ende. Als es halb
elf Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die
ersten Gäste empfange.

Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan.
Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel,
ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft
seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Körper sich in
Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt. Die Empfänge
im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt ... Er atmete auf und trat
ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul Huneus,
Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre Tochter
und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die
Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen, woselbst sie,
wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen
Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli
verbrachten.

Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils
beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen
Bürgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf;
und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder,
der eine Million weniger besaß, aber dafür Senator war.

Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von
musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick geschlossen
und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht
durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich
unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon
geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen
zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die
Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer,
sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür,
ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen.
Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen,
Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches
Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt und
von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«,
widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald
drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder
kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor
Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der
weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem
Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der
Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen
Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator
Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer
außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die
verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas,
während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin
Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation
erledigen und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann
Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am Treppengeländer
gefunden und plaudert, während seine platt auf der Oberlippe liegende
Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart hineinatmet, mit Herrn
Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter
Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lächelndes Gesicht
umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström, dessen schöne Gattin,
die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt
irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Einen Augenblick
sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte
zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich darauf vom Baumeister
Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in bürgerlicher Kleidung
und nur durch die Länge seines Gehrockes seine Würde andeutend, kommt
mit ausgebreiteten Armen und gänzlich verklärtem Angesicht die Treppe
herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren,
die irgendeine Körperschaft, den Senat, die Bürgerschaft, die
Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen. -- Halb zwölf
Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor
einer Viertelstunde zurückgezogen ...

Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes
Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und
gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das
ganze Haus erfüllt ... Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem
ganzen Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer,
und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder
zwanzig Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit
brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von
breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt ... Was geschieht? Konsul
Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug!
Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit
Programmen in der Hand schwingend!

Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der die
Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos
machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen Baßtrompete,
in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stößt,
alles übrige dominiert, das Ständchen, das man dem Hause Buddenbrook zu
seinem Jubiläum bringt -- es beginnt mit dem Chorale »Nun danket alle
Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über Offenbachs »Schöne Helena«
folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird
... Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm.

Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul, und
niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man
steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert ...

Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker, Senator
Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf, bei
der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur zweiten
Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in das
Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das
Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war noch
drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr ausgeschlossen, denn
den Schatten nach zu urteilen, die über das »Einfallende Licht«
hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese Schatten waren so häufig
und folgten einander so schnell, daß die beständig wechselnde, zuckende
Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die Augen schmerzen machte.
Jeden Augenblick erlosch der Glanz des vergoldeten Stucks, des
Messingkronleuchters und der Blechinstrumente dort unten, um gleich
darauf wieder aufzublitzen ... Nur einmal verweilte der Schatten ein
wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man mit leicht
prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder siebenmal
etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes« niederprallen:
ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder Sonnenlicht das
Haus von oben bis unten.

Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter
normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens
hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame
niederdrückt ... So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen
Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze
Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er
sich beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich
aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein
schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung
erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das
Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven
erschütterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an
seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so
überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn
dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik,
dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung ... und
dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine
matte Verzweiflung ...

Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing, seinem
Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die herrschende
Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber, seinem
geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine Gäste für
kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich kam, als die
Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen Herrschaften,
der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark verwachsener
Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig zwischen den
Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen Arme in
übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen
zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes
Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit
scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort
drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten
Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte.

Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner.
Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm
mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen
Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem Bückling
überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und Voigt
weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die weitaus
meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden, mußte
während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen Umständen
überbracht werden.

Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich
nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei
der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten
Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die
Speisen aus der Küche heraufbefördert wurden, und dabei stand an der
Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu putzen
pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen Lehrling
den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche.

Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es
gesehen hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen,
kurzen, krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu
seine Kehle austrocknete und ihn husten machte.

Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter ihm
machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die
beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern.

Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal
andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige
Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß
auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und
begab sich die Gesindetreppe hinunter.

Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in denen er
die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und
während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell
atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte,
schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich
seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel ... das bißchen Hagel ...«
wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die
Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen
verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und
mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.

Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes,
schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und
ließ sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas
nieder. Es war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des
Springbrunnens im Garten, eine Fliege stieß summend gegen die
Fensterscheibe, und nur ein gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu
ihm.

Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schloß die Augen. »Es ist
gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend,
befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!«

Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf
Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen,
schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen
Gästen zu gehen.

Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf das
Polster zurück. Die Musik ... die Musik setzte wieder ein, mit einem
albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke und
Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und verspätet
ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem
aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich
aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren,
zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. --


Sechstes Kapitel

»O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau!« rief Herr Edmund Pfühl,
Organist von Sankt Marien, der in großer Bewegung den Salon
durchschritt, während Gerda lächelnd, den Kopf in die Hand gestützt, am
Flügel saß, und Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit
beiden Händen umspannte ... »Gewiß ... wie Sie sagen ... er ist es,
durch den das Harmonische über das Kontrapunktische den Sieg
davongetragen hat ... er hat die moderne Harmonik erzeugt, gewiß! Aber
wodurch? Muß ich Ihnen sagen, wodurch? Durch die vorwärtsschreitende
Entwicklung des kontrapunktischen Stiles -- Sie wissen es so gut wie
ich! Was also ist das treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die
Harmonik? O nein! Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste
Frau! Die Kontrapunktik!... Wozu, frage ich Sie, hätten wohl die
absoluten Experimente der Harmonik geführt? Ich warne ... solange meine
Zunge mir gehorcht, warne ich vor den bloßen Experimenten der Harmonik!«

Sein Eifer war groß bei solchen Gesprächen, und er ließ ihm freien Lauf,
denn er fühlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am
Nachmittage, erschien seine große, vierschrötige und ein wenig
hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Schöße
die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner
Partnerin öffnete er liebevoll den Bechstein-Flügel, ordnete die
Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und präludierte dann einen
Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefällig von
einer Schulter auf die andere sinken ließ.

Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen, festen,
fuchsbraun und graumelierten Löckchen ließ diesen Kopf ungewöhnlich dick
und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen, mit einem sehr
großen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus dem Klappkragen
hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von der Farbe des
Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die kleine,
gedrungene Nase ... Unter seinen runden Augen, die braun und blank
waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge träumerisch zu
durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die
Haut ein wenig beutelartig geschwollen ... Dies Gesicht war nicht
bedeutend, es trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und
wachen Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing
sein rasiertes Kinn, ohne daß sich doch die Unterlippe von der oberen
trennte, schlaff und willenlos abwärts, was dem Munde einen weichen,
innig verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn
derjenige eines süß Schlummernden zeigt ...

Übrigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines äußeren Wesens ganz
seltsam die Strenge und Würde seines Charakters. Edmund Pfühl war ein
weithin hochgeschätzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen
Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt
gehalten. Das kleine Buch über die Kirchentonarten, das er hatte drucken
lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium
empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da
gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen,
sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum
besten gab, waren unangreifbar, makellos, erfüllt von der
unerbittlichen, imposanten, moralisch-logischen Würde des Strengen
Satzes. Ihr Wesen war fremd aller irdischen Schönheit, und was sie
ausdrückten, berührte keines Laien rein menschliches Empfinden. Es
sprach aus ihnen, es triumphierte sieghaft in ihnen die zur asketischen
Religion gewordene Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten
Heiligkeit erhobene Können. Edmund Pfühl dachte gering von aller
Wohlgefälligkeit und sprach ohne Liebe von der schönen Melodie, das ist
wahr. Aber so rätselhaft es sein mag: dennoch war er kein trockener
Mensch und kein verknöcherter Gesell. »Palestrina!« sagte er mit einer
kategorischen und furchteinflößenden Miene. Aber gleich darauf, während
er am Instrumente eine Reihe von archaistischen Kunststücken ertönen
ließ, war sein Gesicht eitel Weichheit, Entrücktheit und Schwärmerei,
und als sähe er die letzte Notwendigkeit alles Geschehens unmittelbar an
der Arbeit, ruhte sein Blick in einer heiligen Ferne ... Dieser
Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil er in dem Reiche einer
tieferen, reineren, schlackenloseren und unbedingteren Logik weilt, als
dem unserer sprachlichen Begriffe und Gedanken.

Seine Hände waren groß, weich, scheinbar knochenlos und mit
Sommersprossen bedeckt -- und weich und hohl, gleichsam als stäke ein
Bissen in seiner Speiseröhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda
Buddenbrook begrüßte, wenn sie die Portieren zurückschlug und vom
Wohnzimmer aus eintrat: »Ihr Diener, gnädige Frau!«

Während er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem Kopfe
ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, ließ er mit der
Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die
Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehör die Saiten stimmte.

»Das _G_-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfühl. Mich dünkt, das ganze Adagio
ging noch ziemlich mangelhaft ...«

Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde einander
gefolgt, so pflegte es zu geschehen, daß langsam, ganz vorsichtig die
Tür zum Korridor geöffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der kleine
Johann über den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort ließ er sich
nieder, umfaßte seine Knie mit beiden Händen, verhielt sich still und
lauschte: auf die Klänge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde.

»Nun, Hanno, ein bißchen Musik naschen?« fragte Gerda in einer Pause und
ließ ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das
Spiel einen feuchten Glanz entzündet hatte, zu ihm hinübergleiten ...

Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn Pfühl
die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar strich,
das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte.

»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das Kind
betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in die
Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an
seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und
der Gespräche kaum erwarten.

Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven wurden
durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm, neue
Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl, Edmund
Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel
allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem
fernen Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte ... Unter seinen
Fingern hub ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus
welchem sich, leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und
markiger, in kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses,
wunderlich pomphaftes Marschmotiv hervorhob ... Eine Steigerung, eine
Verschlingung, ein Übergang ... und mit der Auflösung setzte im
_fortissimo_ die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber.

Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen Musik.
Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild
empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte,
ihn für sich zu gewinnen.

Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er
nach fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des
äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt.

»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener,
aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik ... glauben Sie mir doch
... ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen!
Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies
ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller
Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er
sich wieder auf den Sessel geworfen und, während sein Kehlkopf auf und
nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere
fünfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen
und zu rufen:

»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir,
verehrteste Frau, ich rede offen ... Sie honorieren mich, Sie bezahlen
mich seit Jahr und Tag für meine Dienste ... und ich bin ein Mann in
bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte
darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen ...! Und das
Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise
hereingekommen, um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und
gar vergiften?« ...

Aber so fürchterlich er sich gebärdete, -- langsam und Schritt für
Schritt, durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber.

»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe.
Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie ... Sie
finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber
bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten
Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat ... und Bach selbst, mein
Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!... Sie sprechen
von Moral ... aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich
nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den
haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter
als bei Bach. Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten
Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!«

»Gaukelei und Sophismen -- um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber sie
behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er
anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig
aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und
Pianoforte zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse
Partien der »Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das
andere Wort der Anerkennung fand ... und nun begann unwiderstehlich
erstarkend die Liebe zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand
sie nicht, er erschrak fast darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber
seine Partnerin brauchte nun nicht mehr in ihn zu dringen, damit er,
hatten die alten Meister ihr Recht erhalten, seine Griffe kompliziere
und, mit jenem Ausdrucke eines verschämten und fast ärgerlichen Glückes
im Blick, in das Leben und Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem
Spiele aber entspann sich vielleicht eine Auseinandersetzung über die
Beziehungen dieses Kunststiles zu dem des Strengen Satzes, und eines
Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe sich, obgleich das Thema ihn
persönlich ja nicht berühre, nun doch verpflichtet, seinem Buche über
den Kirchenstil einen Anhang ȟber die Anwendung der alten Tonarten in
Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik« hinzuzufügen.

Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie
er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein
Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen
beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel
und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten
Schritten, die er auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer
außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde.
Kaum hie und da verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und
was erklang, ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus.
Wenn er dennoch immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für
Stunde reglos an seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und
Ehrfurcht, die ihn dazu vermochten.

Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse
Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am
Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte
seine mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn
darin, warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem
Akkord der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm
sagte.

Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen, beschloß
sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte.

»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn
Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine
Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von
der Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden
kann, und wenn ich Sie nicht hätte ... Aber dann besteht immer die
Gefahr, daß man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gerät ...
Sehen Sie, ich weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen,
ich bin der Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit
einem sehr hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte
Konzentration auf die Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei
die Polyphonie nur als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein
kommt, kann bei mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des
harmonischen Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben,
die später schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es
ziemlich weit mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir
höher ... Ich sage nur dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit
einem Mittel, die vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren,
einem unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet
für mich ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik
... Hören Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch
nehmen, seien Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch
zwei oder drei Leute -- ich glaube, weiblichen Geschlechts --, die
Unterricht geben; aber das sind eben Klavierlehrerinnen ... Sie
verstehen mich ... Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument
dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu
verstehen, nicht wahr?... Auf Sie verlasse ich mich. Sie nehmen die
Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden ganz guten Erfolg mit
ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände ... Die Buddenbrooks können
alle Nonen und Dezimen greifen. -- Aber sie haben noch niemals Gewicht
darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr Pfühl erklärte sich bereit,
den Unterricht zu übernehmen.

Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während Gerda im
Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er ging in nicht
gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem stummen und
leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es ein
bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und
Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form
zu theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre
sehen zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er
eigentlich von jeher schon gewußt hatte.

Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen
Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er
darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie
die Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er
verlangte nicht allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der
Tonleitern, oder sie war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er
bezweckte und schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und
eindringliche Übersicht über alle Tonarten, eine innere und
überblickende Vertrautheit mit ihren Verwandtschaften und Verbindungen,
aus welcher nach gar nicht langer Zeit sich jener rasche Blick für viele
Kombinationsmöglichkeiten, jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die
Klaviatur ergab, das zur Phantasie und Improvisation verführt ... Mit
einer rührenden Feinfühligkeit würdigte er die geistigen Bedürfnisse
dieses kleinen, vom Hören verwöhnten Schülers, die auf einen ernsten
Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe und Feierlichkeit seiner
Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen. Er ließ ihn Choräle
spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen ergeben, ohne auf
die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.

Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der
Portieren den Gang des Unterrichtes.

»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu
Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu
außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent
schöpferisch ... Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu
phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht
begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts ...«

»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich
seine Augen ... es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er
verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer
fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden ...«

Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner
Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten
Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf -- und dann reichte sie ihm die
Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir
können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« --

Und Hannos Dankbarkeit für diesen Lehrer, seine Hingabe an seine
Führerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in
der Schule dumpf und ohne Hoffnung auf Verständnis über seiner
Rechentafel brütete, er begriff am Flügel alles, was Herr Pfühl ihm
sagte, er begriff es und eignete es sich an, wie man nur das sich
aneignen kann, was einem schon von jeher gehört hat. Edmund Pfühl aber,
in seinem braunen Schoßrock, erschien ihm wie ein großer Engel, der ihn
jeden Montag Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltäglichen
Misere in das klingende Reich eines milden, süßen und trostreichen
Ernstes zu entführen ...

Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfühls Hause statt, einem
geräumigen alten Giebelhause mit vielen kühlen Gängen und Winkeln, das
der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte.
Manchmal auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem
Gottesdienst in der Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das
war etwas anderes als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen.
Hoch über der Gemeinde, hoch noch über Pastor Pringsheim auf seiner
Kanzel saßen die beiden inmitten des Brausens der gewaltigen
Klangmassen, die sie gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit
glückseligem Eifer und Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim
Handhaben der Register behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum
Chorgesang zu Ende war, wenn Herr Pfühl langsam alle Finger von den
Tasten gelöst hatte und nur den Grund- und Baßton noch leise und
feierlich hatte verhallen lassen -- wenn dann nach einer stimmungsvollen
Kunstpause unter dem Schalldeckel der Kanzel Pastor Pringsheims
modulierende Stimme hervorzudringen begann, so geschah es gar nicht
selten, daß Herr Pfühl ganz einfach sich über die Predigt zu mokieren,
über Pastor Pringsheims stilisiertes Fränkisch, seine langen, dunklen
oder scharf akzentuierten Vokale, seine Seufzer und den jähen Wechsel
zwischen Finsternis und Verklärung auf seinem Angesicht zu lachen
anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und tiefbelustigt, denn ohne sich
anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren die beiden dort oben der
Ansicht, daß diese Predigt ein ziemlich albernes Geschwätz und der
eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der Pastor und seine
Gemeinde wohl nur für eine Beigabe zur Erhöhung der Andacht hielten:
nämlich die Musik.

Ja, das geringe Verständnis, das er unten im Schiff, unter diesen
Senatoren, Konsuln und Bürgern und ihren Familien, für seine Leistungen
vorhanden wußte, war Herrn Pfühls beständige Kümmernis, und eben darum
hatte er gern seinen kleinen Schüler bei sich, den er wenigstens leise
darauf aufmerksam machen konnte, daß das, was er soeben gespielt, etwas
außerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den
sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine »rückgängige
Imitation« angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwärts und
rückwärts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze »krebsgängig« zu
spielende Fuge gegründet. Als er fertig war, legte er mit trübem
Gesichtsausdruck die Hände in den Schoß. »Es merkt es niemand«, sagte er
mit hoffnungslosem Kopfschütteln. Und dann flüsterte er, während Pastor
Pringsheim predigte: »Das war eine krebsgängige Imitation, Johann. Du
weißt noch nicht, was das ist ... es ist die Nachahmung eines Themas von
hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten ... etwas ziemlich
Schwieriges. Später wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen
Satze bedeutet ... Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals quälen, dich
nicht dazu zwingen ... Man braucht ihn nicht zu können. Aber glaube nie
denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen.
Du findest den Krebsgang bei den großen Komponisten aller Zeiten. Nur
die Lauen und Mittelmäßigen verwerfen solche Übungen aus Hochmut.
=Demut= ziemt sich; das merke dir, Johann.« --

-- Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der
versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene
Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwürdig
gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natürlich hatte Herr Pfühl, dem
er es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt.

»Was ist das für ein theatralischer Schluß, Johann! Das paßt ja gar
nicht zum übrigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie
verfällst du hier plötzlich aus _H_-Dur in den Quart-Sext-Akkord der
vierten Stufe mit erniedrigter Terz, möchte ich wissen? Das sind Possen.
Und du tremolierst ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt ...
Woher stammt es? ich weiß es schon. Du hast zu gut zugehört, wenn ich
deiner Frau Mama gewisse Sachen vorspielen mußte ... Ändere den Schluß,
Kind, dann ist es ein ganz sauberes kleines Ding.«

Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schluß legte Hanno das
allergrößte Gewicht, und seine Mutter amüsierte sich so sehr darüber,
daß es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und
variierte dann, während Hanno den Satz ganz einfach wiederholte, den
Diskant bis zum Schluß in Läufen von Zweiunddreißigsteln. Das klang ganz
großartig, Hanno küßte sie vor Glück, und so trugen sie es am 15. April
der Familie vor.

Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau
Konsul Kröger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße und Fräulein Weichbrodt hatten zur
Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu
Mittag gegessen; nun saßen sie im Salon und blickten lauschend auf das
Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flügel saß, und auf die fremdartige
und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der _g_-Saite eine
prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuosität,
eine Flut von perlenden und schäumenden Kadenzen entfesselte. Der
Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen.

Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen können;
aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten
schon wieder zu Ende sein sollte, so groß in ihm, daß er in
vollständiger Entrücktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies
kleine melodische Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur,
und ganz seltsam mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven,
fundamentalen und kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen,
leidenschaftlichen und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese
Mittel betont und zur Geltung gebracht wurden. Mit einer schrägen und
ziehenden Bewegung des Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden
Übergangston hervor, und, ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er
durch Pedal und Verschiebung jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert
zu verleihen. In der Tat, wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte --
und beschränkte sich derselbe auch ganz allein auf ihn selbst --, so war
der Effekt weniger empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz
einfacher harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzögernde
Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und preziösen Bedeutung erhoben.
Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, während
Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkörper eine hebende,
schwebende Bewegung vollführte, durch eine plötzlich eintretende, matt
hallende Klanggebung eine nervös überraschende Wirkungsfähigkeit zuteil
... Und nun kam der Schluß, Hannos geliebter Schluß, der an primitiver
Gehobenheit dem Ganzen die Krone aufsetzte. Leise und glockenrein
umperlt und umflossen von den Läufen der Violine, tremolierte
_pianissimo_ der _E_-Mollakkord ... Er wuchs, er nahm zu, er schwoll
langsam, langsam an, im _forte_ zog Hanno das dissonierende, zur
Grundtonart leitende _Cis_ herzu, und während die Stradivari wogend und
klingend auch dieses _Cis_ umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit
aller seiner Kraft bis zum _fortissimo_. Er verweigerte sich die
Auflösung, er enthielt sie sich und den Hörern vor. Was würde sie sein,
diese Auflösung, dieses entzückende und befreite Hineinsinken in
_H_-Dur? Ein Glück ohnegleichen, eine Genugtuung von überschwänglicher
Süßigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das Himmelreich!... Noch nicht ...
noch nicht! Noch einen Augenblick des Aufschubs, der Verzögerung, der
Spannung, die unerträglich werden mußte, damit die Befriedigung desto
köstlicher sei ... Noch ein letztes, allerletztes Auskosten dieser
drängenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde des ganzen Wesens,
dieser äußersten und krampfhaften Anspannung des Willens, der sich
dennoch die Erfüllung und Erlösung noch verweigerte, weil er wußte: Das
Glück ist nur ein Augenblick ... Hannos Oberkörper reckte sich langsam
empor, seine Augen wurden ganz groß, seine geschlossenen Lippen
zitterten, mit einem stoßweisen Beben zog er die Luft durch die Nase ein
... und dann war die Wonne nicht mehr zurückzuhalten. Sie kam, kam über
ihn, und er wehrte ihr nicht länger. Seine Muskeln spannten sich ab,
ermattet und überwältigt sank sein Kopf auf die Schulter nieder, seine
Augen schlossen sich, und ein wehmütiges, fast schmerzliches Lächeln
unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, während mit
Verschiebung und Pedal, umflüstert, umwoben, umrauscht und umwogt von
den Läufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Baßläufe gesellte, nach
_H_-Dur hinüberglitt, sich ganz rasch zum _fortissimo_ steigerte und
dann mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach. --

Es war unmöglich, daß die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst
ausübte, sich auch auf die Zuhörer erstreckte. Frau Permaneder zum
Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste
verstanden. Wohl aber hatte sie des Kindes Lächeln gesehen, die Bewegung
seines Oberkörpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zärtlich
geliebten Kopfes ... und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer
leicht gerührten Gutmütigkeit ergriffen.

»Wie spielt der Junge! Wie spielt das Kind!« rief sie aus, indem sie
beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloß ... »Gerda,
Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein ...« und in Ermangelung
eines dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich
einfiel, beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hände im
Schoße, noch ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasaß, mit Küssen zu
bedecken.

»Genug, Tony, genug!« sagte der Senator leise. »Ich bitte dich, was
setzest du ihm in den Kopf ...«


Siebentes Kapitel

Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit dem
Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann.

Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum
Trotz, Gerda Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug
gefühlt hatte, unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen
distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein
üblichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte
Erbe, der doch äußerlich und körperlich manche Abzeichen seiner
väterlichen Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehören? Sollte
er, von dem er erhofft hatte, daß er einst mit glücklicherer und
unbefangenerer Hand die Arbeit seines Lebens fortführen werde, der
ganzen Umgebung, in der er zu leben und zu wirken berufen, ja seinem
Vater selbst, innerlich und von Natur aus fremd und befremdend
gegenüberstehen?

Gerdas Geigenspiel hatte für Thomas bislang, übereinstimmend mit ihren
seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar und
ihrer ganzen außerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe mehr
zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mußte, wie
die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so früh schon, so von
Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemächtigte, wurde
sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind
stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen
starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach außen,
nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren
Verfassung, in der er sich befand, schien es ihm, als drohe diese
feindselige Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu
machen.

Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser
Herr Pfühl, sie betrieben, zu nähern, und Gerda, exklusiv und unduldsam
in Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annäherung in wirklich
grausamer Weise.

Nie hatte er geglaubt, daß das Wesen der Musik seiner Familie so
gänzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Großvater
hatte gern ein wenig die Flöte geblasen, und er selbst hatte immer mit
Wohlgefallen auf hübsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder
einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende