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Title: Durch Wüste und Harem - Gesammelte Reiseromane, Band I
Author: May, Karl Friedrich, 1842-1912
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Durch Wüste und Harem - Gesammelte Reiseromane, Band I" ***

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from scans of public domain material at
Karl-May-Gesellschaft)



                              Carl May’s
                        gesammelte Reiseromane.


                                Band I:

                                 Durch
                            Wüste und Harem


                            Reiseerlebnisse
                                  von
                               Carl May.


                            Freiburg i. B.
                Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld.



                 Inhalt des ersten Bandes.


                                                 Seite
    _Erstes Kapitel._ Ein Todesritt                  1

    _Zweites Kapitel._ Vor Gericht                  51

    _Drittes Kapitel._ Im Harem                     83

    _Viertes Kapitel._ Eine Entführung             131

    _Fünftes Kapitel._ Abu-Seïf                    169

    _Sechstes Kapitel._ Wieder frei                212

    _Siebentes Kapitel._ In Mekka                  275

    _Achtes Kapitel._ Am Tigris                    316

    _Neuntes Kapitel._ Auf Kundschaft              371

    _Zehntes Kapitel._ Der Sieg                    427

    _Elftes Kapitel._ Bei den Teufelsanbetern      496

    _Zwölftes Kapitel_. Das große Fest             589


                 Alle Rechte vorbehalten.



Vorwort.


Selbst ein treuer Leser von #Dr.# Karl May, erging es mir stets wie
allen Andern, welche seine Reisewerke kennen: ich konnte das Erscheinen
einer von ihm angekündigten neuen Arbeit immer kaum erwarten. Die Gründe
dieser Ungeduld, welche ich bei der Lektüre keines andern
Schriftstellers in dieser Weise an mir und vielen Andern beobachtet
habe, sind einesteils in den hochinteressanten Sujets, welche er wählt,
und andernteils in der originellen und meisterhaften Weise, in welcher
er sie beherrscht und behandelt, zu suchen. Bei ihm ist keine Zeile ohne
Leben, ohne innere und äußere Bewegung. Er empfindet, denkt und
berechnet auf seinen Reisen wie wenige Seinesgleichen und zwingt den
Leser, mit ihm zu fühlen, mit ihm zu denken und zu berechnen. Man lebt
sich so in ihn hinein, daß man ganz und vollständig sein Eigen wird.

Dazu kommt der hohe sittliche Gehalt, den alle seine Werke besitzen. Er
ist, vielleicht ohne es zu beabsichtigen, ein Missionar, ein Prediger
der Gottes- und der Nächstenliebe, doch besteht seine Predigt nicht in
Worten, sondern in Thaten. Wie köstlich ist’s, daß sein treuer Hadschi
Halef Omar ihn zum Islam bekehren will und schließlich doch selbst
Christ wird, ohne es zu ahnen! Solchen Zügen wird man fast auf jeder
Seite begegnen.

Am liebsten möchte ich, anstatt ein Vorwort zu schreiben, gleich
beginnen, den Inhalt des ganzen Werkes zu erzählen. Da mir dies aber
nicht gestattet ist, so mag der freundliche Leser mit der nächsten Seite
beginnen. Ich bin überzeugt, daß er erst dann aufhören wird, wenn er bei
der letzten angekommen ist.

_Freiburg_ i. Baden.

                                   Der Herausgeber und Verleger.



Erstes Kapitel.

Ein Todesritt.


»Und ist es wirklich wahr, Sihdi[1], daß du ein Giaur bleiben willst,
ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als
eine Ratte, die nur Verfaultes frißt?«

    [1] Herr.

»Ja.«

»Effendi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, daß sie nach
ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich
möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, welches dich ereilen wird,
wenn du dich nicht zum Ikrar bil Lisan, zum heiligen Zeugnisse,
bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als andere Sihdis, denen ich
gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder
nicht.«

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den
Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach
dem Dra el Haua heruntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach
Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von welchen Orten aus ein Weg über
den berüchtigten Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.

Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, daß er mir kaum
bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, daß man hätte
behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den
Löschpapierblättern eines Herbariums in fortwährender Pressung gelegen.
Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der
drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein einst weiß gewesener
Burnus, welcher jetzt in allen möglichen Fett- und Schmutznuancen
schimmerte, war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt
worden, so daß er ihn, sobald er vom Pferde gestiegen war und nun gehen
wollte, empornehmen mußte wie das Reitkleid einer Dame. Aber trotz
dieser äußeren Unansehnlichkeit mußte man allen Respekt vor ihm haben.
Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine
Ausdauer, welche ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er
auch außerdem alle Dialekte sprach, welche zwischen dem Wohnsitze der
Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken,
daß er meine vollste Zufriedenheit besaß, so daß ich ihn mehr als Freund
denn als Diener behandelte.

Eine Eigenschaft besaß er nun allerdings, welche mir zuweilen recht
unbequem werden konnte: er war ein fanatischer Muselmann und hatte aus
Liebe zu mir den Entschluß gefaßt, mich zum Islam zu bekehren. Eben
jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und
ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.

Ich ritt einen kleinen, halb wilden Berberhengst, und meine Füße
schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu
unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschahn-Stute
ausgewählt und saß also so hoch, daß er zu mir herniederblicken konnte.
Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den
bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und
versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu
geben, daß ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:

»Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?«

»Nun?«

»Nach dem Tode kommen alle Menschen, sie mögen Moslemim, Christen, Juden
oder etwas Anderes sein, in den Barzakh.«

»Das ist der Zustand zwischen dem Tode und der Auferstehung?«

»Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt,
denn el Jaum el aakhar, der jüngste Tag, und el Akhiret, das Ende, sind
gekommen, wo dann alles zu Grunde geht, außer el Kuhrs, der Sessel
Gottes, er Ruhh, der heilige Geist, el Lauhel mafus und el Kalam, die
Tafel und die Feder der göttlichen Vorherbestimmung.«

»Weiter wird nichts mehr bestehen?«

»Nein.«

»Aber das Paradies und die Hölle?«

»Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen
habe, und daher ist es jammerschade, daß du ein verfluchter Giaur
bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Barte, daß ich dich
bekehren werde, du magst wollen oder nicht!«

Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte
sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnenfäden
rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, Summa Summarum
Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr
mit der freien andern Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei
sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.

Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch,
vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit
seines Alters und ließ sich in seinen Gleichmut stolz zurückfallen.
Halef aber setzte seine Rede fort:

»Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit
bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen?
Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssirath, welche
über den Teich Handh führt und so schmal und scharf ist, wie die
Schneide eines gut geschliffenen Schwertes.«

»Du hast noch Eins vergessen.«

»Was?«

»Das Erscheinen des Deddschel.«

»Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Kuran und alle heiligen Bücher und
willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge;
ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also vor dem Gerichte
wird sich der Deddschel zeigen, den die Giaurs den Antichrist nennen,
nicht wahr, Effendi?«

»Ja.«

»Dann wird über jeden das Buch Kitab aufgeschlagen, in welchem seine
guten und bösen Thaten verzeichnet stehen, und die Hisab gehalten, die
Musterung seiner Handlungen, welche über fünfzigtausend Jahre währt,
eine Zeit, welche den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber
wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist das Hukm, das Abwiegen aller
menschlichen Thaten.«

»Und nachher?«

»Nachher folgt das Urteil. Diejenigen mit überwiegenden guten Werken
kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle,
während die sündigen Moslemim nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du
siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse
Thaten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in
das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du
magst wollen oder nicht!«

Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den
Beinen, daß die alte Hassi-Ferdschahn-Stute ganz verwundert die Ohren
spitzte und mit den großen Augen nach ihm zu schielen versuchte.

»Und was harrt meiner in eurer Hölle?« fragte ich ihn.

»In der Dschehenna brennt das Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche,
welche so sehr stinken, daß der Verdammte trotz seines glühenden Durstes
nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter
ihnen der schreckliche Baum Zakum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe
wachsen.«

»Brrrrrrr!«

»Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der
Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Thore
führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften
Moslemim büßen so lange, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite
Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die
Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakar, die fünfte, für die
Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, welche Götzen
oder Fetische anbeten. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, welche auch
Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie
wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die
Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei
müssen sie vom Baume Zakum die Teufelsköpfe essen, welche dann ihre
Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O, Effendi, bekehre dich zum
Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken
brauchst!«

Ich schüttelte den Kopf und sagte:

»Dann komme ich in unsere Hölle, welche ebenso entsetzlich ist wie die
eurige.«

»Glaube dies nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und allen
Kalifen, daß du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir
beschreiben?«

»Thue es!«

»Das Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Thore. Zuerst
kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus welchem
hunderttausende Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer
als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha, und an seinem
Rande stehen Millionen goldener Trinkschalen, welche mit Diamanten und
Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf
golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen
und ewig jungen Houris köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne
Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den
Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, welche ein vom Throne
Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und
immerfort grad dreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor
der Tubah, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palaste des
großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen
reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist.
Aus den Wurzeln des Baumes Tubah entspringen alle Flüsse des
Paradieses, in denen Milch, Wein, Kaffee und Honig strömt.«

Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muß ich bemerken, daß Muhammed
aus der christlichen Anschauung geschöpft und dieselbe für seine
Nomadenhorden umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem
Gesichte an, in welchem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, daß
mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.

»Nun, was meinst du jetzt?« fragte er, als ich schwieg.

»Ich will dir aufrichtig sagen, daß ich nicht sechzig Ellen lang werden
mag; auch mag ich von den Houris nichts wissen, denn ich bin ein Feind
aller Frauen und Mädchen.«

»Warum?« fragte er ganz erstaunt.

»Weil der Prophet sagt: ›Des Weibes Stimme ist wie der Gesang des
Bülbül[2], aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.‹
Hast du das noch nicht gelesen?«

    [2] Nachtigall.

»Ich habe es gelesen.«

Er senkte den Kopf; ich hatte ihn mit den Worten seines eigenen Propheten
geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:

»Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Houri
anzusehen!«

»Ich bleibe ein Christ!«

»Aber es ist nicht schwer, zu sagen: La Illa illa Allah, we Muhammed
Resul Allah!«

»Ist es schwerer, zu beten: Ja abana ’Iledsi, fi ’s – semavati, jata –
haddeso ’smoka?«

Er blickte mich zornig an.

»Ich weiß es wohl, daß Isa Ben Marryam, den ihr Jesus nennt, euch
dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich
stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, daß du
mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhid, dem Glauben an Allah, machen
wirst!«

Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuche den
meinigen entgegen zu stellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit
desselben vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum
Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.

»So laß mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!«

Er knurrte auf diese meine Worte etwas vor sich hin und brummte dann:

»Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was
ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi[3] Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah!«

    [3] Mekkapilger.

»So bist du also der Sohn Abul Abbas’, des Sohnes Dawud al Gossarah?«

»Ja.«

»Und beide waren Pilger?«

»Ja.«

»Auch du bist ein Hadschi?«

»Ja.«

»So waret ihr alle Drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?«

»Dawud al Gossarah nicht.«

»Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?«

»Ja denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte
sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf,
das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und mußte am
Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem
er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein
Pilger, zu nennen?«

»Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?«

»Nein.«

»Und auch er ist ein Hadschi?«

»Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er
zurückbleiben mußte.«

»Warum?«

»Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschuneth, und liebte sie. Amareh
wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst.
Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?«

»Hm! Aber du selbst warst in Mekka?«

»Nein.«

»Und nennst dich dennoch einen Pilger!«

»Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich
zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach
Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens
kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen.
Bin ich also nicht ein Hadschi?«

»Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?«

»Eigentlich, ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!«

»Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und
bei ihr bleiben; deinem Sohne wird es ebenso gehen, denn dies scheint
euer Kismet zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel
sagen: »Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Assabeth Ibn Hadschi
Saïd al Hamza Ben Hadschi Schehab Tofaïl Ibn Hadschi Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah,« und keiner von all
diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter,
wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?«

So ernst er sonst war, er mußte dennoch über diese kleine, unschädliche
Malice lachen. Es giebt unter den Muhammedanern sehr, sehr Viele, die
sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die
Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Ssafa und Merweh vollbracht zu haben,
in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein.
Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene
hin.

»Sihdi,« fragte er kleinlaut, »wirst du es ausplaudern, daß ich noch
nicht in Mekka war?«

»Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum
Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das
nicht Spuren im Sande?«

Wir waren schon längst in das Wadi[4] Tarfaui eingebogen und jetzt an
eine Stelle desselben gekommen, an welcher der Wüstenwind den Flugsand
über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sande war eine
sehr deutliche Fährte zu erkennen.

    [4] Thal, Schlucht.

»Hier sind Leute geritten,« meinte Halef unbekümmert.

»So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen.«

Er blickte mich fragend an.

»Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, daß Leute hier
geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?«

»Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat.«

»Wenn du alle Spuren, welche du findest, untersuchen willst, so wirst du
unter zwei Monden nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer
an, die vor uns sind?«

»Ich bin in fernen Ländern gewesen, in denen es viel Wildnis giebt und
wo sehr oft das Leben davon abhängt, daß man alle Darb und Ethar, alle
Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem
Freunde oder einem Feinde begegnet.«

»Hier wirst du keinem Feinde begegnen, Effendi.«

»Das kann man nicht wissen.«

Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines
Kamels und zweier Pferde. Das erstere war jedenfalls ein Reitkamel, wie
ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer
Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, welche mich
vermuten ließ, daß das eine der Pferde an dem »Hahnentritte« leide.
Dieses mußte meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Lande
befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, daß man niemals Tiere
reitet, welche mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer des Rosses
war entweder kein oder ein sehr armer Araber.

Halef lächelte über die Sorgfalt, mit welcher ich den Sand untersuchte,
und fragte, als ich mich wieder emporrichtete:

»Was hast du gesehen, Sihdi?«

»Es waren zwei Pferde und ein Kamel.«

»Zwei Pferde und ein Dschemmel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz
dasselbe gesehen, ohne daß ich von meinem Tiere zu steigen brauchte. Du
willst ein Taleb sein, ein Gelehrter, und thust doch Dinge, über welche
ein Hamahr, ein Eselstreiber, lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz
des Wissens, den du hier gehoben hast?«

»Ich weiß nun zunächst, daß die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden
hier vorübergekommen sind.«

»Wer giebt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Belad er
Rumi, aus Europa, seid sonderbare Leute!«

Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, von welchem ich das tiefste
Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg
fortzusetzen.

Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi
eine Krümmung machte und wir nun um eine Ecke bogen, unwillkürlich
unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, welche nicht weit vor uns
hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren
Schreien in die Lüfte erhoben.

»El Büdj, der Bartgeier,« meinte Halef. »Wo er ist, da giebt es ganz
sicher ein Aas.«

»Es wird dort irgend ein Tier verendet sein,« antwortete ich, indem ich
ihm folgte.

Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, so daß ich hinter ihm
zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit
einem Rucke still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.

»Masch Allah, Wunder Gottes! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch,
Sihdi, welcher hier liegt?«

Ich mußte allerdings bejahend antworten. Es war wirklich ein Mann,
welcher hier lag, und an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes
Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferde und kniete bei ihm
nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber
lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der
Berührung sofort fühlte.

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen
Todes gestorben?« fragte Halef.

»Nein. Siehst du nicht die Wunde am Halse und das Loch am Hinterhaupte?
Er ist ermordet worden.«

»Allah verderbe den Menschen, der dies gethan hat! Oder sollte der Tote
in einem ehrlichen Kampfe gefallen sein?«

»Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer
Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen.«

Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die
Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der
gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite
war klein, aber deutlich eingegraben: #»E. P. 15. juillet 1830.«#

»Was findest du?« fragte Halef.

»Dieser Mann ist kein Ibn Arab[5].«

    [5] Araber.

»Was sonst?«

»Ein Franzose.«

»Ein Franke, ein Christ? Woran willst du dies erkennen?«

»Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring,
in welchem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe
geschlossen wurde.«

»Und dies ist ein solcher Ring?«

»Ja.«

»Aber woran erkennst du, daß dieser Tote zu dem Volke der Franken
gehört? Er könnte doch ebenso gut von den Inglis[6] oder den Nemsi[7]
stammen, zu denen auch du gehörst.«

    [6] Engländer.

    [7] Deutschen.

»Es sind französische Zeichen, welche ich hier lese.«

»Er kann dennoch zu einem anderen Volke gehören. Meinst du nicht,
Effendi, daß man einen Ring finden oder auch stehlen kann?«

»Das ist wahr. Aber sieh das Hemde, welches er unter seiner Kleidung
trägt. Es ist dasjenige eines Europäers.«

»Wer hat ihn getötet?«

»Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, daß der Boden hier aufgewühlt
ist vom Kampfe? Bemerkst du nicht, daß – – –«

Ich hielt mitten im Satze inne. Ich hatte mich aus meiner knieenden
Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit
von der Stelle, an welcher der Tote lag, den Anfang einer breiten
Blutspur, welche sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr
mit schußbereitem Gewehre, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe
befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem
Flügelschlage ein Geier empor und ich bemerkte an dem Orte, von welchem
er sich erhoben hatte, ein Kamel liegen. Es war tot; in seiner Brust
klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände bedauernd
ineinander.

»Ein graues Hedjihn, ein graues Tuareg-Hedjihn, und diese Mörder, diese
Schurken, diese Hunde haben es getötet!«

Es war klar, er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den toten
Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand
kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel
des Kameles. Er fand nichts; die Taschen waren leer.

»Die Mörder haben bereits alles hinweggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle
Ewigkeit in der Dschehennah braten. Nichts, gar nichts haben sie
zurückgelassen, als das Kamel – und die Papiere, welche dort im Sande
liegen.«

Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einer Entfernung
von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als
unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen
Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere
Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und paßte
sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der #»Vigie algérienne«# und
ebenso viel vom #»L’Indépendant«# und der #»Mahouna«# in den Händen. Das
erste Blatt erscheint in Algier, das zweite in Constantine und das
dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich
bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des
Inhaltes der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen
Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmannes in
Blidah. Des Mordes dringend verdächtig war ein armenischer Händler,
welcher die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.
Die Beschreibung seiner Person stimmte in allen drei Journalen ganz
wörtlich überein.

Aus welchem Grunde hatte der Tote, welchem dieses Kamel gehörte, diese
Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er
ein Verwandter des Kaufmanns in Blidah, war er der Mörder, oder war er
ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?

Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger
gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr
schwebten beharrlich die Geier, welche sich nun nach unserer Entfernung
auf das Kamel niederließen.

»Was gedenkest du nun zu thun, Sihdi?« fragte der Diener.

»Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben.«

»Willst du ihn in die Erde scharren?«

»Nein; dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen
über ihm; so wird kein Tier zu ihm gelangen können.«

»Und du denkst wirklich, daß er ein Giaur ist?«

»Er ist ein Christ.«

»Es ist möglich, daß du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch
ein Rechtgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!«

»Welche?«

»Laß uns ihn so legen, daß er mit dem Gesichte nach Mekka blickt!«

»Ich habe nichts dagegen, denn dann ist es zugleich nach Jerusalem
gerichtet, wo der Weltheiland litt und starb. Greife an!«

Es war ein trauriges Werk, welches wir in der tiefen Einsamkeit
vollendeten. Als der Steinhaufen, welcher den Unglücklichen bedeckte, so
hoch war, daß er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der
Wüste gewährte, fügte ich noch so viel hinzu, daß er die Gestalt eines
Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als
ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der
hundertundzwölften Sure des Korans zu beginnen:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und
ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm
gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässet das
zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du
hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben.
Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten
Thaten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!«

Nach diesen Worten bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der
Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sande abzuwaschen.

»So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir, was die Kinder Israel kauscher
nennen, und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was thun wir
jetzt?«

»Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen.«

»Willst du sie töten?«

»Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann
erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich thun
werde.«

»Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedjihn
getötet, welches mehr wert ist, als ihre Pferde.«

»Das Hedjihn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur.
Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen
auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen.«

Wir jagten trotz der drückenden Hitze und des schwierigen, felsigen
Bodens mit einer Eile dahin, als ob es gelte, Gazellen einzuholen, und
es war dabei ganz unmöglich, ein Gespräch zu führen. Diese
Schweigsamkeit aber konnte mein guter Halef unmöglich lange aushalten.

»Sihdi,« rief er hinter mir, »Sihdi, willst du mich verlassen?«

Ich drehte mich nach ihm um.

»Verlassen?«

»Ja. Meine Stute hat ältere Beine als dein Berberhengst.«

Wirklich triefte die alte Hassi-Ferdschahn-Stute bereits von Schweiß,
und der Schaum flog ihr in großen Flocken von dem Maule.

»Aber wir können heute nicht wie gewöhnlich während der größten Hitze
Rast machen, sondern wir müssen reiten bis zur Nacht, sonst holen wir
die beiden, welche vor uns sind, nicht ein.«

»Wer zu viel eilt, kommt auch nicht früher als der, welcher langsam
reitet, Effendi, denn – Allah akbar, blicke da hinunter!«

Wir befanden uns vor einem jähen Sturze des Wadi und sahen in der
Entfernung von vielleicht einer Viertelwegsstunde unter uns zwei Reiter
oder vielmehr zwei Männer an einer kleinen Sobha[8] sitzen, in welcher
sich einiges brackige Wasser erhalten hatte. Ihre Pferde knabberten an
den dürren, stacheligen Mimosen herum, welche in der Nähe standen.

    [8] Lache.

»Ah, sie sind es!«

»Ja, Sihdi, sie sind es. Auch ihnen ist es zu heiß gewesen, und sie
haben beschlossen, zu warten, bis die größte Glut vorüber ist.«

»Oder sie haben sich verweilt, um die Beute zu teilen. Zurück, Halef,
zurück, damit sie dich nicht bemerken! Wir werden das Wadi verlassen und
ein wenig nach West reiten, um zu thun, als ob wir vom Schott Rharsa
kämen.«

»Warum, Effendi?«

»Sie sollen nicht ahnen, daß wir die Leiche des Ermordeten gefunden
haben.«

Unsere Pferde erklommen das Ufer des Wadi, und wir ritten stracks nach
Westen in die Wüste hinein. Dann schlugen wir einen Bogen und hielten
auf die Stelle zu, an welcher sich die beiden befanden. Sie konnten uns
nicht kommen sehen, da sie in der Tiefe des Wadi saßen, mußten uns aber
hören, als wir demselben nahe gekommen waren.

Wirklich hatten sie sich, als wir den Rand der Vertiefung erreichten,
bereits erhoben und nach ihren Gewehren gegriffen. Ich that natürlich,
als sei ich ebenso überrascht wie sie selbst, hier in der Einsamkeit der
Wüste so plötzlich auf Menschen zu treffen, hielt es jedoch nicht für
nötig, nach meiner Büchse zu langen.

»Salam aaleïkum!« rief ich, mein Pferd anhaltend, zu ihnen hinab.

»Aaleïkum,« antwortete der ältere von ihnen. »Wer seid ihr?«

»Wir sind friedliche Reiter.«

»Wo kommt ihr her?«

»Von Westen.«

»Und wo wollt ihr hin?«

»Nach Seddada.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

Ich deutete auf Halef und antwortete:

»Dieser hier stammt aus der Ebene Admar, und ich gehöre zu den
Beni-Sachsa. Wer seid ihr?«

»Wir sind von dem berühmten Stamme der Uëlad Hamalek.«

»Die Uëlad Hamalek sind gute Reiter und tapfere Krieger. Wo kommt ihr
her?«

»Von Gafsa.«

»Da habt ihr eine weite Reise hinter euch. Wohin wollt ihr?«

»Nach dem Bir[9] Sauidi, wo wir Freunde haben.«

    [9] Brunnen.

Beides, daß sie von Gafsa kamen und nach dem Brunnen Sauidi wollten, war
eine Lüge, doch that ich, als ob ich ihren Worten glaubte, und fragte:

»Erlaubt ihr uns, bei euch zu rasten?«

»Wir bleiben hier bis zum frühen Morgen,« lautete die Antwort, welche
also für meine Frage weder ein Ja noch ein Nein enthielt.

»Auch wir gedenken, bis zum Aufgang der nächsten Sonne hier auszuruhen.
Ihr habt genug Wasser für uns alle und auch für unsere Pferde. Dürfen
wir bei euch bleiben?«

»Die Wüste gehört allen. Marhaba, du sollst uns willkommen sein!«

Es war ihnen trotz dieses Bescheides leicht anzusehen, daß ihnen unser
Gehen lieber gewesen wäre, als unser Bleiben; wir aber ließen unsere
Pferde den Abhang hinunter klettern und stiegen an dem Wasser ab, wo wir
sofort ungeniert Platz nahmen.

Die beiden Physiognomien, welche ich nun studieren konnte, waren
keineswegs Vertrauen erweckend. Der ältere, welcher bisher das Wort
geführt hatte, war lang und hager gebaut. Der Burnus hing ihm am Leibe
wie an einer Vogelscheuche. Unter dem schmutzig blauen Turban blickten
zwei kleine, stechende Augen unheimlich hervor; über den schmalen,
blutleeren Lippen fristete ein dünner Bart ein kümmerliches Dasein; das
spitze Kinn zeigte eine auffallende Neigung, nach oben zu steigen, und
die Nase, ja, diese Nase erinnerte mich lebhaft an die Geier, welche ich
vor kurzer Zeit von der Leiche des Ermordeten vertrieben hatte. Das war
keine Adler- und auch keine Habichtsnase; sie hatte wirklich die Form
eines Geierschnabels.

Der andere war ein junger Mann von auffallender Schönheit; aber die
Leidenschaften hatten sein Auge umflort, seine Nerven entkräftet und
seine Stirn und Wangen zu früh gefurcht. Man konnte unmöglich Vertrauen
zu ihm haben.

Der ältere sprach das Arabische mit jenem Accente, wie man es am Euphrat
spricht, und der jüngere ließ mich vermuten, daß er kein Orientale
sondern ein Europäer sei. Ihre Pferde, welche in der Nähe standen, waren
schlecht und sichtlich abgetrieben; ihre Kleidung hatte ein sehr
mitgenommenes Aussehen, aber ihre Waffen waren ausgezeichnet. Da, wo sie
vorhin gesessen, lagen verschiedene Gegenstände, welche sonst in der
Wüste selten sind und wohl nur deshalb liegen geblieben waren, weil die
beiden keine Zeit gefunden hatten, sie zu verbergen: ein seidenes
Taschentuch, eine goldene Uhr nebst Kette, ein Kompaß, ein prachtvoller
Revolver und ein in Maroquin gebundenes Taschenbuch.

Ich that, als ob ich diese Gegenstände gar nicht bemerkt hätte, nahm aus
der Satteltasche eine Handvoll Datteln und begann, dieselben mit
gleichgültiger und zufriedener Miene zu verzehren.

»Was wollt ihr in Seddada?« fragte mich der Lange.

»Nichts. Wir gehen weiter.«

»Wohin?«

»Über den Schott Dscherid nach Fetnassa und Kbilli.«

Ein unbewachter Blick, den er auf seinen Gefährten warf, sagte mir, daß
ihr Weg der nämliche sei. Dann fragte er weiter:

»Hast du Geschäfte in Fetnassa oder Kbilli?«

»Ja.«

»Du willst deine Herden dort verkaufen?«

»Nein.«

»Oder deine Sklaven?«

»Nein.«

»Oder vielleicht die Waren, die du aus dem Sudan kommen lässest?«

»Nein.«

»Was sonst?«

»Nichts. Ein Sohn meines Stammes treibt mit Fetnassa keinen Handel.«

»Oder willst du dir ein Weib dort holen?«

Ich improvisierte eine sehr zornige Miene.

»Weißt du nicht, daß es eine Beleidigung ist, zu einem Manne von seinem
Weibe zu sprechen! Oder bist du ein Giaur, daß du dieses nicht erfahren
hast?«

Wahrhaftig, der Mann erschrak förmlich, und ich begann in Folge dessen
die Vermutung zu hegen, daß ich mit meinen Worten das Richtige getroffen
hatte. Er hatte ganz und gar nicht die Physiognomie eines Beduinen;
Gesichter, wie das seinige, waren mir vielmehr bei Männern von
armenischer Herkunft aufgefallen und – – ah, war es nicht ein
armenischer Händler, der den Kaufmann in Blidah ermordet hatte und
dessen Steckbrief ich in der Tasche trug? Ich hatte mir nicht die Zeit
genommen, den Steckbrief, wenigstens das Signalement, aufmerksam
durchzulesen. Während mir diese Gedanken blitzschnell durch den Kopf
gingen, fiel mein Blick nochmals auf den Revolver. An seinem Griff
befand sich eine silberne Platte, in welche ein Name eingraviert war.

»Erlaube mir!«

Zu gleicher Zeit mit dieser Bitte griff ich nach der Waffe und las:
#»Paul Galingré, Marseille.«# Das war ganz sicher nicht der Name der
Fabrik, sondern des Besitzers. Ich verriet aber mein Interesse durch
keine Miene, sondern fragte leichthin:

»Was ist das für eine Waffe?«

»Ein – ein – – ein Drehgewehr.«

»Magst du mir zeigen, wie man mit ihm schießt?«

Er erklärte es mir. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu und meinte dann:

»Du bist kein Uëlad Hamalek, sondern ein Giaur.«

»Warum?«

»Siehe, daß ich recht geraten habe! Wärest du ein Sohn des Propheten, so
würdest du mich niederschießen, weil ich dich einen Giaur nannte. Nur
die Ungläubigen haben Drehgewehre. Wie soll diese Waffe in die Hände
eines Uëlad Hamalek gekommen sein! Ist sie ein Geschenk?«

»Nein.«

»So hast du sie gekauft?«

»Nein.«

»Dann war sie eine Beute?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von einem Franken.«

»Mit dem du kämpftest?«

»Ja.«

»Wo?«

»Auf dem Schlachtfelde.«

»Auf welchem?«

»Bei El Guerara.«

»Du lügst!«

Jetzt riß ihm doch endlich die Geduld. Er erhob sich und griff nach dem
Revolver.

»Was sagst du? Ich lüge? Soll ich dich niederschießen wie – – –«

Ich fiel ihm in die Rede:

»Wie den Franken da oben im Wadi Tarfaui!«

Die Hand, welche den Revolver hielt, sank wieder nieder, und eine fahle
Blässe bedeckte das Gesicht des Mannes. Doch raffte er sich zusammen und
fragte drohend:

»Was meinst du mit diesen Worten?«

Ich langte in meine Tasche, zog die Zeitungen heraus und that einen
Blick in die Blätter, um den Namen des Mörders zu finden.

»Ich meine, daß du ganz gewiß kein Uëlad Hamalek bist. Dein Name ist mir
sehr bekannt; er lautet Hamd el Amasat.«

Jetzt fuhr er zurück und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen mich
aus.

»Woher kennst du mich?«

»Ich kenne dich; das ist genug.«

»Nein, du kennst mich nicht; ich heiße nicht so, wie du sagtest; ich bin
ein Uëlad Hamalek, und wer das nicht glaubt, den schieße ich nieder!«

»Wem gehören diese Sachen?«

»Mir.«

Ich ergriff das Taschentuch. Es war mit »#P. G.#« gezeichnet. Ich
öffnete die Uhr und fand auf der Innenseite des Deckels ganz dieselben
Buchstaben eingraviert.

»Woher hast du sie?«

»Was geht es dich an? Lege sie von dir!«

Anstatt ihm zu gehorchen, öffnete ich auch das Notizbuch. Auf dem ersten
Blatte desselben las ich den Namen Paul Galingré; der Inhalt aber war
stenographiert, und ich kann Stenographie nicht lesen.

»Weg mit dem Buche, sage ich dir!«

Bei diesen Worten schlug er mir dasselbe aus der Hand, so daß es in die
Lache flog. Ich erhob mich, um den Versuch zu machen, es zu retten,
fand aber jetzt doppelten Widerstand, da sich nun auch der jüngere der
beiden Männer zwischen mich und das Wasser stellte.

Halef hatte dem Wortwechsel bisher scheinbar gleichgültig zugehört, aber
ich sah, daß sein Finger an dem Drücker seiner langen Flinte lag. Es
bedurfte nur eines Winkes von mir, um ihn zum Schusse zu bringen. Ich
bückte mich, um auch den Kompaß noch aufzunehmen.

»Halt; das ist mein! Gieb diese Sachen heraus!« rief der Gegner.

Er faßte meinen Arm, um seinen Worten Nachdruck zu geben; ich aber sagte
so ruhig wie möglich:

»Setze dich wieder nieder! Ich habe mit dir zu reden.«

»Ich habe mit dir nichts zu schaffen!«

»Aber ich mit dir. Setze dich, wenn ich dich nicht niederschießen soll!«

Diese Drohung schien doch nicht ganz unwirksam zu sein. Er ließ sich
wieder zur Erde nieder, und ich that ganz dasselbe. Dann zog ich meinen
Revolver und begann:

»Siehe, daß ich auch ein solches Drehgewehr habe! Lege das deinige weg,
sonst geht das meinige los!«

Er legte die Waffe langsam neben sich hin aus der Hand, hielt sich aber
zum augenblicklichen Griffe bereit.

»Du bist kein Uëlad Hamalek?«

»Ich bin einer.«

»Du kommst nicht von Gafsa?«

»Ich komme von dort.«

»Wie lange Zeit reitest du bereits im Wadi Tarfaui?«

»Was geht es dich an!«

»Es geht mich sehr viel an. Da oben liegt die Leiche eines Mannes, den
du ermordet hast.«

Ein böser Zug durchzuckte sein Gesicht.

»Und wenn ich es gethan hätte, was hättest du darüber zu sagen?«

»Nicht viel; nur einige Worte.«

»Welche?«

»Wer war der Mann?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Warum hast du ihn und sein Kamel getötet?«

»Weil es mir so gefiel.«

»War er ein Rechtgläubiger?«

»Nein. Er war ein Giaur.«

»Du hast genommen, was er bei sich trug?«

»Sollte ich es bei ihm liegen lassen?«

»Nein, denn du hattest es für mich aufzuheben.«

»Für dich – –?«

»Ja.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Du sollst mich verstehen. Der Tote war ein Giaur; ich bin auch ein
Giaur und werde sein Rächer sein.«

»Sein Bluträcher?«

»Nein; wenn ich das wäre, so hättest du bereits aufgehört, zu leben. Wir
sind in der Wüste, wo kein Gesetz gilt als nur das des Stärkeren. Ich
will nicht erproben, wer von uns der Stärkere ist; ich übergebe dich der
Rache Gottes, des Allwissenden, der alles sieht und keine That
unvergolten läßt; aber das Eine sage ich dir, und das magst du dir wohl
merken: du giebst alles heraus, was du dem Toten abgenommen hast.«

Er lächelte überlegen.

»Meinst du wirklich, daß ich dieses thue?«

»Ich meine es.«

»So nimm dir, was du haben willst!«

Er zuckte mit der Hand, um nach dem Revolver zu greifen; schnell aber
hielt ich ihm die Mündung des meinigen entgegen.

»Halt, oder ich schieße!«

Es war jedenfalls eine sehr eigentümliche Situation, in der ich mich
befand. Glücklicherweise aber schien mein Gegner mehr Verschlagenheit
als Mut zu besitzen. Er zog die Hand wieder zurück und schien
unentschlossen zu werden.

»Was willst du mit den Sachen thun?«

»Ich werde sie den Verwandten des Toten zurückgeben.«

Es war fast eine Art von Mitleid, mit der er mich jetzt fixierte.

»Du lügst. Du willst sie für dich behalten!«

»Ich lüge nicht.«

»Und was wirst du gegen mich unternehmen?«

»Jetzt nichts; aber hüte dich, mir jemals wieder zu begegnen!«

»Du reitest wirklich von hier nach Seddada?«

»Ja.«

»Und wenn ich dir die Sachen gebe, wirst du mich und meinen Gefährten
ungehindert nach dem Bir Sauidi gehen lassen?«

»Ja.«

»Du versprichst es mir?«

»Ja.«

»Beschwöre es!«

»Ein Giaur schwört nie; sein Wort ist auch ohne Schwur die Wahrheit.«

»Hier, nimm das Drehgewehr, die Uhr, den Kompaß und das Tuch.«

»Was hatte er noch bei sich?«

»Nichts.«

»Er hatte Geld.«

»Das werde ich behalten.«

»Ich habe nichts dagegen; aber gieb mir den Beutel oder die Börse, in
der es sich befand.«

»Du sollst sie haben.«

Er griff in seinen Gürtel und zog eine gestickte Perlenbörse hervor, die
er leerte und mir dann entgegen reichte.

»Weiter hatte er nichts bei sich?«

»Nein. Willst du mich aussuchen?«

»Nein.«

»So können wir gehen?«

»Ja.«

Er schien sich jetzt doch leichter zu fühlen als vorhin; sein Begleiter
aber war ganz sicher ein furchtsamer Mensch, der sehr froh war, auf
diese Weise davonzukommen. Sie nahmen ihre Habseligkeiten zusammen und
bestiegen ihre Pferde.

»Salam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich antwortete nicht, und sie nahmen diese Unhöflichkeit sehr
gleichgültig hin. In wenigen Augenblicken waren sie hinter dem Rande des
Wadiufers verschwunden.

Halef hatte bis jetzt kein einziges Wort gesprochen; nun brach er sein
Schweigen.

»Sihdi!«

»Was?«

»Darf ich dir etwas sagen?«

»Ja.«

»Kennst du den Strauß?«

»Ja.«

»Weißt du, wie er ist?«

»Nun?«

»Dumm, sehr dumm.«

»Weiter!«

»Verzeihe mir, Effendi, aber du kommst mir noch schlimmer vor, als der
Strauß.«

»Warum?«

»Weil du diese Schurken laufen lässest.«

»Ich kann sie nicht halten und auch nicht töten.«

»Warum nicht? Hätten sie einen Rechtgläubigen ermordet, so kannst du
dich darauf verlassen, daß ich sie zum Scheïtan, zum Teufel, geschickt
hätte. Da es aber ein Giaur war, so ist es mir sehr gleichgültig, ob sie
Strafe finden oder nicht. Du aber bist ein Christ und lässest die Mörder
eines Christen entkommen!«

»Wer sagt dir, daß sie entkommen werden?«

»Sie sind ja bereits fort! Sie werden den Bir Sauidi erreichen und von
da nach Debila und El Uëd gehen, um in der Areg[10] zu verschwinden.«

    [10] Region der Dünen.

»Das werden sie nicht.«

»Was sonst? Sie sagten ja, daß sie nach Bir Sauidi gehen werden.«

»Sie logen. Sie werden nach Seddada gehen.«

»Wer sagte es dir?«

»Meine Augen.«

»Allah segne deine Augen, mit denen du die Tapfen im Sande betrachtest.
So wie du kann nur ein Ungläubiger handeln. Aber ich werde dich schon
noch zum rechten Glauben bekehren; darauf kannst du dich verlassen, du
magst nun wollen oder nicht!«

»Dann nenne ich mich einen Pilger, ohne in Mekka gewesen zu sein.«

»Sihdi – –! Du hast mir ja versprochen, das nicht zu sagen!«

»Ja, so lange du mich nicht bekehren willst.«

»Du bist der Herr, und ich muß es mir gefallen lassen. Aber, was thun
wir jetzt?«

»Wir sorgen zunächst für unsere Sicherheit. Hier können wir leicht von
einer Kugel getroffen werden. Wir müssen uns überzeugen, ob diese beiden
Schurken auch wirklich fort sind.«

Ich erstieg den Rand der Schlucht und sah allerdings die zwei Reiter in
bereits sehr großer Entfernung von uns auf Südwest zuhalten. Halef war
mir gefolgt.

»Dort reiten sie,« meinte er. »Das ist die Richtung nach Bir Sauidi.«

»Wenn sie sich weit genug entfernt haben, werden sie sich nach Osten
wenden.«

»Sihdi, dein Gehirn dünkt mir schwach. Wenn sie dies thäten, müßten sie
uns ja wieder in die Hände kommen!«

»Sie meinen, daß wir erst morgen aufbrechen, und glauben also, einen
guten Vorsprung vor uns zu erlangen.«

»Du rätst und wirst doch das Richtige nicht treffen.«

»Meinst du? Sagte ich dir nicht da oben, daß eines ihrer Pferde den
Hahnentritt habe?«

»Ja, das sah ich, als sie davonritten.«

»So werde ich auch jetzt recht haben, wenn ich sage, daß sie nach
Seddada gehen.«

»Warum folgen wir ihnen nicht sofort?«

»Wir kämen ihnen sonst zuvor, da wir den geraden Weg haben; dann würden
sie auf unsere Spur stoßen und sich hüten, mit uns wieder
zusammenzutreffen.«

»Laß uns also wieder zum Wasser gehen und ruhen, bis es Zeit zum
Aufbruch ist.«

Wir stiegen wieder hinab. Ich streckte mich auf meine am Boden
ausgebreitete Decke aus, zog das Ende meines Turbans als Lischam[11]
über das Gesicht und schloß die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um
über unser letztes Abenteuer nachzudenken. Aber wer vermag es, in der
fürchterlichen Glut der Sahara seine Gedanken längere Zeit mit einer an
sich schon unklaren Sache zu beschäftigen? Ich schlummerte wirklich ein
und mochte über zwei Stunden geschlafen haben, als ich wieder erwachte.
Wir brachen auf.

    [11] Gesichtsschleier.

Das Wadi Tarfaui mündet in den Schott Rharsa; wir mußten es also nun
verlassen, wenn wir, nach Osten zu, Seddada erreichen wollten. Nach
Verlauf von vielleicht einer Stunde trafen wir auf die Spur zweier
Pferde, welche von West nach Ost führte.

»Nun, Halef, kennst du diese Ethar, diese Fährte?«

»Masch Allah, du hattest recht, Sihdi! Sie gehen nach Seddada.«

Ich stieg ab und untersuchte die Eindrücke.

»Sie sind erst vor einer halben Stunde hier vorübergekommen. Laß uns
langsamer reiten, sonst sehen sie uns hinter sich.«

Die Ausläufer des Dschebel Tarfaui senkten sich allmählich in die Ebene
hernieder, und als die Sonne unterging und nach kurzer Zeit der Mond
emporstieg, sahen wir Seddada zu unsern Füßen liegen.

»Reiten wir hinab?« fragte Halef.

»Nein. Wir schlafen unter den Oliven dort am Abhange des Berges.«

Wir bogen ein wenig von unserer Richtung ab und fanden unter den
Ölbäumen einen prächtigen Platz zum Bivouac. Wir waren beide an das
heulende Bellen des Schakal, an das Gekläffe des Fennek und an die
tieferen Töne der schleichenden Hyäne gewöhnt und ließen uns von diesen
nächtlichen Lauten nicht im Schlafe stören. Als wir erwachten, war es
mein erstes, die gestrige Fährte wieder aufzusuchen. Ich war überzeugt,
daß sie mir hier in der Nähe eines bewohnten Ortes nicht mehr von
Nutzen sein werde, fand aber zu meiner Überraschung, daß sie nicht nach
Seddada führte, sondern nach Süden bog.

»Warum gingen sie nicht hernieder?« fragte Halef.

»Um sich nicht sehen zu lassen. Ein verfolgter Mörder muß vorsichtig
sein.«

»Aber wohin gehen sie denn?«

»Jedenfalls nach Kris, um über den Dscherid zu reiten. Dann haben sie
Algerien hinter sich und sind in leidlicher Sicherheit.«

»Wir sind doch bereits in Tunis. Die Grenze geht vom Bir el Khalla zum
Bir el Tam über den Schott Rharsa.«

»Das kann solchen Leuten noch nicht genügen. Ich wette, daß sie über
Fezzan nach Kufarah gehen, denn erst dort sind sie vollständig sicher.«

»Sie sind auch hier bereits sicher, wenn sie ein Bu-djeruldu[12] des
Sultans haben.«

    [12] Legitimation, Reisepaß.

»Das würde ihnen einem Konsul oder Polizei-Agenten gegenüber nicht viel
nützen.«

»Meinst du? Ich möchte es Keinem raten, gegen das mächtige #»Giölgeda
padischahnün«#[13] zu sündigen!«

    [13] Wörtlich: »Im Schatten des Padischa.«

»Du sprichst so, trotzdem du ein freier Araber sein willst?«

»Ja. Ich habe in Ägypten gesehen, was der Großherr vermag; aber in der
Wüste fürchte ich ihn nicht. Werden wir jetzt nach Seddada gehen?«

»Ja, um Datteln zu kaufen und einmal gutes Wasser zu trinken. Dann aber
setzen wir den Weg fort.«

»Nach Kris?«

»Nach Kris.«

Bereits eine Viertelstunde später hatten wir uns restauriert und
folgten dem Reitwege, welcher von Seddada nach Kris führt. Zu unserer
Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein
Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte.

Die Sahara ist ein großes, noch immer nicht gelöstes Rätsel. Schon seit
Virlet d’Aoust im Jahre 1845 besteht das Projekt, einen Teil der Wüste
in ein Meer und dadurch die anliegenden Gebiete in ein fruchtbares Land
zu verwandeln und so auch die Bewohner dieser Strecken dem Fortschritte
der Civilisation näher zu bringen. Ob aber dieses Projekt ausführbar und
dann auch von den beabsichtigten Erfolgen gekrönt sein wird, darüber
läßt sich noch immer streiten.

Am Fuße des Südabhanges des Dschebel Aures und der östlichen Fortsetzung
dieser Bergmasse, also des Dra el Haua, Dschebel Tarfaui, Dschebel
Situna und Dschebel Hadifa, dehnt sich eine einheitliche unübersehbare,
hier und da leicht gewellte Ebene aus, deren tiefste Stellen mit
Salzkrusten und Salzauswitterungen bedeckt sind, welche als Überreste
einstiger großer Binnengewässer im algerischen Teile den Namen Schott
und im tunesischen Teile den Namen Sobha oder Sebcha führen. Die Grenze
dieses eigentümlichen und hochinteressanten Gebietes bilden im Westen
die Ausläufer des Beni-Mzab-Plateau, im Osten die Landenge von Gabes und
im Süden die Dünenregion von Ssuf und Nifzaua nebst dem langgestreckten
Dschebel Tebaga. Vielleicht ist unter dieser Einsenkung der Golf von
Triton zu verstehen, von welchem uns Herodot, der Vater der
Geschichtschreibung, berichtet.

Außer einer großen Anzahl kleinerer Sümpfe, welche im Sommer
ausgetrocknet sind, besteht dieses Gebiet aus drei größeren Salzseen,
nämlich, von West nach Ost verfolgt, aus den Schotts Melrir, Rharsa und
Dscherid, welch letzterer auch El Kebir genannt zu werden pflegt. Diese
drei Becken bezeichnen eine Zone, deren westliche Hälfte tiefer liegt,
als das Mittelmeer bei Gabes zur Zeit der Ebbe.

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Teile mit
Sandmassen angehäuft, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat
sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr
Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab,
sie bald mit einem Kampferteppich oder einer Krystalldecke, bald mit
einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu
vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste,
mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß
sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variiert. Nur an
einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr
auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem
schmalen Pfade abweicht! Die Kruste giebt nach, und der Abgrund
verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des
Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen
Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders
in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande
überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem
salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter
sich zu messen, würde des Terrains halber zu keinem Resultate führen,
doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als
fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die
Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen
Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen,
hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende
langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser
trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta,
Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der
Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid
verschlang schon Tausende von Kamelen und Menschen, welche in seiner
Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche
aus mehr als tausend Lastkamelen bestand, den Schott überschreiten. Ein
unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel, welches an der Spitze des
Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des
Schott, und ihm folgten alle anderen Tiere, welche rettungslos in der
zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden,
so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die
kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verriet den gräßlichen
Unglücksfall. Ein solches Vorkommnis könnte unmöglich erscheinen, aber
um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kamel
gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch
Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad
über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Tiere oder gar einer
Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert,
erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel
geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie
Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara
in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche
vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viele Festigkeit
besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen
Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu
schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen.
Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der
Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott
seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«,
und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der
Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche
bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche,
flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegenteile Wellen, welche selbst
dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben
die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen,
in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch gerät schon
bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und
läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer
Quelle hervorbrechen. – –

Also diese freundlich glitzernde, aber trügerische Fläche lag zu unserer
Linken, als wir den Weg nach Kris verfolgten, von wo aus eine Furt über
den Schott nach Fetnassa auf der gegenüberliegenden Halbinsel des
Nifzaua führt. Halef streckte die Hand aus und deutete hinab.

»Siehst du den Schott, Sihdi?«

»Ja.«

»Bist du schon einmal über den Schott geritten?«

»Nein.«

»So danke Allah, denn vielleicht wärest du sonst bereits zu deinen
Vätern versammelt! Und wir wollen wirklich hinüber?«

»Allerdings.«

»Bismillah, in Gottes Namen! Mein Freund Sadek wird wohl noch am Leben
sein.«

»Wer ist das?«

»Mein Bruder Sadek ist der berühmteste Führer über den Schott Dscherid;
er hat noch niemals einen falschen Schritt gethan. Er gehört zum Stamme
der Merasig und ward geboren von seiner Mutter in Mui Hamed, lebt aber
mit seinem Sohne, der ein wackerer Krieger ist, in Kris. Er kennt den
Schott wie kein zweiter, und er ist es ganz allein, dem ich dich
anvertrauen möchte, Sihdi. Reiten wir direkt nach Kris?«

»Wie weit haben wir noch bis hin?«

»Ein kleines über eine Stunde.«

»So biegen wir jetzt ab gegen West. Wir müssen sehen, ob wir eine Spur
der Mörder finden.«

»Du meinst wirklich, daß sie auch nach Kris gegangen sind?«

»Auch sie haben jedenfalls im Freien ihr Lager gehalten und werden
bereits vor uns sein, um über den Schott zu gehen.«

Wir verließen den bisherigen Weg und hielten grad nach West. In der Nähe
des Pfades fanden wir viele Spuren, welche wir zu durchschneiden hatten;
dann aber wurden sie weniger zahlreich und hörten endlich ganz auf. Da
schließlich, wo der Reitpfad nach El Hamma führt, erblickte ich die
Fährte zweier Pferde im Sande, und nachdem ich sie gehörig geprüft
hatte, gelangte ich zu der Überzeugung, daß es die gesuchte sei. Wir
folgten ihr bis in die Nähe von Kris, wo sie sich im breiten Wege
verlor. Ich hatte also die Gewißheit, daß sich die Mörder hier befanden.

Halef war nachdenklich geworden.

»Sihdi, soll ich dir etwas sagen?« meinte er.

»Sage es!«

»Es ist doch gut, wenn man im Sande lesen kann.«

»Es freut mich, daß du zur Erkenntnis kommst. Doch, da ist Kris. Wo ist
die Wohnung deines Freundes Sadek?«

»Folge mir!«

Er ritt um den Ort, der aus einigen unter Palmen liegenden Zelten und
Hütten bestand, herum bis zu einer Gruppe von Mandelbäumen, in deren
Schutze eine breite, niedere Hütte lag, aus der bei unserem Anblick ein
Araber trat und meinem kleinen Halef freudig entgegeneilte.

»Sadek, mein Bruder, du Liebling der Kalifen!«

»Halef, mein Freund, du Gesegneter des Propheten!«

Sie lagen einander in den Armen und herzten sich wie ein Liebespaar.

Dann aber wandte sich der Araber zu mir:

»Verzeihe, daß ich dich vergaß! Tretet ein in mein Haus; es ist das
eurige!«

Wir folgten seinem Wunsche. Er war allein und präsentierte uns allerhand
Erfrischungen, denen wir fleißig zusprachen. Jetzt glaubte Halef die
Zeit gekommen, mich seinem Freunde vorzustellen.

»Das ist Kara Ben Nemsi, ein großer Taleb aus dem Abendlande, der mit
den Vögeln redet und im Sande lesen kann. Wir haben schon viele große
Thaten vollbracht; ich bin sein Freund und Diener und soll ihn zum
wahren Glauben bekehren.«

Der brave Mensch hatte mich einmal nach meinem Namen gefragt und
wirklich das Wort Karl im Gedächtnisse behalten. Da er es aber nicht
auszusprechen vermochte, so machte er rasch entschlossen ein Kara daraus
und setzte Ben Nemsi, Nachkomme der Deutschen, hinzu. Wo ich mit den
Vögeln geredet hatte, konnte ich mich leider nicht entsinnen; jedenfalls
sollte mich diese Behauptung ebenbürtig an die Seite des weisen Salomo
stellen, der ja auch die Gabe gehabt haben soll, mit den Tieren zu
sprechen. Auch von den großen Thaten, die wir vollbracht haben sollten,
wußte ich weiter nichts, als daß ich einmal im Gestrüppe hängen
geblieben und dabei gemächlich von meinem kleinen Berbergaule gerutscht
war, der diese Gelegenheit dann benutzte, einmal mit mir Haschens zu
spielen. Der Glanzpunkt der Halef’schen Diplomatik war nun allerdings
die Behauptung, daß ich mich von ihm bekehren lassen wolle. Er verdiente
dafür eine Zurechtweisung; daher fragte ich Sadek:

»Kennst du den ganzen Namen deines Freundes Halef?«

»Ja.«

»Wie lautet er?«

»Er lautet Hadschi Halef Omar.«

»Das ist nicht genug. Er lautet Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul
Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Du hörst also, daß er zu einer
frommen, verdienstvollen Familie gehört, deren Glieder alle Hadschi
waren, obgleich – – –«

»Sihdi,« unterbrach mich Halef mit einer ganz unbeschreiblichen
Pantomime des Schreckens, »sprich nicht von den Verdiensten deines
Dieners! Du weißt, daß ich dir stets gern gehorchen werde.«

»Ich hoffe es, Halef. Du sollst nicht von dir und mir sprechen; frage
lieber deinen Freund Sadek, wo sich sein Sohn befindet, von dem du mir
gesagt hast!«

»Hat er wirklich von ihm gesprochen, Effendi?« fragte der Araber. »Allah
segne dich, Halef, daß du derer gedenkst, die dich lieben! Omar Ibn
Sadek, mein Sohn, ist über den Schott nach Seftimi gegangen und wird
noch heute wiederkehren.«

»Auch wir wollen über den Schott, und du sollst uns führen,« meinte
Halef.

»Ihr? Wann?«

»Noch heute.«

»Wohin, Sihdi?«

»Nach Fetnassa. Wie ist der Weg hinüber?«

»Gefährlich, sehr gefährlich. Es giebt nur zwei wirklich sichere Wege
hinüber an das jenseitige Ufer, nämlich El Toserija zwischen Toser und
Fetnassa und Es Suida zwischen Nefta und Sarsin. Der Weg von hier nach
Fetnassa aber ist der allerschlimmste, und nur zwei giebt es, die ihn
genau kennen; das bin ich und Arfan Rakedihm hier in Kris.«

»Kennt dein Sohn den Weg nicht auch?«

»Ja, aber allein ist er ihn noch nicht gegangen. Desto besser aber kennt
er die Strecke nach Seftimi.«

»Diese fällt wohl einige Zeit lang zusammen mit der nach Fetnassa.«

»Über zwei Dritteile, Sihdi.«

»Wenn wir am Mittag aufbrechen, bis wann sind wir in Fetnassa?«

»Vor Anbruch des Morgens, wenn deine Tiere gut sind.«

»Du gehst auch während der Nacht über den Schott?«

»Wenn der Mond leuchtet, ja. Ist es aber dunkel, so übernachtet man auf
dem Schott, und zwar da, wo das Salz so dick ist, daß es das Lager
tragen kann.«

»Willst du uns führen?«

»Ja, Effendi.«

»So laß uns zunächst den Schott besehen!«

»Du hast noch keinen Schott überschritten?«

»Nein.«

»So komm! Du sollst den Sumpf des Todes sehen, den Ort des Verderbens,
das Meer des Schweigens, über welches ich dich hinwegführen werde mit
sicherem Schritte.«

Wir verließen die Hütte und wandten uns nach Osten. Nachdem wir einen
breiten, sumpfigen Rand überschritten hatten, gelangten wir an das
eigentliche Ufer des Schott, dessen Wasser vor der Salzkruste, die es
deckte, nicht zu sehen war. Ich stach mit meinem Messer hindurch und
fand das Salz vierzehn Centimeter dick. Dabei war es so hart, daß es
einen mittelstarken Mann zu tragen vermochte. Es wurde verhüllt von
einer dünnen Lage von Flugsand, welcher an vielen Stellen weggeweht war,
die dann in bläulich weißem Schimmer erglänzten.

Noch während ich mit dieser Untersuchung beschäftigt war, ertönte hinter
uns eine Stimme:

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit euch!«

Ich wandte mich um. Vor uns stand ein schlanker, krummbeiniger Beduine,
dem irgend eine Krankheit oder wohl auch ein Schuß die Nase weggenommen
hatte.

»Aaleïkum!« antwortete Sadek. »Was thut mein Bruder Arfan Rakedihm hier
am Schott? Er trägt die Reisekleider. Will er fremde Wanderer über die
Sobha führen?«

»So ist es,« antwortete der Gefragte. »Zwei Männer sind es, die gleich
kommen werden.«

»Wohin wollen sie?«

»Nach Fetnassa.«

Der Mann hieß Arfan Rakedihm und war also der andere Führer, von welchem
Sadek gesprochen hatte. Er deutete jetzt auf mich und Halef und fragte:

»Wollen diese zwei Fremdlinge auch über den See?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Auch nach Fetnassa.«

»Und du sollst sie führen?«

»Du errätst es.«

»Sie können gleich mit mir gehen; dann ersparst du dir die Mühe.«

»Es sind Freunde, die mir keine Mühe machen werden.«

»Ich weiß es: du bist geizig und gönnst mir nichts. Hast du mir nicht
stets die reichsten Reisenden weggefangen?«

»Ich fange keinen weg; ich führe nur die Leute, welche freiwillig zu mir
kommen.«

»Warum ist Omar, dein Sohn, Führer nach Seftimi geworden? Ihr nehmt mir
mit Gewalt das Brot hinweg, damit ich verhungern soll; Allah aber wird
euch strafen und eure Schritte so lenken, daß euch der Schott
verschlingen wird.«

Es mochte sein, daß die Konkurrenz hier eine Feindschaft entwickelt
hatte, aber dieser Mann besaß überhaupt keine guten Augen, und so viel
war sicher, daß ich mich ihm nicht gern anvertraut hätte. Er wandte sich
von uns und schritt am Ufer hin, wo in einiger Entfernung die zwei
Reiter erschienen, welche er führen sollte. Es waren die beiden Männer,
welche wir in der Wüste getroffen und dann verfolgt hatten.

»Sihdi,« rief Halef. »Kennst du sie?«

»Ich kenne sie.«

»Wollen wir sie ruhig ziehen lassen?«

Er hob bereits das Gewehr zum Schusse empor. Ich hinderte ihn daran.

»Laß! Sie werden uns nicht entgehen.«

»Wer sind die Männer?« fragte unser Führer.

»Mörder,« antwortete Halef.

»Haben sie jemand aus deiner Familie oder aus deinem Stamme getötet?«

»Nein.«

»Hast du über Blut mit ihnen zu richten?«

»Nein.«

»So laß sie ruhig ziehen! Es taugt nicht, sich in fremde Händel zu
mischen.«

Der Mann sprach wie ein echter Beduine. Er hielt es nicht einmal für
nötig, die Männer, welche ihm als Mörder geschildert worden waren, mit
einem Blick zu betrachten. Auch sie hatten uns bemerkt und erkannt. Ich
sah, wie sie sich beeilten, auf die Salzdecke zu kommen. Als dies
geschehen war, hörten wir ein verächtliches Lachen, mit welchem sie uns
den Rücken kehrten.

Wir gingen in die Hütte zurück, ruhten noch bis Mittag aus, versahen uns
dann mit dem nötigen Proviante und traten die gefährliche Wanderung an.

Ich habe auf fremden, unbekannten Strömen zur Winterszeit mit
Schneeschuhen meilenweite Strecken zurückgelegt und mußte jeden
Augenblick gewärtig sein, einzubrechen, habe aber dabei niemals die
Empfindung wahrgenommen, welche mich beschlich, als ich jetzt den
heimtückischen Schott betrat. Es war nicht etwa Furcht oder Angst,
sondern es mochte ungefähr das Gefühl eines Seiltänzers sein, der nicht
genau weiß, ob das Tau, welches ihn trägt, auch gehörig befestigt worden
ist. Statt des Eises eine Salzdecke – das war mir mehr als neu. Der
eigentümliche Klang, die Farbe, die Krystallisation dieser Kruste – das
alles erschien mir zu fremd, als daß ich mich hätte sicher fühlen
können. Ich prüfte bei jedem Schritte und suchte nach sicheren Merkmalen
für die Festigkeit unseres Fußbodens. Stellenweise war derselbe so hart
und glatt, daß man Schlittschuhe hätte benutzen können, dann aber hatte
er wieder das schmutzige, lockere Gefüge von niedergetautem Schnee und
vermochte nicht, die geringste Last zu tragen.

Erst nachdem ich mich über das so Ungewohnte einigermaßen orientiert
hatte, stieg ich zu Pferde, um mich nächst dem Führer auch zugleich auf
den Instinkt meines Tieres zu verlassen. Der kleine Hengst schien gar
nicht zum erstenmale einen solchen Weg zu machen. Er trabte, wo
Sicherheit vorhanden war, höchst wohlgemut darauf los und zeigte dann,
wenn sein Vertrauen erschüttert war, eine ganz vorzügliche Liebhaberei
für die besten Stellen des oft kaum fußbreiten Pfades. Er legte dann die
Ohren vor oder hinter, beschnupperte den Boden, schnaubte zweifelnd oder
überlegend und trieb die Vorsicht einigemale so weit, eine zweifelhafte
Stelle erst durch einige Schläge mit dem Vorderhufe zu prüfen.

Der Führer schritt voran; ich folgte ihm, und hinter mir ritt Halef. Der
Weg nahm unsere Aufmerksamkeit so in Anspruch, daß nur wenig gesprochen
wurde. So waren wir bereits über drei Stunden unterwegs, als sich Sadek
zu mir wandte:

»Nimm dich in acht, Sihdi! Jetzt kommt die schlimmste Stelle des ganzen
Weges.«

»Warum schlimm?«

»Der Pfad geht oft durch hohes Wasser und wird dabei auf eine lange
Strecke so schmal, daß man ihn mit zwei Händen bedecken kann.«

»Bleibt der Boden stark genug?«

»Ich weiß es nicht genau; die Stärke unterliegt oft großen
Veränderungen.«

»So werde ich absteigen, um die Last zu halbieren.«

»Sihdi, thue es nicht. Dein Pferd geht sicherer als du.«

Hier war der Führer Herr und Meister; ich gehorchte ihm also und blieb
sitzen. Doch noch heute denke ich mit Schaudern an die zehn Minuten,
welche nun folgten; zehn Minuten nur, aber unter solchen Verhältnissen
sind sie eine Ewigkeit.

Wir hatten ein Terrain erreicht, auf welchem Thal und Hügel wechselte.
Die wellenförmigen Erhebungen bestanden zwar aus hartem, haltbarem
Salze, die Thalmulden aber aus einer zähen, breiartigen Masse, in
welcher sich nur einzelne schmale Punkte befanden, auf denen Mensch und
Tier nur unter höchster Aufmerksamkeit und mit der größten Gefahr zu
fußen vermochten. Und dabei ging mir, trotzdem ich auf dem Pferde saß,
das grüne Wasser oft bis an die Oberschenkel heran, so daß die Stellen,
auf denen man fußen konnte, erst unter der Flut gesucht werden mußten.
Dabei war das allerschlimmste, daß der Führer und dann wieder auch die
Tiere diese Stellen erst suchen und dann probieren mußten, ehe sie sich
mit dem ganzen Gewichte darauf wagen konnten, und doch war dieser Halt
so gering, so trügerisch und verräterisch, daß man keinen Augenblick zu
lange darauf verweilen durfte, wenn man nicht versinken wollte – es war
fürchterlich.

Jetzt kamen wir an eine Stelle, welche uns auf wohl zwanzig Meter Länge
kaum einen zehn Zoll breiten, halbwegs zuverlässigen Pfad bot.

»Sihdi, aufgepaßt! Wir stehen mitten im Tode,« rief der Führer.

Er wandte sich während des Forttastens mit dem Gesichte nach Morgen und
betete mit lauter Stimme die heilige Fatcha:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes. Lob und Preis Gott dem
Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichtes. Dir
wollen wir dienen und zu dir wollen wir flehen, auf daß du uns führest
den rechten Weg derer, die deiner Gnade sich freuen und nicht den Weg
derer, über welche – – –«

Halef war hinter mir in das Gebet eingefallen; plötzlich aber
verstummten beide zu gleicher Zeit; – zwischen den zwei nächsten
Wellenhügeln hervor fiel ein Schuß. Der Führer warf beide Arme empor,
stieß einen unartikulierten Schrei aus, trat fehl und war im nächsten
Augenblick unter der Salzdecke verschwunden, die sich sofort wieder über
ihm schloß.

In solchen Augenblicken erhält der menschliche Geist eine Spannkraft,
welche ihm eine ganze Reihe von Gedanken und Schlüssen, zu denen sonst
Viertelstunden oder gar Stunden gehören, mit der Schnelligkeit des
Blitzes und tagesheller Deutlichkeit zum Bewußtsein bringt. Noch war der
Schuß nicht verhallt und der Führer nicht ganz versunken, so wußte ich
bereits alles. Die beiden Mörder wollten ihre Ankläger verderben; sie
hatten ihren Führer um so leichter gewonnen, als derselbe auf den
unserigen eifersüchtig war. Sie brauchten uns gar kein Leid zu thun;
wenn sie unsern Führer töteten, waren wir unbedingt verloren. Sie
lauerten also hier bei der gefährlichsten Stelle des ganzen Weges und
schossen Sadek nieder. Nun brauchten sie nur zuzusehen, wie wir
versanken.

Daß Sadek von der Kugel in den Kopf getroffen war, merkte ich trotz der
Schnelligkeit, mit der alles geschah. Hatte die durchfahrende Kugel auch
mein Pferd gestreift, oder war es der Schreck über den Schuß? Der
kleine Berberhengst zuckte heftig zusammen, verlor hinten den Halt und
brach ein.

»Sihdi!« brüllte hinter mir Halef in unbeschreiblicher Angst.

Ich war verloren, wenn mich nicht eins rettete: noch während das Pferd
im Versinken war und sich mit den Vorderhufen vergeblich anzuklammern
suchte, stützte ich die beiden Hände auf den Sattelknopf, warf die Beine
hinten in die Luft empor und schlug eine Volte über den Kopf des armen
Pferdes hinweg, welches durch den hierbei ausgeübten Druck
augenblicklich unter den Salzboden gedrückt wurde. In dem Augenblick,
während dessen ich durch die Luft flog, hat Gott das inbrünstigste Gebet
meines ganzen Lebens gehört. Nicht lange Worte und viele Minuten gehören
zum Gebete; wenn man zwischen Leben und Tod hindurchfliegt, giebt es
keine Worte und keine Zeit zu messen.

Ich bekam festen Boden; er wich aber augenblicklich unter mir; halb
schon im Versinken, fußte ich wieder und raffte mich empor; ich sank und
erhob mich, ich strauchelte, ich trat fehl, ich fand dennoch Grund; ich
wurde hinabgerissen und kam dennoch vorwärts und ging dennoch nicht
unter; ich hörte nichts mehr, ich fühlte nichts mehr, ich sah nichts
mehr als nur die drei Männer dort an der Salzwelle, von denen zwei mit
angeschlagenem Gewehre mich erwarteten.

Da, da endlich hatte ich festen Boden unter den Füßen, festen, breiten
Boden, zwar auch nur Salz, aber es trug mich sicher. Zwei Schüsse
krachten – Gott wollte, daß ich noch leben sollte; ich war gestolpert
und niedergestürzt; die Kugeln pfiffen an mir vorüber. Ich trug mein
Gewehr noch auf dem Rücken; es war ein Wunder, daß ich es nicht
verloren hatte; aber ich dachte jetzt gar nicht an die Büchse, sondern
warf mich gleich mit geballten Fäusten auf die Schurken. Sie erwarteten
mich nicht einmal. Der Führer floh; der ältere der beiden wußte, daß er
ohne Führer verloren sei, und folgte ihm augenblicklich; ich faßte nur
den jüngeren. Er riß sich los und sprang davon; ich blieb hart hinter
ihm. Ihm blendete die Angst und mir der Zorn die Augen; wir achteten
nicht darauf, wohin uns unser Lauf führte – er stieß einen
entsetzlichen, heiseren Schrei aus, und ich warf mich sofort zurück. Er
verschwand unter dem salzigen Gischte, und ich stand kaum dreißig Zoll
vor seinem heimtückischen Grabe.

Da ertönte hinter mir ein angstvoller Ruf.

»Sihdi, Hilfe, Hilfe!«

Ich wandte mich um. Grad an der Stelle, wo ich festen Fuß gefaßt hatte,
kämpfte Halef um sein Leben. Er war zwar eingebrochen, hielt sich aber
an der dort zum Glücke sehr starken Salzkruste noch fest. Ich sprang
hinzu, riß die Büchse herab und hielt sie ihm entgegen, indem ich mich
platt niederlegte.

»Fasse den Riemen!«

»Ich habe ihn, Sihdi! O, Allah illa Allah!«

»Wirf die Beine empor; ich kann nicht ganz hin zu dir. Halte aber fest!«

Er wandte seine letzte Kraft an, um seinen Körper in die Höhe zu
schnellen; ich zog zu gleicher Zeit scharf an, und es gelang – er lag
auf der sicheren Decke des Sumpfes. Kaum hatte er Atem geschöpft, so
erhob er sich auf die Kniee und betete die vierundsechzigste Sure:

»Alles, was im Himmel und auf Erden ist, preiset Gott; sein ist das
Reich und ihm gebührt das Lob, denn er ist aller Dinge mächtig!«

Er, der Muselmann, betete; ich aber, der Christ, ich konnte nicht
beten, ich konnte keine Worte finden, wie ich aufrichtig gestehe. Hinter
mir lag die fürchterliche Salzfläche so ruhig, so bewegungslos, so
gleißend, und doch hatte sie unsere beiden Tiere, und doch hatte sie
unseren Führer verschlungen, und vor uns sah ich den Mörder entkommen,
der dies alles verschuldet hatte! Jede Faser zuckte in mir, und es
dauerte eine geraume Weile, bis ich ruhig wurde.

»Sihdi, bist du verwundet?«

»Nein. Aber Mensch, auf welche Weise hast du dich gerettet?«

»Ich sprang vom Pferde, grad wie du, Effendi. Und weiter weiß ich
nichts. Ich konnte erst dann wieder denken, als ich dort am Rande hing.
Aber wir sind nun dennoch verloren.«

»Warum?«

»Wir haben keinen Führer. O, Sadek, Freund meiner Seele, dein Geist wird
mir verzeihen, daß ich schuld an deinem Tode bin. Aber ich werde dich
rächen, das schwöre ich dir beim Barte des Propheten; rächen werde ich
dich, wenn ich nicht hier verderbe.«

»Du wirst nicht verderben, Halef.«

»Wir werden verderben; wir werden verhungern und verdursten.«

»Wir werden einen Führer haben.«

»Wen?«

»Omar, den Sohn Sadeks.«

»Wie soll er uns hier finden?«

»Hast du nicht gehört, daß er nach Seftimi gegangen ist und heute wieder
zurückkehren wird?«

»Er wird uns dennoch nicht finden.«

»Er wird uns finden. Sagte nicht Sadek, daß der Weg nach Seftimi und
nach Fetnassa auf zwei Dritteile ganz derselbe sei?«

»Effendi, du giebst mir neue Hoffnung und neues Leben. Ja, wir werden
warten, bis Omar hier vorüberkommt.«

»Für ihn ist es ein Glück, wenn er uns findet. Er würde hier hinter uns
untergehen, da der frühere Pfad versunken ist, ohne daß er es weiß.«

Wir lagerten uns neben einander am Boden nieder; die Sonne brannte so
heiß, daß unsere Kleider in wenigen Minuten getrocknet und mit einer
salzigen Kruste überzogen wurden, so weit sie naß gewesen waren. – –



Zweites Kapitel.

Vor Gericht.


Obgleich ich die Überzeugung hegte, daß der Sohn des ermordeten Führers
kommen werde, konnte er doch statt über den See um denselben
herumgegangen sein. Wir warteten also mit großer, ja mit ängstlicher
Spannung. Der Nachmittag verging; es waren nur noch zwei Stunden bis zum
Abend; da ließ sich eine Gestalt erkennen, welche von Osten her langsam
der Stelle nahte, an welcher wir uns befanden. Sie kam näher und näher
und erblickte nun auch uns.

»Er ist es,« meinte Halef, legte die Hände wie ein Sprachrohr an den
Mund und rief: »Omar Ben Sadek, eile herbei!«

Der Gerufene verdoppelte seine Schritte und stand bald vor uns. Er
erkannte den Freund seines Vaters.

»Sei willkommen, Halef Omar!«

»Hadschi Halef Omar!« verbesserte Halef.

»Verzeihe mir! Die Freude, dich zu sehen, ist schuld an diesem Fehler.
Du kamst nach Kris zum Vater?«

»Ja.«

»Wo ist er? Wenn du auf dem Schott bist, muß er in der Nähe sein.«

»Er ist in der Nähe,« antwortete Halef feierlich.

»Wo?«

»Omar Ibn Sadek, dem Gläubigen geziemt es, stark zu sein, wenn ihn das
Kismet trifft.«

»Rede, Halef, rede! Es ist ein Unglück geschehen?«

»Ja.«

»Welches?«

»Allah hat deinen Vater zu seinen Vätern versammelt.«

Der Jüngling stand vor uns, keines Wortes mächtig. Sein Auge starrte den
Sprecher entsetzt an, und sein Angesicht war furchtbar bleich geworden.
Endlich gewann er die Sprache wieder, aber er benützte sie auf ganz
andere Weise, als ich vermutet hatte.

»Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.

»Es ist Kara Ben Nemsi, den ich zu deinem Vater brachte. Wir verfolgten
zwei Mörder, welche über den Schott gingen.«

»Mein Vater sollte euch führen?«

»Ja; er führte uns. Die Mörder bestachen Arfan Rakedihm und stellten uns
hier einen Hinterhalt. Sie schossen deinen Vater nieder; er und die
Pferde versanken in dem Sumpfe, uns aber hat Allah gerettet.«

»Wo sind die Mörder?«

»Der eine starb im Salze, der andere aber ist mit dem Chabir[14] nach
Fetnassa.«

    [14] Führer.

»So ist der Pfad hier verdorben?«

»Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«

»Wo versank mein Vater?«

»Dort, dreißig Schritte von hier.«

Omar ging so weit vorwärts, als die Decke trug, starrte eine Weile vor
sich nieder und wandte sich dann nach Osten:

»Allah, du Gott der Allmacht und Gerechtigkeit, höre mich! Muhammed, du
Prophet des Allerhöchsten, höre mich! Ihr Kalifen und Märtyrer des
Glaubens, hört mich! Ich, Omar Ben Sadek, werde nicht eher lachen,
nicht eher meinen Bart beschneiden, nicht eher die Moschee besuchen,
als bis die Dschehennah aufgenommen hat den Mörder meines Vaters! Ich
schwöre es!«

Ich war tief erschüttert von diesem Schwure, durfte aber nichts dagegen
sagen. Nun setzte er sich zu uns und bat mit beinahe unnatürlicher Ruhe:
»Erzählt!«

Halef folgte seinem Wunsche. Als er fertig war, erhob sich der Jüngling.

»Kommt!«

Nur das eine Wort sprach er; dann schritt er voran, wieder in die
Richtung zurück, aus der er gekommen war.

Wir hatten bereits vorher die schwierigsten Stellen des Weges
überwunden; es war keine große Gefahr mehr zu befürchten, trotzdem wir
den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch marschierten. Am Morgen
betraten wir das Ufer der Halbinsel Nifzaua und sahen Fetnassa vor uns
liegen.

»Was nun?« fragte Halef.

»Folgt mir nur!« antwortete Omar.

Dies war das erste Wort, welches ich seit gestern von ihm hörte. Er
schritt auf die dem Strande zunächst gelegene Hütte zu. Ein alter Mann
saß vor derselben.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Omar.

»Aaleïkum,« dankte der Alte.

»Du bist Abdullah el Hamis, der Salzverwieger?«

»Ja.«

»Hast du gesehen den Chabir Arfan Rakedihm aus Kris?«

»Er betrat bei Tagesanbruch mit einem fremden Manne das Land.«

»Was thaten sie?«

»Der Chabir ruhte bei mir aus und ging dann nach Bir Rekeb, um von da
nach Kris zurückzukehren. Der Fremde aber kaufte sich bei meinem Sohne
ein Pferd und fragte nach dem Wege nach Kbilli.«

»Ich danke dir, Abu el Malah!«[15]

    [15] »Vater des Salzes«.

Er ging schweigend weiter und führte uns in eine Hütte, wo wir einige
Datteln aßen und eine Schale Lagmi tranken. Dann ging es nach Beschni,
Negua und Mansurah, wo wir auf unsere Erkundigungen überall in Erfahrung
brachten, daß wir dem Gesuchten auf den Fersen seien. Von Mansurah ist
es gar nicht weit bis zu der großen Oase Kbilli. Dort gab es damals noch
einen türkischen Wekil[16], welcher unter der Aufsicht des Regenten von
Tunis den Nifzaua verwaltete. Hierzu waren ihm zehn Soldaten zur
Verfügung gestellt worden.

    [16] Statthalter.

Wir begaben uns zunächst in ein Kaffeehaus, wo Omar nicht lange Ruhe
hatte. Er verließ uns, um Erkundigungen einzuziehen, und kehrte erst
nach einer Stunde zurück.

»Ich habe ihn gesehen,« meldete er.

»Wo?« fragte ich.

»Beim Wekil.«

»Beim Statthalter?«

»Ja. Er ist sein Gast und trägt sehr prächtige Kleidung. Wenn ihr mit
ihm reden wollt, so müßt ihr kommen, denn es ist jetzt die Zeit der
Audienz.«

Mein Interesse war im höchsten Grade erregt. Ein steckbrieflich
verfolgter Mörder war der Gast eines großherrlichen Statthalters!

Omar führte uns über einen freien Platz hinweg nach einem steinernen,
niedrigen Hause, dessen Umfassungsmauern keine Spur von Fenstern
zeigten. Vor der Thür desselben standen Nefers[17], welche vor einem
Onbaschi[18] exerzierten, während der Saka[19] zuschauend an der Thür
lehnte. Wir wurden ohne Widerstand eingelassen und von einem Neger um
unser Begehr befragt. Er führte uns in das Selamlük, einen kahlwändigen
Raum, dessen einzige Ausstattung in einem alten Teppiche bestand, der in
einer Ecke des Zimmers ausgebreitet war. Auf demselben saß ein Mann mit
verschwommenen Gesichtszügen, welcher aus einer uralten persischen Hukah
Tabak rauchte.

    [17] Soldaten.

    [18] Korporal.

    [19] Tambour.

»Was wollt ihr?« fragte er.

Der Ton, in dem diese Frage ausgesprochen wurde, behagte mir nicht. Ich
antwortete daher mit einer Gegenfrage:

»Wer bist du?«

Er sah mich in starrem Erstaunen an und antwortete:

»Der Wekil!«

»Wir wollen mit dem Gaste reden, welcher heut oder gestern bei dir
angekommen ist.«

»Wer bist du?«

»Hier ist mein Paß.«

Ich gab ihm das Dokument in die Hand. Er warf einen Blick darauf,
faltete es zusammen und steckte es in die Tasche seiner weiten
Pumphosen.

»Wer ist dieser Mann?« fragte er dann weiter, indem er auf Halef
deutete.

»Mein Diener.«

»Wie heißt er?«

»Er nennt sich Hadschi Halef Omar.«

»Wer ist der andere?«

»Er ist der Führer Omar Ben Sadek.«

»Und wer bist du selbst?«

»Du hast es ja gelesen!«

»Ich habe es nicht gelesen.«

»Es steht in meinem Passe.«

»Er ist mit den Zeichen der Ungläubigen geschrieben. Von wem hast du
ihn?«

»Von dem französischen Gouvernement in Algier.«

»Das französische Gouvernement in Algier gilt hier nichts. Dein Paß hat
den Wert eines leeren Papieres. Also, wer bist du?«

Ich beschloß, den Namen zu behalten, welchen mir Halef gegeben hatte.

»Ich heiße Kara Ben Nemsi.«

»Du bist ein Sohn der Nemsi? Ich kenne sie nicht. Wo wohnen sie?«

»Vom Westen der Türkei bis an die Länder der Fransezler und Engleterri.«

»Ist die Oase groß, in der sie leben, oder haben sie mehrere kleine
Oasen?«

»Sie bewohnen eine einzige Oase, die aber so groß ist, daß fünfzig
Millionen Menschen auf ihr wohnen.«

»Allah akbar, Gott ist groß! Es giebt Oasen, in denen es von Geschöpfen
wimmelt. Hat diese Oase auch Bäche?«

»Sie hat fünfhundert Flüsse und Millionen Bäche. Viele von diesen
Flüssen sind so groß, daß Schiffe auf ihnen fahren, die mehr Menschen
fassen, als Basma oder Rahmath Einwohner hat.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Welch ein Unglück, wenn alle diese
Schiffe in einer Stunde von den Flüssen verschlungen würden! An welchen
Gott glauben die Nemsi?«

»Sie glauben an deinen Gott, aber sie nennen ihn nicht Allah sondern
Vater.«

»So sind sie wohl nicht Sunniten, sondern Schiiten?«

»Sie sind Christen.«

»Allah iharkilik, Gott verbrenne dich! So bist du also auch ein Christ?«

»Ja.«

»Ein Giaur? Und du willst es wagen, mit dem Wekil von Kbilli zu reden!
Ich werde dir die Bastonnade geben lassen, wenn du nicht sogleich dafür
sorgest, daß du mir aus den Augen kommst!«

»Habe ich etwas gethan, was gegen die Gesetze ist oder was dich
beleidigt?«

»Ja. Ein Giaur darf sich niemals unterstehen, mir unter die Augen zu
treten. Also wie heißt hier dieser dein Führer?«

»Omar Ben Sadek.«

»Gut! Omar Ben Sadek, wie lange dienst du diesem Nemsi?«

»Seit gestern.«

»Das ist nicht lange. Ich will also gnädig sein und dir nur zwanzig
Hiebe auf die Fußsohle geben lassen.«

Zu mir gewendet, fuhr er fort:

»Und wie heißt dieser dein Diener hier?«

»Allah akbar, Gott ist groß, aber er hat leider dein Gedächtnis so klein
gemacht, daß du dir nicht einmal zwei Namen merken kannst! Mein Diener
heißt, wie ich dir bereits gesagt habe, Hadschi Halef Omar.«

»Du willst mich beschimpfen, Giaur? Ich werde nachher dein Urteil
fällen! Also, Halef Omar, du bist ein Hadschi und dienst einem
Ungläubigen? Das verdient doppelte Streiche. Wie lange Zeit bist du
bereits bei ihm?«

»Fünf Wochen.«

»So wirst du sechzig Hiebe auf die Fußsohlen erhalten und darauf fünf
Tage hungern und dürsten müssen! Und du, nun wieder; wie war dein Name?«

»Kara Ben Nemsi.«

»Gut, Kara Ben Nemsi, du hast drei große Verbrechen begangen.«

»Welche, Sihdi?«

»Ich bin kein Sihdi; du hast mich Dschenabin-iz oder Hazretin-iz, also
Euer Gnaden oder Euer Hoheit zu nennen! Deine Verbrechen sind folgende:
du hast erstens zwei Rechtgläubige verführt, dir zu dienen, macht
fünfzehn Stockschläge; du hast zweitens es gewagt, mich in meinem Kef zu
stören, macht wieder fünfzehn Stockschläge; du hast drittens an meinem
Gedächtnisse gezweifelt, macht zwanzig Stockschläge; zusammen also
fünfzig Hiebe auf die Fußsohle. Und da es mein Recht ist, für jeden
Richterspruch das Wergi, die Abgabe, zu verlangen, so wird alles, was du
besitzest und bei dir trägst, von jetzt an mir gehören; ich konfisziere
es.«

»O, großer Dschenabin-iz, ich bewundere dich; deine Gerechtigkeit ist
erhaben, deine Weisheit ganz erhaben, deine Gnade noch erhabener und
deine Klugheit und Schlauheit am allererhabensten! Aber ich bitte dich,
edler Bei von Kbilli, laß uns deinen Gast sehen, ehe wir die Streiche
erhalten.«

»Was willst du von ihm?«

»Ich vermute, daß er ein Bekannter von mir ist, und möchte mich an
seinem Anblick weiden.«

»Er ist kein Bekannter von dir. Denn er ist ein großer Krieger, ein
edler Sohn des Sultans und ein strenger Anhänger des Kuran; er ist also
nie der Bekannte eines Ungläubigen gewesen. Aber damit er sehe, wie der
Wekil von Kbilli Verbrechen bestraft, werde ich ihn kommen lassen. Nicht
du sollst dich an seinem Anblick weiden, sondern er soll sich an den
Hieben ergötzen, welche ihr erhaltet. Er wußte, daß ihr kommen würdet.«

»Ah! Woher wußte er es?«

»Ihr seid vorhin an ihm vorübergegangen, ohne ihn zu sehen, und er hat
euch sofort bei mir angezeigt. Wäret ihr nicht von selbst gekommen, so
hätte ich euch holen lassen.«

»Er hat uns angezeigt? Weshalb?«

»Das werdet ihr noch hören. Ihr sollt dann eine zweite Strafe erhalten,
die noch größer ist als diejenige, welche ich euch vorhin diktiert
habe.«

Das war nun allerdings ein eigentümlicher, wunderlicher Verlauf, den
unsere Audienz bei diesem Beamten nahm. Ein Wekil mit zehn Stück
Soldaten in einer so vorgeschobenen, vergessenen Oase – er war
jedenfalls einmal nichts anderes gewesen, als höchstens Tschausch oder
Mülasim[20], und man weiß ja, was man von einem türkischen Lieutenant zu
halten hat. Diese Subalternen sind oder waren nichts anderes, als die
Stiefelputzer und Pfeifenstopfer der höheren Chargen. Man hatte den
guten Mann nach Kbilli gesetzt, um ihm Gelegenheit zu geben, für sich
selbst zu sorgen, und dann jedenfalls niemals wieder an ihn gedacht,
denn der Bei von Tunis hatte bereits alle türkischen Soldaten aus dem
Lande gejagt, und die Beduinenstämme standen nur in der Weise unter dem
Schutze des Großherrn, daß er ihren Häuptlingen jährlich die
ausbedungenen Ehrenburnusse schickte, während sie sich ihm dadurch
dankbar erwiesen, daß sie gar nicht mehr an ihn dachten. Der brave Wekil
war also in Beziehung auf seinen Unterhalt auf Erpressung angewiesen,
und da dies den Eingebornen gegenüber immer eine gefährliche Sache war,
so mußte ihm ein Fremder wie ich ganz gelegen kommen. Er wußte nichts
von Deutschland; er kannte nicht die Bedeutung der Konsulate; er wohnte
unter räuberischen Nomaden, glaubte mich schutzlos und nahm also an,
ungestraft thun zu können, was ihm beliebte.

    [20] Tschausch = Feldwebel; Mülasim = Lieutenant.

Allerdings hatte es seine Richtigkeit, daß ich nur auf mich selbst
angewiesen war, aber es fiel mir doch nicht ein, mich vor »Seiner
Hoheit« zu fürchten, vielmehr machte es mir Spaß, daß er uns in so
genialer Unverfrorenheit mit der Bastonnade beglücken wollte. Zugleich
war ich neugierig, ob sein Gastfreund wirklich der von uns gesuchte sei.
Omar konnte sich ja geirrt haben, was mir allerdings nicht
wahrscheinlich erschien, wenn ich in Betracht zog, daß dieser Gastfreund
uns angezeigt hatte. Welches Verbrechens er uns bezüchtigt hatte, ahnte
ich. Jedenfalls war er ein früherer Bekannter des Wekil und benutzte
dies, uns auf irgend eine Weise unschädlich zu machen.

Der Statthalter klatschte in die Hände, und sogleich erschien ein
schwarzer Diener, der sich vor ihm wie vor dem Sultan auf die Erde warf.
Der Wekil flüsterte ihm einige Worte zu, worauf er sich entfernte. Nach
einiger Zeit öffnete sich die Thür, und die zehn Soldaten mit ihrem
Onbaschi traten ein. Sie boten einen kläglichen Anblick in ihren aus
allen möglichen Fetzen zusammengesetzten Kleidern, die nicht im
mindesten einer militärischen Uniform glichen; die meisten von ihnen
waren barfuß, und alle trugen Gewehre, mit denen man alles eher thun
konnte, als schießen. Sie warfen sich kunterbunt durcheinander vor dem
Wekil nieder, der sie zunächst mit einem möglichst martialischen Blick
musterte und dann seinen Befehl aussprach:

»Kalkyn – steht auf!«

Sie erhoben sich, und der Onbaschi riß seinen mächtigen Sarras aus der
Scheide.

»Kylyn syraji – bildet die Reihe!« brüllte er mit einer Stentorstimme.

Sie stellten sich nebeneinander und hielten die Flinten nach Belieben in
den braunen Händen.

»Has – dur – das Gewehr über!« kommandierte er nun.

Die Flinten flogen empor, stießen gegen einander, gegen die Mauer oder
gegen die Köpfe der stattlichen Helden, kamen aber doch nach einiger
Zeit glücklich auf die Achseln ihrer Besitzer zu liegen.

»Isalam – dur – präsentiert das Gewehr!«

Wieder bildeten die Flinten einen wirren Knäuel, bei dessen
Unentwirrbarkeit es kein Wunder war, daß die eine ihren Lauf verlor. Der
Soldat bückte sich gemächlich nieder, hob ihn in die Höhe, betrachtete
ihn von allen Seiten, hielt ihn dann gegen das Licht, um
hindurchzugucken und sich zu überzeugen, daß das Loch, aus dem
geschossen wird, noch vorhanden sei, zog dann eine Palmenfaserschnur aus
der Tasche und band den desertierten Lauf behutsam auf dem Orte fest, wo
er hingehörte, nämlich an den Schaft. Dann endlich brachte er die
restaurierte Waffe mit höchst befriedigter Miene in diejenige Lage,
welche mit dem letzten Kommandoworte vorgeschrieben war.

»Sessiz, söjle – me – niz – steht still und schwatzt nicht!«

Bei diesem Rufe drückten sie die Lippen mit sichtlicher Kraft und
Energie zusammen und ließen durch ein sehr ernsthaftes Augenzwinkern
erkennen, daß es ihr unumstößlicher Wille sei, keinen Laut von sich zu
geben. Sie merkten, daß sie geholt worden seien, drei Verbrecher zu
bewachen, und da galt es also, uns zu imponieren.

Ich mußte mir wirklich Mühe geben, bei diesem sonderbaren Exerzitium
ernsthaft zu bleiben, und wie ich deutlich bemerkte, hatte meine heitere
Laune zugleich den Erfolg, den Mut meiner beiden Begleiter zu
befestigen.

Und wieder öffnete sich die Thür. Der Erwartete trat ein. Er war es.

Ohne uns eines Blickes zu würdigen, ging er zum Teppich, ließ sich an
der Seite des Wekil nieder und nahm die Pfeife aus der Hand des
Schwarzen, der mit ihm eingetreten war und sie ihm anbrannte. Dann erst
erhob er das Auge und musterte uns mit einer Verachtung, die gar nicht
größer gedacht werden konnte.

Jetzt nahm der Statthalter das Wort, indem er mich fragte:

»Dieser Mann ist es, den ihr sehen wolltet. Ist er ein Bekannter von
dir?«

»Ja.«

»Du hast recht gesprochen; er ist ein Bekannter von dir, das heißt, du
kennst ihn. Aber dein Freund ist er nicht.«

»Ich würde mich auch für seine Freundschaft sehr bedanken. Wie nennt er
sich?«

»Er heißt Abu en Nassr.«

»Das ist nicht wahr! Sein Name ist Hamd el Amasat.«

»Giaur, wage es nicht, mich der Lüge zu zeihen, sonst erhältst du
zwanzig Hiebe mehr! Allerdings heißt mein Freund Hamd el Amasat; aber
wisse, du Hund von einem Ungläubigen, als ich noch als Miralai in
Stambul stand, wurde ich einst des Nachts von griechischen Banditen
angefallen; da kam Hamd el Amasat dazu, sprach mit ihnen und rettete mir
das Leben. Seit jener Nacht heißt er Abu en Nassr, der Vater des Sieges,
denn niemand kann ihm widerstehen, nicht einmal ein griechischer
Bandit.«

Ich konnte mich nicht enthalten, lachend den Kopf zu schütteln, und
fragte:

»Du willst in Stambul Miralai, also Oberst gewesen sein? Bei welcher
Truppe?«

»Bei der Garde, du Sohn eines Schakals.«

Ich trat einen Schritt näher zu ihm heran und erhob die Rechte.

»Wage es noch einmal, mich zu schimpfen, so gebe ich dir eine Ssille,
das heißt eine solche Ohrfeige, daß du morgen deine Nase für ein Minaret
ansehen sollst! Du wärst mir der Kerl, ein Oberst gewesen zu sein! So
etwas darfst du wohl hier deinen Oasenhelden weismachen, nicht aber mir;
verstanden!«

Er erhob sich mit ungewöhnlicher Schnelligkeit. Das war ihm noch nie
vorgekommen, das ging über alle seine Begriffe; er starrte mich an, als
ob ich ein Gespenst sei, und stotterte dann, ich weiß nicht, ob vor Wut
oder vor Verlegenheit:

»Mensch, ich hätte sogar Lawi-Pascha werden können, also General-Major,
wenn mir die Stelle hier in Kbilli nicht lieber gewesen wäre!«

»Ja, du bist ein wahrer Ausbund von Mut und Tapferkeit. Du hast mit
Banditen gekämpft, welche dein Freund mit bloßen Worten besiegte, hörst
du es? Er ist also jedenfalls ein sehr guter Bekannter von ihnen gewesen
oder gar ein Mitglied ihrer Sippe. Er hat in Algier einen Raubmord
begangen; er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; er hat auf dem
Schott Dscherid meinen Führer, den Vater dieses Jünglings, erschossen,
weil er mich verderben wollte; er ist von mir verfolgt worden bis nach
Kbilli, und ich finde diesen Menschen wieder als den Freund eines
Mannes, der ein Oberst im Dienste des Großherrn gewesen zu sein
behauptet. Ich klage ihn des Mordes bei dir an und verlange, daß du ihn
gefangen nimmst!«

Jetzt erhob sich auch Abu en Nassr. Er rief:

»Dieser Mensch ist ein Giaur. Er hat Wein getrunken und weiß nicht, was
er redet. Er mag seinen Rausch verschlafen und sich dann verantworten.«

Das war mir denn doch zu viel. Im Nu hatte ich ihn gepackt, hob ihn
empor und warf ihn zu Boden. Er sprang auf und zog sein Messer.

»Hund, du hast dich an einem Gläubigen vergriffen; du mußt jetzt
sterben!«

Mit diesen Worten warf er sich mit aller Gewalt auf mich. Ich aber gab
ihm einen so wohlgezielten Faustschlag, daß er niederstürzte und
regungslos liegen blieb.

»Faßt ihn!« gebot der Wekil seinen Soldaten, indem er auf mich zeigte.

Ich erwartete, daß sie mich sofort packen würden, sah aber zu meiner
Verwunderung, daß es ganz anders kam. Der Unteroffizier nämlich trat vor
die Fronte der Seinigen und kommandierte:

»Komyn silahlari – legt die Gewehre weg!«

Alle bückten sich zugleich, legten ihre Flinten auf den Boden und
kehrten dann in ihre vorige Haltung zurück.

»Döndürmek sagha – rechts umgedreht!«

Sie machten halbe Wendung rechts und standen nun in einer Reihe hinter
einander.

»Gityn erkek tschewresinde, koschyn – iz – nehmt den Mann in die Mitte,
marsch!«

Wie auf dem Exerzierplatze erhoben sie den linken Fuß; der Flügelmann
markierte »sol – sagha, sol – sagha = links – rechts, links – rechts!«
sie marschierten um mich herum und blieben, als der Kreis gebildet war,
auf das Kommando des Unteroffiziers stehen.

»Onu tutmyn – ergreift ihn!«

Zwanzig Hände mit gerade hundert braunen, schmutzigen Fingern streckten
sich von hinten und vorn, von rechts und links nach mir aus und faßten
mich am Burnus. Die Sache war zu komisch, als daß ich eine Bewegung zu
meiner Befreiung hätte machen mögen.

»Dschenabin – iz, bizim – war herifu – Hoheit, wir haben den Kerl!«
meldete der Oberstkommandierende der tapfern Truppe.

»Brakyn – jok onu tekrar azad – laßt ihn nicht wieder frei!« gebot der
Statthalter mit strenger Miene.

Die hundert Finger krallten sich noch fester und tiefer in meinen Burnus
als vorher, und gerade die steife, orientalische Würde, mit der das
alles geschah, und die etwas urkomisch Marionettenhaftes hatte, war
schuld, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte.

Während dieses Vorganges hatte sich Abu en Nassr wieder erhoben. Seine
Augen funkelten vor Wut und Rachgier, als er zum Wekil sagte:

»Du wirst ihn erschießen lassen!«

»Ja, er soll erschossen werden; vorher aber werde ich ihn verhören, denn
ich bin ein gerechter Richter und mag niemand ungehört verurteilen.
Bring deine Anklage vor!«

»Dieser Giaur,« begann der Mörder, »ging mit einem Führer und seinem
Diener über den Schott; er traf auf uns und stürzte meinen Gefährten in
die Fluten, so daß dieser elend ertrinken mußte.«

»Warum that er dies?«

»Aus Rache.«

»Wofür wollte er sich rächen?«

»Er hat im Wadi Tarfaui einen Mann getötet; wir kamen dazu und wollten
ihn festnehmen, er aber entwischte uns.«

»Kannst du deine Worte beschwören?«

»Beim Barte des Propheten!«

»Das ist genug! – Hast du diese Worte vernommen?« fragte er mich dann.

»Ja.«

»Was sagst du dazu?«

»Daß er ein Schurke ist. Er war der Mörder und hat in seiner Anklage die
Personen geradezu verwechselt.«

»Er hat geschworen, und du bist ein Giaur. Ich glaube nicht dir, sondern
ihm.«

»Frage meinen Diener! Er ist mein Zeuge.«

»Er dient einem Ungläubigen; seine Worte gelten nichts. Ich werde den
großen Rat der Oase einberufen lassen, der meine Worte hören und über
dich entscheiden wird.«

»Du willst mir nicht glauben, weil ich ein Christ bin, und schenkst
dennoch einem Giaur dein Vertrauen. Dieser Mensch ist ein Armenier und
also kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Er hat beim Propheten geschworen.«

»Das ist eine Niederträchtigkeit und eine Sünde, für die ihn Gott
bestrafen wird. Wenn du mich nicht hören willst, so werde ich ihn beim
Rate der Oase verklagen.«

»Ein Giaur kann keinen Gläubigen verklagen, und der Rat der Oase könnte
ihm nicht das Geringste thun, denn mein Freund besitzt ein Bu-Djeruldu
und ist also ein Giölgeda padischahnün, einer, der im Schatten des
Großherrn steht.«

»Und ich bin ein Giölgeda senin kyralün, einer, der im Schatten seines
Königs wandelt. Auch ich habe ein Bu-Djeruldu; du hast es in deiner
Tasche.«

»Es ist in der Sprache der Giaurs geschrieben; ich würde mich
verunreinigen, wenn ich es läse. Deine Sache wird noch heute untersucht
werden, zunächst aber erhaltet ihr die Bastonnade: du fünfzig, dein
Diener sechzig und dein Führer zwanzig Hiebe auf die Fußsohle. Führt sie
hinab in den Hof; ich werde nachkommen!«

»Alykomün elleri – nehmt die Hände zurück!« gebot sofort der
Unteroffizier.

Die hundert Finger ließen augenblicklich von mir ab.

»Alyn – iz tüfenkleri – hebt die Flinten auf!«

Die Helden stürzten auf ihre Gewehre zu und nahmen sie wieder an sich.

»Wirmyn hep – ütsch – umschließt alle drei!«

Im Nu hatten sie mich, Halef und Omar umringt. Wir wurden hinaus in den
Hof geführt, in dessen Mitte sich ein bankartiger Block befand. Seine
Beschaffenheit deutete darauf hin, daß er zur Aufnahme derjenigen
bestimmt sei, welche die Bastonnade erhalten sollten.

Weil ich selbst mich ruhig gefügt hatte, waren auch meine beiden
Gefährten ohne allen Widerstand gefolgt, aber ich sah es in ihren Augen,
daß sie nur auf mein Beispiel warteten, um der Posse ein Ende zu machen.

Als wir eine Weile vor dem Blocke gehalten hatten, erschien der Wekil
mit Abu en Nassr. Der Schwarze trug den Teppich vor ihnen her, breitete
ihn auf dem Boden aus und reichte, als sie sich gesetzt hatten, ihnen
Feuer für ihre ausgegangenen Pfeifen. Jetzt deutete der Wekil auf mich.

»Wermyn ona elli – gebt ihm Fünfzig!«

Jetzt war es Zeit.

»Hast du mein Bu-Djeruldu noch in der Tasche?« fragte ich ihn.

»Ja.«

»Gieb es mir!«

»Du wirst es niemals zurückerhalten!«

»Warum?«

»Daß sich kein Gläubiger daran verunreinigen kann.«

»Du willst mich wirklich schlagen lassen?«

»Ja.«

»So werde ich dir zeigen, wie es ein Nemsi macht, wenn er gezwungen ist,
sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen!«

Der kleine Hof war an drei Seiten von einer hohen Mauer und an der
vierten von dem Gebäude umschlossen; es gab keinen andern Ausgang als
denjenigen, durch welchen wir eingetreten waren. Zuschauer gab es nicht;
wir waren also drei gegen dreizehn. Die Waffen hatte man uns gelassen,
so erforderte es der ritterliche Gebrauch der Wüste; der Wekil war
völlig unschädlich, ebenso auch seine Soldaten, und nur Abu en Nassr
konnte gefährlich werden. Ich mußte ihn vor allen Dingen kampfunfähig
machen.

»Hast du eine Schnur?« fragte ich Omar leise.

»Ja; meine Burnusschnur.«

»Mache sie los!« Und gegen Halef fügte ich hinzu: »Du springst zum
Ausgang und lässest keinen Menschen durch!«

»Verschaffe sie dir!« hatte indessen der Wekil geantwortet.

»Sogleich!«

Mit diesen Worten sprang ich ganz plötzlich zwischen den Soldaten
hindurch und auf Abu en Nassr zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und
drückte ihm das Knie so fest auf den Nacken, daß er sich in seiner
sitzenden Stellung nicht zu rühren vermochte.

»Binde ihn!« gebot ich Omar.

Dieser Befehl war eigentlich überflüssig, denn Omar hatte mich sofort
begriffen und war bereits dabei, seine Schnur um die Arme des Armeniers
zu schlingen. Ehe nur eine Bewegung gegen uns geschehen konnte, war er
gefesselt. Mein plötzlicher Angriff hatte den Wekil und seine Leibwache
so perplex gemacht, daß sie mich ganz konsterniert anstaunten. Ich zog
jetzt mit der Rechten mein Messer und faßte ihn mit der Linken am
Genick. Er streckte vor Entsetzen Arme und Beine von sich, als ob er
bereits vollständig tot sei; desto mehr Leben aber kam in die Soldaten.

»Hatschyn, aramin imdadi – reißt aus, bringt Hilfe!« brüllte der
Onbaschi, der zuerst die Sprache wiedergefunden hatte.

Sein Säbel wäre ihm hinderlich geworden, er warf ihn weg und rannte dem
Ausgange zu; die andern folgten ihm. Dort aber stand bereits der wackere
Halef mit schußfertigem Gewehre.

»Geri; durar – siz bunda – zurück! Ihr bleibt hier!« rief er ihnen
entgegen.

Sie stutzten, wandten sich um und sprangen nach allen vier Richtungen
auseinander, um Schutz in den Mauerecken zu suchen.

Auch Omar hatte sein Messer gezogen und stand mit finsterem Blick
bereit, es Abu en Nassr in das Herz zu stoßen.

»Bist du tot?« fragte ich den Wekil.

»Nein, aber du wirst mich töten?«

»Das kommt auf dich an, du Inbegriff aller Gerechtigkeit und Tapferkeit.
Aber ich sage dir, daß dein Leben an einem dünnen Haare hängt.«

»Was verlangst du von mir, Sihdi?«

Noch ehe ich antwortete, erscholl der angstvolle Ruf einer Weiberstimme.
Ich blickte auf und bemerkte eine kleine dicke, weibliche Gestalt,
welche vom Eingange her mit möglichster Anstrengung auf uns
zuge – – kugelt kam.

»Tut – halt!« rief sie mir kreischend zu. »Öldirme onu; dir benim
kodscha – töte ihn nicht; er ist mein Mann!«

Also diese dicke, runde Madame, welche unter ihrer dichten Kleiderhülle
mit wahrhaft schwimmähnlichen Bewegungen auf mich zusteuerte, war die
gnädige Frau Statthalterin. Jedenfalls hatte sie von dem mit einem
Holzgitter versehenen Frauengemache aus der interessanten Exekution
zusehen wollen und zu ihrem Entsetzen bemerken müssen, daß dieselbe
jetzt an ihrem Ehegatten vollzogen werden solle. Ich fragte ihr ruhig
entgegen:

»Wer bist du?«

»Im kary wekilün, ich bin das Weib des Wekil,« antwortete sie.

»Ewet, dir benim awret, gül Kbillinün – ja, sie ist mein Weib, die Rose
von Kbilli,« bestätigte ächzend der Statthalter.

»Wie heißt sie?«

»Demar-im Mersinah – ich heiße Mersinah,« berichtete sie.

»He, demar Mersinah – ja, sie heißt Mersinah,« ertönte das Echo aus dem
Munde des Wekil.

Also sie war die »Rose von Kbilli« und hieß Mersinah, d. i. Myrte. Einem
so zarten Wesen gegenüber mußte ich nachgiebig sein.

»Wenn du mir die Morgenröte deines Antlitzes zeigst, o Blume der Oase,
so werde ich meine Hand von ihm nehmen,« sagte ich.

Sofort flog der Jaschmak, der Schleier, von ihrem Angesichte. Sie hatte
lange Zeit unter den Arabern gelebt, deren Frauen unverhüllt gehen, und
war also weniger zurückhaltend geworden, als unter andern Verhältnissen
die Türkinnen sein müssen. Übrigens handelte es sich hier, wie sie
dachte, um das kostbare Leben ihres Eheherrn.

Ich blickte in ein farbloses, mattes, verschwommenes Frauenangesicht,
welches so fett war, daß man die Augen kaum und das Stumpfnäschen
beinahe gar nicht unterscheiden konnte. Madame Wekil war vielleicht
vierzig Jahre alt, hatte aber die Folgen dieses Alters durch hochgemalte
schwarze Augenbrauen und rotangestrichene Lippen zu paralysieren
gesucht. Zwei schwarze, mittels einer Kohle je auf der Mitte der Wange
hervorgebrachte Punkte gaben ihr ein pittoreskes Aussehen, und als sie
jetzt die Vorderarme aus der Hülle streckte, bemerkte ich, daß sie nicht
bloß die Nägel, sondern auch die ganzen Hände mit Henna rot gefärbt
hatte.

»Ich danke dir, du Sonne vom Dscherid!« schmeichelte ich. »Wenn du mir
versprichst, daß der Wekil ruhig sitzen bleibt, soll ihm jetzt kein Leid
geschehen.«

»Kaladschak-dir – er wird sitzen bleiben; ich verspreche es dir!«

»So mag er es deiner Lieblichkeit danken, daß ich ihn nicht zerdrücke
wie eine Indschir, wie eine Feige, die in der Presse liegt, um
getrocknet zu werden. Deine Stimme gleicht der Stimme der Flöte; dein
Auge glänzt wie das Auge der Sonne; deine Gestalt ist wie die Gestalt
von Scheherezade. Nur dir allein bringe ich das Opfer, daß ich ihn leben
lasse!«

Ich nahm die Hand von ihm; er richtete sich auf, indem er erleichtert
stöhnte, blieb aber gehorsam in seiner sitzenden Stellung. Sie
betrachtete mich sehr aufmerksam vom Kopfe bis zu den Füßen herab und
fragte dann mit freundlichem Tone:

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Nemsi, ein Fremdling, dessen Heimat weit drüben über dem
Meere liegt.«

»Sind eure Frauen schön?«

»Sie sind schön, aber sie gleichen doch nicht den Frauen am Schott El
Kebihr.«

Sie nickte, befriedigt lächelnd, und ich sah es ihr an, daß ich Gnade
vor ihren Augen gefunden hatte.

»Die Nemsi sind sehr kluge, sehr tapfere und sehr höfliche Leute, das
habe ich schon oft gehört,« entschied sie. »Du bist uns willkommen! Doch
warum hast du diesen Mann gebunden; warum fliehen unsere Soldaten vor
dir, und warum wolltest du den mächtigen Statthalter töten?«

»Ich habe diesen Mann gebunden, weil er ein Mörder ist; deine Soldaten
flohen vor mir, weil sie merkten, daß ich sie alle elf besiegen würde,
und den Wekil habe ich gebunden, weil er mich schlagen und dann
vielleicht sogar zum Tode verurteilen wollte, ohne mir Gerechtigkeit zu
geben.«

»Du sollst Gerechtigkeit haben!«

Da wollte sich mir die Überzeugung aufdrängen, daß der Pantoffel im
Oriente dieselbe zauberische Kraft besitzt, wie im Abendlande. Der Wekil
sah seine Autorität bedroht und machte einen Versuch, sie wieder
herzustellen:

»Ich bin ein gerechter Richter und werde – – –«

»Sus-olmar-sen – du wirst schweigen!« gebot sie ihm. »Du weißt, daß ich
diesen Menschen kenne, der sich Abu en Nassr, Vater der Sieger, nennt;
er sollte sich aber Abu el Jalani, Vater der Lügner, nennen. Er war
schuld, daß man dich nach Algier schickte, grad als du Mülasim werden
konntest; er war schuld, daß du dann nach Tunis kamst und hier in dieser
Einsamkeit vergraben wurdest, und so oft er hier bei dir war, mußtest du
etwas thun, was dir Schaden brachte. Ich hasse ihn, ich hasse ihn und
habe nichts dagegen, daß dieser Fremdling hier ihn tötet. Er hat es
verdient!«

»Er kann nicht getötet werden; er ist ein Giölgeda padischahnün!«

»Tut aghyzi, halte den Mund! Er ist ein Giölgeda padischahnün, das
heißt, er steht im Schatten des Padischah; dieser Fremdling aber ist ein
Giölgeda wekilanün, das heißt, er steht im Schatten der Statthalterin,
in meinem Schatten, hörst du? Und wer in meinem Schatten steht, den soll
deine Hitze nicht verderben. Steh auf und folge mir!«

Er erhob sich; sie wandte sich zum Gehen, und er machte Miene, sich ihr
anzuschließen. Das war natürlich ganz gegen meine Absicht.

»Halt!« gebot ich, indem ich ihn nochmals beim Genick faßte. »Du bleibst
da!«

Da wandte sie sich um.

»Hast du nicht gesagt, daß du ihn freigeben willst?« fragte sie.

»Ja, doch nur unter der Bedingung, daß er an seinem Platze bleibt.«

»Er kann doch nicht in alle Ewigkeit hier sitzen bleiben!«

»Du hast recht, o Perle von Kbilli; aber er kann jedenfalls so lange
hier bleiben, bis meine Angelegenheit erledigt ist.«

»Die ist bereits erledigt.«

»Inwiefern?«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß du uns willkommen bist?«

»Das ist richtig.«

»Du bist also unser Gast und sollst mit den Deinen so lange bei uns
wohnen, bis es dir gefällig ist, uns wieder zu verlassen.«

»Und Abu en Nassr, den du Abu el Jalani genannt hast?«

»Er bleibt dein, und du kannst mit ihm machen, was du willst.«

»Ist das wahr, Wekil?«

Er zögerte, eine Antwort zu geben, doch ein strenger Blick aus den Augen
seiner Herrin zwang ihn, zu sprechen:

»Ja.«

»Du schwörst es mir?«

»Ich schwöre es.«

»Bei Allah und seinem Propheten?«

»Muß ich?« fragte er Madame, die Rose von Kbilli.

»Du mußt!« antwortete sie sehr entschieden.

»So schwöre ich es bei Allah und dem Propheten.«

»Nun darf er mit mir gehen?« fragte sie mich.

»Er darf,« antwortete ich.

»Du wirst nachkommen und mit uns einen Hammel mit Kuskussu speisen.«

»Hast du einen Ort, an dem ich Abu en Nassr sicher aufbewahren kann?«

»Nein. Binde ihn an den Stamm der Palme dort an der Mauer. Er wird dir
nicht entfliehen, denn ich werde ihn durch unsere Truppen bewachen
lassen.«

»Ich werde ihn selbst bewachen,« antwortete Omar an meiner Stelle. »Er
wird mir nicht entfliehen, sondern mit seinem Tode das Leben meines
Vaters bezahlen. Mein Messer wird so scharf sein, wie mein Auge.«

Der Mörder hatte von dem Augenblick seiner Fesselung an nicht das
kleinste Wort gesprochen; aber sein Auge glühte tückisch und unheimlich
auf uns, als er uns nach der Palme folgen mußte, an welcher wir ihn
festbanden. Es lag wahrhaftig nicht in meiner Absicht, ihm das Leben zu
nehmen; aber er war der Blutrache verfallen, und ich wußte, daß keine
Bitte meinerseits Omar vermocht hätte, ihn zu begnadigen. Ed d’em b’ed
d’em, oder wie der Türke sagt, kan kanü ödemar, das Blut bezahlt das
Blut. Am liebsten wäre es mir trotz allem gewesen, wenn es ihm gelingen
konnte, ohne meine Mitwissenschaft zu entwischen; aber so lange ich mich
auf seiner Fährte befunden hatte und so lange er sich in meiner Gewalt
befand, mußte ich ihn als Feind und Mörder betrachten und also auch als
solchen behandeln. Gewiß war es auf alle Fälle, daß er mich nicht
schonen würde, falls ich das Unglück haben sollte, in seine Hand zu
fallen.

Ich ließ ihn also in der Obhut Omars und begab mich mit Halef nach dem
Selamlük. Unterwegs fragte mich der kleine Diener:

»Du sagtest, dieser Mensch sei kein Moslem. Ist dies wahr?«

»Ja. Er ist ein armenischer Christ und giebt sich da, wo er es für
geboten hält, für einen Mohammedaner aus.«

»Und du hältst ihn für einen schlechten Menschen?«

»Für einen sehr schlechten.«

»Siehst du, Effendi, daß die Christen schlechte Menschen sind! Du mußt
dich zum wahren Glauben bekennen, wenn du nicht in alle Ewigkeit in der
Dschehennah braten willst!«

»Und du wirst selbst so lange darin braten!«

»Weshalb?«

»Hast du mir nicht erzählt, daß im Derk Asfal, in der siebenten und
tiefsten Hölle, alle Lügner und Heuchler braten und die Teufelsköpfe vom
Baume Zakum essen müssen?«

»Ja, aber was habe ich damit zu schaffen?«

»Du bist ein Lügner und Heuchler!«

»Ich, Sihdi? Meine Zunge redet die Wahrheit, und in meinem Herzen ist
kein Falsch. Wer mich so nennt, wie du mich nanntest, den wird meine
Kugel treffen!«

»Du lügst, Mekka gesehen zu haben, und heuchelst, ein Hadschi zu sein.
Soll ich das dem Wekil erzählen?«

»Aman, aman, verzeihe! Das wirst du nicht thun an Hadschi Halef Omar,
dem treuesten Diener, den du finden kannst!«

»Nein, ich werde es nicht thun; aber du kennst auch die Bedingung, unter
welcher ich schweige.«

»Ich kenne sie und werde mich in acht nehmen, doch wirst du dennoch ein
wahrer Gläubiger werden, du magst nun wollen oder nicht, Sihdi!«

Wir traten ein und wurden bereits von dem Wekil erwartet. Es war
keineswegs die freundlichste Miene, mit welcher er mich empfing.

»Setze dich!« lud er mich ein.

Ich folgte seiner Aufforderung und nahm hart neben ihm Platz, während
Halef sich mit den Pfeifen zu thun machte, welche man mittlerweile in
einer Ecke des Raumes bereitgestellt hatte.

»Warum wolltest du das Angesicht meines Weibes sehen?« begann die
Unterhaltung.

»Weil ich ein Franke bin, der gewohnt ist, stets das Angesicht dessen zu
sehen, mit dem er spricht.«

»Ihr habt schlechte Sitten! Unsere Frauen verbergen sich, die eurigen
aber lassen sich sehen. Unsere Frauen tragen Kleider, die oben lang und
unten kurz sind; die eurigen aber haben Gewänder, welche oben kurz und
unten lang, oft auch oben und unten zugleich kurz sind. Habt ihr jemals
eine unserer Frauen bei euch gesehen? Eure Mädchen aber kommen zu uns,
und weshalb? O jazik, o wehe!«

»Wekil, ist das die Gastfreundschaft, welche mir von euch geboten
wurde? Seit wann ist es Sitte geworden, den Gastfreund mit einer
Beleidigung zu empfangen? Ich brauche weder deinen Hammel noch dein
Kuskussu und werde wieder hinuntergehen in den Hof. Folge mir!«

»Effendi, verzeihe mir! Ich wollte dir nur sagen, was ich dachte, aber
ich wollte dich nicht beleidigen.«

»Wer nicht beleidigen will, darf nicht stets sagen, was er denkt. Ein
schwatzhafter Mensch gleicht einem zerbrochnen Topfe, den niemand
brauchen kann, weil er nichts bewahrt.«

»Setze dich wieder nieder, und erzähle mir, wo du Abu en Nassr getroffen
hast.«

Ich erstattete ihm ausführlichen Bericht von unserem Abenteuer. Er hörte
schweigend zu und schüttelte sodann den Kopf.

»Du glaubst also, daß er den Kaufmann in Blidah ermordet hat?«

»Ja.«

»Du warst nicht dabei!«

»Ich schließe es.«

»Nur Allah allein darf schließen; er ist allwissend, und des Menschen
Gedanke ist wie der Reiter, den ein ungehorsames Pferd dorthin trägt,
wohin er nicht kommen wollte.«

»Nur Allah darf schließen, weil er allwissend ist? O Wekil, dein Geist
ist müde von den vielen Hammeln mit Kuskussu, die du gegessen hast! Eben
weil Allah allwissend ist, braucht er nicht zu schließen; wer schließt,
der sucht ein Ergebnis seiner Folgerungen, ohne es vorher zu kennen.«

»Ich höre, daß du ein Taleb bist, ein Gelehrter, der viele Schulen
besucht hat, denn du sprichst in Worten, die niemand verstehen kann.
Und du glaubst auch, daß er den Mann im Wadi Tarfaui getötet hat?«

»Ja.«

»Warst du dabei?«

»Nein.«

»So hat es dir der Tote erzählt?«

»Wekil, die Hammel, welche du verzehrtest, hätten gewußt, daß ein Toter
nicht mehr sprechen kann!«

»Effendi, jetzt sprichst du selbst eine Unhöflichkeit! Also du warst
nicht dabei, und der Tote konnte es dir nicht sagen; woher also willst
du wissen, daß er ein Mörder ist?«

»Ich schließe es.«

»Ich habe dir bereits gesagt, daß nur Allah schließen darf!«

»Ich habe seine Spur gesehen und verfolgt, und als ich ihn traf, hat er
mir den Mord eingestanden.«

»Daß du seine Spur gefunden hast, ist kein Beweis, daß er ein Mörder
ist, denn mit einer Spur hat noch niemand einen Menschen erschlagen. Und
daß er dir den Mord eingestanden hat, das macht mich nicht irre; er ist
ein Kusch-schakanün, ein Spaßvogel, dessen Absicht es war, sich einen
Scherz zu machen.«

»Mit einem Morde spaßt man nicht!«

»Aber mit einem Menschen, und der warst du. Und du glaubst auch endlich,
daß er den Führer Sadek erschossen hat?«

»Ja.«

»Du warst dabei?«

»Allerdings.«

»Und hast es gesehen?«

»Sehr deutlich. Auch Hadschi Halef Omar ist Zeuge.«

»Nun wohl, so hat er ihn erschossen; aber willst du wirklich deshalb
sagen, daß er ein Mörder sei?«

»Natürlich!«

»Sihdi, Allah stärke deine Gedanken, denn du sollst gleich einsehen, daß
der Mensch nicht schließen soll!«

»Nun?«

»Weil du Zeuge bist, daß er den Führer erschossen hat, schließest du,
daß er ein Mörder sei?«

»Das versteht sich doch ganz von selbst.«

»Falsch! Wenn es nun eine Blutrache gewesen wäre! Gibt es in deinem
Lande keine Blutrache?«

»Nein.«

»So sage ich dir, daß der Bluträcher niemals ein Mörder ist. Kein
Richter verdammt ihn; nur diejenigen, zu denen der Tote gehörte, haben
das Recht, ihn zu verfolgen.«

»Aber Sadek hat ihn nicht beleidigt!«

»So wird ihn der Stamm beleidigt haben, zu welchem Sadek gehörte.«

»Auch das ist nicht der Fall. Wekil, ich will dir sagen, daß ich
meinerseits mit diesem Abu en Nassr, der eigentlich Hamd el Amasat heißt
und schon vorher wohl auch noch einen armenischen Namen getragen hat,
gar nichts zu schaffen haben mag, sobald er mich in Ruhe läßt. Aber er
hat den Führer Sadek erschlagen, dessen Sohn Omar Ben Sadek ist, und
dieser letztere hat also, wie du vorhin selbst erklärtest, ein Recht auf
das Leben des Mörders. Mache es mit ihm ab, doch sorge auch dafür, daß
mir dieser Vater der Sieger nicht wieder begegnet, sonst rechne ich mit
ihm ab!«

»Sihdi, jetzt trieft deine Rede von Weisheit. Ich werde mit Omar
sprechen, der ihn freigeben soll; du aber bist mein Gast, so lange es
dir gefällt.«

Er erhob sich und schritt nach dem Hofe. Ich wußte voraus, daß alle
seine Bemühungen bei Omar vergeblich sein würden. Wirklich kehrte er
nach einer Zeit mit finsterer Miene zurück und blieb auch schweigsam,
als der am Spieße gebratene Hammel aufgetragen wurde, den die lieblichen
Hennafinger der »Rose von Kbilli« zubereitet hatten. Ich und Halef, wir
langten wacker zu, und eben hatte mir der Wekil gesagt, daß Omar seine
Mahlzeit hinaus in den Hof bekommen solle, da er nicht zu bewegen sei,
von seinem Gefangenen fortzugehen, als draußen ein lauter Schrei
erscholl. Ich horchte auf, und der Ruf wiederholte sich: »Breh,
Effendina, zu Hilfe!«

Dieser Ruf galt mir. Ich sprang auf und eilte hinaus. Omar lag an der
Erde und balgte sich mit den Soldaten herum, der Gefangene aber war
nicht zu sehen. Am andern Ausgange aber stand der Schwarze und grinste
mir mit schadenfroher Miene entgegen:

»Fort, Sihdi – dort reiten!«

Drei Schritte brachten mich vor das Haus, und ich sah Abu en Nassr eben
zwischen den Palmen verschwinden. Er ritt ein Eilkamel, welches einen
ganz famosen Schritt zu haben schien. Ich erriet alles. Der Wekil war
erfolglos im Hofe gewesen, aber er wollte Abu en Nassr retten; er hatte
dem Schwarzen den Befehl gegeben, das Kamel bereit zu halten, und den
Soldaten befohlen, Omar zu halten und den Gefangenen loszuschneiden. Die
elf mutigen Helden hatten sich an diesen Einen gewagt, und der Streich
war gelungen.

Freilich hatten sie dieses Gelingen teuer bezahlt. Omar hatte sein
Messer gebraucht, und als ich den Knäuel, den die Kämpfenden bildeten,
auseinanderbrachte, sah ich, daß mehrere von ihnen bluteten.

»Er ist fort, Sihdi!« keuchte der junge Führer vor Wut und Anstrengung.

»Ich sah es.«

»Wohin?«

»Dorthin.«

Ich deutete mit der Hand die Himmelsrichtung an.

»Strafe du diese hier, Effendi, ich aber werde dem Entflohenen
nachjagen.«

»Er saß auf einem Reitkamele.«

»Ich werde ihn dennoch ereilen.«

»Du hast kein Tier!«

»Sihdi, ich habe hier Freunde, welche mir ein edles Tier geben werden,
und Datteln und Wasserschläuche. Ehe er am Horizonte verschwindet, werde
ich auf seiner Spur sein. Du wirst auch die meinige finden, wenn du mir
nachkommen willst.«

Er eilte von dannen.

Halef hatte alles gesehen und mir auch geholfen, Omar aus den Händen der
Soldaten zu befreien. Er glühte vor Zorn.

»Warum habt ihr diesen Menschen befreit, ihr Hunde, ihr Abkömmlinge von
Mäusen und Ratten – – –«

Er hätte sicherlich seine Strafpredigt fortgesetzt, wenn nicht die
Wekila auf dem Platze erschienen wäre. Sie war wieder dicht
verschleiert.

»Was ist geschehen?« fragte sie mich.

»Deine Truppen sind über meinen Führer hergefallen –«

»Ihr Schurken, ihr Buben!« rief sie, mit dem Fuße stampfend und die
roten Fäuste durch die Hülle zwängend.

»Und haben den Gefangenen befreit – – –«

»Ihr Spitzbuben, ihr Betrüger!« fuhr sie fort, und es hatte allen
Anschein, als ob sie sich an ihnen vergreifen werde.

»Auf Befehl des Wekil,« fügte ich hinzu.

»Des Wekil? – Der Wurm, der Ungehorsame, der Unnütze, der Trotzkopf!
Meine Hand soll über ihn kommen, und zwar sogleich, in diesem
Augenblick!«

Sie wandte sich um und ruderte in vollem Zorne nach dem Selamlük.

O du beglückende Pantoffelherrschaft, dein Zepter ist ganz dasselbe im
Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen!

Halef machte ein sehr befriedigtes Gesicht und meinte:

»Sie ist der Wekil und er die Wekila, und wir stehen uns hier besser am
Giölgeda wekilanün, im Schatten der Statthalterin, als wenn wir ein
Bu-Djeruldu hätten und der Giölgeda padischahnün, der Schatten des
Großherrn, uns beschützte. Hamdulillah, Preis sei Allah, daß ich nicht
so glücklich bin, der Wekil dieser Statthalterin zu sein!« – – –



Drittes Kapitel.

Im Harem.


Es war um die Zeit, in welcher die ägyptische Sonne ihre Strahlen mit
der gesteigertsten Glut auf die Erde sendet und ein jeder, den nicht die
Not hinaus unter den freien Himmel treibt, sich unter den Schutz seines
Daches zurückzieht und nach der möglichsten Ruhe und Kühlung strebt.

Auch ich lag auf dem weichen Diwan meiner gemieteten Wohnung, schlürfte
würzigen Mokka und schwelgte im Dufte des würzigen Djebeli, welcher
meiner Pfeife entströmte. Die starken, nach außen fensterlosen Mauern
boten dem Sonnenbrande Einhalt, und die aufgestellten porösen
Thongefäße, durch deren Wände das Nilwasser verdunstete, machten die
Atmosphäre so erträglich, daß ich von der während der Mittagszeit hier
so gewöhnlichen Abspannung des Menschen wenig oder gar nichts bemerkte.

Da erhob sich draußen die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha.

Halef Agha? Ja, mein guter, kleiner Halef war ein Agha, ein Herr
geworden, und wer hat ihn dazu gemacht? Spaßhafte Frage! Wer denn sonst
als er selbst!

Wir waren über Tripolis und Kufarah nach Ägypten gekommen, hatten Kairo
besucht, welches der Ägypter schlechtweg el Masr, die Hauptstadt, oder
noch lieber el Kahira, die Siegreiche, nennt, waren den Nil, so weit es
mir meine beschränkten Mittel erlaubten, hinaufgefahren und hatten uns
dann zum Ausruhen die Wohnung genommen, in welcher ich mich ganz wohl
befunden hätte, wenn nicht mein sonst ganz prächtiger Diwan und alle
Teppiche sehr dicht von jenen springfertigen, stechkundigen Geschöpfen
heimgesucht worden wären, von welchen der alte, gute Fischart dichtete:

    »Mich bizt neizwaz, waz mag daz sein?«

und von denen man außer dem großäugigen #Pulex canis# und dem rötlichen
#Pulex musculi# noch den allbeliebten #Pulex irritans# und den wütenden
#Pulex penetrans# kennen gelernt hat. Leider muß ich sagen, daß Ägypten
nicht das Jagdgefilde des #»irritans«#, sondern des #»penetrans«#, also
nicht des »reizenden« sondern des »durchdringenden« #Pulex# ist, und so
brauche ich wohl nicht hinzuzufügen, daß mein Kef, meine Mittagsruhe,
nicht ganz ohne alle Belästigung geblieben war.

Also draußen erhob sich die scheltende Stimme meines Dieners Halef Agha,
die mich aus meinen Träumen weckte:

»Was? Wie? Wen?«

»Den Effendi,« antwortete es schüchtern.

»Den Effendi el kebihr, den großen Herrn und Meister willst du stören?«

»Ich muß ihn sprechen.«

»Was? Du mußt? Jetzt, in seinem Kef? Hat dir der Teufel – Allah
beschütze mich vor ihm! – den Kopf mit Nilschlamm gefüllt, so daß du
nicht begreifen kannst, was ein Effendi, ein Hekim, zu bedeuten hat, ein
Mann, den der Prophet mit Weisheit speist, so daß er alles kann, sogar
die Toten lebendig machen, wenn sie ihm nur sagen, woran sie gestorben
sind!«

Ach, ja wohl, ich muß es eingestehen, daß mein Halef hier in Ägypten
viel, viel anders geworden war! Er war jetzt außerordentlich stolz,
unendlich grob und heillos aufschneiderisch geworden, und das will im
Oriente viel sagen.

Im Morgenlande wird jeder Deutsche für einen großen Gärtner und jeder
Ausländer für einen guten Schützen oder für einen großen Arzt gehalten.
Nun war mir unglücklicherweise in Kairo eine alte, nur noch halb
gefüllte homöopatische Apotheke von Willmar Schwabe in die Hand
gekommen; ich hatte hier und da bei einem Fremden oder Bekannten fünf
Körnchen von der dreißigsten Potenz versucht, dann während der Nilfahrt
meinen Schiffern gegen alle möglichen eingebildeten Leiden eine
Messerspitze Milchzucker gegeben und war mit ungeheurer Schnelligkeit in
den Ruf eines Arztes gekommen, der mit dem Scheïtan im Bunde stehe, weil
er mit drei Körnchen Durrhahirse Tote lebendig machen könne.

Dieser Ruf hatte in dem Kopfe meines Halef eine gelinde Art von
Größenwahn erweckt, der ihn aber glücklicherweise nicht hinderte, mir
der treueste und aufmerksamste Diener zu sein. Daß er am meisten
beitrug, meinen Ruhm zu verbreiten, das versteht sich ganz von selbst;
er war ganz und gar in das schmachvolle Laster des weiland Barons
Münchhausen #senior# verfallen und versuchte nebenbei, durch eine
Grobheit zu glänzen, welche klassisch zu werden drohte.

So hatte er sich, unter anderem, von seinem geringen Lohne eine
Nilpeitsche gekauft, ohne welche er gar nicht zu sehen war. Er kannte
Ägypten von früherher und behauptete, daß ohne Peitsche da gar nicht
auszukommen sei, weil sie größere Wunder thue als Höflichkeit und Geld,
von welchem letzteren mir allerdings kein großer Überfluß zur Verfügung
stand.

»Gott erhalte deine Rede, Sihdi,« hörte ich die bittende Stimme wieder;
»aber ich muß deinen Effendi, den großen Arzt aus Frankhistan, wirklich
sehen und sprechen.«

»Jetzt nicht.«

»Es ist sehr notwendig, sonst hätte mich mein Herr nicht gesandt.«

»Wer ist dein Herr?«

»Es ist der reiche und mächtige Abrahim-Mamur, dem Allah tausend Jahre
schenken möge.«

»Abrahim-Mamur? Wer ist denn dieser Abrahim-Mamur, und wie hieß sein
Vater? Wer war der Vater seines Vaters und der Vater seines Vatervaters?
Von wem wurde er geboren und wo leben die, denen er seinen Namen
verdankt?«

»Das weiß ich nicht, Sihdi, aber er ist ein mächtiger Herr, wie ja schon
sein Name sagt.«

»Sein Name? Was meinst du?«

»Abrahim-Mamur. Mamur heißt Vorsteher einer Provinz, und ich sage dir,
daß er wirklich ein Mamur gewesen ist.«

»Gewesen? Er ist es also nicht mehr?«

»Nein.«

»Das dachte ich mir. Niemand kennt ihn, selbst ich, Halef Agha, der
tapfere Freund und Beschützer meines Gebieters, habe noch nie von ihm
gehört und noch nie die Spitze seines Tarbusch gesehen. Gehe fort, mein
Herr hat keine Zeit.«

»So sage mir, Sihdi, was ich thun muß, um zu ihm zu kommen!«

»Kennst du nicht das Wort von dem silbernen Schlüssel, der die Stätten
der Weisheit erschließt?«

»Ich habe diesen Schlüssel bei mir.«

»So schließe auf.«

Ich horchte gespannt und vernahm das leise Klimpern von Geldstücken.

»Ein Piaster? Mann, ich sage dir, daß das Loch im Schlosse größer ist,
als dein Schlüssel; er paßt nicht, denn er ist zu klein.«

»So muß ich ihn vergrößern.«

Wieder klang es draußen wie kleine Silberstücke. Ich wußte nicht, sollte
ich lachen oder mich ärgern. Dieser Halef Agha war ja ein ganz
außerordentlich geriebener Portier geworden!

»Drei Piaster? Gut, so kann man wenigstens fragen, was du bei dem
Effendi auszurichten hast.«

»Er soll kommen und seine verzaubernde Medizin mitbringen.«

»Mensch, was fällt dir ein! Für drei Piaster soll ich ihn verleiten,
diese Medizin wegzugeben, welche ihm in der ersten Nacht jedes Neumondes
von einer weißen Fee gebracht wird?«

»Ist dies wahr?«

»Ich, Hadschi Halef Omar Agha, Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud
al Gossarah, sage es. Ich habe sie selbst gesehen, und wenn du es nicht
glaubst, so wirst du hier diese Kamtschilama, meine Nilpeitsche, zu
kosten bekommen!«

»Ich glaube es, Sihdi!«

»Das ist dein Glück!«

»Und werde dir noch zwei Piaster geben.«

»Gieb sie her! Wer ist denn krank im Hause deines Herrn?«

»Das ist ein Geheimnis, welches nur der Effendi erfahren darf.«

»Nur der Effendi? Schurke, bin ich nicht auch ein Effendi, der die Fee
gesehen hat! Geh nach Hause; Halef Agha läßt sich nicht beleidigen!«

»Verzeihe, Sihdi; ich werde es dir sagen!«

»Ich mag es nun nicht wissen. Packe dich von dannen!«

»Aber ich bitte dich – – –«

»Packe dich!«

»Soll ich dir noch einen Piaster geben?«

»Ich nehme nicht einen mehr!«

»Sihdi!«

»Sondern zwei!«

»O, Sihdi, deine Stirn leuchtet vor Güte. Hier hast du die zwei
Piaster.«

»Schön! Also wer ist krank?«

»Das Weib meines Herrn.«

»Das Weib deines Herrn?« frug Halef verwundert. »Welche Frau?«

»Er hat nur diese eine.«

»Und soll Mamur gewesen sein?«

»Er ist so reich, daß er hundert Frauen haben könnte, aber er liebt nur
diese.«

»Was fehlt ihr?«

»Niemand weiß es; aber ihr Leib ist krank, und ihre Seele ist noch
kränker.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, aber ich nicht. Ich stehe da, mit der
Nilpeitsche in der Hand, und möchte sie dir auf den Rücken geben. Bei
dem Barte des Propheten, dein Mund spricht eine solche Weisheit, als
wäre dir bei der Kahnfahrt der Verstand in das Wasser gefallen! Weißt du
nicht, daß ein Weib gar keine Seele hat und deshalb auch nicht in den
Himmel darf? Wie also kann die Seele eines Weibes krank sein oder gar
noch mehr krank als ihr Leib?«

»Ich weiß es nicht, aber so wurde mir gesagt, Sihdi. Laß mich hinein zu
dem Effendi!«

»Ich darf es nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Mein Herr kennt den Kuran und verachtet die Frauen. Die schönste Perle
der Weiber ist ihm wie der Skorpion im Sande, und seine Hand hat noch
nie das Gewand einer Frau berührt. Er darf kein irdisches Weib lieben,
sonst würde die Fee nie wiederkommen.«

Ich mußte das Talent Halef Aghas von Minute zu Minute mehr anerkennen,
fühlte aber trotzdem große Lust, ihn seine eigene Nilpeitsche schmecken
zu lassen. Jetzt ertönte die Antwort:

»Du mußt wissen, Sihdi, daß er ihr Gewand nicht berühren und ihre
Gestalt nicht sehen wird. Er darf nur durch das Gitter mit ihr
sprechen.«

»Ich bewundere die Klugheit deiner Worte und die Weisheit deiner Rede, o
Mann. Merkst du denn nicht, daß er grad durch das Gitter nicht mit ihr
sprechen darf?«

»Warum?«

»Weil die Gesundheit, welche der Effendi spenden soll, gar nicht zu dem
Weibe käme, sondern am Gitter hängen bleiben würde. Gehe fort!«

»Ich darf nicht gehen, denn ich werde hundert Schläge auf die Sohlen
bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe.«

»Danke deinem gütigen Herrn, du Sklave eines Ägypters, daß er deine Füße
mit Gnade erleuchtet. Ich will dich nicht um dein Glück betrügen. Sallam
aaleïkum, Allah sei bei dir und lasse dir die Hundert gut bekommen!«

»So laß dir noch eins sagen, tapferer Agha. Der Herr unseres Hauses hat
mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als du jemals zählen kannst. Er hat
mir befohlen, daß du auch mitkommen sollst, und du wirst ein Bakschisch
erhalten, ein Geschenk, wie es selbst der Khedive von Ägypten nicht
reicher geben würde.«

Jetzt endlich wurde der Mann klug und faßte meinen Halef etwas kräftiger
bei dem Punkte, an welchem man jeden Orientalen zu packen hat, wenn man
ihn günstig stimmen soll. Der kleine Haushofmeister änderte auch sofort
seinen Ton und antwortete mit hörbar freundlicherer Stimme:

»Allah segne deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand
ist mir lieber als zehn Beutel in einer anderen. Die deinige aber ist so
mager, wie der Schakal in der Schlinge oder wie die Wüste jenseits des
Mokattam.«

»Laß den Rat deines Herzens nicht zögern, mein Bruder!«

»Dein Bruder? Mensch bedenke, daß du ein Sklave bist, während ich als
freier Mann meinen Effendi begleite und beschütze! Der Rat meines
Herzens bleibt zurück. Wie kann das Feld Früchte bringen, wenn so wenig
Tropfen Tau vom Himmel fallen!«

»Hier hast du noch drei Tropfen!«

»Noch drei? So will ich sehen, ob ich den Effendi stören darf, wenn dein
Herr wirklich ein solches Bakschisch giebt.«

»Er giebt es.«

»So warte!«

Jetzt endlich also glaubte er, mich »stören zu dürfen«, der schlaue
Fuchs! Übrigens handelte er nach der allgemeinen Unsitte, so daß er
einigermaßen zu entschuldigen war, zumal das wenige, was er für seine
Dienste von mir forderte, kaum der Rede wert zu nennen war.

Was mich aber bei der ganzen Angelegenheit mit Bewunderung erfüllte, war
der Umstand, daß ich nicht zu einem männlichen sondern zu einem
weiblichen Patienten verlangt wurde. Da aber, abgesehen von den
wandernden Nomadenstämmen, der Muselmann die Bewohnerinnen seiner
Frauengemächer niemals den Augen eines Fremden freigiebt, so handelte es
sich hier jedenfalls um ein nicht mehr junges Weib, das sich vielleicht
durch die Eigenschaften des Charakters und Gemütes die Liebe
Abrahim-Mamurs erhalten hatte.

Halef Agha trat ein.

»Schläfst du, Sihdi?«

Der Schlingel! Hier nannte er mich Sihdi, und draußen ließ er sich
selbst so nennen.

»Nein. Was willst du?«

»Draußen steht ein Mann, welcher mit dir sprechen will. Er hat ein Boot
im Nile und sagte, ich müsse auch mitkommen.«

Der schlaue Bursche machte diese Schlußbemerkung nur, um sich das
versprochene Trinkgeld zu sichern. Ich wollte ihn nicht in Verlegenheit
bringen und that, als ob ich nichts gehört hätte.

»Was will er?«

»Es ist jemand krank.«

»Ist es notwendig?«

»Sehr, Effendi. Die Seele der Kranken steht schon im Begriff, die Erde
zu verlassen. Darum mußt du eilen, wenn du sie festhalten willst.«

Hm, er war kein übler Diplomat!

»Laß den Mann eintreten!«

Er ging hinaus und schob den Boten hinein. Dieser verbeugte sich bis zur
Erde nieder, zog die Schuhe aus und wartete dann demütig, bis ich ihn
anreden würde.

»Tritt näher!«

»Sallam aaleïkum! Allah sei mit dir, o Herr, und lasse dein Ohr offen
sein für die demütige Bitte des geringsten deiner Knechte.«

»Wer bist du?«

»Ich bin ein Diener des großen Abrahim-Mamur, der aufwärts droben am
Flusse wohnt.«

»Was sollst du mir sagen?«

»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haus meines Gebieters, denn
Güzela, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die Schatten des
Todes. Kein Arzt, kein Fakir und kein Zauberer vermochte den Schritt
ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr – den Allah erfreuen
möge – von dir und deinem Ruhme und daß der Tod vor deiner Stimme
flieht. Er sandte mich zu dir und läßt dir sagen: Komm und nimm den Tau
des Verderbens von meiner Blume, so soll mein Dank süß sein und hell wie
der Glanz des Goldes.«

Diese Beschreibung einer bejahrten Frau schien mir ein wenig
überschwänglich zu sein.

»Ich kenne den Ort nicht, an welchem dein Herr wohnt. Ist er weit von
hier?«

»Er wohnt am Strande und sendet dir ein Boot. In einer Stunde wirst du
bei ihm sein.«

»Wer wird mich zurückfahren?«

»Ich.«

»Ich komme. Warte draußen!«

Er nahm seine Schuhe und zog sich zurück. Ich erhob mich, warf ein
anderes Gewand über und griff nach meinem Kästchen mit Aconit, Sulphur,
Pulsatilla und all’ den Mitteln, welche in einer Apotheke von hundert
Nummern zu haben sind. Bereits nach fünf Minuten saßen wir in dem von
vier Ruderern bewegten Kahne, ich in Gedanken versunken, Halef Agha aber
stolz wie ein Pascha von drei Roßschweifen. Im Gürtel trug er die
silberbeschlagenen Pistolen, die ich in Kairo geschenkt erhalten hatte,
und den scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
Nilpeitsche, als das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung
Achtung, Ehrerbietung und Berücksichtigung zu verschaffen.

Zwar war die Hitze nicht angenehm, aber die stromaufwärts gehende
Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem kühlenden Luftzuge in
Berührung.

Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und
Sennespflanzungen vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen
emporragten; dann folgten unbebaute Flächen, über welche sich ein
niederes Gestrüpp von Mimosen und Sykomoren hinstreckte; endlich kam
nacktes, jeder Vegetation bares Gestein, und mitten aus den wohl bereits
vor Jahrtausenden herumgestreuten Felsblöcken erhob sich die
quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.

Als wir anlangten, bemerkte ich, daß ein schmaler Kanal aus dem Flusse
unter der Mauer fortführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nötigen
Wasser zu versehen, ohne daß dieselben sich aus ihrer Wohnung zu bemühen
brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu
der dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore
ein Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.

Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen, doch beachteten wir
seine tief bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten
vorwärts, an ihm vorüber. Architektonische Schönheit durfte ich bei
einem orientalischen Prachtgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich
mich auch nicht überrascht von der kahlen, nackten, fensterlosen Front,
welche das Haus mir zukehrte. Aber das Klima des Landes hatte denn doch
einen etwas zu zerstörenden Einfluß auf das alte Gemäuer ausgeübt, als
daß ich es zur Wohnung eines zarten, kranken Weibes hätte empfehlen
mögen.

Früher hatten Zierpflanzen den schmalen Raum zwischen der Mauer und dem
Gebäude geschmückt und den Bewohnerinnen eine angenehme Erholung
geboten; jetzt waren sie längst verwelkt und verdorrt. Wohin das Auge
nur blickte, fand es nichts als starre kahle Öde, und nur Scharen von
Schwalben, welche in den zahlreichen Rissen und Sprüngen des
betreffenden Gebäudes nisteten, brachten einigermaßen Leben und Bewegung
in die traurige tote Scene.

Der voranschreitende Bote führte uns durch einen dunkeln, niedrigen
Thorgang in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen,
was in dem heißen Klima jener Länderstriche das Notwendigste und
Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Überschwemmungen des
Nils schadlos aushalten zu können.

In diesen Hof hinab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
jedenfalls die zum Aufenthalt dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
jetzt keine große, zeitraubende Betrachtung schenken, sondern gab meinem
Diener einen Wink, mit der Apotheke, welche er umhängen hatte, hier des
weiteren zu harren, und folgte dem Wegweiser in das Selamlük des Hauses.

Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuend gedämpftes Licht fiel. Durch
die aufgeklebten Tapeten und Arabesken und Ornamente hatte es einen
wohnlichen Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden
Wasserkühlgefäße erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer
trennte den Raum in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft,
die hintere aber für den Herrn und die besuchenden Gäste bestimmt war.
Den erhöhten Hintergrund zierte ein breiter Diwan, welcher von einer
Ecke bis in die andere reichte, und auf welchem Abrahim-Mamur, der
»Besitzer von vielen Beuteln«, saß.

Er erhob sich beim Eintritte, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
Sitze stehen. Da ich nicht die dort gewöhnliche Fußbekleidung trug, so
konnte ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt,
unbekümmert um meine Lederstiefel, über die kostbaren Teppiche und ließ
mich an seiner Seite nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen
Kaffee und die noch notwendigeren Pfeifen, und nun konnte das weitere
folgen.

Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gerichtet gewesen,
denn jeder Kenner des Orients weiß, daß man an derselben sehr genau die
Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange,
wohlriechende und mit stark vergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr
hatte gewiß seine tausend Piaster gekostet. Teurer aber noch war das
Bernsteinmundstück, welches aus zwei Teilen bestand, zwischen denen ein
mit Edelsteinen besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien
wirklich »viele Beutel« zu besitzen, nur war dies kein Grund, mich
befangen zu machen, da mancher Inhaber einer Pfeife im Werte von
zehntausend Piastern seinen Reichtum doch nur den geknechteten
Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber also einen prüfenden
Blick in das Gesicht!

Wo hatte ich diese Züge doch nur bereits einmal gesehen, diese schönen,
feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
scharf, stechend, nein, förmlich durchbohrend senkt sich der Blick des
kleinen, unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie
beruhigt wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben
diesem Gesichte immer tiefere Spuren eingegraben; die Liebe, der Haß,
die Rache, der Ehrgeiz sind einander behilflich gewesen, eine großartig
angelegte Natur in den Schmutz des Lasters herniederzureißen und dem
Äußeren des Mannes jenes unbeschreibliche Etwas zu verleihen, welches
dem Guten und Reinen ein sicheres Warnungszeichen ist.

Wo bin ich diesem Manne begegnet? Gesehen habe ich ihn; ich muß mich nur
besinnen; aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
gewesen.

»Sallam aaleïkum!« ertönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen,
aber schwarzgefärbten Barte hervor.

Diese Stimme war kalt, klanglos, ohne Leben und Gemüt; es konnte einem
dabei ein Schauer ankommen.

»Aaleïkum!« antwortete ich.

»Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den Spuren deiner Füße und Honig
träufeln von den Spitzen deiner Finger, damit mein Herz nicht mehr höre
die Stimme seines Kummers!«

»Gott gebe dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
Leben deines Glückes nagt,« erwiderte ich seinen Gruß, da nicht einmal
der Arzt nach dem Weibe des Muselmannes fragen darf, ohne den größten
Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.

»Ich habe gehört, daß du ein weiser Hekim seiest. Welche Medresse[21]
hast du besucht?«

    [21] Höhere Schule im Orient.

»Keine.«

»Keine?«

»Ich bin kein Moslem.«

»Nicht? Was sonst?«

»Ein Nemsi!«

»Ein Nemsi! O, ich weiß, die Nemsi sind kluge Leute; sie kennen den
Stein der Weisen und das Abracadabra, welches den Tod vertreibt.«

»Es giebt weder einen Stein der Weisen noch ein Abracadabra.«

Er blickte mir kalt in die Augen.

»Vor mir brauchst du dich nicht zu verbergen. Ich weiß, daß die Zauberer
von ihrer Kunst nicht sprechen dürfen, und will sie dir auch gar nicht
entlocken, nur helfen sollst du mir. Wodurch vertreibst du die Krankheit
eines Menschen, durch Worte oder durch einen Talisman?«

»Weder durch Worte noch durch einen Talisman, sondern durch die
Medizin.«

»Du sollst dich nicht vor mir verstecken. Ich glaube an dich, denn
trotzdem du kein Moslem bist, ist doch deine Hand mit Erfolg begabt, als
hätte sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und
besiegen.«

»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben, und nur ihm
allein gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«

Diese direkte Aufforderung, ein wenn auch noch so unbedeutendes
Geheimnis seines Haushaltes preiszugeben, schien ihn unangenehm zu
berühren, trotzdem er darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er
sofort die Schwäche zu verbergen und befolgte meine Aufforderung:

»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von der
zu reden, welche die Tochter einer Mutter ist?«

Ich fühlte mich innerlich amüsiert von der Art und Weise, mit welcher
er es zu umgehen suchte, von »seinem Weibe« zu sprechen, doch blieb ich
ernst und antwortete ziemlich kalt:

»Du willst, daß ich dir helfen soll und beschimpfest mich?«

»Inwiefern?«

»Du nennst meine Heimat das Land der Ungläubigen.«

»Ihr seid doch ungläubig!«

»Wir glauben an einen Gott, welcher derselbe Gott ist, den ihr Allah
nennt. Du heißest mich von deinem Standpunkte aus einen Ungläubigen; mit
demselben Rechte könnte ich dich von meinem Standpunkte aus ebenso
nennen; aber ich thue es nicht, weil wir Nemsi nie die Pflicht der
Höflichkeit verletzen.«

»Schweigen wir über den Glauben! Der Moslem darf nicht von seinem Weibe
sprechen; aber du erlaubst, daß ich von den Frauen in Frankhistan rede?«

»Ich erlaube es.«

»Wenn das Weib eines Franken krank ist – – –«

Er sah mich an, als ob er eine Bemerkung von mir erwarte; ich winkte ihm
nur, in seiner Rede fortzufahren.

»Also wenn sie krank ist und keine Speise zu sich nimmt –«

»Keine?«

»Nicht die geringste!«

»Weiter!«

»Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – wenn sie
müde ist und doch den Genuß des Schlafes nicht mehr kennt – – –«

»Weiter!«

»Wenn sie nur lehnend steht und langsam, schleichend geht – vor Kälte
schauert und vor Hitze brennt – – –«

»Ich höre. Fahre fort.«

»Bei jedem Geräusch erschrickt und zusammenzuckt – wenn sie nichts
wünscht, nichts liebt, nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens
zittert – – –«

»Immer weiter!«

»Wenn ihr Atem zu sehen ist wie der des kleinen Vogels – wenn sie nicht
lacht, nicht weint, nicht spricht – wenn sie kein Wort der Freude und
kein Wort der Klage hören läßt und ihre Seufzer selbst nicht mehr
vernimmt – wenn sie das Licht der Sonne nicht mehr sehen will und in der
Nacht wach in den Ecken kauert – – –«

Wieder blickte er mich an, und in seinen flackernden Augen war eine
Angst zu erkennen, welche sich durch jede der aufgezählten
Krankheitssymptome zu nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die
Kranke mit der letzten, trüben und also schwersten Glut seines fast
ausgebrannten Herzens lieb haben und hatte mir, ohne es zu wissen und zu
wollen, mit seinen Worten sein ganzes Verhältnis zu ihr verraten.

»Du bist noch nicht zu Ende!«

»Wenn sie zuweilen plötzlich einen Schrei ausstößt, als ob ein Dolch ihr
in die Brust gestoßen würde – wenn sie ohne Aufhören ein fremdes Wort
flüstert –«

»Welches Wort?«

»Einen Namen.«

»Weiter!«

»Wenn sie hustet und dann Blut über ihre bleichen Lippen fließt – – –«

Er blickte mich jetzt so starr und angstvoll an, daß ich merken mußte,
meine Entscheidung sei ein Urteil für ihn, ein befreiendes oder ein
vernichtendes. Ich zögerte nicht, ihm das letztere zu geben:

»So wird sie sterben.«

Er saß erst einige Augenblicke so bewegungslos, als habe ihn der Schlag
getroffen, dann aber sprang er auf und stand hochaufgerichtet vor mir.
Der rote Fez war ihm von dem kahl geschorenen Haupte geglitten, die
Pfeife seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
widerstreitendsten Gefühlen. Es war ein eigentümliches, ein furchtbares
Gesicht; es glich ganz jenen Abbildungen des Teufels, wie sie der
geniale Stift Doré’s zu zeichnen versteht, nicht mit Schweif, Pferdefuß
und Hörnern, sondern mit höchster Harmonie des Gliederbaues, jeder
einzelne Zug des Gesichts eine Schönheit, und doch in der Gesamtwirkung
dieser Züge so abstoßend, so häßlich, so – diabolisch. Sein Auge ruhte
mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in
einen zornigen und dann zuletzt in einen drohenden verwandelte.

»Giaur!« donnerte er mich an.

»Wie sagtest du?« fragte ich kalt.

»Giaur! sagte ich. Wagst du, mir das zu sagen, Hund? Die Peitsche soll
dir lehren, wer ich bin, und daß du zu thun hast, nur was ich dir
befehle. Stirbt sie, so stirbst auch du; doch machst du sie gesund, so
darfst du gehen und kannst verlangen, was dein Herz begehrt!«

Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
meiner ganzen Länge vor ihn hin und fragte:

»Weißt du, was die größte Schande für einen Moslem ist?«

»Was?«

»Sieh nieder auf deinen Fez! Abrahim-Mamur, was sagt der Prophet und was
sagt der Kuran dazu, daß du die Scham deines Scheitels vor einem
Christen entblößest?«

Im nächsten Augenblick hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
dunkelrot im Gesichte, den Dolch aus der Schärpe gerissen.

»Du mußt sterben, Giaur!«

»Wann?«

»Jetzt, sofort!«

»Ich werde sterben, wann es Gott gefällt, nicht aber wann es dir
beliebt.«

»Du wirst sterben. Bete dein Gebet!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich ruhig wie zuvor, »ich habe den Bären
gejagt und bin dem Nilpferde nachgeschwommen; der Elefant hat meinen
Schuß gehört, und meine Kugel hat den Löwen, den ›Herdenwürgenden‹
getroffen. Danke Allah, daß du noch lebst, und bitte Gott, daß er dein
Herz bezwinge. Du kannst es nicht, denn du bist zu schwach dazu und
wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«

Das war eine neue Beleidigung, eine schwerere als die andere, und mit
einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen
Ländern niemals weglegen darf. Wir standen einander allein gegenüber,
denn er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffees und der Pfeifen
die Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
Unterhaltung vernehmen solle.

Mit meinem wackeren Halef hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nötigenfalls hätten wir
beide die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen; aber ich
ahnte zu viel von dem Schicksale der Kranken, für die ich mich ungemein
zu interessieren begann; ich mußte sie sehen und womöglich einige Worte
mit ihr sprechen.

»Du willst schießen?« frug er wütend, auf meinen Revolver deutend.

»Ja.«

»Hier, in meinem Hause, in meinem Diwan?«

»Allerdings, wenn ich gezwungen werde, mich zu verteidigen.«

»Hund, es ist wahr, was ich gleich vorhin dachte als du eintratest!«

»Was ist wahr, Abrahim-Mamur?«

»Daß ich dich bereits einmal gesehen habe.«

»Wo?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wann?«

»Auch das weiß ich nicht; aber das ist sicher, daß es nicht im Guten
war.«

»Grade wie heute, denn es sollte mich wundern, wenn diese Zusammenkunft
gut enden würde. Du hast mich ›Hund‹ genannt, und ich sage dir, daß dir
im nächsten Augenblick, nachdem du dieses Wort noch einmal gesagt hast,
meine Kugel im Gehirn sitzen wird. Beachte dies wohl, Abrahim-Mamur!«

»Ich werde meine Diener rufen!«

»Rufe sie, wenn du ihre Leichen sehen willst, um dich dann tot neben sie
zu legen.«

»Oho, du bist kein Gott!«

»Aber ein Nemsi. Hast du schon einmal die Hand eines Nemsi gefühlt?«

Er lächelte verächtlich.

»Nimm dich in acht, daß du sie nicht einmal zu fühlen bekommst! Sie ist
nicht in Rosenöl gebadet, wie die deinige. Aber ich will dir den Frieden
deines Hauses lassen. Lebe wohl. Du willst es nicht, daß ich den Tod
bezwinge; dein Wunsch mag sich erfüllen; rabbena chaliëk, der Herr
erhalte dich!«

Ich steckte den Revolver ein und schritt der Thüre zu.

»Bleib!« rief er.

Ich schritt dennoch weiter.

»Bleib!« rief er gebieterischer.

Ich hatte beinahe die Thüre erreicht und kehrte nicht um.

»So stirb, Giaur!«

Im Nu drehte ich mich um und hatte grad noch Zeit, zur Seite
auszuweichen. Sein Dolch flog an mir vorüber und tief in das Getäfel der
Wand.

»Jetzt bist du mein, Bube!«

Mit diesen Worten sprang ich auf ihn zu, faßte ihn, grad wie ich ihn
erwischte, riß ihn empor und schleuderte ihn an die Wand.

Er blieb einige Sekunden liegen und raffte sich dann wieder empor. Seine
Augen waren weit geöffnet, die Adern seiner Stirne zum Bersten
geschwollen und seine Lippen blau vor Wut; aber ich hielt ihm den
Revolver entgegen, und er blieb eingeschüchtert vor mir halten.

»Jetzt hast du die Hand eines Nemsi kennen gelernt. Wage es nicht
wieder, sie zu reizen!«

»Mensch!«

»Feigling! Wie nennt man das, wenn einer einen Arzt um Hilfe bittet, ihn
mit Worten beschimpft und dann gar hinterrücks ermorden will? Der
Glaube, welcher solche Bekenner hat, kann nicht viel taugen!«

»Zauberer!«

»Warum?«

»Wenn du keiner wärest, hätte dich ganz sicher mein Dolch getroffen, und
du hättest nicht die Kraft gehabt, mich emporzuwerfen!«

»Nun wohl! Bin ich ein Zauberer, so hätte ich dir auch Güzela, dein
Weib, erhalten können.«

Ich sprach den Namen mit Vorbedacht aus. Es hatte Wirkung.

»Wer hat dir diesen Namen genannt?«

»Dein Bote.«

»Ein Ungläubiger darf nicht den Namen einer Gläubigen aussprechen!«

»Ich spreche nur den Namen eines Weibes aus, welches bereits morgen tot
sein kann.«

Wieder blickte er mich mit seiner eisigen Starrheit an, dann aber schlug
er die Hände vor das Gesicht.

»Ist es wahr, Hekim, daß sie bereits morgen tot sein kann?«

»Es ist wahr.«

»Kann sie nicht gerettet werden?«

»Vielleicht.«

»Sage nicht vielleicht, sondern sage gewiß. Bist du bereit, mir zu
helfen? Wenn sie gesund wird, so fordere, was du willst.«

»Ich bin bereit.«

»So gieb mir deinen Talisman oder deine Medizin.«

»Ich habe keinen Talisman, und Medizin kann ich dir jetzt nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Der Arzt kann nur dann einen Kranken heilen, wenn er ihn sehen kann.
Komm, laß uns zu ihr gehen, oder laß sie zu uns kommen!«

Er fuhr zurück, wie von einem Stoße getroffen.

»Masch Allah, bist du toll? Der Geist der Wüste hat dein Hirn verbrannt,
daß du nicht weißt, was du forderst. Das Weib muß ja sterben, auf
welchem das Auge eines fremden Mannes ruhte!«

»Sie wird noch sicherer sterben, wenn ich nicht zu ihr darf. Ich muß den
Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über vieles, was
ihre Krankheit betrifft. Nur Gott ist allwissend und braucht niemand zu
fragen.«

»Du heilst wirklich nicht durch Talisman?«

»Nein.«

»Auch nicht durch Worte?«

»Nein.«

»Oder durch das Gebet?«

»Ich bete auch für die Leidenden; aber Gott hat uns die Mittel, sie
gesund zu machen, bereits in die Hand gelegt.«

»Welche Mittel sind es?«

»Es sind Blumen, Metalle und Erden, deren Säfte und Kräfte wir
ausziehen.«

»Es sind keine Gifte?«

»Ich vergifte keinen Kranken.«

»Kannst du das beschwören?«

»Vor jedem Richter.«

»Und du mußt mit ihr sprechen?«

»Ja.«

»Was?«

»Ich muß sie fragen nach ihrer Krankheit und allem, was damit
zusammenhängt.«

»Nach andern Dingen nicht?«

»Nein.«

»Du wirst mir jede Frage vorher sagen, damit ich sie dir erlaube?«

»Ich bin es zufrieden.«

»Und du mußt auch ihre Hand betasten?«

»Ja.«

»Ich erlaube es dir auf eine ganze Minute. Mußt du ihr Angesicht sehen?«

»Nein; sie kann ganz verschleiert bleiben. Aber sie muß einige Male in
dem Zimmer auf und ab gehen.«

»Warum?«

»Weil an dem Gange und der Haltung vieles zu erkennen ist, was die
Krankheit betrifft.«

»Ich erlaube es dir und werde die Kranke jetzt herbeiholen.«

»Das darf nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Ich muß sie da sehen, wo sie wohnt; ich muß alle ihre Zimmer
betrachten.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil es viele Krankheiten giebt, die nur in unpassenden Wohnungen
entstehen, und das kann nur das Auge des Arztes bemerken.«

»So willst du wirklich mein Harem[22] betreten?«

    [22] Das arabische Wort Harem bedeutet eigentlich »das Heilige,
    Unverletzliche« und bezeichnet bei den Muhammedanern die
    Frauenwohnung, welche von den übrigen Räumen des Hauses
    abgesondert ist.

»Ja.«

»Ein Ungläubiger?«

»Ein Christ.«

»Ich erlaube es nicht!«

»So mag sie sterben. Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir und ihr!«

Ich wandte mich zum Gehen. Obgleich ich bereits aus der Aufzählung der
Symptome gemerkt hatte, daß Güzela an einer hochgradigen Gemütskrankheit
leide, that ich doch, als ob ich an eine bloß körperliche Erkrankung
glaube; denn grad weil ich vermutete, daß ihr Leiden die Folge eines
Zwanges sei, der sie in die Gewalt dieses Mannes gebracht hatte, wollte
ich mich so viel wie möglich über alles aufklären. Er ließ mich wieder
bis zur Thür gehen, dann aber rief er:

»Halt, Hekim, bleibe da. Du sollst die Gemächer betreten!«

Ich wandte mich um und schritt, ohne ihm meine Genugthuung merken zu
lassen, wieder auf ihn zu. Ich hatte gesiegt und war außerordentlich
zufrieden mit den Zugeständnissen, die er mir gemacht hatte, denn sie
gewährten mir mehr, als wohl jemals einem Europäer zugestanden worden
ist. Die Liebe des Ägypters und infolge dessen also auch seine Sorge
mußte eine sehr ungewöhnliche sein, daß er sich zu solchen
Zugeständnissen verstand. Freilich konnte ich die ingrimmigste
Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen, denn ihm war ich
ein unabweisbarer Eindringling in die Mysterien seiner inneren
Häuslichkeit, und ich hegte die Überzeugung, daß ich ihn auch selbst in
dem Falle einer glücklichen Heilung der kranken Frau als einen
unversöhnlichen Feind zurücklassen werde, zumal er ganz so wie ich die
Überzeugung hatte, daß wir uns bereits einmal unter unfreundlichen
Umständen begegnet seien.

Jetzt entfernte er sich, um alles Nötige in eigener Person anzuordnen,
denn keiner seiner Diener durfte ahnen, daß er einem fremden Mann
Zutritt in das Heiligtum seines Hauses gestatte.

Er kehrte erst nach einer langen Weile zurück. Es lag ein Ausdruck
fester, trotziger Entschlossenheit um seinen zusammengekniffenen Mund,
und mit einem Blicke voll versteckt bleiben sollenden, aber doch
hervorbrechenden Hasses instruierte er mich:

»Du sollst zu ihr gehen – –«

»Du versprachst es bereits.«

»Und ihre Zimmer sehen – –«

»Natürlich.«

»Auch sie selbst – – –«

»Verschleiert und eingehüllt.«

»Und mit ihr sprechen.«

»Das ist notwendig.«

»Ich erlaube dir viel, unendlich viel, Effendi. Aber bei der Seligkeit
aller Himmel und bei den Qualen aller Höllen, sobald du ein Wort
sprichst, welches ich nicht wünsche, oder das Geringste thust, was dir
nicht von mir erlaubt wurde, stoße ich sie nieder. Du bist stark und
wohl bewaffnet, darum wird mein Dolch nicht gegen dich, sondern gegen
sie gerichtet sein. Ich schwöre es dir bei allen Suwar[23] des Kuran und
bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«

    [23] Plural von Sura, die Strophe.

Er hatte mich also doch kennen gelernt und dachte sich, daß ihm diese
Versicherung mehr nützen werde, als die prahlerischsten Drohungen, wenn
sie gegen mich selbst gerichtet gewesen wären. Übrigens war es mir ja
gar nicht in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken; nur
konnte ich mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer
Ahnung entschlagen, daß in seinem Verhältnisse zu der Kranken irgend ein
dunkler Punkt zu finden sei.

»Ist es Zeit?« fragte ich.

»Komm!«

Wir gingen. Er schritt voran, und ich folgte ihm.

Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in
denen allerlei nächtliches Getier sein Wesen treiben mochte; dann
betraten wir ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun
folgte der Raum, der allem Anscheine nach als eigentliches Frauengemach
benutzt wurde. Alle die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie
sie von Frauen gesucht und gern benutzt werden.

»Das sind die Zimmer, welche du sehen wolltest. Siehe, ob du den Dämon
der Krankheit in ihnen zu finden vermagst!« meinte Abrahim-Mamur mit
einem halb spöttischen Lächeln.

»Und das Gemach nebenan – –?«

»Die Kranke befindet sich darin. Du sollst es auch sehen, aber ich muß
mich vorher überzeugen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem
Auge des Fremden. Wage ja nicht, mir nachzufolgen, sondern warte ruhig,
bis ich wiederkomme!«

Er trat hinaus, und ich war allein.

Also da draußen befand sich Güzela. Dieser Name bedeutet wörtlich »die
Schöne«. Dieser Umstand und das ganze Verhalten des Ägypters brachte
meine frühere Vermutung, daß es sich um eine ältere Person handle, ins
Wanken.

Ich ließ mein Auge durch den Raum schweifen. Es war hier ganz dieselbe
Einrichtung getroffen, wie in dem Zimmer des Hausherrn: das Geländer,
der Diwan, die Nische mit den Kühlgefäßen.

Nach kurzer Zeit erschien Abrahim wieder.

»Hast du die Räume geprüft?« fragte er mich.

»Ja.«

»Nun?«

»Es läßt sich nichts sagen, bis ich bei der Kranken gewesen bin.«

»So komm, Effendi. Aber laß dich noch einmal warnen!«

»Schon gut! Ich weiß ganz genau, was ich zu thun habe.«

Wir traten in das andere Gemach. In weite Gewänder gehüllt, stand eine
Frauengestalt tief verschleiert an der hintern Wand des Zimmers. Nichts
war von ihr zu sehen, als die kleinen, in Sammtpantoffeln steckenden
Füße.

Ich begann meine Fragen, deren Enthaltsamkeit den Ägypter vollständig
befriedigte, ließ sie eine kleine Bewegung machen und bat sie endlich,
mir die Hand zu reichen. Fast wäre ich trotz der ernsten Situation in
eine laute Heiterkeit ausgebrochen. Die Hand war nämlich so vollständig
in ein dickes Tuch gebunden, daß es ganz und gar unmöglich war, auch nur
die Lage oder Form eines Fingers durch dasselbe zu erkennen. Sogar der
Arm war in derselben Weise verhüllt.

Ich wandte mich zu Abrahim.

»Mamur, diese Bandagen müssen entfernt werden.«

»Warum?«

»Ich kann den Puls nicht fühlen.«

»Entferne die Tücher!« gebot er ihr.

Sie zog den Arm hinter die Hüllen zurück und ließ dann ein zartes
Händchen erscheinen, an dessen Goldfinger ich einen sehr schmalen Reifen
erblickte, welcher eine Perle trug. Abrahim beobachtete meine Bewegungen
mit gespannter Aufmerksamkeit. Während ich meine drei Finger an ihr
Handgelenk legte, neigte ich mein Ohr tiefer, wie um den Puls nicht bloß
zu fühlen, sondern auch zu hören, und – täuschte ich mich nicht – da
wehte es leise, leise, fast unhörbar durch den Schleier:

»Kurtar Senitzaji – rette Senitza!«

»Bist du fertig?« fragte jetzt Abrahim, indem er rasch näher trat.

»Ja.«

»Was fehlt ihr?«

»Sie hat ein großes, ein tiefes Leiden, das größte, welches es giebt,
aber – – – ich werde sie retten.«

Diese letzten vier Worte richtete ich mit langsamer Betonung mehr an sie
als an ihn.

»Wie heißt das Übel?«

»Es hat einen fremden Namen, den nur die Ärzte verstehen.«

»Wie lange dauert es, bis sie gesund wird?«

»Das kann bald, aber auch sehr spät geschehen, je nachdem Ihr mir
gehorsam seid.«

»Worin soll ich dir gehorchen?«

»Du mußt ihr meine Medizin regelmäßig verabreichen.«

»Das werde ich thun.«

»Sie muß einsam bleiben und vor allem Ärger behütet werden.«

»Das soll geschehen.«

»Ich muß täglich mit ihr sprechen dürfen.«

»Du? Weshalb?«

»Um meine Mittel nach dem Befinden der Kranken einrichten zu können.«

»Ich werde dir dann selbst sagen, wie sie sich befindet.«

»Das kannst du nicht, weil du das Befinden eines Kranken nicht zu
beurteilen vermagst.«

»Was hast du denn mit ihr zu sprechen?«

»Nur das, was du mir erlaubst.«

»Und wo soll es geschehen?«

»Hier in diesem Raume, grad wie heute.«

»Sage es genau, wie lange du kommen mußt!«

»Wenn Ihr mir gehorcht, so ist sie von heute an in fünf Tagen von ihrer
Krankheit – – frei.«

»So gieb ihr die Medizin.«

»Ich habe sie nicht hier; sie befindet sich unten im Hofe bei meinem
Diener.«

»So komm!«

Ich wandte mich gegen sie, um mit dieser Bewegung einen stummen Abschied
von ihr zu nehmen. Sie hob unter der Hülle die Hände wie bittend empor
und wagte die drei Silben:

»Eww’ Allah, mit Gott!«

Sofort aber fuhr er herum:

»Schweig! Du hast nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst!«

»Abrahim-Mamur,« antwortete ich sehr ernst, »habe ich nicht gesagt, daß
sie vor jedem Ärger, vor jedem Kummer bewahrt werden muß? So spricht man
nicht zu einer Kranken, in deren Nähe der Tod schon steht!«

»So mag sie zunächst selbst dafür sorgen, daß sie sich nicht zu kränken
braucht. Sie weiß, daß sie nicht sprechen soll. Komm!«

Wir kehrten in das Selamlük zurück, wo ich nach Halef schickte, der
alsbald mit der Apotheke erschien. Ich gab #Ignatia# nebst den nötigen
Vorschriften und machte mich dann zum Gehen bereit.

»Wann wirst du morgen kommen?«

»Um dieselbe Stunde.«

»Ich werde dir wieder einen Kahn senden. Wie viel verlangst du für
heute?«

»Nichts. Wenn die Kranke gesund ist, magst du mir geben, was dir
beliebt.«

Er griff dennoch in die Tasche, zog eine reich gestickte Börse hervor,
nahm einige Stücke und reichte sie Halef hin.

»Hier, nimm du!«

Der wackere Halef-Agha griff mit einer Miene zu, als ob es sich um eine
große Gnadenbezeugung gegen den Ägypter handle, und meinte, das
Bakschisch ungesehen in seine Tasche senkend:

»Abrahim-Mamur, deine Hand ist offen und die meine auch. Ich schließe
sie gegen dich nicht zu, weil der Prophet sagt, daß eine offene Hand die
erste Stufe zum Aufenthalte der Seligen sei. Allah sei bei dir und auch
bei mir!«

Wir gingen, von dem Ägypter bis in den Garten begleitet, wo uns ein
Diener die in der Mauer befindliche Thür öffnete. Als wir uns allein
befanden, griff Halef in die Tasche, um zu sehen, was er erhalten hatte.

»Drei Goldzechinen, Effendi! Der Prophet segne Abrahim-Mamur und lasse
sein Weib so lange als möglich krank bleiben!«

»Hadschi Halef Omar!«

»Sihdi! Willst du mir nicht einige Zechinen gönnen?«

»Doch; noch mehr ist einem Kranken die Gesundheit zu gönnen.«

»Wie oft gehest du noch, ehe sie gesund wird?«

»Noch fünfmal vielleicht.«

»Fünfmal drei macht fünfzehn Zechinen; wenn sie gesund wird, vielleicht
noch fünfzehn Zechinen, macht dreißig Zechinen. Ich werde forschen, ob
es hier am Nil noch mehr kranke Frauen giebt.«

Wir langten bei dem Kahn an, wo uns die Ruderer bereits erwarteten.
Unser voriger Führer saß am Steuer, und als wir eingestiegen waren, ging
es flott den Strom hinab, schneller natürlich als aufwärts, so daß wir
nach einer halben Stunde unser Ziel erreichten.

Wir legten ganz in der Nähe einer Dahabïe an, welche während unserer
Abwesenheit am Ufer vor Anker gegangen war. Ihre Taue waren befestigt,
ihre Segel eingezogen, und nach dem frommen muhammedanischen Gebrauche
lud der Reïs, der Schiffskapitän, seine Leute zum Gebete ein:

»Haï al el salah, auf, rüstet euch zum Gebete.«

Ich war schon im Fortgehen begriffen gewesen, wandte mich aber schnell
um. Diese Stimme kam mir außerordentlich bekannt vor. Hatte ich recht
gehört? War dies wirklich der alte Hassan, den sie Abu el Reïsahn, Vater
der Schiffsführer, nannten? Er war in Kufarah, wo er einen Sohn besucht
hatte, mit mir und Halef zusammengetroffen und mit uns nach Ägypten
zurückgekehrt. Wir hatten einander außerordentlich lieb gewonnen, und
ich war überzeugt, daß er sehr erfreut sein werde, mich hier
wiederzufinden. Ich wartete daher, bis das Gebet beendet war, und rief
dann zum Deck empor.

»Hassan el Reïsahn, ohio!«

Sofort reckte er sein altes, gutes, bärtiges Gesicht herab und fragte:

»Wer ist – – o, Allah akbar, Gott ist groß! Ist das nicht mein Sohn, der
Nemsi Kara Effendi?«

»Er ist es, Abu Hassan.«

»Komm herauf, mein Sohn; ich muß dich umarmen!«

Ich stieg empor und wurde von ihm auf das herzlichste bewillkommnet.

»Was thust du hier?« fragte er mich.

»Ich ruhe aus von der Reise. Und du?«

»Ich komme mit meinem Schiffe von Dongola, wo ich eine Ladung
Sennesblätter eingenommen habe. Ich bekam ein Leck und mußte also hier
anlegen.«

»Wie lange bleibst du hier?«

»Nur morgen noch. Wo wohnest du?«

»Dort rechts in dem alleinstehenden Hause.«

»Hast du einen guten Wirt?«

»Es ist der Scheik el Belet[24] des Ortes, ein Mann, mit dem ich sehr
zufrieden bin. Du wirst diesen Abend bei mir sein, Abu Hassan?«

    [24] Dorfrichter.

»Ich werde kommen, wenn deine Pfeifen nicht zerbrochen sind.«

»Ich habe nur die eine; du mußt also die deinige mitbringen, aber du
wirst den köstlichsten Djebeli rauchen, den es je gegeben hat.«

»Ich komme gewiß. Bleibst du noch lange hier?«

»Nein. Ich will nach Kairo zurück.«

»So fahre mit mir. Ich lege in Bulakh[25] an.«

    [25] Vorstadt von Kairo mit Hafen.

Bei diesem Anerbieten kam mir ein Gedanke.

»Hassan, du nanntest mich deinen Freund!«

»Du bist es. Fordere von mir, was du willst, so soll es dir werden, wenn
ich es habe oder kann!«

»Ich möchte dich um etwas sehr Großes bitten.«

»Kann ich es erfüllen?«

»Ja.«

»So ist es dir schon voraus gewährt. Was ist es?«

»Das sollst du am Abend erfahren, wenn du mit mir Kaffee trinkst.«

»Ich komme und – – doch mein Sohn, ich vergaß, daß ich bereits geladen
bin.«

»Wo?«

»In demselben Hause, in welchem du wohnst.«

»Bei dem Scheik el Belet?«

»Nein, sondern bei einem Manne aus Istambul, der zwei Tage mit mir
gefahren und hier ausgestiegen ist. Er hat dort eine Stube für sich und
einen Platz für seinen Diener gemietet.«

»Was ist er?«

»Ich weiß es nicht; er hat es mir nicht gesagt.«

»Aber sein Diener konnte es sagen.«

Der Kapitän lachte, was sonst seine Angewohnheit nicht war.

»Dieser Mensch ist ein Schelm, der alle Sprachen gehört hat und doch von
keiner sehr viel lernte. Er raucht, pfeift und singt den ganzen Tag und
giebt, wenn man ihn fragt, Antworten, welche heute wahr und morgen
unwahr sind. Ehegestern war er ein Türke, gestern ein Montenegriner,
heute ist er ein Druse, und Allah weiß es, was er morgen und übermorgen
sein wird.«

»So wirst du also nicht zu mir kommen?«

»Ich komme, nachdem ich eine Pfeife mit dem andern geraucht habe. Allah
behüte dich; ich habe noch zu arbeiten.«

Halef war bereits vorausgegangen; ich folgte jetzt nach und streckte
mich, in meiner Wohnung angekommen, auf den Diwan, um mir das heutige
Erlebnis zurecht zu legen. Dies sollte mir aber nicht gelingen, denn
bereits nach kurzer Zeit trat mein Wirt zu mir herein.

»Sallam aaleïkum.«

»Aaleïkum.«

»Effendi, ich komme, um deine Erlaubnis zu holen.«

»Wozu?«

»Es ist ein fremder Sihdi zu mir gekommen und hat mich um eine Wohnung
gebeten, die ich ihm auch gegeben habe.«

»Wo liegt diese Wohnung?«

»Droben.«

»So stört mich der Mann ja gar nicht. Thue, was dir beliebt, Scheik.«

»Aber dein Kopf hat viel zu denken, und er hat einen Diener, der sehr
viel zu pfeifen und zu singen scheint.«

»Wenn es mir nicht gefällt, so werde ich es ihm verbieten.«

Der besorgte Wirt entfernte sich, und ich war wieder allein, sollte aber
doch zu keinem ruhigen Nachdenken kommen, denn ich vernahm die Schritte
zweier Menschen, welche, der eine vom Hofe her und der andere von außen
her kommend, gerade an meiner Thür zusammentrafen.

»Was willst du hier? Wer bist du?« frug der eine. Ich erkannte an der
Stimme Halef, meinen kleinen Diener.

»Wer bist denn du zunächst, und was willst du in diesem Hause?« frug der
andere.

»Ich? Ich gehöre in dieses Haus!« meinte Halef sehr entrüstet.

»Ich auch!«

»Wer bist du?«

»Ich bin Hamsad al Dscherbaja.«

»Und ich bin Hadschi Halef Omar Agha.«

»Ein Agha?«

»Ja; der Begleiter und Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Der große Arzt, der hier in dieser Stube wohnt.«

»Ein großer Arzt? Was kuriert er denn?«

»Alles.«

»Alles? Mache mir nichts weis! Es giebt nur einen Einzigen, der alles
kurieren kann.«

»Wer ist das?«

»Ich.«

»So bist du auch ein Arzt?«

»Nein. Ich bin auch der Beschützer meines Herrn.«

»Wer ist dein Herr?«

»Das weiß man nicht. Wir sind erst vorhin in dieses Haus gezogen.«

»Ihr konntet draußen bleiben.«

»Warum?«

»Weil ihr unhöfliche Männer seid und keine Antwort gebt, wenn man fragt.
Willst du mir sagen, wer dein Herr ist?«

»Ja.«

»Nun?«

»Er ist, er ist – – mein Herr, aber nicht dein Herr.«

»Schlingel!«

Nach diesem letzten Worte hörte ich, daß mein Halef sich höchst
indigniert entfernte. Der andere blieb unter dem Eingange stehen und
pfiff; dann begann er leise vor sich hin zu brummen und zu summen;
nachher kam eine Pause, und darauf fiel er mit halblauter Stimme in ein
Lied.

Ich wäre vor freudiger Überraschung beinahe aufgesprungen, denn der Text
der beiden Strophen, welche er sang, lauteten in dem Arabisch, dessen er
sich bediente:

    »Fid-dagle ma tera jekun?
    Chammin hu Nabuliun.
    Ma balu-hu jedubb hena?
    Kussu-hu, ja fitjanena!

    Gema’a homr el-elbise
    Wast el-chala muntasibe.
    Ma bal hadolik wakifin?
    Hallu-na nenzor musri’ in!«

Und diese arabischen Verse, welche sich sogar ganz prächtig reimten,
klingen in unserm guten Deutsch nicht anders als:

    »Was kraucht nur dort im Busch herum?
    Ich glaub’, es ist Napolium.
    Was hat er nur zu krauchen dort?
    Frisch auf, Kam’raden, jagt ihn fort!

    Wer hat nur dort im off’nen Feld’
    Die roten Hosen hingestellt?
    Was haben sie zu stehen dort?
    Frisch auf, Kam’raden, jagt sie fort!«

Auch die Melodie war ganz und gar dieselbe, Note für Note und Ton für
Ton. Ich sprang, als er die zweite Strophe beendet hatte, zur Thür,
öffnete dieselbe und sah mir den Menschen an. Er trug weite, blaue
Pumphosen, eine eben solche Jacke, Lederstiefeletten und einen Fez auf
dem Kopfe, war also eine ganz gewöhnliche Erscheinung.

Als er mich sah, stemmte er die Fäuste in die Hüften, stellte sich, als
ob er sich aus mir nicht das mindeste mache, vor mich hin und fragte:

»Gefällt es dir, Effendi?«

»Sehr! Woher hast du das Lied?«

»Selbst gemacht.«

»Sage das einem andern, aber nicht mir! Und die Melodien?«

»Selbst gemacht, erst recht!«

»Lügner!«

»Effendi, ich bin Hamsad al Dscherbaja und lasse mich nicht schimpfen!«

»Du bist Hamsad al Dscherbaja und dennoch ein großer Schlingel! Diese
Melodie kenne ich.«

»So hat sie einer gesungen oder gepfiffen, der sie von mir gehört hat.«

»Und von wem hast du sie gehört?«

»Von niemand.«

»Du bist unverbesserlich, wie es scheint. Diese Melodie gehört zu einem
deutschen Liede.«

»Oh, Effendi, was weißt du von Deutschland!«

»Das Lied heißt:

    »Was kraucht nur dort im Busch herum?
    »Ich glaub’, es ist – – –«

»Hurrjes, wat is mich denn dat!« unterbrach er mich mit jubelndem Tone,
da ich diese Worte in deutscher Sprache gesprochen hatte. »Sind Sie man
vielleicht een Deutscher?«

»Versteht sich!«

»Wirklich? Ein deutscher Effendi? Woher denn, wenn ich fragen darf, Herr
Hekim-Baschi?«

»Aus Sachsen.«

»Een Sachse! Da sollte man doch gleich vor Freede ’n Ofen einreißen! Und
Sie sind man wohl een Türke jeworden?«

»Nein. Sie sind ein Preuße?«

»Dat versteht sich! Een Preuße aus’n Jüterbock.«

»Wie kommen Sie hierher?«

»Auf der Bahn, per Schiff, per Pferd und Kamel und auch mit die Beene.«

»Was sind Sie ursprünglich?«

»Balbier unjefähr. Es jefiel mich nicht mehr derheeme, und da jing ich
in die weite Welt, bald hierhin, bald dorthin, bis endlich hierher.«

»Sie werden mir das alles erzählen müssen. Wem aber dienen Sie jetzt?«

»Es ist een konstantinopolitanischer Kaufmannssohn und heeßt Isla Ben
Maflei, hat schauderhaftes Jeld, dat Kerlchen.«

»Was thut er hier?«

»Weeß ich’s? Er sucht wat.«

»Was denn?«

»Wird wohl vielleicht ’n Frauenzimmer sein.«

»Ein Frauenzimmer? Das wär’ doch sonderbar!«

»Wird aber doch wohl zutreffen.«

»Was sollte es für ein Frauenzimmer sein?«

»Ne Montenegrinerin, ’ne Senitscha oder Senitza, oder wie dat
ausjesprochen wird.«

»Wa–a–as? Senitza heißt sie?«

»Ja.«

»Weißt du das gewiß?«

»Versteht sich! Erstens hat er een Bild von ihr; zweetens thut er stets
– – halt, er klatscht droben, Herr Effendi; ich muß ’nauf!«

Ich setzte mich nicht wieder nieder, sondern es trieb mich in dem Zimmer
auf und ab. Zwar mußte mir dieser Barbier aus Jüterbogk, der sich so
poetisch Hamsad al Dscherbaja nannte, höchst interessant sein, noch weit
mehr aber war meine Teilnahme für seinen Herrn erwacht, der hier am Nile
eine Montenegrinerin suchte, welche den Namen Senitza führte.
Unglücklicher Weise aber kamen einige Fellahs, welche Kopfschmerz oder
Leibweh hatten, und denen meine Zauberkörner helfen sollten. Sie saßen
nach orientalischer Sitte eine ganze Stunde bei mir, ehe ich nur
erfahren konnte, was ihnen fehlte, und als ich sie abgefertigt hatte,
blieben sie am Platze, bis es ihnen selbst beliebte, die Audienz
abzubrechen.

So wurde es Abend. Der Kapitän kam und stieg nach oben, ließ aber seinen
schlürfenden Schritt nach einer halben Stunde wieder vernehmen und trat
bei mir ein. Halef servierte den Tabak und den Kaffee und zog sich dann
zurück. Kurze Zeit später hörte ich ihn mit dem Jüterbogker Türken
zanken.

»Ist dein Leck ausgebessert?« fragte ich Hassan.

»Noch nicht. Ich konnte für heute nur das Loch verstopfen und das Wasser
auspumpen. Allah giebt morgen wieder einen Tag.«

»Und wann fährst du ab?«

»Übermorgen früh.«

»Du würdest mich mitnehmen?«

»Meine Seele würde sich freuen, dich bei mir zu haben.«

»Wenn ich nun noch jemand mitbrächte?«

»Meine Dahabïe hat noch viel Platz. Wer ist es?«

»Kein Mann, sondern ein Weib.«

»Ein Weib? Hast du dir eine Sklavin gekauft, Effendi?«

»Nein. Sie ist das Weib eines anderen.«

»Der auch mitfahren wird?«

»Nein.«

»So hast du sie ihm abgekauft?«

»Nein.«

»Er hat sie dir geschenkt?«

»Nein. Ich werde sie ihm nehmen.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig! Du willst sie ihm nehmen, ohne daß er es
weiß?«

»Vielleicht.«

»Mann, weißt du, was das ist?«

»Nun?«

»Eine Tschikarma, eine Entführung!«

»Allerdings.«

»Eine Tschikarma, welche mit dem Tode bestraft wird. Ist dein Geist
dunkel und deine Seele finster geworden, daß du in das Verderben gehen
willst?«

»Nein. Die ganze Angelegenheit ist noch sehr fraglich. Ich weiß, du bist
mein Freund und kannst schweigen. Ich werde dir alles erzählen.«

»Öffne die Pforte deines Herzens, mein Sohn. Ich höre!«

Ich erstattete ihm Bericht über mein heutiges Abenteuer, und er hörte
mir mit Aufmerksamkeit zu. Als ich fertig war, erhob er sich.

»Steh auf, mein Sohn, nimm deine Pfeife und folge mir!«

»Wohin?«

»Das sollst du sogleich sehen.«

Ich ahnte, was er beabsichtigte, und folgte ihm. Er führte mich hinauf
in die Wohnung des Kaufmannes. Der Diener desselben war nicht anwesend,
daher traten wir ein, nachdem wir uns zuvor durch ein leichtes Hüsteln
angemeldet hatten.

Der Mann, welcher sich erhob, war noch jung; er mochte vielleicht
sechsundzwanzig Jahre zählen. Der kostbare Tschibuk, aus welchem er
rauchte, sagte mir, daß der Jüterbogker mit seinem »schauderhaftes Jeld«
wohl recht haben könne. Er war eine interessante, sympathische
Erscheinung, und ich sagte mir gleich in der ersten Minute, daß ich ihm
mein Wohlwollen schenken könnte. Der alte Abu el Reïsahn nahm das Wort:

»Das ist der Großhändler Isla Ben Maflei aus Stambul, und das hier ist
Effendi Kara Ben Nemsi, mein Freund, den ich liebe.«

»Seid mir beide willkommen und setzt euch!« erwiderte der junge Mann.

Er machte ein sehr erwartungsvolles Gesicht, denn er mußte sich sagen,
daß der Kapitän jedenfalls einen guten Grund haben müsse, mich so ohne
weiteres bei ihm einzuführen.

»Willst du mir eine Liebe erzeigen, Isla Ben Maflei?« fragte der Alte.

»Gern. Sage mir, was ich thun soll.«

»Erzähle diesem Manne die Geschichte, welche du mir vorhin erzählt
hast!«

In den Zügen des Kaufmannes drückte sich Staunen und Mißmut aus.

»Hassan el Reïsahn«, meinte er, »du gelobtest mir Schweigen und hast
doch bereits geplaudert!«

»Frage meinen Freund, ob ich ein Wort erzählt habe!«

»Warum bringst du ihn denn herauf und begehrst, daß ich auch zu ihm
reden soll?«

»Du sagtest zu mir, ich solle während meiner Fahrt, da, wo ich des
Abends anlegen muß, die Augen offen halten, um mich nach dem zu
erkundigen, was dir verloren ging. Ich habe meine Augen und meine Ohren
bereits schon geöffnet und bringe dir hier diesen Mann, der dir
vielleicht Auskunft geben kann.«

Isla sprang, die Pfeife fortwerfend, mit einem einzigen Rucke empor.

»Ist’s wahr? Du könntest mir Auskunft erteilen?«

»Mein Freund Hassan hat kein Wort zu mir gesprochen, und ich weiß daher
auch gar nicht, worüber ich dir Auskunft geben könnte. Sprich du
zuerst!«

»Effendi, wenn du mir sagen kannst, was ich zu hören wünsche, so werde
ich dich besser belohnen, als ein Pascha es könnte!«

»Ich begehre keinen Lohn. Rede!«

»Ich suche eine Jungfrau, welche Senitza heißt.«

»Und ich kenne eine Frau, welche sich denselben Namen gegeben hat.«

»Wo, wo, Effendi? Rede schnell.«

»Magst du mir nicht vorher die Jungfrau beschreiben?«

»O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröte; sie
duftet wie die Blüte der Reseda, und ihre Stimme klingt wie der Gesang
der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß
ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verriet. Ihr Mund träufelt von
Worten der Güte, und ihre Augen – – –«

Ich unterbrach ihn durch eine Bewegung meines Armes.

»Isla Ben Maflei, das ist keine Beschreibung, wie ich sie verlange.
Sprich nicht mit der Zunge eines Bräutigams, sondern mit den Worten des
Verstandes! Seit wann ist sie dir verloren gegangen?«

»Seit zwei Monden.«

»Hatte sie nicht etwas bei sich, woran man sie erkennen kann?«

»O, Effendi, was sollte dies sein?«

»Ein Schmuck vielleicht, ein Ring, eine Kette – – –«

»Ein Ring, ein Ring, ja! Ich gab ihr einen Ring, dessen Gold so dünn war
wie Papier, aber er trug eine schöne Perle.«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Wo, Effendi? O, sage es schnell! Und wann?«

»Heute, vor wenigen Stunden.«

»Wo?«

»In der Nähe dieses Ortes, nicht weiter als eine Stunde von hier.«

Der junge Mann kniete bei mir nieder und legte mir seine beiden Hände
auf die Schultern.

»Ist es wahr? Sagst du keine Unwahrheit? Täuschest du dich nicht?«

»Es ist wahr; ich täusche mich nicht.«

»So komm, erhebe dich; wir müssen hin zu ihr.«

»Das geht nicht.«

»Es geht, es muß gehen! Ich gebe dir tausend Piaster, zwei-, dreitausend
Piaster, wenn du mich zu ihr führst!«

»Und wenn du mir hunderttausend Piaster giebst, so kann ich dich heute
nicht zu ihr bringen.«

»Wann sonst? Morgen, morgen ganz früh?«

»Nimm deine Pfeife auf, brenne sie an und setze dich! Wer zu schnell
handelt, handelt langsam. Wir wollen uns besprechen.«

»Effendi, ich kann nicht. Meine Seele zittert.«

»Brenne deine Pfeife an!«

»Ich habe keine Zeit dazu; ich muß – – –«

»Wohl! Wenn du keine Zeit zu geordneten Worten hast, so muß ich gehen.«

»Bleibe! Ich werde alles thun, was du willst.«

Er setzte sich wieder an seinen Platz und nahm aus dem Becken eine
glimmende Kohle, um den Tabak seiner Pfeife in Brand zu stecken.

»Ich bin bereit. Nun sprich!« forderte er mich dann auf.

»Heute schickte ein reicher Ägypter zu mir, zu ihm zu kommen, weil sein
Weib krank sei – – –«

»Sein Weib – – –!«

»So ließ er mir sagen.«

»Du gingst?«

»Ich ging.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Er nennt sich Abrahim-Mamur und wohnt aufwärts von hier in einem
einsamen, halb verfallenen Hause, welches am Ufer des Niles steht.«

»Es wird von einer Mauer umgeben?«

»Ja.«

»Wer konnte dies ahnen! Ich habe alle Städte, Dörfer und Lager am Nile
abgeforscht, aber ich dachte nicht, daß dieses Haus bewohnt werde. Ist
sie wirklich sein Weib?«

»Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.«

»Und krank ist sie?«

»Sehr.«

»Wallahi, bei Gott, er soll es bezahlen, wenn ihr etwas Böses
widerfährt. An welcher Krankheit leidet sie?«

»Ihre Krankheit liegt im Herzen. Sie haßt ihn; sie verzehrt sich in
Sehnsucht, von ihm fortzukommen, und wird sterben, wenn es nicht bald
geschieht.«

»Nicht er, aber sie hat dir das gesagt?«

»Nein, ich habe es beobachtet.«

»Du hast sie gesehen?«

»Ja.«

»Belauscht?«

»Nein. Er führte mich in seine Frauenwohnung, damit ich mit der Kranken
sprechen könne.«

»Er selbst? Unmöglich!«

»Er liebt sie – –«

»Allah strafe ihn!«

»Und fürchtete, daß sie sterben werde, wenn er mich wieder
fortschickte.«

»So sprachst du auch mit ihr?«

»Ja, aber nur die Worte, welche er mir erlaubte. Aber sie fand Zeit, mir
leise zuzuflüstern: »Rette Senitza.« Sie trägt also diesen Namen,
obgleich er sie Güzela nennt.«

»Was hast du ihr geantwortet?«

»Daß ich sie retten werde.«

»Effendi, ich liebe dich; dir gehört mein Leben! Er hat sie geraubt und
entführt. Er hat sie durch Betrug an sich gerissen. Komm, Effendi, wir
wollen gehen. Ich muß wenigstens das Haus sehen, in welchem sie gefangen
gehalten wird!«

»Du wirst hier bleiben! Ich gehe morgen wieder hin zu ihr und – – –«

»Ich gehe mit, Sihdi!«

»Du bleibst hier! Kennt sie den Ring, welchen du am Finger trägst?«

»Sie kennt ihn sehr gut.«

»Willst du mir ihn anvertrauen?«

»Gern. Aber wozu?«

»Ich spreche morgen wieder mit ihr und werde es so einzurichten wissen,
daß sie den Ring zu sehen bekommt.«

»Sihdi, das ist vortrefflich! Sie wird sogleich ahnen, daß ich in der
Nähe bin. Aber dann?«

»Erzähle du zunächst das, was ich wissen muß.«

»Du sollst alles erfahren, Herr. Unser Geschäft ist eines der größten in
Istambul; ich bin der einzige Sohn meines Vaters, und während er den
Bazar verwaltet und die Diener beaufsichtigt, habe ich die notwendigen
Reisen zu unternehmen. Ich war sehr oft auch in Scutari und sah Senitza,
als sie mit einer Freundin auf dem See spazieren fuhr. Ich sah sie
später wieder. Ihr Vater wohnt nicht in Scutari, sondern auf den
schwarzen Bergen; sie kam aber zuweilen herunter, um die Freundin zu
besuchen. Als ich vor zwei Monaten wieder an jenen See reiste, war die
Freundin mit ihrem Manne verschwunden, und Senitza dazu!«

»Wohin?«

»Niemand wußte es.«

»Auch ihre Eltern nicht?«

»Nein. Ihr Vater, der tapfere Osco, hat die Czernagora verlassen, um
nach seinem Kinde zu suchen, so weit die Erde reicht; ich aber mußte
nach Ägypten, um Einkäufe zu machen. Auf dem Nile begegnete ich einem
Dampfboote, welches aufwärts fuhr. Als der Sandal[26], auf welchem ich
war, an ihm vorüberlenkte, hörte ich drüben meinen Namen nennen. Ich
blickte hinüber und erkannte Senitza, welche den Schleier vom Gesicht
genommen hatte. Neben ihr stand ein schöner, finsterer Mann, der ihr den
Jaschmak sofort wieder überwarf – weiter sah ich nichts. Seit dieser
Stunde habe ich ihre Spur verfolgt.«

    [26] Kleines Segelschiff.

»Du weißt also nicht genau, ob sie ihre Heimat freiwillig oder
gezwungen verlassen hat?«

»Freiwillig nicht.«

»Kanntest du den Mann, der neben ihr stand?«

»Nein.«

»Das ist wunderbar! Oder hast du dich in der Person geirrt? Vielleicht
ist es eine andere gewesen, die ihr ähnlich sieht.«

»Hätte sie dann gerufen und die Hände nach mir ausgestreckt, Effendi?«

»Das ist wahr.«

»Sihdi, du hast ihr versprochen, sie zu retten?«

»Ja.«

»Wirst du dein Wort halten?«

»Ich halte es, wenn sie es wirklich ist.«

»Du willst mich nicht mitnehmen. Wie kannst du da erkennen, ob sie es
ist?«

»Dein Ring wird mir die Überzeugung geben.«

»Und wie wirst du sie dann aus dem Hause bringen?«

»Indem ich dir sage, auf welche Weise du sie holen kannst.«

»Ich werde sie holen, darauf kannst du dich verlassen.«

»Und dann? Hassan el Reïsahn, wärest du bereit, sie in deiner Dahabïe
aufzunehmen?«

»Ich bin bereit, obgleich ich den Mann nicht kenne, bei dem sie sich
befindet.«

»Er nennt sich Mamur, wie ich dir gesagt habe.«

»Wenn er wirklich ein Mamur, der Beherrscher einer Provinz gewesen ist,
so ist er mächtig genug, uns zu verderben, wenn er uns ergreift,« meinte
der Kapitän mit ernster Miene. »Eine Entführung wird mit dem Tode
beftraft. Mein Freund Kara Ben Nemsi, du wirst morgen sehr klug und
vorsichtig handeln müssen.«

Was mich selbst betraf, so dachte ich weniger an die Gefahr als
vielmehr an das Abenteuer selbst. Natürlich stand es fest, daß ich keine
Hand rühren würde, wenn Abrahim-Mamur ein wirkliches Recht auf die
Kranke geltend machen könnte.

Wir besprachen uns noch lange über das bevorstehende Ereignis und
trennten uns dann, um schlafen zu gehen, doch war ich überzeugt, daß
Isla keine Ruhe finden werde.



Viertes Kapitel.

Eine Entführung.


Da es sehr spät geworden war, als wir schlafen gingen, so wunderte ich
mich nicht darüber, daß ich am andern Morgen auch sehr spät erwachte.
Ich hätte vielleicht noch länger fortgeschlafen, wenn ich nicht durch
den Gesang des Barbiers erweckt worden wäre. Dieser lehnte draußen am
Eingangsthore und schien mir zu Ehren seinen ganzen Vorrat an deutschen
Liedern erschöpfen zu wollen.

Ich ließ den Sänger hereinkommen, um mich ein Weilchen mit ihm zu
unterhalten, und fand in ihm einen recht gutmütigen aber leichtsinnigen
Burschen, den ich trotz aller Landsmannschaft sicherlich nicht mit
meinem braven Halef vertauscht hätte. Ich ahnte damals nicht, unter was
für bösen Verhältnissen ich später mit ihm zusammentreffen würde.

Am Vormittage besuchte ich den Abu el Reïsahn auf seinem Schiffe, und
als ich kaum das Mittagsmahl verzehrt hatte, erschien das Boot, welches
mich abholen sollte. Halef hatte schon längst fleißigen Ausguck nach
demselben gehalten.

»Effendi, fahre ich mit?« fragte er.

Ich schüttelte mit dem Kopfe und antwortete scherzend:

»Heute brauche ich dich nicht.«

»Wie? du brauchst mich nicht?«

»Nein.«

»Wenn dir nun etwas begegnet!«

»Was soll mir begegnen?«

»Du kannst in das Wasser fallen.«

»So schwimme ich.«

»Oder Abrahim-Mamur kann dich töten. Ich habe es ihm angesehen, daß er
dein Freund nicht ist.«

»So könntest du mir auch nicht helfen.«

»Nicht? Sihdi, Halef Agha ist der Mann, auf den du dich allzeit
verlassen kannst!«

»So komm!«

Es war ihm natürlich sehr um sein Bakschisch[27] zu thun.

    [27] Trinkgeld.

Der Weg wurde ganz in derselben Weise zurückgelegt, doch war ich heute
natürlich aufmerksamer auf alles, was mir von Nutzen sein konnte. Im
Garten, den wir durchschreiten mußten, lagen mehrere starke und ziemlich
lange Stangen. Sowohl das Außen- wie auch das Innenthor wurden immer mit
breiten, hölzernen Riegeln verschlossen, deren Konstruktion ich mir
genau merkte. Einen Hund sah ich nirgends, und von dem Bootssteuerer
erfuhr ich, daß außer dem Herrn, der Kranken und einer alten Wärterin
elf Fellahs zu dem Hause gehörten und nachts auch in demselben
schliefen. Der Herr selbst schlief stets auf dem Diwan seines Selamlük.

Als ich dort eintrat, kam er mir mit einer sichtlich freundlicheren
Miene entgegen, als diejenige war, mit welcher er mich gestern entlassen
hatte.

»Sei mir willkommen, Effendi! Du bist ein großer Arzt.«

»So!«

»Sie hat bereits gestern schon gegessen.«

»Ah!«

»Sie hat mit der Wärterin gesprochen.«

»Freundlich?«

»Freundlich und viel.«

»Das ist gut. Vielleicht ist sie bereits in weniger als fünf Tagen
vollständig gesund.«

»Und heute früh hat sie sogar ein wenig gesungen.«

»Das ist noch besser. Ist sie schon lange dein Weib?«

Sogleich verfinsterte sich sein Gesicht.

»Die Ärzte der Ungläubigen sind sehr neugierig!«

»Wißbegierig nur; aber diese Wißbegierde rettet vielen das Leben oder
die Gesundheit, denen eure Ärzte nicht helfen könnten.«

»War deine Frage wirklich notwendig?«

»Ja!«

»Sie ist noch ein Mädchen, obgleich sie mir gehört.«

»So ist die Hilfe sicher.«

Er führte mich wieder nur bis in das Zimmer, in welchem ich gestern
warten mußte und in welchem ich auch heute zurückblieb. Ich sah mich
genauer um. Fenster gab es nicht; die Lichtöffnungen waren vergittert.
Das hölzerne Gitterwerk war so angebracht worden, daß man es öffnen
konnte, indem man ein langes, dünnes Riegelstäbchen herauszog. Schnell
entschlossen zog ich es heraus und steckte es so hinter das Gitter, daß
es nicht bemerkt werden konnte. Kaum war ich damit fertig, so erschien
Abrahim wieder. Hinter ihm trat Senitza ein.

Ich ging auf sie zu und legte ihr meine Fragen vor. Unterdessen spielte
ich wie im Eifer für die Sache mit dem Ringe, den mir Isla mitgegeben
hatte, und ließ ihn dabei aus den Fingern gleiten. Er rollte hin bis an
ihre Füße; sie bückte sich schnell und hob ihn auf. Sofort aber trat
Abrahim auf sie zu und nahm ihr ihn aus der Hand. So schnell das ging,
sie hatte doch Zeit gehabt, einen Blick auf den Ring zu werfen – sie
hatte ihn erkannt, das sah ich an ihrem Zusammenzucken und an der
unwillkürlichen Bewegung ihrer Hand nach ihrem Herzen. Nun hatte ich für
jetzt weiter nichts mehr hier zu thun.

Abrahim fragte, wie ich sie gefunden habe.

»Gott ist gut und allmächtig,« antwortete ich; »er sendet den Seinen
Hilfe, oft ehe sie es denken. Wenn er es will, so ist sie morgen bereits
gesund. Sie mag die Medizin nehmen, die ich ihr senden werde, und mit
Vertrauen warten, bis ich wiederkomme.«

Heute entließ sie mich, ohne ein Wort zu wagen. Im Selamlük harrte Halef
bereits mit der Apotheke. Ich gab nichts als ein Zuckerpulver, wofür der
kleine Agha ein noch größeres Bakschisch als gestern erhielt. Dann ging
es wieder stromabwärts zurück.

Der Kapitän erwartete mich bereits bei dem Kaufherrn.

»Hast du sie gesehen?« rief mir dieser entgegen.

»Ja.«

»Erkannte sie den Ring?«

»Sie erkannte ihn.«

»So weiß sie, daß ich in der Nähe bin!«

»Sie ahnt es. Und wenn sie meine Worte richtig deutet, so weiß sie, daß
sie heute nacht errettet wird.«

»Aber wie?«

»Hassan el Reïsahn, bist du mit deinem Lecke fertig?«

»Ich werde fertig bis zum Abend.«

»Bist du bereit, uns aufzunehmen und nach Kairo zu bringen?«

»Ja.«

»So hört mich! In das Haus führen zwei Thüren, welche aber von innen
verriegelt sind; durch sie können wir nicht eindringen. Aber es giebt
noch einen zweiten Weg, wenn er auch schwierig ist. Isla Ben Maflei,
kannst du schwimmen?«

»Ja.«

»Gut. Es führt ein Kanal aus dem Nil unter den Mauern hinweg nach einem
Bassin, welches in der Mitte des Hofes sich befindet. Kurz nach
Mitternacht, wenn alles schläft, treffen wir dort ein, und du dringst
durch den Kanal und das Bassin in den Hof. Die Thüre, welche du sofort
finden wirst, ist durch einen Riegel verschlossen, der sehr leicht
zurückzuschieben ist. Indem du öffnest, kommst du in den Garten, dessen
Thüre auf gleiche Weise sich öffnen läßt. Sobald die Thüren offen sind,
trete ich ein. Wir holen eine Stange aus dem Garten und lehnen sie an
die Mauer, um zu dem Gitter emporzusteigen, hinter welchem die
Frauengemächer liegen. Ich habe es bereits von innen geöffnet.«

»Und dann?«

»Was dann geschehen soll, muß sich nach den Umständen richten. Wir
fahren mit einem Boote bis an Ort und Stelle, wo unsere erste Arbeit
sein muß, das Boot Abrahim-Mamurs zu versenken, so daß er uns nicht
verfolgen kann. Unterdessen macht der Reïs seine Dahabïe segelfertig.«

Ich nahm einen Stift zur Hand und zeichnete den Riß des Hauses auf ein
Blatt Papier, so daß Isla Ben Maflei vollständig orientiert war, wenn er
heute abend aus dem Bassin stieg. Der Tag verging vollends unter den
notwendigen Vorbereitungen; der Abend kam, und als es Zeit wurde, rief
ich Halef herein und gab ihm die nötigen Weisungen für das bevorstehende
Abenteuer.

Halef packte rasch unsere Habseligkeiten zusammen. Die Wohnungsmiete war
schon voraus bezahlt.

Ich begab mich zu Hassan, und Halef kam sehr bald mit den Sachen nach.
Das Schiff war bereit zur Fahrt und brauchte nur vom Ufer gelöst zu
werden. Nach einiger Zeit stellte sich auch Isla mit seinem Diener ein,
der von ihm unterrichtet worden war, und nun stiegen wir in das lange,
schmale Boot, welches zur Dahabïe gehörte. Die beiden Diener mußten
rudern, und ich lenkte das Steuer.

Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen
ruht, als gebe es auf dem ganzen weiten Erdenrunde kein einziges
drohendes Element.

Die leisen Lüfte, welche mit dem Schatten der Dämmerung gespielt hatten,
waren zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten freundlich aus
dem tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des ehrwürdigen
Stromes fluteten ruhig und lautlos dahin in ihrer breiten Bahn. Diese
Ruhe herrschte auch in meinem Innern, obgleich es schwer scheint, dies
zu glauben.

Es war nichts Leichtes, was wir zu vollbringen gedachten, aber man bebt
ja _vor_ einem Ereignisse; ist dasselbe jedoch einmal angebahnt oder gar
bereits eingetreten, so hat man mit den Chancen abgeschlossen und kann
ohne innere Kämpfe handeln. Eine nächtliche Entführung wäre vielleicht
gar nicht notwendig gewesen; wir hätten vielmehr Abrahim-Mamur vor
Gericht angreifen können. Aber wir wußten ja nicht, wie die Verhältnisse
lagen und welche rechtlichen oder unrechtlichen Mittel ihm zu Gebote
standen, sein Anrecht auf Senitza geltend zu machen. Nur von ihr erst
konnten wir erfahren, was wir wissen mußten, um gegen ihn aufzutreten,
und das konnten wir nur dann erfahren, wenn es uns gelang, sie hinter
seinem Rücken in unsere Hände zu bekommen.

Nach einer kleinen Stunde hoben sich die dunklen Umrisse des Gebäudes
aus ihrer grauen, steinigen Umgebung hervor. Wir legten eine kurze
Strecke unterhalb der Mauer an, und ich stieg zunächst ganz allein aus,
um zu rekognoscieren. Ich fand in der ganzen Umgebung des Hauses nicht
die geringste Spur von Leben, und auch innerhalb der Mauern schien alles
in tiefster Ruhe zu liegen. Am Kanale lag das Boot Abrahims mit den
Rudern. Ich stieg ein und brachte es neben unsern Kahn.

»Hier ist das Boot,« sagte ich zu den beiden Dienern. »Fahrt es ein
wenig abwärts, füllt es mit Steinen und laßt es sinken. Die Ruder aber
können wir gebrauchen. Wir nehmen sie in unser Boot herein, welches ihr
nachher nicht anhängen laßt, sondern so bereit haltet, daß wir abstoßen
können, sobald wir einsteigen. Isla Ben Maflei, folge mir!«

Ich verließ das Boot, und wir schlichen zum Kanale. Dessen Wasser
blickten uns nicht sehr einladend entgegen. Ich warf einen Stein hinein
und erkannte dadurch, daß der Kanal nicht tief sei. Isla zog seine
Kleider aus und stieg hinein. Das Wasser reichte ihm bis an das Kinn.

»Wird es gehen?« fragte ich ihn.

»Mit dem Schwimmen besser als mit dem Gehen. Der Kanal hat so viel
Schlamm, daß er mir fast bis an die Kniee reicht.«

»Bist du noch entschlossen?«

»Ja. Bringe meine Kleider mit zum Thore. Haidi, wohlan!«

Er hob die Beine empor, stieß die Arme aus und verschwand unter der
Maueröffnung, durch welche das Wasser führte.

Ich verließ die Stelle nicht sofort, sondern ich wartete noch eine
Weile, da es ja sehr leicht möglich war, daß etwas Unvorhergesehenes
geschehen konnte, was meine Gegenwart wünschenswert erscheinen ließ. Ich
hatte das Richtige getroffen, denn eben wollte ich mich wenden, als der
Kopf des Schwimmers in der Öffnung wieder erschien.

»Du kehrst zurück?«

»Ja, ich konnte nicht weiter.«

»Warum?«

»Effendi, wir können Senitza nicht befreien!«

»Weshalb nicht?«

»Die Mauer ist zu hoch – – –«

»Es würde auch nichts helfen, wenn sie niedriger wäre, denn das Haus ist
fest verschlossen.«

»Und der Kanal auch.«

»Verschlossen?«

»Ja.«

»Womit?«

»Mit einem starken Holzgitter.«

»Konntest du es nicht entfernen?«

»Es widersteht aller meiner Kraft.«

»Wie weit ist der Ort von hier?«

»Das Gitter muß sich grad bei der Grundmauer des Hauses befinden.«

»Ich werde einmal nachsehen. Ziehe dich an; halte meine Kleider und
erwarte mich hier.«

Ich warf nur das Obergewand ab und stieg in das Wasser. Mich auf den
Rücken legend, schwamm ich vorwärts. Der Kanal war auch im Garten nicht
offen, sondern mit steinernen Platten bedeckt. Als ich nach meiner
Berechnung das Haus erreicht haben mußte, stieß ich an das Gitter. Es
war so breit und hoch wie der Kanal selbst, bestand aus starken, gut
eingefügten Holzstangen und war mit eisernen Klammern an die Mauer
befestigt. Die Vorrichtung hatte jedenfalls den Zweck, Tiere wie etwa
Ratten, Wassermäuse u. s. w. vom Bassin fernzuhalten. Ich rüttelte
daran; es gab nicht nach, und ich mußte einsehen, daß es im ganzen
nicht zu entfernen sei. Ich faßte einen einzelnen Stab mit beiden
Händen, stemmte die hoch emporgezogenen Kniee hüben und drüben gegen die
Mauer – ein Ruck aus allen Kräften, und die Stange zerbrach. Jetzt war
eine Bresche da, und in Zeit von zwei Minuten hatte ich noch vier Stäbe
herausgerissen, so daß eine Öffnung entstanden war, durch welche ich
mich zwängen konnte.

Sollte ich zurückkehren, um Isla das weitere zu überlassen? Nein, denn
das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich befand mich nun einmal im Wasser
und kannte ja auch die Örtlichkeit genauer als er. Ich passierte also
die Öffnung, welche ich mir gemacht hatte, und schwamm weiter fort in
dem Wasser, welches durch den aufgewühlten Schlamm ganz dick war. Als
ich mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem inneren Hofe
befinden mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis auf die Oberfläche
des Wassers herunter, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des
Bassins befand. Der Kanal glich von hier aus nur noch einer Röhre,
welche so vollständig mit Wasser gefüllt war, daß die zum Atmen nötige
Luft fehlte. Die noch übrige Strecke mußte ich also unter Wasser
durchkriechen oder tauchend durchschwimmen, was nicht nur höchst
unbequem und anstrengend, sondern auch mit größter Gefahr verbunden war.
Wie nun, wenn sich ein zweites, unvorhergesehenes Hindernis in den Weg
stellte und ich auch nicht so weit zurückkehren konnte, um den nötigen
Atem zu holen? – – Oder wenn ich beim Emportauchen bemerkt wurde? Es war
doch immerhin möglich, daß sich jemand in dem Hofe befand.

Diese Bedenken durften mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge voll
Atem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend und
halb gehend, mit möglichster Schnelligkeit vorwärts.

Eine ziemliche Strecke legte ich so zurück, und schon verspürte ich den
eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand wirklich an ein neues
Hindernis stieß. Es war, wie ich fühlte, ein aus einem durchlöcherten
Blech bestehendes Siebgitter, welches die ganze Lichte der Kanalröhre
einnahm und jedenfalls, so zu sagen, als Seiher oder Filter des
schlammigen, trüben Wassers dienen sollte.

Bei dieser Entdeckung bemächtigte sich eine wirkliche Ängstlichkeit
meiner.

Zurück konnte ich nicht mehr, denn ehe ich die Stelle zu erreichen
vermochte, wo die höhere Wölbung des Kanals mir gestattet hätte,
emporzutauchen und Atem zu schöpfen, war ich jedenfalls schon erstickt,
und doch schien das ziemlich starke Siebwerk sehr haltbar befestigt zu
sein. Hier gab es freilich nur zwei Fälle: entweder es gelang mir,
hindurchzukommen, oder ich mußte elend ertrinken. Es war kein Augenblick
zu verlieren.

Ich stemmte mich gegen das Blech – vergebens; ich drückte und preßte mit
aller Gewalt dagegen, doch ohne Erfolg. Und wenn ich hindurch kam und
hinter ihm nicht sofort das Bassin sich befand, so war ich dennoch
verloren. Ich hatte nur noch Luft und Kraft für eine Sekunde; es war
mir, als wolle eine fürchterliche Gewalt mir die Lunge zerbersten und
den Körper zersprengen – noch eine letzte, die allerletzte Anstrengung;
Herr Gott im Himmel, hilf, daß es mir gelingt! Ich fühle den Tod mit
nasser, eisiger Hand nach meinem Herzen greifen; er packt es mit
grausamer, unerbittlicher Faust und drückt es vernichtend zusammen; die
Pulse stocken, die Besinnung schwindet, die Seele sträubt sich mit aller
Gewalt gegen das Entsetzliche, eine krampfhafte, tödliche Expansion
dehnt die erstarrenden Sehnen und Muskeln aus – ich höre einen Krach,
kein Geräusch, aber der Kampf des Todes hat vermocht, was dem Leben
nicht gelingen wollte – das Sieb weicht, es geht aus den Fugen, ich fuhr
empor. Ein langer, langer, tiefer Atemzug, der mir augenblicklich das
Leben wiederbrachte, dann tauchte ich wieder unter. Es konnte ja jemand
im Hofe sein und meinen Kopf bemerken, der grad in der Mitte der kleinen
Wasserfläche sichtbar geworden war. Am Rande derselben kam ich
vorsichtig wieder auf und blickte mich um.

Es schien kein Mond, aber die Sterne des Südens verbreiteten ein
genügendes Licht, um alle Gegenstände unterscheiden zu können. Ich stieg
aus dem Bassin und wollte mich leise an die Mauer schleichen, als ich
ein leises Knacken vernahm. Ich blickte empor zu den Gittern, hinter
denen die Frauengemächer lagen. Hier, rechts über mir war die Stelle, an
welcher ich den Riegelstab entfernt hatte, und links davon bemerkte ich
eine Spalte in der Vergitterung desjenigen Zimmers, in welches ich nicht
hatte treten dürfen. Es war jedenfalls das Schlafzimmer Senitzas. War
sie wach geblieben, um mich zu erwarten? Kam das Knacken von dem Gitter,
welches sie auch in ihrer Stube geöffnet hatte? War dies der Fall, so
hatte sie mich aus dem Wasser steigen sehen und sich jetzt wieder
zurückgezogen, da sie mich unmöglich erkennen konnte.

Ich schlich näher und legte die Hände rund um den Mund.

»Senitza!« flüsterte ich leise.

Da wurde die Spalte größer und ein dunkles Köpfchen erschien.

»Wer bist du?« hauchte es herab.

»Der Hekim, welcher bei dir war.«

»Du kommst, mich zu retten?«

»Ja. Du hast es geahnt und meine Worte verstanden?«

»Ja. Bist du allein?«

»Isla Ben Maflei ist draußen.«

»Ach! Er wird getötet werden!«

»Von wem?«

»Von Abrahim. Er schläft nicht des Nachts; er wacht. Und die Wärterin
liegt in dem Raume neben mir. Halt – horch! Oh, fliehe schnell!«

Dort hinter der Thür, welche zum Selamlük führte, ließ sich ein Geräusch
vernehmen. Die Spalte oben schloß sich, und ich eilte augenblicklich zum
Bassin zurück. Dort war der einzige Ort, wo ich Zuflucht finden konnte.
Vorsichtig, damit das Wasser keine Wellen werfen sollte, die mich
verraten hätten, glitt ich hinein.

Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür, und es erschien die
Gestalt Abrahims, der langsam und spähend den Hof umschritt. Ich stand
bis zum Munde im Wasser, und mein Kopf war hinter der Einfassung
verborgen, so daß mich der Ägypter nicht gewahr werden konnte. Dieser
überzeugte sich, daß das Thor noch verschlossen sei, und verschwand,
nachdem er die Runde vollendet hatte, wieder in dem Selamlük.

Jetzt stieg ich wieder aus dem Wasser, glitt zum Thore, schob den Riegel
zurück und öffnete. Ich stand im Garten. Rasch eilte ich quer über
denselben hinweg, um nun auch das Mauerthor zu öffnen, und dann wollte
ich um die Ecke biegen, Isla Ben Maflei zu holen, als dieser eben
erschien.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, Effendi! Es ist dir gelungen.«

»Ja. Aber ich kämpfte mit dem Tode. Gieb mir mein Gewand!«

Hose und Weste trieften mir von Wasser; ich warf nur die Jacke über, um
nicht in meinen Bewegungen gehindert zu sein, und sagte ihm:

»Ich sprach bereits mit Senitza.«

»Ist es wahr, Effendi?«

»Sie hatte mich verstanden und erwartete uns.«

»O komm! Schnell, schnell!«

»Warte noch!«

Ich ging in den Garten, um eine der Stangen zu holen, welche ich gleich
bei meiner ersten Anwesenheit bemerkt hatte. Dann traten wir in den Hof.
Die Spalte oben im Gitterwerke hatte sich bereits wieder geöffnet.

»Senitza[28], mein Stern, mein – –« rief Isla mit unterdrückter Stimme,
als ich emporgezeigt hatte. Ich unterbrach ihn:

    [28] Senitza ist serbisch und heißt deutsch Augapfel.

»Um alles in der Welt, still! Hier ist keine Zeit zu Herzensergüssen. Du
schweigst, und nur ich rede!«

Dann wandte ich mich empor zu ihr:

»Bist du bereit, mit uns zu gehen?«

»Oh, ja!«

»Durch die Zimmer geht es nicht?«

»Nein. Aber drüben hinter den hölzernen Säulen liegt eine Leiter.«

»Ich hole sie!«

Wir brauchten also weder die Stange noch den mitgebrachten Strick. Ich
ging und fand die Leiter. Sie war fest. Als ich sie angelehnt hatte,
stieg Isla empor. Ich schlich unterdessen nach der Thür zum Selamlük, um
zu horchen.

Es dauerte einige Zeit, ehe ich die Gestalt des Mädchens erscheinen sah.
Sie stieg herab, und Isla unterstützte sie dabei. In dem Augenblicke, in
welchem sie den Boden erreichten, erhielt die Leiter einen Stoß; sie
schwankte und stürzte mit einem lauten Krach zu Boden.

»Flieht! Schnell nach dem Boote!« warnte ich.

Sie eilten nach dem Thore, und zu gleicher Zeit hörte ich Schritte
hinter der Thür. Abrahim hatte das Geräusch vernommen und kam herbei.
Ich mußte den Fliehenden den Rückzug decken und folgte ihnen also mit
nicht zu großer Schnelligkeit. Der Ägypter bemerkte mich, sah auch die
umgestürzte Leiter und das geöffnete Gitter.

Er stieß einen Schrei aus, der von allen Bewohnern des Hauses gehört
werden mußte.

»Chirsytz, hajdut, Dieb, Räuber, halt! Herbei, herbei, ihr Männer, ihr
Leute, ihr Sklaven! Hilfe!«

Mit diesen laut gebrüllten Worten sprang er hinter mir her. Da der
Orient keine Betten nach Art der unseren kennt und man meist in den
Kleidern auf dem Diwan schläft, so waren die Bewohner des Hauses alsbald
auf den Beinen.

Der Ägypter war hart hinter mir. Am Außenthore blickte ich mich um. Er
war nur zehn Schritte von mir entfernt, und dort an dem inneren Thore
erschien bereits ein zweiter Verfolger.

Draußen bemerkte ich nach rechts Isla Ben Maflei mit Senitza fliehen;
ich wandte mich also nach links. Abrahim ließ sich täuschen. Er sah
nicht sie, sondern nur mich und folgte mir. Ich sprang um die eine Ecke,
in der Richtung nach dem Flusse zu, oberhalb des Hauses, während unser
Boot unterhalb desselben lag. Dann rannte ich um die zweite Ecke, das
Ufer entlang.

»Halt, Bube! Ich schieße!« erscholl es hinter mir.

Er hatte also die Waffen bei sich gehabt. Ich eilte weiter. Traf mich
seine Kugel, so war ich tot oder gefangen, denn hinter ihm folgten seine
Diener, wie ich aus ihrem Geschrei vernahm. Der Schuß krachte. Er hatte
im Laufen gezielt, statt dabei stehen zu bleiben; das Geschoß flog an
mir vorüber. Ich that, als sei ich getroffen, und warf mich zur Erde
nieder.

Er stürzte an mir vorbei, denn er hatte nun das Boot bemerkt, in welches
Isla eben mit Senitza einstieg. Gleich hinter ihm sprang ich wieder auf.
Mit einigen weiten Sprüngen hatte ich ihn erreicht, packte ihn im Nacken
und warf ihn nieder.

Das Geschrei der Fellatah erscholl aber jetzt hinter mir, sie waren mir
sehr nahe, da ich mit dem Niederwerfen Zeit und Raum verloren hatte;
aber ich erreichte den Kahn und sprang hinein. Sofort stieß Halef vom
Ufer, von welchem wir bereits mehrere Bootslängen entfernt waren, als
die Verfolger dort ankamen.

Abrahim hatte sich wieder emporgerafft. Er überblickte die ganze
Situation.

»Geri,« brüllte er; »geri erkekler – zurück, zurück, ihr Männer! –
Zurück, nach dem Boote!«

Alle wandten sich um in der Richtung nach dem Kanale, wo ihr Kahn
gelegen hatte. Abrahim kam zuerst dort an und stieß einen Schrei der Wut
aus. Er sah, daß das Boot verschwunden war.

Wir hatten unterdessen die ruhigeren Gewässer des Ufers verlassen und
das schneller strömende Wasser erreicht; Halef und der Barbier aus
Jüterbogk ruderten; auch ich nahm eines der aus dem Boote Abrahims
genommenen Ruder; Isla that dasselbe, und so schoß unser Kahn sehr
schnell stromabwärts.

Es wurde kein Wort gesprochen; unsere Stimmung war nicht danach, in
Worte gefaßt zu werden.

Während des ganzen Abenteuers war doch eine längere Zeit vergangen, so
daß jetzt bereits sich der Horizont rötete und man die nebellosen
Wasser des Niles weithin zu überblicken vermochte. Noch immer sahen wir
Abrahim mit den Seinigen am Ufer stehen, und weiter oben erschien ein
Segel, welches in dem Morgenrot erglühte.

»Ein Sandal!« meinte Halef.

Ja, es war ein Sandal, eine jener lang gebauten, stark bemannten Barken,
welche so schnell segeln, daß sie fast mit einem Dampfer um die Wette
gehen.

»Er wird den Sandal anrufen und uns auf demselben verfolgen,« sagte
Isla.

»Hoffentlich ist der Sandal ein Kauffahrer, der nicht auf ihn hört!«

»Wenn Abrahim dem Reïs eine genügende Summe bietet, wird dieser sich
nicht weigern.«

»Auch in diesem Falle würden wir einen guten Vorsprung gewinnen. Ehe der
Sandal anlegt und der Reïs mit Abrahim verhandelt hat, vergeht einige
Zeit. Auch muß sich Abrahim, ehe er an Bord gehen kann, mit allem
versehen, was zu einer längeren Reise notwendig ist, da er nicht wissen
kann, welche Ausdehnung die Verfolgung haben wird.«

Das Segel entschwand jetzt unseren Blicken, und wir machten eine so
schnelle Fahrt, daß wir nach kaum einer halben Stunde die Dahabïe zu
Gesicht bekamen, welche uns weiter tragen sollte.

Der alte Abu el Reïsahn lehnte an der Brüstung des Sternes. Er sah, daß
eine weibliche Person im Boote saß, und wußte also, daß unser
Unternehmen gelungen sei, wenigstens gelungen bis zu diesem Augenblick.

»Legt an,« rief er. »Die Treppe ist niedergelassen!«

Wir stiegen an Bord, und das Boot wurde am Steuer befestigt. Dann ließ
man die Seile gehen und zog die Segel auf. Das Fahrzeug drehte den
Schnabel vom Land ab; der Wind legte sich in das Leinen, und wir
strebten der Mitte des Stromes zu, welcher uns nun abwärts trug.

Ich war zum Reïs getreten.

»Wie ging es?« fragte er mich.

»Sehr gut. Ich werde es dir erzählen; doch sage mir vorher, ob ein guter
Sandal dein Fahrzeug einholen könnte.«

»Werden wir verfolgt?«

»Ich glaube es nicht, doch ist es möglich.«

»Meine Dahabïe ist sehr gut, aber ein guter Sandal holt jede Dahabïe
ein.«

»So wollen wir wünschen, daß wir unverfolgt bleiben!«

Ich erzählte nun den Hergang unseres Abenteuers und ging dann nach der
Kajüte, um meine noch immer feuchten Kleider zu wechseln. Sie war in
zwei Teile geteilt, einen kleinen und einen größeren. Der erstere war
für Senitza und der letztere für den Kapitän, Isla Ben Maflei und mich
bestimmt.

Es waren vielleicht zwei Stunden seit unserer Abfahrt vergangen, als ich
oberhalb unseres Schiffes die Spitze eines Segels bemerkte, welches sich
immer mehr vergrößerte. Als der Rumpf sichtbar wurde, erkannte ich den
Sandal, welchen wir in der Frühe gesehen hatten.

»Siehst du das Schiff?« fragte ich den Reïs.

»Allah akbar, Gott ist groß, und deine Frage ist auch groß,« antwortete
er mir. »Ich bin ein Reïs und sollte ein Segel nicht sehen, welches so
nahe hinter dem meinigen steuert!«

»Ob es ein Fahrzeug des Khedive ist?«

»Nein.«

»Woraus erkennst du dies?«

»Ich kenne diesen Sandal sehr genau.«

»Ah!«

»Er gehört dem Reïs Chalid Ben Mustapha.«

»Kennst du diesen Chalid?«

»Sehr; aber wir sind keine Freunde.«

»Warum?«

»Ein ehrlicher Mann kann nicht der Freund eines Unehrlichen sein.«

»Hm, so ahnt mir etwas.«

»Was?«

»Daß sich Abrahim-Mamur an seinem Bord befindet.«

»Werden es sehen!«

»Was wirst du thun, wenn der Sandal sich an die Dahabïe legen will?«

»Ich muß es zugeben. Das Gesetz sagt es so.«

»Und wenn ich es nicht zugebe?«

»Wie wolltest du dies anfangen? Ich bin der Reïs meiner Dahabïe und habe
nach den Vorschriften des Gesetzes zu handeln.«

»Und ich bin der Reïs meines Willens.«

Jetzt trat Isla zu uns. Ich wollte ihm keine zudringliche Frage
vorlegen, aber er begann selbst:

»Kara Ben Nemsi, du bist mein Freund, der beste Freund, den ich gefunden
habe. Soll ich dir erzählen, wie Senitza in die Hände des Ägypters
gekommen ist?«

»Ich möchte es sehr gerne hören, doch zu einer solchen Erzählung gehört
die Ruhe und Sammlung, welche wir jetzt nicht haben können.«

»Du bist unruhig? Weshalb?«

Er hatte das hinter uns segelnde Fahrzeug noch nicht bemerkt.

»Drehe dich um und siehe diesen Sandal.«

Er wandte sich um, sah das Schiff und fragte:

»Ist Abrahim an Bord?«

»Ich weiß es nicht, aber es ist sehr leicht möglich, weil der Kapitän
ein Schurke ist, der sich von Abrahim erkaufen lassen wird.«

»Woher weißt du, daß er ein Schurke ist?«

»Abu el Reïsahn sagt es.«

»Ja,« bestätigte dieser; »ich kenne diesen Kapitän und kenne auch sein
Schiff. Selbst wenn es weiter entfernt wäre, würde ich es an seinem
Segel erkennen, welches dreifach ausgebessert und zusammengeflickt ist.«

»Was werden wir thun?« fragte Isla.

»Zunächst abwarten, ob Abrahim sich an Bord befindet.«

»Und wenn er da ist?«

»So kommt er nicht zu uns herüber.«

Unser Schiffsführer prüfte den Fortgang des Sandal und denjenigen, den
wir selbst machten, und meinte dann:

»Er kommt uns immer näher. Ich werde eine Trikehta[29] beisetzen
lassen.«

    [29] Kleineres Segel.

Dies geschah, aber ich merkte bereits nach einigen Minuten, daß die
Entscheidung dadurch höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.
Der Sandal kam uns immer näher; endlich war er nur noch eine
Schiffslänge von uns entfernt und ließ das eine Segel fallen, um seine
Schnelligkeit zu vermindern. Wir sahen Abrahim-Mamur auf dem Deck
stehen.

»Er ist da!« sagte Isla.

»Wo steht er?« fragte der Reïs.

»Ganz vorn am Buge.«

»Dieser? Kara Ben Nemsi, was thun wir? Sie werden uns ansprechen, und
wir müssen ihnen antworten.«

»Wer hat nach deinen Gesetzen zu antworten?«

»Ich, der Inhaber meiner Dahabïe.«

»Merke auf, was ich dir sage, Abu el Reïsahn. Bist du bereit, mir dein
Schiff von hier bis Kahira zu vermieten?«

Der Kapitän sah mich erstaunt an, begriff dann aber gleich, was ich für
einen Zweck verfolgte.

»Ja,« antwortete er.

»Dann bin also ich der Inhaber?«

»Ja.«

»Und du als Reïs mußt thun, was ich will.«

»Ja.«

»Und bist für nichts verantwortlich?«

»Nein.«

»Gut. Rufe deine Leute zusammen!«

Auf seinen Ruf kamen alle herbei, und der Kapitän erklärte ihnen:

»Ihr Männer, ich sage euch, daß dieser Effendi, welcher Kara Ben Nemsi
heißt, unsere Dahabïe von hier bis Kahira gemietet hat. Ist es nicht
so?«

»Ja, es ist so,« bestätigte ich.

»Ihr könnt mir also bezeugen, daß ich nicht mehr Herr des Schiffes bin?«
fragte er die Leute.

»Wir bezeugen es.«

»So geht an eure Plätze. Das aber müßt ihr wissen, daß ich die Leitung
des Schiffes behalte, denn Kara Ben Nemsi hat es mir befohlen.«

Sie entfernten sich, sichtlich befremdet über die sonderbare Mitteilung,
welche ihnen geworden war.

Mittlerweile war der Sandal in gleiche Linie mit uns gekommen. Der
Kapitän desselben, ein alter langer, sehr hagerer Mann mit einer
Reiherfeder auf dem Tarbusch, trat an die Bordung und fragte herüber:

»Ho, Dahabïe, welcher Reïs?«

Ich neigte mich vor und antwortete:

»Reïs Hassan.«

»Hassan Abu el Reïsahn?«

»Ja.«

»Schön, kenne ihn,« antwortete er mit schadenfroher Miene. »Ihr habt ein
Weib an Bord?«

»Ja.«

»Gebt es heraus!«

»Chalid Ben Mustapha, du bist verrückt!«

»Wird sich finden. Wir werden an euch anlegen.«

»Das werden wir verhindern.«

»Wie willst du dies anfangen?«

»Das will ich dir sofort zeigen. Merke auf die Feder an deinem
Tarbusch!«

Ich erhob sehr schnell die Büchse, welche ich, ohne daß er sie gesehen
hatte, bereit gehalten hatte, zielte und drückte los. Die Feder flog
herab. Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha
nicht so in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er
fuhr so hoch in die Luft, als beständen seine hageren Gliedmaßen aus
elastischem Gummi, hielt sich den Kopf mit beiden Händen und floh hinter
den Mast.

»Jetzt weißt du, wie ich schieße, Ben Mustapha,« rief ich hinüber. »Wenn
dein Sandal noch eine einzige Minute bei uns backseits fährt, so schieße
ich dir nicht die Feder vom Tarbusch, sondern die Seele aus dem Leibe;
darauf kannst du dich verlassen!«

Diese Drohung hatte eine augenblickliche Wirkung. Er eilte an das
Steuer, riß es aus den Händen dessen, der es bisher regiert hatte, und
drehte ab. In zwei Minuten befand sich der Sandal in einer solchen
Entfernung von uns, daß ihn meine Kugel nicht erreichen konnte.

»Jetzt sind wir für den Augenblick sicher,« meinte ich.

»Er wird nicht wieder so nahe kommen,« stimmte Hassan bei; »aber er wird
uns auch nicht aus dem Auge lassen, bis wir irgendwo an das Ufer legen,
wo er die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen wird. Die fürchte ich
freilich nicht; aber ich fürchte etwas anderes.«

»Was?«

»Das da!«

Er deutete mit der Hand hinaus auf das Wasser, und wir verstanden
sogleich, was er meinte.

Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer
Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten als vorher und die jetzt
felsig gewordenen Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns
nämlich einer jener Stromschnellen, welche, mehr oder weniger
gefahrdrohend für den Schiffer, dem Verkehre auf dem Nile fast
unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen. Jetzt mußte die Feindschaft
der Menschen schweigen, damit sich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller
auf das drohende Element richten konnte. Die Stimme des Reïs tönte laut
schallend über das Deck:

»Blickt auf, ihr Männer, der Schellahl kommt, der Katarakt! Tretet
zusammen und betet die heilige Fatcha!«

Die Leute folgten seinem Gebote und begannen:

»Behüte uns, o Herr, vor dem von dir gesteinigten Teufel!«

»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonierte der Reïs.

Darauf fielen die andern ein und beteten die Fatcha, die erste Sure des
Koran.

Ich muß gestehen, daß dieses Gebet auch mich ergriff, aber nicht aus
Furcht vor der Gefahr, sondern aus Ehrfurcht vor der tief im Herzen
wurzelnden Religiosität dieser halbwilden Menschen, welche nichts thun
und beginnen, ohne sich dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig
ist.

»Wohlan, ihr jungen Männer, ihr mutigen Helden, geht an euere Plätze,«
gebot nun der Führer; »der Strom hat uns ergriffen.«

Das Kommando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig und exakt ab, wie
die Führung eines europäischen Fahrzeuges. Das heiße Blut des Südens
rollt durch die Adern und treibt in der Gefahr den Menschen von dem
Extreme der ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten
Niedergeschlagenheit und Verzweiflung. Alles schreit, ruft, brüllt,
heult, betet oder flucht im Augenblicke der Gefahr, um im nächsten
Momente, wenn diese Gefahr vorübergegangen ist, noch lauter zu jubeln,
zu pfeifen, zu singen und zu jauchzen. Dabei arbeitet ein jeder mit
Anspannung aller seiner Kräfte, und der Schiffsführer springt von einem
zum andern, um jeden anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie
sie nur ein Araber sich auszusinnen vermag, und belohnt die andern mit
den süßesten, zärtlichsten Namen, unter denen sich das Wort »Held« am
meisten wiederholt. Hassan hatte sich auf das Passieren der
Stromschnelle vorbereitet und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder
war doppelt besetzt, und am Steuer standen drei Barkenführer, welche
jeden Fußbreit des Stromes hier an dieser gefährlichen Stelle kannten.

Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die von dem Wasser
kaum bedeckten Felsblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck,
und der Donner des Kataraktes übertäubte jedes, auch das lauteste
Kommandowort. Das Schiff stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder
versagten ihre Dienste und, dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte
die Dahabïe durch die kochenden Gewässer.

Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und
lassen nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes
besitzt. Die Wogen werden förmlich durch dasselbe hindurchgepreßt und
stürzen sich in einem dicken, mächtigen Strahle nach unten in ein
Becken, welches übersäet ist von haarscharfen und nadelspitzen
Steinblöcken.

Mit sausender Hast schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden
eingezogen. Jetzt befinden wir uns in dem furchtbaren Loche, dessen
Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß wir sie fast mit den Händen
erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in die Luft, so
schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die sprühenden,
gischtspritzenden Kämme des Falles hinaus, und wir stürzen hinab in den
Schlund des Kessels. Es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und
brüllt um uns her. Da packt es uns wieder mit unwiderstehlicher Macht
und reißt uns eine schief abfallende Ebene hinab, deren Wasserfläche
glatt und freundlich vor uns liegt, aber grad unter dieser Glätte die
gefährlichste Tücke birgt, denn wir schwimmen nicht, nein, wir fallen,
wir stürzen mit rapider Vehemenz die abschüssige Bahn hinab und – – –

»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« ertönt Hassans Stimme jetzt so schrill,
daß sie gehört werden kann. »Allah il Allah, an die Ruder, an die Ruder,
ihr Jünglinge, ihr Männer, ihr Helden, ihr Tiger, Panther und Löwen! Der
Tod liegt vor euch. Seht ihr es denn nicht? Amahl, amahl, ïa Allah
amahl, macht, macht, bei Gott, macht, ihr Hunde, ihr Feiglinge, ihr
Schurken und Katzen, arbeitet, arbeitet, ihr Wackern, ihr Guten, ihr
Helden, ihr Unvergleichlichen, Erprobten und Auserwählten!«

Wir schießen einer Schere zu, welche sich grad vor uns öffnet und uns
im nächsten Augenblicke vernichten wird. Die Felsen sind so scharf, und
der Fall des Stromes ist so reißend, daß von dem Schiffe kein Handgroß
von Holz beisammen bleiben kann, wie es scheint.

»Allah ïa Sahtir, o du Bewahrer, hilf! Links, links, ihr Hunde, ihr
Geier, ihr Rattenfresser, ihr Aasverdauer, links, links mit dem Steuer,
ihr Braven, ihr Herrlichen, ihr Väter aller Helden! Allah, Allah,
Maschallah – Gott thut Wunder, ihm sei Dank!«

Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
vorübergeflogen. Für einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
Fahrwasser, und alles stürzt sich auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu
danken.

»Esch’hetu inu la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck hin –
»bezeuge, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aale na baraktak,
begnadige uns mit deinem Segen!«

Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich
hat, wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die
unserige, und er muß daher an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser
ist so schmal, daß wir nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord
an Bord rauscht er vorüber. Am Maste lehnt Abrahim-Mamur, die Rechte
hinter sich versteckend. Mir grade gegenüber reißt er die verborgen
gehaltene, lange arabische Flinte an die Wange – ich werfe mich nieder –
die Kugel pfeift über mir weg, und im nächsten Augenblick ist der Sandal
uns weit voran.

Alle haben den Mordversuch gesehen, aber niemand hat Zeit zur
Verwunderung oder zum Zorne, denn die Strömung packt uns wieder und
treibt uns in ein Labyrinth von Klippen.

Da erschallt vor uns ein lauter Schrei. Der Sandal wurde von der Macht
des Schellahl an einen Felsen geworfen; die Schiffer schlagen die Ruder
in die Flut, und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den
Wogen wieder gefaßt, befreit davon. Aber bei dem Stoße ist ein Mensch
über Bord gefallen; er hängt im Wasser, sich verzweiflungsvoll an die
Klippe klammernd. Ich ergreife einen der vorhandenen Dattelbaststricke,
eile an das Seitenbord und werfe ihn dem Bedrohten zu. Er faßt danach –
ergreift ihn – wird emporgezogen – es ist – Abrahim-Mamur.

Sobald er das Verdeck glücklich erreicht hatte, schüttelte er das Wasser
aus seinen Kleidern und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu.

»Hund, du bist ein Räuber und Betrüger!«

Ich erwartete ihn stehenden Fußes, und meine Haltung bewirkte, daß er
vor mir stehen blieb, ohne seine Fäuste in Anwendung zu bringen.

»Abrahim-Mamur, sei höflich, denn du befindest dich nicht in deinem
Hause. Sagst du nur noch ein Wort, welches mir nicht gefällt, so lasse
ich dich an den Mast binden und durchpeitschen!«

Die größte Beleidigung für einen Araber ist ein Schlag, und die
zweitgrößte ist die Drohung, ihn zu schlagen. Abrahim machte eine
Bewegung, bezwang sich aber augenblicklich.

»Du hast mein Weib an Bord!«

»Nein.«

»Du sagst mir nicht die Wahrheit.«

»Ich sage sie, denn die ich an Bord habe, ist nicht dein Weib, sondern
die Verlobte dieses jungen Mannes, welcher neben dir steht.«

Er stürzte auf die Kajüte zu, dort aber trat ihm Halef entgegen.

»Abrahim-Mamur, ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas;
dieses hier sind meine zwei Pistolen, und ich werde dich niederschießen,
sobald du irgend wohin gehen willst, wohin zu gehen mein Herr dir
verbietet!«

Mein kleiner Halef machte ein Gesicht, dem der Ägypter es ansehen
konnte, daß es ihm mit dem Schießen Ernst sei. Er wandte sich daher ab
und schnaubte:

»So werde ich Euch verklagen, sobald Ihr an das Land geht, um Eure
Hilfsmatrosen abzusetzen.«

»Thue es. Bis dahin aber bist du nicht mein Feind, sondern mein Gast, so
lange du dich friedlich benimmst.«

Die Stromschnelle war in ihren gefährlichen Stellen glücklich
durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nötigen Muße unserer
Angelegenheit zuwenden.

»Willst du uns jetzt erzählen, auf welche Weise Senitza in die Hand
dieses Menschen geraten ist?« fragte ich Isla.

»Ich will sie holen,« antwortete er; »sie mag es Euch selbst erzählen.«

»Nein; sie mag in der Kajüte bleiben, denn ihr Anblick würde den Ägypter
erbittern und zum Äußersten reizen. Sage uns vor allen Dingen, ob sie
Mohammedanerin oder Christin ist.«

»Sie ist eine Christin.«

»Von welcher Konfession?«

»Von der, welche Ihr griechisch nennt.«

»Sie ist nicht seine Frau geworden?«

»Er hat sie gekauft.«

»Ah! Ist es möglich?«

»Ja. Die Montenegrinerinnen gehen nicht verschleiert. Er hat sie in
Scutari gesehen und ihr gesagt, er liebe sie und sie solle sein Weib
werden; sie aber hat ihn ausgelacht. Dann ist er in die Czernagora zu
ihrem Vater gekommen und hat eine große Summe geboten, um sie von ihm zu
kaufen; dieser jedoch hat ihn zur Thüre hinausgeworfen. Dann hat er den
Vater der Freundin bestochen, bei welcher Senitza oft zu Besuch war, und
dieser ist auf den Handel eingegangen.«

»Wie?«

»Dieser Mensch hat sie für seine Sklavin ausgegeben, hat sie an
Abrahim-Mamur verkauft und ihm eine Schrift darüber ausgehändigt, in
welcher sie für eine cirkassische Sklavin gilt.«

»Ah, darum also ist diese Freundin mit ihrem Vater so plötzlich
verschwunden!«

»Nur darum. Er hat sie dann auf ein Schiff gebracht und ist mit ihr erst
nach Cypern, dann nach Ägypten gefahren. Das Übrige ist Euch bekannt.«

»Wie hieß der Mann, der sie verkaufte?« fragte ich unwillkürlich.

»Barud el Amasat.«

»El Amasat – el Amasat – dieser Name kommt mir sehr bekannt vor. Wo habe
ich ihn gehört? War dieser Mensch ein Türke?«

»Nein, sondern ein Armenier.«

Ein Armenier – – ah, jetzt wußte ich es! Hamd el Amasat, jener Armenier,
welcher uns auf dem Schott Dscherid verderben wollte und dann aus Kbilli
entfloh – war es derselbe? – Nein, denn die Zeit stimmte nicht.

»Weißt du nicht,« fragte ich Isla, »ob dieser Barud el Amasat einen
Bruder hat?«

»Nein; Senitza weiß es auch nicht; ich habe sie nach dieser Familie sehr
genau befragt.«

Da kam der Diener Hamsad el Dscherbaja herbei und wandte sich an mich:

»Herr Effendim, ich habe Sie wat zu sagen.«

»Sprich!«

»Wie heißt dieser äjyptische Thunichtjut?«

»Abrahim-Mamur.«

»So! Dat will also een Mamur jewesen sein?«

»Allerdings.«

»Dat lassen Sie sich man nur nicht weismachen, denn ich kenne diesen
Menschen besser als er mir!«

»Ah! Wer ist er?«

»Ich habe ihn jesehen als Eenen, der die Bastonnade kriegte, und weil es
die erste Bastonnade war, die ich jesehen habe, so habe ich mir sehr
einjehend nach ihm erkundigt.«

»Nun, wer und was ist er?«

»Er war bei die persische Jesandtschaft Attascheh oder so etwas und hat
een Jeheimnis verraten oder so unjefähr. Er hat tot jemacht werden
sollen, aber weil er Gönner jehabt hat, so ist es bei der Absetzung mit
Bastonnade jeblieben. Sein Name ist Dawuhd Arafim.«

Daß der Barbier aus Jüterbogk diesen Mann kannte, war ein ganz
staunenswerter Zufall, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Ich hatte ihn gesehen, und zwar in Ispahan auf dem Almaiden-Shah, wo er
auf ein Kamel gebunden wurde, um als Gefangener nach Konstantinopel
geschafft zu werden. Mein Weg führte mich damals eine kurze Strecke mit
derselben Karawane, und so kam es, daß er auch mich gesehen und sich
jetzt wieder meiner erinnert hatte.

»Ich danke dir, Hamsad, für diese Mitteilung, behalte sie aber jetzt
noch für dich.«

Nun war mir nicht im mindesten mehr bange bei dem Gedanken, daß Abrahim
mich verklagen werde. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich konnte die
Vermutung nicht zurückweisen, daß er mit Barud el Amasat, welcher
Senitza an ihn verkauft hatte, nicht erst durch das Mädchen bekannt
geworden war. Abrahim war ein degradierter Beamter, ein Gefangener
gewesen und hatte sogar die Bastonnade erhalten – jetzt trat er als
Mamur auf und besaß ein Vermögen – dies waren Umstände, welche mir sehr
zu denken gaben.

Ich zog es vor, die Mitteilung des Barbiers jetzt noch niemand zu sagen,
damit Abrahim nicht merke, daß er durchschaut worden sei.

Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle auf die
Dahabïe genommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unser
Fahrzeug wandte sich daher dem Ufer zu.

»Werden wir Anker werfen oder nicht?« fragte ich den Reïs.

»Nein, ich lenke sofort um, wenn die Männer das Schiff verlassen haben.«

»Warum?«

»Um die Polizei zu vermeiden.«

»Und Abrahim?«

»Wird mit den Schiffern an das Ufer gebracht.«

»Ich fürchte die Polizei nicht.«

»Du bist ein Fremdling im Lande und stehst unter deinem Konsul. Man kann
dir also nichts thun. Ah!«

Dieser letzte Ausruf galt einem Boote, welches mit bewaffneten, finster
blickenden Männern besetzt war. Es waren Khawassen – Polizisten.

»Du wirst wohl nicht sofort umlenken,« meinte ich zu Hassan.

»Und doch, wenn du es befiehlst. Ich habe nur dir zu gehorchen.«

»Ich befehle es nicht; ich möchte im Gegenteil die hiesige Polizei
einmal kennen lernen.«

Das Boot legte bei uns an, und alle seine Insassen stiegen an Bord, noch
ehe wir das Ufer erreicht hatten. Die Bemannung des Sandal war hier auch
gelandet, hatte erzählt, daß Abrahim im Schellahl ertrunken sei, und
auch von dem Frauenraube berichtet. Sodann war, wie wir später erfuhren,
der alte Reïs Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gelaufen
und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten über mich, den ungläubigen
Mörder, Aufrührer, Räuber und Empörer, daß ich eigentlich sehr zufrieden
sein mußte, nur mit dem Hängen oder Säcken davonzukommen.

Da die Gerechtigkeit jener Länder von der wichtigen Erfindung der
Aktenstöße noch keine Notiz genommen hat, so wird in Rechtsfällen
überaus schnell und summarisch verfahren.

»Wer ist der Reïs dieses Schiffes,« fragte der Anführer der Khawassen.

»Ich,« antwortete Hassan.

»Wie heißest du?«

»Hassan Abu el Reïsahn.«

»Hast du auf deinem Schiffe einen Effendi, einen Hekim, der ein
Ungläubiger ist?«

»Da steht er und heißt Kara Ben Nemsi.«

»Und ist hier auf deinem Schiffe auch ein Weib, Namens Güzela?«

»Sie ist in der Kajüte.«

»Wohlan, ihr seid meine Gefangenen allesamt und folgt mir zum Richter,
während ich das Schiff von meinen Leuten bewachen lasse!«

Die Dahabïe legte an, und ihre ganze Bemannung nebst sämtlichen
Passagieren wurde »sofort anhero transportiert«. Senitza, tief
verschleiert, ward in eine bereitstehende Sänfte gehoben und mußte
unserm Zuge folgen, der bei jedem weiteren Schritte größer wurde, weil
jung und alt, groß und klein sich ihm anschloß. Hamsad al Dscherbaja,
der Ex-Barbier, schritt hinter mir her und pfiff nach dem Takte seiner
Beine munter sein »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus!«

Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretär bereits
unserer Ankunft gewärtig.

Er trug die Abzeichen eines Bimbaschi, eines Majors oder Befehlshabers
von tausend Mann, hatte aber trotzdem weder ein kriegerisches noch ein
übermäßig intelligentes Aussehen. Wie die ganze Bemannung des Sandal, so
hatte auch er Abrahim-Mamur für ertrunken gehalten und empfing den vom
Tode Auferstandenen mit einem Respekte, der ganz das Gegenteil von dem
Blick war, den er uns zuwarf.

Wir wurden in zwei Lager geteilt: hüben die Bemannung des Sandal mit
Abrahim und einigen seiner Diener, die er mitgenommen hatte, und drüben
die Leute von der Dahabïe mit Senitza, Isla und mir nebst Halef und dem
Barbier.

»Befiehlst du eine Pfeife, Herr?« fragte der Sahbeth-Bei den
vermeintlichen Mamur.

»Lasse sie bringen!«

Er erhielt sie nebst einem Teppich, um sich darauf niederzusetzen. Dann
begann die Verhandlung:

»Hoheit, sage mir deinen von Allah gesegneten Namen!«

»Er lautet Abrahim-Mamur.«

»So bist du ein Mamur. In welcher Provinz?«

»In En-Nasar.«

»Du bist der Ankläger. Sprich; ich höre zu und werde richten.«

»Ich klage an diesen Giaur, der ein Hekim ist, der Tschikarma; ich
klage an den Mann, der neben ihm steht, der Tschikarma, und ich klage an
den Führer der Dahabïe der Mithilfe beim Frauenraube. Wie weit die
Diener dieser beiden Männer und die Matrosen der Dahabïe beteiligt sind,
das magst du bestimmen, o Bimbaschi.«

»Erzähle, wie der Raub vollendet wurde.«

Abrahim erzählte. Als er geendet hatte, wurden seine Zeugen verhört, was
die Folge hatte, daß ich von dem Reïs des Sandals, Herrn Chalid Ben
Mustapha, auch noch des Mordversuches bezüchtigt wurde.

In den Augen des Sahbeth-Bei leuchtete der Blitz, als er sich nun zu mir
wandte.

»Giaur, wie ist dein Name?«

»Kara Ben Nemsi.«

»Wie heißt deine Heimat?«

»Dschermanistan.«

»Wo liegt diese Handvoll Erde?«

»Handvoll? Hm, Bimbaschi, du beweisest, daß du sehr unwissend bist!«

»Hund!« fuhr er auf. »Was willst du sagen?«

»Dschermanistan ist ein großes Land und hat zehnmal mehr Einwohner als
ganz Ägypten. Du aber kennst es nicht. Du bist überhaupt ein schlechter
Geograph und darum lässest du dich von Abrahim-Mamur belügen.«

»Wage es, noch so ein Wort zu sagen, und ich lasse dich mit dem Ohre an
die Wand nageln.«

»Ich wage es! Dieser Abrahim sagt, er sei der Mamur der Provinz
En-Nasar. Mamurs giebt es nur in Ägypten – –«

»Liegt En-Nasar nicht in Ägypten, Giaur? Ich bin selbst dort gewesen und
kenne den Mamur wie meinen Bruder, ja, wie mich selbst.«

»Du lügst!«

»Nagelt ihn fest!« gebot der Richter.

Ich zog den Revolver, und Halef, der dies sah, seine Pistolen.

»Bimbaschi, ich sage dir, daß ich erst den niederschießen werde, der
mich anrührt, und dann dich! Du lügst, ich sage es noch einmal. En-Nasar
ist eine ganz kleine, geringe Oase zwischen Homrh und Tighert im Lande
Tripolis; dort giebt es keinen Mamur, sondern einen armen Scheik; er
heißt Mamra Ibn Alef Abuzin, und ich kenne ihn sehr genau. Ich könnte
mit dir Komödie spielen und dir erlauben, noch weiter zu fragen; aber
ich will es kurz machen. Wie kommt es, daß du die Kläger stehen lässest,
während der Angeklagte, der Verbrecher, sitzen darf und sogar die Pfeife
von dir bekommt?«

Der gute Mann sah mich ganz verdutzt an.

»Wie meinst du das, Giaur?«

»Ich warne dich, mich mit diesem Worte zu beschimpfen! Ich habe einen
Paß bei mir und auch einen Izin-gitisch[30] des Vizekönigs von Ägypten;
dieser aber, mein Gefährte, ist aus Istambul; er hat ein Bu-djeruldu des
Großherrn und ist also ein Giölgeda padischahnün.«

    [30] Reiseschein.

»Zeigt die Scheine her!«

Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las
sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.

»Sprich weiter.«

Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte.
Ich nahm also wieder das Wort:

»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was
deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so
mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden
auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen
wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen,
welche Achtung du ihnen erweisest!«

Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen
aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:

»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin
der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf
sitzen!«

»Wer klagt ihn an?«

»Ich, dieser, dieser und wir alle.«

Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.

»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.

»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«

Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:

»Sprich!«

»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«

»Welche Trauer?«

»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen
Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen
und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich
ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien,
wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«

Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.

»Hund! – Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«

»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf
besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«

»Rede!«

»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus
Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt.
Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach
Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du
hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein
Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich
gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte,
welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des
Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört,
daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie
getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und
in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an.
Nun entscheide!«

    [31] Montenegro. – Beides heißt ebenso wie das slawische
    Czernagora »Schwarzer Berg«.

Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er
konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr
wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben
nur ein Ägypter zu thun vermag.

»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde
mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle
aber seid meine Gefangenen!«

Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann
wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt,
und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des
Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige
Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer
Viertelstunde aber waren sie verschwunden.

Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben
Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.

»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«

»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.

»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«

»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben
oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der
Baschi wird ihn laufen lassen.«

»Wünschest du seinen Tod?«

»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«

»Und wie denkt deine Freundin darüber?«

Senitza antwortete selbst:

»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde
nicht mehr an ihn denken.«

Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu
befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut
davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das
Rekognoscieren.

Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit
war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war
klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und
nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof
zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu
folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.

Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen
verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus
Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen
können.

Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte
der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des
Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.

Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?

Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht
nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten
werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder
einmal zu treffen.

Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene
Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage
glücklich entronnen zu sein. – – –



Fünftes Kapitel.

Abu-Seïf.


Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog,
und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und
stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere
Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin
erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht
zusammenkommen konnten.

Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr
durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer
trocken und die Wasser teilten sich von einander.

Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem
Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur
Linken.

Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des
Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.

Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter
aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in
ihrem Heere.

Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit
Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der
Herr streitet für sie wider die Ägypter!

Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer,
damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und
über ihre Reiter.

Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder
vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also
stürzte sie der Herr mitten in das Meer.

Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht
des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger
von ihnen übrig blieb.

Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser
stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.

Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und
sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.

Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte,
und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen
Knecht Moses. – – –

An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich
denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel
anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres
schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht,
welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich
fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer
»keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige
Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem
ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen
gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir,
als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der
Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe
deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges
Land!«

Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der
Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch
der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener
Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des
Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte
die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk
von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein
Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller
Gesetze und Gebote bildet.

Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs
im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme
Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die
Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten,
während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen
schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen
später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen
wäre.

Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den
Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter
zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des
berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend,
gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der
Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«

Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die
Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen
vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend
und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen
Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt,
dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha,
von der Gesetzgebung auf dem Sinai – – – sie hatte mir die kleinen Hände
gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du
sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon
längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von
ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr
geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit
des Dichterwortes auf:

    »Ganz anders jene heiligen Geschichten,
    Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
    In dem vom Geiste sie verzeichnet steh’n.
    Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
    Und tief in ihren Zauber dich versenken,
    Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh’n.«

Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste
Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in
jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl
noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten
und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren
Halef gestört hätte:

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist
Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es
jetzt thun werde.«

Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir
heran und erhob warnend die Hand.

»Thue es nicht, Effendi!«

»Warum?«

»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das
Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit
sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der
hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32]
und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff
vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33]
nannten, hat diesen Ort verflucht.«

    [32] Moses.

    [33] Jehova.

»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«

»Ja.«

»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«

»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst
auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«

»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«

»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug
aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten,
bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein
jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«

»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«

»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt
wird.«

»Dann vorwärts!« –

Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg
von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten
liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher
war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als
auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen
trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich
mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für
mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte
ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte,
was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.

Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm
und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des
Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao’s hinter uns.
Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein
Fahrzeug vor Anker lag.

Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen
Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß
breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich
ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen
Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen – denn er wird
auch gerudert – zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor
dem andern steht, daß es – vom Winde angeschwellt – ganz über das
Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon
bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen
pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches
in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind,
wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen
Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits
belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien
unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem
indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich
mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen
Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die
Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein
Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.

Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb
wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug
sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.

Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des
Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste.
Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem
kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas
abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte
der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort
an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die
Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.

Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich
ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und
grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer
Sprache.

»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«

Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte
mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:

»Ich bin es.«

»Wohin geht dein Sambuk?«

»Überall hin.«

»Was hast du geladen?«

»Verschiedenes.«

»Nimmst du auch Passagiere auf?«

»Das weiß ich nicht.«

Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf
und meinte in mitleidigem Tone:

»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der
Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«

Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.

»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«

»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele
ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die
Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies
zu kommen!«

    [34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.

Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem
zwei riesige Pistolen steckten.

»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der
Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«

»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch
ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich
dich frage.«

»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein
Arab Dscheheïne.«

Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und
Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war
der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.

»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.

»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«

So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem
Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.

»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«

»Ich würde dich nicht fürchten.«

»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener,
während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich
gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem
Abendlande.«

    [35] Matrosen.

»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und
redest die Sprache der Araber!«

»Ist dies verboten?«

»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«

»Ich gehöre zu den Nemsi.«

»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein
Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]?«

    [36] Gärtner.

    [37] Kaufmann.

»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«

»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern
Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann;
ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein
Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein – – –«

»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was
ich hier in meiner Hand halte?«

Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken.
Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:

»Die Peitsche.«

»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem
Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert
und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in
allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es
wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht
gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi
bist und viele Männer hier bei dir hast!«

Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden
Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom
Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die
Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu
den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit
erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die
Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.

»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol
vorsichtig sinken ließ.

Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner
wagte es, Hand an Halef zu legen.

»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?«
fragte der Türke.

»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche
drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in
der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke,
ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«

Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.

»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten,
als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast
einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«

»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«

»Mich.«

»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur – – –«

»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.

»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: ›O ihr
Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer
Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen
nur euer Verderben!‹ Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des
Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«

»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure
des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in
Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«

Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte
sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.

»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des
Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein
Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«

    [38] Schützling.

»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen
Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der
Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn
unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«

»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter,
einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«

»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins.
Ihr sagt: ›Allah il Allah, Gott ist Gott.‹ Und unser Gott sagt: ›Ich bin
ein starker, einiger Gott.‹ Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: ›Er ist
der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer;
sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.‹ Unsere heilige Bibel sagt:
›Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor
seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner
Hände Werk.‹ Ist das nicht ganz dasselbe?«

»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«

    [39] Buch, Bibel.

»Du irrst. Euer Kuran sagt: ›Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß
ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern
der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel,
an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt
den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum
bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen
Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht,
der ist wahrhaft gottesfürchtig.‹ Unser heiliges Buch gebietet uns: ›Du
sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.‹
Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige
befiehlt?«

»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«

»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist,
als euer Kuran?«

»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise
finden, selbst wenn er unrecht hat. – Woher kommst du?«

»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«

    [40] Türkisch für Ägypten.

»Und wo willst du hin?«

»Nach Tor hinüber.«

»Und dann?«

»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«

    [41] Kloster.

»So mußt du über das Wasser.«

»Ja. Wohin fährst du?«

»Auch nach Tor.«

»Willst du mich mitnehmen?«

»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht
verunreinigen.«

»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«

»Für alle vier und die Kamele?«

»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer
werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«

»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«

»Mit Geld.«

»Willst du Speise von uns nehmen?«

»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«

»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«

Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch,
für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also
beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.

»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff
zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.

»Ja.«

»Dann sind wir des Mittags in Tor?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«

»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der
noch mehr verlangen wird.«

»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre
mit dir.«

»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«

»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere
geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier
Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen
Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und
meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«

»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem
Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier
an Bord nehmen.«

    [42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.

»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein
Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch
einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte ›hep imdad wermek,
sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz – alle Hilfe leisten,
für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.‹ Hast du das
verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche
ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist
du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«

Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu
mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:

»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für
drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«

»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«

»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«

    [43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.

»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord
begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«

Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein
Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der
vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef
an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des
Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch
von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und
kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein
Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt
kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger
war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage
auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.

»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem
Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«

»Ich will dich nicht tadeln.«

»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«

»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«

»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden.
Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote
Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte
des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du
thun?«

Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage
bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka
oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen.
Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein
Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen
einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen
Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt
erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee
betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst
gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich
sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz
anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich
vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer,
vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar
gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es
stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen
würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.

»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.

»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den
rechten Glauben annehmen.«

»Nein, das werde ich nicht.«

Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen
Leuten das Abendgebet befohlen.

»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab;
erlaube, daß ich bete!«

Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich
mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen,
so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem
Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres
verschloß.

»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer.
Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem
Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa
Allah, Allah hu!«

Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem
Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher
lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden
Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der
Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum
sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem
ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein
Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und
weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er
zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und
Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er
den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:

»La ilaha illa lah!«

»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.

Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir,
nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der
Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:

    [44] Steuermann.

»Gott schütze dich!«

»Mich und dich!« lautete die Antwort.

»Wie befindest du dich?«

»So wohl wie du.«

»Wem gehört dieser Sambuk?«

»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«

»Und wer führt ihn?«

»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«

»Und was habt ihr geladen?«

»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll
einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«

»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«

»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es
Allah doppelt.«

»Wohin fahrt ihr von hier?«

»Nach Tor.«

»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«

»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«

»Nach Dschidda.«

»Auf diesem Floß?«

»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu
fahren.«

»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die
es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«

»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese
beiden Männer?«

»Ein Gi– – ein Nemsi mit seinem Diener.«

»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«

»Nach Tor.«

»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter
fahren.«

»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«

»Ich muß weiter.«

»Das ist sehr gefährlich.«

»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im
Buche verzeichnet.«

Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.

Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich
über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche
Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser
zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung
nicht verstünde. Der Derwisch fragte:

»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«

»Nein.«

»Woher weißt du dies?«

»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt
verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«

»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«

»Gar keines, aber viele Waffen.«

»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die
Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um
damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde
weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt
hat, sein Schiff zu betreten!«

Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff
das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.

Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht.
Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum
hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung
das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig
verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu
irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann
verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.

Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr
nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es
doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht
mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte,
sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet
– – er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas
»nicht richtig im Staate Dänemark«.

Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu
beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.

»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.

»Ja.«

»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande
zu?«

»So ist es. Woraus vermutest du dies?«

»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«

»Und was haben diese Augen gesehen?«

»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«

»Ah?«

»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von
dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«

    [45] Der »Heulenden« – heulende Derwische.

»Das ist richtig. Aber weshalb sollte er sich für einen Fakir ausgeben,
wenn er keiner ist?«

»Das muß man zu erraten suchen, Effendi. Er sagte, daß er auch während
der Nacht fahren werde. Warum thut er es nicht?«

Da unterbrach der Steuermann unser Gespräch. Er trat herzu und fragte:

»Wo wirst du schlafen, Effendi?«

»Ich werde mich in den Tachta-perde[46] legen.«

    [46] Verschlag.

»Das geht nicht.«

»Warum?«

»Weil dort das Geld aufbewahrt wird.«

»So wirst du uns Teppiche besorgen, um uns hinein zu hüllen, und wir
schlafen hier auf dem Verdeck.«

»Du sollst sie haben, Sihdi. Was würdest du thun, wenn Feinde zu dem
Schiffe heran kämen?«

»Welche Feinde meinst du?«

»Räuber.«

»Giebt es hier Räuber?«

»Die Dscheheïne wohnen hier in der Nähe. Sie sind berüchtigt als die
größten Chirsizler[47] weit und breit, und kein Schiff, kein Mensch ist
vor ihnen sicher.«

    [47] Spitzbuben.

»Ich denke, Euer Herr, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim, ist ein Held,
ein tapferer Mann, der sich vor keinem Menschen fürchtet, auch vor
keinem Räuber, vor keinem Dscheheïne?«

»Das ist er; aber was vermag er, und was vermögen wir alle gegen
Abu-Seïf, den ›Vater des Säbels‹, der gefährlicher und schrecklicher
ist, als der Löwe in den Bergen oder der Haifisch im Meere?«

»Abu-Seïf? Ich kenne ihn nicht; ich habe noch niemals von ihm gehört.«

»Weil du ein Fremdling bist. Zur Weidezeit bringen die Dscheheïne ihre
Herden nach den beiden Inseln Libnah und Dschebel Hassan und lassen nur
wenig Männer bei ihnen. Die andern aber gehen auf Raub und Diebstahl
aus. Sie überfallen die Barken und nehmen entweder alles, was sie darauf
finden, oder erpressen sich ein schweres Lösegeld, und Abu-Seïf ist ihr
Anführer.«

»Und was thut die Regierung dagegen?«

»Welche?«

»Steht Ihr denn nicht im Giölgeda padischahnün?«

»Der reicht nicht bis zu den Dscheheïne. Dies sind freie Araber, welche
der Großscherif von Mekka beschützt.«

»So helft euch selbst! Fangt die Räuber!«

»Effendi, du sprichst, wie ein Franke redet, der dies nicht versteht.
Wer kann Abu-Seïf fangen und töten?«

»Er ist doch nur ein Mensch.«

»Aber er besitzt die Hilfe des Scheïtan[48]. Er kann sich unsichtbar
machen; er kann die Luft und das Meer durchfliegen; er wird weder durch
einen Säbel, noch durch ein Messer, noch durch eine Kugel verwundet,
aber sein Säbel ist faldschymisch[49]; er dringt durch Thüren und Mauern
und schneidet mit einem Hiebe gleich hundert und noch mehr Feinden Leib
und Seele auseinander.«

    [48] Teufels.

    [49] Verhext, bezaubert.

»Den möchte ich sehen!«

»O wehe, wünsche das nicht, Effendi! Der Teufel sagt es ihm, daß du ihn
sehen willst, und dann kannst du dich darauf verlassen, daß er kommen
wird. Ich gehe, um dir die Teppiche zu holen; dann lege dich schlafen
und bete vorher zu deinem Gott, daß er dich bewahre vor allen Gefahren,
die dir drohen.«

»Ich danke für deinen Rat, aber ich bete gewöhnlich vor dem
Schlafengehen.«

Er brachte uns die Decken, in welche wir uns hüllten, und wir schliefen
sehr bald ein, da wir von unserem Ritt ermüdet waren.

Während der Nacht hatten einige Matrosen sowohl am Lande die Schlafenden
als auch an Bord das Geld bewacht. Am Morgen versammelten sich alle auf
dem Schiffe. Der Anker wurde gehoben, das Seil gelöst; man stellte die
Segel, und der Sambuk steuerte südwärts.

Wir waren ungefähr drei Viertelstunden lang unter Segel gewesen, als wir
ein Boot erblickten, welches in der gleichen Richtung vor uns ruderte.
Als wir näher an dasselbe herankamen, sahen wir zwei Männer und zwei
völlig verschleierte Frauen darin.

Das Boot hielt bald an, und die Männer gaben ein Zeichen, daß sie den
Sambuk anzureden gedächten. Der Steuermann ließ das Segel abfallen und
hemmte so den Lauf unsers Fahrzeuges. Einer der beiden Ruderer erhob
sich und rief:

»Sambuk, wohin?«

»Nach Tor.«

»Wir auch. Wollt ihr uns mitnehmen?«

»Bezahlt ihr?«

»Gern.«

»So kommt an Bord.«

Das Schiff legte bei, und die vier Personen stiegen an Bord, während das
Boot ins Schlepptau genommen wurde. Dann setzte der Sambuk seine Fahrt
fort.

Der Wergi-Baschi begab sich in die Kajüte, jedenfalls um für die Frauen
Platz zu machen; dann wurden dieselben den Blicken der Männer entzogen.
Sie mußten an mir vorüber. Als Europäer brauchte ich mich nicht
abzuwenden, und so bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß keine
Atmosphäre von Parfüm sie umgab; denn die Frauen des Morgenlandes
pflegen sich so zu parfümieren, daß man den Geruch bereits aus einer
beträchtlichen Entfernung verspürt. Ein Odeur allerdings fiel mir auf,
ein Odeur, der sich wie ein unsichtbarer Schweif hinter ihnen herzog,
nämlich jener jedem Orientalen bekannte Geruch, welcher halb vom Kamele
und halb von dem unfermentierten Rasr-Tabak stammt, den viele Beduinen
zu rauchen pflegen, und welcher auf die Geruchs- und Geschmacksnerven
ganz dieselbe Wirkung hat wie weiland der Inhalt der französischen
Seegrasmatrazen, den aus Mangel an Besserem während des letzten Krieges
so mancher deutsche Held in seine Pfeife stopfte. Ich empfand ganz den
Eindruck, als seien zwei Kameltreiber an mir vorüber gegangen;
wenigstens war es gewiß, daß der berühmte persische Dichter Hafis
Schems-ed-Din Mohammed auf diese beiden Grazien nicht seine Verse:

    »Wenn deiner Locken Wohlgerüche
    Ums Grab mir wehn,
    Dann sprießen tausend Blumen
    Aus meinem Hügel auf –«

gesungen hätte. Ich sah ihnen auch sehr aufmerksam nach, bis sie hinter
der Thüre des Verschlages verschwunden waren, konnte aber weiter nichts
Besonderes bemerken. Vielleicht hatten sie eine lange Kamelreise hinter
sich, so daß die Ausdünstungen des »Wüstenschiffes« nicht leicht aus
ihren Kleidern zu bringen waren.

Ihre beiden Begleiter sprachen erst längere Zeit mit dem Steuermanne und
dem Baschi; dann suchte der eine mich zu entern.

»Ich höre, daß du ein Franke bist, Effendi?« fragte er mich.

»Ja.«

»So bist du hier unbekannt?«

»Ja.«

»Du bist ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Haben die Nemsi auch einen Padischah?«

»Ja.«

»Und Paschas?«

»Ja.«

»Du bist wohl kein Pascha?«

»Nein.«

»Aber ein berühmter Mann?«

»Pek, billahi – bei Gott, sehr!«

»Du kannst schreiben?«

»Peh ne güzel – und wie schön!«

»Auch schießen?«

»Daha ei – noch besser!«

»Du wirst wohl mit diesem Sambuk nach Tor fahren?«

»Ja.«

»Du gehst noch weiter nach dem Süden?«

»Ja.«

»Bist du mit den Ingli bekannt?«

»Ja.«

»Hast du Freunde unter ihnen?«

»Ja.«

»Das ist sehr gut. Bist du stark?«

»Korkulu – fürchterlich, arslandscha – wie ein Löwe! Soll ich es dir
beweisen?«

»Nein, Effendi.«

»Und doch, denn deine Neugierde ist größer als die Geduld eines Menschen
sein kann. Packe dich und komme nicht wieder!«

Ich faßte ihn, drehte ihn in die passende Richtung und gab ihm einen
Stoß, daß er weit über das Deck hin schoß und dann dasselbe mit seinem
Bauche begrüßte. Aber im Nu war er wieder auf.

»Wai sana – wehe dir, du hast einen Gläubigen beleidigt; du mußt
sterben!«

Er riß seinen Handschar heraus und stürzte auf mich zu. Sein Begleiter
folgte ihm mit gezückter Waffe. Schnell zog ich Halef die harte
Nilpeitsche aus dem Gürtel, um mit derselben die Angreifer zu
salutieren; aber es sollte gar nicht so weit kommen, denn in diesem
Augenblick öffnete sich die Thür des Verschlages, und es erschien eine
der Frauen. Sie erhob stumm die Hand und zog sich dann zurück. Die
beiden Araber hemmten ihre Schritte und gingen lautlos beiseite; aber
ihre Blicke sagten mir, daß ich von ihnen nichts Gutes zu erwarten habe.

Die Türken hatten dem Vorgang mit großem Gleichmute zugesehen. Wäre auf
dem Schiffe jemand getötet worden, so hätte es ja sein Kismet[50] nicht
anders mit sich gebracht.

    [50] Schicksal, Vorausbestimmung.

Was mich betrifft, so hatten mich die unnützen Fragen dieses Menschen
sehr in Harnisch gebracht. Aber, waren sie wirklich so unnütz? Hatten
sie nicht vielleicht einen verborgenen Zweck? Der Orientale ist kein
Schwätzer, am allerwenigsten aber verliert er seine Worte an einen
Unbekannten, von dem er sogar nur das weiß, daß er ein Giaur ist.

Ich hatte mich im Humor des Ärgers für einen berühmten Mann und für
einen großen Schützen ausgegeben. Warum wollte er wissen, ob ich ein
»Pascha«, ein berühmter Mann, ein Schreiber, ein guter Schütze sei? Was
konnte es ihm nützen, zu wissen, ob ich weiter nach Süden wolle und
unter den Engländern Freunde habe? Warum hatte er bei der Bejahung
dieser letzten Frage gesagt: »Das ist sehr gut,« und zu was konnte es
ihm dienen, zu erfahren, ob ich stark und kräftig sei? Und überdies
hatte er seine Fragen in der Weise an mich gerichtet, wie sie ein Oberer
an seinen Untergebenen, ein Untersuchungsbeamter an einen
Angeschuldigten richtet. Am auffälligsten dabei war aber der
augenblickliche Gehorsam, den sowohl er als sein Begleiter dem Winke des
Weibes leisteten. Das war hier, wo die Frau tief unter dem Manne steht
und für das öffentliche Leben nicht die mindeste Selbstbestimmung
besitzt, gewiß sehr ungewöhnlich, vielleicht sogar verdächtig.

»Sihdi,« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite gewichen war,
»hast du ihn gesehen?«

»Wen oder was?«

»Den Bart.«

»Den Bart! Welchen Bart?«

»Den das Weib hatte – –«

»Das Weib? Hatte das Weib einen Bart?«

»Sie hatte den Jaschmak[51] nicht doppelt, wie vorher, sondern einfach
über dem Gesichte, und so habe ich den Bart gesehen.«

    [51] Schleier.

»Schnurrbart?«

»Vollbart. Sie ist kein Weib, sondern ein Mann. Soll ich es dem Baschi
sagen?«

»Ja, aber so, daß es niemand hört.«

Er ging. Jedenfalls hatte er sich nicht geirrt; denn ich wußte, daß ich
seinen scharfen Augen trauen könne, und unwillkürlich brachte ich diesen
neuen Umstand mit dem Derwisch in Verbindung. Ich sah Halef mit dem
Baschi reden; dieser schüttelte den Kopf und lachte; er glaubte es
nicht. Darauf wandte sich Halef mit einer höchst aufgebrachten Miene von
ihm ab und kehrte zu mir zurück.

»Sihdi, dieser Baschi ist so dumm, daß er sogar mich für dumm hält.«

»Wie so?«

»Und dich für noch dümmer als mich.«

»Ah!«

»Er sagt, daß ein Weib niemals einen Bart habe, und daß ein Mann niemals
die Kleidung eines Weibes anlegen werde. Sihdi, was hältst du von diesen
Frauen, welche Vollbärte tragen? Vielleicht sind es Dscheheïne?«

»Ich vermute es.«

»So müssen wir die Augen offen halten, Sihdi!«

»Das ist das Einzige, was wir thun werden, und dazu gehört vor allen
Dingen, daß wir unser Mißtrauen und unsere Aufmerksamkeit zu verbergen
suchen. Halte dich abseits von mir, aber so, daß wir einander stets
beispringen können.«

Er entfernte sich eine ziemliche Strecke, und ich ließ mich auf den
Teppich nieder. Dann beschäftigte ich mich mit Einträgen in mein
Tagebuch, behielt aber dabei sowohl den Verschlag, als auch die beiden
Araber immer im Auge. Es war mir, als hätte ich alle Augenblicke ein
unangenehmes Ereignis zu erwarten; dennoch aber verging der Tag, ohne
daß irgend etwas Bedenkliches eingetreten wäre.

Der Abend dämmerte bereits, als wir in einer kleinen Bucht vor Anker
gingen, welche gebildet wird durch eine hufeisenförmige Krümmung des
Dschebel Nayazet, der zur großen Granitkette des Sinai gehört.

Die Küste war sehr schmal, denn nur wenige Schritte vom Ufer entfernt
stiegen die tief zerklüfteten Felsen steil zum Himmel empor. Der
Ankerplatz bot aus diesem Grunde vollständige Sicherheit gegen die
Winde, ob aber heute auch gegen andere Störungen – –? Ich hätte gern
einige der nächsten Klüfte und Felsenspalten untersucht, leider aber war
der Abend bereits da, ehe die Türken das Land betreten hatten, um, wie
gewöhnlich, Feuer anzuzünden.

El Mogreb und eine Stunde später el Aschia, die beiden Abendgebete,
hallten feierlich die steilen Bergwände empor. Wer hier vielleicht
verborgen war, mußte unsere Anwesenheit hören, selbst wenn er unser
Feuer nicht gesehen hätte. Wie gestern, so hatte ich es auch heute
vorgezogen, die Nacht auf dem Fahrzeuge zuzubringen, und mit Halef
ausgemacht, daß wir abwechselnd wachen wollten. Später kamen einige der
Matrosen wieder an Bord, um die Wache zu übernehmen, und da traten auch
die beiden Frauen aus dem Verschlage, um an Deck die frische Abendluft
zu genießen. Sie hatten sich auch jetzt doppelt verschleiert; das konnte
ich bemerken, weil die Sterne des Südens einen solchen Glanz
verbreiteten, daß es nicht schwer war, das ganze Verdeck zu überblicken.
Sie kehrten aber bald wieder zu ihrem Verschlage zurück, dessen Thüre
ich mit meinen Augen beobachten konnte, obgleich ich diesmal im
Vorderteile des Fahrzeuges lag.

Halef schlief ungefähr fünf Schritte von mir entfernt. Als Mitternacht
herankam, weckte ich ihn heimlich und flüsterte:

»Hast du geschlafen?«

»Ja, Sihdi. Jetzt schlafe du!«

»Ich kann mich auf dich verlassen?«

»Wie auf dich selbst!«

»Wecke mich bei der geringsten Ursache zum Verdachte.«

»Das werde ich thun, Sihdi!«

Ich hüllte mich fester in den Teppich und schloß die Augen. Ich wollte
schlafen, aber es gelang mir nicht. Ich sagte in Gedanken das Einmaleins
auf – es half nicht. Da griff ich zu dem Mittel, welches sicher stets
den Schlaf bringt. Ich verdrehte die geschlossenen Augen so, daß die
Pupillen ganz nach oben zu stehen kamen, und bemühte mich, an gar nichts
zu denken. Der Schlummer kam und – – halt, was war das?

Ich wickelte den Kopf aus der Decke und spähte zu Halef hinüber. Auch er
mußte aufmerksam geworden sein, denn er hatte sich, wie horchend, halb
emporgerichtet. Ich hörte jetzt nichts mehr, aber als ich das Ohr wieder
auf das Deck legte, welches einen besseren Schallleiter als die Luft
bildete, vernahm ich das seltsame Geräusch wieder, welches mich
aufgeweckt hatte, trotzdem es überaus leise war.

»Hörst du etwas, Halef?« flüsterte ich.

»Ja, Sihdi. Was ist es?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht. Horch!«

Ein leises, ganz leises Plätschern ertönte jetzt vom Hinterteile her.
Draußen am Lande war das Feuer erloschen.

»Halef, ich gehe jetzt auf einige Minuten nach dem Hinterdeck; bewache
meine Waffen und Kleider.«

Von den drei Türken, welche wieder an Bord gekommen waren, lagen zwei
schlafend am Boden; der dritte hatte sich niedergekauert und – schlief
jedenfalls auch. Es war denkbar, daß ich von der Kajüte aus beobachtet
wurde; daher mußte ich die möglichste Vorsicht anwenden. Ich ließ die
Büchse und den Stutzen liegen und legte sowohl den Turban als auch den
Haïk[52] ab, welche mich durch ihre weiße Farbe verraten hätten. Dann
schmiegte ich mich hart an den Boden, gewann den Rand des Deckes und
kroch langsam an demselben hin, bis ich die Stelle erreichte, wo am
äußersten Backbord eine Art Hühnersteige auf die Decke des Verschlages
und zum Steuerruder führte. Ich stieg hinauf, katzenartig leise, darauf
kam’s ja an.

    [52] Beduinischer Mantel.

Es gelang, und nun kroch ich bis hinter an den Ruderwinkel. Ah – – das
sonderbare Geräusch war erklärt. Das Boot, welches die beiden Frauen
gebracht, und welches der Sambuk in Schlepptau genommen hatte, war von
dem Innern des Verschlages aus so scharf angeholt worden, daß es grad
unter dem einen Fenster lag, welches sich am breiten Hinterteile des
Fahrzeuges befand. Durch diese Fensterluke wurde soeben, als ich
vorsichtig von oben herablugte, ein kleiner, aber nicht leichter
Gegenstand an einem Seile herabgelassen, dessen Reibung an dem
Lukenrande jenen Ton hervorbrachte, den man allerdings nur dann
wahrnehmen konnte, wenn man das Ohr hart auf die Bretter des Verdeckes
legte. Unten in dem Boote befanden sich drei Männer, welche den
Gegenstand in Empfang nahmen und dann warteten, bis das Seil wieder
emporgezogen und ein zweites Paket herabgelassen wurde.

Die Sache war mir natürlich sofort klar. Was in dem Boote aufgestaut
wurde, war das Geld des Wergi-Baschi, d. h. der Ertrag der Steuer,
welche er eingesammelt hatte, und – – – ich hatte keine Zeit, weiter zu
vermuten.

»Alargha, iz chijanisch – aufgeschaut, wir sind verraten!« rief eine
tiefe Stimme vom hohen Ufer her, wo man das Verdeck überblicken konnte;
zu gleicher Zeit krachte ein Schuß, und eine Kugel bohrte sich hart
neben mir in die Planke. Ein zweiter Schuß blitzte drüben auf, ein
dritter; die Kugeln flogen glücklicherweise an mir vorüber, und ich
durfte mich ihnen nicht länger aussetzen. Ich sah nur noch, daß das Tau
unten gekappt und das Boot fortgerudert wurde; dann sprang ich vom
Verschlage gleich auf das Deck hinab.

In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre der Kajüte, und ich
bemerkte zweierlei, nämlich daß an der hinteren Seite derselben zwei
Bretter entfernt und daß durch diese Lücke eine Anzahl Männer unbemerkt
vom Wasser aus eingestiegen waren. Die Frauen sah ich nicht, aber neun
Männer stürzten sofort auf mich los.

»Halef, herbei!« rief ich laut.

Ich hatte gar keine Zeit gehabt, eine Waffe zu ziehen. Drei hatten mich
um den Leib gefaßt und sorgten dafür, daß ich nicht in den Gürtel langen
konnte. Drei sprangen Halef entgegen, und die andern gaben sich Mühe,
die Fäuste zu erhaschen, mit denen ich mich verteidigte. Draußen am
Lande krachten Schüsse, und ertönten Flüche und Hilferufe, und
dazwischen hörte man die Kommandos jener tiefen Baßstimme, welche ich
vorhin wieder erkannt hatte: – es war die Stimme des Derwischs.

»Es ist der Nemtsche. Tötet ihn nicht, sondern fangt ihn!« gebot einer
von denen, welche mich umfaßt hielten.

Ich suchte mich loszureißen: es ging nicht. Sechs gegen einen! Da
krachte ein Pistolenschuß nicht weit von mir.

»Zu Hilfe, Sihdi; ich bin verwundet!« rief Halef.

Ich machte einen gewaltigen Ruck und riß meine Dränger einige Schritte
mit mir fort.

»Betäubt ihn!« erscholl eine keuchende Stimme.

Ich wurde wieder fester gepackt und erhielt trotz meiner verzweifelten
Gegenwehr einige Schläge über den Kopf, die mich niederstreckten. Es
toste mir in den Ohren wie eine wilde Brandung. Mitten durch den Donner
derselben hörte ich Gewehre knallen und Stimmen schallen; dann war es
mir, als würde ich an Händen und Füßen zusammengeschnürt und
fortgeschleift, und endlich empfand ich gar nichts mehr.

Als ich erwachte, fühlte ich einen wüsten, pochenden Schmerz in meinem
Hinterkopfe, und es dauerte eine geraume Zeit, bis es mir gelang, mich
auf das Vorgefallene zu besinnen. Um mich her war es völlig dunkel, aber
ein laut vernehmliches Sog[53] ließ mich vermuten, daß ich mich in dem
Kielraume eines Fahrzeuges befände, welches in schneller Fahrt begriffen
war. Die Hände und die Beine waren mir so fest gebunden, daß ich kein
Glied rühren konnte. Zwar schnitten mir die Fesseln nicht in das
Fleisch, denn sie bestanden nicht aus Stricken oder Riemen, sondern aus
Tüchern; aber sie verhinderten mich, die Schiffsratten von mir
abzuwehren, welche meine Person einer sehr genauen Untersuchung
unterwarfen.

    [53] Das Geräusch, welches das Wasser am Kiele eines fahrenden
    Schiffes verursacht.

Es verging eine lange, lange Zeit, ohne daß sich in meiner Lage etwas
änderte. Endlich hörte ich das Geräusch von Schritten, konnte aber
nichts sehen. Meine Fesseln wurden gelöst, und eine Stimme gebot mir:

»Stehe auf und geh’ mit uns!«

Ich erhob mich. Sie führten mich aus dem Kielraum durch ein halbdunkles
Zwischendeck nach oben. Unterwegs untersuchte ich meine Kleider und fand
ebenso zu meiner Überraschung wie Beruhigung, daß man mir außer den
Waffen nicht das mindeste abgenommen hatte.

Als ich das Verdeck betrat, bemerkte ich, daß ich mich auf einer
kleinen, sehr scharf auf den Kiel gebauten Barke befand, welche zwei
dreieckige und ein trapezisches Segel hatte. Diese Takelung erforderte
auf diesem an Stürmen, Böen, Riffen und Untiefen reichen Meere einen
Kapitän, der seine Sache aus dem Grund verstand und ebensoviel Mut wie
Kaltblütigkeit besitzen mußte. Das Fahrzeug war um das Dreifache
bemannt, als notwendig gewesen wäre, und hatte auf dem Vorderdecke eine
Kanone, welche aber so von Kisten, Ballen und Fässern maskiert war, daß
sie von einem andern Schiffe aus gar nicht bemerkt werden konnte. Die
Mannschaft bestand aus lauter wettergebräunten Männern, von denen jeder
seinen Gürtel mit Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gespickt hatte. Auf dem
Hinterdecke saß ein Mann in roten Hosen, grünem Turban und blauem
Kaftan. Seine lange Weste war reich mit Gold gestickt, und in dem
Bassora-Shawl, der ihm als Gürtel diente, funkelten kostbare Waffen. Ich
erkannte in ihm sofort den Derwisch. Neben ihm stand der Araber, welchen
ich auf dem Sambuk zu Boden geschleudert hatte. Ich wurde vor die beiden
geführt. Der Araber musterte mich mit rachgierigem, der Derwisch mit
verächtlichem Blick.

»Weißt du, wer ich bin?« fragte mich der Derwisch.

»Nein, aber ich vermute es.«

»Nun, wer bin ich?«

»Du bist Abu Seïf.«

»Ich bin es. Kniee nieder vor mir, Giaur!«

»Was fällt dir ein! Steht nicht im Kuran geschrieben, daß man nur Allah
allein anbeten soll?«

»Das gilt nicht für dich, denn du bist ein Ungläubiger. Ich befehle
dir, niederzuknien, um deine Demut zu bezeugen.«

»Noch weiß ich nicht, ob du Ehrfurcht verdienst, und selbst wenn ich es
erfahren hätte, würde ich dir meine Achtung auf eine andere Weise
bezeigen.«

»Giaur, du kniest, oder ich schlage dir den Kopf ab!«

Er hatte sich erhoben und faßte seinen krummen Säbel. Ich trat noch
einen Schritt näher an ihn heran.

»Meinen Kopf? Bist du wirklich Abu Seïf oder bist du ein Henker?«

»Ich bin Abu Seïf und halte mein Wort. Nieder mit dir, oder ich lege dir
den Kopf vor die Füße!«

»Wahre deinen eigenen Kopf!«

»Giaur!«

»Korkakdschi!«

»Was!« zischte er. »Einen Korkakdschi, einen Feigling nennst du mich!«

»Warum griffst du den Sambuk des Nachts an? Warum hülltest du deine
Dschasusler[54] in Weiberkleider? Warum zeigst du hier Mut, wo du von
den Deinen umgeben und beschützt wirst? Ständest du allein mir
gegenüber, so würdest du anders mit mir reden!«

    [54] Spione.

»Ich bin Abu Seïf, der Vater des Säbels, und zehn Männer deiner Sorte
vermöchten nichts gegen meine Klinge!«

»Aferihn – brav so! So muß man reden, wenn man sich zu handeln
fürchtet.«

»Zu handeln? Sind diese Zehn zur Stelle? Wäre dies der Fall, so wollte
ich dir im Augenblick beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe!«

»Die Zehn sind nicht nötig; es genügt Einer.«

»Wolltest du vielleicht dieser Eine sein?«

»Pah, du würdest es nicht erlauben!«

»Warum nicht?«

»Weil du dich fürchtest. Du tötest mit dem Munde, nicht aber mit dem
Säbel.«

Ich hatte einen verstärkten Ausfall seines Zornes auf diese Worte
erwartet, sah mich aber getäuscht. Er verbarg diesen Grimm hinter einer
kalten, tödlichen Ruhe, nahm seinem Nachbar den Säbel vom Gürtel und
reichte ihn mir.

»Hier nimm und verteidige dich! Aber ich sage dir, selbst wenn du die
Fertigkeit Aframs und die Stärke Kelads hättest, so würdest du beim
dritten Hiebe eine Leiche sein.«

Ich nahm den Säbel.

Es war eine eigentümliche Situation, in der ich mich befand. Der »Vater
des Säbels« mußte nach orientalischen Begriffen ein ausgezeichneter
Fechter sein, aber ich wußte, daß der Orientale durchschnittlich ein
ebenso schlechter Fechter als schlechter Schütze ist. Mit der Fertigkeit
Aframs und der Stärke Kelads war es wohl nicht gar so weit her. Ich
hatte noch mit keinem Orientalen nach den Regeln der Fechtkunst die
Klinge gekreuzt, und wenn mir auch der dargereichte, an der »halben und
ganzen Schwere,« also an der »Parierung« dünne, und an der »halben und
ganzen Schwäche« so starke und schwere, Säbel ziemlich ungewohnt war, so
hatte ich dennoch große Lust, dem »Vater des Säbels« die Überlegenheit
der europäischen Waffenführung zu beweisen.

Die ganze Bemannung des Schiffes war uns nahe getreten, und in allen
Mienen spiegelte sich die Überzeugung, daß ich wirklich bei dem dritten
Hiebe des Abu Seïf ein toter Mann sein werde.

Er drang so schnell, wild und regellos auf mich ein, daß ich keinen
Moment Zeit hatte, Position zu nehmen. Ich parierte seine unreine
Winkelquart und versuchte, mir sofort eine Blöße zu verschaffen; zu
meinem Erstaunen aber ging er bei meinem Zirkelhiebe ganz prachtvoll
unter meiner Klinge durch. Er traversierte und gab eine Finte; sie
gelang ihm nicht. Nun traversierte ich ebenso und schlug Espadon; mein
Hieb kam zum Sitzen, obgleich es meine Absicht nicht war, ihn sehr zu
verletzen. Voll Wut darüber vergaß er sich, trat zurück und gab im
Sprunge abermals Winkelquart; ich trat einen halben Schritt vor, setzte
mit harter Festigkeit in die Linie ein, und – die Waffe flog ihm aus der
Hand und über Bord in das Wasser.

Ein Schrei erscholl ringsumher. Ich aber trat zurück und senkte die
Waffe.

Er stand vor mir und starrte mich an.

»Abu Seïf, du bist ein sehr geschickter Fechter!«

Diese meine Worte brachten ihn wieder zu sich; aber ich sah gegen meine
Erwartung nicht das Zeichen des Grimmes, sondern nur der Überraschung in
seinem Angesicht.

»Mensch, du bist ein Ungläubiger und hast doch Abu Seïf besiegt!« rief
er aus.

»Du hast es mir leicht gemacht, denn dein Fechten ist kein edles und
überlegtes. Mein zweiter Hieb kostete dich Blut, und mein dritter nahm
dir die Waffe; ja, ich bin gar nicht zum dritten Hieb gekommen, während
dein dritter mich töten sollte. Hier hast du den Säbel; ich bin in
deiner Hand.«

Diese – freilich gewagte – Appellation an seinen Edelmut hatte einen
guten Erfolg.

»Ja, du bist in meiner Gewalt, du bist mein Gefangener; aber du hast
dein Schicksal in deiner eigenen Hand.«

»Inwiefern?«

»Wenn du thust, was ich von dir verlange, so wirst du bald wieder frei
sein.«

»Was soll ich thun?«

»Du wirst mit mir fechten?«

»Ja.«

»Und es mich so lehren, wie es bei den Nemsi gelehrt wird?«

»Ja.«

»Du wirst dich, so lange du auf meinem Schiffe bist, von keinem fremden
Auge sehen lassen?«

»Gut!«

»Und das Deck auf meinen Befehl sofort verlassen, wenn ein anderes
Fahrzeug in Sicht kommt?«

»Ja.«

»Du wirst mit deinem Diener kein Wort sprechen.«

»Wo ist er?«

»Hier auf dem Schiffe.«

»Gebunden?«

»Nein, er ist krank.«

»Er hat eine Wunde?«

»Er ist am Arm verwundet und hat ein Bein gebrochen, daß er sich nicht
erheben kann.«

»So kann ich dir das verlangte Versprechen nicht geben. Mein Diener ist
mein Freund, den ich pflegen muß; du wirst mir dies erlauben!«

»Ich erlaube es nicht; aber ich verspreche dir, daß er gut verpflegt
wird.«

»Das genügt mir nicht. Wenn er das Bein gebrochen hat, so muß ich es ihm
einrichten. Es ist wohl hier keiner, welcher das versteht.«

»Ich selbst verstehe es. Ich bin so gut wie ein Dscherrah[55]; ich habe
ihm seine Wunde verbunden und auch sein Bein geschient. Er hat keine
Schmerzen mehr und ist mit mir zufrieden.«

    [55] Wundarzt.

»Ich muß dies aus seinem Munde erfahren.«

»Ich beteure es dir bei Allah und dem Propheten! Willst du mir nicht
versprechen, nicht mit ihm zu reden, so werde ich dafür sorgen, daß du
ihn nicht zu sehen bekommst. Aber ich habe noch mehr von dir zu
verlangen.«

»Fordere!«

»Du bist ein Christ und wirst dich hüten, einen der Meinen zu
verunreinigen?«

»Gut.«

»Du hast Freunde unter den Inglis?«

»Ja.«

»Sind es große Leute?«

»Es sind Paschas unter ihnen.«

»So werden sie dich auslösen?«

Das war ja etwas ganz Neues! Also er wollte mich nicht töten, sondern
sich meine Freiheit bezahlen lassen.

»Wie viel verlangst du?«

»Du hast nur wenig Gold und Silber bei dir; du kannst dich nicht selbst
loskaufen.«

Also er hatte meine Taschen doch untersucht. Was ich in den Ärmeln
meiner türkischen Jacke eingenäht hatte, war von ihm nicht gefunden
worden. Es wäre allerdings zum Lösegelde auch zu wenig gewesen. Daher
antwortete ich:

»Ich habe nichts; ich bin nicht reich.«

»Ich glaube es, obgleich deine Waffen ausgezeichnet sind und du
Instrumente bei dir führst, welche ich gar nicht kenne. Aber du bist
vornehm.«

»Ah!«

»Und berühmt.«

»Ah!«

»Du hast es diesem hier auf dem Sambuk gesagt.«

»Ich habe Spaß gemacht.«

»Nein, du hast im Ernst gesprochen. Wer so stark ist und den Säbel so zu
führen weiß, wie du, der kann nichts anderes sein, als ein großer
Zabit[56], für den sein Padischah gern ein gutes Lösegeld geben wird.«

    [56] Offizier.

»Mein König wird meine Freiheit nicht mit Geld bezahlen; er wird sie
umsonst von dir fordern.«

»Ich kenne keinen König der Nemsi; wie also will er mit mir reden und
mich zwingen, dich frei zu lassen?«

»Er wird es durch seinen Eltschi[57] thun.«

    [57] Gesandten.

»Auch diesen kenne ich nicht. Es giebt keinen Eltschi der Nemsi hier in
dieser Gegend.«

»Der Gesandte ist in Stambul beim Großherrn. Ich habe ein Bu-Dscheruldi,
das ihr hier Bjuruldu nennt, und bin also einer, der in dem Schatten des
Sultans steht.«

Er lachte.

»Hier gilt der Padischah nichts; hier hat nur der Großscherif von Mekka
zu gebieten, und ich bin mächtiger als diese beiden. Ich werde weder mit
deinem König noch mit seinem Gesandten über dich verhandeln.«

»Mit wem sonst?«

»Mit den Inglis.«

»Warum mit diesen?«

»Weil sie dich auswechseln sollen.«

»Gegen wen?«

»Gegen meinen Bruder, der sich in ihrer Hand befindet. Er hat mit
seiner Barke eines ihrer Schiffe angegriffen und ist von ihnen gefangen
genommen worden. Sie haben ihn nach Eden[58] geschafft und wollen ihn
töten; nun aber werden sie ihn für dich frei lassen müssen.«

    [58] Aden an der Straße Bab-el-Mandeb.

»Vielleicht irrst du dich. Ich gehöre nicht zu den Inglis. Sie werden
mich wohl in deinen Händen lassen und deinen Bruder töten.«

»So stirbst du auch. Du kannst schreiben und wirst einen Brief an sie
anfertigen, den ich ihnen übergeben lasse. Machst du den Brief gut, so
werden sie dich auswechseln; machst du ihn aber schlecht, so hast du
dich selbst getötet. Also überlege dir den Brief recht sehr; du hast
noch viele Tage Zeit.«

»Wie viele?«

»Wir haben ein böses Meer vor uns; aber ich werde, so viel es angeht,
auch des Nachts fahren. Wenn uns der Wind günstig bleibt, sind wir in
vier Tagen in Dschidda. Von da bis in die Gegend von Sanah, wo ich mein
Schiff verbergen werde, haben wir beinahe ebenso weit. Du hast also eine
volle Woche Zeit, über dein Schreiben nachzudenken, denn erst von Sanah
aus werde ich den Boten abgehen lassen.«

»Ich werde den Brief schreiben.«

»Und du versprichst mir, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Das kann ich dir nicht versprechen.«

Er sah mir einige Zeit lang ernst in das Gesicht.

»Allah akbar, Gott ist groß, und ich habe es nicht geglaubt, daß unter
den Christen auch ehrliche Leute sind. Also du willst mir entfliehen?«

»Ich werde jede Gelegenheit dazu benutzen.«

»So werden wir auch nicht fechten; du könntest mich erschlagen und in
das Wasser springen, um dich durch Schwimmen zu retten. Kannst du
schwimmen?«

»Ja.«

»Bedenke, daß hier im Wasser viele Fische sind, die dich fressen
würden!«

»Ich weiß es.«

»Ich werde dich streng bewachen lassen. Der Mann hier neben mir wird
stets an deiner Seite sein. Du hast ihn beleidigt; er wird dich nicht
aus den Augen lassen, bis du entweder frei oder gestorben bist.«

»Was wird in diesen beiden Fällen mit meinem Diener werden?«

»Ihm wird nichts geschehen. Zwar hat er eine große Sünde begangen, da er
der Diener eines Ungläubigen ist; aber er ist weder ein Türke noch ein
Giaur, er wird seine Freiheit mit dir oder nach deinem Tode erhalten.
Jetzt kannst du auf dem Deck bleiben; sobald es dir dein Wächter aber
gebietet, gehst du hinab, wo du in deine Kammer eingeschlossen wirst.«

Er wandte sich hierauf von mir ab, und ich war also entlassen.

Ich schritt zunächst nach dem Vorderdeck und ging dann längs des
Regelings spazieren; als ich ermüdet war, legte ich mich auf eine Decke
nieder. Stets blieb der Araber in meiner Nähe, so daß er sich immer in
einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von mir befand.

Das war ebenso überflüssig wie für mich unangenehm. Kein Mensch weiter
schien sich um mich zu bekümmern, kein Mensch sprach ein Wort zu mir.
Man reichte mir schweigend mein Wasser, mein Kuskussu und einige
Datteln. Sobald ein Fahrzeug uns ansegelte, mußte ich hinunter in meine
Kammer, an deren Thür sich mein Wächter so lange postierte, bis ich
wieder oben erscheinen durfte, und am Abend wurde die Thüre verriegelt
und mit allerlei Gerümpel verbarrikadiert.



Sechstes Kapitel.

Wieder frei.


Unter diesen Umständen vergingen drei Tage. Ich empfand mehr Sorge um
den kranken Halef als um mich selbst; aber alle meine Bemühungen, zu ihm
zu kommen, wären vergeblich gewesen. Natürlich befand er sich ebenso
unter Deck wie ich selbst, und jeder Versuch, hinter dem Rücken meines
Wächters dem braven Diener ein Zeichen zu geben, hätte uns beiden nur
schaden müssen.

Wir waren ungefähr, da wir eine sehr schnelle und glückliche Fahrt
gemacht hatten, in der Gegend zwischen Dschebel Eyub und Dschebel Kelaya
angekommen, von wo an die Küste bis Dschidda immer niedriger und flacher
wird. Es war zur Zeit der Dämmerung. Im Norden stand, eine Seltenheit,
ein kleines, schleierartiges Wölkchen am Himmel, welches Abu Seïf sehr
besorgt betrachtete. Die Nacht brach herein, und ich mußte unter Deck
gehen. Da war es jetzt schwüler noch als gewöhnlich, und diese Schwüle
steigerte sich von Viertelstunde zu Viertelstunde. Ich war um
Mitternacht noch nicht eingeschlafen. Da hörte ich von fern her ein
dumpfes Brausen, Donnern und Rollen, welches mit Sturmeseile näher kam
und unser Schiff erfaßte. Ich fühlte, daß es mit dem Vorderteile tief in
die Fluten tauchte, sich aber wieder erhob und dann mit verdoppelter
Geschwindigkeit dahinschoß. Es ächzte und stöhnte in allen Fugen. Die
Mastenfüße krachten in ihrer Verkeilung, und auf dem Decke rannte die
Bemannung unter ängstlichen Rufen, Jammern und Beten hin und her.

Dazwischen hinein tönten die lauten, besonnenen Kommandorufe des
Führers. Es war auch notwendig, daß dieser seine Kaltblütigkeit nicht
aufgab. Nach meiner ungefähren Berechnung nahten wir uns der Höhe von
Rabbegh, welches von den Arabern Rabr genannt wird, und von da an
südwärts giebt es eine Unzahl von Klippen und Korallenbänken, welche der
Schiffahrt selbst bei Tage sehr gefährlich sind. Dort liegt auch die
Insel Ghauat, und zwischen ihr und Ras Hatiba ragen zwei Korallenklippen
empor, zwischen denen die Durchfahrt bei Sonnenlicht und ruhigem Wetter
mit den größten Gefahren verbunden ist, und deshalb bereiten sich die
Schiffer, ehe sie dieser Stelle nahen, immer durch Gebet vor. Der Ort
wird Om-el-Hableïn genannt, »Ort der beiden Seile«, ein Name, welcher
auf die Art und Weise hindeutet, in welcher man früher sich vor der
Gefahr zu sichern suchte.

Auf diese Durchfahrt trieb uns der Orkan mit rasender Schnelligkeit zu.
Eine Landung vorher war unmöglich.

Ich hatte mich von meinem Lager erhoben. Aber wenn das Schiff auf eine
Klippe rannte, war ich doch verloren, da meine Kammer verschlossen war.

Da war es mir, als hörte ich mitten im Brausen der Elemente ein Geräusch
vor meiner Thür. Ich trat näher und horchte. Ich hatte mich nicht
getäuscht. Man entfernte die Verrammelung, und die Thür wurde geöffnet.

»Sihdi!«

»Wer ist da?«

»Hamdulillah, Preis sei Gott, der mich den richtigen Ort gleich finden
ließ! Kennst du nicht die Stimme deines treuen Halef?«

»Halef? Unmöglich! Der kann es nicht sein; der kann nicht gehen.«

»Warum nicht?«

»Weil er verwundet ist und ein Bein gebrochen hat.«

»Ja, verwundet bin ich, Sihdi, von einer Kugel am Arme; aber nur sehr
leicht. Das Bein habe ich nicht gebrochen.«

»So hat Abu Seïf mich belogen.«

»Nein, sondern ich habe ihn getäuscht. Ich mußte mich verstellen, um
meinem guten Sihdi helfen zu können. Nun habe ich drei Tage mit den
Schienen am Beine unten im Raume gelegen und des Nachts habe ich sie
entfernt und bin auf Kundschaft ausgekrochen.«

»Wackerer Halef, das werde ich dir nicht vergessen!«

»Ich habe auch Verschiedenes erfahren.«

»Was?«

»Abu Seïf wird eine Strecke vor Dschidda anlegen, um nach Mekka zu
pilgern. Er will dort beten, daß sein Bruder wieder frei werde. Mehrere
von seinen Mannen gehen mit.«

»Vielleicht ist es uns da möglich, zu entkommen.«

»Ich werde sehen. Das wird also morgen sein. Deine Waffen sind in seiner
Kammer.«

»Kommst du morgen abend wieder, wenn wir in dieser Nacht nicht
umkommen?«

»Ich komme, Sihdi.«

»Aber die Gefahr, Halef!«

»Heute ist es so finster, daß mich niemand sehen konnte, und nach uns zu
schauen, haben sie keine Zeit, Sihdi. Morgen aber wird Allah helfen.«

»Hast du Schmerzen in deiner Wunde?«

»Nein.«

»Was ist mit dem Sambuk geschehen? Ich lag in Ohnmacht und kann es also
nicht wissen.«

»Sie haben das ganze Geld genommen, welches nun in der Oda[59] des
Kapitäns liegt, und die Bemannung angebunden. Nur uns zwei hat man
mitgenommen, damit du den Bruder Abu Seïfs befreien sollst.«

    [59] Kammer, Kajüte.

»Das weißt du?«

»Ich habe Gespräche belauscht.«

»Und die Barke in jener Nacht?«

»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf
uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«

»Gute Nacht!«

Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die
Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.

Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der
ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn
die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des
Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden
sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich
schlief ruhig ein.

Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen
aber stand mein Wächter.

»Willst du hinauf?« fragte er mich.

»Ja.«

»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«

    [60] Gebet zur Mittagszeit.

Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das
Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden
Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten
umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande
aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.

Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken
zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich
nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine
Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und
außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche
jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf
bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug
gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen
sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.

    [61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei
    nach außen gewendet.

    [62] Ein schrankartiger Kasten.

    [63] Leinwandsäckchen.

»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.

»Sprich.«

»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu
unternehmen?«

»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen
werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«

»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich,
strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang
nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht
verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«

»Das ist hart.«

»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«

»Ich muß mich fügen.«

»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich
sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen.
Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu
sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich
hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht
geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«

Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein,
bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich
fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge
geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte
auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten
empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln
befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El
Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es
mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner
Thür ein leises Geräusch vernahm.

Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen
durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte
gewesen.

Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes
leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine
Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein
Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen.
Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so
– – – aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines
Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam,
langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen
harten Schlag – ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und
doch nicht könne – ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es
draußen halblaut:

»Sihdi, komm; ich habe ihn!«

Es war Halef.

»Wen?« fragte ich.

»Deinen Wächter.«

»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«

»Bist du an die Wand gebunden?«

»Nein; hinaus zu dir kann ich.«

»So komm, die Thür ist offen.«

Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften
Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den
Händen den Hals zugeschnürt.

»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«

»Hier ist eins; warte!«

Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor,
nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln
entzwei.

»Geht es, Sihdi?«

»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot
ist!«

»Sihdi, er hätte es verdient.«

»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und
legen ihn in meine Kammer.«

»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«

»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das
Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! – So – hier
ist der Knebel – – hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden – –
laß den Hals los und halte seine Beine – – – so, fertig. Nun hinein mit
ihm!«

Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt
hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.

»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.

»Wie kam das alles, jetzt?«

»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«

»Wenn sie dich entdeckt hätten!«

»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen
kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst
nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem
Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber,
welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und
er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten
müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin
ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich
das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«

»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«

»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige
weißt du, Sihdi.«

»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«

»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren
Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«

    [64] Opium.

»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als
diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«

Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten,
darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen
wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt
hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft,
der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen
regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie
schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden
Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte
frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung
weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen
Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht
knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben
und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.

Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als
wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich
mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden
hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord
des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen.
Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.

»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir
brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«

»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns
nicht.«

»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das
Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«

»Willst du ein Dieb werden? Nein!«

»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir
nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die
Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu
greifen?«

»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und
um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen.
Unser Geld aber haben wir noch.«

»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«

»Hattest du viel?«

»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler
gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir
nehmen, was mir gehört.«

Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung
hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser
Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des
geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem
Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und
überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder
gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der
Sandyk wird verschlossen sein.«

Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:

»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde
dennoch öffnen.«

»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es
einen Krach, der uns verrät!«

»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen
können. Komm, wir wollen gehen!«

Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß
er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht
gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem
Versprechen:

»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«

»Ist es wahr, Sihdi?«

»Ja.«

»So laß uns gehen!«

Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des
Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein
bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.

»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.

Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen
Anlauf nehmen.

»Paß auf, Sihdi!«

Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten
Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.

»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte
Halef.

»Wir gehen nach Dschidda.«

»Weißt du den Weg?«

»Nein.«

»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«

    [65] Landkarte.

»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf
hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die
Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach
den Waffen sehen.«

Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns
genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die
hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls
mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und
sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber
ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme,
welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen
bewaffnet sind.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden
war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie
möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder
kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam
vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht
mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich
beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging
leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und
unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung
der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als
wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer
hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.

    [66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret
    geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was
    aber falsch ist.

»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.

Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie
anzureden.

»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«

»Und was beginnen wir dort?«

»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«

»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen,
begraben liegt?«

»Ja.«

»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig
Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben
liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«

»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa,
woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt
Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst
bin bereits zweimal dort gewesen.«

Er blickte mich erstaunt an.

»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die
Insel Adams betreten will!«

    [67] Gelehrten.

»Bin ich gestorben?«

»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben
noch nicht hast.«

»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß
sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«

»Ja.«

»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«

»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«

»Sie verstanden sie.«

Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.

»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«

»Würdest du mich mitnehmen?«

»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten
werden.«

»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«

»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte
es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«

Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam
gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.

»Halef, du hast mich lieb?«

»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«

»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«

»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich
du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben
kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«

»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich
das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah
verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche
mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«

»Wie lange wirst du in Mekka sein?«

»Sieben Tage.«

»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch
gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«

»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«

»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine
Bitte erfüllen?«

»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun
darf.«

»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«

»Ich gehorche.«

»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«

»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«

»Welche?«

»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke
und Almosen geben – – –.«

    [68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.

»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«

»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der
Ungläubigen geprägt.«

»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«

»Hast du Piaster?«

»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«

    [69] Geldwechsler.

»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen
zu können?«

»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts
kosten.«

»Warum?«

»Ich reite mit.«

»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.

»Ja. Ist dies verboten?«

»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du
nicht.«

»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«

»Das ist schön, Sihdi; das geht!«

»So sind wir also einig!«

»Und wohin gehst du dann?«

»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«

»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der
Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«

»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man
erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«

»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg
versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir
sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel
immer offen steht. Und wohin willst du dann?«

»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und
Bagdad.«

»Und wirst mich mitnehmen?«

»Ja.«

Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine
Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen
arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein
zerlumpter Kerl rief mich an:

    [70] Arbeiter.

»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist du gesund, Effendi, wie
geht es dir, und wie ist dein Befinden?«

Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu
erwidern.

»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist
vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und
wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«

Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M’eschaleeh trug.
Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht
werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das
Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines
Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei
Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist
das M’eschaleeh.

»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el
Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin
zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir
nützlich sein.«

    [71] Blumen.

    [72] Töchter des Paradieses, die Houris.

»Welches Geschäft hast du?«

»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe
ihnen.«

    [73] Eseltreiber.

»Hast du sie zu Hause?«

»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«

»Was soll ich dir bezahlen?«

»Wohin willst du reiten?«

»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«

Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu
Fuße, das mußte ihm auffällig sein.

»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet
habe?«

»Welche Brüder?«

»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie
du; die habe ich in den großen Khan geführt.«

Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.

»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane
und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«

    [74] Gasthaus.

»Ama di bacht – welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung
finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«

»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«

»Zwei Piaster.«

Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.

»Hole die Tiere.«

Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter
einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir
beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.

»Werden sie uns tragen können?«

»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«

Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob
ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es
bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich
im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.

»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut,
wermya-iz aktsche – halt, gebt Geld!«

In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein
viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte
dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser
Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine
riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine
große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.

»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.

»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«

    [75] Mann des Thores, Thorwärter.

Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu
machen, den Paß heraus.

»Was willst du?«

»Geld!«

»Hier!«

Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht
durch ein Glas geschützt war.

    [76] Siegel.

»Lutf, dschenabin – Verzeihung, Euer Gnaden!«

Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich
darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste
springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite,
blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe
eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere
Radschal el Bab.

»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.

»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also
beleidigt und fürchtet deine Rache.«

Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines
Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier
große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.

»Hier ist es!«

»Wem gehört das Haus?«

»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«

    [77] Juwelier.

»Wird er zu Hause sein?«

»Ja.«

»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«

Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und
ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem
Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand.
Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus
zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich
mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine
sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür
wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen
mir Halef gegeben hatte.

Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.

Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie
ihren Namen – Dschidda heißt »die Reiche« – nicht ganz mit Unrecht
führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben,
welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem
Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die
Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab
el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von
zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften,
in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht
sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist
es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster
haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und
haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der
ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele
Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler
aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier,
Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen:
– alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen
begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften
Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute,
welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.

    [78] Hälften.

Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt,
befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter
gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische
Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.

Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den
größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern
Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu
verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte,
würde bald selbst ein Bettler sein. Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem
Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit
nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um
mich wurde. Da plötzlich – ist’s möglich oder nicht? erklang es vom
Wasser her:

    »Jetzt geh’ i zum Soala
    Und kaf ma an Strick,
    Bind ’s Diandl am Buckl,
    Trog’s überall mit.«

Ein »G’sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und
sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein
Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als
einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht
in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er
hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über
diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein
gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche
stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor,
welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um
die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen,
dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.

Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen
geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich
zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch
besser nach rechts herum und sang:

    »Und der Türk und der Ruß,
    Die zwoa gehn mi nix o’,
    Wann i no mit der Gret’l
    Koan Kriegshandl ho’!«

Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der
Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede
überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.

»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.

Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort
nochmals hören:

    »Zwischen deiner und meiner
    Is a weite Gass’n;
    Bua, wennst mi nöt magst,
    Kannst es bleiben lass’n!«

Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:

    »Zwischen deiner und meiner
    Is a enge Gass’n;
    Bua, wennst mi gern magst,
    Kannst herrudern lass’n!«

Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den
Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft;
dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff
in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.

Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein
wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.

»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.

»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«

»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen
wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«

»Ein Schriftsteller. Und Sie?«

»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch,
Privatsekretär, #bookkeeper#[79], Ehemann, #merchant#[80], Witwer,
Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«

    [79] Buchhalter.

    [80] Kaufmann.

Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich
lachen mußte.

»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«

»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders
besinne. Und Sie?«

»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie
hier in Dschidda?«

»Nichts. Und Sie?«

»Nichts. Wollen wir einander helfen?«

»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«

»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«

»Ja, schon seit vier Tagen.«

»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«

»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«

»Freilich! Für wann?«

»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«

Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten
wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen
ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er
trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die
Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen
einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über
welches eine lange Matte ausgebreitet war.

»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«

Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das
Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen
Koffer öffnete, der in demselben stand.

»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht
schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«

Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:

»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine
gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier
zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – jeder einen. Da
noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein bißchen altbacken, geht aber
noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst –
riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist
echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser;
ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in
dieser Büchse – – schnupfen Sie?«

»Leider nein.«

»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«

»Gern.«

»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir – Sie zehne und ich
eine.«

»Oder umgekehrt!«

»Geht nicht.«

»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«

»Raten Sie!«

»Zeigen Sie einmal her!«

Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.

»Käse!«

»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben
Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«

Wir aßen mit Lust.

»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind
in Triest geboren?«

»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein
Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt
es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich
bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt.
Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer
Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach
Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach
Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«

»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«

»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber
hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer
Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von
wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich
krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein
tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte
mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem
Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine
Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt
sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – –«

»Zu Ihrem Vater?«

»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Not
gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben.
Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«

Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl
nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der
grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden
ist.

»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«

»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«

»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«

»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten
nicht; ich bin mein eigener Herr – was thut es, wenn ich mir das rote
Meer besehe? Sie thun es ja auch!«

»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt,
einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«

»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja
trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«

»Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn
warten müssen.«

»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«

»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren
müssen.«

»Wie so?«

»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«

»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«

»Allerdings. Aber, kennt man mich?«

»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«

»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«

»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«

»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger
sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den
vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und
seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen
unsern heiligen Glauben sein.«

»Sie würden innerlich doch anders denken!«

»Das macht die Schuld nicht geringer.«

»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«

»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der
Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß
ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich
möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag,
auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den
Pilger spielt.«

»Wohl nicht.«

»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«

»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber
werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«

»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn
Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden.
Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden
brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab,
durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das
Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für
einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«

    [81] Kamelart.

»Das klingt ganz ungefährlich, aber gewagt ist es dennoch. Ich habe
gelesen, daß ein Christ höchstens bis auf neun Meilen an die Stadt heran
darf.«

»Dann dürften wir ja auch nicht in Dschidda sein, wenn nicht etwa nur
englische Meilen gemeint sind. Auf dem Wege von hier nach Mekka liegen
elf Kaffeehäuser; ich will getrost wagen, in allen bis zum neunten
einzukehren, und dabei auch sagen, daß ich ein Christ bin. Die Zeiten
haben sehr vieles geändert; jetzt genügt es, die Christen die Stadt
nicht betreten zu lassen. Ich werde den Versuch wagen.«

Ich hatte mich in die Sache selbst so hineingesprochen, daß jetzt
wirklich mein Entschluß fest stand, nach Mekka zu reisen. Ich brachte
diesen Gedanken heim in meine Wohnung, schlief mit demselben ein und
erwachte auch mit ihm. Halef brachte mir den Kaffee. Ich hatte Wort
gehalten und ihm sein Geld bereits gestern gegeben.

»Sihdi, wann erlaubst du mir, nach Mekka zu gehen?« fragte er mich.

»Hast du Dschidda bereits ganz gesehen?«

»Noch nicht; aber ich werde bald fertig sein.«

»Wie wirst du reisen? Mit einem Delyl?«

»Nein, denn der kostet zu viel. Ich werde warten, bis mehrere Pilger
beisammen sind und dann auf einem Mietkamele reiten.«

»Du kannst abreisen, sobald du willst.«

Delyls sind nämlich diejenigen Beamten, welche die fremden Pilger zu
führen und darauf zu sehen haben, daß diese keine Vorschrift versäumen.
Unter den Pilgern befinden sich sehr viele Frauen und Mädchen. Da aber
den unverheirateten Frauenzimmern das Betreten der Heiligtümer verboten
ist, so machen die Delyls ein Geschäft daraus, sich gegen Bezahlung mit
ledigen Pilgerinnen, die sie von Dschidda abholen, zu verheiraten, sie
in Mekka zu begleiten und ihnen dann nach vollbrachter Wallfahrt den
Scheidebrief zu geben.

Halef hatte kaum meinen Raum verlassen, so hörte ich draußen eine Stimme
sagen:

»Ist dein Herr zu Hause?«

»Dehm arably – sprich arabisch!« antwortete Halef auf die deutsch
gesprochene Frage.

»Arably? Das kann ich nicht, mein Junge; höchstens könnte ich dich mit
einem bißchen Türkisch traktieren. Aber warte, ich werde mich gleich
selbst anmelden; denn jedenfalls steckt er da hinter der Thür.«

Es war Albani, dessen Stimme jetzt erklang:

    »Juchheirassasa!
    Und wenn d’willst, will i a,
    Und wenn d’willst, so mach auf,
    Denn desweg’n bin i da!«

Er schien den Text seiner Schnadahüpfeln den Verhältnissen anzupassen.
Gewiß stand Halef vor Erstaunen ganz starr da draußen, und wenn ich
nicht antwortete, so geschah es seinetwegen; er sollte noch etwas hören.
Es dauerte auch gar nicht lange, so fuhr der Triester fort:

    »Soldat bin i gern
    Und da kenn’ i mi aus,
    Doch steh i nit gern Schildwach
    In fremder Leut Haus.«

Und als auch diese zarte Erinnerung keine Folge hatte, drohte er:

    »Und a frischa Bua bin i,
    D’rum laß dir ’mal sag’n:
    Wenn d’nit glei itzt aufmachst,
    Thua i’s Thürerl zerschlag’n!«

Soweit durfte ich es denn doch nicht kommen lassen; ich erhob mich also
und öffnete ihm die Thür.

»Aha,« lachte er, »es hat also geholfen! Ich dachte beinahe, Sie wären
schon nach Mekka abgegangen.«

»Pst! Mein Diener darf nichts davon wissen.«

»Entschuldigung! Raten Sie einmal, mit welcher Bitte ich komme!«

»Mit dem Verlangen nach Revanche für Ihre gestrige Gastfreundschaft?
Thut mir leid! Ich kann nötigenfalls mit etwas Munition, aber nicht mit
Proviant dienen, wenigstens nicht mit einem so seltenen, wie Ihre
Speisenkarte zeigte.«

»Pah! Aber ich habe wirklich eine Bitte oder vielmehr eine Frage.«

»Sprechen Sie!«

»Wir sprachen gestern wenig über Ihre Erlebnisse; aber ich vermute, daß
Sie Reiter sind.«

»Ich reite allerdings ein wenig.«

»Nur Pferd oder auch Kamel?«

»Beides; sogar auch Esel, wozu ich erst gestern gezwungen war.«

»Ich habe noch nie auf dem Rücken eines Kameles gesessen. Nun hörte ich
heute früh, daß es ganz in der Nähe einen Dewedschi[82] giebt, bei dem
man für ein Billiges die Möglichkeit erhält, einmal den Beduinen spielen
zu können – – –«

    [82] Kamelverleiher nach Art unserer Pferdeverleiher.

»Ah, Sie wollen einen Spazierritt riskieren?«

»Das ist es!«

»Sie werden aber eine Art von Seekrankheit bekommen –«

»Thut nichts.«

»Gegen welche nicht einmal eine Dosis Kreosot Hilfe leistet.«

»Ich bin darauf gefaßt. Die Küste des roten Meeres bereist und nicht auf
einem Kamele gesessen zu haben! Darf ich Sie einladen, mich zu
begleiten?«

»Ich habe Zeit, wo wollen Sie hin?«

»Mir gleich. Vielleicht eine Streiferei um Dschidda herum?«

»Ich bin dabei. Wer besorgt die Kamele? Sie oder ich?«

»Natürlich ich. Wollen Sie Ihren Diener auch mitnehmen?«

»Wie Sie es bestimmen. Man weiß hierzulande niemals, was einem begegnen
kann, und ein Diener ist hier im Orient eigentlich niemals überflüssig.«

»So geht er mit.«

»Wann soll ich kommen?«

»In einer Stunde.«

»Gut. Aber erlauben Sie mir eine Bemerkung. Untersuchen Sie, ehe Sie das
Kamel besteigen, den Sattel und die Decke genau; eine solche Vorsicht
ist stets am Platze, da man sonst sehr leicht Bekanntschaft mit jenen
sechsfüßigen Baschi-Bozuks macht, die der Orientale mit dem lieblich
klingenden Namen ›Bit‹ bezeichnet.«

»Bit? Ich bin kein Licht in den orientalischen Sprachen.«

»Aber ein wenig Latein haben Sie getrieben?«

»Allerdings.«

»So meine ich das Tierchen, dessen Name so lautet, wie auf lateinisch
das deutsche Wort ›Lob‹.«

»Ah! Ist es gar so arg?«

»Zuweilen sehr. Ich habe in Ungarn gehört, daß man diese Schmarotzer mit
dem Worte ›Bergleute‹ bezeichnet, jedenfalls, weil sie von oben nach
unten arbeiten. Bei einem Kamelritte nun haben Sie es mit den Bergleuten
der Araber und mit den Bergleuten der Kamele zu thun. Ein Glück ist es
nur, daß die ersteren eine so rührende Treue für ihre Herren und Meister
besitzen und folglich es verschmähen, einen Giaur wenigstens förmlich zu
überfluten. Also legen Sie noch eine eigene Decke unter, welche Sie nach
dem Ritt dem nächsten Pastetenbäcker geben, der sie für wenige Borbi[83]
in seinem Ofen ausbrennen wird.«

    [83] Ein Para hat acht Borbi.

»Nicht übel! Nehmen wir Waffen mit?«

»Das versteht sich! Ich zum Beispiel bin zu dieser Vorsicht gezwungen,
da ich jeden Augenblick hier oder in der Umgebung Feinde treffen kann.«

»Sie?«

»Ja, ich! Ich befand mich in der Gefangenschaft eines Seeräubers, dem
ich erst gestern früh entflohen bin. Er ist auf dem Wege nach Mekka und
kann sich sehr leicht noch hier in Dschidda befinden.«

»Das ist ja ganz erstaunlich! Er war ein Araber?«

»Ja. Ich kann ihm nicht einmal mit einer Anzeige beikommen, obgleich
mein Leben keinen Pfennig wert ist, sobald wir uns begegnen sollten.«

»Und davon haben Sie mir gestern nichts gesagt!«

»Warum sollte ich davon sprechen? Man hört und liest jetzt sehr oft, daß
das Leben immer nüchterner werde und es gar keine Abenteuer mehr gebe.
Vor nun wenigen Wochen sprach ich mit einem viel gereisten Gelehrten,
welcher geradezu die Behauptung aufstellte, man könne die alte Welt von
Hammerfest bis zur Capstadt und von England bis nach Japan durchreisen,
ohne nur eine Spur von dem zu erleben, was man Abenteuer nennt. Ich
widersprach ihm nicht, aber ich bin überzeugt, daß es nur auf die
Persönlichkeit des Reisenden und auf die Art und Weise der Reise
ankommt. Eine Reise per Entreprise oder mit Rundreisebillet wird sehr
zahm sein, selbst wenn sie nach Celebes oder zu den Feuerländern gehen
sollte. Ich ziehe das Pferd und das Kamel den Posten und Bahnen, das
Kanoe dem Steamer und die Büchse dem wohl visierten Passe vor; auch
reise ich lieber nach Timbuktu oder Tobolsk als nach Nizza oder
Helgoland; ich verlasse mich auf keinen Dolmetscher und auf keinen
Bädeker; zu einer Reise nach Murzuk steht mir weniger Geld zur
Verfügung, als mancher braucht, um von Prag aus die Kaiserstadt Wien
eine Woche lang zu besuchen, und – ich habe mich über den Mangel an
Abenteuern niemals zu beklagen gehabt. Wer mit großen Mitteln die
Atlasländer oder die Weststaaten Nordamerikas besucht, dem stehen eben
diese Mittel im Wege; wer aber mit leichter Tasche kommt, der wird bei
den Beduinen Gastfreundschaft suchen und sich nützlich machen, drüben im
wilden Westen aber sich sein Brot schießen und mit hundert Gefahren
kämpfen müssen; ihm wird es nie an Abenteuern fehlen. Wollen wir wetten,
daß uns nachher bei unserem Ritt ein Abenteuer passieren wird, mag es
auch ein nur kleines sein? Die Recken früherer Zeiten zogen aus, um
Abenteuer zu suchen; die jetzigen Helden reisen als #Commis-voyageurs#,
Touristen, Sommerfrischler, Bäderbummler oder Kirmeßgäste; sie erleben
ihre Abenteuer unter dem Regenschirme, an der #Table d’hôte#, bei einer
imitierten Sennerin, am Spieltische und auf dem #Scating-Ring#. Wollen
wir wetten?«

»Sie machen mich wirklich neugierig!«

»Ja, verstehen Sie mich wohl! Sie nennen es vielleicht ein Abenteuer,
wenn Sie in der Dschungel zwei Tigern begegnen, welche sich auf Leben
und Tod bekämpfen; ich nenne es ein ebenso großes Abenteuer, wenn ich am
Waldesrande auf zwei Ameisenvölker stoße, deren Kampf nicht bloß in
Beziehung auf Mut und Körperanstrengung eine Hunnen- oder Gotenschlacht
zu nennen ist, sondern uns auch solche Beispiele von Aufopferung,
Gehorsam und strategischer oder taktischer Berechnung und List zeigt,
daß wir darüber bloß erstaunen müssen. Gottes Allmacht zeigt sich
herrlicher in diesen winzigen Tieren als in jenen beiden Tigern, die
Ihnen bloß deshalb größer erscheinen, weil Sie sich vor ihnen fürchten.
Doch, gehen Sie jetzt und bestellen Sie die Kamele, damit wir zur Zeit
der größten Hitze eine Quelle finden.«

»Ich gehe; aber halten Sie auch Wort in Beziehung auf das Abenteuer!«

»Ich halte es.«

Er ging. Ich hatte ihm diese Rede mit Vorbedacht gehalten; denn zu einem
Erstlingsritt auf dem Kamele gehört unbedingt eine in das Romantische
hinüberklingende Seelenstimmung.

Als ich nach drei Viertelstunden mit Halef in Albanis Wohnung trat,
starrte derselbe in Waffen.

»Kommen Sie; der Dewedschi lauert bereits. Oder wollen wir erst etwas
genießen?« fragte er mich.

»Nein.«

»So nehmen wir uns Proviant mit. Ich habe hier diese ganze Tasche voll.«

»Sie wollen ein Abenteuer haben und nehmen Proviant mit? Weg damit!
Wenn uns hungert, so suchen wir uns ein Duar[84]. Dort finden wir
Datteln, Mehl, Wasser und vielleicht auch ein wenig Tschekir.«

    [84] Zeltdorf.

»Tschekir? Was ist das?«

»Kuchen, aus gemahlenen Heuschrecken gebacken.«

»Fi!«

»Pah, schmeckt ganz vortrefflich! Wer Austern, Weinbergsschnecken,
Vogelnester, Froschschenkel und verfaulte Milch mit Käsemaden ißt, für
den müssen Heuschrecken eine Delikatesse sein. Wissen Sie, wer lange
Zeit Heuschrecken mit wildem Honig gegessen hat?«

»Ich glaube, das ist ein Mann in der Bibel gewesen.«

»Allerdings, und zwar ein sehr hoher und heiliger Mann. Haben Sie eine
Decke?«

»Hier.«

»Gut. Wie lange haben Sie die Kamele zur Verfügung?«

»Für den ganzen Tag.«

»Mit Begleitung des Dewedschi oder eines seiner Leute?«

»Ohne Begleitung.«

»Das ist gut. Zwar haben Sie in diesem Fall Kaution legen müssen, dafür
aber befinden wir uns um so wohler und ungestörter. Kommen Sie!«

Der Kamelverleiher wohnte im zweiten Hause von ihm. Ich sah es dem Manne
sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war. In seinem Hofe
standen drei Kamele, über welche man hätte weinen mögen.

»Wo ist dein Stall?« fragte ich ihn.

»Dort!«

»Er deutete nach einer Mauer, welche den Hof in zwei Teile schied.

»Öffne die Thür!«

»Warum?«

»Weil ich sehen will, ob sich noch Dschemahli darin befinden.«

»Es sind solche darin.«

»Zeige sie mir!«

Er mochte mir doch nicht recht trauen; daher öffnete er und ließ mich
einen Blick in die andere Abteilung werfen. Dort lagen acht der
schönsten Reitkamele. Ich trat näher und betrachtete sie.

»Dewedschi, wie viel zahlt dir dieser Hazretin[85] für die drei Kamele,
welche du uns gesattelt hast?«

    [85] »Hoheit«.

»Fünf Mahbubzechinen[86] für alle drei.«

    [86] à 5 Mark, in Summa also 25 Mark.

»Und für einen solchen Preis bekommen wir diese Lasttiere mit wunden
Beinen und Füßen! Schau her, du kannst durch ihre Seiten blicken; ihre
Lefzen hängen auf die Seite, wie hier dein zerrissener Jackenärmel, und
ihre Höcker – ah Dewedschi, sie haben keinen Höcker! Sie haben eine
weite Reise hinter sich; sie sind ganz abgezehrt und kraftlos, so daß
sie kaum den Sattel tragen können. Und wie sehen diese Sättel aus! Schau
her, Mann! Was marschiert auf dieser Decke? Spute dich und gieb uns
andere Kamele und andere Decken und andere Sättel!«

Er sah mich halb mißtrauisch und halb zornig an.

»Wer bist du, daß du mir einen solchen Befehl geben magst?«

»Blicke her! Siehst du diesen Bu-djeruldi des Großherrn? Soll ich ihm
erzählen, daß du ein Betrüger bist und deine armen Tiere zu Tode
schindest? Schnell, sattle dort die drei Hedjihn, die braunen rechts und
das graue in der Ecke, sonst wird dir meine Peitsche Hände machen!«

Ein Beduine hätte sofort zur Pistole oder zum Messer gegriffen; dieser
Mann aber war ein Türke. Er beeilte sich, meinem Befehle Folge zu
leisten, und bald lagen seine drei besten Kamele mit sehr reinlichem
Sattelzeug vor uns auf den Knieen. Ich wandte mich an Halef:

»Jetzt zeige diesem Sihdi, wie er aufzusteigen hat!«

Er that es, und ich trat dann dem Kamel, welches Albani tragen sollte,
auf die zusammengezogenen Vorderbeine.

»Passen Sie auf! Sobald Sie den Sattel berühren, geht das Hedjihn in die
Höhe, und zwar vorn zuerst, so daß Sie nach hinten geworfen werden. Dann
erhebt es sich hinten, und Sie stoßen nach vorn. Diese beiden Stöße
müssen Sie durch die entgegengesetzte Bewegung Ihres Körpers unschädlich
zu machen suchen.«

»Ich will es versuchen.«

Er faßte an und schwang sich auf. Sofort erhob sich das Tier, trotzdem
ich meinen Fuß nicht von seinen Beinen genommen hatte. Der gute
Schnadahüpfelsänger flog nach hinten, fiel aber nicht, weil er sich vorn
fest anklammerte; doch jetzt schnellte das Kamel sich hinten in die
Höhe, und da er die Hände noch immer vorn hatte, so flog er ganz
regelrecht aus dem Sattel und über den Kopf des Kamels hinweg herunter
in den Sand.

»Potz tausend, das Ding ist gar nicht so leicht!« meinte er, indem er
sich erhob und die Achsel rieb, mit welcher er aufgestoßen war. »Aber
hinauf muß ich doch. Bringen Sie das Tier wieder zum Knieen!«

»Rrree!«

Auf diesen Zuruf legte es sich wieder. Der zweite Versuch gelang,
obgleich der Reiter zwei derbe Stöße auszuhalten hatte. Ich mußte dem
Verleiher noch einen Verweis geben:

»Dewedschi, kannst du ein Dschemmel reiten?«

»Ja, Herr.«

»Und auch lenken?«

»Ja.«

»Nein, du kannst es nicht, denn du weißt ja nicht einmal, daß ein
Metrek[87] dazu gehört!«

    [87] Ein kleines, nach außen umgebogenes Stöckchen.

»Verzeihe, Herr!«

Er gab einen Wink, und die Stäbchen wurden herbeigebracht. Jetzt stieg
auch ich auf.

Wir machten nun allerdings ganz andere Figuren, als es der Fall gewesen
wäre, wenn wir uns mit den abgetriebenen Lastkamelen begnügt hätten.
Unsere jetzigen Sättel waren sehr hübsch mit Troddeln und bunter
Stickerei verziert und die Decken so groß, daß sie die Tiere ganz
bedeckten. Wir ritten hinaus auf die Straße.

»Wohin?« fragte ich Albani.

»Das überlasse ich Ihnen.«

»Gut; also zum Bab el Medina hinaus!«

Mein neuer Bekannter zog die Blicke der uns Begegnenden auf sich; seine
Kleidung war zu auffällig. Ich lenkte daher durch mehrere Seitenstraßen
und brachte uns nach einigen Umwegen glücklich zum Thore hinaus. Dort
ritten wir im Schritte durch die Ansiedelungen der Nubier und
Habeschaner und gelangten dann sofort in die Wüste, welche sich ohne
einen Pflanzenübergangsgürtel bis direkt an das Weichbild aller Städte
des Hedschas erstreckt.

Bis hierher hatte sich Albani sehr leidlich im Sattel gehalten. Nun aber
fielen unsere Kamele ganz freiwillig in jenen Bärentrott, der ihre
gewöhnliche Gangart ist und durch welchen jeder Neuling in die
eigentümliche Lage versetzt wird, die Seekrankheit kennen zu lernen,
auch ohne einen Tropfen Salzwasser gesehen zu haben. Während der ersten
Schritte lachte er über sich selbst. Er besaß nicht das Geschick, durch
eigene Bewegungen die Stöße zu mildern, welche ihm sein Tier erteilte;
er schwankte herüber, hinüber, nach hinten und nach vorn; seine lange,
arabische Flinte war ihm im Wege, und sein riesiger Sarras schlug
klirrend an die Seite des Kameles. Er nahm ihn also zwischen die Beine,
schnalzte mit den Fingern und sang:

    »Mei Sabel klippert, mei Sabel klappert,
    Mei Sabel macht mir halt Müh,
    Und das Kamel wickelt, das Kamel wackelt,
    Das Kamel is ein sakrisch Vieh!«

Da gab ich meinem Tiere einen leichten Schlag auf die Nase: es stieg
empor und schoß dann vorwärts, daß der Sand mehrere Ellen hoch hinter
mir aufwirbelte. Die beiden anderen Kamele folgten natürlich, und nun
war es mit dem Singen aus. Albani hatte den Lenkstab in der linken und
die Flinte in der rechten Faust und gebrauchte diese beiden Gegenstände
als Balancestangen, indem er die Arme in der Luft herumwirbelte, um das
Gleichgewicht zu erhalten. Er bot einen komischen Anblick dar.

»Hängen Sie das Schießeisen über und halten Sie sich mit den Händen am
Sattel fest!« rief ich ihm zu.

»Hat sich sein – – hopp! – – hat sich sein – – öh, brrr, ah! – hat
sich sein Überhängen! Ich habe ja gar kei– – – hopp, au! – – gar
keine Zeit dazu! Halten Sie doch Ihr ver– – hoppsa, öh, brr! – Ihr
verwünschtes Viehzeug an!«

»Ich verkomme ja mit ihm!«

»Ja, aber das mei– – oh, brrr, öh! – das meinige rennt ihm ja wie
bes– – hüh, hoppah! – wie besessen nach!«

»Halten Sie es an!«

»Mit was denn?«

»Mit dem Fuß und dem Zügel!«

»Den Fuß, den bringe ich ja gar nicht in – – hoppsa! – nicht in die
Höhe, und den Zügel, den habe – – halt – öh, halt öh! – den habe ich
nicht mehr!«

»So müssen Sie warten, bis das Tier von selber steht.«

»Aber ich habe gar kei– – – brrrr, oh! gar keinen Atem mehr!«

»So machen Sie den Mund auf; es ist Luft genug da!«

Ich wandte mich wieder vorwärts und horchte nicht mehr auf seine
Interjektionen. Er befand sich in guten Händen, da Halef an seiner Seite
ritt.

Wir hatten nach kurzer Zeit eine kleine Bodenanschwellung hinter uns,
und nun breitete sich die offene Ebene vor uns aus. Albani schien sich
nach und nach im Sattel zurecht zu finden: er klagte nicht mehr. So
hatten wir in der Zeit von einer Stunde vielleicht zwei deutsche Meilen
zurückgelegt, als vor uns die Gestalt eines einzelnen Reiters
auftauchte. Er war wohl eine halbe Meile von uns entfernt und ritt dem
Anschein nach ein ausgezeichnetes Kamel, denn der Raum verschwand
förmlich zwischen ihm und uns, und nach kaum zehn Minuten hielten wir
einander gegenüber.

Er trug die Kleidung eines wohlhabenden Beduinen und hatte die Kapuze
seines Burnus weit über das Gesicht gezogen. Sein Kamel war mehr wert
als unsere drei zusammen.

»Sallam aaleïkum, Friede sei mit dir!« grüßte er mich, während er die
Hand entblößte, um die Verhüllung zu entfernen.

»Aaleïkum!« antwortete ich. »Welches ist dein Weg hier in der Wüste?«

Seine Stimme hatte weich geklungen, fast wie die Stimme eines Weibes;
seine Hand war zwar braun, aber klein und zart, und als er jetzt die
Kapuze entfernte, erblickte ich ein vollständig bartloses Angesicht, aus
welchem mich zwei große, braune Augen lebhaft musterten – es war kein
Mann, sondern eine Frau.

»Mein Weg ist überall,« antwortete sie. »Wohin führt dich der deinige?«

»Ich komme von Dschidda, will mein Tier ausreiten und dann wieder nach
der Stadt zurückkehren.«

Ihr Angesicht verfinsterte sich, und ihr Blick schien mißtrauisch zu
werden.

»So wohnest du in der Stadt?«

»Nein; ich bin fremd in derselben.«

»Du bist ein Pilger?«

Was sollte ich antworten? Ich hatte die Absicht gehabt, hier für einen
Muhammedaner zu gelten; aber da ich direkt befragt wurde, so fiel es mir
nicht ein, mit einer Lüge zu antworten.

»Nein; ich bin kein Hadschi.«

»Du bist fremd in Dschidda und kommst doch nicht her, um nach Mekka zu
gehen? Entweder warst du früher in der heiligen Stadt, oder du bist kein
Rechtgläubiger.«

»Ich war noch nicht in Mekka, denn mein Glaube ist nicht der eurige.«

»Bist du ein Jude?«

»Nein; ich bin ein Christ.«

»Und diese beiden?«

»Dieser ist ein Christ wie ich, und dieser ist ein Moslem, der nach
Mekka gehen will.«

Da hellte sich ihr Gesicht plötzlich auf, und sie wandte sich an Halef.

»Wo ist deine Heimat, Fremdling?«

»Im Westen, weit von hier, hinter der großen Wüste.«

»Hast du ein Weib?«

Er erstaunte gerade so wie ich über diese Frage, welche auszusprechen
ganz gegen die Sitte des Orients war. Er antwortete:

»Nein.«

»Bist du der Freund oder der Diener dieses Effendi?«

»Ich bin sein Diener und sein Freund.«

Da wandte sie sich wieder zu mir:

»Sihdi, komm und folge mir!«

»Wohin?«

»Bist du ein Schwätzer, oder fürchtest du dich vor einem Weibe?«

»Pah! Vorwärts!«

Sie wandte ihr Kamel und ritt auf derselben Spur zurück, welche die Füße
des Tieres vorher im Sande zurückgelassen hatten. Ich hielt mich an
ihrer Seite, und die andern beiden blieben hinter uns.

»Nun,« fragte ich zu Albani zurück, »hatte ich nicht recht mit dem
Abenteuer, welches ich Ihnen vorhersagte?«

Albani sang statt der Antwort:

    »Dös Dirndel ist sauba
    Vom Fuaß bis zum Kopf,
    Nur am Hals hat’s a Binkerl,
    Dös hoaßt ma an Kropf.«

Das Weib war allerdings nicht mehr jugendlich, und die Strahlen der
Wüstensonne, sowie die Strapazen und Entbehrungen hatten ihr Angesicht
gebräunt und demselben bereits Furchen eingegraben; aber einst war sie
gewiß nicht häßlich gewesen, das sah man ihr heute noch sehr deutlich
an. Was führte sie so ganz allein in die Wüste? Warum hatte sie den Weg
nach Dschidda eingeschlagen und kehrte nun mit uns zurück? Warum war sie
sichtlich erfreut gewesen, als sie hörte, daß Halef nach Mekka gehen
wolle, und warum sagte sie nicht, wohin sie uns führen werde? – Sie war
mir ein Rätsel. Sie trug eine Flinte und an ihrem Gürtel einen Yatagan;
ja, in den Sattelriemen des Kameles hatte sie sogar einen jener
Wurfspieße stecken, welche in der Hand eines gewandten Arabers so
gefährlich sind. Sie machte ganz den Eindruck einer selbständigen,
furchtlosen Amazone, und dieses letztere Wort war ganz am Platze, da
solche kriegerische Frauen in manchen Gegenden des Orients öfter zu
sehen sind, als im Abendlande, wo dem Weibe doch eine freiere Stellung
gewährt ist.

»Was ist das für eine Sprache?« fragte sie, als sie die Antwort Albanis
hörte.

»Die Sprache der Deutschen.«

»So bist du ein Nemtsche?«

»Ja.«

»Die Nemtsche müssen tapfere Leute sein.«

»Warum?«

»Der tapferste Mann war der ›Sultan el Kebihr‹, und dennoch haben ihn
die Nemtsche-schimakler[88], die Nemtsche-memleketler[89] und die
Moskowler besiegt. Warum werde ich von deinem Auge so scharf
betrachtet?«

    [88] Nördlichen Deutschen.

    [89] Österreicher.

Sie hatte also von Napoleon und von dem Ausgang der Freiheitskriege
gehört; sie hatte sicher eine nicht gewöhnliche Vergangenheit hinter
sich.

»Verzeihe mir, wenn mein Auge dich beleidigt hat,« antwortete ich. »Ich
bin nicht gewohnt, in deinem Lande ein Weib so kennen zu lernen, wie
dich.«

»Ein Weib, welches Waffen trägt? Welches Männer tötet? Welches sogar
seinen Stamm regiert? Hast du nicht von Ghalië gehört?«

»Ghalië?« fragte ich, mich besinnend; »war sie nicht vom Stamme Begum?«

»Ich sehe, daß du sie kennst.«

»Sie war der eigentliche Scheik ihres Stammes und schlug in der Schlacht
bei Taraba die Truppen des Mehemed Ali, welche Tunsun-Bei kommandierte?«

»So ist es. Siehst du nun, daß auch ein Weib sein darf wie ein Mann?«

»Was sagt der Kuran dazu?«

»Der Kuran?« fragte sie mit einer Gebärde der Geringschätzung. »Der
Kuran ist ein Buch; hier habe ich meinen Yatagan, mein Tüfenk[90] und
meinen Dscherid[91]. Woran glaubst du? An das Buch oder an die Waffen?«

    [90] Flinte.

    [91] Wurfspieß.

»An die Waffen. Du siehst also, daß ich kein Giaur bin, denn ich denke
ganz dasselbe, was du denkst.«

»Glaubst du auch an deine Waffen?«

»Ja; noch viel, viel mehr aber an das Kitab-aziz[92] der Christen.«

    [92] Heiliges Buch.

»Ich kenne es nicht, aber deine Waffen sehe ich.«

Das war nun allerdings ein Kompliment für mich, da der Araber gewohnt
ist, den Mann nach den Waffen zu beurteilen, welche er trägt. Sie fuhr
fort:

»Wer hat mehr Feinde getötet, du oder dein Freund?«

Kam es auf die Waffen an, so mußte Albani allerdings bedeutend tapferer
sein als ich; dennoch war ich überzeugt, daß der gute Triester mit
seinem Sarras gewiß noch keinem Menschen gefährlich geworden sei. Ich
antwortete aber ausweichend:

»Ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen.«

»Wie viele Male hast du eine Intikam[93] gehabt?«

    [93] Blutrache.

»Noch nie. Mein Glaube verbietet mir, selbst meinen Feind zu töten; er
wird getötet durch das Gesetz.«

»Aber wenn jetzt Abu-Seïf käme und dich töten wollte?«

»So würde ich mich wehren und ihn im Notfalle töten, denn die Notwehr
ist hier erlaubt. Aber du sprichst vom ›Vater des Säbels‹; kennst du
ihn?«

»Ich kenne ihn. Auch du nennst seinen Namen; hast du von ihm gehört?«

»Ich habe nicht bloß von Abu-Seïf gehört, sondern ihn gesehen.«

Sie wandte sich mit einer raschen Bewegung zu mir herum.

»Gesehen? Wann?«

»Vor noch nicht vielen Stunden.«

»Und wo?«

»Zuletzt auf seinem Schiffe. Ich war sein Gefangener und bin ihm gestern
entflohen.«

»Wo ist sein Schiff?«

Ich deutete die Richtung an, in der ich es noch vermuten mußte.

»Dort liegt es in einer Bucht versteckt.«

»Und er ist darauf?«

»Nein. Er ist in Mekka, um dem Großscherif ein Geschenk zu bringen.«

»Der Großscherif ist nicht in Mekka, sondern in Taïf. Ich habe dir eine
große Botschaft zu verdanken. Komm!«

Sie trieb ihr Dschemmel zu größerer Eile an und lenkte nach einiger
Zeit nach rechts ein, wo eine Reihe von Bodenerhebungen am Horizonte
sichtbar wurde. Als wir näher kamen, bemerkte ich, daß dieser Höhenzug
aus demselben schönen grauen Granit bestand, wie ich ihn später bei
Mekka wieder fand. In einer Thalmulde standen einige Zelte. Sie deutete
mit der Hand auf dieselben und meinte:

»Dort wohnen sie.«

»Wer?«

»Die Beni-küfr[94] vom Stamme der Ateïbeh.«

    [94] Verfluchten.

»Ich denke, die Ateïbeh wohnen in El Zallaleh, Taleh und dem Wadi el
Nobejat?«

»Du bist recht berichtet; aber komm. Du sollst alles erfahren!«

Vor den Zelten lagen wohl an die dreißig Kamele nebst einigen Pferden am
Boden, und eine Anzahl dürrer, struppiger Wüstenhunde erhob bei unserem
Nahen ein wütendes Geheul, infolgedessen die Insassen der Zelte
hervortraten. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und zeigten ein sehr
kriegerisches Aussehen.

»Wartet hier!« befahl die Gebieterin.

Sie ließ ihr Kamel niederknieen, stieg ab und trat zu den Männern. Mein
Gespräch mit ihr war weder von Albani noch von Halef vernommen worden.

»Sihdi,« fragte Halef, »zu welchem Stamme gehören diese Leute?«

»Zum Stamme Ateïbeh.«

»Ich habe von ihm gehört. Zu ihm zählen die tapfersten Männer dieser
Wüste, und keine Pilgerkarawane ist vor ihren Kugeln sicher. Sie sind
die größten Feinde der Dscheheïne, zu denen Abu Seïf gehört. Was will
das Weib von uns?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»So werden wir es erfahren. Aber halte deine Waffen bereit, Sihdi; ich
traue ihnen nicht, denn es sind Ausgestoßene und Verfluchte.«

»Woran erkennst du dies?«

»Weißt du nicht, daß alle Bedawis[95], welche in der Gegend von Mekka
wohnen, die Tropfen von den Wachslichtern, die Asche von dem
Räucherholze und den Staub von der Thürschwelle der Kaaba sammeln und
sich damit die Stirn einreiben? Diese Männer hier aber haben nichts an
ihren Stirnen; sie dürfen nicht nach Mekka und nicht zur Kaaba; sie sind
verflucht.«

    [95] Beduinen.

»Aus welchem Grunde kann man sie ausgestoßen haben?«

»Das werden wir vielleicht von ihnen erfahren.«

Unterdessen hatte die Frau einige Worte zu den Männern gesprochen,
worauf einer von ihnen sich uns näherte. Er war ein Greis von
ehrwürdigem Aussehen.

»Allah segne Eure Ankunft! Steigt ab und tretet in unsere Zelte. Ihr
sollt unsere Gäste sein.«

Diese letztere Versicherung gab mir die Überzeugung, daß wir keinerlei
Gefahr bei ihnen zu fürchten hätten. Hat der Araber einmal das Wort
Misafir[96] ausgesprochen, so darf man ihm vollständiges Vertrauen
schenken. Wir stiegen von unseren Tieren und wurden in eines der Zelte
geführt, wo wir uns auf dem Serir[97] niederließen und mit einem
frugalen Mahle bewirtet wurden.

    [96] Gast.

    [97] Niedriges Holzgestell, mit Matten belegt.

Während wir aßen, ward kein Wort gesprochen. Dann aber wurde uns je ein
Bery gereicht, und während wir den scharfen Tombaktabak rauchten, der
wohl aus Bagdad oder Basra stammte, begann die Unterhaltung.

Daß wir nur ein Bery erhielten, war ein sicherer Beweis, daß diese Leute
keine Reichtümer besaßen. In der Gegend der heiligen Stadt raucht man
nämlich aus dreierlei Pfeifensorten. Die erste und kostbarste Sorte ist
der Khedra. Er ruht gewöhnlich auf einem Dreifuß, besteht aus
gediegenem, schön ciseliertem Silber und ist mit einem langen Schlauch
versehen, welcher Leiëh genannt wird und je nach dem Reichtume des
Besitzers mit Edelsteinen oder anderem Schmucke geziert ist. Aus dem
Khedra raucht man meist nur den köstlichen Tabak von Schiras. Die zweite
Art der Pfeifen ist der Schischeh. Er ist dem Khedra ziemlich ähnlich,
nur etwas kleiner und weniger kostbar. Die dritte und gewöhnlichste
Sorte ist der Bery. Er besteht aus einer mit Wasser gefüllten
Kokosschale, in welcher der Kopf und – statt des Schlauches – ein Rohr
befestigt wird.

Es waren über zwanzig Männer in dem Zelte. Der Alte, welcher uns begrüßt
hatte, führte das Wort:

»Ich bin der Scheik el Urdi[98] und habe mit dir zu reden, Sihdi. Die
Sitte verbietet, den Gast mit Fragen zu quälen; aber ich werde dich
dennoch nach einigem fragen müssen. Erlaubst du mir es?«

    [98] Gebieter des Lagers.

»Ich erlaube es.«

»Du gehörst zu den Neßarah?«

»Ja, ich bin ein Christ.«

»Was thust du hier im Lande der Gläubigen?«

»Ich will dieses Land und seine Bewohner kennen lernen.«

Er machte ein sehr zweifelvolles Gesicht.

»Und wenn du es kennen gelernt hast, was thust du dann?«

»Ich kehre in meine Heimat zurück.«

»Allah akbar, Gott ist groß, und die Gedanken der Neßarah sind
unerforschlich! Du bist mein Gast, und ich werde glauben, was du sagest.
Ist dieser Mann dein Diener?«

Er deutete dabei auf Halef.

»Er ist mein Diener und mein Freund.«

»Mein Name ist Malek. Du hast mit Bint-Scheik-Malek[99] gesprochen; sie
sagte mir, daß dein Diener nach Mekka gehen wolle, um ein Hadschi zu
werden.«

    [99] Tochter des Scheik Malek.

»Sie hat dir das Rechte gesagt.«

»Du wirst auf ihn warten, bis er zurückkehrt?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Du bist ein Fremdling, aber du kennst die Sprache der Gläubigen. Weißt
du, was ein Delyl ist?«

»Ein Delyl ist ein Führer, welcher das Gewerbe treibt, den Pilgern die
heiligen Orte und die Merkwürdigkeiten von Mekka zu zeigen.«

»Du weißt es. Aber ein Delyl betreibt auch noch ein anderes Geschäft. Es
ist den ledigen Frauen verboten, die heilige Stadt zu betreten. Wenn nun
eine Jungfrau nach Mekka will, so geht sie nach Dschidda und vermählt
sich der Form nach mit einem Delyl. Er bringt sie als sein Weib nach
Mekka, wo sie die Faradh und Wadschib[100] erfüllt; wenn dies geschehen
ist, giebt er sie wieder los; sie bleibt eine Jungfrau, und er wird für
seine Mühe bezahlt.«

    [100] Unerläßliche und erforderliche Handlungen.

»Auch dies weiß ich.«

Die Einleitung des alten Scheik machte mich neugierig. Welche Absichten
leiteten ihn, die Pilgerfahrt Halefs mit dem Amte eines Delyl in
Verbindung zu bringen? Ich sollte es sofort erfahren, denn ohne jeden
Übergang bat er:

»Erlaube deinem Diener, für die Zeit seiner Hadsch ein Delyl zu sein!«

Das war überraschend.

»Wozu?« fragte ich ihn.

»Das werde ich dir sagen, nachdem du die Erlaubnis ausgesprochen hast.«

»Ich weiß nicht, ob er darf. Die Delyls sind Beamte, welche jedenfalls
von der Behörde eingesetzt werden.«

»Wer will ihm verbieten, eine Jungfrau zu heiraten und sie nach der
Pilgerfahrt wieder frei zu geben?«

»Das ist richtig. Was mich betrifft, so gebe ich meine Erlaubnis gern,
wenn du denkst, daß sie erforderlich ist. Er ist ein freier Mann; du
mußt dich an ihn selbst wenden.«

Es war ein förmlicher Genuß, das Gesicht meines guten Halef zu
beobachten. Er war ganz verdutzt.

»Willst du es thun?« fragte ihn der Alte.

»Darf ich das Mädchen vorher sehen?«

Der Scheik lächelte ein wenig und antwortete dann:

»Warum willst du sie vorher sehen? Ob sie alt ist oder jung, ob schön
oder häßlich, das ist ganz gleichgültig; denn du wirst sie nach der
Hadsch doch wieder freigeben.«

»Sind die Benaht el Arab[101] wie die Töchter der Türken, welche sich
nicht sehen lassen dürfen?«

    [101] Töchter der Araber.

»Die Töchter der Araber brauchen ihr Gesicht nicht zu verbergen. Du
sollst das Mädchen sehen.«

Auf seinen Wink erhob sich einer der Anwesenden vom Boden und verließ
das Zelt. Nach kurzer Zeit trat er mit einem Mädchen ein, dessen
Ähnlichkeit mit der Amazone mich erraten ließ, daß diese die Mutter
desselben sei.

»Das ist sie; blicke sie an!« sagte der Scheik.

Halef machte von dieser Erlaubnis einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Die
vielleicht fünfzehnjährige, aber bereits vollständig erwachsene
dunkeläugige Schöne schien ihm zu gefallen.

»Wie heißest du?« fragte er sie.

»Hanneh[102],« antwortete sie.

    [102] Anna.

»Dein Auge glänzt wie Nur el Kamar[103]; deine Wangen leuchten wie
Zahari[104]; deine Lippen glühen wie Römmahm[105], und deine Wimpern
sind schattig wie die Blätter von el Szemt[106]. Mein Name lautet Halef
Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah, und wenn ich
kann, so werde ich deinen Wunsch erfüllen.«

    [103] Licht des Mondes.

    [104] Blumen.

    [105] Granatäpfel.

    [106] Akazie.

Die Augen meines Halef leuchteten auch, aber nicht bloß wie Nur el
Kamar, sondern wie Nur esch Schemms[107]; seine Sprache trieb poetische
Blüten; vielleicht stand er am Rande desselben Abgrundes, welcher die
Hadschi-Hoffnungen seines Vaters und Großvaters, weiland Abul Abbas und
Dawud al Gossarah, verschlungen hatte: der Abgrund der Liebe und der
Ehe.

    [107] Sonnenlicht.

Das Mädchen entfernte sich wieder und der Scheik fragte ihn:

»Wie lautet dein Entschluß?«

»Frage meinen Herrn. Wenn er nicht abrät, werde ich deinen Wunsch
erfüllen.«

»Dein Herr hat bereits gesagt, daß er dir die Erlaubnis giebt.«

»So ist es!« stimmte ich bei. »Aber sage uns nun auch, warum dieses
Mädchen nach Mekka soll und warum sie sich nicht in Dschidda einen Delyl
sucht?«

»Kennst du Achmed-Izzet-Pascha?«

»Den Gouverneur von Mekka?«

»Ja, du mußt ihn kennen, denn jeder Fremdling, der Dschidda betritt,
stellt sich ihm vor, um seinen Schutz zu erhalten.«

»Er wohnt also in Dschidda? Ich bin nicht bei ihm gewesen; ich brauche
nicht den Schutz eines Türken.«

»Du bist zwar ein Christ, aber du bist ein Mann. Der Schutz des Pascha
ist nur gegen hohen Preis zu erhalten. Ja, er wohnt nicht in Mekka,
wohin er eigentlich gehört, sondern in Dschidda, weil dort der Hafen
ist. Sein Gehalt beträgt über eine Million Piaster, aber er weiß sein
Einkommen bis auf das Fünffache zu bringen. Ihm muß jeder zahlen, sogar
der Schmuggler und der Seeräuber, und darum eben wohnt er in Dschidda.
Man sagte mir, daß du Abu-Seïf gesehen hast?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Nun, dieser Räuber ist ein guter Bekannter des Pascha.«

»Nicht möglich!«

»Warum nicht? Was ist vorteilhafter: einen Dieb zu töten, oder ihn leben
zu lassen, um eine Rente von ihm zu beziehen? Abu-Seïf ist ein
Dscheheïne; ich bin ein Ateïbeh. Diese beiden Stämme leben in
Todfeindschaft; dennoch wagte er es, sich an unser Duar[108] zu
schleichen und mir meine Tochter zu rauben. Er zwang sie, sein Weib zu
sein; aber sie entkam ihm einst und brachte mir ihre Tochter mit
zurück. Du hast beide gesehen: mit meiner Tochter bist du angekommen,
und die ihrige war soeben hier im Zelte. Seit jener Zeit suche ich ihn,
um mit ihm abzurechnen. Einmal habe ich ihn gefunden; das war im
Seraj[109] des Statthalters. Dieser schützte den Räuber und ließ ihn
entkommen, während ich vor dem Thore auf ihn lauerte. Später einmal
sandte mich der Scheik meines Stammes mit diesen Männern hier nach
Mekka, um eine Opfergabe nach der Kaaba zu bringen. Wir lagerten nicht
weit von der Pforte er Ramah; da sah ich Abu-Seïf mit einigen seiner
Leute kommen; er wollte das Heiligtum besuchen. Der Zorn übermannte
mich; ich ergriff ihn, trotzdem bei der Kaaba jeder Streit verboten ist.
Ich wollte ihn nicht töten, sondern ihn nur zwingen, mir zu folgen, um
draußen vor der Stadt mit ihm zu kämpfen. Er wehrte sich, und seine
Männer halfen ihm. Es entspann sich ein Kampf, der damit endete, daß die
Eunuchen herbeieilten und uns gefangen nahmen, ihm aber und den Seinigen
die Freiheit ließen. Zur Strafe wurden uns die heiligen Orte verboten.
Unser ganzer Stamm wurde verflucht und mußte uns ausstoßen, um des
Fluches wieder ledig zu werden. Nun sind wir geächtet. Aber wir werden
uns rächen und diese Gegend verlassen. Du bist ein Gefangener von
Abu-Seïf gewesen?«

    [108] Zeltdorf.

    [109] Palast.

»Ja.«

»Erzähle es!«

Ich gab ihm einen kurzen Bericht über das Abenteuer.

»Weißt du den Ort genau, an welchem sein Schiff verborgen liegt?«

»Ich würde ihn selbst bei Nacht wieder finden.«

»Willst du uns hinführen?«

»Ihr werdet die Dscheheïne töten?«

»Ja.«

»So verbietet mir mein Glaube, euer Führer zu sein.«

»Du darfst dich nicht rächen?«

»Nein, denn unsere Religion gebietet uns, selbst unsere Feinde zu
lieben. Nur die Behörde hat das Recht, den Bösen zu bestrafen, und ihr
seid keine Richter.«

»Deine Religion ist lieblich; wir aber sind keine Christen und werden
den Feind bestrafen, weil er beim Richter Schutz finden würde. Du hast
mir den Ort beschrieben, und ich werde das Schiff auch ohne deine Hilfe
entdecken. Nur versprich mir, daß du die Dscheheïne nicht warnen
willst.«

»Ich werde sie nicht warnen, denn ich habe keine Lust, ihr Gefangener
noch einmal zu sein.«

»So sind wir einig. Wann wird Halef nach Mekka gehen?«

»Morgen, wenn du es mir erlaubst, Sihdi,« antwortete der Diener an
meiner Stelle.

»Du kannst morgen gehen.«

»So laß ihn gleich bei uns bleiben,« bat der Scheik. »Wir werden ihn so
weit an die Stadt begleiten, als wir ihr nahen dürfen, und ihn dir dann
zurückbringen.«

Da kam mir ein Gedanke, dem ich sofort Ausdruck gab:

»Darf ich mit euch ziehen und bei euch auf ihn warten?«

Ich bemerkte sofort, daß dieser Wunsch allgemeine Freude erregte.

»Effendi, ich sehe, daß du die Ausgestoßenen nicht verachtest,«
antwortete der Scheik. »Du sollst uns willkommen sein! Du bleibst gleich
hier bei uns und hilfst uns am Abend die Ewlenma[110] schließen.«

    [110] Verheiratung.

»Das geht nicht. Ich muß zuvor nach Dschidda zurück, um meine Geschäfte
abzuschließen. Mein Wirt muß wissen, wo ich mich befinde.«

»So werde ich dich bis vor die Thore der Stadt begleiten. Auch sie darf
ich nicht betreten, denn sie ist eine heilige Stadt. Wann willst du
reiten?«

»Sogleich, wenn es dir beliebt. Ich brauche nur wenig Zeit, um wieder
mit dir zurückzukehren. Soll ich dir einen Kadi oder Mullah mitbringen
für den Abschluß der Verheiratung?«

»Wir brauchen weder einen Kadi noch einen Mullah. Ich bin der Scheik
meines Lagers, und was vor mir geschieht, hat Kraft und Gültigkeit. Aber
ein Pergament oder ein Papier magst du mir bringen, auf welches wir den
Vertrag niederschreiben. Das Mohür und Gemedsch[111] habe ich.«

    [111] Petschaft und Wachs.

In kurzer Zeit standen die Kamele bereit; wir stiegen auf. Die kleine
Truppe bestand außer uns dreien aus dem Scheik, seiner Tochter und fünf
Ateïbeh. Ich folgte dem Alten ohne Einrede, obgleich ich bemerkte, daß
er nicht den geraden Weg einschlug, sondern sich mehr rechts nach dem
Meere zu hielt. Albani hatte jetzt nicht mehr so viel Not wie vorher,
sich auf seinem Kamele zu halten, und die langen Beine der Tiere warfen
den Weg förmlich hinter sich.

Da hielt der Scheik an und deutete mit der Hand seitwärts.

»Weißt du, was da drüben liegt, Effendi?«

»Was?«

»Die Bucht, in welcher das Schiff des Räubers liegt. Habe ich es
erraten?«

»Du kannst denken, aber du sollst mich nicht fragen.«

Er hatte ganz richtig geraten und schwieg. Wir ritten weiter. Nach
einiger Zeit zeigten sich zwei kleine Punkte am Horizonte, gerade in der
Richtung auf Dschidda zu. Wie es schien, kamen sie uns nicht entgegen,
sondern verfolgten eine Richtung, welche sie nach der soeben erwähnten
Bucht bringen mußte. Es waren Fußgänger, wie ich durch das Fernrohr
erkannte. Das mußte hier in der Wüste auffallen, und es lag der Gedanke
nahe, daß sie zu den Leuten von Abu-Seïf gehörten. Es war sehr zu
vermuten, daß mein Wächter dem Kapitän unsere Flucht hatte melden
lassen, und in diesem Falle konnten diese beiden Männer die jetzt
zurückkehrenden Boten sein.

Auch Malek hatte sie erkannt und beobachtete sie scharf. Dann wandte er
sich zu seinen Leuten und flüsterte ihnen eine Weisung zu. Sofort
wandten sich drei von ihnen in der Richtung zurück, aus welcher wir
gekommen waren. Ich durchschaute die Absicht. Malek vermutete ganz
dasselbe wie ich, und wollte die Männer in seine Gewalt bekommen. Um
dies zu bewirken, mußte er ihnen den Weg nach der Bucht abschneiden,
aber so, daß sie es nicht merkten. Daher schob er seine drei Männer
nicht schräg vor, sondern er ließ sie scheinbar zurückkehren und dann,
sobald sie aus dem Gesichtskreise der Betreffenden verschwunden waren,
einen Bogen schlagen. Während wir anderen unseren Weg fortsetzten,
fragte er:

»Effendi, willst du ein wenig auf uns warten, oder reitest du nach der
Stadt, wo du uns dann am Thore finden wirst?«

»Du willst diese Männer sprechen, und ich werde bei dir bleiben, bis du
mit ihnen geredet hast.«

»Es sind vielleicht Dscheheïne!«

»Ich denke es auch. Deine drei Männer schneiden sie vom Schiffe ab;
reite du hier schief hinüber, und ich will mit Halef unsere bisherige
Richtung fortsetzen, damit es ihnen nicht einfällt, nach Dschidda
zurückzufliehen.«

»Dein Rat ist gut; ich folge ihm.«

Er bog ab, und ich gab Albani einen Wink, sich ihm anzuschließen. Dieser
hatte es so leichter, da ich mit Halef den schärfsten Galopp einschlagen
mußte. Wir zwei flogen wie im Sturme dahin und lenkten, als wir in
gleicher Linie mit den Verfolgten waren, hinter ihren Rücken ein. Sie
merkten erst jetzt unsere Absicht und zögerten. Hinter sich hatten sie
mich mit Halef, seitwärts von ihnen kam Malek auf sie zu, und nur der
Weg vor ihnen schien noch frei zu sein. Sie setzten ihn mit verdoppelter
Eile fort, waren aber noch nicht weit gekommen, als die drei Ateïbeh vor
ihnen auftauchten. Trotzdem es ihnen in dieser Entfernung nicht möglich
gewesen war, einen von uns zu erkennen, mußten sie doch Feinde in uns
vermuten und versuchten, uns im schnellsten Laufe zu entkommen. Es gab
eine Möglichkeit dazu. Sie waren bewaffnet. Wenn sie sich teilten, so
mußten wir dies auch thun, und dann war es einem sicher zielenden,
kaltblütigen Fußgänger nicht ganz unmöglich, es mit zwei und auch drei
Kamelreitern aufzunehmen. Sie aber kamen auf diesen Gedanken entweder
nicht, oder es fehlte ihnen an Mut, denselben auszuführen. Sie blieben
beisammen und wurden von uns zu ganz gleicher Zeit umringt. Ich erkannte
sie auf der Stelle; es waren wirklich zwei von den Schiffsleuten.

»Woher kommt ihr?« fragte sie der Scheik.

»Von Dschidda,« antwortete der eine.

»Wohin wollt ihr?«

»In die Wüste, um Trüffel zu suchen.«

»Trüffel suchen? Ihr habt weder Tiere noch Körbe bei euch!«

»Wir wollen nur erst sehen, ob diese Schwämme hier wachsen; dann holen
wir die Körbe.«

»Von welchem Stamme seid ihr?«

»Wir wohnen in der Stadt.«

Das war nun allerdings sehr frech gelogen, denn diese Männer mußten ja
wissen, daß ich sie kannte. Auch Halef ärgerte sich über ihre
Dreistigkeit. Er lockerte seine Peitsche und meinte:

»Glaubt ihr etwa, daß dieser Effendi und ich blind geworden sind? Ihr
seid Schurken und Lügner! Ihr seid Dscheheïne und gehört zu Abu-Seïf.
Wenn ihr es nicht gesteht, wird euch meine Peitsche sprechen lehren!«

»Was geht es euch an, wer wir sind?«

Ich sprang vom Kamele, ohne es niederknieen zu lassen, und nahm die
Peitsche aus Halefs Hand.

»Laßt euch nicht verlachen, ihr Männer! Hört, was ich euch sage! Was
diese Krieger vom Stamme der Ateïbeh mit euch haben und von euch wollen,
das geht mich nichts an; mir aber sollt ihr Antwort geben auf einige
Fragen. Thut ihr es, so habt ihr von mir nichts weiter zu befürchten;
thut ihr es aber nicht, so werde ich euch mit dieser Peitsche in der Art
zeichnen, daß ihr euch nie wieder vor einem freien, tapferen Ibn Arab
sehen lassen könnt!«

Mit Schlägen drohen, ist eine der größten Beleidigungen für einen
Beduinen. Die beiden griffen auch sofort nach ihren Messern.

»Wir würden dich töten, ehe du zu schlagen vermagst,« drohte der eine.

»Ihr habt wohl noch nicht erfahren, wie mächtig eine Peitsche aus der
Haut des Nilpferdes ist, sobald sie sich in der Hand eines Franken
befindet. Sie schneidet so scharf wie ein Yatagan; sie fällt schwerer
nieder als eine Keule, und sie ist schneller als eine Kugel aus euren
Tabandschab[112]. Seht ihr denn nicht, daß die Waffen aller dieser
Männer auf euch gerichtet sind? Laßt also eure Messer im Gürtel und
antwortet! Ihr seid zu Abu-Seïf gesandt worden?«

    [112] Pistolen.

»Ja,« klang es zögernd, da sie bemerkten, daß kein Entrinnen war.

»Um ihm zu sagen, daß ich euch entkommen bin?«

»Ja.«

»Wo habt ihr ihn getroffen?«

»In Mekka.«

»Wie seid ihr so schnell nach Mekka und wieder zurückgekommen?«

»Wir haben uns in Dschidda Kamele gemietet.«

»Wie lange bleibt Abu-Seïf in der heiligen Stadt?«

»Nur kurze Zeit. Er will nach Taïf, wo sich der Scherif-Emir befindet.«

»So bin ich jetzt mit euch fertig.«

»Sihdi, du willst diese Räuber entkommen lassen?« rief Halef. »Ich werde
sie erschießen, damit sie keinem mehr schaden können.«

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, und das wirst du mit mir halten.
Folge mir!«

Ich stieg wieder auf und ritt davon. Halef folgte mir; Albani aber blieb
noch zurück. Er hatte seinen langen Sarras gezogen; doch hatte ich zu
ihm das gute Vertrauen, daß diese energische Pantomime sehr
unschädlicher Natur sein werde. Er blieb auch wirklich sehr gelassen auf
seinem Kamele sitzen, als die Ateïbeh absprangen, um die Dscheheïne zu
bewältigen. Es gelang dies, nachdem einige unschädliche Messerstöße
gewechselt worden waren. Die Gefangenen wurden je an ein Kamel gebunden,
und die Reiter derselben wandten sich zurück, um die Gefangenen in das
Lager zu schaffen. Die anderen folgten uns.

»Du hast sie begnadigt, Sihdi; aber sie werden dennoch sterben,« meinte
Halef.

»Ihr Schicksal ist nicht meine und auch nicht deine Sache! Bedenke, was
du heute werden sollst. Ein Bräutigam muß versöhnlich sein!«

»Sihdi, würdest du den Delyl bei dieser Hanneh machen?«

»Ja, wenn ich ein Moslem wäre.«

»Herr, du bist ein Christ, ein Franke, mit dem man von diesen Dingen
reden kann. Weißt du, was die Liebe ist?«

»Ja. Die Liebe ist eine Koloquinthe. Wer sie ißt, bekommt Bauchgrimmen.«

»O, Sihdi, wer wird die Liebe mit einer Koloquinthe vergleichen! Allah
möge deinen Verstand erleuchten und dein Herz erwärmen! Ein gutes
Weib ist wie eine Pfeife von Jasmin und wie ein Beutel, dem nimmer
Tabak mangelt. Und die Liebe zu einer Jungfrau, die ist – – die
ist – – wie – der Turban auf einem kahlen Haupte und wie die Sonne
am Himmel der Wüste.«

»Ja. Und wen ihre Strahlen treffen, der bekommt den Sonnenstich. Ich
glaube, du hast ihn schon, Halef. Allah helfe dir!«

»Sihdi, ich weiß, daß du niemals ein Bräutigam sein willst; ich aber bin
einer, und daher ist mein Herz geöffnet wie eine Nase, die den Duft der
Blumen trinkt.«

Unser kurzes Gespräch war zu Ende, denn die anderen hatten uns nun
eingeholt. Es wurde über das Vorgefallene kein Wort verloren, und als
die Stadt in Sicht kam, ließ der Scheik seine Tiere halten. Er hatte
zwei ledige Kamele mitgenommen, welche uns bei unserer Rückkehr tragen
sollten.

»Hier werde ich warten, Sihdi,« sagte er. »Welche Zeit wird vergehen,
bis du wieder kommst?«

»Ich werde zurück sein, ehe die Sonne einen Weg zurückgelegt hat, der so
lang ist, wie deine Lanze.«

»Und das Tirscheh oder Kiahat[113] wirst du nicht vergessen?«

    [113] Pergament oder Papier.

»Nein. Ich werde auch Mürek und ein Kalem[114] mitbringen.«

    [114] Tinte und eine Feder.

»Thue es. Allah schütze dich, bis wir dich wiedersehen!«

Die Ateïbeh hockten sich neben ihre Kamele nieder, und wir drei ritten
in die Stadt.

»Nun, war das kein Abenteuer?« fragte ich Albani.

»Allerdings. Und was für eines! Es hätte ja beinahe Mord und Totschlag
gegeben. Ich hielt mich wirklich zum Kampf bereit.«

»Ja, Sie hatten ganz das Aussehen eines rasenden Roland, mit dem nicht
gut Kirschen essen ist. Wie ist Ihnen der Ritt bekommen?«

»Hm! Anfangs haben Sie mich bedeutend in Trab gebracht; dann aber ging
es leidlich. Ich lobe mir ein gutes deutsches Kanapee! – Sie wollen mit
diesen Arabern gehen? – So werden wir uns wohl nicht wiedersehen.«

»Wahrscheinlich, da Sie ja die nächste Gelegenheit zur Abreise benutzen
wollen. Doch habe ich so viele Beispiele eines ganz unerwarteten
Zusammentreffens erlebt, daß ich ein Wiedersehen zwischen uns nicht für
unmöglich halte.«

Diese Worte sollten sich später wirklich erfüllen. Für jetzt aber nahmen
wir, nachdem wir dem Kamelverleiher seine Tiere zurückgebracht hatten,
einen so herzlichen Abschied, wie es Landsleuten ziemt, die sich in der
weiten Ferne getroffen haben. Dann begab ich mich mit Halef nach meiner
Wohnung, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken und mich von Tamaru,
dem Wirt, zu verabschieden. Ich hatte nicht geglaubt, daß ich seine
Wohnung so bald aufgeben würde. Auf zwei gemieteten Eseln ritten wir
wieder zur Stadt hinaus. Dort wurden die harrenden Kamele bestiegen,
worauf wir mit den Ateïbeh nach ihrem Lager ritten.



Siebentes Kapitel.

In Mekka.


Während des Rittes ging es sehr einsilbig zu. Am schweigsamsten war die
Tochter des Scheik. Sie sprach kein Wort; aber in ihren Augen glühte ein
schlimmes Feuer, und wenn sie nach links hinüberblickte, wo sie hinter
dem niedrigen Horizonte das Schiff des Abu-Seïf vermuten mußte, faßte
ihre Rechte stets entweder den Griff ihres Handschar oder den Kolben der
langen Flinte, welche quer über ihrem Sattel lag.

Als wir in der Nähe des Lagers anlangten, ritt Halef zu mir heran.

»Sihdi,« fragte er, »wie sind die Gebräuche deines Landes? Hat dort
einer, der sich ein Weib nimmt, die Braut zu beschenken?«

»Das thut wohl ein jeder bei uns und auch bei euch.«

»Ja, auch in Dschesirat el Arab und in dem ganzen Scharki[115] ist das
Sitte. Aber da Hanneh nur zum Schein für einige Tage meine Frau werden
soll, so weiß ich nicht, ob ein Geschenk erforderlich ist.«

    [115] Osten.

»Ein Geschenk ist eine Höflichkeit, welche wohl immer angenehme Gefühle
erregt. Ich an deiner Stelle würde höflich sein.«

»Aber was soll ich ihr geben? Ich bin arm und auch gar nicht auf eine
Hochzeit vorbereitet. Meinst du, daß ich ihr vielleicht mein
Adeschlik[116] verehre?«

    [116] Feuerzeug.

Er hatte sich nämlich in Kairo ein kleines Döschen aus Papiermaché
gekauft und verwahrte darin die Zündhölzer. Das Ding hatte für ihn einen
sehr großen Wert, weil er dem Händler das zwanzigfache für die Dose
bezahlt hatte, die kaum dreißig Pfennige wert war. Die Liebe brachte ihn
zu dem heroischen Entschluß, seinem kostbaren Besitztume zu entsagen.

»Gieb es ihr,« antwortete ich ernsthaft.

»Gut, sie soll es haben! Aber wird sie es mir auch wiedergeben, wenn sie
meine Frau nicht mehr ist?«

»Sie wird es behalten.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er wird mich nicht um das meinige kommen
lassen! Was soll ich thun, Sihdi?«

»Wenn dir das Adeschlik so lieb ist, so gieb ihr etwas anderes!«

»Was denn? Ich habe weiter nichts. Ich kann ihr doch weder meinen
Turban, noch meine Flinte, noch die Nilpeitsche geben!«

»So gieb ihr nichts.«

Er schüttelte sehr besorgt den Kopf.

»Auch dies geht nicht an, Sihdi. Sie ist meine Braut und muß irgend
etwas erhalten. Was sollen die Ateïbeh von dir denken, wenn dein Diener
ein Weib nimmt, ohne es zu beschenken?«

Ah! Der Schlaukopf fand sich also bewogen, an meinen Ehrgeiz und
infolgedessen natürlich auch an meinen Beutel zu appellieren.

»Preis sei Allah, der dein Gehirn erleuchtet, Halef! Mir geht es aber
ebenso wie dir. Ich kann deiner Braut weder meinen Haïk, noch meine
Jacke, noch meine Büchse schenken!«

»Allah ist gerecht und barmherzig, Effendi; er bezahlt für jede Gabe
tausendfältige Zinsen. Trägt dein Kamel nicht auch ein Ledersäckchen, in
welchem du Dinge verborgen hast, die eine Braut in Entzücken versetzen
würden?«

»Und wenn ich dir etwas davon geben wollte, würde ich es wiederbekommen,
wenn Hanneh nicht mehr dein Weib ist?«

»Du mußt es wieder fordern!«

»Das ist nicht Sitte bei uns Franken. Aber weil du mir tausendfältige
Zinsen in Aussicht stellst, so werde ich nachher das Säckchen öffnen und
sehen, ob ich etwas für dich finde.«

Da richtete er sich erfreut im Sattel empor.

»Sihdi, du bist der weiseste und beste Effendi, den Allah erschaffen
hat. Deine Güte ist breiter als die Sahara, und deine Wohlthätigkeit
länger als der Nil. Dein Vater war der berühmteste, und der Vater deines
Vaters der erhabenste Mann unter allen Leuten im Königreiche Nemsistan.
Deine Mutter war die schönste der Rosen, und die Mutter deiner Mutter
die lieblichste Blume des Abendlandes. Deine Söhne mögen zahlreich sein,
wie die Sterne am Himmel, deine Töchter wie der Sand in der Wüste, und
die Kinder deiner Kinder zahllos wie die Tropfen des Meeres!«

Es war ein Glück, daß wir jetzt das Lager erreichten, sonst hätte seine
Dankbarkeit mich noch mit allen Töchtern der Samojeden, Tungusen,
Eskimos und Papuas verheiratet. Was das Ledersäckchen betrifft, welches
er erwähnt hatte, so enthielt es allerdings verschiedenes, was sich ganz
vortrefflich zu einem Geschenk für ein Beduinenmädchen eignete. Der
Kaufmannssohn Isla Ben Maflei nämlich hatte, als unsere Nilfahrt
beendet war und wir voneinander in Kairo schieden, es sich nicht nehmen
lassen, mich mit einer Sammlung von Dingen auszurüsten, die auf meinen
weiteren Wanderungen als Geschenke dienen konnten, um mir dadurch
Gefälligkeiten zu erwerben. Es waren lauter Gegenstände, welche nicht
viel Platz wegnahmen und dabei an sich zwar keinen allzu großen Wert
besaßen, bei den Bewohnern der Wüstenländer aber zu den größten
Seltenheiten gehörten.

Während unserer Abwesenheit war eines der Zelte geräumt und für mich
hergerichtet worden. Als ich von demselben Besitz genommen hatte,
öffnete ich den Ledersack und nahm ein Medaillon hervor, unter dessen
Glasdeckel ein kleines Teufelchen sich künstlich bewegte. Es war ganz
auf dieselbe Weise gearbeitet, wie zum Beispiel die Manschettenknöpfe
mit künstlichen Schildkröten und hing an einer Kette von Glasfacetten,
die bei Licht oder Feuerschein in allen Regenbogenfarben funkelten. Der
Schmuck hätte in Paris gewiß nicht mehr als zwei Francs gekostet. Ich
zeigte ihn Halef.

Er warf einen Blick darauf und fuhr erschrocken zurück.

»Maschallah, Wunder Gottes! Das ist ja der Scheïtan, den Gott verfluchen
möge! Sihdi, wie bekommst du den Teufel in deine Gewalt? La illa illa
Allah, we Muhammed resul Allah! Behüte uns, Herr, vor dem dreimal
gesteinigten Teufel; denn nicht ihm, sondern dir allein wollen wir
dienen!«

»Er kann dir nichts thun, denn er ist fest eingeschlossen.«

»Er kann nicht heraus, wirklich nicht?«

»Nein.«

»Kannst du mir das bei deinem Barte versichern?«

»Bei meinem Barte!«

»So zeige einmal her, Sihdi! Aber wenn es ihm gelingt, heraus zu kommen,
so bin ich verloren, und meine Seele komme über dich und deine Väter!«

Er faßte die Kette sehr vorsichtig mit den äußersten Fingerspitzen,
legte das Medaillon auf den Erdboden und kniete nieder, um es genau zu
betrachten.

»Wallahi – billahi – tallahi – bei Allah, es ist der Scheïtan! Siehst
du, wie er das Maul aufreißt und die Zunge hervorstreckt? Er verdreht
die Augen und wackelt mit den Hörnern; er ringelt den Schwanz, droht mit
den Krallen und stampft mit den Füßen! O jazik – wehe, wenn er das
Kästchen zertritt!«

»Das kann er nicht. Es ist ja nur eine künstlich verfertigte Figur!«

»Eine künstliche Figur, von Menschenhänden gemacht? Effendi, du
täuschest mich, damit ich Mut bekommen soll. Wer kann den Teufel machen?
Kein Mensch, kein Gläubiger, kein Christ und auch kein Jude! Du bist der
größte Taleb und der kühnste Held, welchen die Erde trägt, denn du hast
den Scheïtan bezwungen und in dieses enge Zindan[117] gesperrt!
Hamdulillah, denn nun ist die Erde sicher vor ihm und seinen Geistern,
und alle Nachkommen des Propheten können jauchzen und sich freuen über
die Qualen, die er hier auszustehen hat! Warum zeigst du mir diese
Kette, Sihdi?«

    [117] Gefängnis.

»Du sollst sie deiner Braut zum Geschenk machen.«

»Ich – –?! Diese Kette, welche kostbarer ist, als alle Diamanten im
Throne des großen Mogul? Wer diese Kette besitzt, der wird berühmt unter
allen Söhnen und Töchtern der Gläubigen. Willst du sie wirklich
verschenken?«

»Ja.«

»So sei gütig, Sihdi, und erlaube, daß ich sie für mich behalte! Ich
werde dem Mädchen doch lieber mein Feuerzeug geben.«

»Nein, du giebst ihr diese Kette. Ich befehle es dir!«

»Dann muß ich gehorchen. Aber wo hast du sie und die andern Sachen
gehabt, ehe du sie gestern in das Säckchen thatest?«

»Von Kahira bis hierher ist eine gefährliche Gegend, und darum habe ich
diese Kostbarkeiten in den Beinen meiner Schalwars[118] bei mir
getragen.«

    [118] Weite, türkische Hosen.

»Sihdi, deine Klugheit und Vorsicht geht noch über die List des Teufels,
den du gezwungen hast, in deinen Schalwars zu wohnen. Wann soll ich
Hanneh die Kette geben?«

»Sobald sie dein Weib geworden ist.«

»Sie wird die berühmteste sein unter allen Benat el Arab[119], denn alle
Stämme werden erzählen und rühmen, daß sie den Scheïtan gefangen hält.
Darf ich auch die andern Schätze sehen?«

    [119] Benat ist Plural von Bint, Tochter.

Es kam nicht dazu, denn der Scheik schickte jetzt und ließ mich und
Halef zu sich bitten. Wir fanden in seinem Zelte alle Ateïbeh
versammelt.

»Sihdi, hast du ein Pergament mitgebracht?« fragte Malek.

»Ich habe Papier, welches so gut ist wie Pergament.«

»Willst du den Vertrag schreiben?«

»Wenn du es wünschest, ja.«

»So können wir beginnen?«

Halef, an den diese Frage gerichtet war, nickte, und sogleich erhob sich
einer der anwesenden Männer, um ihn zu fragen:

»Wie lautet dein voller, ganzer Name?«

»Ich heiße Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah.«

»Aus welchem Lande stammest du?«

»Ich stamme aus dem Garbi[120], wo die Sonne hinter der großen Wüste
untergeht.«

    [120] Westen.

»Zu welchem Stamme gehörst du?«

»Der Vater meines Vaters, welche beide Allah segnen möge, bewohnte mit
dem berühmten Stamme der Uëlad Selim und Uëlad Bu Seba den großen
Dschebel Schur-Schum.«

Der Frager, welcher jedenfalls ein Verwandter der Braut war, wandte sich
nun an den Scheik.

»Wir alle kennen dich, o Tapferer, o Wackerer, o Weiser und Gerechter.
Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed Chadid el Eini Ben Abul Ali el
Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi, ein Scheik des tapferen Stammes
der Beni Ateïbeh. Hier dieser Mann ist ein Held vom Stamme Uëlad Selim
und Uëlad Bu Seba, welcher auf den Bergen wohnt, die bis zum Himmel
reichen und Dschebel Schur-Schum heißen. Er führt den Namen Halef Omar
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah und ist der Freund
eines großen Effendi aus Frankistan, den wir als Gast in unserem Zelte
aufgenommen haben. Du hast eine Tochter. Ihr Name ist Hanneh; ihr Haar
ist wie Seide, ihre Haut wie Öl, und ihre Tugenden sind rein und
glänzend wie die Flocken des Schnees, die auf dem Gebirge wehen. Halef
Omar begehrt sie zum Weibe. Sage, o Scheik, was du dazu zu sagen hast!«

Der Angeredete imitierte ein würdevolles Nachdenken und antwortete dann:

»Du hast gesprochen, mein Sohn. Setze dich nun und höre auch meine
Rede. Dieser Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah ist ein Held, dessen Ruhm schon vor Jahren bis zu uns gedrungen
ist. Sein Arm ist unüberwindlich; sein Lauf gleicht dem der Gazelle;
sein Auge hat den Blick des Adlers; er wirft den Dscherid mehrere
hundert Schritte weit; seine Kugel trifft stets sicher, und sein
Handschar hat das Blut schon vieler Feinde gesehen. Dazu hat er den
Kuran gelernt und ist im Rate einer der Klügsten und Erfahrensten. Dazu
hat ihn dieser gewaltige Bei der Franken seiner Freundschaft für wert
gehalten – – warum sollte ich ihm meine Tochter verweigern, wenn er
bereit ist, meine Bedingungen zu erfüllen?«

»Welche Bedingungen stellst du ihm?« fragte der vorige Sprecher.

»Das Mädchen ist die Tochter eines mächtigen Scheik, daher kann er sie
um keinen gewöhnlichen Preis haben. Ich fordere eine Stute, fünf
Reitkamele, zehn Lastkamele und fünfzig Schafe.«

Bei diesen Worten machte Halef ein Gesicht, als ob er diese fünfzig
Schafe, zehn Last- und fünf Reitkamele samt der Stute soeben mit Haut
und Haar verschlungen habe. Woher sollte er diese Tiere nehmen?
Glücklicherweise fuhr der Scheik fort:

»Dafür gebe ich ihr eine Morgengabe von einer Stute, fünf Reitkamelen,
zehn Lastkamelen und fünfzig Schafen. Eure Weisheit wird da einsehen,
daß es ganz unnötig ist, bei so trefflichen Verhältnissen den Preis und
die Morgengabe gegenseitig auszuwechseln. Nun aber verlange ich, daß er
morgen früh beim Fagr[121] eine Wallfahrt nach Mekka antrete, bei
welcher er sein Weib mitzunehmen hat. Sie verrichten dort die heiligen
Gebräuche und kehren dann sofort zu uns zurück. Er hat sein Weib als
Jungfrau zu behandeln und sie nach seiner Rückkehr wieder abzutreten.
Für diesen Dienst erhält er ein Kamel und einen Sack voll Datteln. Hat
er aber sein Weib nicht als eine Fremde betrachtet, so erhält er nichts
und wird getötet. Ihr seid Zeugen, daß ich dieses bestimme.«

    [121] Gebet beim Aufgange der Sonne.

Der Redeführer drehte sich zu Halef um:

»Du hast es gehört. Wie lautet deine Antwort?«

Es war dem Gefragten anzusehen, daß ihm ein gewisser Punkt nicht recht
paßte, nämlich das Verlangen, sein Weib wieder herzugeben. Er war jedoch
klug, sich in die gegenwärtigen Umstände zu schicken, und antwortete:

»Ich nehme diese Bedingungen an.«

»So mache die Schrift, Effendi,« bat der Scheik. »Mache sie zweimal,
nämlich einmal für mich und das zweite Mal für ihn!«

Ich folgte dem Verlangen und las dann das Geschriebene vor. Es erhielt
die Zustimmung des Scheiks, welcher auf jedes Exemplar Wachs tropfen
ließ und den Knauf seines Dolches als Petschaft gebrauchte, nachdem er
und Halef unterzeichnet hatten.

Damit waren die Formalitäten erfüllt, und die unerläßlichen
Hochzeitsfestlichkeiten konnten beginnen. Sie waren, da es sich nur um
eine Scheinverheiratung handelte, sehr bescheidener Art. Es wurde ein
Hammel geschlachtet und ganz gebraten. Während er an einem Spieße über
dem Feuer briet, hielt man ein Scheingefecht, bei welchem aber nicht
geschossen wurde; ein Umstand, dessen Grund nicht schwer zu erraten war.

Als die Nacht hereinbrach, begann das Mahl. Nur die Männer aßen, und
erst als wir satt waren, bekamen die Frauen die Überreste. Bei dieser
Gelegenheit mußte auch Hanneh erscheinen. Dies benutzte Halef und erhob
sich von seinem Platze, um ihr das beschriebene Geschenk zu überreichen.
Die Scene aber, welche nun folgte, läßt sich nicht beschreiben. Der in
dem Medaillon eingesperrte Teufel war ein Wunder, welches über alle ihre
Begriffe ging. All mein Bemühen, ihnen die Mechanik zu erklären, half
nichts. Sie glaubten mir nicht, und zwar ganz besonders deshalb, weil
der Scheïtan doch lebendig war. Ich ward als der größte Held und
Zauberer gepriesen; aber das Ende war, daß Hanneh das Geschenk nicht
bekam. Der gefangene Scheïtan war ein Wunder von so unendlicher
Wichtigkeit, daß nur der Scheik selbst für würdig gehalten wurde, die
unvergleichliche Kostbarkeit aufzubewahren; natürlich erst, nachdem ich
ihm mit aller Feierlichkeit versichert hatte, daß es dem Teufel niemals
gelingen werde, zu entkommen und Unheil anzurichten.

Mitternacht war nahe, als ich mich in das Zelt zurückzog, um zu
schlafen. Halef leistete mir Gesellschaft.

»Sihdi, muß ich alles halten und erfüllen, was du heute
niedergeschrieben hast?« ließ er sich hören.

»Ja. Du hast es ja versprochen!«

Es verging eine Weile, dann klang es sehr kleinlaut:

»Würdest du dein Weib auch wieder hergeben?«

»Nein.«

»Und dennoch sagst du, daß ich mein Versprechen zu halten habe!«

»Allerdings. Wenn ich mir ein Weib nehme, so verspreche ich nicht, es
wieder herzugeben.«

»O, Sihdi, warum hast du mir nicht gesagt, daß ich es ebenso machen
soll!«

»Bist du ein Knabe, daß du eines Vormundes bedarfst? Und wie kann ein
Christ einen Moslem im Heiraten unterweisen? Ich glaube, daß du Hanneh
behalten möchtest!«

»Du hast es erraten.«

»So willst du mich also verlassen?«

»Dich, Sihdi – – –? Oh – – –!«

Er räusperte sich verlegen, kam aber zu keiner Antwort.

Ein unverständliches Brummen und später einige Seufzer waren alles, was
ich zu hören bekam. Er warf sich von einer Seite auf die andere; es war
klar, daß sein Wohlgefallen an dem Mädchen mit seiner Anhänglichkeit zu
mir in lebhaften Zwiespalt gekommen war. Ich mußte ihn sich selbst
überlassen und schlief bald ein.

Mein Schlaf war so fest, daß mich erst ein lautes Kamelgetrappel
erweckte. Ich erhob mich und trat vor das Zelt. Im Osten erhellte sich
bereits der Horizont, und da drüben, wo die Bucht lag, war er hellrot
gefärbt. Es gab dort einen Brand, und die Vermutung, welche bei diesem
Anblick in mir aufstieg, wurde bestätigt durch das im Lager herrschende
rege Leben. Die Männer waren fort gewesen und kehrten jetzt zurück, sie
und ihre Kamele reich mit Beute beladen. Auch die Tochter des Scheiks
hatte sich ihnen angeschlossen, und als sie vom Kamele stieg, bemerkte
ich, daß ihr Gewand mit Blut bespritzt war. Malek bot mir den Morgengruß
und meinte, nach der Feuerwolke deutend:

»Siehst du, daß wir das Schiff gefunden haben? Sie schliefen, als wir
kamen, und sind nun zu den Hunden, ihren Vätern, versammelt.«

»Du hast sie getötet und das Schiff beraubt?«

»Beraubt? Was meinst du mit diesem Worte? Gehört nicht dem Sieger das
Eigentum des Besiegten? Wer will uns streitig machen, was wir gewonnen
haben?«

»Die Zehka, welche Abu-Seïf geraubt hat, gehört dem Scherif Emir.«

»Dem Scherif Emir, der uns ausgestoßen hat? Selbst wenn das Geld ihm
gehörte, würde er es nicht wieder erhalten. Aber glaubst du wirklich,
daß es die Zehka war? Du bist belogen worden. Nur der Scherif hat das
Recht, diese Steuer einzusammeln, und dies wird er niemals durch einen
Türken thun lassen. Der Türke, welchen du für einen Zolleinnehmer
gehalten hast, war entweder ein Schmuggler oder ein Zöllner des Pascha
von Ägypten, den Allah erschlagen wolle!«

»Du hassest ihn?«

»Dies thut jeder freie Araber. Hast du nicht von den Greuelthaten
gehört, welche zur Zeit der Wachabiten hier geschahen? Mag das Geld dem
Pascha gehören oder dem Scherif, es bleibt mein. Doch die Zeit des Fagr
naht. Mache dich bereit, uns zu folgen. Wir können hier nicht länger
bleiben.«

»Wo wirst du dein Lager aufschlagen?«

»Ich werde es an einem Orte errichten, von welchem aus ich die Straße
zwischen Mekka und Dschidda beobachten kann. Abu-Seïf darf mir nicht
entgehen.«

»Hast du auch die Gefahren berechnet, welche dir drohen?«

»Meinst du, daß ein Ateïbeh sich vor Gefahren fürchtet?«

»Nein, aber selbst der mutigste Mann muß zugleich auch vorsichtig sein.
Wenn dir Abu-Seïf in die Hände fällt und du ihn tötest, so mußt du dann
augenblicklich diese Gegend verlassen. Du wirst dann vielleicht das Kind
deiner Tochter verlieren, welches sich zu dieser Zeit mit Halef in Mekka
befindet.«

»Ich werde Halef sagen, wo er uns in diesem Falle zu suchen hat. Hanneh
muß nach Mekka, ehe wir fortgehen. Sie ist unter uns die einzige Person,
welche noch nicht in der heiligen Stadt war, und später ist es ihr
vielleicht unmöglich, dahin zu kommen. Deshalb habe ich mich schon
lange nach einem Delyl für sie umgesehen.«

»Hast du dich entschieden, wohin du ziehen wirst?«

»Wir ziehen in die Wüste Er Nahman, nach Maskat zu, und dann senden wir
vielleicht einen Boten nach El Frat[122] zu den Beni Schammar oder zu
den Beni Obeïde, um uns in ihren Stamm aufnehmen zu lassen.«

    [122] Euphrat.

Der kurzen Dämmerung folgte der Tag. Die Sonne berührte den Horizont,
und die Araber, welche noch nach dem vergossenen Blute rochen, knieten
nieder zum Gebet. Bald darauf waren die Zelte abgebrochen, und der Zug
setzte sich in Bewegung. Jetzt, da es vollständig hell war, sah ich
erst, welche Menge von Gegenständen sich die Ateïbeh vom Schiffe
angeeignet hatten. Sie waren durch diesen Überfall mit einemmal zu
wohlhabenden Leuten geworden. Aus diesem Grunde herrschte eine
ungewöhnliche Munterkeit unter ihnen. Ich hielt mich etwas zurück. Ich
war verstimmt, weil ich mich die unschuldige Ursache von dem Untergange
der Dscheheïne nennen mußte. Ich konnte mir allerdings keinen Vorwurf
machen, aber es galt doch immer, das Gewissen zu befragen, ob ich mich
nicht vielleicht hätte anders verhalten können. Auch machte mir die Nähe
Mekkas viel zu schaffen. Da lag sie, die »Heilige«, die Verbotene!
Sollte ich sie meiden, oder sollte ich es wagen, sie zu besuchen? Ich
zuckte in allen Gliedern nach ihr hin, und dennoch mußte ich die
Bedenklichkeiten, welche dagegen aufstiegen, ernstlich berücksichtigen.
Was hatte ich davon, wenn der Besuch gelang? Ich konnte sagen, daß ich
in Mekka gewesen sei – weiter nichts. Und wurde ich entdeckt, so war
mein Tod unvermeidlich, und was für ein Tod! Aber hier konnte ein
Überlegen und Abwägen der Gründe zu nichts führen, und ich beschloß,
mich nach den eintretenden Verhältnissen zu richten. Ich hatte dies so
oft gethan und war immer glücklich dabei gewesen.

Um so wenig wie möglich Begegnungen zu haben, machte der Scheik einen
Umweg. Er erlaubte keine Ruhepause, bis der Abend hereinbrach. Wir
befanden uns in einer engen Schlucht, welche von steilen Granitwänden
eingefaßt war, zwischen denen wir eine Strecke weit fortschritten, bis
wir in eine Art Thalkessel gelangten, aus dem es keinen zweiten Ausweg
zu geben schien. Hier stiegen wir ab. Die Zelte wurden errichtet, und
die Frauen zündeten ein Feuer an. Heute gab es eine sehr reichliche und
mannigfaltige Mahlzeit, die natürlich aus der Schiffsküche stammte. Dann
kam der von allen ersehnte Augenblick der Beuteverteilung.

Da ich damit nichts zu schaffen hatte, so verließ ich die anderen und
machte die Runde um den Thalkessel. An einer Stelle dünkte es mich, als
ob man hier doch emporsteigen könne, und ich versuchte es. Die Sterne
leuchteten hell; es gelang. Nach vielleicht einer Viertelstunde stand
ich oben auf der Höhe des Berges und hatte einen freien Blick nach allen
Seiten. Dort unten im Süden sah es aus wie eine Reihe kahler Berge, über
welche sich jener weißliche Schimmer erhob, welchen am Abend die Lichter
größerer Städte emporzustrahlen pflegen. Dort lag Mekka!

Unter mir vernahm ich die lauten Stimmen der Ateïbeh, welche sich um
ihren Anteil an der Beute stritten. Es dauerte eine geraume Zeit, bis
ich zu ihnen zurückkehrte. Der Scheik empfing mich mit den Worten:

»Effendi, warum bist du nicht bei uns geblieben? Du mußt von allem, was
wir auf dem Schiffe fanden, deinen Teil erhalten!«

»Ich? Du irrst. Ich bin nicht dabei gewesen und habe also auch nichts zu
bekommen.«

»Hätten wir die Dscheheïne gefunden, wenn du uns nicht begegnet wärest?
Du bist unser Führer gewesen, ohne es zu wollen, und darum sollst du
erhalten, was dir gebührt.«

»Ich nehme nichts an!«

»Sihdi, ich kenne deinen Glauben zu wenig und darf ihn aus dem Grunde
nicht beschimpfen, weil du mein Gast bist; aber er ist falsch, wenn er
dir verbietet, Beute zu nehmen. Die Feinde sind tot, und ihr Fahrzeug
ist zerstört. Sollen wir diese Sachen, die uns so notwendig sind,
verbrennen und zerstören?«

»Wir wollen uns nicht streiten; aber behaltet, was ihr habt!«

»Wir behalten es nicht. Erlaube, daß wir es Halef, deinem Begleiter,
geben, obgleich auch er schon das seinige bekommen hat.«

»Gebt es ihm!«

Der kleine Halef Omar floß von Dank über. Er hatte einige Waffen und
Kleidungsstücke erhalten und außerdem einen Beutel mit Silbermünzen. Er
ließ nicht ab – ich mußte ihm dieselben vorzählen, um Zeuge zu sein, daß
er heute ein außerordentlich reicher Mann geworden sei. Die Summe
bestand allerdings in ungefähr achthundert Piastern und reichte hin,
einen armen Araber glücklich zu machen.

»Mit diesem Geld kannst du mehr als fünfzigmal die Kosten bestreiten,
welche du in Mekka haben wirst,« bemerkte der Scheik.

»Wann soll ich zur heiligen Stadt gehen?« fragte ihn Halef.

»Morgen zwischen früh und Mittag.«

»Ich war noch niemals dort. Wie habe ich mich zu verhalten?«

»Das will ich dir sagen. Es ist die Pflicht eines jeden Pilgers, nach
seiner Ankunft unverzüglich nach El Hamram[123] zu gehen. Du reitest
also nach dem Beith-Allah[124], lässest vor demselben die Kamele halten
und trittst ein. Dort findest du ganz sicher einen Metowef[125], der
dich führen und in allem unterrichten wird; nur mußt du ihn vorher und
nicht später um den Preis befragen, weil du sonst betrogen wirst. Sobald
du die Kaaba erblickst, verrichtest du zwei Rikat[126] mit den dabei
vorgeschriebenen Gebeten, zum Dank dafür, daß du die heilige Stätte
glücklich erreicht hast. Dann gehst du zu dem Mambar[127] und ziehst die
Schuhe aus. Diese bleiben dort stehen und werden bewacht; denn es ist im
Beith-Allah nicht wie in anderen Moscheen erlaubt, die Schuhe in der
Hand zu behalten. Dann beginnt das Towaf, der Gang um die Kaaba, welcher
siebenmal wiederholt werden muß.«

    [123] Die große Moschee.

    [124] »Haus Gottes«; es ist gleichfalls die große Moschee
    gemeint.

    [125] Fremdenführer.

    [126] Niederwerfungen.

    [127] Kanzel, türkisch: Mimbar.

»Nach welcher Seite?«

»Nach rechts, so daß die Kaaba dir stets zur Linken bleibt. Die ersten
drei Gänge werden mit schnellen Schritten gethan.«

»Warum?«

»Zum Andenken an den Propheten. Es hatte sich das Gerücht verbreitet,
daß er sehr gefährlich erkrankt sei, und um dieses Gerücht zu
widerlegen, rannte er dreimal schnell um die Kaaba herum. Die folgenden
Gänge geschehen langsam. Die Gebete kennst du, welche dabei gesprochen
werden müssen. Nach einem jeden Umlaufe wird der heilige Stein geküßt.
Zuletzt, wenn das Towaf beendet ist, drückst du die Brust an die Thür
der Kaaba, breitest die Arme aus und bittest Allah laut um Vergebung
aller deiner Sünden.«

»Dann bin ich fertig?«

»Nein. Du hast nun seitwärts zum El Madschem[128] zu gehen und vor dem
Mekam-Ibrahim[129] zwei Rikat zu verrichten. Dann begiebst du dich zum
heiligen Brunnen Zem-Zem und trinkst nach einem kurzen Gebete so viel
Wasser daraus, als dir beliebt. Ich werde dir einige Flaschen mitgeben,
welche du mir füllen und mitbringen magst; denn das heilige Wasser ist
ein Mittel gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele.«

    [128] Eine kleine, mit Marmor ausgelegte Vertiefung, aus welcher
    Abraham und Ismael den Kalk genommen haben sollen, als sie die
    Kaaba bauten.

    [129] Der Stein, welcher dem Abraham bei diesem Bau als
    Fußgestell gedient haben soll.

»Das ist die Ceremonie an der Kaaba. Was folgt dann?«

»Nun kommt der Say, der Gang von Szafa nach Merua. Auf dem Hügel Szafa
stehen drei offene Bogen. Dort stellst du dich hin, wendest das
Angesicht nach der Moschee, erhebst die Hände gen Himmel und bittest
Allah um Beistand auf dem heiligen Wege. Dann gehest du sechshundert
Schritt weit nach dem Altan von Merua. Unterwegs siehst du vier
steinerne Pfeiler, an denen du springend vorüberlaufen mußt. Auf Merua
verrichtest du wieder ein Gebet und legst den Weg dann noch sechsmal
zurück.«

»Dann ist alles gethan?«

»Nein, denn nun mußt du dir dein Haupt scheren lassen und Omrah
besuchen, welches so weit außerhalb der Stadt liegt, wie wir uns jetzt
von Mekka befinden. Dann hast du die heiligen Handlungen erfüllt und
kannst zurückkehren. Im Monat der großen Wallfahrt muß der Gläubige mehr
thun und braucht lange Zeit dazu, weil viele Tausende von Pilgern
anwesend sind; du aber brauchst nur zwei Tage und kannst am dritten
wieder bei uns sein.«

Diesem Unterrichte folgten noch verschiedene Fingerzeige, welche aber
für mich von keinem Interesse waren, da sie sich meist nur auf Hanneh
bezogen. Ich legte mich zur Ruhe. Als Halef endlich erschien, lauschte
er, ob ich bereits eingeschlafen sei. Er merkte, daß ich noch munter
war, und fragte:

»Sihdi, wer wird dich bedienen während meiner Abwesenheit?«

»Ich selbst. Willst du mir einen Gefallen thun, Halef?«

»Ja. Du weißt, daß ich für dich alles thue, was ich kann und darf.«

»Du sollst dem Scheik Wasser vom heiligen Brunnen Zem-Zem mitbringen.
Bringe auch mir eine Flasche mit!«

»Sihdi, verlange alles von mir, nur dieses nicht; denn das kann ich
unmöglich thun. Von diesem Brunnen dürfen nur die Gläubigen trinken.
Wenn ich dir Wasser brächte, so würde mich nichts vor der ewigen Hölle
retten!«

Dieser Bescheid wurde mit so fester Überzeugung ausgesprochen, daß ich
nicht weiter in den Diener zu dringen versuchte. Nach einer Pause fragte
er:

»Willst du dir nicht selbst das heilige Wasser holen?«

»Das darf ich ja nicht!«

»Du darfst es, wenn du dich vorher zum rechten Glauben bekehrst.«

»Das werde ich nicht thun; jetzt aber wollen wir schlafen.«

Am andern Morgen ritt er als würdiger Ehemann mit seinem Weibe von
dannen. Er nahm die Weisung mit, zu sagen, daß er aus fernen Landen
komme, und ja nicht zu verraten, daß seine Begleiterin, die sich
übrigens jetzt verschleiert hatte, eine Ateïbeh sei. Mit ihm ritt eine
Strecke weit ein Krieger, welcher die Straße zwischen Mekka und Dschidda
bewachen sollte. Auch am Eingange unserer Schlucht wurde ein Wachtposten
aufgestellt.

Der erste Tag verging ohne besonderen Vorfall; am zweiten Morgen
ersuchte ich den Scheik um die Erlaubnis zu einem kleinen Streifzug. Er
gab mir ein Kamel und bat mich, vorsichtig zu sein, damit unser
Aufenthalt nicht entdeckt werde. Ich hatte gehofft, meinen Ritt allein
machen zu können; aber die Tochter des Scheik trat zu mir, als ich das
Kamel besteigen wollte, und fragte:

»Effendi, darf ich mit dir reiten?«

»Du darfst.«

Als wir die Schlucht verlassen hatten, schlug ich unwillkürlich die
Richtung nach Mekka ein. Ich hatte geglaubt, meine Begleiterin würde
mich warnen; allein sie hielt sich an meiner Seite, ohne ein Wort zu
verlieren. Nur als wir ungefähr den vierten Teil einer Wegstunde
zurückgelegt hatten, lenkte sie mehr nach rechts um und bat mich:

»Folge mir, Effendi!«

»Wohin?«

»Ich will sehen, ob unser Wächter an seinem Platze ist.«

Nach kaum fünf Minuten erblickten wir ihn. Er saß auf einer Anhöhe und
schaute unverwandt nach Süden.

»Er braucht uns nicht zu sehen,« sagte sie. »Komm, Sihdi; ich werde dich
führen, wohin du willst!«

Was meinte sie mit diesen Worten? Sie lenkte nach links hinüber und sah
mich dabei lächelnd an. Dann ließ sie die Tiere weit ausgreifen und
hielt endlich in einem engen Thale still, wo sie abstieg und sich auf
den Boden niedersetzte.

»Setze dich zu mir und laß uns plaudern,« sagte sie.

Sie wurde mir immer rätselhafter, doch kam ich ihrer Aufforderung nach.

»Hältst du deinen Glauben für den allein richtigen, Effendi?« begann sie
die eigentümliche Unterhaltung.

»Gewiß!« antwortete ich.

»Ich auch,« bemerkte sie ruhig.

»Du auch?« fragte ich verwundert; denn es war das erste Mal, daß ein
muselmännischer Mund mir gegenüber ein solches Bekenntnis aussprach.

»Ja, Effendi, ich weiß, daß nur deine Religion die richtige ist.«

»Woher weißt du es?«

»Von mir selbst. Der erste Ort, an dem es Menschen gab, war das
Paradies; dort lebten alle Geschöpfe bei einander, ohne sich ein Leides
zu thun. So hat es Allah gewollt, und daher ist auch diejenige Religion
die richtige, welche das gleiche gebietet. Das ist die Religion der
Christen.«

»Kennst du sie?«

»Nein; aber ein alter Türke hat uns einst von ihr erzählt. Er sagte, daß
ihr betet zu Gott: ›Ile unut bizim günahler, böjle unutar-iz
günahler[130]‹ – Ist dies richtig?«

    [130] Und vergieb du unsere Sünden, wie auch wir die Sünden
    vergessen.

»Ja.«

»Und daß in eurem Kuran steht: ›Allah muhabbet dir, ile muhabedda kim
durar, bu durar Allahda ile Allah durar onada.‹[131] – Sage mir, ob das
auch richtig ist!«

    [131] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der ist
    in Gott und Gott in ihm.

»Auch das ist richtig.«

»So habt ihr den richtigen Glauben. Darf ein Christ eine Jungfrau
rauben?«

»Nein. Wenn er es thäte, so würde er eine schwere Strafe erhalten.«

»Siehst du, daß eure Religion besser ist, als unsere? Bei euch hätte
Abu-Seïf mich nicht rauben und zwingen dürfen, sein Weib zu sein. Kennst
du die Geschichte dieses Landes?«

»Ja.«

»So weißt du auch, wie die Türken und Ägypter gegen uns gewütet haben,
trotzdem wir _eines_ Glaubens sind. Sie haben unsere Mütter geschändet
und unsere Väter zu Tausenden auf die Pfähle gespießt, gevierteilt,
verbrannt, ihnen Arme und Beine, Nasen und Ohren abgeschnitten, die
Augen ausgestochen, ihre Kinder zerschmettert oder zerrissen. Ich hasse
diesen Glauben, aber ich muß ihn behalten.«

»Warum mußt du ihn behalten? Es steht dir zu jeder Zeit – –«

»Schweige,« unterbrach sie mich barsch. »Ich sage dir meine Gedanken,
aber du sollst nicht mein Lehrer sein! Ich weiß selbst, was ich thue:
ich werde mich rächen – rächen an allen, die mich beleidigt haben.«

»Und dennoch meinst du, daß die Religion der Liebe die richtige sei?«

»Ja; aber soll ich allein lieben und verzeihen? Sogar dafür, daß wir die
heilige Stadt nicht betreten dürfen, werde ich mich rächen. Rate, wie?«

»Sage es!«

»Es ist dein heimlicher Wunsch, Mekka zu betreten?«

»Wer sagt dir das?«

»Ich selbst. Antworte mir!«

»Ich wünsche allerdings, die Stadt sehen zu können.«

»Das ist sehr gefährlich; aber ich will mich rächen und habe dich
deshalb an diesen Ort geführt. – Würdest du die Gebräuche mitmachen,
wenn du in Mekka wärest?«

»Es wäre mir lieb, dies vermeiden zu können.«

»Du willst deinen Glauben nicht beleidigen und thust recht daran. Gehe
nach Mekka; ich werde hier auf dich warten!«

War dies nicht sonderbar? Sie wollte sich am Islam dadurch rächen, daß
sie seine heiligste Stätte durch den Fuß eines Ungläubigen entweihen
ließ. Als Missionär hätte ich hier eine Aufgabe lösen können – freilich
nur mit großem Aufwande an Zeit und Mühe; als »Weltbummler« war mir dies
unmöglich.

»Wo liegt Mekka?« fragte ich.

»Wenn du diesen Berg überschreitest, siehst du es im Thale liegen.«

»Warum soll ich gehen und nicht reiten?«

»Wenn du geritten kommst, wird man einen Pilger in dir vermuten und dich
nicht unbeachtet lassen. Betrittst du aber zu Fuße die Stadt, so wird
ein jeder meinen, daß du bereits dort gewesen seiest und nur einen
Spaziergang gemacht habest.«

»Und du willst wirklich auf mich warten?«

»Ja.«

»Wie lange?«

»Eine Zeit, welche ihr Franken vier Stunden nennt.«

»Das ist sehr kurz.«

»Bedenke, daß du sehr leicht entdeckt werden kannst, wenn du lange
verweilst. Du darfst nur einmal durch die Straßen gehen und die Kaaba
sehen; das ist genug.«

Sie hatte recht. Es war doch gut gewesen, daß ich beschlossen hatte,
mich von dem Augenblick leiten zu lassen. Ich erhob mich. Sie deutete
auf meine Waffen und schüttelte den Kopf.

»Du gleichest ganz und gar einem Eingeborenen; aber trägt ein Araber
solche Waffen? Laß deine Flinte hier und nimm die meinige dafür.«

Da überflog mich im ersten Moment eine Art von Mißtrauen; aber ich hatte
wirklich nicht den mindesten Grund, dasselbe festzuhalten. Daher
vertauschte ich meine Büchse und stieg dann den Berg hinan. Als ich den
Gipfel desselben erreichte, sah ich Mekka in der Entfernung von einer
halben Stunde vor mir liegen, zwischen kahlen, unbelebten Höhen das Thal
hinab. Ich unterschied die Citadelle Schebel Schad und die Minarehs
einiger Moscheen. El Hamram, die Hauptmoschee, lag im südlichen Teile
der Stadt.

Dorthin lenkte ich zunächst meine Schritte. Es war mir auf dem Wege zu
Mute, wie einem Soldaten, der zwar schon bei einigen kleinen Treffen
mitgefochten hat, plötzlich aber den Donner einer großen Schlacht
dröhnen hört.

Ich gelangte glücklich in die Stadt. Da ich mir die Lage der Moschee
gemerkt hatte, brauchte ich nicht zu fragen. Die Häuser, zwischen denen
ich hinschritt, waren von Stein erbaut, und die Straße hatte man mit dem
Sande der Wüste bestreut. Bereits nach kurzer Zeit stand ich vor dem
großen Rechteck, welches der Beith-Allah bildet, und langsam ging ich um
dasselbe herum. Die vier Seiten bestanden aus Säulenreihen und
Kolonnaden, über denen sich sechs Minarehs erhoben. Ich zählte
zweihundertvierzig Schritt in die Länge und zweihundertfünf in die
Breite. Da ich mir das Äußere erst nachher betrachten wollte, trat ich
durch eines der Thore ein. In demselben saß ein Mekkaui[132], welcher
mit kupfernen Flaschen handelte.

    [132] Bewohner von Mekka.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn würdevoll. »Was kostet eine solche
Kuleh?«

»Zwei Piaster.«

»Allah segne deine Söhne und die Söhne deiner Söhne, denn deine Preise
sind billig. Hier hast du zwei Piaster, und hier nehme ich die Kuleh.«

Ich steckte die Flasche zu mir und trat zwischen den Säulen hindurch.
Ich befand mich in der Nähe der Kanzel und zog meine Schuhe aus. Nun
betrachtete ich mir das Innere des heiligen Hauses. Ziemlich in der
Mitte stand die Kaaba. Da sie mit dem Kisua[133] vollständig bekleidet
war, bot sie einen fremdartigen Anblick dar. Zu ihr führen sieben
gepflasterte Wege, zwischen denen ebenso viele Grasplätze liegen. Neben
der Kaaba bemerkte ich den heiligen Brunnen Zem-Zem, vor welchem mehrere
Beamte an Pilger Wasser verteilten. Das ganze Heiligtum machte auf mich
durchaus keinen heiligen Eindruck. Koffer- und Sänftenträger rannten mit
ihren Lasten hin und her; öffentliche Schreiber saßen unter den
Kolonnaden; ja sogar Obst- und Backwarenhändler waren zu sehen. Bei
einem zufälligen Blick durch die Säulenreihen bemerkte ich ein
Reitkamel, welches eben draußen niederkniete, um seinen Herrn absteigen
zu lassen. Es war ein Tier von wundervoller Schönheit. Sein Besitzer
kehrte mir den Rücken zu und winkte einen Diener der Moschee herbei, um
bei dem Dschemmel zu bleiben. Dies bemerkte ich nur so im Vorübergehen,
als ich zum Brunnen schritt. Ich wollte mir zunächst meine Flasche
füllen lassen, mußte aber einige Zeit warten, bis die Reihe an mich kam.
Ich gab dann ein kleines Geschenk, verschloß das Gefäß und steckte es zu
mir. Jetzt drehte ich mich um und – stand keine zehn Schritt von
Abu-Seïf.

    [133] Schwarzseidener Stoff.

Ein gewaltiger Schreck fuhr mir in die Glieder, doch lähmte er mir
dieselben glücklicherweise nicht. In solchen Augenblicken denkt und
beschließt der Mensch zehnfach schnell. Ohne auffällig zu fliehen,
strebte ich mit meinen längsten Schritten den Säulen zu, außerhalb deren
das Kamel des Abu-Seïf lag. Dieses Tier allein konnte mich retten. Es
war eines jener fahlen Hedjihn, wie man sie am Dschammargebirge findet.

Meine Schuhe waren verloren; ich hatte keine Zeit, sie zu holen, denn
schon hörte ich hinter mir den Ruf:

»Ein Giaur, ein Giaur! Fangt ihn, ihr Hüter des Heiligtumes!«

Die Wirkung, welche dieser Ruf hervorbrachte, war eine großartige. Ich
hatte keine Zeit, mich umzusehen, aber ich hörte hinter mir das Getöse
eines Wasserfalles, das Geheul eines Orkanes, das Stampfen und Trampeln
einer nach Tausenden zählenden Büffelherde. Jetzt war es aus mit meinen
gleichmäßigen Schritten. Ich schnellte vollends über den Platz hinüber,
sprang zwischen den Säulen hindurch, die drei Stufen empor und stand vor
dem Kamele, dessen Beine nicht gefesselt waren. Ein Fausthieb warf den
Diener weit zur Seite, und im nächsten Augenblick saß ich im Sattel, den
Revolver in der Hand. Aber – wird das Tier gehorchen?«

»E – o – ah! – E – o – ah!«

Gott sei Dank! Bei dem bekannten Ruf erhob sich das Hedjihn in zwei
Rucken, und windschnell ging’s nun dahin. Schüsse krachten hinter mir –
nur vorwärts, vorwärts!

Wäre das Kamel eines jener halsstarrigen Tiere gewesen, welche man so
oft findet, so war ich unbedingt verloren.

In weniger als drei Minuten befand ich mich außerhalb der Stadt, und
erst dann wagte ich es, mich umzusehen, als ich beinahe die halbe Höhe
des Berges hinter mir hatte. Da unten wimmelte es von Reitern, welche
mich verfolgten. Die Muselmänner waren nämlich sofort in die nächsten
Serais und Khans geeilt und hatten die dort vorhandenen Tiere bestiegen.

Wohin sollte ich mich wenden? Zur Tochter des Scheik, die dadurch
verraten wurde? Und doch mußte ich sie warnen! Ich feuerte mein Tier
durch unaufhörliche Zurufe an; seine Schnelligkeit war unvergleichlich.
Oben auf der Höhe blickte ich noch einmal zurück und bemerkte, daß ich
mich in Sicherheit befand. Ein einziger Reiter war mir verhältnismäßig
nahe gekommen. Es war Abu-Seïf. Zufällig hatte er ein Pferd ergriffen,
welches eine außerordentliche Schnelligkeit entwickelte.

Ich flog drüben den Abhang hinab. Die Tochter Maleks erspähte mich. Daß
ich auf einem Kamele saß und in solcher Eile herbeigestürmt kam, dies
ließ sie die Sachlage erraten. Sie schwang sich sofort auf ihr Kamel und
nahm dasjenige, auf welchem ich vorher gesessen hatte, beim Halfter.

»Wer hat dich entdeckt?« rief sie mich in Hörweite an.

»Abu-Seïf.«

»Allah akbar! Verfolgt dich der Schurke?«

»Er ist mir ziemlich nahe.«

»Und viele andere?«

»Sie kommen zu spät.«

»So bleibe mir fern und fliehe immer gerade aus über Berg und Thal.«

»Warum?«

»Du sollst es sehen.«

»Ich muß erst zu dir. Gieb mir meine Waffen!«

Im Vorüberreiten wechselten wir die Gewehre; dann versteckte sich die
Wüstentochter hinter einem Felsenvorsprung, ohne mir zu folgen. Jetzt
erriet ich ihr Vorhaben: sie wollte Abu-Seïf zwischen sich und mich
bringen. Er erschien nach einigen Augenblicken oben auf der Höhe. Ich
ließ mein Tier mit Absicht etwas langsamer gehen und bemerkte, daß er
nun seinen Eifer verdoppelte. Während ich die nächste Bergeslehne
erklimmte, galoppierte er drüben herab und quer über die Senkung
herüber, ohne aus den Spuren zu bemerken, daß ich nicht allein da
gewesen war. Als ich den Gipfel erreichte, sah ich auf der Höhe hinter
mir bereits noch einige Verfolger, und tief unten hatte sich meine
Gefährtin nun auch in Bewegung gesetzt. Ihr Vorhaben war ihr gelungen:
Abu-Seïf befand sich zwischen uns; und da sie das zweite Kamel nicht
mehr am Halfter führte, sondern frei nachlaufen ließ, so mußte er sie,
wenn er sich umsah, für einen meiner Verfolger halten.

Für meine Person hatte ich nichts mehr zu befürchten, und da die andern
Verfolger immer weiter zurückblieben, so war nur noch darauf zu achten,
daß Abu-Seïf uns nicht entwischte. Ich suchte daher aus dem hügeligen
Terrain heraus und in die Ebene zu kommen, doch in der Richtung, welche
dem Lager der Ateïbeh entgegengesetzt war. Und zu gleicher Zeit zügelte
ich mein Dschemmel immer mehr.

So dauerte der Ritt wohl gegen drei Viertelstunden, bis ich endlich die
offene Wüste erreichte. Ich strebte in dieselbe hinein und richtete es
so ein, daß sich Abu-Seïf immer außer Schußweite hinter mir befand.
Jetzt erreichte auch die Tochter des Scheik den Fuß der Hügelkette, aber
zu gleicher Zeit sah ich auf dem Kamme der letzten Höhe noch einen
Verfolger erscheinen, der ein ausgezeichnetes Kamel reiten mußte; denn
er kam uns anderen immer näher. Sein Tier war dem Pferde des Abu-Seïf
weit überlegen.

Ich begann bereits Befürchtungen zu hegen, zwar nicht für mich, sondern
in Beziehung auf meine Gefährtin; da sah ich zu meinem Erstaunen, daß
dieser Reiter seitwärts abbog, als wolle er uns in einem Bogen
überholen. Ich hielt mein Tier an und blickte schärfer zurück. War es
möglich? Dort der kleine Kerl auf dem fliegenden Hedjihn sah genau so
aus, wie mein Halef. Wie kam er zu einem solchen Tiere, und wie kam er
hinter uns? Ich hielt mein Kamel an, um ihn noch einmal, und zwar genau
ins Auge zu fassen. Ja, es war Halef und kein anderer. Er wollte sich
mir zu erkennen geben und schlug mit den Armen in der Luft herum, als ob
er Schwalben fangen wolle.

Nun blieb ich ruhig sitzen und nahm die Büchse zur Hand. Der Verfolger
war im Bereich meiner Stimme.

»Rrrrreee, du Vater des Säbels! Bleib fern, sonst sende ich dir eine
Kugel!«

»Fern bleiben, du Hund?« schrie er. »Ich werde dich lebendig fangen und
nach Mekka bringen, du Schänder des Heiligtumes!«

Ich konnte nichts anderes thun: ich zielte und feuerte. Um ihn zu
schonen, hatte ich auf die Brust seines Pferdes gehalten. Es überschlug
sich und begrub ihn unter sich; es wälzte sich einigemal über ihm und
dann war es tot. Ich erwartete, daß er sich schleunigst hervorarbeiten
werde; es geschah nicht. Entweder hatte er sich verletzt, oder er that
nur so, um mich in seine Nähe zu locken. Ich ritt sehr vorsichtig auf
ihn zu und kam zu gleicher Zeit mit der Ateïbeh bei ihm an. Er lag mit
geschlossenen Augen im Sande und rührte sich nicht.

»Effendi, deine Kugel ist der meinigen zuvorgekommen!« klagte das Weib.

»Ich habe nur auf sein Pferd und nicht auf ihn geschossen. Doch kann er
das Genick oder etwas anderes gebrochen haben. Ich werde nachsehen.«

Ich stieg ab und untersuchte ihn. Wenn er sich nicht innerlich verletzt
hatte, so war er wohl erhalten und nur betäubt. Die Ateïbeh zog ihren
Handschar.

»Was willst du thun?«

»Mir seinen Kopf nehmen.«

»Das thust du nicht, denn auch ich habe ein Recht auf ihn.«

»Mein Recht ist älter!«

»Aber das meinige ist größer: ich habe ihn gefällt.«

»Das ist nach den Sitten dieses Landes richtig. Tötest du ihn?«

»Was thust du, wenn ich ihn nicht töte, sondern frei gebe oder einfach
hier liegen lasse?«

»So giebst du dein Recht auf, und ich mache das meinige geltend.«

»Ich gebe es nicht auf.«

»So nehmen wir ihn mit, und es wird sich entscheiden, was mit ihm
geschieht.«

Jetzt kam auch Halef herbei.

»Maschallah, Wunder Gottes! Sihdi, was hast du gethan?«

»Wie kommst du an diesen Ort?«

»Ich bin dir nachgeeilt!«

»Das sehe ich allerdings. Erkläre dich ausführlicher!«

»Sihdi, du weißt, daß ich sehr viel Geld habe. Was soll ich es in meiner
Tasche tragen? Ich wollte mir ein Dschemmel dafür kaufen und ging zu
einem Händler, der am südlichen Ende der Stadt wohnt. Hanneh war bei
mir. Während ich mir seine Tiere besah, unter denen dieses hier das
beste und so teuer war, daß es nur ein Pascha oder Emir bezahlen konnte,
erhob sich draußen ein großer Lärm. Ich eilte mit dem Händler hinaus
und hörte, daß ein Giaur das Heiligtum geschändet habe und geflohen sei.
Ich dachte sogleich an dich, Sihdi, und sah dich auch einen Augenblick
später nach der Höhe eilen. Alles drängte nach dem Hof, um Tiere zu
deiner Verfolgung zu holen. Ich that dasselbe und ergriff dieses
Hedjihn. Nachdem ich zuvor Hanneh befohlen hatte, in das Lager zu eilen
und dem Scheik den Vorfall zu erzählen, gab ich dem Händler, der mir das
Tier nicht borgen wollte, einen Klapps und ritt dir nach, um dich zu
fangen. Die anderen blieben alle zurück; nun habe ich dich und auch das
Dschemmel.«

»Es ist nicht dein.«

»Darüber reden wir später, Sihdi. Die Verfolger sind noch immer hinter
uns; wir können nicht hier bleiben. Was thun wir mit diesem Vater des
Säbels und des Betruges?«

»Wir binden ihn auf dieses ledige Kamel und nehmen ihn mit. Er wird wohl
wieder zu sich kommen.«

»Und wohin fliehen wir?«

»Ich weiß den Ort,« antwortete die Ateïbeh. »Auch du kennst ihn, Halef;
denn mein Vater, der Scheik, hat ihn dir gesagt für den Fall, daß du uns
nicht mehr im Lager angetroffen hättest.«

»Du meinst die Höhle Atafrah?«

»Ja. Hanneh hätte dich hingeführt. Diese Höhle ist nur den Anführern der
Ateïbeh bekannt, und diese sind jetzt nicht dort zugegen. Kommt, helft
mir den Gefangenen binden.«

Sechs Händen war es nicht schwer, ihn auf das Kamel zu befestigen,
welches mich vom Lager aus bis in die Nähe der Stadt getragen hatte.
Alles, was Abu-Seïf bei sich trug, nahm die Tochter Maleks zu sich; dann
stiegen wir wieder auf und eilten dem Südosten zu.

So war ich denn glücklich entkommen. Ich dachte jetzt nicht, daß ich
Mekka noch einmal sehen würde, und verspare daher die Beschreibung der
Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten bis später.

Unterwegs hatte ich von den Vorwürfen Halefs zu leiden.

»Sihdi,« meinte er, »habe ich dir nicht gesagt, daß kein Ungläubiger die
heilige Stadt besuchen darf? Du hättest beinahe das Leben verloren!«

»Warum schlugst du mir meine Bitte ab, als ich Wasser verlangte?«

»Weil ich sie nicht erfüllen durfte.«

»Nun habe ich mir das Wasser selbst geholt!«

»Du warst beim heiligen Brunnen?«

»Sieh her! Das ist das echte Wasser vom Zem-Zem!«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig, Sihdi! Er hat dich zu einem wahren
Gläubigen und sogar zu einem Hadschi gemacht. Ein Giaur darf nicht in
die Stadt; aber wer vom Wasser des Zem-Zem hat, der ist ein Hadschi und
folglich auch ein echter Moslem. Habe ich dir nicht stets gesagt, daß du
dich noch bekehren würdest, du magst wollen oder nicht?«

Das war eine ebenso drollige wie auch kühne Auffassung der Sachlage;
aber sie hatte die Absicht und auch den Erfolg, das muselmännische
Gewissen meines guten Halef zu beschwichtigen, und so fiel es mir nicht
ein, seine Anschauung zu widerlegen.

Die Landschaft um Mekka ist außerordentlich wasserarm, und wo sich ein
Brunnen befindet, ist er sicherlich der Mittelpunkt eines Dorfes oder
wenigstens eines zeitweiligen Lagers. Diese Orte mußten wir meiden, und
so kam es, daß wir trotz der Hitze des Tages keinen Halt machten, bis
wir eine Gegend erreichten, welche sehr reich an zerklüfteten Felsen
war. Wir folgten der Ateïbeh über Schutt und Geröll und zwischen
mächtigen Steinblöcken hindurch, bis wir an einen Felsenspalt gelangten,
der unten die ungefähre Breite eines Kameles hatte.

»Dies ist die Höhle,« sagte unsere Führerin. »Auch die Tiere können
hinein, wenn wir ihnen die Sattelkissen abnehmen.«

»Wir bleiben hier?« fragte ich.

»Ja, bis der Scheik kommt.«

»Wird er kommen?«

»Er wird sicher kommen, weil Hanneh ihn benachrichtigt hat. Wenn jemand
von den Ateïbeh nicht zum Lager kommt, so ist er hier in dieser Höhle zu
suchen. Steigt ab und folget mir!«

Abu-Seïf war wieder zu sich gekommen, aber er hatte während des ganzen
Rittes keinen Laut von sich gegeben und stets die Augen geschlossen
gehalten. Er wurde zuerst in die Höhle gebracht. Wenn man dem Spalte
folgte, so wurde er immer breiter und bildete schließlich einen Raum,
der groß genug für vierzig bis fünfzig Männer und Tiere war. Sein großer
Vorzug bestand in dem Wasser, welches sich ganz im Hintergrunde
angesammelt hatte. Nachdem wir den Gefangenen und die Kamele in
Sicherheit gebracht hatten, suchten wir draußen nach dem großbüscheligen
Rattamgras, welches die sehr willkommene Eigenschaft besitzt, daß es im
grünen Zustande ebensogut brennt wie im getrockneten. Das war für die
Nacht, denn am Tage konnte es uns nicht einfallen, ein Feuer anzuzünden,
dessen Rauch unsern Zufluchtsort sehr leicht hätte verraten können.

Übrigens aber brauchten wir keine große Sorge zu haben, entdeckt zu
werden. Unser Weg hatte uns meist über einen so steinigen Boden geführt,
daß unsere Spuren sicher nicht verfolgt werden konnten.

Eine eigentümliche Entdeckung machte ich, als ich die Satteltasche
meines Kameles untersuchte: sie enthielt Geld, und zwar eine nicht
unbedeutende Summe.

Unsere Tiere waren ermüdet, und wir ebenso; die Fesseln des Gefangenen
waren fest, und so konnten wir schlafen. Natürlich aber teilte ich mich
mit Halef in die Wache. So vergingen die letzten Tagesstunden, und die
Nacht brach herein. Beim Morgengrauen hatte ich die Wache. Durch ein
sich nahendes Geräusch aufmerksam gemacht, lugte ich zum Spalt hinaus
und sah einen Mann, der sich vorsichtig herbeischlich. Ich erkannte in
ihm einen der Ateïbeh und trat hinaus.

»Allah sei Dank, daß ich dich sehe, Effendi!« begrüßte er mich. »Der
Scheik hat mich vorausgesandt, um zu erforschen, ob ihr hier zu finden
seid. Nun brauche ich nicht zurückzukehren, denn dies ist das Zeichen,
daß ich euch hier angetroffen habe.«

»Wen vermutest du außer mir noch hier?«

»Deinen Diener Halef, die Bint el Ateïbeh und vielleicht gar noch
Abu-Seïf, den Gefangenen.«

»Wie kannst du diese alle hier erwarten?«

»Effendi, das ist nicht schwer zu erraten. Hanneh kam mit den beiden
Kamelen allein ins Lager und erzählte, daß du in Mekka gewesen und
geflohen bist. Die Bint el Malek war mit dir geritten und hat dich
sicher nicht verlassen, obgleich du eine große Sünde begangen hast.
Halef kam dir nach, und hinter den Bergen fanden die Verfolger das
erschossene Pferd des Dscheheïne, ihn selbst aber nicht. Ihr hattet ihn
also bei euch. Freilich konnten nur wir dies erraten, die anderen aber
nicht.«

»Wann kommt der Scheik?«

»Vielleicht noch vor einer Stunde.«

»So komm herein.«

Er würdigte den Gefangenen keines Blickes und legte sich sofort zum
Schlafen nieder. In der angegebenen Zeit langte die kleine Karawane vor
der Höhle an. Man lud ab, und alles wurde hereingeschafft. Ich hatte
erwartet, von dem Scheik Vorwürfe zu erhalten. Aber seine erste Frage
war:

»Hast du den Dscheheïne gefangen?«

»Ja.«

»Er ist hier?«

»Unverletzt und gesund.«

»So werden wir über ihn richten!«

Bis man alles geordnet hatte, war es Mittag geworden. Nun sollte das
Gericht beginnen. Vorher hatte ich aber mit Halef eine interessante
Unterredung.

»Sihdi, erlaube mir eine Frage,« bat er.

»Sprich!«

»Nicht wahr, du weißt noch alles, was du über mich und Hanneh
niedergeschrieben hast?«

»Alles.«

»Wann muß ich Hanneh wieder hergeben?«

»Sobald du die Wallfahrt beendet hast.«

»Aber ich habe sie noch nicht beendet!«

»Was fehlt noch?«

»Nichts, denn ich bin in Mekka mit allem fertig, da es sehr schnell
gegangen ist. Aber ich möchte mein Weib behalten, und da ist es mir
eingefallen, daß zu einer richtigen Hadsch auch ein Besuch in Medina
gehört.«

»Das ist sehr richtig. Was sagt Hanneh dazu?«

»Sihdi, sie liebt mich. Glaube es – sie hat es mir selbst gesagt!«

»Und du liebst sie wieder?«

»Sehr! Steht nicht geschrieben, daß Allah dem Adam eine Rippe genommen
und daraus die Eva geschaffen habe? Unter der Rippe liegt das Herz, und
also wird das Herz des Mannes stets beim Weibe sein.«

»Aber was wird der Scheik sagen?«

»Das ist es ja, was mir Sorge macht, Sihdi!«

»Weitere Sorge hast du nicht?«

»Nein.«

»Und ich? Was werde ich dazu sagen?«

»Du? O, du wirst mir deine Einwilligung geben, denn ich werde dich
dennoch nicht verlassen, so lange du mich bei dir haben willst.«

»Dein Weib könnte aber doch nicht mit umherziehen; bedenke das!«

»Das soll sie auch nicht. Ich werde sie bei ihrem Stamme lassen, bis ich
zurückkehren kann.«

»Halef, das ist eine Aufopferung, welche ich nicht verlange. Aber da ihr
euch einander so lieb habt, so mußt du eben dein möglichstes thun, sie
behalten zu dürfen. Vielleicht läßt sich der Scheik erbitten, daß du sie
nicht wieder abzutreten brauchst.«

»Sihdi, ich gebe sie nicht wieder her, und wenn ich fliehen müßte. O sie
weiß, daß ich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi
Dawud al Gossarah bin, und sie würde mit mir bis an das Ende der Welt
gehen!«

Mit dieser selbstbewußten Versicherung schritt er stolz von dannen.
Unterdessen hatte sich ein Kreis gebildet, in dessen Mitte Abu-Seïf
getragen worden war. Ich ward aufgefordert, an der Verhandlung teil zu
nehmen, und setzte mich neben dem Scheik Malek nieder.

»Effendi,« begann dieser, »ich habe gehört, daß du behauptest, Rechte an
diesen Mann zu haben, und weiß, daß dies die Wahrheit ist. Willst du ihn
uns abtreten oder willst du mit uns über sein Schicksal abstimmen?«

»Ich werde mit abstimmen, ich und Halef, denn auch er hat Rache an
Abu-Seïf zu nehmen.«

»So nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab!«

Er wurde losgebunden, blieb aber bewegungslos liegen, als ob er tot sei.

»Abu-Seïf, erhebe dich vor diesen Männern, um dich zu verantworten!«

Er blieb liegen, ohne nur die Augenlider aufzuschlagen.

»Er hat die Sprache verloren, ihr seht es, ihr Männer; warum sollen wir
da mit ihm reden? Er weiß, was er gethan hat, und wir wissen es auch;
was könnten uns da die Worte und die Fragen nützen? Ich sage, daß er
sterben muß, um den Schakalen, Hyänen und Geiern zur Speise zu dienen.
Wer meiner Rede beistimmt, der mag es erklären.«

Alle gaben ihre Zustimmung. Ich allein wollte mein Veto einlegen, wurde
aber durch ein unvorhergesehenes Ereignis daran verhindert. Bei den
letzten Worten des Scheik nämlich erhob sich plötzlich der Gefangene,
schnellte zwischen zwei der Ateïbeh hindurch und sprang dem Ausgang zu.
Ein lauter Schrei der Bestürzung erscholl, dann erhoben sich alle, um
ihm nachzuspringen. Ich war der einzige, welcher zurückblieb. Er hatte
große Schuld auf sich geladen und nach den Gesetzen der Wüste mehr als
den Tod verdient; dennoch war es mir unmöglich gewesen, für diese Strafe
zu stimmen. Vielleicht gelang es ihm, zu entkommen. War dies der Fall,
so durften wir keine Stunde länger in der Höhle verweilen.

Ich blieb lange Zeit allein. Der erste, welcher zurückkehrte, war der
alte Scheik. Er war hinter den jungen Männern zurückgeblieben.

»Warum bist du ihm nicht nach, Effendi?« fragte er mich.

»Weil deine tapfern Männer ihn fangen werden, ohne meiner Hilfe zu
bedürfen. Werden sie ihn wieder bekommen?«

»Ich weiß es nicht. Er ist ein berühmter Läufer, und als wir vor die
Höhle kamen, war er bereits verschwunden. Wenn wir ihn nicht wieder
ereilen, so müssen wir fliehen, da er nun die Höhle kennt.«

Nach und nach kehrten mehrere Männer zurück. Sie hatten ihn nicht laufen
sehen und auch seine Spur nicht bemerkt. Später kam Halef, zuletzt aber
kehrte die Tochter des Scheik zurück, deren Nasenflügel vor Wut
zitterten. Ein kurzer Meinungstausch ergab, daß ihn niemand gesehen
hatte. Die Bestürzung und der Umstand, daß ihm durch den engen Gang nur
stets einer folgen konnte, hatte ihm einen Vorsprung gewährt, und der
Boden draußen war ja ganz geeignet, die Flucht zu erleichtern.

»Hört, ihr Männer,« sagte der Scheik, »er wird unsern Versteck verraten.
Wollen wir sofort aufbrechen oder auf unseren Tieren noch einen Versuch
machen, ihn zu erwischen? Wenn wir diese Gegend im Kreise umreiten, so
ist es leicht möglich, daß wir ihn bemerken.«

»Wir fliehen nicht, sondern wir suchen ihn,« sagte seine Tochter.

Die anderen stimmten bei.

»Wohlan, so nehmt euere Kamele und folgt mir. Wer den Entflohenen bringt
– tot oder lebendig – der wird eine große Belohnung bekommen.«

Da trat Halef vor und sprach: »Den Preis habe ich bereits verdient.
Draußen liegt tot der Vater des Säbels.«

»Wo hast du ihn ereilt?« fragte der Scheik.

»Herr, du mußt wissen, daß mein Sihdi ein Meister ist im Kampfe und im
Auffinden aller Arten des Makam[134]; er hat mich gelehrt, die Spuren
im Sande, im Grase, auf der Erde und auf dem Felsen zu finden; er hat
mir gezeigt, wie man nachdenken muß bei der Verfolgung eines Flüchtigen.
Ich war der erste, der hinter Abu-Seïf die Höhle verließ; aber ich sah
ihn bereits nicht mehr. Ich rannte erst nach links hinauf, dann nach
rechts hinab, und da ich nichts von ihm bemerkte, so dachte ich, daß er
so klug gewesen sei, sich gleich nach seinem Austritt aus der Höhle zu
verstecken. Ich spähte hinter den Steinen und fand ihn auch. Es gab
einen kurzen Kampf, dann drang ihm still mein Messer ins ruchlose Herz.
Seinen Körper werde ich euch zeigen.«

    [134] Fußspur.

Ich blieb wieder in der Höhle, die anderen aber folgten Halef, um den
toten Abu-Seïf zu sehen.

Bald kehrten sie jubelnd zurück.

»Was verlangst du als Belohnung?« fragte nun der Scheik den tapfern
kleinen Halef.

»Herr, ich komme aus einem fernen Lande, zu welchem ich wohl nicht
wieder zurückkehren werde. Hältst du mich für würdig, so nimm mich unter
die Deinen auf.«

»Ein Ateïbeh willst du werden? Was sagt dein Herr dazu?«

»Er ist damit einverstanden. Nicht wahr, Sihdi?«

»Ja,« nahm ich das Wort. »Ich vereinige meinen Wunsch mit dem seinigen.«

»Was mich betrifft, so würde ich auf der Stelle zustimmen,« erklärte der
Scheik. »Aber ich muß erst diese Leute befragen, und die Adoption eines
Fremden ist eine wichtige Sache, welche sehr viel Zeit erfordert. Hast
du Verwandte hier in der Nähe?«

»Nein.«

»Hast du eine Blutrache auf dich geladen?«

»Nein.«

»Bist du ein Sunnit oder ein Schiit?«

»Ein Anhänger der Sunna.«

»Du hast wirklich noch kein Weib und keine Kinder gehabt?«

»Nein.«

»Wenn dieses ist, so können wir ja gleich zur Beratung schreiten.«

»So berate auch über ein anderes noch mit!«

»Worüber?«

»Sihdi, willst du nicht an meiner Stelle reden?«

Ich erhob mich vom Boden und nahm eine möglichst würdevolle Haltung an.
Dann begann ich meine Rede:

»Vernimm meine Worte, o Scheik, und Allah öffne dir das Herz, damit sie
Eingang in die Gnade deines Willens finden. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein
Emir unter den Talebs und Helden in Frankistan. Ich kam nach Afrika und
auch in dieses Land, um seine Bewohner zu sehen und große Thaten zu
verrichten. Dazu brauchte ich einen Diener, der alle Mundarten des
Westens und Ostens versteht, der klug und weise ist und sich vor keinem
Löwen, vor keinem Panther und vor keinem Menschen fürchtet. Ich fand
diesen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah und bin mit ihm bis heute über alle Maßen zufrieden gewesen. Er
ist stark wie ein Eber, treu wie ein Windspiel, klug wie ein Fennek und
schnell wie eine Antilope. Wir haben über den Abgründen der Schotts
gekämpft, wir sind eingebrochen und haben uns doch gerettet. Wir haben
die Tiere des Feldes und der Wüste bezwungen; wir haben dem bösen Smum
getrotzt; ja, wir sind sogar bis an die Grenze Nubiens gedrungen und
haben eine Gefangene, die Blume aller Blumen, aus der Gewalt ihres
Peinigers befreit. Wir sind dann nach dem Belad el Arab gekommen, und
was wir da erlebten, das habt ihr bereits erfahren und seid auch Zeuge
davon gewesen. Er ist dann mit Hanneh, deiner Enkelin, nach Mekka
geritten. Sie ist zum Schein sein Weib geworden, und er hat sich
unterschrieben, daß er sie wieder hergeben werde. Nun aber hat Allah
ihre Herzen geleitet, daß sie einander lieb gewannen und nie wieder von
einander scheiden möchten. Du bist Hadschi Malek Iffandi Ibn Achmed
Chadid el Eini Ben Abul Ali el Besami Abu Schehab Abdolatif el Hanifi,
der weise und tapfere Scheik dieser Söhne der Ateïbeh. Deine Einsicht
wird dir sagen, daß ich einen solchen Begleiter, wie Halef ist, nicht
gern von mir lasse; aber ich wünsche, daß er glücklich sei, und daher
richte ich die Bitte an dich, ihn in den Stamm der Ateïbeh aufzunehmen
und den Vertrag zu zerreißen, in welchem er dir versprochen hat, sein
Weib zurückzugeben. Ich weiß, daß du mir diese Bitte erfüllen wirst, und
ich werde, wenn ich einst in meine Heimat zurückgekehrt bin, deinen Ruhm
und den Ruhm der Deinen verbreiten im ganzen Abendlande. Sallam!«

Alle hatten mir aufmerksam zugehört. Malek antwortete:

»Effendi, ich weiß, daß du ein berühmter Emir der Nemsi bist, obgleich
euere Namen so kurz sind, wie die Klinge eines Frauenmessers. Du bist
ausgegangen wie ein Sultan, welcher unerkannt große Thaten verrichtet,
und noch die Kinder unserer Kinder werden von deinem Heldentum erzählen.
Hadschi Halef Omar ist bei dir wie ein Wessir, dessen Leben seinem
Sultan gehört, und ihr seid in unsere Zelte gekommen, um uns große Ehre
zu bereiten. Wir lieben dich und ihn – und wir werden unsere Stimmen
vereinigen, um ihn zum Sohne unseres Stammes zu machen. Auch werde ich
mit seinem Weibe sprechen, und wenn sie bei ihm bleiben will, so werde
ich den Vertrag zerreißen, wie du es erbeten hast; denn er ist ein
tapferer Krieger, welcher Abu-Seïf, den Dieb und Räuber, getötet hat.
Jetzt aber erlaube uns, ein Mahl zu bereiten, um den Tod des Feindes zu
feiern und dann die Beratung in würdiger Weise vorzunehmen. Du bist
unser Freund und Bruder, obgleich du einen anderen Glauben hast, als
wir. Sallam, Effendi!«



Achtes Kapitel.

Am Tigris.


»Schrecklich wird der Herr über sie sein; denn er wird alle falschen
Götter vertilgen, und es sollen ihn anbeten alle Inseln der Heiden, ein
jeglicher an seinem Ort. Und er wird seine Hand ausstrecken über
Mitternacht, um Assur umzubringen. Niniveh wird er öde machen und so
dürre wie eine Wüste, daß darinnen sich lagern werden allerlei Tiere der
Heidenländer; auch Rohrdommeln und Kormorans werden wohnen auf den
Türmen und in den Fenstern singen, und die Raben auf den Balken, denn
die Öde wird auf den Schwellen sein. Das ist die lustige Stadt, die so
sicher war und bei sich sprach: ich bin es und keine mehr. Wie ist sie
so wüste geworden, daß die wilden Tiere darinnen wohnen? Wer an ihr
vorübergeht, der pfeift sie aus und klatscht mit den Händen über sie!« –

An diese Worte des Propheten Zephanja mußte ich denken, als wir unser
Boot beim letzten Schimmer des Tages an das rechte Ufer des _Tigris_
legten. Die ganze Gegend rechts und links vom Strome ist ein Grab, eine
große, ungeheuere, öde Begräbnisstätte. Die Ruinen des alten Rom und
Athen werden vom Strahle der Sonne erleuchtet, und die Denkmäler des
einstigen Ägypten ragen als gigantische Gestalten zum Himmel empor. Sie
reden verständlich genug von der Macht, dem Reichtume und dem
Kunstsinne jener Völker, welche sie errichtet haben. Hier aber, an den
beiden Strömen Euphrat und Tigris, liegen nur wüste Trümmerhaufen, über
welche der Beduine achtlos dahinreitet, wohl ohne nur zu ahnen, daß
unter den Hufen seines Pferdes die Jubel und die Seufzer von
Jahrtausenden begraben liegen. Wo ist der Turm, welchen die Menschen im
Lande Sinear bauten, als sie zu einander sprachen: »Kommt, lasset uns
eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
damit wir uns einen Namen machen!« –? Sie haben Stadt und Turm gebaut,
aber die Stätte ist verwüstet. Sie wollten sich einen Namen machen, aber
die Namen der Völker, welche diese Stadt nacheinander bewohnten und in
dem Turme ihren sündigen Gottesdienst verübten, und die Namen der
Dynasten und Statthalter, welche hier im Golde und im Blute von
Millionen wühlten, sie sind verschollen und können mit größter Mühe und
von unseren besten Forschern kaum noch erraten werden. – –

Wie aber kam ich an den Tigris, und wie in das Dampfboot, welches uns
bis unter die Stromschnellen von Chelab getragen hatte?

Ich war mit den Ateïbeh bis in die Wüste En Nahman gezogen, da ich es
nicht wagen konnte, mich im Westen des Landes sehen zu lassen. Die Nähe
von _Maskat_ verlockte mich, diese Stadt zu besuchen. Ich that es allein
und ohne alle Begleitung, besah mir seine betürmten Mauern, seine
befestigten Straßen, seine Moscheen und portugiesischen Kirchen,
bewunderte auch die beludschistanische Leibgarde des Imam und setzte
mich endlich in eines der offenen Kaffeehäuser, um mir eine Tasse
Keschreh munden zu lassen. Dieser Trank wird aus den Schalen der
Kaffeebohne gebraut und mit Zimt und Nelken gewürzt. Meine
Beschaulichkeit wurde durch eine Gestalt gestört, welche den Eingang
verdunkelte. Ich blickte auf und sah eine Figur, welche einer längeren
Betrachtung vollständig würdig war:

Ein hoher, grauer Cylinderhut saß auf einem dünnen, langen Kopfe, der in
Bezug auf Haarwuchs eine völlige Wüste war. Ein unendlich breiter,
dünnlippiger Mund legte sich einer Nase in den Weg, die zwar scharf und
lang genug war, aber dennoch die Absicht verriet, sich bis hinab zum
Kinne zu verlängern. Der bloße, dürre Hals ragte aus einem sehr breiten,
umgelegten, tadellos geplätteten Hemdkragen; dann folgte ein
graukarrierter Schlips, eine graukarrierte Weste, ein graukarrierter
Rock und graukarrierte Beinkleider, eben solche Gamaschen und staubgraue
Stiefel. In der Rechten trug der graukarrierte Mann ein Instrument,
welches einer Verwalterhacke sehr ähnlich war, und in der Linken eine
doppelläufige Pistole. Aus der äußeren Brusttasche guckte ein
zusammengefaltetes Zeitungsblatt neugierig hervor.

»Wermyn kahwe!« schnarrte er mit einer Stimme, welche dem Tone einer
Sperlingsklapper glich.

Er setzte sich auf ein Senïeh, welches eigentlich als Tisch dienen
sollte, von ihm aber als Sessel gebraucht wurde. Er erhielt den Kaffee,
senkte die Nase auf den Trank, schnüffelte den Duft ein, schüttete den
Inhalt auf die Straße hinaus und stellte die Tasse auf den Boden.

»Wermyn tütün, gebt Tabak!« befahl er jetzt.

Er erhielt eine bereits angebrannte Pfeife, that einen Zug, blies den
Rauch durch die Nase, spuckte aus und warf die Pfeife neben die Tasse.

»Wermyn« – – er sann nach, aber das türkische Wort wollte nicht kommen,
und Arabisch verstand er vielleicht gar nicht. Daher schnarrte er
kurzweg: »Wermyn Roastbeef!«

Der Kawehdschi verstand ihn nicht.

»Roastbeef!« wiederholte er, indem er mit dem Munde und allen zehn
Fingern die Pantomime des Essens machte.

»Kebab!« bedeutete ich dem Wirt, welcher sogleich hinter der Thüre
verschwand, um die Speise zu bereiten. Sie besteht aus kleinen,
viereckigen Fleischstücken, welche an einem Spieße über dem Feuer
gebraten werden.

Jetzt schenkte der Engländer auch mir seine Aufmerksamkeit.

»Araber?« fragte er.

»#No.#«

»Türke?«

»#No.#«

Jetzt zog er die dünnen Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe.

»Englishman?«

»Nein. Ich bin ein Deutscher.«

»Ein Deutscher? Was hier machen?«

»Kaffee trinken!«

»#Very well!# Was sein?«

»Ich bin #writer#!«[135]

    [135] Schreiber, Schriftsteller.

»Ah! Was hier wollen in Maskat?«

»Ansehen.«

»Und dann weiter?«

»Weiß noch nicht.«

»Haben Geld?«

»Ja.«

»Wie heißen?«

Ich nannte meinen Namen. Sein Mund öffnete sich auf die Weise, daß die
dünnen Lippen ganz genau ein gleichseitiges Viereck bildeten, welches
die breiten, langen Zähne des Mannes sehen ließ; die Brauen stiegen noch
höher empor als vorher, und die Nase wedelte mit der Spitze, als ob sie
Kundschaft einziehen wolle, was das Loch unter ihr jetzt sagen werde.
Dann griff er in den Rockschoß, zog ein Notizbuch hervor, blätterte
darin und fuhr sodann in die Höhe, um den Hut abzunehmen und mir eine
Verbeugung zu machen.

»#Welcome#, Sir; kenne Sie!«

»Ah, mich?«

»#Yes#, sehr!«

»Darf ich fragen, woher?«

»Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London,
Near-Street 47.«

»Wirklich? Sie kennen Sir Raffley? Wo befindet er sich jetzt?«

»Auf Reisen – hier oder dort – weiß nicht. Sie waren mit ihm auf
Ceylon?«

»Allerdings.«

»Elefanten gejagt?«

»Ja.«

»Dann in See auf Girl-Robber?«

»So ist es.«

»Haben Zeit?«

»Hm! Warum stellen Sie diese Frage?«

»Habe gelesen von Babylon – Niniveh – Ausgrabung – Teufelsanbeter. Will
hin – auch ausgraben – Fowling-bull holen – britisches Museum schenken.
Kann nicht Arabisch – will gern Jäger haben. Machen Sie mit – bezahle
gut, sehr gut!«

»Darf ich um Ihren Namen bitten?«

»Lindsay, David Lindsay – Titel nicht, brauche nicht – Sir Lindsay
sagen.«

»Sie beabsichtigen wirklich, nach dem Euphrat und Tigris zu gehen?«

»#Yes.# Habe Dampfboot – fahre hinauf – steige aus – Dampfboot wartet,
oder zurück nach Bagdad – kaufe Pferd und Kamel – reisen, jagen,
ausgraben, britisches Museum schenken, Traveller-Klub erzählen. Sie
mitgehen?«

»Ich bin am liebsten selbständig.«

»Natürlich! Können mich verlassen, wann wollen – werde gut bezahlen,
sehr fein bezahlen – nur mitgehen.«

»Wer ist noch dabei?«

»So viel, wie Sie wollen – aber lieber ich, Sie, zwei Diener.«

»Wann fahren Sie ab?«

»Übermorgen – morgen – heut – gleich!«

Das war ein Anerbieten, wie es mir nicht gelegener kommen konnte. Ich
bedachte mich nicht lange und schlug ein. Natürlich aber stellte ich die
Bedingung, daß es mir zu jeder Zeit frei stände, meine eigenen Wege zu
gehen. Er führte mich an den Hafen, wo ein allerliebster kleiner Puffer
lag, und ich merkte bereits nach Verlauf von einer halben Stunde, daß
ich mir keinen besseren Gefährten wünschen konnte. Er wollte Löwen und
alle möglichen Bestien schießen, die Teufelsanbeter besuchen und mit
aller Gewalt einen Fowling-bull, wie er es nannte, einen geflügelten
Stier, ausgraben, um ihn dem britischen Museum zum Geschenk zu machen.
Diese Pläne waren abenteuerlich, hatten aber eben deshalb meine volle
Zustimmung. Ich war auf meinen Wanderungen noch viel seltsameren Käuzen
begegnet, als er war.

Leider ließ er mich gar nicht wieder zu den Ateïbeh zurück. Ein Bote
mußte meine Sachen holen und Halef benachrichtigen, wohin ich reisen
werde. Als er zurückkehrte, erzählte er mir, daß Halef mit noch einem
Ateïbeh zu Lande zu den Abu Salman- und Schammar-Arabern reisen werde,
um mit ihnen über die Einverleibung der Ateïbeh zu verhandeln. Er werde
mein Hedjihn mitbringen und mich schon zu finden wissen.

Diese Nachricht war mir lieb. Daß Halef zu dieser Botschaft ausersehen
war, bewies mir abermals, daß er der Liebling seines Schwiegervaters
geworden sei. Wir fuhren im persischen Busen hinauf, sahen uns Basra und
Bagdad an und gelangten nachher, auf dem Tigris aufwärts dampfend, an
die Stelle, an welcher wir heute anlegten. – –

Oberhalb unserer Landestelle mündete der Zab-asfal in den Tigris, und
die Ufer hüben und drüben waren mit einem dichten Bambusdschungel
bestanden. Wie schon vorhin gesagt, brach die Nacht herein; trotzdem
aber bestand Lindsay darauf, an das Land zu gehen und die Zelte
aufzuschlagen. Ich hatte keine rechte Lust dazu, konnte ihn aber nicht
gut allein lassen und folgte ihm also. Die Bemannung des Dampfbootes
bestand aus vier Leuten; es sollte mit Tagesanbruch bereits nach Bagdad
zurückkehren, und so faßte der Engländer gegen meinen Rat den Entschluß,
alles, auch die vier Pferde, welche er in Bagdad gekauft hatte, noch
auszuladen.

»Es wäre besser, wenn wir dies unterließen, Sir,« warnte ich ihn.

»Warum?«

»Weil wir es morgen bei Tageslicht thun könnten.«

»Geht auch am Abend – bezahle gut!«

»Wir und die Pferde sind auf dem Fahrzeuge sicherer als auf dem Lande.«

»Giebt es hier Diebe – Räuber – Mörder?«

»Den Arabern ist niemals zu trauen. Wir sind noch nicht eingerichtet!«

»Werden ihnen nicht trauen, uns aber doch einrichten – haben Büchsen;
jeder Spitzbube wird niedergeschossen!«

Er ging nicht von seinem Vorsatze ab. Erst nach zwei Stunden waren wir
mit der Arbeit fertig; die zwei Zelte waren aufgerichtet, und zwischen
ihnen und dem Ufer wurden die Pferde angehängt. Nach dem Abendbrote
gingen wir schlafen. Ich hatte die erste, die beiden Diener die zweite
und dritte und Lindsay selbst die vierte Wache. Die Nacht war
wunderschön. Vor uns rauschten die Fluten des breiten Stromes hinab, und
hinter uns erhoben sich die Höhen des Dschebel Dschehennem. Die Helle
des Firmaments erleuchtete alles zur Genüge, aber das Land selbst, auf
dem ich stand, war noch ein Rätsel. Seine Vergangenheit glich den Fluten
des Tigris, die dort unten verschwanden im Schatten des Dschungel. An
Assyrien, Babylonien und Chaldäa knüpfen sich die Erinnerungen an große
Nationen und riesige Städte, aber diese Erinnerungen gleichen dem
Rückblick auf einen Traum, dessen Einzelheiten man vergessen hat.

Als meine Wachtzeit vorüber war, weckte ich den Diener und instruierte
ihn gehörig. Er hieß Bill, war ein Irländer und machte den Eindruck, als
sei die Kraft seiner Muskeln dreißigmal stärker als diejenige seines
Geistes. Er grinste sehr verschmitzt zu meinen Anweisungen und begann
dann auf und ab zu patrouillieren. Ich schlief ein.

Als ich erwachte, geschah es nicht freiwillig, sondern ich wurde am Arme
gerüttelt. Lindsay stand vor mir in seinem graukarrierten Anzuge, den er
selbst in der Wüste nicht abzulegen beschlossen hatte.

»Sir, wacht auf!«

Ich sprang auf die Füße und fragte:

»Ist etwas geschehen?«

»Hm – ja!«

»Was?«

»Unangenehm!«

»Was!«

»Pferde fort!«

»Die Pferde? Haben sie sich losgerissen?«

»Weiß nicht.«

»Waren sie noch da, als Sie die Wache übernahmen?«

»#Yes!#«

»Aber Sie haben doch gewacht!«

»#Yes!#«

»Wo denn?«

»Dort.«

Er deutete auf einen isolierten Hügel, welcher ziemlich entfernt von
unsern Zelten lag.

»Dort; warum dort?«

»Ist wohl ein Ruinenhügel – hingegangen wegen Fowling-bull.«

»Und als Sie jetzt zurückkehrten, waren die Pferde fort?«

»#Yes!#«

Ich trat hinaus und untersuchte die Pfähle. Die Enden der Leinen hingen
noch daran; die Tiere waren losgeschnitten worden.

»Sie haben sich nicht losgerissen, sondern sind geraubt worden!«

Er formierte das bekannte Lippenparallelogramm und lachte vergnügt.

»#Yes!# Von wem?«

»Von Dieben!«

Er machte ein noch vergnügteres Gesicht.

»#Very well#, von Dieben – wo sind sie – wie heißen sie?«

»Weiß ich es?«

»#No# – ich auch #no# – schön, sehr schön! – Abenteuer da!«

»Es ist keine Stunde vergangen, seit der Diebstahl geschah. Warten wir
nur noch fünf Minuten, so ist es hell genug, um die Spuren zu erkennen.«

»Schön – ausgezeichnet! Sind Prairiejäger gewesen – Spuren finden –
nachlaufen – totschießen – kapitales Vergnügen – bezahle gut, sehr gut!«

Er trat in sein Zelt, um die Vorbereitungen zu treffen, welche er für
notwendig hielt. Ich erkannte nach kurzer Zeit im Scheine der Dämmerung
die Spuren von sechs Männern und teilte ihm diese Entdeckung mit.

»Sechs? Wie viel wir?«

»Nur zwei. Zwei müssen bei den Zelten zurückbleiben, und das Boot bleibt
auch liegen, bis wir zurückkehren.«

»#Yes!# Das befehlen und dann fort!«

»Sind Sie ein guter Läufer, oder soll ich Bill mitnehmen?«

»Bill? Pah! Weshalb gehe an Tigris! Abenteuer! Laufe gut – laufe wie
Hirsch!«

Nachdem die nötigen Verhaltungsmaßregeln erteilt worden waren, warf er
die rätselhafte Hacke nebst der Büchse über die Achsel und folgte mir.
Es galt, die Diebe einzuholen, ehe sie zu einer größeren Truppe stießen,
und daher schritt ich so schnell aus, als mir möglich war. Die langen
karrierten Beine meines Gefährten hielten sich ganz wacker; es war eine
Lust, so mit ihm zu laufen.

Wir befanden uns in der Zeit des Frühjahrs; der Boden glich daher nicht
einer Wüste, sondern einer Wiese, nur daß die Blumen förmlich büschel-
oder vielmehr buschweise aus der Erde schossen. Wir waren noch nicht
weit gekommen, so hatten unsere Hosen sich vom Blütenstaube gefärbt.
Wegen dieser Höhe der Vegetation war die Spur sehr deutlich zu erkennen.
Sie führte uns schließlich an ein Nebenflüßchen, welches von dem
Dschebel Dschehennem herfloß und eine sehr aufgeregte Wassermasse
zeigte. An seinem Ufer stieß die Spur an eine Stelle, die von
Pferdehufen zertreten war, und eine neue Untersuchung ergab von hier aus
zehn statt vier Hufspuren. Zwei von den sechs Dieben waren bis hierher
gelaufen, statt geritten, und hier hatten sie alle ihre Pferde versteckt
gehabt.

Lindsay machte eine sehr mißvergnügte Miene.

»Miserabel – tot ärgern!«

»Worüber?«

»Werden entkommen!«

»Weshalb?«

»Haben nun alle Pferde – wir laufen.«

»Pah! Ich holte sie dennoch ein, wenn Sie aushielten; aber dies ist gar
nicht einmal nötig. Man darf nicht nur sehen, sondern man muß auch
schließen.«

»Schließen Sie!«

»Sind diese Leute zufällig an unseren Lagerplatz gekommen?«

»Hm!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es scheint mir, als ob sie zu Lande
dem Schiffe gefolgt seien, welches alle Abende angelegt hat. Ist dies
der Fall, so führt zwar ihre Spur nach Westen, aber nur deshalb, weil
sie über diesen Fluß müssen und sich doch bei Hochwasser mit den fremden
Pferden nicht hineingetrauen.«

»Also Umweg machen müssen?«

»Ja. Sie werden sich eine Furt oder irgend eine bessere Übergangsstelle
suchen und dann wieder in die alte Richtung lenken.«

»Schön, gut – sehr gut!«

Er warf die Kleidung ab und trat an das Ufer.

»Ja, Sir, sind Sie denn ein guter Schwimmer?«

»#Yes!#«

»Es ist hier nicht so ganz gefahrlos, wenn man die Waffen und die
Kleider trocken halten will. Machen Sie mit den Kleidern einen Turban
über Ihren Hut!«

»Gut – sehr gut – werde machen!«

Auch ich wand mir aus meinen Kleidern einen hohlen Ballen, den ich mir
auf den Kopf setzte; dann gingen wir in das Wasser. Dieser Engländer war
wirklich ein ebenso gewandter Schwimmer, wie er ein ausdauernder Läufer
war. Wir kamen ganz gut hinüber und zogen die Kleider wieder an.

Lindsay überließ sich ganz meiner Führung. Wir eilten noch ungefähr zwei
englische Meilen nach Süd und schlugen dann nach West um, wo uns die
Höhen eine weite Aussicht gewährten. Wir stiegen einen Berg empor und
sahen uns um. So weit das Auge reichte, zeigte sich kein lebendes Wesen.

»#Nothing!# – Nichts – keine Seele – – miserabel!«

»Hm, auch ich sehe nichts!«

»Wenn Sie geirrt – oho, was dann?«

»Dann haben wir noch immer Zeit, sie dort am Flüßchen zu verfolgen. Mir
hat noch keiner ungestraft ein Pferd gestohlen; ich werde auch hier
nicht eher zurückkehren, bis ich die vier Tiere wieder habe.«

»Ich auch.«

»Nein. Sie müssen bei Ihrem Eigentume sein.«

»Eigentum? Pah! Wenn fort, dann neues kaufen – Abenteuer gern bezahlen –
sehr gut.«

»Halt! Bewegt sich da draußen nicht etwas?«

»Wo?«

»Dort!«

Ich deutete mit der Hand die Richtung an. Er riß die Augen und den Mund
weit auf und spreizte die Beine auseinander. Seine Nasenflügel öffneten
sich – es sah aus, als ob sein Riechorgan auch mit der Eigenschaft, zu
sehen, oder wenigstens mit einem optischen Witterungs- und
Ahnungsvermögen begabt sei.

»Richtig – sehe auch!«

»Es kommt auf uns zu.«

»#Yes!# Wenn sind, dann schieß’ alle tot!«

»Sir, es sind Menschen!«

»Diebe! Müssen tot – unbedingt tot!«

»Dann thut es mir leid, Sie verlassen zu müssen.«

»Verlassen? Warum?«

»Ich wehre mich meiner Haut, wenn ich angegriffen werde, aber ich morde
keinen Menschen ohne Not. Ich denke, Sie sind ein Engländer!«

»#Well!# Englishman – Nobelman – Gentleman – werde nicht töten – nur
Pferde nehmen!«

»Es scheint wahrhaftig, daß sie es sind!«

»#Yes!# Zehn Punkte – stimmt!«

»Vier sind ledig und sechs beritten.«

»Hm! Guter Prairiejäger Sie – recht gehabt – Sir John Raffley viel
erzählt – bei mir bleiben – gut bezahlen, sehr gut!«

»Schießen Sie sicher?«

»Hm, ziemlich!«

»So kommen Sie. Wir müssen uns zurückziehen, damit sie uns nicht
bemerken. Unser Operationsfeld liegt unten zwischen dem Berge und dem
Flusse. Gehen wir noch zehn Minuten weiter nach Süd, so tritt die Höhe
so eng an das Wasser heran, daß ein Entkommen gar nicht möglich ist.«

Wir eilten jetzt im vollen Laufe wieder hinab und erreichten bald die
Stelle, welche ich angedeutet hatte. Der Fluß war von Schilf und Bambus
eingesäumt, und am Fuße des Berges fanden sich Mimosen und ein hohes
Wermutgebüsch. Wir hatten Raum genug zum Versteck.

»Was nun?« fragte der Engländer.

»Sie verbergen sich hier im Schilfe und lassen die Leute vorüber. Am
Ausgange dieser Enge trete ich hinter die Mimosen, und wenn wir die
Diebe zwischen uns haben, treten wir beide vor. Ich schieße ganz allein,
da ich mich vielleicht besser nach den Umständen zu richten verstehe,
und Sie gebrauchen Ihr Gewehr nur auf mein ganz besonderes Geheiß, oder
wenn Ihr Leben ernstlich in Gefahr kommt.«

»#Well# – gut, sehr gut – excellent Abenteuer!«

Er verschwand in dem Schilfe, und auch ich suchte mir meinen Platz.
Bereits nach kurzer Zeit hörten wir Hufschlag. Sie kamen herbei – an
Lindsay vorüber, ohne böse Ahnung, ohne sich umzusehen. Ich sah den
Engländer jetzt aus dem Schilfe tauchen und trat vor. Sie hielten im
Augenblicke ihre Pferde an. Die Büchse hing mir über die Schulter, und
nur den Henrystutzen hielt ich in der Hand.

»Sallam aaleïkum!«

Der freundliche Gruß verblüffte sie.

»Aaleïk –« antwortete einer von ihnen. »Was thust du hier?«

»Ich warte auf meine Brüder, welche mir helfen sollen.«

»Welcher Hilfe bedarfst du?«

»Du siehst, daß ich ohne Pferd bin. Wie soll ich durch die Wüste kommen?
Du hast vier Tiere übrig; willst du mir nicht eines davon verkaufen?«

»Wir verkaufen keines dieser Pferde!«

»Ich höre, daß du ein Liebling Allahs bist. Du willst nur deshalb das
Pferd nicht verkaufen, weil dein gutes Herz dir gebietet, es mir zu
schenken.«

»Allah heile dir deinen Verstand! Ich werde auch kein Pferd
verschenken.«

»O, du Muster von Barmherzigkeit, du wirst einst die Wonnen des
Paradieses vierfach kosten; denn du willst mir nicht bloß ein Pferd,
sondern vier verehren, weil ich so viele brauche!«

»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig! Dieser Mensch ist deli, ist gewiß
und wahrhaftig verrückt.«

»Bedenke, mein Bruder, daß die Verrückten nehmen, was man ihnen nicht
freiwillig giebt! Blicke dich um! Vielleicht giebst du jenem dort das,
was du mir verweigerst.«

Erst jetzt, beim Anblick des Engländers, wurde ihnen die Situation
vollständig klar. Sie legten die Lanzen zum Stoße ein.

»Was wollt ihr?« fragte mich der Sprecher.

»Unsere Pferde, welche ihr uns beim Anbruch des Tages gestohlen habt.«

»Mensch, du bist wahrhaftig toll! Wenn wir dir Pferde genommen hätten,
so hättest du uns mit den Füßen nicht erreichen können!«

»Meinst du? Ihr wißt, daß diese vier Pferde den Franken gehören, welche
dort mit dem Schiffe angekommen sind. Wie könnt ihr denken, daß Franken
sich ungestraft bestehlen lassen, und daß sie nicht klüger sind, als
ihr! Ich habe gewußt, daß ihr am Fluß einen Umweg machen würdet, bin
herübergeschwommen und euch zuvorgekommen. Ihr aber habt euch allerdings
täuschen lassen. Ich will nicht Menschenblut vergießen; darum bitte ich
euch, mir die Pferde freiwillig zurückzugeben. Dann könnt ihr gehen,
wohin ihr wollt!«

Er lachte.

»Ihr seid zwei Männer, und wir sind sechs.«

»Wohl! So thue ein jeder, was ihm beliebt!«

»Weiche vom Wege!«

Er legte die mit Straußenfedern verzierte Lanze ein und trieb sein Pferd
auf mich zu. Ich erhob den Stutzen: der Schuß krachte, und Roß und
Reiter stürzten nieder. Ich bedurfte keiner Minute, um noch fünfmal zu
zielen und fünfmal abzudrücken. Alle Pferde stürzten, und nur die
unserigen, welche man zusammengekoppelt hatte, waren unversehrt. Der,
welcher sie vorher an der Leine hielt, hatte sie losgelassen. Wir
benützten den Augenblick der Verwirrung, sprangen auf und eilten davon.

Hinter uns ertönte das Zorngeschrei der Araber. Wir machten uns nichts
daraus, sondern brachten die Riemen unserer Tiere in Ordnung und ritten
lachend davon.

»#Magnificent# – prächtig – schönes Abenteuer – hundert Pfund wert! Wir
zwei, sie sechs – sie uns vier Pferde genommen, wir ihnen sechs genommen
– ausgezeichnet – herrlich!« lachte Lindsay.

»Ein Glück, daß es so ausgezeichnet, so herrlich abgelaufen ist, Sir.
Wären unsere Tiere scheu geworden, so kamen wir nicht so schnell weg und
hätten sehr leicht einige Kugeln erhalten können.«

»Machen wir auch Umweg oder gehen grad aus?«

»Grad aus. Wir kennen unsere Pferde; der Übergang wird gelingen.«

Wir kamen in guter Zeit wieder bei unseren Zelten an, und bald nach
unserer Ankunft stieß das Boot vom Lande ab und wir blieben allein in
der Wüste zurück.

Lindsay wollte anfangs sehr viel Gepäck und auch Proviant mitnehmen,
ich aber hatte ihn zu einer andern Ansicht gebracht. Wer ein Land kennen
lernen will, der muß auch lernen, sich auf die Gaben desselben zu
beschränken, und ein Reiter darf nie mehr bei sich haben, als sein Tier
zu tragen vermag. Übrigens waren wir reichlich mit Munition versehen,
was die Hauptsache ist, und außerdem verfügte der »Nobelman« über so
bedeutenden Geldvorrat, daß wir davon den Reiseaufwand für Jahre hinaus
hätten bestreiten können.

»Nun allein am Tigris,« meinte er. »Nun gleich graben nach Fowling-bulls
und andern Altertümern!«

Der gute Mann hatte sicher sehr viel gelesen und gehört von den
Ausgrabungen bei Khorsabad, Kufjundschik, Hammum Ali, Nimrud, Keschaf
und El Hather und war dadurch auf den Gedanken gekommen, nun seinerseits
auch das britische Museum zu bereichern und dadurch ein berühmter Mann
zu werden.

»Jetzt gleich?« fragte ich ihn. »Das wird nicht gehen!«

»Warum? Habe Hacke mit.«

»O, mit diesem Mattok werden Sie nicht viel machen können. Wer hier
graben will, muß sich erst mit der Regierung verständigen – – –«

»Regierung? Welche?«

»Die türkische.«

»Pah! Hat Niniveh den Türken gehört?«

»Allerdings nicht, denn damals war von den Türken keine Rede. Aber die
Ruinen gehören jetzt zum türkischen Grund und Boden, obgleich hier der
Arm des Sultans nicht sehr mächtig ist. Die arabischen Nomaden sind da
die eigentlichen Herren, und wer hier graben will, der hat sich zunächst
auch mit ihnen in freundschaftliche Beziehung zu setzen, da er sonst
weder seines Eigentums, noch seines Lebens sicher ist. Darum habe ich
Ihnen ja geraten, Geschenke für die Häuptlinge mitzunehmen.«

»Die seidenen Gewänder?«

»Ja; sie sind hier am meisten gesucht und nehmen beim Transport sehr
wenig Raum ein.«

»#Well#, so wollen setzen in freundschaftliche Beziehung – aber sogleich
und sofort – nicht?«

Ich wußte, daß es bei seinen Ausgrabungen nur bei dem Gedanken bleiben
werde, hatte mir aber vorgenommen, ihn nicht abwendig zu machen.

»Ich bin dabei. Nun fragt es sich, welchem Häuptling man zunächst seine
Aufwartung zu machen hat.«

»Raten!«

»Der mächtigste Stamm heißt El Schammar. Er hat aber seine Weidegründe
weit oben am südlichen Abhang der Sindscharberge und an dem rechten Ufer
des Thathar.«

»Wie weit ist Sindschar von hier?«

»Einen ganzen Breitegrad.«

»Sehr breit! Was sind noch für Araber hier?«

»Die Obeïden, Abu-Salman, Abu-Ferhan und andere; doch läßt sich nie
genau bestimmen, wo man diese Horden zu suchen hat, da sie sich stets
auf der Wanderschaft befinden. Wenn ihre Herden einen Platz abgeweidet
haben, so bricht man die Zelte ab und zieht weiter. Dabei leben die
einzelnen Stämme in ewiger, blutiger Feindseligkeit miteinander; sie
haben sich gegenseitig zu meiden, und das trägt auch nicht wenig zu der
Unstätigkeit ihres Lebens bei.«

»Schönes Leben – viel Abenteuer – viel Ruinen finden – viel ausgraben –
ausgezeichnet – excellent!«

»Am besten ist es, wir reiten in die Wüste hinein und befragen uns bei
dem ersten Beduinen, welcher uns begegnet, nach dem Wohnort des nächsten
Stammes.«

»Gut – #well# – sehr schön! Gleich jetzt reiten und befragen!«

»Wir könnten heute noch hier bleiben!«

»Bleiben und nicht graben? Nein – geht nicht! Zelte ab und fort!«

Ich mußte ihm seinen Willen lassen, zumal bei näherem Überlegen ich mir
sagte, daß es wegen der heutigen feindseligen Begegnung besser sei, den
Ort zu verlassen. Wir brachen also die leichten Zelte ab, welche von den
Pferden der Diener getragen werden mußten, setzten uns auf und schlugen
den Weg nach dem Sabakah-See ein.

Es war ein wundervoller Ritt durch die blumenreiche Steppe. Jeder
Schritt der Pferde wirbelte neue Wohlgerüche auf. Ich konnte selbst die
weichste und saftigste Savanne Nordamerikas mit dieser Gegend nicht
vergleichen. Die Richtung, welche wir eingeschlagen hatten, stellte sich
als eine glücklich gewählte heraus; denn bereits nach kaum mehr als
einer Stunde kamen drei Reiter auf uns zugesprengt. Sie machten eine
sehr hübsche Figur mit den fliegenden Mänteln und wehenden
Straußenfedern. Unter lautem Kriegsgeschrei ritten sie auf uns los.

»Sie brüllen. Werden sie stechen?« fragte der Engländer.

»Nein. Das ist die Begrüßungsart dieser Leute. Wer sich dabei zaghaft
zeigt, der wird für keinen Mann gehalten.«

»Werden Männer sein!«

Er hielt Wort und zuckte nicht mit der Wimper, als der eine mit seiner
scharfen Lanzenspitze grad auf seine Brust zuhielt und erst abbog und
sein Pferd in die Hacken riß, als die Lanzenspitze beinahe die Brust
berührte.

»Sallam aaleïkum! Wo wollt Ihr hin?« grüßte einer.

»Von welchem Stamme bist du?«

»Vom Stamme der Haddedihn, welcher zu der großen Nation der Schammar
gehört.«

»Wie heißt dein Scheik?«

»Er führt den Namen Mohammed Emin.«

»Ist er weit von hier?«

»Wenn du zu ihm willst, so werden wir euch begleiten.«

Sie wandten um und schlossen sich uns an. Während wir – die Diener
hinter uns – in würdevoller Haltung in den Sätteln saßen, sprengten sie
um uns in weiten Kreisen herum, um ihre Reiterkünste sehen zu lassen.
Ihr Hauptkunststück besteht im Innehalten mitten im rasendsten Laufe,
wodurch aber ihre Pferde sehr angegriffen und leicht zu schanden werden.
Ich glaube, behaupten zu können, daß ein Indianer auf seinem Mustang sie
in jeder Beziehung übertrifft. Dem Engländer gefiel das Schaureiten
dieser Leute.

»Prächtig! Hm, so kann ich es nicht – würde den Hals brechen!«

»Ich habe noch andere Reiter gesehen.«

»Ah! Wo?«

»Ein Ritt auf Leben und Tod in einem amerikanischen Urwalde, auf einem
gefrorenen Flusse, wenn das Pferd keine Eisen hat, oder in einem
steinigen Cannon ist doch noch etwas ganz anderes.«

»Hm! Werde auch nach Amerika gehen – reiten in Urwald – auf Flußeis – in
Cannon – schönes Abenteuer – prachtvoll! Was sagten diese Leute?«

»Sie grüßten uns und fragten nach dem Ziel unseres Rittes; sie werden
uns zu ihrem Scheik bringen. Er heißt Mohammed Emin und ist der Anführer
der Haddedihn.«

»Tapfere Leute?«

»Diese Männer nennen sich alle tapfer und sind es auch bis zu einem
gewissen Grade. Ein Wunder ist dies nicht. Die Frau muß alles machen,
und der Mann thut nichts als reiten, rauchen, rauben, kämpfen, klatschen
und faulenzen.«

»Schönes Leben – prächtig – möchte Scheik sein – viel ausgraben –
manchen Fowling-bull finden und London schicken – hm!«

Nach und nach wurde die Steppe belebter und wir gewahrten, daß wir uns
den Haddedihn näherten. Sie befanden sich zum großen Teil noch in
Bewegung, als wir sie erreichten. Es ist nicht leicht, den Anblick zu
beschreiben, den ein Araberstamm auf dem Zuge nach seinem neuen
Weideplatze gewährt. Ich hatte vorher die Sahara und einen Teil von
Arabien durchzogen und dabei viele Stämme der westlichen Araber kennen
gelernt; hier aber bot sich mir ein ganz neuer Anblick dar. Dieselbe
Verschiedenheit, welche zwischen den Oasen der Sahara und dem »Lande
Sinear« der heiligen Schrift herrscht: – man beobachtet sie auch in dem
Leben und allen Verhältnissen ihrer Bewohner. Hier ritten wir auf einer
beinahe unbegrenzten Merdsch[136], welche nicht die mindeste Ähnlichkeit
mit einer Uah[137] des Westens hatte. Sie glich vielmehr einem riesigen
Savannenteppich, der aus lauter Blumen bestand. Hier schien nie der
fürchterliche Smum gewütet zu haben; hier war keine Spur einer
wandernden Düne zu erblicken. Hier gab es kein zerklüftetes und
verschmachtetes Wadi, und man meinte, daß hier keine Fata Morgana die
Macht besäße, den müden, einsamen Wanderer zu äffen. Die weite Ebene
hatte sich mit duftendem Leben geschmückt, und auch die Menschen zeigten
keine Spur jener »Wüstenstimmung«, welcher westwärts vom Nil kein
Mensch entgehen kann. Es lag über diesem bunten Gefilde ein Farbenton,
der nicht im mindesten an das versengende, dabei oft blutig trübe und
tödliche Licht der großen Wüste erinnerte.

    [136] Wiese, Prairie.

    [137] Oase.

Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von
Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte – rechts und links von
uns, vor und hinter uns – wogte ein Meer von grasenden und wandernden
Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen
waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und
allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man
alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu
gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug
eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt
waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur
Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite
junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den
Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng
anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den
Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber,
die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel
führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen
bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche
sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.

Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen
vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft
Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen;
aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen.
Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und
hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und
an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken
verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen
Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel
und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und
links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker
ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung
empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei
Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem #Belle-vue# sitzt die
Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie
am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges
der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische
Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.

Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes
Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem
ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen
war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen,
als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem
öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere
Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt
erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das
Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt,
rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.

Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke
später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte
die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte
Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat,
um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die
Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen
Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein
dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob
die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«

Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein
Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem
Sallam aaleïkum.

»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.

Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:

»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«

»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste
mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: ›Speise den Fremdling und
tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen
Eingang zu kennen!‹ – Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie
ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«

    [138] Polizist.

Er erhob wie abwehrend die Hand.

»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und
der Verräter nicht.«

Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.

»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.

»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die
Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139]
einen Konsul in Mossul?«

    [139] Königin von England.

»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer
und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und
eine Dattel für unsere Pferde.«

»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr
begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«

Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort
erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem,
hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen – ein Zeichen, daß der Scheik
uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er
uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige
Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig
war, etwas Näheres über uns zu erfahren.

Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:

»Böser Kerl, nicht?«

»Scheint so.«

»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«

»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und
haben uns sehr vorzusehen.«

»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«

»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar
nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint
er zu hassen.«

»Weshalb?«

»Weiß es nicht.«

»Einmal fragen!«

»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch
erfahren werden.«

Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.

»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und
werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe
wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«

Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.

»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«

»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«

»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«

»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab
el Schammar.«

    [140] Schwarzes Zelt.

Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.

»Willst du mich beleidigen?«

»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar
bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also
demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«

»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die
Gastfreundschaft gebrochen?«

»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen
Angehörige des eigenen Stammes.«

Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier
aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein
sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr
fort:

»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die
Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen,
als der deinige mich.«

»Beweise die Wahrheit!«

»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen
Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war
regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen
aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm
unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem
Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und
ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da
sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und
liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: ›Folge mir. Ich schwöre
dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit
meinem Leben für das deinige stehen!‹ – Da antwortete der Häuptling:
›Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide
ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß
ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.‹ – Sie
setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik
traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen,
sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die
Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der
Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim
des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben
zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf
abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine
Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst
wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik
Mohammed Emin?«

    [141] Unter-Stämme.

»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«

»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß
Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der
berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«

Er wurde verlegen.

»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein
Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine
Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem
hast du diese Geschichte erfahren?«

    [142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem
    Tigris.

»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines
Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir
vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar,
und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«

Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.

»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«

»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«

»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber
sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«

    [143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den
    Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.

    [144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben
    pflegen.

»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«

»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen
ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«

»Ist er dein Feind?«

»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen
Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die
Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich
jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«

»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«

»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um
ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich
selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«

»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die
Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der
Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich
kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«

Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment
auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies
mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß
sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.

»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.

»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so
daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«

»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um
mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«

»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte
Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«

»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«

»Ja.«

»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«

»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«

Er sprang empor.

»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«

»Ich kenne ihn und seine Leute.«

»Wo trafest du sie?«

»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch
das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«

»So kennst du sie alle?«

»Alle.«

»Auch – verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein
Weib, sondern ein Mann – auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«

»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm
genommen.«

»Hat sie ihre Rache erreicht?«

»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und
dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«

»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«

»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um
Abenteuer zu suchen.«

»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du
bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.
Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr
mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich
dieser wackere Hadschi Halef Omar?«

Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften
Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:

»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik
Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter
ihrem Schutze wohnen könne.«

»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir,
erzähle mir von ihnen!«

Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete
ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig
hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.

»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei
dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein.
Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«

Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei
ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher
sich das »heilige« Wasser befand.

»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«

    [145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die
    einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem
    Weibe spricht.

»Ja.«

»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem
Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«

»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und
besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr
Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«

Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der
Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während
meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich
unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu
folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein
zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen
und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen,
die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen
zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten
Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.

In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee,
Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich
gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung,
schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge
waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen
dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß
sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit
Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte
man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein
großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit
einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine
funkelten: – er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken
hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen
Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre
Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger
geschmückt.

»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom
Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen
des Zem-Zem begnadigen will.«

Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste
glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser
in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.

»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch
lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«

Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie
sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen
Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:

»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig
ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich
freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«

Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch
vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.

»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.

»Im Zelte der Frauen.«

»Ah! Nicht möglich!«

»Und doch!«

»Diese Weiber lassen sich sehen?«

»Warum nicht?«

»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«

»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser
aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute
ein Tropfen Wunder thut.«

»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«

»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«

»Sind hier Ruinen?«

»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu
finden.«

»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens
ein schauderhaftes Essen hier!«

»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus
bekommen!«

»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«

»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von
ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener
abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem
Raume sein müssen.«

Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so
versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt
wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise
herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte
saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und
von einigen Beduinen aufgetragen.

Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art
Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen
Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich
eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als
Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee
gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll
dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr
erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit
Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich
wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus
welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten
wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden
Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange
bespritzte.

Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn
genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als
auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann
wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die
köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird,
wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll
lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann
sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn
der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß
von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber
zu fürchten. – Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die
grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder
vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst
Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische
Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem
Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten
sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne
trocknen.

Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker
bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.

»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.

Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe
und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste
hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger
gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst
unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste
Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner
bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu,
als bis ich ihn aufmerksam machte:

»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«

Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann,
natürlich in englischer Sprache:

»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«

»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«

»Schauderhaft!«

»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.

»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«

»O, ich liebe euch!«

Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte
dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der
so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und
versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem
unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung
zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden
muß.

»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«

»Ja.«

»Ohne Gegenwehr?«

»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«

»Wie so?«

»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«

Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in
den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in
die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem
Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die
Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor,
sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich
von dem Vergehen wieder zu reinigen.

Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte
ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine
große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem
Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.

Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das
ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel
von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem
Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter
schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus
Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen
gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte
Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der
Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen
pflegen.

Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das
Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich
konnte nicht mehr essen.

»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den
Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.

Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer
kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El
Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der
Engländer.

»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und –
betrachtete sie dann sehr verlegen.

Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.

»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem
Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von
Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie
sich abtrocknen können.«

Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte
hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.

Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee
und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen
vorzustellen:

»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein
großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name
lautet – –«

»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.

»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte
Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den
Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu
suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns
sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«

    [146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.

Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was
sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war
ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:

»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und
falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann,
meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen
habe.«

»Wohin ist das?«

»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem
Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das
Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet
unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie
es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er
will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu
enträtseln und zu lesen – – –«

»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.

»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel
er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den
Bewohnern dieses Landes lassen.«

»Und was sollst du dabei thun?«

»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«

»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf
ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze
Land ist voller Ruinen und Trümmer.«

»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr
versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«

»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch
viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«

Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.

»Was sagen sie?« fragte er mich.

»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«

»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«

»Ja.«

»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«

»Ja.«

»Nun?«

»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«

»Was sonst machen?«

»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen
Helden.«

»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«

»Sie wollen Euch solche zeigen.«

»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«

»Das habe ich ihnen gesagt.«

»Was geantwortet?«

»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo
Inschriften und dergleichen zu finden sind.«

»#Well!# Wir ziehen mit ihnen!«

»Das geht ja nicht!«

»Warum nicht?«

»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer
an?«

»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«

»Das ist sehr zu überlegen.«

»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«

»Nein.«

»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«

»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«

»Nein!«

Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß
er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den
Scheik:

»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe.
Ist Eure Sache recht und gut?«

»Soll ich sie dir erzählen?«

»Ja.«

»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«

»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu
Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«

»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere
Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat
uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn
bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten
Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine
Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich
meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie
gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren
habe.«

»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«

»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul
wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat
und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und
hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich
gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad
gehören.«

»Wo lagern deine Feinde?«

»Sie rüsten erst.«

»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«

»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«

»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste
locken, um ihn zu verderben?«

»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders
aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis
zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Elfhundert.«

»Und deine Gegner?«

»Mehr als dreimal so viel.«

»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«

»Einen Tag.«

»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«

»Am untern Laufe des Zab-asfal.«

»Und die Abu Hammed?«

»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die
Hamrinberge bricht.«

»Auf welcher Seite?«

»Auf beiden.«

»Und die Dschowari?«

»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«

»Hast du Kundschafter ausgesandt?«

»Nein.«

»Das hättest du thun sollen.«

»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre
verloren, wenn man ihm begegnete. Aber – – –«

Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:

»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«

»Ja.«

»Und auch unser Freund?«

»Ja.«

»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«

Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen
anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres
Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im
Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht
hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik
angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei
aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das
schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren
lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und
tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.

»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.

»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.

Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr
abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu
sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.

»Masch Allah!« antwortete ich.

»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde
gejagt habe, bis er zusammenbrach?«

»Unmöglich!«

»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«

»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus _einem_ Munde.

»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik.
»Welches Pferd gefällt dir noch?«

»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und
diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«

»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden
eines guten Pferdes.«

»Welche?«

»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«

»An welchen Zeichen erkennst du dies?«

»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig
ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen
langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das
zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen
Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal
ein solches Pferd besessen?«

»Ja.«

»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«

»Es kostete mich nichts – es war ein Mustang.«

»Was ist ein Mustang?«

»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«

»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du
könntest?«

»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«

»Du kannst ihn dir verdienen!«

»Ah! Unmöglich!«

»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und
Dschowari sich vereinigen werden.«

Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch,
aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:

»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«

»Bis du sie bringen kannst.«

»Und wann erhalte ich das Pferd?«

»Wenn du zurückgekehrt bist.«

»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich
deinen Auftrag auch nicht ausführen.«

»Warum?«

»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf
welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«

Er blickte zu Boden.

»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht
verloren gehen kann?«

»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches
Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das
Tier fangen könnte.«

»Reitest du so gut?«

»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an
mich gewöhnen.«

»So sind wir dir überlegen!«

»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«

»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«

»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich
werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und
gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt.
Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«

»Du sprichst im Scherze, Emir!«

»Ich rede im Ernste.«

»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«

»Gut!«

Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von
ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der
Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.

Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.

»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm.
»Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie
trage?«

»Nie!«

Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.

»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht
gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug
ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«

Jetzt lächelte er beruhigt.

»Es sei, also zehn Mann?«

»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«

»Die auf dich schießen dürfen?«

»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle
deine besten Reiter und Schützen aus!«

»Du bist tollkühn, Emir!«

»Das glaubst du nur.«

»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«

»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit
ihrer Kugel zu treffen.«

»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«

»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu
Ende!«

»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles
sehen zu können.«

»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«

»Thue es!«

Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich
fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar
verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel.
Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine
Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die
Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales
»wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals
und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen
Bauchgurtes.

»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«

»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern
getroffen?«

»Ja; hier sind zehn!«

Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf,
welche sich in der Nähe befanden.

»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte
von hier?«

»Wir sehen es.«

»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt
ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«

Ich sprang auf – der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber
folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich
die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der
vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.

Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in
die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich
um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen
schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum.
Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur
ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er
hob die Flinte empor; der Schuß krachte.

»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.

Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich
hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun
mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben,
welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des
Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort
richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach
rechts hinüber und jagte weiter.

»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die
guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.

Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor.
Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem
spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn
sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich
aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das
Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte
wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte
Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes
hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an
welchem der Ritt begonnen hatte.

Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder
Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen
auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich
gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte
mich bei der Hand.

»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe
Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen
solchen Reiter, wie du bist!«

»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten
als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der
Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel
und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern
diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel
einmal verändern?«

»Wie?«

»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch
ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«

»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du
würdest sie alle vom Pferde schießen!«

»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor
den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter
mir habe?«

»Emir, ich glaube es.« – Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann
aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines
Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen
Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du
mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein
Geheimnis sagen.«

Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist,
sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf
welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und
dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von
seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen
selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem
Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten
Todesgefahr befindet.

»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur
das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«

»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«

»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht
werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es
erfahren kann.«

»So komm!«

Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:

»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm
die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort ›Rih!‹«

»Rih, das heißt Wind.«

»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als
der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«

»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als
ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll
ich reiten?«

»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«

»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«

»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so
kostbares Pferd zu behandeln ist?«

»Nein.«

»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche
von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich
lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese
Sure?«

»Ja.«

»Sage sie her!«

Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.

Ich gehorchte seinem Willen:

»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen
mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken
sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind
einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen
durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und
er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu
irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles
herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht
wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage
der Herr sie vollkommen kennt?«

»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts
vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden
bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«

Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an
meine Seite.

»Warum auf Euch geschossen?«

»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«

»Ah, schön, Prachtpferd!«

»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«

»Dem Scheik!«

»Nein.«

»Wem sonst?«

»Mir.«

»Pah!«

»Mir; wirklich!«

»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen;
merkt Euch das!«

»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«

»Was?«

»Daß ich euch morgen früh verlasse.«

»Warum?«

»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits.
Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme
zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen
Rappen geschenkt.«

»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung – – –«

»Pah, ziehe mich als Araber an!«

»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«

»Richtig! Wie lange ausbleiben?«

»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab
hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«

»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«

»Werde mich in acht nehmen.«

»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«

»Welchen?«

»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«

»Nach wem sonst noch?«

»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London
ins Museum schicken!«

»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«

»#Well!# Fertig; eintreten!«

Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest
des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend
wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab:
die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine
kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen,
einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann
wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.

Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem
Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen.
Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt?
Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet,
bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch
denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren
der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich
auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich
lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines
treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete
sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.

»Geschlafen, Sir?« fragte er.

»Ja.«

»Ich nicht.«

»Warum?«

»Sehr lebendig im Zelte.«

»Die Schläfer?«

»Nein.«

»Wer sonst?«

»Die Fleas, Lice und Gnats!«

Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.

»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«

»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«

»Warum?«

»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«

»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«

»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«

»Warum?«

»Habe Euch viel zu fragen.«

»So fragt einmal zu!«

Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft
erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.

»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen
verschiedenes. Was heißt Freund?«

»Aschab.«

»Feind?«

»Kiman.«

»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«

»Rijahl fransch.«

»Was heißt Geldbeutel?«

»Surrah.«

»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«

»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«

So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle
notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des
Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.

Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde
und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.



Neuntes Kapitel.

Auf Kundschaft.


Ich hatte mir vorgenommen, zunächst den südlichsten Stamm, die
Dschowari, aufzusuchen. Der beste Weg zu ihnen wäre gewesen, dem
Thatharflusse zu folgen, der fast stets parallel mit dem Tigris fließt;
leider aber war sehr zu vermuten, daß just an seinen Ufern die Obeïde
ihre Herden weideten, und so hielt ich mich weiter westlich. Ich hatte
mich so einzurichten, daß ich etwa eine Meile oberhalb Tekrit den Tigris
erreichte; dann traf ich sicher auf den gesuchten Stamm.

Mit Proviant war ich reichlich versehen; Wasser brauchte ich für mein
Pferd nicht, da der Pflanzenwuchs im vollen Safte stand. Und so hatte
ich weiter keine Sorge, als die Richtung beizubehalten und jede
feindliche Begegnung zu vermeiden. Für das erstere hatte ich den
Ortssinn, die Sonne und den Kompaß, und für das letztere das Fernrohr,
mit dessen Hilfe ich alles erkennen konnte, bevor ich selbst gesehen
wurde.

Der Tag verging ohne irgend ein Abenteuer, und am Abend legte ich mich
hinter einem einsamen Felsen zur Ruhe. Bevor ich einschlief, kam mir der
Gedanke, ob es nicht vielleicht besser sei, ganz bis Tekrit zu reiten,
da ich dort ja ohne Aufsehen vieles erfahren konnte, was mir zu wissen
notwendig war. Es war dies ein sehr überflüssiges Überlegen, wie ich am
andern Morgen sehen sollte. Ich hatte nämlich sehr fest geschlafen und
erwachte durch das warnende Schnauben meines Pferdes. Als ich
aufblickte, sah ich fünf Reiter von Norden her grade auf die Stelle
zukommen, an welcher ich mich befand. Sie waren so nahe, daß sie mich
bereits gesehen hatten. Flucht lag nicht in meinem Sinne, obgleich mich
der Rappe wohl schnell davongetragen hätte. Ich erhob mich also, saß
auf, um für alles gerüstet zu sein, und nahm den Stutzen nachlässig zur
Hand.

Sie kamen im Galopp herbei und parierten ihre Pferde einige Schritte vor
mir. Da in ihren Mienen nicht die geringste Feindseligkeit zu finden
war, konnte ich mich einstweilen beruhigen.

»Sallam aaleïkum!« grüßte mich der eine.

»Aaleïkum!« antwortete ich.

»Du hast hier diese Nacht geschlafen?«

»So ist es.«

»Hast du kein Zelt, unter welchem du dein Haupt zur Ruhe legen
könntest?«

»Nein. Allah hat seine Gaben verschieden ausgeteilt. Dem einen giebt er
ein Dach von Filz und dem andern den Himmel zur Decke.«

»Du aber könntest ein Zelt besitzen; hast du doch ein Pferd, welches
mehr wert ist, als hundert Zelte.«

»Es ist mein einziges Besitztum.«

»Verkaufst du es?«

»Nein.«

»Du mußt zu einem Stamme gehören, der nicht weit von hier sein Lager
hat.«

»Warum?«

»Dein Hengst ist frisch.«

»Und dennoch wohnt mein Stamm viele, viele Tagreisen von hier, weit,
weit noch hinter den heiligen Städten im Westen.«

»Wie heißt dein Stamm?«

»Uëlad German.«

»Ja, da drüben im Moghreb sagt man meist Uëlad statt Beni oder Abu.
Warum entfernst du dich so weit von deinem Lande?«

»Ich habe Mekka gesehen und will nun auch noch die Duars und Städte
sehen, welche gegen Persien liegen, damit ich den Meinen viel erzählen
kann, wenn ich heimkehre.«

»Wohin geht zunächst dein Weg?«

»Immer nach Aufgang der Sonne, wohin mich Allah führt.«

»So kannst du mit uns reiten.«

»Wo ist euer Ziel?«

»Oberhalb der Kernina-Klippen, wo unsere Herden am Ufer und auf den
Inseln des Tigris weiden.«

Hm! Sollten diese Leute etwa gar Dschowari sein? Sie hatten mich
gefragt: es war also nicht unhöflich, wenn auch ich mich erkundigte.

»Welchem Stamme gehören diese Herden?«

»Dem Stamme Abu Mohammed.«

»Sind noch andere Stämme in der Nähe?«

»Ja. Abwärts die Alabeïden, welche dem Scheik von Kernina Tribut
bezahlen, und aufwärts die Dschowari.«

»Wem bezahlen diese den Tribut?«

»Man hört es, daß du aus fernen Landen kommst. Die Dschowari zahlen
nicht, sondern sie nehmen sich Tribut. Es sind Diebe und Räuber, vor
denen unsere Herden keinen Augenblick sicher sind. Komm mit uns, wenn du
gegen sie kämpfen willst!«

»Ihr kämpft mit ihnen?«

»Ja. Wir haben uns mit den Alabeïden verbunden. Willst du Thaten thun,
so kannst du es bei uns lernen. Aber warum schläfst du hier am Hügel des
Löwen?«

»Ich kenne diesen Ort nicht. Ich war müde und habe mich zur Ruhe
gelegt.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; du bist ein Liebling Allahs, sonst hätte
dich der Würger der Herden zerrissen. Kein Araber möchte hier eine
Stunde ruhen, denn an diesem Felsen halten die Löwen ihre
Zusammenkünfte.«

»Es giebt hier am Tigris Löwen?«

»Ja, am unteren Laufe des Stromes; weiter oben aber findest du nur den
Leopard. Willst du mit uns reiten?«

»Wenn ich euer Gast sein soll.«

»Du bist es. Nimm unsere Hand und laß uns Datteln tauschen!«

Wir legten die flachen Hände ineinander, und dann bekam ich von jedem
eine Dattel, die ich aß, während ich fünf andere dafür gab, welche auch
aus freier Hand verzehrt wurden. Dann schlugen wir die Richtung nach
Südosten ein. Einige Zeit später passierten wir den Thathar, und die
ebene Gegend wurde nach und nach bergiger.

Ich lernte in meinen Begleitern fünf ehrliche Nomaden kennen, in deren
Herzen kein Falsch zu finden war. Sie hatten zur Feier einer Hochzeit
einen befreundeten Stamm besucht und kehrten nun zurück voll Freude über
die Festlichkeiten und Gelage, denen sie beigewohnt hatten.

Das Terrain hob sich mehr und mehr, bis es sich plötzlich wieder senkte.
Zur Rechten wurden in weiter Ferne die Ruinen von Alt-Tekrit sichtbar,
zur Linken, auch weit entfernt, der Dschebel Kernina, und vor uns
breitete sich das Thal des Tigris aus. In einer halben Stunde war der
Strom erreicht. Er hatte hier die Breite von wohl einer englischen
Meile, und seine Wasser wurden von einer großen, langgestreckten, grün
bewachsenen Insel geteilt, auf welcher ich mehrere Zelte erblickte.

»Du gehst mit hinüber? Du wirst unserem Scheik willkommen sein!«

»Wie kommen wir hinüber?«

»Das wirst du gleich sehen, denn wir sind bereits bemerkt worden. Komm
weiter aufwärts, wo das Kellek landet.«

Ein Kellek ist ein Floß, welches gewöhnlich zweimal so lang als breit
ist. Es besteht aus aufgeblasenen Ziegenfellen, welche durch Querhölzer
befestigt sind, über welche Balken oder Bretter gelegt werden, auf denen
sich die Last befindet. Das einzige Bindemittel besteht aus Weiden.
Regiert wird so ein Floß durch zwei Ruder, deren Riemen aus gespaltenen
und wieder zusammengebundenen Bambusstücken gefertigt sind. Ein solches
Floß stieß drüben von der Insel ab. Es war so groß, daß es mehr als
sechs Reiter tragen konnte, und brachte uns wohlbehalten hinüber.

Wir wurden von einer Menge von Kindern, einigen Hunden und einem alten,
ehrwürdig aussehenden Araber bewillkommt, welcher der Vater eines meiner
Gefährten war.

»Erlaube, daß ich dich zum Scheik führe,« sagte der bisherige
Wortführer.

Auf unserem Wege gesellten sich mehrere Männer zu uns, die sich aber
bescheiden hinter uns hielten und mich durch keine Frage belästigten.
Ihre Blicke hingen voll Bewunderung an meinem Pferde. Der Weg ging nicht
weit. Er endete vor einer ziemlich geräumigen Hütte, welche aus
Weidenstämmen gefertigt, mit Bambus gedeckt und von innen mit Matten
bekleidet war. Als wir eintraten, erhob sich ein stark und kräftig
gebauter Mann von dem Teppiche, auf dem er gesessen hatte. Er war
beschäftigt gewesen, sein Scharay[147] auf einem Steine zu schärfen.

    [147] Scharfes afghanisches Messer.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich.

»Aaleïk!« antwortete er, indem er mich scharf musterte.

»Erlaube mir, o Scheik, dir diesen Mann zu bringen,« bat mein Begleiter.
»Er ist ein vornehmer Krieger, so daß ich ihm mein Zelt nicht anzubieten
wage.«

»Wen du bringst, der ist mir willkommen,« lautete die Antwort.

Der andere entfernte sich, und der Scheik reichte mir die Hand.

»Setze dich, o Fremdling. Du bist müde und hungrig, du sollst ruhen und
essen; erlaube aber zuvor, daß ich nach deinem Pferde sehe!«

Das war ganz das Verhalten eines Arabers: erst das Pferd und dann der
Mann. Als er wieder eintrat, sah ich es ihm sofort an, daß ihm der
Anblick des Rappen Achtung für mich eingeflößt hatte.

»Du hast ein edles Tier, Masch Allah; möge es dir erhalten bleiben! Ich
kenne es.«

Ah, das war allerdings schlimm! Vielleicht aber auch nicht!

»Woher kennst du es?«

»Es ist das beste Roß der Haddedihn.«

»Auch die Haddedihn kennst du?«

»Ich kenne alle Stämme. Aber dich kenne ich nicht.«

»Kennst du den Scheik der Haddedihn?«

»Mohammed Emin?«

»Ja. Von ihm komme ich.«

»Wohin willst du?«

»Zu dir.«

»Er hat dich zu mir gesandt?«

»Nein, und dennoch komme ich als sein Bote zu dir.«

»Ruhe dich erst aus, bevor du erzählst.«

»Ich bin nicht müde, und was ich dir zu sagen habe, ist so wichtig, daß
ich es gleich sagen möchte.«

»So sprich!«

»Ich höre, daß die Dschowari deine Feinde sind.«

»Sie sind es,« antwortete er mit finsterer Miene.

»Sie sind auch die meinigen; sie sind auch die Feinde der Haddedihn.«

»Ich weiß es.«

»Weißt du auch, daß sie sich mit den Abu Hammed und Obeïde verbunden
haben, die Haddedihn in ihren Weidegründen anzugreifen?«

»Ich weiß es.«

»Ich höre, daß du dich mit den Alabeïden vereinigt hast, sie zu
strafen?«

»Ja.«

»So komme ich zu dir, um das Nähere mit dir zu besprechen.«

»So sage ich nochmals: sei mir willkommen! Du wirst dich erquicken und
uns nicht eher verlassen, als bis ich meine Ältesten zusammengerufen
habe.«

Nach kaum einer Stunde saßen acht Männer um mich und den Scheik herum
und rissen große Fetzen Fleisches von dem Hammel, welcher aufgetragen
worden war. Diese acht Männer waren die Ältesten der Abu Mohammed. Ich
erzählte ihnen offen, wie ich zu den Haddedihn gekommen und der Bote
ihres Scheik geworden war.

»Was willst du uns für Vorschläge machen?« fragte der Scheik.

»Keine. Über eure Häupter sind mehr Jahre gezogen als über mein Haupt.
Es ziemt dem Jüngeren nicht, dem Alten die Wege vorzuschreiben.«

»Du sprichst die Sprache der Weisen. Dein Haupt ist noch jung, aber dein
Verstand ist alt, sonst hätte Mohammed Emin dich nicht zu seinem
Gesandten gemacht. Rede! Wir werden hören und dann entscheiden.«

»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»Das sind siebzehnhundert. Genau halb so viel, als die Feinde zusammen
zählen.«

»Wie viele Krieger haben die Haddedihn?«

»Elfhundert. Doch auf die Zahl kommt es oftmals weniger an. Wißt ihr
vielleicht, wann die Dschowari sich mit den Abu Hammed vereinigen
wollen?«

»Am Tage nach dem nächsten Jaum el Dschema[148].«

    [148] Tag der Versammlung = Freitag.

»Weißt du das genau?«

»Wir haben einen treuen Verbündeten unter den Dschowari.«

»Und wo soll diese Vereinigung geschehen?«

»Bei den Ruinen von Khan Kernina.«

»Und dann?«

»Dann werden sich diese beiden Stämme mit den Obeïde vereinigen.«

»Wo?«

»Zwischen dem Wirbel Kelab und dem Ende der Kanuzaberge.«

»Wann?«

»Am dritten Tage nach dem Versammlungstag.«

»Du bist außerordentlich gut unterrichtet. Wohin werden sie sich nachher
wenden?«

»Grad nach den Weideplätzen der Haddedihn.«

»Was wolltet ihr thun?«

»Wir wollten die Zelte überfallen, in denen sie ihre Frauen und Kinder
zurücklassen, und dann ihre Herden wegführen.«

»Würde dies klug sein?«

»Wir nehmen uns das wieder, was uns geraubt wurde.«

»Ganz richtig. Aber die Haddedihn sind elfhundert, die Feinde aber
dreitausend Krieger. Sie hätten gesiegt, wären als Sieger zurückgekehrt
und euch nachgejagt, um euch mit dem Raube auch eure jetzige Habe
wegzunehmen. Wenn ich unrecht habe, so sagt es.«

»Du hast recht. Wir dachten, die Haddedihn würden durch andere Stämme
der Schammar verstärkt werden.«

»Diese Stämme werden vom Gouverneur von Mossul angegriffen.«

»Was rätst du uns? Würde es nicht am besten sein, die Feinde einzeln zu
vernichten?«

»Ihr würdet einen Stamm besiegen, und die andern beiden aufmerksam
machen. Sie müssen kurz nach ihrer Vereinigung, also bei dem Wirbel El
Kelab angegriffen werden. Wenn es euch recht ist, wird Mohammed Emin am
dritten Tage nach dem Jaum el Dschema mit seinen Kriegern von den
Kanuzabergen herabsteigen und sich auf die Feinde werfen, während ihr
sie von Süden angreift und sie somit in den Strudel Kelab getrieben
werden.«

Dieser Plan wurde nach längerer Beratung angenommen und dann noch auf
das Eingehendste besprochen. Darüber war ein großer Teil des Nachmittags
vergangen und der Abend rückte heran, so daß ich mich veranlaßt sah,
für die Nacht noch zu bleiben. Am andern Morgen aber wurde ich beizeiten
wieder an das Ufer gesetzt und ritt denselben Weg zurück, den ich
gekommen war.

Meine Aufgabe, die ein so schwieriges Aussehen gehabt hatte, war auf
eine so leichte und einfache Weise gelöst worden, daß ich mich fast
schämen mußte, es zu erzählen. Der Rappe durfte nicht so billig verdient
werden. Was konnte ich aber noch thun? Ja, war es nicht vielleicht
besser, den Kampfplatz vorher ein wenig zu studieren? Diesen Gedanken
wurde ich nicht wieder los. Ich setzte also gar nicht über den Thathar
zurück, sondern ritt an seinem linken Ufer nach Norden hinauf, um die
Kanuzaberge zu erreichen. Erst als der Nachmittag beinahe zur Hälfte
verflossen war, kam mir der Gedanke, ob nicht das Wadi Dschehennem, wo
ich mit dem Engländer die Pferdediebe getroffen hatte, ein Teil dieser
Kanuzaberge sei. Ich wußte diese Frage nicht zu beantworten, setzte
meinen Weg fort und hielt mich später mehr nach rechts, um in die Nähe
des Dschebel Hamrin zu kommen.

Die Sonne war beinahe bis zum Horizont niedergesunken, als ich zwei
Reiter bemerkte, welche am westlichen Gesichtskreise erschienen und mit
großer Schnelligkeit näher kamen. Als sie mich sahen, hielten sie einen
Augenblick an, kamen aber dann auf mich zu. Sollte ich fliehen? Vor
zweien? Nein! Ich parierte also mein Pferd und erwartete sie.

Es waren zwei Männer, welche in dem rüstigsten Alter standen. Sie
hielten vor mir an.

»Wer bist du?« fragte der eine mit einem lüsternen Blick auf den Rappen.

So eine Anrede war mir unter Arabern noch nicht vorgekommen.

»Ein Fremdling,« antwortete ich kurz.

»Woher kommst du?«

»Von Westen, wie ihr seht.«

»Wohin willst du?«

»Wohin das Kismet mich führt.«

»Komm mit uns. Du sollst unser Gast sein.«

»Ich danke dir. Ich habe bereits einen Gastfreund, der für ein Lager
sorgt.«

»Wen?«

»Allah. Lebt wohl!«

Ich war zu sorglos gewesen, denn noch hatte ich mich nicht abgewandt, so
langte der eine in den Gürtel, und im nächsten Augenblick flog mir seine
Wurfkeule so an den Kopf, daß ich sofort vom Pferde glitt. Zwar dauerte
die Betäubung nicht lange, aber die Räuber hatten mich doch unterdessen
binden können.

»Sallam aaleïkum,« grüßte jetzt der eine. »Wir waren vorhin nicht
höflich genug, und daher war dir unsere Gastfreundschaft nicht angenehm.
Wer bist du?«

Ich antwortete natürlich nicht.

»Wer du bist?«

Ich schwieg, trotzdem er seine Frage mit einem Fußtritte begleitete.

»Laß ihn,« meinte der andere. »Allah wird Wunder thun und ihm den Mund
öffnen. Soll er reiten oder gehen?«

»Gehen!«

Sie lockerten mir die Riemen um die Beine und banden mich an den
Steigbügel des einen Pferdes. Dann nahmen sie meinen Rappen beim Zügel
und – fort ging es, scharf nach Osten. Ich war trotz meines guten
Pferdes ein Gefangener. Der Mensch ist oft ein sehr übermütiges
Geschöpf!

Das Terrain erhob sich nach und nach. Wir kamen zwischen Bergen
hindurch, und endlich sah ich aus einem Thale mehrere Feuer uns
entgegenleuchten. Es war nämlich mittlerweile Nacht geworden. Wir
lenkten in dies Thal ein, kamen an mehreren Zelten vorüber und hielten
endlich vor einem derselben, aus welchem in diesem Augenblick ein junger
Mann trat. Er sah mich und ich ihn – wir erkannten einander.

»Allah il Allah! Wer ist dieser Gefangene?« fragte er.

»Wir fingen ihn draußen in der Ebene. Er ist ein Fremder, der uns keine
Thar[149] bringen wird. Sieh dieses Tier an, welches er ritt!«

    [149] Blutrache.

Der Angeredete trat zu dem Rappen und rief erstaunt:

»Allah akbar, das ist ja der Rappe von Mohammed Emin, dem Haddedihn!
Führt diesen Menschen hinein zu meinem Vater, dem Scheik, daß er verhört
werde. Ich rufe die andern zusammen.«

»Was thun wir mit dem Pferde?«

»Es bleibt vor dem Zelte des Scheik.«

»Und seine Waffen?«

»Werden in das Zelt gebracht.«

Eine halbe Stunde später stand ich abermals vor einer Versammlung, aber
vor einer Versammlung von – Richtern. Hier konnte mein Schweigen nichts
nützen, und ich beschloß daher, zu sprechen.

»Kennst du mich?« fragte der Älteste der Anwesenden.

»Nein.«

»Weißt du, wo du dich befindest?«

»Nein.«

»Kennst du diesen jungen, tapferen Araber?«

»Ja.«

»Wo hast du ihn gesehen?«

»Am Dschebel Dschehennem. Er hatte mir vier Pferde gestohlen, welche ich
mir wieder holte.«

»Lüge nicht!«

»Wer bist du, daß du so zu mir sprichst?«

»Ich bin Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed.«

»Zedar Ben Huli, der Scheik der Pferderäuber!«

»Mensch, schweig! Dieser junge Krieger ist mein Sohn.«

»Du kannst stolz auf ihn sein, o Scheik!«

»Schweig, sage ich dir abermals, sonst wirst du es bereuen. Wer ist ein
Pferderäuber? Du bist es! Wem gehört das Pferd, welches du geritten
hast?«

»Mir.«

»Lüge nicht!«

»Zedar Ben Huli, danke Allah, daß mir die Hände gebunden sind. Wenn das
nicht wäre, so würdest du mich niemals wieder einen Lügner heißen!«

»Bindet ihn fester!« gebot er.

»Wer will sich an mir vergreifen, an dem Hadschi, in dessen Tasche sich
das Wasser des Zem-Zem befindet!«

»Ja, ich sehe, du bist ein Hadschi, denn du hast das Hamaïl umhangen.
Aber hast du wirklich das Wasser des heiligen Zem-Zem bei dir?«

»Ja.«

»Gieb uns davon.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich trage das Wasser nur für Freunde bei mir.«

»Sind wir deine Feinde?«

»Ja.«

»Nein. Wir haben dir noch kein Leid gethan. Wir wollen nur das Pferd,
welches du geraubt hast, seinem Eigner wieder bringen.«

»Der Eigner bin ich.«

»Du bist ein Hadschi mit dem heiligen Zem-Zem, und dennoch sagst du die
Unwahrheit. Ich kenne diesen Hengst ganz genau; er gehört Mohammed Emin,
dem Scheik der Haddedihn. Wie kommst du zu diesem Pferde?«

»Er hat es mir geschenkt.«

»Du lügst! Kein Araber verschenkt ein solches Pferd.«

»Ich sagte dir bereits, daß du Allah danken sollst dafür, daß ich
gefesselt bin!«

»Warum hat er dir es geschenkt?«

»Das ist seine Sache und die meinige; Euch aber geht das nichts an!«

»Du bist ein sehr höflicher Hadschi! Du mußt dem Scheik der Haddedihn
einen großen Dienst erwiesen haben, da er dir ein solches Geschenk
giebt. Wir wollen dich nicht weiter darüber fragen. Wann hast du die
Haddedihn verlassen?«

»Vorgestern früh.«

»Wo weiden ihre Herden?«

»Ich weiß es nicht. Die Herden des Arabers sind bald hier, bald dort.«

»Könntest du uns zu ihnen führen?«

»Nein.«

»Wo warst du seit vorgestern?«

»Überall.«

»Gut; du willst nicht antworten, so magst du sehen, was mit dir
geschieht. Führet ihn fort!«

Ich wurde in ein kleines, niedriges Zelt geschafft und dort angebunden.
Zu meiner Rechten und zu meiner Linken kauerte sich je ein Beduine
nieder, welche dann später abwechselnd schliefen. Ich hatte geglaubt,
die Entscheidung über mein Schicksal noch heute zu vernehmen, sah mich
aber getäuscht; denn die Versammlung ging später, wie ich hörte,
auseinander, ohne daß mir etwas über ihren Beschluß gesagt worden wäre.
Ich schlief ein. Ein unruhiger Traum bemächtigte sich meiner. Ich lag
nicht hier in dem Zelte am Tigris, sondern in einer Oase der Sahara. Das
Wachtfeuer loderte, der Lagmi[150] kreiste von Hand zu Hand, und die
Märchen gingen von Mund zu Mund. Da plötzlich ließ sich jener grollende
Donner vernehmen, den keiner vergessen kann, der ihn einmal gehört hat,
der Donner der Löwenstimme. Assad-Bei, der Herdenwürger, nahte sich, um
sein Nachtmahl zu holen. Wieder und näher ertönte seine Stimme – – ich
erwachte.

    [150] Dattelpalmensaft.

War das ein Traum gewesen? Neben mir lagen die beiden Abu-Hammed-Araber,
und ich hörte, wie der eine die heilige Fatcha betete. Da grollte der
Donner zum drittenmal. Es war Wirklichkeit – ein Löwe umschlich das
Lager.

»Schlaft ihr?« fragte ich.

»Nein.«

»Hört ihr den Löwen?«

»Ja. Heute ist es das dritte Mal, daß er sich Speise holt.«

»Tötet ihn!«

»Wer soll ihn töten, den Mächtigen, den Erhabenen, den Herrn des Todes?«

»Feiglinge! Kommt er auch in das Innere des Lagers?«

»Nein. Sonst ständen die Männer nicht vor ihren Zelten, um seine Stimme
vollständig zu hören.«

»Ist der Scheik bei ihnen?«

»Ja.«

»Gehe hinaus zu ihm und sage ihm, daß ich den Löwen töten werde, wenn er
mir mein Gewehr giebt.«

»Du bist wahnsinnig!«

»Ich bin vollständig bei Sinnen. Gehe hinaus!«

»Ist es dein Ernst?«

»Ja; packe dich!«

Es hatte sich eine ganz bedeutende Aufregung meiner bemächtigt; ich
hätte meine Fessel zersprengen mögen. Nach einigen Minuten kehrte der
Mann zurück. Er band mich los.

»Folge mir!« gebot er.

Draußen standen viele Männer, mit den Waffen in der Hand; aber keiner
wagte es, aus dem Schutze der Zelte zu treten.

»Du hast mit mir sprechen wollen. Was willst du?« fragte der Scheik.

»Erlaube mir, diesen Löwen zu erlegen.«

»Du kannst keinen Löwen töten! Zwanzig von uns reichen nicht aus, ihn zu
jagen, und mehrere würden sterben daran.«

»Ich töte ihn allein; es ist der erste nicht.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Wenn du ihn erlegen willst, so habe ich nichts dagegen. Allah giebt das
Leben und Allah nimmt es wieder; es steht alles im Buche verzeichnet.«

»So gieb mir mein Gewehr!«

»Welches?«

»Das schwere, und mein Messer.«

»Bringt ihm beides,« gebot der Scheik.

Der gute Mann sagte sich jedenfalls, daß ich ein Kind des Todes und er
dann unbestrittener Erbe meines Pferdes sei. Mir aber war es um den
Löwen, um die Freiheit und um das Pferd zugleich zu thun, und diese Drei
konnte ich haben, wenn ich in den Besitz meiner Büchse gelangte.

Sie wurde mir nebst dem Messer gebracht.

»Willst du mir nicht die Hände frei machen lassen, o Scheik?«

»Du willst wirklich nur den Löwen erschießen?«

»Ja.«

»Beschwöre es. Du bist ein Hadschi; schwöre es bei dem heiligen Zem-Zem,
welchen du in der Tasche hast.«

»Ich schwöre es!«

»Löst ihm die Hände!«

Jetzt war ich frei. Die anderen Waffen lagen im Zelte des Scheik, und
vor demselben war der Rappe. Ich hatte keine Besorgnis mehr.

Es war die Stunde, in welcher der Löwe am liebsten um die Herden
schleicht, die Zeit kurz vor dem Morgengrauen. Ich fühlte an meinen
Gürtel, ob der Patronenbeutel noch vorhanden sei, dann schritt ich bis
zum ersten Zelte vor. Hier blieb ich eine Weile stehen, um mein Auge an
die Dunkelheit zu gewöhnen. Vor mir und zu beiden Seiten gewahrte ich
einige Kamele und zahlreiche Schafe, die sich zusammengedrängt hatten.
Die Hunde, welche sonst des Nachts die Wächter dieser Tiere sind, waren
entflohen und hatten sich hinter oder in die Zelte verkrochen.

Ich legte mich auf den Boden nieder und kroch leise und langsam
vorwärts. Ich wußte, daß ich den Löwen noch eher riechen würde, als ich
ihn bei dieser Dunkelheit zu Gesichte bekommen konnte. Da – – es war als
ob der Boden unter mir erbebte – erscholl der Donner dieser Stimme
seitwärts von mir, und einige Augenblicke darauf vernahm ich einen
dumpfen Schall, wie wenn ein schwerer Körper gegen einen andern prallt –
ein leises Stöhnen, ein Knacken und Krachen wie von zermalmt werdenden
Knochen – und da, höchstens zwanzig Schritte vor mir funkelten die
beiden Feuerkugeln: – ich kannte dieses grünliche rollende Licht. Ich
hob das Gewehr trotz der Dunkelheit, zielte, so gut es gehen wollte, und
drückte ab.

Ein gräßlicher Laut durchzitterte die Luft. Der Blitz meines Schusses
hatte dem Löwen seinen Feind gezeigt; auch ich hatte ihn gesehen, der
auf dem Rücken eines Kameles lag und den Halswirbel desselben mit seinen
Zähnen zermalmte. Hatte ich ihn getroffen? Ein großer dunkler Gegenstand
schnellte durch die Luft und kam höchstens drei Schritte vor mir auf den
Boden nieder. Die Lichter funkelten abermals. Entweder war der Sprung
schlecht berechnet gewesen, oder das Tier war doch verwundet. Ich kniete
noch fast im Anschlage und drückte den zweiten und letzten Schuß los,
nicht mitten zwischen die Augen, sondern gerade mitten in das eine Auge
hinein. Dann ließ ich die Büchse blitzschnell fallen und nahm das Messer
zur Hand – der Feind kam nicht über mich; er war von dem tödlichen
Schusse förmlich zurückgeworfen worden. Trotzdem aber zog ich mich
einige Schritte zurück, um wieder zu laden. Ringsum herrschte Stille;
auch im Lager war kein Hauch zu hören. Man hielt mich wohl für tot.

Sobald aber der schwächste Schimmer des Tages den Körper des Löwen
einigermaßen erkennen ließ, trat ich hinzu. Er war tot, und nun machte
ich mich daran, ihn aus der Haut zu schälen. Ich hatte meine Gründe,
nicht lange damit zu warten. Es fiel mir gar nicht ein, diese Trophäe
zurückzulassen. Die Arbeit ging mehr nach dem Gefühle als nach dem
Gesichte vor sich, war aber doch beendet, als der Morgenschimmer etwas
kräftiger wurde.

Jetzt nahm ich das Fell, schlug es mir über die Schulter und kehrte in
das Lager zurück. Es war jedenfalls nur ein kleines Zweiglager der
räuberischen Abu Hammed. Die Männer, Frauen und Kinder saßen
erwartungsvoll vor ihren Zelten. Als sie mich erblickten, erhob sich ein
ungeheurer Lärm. Allah wurde in allen Tönen angerufen, und hundert Hände
streckten sich nach meiner Beute aus.

»Du hast ihn getötet?« rief der Scheik. »Wirklich? Allein?«

»Allein!«

»So hat dir der Scheïtan beigestanden!«

»Steht der Scheïtan einem Hadschi bei?«

»Nein; aber du hast einen Zauber, ein Amulet, einen Talisman, mit Hilfe
dessen du diese That vollbringst?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»Hier!«

Ich hielt ihm die Büchse vor die Nase.

»Das ist es nicht. Du willst es uns nicht sagen. Wo liegt der Körper des
Löwen?«

»Draußen rechts vor den Zelten. Holt ihn euch!«

Die meisten der Anwesenden eilten fort. Das hatte ich gewünscht.

»Wem gehört die Haut des Löwen?« frug der Scheik mit lüsternem Blick.

»Darüber wollen wir in deinem Zelte beraten. Tretet ein!«

Alle folgten mir; es waren wohl nur zehn oder zwölf Männer da. Gleich
beim Eintritt erblickte ich meine anderen Waffen; sie hingen an einem
Pflock. Mit zwei Schritten stand ich dort, riß sie herab, warf die
Büchse über die Schulter und nahm den Stutzen in die Hand. Die Löwenhaut
war mir infolge ihrer Größe und Schwere sehr hinderlich; aber es mußte
doch versucht werden. Rasch stand ich wieder unter dem Eingang des
Zeltes.

»Zedar Ben Huli, ich habe dir versprochen, mit dieser Büchse nur auf den
Löwen zu schießen – – –«

»Ja.«

»Aber auf wen ich mit diesem anderen Gewehr schießen werde, das habe ich
nicht gesagt.«

»Es gehört hierher. Gieb es zurück.«

»Es gehört in meine Hand, und die wird es behalten.«

»Er wird fliehen – haltet ihn!«

Da erhob ich den Stutzen zum Schuß.

»Halt! Wer es wagt, mich zu hindern, der ist eine Leiche! Zedar Ben
Huli, ich danke dir für die Gastfreundschaft, welche ich bei dir
genossen habe. Wir sehen uns wieder!«

Ich trat hinaus. Eine Minute lang wagte es keiner, mir zu folgen. Diese
kurze Zeit genügte, den Rappen zu besteigen und die Haut vor mich
hinzunehmen. Als sich das Zelt wieder öffnete, galoppierte ich bereits
am letzten Zelte vorbei.

Hinter mir und zur Seite, wo der Körper des Löwen lag, erscholl ein
wütendes Geschrei, und ich bemerkte, daß alle zu den Waffen und zu den
Pferden rannten. Als ich das Lager hinter mir hatte, ritt ich nur im
Schritte. Der Rappe scheute vor dem Felle; er konnte den Geruch des
Löwen nicht vertragen und schnaubte ängstlich zur Seite. Jetzt blickte
ich rückwärts und sah die Verfolger zwischen den Zelten förmlich
hervorquellen. Nun ließ ich den Hengst traben, und erst als der
vorderste Verfolger in Schußweite gekommen war, wollte ich den Rappen
weiter ausgreifen lassen; ich besann mich aber anders. Ich hielt,
drehte mich um und zielte. Der Schuß krachte, und das Pferd brach unter
seinem Reiter tot zusammen. Diesen Pferdedieben konnte eine solche Lehre
nichts schaden. Nun erst ritt ich Galopp, wobei ich den abgeschossenen
Lauf wieder lud.

Als ich mich abermals umwandte, waren mir zwei wieder nahe genug
gekommen; ihre Flinten freilich hätten mich nicht zu erreichen vermocht.
Ich hielt wieder, drehte um und zielte – zwei Schüsse knallten
nacheinander und zwei Pferde stürzten nieder. Das war den andern doch zu
viel; sie stutzten und blieben zurück. Als ich mich nach längerer Zeit
wieder umschaute, erblickte ich sie in weiter Ferne, wo sie bloß noch
meinen Spuren zu folgen schienen.

Jetzt jagte ich, um sie irre zu leiten, beinahe eine Stunde lang stracks
nach West fort; dann bog ich auf einem steinigen Boden, wo die Hufspuren
nicht zu sehen waren, nach Norden um und hatte bereits gegen Mittag den
Tigris beim Strudel Kelab erreicht. Er liegt kurz unter dem Einflusse
des Zab-asfal, und nur wenige Minuten unterhalb ist die Stelle, an
welcher die Kanuzaberge in das Gebirge von Hamrin übergehen. Dieser
Übergang geschieht durch einzelne isolierte Erhöhungen, welche durch
tiefe und nicht sehr breite Thäler getrennt werden. Das breiteste Thal
von ihnen wurde jedenfalls von den Feinden zum Durchzuge gewählt, und so
prägte ich mir das Terrain und die Zugänge zu demselben mit der
möglichsten Genauigkeit ein; dann eilte ich dem Thathar wieder entgegen,
den ich am Nachmittage erreichte und überschritt. Das Verlangen trieb
mich zu den Freunden; aber ich mußte das Pferd schonen und hielt daher
noch eine Nachtruhe.

Am andern Mittag kam mir die erste Schafherde der Haddedihn wieder vor
Augen, und ich ritt im Galopp auf das Zeltlager los, ohne auf die Zurufe
zu achten, welche von allen Seiten erschollen. Der Scheik hatte aus
ihnen geschlossen, daß etwas Ungewöhnliches vorgehe, und trat eben aus
dem Zelte, als ich vor demselben anlangte.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß du wieder da bist!« begrüßte er mich.
»Wie ist es gegangen?«

»Gut.«

»Hast du etwas erfahren?«

»Alles!«

»Alles? Was?«

»Rufe die Ältesten zusammen; ich werde euch Bericht erstatten.«

Jetzt erst bemerkte er die Haut, welche ich auf der anderen Seite des
Pferdes herabgeworfen hatte.

»Maschallah, Wunder Gottes, ein Löwe! Wie kommst du zu diesem Felle?«

»Ich habe es ihm abgezogen.«

»Ihm? Dem Herrn selbst?«

»Ja.«

»So hast du mit ihm gesprochen?«

»Kurze Zeit.«

»Wie viele Jäger waren dabei?«

»Keiner.«

»Allah sei mit dir, daß dich dein Gedächtnis nicht verlasse!«

»Ich war allein!«

»Wo?«

»Im Lager der Abu Hammed.«

»Die hätten dich erschlagen!«

»Sie haben es nicht gethan, wie du siehst. Sogar Zedar Ben Huli hat mir
das Leben gelassen.«

»Auch ihn hast du gesehen?«

»Auch ihn. Ich habe ihm drei Pferde erschossen.«

»Erzähle!«

»Nicht jetzt, nicht dir allein, denn sonst muß ich alles öfters
erzählen. Rufe die Leute, und dann sollst du alles ausführlich hören!«

Er ging. Ich wollte eben in sein Zelt treten, als ich den Engländer im
vollsten Galopp daherstürmen sah.

»Habe soeben gehört, daß Ihr da seid, Sir,« rief er schon von weitem.
»Habt Ihr gefunden?«

»Ja; die Feinde, das Schlachtfeld und alles.«

»Pah! Auch Ruinen mit Fowling-bull?«

»Auch!«

»Schön, sehr gut! Werde graben, finden und nach London schicken. Erst
aber wohl kämpfen?«

»Ja.«

»Gut, werde fechten wie Bayard. Ich auch gefunden.«

»Was?«

»Seltenheit, Schrift.«

»Wo?«

»Loch, hier in der Nähe. Ziegelstein.«

»Eine Schrift auf einem Ziegelstein?«

»#Yes!# Keilschrift. Könnt Ihr lesen?«

»Ein wenig.«

»Ich nicht. Wollen sehen!«

»Ja. Wo ist der Stein?«

»In Zelt. Gleich holen!«

Er ging hinein und brachte seinen kostbaren Fund zum Vorschein.

»Hier, ansehen, lesen!«

Der Stein war beinahe vollständig zerbröckelt, und die wenigen Keile,
welche die verwitterte Inschrift noch zeigte, waren kaum mehr zu
unterscheiden.

»Nun?« fragte Master Lindsay neugierig.

»Wartet nur. Das ist nicht so leicht, als Ihr denkt. Ich finde nur drei
Worte, die vielleicht zu entziffern wären. Sie heißen, wenn ich nicht
irre: #Tetuda Babrut ésis.#«

»Was heißt das?«

»Zum Ruhme Babylons aufgeführt.«

Der gute Master David Lindsay zog seinen parallelogrammen Mund bis
hinter an die Ohren.

»Lest Ihr richtig, Sir?«

»Ich denke es.«

»Was daraus nehmen?«

»Alles und nichts!«

»Hm! Hier doch gar nicht Babylon!«

»Was sonst?«

»Niniveh!«

»Meinetwegen Rio de Janeïro! Reimt Euch das Dings da selbst zusammen
oder auseinander; ich habe jetzt keine Zeit dazu.«

»Aber warum ich Euch mitgenommen?«

»Gut! Hebt den Ziegelkloß auf, bis ich Zeit habe!«

»#Well!# Was habt Ihr zu thun?«

»Es wird gleich Sitzung sein, in der ich meine Erlebnisse zu erzählen
habe.«

»Werde auch mitthun!«

»Und übrigens muß ich vorher essen. Ich habe Hunger wie ein Bär.«

»Auch da werde mitthun!«

Er trat mit mir in das Zelt.

»Wie seid Ihr denn mit Eurem Arabisch fortgekommen?«

»Miserabel! Verlange Brot – Araber bringt Stiefel; verlange Hut – Araber
bringt Salz; verlange Flinte – Araber bringt Kopftuch. Schauderhaft,
schrecklich! Lasse Euch nicht wieder fort!«

Nach der Rückkehr des Scheik brauchte ich nicht lange auf das Mahl zu
warten. Während desselben stellten sich die Geladenen ein. Die Pfeifen
wurden angezündet, der Kaffee ging herum, und dann drängte Lindsay:

»Anfangen, Sir! Bin neugierig.«

Die Araber hatten wortlos und geduldig gewartet, bis mein Hunger
gestillt war; dann aber begann ich:

»Ihr habt mir eine sehr schwere Aufgabe gestellt, aber es ist mir wider
alles Erwarten sehr leicht geworden, sie zu lösen. Und dabei bringe ich
Euch eine so ausführliche Nachricht, wie Ihr sie sicherlich nicht
erwartet habt.«

»Rede!« bat der Scheik.

»Die Feinde haben ihre Rüstungen bereits vollendet. Es sind die Orte
bestimmt, wo die drei Stämme sich vereinigen, und ebenso ist die Zeit
angegeben, in der dies geschehen wird.«

»Aber du hast es nicht erfahren können!«

»Doch! Die Dschowari werden sich mit den Abu Hammed am Tage nach dem
nächsten Jaum el Dschema bei den Ruinen von Khan Khernina vereinigen.
Diese beiden Stämme stoßen dann am dritten Tage nach dem Jaum el Dschema
zwischen dem Wirbel El Kelab und dem Ende der Kanuzaberge mit den Obeïde
zusammen.«

»Weißt du das gewiß?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Von dem Scheik der Abu Mohammed.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich war sogar in seinem Zelte.«

»Die Abu Mohammed leben mit den Dschowari und Abu Hammed nicht in
Frieden.«

»Er sagte es. Er kannte deinen Rappen und ist dein Freund. Er wird dir
mit dem Stamme der Alabeïden zu Hilfe kommen.«

»Sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

Da sprangen alle Anwesenden auf und reichten sich jubelnd die Hände. Ich
wurde von ihnen beinahe erdrückt. Dann mußte ich alles so ausführlich
wie möglich erzählen. Ich that es. Sie glaubten alles, nur daß ich den
Löwen so ganz allein und noch dazu bei stockfinsterer Nacht erlegt haben
wollte, das schienen sie sehr zu bezweifeln. Der Araber ist gewohnt,
dieses Tier nur am Tage und zwar in möglichst zahlreicher Gesellschaft
anzugreifen. Ich legte ihnen endlich das Fell vor.

»Hat diese Haut ein Loch?«

Sie besahen es höchst aufmerksam.

»Nein,« lautete dann der Bescheid.

»Wenn Araber einen Löwen töten, so hat die Haut sehr viele Löcher. Ich
habe ihm zwei Kugeln gegeben. Seht her! Die erste Kugel war zu hoch
gezielt, weil er zu entfernt von mir war und ich in der Finsternis nicht
ganz genau zu zielen vermochte. Sie hat die Kopfhaut gestreift und das
Ohr verletzt. Hier seht ihr es. Die zweite Kugel gab ich ihm, als er
zwei oder drei Schritte von mir war; sie ist ihm in das linke Auge
gedrungen. Ihr seht dies hier, wo das Fell versengt ist.«

»Allah akbar, es ist wahr! Du hast dieses furchtbare Tier so nahe an
dich herankommen lassen, daß dein Pulver seine Haare verbrannte. Wenn es
dich nun gefressen hätte?«

»So hätte es so im Buche gestanden. Ich habe diese Haut mitgebracht für
dich, o Scheik. Nimm sie von mir an und gebrauche sie als Schmuck deines
Zeltes!«

»Ist dies dein Ernst?« fragte er erfreut.

»Mein Ernst.«

»Ich danke dir, Emir Hadschi Kara Ben Nemsi! Auf diesem Felle werde ich
schlafen, und der Mut des Löwen wird in mein Herz einziehen.«

»Es bedarf dieser Haut nicht, um deine Brust mit Mut zu erfüllen, den du
übrigens auch bald brauchen wirst.«

»Wirst du mitkämpfen gegen unsere Feinde?«

»Ja. Sie sind Diebe und Räuber und haben auch mir nach dem Leben
getrachtet; ich stelle mich unter deinen Befehl, und hier mein Freund
wird dasselbe thun.«

»Nein. Du sollst nicht gehorchen, sondern befehlen. Du sollst der
Anführer einer Abteilung sein.«

»Davon laß uns später sprechen; für jetzt aber erlaube mir, an eurer
Beratung teilzunehmen.«

»Du hast recht; wir müssen uns beraten, denn wir haben nur noch fünf
Tage Zeit.«

»Hast du mir nicht gesagt, daß es eines Tages bedürfe, um die Krieger
der Haddedihn um dich zu versammeln?«

»So ist es.«

»So würde ich an deiner Stelle heute die Boten aussenden.«

»Warum noch heute?«

»Weil es nicht genug ist, die Krieger beisammen zu haben. Sie müssen auf
diesen Kampf eingeübt werden.«

Er lächelte stolz.

»Die Söhne der Haddedihn sind seit ihren Knabenjahren bereits den Kampf
gewöhnt. Wir werden unsere Feinde überwinden. Wie viel streitbare Männer
hat der Stamm der Abu Mohammed?«

»Neunhundert.«

»Und die Alabeïde?«

»Achthundert.«

»So zählen wir achtundzwanzighundert Mann, dazu kommt die Überraschung,
da uns der Feind nicht erwartet; wir müssen siegen!«

»Oder wir werden besiegt!«

»Maschallah, du tötest den Löwen und fürchtest den Araber?«

»Du irrst. Du bist tapfer und mutig; aber der Mut zählt doppelt, wenn er
vorsichtig ist. Hältst du es nicht für möglich, daß die Alabeïde und Abu
Mohammed zu spät eintreffen?«

»Es ist möglich.«

»Dann stehen wir mit elfhundert gegen dreitausend Mann. Der Feind wird
erst uns und dann unsere Freunde vernichten. Wie leicht kann er
erfahren, daß wir ihm entgegen ziehen wollen! Dann fällt auch die
Überraschung weg. Und was nützt es dir, wenn du kämpfest und den Feind
nur zurückschlägst? Wäre ich der Scheik der Haddedihn, ich schlüge ihn
so darnieder, daß er auf lange Zeit sich nicht wieder erheben könnte und
mir jährlich einen Tribut bezahlen müßte.«

»Wie wolltest du dies beginnen?«

»Ich würde nicht wie die Araber, sondern wie die Franken kämpfen.«

»Wie kämpfen diese?«

Jetzt erhob ich mich, um eine Rede zu halten, eine Rede über europäische
Kriegskunst, ich, der Laie im Kriegswesen. Aber ich mußte mich ja für
diesen braven Stamm der Haddedihn interessieren. Ich hielt es keineswegs
für eine Versündigung an dem Leben meiner Mitmenschen, wenn ich mich
hier beteiligte; es lag vielmehr wohl in meiner Hand, die Grausamkeiten
zu mildern, welche bei diesen halbwilden Leuten ein Sieg stets mit sich
bringt. Ich beschrieb also zunächst ihre eigene Fechtart und schilderte
die Nachteile derselben; dann begann ich die eigentliche
Auseinandersetzung. Sie hörten mir aufmerksam zu, und als ich geendet
hatte, bemerkte ich den Eindruck meiner Worte an dem langen Schweigen,
welches nun folgte. Der Scheik ergriff zuerst wieder das Wort:

»Deine Rede ist gut und wahr; sie könnte uns den Sieg bringen und vielen
der Unserigen das Leben erhalten, wenn wir Zeit hätten, uns einzuüben.«

»Wir haben Zeit.«

»Sagtest du nicht, daß es lange Jahre erfordere, ein solches Heer fertig
zu machen?«

»Das sagte ich. Aber wir wollen ja nicht ein Heer bilden, sondern wir
wollen bloß die Obeïde in die Flucht schlagen, und dazu bedürfte es
einer Vorbereitung von nur zwei Tagen. Wenn du heute noch deine Boten
aussendest, so sind die Krieger morgen beisammen; ich lehre sie den
geschlossenen Angriff zu Pferde, welcher die Feinde über den Haufen
werfen wird, und den Kampf zu Fuße mit dem Feuergewehr.«

Ich nahm ein Kamelstöckchen von der Wand und zeichnete auf den Boden.

»Schau hierher! Hier fließt der Tigris; hier ist der Wirbel; hier liegen
die Hamrin- und hier die Kanuzaberge. Der Feind trifft hier zusammen.
Die beiden ersten Stämme kommen am rechten Ufer des Flusses
heraufgezogen, hinter ihnen im stillen unsere Verbündeten, und die
Obeïde setzen von dem linken Ufer herüber. Um zu uns zu gelangen, müssen
sie zwischen diesen einzelnen Bergen hindurch; diese Wege alle aber
führen in das große Thal Deradsch, welches das Thal der Stufen heißt,
weil seine steilen Wände wie Stufen emporsteigen. Es hat nur einen
Eingang und einen Ausgang. Hier müssen wir sie erwarten. Wir besetzen
die Höhen mit Schützen, welche den Feind niederschießen, ohne daß ihnen
selbst ein Leid geschehen kann. Den Ausgang verschließen wir mit einer
Brustwehr, welche auch von Schützen verteidigt wird, und hier in diesen
zwei Seitenschluchten hüben und drüben verbergen sich die Reiter, welche
in demselben Augenblick hervorbrechen, wenn der Feind sich vollständig
im Thale befindet. Am Eingange wird er dann von unseren Verbündeten im
Rücken angegriffen, und sollten diese ja nicht zur rechten Zeit
eintreffen, so wird er ihnen auf der Flucht entgegen getrieben.«

»Maschallah, deine Rede ist wie die Rede des Propheten, der die Welt
erobert hat. Ich werde deinen Rat befolgen, wenn die anderen hier damit
einverstanden sind. Wer dagegen ist, der mag sprechen!«

Es widersprach keiner; darum fuhr der Scheik fort:

»So werde ich gleich jetzt die Boten aussenden.«

»Sei vorsichtig, o Scheik, und laß deinen Kriegern nicht sagen, um was
es sich handelt; es wäre sonst sehr leicht möglich, daß der Feind von
unserem Vorhaben Nachricht erhält.«

Er nickte zustimmend und entfernte sich. Sir David Lindsay hatte dieser
langen Unterredung mit sichtbarer Ungeduld zugehört; jetzt ergriff er
die Gelegenheit zum Sprechen:

»Sir, ich bin auch hier!«

»Ich sehe Euch!«

»Wollte auch ’was hören!«

»Meine Erlebnisse?«

»#Yes!#«

»Konntet denken, daß ich meinen Vortrag nicht in englischer Sprache
halten würde. Sollt aber jetzt das Nötige erfahren.«

Ich teilte ihm in aller Kürze meine Erzählung und dann den Inhalt der
darauf folgenden Besprechung mit. Er war wie elektrisiert.

»Ah! Kein wilder Angriff, sondern militärische Körper! Evolution! Choc!
Taktik! Strategie! Feind umzingeln! Barrikade! Prächtig! Herrlich! Ich
auch mit! Ihr seid General, ich bin Adjutant!«

»Würden uns beide wundervoll ausnehmen in diesen Stellungen! Ein
General, der von der Kriegführung so viel versteht, wie das Flußpferd
vom Filetstricken, und ein Adjutant, der nicht reden kann! Übrigens wird
es für Euch geratener sein, wenn Ihr Euch von der Sache fern haltet.«

»Warum?«

»Wegen des Vicekonsuls in Mossul.«

»Ah! Wie?«

»Man vermutet, daß er hierbei seine Hand im Spiele habe.«

»Mag die Hand wegnehmen! Was geht mich Konsul an? Pah!«

Jetzt kam der Scheik wieder. Er hatte die Boten ausgesandt und brachte
allerlei neue Gedanken mit:

»Hat der Scheik der Abu Mohammed gesagt, welchen Teil der Beute er
erwartet?«

»Nein.«

»Was fordern die Alabeïden?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du hättest fragen sollen!«

»Ich habe nicht gefragt, weil ich als Scheik der Haddedihn nicht nach
Beute fragen würde.«

»Maschallah! Wornach sonst? Wer ersetzt mir meinen Schaden?«

»Der besiegte Feind.«

»Also muß ich doch in seine Weideplätze einbrechen und seine Weiber und
Kinder nebst seinem Vieh fortführen!«

»Das ist nicht notwendig. Willst du gegen Frauen Krieg führen? Du giebst
die Gefangenen, welche wir machen werden, wenn wir glücklich sind, nicht
eher frei, als bis du erhalten hast, was du forderst. Ist unser Sieg
vollständig, so verlangst du einen jährlichen Tribut und behältst den
Scheik oder einige Anverwandte von ihm als Geiseln zurück.«

Es wurde nun über diesen Punkt beraten. Man nahm ihn an.

»Und nun noch das Letzte,« bemerkte ich dann. »Es ist notwendig, daß wir
von allen Bewegungen unserer Feinde und unserer Verbündeten Kenntnis
erhalten. Wir müssen daher von hier bis nach El Deradsch eine
Postenlinie ziehen.«

»Wie meinst du das?«

»In El Deradsch verstecken sich zwei unserer Krieger, von denen du
überzeugt bist, daß sie treu sind. Sie lassen sich nicht sehen und
beobachten alles. Von El Deradsch bis hierher stellst du in gewissen
Entfernungen andere auf; es genügen vier Mann, welche darauf zu achten
haben, daß sie mit keinem Fremden zusammenkommen, und uns alles
berichten, was die ersten zwei erkunden. Einer trägt die Kunde zum
andern und kehrt dann auf seinen Posten zurück.«

»Dieser Plan ist gut; ich werde ihn befolgen.«

»Eine eben solche Linie, nur etwas weitläufiger, stellst du auf zwischen
hier und den Weideplätzen der Abu Mohammed. Ich habe das mit ihrem
Scheik bereits besprochen. Er wird die Hälfte dieser Linie mit seinen
Leuten bilden. Kennst du die Ruine El Farr?«

»Ja.«

»Dort wird sein äußerster Posten zu treffen sein.«

»Wie viele Männer werde ich dazu brauchen?«

»Nur sechs. Die Abu Mohammed stellen ebenso viele. Wie viele Krieger
hast du hier im Lager?«

»Es können vierhundert sein.«

»Ich bitte dich, sie zu versammeln. Du mußt noch heute Musterung über
sie halten, und wir können unsere Übungen heute noch beginnen.«

Das brachte reges Leben in die Versammlung. Binnen einer halben Stunde
waren die vierhundert Mann beisammen. Der Scheik hielt ihnen eine lange,
blühende Rede und ließ sie am Ende derselben auf den Bart des Propheten
schwören, die Rüstung gegen keinen Unberufenen zu erwähnen; dann befahl
er ihnen, sich in Reihe und Glied aufzustellen.

Wir ritten die lange Reihe hinab. Alle waren zu Pferde; ein jeder hatte
Messer, Säbel und die lange, befiederte Lanze, welche bei besserer
Schulung eine fürchterliche Waffe sein könnte. Viele trugen auch den
gefährlichen Nibat[151] oder die kurze Wurflanze nebenbei. Die
Schießwaffen ließen vieles zu wünschen übrig. Einige Krieger hatten noch
den alten Lederschild nebst Köcher, Pfeil und Bogen. Andere besaßen
Luntenflinten, die ihren Eigentümern gefährlicher waren, als dem Feinde,
und die übrigen hatten Perkussionsgewehre mit überlangen Läufen.

    [151] Keule.

Letztere ließ ich vortreten, die andern aber schickte ich fort, mit der
Bemerkung, morgen in aller Frühe wieder zu kommen. Die Zurückgebliebenen
hieß ich absitzen und Proben ihrer Fertigkeit im Schießen ablegen. Im
allgemeinen konnte ich mit ihnen zufrieden sein. Es waren gegen
zweihundert Mann. Ich bildete zwei Compagnien aus ihnen und begann
meinen Instruktionsunterricht. Dieser war allerdings nicht weit her. Die
Leute sollten im Takte marschieren und laufen können und ein
Schnellfeuer unterhalten lernen. Sie waren gewohnt, nur zu Pferde
anzugreifen und den Feind zu necken, ohne ihm ernstlich stand zu halten;
jetzt kam alles darauf an, sie soweit zu bringen, daß sie zu Fuße einen
Angriff aushalten lernten, ohne die Fassung zu verlieren.

Am andern Morgen nahm ich die andern vor. Bei ihnen galt es, sie zu
einem geschlossenen Angriff mit der Lanze zu befähigen, nachdem sie ihre
Gewehre abgeschossen hatten. Ich kann sagen, daß die Leute sehr schnell
begriffen und überaus begeistert waren.

Gegen Abend hörten wir, daß die Verbindung mit den Abu Mohammed
hergestellt sei, und bekamen zu gleicher Zeit die Nachricht, daß ihr
Scheik von meinem Abenteuer bei den Abu Hammed bereits gehört habe. Es
ging Antwort zurück, und von diesem Augenblick an wurde ein durch die
Posten vermittelter unausgesetzter Verkehr unterhalten.

Schon war es beinahe dunkel, als ich nochmals den Rapphengst bestieg, um
einen Schnellritt hinein in die Savanne zu machen. Ich war noch gar
nicht weit gelangt, so kamen mir zwei Reiter entgegen. Der eine hatte
eine gewöhnliche, mittelmäßige Gestalt, der andere aber war sehr klein
von Statur und schien von der Unterhaltung mit seinem Begleiter ganz
außerordentlich in Anspruch genommen zu sein, denn er focht mit Arm und
Beinen in der Luft, als wolle er Mücken morden.

Ich mußte unwillkürlich an meinen kleinen Halef denken.

Ich galoppierte auf sie zu und parierte vor ihnen mein Pferd.

»Maschallah, Sihdi! Bist du es wirklich?«

Er war es wirklich, der kleine Hadschi Halef Omar!

»Ich bin es. Ich habe dich bereits von weitem erkannt.«

Er sprang vom Pferde herab und faßte mein Gewand, um es vor Freude zu
küssen.

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß ich dich wiedersehe, Sihdi! Ich habe
mich nach dir gesehnt, wie der Tag nach der Sonne.«

»Wie geht es dem würdigen Scheik Malek?«

»Er ist wohlauf.«

»Amscha?«

»Ebenso.«

»Hanneh, deine Freundin?«

»O, Sihdi, sie ist wie eine Houri des Paradieses.«

»Und die andern?«

»Sie sagten mir, daß ich dich grüßen solle, wenn ich dich fände.«

»Wo sind sie?«

»Sie sind am Abhange des Schammargebirges zurückgeblieben und haben mich
an den Scheik der Schammar vorausgesandt, damit ich bei ihm um Aufnahme
bitten solle.«

»Bei welchem Scheik?«

»Es ist ganz gleich; bei dem, auf welchen ich zuerst treffe.«

»Ich habe bereits für euch gesorgt. Da drüben ist das Lager der
Haddedihn.«

»Das sind Schammar. Wie heißt ihr Scheik?«

»Mohammed Emin.«

»Wird er uns aufnehmen? Kennst du ihn?«

»Ich kenne ihn und habe bereits mit ihm von euch gesprochen. Sieh diesen
Hengst! Wie gefällt er dir?«

»Herr, ich habe ihn bereits bewundert; er ist sicher der Abkömmling
einer Stute von Koheli.«

»Er gehört mir; er ist ein Geschenk des Scheik. Nun kannst du sehen, daß
er mein Freund ist!«

»Allah gebe ihm dafür ein langes Leben! Wird er auch uns aufnehmen?«

»Ihr werdet ihm willkommen sein. Kommt und folgt mir jetzt.«

Wir setzten uns in Marsch.

»Sihdi,« meinte Halef, »die Wege Allahs sind unerforschlich. Ich
glaubte, lange nach dir fragen zu müssen, ehe ich eine Kunde bekäme, und
nun bist du der erste, dem ich begegne. Wie bist du zu den Haddedihn
gekommen?«

Ich erzählte ihm das Nötige in Kürze und fuhr dann fort:

»Weißt du, was ich jetzt bei ihm bin?«

»Nun?«

»General.«

»General?«

»Ja.«

»Hat er Truppen?«

»Nein. Er hat aber Krieg.«

»Gegen wen?«

»Gegen die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari.«

»Das sind Räuber, die am Zab und Tigris wohnen; ich habe sehr vieles von
ihnen gehört, was nicht gut ist.«

»Sie rüsten gegen ihn. Sie wollen ihn unversehens überfallen; wir aber
haben davon gehört, und nun bin ich sein General, der seine Krieger
unterrichtet.«

»Ja, Sihdi, ich weiß, daß du alles verstehst und alles kannst, und es
ist ein wahres Glück, daß du kein Giaur mehr bist!«

»Nicht?«

»Nein. Du hast dich ja zum wahren Glauben bekehrt.«

»Wer sagt dir das?«

»Du warst in Mekka und hast den heiligen Brunnen Zem-Zem bei dir;
folglich bist du ein guter Moslem geworden. Habe ich dir nicht stets
gesagt, daß ich dich bekehren würde, du magst wollen oder nicht?« –

Wir erreichten das Lager und stiegen vor dem Zelte des Scheik ab. Als
wir eintraten, hatte er seine Räte bei sich.

»Sallam aaleïkum!« grüßte Halef.

Sein Begleiter that dasselbe. Ich übernahm es, sie vorzustellen.

»Erlaube mir, o Scheik, dir diese beiden Männer zu bringen, welche mit
dir sprechen wollen. Dieser hier heißt Nasar Ibn Mothalleh, und dieser
ist Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah, von dem ich dir bereits erzählt habe.«

»Von ihm?«

»Ja. Ich habe ihn nicht bei seinem vollen Namen, sondern kurz nur
Hadschi Halef Omar genannt.«

»Dein Diener und Begleiter?«

»Ja.«

»Der Abu-Seïf, den Vater des Säbels, erschlagen hat?«

»Ja. Er gehört jetzt zu dem Stamme der Ateïbeh, dessen Scheik dein
Freund Malek ist.«

»Seid mir willkommen, ihr Männer von Ateïbeh! Sei mir willkommen,
Hadschi Halef Omar! Deine Gestalt ist klein, aber dein Mut ist groß, und
deine Tapferkeit ist erhaben. Möchten alle Männer so sein, wie du!
Bringst du mir Kunde von Malek, meinem Freunde?«

»Ich bringe sie. Er läßt dich grüßen und fragen, ob du ihn und die
Seinigen in den Stamm der Haddedihn aufnehmen magst.«

»Ich kenne sein Schicksal, aber er soll mir willkommen sein. Wo befindet
er sich jetzt?«

»Am Abhange des Schammargebirges, eine und eine halbe Tagreise von hier.
Ich höre, daß du Krieger brauchst?«

»So ist es. Es ist Feindschaft ausgebrochen zwischen mir und denen, die
neben uns wohnen.«

»Ich werde dir sechzig tapfere Leute bringen.«

»Sechzig? Hier mein Freund Hadschi Kara Ben Nemsi hat mir doch gesagt,
daß ihr weniger seid!«

»Wir haben auf unserer Reise die Reste des Stammes Al Hariel bei uns
aufgenommen.«

»Was tragt ihr für Waffen?«

»Säbel, Dolch, Messer und lauter gute Flinten. Mehrere haben sogar auch
Pistolen. Wie ich mit den Waffen umzugehen verstehe, wird dir mein Sihdi
sagen.«

»Ich weiß es bereits. Aber dieser Mann ist kein Sihdi, sondern ein Emir;
merke es dir!«

»Ich weiß es, Herr; aber er hat mir erlaubt, ihn Sihdi zu nennen. Soll
einer von uns sofort aufbrechen und Scheik Malek mit den Seinen
herholen, da ihr Krieger braucht?«

»Ihr seid müde.«

»Wir sind nicht ermüdet. Ich reite sofort zurück.«

Sein Begleiter fiel ihm in die Rede:

»Du hast deinen Sihdi hier gefunden und mußt bleiben; ich werde
zurückkehren.«

»Nimm zuvor Speise und Trank zu dir,« meinte der Scheik.

»Herr, ich habe einen Schlauch und auch Datteln auf meinem Pferde.«

Der Scheik wandte sich ihm zu:

»Aber dein Pferd wird müde sein. Nimm das meinige; es hat mehrere Tage
ausgeruht und wird dich schnell zu Malek bringen, den du von mir grüßen
mögest!«

Dies nahm er an und bereits nach wenigen Minuten befand er sich auf dem
Rückwege nach den Bergen von Schammar.

»Emir,« sagte der Scheik zu mir, »weißt du, was meine Krieger von dir
sagen?«

»Nun?«

»Daß sie dich lieben.«

»Ich danke dir!«

»Und daß sie den Sieg gewinnen müssen, wenn du bei ihnen bist.«

»Ich bin jetzt mit ihnen zufrieden. Wir werden morgen ein Manöver
veranstalten.«

»Wie? Was?«

»Ich habe bis heute achthundert Mann beisammen. Die letzten werden
morgen früh nachkommen. Sie sind schnell eingeübt, und dann stellen wir
den Kampf vor, den wir mit den drei Stämmen haben werden. Die Hälfte
sind die Haddedihn, die andere Hälfte sind die Feinde. Drüben die alten
Ruinen gelten als die Berge von Hamrin und Kanuza, und so werde ich es
deinen Kriegern zeigen, wie sie dann gegen die wirklichen Feinde zu
kämpfen haben.«

Diese Ankündigung steigerte die bereits vorhandene Begeisterung um das
Doppelte, und als sich die Kunde davon hinaus vor das Zelt verbreitete,
erhob sich ein lauter Jubel über das ganze Lager, welches sich während
des heutigen Tages infolge der unausgesetzten Zuzüge bedeutend
vergrößert hatte.

Was ich voraus gesagt hatte, das geschah:

Am andern Mittag waren wir vollzählig. Ich hatte Offiziere und
Unteroffiziere ernannt, welche jeden Neuangekommenen, nachdem ich ihm
seinen Platz angewiesen hatte, sofort einübten. Am Spätnachmittag begann
das Manöver und fiel zur allgemeinen Zufriedenheit aus. Das Fußvolk
schoß ganz exakt, und die Chocs der einzelnen berittenen Körper wurden
mit eleganter Sicherheit ausgeführt.

Noch während des Manövers kam das letzte Glied unserer Postenkette
herbeigeritten.

»Was bringst du?« fragte der Scheik, dessen Antlitz vor Zufriedenheit
glänzte.

»Herr, gestern haben sich die Dschowari mit den Abu Hammed vereinigt.«

»Wann?«

»Gegen Abend.«

»Und die Abu Mohammed?«

»Sind bereits hinter ihnen her.«

»Haben sie Kundschafter vor sich her gesandt, damit ihr Marsch nicht
verraten wird, wie ich es angeraten habe?«

»Ja.«

Der Mann hielt noch bei uns, als ein anderer angeritten kam. Es war das
diesseitige Glied der Kette nach dem Thale von Deradsch hinüber.

»Ich bringe eine wichtige Nachricht, Emir.«

»Welche?«

»Die Obeïde haben Leute vom Zab herübergesandt, um die Gegend zu
untersuchen.«

»Wie viel Männer sind es gewesen?«

»Acht.«

»Wie weit sind sie gekommen?«

»Bis durch El Deradsch hindurch.«

»Haben sie unsere Leute gesehen?«

»Nein, denn diese hielten sich sehr verborgen. Dann haben sie im Thale
gelagert und vieles miteinander gesprochen.«

»Ah! Hier hätte es möglich sein sollen, sie zu belauschen!«

»Es war möglich, und Ibn Nazar hat es gethan.«

Ibn Nazar war einer von den beiden Posten, welche das Thal Deradsch
bewachen sollten.

»Was hat er gehört? Wenn es wichtig ist, soll er eine Belohnung
erhalten.«

»Sie haben gesagt, daß morgen genau zur Mittagszeit die Obeïde
übersetzen wollen, um die Abu Hammed und Dschowari zu treffen, die dann
ihrer bereits warten werden. Sie wollen hierauf bis nach El Deradsch
vordringen und dort während der Nacht lagern, weil sie glauben, dort
nicht gesehen zu werden. Am nächsten Morgen nachher wollen sie über uns
herfallen.«

»Sind diese acht Männer wieder fortgeritten?«

»Nur sechs von ihnen. Zwei mußten zurückbleiben, um das Thal zu
bewachen.«

»Reite zurück und sage Ibn Nazar und seinem Gefährten, daß ich heute
noch selbst zu ihnen kommen werde. Einer soll zurückbleiben, um die
beiden zu bewachen, und der andere mag mich beim letzten Posten
erwarten, um mir den Weg zu zeigen, wenn ich komme.«

Der Mann ritt ab. Der vorige wartete noch auf Antwort.

»Du hast gehört, was jener meldete?« fragte ich ihn.

»Ja, Emir.«

»So trage unsere Bitte weiter an den Scheik der Abu Mohammed. Er soll
sich hart hinter dem Feinde halten und sich nicht sehen lassen. Ist
derselbe in das Thal Deradsch eingedrungen, so soll er ihn sofort im
Rücken angreifen und ihn ja nicht wieder herauslassen. Alle Thäler
zwischen El Hamrin und el Kanuza sind zu besetzen. Das übrige wird
unsere Sorge sein.«

Er jagte davon. Wir aber brachen unsere Übung ab, um den Leuten Ruhe zu
gönnen.

»Du willst nach Deradsch?« fragte der Scheik auf dem Rückwege.

»Ja.«

»Warum?«

»Um die beiden Spione gefangen zu nehmen.«

»Kann dies kein anderer verrichten?«

»Nein. Die Sache ist so wichtig, daß ich sie selbst übernehme. Wenn
diese zwei nicht ganz ruhig und sicher aufgehoben werden, so ist unser
schöner Plan vollständig verdorben.«

»Nimm dir einige Männer mit.«

»Das ist nicht nötig. Ich und unsere beiden Posten, das ist genug.«

»Sihdi, ich gehe mit!« meinte Halef, welcher nicht von meiner Seite
gewichen war.

Ich wußte, daß er auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen werde, und
nickte ihm also Gewährung.

»Ich weiß nur nicht, ob dein Pferd einen so schnellen Ritt aushalten
wird. Ich muß während der Nacht hin und zurück.«

»Ich werde ihm eines von meinen Pferden geben,« meinte der Scheik.

Eine Stunde später waren wir unterwegs: ich auf dem Rappen, und Halef
auf einem Goldbraunen, der seinem Herrn alle Ehre machte. Wir legten die
Strecke bis zum letzten Posten in sehr kurzer Zeit zurück. Dort
erwartete uns Ibn Nazar.

»Du hast die beiden Männer belauscht?« fragte ich ihn.

»Ja, Herr.«

»Du sollst eine Extragabe von der Beute erhalten. Wo ist dein Gefährte?«

»Ganz in der Nähe der beiden Kundschafter.«

»Führe uns!«

Der Ritt ging weiter. Die Nacht war halbdunkel, und bald erblickten wir
den Höhenzug, hinter welchem El Deradsch lag. Ibn Nazar bog seitwärts
ein. Wir mußten ein Felsengewirr erklimmen und gelangten an den Eingang
einer dunklen Vertiefung.

»Hier sind unsere Pferde, Herr.«

Wir stiegen ab und brachten auch unsere Pferde hinein. Sie standen so
sicher, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchten. Dann schritten wir
auf dem Kamme des Höhenzugs weiter, bis sich das Thal zu unseren Füßen
öffnete.

»Nimm dich in acht, Herr, daß kein Stein hinabfällt, der uns verraten
könnte!«

Wir stiegen vorsichtig hinab: ich hinter dem Führer, und Halef hinter
mir, immer einer in den Fußstapfen des andern. Endlich langten wir unten
an. Eine Gestalt kam uns entgegen.

»Nazar?«

»Ich bin es. Wo sind sie?«

»Noch dort.«

Ich trat hinzu.

»Wo?«

»Siehst du die Ecke des Felsens dort rechts?«

»Ja.«

»Sie liegen dahinter.«

»Und ihre Pferde?«

»Haben sie etwas weiter vorwärts angebunden.«

»Bleibt hier und kommt, wenn ich euch rufe. Komm, Halef!«

Ich legte mich zur Erde nieder und kroch vorwärts. Er folgte mir. Wir
gelangten unbemerkt an die Ecke. Ich spürte Tabaksgeruch und hörte zwei
halblaute Stimmen miteinander reden. Nachdem ich bis hart an die Kante
vorgedrungen war, konnte ich die Worte verstehen:

»Zwei gegen sechs!«

»Ja. Der eine hat schwarz und grau ausgesehen, ist lang und dünn
gewesen, wie eine Lanze, und hat ein graues Kanonenrohr auf dem Kopfe
gehabt.«

»Der Scheïtan!«

»Nein, sondern nur ein böser Geist, ein Dschin.«

»Der andere aber ist der Teufel gewesen?«

»Wie ein Mensch, aber fürchterlich! Sein Mund hat geraucht, und seine
Augen haben Flammen gesprudelt. Er hat nur die Hand erhoben, und da sind
alle sechs Pferde tot zusammengestürzt, mit den andern vier aber sind
die zwei Teufel – Allah möge sie verfluchen – durch die Luft
davongeritten.«

»Am hellen Tage?«

»Am hellen Tage.«

»Gräßlich! Allah behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Und
dann ist er gar in das Lager der Abu Hammed gekommen?«

»Gekommen nicht, sondern sie haben ihn gebracht.«

»Wie?«

»Sie haben ihn für einen Mann gehalten und sein Pferd für den berühmten
Rappen des Scheik Mohammed Emin el Haddedihn. Sie wollten das Pferd
haben und nahmen ihn gefangen. Als sie ihn aber in das Lager brachten,
erkannte ihn der Sohn des Scheik.«

»Er hätte ihm die Freiheit geben sollen.«

»Er glaubte immer noch, daß er vielleicht doch ein Mensch wäre.«

»Hatten sie ihn gefesselt?«

»Ja. Aber da kam ein Löwe in das Lager, und der Fremde sagte, er wolle
ihn ganz allein erlegen, wenn man ihm seine Büchse gebe. Man gab sie
ihm, und er ging in die dunkle Nacht hinaus. Nach einiger Zeit fielen
Blitze vom Himmel, und es krachten zwei Schüsse. Nach einigen Minuten
kam er. Er hatte das Fell des Löwen umgeworfen, stieg auf sein Pferd und
ritt durch die Luft davon.«

»Hat ihn keiner halten wollen?«

»Doch; aber die Männer griffen in die Luft. Und als man ihm nachjagte,
fielen drei Kugeln vom Himmel welche die drei besten Pferde töteten.«

»Woher weißt du das?«

»Der Bote erzählte es, welchen Zedar Ben Huli an unseren Scheik sandte.
Glaubst du nun, daß es der Scheïtan war?«

»Er war es.«

»Was würdest du thun, wenn er dir erschiene?«

»Ich würde auf ihn schießen und dazu die heilige Fatcha beten.«

Ich trat um die Ecke und stand vor ihnen.

»So bete sie!« gebot ich ihm.

»Allah kerihm!«

»Allah il Allah, Mohammed rasuhl Allah!«

Diese beiden Ausrufe waren alles, was sie hervorbrachten.

»Ich bin der, von dem du erzählt hast. Du nennst mich den Scheïtan; wehe
dir, wenn du ein Glied regst, um dich zu verteidigen! Halef, nimm ihnen
die Waffen!«

Sie ließen dies ruhig geschehen; ich meinte, ihre Zähne klappern zu
hören.

»Binde ihnen die Hände mit ihren eigenen Gürteln!«

Damit war Halef bald fertig, und ich konnte fest überzeugt sein, daß die
Knoten nicht aufgehen würden.

»Jetzt beantwortet mir meine Fragen, wenn euch euer Leben lieb ist! Von
welchem Stamme seid ihr?«

»Wir sind Obeïde.«

»Euer Stamm geht morgen über den Tigris?«

»Ja.«

»Wie viele Krieger habt ihr?«

»Zwölfhundert.«

»Womit sind sie bewaffnet?«

»Mit Pfeilen und Flinten mit der Lunte.«

»Habt ihr auch andere Flinten und vielleicht Pistolen?«

»Nicht viele.«

»Wie setzt ihr über – auf Kähnen?«

»Auf Flößen; wir haben keine Kähne.«

»Wie viele Krieger haben die Abu Hammed?«

»So viel wie wir.«

»Wie sind diese bewaffnet?«

»Sie haben mehr Pfeile als Flinten.«

»Und wie viele Männer bringen euch die Dschowari?«

»Tausend.«

»Haben diese Pfeile oder Flinten?«

»Sie haben beides.«

»Kommen bloß eure Krieger herüber, oder werdet ihr diese Gegend auch mit
euren Herden überziehen?«

»Nur die Krieger kommen.«

»Warum wollt ihr die Haddedihn bekriegen?«

»Der Gouverneur hat es uns befohlen.«

»Er hat euch nichts zu befehlen, ihr gehört unter den Statthalter von
Bagdad. Wo sind eure Pferde?«

»Dort.«

»Ihr seid meine Gefangenen. Bei jedem Versuche, zu entkommen, werde ich
euch niederschießen. Nazar, kommt!« – Die beiden anderen kamen herbei.

»Bindet diese beiden Männer hier fest auf ihre Pferde!«

Die Obeïde ergaben sich in ihr Schicksal; sie stiegen ohne Weigerung auf
und wurden auf ihren Tieren so befestigt, daß an eine Flucht gar nicht
zu denken war.

Hierauf gab ich den Befehl:

»Jetzt holt unsere Pferde drüben herab und bringt sie an den Eingang zum
Thale. Ibn Nazar, du bleibst hier in El Deradsch zurück, der andere aber
mag Halef die Gefangenen nach dem Lager transportieren helfen.«

Die beiden Haddedihn verschwanden, um unsere Pferde am äußersten Abhange
des Thales hinabzuleiten. Dann stiegen wir auf und kehrten zurück,
während Ibn Nazar auf seinem Posten verblieb.

»Ich werde euch voraneilen; kommt so schnell wie möglich nach.«

Mit dieser Weisung gab ich meinem Pferde die Schenkel. Ich that dies aus
zwei Gründen: erstens war meine Gegenwart im Lager nötig, und zweitens
hatte ich heute einmal Gelegenheit, das Geheimnis und den höchsten
Leistungsgrad meines Rappen zu probieren. Er flog leicht, wie ein Vogel,
über die Ebene dahin; der schnelle Lauf schien ihm sogar Vergnügen zu
machen, denn er wieherte einigemal freudig auf. Plötzlich legte ich ihm
die Hand zwischen die Ohren – –

»Rih!« – –

Auf diesen Ruf legte er die Ohren zurück; er schien länger und dünner zu
werden, schien zwischen den Luftteilchen hindurchschießen zu wollen. Dem
bisherigen Galopp hätten hundert andere auch gute Pferde nicht zu folgen
vermocht, aber gegen das, was nun erfolgte, war er wie die Windstille
gegen eine rasende Bö, wie der Gang einer Ente gegen den Flug einer
Schwalbe. Die Geschwindigkeit einer Lokomotive oder eines Eilkameles
hätte nicht vermocht, diejenige dieses Pferdes zu erreichen, und dabei
war der Lauf desselben überaus glatt und gleichmäßig. Es war wirklich
nicht zu viel, was Mohammed Emin zu mir gesagt hatte: »Dieses Pferd wird
dich durch tausend Reiter hindurchtragen, und ich fühle mich unendlich
stolz, der Besitzer dieses ausgezeichneten Renners zu sein.«

Doch ich mußte daran denken, diese äußerste Anspannung aller Kräfte zu
beenden; ich ließ den Rappen in Gang fallen und legte ihm liebkosend die
Hand an den Hals. Das kluge Tier wieherte freudig bei diesem Beweis
meiner Anerkennung und trug stolz den Hals.

Als ich das Lager erreichte, hatte ich vom Wadi Deradsch nur den vierten
Teil der Zeit gebraucht, welche zu dem Hinwege notwendig gewesen war. In
der Nähe des Zeltes, welches der Scheik bewohnte, hielt auf Kamelen und
Pferden eine Menge dunkler Gestalten, die ich wegen der Dunkelheit nicht
genau zu erkennen vermochte, und im Zelte selbst wartete meiner eine
sehr angenehme Überraschung: – Malek stand vor dem Scheik, welcher
soeben im Begriffe war, Worte der freundlichsten Begrüßung
auszusprechen.

»Sallam!« begrüßte mich der Ateïbeh, indem er mir beide Hände
entgegenstreckte. »Meine Augen freuen sich, dich zu sehen, und mein Ohr
ist entzückt, die Schritte deines Fußes zu vernehmen!«

»Allah segne deine Ankunft, Freund meiner Seele! Er hat ein Wunder
gethan, um dich heute schon zu uns zu bringen.«

»Welches Wunder meint deine Zunge?«

»Wir konnten dich heute unmöglich erwarten. Es sind ja drei Tagreisen
von hier bis zum Dschebel Schammar und zurück!«

»Du sagest die Wahrheit. Aber dein Bote brauchte nicht bis zum Berge der
Schammar zu reiten. Nachdem er mit Halef uns verlassen hatte, erfuhr ich
von einem verirrten Hirten, daß die Krieger der Haddedihn hier ihre
Herden weiden. Ihr Scheik, der berühmte und tapfere Mohammed Emin, ist
mein Freund; Hadschi Halef konnte nur auf ihn und keinen anderen
getroffen sein, und so berieten wir uns, nicht auf seine Rückkehr zu
warten, sondern seiner Botschaft zuvorzukommen.«

»Dein Entschluß war gut, denn ohne ihn hätten wir dich heute nicht
begrüßen können.«

»Wir trafen den Boten auf der Mitte des Weges, und mein Herz freute
sich, als ich erfuhr, daß ich dich, o Hadschi Kara Ben Nemsi, bei den
Kriegern der Haddedihn finden werde. Allah liebt dich und mich; er
leitet unsere Füße auf Pfade, welche sich wieder begegnen. Doch sage, wo
ist Hadschi Halef Omar, der Sohn meiner Achtung und meiner Liebe?«

»Er befindet sich unterwegs hierher. Ich ritt voraus und ließ ihn mit
zwei Gefangenen zurück; in kurzer Zeit wirst du ihn sehen.«

»Es ist dir gelungen?« fragte mich Mohammed Emin.

»Ja. Die Kundschafter sind in unserer Hand; sie können uns nicht
schaden.«

»Ich höre,« meinte Malek, »daß Feindschaft ausgebrochen ist zwischen den
Haddedihn und den Räubern am Tigris?«

»Du hast recht gehört. Morgen, wenn die Sonne am höchsten gestiegen ist,
werden unsere Gewehre donnern und unsere Säbel blitzen.«

»Ihr werdet sie überfallen?«

»Sie wollen uns überfallen, wir aber werden sie empfangen.«

»Dürfen euch die Männer der Ateïbeh ihre Säbel leihen?«

»Ich weiß, daß dein Säbel ist wie Dsu al Fekar[152], dem niemand
widerstehen kann. Du bist uns hoch willkommen mit allen, welche bei dir
sind. Wie viele Männer sind bei dir?«

    [152] »Der Blitzende«, Muhammeds Degen, der noch heute
    aufbewahrt wird.

»Einige mehr als fünfzig.«

»Sie sind müde?«

»Ist der Araber müde, wenn er den Schall der Waffen hört und das Getöse
des Kampfes vernimmt? Gieb uns frische Pferde, und wir werden euch
überall folgen, wohin ihr uns führen mögt!«

»Ich kenne euch. Eure Kugeln treffen sicher, und die Spitzen eurer
Lanzen verfehlen nie ihr Ziel. Du wirst mit deinen Männern die Schanze
verteidigen, welche den Ausgang des Schlachtfeldes verschließen soll.«

Während dieser Unterredung saßen seine Leute draußen ab; ich hörte, daß
ihnen ein Mahl aufgetragen wurde, und auch das Zelt des Scheik wurde
reichlich mit Speise versehen. Wir hatten das Abendessen noch nicht
beendet, als der kleine Halef eintrat und die Ankunft der Gefangenen
meldete. Diese wurden dem Scheik vorgeführt. Er sah sie verächtlich an
und fragte:

»Ihr seid vom Stamme der Obeïde?«

»So ist es, o Scheik.«

»Die Obeïde sind Feiglinge. Sie fürchten sich, die tapferen Krieger der
Haddedihn allein zu bekämpfen, und haben sich deshalb mit den Schakalen
der Abu Hammed und der Dschowari verbunden. Ihre Übermacht sollte uns
erdrücken; wir aber werden sie auffressen und verzehren. Wißt ihr, was
die Pflicht eines tapferen Kriegers ist, wenn er einen Feind bekämpfen
will?«

Sie sahen zu Boden und antworteten nicht.

»Ein tapferer Ben Arab kommt nicht wie ein Meuchelmörder; er sendet
einen Boten, um den Kampf zu verkündigen, damit der Streit ein ehrlicher
sei. Haben eure Anführer dies gethan?«

»Wir wissen es nicht, o Scheik!«

»Ihr wißt es nicht? Allah verkürze eure Zungen! Euer Mund trieft von
Lüge und Falschheit! Ihr wißt es nicht und hattet doch den Auftrag, das
Thal Deradsch zu bewachen, damit ich keine Kunde von eurem Einfalle
erhalten könne! Ich werde euch und die euren so behandeln, wie sie es
verdienen. Man rufe Abu Mansur, den Besitzer des Messers!«

Einer der Anwesenden entfernte sich und kehrte bald darauf mit einem
Mann zurück, der ein Kästchen bei sich trug.

»Man binde sie, daß sie sich nicht regen können, und nehme ihnen das
Marameh[153] ab!«

    [153] Tuch, welches anstatt des Turbanes auf dem Kopfe getragen
    wird.

Dies geschah, und dann wandte sich der Scheik an den neu Angekommenen:

»Was ist die Zierde des Mannes und des Kriegers, o Abu Mansur?«

»Das Haar, welches sein Angesicht verschönt.«

»Was gehört einem Manne, der sich fürchtet, wie ein Weib, und der die
Unwahrheit sagt, wie die Tochter eines Weibes?«

»Er soll wie ein Weib und wie die Tochter eines Weibes behandelt
werden.«

»Diese beiden Männer tragen Bärte, aber sie sind Weiber. Sorge dafür,
Abu Mansur, daß man sie als Weiber erkenne!«

»Soll ich ihnen den Bart nehmen, o Scheik?«

»Ich gebiete es dir!«

»Allah segne dich, du Tapferer und Weiser unter den Kindern der
Haddedihn! Du bist freundlich und milde gegen die Deinen und gerecht
gegen die Feinde deines Stammes. Ich werde deinem Befehle gehorsam
sein.«

Er öffnete sein Kästchen, welches verschiedene Instrumente enthielt, und
nahm einen Schambijeh[154] hervor, dessen blanke Klinge im Scheine des
Zeltfeuers funkelte. Er war der Barbier des Stammes.

    [154] Krummer Dolch.

»Warum nimmst du nicht das Bartmesser?« fragte ihn der Scheik.

»Soll ich mit dem Messer den Bart dieser Feiglinge wegnehmen und dann
mit ihm den Scheitel und die Schuschah[155] der tapferen Haddedihn
berühren, o Scheik?«

    [155] Haarbüschel auf dem Scheitel.

»Du hast recht; thue, wie du es dir vorgenommen hast!«

Die gebundenen Obeïde wehrten sich nach Möglichkeit gegen die
Manipulation, mit welcher die allergrößte Schande für sie verbunden war;
ihr Sträuben half ihnen nichts. Sie wurden festgehalten, und der Dolch
Abu Mansurs war so scharf, daß die Barthaare vor ihm wie vor der
Schneide eines Rasiermessers wichen.

»Nun schafft sie hinaus,« gebot der Scheik. »Sie sind Weiber und sollen
von den Weibern bewacht werden. Man gebe ihnen Brot, Datteln und Wasser;
versuchen sie aber, zu entkommen, so gebe man ihnen eine Kugel!«

Das Abscheren des Bartes war nicht nur eine Strafe, sondern wohl auch
ein gutes Mittel, die Gefangenen an einem Fluchtversuch zu hindern. Sie
wagten es jedenfalls nicht, sich bei den Ihrigen ohne Bart sehen zu
lassen. Jetzt erhob sich der Scheik und zog sein Messer. Ich sah es
seiner feierlichen Miene an, daß nun etwas Ungewöhnliches erfolgen und
daß er dabei vielleicht eine Rede halten werde.

»Allah il Allah,« begann er; »es giebt keinen Gott außer Allah. Alles,
was da lebt, hat er geschaffen, und wir sind seine Kinder. Warum sollen
sich hassen, die sich lieben, und warum sollen sich entzweien, die
einander angehören? Es rauschen viele Zweige in dem Walde, und auf der
Ebene stehen viele Halme und viele Blumen. Sie sind einander gleich,
darum kennen sie sich und trennen sich nicht. Sind wir einander nicht
auch gleich? Scheik Malek, du bist ein großer Krieger, und ich habe zu
dir gesagt: ›Nanu malihin – wir haben Salz miteinander gegessen.‹
Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, auch du bist ein großer Krieger, und ich
habe zu dir gesagt: ›Nanu malihin.‹ Ihr wohnt in meinem Zelte; ihr seid
meine Freunde und meine Gefährten; ihr sterbet für mich, und ich sterbe
für euch. Habe ich die Wahrheit gesagt? Habe ich recht gesprochen?«

Wir bejahten durch ein ernstes, feierliches Kopfnicken.

»Aber das Salz löst sich auf und vergeht,« fuhr er fort. »Das Salz ist
das Zeichen der Freundschaft; wenn es sich aufgelöst hat und aus dem
Körper verschwunden ist, so ist die Freundschaft zu Ende und muß wieder
erneuert werden. Ist das gut, ist das genügend? Ich sage nein! Tapfere
Männer schließen ihre Freundschaft nicht durch das Salz. Es giebt einen
Stoff, der nie im Körper vergeht. Weißt du, Scheik Malek, was ich
meine?«

»Ich weiß es.«

»So sage es.«

»Das Blut.«

»Du hast recht gesagt. Das Blut bleibt bis zum Tode, und die
Freundschaft, die durch das Blut geschlossen wird, hört erst auf, wenn
man stirbt. Scheik Malek, gieb mir deinen Arm!«

Malek merkte ebenso gut wie ich, um was es sich handelte. Er entblößte
seinen Unterarm und hielt ihn Mohammed Emin dar; dieser ritzte ihn
leicht mit der Spitze seines Messers und ließ die hervorquellenden
Tropfen in einen kleinen, mit Wasser gefüllten, hölzernen Becher fallen,
welchen er darunter hielt. Dann winkte er mich herbei.

»Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, willst du mein Freund sein und der Freund
dieses Mannes, der sich Scheik Malek el Ateïbeh nennt?«

»Ich will es.«

»Willst du es sein bis zum Tode?«

»Ich will es.«

»So sind deine Freunde und Feinde auch unsere Freunde und Feinde, und
unsere Freunde und Feinde sind auch deine Freunde und Feinde?«

»Sie sind es.«

»So gieb mir deinen Arm!«

Ich that es; er schnitt leicht durch die Haut und ließ die wenigen
Blutstropfen, welche hervorquollen, in den Becher fallen. Dann that er
dasselbe an seinem Arm und schwenkte zuletzt den Becher, um das Blut gut
mit dem Wasser zu vermischen.

»Jetzt teilt den Trank der Freundschaft in drei Teile und genießt ihn
mit dem Gedanken an den Allwissenden, der unsere geheimsten Gedanken
kennt. Wir haben sechs Füße, sechs Arme, sechs Augen, sechs Ohren, sechs
Lippen, und dennoch sei es nur ein Fuß, ein Arm, ein Auge, ein Ohr und
eine Lippe. Wir haben drei Herzen und drei Köpfe, aber dennoch sei es
nur ein Herz und ein Kopf. Wo der eine ist, da wandeln die andern, und
was der eine thut, das thue der andere so, als ob seine Gefährten es
thäten. Preis sei Gott, der uns diesen Tag gegeben hat!«

Er reichte mir den Becher dar.

»Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, dein Volk wohnt am weitesten von hier;
trink deinen Teil zuerst und reiche dann den Becher unserem Freunde.«

Ich hielt eine kurze Anrede und that einen Schluck; Malek folgte mir,
und Mohammed Emin trank den Rest aus. Dann umarmte und küßte er uns,
während er jedem sagte:

»Jetzt bist du mein Rafik[156], und ich bin dein Rafik; unsere
Freundschaft sei ewig, wenn auch Allah unsere Wege scheiden mag!«

    [156] Freund, Blutsbruder. Ein solcher gilt mehr als alle
    Aschab, das ist Gefährten.

Die Kunde von diesem Bunde verbreitete sich schnell durch das ganze
Lager, und wer auch nur das kleinste Vorrecht oder die geringste
Vergünstigung zu besitzen glaubte, der kam in das Zelt, um uns zu
beglückwünschen. Dies nahm eine nicht geringe Zeit in Anspruch, so daß
wir erst spät wieder nur zu dreien beieinander saßen.

Wir mußten Scheik Malek eine Beschreibung des Terrains liefern, auf
welchem der Kampf voraussichtlich stattfinden werde, und ihn mit unserem
Verteidigungsplane bekannt machen. Er billigte denselben vollständig und
fragte zuletzt:

»Können die Feinde nicht nach Norden entweichen?«

»Sie könnten zwischen dem Flusse und dem Dschebel Kanuza, das ist also
längs des Wadi Dschehennem, durchbrechen; aber wir werden ihnen auch
diesen Weg verlegen. Scheik Mohammed, hast du angeordnet, daß Werkzeuge
vorhanden sind, um eine Brustwehr zu errichten?«

»Es ist geschehen.«

»Sind die Frauen ausgewählt, welche uns begleiten sollen, um die
Verwundeten zu verbinden?«

»Sie sind bereit.«

»So laß Pferde aussuchen für unsern Gefährten und seine Männer. Wir
müssen aufbrechen, denn der Tag wird bald erscheinen.«



Zehntes Kapitel.

Der Sieg.


Eine halbe Stunde später setzten sich die Haddedihn in Bewegung, nicht
etwa in einer ordnungslosen, aufgelösten Wolke, wie es gewöhnlich bei
den Arabern der Fall zu sein pflegt, sondern in festen, parallel
miteinander reitenden Körpern. Ein jeder wußte, wohin er gehörte.

Vor uns ritten die Krieger, hinter uns auf Kamelen und unter der
Anführung einiger noch ziemlich rüstiger Greise die Frauen, welche das
Sanitätscorps zu bilden hatten, und zuletzt kamen diejenigen, welche zur
Verbindung mit dem Weideplatze und zur Beaufsichtigung der Gefangenen
dienen sollten.

Als die Sonnenscheibe sich über dem Horizont zeigte, stiegen alle ab und
warfen sich zur Erde, um das Morgengebet zu verrichten. Es war ein
erhebender Anblick, diese Hunderte im Staube vor jenem Herrn liegen zu
sehen, der heute noch einen jeden von uns zu sich rufen konnte.

Von den ausgestellten Posten erfuhren wir, daß nichts vorgefallen sei.
Wir erreichten also ohne Störung den langgezogenen Dschebel Deradsch,
hinter welchem sich das fast eine Stunde lange Thal von West nach Ost
erstreckte. Diejenigen, welche als Schützen ausersehen waren, stiegen
ab; ihre Pferde wurden in gehöriger Ordnung in der Ebene angepflockt,
damit im Falle eines Rückzuges keine Verwirrung entstehen könne. Unweit
davon wurden die Kamele entlastet und die Zelte, welche sie getragen
hatten, aufgeschlagen; sie waren, wie bereits erwähnt, für die
Verwundeten bestimmt. Wasser war in Schläuchen genug, Verbandzeug aber
nur sehr wenig vorhanden, ein Übelstand, welcher mich mit Bedauern
erfüllte.

Die Postenkette, welche uns mit den Abu-Mohammed-Arabern verband, hatten
wir natürlich hinter uns hergezogen, so daß wir mit ihnen immer in
Verbindung blieben. Es waren fast stündlich Meldungen von ihnen
angekommen, und die letzte derselben belehrte uns, daß die Feinde
unseren Anmarsch noch nicht entdeckt hätten.

Sir Lindsay hatte sich am gestrigen Abend und auch heute bis jetzt sehr
einsilbig verhalten. Es war mir ja keine Zeit übrig geblieben, die ich
ihm hätte widmen können. Jetzt hielt er an meiner Seite.

»Wo schlagen, Sir? Hier?« fragte er.

»Nein, hinter dieser Höhe,« antwortete ich.

»Bei Euch bleiben?«

»Wie Ihr wollt.«

»Wo seid Ihr? Infanterie, Kavallerie, Genie, Pontons?«

»Kavallerie, aber Dragoner, denn wir werden ebenso schießen wie fechten,
wenn es notwendig ist.«

»Bleibe bei Euch.«

»So wartet hier. Meine Abteilung hält hier, bis ich sie abhole.«

»Nicht hinein in das Thal?«

»Nein, wir werden uns oberhalb von hier an den Fluß ziehen, um den Feind
zu verhindern, nach Norden zu entkommen.«

»Wie viel Mann?«

»Hundert.«

»#Well#! sehr gut, ausgezeichnet!«

Ich hatte diesen Posten mit einer gewissen Absicht übernommen. Zwar war
ich Freund und Gefährte der Haddedihn, aber es widerstrebte mir doch,
Leute, wenn auch im offenen Kampfe, zu töten, die mir nichts gethan
hatten. Der Zwist, welcher hier zwischen diesen Arabern ausgefochten
werden sollte, ging mich persönlich gar nichts an, und da nicht zu
erwarten stand, daß die Feinde sich nach Norden wenden würden, so hatte
ich gebeten, mich der Abteilung anschließen zu dürfen, welche den
Feinden dort das Vordringen verwehren sollte. Am liebsten wäre ich am
Verbandplatze zurückgeblieben; dies war aber eine Unmöglichkeit.

Jetzt führte der Scheik seine Reiterei in das Thal, und ich schloß mich
ihr an. Sie wurde in die beiden Seitenthäler rechts und links verteilt.
Dann folgte die Infanterie. Ein Drittel derselben erstieg die Höhe
rechts, das andere Drittel die Höhe links, um – hinter den zahlreichen
Felsen versteckt – den Feind von oben herab fassen zu können; das letzte
Drittel, welches zumeist aus Scheik Malek und seinen Männern bestand,
blieb am Eingange zurück, um denselben zu verbarrikadieren und hinter
dieser Verschanzung hervor den Feind zu begrüßen. Jetzt kehrte ich
zurück und ritt mit meinen hundert Mann davon.

Unser Ritt ging grad nach Norden, bis wir einen Thalpaß fanden, welcher
es uns ermöglichte, den Dschebel zu übersteigen. Nach einer Stunde
erblickten wir den Fluß vor uns. Weiter rechts, also nach Süden zu, gab
es eine Stelle, an welcher das Gebirge zweimal hart an das Wasser trat,
und also einen Halbkreis bildete, aus welchem heraus sehr schwer zu
entkommen war, wenn man einmal das Unglück gehabt hatte, hinein zu
geraten. Hier postierte ich meine Leute, denn hier konnten wir eine
zehnfache Übermacht ohne große Anstrengung aufhalten.

Nachdem ich Vorposten aufgestellt hatte, saßen wir ab und machten es
uns bequem. Master Lindsay fragte mich:

»Hier bekannt, Sir?«

»Nein,« antwortete ich.

»Ob vielleicht Ruinen hier?«

»Weiß nicht.«

»Einmal fragen!«

Ich that es und gab ihm den Bescheid, indem ich die Antwort übersetzte:

»Weiter oben.«

»Wie heißt?«

»Muk hol Kal oder Kalah Schergatha.«

»Fowling-bulls dort?«

»Hm! Man müßte erst sehen.«

»Wie lange noch Zeit bis zum Kampf?«

»Bis Mittag, auch wohl später. Vielleicht giebt es für uns gar keinen
Kampf.«

»Werde unterdessen einmal ansehen.«

»Was?«

»Kalah Schergatha. Fowling-bulls ausgraben; Londoner Museum schicken;
berühmt werden; #well#!«

»Das wird jetzt nicht gut möglich sein.«

»Warum?«

»Weil Ihr von hier bis dorthin gegen fünfzehn englische Meilen zu reiten
hättet.«

»Ah! Hm! Miserabel! Werde dableiben!«

Er legte sich hinter ein Euphorbiengebüsch, ich aber beschloß, zu
rekognoscieren, gab den Leuten die nötige Weisung und ritt südwärts dem
Flusse entlang.

Mein Rappe war, wie alle Schammarpferde, ein ausgezeichneter Kletterer;
ich konnte es wagen, mit ihm den Dschebel zu ersteigen, und so ritt ich
denn, als sich mir ein günstiges Terrain bot, zur Höhe empor, um eine
Übersicht zu gewinnen. Oben musterte ich mit meinem Fernrohr den
östlichen Horizont. Da sah ich, daß drüben, jenseits des Flusses, ein
sehr reges Leben herrschte. Am südlichen, also am linken Ufer des Zab
wimmelte die Ebene von Reitern bis beinahe nach dem Tell Hamlia hinab,
und unterhalb des Chelab[157] lagen mehrere große Haufen von
Ziegenschläuchen, aus denen man wohl soeben die Flöße machen wollte,
welche zum Übersetzen der Obeïde dienen sollten. Das diesseitige Ufer
des Tigris konnte ich nicht sehen – wegen der Höhe, hinter welchem das
Thal Deradsch lag. Da ich noch Zeit hatte, so nahm ich mir vor, auch
jene Höhe zu ersteigen.

    [157] Stromschnelle.

Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt,
und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt
erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom
Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer
hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im
Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger
ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen
Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den
Kavallerie-Hinterhalt.

Dann richtete ich das Rohr nach Süden.

Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand,
sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten
wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert.
Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am
5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen
Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich
machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris
getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra
abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der
Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis
zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.

Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die
Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße
begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es
war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren
Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine
glänzende Phantasia[158] auszuführen.

    [158] Scheingefecht.

Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere
mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.

So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber,
und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt
kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die
Stunde der Entscheidung war gekommen.

Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem
es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu
Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas
blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein
Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten,
dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf,
an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich
fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte,
welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen
war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.

Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem
Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier
galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.

Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er
die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war
überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.

Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte
ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem
Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die
Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während
der andere Teil zurückblieb, um – hinter Euphorbien und Gummipflanzen
verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.

Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen.
Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im
Anschlage hielt.

»Wie viele?« fragte er kurz.

»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.

»Ungefähr?«

»Zwanzig.«

»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«

Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine
beiden Diener folgten ihm augenblicklich.

Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber,
welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich
vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann
hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals
erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die
hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine
Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.

Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle
herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner
Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule,
als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort
die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den
Engländer in arabischer Sprache:

»Wer bist du?«

Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe
Verbeugung, sagte aber kein Wort.

Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.

»Im Inglis – ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.

»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen
Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser
Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen
bitten?«

»David Lindsay.«

»Dies sind Ihre Diener?«

»#Yes!#«

»Aber was thun Sie hier?«

»#Nothing# – nichts.«

»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«

»#Yes!#«

»Und welches ist dieser Zweck?«

»#To dig# – ausgraben.«

»Was?«

»Fowling-bulls.«

»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute
und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«

»Mit Dampfer.«

»Wo ist er?«

»Nach Bagdad zurück.«

»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«

»#Yes.#«

»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«

»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«

Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche
übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:

»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber,
welche da drüben ihre Weideplätze haben.«

Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des
Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.

»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.

»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«

»Ah! Wohin?«

»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«

»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«

»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren
muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von
dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es,
daß – – – –«

Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer
Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik
in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich
mich.

»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.

Der Scheik blieb vor Überraschung halten.

»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen
sich aber doch genau wie ein Araber!«

»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir
wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die
Sitten dieses Landes bekümmern.«

»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.

»Ein Nemsi.«

»Sind die Nemsi Gläubige?«

»Sie sind Christen.«

»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«

»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.

»Du sprichst unsere Sprache?«

»Ich spreche sie.«

»Du gehörst zu diesem Inglis?«

»Ja.«

»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«

»Bereits mehrere Tage.«

Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:

»Kennst du die Haddedihn?«

»Ich kenne sie.«

»Woher hast du sie kennen gelernt?«

»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«

»So bist du verloren!«

»Warum?«

»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«

»Wann?«

»Sofort.«

»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch
stark!«

»Was willst du mit ihm?«

»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«

»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«

»Ich bin es.«

»So bist du mein. _Mir_ entkommst du nicht.«

»Oder du bist mein und entkommst _mir_ nicht. Sieh dich um!«

Er that es, bemerkte aber niemand.

»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.

Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn
und seine Leute an.

»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich
aber fängst du nicht!« rief er aus.

    [159] Beiname des Fuchses.

Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und
holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu
werden. Ich schoß auf sein Pferd – dieses überstürzte sich – er fiel zu
Boden – und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein
Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann
sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb
auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.

Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da
geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen,
nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die
erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche
Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger
lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen,
bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach
überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum
Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich
der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen
sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden
Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein,
den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.

»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren
Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und
euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«

»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.

»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese
beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.

»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]«
rief er trotz meiner Drohung.

    [160] Wolf.

    [161] Schakal.

    [162] Hase.

»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«

»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.

»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die
Dschowari!«

Er blickte mich überrascht an.

»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.

»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso
überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«

»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger
werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und
fortführen!«

»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden
wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen
Scheik Mohammed unternehmen willst?«

»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«

Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen – und erwiderte also:

»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu
erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du
bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die
andern Stämme der Schammar sich befinden.«

Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen
hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:

»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt.
Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«

Jetzt lachte ich und fragte:

»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«

»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«

»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch
gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«

»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.

»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«

»Wo?«

»Im Wadi Deradsch.«

Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:

»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu
Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und
die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn
verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«

Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.

»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und
werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«

»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«

»Es ist wahr.«

»So töte mich!«

»Du bist ein Feigling!«

»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«

»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist
deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn
verlassen!«

»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«

»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut
lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit
euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht
fehlen.«

»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Beschwöre es!«

»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«

Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt
aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach
näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite
und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile
war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu
erreichen und hinter demselben zu verschwinden.

»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«

Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung
erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.

»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.

Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war
gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu
verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er
lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war,
als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte,
dann fiel er nieder.

»Holt ihn herbei!« gebot ich.

Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei.
Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.

»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten,
sich zu ergeben!«

»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.

»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden
wollen.«

»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr
fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem
Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«

»Ich bezeuge es dir!«

»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis
in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«

Die Obeïde wurden entwaffnet.

»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.

»Was?« fragte ich und drehte mich um.

Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:

»Frißt Papier, der Kerl!«

Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der
zusammengeballten Hand.

»Geben Sie her!« sagte ich.

»Nie!«

»Pah!«

Ein Druck auf seine Hand – er schrie vor Schmerz auf und öffnete die
Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur
ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts
und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im
Munde.

»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.

Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er
den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich
ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der
Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein
Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten
nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz
unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie
zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:

»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete er.

»Von wem hast du es erhalten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«

Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:

»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse
dich hier zurück für die Geier und Schakale!«

»Ich muß schweigen,« sagte er.

»So schweige auf ewig!«

Ich erhob mich. Das wirkte.

»Frage, Effendi!« rief er aus.

»Von wem hast du diesen Brief?«

»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«

»An wen war er gerichtet?«

»An den Konsul zu Bagdad.«

»Kennst du seinen Inhalt?«

»Nein.«

»Lüge nicht!«

»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«

»Aber du ahnest, was er enthielt?«

»Ja.«

»So rede!«

»Politik!«

»Natürlich!«

»Weiter darf ich nichts sagen.«

»Hast du einen Schwur abgelegt?«

»Ja.«

»Hm! Du bist ein Grieche?«

»Ja.«

»Woher?«

»Aus Lemnos.«

»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter,
und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die
Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die
ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich
verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du
würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den
Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul
gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet,
was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von
der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander
auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser
gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des
Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des
Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß
er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu
deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den
Russen gedient?«

»Ja, Herr.«

»Wo?«

»In Stambul.«

»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu
bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn
übergeben.«

»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«

»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«

»Alexander Kolettis.«

»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn
früher trug, nichts gemein. Bill!«

»Sir!« antwortete der Gerufene.

»Kannst du eine Wunde verbinden?«

»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«

»Knüpfe es ihm zu!«

Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht
anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen
Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich
zu dem gefesselten Scheik:

»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen
mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an
meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«

»Warum?«

»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«

»Ich verspreche es!«

»Bei dem Barte des Propheten?«

»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«

»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«

»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.

»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.

»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.

Zugleich löste ich die Bande des Scheik.

»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere
Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein
Pferd mir lieber als ein Bruder war!«

Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede
Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:

»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von
fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein
Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«

»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.

»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag
dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln.
Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein
freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«

    [163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden,
    ungefähr wie die Paria in Indien.

Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und
starrte mich an.

»Wie ist dein Name, Sihdi?«

»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«

»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde,
sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn
glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich
leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei
dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen
Dolch!«

Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:

»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen
Schambijeh!«

Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht
gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu
beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war
gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus
gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich
jetzt keiner mehr vergleichen kann.

»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.

»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«

»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter
getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den
deinigen dafür!«

Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den
Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch
hin.

»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen
zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«

»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«

Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein
Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden
abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.

»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.

»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«

»Wir haben gesiegt.«

»Ging es schwer?«

»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«

»Alle?«

»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der
Obeïde, fehlt.«

Ich wandte mich an diesen:

»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef:
»Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«

»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß
kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«

»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«

»Deine Gefangenen?«

»Ja, sie werden mit mir kommen.«

»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese
Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«

Er jagte wieder davon.

Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf
eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der
Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet
hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.

Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge;
dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch
lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen
kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der
Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.

»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.

»Eslah el Mahem? Ja.«

»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der
Kampf gekostet?«

»Keinen.«

»Wer wurde verwundet?«

»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«

»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf
Verwundete.«

»Und der Feind?«

»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er
sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten
doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest
zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie
aus den Schluchten hervorbrachen.«

»Wo befindet sich der Feind?«

»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner
kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt
sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«

»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den
Tapfern ehren soll?«

»Er wollte uns vernichten!«

»Er wird dafür bestraft werden.«

»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«

Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie
möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben
bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte
die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis
Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:

»Willst du bei mir bleiben?«

Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:

»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«

Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde
dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei
seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige
Hoffnung gesetzt.

»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.

Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein
außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur
Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der
Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle
wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde
lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz
gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt,
die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu
bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen
lagen.

»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.

»Noch größeres,« antwortete ich.

»Ich nicht.«

»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«

»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«

»Und was wird nun geschehen?«

»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia
veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«

»Nein das werden wir nicht.«

»Warum?«

»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«

»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern
werden?«

»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«

»Was sollte uns abhalten?«

»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«

»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«

»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«

»Bis sie zurückkehren dürfen.«

»Und wann soll dies geschehen?«

»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von
Freunden und Feinden.«

»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden,
aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß
sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen
werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt
werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage
hier beisammen sein dürfen!«

Er ging. Nun trat Lindsay heran.

»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.

»Sehr!«

»Wie meine Sache gemacht, Sir?«

»Ausgezeichnet!«

»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«

»Man sieht es.«

»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«

»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«

»Fragt einmal, Sir!«

»Sobald es möglich ist, ja.«

»Jetzt gleich, sofort!«

»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine
Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«

»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«

»Sicher!«

Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.

Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu
verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in
welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft
vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich
glaube, daß ich ihnen willkommen kam.

»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte
Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht
und vorteilhaft ist.«

»Fragt, ich werde antworten!«

»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Pferde?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Kleider?«

»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«

»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«

»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«

»Wem gehören ihre Herden?«

»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen,
aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu
bezahlen.«

»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und
nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«

»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben
euch gehöre?«

»So ist es.«

»Wollt ihr es ihnen nehmen?«

»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«

»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die
Herden?«

»Nein.«

»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja,
ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«

»Wie?«

»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«

»Ja.«

»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«

»Dein Mund spricht weise und verständig.«

»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre
Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben,
damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar
zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie
arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser,
Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«

»Das erstere.«

»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem
Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und
die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen
und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«

»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«

»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen.
Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz
begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können;
dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe
gesprochen!«

»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren
Herden?«

»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«

»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«

»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um
ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu
sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage
vergelten zu können.«

»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«

»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen
die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen.
Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der
Beute, welche ihr macht.«

    [164] Verwandte.

»Wird man uns die Kriegsentschädigung bringen?«

»Nein. Ihr müßt sie holen. Die Gefangenen müssen hier bleiben, bis ihr
sie erhalten habt. Und um des Tributes sicher zu sein, müßt ihr stets
einige vornehme Leute der besiegten Stämme als Geiseln bei euch haben.
Zahlt man den Tribut nicht, so kommen diese Geiseln in Gefahr.«

»Wir würden sie töten. Nun sollst du uns das letzte sagen. Wie verteilen
wir die Kriegsentschädigung und den Tribut unter uns? Das ist sehr
schwer zu bestimmen.«

»Das ist sogar sehr leicht zu bestimmen, wenn ihr Freunde seid. Die
Entschädigung holt ihr euch, während ihr hier noch beisammen seid, und
dann könnt ihr sie nach den Köpfen verteilen.«

»So soll es sein!«

»Nun seid ihr drei Stämme, und sie sind drei Stämme; auch die Zahl der
Mitglieder dieser Stämme ist fast gleich. Warum soll nicht je ein Stamm
von euch von einem Stamme von ihnen den jährlichen Tribut erhalten? Ihr
seid Freunde und Gefährten. Wollt ihr euch um den Schwanz eines Schafes
oder um die Hörner eines Stieres zanken und entzweien?«

»Du hast recht. Wer aber soll die Kriegsentschädigung von ihren
Weideplätzen holen?«

»So viele Leute, als dazu erforderlich sind, und dabei sollen zwei
Drittel der eurigen und ein Drittel der ihrigen sein.«

»Das ist gut. Und was wirst du von dieser Entschädigung erhalten?«

»Nichts. Ich ziehe weiter und brauche keine Herden. Waffen und ein Pferd
habe ich auch.«

»Und die drei Männer, welche bei dir sind?«

»Die werden auch nichts nehmen; sie haben alles, was sie brauchen.«

»So wirst du nehmen müssen, was wir dir als Dank darbringen werden. Dein
Haupt ist nicht so alt wie eines der unsrigen, aber du hast dennoch
unsern Kriegern gelehrt, wie man über einen großen Feind siegt, ohne
viele Tote zu haben.«

»Wenn ihr mir danken wollt, so thut denen wohl, welche als eure Feinde
verwundet in euren Zelten liegen, und seht, ob ihr eine Ruine findet,
aus welcher man Figuren und Steine mit fremden Schriften graben kann.
Mein Gefährte wünscht solche Dinge zu sehen. Nun habt ihr gehört, was
ich euch zu sagen habe; Allah erleuchte eure Weisheit, damit ich bald
erfahre, was ihr beschlossen habt!«

»Du sollst bleiben und mit uns beraten!«

»Ich kann nichts anderes sagen, als was ich bereits gesagt habe. Ihr
werdet das Richtige treffen.«

Ich ging hinaus und beeilte mich, den gefangenen Scheiks Datteln und
Wasser zu besorgen. Dann traf ich auf Halef, welcher mich nach dem Wadi
Deradsch begleitete, welches ich jetzt näher in Augenschein nehmen
wollte. Die gefangenen Abu Hammed kannten mich. Einige von ihnen erhoben
sich ehrerbietig, als ich vor ihnen vorüberging, und andere steckten
flüsternd die Köpfe zusammen. Im Hintergrunde wurde ich von den dort
anwesenden Abu Mohammed mit Freuden begrüßt. Sie waren ganz begeistert,
die mächtigen Feinde auf eine so leichte Weise besiegt zu haben. Ich
ging von Gruppe zu Gruppe, und so kam es, daß mehrere Stunden vergangen
waren, als ich die Zelte wieder erreichte.

Während dieser Zeit hatten die nach dem Weideplatze gesandten Boten
dafür gesorgt, daß das Lager abgebrochen und in die unmittelbare Nähe
des Wadi Deradsch verlegt wurde. Die ganze Ebene wimmelte bereits von
Herden, und nun gab es Hämmel genug zu den Festmahlzeiten, welche heute
abend in jedem Zelte zu erwarten waren. Mohammed Emin hatte mich bereits
gesucht.

»Dein Wort ist so gut wie deine That,« meinte er. »Es ist befolgt
worden. Die Obeïde werden den Haddedihn, die Abu Hammed den Abu Mohammed
und die Dschowari den Alabeïde den Tribut bezahlen.«

»Wie viel Kriegsentschädigung entrichten die einzelnen Stämme?«

Er nannte die Ziffern: sie waren bedeutend, doch nicht grausam; dies
freute mich außerordentlich, zumal ich mir sagen konnte, daß mein Wort
hier nicht ganz ohne Einfluß gewesen war gegenüber den grausamen
Gewohnheiten, welche in solchen Fällen in Anwendung kamen. Von Sklaverei
war keine Rede gewesen.

»Wirst du mir eine Bitte erfüllen?« fragte der Scheik.

»Gern, wenn ich kann. Sprich sie aus!«

»Wir werden einen Teil der Herden der Besiegten holen; dazu brauchen die
Männer, welche wir senden, weise und tapfere Anführer. Ich und Scheik
Malek müssen hier bei den Gefangenen bleiben. Wir brauchen drei
Anführer, einen zu den Obeïde, einen zu den Abu Hammed und einen zu den
Dschowari. Die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde sind bereit;
es fehlt uns der dritte. Willst du es sein?«

»Ich will.«

»Wohin willst du gehen?«

»Wohin gehen die andern?«

»Sie wollen dir die erste Wahl überlassen.«

»So gehe ich zu den Abu Hammed, weil ich bereits einmal bei ihnen
gewesen bin. Wann sollen wir aufbrechen?«

»Morgen. Wie viele Männer willst du mit dir nehmen?«

»Vierzig Mann von den Abu Hammed und sechzig von deinen Haddedihn. Auch
Halef Omar nehme ich mit.«

»So suche sie dir heraus. Werden die Abu Hammed bewaffnet sein müssen?«

»Nein, denn dies wäre ein großer Fehler. Seid ihr mit den Scheiks der
Besiegten bereits einig geworden?«

»Nein. Das wird bis zum letzten Gebete heute geschehen.«

»Behalte die angesehenen Krieger hier und schicke nur die gewöhnlichen
Männer mit uns fort; diese sind zum Treiben der Herden gut genug.«

Ich ging, um mir meine Leute auszuwählen; dabei traf ich auf Lindsay.

»Gefragt, Sir?« redete er mich an.

»Noch nicht.«

»Warum nicht?«

»Ist nicht nötig, denn ich habe den Scheiks Auftrag gegeben,
nachzuforschen.«

»Herrlich! Prächtig! Scheiks wissen alles! Werde Ruinen finden!«

»Ich denke es! Wollt Ihr einen interessanten Ritt mitmachen?«

»Wohin?«

»Bis unterhalb von El Fattha, wo der Tigris durch die Hamrinberge
geht.«

»Was dort?«

»Die Kriegsentschädigung holen, welche in Herden besteht.«

»Bei wem?«

»Bei dem Stamme Abu Hammed, der uns damals unsere Pferde raubte.«

»Köstlich, Sir! Bin dabei! Wie viele Männer mit?«

»Hundert.«

»Gut! Prächtig! Imposanter Zug. Ruinen dort?«

»Mehrere Gräberhügel, aber am linken Ufer.«

»Kommen nicht hinüber?«

»Nein.«

»Schade! Jammerschade! Könnten nachsuchen! Fowling-bulls finden!«

»Wir werden trotzdem etwas Ausgezeichnetes finden.«

»Was?«

»Etwas Leckeres, das wir lange entbehrt haben, nämlich Trüffeln.«

»Trüffeln? Oh! Ah!«

Er sperrte den Mund so weit auf, als ob er eine ganze Trüffelpastete auf
einmal verspeisen wolle.

»Sie wachsen in Haufen in jener Gegend, und ich habe erfahren, daß damit
ein nicht unbedeutender Handel nach Bagdad, Basra, Kerkuk und Sulimaniah
getrieben wird. Sogar bis Kirmanschah sollen sie gehen.«

»Gehe mit, Sir, gehe mit! Trüffeln! Hm! Prachtvoll!«

Damit verschwand er, um seinen beiden Dienern die große Neuigkeit
mitzuteilen; ich aber ging, um meine Leute herauszusuchen.

Bis zum Abend sahen sich die drei besiegten Scheiks wirklich gezwungen,
auf alle Forderungen der Sieger einzugehen, und nun begann ein
Freudenfest, infolgedessen mancher feiste Hammel sein Leben lassen
mußte. Mitten in diesem Jubel lag ich unter duftenden Blüten, umklungen
von tausend Stimmen und doch allein mit meinen Gedanken. Vor vielen
Jahrhunderten hatten hier die Doryphoren ihre gefürchteten Speere
geschwungen. Hier hatte vielleicht auch das Zelt des Holofernes
gestanden, aus Gold und Purpur gefertigt und mit Smaragden und
Edelsteinen geschmückt. Und drüben auf den rauschenden Wellen des
Flusses hatten die Fahrzeuge geankert, welche Herodot beschreibt:

»Die Boote sind von kreisrunder Form und aus Fellen gemacht. Sie werden
in Armenien und in den Gegenden ober Assyrien gebaut. Die Rippen werden
aus Weidenruten und Zweigen gemacht und sind außerhalb mit Fellen
umgeben. Sie sind rund, wie ein Schild, und zwischen Vorderteil und
Hinterteil ist kein Unterschied. Den Boden ihrer Schiffe kleiden die
Schiffer mit Rohr oder Stroh aus, und Kaufmannsgüter, besonders Palmwein
einnehmend, schwimmen sie den Fluß hinunter. Die Boote haben zwei Ruder;
an jedem ist ein Mann. Der eine zieht auf sich zu, und der andere stößt
von sich ab. Diese Schiffe haben verschiedene Maßverhältnisse; einige
sind so groß, daß sie eine Last bis zum Werte von fünftausend Talenten
tragen; die kleineren haben einen Esel an Bord; die größeren mehrere.
Sobald die Bootsleute nach Babylon kommen, verfügen sie über die Waren
und Güter und bieten dann die Rippen und das Rohr des Floßes zum
Verkaufe aus. Mit den Schläuchen beladen sie dann ihre Esel und gehen
mit ihnen nach Armenien zurück, wo sie neue Fahrzeuge bauen.«

Trotz der Jahrhunderte sind sich diese Fahrzeuge gleich geblieben; aber
die Völker, welche hier lebten, sind verschwunden. Wie wird es sein,
wenn abermals eine solche Zeit vergangen ist? – –

Am andern Vormittage brachen wir auf: ich mit Halef und einem Abu Hammed
als Führer voran, die andern hinter mir. Den Nachtrab machte Sir David
Lindsay.

Wir kamen zwischen den Kanuza- und Hamrinbergen hindurch und erblickten
bald am linken Ufer Tell Hamlia, einen kleinen, künstlichen Hügel. Am
rechten Ufer lag Kalaat el Dschebbar, »die Burg der Tyrannen«, eine
Ruine, welche aus einigen verfallenen, runden Türmen besteht, die durch
Wälle verbunden sind. Dann erreichten wir Tell Dahab, einen kleinen
Hügel, welcher am linken Ufer des Flusses liegt, und bei Brey el Bad,
einem ziemlich steilen Felsen, machten wir Halt, um das Mittagsmahl
einzunehmen. Gegen Abend gelangten wir nach El Fattha, wo sich der Fluß
einen fünfzig Ellen breiten Weg durch die Hamrinberge zwingt, und als
wir diese Enge überwunden hatten, schlugen wir das Nachtlager auf. Die
Abu Hammed waren unbewaffnet, aber ich teilte die Haddedihn doch in zwei
Hälften, welche abwechselnd zu wachen hatten, damit keiner der
Gefangenen entfliehen solle. Wäre es nur einem einzigen gelungen, so
hätte er seinem Stamme unsere Ankunft verraten, und die besten Tiere
wären dann geflüchtet oder versteckt worden.

Mit Tagesgrauen brachen wir wieder auf. Der Fluß war breit und bildete
viele Inseln. An dem linken Ufer zogen sich niedrige Hügel hin, am
rechten aber lag die Ebene offen vor uns, und hier sollten sich längs
des Flusses die Abu Hammed gelagert haben.

»Habt ihr einen Weideplatz oder mehrere?« fragte ich den Führer.

»Nur einen.«

Ich sah es ihm an, daß er mir die Unwahrheit sagte.

»Du lügst!«

»Ich lüge nicht, Emir!«

»Nun gut. Ich will mir Mühe geben, dir zu glauben; aber wenn ich
bemerke, daß du mich täuschest, so jage ich dir eine Kugel durch den
Kopf!«

»Das wirst du nicht thun!«

»Ich thue es!«

»Du thust es nicht, denn ich sage dir, daß wir vielleicht zwei Plätze
haben.«

»Vielleicht?«

»Oder gewiß; also zwei.«

»Oder drei!«

»Nur zwei!«

»Gut. Wenn ich aber drei finde, so bist du verloren!«

»Verzeihe, Emir! Sie könnten ja unterdessen noch einen gefunden haben.
Dann sind es drei.«

»Ah! Vielleicht sind es vier?«

»Du wirst noch zehn haben wollen!«

»Du bist ein Abu Hammed und willst nicht gern verlieren, was du
zusammengeraubt hast. Ich werde nicht weiter in dich dringen.«

»Wir haben vier, Emir,« sagte er ängstlich.

»Gut. Schweige nun, denn ich werde mich selbst überzeugen!«

Ich hatte unterdessen den Horizont mit meinem Rohre abgesucht und in der
Ferne einige bewegliche Punkte entdeckt. Ich rief denjenigen Haddedihn
herbei, welcher die Leute unter mir befehligte. Er war ein wackerer und
entschlossener Krieger, den ich für vollständig zuverlässig hielt.

»Wir haben vierzig Abu Hammed bei uns. Glaubst du, sie mit dreißig
unserer Leute sicher bewachen zu können?«

»Mit zehn, Emir. Sie haben ja keine Waffen!«

»Ich werde jetzt mit Hadschi Halef Omar vorwärts reiten, um Kunde
einzuziehen. Wenn die Sonne gerade über jenem Strauche steht und ich bin
nicht zurück, so sendest du mir dreißig Haddedihn nach, welche mich
suchen müssen!«

Ich rief dem Engländer, und er kam mit seinen beiden Dienern heran. Ich
sagte ihm:

»Ich habe Euch einen sehr wichtigen Posten anzuvertrauen.«

»#Well!#« antwortete er.

»Ich werde jetzt einmal voranreiten, um zu sehen, wie weit sich die
Weideplätze der Abu Hammed ausdehnen. Bin ich in zwei Stunden noch nicht
zurück, so kommen mir dreißig Mann der Unseren nach.«

»Ich mit?«

»Nein. Ihr bleibt bei den übrigen zurück, um die Gefangenen zu bewachen.
Wenn einer Miene macht, zu entfliehen, so schießt Ihr ihn nieder.«

»#Yes!# Wenn einer flieht, schieße alle nieder.«

»Gut, aber mehr nicht!«

»#No.# Aber Sir, wenn mit den Abu Hammed reden, dann einmal fragen!«

»Was?«

»Nach Ruinen und Fowling-bulls.«

»Gut. Vorwärts, Halef!«

Wir galoppierten über die Ebene hin und grad auf die Punkte zu, welche
ich gesehen hatte. Es war eine weidende Schafherde, bei welcher ein
alter Mann stand.

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich ihn.

»Aaleïkum!« antwortete er, sich tief verneigend.

»Ist Friede auf deiner Weide?«

»Es ist Friede da, o Herr. Bringst du auch Frieden?«

»Ich bringe ihn. Du gehörst zum Stamme der Abu Hammed?«

»Du sagst es.«

»Wo ist euer Lager?«

»Da unten hinter der Krümmung des Flusses.«

»Habt ihr mehrere Weideplätze?«

»Warum fragst du, o Herr?«

»Weil ich eine Botschaft an alle deines Stammes auszurichten habe.«

»Von wem?«

»Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«

»Hamdulillah! Du wirst eine frohe Botschaft bringen.«

»Ich bringe sie. Also sag’, wie viele Weideplätze ihr habt.«

»Sechs. Drei hier am Flusse hinab und drei auf den Inseln im Strome.«

»Sind alle Inseln hier euer Eigentum?«

»Alle.«

»Sind sie alle bewohnt?«

»Alle, bis auf eine.«

Es lag etwas in dem Tone dieser Antwort und in dem Gesichte des Alten,
was mich aufmerksam machte; ich ließ mir aber nichts merken und fragte:

»Wo liegt diese eine?«

»Grad gegenüber von uns liegt die erste, und die ich meine, das ist die
vierte, o Herr.«

Ich beschloß im stillen, auf diese Insel ein scharfes Auge zu haben,
laut aber erkundigte ich mich:

»Warum ist sie nicht bewohnt?«

»Weil man sehr schwer zu ihr gelangen kann, da der Strom gefährlich
ist.«

Hm! Dann hätte sie ja recht gut die Eigenschaft, als Aufenthaltsort für
Gefangene zu dienen! So dachte ich und fuhr zu fragen fort:

»Wie viele Männer sind in euerm Lager?«

»Bist du wirklich ein Abgesandter des Scheik, o Herr?«

Dieses Mißtrauen vermehrte natürlich auch das meinige.

»Ich bin es. Ich habe mit ihm und mit den Scheiks der Obeïde und der
Dschowari gesprochen.«

»Was bringst du für eine Botschaft?«

»Die Botschaft des Friedens.«

»Warum hat er keinen Mann seines Stammes gesandt?«

»Die Männer der Abu Hammed kommen gleich hinter mir.«

Ich wollte nicht weiter in ihn dringen und ritt also weiter, aber ganz
nahe an das Ufer des Flusses, um die Inseln zu zählen. Als wir die
dritte hinter uns hatten, machte der Fluß eine Krümmung, und nun lagen
die Zelte des Lagers vor unsern Augen. Die ganze Ebene rings umher war
von Kamelen, Rindern, Ziegen und Schafen angefüllt. Pferde sah ich nur
wenige. Ebenso erblickte ich nur wenige Männer, die noch dazu alt und
kraftlos, also ungefährlich waren. Wir ritten in die Zeltgasse ein.

Vor einem der Zelte stand ein junges Mädchen, welches ein dort
angebundenes Pferd liebkoste. Als es mich erblickte, stieß es einen
Schrei aus, sprang zu Pferde und jagte davon. Sollte ich der Flüchtigen
nachreiten? Ich that es nicht; es würde auch nicht viel gefruchtet
haben, denn ich wurde jetzt von allen umringt, welche im Lager anwesend
waren: von Greisen, Kranken, Frauen und Mädchen. Ein Greis legte die
Hand auf den Hals meines Pferdes und fragte:

»Wer bist du, Herr?«

»Ich bin ein Bote, den euch Zedar Ben Huli sendet.«

»Der Scheik! Mit welcher Botschaft sendet er dich?«

»Das werde ich euch sagen, wenn alle hier versammelt sind. Wie viele
Krieger hat er hier zurückgelassen?«

»Fünfzehn junge Männer. Ajehma wird fortgeritten sein, um sie zu
holen.«

»So erlaube, daß ich absteige. Du aber« – und nun wandte ich mich an
Halef – »reite sofort weiter, denn die Dschowari müssen dieselbe
Botschaft empfangen.«

Halef wandte sein Pferd und sprengte davon.

»Kann dein Gefährte nicht hier bleiben, um sich auszuruhen und Speise zu
nehmen?« fragte der Alte.

»Er ist nicht müde und nicht hungrig, und sein Auftrag leidet kein
Zögern. Wo befinden sich die jungen Krieger?«

»Bei der Insel.«

Ah, wieder diese Insel!

»Was thun sie dort?«

»Sie« – – er stockte und fuhr dann fort: – »Sie weiden die Herde.«

»Ist diese Insel weit von hier?«

»Nein. Siehe, da kommen sie bereits!«

Wirklich kam ein Trupp Bewaffneter vom Flusse her auf uns zugesprengt.
Es waren die Jüngsten des Stammes, fast noch Knaben; sie und die Alten
hatte man zurückgelassen. Sie hatten keine Schießgewehre, sondern nur
Spieße und Keulen. Der Vorderste und zugleich auch der Ansehnlichste von
ihnen erhob die Keule im Reiten und schleuderte sie nach mir, indem er
rief:

»Hund, du wagst es, zu uns zu kommen?«

Ich hatte zum Glück die Büchse vorgenommen und konnte mit ihrem Kolben
den Wurf parieren; aber die Lanzen sämtlicher Knaben waren auf mich
gerichtet. Ich machte mir nicht sehr viel daraus, gab vielmehr meinem
Rappen die Schenkel und drängte ihn hart an das Roß des Angreifers. Er
allein von allen mochte das zwanzigste Jahr erreicht haben.

»Knabe, du wagst es, einen Gast deines Stammes anzugreifen?«

Mit diesen Worten riß ich ihn zu mir herüber und setzte ihn vor mir auf
den Hengst. Er hing an meiner Hand mit schlaffen Gelenken wie ein
Gliedermann; die Angst war ihm in den Leib gefahren.

»Nun stecht, wenn ihr jemand töten wollt!« fügte ich hinzu.

Sie hüteten sich wohl, dies zu thun, denn er bildete einen Schild vor
mir; aber die wackern Knaben waren nicht ganz unentschlossen. Einige von
ihnen stiegen vom Pferde und versuchten, von der Seite oder von hinten
an mich zu kommen, während die andern mich vorn beschäftigten. Sollte
ich sie verwunden? Es wäre jammerschade gewesen. Ich drängte daher das
Pferd hart an eines der Zelte, daß ich den Rücken frei bekam, und frug:

»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich töten wollt?«

»Wir kennen dich,« antwortete einer. »Du sollst uns nicht wieder
entkommen, du Mann mit der Löwenhaut!«

»Du sprichst sehr kühn, du Knabe mit der Lämmerhaut!«

Da hob eine alte Frau heulend ihre Hände empor und rief:

»Ist es dieser? O, thut ihm nichts, denn er ist fürchterlich!«

»Wir töten ihn!« antwortete die Bande.

»Er wird euch zerreißen, und dann durch die Luft davonreiten!«

»Ich werde nicht davonreiten, sondern bleiben,« antwortete ich und
schleuderte nun meinen Gefangenen mitten unter die Angreifenden hinein.
Dann glitt ich vom Pferde und trat in das Zelt. Mit einem Schnitte
meines Dolches erweiterte ich den Eingang so, daß ich das Tier, welches
ich keiner Gefahr aussetzen wollte, zu mir hereinziehen konnte. Nun war
ich vor den Stichen dieser Wespen so ziemlich geborgen.

»Wir haben ihn! Hamdulillah, wir haben ihn!« jubelte es draußen.

»Umgebt das Zelt, laßt ihn nicht heraus!« rief eine andere Stimme.

»Schießt ihn durch die Wände tot!« ertönte ein Ruf.

»Nein, wir fangen ihn lebendig. Er hat den Rappen bei sich; den dürfen
wir nicht verletzen; der Scheik will ihn haben!«

Daß sich keiner zu mir hereinwagen würde, konnte ich mir denken; daher
setzte ich mich gemütlich nieder und langte nach dem kalten Fleisch,
welches auf einer Platte in meiner Nähe lag. Übrigens dauerte diese
unfreiwillige Einquartierung nicht sehr lange; Halef hatte sein Pferd
angestrengt, und gar bald erdröhnte der Boden unter dem Galoppe von
dreißig Berittenen.

»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig!« hörte ich rufen. »Das sind
Feinde!«

Ich trat aus dem Zelte. Von der ganzen Bevölkerung des Lagers war nicht
eine einzige Person mehr zu sehen. Alle hatten sich in die Zelte
verkrochen.

»Sihdi!« rief laut die Stimme Halefs.

»Hier, Hadschi Halef Omar!«

»Hat man dir etwas gethan?«

»Nein. Besetzt das Lager, daß niemand entkommt! Wer zu entfliehen sucht,
wird niedergestoßen!«

Diese Worte waren laut genug gesprochen, um von allen gehört zu werden.
Ich wollte nur drohen. Dann sandte ich Halef von einem Zelte zum andern,
um sämtliche Greise herbeizuführen; die fünfzehn Knaben brauchte ich
nicht. Es dauerte lange, bis die Alten beisammen waren; sie hatten sich
versteckt und kamen nur mit Zittern und Zagen herbei. Als sie in
ängstlicher Erwartung um mich herum saßen, begann ich die Unterhaltung.

»Habt ihr die Tättowierung meiner Leute auch gesehen?«

»Ja, Herr.«

»So habt ihr ihren Stamm erkannt?«

»Ja. Es sind Haddedihn, Herr.«

»Wo sind eure Krieger?«

»Du wirst es wissen, Herr.«

»Ja, ich weiß es, und ich will es euch sagen: Alle sind gefangen von den
Haddedihn, und nicht ein einziger ist entkommen.»

»Allah kerihm!«

»Ja, Allah möge ihnen und euch gnädig sein!«

»Er lügt!« flüsterte einer von ihnen, dem das Alter den Mut noch nicht
geknickt hatte.

Ich drehte mich zu ihm:

»Du sagst, daß ich lüge? Dein Haar ist grau, und dein Rücken beugt sich
unter der Last der Jahre; daher will ich dir die Worte verzeihen. Warum
meinst du, daß ich dich belüge?«

»Wie können die Haddedihn drei ganze Stämme gefangen nehmen?«

»Du würdest es glauben, wenn du wüßtest, daß sie nicht allein gewesen
sind. Sie waren mit den Abu Mohammed und den Alabeïde verbunden. Sie
wußten alles, und als ich von euren Kriegern gefangen genommen wurde,
kam ich von den Abu Mohammed, wo ich gewesen war, um den Krieg mit ihnen
zu besprechen. Im Wadi Deradsch haben wir die Euren empfangen, und es
ist kein einziger entkommen. Hört, welchen Befehl ich gebe!«

Ich trat unter den Eingang des Zeltes, in welchem wir uns befanden, und
winkte Halef herbei.

»Reite zurück und hole die gefangenen Abu Hammed herbei!«

Sie erschraken jetzt wirklich, und der Alte fragte:

»Ist es möglich, Herr?«

»Ich sage die Wahrheit. Die sämtlichen Krieger eures Stammes sind in
unserer Hand. Entweder werden sie getötet oder ihr bezahlt das Lösegeld,
welches für sie gefordert wird.«

»Auch Scheik Zedar Ben Huli ist gefangen?«

»Auch er.«

»So hättest du wegen des Lösegeldes mit ihm reden sollen!«

»Ich habe es gethan.«

»Was sagte er?«

»Er will es zahlen und hat mir vierzig von euren Leuten mitgegeben,
welche jetzt kommen, um es zu holen.«

»Allah schütze uns! Wie hoch ist es?«

»Das werdet ihr hören. Wie viel Stück zählen eure Herden?«

»Wir wissen es nicht!«

»Ihr lügt! Ein jeder kennt die Zahl der Tiere, welche seinem Stamm
gehören. Wie viel Pferde habt ihr?«

»Zwanzig, außer denen, die mit in den Kampf gezogen sind.«

»Diese sind für euch verloren. Wie viele Kamele?«

»Dreihundert.«

»Rinder?«

»Zwölfhundert.«

»Esel und Maultiere?«

»Vielleicht dreißig.«

»Schafe?«

»Neuntausend.«

»Euer Stamm ist nicht reich. Das Lösegeld wird betragen: zehn Pferde,
hundert Kamele, dreihundert Rinder, zehn Esel und Maultiere und
zweitausend Schafe.«

Da erhoben die Alten ein fürchterliches Wehgeheul. Sie thaten mir
allerdings sehr leid, aber ich konnte ja nichts ändern, und wenn ich
diese Ziffern mit denen verglich, welche unter andern Verhältnissen
aufgestellt worden wären, so fühlte ich mich in meinem Gewissen
vollständig beruhigt. Um dem Jammergeschrei ein Ende zu machen, rief ich
in etwas barschem Tone:

»Still! Scheik Zedar Ben Huli hat es genehmigt.«

»Wir können so viel nicht geben!« lautete die Antwort.

»Ihr könnt es! Was man geraubt hat, das kann man sehr leicht wieder
hergeben!«

»Wir haben nichts geraubt. Warum willst du uns für Haremi[165] halten?«

    [165] Räuber. Dieses Wort ist übrigens eine Ehrenbezeichnung bei
    den Beduinen.

»Seid still! Wurde ich nicht selbst von euch angefallen?«

»Es geschah zum Scherze, Herr!«

»Dann treibt ihr einen gefährlichen Scherz. Wie viele Weideplätze habt
ihr?«

»Sechs.«

»Auch auf Inseln?«

»Ja.«

»Auch auf der Insel, bei welcher vorhin eure jungen Männer waren?«

»Nein.«

»Man sagte mir doch, daß sie dort die Herden weideten! Ihr habt den Mund
ganz voller Unwahrheit! Wer befindet sich auf dieser Insel?«

Sie sahen sich verlegen an, dann antwortete der Sprecher:

»Es sind Männer da.«

»Was für Männer?«

»Fremde.«

»Wo sind sie her?«

»Wir wissen es nicht.«

»Wer weiß es sonst?«

»Nur der Scheik.«

»Wer hat diese Männer zu euch gebracht?«

»Unsere Krieger.«

»Eure Krieger! Und nur der Scheik weiß es, wo sie her sind? Ich sehe,
daß ich von euch dreitausend Schafe verlangen muß – statt zweitausend!
Oder wollt ihr nicht lieber sprechen?«

»Herr, wir dürfen nicht!«

»Warum nicht?«

»Der Scheik würde uns bestrafen. Sei barmherzig mit uns!«

»Ihr habt recht; ich will euch diese Verlegenheit ersparen.«

Da kam es zwischen den Zelten herangetrabt: es waren die Gefangenen mit
ihrer Bedeckung. Bei diesem Anblick erhob sich, ohne daß sich jemand
sehen ließ, in allen Zelten ein großes Klagegeschrei. Ich stand auf.

»Jetzt könnt ihr sehen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Vierzig
von euren Kriegern sind da, um das Lösegeld zu holen. Geht jetzt in die
Zelte und holt alle Bewohner des Lagers hinaus vor dasselbe; es soll
ihnen nichts geschehen, aber ich habe mit ihnen zu reden.«

Es machte einige Mühe, diese Menge von Greisen, Frauen und Kindern zu
versammeln. Als sie beisammen waren, trat ich zu den Gefangenen:

»Seht hier eure Väter, eure Mütter, Schwestern und Kinder! Sie sind in
meiner Hand und ich werde sie gefangen fortführen, wenn ihr den
Befehlen ungehorsam seid, die ihr jetzt erhaltet. Ihr habt sechs
Weideplätze, die alle in der Nähe sind. Ich teile euch in sechs Haufen,
von denen sich ein jeder unter der Aufsicht meiner Krieger nach einem
der Plätze begiebt, um die Tiere hierher zu treiben. In einer Stunde
müssen alle Herden hier beisammen sein!«

Wie ich gesagt hatte, so geschah es. Die Abu Hammed verteilten sich
unter der Aufsicht der Haddedihn, und nur zwölf Männer behielt ich von
den letzteren zurück. Bei ihnen war Halef.

»Ich werde mich jetzt entfernen, Halef,« sagte ich ihm.

»Wohin, Sihdi?« fragte er.

»Nach der Insel. Du wirst hier auf Ordnung sehen und dann später die
Auswahl der Tiere leiten. Sorge dafür, daß diesen armen Leuten nicht
bloß die besten genommen werden. Die Ausscheidung soll gerecht
geschehen.«

»Sie haben es nicht verdient, Sihdi!«

»Aber ich will es so. Verstehst du, Halef?«

Master Lindsay kam heran.

»Habt Ihr gefragt, Sir?«

»Noch nicht.«

»Nicht vergessen, Sir!«

»Nein. Ich habe Euch wieder einen Posten anzuvertrauen.«

»#Well!# Welchen?«

»Seht darauf, daß keine dieser Frauen entflieht!«

»#Yes!#«

»Wenn eine von ihnen Miene macht, davon zu laufen, so – – –«

»Schieße ich sie nieder!«

»O nein, Mylord!«

»Was denn?«

»So laßt Ihr sie laufen!«

»#Well#, Sir!«

Diese zwei Worte brachte er heraus, aber den Mund brachte er nicht
wieder zu. Ich war übrigens fest überzeugt, daß schon der bloße Anblick
von Sir David Lindsay den Frauen jede Absicht zur Flucht benehmen werde.
In seinem karrierten Anzuge mußte er ihnen wie ein Ungeheuer vorkommen.

Jetzt nahm ich zwei Haddedihn mit mir und schritt dem Flusse zu. Hier
hatte ich die vierte Insel vor mir. Sie war lang und schmal und mit
dichtem Rohr bewachsen, welches die Höhe eines Mannes weit überragte.
Ich konnte kein lebendes Wesen erblicken, aber sie barg ein Geheimnis,
das ich unbedingt ergründen mußte. Daß ich keinen der Abu Hammed
mitgenommen hatte, war geschehen, um niemand für spätere Zeit in Schaden
zu bringen.

»Sucht nach einem Floß!« gebot ich den beiden.

»Wohin willst du?«

»Nach dieser Insel.«

»Emir, das ist nicht möglich!«

»Warum?«

»Siehst du nicht die reißende Strömung zu ihren beiden Seiten? Es würde
jedes Floß an ihr zerschellen.«

Der Mann hatte recht, aber dennoch hegte ich die Überzeugung, daß irgend
ein Verkehr zwischen dem Ufer und dieser Insel stattfinden müsse, und
als ich schärfer hinblickte, bemerkte ich, daß an ihrer oberen Spitze
das Rohr niedergetreten war.

»Blickt dahin! Seht ihr nicht, daß dort Menschen gewesen sind?«

»Es scheint so, Emir.«

»So muß auch ein Fahrzeug vorhanden sein.«

»Es würde zerschellen; das ist sicher!«

»Sucht!«

Sie gingen nach rechts und links am Ufer hinab und hinauf, kehrten aber
unverrichteter Sache zurück. Jetzt suchte ich selbst mit, lange
vergeblich. Endlich aber entdeckte ich – – zwar kein Floß und keinen
Kahn, aber eine Vorrichtung, deren Zweck mir sofort einleuchtete. An den
Stamm eines Baumes, welcher oberhalb der Insel hart am Wasser stand, war
ein langes, starkes Palmfaserseil befestigt. Das eine Ende desselben
schlang sich um den Stamm, das Seil selbst aber war unter dem daneben
wuchernden dichten Gestrüpp versteckt. Als ich es hervorzog, zeigte sich
an dem andern Ende ein jetzt zusammengesunkener Schlauch, aus einer
Bockshaut gefertigt, und über demselben war ein Querholz angebracht,
welches jedenfalls dazu dienen sollte, sich mit den Händen daran
festzuhalten.

»Seht, hier ist das Floß. Dieses kann allerdings nicht zerschellen. Ich
werde hinüberschwimmen, während ihr hier wacht, daß ich nicht gestört
werde.«

»Es ist gefährlich, Emir!«

»Andere sind auch hinübergekommen.«

Ich warf die Oberkleider ab und blies den Schlauch auf. Die Öffnung
wurde mit einer daran befestigten Schnur verschlossen.

»Haltet das Seil und laßt es langsam durch die Hände laufen!«

Ich faßte das Querholz fest und glitt in das Wasser. Sofort ergriff mich
die Strömung, welche so stark war, daß ein Mann alle seine Kräfte
anstrengen mußte, um das Seil halten zu können. Einen Menschen von
drüben herüber holen, dazu gehörten wohl die vereinigten Kräfte von
mehreren Männern. Ich mußte nach jenseits der Insel halten; es gelang,
und ich landete glücklich, obgleich ich einen tüchtigen Stoß erhielt.
Meine erste Sorge war, das Seil so zu befestigen, daß es mir nicht
abhanden kommen konnte; dann ergriff ich den Dolch, welchen ich zu mir
gesteckt hatte.

Von der Spitze der Insel führte durch das Rohrdickicht ein schmaler,
ausgetretener Pfad, auf welchem ich bald vor eine kleine, aus Bambus,
Schilf und Binsen gefertigte Hütte kam. Sie war so niedrig, daß kein
Mensch in ihr zu stehen vermochte. Ihr Inneres enthielt nichts als
einige Kleidungsstücke. Ich betrachtete dieselben genau und bemerkte,
daß es die zerfetzten Anzüge von drei Männern waren. Keine Spur zeigte,
daß die Besitzer derselben noch vor kurzer Zeit hier anwesend gewesen
seien; aber der Pfad führte weiter.

Ich folgte ihm, und bald war es mir, als ob ich ein Stöhnen hörte. Ich
hastete vorwärts und gelangte an eine Stelle, wo das Rohr abgehauen war.
Auf dieser kleinen Blöße bemerkte ich – – drei Menschenköpfe, welche mit
dem Halse auf den Erdboden gestellt waren; so wenigstens schien es mir.
Sie waren ganz unförmlich aufgeschwollen, und die Ursache davon ließ
sich sehr leicht erkennen; denn bei meiner Ankunft erhob sich eine
dichte Wolke von Moskitos und Schnaken in die Luft. Augen und Mund waren
geschlossen. Waren das Totenköpfe, welche man aus irgend einem Grunde
hierher gestellt hatte?

Ich bückte mich nieder und berührte einen derselben. Da hauchte ein
leiser Wehelaut zwischen den Lippen hervor, und die Augen öffneten sich
und starrten mich mit einem gläsernen Blick an. Ich war wohl in meinem
Leben selten über ein Ding erschrocken, jetzt aber entsetzte ich mich so
sehr, daß ich mehrere Schritte zurückwich.

Ich trat wieder näher und untersuchte die Sache. Wahrhaftig, drei
Männer waren eingegraben, lebendig eingegraben in den feuchten, fauligen
Boden bis an die Köpfe.

»Wer seid ihr?« fragte ich laut.

Da öffneten alle drei die Augen und stierten mich mit wahnsinnigen
Blicken an. Die Lippen des einen thaten sich auf:

»Oh Adi!« ächzte er langsam.

Adi? Ist dies nicht der Name des großen Heiligen der Dschesidi, der
sogenannten Teufelsanbeter?

»Wer hat euch hierher gebracht?« fragte ich weiter.

Wieder öffnete sich der Mund, aber er war nicht mehr im stande, einen
Laut hören zu lassen. Ich arbeitete mich durch das dichte Röhricht nach
dem Ufer der Insel und füllte beide Hände mit Wasser. Rasch kehrte ich
zurück und flößte das Naß den Gemarterten ein. Sie schlürften es mit
Gier. Ich konnte nur wenig auf einmal bringen, da es mir unterwegs
zwischen den Fingern durchtropfte, und so mußte ich sehr oft hin und her
gehen, ehe sie ihren fürchterlichen Durst gestillt hatten.

»Giebt es hier eine Hacke?« fragte ich.

»Mitgenommen,« flüsterte der eine.

Ich rannte nach der oberen Spitze der Insel. Drüben standen noch meine
Begleiter. Ich legte die Hand an den Mund, um das Rauschen des Wassers
zu übertönen, und rief ihnen zu:

»Holt einen Spaten, eine Hacke und die drei Engländer, aber ganz
heimlich!«

Sie verschwanden. Halef durfte ich nicht herbescheiden, weil er drüben
notwendig war. Ich wartete mit Ungeduld – endlich aber erschienen die
Haddedihn mit den drei Verlangten und auch mit einem Werkzeuge, welches
einer Hacke ähnlich sah.

»Sir David Lindsay!« rief ich hinüber.

»#Yes!#« antwortete er.

»Schnell herüber! Bill und der andere auch! Bringt die Hacke mit!«

»Meine Hacke? Fowling-bulls gefunden?«

»Werden sehen!«

Ich machte den Schlauch los und schob ihn in das Wasser.

»Zieht an!«

Eine Weile danach stand Sir David auf der Insel.

»Wo?« fragte er.

»Warten! Erst die anderen auch herüber!«

»#Well!#«

Er winkte den Leuten drüben, sich zu sputen, und endlich standen die
beiden kräftigen Burschen an unserer Seite. Bill hatte die Hacke bei
sich. Ich befestigte den Schlauch wieder.

»Kommt, Sir!«

»Ah! Endlich!«

»Sir David Lindsay, wollt Ihr mir verzeihen?«

»Was?«

»Ich habe keine Fowling-bulls gefunden.«

»Keine?« – Er blieb stehen und riß den Mund weit auf. »Keine? Ah!«

»Aber ich habe etwas ganz Entsetzliches entdeckt! Kommt!«

Ich ergriff die Hacke und schritt voran.

Mit einem Ausrufe des Entsetzens prallte der Engländer zurück, als wir
den Platz erreichten. Jetzt war der Anblick allerdings fast noch
schrecklicher als vorher, da die drei die Augen offen hatten und die
Köpfe bewegten, um den Insektenschwarm von sich abzuhalten.

»Man hat sie eingegraben!« sagte ich.

»Wer?« fragte Lindsay.

»Weiß es nicht, werden es erfahren.«

Ich gebrauchte die Hacke mit solcher Hast, und die andern scharrten und
kratzten mit den Händen dazu, daß wir bereits nach einer Viertelstunde
die drei Unglücklichen vor uns liegen hatten. Sie waren von allen
Kleidern entblößt, und die Hände und Füße hatte man ihnen mit
Baststricken zusammengebunden. Ich wußte, daß die Araber ihre Kranken
bei gewissen schlimmen Krankheiten bis an den Kopf in die Erde graben
und diesem sogenannten »Einpacken« eine bedeutende Heilkraft
zuschreiben; aber diese Männer waren gefesselt, also nicht krank
gewesen.

Wir trugen sie an das Wasser und überspritzten sie. Dies erfrischte ihre
Lebensgeister.

»Wer seid ihr?« fragte ich.

»Baadri!« klang die Antwort.

Baadri? Das war ja der Name eines Dorfes, welches ausschließlich von
Teufelsanbetern bewohnt wurde! Ich hatte also doch wohl mit meinen
Vermutungen das Richtige getroffen.

»Hinüber mit ihnen!« befahl ich.

»Wie?« frug der Engländer.

»Ich schwimme zuerst hinüber, um ziehen zu helfen, und nehme zugleich
ihre Kleider mit. Ihr kommt dann nach, ein jeder mit einem von ihnen.«

»#Well!# Wird aber nicht leicht sein.«

»Ihr nehmt ihn quer vor euch über die Arme.«

Ich rollte die Kleider wie einen Turban zusammen und nahm diesen auf den
Kopf. Dann ließ ich mich an das Ufer ziehen. Was nun kam, das war für
mich und die beiden Haddedihn eine sehr harte Arbeit, für die andern
aber außerordentlich gefährlich; dennoch gelang es uns, alle sechs
glücklich an das Ufer zu bringen.

»Zieht ihnen die Kleider an! Dann bleiben sie heimlich hier liegen.
Ihr, Sir David, werdet ihnen im stillen Nahrung bringen, während die
andern sie bewachen.«

»#Well!# Fragt, wer sie eingegraben hat.«

»Der Scheik natürlich.«

»Tot schlagen den Kerl!«

Dieses letzte Abenteuer hatte über eine Stunde Zeit in Anspruch
genommen. Als wir das Lager erreichten, wimmelte die Ebene von Tausenden
von Tieren. Das Geschäft des Auswählens war ein schwieriges, doch der
kleine Hadschi Halef Omar war seiner Aufgabe vollständig gewachsen. Er
hatte meinen Hengst bestiegen, natürlich mit der Absicht, schneller
vorwärts zu kommen und nebenbei ein wenig bewundert zu werden, und war
allüberall zu sehen. Die Haddedihn waren ganz begeistert für ihre
Arbeit, die gefangenen Abu Hammed aber, welche ihnen helfen mußten,
konnten den stillen Grimm in ihren Mienen nicht verbergen. Und nun gar
da, wo die Weiber und Greise saßen, da floßen heiße Thränen, und mancher
halblaute Fluch stahl sich zwischen den Lippen hervor. Ich trat zu der
Weibergruppe. Ich hatte da eine Frau bemerkt, welche mit einer
heimlichen Befriedigung dem Treiben meiner Leute zusah. Hatte sie einen
Groll gegen den Scheik im Herzen?

»Folge mir!« gebot ich ihr.

»Herr, sei gnädig! Ich habe nichts gethan!« flehte sie erschrocken.

»Es soll dir nichts geschehen!«

Ich führte sie in das leere Zelt, in welchem ich mich bereits vorhin
befunden hatte. Dort stellte ich mich vor sie hin, sah ihr scharf in die
Augen und fragte sie:

»Du hast einen Feind in deinem Stamme?«

Sie blickte überrascht empor.

»Herr, woher weißt du es?«

»Sei offen! Wer ist es?«

»Du wirst es ihm wieder sagen!«

»Nein, denn er ist auch mein Feind.«

»Du bist es, der ihn besiegt hat?«

»Ich bin es. Du hassest den Scheik Zedar Ben Huli?«

Da blitzte ihr dunkles Auge auf.

»Ja, Herr, ich hasse ihn.«

»Warum?«

»Ich hasse ihn, weil er mir den Vater meiner Kinder töten ließ.«

»Warum?«

»Mein Herr wollte nicht stehlen.«

»Weshalb nicht?«

»Weil der Scheik den größten Teil des Raubes erhält.«

»Du bist arm?«

»Der Oheim meiner Kinder hat mich zu sich genommen; auch er ist arm.«

»Wie viele Tiere hat er?«

»Ein Rind und zehn Schafe; er wird sie heute hergeben müssen, denn wenn
der Scheik zurückkehrt, so werden wir den ganzen Verlust zu tragen
haben. Der Scheik wird nicht arm, sondern nur der Stamm.«

»Er soll nicht zurückkehren, wenn du aufrichtig bist.«

»Herr, sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie. Ich werde ihn als Gefangenen zurückbehalten und den Abu
Hammed einen Scheik geben, welcher gerecht und ehrlich ist. Der Ohm
deiner Kinder soll heute behalten, was er hat.«

»Herr, deine Hand ist voll von Barmherzigkeit. Was willst du von mir
wissen?«

»Du kennst die Insel da drüben im Flusse?«

Sie erbleichte.

»Warum fragst du nach ihr?«

»Weil ich mit dir von ihr sprechen will.«

»O thue das nicht, Herr, denn wer ihr Geheimnis verrät, den wird der
Scheik töten!«

»Wenn du mir das Geheimnis sagst, so wird er nicht wiederkommen.«

»Ist dies wirklich wahr?«

»Glaube mir! Also wozu dient die Insel?«

»Sie ist der Aufenthalt der Gefangenen des Scheik.«

»Welcher Gefangenen?«

»Er fängt die Reisenden weg, welche über die Ebene oder auf dem Wasser
kommen, und nimmt ihnen alles ab. Wenn sie nichts besitzen, so tötet er
sie; wenn sie aber reich sind, so behält er sie bei sich, um ein
Lösegeld zu erpressen.«

»Dann kommen sie auf die Insel?«

»Ja, in die Schilfhütte. Sie können nicht entfliehen, denn es werden
ihnen die Hände und die Füße gebunden.«

»Wenn dann der Scheik das Lösegeld erhalten hat?«

»So tötet er sie dennoch, um nicht verraten zu werden.«

»Und wenn sie es nicht zahlen wollen oder nicht zahlen können?«

»So martert er sie.«

»Worin bestehen die Qualen, die er ihnen bereitet?«

»Er hat ihrer viele. Oft aber läßt er sie eingraben.«

»Wer macht den Kerkermeister?«

»Er und seine Söhne.«

Der, welcher mich gefangen genommen hatte, war auch sein Sohn; ich hatte
ihn unter den Gefangenen im Wadi Deradsch bemerkt. Darum fragte ich:

»Wie viele Söhne hat der Scheik?«

»Zwei.«

»Ist einer von ihnen hier?«

»Derjenige, welcher dich töten wollte, als du in das Lager kamst.«

»Sind jetzt Gefangene auf der Insel?«

»Zwei oder drei.«

»Wo sind sie?«

»Ich weiß es nicht. Das erfahren nur diejenigen Männer, welche bei dem
Fange waren.«

»Wie sind sie in seine Hände gekommen?«

»Sie kamen auf einem Kellek[166] den Fluß herab und legten des Abends
nicht weit von hier an das Ufer an. Da hat er sie überfallen.«

    [166] Floß.

»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«

Sie sann ein wenig nach und meinte dann:

»Wohl beinahe zwanzig Tage.«

»Wie hat er sie behandelt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]?«

    [167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.

»Es sind mehrere vorhanden.«

Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie
gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf
gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet;
das Geld aber war mir bis heute geblieben.

»Ich danke dir! Hier hast du!«

»O Herr, deine Gnade ist größer als – – –«

»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit
gefangen?«

»Ja.«

»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd
reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der
Scheik wird nicht zurückkehren.«

»O Herr – –!«

»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«

Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem
Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er
kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.

»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«

»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«

»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein
Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du
ihr.«

»Ich gehorche, Effendi.«

»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und
sattelst drei Kamele mit ihnen.«

»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«

»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da
rechts?«

»Ich sehe beides.«

»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe
in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet.
Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich
liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die
Kamele tragen!«

»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so
viel nicht allein thun.«

»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir
helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder
übernehmen.«

Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden
ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef
gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze,
lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem
jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet
hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm
heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.

»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine
Schnur bei Euch?«

»Denke, daß hier viele Stricke sind.«

Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden
sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen
Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.

»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«

Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.

»Sehe ihn, Sir.«

»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu
beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr
fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder
an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«

»#Yes#, Sir! Sehr schön!«

»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch
erreichen.«

»Hat es verdient!«

»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute,
und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«

»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«

»Vorwärts also!«

Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die
Schulter.

»#I have the honour, Mylord!# Mitgehen, Galgenstrick!«

Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die
Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte
er sich zu mir herum.

»Was soll das sein, Emir?«

»Du wirst mit uns gehen.«

»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«

Da drängte sich ein altes Weib herbei.

»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«

»Er wird uns begleiten.«

»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz
seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder,
den die Blutrache ereilt?«

»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«

Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst
Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte
mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das
Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer
Räuberhöhle entronnen sei.

Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges
gestellt. Ich ritt zu ihm heran.

»Liegen sie bequem?«

»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«

»Haben sie gegessen?«

»Nein, Milch getrunken.«

»Um so besser. Können sie reden?«

»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche
ich nicht verstehe, Effendi.«

»Es wird Kurdisch sein.«

»Kurdisch?«

»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«

»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal
gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«

»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave,
sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«

»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann.
Kannst du sie sprechen?«

»Nein.«

Er fuhr beinahe erschrocken auf.

»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«

»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«

»Gar nicht?«

»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist;
vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu
machen.«

»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«

»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß
ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem
Halef zufrieden ist!«

»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der
Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber
gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al
Gossarah.«

»Also nach dem Teufel kommst du!«

»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«

»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«

Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.

Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere
viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang
erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und
sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum
Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als
auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln.
Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir
Lindsay noch einmal herbeikam.

»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«

»Was?«

»Hm! Unbegreiflich!«

»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«

»Der? #No!# Liegt fest angebunden!«

»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«

»Hauptsache vergessen!«

»Nun? Redet nur!«

»Trüffeln!«

Jetzt mußte ich hellauf lachen.

»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu
Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«

»Wo nun Trüffeln her?«

»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«

»Schön! Gute Nacht, Sir!«

Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am
andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so
gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein
wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen
das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.

Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich
sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache
hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine
und sah mich freudig forschend an.

»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne
dich wieder!«

»Wer bin ich, mein Freund?«

»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem
Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«

»Wie, du kennst meinen Namen?«

»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel
von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«

Ich wandte mich zu Halef:

»Plaudertasche!«

»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der
Kleine.

»Ja; aber ohne Prahlerei.«

»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu
den Kranken.

»Ja, Emir.«

»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«

»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«

»Wo ist eure Heimat?«

»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«

»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«

»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und
einen Brief von ihm zu bringen –«

»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«

»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr
bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des
Großherrn; er sollte für uns bitten.«

»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«

»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf
demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort
landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu
Hammed überfallen.«

»Er beraubte euch?«

»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns
trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit
sie ein Lösegeld schicken sollten.«

»Ihr thatet es nicht?«

»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«

»Aber euer Scheik?«

»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er
hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns
dennoch getötet hätte.«

»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das
Lösegeld bezahlt worden wäre.«

»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an
Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«

»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«

»Ja.«

»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«

»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«

»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«

»Emir, vergilt es ihm nicht!«

»Wie?«

»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem
Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«

Das also waren Teufelsanbeter!

»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das
Zeichen eines Hadschi!«

»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«

»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«

»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«

»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«

»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«

»Nein. Ich bin ein Franke.«

»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«

»Ja.«

»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«

    [168] Jesus.

»Ja.«

»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«

»Ja.«

»Kennst du die heilige Taufe?«

»Ja.«

»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«

»Ich glaube es.«

»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns,
daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem
Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«

»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«

»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«

»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«

Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat
el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der
Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und
versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst
bereiten werde.

Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza
und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte
unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik
Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten
uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte.
Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und
bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.

Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als
durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche
Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen,
welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem
andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf
der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.

»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.

»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir
noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«

»Hier im Zelte. Da kommen sie.«

Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten
tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.

»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«

»Du meinst Tiere?«

»Ja.«

»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«

»Ich werde zählen!«

»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht,
als ich sollte.«

»Was?«

»Willst du es sehen?«

»Ich muß es sehen!«

»So rufe jenen dort herbei.«

Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des
Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.

»Kommt alle mit!« sagte ich.

Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo
sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef
ließ gerade die Dschesidi aussteigen.

»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.

Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.

»Die Dschesidi!« rief er.

»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon
viele gemordet hast, Ungeheuer!«

Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.

»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.

»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein
Kampfgefährte gewesen ist.«

Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei
Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück.
Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in
diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden
Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der
jüngere Sohn des Scheik einher.

Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu
mir:

»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«

»Wie du siehst!«

»Was hat er gethan?«

»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den
Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann
bist du wieder frei – eine Strafe, die viel zu gering für dich und für
deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«

Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem
Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik
ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«

Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem
Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell
umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick
aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse
erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik
durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden
aber handfest empfangen und überwältigt.

Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung,
die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen.
Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte:
der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.

Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten.
Da erscholl zunächst die Frage Halefs:

»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«

»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.

Dieser trat zu den dreien heran.

»Marhaba – ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis
ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«

Da blickte Selek schnell empor.

»Mohammed Emin?« fragte er.

»So heiße ich.«

»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«

»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«

»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«

»Sage sie!«

»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum
Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche
einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und
indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: ›Gehe zu den
Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft
werde. Die andern sind hingerichtet worden.‹ Dies ist es, was ich dir zu
sagen habe.«

Der Scheik taumelte zurück.

»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er
gestaltet?«

»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis
zur Brust herab.«

»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm!
Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein
Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann
war es, als du mit ihm geredet hast?«

»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«

»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger
schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und
zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder
willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«

»Ich reite mit!«

»Allah segne dich! – Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der
Haddedihn verkündigen!«

Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:

»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«

»Ich gehe mit.«

»Sihdi, darf ich dir folgen?«

»Halef, denke an dein Weib!«

»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener!
Darf ich dich begleiten?«

»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und
Scheik Malek, ob sie es erlauben.«



Elftes Kapitel.

Bei den Teufelsanbetern.


So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen
Pascha.

Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um
seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung
Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu
lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den
Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische
Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab
es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so
phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann
hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen,
und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das
Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und
ich.

Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir
David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu
machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und
Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er
hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben
und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des
verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und
nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel
Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht
begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts
nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die
Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen,
brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn
für ihn vollständig genügte.

Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet
worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den
Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen
entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten,
da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns
vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen
Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn
el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich
war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines
Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern
Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu
erreichen.

Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands
aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein,
denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben.
Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig;
denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern
vermochte.

Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das
Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu
ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169]
einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen
Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.

    [169] Keller.

Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres
Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an,
daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich
mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:

»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«

»Woran?«

»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«

»Ah! Warum?«

»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«

»Ja. Du weißt dies ja längst.«

»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich
nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die
Dschehennah!«

Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm
gesehen hatte.

»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«

»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem
Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf
nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet
hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach
ihrer Heimat zogen?«

»Ich werde sie besuchen.«

»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber
ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den
Himmel verloren.«

»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«

»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in
welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«

Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi,
den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts
wisse, und fragte:

»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«

»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels,
welche den Scheïtan anbeten.«

»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«

»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«

»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«

»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«

»Ich glaube dir wirklich nicht.«

»Und hast sie selbst gesehen?«

»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen
Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer,
welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie
an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«

»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber
ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden
Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan
den Teufel anbetet.«

»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«

»Nein. Ich habe es aber gehört.«

»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«

»Sie hatten es auch von anderen gehört.«

»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die
Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig
sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme,
wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«

»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«

»Nun?«

»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«

»Ja.«

»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«

»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«

»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen
und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«

»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer
andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was
weißt du noch von ihnen?«

    [170] Mit den Assyrern in Syrien.

»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie
anbeten, und das ist der Teufel.«

»Ist er es wirklich?«

»Ja.«

»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«

»Ja.«

»Und in jedem steht ein Hahn?«

»Ja.«

»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«

»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie
haben auch falsche Engel.«

»Inwiefern?«

»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich
Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und
Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn
und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah
nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber
sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl,
Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«

    [171] Gabriël.

    [172] Der heilige Geist.

»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel
giebt.«

»Du? Warum?« fragte er erstaunt.

»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als
dem Kuran.«

    [173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4,
    V. 5.

»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und
glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des
Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«

»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«

»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von
vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als
er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also
nicht kennen.«

»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern
nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen
ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer
und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten.
Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir
deinen Glauben nicht nehmen.«

»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«

»Nein. Ich versichere es dir!«

»Aber sie werden uns töten!«

»Weder mich noch dich.«

»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht,
sondern nur die Muselmänner.«

»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie
töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von
den Christen angegriffen wurden.«

»Aber ich bin ein Moslem!«

»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei
ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«

»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir
gehen!«

Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es
waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha.
Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:

»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«

Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ,
hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt.
Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der
Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja,
ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.

»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.

Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei
der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern
sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und
Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie
unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen
Diener:

    [174] Gürtel.

»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«

    [175] Offiziere.

»Wer sendet sie?«

»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«

»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha – Allah
schütze ihn! – würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern,
welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie
gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte
wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«

Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen
einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe
auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.

»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«

Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem
eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in
der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem
Eingange zu:

»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi
ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha
Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört,
was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«

»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«

»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer
sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den
Gruß zu sagen.«

»Bei einem Ungläubigen – – –«

Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.

»Hinaus!«

»Wir haben – – –«

»Hinaus!«

Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir
doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen
Vorschriften geben zu lassen. – Man muß den Orientalen zu behandeln
verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt
selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst
große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend,
welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen
Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es
andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges
oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr
geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört
nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen
Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann
besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die
Hand an der Waffe oder – – die Hand im Beutel.

»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.

Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines
Verhaltens.

»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«

»Kennst du diese Arnauten?«

»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«

»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine
alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war
blind.«

»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«

»Und kennst du den Pascha?«

»Er ist ein sehr guter Mann!«

»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm
fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade
erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen
gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und
bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu
seinen Arnauten: ›Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!‹ Sie
thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein
Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen.
Sihdi, was wird er mit uns thun?«

»Das müssen wir abwarten.«

»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas
Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne
ihn mitzunehmen.«

»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«

»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«

»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«

»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei
dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück
bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen
hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden
Kugeln vor den Kopf!«

Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der
wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.

»Aber Hanneh?« fragte ich.

»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann
lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«

»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht
so weit kommen wird.«

Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat
trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.

»Salama!« grüßte er.

»Sallam! Was willst du?«

»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«

»Ja.«

»Der Pascha – Allah schenke ihm tausend Jahre! – hat dir eine Sänfte
gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«

»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«

Als er hinaus war, sagte Halef:

»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«

»Warum?«

»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«

»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«

Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp
von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und
einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte
sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.

    [176] Träger.

»Steig ein!« gebot mir der Agha mit finsterer Miene.

Ich that es möglichst unbefangen. Diese Eskorte ließ mich vermuten, daß
ich so halb und halb ein Gefangener sei. Ich wurde im Trabe
fortgetragen, bis man vor einem Thore still hielt.

»Steige aus und folge mir!« befahl der Agha in dem vorigen Tone.

Er führte mich eine Treppe empor nach einem Zimmer, in welchem
verschiedene Offiziere standen, die mich mit finsteren Blicken
musterten. Am Eingange saßen einige Civilisten, Einwohner der Stadt,
denen man es ansah, daß sie hier in der Höhle des Löwen sich nicht sehr
wohl fühlten. Ich wurde sofort angemeldet, zog meine Sandalen aus,
welche ich zu diesem Zwecke angelegt hatte, und trat ein:

»Sallam aaleïkum!« grüßte ich, indem ich die Arme über die Brust
verschränkte und mich verbeugte.

»Sal – –«

Der Pascha unterbrach sich aber sofort und fragte dann:

»Dein Bote hat gesagt, daß ein Nemtsche mit mir reden wolle?«

»So ist es.«

»Sind die Nemsi Moslemim?«

»Nein. Sie sind Christen.«

»Und dennoch wagst du den Gruß der Moslemim!«

»Du bist ein Moslem, ein Liebling Allahs und ein Liebling des Padischah
– Gott beschirme ihn! – Soll ich dich mit dem Gruß der Heiden begrüßen,
die keinen Gott und kein heiliges Buch haben?«

»Du bist kühn, Fremdling!«

Es war ein eigentümlicher, lauernder Blick, den er mir zuwarf. Der
Pascha war nicht groß und von sehr hagerer Gestalt, und sein Gesicht
wäre ein sehr gewöhnliches gewesen, wenn der Zug von Schlauheit und
Grausamkeit gefehlt hätte, der sofort auffallen mußte. Dabei war ihm die
rechte Wange stark geschwollen, und neben ihm stand ein silbernes, mit
Wasser gefülltes Becken, das ihm als Spucknapf diente. Seine Kleidung
bestand ganz aus Seide. Der Griff seines Dolches und die Agraffe an
seinem Turbane funkelten von Diamanten; seine Finger glänzten von
Ringen, und die Wasserpfeife, aus welcher er rauchte, war eine der
kostbarsten, die ich je gesehen hatte.

Nachdem er mich eine Weile vom Kopfe bis zum Fuße gemustert hatte,
fragte er weiter:

»Warum hast du dich nicht durch einen Konsul vorstellen lassen?«

»Die Nemsi haben keinen Konsul in Mossul, und die anderen Konsuln sind
mir ebenso fremd wie du selbst. Ein Konsul kann mich nicht besser und
schlechter machen, als ich bin, und du hast ein scharfes Auge; du
brauchst mich nicht durch das Auge eines Konsuls kennen zu lernen.«

»Maschallah! Du sprichst wirklich sehr kühn! Du sprichst, als ob du ein
sehr großer Mann seist!«

»Würde ein anderer Mann es wagen, dich zu besuchen?«

Dies war nun allerdings sehr unverfroren gesprochen, aber ich sah auch
gleich, daß es den erwarteten Eindruck machte.

»Wie heißest du?«

»Hasredin[177], ich habe verschiedene Namen.«

    [177] Hoheit.

»Verschiedene? Ich denke, daß der Mensch nur _einen_ Namen hat!«

»Gewöhnlich. Bei mir aber ist es anders, denn in jedem Lande und bei
jedem Volke, welches ich besuchte, hat man mich anders genannt.«

»So hast du viele Länder und viele Völker gesehen?«

»Ja.«

»Nenne die Völker!«

»Die Osmanly, Fransesler, Engleterrler, Espanjoler – –«

Ich konnte ihm eine hübsche Reihe von Namen nennen und setzte natürlich
aus Höflichkeit die Osmanly voran. Seine Augen wurden bei jedem Worte
größer. Endlich aber platzte er heraus:

»Hei-hei![178] Giebt es so viele Völker auf der Erde?«

    [178] Ausruf der Verwunderung.

»Noch viel, viel mehr!«

»Allah akbar, Gott ist groß! Er hat so viele Nationen geschaffen, wie
Ameisen in einem Haufen sind. Du bist noch jung. Wie kannst du so viele
Länder besucht haben? Wie alt warst du, als du aus dem Lande der Nemsi
gingst?«

»Ich zählte achtzehn Jahre, als ich über die See nach Jeni-dünja[179]
kam.«

    [179] Amerika.

»Und was bist du?«

»Ich schreibe Zeitungen und Bücher, welche dann gedruckt werden.«

»Was schreibst du da?«

»Ich schreibe meist das, was ich sehe und höre, was ich erlebe.«

»Kommen in diesen Chaberler[180] auch die Männer vor, mit denen du
zusammentriffst?«

    [180] Zeitungen.

»Nur die vorzüglichsten.«

»Auch ich?«

»Auch du.«

»Was würdest du über mich schreiben?«

»Wie soll ich das jetzt schon wissen, o Pascha? Ich kann die Leute doch
nur so beschreiben, wie sie sich gegen mich verhalten haben.«

»Und wer liest das?«

»Viele Tausende von hohen und niederen Männern.«

»Auch Paschas und Fürsten?«

»Auch sie.«

In diesem Augenblick ertönte von dem Hofe herauf der Schall von
Schlägen, begleitet vom Wimmern eines Gezüchtigten. Ich horchte ganz
unwillkürlich auf.

»Höre nicht darauf,« mahnte der Pascha. »Es ist mein Hekim.«

»Dein Arzt?« fragte ich verwundert.

»Ja. Hast du einmal Disch aghrisi[181] gehabt?«

    [181] Zahnschmerzen.

»Als Kind.«

»So weißt du, wie es thut. Ich habe einen kranken Zahn. Dieser Hund
sollte ihn mir herausnehmen; aber er machte es so ungeschickt, daß es
mir zu wehe that. Nun wird er dafür ausgepeitscht. Jetzt kann ich den
Mund nicht zubringen.«

Den Mund nicht zubringen? Sollte der Zahn bereits gehoben sein? Ich
beschloß, dies zu benutzen.

»Darf ich den kranken Zahn einmal sehen, o Pascha?«

»Bist du ein Hekim?«

»Bei Gelegenheit.«

»So komm her! Unten rechts!«

Er öffnete den Mund, und ich guckte hinein.

»Erlaubst du mir, den Zahn zu befühlen?«

»Wenn es nicht wehe thut!«

Ich hätte dem gestrengen Pascha beinahe in das Gesicht gelacht. Es war
der Eckzahn, und er hing so lose zwischen dem angeschwollenen
Zahnfleische, daß ich nur der Finger bedurfte, um die unterbrochene
Operation zu vollenden.

»Wie viele Streiche soll der Hekim erhalten?«

»Sechzig.«

»Willst du ihm die noch fehlenden erlassen, wenn ich dir den Zahn
herausnehme, ohne daß es dich schmerzt?«

»Du kannst es nicht!«

»Ich kann es!«

»Gut! Aber wenn es mich schmerzt, so bekommst du die Hiebe, die ihm
erlassen werden.«

Er klatschte in die Hände, und ein Offizier trat herein.

»Laßt den Hekim los! Dieser Fremdling hat für ihn gebeten.«

Der Mann trat mit einem sehr erstaunten Gesichte zurück.

Nun streckte ich dem Pascha zwei Finger in den Mund, drückte erst – des
Hokuspokus wegen – ein wenig an dem Nachbarzahne herum, faßte dann den
kranken Eckzahn und nahm ihn weg. Der Patient zuckte mit den Wimpern,
schien aber gar nicht zu ahnen, daß ich den Zahn bereits hatte. Er faßte
meine Hand schnell und schob sie von sich weg.

»Wenn du ein Hekim bist, so probiere nicht erst lange! Hier liegt das
Ding!«

Er deutete auf den Fußboden. Ich hielt den Zahn unbemerkt zwischen den
Fingern und bückte mich. Der Gegenstand, den ich da liegen sah, war ein
alter, ganz unmöglich gewordener Geisfuß, und daneben lag eine Zahnzange
– aber was für eine! Man hätte mit derselben jede Sorte von Plättstählen
aus dem Feuer nehmen können. Ein klein wenig Spiegelfechterei konnte
nichts schaden. Ich fuhr dem Pascha mit dem Geisfuße in den nicht allzu
kleinen Mund.

»Paß auf, ob es wehe thut! Bir – iki – itsch – eins, zwei, drei! Hier
ist der Ungehorsame, welcher dir solche Schmerzen bereitet hat!« Ich gab
ihm den Zahn.

Er sah mich ganz erstaunt an.

»Maschallah! Ich habe gar nichts gefühlt!«

»So können es die Ärzte der Nemsi, o Pascha!«

Er fühlte sich in den Mund; er besah den Zahn, und nun erst war er
überzeugt, daß er von demselben befreit worden sei.

»Du bist ein großer Hekim! Wie soll ich dich nennen?«

»Die Beni Arab nennen mich Kara Ben Nemsi.«

»Nimmst du jeden Zahn so gut heraus?«

»Hm! Unter Umständen!«

Er klatschte abermals in die Hände, und der vorige Offizier erschien.

»Frage überall im Hause nach, ob jemand Zahnschmerzen hat!«

Der Adjutant verschwand, und mir war es ganz so, als ob ich jetzt selbst
Zahnschmerzen bekommen hätte, trotzdem die Miene des Pascha sehr gnädig
geworden war.

»Warum folgtest du meinen Boten nicht sofort?« fragte er.

»Weil sie mich beschimpften.«

»Erzähle!«

Ich berichtete ihm das Vorkommnis. Er hörte aufmerksam zu und erhob dann
drohend seine Hand.

»Du thatest unrecht. Ich hatte es befohlen, und du mußtest sofort
kommen. Danke Allah, daß er dir offenbarte, die Zähne ohne Schmerzen
herauszunehmen!«

»Was hättest du mir gethan?«

»Du wärst bestraft worden. Wie, das weiß ich jetzt nicht.«

»Bestraft? Das hättest du nicht gethan!«

»Maschallah! Warum nicht? Wer sollte mich hindern?«

»Der Großherr selbst.«

»Der Großherr?« fragte er verblüfft.

»Kein anderer. Ich habe nichts verbrochen und darf wohl verlangen, daß
deine Aghas höflich gegen mich sind. Oder meinst du, daß es nicht
notwendig sei, dieses Tirscheh[182] zu berücksichtigen? Hier nimm und
lies!«

    [182] Pergament.

Er öffnete das Pergament und legte, als er einen Blick darauf geworfen
hatte, es sich ehrfurchtsvoll an Stirne, Mund und Herz.

»Ein Bu-djeruldi des Großherrn – Allah segne ihn!«

Er las es, legte es zusammen und gab es mir dann zurück.

»Du stehst im Giölgeda padischahnün! Wie kommst du dazu?«

»Du bist Gouverneur von Mossul! Wie kommst du dazu, o Pascha?«

»Wirklich, du bist sehr kühn! Ich bin Gouverneur des hiesigen Bezirkes,
weil die Sonne des Padischah mich erleuchtete.«

»Und ich stehe im Giölgeda padischahnün, weil die Gnade des Großherrn
über mich erglänzte. Der Padischah hat mir die Erlaubnis gegeben, alle
seine Länder zu besuchen, und dann werde ich große Bücher und Zeitungen
darüber schreiben, wie ich von den Seinigen aufgenommen wurde.«

Das wirkte. Er zeigte neben sich auf den kostbaren Smyrnateppich. »Setze
dich!«

Dann befahl er dem Negerknaben, welcher vor ihm kauerte, um seine Pfeife
zu bedienen, Kaffee und mir eine Pfeife zu bringen.

Auch meine Sandalen wurden geholt, die ich sofort wieder anlegen mußte.
Dann saßen wir rauchend und trinkend beieinander, als ob wir ein paar
alte Bekannte seien. Er schien immer mehr Freude an mir zu finden, und
um mir dies durch die That zu beweisen, ließ er meine beiden
arnautischen Aghas eintreten. Er machte ihnen ein Gesicht, welches ihnen
nichts weniger als ein großes Glück verkündete, und fragte:

»Ihr solltet diesen Bey zu mir holen?«

»Du befahlst es, o Herr!« antwortete der eine.

»Ihr habt nicht gegrüßt! Ihr habt eure Schuhe anbehalten! Ihr habt ihn
sogar einen Ungläubigen genannt!«

»Wir thaten es, weil du ihn selbst so nanntest.«

»Schweig, du Hund, und sage, ob ich ihn wirklich so genannt habe!«

»Herr, du hast – – –«

»Schweig! Habe ich ihn einen Ungläubigen genannt?«

»Nein, o Pascha.«

»Und doch hast du es behauptet! Geht hinunter in den Hof! Es soll ein
jeder von euch fünfzig Streiche auf die Fußsohlen erhalten. Meldet es
draußen!«

Das war wirklich ein allerliebster Freundschaftsbeweis gegen mich.
Fünfzig Hiebe? Es war doch zu viel. Zehn oder fünfzehn hätte ich ihnen
gegönnt. So aber mußte ich mich ihrer annehmen.

»Du richtest gerecht, o Pascha,« meinte ich daher. »Deine Weisheit ist
erhaben, aber deine Güte ist noch größer. Die Gnade ist das Recht aller
Kaiser, aller Könige und Herrscher. Du bist der Fürst von Mossul, und du
wirst deine Gnade leuchten lassen über diese beiden Männer!«

Ȇber diese Halunken, die dich beleidigt haben? Ist dies nicht ebenso,
als ob sie mich beleidigt hätten?«

»Herr, du stehst so erhaben über ihnen wie der Stern über der Erde. Der
Schakal heult die Sterne an, diese aber hören es nicht und leuchten
fort. Man wird im Abendlande deine Güte rühmen, wenn ich erzähle, daß du
meine Bitte erfüllt hast.«

»Diese Hunde sind es nicht wert, daß wir ihnen vergeben; aber damit du
siehst, daß ich dich lieb habe, so mag ihnen die Strafe erlassen sein.
Packt euch fort, und laßt euch heute nicht mehr vor unserm Angesicht
sehen!«

Als sie das Zimmer verlassen hatten, erkundigte er sich:

»In welchem Lande bist du bisher zuletzt gewesen?«

»In Gipt. Und dann kam ich durch die Wüste herüber zu dir.«

Ich sagte so, weil ich keine Lüge machen wollte und ihm doch auch nicht
sagen konnte, daß ich bei den Haddedihn gewesen sei.

»Durch die Wüste? Durch welche? Doch durch die Wüste des Sinai und von
Syrien! Das ist ein böser Weg; aber danke Gott, daß du ihn eingeschlagen
hast!«

»Warum?«

»Weil du sonst unter die Schammar-Araber geraten und von ihnen ermordet
worden wärest.«

Wenn er das gewußt hätte, was ich ihm verschwieg!

»Sind diese Schammar so schlimm, Hoheit?« fragte ich.

»Es ist ein freches, räuberisches Gesindel, welches ich zu Paaren
treiben werde. Sie zahlen weder Steuer noch Tribut, und daher habe ich
bereits begonnen, sie zu vernichten.«

»Du hast deine Truppen gegen sie gesandt?«

»Nein. Die Arnauten sind zu besseren Dingen zu gebrauchen.«

Diese »besseren Dinge« waren leicht zu erraten: Ausrauben der
Unterthanen, um den Pascha zu bereichern.

»Ah, ich errate!«

»Was errätst du?«

»Ein kluger Herrscher schont die Seinen und schlägt die Feinde, indem er
sie untereinander entzweit!«

»Allah il Allah! Die Nemsi sind keine dummen Menschen. Ich habe es
wirklich so gemacht.«

»Ist es gelungen?«

»Schlecht! Und weißt du, wer die Schuld daran trägt?«

»Wer?«

»Die Engländer und ein fremder Emir. Die Haddedihn sind die tapfersten
unter den Schammar. Sie sollten aber vernichtet werden, ohne daß das
Blut eines der Meinen floß, und so sandten wir drei andere Stämme gegen
sie. Da kam dieser Engländer mit dem Emir und warb andere Stämme, welche
den Haddedihn halfen. Meine Verbündeten wurden alle getötet oder
gefangen genommen. Sie haben den größten Teil ihrer Herden verloren und
müssen Tribut zahlen.«

»Zu welchem Stamme gehörte dieser Emir?«

»Niemand weiß es; aber man sagt, daß er kein Mensch sei. Er tötet des
Nachts den Löwen allein; seine Kugel trifft viele Meilen weit, und seine
Augen funkeln im Dunkeln wie das Feuer der Hölle.«

»Kannst du seiner nicht habhaft werden?«

»Ich werde es versuchen, aber es ist sehr wenig Hoffnung dazu vorhanden.
Die Abu Mohammed haben ihn bereits einmal gefangen genommen; er ist
ihnen jedoch durch die Luft wieder davongeritten.«

Der gute Pascha schien ein wenig abergläubisch zu sein. Er hatte keine
Ahnung davon, daß dieser Teufelskerl soeben mit ihm Kaffee trank.

»Von wem hast du dieses erfahren, Hoheit?«

»Von einem Obeïde, welcher mir als Bote gesandt wurde, als es bereits zu
spät war. Die Haddedihn hatten die Herden bereits weggenommen.«

»Du wirst sie bestrafen?«

»Ja.«

»Sogleich?«

»Ich wollte, aber ich muß ihnen leider noch eine Frist gewähren,
obgleich ich meine Truppen bereits vollständig zusammengezogen habe.
Warst du schon in den Ruinen von Kufjundschik?«

»Nein.«

»Dort ist alles Militär versammelt, welches gegen die Schammar ziehen
sollte; jetzt aber werde ich die Leute nach einem andern Ort schicken.«

»Darf ich fragen, wohin?«

»Das ist mein Geheimnis, und niemand darf es erfahren. Du weißt wohl
auch, daß diplomatische Heimlichkeiten sehr streng bewahrt werden
müssen.«

Jetzt trat der Mann ein, den er vorhin mit dem Auftrage fortgeschickt
hatte, einen mit Zahnschmerzen Behafteten ausfindig zu machen. Ich
suchte ihm das Ergebnis seiner Forschung am Gesichte abzulesen, denn es
war mir keineswegs genehm, mit dem alten Geisfuße oder mit dem
Zangenungetüm in die Zahnpalisaden eines Arnauten Bresche reißen zu
müssen – und zwar schmerzlos, wie es jedenfalls verlangt wurde.

»Nun?« fragte der Gouverneur.

»Verzeihe, o Pascha; ich habe keinen Menschen gefunden, welcher an Disch
aghrisi leidet!«

»Auch du selbst leidest nicht daran?«

»Nein.«

Mir wurde das Herz leicht. Der liebenswürdige Pascha wandte sich
bedauernd zu mir:

»Es ist schade! Ich wollte dir Gelegenheit geben, deine Kunst bewundern
zu lassen. Aber vielleicht findet sich morgen oder übermorgen einer.«

»Morgen und übermorgen werde ich nicht mehr hier sein.«

»Nicht? Du mußt bleiben. Du sollst in meinem Palast wohnen und so
bedient werden wie ich. – Gehe!«

Dieses Wort galt dem Offizier, welcher sich wieder entfernte. Ich
antwortete:

»Und doch muß ich für jetzt fort, werde aber wiederkommen.«

»Wohin willst du gehen?«

»Ich will hinauf in die kurdischen Gebirge.«

»Wie weit?«

»Das ist noch unbestimmt; vielleicht bis zum Tura Schina oder gar bis
nach Dschulamerik.«

»Was willst du dort?«

»Ich will sehen, was es dort für Menschen giebt und welche Pflanzen und
Kräuter in jenen Gegenden wachsen.«

»Und warum soll dies so bald geschehen, daß du nicht einige Tage bei mir
bleiben kannst?«

»Weil die Pflanzen, welche ich suche, sonst verwelken.«

»Die Menschen dort oben brauchst du nicht kennen zu lernen. Es sind
kurdische Räuber und einige Dschesidi, welche Allah verdammen wolle!
Aber die Kräuter? Wozu? Ah, du bist ein Hekim und brauchst Kräuter! Aber
hast du nicht daran gedacht, daß die Kurden dich vielleicht töten
werden?«

»Ich bin bei schlimmeren Menschen gewesen, als bei ihnen.«

»Ohne Begleitung? Ohne Arnauten oder Baschi-Bozuks?«

»Ja. Ich habe einen scharfen Dolch und eine gute Büchse, und – – ich
habe ja auch dich, o Pascha!«

»Mich?«

»Ja. Deine Macht reicht bis hinauf nach Amadijah?«

»Grad so weit. Amadijah ist die Grenzfestung meines Bezirkes. Ich habe
dort Kanonen und eine Besatzung von dreihundert Albanesen.«

»Amadijah muß eine sehr starke Festung sein!«

»Nicht nur stark, sondern völlig uneinnehmbar. Sie ist der Schlüssel
gegen das Land der freien Kurden. Aber auch die unterworfenen Stämme
sind widerspenstig und schlimm.«

»Du hast mein Bu-djeruldi gesehen und wirst mir deinen Schutz gewähren.
Das ist die Bitte, deretwegen ich zu dir kam.«

»Sie soll dir gewährt sein, doch unter einer Bedingung.«

»Welche?«

»Du kommst wieder zurück und wirst mein Gast.«

»Ich nehme diese Bedingung an.«

»Ich werde dir zwei Khawassen mitgeben, welche dich bedienen und
beschützen sollen. Weißt du auch, daß du durch das Land der Dschesidi
kommst?«

»Ich weiß es.«

»Das ist ein böses, ungehorsames Volk, dem man die Zähne zeigen soll.
Sie beten den Teufel an, löschen die Lichter aus und trinken Wein.«

»Ist letzteres gar so schlimm?«

Er sah mich von der Seite forschend an.

»Trinkst du Wein?«

»Sehr gern.«

»Hast du Wein bei dir?«

»Nein.«

»Ich dachte, du hättest solchen, dann – – dann – – – hätte ich dich
vor deiner Abreise einmal besucht.«

Um dies hören zu dürfen, mußte ich bereits sein Vertrauen einigermaßen
gewonnen haben. Ich konnte mir dies zu nutze machen und sagte also:

»Besuche mich! Ich kann mir wohl Wein verschaffen.«

»Auch solchen, welcher spritzt?«

Er meinte jedenfalls Champagner.

»Hast du bereits einmal solchen getrunken, o Pascha?«

»O nein! Weißt du nicht, daß der Prophet verboten hat, Wein zu trinken?
Ich bin ein treuer Anhänger des Kuran!«

»Ich weiß es. Aber man kann solchen Spritzwein künstlich machen, und
dann ist es kein eigentlicher Wein!«

»Du kannst spritzenden Wein machen?«

»Ja.«

»Aber dies dauert lange Zeit – vielleicht einige Wochen oder gar einige
Monate?«

»Es dauert nur einige Stunden.«

»Willst du mir einen solchen Trank machen?«

»Ich wollte gern, aber ich habe nicht die Dinge, welche dazu nötig
sind.«

»Was brauchst du?«

»Flaschen.«

»Die habe ich.«

»Zucker und Rosinen.«

»Bekommst du von mir.«

»Essig und Wasser.«

»Hat mein Mudbachdschi[183].«

    [183] Koch.

»Und dann einiges, was man nur in der Apotheke bekommt.«

»Gehört es zu den Ilatschlar[184]?«

    [184] Arzneien.

»Ja.«

»Mein Hekim hat eine Apotheke. Brauchst du noch etwas?«

»Nein. Aber du müßtest mir erlauben, den Wein in deiner Küche zu
bereiten.«

»Darf ich zusehen, damit ich es lerne?«

»Das ist fast unmöglich, o Pascha. Wein zu bereiten, den ein Moslem
trinken darf, Wein, welcher spritzt und die Seele erheitert, das ist ein
sehr großes Geheimnis!«

»Ich gebe dir, was du verlangst!«

»Ein so wichtiges Geheimnis verkauft man nicht. Nur ein Freund darf es
erfahren.«

»Bin ich nicht dein Freund, Kara Ben Nemsi? Ich liebe dich und werde
gern alles gewähren, um was du mich bittest.«

»Ich weiß es, o Pascha, und darum sollst du mein Geheimnis erfahren.
Wie viele Flaschen soll ich dir füllen?«

»Zwanzig. Oder ist es zu viel?«

»Nein. Laß uns in die Küche gehen!«

Der Pascha von Mossul war ganz sicher ein heimlicher Unterthan des
Königs Bacchus. Es wurden andere Pfeifen angezündet, und dann begaben
wir uns in die Küche.

Die Herren des Vorzimmers machten sehr große Augen, als sie mich mit der
»Friedenspfeife« so kameradschaftlich an seiner Seite erblickten; er
aber beachtete sie nicht. Die Küche lag zu ebener Erde und war ein
hoher, dunkler Raum mit einem ungeheuren Herde, auf welchem über dem
Feuer ein großer Kessel voll siedenden Wassers hing, das zur Bereitung
des Kaffees bestimmt war. Unser Eintritt erregte weniger Überraschung
als vielmehr Entsetzen. Es saßen fünf oder sechs Kerle rauchend am Boden
und hatten den dampfenden Mokka vor sich stehen. Der Pascha war wohl
niemals in seiner Küche gewesen, und bei seinem Erscheinen wurden die
Leute völlig starr vor Schreck. Sie blieben sitzen und stierten ihn mit
weit geöffneten Augen an.

Er trat mitten in den Kreis hinein, sprengte denselben mit Fußtritten
und rief:

»Auf, ihr Faulenzer, ihr Sklaven! Kennt ihr mich nicht, daß ihr sitzen
bleibt, als ob ich einer euresgleichen sei?«

Sie sprangen auf und warfen sich dann wieder nieder, ihm zu Füßen.

»Habt ihr heißes Wasser?«

»Dort kocht es, Herr,« antwortete einer, welcher der Koch zu sein
schien; denn er war der dickste und schmutzigste von allen.

»Hole Rosinen, du Lümmel!«

»Wie viele?«

»Wie viel brauchst du?« fragte er mich.

Ich prüfte die Menge des Wassers und wies dann auf ein leeres Gefäß.

»Diesen Krug dreimal voll.«

»Und Zucker?«

»Noch einmal so viel.«

»Und Essig?«

»Vielleicht den zehnten Teil.«

»Habt ihr’s gehört, ihr Scheusale? Packt euch!«

Sie eilten hinaus und brachten bald die Ingredienzien. Ich ließ die
Rosinen waschen und that dann alles in das kochende Wasser. Ein
abendländischer Champagnerfabrikant hätte meine Brauerei belacht, ich
aber hatte keine Zeit und mußte die Sache so kurz wie möglich machen, um
das chemische Gedächtnis des edlen Pascha nicht mit allzu vielen
Prozeduren zu beschweren.

»Nun in die Apotheke!« bat ich ihn.

»Komm!«

Er schritt voran und führte mich in ein Gemach, welches auch zu ebener
Erde war. In demselben lag der arme Hekim mit verbundenen Füßen am
Boden. Auch ihm gab der Pascha einen Fußtritt.

»Steh auf, Widerwärtiger, und erzeige mir und diesem großen Effendi die
Ehre, die uns gebührt. Danke ihm, denn er hat für dich gebeten, daß ich
dir deine Portion Hiebe erließ. Wisse, du Nichtsnutz, daß er mir den
Zahn herausgenommen hat, ohne daß ich es fühlte. Ich gebiete dir, ihm zu
danken!«

O, welches Vergnügen, der Leibarzt eines Pascha zu sein! Dieser arme
Schlucker warf sich vor mir nieder und küßte mir den Saum meines alten
Haïk. Dann fragte der Pascha:

»Wo ist die Apotheke?«

Der Arzt deutete auf einen großen, wurmstichigen Kasten.

»Hier, o Pascha!«

»Öffne!«

Ich bekam ein wirres Durcheinander von allerhand Düten, Blättern,
Büchsen, Amuletten, Pflasterstangen und sonstigem Zeug zu sehen, dessen
Charakter und Bestimmung mir vollständig unbekannt war. Ich fragte nach
kohlensaurem Natron und Weinsteinsäure. Von dem ersteren war genug, von
letzterer aber ganz wenig vorhanden; doch genügte es.

»Hast du alles?« fragte mich der Pascha.

»Ja.«

Er gab dem Arzte einen Abschiedstritt und gebot ihm:

»Besorge von diesen beiden Sachen eine größere Menge und merke dir ihre
Namen. Ich brauche sie sehr notwendig, falls ein Pferd krank wird. Wenn
du die Namen vergissest, erhältst du fünfzig wohlgezählte Hiebe!«

Wir kehrten in die Küche zurück. Es wurden Flaschen, Lack, Draht und
kaltes Wasser beigeschafft, und dann jagte der Gouverneur alle
Anwesenden hinaus. Kein Mensch außer ihm sollte, wenn auch nur
teilweise, Mitwisser des großen Geheimnisses werden, einen Wein zu
bereiten, der kein Wein sei und also von jedem guten Moslem ohne
Gewissensbisse getrunken werden könne.

Dann kochten, brauten, kühlten, füllten, pfropften und siegelten wir,
daß ihm der Schweiß vom Angesichte troff, und als wir endlich fertig
waren, durften die Diener wieder eintreten, um die Flaschen an den
kühlsten Ort des Kellers zu bringen. Eine aber nahm der Pascha zur
Prüfung mit und trug sie mit höchsteigener Hand durch das Vorzimmer in
sein Gemach, wo wir uns wieder niederließen.

»Wollen wir trinken?« fragte er.

»Er ist noch nicht abgekühlt genug.«

»Wir trinken ihn warm.«

»So schmeckt er nicht.«

»Er muß!«

Natürlich mußte er, denn der Pascha gebot es ja! Dieser ließ zwei Gläser
bringen, verbot jedermann, selbst dem Meldenden, den Eintritt und löste
den Draht.

Puff! – Der Stöpsel flog an die Decke.

»Allah il Allah!« rief er erschrocken.

Gischtend schoß der Kunstwein aus der Flasche. Ich wollte mein Glas
schnell unterhalten.

»Maschallah! Er spritzt wirklich!«

Der Pascha that den Mund auf und schob den Hals der Flasche zwischen die
Lippen. Sie war fast leer, als er wieder absetzte und den Finger in die
Öffnung steckte, um sie zu verschließen.

»Saltanatly – prächtig! Höre, mein Freund, ich liebe dich! Dieser Wein
ist sogar besser, als das Wasser vom Brunnen Zem-Zem!«

»Findest du dies?«

»Ja. Er ist sogar noch besser als das Wasser Hawus Kewser, welches man
im Paradiese trinken wird. Ich werde dir nicht zwei, sondern vier
Khawassen mitgeben.«

»Ich danke dir! Hast du dir genau gemerkt, wie man diesen Wein
bereitet?«

»Sehr genau. Ich werde es nicht vergessen!«

Ohne an mich oder daran zu denken, daß zwei Gläser vorhanden seien,
setzte er die Flasche wieder an den Mund und nahm sie erst dann hinweg,
als sie leer war.

»Bom bosch! Sie ist versiecht. Warum ist sie nicht größer gewesen!«

»Merkst du nun, wie kostbar mein Geheimnis war?«

»Beim Propheten, ich merke es! O, ihr Nemsi seid sehr kluge Leute! Aber
erlaube mir, dich einmal zu verlassen!«

Er erhob sich und verließ das Zimmer. Als er nach einer Weile
zurückkehrte, trug er etwas unter seinem Kaftan verborgen. Als er sich
gesetzt hatte, zog er es hervor. Es waren – zwei Flaschen. Ich lachte.

»Du hast sie selbst geholt?« fragte ich.

»Kendi – selbst! Diesen Wein, der kein Wein ist, darf niemand anrühren
außer mir. Ich habe es unten befohlen, und wer von jetzt an die Flasche
nur betastet, den lasse ich zu Tode peitschen!«

»Du willst noch trinken?«

»Sollte ich nicht? Ist dieses Getränk nicht köstlich?«

»Aber ich sage dir, daß dieser Wein erst dann den rechten Geschmack
haben wird, wenn er kalt geworden ist.«

»Wie muß er dann schmecken, wenn er jetzt schon so köstlich ist! Preis
sei Allah, der Wasser, Rosinen, Zucker und Arzneien wachsen läßt, um das
Herz seiner Gläubigen zu erquicken!«

Und er trank, ohne an mich zu denken. Seine Miene drückte die höchste
Wonne aus, und als die zweite Flasche leer war, meinte er:

»Freund, dir kommt keiner gleich, weder ein Gläubiger noch ein
Ungläubiger. Vier Khawassen sind für dich zu wenig; du sollst sechs
haben!«

»Deine Güte ist groß, o Pascha; ich werde sie zu rühmen wissen!«

»Wirst du auch erzählen von dem, was ich jetzt getrunken habe?«

»Nein, darüber werde ich schweigen; denn ich werde auch das nicht
sagen, was ich getrunken habe.«

»Maschallah, du hast recht! Ich trinke, ohne an dich zu denken. Reiche
mir dein Glas, ich werde diese Flasche noch öffnen.«

Jetzt bekam ich mein Kunstprodukt zu kosten. Es schmeckte genau so, wie
ungekühltes Sodawasser mit Rosinenbrühe und Zucker schmecken muß; für
den anspruchslosen Gaumen des Pascha mußte es ein Genuß sein.

»Weißt du,« sagte er und that wieder einen langen Zug, »daß sechs
Khawassen für dich noch immer zu wenig sind? Du sollst zehn bekommen!«

»Ich danke dir, o Pascha!«

Wenn das Trinken so fortging, so war ich gezwungen, meine Reise mit
einem ganzen Heere von Khawassen anzutreten, und das konnte mir unter
Umständen außerordentlich hinderlich werden.

»Also du gehst durch das Land der Teufelsanbeter,« berührte er das alte
Thema. »Kennst du ihre Sprache?«

»Es ist die kurdische?«

»Ein kurdischer Dialekt. Es sprechen nur wenige von ihnen arabisch.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»So werde ich dir einen Dolmetscher mitgeben.«

»Vielleicht ist dies unnötig. Das Kurdische ist dem Persischen verwandt,
und dieses verstehe ich.«

»Ich verstehe beides nicht, und du mußt am besten wissen, ob du einen
Dragoman brauchst. Aber halte dich in ihrem Lande ja nicht lange auf.
Ruhe dich bei ihnen nicht aus, sondern reite durch ihr Gebiet schnell
hindurch.«

»Warum?«

»Es könnte dir sonst etwas Schlimmes passieren.«

»Was?«

»Das ist mein Geheimnis. Ich sage dir nur, daß dir grad die
Schutzwache, welche ich dir mitgebe, gefährlich werden könnte. Trink!«

Dies war bereits das zweite Geheimnis, welches er berührte.

»Deine Leute können mich nur bis Amadijah begleiten?« fragte ich ihn.

»Ja, denn meine Macht reicht nicht weiter.«

»Welches Gebiet kommt dann?«

»Das Gebiet der Kurden von Berwari.«

»Wie heißt die Hauptstadt derselben?«

»Die Residenz ist das feste Schloß Gumri, auf dem ihr Bey wohnt. Ich
werde dir einen Brief an ihn mitgeben; aber ob das Schreiben eine gute
Wirkung hat, das kann ich dir nicht versprechen. Wie viele Begleiter
hast du?«

»Einen Diener.«

»Nur einen? Hast du gute Pferde?«

»Ja.«

»Das ist gut für dich, denn vom Pferde hängt sehr oft die Freiheit und
das Leben des Reiters ab. Und es wäre sehr schade, wenn dir ein Unglück
geschähe; denn du warst der Besitzer eines sehr schönen Geheimnisses und
hast es mir offenbart. Aber ich will dir auch dankbar sein. Weißt du,
was ich für dich thun werde?«

»Was?«

Er trank die Flasche aus und antwortete mit seiner wohlwollendsten
Miene:

»Weißt du, was der Disch-parassi ist?«

»Ich weiß es.«

»Nun?«

»Es ist eine Steuer, welche nur du allein zu fordern hast.«

Ich drückte mich hierbei sehr gelinde aus, denn der Disch-parassi, die
»Zahnvergütung«, ist eine Abgabe an Geld, welche überall erhoben wird,
wo der Pascha auf seinen Reisen anhält, und zwar dafür, daß er sich
seine Zähne beim Kauen derjenigen Lebensmittel abnutzt, die ihm die
betreffenden Einwohner unentgeltlich liefern müssen.

»Du hast es erraten,« meinte er. »Ich werde dir eine Schrift mitgeben,
in welcher ich befehle, dir überall, wohin du kommst, den Disch-parassi
auszuzahlen, grad als ob ich es sei. Wann willst du abreisen?«

»Morgen früh.«

»Warte, ich werde mein Siegel holen, um das Schreiben sogleich
ausfertigen zu lassen!«

Er stand auf und verließ das Zimmer. Da der Schwarze ihm die Pfeife
nachtragen mußte, so blieb ich allein zurück. Neben dem Pascha hatten
einige Papiere gelegen, mit denen er sich vor meinem Erscheinen
beschäftigt haben mochte. Schnell griff ich zu und öffnete eines. Es war
ein Plan des Thales von Scheik Adi. Ah! Sollte dieser Plan vielleicht
mit seinen Geheimnissen in Verbindung stehen? Ich konnte diesen Gedanken
nicht weiter verfolgen, denn der Gouverneur trat wieder ein. Auf seinen
Befehl erschien sein Geheimschreiber, welchem er drei Schreiben
diktierte: eines an den kurdischen Bey, eines an den Kommandanten der
Festung Amadijah und das dritte an alle Ortsoberhäupter und sonstigen
Behörden, und darin hieß es, daß ich das Recht habe, den Disch-parassi
zu erheben, und die Bewohner meinen Anforderungen grad so entsprechen
sollten, als ob der Pascha sie selbst stelle.

Konnte ich mehr verlangen? Der Zweck meiner Anwesenheit in Mossul war
über Erwartung vollständig erreicht, und dieses Wunder hatte außer
meinem furchtlosen Auftreten nur das kohlensaure Natron erreicht.

»Bist du mit mir zufrieden?« fragte er.

»Unendlich, o Pascha. Deine Güte will mich mit Wohlthaten erdrücken!«

»Danke mir nicht jetzt, sondern später.«

»Ich wünsche, daß ich es einst vermag!«

»Du vermagst es!«

»Wodurch?«

»Das kann ich dir bereits jetzt sagen. Du bist nicht nur ein Hekim,
sondern auch ein Offizier.«

»Weshalb vermutest du dies?«

»Ein Hekim oder ein Mann, der Bücher schreibt, würde es nicht wagen,
mich ohne die Begleitung eines Konsuls zu besuchen. Du hast ein
Bu-djeruldi des Großherrn, und ich weiß, daß der Padischah zuweilen
fremde Offiziere kommen läßt, die seine Länder bereisen müssen, um ihm
dann militärischen Bericht zu erstatten. Gestehe es, du bist ein
solcher!«

Diese irrige Ansicht konnte mir nur von Vorteil sein, und es wäre sehr
unklug von mir gewesen, sie zu widerlegen. Ich wollte aber auch nicht
lügen und darum drechselte ich folgende diplomatische Phrasen:

»Ich kann es nicht gestehen, o Pascha. Wenn du weißt, daß der Padischah
solche fremde Offiziere sendet, so hast du wohl auch gehört, daß dies
meist im geheimen geschieht. Dürfen sie dieses Geheimnis verraten?«

»Nein. Ich will dich gar nicht dazu bereden, aber du wirst mir dafür
dankbar sein. Das ist es, was ich vorhin meinte.«

»Womit kann ich dir meine Dankbarkeit beweisen?«

»Wenn du aus den Bergen von Kurdistan zurückkehrst, werde ich dich zu
den Arabern von Schammar senden, besonders zu den Haddedihn. Du sollst
ihre Gebiete bereisen und mir dann melden, wie ich sie besiegen kann.«

»Ah!«

»Ja. Dir wird dies leichter werden, als einem meiner Leute. Ich weiß,
daß die Offiziere der Franken klüger sind als die unsrigen, obgleich ich
selbst ein Oberst gewesen bin und dem Padischah große Dienste geleistet
habe. Ich würde dich ersuchen, dir die Gegenden der Dschesidi anzusehen;
aber dazu ist es schon zu spät. Ich habe von ihnen bereits das, was ich
brauche.«

Diese Worte gaben mir die Überzeugung, daß ich vorhin ganz richtig
vermutet hatte. Die in Kufjundschik versammelten Truppen standen bereit,
über die Teufelsanbeter herzufallen. Er fuhr fort:

»Du wirst ihr Gebiet sehr schnell durchreisen und nicht etwa warten bis
zu dem Tage, an welchem sie ihr großes Fest feiern.«

»Welches Fest?«

»Das Fest ihres Heiligen; es wird am Grabe ihres Scheik Adi gefeiert.
Hier hast du deine Schreiben. Allah sei bei dir! Zu welcher Zeit wirst
du morgen früh die Stadt verlassen?«

»Zur Zeit des ersten Gebetes.«

»Die zehn Khawassen sollen dann in deiner Wohnung sein.«

»Herr, ich habe an zweien genug.«

»Das verstehst du nicht. Zehn sind besser als zwei; das merke dir. Du
sollst fünf Arnauten und fünf Baschi erhalten. Kehre bald zurück und
vergiß nicht, daß ich dir meine Liebe geschenkt habe!«

Er gab mir das Zeichen der Entlassung, und ich ging erhobenen Hauptes
aus dem Hause, welches ich vor einigen Stunden als halber Gefangener
betreten hatte. Als ich meine Wohnung erreichte, fand ich Halef in
Waffen.

»Preis sei Allah, daß du kommst, Sihdi!« begrüßte er mich. »Wärst du
beim Untergang der Sonne noch nicht hier gewesen, so hätte ich mein
Wort gehalten und den Pascha erschossen!«

»Das muß ich mir verbitten; der Pascha ist mein Freund!«

»Dein Freund? Wie kann der Tiger der Freund des Menschen sein!«

»Ich habe ihn gezähmt.«

»Maschallah! Dann hast du ein Wunder gethan. Wie ist dies gekommen?«

»Es ging leichter, als ich ahnen konnte. Wir stehen unter seinem Schutze
und werden zehn Khawassen erhalten, die uns begleiten.«

»Das ist gut!«

»Vielleicht auch nicht! Außerdem hat er mir Empfehlungsbriefe gegeben
und das Recht, den Disch-parassi zu erheben.«

»Allah akbar, so bist du ja auch Pascha geworden! Aber sage, Sihdi, wer
hat zu gehorchen: ich den Khawassen oder sie mir?«

»Sie dir, denn du bist nicht ein Diener, sondern Hadschi Halef Omar
Agha, mein Begleiter und Beschützer.«

»Das ist gut, und ich sage dir, daß sie mich kennen lernen sollen, wenn
es ihnen einfällt, mir die Achtung zu verweigern!«

Der Gouverneur hielt Wort. Als Halef am nächsten Morgen mit dem Grauen
des Tages sich erhob und den Kopf zur Thüre hinausstreckte, wurde er von
zehn Männern begrüßt, welche zu Pferde vor derselben hielten. Er weckte
mich sofort, und ich beeilte mich natürlich, meine Herren Beschützer in
Augenschein zu nehmen.

Es waren, wie der Pascha versprochen hatte, fünf Arnauten und fünf
Baschi-Bozuks. Letztere trugen die gewöhnliche Kleidung des türkischen
Militärs. Die Arnauten hatten purpurne Sammetoberwesten, grüne, mit
Sammet besetzte Unterwesten, breite Schärpen, rote Beinkleider mit
metallenen Schienen, rote Turbans und trugen so viele Waffen an sich,
daß man mit ihren Messern und Pistolen eine dreimal zahlreichere Schar
hätte bewaffnen können. Die Baschi-Bozuks wurden von einem alten Buluk
Emini[185] und die Arnauten von einem wild blickenden Onbaschi[186]
kommandiert.

    [185] Fourier oder Schreiber einer Compagnie.

    [186] Befehlshaber von zehn Mann.

Der Buluk Emini schien ein Original zu sein. Er ritt kein Pferd, sondern
einen Esel, und trug das Zeichen seiner Würde – ein ungeheures Tintenfaß
– an einem Riemen um den Hals. In seinem Turban staken einige Dutzend
Schreibfedern. Er war ein kleines, dickes Männchen, dem die Nase fehlte;
desto größer aber war der Schnurrbart, der ihm an der Oberlippe
herabhing. Seine Wangen sahen fast blau aus und waren so fleischig, daß
die Haut kaum zuzulangen schien, und für die Augen blieb nur so viel
Raum zum Öffnen übrig, als notwendig war, einen kleinen Lichtstrahl in
das Gehirn des Mannes gelangen zu lassen.

Ich gab Halef eine Flasche voll Raki und befahl ihm, diese tapferen
Helden damit zu begrüßen. Er trat hinaus zu ihnen, und ich stellte mich
so, daß ich den Vorgang beobachten konnte.

»Sabahiniz chajir – guten Morgen, ihr wackeren Streiter! Seid uns
willkommen!«

»Sabahiniz chajir – guten Morgen!« erwiderten alle zugleich.

»Ihr seid gekommen, den berühmten Kara Ben Nemsi auf seiner Reise zu
begleiten?«

»Der Pascha sendet uns zu diesem Zweck.«

»So will ich euch sagen, daß mein Name Hadschi Agha Halef Omar Ben
Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ist; ich bin der
Reisemarschall und Agha dessen, den ihr begleiten sollt, und ihr habt
also meinen Weisungen Gehorsam zu leisten. Wie lautet der Befehl, den
euch der Pascha gegeben hat?«

Der Buluk Emini antwortete, und zwar mit einer solchen Fistelstimme, daß
es klang, als höre man eine alte, eingerostete #F#-Trompete blasen:

»Ich bin Buluk Emini des Padischah, den Allah segnen möge, und heiße
Ifra. Merke dir diesen Namen! Der Pascha, dessen treuester Diener ich
bin, hat mir dieses Tintenfaß und diese Federn nebst vielem Papier
gegeben, um alles aufzuschreiben, was euch und uns begegnet. Ich bin der
tapfere Führer dieser Leute und werde euch beweisen, daß – – –«

»Schweig, Eschekun-atli!«[187] unterbrach ihn der Onbaschi, indem er
sich den gewaltigen Bart strich. »Was bist du? Unser Anführer? Du Zwerg!
Du Herr des Tintenfasses und der Gänse, von denen deine Federn sind, das
bist du, aber weiter nichts!«

    [187] Eselsreiter.

»Was? Ich bin Buluk Emini und heiße Ifra. Meine Tapferkeit – – –«

»Schweig, sage ich dir! Deine Tapferkeit wächst in den Füßen deines
Esels, den Allah verbrennen möge; denn diese Kreatur hat die armselige
Angewohnheit, des Tages durchzugehen und des Nachts den Himmel
anzubrüllen. Wir kennen dich und deinen Esel, aber dennoch ist es sehr
ungewiß, wer von euch der Buluk Emini und wer der Esel ist!«

»Wahre deine Zunge, Onbaschi! Weißt du nicht, daß ich so tapfer bin,
daß ich mich im Kampfe sogar dahin gewagt habe, wo man die Nasen abhaut?
Blicke meine Nase an, die leider nicht mehr vorhanden ist, und du wirst
staunen über die Verwegenheit, mit welcher ich gefochten habe! Oder
weißt du etwa die Geschichte nicht, die Geschichte von dem Verluste
meiner Nase? So höre! Es war damals, als wir vor Sebastopol gegen die
Moskows kämpften; da stand ich im dichtesten Schlachtgewühle und erhob
soeben meinen Arm, um – – –«

»Schweig! Deine Geschichte hat man bereits tausendmal gehört!« – Und
sich zu Halef wendend, fuhr er fort: »Ich bin der Onbaschi Ular Ali. Wir
haben gehört, daß der Emir Kara Ben Nemsi ein tapferer Mann ist, und das
gefällt uns; wir haben ferner gehört, daß er sich unserer Aghas
angenommen hat, und das gefällt uns noch mehr. Wir werden ihn beschützen
und ihm dienen, und er soll mit uns zufrieden sein!«

»So frage ich noch einmal, welche Befehle euch der Pascha gegeben hat.«

»Er hat uns befohlen, dafür zu sorgen, daß der Emir wie der beste
Freund, wie der Bruder des Pascha aufgenommen werde.«

»So werden wir überall unentgeltlich Obdach und Nahrung erhalten?«

»Alles, was ihr braucht, und auch wir.«

»Hat er euch auch gesagt von dem Disch-parassi?«

»Ja.«

»Der wird in barem Gelde einkassiert?«

»Ja.«

»Wie hoch beläuft er sich?«

»So hoch, wie der Emir es will.«

»Allah segne den Pascha! Sein Verstand ist hell wie die Sonne, und seine
Weisheit erleuchtet die Welt. Ihr sollt es gut haben bei uns. Seid ihr
ganz bereit, die Reise anzutreten?«

»Ja.«

»Habt ihr zu essen?«

»Für einen Tag.«

»Aber keine Zelte!«

»Wir brauchen keine, denn wir werden an jedem Abend eine gute Wohnung
bekommen.«

»Wißt ihr, daß wir durch das Land der Dschesidi gehen werden?«

»Wir wissen es.«

»Fürchtet ihr euch vor den Teufelsanbetern?«

»Fürchten? Agha Halef Omar, hast du vielleicht einmal gehört, daß ein
Arnaute sich gefürchtet hat? Oder ist vielleicht ein Merd-es-Scheïtan,
ein Mann des Teufels, der Scheïtan selbst? Sage dem Emir, daß wir bereit
sind, ihn zu empfangen!«

Nach einer Weile ließ ich mein Pferd vorführen und trat hinaus. Die zehn
Mann standen in Achtung vor mir, ein jeder bei dem Kopfe seines Pferdes.
Ich nickte nur, stieg auf und winkte, mir zu folgen. Der kleine Trupp
setzte sich in Bewegung.

Wir ritten über die Schiffbrücke hinüber und befanden uns dann am linken
Ufer des Tigris außerhalb der Stadt Mossul. Dort erst rief ich den
Onbaschi an meine Seite und fragte ihn dann:

»Wem dienst du jetzt, mir oder dem Pascha?«

»Dir, o Emir.«

»Ich bin mit dir zufrieden. Schicke mir den Buluk Emini her.«

Er ritt zurück, und dann kam der kleine Dicke.

»Dein Name ist Ifra? Ich habe gehört, daß du ein tapferer Krieger bist.«

»Sehr tapfer!« versicherte er mit seiner Trompetenstimme.

»Du kannst schreiben?«

»Sehr gut, sehr schön, o Emir!«

»Wo hast du gedient und gekämpft?«

»In allen Ländern der Erde.«

»Ah! Nenne mir diese Länder.«

»Wozu, Emir? Es würden mehr als tausend Namen sein!«

»So mußt du ein berühmter Buluk Emini sein.«

»Sehr berühmt! Hast du noch nichts von mir gehört?«

»Nein.«

»So bist du sicher in deinem Leben noch nicht aus dem Lande
fortgekommen, sonst hättest du von meinem Ruhme gehört. Ich muß dir zum
Beispiel einmal erzählen, wie ich um meine Nase gekommen bin. Das war
nämlich damals, als wir vor Sebastopol gegen die Moskows kämpften; da
stand ich im dichtesten Kampfgewühle und erhob grad meinen Arm – – –«

Er wurde unterbrochen. Mein Rappe konnte jedenfalls den Geruch des Esels
nicht ertragen; er schnaubte zornig, sträubte die Mähne und biß nach dem
Grauen des Buluk Emini. Der Esel erhob sich vorn, um dem Bisse
auszuweichen, drehte sich dann zur Seite und riß aus – ja, es war keine
Flucht, sondern ein wirkliches Ausreißen. Es ging über Stock und Stein,
uns voran; der kleine Buluk Emini konnte sich kaum auf dem Rücken des
Esels erhalten, und bald waren beide aus unsern Augen verschwunden.

»So geht es ihm stets!« hörte ich den Onbaschi zu Halef sagen.

»Wir müssen ihm nach,« antwortete dieser; »sonst verlieren wir ihn.«

»Den?« lachte der Arnaut. »Es wäre nicht schade um ihn. Aber sorge dich
nicht! Es ist ihm schon tausendmal passiert, und niemals ging er
verloren.«

»Aber warum reitet er diese Bestie?«

»Er muß.«

»Muß? Warum?«

»Der Jüsbaschi[188] will es. Er macht sich einen Spaß mit Ifra und dem
Esel.«

    [188] Hauptmann, Befehlshaber von hundert Mann.

Als wir zwischen Kufjundschik und dem Kloster des heiligen Georg
hindurch waren, sahen wir den Buluk Emini vor uns halten. Er ließ mich
herankommen und rief bereits von weitem:

»Herr, hast du vielleicht geglaubt, daß der Esel mit mir durchgegangen
ist?«

»Ich bin überzeugt davon.«

»Du irrst, Emir! Ich bin nur vorausgeritten, um den Weg zu untersuchen,
den wir reiten werden. Gehen wir den Khausser entlang, oder reiten wir
den gewöhnlichen Weg?«

»Wir bleiben auf dem Pfade.«

»So erlaube mir, daß ich dir meine Geschichte später erzähle. Ich werde
euch jetzt als Wegweiser dienen.«

Er ritt voran. Der Khausser ist ein Bach oder Flüßchen, welches an den
nördlichen Ausläufern des Dschebel Maklub entspringt und auf seinem
Laufe nach Mossul die Ländereien zahlreicher Dörfer bewässert. Wir
ritten auf einer kleinen Brücke über ihn hinweg und hatten ihn dann
stets zu unserer linken Seite. Die Ruinen und das Dorf von Khorsabad
liegen ungefähr sieben Wegstunden nördlich von Mossul. Die Gegend
besteht aus Marschboden, aus welchem giftige Fieberdünste emporsteigen.
Wir eilten, unser Ziel zu erreichen, hatten aber wohl noch eine gute
Wegstunde vor uns, als uns ein Trupp von vielleicht fünfzig Arnauten
entgegen kam. An der Spitze ritten einige Offiziere, und in der Mitte
sah ich die weiße Kleidung eines Arabers. Näher gekommen, erkannte ich
– – den Scheik Mohammed Emin.

O wehe! Er war in die Hände dieser Leute gefallen, er, der Feind des
Pascha, der bereits dessen Sohn gefangen genommen und nach Amadijah
geschickt hatte. Jetzt fragte es sich vor allen Dingen, ob er sich
gewehrt hatte; doch konnte ich keinen einzigen Verwundeten entdecken.
Hatten sie ihn vielleicht im Schlafe überrumpelt? Ich mußte alles
aufbieten, ihn aus dieser gefährlichen Gesellschaft zu bringen. Daher
blieb ich mitten im Wege halten und ließ den Trupp herankommen.

Meine Begleitung stieg vom Pferde, um sich zur Seite des Weges auf den
Boden zu werfen. Halef und ich blieben zu Pferde. Der Anführer trennte
sich von den andern und kam uns in scharfem Trabe entgegen geritten.
Hart vor mir parierte er sein Pferd und fragte, ohne die am Boden
Liegenden zu beachten:

»Sallam! Wer bist du?«

»Aaleïkum! Ich bin ein Emir aus dem Westen.«

»Von welchem Stamme?«

»Vom Volke der Nemsi.«

»Wohin willst du?«

»Nach dem Osten.«

»Zu wem?«

»Überall hin!«

»Mann, du antwortest sehr kurz! Weißt du, was ich bin?«

»Ich sehe es.«

»So antworte besser! Mit welchem Rechte reisest du hier?«

»Mit demselben Rechte, mit welchem du hier reitest!«

»Tallahi, bei Gott, du bist sehr kühn! Ich reite hier auf Befehl des
Mutessarif von Mossul; das kannst du dir denken!«

»Und ich reise hier auf Befehl des Mutessarif von Mossul und des
Padischah von Konstantinopel; das kannst du dir denken!«

Er öffnete die Augen ein wenig mehr und befahl mir dann:

»Beweise es!«

»Hier!«

Ich gab ihm meine Legitimationen. Er öffnete sie unter den
vorgeschriebenen Formalitäten und las sie dann. Darauf faltete er sie
sorgfältig wieder zusammen, gab sie mir zurück und meinte dann in sehr
höflichem Tone:

»Du trägst selbst die Schuld, daß ich streng zu dir sprach. Du sahst,
wer ich bin, und hättest mir höflicher antworten sollen!«

»Du trägst selbst die Schuld, daß dies nicht geschehen ist,« antwortete
ich ihm. »Du sahst meine Begleitung, die mich als einen Mann
legitimiert, welcher sich der Freundschaft des Mutessarif erfreut, und
hättest höflicher fragen sollen! – Grüße deinen Herrn sehr viele Male
von mir; guten Morgen!«

»Zu Befehl, mein Herr!« antwortete er.

Ich wandte mich weiter. Es war meine Absicht gewesen, etwas zur
Befreiung von Mohammed Emin zu thun, hatte aber gleich beim Anfange des
Gespräches mit dem Offizier bemerkt, daß dies unnötig sei. Die
Begleitung desselben war etwas rückwärts hinter ihm halten geblieben und
hielt ihre Augen mehr auf mich als auf ihren Gefangenen gerichtet.
Dieser machte sich diesen Umstand sofort zu Nutzen. Er war nur leicht
gefesselt und saß auf einem schlechten türkischen Pferde. Im letzten
Gliede des Trupps aber führte man sein vortreffliches Tier, an dessen
Sattel alle seine Waffen hingen. Ich bemerkte seine glücklichen
Bemühungen, sich die Hände frei zu machen, und grad in dem Augenblicke,
an welchem ich das Gespräch abbrach, sprang er mit den Füßen auf den
Rücken seines Tieres.

»Halef, aufgepaßt!« raunte ich dem Diener zu, welcher ebenso aufmerksam
beobachtet hatte, wie ich selbst.

»Zwischen sie und ihn hinein, Sihdi!« antwortete er mir.

Er hatte mich also sofort verstanden. Jetzt wagte der Haddedihn einige
kühne Sprünge von Croupe zu Croupe der hinter ihm haltenden Pferde,
deren Reiter sich einer solchen Verwegenheit gar nicht versehen hatten,
und ehe sie ihn noch zu fassen vermochten, hatte er seinen eigenen
Renner erreicht, saß im Sattel, riß den Zügel aus der Hand dessen, der
denselben hielt, und jagte seitwärts von dannen, nicht den Weg hinauf
oder hinab, sondern stracks auf das Flüßchen zu.

Ein vielstimmiger Schrei der Überraschung und des Grimmes erscholl
hinter ihm.

»Dein Gefangener flieht,« rief ich dem Anführer zu; »laß uns ihm
nachjagen!«

Zu gleicher Zeit zog ich mein Pferd herum und sprengte dem Flüchtigen
nach. Halef hielt sich an meiner Seite.

»Nicht so nahe bei mir, Halef! Weiter ab! Reite so, daß sie nicht
schießen können, ohne uns zu treffen!«

Es war eine scharfe, wilde Jagd, welche jetzt begann. Zum Glück dachten
die Verfolger zunächst nur daran, Mohammed Emin einzuholen, und als sie
sahen, daß sein Pferd den ihrigen überlegen sei, und zu den Waffen
griffen, war der Vorsprung, welchen er gewonnen hatte, bereits zu groß
geworden. Auch waren ihre Schießgewehre nicht gut zu gebrauchen, da ich
mit Halef nicht in gerader Linie vor ihnen her, sondern in einem kurzen
Zickzack ritt und dabei mir alle mögliche Mühe gab, mein Pferd als
störrisch zu zeigen. Bald blieb es stehen und bockte, dann schnellte es
davon, warf sich mitten im Laufe zur Seite, drehte sich auf den
Hinterfüßen um seine eigene Achse, schoß eine Strecke weit nach rechts
oder links und schwenkte dann in haarscharfer Drehung in die rechte
Richtung ein. Halef that ganz dasselbe, und so kam es, daß die Türken
nicht schießen konnten, aus Furcht, uns zu treffen.

Der Haddedihn hatte sein Pferd furchtlos in die Fluten des Khausser
getrieben. Er kam glücklich hinüber, und ich mit Halef auch; aber ehe es
den anderen gelang, uns dies nachzuthun, hatten sie uns einen
bedeutenden Vorsprung gelassen. So flogen wir auf unsern guten Tieren
vorwärts, immer nach Nordwesten zu, bis wir ungefähr zwei Wegstunden
zurückgelegt hatten und auf die Straße trafen, welche von Mossul über
Telkeïf direkt nach Rabban Hormuzd führt und ganz parallel derjenigen
zieht, auf welcher wir vorhin Khorsabad, Dscherraijah und Baadri
erreichen wollten. Erst hier hielt der Haddedihn sein Pferd an. Er sah
nur uns beide, denn die andern waren längst hinter dem Horizonte
verschwunden.

»Preis sei Gott!« rief er. »Effendi, ich danke dir, daß du ihnen die
Hände von den Flinten genommen hast! Was thun wir nun, damit sie uns
verlieren?«

»Wie bist du in ihre Hände gekommen, Scheik?« fragte der kleine Halef.

»Das wird er uns später sagen; jetzt ist keine Zeit dazu,« antwortete
ich. »Mohammed Emin, kennst du das sumpfige Land, welches zwischen dem
Tigris und dem Dschebel Maklub liegt?«

»Ich bin einmal durch dasselbe geritten.«

»In welcher Richtung?«

»Von Baascheika und Baazani über Ras al Aïn nach Dohuk hinüber.«

»Ist der Sumpf gefährlich?«

»Nein.«

»Seht ihr dort im Nordost jene Höhe, welche man vielleicht in drei
Stunden erreichen kann?«

»Wir sehen sie.«

»Dort werden wir wieder zusammentreffen, denn hier müssen wir uns
trennen. Die Straße dürfen wir nicht verfolgen, denn sonst würde man uns
sehen und unsere Richtung erraten. Wir müssen in den Sumpf, und zwar
einzeln, damit die Verfolger, wenn sie doch hierher kommen sollten,
nicht wissen, welcher Spur sie zu folgen haben.«

»Aber unsere Arnauten und Baschi-Bozuks, Sihdi?« fragte Halef.

»Die gehen uns jetzt nichts an. Sie sind uns überhaupt mehr hinderlich
als förderlich; sie bringen mir keinen größern Schutz als den, welchen
mir meine Pässe und Briefe gewähren. Halef, du gehst hier ab und
behältst die südlichste Linie; ich werde in der Mitte reiten, und der
Scheik bleibt im Norden: – jeder wenigstens eine halbe Wegstunde von dem
andern.«

Beide trennten sich von mir, und auch ich bog von dem gebahnten Wege ab
und in den Sumpf hinein, der allerdings nicht die Eigenschaften eines
wirklichen Morastes hatte. Die Gefährten entschwanden meinem Auge, und
ich strebte einsam dem Ziele zu, welches wir uns gesteckt hatten.

Bereits seit Tagen befand ich mich in einem Zustande der Spannung, wie
ich ihn seit langer Zeit nicht an mir bemerkt hatte. Es giebt kein Land
der Erde, welches so zahlreiche und hohe Rätsel birgt, wie der Boden,
welchen die Hufe meines Pferdes berührten. Auch ganz abgesehen von den
Ruinen des assyrischen und babylonischen Reiches, welche hier bei jedem
Schritte zu sehen sind, tauchten jetzt vor mir die Berge auf, deren
Abhänge und Thäler von Menschen bewohnt werden, deren Nationalität und
Religion nur mit der größten Schwierigkeit zu entwirren sind.
Lichtverlöscher, Feueranbeter, Teufelsanbeter, Nestorianer, Chaldäer,
Nahumiten, Sunniten, Schiiten, Nadschijeten, Ghollaten, Rewafidhiten,
Muatazileten, Wachabiten, Araber, Juden, Türken, Armenier, Syrer,
Drusen, Maroniten, Kurden, Perser, Turkmenen: – ein Angehöriger dieser
Nationen, Stämme und Sekten kann einem bei jedem Schritte begegnen, und
wer kennt die Fehler und Verstöße, welche ein Fremder bei einer solchen
Gelegenheit begehen kann! Diese Berge rauchen noch heute von dem Blute
derjenigen, welche dem Völkerhasse, dem wildesten Fanatismus, der
Eroberungssucht, der politischen Treulosigkeit, der Raublust oder der
Blutrache zum Opfer fielen. Hier hängen die menschlichen Wohnungen an
den Felsenhöhen und Steinklüften, wie die Horste des Geiers, der stets
bereit ist, sich auf die ahnungslose Beute niederzustürzen. Hier hat das
System der Unterdrückung, der rücksichtslosen Aussaugung jene ingrimmige
Verbitterung erzeugt, welche kaum noch zwischen Freund und Feind
unterscheiden mag, und das Wort der versöhnenden Liebe, welches von den
christlichen Sendboten gepredigt wurde, es ist in alle Winde
verschollen. Mögen amerikanische Missionäre von Erfolgen reden: der
Acker ist nicht zubereitet, das Senfkorn aufzunehmen. Mögen andere
Gottesmänner alles thun und wagen: – in den kurdischen Bergen fließen
die feindseligsten Strömungen zu einem wilden Strudel zusammen, der erst
dann zur Ruhe kommen kann, wenn es einer gewaltigen Faust gelingt, die
Klippen zu zermalmen, den Haß zu bezwingen und dem häßlichen, leise
schleichenden Blutschacher den Kopf zu zertreten. Dann werden die Wege
frei sein für die Füße derjenigen, welche »den Frieden predigen und das
Heil verkündigen«. Dann wird kein Bewohner jener Berge mehr sagen
können: »Ich bin ein Christ geworden, weil ich sonst von dem Agha die
Bastonnade erhalten hätte.« Und dieser Agha war – ein strenger
Mohammedaner.

Der Berg rückte mir näher und näher, oder vielmehr ich ihm. Der Boden
war zwar leicht und feucht, aber es gab nur wenige Stellen, an denen die
Hufe meines Pferdes beträchtlich eingesunken wären, und endlich kam
trockenes Land. Die Fiebergegend des Tigris lag hinter mir. Jetzt sah
ich rechts von mir einen Reiter und erkannte sehr bald Halef, mit dem
ich mich in kurzer Zeit vereinigte.

»Ist dir jemand begegnet?« fragte ich ihn.

»Nein, Sihdi.«

»Es hat dich niemand gesehen?«

»Kein Mensch. Nur weit im Süden sah ich auf dem Wege, den wir verlassen
haben, einen kleinen Menschen laufen, der ein Tier hinter sich herzog.
Ich konnte ihn aber nicht genau erkennen.«

»Kannst du _den_ dort erkennen?« fragte ich, nach Norden deutend.

»O Sihdi, das ist kein anderer als der Scheik!«

»Ja, es ist Mohammed Emin. In zehn Minuten wird er bei uns sein.«

So war es auch. Er erkannte uns und ritt in Eile herbei.

»Was nun, Effendi?« fragte er mich.

»Das wird sich ganz nach dem richten, was du erfahren hast. Bist du
vielleicht bemerkt worden?«

»Nein. Nur ein Schäfer trieb in weiter Entfernung seine Herde an mir
vorüber.«

»Wie wurdest du gefangen?«

»Du hattest mich nach den Ruinen von Khorsabad bestellt. Bis heute
morgen verbarg ich mich in dem südlichen Teile derselben, dann aber
postierte ich mich dem Wege näher, um dich kommen zu sehen. Hier wurde
ich von den Soldaten gesehen und umzingelt. Ich konnte mich nicht
wehren, weil es ihrer zu viele waren, und weshalb sie mich gefangen
nahmen, das weiß ich nicht.«

»Fragten sie dich nach deinem Stamm und deinem Namen?«

»Ja; aber ich habe sie falsch berichtet.«

»Diese Leute sind unerfahren. Ein Araber hätte dich an deiner
Tättowierung erkannt. Sie nahmen dich gefangen, weil in den Ruinen von
Kufjundschik die Truppen des Pascha liegen, welche bestimmt sind, gegen
die Schammar zu ziehen.«

Er erschrak und hielt sein Pferd an.

»Gegen die Schammar? Allah helfe uns; da muß ich sofort umkehren!«

»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Plan des Gouverneur.«

»Welches ist dieser Plan?«

»Der Zug gegen die Schammar ist für jetzt nur eine Maske. Der Mutessarif
will zunächst die Dschesidi überfallen. Diese sollen das nicht ahnen,
und daher giebt er vor, gegen die Schammar ziehen zu wollen.«

»Weißt du dies genau?«

»Ganz genau, denn ich habe mit ihm selbst gesprochen. Ich soll
zurückkommen und ihm die Weideplätze der Schammar auskundschaften.«

»Aber wenn er mit den Dschesidi schnell fertig wird, so benutzt er
sicher die Gelegenheit, sein Heer sofort auch gegen die Schammar zu
schicken.«

»Er wird mit den Dschesidi nicht so schnell fertig werden; darauf kannst
du dich verlassen. Und dann ist die kurze Frühlingszeit vorüber.«

»Maschallah, was hat der Frühling mit diesem Kriege zu thun, Effendi?«

»Sehr viel. Sobald die heißen Tage kommen, verdorren die Pflanzen, und
die Ebene trocknet aus. Die Bedawi ziehen sich mit ihren Herden nach den
Bergen des Schammar oder des Sindschar zurück, und das Heer des
Gouverneur müßte elend verschmachten.«

»Du hast recht, Effendi. So wollen wir unsern Weg getrost fortsetzen;
aber ich kenne ihn nicht.«

»Wir haben rechts die Straße nach Aïn Sifni, links den Weg nach
Dscherraijah und Baadri. Bis Baadri aber darf man uns nicht sehen, und
so wird es zweckmäßig sein, uns immer am Ufer des Khausser zu halten.
Haben wir Dscherraijah hinter uns, so brauchen wir uns nicht mehr zu
verbergen.«

»Wie weit haben wir bis Baadri?«

»Drei Stunden.«

»Herr, du bist ein großer Emir. Du bist aus einem weit entfernten Lande
und kennst diese Gegend besser als ich!«

»Wir wollen nach Amadijah, und ich habe mich genau nach der Gegend
erkundigt, durch welche wir reisen müssen. Das ist alles! Jetzt aber
vorwärts!«

Obgleich die beiden Wege, welche wir vermeiden wollten, kaum eine halbe
Stunde von einander entfernt lagen, glückte es uns doch, unbemerkt zu
bleiben. Sahen wir rechts Leute kommen, so ritten wir nach links
hinüber, und erblickten wir links Menschen, so hielten wir uns nach
rechts. Natürlich leistete mir mein Fernrohr dabei die wichtigsten
Dienste, und nur ihm allein hatten wir es zu verdanken, daß wir uns
endlich beim Anblick von Baadri sicher fühlen konnten.

Wir waren nun beinahe zehn Stunden lang im Sattel gewesen und also
ziemlich müde, als wir die Hügelreihe erreichten, an deren Fuße das Dorf
lag, welches der Wohnplatz des geistlichen Oberhauptes der
Teufelsanbeter, sowie des weltlichen Oberhauptes des Stammes war. Ich
fragte den ersten Mann, welcher mir begegnete, nach dem Namen des Bey.
Er sah mich verlegen an. Ich hatte ganz außer acht gelassen, daß die
Dschesidi meist nicht arabisch reden.

»Bey nidsche demar – wie heißt der Bey?« fragte ich türkisch.

»Ali Bey,« antwortete er mir.

»Ol nerde oturar – wo wohnt er?«

»Gel, seni götirim – komm, ich werde dich führen!«

Er führte uns bis an ein großes, aus Steinen aufgeführtes Gebäude.

»Itscherde otur – da drinnen wohnt er,« sagte der Mann; dann entfernte
er sich wieder.

Das Dorf war außerordentlich belebt. Ich bemerkte außer den Häusern und
Hütten auch eine Menge Zelte, vor denen Pferde oder Esel angebunden
waren, und zwischen ihnen bewegte sich eine zahlreiche Menschenmenge hin
und her. Diese war so bedeutend, daß unser Kommen gar nicht aufzufallen
schien.

»Sihdi, schau hierher!« sagte Halef. »Kennst du den?«

Er zeigte auf einen Esel, welcher am Eingange des Hauses angebunden war.
Wahrhaftig, es war der Esel unsers dicken Buluk Emini! Ich stieg ab und
trat ein. Da scholl mir die dünne Fistelstimme des tapfern Ifra
entgegen:

»Und du willst mir wirklich keine andere Wohnung geben?«

»Ich habe keine andere,« antwortete eine andere Stimme in sehr trockenem
Tone.

»Du bist der Kiajah[189]; du mußt eine andere schaffen!«

    [189] Dorfoberhaupt.

»Ich habe dir bereits gesagt, daß ich keine andere habe. Das Dorf ist
voll von Pilgern; es ist kein Platz mehr leer. Warum führt dein Effendi
nicht ein Zelt bei sich?«

»Mein Effendi? Ein Emir ist er, ein großer Bey, der berühmter ist, als
alle Dschesidenfürsten im Gebirge!«

»Wo ist er?«

»Er wird nachkommen. Er will erst einen Gefangenen fangen.«

»Einen Gefangenen fangen? Bist du toll?«

»Einen entflohenen Gefangenen.«

»Ach so!«

»Er hat einen Firman des Großherrn, einen Firman el Onsul[190], einen
Firman und viele Briefe des Mutessarif, und hier ist auch meine
Bescheinigung.«

    [190] Paß des Konsuls.

»Er mag selbst kommen!«

»Was? Er hat den Disch-parassi, und du sagst, er möge selbst kommen! Ich
werde mit dem Scheik sprechen!«

»Der ist nicht hier.«

»So rede ich mit dem Bey!«

»Gehe hinein zu ihm!«

»Ja, ich werde gehen. Ich bin ein Buluk Emini des Großherrn, habe
fünfunddreißig Piaster Monatssold[191] und brauche mich vor keinem
Kiajah zu fürchten. Hörst du es?«

    [191] Sieben Mark.

»Ja. Fünfunddreißig Piaster für den Monat!« klang es beinahe lustig.
»Was bekommst du noch?«

»Was noch? Höre es! Zwei Pfund Brot, siebzehn Lot Fleisch, drei Lot
Butter, fünf Lot Reis, ein Lot Salz und anderthalb Lot Zuthaten täglich,
außerdem auch noch Seife, Öl und Stiefelschmiere. Verstehst du mich? Und
wenn du über meine Nase lachst, die ich nicht mehr habe, so werde ich
dir erzählen, wie sie mir abhanden gekommen ist! Das war damals, als wir
vor Sebastopol standen; ich befand mich im dicksten Kugelregen,
und – – –«

»Ich habe keine Zeit, dich anzuhören. Soll ich es dem Bey sagen, daß du
mit ihm reden willst?«

»Sage es ihm. Doch vergiß nicht, zu erwähnen, daß ich mich nicht
abweisen lasse!«

Meine Person war also der Gegenstand dieser lauten Unterhaltung. Ich
trat ein, Mohammed Emin und Halef hinter mir. Der Kiajah stand eben im
Begriff, eine Thüre zu öffnen, drehte sich aber bei unserem Erscheinen
um.

»Da kommt der Emir selbst,« meinte Ifra. »Er wird dir zeigen, wem du zu
gehorchen hast!«

Ich wandte mich zunächst zu dem Buluk Emini:

»Du hier! Wie kommst du so ganz allein nach Baadri?«

Sein Gesicht zeigte eine kleine Verlegenheit, doch blieb er mir die
Antwort nicht schuldig:

»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich voranreiten würde, Excellenz?«

»Wo sind die andern?«

»Iflemisch – verschwunden, verduftet, weggeblasen!«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht, Hoheit.«

»Du mußt es doch gesehen haben!«

»Nur ein wenig. Als der Gefangene entfloh, jagten alle hinter ihm her,
auch meine Leute und die Arnauten.«

»Warum du nicht?«

»Benim eschek – mein Esel wollte nicht, Herr. Und außerdem mußte ich
doch nach Baadri, um dir Quartier zu machen.«

»Hast du den entflohenen Gefangenen genau angesehen?«

»Wie konnte ich? Ich lag ja mit dem Angesicht zur Erde, und als ich mich
erhob, um der Jagd zu folgen, war er bereits weit fort.«

Dies war mir sehr lieb, der Sicherheit Mohammed Emins wegen.

»Werden die andern bald nachkommen?«

»Wer weiß es! Allah ist unerforschlich; er führt den Gläubigen dahin und
dorthin, nach rechts und nach links, wie es ihm gefällt, denn die Wege
des Menschen sind im Kitab takdirün, in dem Buche der Vorsehung,
verzeichnet.«

»Ist Ali Bey hier?« fragte ich jetzt den Dorfältesten.

»Ja.«

»Wo?«

»Bu kapu escheri – hinter dieser Thüre.«

»Ist er allein?«

»Ja.«

»Sage ihm, daß wir ihn sprechen wollen!«

Während er in das andere Gemach ging, stieß Ifra den kleinen Halef in
die Seite und sagte leise, nach Mohammed Emin blinzelnd:

»Wer ist dieser Araber?«

»Ein Scheik.«

»Wo kommt er her?«

»Wir haben ihn gefunden. Er ist ein Freund meines Sihdi und wird jetzt
bei uns bleiben.«

»Wer tschok Bakschischler – giebt er viele Trinkgelder?«

»Bu kadar – so viel!« meinte Halef, indem er alle zehn Finger
emporstreckte.

Das war dem guten Buluk Emini genug, wie ich seiner vor Zufriedenheit
strahlenden Miene anmerkte. Jetzt öffnete sich die Thüre, und der
Dorfälteste kehrte zurück. Hinter ihm erschien ein junger Mann von sehr
schöner Gestalt. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte regelmäßige
Gesichtszüge und ein Paar Augen, deren Feuer überraschend war. Er trug
eine fein gestickte Hose, ein reiches Jäckchen und einen Turban, unter
welchem eine Fülle der prächtigsten Locken hervorquoll. In seinem Gürtel
befand sich nur ein Messer, dessen Griff von sehr kunstvoller Arbeit
war.

»Chosch geldin demek – seid willkommen!« sagte er, indem er zunächst
mir, dann dem Scheik und endlich auch Halef die Hand reichte. Den
Baschi-Bozuk aber schien er gar nicht zu bemerken.

»Mazal bujurum sultanum – vergib mir, Herr, daß ich dein Haus betrete,«
antwortete ich. »Der Abend ist nahe, und ich wollte dich fragen, ob es
in deinem Gebiete eine Stelle giebt, an welcher wir unser Haupt zur Ruhe
legen können.«

Er betrachtete mich sehr aufmerksam von dem Kopfe bis herab zu den Füßen
und erwiderte dann:

»Man soll den Wanderer nicht fragen, woher und wohin. Aber mein Kiajah
sagte mir, daß du ein Emir seist.«

»Ich bin kein Araber und kein Türke, sondern ein Nemtsche, weit vom
Abendlande her.«

»Ein Nemtsche? Ich kenne dieses Volk nicht und habe auch noch keinen von
ihnen gesehen. Aber ich habe von einem Nemtsche gehört, den ich sehr
gern kennen lernen möchte.«

»Darf ich dich fragen, warum?«

»Weil drei von meinen Männern ihm das Leben zu verdanken haben.«

»Inwiefern?«

»Er hat sie aus der Gefangenschaft befreit und zu den Haddedihn
gebracht.«

»Sind sie hier in Baadri?«

»Ja.«

»Und heißen Pali, Selek und Melaf?«

Er trat überrascht einen Schritt zurück.

»Du kennst sie?«

»Wie hieß der Nemtsche, den du meinest?«

»Kara Ben Nemsi wurde er genannt.«

»So ist mein Name. Dieser Mann hier ist Mohammed Emin, der Scheik der
Haddedihn, und der andere ist Halef, mein Begleiter.«

»Ist es möglich? Welch eine Überraschung! Seni gerek olarim – ich muß
dich umarmen!«

Er zog mich an sich und küßte mich auf beide Wangen; dasselbe that er
auch mit Mohammed und Halef, nur daß er bei letzterem den Kuß unterließ.
Dann faßte er mich bei der Hand und sagte:

»Tschelebim mahalinde geldin – Herr, du kommst zur rechten Zeit. Wir
haben ein großes Fest, bei welchem man nicht Fremde zuzulassen pflegt;
du aber sollst dich mit uns freuen. Bleibe hier, so lange die fröhlichen
Tage dauern, und auch später noch recht lange!«

»Ich bleibe, so lange es dem Scheik gefällt.«

»Es wird ihm gefallen.«

»Du mußt wissen, daß sein Herz ihn vorwärts treibt, wie wir dir noch
erzählen werden.«

»Ich weiß es. Aber tretet herein. Mein Haus ist euer Haus, und mein
Brot ist euer Brot. Ihr sollt unsere Brüder sein, so lange wir leben!«

Während wir durch die Thür schritten, hörte ich Ifra zu dem
Gemeindeältesten sagen:

»Hast du es gehört, Alter, was mein Effendi für ein berühmter Emir ist?
Lerne, auch mich danach zu schätzen. Merke dir das!«

Das Gemach, welches wir betraten, war sehr einfach ausgestattet. Ich und
der Scheik mußten zur Seite Ali Beys Platz nehmen. Dieser hatte meine
Hand noch immer nicht losgelassen und betrachtete mich abermals sehr
aufmerksam.

»Also du bist der Mann, welcher die Feinde der Haddedihn geschlagen
hat!«

»Willst du meine Wangen schamrot machen?«

»Und der des Nachts ohne alle Hilfe einen Löwen tötete! Ich möchte sein,
wie du! Du bist ein Christ?«

»Ja.«

»Die Christen sind alle mächtiger als andere Leute; aber ich bin auch
ein Christ.«

»Sind die Dschesidi Christen?«

»Sie sind alles. Die Dschesidi haben von allen Religionen nur das Gute
für sich genommen – – –«

»Weißt du das gewiß?«

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich sage dir, Emir, daß in diesen Bergen keine Religion allein zu
herrschen vermag; denn unser Volk ist zerteilt, unsere Stämme sind
gespalten, und unsere Herzen sind zerrissen. Eine gute Religion muß
Liebe predigen; aber eine freiwillige, aus dem Innern hervorwachsende
Liebe kann bei uns nicht Wurzel schlagen, weil der Acker aus dem Boden
des Hasses, der Rachsucht, des Verrates und der Grausamkeit
zusammengesetzt ist. Hätte ich die Macht, so würde ich die Liebe
predigen, aber nicht mit den Lippen, sondern mit dem Schwerte in der
Faust; denn wo eine edle Blume gedeihen soll, da muß zuvor das Unkraut
ausgerottet werden. Oder meinest du, daß eine Predigt im stande sei, aus
einem Zehr-lahana[192] eine Karanfil[193] zu machen? Der Gärtner kann
die Blüte der Giftpflanze füllen und verschönern, das Gift aber wird im
Innern heimtückisch verborgen bleiben. Und ich sage dir, die Predigt
meines Schwertes sollte Lämmer aus Wölfen machen. Wer diese Predigt
hörte, würde glücklich sein; wer ihr aber widerstrebte, den würde ich
zermalmen. Dann erst könnte ich das Schwert in die Scheide stecken und
zu meinem Zelte heimkehren, um mich meines Werkes zu freuen. Denn wenn
sie einmal eingezogen ist, so ist es wahr, was das heilige Buch der
Christen sagt: Muhabbet bitmez – die Liebe hört nie auf!«

    [192] Giftkraut.

    [193] Nelke.

Sein Auge leuchtete, seine Wange hatte sich gerötet, und der Ton seiner
Stimme kam aus der Tiefe eines vollen Herzens heraus. Er war nicht nur
ein schöner, sondern auch ein edler Mann; er kannte die traurigen
Verhältnisse seines Landes und hatte vielleicht das Zeug zu einem
Helden.

»Du glaubst also, daß die christlichen Prediger, welche aus der Ferne
kommen, hier nichts zu wirken vermögen?« fragte ich nun.

»Wir Dschesidi kennen euer heiliges Buch. Dieses sagt: ›Chüdanün söz
tschekidsch dir, bi tschatlar taschlar – das Wort Gottes ist ein Hammer,
welcher Felsen zertrümmert.‹ Aber kannst du mit einem Hammer das Wasser
zermalmen? Kannst du mit ihm die Dünste zerschmettern, welche dem Sumpfe
entsteigen und das Leben töten? Frage die Männer, welche aus Jeni
dünja[194] herüber gekommen sind! Sie haben viel gelehrt und gesprochen;
sie haben schöne Sachen geschenkt und verkauft; sie haben sogar als
Buchdrucker gearbeitet. Und die Leute haben sie angehört, haben ihre
Geschenke genommen, haben sich taufen lassen, und dann sind sie
hingegangen, um zu rauben, zu stehlen und zu töten, wie vorher. Das
heilige Buch wurde in unserer Sprache gedruckt, aber kein Mensch
verstand den Dialekt, und kein Mensch hier kann schreiben oder lesen.
Glaubst du, daß diese frommen Männer uns das Schreiben und das Lesen
lehren werden? Unsere Feder darf jetzt nur von scharfem Stahle sein.
Oder gehe nach dem berühmten Kloster Rabban Hormuzd, welches einst den
Nestorianern gehörte. Jetzt gehört es den Katuliklar[195], welche
Alkosch und Telkef bekehrten. Einige arme Mönche verhungern auf der
dürren Höhe, auf welcher zwei nackte Ölbäume das Dasein des
Verschmachtens leben. Warum ist es so und nicht anders? Es fehlt der
Jeboschu[196], welcher da gebietet: ›Günesch ile kamer, sus hem Gibbea
jakinda hem dere Adschala – Sonne, stehe stille bei Gibeon und, Mond, im
Thale von Ajalon!‹ Es fehlt der Held Schimsa[197], welcher die Bösen mit
dem Schwerte zwingt, Gutes zu thun. Es fehlt Tschoban Dawud[198], der
mit seiner Schleuder den Mörder Dscholiah erschlägt. Es fehlt die Flut,
welche die Gottlosen ertränkt, damit Nauah[199] mit den Seinen
niederknieen könne vor Allah unter dem Bogen der sieben Farben. Steht in
eurem Buche nicht: ›Insanlar dscheza estemez-ler dan ruhuma – die
Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht strafen lassen?‹ – Wäre ich
ein Musa[200], so würde ich meinen Jeboschu und meinen Kaleb durch alle
Thäler Kurdistans senden und dann mit meinem Schwerte jenen die Wege
ebnen, von denen euer Kitab sagt: ›Wazar-lar sallami, der-ler ughurü –
sie predigen den Frieden, und sie verkündigen das Heil!‹ – Du blickst
mich an mit großen Augen; du meinst, der Friede sei besser als der Krieg
und die Schaufel besser als die Keule? Ich meine es auch. Aber kannst du
dir den Frieden denken, ohne daß er mit dem Säbel errungen ist? Müssen
wir hier nicht die Keule tragen, um mit der Schaufel arbeiten zu können?
Siehe dich an, nur dich allein! Du trägst sehr viele Waffen an dir, und
sie sind besser als diejenigen, welche wir besitzen. Warum trägst du
sie? Trägst du sie im Lande der Nemtsche auch, wenn du eine Reise
unternimmst?«

    [194] Amerika.

    [195] Katholiken.

    [196] Josua.

    [197] Simson.

    [198] Hirt David.

    [199] Noah.

    [200] Moses.

»Nein,« mußte ich allerdings antworten.

»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten
ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören
ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne
Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der
Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und
beruhigen soll das ›Schamata arasynda daghlere – das Geschrei in den
Bergen‹, von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch
kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer,
nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so
höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es
sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe
nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist
verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«

»Ja.«

»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir
wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war
ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere
Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die
brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere,
und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte
über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr
Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan,
Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze.
Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre
Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du
dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum
nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn
sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns
und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen
Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die
Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem
Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten
wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern
Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin – du kommst zur rechten
Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist
der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«

Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir
Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter
kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201]
waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in
einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über
sie zu verschaffen.

    [201] Teufelsleute.

»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde
sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen,
welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«

»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben
unser Fest mitfeiern.«

»Du kennst sie?«

»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er
befindet sich in Amadijah.«

»Woher weißt du dies?«

»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber
jetzt nicht befreien können.«

»Warum?«

»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu
befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen
bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«

»Wie viel?«

»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten
Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit
dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk,
zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203]
stehen.«

    [202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.

    [203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.

»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«

»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht
hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder
Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und
beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel
von Amadijah liegt.«

»Welche Truppen stehen in Mossul?«

»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der
Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll
gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge
kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«

»Wie hoch zählen diese letzteren?«

»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai
Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die
beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«

    [204] Oberst.

    [205] Regiments-Quartiermeister.

    [206] Dschesidischer Heiliger.

»Weißt du, wo sie sich versammeln?«

»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen
von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren,
daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden
erst später marschfertig.«

»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden
bist.«

»Wieso?«

»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her
aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu
verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches
in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment
in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler
begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu
verwenden?«

Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:

»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«

»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«

»Nein.«

»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich
Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie
befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«

»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche
in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach
Amadijah bestimmt.«

»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage
eures großen Festes hier an!«

»Emir!«

Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich
fuhr fort:

»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern
nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden
von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf
Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah.
Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«

»Herr, wäre dies so gemeint?«

»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das
Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari,
Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden
ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen
können.«

»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«

»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen
ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif,
daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«

»Wirklich?«

»Höre!«

Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich
zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er
sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.

»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns
fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren
gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der
Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur
Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau
ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: – die Mäuse, welche
er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen
können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen,
was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige
Augenblicke entferne.«

Er ging hinaus.

»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.

»Ebenso wie dir!«

»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte
Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines
Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«

»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen
werden?« fragte ich ihn lächelnd.

»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr
schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«

Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein
ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und
schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen
über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen;
seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren
Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit
welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine
ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz
und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen
Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor
uns und grüßte mit volltönender Stimme:

»Günesch-iniz söjündürme-sun – eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte
er hinzu: »#Hun be kurmangdschi zanin# – versteht ihr, kurdisch zu
sprechen?«

Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi
ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte
er:

»#Schima zazadscha zani?#«

Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind
die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht
kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und
antwortete auf türkisch:

»Seni an-lamez-iz – wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche
– bitte, rede türkisch!«

Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem
Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und
fragte:

»Nemtsche sen – bist du der Deutsche?«

»Ja.«

»Izim seni kutschaklam-am – erlaube, daß ich dich umarme!«

Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den
angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der
Bey gesessen hatte.

»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«

»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«

»Wobei hat er mich erwähnt?«

»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«

»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des
Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie
kann es da noch ein Leid für mich geben?«

»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«

Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz
ruhig, als er antwortete:

»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und
meine Söhne getötet. Was ist’s mit ihm?«

»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«

»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis
vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken
gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest
zu stören?«

»Ich glaube es.«

»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele
verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«

»Nein.«

»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst
gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«

»Ja.«

»Du warst dort?«

»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«

»Wo?«

»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in – – du bist ein Pir,
ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige
Buch der Christen?«

»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in
türkischer Sprache.«

    [207] Altes Testament.

»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«

»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«

»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort
lautet der zwölfte Vers: ›Haben auch die Götter der Heiden alle die
gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und
Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?‹ Dieses Thalassar ist Tel
Afer.«

Er blickte mich erstaunt an.

»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche
bereits vor Jahrtausenden bestanden?«

»So ist es.«

»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan,
am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen.
Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es
ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei
sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um
alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein
Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit
erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt
gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten,
und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um
mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du
die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine
Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und
ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und
schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich
mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und
stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war
es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht
getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am
Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele
Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der
Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine
Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und
schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist
jetzt Miralai.«

    [208] Lieutenant.

Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr
ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen
Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde
sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen.
Es war schrecklich anzuhören.

»Du willst dich rächen?« fragte ich.

»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine
böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein
Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. – Ihr
werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«

»Wir wissen es noch nicht.«

»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken;
bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen
werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi
können euch leicht unterstützen.«

Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte
das frühere Leben wieder bekommen.

»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in
der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.

Er schüttelte langsam den Kopf.

»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns
erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und
Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit
des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die
Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum
lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das
Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt,
daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen
kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir
heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die
Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit
dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und
werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den
Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die
Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der
Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird.
Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann
er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl,
als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: ›Gözetyn
namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz – wachet und betet,
auf daß ihr nicht überfallen werdet!‹ Darum bedienen wir uns des Hahnes,
der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe
mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und
ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht
und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir
einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure
Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere
Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen
Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und
darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«

    [209] Der Herr Jesus.

    [210] Garten Gethsemane.

»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen
könnten?«

»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der
Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig
seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des
Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun
sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab:
›Im jol de gertscheklik de ömir de – ich bin der Weg und die Wahrheit
und das Leben.‹ Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele
Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum
streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist,
sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen
wird.«

Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir – offen gestanden – sehr
lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich
beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich
mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat
schweigen – leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.

»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen
muß, aber wir werden uns wiedersehen.«

Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach
und sagte:

»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er
war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat
überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«

»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.

»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser
Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes,
und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun
einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können,
hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein
Buch.«

»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«

»In seiner Wohnung.«

»Und wo ist diese?«

»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher
und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber
seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«

»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«

»Er wird es sehr gern thun.«

»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«

»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die
Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde
es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«

»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«

»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige
Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu
ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken
auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu
finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie
Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«

Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor
Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:

»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«

Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung,
daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es
die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie
bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben
erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute
nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem
falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem
rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und
dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so
übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt
zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das
letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls
die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen
derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.

Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide
speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom
Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei
erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen
Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen
nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.

Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr
schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe
geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.

»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter
Einfachheit und reichte uns die Rechte.

Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name
ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und
küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz
zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst
sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten
orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken
findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache
oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das
letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu
gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste
mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und
stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir
standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und
darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter
dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und
mir nach Tisch ihren Garten zeigte.

Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im
Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am
besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei
welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern
Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.

Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich
auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht
erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein
starkes Heft.

»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.

Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der
Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes
nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben
und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in
mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr
schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald
es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der
Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich
beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie
möglich auszunutzen.

Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die
Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen,
erklang folgender Gesang:

    »Ghawra min ave the
    Bina michak, dartschin ber pischte
    Dave min chala surat ta kate
    Natschalnik ak bjerdza ma, bischanda ma Rusete[211].«

    [211] Frei übersetzt:
    »Ein christliches Mädchen kommt Wasser zu holen.
    Ich steh’ ihr im Rücken und atme verstohlen.
    Das Mal ihrer Wange, mein Mund wird es küssen,
    Und sollt’ ich in Fesseln nach Rußland dann müssen.«

Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst
im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider
blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen,
wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es
wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest
nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche
Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.

»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der
Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut
unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im
Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor
ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil
Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«

Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher
Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:

»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich
tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit
dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich
aber denselben zurückzog, so traf er meine Na – – –«

In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich
ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf
den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines
Truthahnes folge, und dann schloß sich jenes vielstimmige, ächzende
Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele
der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an,
welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte.
Ifra aber meinte ruhig:

»Was staunt ihr denn? Mein Esel war’s! Er kann die Dunkelheit nicht
leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht
geworden ist.«

Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige
Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während
der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen
Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der
Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im
Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben
schien.

Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von
der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche
verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen
dürfe.

»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.

»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers.
»Alle zwei Minuten einmal.«

»Gewöhne es ihm ab!«

»Womit?«

»Ich weiß es nicht!«

»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht:
– Schläge, Hunger und Durst.«

»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht
erkennt!«

»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich
an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und – schreit weiter.«

»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß,
aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«

»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen
verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen
stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen.
Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein,
stumm aber gewißlich nicht.«

»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört
hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«

»In der türkischen.«

»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen
ist, der das Türkische gar nicht versteht?«

»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«

»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein
Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu
ihm!«

»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi
Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden
kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt
hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«

    [212] Salomo.

»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die
Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine
gesprochen haben?«

»Nein.«

»So werde ich sie euch erzählen! #De vachtha beni Isráil meru ki
dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi
wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee – – –#«

»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«

»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«

»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«

»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine
Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch
erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«

»Versuche es nur!«

»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen
Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein
Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie
aneinander. Der eine sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Der andere sagte: ›Es
ist mein Haus!‹ Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein
Backstein und sagte: ›Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder
dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert
Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im
Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich
zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich.
Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann:
ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem
Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was
ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele
nicht – – –‹«

Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er
anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er
that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit
der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba
verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung
und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.

»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da
ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich
begrüße.«

Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen
Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.

»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.

»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu.
Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher
wieder?«

»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft
vielleicht ein Geheimnis?«

»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«

Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß
der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der
gute Hadschi war schon wieder beim Essen.

»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe
dir etwas mitzuteilen.«

»Sprich!«

»Dürfen es alle hören?«

»Alle.«

»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach
Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht
wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über
Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah
versteckt.«

»Wer sagte das?«

»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana
Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus
Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind
über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt
oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«

»Wer sagte dir dieses?«

»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu
gehen.«

»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken.
Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz
am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«

»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«

»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu
verbergen?«

»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«

»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch
unsere Tiere dort unterzubringen?«

»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem
Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird
bemerken, was wir thun.«

»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir
sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich
bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit
gebraucht.«

»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«

»Thue es!«

»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.

»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«

»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«

Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die
Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei
demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und
mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus
drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten,
drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine
vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte
ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen
Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.

Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein
Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu
studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger,
doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm
zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den
Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die
Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die
andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie
das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus
Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das
Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden,
wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt,
als dem klar und offen zu Tage Liegenden.

Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast
regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche,
markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht
auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch
reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als
aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur
Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu
unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst
nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.

Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu
immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine
Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer,
und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche
geradezu infernalisch genannt werden mußte.

Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein
verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk
Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen;
jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich
nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte
vor meiner Thür. Er trat ein.

»Schläfst du schon, Emir?«

Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in
voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst
keine bessere Einleitung finden können.

»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange,
welchen dein Esel vollführt!«

»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt
kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den
Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So
weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder
nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere
meinen Grad.«

»So schaffe ihn in den Wald.«

»O Emir, das geht nicht!«

»Warum nicht?«

»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«

»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«

»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«

»Nun?«

»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«

»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«

»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«

»Zu mir? Warum?«

»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«

»Natürlich hat er eine.«

»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«

»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine
Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der
Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und
brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«

»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine
türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht.
Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich,
herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken,
wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier.
Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig
Ruhe läßt.«

»Glaubst du denn wirklich, daß – – –«

In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit
solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit
einfiel.

»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab,
sonst ist er verloren und seine Seele auch!«

Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen?
Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des
Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut
widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.

»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.

Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:

»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«

Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den
Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige
fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase
und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte
mich an Ifra.

»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«

»Nachir Mirja.«

»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«

»Muthallam Sobuf.«

»Der ist es! Wo wohnte er?«

»In Hirmenlü bei Adrianopel.«

»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat,
um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz
gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: ›Escheklerin sew – liebe deine
Esel!‹ Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat
an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt,
umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere
einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst
werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du
ihn erlösen, Ifra?«

»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das
Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel
schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu
schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe,
um den Vater meines Vaters zu erretten.«

»Hole einen Stein und eine Schnur!«

Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul
und schrie.

»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«

Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den
Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte
der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen;
dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem
Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz
brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort
eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel
befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er
schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit
den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu
schreien – aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine
größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm
vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.

»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir,
du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«

Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger
noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.

Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches
im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche
teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach
Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik
Mohammed Emin.

»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.

»Nein.«

»Blicke hinab!«

Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von
Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte
dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben
erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich
nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs
aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.

Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.

»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer
Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«

»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang
seiner eigenen Stimme ermutigen.«

»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«

Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef
nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen
mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die
Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir
die Hand.

»Sabah’l kher – guten Morgen!« grüßte ich sie.

»Sabah’l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava – wie ist dein Befinden?«

»Kangia! Tu ciava – gut; wie befindest du dich?«

»Skuker quode kangia – Gott sei Dank, gut!«

»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.

»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,«
antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«

»Kommt herbei und setzt euch!«

Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in
dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art
Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt.
Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte
trübsinnig seitwärts.

»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.

»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.

»Was fehlt dir?«

»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und
geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl
auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines
Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am
Schwanz!«

Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die
Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten
konnte, laut aufzulachen.

»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher
der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach
Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder
auf den Geist meines Großvaters!«

»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf
einen Geist kann sich niemand setzen.«

»Auf wem soll ich denn reiten?«

»Auf deinem Esel.«

Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.

»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«

»Das war nur Scherz.«

»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«

»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen
Scherz so zu Herzen nimmst.«

»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft
mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen?
Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines
Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was
dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«

»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das
will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen
schließt, wenn er kräht?«

»Ich habe es gesehen.«

»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so
wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den
Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«

»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«

»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann
wird er das Schreien lassen.«

»Ist dies wirklich so?«

»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«

»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«

»Nein, ich sage es dir ja!«

»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«

Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann
kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu
beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen
durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi
untereinander leben.



Zwölftes Kapitel.

Das große Fest.


Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen
hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben
und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.

»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.

»Ja.«

»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«

»Zwei Stunden.«

»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«

»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«

»Welcher Weg ist der kürzere?«

»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«

»Wir wählen ihn dennoch.«

»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum
jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt
sein.«

»Gerade heute will ich es prüfen.«

Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen
gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil
bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit
Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald
besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich
wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen
mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir
den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art
Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die
gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu
unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine
außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er
bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde;
wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das
andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.

Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht
gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.

»Das ist das Thal,« meinte der Führer.

»Wie kommen wir hinab?«

»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik
Adi hierher.«

»Ist er betreten?«

»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«

Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales
ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem
Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach
einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder
abstieg. Er deutete nach rechts.

»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi
weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«

Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten
Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und
Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden.
Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt,
konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß
genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und
verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten,
daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die
Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher
selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich
in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele
durstige Kehlen.

Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann
ich das Gespräch mit der Bemerkung:

»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen
konnte.«

»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten
Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre
Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen
Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«

»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«

»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine
Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine
Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet
fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen;
aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest
nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den
Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«

»Sind sie alle bewaffnet?«

»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen
wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen
Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere
Freudensalven.«

»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«

»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr
gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen
ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi
verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er
verdiene, ausgerottet zu werden?«

Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich
erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.

»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.

»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«

»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«

»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von
meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«

»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir
einiges sagen wirst.«

»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«

»Bin ich dir fremd?«

»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und
auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du
bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir
sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«

»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«

»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz
allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«

»Darf ich dich fragen?«

»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«

»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges
wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«

»Soviel ich’s vermag, ja.«

Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals
aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst
ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem
Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses
letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung
steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die
Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den
Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe
stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit
Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek
Ta-us, König Pfauhahn.

»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«

»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser
Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war
sein Schöpfer und Herr.«

»Wo ist er jetzt?«

»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«

»Wohin?«

»Auf die Erde und auf alle Sterne.«

»Nun ist er der Herr derjenigen, die in der Dschehennah wohnen?«

»Nein. Ihr glaubt wohl, daß er ewig unglücklich ist?«

»Ja.«

»Glaubt ihr auch, daß Gott allgütig, gnädig und barmherzig ist?«

»Ja.«

»Dann wird er auch verzeihen – den Menschen und den Engeln, welche gegen
ihn sündigen. Das glauben wir, und darum bedauern wir jenen, welchen du
meinst. Jetzt kann er uns schaden, und darum nennen wir seinen Namen
nicht. Später, wenn er seine Macht zurück erhält, kann er die Menschen
belohnen, und darum reden wir nichts Böses von ihm.«

»Ihr verehrt ihn? Ihr betet ihn an?«

»Nein, denn er ist Gottes Geschöpf wie wir; aber wir hüten uns, ihn zu
beleidigen.«

»Was bedeutet der Hahn, welcher bei euren Gottesdiensten zugegen ist?«

»Der bedeutet jenen nicht, welchen du meinst. Er ist ein Bild der
Wachsamkeit. Hat euch Azerat Esau, der Sohn Gottes, nicht erzählt von
den Jungfrauen, welche den Bräutigam erwarteten?«

»Ja.«

»Fünf von ihnen schliefen ein und dürfen nun nicht in den Himmel. Kennst
du die Erzählung von dem Jünger, welcher seinen Meister verleugnete?«

»Ja.«

»Auch da krähte der Hahn. Darum ist er bei uns das Zeichen, daß wir
wachen, daß wir den großen Bräutigam erwarten.«

»Glaubt ihr das, was die Bibel erzählt?«

»Wir glauben es, obgleich ich nicht alles weiß, was sie erzählt.«

»Habt ihr nicht auch ein heiliges Buch, in welchem eure Lehren
verzeichnet sind?«

»Wir hatten ein solches. Es wurde in Baascheikha aufbewahrt, aber ich
habe gehört, daß es verloren gegangen ist.«

»Welches sind eure heiligen Handlungen?«

»Du wirst sie alle in Scheik Adi kennen lernen.«

»Kannst du mir sagen, wer Scheik Adi war?«

»Das weiß ich nicht genau.«

»Betet ihr zu ihm?«

»Nein. Wir verehren ihn nur dadurch, daß wir an seinem Grabe zu Gott
beten. Er war ein Heiliger und wohnt bei Gott.«

»Welche Arten von Priestern giebt es bei euch?«

»Zunächst kommen die Pirs. Dieses Wort heißt eigentlich ein alter oder
ein weiser Mann; hier aber bedeutet es ein heiliger Mann.«

»Wie kleiden sie sich?«

»Sie können sich kleiden, wie es ihnen gefällt; aber sie führen ein sehr
frommes Leben, und Gott giebt ihnen die Macht, durch ihre Fürbitte alle
Krankheiten des Leibes und der Seele zu heilen.«

»Giebt es viele Pirs?«

»Ich kenne jetzt nur drei. Pir Kamek ist der größte von ihnen.«

»Weiter!«

»Nach ihnen kommen die Scheiks. Sie müssen so viel Arabisch lernen, um
unsere heiligen Lieder zu verstehen.«

»Werden diese in arabischer Sprache gesungen?«

»Ja.«

»Warum nicht in kurdischer?«

»Ich weiß es nicht. Aus den Scheiks werden die Wächter des heiligen
Grabes gewählt, wo sie das Feuer unterhalten und die Pilger bewirten
müssen.«

»Haben sie eine besondere Kleidung?«

»Sie gehen ganz weiß gekleidet und tragen als Zeichen ihres Amtes einen
Gürtel, welcher rot und gelb ist. Nach diesen Scheiks kommen die
Prediger, welche wir Kawals nennen. Sie können die heiligen Instrumente
spielen und gehen von Ort zu Ort, um die Gläubigen zu belehren.«

»Welches sind die heiligen Instrumente?«

»Das Tamburin und die Flöte. Auch verstehen die Kawals bei den hohen
Festen zu singen.«

»Wie kleiden sie sich?«

»Sie können alle Farben tragen, doch kleiden sie sich gewöhnlich weiß.
Dann aber muß ihr Turban schwarz sein, zur Unterscheidung von den
Scheiks. Nach ihnen kommen die Fakirs, welche die niederen Dienste am
Grabe und auch anderswo verrichten. Sie haben meist dunkle Gewänder und
tragen ein rotes Tuch quer über dem Turban.«

»Wer ernennt eure Priester?«

»Sie werden nicht ernannt, denn diese Würde ist erblich. Wenn ein
Priester stirbt und keinen Sohn hinterläßt, so geht sein Amt auf seine
älteste Tochter über.«

Das war allerdings höchst merkwürdig, besonders im Orient!

»Und wer ist der Oberste aller Priester?«

»Der Scheik von Baadri. Du hast ihn noch nicht gesehen, denn er befindet
sich bereits in Scheik Adi, um das Fest vorzubereiten. Hast du noch
etwas zu fragen?«

»Noch vieles! Werden eure Kinder getauft?«

»Getauft und beschnitten.«

»Giebt es unreine Speisen, welche ihr nicht essen dürft?«

»Wir essen kein Schweinfleisch und haben keine blaue Farbe, denn der
Himmel ist so erhaben, daß wir seine Farbe nicht unsern irdischen Dingen
geben mögen.«

»Habt ihr eine Kiblah?«

»Ja. Wenn wir beten, so wenden wir das Angesicht dem Orte zu, an welchem
an diesem Tage die Sonne aufgegangen ist. Auch die Toten werden bei
ihrem Begräbnisse so gelegt, daß ihr Angesicht nach dieser Gegend
gerichtet ist.«

»Weißt du, woher eure Religion gekommen ist?«

»Scheik Adi, der Heilige, hat sie uns gelehrt. Wir selbst aber sind aus
den Ländern des untern Euphrat gekommen. Dann zogen unsere Väter nach
Syrien, nach dem Sindschar und endlich hierher.«

Ich hätte sehr gern noch weiter gefragt, aber es erschallte von oben her
ein Schrei, und als wir emporblickten, erkannten wir Selek, welcher im
Begriffe war, zu uns herabzusteigen. Bald stand er neben uns und reichte
uns die Hand.

»Beinahe hätte ich euch erschossen,« lautete sein Gruß.

»Uns? Warum?« fragte ich.

»Von oben herab hielt ich euch für Fremde, und solche dürfen in dieses
Thal nicht eindringen. Dann aber erkannte ich euch. Ich komme, um
nachzusehen, ob das Thal der Vorbereitung bedarf.«

»Zur Aufnahme der Flüchtigen?«

»Der Flüchtigen? Wir werden nicht fliehen; aber ich habe dem Bey
erzählt, wie listig du die Feinde der Schammar nach jenem Thale
locktest, in welchem ihr sie gefangen nahmt, und wir werden ganz
dasselbe thun.«

»Ihr wollt die Türken hierher locken?«

»Nein, sondern nach Scheik Adi; die Pilger aber sollen während des
Kampfes hier untergebracht werden. Der Bey hat es so befohlen, und der
Scheik ist damit einverstanden.«

Er untersuchte das Wasser und die Höhlen und fragte uns dann, ob wir ihn
zurückbegleiten wollten. Dies verstand sich ganz von selbst. Wir führten
unsere Pferde empor, saßen dann auf und hielten stracks auf Baadri zu.
Als wir dort ankamen, fand ich den Bey einigermaßen in Aufregung.

»Ich habe Kunde erhalten, seitdem du fortgeritten bist,« sagte er. »Die
Türken aus Diarbekir stehen bereits am Ghomelflusse, und die aus Kerkjuk
haben unterhalb der Berge auch schon denselben Fluß erreicht.«

»So sind deine Kundschafter von Amadijah bereits zurück?«

»Sie sind gar nicht bis nach Amadijah gekommen, denn sie mußten sich
teilen, um diese Truppen zu beobachten. Es ist nun erwiesen, daß der
geplante Überfall nur uns gilt.«

»Ist es bereits bekannt?«

»Nein, denn dadurch könnte der Feind erfahren, daß er uns gerüstet
finden wird. Ich sage dir, Emir, ich werde entweder sterben oder diesem
Mutessarif eine Lehre geben, die er nie vergessen soll!«

»Ich werde bis nach dem Kampfe bei dir bleiben.«

»Ich danke dir, Emir; aber kämpfen sollst du nicht!«

»Warum nicht?«

»Du bist mein Gast: Gott hat mir dein Leben anvertraut.«

»Gott kann es am besten schützen. Soll ich dein Gast sein und dich
allein in den Kampf gehen lassen? Sollen die Deinen von mir erzählen,
daß ich ein Feigling bin?«

»Das werden sie niemals sagen. Bist du nicht auch der Gast des
Mutessarif gewesen? Hast du nicht seinen Paß und seine Briefe in der
Tasche? Und jetzt willst du gegen ihn kämpfen? Mußt du nicht deinen Arm
aufheben für den Sohn deines Freundes, den ihr befreien wollt? Und
kannst du mir nicht dienen, auch ohne daß du meine Feinde tötest?«

»Du hast recht in allem, was du sagest. Ich wollte aber auch nicht
töten, sondern vielleicht dahin wirken, daß kein Blut vergossen wird.«

»Laß diese Sorge mir, Effendi! Ich trachte nicht nach Blut; ich will nur
den Tyrannen von mir weisen.«

»Wie willst du dies durchführen?«

»Weißt du, daß in Scheik Adi bereits dreitausend Pilger eingetroffen
sind? Bis zum Beginne des Festes werden es sechstausend und noch mehr
sein.«

»Männer, Frauen und Kinder?«

»Ja. Die Frauen und Kinder sende ich in das Thal Idiz, und nur die
Männer bleiben zurück. Die Truppen aus Diarbekir und Kerkjuk werden sich
auf dem Wege von Kaloni her vereinigen, und die aus Mossul kommen über
Dscherraijah oder Aïn Sifni herauf. Sie wollen uns in dem Thale des
Heiligen einschließen; wir aber steigen hinter dem Grabe empor und
stehen rund um das Thal, wenn sie eingerückt sind. Dann können wir sie
niederstrecken bis auf den letzten Mann, wenn sie sich nicht ergeben.
Andernfalls aber sende ich einen Boten an den Mutessarif und stelle
meine Bedingungen, unter denen ich sie freigebe. Er wird sich dann vor
dem Großherrn in Stambul zu verantworten haben.«

»Er wird diesem die Angelegenheit in einem falschen Lichte schildern.«

»Aber es wird ihm nicht gelingen, den Padischah zu täuschen; denn ich
habe vorhin eine heimliche Gesandtschaft nach Stambul gesandt, welche
ihm zuvorkommen wird.«

Ich mußte mir im Innern eingestehen, daß Ali Bey nicht nur ein mutiger,
sondern auch ein kluger und darum vorsichtiger Mann sei.

»Und wie willst du mich verwenden?« fragte ich ihn.

»Du sollst mit jenen ziehen, welche unsere Frauen und Kinder und unsere
Habe beschützen werden.«

»Eure Habe nehmt ihr mit?«

»So viel wir fortbringen. Ich werde noch heute allen Bewohnern von
Baadri sagen lassen, daß sie alles nach dem Thale Idiz schaffen mögen,
aber heimlich, damit mein Plan nicht verraten werde.«

»Und Scheik Mohammed Emin?«

»Er geht mit dir. Ihr könntet jetzt nicht nach Amadijah kommen, da der
Weg dorthin bereits nicht mehr frei ist.«

»Die Türken würden das Bu-djeruldi des Großherrn und den Ferman des
Mutessarif achten müssen.«

»Aber es sind Leute aus Kerkjuk dabei, und wie leicht ist es möglich,
daß einer von ihnen Mohammed Emin kennt!«

Noch während wir sprachen, kamen zwei Männer in das Haus. Es waren meine
beiden alten Bekannten Pali und Melaf, welche ganz außer sich waren, als
sie mich erblickten, und mir vor Freude wohl zehnmal die Hände küßten.

»Wo ist der Pir?« fragte Ali Bey.

»Im Grabe des Jonas bei Kufjundschik. Er sendet uns, um dir zu sagen,
daß wir am zweiten Tage des Festes früh am Morgen überfallen werden
sollen.«

»Kennt er den Vorwand, welchen der Mutessarif angeben wird?«

»Es sind in Malthaijah von einem Dschesidi zwei Türken erschlagen
worden. Er will die Thäter in Scheik Adi holen.«

»Es sind in Malthaijah von zwei Türken zwei Dschesidi erschlagen worden,
so lautet die Wahrheit. Siehst du, Emir, wie diese Türken sind? Sie
erschlagen meine Leute, um Ursache zum Einfall in unser Gebiet zu haben.
Mögen sie finden, was sie suchen!«

Ich begab mich mit meinem Dolmetscher nach meinem Zimmer, wo ich meine
Übungen begann. Mohammed Emin saß wortlos dabei, rauchte seine Pfeife
und wunderte sich baß darüber, daß ich mir so viele Mühe gab, ein Buch
zu lesen und die Worte einer fremden Sprache zu verstehen. Dies that ich
während des ganzen Tages und am Abend. Auch der nächste Tag verging
unter dieser angenehmen Beschäftigung.

Unterdessen hatte ich bemerkt, daß die Bewohner von Baadri ihre Habe
ohne Aufsehen fortschafften; auch wurde in einer Stube unseres Hauses
eine große Menge Kugeln gegossen. Beifügen muß ich noch, daß der Esel
des Buluk Emini während dieser Zeit nicht wieder laut geworden war, da
ihm sein Herr und Meister sofort bei Einbruch der Dunkelheit den Stein
an den Schwanz befestigt hatte.

Pilger kamen fortwährend, bald einzeln, bald in Familien und bald in
größeren Trupps. Viele waren arm und auf die Mildthätigkeit anderer
angewiesen. Dann trieb einer eine Ziege oder einen fetten Hammel herbei;
reichere Leute hatten einen Ochsen oder zwei, ja einige Male sah ich
sogar ganze Herden vorüberziehen. Das waren die Liebes- und Opfergaben,
welche die Wohlhabenden zum heiligen Grabe brachten, damit ihre armen
Brüder nicht Mangel leiden sollten. So viele auch kamen und gingen: –
meine Baschi-Bozuks und Arnauten blieben verschollen, und ich habe bis
zum heutigen Tage nicht erfahren, wo sie geblieben sind.

Am dritten Tage, dem ersten Tage des Festes, saß ich mit meinem
Dolmetscher wieder beim Buche. Es war noch vor Sonnenaufgang. Ich war in
die Arbeit so vertieft, daß ich gar nicht bemerkte, daß der Buluk Emini
eingetreten war.

»Emir!« rief er, nachdem er sich bereits einige Male geräuspert hatte,
ohne daß es von mir bemerkt worden war.

»Was giebt es?«

»Fort!«

Jetzt erst bemerkte ich, daß er bereits gespornt und gestiefelt sei,
übergab dem Sohne Seleks das Buch und sprang auf. Ich hatte ganz
vergessen, daß ich mich baden und frische Wäsche anlegen müsse, wenn ich
überhaupt am Grabe des Heiligen würdig erscheinen wollte. Ich nahm die
Wäsche zu mir, ging hinab und eilte hinaus vor das Dorf. Der Bach
wimmelte von Badenden und ich mußte ziemlich weit gehen, um eine Stelle
zu finden, an welcher ich mich unbeobachtet glaubte.

Hier badete ich und wechselte die Wäsche, eine Prozedur, welche man auf
Reisen im Oriente nicht gar zu häufig vornehmen kann. Daher fühlte ich
mich wie neugeboren und wollte bereits den Ort verlassen, als ich eine
leise Bewegung des Gebüsches bemerkte, welches sich an den Ufern des
Baches hinzog. War es ein Tier oder ein Mensch? Wir standen auf dem
Kriegsfuße, und so konnte es nichts schaden, wenn ich die Sache einmal
näher untersuchte. Ich that daher vollständig unbefangen, pflückte
einige Blumen und näherte mich dabei scheinbar absichtslos dem Orte, an
dem ich die erwähnte Bewegung bemerkt hatte. Dabei kehrte ich dem Busche
den Rücken zu; plötzlich aber drehte ich mich um und stand mit einem
schnellen Sprunge mitten im dichten Zweigwerk. Vor mir kauerte ein Mann,
er sah noch jung aus, hatte aber beinahe einen militärischen Anstrich,
obgleich ich nur ein Messer als einzige Waffe bei ihm bemerkte. Eine
breite Narbe zog sich über seine rechte Wange. Er erhob sich und wollte
sich rasch zurückziehen, ich aber faßte seine Hand und hielt ihn fest.

»Was thust du hier?« fragte ich.

»Nichts.«

»Wer bist du?«

»Ein – ein Dschesidi,« klang es zaghaft.

»Woher?«

»Ich heiße Lassa und bin ein Dassini.«

Ich hatte gehört, daß die Dassini eine der vornehmsten Familien der
Dschesidi seien; er sah mir aber gar nicht aus wie ein Teufelsanbeter.

»Ich habe dich gefragt, was du hier thust?«

»Ich versteckte mich, weil ich dich nicht stören wollte.«

»Und was thatest du vorher hier?«

»Ich wollte baden.«

»Wo hast du die Wäsche?«

»Ich habe keine.«

»Du warst vor mir hier und hattest also das Recht, hier zu bleiben,
statt dich zu verstecken. Wo hast du diese Nacht geschlafen?«

»Im Dorfe.«

»Bei wem?«

»Bei – bei – bei – – ich kenne seinen Namen nicht.«

»Ein Dassini kehrt bei keinem Manne ein, dessen Namen er nicht kennt.
Komm mit mir und zeige mir deinen Wirt!«

»Ich muß vorher baden!«

»Das wirst du nachher thun. Vorwärts!«

Er versuchte, sich von meinem Griffe zu befreien.

»Mit welchem Rechte sprichst du in dieser Weise zu mir?«

»Mit dem Rechte des Mißtrauens.«

»Ebenso könnte ich dir mißtrauen!«

»Natürlich! Ich bitte dich, es zu thun. Dann führst du mich in das Dorf,
und es wird sich zeigen, wer ich bin.«

»Gehe, wohin es dir beliebt!«

»Das thue ich auch; aber du wirst mich begleiten.«

Sein Blick hing an meinem Gürtel; er bemerkte, daß ich keine Waffe bei
mir trug, und ich sah es ihm an, daß er im Begriffe stehe, nach seinem
Messer zu greifen. Dies konnte mich aber nicht irre machen; darum hielt
ich sein Handgelenk nur fester und gab ihm einen scharfen Ruck, der ihn
zwang, aus dem Busch heraus in das Freie zu treten.

»Was wagest du?« blitzte er mich an.

»Gar nichts. Du gehst mit mir; tschapuk – sofort!«

»Laß meine Hand los, sonst – – –!«

»Was sonst?«

»Brauche ich Gewalt!«

»Brauche sie!«

»Da – – –!«

Er zog das Messer und stieß nach mir; ich aber griff von unten herauf
und faßte nun auch seine zweite Hand.

»Schade um dich; denn du scheinst kein Feigling zu sein!«

Ich drückte ihm die Hand, daß er das Messer fallen ließ, hob dasselbe
schnell auf und faßte ihn bei der Jacke.

»Nun vorwärts, sonst – –! Hier nimm meine Wäsche auf und trage sie!«

»Herr, thue es nicht!«

»Warum nicht?«

»Bist du ein Dschesidi?«

»Nein.«

»Warum willst du mich dann nach dem Dorfe schaffen?«

»Das will ich dir sagen: du bist ein türkischer Soldat, ein Spion.«

Er erbleichte.

»Du irrst, Herr! Wenn du kein Dschesidi bist, so laß mich frei!«

»Dschesidi oder nicht; vorwärts!«

Er krümmte sich unter meinem Griffe, aber er mußte mit. Ich zwang ihn
sogar, meine Wäsche zu tragen. Wir erregten kein geringes Aufsehen, als
wir das Dorf erreichten, und eine ziemliche Menschenmenge folgte uns
nach der Wohnung des Beys. Er befand sich im Selamlük, wohin ich auch
den Fremden schaffte. Unweit der Thüre stand, ohne daß der Gefangene ihn
bemerkte, mein Baschi-Bozuk, der eine sehr überraschte Miene machte, als
wir an ihm vorübergingen. Er mußte ihn kennen.

»Wen bringst du mir da?« fragte Ali Bey.

»Einen Fremden, den ich draußen am Bache fand. Er hatte sich versteckt,
und zwar an einem Orte, von welchem aus er das ganze Dorf und auch den
Weg nach Scheik Adi überblicken konnte.«

»Wer ist er?«

»Er behauptet, Lassa zu heißen und ein Dassini zu sein.«

»Dann müßte ich ihn kennen; auch giebt es keinen Dassini dieses Namens.«

»Er stach nach mir, als ich ihn zwang, mit mir zu gehen. Hier ist er.
Thue mit ihm, was du willst!«

Ich verließ den Raum. Draußen stand der Buluk Emini noch.

»Kennst du den Mann, den ich jetzt brachte?«

»Ja. Was hat er gethan, Emir? Gewiß hast du ihn verkannt! Er ist kein
Dieb und kein Räuber.«

»Was sonst?«

»Er ist Kol Agassi[213] bei meinem Regiment.«

    [213] Überzähliger Stabsoffizier zu Fuße.

»Ah! Wie heißt er?«

»Nasir. Wir nannten ihn Nasir Agassi. Er ist der Freund des Miralai Omar
Amed.«

»Gut; sage Halef, daß er satteln möge!«

Ich kehrte in das Selamlük zurück, wo vor Mohammed Emin und einigen der
zufällig anwesenden bedeutenderen Dorfbewohner das Verhör bereits
begonnen hatte.

»Seit wann lagst du im Busche?« fragte der Bey.

»Seit dieser Mann hier badete.«

»Dieser Mann ist ein Emir; merke dir das! Du bist kein Dassini und auch
kein Dschesidi. Wie heißt du?«

»Das sage ich nicht!«

»Warum nicht?«

»Ich habe eine Blutrache da droben in den kurdischen Bergen; ich muß
verschweigen, wer ich bin und wie ich heiße.«

»Seit wann hat ein Kol Agassi mit der Blutrache der freien Kurden zu
thun?« fragte ich ihn.

Er wurde noch bleicher als vorhin am Bache.

»Kol Agassi? Was meinest du?« fragte er dennoch beherzt.

»Ich meine, daß ich Nasir Agassi, den Vertrauten vom Miralai Omar Amed,
so genau kenne, daß ich mich nicht täuschen lasse.«

»Du – du – – du kennst mich? Wallahi, so bin ich verloren; das ist mein
Verhängnis!«

»Nein; es ist dein Kismet nicht. Gestehe aufrichtig, was du hier
thatest, so wird dir vielleicht nichts geschehen!«

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Dann bist du verl– – –«

Ich unterbrach den zornigen Bey mit einer schnellen Handbewegung und
wandte mich wieder zu dem Gefangenen.

»Ist das von der Blutrache die Wahrheit?«

»Ja, Emir!«

»So sei ein anderes Mal vorsichtiger. Wenn du mir versprichst,
unverweilt nach Mossul zurückzukehren und die Rache für jetzt
aufzuschieben, so bist du frei.«

»Effendi!« rief da der Bey erschrocken. »Bedenke doch, daß wir ja – –«

»Ich weiß, was du sagen willst,« unterbrach ich ihn abermals. »Dieser
Mann ist ein Stabsoffizier des Mutessarif, ein Kol Agassi, aus dem einst
vielleicht ein General werden kann, und du lebst mit dem Mutessarif in
Freundschaft und in tiefstem Frieden. Es thut mir jetzt leid, diesen
Offizier belästigt zu haben, was gar nicht geschehen wäre, wenn ich ihn
sofort gekannt hätte. – Du versprichst mir also, unverweilt nach Mossul
zurückzukehren?«

»Ich verspreche es.«

»Betrifft diese Rache einen Dschesidi?«

»Nein.«

»So gehe, und Allah behüte dich, daß die Rache nicht gefährlich für dich
selbst wird!«

Er stand ganz erstaunt. Noch vor einem Augenblick hatte er den gewissen
Tod vor sich gesehen, und jetzt sah er sich frei. Er faßte meine Hand
und rief:

»Emir, ich danke dir! Allah segne dich und alle die Deinen!«

Dann war er in größter Eile zur Thür hinaus. Er mochte befürchten, daß
wir unsere Großmut noch bereuen könnten.

»Was hast du gethan!« sagte Ali Bey mehr erzürnt als erstaunt.

»Das Beste, was ich thun konnte,« antwortete ich.

»Das Beste? Dieser Mensch ist ein Spion!«

»Das ist richtig.«

»Und hatte den Tod verdient!«

»Das ist richtig.«

»Und du schenktest ihm die Freiheit! Zwangst ihn nicht zum Geständnis!«

Auch die andern Dschesidi schauten finster drein. Ich ließ mich dies
nicht anfechten und antwortete:

»Was hättest du durch sein Geständnis erfahren?«

»Vielleicht viel!«

»Nicht mehr, als wir bereits wissen. Und übrigens schien er der Mann zu
sein, der lieber stirbt als gesteht.«

»So hätten wir ihn getötet!«

»Und was wäre die Folge davon gewesen?«

»Daß es einen Spion weniger gegeben hätte!«

»O, die Folgen wären noch ganz andere gewesen. Der Kol Agassi war
jedenfalls abgeschickt, sich zu überzeugen, ob wir eine Ahnung von dem
beabsichtigten Überfalle haben. Töteten wir ihn, oder hielten wir ihn
gefangen, so kehrte er nicht zurück, und man hätte gewußt, daß wir
bereits gewarnt sind. Nun aber hat er seine Freiheit wieder erhalten,
und der Miralai Omar Amed wird als ganz sicher annehmen, daß wir nicht
das geringste von dem Anschlage des Mutessarif ahnen. Es würde doch die
allergrößte Dummheit sein, einen Spion zu entlassen, wenn man überzeugt
ist, daß man überfallen werden soll – so werden sie sich sagen. Habe ich
recht?«

Der Bey umarmte mich.

»Verzeih, Emir! Meine Gedanken reichten nicht so weit wie die deinigen.
Aber ich werde ihm einen Späher nachsenden, um mich zu überzeugen, daß
er auch wirklich fortgeht.«

»Auch dies wirst du nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Er könnte grad dadurch auf das aufmerksam werden, was wir ihm durch
seine Freilassung verborgen haben. Er wird sich hüten, hier zu bleiben,
und übrigens kommen jetzt genug Leute an, bei denen du dich erkundigen
kannst, ob sie ihm begegnet sind.«

Auch hier drang ich durch. Es war mir eine angenehme Genugthuung, zwei
Vorteile verbunden zu haben: – ich hatte einem Menschen, der doch nur
auf Befehl gehandelt hatte, das Leben erhalten und zu gleicher Zeit den
Plan des Mutessarif vereitelt. Mit diesem Gefühle ging ich in das
Frauengemach, welches hier eigentlich Küche genannt werden mußte, um das
Frühstück einzunehmen. Vorher aber holte ich aus meiner kleinen
Raritätensammlung, die ich von Isla Ben Maflei erhalten hatte, ein
Armband, an welchem ein Medaillon angebracht war.

Der kleine Bey war auch bereits munter. Während ihn seine Mutter hielt,
versuchte ich seine niedliche Physiognomie zu Papiere zu bringen. Es
gelang ganz leidlich, denn Kinder sind einander ähnlich. Dann legte ich
das Papier in das Medaillon und gab der Mutter das Armband.

»Trage dies als Andenken an den Emir der Nemtsche,« bat ich sie; »das
Gesicht deines Sohnes befindet sich darin; es wird ewig jung bleiben,
auch wenn er alt geworden ist.«

Sie sah das Bild an und war ganz entzückt. In fünf Minuten hatte sie es
sämtlichen Bewohnern des Hauses und allen Anwesenden gezeigt, und ich
konnte mich vor Dankbarkeitsbezeigungen kaum retten. Dann aber brachen
wir auf, allerdings nicht mit dem Gefühle, daß es zu einer Lustbarkeit
gehe, sondern in sehr ernster Stimmung.

Ali Bey hatte seine kostbarste Kleidung angelegt. Er ritt mit mir
voraus, und dann folgten die angesehensten Leute des Dorfes. Mohammed
Emin befand sich natürlich an unserer Seite. Er war mißmutig, da unser
Ritt nach Amadijah eine solche Unterbrechung erlitten hatte. Vor uns her
zog eine Schar von Musikanten mit Flöten und Tamburins. Hinterher kamen
die Frauen, meist mit Eseln, die mit Teppichen, Kissen und allerlei
Gerätschaften beladen waren.

»Hast du deine Vorbereitungen für Baadri getroffen?« fragte ich den Bey.

»Ja. Bis Dscherraijah stehen Posten, welche mir das Nahen des Feindes
sofort melden.«

»Baadri wirst du den Türken ohne Verteidigung lassen?«

»Natürlich. Sie werden still hindurchziehen, um uns nicht vor der Zeit
aufmerksam zu machen.«

Von jetzt an ging es sehr laut um uns zu. Wir wurden von Reitern
umschwärmt, welche Scheingefechte aufführten, und von allen Seiten
knallten unaufhörlich Salven. Jetzt wurde der Weg sehr schmal und wand
sich stellenweise so steil an den Bergen empor, daß wir absteigen und,
einer hinter dem andern, unsere Pferde über die Felsen führen mußten.
Erst nach einer starken Stunde erreichten wir den Gipfel des Passes und
konnten nun in das grüne bewaldete Thal von Scheik Adi hinabblicken.

Ein jeder schoß, sobald er die weiße Turmspitze des Grabmales
erblickte, sein Gewehr ab, und von unten herauf antworteten
ununterbrochen Schüsse, so daß ein großes Infanteriegefecht
stattzufinden schien, dessen Echo in den Bergen widerhallte. Hinter uns
kamen immer neue Züge, und als wir den Abhang hinabritten, sahen wir
rechts und links zur Seite zahlreiche Pilger unter den Bäumen liegen.
Sie ruhten sich hier von den Strapazen des Steigens aus und genossen
dabei den Anblick des Heiligtumes und der herrlichen Gebirgsnatur, der
für die Bewohner der Ebene eine wahre Erquickung sein mußte.

Wir hatten das Grabmal noch nicht erreicht, so kam uns Mir Scheik Khan,
das geistliche Oberhaupt der Dschesidi, an der Spitze mehrerer Scheiks
entgegen. Er wird Emir Hadschi genannt und stammt von der Familie der
Ommijaden ab. Seine Familie wird als die Hauptfamilie der Dschesidi
betrachtet und Posmir oder Begzadehs genannt. Er selbst war ein
kräftiger Greis von mildem, ehrwürdigem Aussehen und schien nicht den
mindesten hierarchischen Stolz zu besitzen; denn er verbeugte sich vor
mir und umarmte mich dann so innig, wie man es bei einem Sohne thun
würde.

»Aaleïk salam u rahhmet Allah. Ser sere men at – der Friede und die
Barmherzigkeit Gottes sei mit dir! Ihr seid mir willkommen!« grüßte er.

»Chode scogholeta rast init – Gott stehe dir bei in deinem Amte!«
antwortete ich. »Aber willst du nicht türkisch mit mir sprechen? Ich
verstehe die Sprache eures Landes noch nicht!«

»Befiehl über mich nach deinem Gefallen, und sei mein Gast in dem Hause
dessen, an dessen Grabe wir die Allmacht und die Gnade verehren.«

Wir waren natürlich bei seinem Nahen abgestiegen. Auf einen Wink von ihm
wurden unsere Pferde in Empfang genommen, und wir, nämlich Ali Bey,
Mohammed Emin und ich, schritten an seiner Seite dem Grabmale zu. Wir
gelangten zunächst in einen von einer Mauer umgebenen Hof, welcher
bereits ganz von Menschen erfüllt war; dann gelangten wir an den Eingang
des innern Hofes, welcher von den Dschesidi nie anders als barfuß
betreten wird. Ich folgte diesem Beispiele, zog meine Schuhe aus und
ließ sie am Eingange zurück.

In dem innern Hofe standen viele Bäume, deren Schatten den Pilgern
Kühlung und Labung bringt; dichter Oleander trieb Blüte an Blüte, und
ein ungeheurer Weinstock bildete eine Laube, nach welcher uns der Mir
Scheik Khan führte und in der wir Platz nahmen. Einige Scheiks und
Kawals ruhten unter den Bäumen, sonst waren wir allein.

In diesem Hofe erhebt sich das eigentliche Gebäude des Grabmales,
welches von zwei weißen Türmen überragt wird, die mit dem tiefen Grün
des Thales lebhaft und wohlthuend kontrastieren. Ihre Spitzen sind
vergoldet und ihre Seiten in viele Winkel gebrochen, zwischen denen sich
Licht und Schatten jagen. Über dem Thorwege waren einige Figuren
ausgehauen, in denen ich einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen
Mann und einen Kamm erkannte. Das Innere des Gebäudes ist, wie ich
nachher sah, in drei Hauptabteilungen geschieden, von denen die eine
größer ist, als die beiden andern. Diese Halle wird von Säulen und Bogen
getragen und hat einen Brunnen, dessen Wasser für sehr heilig gehalten
wird. Mit demselben werden die Kinder getauft. In der einen der zwei
kleineren Abteilungen befindet sich das eigentliche Grab des Heiligen.
Über der Gruft erhebt sich ein großes kubisches Gehäuse, welches aus
Thon gebildet und mit Gips überzogen ist. Als einziger Schmuck ist ein
grünes, gesticktes Tuch darüber gebreitet, und eine ewige Lampe brennt
in dem Gemache.

Der Thon des Grabmales bedarf von Zeit zu Zeit einer Ergänzung, da die
Hüter des Heiligtums kleine Kugeln daraus bereiten, welche von den
Pilgern gern gekauft und als Andenken mitgenommen, vielleicht auch als
Amulette getragen werden. Diese Kugeln befinden sich in einem Gefäße,
welches an dem erwähnten Weinstocke angebracht ist, und haben
verschiedene Größen: von der Größe einer Erbse bis zu der jener kleinen
Marmor- oder Glaskugeln, mit denen bei uns die Kinder zu spielen
pflegen.

In dem zweiten kleinen Gemache befindet sich auch ein Grab, über dessen
Inhalt die Dschesidi aber selbst nicht klar zu sein scheinen.

In der Umfassungsmauer, welche das Heiligtum umgiebt, sind zahlreiche
Nischen angebracht, welche die Lichter aufzunehmen haben, mit denen bei
größeren Festen illuminirt wird. Das Grabmal wird von Gebäuden umgeben,
welche den Priestern und Dienern des Grabes zur Wohnung dienen. Der
ganze Ort aber liegt in einer engen Thalschlucht, deren Felsen von allen
Seiten sehr steil in die Höhe steigen. Er besteht nur aus wenigen
profanen Wohnungen und enthält außer dem Heiligtume vorzugsweise solche
Gebäude, welche die Pilger aufzunehmen haben. Jeder Stamm oder auch jede
größere Abteilung desselben hat dann ein solches Haus ausschließlich für
sich in Besitz.

Draußen vor den Mauern hatte sich ein förmlicher Jahrmarkt entfaltet.
Alle möglichen Arten von Geweben und Zeugen hingen zum Verkaufe von den
Ästen der Bäume nieder; alle möglichen Früchte und Eßwaren wurden
feilgeboten; Waffen, Schmuckgegenstände und allerlei orientalisches
Allerhand war zu bekommen. Wäre die Tracht nicht gewesen, so hätte ich
mich in die Heimat versetzt dünken können, so heiter und unbefangen, so
harmlos und gutmütig war das bunte Treiben in dem Dorfe des Heiligen.
Wahrhaftig, diese Teufelsanbeter erwarben sich immer mehr meine
Sympathie, und ich stimme dem vollständig bei, was ein sehr verständiger
Engländer, welcher einige Wochen in Kofau gewesen war, mir später in
Konstantinopel von ihnen sagte:

»Die Teufelsanbeter werden verleumdet, weil sie besser sind, als ihre
Verleumder. Wären sie zahlreicher und nicht so zerstreut, so könnten sie
die Deutschen Asiens werden, und nirgends hat das Christentum so große
Hoffnung auf Erfolg, als bei diesen Leuten. Ich glaube, gewisse
überseeische Sendboten der Mission schildern die Dschesidi nur deshalb
so ganz und gar unwahr, um einem etwaigen kleinen Erfolge eine sehr
große Bedeutung verleihen zu können.«

Natürlich ließ ich meiner Wißbegierde nicht die Zügel schießen, so daß
sie zur lästigen Neugierde werden konnte, und vielleicht grad darum
wurde unsere Unterhaltung eine so animiert herzliche, als ob wir Glieder
einer Familie seien und uns von Jugend auf geliebt und geachtet hätten.
Zunächst kam die Rede auf den bevorstehenden Angriff, doch wurde dieser
Gegenstand bald beiseite gelegt, da es sich herausstellte, daß Ali Bey
alle erforderlichen Maßregeln mit der größten Sorgfalt getroffen hatte.
Dann kam das Gespräch auf Mohammed Emins und meine Person, auf unsere
Erlebnisse und gegenwärtigen Absichten.

»Vielleicht kommt ihr dabei in Gefahr und bedürft der Hilfe,« meinte der
Mir Scheik Khan. »Ich werde euch ein Zeichen mitgeben, welches euch den
Beistand aller Dschesidi sichert, denen ihr es zeigt.«

»Ich danke dir! Es wird ein Brief sein?« fragte ich.

»Nein, sondern ein Melek Ta-us.«

Fast wäre ich wie elektrisiert emporgesprungen. Das war ja die Benennung
des Teufels! Das war ja der Name desjenigen Tieres, welches nach den
über sie verbreiteten Verleumdungen bei ihren Gottesdiensten auf dem
Altare stand und die Lichter verlöschen mußte, wenn die Orgien beginnen
sollten! Das war endlich auch der Name derjenigen Legitimation, welche
der Mir Scheik Khan jedem Priester anvertraut, den er mit einer
besonderen Mission beehrt! Und dieses große, dieses geheimnisvolle Wort,
über welches so viel gestritten worden ist, sprach er hier so gelassen
aus? Ich nahm eine sehr unbefangene Miene an und fragte:

»Einen Melek Ta-us? Darf ich fragen, was das ist?«

Mit der freundlichen Miene eines Vaters, der seinem unwissenden Sohne
eine notwendige Erklärung giebt, antwortete er:

»Melek Ta-us nennen wir jenen, dessen eigentlicher Name bei uns nicht
ausgesprochen wird. Melek Ta-us heißt auch das Tier, welches bei uns ein
Symbol des Mutes und der Wachsamkeit ist, und Melek Ta-us nennen wir
auch die Abbildung dieses Tieres, welche ich jenen verleihe, zu denen
ich Vertrauen habe. Ich weiß alles, was man über uns fabelt; aber deine
Weisheit wird dir sagen, daß ich uns vor dir nicht zu verteidigen
brauche. Ich habe mit einem Manne gesprochen, der in vielen christlichen
Kirchen gewesen ist. Er sagte mir, daß dort die Bilder der Gottesmutter,
des Gottessohnes und vieler Heiligen seien. Auch ein Auge sollt ihr
haben, welches das Symbol des Gottvaters, und eine Taube, welche das
Zeichen des Geistes ist. Ihr kniet und betet an den Orten, wo diese
Bilder sind, aber ich werde niemals glauben, daß ihr diese Bilder
anbetet. Wir glauben von euch das Richtige, und ihr glaubet von uns das
Falsche. Wer ist verständiger und gütiger, ihr oder wir? Blicke hin an
das Thor! Meinst du, daß wir diese Bilder anbeten?«

»Nein.«

»Du siehst einen Löwen, eine Schlange, ein Beil, einen Mann und einen
Kamm. Die Dschesidi können nicht lesen; daher ist es besser, man sagt
ihnen durch diese Bilder, was man ihnen sagen möchte. Eine Schrift
würden sie nicht verstehen; diese Bilder aber werden sie nie vergessen,
weil dieselben am Grabe ihres Heiligen zu sehen sind. Dieser Heilige war
ein Mann; darum beten wir ihn nicht an; aber wir versammeln uns an
seinem Grabe, wie sich die Kinder am Grabe ihres Vaters versammeln.«

»Er hat euren Glauben gestiftet?«

»Er hat uns unsern Glauben, nicht aber unsere Gebräuche gegeben. Der
Glaube wohnt im Herzen, die Sitten aber wachsen aus dem Boden, auf
welchem wir leben, und aus dem Lande, welches diesen Boden rings
umgrenzt. Scheik Adi hat vor Mohammed gelebt. Zu seiner Lehre sind auch
diejenigen Satzungen des Kurans gekommen, welche wir für gut und heilsam
erkannt haben.«

»Man erzählte mir, daß er Wunder gethan habe.«

»Wunder kann nur Gott thun; aber wenn er sie thut, so thut er sie durch
die Hand der Menschen. Blicke hinein, dort in die Halle! Dort ist ein
Brunnen, den Scheik Adi hervorgebracht hat. Dieser ist noch vor Mohammed
in Mekka gewesen. Schon damals war Zem-Zem eine heilige Quelle. Er nahm
von dem Wasser des Zem-Zem und tropfte es hier auf den Felsen. Sofort
öffnete sich derselbe, und das heilige Wasser sprang hervor. So wird uns
erzählt. Wir gebieten nicht, dies zu glauben, denn das Wunder ist auch
ohne dies da. Oder ist es kein Wunder, wenn aus dem harten, toten Stein
das lebendige Wasser fließt? Dieses ist bei uns ein Symbol der Reinheit
unserer Seele, und darum halten wir es für heilig, nicht aber, weil es
von der Quelle Zem-Zem stammen soll.«

Mir Scheik Khan brach seine Rede ab, denn jetzt öffnete sich das äußere
Thor, um einen langen Zug von Pilgrimen einzulassen, von denen ein jeder
eine Lampe trug. Diese Lampen waren die Dank- und Weihgeschenke für die
Heilung einer Krankheit oder die Rettung aus irgend einer Gefahr. Sie
waren für Scheik Schems[214] bestimmt, das leuchtende Symbol der
göttlichen Klarheit.

    [214] Sonne.

Alle diese Pilger waren gut bewaffnet. Ich sah dabei recht eigentümliche
kurdische Flinten. Bei einer derselben wurden Lauf und Schaft durch
zwanzig starke, breite eiserne Ringe verbunden, welche ein sicheres
Zielen ganz unmöglich machten. Eine zweite zeigte eine Art Bajonnet,
welches eine Gabel bildete, deren zwei Zinken zu beiden Seiten des
Laufes befestigt waren. Die Männer überreichten ihre Krüge den Priestern
und traten der Reihe nach zu Mir Scheik Khan, um ihm die Hand zu küssen,
wobei sie ihre Waffen neigten oder ganz ablegten.

Die Lampen werden gebraucht, um am Abend des Festes den heiligen Ort mit
seiner ganzen Umgebung zu illuminieren. Es darf dabei kein gewöhnliches
Öl oder gar Bitumen und Naphtha gebrannt werden, da dies für unrein
gilt. Nur das Öl vom Sesam ist gestattet.

Als die Prozession sich entfernt hatte, wurden wohl gegen zwanzig Kinder
getauft und beschnitten, welche zum Teil von sehr weit hergebracht
worden waren. Ich wohnte diesen religiösen Handlungen bei.

Später entfernte ich mich mit Mohammed Emin, um einen Gang durch das
Thal zu machen. Am auffälligsten war mir die ungeheure Zahl von
Fackeln, welche zum Verkaufe auslagen. Nach einer ungefähren Schätzung
konnten es zehntausend sein. Die Händler machten glänzende Geschäfte,
denn ihre Ware wurde ihnen förmlich aus der Hand gerissen.

Eben standen wir vor einem Verkäufer von Glas- und unechten
Korallenwaren, als ich die weiße Gestalt des Pir Kamek den Bergpfad
herabkommen sah. Er mußte, wenn er zum Heiligtume wollte, an uns
vorüber, und als er uns erreichte, blieb er bei uns stehen.

»Willkommen hier, ihr Gäste vom Scheik Schems! Ihr werdet den Heiligen
der Dschesidi kennen lernen.«

Er reichte uns die Hände. Sobald er bemerkt worden war, wurde er vom
Volke umringt, und ein jeder bemühte sich, seine Hand oder den Saum
seines Gewandes zu berühren und zu küssen. Er hielt eine Ansprache an
die Versammelten; sein langes weißes Haar flatterte im Morgenwinde;
seine Augen leuchteten, und seine Gebärden zeigten die Lebhaftigkeit der
Begeisterung. Dazu krachten die Schüsse der Ankommenden von oben herab,
und ganze Salven antworteten aus dem Thale hinauf. Leider konnte ich
seine Rede nicht verstehen, da er sie in kurdischer Sprache hielt. Am
Schlusse derselben aber intonierte er einen Gesang, in welchen alle
einfielen und dessen Anfang mir der Sohn Seleks, welcher dazu kam,
übersetzte:

»O gnädiger und großmütiger Gott, welcher nährt die Ameise und die
kriechende Schlange, Nacht und Tag Lenkender, Lebendiger, Höchster,
Ursachloser, welcher der Nacht die Finsternis und dem Tage das Licht
zuweist! Weiser, herrsche über Weisheit; Starker, herrsche über die
Stärke; Lebendiger, herrsche über den Tod!«

Nach dem Gesange zerteilte sich die Menge, und der Pir trat zu mir.

»Hast du verstanden, was ich den Pilgern sagte?«

»Nein. Du weißt, daß ich deine Sprache nicht rede.«

»Ich sagte ihnen, daß ich Scheik Schems ein Opfer bringen werde, und nun
sind sie in den Wald gegangen, um das nötige Holz zu holen. Willst du
dem Opfer beiwohnen, so bist du willkommen. Jetzt aber verzeihe, Emir;
dort kommen bereits die Opferstiere.«

Er ging dem Grabmale zu, vor dessen Mauern soeben eine lange Reihe von
Ochsen aufgeführt wurde. Wir folgten ihm langsam nach.

»Was geschieht mit den Tieren?« fragte ich meinen Dolmetscher.

»Sie werden geschlachtet.«

»Für wen?«

»Für Scheik Schems.«

»Kann die Sonne Stiere essen?«

»Nein, sondern sie verschenkt dieselben an die Armen.«

»Nur das Fleisch?«

»Alles: das Fleisch, die Eingeweide und die Haut. Mir Scheik Khan
übernimmt die Verteilung.«

»Und das Blut?«

»Das wird nicht gegessen, sondern in die Erde gegraben, denn die Seele
ist im Blute.«

Das war also genau die alttestamentliche Anschauung, daß das Leben des
Leibes, daß die Seele im Blute liege. Ich sah, daß es sich hier nicht um
eine heidnische Opferung, sondern um eine Liebesgabe handle, welche es
den Armen ermöglichen sollte, die Festtage ohne Nahrungssorgen feiern zu
können.

Als wir den Platz erreichten, trat eben Mir Scheik Khan aus dem Thore,
gefolgt von Pir Kamek, von einigen Scheiks und Kawals und einer größeren
Anzahl von Fakirs. Alle hatten Messer in der Rechten. Der Platz wurde
von einer großen Menge Krieger umgeben, welche ihre Gewehre schußbereit
hielten. Da warf Mir Scheik Khan das Obergewand ab, sprang auf den
ersten Stier und stieß ihm das Messer mit solcher Sicherheit in den
Nackenwirbel, daß das Tier sofort tot niederstürzte. In demselben
Augenblick erhob sich ein hundertstimmiger Jubel, und ebenso viele
Schüsse krachten.

Mir Scheik Khan trat zurück, und Pir Kamek setzte das Werk fort. Es
gewährte einen eigentümlichen Anblick, diesen Mann mit weißem Haar und
schwarzem Barte von einem Stiere auf den nächsten springen und sie alle
der Reihe nach mit dem sicheren Messerstich fällen zu sehen. Dabei floß
kein Tropfen Blut. Nun aber traten die Scheiks herbei, um die Halsader
zu öffnen, und die Fakirs nahten sich mit großen Gefäßen, um das Blut
aufzufangen. Als dies beendet war, wurde eine ganz bedeutende Anzahl von
Schafen herbeigetrieben, deren erstes wieder Mir Scheik Khan tötete, die
andern aber wurden von den Fakirs geschlachtet, welche eine
außerordentliche Geschicklichkeit in diesem Geschäft bewiesen.

Da trat Ali Bey zu mir.

»Willst du mich begleiten nach Kaloni?« fragte er. »Ich muß mich der
Freundschaft der Badinan versichern.«

»Ihr lebt mit ihnen in Unfrieden?«

»Hätte ich dann meine Kundschafter aus ihnen wählen können? Ihr
Häuptling ist mein Freund; doch giebt es Fälle, in denen man so sicher
wie möglich gehen muß. Komm!«

Wir hatten nicht weit zu gehen, um das sehr große, aus rohen Steinen
aufgeführte Haus zu erreichen, welches Ali Bey zur Zeit des Festes
bewohnte. Sein Weib hatte bereits auf uns gewartet. Wir fanden auf der
Plattform des Gebäudes mehrere Teppiche ausgebreitet, auf denen wir
Platz nahmen, um das Frühstück zu genießen. Von diesem Punkte aus
konnten wir beinahe das ganze Thal überblicken. Überall lagerten
Menschen. Jeder Baum war zum Zelte geworden.

Drüben, rechts von uns, stand ein Tempel, der Sonne (Scheik Schems)
gewidmet. Er stand so, daß ihn die ersten Strahlen des Morgenlichtes
treffen mußten. Als ich ihn später betrat, fand ich nur vier nackte
Wände und keinerlei Vorrichtung, welche auf eine götzendienerische
Handlung schließen ließ; aber ein heller Wasserstrahl floß in einer
Rinne des Fußbodens, und an der reinlichen weißen Kalkmauer sah ich in
arabischer Sprache die Worte geschrieben: »O Sonne, o Licht, o Leben von
Gott!«

Jetzt saßen an seiner Außenseite mehrere Familien der reichen
Kotschers[215]. Die Männer lehnten an der Wand, in hellfarbige Jacken
und Turbane gekleidet und mit phantastischen Waffen geschmückt. Die
Frauen hatten seidene Gewänder, und trugen das Haar in viele über den
Rücken fallende Flechten geflochten, in welche bunte Blumen gewoben
waren. Ihre Stirnen waren mit goldenen und silbernen Münzen fast ganz
bedeckt, und lange Schnüre von Münzen, Glasperlen und geschnittenen
Steinen hingen ihnen um den Nacken.

    [215] Wandernde Stämme.

Vor mir stand ein Mann aus dem Sindschar am Stamme eines Baumes. Seine
Haut war dunkelbraun, sein Gewand aber weiß und rein. Er musterte mit
durchdringenden Blicken die Umgebung und schüttelte sich zuweilen das
lange Haar aus dem Gesicht. Seine Flinte hatte ein plumpes, altes
Luntenschloß, und sein Messer war an einem roh geschnitzten Griff
befestigt; aber man sah es ihm an, daß er der Mann war, diese einfachen
Waffen mit Erfolg zu gebrauchen. Neben ihm saß sein Weib bei einem
kleinen Feuer, an welchem sie Gerstenkuchen buk, und über ihm kletterten
in den Zweigen zwei halbnackte, braune Buben herum, die auch schon ihre
Messer in einem dünnen Stricke trugen, den sie um den Leib geschlungen
hatten.

Nicht weit von ihm lagerten zahlreiche Städtebewohner, vielleicht aus
Mossul; die Männer besorgten ihre mageren Esel, die Frauen sahen blaß
und ausgemergelt aus, ein sprechendes Bild der Not und Sorge und
Unterdrückung, welcher diese Leute ausgesetzt sind.

Dann sah ich Männer, Frauen und Kinder aus dem Scheïkhan, aus Syrien,
aus Hadschilo und Midiad, aus Heïschteran und Semsat, aus Mardin und
Nisibin, aus dem Gebiete der Kendali und der Delmamikan, von Kokan und
Kotschalian, ja sogar aus dem Bereiche der Tuzik und der Delmagumgumuku.
Alt und jung, arm und reich, alle waren reinlich. Die einen hatten ihre
Turbans mit Straußenfedern geschmückt, und die andern konnten kaum ihre
Blöße bedecken; aber alle trugen Waffen. Sie verkehrten untereinander
wie Brüder und Schwestern; man gab sich die Hände, man umarmte und küßte
sich; keine Frau und kein Mädchen verbarg ihr Angesicht vor einem
Fremden – es waren die Angehörigen einer großen Familie, welche hier
zusammentrafen.

Jetzt krachte eine Salve, und ich sah, wie sich die Männer in einzelnen
größeren oder kleineren Gruppen nach dem Grabmale begaben.

»Was thun sie dort?« fragte ich Ali Bey.

»Sie holen sich ihr Fleisch von den Opferstieren.«

»Giebt es eine gewisse Aufsicht dabei?«

»Ja. Nur die Armen kommen. Sie treten nach ihren Stämmen und Wohnsitzen
zusammen, deren Anführer sie begleitet oder von dem sie eine
Bescheinigung vorzeigen.«

»Eure Priester erhalten keinen Teil des Fleisches?«

»Von diesen Stieren nicht; am letzten Tage des Festes aber werden einige
Tiere geschlachtet, welche weiß, ganz weiß sein müssen, und deren
Fleisch gehört den Priestern.«

»Können eure Priester Sünde thun?«

»Warum nicht? Sie sind doch Menschen!«

»Auch die Pirs, die Heiligen?«

»Auch sie.«

»Auch Mir Scheik Khan?«

»Ja.«

»Glaubst du, daß auch der große Heilige Scheik Adi Sünde gethan hat?«

»Auch er war ein Sünder, denn er war nicht Gott.«

»Laßt ihr eure Sünden auf eurer Seele liegen?«

»Nein, wir entfernen sie.«

»Wie?«

»Durch die Symbole der Reinheit, durch das Feuer und das Wasser. Du
weißt, daß wir uns bereits gestern oder heute gewaschen haben. Dabei
erkennen wir unsere Sünde und geloben, sie von uns zu thun; dann werden
sie vom Wasser fortgenommen. Und heute abend wirst du sehen, daß wir
unsere Seelen auch durch die Flamme reinigen.«

»Du glaubst also, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt?«

»Wie könnte sie sterben, da sie von Gott ist!«

»Wie kannst du mir dies beweisen, wenn ich es nicht glaube?«

»Du scherzest! Steht nicht in eurem Kitab: »Japar-di bir sagh solukü
burunuje – er blies ihm einen lebendigen Odem in seine Nase?«

»Nun gut! Wenn die Seele also nicht stirbt, wo bleibt sie nach dem Tode
des Leibes?«

»Du atmest die Luft wieder ein, nachdem du sie ausgeatmet hast. Auch
Gottes Odem geht wieder zu ihm zurück, nachdem er von Sünden rein
geworden ist. – Laß uns nun aufbrechen!«

»Wie weit ist es bis Kaloni?«

»Man reitet vier Stunden lang.«

Unten standen unsere Pferde. Wir stiegen auf und verließen ohne alle
Begleitung das Thal. Der Weg führte an der steilen Bergwand empor, und
als wir die Höhe derselben erreicht hatten, sah ich ein dicht
bewaldetes, von zahlreichen Thälern durchzogenes Gebirgsland vor mir.
Dieses Land wird von den großen Stämmen der Missuri-Kurden bewohnt, zu
denen auch die Badinan gehören. Unser Weg führte bald bergab, bald
wieder bergauf, bald zwischen nackten Felsen und bald durch dichten Wald
dahin. An den Abhängen sahen wir einige kleine Dörfer liegen, aber die
Häuser derselben waren verlassen. Hier und da hatten wir die kalten
Fluten eines wilden Bergbaches zu durchreiten, der sein Wasser dem
Ghomel entgegenschickte, um mit diesem dem Ghazir oder Bumadus
zuzufließen, der in den großen Zab geht und sich mit diesem bei Keschaf
in den Tigris ergießt. Diese Häuser waren von Weingärten umgeben, neben
denen Sesam, Korn und Baumwolle gedieh, und erhielten ein besonders
schmuckes Aussehen durch die Blüten und Früchte der sorgsam gepflegten
Feigen-, Walnuß-, Granatapfel-, Pfirsich-, Kirschen-, Maulbeer- und
Olivenbäume.

Kein Mensch begegnete uns, denn die Dschesidi, welche die Gegend bis
Dschulamerik bewohnten, waren schon alle in Scheik Adi eingetroffen, und
wir waren bereits zwei Stunden weit geritten, als wir eine Stimme
hörten, welche uns anrief.

Ein Mann trat aus dem Walde. Es war ein Kurde. Er hatte sehr weite,
unten offene Hosen an, und die nackten Füße steckten in niedrigen
Lederschuhen. Der Körper war nur mit einem am Halse viereckig
ausgeschnittenen Hemde bekleidet, welches bis zur Wade niederging. Sein
dichtes Haar hing in lockigen Strähnen über die Schultern herab, und auf
dem Kopfe trug er eine jener merkwürdigen, häßlichen Filzmützen, welche
das Aussehen einer riesigen Spinne haben, deren runder Körper den
Scheitel bedeckt und deren lange Beine hinten und zur Seite bis auf die
Achseln niederhängen. Im Gürtel trug er ein Messer, eine Pulverflasche
und den Kugelbeutel, eine Flinte aber war nicht zu sehen.

»Ni, vro’l kjer – guten Tag!« grüßte er uns. »Wohin will Ali Bey, der
Tapfere, reiten?«

»Chode t’aveschket – Gott behüte dich!« antwortete der Bey. »Du kennst
mich? Von welchem Stamme bist du?«

»Ich bin ein Badinan, Herr.«

»Aus Kaloni?«

»Ja, aus Kalahoni, wie wir es nennen.«

»Wohnt ihr noch in euren Häusern?«

»Nein. Wir haben unsere Hütten bereits bezogen.«

»Sie liegen hier in der Nähe?«

»Woher vermutest du das?«

»Wenn ein Krieger sich weit von seiner Wohnung entfernt, so nimmt er
sein Gewehr mit. Du aber hast das deinige nicht bei dir.«

»Du hast es erraten. Mit wem willst du reden?«

»Mit deinem Häuptling.«

»Steige ab und folge mir!«

Wir stiegen von den Pferden und nahmen sie beim Zügel. Der Kurde führte
uns in den Wald hinein, in dessen Tiefe wir einen starken, aus gefällten
Bäumen errichteten Verhau erreichten, hinter welchem wir zahlreiche
Hütten liegen sahen, die nur aus Stangen, Ästen und Laubwerk
hergestellt waren. In dieser Barrikade war eine schmale Öffnung gelassen
worden, die uns den Eingang gestattete. Nun sahen wir mehrere Hunderte
von Kindern sich zwischen den Hütten und Bäumen umhertummeln, während
die Erwachsenen, sowohl Männer als Frauen, damit beschäftigt waren, den
Verhau zu vergrößern und zu befestigen. Auf einer der größten Hütten saß
ein Mann. Es war der Häuptling, der diesen höheren Platz eingenommen
hatte, um einen freieren Überblick zu haben und die Arbeit besser
dirigieren zu können. Als er meinen Begleiter erblickte, sprang er herab
und kam uns entgegen.

»Kjeïr ati; Chode dáuleta ta mazen b’ket – sei willkommen; Gott vermehre
deinen Reichtum!«

Bei diesen Worten gab er ihm die Hand und winkte einem Weibe, welches
eine Decke ausbreitete, auf welche wir uns niedersetzten. Mich schien er
gar nicht zu beachten. Ein Dschesidi wäre auch gegen mich höflich
gewesen. Dasselbe Weib, welches jedenfalls seine Frau war, brachte jetzt
drei Pfeifen, welche ziemlich roh aus dem Holze eines Indschaz[216]
geschnitten waren, und ein junges Mädchen trug eine Schüssel auf, in
welcher Trauben und Honigscheiben lagen. Der Häuptling nahm seinen
Tabaksbeutel, welcher aus dem Felle einer Katze gearbeitet war, vom
Gürtel, öffnete ihn und legte ihn vor Ali Bey.

    [216] Pomeranzenbaum.

»Taklif b’ ela k’ narek, au, beïn ma batal – mache keine Umstände, die
unter uns überflüssig sind!« sagte er.

Dabei griff er mit seinen schmutzigen Händen in den Honig, zog sich mit
den Fingern ein Stück heraus und schob es in den Mund.

Der Bey stopfte sich die Pfeife und steckte sie in Brand.

»Sage mir, ob Freundschaft ist zwischen mir und dir!« begann er die
Unterhaltung.

»Es ist Freundschaft zwischen mir und dir,« lautete die einfache
Antwort.

»Auch zwischen deinen Leuten und meinen Leuten?«

»Auch zwischen ihnen.«

»Wirst du mich um Hilfe bitten, wenn ein Feind kommt, um dich
anzugreifen und zu überfallen?«

»Wenn ich zu schwach bin, ihn zu besiegen, werde ich dich um Hilfe
bitten.«

»Und du würdest auch mir helfen, wenn ich dich darum ersuche?«

»Wenn dein Feind nicht mein Freund ist, werde ich es thun.«

»Ist der Gouverneur von Mossul dein Freund?«

»Er ist mein Feind; er ist der Feind aller freien Kurden. Er ist ein
Räuber, der unsere Herden lichtet und unsere Töchter verkauft.«

»Hast du gehört, daß er uns in Scheik Adi überfallen will?«

»Ich hörte es von meinen Leuten, welche dir als Kundschafter dienten.«

»Sie kommen durch dein Land. Was wirst du thun?«

»Du siehst es!« Er deutete dabei mit einer Armbewegung auf die Hütten
ringsumher. »Wir haben Kalahoni verlassen und uns im Walde Hütten
gebaut. Nun machen wir uns eine Mauer, hinter der wir uns verteidigen
können, wenn die Türken uns angreifen werden.«

»Sie werden euch nicht angreifen.«

»Woher weißt du dies?«

»Ich vermute es. Wenn es ihnen gelingen soll, uns zu überraschen, so
müssen sie vorher allen Kampf und Lärm vermeiden. Sie werden also dein
Gebiet sehr ruhig durchziehen. Sie werden vielleicht gar den offenen
Weg vermeiden und durch die Wälder gehen, um die Höhe von Scheik Adi
unbemerkt zu erreichen.«

»Deine Gedanken haben das Richtige getroffen.«

»Aber wenn sie uns besiegt haben, dann werden sie auch über euch
herfallen.«

»Du wirst dich nicht besiegen lassen.«

»Willst du mir dazu verhelfen?«

»Ich will es. Was soll ich thun? Soll ich dir meine Krieger nach Scheik
Adi senden?«

»Nein, denn ich habe genug Krieger bei mir, um ohne Hilfe mit den Türken
fertig zu werden. Du sollst nur deine Krieger verbergen und die Türken
ruhig ziehen lassen, damit sie sich für sicher halten.«

»Ihnen folgen soll ich nicht?«

»Nein. Aber du magst hinter ihnen den Weg verschließen, daß sie nicht
wieder zurück können. Auf der zweiten Höhe zwischen hier und Scheik Adi
ist der Paß so schmal, daß nur zwei Männer neben einander gehen können.
Wenn du dort eine Schanze machst, so kannst du mit zwanzig Kriegern
tausend Türken töten.«

»Ich werde es thun. Aber was giebst du mir dafür?«

»Wenn du nicht zum Kampfe kommst, so daß ich sie allein besiege, sollst
du fünfzig Gewehre erhalten; hast du aber mit ihnen zu kämpfen, so gebe
ich dir hundert Türkenflinten, wenn du dich tapfer hältst.«

»Hundert Türkenflinten!« rief der Häuptling begeistert. Er fuhr mit
größter Eile in den Honig und steckte sich ein solches Stück davon in
den Mund, daß ich glaubte, es müsse ihn erwürgen. »Hundert
Türkenflinten!« wiederholte er kauend. »Wirst du Wort halten?«

»Habe ich dich bereits einmal belogen?«

»Nein. Du bist mein Bruder, mein Gefährte, mein Freund, mein
Kampfgenosse, und ich glaube dir. Ich werde mir die Gewehre verdienen!«

»Du kannst sie dir aber nur dann verdienen, wenn du die Türken bei ihrem
Kommen ungestört ziehen lässest.«

»Sie sollen keinen von meinen Männern sehen!«

»Und sie dann hinderst, zurückzukehren, wenn es mir nicht gelingen
sollte, sie zu umzingeln und festzuhalten.«

»Ich werde nicht nur den Paß, sondern auch die Seitenthäler besetzen,
damit sie weder rechts noch links, weder vor- noch rückwärts können!«

»Daran thust du wohl. Doch will ich nicht haben, daß viel Blut vergossen
werde. Die Soldaten können nichts dafür, sie müssen dem Gouverneur
gehorchen; und wenn wir grausam sind, so ist der Padischah zu Stambul
mächtig genug, ein großes Heer zu senden, welches uns vernichten kann.«

»Ich verstehe dich. Ein guter Feldherr muß Gewalt und auch List
anzuwenden verstehen. Dann kann er mit einem kleinen Gefolge ein großes
Heer besiegen. Wann werden die Türken kommen?«

»Sie werden es so einrichten, daß sie beim Anbruche des morgenden Tages
Scheik Adi überfallen können.«

»Die Überrumpelung sollen sie selbst haben. Ich weiß, daß du ein
tapferer Krieger bist. Du wirst es den Türken ganz ebenso machen, wie es
da unten in der Ebene die Haddedihn-Schammar ihren Feinden gemacht
haben.«

»Du hast davon gehört?«

»Wer sollte dies nicht wissen? Die Kunde von solchen Heldenthaten
verbreitet sich schnell über Berg und Thal. Mohammed Emin hat seinen
Tribus zum reichsten Stamm gemacht.«

Ali Bey lächelte mir heimlich zu und meinte dann:

»Es ist eine schöne That, Tausende gefangen zu nehmen, ohne daß ein
Kampf stattfindet.«

»Diese That wäre Mohammed Emin nicht gelungen. Er ist stark und tapfer;
aber er hat einen fremden Feldherrn bei sich gehabt.«

»Einen fremden?« fragte der schlaue Bey.

Ihn ärgerte jedenfalls die Nichtbeachtung, die mir von seiten des
Häuptlings widerfahren war, und er ergriff nun die Gelegenheit, ihn zu
beschämen. Dabei konnte es natürlich auf ein Übermaß von Lob gar nicht
ankommen.

»Ja, einen fremden,« antwortete der Häuptling. »Weißt du das noch
nicht?«

»Erzähle es!«

Und der Kurde that es in folgender Weise:

»»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat
zu halten mit den Ältesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf,
und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten
die Erde berührte.

»Sallam aaleïkum!« grüßte er.

»Aaleïkum sallah!« antwortete Mohammed Emin. »Fremdling, wer bist du,
und woher kommst du?«

Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein
Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde.
Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses
gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen
Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze
leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die
Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie
Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen.

»Ich bin der Feldherr eines fernen Landes,« antwortete der Glänzende.
»Ich liebe dich und hörte vor einer Stunde, daß dein Stamm ausgerottet
werden soll. Darum setzte ich mich auf mein Roß, welches zu fliegen
vermag, wie der Gedanke des Menschen, und eilte herbei, dich zu warnen.«

»Wer ist es, der meinen Stamm ausrotten will?« fragte Mohammed.

Der Himmlische nannte die Namen der Feinde.

»Weißt du dies gewiß?«

»Mein Schild sagt mir alles, was auf Erden geschieht. Blicke her!«

Mohammed sah auf den goldenen Schild. In der Mitte desselben war ein
Karfunkel, fünfmal größer als die Hand eines Mannes, und in diesem sah
er alle seine Feinde, wie sie sich versammelten, um gegen ihn zu ziehen.

»Welch ein Heer!« rief er. »Wir sind verloren!«

»Nein, denn ich werde dir helfen,« antwortete der Fremde. »Versammle
alle deine Krieger um das Thal der Stufen und warte, bis ich dir die
Feinde bringe!«

Er gab hierauf seinem Pferde ein Zeichen, worauf es wieder emporstieg
und hinter der Wolke verschwand. Mohammed Emin aber wappnete sich und
die Seinen und zog nach dem Thale der Stufen, welches er rundum
besetzte, sodaß die Feinde wohl hinein, aber nicht wieder heraus
konnten. Am andern Morgen kam der fremde Held geritten. Er leuchtete wie
hundert Sonnen, und dieses Licht blendete die Feinde, sodaß sie die
Augen schlossen und ihm folgten mitten in das Thal der Stufen hinein.
Dort aber kehrte er seinen Schild um; der Glanz wich von ihm, und sie
öffneten die Augen. Da sahen sie sich in einem Thale, aus dem es keinen
Ausweg gab, und mußten sich ergeben. Mohammed Emin tötete sie nicht;
aber er nahm ihnen einen Teil ihrer Herden und forderte einen Tribut von
ihnen, den sie jährlich geben müssen, so lange die Erde steht.««

So erzählte der Kurde und schwieg nun.

»Und was geschah mit dem fremden Feldherrn?« fragte der Bey.

»Sallam aaleïkum!« sprach er; »dann erhob sich sein schwarzes Roß in die
Wolken, und er verschwand,« lautete die Antwort.

»Diese Geschichte ist sehr schön zu hören; aber weißt du auch, ob sie
wirklich geschehen ist?«

»Sie ist geschehen. Fünf Männer vom Dschelu waren zu derselben Zeit in
Salamijah gewesen, wo es von den Haddedihn erzählt wurde. Sie kamen hier
vorüber und berichteten es mir und meinen Leuten.«

»Du hast recht; diese Geschichte ist geschehen, aber anders, als du sie
vernommen hast. Willst du das schwarze Roß des Seraskiers sehen?«

»Herr, das ist nicht möglich!«

»Es ist möglich, denn es steht in der Nähe.«

»Wo?«

»Dort der Rapphengst ist es.«

»Du scherzest, Bey!«

»Ich scherze nicht, sondern ich sage dir die Wahrheit.«

»Das Pferd ist herrlich, wie ich noch keines gesehen habe, aber es ist
ja das Roß dieses Mannes!«

»Und dieser Mann ist der fremde Seraskier, von dem du erzählt hast.«

»Unmöglich!« – Er machte vor Erstaunen den Mund so weit auf, daß man die
ausgiebigsten zahnärztlichen Beobachtungen und Operationen hätte
vornehmen können.

»Unmöglich, sagst du? Habe ich dich einmal belogen? Ich sage dir noch
einmal, daß er es wirklich ist!«

Die Augen und Lippen des Häuptlings öffneten sich immer weiter; er
starrte mich wie sinnlos an und streckte ganz unwillkürlich seine Hand
nach dem Honig aus, kam aber daneben und griff in den Tabaksbeutel.
Ohne dies zu bemerken, langte er zu und schob eine ziemliche Portion des
narkotischen Krautes zwischen seine weißglänzenden Zähne hinein. Ich
hatte diesen Tabak sehr in Verdacht, alles andere, aber nur kein Tabak
zu sein, und jedenfalls hatte ich da ganz richtig vermutet; denn er
brachte im Momente eine so schnelle krampfhebende Wirkung hervor, daß
der Häuptling augenblicklich die Kinnladen zuklappte und meinem guten
Ali Bey den Inhalt seines Mundes in das Gesicht sprudelte.

»Katera peghamber – um des Propheten willen! Ist er es wirklich?« fragte
er noch einmal, und zwar in der äußersten Bestürzung.

»Ich habe es dir bereits versichert!« antwortete der Angenetzte, indem
er sich mit dem Zipfel seines Kleides das Angesicht reinigte.

»O Seraskier,« wandte sich der Mann jetzt zu mir; »atina ta,
inschiallah, keïrah – gebe Gott, daß uns dein Besuch Glück bringe!«

»Er bringt dir Glück, das verspreche ich dir!« antwortete ich.

»Dein Roß ist hier, das schwarze,« fuhr er fort, »aber wo ist dein
Schild mit dem Karfunkel, dein Panzer, dein Helm, deine Lanze, dein
Säbel?«

»Höre, was ich dir sage! Ich bin der fremde Krieger, welcher bei
Mohammed Emin gewesen ist, aber ich stieg nicht vom Himmel herab. Ich
komme aus einem fernen Lande, aber ich bin nicht der Seraskier
desselben. Ich habe nicht goldene und silberne Waffen gehabt, aber hier
siehst du Waffen, wie ihr sie nicht habt, und mit denen ich mich vor
vielen Feinden nicht zu fürchten brauche. Soll ich dir zeigen, wie sie
schießen?«

»Sere ta, Ser babe ta, Ser hemscher ta Ali Bey – bei deinem Haupte, beim
Haupte deines Vaters und beim Haupte deines Freundes Ali Bey, thue es
nicht!« bat er erschrocken. »Du hast die Rüstung, die Lanze, den Schild
und das Schwert von dir gelegt, um diese Waffen zu gebrauchen, die
vielleicht noch viel gefährlicher sind. Nezanum zïeh le dem – ich weiß
nicht, was ich dir geben soll; aber versprich mir, daß du mein Freund
sein willst!«

»Was kann es nützen, wenn du mein Freund wirst? In deinem Lande giebt es
ein Sprichwort, welches lautet: ›Dischmini be aquil schi yari be aquil
tschitire – ein Feind mit Verstand ist besser als ein Freund ohne
Verstand.‹«

»Bin ich unverständig gewesen, Herr?«

»Weißt du nicht, daß man einen Gast begrüßen muß, zumal wenn er mit
einem Freunde kommt?«

»Du hast recht, Herr! Du strafst mich mit einem Sprichworte; erlaube,
daß ich dir mit einem andern antworte: ›Betschuk lasime thabe ’i mesinan
bebe – der Kleine muß dem Großen gehorsam sein.‹ Sei du der Große; ich
werde dir gehorchen!«

»Gehorche zunächst meinem Freunde Ali Bey! Er wird siegen, und deine
Türkenflinten sind dir dann gewiß.«

»Du zürnst? Verzeihe mir! Ser sere men; bu kalmeta ta siuh taksir nakem
– bei meinem Haupte; um dir zu dienen, werde ich nichts sparen. Nimm
diese Trauben und iß; nimm diesen Tabak und rauche!«

»Wir danken dir,« antwortete Ali Bey, der jedenfalls auch an sauberere
Genüsse gewöhnt war. »Wir haben vor unserem Aufbruche gegessen und
dürfen keine Zeit verlieren, nach Scheik Adi zurückzukehren.«

Er erhob sich, und ich that dasselbe. Der Häuptling begleitete uns bis
an den Pfad und versprach noch einmal, seine Pflicht so vollständig wie
möglich zu erfüllen. Dann ritten wir denselben Weg zurück, den wir
gekommen waren.



Druck der Hoffmann’schen Buchdruckerei in Stuttgart.



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1882 als Band I der Reihe »Carl May’s gesammelte
Reiseromane« erschienenen Erstausgabe in Buchform erstellt. Die Umlaute
Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten
in der Schreibweise wurden beibehalten, einige Inkonsistenzen und
Satzfehler wurden aber im gewissenhaften Vergleich mit der
Zeitschriftenfassung (»Deutscher Hausschatz«) verbessert. Die
nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#


Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the first print
book edition published in 1882 as Volume I of the series »Carl May’s
gesammelte Reiseromane«. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by
Ä, Ö, Ü. Minor irregularities have been maintained, however some
spelling inconsistencies and typesetting errors have beein corrected
based on careful comparison with the magazine edition published earlier
in »Deutscher Hausschatz«. The table below lists all corrections applied
to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font#

S.  iv: [extra word] beherrscht und und behandelt
S. 001: [normalized] Dra el Hauna -> Haua
S. 007: »»Des Weibes Stimme ... Natter.«« -> ›Des ... Natter‹
S. 008: [added quotes] »Ah! Und dennoch nennst du
S. 011: [normalized] Zwei Pferde und ein Djemmel -> Dschemmel
S. 013: Alla kerihm, Gott ist gnädig! -> Allah
S. 013: auf die Hand des Todten fiel -> Toten
S. 020: »Von Gaffa.« -> Gafsa
S. 020: daß sie von Gaffa kamen -> Gafsa
S. 022: in welche eine Name eingraviert war -> ein Name
S. 025: »Du kommst nicht von Gaffa?« -> Gafsa
S. 029: zum Scheidan, zum Teufel -> Scheïtan
S. 032: das mächtige #»Giölgeda padisahnün#« -> padischahnün
S. 041: Sallam aaleikum, Friede sei mit euch -> aaleïkum
S. 041: »Aaleikum!« antwortete Sadek -> Aaleïkum
S. 052: [added period] »Wer ist dieser Sihdi?« fragte er.
S. 052: [added closing quotes] »Ja. Du kannst ihn nicht betreten.«
S. 062: als ich noch als Miralei in Stambul stand -> Miralai
S. 064: [added comma] sofort packen würden, sah aber
S. 065: [added comma] Ja, er soll erschossen werden
S. 074: [added quotes] »Er wird mir nicht entfliehen
S. 078: Mann im Wadi Tarfani getötet hat? -> Tarfaui
S. 079: der eigentlich Hamd el Amusat -> Amasat
S. 080: kehrte er nach seiner Zeit -> einer
S. 080: »Fort, Shidi – dort reiten!« -> Sihdi
S. 082: am Giölgeda wekülanün -> wekilanün
S. 085: der mit Scheidan im Bunde stehe -> Scheïtan
S. 092: [normalized] Kein Arzt, kein Fakhir -> Fakir
S. 094: der Erbauer des einsames Hauses -> einsamen
S. 094: [normalized] in das Selamlück des Hauses -> Selamlük
S. 096: Gotte gebe dir Frieden -> Gott
S. 103: uud seine Lippen blau vor Wut -> und
S. 107: ihm war ich ein nnabweisbarer Eindringling -> unabweisbarer
S. 113: Wir legten bei dem Kahn an -> langten
S. 127: [added closing quotes] obgleich er sie Güzela nennt.«
S. 131: Ausguck nach demseblen gehalten -> demselben
S. 137: [added closing quotes] Haidi, wohlan!«
S. 138: [added comma] »Ja, ich konnte nicht weiter.«
S. 138: mit steineren Platten bedeckt -> steinernen
S. 139: Ich passirte also die Öffnung -> passierte
S. 141: Ich schlich näher uud legte die Hände -> und
S. 142: [normalized] »Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
S. 143: Wir brauchen also weder die Stange -> brauchten
S. 144: meist in den Kleideru -> Kleidern
S. 146: [added period] »Ein Sandal!« meinte Halef.
S. 149: ausgebessert nnd zusammengeflickt -> und
S. 154: Allah kehrim, Gott ist gnädig! -> kerihm
S. 155: Alla ïa Sahtir -> Allah
S. 157: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
S. 162: [removed extra comma] mir nebst, Halef und dem Barbier
S. 165: dem Großwessir in Istambul -> Großwesir
S. 164: [normalized] einen armen Scheikh -> Scheik
S. 167: [normalized] an das Recognoscieren -> Rekognoscieren
S. 190: Aber er besitzt die Hilfe des Scheitan -> Scheïtan
S. 194: folgte ihm mich gezückter Waffe -> mit gezückter Waffe
S. 195: ein guter Schütze sei. -> sei?
S. 198: »Ja, Shidi. Was ist es?« -> Sihdi
S. 209: die Gegend von Sahna -> Sanah
S. 213: [normalized] Hamdullillah, Preis sei Gott -> Hamdulillah
S. 220: [extra comma removed] Dank der orientalischen Sorglosigkeit, hatte
S. 222: [normalized] Hamdullillah, Gott sei Dank! -> Hamdulillah
S. 227: [normalized] oder nach Bassra und Bagdad -> Basra
S. 238: [added mdash] Gott sei Dank! – keine Not gelitten
S. 244: das deutsche Worte ›Lob‹ -> Wort
S. 248: Siehst du diesen Bu-djuruldi -> Bu-djeruldi
S. 249: [normalized] sattle dort die drei Hedschihn -> Hedjihn
S. 271: »So bin ich jetzt mich euch fertig.« -> mit
S. 276: ein kleines Döschen ans Papiermaché -> aus
S. 277: [normalized] weder meinen Haik, noch meine Jacke -> Haïk
S. 278: [normalized] Das ist ja der Scheitan -> Scheïtan
S. 279: [normalized] bei Allah, es ist der Scheitan! -> Scheïtan
S. 279: [normalized] du hast den Scheitan bezwungen -> Scheïtan
S. 280: [normalized] daß sie den Scheitan gefangen hält -> Scheïtan
S. 282: zehn Lastkamelen nnd fünfzig Schafen. -> und
S. 283: die heiligen Gebräuche und kehreu dann sofort -> kehren
S. 284: [normalized] weil der Scheitan doch lebendig war -> Scheïtan
S. 284: [normalized] Der gefangene Scheitan war -> Scheïtan
S. 294: [In Footnote] wie auch wir die Sünden vergessen? -> vergessen.
S. 308: Rippe genommen nnd -> und
S. 320: [normalized] Fowlingbull holen -> Fowling-bull
S. 323: [added period] begann dann auf und ab zu patrouillieren.
S. 324: [normalized] hingegangen wegen Fowlingbull -> Fowling-bull
S. 329: die Stelle, welche ich angedeutet habe -> hatte
S. 334: und wehenden Straußfedern -> Straußenfedern
S. 334: Werden sie stechen! -> stechen?
S. 337: nach Tausensenden zählenden -> Tausenden
S. 349: da Ihr nicht arabisch versteht? -> versteht!
S. 360: Wann du zurückgekehrt bist -> Wenn
S. 361: sehr leicht verloren gehen kann. -> kann?
S. 364: [normalized] Hamdullillah! Preis sei Allah -> Hamdulillah
S. 365: Alla kehrim, Allah ist gnädig -> Allah kerihm
S. 374: [added closing quotes] halten die Löwen ihre Zusammenkünfte.«
S. 375: welches der Vater eines meiner Gefährten -> welcher
S. 375: [added comma] geräumigen Hütte, welche
S. 380: Vor zweien? Nein? -> Nein!
S. 384: [normalized] er gehört Muhammed Emin -> Mohammed
S. 390: Halt. Wer es wagt -> Halt!
S. 394: [added closing quotes] Hier doch gar nicht Babylon!«
S. 395: Ruinen von Khan Kherninn vereinigen -> Khernina
S. 398: [normalized] Abu Muhammed zu spät eintreffen? -> Abu Mohammed
S. 401: [normalized] Scheik der Abu Muhammed gesagt -> Abu Mohammed
S. 403: [added opening quotes] »Dort wird sein äußerster Posten
S. 403: [added closing quotes] zu treffen sein.«
S. 407: Hadschi Abbul Abbas -> Abul
S. 409: [added closing quotes] »Ich danke dir!«
S. 410: das letzte Glied unserere Postenkette -> unserer
S. 412: [deleted extra word] ich auf auf dem Rappen -> auf
S. 433: [deleted extra quotes] »Wir hatten nicht sehr lange
S. 435: [normalized] Dieser berühmte Mann ist Esla el Mahem -> Eslah
S. 441: [normalized] Du siehst, Esla el Mahem -> Eslah
S. 447: [normalized] Mit ihren Scheiks! Hamdullilah! -> Hamdulillah
S. 450: die es es jemals hier gegeben hat -> die es jemals
S. 451: die wissen, wo Ruinen liegen.« -> liegen?«
S. 455: »Und die drei Männer, welche bei dir sind.« -> sind?
S. 458: Fowlingsbulls finden! -> Fowling-bulls
S. 458: [normalized] nach Bagdad, Baßra, Kerkuk -> Basra
S. 460: [normalized] rechten Ufer lag Kalaat el Dschebber -> Dschebbar
S. 463: [added closing quotes] »Von Zedar Ben Huli, deinem Scheik.«
S. 469: [added closing quotes] »Zwölfhundert.«
S. 486: [normalized] Nicht nach dem Scheitan -> Scheïtan
S. 492: wie du schon viele gemordest hast -> gemordet
S. 494: Er bat mich, ihm trinken zu geben -> ihm zu trinken zu geben
S. 514: Du steht im Giölgeda padischahnün -> stehst
S. 518: [normalized] mit dem alten Geißfuße -> Geisfuße
S. 518: in die Zahnpalissaden -> Zahnpalisaden
S. 519: Kanonen nnd eine Besatzung -> und
S. 529: [normalized] des Thales von Scheikh Adi -> Scheik
S. 536: [normalized] Merd-esch-Scheïtan -> Merd-es-Scheïtan
S. 536: [added closing quotes] mir oder dem Pascha?«
S. 539: [normalized] nach Amadija geschickt hatte -> Amadijah
S. 542: [normalized] Khorsabad, Dscheraijah und Baadri -> Dscherraijah
S. 554: [added closing quotes] »Sind die Dschesidi Christen?«
S. 542: [normalized] direkt nach Raban Hormuzd führt -> Rabban
S. 558: Die Radjahell Scheïtan -> Radjahl el Scheïtan
S. 559: [normalized] Ihr wollt zu Amad al Ghandur -> el
S. 560: [normalized] vierten Infanterie-Regimente -> Infanterieregimente
S. 561: [normalized] zweite Infanterie-Regiment -> Infanterieregiment
S. 570: [normalized] versuchen, Amad al Ghandur zu finden -> el
S. 583: harte die Menge meiner -> harrte
S. 586: Du redest ja Kurmanydschi -> Kurmangdschi
S. 596: [added closing quotes] »Welches sind die heiligen Instrumente?«
S. 598: sondern nach Scheid Adi -> Scheik
S. 605: [normalized] Er befand sich im Selamlik -> Selamlük
S. 606: [normalized] Ich kehrte in das Selamlik zurück -> Selamlük
S. 610: [normalized] Bis Dscherajah stehen Posten -> Dscherraijah
S. 626: Eiu Dschesidi wäre auch -> Ein





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Durch Wüste und Harem - Gesammelte Reiseromane, Band I" ***

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