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Title: Max Havelaar
Author: Multatuli, 1820-1887
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Max Havelaar" ***

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                               Multatuli

                              MAX HAVELAAR

                    Übertragen aus dem Holländischen

                                  Von

                             Wilhelm Spohr

                       Titelzeichnung von Fidus.


                            Zweite Auflage.

                            Minden in Westf.
                        J. C. C. Bruns' Verlag.
                                 1901.



Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.



VORWORT DES HERAUSGEBERS.


Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher
abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens
vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar«
liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige
Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung
zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen
erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:

Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem
deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene
Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen
Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der
Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu
Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend
erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im
Text des ursprünglichen Titels erinnern.

Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem
Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging
ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein
Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten
haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass
das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner
Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen
Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich
davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich
weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will
ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den
reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von
vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist,
bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung
eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem
1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen
Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche
»Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im
gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet
es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten
Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und
als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von
der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches,
mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel
getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir
herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren
zu unterrichten. [1]

Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem
ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu
verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige
Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn
durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung
mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem
er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk,
1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein
Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben
wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel
zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem
Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des
Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden,
dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?«
Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem
Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt
allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein
gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich
voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er
war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell
sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz
gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in
einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen
Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen
Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den
köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum,
das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch
auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch
einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«.

Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen
schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie
angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form
wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen
Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss,
d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum
der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem
ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde
bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei
diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind
in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von
allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte
Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse,
die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint.

Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die
Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe
ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und
nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt.

Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit
den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer
sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden
und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher
eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein
Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone,
dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.


                Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.

                    Wilhelm Spohr.



ERSTES KAPITEL.


Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht
meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und
es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries
Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber
Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst,
ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein,
dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein,
ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich
ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die
Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die
Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas
weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht
geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und
wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand,
der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil
von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen
die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck &
Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse
braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich
keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe
denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so
was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig
Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also
sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich
habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den
Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten
Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.

Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe
ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler
fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten
Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn
bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen,
die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard,
der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch
Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind:
»Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht
die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen
vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann
bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er
war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein
bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns
in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar
wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.

Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue
Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen
Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren
froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte
eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der
Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich,
dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz
zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere
Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben
hatten. Das ist die Sache.

Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein
Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe
ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand
ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch
eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner
Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand
kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«,
unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch
von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten
Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen
uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine
kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon
ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die
Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!

Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der
Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten
oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger
geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn
Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten
wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere,
denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als
Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit
Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem
Satz Billardbällen!

Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied
rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist
vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich
der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier
ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der
Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher
ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es
muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau
zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun
ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder
das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist
dann gelogen.

Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh
mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann
gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt
von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er
ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf
der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen
Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas
mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte,
aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand,
dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht,
um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen
auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten,
dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust,
so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es
mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe,
mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person
keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden
ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben,
weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.

Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist
so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von
ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder,
meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen
haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist
ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott
macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt
sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal
die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie
seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die
Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein
Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe
hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine
Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend,
die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt
dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten
für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!

Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun
aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder
Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten
Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht
als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den
Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel
hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem
man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der
Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche
Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf
dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn,
und es wurde was umgesetzt!

Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen
Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum
geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und
weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was
der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn
der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man
schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass
sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert
der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore
geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle,
bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde,
wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge,
wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was
sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn
das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu
entblössen? Alles Lügen!

Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren
Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei
mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf,
wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist
es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen
wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so
ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu
also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?

Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem
Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last &
Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl
ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig
zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater
in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und
alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel,
und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine
Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun
bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen
Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein
Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen
schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es
auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig,
weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein
Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben
führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden
und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine
besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber
auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!

Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine
Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine
Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem
Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite
legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht,
so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in
Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber
das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs
Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.

Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für
die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben,
meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt
wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich
dieses Buch schreibe.

Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe
beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin
nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner
unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt
ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch
erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick
Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich
auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!

Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist
nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab
ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus
sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.



             +---------------------------+
             |        LAST & Co.         |
             |                           |
             |     MAKLER IN KAFFEE.     |
             |                           |
             |   Lauriergracht No. 37.   |
             +---------------------------+



ZWEITES KAPITEL.


Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl
wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei
Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare
Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die
Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck
& Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht
weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben
sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg,
das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam
ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine
ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige
Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen,
was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle
hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung
der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe
ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an
Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre,
als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer
weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein,
Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen,
liess mir Feder und Papier geben und schrieb:


    Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten
    Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres
    aus Norddeutschland ...


Es ist die reine Wahrheit!


    ... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals
    notwendig mache.


Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem
Kontor, um seine Brille zu suchen.


    Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen,
    wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die
    Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in
    Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass
    aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...


Es ist die blanke Wahrheit!


    ... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter
    der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger,
    und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens
    in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der
    Ausführung der gegebenen Ordres ...


Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!


    ... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee,
    Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem
    Engagement von Leuten.


Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der
junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt
ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch
schon dreizehn im September.


    ... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu
    vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der
    Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst
    Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse
    einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass
    ich mit Rücksicht darauf ...


Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte
die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um
jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun
ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden,
dass sie's wissen, dünkt mich.


    ... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den
    Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses
    betraut zu sehen ...


Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder
Salair. Aber ich fügte noch hinzu:


    Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in
    unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich
    bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass
    seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.


Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und
zum Schluss:


    Dass bei uns dem Herrn gedient werde.


Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und
ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte
Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der
junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf
die Antwort.

Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch
die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der
beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«,
»schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was
mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir
auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung
stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen,
denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass
ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich
zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig
gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf
einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines
Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien
mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem
Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und
Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen
Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter,
als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und
gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht
No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen,
aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen
alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der
Name nicht.«

--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer
Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler
in Kaffee, Lauriergr....

--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal
ordentlich an.

Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn
öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich,
wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser,
alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen
Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und
Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!

--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat?

--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen?

Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass
so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm
ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten
Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders,
weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde
nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach
gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre
ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je
länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich
auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen
gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte
etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun,
das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.

Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit
hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen
bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe
euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau
nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und
Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise,
die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu
thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem
Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um
Dinge, die ihn nichts angingen.

Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im
September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern
vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später
habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss,
um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf
der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt
... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und
wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter,
wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die
schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete,
das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche,
oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften
allerlei Parfumerien.

Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne
den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen
haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von
sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen
wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das
Mädchen zu sehen.

Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei,
obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch
zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus
unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen,
balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil
wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der
Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es
anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen,
Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da
war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das
Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es
wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen,
dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und
Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren,
was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die
Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr
und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich
noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da
bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand,
die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich
mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste
schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male
stand ich vor der Bude.

Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün
und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich
weiss nicht welchem Zeitwort ...

--Plaît-il? sagte sie.

Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:

--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.

Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen
vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner
Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten
Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den
Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des
Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen
zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und
bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude
des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein
»gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun
war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es
mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich
in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest
und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden
um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt,
der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen
hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben,
um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...

So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch
die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark
und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und
tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen
sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich
war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig
geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe,
mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich
sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.

Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und
weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn
auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem
Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.

Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich
dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser
Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens
weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte,
oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte,
so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es
so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es
ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine
Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss
fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.

Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das
Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich,
dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als
ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge,
auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse
besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus
purzeln sehen.

Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich
links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem
Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn,
dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich,
dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr
schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung
etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen
war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts
dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim
Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das
für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal
wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete,
bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut
herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich
sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen,
wie man später jemanden nötig hat:

--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r
... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.

Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich
auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...

--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.

Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät
es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich,
dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend
war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und
jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...

Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin
ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil
es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe,
dass es niemand gesehen hat.



DRITTES KAPITEL.


Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand
da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach
war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die
Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der
Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig,
dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird,
der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss,
wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt
zu gehen, wenn Buden dort stehen.

Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich
werde euch den Brief lesen lassen:


        Werter Droogstoppel!


Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr
Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.


    Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu
    ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...


Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.


    ... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache
    zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.


Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die
Frühjahrsversteigerung handelt?


    Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick
    einigermassen um Geld verlegen.


Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!


    Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um
    das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder
    ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.


Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass
er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein
Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun,
er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing,
wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und
jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in
seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er
arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und
es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem
lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber
diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:


    Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen
    zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das,
    wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...


Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber
denken.


    ... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine
    Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich
    nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem
    allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür
    einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum
    kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr
    nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.


Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na
gewiss! Wie sonst wohl?


    Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne
    Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach
    der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von
    Druckkosten u. s. w. im voraus ...


Darin haben sie sehr recht.


    ... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich
    gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken
    würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich,
    ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...


Das nennt er ermutigen!


    ... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich
    bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten
    einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich
    überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem
    Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und
    daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht
    habe ...


Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.


    ... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht
    ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken
    schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.

    In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter
    Schulkamerad ...


Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich
nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.

Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man
mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss,
dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der
Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen
an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich
nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.

Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen
wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich
wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich
dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.

Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre,
und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst
läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten
Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit
etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten
beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja,
ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat
Luise zum Weinen gebracht.«

Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit
sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder
sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran,
ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:

--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es
noch einmal thäte!

Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da
habt ihr's.

Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine
kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache
voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen,
weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw
Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch
uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete
wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen,
was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire
auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten
Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit
des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von
einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein
konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr,
so'n Mädchen weint ja bald.

»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und
Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier
raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich
sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten,
und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine
Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten
ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch
auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit
gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man
mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf
seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in
Kaffee, Lauriergracht No. 37.

Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn
zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb
an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen
sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that,
finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner
Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr,
dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe
ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich
hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung
erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten,
dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der
Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding
in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und
ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen
war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war,
und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht
gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding,
das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang
geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine
ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge
von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch
in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft
damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.



VIERTES KAPITEL.


Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern
gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und
tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist
dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans
Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich
bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie
soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern,
mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein
anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!

Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker
machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu
bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr
ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor,
gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem
Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das
nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram,
aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir
genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun
habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von
Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand
sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da
gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das
geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen
ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein'
ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars
wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den
Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim
Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten
ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz,
der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt,
versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht,
bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen
Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht,
mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war,
das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles
lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht
verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht
über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.

Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee
bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also
dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in
Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an,
und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber
wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen,
Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu
erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit
bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der
Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem
dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann,
da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen
können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen
einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme
niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das
ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an
Ludwig Stern ersehen.



Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des
Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es
wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile
einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr,
viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste
staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich
gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in
Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu
beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der
Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem
Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend
einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in
der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor
auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles
sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«



Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und
von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag,
in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich
längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir
gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen
schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen
an den Tag legte.



Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:



Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.

Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.

Über den Ursprung des Adels.

Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.

Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren
Verse.)

Über Protëine in der atmosphärischen Luft.

Über die Politik Russlands.

Über die Vokale.

Über Zellengefängnisse.

Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.

Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die
die Beleidigung betreffen.

Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien,
nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer
Freiheit.

Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel
von wurzellosen Zahlen.

Über die Schwere des Lichts.

Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des
Christentums. (Nanu?)

Über die isländische Mythologie.

Über den »Emile« von Rousseau.

Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.

Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.

Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos,
ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)

Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)

Über weisse Ameisen.

Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.

Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)

Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.

Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.

Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.

Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen,
weil er auf Wahrheit dringt.)

Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar
nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe
es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt,
das ich für mein Buch gebrauchen kann.)

Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.

Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)

Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz
einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie
gedacht hatte.)

Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen,
eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit
und Armut ... er kann es wissen.)

Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und
der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine
Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich
erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)

Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.

Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.

Über die Rechenkunst bei den Römern.

Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.

Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.

Über epidemische Krankheiten.

Über den Maurischen Baustil.

Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch
Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste
kurios ist?)

Über die deutsche Einheit.

Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso
lang sein wird wie an Land.)

Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.

Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.

Über Prosodie.

Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer
Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.

Über Landbauverträge auf Java.

Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.

Über Legitimität von Dynastien.

Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.

Über die neue Art des Segelreffens.

Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück
datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)

Über den Ehrbegriff.

Über die apokryphen Bücher.

Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.

Über die elterliche Gewalt.

Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.

Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife
ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)

Über Schrauben-Wassermühlen.

Über das souveräne Recht der Begnadigung.

Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.

Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.

Über die Opiumpacht auf Java.

Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.

Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.

Über die Entrichtung von Landrenten in natura.

Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)

Über die Auflösung des Römischen Reichs.

Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.

Über die skandinavische Edda.

Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein
Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch
geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)

Über das Essigmachen.

Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.

Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.

Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in
Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)

Über ministerielle Verantwortlichkeit.

Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.

Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer
zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)

Über das doppelte A und das griechische ETA.

Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der
Menschen. (Eine infame Lüge!)

Über den Stil.

Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von
diesem Reich gehört.)

Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.

Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis
geschrieben ist.) [2]

Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.

Über Stimmen des Waldes.

Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser«
und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)

Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der
Nähe von Banda zu sein.)

Über Seher und Propheten.

Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.

Über Ebbe und Flut der Kultur.

Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.

Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und
jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)

Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.

Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.

Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)

Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der
sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter
sein solle. Wo kämen wir da hin!)

Über Galanterie.

Über den Versbau der Hebräer.

Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.

Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es
muss da billig leben sein.)

Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei
der Alfuren.

Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er
will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser)
abschaffen. Ich bin dagegen.)

Über »das Recht« und »die Rechte«.

Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.)

Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.

Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.

Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen
über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)

Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn
sah, roch ich Rosenöl.)

Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch
auf die Seite gelegt.)

Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w.

Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.

Über den Palmwein auf den Molukken.

Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich
das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt,
dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden,
und ich lebe für mein Fach.)

Über Genesis. (Ein infames Stück!)

Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.

Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein
neugebornes Kind zeichnen kann!)

Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)

Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.

Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.

Über die Wajangs der Chinesen.

Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)

Über ein europäisches Münzsystem.

Über Berieselung von Gemeindefeldern.

Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.

Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich
habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)

Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet,
dass Jesus einen Turban trug.)

Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung
mit den Unterhaltsmitteln.

Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.

Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange
eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.

Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.

Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf
Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)

Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.

Über die Kraft des Irrtums.

Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen
Naturgesetzen.

Über das Salzmonopol auf Java.

Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er
... bbä!)

Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns
der Javanen.

Über das 'jus primi occupantis'.

Über die Armut der Malkunst.

Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)

Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.

Über die Waffen der schwächeren Tierarten.

Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem
Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste
erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)



Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht
zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von
Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache,
Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe
fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige
waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften,
doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es
war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem
Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen
und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.

Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt,
weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe
ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit
war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht,
wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen,
dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan
haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte
es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts
zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke,
die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern
davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige
Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man
Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt
vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen,
niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.

Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir
stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing
es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg
eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg
verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von
seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und
wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt
hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann
den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern
zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest
verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun
kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er
sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte,
würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer
mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware
gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann,
der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.

Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie
empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der
Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber,
der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig
Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn
er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als
ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die
Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine
Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid
oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein
Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein
Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden
auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass
der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last &
Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von
beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann
von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den
kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er
also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns
Stück über die Multiplikation.

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er
sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's,
dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem
Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber
er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht,
dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre
vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert
Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu
siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit
dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals
vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre
als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht
in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin
überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber
ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte
einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im
»Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich
verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld
hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch
sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei
dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den
Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator
zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein
Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte,
weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was
ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste
Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den
Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus
der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass
er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe,
fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte
der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich
denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein
Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden
im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man
so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun
hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der
Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem
Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.

--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft
und kränklich.

Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit
unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz
bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge,
doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz
gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten,
was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger,
wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb
sie auf.

Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit
sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da
anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in
Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die
Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um
diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder
Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen
Ballen ist.

Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den
Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch
fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die
Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem
Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last &
Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so
wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen,
ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die
Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft,
kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz
bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze
Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch
die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es
ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind
und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«,
aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die
machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm
und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder,
der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der
Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in
Indigo dabei nötig sein werden.

Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst
die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die
Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch,
und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister,
und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen,
und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler,
und die Hauswärter, und die Gärtner.

Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben
aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren,
und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten,
und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld
leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber,
und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und
die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und
eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.

Und den König auch ... ja, den König vor allem!

Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch
meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst
ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind
sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt,
als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft,
introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.

So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem
Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm
selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde,
jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist
ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein
tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache
mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische
übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in
meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben,
und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an
seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber,
dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn
ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit
ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern,
die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine
schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen
alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger
Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht
mit Sitte und Anstand verträgt!

Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden
ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen
Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in
Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht
sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von
Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark
widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl
für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne,
die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und
dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden
Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun
wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und
der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:


    1.  Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern
        solle.

    2.  Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.

    3.  Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.

    4.  Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem
        Buch einen soliden Anstrich zu geben.

    5.  Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der
        Niederländischen Handelsgesellschaft.«

    6.  Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass
        man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.

    7.  Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen
        vorgelesen werden sollten.

    8.  Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.

    9.  Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich
        bin Makler.

    10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische
        Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so
        behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden
        würden als bei uns.

    11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries
        Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.


Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile
mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel
fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es
kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein
Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.

Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf
Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das
Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch
fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht
verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch
oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die
schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig
hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde,
dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch
Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom
letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an
alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht,
doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen
angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner
Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts
von Menschen, die ewig unzufrieden sind.

Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach
hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen
Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren,
Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass
ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer
mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass
auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer
Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.

--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n
ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch
'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst
hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was
kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?

Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von
der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen
würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf
dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein
süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet,
oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen
soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit
und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter
sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine
Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite
mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder
Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter
Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften
und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender
Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh,
dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr
unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt
durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich
ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht
aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen
sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch,
rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu
thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.

Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten
auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später
habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist,
die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch
sehr hässlich.

--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.

--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton,
der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine
Frage hätte legen dürfen.

Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden
ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um
meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer
dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz,
dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht
37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn
da viel Umstände machen!

Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den
Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich
hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis
unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel
von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites
Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine
waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde
ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und
mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu
wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil
ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden
wollte, antwortete ich:

--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl
bald kommen, denkst du?

--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen
Tuschkasten zu kaufen.

--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern
oder mit der chinesischen Spieldose.

--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.

Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als
feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der
alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien
auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als
sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie,
spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.

--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?

--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.

Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er
»Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:

--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?

--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen?

--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft
Schüsseln und Brummkreisel.

Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir
sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle,
der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau
ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das
ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr
bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram
weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.

Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte,
um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und
sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da
für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte
bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an
der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor
einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier
eine Stellung erhalten sollte ...

--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.

Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon
wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen
und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.

Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und
vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von
ihm gestellte Ersuchen zu holen.

Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht
klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er
einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen
gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm
meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir
da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein
Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich
anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch
sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie
wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben,
und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt
und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und
ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach
Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen;
denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.

Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich,
dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich
an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich
glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er
einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.

Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und
ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern
nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch
die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich
hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir,
Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht
No. 37.



FÜNFTES KAPITEL.


Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf
dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit
Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem
breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines
bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen
Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam,
verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem
neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein,
nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb
man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden
schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe
der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch
nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen
Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die
zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte
es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf
festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche,
die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen,
oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen
Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren
kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her,
stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd
unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der
verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen
in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man
wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter.

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste
ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen
Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber
das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die
je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden,
wo sie sein wollten.

Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen
Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im
Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren
vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel
Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit,
und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der,
ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im
Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der
Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande
zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.

Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst
nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java
gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei,
die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in
einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt,
Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt
die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo
und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss,
um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an
jener Ecke ...

--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit
der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!

Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen
Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen
schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die
Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick
früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.

Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf
den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt:
die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es
gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und
wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa,
dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist,
lacht über diese Angst.

Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner
Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen,
Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge,
die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich
fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung
bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines
vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich
sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen
Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in
der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des
Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint,
um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung
mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese
Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener
Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von
einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder
jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem
Zustande ...

Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein
Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es
giebt halbe Türme, und ... Türmchen.

Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude,
die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen,
dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze,
die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein
paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne
Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen,
auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.

Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass
selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange
genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich
rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war,
um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe
sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen
Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard
von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn
in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der
Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als
sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen
... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es
einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.

Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren
Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist,
diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber
wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man
wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von
Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl
aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann
den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der
die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch
ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah,
eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung
in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches,
ewiges Gebet.--

Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens
eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten
den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen
Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die
Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen,
alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich
gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss,
war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn
auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz
seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt,
die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung
Pandeglang lagen.

Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch,
der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will,
dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist,
bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war
hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten
nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range
die Verwaltung wahrgenommen hatte.

Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt
geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches
Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin
gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo
erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.

Nach einem Hut mit breitem Rand, einem Regenschirm oder einem hohlen
Baum ist eine Pendoppo gewiss der einfachste Ausdruck der Vorstellung
»Dach«. Denkt euch vier oder sechs Bambuspfähle in den Boden gerammt,
die oben an den Enden durch weitere Bambusstangen miteinander
verbunden sind, worauf dann eine Bedachung von den langen Blättern
der Wasserpalme gesetzt ist, die in diesen Gegenden 'atap' heisst,
und ihr werdet euch die sogenannte 'pendoppo' vorstellen können. Sie
ist, wie ihr seht, so einfach wie nur möglich, und sie sollte hier
denn auch nur dienen als 'pied à terre' für die europäischen und
inländischen Beamten, die dort ihrem neuen Oberhaupt einen Willkomm
an den Grenzen entgegenbringen wollten.

Ich habe mich nicht ganz korrekt ausgedrückt, als ich den
Assistent-Residenten das Oberhaupt auch des Regenten nannte. Eine
Verbreitung über den Mechanismus der Verwaltung in diesen Landstrichen
ist hier für das rechte Verständnis dessen, was folgen wird, notwendig.

Das sogenannte »Niederländisch-Indien«--das Adjektiv »niederländisch«
kommt mir einigermassen unzutreffend vor, doch es wurde offiziell
angenommen--ist, was das Verhältnis des Mutterlandes zur Bevölkerung
angeht, in zwei sehr verschiedene Hauptteile zu zerlegen. Ein Teil
besteht aus Stämmen, deren Fürsten und Fürstchen die Oberherrschaft
Niederlands als »suzerein« anerkannt haben, wobei jedoch noch immer
die unmittelbare Verwaltung im Mehr- oder Mindermass in den Händen
der eingeborenen Häuptlinge selbst geblieben ist. Ein anderer Teil, zu
dem--mit einer sehr kleinen, vielleicht nur scheinbaren Ausnahme--ganz
Java gehört, ist Niederland unmittelbar unterworfen. Von Tribut
oder Besteuerung oder Bundesgenossenschaft ist hier keine Rede. Der
Javane ist Niederländischer Unterthan. Der König von Niederland ist
sein König. Die Nachkommen seiner früheren Fürsten und Herren sind
Niederländische Beamte. Sie werden angestellt, versetzt, befördert vom
Generalgouverneur, der im Namen des Königs regiert. Der Verbrecher wird
abgeurteilt nach dem Gesetz, das vom Haag ausgegangen ist. Die Abgaben,
die der Javane aufbringt, fliessen in den Staatsschatz von Niederland.

Von diesem Teil der Niederländischen Besitzungen, der also in der
That einen Teil des Königreichs der Niederlande ausmacht, wird in
diesen Blättern hauptsächlich die Rede sein.

Dem Generalgouverneur steht ein »Rat« zur Seite, der jedoch auf seine
Beschlüsse keinen entscheidenden Einfluss hat. Zu Batavia sind die
unterschiedlichen Verwaltungszweige »Departements« zugeteilt, an deren
Spitze Direktoren gestellt sind, die das Bindeglied darstellen zwischen
der Oberverwaltung des Generalgouverneurs und den Residenten in den
Provinzen. Bei Behandlung der Geschäfte politischer Bedeutung wenden
sich diese Beamten gleichwohl unmittelbar an den Generalgouverneur.

Die Benennung »Resident« entstammt aus der Zeit, da Niederland nur erst
mittelbar als Lehnsherr die Bevölkerung beherrschte und sich an den
Höfen der noch regierenden Fürsten durch »Residenten« repräsentieren
liess. Diese Fürsten bestehen nicht mehr, und die Residenten sind, als
Gouverneure der Distrikte oder Präfekten, Verwalter von Landschaften
geworden. Ihr Wirkungskreis ist verändert, doch der Name ist geblieben.

Es sind diese Residenten, die eigentlich die Niederländische Autorität
gegenüber der javanischen Bevölkerung darstellen. Das Volk kennt
weder den Generalgouverneur, noch die »Räte von Indien«, noch die
Direktoren zu Batavia. Es kennt nur den Residenten, sowie die Beamten,
die unter ihm über das Volk walten.

Eine solche Residentschaft--es giebt welche, die beinahe eine Million
Seelen fassen--ist geteilt in drei, vier oder fünf Abteilungen oder
Regentschaften, an deren Haupt »Assistent-Residenten« gestellt
sind. Unter diesen wieder wird die Verwaltung durch Kontrolleure
ausgeübt, durch Aufseher und eine Anzahl von anderen Beamten, die
nötig sind für die Eintreibung der Abgaben, für die Inspektion des
Landbaues, für die Aufführung von Gebäuden, für die Staatswasserwerke,
für die Polizei und das Rechtswesen.

In jeder Abteilung steht ein Inländischer Häuptling hohen Ranges mit
dem Titel eines »Regenten« dem Assistent-Residenten zur Seite. So
ein Regent gehört, obwohl sein Verhältnis zur Verwaltung und sein
Arbeitsfeld ganz das eines besoldeten Beamten ist, immer zum hohen Adel
des Landes, und oftmals zu der Familie der Fürsten, die früher in der
Landschaft oder in der Nachbarschaft unabhängig regiert haben. Sehr
diplomatisch wird also von ihrem uralten, feudalen Einfluss--der in
Asien überall von grossem Gewicht ist und bei den meisten Stämmen als
ein Religionsmoment zu erkennen ist--Gebrauch gemacht, sintemal durch
die Ernennung dieser Häuptlinge zu Beamten eine Hierarchie geschaffen
wird, an deren Spitze die Niederländische Autorität steht, die durch
den Generalgouverneur ausgeübt wird.

Es ist nichts Neues unter der Sonne. Wurden nicht die Reichs-, Mark-,
Gau- und Burggrafen des Deutschen Reiches ebenso durch den Kaiser
angestellt und meistens aus den Baronen ausgewählt? Ohne weiteres
Eingehen auf den Ursprung des Adels, der ganz in der Natur der Sache
liegt, möchte ich doch dem Hinweis Raum geben, wie in unserm Erdteil
und drüben im fernen Indien dieselben Ursachen dieselben Folgen
hatten. Ein Land muss aus weiter Entfernung regiert werden, und hierzu
sind Beamte nötig, die die Zentralgewalt vergegenwärtigen. Unter
dem System der soldatesken Willkür setzten die Römer hierfür die
»Präfekten« ein, im Anfang gewöhnlich die Befehlshaber der Legionen,
die das betreffende Land unterworfen hatten. Solche Ländergebiete
blieben dann auch »Provinzen«, d. h. erobertes Gebiet. Doch als
später die zentrale Gewalt des Deutschen Reiches das Bedürfnis fühlte,
ein etwas ferngelegenes Volk, sobald das Gebiet durch Gleichheit in
Abkunft, Sprache und Gewohnheit als zum Reiche gehörig betrachtet
wurde, noch auf andere Weise an sich zu binden als allein durch
materielles Übergewicht--erwies es sich als notwendig, jemanden
mit der Leitung der Geschäfte zu betrauen, der nicht allein in dem
betreffenden Lande zu Haus war, sondern durch seinen Stand über seine
Mitbürger in der Gegend erhoben war, damit der Gehorsam gegen die
Befehle des Kaisers erleichtert werde durch gleichzeitige Neigung
zur Unterwerfung unter den, der mit der Ausführung dieser Befehle
betraut war. Hierdurch wurden dann zugleich ganz oder teilweise
die Ausgaben für ein stehendes Heer vermieden, die der allgemeinen
Staatskasse, oder, wie es meist war, den Provinzen selbst zur Last
fielen, welche durch solche Heere bewacht werden mussten. So wurden
die ersten Grafen aus den Baronen des Landes ausgewählt, und genau
genommen ist also das Wort »Graf« kein adeliger Titel, sondern nur die
Benennung einer mit einem bestimmten Amt betrauten Person. Ich glaube
denn auch, dass im Mittelalter die Meinung bestand, dass der deutsche
Kaiser wohl das Recht hatte, Grafen, d. h. Landschaftsverwalter, und
Herzöge, d. h. Heerführer, zu ernennen, doch dass die Barone, was
ihre Geburt angeht, dem Kaiser gleich und allein von Gott abhängig
zu sein behaupteten, unbeschadet der Verpflichtung, dem Kaiser zu
dienen, falls dieser mit ihrer Zustimmung und aus ihrer Mitte erwählt
war. Ein Graf bekleidete ein Amt, zu dem ihn der Kaiser berufen. Ein
Baron betrachtete sich als Baron »durch die Gnade Gottes«. Die Grafen
vertraten den Kaiser und führten als solche dessen Panier, d. h. die
Reichsstandarte. Ein Baron brachte Volk auf die Beine unter seiner
eigenen Fahne, als Bannerherr.

Der Umstand nun, dass Grafen und Herzöge gewöhnlich den Baronen
entnommen wurden, brachte zuwege, dass sie das Gewicht ihres Amtes
neben dem Einfluss, den sie ihrer Geburt entlehnten, in die Schale
legten, und hieraus scheint später, vor allem als die Erblichkeit
dieser Stellungen Gewohnheit geworden war, der Vorrang entstanden zu
sein, den diese Titel vor dem eines Barons hatten. Noch heutzutage
würde manche freiherrliche Familie--ohne kaiserliches oder königliches
Patent, d. h. eine solche Familie, die ihren Adel vom Urentstehen
des Landes herleitet, die immer von Adel war, weil sie von Adel
war--autochthon--eine Erhebung in den Grafenstand als entadelnd
abweisen. Man hat Beispiele dafür.

Die Personen, die mit der Verwaltung solcher Grafschaft beauftragt
waren, trachteten natürlich von dem Kaiser zu erlangen, dass ihre
Söhne, oder, falls dieselben fehlten, andere Blutsverwandte, ihnen
in ihrer Stellung folgen sollten. Dies geschah denn auch gewöhnlich,
obschon ich nicht glaube, dass je das Recht auf diese Nachfolge
organisch anerkannt worden ist, wenigstens, was diese Beamten in den
Niederlanden angeht, z. B. die Grafen von Holland, Seeland, Hennegau
oder Flandern, die Herzöge von Brabant, Gelderland u. s. w. Es
war zu Anfang eine Gunst, bald eine Gewohnheit, schliesslich eine
Notwendigkeit, doch niemals wurde diese Erblichkeit Gesetz.

Ungefähr in der gleichen Art--was die Wahl der Personen angeht, da hier
von Gleichheit des Arbeitsfeldes nicht die Rede ist, wiewohl auch in
dieser Hinsicht eine gewisse Übereinstimmung ins Auge fällt--steht an
der Spitze einer Abteilung auf Java ein eingeborener Beamter, der den
ihm von der Regierung verliehenen Rang mit seinem autochthonen Einfluss
verbindet, um dem europäischen Beamten, der die Niederländische
Autorität wahrnimmt, die Verwaltung zu erleichtern. Auch hier ist
die Erblichkeit, ohne durch ein Gesetz bestimmt zu sein, zu einer
Gewohnheit geworden. Noch bei Lebzeiten des Regenten findet meistens
diese Regelung statt, und es gilt als eine Belohnung für Diensteifer
und Treue, wenn man ihm die Zusage giebt, dass ihm als Nachfolger in
seiner Stellung sein Sohn folgen werde. Es müssen schon sehr gewichtige
Gründe vorhanden sein, wenn einmal von dieser Regel abgewichen wird,
und wo dies der Fall sein sollte, wählt man doch gewöhnlich den
Nachfolger aus den Mitgliedern dieser selben Familie.

Das Verhältnis zwischen europäischen Beamten und derartigen
hochgestellten javanischen Grossen ist sehr heikler Art. Der
Assistent-Resident einer Abteilung ist die verantwortliche Person. Er
hat seine Instruktionen und steht da als das Haupt der Abteilung. Dies
hindert jedoch nicht, dass der Regent durch Ortskenntnis, durch Geburt,
durch Einfluss auf die Bevölkerung, durch finanzielle Einkünfte
und hiermit übereinstimmende Lebensweise weit über ihn erhoben
steht. Obendrein ist der Regent, als Repräsentant des javanischen
Elements eines Landkomplexes und bestimmt, im Namen der hundert- oder
mehr tausend Seelen zu sprechen, die seine Regentschaft bevölkern,
auch in den Augen der Regierung eine Person von viel grösserer
Wichtigkeit als der simple europäische Beamte, dessen Unzufriedenheit
nicht gefürchtet werden braucht, da man für ihn viele andere an die
Stelle bekommen kann, während die minder gute Stimmung eines Regenten
vielleicht der Keim von Aufruhr oder Aufstand werden könnte.

Dem allen ist also der merkwürdige Umstand zuzuschreiben,
dass eigentlich der Geringere dem Vornehmeren befiehlt. Der
Assistent-Resident gebietet dem Regenten, ihm Angaben über dies
und das zu machen. Er gebietet ihm, Steuern einzutreiben. Er ruft
ihn auf, Sitz im Landrat zu nehmen, wo er, der Assistent-Resident,
den Vorsitz führt. Er tadelt ihn, wo er einer Pflichtversäumnis
schuldig ist. Dieses sehr eigenartige Verhältnis ist nur denkbar bei
äusserst höflichen Formen, die gleichwohl weder Herzlichkeit, noch,
wo es nötig scheint, Strenge ausschliessen brauchen, und ich glaube,
dass der Ton, der in diesem Verhältnis herrschen muss, sehr treffend
in der offiziellen Vorschrift angedeutet ist, die dahin geht: der
europäische Beamte habe den inländischen Beamten, der ihm zur Seite
steht, zu behandeln wie seinen »jüngeren Bruder«.

Aber er vergesse nicht, dass dieser »jüngere Bruder« bei den
Eltern sehr beliebt ist--oder gefürchtet--und dass bei vorkommenden
Zwistigkeiten sein dieserweise konstruierter Altersvorsprung als
Beweggrund in Rechnung gebracht werden kann, ihm übelzunehmen, dass
er seinen »jüngeren Bruder« nicht mit mehr Nachgiebigkeit oder Takt
behandelte.

Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen--selbst der geringe
Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse--macht
gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es
sonst sein würde.

Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit
freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent
seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde
beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert,
wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand,
Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den
Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und
schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist
zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.

Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor
dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer
ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an
Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich
ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet
und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte
sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen
das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: 'Tommongong', 'Adhipatti',
ja, sogar 'Pangerang', d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für
ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es
von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer
ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein 'Kratoon', mit
vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat,
mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen
mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt
von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise
zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent
begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen
des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt
bürgerlich, der Regent lebt--oder man erwartet von ihm, dass er so
lebt--wie ein Fürst.

Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung,
die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies,
und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu
einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen
würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben
hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen
Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten,
die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen
haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die
sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte
verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen,
ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig
von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.

Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile
teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste
Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die
Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung
in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft
erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und
schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über
das Eigentum ihrer Unterthanen.

Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der
Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er
geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu
Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung
seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er
wächst auf inmitten seiner 'sawah's' und 'gagah's' und 'tipar's',
begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld,
wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen
und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine
Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde
stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm
'padie', d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau
unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange
den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von
ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das
ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das,
was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.

Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes
machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit
des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner
Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen,
die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den
geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache
Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also
nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des
Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen.

Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in
Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so
kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik
war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand
fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende
Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort
geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen,
was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte
irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den
Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach
Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind
hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren
obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze
Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt
werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er
nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft
der Nation vermindern würde.

Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die
sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.

Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache
Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl
ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich
flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu
Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord
der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande
reich machen.

Hungersnot? Auf dem reichen, fruchtbaren, gesegneten Java
Hungersnot? Ja, Leser. Vor wenigen Jahren sind ganze Distrikte
ausgestorben durch den Hunger. Mütter boten ihre Kinder als Speise
zu Kauf an. Mütter haben ihre Kinder gegessen ...

Aber dann hat sich das Mutterland um die Sache bekümmert. In den
Beratungssälen der Volksvertretung ist man darüber unzufrieden gewesen,
und der damalige Landvogt hat Befehl geben müssen, dass man es in
der Verbreitung der sogenannten »europäischen Marktprodukte« fortan
nicht wieder treiben dürfe bis zur Hungersnot ...

Ich bin hier bitter geworden. Was möchtet ihr denken von jemandem,
der solche Dinge niederschreiben kann ohne Bitterkeit?

Mir bleibt noch übrig, über die letzte und vornehmlichste Art der
Einkünfte von Inländischen Häuptlingen zu sprechen: die Macht der
willkürlichen Verfügung über Personen und über das Eigentum ihrer
Unterthanen.

Gemäss der allgemeinen Auffassung in beinahe ganz Asien gehört der
Unterthan mit allem, was er besitzt, dem Fürsten. Dies ist auch auf
Java der Fall, und die Nachkommen oder Verwandten der früheren Fürsten
nutzen gern die Unkenntnis der Bevölkerung aus, die nicht recht
begreift, dass ihr 'Tommongong' oder 'Adhipatti' oder 'Pangerang'
jetzt ein besoldeter Beamter ist, der seine eigenen und ihre Rechte
für ein bestimmtes Einkommen verkauft hat, und dass so die kärglich
belohnte Arbeit in Kaffeegarten oder Zuckerfeld an die Stelle der
Abgaben getreten ist, die früher durch die Herren des Landes von den
Schollenbewohnern gefordert wurden. Nichts ist also alltäglicher, als
dass hunderte von Familien aus weiter Entfernung aufgerufen werden,
ohne Bezahlung Felder zu bearbeiten, die dem Regenten gehören. Nichts
ist alltäglicher als die unbezahlte Lieferung von Lebensmitteln zum
Unterhalt der Hofhaltung des Regenten. Und so der Regent ein gefälliges
Auge werfen mag auf das Pferd, den Büffel, die Tochter, die Frau
des geringen Mannes, würde man es unerhört finden, wenn dieser die
bedingungslose Verzichtleistung auf den begehrten Gegenstand weigerte.

Es giebt Regenten, die von solcher Macht der willkürlichen Verfügung
einen mässigen Gebrauch machen und nicht mehr von dem geringen Mann
fordern, als zur Erhaltung ihres Ranges durchaus nötig ist. Andere
gehen etwas weiter, und ganz und gar fehlt diese Ungesetzlichkeit
nirgends. Es ist denn auch schwierig, ja, unmöglich, diesen Missbrauch
ganz auszurotten, da er seine tiefen Wurzeln in der Anlage der
Bevölkerung selbst hat, die darunter leidet. Der Javane ist freigebig,
vor allem wo es sich darum handelt, einen Beweis der Anhänglichkeit an
seinen Häuptling zu geben, an den Nachkommen dessen, dem seine Väter
gehorchten. Ja, er würde meinen, er ermangele der rechten Hochachtung,
die er seinem erblichen Herrn schuldig ist, wenn er dessen »Kratoon«
ohne Geschenke beträte. Solche Geschenke sind denn auch manchmal
von so geringem Werte, dass die Abweisung eine Verletzung in sich
schliessen würde, und oft ist demgemäss diese Gewohnheit eher der
Huldigung eines Kindes zu vergleichen, das seine Liebe zum Vater
durch die Darbringung eines kleinen Geschenkes zu äussern sucht,
als dass man sie als Tribut an tyrannische Willkür auffassen dürfte.

Allein ... also wird durch einen »lieben Brauch« die Beseitigung von
Missbrauch gehindert.

Wenn der Alun-alun vor der Wohnung des Regenten in verwildertem
Zustande läge, würde die umwohnende Bevölkerung sich dessen schämen,
und es wäre viel Macht nötig, um sie zu hindern, den Platz von Unkraut
zu säubern und ihn in einen Zustand zu bringen, der mit dem Range
des Regenten übereinstimmt. Hierfür irgend eine Bezahlung zu geben,
würde allgemein als eine Beleidigung angesehen werden. Doch in der
Nähe dieses Alun-alun oder anderswo liegen Sawahs, die des Pfluges
warten, oder einer Leitung, die das Wasser dahin führe, manchmal aus
meilenweiter Ferne ... diese Sawahs gehören dem Regenten. Er ruft,
dass sie seine Felder bearbeite oder wässere, die Bevölkerung ganzer
Dörfer auf, deren eigene Sawahs ebensosehr die Bearbeitung verlangen
... der Missbrauch ist da.

Dies ist regierungsseitig bekannt, und wer die »Staatsblätter« liest,
worin die Gesetze, Instruktionen und Anweisungen für die Beamten
enthalten sind, jauchzt der Menschenliebe zu, die beim Entwerfen
derselben den Vorsitz geführt zu haben scheint. Überall wird dem
Europäer, der mit irgend einer Autorität in den Binnenlanden bekleidet
ist, als eine seiner teuersten Verpflichtungen ans Herz gelegt, der
Bevölkerung Schutz zu bieten gegen ihre eigene Unterwürfigkeit und
die Habsucht der Häuptlinge. Und, als wäre es nicht genug, dass man
diese Verpflichtung im allgemeinen vorschreibt, es wird noch von den
Assistent-Residenten beim Antritt der Verwaltung einer Abteilung ein
»besonderer Eid« gefordert, dass sie diese väterliche Fürsorge für
die Bevölkerung als eine erste Pflicht betrachten würden.

Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu
lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen
zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen
zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe,
das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass
man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen
Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner
Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die
erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung,
die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird
keinen weiteren Sold begehren.

Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig
zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz
zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und
Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran
mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus
Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht
der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische
Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann,
und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele
Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen
Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent
sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald
in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches
durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o,
sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn
Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür
Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies
geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben,
ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung,
dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und
also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?

Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her,
die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben,
den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne
sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer
Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in
seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung,
die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn
verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte
Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt
oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?

Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon
daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge,
die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer
Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend
anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen,
dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen,
und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen
Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.

Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu
bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen
Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.



SECHSTES KAPITEL.


Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn
dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen-
und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer,
in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern
in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr
unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es
nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass
entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt,
aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich
gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam,
hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit
... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig,
ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen
zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt,
überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den
Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er
denn auch nicht begehrte.

Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit
Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von
Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den
Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts
im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine
Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo,
steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht
zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.

Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine
hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder
dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem
Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen,
die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener
von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder
umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti
Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.

Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde,
eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger
sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der
über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte
ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer,
die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er
von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem
Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner
Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine
Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man
mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe
anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte,
um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den
Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen,
doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss
geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in
brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben
werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem
guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten
Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden,
und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie
durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen
wird, das er lieber nicht beträte.

Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen
übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache
Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug
verdient.

Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das
Wetter und den Regen.

--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson.

Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den
Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder
einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren
Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo
niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet
in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt,
der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem
Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen
so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des
Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk,
die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat,
indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn,
und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.

--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent,
wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich
dabei ein Betelblatt mit Kalk.

--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete
Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema
berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er
hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege
von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als
die lebakschen.

Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der
kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer
kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo,
wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon
seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot
gefärbt, und er sagte dann endlich:

--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.

Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem
der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich
herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine
Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer
benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche
zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die
bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin
hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor
allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass
also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte
leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten
von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte.

--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...

Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste,
dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde
für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es
schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den
Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte
wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe.

--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de
kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde
... das ist der Tuwan kommendaan.

--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist
der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen
schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!

--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet
hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.

--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn
Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen
sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm
herein!

Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer
Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es
war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison
von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre
Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in
Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen
hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit
und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?«

--Willst du Thee, Duclari?

--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist
erfrischender.

--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich
Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh
mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten
sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder
von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...

--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals
gesehen.

--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's.

--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und
auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der
neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?

Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der
Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin
zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss,
oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal
fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:

--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen
Assistent-Residenten kennt?

--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn
niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe
dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles!

--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht
zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber?

Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es
verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem
Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei,
jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.

--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer
Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der
Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein
von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr
sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches
Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt!

--Das habe ich nicht gesagt, Duclari!

--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem,
was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser
springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt.

--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...

--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das
war keine Sache!

--Es war witzig ...

--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber
einem General.

--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war
vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.

--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?

--Das that er, um den General zu ärgern.

--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der
obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht
find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!

--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für
den Schwächeren.

--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun
durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo
es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in
bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf
zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser
Beziehung geändert hat.

--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter,
dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies,
ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes
Gefühl hat für Recht.

--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas
passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?

--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann
denkt er, dass wir darüber sprechen.

Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor,
und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er
Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen
sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu
erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.

--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich
wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen,
um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der
gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine
Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit
zu schaffen hat, das befremdet mich!

--Und was hast du geantwortet, Duclari?

--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste,
oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung
angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.

--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief
auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit
seinem Tudung schwenkt.

Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der
Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen
zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über
ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war,
stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.

Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo,
und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern,
der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude
stillhielt.

Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten
mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl
Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen
und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten
mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte,
mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als
die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun,
Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles
so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf
Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem
Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt
ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist,
sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt,
die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil
des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der
Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden,
die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu
lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren,
was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss
schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört
und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd,
dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den
man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.

Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem
denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des
Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft
gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes
haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten,
daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft
in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so
weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb
mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt
hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam,
dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der
mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen
des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links
wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh,
das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und
Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von
Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man
kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine
Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen
neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den
Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und
gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.

Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich
etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht,
doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein
kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man
vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr
Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung
und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte,
von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden,
will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht
ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben
werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk
in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an
den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in
den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und
Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich,
was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger
Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des
Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas,
das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung
im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich
doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere
Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.

Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen
behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im
Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden
Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf
folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde
es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag
wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das
Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten
sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten
am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter.

Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem
Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung
annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass
sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es
war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak
eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt,
eine Assistent-Residentschaft ist.

Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die
geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert
und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas
schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier
nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe
durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf
geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache
nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen
das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns
nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die
ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich
habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin
jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken
solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen,
ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.

Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit
zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie
möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich
fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs,
euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich
versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren
der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so
sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe,
ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der
Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach
nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände,
oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen
seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille,
die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das,
wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz
zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war
gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte
hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem
dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt
haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das
Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn
gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung,
dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden
dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden
Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen
empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm
ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten
der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig
macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht
sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft
von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.

Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden
Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin,
der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und
vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung
und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener
Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben
bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war,
dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie
in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen
liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der
Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche
des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen,
sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing
denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere
Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein
Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer
Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein
Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie
eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die
man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust
verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen
von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.

Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern,
dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden
werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu
zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr
angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte,
der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist
gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man
noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das
nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun,
sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht
auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.

Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und
behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen
Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in
ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten,
wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung
nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an
den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige,
die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass
sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den
Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf
wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer
am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und
er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen,
erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der
Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle
Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste
Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für
Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten,
nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das
höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere
Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und
mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit
manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz,
der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben
als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste
Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im
höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem
Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich
Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er
gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen
über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen
Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft
war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem
Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er,
vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel
keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass
seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich
und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil
Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist
etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung
von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn
seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu
lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies
er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war,
lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er
war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte
Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende
weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er
fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und
zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell
bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für
Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach
in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der
Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend
denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch
ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen
dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit,
doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde
seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für
geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht
bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer
ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte
auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der
eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo
dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren
und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!

Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen
schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer
Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem
Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre
Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss
lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte
Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich
an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu
hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar
zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir
vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich
durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich
werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich
mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das
ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe
der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe,
als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die
ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste,
welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst
dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend
in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das
in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik,
die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.

Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so
wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der
Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute,
die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie
zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu
erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse
verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine
Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen
Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche
auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu
dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch
diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann
mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen,
ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder
keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht
zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu
verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all
den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig
Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen,
die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten
aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen
dieses Drama mitgespielt hatten.

Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen
berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu
geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos
Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an
den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben
hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in
ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der,
ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein
feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man
stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede
Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und
glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den
vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener
schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus
das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss,
dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder
von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht,
da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des
Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände
veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss,
dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der
Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.

Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem
hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.

Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst
sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein,
viel gelitten, da ist Erfahrung!

Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und
sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das
den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten,
mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg,
Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben«
in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang
gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen,
Religionen und Gesichtsfarbe.

Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und
dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben
gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im
Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und
die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.

Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten
konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig
auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie
Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes
Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein,
denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.

Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein
Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine
Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse
Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen',
und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der
Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte
seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl
etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei
jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern
sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin
mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher,
als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm
nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert
sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund,
und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'.

Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in
Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal
kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und
wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen
Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu
thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für
ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab,
that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die
es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache.



SIEBENTES KAPITEL.


Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem
neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte
höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef
hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche
Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art
Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem
Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person,
die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer
Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen
Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch
einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte,
was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der
Etikette nicht hätte thun brauchen.

--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr
Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst
in Rangkas-Betung zu begegnen.

--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie
möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der
Adhipatti.

--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern
einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und
dazu noch zu Pferde!

--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin
ich noch immer stark und gut auf den Beinen.

--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?

--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze.

--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal
sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder
zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir
Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr
von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max
auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.

--Es. Ist. Mir.

--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht
ein ...

--Recht! sagte der Resident.

--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch
den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir
können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr,
Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal,
Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge
... unser Max!

Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz
genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel
mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der
Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte
Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

--Ist der Regent immer so diensteifrig?

--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar,
und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie
machen möchte.

--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er
besitzt Bildung, nicht wahr?

--O ja ...

--Und er hat eine grosse Familie, wie?

Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang
nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte,
schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen
häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn
dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging,
so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche
Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei
solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf
den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?

So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren,
und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:

--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.

--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar
fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten
selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen
diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.

Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet
werde.

--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun
einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?

--Ja, das könnte wohl besser sein ...

--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar,
als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der
Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge
sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die
Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in
einem Atem also fort:

--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige
hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur
sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend
gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja,
Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und
auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren
früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar
ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das
ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch,
wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen
mal hingehen, Max!

Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig
zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem
Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch
nicht begehrt hatte.

--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den
Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut
darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte
Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent
ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch,
ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem
halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent,
meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben
und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.

Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den
Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw
Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten
früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant
meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der
die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex,
wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden
kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen
den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig,
dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten
hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch
immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich
ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später
allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein,
wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.

Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete,
indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis
Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt
seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr
davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der
kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter,
die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben,
dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren
Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in
einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen
Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.

--M'nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.

--Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich
möchte einer Dame ...

--Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe
hinterher.

--Ich möchte einer Dame in ihren Umständen nicht gern mein Haus
verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?

Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.

--Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge. Es ist
Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.

--Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...

--Ich. Wagte. Es. Ihr.

--Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt's gar keinen Zweifel!

--Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.

--Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.

--Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.

--Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!

Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde,
setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau
Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein
erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte
in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den
Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst
zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen
konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:

--Eine. Eingeborne. Frau.

--O, das bleibt sich gleich, suchte Mevrouw Havelaar verständlich zu
machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt
sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.

Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der
zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die
Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das
Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen,
die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das
Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies
jedoch nicht gethan, zum Teil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald
wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener
Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug
gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung
selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das
früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen
baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.

Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei
dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung
des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen
Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine
Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag,
denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.

Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine
»eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später
wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der
Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung,
wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel
endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.

Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen
Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu
erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:

--Weil. Er.

Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...

--So. Drängend. Zu thun. Habe.

... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe
Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder
zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon
mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon,
dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, und schliesslich
allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten,
Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.

Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar
besah ihre neue Wohnung und war sehr entzückt von ihr, vor allem
weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max,
der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre
Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt,
der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm
erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen,
die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder
zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und
Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an,
dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der
Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.

Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der
Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein
wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach
der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs
empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes
Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge
geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte
auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein
Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident,
der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee
mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.

Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des
Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten
von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den
Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur
Hand, worin der Eid stand, der bei Antritt eines Amtes allgemein
vorgeschrieben ist und der besagt:


    »... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert
    zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe,
    versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu
    sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam
    den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass
    man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und
    Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass
    man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier:
    Assistent-Residenten) gezieme.«


Darauf folgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott
der Allmächtige!«

Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in
diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis:
»der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung
und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden
Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf
die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen,
dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch
der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten
nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem
Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung
bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen
ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum
Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung
schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.

Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben,
auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des
Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich
zeigte. Beide hatten sie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren
Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht
in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen
und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf
die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe
dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie
gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte,
was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber
doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst,
der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der
Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar
hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach,
in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien:
»das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige«
würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr
Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare
Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.

Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann,
der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von
Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde
durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte,
sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?

Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er
sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott
dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.

Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge,
worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der
Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren
Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr
waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar bei
Namen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation«
war vor sich gegangen.

Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der
Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben
bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder
angelangt sein wollte:

--Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.

... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung
wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen
Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies
nicht an dem Grossen Wege gelegen war.

Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen
angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr
eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge
erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise
nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie
Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei
ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte
er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde,
höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder
wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.

Max und 'seine Tine' waren erst unlängst von einer Reise nach Europa
zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst
sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich
also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen
Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften. Vor ihrer Reise nach
Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er
mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses
Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte,
und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten
Zeit getroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist
des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die
geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger
über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen
Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...

Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand
schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde;
er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen
Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit
dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!

Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag,
doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten
derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu
unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach
Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung
Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in
der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein
Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne
Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war,
schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum
Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm
jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig
an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer
Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst
freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war
keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder
grösseren Gewinn.

Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf
seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in
früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und
er war also mit einem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine
Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak
nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit
einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen
sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.

Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst
betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken,
ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen
bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben
eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst,
begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie
unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr
Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht
noch lebendiger, wenn auch 'seine Tine' und Max, die er beide so
lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten
... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit,
als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen
... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser
oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu
gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet
der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum
Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max
besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein
Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen
Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten,
der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.

Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak
angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von
dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem
eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die
alles so »comfortable« und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich
gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine
Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des
Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets
eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und:
»dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen,
wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von
dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte,
die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste
diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn
zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet
ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«

Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner
Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer
Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn
man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck
zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem
Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden
haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu
empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich
zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.

Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine
Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie
in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten
der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer
Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte,
von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch,
ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde
alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...

--Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde, Tine, wenn ich Lebak
verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam
sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen,
auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben,
recht lange!

Nun brauchte er sie nicht zur Sparsamkeit anspornen. Sie war wahrlich
nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie
war so in sein Ich verschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht
als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn
Havelaar wusste sehr gut, dass er allein gefehlt hatte durch seine
zu weit getriebene Freigebigkeit, und dass ihr Fehler--wenn überhaupt
ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war--allein darin gelegen hatte,
dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.

Ja, sie hatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus
der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals
»aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter
dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der
Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen
hätten«. Sie fand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften
Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug
überschüttete. Sie begriff vollkommen, dass er die Logisrechnung
der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück
wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe
gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für
ihren elenden Betrieb. Sie konnte es nicht missbilligen, dass er das
Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen
hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu
wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor
er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte. Sie fand es sehr
schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die
Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören, wie weh es
ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren
müssten. Sie begriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu
Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf
den Tisch des Auktionators steigen musste. Sie fand es natürlich,
dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den
Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde
wiedergab. Sie hatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina
die Schiffbrüchigen der 'whalers', der Walfischfänger, in sein Haus
rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete,
als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung
vorgelegt hätte. Sie begriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe
jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten,
und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.

War er nicht ihr Max? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es
nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an
die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere
gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine
Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,
ihr Max, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht
alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne
Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien
Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über
das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar,
dass er nicht schon König war?

Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die
Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je,
dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel
geliebt!

Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen
Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es
doch erlaubt, anzunehmen, dass er eine gute Laufbahn vor sich hatte,
und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären
in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus
dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art
entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.

Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen
von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie
ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch
Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen
losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten
Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie
mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl
deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren
gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte,
wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein
liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten
einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron
van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des
Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen
Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben,
was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen
Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel
er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es,
die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn
Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen
Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später
im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr
sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem
Leichnam seines Vaters gesucht hatte.

Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich,
dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und
aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des
Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in
einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig
die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein
grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich
unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite
Glied übergegangen.

Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach
seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine
Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie
mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen,
dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht
von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie
uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände
die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man
mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige
Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches
Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen
Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht,
gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man
einen »Millionentraum« nennen könnte.

Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und
scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben
sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von
Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er
hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick
verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er
schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen
Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem
anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit
dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören,
worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube,
dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des
Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante
Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas
Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen:
»Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«

Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln,
und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei
der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte,
dass er zu viel Geld ausgab.

Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten
hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt
hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers,
war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um
die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben
meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung
... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu
führen ist.

Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es
irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen
über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein
wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von
problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine
Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und
derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze
Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so
gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm,
als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit
erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles
wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus
Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen
ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen
Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe,
die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar
so oftmals hatten sagen lassen:

--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht
entziehen kann?

Und worauf sie stets geantwortet hatte:

--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!

Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak
Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens
zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen
in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im
Besitz ihres Kindes ...

--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch
Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen
Lilien ...

Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an
ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei
Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen
sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.

Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über
bis zum folgenden Morgen.



ACHTES KAPITEL.


Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in
Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis
zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die
er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im
Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas
weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist
sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder
sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten
Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte
den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.

Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber
dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude,
das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt,
wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer
ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet
war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den
folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat
ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen
Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und
legte sie zu näherer Prüfung beiseite.

Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident
am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher,
dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch
man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben,
um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich
begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen
eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie
sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften
überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen,
als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten,
und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde,
als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«

Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach
wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er
gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr
die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch
Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der
Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern
können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm
wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch
logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache
an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache
gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart,
als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine
Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit
verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das
süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen
Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl
seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen
bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr
verschieden sind von den unseren.

Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:

--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr,
Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser
Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt,
und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze,
und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der
Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!

Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier
Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.

Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch
Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine
Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross,
wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb,
doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die
Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen
... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und
ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre
Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.

Ich grüsse Euch alle sehr.

Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich
Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr
erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul
betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure
Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in
Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es
sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben
und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von
andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern
Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.

Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war
ich froh im Innersten meiner Seele.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum
giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein
Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.

Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in
den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten
suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege,
da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des
Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen
dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die
Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es
sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und
Danksagung aus Weinen?

Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!

Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück
grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf
das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht
alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor
der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude:
die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die
Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit,
die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind
gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn
bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit
Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden
sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus,
und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen
Vater gekannt.«

Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!

Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft
zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele
Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder
gering?

Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung,
das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind
die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den
Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das
Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«

Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und
die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder
die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt
ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben
hat, hier zu arbeiten.

Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner
wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die
Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und
nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an
vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach
dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es
ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün
ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch
sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide
reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs,
deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern
lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!«

Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den
Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen
lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die
Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände
erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da,
Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will
es so!«

Doch nicht also in Bantan-Kidul!

Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer
Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen
Tiger sähet auf seinem Wege?

Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser
Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.

Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend
von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die
unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern
begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung
empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst,
vor dem Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder
sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in
fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie
kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die
Aufständischen erschlägt.

Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele,
die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum
fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an
seinem Fusse?



Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den
Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn
hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in
seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das
zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das
Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz
darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu
den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser
Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an,
der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz
geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne
Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier
nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte
den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich
waren für solche Sprache.

Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte,
waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was
er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel,
die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit
dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir
sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck:
»stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete,
zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft
hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders
sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem
oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin
ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke
des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie
diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas,
dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.

Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt,
dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären,
die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass
er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen
liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass
dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in
Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern
von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und
glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung
so deutlich verstanden hatte.

Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die
Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar
sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments
erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe,
wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher
hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf
Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden
Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend
wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn
zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir,
dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals
die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden
wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren,
Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem
der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger
Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit
seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das
Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:


    Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...
      Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ...
    Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:
      Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!
    Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören,
      Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,
    Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...
      Und rollend ruft sein Donner: Majestät!
    . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte
schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können
glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall,
an den erbebenden Bergwänden zurief?

Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«,
sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem,
was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein
Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder
in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem
er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und
ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch
bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte
Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich
so beengt darin fühlte.

Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten
Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink
befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit
Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach
den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt
eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge
denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen,
mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien
in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die
hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter
den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt
haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt
er? Wem gelten seine Fragen?«

Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das
Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die
Augen zur Erde.

»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend,
das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den
Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang
fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte
die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer
Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit
erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien
dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen,
der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber
zu neigen schien.

--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.

Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.

Hierauf fuhr Havelaar also fort:

--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von
Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere
Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend
Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen
zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von
seinem Willen.

Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder
seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend
über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den
Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und
über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen,
wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.

Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo
fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in
seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften,
die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner
Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht,
weil er Strafe fürchtet.

Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass
jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande
laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm,
dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde
thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter
Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine
Pflicht ist.

Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!

So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber
verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel
dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger
haben ... wer wird sie strafen?

Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent
würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und
auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr,
noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...

Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?

Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird
gethan werden.

Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden
bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird
sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in
den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben
ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann,
der gestorben ist?« Und man wird sagen:

»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger
nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab
wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch
den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er
suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause
der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo
man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die
Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete
sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er
sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«

Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn
zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch
gestorben.«

Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause
und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang
der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«

Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem
Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die
Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:

»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er
verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker
mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker
der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte
sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut
der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge,
doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste
den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie
ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger,
der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine
Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«

Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir
fluchen niemandem!«

Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!

Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und
was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?

Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme
spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den
Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte
aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen
sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen
gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner
Frau?«

Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im
einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen,
das Eindruck machen musste, fort:

--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und
darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer
geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite
versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht
streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen
oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit
werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer
Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas
wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?

--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen
in Lebak.

--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns
eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so
arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält,
werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist
fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss
seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass
binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl
wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in
Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen,
der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt,
Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung
sehr anempfohlen.

Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht,
Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.

Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren,
ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«----



Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete
ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie
erwartete.



--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie
... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa,
höret einmal!

So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich
anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war
im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.

--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst
hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?

--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer
de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer
gesprochen hatte.

--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon
nicht mehr, was ich gesagt habe.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...

Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max
gesprochen.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind
wäre.

Das that Tine wohl: sie fand es auch!

Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah
auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben
auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.

Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz
anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war
einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst«
in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit
dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent,
ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht
ausbezahlt werden könnten.

--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies
nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.

Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht
abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges
Antwort ihm wider den Strich ging.

--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen,
sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen
das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut
befunden werden.

Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge,
der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:

--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs
Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn
nun ein Manco sich herausstellt?

--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.

Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem
Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben
war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar
zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle

--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent
hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem
... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld
nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete
lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann
von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen
sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch
getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's?

Verbrugge schwieg. Er wusste es.

--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer
Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat
der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne
Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's?

Dieses wusste Verbrugge nicht.

--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es,
fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den
Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der
Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin
sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum
Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?

--Ich habe sie noch nicht gesehen ...

--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die
Angaben vom vorigen Monat richtig?

Verbrugge schwieg.

--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr
Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen
bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in
den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?

Verbrugge schwieg.

--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr
Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und
Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der
von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist
Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee
ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht,
in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in
Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu
Pferde steigen. Ist das wahr?

--Ja, so ist es.

--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur
Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat,
als er ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig
war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu
Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich
wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?

--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.

--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in
seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?

--Ja, es ist so.

--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der
in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht,
sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel
Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei
Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es
nicht so?

--Ja, das ist wahr.

--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang
ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range
nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht
allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut
von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen
Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs
des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern
anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen
Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen
begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte,
als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden
anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine
Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes,
als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich
will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von
heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich
Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge,
dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch,
dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte
hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute
'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das
scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch
das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so
vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender
Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange
als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie
Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.

--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere
Menschen, doch was thut das zur Sache?

--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und
Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.

--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen
Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe
seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein,
Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts
zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah
etwas Neues erzählt?

--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...

--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist:
ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie
so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.

--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer
Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.

--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder
Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie
wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie
wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?

--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng
fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht
in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.

--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben,
dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich
zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in
Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten
brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger
und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es
und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!

Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie
Verbrugge hinhaltend, sagte er:

--Wessen Hand ist dies?

--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.

--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas,
offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen
wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die
Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten
u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer
Slotering damit sagen?

--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.

--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht
werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann
etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und
nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:


    »12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren
    Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten
    verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)«


Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war,
der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also
ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:


    »15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der
    inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren,
    die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass
    die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich
    beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz
    von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen,
    die Anteil haben an der Kultur.«


Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal,
auch darin steht etwas sehr Deutliches:


    »Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein
    zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung
    ausgesetzt ist.«


Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin,
wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun,
dass auch andere dies thaten?

--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese
Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.

--Und was folgte darauf?

--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...

--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter?

--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen
... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer
Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!

Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie
Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig
sich erwiesen.

--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort,
er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...

--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.

--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung
einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an
den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen
selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.

--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein
Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er
das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam
Unrecht und Willkür gutheissen wird?

--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung
einen Häuptling an.

--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein
muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen
ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den
Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen
Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt
um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen
Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen
zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl,
weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen,
nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie
möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege
entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun,
was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es
sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich,
doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die
Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich,
bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben
holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach,
denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen
in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max
... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!

Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein
in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete,
der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari,
der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach
Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt,
und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient
ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile,
was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.



NEUNTES KAPITEL.


Ich gäbe viel darum, Leser, wenn ich recht wüsste, wie lange ich
wohl eine Heldin in der Luft schweben lassen könnte, bis du, bei
der Beschreibung eines Schlosses, mein Buch mutlos aus der Hand
legen würdest, ohne abzuwarten, bis das Weib auf den Boden gekommen
ist. Wenn ich in meiner Geschichte so einen Luftsprung nötig hätte,
würde ich vorsichtshalber doch immer nur das erste Stockwerk als
Ausgangspunkt ihres Sprunges wählen, und ein Schloss, von dem es
wenig zu berichten gäbe. Sei aber vorläufig ruhig: Havelaars Haus
hatte keine Etage, und die Heldin meines Buches--du lieber Himmel,
die liebe, treue, anspruchslose Tine eine Heldin!--ist niemals aus
einem Fenster gesprungen.

Wenn ich das vorige Kapitel schloss mit der Verheissung grösserer
Abwechslung im folgenden, so war dies eigentlich mehr ein oratorischer
Kniff und mehr um einen Schluss zu haben, der gut »klappte«, als dass
ich wirklich meinte, dass das folgende Kapitel allein »als Abwechslung«
Wert haben sollte. Ein Autor ist eitel wie ... ein Mann. Sprich
Übles von seiner Mutter oder von der Farbe seiner Haare, sage, er
habe einen amsterdamschen Accent--was ein Amsterdamer niemals zugeben
wird--vielleicht verzeiht er dir diese Dinge. Aber ... rühre niemals
nur an die Aussenseite des untergeordnetsten Teiles einer Nebensache
von etwas, das mal bei seinem Geschreib gelegen hat ... denn das
vergiebt er dir nicht! Wenn du also mein Buch nicht schön findest
und du begegnest mir mal, thue dann so, als ob wir uns nicht kennten.

Nein, selbst so ein Kapitel »zur Abwechslung« kommt mir durch das
Vergrösserungsglas meiner Autoreneitelkeit höchst belangreich und
gar unentbehrlich vor, und wenn du es überschlügest und darnach
nicht nach Gebühr eingenommen wärest von meinem Buch, würde ich
nicht säumen, dir dies Überschlagen vorzuhalten als Ursache, dass
du mein Buch nicht recht beurteilen konntest, denn du hättest just
das Essentielle nicht gelesen. So würde ich--denn ich bin Mann und
Autor--jedes Kapitel für essentiell halten, das du in unverzeihlichem
Leserleichtsinn überschlagen.

Ich stelle mir vor, dass deine Frau fragt: Ist denn an dem Buch was
»dran«? Und du sagst zum Beispiel--horribile auditu für mich--mit
dem Wortreichtum, der verheirateten Männern eigen ist:

--Hm ... so ... ich weiss noch nicht.

Holla, Barbar, lies weiter! Das Bedeutungsvolle steht just vor der
Thür. Und mit bebenden Lippen starre ich dich an und messe die Dicke
der umgeschlagenen Blätter und ich suche auf deinem Gesicht nach dem
Widerschein des Kapitels, das »so schön« ist ...

Nein, sage ich, da ist er noch nicht. Gleich wird er aufspringen und,
ausser sich, irgend etwas umarmen, seine Frau vielleicht ...

Doch du liesest weiter. Das »schöne Kapitel« muss vorbei sein,
dünkt mich. Du bist nicht im mindesten aufgesprungen, hast nichts
und niemanden umarmt ...

Und schon dünner wird das Teil Blätter unter deinem rechten Daumen,
und schon meine Hoffnung ärmer auf die Umarmung ... ja, wahrhaftig,
ich hatte gar Anspruch erhoben auf eine Thräne!

Und du hast den Roman ausgelesen bis dahin, »wo sie sich kriegen«, und
du sagst--eine andere Form von Gesprächigkeit im Ehestande--gähnend:

--So ... so! Es ist ein Buch, das ... hm! Ach, sie schreiben soviel
im Augenblick!

Aber weisst du denn nicht, Untier, Tiger, Europäer, Leser, dass du
da eine Stunde zugebracht hast mit Knabbern auf meinem Geiste wie auf
einem Zahnstocher? Mit Nagen und Kauen an Fleisch und Bein von deinem
Geschlecht? Menschenfresser, darin steckte meine Seele, meine Seele,
die du zermahlen hast, wie eine Kuh ihr vorher vertilgtes Gras! Es
war mein Herz, was du da aufgeschlürft hast wie eine Leckerei! Denn
in dieses Buch hatte ich dieses Herz und diese Seele niedergelegt,
und es fielen so viel Thränen auf diese Handschrift, und mein Blut
wich aus den Adern in dem Masse als ich fortschrieb, und ich gab dir
dies alles und du kaufst es für wenige Stüber ... und du sagst: »hm!«

Der Leser begreift, dass ich hier nicht von meinem Buch rede.

»Es war man, dass ich sagen wollte«, um mit Abraham Blankaart zu
reden ...



--Wer ist das, Abraham Blankaart? fragte Luise Rosemeyer, und
Fritz erzählte es ihr, womit mir ein grosser Gefallen gethan war,
denn das gab mir Gelegenheit, mal aufzustehen und, für diesen Abend
wenigstens, der Vorlesung ein Ende zu machen. Du weisst, dass ich
Makler in Kaffee bin--Lauriergracht Nr. 37--und dass ich für mein
Fach alles über habe. Jeder wird also ermessen können, wie wenig ich
zufrieden war mit der Arbeit von Stern. Ich hatte auf Kaffee gehofft,
und er gab uns ... ja, der Himmel weiss, was!

Mit seinem Thema hat er uns schon drei Kränzchenabende aufgehalten,
und, was das ärgste ist, die Rosemeyers finden es schön. So sagen sie
wenigstens. Wenn ich eine Bemerkung für nötig halte, beruft er sich
auf Luise. Ihre Zustimmung, sagt er, wiege ihm schwerer, als aller
Kaffee von der Welt, und überdies »wenn das Herz mir glüht ...«
u. s. w.--Siehe diese Tirade auf Seite soundsoviel, oder lieber,
siehe sie nicht.--Da steh ich denn und weiss nicht, was thun! Das
Paket von Shawlmann ist ein wahres Trojanisches Pferd. Auch Fritz
ist davon angestochen. Er hat, wie ich bemerke, Stern geholfen,
denn dieser Abraham Blankaart ist viel zu holländisch für einen
Deutschen. Sie sind beide so eingenommen von sich, so superklug,
dass ich wahrhaftig in Verlegenheit gerate wegen der Sache. Das
Schlimmste ist, dass ich mit Gaafzuiger einen Vertrag eingegangen bin,
nach welchem ein Buch herausgegeben wird, das von den Kaffeeauktionen
handeln muss--ganz Niederland wartet darauf--und da geht mir nun der
Stern einen ganz andern Weg hinaus! Gestern sagte er: »Beruhigen Sie
sich, alle Wege führen nach Rom. Warten Sie nur erst den Schluss von
der Einleitung ab«--ist das alles noch Einleitung?--»ich verspreche
Ihnen, dass schliesslich die Sache hinauslaufen wird auf Kaffee,
Kaffee, auf nichts als Kaffee! Denken Sie an Horatius, fuhr er fort,
hat nicht er schon gesagt: omne tulit punctum, qui miscuit ... Kaffee
mit was anderm? Handeln Sie selbst nicht ebenso, wenn Sie Zucker und
Milch in Ihre Tasse thun?«

Und dann muss ich schweigen. Nicht weil er recht hat, sondern weil
ich der Firma Last & Co. gegenüber verpflichtet bin, dafür Sorge zu
tragen, dass der alte Stern nicht Busselinck & Waterman in die Finger
falle, die ihn schlecht bedienen würden, weil es niederträchtige
Pfuscher sind.

Bei dir, Leser, schütte ich mein Herz aus, und damit du nach dem Lesen
von Sterns Geschreibsel--hast du's wirklich gelesen?--deinen Zorn
nicht ausgiessen mögest über ein unschuldiges Haupt--denn ich frage
dich, wer wird einen Makler nehmen, von dem man 'Menschenfresser'
geschimpft wird?--so ist mir daran gelegen, dass du überzeugt bist
von meiner Unschuld. Ich kann doch diesen Stern nicht aus der Firma
meines Buches drängen, nun die Sachen einmal so weit gediehen sind,
dass Luise Rosemeyer, wenn sie aus der Kirche kommt--die Jungens
scheinen ihr aufzulauern--fragt, ob er nicht ein bisschen früh kommen
werde heute abend, um recht viel von Max und Tine vorzulesen!

Doch da du das Buch gekauft hast oder Leihgeld dafür bezahlt im
Vertrauen auf den honetten Titel, der etwas Solides erwarten lässt,
so erkenne ich deine Ansprüche auf was Gutes für dein Geld an, und
darum schreibe ich selbst nun wieder ein paar Kapitel. Du bist nicht
in dem Kränzchen von den Rosemeyers, Leser, und also glücklicher daran
als ich, der alles mit anhören muss. Dir steht es frei, die Kapitel
überzuschlagen, die nach deutscher Übergeschnapptheit riechen, und
dich allein abzugeben mit dem, was von mir geschrieben ist, von mir,
einem honetten Manne und Makler in Kaffee.

Mit Befremden habe ich aus Sterns Schreiberei entnommen--und aus
Shawlmanns Paket hat er mir nachgewiesen, dass es wahr sei--dass
in der Abteilung Lebak kein Kaffee gepflanzt wird. Dies ist sehr
verkehrt, und ich werde meine Mühe reichlich belohnt erachten,
wenn die Regierung durch mein Buch auf diesen Fehler aufmerksam
gemacht wird. Nach den Papieren von Shawlmann möchte es scheinen,
dass der Boden in diesen Gegenden für die Kaffeekultur nicht geeignet
ist. Aber in diesem Umstande liegt durchaus keine Entschuldigung, und
ich behaupte, dass man sich unverzeihlicher Pflichtversäumnis schuldig
macht gegenüber Niederland im allgemeinen und den Kaffeemaklern im
besonderen, ja, gegenüber den Javanen selbst, indem man nicht diesen
Boden verändert--der Javane hat doch nichts anderes zu thun--oder, wenn
man das nicht zu können vermeint, die Menschen, die da wohnen, nicht
nach anderen Gebieten schickt, wo der Boden wohl gut ist für Kaffee.

Ich sage niemals etwas, das ich nicht gut erwogen habe, und darf
behaupten, dass ich hier mit Sachkenntnis spreche, da ich über diesen
Gegenstand reiflich nachgedacht habe, vor allem seit ich die Predigt
von Pastor Wawelaar in dem Bittgottesdienst für die Bekehrung der
Heiden hörte.

Es war Mittwoch abend. Du musst wissen, Leser, dass ich meine Pflichten
als Vater ängstlich erfülle und dass mir die sittliche Aufziehung
meiner Kinder sehr am Herzen liegt. Da nun Fritz seit einiger Zeit
in Ton und Manieren etwas angenommen hat, das mir nicht gefällt--es
kommt alles von dem verwünschten Paket!--so habe ich ihn einmal gut
unter die Finger genommen und zu ihm gesagt:

»Fritz, ich bin nicht mit dir zufrieden! Ich habe dir stets das
Gute vorgehalten, und doch weichst du vom rechten Wege ab. Du bist
dünkelhaft und widerhaarig, und du machst Verse, und du hast Betsy
Rosemeyer einen Kuss gegeben. Die Furcht des Herrn ist der Anfang aller
Weisheit, du musst also die Rosemeyers nicht küssen und musst nicht
so furchtbar dünkelhaft sein. Sittenlosigkeit leitet zum Verderben,
Junge. Lies in der Schrift und achte mal auf diesen Shawlmann. Er
hat die Wege des Herrn verlassen: nun ist er arm und wohnt auf einer
kleinen Kammer ... da hast du die Folgen von Unsittlichkeit und
schlechtem Betragen! Er hat unpassende Artikel in der »Indépendance«
geschrieben und hat die »Aglaja« fallen lassen.--So geht es, wenn
man weise ist in seinen eigenen Augen. Er weiss nun nicht einmal,
wie spät es ist, und sein kleiner Junge hat nur eine halbe Hose
an. Bedenke, dass dein Körper ein Tempel Gottes ist, und dass dein
Vater stets hart hat arbeiten müssen für den Unterhalt--das ist die
Wahrheit!--Schlage also das Auge nach oben und trachte darnach, dass du
zu einem achtbaren Makler aufgewachsen bist, wenn ich auf meine alten
Tage nach Driebergen gehe. Und sieh dir doch all die Menschen an, die
nicht auf guten Rat hören wollen, die Religion und Sittlichkeit mit
Füssen treten, und spiegle dich in diesen Menschen. Und stelle dich
nicht mit Stern in eine Reihe, dessen Vater so reich ist und der immer
genug Geld haben wird, wenn er auch schliesslich nicht Makler werden
will und ab und zu auch mal etwas Unrechtes thut. Bedenke doch, dass
alles Böse seine Strafe findet: da sieh dir wieder diesen Shawlmann
an, der keinen Winterrock hat und aussieht wie so'n Schauspieler. Gieb
doch gut acht in der Kirche und rücke nicht hin und her auf der Bank,
als wenn du Langeweile hättest, Junge, denn ... was muss Gott davon
denken? Die Kirche ist Sein Heiligtum, weisst du wohl? Und laure
nicht jungen Mädchen auf, wenn es aus ist, denn das macht die ganze
Erbauung zu Schanden. Bringe auch Marie nicht zum Lachen, wenn ich beim
Essen aus der Schrift lese. Das passt sich nicht in einem achtbaren
Haushalt. Du hast auch Figuren auf Bastians Löschblatt gemalt, als er
wieder mal nicht da war--weil er manchmal die Gicht hat--das hält die
Leute auf dem Kontor von der Arbeit ab, und es steht in Gottes Wort,
dass solche Thorheiten zum Verderben führen. Der Shawlmann hat auch
allerlei unnütze Sachen gemacht, als er noch jung war: er hat als Kind
auf dem Westermarkt einen Griechen geschlagen ... natürlich: nun ist
er faul, dünkelhaft und kränklich, siehst du? Mache also nicht immer
soviel dummes Zeug mit Stern, Junge, und bedenke, dass sein Vater
ja reich ist. Thu so, als sähest du es nicht, wenn er dem Buchhalter
Gesichter schneidet. Und wenn er nach Kontorschluss sich mit Versen
abgiebt, so sage ihm mal so beiläufig, dass er es hier bei uns so
gut hat und dass Marie Pantoffeln für ihn gestickt hat mit echter
Florseide. Frage ihn--weisst du, so nebenbei!--ob er glaubt, dass
sein Vater zu Busselinck & Waterman gehen wird, und sage ihm, dass das
niederträchtige Pfuscher sind. Siehst du, das ist man seinem Nächsten
schuldig--so bringst du ihn auf den guten Weg, meine ich,--und ... all
das Versemachen ist doch Albernheit. Sei doch brav und gehorsam,
Fritz, und zupfe das Dienstmädchen nicht am Rock, wenn es Thee aufs
Kontor bringt, und mache mir keine Schande, denn dann verschüttet es,
und Apostel Paulus sagt, dass nimmer ein Sohn seinem Vater Verdruss
bereiten soll. Ich besuche zwanzig Jahre die Börse und kann sagen,
dass ich geachtet bin dort an meinem Pfeiler. Höre also auf meine
Vermahnungen, Fritz, und sei brav und hole deinen Hut und zieh deinen
Rock an und geh mit mir in die Betstunde, das wird dir gut thun!«

So habe ich gesprochen, und ich bin überzeugt, dass ich Eindruck
auf ihn gemacht habe, vor allem da Pastor Wawelaar zum Text seiner
Rede gewählt hatte: die Liebe Gottes, sichtbar aus Seinem Zorn
gegen Ungläubige, nach Anleitung der Vermahnung Sauls durch Samuel:
I. Sam. XV, Vers 23 b.

Beim Anhören dieser Predigt dachte ich fortwährend daran, was für
ein himmelhoher Unterschied doch zwischen menschlicher und göttlicher
Weisheit ist. Ich sagte schon, dass in dem Paket von Shawlmann unter
viel unnützem Zeug doch auch dieses und jenes war, das ins Auge fiel
durch Solidität der Beweisführung. Aber, ach, wie wenig hat doch so
etwas zu bedeuten, wenn man es vergleicht mit einer Sprache wie die von
Pastor Wawelaar! Und nicht aus eigner Kraft--denn ich kenne Wawelaar
und halte ihn für einen, der wahrlich nicht hoch fliegt--nein, durch
die Kraft, die von oben kommt. Dieser Unterschied kam um so deutlicher
zum Vorschein, als er etliche Punkte berührte, die auch von Shawlmann
behandelt waren, denn ihr habt gesehen, dass in seinem Paket viel über
Javanen und andere Heiden vorkam. Fritz sagt, dass die Javanen keine
Heiden sind, doch ich nenne jeden, der einen verkehrten Glauben hat,
einen Heiden. Denn ich halte mich an Jesum Christum, den Gekreuzigten,
und das wird jeder anständige Leser wohl auch thun.

Sowohl weil ich aus Wawelaars Vortrag meine Meinung geschöpft habe
bezüglich der totalen Unzulässigkeit der Einziehung der Kaffeekultur
zu Lebak, worauf ich gleich zurückkommen werde, als auch, weil ich
als ehrlicher Mann nicht will, dass der Leser absolut nichts erhält
für sein Geld, werde ich hier einige Bruchstücke aus der Predigt
mitteilen, die ganz besonders treffend waren.

Er hatte kurz Gottes Liebe aus den angezogenen Textworten bewiesen und
war sehr schnell zu dem Punkte übergegangen, worauf es hier eigentlich
ankam, nämlich auf die Bekehrung der Javanen, Malayen und wie all
das Volk da mehr heissen möge. Hört, was er davon sagte:

»So, meine Geliebten, war der herrliche Beruf von Israel--er meinte
das Ausrotten der Bewohner von Kanaan--und so ist der Beruf von
Niederland! Nein, es soll nicht gesagt werden, dass das Licht, das
uns bestrahlt, unter den Scheffel gestellt werde, noch auch, dass
wir geizig seien im Mitteilen des Brotes des ewigen Lebens! Werfet
das Auge auf die Eilande des indischen Oceans, bewohnt von Millionen
und Millionen Kindern des verstossenen Sohnes--und des zu Recht
verstossenen Sohnes des edlen, gottgefälligen Noah! Da kriechen
sie umher in den eklen Schlangenhöhlen heidnischer Unwissenheit,
da beugen sie das schwarze, kraushaarige Haupt unter das Joch von
eigennutzbeseelten Priestern! Da beten sie zu Gott unter Anrufung
eines falschen Propheten, der ein Greuel ist vor den Augen des
Herrn! Und, Geliebte, es sind da selbst solche, die, als wäre es
nicht genug, einem falschen Propheten zu gehorchen, selbst solche
sind da, die einen andern Gott, was sage ich, die Götter anbeten,
Götter von Holz oder Stein, die sie selbst gemacht haben nach ihrem
Bilde, schwarz, abscheulich, mit platten Nasen und teufelhaft! Ja,
Geliebte, beinahe verhindern mich Thränen, hier fortzufahren, noch
tiefer ist die Verderbtheit von Hams Geschlechte! Es sind welche unter
ihnen, die keinen Gott kennen, unter welchem Namen auch! Die meinen,
dass es genügend sei, den Gesetzen zu gehorchen der bürgerlichen
Gesellschaft! Die ein Erntelied, worin sie Freude ausdrücken über
den Erfolg ihrer Arbeit, als hinreichenden Dank betrachten an das
Höchste Wesen, das diese Ernte reifen liess! Es leben da Verirrte,
meine Geliebten--wenn solch eine greuliche Existenz Leben genannt
werden mag!--da findet man Wesen, die behaupten, dass es genügend sei,
Frau und Kinder lieb zu haben und seinem Nächsten nicht zu nehmen,
was einem nicht gehört, um des Abends ruhig das Haupt niederlegen zu
können zum Schlafe! Schaudert euch nicht bei diesem Bilde? Krampft
euer Herz sich nicht zusammen bei dem Gedanken, welches das Los sein
wird von all diesen Bethörten, sobald die Posaune ertönen wird, die
die Toten aufruft zur Scheidung in Gerechte und Ungerechte? Höret ihr
nicht--ja, ihr hört es, denn aus den verlesenen Worten des Textes
habt ihr gesehen, dass euer Gott ist ein mächtiger Gott und ein
Gott der gerechten Rache--ja, ihr höret das Krachen der Gebeine und
das Prasseln der Flammen in dem ewigen Gehenna, wo Heulen ist und
Zähneklappern! Da, da brennen sie und vergehen nicht, denn ewig ist
die Strafe! Da leckt die Flamme mit nimmer befriedigter Zunge an den
heulenden Schlachtopfern des Unglaubens! Da stirbt der Wurm nicht,
der ihre Herzen durch und durch nagt, doch ohne sie zu vernichten,
auf dass da stets ein Herz zu nagen übrig bleibe in der Brust des
Gottlosen! Sehet, wie man das schwarze Fell dem ungetauften Kinde
abzieht, das, kaum geboren, hinweggeschleudert wird von der Mutter
Brust in den Pfuhl der ewigen Verdammnis ...«

Da fiel eine Frau in Ohnmacht.

»Doch, Geliebte«, fuhr Pastor Wawelaar fort, »Gott ist ein Gott der
Liebe! Er will nicht, dass der Sünder verloren gehe, sondern dass er
selig werde mit der Gnade, in Christo, durch den Glauben! Und darum ist
Niederland auserlesen, von den Unseligen zu erretten, was zu erretten
ist! Dazu hat Er in Seiner unerforschlichen Weisheit einem Lande,
klein von Umfang, doch gross und stark durch die Kenntnis Gottes,
Macht gegeben über die Bewohner dieser Gebiete, auf dass sie durch das
heilige, nimmer genug gepriesene Evangelium gerettet werden von den
Strafen der Hölle! Die Schiffe von Niederland befahren die grossen
Wasser und bringen Bildung, Religion, Christentum den verirrten
Javanen! Nein, unser glückliches Niederland begehrt nicht für sich
allein die Seligkeit: wir wollen sie auch mitteilen den unglücklichen
Geschöpfen an fernen Stranden, die da gebunden liegen in den Fesseln
des Unglaubens, des Aberglaubens und der Sittenlosigkeit! Die
Betrachtung der Pflichten, die hinsichtlich dessen auf uns ruhen,
wird den siebenten Teil meiner Rede ausmachen.«

Denn was voraufging, war der sechste. Unter den Pflichten, die wir
in Ansehung dieser armen Heiden zu erfüllen haben, wurden genannt:


    1) Das Geben von reichlichen Beiträgen in Geld an die
       Missionsvereinigung.

    2) Das Unterstützen der Bibelgenossenschaften, mit dem Zweck,
       diese in den Stand zu setzen, Bibeln auf Java zu verteilen.

    3) Das Fördern der religiösen Übungen zu Harderwyk, zu Nutzen
       des kolonialen Werbedepôts.

    4) Die Ausarbeitung von Predigten und religiösen Gesängen,
       geeignet, um von Soldaten und Matrosen den Javanen vorgelesen
       und vorgesungen zu werden.

    5) Die Gründung einer Vereinigung einflussreicher Männer, deren
       Aufgabe sein würde, unseren allverehrten König anzuflehen:

        a) Nur solche Gouverneure, Offiziere und Beamte zu ernennen,
           von denen vorausgesetzt werden kann, dass sie feststehen
           im wahren Glauben.

        b) Dem Javanen zu vergönnen, dass er die Kasernen, wie auch
           die auf den Reeden liegenden Kriegs- und Kauffahrteischiffe
           besuchen dürfe, damit er durch den Verkehr mit
           niederländischen Soldaten und Matrosen erzogen werde für
           das Reich Gottes.

        c) Zu verbieten, dass Bibeln oder religiöse Traktätchen in
           Schankhäusern als Bezahlung angenommen werden.

        d) In die Bedingungen der Opiumpacht auf Java die Bestimmung
           aufnehmen zu lassen: dass in jeder Opiumkneipe ein Vorrat
           von Bibeln vorhanden sein müsse, im Verhältnis zu der
           vermutlichen Zahl der Besucher des betreffenden Instituts,
           und dass der Pächter sich verbinde, kein Opium zu verkaufen,
           wenn nicht der Käufer ein religiöses Traktätchen dazu nimmt.

        e) Zu befehlen, dass der Javane durch Arbeit zu Gott gebracht
           werde.

    6) Das Geben von reichlichen Beiträgen an die
       Missionsgenossenschaften.



Ich weiss wohl, dass ich diesen letzten Punkt schon unter No. 1
genannt habe, aber er wiederholte ihn, und dieser Überfluss scheint
mir im Feuer der Rede wohl erklärlich.

Doch, Leser, hast du auf No. 5 e acht gegeben? Nun, just dieser
Vorschlag erinnerte mich so an die Kaffeeauktionen und an die
vorgegebene Unfruchtbarkeit des Bodens in Lebak, dass es dir nun
nicht mehr so befremdlich scheinen wird, wenn ich versichere,
dass dieser Punkt seit Mittwoch abend mir keinen Augenblick mehr
aus den Gedanken gewichen ist. Pastor Wawelaar hat die Berichte
der Missionare vorgelesen; niemand kann ihm also eine gründliche
Sachkenntnis abstreiten. Nun, wenn er mit diesen Rapporten vor sich
und mit dem Auge auf Gott behauptet, dass viel Arbeit günstig wirken
muss auf die Eroberung der javanischen Seelen für das Reich Gottes,
dann kann ich doch wohl constatieren, dass ich nicht so ganz abseits
aller Wahrheit spreche, wenn ich sage, dass zu Lebak sehr gut Kaffee
gepflanzt werden kann. Und stärker noch: dass vielleicht das Höchste
Wesen just darum allein diesen Boden für die Kaffeekultur ungeeignet
gemacht hat, um durch die Arbeit, die nötig sein wird, um einen
anderen Grund dahin zu verpflanzen, die Bevölkerung dieser Gegend
empfänglich zu machen für die Seligkeit.

Ich hoffe doch, dass mein Buch dem König vor Augen kommt, und dass
alsbald durch grössere Auktionen es klärlich werden möge, wie eng die
rechte Kenntnis Gottes mit dem wohlerfassten Interesse des ganzen
Bürgertums verknüpft ist! Seht doch nur, wie der einfältige und
demütige Wawelaar ohne alle irdische Weisheit--der Mann hat niemals
einen Fuss in die Börse gesetzt--aber durch die Gnade des Evangeliums,
die ihm vorleuchtet und eine Lampe ist auf seinem Pfad, mir, Makler
in Kaffee, da auf einmal einen Wink giebt, der für ganz Niederland
nicht nur wichtig ist, sondern der sogar mich in den Stand setzen
wird, wenn Fritz gut aufpasst--er hat leidlich still gesessen in der
Kirche--vielleicht fünf Jahre früher nach Driebergen zu gehen. Ja,
Arbeit, Arbeit, das ist mein Losungswort! Arbeit für den Javanen,
das ist mein Grundsatz! Und meine Grundsätze sind mir heilig.

Ist nicht das Evangelium das höchste Gut? Geht wohl etwas über die
Seligkeit? Ist es also nicht meine Pflicht, diese Menschen selig zu
machen? Und wenn, als Hülfsmittel hierzu, Arbeit nötig ist--ich selbst
habe zwanzig Jahre die Börse besucht!--dürfen wir dann dem Javanen
Arbeit versagen, wo seine Seele derer so dringend bedürftig ist,
um später nicht zu brennen? Selbstsucht würde es sein, schändliche
Selbstsucht, wenn wir nicht alle Versuche daran wendeten, um diese
armen, verirrten Menschen zu bewahren vor der schrecklichen Zukunft,
die Pastor Wawelaar so beredt geschildert hat. Es ist eine Frau in
Ohnmacht gefallen, als er von dem schwarzen Kind sprach ... vielleicht
hatte sie einen kleinen Jungen, der etwas dunkel aussah. Frauen
sind so!

Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen
bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das
Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der
Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und
wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der
Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können,
dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?

Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse
ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen
suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind,
obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren
Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein
katholisches Mädchen.

Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst
gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In
meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und
dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie
weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir
geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das
ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr
gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.



ZEHNTES KAPITEL.


Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone,
so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern
Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass
mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel:
Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem
Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder
anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich
es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch
den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.

Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber
ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe,
wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit
Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!«
und fragte, was er darunter verstände.

--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen,
was ich sage.

--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt,
dass Sie immer die Wahrheit sagen?

--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir
erglüht ...

Der Leser weiss den Rest.

--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als
ob ich es glaubte.

Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte
mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten
Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch
einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen,
wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht
sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig
Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er
allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und
da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr
schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht
lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben
nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was
erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich
ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben
hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der
Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern,
meine ich--die folgenden


    Betrachtungen


bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von
Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.


    Auf Flügeln des Gesanges,
    Herzliebchen, trag' ich dich fort ...


»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon
und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu
sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam
werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da
man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren
Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren
Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber
hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch
nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch
das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das
Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!


    Fort nach den Fluren des Ganges,
    Dort weiss ich den schönsten Ort.


Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber
nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt
helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben
Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut
leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das
sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all
dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste
Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte,
so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig
oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene
Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf
ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn
Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich
rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da
vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um
Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:


    Dort liegt ein rotblühender Garten
    Im stillen Mondenschein;
    Die Lotosblumen erwarten
    Ihr trautes Schwesterlein.
    Die Veilchen kichern und kosen,
    Und schaun nach den Sternen empor;
    Heimlich erzählen die Rosen
    Sich duftende Märchen ins Ohr.


Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie
anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung,
ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie
Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas
zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es
niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben,
wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in
dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass
niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste,
um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen,
sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch
mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in
dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen
auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen,
die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr
sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe,
dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben,
faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie
doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und
sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass
diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der
Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na,
noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen
ausgeht ... da haben Sie's!


    Es hüpfen herbei und lauschen
    Die frommen, klugen Gazell'n;
    Und in der Ferne rauschen
    Des heiligen Stromes Well'n.
    Dort wollen wir niedersinken
    Unter dem Palmenbaum,
    Und Lieb' und Ruhe trinken
    Und träumen seligen Traum.


Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie
haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen
Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus
fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges
sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind,
wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie
diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie
machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst
das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck,
der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und
dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen,
die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der
Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser
giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den
Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion,
Christentum und Anstand?

Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr
achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass
ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte
macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir
heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich
meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage,
schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden
Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen
Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu
Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse
aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es
niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater,
denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden
die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen
Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun,
weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in
einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und
sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind,
und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck
& Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und
schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen
unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht
ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen
durch günstigere Bedingungen.

Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns
Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen
gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen
Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie,
dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören
kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die
Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun,
nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen
haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben
Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe
Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich,
nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last &
Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass
ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser
aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als
wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet
und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie
doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles
Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.

Ich bin Ihr väterlicher Freund


                                         Batavus Droogstoppel.
                                 (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee,
                                         Lauriergracht No. 37.)



ELFTES KAPITEL.


»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu
reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir
darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er
scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.

--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an
Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz,
alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch
... es steht was darüber im 'Liebig' ...

--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir
hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.

Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier
angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte
herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in
Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen
im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen,
das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran
erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff
dies wohl: sie begriff ihn stets!

--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von
Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?

--Wer ist das? fragte Verbrugge.

--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben
hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie
verstehen doch?

--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.

--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf
auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise
erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er
wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das
ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese
Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher
Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns
zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.

Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht
viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe,
Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith,
Shakespeare, Byron ...

Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.

--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie
denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für
Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben
Sie Miss Mata-api gekannt?

--Nein, ich kenne den Namen nicht.

--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.:
»Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie
wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals
habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal
hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen
Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die
Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren,
des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir,
gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...

Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein
lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von
der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden
von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf
dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena
von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis
er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:

--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas
bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen
gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel
erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von
denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe
wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen,
am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei
das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall«
und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu
haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!«
sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens
nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen
mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders,
wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine
Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und
lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind
sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal
auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung
für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne
Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken,
aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von
Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den
Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet
vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss
hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch
gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt,
dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten
muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder
als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!

--Die Vandalen?

--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer
im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder
schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem
einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der
Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung
entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger
als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen
beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch
für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum,
Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne
Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie
einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell
Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst
auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt
man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der
Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick
auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer
sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach
der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar
beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich,
dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit
ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten
kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich
spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine
Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht,
wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und
dem Publikum zugrinst.

--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich.

--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als
Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen
sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux
armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das
Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O,
schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr
oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung
gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu
ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn
man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl
schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor
Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich
sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung
aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben
Sie mir: Stillstand ist der Tod!

--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen
als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!

--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht
von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch
minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie
rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie
mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu,
wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.

--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch
nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so
durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle,
aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.

--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen,
meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der
18. Februar ...

--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...

--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im
Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer
ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können,
und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen
Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen
auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander
stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und
Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas
unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen
Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen
Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?

--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte
Verbrugge belehrend.

--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie
gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf
diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch
dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem
Boden gestanden.

--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut
in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es
wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig
nicht, warum!

--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz
gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss
wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und
ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch,
und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den
Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen
diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit
und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das
alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei
Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay
befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es
den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu
gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch
träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken
Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte,
weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht
sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer
geguckt habe.

--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde,
das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an,
dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem
Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss,
was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen
nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der
Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind,
die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde
in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz
genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er
wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den
Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie
rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!«
Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung
des Gemäldes betrifft ...

--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend,
als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?

--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl
mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier
Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor
dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen«
nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie,
welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?

--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als
ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass
das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben
Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.

--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten
Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück
Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.

--Mitgefühl für den Henker?

--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit
der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich
in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer
Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll,
sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird,
und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es
schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der
Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes
Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das
Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der
erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und
liegt sie da noch?«

--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in
Arles? fragte Verbrugge.

--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren
Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den
Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen
... da brennt die Stadt ...

--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz
verloren hast, neckte Tine.

--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet
es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib
gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und
es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede
folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich
dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt
man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein
Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf,
dass die Frauen zu Arles ...

--Nur ein Haupt hätten alle miteinander?

--Ja ...

--Um es abzuschlagen?

--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen,
aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen,
und davon zu träumen, und um ... gut zu sein!

Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder
besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht
und fuhr fort:

--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte,
nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das
wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein
Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich,
ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.

--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber
ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.

--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so
ein Mädchen sich profanieren?

--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?

--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!

--Ja, aber ...

Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen
... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!

--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit
verhaltenem Lachen.

Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich
ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar
klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr
erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles,
hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.

Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man
es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung
bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach
dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen
Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt,
und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er
nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern
seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:


    1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist
    verrückt.

    2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase
    nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf
    Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der
    Kartoffel nähert.

    Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die
    zweite!


--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so
höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich
Ihnen erklären. Tine ist ...

--Bester Max! sagte sie flehend.

Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner
Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«

Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:

--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich
manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf
stoffliche Unvollkommenheit?

Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.

--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die
Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese
Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser
fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich,
ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.

--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?

--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll
ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich
war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?

--Ja.

--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben
wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal
an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von
Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr
davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren,
ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...

--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?

--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den
Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht
gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine
Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie
zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen
Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo,
eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum
dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so
zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen
zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen
und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war
wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das
kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem
Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter
anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu
lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte
angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer
Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit
diesem dummen Datu und seinem Kind.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl
leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar
vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja,
ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit
mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das
lasse ich nun auf sich beruhen.

Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas
weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich
sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht
hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte
mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat
meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich
selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit
recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in
jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig
oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé,
und das ist manchmal eine recht interessante Sache.

Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine
Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei
rote, eine schwarze: es war schön!

Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines
Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat
immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen
Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach
meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.

Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden
eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner
und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über
der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt
und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen
in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie
suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?

--Was für ein Ding? Die Sonne?

--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören
Sie einmal an:


            Du fragst, warum der Ocean,
                Der Natals Strand bespült,
            An andern Küsten lieb und hold,
            So ungestüm hier braust und grollt
                Und ewig kocht und wühlt?

            Du fragst--und kaum erhört im Kahn
                Der Fischerknabe dich,
            So blitzt sein dunkler Augenstern
            Hinüber unermesslich fern,
                Und westwärts weist er dich.

            Und westwärts bohrt er seinen Blick
                Ins Unermessene hinein,
            Und zeigt dir, bis ans Firmament,
            Nur Wasser, Wasser ohne End'
                Und See und See allein!

            Und darum peitscht der Ocean
                So wild den Ufersand:
            Nur See erblickst du weit umher
            Und Wasser, Wasser immermehr,
                Bis Madagaskars Strand!

            Und manches Opfer heischte schon
                Der Ocean empört,
            Und manchen Schrei, erstickt im Meer,
            Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr,
                Nur Gott hat ihn erhört!

            Und manche Hand, in letzter Angst,
                Erhob sich aus dem Grab,
            Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End',
            Und suchte, dass sie Stütze fänd',
                Und sank zuletzt hinab.

            Und ...


Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.

--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk
zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.

--Wie kommt der daran? fragte Max.

--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das
Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde,
die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von
Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?

--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine
Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte
Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So
begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele,
Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche,
nichtsnutzige Eva ...

--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen
Korallen? fragte Tine.

--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter
dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich
über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin
... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator
war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der
Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger
nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens
»nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder
... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«,
dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was
für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein
Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur
reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen,
wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar
Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will,
und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder
er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen
seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär
sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er
da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht,
dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde,
der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja«
oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz,
des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran
hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat
man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und
dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden:
sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem
ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe,
um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der
Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von
dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten
liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ...

--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.

--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends
»gemütlicher« ist.

Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde
ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung
möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:

»Es wird nun kühler werden.«

»Ja, Tuwan!« antwortete sie.

Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder
und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser,
als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte
... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein
eingebildeter Kerl sein.

»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?«
fragte ich.

»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«

»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!«

»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.

Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl,
ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich
genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel
Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen
daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die
nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den
ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war,
etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten
von Si Upi Keteh.

Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich
selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun
wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das
zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch
wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt
verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte
ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische
Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben
irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben
Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden
nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine
Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in
Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie
wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf,
vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im
Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche
an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz,
und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich
hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine
Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der
Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung
Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See
verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten
keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu
Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen
wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er
behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie
wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt,
von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung
gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip
dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass
man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass
force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu
lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische
Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den
unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir
stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die
Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das
Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken,
oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich,
so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen
lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit
meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem
Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne
einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte
mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn,
und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut,
um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen
für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank
einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind
schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls
als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:



»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine
Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war
gering, und zufrieden war er nicht.

Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass
ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von
roter Seide.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu
war von roter Seide.

Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und
auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong
über das Haupt des Königs.

Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener
Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.

Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und
auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt
man den goldenen Pajong.

Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich,
sodass der Graswuchs verdorrte.

Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht
hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und
hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und
überall umher.

Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht
der Fürsten, die auf Erden waren.

Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen
der Sonne prallten von ihr zurück.

Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und
er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war
er nicht.

Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er wurde eine Wolke und stellte sich auf zwischen Sonne und Erde
und fing die Sonne auf, also dass das Gras grün wurde.

Und die Wolke regnete in grossen Tropfen auf das Erdreich und liess
die Ströme schwellen, und Banjirs schwemmten die Herden hinweg.

Und er verwüstete durch viel Wasser das Feld.

Und er fiel nieder auf einen Fels, der nicht wich. Und er goss in
grossen Strömen, doch der Fels wich nicht.

Und er wurde zornig, dass der Fels nicht weichen wollte und die Stärke
seiner Ströme eitel war. Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Diesem Felsen ist Macht gegeben über mir. Ich wünschte,
ich wäre dieser Fels.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er wurde Fels und rührte sich nicht, so die Sonne schien, und
nicht, so es regnete.

Und da kam ein Mann mit Hacke und mit spitzigem Meissel und mit
schwerem Hammer, der hieb Steine aus dem Felsen.

Und der Fels sagte: Was ist dies, dass dieser Mann Macht hat über
mir und Steine schlägt aus meinem Schosse? Und zufrieden war er nicht.

Er rief: Ich bin schwächer als dieser ... ich wünschte, ich wäre
dieser Mann.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du
gesagt hast.

Und er war ein Steinhauer. Und er hieb Steine aus dem Felsen, mit
schwerer Arbeit, und er arbeitete sehr schwer für wenig Lohn, und er
war zufrieden ...



--Recht fein, sagte Duclari, doch nun sind Sie uns noch den Beweis
schuldig, dass Ihre kleine Upi imponderabel hätte sein müssen.

--Nein, ich habe Ihnen diesen Beweis nicht versprochen! Ich habe
nur erzählen wollen, wie ich Bekanntschaft mit ihr machte. Als meine
Erzählung zu Ende war, fragte ich:

»Und du, Upi, was würdest du erwählen, so ein Engel aus dem Himmel
käme, dich zu fragen, was du begehrtest?«

»Wahrlich, Herr, ich würde ihn bitten, dass er mich mitnähme nach
dem Himmel.«



--Ist das nicht bezaubernd? fragte Tine ihre Gäste, die es vielleicht
ganz verrückt fanden ...



Havelaar stand auf und fegte sich etwas von der Stirn.



ZWÖLFTES KAPITEL.


--Lieber Max, sagte Tine, unser Dessert ist so dürftig. Möchtest du
nicht ... du weisst ja ...

--Noch was erzählen, zum Ersatz für Gebäck? Zum Teufel, ich bin
heiser. Verbrugge ist jetzt dran.

--Ja, M'nheer Verbrugge, lösen Sie Max mal ab, bat Mevrouw Havelaar.

Verbrugge bedachte sich einen Augenblick und begann:--Es war einmal
ein Mann, der einen Truthahn stahl ...

--O, Sie Schwerenöter, das haben Sie von Padang! Und wie geht es
weiter?

--Es ist aus. Wer kennt den Schluss von dieser Historie?

--Na, ich! Ich habe ihn aufgegessen, im Verein mit ... noch
jemand. Wissen Sie, warum ich in Padang vom Amte suspendiert war?

--Man sagte, dass in Ihrer Kasse zu Natal ein Defizit war, erwiderte
Verbrugge.

--Das war nicht ganz unwahr, doch wahr war es auch nicht. Ich war
zu Natal durch allerlei Ursachen recht nachlässig gewesen in meinen
geldlichen Verantwortlichkeiten, und es war in Bezug darauf wirklich
viel auszusetzen. Doch dies fiel in jenen Tagen so häufig vor! Die
Verhältnisse im Norden von Sumatra waren kurz nach der Einnahme
von Barus, Tapus und Singkel so verwirrt, alles war so unruhig,
dass man es einem jungen Mann, der lieber zu Pferde sass, als dass
er Geld zählte oder Kassenbücher führte, nicht übelnehmen konnte,
wenn nicht alles so ordentlich und geregelt ging, wie man es wohl
von einem Amsterdamer Buchhalter hätte fordern können, der weiter
nichts zu thun hat. Die Battahlande waren in Aufruhr, und Sie
wissen, Verbrugge, wie stets alles, was bei den Battahs vorfällt,
auf Natal zurückschlägt. Ich schlief des Nachts vollständig in den
Kleidern steckend, um schnell auf dem Posten zu sein, was denn auch
häufig notwendig war. Dazu hat die Gefahr--einige Zeit vor meiner
Ankunft war ein Komplott entdeckt worden, nach welchem mein Vorgänger
ermordet und der Aufstand proklamiert werden sollte--die Gefahr hat
etwas Anziehendes, vor allem, wenn man erst zweiundzwanzig Jahre alt
ist. Dieses Anziehende kann einen dann wohl unbrauchbar machen für
Bureauarbeit oder für die peinliche Genauigkeit, die für eine gute
Verwaltung von Geldsachen nötig ist. Überdies, ich hatte allerlei
Tollheiten im Kopf ...

--Traussa! rief Mevrouw Havelaar einem Bedienten zu.

--Was ist nicht nötig?

--Ich hatte gesagt, dass in der Küche noch etwas hergerichtet werden
sollte ... eine Omelette oder sonstwas.

--Ah! Und das ist nun nicht mehr nötig, nun ich von meinen Tollheiten
anfange? Du bist doch ein Schwerenöter, Tine. Mir ist es recht, aber
die Herren haben auch eine Stimme. Verbrugge, für was entscheiden
Sie sich, für Ihren Anteil an der Omelette oder für die Historie?

--Das ist eine schwierige Lage für einen höflichen Menschen, sagte
Verbrugge.

--Und auch ich möchte hier lieber keine Wahl treffen, fügte Duclari
hinzu, denn es handelt sich hier um eine Sache zwischen M'nheer und
Mevrouw, und: »entre l'écorce et le bois, il ne faut pas mettre le
doigt«; man steckt nicht gern seine Finger zwischen Thür und Angel.

--Ich will Ihnen zu Hülfe kommen, meine Herren. Die Omelette ist ...

--Mevrouw, sagte der sehr höfliche Duclari, die Omelette wird doch
wohl soviel wert sein wie ...

--Wie diese Historie? Gewiss, wenn sie was wert wäre! Doch es hat
damit einen Haken ...

--Ich weiss, dass noch kein Zucker im Hause ist, rief Verbrugge. Ach,
lassen Sie doch bei mir holen, was Sie brauchen!

--Zucker ist da ... von Mevrouw Slotering. Nein, daran hapert's
nicht. Wenn die Omelette übrigens gut wäre, hätte das nichts zu sagen,
aber ...

--Wie denn, Mevrouw, ist sie ins Feuer gefallen?

--Ich wollte, dass es wahr wäre! Nein, sie kann nicht ins Feuer fallen,
sie ist ...

--Aber, Tine, rief Havelaar, was sollte denn damit sein?

--Sie ist imponderabel, Max, wie deine Frauen zu Arles ... sein
müssten! Ich habe keine Omelette ... ich habe nichts mehr!

--Dann in Gottes Namen die Historie! seufzte Duclari in komischer
Verzweiflung.

--Aber Kaffee haben wir, rief Tine.

--Gut! Kaffeetrinken in der Vorgalerie, und lass uns Mevrouw Slotering
mit ihren Mädchen hinzunötigen, sagte Havelaar, worauf die kleine
Gesellschaft sich nach draussen verfügte.

--Ich denke, sie wird danken, Max! Du weisst, dass sie auch nicht
gern mit uns isst, und ich kann ihr nicht unrecht geben.

--Sie wird gehört haben, dass ich Historien loslasse, sagte Havelaar,
und das hat sie abgeschreckt.

--O nein, Max, das würde ihr nichts ausmachen; sie versteht kein
Holländisch. Nein, sie hat mir gesagt, dass sie auch weiterhin ihren
eigenen Haushalt führen will, und das begreife ich recht gut. Weisst
du noch, wie du meinen Namen [4] interpretiert hast?

--E. H. V. W.: »Eigener Herd viel wert«.

--Nun also! Sie hat sehr recht. Ausserdem, sie kommt mir auch etwas
menschenscheu vor. Denke dir, lässt sie doch alle Fremden, die das
Erbe betreten, von den Aufsehern herunterjagen ...

--Ich ersuche um die Historie oder um die Omelette, sagte Duclari.

--Ich auch! rief Verbrugge. Ausflüchte werden nicht angenommen. Wir
haben Anspruch auf ein vollständiges Mahl, und darum verlange ich
die Geschichte von dem Truthahn.

--Die habe ich Ihnen schon gegeben, sagte Havelaar. Ich hatte das
Vieh dem General Vandamme gestohlen und hab's aufgegessen ... mit
noch jemandem.

--Ehe dieser »jemand« gen Himmel fuhr, sagte Tine schalkhaft.

--Nein, das ist Bemogelei! rief Duclari. Wir müssen wissen, warum
Sie diesen Truthahn ... weggenommen hatten.

--Nun, weil ich Not litt, und das war des Generals Vandamme Schuld,
der mich suspendiert hatte.

--Wenn ich nicht mehr davon zu wissen kriege, bringe ich mir nächstes
Mal selbst eine Omelette mit, beschwerte sich Verbrugge.

--Glauben Sie mir, es steckte nichts mehr dahinter als das. Er hatte
sehr viele Truthühner, und ich hatte nichts. Man trieb die Tiere an
meiner Thür vorüber ... ich nahm eins davon und sagte zu dem Manne,
der sich einbildete, dass er sie hütete: »Sage dem General, dass ich,
Max Havelaar, diesen Truthahn nehme, weil ich essen will«.

--Und dann das Epigramm?

--Hat Verbrugge Ihnen davon erzählt?

--Ja.

--Das hat mit dem Truthahn nichts zu schaffen. Ich machte das Ding,
weil er so viele Beamte suspendierte. Es waren auf Padang gewiss
sieben oder acht, die er mehr oder minder gerechtfertigt in ihren
Ämtern suspendiert hatte, und viele unter ihnen verdienten es viel
weniger als ich. Der Assistent-Resident von Padang gar war suspendiert,
und wohl wegen eines Grundes, der, wie ich glaube, ein ganz anderer
war, als der in dem Beschlusse angegebene. Ich will Ihnen das wohl
erzählen, obschon ich nicht versichern kann, dass ich alles genau
weiss, und nur wiedererzähle, was man zu Padang für wahr hielt und
was auch--vor allem im Hinblick auf die bekannten Eigenschaften des
Generals--wahr gewesen sein kann.

Er hatte, müssen Sie wissen, seine Frau geheiratet, um eine Wette zu
gewinnen, und damit einen Anker Wein. Er ging also oftmals des Abends
aus, um ... sich überall herumzutreiben. Der Surnumerair Valkenaar muss
einmal in einer Gasse nahe beim Mädchenwaisenhause seinem Inkognito
so strenge Beachtung geschenkt haben, dass er ihm eine Tracht Prügel
zukommen liess wie dem ersten besten Strassenflegel. Nicht weit
davon wohnte Miss X. Es war ein Gerücht in Umlauf, dass diese Miss
einem Kinde das Leben gegeben hätte, das ... verschwunden wäre. Der
Assistent-Resident war als Haupt der Polizei verpflichtet und auch
willens, diese Sache zu untersuchen, und scheint von diesem Vornehmen
auf einer Whistpartie beim General etwas gesagt zu haben. Doch
man höre: am folgenden Tage erhält er den Befehl, sich nach einer
Abteilung zu begeben, deren amtsführender Kontrolleur wegen wahrer
oder vermeintlicher Unehrlichkeit von seinem Posten suspendiert
war, und in loco bestimmte Dinge zu untersuchen und dieserhalb
Bericht einzureichen. Wohl war der Assistent-Resident verwundert,
dass ihm ein Auftrag gegeben wurde, der durchaus nicht in Beziehung
zu seiner Abteilung stand, aber da er, recht genommen, ihn als eine
ehrende Auszeichnung ansehen konnte und auch mit dem General auf
sehr freundschaftlichem Fusse stand, sodass er nicht Ursache hatte,
an einen Fallstrick zu denken, so liess er sich durch diese Sendung
nicht weiter beunruhigen und begab sich nach--ich will vergessen
haben, wohin--um zu thun, was ihm befohlen war. Nach einiger Zeit
kehrt er zurück und erstattet einen Bericht, der nicht ungünstig für
den Kontrolleur lautete. Doch es war währenddessen auf Padang durch
das Publikum--das heisst: niemand und alle Welt--entdeckt worden,
dass dieser Beamte nur suspendiert war, um eine Gelegenheit zu
schaffen, den Assistent-Residenten vom Platze zu entfernen, zu dem
Zwecke, seiner beabsichtigten Untersuchung, das verschwundene Kind
betreffend, zuvorzukommen oder sie wenigstens bis auf einen Zeitpunkt
zu verschieben, wo es schwer fallen würde, die Sache aufzuhellen. Ich
wiederhole nun, dass ich nicht weiss, ob dieses wahr ist, doch nach
den Erfahrungen, die ich selbst später mit dem General Vandamme machte,
kommt mir diese Lesart glaubhaft vor. Auf Padang war niemand, der ihn
nicht--was den Grad angeht, auf welchen seine Sittlichkeit gesunken
war--als fähig zu so etwas einschätzte. Die meisten schrieben ihm
nur eine gute Eigenschaft zu, die der Unerschrockenheit in Gefahr,
und wenn ich, der ich ihn in Gefahr gesehen habe, der Meinung wäre,
dass er bei alledem ein tapferer Mann war, so würde dies allein mich
bewegen, Ihnen diese Geschichte nicht zu erzählen. Es ist wahr, er
hatte auf Sumatra viel durch die Faust entscheiden lassen, doch wer
einzelne Geschehnisse aus der Nähe beobachtet hatte, spürte Neigung,
etwas von seiner Tapferkeit abzudingen, und, wie fremd es scheinen
mag, ich glaube, dass er seinen Ruhm als Kriegsmann grossenteils der
Sucht der Antithese zu danken hatte, die uns alle mehr oder minder
beherrscht. Man sagt gern: es ist wahr, dass Peter oder Paul dies,
dies oder dies ist, doch ... das ist er, das muss man ihm lassen! Und
niemals kann man sicherer sein, gepriesen zu werden, als wenn man
einen stark ins Auge fallenden Mangel hat. Sie, Verbrugge, sind alle
Tage betrunken ...

--Ich? fragte Verbrugge, der ein Muster von Mässigkeit war.

--Ja, ich mache Sie nun betrunken, alle Tage. Sie vergessen sich so
weit, dass Duclari des Abends in der Galerie über Sie stolpert. Das
wird er unangenehm finden, aber sofort wird er sich erinnern, etwas
Gutes an Ihnen gefunden zu haben, das ihm doch früher gar nicht ins
Auge fiel. Und wenn ich dann komme und ich finde Sie doch ein bisschen
arg ... horizontal, dann wird er mir die Hand auf den Arm legen und
ausrufen: »Ach, glauben Sie doch, er ist sonst so'n guter, braver,
achtbarer Kerl!«

--Das sage ich sowieso von Verbrugge, und ist er auch vertikal.

--Nicht mit dem Feuer und mit der Überzeugung! Erinnern Sie sich mal,
wie oft man sagen hört: »O, wenn der Mann auf seine Sachen passen
würde, das wäre einer! Aber ...« und dann folgt die Darlegung, wie
er nicht auf seine Sachen achte und also keiner sei. Ich glaube den
Grund hiervon zu wissen. Auch von den Toten erfährt man immer gute
Eigenschaften, von denen wir früher nichts bemerkten. Die Ursache wird
wohl sein, dass sie niemandem im Wege stehen. Alle Menschen sind sich
mehr oder minder Konkurrenten. Wir würden gern jeden andern ganz und
gar in allem unter uns stellen. Das aber zu äussern, verbietet der
gute Ton und selbst das eigene Interesse, denn uns würde sehr bald
niemand mehr glauben, auch wenn wir etwas Wahres behaupteten. Es muss
also ein Umweg gesucht werden, und nun seht, wie uns das gelingt. Wenn
Sie, Verbrugge, sagen: »Der Leutnant Gamascho ist ein guter Soldat,
er ist wahrhaftig ein guter Soldat, ich kann Ihnen nicht genug sagen,
ein wie guter Soldat der Leutnant Gamascho ist ... aber ein Theoreticus
ist er nicht ...«

Haben Sie nicht so gesagt, Duclari?

--Ich habe niemals einen Leutnant Gamascho gekannt oder gesehen.

--Gut, erschaffen Sie sich dann einen und sagen das von ihm.

--Gut, ich erschaffe ihn hiermit und sag's von ihm.

--Wissen Sie, was Sie nun gesagt haben? Sie haben gesagt, dass Sie,
Duclari, obenauf sind in der Theorie. Ich bin kein Haar besser. Glauben
Sie mir, wir thun unrecht, uns so zu erbosen über jemanden, der
recht schlecht ist, denn die Guten unter uns sind dem Schlechten
so nah! Lassen Sie mal die Vollkommenheit Null heissen und hundert
Grad für schlecht gelten, wie unrecht thun wir dann--wir, die wir
schwanken zwischen acht- und neunundneunzig!--Zeter zu schreien
über jemanden, der auf hundertundeins steht! Und zudem glaube ich,
dass viele nur diesen hundertsten Grad nicht erreichen aus Mangel an
guten Eigenschaften, zum Beispiel an Mut, ganz zu sein, was man ist.

--Auf wieviel Grad stehe ich, Max?

--Ich habe eine Lupe nötig für die Zehntelteilung, Tine.

--Ich reklamiere, rief Verbrugge--nein, Mevrouw, nicht gegen Ihre
Nullnähe!--nein, aber es sind Beamte suspendiert, ein Kind wird
vermisst, ein General in Anklagezustand ... ich fordere: »la pièce!«

--Tine, sorge doch in Zukunft dafür, dass was im Hause ist! Nein,
Verbrugge, Sie kriegen »la pièce« nicht, ehe ich nicht noch ein
bisschen auf meinem Steckenpferde von der Antithese herumgeritten
bin. Ich sagte, dass jeder Mensch in seinem Mitmenschen eine Art
Konkurrenten sieht. Man darf nicht immer tadeln--was auffallend wirken
würde--darum streichen wir gern eine gute Eigenschaft über die Massen
heraus, um die üble Eigenschaft, an deren Blossstellung uns eigentlich
nur gelegen ist, recht augenfällig zu machen, ohne den Schein der
Parteilichkeit auf uns zu laden. Wenn jemand sich bei mir beklagt, dass
ich von ihm gesagt habe: »Seine Tochter ist sehr schön, aber er ist
ein Dieb«, dann antworte ich: »Wie können Sie darüber so bös sein! Ich
habe doch dabei gesagt, dass Ihre Tochter ein liebes Mädchen ist!«
Sehen Sie, das gewinnt doppelt! Wir beide sind Höker, ich nehme ihm
seine Kunden ab, die ihre Rosinen nicht bei einem Diebe kaufen wollen,
und zu gleicher Zeit sagt man von mir, dass ich ein guter Mensch sei,
denn ich striche die Tochter eines Konkurrenten heraus.

--Nein, so schlimm ist es nicht, sagte Duclari, das ist ein bisschen
stark aufgetragen!

--Das kommt Ihnen jetzt nur so vor, weil ich den Vergleich etwas
kurz und brüsk gestaltet habe. Wir müssen uns das »er ist ein Dieb«
einigermassen umschleiert vorstellen. Die Tendenz des Gleichnisses
bleibt wahr. Wenn wir genötigt sind, jemandem bestimmte Eigenschaften
zuzuerkennen, die Anspruch auf Beachtung, Ehrerbietung und Autorität
verleihen, dann gewährt es uns Befriedigung, neben diesen Eigenschaften
etwas zu entdecken, das uns von dem schuldigen Tribut teilweise oder
gänzlich frei erklärt. »Vor solch einem Dichter sollte man das Haupt
beugen, aber ... er schlägt seine Frau!« Sehen Sie, dann benutzen
wir die blauen Flecke der Frau gern als Vorwand, unsere Nase recht
hoch zu halten, und schliesslich wird es uns gar zur Genugthuung,
dass er das Weib schlägt, was doch sonst recht hässlich ist. Sobald
wir zugeben müssen, dass jemand Qualitäten besitzt, die ihn der Ehre
eines Piedestals würdig machen, sobald wir seine Ansprüche darauf nicht
länger leugnen können, ohne als unkundig, gefühllos oder eifersüchtig
angesehen zu werden ... sagen wir schliesslich: »Gut, setzt ihn nur
drauf!« Aber schon während des Draufsetzens und während er selbst noch
meint, dass wir verzückt daständen angesichts seiner Vortrefflichkeit,
haben wir schon die Schlinge in den Lasso gelegt, der dienen soll, ihn
bei der ersten günstigen Gelegenheit herunterzuholen. Je mehr Wechsel
unter den Inhabern der Piedestale, desto grösser die Wahrscheinlichkeit
für andere, dass sie auch einmal an die Reihe kommen werden, und so
wahr ist dies, dass wir aus Gewohnheit und zur Übung--wie ein Jäger,
welcher auf Krähen schiesst, die er doch liegen lässt--auch die
Standbilder gern niederlegen, deren Piedestal nie durch uns bestiegen
werden kann. Herr Schöps, der sich nährt von Sauerkohl und Dünnbier,
sucht Erhebung in der Klage: »Alexander war nicht gross ... er war
unmässig«, ohne dass für Herrn Schöps die mindeste Möglichkeit besteht,
jemals mit Alexander in Welteroberung zu konkurrieren.

Wie dem sei, ich bin überzeugt, dass viele niemals auf den Gedanken
gekommen wären, den General Vandamme für so tapfer zu halten,
wenn nicht seine Tapferkeit als Vehikel hätte dienen können für das
stets hinzugefügte: »aber ... seine Sittlichkeit!« Und ebenso bin ich
überzeugt, dass diese Unsittlichkeit von den vielen, die selbst nicht
gerade unantastbar waren, nicht als so gross hingestellt worden wäre,
wenn man sie nicht nötig gehabt hätte als Gegengewicht gegen seinen
Ruhm der Tapferkeit, der manche nicht schlafen liess.

Eine Eigenschaft besass er wirklich in hohem Masse:
Willenskraft. Was er sich vornahm, musste geschehen, und geschah
auch gewöhnlich. Doch--sehen Sie wohl, dass ich sogleich wieder die
Antithese zur Hand habe?--doch in der Wahl der Mittel war er dann auch
etwas ... frei, und, wie van der Palm--ich glaube, zu Unrecht--von
Napoleon sagte: »Hindernisse der Sittlichkeit standen ihm niemals
im Wege!« Nun, dann ist es gewiss leichter, sein Ziel zu erreichen,
als wenn man sich durch so etwas wohl gebunden erachtet.

Der Assistent-Resident von Padang hatte also einen Bericht
ausgefertigt, der günstig lautete für den suspendierten Kontrolleur,
dessen Suspension hierdurch den Anstrich der Ungerechtigkeit
erhielt. Die Padangschen Tuscheleien nahmen ihren Fortgang: man sprach
noch immer über das verschwundene Kind. Der Assistent-Resident fühlte
sich aufs neue berufen, die Sache aufzunehmen, doch ehe er etwas
zur Aufklärung hatte bringen können, ging ihm ein Beschluss zu, nach
welchem er vom Gouverneur der Westküste Sumatras »wegen Unehrlichkeit
in Amtsbeziehungen« suspendiert wurde. Es hiess darin, dass er aus
Freundschaft oder Mitleid die Angelegenheit des Kontrolleurs gegen
sein besseres Wissen in ein falsches Licht gerückt habe.

Ich habe die Akten, die diese Angelegenheit betreffen, nicht
gelesen, aber ich weiss, dass der Assistent-Resident auch nicht die
geringste Beziehung zu jenem Kontrolleur hatte, was schon daraus
zu entnehmen ist, dass man gerade ihn bestimmt hatte, diese Sache
zu untersuchen. Ich weiss weiterhin, dass er eine achtenswerte
Persönlichkeit war, und dass auch die Regierung ihn dafür hielt, was
aus der Nichtigerklärung der Suspension, nachdem die Sache andernorts
untersucht worden war, hervorgeht. Auch jener Kontrolleur ist später
gänzlich in seiner Ehre rehabilitiert worden. Der Beiden Suspension
war es, was mir das Epigramm eingab, das ich auf den Frühstückstisch
des Generals von jemandem niederlegen liess, der damals bei ihm und
vorher bei mir in Dienst stand.


    Leibhafter Suspensionsbeschluss, der suspendierend uns regiert,
Johann Suspensor, Gouverneur, du Wehrwolf unsrer Zeiten,
    Du hättest dein Gewissen selbst mit Freuden suspendiert ...
Wenn's nicht schon längst entlassen wär' in alle Ewigkeiten!


--Nehmen Sie mir's nicht übel, M'nheer Havelaar, ich finde, dass so
etwas nicht am Platze war, sagte Duclari.

--Ich auch ... aber ich musste doch etwas thun. Stellen Sie sich vor,
dass ich kein Geld hatte, keins erhielt, und von Tag zu Tag fürchtete,
Hungers zu sterben, was denn auch nahe genug gewesen ist. Ich hatte
wenig oder keine Verbindungen auf Padang, und obendrein, ich hatte
dem General geschrieben, dass er verantwortlich wäre, wenn ich in
Elend umkäme, und dass ich von niemandem Hülfe annehmen würde. In
den Binnenlanden waren Leute, die, als sie hörten, wie es mit mir
bestellt war, mich zu ihnen zu kommen nötigten, doch der General
verbot, dass man mir einen Pass dahin ausfertigte. Nach Java konnte
ich auch nicht verziehen. Überall anderswo hätte ich mich retten
können und vielleicht auch da, wenn man nicht so in Furcht vor dem
mächtigen General gewesen wäre. Es schien sein Plan, mich verhungern
zu lassen. Das hat neun Monate gedauert!

--Und wie haben Sie sich so lange am Leben erhalten? Oder hatte der
General viel Truthühner?

--O ja! Aber das half mir nichts ... So etwas thut man nur einmal,
nicht wahr? Was ich während dieser Zeit anfing? Ach ... ich machte
Verse, schrieb Komödien ... und dergleichen mehr.

--Und war dafür Reis zu haben auf Padang?

--Nein, doch den habe ich auch nicht dafür verlangt. Ich sage lieber
nicht, wie ich gelebt habe.

Tine drückte ihm die Hand: sie wusste es.

--Ich habe ein paar Zeilen gelesen, die Sie in diesen Tagen geschrieben
haben sollen, sagte Verbrugge; sie standen auf der Rückseite einer
Quittung.

--Ich weiss, was Sie meinen. Diese Zeilen kennzeichnen meine Lage. Es
bestand in den Tagen eine Zeitschrift »De Kopiist«, auf die ich
eingezeichnet war. Sie stand unter den Auspizien der Regierung--der
Redakteur war Beamter beim Allgemeinen Sekretariat--und darum wurden
die Subskriptionsgelder in Landes Kasse gestürzt. Man präsentierte mir
eine Quittung von zwanzig Gulden. Da nun dies Geld den Geschäftsbereich
des Gouverneurs anging, und also die Quittung, wenn sie unbezahlt
blieb, des Gouverneurs Bureaux zu passieren hatte, um nach Batavia
zurückgeschickt zu werden, so benutzte ich diese Gelegenheit, auf
der Rückseite also gegen meine Armut zu protestieren:


    Vingt florins ... quel trésor! Adieu, littérature,
        Adieu, Copiste, adieu! Trop malheureux destin:
        Je meurs de faim, de froid, d'ennui et de chagrin,
    Vingt florins font pour moi deux mois de nourriture!
        Si j'avais vingt florins, je serais mieux chaussé,
    Mieux nourri, mieux logé, j'en ferais bonne chère ...
    Il faut vivre avant tout, soit vie de misère:
        Le crime fait la honte, et non la pauvreté!


Doch als ich später in Batavia der Redaktion des »Kopiist« meine
zwanzig Gulden bringen wollte, war ich nichts schuldig. Es scheint,
dass der General selbst das Geld für mich bezahlt hat, um nicht
gezwungen zu sein, diese illustrierte Quittung nach Batavia
zurückzusenden.

--Doch was that er nach der ... nach der ... Wegnahme des Truthahns? Es
war doch ... ein Diebstahl! Und auf das Epigramm?

--Er strafte mich fürchterlich! Wenn er mich hätte vor Gericht stehen
lassen als schuldig der Unehrerbietigkeit gegen den Gouverneur von
Sumatras Westküste, was in jenen Tagen mit einigem guten Willen
als »Versuch zur Unterminierung der Holländischen Autorität und
Aufreizung zum Aufstand« hätte ausgelegt werden können, oder als
schuldig des »Diebstahls auf öffentlichem Wege«, so würde er gezeigt
haben, dass er ein gutherziger Mensch war. Aber nein, er strafte
mich besser ... schrecklich! Dem Mann, der die Kalekuten zu hüten
hatte, liess er befehlen, fortan einen anderen Weg zu wählen. Und
mein Epigramm ... ach, das ist noch ärger! Er sagte nichts, und er
that nichts! Sehen Sie, das war grausam! Er gönnte mir nicht den
mindesten Märtyrerschein, mir wurde nicht die Beachtung zu teil, wie
sie Verfolgung erweckt, ich sollte nicht unglücklich werden durch meine
ausschweifende Witzigkeit! O, Duclari ... o, Verbrugge ... es war, um
ein für alle mal einen Ekel zu haben vor Epigrammen und Truthähnen! So
wenig Ermutigung löscht die Flamme des Genies aus bis auf den letzten
Funken ... und den inklusive: ich hab's nie wieder gethan!



DREIZEHNTES KAPITEL.


--Und darf man nun wissen, warum Sie eigentlich suspendiert
waren? fragte Duclari.

--O ja, gern! Denn da ich alles, was ich hierüber zu sagen habe,
als wahr geben und sogar noch teilweise mit Beweisen belegen kann,
so werden Sie daraus ersehen, dass ich nicht leichtfertig handelte,
als ich in meiner Erzählung von dem vermissten Kinde das in Padang
umlaufende Gerede nicht als durchaus ungereimt verwarf. Es wird einem
sehr glaubwürdig erscheinen, sobald man unsern tapferen General in
den Angelegenheiten kennen lernt, die mich betreffen.

Es waren also in meiner Kassenführung zu Natal Ungenauigkeiten und
Versäumnisse vorgekommen. Sie wissen, wie jede Ungenauigkeit auf
eigenen Schaden hinausläuft: niemals hat man durch Nachlässigkeit
Geldes zuviel. Der Chef des Rechnungswesens zu Padang--der nun just
mein besonderer Freund nicht war--behauptete, dass ein Fehlbetrag von
Tausenden vorhanden sei. Doch beachten Sie wohl, dass man mich, solange
ich in Natal war, darauf nicht aufmerksam gemacht hatte. Gänzlich
unerwartet wurde mir eine Versetzung nach den Padangschen Oberlanden
zu teil. Sie wissen, Verbrugge, dass auf Sumatra eine Stellung in den
Oberlanden von Padang als vorteilhafter und angenehmer angesehen wird
als eine solche in der nördlicher gelegenen Residentschaft. Da ich
nur wenige Monate vorher den Gouverneur bei mir gesehen hatte--gleich
werden Sie hören, warum und wie--und weil während seines Aufenthalts
zu Natal und gerade in meinem Hause Dinge vorgefallen waren, bei
deren Behandlung, wie ich meinte, ich mich sehr tüchtig gezeigt
hatte, so nahm ich diese Versetzung als eine günstige Auszeichnung
auf und verzog von Natal nach Padang. Ich machte die Reise auf einem
französischen Schiff, der »Baobab« von Marseille, das zu Atjeh Pfeffer
geladen hatte und ... natürlich bei Natal »Mangel an Trinkwasser«
hatte. Sobald ich in Padang ankam, mit der Absicht, von da sogleich
in die Binnenlande einzudringen, wollte ich nach Brauch und Pflicht
den Gouverneur besuchen, doch er liess mir sagen, dass er mich nicht
empfangen könne, und zugleich, dass ich meinen Verzug nach dem neuen
Posten bis auf weiteren Befehl ausstellen müsste. Sie begreifen, dass
ich hierüber sehr verwundert war, desto mehr, da er zu Natal mich in
einer Stimmung verlassen hatte, die mir die Meinung einflössen musste,
ziemlich gut bei ihm angeschrieben zu stehen. Ich hatte nur wenige
Bekannte zu Padang, doch von diesen wenigen vernahm ich--oder vielmehr
ich merkte es ihnen an--dass der General sehr erbost auf mich war. Ich
sagte, dass ich es ihnen anmerkte, weil auf einem Aussenposten, wie
Padang damals einer war, das Wohlwollen von vielen gelten konnte als
der Gradmesser der Gnade, die man in den Augen des Gouverneurs gefunden
hatte. Ich fühlte, dass ein Sturm im Anzug war, ohne zu wissen,
aus welcher Ecke der Wind pfeifen würde. Da ich Geld nötig hatte,
ersuchte ich diesen und jenen, mir damit unter die Arme zu greifen,
und ich stand wirklich verdutzt, als man mir überall eine abweisende
Antwort gab. Auf Padang war man, nicht minder wie anderswo in Indien,
wo im allgemeinen der Kredit selbst eine allzu grosse Rolle spielt,
in diesem Punkte sonst sehr tolerant gestimmt. Man würde in jedem
anderen Fall mit Vergnügen einem Kontrolleur einige hundert Gulden
vorgeschossen haben, der auf Reisen war und wider Erwarten irgendwo
aufgehalten wurde. Doch mir versagte man alle Hülfe. Ich drang
bei einzelnen darauf, dass sie mir die Ursache dieses Misstrauens
nennen sollten, und mit Mühe erfuhr ich endlich, dass man in meiner
Kassenverwaltung zu Natal Fehler und Versäumnisse entdeckt hätte,
die mich einer ungetreuen Administration verdächtig machten. Dass
Fehler in meiner Administration zu konstatieren waren, befremdete
mich durchaus nicht. Gerade das Gegenteil würde mich verwundert
haben. Doch wohl fand ich es wunderlich, dass der Gouverneur, der
persönlich Zeuge gewesen war, wie ich, fortwährend fern von meinem
Bureau, mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung und mit anhaltenden
Versuchen zum Aufstand zu kämpfen hatte ... dass er, der mich gar
wegen dessen, was er »Beherztheit« nannte, besonders gelobt hatte,
den entdeckten Fehlern den Namen der Untreue und Unehrlichkeit geben
konnte. Es konnte doch niemand besser als er wissen, dass in diesen
Dingen keinesfalls von etwas anderem die Rede sein konnte als von
'force majeure'.

Und, mochte man immer diese 'force majeure' leugnen, wollte man
mich auch verantwortlich machen für Fehler, die begangen waren in
Augenblicken, da ich--in Lebensgefahr oftmals!--fern von der Kasse
und was damit zusammenhing, deren Verwaltung einem andern anvertrauen
musste; würde man auch fordern, dass ich, das eine thuend, das andere
nicht hätte lassen sollen ... dann immer noch wäre ich allein einer
Vernachlässigung zu zeihen gewesen, die mit »Untreue« nichts gemein
hatte. Es bestanden überdies, in jenen Tagen vor allem, zahlreiche
Beispiele dafür, dass die Regierung wohl einsah, wie mühevoll die
Position der Beamten auf Sumatra war, und es schien denn auch im
Prinzip angenommen, dass man bei solchen Dingen etwas durch die Finger
zu sehen habe. Man begnügte sich damit, von den in Frage kommenden
Beamten den Ersatz des Fehlenden zu fordern, und es mussten schon
sehr deutliche Beweise vorhanden sein, bevor man das Wort »Untreue«
aussprach oder nur daran dachte. Dies war denn auch so sehr Regel
geworden, dass ich zu Natal dem Gouverneur selbst sagte, befürchten
zu müssen, dass ich, nach der Untersuchung meiner Verbindlichkeiten
auf den Bureaux zu Padang, viel werde zu zahlen haben, worauf er
achselzuckend erwiderte: »Ach ... die Geldsachen!«, als fände er
selbst, dass das Unwichtigere vor dem Wichtigeren zurückstehen müsse.

Nun gebe ich wohl zu, dass Geldfragen wichtig genug sind. Allein,
wie gewichtig auch, sie waren in diesem Fall anderem Sorge und
Arbeit Erheischenden untergeordnet. Wenn durch Vernachlässigung oder
Versäumnis ein Fehlbetrag von einigen Tausenden verschuldet war,
so nenne ich das an sich selbst keine Kleinigkeit. Aber wenn diese
Tausende fehlten infolge meiner geglückten Bemühungen, dem Aufstande
zuvorzukommen, der das Gebiet von Mandhéling in Feuer und Flammen
zu setzen drohte, und die Atjinesen zurückkehren zu lassen in die
Orte, aus denen wir sie eben mit Aufopferung von viel Volk und Geld
verjagt hatten, so schwindet die Bedeutung eines solchen Mankos,
und es war sogar als einigermassen unbillig anzusehen, jemandem die
Rückzahlung desselben aufzuerlegen, der unendlich grössere Interessen
gerettet hatte.

Und doch war ich der Ansicht, dergleichen müsse ersetzt werden. Denn
indem man das nicht forderte, würde man der Unehrlichkeit Thür und
Thor öffnen.

Nach tagelangem Warten--Sie können sich denken, in welcher
Stimmung!--erhielt ich vom Sekretär des Gouverneurs einen Brief,
worin man mir eröffnete, dass ich der Untreue verdächtig erscheine,
mit dem Befehl, mich auf eine Anzahl von Bemängelungen, die meiner
Verwaltung zuteil geworden waren, zu verantworten. Einzelne von ihnen
konnte ich sofort richtig stellen. Für andere hingegen hatte ich
die Einsicht bestimmter Schriftstücke nötig, und vor allem war es
für mich von Wichtigkeit, den Dingen in Natal selbst auf den Grund
zu gehen und bei meinen Beamten nach den Ursachen der gefundenen
Differenzen zu forschen. Und wahrscheinlich wären auch da meine
Bemühungen, Klarheit in alles zu bringen, von Erfolg gewesen. Die
Unterlassung einer Abschreibung nach Mandhéling gesandter Gelder zum
Beispiel--Sie wissen, Verbrugge, dass die Truppen im Binnenlande aus
der Natalschen Kasse bezahlt werden--oder sonst etwas derartiges,
das mir höchstwahrscheinlich sofort klar geworden wäre, wenn ich
meine Nachforschungen am Platze selbst hätte anstellen können, hatte
vielleicht hinter diesen ärgerlichen Fehlern gesteckt. Doch der
General wollte mich nicht nach Natal reisen lassen. Diese Abweisung
liess mir die Art, in der die Beschuldigung der Untreue gegen mich
eingebracht war, noch auffälliger erscheinen. Warum in aller Welt war
ich von Natal unerwarteterweise versetzt, und gar unter dem Verdacht
der Veruntreuung? Warum teilte man mir diese entehrende Vermutung
erst mit, als ich fern von dem Ort war, wo ich Gelegenheit gehabt
hätte, mich zu verantworten? Und vor allem: warum wurden in meinem
Falle diese Angelegenheiten so ohne weiteres in die ungünstigste
Beleuchtung gerückt, im Widerspruch zu der angenommenen Gewohnheit
und im Widerspruch mit aller Billigkeit?

Bevor ich noch all die Bemängelungen, so gut es mir ohne Archiv oder
persönliche Unterrichtung möglich war, beantwortet hatte, erfuhr
ich indirekt, dass der General so erzürnt auf mich war: »weil ich zu
Natal ihm so widersprochen hätte; was denn auch«, so fügte man hinzu,
»sehr verkehrt von mir gewesen wäre«.

Da ging mir ein Licht auf. Ja, ich hatte ihm widersprochen, aber in
der naiven Meinung, dass er mich darum achten würde! Ich hatte ihm
widersprochen, aber bei seiner Abreise hatte mich nichts vermuten
lassen, dass er mir deshalb zürne! Dumm genug, hatte ich in der
günstigen Versetzung nach Padang einen Beweis gesehen, dass er mein
»Widersprechen« schön gefunden hatte. Sie werden sehen, wie wenig
ich ihn damals kannte.

Doch sobald ich vernommen hatte, dass das die Ursache war, die zu einer
so scharfen Beurteilung meiner Gelderverwaltung führte, war ich mit mir
selbst im Frieden. Ich beantwortete Punkt für Punkt, so gut ich konnte,
und schloss meinen Brief--ich besitze noch den Entwurf--mit den Worten:


    »Ich habe die an meine Administration geknüpften Bemängelungen,
    so gut es mir ohne Archiv oder lokale Nachforschung möglich war,
    beantwortet. Ich ersuche Euer Hochedelgestrengen, mich von allen
    wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen. Ich bin jung und bin
    unbedeutend im Vergleich zu der Macht der herrschenden Begriffe,
    denen mich zu widersetzen meine Grundsätze mich nötigen, doch ich
    bleibe nichtsdestoweniger stolz auf meine sittliche Unabhängigkeit,
    stolz auf meine Ehre.«


Tags darauf war ich suspendiert wegen »ungetreuer Verwaltung«. Der
Offizier der Gerichtsbarkeit--wir sagten damals noch »Fiscal«--erhielt
den Befehl, betreffs meiner »Amt und Pflicht« walten zu lassen.

Und so stand ich damals da zu Padang, kaum dreiundzwanzig Jahre alt,
und starrte die Zukunft an, die mir Ehrlosigkeit bringen würde! Man
riet mir, ich solle mich auf meine jungen Jahre berufen--ich war
noch unmündig, als die angeblichen Verfehlungen geschahen--doch das
wollte ich nicht. Ich hatte doch schon zu viel gedacht und gelitten,
und ... ich darf sagen: zu viel schon geschafft und gewirkt, als
dass ich mich hinter meiner Jugend verkriechen mochte. Sie sehen aus
dem eben angezogenen Schlusse des Briefes, dass ich nicht behandelt
sein wollte wie ein Kind, ich, der ich zu Natal dem General gegenüber
meine Pflicht gethan hatte wie ein Mann. Und gleichzeitig können Sie
wohl aus dem Brief ersehen, wie unbegründet die Beschuldigung war,
die man gegen mich erhob. Wahrlich, wer schuldig ist eines niedrigen
Verbrechens, schreibt anders!

Man nahm mich nicht gefangen, und dies hätte doch geschehen müssen,
wenn es ernst gewesen wäre mit dem kriminellen Verdacht. Wahrscheinlich
aber war diese scheinbar unabsichtliche Unterlassung nicht ohne
Grund. Dem Gefangenen ist man doch schuldig, dass man ihn unterhält und
ernährt. Da ich Padang nicht verlassen konnte, war ich in Wirklichkeit
doch ein Gefangener, aber ein Gefangener ohne Obdach und Brot. Ich
hatte wiederholt, doch jedesmal ohne Erfolg, dem General geschrieben,
dass er meinen Verzug von Padang nicht hindern möchte, denn es dürfte
kein Verbrechen, und wäre ich des allerschlimmsten schuldig, bestraft
werden mit Hungerleiden.

Nachdem der Rechtsrat, dem die Sache sichtlich Verlegenheit bereitete,
den Ausweg gefunden hatte, sich unzuständig zu erklären, weil
Verfolgungen wegen Verfehlung in Amtsbeziehungen nur auf Ermächtigung
der Regierung zu Batavia statthaben dürften, hielt mich der General,
wie ich schon sagte, neun Monate an Padang gebannt. Er erhielt endlich
von höherer Hand den Befehl, mich nach Batavia verziehen zu lassen.

Als ich ein paar Jahre darauf Geld hatte--gute Tine, du hattest es
mir gegeben!--zahlte ich einige tausend Gulden, um die Natalschen
Kassenrechnungen von 1842 und 43 glatt zu machen, und da sagte
mir jemand, von dem gesagt werden kann, dass er die Regierung von
Niederländisch-Indien repräsentierte: »Das hätte ich an Ihrer Stelle
nicht gethan ... ich würde einen Wechsel auf die Ewigkeit gegeben
haben.« Ainsi va le monde!



Gerade wollte Havelaar mit der Erzählung beginnen, die seine Gäste von
ihm erwarteten und die Aufklärung darüber geben sollte, in welcher
Angelegenheit und warum er dem General Vandamme zu Natal seinerzeit
»so widersprochen« hatte, da zeigte sich Mevrouw Slotering in der
Vorgalerie ihrer Wohnung und winkte dem Polizei-Aufseher, der bei
Havelaars Hause auf einer Bank sass. Der begab sich zu ihr und rief
darauf einem Manne zu, der soeben das Erbe betreten hatte, jedenfalls
in der Absicht, sich nach der Küche zu begeben, die hinterm Hause
gelegen war. Unsere Gesellschaft würde hierauf wahrscheinlich nicht
weiter geachtet haben, wenn nicht Tine mittags bei Tische gesagt hätte,
dass Mevrouw Slotering so scheu sei und eine Art Spionage zu üben
scheine über jeden, der das Erbe betrete. Man sah den Mann, der durch
den Aufseher gerufen war, zu ihr gehen, und es schien, dass sie ihn
in ein Verhör nahm, das nicht zu seinen Gunsten auslief. Wenigstens
wendete er seine Schritte und lief nach aussen zurück.

--Das kommt mir eigentlich ungelegen, sagte Tine. Das war vielleicht
einer, der Hühner zu verkaufen hatte oder Gemüse. Ich habe noch nichts
im Hause.

--Na, lass dann nur jemanden darnach ausschicken, antwortete
Havelaar. Du weisst, dass inländische Damen gern ihre Autorität
zur Geltung bringen. Ihr Mann war früher die erste Person hier, und
wie wenig im Grunde ein Assistent-Resident auch bedeutet, in seiner
Abteilung ist er ein kleiner König: sie ist noch nicht gewohnt an
die Entthronung. Lass uns der armen Frau dies kleine Vergnügen nicht
rauben. Thu nur so, als wenn du nichts bemerktest.

Dies fiel nun Tine nicht schwer: ihr war nichts an Autorität gelegen.

Es ist hier eine Abschweifung nötig, und gar will ich einmal
abschweifen, um über Abschweifungen selbst zu reden. Es fällt einem
Autor zuweilen nicht leicht, mitten hindurch zu segeln zwischen den
beiden Klippen des Zuviel und des Zuwenig, und diese Schwierigkeit
wird um so grösser, wenn man Zustände beschreibt, die den Leser auf
unbekannten Boden führen. Es ist eine zu enge Verbindung zwischen
Örtlichkeit und Geschehnis, als dass man die Beschreibung der
Örtlichkeit gänzlich entbehren könnte, und das Vermeiden der beiden
Klippen, von denen ich sprach, wird doppelt schwierig für jemanden,
der Indien zum Schauplatz seiner Erzählung gewählt hat. Denn während
ein Schriftsteller, der europäische Zustände schildert, viele Dinge als
bekannt voraussetzen kann, muss er, der sein Stück in Indien spielen
lässt, sich fortwährend fragen, ob der nicht-inländische Leser diese
oder jene Umstände richtig auffassen wird. Wenn der europäische Leser
sich Mevrouw Slotering als bei den Havelaars »logierend« denkt, so
wie dies in Europa der Fall sein würde, muss es ihm unbegreiflich
vorkommen, dass sie nicht bei der Gesellschaft zu finden war, die
in der Vorgalerie den Kaffee einnahm. Wohl habe ich schon gesagt,
dass sie ein apartes Haus bewohnte, doch um dies und zugleich spätere
Vorkommnisse recht zum Verständnis zu bringen, ist es in der That
nötig, dass ich den Leser einigermassen mit Havelaars Haus und Erbe
bekannt mache.

Die Beschuldigung, die so oft gegen den grossen Meister, der den
»Waverley« schrieb, erhoben wird, nämlich, dass er manchmal die Geduld
seiner Leser missbrauche, indem er der Beschreibung von Örtlichkeiten
zu viel Platz einräume, scheint mir nicht recht begründet, und ich
glaube, dass man sich zur Beurteilung der Richtigkeit einer solchen
Aussetzung, einfach die Frage vorzulegen hat: war diese Beschreibung
nötig, um den speziellen Eindruck hervorzurufen, den der Autor bei
dir erreichen wollte? Wenn ja, so lege man es ihm nicht übel aus,
dass er von dir die Mühe erwartet, zu lesen, was er zu schreiben sich
die Mühe gab. Wenn nein, so werfe man das Buch weg. Denn der Autor,
bei dem es im Kopfe so leer ist, dass er ohne zwingenden Grund
Topographie giebt statt Gedanken, wird selten der Mühe des Lesens
wert sein, auch da, wo schliesslich seine Ortsbeschreibung ein Ende
nimmt. Aber man vergesse nicht, dass das Urteil des Lesers darüber,
ob ein Abschweifen notwendig ist oder nicht, oftmals falsch ist,
weil er vor der Katastrophe nicht wissen kann, was erforderlich oder
nicht erforderlich ist für die geordnete Darlegung der Zustände. Und
wenn er nach der Katastrophe das Buch wieder aufnimmt--von Büchern,
die man nur einmal liest, rede ich nicht--und selbst dann noch meint,
dass diese oder jene Abschweifung ohne Schaden für den Gesamteindruck
hätte entbehrt werden können, so bleibt es noch immer die Frage,
ob er vom Ganzen denselben Eindruck empfangen hätte, wenn nicht
der Schriftsteller in mehr oder minder künstlicher Weise ihn dazu
gebracht haben würde, und gerade durch die Abschweifungen, die dem
oberflächlich urteilenden Leser überflüssig erscheinen.

Meinet ihr, dass Amy Robsart's Tod euch so packen würde, wenn
ihr Fremdling gewesen wäret in den Hallen von Kenilworth? Und
meinet ihr, dass da keine Verbindung bestände--Verbindung in
der Antithese--zwischen der reichen Kleidung, in der sich ihr der
unwürdige Leicester zeigte, und der Schwarzheit seiner Seele? Fühlt
ihr nicht, dass Leicester--dies weiss jeder, der den Mann auch aus
anderen Quellen kennt als gerade aus dem Roman--dass er unendlich
tiefer stand, als er im »Kenilworth« geschildert wird? Aber der
grosse Romancier, der lieber durch künstliche Verteilung der Farben
fesselte als durch Grellheit derselben, achtete es unter seiner Würde,
den Pinsel in all den Schmutz und all das Blut zu tauchen, das dem
unwürdigen Günstling der Elisabeth anklebte. Er wollte nur auf einen
dunklen Fleck in dem schmutzigen Pfuhl weisen, doch verstand er es,
solchen Fleck durch die Lichter ins Auge fallen zu lassen, die er
in seinen unsterblichen Schriften daneben setzte. Wer nun all das
daneben Gegebene als überflüssig verwerfen zu können glaubt, verliert
gänzlich aus dem Auge, dass man dann, um Effekt zuwege zu bringen,
zu der Schule übergehen müsste, die von 1830 ab so lange in Frankreich
floriert hat, obschon ich zur Ehre dieses Landes sagen muss, dass die
Schriftsteller, die in dieser Hinsicht am meisten gegen den guten
Geschmack sündigten, gerade im Ausland, und nicht in Frankreich
selbst, ihre grössten Erfolge erzielten. Diese Schule--ich hoffe
und glaube, dass sie ausgeblüht hat--hielt es für gemäss, mit voller
Hand in Lachen von Blut zu greifen und grosse Sudelkleckse hiervon
auf das Gemälde zu werfen, dass man sie selbst aus der Entfernung
sehen möge! Sie sind denn auch mit geringerem Aufwande zu malen,
diese groben Streifen von Rot und Schwarz, als die feinen Züge
zu pinseln sind, die da stehen im Kelch einer Lilie. Darum wählte
denn auch diese Schule meistens Könige zu Helden ihrer Geschichten,
am liebsten aus der Zeit, da die Völker noch unmündig waren. Sieh,
die Betrübtheit des Königs wandelt man auf dem Papier in Volksgeheul
... sein Zorn bietet dem Autor Gelegenheit zum Töten von Tausenden
auf dem Schlachtfelde ... seine Fehler geben Raum zum Schildern von
Hungersnot und Pest ... das alles setzt grobe Pinsel in Bewegung! Wenn
du dich nicht bewegen lässest von dem stummen Schrecken einer Leiche,
die da liegt, es ist in meiner Geschichte Platz für ein Schlachtopfer,
das noch ächzt und zuckt! Hast du nicht geweint bei der Mutter, die
vergebens ihr Kind sucht ... gut, ich zeige dir eine andere Mutter,
die ihr Kind vierteilen sieht! Bleibst du gefühllos bei dem Märtyrertod
dieses Mannes ... ich vermannigfache dein Gefühl hundertmal, indem
ich neunundneunzig andere Männer martern lasse neben ihm! Bist du
verstockt genug, nicht zu schaudern beim Anblick des Soldaten, der in
einer belagerten Festung aus Hunger seinen linken Arm verschlingt ...

Epikuräer! Ich stelle dir anheim, zu kommandieren: »rechts und links
... zum Kreise formiert! Jeder esse den linken Arm seines Nebenmannes
auf ... marsch!«

Ja, so geht dieser Kunst-Schauder über in Albernheit ... was ich so
im Vorübergehen beweisen wollte.

Und dahin würde man doch geraten, indem man zu eilig einen
Schriftsteller verurteilte, der sinngemäss vorbereiten wollte auf seine
Katastrophe, ohne Zuflucht zu nehmen zu diesen schreienden Farben.

Gleichwohl ist die Gefahr auf der anderen Seite noch grösser. Du
verachtest die Bemühungen des groben Schrifttums, das mit so
ungeschlachten Waffen auf dein Gefühl meint einstürmen zu müssen,
aber ... wenn der Autor in das andere Extrem verfällt, wenn er
sündigt durch zu viel Abschweifen von der Hauptsache, durch zu viel
Pinsel-Manieriertheit, dann ist dein Zorn noch stärker, und mit
Recht. Denn dann hat er dich gelangweilt, und das ist unverzeihlich.

Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege
und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in
die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor,
in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen
weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist,
das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit
eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann
verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür.

Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und
mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten
werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein
kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten
schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn
wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie
unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist,
dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben,
die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel
wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses
Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und
Verstehen ist Genuss.

Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege
gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen
ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen
würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den
Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube,
dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben,
den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst,
dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.

Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine
Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine
Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen,
vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das
unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern
dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien
kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor,
denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man
hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die
indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind
sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus
erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen,
hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste
gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch
mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden
aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt,
und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster
der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest
gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes,
wie ich wohl glaube.

In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch
Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht
haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte
nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten
... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von
allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches
Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben
tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke
und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2,
und in dieser Weise weiter.

Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an
drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen
ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie,
die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7,
9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch
Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten
Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist
eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich
bin recht stolz auf diese Beschreibung.

Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die
Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe«
knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald,
sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von
dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser
nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck
»Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine
oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen
Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere
sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses
Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher
Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen
Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge
weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert,
weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.

Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an
einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn«
stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an
die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung
mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer
bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte,
und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von
Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite
zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an
Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.

Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im
Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon
überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den
jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem
Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer
Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte,
nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem
Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes,
selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und
dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame
des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich
abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und
Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel
Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen
und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn«
beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause
gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor
dem Hause.

Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie
mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das
Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo
Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter
breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum
Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte
Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw
Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe
nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des
Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der
das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen
Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder
an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom
Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude
erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem
deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.

Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen,
dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor,
am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen
und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame
ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache
redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass
sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern
willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung
zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in
Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering
nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände,
in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden
sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht
»stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie,
dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört«
wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten
Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering
sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders
gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach,
in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger
Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut
wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen
haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig,
lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und
man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch
Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt
war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam
blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte,
an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst
keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche
von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine,
wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.



VIERZEHNTES KAPITEL.


--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an
der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke
grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein
geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern
uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu
überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon'
gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also
in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an
das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich
anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren
Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der
dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität
gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet,
solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben
zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter
sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme,
dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein
Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im
Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür
bestanden als Recht und Billigkeit.

Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden,
sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der
Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich
zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von
atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine
Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen
selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur
nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus,
und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen
gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie
wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden.

Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung
zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie
in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom
Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General
Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das
Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert
aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass
er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung
gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und
was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich
im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und
Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den
Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.

Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar
auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang
di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.

Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete,
der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher
Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel
von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben
waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben
schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar
erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen
angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den
Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie
dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für
die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters,
und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim
sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den
battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde
zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge
ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses;
Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war,
und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling
in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.

Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein
Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte
und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes
zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung
hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den
anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet
wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor
einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen
bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen
überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der
betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.

Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den
Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich
verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe
ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre
1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet,
wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich
bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen
und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher
diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer
Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.

So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie
bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter
erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von
Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die
battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen
haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft
der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von
selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie
wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.

Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat,
kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der
Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben
nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der
Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande
gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung
erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und
Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.

Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war,
dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling
gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier
schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess
ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach
Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur
all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse
niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln
rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein
Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An
Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich
auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies
thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch
zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als
ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert
haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er
frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei
Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde,
ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss
ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht
worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von
seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier
kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige
Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit
der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling
zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern
mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung
seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese
Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene
Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine
Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem
diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem
falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine
Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen
Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet,
und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke
nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.

Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die
Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir
natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und
gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser
Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten,
dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte
Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den
unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des
Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die
Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag
ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die
Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte,
ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen
Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen
der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur
geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte
Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende
Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste
widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement
abberufen haben würde.

»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all
den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere
Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen
Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die
Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang,
wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so
können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«

Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen
Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si
Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich
meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku
von Natal.

»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein
Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht
geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats
anklagt!«

Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem
»Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den
Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden
Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen,
nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf
der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah,
die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht,
seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde,
der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten,
sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen,
hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen
können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und
Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann
einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.

»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage
und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten
Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen
worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan
von Mandhéling'.«

»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil
ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und
Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet
sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java
überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten
dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann
ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses
Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«

Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger
zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General
mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen
werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte
augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann,
den man so schrecklich misshandelt hätte«.

»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte
er hinzu.

Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen
Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also
in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit
Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt
haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein
gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan
Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku
sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort
hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen,
was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen
Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war
in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich
zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser
Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte,
was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die
im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten,
das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand,
wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe
bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für
seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den
Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon
gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.

Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde
nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten,
andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«,
den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine
Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger
der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl
Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der
General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das
Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig
Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von
Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der
Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus
den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs
deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan
gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder
Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte;
dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser
nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass
das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der
Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes
Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas
ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von
Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben
und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.

Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die
Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes
Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen,
oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er
sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.

Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen
Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist
mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine
Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld
beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei
obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser
... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich
einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben
Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen«
hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen
ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche
Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte,
mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.

--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren,
sagte Duclari.

--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme
so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser
Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen
wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen,
dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der
General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen
Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn
ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr,
dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten
Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der
General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte
Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den
Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung
und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl,
mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht
so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass
es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte,
sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre
und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten,
die der Politik des Generals im Wege standen.

--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.

--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General
nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung
zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst
geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat
executio' verliehen hatte, wurde ...

--Suspendiert?

--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als
ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend
uns regierte.

--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?

--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind
in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr
angesehene Posten bekleidet.

--Und Sutan Salim?

--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde
er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor
in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe
ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor
anstellte, Tine?

--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.

--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!

--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind:
darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig
duellierten?

--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon
gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten
der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die
meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft
ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht
erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes,
der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine
Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche
Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles,
begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere,
wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und
vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht
also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich
wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt
hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung,
und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein
hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem
im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht,
warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun
nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen
Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm
her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier
ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das
war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und
will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht
Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch,
ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?

So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das
Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die
»loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur
Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!

Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen,
weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden
Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue
Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der
Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden
Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von
dort zurückgekehrt war.



Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass,
um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten
Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade,
als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der
Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen
die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften
Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan,
die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch
weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich
das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das
hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu
rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten
gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme
von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu
Rangkas-Betung warteten.

Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus
und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen
ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste,
und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine
Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien
den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars
Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem
Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte
für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars
liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen
am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen
bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen
gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit
Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.

Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die
Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt,
und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht
mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die
Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die
zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.

Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male
in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach
wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer
oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr,
das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und
achtete bald nicht mehr darauf.

Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine
verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die
auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich
sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man
hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten
waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel
zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu
lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm
ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der
Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen
billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich
Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten
ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht
Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine
andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen
Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen
dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf
dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen
Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen
anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem
Max zusammen sein konnte?

Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete:
der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so
viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei
Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für
jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage
bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin
einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also
ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald
über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass
der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass
er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie
begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich
und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser
kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.

Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall,
doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt
wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden
wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen
können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu
lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer
noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge,
wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit
und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass,
wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur
unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen
haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und
ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf
die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen
Besitzungen herrschend sind.

Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der
den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann
in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses
Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn
das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder
zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das
Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten
zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen
kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder
niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal
gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks,
der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden
hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen
gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige
Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht
die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert
legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde,
so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An
den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige
Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art
Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden
Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen,
wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor
allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht,
selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre,
um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel
gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von
Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine
solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg
zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden
Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird,
ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und
also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.

Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten
in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach
europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst
würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar
finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die
Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten
Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können,
die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal
die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer,
einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige
Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht,
sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel
warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die
Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung
eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht
hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil,
wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich
sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin
oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese
Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach
Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die
Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen,
dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche
warnenden Lehren gegeben werden.

Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich
zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen
Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut
und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine
völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel,
dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der
Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger
in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine
abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht
hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am
öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu
stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm
hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall
die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder
in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von
diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte
ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen,
und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung
Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten
in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und
zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande
oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der
Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne,
dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn,
wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden
Einkerkerung den Vorzug geben.

Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen
durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt
war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt
hatte.

Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten
keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel
Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern,
und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben,
wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise
zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn
zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die
Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht
entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus
den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der
wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen,
was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können
also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner
Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der
Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage,
als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung
beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht
fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles
bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus
dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen
Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem
höchst traurigen Zustande befand.

Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm,
dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit
den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung,
und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich
gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde,
wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.

Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet,
sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der
Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von
Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch
nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht
annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei
ergreifen werde.

Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen
in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob
dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen
zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr
ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir
haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über
die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es
Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also
nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter
Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der
Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste,
dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes
Lauf aufzuhalten.

Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte,
hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei
zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse
überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer
wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht
geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die
Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn
man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch,
dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von
höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf
ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung
Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«.

Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen
direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die
Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt,
im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu
lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber
nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig
die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu
thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen,
die Ursachen hiervon darzulegen.

Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht
eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem
ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben
bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten
mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein
würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes
zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr
läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun
einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern
zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu
werden, den man pflichtgemäss offenbart.

Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre
Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten
melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die
selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen,
senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an
die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen
Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch
nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen
dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich
behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit
ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele
von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer
Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo
die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden,
wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre,
Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät,
mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht
erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige
Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen
lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich
um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die
mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der
Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der
ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen
werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel
spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren,
will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen,
der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass
ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein,
sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner
Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn
... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass
niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«

Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten:
»Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen
zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die
Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten
erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt«
mit unangenehmen Berichten!

Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den
Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht
steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch
niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu
entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter
abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung
auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger
weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien,
da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die
Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von
Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.

Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des
Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch«
zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und
sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von
Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv
nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in
einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.

Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement,
und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im
Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.

Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte
sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen
zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung
meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel
und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man
zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der
Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne
schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote
zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre
rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl
notwendig geworden war.

Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen
könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot
herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und
dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben
wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in
meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich
gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben,
dass sie vorhanden sind.

Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges
Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher
Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder
nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden
werden kann.

Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein,
der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin
versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen
aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich
weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche
nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java
nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge
viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben
Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java
eingeführt ist.

Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem
Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert,
und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam
machen.

Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten
für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat
den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen
Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der
Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe
bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind,
dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu
den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von
mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die
Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels
haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand,
Einfuhr: entsprechenden Mangel.

Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt
sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass
alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen
Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier
keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer
Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die
widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort
ist. Das ist doch Wohlstand!

Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als
nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen
würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie
ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von
vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten
alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer
Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam,
seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten
einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein
anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung
des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die
gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange
unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren
könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung,
in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?

Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander
folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas
Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als
die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein,
die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit
ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes
entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen
und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden
sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur
Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das
Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?

Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht
die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit
unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger
Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der
Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene
Häuptlinge handelt.

Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen
Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten
müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die
Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese
Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen,
als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse,
das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum
und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung
geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die
nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub
schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der
Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen
Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in
Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber
zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten
politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind
gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse
hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch
darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann,
wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber
diesen Häuptlingen fallen sollte.

Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche
Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den
Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den
Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide
ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick
will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der
sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine
Pflicht gebunden erachtete.

Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen
andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu
seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen
kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen
vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu
kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl
und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem
eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden
sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele
anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part
eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari
und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell
mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht
dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und
seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester
pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der
auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach,
ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil
er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten
die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich
wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie
wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und
Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden
von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich
Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten
war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf
über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«,
die solche Tiere schuf.

Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal
herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder
nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber
... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig,
doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist
gutherzig ... doch er kokettiert damit!«

Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber
sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich
allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung
der Koketterie?

Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar,
die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig
haben würde!

War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho
hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete,
dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den
Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein
derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an
die Gutherzigkeit selbst.

Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn
ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die
geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits
unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von
seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem
rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht,
wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher
geringen Höhe auch immer.

Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen
Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht
überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und
Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in
Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne
indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte
er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige
Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig
die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:


    --Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör!
    Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl,
    Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht!
    Du hast den ganzen Tag so wild gespielt
    Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.

    --Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick!
    Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort,
    Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich,
    Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier
    Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume,
    Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör,
    Was war das?
                --Es war ein Klapper, der da fiel.
    --Thut das dem Klapper weh?
                               --Ich glaube nicht.
    Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.

    --Doch eine Blume, fühlt die auch nicht?
                                            --Nein.
    Man sagt, sie fühle nicht.
                              --Warum denn, Mutter,
    Als gestern ich die Pukul ampat brach,
    Hast du gesagt: es thut der Blume weh!

    --Mein Kind, die Pukul ampat war so schön,
    Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei,
    Das that mir für die arme Blume leid.
    Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt,
    Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war.

    --Doch, Mutter, bist du auch schön?
                                       --Nein, mein Kind,
    Ich glaube nicht.
                     --Allein du hast Gefühl?

    --Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.

    --Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh,
    Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?

    --Nein, das thut mir nicht weh!
                                   --Und, Mutter, ich ...
    Hab' ich Gefühl?
                    --Gewiss, erinn're dich,
    Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein
    Dein Händchen hast verwundet und geweint.
    Auch weintest du, als Saudien dir erzählte,
    Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief
    In eine Schlucht hinunterfiel und starb.
    Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.

    Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz?
                                          --Ja, oft!
    Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst,
    Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift
    Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt,
    Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.

    --Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft,
    Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?

    --Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht,
    Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.

    --Doch, Mutter ... höre, was war das?
                                         --Ein Hirsch,
    Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt
    Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht
    Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind.
                                           --Mutter,
    Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich?
    Und eine Mutter auch?
                         --Ich weiss nicht, Kind.

    --Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre!
    Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch?
    Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?

    --'s ist eine Feuerfliege.
                              --Darf ich's fangen?

    --Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart,
    Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald
    Du's mit den Fingern allzu roh berührst,
    Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.

    --Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht!
    Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ...
    Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort
    Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe.
    Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das,
    Sind das auch Feuerfliegen dort?
                                    --Das sind
    Die Sterne.
               --Ein, und zehn, und tausend!
    Wieviel sind denn wohl da?
                               --Ich weiss es nicht,
    Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.

    --Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht?

    Nein, liebes Kind, auch Er nicht.
                                     --Ist das weit
    Dort oben, wo die Sterne sind?
                                  --Sehr weit

    --Doch haben diese Sterne auch Gefühl?
    Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand
    Berührte, gleich erkranken und den Glanz
    Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!--
    Sag', würd' es auch den Sternen weh thun?
                                             --Nein,
    Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit
    Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.

    --Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?

    --Auch Er nicht: das kann niemand!
                                      --Das ist schade!
    Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin,
    Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.

    Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl,
    Von Sternen, die es fasste mit der Hand ...
    Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte
    Auch sie und dacht' an den, der fern war ...


Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen
Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen,
die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner
Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe,
wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.



FÜNFZEHNTES KAPITEL.


Havelaars Vorgänger, der wohl das Gute wollte, doch zugleich die hohe
Ungnade der Regierung einigermassen gefürchtet zu haben schien--der
Mann hatte viele Kinder, und kein Vermögen--hatte also lieber mit dem
Residenten »gesprochen« über das, was er »weitgehende« Missbräuche
nannte, als dass er sie in einem offiziellen Bericht rundheraus
beim Namen nannte. Er wusste, dass ein Resident nicht gern einen
schriftlichen Rapport empfängt, der in seinem Archiv liegen bleibt
und später als Beweis gelten kann, dass er zeitig auf diese oder
jene Misslichkeit aufmerksam gemacht wurde, während eine mündliche
Mitteilung ihm gefahrlos die Wahl lässt, einer Klage Gehör oder ihr
nicht Gehör zu geben. Solche mündlichen Mitteilungen hatten gewöhnlich
eine Unterhaltung mit dem Regenten zur Folge, der natürlich alles
leugnete und auf Beweise drang. Dann wurden die Leute aufgerufen,
die die Vermessenheit hatten, sich zu beklagen, und dem Adhipatti
zu Füssen kriechend baten sie um Schonung. »Nein, der Büffel sei
ihnen nicht abgenommen worden für nichts, sie glaubten ja, dass ein
doppelter Preis dafür werde bezahlt werden.« »Nein, sie seien nicht
von ihren Feldern abberufen worden, um ohne Bezahlung in den Sawahs
des Regenten zu arbeiten; sie wüssten sehr gut, dass der Adhipatti
sie später reichlich belohnt haben würde.« »Sie hätten ihre Anklage
erhoben in einem Augenblick unbegründeten Frevelmuts ... sie seien
wahnsinnig gewesen und fleheten, dass man sie strafen möge für so
weitgetriebene Unehrerbietigkeit.«

Der Resident wusste dann wohl, was er von dieser Einziehung der Anklage
zu halten hatte, doch das Einziehen gab ihm nichtsdestoweniger eine
schöne Gelegenheit, den Regenten in Amt und Ehren zu stützen, und
ihm selbst war die unangenehme Aufgabe erspart, die Regierung mit
einem ungünstigen Bericht zu »belästigen«. Die ruchlosen Ankläger
wurden mit Stockschlägen bestraft, der Regent hatte triumphiert,
und der Resident kehrte nach dem Hauptplatz zurück mit dem angenehmen
Bewusstsein, diese Sache schon wieder so gut »geschipperd« zu haben.

Doch was sollte nun der Assistent-Resident thun, wenn am folgenden Tage
sich wieder andere Kläger bei ihm meldeten? Oder--und das geschah
häufig--wenn dieselben Kläger zurückkehrten und ihre Einziehung
einzogen? Sollte er wieder die Sache in seine private Nota eintragen,
um wieder darüber mit dem Residenten zu sprechen, um wieder dieselbe
Komödie spielen zu sehen, alles auf die Gefahr hin, für einen
Menschen gehalten zu werden, der--dumm und bösartig vielleicht--so oft
Beschuldigungen erhob, die jedesmal als unbegründet abgewiesen werden
mussten? Was sollte da werden aus dem so notwendigen freundschaftlichen
Verhältnis zwischen dem vornehmsten Inländischen Häuptling und dem
ersten Europäischen Beamten, wenn dieser fortwährend falschen Anklagen
gegen diesen Häuptling Gehör zu geben schien? Und vor allem, was wurde
aus den armen Klägern, nachdem sie in ihr Dorf zurückgekehrt waren, wo
sie wieder der Gewalt des Distrikts- oder Dorfhäuptlings unterstanden,
den sie als Werkzeug von des Regenten Willkür angeklagt hatten?

Was aus den Klägern wurde? Wer flüchten konnte, flüchtete. Darum
schweiften soviel Bantamer in den benachbarten Provinzen umher! Darum
waren soviel Bewohner von Lebak unter den Aufständischen in den
Lampongschen Distrikten! Darum hatte Havelaar in seiner Ansprache an
die Häuptlinge gefragt: »Was ist dies, dass soviel Häuser leer stehen
in den Dörfern, und warum ziehen viele den Schatten der Gebüsche
anderswo der Kühle der Wälder von Bantan-Kidul vor?«

Doch nicht jeder konnte flüchten. Der Mann, dessen Leichnam morgens
den Fluss hinuntertrieb, nachdem er am Abend zuvor heimlich, zögernd,
ängstlich beim Assistent-Residenten um Gehör ersucht hatte ... er
war der Flucht enthoben. Vielleicht kann man es als human erachten,
dass man ihn durch den Tod auf der Stelle einer nur noch kurzen
Lebensdauer entzog. Ihm blieb die Misshandlung, der er bei Rückkehr
in sein Dorf ausgesetzt war, und ihm blieben die Stockprügel erspart,
die die Strafe sind für jeden, der einen Augenblick meinen mochte,
dass er kein Tier sei, kein seelenloser Holzklotz oder ein Stein; die
Strafe für den, der in einer Anwandlung von Narrheit geglaubt hatte,
dass Recht im Lande sei, und dass der Assistent-Resident den Willen
und die Macht habe, dieses Recht durchzusetzen ...

War es nicht wirklich besser, diesen Mann zu hindern, dass er am
andern Morgen zum Assistent-Residenten zurückkehrte--wie dieser ihm
abends sagen liess--und seine Klage in dem gelben Wasser des Tjiudjung
zu ersticken, das ihn sanft nach der Mündung hinunterführen würde,
gewohnt, Überbringer zu sein der brüderlichen Grussgeschenke der Haie
im Binnenlande an die Haie in der See?

Und Havelaar wusste das alles! Empfindet der Leser, was in seinem
Innern vorging, wenn er gedenken musste, dass er zum Rechtthun berufen
und hierin einer höheren Macht verantwortlich sei als der Macht
einer Regierung, die wohl dies Recht in ihren Gesetzen vorschrieb,
doch nicht immer gleich gern deren Anwendung sah? Empfindet man,
wie sehr ihn Zweifel plagen mussten, Unentschiedenheit darüber,
nicht was ihm zu thun oblag, doch auf welche Weise er zu handeln hatte?

Er hatte begonnen mit Milde. Er hatte zum Adhipatti gesprochen als
»älterer Bruder«, und wer meinen möchte, dass ich in Eingenommenheit
für den Helden meiner Geschichte die Weise, in der er sprach,
übermässig herauszustreichen suche, der höre, wie einmal nach solcher
Unterhaltung der Adhipatti seinen Patteh zu ihm schickte, dass er
ihm für seine wohlwollenden Worte Dank sage, und wie noch lange
darnach dieser Patteh im Gespräch mit dem Kontrolleur Verbrugge--als
Havelaar aufgehört hatte, Assistent-Resident von Lebak zu sein, als
also von ihm weder irgendwas zu erhoffen noch zu fürchten war--wie
dieser Patteh bei der Erinnerung an seine Worte begeistert ausrief:
»Noch niemals hat irgend ein Herr gesprochen wie er!«

Ja, er wollte helfen, ins Gleise bringen, retten, nicht verderben! Er
hatte Mitleid mit dem Regenten. Er, der wusste, wie Geldmangel
drückend sein kann, vor allem wo er Schmach und Erniedrigung mit
sich führt, suchte nach Gründen der Schonung. Der Regent war alt
und das Haupt eines Geschlechts, das auf grossem Fusse lebte in
benachbarten Provinzen, wo viel Kaffee geerntet wurde und also viel
Emolumente erzielt wurden. War es nicht peinigend für ihn, in der
Lebensweise so weit hinter seinen jüngeren Verwandten zurückstehen
zu müssen? Obendrein meinte der Mann, von Schwärmerei ergriffen, mit
dem Wachsen seiner Jahre das Heil seiner Seele durch Bezahlung von
Wallfahrten nach Mekka und durch Almosen an gebetsingende Müssiggänger
erkaufen zu können. Die Beamten, die Havelaar in Lebak voraufgegangen
waren, hatten nicht immer gutes Beispiel gegeben. Und endlich machte
die ausgedehnte Lebaksche Familie des Regenten, die ihm vollständig
zur Last lag, die Rückkehr zum rechten Wege sehr schwierig.

So suchte Havelaar nach Gründen, alle Strenge auszuschliessen und
noch einmal versuchen zu können, was sich erreichen liess mit Milde.

Und er ging noch über Milde hinaus. Mit einem Edelmut, der an die
Fehler erinnerte, die ihn so arm gemacht hatten, schoss er dem Regenten
fortwährend auf eigene Verantwortung Geld vor, damit nicht irgend ein
Zwang allzu stark zum Vergehen dränge, und er vergass wie gewöhnlich
sich selbst so weit, dass er bereit war, sich und die Seinen auf
das durchaus Nötige zu beschränken, um dem Regenten mit dem Wenigen
unter die Arme zu greifen, das er noch von seinem Einkommen würde
ersparen können.

Wenn noch der Beweis nötig erscheinen möchte für die Sanftmut, mit
der Havelaar seine schwierige Pflicht erfüllte, so würde er gefunden
werden können in einer mündlichen Botschaft, die er dem Kontrolleur
auftrug, als derselbe einmal nach Serang zu reisen hatte: »Sagen Sie
dem Residenten, er möge, wenn er von den Missbräuchen hört, die hier
vorkommen, nicht glauben, dass ich dem gleichgültig gegenüberstehe. Ich
mache nicht sogleich offiziell Meldung davon, weil ich den Regenten,
mit dem ich Mitleid fühle, vor allzu grosser Strenge bewahren möchte
und erst versuchen will, ihn durch Milde zur Pflicht zu bringen.«

Havelaar blieb häufig mehrere Tage hintereinander aus. Wenn er
zu Hause war, fand man ihn meistens in dem Zimmer, das wir auf
unserem Grundriss als siebentes Fach dargestellt sehen. Da sass er
gewöhnlich zu schreiben und empfing da die Personen, die um Gehör
ersuchen liessen. Er hatte diese Stelle gewählt, weil er dort in
der Nähe seiner Tine war, die sich gewöhnlich im nebenan gelegenen
Zimmer aufhielt. Denn so innig waren sie verbunden, dass Max, auch
wenn er mit einer Arbeit beschäftigt war, die Aufmerksamkeit und
Mühe erforderte, stetig das Bedürfnis fühlte, sie zu sehen oder
zu hören. Es war oft spasshaft, wie er auf einmal ein Wort an sie
richtete, das in seinen Gedanken über die ihn beschäftigenden Dinge
aufdämmerte, und wie schnell sie, ohne zu wissen, was gerade vorlag,
den Sinn seiner Meinung zu erfassen wusste, die er ihr gewöhnlich gar
nicht einmal auseinandersetzte, als sei es selbstverständlich, dass
sie wüsste, worauf er hinaus wolle. Häufig auch, wenn er unzufrieden
war über seine eigene Arbeit oder über einen soeben empfangenen
verdriesslichen Bericht, sprang er auf und sprach ein unfreundliches
Wort zu ihr ... die doch schuldlos war an seiner Unzufriedenheit! Doch
das hörte sie gern, denn es war ihr ein Beweis mehr, wie sehr sie ihr
Max mit sich selbst identifizierte. Und es war auch niemals die Rede
von einem Bedauern über solche scheinbare Härte oder von Vergebung
auf der andern Seite. Das wäre ihnen vorgekommen, als hätte jemand
sich selbst um Verzeihung gebeten, dass er ärgerlich sich vor den
eigenen Kopf geschlagen hatte.

Sie kannte ihn denn auch so gut, dass sie genau wusste, wann sie
da sein musste, um ihm einen Augenblick Erholung zu verschaffen
... genau, wann er ihres Rates bedurfte, und nicht minder genau,
wann sie ihn allein lassen musste.

In diesem Zimmer sass Havelaar eines Morgens, als der Kontrolleur
bei ihm eintrat, mit einem soeben empfangenen Brief in der Hand.

--Das ist eine schwierige Sache, M'nheer Havelaar, sagte er
eintretend. Sehr schwierig!

Wenn ich nun sage, dass dieser Brief einfach Havelaars Beauftragung
enthielt, aufzuklären, warum eine Veränderung in den Preisen von
Holzarbeiten und im Arbeitslohn eingetreten sei, so wird der Leser
finden, dass der Kontrolleur Verbrugge schon sehr schnell etwas
schwierig fand. Ich beeile mich also hinzuzufügen, dass viele andere
ebensowohl Schwierigkeiten in der Beantwortung dieser einfachen Frage
gefunden haben würden.

Vor einigen Jahren war zu Rangkas-Betung ein Gefängnis gebaut
worden. Nun ist es allgemein bekannt, dass die Beamten in den
Binnenländern von Java die Kunst verstehen, Gebäude zu errichten,
die Tausende wert sind, ohne mehr als ebensoviel Hunderte dafür
auszugeben. Man erwirbt sich dadurch den Ruf der Tüchtigkeit und
des Eifers in der Bedienung des Landes. Der Unterschied zwischen den
ausgegebenen Geldern und dem Werte des dafür Erhaltenen wird durch
unbezahlte Lieferungen oder unbezahlte Arbeit erzielt. Seit einigen
Jahren bestehen Vorschriften, die dies verbieten. Ob sie innegehalten
werden, steht hier nicht zur Frage. Ebensowenig, ob die Regierung
selbst will, dass sie innegehalten werden mit einer Genauigkeit,
die belastend auf das Budget des Baudepartements wirken würde. Es
wird wohl hiermit gehen wie mit vielen anderen Vorschriften, die so
menschenfreundlich auf dem Papier aussehen.

Es mussten nun zu Rangkas-Betung noch viele andere Gebäude
errichtet werden, und die Ingenieure, die mit dem Entwerfen der
Pläne hierfür betraut waren, hatten Angaben von den örtlichen
Preisen der Materialien und von der Höhe der Arbeitslöhne am
Platze eingefordert. Havelaar hatte den Kontrolleur mit einer
genauen Untersuchung diesbezüglich beauftragt und ihm anbefohlen,
die Preise der Wahrheit gemäss anzugeben, ohne Rücksicht darauf,
was früher geschah. Als Verbrugge diesem Auftrage gerecht geworden
war, stellte es sich heraus, dass seine Preise nicht übereinstimmten
mit den Angaben, die einige Jahre früher gemacht waren. Es wurde nun
nach dem Grunde dieses Unterschiedes gefragt, und darin bestand für
Verbrugge soviel Schwierigkeit. Havelaar, der sehr gut wusste, was
hinter dieser scheinbar einfachen Sache verborgen war, antwortete, dass
er seine Ansichten betreffs dieser Schwierigkeit schriftlich mitteilen
würde. Ich finde nun auch unter den mir vorliegenden Schriftstücken
eine Abschrift des Briefes, der auf diese Zusage hin geschrieben zu
sein scheint.

Wenn der Leser klagen sollte, dass ich ihn mit einer Korrespondenz
über die Preise von Holzarbeiten langweile, die ihn scheinbar nichts
angeht, so muss ich ihn ersuchen, nicht unbeachtet zu lassen, dass hier
eigentlich von ganz etwas anderem die Rede ist, von dem Zustande der
amtlichen Indischen Haushaltung, und dass der Brief, den ich mitteile,
nicht allein mehr Licht auf den künstlichen Optimismus wirft, von
dem ich redete, sondern zugleich auch die Schwierigkeiten aufweist,
mit denen jemand zu kämpfen hatte, der wie Havelaar geradeaus und
ohne sich umzusehen seinen Weg gehen wollte.


    »Nr. 114.                     Rangkas-Betung, den 15. März 1856.

    An den Kontrolleur von Lebak.


    Als ich den Brief des Direktors der Öffentlichen Arbeiten vom
    16. Februar d. J., No. 271/354, Ihnen überwies, habe ich Sie
    ersucht, die darin enthaltenen Fragen nach Überlegung mit dem
    Regenten zu beantworten, und zwar unter Berücksichtigung dessen,
    was ich in meiner Missive vom 5. dieses, Nr. 97, schrieb.

    Diese Missive enthielt einige allgemeine Winke bezüglich dessen,
    was als recht und billig anzusehen ist bei der Festsetzung der
    Preise von Materialien, die von der Bevölkerung an die Verwaltung
    und im Auftrag derselben zu liefern sind.

    Mit Ihrer Missive vom 8. dieses, No. 6, haben Sie dem--und wie
    ich glaube, nach Ihrem besten Wissen--Folge gegeben, so dass
    ich, vertrauend auf Ihre lokale Kenntnis und die des Regenten,
    diese Angaben, so wie sie von Ihnen gemacht sind, dem Residenten
    unterbreitet habe.

    Darauf folgte eine Missive von diesem Oberbeamten, vom 11. dieses,
    No. 326, durch welche um eine Erklärung ersucht wird bezüglich
    der Ursache des Unterschieds in den von mir angegebenen Preisen
    und denjenigen, die in den Jahren 1853 und 1854 bei dem Bau eines
    Gefängnisses gezahlt wurden.

    Ich liess natürlich diesen Brief Ihnen zustellen und gab Ihnen
    mündlich den Auftrag, anjetzo Ihre Angaben zu rechtfertigen, was
    Ihnen um so weniger schwer fallen musste, als Sie sich auf die
    Vorschriften berufen konnten, die ich Ihnen in meinem Schreiben
    vom 5. dieses gab, und die wir auch mündlich mehrmals ausführlich
    besprachen.

    Bis dahin ist alles einfach und in Ordnung.

    Gestern aber kamen Sie mit dem Ihnen überwiesenen Briefe des
    Residenten in der Hand auf mein Bureau und begannen von der
    Schwierigkeit der Erledigung des darin Enthaltenen zu reden. Ich
    gewahrte bei Ihnen wiederum jene Scheu, die Dinge beim wahren Namen
    zu nennen, etwas, worauf ich schon mehrmals Ihre Aufmerksamkeit
    lenkte, unter anderem unlängst in Gegenwart des Residenten, etwas,
    das ich in Kürze Halbheit nenne und wovor ich Sie schon mehrfach
    freundschaftlich warnte.

    Halbheit führt zu nichts. Halb-gut ist nicht gut. Halb-wahr
    ist unwahr.

    Für vollen Sold, für vollen Rang, nach einem deutlichen,
    vollständigen Eide thue man seine volle Pflicht.

    Ist zuweilen Mut nötig, um diese zu erfüllen: man besitze ihn.

    Ich für mich würde den Mut nicht haben, dieses Mutes zu
    ermangeln. Denn, abgesehen von der Unzufriedenheit mit sich
    selbst, die eine Folge von Pflichtversäumnis und Lauheit ist,
    gebiert das Suchen nach bequemeren Umwegen, die Sucht, stets und
    überall einem Anstossen aus dem Wege zu gehen, die Begierde zu
    »schipperen« mehr Sorge und in der That mehr Gefahr, als man auf
    dem rechten Wege antreffen wird.

    Während des Laufs einer sehr belangreichen Sache, die jetzt beim
    Gouvernement zur Erwägung steht und in die Sie eigentlich von
    Amts wegen einbezogen sein müssten, habe ich Sie stillschweigend
    sozusagen neutral gelassen, und nur lächelnd von Zeit zu Zeit
    darauf angespielt.

    Als zum Beispiel unlängst Ihr Rapport über die Ursachen von Mangel
    und Hungersnot unter der Bevölkerung bei mir eingegangen war,
    und ich darauf schrieb: »Dieses alles möge Wahrheit sein, doch es
    ist nicht alle Wahrheit, noch die hauptsächlichste Wahrheit. Die
    Hauptursache sitzt tiefer«, stimmten Sie dem in vollem Umfange
    zu, und ich machte keinen Gebrauch von meinem Recht, zu fordern,
    dass Sie dann auch diese Hauptwahrheit nennen sollten.

    Zu diesem Ihnen bequemen Verhalten hatte ich viele Gründe und
    unter anderm den, dass ich es für unbillig hielt, auf einmal
    von Ihnen etwas zu fordern, um das viele andere an Ihrer Stelle
    ebensowenig sich reissen würden, Sie zu zwingen, so auf einmal
    dem gewohnten Laufe der Zurückhaltung und Menschenfurcht Valet
    zu sagen, der nicht so sehr Ihnen als Schuld beizumessen ist,
    als wohl der Leitung, der Sie unterstanden. Ich wollte endlich
    erst Ihnen ein Beispiel geben, wieviel einfacher und gemächlicher
    es ist, eine Pflicht ganz zu thun, als halb.

    Jetzt aber, wo ich die Ehre habe, Sie doch so viele Tage mehr unter
    meine Befehle gestellt zu sehen, und nachdem ich Ihnen wiederholt
    die Gelegenheit gab, Grundsätze kennen zu lernen, die--es sei denn,
    dass ich irre--zuguterletzt triumphieren werden--jetzt wünschte ich
    doch, dass Sie dieselben sich zu eigen machten, dass Sie sich die
    wohl nicht mangelnde, aber ausser Übung gekommene Kraft erwürben,
    die nötig scheint, um Sie stets nach Ihrem besten Wissen rundheraus
    sagen zu lassen, was zu sagen ist, und um Sie also ganz und gar
    jene unmännliche Furchtsamkeit verlieren zu lassen, die immer nur
    darauf aus ist, sich schnell und bequem aus der Affaire zu ziehen.

    Ich erwarte also nun eine einfache, aber vollständige Angabe
    dessen, was Ihnen als Ursache des Preisunterschieds erscheint
    zwischen jetzt und den Jahren 1853 und 1854.

    Ich hoffe ernstlich, dass Sie keinen einzigen Passus dieses
    Briefes aufnehmen werden als geschrieben in der Absicht, Sie zu
    kränken. Ich vertraue, dass Sie mich hinreichend kennen gelernt
    haben, um zu wissen, dass ich nicht mehr oder nicht weniger sage,
    als ich meine, und überdies gebe ich Ihnen noch zum Überfluss
    die Versicherung, dass meine Bemerkungen eigentlich weniger
    Sie betreffen, als die Schule, in der Sie zum Indischen Beamten
    erzogen wurden.

    Diese circonstance atténuante würde jedoch hinfällig werden, wenn
    Sie, indem Sie noch länger mit mir verkehrten und dem Gouvernement
    unter meiner Leitung dienten, fortführen, dem Schlendrian zu
    folgen, gegen den ich mich auflehne.

    Sie haben wahrgenommen, dass ich mich des »Euerwohledelgestrengen«
    begeben habe: es langweilte mich. Thun Sie es auch und lassen Sie
    unsere »Wohledelheit« und, wo es nötig ist, unsere »Gestrengheit«
    anderswo und vor allem anders erkennbar werden, als aus dieser
    langweilenden, sinnstörenden Titulatur.


        Der Assistent-Resident von Lebak

            Max Havelaar.«


Die Antwort auf diesen Brief erwies sich belastend für manchen von
Havelaars Vorgängern, und sie bewies, dass er nicht so unrecht hatte,
als er »die schlechten Beispiele früherer Zeit« mit unter die Gründe
aufnahm, die für Schonung des Regenten sprechen konnten.

Ich bin mit der Mitteilung dieses Briefes der Zeit vorausgeeilt,
um nun schon es klar werden zu lassen, wie wenig Hülfe Havelaar von
dem Kontrolleur zu erwarten hatte, sobald ganz andere, wichtigere
Dinge beim rechten Namen zu nennen waren, wenn schon diesem Beamten,
der ohne Zweifel ein braver Mensch war, so zugeredet werden musste,
dass er die Wahrheit sage, wo es sich doch nur um Angabe der Preise
von Holz, Stein, Kalk und Arbeitslohn handelte. Man entnimmt also,
dass er nicht allein mit der Macht der Personen zu kämpfen hatte,
die aus unreellen Handlungen Vorteil zogen, sondern gleichzeitig auch
mit der Furchtsamkeit derjenigen, die--wie sehr auch sie selbst diese
unreellen Handlungen missbilligten--sich nicht berufen oder geeignet
erachteten, hiergegen mit dem erforderlichen Mute aufzutreten.

Vielleicht wird man auch nach der Lektüre dieses Briefes einigermassen
zurückkommen von der Geringschätzung der sklavischen Unterwürfigkeit
des Javanen, der in Gegenwart seines Häuptlings die erhobene
Beschuldigung, wie begründet immer sie sein mochte, feigherzig
zurückzieht. Denn wenn man bedenkt, dass soviel Ursache zur Furcht
vorhanden war selbst für den Europäischen Beamten, der doch wohl minder
der Rache blossgestellt war, was wartete dann des armen Landbewohners,
der, in einem Dorf fern vom Hauptplatz, ganz und gar der Macht seiner
angeklagten Unterdrücker anheimfiel? Ist es ein Wunder, dass diese
armen Menschen, erschreckt von den Folgen ihrer Keckheit, diesen Folgen
zu entgehen oder sie durch demütige Unterwerfung zu mildern suchten?

Und es war nicht allein der Kontrolleur Verbrugge, der seine
Pflicht mit einer ängstlichen Scheu that, die an Pflichtversäumnis
grenzte. Auch der Djaksa, der Inländische Häuptling, der bei dem
Landrat das Amt des öffentlichen Anklägers einnahm, betrat am
liebsten abends, ungesehen und ohne Gefolge Havelaars Wohnung. Er,
der dem Diebstahl entgegentreten musste, der den Auftrag hatte, den
schleichenden Dieb zu überraschen, er schlich, als wäre er selbst der
Dieb, der Überraschung fürchtete, mit leisem Tritt an der Hinterseite
ins Haus hinein, nachdem er sich erst überzeugt hatte, dass kein
Besuch da war, der ihn später als schuldig der Pflichterfüllung würde
verraten können.

War es ein Wunder, dass Havelaars Seele betrübt war, und dass Tine
mehr denn jemals es nötig fand, in sein Zimmer zu treten, um ihn
aufzurichten, wenn sie ihn, das Haupt schwer auf die Hand gestützt,
dasitzen sah?

Und doch lag ihm die grösste Schwierigkeit nicht in der Furchtsamkeit
derer, die ihm zur Seite gestellt waren, noch in der mitschuldigen
Feigherzigkeit derer, die seine Hülfe angerufen hatten. Nein,
zur Not würde er ganz allein Recht thun, mit oder ohne Hülfe von
andern, ja, gegen alle, und sei es selbst gegen den Willen derer,
die dieses Rechtes bedürftig waren! Denn er wusste, welchen Einfluss
auf das Volk er hatte, und wie--wenn einmal die armen Unterdrückten
aufgerufen waren, um laut und vor Gericht zu wiederholen, was sie
ihm abends und nachts in Einsamkeit zugeraunt hatten--er wusste,
wie er die Macht hatte, auf ihre Gemüter zu wirken, und wie die
Kraft seiner Worte stärker sein würde als die Angst vor der Rache
von Distriktshäuptling oder Regent. Die Befürchtung, dass seine
Schützlinge von ihrer eigenen Sache abfallen möchten, hielt ihn
also nicht zurück. Aber es kostete ihn so viel, den alten Regenten
anzuklagen: das war der Grund seines Zwiespalts! Andererseits mochte
er auch nicht diesem Widerwillen nachgeben, da die ganze Bevölkerung,
abgesehen von ihrem guten Recht, ebensosehr Anspruch auf Mitleid hatte.

Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn
wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen
Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt,
den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen
Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu
glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der
vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend
machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl
seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr
für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon
gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie
ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier
das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass
er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht
überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen
müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere.

Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der
Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde,
und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese
Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger,
als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen
es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er
das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon,
als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war
bei all seinem Scharfsinn?

Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.



Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung
bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen
muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es
denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung
neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren
Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten
des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu
lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf
die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher
Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem
noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über
sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine
Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis,
der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich
nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt
den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor
sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem
Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen
Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen,
mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.

Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens
die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines
Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann
wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an
vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an,
dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen
unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu,
dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt
sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und
tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor
allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist,
hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner
hohen Berufung zu genügen.

Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum
erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt,
in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues
Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des
Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen
sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen
Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde,
was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er
ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können,
was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar
selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen.

Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich
übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es
schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen,
die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des
Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich
lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen
würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der
Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:

Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn.
Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der
durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten.

Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf
und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit
vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz.

Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als
Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden.

Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für
diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als
sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der
ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der
Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um
deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht
in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im
Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden
in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld
hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend
welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können,
wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn
der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen,
was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr,
ad libitum.

Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem
Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung
vorzubeugen ...



Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden
müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne,
um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt
die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die
Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung
frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel
zu suchen?

Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil,
der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die
Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil
dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in
Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit
der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor
der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?

Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er.

Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es
ihm geholfen?

Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er.

Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit,
Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des
Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen
von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen
Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie
verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!

Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu
ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten«
und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der
kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb,
durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken
trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines
blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken
schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man
geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser
des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es
ihm geholfen?

Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss
ich anders schreiben als er. Aber wie dann?

Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat
mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff
deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben,
wie du es wünschest.



Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen,
an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog
Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der
ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte
an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles
wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut
bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur
beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten
andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch
der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde.

Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein,
wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner
von Lebak würde auftreten müssen.



SECHZEHNTES KAPITEL.


Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm
mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch
darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er
wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen
grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong
solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen
würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden
mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann
vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den
Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich
tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige
Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu
besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste
er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben,
unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.

Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck
auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht
der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch
ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund
gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht
thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt,
vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern
derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin
auch nur zaghaft und verstohlenerweise.

Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend,
wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie
gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die
mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn
sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums
Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und
er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem
Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war,
und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom
Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis,
dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten
raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars
Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen,
dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der
Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies
hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar
zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass
sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen
würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten,
wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an
dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen
und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch
der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte
er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von
Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der
Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er
bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und
zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung
zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung
der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge
den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen,
und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden,
dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die
Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.

Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte,
erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung
eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner
Bemühungen.

Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen
Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah
in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und
den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin
Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen
Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte,
so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von
zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben,
denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind
für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt:
dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem
Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben,
und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.

Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...

Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel
minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten,
von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich
dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die
Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde
ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum
Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines
gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des
Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis
sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich
abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu
die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals
das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe
sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los
gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich
die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der
Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen
Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder
verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den
Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.

Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar
Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in
Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres
Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise
zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum
wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die
Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von
dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und
wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen,
ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den
diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm
dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also
nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-,
ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche,
leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt
wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich
bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr
ausgesetzt sind?

Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen
Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt,
die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd
sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich
bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen,
die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen
Personen so besonders schwierig machen.

Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies
dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie
ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java
Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia,
Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande
genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet,
und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen
Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung
eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten
Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als
mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den
eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer
gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu
Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird
wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in
zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen
Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus
berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss,
wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden
sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist,
der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen,
dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak,
dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa
verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den
Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich,
die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich,
ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre
Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg
erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum
Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen
Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung
Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft,
die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und
oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis
von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals
Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen
Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis
auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der
rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit
ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten,
der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der
Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu
verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie
unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.

Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der
Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen
doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur
von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in
Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt
sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien
selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich
stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze
Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu
verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht,
als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner
Rede behandelt.

Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft
wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft,
indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz
abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine
Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt
machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage
nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt,
sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes
beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person
ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in
Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus,
dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer
trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar
scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner
Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird,
wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung,
wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs,
der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines
Ministeriums für die Kolonien zu setzen.

Es ist eine eigentümliche Erscheinung--herzuleiten vielleicht aus einer
Art Trägheit, die die Mühe dies Selbst-Urteilens scheut--wie leicht
man Personen Vertrauen schenkt, die sich den Schein höherer Kenntnis
zu geben wissen, sobald nur diese Kenntnis aus Quellen geschöpft sein
kann, die nicht jedem zugänglich sind. Die Ursache liegt vielleicht
darin, dass durch die Anerkennung eines derartigen Übergewichts die
Eigenliebe weniger gekränkt wird, als es der Fall sein würde, wenn man
sich derselben Hülfsmittel hätte bedienen können, wodurch etwas wie
Wetteifer entstehen würde. Es fällt dem Volksvertreter leicht, seine
Empfindlichkeit aufzugeben, sobald ihn jemand bekämpft, von dem man
annehmen kann, dass er ein zutreffenderes Urteil fällt als er, wenn
nur diese vorausgesetzte grössere Zutreffendheit nicht persönlicher
Tüchtigkeit zugeschrieben werden braucht--deren Anerkennung schwerer
fallen würde--sondern allein den besonderen Umständen, die sich diesem
Gegner günstig erwiesen.

Und ohne von denen zu reden, »die solche hohen Stellungen in
Indien einnahmen«: es ist wirklich sonderbar, wie man vielfach
der Meinung von Personen Wert beilegt, die nichts weiter besitzen,
was diese Anerkennung rechtfertigt, als die »Erinnerung an einen
soundsovieljährigen Aufenthalt in diesen Gegenden«. Das ist um so
mehr merkwürdig, als sie, die Gewicht auf solchen Beweisgrund legen,
doch nicht bereitwillig alles annehmen würden, was ihnen von irgend
einem, der erkennen liess, dass er vierzig oder fünfzig Jahre in
Niederland gewohnt, über den Haushalt des Niederländischen Staates
gesagt werden würde. Es giebt Personen, die sich ebenso lange in
Niederländisch-Indien aufhielten, ohne je mit der Bevölkerung oder
mit Inländischen Häuptlingen in Berührung gekommen zu sein, und es ist
betrübend, dass der Rat von Indien sehr oft ganz oder zum grossen Teil
aus solchen Personen zusammengesetzt ist, ja, dass man selbst Mittel
gefunden hat, den König Ernennungen von Leuten zum Generalgouverneur
zeichnen zu lassen, die zu dieser Art von Spezialitäten gehören.

Als ich sagte, dass die Annahme der Tauglichkeit eines neuernannten
Generalgouverneurs uns zu der Ansicht berechtige, dass man ihn für ein
Genie hielt, war es keineswegs meine Absicht, die Ernennung von Genies
anzuempfehlen. Abgesehen von der Misslichkeit, die darin bestände, dass
man einen so wichtigen Posten fortwährend unbesetzt liesse, spricht
noch ein anderer Grund dagegen. Ein Genie würde unter dem Ministerium
für die Kolonien nicht arbeiten können und also unbrauchbar sein für
den Posten des Generalgouverneurs ... wie das Genies ja mehrfach sind.

Es wäre vielleicht zu wünschen, dass die von mir in der Form einer
Krankheitsgeschichte mitgeteilten Hauptmängel die Beachtung derjenigen
erregten, die zur Wahl eines neuen Landvogts berufen sind. Vor allem
die Wichtigkeit betonend, dass all die Personen, die für den Posten des
Generalgouverneurs in Vorschlag gebracht werden, rechtschaffen seien
und im Besitz eines Fassungsvermögens, das sie einigermassen befähigt,
zu lernen, was sie werden wissen müssen, halte ich es darnach für
sehr notwendig, dass man mit einigem begründeten Vertrauen von den
Kandidaten die Vermeidung jener anmassenden Besserwisserei im Anfang,
und vor allem jener apathischen Schläfrigkeit in den letzten Jahren
ihrer Verwaltung erwarten kann. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass
Havelaar bei seiner schweren Verpflichtung sich auf den Beistand des
Generalgouverneurs vermeinte stützen zu können, und ich fügte hinzu,
»dass diese Meinung naiv war«. Dieser Generalgouverneur erwartete
seinen Nachfolger: die Ruhe in Niederland winkte!

Wir werden sehen, was diese Neigung zu Schlaf der Abteilung Lebak,
Havelaar und auch dem Javanen Saïdjah eingebracht hat, zu dessen
eintöniger Geschichte--einer unter sehr vielen!--ich jetzt übergehe.

Ja, eintönig wird sie sein! Eintönig wie die Erzählung von der
Arbeitsamkeit der Ameise, die ihren Beitrag zum Wintervorrat den
Erdklumpen--den Berg--hinanschleppen muss, der auf dem Wege zur
Vorratskammer liegt. Jedesmal fällt sie zurück mit ihrer Fracht,
um jedesmal wieder zu versuchen, ob sie wohl endlich festen Fuss
fassen werde auf dem Steinchen dort oben--auf dem Felsen, der den
Berg krönt. Aber zwischen ihr und diesem Gipfel ist ein Abgrund,
der überholt werden muss ... eine Tiefe, die tausend Ameisen nicht
ausfüllen würden. Darum muss sie, die nur eben die Kraft hat,
ihre Last, die viele Male schwerer ist als ihr eigener Körper,
auf ebenem Grund fortzuschleppen, sich weit emporheben und sich
auf einem schwankenden Fleck hoch aufgerichtet halten. Sie muss
das Gleichgewicht bewahren, wenn sie sich aufrichtet mit der Last
zwischen ihren Vorderfüsschen. Sie muss sie umklammern und muss in
steter Aufwärtsrichtung streben, sie auf den Punkt, der aus der
Felswand hervorspringt, niederzusenken. Sie wankt, sie schwankt,
sie erstickt, die Kraft verlässt sie, sie sucht sich an dem halb
entwurzelten Baumstamm zu halten, der mit seiner Krone in die Tiefe
weist--ein Grashalm!--sie findet nicht den Stützpunkt, den sie sucht:
der Baum schnellt zurück--der Grashalm weicht unter ihrem Fuss--ach,
die Ärmste stürzt in die Tiefe mit ihrer Fracht. Dann ist sie einen
Augenblick still, wohl eine ganze Sekunde lang--was viel ist in
dem Leben einer Ameise. Ob sie betäubt ist von dem Schmerz ihres
Sturzes? Oder überlässt sie sich missmutiger Stimmung, da soviel
Anspannung eitel war? Doch sie verliert den Mut nicht. Wieder ergreift
sie ihre Last und wieder schleppt sie sie nach oben, um darauf noch
einmal und immer noch einmal in die Tiefe niederzustürzen.

So eintönig ist meine Geschichte. Allein, nicht von Ameisen will
ich sprechen, deren Freud und Leid unserer Wahrnehmung wegen der
Grobheit der menschlichen Sinne entgeht. Ich will erzählen von
Menschen, von Wesen, die ein Empfinden haben wie wir. Allerdings,
wer Rührung scheut und lästigem Mitleid entgehen will, der wird
sagen, dass diese Menschen gelb sind, oder braun--viele nennen sie
schwarz--und für diese ist die Abweichung in der Farbe Grund genug,
ihr Auge von diesem Elend abzuwenden, oder zum mindesten, wenn sie
darauf niedersehen, es zu thun sonder Rührung.

Meine Erzählung ist also allein an diejenigen gerichtet, die fähig
sind zu dem schwierigen Glauben, dass da Herzen klopfen unter dieser
dunklen Haut, und dass, wer gesegnet ist mit Weisse und dem damit
verbundenen Vorzug an Bildung, Edelmut, Handels- und Gotteskenntnis,
Tugend ... dass der seine schimmernd weissen Qualitäten auf andere
Weise zur Geltung bringen könnte, als es bis jetzt diejenigen erfahren
haben, die minder gesegnet sind in Bezug auf Hautfarbe und allerhand
Seelenvortrefflichkeit.

Mein Vertrauen auf Mitgefühl mit den Javanen geht jedoch nicht so
weit, dass ihr bei der Beschreibung, wie man den letzten Büffel
aus dem Kendang raubt, bei Tage, ohne Scheu, unter dem Schutze der
Niederländischen Autorität ... wenn ich hinter dem weggeführten Rinde
her den Eigner folgen lasse mit seinen weinenden Kindern ... wenn
ich ihn niedersitzen lasse auf der Treppe vor des Räubers Hause,
sprachlos, wesenlos und versunken in Schmerz ... wenn ich ihn von da
verjagen lasse mit Hohn und Schmach, mit Androhung von Stockprügeln
und Blockgefängnis ... seht, ich fordere nicht--noch erwarte ich,
o Niederländer!--dass ihr euch dadurch in gleichem Masse ergreifen
lasset, als wenn ich euch das Los eines Bauern schilderte, dem man
seine Kuh wegnahm. Ich verlange keine Thräne bei den Thränen, die über
so dunkle Angesichter fliessen, noch edlen Zorn, wenn ich von der
Verzweiflung der Beraubten sprechen werde. Ebensowenig erwarte ich,
dass ihr aufstehen werdet und mit meinem Buche in der Hand vor den
König tretet und sagt: »Sieh, o König, das geschieht in deinem Reich,
in deinem schönen Reiche Insulinde!«

Nein, nein, nein, das alles erwarte ich nicht! Zuviel Leides in der
Nähe macht sich Meister eures Gefühls, als dass es euch so viel Gefühl
überliesse für etwas, das so fern liegt! Werden nicht all eure Nerven
in Spannung gehalten durch die Unannehmlichkeiten der Wahl eines neuen
Kammermitgliedes? Schwankt nicht eure entzweite Seele zwischen den
weltberühmten Verdiensten der Nichtigkeit A und der Unbedeutendheit
B? Und habt ihr nicht eure teuren Thränen für ernstere Dinge nötig als
... doch was brauche ich mehr zu sagen! War es nicht gestern flau auf
der Börse, und drohte nicht etwas lebhafterer Import dem Kaffeemarkt
mit Sinken?

»Schreiben Sie doch solch sinnlose Dinge nicht an Ihren Papa, Stern!«
habe ich gesagt, und vielleicht sagte ich das etwas hitzig, denn
ich kann keine Unwahrheit leiden, das ist immer ein fester Grundsatz
bei mir gewesen. Ich habe gleich denselben Abend an den alten Stern
geschrieben, dass er ein bisschen Eile hinter seine Ordres setzen
und vor allem vor falschen Berichten auf der Hut sein müsse, denn
der Kaffee steht sehr gut.

Der Leser empfindet wohl, was ich beim Anhören dieser letzten Kapitel
wieder ausgestanden habe. Ich habe im Kinderzimmer ein Solitärspiel
gefunden, und das nehme ich fortan mit aufs Kränzchen. Hatte ich nicht
recht, als ich sagte, dass dieser Shawlmann alle toll gemacht hat mit
seinem Paket? Sollte man aus all dem Geschreib von Stern--und Fritz
macht auch mit, das ist gewiss!--wohl junge Leute wiedererkennen, die
in einem vornehmen Hause erzogen werden? Was für alberne Ausfälle sind
das gegen eine Krankheit, die sich in dem Verlangen nach einem Ruhesitz
äussert? Ist das auf mich gemünzt? Darf ich nicht nach Driebergen
gehen, wenn Fritz Makler ist? Und wer spricht von Bauchwehanfällen
in Gesellschaft von Frauen und Mädchen? Es ist ein fester Grundsatz
bei mir, immer mässig und gelassen zu bleiben--denn ich halte das für
nützlich in Geschäften--doch ich muss sagen, dass es mich manchmal
grosse Mühe kostete beim Anhören von all dem überspannten Kram, den
Stern vorliest. Was will er denn nur? Was wird das Ende sein? Wann
kommt denn nun endlich etwas Solides? Was geht es mich an, ob dieser
Havelaar seinen Garten schön in Stand hält, und ob die Menschen bei
ihm vorn oder hinten hineinkommen? Bei Busselinck & Waterman muss
man durch einen ganz schmalen Gang, an einem Ölspeicher entlang, wo
es ganz muffig und dreckig ist. Und dann das lange Gesaires über die
Büffel! Was brauchen sie Büffel zu haben, diese Schwarzen! Ich habe
noch niemals einen Büffel gehabt und bin doch zufrieden. Es giebt
Menschen, die ewig klagen. Und was das Schimpfen auf die Zwangsarbeit
betrifft, man sieht wohl, dass er die Predigt von Pastor Wawelaar nicht
gehört hat, sonst würde er wissen, wie nützlich dieses Arbeiten für
die Ausbreitung des Reiches Gottes ist. Allerdings, er ist lutherisch.

O, bestimmt, wenn ich eine Ahnung hätte haben können, wie er das Buch
schreiben würde, das von solcher Bedeutung werden muss für alle Makler
in Kaffee--und für andere--dann hätte ich's lieber selbst gethan. Doch
hat er eine Stütze an den Rosemeyers, die in Zucker machen, und
das macht ihm soviel Mut. Ich habe geradeaus gesagt--denn ich bin
aufrichtig in solchen Sachen--dass wir uns die Geschichte von dem
Saïdjah wohl würden schenken können, aber da kriegte ich es auf einmal
mit Luise Rosemeyer zu thun. Es scheint, dass Stern ihr gesagt hat,
dass was von Liebe drin vorkommen sollte, und da sind solche Mädchen
toll nach. Ich würde mich jedoch hierdurch nicht haben abschrecken
lassen, wenn mir nur die Rosemeyers nicht gesagt hätten, dass sie
gern mit Sterns Vater Bekanntschaft machen möchten. Das natürlich nur
deswegen, um durch den Vater zu dem Onkel zu kommen, der in Zucker
macht. Wenn ich nun zu stark für den gesunden Menschenverstand Partei
ergreife gegen den jungen Stern, so lade ich den Schein auf mich,
als wenn ich sie von ihm abziehen wollte, und das ist durchaus nicht
der Fall, denn sie machen in Zucker.

Ich kann durchaus nicht hinter Sterns Absichten mit seinem Geschreib
kommen. Es giebt immer unzufriedene Menschen, und steht es ihm nun
schön, der er soviel Gutes geniesst in Holland--diese Woche noch
hat meine Frau ihm Kamillenthee aufgebrüht--steht es ihm wohl gut,
dass er so auf die Regierung schimpft? Will er damit die allgemeine
Unzufriedenheit noch mehr anfachen? Will er Generalgouverneur
werden? Er ist anmassend genug dazu ... um es zu wollen, meine
ich. Ich stellte vorgestern diesbezüglich eine Frage an ihn und fügte
geradeaus hinzu, dass sein Holländisch noch sehr mangelhaft sei. »O,
damit hat's keine Schwierigkeiten, sagte er; es scheint nur selten ein
General-gouverneur dorthin geschickt zu werden, der die Sprache des
Landes versteht.« Was soll ich nun anfangen mit so einem Naseweis? Er
hat nicht den geringsten Respekt vor meiner Erfahrung. Als ich
ihm diese Woche sagte, dass ich bereits siebzehn Jahre Makler wäre
und schon zwanzig Jahre die Börse besuchte, führte er Busselinck &
Waterman an, die schon achtzehn Jahre Makler sind, und, sagte er, »die
haben also ein Jahr Erfahrung mehr«. So fing er mich, denn ich muss,
weil ich auf Wahrheit halte, wohl zugeben, dass Busselinck & Waterman
wenig vom Geschäft verstehen und dass es niederträchtige Pfuscher sind.

Marie ist auch angesteckt. Denkt euch, diese Woche--sie war an der
Reihe mit dem Vorlesen beim Frühstück, und wir waren bei der Geschichte
von Lot--hielt sie plötzlich auf und wollte nicht weiterlesen. Meine
Frau, die ebensosehr wie ich auf Religion hält, suchte sie mit Güte
zum Gehorsam zu bewegen, weil es sich doch für ein sittsames Mädchen
nicht passt, so eigensinnig zu sein. Alles vergeblich! Darauf musste
ich als Vater mit grosser Strenge sie vermahnen, denn sie verdarb
mit ihrer Hartnäckigkeit die Morgenerbauung beim Frühstück, was
immer ungünstig auf den ganzen Tag wirkt. Doch es war nichts mit
ihr anzufangen, und sie ging so weit, dass sie sagte, sie wollte
lieber totgeschlagen werden, als dass sie weiterläse. Ich habe sie
mit drei Tagen Stubenarrest bestraft, bei Kaffee und Brot, und hoffe,
dass ihr das gut thun wird. Um zugleich diese Strafe für die sittliche
Besserung dienen zu lassen, habe ich ihr aufgegeben, das Kapitel, das
sie nicht lesen wollte, zehnmal abzuschreiben, und ich bin zu dieser
Strenge vor allem übergegangen, weil ich bemerkt habe, dass sie in
der letzten Zeit--ob dies von Stern kommt, weiss ich nicht--Ansichten
angenommen hat, die mir gefährlich für die Sittlichkeit scheinen,
auf die meine Frau und ich so sehr viel geben. Ich habe sie unter
anderm ein französisches Lied singen hören--von Béranger, glaube
ich--worin eine arme alte Bettlerin beklagt wird, die in ihrer Jugend
an einem Theater sang, und gestern erschien sie beim Frühstück ohne
Korsett--unsere Marie, meine ich--was doch nicht anständig ist.

Auch muss ich sagen, dass Fritz wenig Gutes mit nach Hause genommen
hat von der Betstunde. Ich war recht zufrieden gewesen über sein
Stillsitzen in der Kirche. Er rührte sich nicht und wandte kein
Auge von der Kanzel, doch später erfuhr ich, dass Betsy Rosemeyer
im Taufgestühle gesessen hatte. Ich habe nichts dagegen gesagt,
denn man muss nicht allzustreng gegen junge Leute sein, und die
Rosemeyers sind ein anständiges Haus. Sie haben ihrer ältesten Tochter,
die an den Bruggeman in Droguen verheiratet ist, eine recht nette
Mitgift ausgesetzt, und darum glaube ich, dass so etwas Fritz vom
Westermarkt abhält, was mir sehr angenehm ist, denn ich gebe soviel
auf Sittlichkeit.

Allein dies hindert nicht, dass es mich ärgert, zu sehen, wie Fritz
sein Herz verhärtet, gerade wie Pharao, der minder schuldig war wie er,
da er keinen Vater hatte, der ihm immerwährend den rechten Weg wies,
denn von dem alten Pharao sagt die Schrift nichts. Pastor Wawelaar
klagt über seine Anmassendheit--über Fritzens, meine ich--in der
Katechismusstunde, und der Junge scheint--natürlich wieder aus dem
Paket von Shawlmann--eine Naseweisigkeit sich angeeignet zu haben,
die den sonst sinnigen Wawelaar ganz aus der Fassung bringt. Es ist
rührend, wie der würdige Mann, der häufig Kaffee bei uns trinkt, bei
Fritz auf das Gefühl zu wirken sucht, und wie der Bengel jedesmal
neue Fragen bei der Hand hat, die die Widerborstigkeit seines
Gemüts verraten ... es stammt alles aus dem verfluchten Paket von
Shawlmann! Mit Thränen der Rührung auf den Wangen versucht der eifrige
Diener des Evangeliums ihn zu bewegen, abzulassen von der Weisheit nach
dem Menschen, um eingeführt zu werden in die Geheimnisse der Weisheit
Gottes. Mit Milde und Zärtlichkeit fleht er ihn an, doch nicht das Brot
des ewigen Lebens zu verwerfen und solchermassen in Satans Klauen zu
fallen, der mit seinen Engeln das Feuer bewohnt, das ihm bereitet ist
für alle Ewigkeit. »O, sagte er gestern--Wawelaar meine ich--o, mein
junger Freund, öffnen Sie doch die Augen und die Ohren und hören Sie
und sehen, was der Herr Ihnen giebt zu hören und zu sehen durch meinen
Mund. Achten Sie auf die Zeugnisse der Heiligen, die gestorben sind
für den wahren Glauben! Sehen Sie Stephanus, wie er niedersinkt unter
den Feldsteinen, die ihn zerschmettern! Sehen Sie, wie noch sein Blick
zum Himmel gerichtet ist, und wie noch seine Zunge Psalmen singt ...«

»Ich hätte lieber wiedergeschmissen!« sagte Fritz darauf.--Leser,
was soll ich mit dem Jungen anfangen?

Einen Augenblick später begann Wawelaar aufs neue, denn er ist
ein eifriger Knecht Gottes und lässt nicht ab von der Arbeit. »O,
junger Freund, sagte er, öffnen Sie doch,« ... der Anfang war so wie
vorhin. »Doch, fuhr er fort, können Sie unbewegt bleiben, wenn Sie
bedenken, was aus Ihnen werden wird, wenn Sie einmal werden gezählt
werden zu den Böcken auf der linken Seite ...«

Da brach der Taugenichts in Gelächter aus--Fritz, meine ich--und auch
Marie fing an zu lachen. Sogar meinte ich etwas wie Lachen auf dem
Gesicht meiner Frau zu entdecken. Doch da bin ich Wawelaar zu Hülfe
gekommen, ich habe Fritz mit einer Busse aus seinem Spartopf belegt,
die an die Missionsgesellschaft gezahlt werden soll.

Ach, Leser, dies alles nimmt mich recht mit. Und man sollte bei solchem
Kummer sich damit ergötzen, Geschichten anzuhören über Büffel und
Javanen? Was ist ein Büffel im Vergleich zu Fritzens Seligkeit? Was
gehen mich die Angelegenheiten der Menschen in weiter Ferne an, wenn
ich fürchten muss, dass Fritz durch seinen Unglauben, meinen eigenen
Angelegenheiten Verderben bringt und dass er niemals ein tüchtiger
Makler werden wird? Denn Wawelaar hat es selbst gesagt, dass Gott
alles so regiert, dass Rechtgläubigkeit zum Reichtum führt. »Sehet
nur, sagte er, ist nicht viel Reichtum in Niederland? Das kommt vom
Glauben her. Ist nicht in Frankreich häufig Mord und Totschlag? Das
kommt daher, dass sie dort katholisch sind. Sind nicht die Javanen
arm? Es sind Heiden. Je länger die Holländer mit den Javanen Umgang
pflegen, desto mehr Reichtum wird hier kommen und desto mehr Armut
da drüben. Das ist Gottes Wille so!«

Ich bin erstaunt über Wawelaars Einsicht in Geschäftssachen. Denn
es ist Thatsache, dass ich, der ich streng auf Religion halte, meine
Geschäfte von Jahr zu Jahr weitere Fortschritte nehmen sehe, während
die Busselinck & Waterman, die weder auf Gott noch auf sonstwas etwas
geben, ihr Leben lang niederträchtige Pfuscher bleiben werden. Auch die
Rosemeyers, die in Zucker machen und ein katholisches Mädchen halten,
haben unlängst wieder 27% aus der Masse eines Juden annehmen müssen,
der pleite war. Je mehr ich nachdenke, desto weiter komme ich in der
Ergründung von Gottes unerforschlichen Wegen. Kürzlich hat es sich
gezeigt, dass wieder dreissig Millionen Reingewinn erzielt sind durch
den Verkauf von Produkten, die die Heiden geliefert haben, und darin
ist nicht einmal eingerechnet, was ich daran verdient habe und die
vielen andern, die von diesen Geschäften leben. Ist das nun nicht so,
als ob der Herr sagte: »siehe da, dreissig Millionen zur Belohnung
eures Glaubens«? Zeigt sich da nicht deutlich der Finger Gottes,
der den Bösen lässet arbeiten, dass er den Gerechten erhalte? Ist
das nicht ein Wink, auf dem guten Wege fortzuschreiten? Ein Wink, da
drüben viel hervorbringen zu lassen, und hier auszuharren im wahren
Glauben? Heisst es nicht darum »betet und arbeitet«, dass wir beten
sollen und die Arbeit durch all das schwarze Kropzeug thun lassen,
das kein Vaterunser kennt?

O, wie hat Wawelaar recht, wenn er Gottes Joch sanft nennt! Wie
leicht wird die Last gemacht jedem, der glaubt! Ich bin eben in
den Vierzigern und könnte austreten, wenn ich wollte, und nach
Driebergen gehen, und nun seht daneben, wie es mit andern abläuft,
die den Herrn verliessen. Gestern habe ich Shawlmann gesehen mit
seiner Frau und ihrem Jungen: sie sahen aus wie Gespenster. Er ist
bleich wie der Tod, seine Augen schwellen heraus, und seine Backen
sind hohl. Seine Haltung ist gebeugt, obwohl er noch jünger ist als
ich. Auch sie war sehr ärmlich gekleidet und schien wieder geweint
zu haben. Nun, ich hatte ja gleich bemerkt, dass sie unzufrieden von
Natur ist, denn ich brauche nur einmal jemanden zu sehen, um ihn zu
beurteilen. Das kommt von der Erfahrung. Sie hatte eine Mantille von
schwarzer Seide umhängen, und es war doch sehr kalt. Von Krinoline
keine Spur. Ihr leichtes Kleid hing ihr schlapp um die Kniee, und
am Rande waren Fransen. Er hatte nicht mal mehr seinen Shawl um
und sah aus, als ob es Sommer wäre. Doch scheint er noch eine Art
trotzigen Stolz zu besitzen, denn er gab einer armen Frau etwas,
die auf der Brücke sass, und wer selbst so wenig hat, sündigt, wenn
er noch weggiebt an andere. Übrigens, ich gebe niemals was auf der
Strasse--das ist Grundsatz bei mir--denn ich sage mir immer, wenn ich
so arme Menschen sehe: wer weiss, ob es nicht ihre eigene Schuld ist,
und ich darf sie nicht bestärken in ihrem unrechten Wandel. Sonntags
gebe ich zweimal: einmal für die Armen und einmal für die Kirche. So
ist es in der Ordnung. Ich weiss nicht, ob Shawlmann mich gesehen
hat, aber ich ging schnell vorbei und guckte nach oben, und dachte
an die Gerechtigkeit Gottes, der ihn doch nicht so ohne Winterrock
laufen lassen würde, wenn er besser aufgepasst hätte und nicht faul,
dünkelhaft und kränklich wäre.

Was nun mein Buch betrifft, da darf ich wirklich wohl den Leser um
Entschuldigung bitten für die unverzeihliche Art, in der Stern unsern
Kontrakt missbraucht. Ich muss sagen, dass ich mit Unbehagen dem
kommenden Kränzchenabend und der Liebesgeschichte von diesem Saïdjah
entgegensehe. Der Leser weiss bereits, welche gesunden Anschauungen ich
bezüglich der Liebe habe ... man denke nur an meine Beurteilung der
Lustpartie nach dem Ganges. Dass junge Mädchen so etwas nett finden,
kann ich wohl begreifen, doch es ist mir unerklärlich, dass Männer
von Jahren solche Albernheiten ohne Ekel anhören. Mir ist sicher,
dass ich auf dem anstehenden Kränzchen das Triolett von meinem
Solitärspiel finde.

Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und
hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held
der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher
gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann
später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das
Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr
wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und
wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles
aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im
Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin
dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich
habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen
Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und
nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit
mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich
und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen
suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte,
habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden
meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich
aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat
der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der
Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise
habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre
1848 von all dem Murren zu denken hatte.

Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko«
offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so
schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas
davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit
den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil,
sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er
Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen
Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht
hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer
über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass
für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu
verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul,
dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm
nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der
Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten
sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam,
wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen
sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich,
aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf
Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es
muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm,
das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.



SIEBZEHNTES KAPITEL.


Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als
nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm
abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein
Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten,
dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des
Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten
und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.

Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen,
die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches
Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.

Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine
Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war,
und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.

Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen,
wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde,
denn darauf steht Gesetzesstrafe.

Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater
war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder
um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit
Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der
am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden,
für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.

Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen
Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich:
Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der
javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt,
anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts,
links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt,
das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.

Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast
sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme
schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu
geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen,
scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das
Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite
Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten
lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.

Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes,
das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen
an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war
mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um
die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube,
dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser
zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl
für ein gutes Wort.

Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser
Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang
abgenommen wurde.

Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne
Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn
Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.

Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern
Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden
war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen
habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage
hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er,
dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das
Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.

Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem
er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen,
lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.

Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.

Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des
Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell
eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so
leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem
auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl
war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war
willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich
Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen
die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch,
dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn
die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen
undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern
mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte
ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt,
dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.

Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig
am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so
grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich
nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder,
der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht
versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben
Ausdrucks erspare.

Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil
er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre
Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen,
denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er
schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn
den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte
... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen,
sodass das Zahnfleisch bloss lag ...

»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah,
fliehe! da ist ein Tiger!«

Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich
auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über
Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes
Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und
schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.

Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel
bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein
unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und
ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...

Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss
um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod
wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine
Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft
überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende
Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine
ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über
das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang
... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen
Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger
ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem
Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem
User-useran dieses Büffels!

Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...

ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!

... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre,
und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie
hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen,
und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah
sehr traurig gesehen.

Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter
am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres
geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während
sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass
es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft
mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit
in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib
ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische
Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und
sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier
doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später,
dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er
auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet
zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter
war, die ihn schlachten liess.

Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er
hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht
bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel
zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und
ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten
dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt
er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten
Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten,
und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen
Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es,
dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak
und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er
wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen
hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde
er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was
nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde,
in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten
begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.

Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich
nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit
leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit
Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck,
wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.

Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg
verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren
Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren
seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle
als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt,
der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last
hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es
wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück
Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf
diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel
zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem
Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der
Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.

--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug
sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!

--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du
wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und
batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.

--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?

--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen
werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.

--Und du selbst?

--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!

--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...

--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?

--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei
dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume
gegeben hast.

--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich
bei dem Ketapan zu erwarten?

Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:

--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser
Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei
jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben
eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem
Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?

--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein,
wenn du zurückkommst.



Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das
sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda,
damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.



Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das
derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung,
wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er
Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später
kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines
so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt
mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb
dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht
marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch
bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den
grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.

In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er
ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies,
wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla
kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte,
hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia
etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es
kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es
ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das
Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm
unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden,
weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und
auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war,
da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war,
dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch
selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten
sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass
sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er
hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen
Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum
verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das
Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von
Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte,
als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von
diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er
nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun
dort unter dem Baume Adinda seiner harren.

Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde,
wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse
Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das
ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen
Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel,
so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte
daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer
Beherztheit sagen?

Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten
Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal
gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff
nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so
nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn
nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie
da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er
nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal
ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz
zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang,
den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war,
weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine
Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«,
dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch
einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch
die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch
die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den
kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte
ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen
benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um
Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als
wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten
bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem
Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb,
denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«

So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen
Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie
sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im
Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem
ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst,
etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es
schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem
                                                Vater, Salz zu machen.
Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins
                                     tiefe Wasser, werden Haie kommen.
Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird
den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt?
                    Ich werd's nicht hören.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte,
                                               weil er matah-glap war.
Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke
                                Holz auf meinen Leichnam niederfallen.
Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein,
die Wasser werfen, um den Brand zu töten.
                        Ich werd's nicht hören.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als
                            er einen Klappa pflückte für seine Mutter.
Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen
                       an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah.
Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre
werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!«
                        Ich werd's nicht hören.



              Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb,
                                         denn seine Haare waren weiss.
Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen
                                                um meine Leiche stehn.
Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche,
und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut.
                        Ich werd's nicht hören.



                Ich weiss nicht, wo ich sterben soll.
Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete
                   sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund.
Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah
                       ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist,
Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird
                                    leise über das Gras schleifen ...
                        Ich werd' es hören.



Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in
Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah
nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch
kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die
andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung
stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf,
denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und
an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in
Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher
nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe
begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er
gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn
und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders
zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue
gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den
Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen
des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler
Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.

Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem
Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass
er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern,
und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.

Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber
dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas
ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die
Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen
Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er
an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges
gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube
es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also,
um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war
noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene
Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher
aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit
einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In
den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von
silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel
war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!

Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug
er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.

War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt
als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen
Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen
sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss
in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand,
da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie
er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident
vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu
Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War
es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die
ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul
sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die
Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen
sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf
öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines
Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach
Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen
sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte
auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger
Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass
man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?

Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte
den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen
zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die
Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte
sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den
schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen
auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem
Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz
aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den
Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah
ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie
der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss
und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am
Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...

Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz
andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen,
Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim
Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt
von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des
neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«

Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und
die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem
Wege erzählte.

Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck,
der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald
sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte,
am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und
betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit
an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt,
den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak
zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete,
das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der
Ketapan, den er suchte.

Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte
als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert
hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit
allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie
ihm die Melatti gegeben.

Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den
Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen
Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob
Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde
in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen,
wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte
... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt
haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters
Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine
Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte,
was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder
treu gewesen wäre.

Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem
Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher
jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er
selbst dem Wiedersehen mit Adinda.

Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern
des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht
schon am Tage vorher gekommen?

Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen
Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem
Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner
Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn
zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er
auf sie warten müsste.

Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne
aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die
Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe,
beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde
... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge,
die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren
Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im
Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und
wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder
und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen,
der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.

Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute
schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen
Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief
Adinda!

Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen
können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte
die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre
Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch
fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein
Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem
sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.

Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock
sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich
sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt
waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass
sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt
fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen
Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde
vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.

Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit
fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken,
dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb
... wegblieb ...

Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken
klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu
blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum,
doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen
Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen
mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und
vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem
Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und
Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott,
das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!

Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch
unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank,
als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in
menschliche Sprache zu fassen.

Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst
schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald
sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge
über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn
willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und
ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern
an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während
der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich
an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines
kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch
umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad,
der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne
wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so
gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten
sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn
es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie
hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater
war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!

Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über
den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum
gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil
Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder
betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er,
das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...

Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum
leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.

Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin
und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein
Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt
und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es
und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken
Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange
der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald
äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner
Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen
zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:


    Sieh, wie der Badjing Atzung sucht
    Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts,
    Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder:
    Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.

    Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil!
    Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf Atzung für mein Herz.

    Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ...
    Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ...
    Doch immerdar noch ist meine Seele
    Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!


Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum
leitete.

Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien,
weil es warm zu werden begann:


    Sieh, wie der Falter dort rundflattert.
    Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume.
    Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte:
    Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.

    Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil!
    Sicher wirst du finden, was du suchst ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.

    Lang' schon hat der Falter geküsst
    Die Kenarieblume, die er so lieb hat ...
    Doch immerdar noch ist meine Seele
    Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!


Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum
leitete.

Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in
der Luft.


    Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe,
    Hoch über dem Waringi-Hügel.
    Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen,
    Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.

    Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil!
    Was du suchst, wirst sicher du finden ...
    Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch,
    Wartend auf Ruh für mein Herz.

    Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein
    Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ...
    Und immerdar noch wird meine Seele
    Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda!


Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan
leitete.


    Wenn nicht länger Falter werden rundflattern,
    Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen,
    Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird,
    Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind,
    Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ...
    Wenn die Sonne verkehrt wird laufen,
    Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ...
    Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist,
    Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln
    Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb.
    Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ...
    Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda!


Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
Baum leitete.


    Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden.
    Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:

    "Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen,
    Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume.
    Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen,
    Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war.
    Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben,
    Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!"

    Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen,
    Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ...
    Noch einmal will ich die Melatti küssen,
    Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda!


Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem
Ketapan führte.

O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von
all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher
hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!

Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht
scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?

Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der
Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda,
nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein,
sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!

Er sollte warten, warten ...

Aber wenn sie krank wäre oder ... tot?

Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der
von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts
und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es
standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen:
»Saïdjah, Saïdjah!«

Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte,
Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das
Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich
vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu
sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein
Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog
er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an
seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte,
und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«

Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit
Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen,
dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht
im Dorfe Badur sei.

Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den
Büffel weggenommen hatte ...

ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!

... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes
Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es
säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er
seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...

weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!

... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda
mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs
Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er
Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder
nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch
in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen,
dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in
den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha,
Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die
durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden
waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht
bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers
gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und
liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie
sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die
europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an
der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den
hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der
Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über
offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.

Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm
sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht
völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem
Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise
durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter
der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach
nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um
ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.

Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den
armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach
er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme
aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben
soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den
Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu
bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.

Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom
Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle,
wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil
so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der
bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die
durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten,
wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden
Bergspitzen berechnet.

Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!

Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches
strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er
suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden
Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte
gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte,
wenn sie sich schlafen legte ...

Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu
Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine
geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...

Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der
Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die
Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum,
um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen
konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt,
zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...

Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines
Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte
er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die
Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische
Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an,
weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war
sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.

Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren,
schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das
Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah
wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils
aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter
den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den
Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der
Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen,
Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam
Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...

Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende
Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende
gemacht zu haben schien ...

Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem
Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden
Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich
mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen
Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen
die Brust vordrangen ...

Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den
neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der
Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb
heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt
sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener,
belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.

Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der
Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man
vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten
hatte unter dem Banner der Niederlande ...


                "Doch Gott, der alles Weh ersicht,
                Erhörte dieses Tages Opfer nicht."



Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht,
als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges
zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der
Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte
ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu
hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich
begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde
stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit
der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch
empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde,
wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.

Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor
mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.

Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb
hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs
ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht,
ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden,
weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda
die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...

Dies alles weiss ich nicht!

Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass
es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung
im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits,
dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern
von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat
vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem
Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof
gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise,
in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird,
Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der
die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen,
wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung
in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von
Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift
der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine
ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in
den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt
ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen
lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der
Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.

Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu
beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah
erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda
in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und
mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde,
dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!

Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein
samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft,
die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen
Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der
mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die
die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht
niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin
dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst
oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der
Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden
nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein
Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren
Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete,
um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu
lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm
die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder
die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid
der Lüge borgen muss?

Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine
Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen
können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe
wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und
Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre
immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen
die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen
Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst,
besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer
nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der
Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde,
wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese
singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...

Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im
Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen,
dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es
sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder
solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber
Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen,
die nicht sentimental sind?

Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit
der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem
Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser
Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf
ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen
gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält,
wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine
"weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers
von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet
wurde: eine Note, die vor mir liegt!

Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch
Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.

O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart
gestraft. Er wurde ermordet.



ACHTZEHNTES KAPITEL.


Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine
in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering
trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu
wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies
dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor
eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte,
dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen
entlang nach Havelaars Haus zurück.

»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar,
und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone,
damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf
einem Erbe, das früher das ihre war:

--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die
Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben
gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas,
was man in der Küche braucht?

Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher
Zug, der Havelaars Blick nicht entging.

--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!

--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so
schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw,
erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht
üben über das Erbe!

Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in
ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die
Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des
Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.

--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme
Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der
die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in
Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe
gefunden haben im Archiv?

Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften
vor mir liegen.

--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe,
doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die
Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten,
den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten
alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung
der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls
keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den
Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging
kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im
Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in
erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen
deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er,
der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.

--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.

--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er
bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor
meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde
wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können,
und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein
Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum
habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen
verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen,
und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe,
damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten.

Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene
Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche
machen wollte, »die doch so geräumig sei«.

Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an
den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei
Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war
nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war
Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu
meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich
auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich
glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken
zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch
wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung
des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine
ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt
doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an
einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen
konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren,
der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der
Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein
und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der
Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen
zu vermuten.

Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger
vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat,
diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen,
dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung
sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.



Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:

--Woran ist M'nheer Slotering gestorben?

--Das weiss ich nicht.

--Ist er vergiftet?

--Das weiss ich nicht, aber ...

--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!

--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer
Havelaar, und ... und ...

--Nun? Weiter?

--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch
länger hier geblieben wäre.

--Schreiben Sie das auf!

Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt
vor mir!

--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und
erpresst wird in Lebak?

Verbrugge antwortete nicht.

--Antworten Sie, Verbrugge!

--Ich wage es nicht.

--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen!

Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!

--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage,
doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass
Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht
wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund
dessen, was ich stets Halbheit nannte?

--Ja!

--Schreiben Sie das auf.

Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir!

--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.

Und Verbrugge konnte gehen. [6]

Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit
besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war,
schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.

--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit
Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.

Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und
rief schluchzend:

--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken
zusammen!



Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht
zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?



Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift
gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter
denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu
haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus
hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog,
den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch
nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu
betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte
Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner
Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen,
doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die
Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu
lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht
sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.

In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften,
die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube
ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu
dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie
diese Änderung bereitwillig hinnehmen.



    »No. 88.                    Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856.
    Geheim. Eile.

        An den Residenten von Bantam.


    Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich
    mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die
    Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen
    gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des
    'Pundutan' und dergleichen erfüllen.

    Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität
    und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess,
    die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits
    weit überschritt.

    Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren,
    und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch
    Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um
    mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen:
    dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte
    Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt
    würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die,
    wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in
    Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete
    von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor,
    zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit
    grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der
    Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status
    seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche
    Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge
    zu treffen.

    Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon
    geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit
    gegenüber weiteren Fällen.

    Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder
    Ungesetzlichkeit.

    Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den
    Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand
    Kenntnis verschafft.

    Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler
    Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich
    kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:


        dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta
        Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch
        ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten,
        und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung
        von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich
        festgestellte, unausreichende Bezahlung;

        dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen
        Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den
        genannten Thatsachen.


    Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die
    Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:


        1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile
        nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder
        vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch
        Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen,
        die ich werde einholen müssen;

        2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu
        nehmen;

        3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren
        Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss
        auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung
        ausüben könnten;

        4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von
        dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.


    Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben,
    den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.

    Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die
    Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die
    Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt
    der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste
    im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls
    sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert,
    dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist
    (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei
    und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.

    Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit
    dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus
    der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das
    eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit
    dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht,
    ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.«


Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein,
der Herr Slymering, privatim!

Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art
und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt
wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der
Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis
gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu
»schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden
Geschäften störe«!

Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige
Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und
traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des
Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den
Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser,
dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die
Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen
der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen
bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken,
dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er
so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre,
drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die
wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach
der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn,
schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst
recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler
in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn
man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich
das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe
es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch
einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der
Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann
zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau
zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib
weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag
Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst
nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen
und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne
stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge
habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte
also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von
selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah
ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes
Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche
Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr
schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf
dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche
Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und
... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen
Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und
es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf
losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass
Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von
derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem
schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die
Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und
darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen
will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein
Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken
besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin
und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau,
wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus,
als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe
ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich
gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn
auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir
eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen
Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig
gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann
führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah
ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über
diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer
unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht
auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen
im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass
die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens
war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name
angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt
von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein,
der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau
des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden,
der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne,
der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass
der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl
sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte,
indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum
HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie
die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch
vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre
Schande für die Familie bedeute«.

Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da
in diesem Briefe stand.

Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare
Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder
das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss
also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen
Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse,
und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren,
weil unser Geschäft so flott geht.

Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es
gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett
gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind
wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen,
mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der
Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die
sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau
und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und
meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte,
brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich
sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung
ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan
zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in
der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich
ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf
den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den
Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich
alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir
gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich
würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in
enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran,
dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten,
die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das
nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte,
als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen
Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich,
weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe,
dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz
offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem
Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.

Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei
einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun
auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich,
ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte
sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine
rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu
besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst
blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das
Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal,
eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu
sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und
ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt
wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte
wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein
noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und
auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an,
gerade wie der Kutscher.

Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des
Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran
ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im
Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an
all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich
brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer
sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran
that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person,
die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über
sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft
Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte
seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus
dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all
diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu
sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr
zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem
Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.

Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie
erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch
wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen
nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den
Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an
die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis
dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und
rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug
von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte,
als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein
Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen
ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang
geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch
ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er
Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck &
Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte,
denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge
ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.

Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr,
der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die
Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm
für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen
anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen
Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er
konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er
sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee,
den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei,
dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der
eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern
möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass
der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert
hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden
Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch
sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon
gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel
um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre,
und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube
im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem
er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu
kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle
Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich
nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet«
vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so
wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor
Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele
wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor
allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren
und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.

Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der
Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen
und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig,
mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen
nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn
als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof,
einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste,
die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns
mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und
ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden,
wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns
da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen,
denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu
kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat
war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation
schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk
Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und
ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.

Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer
so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und,
als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in
gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel
seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen
zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine
Frau fand es auch.



NEUNZEHNTES KAPITEL.


In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte,
teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte«
am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was
gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche
Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem
Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief,
den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben
sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar
zu diesem Schriftstück erübrigt sich.


    »No. 91.                   Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856,
    Geheim. Eilig.                                    abends 11 Uhr.


    Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive
    No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:


        dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen
        Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem
        unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides
        verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen
        des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte
        der Erpressung.


    Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen
    Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke,
    nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen
    Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung
    einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und
    meiner Vermutung.

    Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe
    ich zu diesem Entschluss kam.

    Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich
    getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten
    Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst
    vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar
    voraufgehende--Ursache zu sein.

    Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene,
    tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit
    eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich
    Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von
    mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende
    macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe
    ich gethan, was ich für Pflicht hielt.

    In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes
    Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen
    hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese
    Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen.

    Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just
    darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden,
    um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.

    Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer
    Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der
    Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar
    der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall
    meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten
    Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege
    abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg
    hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem
    Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion
    Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche
    zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung
    durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen
    Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung
    meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen
    habe ich Pflichten zu erfüllen.

    Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern
    unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene
    hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde
    oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe,
    »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein
    Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter
    dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen,
    dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle
    Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau
    und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen,
    wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt
    und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'?

    Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an
    seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der
    Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten
    immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden,
    den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde
    sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich
    ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein
    unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken.

    Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses
    Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich
    kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten'
    nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht!

    Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt
    worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen
    Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe,
    ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die
    Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung
    meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der
    Regent von hier entfernt ist.

    Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen
    in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten
    Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher
    meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam
    werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld,
    tant soit peu, zu verwischen.

    Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive
    von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei
    ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag
    enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und
    die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich
    vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich
    vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der
    Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich,
    und vor allem frei--zuzustimmen belieben.

    Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt
    ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts
    Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige
    und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn
    er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus
    dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt,
    dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe.

    Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!

    Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben
    und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er
    berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind,
    vergewaltigt werden und ausgesogen!

    Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass
    die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut
    gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für
    mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch
    Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde,
    die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis,
    durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre.

    Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen
    offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen
    dieses Versäumnisses.

    Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die
    Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und
    mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung
    Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an
    ihrem Wohlergehen nagt.

    Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu
    ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz
    nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung,
    Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten
    von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung,
    von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich
    dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern,
    No. 88, mitteilte.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.«


Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der
Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem
Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit:
was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob
er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der
Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete
er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die
er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche
zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars
vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche
Handlungsweise ihm bekannt wurde.

Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als
gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war
denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete
durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe
zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen
offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache,
noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die
»Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war
erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit
willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu
vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten
beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende
Schimpfworte geschlagen hat.

Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht
habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge,
dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen
Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand
ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene
Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung
hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen
wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den
Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der
Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich
sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über,
diese Briefe zu verlesen.

Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu
beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen
haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit
des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser
Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer
vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da,
wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon
Gebrauch machte?

Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm
angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie
als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher
Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte,
ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts
anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit
der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen
müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen
Halt geben könnten.

Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen
in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben,
wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können!

Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio,
Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt
hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht,
der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...

Havelaar antwortete:

»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt,
die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich
klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang,
ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu
die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich
bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!«

Wie Verbrugge aufatmete!

Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!

Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und
wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen,
von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser
Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass
der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte,
was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe,
die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten.

Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den
Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und
nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars
ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile:
Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.

Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen
Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier
abschreibe:


    »No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856.
    Geheim.


    Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O,
    geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend:


        dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben,
        die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses,
        No. 88 und 91, machte;

        dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten;

        dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen
        umschrieben sind, nicht billigten;

        und zum Schluss einige Befehle.


    Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz
    mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern:


        dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität
        respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen
        Gewähr zu geben oder nicht;

        dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls
        mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären
        Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer:
        bei allem, was ich nicht thue und nicht sage.


    Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen.

    Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu
    protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung
    bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines
    einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet,
    gesprochen oder geschrieben.

    Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe,
    sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung
    angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne
    die mindeste Abweichung.

    Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst:
    bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und
    wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte
    ... aus Übereilung fehlte ich nicht.

    In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller
    jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen.

    Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas
    missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die
    Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht,
    ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein
    Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein,
    dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine
    Pflicht gethan!

    Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid,
    dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht,
    ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung
    meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und
    ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde,
    welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine.

    Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht
    also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss
    ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass
    man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von
    sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn
    mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach
    siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine
    besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine
    Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot
    geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken,
    Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten,
    wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft
    meiner Seele.

    Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von
    Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich
    bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und
    Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb,
    Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:


        es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch
        die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen
        Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben
        sind, gutheisse.


    Oder aber:


        es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung
        aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden
        Punkte der Missbilligung.


    Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung
    zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang
    durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten
    Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der
    rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie
    in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben.


        Der Assistent-Resident von Lebak,

            Max Havelaar.



Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der
Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen
machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich
in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und
Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung
bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle
Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube,
ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die,
wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen
muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch
ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der
Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es
keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen!



Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der
Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht.



Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur
Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute,
die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm
ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen.

--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch
verraten Sie mich nicht.

--Was? Was soll ich nicht verraten?

--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem,
was ich Ihnen jetzt sagen werde?

--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort.

Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass
nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er
gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig
ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge
wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den
Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet,
allein ... er hatte sein Wort gegeben.

Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm
vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern
zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme,
ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.

--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!

Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir.

Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht
allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs
entsagen konnte.

Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris
Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer
Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte!

Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle,
Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten,
er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir
liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete
... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende
Aufzeichnung mit:

»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter
des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident
von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge
auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.«



ZWANZIGSTES KAPITEL.


Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar
zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild'
ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau«
nicht finden konnte.

--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die
Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of
beauty' von Hogarth, nicht wahr?

--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.

--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine
Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch,
wo du das gestickt hast, Tine!

--Ich nicht. Wo denn?

--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil
der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte,
und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn
zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.

Tine stand auf und küsste den Kleinen.

--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich,
und die rote Frau war komplett.

--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.

--Ich, sagte der kleine Max.

--Und was bedeutet das?

--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen.

--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.

Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem
gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien,
denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.

--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.

--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von
Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.

Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie
abgebrochen waren.

--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch
nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!

--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun
können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist
alles binnen kurzer Zeit geregelt.

--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte
Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich
dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch
mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak
lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen
Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken:
man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits,
wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...

--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von
hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur
bist.

Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser
Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...

Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.

--Lieber Max ... begann sie freundlich.

--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst
du leben von Sand?

--Lieber Max!

Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging
zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in
einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde,
doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:

--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich
nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das
arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen,
dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...

Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand,
einem Brief, der vor mir liegt, Leser!

--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu
kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von
den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die
Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das
sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere
Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind,
um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts
zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand
essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!

Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so
sprach mit ihr, die er so lieb hatte.

--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur
Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen
Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so
werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte,
da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und
wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit
Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen
nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!

Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.

--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei,
der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter
gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass
das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max,
o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!

Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf
den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie
zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari,
die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete
Entscheidung von der Regierung.

--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen
Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht
empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel
an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel
hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon
als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen,
die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn
nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt,
wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen
und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei
Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss
also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...

--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam
geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen
mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen
möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des
... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen
gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die
Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten,
man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben
werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der
Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit
kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man
selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...

--Da kommt die Post! rief Verbrugge.

Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte,
einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den
gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar:


    »Kabinett.      Buitenzorg, den 23. März 1856.

    No. 54.


    Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung
    von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke
    gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef,
    dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine
    Unzufriedenheit erregt.

    In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle
    Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr
    erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den
    Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte
    Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.

    Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt,
    ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das
    Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm
    beschwerlicher Untersuchungen zu machen.

    In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre
    Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger
    noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge
    einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten
    von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen,
    doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen
    Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets
    günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig
    vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.

    Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt
    zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert,
    dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene
    Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf
    die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.

    Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr
    leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der
    Binnenländischen Verwaltung schliessen.

    Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung
    des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.

    Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger
    Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden
    wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der
    Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher
    vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten
    von Ngawi betraut.

    Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen,
    ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt
    bleiben können.«


Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit
und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er
desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien
unterzeichnete.



--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen,
und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück
mit Duclari las.

Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari,
ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus:

--Gottverdammt! ich habe hier in der Verwaltung Schelme und Diebe
gesehen ... sie sind in Ehren von hier gegangen, und man schreibt
Ihnen solch einen Brief!

--Es besagt nichts, sagte Havelaar, der Generalgouverneur ist ein
ehrlicher Mann: er muss betrogen sein ... wenngleich er sich auch
vor diesem Betruge hätte sichern können, indem er mich erst hörte. Er
ist verstrickt in das Gewebe der buitenzorgschen Amtswirtschaft. Wir
kennen das! Doch ich werde zu ihm gehen und ihm zeigen, wie hier die
Sachen stehen. Er wird Recht schaffen, davon bin ich überzeugt!

--Aber wenn Sie nach Ngawi gehen ...

--Jawohl, ich weiss das! In Ngawi ist der Regent dem Djokjaschen
Hof verwandt. Ich kenne Ngawi, denn ich war zwei Jahre lang in den
Baglen, was in der Nähe ist. Ich würde in Ngawi dasselbe thun müssen,
was ich hier gethan habe: das würde unnützes Hin- und Wiederreisen
sein. Überdies, es ist mir unmöglich, Dienst auf Probe zu thun,
als ob ich mich schlecht betragen hätte! Und endlich, ich sehe ein,
dass ich, um all der Jämmerlichkeit ein Ende zu machen, kein Beamter
sein darf. Als Beamter stehen zwischen der Regierung und mir zuviel
Personen, die ein Interesse daran haben, das Elend der Bevölkerung
zu leugnen. Es sind noch mehr Gründe, die mich hindern, nach Ngawi
zu gehen. Dieser Posten war nicht vakant ... sehen Sie mal her,
er ist für mich freigemacht!

Und er zeigte in der »Javasche Courant«, die mit derselben Post
angekommen war, dass in der That mit demselben Beschluss, durch den
ihm die Verwaltung von Ngawi übertragen wurde, der Assistent-Resident
dieser Provinz nach einer anderen Abteilung versetzt wurde, die
vakant war.

--Wissen Sie, warum ich gerade nach Ngawi muss, und nicht nach
dieser vakanten Abteilung? Das will ich Ihnen sagen! Der Resident von
Madiun, wozu Ngawi gehört, ist der Schwager des vorigen Residenten
von Bantam. Ich habe gesagt, dass der Regent früher solche schlechten
Vorbilder gehabt hätte ...

--Ah! riefen Verbrugge und Duclari zugleich. Sie kapierten, warum
Havelaar gerade nach Ngawi versetzt wurde, um auf die Probe zu dienen,
ob er sich vielleicht bessern würde!

--Und wegen noch eines Grundes kann ich nicht dorthin gehen, sagte
er. Der gegenwärtige Generalgouverneur wird in allernächster Zeit
abtreten ... seinen Nachfolger kenne ich und ich weiss, dass von
ihm nichts zu erwarten ist. Um also noch zeitig etwas für das arme
Volk zu erreichen, muss ich den gegenwärtigen Generalgouverneur noch
vor seinem Verzuge sprechen, und wenn ich jetzt nach Ngawi ginge,
so würde das unmöglich sein. Tine, höre mal!

--Lieber Max?

--Du hast Mut, nicht wahr?

--Max, du weisst, dass ich Mut habe ... wenn ich bei dir bin!

--Also!

Er stand auf, und er schrieb das folgende Request, meines Erachtens
ein Muster von Wohlberedtheit:


    »Rangkas-Betung, den 29. März 1856.

    An den Generalgouverneur von Niederländisch-Indien.


    Ich hatte die Ehre, Eurer Excellenz Kabinettsmissive
    vom 23. ds., No. 54, zu empfangen.

    Ich sehe mich genötigt, in Beantwortung dieses Schreibens Euer
    Excellenz zu ersuchen, mir einen ehrenvollen Abschied aus des
    Landes Diensten zu verleihen.


                Max Havelaar.«


Es war zu Buitenzorg für die Gewährung des geforderten Abschieds
nicht so lange Zeit nötig, als sie sich erforderlich erwies für die
Entscheidung, wie man Havelaars Anklage abwenden konnte. Dieses hatte
doch einen Monat erfordert, und der verlangte Abschied kam binnen
weniger Tage in Lebak an.

--Gott sei Dank, dass du endlich du selbst sein kannst! rief Tine.

Havelaar erhielt keinen Befehl, die Verwaltung seiner Abteilung
vorläufig Verbrugge zu übergeben, und meinte also, seinen Nachfolger
abwarten zu müssen. Dieser blieb lange aus, weil er aus einem ganz
anderen Winkel von Java kommen musste. Nach beinahe drei Wochen
Wartens schrieb der gewesene Assistent-Resident von Lebak, der jedoch
noch immer als solcher aufgetreten war, den folgenden Brief an den
Kontrolleur Verbrugge:


    »No. 153.                     Rangkas-Betung, den 15. April 1856.

    An den Kontrolleur von Lebak.


    Es ist Ihnen bewusst, dass ich durch Gouvernementsbeschluss vom
    4. dieses, No. 4, auf mein Ersuchen ehrenvoll aus Landesdiensten
    verabschiedet bin.

    Vielleicht wäre ich im Recht gewesen, wenn ich nach dem Empfang
    dieser Bestimmung meine Geschäfte als Assistent-Resident sofort
    niedergelegt hätte, da es eine Anomalie scheint, eine Funktion
    zu erfüllen, ohne Beamter zu sein.

    Ich empfing gleichwohl keinen Befehl, meine Geschäfte zu übergeben,
    und zum Teil im Bewusstsein der Verpflichtung, meinen Posten
    nicht zu verlassen, ohne gehörig abgelöst zu sein, zum Teil aus
    Ursachen untergeordneter Bedeutung wartete ich die Ankunft meines
    Nachfolgers ab, in der Meinung, dass dieser Beamte bald--wenigstens
    diesen Monat noch--eintreffen würde.

    Jetzt vernehme ich von Ihnen, dass mein Nachfolger noch nicht
    so bald erwartet werden kann--Sie haben, meine ich, hiervon in
    Serang Kenntnis erhalten--und zugleich, dass es den Residenten
    verwundere, dass ich bei der sehr ungewöhnlichen Position, in der
    ich mich befinde, noch nicht darum ersucht habe, die Verwaltung
    Ihnen übertragen zu dürfen.

    Nichts konnte mir angenehmer sein als dieser Bericht. Denn ich
    brauche Ihnen nicht zu versichern, dass ich, der ich erklärt habe,
    nicht anders dienen zu können, als ich es hier that--ich, der ich
    für diese Art zu dienen mit hartem Tadel bestraft bin, mit einer
    für mich nachteiligen und schimpflichen Versetzung ... mit dem
    Befehl, die armen Leute zu verraten, die auf meine Ritterlichkeit
    vertrauten--mit der Wahl also zwischen Unehre und Brotmangel!--dass
    ich nach dem allen mit Mühe und Sorge jeden vorkommenden Fall an
    meiner Pflicht zu prüfen hatte, und dass die einfachste Sache mir
    schwer fiel, der ich mich geschoben sah zwischen mein Gewissen
    und die Prinzipien des Gouvernements, dem ich Treue schuldig bin,
    solange ich nicht meines Amtes enthoben bin.

    Diese Schwierigkeit offenbarte sich vor allem, wenn ich Klägern
    Antwort zu geben hatte.

    Einstens doch hatte ich gelobt, dass ich niemanden der Rancune
    seiner Häupter überliefern würde! Einmal hatte ich--unvorsichtig
    genug!--mein Wort verpfändet für die Gerechtigkeit des
    Gouvernements.

    Die arme Bevölkerung konnte nicht wissen, dass dieses Versprechen
    und diese Bürgschaft desavouiert waren, und dass ich arm und
    ohnmächtig allein stand mit meiner heissen Liebe für Recht und
    Menschlichkeit.

    Und man fuhr mit Klagen fort!

    Es war bitter schmerzlich, nach dem Empfang der Kabinettsmissive
    dazusitzen als vermeintliche Zuflucht, als machtloser Beschützer.

    Es war herzzerreissend, die Klagen über Misshandlung, Aussaugung,
    Armut, Hunger anzuhören ... derweil ich selbst nun mit Frau und
    Kind Hunger und Armut entgegengehe.

    Und auch das Gouvernement konnte ich nicht verraten. Ich konnte
    nicht sagen zu den armen Leuten: »gehet hin und leidet, denn die
    Verwaltung will, dass ihr geschunden werdet!« Ich durfte meine
    Ohnmacht nicht zu erkennen geben, da sie eins war mit der Schande
    und mit der Gewissenlosigkeit der Ratgeber des Generalgouverneurs.

    Hören Sie, was ich den Leuten antwortete:


        »Zur Stunde kann ich euch nicht helfen! Doch ich werde nach
        Batavia gehen; ich werde mit dem Grossen Herrn sprechen über
        euer Elend. Er ist gerecht und er wird euch beistehen. Gehet
        vorläufig ruhig nach Haus ... widersetzt euch nicht ... geht
        noch nicht ausser Landes ... wartet geduldig: ich denke,
        ich ... hoffe, dass Recht geschehen wird!«


    So meinte ich, beschämt darüber, dass meine Hülfezusage zunichte
    gemacht wurde, meine Pflichtbegriffe in Übereinstimmung zu
    bringen mit meiner Pflicht gegenüber der Verwaltung, die mich
    noch diesen Monat bezahlt, und ich würde also bis zur Ankunft
    meines Nachfolgers ausgeharrt haben, wenn nicht ein besonderer
    Vorfall mich heute in die Notwendigkeit gebracht hätte, diesem
    doppelsinnigen Verhältnis ein Ende zu machen.

    Sieben Personen hatten geklagt. Ich gab ihnen obenstehende
    Antwort. Sie kehrten an ihren Wohnort zurück. Unterwegs begegnet
    ihnen der Häuptling ihres Dorfes. Er muss ihnen verboten haben,
    ihren Kampong wieder zu verlassen, und nahm ihnen--wie man mir
    rapportiert--ihre Kleider ab, um sie zu zwingen, zu Hause zu
    bleiben. Einer von ihnen entkommt, verfügt sich wieder zu mir und
    erklärt: dass er nicht wieder nach seinem Dorfe zurückzukehren
    wage.

    Was ich nun diesem Mann antworten soll, weiss ich nicht!

    Ich kann ihm keinen Schutz mehr geben ... ich darf ihm meine
    Ohnmacht nicht gestehen ... ich will den angeklagten Dorfhäuptling
    nicht verfolgen, da das den Schein aufkommen lassen würde, als
    wenn diese Sache durch mich pour le besoin de ma cause aufgegriffen
    wäre: ich weiss nicht mehr, was thun ...

    Ich belege Sie, in Erwartung näherer Zustimmung des Residenten
    von Bantam, von morgen früh ab mit der Wahrnehmung der Verwaltung
    der Abteilung Lebak.


            Der Assistent-Resident von Lebak,

                Max Havelaar.«


Darauf verzog Havelaar mit Frau und Kind von Rangkas-Betung. Er wies
alles Geleit zurück. Duclari und Verbrugge waren tief gerührt beim
Abschied. Auch Max ging es nahe, vor allem, als er am Ort des ersten
Pferdewechsels eine zahlreiche Menge antraf, die aus Rangkas-Betung
fortgeschlichen war, um ihn dort zum letztenmal zu begrüssen.

In Serang stieg die Familie bei dem Herrn Slymering ab, der sie mit
der gewohnten indischen Gastfreiheit empfing.

Abends kam viel Besuch zum Residenten. Man sagte so bedeutungsvoll,
wie es erlaubt war, man sei gekommen, um Havelaar zu begrüssen,
und Max empfing manchen beredten Händedruck ...

Doch er musste nach Batavia, um den Generalgouverneur zu sprechen ...

Dort angekommen, liess er um Gehör ersuchen. Dieses wurde ihm
verweigert, weil Seine Excellenz ein Geschwür am Fusse hätte.

Havelaar wartete, bis das Geschwür geheilt war. Dann liess er ein
anderes Mal darum ersuchen, gehört zu werden.

Seine Excellenz »sei so mit Arbeit überhäuft, dass sie selbst dem
Generaldirektor der Finanzen eine Audienz hätte abschlagen müssen«,
und könne also auch Havelaar nicht empfangen.

Havelaar wartete, bis Seine Excellenz sich durch diese Überhäufung
hindurchgearbeitet haben würde. Inzwischen fühlte er etwas wie Neid auf
die Personen, die Seiner Excellenz in der Arbeit beigegeben waren. Denn
er arbeitete gern schnell und viel, und gewöhnlich schmolzen solche
'Überhäufungen' ihm unter den Fingern weg. Aber hiervon war nun
natürlich keine Rede. Havelaars Arbeit war schwerer als Arbeit:
er wartete!

Er wartete. Endlich liess er aufs neue ersuchen, gehört zu werden. Man
gab ihm zur Antwort, »dass Seine Excellenz ihn nicht empfangen könne,
weil sie daran gehindert werde durch die mit dem bevorstehenden
Verzuge in Zusammenhang stehende Arbeitsüberhäufung«.

Max empfahl sich der Geneigtheit Seiner Excellenz, ihm eine halbe
Stunde Gehör zu schenken, sobald ein kleiner Zwischenraum sein sollte
zwischen zwei 'Überhäufungen'.

Endlich vernahm er, dass Seine Excellenz am folgenden Tage verziehen
werde! Das war ihm ein Donnerschlag. Noch immer hielt er krampfhaft
an dem Glauben fest, dass der abtretende Landvogt ein ehrlicher Mann
und ... betrogen sei. Eine Viertelstunde wäre genügend gewesen, um
die Gerechtigkeit seiner Sache zu beweisen, und diese Viertelstunde
schien man ihm nicht geben zu wollen.

Ich finde unter Havelaars Papieren den Entwurf eines Briefes, den
er an den abtretenden Generalgouverneur am letzten Abend vor dessen
Verzug ins Mutterland geschrieben zu haben scheint. Am Rande steht
mit Bleistift angezeichnet: »nicht genau«, woraus ich entnehme, dass
einzelne Sätze beim Abschreiben verändert sind. Ich bemerke dies,
um nicht aus dem Mangel buchstäblicher Übereinstimmung bei diesem
Schriftstück Zweifel entstehen zu lassen an der Echtheit der anderen
offiziellen Schriftstücke, die ich mitteilte, und die alle durch eine
fremde Hand als »gleichlautende Abschrift« gezeichnet sind. Vielleicht
hat der Mann, an den dieser Brief gerichtet war, Lust, den vollkommen
genauen Text zu veröffentlichen. Man würde durch Vergleichung sehen
können, wie weit Havelaar von seinem Entwurf abgewichen ist. Sachlich
korrekt war der Inhalt also:



    »Batavia, 23. Mai 1856.


    Excellenz! Mein durch Missive vom 28. Februar von Amts wegen
    gestelltes Ersuchen, in Ansehen der Lebakschen Sachen gehört zu
    werden, ist ohne Erfolg geblieben.

    Ebenso haben Euer Excellenz nicht beliebt, meinem wiederholten
    Ersuchen um Audienz Folge zu geben.

    Euer Excellenz haben also einen Beamten, dessen »Dienste günstig
    bei dem Gouvernement aufgenommen sind«--das sind Eurer Excellenz
    eigene Worte!--jemanden, der siebenzehn Jahre dem Lande in diesen
    Breiten diente, jemanden, der nicht allein nichts verbrach, sondern
    gar mit ungewöhnlicher Selbstverleugnung das Gute verfolgte und
    für Ehre und Pflicht alles feil hatte ... so jemanden haben Euer
    Excellenz noch unter den Verbrecher gestellt. Denn den hört man
    zum mindesten.

    Dass man Euer Excellenz betreffs meiner irregeführt hat, begreife
    ich. Doch dass Euer Excellenz nicht die Gelegenheit angenommen
    haben, dieser Irreführung zu entgehen, begreife ich nicht.

    Morgen gehen Euer Excellenz von hier, und ich mag selbe nicht
    verziehen lassen, ohne noch einmal gesagt zu haben, dass ich meine
    Pflicht gethan habe, ganz und gar meine Pflicht, mit Einsicht,
    mit Bescheidenheit, mit Menschlichkeit, mit Milde und mit Mut.

    Die Gründe, die die Missbilligung in Eurer Excellenz
    Kabinettsmissive vom 23. März zur Basis hat, sind durchweg
    erdichtet und lügenhaft.

    Ich kann dieses beweisen, und es wäre bereits geschehen, wenn Euer
    Excellenz mir eine halbe Stunde Gehör hätten schenken wollen. Wenn
    Euer Excellenz eine halbe Stunde Zeit hätten finden können,
    um recht zu thun!

    Dies ist nicht so gewesen! Eine ehrenwerte Familie ist dadurch
    an den Bettelstab gebracht ...

    Gleichwohl, hierüber klage ich nicht.

    Doch Euer Excellenz haben sanktioniert: Das System von
    Gewaltmissbrauch, von Raub und Mord, unter dem der arme Javane
    gebeugt geht ... und darüber klage ich.

    Das schreit zum Himmel!

    Es klebt Blut an den angesammelten Geldern Ihres also empfangenen
    indischen Soldes, Excellenz!

    Noch einmal bitte ich um einen Augenblick Gehör, sei es diese
    Nacht, sei es morgen früh! Und wiederum fordere ich dieses nicht
    für mich, sondern um der Sache willen, die ich vertrete, der Sache
    der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, die gleichzeitig die Sache
    wohlerfasster Politik ist.

    So Euer Excellenz es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können,
    von hier zu verziehen, ohne mich zu hören: das meinige wird
    beruhigt sein bei der Überzeugung, alle Möglichkeiten angewendet
    zu haben, um den traurigen, blutigen Geschehnissen vorzubeugen,
    die alsbald die Folge sein werden der selbstgewollten Unkunde,
    in der die Regierung hinsichtlich dessen gelassen wird, was in
    der Bevölkerung umgeht.

            Max Havelaar.«


Havelaar wartete diesen Abend. Er wartete die ganze Nacht.

Er hatte gehofft, dass vielleicht Zorn über den Ton seines Briefes
bewirken werde, was er durch Sanftmut und Geduld vergebens zu erreichen
trachtete. Seine Hoffnung war eitel! Der Generalgouverneur ging fort,
ohne Havelaar gehört zu haben. Es hatte sich wieder eine Excellenz
zur Ruhe begeben ins Mutterland!



Havelaar irrte arm und verlassen in die Runde. Er suchte ...

Genug, mein guter Stern! Ich, Multatuli, nehme die Feder auf. Du bist
nicht gerufen, Havelaars Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe dich
ins Leben gerufen ... ich liess dich kommen von Hamburg ... ich lehrte
dich leidlich gut Holländisch schreiben in sehr kurzer Zeit ... ich
liess dich Luise Rosemeyer küssen, die in Zucker macht ... es ist
genug, Stern, du kannst gehen.



Der Shawlmann und seine Frau ...

Halt erst, elendes Produkt stinkender Geldgier und gotteslästerlicher
Frömmelei! Ich habe dich geschaffen ... du bist angewachsen zum
Ungeheuer unter meiner Feder ... mich erfasst Ekel vor meinem eigenen
Machwerk: ersticke in Kaffee und verschwinde!



Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe«, ich nehme die Feder
auf. Ich winsele nicht um Schonung wegen der Form meines Buches. Diese
Form schien mir geeignet zur Erreichung meines Zieles.

Dieses Ziel ist zweiteilig:

Ich wollte an erster Stelle einer Sache Ansehen geben, dass sie als
heiliges Erbstück bewahrt werden könne von dem kleinen Max und seinem
Schwesterchen, wenn ihre Eltern in Elend werden umgekommen sein.

Ich wollte den Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.

Und an zweiter Stelle: ich will gelesen werden!

Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Staatsmännern,
die verpflichtet sind, zu achten auf die Zeichen der Zeit ... von
Litteraten, die doch auch einmal Einsicht in das Buch nehmen müssen,
von dem man soviel Böses spricht ... von Männern des Handels, die an
den Kaffeeauktionen interessiert sind ... von Kammerzofen, die mich
für wenige Cents leihen ... von Generalgouverneurs im Ruhestande
... von Ministern in Dienst ... von den Lakaien dieser Excellenzen
... von frommen Pastoren, die more majorum sagen werden, dass ich
den Allmächtigen Gott antaste, wo ich mich nur widersetze gegen das
Göttlein, das sie machten nach ihrem Bilde ... von Tausenden und
Zehntausenden von Exemplaren aus der Droogstoppelrasse, die--indem
sie ihr Geschäftchen in der bekannten Art wahrzunehmen fortfahren--am
lautesten mitschreien werden über die Schönheit meines Geschreibs
... von den Mitgliedern der Volksvertretung, die wissen müssen,
was da umgeht in dem grossen Reiche über See, das zum Reiche von
Niederland gehört ...

Ja, ich werde gelesen werden!

Wenn dieses Ziel erreicht wird, bin ich zufrieden. Denn es war mir
nicht darum zu thun, dass ich gut schriebe ... ich wollte so schreiben,
dass es gehört würde. Und geradeso, wie einer, der ruft »Halt' den
Dieb!«, sich wenig um den Stil seines improvisierten Zurufs an das
Publikum kümmert, ebenso gleichgültig ist es auch mir, wie man die Art
und Weise beurteilen wird, wie ich mein »Halt' den Dieb!« hinausschrie.

»Das Buch ist bunt ... es ist kein Ebenmass darin ... Jagd nach Effekt
... der Stil ist schlecht ... Der Autor ist ungeschickt ... kein
Talent ... keine Methode ...

Gut, gut, alles gut! Aber: Der Javane wird misshandelt!

Denn: Widerlegung des Hauptmomentes in meinem Werke ist unmöglich!

Je lauter übrigens die Missbilligung meines Buches, desto lieber wird
sie mir sein, denn desto grösser wird die Aussicht, dass ich gehört
werde. Und das will ich!

Doch ihr, die ich euch störe in euren 'Arbeitsüberhäufungen' oder
in eurem 'Ruhestande', ihr Minister und Generalgouverneurs, rechnet
nicht zu sehr auf die geringe Geschicklichkeit meiner Feder. Sie
könnte sich üben und mit einiger Anstrengung vielleicht zu einer
Fähigkeit gelangen, dass zuletzt die Wahrheit selbst vom Volke
geglaubt würde! Dann würde ich vom Volke einen Platz verlangen im
Repräsentantenhause, wäre es auch nur, um zu protestieren gegen die
Certifikate der Rechtschaffenheit, die sich Indische Spezialitäten
vice versa aushändigen, vielleicht, um auf die sonderbare Idee zu
bringen, dass man selbst Wert lege auf diese Beschaffenheit ...

... um zu protestieren gegen die endlosen Expeditionen und Heldenthaten
gegen arme, elende Geschöpfe, die man vorher durch Misshandlung zum
Aufstande zwang.

... um zu protestieren gegen die schändliche Niedertracht, indem man
durch Zirkulare, die die Ehre der Nation beschmutzen, die öffentliche
Mildthätigkeit für die Schlachtopfer chronischen Seeraubes anruft.

Es ist wahr, diese Aufständischen waren ausgehungerte Skelette,
und diese Seeräuber sind wehrhafte Männer!

Und wenn man mir diesen Platz einzunehmen weigerte ... wenn man mir
fort und fort nicht glaubte ...

Dann will ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich
kenne, und in die vielen Sprachen, die ich lernen kann, um von Europa
zu fordern, was ich fruchtlos in Niederland gesucht.

Und in allen Hauptstädten wird das Volk Lieder singen mit dem Refrain:


            Es liegt ein Raubstaat an der See,
            Zwischen Ostfriesland und der Schelde!


Und wenn auch das nichts fruchtete?

Dann werde ich mein Buch übersetzen ins Malayische, Javanische,
Sundaische, Alfurische, Buginesische, Battaksche ...

Und ich werde klewang-wetzende Kriegsgesänge schleudern in die Gemüter
der armen Dulder, denen ich Hülfe gelobt habe, ich, Multatuli!

Rettung und Hülfe--auf gesetzlichem Wege, wenn es sein kann ... auf
dem rechtmässigen Wege der Gewalt, wenn es sein muss.

Und das würde sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeauktionen der
Niederländischen Handelsgesellschaft!

Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanftmütiger Träumer
wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit dem Mut eines
Löwen und Hunger leidet mit der Geduld eines Murmeltieres im Winter.

Dieses Buch ist eine Einleitung ...

Ich werde wachsen an Kraft und Schärfe meiner Waffen, je nachdem es
nötig sein wird ...

Gott gebe, dass es nicht nötig sein werde!

Nein, es wird nicht nötig sein! Denn Dir widme ich mein Buch,
Wilhelm der Dritte, König, Grossherzog, Prinz ... mehr als Prinz,
Grossherzog und König: Kaiser des prächtigen Reiches INSULINDE,
das sich da schlingt um den Aequator wie ein Gürtel von Smaragd ...

Dich wage ich mit Vertrauen zu fragen, ob es Dein kaiserlicher
Wille ist:

Dass die Havelaars mit Kot bespritzt werden von den Slymerings und
Droogstoppels?

Und dass da drüben Deine mehr als dreissig Millionen Unterthanen
misshandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen?



ERLÄUTERUNGEN ZU INDIISMEN.


V. KAPITEL.


Seite

49 Radhen Adhipatti Karta Natta Negara: die drei letzten Worte
bilden den Namen, die beiden ersten drücken den Titel aus. Nach
den vielerlei Titeln von mehr oder minder scheinbar-unabhängigen
Fürsten ist der eines Pangérang der höchste. Er könnte etwa "Prinz"
bedeuten, da dieser Rang der Verwandtschaft mit einem der regierenden
Häuser von Solo (Surakarta) und Djokja (Djokjakarta) entlehnt ist. Der
nächstfolgende Titel ist der eines Adhipatti, oder vollständig: Radhen
Adhipatti. Radhen allein deutet einen Rang tieferer Ordnung an, der
jedoch noch ziemlich hoch über dem Gemeinen steht. Etwas niedriger
als die Adhipattis stehen die Tommongongs. Der Adel spielt in dem
Niederländisch-Javanischen Haushalt eine grosse Rolle.

58 sawahs, gagahs, tipars: Reisfelder, unterschieden nach der Lage
und nach der Art der Bearbeitung, vor allem im Hinblick auf die
Möglichkeit oder Nichtmöglichkeit der Bewässerung.

58 padie: Reis in der Hülse.

58 dessah: Dorf. Anderswo: negrie. Auch: kampong. Der inländische
Ursprung der beiden letzteren Wörter steht nicht ausser allem Zweifel.

61 alun-alun: ein grosser Platz vor der Gruppe von Gebäuden, die
die Wohnung eines Regenten bilden. Gewöhnlich stehen auf solchem
Platz zwei stattliche waringi-Bäume, aus deren Alter sich erweist,
dass nicht sie auf den alun-alun gepflanzt sind, sondern dass die
Regentenwohnung in ihrer Nähe, und wahrscheinlich gerade wegen ihrer
Nähe an dieser Stelle errichtet worden ist.

62 mantrie: ein inländischer Beamter, dessen Stellung ungefähr als
die eines "Aufsehers" bezeichnet werden kann.



VI. KAPITEL.

66 sarong: das auf Java allgemein getragene Gewand. Siehe genaueres
über die Indische Kleidung unter sarong in den Erläuterungen zu
Kap. XVII.

66 sirie, pinang, gambier: die Bestandteile, die zusammen mit Tabak und
Kalk den für den Javanen unentbehrlichen Betel-Kautabak bilden. Auch
die Frauen sind fast ohne Ausnahme dem Betelgenuss ergeben. Der
braune Saft des Tabaks, noch etwas mehr rot gefärbt durch die gambier,
färbt aller Lippen und Zähne. Schön steht dies gerade nicht, doch für
sehr mundsäubernd wird das Betelkauen gehalten. Der Genuss von sirie
mit seinen Zuthaten ist so verbreitet, dass der europäische Begriff
"Trinkgeld" durch das Wort wang sirih, d. h. Siriegeld, ausgedrückt
wird.--Die sirie ist das Blatt eines Rankengewächses, das nicht viel
stärker ist als unsere Erbse und dem Pfefferbaum so ähnlich ist,
dass der Uneingeweihte diese beiden Gewächse schwer unterscheidet. Es
ist verwunderlich, dass man die sirie so wenig in der Zahnheilkunde
anwendet, da sie doch eine säubernde, zusammenziehende Wirkung übt und
der Geschmack nicht unangenehm ist. Die gambier hat, wie es scheint,
eine Bedeutung erlangt in der Arzneibereitungslehre, von der pinang
oder areka weiss ich nichts Sicheres hieraufbezüglich anzugeben. Die
pinang oder areka ist eine Nuss, ähnlich einer Muskatnuss. Doch der
Baum, auf dem sie wächst, ist eine Palmenart.

66 slamat: Gruss, und in diesem Fall das sehr eigenartige
Kompliment--Zusammenfaltung--das in dem Text beschrieben wird. Frage:
besteht ein Zusammenhang zwischen dem malayischen slamat, selamat
und dem Wörtchen Sela, das so oft in den Psalmen vorkommt? Man
weiss, dass nach den Riten des Orients gottesdienstliche Übungen
bestehen aus Gebeten und Gesängen, mehrfach unterbrochen durch
vielerlei Geberden und Komplimente im ursprünglichen Sinne des
thatsächlichen Zusammenklappens, des Sich-Zusammenfaltens. So
etwas geschah vielleicht auch beim Vortragen der Psalmen, und diese
Vermutung wird verstärkt durch die Beachtung der vermutlich näheren
Bedeutung des Wortes slamat oder selamat. In Zusammenhang gebracht
mit Slam oder Islam--durch Buchstabenversetzung verwandt mit mosl,
muzl = Muselmann--würde vielleicht als ursprünglicher Sinn sich
herausstellen: der feierliche, ceremonielle oder rituelle Gruss, und
das würde vollkommen der Bedeutung entsprechen, die das Wort Sela in
den Psalmen füglich gehabt haben kann. Doch will ich einer anderen
Belehrung gern zugänglich sein.

68 kidang: eine Art Hirsch mittlerer Grösse. Viel kleiner, nicht
grösser wie ein mittelmässiger Hund, sind die kandjiels, Hirschchen,
die sich durch ausserordentliche Behendigkeit und durch Lieblichkeit
auszeichnen. Man behauptet, dass sie im Zustande der Gefangenschaft
nicht am Leben erhalten werden können. Der kidang jedoch scheint,
ebenso wie die meisten Arten unserer Hirsche, sich leicht anzupassen.

71 tudung: die in Form einer grossen, runden Schüssel geflochtene
Kopfbedeckung der Javanen; der Tudung schützt sowohl vor Sonne wie
vor Regen, vor dem der Inländer eine lächerliche Furcht hat. Man hat
in Europa schon Gartenhüte gehabt, die den Tudungs ähnlich sind.

76 Melattiblume: die melatti ist ein kleines weisses Blümchen mit
starkem Jasmingeruch; es spielt, wie bei uns die Rose, eine grosse
Rolle in Balladen, Sagen und Legenden.

76 kondeh: das auf dem Hinterhaupt zu einem Wulst vereinigte Haar, das
jedoch niemals durch ein besonderes Band zusammengehalten wird, sondern
stets durch eine Schlinge vom Haar selbst seinen Halt gewinnt. Der
Kondeh ist auch niemals 'chignon', sondern stets echtes Haar.



VII. KAPITEL.

84 pajong: Sonnenschirm. Goldener Pajong: die Farbe des Sonnenschirms
deutet nach Landesweise, dabei nach offiziell festgelegten
Bestimmungen, den Rang des Häuptlings an, dem ein solcher Pajong
nachgetragen wird. Durchweg vergoldet deutet er den höchsten Rang an.

85 tandu: Tragstuhl. In anderen Provinzen auch jolek, djuli und
ähnlich.

90 Patteh, Kliwon, Djaksa: Inländische Häuptlinge. Der Patteh steht
dem Regenten zur Seite als Sekretär, Botschafter, Faktotum. Der Kliwon
ist die Mittelsperson zwischen der Verwaltung und den Dorfhäuptern;
gewöhnlich hat er die Aufsicht über die Öffentlichen Arbeiten der
Gemeinde, Verteilung der Wachtmannschaften, Regelung des Herrendienstes
u. s. w. Der Djaksa ist Polizei- und Justizoffizier.

90 mantrie: Inländischer Beamter, etwa: Aufseher.

91 gong und gamlang: Musikinstrumente. Der gong ist ein schweres
metallenes Becken, das an einem Strang hängt. Man spielt den
gamlang wie unsere Glasharmonika oder wie das bekannte Holz-
und Stroh-Instrument. Es hätte an dieser Stelle wohl gleichfalls
von anklung gesprochen werden dürfen, einem Gestell nach Art eines
Rostes, mit Becken, die auf gespannten Seilen liegen. Es sei darauf
hingewiesen, dass die Benennungen von all diesen Instrumenten
Onomatopöen sind, die den Klang geschickt nachbilden. Der gong
klingt stark, gewaltig und kriegerisch. Anklung und gamlang (gamelan)
dagegen sanft und lieblich, doch sehr melancholisch.



VIII. KAPITEL.

106 Dhemang: Distriktshäuptling. Im zentralen und östlichen Java
heisst dieser Beamte Wedhono.

107 padie: Reis.

108 Bandung: Abteilung (Regentschaft, Assistent-Residentschaft)
in den Preanger-Regentschaften.

108 patjol: Hacke, Karst, meisselartiger Spaten.

108 banjir: Sturmflut, Sturzflut. Über diese Naturerscheinung hat
Multatuli ergreifend berichtet in einem Schriftchen: "Zeige mir den
Platz, wo ich gesäet habe!", dessen Titel dieser Stelle des "Havelaar"
entlehnt ist. Näheres über die Schrift in meinem Biographie- und
Auswahlbande, und zwar in der Ersten Auflage auf S. 82 u. 83; bei
der veränderten und in Neudruck befindlichen Zweiten Auflage dürfte
die Stelle sich etwas verschieben. Der Hauptteil der Schrift wird in
einem späteren Bande noch veröffentlicht.

109 dessah: Dorf.

109 kris und klewang: Waffen. Über kris siehe unter Kap. XVII.

112 maniessan: Süssigkeit, Konfituren. Der Genuss desselben beim Thee
ist chinesischen Ursprungs.

112 Radhen Wiera Kusuma, Distriktshaupt von Parang-Kudjang: der
im "Havelaar" oft wiederkehrende Schwiegersohn und Handlanger des
Regenten. In seinem Hause spielte auch die im XVIII. Kapitel vermeldete
Vergiftungsaffaire.

120 djimats: Briefe oder andere Gegenstände, die aus dem Himmel
fielen und Schwärmern und Bauernfängern zum Kredit verhalfen. Tout
comme chez nous!

121 garem glap: Schmuggelsalz. Die Herstellung und der Verkauf von Salz
ist in Indien Regie. Es wurde in der That an der Südküste von Lebak
viel Salz gemacht, und es war den armen Leuten nicht übel zu nehmen,
wenn man bedachte, dass sie vielfach viele Meilen zu laufen hatten,
um einen Gouvernements-Debitsplatz zu erreichen, wo sie einen hohen
Preis bezahlen mussten. Mir gilt die Monopolisierung der Salzbereitung
als unbillig und vor allem grausam gegenüber Strandbewohnern, denen
das Seesalz ins Haus spült.



XI. KAPITEL.

157 datu: Inländischer Häuptling.

159 Ophir: Wir finden diesen Namen auf den meisten Landkarten,
und--wahrscheinlich weil der Berg, der so bezeichnet ist, weit von
der See her zu sehen ist--auf allen Seekarten. Doch das Wort Ophir
ist bei den Inländern unbekannt. Sie nennen den Berg, der ungefähr
in der Mitte der Breite des Landes, eben nördlich der Linie liegt:
Gunung Passaman. Wie also die Kartographen, die offenbar einander
nachgeschrieben haben, die Benennung Ophir verantworten können, weiss
ich nicht. Eine andere Frage ist, ob man diesen Berg mit der Gegend
in Zusammenhang bringen will, von wo der Tyrische König Hiram für
Salomos Tempelbau Gold, Ebenholz und Edelsteine holen liess (I. Könige,
IX, 28; X, 11). Es ist sehr gewagt, dies auf Grund eines einzigen
Wortes zu thun. Und überdies, woher stammt das Wort Ophir? Wer hat
den Gunung Passaman zuerst so genannt? Der f-Klang lässt an Araber
denken. In den "Arabischen Erzählungen" wird Sumatra von Sindbad dem
Seefahrer besucht.

165 baleh-baleh: Ruhebank aus Bambus, Pritsche.

165 klambu: Gardine.

165 pajong: Sonnenschirm. Unterscheidungsmerkmal für den Rang.

166 banjir: Sturmflut.



XII. KAPITEL.

169 traussa: ist nicht nötig!



XIII. KAPITEL.

196 sambal-sambal: allerlei Zuspeise, durch deren Mannigfaltigkeit
sich Indien auszeichnet. Die Beschreibung von den sambals, die dort
genossen werden, würde Bände füllen. In wohlhabenden Familien erfordert
diese Unterabteilung des täglichen Menüs die ausschliessliche Hingebung
eines Bedienten, und bei Reichen ist hierfür eine Person nicht einmal
hinreichend. Als Material dient alles, was essbar ist, so viel als
möglich unkenntlich gemacht, und auch vieles, das Uneingeweihten nicht
essbar vorkommt, z. B. unreife Früchte und verdorbener Fischlaich. Die
Bereitung all dieser Gerichte nach den Regeln der Kunst erfordert
ein wahres Studium. Auch ist für baren (Neulinge) bisweilen einige
Übung nötig, um sie schmackhaft zu finden, doch Eingeweihte geben der
indischen Küche den Vorzug vor den vielerlei Arten europäischer Küche.



XIV. KAPITEL.

199 Jang (njang) di Pertuan: "Er, der herrscht". Wenn ich mich
nicht irre, ist auf ganz Sumatra nur ein Häuptling, der diesen
Titel trägt. Tuankus (myn-heer, mon-seigneur) giebt es viele. Beide
Benennungen sind malayisch--die letzte Silbe des Wortes Tuanku kommt
mir gar javanisch vor--und da der Jang di Pertuan ganz speziell der
vornehmste Häuptling in den Battahlanden ist, so scheint diese Würde
ursprünglich durch malayische Unterjocher eingeführt zu sein. Die
Wurzel der Benennungen von autochthonen Würden und Titeln müssen stets
in der ältesten Sprache des Landes gesucht werden. Sie sind nur von
verhältnismässig jüngerem Ursprung als die unwillkürlichen Laute, die
durch äussere Ursachen Lunge und Kehle entfahren, als die vielerlei
Benennungen für "Wasser", als die Andeutung von Terrainbesonderheiten
oder Naturerscheinungen, und als die allgemeine Klangnachbildung.

201 Padries: wir nannten so die Atjinesen, die damals kurz vorher
die Battahlande zum Islam bekehrt hatten. Das Wort muss wohl Pedirees
bedeuten, nach Pedir, einem der kleinen Staaten von Atjin. Auch das
Wort 'Atjin' ist eine durch Sprachgebrauch allgemein angenommene
Entartung. Aus 'Atjeh' machten wir 'Atjehnese' oder 'Atjinese',
wodurch das Grundwort selbst in 'Atjin' sich veränderte. Litterarischer
Purismus ist hier nicht angebracht.

Die Beweise für den im Text berührten Fanatismus laufen übrigens ins
Unglaubliche. Gleichwohl muss man zugeben, dass die Einführung des
Islam--der zugleich Vermehrung des Salzgebrauchs zur Folge hatte--dem
Menschenfressen grossen Abbruch gethan hat. Dass diese Gewohnheit
in der Gegend von Penjabungan--dem Zentrum unserer Herrschaft in den
Battahlanden--noch zur Zeit bestanden haben soll, als Ida Pfeifer diese
Gegenden besuchte (1844? 1845?), halte ich für eine Lüge. Sie knüpft
an das Erlebnis, das sie in dieser Sache gehabt zu haben behauptet,
eine Anekdote, die den Stempel der Unwahrheit an der Stirn trägt. Man
habe sie geschont, erzählt sie, wegen der Spasshaftigkeit ihrer
Bemerkung: sie sei "eine bejahrte Frau und deshalb zu zäh". Als sie,
einige Jahre nach mir, mit Battahleuten in Berührung kam, war die
Anthropophagie in diesen Gegenden ausgerottet, und zwar durch den
Einfluss derselben Völker, die wir jetzt im Namen der Civilisation
bekriegen. Wann und wo hat Niederland je mit seiner Religion und mit
seinen Waffen wie in diesem Fall sozusagen im Umsehen einen ganzen
Volksstamm von Kannibalen zu ruhigen Menschen gemacht?

204 sewah: die Waffe der Bewohner Sumatras, wie auf Java der kris. Der
sewah ist ein krummer Dolch mit sehr kleinem Griff, die Schneide an
der Binnenseite der Krümmung. Die ursprüngliche Absicht bei dieser
Formgebung wird wohl gewesen sein, dass der Griff vollkommen in der
Hand verborgen werden kann, während der sehr stumpfe Rücken gegen
den Puls anliegt und so die Waffe durch den Arm verdeckt wird. Der
Angefallene merkt also nicht eher, dass sein Gegner bewaffnet ist,
als bis dieser--nach einer eigenartigen, behenden Bewegung von Puls und
Arm in drei Tempis--ihn trifft. Ganz abgesehen von dieser Geeignetheit
als Mordwerkzeug ist der sewah das symbolische Merkmal der Freiheit
und Männlichkeit. Wer ein malayisches Haupt gefangen nimmt--wie es
unter den auf S. 205 beschriebenen Umständen meine verdriessliche
Aufgabe war--fordert ihm seinen sewah ab.

Eine andere Waffe auf Sumatra, die anderswo wohl nicht bekannt ist,
heisst krambièh und dient ausschliesslich als Mordwaffe. Sie ist
kleiner und noch viel krummer als der sewah. Der Griff besteht aus
nicht viel mehr als einer ringförmigen Öffnung, in die der Mörder
seinen Daumen steckt, während die Klinge ganz in oder hinter der Hand
verborgen bleibt.

226 tikar: kleine Matte. Die Benutzung von fein geflochtenen Matten
auf den Bettmatratzen ist in Indien ziemlich allgemein, und wird,
weil sie kühl bleiben, für gesund gehalten. Die Herstellung dieser
Matten und anderen Flechtwerks bildet eine nicht unwichtige Industrie,
in der sich vor allem die Makassaren auszeichnen.

227 klapper: Kokosnuss. Auch klappa, kelappa.

227 pukul ampat: "vier Uhr". Dies ist der Name eines Blümchens, das
des Nachmittags um diese Stunde sich öffnet und gegen die Morgenstunde
sich wieder schliesst; ampat heisst: vier, pukul: schlagen, Schlag,
Glockenschlag.

227 Saudien oder Sudien für Si-Udien: ein sehr häufig vorkommender
malayischer Name. Udien, Udin (das arabische Eddin) ist wahrscheinlich
verwandt mit gleichartigen nordischen Namen in Europa. Über das sehr
gebräuchliche Praefix si wäre viel zu sagen, mehr als mir jetzt der
Raum zulässt.



XV. KAPITEL.

233 Patteh: Häuptlingstitel, des Regenten Sekretär, Botschafter,
Faktotum.



XVI. KAPITEL.

250 dessah: Dorf.

250 Saïdjah: dieser Name ist mit einer kleinen Buchstabenversetzung
der "Liste von gestohlenen Büffeln" in den "Liebesbriefen" entlehnt
(deutsche Ausg. S. 149 u. 150). In derselben findet man auch die
Namen der Dörfer Badur und Tjipurut.

252 Orang Gunung: Bergbewohner, doch auf Java ganz besonders der
Bewohner der Berge in der Westecke.

253 Alfur: das Wort aliforu, alifuru, hari furu hat in der Nordecke
von Celebes, im ganzen molukkischen Archipel und auf Neu-Guinea auch
eine Bedeutung wie Orang Gunung: Bergbewohner, oder mindestens die
von: Bewohner der Binnenlande. Es ist also eigentlich kein Volks-
oder Stammname, wie manche meinen, aber er wird--ebenso wie das Wort:
Niederländer--häufig als solcher gebraucht.

258 kendang: Umfriedigung von rohem Pfahlwerk.



XVII. KAPITEL.

268 sawah: durch künstliche Bewässerung unterhaltenes Reisfeld,
in Gegensatz zu gagahs und tipars, die, was die Befeuchtung angeht,
ganz vom Regen abhängen.

268 lombong: Bergeraum für Reis, enthülsten wie unenthülsten. Meistens
ist der lombong ausserhalb des Hauses gegen eine der Wände angebaut.

268 kris: die volkstümliche Waffe des Javanen, die als solche zu
seiner vollständigen Kleidung gehört, wie bei uns in früherer Zeit
der Degen. Der kris ist ein schlangenförmiger, platter Dolch mit
sehr kleinem Heft. Gewöhnlich sind die Krisse aus Streifen weichen
Eisens zusammengeschmiedet und darnach mit Hülfe von Büffelhufen
gestählt. Sie werden vor Rost bewahrt durch Einreibung mit djerook
(einer Zitronenart), dem Arsen zugesetzt ist, welches dem Eisen einen
eigentümlichen matten Schein verleiht. Der Aberglaube behauptet,
dass man, wenn man einen Kris besehen will, diesen vollständig aus
der Scheide ziehen müsse. Wer ihn nur zum Teil von der Scheide frei
macht, stellt sich grossem Unglück bloss. Über bezauberte Krisse sind
zahllose Erzählungen in Umlauf.

268 pusaka: Erbstück, hier--wie öfter--im pietätvollen Sinne:
heiliges Erbstück.

269 Klambu-Haken: klambu ist: Gardine. In den platten, sehr breiten
Haken, womit die Gardinen gehalten werden, wird einiger Luxus
entwickelt. Auch bei den ungünstigst Gestellten sind sie doch
gewöhnlich von Messing.

270 patjol: die Hacke, das Werkzeug, das der Javane für den Spaten
gebraucht. Das Blatt sitzt lotrecht auf dem hölzernen Stiel. Es
wird also damit gehauen, nicht gegraben, was vielleicht dem Umstande
zuzuschreiben ist, dass der Inländer barfuss geht.

270 user-useran: das Wort wird in dem Text erklärt. Vermeintliche
Besonderheiten in der Beschaffenheit der Haarwirbel, vor allem wenn sie
sich auf dem Scheitel eines Kindes zeigen, liefern Stoff zu allerlei
Weissagungen (siehe z. B. S. 113, 117, 118.).

270 penghulu: Priester.

270 ontong: Glück, Vorteil.

271 galangans: kleine, schmale Deiche, die das Wasser auf den sawahs
halten.

271 Alanggras (allang-allang): Riedgras, Riesen- oder Prairiegras. Es
ist oft so hoch, dass ein berittener Mann sich darin verbergen
kann. Auf Sumatra nennt man es auch riembu, was dort auch Wildnis im
allgemeinen bedeutet.

272 sarong; batik; kapala: Der sarong ist das eigenartige
Kleidungsstück der Javanen, der Männer wie der Frauen. Es ist ein aus
kapok gewobenes Stück Zeug, dessen Enden aneinandergenäht werden. Die
Anwendung von Seide ist Ausnahme. Eines dieser Enden heisst kapala,
d. h. Kopf, und ist mit einem breiten Rand bemalt, gewöhnlich bestehend
aus ineinander verschlungenen Dreiecken. Dieses Bemalen heisst batik
und geschieht aus freier Hand. Das Gewebe wird zu diesem Zwecke in
einen Rahmen gespannt, und die Farbe befindet sich in einem kleinen
Werkzeuge von Blech, das--sehr verkleinert--die Form eines Theetopfes
hat oder eines antiken Lämpchens. Sarongs ohne kapala, und deren
Enden nicht aneinander genäht sind, heissen slendangs. Man trägt diese
Kleidungsstücke um die Hüften, und die Männer schürzen sie mehr oder
weniger auf, bisweilen auch vollständig. Auch wird der slendang häufig
ganz zum Gürtel zusammengerollt, in welchem Fall die Männer eine Hose
tragen, sehr gegen die eigentliche javanische Gewohnheit, was mehr
und mehr die Oberhand gewinnt bei den Javanen, die viel mit Europäern
in Berührung kommen. Als eine Besonderheit mag bemerkt werden, dass
die Anwendung von Hosen unter den sarongs bei Frauen allein in dem
Nordwinkel von Sumatra vorkommt. Ich wenigstens habe diese Sitte nur
dort angetroffen. Sie ist atjinesischen Ursprungs, weshalb auch diese
Kleidungsstücke serawak atjeh heissen: atjinesische Hose.

Was übrigens die sarongs und slendangs angeht, seit etwa dreissig
Jahren (1881 von M. geschrieben. D. Übers.) haben sich europäische
Fabrikanten darauf gelegt, das javanische batik nachzumachen, und es
wurden denn auch jährlich in diesem Artikel Fabrikate im Werte von
Millionen umgesetzt. Doch wird das Tragen eines gedruckten Kain (kahin:
Kleid, der generelle Name für all solche Kleidungsstücke) stets für
ein Zeichen von Armut oder wenigstens geringeren Wohlstandes gehalten.

273 matah-glap, amokh. Das Wort (matah-glap = verdunkelten Auges)
deutet den Zustand jemandes an, der in Raserei alles, was ihm begegnet,
niederschlägt, bis er selbst erschlagen wird. Ich nannte es irgendwo
"Selbstmord in Gesellschaft" und weiss auch jetzt noch keinen besseren
Namen dafür. Der Unglückliche, der von dieser Wut gepackt wird, kennt
weder Freund noch Feind. Ursache ist gewöhnlich Eifersucht oder zu
lang verhaltener Groll über Misshandlung. Der Javane ist, wie die
meisten anderen Inländer, sanftmütig und nachgiebig von Art. Doch
allzu tief verwundet oder zu andauernd gekränkt, bricht seine Wut in
amokh aus. Dass gleichwohl auch der amfiun (Opium) hierbei eine Rolle
spielt--sei es als Ursache des Leidens, oder sei es als ein Mittel,
das durch seinen Reiz der Wut nachzugeben veranlasst--versteht sich
von selbst.

273 atap: eine Art Wasserpalme, deren Blätter zum Decken geringer
Häuser verwandt werden.

273 bendie: Chaise, Tilbury, leichtes, unbedecktes Kabriolett.

274 djati, ketapan: zwei Arten von grossen Bäumen. Der erstere Baum
liefert ein sehr dauerhaftes Holz. Warum Botaniker ihm den Namen
Quercus indica gegeben haben, weiss ich nicht, da er in keiner Weise
mit unserer Eiche übereinkommt.

274 melatti: unter Kap. VI erklärt.

274 Reisblock: schwerer, hölzerner Trog, worin der padie durch Stampfen
von der Hülse befreit wird. Dieses Stampfen heisst--Klangnachbildung
wieder!--tumbokh.

275 tudung: siehe unter Kap. VI. In der Bestimmung der Tageszeit
nach dem Schatten, den sein tudung auf seinem Antlitz zeichnete,
folgte Saïdjah einem allgemeinen indischen Brauch.

276 lalayang: ein Spielzeug wie unser Papierdrache. Auf Java ergötzen
sich nicht ausschliesslich Kinder mit ihm. Er hat keinen Schwanz und
beschreibt allerlei unsichere Kurven, die durch Nachgeben, Einholen
und Schiessenlassen des Bindfadens durch die Person, die ihn in der
Hand hält, einigermassen beherrscht werden. Die Aufgabe bei diesem
Spiel ist, der Schnur von dem Drachen des Gegenspielers in der Luft
zu begegnen und sie zu durchschneiden. Aus den vielerlei lebhaften
Anstrengungen hierbei entsteht eine Art Gefecht, das sehr ergötzlich
anzusehen ist und die Zuschauer zu lebendiger Teilnahme zwingt. Die von
Saïdjah hingestellte Möglichkeit, demgemäss "der kleine Djamien" die
Niederlage durch geschilderten betrügerischen Eingriff herbeigeführt
haben sollte, ist, was die dabei erforderliche Geschicklichkeit im
Werfen angeht, ein Indiismus.

277 "er hat einen grossen Mund gehabt": spezifischer Malayismus.

277 "Salzmachen an der Südküste": siehe unter Kap. VIII: garem glap:
Schmuggelsalz.

277 matah-glap: rasend. Näheres weiter oben erklärt.

277 "den Brand, das Feuer töten": spezifischer Malayismus.

278 klappa: Kokosnuss. Klappabaum also: Kokospalme.

278 Klagefrauen: beim Sterben eines Javanen wird schreckliches Geheul
gemacht, nicht--wie früher bei uns--durch bezahlte "huilebalgen",
sondern von Verwandten, Bekannten und Nachbarn.

279 kamuning: feines, gelbgeflammtes Holz, das nur aus der Wurzel
des so benannten kleinen Bäumchens gewonnen wird, und das also nie
gross im Stück sein kann. Es ist sehr teuer.

279 kahin: der zum Gürtel gerollte slendang.

280 'Grossvater' des Susukunan von Solo: der Sus. v. Solo ist der
Kaiser von Surakarta. Er giebt in seinen offiziellen Korrespondenzen
dem Generalgouverneur u. a. auch den Titel eines 'Grossvaters'.

280 kondeh ... im eigenen Strick gefangen: siehe unter Kap. VI.

281 kabaai: ein leichtes, nachlässiges Gewand, das indische Hauskleid,
auch Schlafgewand; ein Négligé.

281 pontianak: Spuk, der sich in Bäumen aufhält und auf Frauen sehr
ergrimmt ist, besonders auf schwangere. Ich weiss nicht, ob ein
Zusammenhang zu suchen ist zwischen der Bedeutung dieses Wortes und
dem Namen der Niederländischen Befestigung an der Westküste von Borneo.

283 pelitah: Lämpchen.

284 rottan oder rotan: spanisch Rohr.

285 badjing: javanisches Eichhörnchen. Dies Tierchen kam mir immer
kleiner vor als sein europäischer Artgenosse. Es lässt sich leicht
zähmen.

285 Bauch für 'Magen': Malayismus.

289 boaja: Kaiman, eine Krokodilart. Das Opfern besteht darin, dass man
abends Bambuskörbchen oder Näpfchen voll Reis und anderer Speise, mit
einem kleinen Licht versehen, stromabwärts treiben lässt. Wenn gerade
viel auf den Flüssen geopfert wird, bieten die ruhig dahintreibenden
Leuchtschiffchen einen reizenden Anblick.

290 baleh-baleh: Pritsche, Ruhebank aus Bambus.

291 "... und also in Flammen stand": dieses blutige "also"
(im Holländ.: "dus") hat nach Erscheinen des "Havelaar" erregte
Kontroversen zum Gefolge gehabt. Multatuli hat es mehrfach verteidigt.



XVIII. KAPITEL.

301 pundutan: Lebensmittel und andere Artikel, die ohne Bezahlung
erhoben werden.

301 pantjens und kemits: unbesoldetes Wacht- und Dienstvolk.



XIX. KAPITEL.

313 Patteh: der Inländische Häuptling, der die Vertrauensstellung
eines Sekretärs, Botschafters beim Regenten einnimmt.



XX. KAPITEL.

325 tongtong (tomtom, tamtam): ein grosser, hängender, ausgehöhlter
Block von Holz, auf dem man die Stunden anschlägt. Der Name ist wieder
eine Onomatopöe.

335 kampong: Dorf.



ANMERKUNGEN


[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem
Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens,
seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit
Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns'
Verlag.

[2] Note des Übersetzers: Diese beissende Randbemerkung unseres
Droogstoppel wird erst recht verständlich, wenn man die spezifisch
holländische Bedeutung dieses Wortes kennt: Dünkelhaftigkeit,
Eingebildetheit, Anmassung.

[3] Note des Übersetzers: Multatuli-Dekker-Havelaars Frau hiess:
Everdine (d. i.: Tine) Huberte, geb. Baronesse van Wynbergen.

[4] Note des Übersetzers: Everdine Huberte van Wynbergen.

[5] Badjing = das javanische Eichhörnchen.

[6] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine
Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des
"Havelaar" entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes
Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines
Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes
enthält. W. Sp.



In gleicher Ausstattung erschienen in unserem Verlage:

MULTATULI.

Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen,
eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner
Persönlichkeit und seines Schaffens. Von WILHELM SPOHR. Mit Bildnissen
und handschriftlicher Beilage. Preis: brosch. Mark 4,50, geb. Mark
5,50.

MULTATULI.

LIEBESBRIEFE.

Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
3,--, geb. Mark 3,75.

MULTATULI.

MILLIONEN-STUDIEN.

Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Preis: brosch. Mark
4,50, geb. Mark 5,50.

MULTATULI.

FÜRSTENSCHULE.

Schauspiel in 5 Aufzügen. Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM
SPOHR. Preis: brosch. Mark 2,25, geb. Mark 3,--.

MULTATULI.

DIE ABENTEUER DES KLEINEN WALTHER.

Übertragen aus dem Holländischen von WILHELM SPOHR. Zwei starke
Bände. Preis: brosch. Mark 10,--, geb. Mark 12,--.



Ausserdem erscheinen noch binnen Kurzem die Bände

IDEEN.

BRIEFE UND DOKUMENTARISCHES VON MULTATULI.

J. C. C. Bruns' Verlag,

Minden i. Westf.





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