Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Rudolph von Habsburg. - Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.
Author: Pyrker, János László, 1772-1847
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Rudolph von Habsburg. - Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen." ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



[Dieser Text benutzt die UTF-8-Kodierung (Unicode). Wenn die Apostrophe,
Anführungszeichen und die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen
dargestellt werden, sollten Sie in Ihrem Text-Anzeigeprogramm
„Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode (UTF-8) einstellen.
Eventuell ist es auch nötig, die Standardschrift zu ändern. Wenn das
auch nichts hilft, nehmen Sie stattdessen die Latin-1 Version dieses
Textes.

Die Schreibeform »&c.« (»usw.«) war als Frakturzeichen (nicht in UTF-8
erhältbar) gedruckt. Folgende Zeichen sind für die verschiedene
Schriftformen benutzt:

  _gesperrt_
  +antiqua+
  =fett=

Druckfehler und Unregelmässigkeiten stehen am Ende des Textes.]



  [Abbildung:
  Pyrker.
  J. Bucher gez. / Stahlstich v. V. Froer.
  Rudolph von Habsburg.]



  Johann Ladislav Pyrker’s

  SÄMMTLICHE WERKE.

  Neue durchaus verbesserte Ausgabe.

  Zweiter Band.


  Stuttgart und Tübingen.
  _J. G. Cotta’scher Verlag._
  1855.



  Buchdruckerei der J. G. _Cotta_’schen Buchhandlung in Stuttgart
  und Augsburg.



  Rudolph von Habsburg.

  Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen.



=Inhalt der zwölf Gesänge.=


=Erster Gesang.=

Eingang. Drahomira entfährt der Hölle, sich an Ottgar zu rächen. Er
lagert vor Dürnkrut. Aufzählung der böhmischen Völker. Ottgar im
Kriegsrath mit seinen Feldherrn. Kunegunde, von Drahomira empört,
erfüllt ihn mit unversöhnlicher Rachgier. Meinhard von Görz, und
Lichtenstein, die Gesandten Rudolphs, kommen, ihm Frieden zu biethen,
und zugleich, als sie ihn zum Turniere laden, um die Hand seiner Tochter
für Rudolphs Sohn zu frei’n. Wallstein, Ottgars Liebling, trägt
heimliche Liebe zu ihr. Ottgar entläßt die Gesandten mit zweifelhaften
Worten. Beschließt den Kampf. Gesichte der Zukunft.


=Zweiter Gesang.=

Rudolph zieht seinem Sohn Albrecht bis Lilienfeld entgegen. Besteigt die
Alpenhöhen, wo ein frommer Klausner ihm seines Hauses künftige Größe
verkündet. Schlägt Müller, den Zürcher, zum Ritter. Sonnenaufgang, und
herrliche Aussicht. Albrecht nah’t von Zell heran, und stellt dem
Kehrenden die Schweizer- und die schwäbischen Scharen vor. Er zieht mit
ihnen g’en Wien. Hedwig.


=Dritter Gesang.=

Marbod, einst König der Markmannen, und ein jetzt dem Kaiser gewogener
Geist, eröffnet dem Feldherrn Hugo von Tauffers, in einem Traum, den
Verrath, den Waldram, Bürgermeister zu Wien, an dem Kaiser sinnt.
Rudolph kommt mit seinen Scharen heran, und nimmt an der Wien von seiner
Gemahlinn Abschied. Sendet Hugo von Tauffers an den König der Ungern,
Ladislav. Ernennt an dessen Stelle seinen Sohn, Hartman, zum
Festungsgebiether, und eilt in das Lager am Tabor. Aufzählung seiner
Völker. Hugo von Tauffers im Lager der Kumanier und Ungern. Diese setzen
die March herüber.


=Vierter Gesang.=

Morgen. Turnier am Tabor. Von Drahomira erregt, höhnt Wallstein Hartman,
Rudolphs Sohn; kommt unerkannt in schwarzer Rüstung Ottgar heran;
widersteht ihrer Einflüsterung, den Kaiser zu morden; ersticht Hartmans
Roß; wirft den Fehdehandschuh Rudolph, zum Kampf auf Tod und Leben, hin,
und entflieht im schrecklichen Donnergewitter.


=Fünfter Gesang.=

Ottgar gebiethet in der Nacht dem Heere den Aufbruch, dem er mit
schwachem Geleit folgt. Aus dem Hinterhalt fallen ihn die Kumanier an.
Er schlägt sich mit Wallstein durch. Milota führt ihn auf Irrwegen von
dem Heer ab, und quält ihn mit Rückerinnerungen verübter Frevelthaten.
Von Drahomira bethört, hält Wallstein um die Hand seiner Tochter an. Er
mißhandelt ihn.


=Sechster Gesang.=

Czernin dringt, mit Waldram verstanden, in der Mitternachtsstunde, an
der Spitze einer Schar Böhmen in die Veste Wien ein, als Hartman eben
wegen der schwerkranken Mutter sich nach dem Kahlenberg begab. Ihm, und
den Aufrührern, setzen sich die Schweizer standhaft entgegen. Der Kaiser
zieht, auf Marbods Wink, mit Hugo von Tauffers vor die Thore. Hartman
sprengt herbei, und tödtet Waldram; worauf die Böhmen sich eilig wieder
über die Donau zurückzieh’n. Hugo abermals zum Festungsgebiether
ernannt. Tod der Kaiserinn. Todtenfeier und Begräbniß. Der Kaiser sendet
Albrecht nach Heunburg, eine Brücke über die Donau zu erbauen. Hartman
eilt nach dem Rhein fort.


=Siebenter Gesang.=

Der Kaiser setzt mit dem Heere bei Heunburg über die Donau, und rückt
g’en Marcheck vor. Wallstein, dem Wahnsinn nahe, tödtet einen seiner
Krieger. Der Kaiser entläßt ihn schonend. Kaduscha, ein Führer der
Kurmanier meldet ihm die Nähe des Königs, und die Sendung des Geschenks
mit den Köpfen der, im nächtlichen Ueberfall, getödteten Böhmen. Der
Kaiser sendet Schwarzenberg dem König entgegen, und heißt ihn, jene
begraben zu lassen. Die Geister: Marbod und Inguiomar auf Rudolphs, und
Katwald auf Ottgars Seite. Zusammenkunft Rudolphs mit dem König
Ladislav. Ottgar rückt mit dem Heer’ an. Der Kaiser stellt seine Völker
in Schlachtordnung. Marbod treibt Schörlins Roß gegen die Böhmen. Der
Kampf beginnt. Ottgar tödtet in der Vorhuth zwei Trautmansdorfe.
Pfannberg wird verwundet. Die Steyrer weichen. Der Kaiser hält die
Flüchtenden vor Marcheck auf.


=Achter Gesang.=

Nacht. Von Drahomira verleitet, setzt Wallstein, mit kumanischen
Kriegern vereint, ein Städtchen in Mähren in Brand, und tödtet einige
böhmische Reiter. Kommt zu sich. Eilt in das Lager Rudolphs, und
erbiethet sich, Ottgarn heimlich zu tödten. Der Kaiser heißt ihn reuig
zu Jenem zurückkehren. Drahomira drängt ihn umsonst, den schlummernden
König zu morden. Er fällt in sein eigenes Schwert. Drahomira fährt zur
Hölle. Wallsteins Grab. Der Kaiser stellt in der Morgendämmerung sein
Heer in Schlachtordnung. Ottgar, in Gram versunken, säumt. Ernennt
Milota zum Anführer des Haupttreffens. Worauf die Meißner und Thüringer
von seinem Heer heimlich abziehen; so auch Kunring. Doch Ottgar
gebiethet den Angriff.


=Neunter Gesang.=

Morgen. Der Kaiser verschiebt die Hauptschlacht auf den folgenden Tag.
Sendet Trautmansdorf mit seinen Söhnen, es Ottgarn kund zu thun, und ihm
nochmals Frieden zu biethen. Dieser wird von ihm schnöde abgefertigt.
Von den feindlichen Reitern gehöhnt, kehren fünf seiner Söhne, kämpfen,
und fallen. Der Kaiser stellt sein Heer dem anstürmenden Feind, vor des
Lagers Wall, entgegen. Angriff, und hartnäckiger Kampf. Milota tödtet
die beiden Führer Berchtold und Col von Seldenhofen. Capellen entflammt
die Oestreicher. Die Mährer weichen. Katwald ermuntert den Herbot von
Füllenstein, daß er vor Allen auf den Kaiser eindringe. Meinhard, Graf
von Görz und Tyrol, ringt gegen die Bayern und Sachsen, und erlegt den
Feldherrn Czernin; Heunburg den Markgrafen Pfeil, Feldherrn der Sachsen.
Da dringt Herbot von Füllenstein auf den Kaiser los, und ersticht ihm
das Pferd unter dem Leib. Sechs Trautmansdorfe kämpfen um ihn herum, und
fallen. Der Kaiser reißt Herbot mit dem Speere von dem Pferd herunter,
und macht ihn gefangen. Heißt dort Albrecht mit den Schweizern
vordringen, hier Matthias von Trentschin mit den Ungern dem Feind’ in
die Seite stürmen. Lobkowitz ruft Ottgar auf, daß er mit ganzer Macht
sich auf den Feind werfe. Er gibt ihm kein Gehör. Auf den Ruf „die
Feinde fliehen!“ weichen seine Völker, und er führt sie bis Dürnkrut
zurück. Der Kaiser lagert vor Ebenthal. Nacht.


=Zehnter Gesang.=

Hartman ertrinkt in dem Rhein. Der Kaiser hält mit seinen Feldherrn erst
Kriegsrath; dann die Abendmahlzeit. Horneck der Sänger tritt ein, und
singt die fromme Handlung des Kaisers, als er dem Priester sein Roß
both. Entläßt die Feldherrn. Dem Entschlummerten erscheint sein Sohn
Hartman. Ottgars Abschied von Kunegunden.


=Eilfter Gesang.=

Morgen. Schlachtordnung der Böhmen. Der Kaiserlichen. Gottesdienst.
Vorbereitung zur Schlacht. Die Ritter buhlen um die Ehre, die Sturmfahne
zu tragen. Ottgar, von Katwald erregt, nah’t mit seinem Heer. Hundert
Zürcher erhalten vom Kaiser den Ritterschlag. Trautmansdorfs letzter
Sohn fällt. Die Kumanier stürmen sonder Ordnung. Lobkowitz bringt sie
und die Steyrer, zum Weichen. Verstärkter Angriff. Die Kaiserlichen
allenthalben zurückgedrängt. Der Kaiser steigt vom Pferd, bethet zum
Himmel, und macht ein Gelübde. Ein Unsterblicher stärkt ihn, und heißt
die Geister entflieh’n. Erneuerter Kampf. Albrecht, sein Sohn, trägt ihm
die Kreuzesfahne vor. Nach schrecklichem Gewürg’, wo, mit den Rittern,
die Schweizer und Schwaben entscheidend vordringen, weicht Ottgar auf
den Spannberg zurück. Heißt Milota mit dem Nachhalt vorgeh’n. Allein
dieser flieht, ihn höhnend, mit seinen Scharen vom Schlachtfeld. Letzter
mörderischer Kampf. Ottgar von den Merenbergern vom Pferde gestochen.
Sein zerstreutes Heer bis g’en Laa verfolgt.


=Zwölfter Gesang.=

Ottgars Leiche wird in der Nacht auf einen Trauerwagen gehoben. Hornecks
Klaggesang. Des Kaisers Einzug in Wien. Dankgebeth. Der Wagen mit
Ottgars Leiche nah’t. Lobkowitz führt dessen Sohn Wenzel herbei, daß er
um selbe flehe. Der Kaiser entläßt sie. Endet seinen Siegeseinzug in die
Burg. Nimmt den König Ladislav, und Wenzel an Sohnes statt an, und
verheißt diesem seine jüngste Tochter Gutha. Belehnt seinen Sohn
Albrecht mit Oestreich, und zieht sich dann in das Trauergemach, wo die
Kaiserinn starb, zurück.



  Erster Gesang.


  Tön’, o Heldengesang, von den schmetternden Kriegesdrometen
  Wieder geweckt, von Rudolph nun, dem Kaiser der Deutschen,
  Der obsiegend der Macht des Böhmenköniges, Ottgar,
  Wahrte die Rechte des Reich’s, und, kehrend vom blutigen Schlachtfeld,
  Gründete Habsburgs Thron an den Ufern der mächtigen Donau,
  Seinem Geschlechte zum Ruhm, und unzähligen Völkern zum Segen!

    Wer empörte sofort, nach dem jüngsterrungenen Frieden,
  Wieder die Fehd’ und das Grau’n der menschenvertilgenden Feldschlacht?
  Ein unseliger Geist, _Drahomira_.[1] Die Herrscherinn Böhmens
  War sie, und noch ist ihr Nahme mit Schauder genannt in dem Land dort:
  Denn Wratislav, dem christlichen Fürsten, vermählet als Heidinn,
  Trug sie den Christen Haß in der schrecklichen Brust, und verfolgte
  Sie mit Feuer und Schwert. Sie waffnete selbst den Erzeugten,
  Boleslav, daß er Wenzel ermorde, den eigenen Bruder,
  Weil er dem Heiland getreu, festhielt an dem heiligen Glauben,
  Und verübt’ auch sonst an dem Volk’ entsetzliche Frevel:
  Zaubergewaltig, ergeben dem Trug der Hölle -- der Schwarzkunst;
  Bis urplötzlich die berstend’ Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
  Lebend, verschlang. Noch jüngst ausspie der klaffende Felsen
  Dort bald finsteren Rauch, bald bläuliche Flammen: denn oft kam
  Noch in der Neumondsnacht (so heischt’ es die Sag’) ihr zu opfern,
  Mancher, vom Wege des Heils Verirrter, dahin, und Verdammniß
  Ward ihm zu Theil. D’rum hieß, als früher geweihetes Wasser
  Sprengte der Priester umher, und stehende Worte zu Gott rief,
  Ottgar füllen den Zauberschlund mit dem lastenden Felsblock
  So, daß auf immer verhüllt die Spur des unseligen Raum’s sey.

    Unten im Höllenpfuhl, der außer des kreisenden Weltalls
  Gränzen sich noch unendlich erstreckt, erhob Drahomira
  Jetzt, verwundert, ihr Haupt, und sprach wuthfunkelnden Blickes:
  „Ha! wie kommt es, daß heut der betäubende Rauch, und die Flamme,
  Die ich genährt in dem Schlund’,
              in welchem ich schrecklichen Tod fand,
  Qualmend herab sich wälzt, und keiner der Sterblichen seither,
  Opfernd vor ihm, die Schar der Unseligen mehrt in dem Pfuhl hier?
  Meister, ist dir’s genehm, daß ich eile hinauf nach des Erdballs
  Fluren, und forsche, wie solches gescheh’n? Bald öffnet Verführten
  Wieder der Schlund sich weit; ich sende sie, dir zu Gefallen!“
  Sagt’ es, und blickte nach Satan hin, der, riesengestaltet
  Saß auf dem glühenden Thron’, und die furchtbarn Augen zum Boden
  Heftete, so die unendliche Qual des zerrissenen Herzens
  Durch empörenden Trotz und erheuchelte Ruhe zu bergen;
  Aber umsonst: denn nimmer birgt er das innere Weh’ mehr,
  Das von der finsteren Stirn’ und den zuckenden Wangen sich kund thut.
  Nicht erhob er auch jetzt den Blick von dem Boden: er winkte
  Nur mit dem Haupt, daß die Höll’ erzitterte, jener den Beifall:
  Alsbald fuhr sie in brausender Hast von dem schrecklichen Wohnsitz
  All der Unseligen auf, und nahte dem Lande der Böhmen.

    Kaltverachtenden Blicks gewahrte sie dort auf den Fluren
  Reiches Gedeih’n, und rings die freundlichen Städt’ und die Dörfer;
  Aber vor allen, am Moldaustrom’ erglänzend die Hauptstadt,
  Praga, im lieblichen Reiz erst jüngstentfalteter Blüthen.
  Sieh’, und ein Pilger kam vom Gelobten-Lande gezogen,
  Der vor Jahren die Heimath verließ! Er blickte mit Staunen
  Lang’ um sich her: da naht’ ihm, lächelnd, ein Greis, und im Beiseyn
  Jener Verworf’nen zugleich, die ihm leis’ aufhorchte, begann er:
  „Fremdling, suchst du den Mann, der hier ein Eden erschaffend,
  Wie durch Wundergewalt das Leben der Menschen verschönt hat?
  Nun ist er fern: denn wiss’ es, der Held und erhabene König,
  Ottgar, streute mit Liebe die Saat, und ihm reifte zum Segen
  Wohlstand unter dem Volk’ in des Landes erfreuender Schönheit.
  Auch erlagen die Gegner ihm stets, und es kündiget allwärts
  Seines Nahmens Unsterblichkeit der herrlichste Siegsruhm.
  Dennoch hielt er so gern in der dunkelen Scheide das Eisen,
  Frieden ersehnend, zurück, und entblößt’ es auch jetzt, nur gezwungen,
  Gegen des streitbarn Rudolphs Macht. Er wird sie für immer
  Bändigen: denn er zog, gar furchtbargerüstet, zum Kampf’ aus.
  Ach, ihn drängte zum Friedensbruch Kunegunde, die Gattinn!
  Grimmvoll ist ihr Gemüth, und ihr Herz verwildert durch Herrschsucht,
  Die ihm das Böse vergilt, das er Margarethen, der frommen,[2]
  Einst als Gatt’ erwies! Dieß Eine verdunkelt den Hochglanz
  Seines Ruhms: ihn lenket ein Weib, das, Böhmen zum Jammer,
  Selbst Drahomiren gleich, der Unheilstifterinn, wüthet,
  Die für den schnöden Gewinn: zu gebiethen des Himmels Gewittern;
  Auf den Flügeln des Sturms einher zu fahren im Luftraum,
  Oder unsichtbar Menschen zu nah’n -- zu schau’n, und zu horchen
  Dort in dem traulichen Kreis’ der Versammelten, und zu verderben
  Alle, die auch mit lispelndem Laut, mit umschauendem Blick nur
  Ihrer gedacht, und tadelnde Worte gesprochen: für solches
  Hatt’ einst diese verkauft die unsterbliche Seele der Hölle;
  D’rauf noch Schuld gehäufet auf Schuld, bis schrecklicher Tod ihr
  Macht und Leben entriß, und die Böse dem Bösen gesellte,
  Als urplötzlich die berstend’ Erde zu Prag, am Hradschin, sie,
  Brausend, verschlang: zur Strafe der wildumtobenden Blutgier,
  Frevelnden Götzendienst’s, und schrecklicher Christenverfolgung.
  Aus dem furchtbarn Schlund aufquoll noch in unseren Tagen
  Finsterer Rauch; doch Ottgar barg ihn, den Menschen zur Rettung,
  Die, vom Satan bethört, leichtgläubigen Sinnes, ihr nächtlich
  Opferten, dort ihr Geschick in kommender Zeit, zu erfragen,
  Oder sich trüglichen Glücks zu erfreu’n zu unendlichem Jammer.“
  Sagt’ es, und ging. Da flog, von der Schmähung empört, Drahomira
  Ihm auf dem Heerweg nach, und haucht’ ihm Gift in das Antlitz:
  Alsbald stand er, erbleicht, und sank, vergehend, zusammen --
  Lag, und stöhnte vor Schmerz, bis endlich der Zauber entfloh’n war.

    Aber sie starrete jetzt, tiefsinnend, und sonder Bewegung
  Wie der Aar, der erst die mächtigen Flügel geschlagen,
  Regungslos hinschwebt in der bläulichen Luft, in des Schlundes
  Grauen hinab. Das Aug’ ihr rollete wild in den Kreisen;
  Knisternd sträubt’ ihr Rabenhaar sich empor von der Scheitel,
  Und voll Grimms erzitterten ihr die Lippen; sie sagte:
  „Ottgar, Fluch sey dir! Du vernichtest des felsigen Schlundes
  Zaubergewalt, die Viele nach mir in’s Verderben hinabriß?
  Gläubig nahten ihm oft die Verblendeten, welche, des Schicksals
  Dunkeln Pfad zu erkunden, auf ihm, des dräuenden Himmels
  Warnung zum Trotz, der drückenden Last des Lebens entledigt,
  Gerne für trügliches Erdenglück das ewige böthen.
  Aber von diesem verbannt durch eisernrichtenden Machtspruch,
  Sollt’ ich den glühenden Durst nach Rache, durch Trug und Verblendung,
  Ich nicht löschen am Volk, das, gläubig, der Täuschung sich hingab?
  Trost ist’s, wenn in der Brust der Unseligen solchem noch Raum blieb,
  Mit in dem ähnlichen Jammergeschick die Gefährten zu sehen.
  Wie, du entziehst, ein Thor, durch höhnenden Frevel auch die mir?
  Ha, dir sey jetzt Rache geschworen! Nicht will ich mehr rasten,
  Bis dein Heldenweib -- ihr werde der Thron und die Herrschaft,
  Ja, sie herrsche nach dir, mir ähnlich an Kraft und Gesinnung,
  Gegen den Feind dich reizt, und du in dem Kampfe, besiegt, fällst;
  Also büße den Ruhm, der dir Drahomiren empörte.“
  Und sie flog nun hin, wo im weitverbreiteten Marchfeld
  Ottgars furchtbares Heer von Dürnkruts[3] Hügeln hinunter,
  Lagerte, dort mit höllischer Lust ihm, verderbend, zu nahen.

    Leise schwebte die Nacht auf den ringsverstummenden Erdkreis
  Nieder. Aus Süden erbraus’te der Sturm, und jagte die Wolken
  Auf an des Himmels Zelt. Sie rissen im eilenden Zug’ oft
  Weit entzwei: da blickte der volle Mond aus des Himmels
  Bläue so düster herab, und die Stern’, in Nebel sich hüllend,
  Trauerten: denn ein Unhold naht’ auf den Flügeln der Windsbraut.
  Jetzt, wie die ragenden Wäll’ und die Häuser der mächtigen Hauptstadt,
  Meilenlang bedecken den Plan, und oben zum Bergrand
  Aus der Tiefe herauf dem Wanderer, düsteren Schimmers
  Glänzet der Lampen Schein in der Nacht, unzählig und endlos:
  Also erschien ihr das Heer des Königes, das er erst gestern,
  Nach der Eroberung Drosendorfs, des trotzenden Städtchens,
  Am Gestade der March, auf Dürnkruts Fluren vereinte.

    Bald erspähte sie dort in des Lagers Mitte, vor allen,
  Ottgars hochgewölbetes Zelt, das schimmernde Leinwand
  Außen umhüllte; von innen hing, zur Erde herunter,
  Scharlachgeröthetes Tuch, verbramt mit goldenen Fransen.
  Sieh’, in dem grasumwucherten Raum’, ihm zur Linken und Rechten,
  Ragten die Zelt’, erhöht, der Kunring’, tapferer Ritter,
  Die in dem Kreis’ östreichischer Herrn, wie der Mond in der Sternflur,
  Glänzten an ad’liger Macht und weitverbreitetem Eigen:
  Denn Hadmar, und Leutold, die Zwillinge, haus’ten zu Dürnstein
  Bald, und bald zu Weitra und Horn; in des rollenden Jahres
  Monden wechselnd die Burg; doch immer in trauter Gemeinschaft:
  Sonder Gattinn und Kind, des Waffengemenges sich freuend.
  Aber mit feindlichem Sinn, von dem Kaiser gewendet, vereinten
  Sie mit des Königs Panier jetzt zwanzig flatternde Fähnlein.
  Jeglichem folgte die Zahl von fünfzig bepanzerten Reitern,
  Die mit dem Schild’ und dem Helme bewehrt, und der Lanze bewaffnet,
  Feurige Rosse zum Kampf vortummelten, siegenden Muths voll.

    D’rauf g’en Idungsbeug, auf dem sandumhülleten Blachfeld,
  Welchen die schwellende Fluth der March seit Jahren gehäuft hat,
  War des Fußvolks Macht, zehntausend tapferer Männer --
  Waren die Reiter gestellt, an der Zahl zweitausend und fünfzig,
  Die sich der König in Böhmen erlas, und mit trefflichen Waffen
  So, wie jene, versah. Die muthigen, löwenbeherzten,
  Lenkten die Rosse mit Kraft und Geschick, die, feurigen Blutes,
  Wild umtobten im Kampf’, und die Reihen der Feinde zerstampften.
  Lobkowitz führte sie an, der ruhmgekrönete Feldherr.

    Aber vor Ebenthal, der freundlichen Burg, an des Hügels
  Abhang, lagerten sich des vielbevölkerten Mährens
  Tapfere Söhn’: an der Zahl achttausend erlesenes Fußvolk,
  Die, mit dem Panzerhemd’ und der eisernen Haube bewehret,
  Führten im Kampfe den Speer und den breitgehämmerten Säbel.
  Milota rief sie in’s Feld, ein Ritter, der Ersten des Landes.
  Sonst zur Freude gestimmt, als liebender Vater und Gatte,
  Sah er des Lebens Blüthenjahr’ und die reifere Mannszeit
  Schwinden im Glück. Nur als ihm die zarteste Tochter, Ludwinen,
  Sie mit täuschender Huld in den Schimmer des Hofes verlockend,
  Ottgar schnöde verführt’, und der Schmach die gefallene Preis gab:
  Da verscheuchte der Menschenhaß und die brütende Rachgier
  Jegliche Freude vor ihm. Nur Weniges sprach er, und das noch
  Sprach er mit bitterem Hohn’ und wildauflachendem Ingrimm;
  Aber nicht mied er des Herrschers Näh’, und harrte des Tages,
  Der ihm den Durst nach Rach’ einst kühlete schrecklich und furchtbar.

    Dort dem König zur Linken, hinab sich dehnend bis Stillfried,
  Stand Klein-Reussens Volk, das jüngst an den Ufern des Peltew,
  Lembergs Mauern nicht fern, zu Fuß und zu Pferd sich vereinte:
  Jenes, geübt, von der Armbrust, schnellvorschreitend im Schlachtfeld,
  Mitten in Feindes Brust den schwirrenden Pfeil zu entsenden;
  Dieses, im Waffengemeng’ schnellfußige, hurtige Rosse
  Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels:
  Dann mit des Fußes Druck und dem Stoße der nervigen Rechten
  Einzustürmen im sausenden Flug’ in die feindlichen Reihen.
  Beide, gleich an der Zahl, dreitausend tapfere Mannen,
  Folgeten Herbot von Füllenstein, der riesengestaltet,
  Ragte vor allen hervor in dem Heer’, und rühmlich bekannt war
  Ob des unbändigen Muths, und der ritterlichsiegenden Thatkraft.

    Doch auch der Meißner kam und der Thüringer jüngst aus der Heimath,
  Ottgars Recht zu verfechten im Kampf’, als Bundesgenoß her!
  Muth in der Brust, und Kraft in der Rechten, die Lanze zu schwingen
  Brachten sie mit, und beiden geboth der tapfere Markgraf
  Dietrich, Heinrichs Sohn, des Erleuchteten, mächtigen Ansehn’s.
  Jenen vereint, stand auch des korngesegneten Bayerns,
  Also auch Sachsens Volk in dem Vorderzuge geordnet:
  Gierig des Kampfs, und geübt, die tödlichen Lanzen zu schwingen.
  Heinrichs schaltendem Wink, des Herzogs, folgten die Bayern;
  Markgraf Pfeils die Sachsen mit Lust in die furchtbare Feldschlacht.
  Gegen den Weidenbach, in des weitgedehneten Thalbrunns
  Niederung hin, erhöht auf vierzig ragenden Schaften,
  Flatterten hoch in der Luft, verschieden an Farb’ und an Zeichen,
  All des erlesenen Vorderzugs kampfdrohende Fähnlein.
  Jeglichem waren gesellt fünfhundert tapfere Krieger,
  Welche das Panzerhemd, und der Helm im Felde beschirmte.
  Aber im Rücken des Heers, nicht ferne dem schimmernden Marchfluß,
  War noch die Wagenburg, Feldzeug, und Geräthe des Lagers
  Aufgehäuft, wie auch Mundvorrath für die dauernde Kriegszeit.
  Also lagerten dort des Königs versammelte Scharen.

    All’ umhüllete jetzt der Schlaf mit bleiernem Fittig
  Schon. Sie errangen zuvor, nach schrecklichem Kampfe, die Mauern
  Drosendorfs, von dem Hohenberger, dem tapferen Feldherrn
  Rudolphs, der sie mit Macht und entflammendem Muthe beschirmte.
  Aber noch wacht’ im Gezelt der König der Böhmen. Zum Kriegsrath
  Rief er um Mitternacht die Feldherrn: denn von dem Kaiser
  Waren die Friedensbothen zu ihm, in das Lager gesendet:
  Meinhard, Graf von Tyrol, und Lichtenstein: in den Waffen
  Beide berühmt. Nicht dacht’ er zwar, den friedlichen Oehlzweig,
  Den sein Gegner ihm both, mit versöhnlicher Rechten zu fassen:
  Denn er sann nur blutigen Kampf, nur Tod, und Verderben
  Ueber Rudolphs Haupt zu wälzen im Felde der Waffen;
  Aber es sollte der Helden Verein, was er in dem Busen
  Heimlich beschloß, nun künden mit lautentscheidendem Ausspruch.
  Siehe, vor allen kam der Führer des reisigen Volkes,
  Lobkowitz, ein gewaltiger Greis, deß’ leuchtender Aarblick
  Unter den buschigen Brau’n den Muth im Herzen verkündet,
  Der auf die Waffenbahn ihn schon als blühenden Jüngling
  Trieb, und das Herz ihm gewann des schlachtruhmdürstenden Königs!
  Doch umwölkt war jetzt ihm die Stirne von inniger Trauer,
  Und zur Erde geheftet sein Aug’, da er dort vor dem Herrscher,
  Schweigend, stand. Alsbald, obgleich von heimlichem Unmuth
  Selber gebeugt, begann, mit erzwungenem Lächeln der König:
  „Wahrlich, nicht wirst du den Feldherrn heut,
              mit dem Gram in den Augen,
  Muth einflößen im Rath! Hat dir das treffliche Streitroß,
  Das zum Siege dich schon in zwanzig Schlachten getragen,
  Und aus Feindes Gedräng’ oft rettete, heute das Futter,
  Aechzend, verschmäht, und du sorgest vielleicht
              um den Liebling im Herzen?
  Wie, verfehlte der Spürer im Wald des flüchtigen Rehbocks,
  Oder des Hirsches Spur, mit dem sechzehnendigen Hauptschmuck?
  Fasse dich, tapferer Greis! Bald wird der Braune genesen;
  Bald erfreut uns der Fried’, und du streckst in fröhlichen Stunden,
  Draußen am Rasengrund der waldumränderten Hügel,
  Wieder im Hörnerklang’ und Gebell verfolgender Spürer
  Raschanstürmendes Wild mit sausenden Lanzen zu Boden.
  Denke des Worts: bald sind wir heimisch im Lande von Oestreich.“
  „Herr,“ sprach jener bewegt, „gewartet mit emsiger Sorgfalt
  Wiehert das Roß, das mich in zwanzig Schlachten getragen,
  Und aus dräuender Todesgefahr oft rettete, muthig
  Drüben im Zelt! Nicht denk’ ich des Weidwerks jetzt in den Tagen
  Ernsten Kriegs, deß’ Bild uns jenes, im sanfteren Frieden
  Oft ergetzt, und die Kraft uns stählt in erhöhter Gesundheit.
  Ja, du sprachst es im Scherz nur, o Herr! Doch dünkt es mich selber:
  Nicht wohnt Heiterkeit dir in den tieferglühenden Augen.
  Möge die dunkle Nacht verborgenen Strebens enthüllen
  Jetzo der Wahrheit leuchtender Strahl! Zum wichtigen Kriegsrath
  Riefst du die Feldherrn: denn die Friedensbothen des Kaisers
  Harren der Antwort im fernen Gezelt. Des Friedens erwähnst du?
  Heischest Rath, und ach, beschlossen im heimlichen Busen
  Hast du den Krieg auf Leben und Tod! O, möchte des Friedens
  Freundlicher Ruf den Haß aus deinem empöreten Herzen
  Nun verscheuchen, und dir und dem Volk die Fülle des Segens
  Schaffen hinfort! Erfüllt hast du mit unendlichem Kriegsruhm
  Weithin die Erd’ umher; allüberall preisen die Völker
  Deine Weisheit und Kraft. Zieh’ heim nach dem herrlichen Erbreich,
  Das dir gehorcht -- nach Böhmen und Mähren: die trefflichsten Völker
  Nährt es im blühenden Schooß. Dort lebe dem Glücke der Deinen,
  Und unsterblicher Ruhm harrt dein, in der spätesten Zeit noch.
  Hast du nicht jüngst mit Siegel und Schrift
              und mit heiligem Eidschwur,
  Oestreich, Kärnthen, und Krain, als Lehen, entsagt vor dem Kaiser
  Selber, auf Glauben und Treu’, und im Treubruch hoffst du zu siegen?
  Bebe der That: schwer rächte den Bruch geschworenen Eides
  Stets an den Sterblichen noch die ewigwaltende Vorsicht.“

    Ottgar stand, erschüttert im Geist vor dem Schreckensgedanken;
  Sprechen wollt’ er schnell, und es bebten die Lippen ihm leis’ nur.
  Doch nun drang ihm das Wort aus den festgeklammerten Zähnen:
  „Ha, sey nun, und auf immerhin, der Leib und die Seel’ auch
  Mit in dem Spiele gewagt! Nicht kann ich mehr weichen: die Gattinn --
  Ja, das schreckliche Weib, hat mich zu dem Schritte gezwungen.
  Da ist kein Rückgang mehr: ich folg’, ein Opfer des Schicksals!“
  „Wie,“ so sprach, ihm freundlicher nahend, der Greis,
              „um die Herrschaft
  Stritten des Reiches Hort und der König von Böhmen; im Frieden
  Schieden sie erst, und die rach’empörende Zunge der Gattinn
  Drängte sie wieder zum Würgen zurück? Nicht mühen die Frau’n sich
  Ab in dem Feld. Wenn wir erlagen, erkiesen sie wieder
  Sich den neuen Gemahl, und erfreu’n sich im Kreise des Lebens;
  Doch uns lass’ das Wohl und das Wehe des Landes bedenken.
  Ottgar, stolz und tapfergesinnt, gehorchte dem Weib’ nun?“[4]

    Also der Greis; doch, da er es sprach, entflammte des Königs
  Niedergeheftetes Auge sich stets zu größerer Wuth noch.
  Wie der Drache mit glühendem Blick von dem finsteren Felsschlund
  Aufschaut, wenn ein Ruf ihn empört; dann zischend dem Eingang
  Nah’t, und, das Haupt zum Boden krümmend, den furchtbaren Rachen
  Weit vorstreckt, den Feind zu verschlingen, begierig: so sah er
  Jetzo dem Greis’ in das Aug’, und stöhnte vor heimlichem Ingrimm.
  Endlich rief er, bewegt: „Halt ein! O tadle den Gatten
  Nicht, der solchem Weibe gehorcht: Margarethen, der Frauen
  Sanfteste, stieß ich von mir: da sandte der Rächer im Himmel
  Mir Kunegunde. Sie hat, ja, bebe dem schrecklichen Wort nur,
  Ueber mich Macht und Gewalt. Wie ein Geist des ewigen Abgrunds
  Steht sie vor mir ... mich schrecken entsetzliche Träume. Verschließe
  Das in der redlichen Brust. Sieh’, hätt’ ich auch tausend und tausend
  Eide geschworen: umsonst! Nicht kann ich zurück in dem Kampf mehr
  Weichen: ich muß ihn mit Habsburgs Leu’n nun enden für immer.“
  Jetzo winkt’ er dem Greis’: denn, eilenden Schrittes, genahet
  Waren die Feldherrn all’, und einten sich ihm in dem Kriegsrath.
  Neben ihm saß zur Rechten der Hort und Gebiether der Bayern,
  Heinrich; zur Linken ihm Pfeil, der Markgraf; d’rauf um den Tisch her,
  Der, nach Lagers Gebrauch, von niederen Bänken umstellt war,
  Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Dietrich,
  Herbot von Füllenstein, und die Kunring’, tapfere Helden.
  Doch von der Mitte herab des hochgespannten Gezeltes
  Hing die flammende Lamp’, endlos vom Oehle genähret,
  Und erhellte den Tisch in des Zeltraums düsterem Schimmer.

    Eben hatt’ er die Helden begrüßt, und wollte beginnen:
  Sieh’, da scholl’s von Hufen der Roß’ in der nächtlichen Stille
  Näher und näher, und jetzt absaßen die Reiter am Zeltthor.
  Ottgar winkte sogleich dem blühenden Jünglinge, Wallstein,
  Der ein Liebling ihm war, schon seit der zartesten Kindheit.
  Alsbald eilt’ er hinaus, und faßte vom niederen Gluthherd
  Einen leuchtenden Span, den dort ein Krieger entflammte:
  Schürend die Gluth, und häufend zugleich das harzige Kienholz.
  Mächtiger flammte der Span, da ihn über dem Haupt in die Graunnacht
  Wallstein hob, und schauete: wer die Versammelten störe?
  Staunend, sah er die Königinn selbst, Kunegunde, sich schwingen
  Aus dem Sattel, im Kreis’ erlesenen Reitergefolges;
  D’rauf durcheilte sie rasch den Zelteingang, und, den Vorhang
  Schleudernd entzwei, schritt sie, mit stolzer Geberde, zum Sitz hin,
  Den der Jüngling verließ, an der Seite des Königes selber.

    Ueber ihr schwebte mit grimmerfülletem Blick Drahomira
  Leise herein. Sie trieb die Königinn eilig von Drösing
  Her in der dunkelen Nacht, daß sie erst durch schmähende Reden
  Reize den Gatten, und dann entflamme zur Gier nach des Krieges
  Schrecknissen, mehr denn je, in des Raths entscheidendem Zeitraum.
  Wehe, sie forscht’, auf Arges bedacht, im Kreise der Helden
  Gierig herum, wie die Schlange verhüllt in dem laubigen Zweig lauscht:
  Ob ein Vögelchen ihr zur Beute sich bieth’? -- und sie fand noch
  Dort den Ersehneten nicht; doch, als der blühende Jüngling
  Eintrat, dachte sie schnell dieß Herz zu berücken durch Ehrsucht,
  Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher!

    Als der König die Gattinn ersah, da erblaßten die Wangen
  Ihm vor Zorn; doch schwieg er, und ließ die Stolze gewähren,
  Auf daß keiner im Rath’ ihn verachtete -- jeglicher dachte:
  Jetzt erschiene sie hier, ersehnet von ihm, und gerufen.
  Rasch war ihr Drahomira genaht: in dem Hauche des Unholds
  Ward ihr Busen empört, und alsbald rief sie verhöhnend:
  „Ha! welch’ Wunder geschah? Schon heut erfreuen die Böhmen
  Sich der Eroberung Drosendorfs, der mächtigen Festung,
  Nach den Tagen unendlichen Müh’ns? O, schändliche Thorheit
  War es: vor ihr die goldene Zeit zu vergeuden -- zu harren,
  Bis der klügere Feind, noch arm an Kriegern und Waffen,
  Sich verstärket’, und euch des Eisens Spitze wohl biethet!
  Schnell, mit würgender Hand euch bahnend den Weg in die Hauptstadt,
  Mußtet ihr folgen der Stimme des Ruhms, und dem dringenden Aufruf
  Rüdiger Waldrams[5] dort, des muthigen Meisters der Bürger,
  Der nun bald, ein schmähliches Opfer, dem Feinde verrathen,
  Fällt durch euere Schuld, durch eure Verblendung, und Feigheit.“
  Siehe, da grins’te vor Lust Drahomira den Helden in’s Antlitz;
  Doch jetzt fuhren empor von dem Sitz die Versammelten alle;
  Ballten die Faust vor Zorn, und wollten enteilen: nur einer,
  Milota, regte sich nicht, und lächelt’ unheimlich für sich hin.
  „Faßt euch,“ rief der König, bewegt, „die Königinn duldet
  Schon seit jenem unseligen Tag, der uns, und die Völker
  Böhmens beschimpft -- dem Tage der Huldigung,[6] nagenden Kummer
  Und zerrüttendes Weh’ in den Tiefen des Herzens. Ihr Helden,
  Dessen gedenkt, und achtet den Schmerz des unglücklichen Weibes:
  Denn nicht wägt er genau das raschverwundende Wort oft,
  Das der Zung’ entflieh’t im Sturm der empörten Empfindung.
  Aber vernehmt es, was ihr in der Stille der nächtlichen Stunden
  Jetzo mit uns erwägen soll’t nach euerer Weisheit:
  Rudolph sandte zuvor zwei tapfere Ritter in’s Lager
  Her, uns dringender noch als jüngst, die Hand zur Versöhnung
  Biethend. Erneuend sodann den Wunsch: durch unserer Kinder
  Wechselheirath das Band der Freundschaft für immer zu gründen,
  Ladet er uns g’en Wien, zu turnei’n; die Speere zum Scherz nur,
  Nicht zum Ernst zu versuchen, und dann die ersehnte Verlobung
  Durch ein gastlich Mahl zu feiern im schimmernden Prunksaal.
  Solches verkündete heut’ in geheim uns Rüdiger Waldram;
  Aber zugleich: g’en Lilienfeld[7] hin ziehe der Kaiser
  Albrecht, seinem Erzeugten, mit hundert Reitern entgegen,
  Der in den schwäbischen Gau’n die Krieger ihm warb, und vom Aargau
  Her die tapfersten führt, die ihm oft errangen den Lorber,
  Altgedient, und versucht im Grau’n der eisernen Feldschlacht.
  Soll mein Volk vorstürmen bis Wien, daß unser Vertrauter,
  Waldram, ihm eröffne das Thor in der nächtlichen Stille,
  Wie er es eben verhieß, mit den treuen Bürgern verstanden?
  Ist’s wohl räthlicher noch, mit Kunrings Reitergeschwadern
  Ueberzusetzen in Fähren den Strom der mächtigen Donau,
  Und aus dem Hinterhalt den Kaiser zu fah’n in der Waldschlucht,
  Welche sich links und rechts an dem Kaumberg, trüglich herumschlingt?
  Nie versagt’ ich das Ohr dem Rathe der Männer: was dünkt euch?“
  Herbot schrie zugleich mit dem Kunring, lärmend, und laut auf:
  „Fort nach Wien! Bald sinkt mit der kühnerrungenen Hauptstadt
  Rudolphs Macht in den Staub: wir bürgen für herrlichen Sieg dir!“

    Lobkowitz fuhr von dem Sitz’, des Friedens Ruf zu erneuern;
  Aber ihm kam Kunegunde zuvor, und sagte dem König:
  „Wie, du spähest noch jetzt nach schlauverhülleten Pfaden,
  Thöricht verlassend die kühnere Bahn, die schnell zu dem Ziel führt?
  Ist denn völlig gewichen von dir der Muth und die Kühnheit,
  Die von Siegen zum Sieg dich leitete, Schlachtenberühmten?
  Zahllos warben die Freier um mich. Masowiens[8] Herzog
  Ließ auf dem glänzenden Thron mir Macht und Reichthum zur Erbschaft;
  Aber ich achtete keinen Mann, im stolzen Bewußtseyn
  Herrschender Geisteskraft, und lautgepriesener Schönheit.
  Auch du bothst mir die Hand. Der Ruf erscholl in den Ländern:
  Ottgar trug des Sieges Panier zu dem Belt hin; erbaute
  Dort noch Königsberg,[9] und schlug, heimkehrend, die Scharen
  Ungerns im Feld auf das Haupt. Er einte die Steyer- und Ostmark
  Dann, als Sieger, mit Kärnthen und Krain dem böhmischen Erbreich,
  Und errang die Bewunderung so der entlegensten Völker.
  Ha, da sank mein Stolz, beschämt, vor dem Helden! Ich gab mich
  Eiteler Täuschung dahin: mit der königlichsieghaften Rechten
  Würd’ er auch mich erheben im Glanz’ unsterblichen Ruhmes.
  Weh’, nun steh’ ich gebeugt, entehrt, und fruchtlos geopfert!
  Aber, denkst du der Ehre nicht mehr, so gedenke der Schmach doch!
  Soll ich den Mann, den König, und ach, den Gatten noch mahnen
  Dort an den graunerregenden Tag, wo gegen den Eidschwur,
  Der dich bewog, dem Kaiser zu huldigen heimlich im Zeltraum,
  Er, o schreckliche Schau! auf des Eilands ragendem Hügel,
  Das die Donau umschlingt mit weitgedehneten Armen,
  Plötzlich am listiggestalteten Zelt den rauschenden Vorhang
  Fallen hieß, und dich vor den Augen unzähliger Krieger,
  Die an dem Strom sich dieß- und jenseits, feindlichgesondert,
  Lagerten, wies zum Hohn’ -- auf die Kniee gesunken, o schändlich,
  Ottgar, dich, dem er an dem Hof’ einst dienet’, als Marschalk,[10]
  Huldigend dort, in dem Staub’! O, könntest du solches vergessen?“
  Ottgar preßte die Stirn’ in die Fläche der Linken, und glühend
  Rann ihm die Thrän’ an der Wange herab. Er sucht’, es zu bergen;
  Blickte grimmiger auf, und rief: „Nicht werd’ ich’s vergessen!“
  Doch nun drang Drahomira noch mehr in die Fürstinn. Sie hob sich
  Eilig vom Stuhl’ empor, und sagte mit leuchtenden Augen:
  „Ha, die Dromet’ erklinge dem Volk’, und gebiethe den Aufbruch
  Nach den Mauern von Wien; in die Luft hoch flatt’re die Sturmfahn’
  Vor den Scharen einher, und leite sie glücklich zum Sieg’ hin!“
  Rief’s; doch Ottgar sprach nun so zu dem tapferen Helden,
  Lobkowitz: „Wie, du schweigst mein sieggekröneter Feldherr?
  Nie ermangelt’ ich deines Raths, und deiner Erfahrung,
  Weisheit, Treue und Kraft verdank’ ich, was rühmlich gescheh’n ist.“
  Lobkowitz wiegte das Haupt, und sprach eintönig und trocken:
  „Haben doch and’re vor mir, dem wankenden Greise, gesprochen,
  Die das heißere Blut, wie im Sturm, fortreißt auf des Ruhmes
  Glänzender Bahn -- weit blieb ich zurück’, und bin es zufrieden.
  Sieh’, ich wähnte, wir lieh’n ein Ohr des Kaisers Gesandten?
  Doch vor dem zürnenden Blick der Königinn? Sey es denn morgen!“
  Also der Held. Da sprach Kunegunde voll Wuth zu dem König:
  „Wohl, ich weiche zurück bis Drösing. Sinnst du auf Frieden
  Noch mit dem Kaiser, so sey’s; doch nimmer siehst du mich lebend
  Wieder: nur mord’ ich zuvor mit Freuden die blühende Tochter,
  Eh’ ein schmählicher Bund dem verhaßtesten Feind sie vereine.“
  Rief’s hinschreitend; erhob sich auf’s Roß, und eilte nach Drösing,
  Das sie den Abend zuvor mit ihren Erzeugten bezogen.

    Jetzt ließ Ottgar schnell die Gesandten des Kaisers entbiethen,
  Die schon lange voll Gier in dem fernen Gezelte des Rufes
  Harrten. Meinhard, Graf von Tyrol, erschien, und zur Seit’ ihm
  Nahete Lichtenstein: des Heer’s erlesene Zierden.
  Stattlich traten sie ein, und setzten sich würdig zum Tisch hin,
  Grüßend den König zuvor, und d’rauf, die versammelten Feldherrn.
  Meinhard neigte das Haupt, und begann mit edelem Anstand:
  „Rudolph, mein erlauchtester Herr, und Kaiser der Deutschen,
  Sendet uns, Meinhard und Lichtenstein, nicht unwürdige Bothen,
  Freundlich zu dir, erhabener Herr, und König der Böhmen!
  Wollest darum uns hören mit Huld, und unsere Reden
  Nicht verachten, da wir, nur arm an zierlichen Worten,
  Stets mit dem rauheren so, wie mit unserem blinkenden Eisen,
  Das wir zu führen gelernt, zum Ziel vorstreben, und treffen.
  Frieden beut er dir mit leichtversöhnlichem Herzen;
  Doch er beut ihn im Augenblick, wo er völlig gerüstet,
  Nicht, wie jüngst in dem Land’, entblößt von Kriegern und Waffen,
  Sollte schon fast ihn erflehen von dir -- nein, wo er im Kriegsbund,
  Mächtige Völker vereint, und der Treue der Völker gewiß ist.
  Daß du, als Kaiser ihn anerkenn’st; ihm Böhmen und Mähren
  Tragest zu Leh’n; auf die ost- und die steyrische Mark,
              so auf Kärnthen,
  Krain, entsag’st: das ist des Friedens enthüllte Bedingniß.
  Drei gewaltige Vesten im Land: hier Drösing im Marchfeld,
  Dort Pöchlarn, und Enns sollst du mit starker Besatzung
  Halten zum Unterpfand durch drei der Jahre, von heut’ an.
  Ha! du erstaunest? So ist’s; ihr sollt euch finden in Freundschaft.
  Heilig ist Rudolphs Wort, du kannst ihm sicher vertrauen.“

    Als er die Rede voll Kraft jetzt endete, herrscht’ in dem Zeltraum
  Stille umher: doch Lichtenstein, gewahrend den Vortheil,
  Grüßte den König zuvor, und begann mit heiterem Blick so:
  „Ernstes sagte der Graf. Mit Gott und eurem Gewissen
  Werdet ihr solches erwägen zum Glück und zum Segen der Völker,
  Die ihr beherrscht; doch leiht auch mir ein günstiges Ohr noch.
  Nicht vom blutigen Kampf: von der Minne ersehneten Freuden,
  Von Turnei’n, und dem festlichen Mahl gedenk’ ich, zu sprechen.
  Allwärts ist es bekannt, daß Herr Rudolphus, der Kaiser,
  Ein Turnei, bei’m Tabor,[11] am kommenden Donnererstag schon,
  Der Sanct Rochus geheiliget wird, zu halten, gesinnt ist:
  Denn nach Frieden verlangt sein Herz, und er hat dich geladen.
  Solcher Ehre Gewinn verschmäht kein tapferer Mann je.
  Sieh’, d’rum harret er dein und deines so edeln Gefolges,
  Das den Herrscher umglänzt, wie die Stern’ umglänzen den Vollmond!
  Aber noch höhere Freuden gedenkt, nach vollendetem Festmahl,
  Oben im prunkenden Saal der Kaiser mit dir zu bestellen:
  Lieblich erblüheten dir die schönsten der Töchter -- in Söhnen
  Ihm sein Glück: zum Bund der Einigung beut er die Hand dar:
  Hartmann führ’ als Braut sich Hedwig, voll siegender Schönheit,
  Thekla, voll zartester Huld, sein Rudolph heim. So ersehnt er’s.“

    Als er gesprochen das Wort, und noch weiter gedachte zu reden:
  Sieh’, da warf sich in brausender Hast der muthige Jüngling,
  Wallstein vor! Er stand, und hielt sich die Brust mit der Rechten;
  Athmete tiefer, begann zu sprechen, vermocht’s nicht; er stürzte
  Dann zum Gezelte hinaus, und verschwand im nächtlichen Dunkel.
  Ottgar blickt’ ihm, erstaunt, jetzt nach. Er wähnte: sein Liebling
  Sey urplötzlich erkrankt, und von wüthenden Schmerzen befallen;
  Doch Drahomira durchschaute sein Herz; sie lächelte grimmig;
  Jubelte dann laut auf, und folgte dem fliehenden Jüngling:
  Ihm für Hedwig die liebende Brust noch mehr zu entflammen,
  Und zu verderben mit ihm den, ihr verhaßten Beherrscher.

    Im erleuchteten Zelt verstummten von neuem die Helden;
  Gar nicht wollten von Ottgars Mund’ die Worte sich lösen.
  Endlich hob er sich auf, und sagte den Beiden zum Abschied:
  „Wahrlich, nicht ahnete mir’s, so glühend verlange der Kaiser
  Uns bei festlichem Turnkampf, Tanz, und Gelagen zu sehen!
  Aber wohlan -- das kündet ihm nur, so er etwa daheim ist:
  Ottgar werdet ihr schau’n im Gefolge der Edeln, und hören,
  Was er vom Frieden gedacht, und der Kinder ersehnter Verlobung!
  Aber, ihr Herrn, gehabt euch wohl; der Himmel geleit’ euch!“
  Beid’ erstaunten der Red’, und eilten unmuthig von dannen.
  Draußen sagte zu Lichtenstein der tapfere Meinhard:
  „Ritter, sprecht, was dünkt euch? Nicht einmal die Krume zum Imbis,
  Nicht des Weines so viel, das unsere Lippen benetzte,
  Reicht’ er zum Trunk’ uns dar. Ich meine: von Heirathsgedanken
  Ist er so fern, wie dort von mir Veiths glänzender Wagen,
  Der an des Himmels Rand zum eisigen Norden hinabsinkt.
  Ha! und merktet ihr nicht, wie schnell der arge Verräther
  Rudolphs nächtlichen Ritt g’en Lilienfeld ihm enthüllte?
  Ach, er zog nur mit schwachem Geleit! Kommt: gut ist die Vorsicht!“
  Rasch aufschwangen sie sich in den Sattel, und flogen nach Wien hin.

    Aber der König entließ die Versammelten. Jetzo noch einmal
  Blickt’ er Jedem in’s Aug’, und sagte mit rauherer Stimme:
  „Mir zerwühlet die Wuth das Herz. Wie kecklich die Ritter
  Sprachen, als sey ich im Feld nicht fürder zu scheu’n,
              und, dem Ball gleich,
  Nun rechts hin, dann links im schwebenden Fluge zu wenden;
  Aber es zehr’ ihr Hort sich zu Tod’ an seinen Gelüsten.
  Mein Entschluß ist gefaßt: am Morgen gebiethet den Aufbruch
  Euerem Volk. Wir ziehen entlang den schlängelnden Marchfluß
  Bis an den Weidenbach, wo, erhöht, des räumigen Lagers
  Wall uns schirmt g’en List und Gewalt. Verstanden mit Waldram,
  Sey in dem Ueberfall nur „Rache“ der Würgenden Schlachtruf!
  Ruhet ein Weniges noch: bald rufen euch laut die Drometen.“
  Jene gehorchten dem Wort’, und eilten nach ihren Gezelten.
  Aber der König ging noch lang’ im Schimmer des Nachtlichts,
  Sinnend umher. Oft seufzt’ er laut; er ballte die Faust oft
  Vor Erbitterung; stand, ging wieder, und hatte nicht Frieden.
  Endlich warf er sich hin auf das Lager, und schlummerte leis’ ein.

    Ueber dem Haupt des Schlummernden hing sein schützender Engel,
  Trauernd. Verglommen war sein Glanz. Wie auf thürmender Alpen
  Ewigbeschneiten Höh’n der rosigglühende Schimmer
  In ätherischer Bläue verglimmt in der sinkenden Dämm’rung:
  Also auch er, den Schwermuthsblick auf den armen gerichtet,
  Den ein furchtbarer Traum umfing. Margarethe, die Gattinn,
  Welch’ er schnöde verstieß, naht’ ihm, und sah ihn so trauernd
  An, aus dem hüllenden Leichentuch: er wandte sich, schaudernd,
  Weg, und hieß sie entflieh’n. Nicht lang’, und in hoher Verklärung
  Schwebt’ auf schimmernden Au’n, und bekränzt mit himmlischen Rosen,
  Sie vor ihm hin. Er folgte -- sie floh; doch jetzt, an dem Ufer
  Eines unendlichen Stroms hielt sie den eilenden Flug an;
  Sah, huldflehenden Blicks, zu dem Himmel empor, und entschwand ihm,
  Schatten gleich, wenn Nebelgewölk umhüllet die Sonne.
  Wieder umfing ihn des Todes Nacht. Um sich her auf dem Schlachtfeld
  Sah er unzählige Leichen gehäuft: bis endlich ihm selber
  Dort zwei Würger genah’t, mit rach’ausblitzenden Augen,
  Tief in die Brust einstürmten den Speer, und höhnten im Tod noch.
  Stöhnend wand er sich dann im Schlaf, und in mächtigen Tropfen
  Stand ihm der Schweiß auf der Stirn’ und den hochgerötheten Wangen.

    Doch nicht völlig verhüllt den Augen des Himmelsbewohners
  War des schlummernden Königs Geschick. Er sah Drahomira
  Walten um ihn, und Gefahr ihm bereiten auf schlüpfrigem Pfad hier,
  Der zum Verderben führt, und zu nieversiegendem Jammer.
  Flehend faltet’ er jetzo die Händ’, und blickte mit Ehrfurcht
  Auf zu dem Thron des Ewigen, der in des kreisenden Weltalls
  Hehrstem Raum’, auf lichtausströmenden Sonnen erhöht steht.
  Dorthin drang sein Blick, wo Cherub- und Seraphim selber
  Sich in der Nähe des Throns mit den Fittigen hüllen die Augen,
  Dreimal Heilig singend dem Herrn, der herrscht von dem Thron dort,
  Hehr, allmächtig, weis’, und gerecht, barmherzig und gnädig!
  Ueber die Himmel hinauf erhebt er das Haupt; auf dem Abgrund
  Ruht sein Fuß, und sein Arm umfaßt das kreisende Weltall.
  Als er gewürdigt ward, die Blicke zum Thron zu erheben,
  Sah er, schauernd vor Ehrfurcht, dort enthüllet die Zukunft:
  „Ottgar, der nun bald mit reuigem Sinn um Erbarmen
  Fleh’n wird, büßet die Schuld vergangener Jahre: den Feinden
  Fällt er besiegt in dem Kampf’, und verlieret das Reich und das Leben;
  Aber sein Gegner wird ein Vater des Herrschergeschlechtes,
  Das in die fernste Zukunft hinab unzähliger Völker
  Glück zu fördern, erwählt, im Segen der Erde genannt sey.“
  D’rauf gewahrt’ er den Wink des Herrn: „daß es also gescheh’n wird!“
  Sieh’, da flammten, und floh’n, und kehrten in Eile die Sonnen
  Wieder zur Bahn! Der Donner rollte hinunter am Weltrand,
  Kreisende Monden und Sterne vorbei; die Vesten des Erdballs
  Zitterten; hoch aufrauschte das Meer, und die Ström’ und die Flüsse
  Braus’ten wirbelnd zurück, und schäumten empor in den Luftraum.

    Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
  Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.



  Zweiter Gesang.


  Siehe, wer reitet den Wald entlang? Vom felsigen Boden
  Tönet der eiserne Huf. Wer zieht im Schatten der Thäler
  Fort im eilenden Trab? Doch dort, wo am lichteren Waldsaum
  Weitgesondert, die Tannen steh’n, und der sonnige Bergpfad
  Schlängelnd sich hebt, erblitzt es von hellgeglätteten Waffen
  Quer in die Eb’ne herab. Jetzt näher und näher erschallet
  Munterer Reiter Gespräch, und das Schnauben und Wiehern der Rosse.
  Doch wer ist’s, der allen voran den feurigen Rappen
  Reitet, so freundlich und mild, so bar all’ prunkenden Schmuckes?
  Zwar erhellt die, in Rosengluth versinkende Sonne
  Kein’ unedele Stirn’, und Ehrfurcht heischen die Augen
  Dieses Gewaltigen, der ein Fürst, ein Kaiser von Anseh’n
  Scheinet? Er ist’s -- ha, Rudolph ist’s, der Kaiser der Deutschen!

    Gestern zog er im Abendlicht mit hundert Erwählten
  Eilig zum Kärnthnerthore hinaus nach dem herrschenden Hügel,
  Wo (so kündet die Sag’) in grau’numhülleter Vorzeit
  Eine Spinnerinn saß, und bettelte, reichliche Spenden
  Sammelnd: ein Kreuz zu erbau’n von zartdurchlichtetem Stein dort,
  Wo das hölzerne, morsch, zerfiel, an welchem sie lebte.
  Aber es wurde zugleich ihr Grab, von dem Fremdling bewundert:
  Denn erblickt er die Stadt, die weit auf Erden gerühmt wird,
  Vor sich in schimmernder Pracht der Thürm’ und unzähliger Häuser,
  Zollt er vor allem der sinnigen Wahl der Spinnerinn Beifall,
  Und erquickt sein Aug’ an dem wunderherrlichen Anblick.
  D’rauf einlenkt’ er zum Fuß’ der traubengesegneten Hügel:
  Petersdorf, und Brunn am Gebirg, wo der emsige Winzer
  Keltert den kräftigen Most für die spätnachfolgende Zeit noch,
  Und durchtrabte die Stadt von Mödeling.[1] Mächtigen Anseh’ns,
  Schaut in das düstere Felsenthal, durch welches der Waldbach,
  Eingezwängt, sich windet, und rauscht, die ragende Felsburg,
  Mödling herab (ein Eigen des babenbergischen Herzogs,
  Heinrich) und lieh auch zugleich dem Städtchen den Nahmen.
              Die Nacht hing
  Dunkel herab; nicht erspähte der Wart von dem ragenden Wartthurm
  Rudolphs hohe Gestalt: d’rum scholl die Dromete zum Gruß nicht.
  Doch jetzt zog er am Tannberg fort,[2] wo im ruhigen Thalgrund
  Schimmert das Gotteshaus zum Heiligen-Kreuz mit dem Kloster.
  Herzog Leopold baut’ es, der Heilige. Mönche von Cisterz
  Rief er dahin, daß dies’ in Saatengefilde die Wildniß
  Wandelten, und im Gesange des Chors lobpriesen den Schöpfer.
  Manches Helden Gebein’, auch Friedrichs, des streitbaren Herzogs,
  Letzten seines Geschlechts, deckt dort der ehrende Denkstein.
  Aber es sandte darauf vom Heiligen-Kreuze der Stiftsabt
  Auch nach Lilienfeld die Brüder: so wollt’ es der Herzog
  Leupold, der Glorreiche, selbst, als er an dem Fuße der Alpen
  Im bezaubernden Thal das Gotteshaus und das Kloster
  Stiftete, dem jetzt Rudolph naht’. Schon ließ er auch Kaumbergs
  Marken zurück, und als die Sonne im rosigen Schimmer
  Sich in Osten erhob, da zog er durch’s liebliche Hainthal,
  Und erkor’s in des Mittags Stunde zur Rast. An dem Göls’bach
  Weideten frei die Rosse hinab. Die tapferen Krieger
  Saßen im Kreise herum: sie sättigten sich an des Weizens
  Goldener Frucht, zum nährenden Brote gebacken, und löschten
  Dann an der Quelle den Durst. Inmitten der fröhlichen Männer
  Saß der Kaiser im Gras’; er rief den Einen und Andern
  Auf zu ergetzlichem Schwank’, und zuletzt den redlichen Knappen
  Müller, den Zürcher, der ihm das Leben gerettet, und seither
  Stets zu getreulichem Dienst’ ihm stand, im Krieg’ und im Frieden.
  „Künde“, so sprach er zu ihm, „den Kriegern das lustige Mährchen:
  Wie du mich, den Zürnenden, einst auf der Straße begegnend,
  Sühntest, listengeübt: denn manchen von meinen Getreuen
  Hast du niedergeworfen zuvor, ein frevelnder Raufbold.“
  „Mit Vergunst, Herr Kaiser,“ begann der fröhliche Kriegsmann,
  Schlaugewendeten Blicks, „so ich ruhmbegierig, und eitel,
  Meinen Gefährten des Zugs verkünde zuvor, daß ich Habsburgs
  Grafen im Kampf mit dem Regensberg das Leben gerettet!
  Edle von Toggenburg, und Homburg; jene von Nidov,
  Palm, und Warth mit Eschenbach vereinten dem Ritter
  Regensberg, den er gewaltig bedrängte, die Scharen;
  Doch er dachte der List, kriegskundig, dem Feinde zu schaden.
  Oft ritt Regensberg mit zwölf weißschimmernden Rossen,
  Welchen voran mit lautem Gebell zwölf ähnliche Doggen
  Sprangen, zur Jagd, von dem Uttliberg, stolzirend, herunter.
  Rudolph lag in dem Hinterhalt: die Ross’ und die Doggen
  Hatt’ er, wie jener gewählt. Mein Volk, die muthigen Zürcher
  Brachen hervor, mit ihm in dem Handel verstanden, und als er
  Nahte der Burg in verstellter Flucht, da meinte der Wächter,
  Oeffnend das Thor voll Hast, sein feindbedroheter Herr sey’s
  Alsbald ward erobert die Burg, und zerstöret von Grund aus.
  Ist’s nicht also gescheh’n, mein hocherlauchter Gebiether?
  Aber da stellten sie euch, auf offnen und heimlichen Wegen
  Nach. So geschah’s, daß einst, auf einsamer Fährt’ in dem Wald ihr,
  Nur mit schwachem Geleit dem Feind’ in die Hände gefallen,
  Rang’t auf Leben und Tod, als bügellos in den Staub euch
  Warf das getödtete Roß. Ihr waret erlegen der Mehrzahl;
  Doch der Seinen gedenket der Herr: er sandte den Müller
  Euch zu Hülf’. Er kam auf dem Pfade geritten, und sah euch
  Kämpfen, ähnlich dem Leu’n, den wüthende Tiger umringen;
  Naht’ im Flug, und ihr, in den Sattel gehoben, entrannet
  So der Gefahr. Doch Müller ist euer getreuester Jünger
  Seitdem -- rühmt sich denn auch des edelsten Meisters auf Erden.
  Ihr erlaßt mir vielleicht für heute das lustige Mährchen:[3]
  Denn, mich dünkt, es entfielen, wie Perlen gestaltete Tropfen
  Eueren Wangen. Mich drängte früher die Noth, und euch später:
  Alles auf Erden eint der Liebe geschäftige Sorgfalt.“
  Innig gerührt ergriff ihm der Kaiser die Hand, und begann so:
  „Edel hast gehandelt an mir, mein trefflicher Jünger!
  Doch die Capelle winkt auf den Alphöh’n: heute noch sollst du
  Ernten herrlichen Lohn, der Heldenthaten gebühret.
  Jetzt rasch auf, ihr Reisigen: rasch zu dem winkenden Ziel hin!“
  All’ erhoben sich nun voll Muths; sie zäumten die Rosse,
  Jauchzend, auf, und es ging dann weiter der fröhliche Zug fort.

    Siehe, nicht lang’, und sie sah’n jetzt schon
              die bläulichen Alphöh’n
  Oben, und tiefer den _Kulm_ und den kegelgestalteten _Spitzbrand_,
  Freudigen Blicks, als unter dem Huf der gewaltigen Rosse,
  Drönend, die Brück’ erscholl, die, stets von den Fluthen der Traisen
  Unten durchrauscht, im Grund die rasche Forelle beschattet.
  Weit gerühmt ist die Traisen im Land (daß beide den Ursprung
  Sich bestreiten, die Hohenberg-, und die Lilienfelder)
  Sprudelnd hervor aus dem Schooß des Traisenberges im Waldthal,
  Und enteilend voll Hast, sich dem Donaustrome zu einen.[4]
  Freundlich blickten die Sterne bereits vom Gewölbe des Himmels,
  Wieder zur Erde herab; schon hauchten die würzigen Matten
  Kühlung umher; es verglommen die ragenden Höh’n, und die Fluthen
  Dampften im Thal, als jetzt mit seinem Gefolge der Kaiser
  Nahe vorüber an Lilienfeld, dem herrlichen Kloster,[5]
  Eilete: denn zum Abendgebeth’ ertönte das Glöckchen
  Schon von dem Thurm’; es lud zu des Chors Vollendung die Brüder,
  Und erweckte zugleich, mildklagend, die Wonne der Wehmuth
  Tief in der fühlenden Brust, die leise nach Ruhe sich sehnet
  Nach den verschollenen Stürmen des Tags, auf irdischer Wand’rung.

    Nahend dem Ziele, durch’s _Thal_, geboth der Herrscher den Reitern,
  Längs dem Bach zu erringen den Kulm, auf dem breiteren Saumpfad;
  Aber er selber klomm, des Weg’s wohlkundig, mit Müllern
  Dort, wo ein lieblicher Wasserfall, von schroffer Gebirgswand
  Plätschernd herab, zerstäubt die silbernblinkenden Fluthen,
  Schweigend, die Höhen empor. Er sah nach den lichten Gefilden
  Ferner Ebenen, jetzt aus der nächtlichdämmernden Waldung,
  Jetzt vom schwindligen Fels mit thauendem Blick’, und errang so
  Früher den Kulm; doch dort, vereint mit seinen Erwählten
  Wieder, rastet’ er nicht, und stieg, stets höher und höher,
  Bis er, den dunkelen Wald entlang, auf blühenden Matten
  Wandelnd, schimmern sah im Schooße der luftigen Alphöh’n,
  Aus dem Gezweig umhüllender Tannen der kleinen Capelle
  Heiligthum, wo das Licht, in der Lampe genährt von dem Klausner,
  Sandte die fächelnde Flamm’ empor aus goldenem Oehlduft.
  Dorthin wies ein Gesicht, im mitternächtlichen Grauen
  Ihm aufsträubend das Haar vor Furcht und Erstaunen, ihn heut’ erst.
  Wichtiges sollt’ ihm, dort enthüllt nach des Ewigen Rathschluß,
  Mächtig erheben das Herz in der Stunde des nahenden Kampfes.

    Jetzt verließen auf seinen Wink die Reiter den Sattel,
  Daß, freiweidend im Feld, die Pferde sich letzten. Des Zaumes
  Ledig, sprangen sie wiehernd davon, und wälzten im Gras’ sich
  Links und rechts, die Gluth des gepreßten Rückens zu kühlen.
  Auch die Reiter gesammt ausruheten dort von der Wand’rung.
  Aber der Klausner, ein Greis, von neunzig entflohenen Jahren,
  Trat aus der Hütt’, im barnen Gewand’, und führte den Kaiser,
  Schweigender Ehrfurcht voll, zur Capelle. Der silberne Bart floß
  Ihm zu dem hanfenen Gürtel herab. Von den lastenden Jahren
  Wenig gebeugt, sah noch aus seinen erglühenden Augen
  Jugendkraft, die manchmal in sinnender Trauer am Boden
  Hafteten. Doch jetzt traten sie ein, und beugten die Knie’ dort,
  Wo gesegnetes Brot, der Seelen Speise, verwahrt war;
  Wo das Bild des Gekreuzigten stand, und die Mutter das Kindlein
  Wies in dem hehren Gemähld’, voll Lieb’ an den Busen es drückend,
  Und, den wonn’ausstrahlenden Blick auf die Menschen gerichtet,
  Allen zu rufen schien: „O liebt den Liebenden mir gleich!“
  Aber der Greis, als wär’ es zum legten Male hienieden,
  Sah zu ihr lang’ empor, und wandte sich dann zu dem Pilger:
  „Herr“, sprach er, „blick’ auf zu der Himmlischen! Früh in des Lebens
  Blüthenzeit hast du die Verehrung der seligsten Jungfrau
  Dir erkoren zum wahrenden Schild’, und dem Schiffer nicht ungleich,
  Der in der Sturmnacht fest aufschaut zu dem rettenden Leuchtthurm,
  Dadurch bewahrt im reinen Gemüth Vertrauen und Demuth:
  Jenes zu Gott und auf Menschenwerth, und dies’ auch im Glück’ noch.
  Also wandeltest du, ein Seliger, fort auf des Lebens
  Dornenpfad mit heiterem Muth: der göttliche Sohn hört
  Gerne der Mutter Fleh’n, in ihrem Schutze geborgen.
  Jetzt auch wirst du gewiß, in dem furchtbarn Kampf der Entscheidung,
  Huldbeglückt, erringen den Sieg, wenn dir auf dem Schlachtfeld,
  In umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd’ tönt:
  „Fromme Jungfrau’n einst zu versammeln zum Zeichen des Kreuzes.“[6]
  Höre, demnach was mir mein Meister und Herr in Gesichten
  Dunkeler Zukunft wies: Ein Vater unzähliger Fürsten
  Wirst du seyn, und so oft auch hier auf irdischer Laufbahn
  Wechselt des Menschen Geschick vom Guten zum Schlimmen: so wird doch
  Treu’, und Redlichkeit stets in deinem Geschlechte noch dauern.“[7]

    „Ernsten Gemüths, herrscht einst dein ältester über die Völker,
  Die dein heitres gewann, und fesselte. Ob er auch mannhaft
  Steht in der Männerschlacht, und vor ihm die Feinde, besiegt, flieh’n;
  Ob er auch ehret das Recht, und Gerechtigkeit übet als Richter,
  So auch die Wissenschaften, die Kunst’, und den frohen Gewerbsfleiß
  Blühen heißt mit dem Ackerbau, ein sorgsamer Herrscher:
  Dennoch mißt er die Liebe. Die Hand der ewigen Vorsicht
  Waltet über des Menschen Geschick’. In Dunkel gehüllet
  Möge sein Ende dir seyn. Ihn rächen entsetzlich die Seinen.“

    „Schön an Gemüth und Körper, die Lust des Menschengeschlechtes,
  Faßt mit unstraflicher Hand die Kaiserkrone dein Enkel.
  Aber, ihm gleich, ein Held, vom feindlichen Schicksal zum Feind’ ihm
  Auserkoren, entwindet sie ihr auf dem rauchenden Blutfeld
  Mühldorfs; doch entreißt er, erst nur der Rache gedenkend,
  Auch in der Kerkerluft der Trausnitz dem edelsten Manne
  Nicht den unsterblichen Kranz, der, lohnend, dem Guten zu Theil wird.
  Sieh’, er steht, erschütternd, vor ihm, da er Ehre viel höher,
  Denn des Lebens erlesenstes Glück, die goldene Freiheit,
  Achtet, und wiedergekehrt, die Hände noch selber den Fesseln
  Beut: ein Muster der deutschen Treu’ auf Wort und auf Handschlag!
  Innig ehrt er ihn d’rauf, und theilt das nächtliche Lager,
  Ja, auch den Purpurthron mit dem Freund, der Erde zum Staunen.“

    „Ha, schon winket des Theuerdanks unsterblicher Held mir
  Aus dem strahlenden Licht des thatenverherrlichten Lebens!
  Sein erbarmt sich der Herr, und rettet ihn, wunderbar oft so,
  Wie auf der Martinswand, aus unsäglicher Noth und Gefahren,
  Welch’ ihm fortan drau’n auf des Herrschers dornigen Pfaden.
  Hoch erhebt er den Ruhm von Oestreich: kühn auf dem Schlachtfeld,
  Weis’ im Rath; ein Liedergewaltiger, Held, und Beherrscher.“

    „Aber ihm folgt, o Habsburgs Stolz, sein größerer Enkel!
  Sein Zeitalter leuchtet in wunderherrlichem Glanz’ auf.
  Jugendlich regt sich die Erd’, und treibt den erfreuenden Keim schon
  Jedes Großen und Schönen hervor. Erhabene Geister
  Wandeln auf ihr zum Ziel -- der Höchst’ er unter den Hohen!
  Ha, wie würdig er herrscht, wie kraftvoll! Fern in die Zukunft
  Schaut sein Blick: er sinnt auf Deutschlands Größe durch Einung,
  Auf Hispania’s Macht, und Italia’s, daß er die Rettung
  Schaffe dem Christenvolk g’en wildempörter Osmanen
  Allverheerende Wuth, die er tapfer bekämpft, und besieget.
  Auch jenseits dem unendlichen Meer’ erbeben die Völker
  Seiner Gewalt: nie geht die freundlichleuchtende Sonne
  Unter in seines umuferten Reichs endlosen Bezirken.
  Also die alt’ und die jüngere Welt im Segen zu einen,
  Strebt sein hohes Gemüth. Wie dunkel die Wege der Vorsicht!
  Deutschlands Gau’n durchtobt die Neuerung. Feindlichgeschieden,
  Schaut urplötzlich der Mensch dem Menschen in’s Aug: ihn verwildert
  Schrecklicher Sectenhaß: denn Mord, und Brand, und Empörung
  Würgt Jahrhunderte fort, und verscheucht bald jegliche Hoffnung,
  Die so herrliche Früchte verhieß. Vergeblich versucht er,
  Heimzuführen den scheuentflohenen Frieden: auf immer
  Scheint er entfloh’n. Ihn ergreift unendlicher Schmerz, und er endet,
  Freientsagend dem Thron, in einsamer Zelle sein Leben.“

    „Ha, nach neun, durch Weisheit, Mild’, und Gerechtigkeit ruhmvoll
  Herrschenden Männern deines Stamms, erseh’ ich im Thronsaal
  Eine gewaltige Frau, die im Sturm umdrauender Nöthen,
  Gottvertrauenden Muths, die Lieb’ und Bewunderung aller,
  Eintritt dort, mit dem Sohn’ auf dem Arm, in die hohe Versammlung
  Eines edelen Volks, und tausend Stimmen erschallen,
  Als der ehernen Scheid’ entrissen der blitzende Stahl fleugt:
  „Laßt uns sterben für Sie, die, als Königinn, uns ist ein König!“
  Glücklich als Gattinn und Mutter zugleich, und als Herrscherinn würdig
  Ewigen Ruhms, entschlummert sie sanft in den Armen des Todes.“

    „Lange zum Manne gereift, nachfolgt ihr spät ihr Erzeugter:
  Herrschend des Volks Abgott, dem er nur Gutes gewillt ist.
  Aber ihm stürmts in der Brust: was kommenden Zeiten noch dau’re,
  Müsse sorgsam gepflegt, und festgegründet der Bau seyn,
  Das bedenket er nicht, und sieht noch sterbend, verwelket
  Was er gepflanzt, und im Sand, sturzdrohend, was er gebaut hat;
  Dennoch beut ihm die Liebe den Kranz niewelkenden Nachruhms.“

    „Siehe den Weisen, in dessen Hand dann erglänzet der Zepter,
  Reißt des Todes Geschick aus der Zahl der Lebenden schnell fort!
  Wohl ihm: denn früher erringt er das Ziel der herrlichsten Laufbahn
  Auf hesperischer Flur, wo er Glück ausspendet, und Segen!“

    „Jetzt entschwinden die hehren Gesichte vor mir wie in Nebeln.
  Furchtbar steigt Geschrei in die Luft. Des alternden Erdballs
  Vesten wanken; es scheint, als sollt’ ein neues Geschlecht sich
  Heben empor aus dem gährenden Grund, doch früher die alten
  Ganz hinschwinden in Nichts: so entsetzlich schwelgt die Empörung
  Fort an den Strömen vergossenen Bluts. Der tauschenden Gleichheit
  Mordruf schallt: hinschwindelt das Volk, und reißt mit des Thrones
  Stürzendem Heiligthum’ auch sich selber hinunter zum Abgrund,
  Wo in dem nächtlichen Grau’n sein Wuthgestöhne verhallet.
  Aber ich sehe den Schiffer im Sturm, der, blickend zum Himmel,
  Unerschütterten Muths, durchfleugt die empörten Gewässer;
  Sehe den Sohn vor mir des Verblichenen, wie er im Nachtgrau’n
  Fortgewogt auf der Fluth, nun sinkt, nun steigt, bis er endlich,
  Lautumjauchzt, einfährt in den volkerfülleten Hafen,
  Und noch höher als erst, nach zwei Jahrzehenden aufragt:
  Denn ihn lenkt in den Tagen der Noth stets sicher der Tugend
  Heiliger Wink, und sein ist die Lieb’ und die Treue der Völker,
  Die er, ein Vater, beherrscht mit mildvorsorgender Weisheit.
  Heißt auch mancher Gewaltige „Groß“ in Geschichten der Menschen,
  Ihn wird einst die Nachwelt laut den _Edelsten_ nennen.“

    „Dunkler ward’s ... mir schwand in verworrenen Bildern die Zukunft.
  Doch nun hast du vernommen, was mir, unwürdigem Diener
  Heute der Herr enthüllt’. Leb’ wohl! Vollbracht ist des Lebens
  Weitumirrender Lauf -- er endete, deiner gewärtig.
  Denk’ auch mein im Gebeth. Stets sey der Himmel dir gnädig!“
  Sagt’ es, und wankte hinaus, der Klaus’ entgegen. Er warf sich
  Dort auf die Knie’, und bethete leis’ mit erblassenden Wangen.

    Aber auch Rudolph lag mit tiefgesunkenem Antlitz
  So, daß die stürzende Thrän’ auf die Marmorstufe hinunter
  Ihm aus den Wimpern sank, mit hörbarem Laut in der Stille,
  Vor dem Altar auf den Knie’n. Sein Dank auf den Fittigen tiefer,
  Inniger Andacht flog empor zu dem Vater im Himmel.
  Als er den Blick zu dem Bild’ erhob, und das Aug’ auf die Augen
  Heftete, die so mild den frommhinwandernden Pilger
  Wecken zur Liebe des Sohn’s, da erblaßt’ er betroffen. Ihn dauchte:
  Daß sie in himmlischem Glanz’ erglühten, und schaudernder Angst voll,
  Wich er zurück vom Altar -- bis jetzt in der Lampe der Lichtdocht
  Hell aufflammt’, und sanft, wie zuvor, die Mutter ihn ansah.

    Jetzo rief er Müllern herbei, der draußen im Vorhof
  Harrte; legte die Hand ihm fest auf die Schulter, und sagt’ ihm:
  „Hole die Waffen schnell: den Degen, den Helm, und den Harnisch;
  Auch die Spor’n, die wir mitführeten: leg’ sie in Demuth
  Auf den Altar; dann fasse den Speer, die Wache zu halten,
  Bis zum Morgen. Ich geh’, ein Weniges draußen zu schlummern.“
  Also geschah’s. Der Knappe ging, und holte, verwundert,
  Alles und Jedes herbei; dann faßt’ er den Speer, und erging sich
  Dort, gemessenen Schritts, die Wach’ an dem Heiligthum haltend.
  Doch als jetzt an des Himmels Rand der erwachende Morgen
  Wie der purpurne Kelch der frischentfalteten Rosen
  Glühete, hieß der Kaiser sein Volk der kleinen Capelle
  Nahen, und dort im Kreis’ umgeben den heiligen Altar.
  Anbethend stand er selber vor ihm; dann wandt’ er sich freundlich
  Gegen den Kreis; rief laut dem Knappen Müller, und winkt’ ihm,
  Niederzuknieen vor Gott auf die Marmorstufe. Den Wammsrock
  Nahm er ihm erst von dem Leib’, und umgab mit dem glänzenden Harnisch
  Ihm die Brust: er reicht’ ihm die Sporn’ und den trefflichen Degen
  Dar mit dem Wehrgehang; bedeckte sein Haupt mit dem Festhelm,
  Riß dann schnell das Eisen hervor aus der Scheid’, und begann so:
  „Weil du, tapfergesinnt, obgleich als Bürger geboren,
  Habsburgs Herrn, der jetzt des heiligen, römischen Reiches
  Kaiser sich rühmt, das Leben gerettet, und stets auf dem Schlachtfeld
  Ritterlich’ Ehre gewannst durch heldenmütige Thaten:
  Will ich dich hier, vor Gottes Altare, den Edeln gesellen.
  Aber bedenke denn auch, daß dir hinfort auf des Ritters
  Ehrenbahn gezieme, zu schirmen das Recht und die Unschuld;
  Schützer zu seyn des zarten Geschlechts in Zucht und in Ehren;
  Nie zu meiden den Kampf, in die Schranken durch Edle gefordert;
  Nie zu dulden die Schmach, und zu rächen erlittenes Unrecht,
  Kräftig und ohne Verzug, so dir’s nicht wehrt das Bewußtseyn:
  Hierauf schlag’ ich dich Gott, und Maria, der heiligen Jungfrau,
  Auch Sanct Görgen, des Ritters Patron, zu Ehren, zum Ritter.“[8]
  Sagt’ es, und führte den Streich
              kreuzweis mit dem tönenden Schwertstahl
  Ihm die Schulter hinab, erhob den Edeln, und küßt’ ihn.
  Laut aufschrie die Schar der Versammelten. Jeglicher staunte,
  Forschte zuvor, wohin sich wende das ernste Beginnen?
  Doch, nun schüttelt’ ihm jeder die Hand, und lächelt’ ihm Beifall.

    Schon erglühte das zarte Gewölk im lichteren Osten,
  Das dem erwachenden Tag das Nahen der herrlichen Sonne
  Kündete: sieh’, da führte sein treues Gefolge der Kaiser
  Schnell zum ersehneten Alpenrand, wo jetzo die Aussicht
  Unermeßlich groß, vor den Augen der Männer sich aufthat!
  Aber sie bebten zurück vor freudigem Schreck und Erstaunen:
  Erst zur Tiefe hinab, wo auf duftigen Schwingen die Nebel,
  Zögernden Flugs, bald hier, bald dort nach entfernteren Thälern
  Flatterten, sank ihr Blick. Wie staunt’ er: gewaltige Berghöh’n
  Nun zu Hügeln versunken, zu schau’n, und auf jeglichem ringsher
  Wiesen, und Ackergründ’, und waldumsäumtes Gehöftland;
  Unten am hellen Teich das Gotteshaus, und des Klosters
  Riesengebäude; das Thal entlang, an der schimmernden Traisen
  Hin, aufwirbelnden Rauch von den Eisenhämmern und Hütten -- Dann
  unendlich hinaus vom Gebirg verbreitet die Fluren;
  Doch als jetzt aus dem Nebelmeer ihr breiteres Antlitz,
  Dunkelgeröthet, die Sonn’ erhob, und ringsum der Erdkreis
  Jubelte: reich mit Perlen geschmückt, und begrüßt von den Scharen
  Zahlloser Vögel im Wald’, in den Thälern, und hoch in den Lüften,
  Wo sich empor unsichtbar schwangen die wirbelnden Lerchen:
  Ha, da erglühte die Brust der Männer vor tiefem Entzücken!
  Mancher faltete, bethend, die Händ’, und blickte hinunter,
  Rings umher, dann himmelwärts, mit Thränen der Wonne.
  Keiner hatte zuvor erstiegen die Höh’n, und gesehen
  Dorther tausendfaltig besä’t mit schimmernden Städten,
  Dörfern, und Klöstern das Land, und hochaufragenden Burgen;
  Nur der erhabene Kaiser allein erlabte schon oft sich
  Dort an der seligen Schau, und begann jetzt freudigen Blickes:
  „Seht, wo nördlich hinaus sich die Straße, wie schimmernde Leinwand,
  Dehnt, Sanct-Pölten, die Stadt voll trefflicher Bürger und d’rüben
  Herzogburg mit dem Gotteshaus’ im lieblichen Aufeld.
  Seht dort links, erbaut auf dem weitgesehenen Berggrath,
  Göttweih herrschen im Donauthal, das herrliche Kloster;
  Doch, nicht ferne der Burg des Hoheneckers am Wald dort,
  Herrlicher Mölk: bewohnt von Benedicts Söhnen die beiden;
  D’rauf die Stadt’ auch: Krems, Und, Stein, von Traubengebirgen
  Rings umgrünt, an dem Ufer der hellerglänzenden Donau.
  Doch, o! wer erspäht’, auch schärferen Blickes, noch jenseits,
  Bis zu dem bläulichen Kranz der Karpathen hin, und den Marken
  Mährens der Menschen Wohnungen all’ in unendlicher Landschaft?
  Seh’t, g’en Westen, den Traunstein dort: er senket den Felsfuß
  Tief in den Gmundner See: die Zierde des Oberen-Oestreichs.
  Näher erglänzet die Tillisburg, die im ruhigen Thalgrund
  Birgt Sanct Florians Stift, das Haus ruhmwürdiger Chorherrn.
  Dann erhebt der mächtige Briel, und drüben der Oetscher
  Noch das Haupt zum Gewölk, und rings bis zum östlichen Schneeberg,
  Der nach der Wiener-Neustadt schaut, der _Immer-Getreuen_,[9]
  Sehet ihr Berg’ auf Berge gethürmt, erschütternden Anblicks.
  Nur verhüllt uns der Kahlenberg mit seiner Karthause
  Wien, die Kaiserstadt, und das weitverbreitete Marchfeld,
  Wo jetzt Ottgar lagert, und dort auf blutigen Kampf sinnt;
  Doch wir biethen ihm lieber die Hand mit dem friedlichen Oehlzweig,
  Als daß er fühle den Schlag der eisernen, niedergeschmettert.
  Ha, dieß Bild entschwind’ euch nie, das heute so wonnig
  Uns enthüllten die Höh’n des Lilienfelder-Gebirges!“

    Eiliger wandt’ er jetzt die Schritte zurück, in der Hütte
  Noch dem frommen Klausner zu nah’n -- zu vernehmen des Segens
  Laute von ihm, und ach, wie ergriff ihn Angst und Entsetzen,
  Als er geöffnet die Thür’, und ihn, vor dem Bild des Erlösers
  Auf den Knie’n, im Gebeth, mit gesunkenem Haupt und zum Boden
  Starrendem Aug’, ersah -- doch stumm, und erblasset im Tod schon!
  Lange staunt’ er, bewegt, den Verblichenen an, und enteilte
  Dann der Hütt’. In des Augenblicks entschwindendem Zeitraum
  Schwangen die Reiter sich all’ in den Sattel,
              und trabten ihm, schweigend,
  Nach, zum Kloster hinab, wo er, tieferschüttert im Geist noch,
  Anbethend, weilt in dem Gotteshaus’, und dann in dem Kreuzgang
  Wandelnd, hinauf in das Schlafhaus stieg in der Stunde des Mittags.
  Hundert Schritt’ entlang, auf mächtige Säulen gegründet,
  Wölbete dreifach die Halle sich auf: nur dämmerndes Zwielicht
  Brach durch farbiges Glas der zierlichgestalteten Fenster.
  Ernst ergriff ihn das Bild der Vergänglichkeit, als er mit Ehrfurcht
  Staunte dem Bau. „Du sollst“, so lispelt’ er leise für sich hin,
  „Eiserngefügt, mit Stolz auf die wechselnden Zeiten herabschau’n;
  Aber vielleicht, daß nach sechs Jahrhunderten, oder nach sieben
  Du in dem Schutte versinkst, wenn dort die prasselnde Flamme
  Ueber dir braust, und vergeblich des Wanderers Auge dich suchet!“[10]

    Sieh’, da nahte des Klosters Abt mit den Brüdern, und sagte:
  „Herr, du zürnest uns wohl? Wir säumten den Herrscher zu grüßen!“
  Doch der Kaiser begann: „Nicht euere Schuld ist es, wahrlich:
  Denn ich schlich gar leise herein, als käm’ ich, ein Späher.
  Jetzo gedenkt, Herr Abt, mit sorglicher Liebe zu einen
  Staub dem Staub’, aus welchem er kam: die Leiche des Klausners,
  Der in dem Herrn entschlief, in der einsamen Hütte der Alphöh’n.“
  „Weh’,“ entgegnete jener bestürzt, „so schwand auch der Segen
  Von den Alpen mit ihm: denn seinen erhörten Gebethen
  Dankten sie ihr Gedeih’n, und des Segens Fülle die Hirten!
  Aber nicht zeitlichen nur, auch ewigen wußt’ er zu spenden.
  Liebend brach er das Brot den Großen und Kleinen -- versteht mich
  Wohl, erlauchtester Herr: das Brot des göttlichen Wortes,
  Das die Seel’ ernährt, und stärket für immer und ewig!
  Aber woher er kam; weß’ Landes und Stamm’s er gewesen,
  Hat noch keiner enthüllt. Versenkt in düstere Schwermuth,
  Kam er in frühester Jugendzeit auf die Alp’, und erbaute
  Dort die Capelle, geweiht dem Dienste der seligsten Jungfrau.
  Weniges sprach er nur, mit den Worten geizend -- mit Werken
  Himmlischen Wohlthuns nicht: ein Heiliger allen verehret.
  Morgen wollen wir ihn mit der Seelenmeß’ und dem Bußpsalm
  Würdig zur Erde bestatten, und ihm erhöhen den Denkstein.“

    Jetzo erscholl mit freudigem Ruf Drometengeschmetter
  Von dem Wege heran, der Zell’ entgegen -- der Jungfrau
  Gnaden-Zelle, führt, wohin, wie der Hirsch nach dem Bronnen
  Schmachtet, unzählige Pilger zieh’n mit sehnendem Herzen
  Nach dem Segens-Born der göttlichen Huld und Erbarmung.
  Hell erglänzte das Aug’ und die Wange des Kaisers. Er eilte
  Rasch die Stufen herab: denn Albrecht, sein ältester, kam jetzt
  Her aus den rheinischen Gau’n mit tapferen Scharen gezogen.
  Laut begrüßt’ er den nahenden Sohn, und both ihm die Hand dar,
  Freundlich und mild; doch warm erwiedert’ es dieser, und innig,
  Obschon er düstern Gemüths nie lächelte. Siehe, zur Heerschau
  Hatt’ er die Krieger in Reihen gestellt! Mit stolzem Vertrauen
  Wies er ihm erst fünfhundert aus Zürch, die im Kampfe der Markgraf
  Hochberg lenkt; dann jene von Kyburg, Salm und Luzern her:
  Dreimal so viel’ an der Zahl, die Nürnbergs tapferer Burggraf,
  Friedrich, erkiesend, im Felde beherrscht, und wies ihm dann endlich
  Jene, den ersteren gleich an der Zahl, die er selber in Schwabens
  Heiteren Gau’n jüngst warb, und jetzo zum Kampf und zum Sieg führt:
  Lanzengewaltiges Volk, mit Helmen bewehrt und mit Schilden.
  Aber hinab und herauf vor den Reih’n erging sich der Kaiser
  Dort mit zögerndem Schritt’. Er sah mit freundlichen Blicken
  Jedem Krieger in’s Aug’; erzwang ihm ein Lächeln, und fragt’ ihn:
  Wie’s ihm erging seither? -- bei’m Nahmen die Tapferen rufend.
  Manchem strich er das rauhe Gesicht mit der Rechten; dem andern
  Faßt’ er die Hand, und verhieß ihm des Kampfs Arbeiten die Fülle:
  Da er schon alle zuvor im furchtbarn Felde der Waffen
  Sah, und erprobte den Muth und die Kraft des einen und andern.

    Jetzo begann der Sohn dem herrschenden Vater zu künden:
  Wie er das Kriegsvolk warb in der Heimath -- d’rauf an den Marken
  Schwabens vereinte zum Heer’; wie er schnell g’en Ulm an der Donau
  Zog, wo zuerst der Strom den breiteren Rücken zur Fahrt beut;
  Dann’ in Schiffen herab, durch Bayerns gesegnete Fluren,
  Also durch Oestreichs obere Gau’n nach Enns, und gelandet,
  Nach Stadt-Steyer geeilt, die am hellerglänzenden Waldstrom
  Vielfach den Wand’rer ergetzt durch eisengestaltender Meister
  Sinnigen Fleiß, und jetzt unwegsame Schluchten durchirrend,
  Kam nach Zell, wo sich an der Gnadenquelle die Krieger
  Alle reinten von Schuld, und des himmlischen Brotes genossen.
  „Doch,“ so erzählt’ er fort, „wie erhob mich,
              nicht ferne dem Ziel mehr,
  Heut’ in dem dunkeln Oetscherthal’ ein Wunder der Allmacht!
  Vor mir sprang ein flüchtiger Gemsbock fort in des Weges
  Krümmungen. Ich, von Jagdlust heiß, verfolgte den Kühnen
  Seitab, bis er vom Rand der steilabgleitenden Felswand
  Stürzte zur Tiefe hinab, und zerschmetterte dort die Gebein’ all’.
  Aber der Rückgang schien auch mir versagt, und ich wand mich
  Mühesam nur, die Schluchten entlang, zu lichteren Stellen.
  Plötzlich ergriff mein Ohr ein Donnergetümmel: die Felsen
  Drönten umher; stets furchtbarer scholl aus der Schlucht,
              wie ich nahte,
  Stürzender Fluthen Gerausch’, und erfüllte die Thäler mit Schauder.
  Doch nun war errungen der Stand. Von des schwindligen Felsens
  Schmalvorragendem Riff’ ersah ich, vor freudigem Schrecken
  Selber zum Stein erstarrt, des Waldstroms Fall in den Abgrund:
  Denn vor mir aufthürmte sich hoch der gespaltene Felsberg
  Oben am Rand nur sanft zur Rechten gebogen, und dorther
  Stürzt, ein raschvorstürmendes Ungethüm, nieder die Lasing.[11]
  Ha, wie Fluth auf Fluth und Wog’ auf Woge sich dränget,
  Rastlos; dann, erbebend dem Sturz’, aufheult, und die Stimme
  Aller, vereint, zum furchtbarn, schrecklichen Donnergetös’ wird!
  Wie sie sich fassen im Flug, mit eh’rnem Geprassel die Klippen
  Schlagen, und schäumen vor Wuth; wie sie von dem Felsen herunter
  Fort und fort, den jähabrollenden Schnee-Lawinen
  Gleich, im kreisenden Schwung sich wälzen, und stürzen, und ewig
  Rauschen, und brausen, daß rings die waldigen Höhen erzittern.
  Ueber die Berg’ empor, in die hehren Gefilde der Wolken
  Fleugt der glänzende Staub zerschellter Gewässer, und dreht sich,
  Wirbelnd, im eisigen Hauch des stromgeborenen Windes.
  Doch als dort in die Felsenschlucht, am glänzenden Mittag,
  Freundlich die Sonne schaut, da haucht sie in vielfacher Wölbung
  Hin auf das wirbelnde Naß den siebenfarbigen Bogen,
  Der die stürmende Brust mild sänftiget: so wie er Noah
  Einst erquickte das Herz, ein Zeichen der hohen Verheißung.
  Wahrlich, entzückend schön, und erhebend dem fühlenden Menschen,
  Pranget der Lasingfall in Oestreichs hehrem Gebirgsthal!“
  Aber er horchte den Worten des Sohn’s mit Lust, und geboth dann,
  Laut, dem Volke zu Fuß und den Reitern den eiligen Aufbruch.

    Staunend ersah’n die Krieger zuvor, an der Seite des Kaisers
  Müllern im Ritterschmuck -- den ebenbürtigen Bürger
  Zürcher Stadt; sie sah’n es, und lispelten, wiegend das Haupt noch,
  Einer dem andern die Frag’ in’s Ohr: „was solches bedeute?“
  Jener gewahrt’ es, und, sich im kreisenden Schwung in den Sattel
  Hebend, lenkte den Rappen herbei; dann heischt’ er von Diesem,
  Jenem die Rechte zum Gruß, und preßte sie, heiß in der seinen.
  Aber da kam, erglühenden Blicks, der Kaiser, und sagte:
  „Staunt nicht fürder, daß ihr im Ritterschmucke den Bürger
  Euerer Stadt erblickt. Allmänniglich ist es bekannt ja,
  Wie er in großer Gefahr mit tapferem Muth mir das Leben
  Rettete: d’rum auch werth und würdig des Standes der Edeln;
  Aber nicht Müllern nur, auch jeglichem steh’ ich als Schuldner,
  Der so, wie er dem Kaiser und Reich sich verdingte: Rudolphus,
  Kaiser des Reichs, wird ihm die Schuld mit Wucher bezahlen.“
  Sagt’ es, und schwang sich auf’s wiehernde Roß. Zum freudigen Aufbruch
  Scholl die Dromet’, und schnell g’en Wien bewegte der Zug sich.

    Sieh’, in des Abends Grau’n, gewiegt von gaukelnden Lüftchen,
  Rauschte das Laub in dem Weidenhain, der nahe den Mauern
  Drösings, am Hügel empor sich hob, und im schlängelnden Waldbach,
  Längs dem duftenden Thal sich spiegelte! Völlig verhallt war
  Nun des Kampfes Getös’ -- erstürmt die Veste. Die Gegner
  Wichen, bezwungen, zurück, und Ottgars furchtbare Gattinn
  Sah schon stolz auf das Land, das bald (so wähnte sie thöricht)
  Oestreichs Aar’ entrissen, dem Leu’n von Böhmen zu Theil wird.
  Doch wer ist die holde Gestalt, die, zögernden Schrittes,
  Drüben, den Bach entlang, hinwandelt in sinniger Schwermuth?
  Hedwig, ihr’ Erzeugte, die Wonne des herrschenden Vaters,
  Und der Liebling des Volks, geliebt, und bewundert von allen.
  Aber warum erbebt ihr hochgesinnetes Herz nun
  Unter der sanftvorwölbenden Brust? Entlockte der Thränen
  Hellerglänzendes Paar, das über die rosige Wang’ ihr
  Träufelte, tiefverborgener Gram, und die Einsame geht nun
  Solches dem spähenden Blick der furchtbarn Mutter zu bergen?
  Ach, nicht der Mutter allein -- auch allen den Sterblichen ringsum,
  Ja, sich selbst, und sogar dem Allerforscher im Himmel,
  Bärge sie gerne den Gram, dem heute die Thränen geflossen!
  Doch nun hemmt sie den Schritt. An den Stamm des schattenden Baumes
  Stützend den Arm, und pressend die Wang’ in die Höhle der Linken,
  Hebt sie das Aug’, voll Himmelsbläu’, empor zu den Sternen.
  Seitwärts sank von der hellen Stirn’ ihr des bräunlichen Haupthaars
  Ringelnde Meng’, und hing von den Schultern zugleich, und des Nackens
  Schöner Säul’ an dem schneeigen Faltengewande hinunter,
  Das dicht unter der schwebenden Brust der goldene Gürtel
  Lieblich umfing. Nicht kam von den funkelnden Sternen ein Lichtstrahl
  Ihr in die grau’numnachtete Brust. Sie starrte, verstummend,
  Lange vergeblich empor; doch jetzt mit lispelndem Laut nur,
  Und umschauend mit Angst, begann das jammernde Fräulein:
  „Ha, vernichtendes Bild -- entsetzlich, und furchtbar, und dennoch
  Himmlisch zugleich aufschwebst du vor mir, umgaukelst mich rastlos,
  Und bethörst mir den Geist mit tiefverwirrendem Schwindel!
  Wallstein -- Gott! Wen nannt’ ich? Sein Nahm’ entriß sich den Lippen
  Mir, der Unglücklichen jetzt, und ach, der holdeste Laut wär’s;
  Süßer als Harfengetön’ in des Mondlichts freundlichem Schimmer,
  Klang’ er mir in dem Ohr’, dürft’ ich ihn nennen -- ich darf nicht!
  Glückliche Menschen ihr, die ihr dort in der niedrigen Hütte
  Wohnt, wo des Throns augblendender Glanz nicht das Herz von dem Herzen
  Trennt, dem ihr’s auf immer geweiht: wie zög ich so freudig
  Hin den dunkeln Pfad, der euch beglückend zum Ziel führt!
  Weh’, wie sprach ich? Wohin entschwand mir jede Besinnung!
  Grünende Matten, du murmelnder Bach, und ihr Sterne da oben
  Sagt es nicht, was ihr gehört. Du Mutter des Heiligsten, Besten,
  Huldvolle Maid, nah’ mir, der armen Verirrten, zur Rettung!
  Billig haßt’ ich ihn. Ha, wie verwegen er jüngst zu den Knie’n mir
  Sank -- ich bebte vor Angst, in des Gartens umschattendem Laubgang;
  Wie er mir faßte die Hand, an die glühenden Lippen sie pressend,
  Bleich aufstarrte zu mir! Nicht soll er fürder mir nahen.
  Doch wer eilt im Dunkel daher? Ich stürbe vor ihm jetzt.“

    Sagt’ es, und wollt’ entflieh’n: da trat ein edeler Ritter,
  Schimmernd im tönenden Waffenschmuck’, in der Stille des Abends
  Ihr in den Weg, und sprach: „Gönnt mir, holdseliges Fräulein,
  Freundlich Gehör! Von Eginhards Geschlechte geboren,
  Folg’ ich, ein Rittersmann, der Fahne des Königs von Böhmen,
  Eures Erzeugers, und doch, erschrecket nicht, steh’ ich, ein Anwald
  Seines Gegners, vor euch. Ich komme, gesendet von Hartmann,
  Rudolphs Sohn’, der euch schon lange zum Gatten erwählt ist:
  Denn in dem rosigdämmernden Licht unschuldiger Kindheit
  Wollten zu eh’lichem Bund’ euch die liebenden Aeltern vereinen,
  Ehe des schrecklichen Jammers Grund, die Krone der Kaiser,
  Feindlich die Fürsten schied, und her auf das eiserne Schlachtfeld
  Zog. Doch hört: mich hob er zuvor mit dem Speer’ aus dem Sattel,
  Als ich die flüchtende Schar aus den kühneroberten Mauern
  Drosendorfs verfolgt’, und ihn selber bestand auf dem Heerweg.
  Aber er schenkte das Leben mir, und die Freiheit -- auf Ritters
  Redliches Wort d’rob heischend die Pflicht:
              daß ich brächte die Bothschaft
  Her, und zurück, wie es euch Bescheid zu geben, genehm ist.
  Ach, er hat euch jüngst, so sprach er mit leuchtenden Augen,
  Wiedergeseh’n nach Jahren voll Grams, und nimmer entschwindet
  Mehr ihm das Bild der holderblüheten Jugendgefährtinn!
  Nicht entfloh ihm die Hoffnung noch des ersehneten Friedens.
  Mild schlägt Rudolphs Herz: er biethet dem tapferen Ottgar
  Freundlich die Hand. Vielleicht, daß bald die gesonderten Krieger,
  Die jetzt noch, blutdürstenden Blicks, nach den Lagern hinüber
  Schau’n, und, geballt, erheben die Faust: voll dräuenden Ingrimms
  Gegen einander zu wüthen bereit, vernehmend des Friedens
  Fröhlichdrometenden Ruf, in die Scheid’ ihr blitzendes Eisen
  Bergen, und mitten im Feld mit lautem Gejauchz’ sich die Rechten
  Schütteln, und ganz vergessen des Grimms in froher Umarmung.
  D’rauf zerstreuen sich all’. Auf den stäubenden Straßen erschallet
  Sang und Klang. Bekränzt mit grünenden Reisern, enteilen
  Sie zur heimischen Flur, um dort in den Blicken der Lieben
  Jetzo des Wiedersehn’s erschütternde Wonne zu lesen.
  Dann aufdämmert auch ihm, dem euch die liebenden Aeltern
  Einst verlobten, der Tag ersehnter, unendlicher Wonne.
  Doch so ihn tröge der Hoffnungs-Strahl, und die waltenden Herrscher
  Sich bekämpften mit eisernem Trotz’ -- o, hört ihn! Er frägt euch:
  Wollt ihr auch dann noch treu dem geschlossenen Bund euch erweisen?
  Fromm, und gut ist des Kaisers Erzeugter gesinnt: auf dem Schlachtfeld
  Hob sich sein Ruhm, und Deutschlands throngeborene Jungfrau’n
  Schau’n mit sehnlichem Blick nach dem herrlichgestalteten Mann hin.
  Nur kargt er mit den Worten: es wohnt stets düstere Schwermuth
  Ihm auf der Stirn’ -- und im Herzen nach euch unendliche Sehnsucht.“
  Also sprach er, und harrte, bewegt, der entscheidenden Antwort.

    Hedwig sann für sich hin; nach dauerndem Schweigen begann sie:
  „Wohl ist Rudolphs trefflicher Sohn, der tapfere Hartmann,
  Mir bekannt -- ich ehre den edelgesinnten Jüngling;
  Aber getrennt hat uns des Schicksals eherner Rathschluß,
  Wandelnd in Haß, und nieversöhnliche Feindschaft der Aeltern
  Herzen um uns: ich steh’, entledigt der frühen Verlobung.
  Ach, und sollt’ in dem Kampf auch mein Erzeuger dem seinen
  Unterliegen, und ich, die Tochter des mächtigen Ottgar,
  Dem Europa’s Völker umher sich beugen, voll Ehrfurcht,
  Stürzen hinab in den Staub der schmachbelasteten Armuth:
  Dennoch würd’ ich nicht Rudolphs Sohn zum Gatten mir kiesen!
  Und, da nur ein einziges Wort entscheidet für immer,
  Künd’ ihm: ich hätte gewählt -- für den Einen gelobt’ ich zu leben.“
  Also floh ihr das Wort von den zitternden Lippen. Sie wandte
  Heim nach der Stadt die furchtbeflügelten Schritt’, und der Ritter
  Eilte davon, beschwert mit der trauererregenden Bothschaft.



  Dritter Gesang.


  Ha, schon lockte der Kampf des Geisterreiches Bewohner
  Aus dem übersinnlichen Raum’, und den Tiefen des Erdballs,
  Mächtigen Zaubers herbei! Auch _Marbod_,[1] der edele Markmann,
  Kam. Nicht im übersinnlichen Raum ergetzte das Licht ihn
  Seither: denn er saß, versunken in düstere Schwermuth,
  Dort in des Erdballs Schooß wohl zwölf Jahrhunderte lang schon,
  Seit er getrennt sich sah von der liebenden Gattinn, Erwine,
  Die, in dem Todeskampf’, ihm die Hände mit weinenden Blicken
  Reichte zum letzten Mal’, und dann, viel reineren Herzens
  Denn ihr Gemahl, empor zu glänzenden Räumen sich aufschwang.

    Marbod herrschte, von Kraft und glühendem Muthe beseelet,
  Ueber ein tapferes Volk: Markmannen genannt in den Reihen
  Mächtiger Stämme des deutschen Vereins. Von Schwabens Gefilden
  Her, die norischen Alpen entlang, Pannonien nahend,
  Wo in der Ostmark sich am Ufer der mächtigen Donau
  Vindobona erhebt, bis hin zu den Höhen der Heünburg[2]
  Schirmten gegen den Feind, im Rücken der Berge, die Marken,
  Sie des gemeinsamen Vaterlands, als mannhafte Streiter.
  Aber dem schrecklichsten dort, der allzermalmenden Roma,
  Ferne zu stehen, und ihm einst kühn zu begegnen im Schlachtfeld,
  Zog er nach Bojenheim; verjagte den Gothen-Beherrscher
  Katwald; gründete sich ein Reich und die Stadt an der Moldau,
  Marobud,[3] und ward gefürchtet umher in den Ländern.
  Inguiomar, der Ohm des tapfern, cheruskischen Hermann,
  Floh, von diesem gehaßt, zu Marbod. Sie kämpften im Marchfeld
  Lange die blutige Schlacht, und es rühmten sich beide des Sieges.
  Aber an Hermanns Macht, des glücklichen, schlossen die Scharen
  Marbods sich an. Da entriß, mit den Römern verbündet, ihm Katwald,
  Stürmend, die Burg Mar’bud, und entthront’ ihn. Ach, er vertraute
  Roma’s täuschender Huld, und starb in den Mauern Ravenna’s
  Arm -- ein Zeuge des wechselnden Glücks auf irdischer Laufbahn!
  Doch nun kam er herauf, und wandte sich rasch nach den Fluren
  Oestreichs, das er mit Bojenheim sein nannt’ in der Vorzeit.
  Bald gewahrte sein Aug’ auf des Lilienfelder Gebirgs Höh’n
  Drüben die Ritterschar blondhaariger Deutschen. Er schwebte
  Jetzt in sausender Eile dahin, und so, wie der Geier
  Schnell von dem Felsenhorst nach dem dunkeln Thale herabfährt,
  Weil er im Laub hellschwirrende Vögel erspähte: so blitzschnell
  Fuhr er herab. Er staunte: wie hier die ermüdeten Krieger
  Schlummerten; dort, zu dem Bild des Gekreuzigten, einer der Helden
  Flehend rang, und ein Greis ihm naht’ in erschütternder Hoheit;
  Hörte: wie jenem der Greis der tiefverborgenen Zukunft
  Dunkel enthüllt’, und Habsburgs Ruhm mit unzähliger Völker
  Glück in seinem Geschlecht verkündete: schauend im Geist dort
  Oestreichs Größ’, und in Wonn’ erbebend den hehren Gesichten.
  Aber vor allem ergriff des stattlichragenden Herrschers
  Näh’ ihn, der, entsprossen aus seinem Stamm’, in des Aargau’s
  Thälern die Burge der Ahnen bewohnt’, und von allen gepriesen
  Als der Schirmer des Rechts, zum erhabenen Kaiser der Deutschen
  Jauchzenden Rufes erwählet ward. „Doch biethet ihm jetzo,“
  Also sagte zuvor der Greis auf den luftigen Alphöh’n,
  „Ottgar furchtbarn Kampf, und er soll in dem Waffengefild nur
  Dann erringen den Sieg, wenn ihm“ -- welch’ dunkele Reden! -- „In
  umdrängender Noth vom Munde des Herzens Gelübd’ tönt?“
  Dacht’ es, und eilte, die Heeresmacht des gewaltigen Königs
  Drüben am Ufer der March, durchdringenden Blick’s, zu erforschen;
  Rudolph helfend zur Seite zu steh’n; in dem Seelenverein ihm
  Stets zu erregen das Herz zu ruhmverherrlichten Thaten,
  Und zu enthüllen die List auflauernder Feind’ in dem Feldzug.

    Dort, wo im schimmernden Zelt’, umfangen von nächtlichen Schatten,
  Ottgar eben, vereint mit den tapferen Helden, zu Rath saß,
  Hielt er, schwebend, und sank, wie der Aar, der hoch aus dem Luftraum
  Auf die kreischenden Jungen sich senkt, vor dem Zelte herunter;
  Doch wie erwachte sein Zorn, als jetzt Drahomira die Recht’ ihm
  Lächelnd both, im Wahn: er nah’ als Verbündeter Freund ihr.
  Grimmig sah er sie an; sie lächelte wieder, und sagte:
  „Ha, nicht hast du die Knie’ vor des Menschen-Sohne gebeugt einst,
  Du, in dem Lande der Frei’n Geborener: hast in des Eichwalds
  Schauriger Nacht, noch triefend von Blut, geopfert den Göttern --
  Zwar erschuf sie der Wahn, doch hatten wir Schuld an dem Irrwahn
  Dort? Jetzt nähr’ ich ihn kühn -- will nie dem stolzen Gewaltspruch
  Huldigen. Komm, und stehe mit mir im Bund des Verderbens.
  Stark ist mein unbändig Gemüth: dir will ich auf immer
  Thatengenossinn seyn auf der Bahn, die Empörung genannt wird
  Von dem Beherrscher des All’s. Wir wandeln sie muthig und kühn fort,
  Wie er es will, uns fern von des Lichtreichs Gränze verbannend.
  Uns vereine das gleiche Geschick und die gleiche Gesinnung:
  Ottgar falle besiegt; Kunegund’ sey Herrscherinn! Mir gleich
  Trägt sie im Busen ein Herz, voll Kraft, und unbändiger Kühnheit.“
  Aber sie lockt’ ihn umsonst: aus der Bläue der trotzigen Augen,
  Die, vom röthlichen Haar umwallt, einst, Gegnern zum Schrecken,
  Glüheten, sah er, verachtenden Blicks, auf die Zauberinn nieder;
  Wandt’ ihr den Rücken, und fuhr in den Raum des Zeltes herunter:
  Denn ihm schwebt’ Erwinens Bild vor den Augen, und Thränen
  Trübten sie schnell, da er jetzo, bewegt, der Sanften gedachte.
  Doch als sie in dem Kreis’ der Versammelten hier Kunegundens
  Herz mit verblendendem Zorn und Haß zu erfüllen bedacht war;
  Ottgar selbst, von dem Weib’ empört, dem Herrscher der Deutschen
  Grause Vernichtung sann; Verrath in den Mauern der Hauptstadt
  Gegen ihn dräuend sich hob, und, „Rache,“ die Losung des Heers war:
  Ha, da flog der entrüstete Geist in Eile von dannen!
  Eben erglühte das Morgenroth, erneut, wie der Hoffnung
  Herzerheiternder Strahl, an dem östlichen Himmel. Er fühlte
  Ruh’ in der stürmischen Brust, und schwebte hinan zu den Zinnen
  Wiens, wo er bald mit ringsumspähendem Blick im Gebein-Haus,
  Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen,
  Rüdiger Waldram fand, der dort mit den Bürgern zu Rath saß:
  Rudolphs Feinden die Veste noch heut zu verrathen, entschlossen.
  „Seht,“ so sprach er, „uns frommt’s des ruhmverherrlichten Ottgars
  Herrscherthron zu erhöhen in Oestreichs blühender Hauptstadt.
  Wir sind Bürger der Stadt, und erfuhren es all’ in der Wahrheit,
  Daß uns Rudolphs Macht, des stolzaufstrebenden Fremdlings,
  Schon in dem früheren Völkerkampf nicht zu schirmen vermochte.
  Seine Heimath ist fern -- ein Aargau’r bleibt er noch immer.
  Flieht den Leu’n im güldenen Feld: _roth_ glüht er vor Ingrimm;[4]
  Aber euch sey in dem Purpurfeld der _weiße_[5] willkommen,
  Selbst vor dem Doppelaar, den Kaiser Friedrich, der And’re,[6]
  Hier zum Wapen uns gab. Nun hört’, ihr Getreuen! Erschallen
  Wird vor dem Stubenthor im mitternächtlichen Grauen
  Dreimal ein Glöckchen. Es ruft uns zur That: denn kühne Gesellen,
  Von dem König der Böhmen gesandt, durcheilen den Wehr-Gang
  Außer der Veste, wo ich in Menge die tödlichen Waffen
  Heute gehäuft. Wir öffnen das Thor, und, wißt es: verrathen,
  Oder errungen im Blut -- uns gleich! wir biethen die Stadt ihm
  Morgen zum Unterpfand des jüngstbeschworenen Bundes.
  Eilt nun heim, und gedenket des Muths,
              und des herrlichsten Lohn’s nur!“
  Schweigend reichten ihm jene die Hand, und eilten von dannen.

    Aber mit Schrecken vernahm den schnöden Verrath an dem Kaiser
  Marbod im schwebenden Flug’, und sann, wie er solchen vereitle.
  Jetzt entschloß er sich rasch, zu nah’n im warnenden Traumbild
  Hugo von Tauffers, dem Greis’ unbändigen Muthes im Schlachtfeld,
  Dessen gewaltiger Feldherrnkraft die Veste vertraut war.
  Wie sich ein Nebelgewölk hersenkt auf die dämmernden Berghöh’n:
  Also nahet’ er ihm, und wies in der Tiefe des Grabens,
  Außer dem Stubenthor’, ein Heer von Wölfen: sie folgten
  Eilig dem Weidmann nach, der wildanlockenden Köder
  Trug in der Hand, und Waldram glich, voll triegender Arglist.
  D’rauf durchstürmten sie das eröffnete Thor, und erwürgten
  Ringsum Kinder und Greis’, und lautaufheulende Mütter
  So, daß das Blut durchwogte die Stadt, wie ein brausender Gießbach,
  Der im regnigen Herbst mit schäumenden Fluthen daherfleugt.
  Stöhnend entwand sich der Held dem Traum’, und sagte, verwundert:
  „Wahrlich, mir führte die Nacht noch nie so klar und lebendig
  Gaukelgebilde des Schlafs an der Seele vorüber. Mich dünket,
  So ich es recht erwäg’ im Gemüth: ein warnender Traum seys!“
  Und er erhob sich behend’, um die Veste besorgt in dem Herzen.

    Jetzt erscholl ringsher von den hochaufragenden Wällen,
  Mächtiger stets Drometengetön’, und unzählige Glocken
  Weckten mit ehernem Schall des Volks unendlichen Jubel:
  Denn von des Berges Höh’n, wo die Spinnerinn saß an dem Kreuzbild,
  Kam Kriegsvolk, und vor ihm der erhabene Kaiser. Die Sonne,
  Die sich im rosigen Osten erhob, sog blitzende Strahlen
  Aus dem stählernen Kleid der Gewaffneten, herrlich zu schauen!
  Rührend zugleich, und herrlicher noch: wie, inmitten des Volkes,
  Das entgegen ihm zog, im Geleit zwo lieblicher Töchter,
  Agnes und Adelheid, und Hartmann, ihres Erzeugten,
  Man die Kaiserinn trug in der Sänfte. Die Mutter der Armen
  Hieß sie dem Volk’, und hieß die trefflichste Mutter und Gattinn:
  Mild sich bewährend an allen zugleich, ein Engel an Sanftmuth;
  Doch sie naht’, abzehrend, des Lebens Ziel’, und auf einmal
  Welket sie hin wie die Blume, versengt vom giftigen Mehlthau.

    Draußen in Matzleinsdorf, wo fromme Verehrer ein Standbild
  Weihten dem Sankt Florian, dort hob Jahrhunderte lang schon
  Eine Linde sich auf, die mächtigen Zweige verbreitend
  Rings, und biethend in Sommers Zeit umschattende Kühlung
  So dem Pilger zugleich, wie dem schwerarbeitenden Löhner.
  Dort geboth er die Rast, und grüßte die nahende Volksschar
  Freundlichen Blicks. Doch jetzt, die treffliche Gattinn gewahrend,
  Trat er zu ihr, und führte sie sanft zum beschatteten Sitz hin.
  Wie ihm die liebende Brust auch blutete, sie an des Lebens
  Kraft so erschöpft, und ach, dem Tode verfallen zu schauen;
  Dennoch bezwang er den Schmerz, und sah ihr noch heiter in’s Antlitz!
  Aber das liebliche Paar der Töchterchen legt’ ihr das Kissen,
  Unter den Füßen zurecht, und wand das Tuch ihr mit Sorgfalt,
  Um die erschütterte Brust: der dräuenden Kühle gedenkend.
  Doch sie sprach zu dem trauten Gemahl, verweisend mit Sanftmuth:
  „Gar nicht erwägest du, ach, wie des Vaters die Kinder bedürfen --
  Meiner, der Mutter, nicht mehr: denn schon gewahr’ ich sie mündig
  Alle vor mir, und bewahrt, mit Gott, in jeglichem Guten!
  Rastlos sucht dein Geist nur Müh’ und Arbeit: die Tag all’
  Schwinden dir hin, und die Nächte, gesammt, in ewigem Streben
  Nach dem erkorenen Ziel’, und die Ruh’ erquicket dich nimmer.
  Auch bestehst du zu oft und zu kühn die Gefahren, als Herrscher;
  Zogst auch jetzo hinauf g’en Lilienfeld in dem Waldthal
  Nur mit schwachem Geleit, und leicht wohl hätte die Heimkehr
  Dir der Böhme verwehrt, so ein arger Verräther es kund that.
  Weh’, und neu entflammt sich der Krieg! Von neuem beginnst du
  Wieder den blutigen Lauf, und, ob auch die liebende Gattinn,
  Ob die Mutter vergehe vor Angst, und die Kinder, verwaiset,
  Schreien nach dir -- umsonst: du kennst, Tollkühner, die Furcht nicht!
  Ach, erhob dich die Huld der ewigwaltenden Vorsicht
  Nicht auf den Thron, daß du beglückest unzählige Völker;
  Führest den Frieden zurück’ in die sturmerschütterten Gauen
  Deutschlands, unseres Vaterlands, und erhebest die Ostmark,
  Deinem Geschlechte zum Ruhm -- zum Sitz’ unendlichen Segens?“
  Jener entgegnet’ ihr sanft: „Nicht also gedacht, und gesprochen
  Hast du, Theure, zuvor in den blühendentfalteten Jahren,
  Als in den Kampf dein Held auszog. Du reichtest die Waffen
  Selber ihm dort, vom Staub sie reinigend, oder vom Blutrost
  Oft mit dem Hauche des Mund’s und den zartgestalteten Fingern,
  Und umgürtetest ihn mit dem Schwert, nach ad’liger Sitte.
  Zwar dir pochte die Brust, und die rosigerglühenden Lippen
  Zitterten ob den Gefahren des Kampfs; doch immer bezwangst du,
  Schweigend, die Angst, und theiltest die Freude des kehrenden Siegers:
  Denn nicht eitelen Ruhm, nicht schnöden Besitz zu erjagen,
  Lag ich draußen im Feld; nie schaffte mein Eisen das Eigen
  Armer und Waisen mir heim: nur diese zu schirmen -- zu rächen
  Unterdrückung und Schmach der Unschuldigen, zog ich mit Macht aus,
  Wie es die Ritterehre geboth. Auch jetzo, gezwungen
  Nur, entreiß’ ich das Schwert der rostenden Scheide. Des Friedens
  Bothen, erhaben an Rang und Verdienst, entsandt’ ich in’s Lager
  Ottgars erst: wohl mir, so er beiden ein günstiges Ohr leiht!
  Doch so er taub verschmäht den ein- und den anderen: dann sey
  Gott befohlen mein Haupt. Ich muß ja leben, und sterben,
  Wie es der Völker Wohl und des Herrschers heilige Pflicht heischt.
  Mög’ er Tröster dir seyn, und das Leben noch lange dir fristen
  Mir zur Freud’, und den Kindern zum Glück’, auf immer und ewig!“
  Jetzo erhob er sich rasch von der steinernen Bank mit der Gattinn;
  Winkt’, und reicht’ ihr, zum Scheiden, die Hand.
              Durch quellende Zähren
  Sah’n sie lang’ einander in’s Aug’: die Zitternde sank ihm
  Dann, voll Hast, an die Brust, und küßte das pochende Herz ihm.
  Angst ergriff das Volk, und ihr’ Erzeugten verhüllten,
  Weinend, das Aug’: sie kehrete heim nach der einsamen Hofburg.
  Ach, nicht sieht er sie mehr, die holde Geliebte der Jugend,
  Nicht die erlesenste Gattinn mehr, nicht die beste der Mütter:
  Denn ihr Lebenslicht soll nun, wie die Lampe verlöschen,
  Die, des Oehles beraubt, nur matt aufflimmert noch einmal!

    D’rauf an der Wien, die träg in den buschigen Ufern sich fortwälzt,
  Führt’ er die Heerschar schnell den Mauern der Veste vorüber:
  Denn nicht wollt’ er die Burg in den Tagen des Kampfes beschreiten,
  Wählend das Zelt zur Wohnung im Kreise der tapferen Krieger.
  Außer dem Stubenthor naht’ ihm mit eilenden Schritten
  Hugo von Tauffers, er, des treuen, tyrolischen Berglands
  Heldensohn, der, jüngst erkoren zum Schirmer der Festung
  Tausend trefflichen Schützen geboth, die er warb in der Heimath.
  „Herr,“ so sprach er ihm leis’ in das Ohr, „nicht wollest du Hugo’s,
  Deines Getreu’n, der lange, fürwahr, den Schuhen des Jünglings
  Schon entwuchs, jetzt höhnen, als aberwitzigen Träumers!
  Wohl ist des Menschen Geschick, zu spielen als Kind an dem Morgen;
  D’rauf an dem Mittag ernst zu wandeln als Mann, -- wie ein Kind fast
  Sich zu geberden als Greis, an dem Abend des wechselnden Lebens;
  Doch, getrost: noch sitzet das Haupt mir fest auf den Schultern;
  Schaue noch scharf in die Fern’, und mir entgehet der Laut nicht,
  Der zu Thaten mich ruft im rühmlichen Felde der Waffen!
  So verkünd’ ich dir jetzt, wie heute am dämmernden Morgen
  Mir ein Wundertraum das Geheimniß enthüllte, daß Gegner
  Drinnen im Schooße der Stadt gehägt, gleich giftigen Nattern,
  Sinnen auf Mord und Verrath. Ich sah an dem heimlichen Wehr-Gang,
  Der, verborgen im dichten Gesträuch, vom Ufer der Donau,
  Vielverschlungenen Zugs, zu dem inneren Graben heraufführt,
  Listigeröffnet die Thür’, und gehäuft unzählig die Waffen:
  Sie zu vertrau’n der würgenden Faust verruchter Gesellen.
  Auch entnahm ich zuvor aus dunkelen Zeilen, daß Waldram,
  Gestern um Mitternacht Rath hielt im grausen Gebeinhaus
  Unter der wölbenden Gruft der Kirche Maria-Stiegen.
  Solches erwäg’, o Herr, und begegne dem schnöden Verrath jetzt!“
  „Horch,“ so gab ihm der Kaiser zurück, „der Huth in der Festung
  Eine sich hier die Schar zweitausend gewaltiger Schweizer
  Heute noch, die, so heiß’ es, erschlaffte die dauernde Heersfahrt!
  Hartmanns Muthe vertraut sey dann die Vest’ und die Hofburg;
  Doch du schwinge dich hurtig auf’s Roß, und reite g’en Theben,
  Wo schon Ladislav, mit der Krone des heiligen Königs
  Jüngst geschmückt, als Freund und verbündeter Kriegesgenosse,
  Unser mit Sehnsucht harrt im Kreise der tapfer’n Magyaren.
  Ihm entbiethe denn unsern Gruß: er solle bereit steh’n,
  Bis von dem Kahlenberg’, in dem mitternächtlichen Grauen
  Hoch die Lohe sich hebt: des Kampfs bedeutender Wink; dann
  Eil’ er herüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
  Sie in dem trocknen Geröhr’, an dem Weidenbache vor Marchek.
  Auch ich werde nicht fern mehr seyn, und ihm einen die Scharen
  Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.“
  Hugo vernahm das Wort -- nicht zweimal braucht’ er’s zu hören:
  Denn er hob sich, behend’, im kreisenden Schwung in den Sattel,
  Jagte davon -- ihm nach der rüstige Knapp’, und in Säulen
  Hob sich der Staub empor in die Luft vom schimmernden Heerweg.

    Doch nun theilten die Schützen Tyrols mit den tapferen Schweizern
  Wiens ruhmwürdige Huth, wie solches der Kaiser gebothen,
  Der das Schwert von der Hüfte sich nahm, und dem tapferen Hartmann,
  Seinem Erzeugten, es gab mit sanftermahnenden Worten:
  „Deinem Muthe vertraut sey jetzo die Burg und die Festung
  Wiens, der herrlichen Stadt. Ein rettender Schild der Bedrängten
  Mögest du seyn, und den Ruhm von deinem Geschlechte bewahren,
  Das von der Habsburg kam, und Oestreich, liebend, zur Heimath
  Sich erkor: ihr Glück auf immer zu gründen, entschlossen!“
  Sagt’ es, und Hartmann trat mit schweigendem Ernst in die Vest’ ein,
  Dort zu gebiethen der Schar wallschirmender, muthiger Völker.
  Trauer umwölkte sein stilles Gemüth. Von den Sterblichen einer,
  Die, durch Prüfung bewährt, des Herrn verborgener Rathschluß
  Wandeln heißt auf der Dornenbahn in die ewige Heimath,
  Wuchs er in Schwermuth auf. Den Gegnern gefürchtet im Schlachtfeld,
  Und von Jeglichem ob des Wissens Reichthum bewundert,
  War er der Aeltern Stolz, und die Freude der edelsten Menschen;
  Doch mißlang ihm oft sein Müh’n und Streben, und ach, erst
  Kündet’ ihm Eginhard des stolzgesinneten Fräuleins
  Liebeverschmähendes Wort. Er hielt sich die Brust mit der Rechten,
  Wo das Herz empörter ihm schlug, und sah zu dem Himmel
  Düsteren Blicks, empor; doch bald bezwang er sich wieder:
  Mit Ergebung vor Gott, und den Menschen zu wandeln, entschlossen.
  Jetzt, so hoch ihn der Ruf des Heldenvaters auch ehrte,
  Inner den ragenden Mauern Wiens dem Feinde zu trotzen,
  Und zu entreißen den Sieg, nicht weckt’ er ihm Freud’ in dem Herzen:
  Denn ihn hieß auf den Kahlenberg zur stillen Karthause
  Pilgern ein frommes Gelübd’, und, wie es nun lösen?
              -- nicht wußt’ er’s.

    Aber es zog auf der Brücke dort, die, einigend Leupold’s
  Außen- und Inselstadt[7] mit dem Land’ und der Vest’,
              in dem Grund fußt,
  Eilig der stattliche Kaiser einher vor den muthigen Scharen.
  Schmal, und getrennt von dem Riesenarm der herrschenden Donau,
  Wogt in der Tiefe der Strom, und umfaßt ein mächtiges Eiland,
  Das im Schooße die Außenstadt und umschattende Auen
  Lieblich vereint, zur Lust des wandelnden Städtebewohners.
  D’rauf im Eilschritt ritt er hinaus auf den schwankenden Bohlen,
  Wo auf dem Riesenstrom sich die Fähren an Fähren, im Halbkreis
  Reihten, dem wachsenden Mond’ an dem Sternenhimmel nicht ungleich,
  Wenn er auf dunkeles Nebelgewölk im Westen hinabsinkt.
  Angelangt an der Spitze, vom Tabor hinaus, wo im Aufeld
  Links an der Straß’, und rechts sein Heer das Lager bezogen,
  Sah er zum Ehrenempfang die Scharen geordnet, und winkte
  Beifall den Amtnern[8] zugleich, und den muthbegeisterten Kriegern:
  Denn schon hob sich ihr Freuden-Geschrei die Reihen hinunter,
  Endlosdauernd im Ruf: „Hoch lebe der Kaiser Rudolphus!“

    Allen voran stand dort der Hauf’ östreichischer Krieger,
  Ober’n und unteren Lands; die letzteren führte Capellen,
  Jene Dietrichstein in das Feld: zehntausend der Männer,
  Die mit dem Panzerhemd, mit dem Helm’, und dem Schilde bewehret,
  Kämpfend zu Fuß, aufschwangen im Feld die tödlichen Lanzen.
  Aber das muthige Volk der Steyrer, der Krainer, und Kärnthner
  Stand an jene gereiht, und, wahrt’ auch der Helm nicht das Haupt ihm,
  Nicht der eiserne Harnisch die Brust; doch würd’ es, den Degen
  Schwingend, durchbrechen im Sturm,
              und erringen den blutigen Kampfpreis.
  Pfannberg, Meinhard, und Ortenburg die untad’ligen Feldherrn,
  Riefen die Völker in’s Feld: dreitausend erlesene Reiter.
  Auch der Schweizer gewaltiges Volk, und der heiteren Schwaben
  Heldenschar stand dort, gesellet der lagernden Heersmacht;
  Dies’ empörte zur Schlacht der Burggraf, Friedrich von Nürnberg,
  Rudolphs Schwestersohn, und ein tapferer Degen im Schlachtfeld,
  Albrecht jene, der edele Sohn des edelsten Kaisers;
  Doch den beiden vereinten sich noch tyrolische Schützen,
  Die, gerufen erst jüngst aus den Thälern der Heimath, die Armbrust
  Auf der Schulter -- die Pfeil’, im Bündel geschnürt, auf dem Rücken
  Trugen; umspähenden Blicks, wie dem Wild’ auf der Fährte die Jäger,
  Fernhin sah’n, und, kühn, nicht in Stahl und Eisen sich hüllten.
  Tauffers war ihr Hort im Gewühle der Schlachten. Er flog jetzt
  Unaufhaltsam dahin, des Kaisers erlesener Herold.

    Sieh’, und schon gewahrt’ er das Ziel! Die sinkende Sonne
  Stand an dem Abendthor’, umhüllt von rosigem Schimmer.
  Heller glüht’ ihr scheidender Blick; ihr goldenes Haupthaar
  Flammt’ empor, da in hehrem Glanz sie noch einmal herüber
  Winkt’ ihr Lebewohl! dem sanft entschlummerten Erdkreis.
  Aber die Kühlung sank auf den Fittigen schmeichelnder Lüftchen
  Leise herab, und erquickte die schweraufathmende Schöpfung.
  Jetzt vollbrachte den Ritt sein feuriger Renner; es flogen
  Dampfend und triefend von Schweiß ihm die Seiten;
              der Hals und der Rücken
  Schäumt’, und ihm wankten die Füß’,
              da er stand vor dem Zelte des Königs.

    Dort den Hügel empor, wo jetzt nur Trümmer des Schlosses
  Weitumkreisenden Hof bezeichneten, das in der Vorzeit
  Herrschend hinuntersah auf das Land, aus dem in die Donau
  Drüben die March sich ergießt, und, von ihren gewaltigen Fluthen
  Stolz zurückgedrängt, seegleich bedecket die Fluren:
  Dort, auf Pfähle gespannt, erhoben sich tausend und tausend
  Schimmernde Zelte des Volks der Kumanier und der Magyaren.[9]
  Jene rühmten sich gleichen Geschlechts und Ursprungs mit diesen;
  Doch der edlere Stamm der ahnenstolzen Magyaren
  Hielt Jahrhunderte schon, aus Scythiens grasiger Steppe
  Kommend (Tanfu, Zuard, Lehel, und der tapfere Almus,
  Waren die Führer des Volks) Pannoniens herrliche Fluren
  Im Besitz’, errungen im Sieg ruhmdürstender Ahnen.
  Jüngst erst kam der Kune heran, dem wilden Tartaren
  Folgend im Schreckenszug, und, als er, verwilderter heimzog,[10]
  Nach entsetzlichem Mord’ und Gewürg’ unzähliger Christen,
  Blieb er im Lande zurück: inmitten der Theyß und der Donau,
  Sich erwählend ein Sandgefild zum dauernden Wohnsitz,
  Welches der Steppe gleich, unendlicher Fläche sich ausdehnt,
  Und Kumanien heißt. Ihn nennt der Unger den Kun nur.
  Eisern hielt er noch fest an der Sitte der Heimath; auch Götzen
  Dienet’ er, so vermengend das Wort der ewigen Wahrheit
  Mit entehrendem Wahn: denn kaum erkannte des Heilands
  Rettenden Weg sein Geist, und roh bewahrt’ er das Herz noch.
  Aber entsetzlich wüthet der grimmige Kun’ in der Feldschlacht.
  Ordnungslos, bald links, bald rechts sich wendend, im Eilflug,
  Braus’t er heran wie der Sturm. Er schnellt von dem tönenden Bogen
  Durch die heulende Luft den befiederten Pfeil, und verfehlt nie,
  So er den Gegner in’s Auge gefaßt, in die Brust ihn zu treffen.
  Aber von diesem bedrängt, entflieht, und kehret er wieder,
  Listengeübt; läßt oft dem fliehenden Rosse den Zügel;
  Wendet sich hurtig im Sattel herum, und schleudert des Tschakans
  Eisengewichtige Last dem Nahenden mächtig entgegen.
  Sieh’, und hatt’ er ihn etwa verfehlt, da setzt er sich wieder
  Rasch, im Schwunge, zurecht in dem Sattel; ergreifet die Zügel;
  Lenkt im kreisenden Lauf mit eisernem Drucke der Schenkel
  Eilig den Renner heran, und so der entflogenen Waffe
  Nahend, schwebt er mit einem Fuß noch im Riemen des Bügels;
  Beugt sich nieder im Flug’, und hebt sie empor von dem Boden,
  Ehe der Feind sich gestellt, und des Fliehenden Jauchzen vernommen.

    Dort schwang Hugo sich jetzt mit forschendem Blick’ aus dem Sattel,
  Und vertraute das Roß dem redlichen Knappen zur Pfleg’ an.
  Fernher scholl an sein Ohr des Lagers Getöse: dem Meersturm
  Gleich, der himmelan braus’t, erfüllt’ ein dumpfes Gemurmel
  Drüben die Nacht. Stets glühender schien der wolkige Himmel
  Ueber dem Lager, erhellt von unzählbarlodernden Feuern.
  Dorther kam auftobender Männer Geschrei, und der Weiber
  Lautes Kreischen, vermengt dem Gebrüll’
              und dem Wiehern des Lastthiers:
  Denn von den Zelten hinaus umgrasete rings in dem Blachfeld
  Breitgehörnetes Rind und der Ross’ unendliche Mehrzahl,
  Die nur klein von Gestalt, und unscheinbar dünken dem Fremdling,
  Aber, von feurigem Muth’ erfüllt, und dauernder Kraft voll,
  Tragen den Reiter so schnell wie der Blitz an den Feind, und erretten
  Oft ihn im Schlachtengemeng, schnellfüßig zum Sprung und zum Laufen.
  Also lagerten hier die Kumanier. Doch in des Heeres
  Rücken ruhte das Reitervolk der edelen Ungern,
  Kummererfüllt: denn Ladislav, der König, erkor sich
  Jene zu Lieblingen, so der Ahnenehre vergessend.

    Als nun Hugo dem Zelt des Königes nahte, vermeint’ er,
  Zithergetöne zu hören; ihm schien: kumanische Mädchen
  Sangen dazu, nach Heidenbrauch, unziemliche Weisen.
  Ach, und so war’s! Doch bald verstummte der Sang und die Zither,
  Als der Fremdling, in Eisen gehüllt, ihm näher getreten.
  All’ erhoben sich schnell von dem Boden -- die bärtigen Männer
  Und die rosigen Mädchen, und jetzt der fürstliche Jüngling,
  Anmuthstrahlenden Blicks, an dem Haupte von bräunlichen Haaren
  Lieblich umlockt, voll Jugendkraft und blühender Schönheit.
  Aber er stand verwirrt, und wußte nicht, wie er beginne,
  Bis er sich wieder ermannt’, und d’rauf mit kräftigem Laut rief:
  „Sprich: weß’ Landes du bist, o Fremdling? Triegt uns die Ahnung
  Nicht, so kommst du gesandt von dem Kaiser der Deutschen, Rudolphus,
  Der uns vielleicht des Saumsals zeiht, und unrühmlicher Trägheit,
  Weil wir ruhen dahier, bei Saitenspiel und Gesängen
  Uns ergetzend, und sein’, des feindbedrängten nicht achten?
  Doch wir harreten nur des Winks, den er uns verheißen,
  Und gedenken, ihm treu und redlich zu Hülfe zu stehen!“
  Hugo beugte das Haupt, und sagte mit edelem Anstand:
  „Herr, du ahnetest recht! Hier steht des Kaisers Gesandter,
  Hugo von Tauffers genannt, vor dir, und, wahrlich, ein Krieger,
  Seit er der Schul’ entlief: ein Taug’nichts ist er am Schreibtisch!
  Aber nicht rostete noch in der Scheide sein trefflicher Degen;
  Gerne stellt er sich ein, wo es gilt ihm Ruhm zu gewinnen,
  Und hoch ehrt ihn die Sendung auch jetzt: denn Wichtiges soll er
  Dir kund thun; doch, Herr, verzeih’ -- in dieser Gesellschaft?“
  Sagt’ es, und lächelte fast; der König entgegnete leiser:
  „Ritter, mir scheint dein lächelndstrafendes Auge zu sagen,
  Was dem Könige ziemt, was nicht! Erfahrenes Alter
  Richtet streng; doch sieh’, noch blüht mir der fröhlichen Jugend
  Rosenhain, und ich wandle in ihm mit heiterem Sinn fort;
  Weile so gerne dahier im Kreis’ des unschuldigen Volkes,
  Das, von der Urzeit her die ererbeten Sitten bewahrend,
  Frei, die Fessel nicht kennt, die uns engt im verfeinerten Leben!
  Aber tritt in mein Zelt, und vergnüge dein Herz an dem Spätmahl,
  Das ich dir biethe nach Lagers Brauch; dann will ich dich hören.“

    Eilig traten sie ein. Die finsteren Scharengebiether
  Folgten dem Könige nach, und setzten sich rings um den Tisch her,
  Sonder Ordnung, noch Wahl. In zottige Pelze gehüllet,
  Sah’n sie stolz aus den tiefvergrabenen Augen dem Fremdling
  Jetzt in das heitre Gesicht, und strichen den Bart an der Lippe.
  Bald erschienen im Zelt’ auch die rosigblühenden Mädchen,
  Tragend in Körben Pferdfleisch auf, das unter dem Sattel
  Barg der Reiter, und dann hinflog, bis solches im Ritte
  Heiß geworden, und mürb’, des Volks ersehntes Gericht war;
  Auch gebratenes Fleisch vließtragender Lämmer, mit Knoblauch
  Vielgewürzt; dann Brot aus dem feinsten Mehle gebacken,
  Hochgewölbet und weiß, nach Art magyarischer Backkunst,
  Und die mächtigen Krüge, gefüllt mit den edelsten Weinen.
  Alle schmaus’ten nach Lust; doch Hugo verschmähte des Kunen
  Lieblingsgericht -- nicht des Weins,
              des trefflichen, schonend: unendlich
  Gab er bei Humpen Bescheid, und blieb stets seiner noch Meister.

    Siehe, von neuem erscholl der Zither Getön’, und der Herrscher
  Mahnte die Männer und Mädchen zum Tanz’, dem Gaste zu Ehren!
  Jene stellten sich ernsten Blicks, dem König gehorchend,
  Draußen in Doppelreih’n, und hoben den werbenden Tanz an,
  Der in das Feld den Jüngling ruft, und Gefühle der Wehmuth,
  Ihm in der Brust aufregt, an die Zeiten der Väter ihn mahnend,
  Mit wehklagenden, tief das Herz bestürmenden Weisen.
  Aber sie schlugen die Hand an die Hand, und die Sporn’ an die Spornen;
  Stampften zugleich, rasch hin und daher sich wendend, den Boden;
  Stöhnend vor Lust, und ihr Aug’ erfüllten oft schimmernde Thränen,
  Plötzlich geweckt von dem Sturm der empörten Herzensempfindung.
  Doch als d’rauf zu dem Wechseltanz der erfahrene Künstler
  Rasch in die Saiten griff, mit dem Fuße der schnelleren Weisen
  Zeitmaß schlug: da faßte die Tänzerinn jeglicher Tänzer
  Um den blühenden Leib, und schwang sie umher an der Stelle,
  Bald mit dem linken, und bald mit dem rechten Arme sie drehend
  Fort im verengenden Kreis’. Dann riß er sich wieder von ihr los;
  Hüpfte schnell vor ihr hin, und schlug die klingenden Spornen,
  Jauchzend, zusammen, und schlug die Wade mit wechselnden Händen.
  Aber sie folgt’ ihm entfernt. Die Recht’ an die Seite sich stemmend,
  Hielt sie die Schürze am Saum’ sich stolz vom Leib’ mit der Linken,
  Wandte sich links und rechts, mit niedlichen Sprüngen, und mied ihn
  Scheinbar, bis sie, ersehnt, urschnell in die Arme des Tänzers
  Flog, und von neuem das Paar in schwindelnden Kreisen sich drehte.
  Doch nun winkte der König zum Schluß: die Saiten verstummten;
  Hoch erhob der Tänzer die Tänzerinn noch, und entließ sie;
  Kam dann, triefend von Schweiß, und setzte sich wieder zum Tisch hin.
  Jene entfloh’n, und der König sprach, mildlächelnd, zu Hugo:
  „Ritter, du hast magyarische Tänze geseh’n, und ergetzet
  Dich bei’m fröhlichen Mahl’, obgleich du ein nüchterner Gast bist!
  Nun ersehnte mein Geist zu vernehmen, wie Kaiser Rudolphus,
  Unser Bundesgenoß’ und Freund, zum Throne gelangt ist --
  Er, einst Habsburgs Graf? Doch künde zuvor uns die Abkunft
  Und die muthigen Thaten des huldbeseligten Herrschers,
  Die mit unsterblichem Ruhm’ ihm zieren die Stirne. Der Morgen
  Graut: bald steht ihm Ungerns Macht zu Geboth’ in der Feldschlacht.“
  „Zwar verweigerst du noch,“ so entgegnete jener, „des Kaisers
  Herold’ ein willig Gehör, und lullst ihn bei Tänzen und Mahlen,
  Zaubernd, ein, daß er ganz vergesse der wichtigen Sendung.
  Aber, weil dich verlangt, von meines erlauchten Gebiethers
  Abkunft, Muth und Heldenkraft, die Carol des Großen
  Glänzenden Thron ihm errang, zu hören, so will ich mich fügen
  In Geduld, und harren: es gilt ja die Ehre des Kaisers!“

    „Wisse demnach! Stolz hebt sich vom Fels die mächtige Habsburg
  Aus umdämmerndem Wald, an der Aar in die bläuliche Luft auf.
  Dort, so kündet die Sag’, erschien in grauender Vorzeit
  Rudolphs edles Geschlecht, aus fränkischem Stamm, und erbaute
  Jene, wie auch Aarburg, und Brugg, die gewaltigen Vesten.
  Aber vor allen hieß die „Herrliche“ jene von Habsburg:
  Denn mildherzige That an den Dürftigen, eisernes Schirmrecht
  Gegen die freche Gewalt des Unterdrückers der Schwachen,
  Uebten aus ihr, gebührend, die weitgerühmten Gebiether.
  Dort erwuchs, entflammt von dem Ruhm gefeierter Ahnen,
  Rudolph, Albrechts Sohn, des Weisen, und Hedwig, der Frommen,
  Lernend durch Gottesfurcht und Weisheit frühe des Lebens
  Höchstes Glück in der eigenen Brust zu gründen für immer.
  Doch wo wäre Beginn und Ende? so Alles und Jedes
  Ich dir kündete: wie an den Hof ihn Friedrich, der Kaiser,
  Der zu der heiligen Tauf’, als Path’ ihn führte, gerufen,
  Daß er ihn lehrte mit Rittersmuth nach rühmlichen Thaten
  Streben; wie er im sicilischen Krieg’, und in jenem von Oestreich,
  Gegen den Streitbar’n focht, und miterstürmte die Stadt Wien,
  Die, vor allen beglückt, ihn einst als Herrscher begrüßet;
  D’rauf in der Ahnen-Burg[11] zugleich mit dem Vater das Kreuz nahm;
  Nach dem Gelobten-Land, die Feinde des Kreuzes bekämpfend,
  Wallete; dort den Vater begrub, und, als er zur Habsburg
  Heimzog, freudig zu eh’lichem Bund sich Annen erkies’te,
  Hochbergs Kind, voll Huld, und die tugendreichste der Frauen --
  Auch, allmänniglich werth, ein trefflicher Ritter und Herr war.
  Wohl gebräch’ es mir auch an der Zeit und an Odem, geziemend
  Nun zu schildern die sieg- und ruhmverherrlichten Krieg’ all’,
  Die er geführt in den zweimal eilf unseligen Jahren,
  Wo das verwaisete Reich nach Friedrichs Tode, des Kaisers,
  Voll von Mord und Plünderung war, da in grauser Verwild’rung
  Aus der thürmenden Burg ein jeglicher Ritter, nach Willkühr
  Schaltend, Sitten, Gesetz’, und allem Heiligen Hohn sprach;
  Wie er beschirmte das Recht und die Unschuld stets, und das Banner
  Habsburgs ward dem Schwachen zum Trost’,
              und den Räubern zum Schrecken.
  Aber vernimm dieß einzige nur, wie kühn, wie entschlossen,
  Und wie edel er ist! Ihm stand der Abt zu Sanct-Gallen,
  Der, ein Falkensteiner, das Schwert und den hirtlichen Krummstab
  Kundig zu führen gelernt, gar feindlich entgegen; sie quälten
  Tapfer sich ab. Da brach sein Zorn auf die Baseler Bürger
  Los, die ihm, wildempört, erschlugen die Freund’ und Verwandten:
  Denn mit wenigen Reisigen hielt er still vor den Thoren
  Wyls, des Städtchens, und heischte noch Einlaß dort zu dem Stiftsabt,
  Der bei dem nächtlichen Imbiß saß, und, erstaunet, ihn ansah.
  Aber er both ihm die Hand, und sprach: „Daß ich also zu dir kam,
  Diene zum Zeichen dir: ich achte dich, redlichgesinnet,
  Wie ich es bin, und vertraue dir kühn so Leben und Freiheit.
  Höre, viel besser wär’s, daß wir uns in Rechten vertrügen,
  Heute noch; dann die Waffen vereint, nach den Baselern kehrten,
  Die mir erschlugen die Freund’, und erwürgten die theuern Verwandten!“
  Also geschah’s: sie schmaus’ten versöhnt. Am kommenden Abend
  Zogen sie rasch auf die Baseler los, und fürchterlich brannt’ es
  Bald von der Stadt auf; bald versöhnete Blut die Erschlag’nen,
  Und die Gegner umfing der Friede mit traulichen Armen.
  D’rauf durchschwamm er die Furt, die noch „habsburger“ im Land dort
  Heißet, des mächtigen Rheins mit reisigem Volk’, und erstürmte
  Breisach kühn, mit dem Stahl in der Faust, ein trefflicher Stürmer!“

    Laut aufjubelten jetzt die Kumanier, preisend des Ritters
  Heldenmuth, und, ergreifend, voll Hast, den irdenen Weinkrug,
  Der vor jeglichem stand, mit edelem Moste gefüllet,
  Leerten sie ihn bis zum Boden hinab auf seine Gesundheit
  Aus, auf einen Zug: daß ihr Haupt mit dem steigenden Weinkrug
  Weit zurücke sich bog, und stellten ihn dann auf den Tisch dort
  Nieder mit ohrerschütterndem Schlag. Doch wieder begann er:
  „Also erscholl sein Ruhm zu den fernentlegensten Ländern
  So, daß der Böhmen-König sogar, der jetzt in dem Feld uns
  Biethet die Fehd’ auf Leben und Tod, mit schimmernder Goldschrift
  Ihn an den Hof zu sich lud, und zum Marschalk, ehrend, ernannte.
  Ha, nicht reut’ ihn die Wahl! Er focht ihm zur Seite mit Siegsruhm,
  Gegen die Heiden im Preußenland’, und errang ihm den Lorber
  Auch im Vernichtungskampf g’en Bela’s schreckliche Heersmacht.
  D’rum kein Wunder, daß er, nach dem Wink der erbarmenden Vorsicht,
  Die des gemeinsamen Vaterlands unendlichem Jammer
  Setzen wollt’ ein Ziel, von den _sieben_ glänzenden Sternen
  Unser’s heiligen Reichs zur herrschenden Sonne gewählt ward:
  Daß er im goldenen Schmuck der Kaiserkrone des Segens
  Strahlen über die Gau’n des deutschen Landes versende.
  Sieh’ er lag vor Basel mit Macht; da brachte die Bothschaft
  Ihm der Pappenheimer! Er stand, und wankt’, und besann sich;
  Aber, auf Gott vertrauend, geboth ihm das Herz in dem Busen
  Freudigen Muth. Er ging, und bald vereinte der Krönung
  Allerfreuendes Fest die Völker der Deutschen zu Aachen.
  Dort heischt’ er, im Dome gekrönt, den Eid von den Fürsten:
  Daß sie verschafften nach _Recht_
              dem heiligen, römischen Reich’ jetzt,
  Was ihm die Faust entriß.[12] Sie ersannen, zaudernd, die Ausflucht:
  „Noch vermiss’ er zum Königseid’ den Zepter der Ahnen.“
  Doch er wandte sich schnell; hob selbst das Kreuz von dem Altar;
  Hielt es empor, und rief: „Wer kennt ein schöneres Zeichen,
  Kraft zu verleihen dem Eid’, denn dieses, woran der Erlöser
  Sterbend hing, und uns errettete, heilig und wahrhaft?“
  Und sie schwuren darauf: erbebend dem herrschenden Manne,
  Der so kräftig gesprochen -- so fest- und so muthiggesinnt war.
  Dir, und manniglich ist es bekannt, wie der Kaiser, Rudolphus,
  Redlich gehalten sein Wort, und treu gelöset den Schwur hat:
  Bannend den Uebermuth, und des Faustrechts wildes Gewaltreich
  Muthig aus Deutschlands Gau’n --
              an Leib und an Seel’, er, ein Deutscher,
  Der bald unserer geist- und herzerhebenden Sprach’ auch
  Sinnig zu Ehren half: in den Kanzeleien den Vorzug
  Ihr vor dem todten Latein, dem schwerverständlichen, gönnend.[13]
  Also geschah es, daß, dankerfüllt, ein jegliches Herz ihm
  Huldigte: denn ihm zürnet allein der König der Böhmen,
  Weil er, thörichten Sinns, die Kaiserkrone verschmähend,
  Sie auf dem Haupte des Mannes sah, der einst ihm als Marschalk
  Dienete. Doch umsonst bestürmt er die Erd’ und den Himmel,
  Sie zu entreißen dem Haupt, dem Gott sie gegeben, zum Segen
  Gegenwärtiger Zeit und endlos dauernder Zukunft.
  Ha, schon winket das Morgenroth! So höre mit Huld nun,
  Was mein Kaiser und Herr zum freundlichen Gruß dir entbiethet:
  Wenn von dem Kahlenberg in dem mitternächtlichen Grauen
  Hoch die Loh’ auffleugt: dann eil’ aus dem schirmenden Lager
  Schnell hinüber die March mit den schrecklichen Reitern, und berge
  Sie in dem trocknen Geröhr’ an dem Weidenbache bei Marcheck:
  Denn auch er wird also dir nah’n, und die Hände dir reichen
  Dort zu gemeinsamer That in des blutigen Kampfes Entscheidung.“
  Und er erhob sich nun, schnell heimzukehren, entschlossen.

    Glühenden Blickes sah aus dem schimmernden Thore des Morgens
  Nach dem Zelteingang die Sonne herüber, und hauchte
  Hüpfende Funken in’s bleiche Gesicht der schläfrigen Krieger,
  Die um den König herum sich lagerten. Aber er hob jetzt,
  Stillhinbrütend, vom Stuhle sich auf. Zur glänzenden Heerschau
  Dacht’ er zu wecken sein Volk, dem scheidenden Fremdling zum Staunen.
  „Gern,“ so entgegnet’ er, „will ich mich ganz dem Winke des Kaisers
  Fügen, und eilen in’s Feld, sein redlicher Bundesgenosse;
  Aber nicht wollest du scheiden zuvor, eh’ dir nicht zur Heerschau
  Draußen mein Volk sich wies: nicht soll sich’s lange verziehen.“
  Sagt’ es; riß sich das Schwert von der Hüft’, und schlug in die Tafel
  Dann mit der Klinge so stark, daß die ird’nen Gefäße zum Boden
  Taumelten: ein’s das and’re im Flug zu Scherben zerschmetternd.
  Wunder zu schau’n! Da fuhr in brausender Eile der Feldherrn
  Leise zum Schlaf hinnickende Schar von den Sitzen, und leer war’s
  Bald in dem weiten Gezelt. Dem Könige folgte der Ritter
  Staunend nach. Doch jetzt erschollen von grausem Gebrülle
  Tausend Hörner, die einst die mächtige Stirne des Pflugstiers
  Ziereten, breitgestellt, daß kaum der größte der Männer
  Sie mit den Armen ermaß von einer Spitze zur andern.
  Schon erhob sich Geschrei und Getös’, und das Wiehern der Rosse
  Rings in dem Lager, und füllte mit Angst und Entsetzen die Umwelt.
  Hoch auf fuhr der finstere Staub, und dicht, wie der Krähen
  Wimmelnde Schar durchstürmt den nebligen Himmel, so flogen,
  Schnell gewahrend den Wink des Königs, unzählige Haufen,
  Sich in den Sattel schwingend, voll Hast, nach dem Ufer der March hin.

    Dort, auf dem sandigen Feld’, in fernhinschwindenden langen,
  Drei Mann tief, geordneten-Reih’n aufritten die Kunen:
  Lenkend hurtige Rosse vor und zurück mit des Schenkels
  Mächtigem Druck, den, weitumflatternd, das leinene Beinkleid
  Hüllete bis zu der Ferse hinab, und den ledernen Bundschuh’n.
  Sonst ihr Kleid: ein Pelz von dem zottigen Vließe des Widders,
  Ueber dem kürzeren Hemd’, das halb des Niedergebeugten
  Rücken entblößt -- doch weit die Arme umwallt, und, der Scheitel
  Zur Bedeckung, die Mütze von Filz, mit der wallenden Feder.
  Zehnmal tausend’ erhoben zur Luft den blitzenden Säbel,
  Der der Sichel des Neumonds glich in der Krümm’, und es führten,
  Eben so viele den Bogen und Pfeil mit dem hämmernden Tschakan.
  Diese lenkte Suhol, der Eber genannt von den Seinen,
  Ob des unbändigen Muths, und der Blitzstrahl, Kaduscha, jene:
  Denn er flog so schnell wie der Blitz im Sturme der Schlacht hin.
  Aber der Ungern edeles Volk beherrschte Matthias
  Von Trentschin, der schlachterfahrene, tapfere Feldherr,
  Dessen gewaltige Burg an den schimmernden Fluthen des Waagstroms,
  Dräuend, in’s Waag-Thal schaut, und Schrecken gebiethet den Feinden.
  Auch er führte heran zehntausend muthige Reiter,
  Welchen der Kalpag zierte das Haupt mit des Reihers Gefieder;
  Aber der Pelz, am Rücken hinab an goldenen Schnüren
  Hängend, von hellblau’m Tuch, verbrämt mit schwärzlichem Lammsfell,
  Und gelbschimmernden Knöpfen besetzt; dann, ähnlich, der Dolman,
  Schimmernd von Gold an der Brust, vom seidenen Gürtel umfangen,
  Ziert’ ihm den Leib, und der Bein’ anschmiegende, gleiche Bekleidung
  Zierte die Füße zugleich mit den spornenbewaffneten Tschismen.
  Jeglicher hielt in der Faust, an die Schulter gelehnet, des Säbels
  Krummgehämmerten Stahl, der, sausend, die Feinde zerschmettert.

    Als nun Hugo die Völker geseh’n, da sprach zu Matthias
  Von Trentschin der König, ihm selbst und den Seinen zur Trauer:
  „Tapferer, weile dahier mit deinen Geschwadern, des Lagers
  Mächtiger Hort: denn bald, erbaut auf schwankende Fähren,
  Einet die Brücke des Flusses Gestad’, und all das Geräth hier
  Schaffest du dann noch heute hinüber, dem Heere zum Vortheil!
  Aber, o freundlicher Greis, du, Hugo von Tauffers, der Ritter
  Edelster, folg’ mir nach, und künde dem mächtigen Herrscher,
  Heimgekehrt in die Kaiserburg, was du an der March hier,
  Staunend, gewahren wirst; künd’ ihm: wir stehen den Feinden
  Jenseits nahe genug; zum würgenden Kampfe gerüstet!“
  Sagt’ es, und sprengte voraus: ihm nach die Kumanier alle,
  Mitten hinein in den Fluß, hinüber zu schwimmen, entschlossen.
  Hochaufspritzte die Fluth dem gewaltigen Drange; die Wässer
  Brauseten laut von unzähligen Hufen der Rosse geschlagen;
  Brandend flogen die Wellen zum Land’, und schäumten, und zischten
  Endlos. Wie in dem eisigen Belt keckmuthige Fischer,
  Eilend zum Wallfischfang’ in schaukelnden Booten, auf einmal
  Nahe des Unthiers Riesengestalt, das Heere der Fischchen
  Vor sich jagt, erseh’n: da werfen sie schnell die Harpun’ aus,
  Die zweizackig gespitzt, einstürmt in die Weiche des Bauches,
  Oder in’s breite Genick des riesigen Fisches, und Blut färbt
  Alsbald ringsum das Meer: denn eilig hinunter zum Abgrund
  Fährt er, und eilig herauf,
              und peitscht mit dem Schweife die Meerfluth,
  Daß sie himmelan fleugt, und röchelt mit dumpfem Gebrülle
  Durch den schrecklichen Sturm der empörten Gewässer: so wogte,
  Schäumt’, und braus’te die March, als jetzo die Kunen hinüber
  Mit gewaltigem Lärm und Geschrei, die wiehernden Rosse
  Spornten, und all’ das Heer errang, durchschwimmend, das Ufer.
    Hugo saß in dem Sattel, und schwieg; doch jetzo besann er
  Sich nicht lang’, und schwamm (ihm folgte der redliche Knappe)
  Eisenbewehrt, wie er war, auf dem mächtigen Gaule hinüber;
  Schwang das Schwert in die Luft, und flog entgegen der Hauptstadt.



  Vierter Gesang.


  Leis’ entschwebte die Nacht; aus dem hehren Gewölbe des Himmels
  Schwanden die Sternenheere dahin, und auf gaukelnden Lüftchen
  Schien ein freundlicher Tag sich herab auf die Fluren zu senken:
  Doch, es erhob vor dem Morgenroth am östlichen Erdrand
  Sich ein Nebelgewölk, das, eiligen Flugs, sich verbreitend,
  Mehr und mehr den hochaufwölbenden Himmel befleckte.
  Sieh’, als jetzo dem Saum der lichtergewordenen Höhen
  Näher die Sonne kam: da erglühten im bläulichen Luftraum
  Rings die zerrissenen Wolken umher, blutröthlichen Schimmers.
  Jetzt erhob sie das Haupt; nur sparsam scholl aus den Lüften
  Und aus dem Wald, der Morgengruß der befiederten Sänger
  Ihr entgegen: sie sah mit trauerndem Blicke herüber.
  Schwül umwogte die Luft; erboßter quälten die Fliegen
  Menschen und Thiere zugleich; dumpf klang der wechselnde Windstoß
  Ueber die Heid’: er kräuselte weit den Rücken des Stroms hin,
  Und erhob in Wirbeln den Staub. Kein kühlender Nachtthau
  Hatte die Fluren erquickt, und die Schöpfung trauerte ringsum:
  Zeichen all’ annähernden Sturms und gewaltigen Regens.
  Aber im Zelteingang, verlassend das nächtliche Lager,
  Saß der Kaiser, und sah mit düsterem Blick’ in des Morgens
  Dräuende Gluth. Er dacht’ im Geiste das dunkele Schicksal
  Tausender, bis zu dem Abendlicht’ entschieden zum Leben,
  Oder zum Tode, mit Angst! Bald sollten die Lose, so grau’nvoll,
  Fallen des blutigen Kriegs -- des holdumlächelnden Friedens,
  Wie es dem mächtigen Feinde gefiel, dem er ihn gebothen.
  Ach, der Jammer des Volks durchdrang ihm die Seele! Zum Himmel
  Hob er den Blick, und lispelte so mit gefalteten Händen:
  „Laß den Frieden, o Herr, ihm mild erscheinen im Frühroth,
  Und erwärmen sein Herz mit den huldausspendenden Strahlen,
  Daß er erkenne die eigene Schuld, entsage der Rachgier,
  Und, als Herrscher versöhnt, heimkehre den Seinen zum Segen!“
  Aber mit Staunen vernahm’s der, einst kampfdürstende Marbod,
  Als er umschwebte das Haupt des Bethenden, wie er dem Gegner
  Frieden gelobte, versöhnlich und mild, und konnt’ es nicht fassen --
  Er, der stets nur Schlachten ersehnt’, und glühenden Muths voll,
  Selber aufreizte den Feind auf den Pfaden des irdischen Lebens.
  Zweifelnd stand er lange vor ihm. Er wähnte, bekümmert:
  Ihm gebrech’ es an Kraft und an raschvordringender Kühnheit
  (Nicht begreifend sein Herz, ein Irrender, Lichtesberaubter)
  Wiegte das Haupt, und fuhr, verstört, zu dem Morgengewölk auf.

    Siehe, der Kaiser trat alsbald erheiterten Blickes
  Aus dem Gezelt, und hörte mit Lust, unferne dem Lager,
  Walten geschäftig das Volk der Zimmerer, Schmied’, und der Schreiner.
  All’ die Nacht forthämmerten sie bei dem Scheine der Kesseln,
  Die mit schwärzlichem Pech und duftendem Harze genähret,
  Weit erhellten die Au an des Heerwegs schlängelndem Zug hin.
  Draußen bei Floridsdorf am Donaustrande, wo dreifach,
  Strahlen gleich, fortzieh’n die länderverbindenden Straßen:
  Diese nach Ungerland -- nach Böhmen und Mähren die andern,
  Eileten sie, zu erbau’n die Gerüst’ und die Schranken der Turnbahn.
  Hundert Schritte, die Straß’ entlang, und der Breite nach fünfzig,
  Ebneten sie den Grund schnurgleich, und bestreuten ihn zolltief
  Dann mit dem schimmernden Sand, der drüben am Ufer gehäuft lag;
  Fügten auf Säulen die Balken umher, und trennten mit Absicht
  So von dem Wiesengrund das langgedehnete Viereck.
  Aber es wich an dem unteren Rand des umschrankten Gebiethes
  Quer ein Balken zurück, so er Einlaß both den Erwählten,
  Und an dem oberen stand, gar herrlich gestaltet, die Prachtlug[1]
  Oben verziert mit dem Doppelaar, mit der Kron’ und dem Zepter,
  Und von Innen geschmückt mit Sammtvorhängen von Purpur,
  Die an dem Saum’ umher von goldnen Blumen erglänzten.
  Dort dem Herrscher und seinem Gefolg’, erles’nen Geschlechtes,
  Standen die Sitz’ erhöht, und emporgereihet im Halbkreis’;
  Doch ein breites Gerüst, entlang die Schranken der Turnbahn,
  Bauten sie auch; versahn’s mit emporgereiheten Sitzen
  Für schaulustiges Volk aus den nahen und fernen Gefilden,
  Und erhöhten die luftigen Zelt’, entgegen der Prachtlug:
  Tapferen Rittern zur Rast, die her zu turneien gekommen.
  Als der Krieger dem Zelt’ enteilete, stand er, vor Staunen,
  Plötzlich verstummt; er rieb sich die Augen im dämmernden Frühroth;
  Sann: ob Träume der Nacht ihn äfften, oder von fern her
  Irgend ein Zauberer kam, und die Luftgebilde zur Schau gab?
  Doch bald lacht’ er des eitelen Wahns: hochrühmend die Meister
  Des, mit Geschick und regsamer Kraft geförderten Werkes;
  Eilte hinaus, sein Roß an dem Standpfahl, wo es die Nacht durch
  Ruhete, jetzt mit sorglicher Treue zu warten, und klopft’ erst
  Selbes am mähnigen Hals’ mit der Hand, im freundlichen Zuruf;
  Aber es scharrt’ in dem Grund’, und wieherte, gierig des Futters.
  Rings erwachte Getös’ und unendlicher Lärm in dem Lager.

    Jetzo erscholl Getrab anstürmender Rosse, den Ohren
  Hörbarer stets; dann sah das Aug’, umspähend, von fern her
  Blitzen die Harnisch und Helm’, und endlich erkannte der Kaiser
  Meinhard, und Lichtenstein, die er, Frieden zu biethen, gesendet.
  Angelangt im Gewölk’ umwirbelnden Staubs vor dem Herrscher
  Rissen die beiden das Roß am Zügel zurücke. Sie sprangen
  Aus dem Sattel behend’, und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.
  Aber er rief erstaunt: „Wie, Meinhard kehrt uns, empört heim?
  Lichtenstein, was bringt ihr zurück aus dem böhmischen Lager?
  Sanft ist des Friedens Hand: sie streut in des Lebens Gefilden
  Blumen umher -- die in Eisen gehüllete Rechte des Krieges
  Trieft vom Blut der Erschlagenen; doch, wenn eben dem Unhold
  Heiliges Recht das Schwert vertraut, da bringt er vom Schlachtfeld
  Muth, selbstständige Kraft, und Sicherheit unter die Völker:
  D’rum auch der Krieg erwünscht, wenn nur das Recht ihn gebiethet.
  Jetzt, fürwahr ersehnte mein Herz den Frieden, und wohl mir,
  Wenn der König, versöhnt, zum gebothenen selber die Hand reicht!“
  Meinhard sagte darauf: „Nicht hat uns der König von Böhmen
  Ritterlich’ Ehre gewährt -- gastfreundlich das Herz uns erheitert:
  Grimm bewölkte sein Aug’, da er sprach, und finster uns ansah.
  Wie der furchtbare Leu’ mit glühenden Blicken des Gegners
  Harrt auf dem Plan, daß er ihm zermalme die Knochen: so dünkt mich
  Sah der König uns an, und schwerlich sinnt er auf Frieden.
  Aber vielleicht, daß Lichtenstein, der glückliche Freier,
  Frohere Kunde gebracht: deß’ will ich mich gerne bescheiden.“
  „Zwar,“ so begann jetzt Lichtenstein, „versprach uns des Königs
  Zornumwölketer Blick des Guten nicht viel, und ich bürgte
  Für den Frieden nicht mehr mit dem Kopf: er möchte nicht fest steh’n;
  Aber noch stehet das Spiel, und es fällt der entscheidende Würfel
  Heute noch nicht. Ich sehe dahier mit unsäglicher Hochlust
  Schon die Schranken gefügt zum Turnei, und bald, in dem Prunksaal,
  Den von der Decke herab unzählige Kerzen erleuchten,
  Minniglich schöne Frau’n und Fräulein, an gastlichen Tafeln
  Würdiggepaart umher mit den sieggekröneten Rittern.
  Welche Beseligung, mich in dem lärmenden Kreise zu treffen:
  Denn auch trägere Zungen bewegt die fröhliche Mahlzeit!
  Höre mich Jung und Alt; nicht spricht ein faselnder Seher!
  Daß des Königs verdüsterter Geist noch heute sich aufhellt,
  Künd’ ich zuvor: denn wißt es, er kommt, und nah’ ist die Zeit schon,
  Zum dankbiethenden Turnkampf her, mit erlesenen Rittern.
  „Dort,“ so sprach er vor uns, „soll’s bald allmänniglich kund seyn,
  Was er vom Krieg und Frieden gedacht, und der Kinder Verlobung.“
  „Gott befohlen das Ein’ und das Andere!“ sagte, gen Himmel
  Schauend, der Kaiser, und wandte sich; dann begann er von neuem
  Wieder, mit sorglichem Blick: „Wo weilt mein tapferer Hugo?
  Das sey ferne, daß ihm was Leides geschehen: mir bräche
  Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.“

    Kaum entfloh ihm das Wort, da tönte von ferne der Hufschlag
  Brausender Rosse die Straße heran, die entgegen den Marken
  Ungerns führt am linken Gestad der mächtigen Donau.
  Hugo war’s, der kam (weit hinter ihm folgte der Knappe,
  Schlechter beritten, denn er) die stäubende Straße herüber;
  Doch nun hemmt’ er das Roß, und die Wange, wie Flammen geröthet,
  Lächelt’ ihm, als er gegrüßt. Er schwang sich vom Sattel, und sagte:
  „Herr, nicht hast du umsonst die Gäste geladen: erhellt sind
  Weit die Straßen hinaus von schimmernden Kleidern und Waffen.
  Trog nicht der Schein, so trabt von dem Bisamberg an der Donau,
  Deß’ unendlicher Ruhm an köstlichem Moste bewährt ist,
  Ein gar stattlicher Haufe heran: die flatternden Fähnlein,
  Weiß, wie des Schneebergs Haupt, verkünden uns böhmische Kämpen.
  Aber, als sie dahier zum Scherz nur brechen die Lanzen,
  Harren ihrer im Hinterhalt gar ernste Gesellen,
  Und ersehnen den Kampf. Der Ungern blühender König --
  Blühend, und jung fürwahr! verhieß dir Hülf’, und gewährt sie:
  Denn vor mir durchschwamm sein furchtbares Reitergeschwader,
  Jauchzend, die March, und steht auf Oestreichs Erde, vor Marcheck
  In dem Geröhr’, längs hin dem Weidenbache, verborgen.
  Zürne nicht, daß ich zu kommen verzog. Viel hatt’ ich zu reden, --
  Von dem Kaiser zumal, und dem Greif’, wenn alles ihm abstirbt,
  Wird die Zung’ allein stets rühriger noch mit den Jahren.
  Auch gebrach’s nicht an köstlichem Trank’, an magyarischer Tänzer
  Fröhlichem Lärm, und du weißt, dein Haug ist freudig gestimmet,
  Sieht er die Humpen gefüllt, und um ihn lebendig die Jugend:
  Dennoch stellt er sich ein, wo es gilt, und die Klingen entscheiden.“
  „Ruhe,“ so sprach mit lächelndem Blick der erhabene Kaiser,
  „Raschvorstürmender Greis, in dem Zelt’ auf das Lager gesunken!
  Aber euch beid’, obgleich ermüdet vom dauernden Ritte,
  Lockt, deß’ bin ich gewiß, Drometengeschmetter zur Turnbahn,
  Rüstet euch denn. Mir ziemt, hausväterlich sorgend, im Lugsaal
  Fertig zu stehen, und dort die Gäste mit Huld zu begrüßen.
  Meinhard, zieh’ im festlichen Schmuck, mit flatternden Fähnlein,
  Zinken, und Paukengetön’, und hundert erlesenen Reitern
  Bis zu des Lagers Rand’ entgegen dem Herrscher von Böhmen:
  Ihn zu begrüßen nach Würd’, und des Turnspiels Sitte geziemend!“

    Also entließ er mit heiterem Muth die gewaltigen Helden.
  Aber er stieg die Stufen empor in die herrliche Prachtlug,
  Eilete vor, und sieh’, ihm nahten die theuren Erzeugten
  Albrecht, Hartmann, und Adelheid: nur blieb in der Hofburg
  Agnes, die holde, daheim, die leidende Mutter zu pflegen.
  Alsbald scholl aufjubelnder Pauken Getön’, und Drometen
  Schmetterten laut in des wimmelnden Volks unendliches Jauchzen:
  Denn, wie der Bienen unzähliger Schwarm in des kehrenden Frühlings
  Milderem Hauch, fortzieht in die lieblichduftenden Fluren,
  Gierig des Honigseims, und rings umsummet die Blüthen:
  Also zog aus der Stadt, von dem nahen und fernen Gebieth her,
  Zahllos, Jung und Alt, im Schmucke der festlichen Kleider,
  Und erfüllte die hohen Gerüst’, augblendenden Schimmers.
  Mitten im dichten Gedräng’ erglänzten, vor allen, die Edeln,
  Die im glühenden Muth vortummelten feurige Rosse:
  Herrlich geschmückt der Reiter zugleich,
              und das wiehernde Schlachtroß.
  Doch wer könnte die Zahl, und den Ruhm der Tapferen künden?

    Otto von Meißau kam: Feldoberster war er des Kaisers,
  Reich in dem Land umher an Gütern und Mannen, und reicher
  Noch an errungenem Ruhm’ im dräuenden Felde der Waffen.
  Blau, wie des Himmels Zelt, mit Gold umrändert, und seiden,
  Floß ihm der Mantel am Rücken hinab von dem Harnisch, und blau war
  Auch sein Wehrgehäng mit der seidenen Schärp’ und dem Helmbusch;
  Also des Rosses Hauptzier, Zaum, und die schuppigen Decken
  Vorn an der Brust und den Seiten herum, von Eisen gefüget.
  Aber das Einhorn wies sein Schild im goldenen Feldraum,
  Wie es zum muthigen Kampf von dem schroffen Felsen sich aufbäumt.
  Solchen trug ein Knapp ihm nach, und der andere folgt’ ihm,
  Haltend die zween hochragenden Speer’ in der nervigen Rechten.
  Pauk’ und Dromet’ erklang, da er jetzt vor den rühmlichen Schranken
  Hemmte sein feuriges Roß, absaß, und in’s dunkele Zelt ging.

    Bald nachfolgte dem Helden zuerst der kühne Capellen:
  Oberster Führer auch er im Heere des Kaisers, und werth ihm
  Ob der beständigen Treu’, und des nie zu erschütternden Muthes.
  Meergrün hatt’ er zur Farbe gewählt, und verzieret mit Silber
  Seine Rüstung zugleich, und des Rosses herrliches Reitzeug.
  Aber den Schild, wo ein Wehrgehäng den silbernen Feldraum
  Dreimal durchschlingt, und vom Helm sich des Adlers Fittig erhebet,
  Trug ihm der Knappe nach, und ein anderer brachte die Waffen.
  Freudig ersah ihn das Volk, und als er mit edelem Anstand
  Sich vor dem Schrankenthor von dem schnaubenden Rosse herabschwang,
  Rief erneueten Gruß der Klang der Drometen und Pauken.

    Nun kam Trautmansdorf, von acht selbst-eigenen Söhnen --
  Angeeigneten sechs, umringt, vor die Schranken. Des Bruders
  Ehrenreich, den einst ein wüthender Eber zerrissen,
  Als er im Walde des Weidwerks pflog, verlassene Waisen
  Waren die sechs, und er, ein liebender Vater den einen,
  Wie den andern; doch sie lohnten ihm herrlich die Sorgfalt:
  Wohlgesittet, fromm, und im blühendentfalteten Leben
  Alle, voll Heldenmuths, nachfolgend dem edelsten Vater.
  Nicht entbehrt’ er im Krieg, nicht daheim, nicht an heiliger Stätte
  Selber ihres Gefolg’s, und lächelte, stolz in dem Herzen
  Seines Glücks, das höher denn all’ sein Reichthum ihn dünkte,
  Wenn ihm das Volk, erstaunt, nachsah, und den Segen ihm zurief.
  Aber nicht lang’, da sinkt, wie, vom sausenden Hagel zerschmettert,
  Halmfrucht draußen im Feld, die herrliche Schar in das Grab hin --
  All’, erschlagen vom Feind, und einsam kehret der Vater
  Heim in die Ahnen-Burg: ihn tröstet ihr rühmlicher Tod nur.
  Doch jetzt naht’ er vor seinen, ihm gleich gerüsteten Söhnen:
  Denn von Silber blank war Harnisch, und Helm, und der Helmbusch;
  Also das Wehrgehäng, die Schärpe, der seidene Mantel,
  Und der glänzende Schild, (den, goldengehörnet, ein Widder
  Zierete) weiß wie der Schnee, mit der Wehre des stattlichen Rosses.
  Jubelnd im Paukenklang’, erschollen die eh’rnen Drometen.

    Doch jetzt naht’ ein Paar der Edelgestein’ in dem Adel
  Oestreichs: Lichten- und Dietrichstein.
              Aus der steyrischen Mark stammt
  Jener (Ulrichs Sohn, des trefflichen Ritters und Sängers,
  Der sein Leben der _Frauen-Ehr’_ und dem Degen verschrieben)[2]
  Dieser aus Oesterreich, ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern:
  Er, stets düstern Gemüths, da jener des heiteren Vaters
  Frohsinn geerbt; doch einte schon frühe der trautesten Freundschaft
  Unauflösliches Band die Herzen der tapferen Ritter.
  Hochroth zierte des Lichtenstein, und seines Gefährten
  Waffengeschmeid Kornblumenblau. Im grünlichen Feldraum
  Wies des Winzers Messer sein Schild, und im goldenen zeigte
  Jener des Lichtenstein zwei schrägablaufende Balken.
  Schmetternd klang die Dromet’, und die Pauken donnerten laut auf.

    Sieh’ auch die beiden Demantberg’, auf welche sich Oestreich
  Ruhig stützt: der Schwarzen- und Stahrenberg (in des Ruhmes
  Ehernen Tafeln genannt, und hochgepriesen für immer)
  Sprengten eilig heran! In des Schildes goldenem Feldraum
  Führete jener den Aar und das Hüfthorn; dieser im lichtblau’n
  Einen geschnabelten Wolf, und kor sich zur Farbe der Ehren
  Blaßgelb, silbergeschmückt, da jener mit goldenem Zierrath
  Wählte das dunkele Kirschenroth, erfreulich zu schauen.
  Mächtiger hob sich zur Luft der Pauk’ und Dromete Getön’ auf.

    Kurd von Haselau, der achtzigjährige Ritter,
  Naht’ im Fluge heran. Noch rüstig und Kampfes begierig,
  Stieg er vom Roß, und ging, den ehrenden Sitz an der Prachtlug
  Einzunehmen: erwählt zum Turnvogt heut von dem Kaiser.
  Ihm nachfolgten zugleich der Seldenhofer, der Pfannberg,
  Hardeg, Hohenberg, und der Wildon: treffliche Kämpen!

    Jetzt anlangten im Ehrengeleit die böhmischen Ritter:
  Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Wallstein,
  Dann auch Herbot von Füllenstein, der reußische Kampfheld,
  Riesengestaltet, im Trotz allbeugender Stärke sich rühmend,
  Den sich Ottgar jüngst zum Feldherrn kor, und als Herrscher
  Einst in der steyrischen Mark dem Volk aufstellte zum Zwingherrn.
  Sieh’, gar herrlich geschmückt erschienen die Ritter, als sollte
  Oestreichs ad’ligen Glanz heut jener von Böhmen verdunkeln!
  Tausende wandten den Blick nach den Fremdlingen, alle voll Sehnsucht:
  Ottgarn dort zu schau’n, als Freund: er säumte zu kommen.
  Dreimal, und lauter stets erhob sich der donnernden Pauken
  Und Drometen Getön, den nahenden Fremden zu Ehren.
  Doch, vernehmend den jubelnden Schall, enteilten die Helden
  Oestreichs hurtig dem Zelt’, und schwangen sich auf in den Sattel.

    Meinhard, führend die Böhmen heran, verlangte vom Thorwart,
  Da er den Degen erhob, Einlaß in die rühmlichen Schranken.
  Alsbald wich der Riegel zurück, und in Reihen geordnet
  (Jene zuerst, und drauf die Heldensöhne des Landes)
  Ritten entlang die Turnbahn all’, in der nervigen Rechten
  Hebend den Speer in die Luft,
              mit zögerndem Schritt nach der Prachtlug,
  Wo der erhabene Kaiser saß, und der Kommenden harrte.
  Als sie gegrüßt -- er gedankt, da sprach der tapfere Meinhard:
  „Mein durchlauchtigster Kaiser, und Herr! Des böhmischen Reiches
  König entbiethet dir Gruß und Freundschaft zuvor, und erkläret:
  Ihm selbst wehrt es ein böses Geschick des fröhlichen Turnspiels
  Zeuge zu seyn; doch sendet er dir die tapfersten Ritter,
  Hier den Ruhm des Vaterlands zu erhöhen als Sieger!“
  „Wahrlich,“ so rief der Kaiser ihm zu, „nicht dacht’ ich: entrissen
  Werde mir heut’ ein Glück, das ich ersehnt’ in dem Herzen
  Aber wohlan: werth seyen uns auch die tapferen Ritter,
  Die uns der König gesandt! Der Kampf beginne. Turneivogt,
  Handle dein Amt! Der Herold rufe, der Sitte geziemend.
  Grieswart sey für heut der edle Wildonier, Berchtold,
  Breuner, und Pottendorf, die Kämpfer zu schirmen vor Unbill,
  Ordnungbedacht: ihr Wink sey heilig geachtet von allen.“
  Sagt’ es, und setzte sich dann auf den schwellenden Pfühl.
              Da erhob sich
  Haselau, der Greis, und ging nach der räumigen Halle,
  Die sich unter der Lug aufwölbte, mit Purpur behangen,
  Dort zu beginnen die Waffenschau. Die erlesenen Ritter
  Legten sogleich den Speer und das Schwert, kampfgierigen Muths, hin.
  Sorgsam prüfte der Greis die gebothenen: stumpf und gefahrlos
  Sollten sie seyn -- zum Scherz, nicht zum Ernst
              gebraucht in dem Turnkampf.
  Zween der Grieswärt’ hoben den Helm von dem Haupt’, und empfiengen,
  Schreitend umher links, rechts, ein bezeichnendes Los von den Rittern:
  Jeglicher gab’s, mit dem Nahmen verseh’n. D’rauf schüttelten mehrmal
  Jene die Zeichen umher in dem Helm’, und bothen (die Ordnung
  Wechselnd) sie dar: der rechts, wo links der and’re gefordert,
  Also wählte sich dort ein jeglicher Kämpe den Gegner.

    Jetzt erhob der Herold den Stab, und Tausende schwiegen;
  Zog ein Blatt aus dem Busen heraus, das, rauschendentfaltet,
  Glänzte von goldener Schrift, und las mit gewaltiger Stimme,
  Allen verständlich, vor: „Wie der mächtigste Kaiser, Rudolphus,
  Jüngst auf den heiligen Rochus Tag, des Jahrs der Erlösung:
  Tausend zweihundert und siebenzig-acht, der heute gezählt wird,
  Alle die Edeln, von Nah’ und von Fern, zu turneien am Tabor
  Aufboth, die nach dem Recht’ und nach Rittersitte gemeint sind.
  Weiche darum von hier, der bar ist der ad’ligen Ahnen-
  Reih’ erhärtender Zahl, und der unehlich geboren;
  Der in den Kirchenbann, in die Acht des Kaisers und Reiches
  Fiel ob schändlicher That, ob Mord und Gottesverläugnung;
  Der die Wittwen und Waisen bedrückt’, und das zarte Geschlecht nicht
  Schirmt’ in Gefahr, nicht rächt’, als Mann, g’en schnöde Verläumdung;
  Der Meineides und Trugs, und unedlen Gewerbs sich bewußt ist,
  So er dem Schild und dem Schwerte zur Schmach, einst Handel getrieben:
  Ferne mögen sie stehen, sie all’, und ermangeln des Vorzugs,
  Der nur Edeln gebührt, in des Turnkampfs rühmlichem Feld hier!“
  Rief’s; dann faltet’ er wieder das Blatt, und barg’s in dem Busen.
  Jetzt aufpflanzten, voll Hast, die hurtigen Knappen die Fähnlein
  Ihrer Ritter so hier, als drüben, die Schranken hinunter,
  Und die Grieswärt’ theilten sich links und rechts an der Bahn hin,
  Tragend den Stab in der Hand, zum Zeichen des heiligen Gastrechts.
  Doch nun kehrten zugleich, im zögernden Schritte, die Kämpen
  Wieder zurück, vor dem Schrankenthor sich fertig zu stellen.

    Als der Kaiser die Kehrenden sah -- dann vor sich das Volk dort,
  Dann im Rücken die Bänke gedrängt voll grauender Ritter,
  Edeler Herrn, und Frau’n, und zartaufblühender Fräulein:
  Ach, da füllten sich fast ihm die Augen mit Thränen! Er wandte
  Halb nach den Kindern sich um, und sprach mit inniger Rührung:
  „Welch unzähliges Volk: nur die Ein’ ersehen wir hier nicht --
  Euere Mutter ist fern, und Agnes, als Pflegerinn wechselnd
  Heute mit euch! Auch wir entbehreten freudig des Schauspiels --
  Weilten so gerne daheim bei der Leidenden; aber die Pflicht ruft
  Ehernen Lauts, und heißt all’ and’re im Herzen verstummen.
  Weh’, daß ich auch die Kunringe hier vermiß’, und der Helden
  Einige, die verlockt auf trugverhülleten Pfaden
  Sich zu den Feinden gesellt, und im Schooße der eigenen Mutter,
  Jenen gleich mit der grimmigen Faust zu wühlen bereit steh’n;
  Aber vielleicht gelingt es mir noch die Verirrten zu sammeln!“
  Jene schwiegen, und hielten die Hand vor die thränenden Augen:
  Ob der Mutter betrübt; doch Hartmann vor allen: ein Liebling
  War der Trauernde stets der holden Mutter gewesen.

    Sieh’, nun schwebt’ auf dem Wettergewölk des umnachteten Himmels
  Marbod daher! Er sah Drahomira vorüber im Eilflug
  Ziehen, und folgen der Spur des schwarzgerüsteten Ritters,
  Der mit geschlossenem Helm’ aus dem böhmischen Lager herüber
  Spornte den Rappen im Donnergalopp’, an die Schranken der Turnbahn.
  Nicht wie den Sterblichen war dem Geiste der Ritter verhüllet:
  D’rum erbangt’ ihm die Brust vor Angst ob seinem Erwählten,
  Rudolph, dem er sich liebend geweiht: denn siegenden Hohn sah
  Er in dem Blick Dahomira’s, und kam, ihm rettend zu nahen,
  Wenn sie, höllischen Trugs, Gefahr ihm sann, und Verderben.
  Immer schneller verschlang des Tages Heit’re der Wolken
  Finstere Nacht. An dem Himmel herauf, und hinunter zum Erdrand
  Zuckte der röthliche Blitz, und von fern her murrte der Donner:
  Kommend auf Flügeln des Sturms, vom dräuenden Süden herüber.

    Jetzt erscholl drometender Ruf, dreimaligen Stillstands,
  Tief, eintönig, gedehnt: des Kampfs ersehnetes Zeichen.
  Alsbald braus’te der Riegel zurück: in die rühmlichen Schranken
  Ritt, gemessenen Schritts, hellstrahlend von Purpur und Goldschmuck,
  Lobkowitz ein; den Schild ihm ziert’ ein fliegender Adler.
  Ganz durchmaß er die Bahn bis vor in die Nähe der Prachtlug;
  Wandte das Roß, und harrete dort des würdigen Gegners,
  Den das Los ihm beschied, und sieh’, ihm nahte Capellen,
  Muthigen Blicks! Da rief ihm Lobkowitz freundlich entgegen:
  „Nun geschlossen den Helm, und fest in dem Sattel gesessen!
  Schon viel Rühmens hört’ ich von euch, Capellen! So laßt uns
  Heut’ erseh’n: ob mir, ob euch die Krone bestimmt sey,
  Welche zum Dank uns beut die Erzeugte des edelsten Kaisers,
  Adelheid, voll Engelshuld und himmlischer Schönheit.“
  „Wohl,“ entgegnete jener mit Trotz, „das laßt uns erproben,
  Lobkowitz! Rasch seyd ihr, böheimische Kämpen, und dennoch
  Sollt ihr Oestreichs Söhnen den Kranz nicht rauben im Turnkampf.“
  Aber sie schlossen den Helm, und setzten sich fest in dem Sattel.
  D’rauf, mit gewaltiger Faust vorsenkend den Speer aus des Bügels
  Röhr’, und den ehernen Schild vorhaltend dem Feinde zur Abwehr,
  Spornten beide das Roß, das, weitvorgreifenden Sprunges,
  Schnell, wie der Blitz, auf dem Plan mit tönendem Hufe dahinflog,
  Bis inmitten der Bahn, urplötzlich, ein jeder der Gegner
  Traf des anderen Schild mit des Speers abprallendem Eisen
  So, daß der mächtige Schaft, in tausende Splitter zertrümmert,
  Hoch empor in die Luft und umher auf dem zischenden Sand flog,
  Und die Rosse, zurück’ auf die Hinterfüße gesunken,
  Noch dem gewaltigen Stoß’ erzitterten, schreckenerfüllet.
  Lautaufjauchzte den Kämpen das Volk; unzählige Stimmen
  Zollten im tausendfältigen Ruf den Trefflichen Beifall.
  Jetzt gedachten sie schon, aus dem Sattel sich schwingend, zu zeigen
  Auch in dem zweiten Gang mit dem blinkenden Schwert die Gewandtheit,
  Schnelle, und Kraft; doch laut rief dort der herrschende Turnvogt:
  „Helden, es ist euch Siegesruhm die Fülle geworden!
  Ruht von dem Scheinkampf jetzt! Vielleicht, so Gott es nicht wendet,
  Werdet ihr bald zum Ernst, nicht zum Scherz,
              in schrecklicher Feldschlacht
  Richten das blitzende Schwert auf die Brust anstürmender Gegner!
  Ihr brach’t zierlich den Speer: aus der Hand der holden Erzeugten
  Rudolphs, wird euch herrlicher Lohn noch heut’ in dem Turn-Dank!“
  Jene kehrten zurück, in dem hohen Gezelte zu ruhen.

    Stille wurd’ es umher, und es faßt’ ein heimlicher Schauder
  Manchem die Brust bei’m ernsteren Wort des prophetischen Greises.
  Doch nun braust’ im Sturm der schwarzgerüstete Ritter
  Näher, und riß den Rappen zurück’ an dem leitenden Zügel,
  Sonst durchbrach er im Sprung die hemmenden Schranken. Er nagte,
  Wüthenden Grimms, am Gebiß’, und schnob, und streute den Schneeschaum
  Hin auf den Sand, den er mit den scharrenden Hufen umherwarf.
  Edelem Stamm’ entsprossen schien der gewaltige Reiter;
  Aber noch barg der geschlossene Helm ihn den Augen des Volkes.
  Stolz erhob er die Hand, und hieß mit stummen Geberden
  Milota nah’n. D’rauf zog er ein Blatt aus den Fugen des Panzers,
  Reicht’ es ihm dar, und wies nach des Turnvogts herrschendem Sitz hin.
  Milota lächelte Hohn, da er, spornend sein Roß, an den Schranken
  Hinflog, und darreichte das Blatt dem staunenden Alten.
  Dieser entfaltet’ es schnell, und las mit vernehmlicher Stimme:
  „Euch entbiethet zuvor, ihr edelen Herren und Ritter,
  Ihren freundlichen Gruß Kunegunde, des böhmischen Reiches
  Königinn! Dann verlangt sie, daß ihr den Ritter in Trauer
  Nicht verschmäht, der glänzenden Stamms sich rühmt, und im Turnkampf
  Heute, vor euch, ihr herrlichen Ruhm zu ersiegen, bereit ist.
  Aber ihm werde nach Wunsch der letzte der Kämpfe gewähret!“
  Stumm verneigte der Greis sein Haupt, und Milota kehrte
  Wieder zurück. Da lispelte leis’ in die Ohren des Nachbars
  Ein Barfüßermönch, der jüngst aus Böhmen gekommen,
  Und auf dem volkerfüllten Gerüst schaulustig sich einfand:
  „Seh’ ich den Ritter dort, gehüllt in die finstere Rüstung,
  Will es mich fast bedünken: er sey der Königinn Liebling,
  Zawiß von Rosenberg,[3] der weitgepriesener Anmuth,
  Blühender Jugendkraft, und tapferen Muthes, ihr Herz schon
  Völlig gewann, das leis’ in heimlichen Flammen sich abzehrt.
  Also rächt sich die Schuld! Ein Gleiches mit Gleichem vergolten
  Wird dem Könige, der Margarethen verstieß, und den Unhold
  Sich beilegte zum Weib: Kunegund’ ersehnt sich den Buhlen.“
  Also das Mönchlein sprach. Doch feuriger stets, und entflammter,
  Zuckten die Blitz’ umher im Gewölk’, und auf ehernen Rädern
  Sank stets tiefer herab des Donners rollender Wagen
  So, daß die Menge mit Angst aufsah, und, des strömenden Regens
  Denkend, nur an dem Leinendach des Gerüstes noch Trost fand.

    Wieder erscholl gar feierlich ernst die Dromete. Zum Turnkampf
  Rief sie ein Heldenpaar: da flog der muthige Wallstein,
  Herrlich glänzend von Gold auf dem perlen-farbigen Sammttuch,
  Ueber die Pläne hinab, und wandte sich, harrend des Gegners.
  Sieh’, ihm fiel das Los, mit dem Stahrenberg in den Schranken
  Heute zum erstenmal, sich zu messen: zum Ritter geschlagen
  Jüngst durch Ottgar selbst, der ihn vor jeglichem liebte!
  Jugendlich hüpfte das Blut in den Adern des feurigen Helden
  Noch. Er lechzte nach Ruhm; doch wüthete jetzt in der Brust ihm
  Furchtbare Liebesgluth, seit er vernommen, daß Hedwig --
  Sie, die Zierde der Welt, für welch’ er thöricht entbrannt war,
  Reichen sollte die Hand zum eh’lichen Bund dem Erzeugten
  Rudolphs, Hartmann, und ach, Verzweiflung faßt’ ihn erneut an!
  Ungeheueres sann er empört im Gemüth, und nicht wußt’ er
  Wie er’s vollbringe dereinst. Da sprach ihm jetzt Drahomira,
  Die, nur auf Arges bedacht, auflauerte, leis’ an das Ohr so:
  „Denke des Muths: vielleicht gelingt es dir heut, den Verhaßten
  Dort mit höhnendem Blick zu reizen, und Rache zu üben!“
  Alsbald wandt’ er das Haupt, und sah mit höhnenden Blicken,
  Lang’ nach dem tapferen Hartmann hin, als hätt’ er gefrevelt.
  Zorngluth schoß in das bleiche Gesicht des Edeln: er hob sich
  Hastig vom Sitz, ihn laut zur Rede zu stellen, entschlossen.

    Doch schon nahete Stahrenberg, im feurigen Vorschritt
  Zügelnd das Roß, und rief dem Gegner, lächelnd, entgegen:
  „Erst so beweglich, und nun säumst du den Kampf zu beginnen?“
  „Nein, ich säume nicht!“ sprach alsbald der Zürnende, wähnend:
  Jener zeihe der Feigheit ihn. Er ahnte nicht, wer ihm
  Also empörte die Brust durch dunkle Gebilde der Rachgier.
  Trotzig schloß er den Helm; ließ sinken den Speer in der Rechten;
  Gab dem Rosse den Sporn, und flog dem Ritter entgegen,
  Der nicht müßig geharrt: denn sieh’, jetzt trafen die beiden
  Sich inmitten des Plans, an dem Schilde die Speere zu brechen,
  Wie es der Turnbahn Sitte geboth, und trefflich erzielte
  Stahrenberg den Gewinn: sein Speer zerbrach an dem Turnschild
  Wallsteins, den ein glänzender Stern erhellete, krachend;
  Schlug auch den Stern entzwei, und zerstob in unzählige Trümmer!
  Aber nicht so sein Gegenpart. Von stachelnder Rachgier
  Glühend, nahm er das Abseh’n hoch nach dem Helm’, und er stieß ihm
  Solchen vom Haupt mit festnachstürmender Rechten, daß alsbald
  Ihm an dem Kinn der Riemen zerriß, und im Sande der Helm hin
  Kollerte. Zornerfüllt gewahrten die älteren Ritter
  Wallsteins Frevelthat, und murreten. Aber dem Turnvogt
  Schien gleichmäßig des Kampfes Gewinn: weil jener den Schild ihm,
  Schmetternd, zerbrach, und dieser den Helm von dem Haupt ihm gehoben.
  Stille herrscht’ umher; kein Beifall krönte die Kämpen.
  Stahrenberg ritt eilig zurück; doch zögerte Wallstein
  Noch auf dem Plan, und sah von neuem mit höhnendem Ingrimm
  Nach der Lug empor, wo Hartmann im glänzenden Harnisch,
  Lieben Geschwistern vereint, sich fand an der Seite des Kaisers.
  Ihn verhöhnet’ er frech, und begann mit stachelnden Worten:
  „Kühlere Lüftchen umweh’n dich dort; hier fühlt es sich heißer:
  Komm, und versuch’s! Der Jugend Kraft zu erproben, ist rühmlich.“
  Stöhnend vor edelem Zorn erhob sich der Jüngling, und forschte
  Einen Augenblick in dem Antlitz des herrschenden Vaters.
  Aber er saß in erschütternder Hoheit dort in der Mitte
  Seiner Erwählten, und sah, verstummend, hinab auf den Ritter.
  Jenem genug: er sprang die Stufen herunter, und warf sich
  Schnell auf das wiehernde Roß, das draußen der Knappe gehalten;
  Faßte, zitternd vor Hast, den Speer, und flog auf die Turnbahn.

    Doch schon hatte zuvor von dem trugverblendeten Wallstein
  Sich Drahomira gewendet, und hing mit flammenden Blicken
  Ueber Ottgars Haupt. Er war’s, der heute des Nachtgrau’ns
  Farbe zur Rüstung sich wählt’, als jene, voll höllischer Arglist,
  Ihn zu dem Kampf hertrieb: nur Jammer zu schaffen, entschlossen.
  Wie auf dem trüglichen Netz die giftige Spinne dahinfährt,
  Wo die Beute sich fing, und diese mit klebrigen Fäden
  Dicht umstrickt, daß kein’ Errettung mehr von dem Tod ist:
  Also ließ sie nicht ab von dem unglückseligen Herrscher,
  Deß’, sonst edele, Heldenbrust in wilder Empörung
  Schrecklicher Ehrsucht gohr, und allein nach Rache sich sehnte.
  Siehe, wie zween geschweifte Kometen am nächtlichen Himmel
  Glüh’n, und in blutiger Kriegeszeit den zagenden Völkern
  Dräu’n Pest, Hungersnoth, und Theurung: also erglühten
  Jetzt Drahomira’s zur Wuth empörete Blicke; sie hauchte
  Ottgars horchendem Ohr den seelenverderbenden Rath ein:
  „Pfeilschnell naht, und entfliehet das Glück:
              d’rum hasch’ es im Flug jetzt,
  Eh’ es auf immer entweicht, und nicht wiederkehret dem Trägen:
  Tritt mit Hartmann du in den Kampf; dir weiche dein Liebling
  Wallstein. Thöricht vergaß der waffenbeschauende Turnvogt
  Deine zu prüfen: du führst verderbliche. Schleudre den Jüngling
  Erst in den Staub; dann wende dich, nah’ ist der Kaiser,
              durchbohr’ ihm
  Kühn die verräth’rische Brust, und entflieh’.
              Dein schreckliches Reitroß
  Trägt dich schnell aus umdrängender Noth: denn höllische Macht tobt
  Ihm in den Adern. Auf, und räche dich jetzt an dem Gegner.“

    Wild aufbäumte sich Ottgars Rapp’, als jene gesprochen;
  Scharrt’ in dem Sand, und schnob, und drehte sich,
              wüthend, im Halbkreis’:
  Denn sie erregte das Thier durch Gaukelgebilde der Hölle.
  Heimlicher Schauder ergriff das Volk und die edelen Ritter.
  Ottgars Aug’ umdüsterte Nacht: gleich Meeresorkanen,
  Wühlten in seiner Brust die Empfindungen streitender Rachgier,
  Ehre, und Pflicht. Doch jetzt besann er sich; sprengte den Rappen
  Ueber die Schranken, und rief dem kampfbeginnenden Helden
  Laut, im Brausen des nahenden Sturms und Donnergewitters:
  „Wallstein, halt! Zieh’ hin zu dem Schrankenthor’, und vergönne
  Mir in des Kampfs Entscheidung den Sieg. Kunegunde geboth mir
  Sie zu rächen, und dich an dem schmähungliebenden Buben
  Deß’, der Kaiser sich nennt des heiligen, römischen Reiches.“
  Wallstein eilte zurück; doch Hartmann rief ihm entgegen:
  „Ha, du lügst! Nie hat mein Mund Kunegunden, noch jenen,
  Der so frech sich erweis’t, so unritterlich handelt, geschmähet,
  Weder heimlich, noch offenbar: das sollst du mir büßen.“
  Rief’s, und senkte den Speer, nicht erwägend, daß solchen der Knappe,
  Nicht zum Kampf auf Leben und Tod -- nur zum rühmlichen Scheinkampf
  Ihm darreichte zuvor, in drängender Hast und Verwirrung.
  Zwar erhob den Stab und die herrschende Stimme der Turnvogt;
  Zwar abmahnten vom Streit die Grieswart’ dieß und auch jenseits;
  Aber sie achteten’s nicht. Von dem lautaufheulenden Sturmwind
  Ward verschlungen ihr Ruf, und die rachebefeuerten Gegner
  Bringt zur Ruhe kein Stab jetzt mehr, noch zu klarer Besinnung.
  Aber schon war, voll sorglicher Hast, dem erhabenen Kaiser
  Marbod genaht. Nicht entging dem liebenden Geist Drahomira’s
  Unheilschwangerer Blick, die, beiden: dem Kaiser und Böhmens
  Könige, Tod und Verderben sann, und in wilder Verwirrung
  Leichen auf Leichen gehäuft, der Hölle zur frevelnden Lust, sah.
  Jetzt umfaßt’ er ihn heiß, und rief im Geistergelispel:
  „Auf, und ziehe dein blinkendes Schwert, zur Wehre dich stellend!
  Dir droht Mord und Verrath, und deinem Sohne Verderben
  Von dem Fremdlinge. Horch, und verschmähe des Warnenden Rath nicht!“
  Alsbald hob, von dem Geist erregt, der gewaltige Herrscher
  Von dem Stuhle sich auf; entblößte das Eisen, und eilte
  Schnell die Treppe herab auf die Plane, den theuern Erzeugten
  Gegen die Wuth des rascheindringenden Gegners zu schirmen,
  Der so frech verhöhnte den Ruf des heiligen Gastrechts.

    Jetzo sporneten, laut mit Geschrei, die erbitterten Helden
  Gegen einander die Ross’ auf dem Plan; doch, brausenden Fluges,
  Trieb in dem Augenblick das entsetzliche Donnergewitter
  Näher, und stäubte den Sand in wirbelnden Säulen vom Grund auf.
  Blitz auf Blitz, und Schlag auf Schlag urplötzlichen Donners
  Flammt’, und krachte herab aus dem finsteren Schooße der Wolken,
  Die, gewitterschwer, tiefhangend, zum Boden gesunken,
  Jetzo des Mittags Hell’ in Nacht verwandelten ringsum.
  Angst ergriff das versammelte Volk. Dem Schreckensgedanken
  Bebte das Herz, als sey der Tag’ allletzter gekommen.
  Wie, und dennoch ruhten die zween erbitterten Gegner
  Von dem Kampfe noch nicht? Sie sprengten die Läufer im Flug fort.
  Jetzo, wo Ottgars Speer mit tödlicher Spitze dem Turnschild,
  Harnisch, und Herzen zugleich des harmloskämpfenden Hartmann
  Nahete, fuhr ein Blitz, an der Breite dem stürzenden Waldstrom
  Aehnlich, zwischen die beiden herab, und entsetzlicher Donner
  Rollte, betäubenden Schlags, erschütternd ringsum die Gegend,
  Plötzlich ihm nach; doch Marbod sprang urschnell in den Blitz hin.
  Sein entrüsteter Blick entflammte sich hell, und er schreckte
  Hartmanns wildanstürmendes Roß vor dem Rosse des Gegners.
  Bäumend hob es sich auf: da drang ihm der Speer so gewaltig
  Ein in die Brust, daß der Schaft, erkrachend,
              sich bog, und entzwei brach.
  Stöhnend sank das Roß auf den Rücken. Der Reiter entzog ihm
  Schnell das Bein, und stand, ergriffen von inniger Wehmuth:
  Schauend sein treues Thier, das jetzt mit den vorderen Hufen,
  Jetzt mit den hinteren scharrt’ in dem Sand --
              dann todt, und erstarrt lag.

    Ottgar saß, geblendet vom Blitz’, und schnaubend vor Ingrimm
  Ob des gebrochenen Speers. Er hörte den schrecklichen Donner,
  Hörte die lärmenden Ritter nicht mehr, die, empört von dem Frevel,
  Naheten; doch er sann im schnellhinschwindenden Zeitraum
  Eines Augenblicks. Drahomira empörte zur Wuth ihn,
  Als der Kaiser zur Rettung des Sohns in Eile dahersprang;
  Aber umsonst: denn stolz- und tapfergesinnet war Ottgar;
  Feig ihm dünkte der Mord. Er riß von der Rechten den Handschuh,
  Warf ihn entgegen dem Feind’, entblößte das Eisen, und rief ihm:
  „Rudolph, heb’ ihn nur auf: denn es biethet auf Tod und auf Leben
  Ottgar, zitt’re vor ihm, dir Fehde für jetzt, und für immer!
  Nichts von Frieden darum, und nichts von der Kinder Verlobung:
  Rach’ allein ist die Losung hinfort: das soll ich dir kund thun!“
  Rief’s, und gab dem Rosse den Sporn. Die Schranken hinüber
  Trug es ihn fort im Sprung; dann, sausend, im Donnergaloppe
  Weiter und weiter hinaus auf der staubenden Straße nach Stillfried,
  Und ihm sprengte sein Ehrengefolg’ im eiligen Flug nach.
  Aber in wilder Verwirrung schrie’n, und entstürzten die ander’n
  Rings den Sitzen, und floh’n durch Sturm und Gewitter voll Angst heim.



  Fünfter Gesang.


  Schüttelnd die triefenden Schwingen, erhob nach unendlichem Regen
  Sich der Abendwind, und warf von dem rauschenden Hochwald
  Und dem ersäuselnden Hain’ gewichtige Tropfen zum Boden.
  Trauernd senkten den lastenden Kelch in dem Felde die Blumen
  Noch, und das blinkende Gras bewegte sich langsam und schwer nur.
  Kein Gesang der Vögel erscholl; nur fern in dem Sumpfrohr
  Quackte der Frosch, und die finstere Luft durchkrächzten die Raben:
  Denn noch deckte Gewölk des Himmels Bogen; der Donner
  Rollte noch fort, und der leuchtende Blitzstrahl fuhr noch im Süden
  Flatternd umher: als droht’ er entsetzlicher wiederzukehren.
  Da gelangte, von Wuth und gährender Rache getrieben,
  Ottgar heim vor das Lagerzelt, und schwang sich vom Sattel
  Hastig herab. Ihm kam der Kunring, Leutold, entgegen,
  Der mit Schmerzen daheim sein harrete. Jetzo begann er:
  „Wahrlich, du kommst ersehnt, und glühender noch, als am Abend
  Unsers mit Blut gefertigten Bund’s: an dem Kaiser -- an Rudolph,
  Rache zu üben -- an ihm, der nach den geheiligten Rechten
  Altehrwürdiger Ritterzeit im empörenden Hochmuth
  Greift mit gewaffneter Hand; der Deutschlands Edeln der Knechtschaft
  Fesseln beut, da er schon gar viele der Vesten zu Boden
  Schmettert’, und allen ein Gleiches droht: daß nimmer die Freien
  Uebten ihr Recht an dem Volk, dem niedriggebornen, nach Willkühr.
  Nicht so wurden wir einst lehnpflichtig dem König. Der Leh’nsherr
  Rang um sein Eigen im Feld; sein ist’s, was dort ihm zu Theil ward --
  König auch er: ihm huldigt zur Frohne der Hold und der Sasse.
  Wie, mir würd’ es verwehrt zu erbauen die Burg auf dem Felsen,
  Der aus dunkelem Wald’ aufragt, und zum schwindelnden Abgrund,
  Senkrecht bis zu dem Wildbach hin die Wände hinabsenkt,
  Unnahbar dem Feind? Nicht sollt’ ich dort von den Zinnen,
  Oder des Wartthurms Höh’n mit herrschendem Blick in des Abends
  Goldenem Schein’ erforschen die Gau’n: ob, lauernd, der Gegner
  Nahe den Thalweg her? Nicht sein, des ohnmächtigen, spotten,
  Der, mit blutigen Köpfen zurück von der Veste gewiesen,
  Schamroth flieht? Nicht von ihr zum Kampf mit den Reisigen auszieh’n,
  Kennend der Mauern Gefüg’, und in selben geschirmt nach dem Heimzug?
  Rechte nur immerhin der Unfreie mit mir, daß ich, Freier,
  Niederwerfe nach Lust auf der Straße den wandernden Kaufmann,
  Der, ein Bürger der Stadt, dem Juden zugleich und dem Wechsler
  Treuverbündet, mein Volk betriegt, deß’ Habe doch mein ist?
  Nur in der Ritterburg, der Wieg’ erhebender Thatkraft,
  Heldensinnes, und Muths wohnt auch das häusliche Glück noch.
  Wenn ich schaue die Hausfrau dort, wie sie schaltet mit Sanftmuth
  Ueber das rohe Gesind’, und die züchtigen Töchter, den Rosen
  Gleich aufblühend, erwerben die Huld und die Würde der Mutter;
  Wenn ich vom Fenster hinab an des Hofraums rasigem Abhang
  Ringen sehe den Sohn mit den Knappen: wie diesem den Bart er,
  Lachend, zerrauft, und den anderen schlägt mit den winzigen Fäustchen,
  So vorübend die Kraft auf die herrlichsten Jahre des Lebens:
  Nicht für die goldene Kron’ eintauscht’ ich die goldene Freiheit.
  Sieh’, auch der Sänger spricht dort ein, und läßt in dem Hofraum,
  Nachtumhüllt, gar mild ertönen die lieblichen Saiten,
  Eh’ er beginnet sein Lied; doch sitzen wir bald in des Saales
  Schimmerndem Licht um ihn her, und horchen den zaub’rischen Tönen
  Von der Minne Leiden und Glück; von den Wundergeschichten
  Grauender Heldenzeit, und den Thaten gewaltiger Ahnen
  So, daß in wonniger Lust, wie im Flug’, uns die Stunden entschwinden!
  Ha, und dessen gedenkt der Habsburg uns zu berauben?
  Künftig sollen wir feig, erschlafft, und völlig verweichlicht,
  Wohnen in dumpfiger Stadt, und der Ritterehre vergessend,
  Höflingen gleich, uns bücken vor ihm? Doch, König, verzeihe,
  Wenn vor dir nicht Gefälliges spricht ein wackerer Deutscher!
  Wie habt ihr turneit? Ward Habsburgs Löwe gebändigt?
  Hast du Rache geübt? -- denn Schreckliches kündet dein Aug’ an.“
  Sagt’ es, erstaunt; doch Ottgar sah mit den flammenden Augen
  Ihn noch schrecklicher an, und rief: „Ja, Rache geübet
  Offen vor allem Volk! Wohl sagt’ ein höllischer Geist mir
  Heimlich in’s Ohr: „Durchbohr’ ihn!“ doch mich dünkt’ es zu niedrig:
  Morden! Ein Leichtes war’s, auf dem Plan das blinkende Schwert ihm
  In die verräth’rische Brust -- er zitterte! heute zu tauchen;
  Doch nur in offener Schlacht, das Aug’ auf das Auge geheftet,
  Soll er mir steh’n, und, fallend, im Staub’ aushauchen das Leben.“
  Vor, aus seinem Gefolg trat Milota jetzt, und begann so:
  „König, verzeih’: er zitterte nicht! Dich täuschte der Rachgier
  Seelenverwirrende Gluth. Wohl staunt’ ich, als er so muthvoll
  Dir entgegen trat auf dem Plan: du sporntest den Rappen
  Weise davon. Gut war’s: nicht wehrlos falle der Gegner,
  Tapferen Herzens, dem tapferen Mann; das hast du erwogen:
  Selber beut sich ja oft nur klügeren Seelen das Glück an.“
  Sprach so, kaum bekämpfend die Wuth, die ihm heimlich des Herzens
  Tiefen zerriß, und er lächelte nur. Doch jener zernagte,
  Schweigend, die Lippen vor Zorn: denn Spott verriethen die Augen
  Milota’s. Jetzt entblößt’ er das Schwert, und flehte zum Himmel:
  „Ewiger, der du schirmst das Recht, und bestrafest das Unrecht;
  Auch in der Vorzeit oft in die Hände der Führer des Volkes
  Gabst dein Rächerschwert, zu vertilgen Israels Gegner,
  Höre mein Fleh’n, und laß’ mich jetzt vergelten im Vollmaß
  Dem, der, frevelnd an mir, verletzte die Treu’ und die Wahrheit,
  Mich beschimpfend vor allem Volk, da er laut es gebilligt:
  Heimlich im Zelt sollt’ ich ihm huldigen -- schändlicher Trug war’s!
  Mich verachtet das Volk seitdem, und die jammernde Mutter
  Meiner Erzeugten weis’t die unschuldigen Opfer des Truges
  Mir, im verzweifelnden Schmerz.
              O, gib mir den Sieg in dem Kampf jetzt!“
  „Ihr,“ so rief er den Feldherrn laut, „erhebet die Banner
  Eurer geordneten Schar! Wir ziehen noch heute nach Thalsbrunn:
  Dort von dem Weidenbach g’en Wien zu dringen, entschlossen.“

    Jene gehorchten sogleich, und gebothen dem Heere den Aufbruch.
  All’ die geordneten Reihen hinab ertönte das Rufen
  Tausender: „Auf! In den Kampf! Wir geh’n den Feinden entgegen.“
  Trommeln rasselten dumpf, und das Schmettern eh’rner Drometen
  Scholl aus dem Waffen-Geklirr mit dem Wiehern unbändiger Rosse.
  Bald schwand rings die wandernde Stadt der Gezelt’ aus den Fluren,
  Und die unendliche Wagenburg nachfolgte der Heer’smacht
  Langsamen Schritts, von dem Lastvieh fort auf der Straße gezogen.
  Siehe, in drei Heersäulen ging des gewaltigen Königs
  Furchtbare Macht jetzt vor! Er hemmte sein Roß an dem Heerweg;
  Sah die Tausende zieh’n, und heischte von Diesem und Jenem,
  Schnelleren Gang mit erhobener, oft schrittweisender Rechten.
  Lobkowitz führt’ in dem Vorderzug die böhmischen Reiter;
  Mährens Volk, das muthig zu Fuß anstürmt in der Feldschlacht,
  Milota, der in der Mitt’ einher vor den Reussen, den Meißnern,
  Und den Thüringern zog. Doch Czernin lenkt’ in dem Nachzug
  Sachsens reisiges Volk, dem rasch die Mannen der Kunring’,
  Und die Bayern zugleich voreileten, fröhlichen Muthes.
  Als das geordnete Heer aufbrach, da schloß mit Gefolg auch
  Ottgar sich, hinbrütend, ihm an. Der tapfere Wallstein
  Ritt ihm zur Seit’ -- auch er versunken in düstere Schwermuth:
  Denn nicht brachte der Tag ihm Gewinn; nicht die schönere Hoffnung
  Blüht’ ihm darum, weil er sie dem Gegner entriß auf der Turnbahn.
  Ach, sie stand ihm zu hoch, des Königs Erzeugte! Nicht wagt’ er,
  Ihm zu eröffnen das Herz, obgleich er liebend an ihm hing.

    Jetzo schwand das hüg’lige Matz zur Rechten, und Angerns
  Weidenreiches Gefild zur Linken dem Heere vorüber.
  Ottgars Blick hing starr an der March, die rauschend hinunter,
  G’en Marcheck und Kressenbrunn die dunkelen Fluthen
  Wälzte. Der herrlichen Zeit errungenen Ruhmes gedacht’ er
  Jetzo mit pochender Brust, und sprach zu dem sinnenden Jüngling:
  „Eilt nicht der Strom, wie die Zeit, in ewigwechselndem Lauf fort?
  Bald erglänzt er im sonnigen Licht, bald wogt er im Sturmhauch,
  Trübaufschäumend, umher: sein voriger Reiz ist entschwunden.
  Siehe, wie düster die March jetzt fließt,
              und wie herrlich erschien sie
  Dort an dem Tage von Kressenbrunn,[1] wo im Siegesgefild mir
  Ungerns Macht erlag, die Bela, der tapfere König,
  Zahllos, wie der Heuschrecken Heer’, uns entgegengeführt hat!
  Jenem Siegestag zur Erinnerung gründet’ ich dankbar
  Dann Marcheck, die blühende Stadt, am Gestade des Flusses.
  Ha, dort scholl mir die Stimme des Glücks in dem Sieges-Gefild noch,
  Und ich folgt’ ihr beherzt! Vielleicht erschallt sie mir nimmer.
  So ist des Menschen Geschick, des sterblichen, hier auf des Lebens
  Pilgerpfad’ empor zu schießen, voll üppigen Wuchses;
  Doch gestellt ist das Maß, und er schrumpft dann wieder zusammen,
  Wie die thürmend’ Eich’, die ihr Haupt in die Lüfte gehoben,
  Nun zu Moder zerfällt: die, ach, Jahrhunderten trotzte,
  Liegt in dem Staub! So schreiten auch Reich’ und gewaltige Völker
  Plötzlich wieder zurück von den kaum errungenen Höhen,
  Und mir ahnet es fast, ich hab’ sie errungen: zum Abend
  Neigt sich mein Strahlengestirn, und bald versinkt es in Nachtgrau’n.“
  „Das sey ferne,“ so rief den schwärmerischtrüben Gedanken
  Sich entreißend mit Macht, der feurige Jüngling, „das Dunkel
  Kennt dein Glücksgestirn nicht mehr: erst jetzo beginne
  Solches den schöneren Lauf zu des Ruhms hellleuchtender Sonne!
  Fällt der Kaiser besiegt, und das soll er! dann ist die Welt dir
  Unterthan. Wie dort nach dem herrlichen Sieg’ im Triumphzug
  Du hinführtest dein Volk an Italiens Gränze:[2] so winkt jetzt,
  Ueber sie hin dein Siegespfad. Weltherrschend, eröffnet
  Roma dir die Thor’, und erblickt die Krone der Kaiser
  Schimmernd auf deinem Haupt, die Carol der Große getragen.
  Stark bist du, und noch stärker, so dir ein tapferer Eidam --
  Doch nicht aus Rudolphs Stamm, den du geziemend verschmähtest,
  Sich in dem Schlachtfeld eint, als Gatte der himmlischen Hedwig!“

    Ottgar schwieg, und das Heer zog weiter in täuschender Stille,
  Wie er gebothen zuvor. Doch sieh’, aus den nächtlichen Wolken
  Senkte sich Arpad[3] jetzt in Eile herunter! Ein Vater
  Ward er genannt dem Magyaren-Volk’, und aus seinem Geschlecht her
  Sproßte der Segenszweig: der erste, der heilige König
  Ungerns, der, sein Volk auf des Heilands Pfade geleitend,
  Ihm der Menschlichkeit beglückende Recht’, und der Sitten
  Mildere Form kund gab, auch Gesetz’ ihm schenkte zur Wohlfahrt.
  Arpad, schauend den Kun, im Rohrgefilde verborgen,
  Sann alsbald nur Thaten des Muths, und er nahete pfeilschnell
  Ladislav, dem Könige, der, entschlummert im Zeltraum
  Lag auf dem Bärenfell’ im grasumwucherten Aufeld;
  Beugte sich über ihn hin, und preßte den Mund auf den Mund ihm
  So, daß er ängstlich sich wand, und stöhnete, bis er die Augen
  Aufschlug, schrie, und im finsteren Zelt’, entrüstet, umher sah.
  Arpad haucht’ ihm Muth in die Brust mit dem Seelengelispel:
  „Also bezwungen vom Schlaf, dehnst du die blühenden Glieder,
  Eingelullt vom Gesang kumanischer Frau’n und der Zither
  Sanftem Getön? Wach’ auf, du Weichlicher! Denke der Ahnen
  Weitgefeierten Heldenruhms, und des feurigen Muthes,
  Der sie beseelte beim Klang des furchtbarbrüllenden Rindhorns,
  Wenn die Feinde sich trafen im Feld’, und der Würgenden Ruf scholl.
  Wachen muß dort stets für alle der Herrscher, und rastlos
  Walten bei Tag und bei Nacht, in gefahrumdräuender Kriegszeit.
  Horch dem Gewirr! Schon zieht der Böhm’ in täuschender Stille
  Eilig die Straße hinab g’en Thalsbrunn, dort in des Lagers
  Weitumkreisendem Raum, von dem Rasenwall’ und dem Graben
  Mächtig geschirmt, dem Feinde sich rasch entgegen zu werfen.
  Zahllos regten sich dort viel’ Tag’ und Nächte die Gräber,
  Die er entboth in dem Land’ umher voll schrecklicher Drohung;
  Doch im Rücken des eilenden Heers, nichts Arges vermuthend,
  Kommt mit schwachem Gefolg’ auch der König vorüber, und langsam
  Folgt ihm die Wagenburg: d’rum schnell an das muthige Werk jetzt!
  Sende hinaus in den Hinterhalt der bewährtesten Reiter
  Tausend, die, verborgen im trocknen Geröhr’, an dem Heerweg
  Harren, bis Ottgar naht: gleich weit entfernt von den Scharen
  Und von der Wagenburg; dann all’, im sausenden Eilflug,
  All’ auf ihn los, und erhascht ihr ihn,
              schnell in Geschrei und Getümmel
  Wieder zurück in das Lager gejagt mit dem werthen Gefang’nen.
  So beginne den Kampf, ein Sieger, zur Freude dem Kaiser --
  Dir, und dem Vaterlande zum Ruhm, dem Lande der Helden!“
  Sagt’ es mit lispelndem Laut. Da trat ein Kun in das Zelt ein,
  Athemberaubt vor Hast, und verkündete: daß auf dem Heerweg
  Zahllos, Schar auf Schar, der Böhme vorübergezogen.
  Feuriger hauchte der Geist, da er sprach, dem horchenden König
  Noch in die Seele den kühnen Entschluß. Sieh’, eilig erhob er
  D’rauf sich vom Lager, und rief nach dem tapferen Führer der Kunen,
  Kaduscha, der, von Gestalt nur klein, und häßlich von Anseh’n,
  Doch unbändiger Kraft, und flammenschnaubenden Muths war.
  „Eile,“ so sprach er zu ihm, „mit tausend erlesenen Reitern
  Bis an den Rand des Geröhres hinaus, und harre mit Vorsicht
  Dort in dem Hinterhalt, bis Ottgar selber dir nah’ ist:
  Weit getrennt von der Wagenburg, und den eilenden Scharen;
  Dann im Fluge hinaus, zu erhaschen den Herrscher der Böhmen!
  Fünfzig Rosse sind dein, und zehn goldschimmernde Sättel,
  Auch der Waffenschmuck des Königes, kehrst du als Sieger.“
  „Ich vernahm es,“ entgegnete stolz der muthige Feldherr,
  Als er das Roß bestieg. Er jagte mit tausend Erwählten
  Bis an den Saum des Geröhres hinaus, und warf sich, des Königs
  Harrend, in’s Gras. Wie in dunkeler Nacht der schreckliche Rohrwolf
  Lauscht an der Trift, und dort auf die Hinterfüße gesunken,
  Winselnd vor Gier nach Blut, mit glühenden Augen umherschaut:
  Ob nicht der Rinder Schar vorüber wandere, grasend?
  So der Kune dahier. Doch sieh’, bald wogten des Feindes
  Reihen vorbei, und im Zwischenraum, nichts Arges vermuthend,
  Naht’ auch Ottgar jetzt, als Kaduscha, sich in den Sattel
  Hebend, den Kunen zu stürmen geboth. Vor dem wilden Getümmel
  Klirrender Waffen, und brausender Ross’, und der stürmenden Krieger
  Lautem Gejauchz’ erbebte die Nacht, und des Königs Geleitschar
  Starrte vor Angst: denn schnell, weit vorgebeugt aus dem Sattel,
  Schwingend mit wildem Gebrüll den krummgehämmerten Säbel,
  Jagten die Kunen heran, und drohten ihm Tod und Verderben.
  Wallstein rief alsbald dem Gefolg’: „O, schließt um den Herrscher
  Einen ehernen Kreis mit der Brust, und fielen im Kampf wir
  Alle zugleich, nur sey des Herrn Gesalbter errettet!“
  Aber nicht säumten die Tapferen: denn dreihundert aus Böhmen,
  Bayern, und Sachsen, erwählt zum Geleit’, umringten den König
  Schirmend, und kehrten die Brust nach dem Feind,
              der, ähnlich dem Sturmwind,
  Naher und naher im Flug, herbraust’ auf dem staubenden Heerweg.

    Kaduscha hieb der erst’ in den Kreis des kühnen Gefolgs ein.
  Er zerschmetterte schnell zwei muthigen Bayern, von Törings
  Mannen, die Stirn’, und erhob sein Eisen, noch fürder zu wüthen.
  Töring, der edele Ritter, der, ausziehend aus Seefelds
  Ragender Burg, dort sieben unmündige Kinder zurückließ:
  Denn ihm raubte der Tod erst jüngst die treffliche Hausfrau,
  Senkte den Speer auf den Wüthenden; ritt rasch an, und durchstieß ihm
  Also die Rechte, daß ihr alsbald entschlüpfte der Säbel.
  Jetzo hatt’ er gerächt die Ermordeten; aber es barg sich
  Jener sogleich im Gedräng’, und rief nach dem Führer des Volkes,
  Zobor, ihm vertrauend des Kampfs entscheidende Leitung --
  Ihm, dem Riesen an Kraft: er lockte den grimmigen Bären
  Aus der Höhle heraus, und erwürgte ihn, ringend, am Boden.
  Seitwärts drang er auf Töring ein, der, schnaubend vor Rachgier
  Reiter auf Reiter herab aus dem Sattel warf mit dem Speerschaft.
  Vier’ erwürgt’ er schon: da stieß ihm die Spitze des Eisens
  Zobor tief in’s Genick’, als er nach dem Gegner sich beugte.
  Töring sank in den Staub, und hauchte den muthigen Geist aus.
  Ach, und die Amme führt, wie die liebvollsorgende Mutter,
  Jeglichen Morgen die Kinder heraus auf die Zinnen der Felsburg;
  Zeigt dort allen den Weg, den jüngst der Vater gezogen,
  „Und euch allen,“ so sprach sie,
              „ein schönes Geschenk aus der Hauptstadt
  Heimbringt, so ihr euch fromm und gut, wie er’s heischte, benehmet.“
  Doch nicht kehret er heim; sein harren die Kinder vergeblich:
  Denn er liegt getödtet im Staub! So fielen noch hundert,
  Unter der würgenden Faust der Kunen, gebändigte Krieger,
  Und Verderben umgab stets näher und näher den König.
  Wie wenn nächtlich im Wald’ ein wandernder Fleischer, von Räubern
  Angefallen, mit tapferem Muth’ sich wehrt, und der Gegner
  Manchen erlegt; doch wäre noch all sein Mühen vergeblich,
  So das menschengetreueste Thier ihm nicht fest an den Seiten
  Kämpfte: sein mächtiger Hund, der rasch im Kreise sich wendend,
  Diesem die Kehle durchhaut mit den tödlichen Zähnen; den andern
  Niederreißt am Genick’, und, würgend, nicht ruhet, nicht rastet,
  Bis er errettet schaut den Gebiether: so stritt für das Leben
  Ottgars, häufend die Leichen umher, der tapfere Wallstein.
  Doch, als jetzt die Gefahr ihm noch gewaltiger drohte,
  Schrie er ihm zu: „Mir nach, mein König und Herr!“ und er bahnte
  Sich mit dem sausenden Stahl durch Feindeshaufen den Blutpfad.
  Ottgar folgt’ ihm beherzt, und hieb die Umstürmenden nieder.
  Ha, nach entsetzlichem Mord und Gewürg, durchhau’n, und gesprengt war
  Endlich der Todesring, und ihm entrannen die beiden,
  Brausenden Flugs, auf dem Heerweg fort! Im nächtlichen Dunkel
  Schwanden sie bald aus den Augen der weitnachfolgenden Gegner;
  Doch die kehrten zurück’, und des Königs treue Geleitschar
  Fiel nach tapferer Gegenwehr (denn Keiner ergab sich)
  Hier erschlagen im Kampf mit den herzblutdürstenden Kunen.
  Ach, wie grausam wütheten jetzt die Schrecklichen: hauend
  Allen das Haupt von dem Rumpf’, und es dann auf die Spitze des Säbels
  Pflanzend, zogen sie heim, siegtrunken und rachegesättigt:
  Denn sie sahen zuvor wohl doppelt die Zahl der Gefährten
  Hingestreckt im Staub’, und erwürgt von den tapferen Feinden.

    Fort, und fort im Galopp war Ottgar schon in des Heeres
  Nähe gelangt; nur die Höh’n von Prottes, dem ruhigen Dörfchen,
  Lagen noch, trennend, vor ihm, und hinter den eilenden Scharen.
  Milota trabte die Höhen herab. Mit ängstlicher Sorgfalt
  Forschte sein Auge zuvor nach dem König: er hatt’ ihn dem Tod schon
  Lange geweiht, und harrete nur des ersehneten Tages,
  Wo er nach Rache die Gier an ihm sättigte, schrecklich und furchtbar!
  D’rum verlor er ihn nie aus den Augen, und so, wie der Kater,
  Grausamer Lust, freigibt das erst gefangene Mäuschen:
  Da folgt ihm sein glühender Blick, und will es entrinnen,
  Streckt er sogleich ihm nach die klau’nbewaffneten Pfoten --
  Reißt es zurück in den Todes-Kreis, und weidet die Augen
  So an dem armen, voll Grimms: nicht anders verfolgten die Augen
  Milota’s Ottgarn stets, der Rach’ ihn zu opfern, entschlossen.
  Jetzo gewahrend: er sey’s, begann er von weitem zu rufen:
  „Wahrlich, du wagtest viel, mein König, so fern dich zu halten
  Von dem schnellvoreilenden Heer! Wer so die Gefahr sucht,
  Wandelt auf glattem Geröll’, an des Abgrunds schwindligem Rand hin:
  Denn in den Auen der March droht uns der schrecklichen Kunen
  Leis’umspähendes Volk: du warst die erwünschteste Beut’ ihm,
  So es dich traf. Doch sprich, wo weilt dein Reitergefolg noch?“
  „Mein Gefolg ist todt,“ entgegnete jener, „gefallen
  Unter des Feindes würgender Faust. Dem tapferen Jüngling
  Hier verdank’ ich das Leben allein; stets hielt er im Leben
  Treulich an mir; er sey, wie ein Sohn, mir geliebt in der Zukunft.“
  D’rauf hinbeugt’ er nach Wallstein sich von dem Sattel; er küßt’ ihn
  Auf die glühende Stirn, und drückt’ ihm die Rechte noch freundlich.
  Jener, mit Freudenthränen im Blick’, erwiederte, hebend
  Ottgars Hand an den Mund, der Liebe beglückendes Zeichen.
  Plötzlich sah er im Geist der wahnsinngenähreten Hoffnung
  Truggestalt in der Wirklichkeit, hellschimmernden Glanzes,
  Ihm genaht, und gestillt des Herzens unendliche Sehnsucht.
  Wehe, daß Drahomira so nah’ ihm war in des Nachtgrau’ns
  Schrecklicher Stund’, und stets auflauerte, daß sie, verderbend
  Ihn, sich räche zugleich an Ottgarn, höllischer Lust voll!
  Hufesgerassel erscholl: denn Milota’s Reitergeschwader
  Jagte heran. Sie schrie ihm ins Ohr: „Der Feind ist im Anzug!“
  „Ha, der Feind!“ rief Milota laut, und in wilder Verwirrung
  Jagt’ er nach Ebenthal, woher sie gekommen, das Roß hin.
  Ottgar folgt’ ihm schnell; nur Wallstein hemmte den Läufer
  Oft: um den König besorgt, und für ihn zu sterben, entschlossen.
  Aber ihm däuchte das nahe Gebirg, und drüben das Blachfeld
  Jenes von Ebenthal an der freundlichen Burg, wo er seicher
  Oft sich erging, des Weidwerks Lust ergeben im Feld’ auch.
  Ottgar hörete jetzt den Ruf des warnenden Jünglings;
  Tobte vor Zorn, und sprach zu Milota grimmigen Blickes:
  „Hat dich mein böses Geschick mir entgegengeführt an dem Kreuzweg,
  Wo in dem nächtlichen Grau’n nur menschenfeindliche Geister
  Hausen, daß du dem Heer mich entrückst, und verleitest zum Irrgang?
  Wahrlich, der Himmel straft heut Nacht die Vergehungen alle,
  Die mich erniedrigten einst auf des Lebens verlockenden Bahnen!
  Fort, g’en Stillfried jetzt, wo die Wagenburg und der Nachhuth
  Tapfere Schar mich schirmt, bis wir dem Heere vereint sind!“

    Finster umhüllete noch das Gewölk den nächtlichen Himmel;
  Noch aufriß der entfliehende Blitz zuweilen die Lieder,
  Zürnend, und sah mit feurigem Blick aus Osten herüber.
  Bergan hob sich der Weg, und Milota sagte, verhöhnend,
  Als die Ross’, oft zögernden Gang’s, aufschritten den Bergpfad:
  „Hoffst du, Herr! vor des Ewigen Richterstuhle so leicht dich
  Abzufinden dereinst mit dem schreckengerüsteten Engel,
  Der dein Blatt dir weis’t in dem Buche des Lebens und Todes?
  Wähnst noch gar, du habest gebüßt für Alles und Jedes,
  Was du verübt seither, schon heut’ im nächtlichen Irr-Ritt?
  Grauses vernahm mein Ohr. Ist’s Wahrheit, oder nur Täuschung,
  Was die Sag’ uns gab von dem blutbesudelten Handel
  Dort? Daß die Ost- und die steyrische-Mark dir bleibe zu Eigen,
  Hast du Schätze gesandt nach Wälschland -- heimlich verbündet
  Rom und Neapel dir, und Konradin, Friedrich von Oestreich[4]
  Hingeopfert des Henkers Schwert, die blühenden Fürsten?
  Hast nicht Erbarmen geübt, als d’rauf die Mutter des letztern,
  Gertrud,[5] sanften Gemüths, aus dem Erbe der Väter vertrieben,
  Fliehen hieß dein Wüthrich fort in stürmischer Nachtzeit?
  Bist du rein von Schuld an dem Tod der verstoßenen Gattinn,
  Margareth?[6] Ward der edele Herr und Ritter von Meißau
  Nicht in unwürdiger Haft von dir verbrannt in dem Schloßthurm?[7]
  Nicht die Heldenschar, von dem Pettau’r,[8] niedrigen Herzens,
  Angeschwärzt, jahrlang’ in schmählichen Banden gehalten --
  Ihrer gewaltigen Vesten beraubt? Sieh’ dort auf dem Hügel
  Drüben den Rabenstein: wie im Wind sich die dürren Gerippe
  Dreh’n nun hin, nun her, und im Schwung lautächzen die Ketten!
  Hu, aufsträubt sich mein Haar -- und dennoch lieber gehenkt dort,
  Als daß ich übte, wie du, an dem Merenberger[9] den Frevel!
  Aber horch! Da er nun, das Haupt an die Füße gebunden,
  Zweimal den Morgen und Abend sah, in schrecklichen Qualen
  Hängend am Rabenstein, war nur der geschändeten Schwester
  Bild -- geschändet von dir, vor seinem Gemüthe! Dir flucht’ er,
  Eh’ er starb, durchbohrt von einem der wilden Szupanen.
  Wie, du erschrickst? Nein, fürchte nichts, Herr!
              Daß ich jetzo der Tochter,[10]
  Meines geliebtesten Kindes, gedacht, nicht verdenk’ es dem Vater,
  Der nicht weinen mehr kann um sie, die schändlich verführt ward.
  Ihre die Schuld, der Metze: sie gab sich wohl selber der Schmach hin!“

    Ottgar schlug sich die Brust, und wimmerte: „Vater, Verzeihung;
  Mein ist die Schuld allein: den Himmlischen glich sie an Reinheit!“
  „So?“ -- sprach dann mit gedehnetem Laut der entsetzliche Vater.
  Ottgar stöhnte vor Angst, daß es jener vernahm; mit den Zähnen
  Knirscht’ er; sah empor, und rief mit ersterbender Stimme:
  „Milota, sieh’, wie es über den armen Sündern erblitzet!“
  Sagt’ es, und stützte das Haupt, vergehend, auf Milota’s Schulter.
  Jetzt in der geistverzückenden Zeit todähnlicher Ohnmacht
  Sah, wie entkörpert, er dort an dem Rabenstein, Drahomira
  Schweben umher, und oft hellstrahlen von röthlichen Flammen.
  Ihr nachfolgten zum Dienst drei Mißgestalten der Hölle
  So, daß der Halbentseelte noch zuckt’, und bebte vor Schrecken,
  Als er die Furchtbar’n sah. Aus schwarzumhüllendem Schleier
  Starrten mit weitgeöffnetem Aug’ todblasse Gesichter,
  Und ihr Leib, durchblinkt von der Flammengestalt Drahomira’s,
  Floß, wie ein Trauerflor, hinaus in das finstere Nachtgrau’n.
  Doch, nach dem Wink der Gebietherinn, auf,
              und hinunter sich schwingend
  Dicht an dem Rabenstein, wie der Mauerspecht am Gemäuer,
  Der mit kläglichem Ruf nach Gewürm’ und Käferchen spähet,
  Nagten sie dort ein Giftgewächs und das Moos mit den Zähnen
  Ab von dem Stein und Gehölz, und schwebten hinab auf den Heerweg.
  (Zwischen Ottgar hier, und Milota -- aber vor Wallstein
  Dort, der zögernd folgt’: in täuschende Träume versunken
  Künftigen Glücks) und hauchten zugleich auf die Erde den Unrath.
  Doch Drahomira kam, vorhaltend in glühender Rechten
  Einen Becher, in dem verderbliche Säfte von Kräutern
  Gähreten: erst entpreßt dem Eisenhütchen und Schierling,
  Dann Tollkirschensäfte vermengt, der plötzlich des Menschen
  Sinne verwirrt. Sie goß mit zaubergewaltigen Worten,
  Vor den Drei’n, die sie nachmurmelten, wie aus der Felskluft
  Grimmvoll murrt ein Drach’, das Gift auf den furchtbaren Unrath
  Aus; zertrümmerte schnell den Becher auf ihm, und erhob sich
  Dann im Weh’ausruf des Höllengefolg’s in den Luftraum.
  Alsbald schwamm ein bläulicher Duft, des giftigen Pfuhles
  Nebel gleich, umher: dem nahenden Jüngling zum Falle
  Hingebannt von der Macht Drahomira’s, des schrecklichen Weibes.

    Ha, schon naht’ er heran! Noch brannte der glühende Kuß ihm
  Auf der Stirn’; noch scholl in das Ohr ihm der schmeichelnde Zuruf
  Ottgars: „Daß er ein Sohn ihm sey -- dem liebenden Vater.“
  „Wie, ein Sohn? Dann ... ja, wenn Hedwig die Rechte mir reichet!
  Himmlische Hoffnung!“ Rief’s; da bäumte schnaubend sein Reitroß
  Dort an der furchtbarn Stelle sich auf. Ihn däuchte der Wehruf,
  Den er jetzo vernahm, aufhorchend mit pochendem Herzen,
  Hedwigs Stimm’: alsbald vorspornend den hurtigen Läufer,
  Stand er gebannt in dem Zauberkreis’, und urplötzlich, so wähnt’ er,
  Ward ihm zur Gegenwart die nimmergeahnete Zukunft.
  Hochbeglückt hielt er die Ersehnete jetzt in den Armen:
  Ihm schwand Himmel und Erde dahin! Doch flatterte blitzschnell
  Weiter der täuschende Spuk, da, schnaubend vor Angst und Entsetzen,
  Nun das Roß fortsprang aus dem Zauberkreise der Hölle.
  Stöhnend sah er zurück, und die Blässe des Todes bedeckte
  Seine Wangen: ein Traum, so schien es ihm, flüchtig entronnen,
  Wies ihm des Erdenglücks Erwünschtestes. Wehe, nicht schwand jetzt
  Mehr des Gesehenen Bild aus seinem Gemüth’. In den Adern
  Kocht’ ihm das Blut, und im kreisenden Schwung’ umgaukelte jenes
  Rastlos ihn, da er flog, getrieben von höllischem Zauber,
  Abzufordern die Hand der Königstochter dem Vater;
  So zu empören des Herrschers Stolz, und, von diesem gehöhnet,
  Racherfüllt, sich selber und ihn zu verderben auf immer.

    Siehe, voll Himmelshuld war ihm sein schützender Engel
  Wieder genaht, und rief in sanftverweisenden Lauten:
  „Wie, umsonst ertönte dir erst mein warnender Zuruf?
  Wehe dir, Jüngling, ach, wenn Schuld verdunkelt die Reinheit
  Deines Gemüths! Wie ein Spiegel, noch erst im herrlichsten Lichtglanz
  Schimmernd, schnell abstirbt, so ihn feuchtannahender Hauch deckt:
  Also umwölkt es die Schuld. Bald scheint die blühende Schöpfung
  Dir verwelkt, und erstarrt ringsum das regsame Leben:
  Nichts des Hohen vollführest du mehr, von irdischen Banden
  Niedergehalten. Verzieh’; o denke des Ewigen, reuig;
  Kehre zurück, und beherrsche mit Kraft die Gelüste des Herzens,
  Daß du nicht Schmach dir jetzt durch thörichte Worte bereitest!“

    Sagt’ es, und schwang sich empor zu dem Vater
              im Himmel, deß’ Antlitz
  Er mit dem Seraph und Cherub schaut für immer und ewig.
  Aber der Jüngling rief: „Ward erst der Seligen Wonne
  Mir von dem Himmel gewährt? Vernahm ich jetzo der Hölle
  Täuschenden Ruf? Nicht weiß ich’s -- will es nicht wissen;
              es dreht sich
  Schwindelnd die Welt um mich her; sie reiße mich mit in den Abgrund!“
  Sieh, und er hieb in den Bauch des ächzenden Läufers den Sporn ein:
  Brausenden Sprung’s trug fort ihn das Thier,
              bis er’s vor dem Herrscher,
  Der mit dem Feldherrn, ernst und schweigend die nächtliche Bahn zog,
  Jetzt festhielt, nach gewaltigem Müh’n: denn wüthenden Ingrimms
  Flog es dahin! Nun sprach mit sanfterheitertem Antlitz,
  Nach dem Jüngling gekehrt, der weitgefürchtete König:
  „Wallstein, ha, wo weilst du? Komm, und rette den Vater
  Dir, dem liebenden Sohn, von diesem entsetzlichen Manne!
  Milota, fort! Entfleuch! Du warst mir treulich ergeben,
  Du, des Herrschers Vasall; doch hast du mit blutiger Faust ihm
  Heut’ in dem Herzen gewühlt -- frechlautende Worte gesprochen.
  Gott ist gerecht. Die Schuld, vergrößert von feindlicher Mißgunst,
  Mindert vor ihm ein reuiges Herz: er wird’s nicht verschmähen!
  Halte dich künftig entfernt von mir -- auch jetzt in dem Feldzug,
  Daß nicht mein Zorn, erwacht, dich noch verderbend ereile.“
  Jener lächelte grimmig, und rief: „Recht hast du gesprochen:
  Weichen will ich -- im Kampf’ entfernt dir stehen; der Tochter
  Stets gedenken, und flieh’n die Nähe des dräuenden Herrschers.“
  D’rauf entschwand er im Feld; doch Ottgar sagte dem Jüngling:
  „Wallstein, höre mich nun! Stets warst du mir theuer vor Allen
  Ob des Heldenmuths und der Treue, mit welcher du, liebend,
  Hingest an mir: doch heut, wie lohn’ ich geziemend die Thaten
  Ewigen Ruhms? Erst rächtest du mich an Rudolphs Erzeugtem;
  D’rauf hast du mich entrissen der Wuth umdrängender Gegner.
  Sieh’, am kommenden Tag sollst du durch würdigen Lobspruch
  Hochverherrlichet steh’n vor meiner versammelten Heersmacht;
  Auch den Feldherrn dort, als Führer des böhmischen Fußvolks,
  Beigesellt, ein Zeuge der Huld und des Glückes erscheinen!“

    Jener entgegnete schnell, von dem Höllenzauber getrieben:
  „Herr! du nanntest mich Sohn zuvor, und ein liebender Vater
  Willst du mir seyn? Wohlan! Ich rühme mich edlen Geschlechtes,
  Ja, des edelsten, das in dem Vaterlande genannt ist:
  Reich an Schätzen und Land, gleich Fürstensöhnen geachtet!
  Vater, mein höchstes, mein einziges Glück harrt deiner Entscheidung!
  Gib mir Hedwigs Hand, des angebetheten Fräuleins:
  Dann wird überschwenglicher Lohn mir zu Theil, und ein Eidam
  Steht dir dankbar bereit -- für dich zu sterben, entschlossen,
  Tapferen Muth’s im Feld’, ein mächtiger Schirmer des Thrones,
  Den du zierest, und Wenzeslav, dem Erzeugten, vererbest.
  Hörst du mich nicht: dann fort an die fernsten Gränzen des Weltmeers;
  Dann aus dem Leben fort, dann wähle dir treuere Diener!“
  „Tod und Hölle!“ so rief entrüstet der König, „wie ward mir
  Heut das Geschick, Wahnsinnigen hier zum Spotte zu dienen?
  O Verblendeter! Wie? so täuschest du frech und verwegen,
  Meine Hoffnungen all’, auf dich gegründet, und trotzest
  Auf die erworbene Herrscherhuld? Du erkühnst dich um Ottgars
  Tochter zu frei’n -- um Hedwig, nach welcher sich Könige sehnten?
  Schwind’ aus dem Glanz der Sonn’, aufdämmernder Stern, und durchlaufe
  Fern mit jenen die dunkele Bahn, die selber dir gleichen!
  Ehren sollte des Königs Ruf dich am kommenden Morgen?
  Sieh’, ich schlage dich jetzt --
              doch, wiss’ es, Bube, zur Schmach nur:
  Daß du gedenkest hinfort, wie frech du ihn eben gehöhnt hast!“
  Rief’s, von der Hüfte sich reißend das Schwert.
              Er schlug mit der Kling’ ihn,
  Wüthend, über den Helm, und jagte hinüber zur Heersmacht,
  Der er genaht, in des Morgenroths erglühendem Lichtstrahl.
  Wallstein zog bei dem Schlag schon halb aus der Scheide das Eisen,
  Hielt’s so, fest umspannt, hinbrütend, die Augen zum Boden
  Heftend, erblaßt, und starrete noch mit entsetzlichen Blicken
  Lang’ um sich her; dann stieß er das Eisen zurück, und verlor sich
  Von dem Pfad seitab, in des Hains umschattendem Dunkel.



  Sechster Gesang.


  Sieh’, im rosigen Duft versank die glühende Sonne
  Hinter dem fernen Gebirg; die Nacht umschleierte ringsum
  Schon die Gefild’, als jetzo von Neuburg her an der Donau,
  Czernin kühn vordrang mit tausend tapferen Böhmen,
  Die er, unferne dem Bisamberg, in räumigen Fähren
  Uebergesetzt, nach Waldrams Wink, des frechen Empörers.
  Dort in verengender Schlucht, die am Fuße des Kahlen- und Leupold-
  Berges ein Dörfchen birgt in gebüschumhüllender Bergschlucht,
  Lagen die Böhmen im schlauen Versteck, sich Reiter von Oestreich
  Rühmend, und hielten das Volk in den Hütten fest, nach des Krieges
  Eisernem Brauch, daß kein Verräther dem Feinde zum Dienst sey.
  Doch als jetzo der Mitternacht ersehneter Zeitraum
  Nah’ war, brachen sie auf, und schlichen am Ufer der Donau
  Leise hinab, den Füchsen gleich, die so den Gehöften
  Nah’n, aus den Ställen umher, raschwürgend, die Beute zu holen.
  Als sie Nußdorf links, durch freundliche Traubengeländer
  Wandernd, und d’rauf rechts Heiligenstadt, und Döbling erblickten,
  Lenkten sie wieder behend zu dem lautaufrauschenden Strom ein,
  Bis sie erreichten den Weidenhain unferne der Steinwehr,
  Welche das Neuthor schirmt, und harrten, im Dickicht verborgen,
  Dort des verheißenen Winks, durch List zu erringen die Festung.

    Doch nun klirrten des Thors gewaltige Riegel, und Czernin
  Wähnte: verrathen sey dem Feinde sein kühnes Beginnen.
  Weniges sprach er nur: der Schweigende hieß er den Kriegern;
  Aber das Wenige sprach er mit Kraft; so rief er auch jetzo:
  „Männer, fasset das Schwert! Wir wollen dem Feinde das Leben
  Theuer verkaufen im Handgemeng’: ein schrecklicher Kampf sey’s!“
  Siehe, da ritt aus dem Thor, das aufflog, brausend ein Ritter
  Näher, und jagte dem Haine vorbei. Ihm folgte der Knappe.
  Hartmann, Wiens erlesener Hort, verließ mit dem Treuen
  Eben die Mauern der Burg: er war’s, der näher gesprengt kam.
  Alsbald wäre der Feind ihm hier in den Rücken gefallen:
  Ihn, der Rettung bedacht, zu erlegen zugleich mit dem Knappen;
  Aber es schwang sich Marbod jetzt aus dem finsteren Luftraum,
  Hastig an Czernins Seit’, und hemmt’ ihn mit täuschenden Worten:
  „Czernin, halte die Krieger zurück, nicht siehst du den Feind hier,
  Sondern die Freund’, entsandt durch Rüdiger, daß sie im Rundgang
  Zieh’n an der Vest’ umher, und erforschen: ob nicht die Gegner
  Euerer Macht, auflauernden Blicks, entgegen sich stellen?
  Bald ist die Runde vollbracht, euch öffnet sich leise das Neuthor.“
  Sagt’ es, voll Hast; dann flog er dem Jünglinge nach, und begann so:
  „Hartmann, kehre zurück! In dem Hinterhalte verborgen,
  Lauert dir, mit Verräthern im Bund, der listige Feind auf.
  Kehre durchs Schottenthor in die Burg, und beschirme die Festung,
  Dir von dem Herrscher vertraut mit wichtigem Worte: gehorch’ ihm!“
  Aber der Eilende sprach: „Mich däucht, ein Höllengeflister
  Hält von der Wallerfahrt mich zurück? Ich gehe, zu bethen
  Auf dem Kahlenberg für die schwachaufathmende Mutter:
  Ob nicht Gott sich erbarmt; mein Fleh’n die heilige Jungfrau --
  Mutter auch sie! voll Huld, dem liebenden Sohn’ an das Herz legt,
  Und das erfüllte Gelübd’ erringt der Mutter Genesung?“
  Als er es rief, da gab er dem Pferde die Spornen, und brausend
  Trug es ihn fort im Galopp’ auf die Höh’n des umnachteten Berges.
  Dort, zu dem Kloster gelangt, vertraut’ er dem Knappen den Renner;
  Zog an dem ehernen Pfortenring, und klingelte. Dreimal
  Scholl in der einsamen Nacht, entlang den finsteren Kreuzgang
  Hin, der Glocke Getön. Bald klirrte der eiserne Riegel,
  Von dem Pförtner getrieben, im Schloß’, und in schweigender Ehrfurcht
  Ließ er den Ritter, der „Gelobt sey Jesus!“ ihm rief, ein.
  „Ewig!“ gab er zurück’, und verschloß die Thüre mit Sorgfalt:
  Denn nicht war er ihm fremd; er kannte des Kaisers Erzeugten.
  Aber er schritt entlang die weitgesonderten Zellen,
  Die ein freundliches Gärtchen schied, die Reihe hinunter,
  Bis zu dem Fenster des Bruders Ernst, und klopfte, nur halblaut
  Rufend: „Vater, komm! Schon floh die zwölfte der Stunden,
  Komm, und lese die Messe sogleich in der heiligen Halle,
  Wo vor dem Kreuz-Bild schon unzählige Kranke genasen.
  O, daß dein frommes Gebeth uns erflehte die liebende Mutter!“
  „Jüngling!“ so rief der Erwachende jetzt, „was treibest du rastlos
  Durch die dunkele Nacht? Der Himmel erhöret das Flehen
  Sterblicher mild bei Tag und Nacht, wenn solches der Seelen
  Heil’ entspricht: stell’s heim, wie es kömmt, der ewigen Vorsicht.“
  Sagt’ es, erhob sich, und trat aus der nächtlichen Kammer.
              Er schlief dort
  Immer im härnen Gewand’: um das Grab sein Lager zu tauschen
  Jeglichen Augenblick, mit gottergebenem Herzen.

    Schauer durchfuhr den Geist, der schnell dem Ritter gefolgt war,
  Als er des Bruders bleiches Gesicht, und das Auge, voll Demuth
  Stets zur Erde geheftet, ersah; die himmlische Weisheit
  Klar an der Stirn’ ihm las, und, vereint abtödtendem Bußsinn
  Seelenfrieden und Ruh’ in seinen erhelleten Zügen
  Wahrnahm. Dennoch wagt’ er es nicht, ihm zu folgen in Gottes
  Heiligthum; nur entfernt und schüchtern sah er hinüber,
  Als er dort vor dem Bild des Gekreuzigten, würdigbekleidet,
  Stand in dem hellen Schein sechs strahlender Kerzen: sie ragten
  Aus den silbernen Leuchtern, geteilt, vom Marmor-Altar auf;
  Sah, wie ihm diente der Ritter selbst, auf die Kniee gesunken:
  Jetzt ihm brachte das Buch, und er bethete; jetzo, die Gaben
  Opfernd, Brot und Wein darreicht’; er Worte des Segens
  Ueber sie sprach, dann auf zur Anbethung hob, und, in Demuth
  Klopfend die Brust vorher, genoß: ein hehres Geheimniß
  Feiernd. Er staunte noch mehr: wie dort der muthige Jüngling
  Ganz in heiliger Gluth und in herzdurchschauernder Andacht
  Aufgelös’t, mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen
  Bethete; auch den thränenden Blick von der Erde nicht aufhob,
  Bis das Opfer vollbracht, und gestillt das sehnende Herz war.
  Graunvoll stand ihm Odins[1] Altar vor den Augen, und Sclaven
  Blutend darauf, die, im Kampf gefangen, als Opfer ihm büßten.
  Ach, er preßte sie fest in die Fläche der Hände, nicht wagend,
  Sie jetzt himmelempor zu dem furchtbarn Richter zu heben!
  Doch schon führte der Mönch den Ritter zur Pforte hinüber,
  Schüttelt’ ihm traulich die Hand, und sagte beklommen zum Abschied:
  „Gottes Friede mit dir! Vollbracht ist die heilige Handlung,
  Wie du gewünscht. In dem Wink des Ewigen liegt die Genesung,
  Liegt das Leben, der Tod, und seine Gerichte sind dunkel.
  Laß nur walten die Huld: die hier Getrennten vereint sie
  Jenseits wieder im Glück’, im ewigen, wahren, und einen!“

    Als er sich wandte, zu geh’n, da ergriff ihm Hartmann die Hand noch,
  Drückte sie glühend an’s Herz, und rief mit thauenden Wimpern:
  „Ernst, nicht lebt dir der Vater mehr, nicht die Mutter:
              zur Kriegszeit
  Haben die grausamen Feind’, unmenschlich vor Wuth, in der Kammer
  Beid’ erwürgt vor dir, dem scheuverkrochenen Knaben!
  Nimmer wurdest du froh seitdem, und wohnst in des Klosters
  Einsamer Zell’. Ach, komm, und sey mir ein Stab auf des Lebens
  Dunkelem Pfad, mein Lehrer und Freund, und mit dankbarem Herzen
  Will ich die Freundesliebe dir treu durch Liebe vergelten!“
  Ernst fuhr, schaudernd, zusammen, und rief:
              „Der Freundschaft erwähnst du?
  Ja, mir ward ein Freund von treuem und redlichem Herzen;
  Aber er wanderte fort, weit über das Meer, und nach Jahren
  Schmerzlicher Trennung -- sieh’, drei Schritte von hier, an der Mauer
  Dort, erkannt’ ich den Kehrenden schon: da zuckte der Blitzstrahl
  Her aus dem Wettergewölk’, und todt, und erstarrt in den Armen
  Hielt ich ihn! Ach, nicht färbten sich mehr, und färben sich nimmer
  Meine Wangen, vom Schrecken erbleicht, und entsetzlichem Jammer!
  Laß mich im Frieden dahier. Geschürzt zur endlichen Wand’rung
  Hab’ ich mein Kleid, und ich halte den Stab bereit in der Rechten,
  Wann, und wie es dem Himmel gefällt: du thue deßgleichen
  Hartmann, eile hinab in die Burg: ich höre der Glocken
  Stürmenden Ruf im Geschrei und Getös’ lauttobender Menschen!“
  Jener horchte, bestürzt; dann warf er sich schnell in den Sattel;
  Spornte sein Roß, und flog, lautathmend, den Wällen entgegen.

    Dort gebar einstweilen die Nacht entsetzliche Thaten.
  Rüdigers horchendem Ohr’ entging das warnende Wort nicht,
  Das erst Hugo zuvor dem Kaiser vertraute. Die Sohlen
  Fremder Männer gewahrete bald sein spähender Scharfblick
  Unten im Felsengang, wo er häuft’ in Menge die Waffen,
  Und er sandte den Bothen sogleich an den König von Böhmen,
  Daß er ihm eine die Macht. Den Schirmern der Veste zur Täuschung,
  Wandt’ er den Blick von dem Stubenthor nach dem stilleren Neuthor,
  Wo nur selten erscholl der Fußtritt wandelnder Menschen,
  Nie des rollenden Wagens Getös’: nur jenen zum Frommen
  Früher erbaut. Dort sah er das Werk der frechen Empörung
  Schon gelungen, und harrete nur der verheißenen Hülfsschar.

    Jetzt erscholl die Glock’ aus den Fenstern des ragenden Kirchthurms,
  Zwölfmal dumpferdrönend dem Schlag des gewichtigen Hammers,
  Und ummurrend lang’ in dem leis’entschlummerten Luftraum.
  Alsbald regten im Weidenhain sich die Krieger aus Böhmen --
  Traten, in Eisen gehüllt, und mit schneidenden Lanzen bewaffnet,
  Aus den Häusern hervor die Verschworenen (siebenmal hundert
  An der Zahl) und entlang den Tiefengraben zum Neuthor
  Standen die frechen geschart, des Wink’s von Rüdiger Waldram
  Harrend. Er zögerte nicht, und kam, und sprach zu dem Amtner:
  „Günther, muthig an’s Werk! Mit Hundert deiner Erwählten
  Hin zu der Burg: dort stoßt mit würgender Rechte die Wachen
  Nieder, und wahret das Thor an der Kaiserstiege mit Sorgfalt!
  Hundert send’ ich sogleich in die Runde mit tapferen Führern,
  Die auf den Wällen erwürgen die Huth. Ist solches geschehen,
  Dann ertöne Geschrei; dann reißt an den Strängen; der Glocken
  Sturmruf schalle; das Schlangenhaar aufsträubend, die Augen
  Drehend vor blutiger Gier, und schwingend die flammende Fackel,
  Tobe der Aufruhr fort in den Straßen, und brülle die Menschen
  Wach aus dem Schlaf’ zum Kampf g’en Rudolphs bebende Söldner!
  Ottgars harren wir dann: bald kömmt er, und wird ihn zermalmen;
  Doch, so er siegt’? -- ein Unterpfand ist unser: die Mutter,
  Und die Töchter zugleich: denn Hartmann eilte von hinnen,
  Das euch sichere Bürgschaft sey ersehnter Verzeihung.
  Nur mir werde sie nicht. Ha, lieber zum eisigen Nordpol
  Will ich, ein Bettler zieh’n, als Rudolphs Zepter gehorchen!
  Kommt; viel lieber den Tod, als solch’ unwürdiges Leben!“
  Rief’s, empört, und alsbald eileten jene dem Amtner
  Nach. So wäre die Huth auf den ragenden Mauern erlegen;
  Doch auf dem Rasenwall an der Burg, wo im Süden des Schneebergs
  Heitere Stirn’ der Wandelnde stets mit Freuden gewahret:
  Da er ihm so viel sonn’erhellete Tage vorhersagt,
  Ging, gemessenen Schritts, Bertrand, der tapfere Schweizer,
  Hüthend umher. Als jetzt zum zwölften Mal von dem Kirchthurm
  Dumpf die Glock’ ausklang, von dem eisernen Hammer geschlagen,
  Sieh’, da stand er erstarrt! Ein Schrei -- doch schrecklich zu hören,
  Scholl ihm vom Mund; sein Haar aufsträubte sich; laut, wie im Fieber,
  Klapperten ihm die Zähn’. Er sah zwölf Schattengestalten:
  Häßliche Weiber der Stimm’, und wankende Greise dem Gang’ nach,
  Kommen, in Leichentücher gehüllt, todbleich und den Nacken
  Altersschwer gebeugt: die _Klag’_ genannt von dem Volk dort,
  Welche, vereint (sechs hie, und drüben so viel’) auf der Schulter
  Trugen die Bahre heran, und stöhneten. Aber sie zogen,
  Sein nicht achtend, vorbei; dann fort, an der Mauer der Hofburg
  Steilrecht schwebend empor -- fort über das Dach, und verschwanden
  Fern in der finsteren Luft mit kläglichem, leisem Gewimmer.
  Weiber, so sagt sich das Volk mit schaudernder Angst in die Ohren,
  Die auf der irdischen Bahn sich unnennbarem Frevel ergaben,
  Gingen im mitternächtlichen Zug einher auf dem Erdkreis;
  Klagten, und ächzten, und trügen die Bahr’ an der Kammer vorüber,
  Wo, zumal bei den Fürsten des Volks -- bei den Mächtigen, Hohen,
  Bald anklopfet der Tod: sie sterben, und Weinen erschallet.

    Jetzt vernahmen den Schrei die Gefährten des Kriegers. Sie blößten
  Hurtig das Schwert; erkletterten schnell die ragende Mauer;
  Schrie’n von fern: „Wer da?“ und fragten zugleich um die Losung.
  Zwar nicht kam aus dem Mund des Kriegers das heimliche Wort jetzt:
  Denn noch stand er verstört, und zitterte; aber sein Hauptmann
  Sah die nahende Schar bewaffneter Bürger: ihm ahnte
  Schnöder Verrath. Alsbald erhob er die mächtige Stimme;
  Schrie an die Nachbarhuth, und diese der nächsten, und nächsten
  So, daß der Lärmruf rings umtönte die Veste: den Kriegern
  Nun zum Glück’ erregt von dem angstergriffenen Mann dort.

    Als der Ueberfall dem Hort der empöreten Bürger,
  Günther, mißlang: da mahnt’ er sogleich die Seinen zur Rückkehr,
  Sich mit Rüdiger Waldrams Macht zu vereinen am Neuthor.
  Schon begann er den Kampf. In des weitgewölbeten Thorwegs
  Mauern sah er die Stub’ erhellt, und die Krieger entschlummert.
  Nur die Wach’ allein ging inner dem Thore den gleichen,
  Ernstgemessenen Schritt herauf und hinab. An die Schulter
  Hatt’ er die Lanze gelehnt, und summte zuweilen ein Liedchen.
  Schnell, wie der Blitz, flog Rüdiger vor, und setzte dem Krieger,
  Dräuend, das Schwert auf die Brust, so er schrie,
              ihn zu tödten, entschlossen.
  Ach, an dem Zürcher-See ließ Wolf in der reinlichen Hütte
  Gattinn und Söhnchen zurück: denn kaum entschwand ihm ein Jahr erst
  Glücklicher Ehe, als ihn zu den Waffen der tapfere Herzog,
  Albrecht, rief! Er sann, des Kind’s und der Gattinn gedenkend,
  Einen Augenblick; dann dacht’ er der Pflicht und der Rettung
  Seiner Gefährten: er schrie -- der edelmüthige Krieger
  Schrie, und sank, von Rüdigers Schwert durchbohrt, auf den Sand hin.

    Wildes Getümmel erscholl. Hervor aus der dämmernden Wachtstub’
  Stürmten Wolfs Gefährten, voll Hast, und Rüdiger Waldram
  Hob das blutige Schwert mit gellendem Ruf in die Luft auf.
  Alsbald trafen sich, im Gemeng, die empöreten Bürger
  Und die Krieger zugleich. Wie Nachts von der eichenen Tenne
  Lautes Gepolter erschallt, wenn emsige Löhner des Weizens
  Goldene Frucht entdreschen dem Halm: so tönte der Waffen
  Hämmernder Schlag von dem Schild’ und dem Helm der kämpfenden Männer.
  Nur Gestöhne der Wuth erscholl in den Hallen, und Blut floß
  Rings in Strömen umher. Die Krieger des Kampfes geübter,
  Würgten die größere Zahl; doch so, wie die Stier’ auf dem Schauplatz
  Von unzähligen Rüden umstürmt, mit furchtbaren Hörnern
  Manchen der Feinde, durchbohrt, hinstrecken, und wüthend sich wehren,
  Bis sie zuletzt erliegen der stets ergrimmteren Mehrzahl:
  Also, nach tapferer Gegenwehr, erlag an dem Neuthor,
  Ueberwältigt, die Huth von fünfzig tapferen Kriegern.
  Ha, da flogen sogleich des Thors gewaltige Flügel,
  Heulend, auf eisernen Angeln entzwei! Mit traulichem Handschlag,
  Grüßte die böhmische Schar, die draußen, mit steigender Kampfgier,
  Harrete, hier das verbündete Volk, und stürzte, dem Mühlbach
  Gleich, der schäumender Hast, durch weiteröffnete Schleußen
  Wild herrauscht, in die Stadt, und Rüdiger jauchzete laut auf:
  „Eilt zum Kampf, Gefährten des Siegs! Schon seh’ ich erfüllet,
  Was wir sehnlich gehofft: den Sturz des verhaßten Geschlechtes.
  Unser die Stadt, das Volk empört. Auf, laßt uns die Söldner
  All’ erwürgen im Schlaf, die jetzt auch des Führers beraubt sind --
  Hartmanns: denn er floh, feig bebend, zuvor aus der Festung!
  Schließet die Flügel sogleich des festeinfugenden Thores,
  Und erweckt die Bewohner der Stadt zum Kampf der Errettung.“

    Czernin jubelte nicht. „Fürwahr,“ so sprach er bedeutsam,
  „Viel ist gescheh’n, und mehr, als die Hoffnung verhieß zum Beginne:
  Nahe der Kaiserburg erblitzen die böhmischen Waffen;
  Aber ich scheue des Glücks und des leicht zu bethörenden Volkes
  Wankelmuth! Gar mächtig bewegt des herrschenden Stammes
  Fromme Liebe die Brust: der Zauber, welchem die Herzen
  Huldigen, kalt vom Erob’rer gekehrt -- nicht selten auf immer.
  Zwar verheißt uns die Schreckensnacht in dem Kampfe den Vortheil;
  Doch uns bleibe dieß Thor. Des Rückzugs denke der Feldherr
  Auch in dem Sieg, sonst gleitet sein Fuß auf schlüpfrigem Pfad’ aus.“
  Sagt’ es, und ließ an dem Thor zweihundert tapfere Krieger,
  Sorgend, zurück: Bolest, dem Amtner, die Kühnen vertrauend,
  Der, in dem Felde bewährt, mit festausdauerndem Kampfmuth
  Schirmer ihm sey, und dereinst, so es also des Krieges Geschick will,
  Seinem Volk’ es eröffne zur heißersehneten Rettung.
  D’rauf vordrang er zugleich mit Rüdigers jauchzenden Scharen:
  Denn schon hob aus der Stadt unendlicher Lärm und Getümmel
  Sich in die Luft. Von den Thürmen umher ertönten die Glocken
  Stürmenden Rufs; unzählige Feuer, mit hastigen Händen,
  Rings auf den Zinnen entflammt, erleuchteten schrecklich die Umwelt,
  Und Gebrülle der Wuth, unsinniger, frecher Empörung,
  Scholl die drönenden Straßen hinab. Da fuhren die Mütter
  Auf aus dem ruhigen Schlaf’, und stürzten herbei an das Fenster,
  Weinten, und rangen die Händ’, umschart von heulenden Kindern.
  Zitternd stand der Greis an der Thür: sein silbernes Haupthaar
  Schlug ihm der Wind um die Stirn’ und die toderblasseten Wangen --
  Sah den eilenden Sohn, und schrie, daß er kehre, vergeblich.
  Aber es mehrte die Schar der Verblendeten weniges Volk nur,
  Das, unstät und heimathlos, in die Veste gekommen
  Ehedem: treu verharrt’ in der Pflicht die bessere Mehrzahl.

    Doch schon trafen, voll Wuth, die Empörer und ihre Genossen
  Auf das muthige Schweizervolk, das kühn im Verein stand.
  „Hartmann!“ scholl’s in der Burg, und „Hartmann!“ rings in den Straßen
  Aengstlich und laut -- umsonst: er weilte noch fern auf den Berghöh’n.
  Da gedachten der Gegenwehr die Obersten: Arnold,
  Flüe, und Hohenried, und stellten die Scharen im Halbmond,
  Der sein Horn hier rechts, dort links in die Straßen hinausschob,
  Gegen den wildempöreten Feind, vor der ragenden Burg auf:
  Also vor ihr in dem Kampf, pflichttreu, zu sterben entschlossen.
  Rüdiger stürmt’ auf Hohenried, der vorne die Scharen
  Ordnete, los, und schrie: „Dich, Rudolphs treuen Gesellen,
  Will ich allen zuvor, als heulenden Bothen, zur Hölle
  Senden: verkünd’ es nur dort, daß sie folgen,
              und keiner entrinnt mehr!“
  Rief’s, vorschreitend, und jener begann: „Gewaltiger Prahler,
  Wärst du so tapfer, als frech mit der tönenden Zunge: mir würde,
  Trau’n, erbangen die Brust; doch komm, und büße den Frevel,
  Den du verübst g’en Treu’, und Pflicht, und den heiligen Eidschwur!“
  So wortwechselten sie in dem Augenblick der Entscheidung.
  Allen zuvor kam Hohenried, den blinkenden Degen
  Schwingend, und drang grad’ aus auf Rüdigers pochende Brust ein.
  Aber er hielt ihm entgegen den Leun, von Silber gestaltet,
  (Ottgars Löwen zum Ruhm’) auf dem Schild von mächtiger Wölbung:
  Dieser wehrte dem Stoß’, und der sprödere Stahl, auf des Leu’n Haupt
  Treffend, brach, wie unbeugsames Glas, mit kreischendem Mißlaut
  Mitten entzwei. Da stieß, in des Gegners erschütterndem Unfall
  Kühner geworden, ihm Waldram schnell die Spitze des Degens
  Durch die erhobene Hand, daß ihr auch das umklammerte Heft noch,
  Blutumhüllt, entsank -- er wehrlos stand vor dem Gegner.
  Sieh’, er hätt’ ihn durchbohrt: doch rissen hurtige Krieger
  Ihn aus umdrängender Todesnoth, und führten ihn sorglich
  Hinter die Reih’n, wo ihm Hülf’ und erquickende Pflege zu Theil ward.

    Waldram schrie: „Getreue, nun vor! Des Führers beraubet,
  Wanken die Feinde. Hinauf in die Burg, wo, sehnend, die Gattinn
  Rudolphs harrt mit den Töchtern des Siegs und der fröhlichen Heimkehr
  Ihres Gemahls. Vergeblich harre sie. Eilt, und geleitet
  Sie in das Kloster Sanct Dorothe’; doch führet sie sanft hin:
  Denn sie that uns kein Leid, und nah’t, abzehrend, dem Grab schon.
  Nur dem Herrscher allein, der seither Kaiser sich nannte,
  Zeiget euch unversöhnlich, und schont ihn selbst in dem Tod nicht!“
  Also rasete Waldram hier. Die frechen Empörer
  Griffen wüthender an, und drängten die mittlere Kriegsschar,
  Ihres Gebiethers beraubt, stets weiter zurück in den Burghof.
  Czernin spornte sein Roß nun links, nun rechts, und entflammte
  Laut mit Geschrei sein Volk, in die Feinde zu stürmen. Es kämpften
  Flüe dahier, und Arnold dort, voll eisernen Muthes,
  Gegen ihn an, und zu schwach, der Menge die Spitze zu biethen,
  Zog sich Flüe, im schräggedehneten Zuge, vom rechten
  Eilig zum linken Horn, um, vereint dem kühnen Gefährten,
  Arnold, dort zu steh’n, und zu fallen im rühmlichen Kampf nur.
  Dichtgedrängt in Reih’n, vorhielten die Schweizer die Lanzen
  Hier dem stürmenden, reisigen Volk; die verwundeten Rosse
  Wütheten -- d’rauf noch mehr mit dem würgenden Eisen die Reiter
  So, daß das Blut aufwogt’, und die starrenden Leichen bewegte:
  Dennoch wichen nicht hier, nicht dort die erbitterten Gegner.

    Doch von dem Kahlenberg, voreilend dem fürstlichen Jüngling,
  Nahete Marbod erst, und sah mit Schrecken des Kaisers
  Schirmende Burg von der Macht des argen Verräthers gefährdet.
  Nicht besann er sich lang’, und eilte hinaus nach dem Tabor,
  Wo der Kaiser im Zelt sanft schlummerte, mitten im Lager
  Seines erlesenen Heers. Dort fand er auch nahe das Schlafzelt
  Hugo’s, den er erst gestern warnt’. Ihn dacht’ er zu wecken,
  Senkte den Flug rasch hin, und begann im Geistergelispel:
  „Auf, erhebe dich, Greis! Bald schaust du die Flamme des Aufruhrs
  Leuchten heran von den Thürmen der Stadt, und hörest von dorther
  Stürmenden Glocken-Klang und Gebrüll empörter Gesellen.
  Wie, so schnell vergaßest du nun des warnenden Traumes:
  Lachtest wohl fein? Auf, säume nicht hier zu erwecken den Herrscher!“
  Eben rief auch die Vorhuth schon an dem Rande des Lagers
  All’ das entschlummerte Volk stets lärmender auf zu den Waffen.
  Aber der Greis erhob sich, voll Hast, und sah in der Wahrheit
  Jenes erfüllt, was ach, nur ein Traum noch gestern ihn dünkte!
  Eilig trat er sofort zu dem Herrscher, und sagte beklommen:
  „Herr! unglaublich erschien dir vielleicht des träumenden Greises
  Warnung? Tritt vor das Zelt, und vernimm mit Staunen des Aufruhrs
  Wuthgeschrei in der Stadt, empört durch Rüdiger Waldram.
  Willst du’s, Herr, so eil’ ich mit reisigem Volk vor das Burgthor,
  Einlaß heischend, und dämpfe die Gluth, eh’ ihr Flammen entfahren!“
  „Nein, ich fürchte sie nicht,“ so entgegnete jener, „den Auswurf
  Meines Volks empörte der Rasende nur, und die Bessern
  Hängen noch redlich an mir. Und wie, ist mein tapferer Sohn nicht
  Wiens Besatzung ein schirmender Hort? Sind Mutter und Schwestern
  Ihm nicht ein heiliges Pfand, und es wagten die frechen Empörer,
  Ungestraft, mit frevelnder Hand an die Theuern zu tasten?
  Hundert Reiter allein genügen mir, sie zu vernichten.
  Komm, wir zertreten die Gluth gar leicht im niedrigen Staub noch:
  Denn ich bau’ auf die Hülfe des Herrn und die Liebe des Volkes.“
  Heiter schwang er sich jetzt auf das Roß, und flog mit dem Helden
  Hugo, im sicher’n Geleit erlesener Reiter zur Stadt hin;
  Dann an dem Walle herum, bis er endlich des finsteren Burgthors
  Graben ersah. Dort hemmt’ er das Roß, und winkt’: ein Drometer
  Stieß in das schmetternde Rohr, und sieh’, bald riefen die Krieger,
  Kletternd herauf an dem Wall’: „Ist’s Hartmann, unser Gebiether?
  Kommt er, ein Retter, heran in der Stund’ entsetzlicher Nothwehr?
  Laßt uns vernehmen des Freundes Ruf, und wir senken das Fallthor!“
  „Gott, und das Vaterland!“ so gab mit gewaltiger Stimme
  Hugo zurück, „ist Freundesruf in dem Lager von Oestreich:
  Aber nicht Hartmann -- nein, den Kaiser gewahrt ihr als Retter!“

    Laut erhob sich ihr Jubelgeschrei; doch näher und nähere
  Scholl von der Roß-Au her, wo sonst die Rosse der Krieger
  Weideten, schon das Getrab und das Klirren des Waffengeschmeides
  Auf in der Nacht. Ach, Hartmann war’s! Ihn erkannte der Vater --
  Ihn, den Vater, der Sohn. Verwirrung, Angst und Entsetzen
  Faßten wechselnd ihn an; nur leis’ und furchtsam begann er:
  „Vater, ich ging, auf dem heiligen Berg für die Mutter zu bethen,
  Wie ich es jüngst verhieß der Flehenden: denn nicht entfernt mehr
  Scheint ihr des Lebens Ziel; doch ach, entsetzlichen Frevel
  Seh’ ich indessen verübt von den Meuterern hier, in dem Zeitraum
  Einer entflohenen Stund’! Ich räch’ ihn, und sollt’ ich auch fallen.“
  Aber der Vater schwieg. Erschütternd zu schau’n, wie er vor sich
  Hinsah, schweigend und ernst. Da flog der unglückliche Jüngling
  Ueber das Thor, das erst mit Getös’, auf den Graben gesenkt, fiel,
  Durch die finsterumwölbende Halle hinaus auf des Burghofs
  Räumigen Platz. Er sah, wie auf Leichen erschlagener Brüder,
  Rüdiger Waldrams siegender Macht, ein tapferes Häuflein
  Muthig entgegenrang, der jetzt, Entsetzliches sinnend,
  Ueber die Stufen hinauf in die Kammer zu dringen gedachte,
  Wo die Fürstinn sich fand mit den lieblichen Töchtern: entschlossen,
  Sie mit frevelnder Hand in des Klosters Gewahrsam zu bringen:
  Denn er wähnt’ errungen die Burg, und dem böhmischen Löwen
  Unterthan die Stadt mit Oestreichs herrlichen Fluren.

    „Halt, Verruchter!“ so rief, aus dem Sattel gestiegen, ihm Hartmann
  Donnernd zu. Er entblößte das Schwert, und kam wie ein Rohrwolf,
  Der in des Winters Frost, vom Hunger getrieben, voll Blutgier,
  Ein in die nächtlichen Hürden stürmt, und die blöckenden Lämmer
  Würgt mit zerfleischendem Zahn: so kam er in Eile gesprungen.
  Flammen sprühte sein Aug’, und aus seiner erhobenen Rechten
  Zuckte der Blitz gen Waldram hin; doch als er ihm nahte,
  Wandte sich dieser, und rief: „Ha, du, Verhaßter vor Allen;
  Jetzo nur muthig heran: euch all’ entsend’ ich zur Hölle!“
  Flog, so rufend, ergrimmt, dem Feind’ entgegen, und strebte,
  Stöhnend vor Hast, das Schwert in die tapfere Brust ihm zu stoßen;
  Aber er schlug, vorschauenden Blicks, den nahenden Mordstahl
  Seitwärts; führte den Todesstreich; zerschmetterte Waldrams
  Helmdach tief in die Stirne hinab, und warf ihn entseelt hin.
  Doch nicht rastet’ er noch: er saß blitzschnell in dem Sattel
  Wieder: erhob das blutige Schwert; ritt glühend vor Mordgier
  Mitten hinein in die Schar der Empörer, und wüthete links, rechts
  Dort mit würgender Faust, daß Leichen auf Leichen sich häuften.
  Ihres Gebiethers beraubt, und entmuthiget, warfen die andern,
  Schnell die Waffen von sich, und floh’n, im Verborgenen Rettung
  Suchend, davon. Die Burg ward frei durch den tapferen Jüngling.

    Czernin drängte zuvor die hauptverwaiseten Scharen
  Arnolds: ihm wichen die Krieger nur Schritt für Schritt
              in dem Wuthkampf,
  Bis zu dem Schottenthore hinab. Sie schlossen sich eng’ an
  Dort vor dem Gotteshaus’, und wehrten sich: alle für Einen,
  Einer für alle zu sterben bereit, im rühmlichen Tod nur.
  Keiner wär’ ihm entfloh’n, wenn jetzo nicht, keuchend im Eilflug,
  Näher der Reisige kam, und schrie: „Erschlagen ist Waldram:
  Denket der Flucht! Er fiel in dem Kampf mit des Kaisers Erzeugtem;
  Aber er selber, so jubelt das Volk, hält draußen am Burgthor.“
  „Freunde,“ so rief ihr Hort den Reisigen, „Rüdiger Waldram
  Hat uns schnöde getäuscht; nicht des Kampfes Gefahren -- der Festung
  Leichten Besitz verhieß er uns jüngst, da er stolz sich des Antheils
  Aller Bewohner vermaß! Mit Recht wohl büßt’ er den Frevel.
  Unser, zum Glück, das Thor: nun laßt uns gedenken der Rückkehr!“
  Rief’s, und den Tiefengraben entlang, zu dem stilleren Neuthor
  Jagt’ er das Roß: ihm nach die Reisigen alle. Die Flügel
  Theilten sich heulend entzwei, und nicht rastet’ er, bis er die Fähren
  Wieder ersah an dem Ufer der weithinrollenden Donau.
  Doch nicht füllte den Raum der schwankenden jetzo die Last mehr,
  Wie zuvor: erwürgt in den Straßen der mächtigen Festung
  Lag die Hälfte des reisigen Volks, das gestern herankam.

    Aber mit Trauer im Blick, obgleich ein Sieger, und Retter
  In der Gefahr, kam Hartmann jetzt aus dem finsteren Burgthor,
  Langsam geritten heraus, wo sein der liebende Vater
  Harrte; trauernd auch er, ob solchem Vergehen des Sohnes.
  Dieser begann: „Verhallt ist der Sturm unsinnigen Aufruhrs:
  Waldram büßte die Schuld: von meinem vernichtenden Eisen
  Liegt er, durchbohrt, an der Treppe der Burg,
              die er, frevelnden Fußes,
  Erst zu betreten gewagt; die Verbündeten schützte die Flucht nur.
  Dennoch steh’ ich vor dir, ein Schuldiger. Soll ich auch büßen --
  Denke des dunkeln Geschicks, das oft auf irdischer Laufbahn
  Auch die Besseren feindlich ereilt! Nie mög’ es dich treffen!“
  Und er senkte das Haupt. Doch Rudolph sah ihn, bewegt, an,
  Hob die Rechte empor, und sagte mit rührender Stimme:
  „Treu erfülltest du dein Wort, als edeler Ritter,
  Mildgesinnet, und fromm, der sterbenden Mutter gehorsam;
  Aber dich sollte die Pflicht mit eiserner Macht an die Festung
  Bannen: ihr solltest du steh’n ein Hort in dräuender Kriegszeit,
  Und ein wehrsamer Schild in der Noth. Wer darf sich erkühnen,
  Das, was höher ihm schien, vor jener zu wählen nach Willkühr?
  Herrndienst rief dich hier zu dem Dienste des Herrn, und du fehltest
  Gegen das göttliche Wort des welterleuchtenden Lehrers.
  Dein Vergeh’n, unglücklicher Sohn, soll keinem der Krieger
  Künftig zum Beispiel seyn, zur Ermunterung, Gleiches zu wagen!
  So wie ich jüngst, der Veste zum Schirm, das Schwert dir vertraute,
  Stellst du’s wieder zurück’, in die Hände des Helden von Tauffers.“
  Jener reichte das Schwert ihm dar, erblassend, und schweigend.

    Sieh’, jetzt kam aus dem Thor’ ein Jüngling gelaufen, und rief so:
  „Herr, voll Angst erschein’ ich, ein Both’ aus des Jammers Behausung.
  Deine Gattinn verschied in den Armen der liebenden Töchter
  Sanft und ruhig um Mitternacht, noch ehe der Hammer
  Zwölf’ ausschlug; o komm, und sey den armen ein Tröster!“
  Hartmann warf sich vom Roß, und flog -- ihm folgte der Vater,
  Langsam und wankend vor Schmerz, die Stufen hinauf in die Kammer,
  Wo die Heilige sanft entschlummerte: schnell zu erwachen
  Wieder zum ewigen Glück’ und nie vergänglicher Wonne.
  Ihr zu dem Haupt’ und den Füßen, die Stirn’ in die Hände geheftet,
  Saßen die Töchter umher: gleich Marmorgestalten am Grabmaal,
  Die zur herzerschütternden Schau der Künstler gebildet.
  Hartmann beugte sich über sie hin; er küßte, noch stöhnend,
  Ihr die erkaltete Hand, und der leis’aufweinende Vater
  Warf sich im stillen Gebeth’ auf die Knie’. Nur Seufzer erschollen;
  Thränen regten sich nur an den schmerzerstarreten Wangen.

    Aber am Morgen wie dumpf und bang ertönen die Glocken
  Von den Thürmen der Stadt! Was läuft, und drängt sich das Volk jetzt,
  Thränenumflossenen Blicks, in die heiligen Hallen des Domes,
  Den, wie im Dunkel der Nacht, unzählige Kerzen erhellen?
  Feierlich schallt ein Wehe-Getön’ aus der Orgel: Posaunen
  Heulen, gedämpft, in den Sterbegesang vielstimmigen Chores,
  Der von dem Tage des Zorns, von dem unerbittlichen Richter,
  Von dem Gericht und dem Ende der Welt in Feuer und Flammen,
  Spricht mit erschütterndem Laut. Doch jetzt gewahren die Augen
  Mitten das Trauergerüst, auf drei, sich verjüngenden Stufen
  Sinnig erbaut, und umher mit schwarzem Tuche behangen.
  Ueber den Stufen gesammt ruht dort die sterbliche Hülle
  Jener Verewigten schon, mit der Stirn’ zum Altare gewendet,
  In dem geräumigen, sammt- und goldbekleideten Bleisarg.
  Oben ziert ihn die Krone von Gold; die schimmernden Wapen
  Sind an dem Trauergerüst ringsher auf Säulen geheftet,
  Und auf silbernen Leuchtern erhöht die flammenden Kerzen.
  Weihrauch wallt empor in die heiligen Hallen; die Priester
  Feiern das Seelen-Amt am Altar, und die bethende Volksschar
  Liegt auf den Knieen, und schluchzt:
              um die Beste der Fürstinnen trauernd,
  Die nur zum Segen gelebt, als Mutter der Armen und Waisen.
  Aber, erschütternd zu schau’n: nicht fern dem heiligen Altar,
  Knie’t, von den Seinen umringt, und im Trauergewand auch der Kaiser:
  Alle zugleich vor Schmerz erblaßt -- wie gealtert seit gestern!
  Ach, sie starren zuweilen mit rothgeweineten Augen
  Nach dem Sarg’, und sehnen sich, ihr, der selig Erhöhten,
  Wieder vereinet zu seyn schon dort auf immer und ewig!
  Als nun alles erfüllt, und die heilige Handlung vollbracht war,
  Schwebte der Sarg, vom Gerüst’ auf kräftige Schultern gehoben,
  Langsam hinab in die Fürstengruft. Zu Paaren geordnet,
  Gingen die Priester ihm vor, und beteten leise den Bußpsalm;
  Ihm nachfolgten die Ihren mit wankendem Schritt. Und so ward dort
  Beigesetzt in der Gruft die Leiche der edelsten Fürstinn.[2]

    Aber der Kaiser sprach zu dem ältesten seiner Erzeugten,
  Albrecht: „Glühender Schmerz nagt tief in dem Herzen des Vaters
  Und der Erzeugten zugleich, die jetzo der Mutter beraubt sind.
  Ach, mich zög’ es wohl hin, in der einsamen Kammer zu trauern,
  Jahrlang: denn nicht sehe ich mehr die holde Genossinn
  Meines Lebens vor mir; nicht hör’ ich die Worte des Trostes
  Aus dem Munde der Gattinn hinfort, wenn Tage des Kummers
  Nah’n! So lösen sich hier die trautesten Bande des Lebens,
  Die uns umfingen mit Lieb’, und wir steh’n am errungenen Ziel oft,
  Wie der pilgernde Fremdling, allein. Doch sey es, wie Gott will!
  Jetzt, wo das Glück der Völker, der Ruhm, und das Beste des Landes,
  Uns’rer Ehre vereint, von des blutigen Kampfes Entscheidung
  Abhängt, laß uns das Leid, das eigene, tief in des Herzens
  Unterstem Grund verschließen, und stark und kräftig einhergeh’n,
  Wie es dem Manne geziemt, der würdig zu handeln, bestimmt ist.
  Höre denn, was ich zuvor erwog im Gemüth’, und getreulich
  Dann zu erfüllen beschloß! Jüngst wüstete weit in dem Marchfeld,
  Wege und Stege gesammt, das entsetzliche Donnergewitter
  So, daß dem Heereszug Gefahren entgegen sich thürmen
  Sonder Zahl, die ein Feldherr nie hochmüthig verachte.
  Ich geleite das Heer gen Heunburg heute noch, morgen
  Ueberzusetzen, gesinnt, den Strom auf künstlichen Brücken,[3]
  Die uns, auf Flöß’ erbaut, und mit lastenden Ankern gefesselt,
  Dienen zur Bahn. Schon sah ich am Ufer unzählige Stämme,
  Wohl behau’n, und gefügt von den werkbeflissenen Löhnern.
  Eile mir vor im Gefolg fünfhundert erlesener Krieger,
  Dort zu gebiethen den Bau, mit kundiger Sorgfalt. Ich folge
  Rasch mit dem Heere dir nach, und steh’ an dem kommenden Morgen
  Drüben am Ufer der March, vereint mit des Königs von Ungern
  Tapferem Volk, im Rücken des Feind’s, und im mächtigen Vortheil.
  Rühmt er der Menge sich gleich,
              doch siege die Treu’ und das Recht nur.“

    Jener begann alsbald: „Mit Freuden gehorch’ ich dir, Vater!
  Aber, o sieh’, da sprengt dein Hartmann, eilenden Fluges,
  Mit dem getreuen Kurd, der einst in den Jahren der Kindheit
  Ihn auf den Armen trug, und den blühenden Jüngling das Reitroß
  Bändigen lehrt’ auf der Ritterburg, ein tapferer Degen,
  Näher; mich dünkt: zu weiterer Fahrt, mit dem Treuen, gerüstet!“
  Hartmann hemmte den Lauf, und sagte, herüber gewendet:
  Denn schon stand sein Roß auf dem Sprung, zu den Staunenden also:
  „Leb’ wohl, Vater, und ihr, Geschwister mein, auch ihr alle,
  Lebet auf lange denn wohl! Gar viele der Wege hienieden
  Sind’s, die Gott die Seinigen führt; doch bringt er uns einst dann
  Wieder zusammen im Glück von unvergänglicher Dauer!
  Fort an den vaterländischen Rhein -- hinüber nach Aargau,
  Führt mich der Weg: denkt mein, des Entfernten, mit Liebe zuweilen!“
  Rief’s; dann gab er dem Pferde den Sporn, und schwand auf dem Heerweg
  Plötzlich dahin: ihm sah’n die Beiden mit thränendem Blick nach.



  Siebenter Gesang.


  Marbod sah aus den Wolkenhöh’n, verglommenen Blickes,
  Wie der Mond, umflort von herbstlichen Nebeln am Morgen,
  Lang’ auf die dämmernden Fluren herab. Er dachte des Bruders
  Ernst auf dem Kahlenberg, der kriegrische Thaten verschmähend,
  Froh in der Einsamkeit verharrete: selbst, da ihm Hartmann
  Ehre und Vortheil both in des Throns hellschimmerndem Umkreis.
  Völlig fremd erschien ihm die Erd’, und verändert der Menschen
  Leben und Geist. Nur Feindes-Gewürg im Schlachtengetümmel
  Sann er sein Lebenlang; nur Kampfmuth heisch’t er vom Manne,
  Und, ergrimmt, so ihm einst das heiß Ersehnte versagt war,
  Schlug er den Stein mit dem Schwert’, und spaltete Bäume des Waldes --
  Ja, was jetzt ihn zermalm’t, unschuldigen Menschen die Scheitel:
  Denn jetzt hört’ er von Liebe des Feinds, versöhnender Sanftmuth,
  Schonung, und froher Geduld, und des Friedens sanften Gebothen.
  Feig und entnervt erschien ihm fürwahr dieß Volk, so er seither
  Nicht mit staunendem Blick sein Heldenleben gewahrte:
  Seinen Muth in dem Kampf’ und im Tod, der Helden zu Theil wird.
  Doch nun horcht’ er, erstaunt: im lauten Getöse der Waffen
  Kam des Kaisers gewaltige Macht auf dem stäubenden Heerweg
  Näher. So, wie der Sturm, empört, hersaust, und die Blätter,
  Tausendfältig bewegt, aufrauschen im finsteren Waldthal:
  Also klang in sein Ohr des kommenden Heeres Getümmel.
  Alsbald schwebt’ er vom Morgengewölk nach den Zinnen der Heunburg
  Hin: einst Attila’s Burg, der sich, als König der Heunen,
  Furchtbarn Ruhm gewann, da er Gottes Geißel genannt ward;[1]
  Doch verödet aufragte die Burg in die Lüfte; der Epheu
  Kroch an der Mauer umher, und durch weitgehöhlete Fenster
  Sah der bläuliche Himmel herab in den grasigen Hofraum,
  Wo vom zerschlag’nen Gesims’ ureinst verfallener Bögen
  Sich der Dornstrauch hob, und im Windesgesäusel sich wiegte.
  Dort von des Wartthurms schwindliger Höh’ ersah er des Kaisers
  Nahende Macht, und ihn selbst inmitten der tapferen Scharen:
  Wie auf dem feurigen Roß er schaltete, hin und herüber
  Eilend, sie in geordneten Reih’n zum Ziele zu leiten.
  Unabsehlich hinab auf der Straße war reges Gewimmel,
  Lärm, und Getös’. Im Lichte der hellaufstrahlenden Sonne
  Lachten die Fluren rings, und sie sog aus den blanken Gewehren,
  Aus dem Harnisch und Helm, wie der Blitz augblendend, die Funken.

    Jetzt, wo am Fuße des Bergs sich weit hinüber, im Halbkreis
  Windet der Donaustrom, anlangten des Heeres Geschwader.
  Zweifach theilt er sich dort, und streckt ein liebliches Eiland,
  Gegen die breiteinmündende March zum linken Gestad hin.
  Sieh’, und all’ die Nacht anschwammen die mächtigen Stämme
  Wolkengethürmter Fichten, gesandt aus dem südlichen Forstland
  Oestreichs, das im Gebirg, unendlicher Fülle, sich ausdehnt!
  Dort, gehorchend dem Wink des hohen Erzeugers, erbaute
  Albrecht nun die Brücke dem Heer’. Der Stämme je sechzehn
  Hatt’ er zu Flößen vereint, und über des eilenden Stromes
  Rücken, im kiesigen Grund mit lastenden Ankern gefesselt:
  D’rauf erhöht das Säulengebälk’; unendliche Stämme
  Ueber ihn hin gefügt, und sie in die Quere mit Bohlen
  Dicht bedeckt: dem Mann’ und dem Rosse zum sicheren Heerweg,
  Den an jeglichem Rand’ ein leichtes Geländer begränzte.
  Doch vom Gestade, wohin mit duftenden Matten das Eiland
  Sich erstreckt, hieß Albrecht dann die Brücke noch schneller
  Ueber den schmälern Arm erbau’n: denn längliche Fähren
  Reihten, über der Fluth von gewichtigen Ankern gehalten,
  Sich hinüber den Strom, und einten die ragenden Ufer:
  Sicheren Uebergang dem eilenden Heere zu bahnen.
  „Trefflich hast du, mein Sohn,“ so rief ihm der Kaiser entgegen,
  „Alles und Jedes vollbracht, und bezwungen die Fluthen des Stromes
  So, daß wir hinziehn auf ihm, und, des furchtbaren Abgrunds
  Achtlos, freudig zum Ziel, dem ersehneten, fördern die Schritte:
  Drüben dem stolzvertrauenden Feind’ in den Rücken zu stürmen.
  Dein gedenken mit Ruhm noch kommende Menschengeschlechter.“
  „Vater,“ so sagte darauf der Tapfere, „nimmer geahnet
  Hättest du wohl: ich sey jetzt eigennützig, und harre
  Gierig des Lohnes? So ist’s: mir wollest du solchen gewähren
  Bald in der Schlacht: daß ich dort das Zeichen des Sieges vor dir her
  Tragend, kämpfe zugleich für den edelsten Herrscher und Vater!“

    Rudolph legte die Hand ihm sanft auf die Schulter, und sah ihm,
  Beifalllächelnd in’s Aug’: ein zartgesinneter Vater!
  D’rauf erhob er das Schwert, und ritt, der erste vor allen
  Ueber die Brücke, das Roß kurz haltend am Zaum’, und ihm folgten
  So im gehalt’nen Schritt die Reisigen -- folgte das Fußvolk
  Rastlos nach. Sie donnerte laut, von unzähligen Hufen
  Wiehernder Rosse gestampft; doch unter des eilenden Fußvolks
  Ehernem Schritt’, erdrönte sie dumpf nur, und schwankte der Last nach.
  Also zog er den breiteren Arm, des grünenden Eilands
  Augefild’, und den schmäleren Arm der mächtigen Donau
  Freudig hinüber zum linken Gestad’, am unendlichen Marchfeld.
  Dort aufstellt’ er das Heer, und rief dem kühnen Capellen:
  „Tapferer, sey mit der Schar fünfhundert erlesener Reiter
  Heute der Führer des Vorderzugs, schlagfertig und wachsam
  Jeglichen Augenblick, so Gefahr uns drohte vom Gegner!
  Otto von Meißau lenkt die Reisigen; doch vor dem Fußvolk
  Ziehe nun Meinhard, herrschend, einher; ich gebiethe dem Nachzug.
  Rastlos wollen wir bald des Feindes Lager uns nähern.“
  Also geschah’s: Capellen ging an der Spitze der Reiter
  Vorwärts. Hoch in der Luft, vom säuselnden Winde gehoben,
  Flatterte, grün, sein Fähnlein vor in der Farbe der Hoffnung.
  Otto’s Fähnlein, blau, die Farb’ ausdauernder Thatkraft,
  Folgte mit neun- und zwanzigen noch, die im Lichte des Morgens
  Schimmerten, vielfach an Farb’, wie solche dem Ritter genehm war,
  Der sie gewählt, ihm nach, und mit jeglichem kamen der Reiter
  Hundert. D’rauf erschien, blutroth, des unbändigen Muthes
  Farbe verrathend, die Fahne der görz- und tyrolischen Herrschaft:
  Meinhards Siegespanier! Ihr reihten der schimmernden Fähnlein
  Fünfzig sich an, und nach jeglichem eileten hundert der Krieger:
  Alle mit Helmen und Schilden bewehrt, und mit Lanzen bewaffnet.
  Aber nach ihm, umringt von der Schar der edelen Ritter,
  Führte der Kaiser selbst in dem Nachzug jene zum Kampf vor,
  Die aus den rheinischen Gau’n nach Oestreichs Fluren gekommen,
  Und ihm folgte das Kriegs-Gezeug’ im unendlichen Zug nach.

    Schnell g’en Hof an der March vordrangen die muthigen Völker,
  Sonder Trommelgetön und Drometengeschmetter: dem Gegner
  Weislich zu bergen die Macht, die ihn bald umstürmet im Schlachtfeld;
  Naheten dann Schloß-Hof, wo empor aus den düsteren Mauern
  Einer verödeten Burg der Wartthurm sich in die Luft auf,
  Dräuenden Anseh’ns, hob.[2] Nur Molch’ und giftige Nattern
  Haus’ten in ihrem unheimlichen Raum. Mit rieselndem Schauder
  Eilte der Wand’rer vorbei, und der Hirt hielt ferne die Heerden
  Von den Mauern, wo einst (so kündet die Sage) die Hausfrau,
  Eitelen Sinnes, der Wangen Paar in dauernder Schönheit
  Sich zu bewahren, in’s Burgverließ die Kinder verlockte,
  Schlachtete, dann mit dem Blute sich wusch, unmenschlichen Herzens;
  Aber sie starb durchs Schwert, und die Burg vermieden im Land dort
  Rings die Bewohner umher -- zumal in den Stunden des Abends,
  Wo, so kündeten sie, ein Werfen mit Steinen im Hofraum,
  Lautes Zischen vom Wartthurm her, und ein Stöhnen und Aechzen
  Aus dem Verließ erscholl. Doch sieh’, als jetzo vorüber
  Eilte das Heer, da gewahrete Jörg, der muthige Reiter
  Steyrischen Oberlands, auf den Zinnen des ragenden Wartthurms
  Sitzend ein Wesen von Menschengestalt, von Bewegung, und Leben!
  Alsbald sprang er vom Sattel, und rief, verhöhnend: „Nicht furchtbar
  Sind die Geister bei Tageslicht; ich wette, die Böhmen
  Sandten den Späher heran: ich will es ihm tapfer gesegnen!“
  Rasch enteilt’ er, und klomm an der Mauer, der Gemse nicht ungleich,
  Die an der Felswand schwebt, empor, bis über dem Fallthor
  Er die Stufen gewann, und schnell zu den Zinnen hinaufstieg.
  Schon entfuhr ihm ein höhnender Ruf, da wankt’ er voll Schrecken
  Wieder zurück: so grausenhaft erwies sich der Fremdling,
  Der ein Jüngling ihm schien. Sein losgewühletes Haupthaar
  Flog ihm wild um die Stirn’; an dem blutigen Wamms und den Schenkeln
  Hingen nur Trümmer des Riemwerks noch vom zerschmetterten Panzer,
  Wie auch der Schienen am Bein’. Er zitterte: Wuth und Verzweiflung,
  Rach’ und Schmerz verrieth sein tieferglühendes Antlitz,
  Als er, den Degengriff mit krampfhaftzuckender Rechten
  Haltend, nach Jörg umsah, der jetzt ihm wieder genaht war.
  Aber dem dräuenden faßt’ er die Brust, und warf, mit des Riesen
  Kraft gestählt, von des Wartthurms Rand’ ihn hinab in den Abgrund:
  Seinem Volke zur Schau, das eben voll Muthes heran kam.
  Siehe, da liefen sogleich die Gefährten des sterbenden Kriegers
  Hin nach dem Thurm, voll Gier, den schrecklichen Frevel zu rächen;
  Doch schon eilt’ er die Stufen herab, und sprang wie der Steinbock,
  Den der Schütze verfolgt von Klippe zu Klippe hinunter,
  Mit erhobenem Schwert, von der Mauer der Burg auf den Vorgrund,
  Gegen die Rächerschar, sich wüthend zu wehren, entschlossen!
  Aber es sprengte der Kaiser das Roß in Eile herüber,
  Und, vernehmend die That des grimmerfülleten Jünglings,
  Hemmt’ er die Krieger, und rief dem Nahenden: „Halt, ich gebieth’ es!“
  Jenem sank der dräuende Arm bei den Worten des Herrschers
  Plötzlich hinab, daß am Stein die Spitze des funkelnden Eisens
  Klirrete: denn er besann, die Augen erhebend, sich jetzo:
  Ob er die Stimme gekannt, die ihm also gerufen? Er starrte
  Schweigend ihn an; die Wuth entschwand, wie schneeige Flocken
  Vor dem mächtigen Strahl der wolkenenthülleten Sonne
  Schwinden, aus feinem Gesicht’, und im Kreise der zuckenden Wimpern
  Wies sich nun herzinniges Leid, das nahe der Thränen
  Leis’aufstrebenden Quell verkündete. Mild, und versöhnend
  Sagte der Kaiser: „Verschonet ihn doch: nicht mit hellem Bewußtseyn
  Hat er Arges verübt. Kein größerer Jammer auf Erden,
  Denn des Unglücklichen Schau, deß’ edelster Vorzug: des Geistes
  Licht, verdunkelt ward; der unter den Lebenden weilet,
  Aber, entfremdet dem holden Verkehr’ und der trauten Gemeinschaft
  Seiner Lieben, zum Grab fortwankt im finsteren Wahnsinn.
  Wahrlich mich däucht, als hätt’ ich ihn jüngst gesehen: ein Zerrbild
  Jenes Ritters, der so feindlich am Tabor turneyte!“
  Pferdegetrab erscholl jetzt laut in der Nähe: des Reiters
  Ledig, kam mit verhängtem Zaum der Braune gesprungen;
  Lief dem erkannten Jünglinge zu, und fuhr mit dem Hals’ ihm,
  Wiehernd, unter den Arm, daß er über den Mähnen herabhing.
  Alsbald faßt’ er dies’, auf des treu erfundenen Thieres
  Rücken sich schwingend in Hast, und flog nach dem Ufer der March hin.
  Nicht besann er sich dort: er schwamm die Fluthen hinüber,
  Und entschwand den Augen der stummnachstarrenden Krieger.

    Ach, und der Jüngling war’s, der jüngst so feindlich turneyte:
  Wallstein! Als in der Schreckensnacht, vernichtet von Ottgars
  Wüthendem Zorn, er, allein, gehöhnt, und urplötzlich aus Edens
  Rosenau’n, wohin ihn Hedwigs Engelgestalt rief,
  Rauhverstoßen sich sah: da warf er die Blicke, mit Ingrimm,
  Schweigend noch, um sich her; erhob sie g’en Himmel; zerwühlte
  Sich mit der Rechten das lockige Haar an der Stirn’, und besann sich:
  Was ihm gescheh’n? Jetzt trieb er das Roß mit schrecklichem Ruf’ an;
  Riß aus der Scheide den Stahl, und schlug, und bohrte dem armen,
  Immer tiefer den Sporn in den Leib, daß er blutet’ im Lauf hin.
  Also wohl Stunden lang, fort über die Hügel und Thäler
  Trieb er hinaus und herein, voll Wuth, bis athemberaubet,
  Endlich das Roß hinsank am hainumränderten Blachfeld.
  Lange stand er dort, wie erstarrt. Der nahenden Sonne
  Rosiger Strahl, nach welchem er sonst mit Liebe sich sehnend,
  Rasch die Höhen erklomm, und dort aufjubelte, wenn er
  Ihm die Stirn’, die umliegende Flur, und der wirbelnden Lerchen
  Zartes Gefieder beschien, die hoch vom Gewölk’ ihn begrüßten --
  Ha, wie trüb erglüht’ er ihm jetzt! Wie schrecklich ertönt’ ihm
  Heut der sonst entzückende Ruf der befiederten Sänger
  Drüben im schauernden Wald, und wie schal erschien ihm das Leben
  Ringsum! Furchtbar schwoll ihm die Brust von unsäglichen Qualen:
  Lichtleer dünkt’ ihn der Tag, und die Sonne verloschen. Er warf sich
  Dann auf die Erde; verbarg im thauenden Grase das Antlitz;
  Lag schwerathmend noch, und weinte mit leisem Gestöhn’ fort.
  Doch nun fuhr er empor (ihn faßt’ unbändige Zornwuth)
  Riß sich vom Haupte den Helm, den Panzer vom Leib’, und die Schienen,
  Hastig, von Arm und Bein’, und verstreute sie, schmetternd,
              im Staub dort,
  Weil ihn solche nicht schirmten, zuvor, g’en Schmach und Entehrung.
  Jetzt mit dem Schwert in der Faust, und dem einen Gedanken im Herzen:
  „Ottgars Tod!“ hinbraus’t’ er im Feld’, ihm zu nahen, entschlossen.
  Also den Tag und die Nacht fortras’t’ er, und kam an dem Morgen,
  Wutherschöpft, g’en Hof an der March zu dem einsamen Schloß her;
  Klomm den Thurm empor, und forschte herum in der Dämm’rung.
  Stille herrscht’. Er sah hinab in den schwindelnden Abgrund:
  Einen Schritt von dem Rand -- kopflangs hinunter, und stumm war
  Plötzlich der schreiende Schmerz in der Brust,
              und verschollen der Menschen
  Liebehöhnender Ruf. Doch Ottgar lebend auf Erden
  Noch? Nur jenen erwürgt zuvor: dann sterben wie immer!
  Nun, vor den Kaiser geführt, und dort nur Worte der Sanftmuth
  Hörend von ihm, den er erst jüngst, ein eifernder Ritter
  Ottgars, offen gehöhnt: das brach ihm das Herz, und mit Thränen
  Hätt’ er, liegend im Staub’, ein Reuiger, jetzt ihn gesöhnet;
  Doch ihm folgte sein treues Thier, und er jagte von dannen.

    Sieh’, und rastlos fort g’en Marcheck zogen die Scharen
  Weiter im fröhlichen Muth, nicht achtend des sengenden Mittags,
  Noch des qualmenden Staubs, entlang den unendlichen Heerweg!
  Aber vor Marcheck kam ein Häuflein kumanischer Reiter
  Näher gesprengt: wohl fünfzig Mann, und der Führer des Volks war
  Kaduscha. Ihm ertönte der Gruß der Kampfesgenossen.
  Auch er schwang den blitzenden Stahl, den Freunden zum Dank, auf,
  Und erkundet’ im Flug: wo er treffe den mächtigen Kaiser?
  Aber ihn führte das Volk stets weiter zurück’ in den Reihen,
  Bis er im Waffenschmuck die Schar der erlesenen Ritter
  Drüben ersah, und gerad’ dorthin den schnaubenden Läufer
  Spornte. Umforschend im Kreis’, begann er, und sagte, verwundert:
  „Traun, ich schaue vor mir vereint gewaltige Männer;
  Doch nach dem Herrscher des deutschen Volks, dem Kaiser Rudolphus,
  Forsch’ ich umsonst! Erkennbar leicht ist der König der Ungern
  Schon an dem Purpurpelz, der, rings mit Zobel verbrämet,
  Ihm von den Schultern fließt; an dem Stern, voll Edelgeschmeides,
  Der an der Brust den Pelz festschlingt mit der goldenen Kette;
  Auch an dem Reiher, des Kalpags Zier, entschwebend des Demants
  Funkelnder Ros’, und dem Stab, den er in der Rechten, zum Zeichen
  Heerebewegender Macht, und erhabener Herrschergewalt führt:
  Denn nur kurz ist der Stab, von Golde getrieben, und oben
  Noch mit der Kugel verseh’n: ein Abbild furchtbarer Waffe,
  Die in des Ungern Faust zerschmettert dem Feinde die Scheitel;[3]
  Doch wen grüß’ ich als Herrscher hier mit meines Gebiethers
  Freundlichem Wort? Verzeiht, so ich irre! Mich dünket, der Ritter
  Dort in der einfachen Wehr’, ob seines erhabenen Anseh’ns
  Und der Macht in dem Blick’, ist der Herrscher,
              zu dem ich gesandt bin.“
  „Wohl, er ist’s,“ entgegnete jener, „du hast ihn gefunden!
  Aber verkünde nur schnell: was uns der tapfere König,
  Unser Freund und Bundesgenoß’, Erfreuliches darbringt?“
  „Heil und Segen zum Gruß,“ sprach Kaduscha, heimlich erschüttert,
  „Sendend zugleich mit der Siegesbothschaft Zeichen des Glückes
  Dir zum Geschenk! Den Kampf begann der Kune mit Ruhm schon.
  Längs dem Ufer der March, im Hinterhalte verborgen,
  Lag mein Volk: da zog des Weges vorüber der Böhmen
  Streitgerüstetes Heer. Wir harrten, lauernd im Dunkel,
  Bis der größere Hauf’ hinschwand, und die Beute so herrlich
  Dar sich both. Fürwahr, ein blutiger, schrecklicher Kampf war’s!
  Dennoch entkamen der Feinde nur zween aus hunderten: alle
  Lagen erwürgt. Wir hieben sogleich von dem Rumpfe die Häupter,
  Sie, auf die Säbel gespießt, nach dem Lager zu tragen, und eben
  Bringt in Körben von Schilf dir solche mein Volk zum Geschenk her,
  Drüben am schlängelnden Weidenbach, wo dein der Beherrscher
  Ungerns harrt mit gewaltiger Macht. Das soll ich dir künden.“
  Heimlicher Schauder ergriff, bei der Red’ entsetzlichem Inhalt,
  Rudolphs mildgesinnetes Herz, er wandte sich seitab,
  Barg die Stirn’ in die Hand, und rief nach erschütterndem Schweigen:
  „Furchtbar habt ihr gesiegt, und dem Feinde Verderben bereitet,
  Uns voreilend sogar. O möchte die Liebe des Heilands,
  Möchte sein hohes Gesetz in euren verwilderten Herzen
  Eingang finden, daß ihr entsagtet für immer der Ahnen
  Schmählichem Götzendienst: nicht würd’ unmenschlicher Kriegsbrauch
  Schänden den Sieg, den ihr mit tapferem Muthe gewonnen!
  Biethet der Krieg nicht genug des Furchtbaren dar, und ein Jammer,
  Schrecklich, wie der, soll ihn noch entsetzlicher, wilder gestalten?
  Wehe, daß oft nur aus Blut des Friedens lieblicher Oehlzweig
  Keimt, und, mit glühenden Thränen benetzt, die Blüthen entfaltet!
  Schwarzenberg, gib jetzo Geleit den muthigen Kunen;
  Zieh’ uns voran, und verkünde mit Huld, wie es Rittern geziemet,
  Unsern Freundesgruß dem Könige! Aber ich folge,
  Tapferer, dir auf dem Fuß, mit dem muthbegeisterten Heer nach!“
  D’rauf noch sagt’ er ihm leis’: „O schaffe die Reste der Todten
  Schnell bei Seite, daß solch’ ein frommer Priester begrabe,
  Würdig, nach Christenbrauch: denn unsere Brüder begräbt er!
  Hohn, an den Todten verübt, erfüllet die Seele mit Schauder.“
  Sagt’ es, und jen’ entschwanden im Flug auf dem stäubenden Heerweg.

    Ottgar rückte mit Heer’smacht an. Nur das Auge der Geister
  Dringt in die weiteste Fern’: entflohen der sterblichen Hülle
  Schau’n sie vom Nord- zu dem Südpol hin des kreisenden Erdballs
  Vielbevölkerten Raum; sie schau’n des unendlichen Weltmeers
  Schwankende Wüsten, und dort, wohin kein segelndes Fahrzeug
  Je noch Sterbliche trug, auf weitentlegenen Inseln,
  Sonder Zahl, gar seltsamgestaltete Thier’ und auch Menschen.
  Marbod sah aus den Wolkenhöh’n des entrüsteten Ottgars
  Nahende Heeresmacht mit heimlichem Schauder: unzählbar
  Schien sie ihm gegen des Kaisers Heer an Mannen und Rossen;
  Auch nicht ferne zugleich der wildumwüthende Kampf mehr.
  Alsbald sann er besorgt, ob einer der Lüftebewohner
  Nahe sich fände, mit ihm vereint, in blutiger Feldschlacht
  Beizustehen dem Hort der edelmüthigen Deutschen?
  Schauend umher vom Gewölk nach den fernentlegensten Ländern,
  Drang sein forschender Blick von dem Rücken des sanften Gebirges,
  Wo, beginnend vom Donaustrom’, an dem freundlichen Preßburg
  Höher und höher empor sich hebt, und thürmt der Karpathen
  Mächtige Kett’ (entlang die silesisch- und polnischen Länder,
  Eine schirmende Mark für die reichen Gefilde von Ungern)
  Bis zu dem Riesen der Lomnitz hinauf, der, schneeigen Hauptes,
  Hoch aus den Wolkenhöh’n in die lieblichen Thäler der Zips schaut:[4]
  Dorthin drang sein Blick. Auf der Scheitel des Riesen gewahrt’ er
  Jetzo, erstaunt, den, einst gewaltigen Führer der Gothen,
  Katwald, hingestreckt mit Inguiomar, dem Cherusker,[5]
  Hermanns Ohm, der, zürnend dem heftigen Varus-Besieger,
  Ihn zum Bundesgenossen erkor in den Tagen der Nothwehr.
  Schüchtern naht’ er den Höh’n: denn Katwald, finstern Gemüthes,
  Trug ihm Haß in der Brust. Er hatt’ ihn vertrieben aus Böheim;
  Jener rächte sich d’rauf, mit den Römern im Bund’, und vertrieb ihn
  Wieder aus Marobud, der Stadt, die er gründete, machtvoll
  So, daß er dann ein Flüchtling starb in den Mauern Ravenna’s.
  Dennoch bezwang er sein sträubendes Herz, und schwang sich hinüber
  Von dem Gewölk. So lang’, als hier, aus der Schleuder geworfen,
  Fleugt der sausende Stein, und fern zur Erde herabsinkt,
  Währte sein Eilflug nur, und er stand vor den Beiden, und sagte:
  „Ha, ihr weilet dahier, entzückt von der reizenden Ansicht,
  Die dieß Land gewährt im Schooß’ umragender Berghöh’n?
  Schön ist es: wie nach den vier Weltgegenden, mächtige Flüsse,
  Ewig genährt von dem sprudelnden Quell, aus dem hohen Gebirgsthal
  Wälzen die silberne Fluth; wie solches, mit Städtchen und Dörfern
  Rings besäet, die blühende Flur dem Auge zur Lust beut!
  Aber ein wichtiger Streit entzweit die mächtigsten Fürsten:
  Welchem die östliche Mark, die ich einst beherrschte, zum Eigen
  Werde noch heut’: denn nah’ ist der Kampf, dem Kaiser der Deutschen,
  Oder dem König des Lands, das ach, von Rache getrieben,
  Katwald, du, mir entrissest im Kampf -- dem König von Böhmen?
  Habt ihr völlig vergessen des Muths, der schnell in dem Busen
  Aufflammt, wenn die Dromet’ erschallt, das wiehernde Schlachtroß
  Steigt, und der blitzende Stahl in der Rechten des Helden umhersaus’t?
  Kommt, mit thatenerregendem Wort’ und stachelndem Zuruf
  Anzufeuern die Kraft der, uns abstammenden Deutschen,
  Und zu verherrlichen heut’ in dem Feld den erhabensten Kaiser!“
  Inguiomar erhob bei den Worten sich schnell von des Felsens
  Schneeigem Kulm, wo er saß (er ragte noch höher denn Marbod,
  Riesengestaltet, auf), ergriff ihm die Hand, und begann so:
  „Trauter, nicht sah dich mein Aug’ seitdem, als, flüchtig des Landes,
  Du nach dem herrlichen Wälschland zogst: mehr Jahre, denn tausend,
  Sind den Menschen entfloh’n, seit solches geschehen! Ich weilte
  Unten im Schooße der Erd’, in düstere Träume versunken;
  Plötzlich rief es mich fort. Wer rief? nicht wußt’ ich es -- folgte.
  Doch nun zieh’ ich mit dir: ein Freund der Söhne von Deutschland!“
  Also gesellt’ er sich ihm; doch Katwald starrt’ in den Abgrund
  Finster hinab, und verschloß den mildversöhnenden Worten
  Marbods feindlich das Ohr: da entschwanden die beiden Vereinten,
  Arm in Arm. Er hob mit Grimm in den bläulichen Augen --
  Trotz in dem blassen Gesicht’, um welches der säuselnde Westwind
  Wiegte das röthliche Haar, sich vom Boden, und folgte nur zögernd
  Jenen nach, die rasch nach Oestreichs Fluren enteilen.

    Aber auch Marcheck lag im Rücken des ziehenden Heers schon.
  Von Baumgarten herab, in der Au feldlagerte weithin
  Ungerns Macht, verhüllt von schattenden Weidengebüschen.
  Dorther jagt’ im Gefolg der Reisigen jetzt auf dem Heerweg
  Ladislav, der König, heran: er dachte dem Kaiser
  Würdig zu nahen, und hielt, als Staub aufwallte zum Himmel.
  Schwarzenberg mit Kaduscha war’s, der eilig daherkam.
  Jener entblößte den Stahl, und senkt’ ihn zum Zeichen der Ehrfurcht,
  Vor dem Könige; d’rauf erhob er ihn wieder, und sprach so:
  „Mein erhabener Kaiser und Herr entbiethet dir, Hoheit,
  Seinen Gruß! Er kommt, dein redlicher Bundesgenosse,
  Dich an die sehnende Brust vor dem Heere zu drücken. Nicht fern mir
  Folgte der Vorderzug: bald siehst du ihn schalten im Nachzug.“
  „Herr,“ sprach Kaduscha jetzt, „erblickst du sein Heldengefolg dort,
  Forsche mit Fleiß, daß vor Allen sogleich dein Aug’ ihn erspähe:
  Denn nicht glänzt er im Waffenschmuck; nur magst du ihn kennen
  An der erhabenen Stirn’, der wölbenden Nase des Adlers,
  Und an dem Herrscherblick in der Himmelsbläue der Augen!
  Fremd ist die Furcht dem Kaduscha, doch erbebt’ er, ihm nahend.“
  „Freude mit ihm,“ entgegnete schnell der König, „und Glück uns
  Beiden Verbündeten, da sich Ottgars furchtbare Heersmacht
  Gegen uns wälzt wie die Fluth, die aus ihren Gestaden getreten!
  Aber er komme nur: bald begegnen wir ihm in den Feldern
  Ewigen Ruhms, vereint mit Rudolphs tapferen Scharen.
  Unser Stahl ist geschärft, und die Rechte gar mächtig zum Einhau’n.“
  Sieh’, da hob sich erneut von der Straße der wirbelnde Staub auf,
  Und der Rosse Getrab ertönete näher und näher!
  Rudolph jagte heran im Gefolg’ erlesener Ritter:
  Denn ihn drängte das Herz, den verbündeten König zu grüßen!
  Aber noch standen die Ross’ an dem Weg, tiefhangenden Hauptes
  Tragend den Siegespreis unmenschlicher Krieger. Nicht säumte
  Schwarzenberg, und begann mit eiferndem Laut vor dem König:
  „Schnell g’en Zwerndorf hin, da es also dem Kaiser genehm ist,
  Trage die Last der wohlverhülleten Körbe das Saumthier:
  Ihm ein werthes Geschenk, weil dort der redliche Priester
  Solche nach heiligem Christenbrauch der Erde vertrau’n wird.“
  Sagt’ es, und rief Luitold, dem muthigen Knappen. Er nahte
  Folgsam, und führte die Schar der Treiber zurück mit den Rossen.
  Ringsum staunte das Volk, und sah bald seinen Beherrscher,
  Bald den Fremdling an; doch, tieferglühenden Blickes,
  Saß der König im Sattel, und schwieg, und ließ ihn gewähren.

    Allen zuvor kam jetzt der Kaiser gesprengt, daß ihn alsbald
  Ladislav erkenne, der Hort der tapfern Magyaren.
  Beide sprangen behend’ aus dem Sattel. Sie streckten die Rechten,
  Einer dem andern im schnelleren Gang, begrüßend, entgegen;
  Hielten mit heißem Druck die verschlungenen; standen, und blickten
  Lange, staunend sich an. Dem Auge des einen entstrahlte
  Feuriger Muth; entscheidende Kraft, und Würde des andern.
  Als sie jetzo gesättigt das Herz in freundlicher Anschau,
  Schweigend, begann voll Hast der jugendlichblühende König:
  „Werth sey mir der heutige Tag, und theuer vor allen,
  Wo ich, Erhabener, dir, deß’ Ruhm erfüllet den Erdkreis,
  Nahete, bund’svereint: denn lang ersehnt’ es mein Herz schon!
  Siehe, nicht riefst du umsonst: ich zog aus den unteren Landen
  Meines Reichs mit Heeresmacht dir zu Hülfe! Des Ungern
  Flammenden Muth kennst du, wie er einstürmt
              rasch in die Schlachtreih’n;
  Aber der Kun’ ist schrecklicher: denn ihm wohnet die Wildheit
  Seiner, erst jüngst verlassenen Stepp’ an des Tanais Ufern,
  Ungezähmt in der Brust; du sollst uns loben im Schlachtfeld.
  Ha, dort fleugt Staub auf! Fürwahr der Feind ist im Anzug;
  Solches verkündeten mir zuvor Eilbothen, aus Weiden
  Kommend, voll Angst: das Volk ersehnet den Retter Rudolphus!“

    Als der Kaiser die Worte vernahm, da wandt’ er die Augen
  Schnell g’en Oberweiden zurück, das über den Sandhöh’n
  Einsam liegt: ein hainumsäuseltes Dörfchen. Von dorther
  Hob sich der Staub zum Gewölk. Wie nach glühenden Tagen des Sommers,
  Hinter dem fernen Gebirg’, empor die schwärzlichen Wölkchen,
  Gleich dem, gebläht, in die Lüft’ aufsteigenden Balle sich heben,
  Bis sie im höheren Raum mit den weitgedehneten, lichten,
  Aestigen plötzlich vereint, den wetterleuchtenden Schleier
  Auf an den heiteren Himmel zieh’n: so flog auf dem Heerweg
  Sparsamer erst, dann häufiger, hoch der qualmende Staub auf,
  Der, von der Abendsonne durchblinkt, wie vom Blute geröthet,
  Ottgars nahende Macht verkündete. Jener begann so:
  „Ha, Beherrscher der Ungern, du bist zur Stunde des Glückes
  Jetzt mit dem Heldenheer’ als Bundesgenoß mir erschienen!
  Säumen wir nicht. Nur einmal beut auf entscheidender Bahn dir
  Freundlich die Hand das Geschick:
              ergreifst du sie nicht, so entzieht es
  Selbe für immer vielleicht. D’rum sey in gebiethender Hast nun
  Unsere Macht zum Wohl unzähliger Menschen vereinigt.
  Frisch an die That! Wir ordnen das Heer sogleich in dem Feld hier.“
  Alsbald schwang er sich rüstiger auf in den Sattel, und sprengte
  Hin, und herüber im Flug, mit des Feldherrn Auge die Gegend
  Rings erforschend, zum Kampf den günstigen Raum zu erlesen.
  D’rauf entboth er vor sich die Herolde: hieß von des Heeres
  Rechtem Horn, g’en Zwerndorf hin Oestreicher und Steyrer
  Zieh’n; von dem linken die Macht der Kärnthner und Krainer,
              nach Marchecks
  Fluren hinab. Capellen geboth den ersteren; diesen
  Meinhard, Graf von Görz und Tyrol, als oberster Feldherr.
  Aber im mittleren Raum, Baumgarten nicht ferne, des Dörfchens
  Früchtegesegneter Flur, vereinte sein Wink die Tyroler,
  Schwaben, und Schweizer zugleich, gar tapfere Scharen im Schlachtfeld.
  Also in fünf Heersäulen stand des gewaltigen Kaisers
  Macht zu dem Kampfe bereit. Vor jeglicher wehten die Fähnlein
  Edeler Ritter empor in die Luft, und die sinkende Sonne
  Leuchtete hell aus den Helmen und Harnischen, furchtbar zu schauen!
  Reisige folgten den Rittern nach, und, diesen im Rücken,
  Trefflich geordnet, die Reih’n des lanzentragenden Fußvolks,
  Wo vor jeglicher, schimmernd im Licht, ein mächtiges Banner
  Flatterte, dort den Kriegern Verein in dem Kampfe gebiethend.
  Aber vor allen empor, aus dem Kern des stattlichen Heeres
  Hob sich die Reichsfahn’ auf: wie des Meerschiffs mittleres Segel,
  Flatternd umher im Hauch des leis’umschmeichelnden Westwinds,
  Und enthüllend den Doppelaar, mit der Kron’ und dem Zepter
  Herrlich geziert, nun rechts, nun links auf dem goldenen Feldraum;
  Immer wies sie dem Heer’ die Nähe des waltenden Herrschers.
  Aber er sagte darauf zu dem Könige, schnell und entschlossen:
  „Sey dort hinter Capellens Macht, zur Rechten, der Kunen
  Furchtbare Schar gestellt, die Kaduscha’s Winken gehorchet;
  Aber zur Linken, verhüllt von der schattenden Au’, und des Meinhards
  Völkern zur Stütze gespart, erwarte die tapfere Heerschar,
  Die Trentschins Gebiether beherrscht, den ehrenden Aufruf:
  Loszubrechen mit Macht auf die wildanstürmenden Gegner;
  Doch du weiche zurück: denn also gebiethet die Sitte
  Deines Landes dem Könige -- fern von dem blutigen, Schlachtfeld
  Sitzend auf einer der ragenden Höh’n, auf dem rollenden Wagen,
  Oder dem feurigen Roß, des Kampfmuths seiner Erwählten
  Zeuge zu seyn![6] Schon neigt sich der Tag.
              Nicht wird uns der Feind mehr
  Heute begegnen im Feld; doch sey’s: er komme! Mit Freuden
  Wollen wir entgegen ihm zieh’n, und der Ehre gedenken.“
  Sagt’ es, und bald stand jegliche Schar, in Reihen geordnet,
  Nach dem schaltenden Wink des erhabenen Kaisers. Der König
  Ungerns gewann mit Gefolg die aufragende Wart’ auf dem Hügel,
  Die in der Vorzeit einst zur Gränzmark diente den Völkern.

    Doch g’en Westen hinab, nach des Abends goldenen Fluren
  Senkte die Sonne den Flug, und sah vom Rande des Himmels
  In das erhellete Nebelgewölk, das, duftigem Schleier
  Gleich, empor sich hob, sie in lieblicher Ruh zu umfangen;
  Rosig die Brust erhellt von ihren verglühenden Strahlen,
  Wanderten hoch in dem Wolkenreich nach entfernteren Zonen
  Singende Schwäne dahin; im Saatfeld zirpten die Heimchen;
  Leise verhallte des Tages Geräusch, und das Leben verstummte.
  Aber die Höhen entlang, die rechts von Weiden nach Marcheck,
  Weitgedehnt, sich zieh’n, und des Marchthals Fluren beherrschen,
  Tönete jetzt Getrab anstürmender Rosse, der Waffen
  Helles Geklirr, und das Schrei’n und Rufen unzähliger Krieger.
  D’rauf erschien, dem Gewittergewölk’ im Sommer nicht ungleich,
  Das, von gährendem Donner schwer, am Himmel heraufschwebt,
  Drüben am Rande der Höh’n die schlachtgerüstete Heersmacht
  Ottgars: gierig des Kampfs, und zu muthigen Thaten entschlossen.
  Noch empört’ ihn der Zorn ob jenes verwegenen Jünglings
  Frechenthülleter Gluth zu seiner Erzeugten, und dennoch
  Sehnt’ er sich herzinnig nach ihm, in dem einsamen Kriegszelt
  Sitzend, und schlug sich die Stirn’,
              und jammerte laut um den Liebling.
  Also kam er heran, und hoffte, des lechzenden Herzens
  Heißen Durst im Blut’ und Gewürge der Feinde zu stillen.

    Doch nicht rastete jetzt Drahomira, die schreckliche Feindinn
  Ottgars: denn sie sah, wie Marbod und Inguiomar erst
  Sich vereinten, im Kampf zu entflammen die Deutschen. Sie nagte
  Heimlich vor Wuth an den Lippen, und hätte mit schmähenden Worten
  Jene gehöhnt; doch schwang sich nun, verdüsterten Blickes,
  Katwald her in der Luft, und sah nach der Erde herunter.
  Alsbald hob sie zu ihm sich empor, und rief, ihn erforschend:
  „Ha, du sahst es, wie Marbod, der schrecklichste dir in des Lebens
  Langentschwundener Zeit, auch Inguiomar zum Gehülfen
  Sich erkor, heut’ Oestreichs Volk zu entflammen im Schlachtfeld!
  Komm, und eine dich mir! Erst will ich den König der Böhmen,
  Stürzen: denn mir zur Schmach verübt’ er entsetzlichen Frevel;
  Aber erliegt er im Kampf, dann sey Kunegunde, des Zepters
  Würdig, erhöht auf den Thron; ihr laß uns erringen den Vortheil.
  Hoch erhebe sich Böhmens Ruhm, des trefflichen Landes,
  Das dir gehorcht’, eh’ Marbod dir’s mit den Waffen geraubt hat.“
  Sagt’ es mit stachelndem Wort; doch jener entgegnete zürnend:
  „Weiche von mir, du fluchbeladene, daß nicht dein Odem
  Noch verpeste die Luft, die mir umsäuselt die Wangen!
  Kein Verein, Drahomira, mit dir! So willst du mit Marbod
  Und mit Inguiomar, des Kaisers verbündeten Freunden,
  Ottgars Haupt gefährden im Kampf’? Ich nah’ ihm, als Helfer,
  Schon dem Lande zum Ruhm, wo ich herrschend lebt’ in der Vorzeit,
  Ha, und lache des Zorns, der, so wie zum Strande die Meersfluth
  Brausend fleugt, und zurück, der Ohnmacht eiteles Bild, sinkt,
  Dir empöret die Brust, und dräuet in nichtiger Ohnmacht!“
  Rief’s, und stürzte herab vom Gewölk’ an die Seite des Königs,
  Der das Roß anhielt, und des Kaisers geordnete Völker
  Staunend ersah, wie solche den Plan erfülleten weithin.
  Jetzo noch einmal, quer von dem Saum der Erde herüber,
  Blickte die Sonn’, und verschwand; die Dämmerung zog von dem Thal her.
  Nicht gedacht’ er des Kampfs für heut’; an dem kommenden Morgen
  Wollt’ er dem Feind’ ihn biethen auf Tod und Leben, den Herold
  Sendend zuvor, nach des Kriegs herkömmlicher, edeler Sitte.[7]
  Katwald war ihm genaht, und haucht’ ihm vor allem den Rath ein:
  „Ottgar, wie, du willst, nachtlagernd, des dämmernden Morgens
  Harren dahier? Schnell vor, eh’ dunkel die Nacht sich herabsenkt:
  Schleudre die feindlichen Reihen entzwei! So machst du dir heut’ noch,
  Schrecken verbreitend, Bahn zu des Siegs erhellten Gefilden:
  Denn der erste Gewinn in dem eisernen Feld ist ein Hagel,
  Der die Halmen der Hoffnung zerschlägt; ein brausender Sturmwind,
  Der des Athems beraubt den Wanderer, und ihn ermattet.
  Alsbald biethet der Feind dir selbst ein Zeichen des Angriffs.“

    Jener verschloß ihm das Ohr. Doch wer entflammt’ an dem Abend
  Schon den noch nicht ersehneten Streit im tosenden Schlachtfeld?
  Marbod, der muthige that’s. In den Reih’n der stürmischen Reiter
  Spornt’ ein munterer Held bischöflicher Leute von Salzburg,
  Schörlin, ein unbändiges Roß heran in dem Kriegszug.[8]
  Ihm nicht fern, ersah das Nest pferdstachelnder Bremsen
  Marbods spähendes Aug’: er eilte dahin, und empörte
  Mit gewaltigem Geisterhauch die entschlummerten Quäler:
  Denn er brannte vor Gier des Kampfs Arbeiten zu schauen.
  Sieh’, und, also geweckt, im heulenden, wilden Gesumme
  Fuhr der Schwarm empor; er flog dem muthigen Rosse
  Schörlins unter den Bauch, und stachelte solches, erboßt, wund.
  Schrecklich tobt’ es umher, schlug aus, bog, stöhnend, die Ohren
  Gegen die Brust, und rannte dahin: nicht achtend des Rufens,
  Nicht des Schrei’ns, das Schörlin erhob, da er, rücklings gebogen,
  Zog an dem Zügel, es noch im wüthenden Laufe zu hemmen.
  Schnurgerad auf Ottgar hin losrannte das Thier jetzt.
  Zorn erfüllte sein Herz; er rief den staunenden Feldherrn:
  „Wahrlich, nicht dacht’ ich mehr den Stahl an dem heutigen Abend
  Feindlich zu zieh’n; doch seht, die Unsinnigen stürzen sich selber
  Ihm entgegen, voll Wuth! Sie sollen mir büßen die Kühnheit.
  Fort! Wir greifen sie an mit den schwergeharnischten Reitern,
  Welch’ uns Böhmen gesandt, den tapfersten Männern auf Erden,
  Und im gemessenen Schritt’ uns folge das Heer auf dem Fuß nach.“
  Alsbald gab er dem Pferde den Sporn, und jagte die Höhen
  Brausend herab. Ihm nach, mit dem kampferfahrenen Helden
  Lobkowitz, flog die Schar zweitausend geharnischter Reiter.
  Wie, wenn unterirdische Gluth aus den Tiefen des Erdballs
  Aufwärts braus’t, und gehemmt, weithin erschüttert die Gegend
  So, daß vom stürzenden Felsengebirg’ unzählige Trümmer
  Schnell in’s drönende Thal herrollen mit wildem Getümmel,
  Krachend der Wald entsinkt, und Staub auffleugt in die Wolken:
  Also stürmt’ auch hier der König mit seinen Erwählten
  Von den Höhen herab. Vor den Kommenden stürzte das Reitroß
  Schörlins zusammen. Kein Leid ihm geschah: die furchtbaren Reiter
  Setzten über ihn hin; er lag, listsinnend, im Scheintod
  Dort bis Mitternacht, und kehrete heim zu den Seinen.

    Ottgar nahete schon den äußersten Wachen der Steyrer.
  „Auf, zu den Waffen!“ so schrie Wildon, der tapfere Hauptmann
  (Pfannberg weilte noch fern bei Capellen, dem obersten Feldherrn,
  Drüben im luftigen Zelt, des Kriegs Arbeiten erwägend,
  Die der Morgen verhieß) und das Fußvolk eilt’ aus dem Lager:
  Denn nicht dachten des Streites mehr die erlesenen Ritter
  Jetzt, in der sinkenden Nacht. Wohl mancher saß in dem Gras’ noch,
  Haltend das Roß an dem Zaum’, und beredete Dieses, und Jenes;
  Doch nun fuhren sie all’ empor, von dem feurigen Marbod
  Aufgestürmt mit empörendem Ruf. Bald schwang in den Sattel
  Jeder sich auf, erhob den Speer in der Rechten, und senkte
  Sein Helmgitter herab, das Roß zu dem Kampfe bewegend.
  Ha, und der Kampf begann! In dem Vorderzuge, des Feindes
  Dräuende List zu erspähen gesandt von dem sinnigen Feldherrn,
  Stand ein Brüderpaar der Trantmannsdorfe beisammen:
  Heinrich, und Götz, von der Schar der Verwaiseten.
              Laut, und mit Nachdruck
  Hieß sie des Hauptmanns Ruf in die Reih’n der Versammelten kehren:
  Aber sie hörten ihn nicht, von glühendem Muthe getrieben.
  Ottgar fuhr auf den älteren los, und, ob er den Speer schon
  Ihm entgegen streckt’, und des Kampfs wohl kundig sich zeigte,
  Schlug er ihm doch mit dem Heldenschwert den nahenden Speerschaft
  Seitwärts, und durchstieß ihm den Hals, wo, gleitend, vom Harnisch
  Sich der Helm verschob: er sank, und verhauchte das Leben.
  Götz drang muthig auf Lobkowitz ein; verwundete, jauchzend,
  Sein aufbäumendes Roß, und stürmte noch feuriger vorwärts;
  Aber ihm bohrte, von jenem gekehrt, der empörete König
  Sein, von des Bruders Blut geröthetes Schwert in die Brust ein
  So, daß er rücklings vom Sattel sank, und dicht an dem Bruder
  Ruhete, langgestreckt, und erblassend im Tode. Sie lagen
  Dort wie jährige Leu’n im Staub, die, grausam, ein Tiger
  Eben erwürgt’ im Gebüsch’, als Beut’ aufsuchte die Mutter.
  Doch der feurige Katwald sprach, umschwebend, in’s Ohr ihm:
  „Ottgar, flüchtig enteilet das Glück: erhasch’ es im Flug jetzt!
  Werfe den Feind, eh’ Rudolphs Schwert dir nah’t. Ich gewahrte
  Helfende Geister um ihn, die ihn warneten: eile, zu siegen!“
  „Ha, wer drängt mich so muthig, und kühn?“ sprach zürnend der König,
  „Muthig, und feig zugleich, mit Rudolphs Schwert mir zu drohen:
  Denn er komme nur, bald entreißt ihm das meine das Leben!“
  Rief’s, und jagte dahin wie der brausende Sturm auf den Heiden.

    Welchen erlegt’ er zuerst aus den Reih’n der tapferen Ritter?
  Sieh’, ihm warf sich Stubenberg vor allen entgegen:
  Weit vorhaltend den Schild, deß’ Zier, im Ringe der Anker,
  Schlangenumwunden, sich wies, und strebte, das muthige Herz ihm
  Durchzubohren im Wuthanlauf mit dem blinkenden Speerstahl;
  Doch in des Rosses Bauch stieß Ottgar, stachelnd, den Sporn ein
  So, daß es seitwärts sprang, und er drängte dem Gegner den Degen
  Tief in die Brust, als ihm die entblößte Höhle der Schulter
  Räumigen Eingang both: er sank, und athmete nicht mehr.
  D’rauf erwürgt’ er auch noch urschnell den redlichen Knappen
  Edelred, der jetzt dem Ritter zu Hülfe geeilt war.
  Czernin stellte sich g’en Wildon zur Wehre: sie kämpften
  Lange mit wechselndem Glück; verwundeten: jener des Gegners
  Bein, und dieser den Arm, und schieden mit dräuendem Ingrimm
  Mitten im Kampf: denn schon herstürmten im Felde die Reiter
  Ottgars, welchen das Fußvolk rasch nachdrang, und urplötzlich
  Hob sich der schwellende Ruf mit dem Waffengetöse der Würger
  Himmelempor, und erfüllte die Welt mit Entsetzen und Schauder.

    Jetzo vernahm in der zweiten der fünf Heersäulen Capellen
  Kämpfender Krieger Geschrei, das drüben, am Rande der ersten,
  Stets vernehmlicher scholl in der Dämmerung. Eifernd besprach er
  Eben mit Pfannberg dort, dem Führer des steyrischen Volkes,
  Für den kommenden Tag des Angriffs muthige Weisen;
  Auch die verstellete Flucht: den wechselnden Kampf, und den Rückzug,
  So des Krieges Geschick ihn gebeut: da verstummt’ er auf einmal,
  Horchte dem Lärm, und sprach, voll Hast, zu dem Scharengebiether:
  „Pfannberg, eile zurück! Der Feind, so sagt uns der Lärm dort,
  Wagte den Ueberfall in der Dämmerung; eile zur Rettung
  Deines Volks: ich folge dir schnell mit erlesenen Scharen.“
  Also geschah’s. Im Flug’ erreichte der tapfere Feldherr
  Sein gefährdetes Volk, und warf, mit dem Schwert’ in der Faust, sich,
  Allen voran, als sie nachbraus’ten im stäubenden Saatfeld,
  Rasch auf die furchtbare Macht der Geharnischten, die zu dem Angriff
  Ottgar selber geführt, und jetzt umtobte, voll Mordwuth.
  Ihm selbst hätt’ er die Brust durchbohrt, so plötzlich erschien er
  Mitten im Waffengemeng; doch schlug ihm der muthige Ritter,
  Zawiß von Rosenberg, der schönste der Männer im Kriegsheer
  Böheims, sein erhobenes Schwert aus der Faust, und durchstieß ihm
  Schnell mit dem Speere den Arm, daß er, stöhnend,
              vom Sattel herabsank.
  Ottgar rühmte gerührt den Tapferen; doch Drahomira
  Lächelte Hohn aus den Lüften herab: sie erspähte die Neigung
  Schon, die verborgene, jüngst in der Brust Kunegundens für Zawiß,
  Und gedachte mit Lust der unheilschwangeren Zukunft.

    Pfannbergs Volk, den Sturz des tapferen Führers gewahrend,
  Drang jetzt eilender vor, und kämpfte, der Löwinn nicht ungleich,
  Die vor der Höhle die Jungen, umringt von Pardeln erblicket,
  Um den Verwundeten dort, und es hätte gesiegt mit den Scharen
  Oestreichs, die Capellen zu Hülfe geführet, und jenen,
  Die aus dem Hinterhalt’ auch Kaduscha, hörend im Nachtgrau’n
  Feindlicher Waffen Getös’, ihm, lautaufjauchzend, vereinte:
  Hemmt’ es nicht Katwalds List. Er sah in der Reihe der Edeln
  Einen, mit bleichem Gesicht’ und scheuumirrenden Augen,
  Träg vorschreiten im Kampf: den Pettauer, der vor dem König
  Ottgar, einst die Ritter der steyrischen Mark des Verrathes
  Zieh, und dieser verhängte sogleich entsetzliche Strafen;
  Aber er hatte nicht Ruhe noch Rast seitdem, und im Herzen
  Trug er die Strafe der Schuld, da er jeglichen Trostes beraubt war.
  Diesem nahete Katwald jetzt, und schrie in das Ohr ihm:
  „Horch, dir drohet Verrath und Mord! Unseliger, fliehe!“
  Schauer durchlief ihm die Haut, da er solches im Geiste vernommen:
  Alsbald wandt’ er das Roß, und rief, entfliehend: „Verrath! Mord!“
  Wilde Verwirrung begann: das vorgedrungene Fußvolk
  Wankte zuerst; ihm folgten die Reisigen -- dann auch die Ritter.
  Tausendzüngig erhob sich der Ruf: „Entflieht dem Verrath! Fort!“
  Aus den flüchtenden Reih’n. Auch Kaduscha wich mit den Seinen
  Lärmend zurück, und entsetzlich erscholl in der Nacht das Getümmel.

    Doch in dem fernen Gezelt vernahm der erhabene Kaiser
  Jetzo den Lärm, und geboth den Mannen die Rosse zu zäumen:
  Denn schon lagerten sich die Tapfern ruhig im Saatfeld,
  Reichend den Rossen das Futter zuvor, und stillten den Hunger
  Dann mit Brot, und den Durst mit des Quellbachs kühlenden Fluthen:
  Alsbald waren die Pferde gezäumt, und die Muthigen saßen
  Sattelfest. Da kam vor allen, gesprengt, auf dem Pfad her
  Oestreichs Reiterschar. Mit zürnendem Ernst in den Blicken
  Ritt ihr der Kaiser entgegen. Sie stand von Schauer ergriffen:
  Denn kein Vorwurf kam aus dem Mund des erhabenen Herrschers.
  Also gehemmt, wuchs stets zu dichteren Haufen die Heersmacht,
  Und er kehrte mit ihr g’en Marchecks sandige Fluren.



  Achter Gesang.


  „Ha, was röthet den Himmel fern im nächtlichen Dunkel?
  Welch’ Geschrei erfüllt urplötzlich mit Angst und Entsetzen
  Drüben die Stadt? Ein Jüngling sitzt, verwilderten Ansehn’s,
  Dort auf des Felsens Höh’n, und schaut auf
              die schreckliche Brandstätt’
  Grinsend herab, wo ruhig noch erst unschuldige Menschen
  Schlummerten, jetzt Gewürg’ erschallt, und in Strömen das Blut fließt?
  Furchtbare Schau! Darf also der sterbliche Mensch an dem Menschen
  Wüthen, daß sanfterer Art der grausame Tiger erscheinet?
  Wehe, wie fiel er so tief! Wie entwürdigt ihn Laster und Thorheit!
  Doch ich nah’ ihm schnell, zu erkunden, wie solches geschehen?“
  So sprach Inguiomar, das gluthverheerete Städtchen
  Schauend, und eilt’ im Fluge dahin, wo, schrecklichen Blickes
  Jener hinuntersah nach der Stätte des Jammers. Er saß dort
  Schauerlich in sich gekehrt, und ihm zuckten die schneeigen Wangen
  Leise vor ungesättigtem Grimm, da er, vorwärtsgebogen,
  Stützend das Kinn auf die krampfhaftgeschlossene Faust, in die Flammen
  Starrete. Doch es stockte das Wort in dem Munde des Geistes,
  Als er ihn näher geseh’n. Er bebte dem Jammer, und eilte
  Fort nach den Ufern der March, wo heut’, unferne dem Städtchen
  Marcheck, nach unrühmlicher Flucht sich die Krieger vereinten.

    Wallstein war’s, der dort auf dem Felsriff saß, und hinunter
  Starrte, voll Grimms. Sein war die entsetzliche That, und der Hölle
  Jüngstentlaufene Brut, Drahomira, hauchte die Wuth ihm
  In die empfängliche Brust, aus welcher des warnenden Engels
  Bild entfloh, da er sich der Sinneschmeichlerinn hingab.
  Sieh’, er eilte zuvor aus der Nähe des Kaisers, und setzte,
  Schwimmend, die Fluthen der March mit dem schnaubenden Rosse hinüber;
  Flog dann, Auen und Wälder entlang, an Moravia’s Marken
  Rastlos fort, bis endlich das Roß am dämmernden Abend
  Stöhnend zu Boden sank. Er entschlummerte neben dem Thier dort;
  Aber ihm war Drahomira gefolgt. Wie der feurige Schweißhund[1]
  Angeschossenes Wild, so heiß es auch strebt, zu entkommen,
  Durch des umschattenden Waldes Nacht verfolgt auf den Fährten,
  Rastlos, bis es ermattet ihm fällt: so ließ Drahomira
  Ihn aus den Augen nicht mehr: denn Ottgar sollte getödtet
  Fallen durch ihn, und ihr Herz sich ersättigen dort an des Jammers
  Grau’nerregender Schau -- an dem Fall des unglücklichen Jünglings.
  Einen täuschenden Traum ersann, und bannte sie, zaubernd,
  Vor den Entschlummerten hin. Er sah im Geiste das Städtchen,
  Kostel in Mähren, vor sich, und dort sein Alles auf Erden,
  Hedwig, gefesselt im Thurm, weil sie nicht verhüllte die Neigung,
  Die sie ihm still genährt in dem treuergebenen Herzen;
  Sah, wie sie, jammernd, ihm mit den kettenbelasteten Händen
  Winkt’, und so bleich her sah von des Fensters eisernen Stäben,
  „Hülfe!“ schreiend, und „Rach’ an Ottgar!“ Aber er stöhnte
  Laut in dem Schlaf’, und schlug sich die Brust
              vor unsäglichem Herzleid.
  Bald erweckt’ ihn Geschrei anstürmender Krieger. Der Kunen
  Tausend, vereinten sich erst: Weglagerer, Räuber, und Mörder,
  Von dem Heere getrennt, auf Raub zu ziehen, entschlossen,
  Die Drahomira noch mehr empörte zu schrecklichen Thaten.

    Als sie jetzt den Schlummernden sahn, der, blühender Jugend,
  Noch im Schlafe das Schwert umklammert hielt mit der Rechten;
  Durch die gesenkten Brau’n Wuth kündet’, und, stöhnend, von Rachgier
  Mit den verzerreten Lippen sprach, da riefen sie freudig:
  „Seht, den sandt’ uns Tyr,[2] der Gott des Kriegs und Verderbens:
  Ihm gleich, hält er das Schwert umfaßt, und drohet im Schlaf noch
  Schrecken dem Feind’. Er sey uns Führer im nächtlichen Raubzug!“
  Also erweckt’ ihn ihr wildes Geschrei; sie faßten, und hoben
  Ihn von der Erd’ empor; umhingen in Eile die Schulter
  Ihm mit dem Pelz, der, marderumbrämt, zur Ferse hinabhing;
  Setzten die Mütz’ auf sein Haupt, mit dem schwebenden Reiher,
              und bothen
  Ihm das erlesenste Pferd. D’rauf sagte noch Sikra, der Hauptmann:
  „Komm, und führ’ uns im sausenden Ritt nach Kostel, dem Städtchen
  Drüben im Mährenland, voll reichthumstolzer Bewohner,
  Die, dem Böhmenkönig getreu, zum Kampfe sich rüsten.
  Unser König bekriegt ihn selbst auf den Feldern von Oestreich:
  Wir erhoben uns hier, ihm Schaden zu thun, und zu rächen
  Plünderung, Mord, und Brand, mit welchen er Ungern vor Jahren
  Wüstete: ha, nun Rache dafür an dem grausamen Ottgar!“
  Also tobten sie fort. Der Jüngling ließ sie gewähren,
  Stand verstört, und wußte nicht, wie ihm geschehen? Er sann jetzt:
  Ottgar ward ihm genannt -- der Grausame hieß er den Räubern
  Selbst? Da jauchzet’ er laut; entblößte das Eisen; erhob sich
  Schnell in den Sattel, und rief: „Mir nach, wir rächen die Unthat!“
  D’rauf ging’s fort, im sausenden Ritt nach Kostel in Mähren.
  Vor ihm flog Drahomira einher, und lächelte grimmig:
  Denn sie sah das Entsetzliche dort vollbracht, und Verderben
  Ueber des Jünglings Haupt, und Ottgars schweben im Vollmaß.

    Tief entschlummerten schon des ummauerten Städtchens Bewohner.
  Ach, oft ahnet der Sterbliche nicht, der ruhig dem Schlaf sich
  Noch an dem Abend ergibt, welch’ Jammer ihn weckt vor dem Morgen!
  Früher erspähten die Räuber schon des friedlichen Städtchens
  Schwachverriegeltes Thor und die leichtersteigbare Mauer,
  Die sie, keuchend vor Hast, erkletterten. Aber das Reitroß
  Spornte Wallstein rasch umher: denn hoch in die Nacht auf
  Ragte der Thurm, der dort die holde Geliebte (so wähnt’ er
  Noch, getäuscht von dem Traum) von ihm für immer getrennt hielt.
  Wehe, und bald aufflammte die Gluth, an die breternen Dächer
  Durch die entsetzlichen Kunen gelegt, und erhellete weithin
  Rings die schweigende Nacht! Nicht säumte der lauernde Nachtwind,
  Lauterbrausenden Flug’s annahend, die Flamme zu wälzen
  Hin und daher, an den Häusern der engverschlungenen Straßen.
  Wildes Geheul erscholl: aus den Stuben hervor auf den Marktplatz
  Flüchteten jetzt die Bewohner, um dort die Väter, und Mütter,
  Kinder, und Greise zu seh’n, wie sie bluteten unter dem Schwerthieb
  Wüthender Räuber, und bald, erwürgt mit den andern, zu fallen
  Rettungslos: denn Niemand war, der half in dem Jammer.
  Wohl anlangten den Abend zuvor zwölf muthige Reiter
  Ottgars, über die March, von Drösing herüber gesendet:
  Mundvorrath aus dem Städtchen hier, in das Lager der Böhmen
  Heut noch zu schaffen mit Waffenmacht: denn schreckengerüstet
  Herrscht in des Krieges Zeit die Gewalt: nur Laute des Ingrimms
  Treffen das Ohr, das sonst des Friedens sanfte gewohnt war.
  Als der feindliche Lärmruf scholl, da schwangen die Reiter
  Sich auf das Roß, zu entflieh’n der wuthempöreten Mehrzahl;
  Doch sie waren umringt, und nun, mit dem Schwert’ in der Rechten,
  Kämpfend, zu sterben bereit. Sie stellten sich fest und entschlossen,
  Vor dem Thurm dort auf, und harrten des nahenden Feindes.

    Allen zuvor kam Wallstein, jauchzt’, und hieb in den Haufen,
  Blindumwüthend, ein: denn Ottgars kenntliche Reiter
  Sah er vor sich, und schnob nur Rache, nur flammende Sehnsucht
  Hedwigs Retter zu seyn aus den Händen unmenschlicher Krieger.
  Jetzt auflachte voll Hohn Drahomira, und hob sich von dannen:
  Denn jetzt klebte das Blut des eigenen Volks an dem Schlachtschwert,
  Das ihm Ottgars Rechte vertraut’, und sie dachte: nicht fern mehr
  Sey ihm das Ziel, zu fallen mit ihm, unrühmlich, und furchtbar!
  Siehe, die Reiterschar, umstürmt von den wüthenden Räubern,
  Fiel nach tapferer Gegenwehr auf die Leichen des Feindes,
  Die sie gehäuft! Doch Veith, der jetzt aus dem Sattel geworfen,
  Sank, rief sterbend ihm noch: „Ha, Wallstein: bist du ein Gegner
  Deines eigenen Vaterlands? Du ermordest die Böhmen?“
  Wallstein horchte bestürzt: er erkannte den redlichen Krieger,
  Der in der Ahnen-Burg gedient, und in zartester Kindheit
  Oft ihm Mährchen erzählt’: ein treugesinneter Reiter;
  Hob die Blick’ empor, und sah, durch des ragenden, leeren,
  Halbverfallenen Thurms verwitterte Fenster den Himmel,
  Sternenhell, herab auf das Blut der Reisigen starren;
  Sah, erstaunt, um sich her die Leichen der Greis’ und der Kinder
  Schwimmen im Blut’ -- all’ überall Blut, und die wüthenden Kunen
  Nur erpicht auf Raub und Plünderung. Plötzlich ergriff ihn
  Seelenangst: er gab dem Rosse die Sporen, und jagte
  Durch das offene Thor hinaus auf den einsamen Heerweg;
  Dann seitab den Hügel empor, der, nahe dem Städtchen,
  Jäh sich erhebt. Dort saß er am Rand’, aus dem Sattel gestiegen,
  Haltend das Roß am Zaum’, und sah nach dem schrecklichen Jammer
  Drüben hinab. Bald wühlt’ er, ergrimmt, sich die Brust mit den Nägeln
  Wund; bald stützt’ er das Kinn auf die Recht’, und starrte hinunter,
  Starrte hinauf zu dem tiefverstummenden Himmel, und rang nur
  Einem Schreckensbild zu entflieh’n, das fieb’risch die Brust ihm
  Schüttelte: denn er dachte, wie frech er die freundliche Warnung
  Von sich stieß in der Nacht, welch’ über ihn schrecklich entschieden.
  Doch als jetzt ihm ein Thränenpaar heiß über die Wangen
  Träufelte, hob er sich auf von dem Boden, und plötzlich verscheuchte
  All die Bilder ein kühner Entschluß. Er sagte für sich hin:
  „Ottgar, kein Verein ist zwischen uns mehr! Ich gehöre
  Deinem Gegner hinfort: denn sieh’, ich erwürgte die Böhmen --
  Ach, mein Volk, mit den Kunen im Bund! Dieß blutige Schwert lechzt
  Jetzo nach deiner Brust, und nach meiner:
              wir fallen zugleich -- bald!“
  Stöhnend schwang er sich dann auf’s Roß, und jagte herüber
  Immer den Fluß entlang, im Galopp, die lagernde Heersmacht
  Rudolphs noch vor dem Morgenroth zu erreichen vor Marcheck.

    Sieh’, und es rief in der Stadt, in den weitgetrennten Gehöften,
  Und in den Dörfern umher der Hahn, des dämmernden Morgens
  Muthiger Herold, sein „wach’ auf“ das andere Mal schon,
  Als er die seichtere Furt durchwatete; d’rauf vor dem Lager,
  Laufend, erschien, das Kunenroß heimjagend vom Ufer.
  „Wer da?“ rief ihm die Huth vom Wall’ entgegen, und zielte
  Dann mit der Lanze zugleich nach der Brust des nahenden Jünglings:
  Aber er sprach ergrimmt: „Zu Rudolph, eurem Gebiether
  Führet mich schnell! Hochwichtiges muß ich sogleich ihm enthüllen.“
  Jener sah ihn zuvor mit Staunen vom Kopf bis zum Fuß’ an,
  Eh’ er die Freund’ entboth, ihm sich’res Geleite zu geben:
  Denn unglücklich nur -- nicht verdächtig erschien er von Anseh’n,
  Und sie führten ihn jetzt nach des Kaisers ragendem Zelt hin.

    Aber der liebliche Schlaf (ein Balsam für blutende Herzen,
  Welcher so mild den Schmerz beschwinget, der in des Lebens
  Dornengefilden sie grausam zerriß) war eben auf Rudolphs
  Lieder gesunken, und er floh vor dem Fußtritt nahender Krieger
  Wieder hinweg. Oft wacht’ er im Feld mit heiterem Antlitz
  Tag’ und Nächte hindurch, zu des Kriegs Beschwerden gestählet.
  Als in das einsame Zelt der Jüngling getreten, da däucht’ ihn:
  Jener Unglückliche sey’s, der jüngst den muthigen Reiter
  Von dem Thurm in den Abgrund warf, und nicht irrte sein Scharfblick.
  Freundlich winkt’ er ihm jetzt mit der Hand, und jener begann so:
  „Meine Rede sey kurz! Der Sterbende muß sich beeilen,
  Daß er enthülle das Wort, das lastend die Brust ihm beschweret.
  Höre mich, Herr! Ich war dein Feind, und hätte den Sohn dir
  Gern durchbohrt auf dem Plan, vom wüthenden Hasse getrieben;
  Aber es zieht das Geschick gar wunderbar oft in des Lebens
  Irre den Pfad: mich führt es als Freund dir zurück. Mit den Kunen
  Hab’ ich, dein Dienstmann, erst gesengt, und gebrannt in dem Städtchen
  Drüben im Mährenland’, und die Bürger zugleich mit den Kriegern
  Muthig erwürgt: all’ Ottgars Schuld, des grausamen Wüthrichs,
  Der auch dir nach dem Leben strebt, und die Mörder bereit hält.
  Aber ich eil’ ihm zuvor, willst du’s, und raub’ ihm das Leben
  Heut’ noch. Dir ist dieß Schwert geweiht; nicht soll es ihn fehlen:
  Denn er verübt’ an mir Entsetzliches. Sprich, und ich mord’ ihn!“
  „Wie,“ so begann, aufjammernd, der Kaiser, „Unselige, habt ihr
  Ruhige Menschen erwürgt, und gesengt, und gebrannt in dem Städtchen
  Drüben nach schrecklichem Kriegsbrauch? O, der Völkerbeherrscher
  Trauriges Los, daß ihr Streit auch Räuberhände bewaffnet,
  Ungezügelt und frech, dem Gesetz hohnsprechend, zu wüthen!
  Herr, nicht gehe mit mir in’s Gericht: denn mein ist die Schuld nicht!
  Doch du kehre zurück, Unglücklicher! Kehre zu Ottgar,
  Der ein liebender Vater dir war, nun zurück, ihn zu söhnen,
  Ihn mit reuigem Sinn um den Segen zu fleh’n -- zu erwiedern
  Ihm verzeihende Huld, so er dich einst kränkte mit Unrecht!
  Also hat es der Herr uns gelehrt: er möge dir helfen!“

    Wallstein stürzte hinaus, und flog nach dem feindlichen Lager,
  Rastlos, bis er erreichte die Huth der böhmischen Reiter.
  Schnell erkannten sie ihn, der oft im Gewühle der Schlachten
  Sie zum Siege geführt, und jubelten laut in die Nacht auf.
  Einer begann: „Kehrst du zur Freude des Heers und des Königs
  Wieder zurück, der, wisse es nur, mit unsäglicher Sehnsucht
  Nach dem verlorenen Sohn sich abhärmete? Wahrlich, er nannte
  Heute dich so, und verhieß allmanniglich reiche Belohnung,
  Der dich führte zurück in die Arme des liebenden Vaters!“
  Doch, es erwiederte Wallstein ihm den freundlichen Gruß nicht;
  Eilete vor, und erreichte das Zelt des entschlummerten Königs.
  Jetzo murrete Greif, der mächtige Hund, vor dem Eingang:
  Ottgars Liebling, ein Schrecken des Volks, das nächtlicher Stund’ ihm
  Nahete, wo er, der Kette los, umwandelte wachsam:
  Denn er bewältigte leicht den stärksten der Reisigen; hielt ihn
  Nieder, und bellete, bis ein Hausgenosse daherkam.
  Wallstein zischte nur leis’, und rief ihn bei’m Nahmen: da sprang er,
  Heulend, herbei; erhob sich mit freudigem, lautem Gewinsel
  Ihm auf die Schulter, lang wie er war, und leckt’ ihm die Wangen;
  Lief dann kreisend umher, und kehrete wieder, vor Freuden
  Bellend, und heulend zugleich: denn Wallstein war ihm seit Jahren
  Hold, und quälet’ ihn einst im jugendfröhlichen Muth’ oft.
  Doch er streichelte jetzt den Treu’n mit unwilliger Hand nur;
  Trat in das Zelt, wo im Lampenschein, auf das Lager gesunken,
  Ottgar schlummerte: ganz in die Waffen gehüllt, und zu kämpfen
  Wieder am Morgen bereit, und schauderte, wie er den Mann dort
  Schlummern sah, der einst ihm vor allen Sterblichen werth war --
  Jetzt, ohnmächtig im Schlaf’, ihm Preis gegeben zur Willkühr.
  Grauer schien ihm sein grauendes Haupt seit Tagen geworden,
  Blässer sein blasses Gesicht. Er stöhnete laut vor dem Traum’ auf,
  Der ihn umfing, und wand sich, und rief, fast wimmernd,
              nach Wallstein.
  Dieser entblößte das Schwert. Noch einmal stand ihm des Jammers
  Grau’ngestalt, den Ottgar schuf, vor den Augen; er eilte
  Vorwärts, schwang das Eisen, und sann. Drahomira durchschwebte
  Jetzo den Zelteingang; umflog in furchtbaren Kreisen
  Schneller und schneller des Jünglings Haupt, und hauchte des Abgrunds
  Gifte umher, daß er, schwindelnd, den Mord verübt’ an dem König;
  Aber er hatte zuvor, vom Kaiser, mit Schrecken, des Heilands
  Worte gehört. Wie dort im Fiebertraum sich ein Kranker
  Freut, da ein Freund ihm naht, und nachsinnt: ob er ihn kenne?
  Also nur dunkel vernahm der zerrüttete Jüngling die Warnung;
  Dennoch bezwang er sich jetzt, trat näher, und stampfte den Boden.
  Auffuhr Ottgar schnell, und starrte dem Starrenden, schweigend,
  In das Gesicht. Ein ganzes, im Glück’ entschwundenes Leben
  Eilete schnell, wie der Blitz, den Beiden noch einmal vorüber,
  Und die Vergangenheit warf, hellleuchtend, viel grausere Schatten
  Noch auf die dunkele Gegenwart. Doch jetzo begann er:
  „Wallstein, kommst du zurück’? Ich wußt’ es: ein edeles Herz schlägt
  Dir in der Brust. O, schwer hast du mich betrübt, und des Abgrunds
  Seelenverwirrende Macht empörte die Wuth mir im Busen
  So, daß ich, nicht durch eigene Schuld -- von der Hölle betäubt nur,
  Dir das liebende Herz verwundete! Wohl sind die Menschen
  Sich zu betrüben, geneigt; doch Reue versöhnt, und Verzeihung
  Windet den schöneren Kranz um die friedenbiethenden Herzen.
  Du nun wieder mein Sohn, und ich -- dein liebender Vater ...“

    Jener naht’ ihm, und rief ergrimmt: „Halt ein, und erhebe
  Nicht den Vorhang mehr, der zwischen uns dunkel herabsank!
  Was du ersehntest -- es sey: ich verzeihe dir! Aber dem Bogen
  Furchtbarer Rach’ entschwirrte der Pfeil; nicht reißt ihn des Schützen
  Hand mehr zurück. Weh’ dir, Unglücklichem: denn ich entsandt’ ihn!
  Böhmisches Blut benetzte dieß Schwert: mit den Kunen verbunden,
  Hab’ ich zuvor dein Volk erwürgt, wie ein Söldner des Kaisers.
  Du hast ihm nach dem Leben gestrebt: ich both mich, als Rächer,
  Dir zu durchbohren die Brust; doch, sieh’, dein edeler Gegner
  Achtet dein Haupt, und gab mir sanftversöhnende Lehren:
  Solchem fällst du besiegt -- ich meinem unglücklichen Schicksal!“
  Sagt’ es, und kehrte das Schwert urplötzlich von unten nach oben
  Gegen die Brust, und sank in den Stahl, der, zischenden Lautes,
  Ihm das pochende Herz durchfuhr. Er verhauchte das Leben
  Lautlos. Jammernd erhob sich jetzt, ihn zu retten, der König:
  Aber umsonst: er lag entseelt, und regte sich nicht mehr!
  Schon aufjauchzte vor Lust Drahomira, der That sich zu rühmen:
  Da durchblitzt’ ein Glanz den Raum des Gezeltes; ein Flehen
  Nach erbarmender Huld erscholl. Von Schauder ergriffen
  Wollte sie flieh’n, um fern in den übersinnlichen Räumen
  Noch zu entgeh’n dem Zorn der Himmlischen; aber unendlich
  Rauscht’ Entsetzen ihr vor -- ihr nach: sie sank in den Abgrund
  Außer den Gränzen der Welt, betäubt vom Schrecken, hinunter,
  Und erkannte sich erst in den Jammergefilden der Hölle.

    Draußen im Schattenkreis’ des hochaufragenden Eichbaums
  Gruben die Krieger ein Grab. Der Entseelte lag auf dem Rasen
  Dort in den Lagermantel gehüllt: da hinkte sein Reitroß,
  Völlig des Anseh’ns bar, aus der Au herüber, und senkte,
  Leise genaht, das Haupt zu ihm hin, daß die wallende Mähn’ ihm
  Dann mit dem Zaum nachsank, und des Todten Antlitz bedeckte.
  Jahr’ entfloh’n: da hieß es, am Grabe des böhmischen Kriegers
  Liege das bleiche Geripp von seinem verschmachteten Roß noch!

    Als aus Osten der Hauch des hellaufdämmernden Morgens
  Ueber die frischbethauete Flur den kühleren Frühwind
  Sendete; rings im Gefild sich die wiedererwachten Geschlechter
  Regten, mit gleichgeschäftigem Drang zu durchlaufen des Tages
  Kreisende Bahn, bis ihr Ziel, nun bald, nun später erreicht ist;
  Als in den Städten und Dörfern umher, in den Hainen und Wäldern
  Munterer Laut sich erhob: da hatte der Kaiser im Lager
  Schon die Scharen vereint, und zu drei Heersäulen geordnet,
  Sie in geschlossenen Reih’n dem Feind’ entgegen zu stellen.
  Aber der Ost- und der Steyer-Mark geworfene Scharen
  Schob er den andern vor in der Mitte, daß sie in dem Schlachtfeld
  Sich den entwundenen Kranz jetzt herrlicher wieder erkämpften.
  Heiter saß er zu Pferd’, und sprengte hinauf und hinunter
  Vor den Reih’n, zu entflammen den Muth der schweigenden Krieger:
  Denn sie schwiegen, beschämt von des Rückzugs quälendem Vorwurf.
  „Männer, wohlan,“ so ermahnt’ er sie laut,
              „steht heut’ in dem Schlachtfeld
  Fest zusammengedrängt -- euch tapfer zu wehren, entschlossen:
  Denn bald dürfte der Feind, noch stolz auf errungenen Vortheil,
  Mit gesteigertem Muth vorstürmen zum blutigen Angriff!
  Ha, schon seh’ ich den Siegeskranz, mein edler Capellen,
  Dir an der Stirn! Dir, Trautmansdorf, dem Vater der Helden,
  Glühen die Wangen vor Gier, zu rächen im Blute des Feindes
  Die, nur mit Uebermacht erschlagenen Söhn’ in dem Vorkampf.
  Oestreichs Edelstein’ und Demantberge, verdunkelt
  Heute sogar den Ruhm der thatengewaltigen Ahnen:
  Denket des Siegs! Doch, Lichtenstein, wie? Soll ich dich schelten?
  Nicht die gewohnte Heiterkeit färbt mit Freude dein Antlitz
  Heut’: erbebst du dem Feind? Der Tapfere scheuet den Tod nicht.“
  So, vortummelnd das Roß, erregte der Kaiser die Helden.
  Aber dem Eilenden rief der Lichtensteiner im Scherz nach:
  „Mit Vergunst! Ihr irrt, erlauchtester Kaiser! Den Feinden
  Bebt kein Lichtenstein; doch, fröhlicher Dinge zu scheinen
  Noch, da uns Ottgar jüngst des Turnmahls schnöde beraubte,
  Gestern nicht gönnte die Zeit, an dem trockenen Brot’ uns zu letzen,
  Auch den Schlaf uns stahl? Das möchte nicht allen genehm seyn!
  Doch wir tischen ihm bald die Mahlzeit auf, und verhelfen
  Ihm zu dem furchtbarn Schlaf, dem er gar freudig entrönne.“

    Lächelnd hörte das Volk den Munteren. Aber der Kaiser
  Flog zur Rechten hinauf, wo Schweizer, Tyroler, und Schwaben,
  Muthbeseelt, sich eineten; schwang das Eisen, und rief dann
  Laut zu dem Sohn, den jüngst er jenen erwählte zum Feldherrn:
  „Albrecht, halte dich wohl! Stets warst du im Schlachtengewitter,
  Leuchtend, ein Stern; dir gleich der Burggraf Friedrich und Hochberg,
  Und mein Müller dort, der redliche, treue Geselle!
  Auf, ihr seyd mein Volk, ihr sollt mir Ehre gewinnen!
  Dietrichstein, du Hort der Helden Tyrols, wie erhebt dich
  Jetzo die Stelle, nach welcher mein Haug in der Veste sich sehnet!“
  Rief’s; dann flog er zur Linken hinab, und ermahnte die Feldherrn:
  „Meinhard, trefflicher Held, nicht harrst du erregenden Aufrufs
  Muthig zu steh’n im Kampf: denn immer wird dir im Schlachtfeld
  Nur der herrlichste Lorber zu Theil; nun führe die Kärnthner,
  Führe die Krainer zum Sieg! Dir folgen die Tapferen: Heunburg,
  Albert von Görz, und der Ortenburg auf der rühmlichen Bahn nach.“
  Und er entflammte zugleich mit mutherregenden Worten
  Kaduschas Brust, und die Kraft des Trentschiner Helden Mathias.
  D’rauf entsandt’ er die Herolde, noch in der Stunde des Morgens
  Aufzubiethen sein Volk: die heilige Sühne zu feiern.

    Aber noch säumte daheim in dem Lager der König der Böhmen;
  D’rob der Kaiser sich hoch verwunderte: denn nicht enthüllt war
  Ihm des Jünglings Tod, und der Gram des erschütterten Königs,
  Ottgars. Katwald fuhr um ihn her, und erregte das Herz ihm:
  Jetzt auf des Siegs betretener Bahn mit gewaltiger Thatkraft
  Vorzudringen. Umsonst! Er saß, hinstarrenden Blickes,
  In dem Gezelt, und regte sich nicht -- wie ein Marmorgebild dort,
  Wo an der Urne des Sohn’s, des frühverblich’nen, der Vater,
  Sitzt gesenketen Haupt’s, und die Thrän’ entlocket dem Wand’rer.
  D’rauf entschwang sich der Geist, und rief den muthigen Feldherrn:
  Lobkowitz, Czernin, Zierotin; dann Milota, Herbot,
  Heinrich, dem Hort der Baiern, und Pfeil, dem Gebiether der Sachsen,
  Die zu erneuertem Kampfe bereit, des mächtigen Königs
  Harrten, schwebend umher von einem zum andern, ergrimmt, zu:
  „Eilt, und erweckt aus Gram und Verzweiflung euren Beherrscher:
  Denn er brütet erstarrt für sich hin, und verschließet des Glückes
  Stimme sein Ohr, das flüchtig entweicht! O nichtige Hoffnung:
  Als den geworfenen Feind nur die Nacht den vernichtenden Blitzen
  Eures Arms entriß, da flucht’ er dem nächtlichen Dunkel
  Laut, und ersehnte des Morgens Strahl; nun weilet er müßig,
  Und versäumt des Schlachtengeschicks entscheidenden Zeitraum!“
  Also der Geist, und sie eilten sogleich nach dem Zelte des Königs;
  Doch, eintretend voll Hast, erbebten die Tapferen alle;
  Allen erstarb der Laut in dem Mund: so schrecklich zu schauen
  War die Gestalt, die jüngst noch in jeglichem Busen den Muth hob.
  Lange starreten sie, von Schauern ergriffen, dem König
  In das entseelte Gesicht; doch jetzt erhob er sich. Plötzlich
  Färbte glühendes Roth ihm die Wangen, und hell, wie im Nachtgrau’n
  Flammt der Essen zerschmelzende Gluth, von mächtigen Bälgen
  Brausend empört, ihm glänzten die zornausblitzenden Augen,
  Als er den Helden genaht, mit geballter Faust, und, den Boden
  Stampfend, das Kleid aufriß, und die Brust voll rühmlicher Narben
  Rasch entblößend, rief: „Habt ihr ihn getödtet, den Jüngling
  Voll gewaltiger Kraft, voll edelen Muthes und Sinnes?
  Nein, ihr nicht: denn ihr seyd feig! Doch heimlich empöret
  Habt ihr das edle Gemüth, daß er frech des Kindes Gehorsam
  Mir versagte, mich floh, und selbst mein schrecklichster Feind ward.
  Aber er stieß den Dolch, den ihr ihm gereicht, nicht dem Vater
  Hier in die liebende Brust: er durchbohrte sein eigenes Herz nur.
  Ha, was säumt ihr fürder? Entblößt -- dem meuchelnden Dolchstoß
  Offen seht ihr die Brust, in der ein tapferes Herz schlägt!
  Wohl bekannt ist mir’s, daß ihr nach dem Leben mir strebet;
  Auf, vollführet es hier, eh’ draußen noch tausende fallen,
  Opfer des Kriegs, des furchtbarn, der mir nimmer zum Heil wird!“[3]
  Dann verstummt’ er, erblaßt, vor den Tapferen. Lobkowitz wiegte
  Trauernd, das Haupt: erhob g’en Himmel den Blick, und begann so:
  „Welchen Jammer verhängt der Ewige über die Völker
  Böheims! Herr, droht Krankheit dir? Ach, immer zum Herzleid
  Deines getreuesten Volks geschäh’s -- doch jetzt zur Verzweiflung:
  Wo der Sieg uns winkt, und die Feinde, vom Schrecken gebändigt,
  Zitterten! Hab’ ich, dem Streit abhold, nicht des segnenden Friedens
  Worte gesprochen im Rath’? Umsonst: du wolltest den Krieg nur!
  Nun vollführ’ es mit Muth, was du so kräftig begonnen.“
  Ottgar wandte sich schnell zu Milota: „Führe,“ so sprach er,
  „Heute den Kern des Heers rasch vor zu des Kampfes Entscheidung.
  Hast du die dunkele Brust mir jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad,
  Höhnend, enthüllt -- zerfleischt mit blutigen Krallen das Herz mir:
  Traun, kühn war’s! so wirst du auch jetzt unbändigen Muthes
  Stehen im Waffenfeld’, und erringen den Sieg mit Gewißheit:
  Denn erprobt bist du in des Feldherrn wichtiger Stelle.
  Lobkowitz weile mit mir, der Thaten gewärtig, im Rückhalt.“
  Katwald hört’, erstaunt, die Rede des Königs, und rief ihm
  Angstvoll: „Welch’ entsetzliche Wuth verblendet dich vollends,
  Daß du den Kern des Heers dem heimlichen Gegner vertrau’n willst?
  Immer lächelt er Hohn, und sinnt verderbliche Tücken.
  Auf, ermunt’re dich jetzt, und führe das Heer in die Feldschlacht,
  Selber, sogleich; wo nicht, so vertrau’ es dem tapferen Helden
  Lobkowitz, eh’ denn ihm, der dir zum Jammer erseh’n ist!“
  Aber er ballte die Faust, und wankte nicht, eiserngesinnet.
  Ihm sah Milota kalt in das Aug’, und entgegnete trotzig:
  „Keinem Schwachen vertraust du den Stab, die Zierde des Feldherrn,
  Ueber den Kern des Heers: ich werde mir Ehre gewinnen!
  Zwar verbanntest du mich erst jüngst auf dem nächtlichen Irrpfad
  Ferne von dir: ich weilete heut’, und in kommender Zeit noch
  Gern in dem Nachhalt nur: den hatt’ ich mir heimlich ersehnet!“
  Sprach’s mit bedeutendem Blick’, und eilte hinaus in der Dämm’rung
  Schnell zu entbiethen des Vorderzugs beritt’ne Geschwader.

    Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher,
  Saßen die Meißner und Thüringer noch, erlesen zur Vorhuth,
  An den Feuern umher, und verkürzten in frohen Gesprächen,
  Oft aufjauchzend zugleich, sich die nächtlichen Stunden.
              Nur, als jetzt
  Milota, schaltend, vorüberzog, verstummte des Kriegers
  Lautes Geschrei. Auch Inguiomar kam, eilenden Fluges,
  Näher, und rief dem Führer des Volks, dem tapferen Dietrich:
  „Ha, was sagte wohl jetzt der hochgesinnete Kaiser,
  Heinrich, der Finkler genannt, der herrliche Vesten-Erbauer,[4]
  Der auch Meißen erbaute, die Burg, und der Eurigen Ahn ist,
  So er euch sah’ im Bund mit den Böhmen, als Deutsche den Deutschen
  Feindlichentgegengestellt, und gehorchend dem Fremdling’ als Söldner
  Hier in dem Kampf, der euch nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil?
  Jetzt soll Milota’s Wink, der euch nie günstig gesinnt war,
  Gegen den Feind mit dem Kern des Heer’s euch drängen, und treiben:
  Denn hochwerth ist ihm, und noch mehr dem Könige selber,
  Deutscher Muth, und der Arm, der stets in dem Schlachtengefild noch
  Ihm den Sieg errang; doch bald vergißt er des Schweißes,
  Und des Bluts, das ihr vergeudet, im eisernen Feld’ euch
  Mühend für ihn, und ehrt, wie jetzt, nur die Seinen als Feldherrn.
  Männer, besteiget das Roß, und zieht in der Stille, des Lagers
  Wall entlang, nach der Heimath fort, wo die einsame Gattinn
  Eurer mit Sehnsucht harrt, im Kreis’ umlärmender Kinder!
  So nicht einet ihr euch, dem Eid’ untreu, mit den Feinden
  Ottgars; aber auch ihm nicht fröhnet ihr mehr in dem Kriegszug.“
  Also der Geist. Da erhob sich schnell Herr Dietrich, und rief so:
  „Männer, hört, was dünkt euch? Ha, was sagte wohl jetzo
  Unser erlauchter Ahn, der treffliche Vesten-Erbauer,
  Heinrich, so er uns sah’ im Bund mit den Böhmen, den Deutschen
  Feindlichentgegenstellt? Wie, Ottgar soll uns zum Kampf hier
  Drängen, daß wir mit dem Muth, der deutsche Herzen beseelet,
  Und noch stets ihm den Sieg errang in dem eisernen Schlachtfeld,
  Enden den Krieg, der uns nicht Ruhm gewähret, nicht Vortheil?
  Ha, er vergißt nur zu bald des Bluts, und des strömenden Schweißes,
  Den wir unverzagt ihm spendeten! Lieblinge sind ihm
  Nur die Slaven allein: denn Milota soll uns gebiethen.
  Brüder, sitzen wir auf, schnurstracks, und zieh’n in der Stille
  Fort, nach der Heimath fort: g’en Thüringen, Meißen, wo, liebend,
  Unser die Gattinn harrt im Kreis’ umlärmender Kinder!
  Zwar stamm’ ich aus der Ostmark her[5]: denn wisset es, Leupolds
  Tochter, des Herzogs, war’s, die mich mit Schmerzen geboren,
  Und mit Lieb’ erzog, zur Freude des _sieghaften_ Vaters;
  Doch nicht einen wir uns, dem Wort’ untreu, mit den Feinden
  Ottgars -- zieh’n nur heim, daß wir nicht die Brüder bekämpfen.“
  Lautumjauchzender Schrei verschlang ihm das Ende des Zurufs.
  Zitternd vor freudiger Hast, aufzäumte der Krieger sein Reitroß;
  Hing das Schwert mit dem Wehrgehäng’ um die Schulter, und schwang sich
  Auf in den Sattel, den eilenden Ritt zu beginnen, unmerkbar
  Milota’s Falkenblick: denn als er wieder zur Rechten
  Kehrte, ritten sie links Herrn Dietrich nach in der Stille,
  Außer dem Rasenwall, thaleinwärts, bis sie den Heerweg
  Wieder gewannen, entfernt dem Heer’, und für jetzo geborgen:
  Denn hier wähneten all’: ein feindverderbender Zug sey’s --
  Milota’s Werk. Doch jen’ enteilten, voll Hast, nach der Heimath.[6]

    Ottgar saß noch im Zelt vereint im Rath mit den Feldherrn.
  Milder schlug sein stürmisches Herz, und er sagte mit Sanftmuth
  Manches freundliche Wort den Tapferen. Aber vor allen
  Rühmt’ er Czernin: ob des entschlossenen Zugs vor die Mauern
  Wiens, des Ueberfalls, und des kluggeordneten Rückzugs
  Nach dem rühmlichbestandenen Kampf mit unzähligen Gegnern.
  „Ha,“ rief Czernin jetzt mit zweifelndem Blick, „noch entrann ich
  Glücklich des Kaisers Gewalt: denn hatte der Vater des Sohns nicht,
  Schonend, geharrt, der erst in nächtlicher Stunde die Festung,
  Für die sterbende Mutter besorgt, verließ: das Entrinnen
  Wäre nicht leicht, und sicher das Grab in dem Zug uns geworden.
  Jetzt nur schnell in den Kampf! Nicht in dumpfeinengenden Mauern,
  Und Spießbürgern vereint, behagt mir, zu streiten; in Freiheit,
  Draußen im Feld mir nahe der Feind: ich werd’ ihm begegnen!“
  Als er geendet das Wort, da hob sich zur Decke des Zeltes
  Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete Ritter,
  Der den reussischen Scharen geboth, in feuriger Hast auf,
  Blößte sein mächtiges Schwert, und sagte mit donnernder Stimme:
  „Nehmt, o König, zum Unterpfand des kühnen Versprechens,
  Herbots eidliches Wort: nie zieht er hinfort in das Feld mehr,
  So er nicht eueren Feind, der Kaiser sich nennet, gefangen,
  Oder todt, euch schafft: dann möget ihr würdig ihm’s lohnen!“
  „Dann,“ so höhnt’ ihn Zierotin, „dann werd’ ihm als Siegspreis,
  So er es kühn vollführt, was er so muthig verheißen,
  Böhmens Hälfte zu Theil -- vielleicht verhieß ich zu wenig!
  Aber, wohlan, wir all’ erringen gewiß in dem Feld dir
  Heut’ unendlichen Ruhm, so uns dein gewaltiger Wink nur
  Lenkt, und dein Siegesblick uns leuchtet
              im furchtbaren Schlachtgrau’n!“
  Sprach’s mit Kraft. So riefen zugleich der tapfere Heinrich,
  Bayerns Herzog, und Pfeil, des Sachsen-Volkes Gebiether.

    Nun trat Zawiß von Rosenberg, der blühende Ritter,
  Hastig in’s Zelt. Ihm sah wildstarrender Grimm aus den Augen,
  Als er zu reden begann: „Nicht Erfreuliches werdet ihr hören:
  Fort ist Meißens und Thüringens Volk, das reisige. Treulos
  Zog es davon, und ihm liegt das Lager schon fern in dem Rücken,
  Da es im Flug’ enteilt, zu erreichen die Fluren der Heimath.“
  All’ aufschrie’n, von Zorn g’en jen’ empöret; nur Ottgar
  Hob sich, schweigend, vom Stuhl. Wie des Vollmonds zitternder Schimmer
  Fern auf dem dunkelen Teich’ erglänzt: so erhellt’ ihm die Augen,
  Welche die Trauer umfing, des Muths aufdämmernder Lichtstrahl.
  Langsam trat er heraus vor das Zelt; ihm folgten die Feldherrn.
  Dort ersah er das Heer in der rosigen Frühe. Geschäftig,
  Wie auf gehügeltem Laub’ im Walde die Ameisen rastlos
  Kommen, und geh’n: so regte sich schon, die Rosse besorgend,
  Rings das reisige Volk; der Waffen Glanz und des Lagers
  Dumpfauftosender Lärm erfüllt’ ihm die Brust mit Vertrauen.
  Doch stets lauter ertönete jetzt des eisernen Hufes
  Schmetternder Schlag. Ein Ritter kam in brausendem Eilflug
  Näher, und hielt das Roß vor dem Könige, trotzigen Blicks, an.
  Leutold, der Kunring, war’s. Auch ihn empörte so eben
  Inguiomar, daß er stolz entsage dem Waffenverein hier
  Mit dem Beherrscher des Böhmenvolks. Nun sprach er ergrimmt so:
  „Lang ersehnte mein Herz des furchtbarn Kampfes Entscheidung;
  Aber umsonst: noch zauderst du stets, und versäumest des Glückes
  Schnellentfliehende Zeit. Erst sah ich hinaus aus dem Lager
  Ziehen die Meißner zugleich, und die Thüringer. Also bewährt sich
  Mir die Sage: du biethest die Hand zum schmählichen Frieden,
  Auf des Sohnes Verlobung bedacht, dem Grafen von Habsburg?
  Sey’s, ich tadle dich nicht: du magst verfahren nach Willkühr!
  Aber ich ziehe g’en Dürrenstein mit meinen Getreuen.
  Kommt dann, beide, vereint! Gar viel’ erblickt ihr der Euren
  Liegen, entseelt, an dem Wall’ umher, eh’ Leutold, der Kunring,
  Fällt: nicht besiegt durch euch -- von dem Schutt der Veste begraben.“
  Stöhnend gab er dem Rosse den Sporn, und entschwand aus den Augen
  Ottgars schnell. Er griff an die Stirn’, um welche der Frühwind
  Wiegte sein grauendes Haar, und sprach zu dem sinnenden Feldherrn
  Lobkowitz: „So ist des Menschen Geschick! In kräftiger Jugend
  Hüpft der muntere Bach hervor aus grünenden Thälern;
  Eilet dem freundlichen Land’ und den schimmernden Städten entgegen,
  Stets gewinnend an Kraft, als sich unzählige Flüsse,
  Huldigend, ihm anreih’n: er rauscht, ein mächtiger Strom, fort.
  Doch nicht ferne dem Ziel’, eh’ er matt versinkt in des Meeres
  Dunkelen Schooß, reißt hier und dort sich in sandigen Eb’nen
  Wieder ein Arm nach dem andern von ihm, und er endet verloren
  Dann in dem allverschlingenden dort, auf immer die Laufbahn!
  Aber, wohlan, nicht klage der Feind: mit unzähligen Scharen
  Hätt’ ich errungen den Sieg! Die treu verharren, genügen
  Mir noch, Oestreichs Thron zu erkämpfen im Felde der Ehren.
  Auf, wir ziehen dahin! Die Dromet’ erschalle; die Trommel
  Rufe zur Schlacht, und im Wind entfalte sich winkend die Sturmfahn’!“
  Also geschah’s: denn rasch vordrangen die muthigen Scharen.



  Neunter Gesang.


  Sanft verhallete jetzt der Gesang zu der heiligen Feier,
  Die der Priester des Herrn vollendete, kreisendumgeben
  Von des Heeres geordneten Reih’n. Im räumigen Lager
  Stand der Altar erbaut vor dem Bild des erlösenden Kreuzes
  Schnell, wie die Zeit es heischt’, im Schmuck hellgrünender Reiser;
  Aber im Augenblick, wo nahe des Lebens und Todes
  Würfel fallen, aufschwang sich das Herz in heißerer Andacht
  Mit dem Gesange zu Gott: gar feierlich schlug’s in dem Busen!
  Jetzt vom Staub, wo er bethend kniet’, erhob sich der Kaiser.
  Himmlische Ruh’ erhellte sein Aug’, und, heiteren Muthes
  Pochte sein Heldenherz, da im Feld die kehrenden Scharen
  Schnell sich ordneten: denn schon riefen zum Kampf die Drometen.

    Hell aufflammte des Morgens Strahl. Die freundliche Sonne,
  Die den Abend zuvor in Westen ermüdet hinabsank,
  Hob sich in Osten jetzt, als unter dem kreisenden Erdball
  Sie die heimliche Bahn vollendete, schöneren Anblicks,
  Wieder herauf, und erweckte die Welt zu erneuertem Leben.
  Frischer grünte das Feld, und glänzender hüpfte der Strom hin;
  Voll war Himmel und Erde vom Laut der verjüngeten Schöpfung;
  Nur aus dem Waffenschmuck des versammelten Heers in dem Lager,
  Sog die Sonn’, im Lauf, toddräuenden Glanz, und erfüllte
  Rings die Völker umher mit Angstgebilden der Zukunft.
  Aber den Kaiser umgab ein Kranz erlesener Feldherrn;
  Alle horchten auf ihn, und harrten freudig des Winkes,
  Der zu Thaten sie rief. Da sprach er, finsteren Blicks, so:
  „Ottgar säumt, uns hier, wie er gestern gedroht, zu vernichten.
  Schmach der That: nicht der Sitte gemäß, die aus grauender Vorzeit
  Wir ererbten, uns both er den Kampf; nein, heimlich, im Dunkeln
  Fiel er, dem Währwolf gleich, der nächtlich die Hürde bestürmet,
  Ueber uns her. Es gelang dem Kühnen, zerstreute Geschwader
  Niederzuwerfen: sie trugen die Schuld und hatten den Lohn hin,
  Allen zum warnenden Wink, daß nimmer ein Gleiches geschehe!
  Aber vernehmt, was mir zuvor an heiliger Stätte
  Mächtig die Seel’ ergriff. Der entschwundenen Tage des Lebens
  Dacht’ ich im stillen Gemüth: kein dauerndes Glück ist auf Erden.
  Als ich Gutes und Schlimmes erwog, da fand ich, verwundert,
  Daß ich am Freitag, an dem der Welterlöser für uns starb,
  Stets mit Vortheil focht, und den Sieg errang in der Feldschlacht.
  D’rum, nicht aus Feigheit, nein, aus herzentspross’ner Verehrung
  Für das geheiligte Kreuz, will ich den Kampf der Entscheidung
  Morgen kämpfen, am Tag des heiligen Bartholomäus --
  Heute, gefaßt, nur kühn abwehren den feindlichen Angriff
  Ottgars, so er ihn wagt. Wir wollen sogar ihm versöhnend
  Nah’n vor des furchtbaren Kampfes Beginn. Hervor aus den Reihen,
  Trautmansdorf! Zieh’ hin zu dem Könige; bieth’ ihm des Friedens
  Oehlzweig noch einmal aus meiner versöhnlichen Rechten.
  Mögen auch dein’ Erzeugten, wie sonst, dir folgen, daß etwa
  Solches den Trotz ihm beugt, und das Herz zur Milde beweget:
  Denn tief rührt uns die Schau des söhn’umgebenen Helden!“
  Also geschah’s. Hervor aus den Reihen der tapferen Ritter
  Kam nun Trautmansdorf mit den zwölf ruhmdürstenden Söhnen --
  Zwei entraffte der grimmige Tod schon gestern im Nachtgrau’n,
  Als sie im Ueberfall dort Ottgars Rechter erlagen.
  Ach, nicht lange, so fallen auch sie, auf dem eisernen Schlachtfeld
  Kämpfend, und einsam kehrt der trauernde Vater zur Burg heim!
  Jetzt entblößt’ er den Stahl, und sagte mit sinnigen Blicken:
  „Hart ertönet dem Vater der Ruf, daß er nahe dem Gegner,
  Dessen Rechte noch roth vom Blut der erschlagenen Söhn’ ist:
  Denn er könnte den Streit, obgleich ein Bothe des Friedens,
  Heißer entflammen. Wohlan, wir wollen des Friedens gedenken!“
  Sagt’ es, und sprengte davon, umringt von den tapferen Söhnen.

    Siehe, nicht fern von Zwerndorf theilt, von trüben Gewässern
  Schwer, sich der Weidenbach, und eint sich nur wieder vor Marcheck.
  Links hin streckt er im Augefild den schlängelnden Arm aus,
  Während, die Straß’ entlang, er rechts die tieferen Fluthen
  Träg fortwälzt. In dem Eiland dort, Baumgarten vorüber,
  Traf nun Trautmansdorf auf die Reisigen, welche der Gegner
  Sandt’, umspähenden Blicks, zu erkunden die Nähe des Gegners:
  Denn es erlies’t auf der Kriegslaufbahn ein jeglicher Feldherr
  Waghäls’ sich, die im Grau’n des feindbedroheten Vorschritts,
  Als _Erleuchter_ ihm zieh’n,
              und Sicherheit schaffen der Heersmacht.[1]
  Schon von ferne die Schar, die Rudolph sandte, gewahrend,
  Ritten sie, brausenden Flugs, zu den Mähnen gebeugt, und den Degen
  Schwingend auf in die Lüfte, heran: sie wähnten, des Gegners
  Vorhuth sey’s, und brannten vor Gier, sie niederzuschmettern.
  Laut schrie Trautmansdorf: „Halt ein! Als Herolde nah’n wir:
  Blutigen Kampf -- will’s Gott, noch lieber den Frieden zu biethen!“
  Jen’, unmuthigen Blicks (denn beutebegierig) ihm winkten
  Stille zu halten am staubenden Weg’, und sendeten alsbald
  Zween der Reiter zurück, des Feldherrn Sinn zu erforschen,
  Milota’s; doch er that, des Herolds Worte bedenkend,
  Solches dem Herrscher kund, und er säumte nicht: denn mit den Reitern
  Seines Gefolgs und Milota’s, kam er heran zu dem Vor-Zug;
  Hemmte den Rappen, und hieß, mit zorngerötheten Augen,
  Gegen ihn stolzausstreckend den Arm, den Redner beginnen:
  „Mein erlauchtester Kaiser und Herr,“ so sagte der Ritter,
  „Sendet dir freundlichen Gruß, und thu’t dir kund, und zu wissen:
  Nicht nach edelem Brauch -- unritterlich hast du sein Volk ihm
  Ueberfallen bei dunkeler Nacht, und zu weichen, gezwungen.
  Dennoch biethet er jetzt, hier unter des wölbenden Himmels
  Heiterem Blau, und im Angesicht des versammelten Heeres,
  Dir an dem Fest des heiligen Bartholomäus, auf morgen,
  Offen die Feldschlacht an; obgleich gerüstet, entschlossen
  Heut’ in dem Lager zu ruhn, und abzuwehren den Angriff
  Deiner Gewaltigen, wenn -- doch, das sey ferne, sie stürmten.
  Aber er heißt dich zugleich das Wohl und das Wehe bedenken
  Tausender. Seyd versöhnt! Du vernahmst des Friedens Bedingniß.“

    Ottgar schwieg erstaunt. Ihn erschütterte heimlich die Bothschaft.
  Auch ergriff ihn mit Zaubergewalt ein flüchtiger Anblick
  Jener blühenden Schar, die um ihren Erzeuger zu Pferd saß.
  Bald auf dem einen und bald auf dem anderen hing mit Gefallen
  Sein gemilderter Blick: er dachte des Sohnes, und -- Wallsteins!
  Schon gewahrete jetzt auch Lobkowitz, daß ihm der Unmuth
  Wich aus der Brust: er kam, des Friedens Ruf zu erneuern;
  Aber da naht’ ihm Katwald schnell, und haucht’ ihm, vor allem,
  Trotz in das Herz. Er sagte: „Du sollst für den blühenden Oehlzweig
  Tauschen heute dein Schwert im furchtbarn Felde der Waffen,
  Wo der Sieg dich erhöht’? Ein Thor wär’s, der es nicht sähe,
  Daß nur die Angst vor dir ihm solches gerathen; zerschmettr’ ihn!“
  Also der Geist. Auch Milota rief ihm, verhöhnend, entgegen:
  „Ha, du sollest vielleicht neu huldigen, wie auf dem Eiland
  Kamberg? Steht das dunkle Gezelt, mit dem trüglichen Vorhang,
  Dich zu beschimpfen, bereit, daß rings die Völker dich schauen,
  Dich, den König von Böheim, dort auf den Knie’n vor dem Kaiser?“
  Ottgar ballte die Faust; er sah mit grimmigen Augen
  Um sich her, und begann voll Wuth: „Wer wagt es, vom Frieden
  Hier zu sprechen? Hinweg auf immer mit jeglicher Einung
  Zwischen Habsburgs Grafen und mir, dem Könige! Weichet,
  Zitternde Memmen, nur wieder zurück’, und entbiethet von Ottgar
  Ihm die Fehd’ auf Leben und Tod! Zieht hurtig von hinnen,
  Alle, daß euch nicht ereile mein Zorn schon hier, vor dem Angriff.“

    Rasche Bewegung erhob sich im Kreis’ der gesendeten Helden:
  Manchem zuckt’ es im Arm, aus der Scheide sein blinkendes Eisen
  Gegen den König zu zieh’n; doch schnell bezwang sie der Vater:
  „Denket,“ so rief er gefaßt, „wir kamen als Herolde Rudolphs,
  Unsers erhabenen Kaisers, gesandt: nicht ziemt es uns, jetzt hier
  Rächer der Unbill zu seyn; doch bald, in dem Felde der Waffen
  Laßt uns gedenken der Schmach, und sie rächen im Blute mit Nachdruck.“
  Rief’s, und jagte den Renner zurück’. Ihm folgten die Seinen
  Zögernd, vor Ingrimm, nur, und wandten die flammenden Augen
  Häufig zurück: denn ach, die raschnachstürmenden Reiter
  Höhnten sie noch mit Geschrei und mit schallendem, lautem Gelächter!
  Sieben gehorchten, und folgten ihm nach; doch lenkten die andern
  Fünf’, aus der Zahl der eigenen Söhn’, unbändiger Wuth voll,
  Plötzlich die Rosse herum, und flogen zurück auf dem Heerweg.
  „Brüder,“ so rief der älteste laut, „kommt, lasset uns sterben,
  Eh’ wir dulden die Schmach, die uns also die Seele betrübet!“
  So mit empörendem Ruf’ enteilete Hartwig, den Degen
  Schwingend zur Luft. Ihm nach, mit Eckhard, Walther, und Siegfried,
  Folgte sein Zwillingsbruder und Freund, der tapfere Dietbert,
  Bis sie erreichten die Schar der Reisigen, die zu dem Angriff
  Herbot von Füllenstein, der riesengestaltete, führte:
  Denn er warb sie entlang die grünlichen Fluthen des Peltew,
  Jüngst: Klein-Reussens Volk, zu des Kriegs Beschwerden gestählet,
  Wie auch geübt in dem Schlachtengedräng, schnellfüßige Rosse
  Spornend, vorzusenken den Speer aus der Röhre des Bügels;
  Dann mit des Fußes Druck’ und dem Stoße der nervigen Rechten
  Einzustürmen im sausenden Flug’ in die feindlichen Reihen.

    Siehe, so weit ein Pfeil, von der Sehne geschnellt, in den Lüften
  Herfleugt, hemmte schon Hartwig das Roß, und harrte, dem Leu’n gleich,
  Der in der Hetz’, umringt von emporgereiheten Sitzen
  Voll schaulustigen Volkes, allein, der entfesselten Rüden
  Heulender Schar, wie sie kommen, mit todandräuenden Augen
  Harrt, und vor Grimm dumpf murrt: so Hartwig, als ihm die Reiter
  Naheten; doch er rief mit gewaltiger Stimme noch laut so:
  „Ha, ihr brüstet euch wohl, auf die zierlichgestalteten Mützen
  Wie auf das wallende Kleid und die fähnleintragenden Lanzen
  Stolz, in dem Vor-Zug oft, in vielumstürmender Mehrzahl,
  Niederzustoßen den einzelnen Mann? -- so gar nicht geachtet,
  Weder dem Feinde noch Freund’: denn bar all’ edler Gesinnung,
  Die des Kriegers Brust, des tapferen, füllet mit Großmuth!
  Euere Zung’ ist kühn, die Helden zu schmähen; so kommt denn,
  Zeiget den Muth, uns hier zu besiegen im rühmlichen Vorkampf!“
  Also drang er im Eilflug vor; ihm folgten die Brüder
  Alle, zur Wuth empört. Den Schaft der feindlichen Lanzen
  Jetzt aufschleudernd zugleich mit dem Schwert’, erwürgten der Gegner
  Dreizeh’n sie, voll Hast, und wandten dann fliehend den Rücken.
  Fort nur ein Weniges noch, und sie waren entrückt dem Verderben:
  Da fiel Dietberts Roß, und begrub mit dem Rücken den Reiter.
  Hartwig ersah’s, wie er lag in dem Staub: denn immer nach ihm hin
  Wandt’ er den lächelnden Blick; urplötzlich verscheuchte das Lächeln
  Jetzo die Angst: er stieg nicht, er stürzte vom Pferde herunter;
  Lief, erhob ihn, und strebt’, auf den Rücken des rasch und behend sich
  Wieder erhebenden Thiers, ihm, lautermunternd, zu helfen.

    Doch schon nahten im Flug die erbitterten Feinde. Die Lanzen,
  Lechzend nach Blut, voreileten weit, zugleich von der Rechten
  Und vom kräftigen Fuße gedrängt, zum schrecklichen Mordstoß.
  Sieh’, und, als den Zaum und die Mähn’ erfassend, sich Dietbert
  Auf in den Bügel schwang, da bohrten der feindlichen Reiter
  Zween ihm die Lanz’ in die Brust: er sank, und verhauchte das Leben,
  Eh’ aufschreiend vor Angst um den liebenden Bruder, ihm Hartwig
  Hülfe geschafft, und Eckhard, fern mit Walther und Siegfried,
  Sich des Jammers versah’n im lauterbrausenden Heimritt.
  Zwar sie kehrten zurück’; auch Hartwig saß in dem Sattel
  Wieder, und so wie der wüthende Bär, dem drüben der Weidmann
  Schon das zweite Geschoß in die Seite getrieben, sich brüllend,
  Auf den hinteren Beinen erhebt, und rasch auf den Schützen
  Losstürmt: drang auch er, ergrimmt, auf die feindliche Schar ein.
  Nur die Zween im Aug’, die ihm erst erwürgten den Bruder,
  Gab er dem Rosse den Sporn, und warf sich inmitten der beiden:
  Einem im Flug zerschmetternd die Stirn’, und dem andern die Scheitel
  So, daß sie lautlos jetzt, und auf einmal dem Sattel entstürzten!
  Hoch aufflatterte noch, im Sturz, von dem Schafte das Fähnlein,
  Das, geröthet vom Blut des erschlagenen Bruders, ihn reizte.
  Lang’ noch, hätt’ er zugleich mit den drei kampfmuthigen Brüdern,
  Sich, unbändiger Kraft, gewehrt, und noch manchen der Gegner
  Hingewürgt; doch schrie, vor Wuth sich die Lippen zernagend,
  Jaroslav, der Führer des Volks, mit entsetzlicher Stimme:
  „Schließt, ihr Memmen, den Kreis um die Rasenden; stoßet sie nieder!“
  Also geschah’s: denn jetzt, umringt von dichteren Haufen,
  Sanken sie dort, mit nie zu erschütterndem Muthe sich wehrend,
  Alle, vom Sattel herab, und verhauchten auf Leichen der Gegner,
  Die sie im Kampf’ erwürgten zuvor, die tapferen Seelen.

    Doch der unglückliche Vater flog auf dem schnaubenden Rosse
  Nach dem Lager zurück. Den Herrscher zu treffen, verlangend,
  Daß er ihm künde sogleich das Nahen der feindlichen Heersmacht,
  Sprengt’ er, die Scharen entlang, dorthin, wo im Hauche des Windes
  Sein Panier aufflatterte, schön und erhaben vor allen.
  Eilig sprach er vor ihm, um die fünf gefährdeten Kinder,
  Die ihm nicht folgten, besorgt: „Umsonst ersehnst du den Frieden
  Jetzt mit dem Könige: denn nur des Kampfs und der Rache gedenkt er.
  Wisse, dir nah’t sein Heer; nicht fern mehr streifen die Reiter
  Milota’s. Ach, mir gönne die Huld, vor des Lagers Umwallung,
  Kehrend in Eile, zu schau’n: ob mein’ Erzeugten mir folgen?
  Denn sie sanken vielleicht, empört von unwürdiger Schmähung,
  Die von dem Feind’ uns ward, als Opfer unbändiger Rachgier!“
  Sagt’ es, und eilete dann, von den tapferen Söhnen umgeben,
  Wieder hinaus vor des Lagers Wall, wo Lärm und Getümmel
  Unter dem Volk sich erhob: denn Milota’s furchtbare Reiter
  Jagten herbei, wie am grau’numhülleten Morgen des Winters
  Mit endlosem Geschrei unzählige Krähen heranzieh’n;
  Schwangen die Lanzen zur Luft, und bothen dem Heere des Kaisers
  Kampf auf Leben und Tod, mit wildverhöhnendem Trotz’, an.
  D’rauf nachbrausten sie wieder im Flug den Kriegesgefährten,
  Sich auf des Feldherrn Wink schnell aufzustellen im Saatfeld.

    Aber der Lärmruf scholl nun rings in dem Lager. Die Trommel
  Wirbelte; stets empörender klangen die hellen Drometen;
  Herolde flogen voll Hast umher; die Stimme der Führer
  Rief gebiethend zur Schlacht; das Fußvolk schloß sich in Reihen;
  Rasch auf das Pferd aufschwang sich der Reisige; schimmernden Anblicks
  Zogen die Ritter allen voran, und herrlich geordnet
  Ging jetzt Rudolphs Heer in festausdauernder Abwehr
  Außer des Lagers Wall, dem Feinde die Spitze zu biethen.
  Ach, dort starrete noch auf die fünf erschlagenen Brüder
  Trautmansdorf, der tapfere Held, mit erschütternder Fassung,
  Schweigend, hinab! Es sandte zuvor der schreckliche Feldherr,
  Milota, der auf dem Feld den angstergriffenen Landmann
  Zwang, das gehörnete Rind, in Eil’, an den Karren zu spannen,
  Sie nach dem feindlichen Lager heran. Da enthoben die Krieger
  Jenem die traurige Last, und legten sie dort auf den Boden.
  Aber er trieb sein Gespann, schnell wieder zurück’ auf dem Heerweg.
  Siehe, schon wandte sich Trautmansdorf von den theueren Todten
  Nach den Lebenden um, und gewahrte mit steigender Rührung
  Jetzt, daß sie all’, ihm gleich, bezwangen die Thräne. Nur Erdwin
  Hielt sich nicht länger, der jüngst’,
              und der theuerst’ ihm seiner Erzeugten:
  Denn er sprang von dem Roß’, und warf mit schallendem Wehruf
  Sich auf die Brüder hin: nun dem -- dann wieder dem andern
  Küssend die blasse Stirn’ und die toderstarreten Lippen.
  Schnell umzog ein glänzender Thau die Augen des Vaters
  Und der Söhne zugleich; sie weineten, über die Todten
  Hingebeugt. Doch jetzo begann der tapfere Feldherr:
  „Keiner tadle den Schmerz, der uns bei den jammernden Tönen
  Meines geliebtesten Sohnes ergriff. Vielleicht, daß ihn auch bald
  Grausam der Tod entrafft. Daß mir doch solches geschähe,
  Eh’ denn ihm -- zu entsetzlich wär’ des Getödteten Anblick!
  Aber so will es des Kriegers Los: er sterbe der Pflicht treu!
  Nur beschirmt, als Brüder, ihn kühn! Im Gemenge der Waffen
  Möge der eine die Brust für den andern biethen, und Rettung
  Schaffen sich selber und ihm, der Wechselhülfe gedenkend!
  Erdwin, auf! Gebieth’, und schnell gehorchen die Krieger
  Dir: nach Marchecks heiligem Grund die gefallenen Helden
  Heimzutragen, daß dort der Priester mit Grabesgesängen,
  Segnend, vertraue dem Staube den Staub; du folge dem Zug’ nach!“
  Erdwin winkte den Kriegern stumm: sie erhoben die Leichen
  Auf langschaftige Speer’, und trugen sie schnell nach den Mauern
  Jener, unferne gelegenen Stadt, daß Alles und Jedes
  Nach dem Willen geschah des mildgesinneten Vaters.
  Durch das geordnete Heer ging nun der trauernde Zug fort:
  Denn nach dem Rasenwall, den gestern unzähliges Landvolk
  Baute, und d’rauf mit dem Graben umzog, dem Lager zur Schutzwehr,
  Kam es heran: in den blutigen Kampf mit dem Feinde zu treten.

    Aber, nicht rastete Katwald jetzt im höheren Luftraum:
  Denn voll Muthes empört’ er die Kraft des nahenden Feldherrn,
  Milota’s. Sieh’, als dieser die furchtbarn Reisigen Herbots
  Eilen hieß in dem Vorderzug, nach dem muthigen Fußvolk
  Mährens, dem er geboth, nachdrang ihm zur Rechten der Baiern
  Treffliche Schar, geführt von Heinrich dem edelen Herzog,
  Jetzt mit den Sachsen vereint, den tapferen, welche der Markgraf
  Pfeil (ein Pfeil in der Schlacht!) im Sturmschritt lenkte: den beiden
  Herrschte noch Czernin ob, als Feldherr. Aber zur Linken
  Drang der Böhmen erlesenes Volk, gehorchend dem Helden
  Lobkowitz, vor, und nach diesem kam das kühne Geschwader,
  Welches sich Ottgar heut’ erlas, gleich loderndem Feuer,
  Rasch aus dem Nachhalt vor, in die Reihen der Feinde zu stürmen.
  Katwald eilte, voll Hast, vom Einen zum Andern, und weckte
  Mächtig in jeglicher Brust des Kampfs entsetzliche Sehnsucht.
  Horch, schon tönt drometendes Erz; schon wirbelt die Trommel,
  Schreit der Krieger, und wiehert das Roß; schon zittert der Boden
  Unter dem stampfenden Huf; des Blachfelds Weite bewegt sich
  Vorwärts. Doch, wie im Hauch zwei streitender Wind’ an den Ufern
  Wogen die Fluthen des See’s herauf und hinunter: so trat auch
  Rudolphs tapferes Heer vor dem Wall den Feinden entgegen,
  Und, wie der thürmende Wald erkracht, den plötzlich aus Süden
  Und aus Norden zugleich, Orkane zerschmettern im Spätherbst:
  Zahllos liegen umher die unendlichen Stämme geworfen
  Durcheinander hinab in den Staub: so lagen die Reiter
  Dort mit den Rossen, erwürgt, und des Fußvolks Reihen vermenget.
  Furchtbar wüthete heut vor allen der tapfere Feldherr,
  Milota, so daß Ottgar selbst den gewaltigen Thaten
  Staunte, die er vollbracht’ in des Todes erkorenem Saatfeld.
  Ach, er ahnete nicht, wie der Rachebrütende jetzt auch
  Arges sann im Gemüth -- daß er ihm vertraue, die Scheingluth
  Heuchelte, bald Verrath nur an ihm zu verüben, entschlossen!
  „Herbot,“ so rief er „hin, wo in keilgestalteter Ordnung
  Oestreichs Heerschar naht -- die Ritter für jetzo vermeidend,
  Eile zuerst, und stürm’ im Flug’ in die Seite des Volks ein!“
  Also geschah’s: denn schmetternd erklangen die eh’rnen Drometen;
  Schnell, wie das Wetter fleugt, vorbraus’ten die reussischen Reiter,
  Und die gesenkte Lanz’ aus der Röhre des eisernen Bügels
  Festnachdrängend, erkor ein jeder von ferne den Mann schon,
  Dem er die Brust zu durchbohren beschloß. Wohl sechzig erlagen
  Also dem tödlichen Stahl der wildanprallenden Reiter,
  Die in des oberen Oestreichs Gau’n der tapfere Hauptmann
  Berchthold, warb, und lautes Geschrei auftobte zum Himmel.
  Jene wichen zurück’, um schnell zu erneuerndem Anlauf
  Sich zu stellen im Feld’, und die mordende Lanze zu senken;
  Aber Capellen, der oberste Hort des Volks, wie des Ober-
  Also des Unterlands, flog her, und empörte sie laut so:
  „Denket der Ehr’ und des Vaterlands, östreichische Männer,
  Jetzt in dem Kampf. Nur fest die Reihen geschlossen; die Lanzen
  Kühn dem Feind’ entgegengesenkt, und, nah’t er, zur Erd’ euch
  Hurtig gebeugt; dann auf, zu durchbohren dem schnaubenden Rosse,
  Oder dem Reiter, die Brust!
              Bald schaut ihr sie fliehen im Schlachtfeld.“
  Auch die Steyrer entflammt’ er, und rief:
              „Heut sollt an dem Feind’, ihr,
  Krieger der Steyermark, euch rächen, der Schande gedenkend,
  Wie ihr gewichen vor ihm mit Lärm und Getös’ in dem Nachtgrau’n,
  Fortgerissen durch Schuld des Pettau’r, der, von dem Kaiser
  Heimgesandt, hinfort zur Flucht euch nimmer verlocket!
  Jetzo nur kühn an den Feind! Uns lohnt der herrlichste Sieg bald.“
  Sagt’ es, und sprengte zurück: da braus’ten die furchtbaren Reiter
  Herbots wieder heran, zu erneuen den muthigen Angriff.
  Jene senkten das Haupt, ausbeugend, zum Knie’ hin, und bohrten
  Hier dem Reiter, und dort dem Roß den Stahl in die Brust ein,
  Als weit über ihr Haupt die feindliche Lanze dahinfuhr.
  Aber der Boden, mit Leichen bedeckt, verwandelte ringsher
  Sein erfreuendes Grün in die gräuliche Farbe des Blutes.

    Milota sah den wankenden Sieg mit Staunen: er sandte
  Schnell die Reiter zurück, und führte die mährischen Krieger
  Gegen das Fußvolk, das aus dem ober’n und unteren Oestreich
  Kam, und den Steyrern vereint, ihm entgegen stand in dem Schlachtfeld.
  Gleich den Wogen des Meers, die ein Sturm aus Süden daherrollt,
  Eilten die Reih’n jetzt vor; doch so, wie jene zum Strand sich
  Stürzen mit lautem Gebrüll’, und im schäumenden Zorne zerschellen:
  Denn nicht wanket der Fels: so trafen sie auch an den Kriegern
  Oestreichs ehernen Widerstand im Gemenge der Waffen.
  Schrecklich ertönte der Schrei der Würgenden, schrecklich der Lanzen
  Kreischender Schlag, als sie den eisernen Helm und den Harnisch,
  Oder das Panzerhemd zerschmetterten, wüthend geschwungen.
  Gleich dem Orkan, flog jetzt auch Milota hin, und, ersehend,
  Wie die Führer des Volks: der Seldenhofen die Steyrer --
  Berchthold Oestreichs Krieger zum Kampf’ empöreten, schwur er
  Beiden den Tod. Urschnell auf Berchthold drängt’ er das Streitroß,
  Und als dieser, erhebend das Schwert, die muthigen Krieger
  Oestreichs jetzt noch mehr vortummelte, siehe, da bohrt’ er
  Ihm den Stahl in den Hals, daß alsbald ihm auf den Lippen
  Starb das Wort, er taumelnd sank, und das Leben verhauchte!
  Schmerz durchzuckte die Brust des Volks bei dem schrecklichen Anblick,
  Da er, so mildgesinnt, ein Vater der Krieger genannt ward.
  Doch mit erneuerter Wuth flog Milota hinter den Reihen
  Seines Volkes hinab; drang wieder hervor, und durchrannte
  Col von Seldenhofen das Herz, der weit vor den Seinen,
  Die er entboth, hersprang, und nach ihm sein blutiges Eisen
  Zuckte, die Stirn’ ihm zu spalten, gesinnt. Nun brachen die Knie’ ihm,
  Schlotternd, ein, und er fiel, im Tod’ erbleicht, auf das Eisen.
  Ach, bald jammert daheim die alterserblindete Mutter,
  Deren einziger Sohn und Trost er war in den Jahren
  Trauerbelasteter Witwenzeit auf der einsamen Felsburg:
  Denn nicht kehrt er zurück, wie ein täuschender Traum ihr verheißen --
  Er, den Traum ihr deutend, verhieß, die Gute zu trösten,
  Als er zum letzten Mal’ auszog von dem rühmlichen Stammhaus!
  Hier erlag er zugleich mit fünf erlesenen Kriegern
  Milota’s Schwert, der furchtbarn Muths, umtobt’ in dem Schlachtfeld.
  Ottgar wandte sich jetzt nach Lobkowitz um, und begann so:
  „Nie war Milota’s Seele mir hold: ich kenne der Menschen
  Trugverhüllende Brust; doch sieh’, ein schrecklicher Krieger
  Ist er im Feld’: ich vertraute mit Recht ihm die rühmliche Stelle!“
  Jener entgegnete schnell: „D’rum vor mit den Reitergeschwadern
  Jetzt, wo die Feind’ erbeben vor ihm, sie niederzuwerfen,
  Und zu entscheiden den Kampf in der heiteren Stunde des Glückes.“
  „Nein,“ so sagte der König ergrimmt, „noch laß uns verziehen,
  Bis er noch mehr aufflammt, und wir ihn entscheiden für immer!“

    Also die beiden dahier. Capellen, der Edle, gewahrend
  Drüben im Feld den Tod der muthigen Scharengebiether,
  Sandte den Oesterreichern den Meißauer hier, und den Steyrern
  Dort den Lichtenstein, aus der Schar der Ritter, als Feldherrn.
  Schnell gehorchten die zwei Feldobersten jetzo Capellens
  Ruf; denn jener erkor, an Berchtholds Stelle, den Helden
  Summerau, und Lichtenstein den furtbaren Ritter
  Merenberg, an jene des Seldenhofen, zu Führern.
  Hoch schwang Merenberg sein Schwert in die Luft, und er rief dann:
  „Ha, nun endlich dem Ziel, dem schrecklichen, näher und näher
  Schreit’ ich den dunkelen Pfad! Komm, Richard, und stehe dem Bruder
  Treu zur Seite, mit ihm die entsetzliche That zu vollführen,
  Die sich der Merenberger ersehnt! O denke des Bruders:
  Wie er am Galgen hing -- das Haupt zu den Füßen gebunden,
  Dreimal schreckliche Tage sich wand! Wie, leben soll Ottgar?“
  Alsbald einte sich ihm in dem Kampf sein finsterer Bruder.
  Doch mit erneuetem Muth vorstürmten die beiden Geschwader,
  Und ermordeten, was sich entgegenstemmt’ in den Reihen.
  Also gedrängt von den Stürmenden, wich Morawia’s Fußvolk
  Langsam zurück’, und stand, und wehrte sich wieder: nicht anders
  Weicht der gewaltige Felsenblock, nach dauerndem Regen
  Losgewühlt vom Gebirg’, an des Bergs abgleitendem Rand hin;
  Bis nachströmend die Fluth ihn bewegt, und er in den Abgrund
  Stürzt im sausenden Sprung’ und Getös’, unhemmbaren Fluges.

    Doch der erhabene Kaiser sah mit Freude die Seinen
  Ringen im Feld, die im Vorkampf schon die gesunkenen Lorbern
  Ihrer Heldenstirn’ jetzt herrlicher wieder erhöhten.
  Schnell entboth er zu sich Trentschins Gebiether, der Ungern
  Muthigen Hort, und sprach: „Noch ward dir, tapferer Feldherr,
  Nicht eröffnet das Thor an der siegsruhmbiethenden Laufbahn;
  Aber ich kenne den Muth, der dich und die Deinen beseelet.
  Zieh’ g’en Schönfeld hin mit den furchtbarn Reitern, und harre
  Drüben des Winks: urschnell dem Feind’ in die Seite zu fallen.
  Aber der Wink sey dir: wenn, blutrothschimmernd, von Marchecks
  Ragendem Thurm die Sturmfahn’ weht, und die Glocken erschallen.
  Also erringst du dir Ruhm, und mir den herrlichsten Vortheil.“
  Jenem erglänzten die Augen wie Gluth; er strich mit der Rechten
  Sich den mächtigen Bart, und sprach: „Glorwürdiger Kaiser,
  Gleich dem Morgenthau, der schmachtende Fluren erquicket,
  Hat dein ehrendes Wort das Herz mir gelabt, und des Unmuths
  Wolken entflieh’n mir jetzt vor den lang’umdüsterten Augen!
  Tödtendem Blitz und verheerenden Stürmen gleich ist im Schlachtfeld
  Ungerns tapferes Volk: ich will sie dir lenken zum Vortheil,
  Mir zum Ruhm: weil mich des edelsten Kaisers Vertrau’n ehrt.“
  Sagt’ es, und ritt im Flug,
              mit den jauchzenden Scharen nach Schönfelds
  Auen hinab, ersehnend den Wink zu dem schrecklichen Angriff.
  Aber der Kaiser entsendete links und rechts an die Feldherrn:
  Albrecht hier, und Meinhard dort, die Herolde; stehen
  Hieß er sie noch vor dem Wall’, und festabwehren des Gegners
  Furchtbardrängende Wuth, bis, blutrothschimmernd, von Marchecks
  Ragendem Thurm die Sturmfahn’ weht, und die Glocken erschallen:
  Denn er ordnete dort die zeichenerspähenden Männer.

    Marbod nahte heran. Er schwebte zuvor in dem Zeitraum
  Eines entfliehenden Augenblicks nach den schimmernden Mauern
  Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2] die aus des Meeres
  Fluthen sich hebt, und des Fremdlings Brust erfüllet mit Staunen,
  Dort das ehrende Maal des Heldengreises zu schauen,
  Dandolos, der mit den Franken im Bund’, ersiegte die Hauptstadt
  Constantins, erst jüngst, mit nie zu erschütternder Thatkraft.
  Doch nun kehrt’ er zurück’, und staunte der Menge der Leichen,
  Die in der Männerschlacht schon weit bedeckten die Felder.
  Wie den Wanderer Grau’n befällt, der plötzlich ereilet
  Von dem sausenden Sturm’, in den tiefergesunkenen Wolken
  Weißherschimmernden Hagel ersieht, und drüben im Wald’ ihn
  Wüthen hört, wo er bald, entstürzend mit lautem Geprassel,
  Blühende Zweige zerschlägt, und zu Boden schmettert die Wipfel:
  Also befiel ein Schauder auch ihn. Im Fluge vernahm er
  Katwalds Ruf, wie er hier empörte den mächtigen Herbot.
  „Ha,“ so sprach er, „du prahltest zuvor: du wollest lebendig,
  Oder todt, aus der Schlacht heimführen den Kaiser der Deutschen?
  Eitler Schwätzer, wie werden dereinst dein spotten die Helden!
  Reite zur Rechten hinab, und versuche denn quer in die Reihen
  Einzudringen, wo Rudolph weilt, und keine Gefahr ahnt.“

    Herbot besann sich schnell; fünfhundert Reisigen rief er:
  „Folgt mir!“ und jagte zur Rechten hinab, wo, nahe dem Herrscher,
  Meinhards Heldenruf die Krieger zum Kampfe bewegte:
  Denn schon maßen im Waffengemeng’ auch die Bayern und Sachsen
  Sich mit den Tapferen Krains und Kärnthens. Dicht, und unzählbar
  Lagen die Leichen im Gras’. Doch Czernin führte die Völker
  Gegen Meinhards Macht, der jetzt ihn näher gewahrend,
  Schnell vordrang, und, genaht, ihm rief: „Du hast dich vermessen,
  Nächtlich, im Ueberfall, Vindobona, die herrliche Festung
  Zu betreten; gehofft, als Sieger, herunter zu schauen,
  Stolzen Blicks, aus der Kaiserburg: nun sollst du es büßen,
  Was du frevelnd gedacht, und gewollt, und nimmer erreicht hast.“
  Czernin schwieg, ergrimmt. Er senkte den Speer, und erreichte,
  Sausenden Flugs, den Mann, der also ihn schalt vor den Scharen,
  Ihm die Brust zu durchbohren, gesinnt; doch fehlt’ er des Zieles,
  Zitternd vor glühender Hast, und der blutgeröthete Speerstahl
  Streifte nur, zwischen dem Leib’ und dem Arm,
              durchfahrend, den Harnisch.
  Meinhard säumte nicht, hob, und senkte das Schwert, und zerschlug ihm
  Jetzo den Helm und die Stirne zugleich, daß er rücklings vom Rosse
  Sank, und, gestreckt lang hin, in Todesschauern erblaßte.
  So vor den äußersten Reih’n stritt auch der muthigen Sachsen
  Feldherr, Pfeil, mit dem weitgefürchteten Grafen von Heunburg,
  Der den Kärnthnern geboth, und der Hort der krainischen Scharen,
  Ortenburg, mit Bayerns gewaltigem Herzoge, Heinrich,
  Jetzo auf Leben und Tod: da Scharen des einen und andern
  Sich bekämpften, und rings nur Mord und Gewürge zu schau’n war.
  Heunburgs blitzendem Stahl’ erlag der tapfere Markgraf
  Pfeil, nicht des Todes Pfeil, von des Gegners Rechte geschleudert,
  Mehr vermeidend, nach schrecklichem Kampf’, und hauchte den Geist aus.
  Heinrich gelang’s, den Ortenburg aus dem Sattel zu heben,
  Ihm durchstoßend den Arm, daß er dort im knisternden Sandstaub
  Blutete, kriegsgefangen sich sah, doch wieder gerettet
  Heim in das Lager kam, und dem kundigen Arzte sich hingab.

    Sieh’, als hier in dem Streit die erbitterten Völker sich maßen;
  Schlachtruf scholl; Drometen schmetterten; Trommelgewirbel
  Klang: der Würger Geschrei und Verwundeter Aechzen ertönte,
  Jagte Herbot von Füllenstein mit seinem Geschwader
  Durch den sondernden Raum, der zwischen der mittleren Heersmacht
  Und dem Flügel zur Linken sich fand, in Eile hinunter --
  Dann auf den Kaiser los, den Katwald ihm, wie der Gemsaar
  Fernhin schauend, verrieth mit empörendem Geistergelispel.
  Rudolph kam, im Gefolge der Trautmansdorfe (nur Erdwin
  Weilte noch, frommbesorgt, in Marchecks schattigem Freythof)
  Eben heran, gelockt von des raschvorstürmenden Meinhards
  Lautem Siegesgeschrei, und ahnte die nahe Gefahr nicht;
  Doch nun hemmt’ er mit zweifelndem Blick das Roß, und erforschte
  Gierig: ob Freund’, ob Feind’ ihm naheten? bis er des Ritters
  Riesengestalt ersah, der kennbar im feindlichen Heer war.
  „Ha,“ so rief er, „erlag mein Volk? Entsetzliches Unglück
  Droht: denn, seht, uns kommt ein feindlich Geschwader entgegen!“
  Doch schon war er umringt. Laut schrie zu seinen Erzeugten
  Trautmansdorf: „Kommt, laßt uns sterben für unseren Kaiser:
  Rettet ihn, kämpft, und ersiegt euch hier unsterblichen Nachruhm!“
  Alsbald kehrten die sechs untad’ligen Brüder den Feinden
  Kämpfend, entgegen die muthige Brust, vom rühmlichen Beispiel
  Ihres Erzeugers entflammt, den edelsten Herrscher zu retten.
  Aber auch Marbod sah die Gefahr, die jetzo dem Leben
  Rudolphs droht’; er umfing mit heißumschlingenden Armen,
  Flehend, Capellens Brust, und rief: „Zur Linken hinüber
  Eil’ im sausenden Flug’, und errette den Kaiser vom Tod jetzt!“
  Jener staunte bei sich, wie ihn solche Gedanken bestürmten?
  Gab dem Rosse den Sporn, und jagte herüber im Blachfeld.

    Schon umhäuften die Brüderschar in Menge die Leichen;
  Schon war Edelred mit Erhard gefallen: die andern
  Bluteten; doch ermahnte sie laut ihr edeler Vater
  Noch mit dem Schwert’ in der Faust, zum Kampf für den edelsten Kaiser.
  Sie gehorchten ihm all’, und erlagen nach schrecklichem Mord nur:
  Kurd, Agilolf, und zuletzt mit Otto der heitere Winfried.
  Jetzt drang Herbot schnell mit dem Speer, der hoch wie ein Mastbaum
  Sich in die Lüft’ erhob, auf Rudolphs tapfere Brust ein.
  Siehe, nicht traf er die Brust des kampferfahrenen Herrschers;
  Doch dem steigenden Roß durchstieß er die Stirn, daß es stöhnend
  Sank, und zugleich in den Staub den trefflichen Reiter herabwarf!
  Ha, wer rettet ihn mehr? Zwar nahte Capellen; die Ritter
  Naheten; links und rechts herstürmten die muthigsten Krieger:
  Dennoch war es um ihn gescheh’n, und die Hülfe vergeblich,
  Wenn nicht hurtig er selbst, mit dem mordenden Speer in der Rechten,
  Auf den schrecklichen Mann losfuhr; unbändigen Muthes
  Ihn bekämpfte; den Streich nach seinem geschlossenen Schlachthelm
  Führend, mit solcher Gewalt ihn traf, daß die Augen ihm alsbald
  Dunkelten -- Seh’n und Hören verging. Auch erhob er urplötzlich
  Wieder den Speer: durchstach dicht unter dem Kinne den Riemen,
  Der den Helm an das Haupt ihm festigte; drehte den Schaft noch
  Hurtig herum, und riß blitzschnell ihn vom Sattel herunter.
  Wie die Zinne der Burg, vom Orkan zur Erde geschleudert,
  Fällt mit Gekrach, und der Grund weit hin erbebet: so fiel dort
  Herbot zur Erde: sie bebte dem Fall’, und Gerassel der Waffen
  Scholl im Gefild’ umher. Laut schnaubend vor Angst und Entsetzen
  Jagte Capellen herbei. Er both, vom Pferde gesprungen,
  Solches dem Kaiser, und half ihm hinauf in den Sattel, er selber
  Schwingend das Schwert mit Trautmansdorf, dem tapferen Helden,
  G’en die umdrängende Feindesschar sich zur Wehre zu stellen.

    Schon entfloh die Gefahr: ein Jauchzen erscholl um den Herrscher,
  Als jetzt Herbots Volk sich ergab an die drängenden Scharen.
  Aber er stand, und zitterte. Schnell, empört von dem Anblick
  Dieses Gewaltigen, der das Leben des Kaisers bedrohte,
  Sprengten die zürnenden Krieger herbei, an ihm Rache zu üben;
  Doch der Erhabene rief: „Zurück, verschont ihn: er lebe!
  Das sey ferne, daß ich bestrafe den tapferen Ritter,
  Der so kühn sich erwies, nicht Tausende scheuend, im Angriff:
  Heute noch komm’ er nach Wien in ehrenvolle Gewahrsam.
  Trautmansdorf, dir dank’ ich das Leben, nach Gott! Nicht zum Boden
  Wende den Blick jetzt mehr, noch einmal die Opfer zu sehen,
  Die es dich kostete! Fort, zur Rechten hinab, und entbiethe
  Albrecht schnell: er stürm’ in den Feind; du stehe zur Seit’ ihm
  Dann mit gewaltigem Arm, ein rettender Schild in Gefahren!
  Eilt nun all’ an’s Werk! ich bin geborgen; erhebt euch!“
  Alle jagten davon; nur einer -- unglücklicher Vater,
  Nur du allein verweiletest noch, und sah’st auf die Todten,
  Uebergebogen, hinab; dann gabst du dem Rosse die Spornen!
  Ach, und das Augenpaar des umschauenden Kaisers erglänzte,
  Thränenumhüllt! Doch jetzt aufschwang er den Degen: von Marchecks
  Thurm ertönten mit stürmendem Ruf die Glocken, und blutroth
  Flatterte dort in die Luft die thatengebiethende Sturmfahn’;
  Bald erscholl ringsum Geschrei und verwirrtes Getümmel.

    Ottgar zögerte noch. Umsonst ermahnte der Greis ihn,
  Jammernden Lauts, getäuscht von Herbots Kühnheit, und sagte:
  „Sieh’, wie dort rechts hin die Reisigen stürmen, das Fußvolk
  Rasch vordringt! Nun gilt’s: entscheide den schrecklichen Kampf du!“
  Aber der König begann: „Fürwahr, wir tauschten für heut schon
  Art und Gemüth: du kühltest die Gluth sonst mir in dem Busen,
  Kaltvorschauend, und heut’, empört zu Feuer und Flammen,
  Hast du nicht Ruhe, nicht Rast. Bald tönt der ersehnete Ruf dir.“
  Dann begann er noch leise für sich in sinnender Schwermuth:
  „Wallstein, ach, ich schau’ in des Sieges Gefilden dich nimmer!“
  Lobkowitz schwieg. Doch sieh’, nun hemmte die stürmenden Krieger
  Milota’s Feldherrnwink! Er dacht’, ergrimmend im Geist, so:
  „Jetzo der Thaten genug, daß mir vertraue der König.
  Ist’s nicht klar? Er sann mir heute den sicheren Tod nur,
  Als er mich ehrend erkor: ich lebe noch, ihm zum Verderben.“
  Dacht’ es, und zog alsbald, schwachkämpfend, mit zögernden Schritten
  Sich auf des Nachhalts Reihen zurück. Ihn empörete Katwald,
  Tapfer zu steh’n: umsonst, er wich! Doch, sausenden Flugs, war
  Marbod den Völkern genaht, die am rechten Flügel, gehorchend
  Albrechts Stimme, voll Heldenmuths, nach dem Kampfe sich sehnten.
  Hochberg, der den Zürchern geboth, ersah er, und rief ihm:
  „Schreie: „Der Feind entflieht!“ Gar mächtig ertönet dein Ausruf.“
  Hochberg schrie: „Der Feind entflieht“ mit gewaltiger Stimme,
  Die zum Kern des Heers, und hinaus zum äußersten Flügel
  Donnerte. Bald erscholl’s von tausenden Stimmen auf einmal:
  „Holla, die Feind’ entflieh’n!
              Sie flieh’n -- die Feinde, sie fliehen!“

    Ottgar horchte dem Ruf mit kalthinstarrendem Blick’ auf;
  Wandte das Roß, und sprach zu Lobkowitz: „Wahrlich, vermuthend
  War ich des Unfalls mir: denn höre des Herzens Geheimniß!
  Jüngst, in der furchtbarn Zeit des mitternächtlichen Grauens
  Hieß ich, im dunkelen Eichenhain, die Alrune,[3] des Schicksals
  Hehre Verkündigerinn durch Bothen befragen; sie gab mir
  Antwort: Ottgarn winkt an Stillfrieds Marken das Ziel schon!
  Dort ist der Sieg mir gewiß; wir wollen uns fechtend zurückzieh’n!“
  „Herr, nicht der Hölle vertrau’,“ so rief der jammernde Greis auf,
  „Gott vertraue -- dir selbst, und deinen gewaltigen Kriegern!
  Noch steht Sachs und Bayer im Kampf; noch nichts ist verloren.
  Wolle mit Ernst den Sieg, er ist dein: o komm’, und erring’ ihn!“
  Aber er trabte zurück. Ihm folgten am Fuße die Scharen
  Milota’s, der in dem Nachzug noch voll täuschenden Eifers,
  Selbst abwehrte, zum Schein, die raschnachrückenden Gegner.

    Bald erscholl auch drüben Geschrei, wo Bayern und Sachsen
  Kämpften im Waffengefild, geführt von dem tapferen Herzog
  Heinrich, und Zierotin, dem kraftgerüsteten Helden:
  Denn Matthias, der Hort magyarischer Krieger, ersehend
  Oben am ragenden Thurm die blutrothflatternde Sturmfahn’ --
  Hörend der Glocken Getön’, erhob sich in Eile von Schönfeld,
  Mit zermalmender Macht dem Feind’ in die Seite zu fallen.
  Vor zu des Rosses Mähne gebeugt, den blitzenden Säbel
  Schwingend in kräftiger Faust, hinbraus’ten die Reiter, und hieben
  Links, rechts, ein: bald lagen die Leichen gesä’t in dem Blutfeld,
  Wankten die Gegner, und floh’n, verfolgt von den Gegnern in Hast fort.
  Rastlos eilte der König dahin im sinkenden Nachtgrau’n,
  Bis er nach Dürnkrut kam in das Lager, das er noch letzthin,
  Stolz vor Siegeshoffnung, verließ -- nun trotzig begrüßte:
  Denn er dachte des Siegs am nächstaufstrahlenden Morgen.
  Doch bis Ebenthal, dem einsamen Schloß’ an dem Waldthal,
  Führte der Kaiser sein Heer, und ruht’, umlagernd, im Feld dort.
  Ganz verhallte des Tages Lärm, und vom nächtlichen Himmel
  Sah’n die Sternenheer’ auf die schlummernden Völker herunter.



  Zehnter Gesang.


  Abendröthlich erglänzt der schnellentgleitende Rheinstrom;
  Völlig verhallte der Sturm; nur liebliche Lüftchen bewegen
  Manchmal, leis’umsäuselnden Flugs den ergossenen Spiegel
  Seiner Gestade, wo links und rechts, von dunklen Gebüschen,
  Wäldern, und Höh’n, nun hochaufragende Thürme der Burgen,
  Nun hellschimmernde Städt’ und Gotteshäuser sich heben,
  Und ihr Bild in die spiegelnde Fluth von oben nach unten
  Kehren, gewiegt von dem Zuge der raschforteilenden Wellen.
  Wechselnd, von einem zum andern Gestad’ durchkreuzen der Vögel
  Singende Scharen die Luft, und ziehen dem schauernden Wald zu.
  Abendglockengetön, vermengt dem Blöcken der Heerden
  Schallet die Ufer entlang, als jetzt an dem wölbenden Himmel
  Auf sich schwingen die goldenen Stern’; umschattendes Dunkel
  Ruh’ auf die Welt umher verbreitet, und jeglicher Laut stirbt.
  Von Schafhausen allein tönt Donnergetös’, in des Abends
  Stille hörbarer noch dem Ohr: wo im schwindelnden Jähsturz
  Sich von dem Klippendamm hinab zum versunkenen Strombett
  Stürzt die gewaltige Fluth, aufschäumt an den Felsen, und dorther
  Schauernden Nebelqualm in die Haine hinaus, und die Thäler
  Sendet im Windeshauch’, unendlichen, ewigen Eilflugs.

    Sieh’, ein Ritter kam aus fremden Landen gezogen!
  Eilig trabt’ er die Straße herab, und ihm folgte der Knappe
  Fern, ermattet der Last der Wanderung. Aber den Ritter
  Trieb herzinniges Leid und der Heimath glühende Sehnsucht.
  Als er im Abendlicht, hervor aus dem dunkelen Eichwald
  Kommend, vor sich das weitverbreitete Land, und inmitten
  Fluthen sah den ersehneten Rhein, da hielt er das Roß an;
  Sprang aus dem Sattel herab, warf sich, erschüttert, zum Boden,
  Netzt’ ihn mit Thränen, und stand, in des Anschau’ns Wonne versunken.
  Hartmann war’s, der jetzo dem Strom sich nähernd, und kehrend
  Heim in das Vaterland, die trauten Gefilde begrüßte.
  Drüben am linken Gestad’, ersah er das freundliche Städtchen
  Rheinau, welches der Rhein im kreisenden Lauf, sich nach Osten
  Wendend, umfließt. Dort baute (so künden die Sagen der Vorzeit)
  Sorglich das Gotteshaus Funtan, der Heilige,[1] Schottlands
  Königen blutsverwandt, den Brüdern von Monte-Cassino,
  Als er, ein Pilger, dort die Stelle, vom Geiste getrieben,
  Endlich fand, wo allein der Strom nach Osten den Lauf kehrt.
  Hartmann sah vom Gestad mit bewegtem Herzen hinüber --
  Sah im Geist noch hinaus weit über die Berge, des Aargau’s
  Liebliches Thal, und dort von dem Felsenhügel die Habsburg
  Ragen aus dunkeln Tannen empor in die Luft, und herunter
  Schau’n auf die Fluthen der Aar,
              die ihr, eilenden Laufes vorbeirauscht.
  Zwar vermißte sie jetzt die trauten Gebiether: der Vater
  Fern (er tauschte den Grafenhut mit der Krone der Kaiser)
  Todt die Mutter -- von ihm die holden Geschwister geschieden.
  Er, der Unglückliche, kehrt allein, in einsamer Stille
  Dort zu erreichen das tröstende Ziel der irdischen Wand’rung.

    Doch nun rief er, bewegt, dem spätnachfolgenden Knappen:
  „Mangold, fasse das Roß an dem Zaum’, und führ’ es mit Vorsicht
  Ueber die Brücke zur Stadt; bald folg’ ich dir nach in die Herberg!“
  Mangold faßte das Roß an dem Zaum, und führt’ es mit Vorsicht
  Nebenher, dem seinen gesellt, hinüber nach Rheinau
  So, daß die Brück’, entlang, erst laut, dann leiser und leiser
  Unter dem eisernen Huf fortpolterte, bis zu dem Land hin.
  Hartmann weilete noch. Er saß in Trauer versunken,
  Dort auf dem Felsenriff, das sich auf die Fluthen hinüber
  Beugt; sah oft nach den Wellen hinab, wie sie rollten, und eilten
  Rastlos fort in des ewigen Meers verschlingende Tiefen,
  Und gedachte mit Trost der eilenden Tage des Lebens.
  Sieh’, nun hob sich vor ihm der Mond in des Himmels Gezelt auf;
  Hellte die Nacht, und zog in grünlichen Goldes Gefunkel
  Quer auf dem dunkelen Strom die flimmernde Straße hinunter,
  Der er, bewegt, nachsah, bis dort zu dem äußersten Rand hin,
  Wo das Gestirn sich scheitelrecht in den helleren Fluthen
  Spiegelte. Dort winkt’ ihm (so däucht’ es ihn) freundlichen Blickes,
  Jenseits her aus ätherischem Glanz die liebende Mutter.
  Ach, er streckte die Arme nach ihr mit stöhnender Brust aus;
  Beugte die Stirn’, und ihm sank die heimliche Thrän’ aus den Augen!
  Jetzo fuhr ein Kahn rasch über den schimmernden Mondpfad;
  Muntere Stimmen erreichten sein Ohr. Herüber von Rheinau
  Kehrte nach Eglisau, der Vater mit seinem Erzeugten,
  Der, ein Fischer, dahin die Beute der Netze getragen,
  Und seit Jahren umher auf dem fischdurchwimmelten Rheinstrom
  Ruderte. Nun verfehlt’ er, getäuscht, des Zieles: der Kahn schlug,
  Von der Strömung gerafft, an dem Joch der gewaltigen Brück’ um,
  Barst entzwei, und die Zween verschlang, so mächtig sie kämpften,
  Schrie’n, und riefen, die Fluth.
              Nicht der lastenden Rüstung gedenkend,
  Nicht der grausen Gefahr, aufsprang der edele Ritter
  Auf das Angstgeschrei nach Rettung jammernder Menschen;
  Lief das Ufer entlang, und warf sich hinab in die Strömung,
  Als der Junge hervor aus der Fluth die Rechte gehoben;
  Aber nicht rettet’ er ihn, und fand in dem brausenden Abgrund
  Dort das Ziel des schwermuthvoll entschwundenen Lebens.[2]

    Ach, nicht ahnte des theueren Sohns unglückliches Schicksal
  Rudolph noch, der fern im Zelt, von den Helden umgeben,
  Saß beim erquickenden Mahl, nach unsäglicher Mühe des Tages!
  Draußen, von Lagerfeuern erhellt, verlor sich des Himmels
  Nächtliches Grau’n; Geschrei und Gelärm erscholl mit dem Wehruf
  Blöckender Lämmer und Schaf’, und des dumpfaufbrüllenden Rindes:
  Denn die Krieger besorgten das Mahl in geschäftiger Sorgfalt:
  Jetzo das Fleisch in der siedenden Fluth, die im räumigen Kessel
  Brodelte, wohl mürbkochend, und jetzt es auf kreisenden Spießen
  Bratend so, daß der Wohlgeruch weit das Lager erfüllte.
  Auch ermangeln sie nicht des herzerfreuenden Weines,
  Oder des Brots; nicht des Habers und Heu’s die munteren Rosse:
  Denn des Heers Marschalk, der Breuner, hatte genügend
  Alles und Jedes zur Stelle geschafft für die dauernde Kriegszeit,
  Und stets lauter erscholl auftobende Freud’ in dem Lager.

    Drinnen im hellerleuchteten Zelt, von den Helden umgeben,
  Harrte der Kaiser zuvor des blühenden Königs der Ungern,
  Dem er den Herold gesandt, als dort vom Lager vor Marcheck
  Sich das siegende Heer erhob, die geworfenen Scharen
  Ueber den Weidenbach voll drängender Hast zu verfolgen.
  An dem Gestade der March, wo, g’en Hochstätten, im Halbkreis
  Sich hinwindet der Fluß, aufragte die Kuppe des Felsens,
  Der vor grau’n Jahrhunderten schon den Völkern zum Markstein
  Dienete, jetzt dem Zelt des lebensfreudigen Königs
  Kühlenden Schatten both, und, ferne geseh’n, in der Umwelt
  Alles dem spähenden Auge verrieth. Dort fand ihn der Herold
  Sitzend im munteren Kreis’ der Zitherspieler und Sänger,
  Die von dem Heldenzug der Ahnen herüber nach Ungerns
  Reichem Gefild’ und der Thatenkraft gepriesener Führer
  Sprachen im jubelnden Lied’; auch rühmten darauf: wie im Feld’ erst,
  Kämpfend mit nieu erschütterndem Muth, des verbündeten Kaisers
  Macht die Feinde bestand, und, gleich dem brausenden Sturmwind,
  Der auf der Heid’ im Herbst die verdorrten Disteln dahinjagt,
  Trentschins ruhmverherrlichter Held dann ihnen im Rücken
  Lag mit mordendem Stahl, als all die Scharen zerstoben.
  Aber so laut der König sich d’rob erfreute, so gönnt’ er
  Dennoch dem Kunen den Ruhm vor dem Unger im heimlichen Busen,
  Und ergrimmte noch mehr, daß ihm Kaduscha heute zurückstand.
  Hastig nahet’ ihm Meyenberg, der Herold, und sprach so:
  „Herr, dein Herz erfreue der Ruhm des herrlichsten Sieges,
  Den dein tapferes Volk mit raschentscheidender Thatkraft
  Uns erringen half. Zum Kriegsrath ruft dich der Kaiser,
  Und zu dem fröhlichen Mahl nach des Tags ermüdender Arbeit.“
  „Gern,“ erwiederte jener, voll Hast, „hineil’ ich in’s Lager
  Meines erlauchten Verbündeten, der so edel gesinnt ist.“
  Sagt’ es, und schwang sich auf’s Roß, im Gefolg kumanischer Reiter,
  Ebenthal zu erreichen im Flug, wo im schimmernden Zeltraum
  Rudolph, heldenumschart, sein harrete. Wie er dahinflog,
  Fuhr der Staub zum Gewölk, erregt von den stampfenden Hufen.

    Alle gehorchten dem Ruf des erhabenen Kaisers: nur Einer --
  Kaduscha war nicht zu schau’n. Empört von dem Glücke des Helden
  Von Trentschin, entboth er zu sich zweitausend der Reiter:
  „Ha,“ so sprach er, „was sollen wir hier, mit den Deutschen verbündet,
  Nutzlos opfern das Blut, da jüngst den lohnenden _Woldan_[3]
  Wie er den Raubritt hieß, uns grausam der Kaiser verwehrte?
  Auf, wir zieh’n nach Günß, den tapferen Iwan[4] zu retten,
  Den jetzt Bertholdsdorf, der Kammerer, stürmend, bedränget,
  Innen im Raum der gewaltigen Burg! Wir entsetzen die Festung
  Schnell mit würgender Faust, und erlösen den tapferen Grafen:
  Dann soll Oestreich bald, verheert, und geplündert, mit Schrecken
  Schau’n von nah’ und von fern aufflammende Dörfer und Städtchen;
  Aber wir kehren, beschwert mit reichlicher Beute, zur Heimath.“
  Laut aufjauchzten sie ihm, nach Beute begierig, und zogen
  Schnell g’en Heunburg fort, der Donau Fluthen hinüber,
  Ueber die Brücke, die Albrecht jüngst erbaute mit Sorgfalt;
  D’rauf gewahrten sie bald den Neusiedl-See, und die Mauern
  Oedenburgs, und eileten rasch nach den Höhen von Günß hin.

    Doch schon hatte der Kaiser, vereint mit seinen Erwählten,
  Mit vorschauendem Blick des Angriffs Weisen erwogen;
  Manchen erforscht, und dem Forschenden gern mit würdiger Sanftmuth
  Klaren Bescheid ertheilt: bis all’, einmüthig, ihm Beifall
  Zollten; die Ordnungen, Zahl,
              und die Stellung der Völker im Schlachtfeld
  Jeder gar trefflich fand, und jeglicher Zweifel entfloh’n war.
  Siehe, nun scholl des Rosses Huf von der Straße herüber.
  Jene horchten erstaunt; da sprach, sanftlächelnd, der Kaiser:
  „Alle vermißet ihr hier nur ungern Hugo von Tauffers,
  Jenen gewaltigen Greis, bei’m herzerheiternden Spätmahl.
  Wahrlich, viel erduldet’ er jetzt, in der engenden Festung
  Müßig zu steh’n, der stets im Gemenge der eisernen Waffen
  Rasch vortummelt das Roß, und allwärts ist, wo Gefahr dräut!
  Ich entboth ihn in’s Feld, dem jüngst verwundeten Helden,
  Ortenburg, vertrauend die Vest’, und er folgte dem Ruf bald.“
  Als er’s sprach, da trat der muntere Greis in das Zelt ein;
  Grüßte den Kaiser zuvor, und den blühenden König der Ungern;
  Dann die tapferen Helden umher mit feurigen Blicken,
  Setzte sich hin, und begann: „Fürwahr, ich wähnte: verrosten
  Müßte mein tüchtiges Schwert in der dunkelen Scheide für immer,
  Und ich daheim Geschriebenes nur aus dem Munde des Mönchleins
  Hören: von Thaten des Kriegs und euern errungenen Lorbern!
  Aber als gütigen Herrn erwies dem alten Gesellen
  Haug der Kaiser sich stets: sein dacht’ er auch jetzo mit Huld nur.
  Kaduscha sah ich zuvor an der Spitze des reisigen Volkes
  Treulos flieh’n; er gab, hohnlachend, den kurzen Bescheid mir:
  Iwan weih’ er sein Schwert; euch wünsch’ er Glück in dem Siegslauf.“

    All’ aufhorchten mit Staunen dem Wort; doch glühendes Roth fuhr
  Jetzo mit wechselndem Weiß in die Wangen des Königs von Ungern,
  Und ihm blitzte der Zorn aus den halbgeschlossenen Augen;
  Dennoch besann er sich schnell; both dann die Rechte Matthias
  Von Trentschin, und sprach: „Du sey des Heeres Gebiether
  Mir hinfort! Obgleich vom Geschlechte der Kunen geboren
  Mir die Mutter ward; ich die Liebe des Kun’s aus der Brust ihr
  Sog als wimmerndes Kind, und, zum Jüngling gereift auf dem Todbett
  Noch ihr schwur auf die pochende Brust: so will ich den, Unger,
  Reuig erwägend die Schuld der dauernden Geistesverblendung,
  Vorzieh’n jetzt dem Treulosen, der mich verließ, und nicht schmähen
  Fürder das edlere Blut des throngebornen Erzeugers.“
  Jener erhob sich mit Würde vor ihm, und beugte die Scheitel,
  Schweigend, zum Dank. Doch, als im schlachtentscheidenden Kriegsrath
  Für den bald aufdämmernden Tag Alljedes besorgt war,
  Saß der Kaiser im Heldenkreis’ bei dem fröhlichen Nachtmahl
  Heiteren Blicks, und sprach, umschauend, zu Diesem und Jenem:
  „Laßt euch Lagerkost, ihr Herrn, genügen: für jetzt noch
  Sind der Gerichte nicht viel’, doch würze die wenigen Frohsinn!“
  Lautes Gemurmel erscholl in dem Zelt. Geschäftige Diener
  Reichten die Speisen herum: das dampfende Muß, aus dem Vorrath
  Zartesten Mehles gekocht; dann wildes und zahmes Geflügel,
  Wohlgebraten am Spieß mit dem Rücken des jährigen Rindes,
  Und, zum kräftigen Brote zuletzt, der Sitte geziemend,
  Goldenen Honigseim, wie solcher dem Deutschen ersehnt war.
  Andere trugen die Fluth des köstlichen Weins in den Krügen
  Freundlich herum, und füllten den Bauch der räumigen Humpen,
  Die vor jeglichem Gast’, aus schimmerndem Erze getrieben,
  Standen, nach Herzenslust bei dem Nachtgelage zu trinken.
  Lauter und feuriger ward das Gespräch, und bewegter das Kriegszelt.

    Aber der Kaiser sah mit lächelndem Wink nach dem Ritter
  Müller, dem Zürcher, der im Kreise der Fröhlichen, immer
  Heiteren Scherzes gedacht’, und jetzt zu Friedrich von Nürnberg
  Also begann: „Herr Burggraf, sprecht: wie war’s denn vor Basel
  Mit dem Gelehrten, da Ihr ihm Habsburgs Pfennig nicht gönntet?“
  Jener kündete nun mit hocherröthenden Wangen:
  Wie in dem dauernden Kampf vor Basel dem edelen Ritter,
  Rudolph, both sein Werk: „Von den Kriegen der Römer und Deutschen --
  So auch des Feldherrn Wissenschaft“ ein Gelehrter aus Straßburg;
  Jener ihm schnell ein Goldstück gab mit der goldenen Kette,
  Die von dem Hals ihm hing, und d’rauf, voll Gier, in den Büchern
  Blätterte; wie er -- der Schwester Sohn, ihm solches verwiesen,
  Da viel Geldes das Volk ihn kostete, viel auch der Kriegszug
  Fortan heischt’. „Ach hört,“ so erzählt’ er dann, „wie mich Rudolph
  Schalt! „Der herrlichste Lohn,“ so sprach er, „gebührt dem Gelehrten,
  Der hochrühmliche Thaten beschreibt, und im Herzen den Muth weckt,
  Sie zu vollbringen dereinst.“ Er säße wohl selber mit Freuden
  Ueber den Büchern, so ihm nicht die Zeit ermangelte; lieber
  Spendet’ er auch sein Gold auf ihn, der, dauernden Mühens,
  Solche Schätze gehäuft, denn auf manchen untüchtigen Krieger.“[5]
  „Wahrlich,“ so fiel ihm Müller in’s Wort, „kein wankendes Schilfrohr,
  Das sich im Hauche des Windes bewegt, gewahrten die Gegner
  Jemals an ihm, denn hört: der Regensberger vererbte
  Auch an den Kraft von Toggenburg, der seines Geschlechts war,
  Unversöhnlichen Haß g’en Habsburg. Feindlich umringten
  Wir mit erlesenem Volk dort Uznach, die ragende Felsburg,
  Und ein Krachen begann alsbald: denn laut und unzählbar
  Flogen die Felsen nach ihr, von des _Antwerks_[6] mächtigem Wurfbaum
  Hingeschnellt, das Ermel in Roth, der treffliche Meister,
  Sinnig zu bauen, verstand. Auch die _Katzen_,[7] mit Erde bedecket,
  Rasteten nicht, stets näher den Mauern gerückt, und die Krieger
  Schirmend vor Feindesgeschoß, die im Sonnenlicht und im Nachtgrau’n
  Schwangen die furchtbare Wucht des mauerzertrümmernden Balkens.
  Hundert Fuß aufragte der Stamm des mächtigen Eichbaums,
  Den der Meister sich wählt’, und mit Eisen die Stirn’ ihm bewehrte.
  Donnernd schlug er die Wand, von kräftigen Kriegern geschwungen.
  Endlich rückten wir auch mit dem _Ebenhoch_[8] an die Zinnen:
  Schleudernd von ihm zermalmende Blöck’ in die Mitte der Felsburg --
  Auch mit Schwefel und Harz erfüllete, brennende Kugeln.
  Doch ereilt’ uns d’rauf der grimmige Winter: verderbend
  Hielt sich die Burg sechs Monden schon mit erlesenem Streitvolk.
  Viele begruben wir dort der Unseren; viele vermißten
  Wir an dem Morgen oft, die feig entwichen bei Nachtzeit;
  Doch nie wankte noch Rudolphs Muth. Da warfen die Gegner
  Lebende Fische heraus in das Lager, als spotteten sie noch
  Seiner Gewalt. Er rief: „Ermannt euch: unser ist Uznach!“
  Also geschah’s. Er drang bei Nacht mit wenigem Volk nur
  Ein durch den Mauerbruch, und eröffnete herzhaft das Thor selbst.
  Unserm würgenden Schwert’ erlagen die Gegner, und alsbald
  Fiel auch die Burg, zerstört, auf den Wink des Helden von Habsburg.“

    Laut umtönt’ ihn einhelliger Ruf: „Hoch lebe der Held uns!“
  Doch nun sah ihn zugleich der blühende König der Ungern
  Traulicher an, und sprach: „Stets bist du wohl glücklich gewesen?
  Denn ein heiterer Geist wohnt dir in den freundlichen Augen.“
  Jener begann: „Nicht also: denn vieles erduldet’ ich seither,
  Ander’n Sterblichen gleich, im wechselnden Laufe des Lebens;
  Leidengeübt erkenn’ ich das Maß auch der härtesten Leiden
  Anderer; doch, ich lernete dem, was über uns waltet,
  Frühe mich fügen; hab’ treu an des Heilands Lehre gehalten,
  Die uns gewiß, denn einzig wahr, hienieden und jenseits
  Leitet zum dauernden Glück. Mit Dank genoß ich des Guten;
  Setzte dem Schlimmen ein Ziel durch Geduld;
              stets ehrt’ ich die Wahrheit;
  Meine Wege befahl ich dem Herrn, und schau’ in des Grab’s Nacht
  Ruhigen Blicks: mir winket aus ihr das ewige Lichtreich.“
  Sagt’ es, und sah, bewegt, nach Albrecht, seinem Erzeugten,
  Der an den Lippen des Vaters hing, und weinte, hinüber.
  Stiller wurd’ es im Zelt, da rief mit umschallender Stimme
  Lichtenstein: „Was soll uns der Ernst bei der fröhlichen Mahlzeit?
  Morgen ruft uns die Schlacht mit donnerndem Laut’, und des Frohsinns
  Jubel verhallt. Wer kehret, wer nicht? Weß’ Sitz an dem Tisch hier
  Leer ist bei’m künftigen Mahl: das steht uns zum Glück noch verborgen;
  D’rum genießet des Augenblicks, eh’ er schwindet auf immer!
  Soll dieß herrliche Fest des Sängers ermangeln? Er harret
  D’raußen nur eures Winks: der gemeinsamen Freude gedacht’ ich.“
  „Sage mir an,“ sprach Rudolph jetzt, „weß’ Landes und Volkes
  Rühmt sich dein Sänger? Bekannt sind mir die Weisen der Meister:
  Denn mir waren sie stets ersehnete Gäste; so mancher
  Wallte zur Habsburg hin, und geehrt ging jeder von dannen.
  Gierig horcht mein Ohr den zaubergewaltigen Männern:
  Denn mit frischerem Grün bekleidet ihr Sang in dem Winter
  Selbst, den entblätterten Wald, und mit Frühlingsblumen die Matten,
  Die der herbstliche Wind versengt’: auf den nebligen Himmel
  Sä’t er glänzende Stern’ umher, und weckt in des Menschen
  Fühlender Brust, gar mächtig die Ahnung der schöneren Zukunft,
  Der hier unter dem Druck der Gegenwart, wie erstarret,
  Ach, nach jener, so oft, mit inniger Liebe sich sehnet!
  Eilt, und führt ihn herein den werthen Gast bei dem Mahl hier.“
  Jener eilte hinaus; dann kehrt’ er, und sagte dem Herrscher:
  „Nicht unrühmlich bekannt ist Hornecks[9] Name, des Sängers,
  Der aus der Steyermark entsproß, und in blühender Jugend
  Fort nach Deutschland zog an den Hof des würdigen Bischofs,
  Werner von Mainz, wo ihm Rotenburg zum Meister geworden.
  Aber ihn drängte das Herz: ein redlicher Hirte der Schäflein
  Seines Heilands zu seyn, und er weidete solche mit Sorgfalt,
  Jahrlang, bis ihm die Feder zugleich und das Siegel der Bischof
  Wieder vertraut’. Er starb, und Horneck kehrt’ in die Heimath:
  Erst dem Sänger des _Frauenbuch’s_,[10] deß’ Sohn ich mich rühme,
  Sich zum Frommen zu weih’n: dann mir, als jener gestorben:
  Denn mit unsäglichem Fleiß, in zierlichem Reim die Geschichten
  Schreibend, folgt er mir treulich nach im Krieg’ und im Frieden.“
  Doch nun trat im langen Talare der heilige Sänger
  Leise herein. Er trug die tönende Harfe mit Vorsicht
  Unter dem Arm, und grüßte die Schar -- vor allen den Kaiser
  Tief, und mit innigem Blick’. Erstaunt besann der Beherrscher
  Deutschlands sich. Ihm schien: als hätt’ er ihn früher gesehen;
  Nur vom lastenden Alter gebeugt, und ergrauet an Haaren
  Stand er, ein Fremdling, vor ihm. Da ließ er mit freundlichen Mienen
  Auf den niedrigen Stuhl am Zelteingange sich nieder;
  Langte die Harfe hervor, und fuhr mit flüchtigen Fingern
  Ueber die Saiten dahin, die herzerschütternden Lautes
  Töneten. Still ward’s d’rauf in dem Zelt, und es stockte der Odem
  Allen umher in der Brust, da er jetzt den feierlichernsten,
  Heiligen Sang begann im Klange der bebenden Saiten:

    „Laut erbrauset der Sturm, und jagt tiefhangende Wolken
  Ueber die finsteren Berge hinaus. Der laubige Hochwald
  Trieft, der Gießbach rauscht, vom dauernden Regen geschwollen.
  Sieh’, dort ruhete nun, aus dem Sattel gestiegen, ein Ritter,
  Nach ermüdendem Weidwerk aus. Von dem heiteren Antlitz
  Strahlt ihm der Heldenmuth -- aus den bläulichen Augen die Wahrheit,
  Liebe, und Treu’. Er sah in die Fluthen: sie saus’ten, und braus’ten,
  Eilten im Fluge dahin, und er dachte des fliehenden Lebens.
  Aber der Rappe scharrt; laut winselt der gierige Schweißhund:
  Denn kein Wild auftrieb er im Forst, und der Ritter erhebt sich
  Heim zu zieh’n in die Burg, wo sein die Liebenden harren.
  Jetzt erreicht Geklingel sein Ohr. Von dem finsteren Wald her
  Naht dem Ufer ein Priester des Herrn: im schimmernden Chorrock,
  Und mit goldener Stol’ an der Brust, nachschreitend dem Meßner
  Eilig, das Engelsbrot zu dem sterbenden Manne zu tragen.
  Doch jetzt schaut er, voll Angst, umher: denn siehe, der Gießbach
  Schwemmte den Steg aus dem Grund’, und drüben aufjammert die Hausfrau:
  Hörbar poche der Tod an der Thür’, und es lechze der Gatte
  Nach der Labung, die ihn auf die Reis’ in die Ewigkeit stärke.
  Schnell entblößt’ er die Füß’ an des Ufers felsigem Abhang,
  Dort die rauschende Fluth kühn durch zu waten, entschlossen.
  Aber der Ritter kam in Eile herüber, und both ihm --
  Erst anbethend den Heiland der Welt, das gesattelte Reitroß
  An zu heiligem Dienst, und kehrte, vergnügt, zu den Seinen.
  Als der Abend sank, und die Welt in rosigen Schimmer
  Hüllete, sieh’, da führte der Priester das Roß an dem Zügel
  Ueber den Burghof her, und sagt’ es dem Ritter mit Dank heim!
  Aber er sprach: „Was dünkt dich? Nein, nicht diene dieß Reitpferd
  Fürder zu schnödem Gebrauch, das meinen Erlöser getragen:
  Denn nun sey’s der Kirche des Herrn mit dem Feld’ an dem Weiher
  Frei geschenkt, daß hinfort kein Wildbach mehr auf den Pfaden
  Jenes unwirthbaren Raums, in dem heiligsten Amte dich hemme!“
  D’rauf der Priester begann: „So vergelt’ es dir Gott, der Erbarmer,
  Edeler Herr, was du mit erbarmendem Sinn an dem Diener
  Seiner Kirche gethan: stets mög’ es dir glücklich ergehen!
  Ha, mir sagt es der Geist, und ich irre nicht -- sey dieß Geheimniß
  Dir in den Tiefen des Herzens bewahrt: dir zieret die Scheitel
  Würdig dereinst die Krone des heiligen, römischen Reiches!
  Herrschen wird dein Geschlecht auf dem herrlichsten Thron’
              in die Zukunft
  Endlos hin. Dein dauernder Ruhm erfüllet den Erdkreis!“

    Endete so: da sah’n zugleich die versammelten Helden
  Staunend, dem Kaiser in’s Aug’, und erkannten des Grafen von Habsburg
  Fromme That enthüllt, die er stets verschwiegen voll Demuth.
  Aber er stürzte herbei, und drückte mit heißer Umarmung
  Lange den heiligen Greis an die Brust; dann rief er bewegt so:
  „Wahrlich, du bist’s, Ehrwürdiger, der an dem rauschenden Gießbach
  Mir mit dem Herrn erschien, dort Glück und Segen zu spenden!
  Möge die ewige Huld dir hier und dort ihn vergelten!“
  Jener beugte die Stirn’ auf Rudolphs Hand, ihm die Thränen
  Bergend, und wankte hinaus in dem einsamen Zelte zu ruhen.
  Auch die Helden, gesammt, enteileten: denn an des Morgens
  Tod- und lebenentscheidende Schlacht ermahnte der Kaiser
  Sie mit erglühendem Aug’: „O denket,“ so sprach er, „des Morgens,
  Der uns im eisernen Felde vereint. Im Sieg’ ist die Freiheit,
  Wohlfahrt, Ruhe und Glück viel Tausender: denket des Sieges!“
  Aber erschütternd braust’ ein Ruf aus dem Munde der Helden:
  „Ha, wir gedenken mit Gott zu erringen den Sieg in dem Blutfeld!“

    Tief verstummte das einsame Zelt. Mit sinnenden Blicken
  Ging der Kaiser umher; dann saß er wieder, und dachte
  Noch des wechselnden Glücks der Sterblichen -- sah mit Ergebung
  Himmelempor, und entschlummert’ im Schimmer der Lamp’
              auf dem Lehnstuhl.
  Aber nicht lang, da fuhr er, bewegt, zusammen (nicht wacht’ er,
  Schlummerte nicht) ihm stand, verklärt in himmlischer Schönheit,
  Hartmann, der liebende Sohn, vor den nachtumhülleten Augen,
  Blickte lächelnd ihn an, und sprach: „In düsterem Zeitraum
  Schieden wir, mein Vater! Mir ward auf dem irdischen Dornpfad
  Jammer zu Theil, und ich weinete still: nicht gewahrend der Vorsicht
  Mildumschlingende Hand, die allein zum lohnenden Ziel führt.
  Ha, nun steh’ ich am Ziel! Gelös’t, und in himmlischer Klarheit
  Liegen des Lebens Räthsel vor mir; versiegt ist der Thränen
  Bitterer Quell’, und es jauchzt die entfesselte Seele vor Wonn’ auf.
  Vater, traure nicht, wenn die Todesbothen dir künden:
  „Hartmann starb in den Fluthen des Rheins: im rühmlichen Streben,
  Retter zu seyn Unglücklicher!“ Schon ist die sterbliche Hülle,
  Die ihn umgab, in dem Baseler Dom zu Grabe getragen,
  Wo ihm ein Denkstein wird, auf immer zum ehrenden Zeichen.
  Traure nicht. Ich, und die Mutter -- wir harren dein in Gefilden
  Ewigen Glücks, bis treuerfunden am Ziel, wo entscheidend
  Sinket die Wag’, und steigt, auch du, vor unsäglicher Wonne
  Jauchzend, die Deinen ersiehst in seliger Wiedervereinung.
  Denke der Alpenhöh’n, des Greises, und frommen Gelübdes,
  Wenn in umdrängender Schlacht die Hoffnung des Sieges dir schwindet!“
  Rudolph fuhr von dem Stuhl’. Er wähnte den fliehenden Schimmer
  Noch an der Decke des Zeltes zu schau’n, und zitterte, starrend
  Hin, den Gesichten der Nacht.
              Dann rief er: „Ein furchtbarer Traum war’s:
  Furchtbar und himmlisch zugleich!
              Mein Hartmann lebt, und mich täuschte
  Nur der Lamp’ aufflimmerndes Licht. O Herr, du bewahr’ ihn!“
  Sprach so; streckt’ auf dem Lager sich aus, und entschlummerte wieder.

    Aber nicht herrschte die Ruh’ und des Herzens Frieden in Ottgars
  Zelt: denn eben kehrt’ er zurück aus dem finsteren Eichwald
  Götzendorfs, und er wähnete noch: die Schrecken der Hölle
  Rauschten hinter ihm her, im Gezisch’ unseliger Geister.
  Furchtbar rollte sein Aug’, und seine geöffneten Lippen
  Zitterten. Doch nun warf er das Schwert auf den drönenden Tisch hin,
  Ließ sich nieder, und starrte mit düsterem Blick’ in des Oehldochts
  Flimmernden Schein. Er eilte zuvor dem waldigen Thalgrund
  Götzendorfs, im Grauen der Nacht, allein, und dem Heerweg
  Fern’ auf dem schnaubenden Roß entgegen: des dunkelen Schicksals
  Ruf noch einmal dort an dem schauerumflossenen Eichbaum,
  Dem die Bewohner des Dorfs nur mit Angst und Schrecken vorüber
  Eileten: denn stets scholl Gezisch um ihn her, zu vernehmen.
  Dorthin bannt’ erst jüngst Drahomira, voll höllischer Arglist,
  Einen täuschenden Spuk, zu verlocken den finsteren Ottgar,
  Der um die Mitternacht hinwanderte, Gott zu versuchen.
  Als er rasch auf den Baum losdrang, da trat ihm sein Engel
  Unsichtbar in den Weg, und rief an das Herz ihm die Warnung:
  „Wie, Verehrer des Herrn des Weltalls, Theuererlös’ter,
  Willst du dem Vater der Lüge dich weih’n -- die unsterbliche Seel’ ihm
  Selbst verschreiben zum Pfand für trugverhüllende Zeichen?
  Kehre zurück; bereue die Schuld des entflohenen Lebens.
  Mild erbarmt sich der Herr des Reuigen: eil’ ihn zu söhnen!“
  Ottgar horchte bestürzt: denn zorngerötheten Blickes,
  Sah der Unsterbliche jetzt nach dem Baume hinüber, und alsbald
  Floh’n die finsteren Mächte davon. Ihr wildes Gezisch scholl
  Laut um ihn her: er wandte das Roß, und im brausenden Eilflug
  Kehrt’ er heim in das Zelt, von Angst ergriffen, und Schauder.
  Als er dort beim Scheine der mattaufflimmernden Lampen,
  Sinnend, saß: da scholl ein Getrab anstürmender Rosse
  Näher. Nicht lange, so stand Kunegunde, mit flammenden Blicken
  Schauend, vor ihm, und sprach: „Hast du die verhüllete Neigung
  Deiner so theuren Tochter dir, zu dem herrlichen Jüngling,
  Wallstein, früher gekannt, der jüngst in’s eigene Schwert sank,
  Und ihr Herz verwundet im Zorn? Nie siehst du sie wieder.
  Hedwig entfloh. Aus dem Kloster, ach, der ad’ligen Nonnen
  Drüben im Ungerland kam mir die Kunde gesendet:
  Eine Braut des Herrn, will sie in erkorener Stille
  Leben hinfort. Schon hüllt ihr die liebliche Stirne der Schleier.
  Schrecklicher, dein Werk ist’s: gar viel des Schlimmen erlebst du!“

    Ottgar beugte das Haupt, und barg die thränenden Augen
  Schnell mit den Händen vor ihr: von dem leise geahneten Schicksal
  Seines theuersten Kindes bewegt. Er bebte, verstummend.
  Doch sie sprach von neuem mit Hohn: „Im nächtlichen Grauen
  Komm ich von Drösing heran: denn wer gewahrt’ in des Tages-
  Licht nicht die Scham und die heimliche Wuth mir im glühenden Antlitz
  Ueber die Flucht des Böhmenheers -- des tapfersten Heeres,
  Das sein Hort: weh mir, daß ich Gattinn dem Feigen geworden,
  Fliehen hieß in dem Augenblick des entschiedenen Sieges!“
  „Weib, halt ein!“ schrie laut der Empörete, „kühn und entschlossen
  War ich mein Leben lang, und feig ertrug ich als Gatte
  Nur, die Launen des Weibs, das mir zum Jammer zu Theil ward.
  Ach, die unfriedliche Ehe gebiert die herbste der Qualen!
  Doch für jetzo hinweg mit eitlem Gezanke. Zu furchtbar
  Dränget der Augenblick: nicht fern ist die Stunde der Schlacht mehr.
  Fort noch heute g’en Prag! Ich sende dir muthige Scharen
  Zum Geleit. Mit dir sey Gott! Kunegunde die Mutter
  Meiner Kinder bist du! Erhabenes liegt in den Worten.
  Halte sie wohl, die theuern! Gar viel ertrug ich des Schlimmen
  Mit Geduld, um die Kindlein: denn mir fehlte der Sohn noch.
  Ha, daß vielleicht, so mir die Heimkehr wird aus dem Kriegszug,
  Schönere Tag’ uns blüh’n! Nur als Sieger siehst du mich wieder.“
  Sagt’ es, und stand, verwendeten Blicks. Ihr rollten die Thränen
  Ueber die Wangen herab: denn tief vorahnte sie’s: nimmer
  Werde sie ihn mehr seh’n; doch scholl kein freundliches „Leb’ wohl!“
  Ihr von den Lippen; sie ging, und schwang sich auf’s Roß,
              von den Reitern
  Dicht umschart, bald Prag, die herrliche Stadt zu erreichen.

    Heftig bewegt, ging Ottgar jetzt im dämmernden Zeltraum
  Auf und nieder, und sann. Schon längstentflohene Zeiten
  Kehreten ihm, nun lieblich und hell, nun nächtlich und furchtbar,
  Wieder im Bilde zurück, und ach, unendliche Wehmuth
  Faßte sein Herz, als dort die dämmernde Helle des Nachtgrau’ns
  Trauergewölk verschlang, und um ihn, verödet, die Welt lag!
  Stöhnend streckt’ er zuweilen den Arm weit vor, und ersehnte
  Heiß, zu entreißen dem Grab, was solches im Moder bedeckt hielt.
  Seine Lippen bewegten sich dann, und lispelten Nahmen,
  Ort, und Zeit umher in die Dämmerung. Willigen Herzens,
  Wär’ er mit flehendem Wort vor Dem, und vor Jenem gesunken
  Auf die Knie’, zu erringen den Wink ersehnter Verzeihung.
  Doch, als Niemand war, der Antwort gab, und auf Erden
  Alles, verstummt, und erstarrt, auf immer jegliches Mitleid
  Ihm zu versagen schien: da hob er die furchtsamen Augen
  Auf zu dem Himmel, und sah durch leis’aufquellende Zähren,
  Zweifelnd, hin, bis jetzt, erschüttert, die bebenden Händ’ er
  Faltete; dann, gesunkenen Haupts, auf die Kniee sich werfend,
  Also begann: „O Herr, nicht geh’ in’s Gericht mit mir Armen!
  Ringsum drängt mich die Schuld,
              wie die Fluthen des schwellenden Bergstroms,
  Und einstürzender Berge Geröll. Wo find’ ich Errettung
  Einst vor deinem Zorn, Allmächtiger, wo, so dem Schuldner
  Nur vergeltendes Recht, nicht auch Erbarmen zu Theil wird?
  Doch Erbarmen mit mir, das, hart- und eiserngesinnet,
  Ich nicht übt’ an den Menschen -- ein Mensch? Erhebe die Hand nur,
  Furchtbarer, straf’ mich: denn ich hab’ es verschuldet, auf immer!
  Dennoch nimmst du die Sühne noch an; barmherzig und gnädig
  Bist du, o Herr, wenn reuig das Herz auf der irdischen Bahn noch,
  Schmerzdurchdrungen, sie beut! Noch wandl’ ich auf ihr. Im Bewußtseyn
  Schrecklichen Frevels, zu dem auf der schwindelnden Höhe des Thrones
  Mich die gefährliche Macht und der feiggesinneten Schmeichler
  Zauberruf hinriß, und des ungebändigten Herzens
  Ehrgeiz, Stolz, und begierliche Gluth stets mächtiger drängte,
  Will ich, läßt du mich leben, o Herr, mit reuigem Herzen
  Sühnen die Schuld! Wie ich einst des Kreuzes heiliges Zeichen,
  Siegend, zur Ostsee trug, und dort den verwilderten Heiden
  Deines Nahmens Ruhm verkündigte, eifernd für Wahrheit,
  Tugend, und Recht; wie dort das Herz bei jeglichem Guten
  Höher im Busen mir schlug, und ringsum die heitere Schöpfung
  Lächelte, weil in der Brust noch Frieden mir wohnte: so will ich,
  Ein erneuerter Mensch, hinfort dir leben, und würdig
  Wandeln vor dir, geschirmt von deiner allmächtigen Rechten!
  Ha, der Morgen graut! Ich stehe g’en über den Feinden:
  Jenem zumal, der mich verhöhnete -- mir in dem Herzen
  Glühenden Haß und Rachsucht weckt’. Ich verzeih’ ihm: du heischest
  Solches, mein Heiland, von mir zum Gehorsam. Im redlichen Kampf nur,
  Den des Throns erworbenes Recht und die Liebe der Völker
  Heiliget, will ich ihm steh’n, und anheim dir stellen mein Schicksal.
  Gieb mir den Sieg, Herr! Doch nicht mein -- dein Wille geschehe!“

    Aber die Himmlischen feierten nun der unendlichen Allmacht
  Huldausstrahlenden Wink. Auf Erden erglühte das Frühroth.



  Eilfter Gesang.


  Zweifelnd rang der Tag mit der Nacht, und im schauernden Zwielicht
  Ruhte die Erde, noch rings vom holden Schlummer umfangen,
  Als das schreckliche Paar der Meerenberger in’s Lager
  Kehrete. Dort an dem Pfad, der, längs dem duftenden Weinberg,
  Immer höher sich hebt, und erst an dem felsigen Hügel
  Schwindet, von welchem der Rabenstein empor in die Luft ragt,
  Standen die Rachebrüder, vereint zu entsetzlichen Thaten,
  Schon drei Stunden lang, und sah’n mit finsteren Blicken
  Bald nach dem Hochgericht, bald einer in’s Auge dem andern,
  Das, wie der Blitz aufflammt in dem Nachtgrau’n, öfters erglühte
  Vor dem gewaltigen Drang des grimmgesättigten Herzens.
  Aber da sprach der ältere so zu dem jüngeren Bruder:
  „Siehe, der Morgen graut; schon bin ich gefaßt, und entschlossen!
  Komm: die Vorhuth harrt, der wir uns entzogen.“ Und jener
  Sagt’, erweicht: „Noch ist das Entsetzliche, dem ich erbebe,
  Nicht gescheh’n; noch stehen wir fern dem gekröneten Gegner,
  Den ich zu morden schwur in der offenen Schlacht, in des Tempels
  Heiligthum, und in dem stillen Gemach, wie solches das Glück mir
  Günstig beut. Bereit ist die Rach’, und der schändlichste Frevel
  Heischt sie mit Recht, und doch -- ich könnt’ ihm verzeihen!
              Nicht zürne
  Theurer, mir ob dem Wort’, er sinkt: ich könnt’ ihm verzeihen!“
  „Wie,“ so entgegnete jener voll Wuth, „das verhaßteste Wort kam
  Dir von den Lippen: verzeih’n? Sieh’ hin nach dem Baume des Fluches!
  Ist er nicht jenem gleich -- vielleicht daß die höllischen Mächt’ ihn,
  Mir zum Hohn, durch Zaubergewalt herführten im Luftraum,
  Weh’, auf dem der edelgesinnete Bruder, mein Seyfried,
  Schuldlos litt; das Haupt zu den Füßen gebunden, nach dreimal
  Schrecklichen Tagen verblich? Verzeih’n?
              Ich erwürge dich, thust du’s!“
  Jener verstummte vor ihm, und sie kehrten mit eilenden Schritten
  Wieder zurück zur Heldenschar der erlesenen Vorhuth.

    Drüben in Osten entstieg des erd’umrandenden Himmels
  Tiefen, gehüllt in Rosengluth, die ersehnete Sonne;
  Aber sie schwand dann bald, von düsteren Wolken verschlungen,
  Wieder, und zeigt’ auch heute nicht mehr ihr freundliches Antlitz,
  Bis sie vom Abendthor erreicht das herrliche Ziel sah!
  Schon war drängende Hast und dumpfes Gemurmel im Lager
  Beider Gegner erwacht; schon sprengten die Herolde hierhin,
  Dorthin fort: des Heers Aufstellung den schaltenden Amtnern[1]
  Kund zu thun, wie solche zuvor der Herrscher gebothen.
  Ottgars dräuende Macht hob weit an dem dunkelen Spannberg
  Sich empor: ausdehnend rechts den mächtigen Flügel
  Bis g’en Weidendorf, und links an die Marken von Dürnkrut,
  Also geordnet in sechs Heersäulen, dem Feind zu begegnen:
  Hier an das Böhmen-Volk der Sachs und der Bayer, und drüben
  Reuß’ und Pol’ an jenes aus Mähren, gereiht, mit den Scharen,
  Kunrings: denn ihm verharrete dort mit erlesenen Kriegern
  Noch zu getreulichem Dienst Hadmar, der ältere; Leutold
  Nur, aufflammenden Zorns, zog jüngst mit den Seinen zur Burg heim.

    Aber wie gestern am Wall’, zu drei Heersäulen geordnet,
  Standen des Kaisers Reih’n entgegen den Reihen der Gegner,
  Und gedachten anjetzt vor dem Kampf, der Beicht und des Bußwerks:
  Denn manch tapferer Krieger sprach: „Wo weilt in des Heeres
  Ordnung der Seelenhirt, der von dem verirreten Schäflein
  Höre die Sünden bekannt, und im Nahmen des Herrn es entlasse,
  Ledig der Schuld? Ach, furchtbar wär’s, in solcher zu scheiden!“
  Bald gewahrt’ er den Wink, der ihm das ragende Zelt wies,
  Wo in dem dämmernden Raum, mit niedergehefteten Augen,
  Heiligen Mitleids voll, der Priester des Herrn zu Gericht saß.
  Willig senkten vor ihm auch sonst unwillige Knie’ sich
  Jetzt in den Staub, und, segengestärkt, bekannten die Krieger,
  Nicht durch Erdenmacht -- nein, nur von dem Herzen getrieben,
  Was sie gefehlt, und bereut; sie höreten warnende Lehren;
  Hörten erfreuenden Trost, und zuletzt den göttlichen Ausspruch,
  Der sie lös’te, nicht band, auf dem Wege des Heils und Erbarmens,
  Wie es der Meister gelehrt, der Menschen des Himmels Gewalt gab.
  D’rauf, als dort vor jeder der drei Heersäulen ein Priester
  Würdig die Feier des Abendmahls vollendete, traten
  Sie zu dem Tische des Herrn, und empfingen die Speise der Seelen,
  Klopfend die Brust dreimal mit des Kapernaonischen Hauptmanns
  Demuthssinn, der sprach: „O Herr, nicht würdig erkenn’ ich
  Mich, daß du einkehrst heute bei mir; doch, sprichst du ein Wort nur,
  Wird die Seele gesund!“ Und mit Freudigkeit stellten die Scharen
  Wieder sich auf in Reih’n, gestärkt in heiliger Andacht.[2]

    Jetzt erwacht’ in dem Lager Getös’. Der edele Ritter
  Rief den Knappen herbei, daß er säh’ nach dem Zaum’ und dem Bügel --
  Nach dem Sattel und Gurt: ob jedes dem mächtigen Schlachtdrang
  Haltbar sich wies’? da er selbst den Helm mit dem Riemen am Kinn sich
  Festigte; dann sein gutes Schwert, aus der Scheide gezogen,
  Prüfte, die Schneid’ entlang, mit sanfthingleitendem Daumen.
  D’rauf noch einmal umwandelnd das Roß mit forschenden Blicken,
  Faßt’ er hurtig den Zaum, und sagte zu seinem Getreuen:
  „Grüß’ mir den grauenden Vater daheim, so der Vater im Himmel
  Mich in dem Waffengemeng, durchbohrt vom feindlichen Eisen,
  Abruft: bald nachfolgt, vom Alter gebeugt, er in’s Grab mir!“
  Aber ein Anderer sprach: „Merk’ auf! So ich niedergeworfen
  Lieg’ auf dem Feld’, und du kehrst, so bringe der Grüße viel tausend’
  Dort der Schwester noch, der redlichen: denn in dem Leben
  Theilten wir Freud’ und Leid, vereint von der zartesten Jugend!“
  Wieder ein Anderer trat mit dem Knappen beiseit’, und geboth ihm:
  „Kömmst du vorüber die Burg, wo mir, holdselig, das Fräulein
  Treue Minne gelobt: oft hast du es selber gesehen,
  Wie von dem Erker sie mir, dem Scheidenden, thränenden Blickes,
  Nachsah, dann noch fern mit dem schimmernden Tuche mir winkte:
  O so sprich: „Treu bis in den Tod ihr weiht’ ich das Leben!“
  Doch der fromme Gemahl begann mit sinnendem Ernst so:
  „Redlicher, kehrst du, des Ritters beraubt, zur rühmlichen Heimath:
  Grüße die beste der Frau’n und die holdaufblühenden Kinder
  Alle mit herzlichem Wort! Die so edelgesinnete Gattinn
  Solle mir ja bewahren den Eid, und die munteren Jungen,
  Sorgend mit Mutterhuld, zur Furcht des Herrn auf der Wahrheit
  Hellem Pfad’ erzieh’n, daß sie Männer in jeglichem Sinne
  Werden, und wir vor Gott uns wiederfinden in Wonne!“

    So bestelleten dort, voll Hast, die gerüsteten Ritter,
  Vor dem Entscheidungskampf, des ergriffenen Herzens Geheimniß.
  Andere sprengten daher, und schüttelten Diesem und Jenem
  Freundlich die Hand, „leb’ wohl!“ auf immer vielleicht ihm zu rufen.
  Doch die, bundesgesellt, in den schimmernden Reih’n sich erblickten,
  Eineten sich mit betheuerndem Wort’ und mit kräftigem Handschlag:
  Nahe zu seyn in Gefahr, und zu schützen der eine den andern.

    Sieh’, da ritt, umringt von seinen gewaltigen Feldherrn,
  Nach vollendetem Mahle des Herrn, auch der Kaiser herüber!
  Hugo von Tauffers sah des Heers Aufstellung, und sagte:
  „Herr, nicht schweigt dein Haug: er kennt den gütigsten Herrscher!
  Heiße die Scharen in fünf, nicht in drei Heersäulen geordnet,
  Gegen den Feind vordringen im Feld, daß die tapferen Krieger
  Jeglichen Volks, entflammt von der rühmlichen Liebe der Heimath,
  Streben den andern zuvor, zu erringen den herrlichen Siegspreis.“
  „Klug hast du,“ sprach jener mit Huld, „mir gerathen. Des Weisen
  Rath ist besser denn Gold, und des Demants funkelnder Reichthum
  Wiegt ihn nicht auf. So möge das Heer in gesonderten Haufen
  Stehen: um mich die Ritter-Schar und die Völker aus Deutschlands
  Oberen Gau’n; dann rechts, in zwei Heersäulen der Ostmark
  Heldensöhn’ und der steyrischen Mark, und in zweien, zur Linken,
  Jene von Kärnthen und Krain, von muthigen Führern geordnet;
  Aber das tapfere Volk der Ungern stehe zur Rechten --
  Jenes der Kunen zur Linken zurück: im entscheidenden Zeitraum
  Vorzubrechen, und dort zu vernichten die fliehenden Scharen,
  Da von der Warte von Ebenthal der mächtige König,
  Schauend als Zeuge sein Volk, zum Sieg entflammet die beiden.“

    Also geschah’s. Noch war der volkvereinenden Fähnlein
  Pracht im Heer nicht enthüllt. Die Fahnenjunker entbanden
  Solche dem ragenden Schaft’, und sie flatterten jetzt in dem Wind hin,
  Zahllos, buntvermengt, wie im Lenze die Blumen des Feldes.
  Alsbald sprengten die Edeln heran, den Ruhm zu erringen:
  Vor dem Kaiser im Kampf’ einher zu tragen die Sturmfahn’:[3]
  Oestreichs Demantberg’ und Edelgesteine mit Konrad
  Haselau; dann Trautmansdorf mit seinem Erzeugten,
  Ach, dem einzigen jetzt, und auch Capellen mit Heunburg!
  Aber mit freudigem Stolz begann der erhabene Kaiser:
  „Werth seyd ihr des Ruhms, des herrlichsten, alle vor allen;
  Doch mein Haselau, der achtzigjährige Greis dort,
  Heischt ihn mit Recht: d’rum werd’ ihm heut die erlesene Stelle
  Oestreichs Siegespanier für Oestreichs ewige Herrschaft
  In der entscheidenden Völkerschlacht zu erhöh’n, und es steh’ ihm
  Lichtenstein, so er dort ermattete, hülfegesellet.
  Tritt, Markgraf von Hochberg, vor, und empfange die Reichsfahn’!
  Albrecht, du, mein ältester, komm, mir die erste der Fahnen,
  Die vor allen, geziert mit dem Bild des erlösenden Kreuzes,
  Aufragt, heut zur ermunternden Schau, in dem Kampfe zu weisen:
  Dicht vor mir in Gefahr und todverbreitendem Schlachtgrau’n,
  Wie du es selber ersehntest jüngst, im muthigen Herzen!“
  Hochberg hob nun zuerst des heiligen, römischen Reiches
  Fahne zur Luft, wo schwarz im gelbherschimmernden Feldraum
  Sich der Doppel-Aar, mit Zepter und Krone geschmückt, wies;
  Jene von Oestreich Haselau, ehrwürdigen Anseh’ns,
  Weisend den schneeigen Streif in Leupolds rühmlichem Blutfeld.
  Beide hielten, dem Kaiser nicht fern, zur Rechten und Linken;
  Aber vor ihm hob dann sein Albrecht die heilige Fahn’ auf,
  Die in dem grünlichen Feld mit dem Bild des Erlösers geschmückt war.
  Wieder begann er, und sprach vor dem Heere mit leuchtenden Augen:
  „Schwarzenberg, nun hin, zu erforschen den König von Böhmen:
  Ob er gerüstet im Feld’ uns heut zu begegnen, gewillt sey?
  Nahe der Vorderhuth, mit den Reisigen wirst du ihn treffen:
  Denn er kennt in Gefahren des Kampfs die unmännliche Furcht nicht!“
  Jener enteilete, wie der fernhinbrausende Sturmwind,
  Der des Staubes Gewölk auf dem Heerweg, wirbelnd, emporhebt.
  Bald annahte der Held dem nahenden Feind’, und gewahrte
  Dort an der Vorderhuth, im Kreis’ erlesener Feldherrn,
  Ottgars hohe Gestalt, der, herrlichgewaffnet, daherkam:
  Denn er hüllte das Haupt in den silbernen Helm, und es wand sich
  Rings um selben, die Kron’ aus strahlendem Golde, gezackt, auf;
  Auch der Harnisch und Schild, und am Arm und dem Beine die Schienen,
  Die er sich heute gewählt, erglänzten von Silber, und dräuend,
  Warf von des Degens Griff in der Rechten ein röthlicher Demant
  Blitz’ umher. So kam er, zum Kampf gerüstet, herüber.
  Als er den Ritter ersah, da hemmt’ er den schnaubenden Rappen
  Rasch mit zorngeröthetem Blick; doch jener begann so:
  „Herr, du hast den Frieden verschmäht: so bieth’ ich dir Krieg denn,
  Ich, von Schwarzenberg, des Kaisers gesendeter Herold,
  Krieg auf Leben und Tod, im Nahmen des Kaisers! Er fragt dich,
  Edelgesinnet, zuvor, nach altherkömmlicher Sitte:[4]
  Ob du, gerüstet zum Kampf’, ihn heut’ erwartest im Schlachtfeld?“
  Also der tapfere Held. Grimmlächelnd erwiederte jener:
  „Bring’ ihm die Kunde zurück: ich sey Streit’s halber[5] gekommen!“
  Sagt’ es, und wandte das Roß, im schnelleren Zuge die Krieger
  Vorzuführen zur Schlacht, und zu schrecklichem Feindesgemetzel.

    Schon verkündete Schwarzenberg, der edele Herold,
  Kehrend in Eile zurück, dem Kaiser, daß ewige Feindschaft
  Ihm der König gelobt, und bald vorstürme zum Angriff.
  Sieh’, und kaum entfuhr ihm das Wort, da jagten des Gegners
  Vorderste Haufen herab von dem Hügel; viel tausende folgten
  Bald den ersteren nach, und verdunkelten alle die Höhen!
  Manchem der Krieger, der zum ersten Male des Feindes
  Scharen ersah in dem Feld; noch nie der würgenden Waffen
  Furchtbaren Schlag vernahm, und empfand in dem Sturme des Angriffs,
  Pochte das Herz in der Brust viel mächtiger: wechselnde Schauer
  Liefen ihm fort und fort an dem Haupt und dem Rücken hinunter,
  Und zu dem Helmdach hob sich oft sein starrendes Haar auf.

    Doch nun ritten im Flug’ aus den Reih’n der mittleren Heerschar
  Hundert Jünglinge vor, die aus Zürich, dem Städtchen, gezogen;
  Stellten dort vor dem Kaiser sich auf, und einer begann so:
  „Möchtest du jetzt, erhabener Herr, ruhmwürdiger Sitte
  Denkend, ertheilen den Schlag, der uns den Edeln geselle!
  Ha, nicht soll es dich reu’n, wenn wir vordringen im Schlachtfeld!“
  Freudig entblößte der Kaiser sein Schwert, erhob es, und sagte:
  „Blühende Männer, wohlan: da ihr edele Thaten verheißet,
  So gescheh’ euch nach Wunsch! Hart drängt uns die Stunde: wir schlagen
  Darum euch nur auf den Helm und den Schild, nach edeler Sitte,
  Jetzt im Nahmen des Ein-dreieinigen Gottes zu Rittern.“
  Und er führte den Streich kreuzweis nach den Helmen und Schilden
  Aller umher. So wurden sie hier den Edeln gesellet.[6]
  Aber er sprengt’ im Fluge hinaus vor die glänzenden Scharen;
  Schwang das Eisen, und rief mit lautumschallender Stimme:
  „Tapfere, hört: nun gilt’s! Dort nah’t in furchtbarer Mehrzahl,
  Unversöhnlichen Grolls, der Feind, uns die Länder der Ostmark,
  Ja, auch die Krone des Reichs, im entscheidenden Kampf zu entreißen.
  Aber nicht soll er deß’ sich erfreu’n. Allmächtig ist Gottes
  Schützender Arm: er führt uns mit allumfassender Vorsicht
  Durch die sonnige Flur und die Nachtabgründe des Lebens:
  Fest ruht mein Vertrauen auf ihm. So werdet auch ihr jetzt,
  Stark durch Gott, mit unbeugsamer Kraft des endlichen Kampfes
  Schrecknisse siegend besteh’n; den eidverhöhnenden Frevel
  Strafen: erringen die langersehnete Ruhe für Deutschland;
  Gründen der Völker Glück und euren unsterblichen Nachruhm.
  Ha, und erliegen wir auch, so laßt uns erliegen als Helden!
  Eins sey mein, und euer Geschick: ich, Kaiser der Deutschen,
  Leb’, und sterbe mit euch auf dem winkenden Felde der Ehren.“
  Sieh’, und die jauchzenden Scharen entlang aufblitzten die Waffen
  Aller zugleich in die Luft: sie heischten urplötzlichen Angriff.

    Aber auch Ottgar rief entflammende Worte den Seinen:
  „Sehet,“ so sprach er mit grimmigem Blick, „schon naht uns des Gegners
  Heersmacht, der so frech uns höhnete, schändliche Täuschung
  Uebend an mir, und an euch: noch bebt mir die Seele vor Schauder,
  Denk’ ich’s! Doch er büße dafür: denn ewige Schand’ euch,
  So ihr nicht rächet die Schmach,
              die, gleich, dem Volk’ und dem Herrscher
  Böhmens galt. Gedenket der Zeltvorhänge von Kamberg,
  Strafet des Frevlers Trotz. Er brüste sich, daß ihm die Kunen
  Gestern erfochten den Sieg. Schaut hin nach den rühmlichen Feldern
  Kressenbruns, wo ich Bela’s Macht, vernichtend, in Staub warf.
  Ha, noch bin ich der Held, der euch vom Siege zu Siegen
  Führete! Fort -- greift an! Dem dräuenden Aare von Oestreich
  Möge der böhmische Leu’ nun weisen die furchtbaren Klauen.“

    Also empörten ihr Volk die schlachtgebiethenden Herrscher.
  D’rauf erscholl ringsher Geschrei und Getümmel; die Trommeln
  Wirbelten; laut in dem Sturm erklangen die eh’rnen Drometen:
  Hier die Reisigen, dort des Fußvolks Reihen zum Angriff
  Drängend im Feld’, und so, wie ein Lüftchen die wogenden Aehren
  Treibt im Kreise herauf und hinab: so bewegte sich hierher,
  Dorthin, wimmelnd, das Heer. Staub flog empor, wie im Märzmond,
  Wenn der eisige Nord-, dann wieder der brausende Westwind
  Noch den entfliehenden Winter hemmt, und am glänzenden Mittag
  Rieselgewölk aufjagt: da hebt sich im wirbelnden Aufflug
  Hoch in die Lüfte der flimmernde Schnee; da schwindet des Himmels
  Sonnige Bläue; das Thal, und die ringsaufragenden Berghöhn
  Hüllt das Gestöber in Nacht: so erregte der feindlichen Scharen
  Schlachtanlauf unendlichen Staub in den Saatengefilden,
  Und das Entsetzen schnob aus dem Grau’n des umnachtenden Qualms her;
  Aber nicht anders, wie dann, mit entfesselter Wuth, die empörten
  Stürzen aus Westen und Norden zugleich auf den wimmelnden Hafen,
  Wo das Gewässer des Meers, aufbrandend, sich hebt; von den Ankern
  Reisset das Seil, und jetzt, wild an einander geschleudert,
  Mitten im furchtbarn Wogengeheul, am zerschmetterten Schiffsraum
  Kracht der Raum, am Maste der Mast, und, berstend am Kiel hin,
  Donnert das hohle Verdeck, daß rings den umuferten Hafen
  Grause Zertrümmerung hüllt: so stießen die Heere zusammen.
  Sieh’, und seitwärts, weit vom Winde hinübergetragen,
  Legte sich jetzo der Staub in dem Feld: da sah’n sich die Gegner
  Näher in’s Aug’, und ha, bald traf das Eisen auf’s Leben!
  Doch, ach! mußte der Kampf für Rudolphs Helden so schrecklich,
  Und am schrecklichsten noch, für den einen der Helden beginnen?

    Zamor trieb aus der Vorderhuth die rüstigen Schützen
  Reussens vor in die Schlacht. Sie hatten der tödlichen Armbrust
  Sehne gespannt; den Pfeil in die Röhre des Schaftes geschoben;
  Fest an die Wange gepreßt den krummgebogenen Kolben;
  Dann im Lauf, nach dem Gegner zielend, das schnellende Zünglein
  Losgedrückt: urplötzlich ertönte die Sehn’, und erbraus’te
  Fort in der Luft der befiederte Pfeil, nach feindlichem Herzblut
  Lechzend: er traf, und verwundete Roß und Mann in den Scharen,
  Die aus der Steyermark herlenkte der tapfere Pfannberg,
  Und jetzt Trautmansdorf beherrscht: da jener, verwundet,
  Noch im luftigen Zelt des vielerfahrenen Arztes
  Sorge sich fügt: voll Gier, in die Schlachtreih’n wiederzukehren.
  Trautmansdorf ermahnete laut das treffliche Fußvolk
  Und die Reiter zugleich, des vaterländischen Ruhmes
  Eingedenk’, heut’ in dem Feld’ als mannhafte Streiter zu stehen.
  Freudig gehorchte das Volk,
              und im Sturmlauf ging’s an den Feind jetzt,
  Als, von der Armbrust her die befiederten Pfeile geschnellet,
  Zischten. Dicht vorüber dem Ohr des unglücklichen Vaters
  Flog ein mordender hin, und verschont’ ihn -- den zartesten Sprößling,
  Der ihm von zehn-und-vier noch blühete, niederzuwerfen.
  Hinter ihm sank ein Reiter vom Roß’. Er hört’ es, und bebte;
  Aber nicht sah er zurück, und rief des aufstürmenden Herzens
  Angst bekämpfend, noch lauter sein Volk zum Kampf und Gewürg’ auf.
  Erdwin war’s, der fiel, von dem Pfeil’ im Halse getroffen,
  Da in dem Sturmlauf jetzt die Halsberg’ sich von der Schulter
  Aufschob. Still, wie die Lilie sinkt, vom Hagel zerschmettert,
  Sank er vom Roß’, und, fallend, bath er mit sterbendem Blick noch,
  Daß kein Laut sein Geschick dem enteilenden Vater verrathe.
  Trauernd gehorchten dem Wink die raschvorstürmenden Krieger.
  Doch schon drang im beflügelten Ritt sein edler Erzeuger
  Bis in die vordersten Feindesreih’n,
              und schnell, wie der Blitz schlägt,
  Warf sein schrecklicher Arm fünf Schützen aus Reussen zu Boden.
  Zamor, des Volkes Hort, ersah den Würger, und alsbald
  Jagt’ er heran, den Tod der gefallenen Krieger zu rächen;
  Aber ihm eilte nur muthiger noch der Ritter entgegen;
  Faßte noch fester den Griff in die Hand, und hieb mit des Schwertes
  Tödlichem Stahl’ ihm die hochgethürmete Mütz’ und die Scheitel
  Tief in die Stirn’ entzwei, daß er stürzend vom Sattel hinunter
  Taumelte, laut aufstöhnt’, und das blühende Leben verhauchte.
  Ach, bald jammert die Gattinn daheim, die, heimlich im Busen
  Ahnend ihr Trauergeschick, dem scheidenden Gatten den Säugling,
  Schlummernd in lieblicher Unschuld wies, und die Knie’ ihm umfaßte,
  Flehend mit Thränen im Blick, daß er doch bei den Seinen verharre;
  Aber umsonst! Ihn rief der ruhmverheißende Heerbann
  Fort in das Feld, und er sank, erwürgt,
              in dem schrecklichen Kampf jetzt.
  Siehe, nicht rastete Trautmansdorf: er drängte die Schützen,
  Rasch fortkämpfend, zurück’, und Blut beströmte den Boden!

    Fern, vom gehügelten Sand’, ersah der Führer der Kunen,
  Suhol, der Eber genannt, dem Trentschins Gebiether den Herold
  Sendete: daß er ihm eine sein Volk, wie dort in dem Vortrab
  Trautmansdorf vor allen zuerst vordrang mit den Reitern.
  Das empört’ ihm die Brust, und, unbändigen Zorns, wie ihm stets noch
  Jugendlichheiß das Blut in dem leichtaufbrausenden Herzen
  Kochte, schwang er sein Eisen zur Luft, und begann vor dem Volk so:
  „Seht, dort fechten sie schon, und tränken ihr Schwert mit des Feindes
  Dampfendem Blut’, -- erringen wohl auch sich die Beute vor andern,
  Da wir, müßig im Hinterhalt, des unsicheren Vortheils
  Harren! Soll denn die Beut’ und der Siegsruhm stets nur die Deutschen
  Lohnen im Schlachtengefild? Stets sollen wir jenen zurücksteh’n,
  Eng’ in die Ordnung gebannt? Nicht also gefällt es dem Kunen:
  Denn er schwärmt in dem Feld, wie ein brausendes Donnergewitter,
  Frei umher, und erfüllt es mit Angst, Verderben, und Jammer.
  Auf, wir wollen hinaus, dem Feind’ in die Seite zu fallen
  Mit entsetzenverbreitender Hand! So holen wir Beut’ uns
  Selber, und Ruhm wird uns, die Sieger, nur herrlicher lohnen.“
  Alsbald gab er dem Rosse den Sporn, und es jagte sein Volk ihm
  Dann im brausenden Flug rasch nach: umschwärmend das Häuflein
  Kunrings, und schnellend zugleich von dem weitgehörneten Bogen
  Pfeile, so dicht, daß rings sich in nächtliches Dunkel der Luftraum
  Hüllete. Bald traf hier, bald dort der befiederte Mordstahl
  Reiter und Roß, und verwundete viel’ in der nahenden Kriegsschar;
  Doch als solches die Pfeile verschoß, den entleereten Köcher
  Und den Bogen, vereint, mit der Schnur auf den Rücken zurückwarf:
  Da griff’s rasch nach dem Säbel,
              und hieb mit Gejauchz’ in die Feind’ ein.
  Kunring hatte den Speer gesenkt; das unbändige Reitroß
  Links gespornt, und rechts, und die wildumschwärmenden Krieger
  Niedergeworfen, bis ihm ihr Feldherr, Suhol, der Eber,
  Seitwärts nahend im Flug, mit dem Säbel die Lenden durchrannte.
  Alsbald sank er vom Sattel herab: die erschrockenen Krieger
  Wichen zurück, und im Feld hin scholl Geschrei und Getümmel.

    Ottgar bebte vor Zorn, da er so, im beginnenden Kampf schon
  Wieder die Gegner im Vortheil sah, und die Seinen im Feld hin
  Flüchteten. Sieh’, da schwang sich, ergrimmt, der finstere Katwald
  Aus den Lüften herab, und rief im Geistergelispel:
  „Wehe, du schaust die Deinen besiegt, noch ehe die Gegner
  All’ ihr Schwert entblößten, und eh’ den ragenden Speer sie
  Senkten zum Todesstoß’! Unglücklicher, willst du noch zaudern?
  Wähle sogleich die tapfersten dir aus des Heeres Geschwadern;
  Führe sie kühn selbst vor, zu erwecken den Muth in dem Herzen
  Aller umher: so erringst du vielleicht den herrlichsten Sieg noch!“
  Ottgar rief alsbald nach Lobkowitz, schreiend hinüber:
  „Tapferer Greis, nun vor mit deinen geharnischten Reitern,
  Hier den allentscheidenden Sieg mir heut zu erkämpfen!
  Groß ist der Ruhm, den dieser mir beut; doch größer die Freundschaft
  Noch, und die Liebe, die ich, dein König, dankbargesinnet,
  Dir werkthätig bewies seit dreißig entflohenen Jahren.
  Dessen gedenk’ anjetzt, und vergilt mir mehr, als die Schuld war!“
  Dann entsendet’ er dort an Zierotin, und den Herzog
  Bayerns die Herolde: Muth und dauernde Kraft in dem Busen
  Beider zu wecken, und hier entboth er, gewaltigen Ausrufs,
  Selber die Kühnsten im Heer’,
              und führte sie rasch in die Feldschlacht.

    Nicht entging es dem Blick des erhabenen Kaisers, wie tapfer
  Trautmansdorf vordrang, und die stürmenden Schützen zurückwarf:
  Freud’ erfüllte sein Herz; doch bald versiegte sie wieder,
  Als der Kune so frech, der Willkühr fröhnend, zum Angriff
  Flog. Kein Sterblicher hemmte den Fels, der, rollend aus Alphöh’n,
  Schneller und schneller herab in das Thal
              mit donnerndem Sprung fleugt:
  D’rum geboth er auch jetzt, den edelen Rittern und Feldherrn,
  Winkend, das Feldgeschrei. Urplötzlich ertönte der Aufruf:
  „Gott mit uns!“ im östreichischen Heer’, und „Praga!“ zur Losung
  Allentscheidender Schlacht, in dem böhmischen, lauter und lauter,
  Durch drometenden Schall und den Lärm fortwirbelnder Trommeln,
  Und in dem staubumwölkten Gefild traf Reiter und Fußvolk,
  Ritter und Knappe zugleich in schrecklicher Eile zusammen.
  Wie, herstürmend, der Donner rollt, daß die Vesten des Erdballs
  Zittern, ritt im Galopp mit den schwergeharnischten Reitern
  Lobkowitz näher, und schlug der Kunen umschwärmende Scharen
  Mordend zur Erd’, als Suhol, ihr jüngsterlesener Führer,
  Sank vor seiner Gewalt, und, entmuthigt die andern entflohen.
  Sieh’, auch Trautmansdorf, von den Reitern entblößt, und der Unzahl
  Bloßgestellt, wich nun vor Lobkowitz! Aber dem Leu’n gleich,
  Der, von unbändigen Rüden verfolgt, noch häufig sich wendet,
  Und noch manchen zerreißt mit den schrecklichen Zähnen: so wies er
  Ihm die muthige Stirn’, da er fechtend die Scharen zurückzog.

    Meinhard warf sich zuvor rechts hin auf Heinrich, den Herzog
  Bayerns: denn voll Kraft und verwegenen Muthes im Schlachtfeld,
  Waren die Krieger aus Kärnthen und Krain ihm gefolgt, und es stürmten
  Oestreichs Tapfere links, geführt von dem kühnen Capellen,
  Gegen die Sachsen vor, die Mansfeld, furchtbaren Grimmes
  Würgen heißt. Da war, entlang die feindlichen Reihen,
  Schrecklicher Mord, Wehklag’, Aufjauchzen und Jammern zu hören:
  Da zu schau’n das Entsetzliche: wie der erbitterten Gegner
  Manche, schon nahe dem Tod, sich im Staub noch, würgend, umfaßten,
  Und das Blut der Erschlagenen, gleich aufschäumenden Bächen,
  Wogte hinauf und herab in dem grau’numnachteten Schlachtfeld.
  Bis an des Himmels Gewölb’ empor die mittägliche Sonne
  Sich erhob, die heut’ ihr strahlendes Antlitz in Wolken
  Hüllete, wies die Völkerschlacht, wie auf stürmischer Meerfluth
  Ein entmastetes Schiff, hinauf und hinunter im Kreis’ treibt,
  Sich im wechselnden Glück; doch jetzt gelang es dem Helden
  Lobkowitz, rasch vorstürmend im Feld, der mittleren Heerschar
  Obzusiegen. Sie wich nur langsam, und stellte sich wieder,
  Gegen den Feind, erneut, die tödliche Waffe zu führen;
  Aber mit leuchtendem Blick und muthgerötheten Wangen,
  Sprengte der König das Roß von Reihen zu Reihen. Er schalt, bath,
  Und bewegte sein Heer noch eilender vor in dem Blachfeld.
  „Jetzo hinan,“ so rief er, und schrie, daß die Völker erbebten,
  „Jetzo nur muthig hinan: denn Ottgar führt euch als Sieger!
  Seht, wie Jene vor euch entflieh’n; fort, schmettert sie nieder!“
  Also braus’te das Wort, empörend, ihm von den Lippen.
  Wie den nächtlich umwüthenden Brand, der viele der Häuser
  Schon vernichtete, noch das Volk zu bewältigen hoffet:
  Denn still ruhen die Lüft’ umher; doch plötzlich erhebt sich
  Ein feindseliger Sturm, und unaufhaltsam hinunter
  Wälzt sich von neuem der Strom des empöreten Feuers: so stürmten
  Ottgars Völker dahin, und drängten die Gegner im Blachfeld,
  Immer rascher und rascher zurück. Ein Körnchen Gewichts mehr
  Auf die Schale des Leu’n, und den himmelannahenden Räumen,
  Seinem erkorenen Reich’, entsank der Adler auf immer.

    Rudolph sah des Augenblicks kurzdauernden Zeitraum
  Lang, bestürzt, umher, und ihm dunkelten nächtlich die Augen.
  Deutschlands Ruh’, und des Reiches Wohl,
              dem, herrschend mit Thatkraft,
  Er sich geweiht, ersah er von neuem gefährdet, und allwärts
  Wieder entfesselt die Wuth der grau’nverbreitenden Willkühr;
  Doch bald schwang sich sein Geist aus der Erdennacht in des Himmels
  Ewiges Lichtreich auf, wo ein mächtiger Helfer ihm lebte.
  Schnell verließ er den Sattel, und lag auf den Knieen im Staub dort,
  Laut aufrufend vor allem Volk mit gefalteten Händen:
  „Ewiger, komm’ uns, errettend, zu Hülf’! Ach, wende die Augen
  Nicht von uns ab: denn nicht entzündeten, frevelnden Muthes,
  Wir den blutigen Streit: nur unversöhnlicher Rachgier,
  Und zermalmender Wuth steh’n wir, abwehrend, entgegen!
  Gib uns den Sieg! Ein Gelübd lebt mir, erhebend, im Herzen:
  Denn ich schaue dein Heil, wie der erste der christlichen Kaiser,
  Huldausstrahlend, vor mir: des weltversöhnenden Kreuzes
  Heiliges Zeichen, in dem ich den Sieg erringen, und dankbar
  Ihm, zu verehrendem Dienst, für immer und ewige Zeiten,
  Stiften ein Gotteshaus, und zu ihm versammeln die Jungfrau’n
  Werde zu Tulln, am Ufer der freihinrollenden Donau.
  Sey dem Gelübd von dir, Allmächtiger, Huld und Erhörung!“
  Als er’s rief, da fuhr ein leuchtender Strahl aus den Wolken,
  Und erfüllt’ ihn mit Muth und Freudigkeit. Sieh’, auf dem Lichtstrahl
  Schwebt’ ein Engel daher, und hieß die Scharen der Geister,
  Welche die Schlacht herab aus dem Uebersinnlichen lockte,
  Flieh’n, daß keiner im Kampf sich den Gegnern als Helfer erweise!
  Alle gehorchten, und sah’n, umher in den Wolken sich lagernd,
  Noch voll Gier auf die Streiter herab; nur einer aus allen,
  Marbod, stand, und sann den Worten des bethenden Kaisers
  Trauernd nach. Da erklang urplötzlich ein Ruf aus den Wolken.
  Ha, sie rissen entzwei: Erwine, die liebende Gattinn,
  Sank ihm, weinend vor Wonn’, an die Brust.
              Sie entschwebten des Erdballs
  Dunkeln Gefilden, vereint, auf dem Sirius, der in dem Sternreich
  Herrschet, im Lauf des vom Ewigen nur ermessenen Zeitraums,
  Huldbeglückt, und des Erdenjammers vergessend, zu weilen.

    Aber mit leuchtendem Blick’ erhob der Kaiser der Deutschen
  Sich von dem Staub’: ein Strahl der himmlischhohen Begeistrung
  Glänzt’ in ihm, und auf seinen gerötheten Wangen. Betroffen
  Staunten die Krieger ihn an; doch all’ aufjauchzten mit einmal,
  Als er das schnaubende Roß vortummelte, dann mit dem Schlachtschwert
  Auf den nahenden Feind hinwies, und, ermuthigend, ausrief:
  „Gott ist mit uns! Eilt jetzt, gleich loderndem Feuer im Saatfeld,
  Gegen den Feind; vertilgt ihm schnell die Haufen, und schafft mir
  Heut’ unendlichen Ruhm, da ich euerem Muthe vertraute.
  Euer zugleich ist der Ruhm und der Dank noch spätester Nachwelt:
  Denn wir kämpfen für Deutschlands Glück, als Deutsche, der Ahnen
  Werth, die, tapfergesinnt, sich nie im Joche des Fremdlings
  Beugeten. Hört, der Herr ist mit uns, und scheuet den Tod nicht,
  Hier der heiligen Pflicht und des Vaterlandes gedenkend!“
  All’ entflammte sein Wort: ein jeglicher Mann in den Reihen
  Lechzte vor Gier, schnell vorzudringen im Feld’, und zu sterben
  Dort den Tod für das Vaterland und die heilige Freiheit.
  Aber nach Albrecht sah vor allen sein hoher Erzeuger
  Mit bedeutendem Blick’, und freudiger ging er im Schlachtfeld,
  Hoch in der Linken die Kreuzesfahn’,
              in der Rechten das Schlachtschwert
  Führend, ihm vor. Das Panier von Oestreich, als ihm des Greises
  Arm ermattete, trug der hochgesinnete Kampfheld,
  Lichtenstein, und die Reichsfahn’ ihm der tapfere Markgraf
  Hochberg vor in die Schlacht. D’rauf folgten die älteren Ritter
  Ihm mit den Edeln aus Zürch, die, heute zu Rittern geschlagen,
  Kühn voreileten. Laut ermahnt’ er sie noch mit den Worten:
  „Jünglinge, vor, und ahmt die Tapferen, die sich schon früher
  Als die Meister im Feld’ erprobten, jetzt in dem Kampf nach!“
  Jen’ entgegneten jauchzenden Rufs: „Wir halten dir Wort, Herr!“
  Und entfloh’n. Doch schnell vorstürmten die muthigen Scharen,
  Die sein Erzeugter ihm warb in den rheinischen Landen, in Schwaben,
  Und in dem Schweizerland, und die vor allen gewaltig,
  Altgedient, und in jeder der Kriegsarbeiten erfahren,
  Ihm auch heut’ errangen den Sieg in dem Kampf der Entscheidung.

    So, wie der eiserne Keil, vom gewichtigen Hammer getrieben,
  Den mit kräftiger Hand im Gehölz aufschwinget der Löhner,
  Krachend, entzwei den Stamm des hundertjährigen Eichbaums
  Spaltet, daß rings umher die Splitter fliegen: so drang jetzt
  Rudolphs raschgeordnete Macht in das feindliche Heer ein.
  Kreischender rief die Dromete zum Sturm; die erregende Trommel
  Scholl ergrimmter, und rings, und überall drängten die Führer
  Mit gewaltigem Schrei den Krieger vor zu dem Angriff,
  Daß er noch heißer entbrenne vor Gier: muthfest und entschlossen
  Niederzuschmettern, was entgegen sich warf in der Feldschlacht,
  Und entsetzlich war das Gewürg’ in dem Waffengetümmel;
  Doch, wie ein Felsendamm in dem waldumschatteten Weiher
  Sich entgegenstemmt den Gewässern des thauenden Frühlings,
  Unerschüttert und fest: so stemmte sich, eiserngesinnet,
  Ottgar hier dem stürmenden Feind’ entgegen, und wich nicht.
  Stundenlang fortwährete schon das tödliche Ringen
  Tausender gegen einander im Feld! Den tapferen Böhmen,
  Die in der Heerschar Lobkowitz lenkt’, vereinte der König
  Bayerns und Sachsens Macht, und führte sie selbst in die Schlacht vor.
  Zahllos lag sein Volk, erwürgt, auf dem Boden; unzählig
  Warf auch er die Gegner, entseelt, in den Staub, und es ragten
  Von den hundert, zuvor zu Rittern geschlagenen Zürchern,
  Jetzo nur wenige mehr. Wie im hagelgetroffenen Saatfeld
  Einzeln die Halme noch steh’n, die andern bedecken den Boden
  Weit, zermalmt von dem sausenden Eis: so ragten auch hier nur
  Einzeln die Helden noch auf, die aus Zürch gezogen; verwundet,
  Oder todt, verlor sich im Feld das tapfere Häuflein,
  Niedergeworfen durch Ottgars Kraft und zerschmetterndes Eisen.

    Doch stets näher kam dem gewaltigen König des Todes
  Dunkles Geschick. Bald sinkt er in Staub, all’ irdischer Hoheit,
  Macht, und Würde beraubt, dem ärmsten im Heere vergleichbar:
  Denn zu entscheidender That aufboth der Edle von Tauffers
  Nun die Schützen Tyrols. Er drang im brausenden Schlachtfeld
  Dort mit den kühnen entsetzlicher vor, und, nimmer ermüdend,
  Spanneten sie die Sehn’ an der Armbrust; legten den Pfeil an,
  Zielten, und schnellten ihn fort in die Luft. Unhemmbaren Fluges,
  Saus’t er in Eile dahin, und traf stets sicher in’s Leben:
  Denn gewohnt ist das Aug’ und die Hand tyrolischer Schützen,
  Mitten in Feindesbrust des Todes Geschoße zu senden.
  Doch nun winkte der Held dem Geübtesten, der in den Gauen
  Rings umher, im _Kreis_- so wie auch _Hauptschießen_ berühmt war:
  Wenn Zielscheiben, erhöht vor dem Thor’ an festlichen Tagen,
  Manchen des Schützenvolks aufregeten, stets in der Mitte
  Drüben zu treffen, und stets zu erringen das Beste vor allen.[7]
  „Martin,“ so rief er ihm zu, „sieh’ hin, wie der König von Böhmen
  Dort vortummelt das Roß in dem Feld’, und unsere Völker,
  Jenem Unsterblichen gleich, der Pharao’s Erstlinge tilgte,
  Niederwirft! Versuche denn jetzt, ob, sausenden Flugs, nicht
  Ein befiederter Pfeil, durch dich geschnellt von der Armbrust,
  Ihn erreicht, und erlegt -- dir Lohn und auch Ehre gewinnet.“
  Jener entgegnet’ ihm laut: „Nicht geiz’ ich nach Gold und nach Silber:
  Zierlein nah’, und nicht fern dem wunderlieblichen Innsbruck,
  Ruht mein Haus an der Felsenwand, die hoch in die Wolken
  Aufragt, reingezimmert erst jüngst, und mit Habe gesegnet;
  Doch so ich heute im Feld den blutgierathmenden König,
  Oder sein Roß, mit dem tödlichen Pfeil durchbohrete: ha, da
  Rühmt von der Martinswand mich noch die späteste Nachwelt!“
  D’rauf entsandt’ er den Pfeil: er durchbohrte dem Rosse des Königs,
  Sausend, die Brust, da es auf in die Luft sich bäumte, des Reiters
  Ingrimm theilend; es sank auf den Rücken, und warf ihn herunter.
  Wildes Getümmel erscholl um den Stürzenden. Reisige schwangen
  Alsbald sich vom Sattel herab, vor Gefahr ihn zu schirmen;
  Doch erhob er sich schnell, und ermahnte, besteigend das Streitroß,
  Das ein Reiter ihm both, mit donnernder Stimme die Krieger:
  Nimmer zu rasten vom Streit’, und den herrlicherrungenen Vortheil
  Rasch zu verfolgen: schon nahe dem Ziel des entscheidenden Sieges.

    Aber im Feld verhallte sein Ruf. Der furchtbare Keil drang
  Vor mit zermalmender Kraft; vordrang, die Fahn’ in der Linken,
  Und in der Rechten das würgende Schwert, des Kaisers Erzeugter,
  Also auch Lichtenstein und Hochberg; also der Ritter
  Glänzende Schar, und, vereint, der tapferen Schweizer und Schwaben
  Siegsruhmdürstende Macht. Doch, als der erhabene Herrscher
  Auch den Trentschiner entboth, mit den kühnen, magyarischen Reitern
  Einzubrechen im Sturm in die Seite des Feindes, und Meinhard
  Dort, hier Otto von Meissau, gleich dem tapferen Helden
  Trautmansdorf, ihr Volk vortummelten: siehe, da wankte
  Ottgars Macht. Wie ein Wald an den schwer zu erklimmenden Höhen,
  Losgewühlt aus dem Grund von innenaufschwellenden Wässern,
  Erst nur langsam, nur zitternd sich regt; dann plötzlich zum Abgrund
  Taumelt mit Erd’ und Gestein, wild durcheinander geschleudert:
  So, nach gewaltigem Kampf, dem entscheidenden, wankten, und stürzten
  Ottgars Völker dahin; nachbraus’te der Feind, in dem Rücken
  Rastlos würgend, und sät’ ergrimmt die Leichen im Feld hin.
  Allwärts war auch das blitzende Schwert des Kaisers zu schauen,
  Und zu vernehmen sein Ruf, der vorwärts drängte die Scharen;
  Dennoch vergaß er auch, mitten im Kampf, der verwundeten Krieger
  Nicht; er hieß mit gebiethendem Wink sie zurück, nach dem Rückhalt
  Tragen, und dort der Sorgfalt kundiger Aerzte vertrauen.
  Aber warum hält er nun plötzlich sein feuriges Roß an?
  Ach, ein Verwundeter streckt, mit lächelndsterbenden Augen,
  Seine Rechte nach ihm empor, und ruft ihm ein „Leb’wohl!“
  Matt, doch freundlich noch zu! Sein Müller, der tapfere Held war’s.
  Tief, zu den Mähnen des Rosses hinab, sank leise des Kaisers
  Blässeres Antlitz: er sah mit starrendem Aug’ in die Augen
  Seines Getreu’n, bis, thränenumhüllt, ihm’s dunkelte. Stöhnend
  Gab er dem Rosse den Sporn, und flog wie ein brausender Sturmwind
  Dort nun wieder hinaus, wo am lautesten tönte der Schlachtruf.

    Wohlgeordnet, und schnell: denn Lobkowitz deckte des Heeres
  Rücken, voll Heldenkraft mit den schwergeharnischten Reitern,
  Zog sich Ottgar jetzt nach den mittleren Höhen von Spannberg
  Aufwärts, dort dem Feind’, erneu’t die Spitze zu biethen:
  Denn weit überwog an der Zahl, in dem Waffengemeng schon
  Seine des Kaisers Macht, und siehe, noch stand in dem Rückhalt
  Milota! Laut entboth er vor sich den muthigen Feldherrn,
  Zierotin, und begann: „Nicht kam uns zuvor in dem Schlachtfeld
  Milota, selbstvorschauenden Blicks, zu Hülfe. Noch steht er,
  Ungeschwächt, mit der Schar der tapferen Mährer im Rückhalt;
  Doch jetzt brech’ er vor, und fall’ in die Seite des Gegners,
  Links anstürmend, da wir zugleich mit vereintem Vermögen,
  Und unhemmbarer Kraft, auf den mittleren Haufen uns werfen.
  Groß ist erst die Gefahr, so er säumt; ihm vertrau’ ich: er eile!“
  Rief’s, und im sausenden Flug fortsprengte der edele Feldherr.
  Aber des Siegers Heer drang Ottgarn näher und näher.
  Wie vom verwundeten Leu’n, so sehr er auch strebt, zu entkommen,
  Sich die lautumbellende Schar gewaltiger Rüden
  Nicht mehr fernt; ihn, stets blutgieriger, treibt, und bedränget,
  Bis er, ermattet, sinkt auf den sandigen Höhen: so ließ auch
  Jetzt von dem König, im Kampf, nicht mehr der verfolgende Feind ab:
  Denn mit flammendem Muth und unwiderstehlicher Thatkraft
  Eilte, zum Siege geführt von dem tapferen Grafen von Nürnberg,
  Schwabens Heldenvolk und der Schweiz gefürchtete Kriegsschar,
  Rasch die Höhen herauf, und wüthete dort in den Reihen
  Kühnabwehrender Gegner, vereint, mit gesenketen Lanzen,
  Allvernichtend, umher. Entsetzlich erscholl das Getümmel.

    Ottgar sah im brausenden Feld den verhaßtesten Gegner,
  Rudolph jetzt, voll Grimms, wie er schaltete: Reiter und Fußvolk
  Drängend vor mit gewaltigem Wort’, und das furchtbare Schlachtschwert,
  Deß’ Blitzglanz vom Blut nur tapferer Gegner verhüllt war,
  Aufschwang -- sah den Kaiser, und Wuth und unendliche Rachgier
  Wandelte schnell sein Aug’ in Feuer und Flammen. Er spornte,
  Hemmte sein Roß dreimal, in dem wildumtobenden Schlachtgrau’n
  Ihm die Spitze zu biethen, gesinnt; doch immer ergrimmter,
  Brachen die Gegner heran (nur Lobkowitz stand in dem Kampf noch,
  Gleich dem Felsen im Wogentumult) und zur Linken und Rechten
  Wich sein Volk geworfen, zurück in dem stäubenden Saatfeld.
  Jetzo wandt’ er das Roß, und forscht’: ob Milota vordrang?
  Denn nicht schien ihm verloren der Sieg, so er rasch in die Seiten
  Stürmte dem Feind. Doch, ach, was sah er, vor Staunen erstarret?
  Staub flog auf im Gefild’, und Milota jagte von dannen!
  Ihm nachbraus’te die reisige Schar, und das mährische Fußvolk,
  Das er mit täuschendem Wort, dem König zum sichern Verderben,
  Erst zu dem Rückhalt zog. Mit verhängtem Zügel, und fernher
  Winkend, naht’ auch Zierotin. Ihm folgten am Fuß nur
  Zween, der flüchtigen Schar sich entreißende Brüder: der Hanna
  Fruchtbarem Land entsprossen die Edeln. Der Nahende sprach jetzt:
  „Herr, nicht künd’ ich es, was dein Auge gesehen -- des Frevlers
  Schnöden Verrath! Hohnlachend vernahm der schändliche Mann erst
  Dein gebiethendes Wort, dann rief er mit grimmigen Blicken:
  „Eile zurück zu dem Könige, sprich: so räche der Vater
  Seine Tochter an ihm: er fahre denn, fluchend, zur Hölle!“
  Also der Rach’ allein, nicht des Vaterlandes gedenkend,
  Floh er mit jenen Verräthern davon, die er früher gewonnen.
  Nur die beiden dahier mir eilten zum mächtigen Trost nach:
  Zeigend, daß noch in der Brust der Tapferen Ehr’ und Gewissen
  Herrlich sich eint, und dir die erlesensten Männer noch treu sind.“

    Ottgar sah nach den Zween mit bewegtem Gemüth’, und begann so:
  „Laß den Verräther flieh’n. Noch sind die erlesensten Männer,
  Also sprachst du mit Recht, mir treu. Nicht im dahlenden Frohsinn
  Will das Große gethan, das Gewaltige, spielend, vollbracht seyn:
  Denn, ein leuchtender Blitz in des Lebens umnachteten Stunden,
  Flammet es auf in der Brust, und wecket den Ernst und die Thatkraft.
  Jetzt umnachtet auch uns die Gefahr; doch laß uns, noch kühner,
  Dringen hinaus zu dem Tag’, und so dort fallen im Licht nur!“
  Rief’s, und spornte sein Roß, umschauend: ob er zur Linken,
  Oder zur Rechten hinab es wende, die kämpfenden Scharen
  Nun zu gewagter, die Schlacht urplötzlich entscheidender Kriegsthat
  Anzufeuern, und so mit unwiderstehlicher Kühnheit
  Festzuhalten das wankende Glück, das sonst ihm getreu war.
  Doch dort floh’n, gedrängt von den Söhnen der Steyer- und Ostmark,
  Bayern und Sachsen zurück; hier sank, an der Schulter verwundet,
  Lobkowitz, er, der untad’lige Held, aus dem Sattel, und, schreiend,
  Braus’te das reisige, gleich dem vorgedrungenen Fußvolk
  Böhmens, herüber im Feld, durch Meinhards Völker geworfen,
  Und gedrängt von dem Hort Trentschins, zur Flucht und Verwirrung:
  Da in dem Kern des Heers ihn selbst der edelen Ritter
  Glänzende Schar, und, vereint, die tapferen Schweizer und Schwaben
  Näher und furchtbarer stets bedroheten, horchend des Kaisers
  Schlachterregendem Ruf’ in dem wildempörten Getümmel.

    Mansfeld erst, dann Zierotin, die Scharengebiether,
  Jagten herüber im Feld’, und riefen dem König: „Entfliehe!“
  Aber er sah, voll Wuth, nach den Rufenden; faßte sein Schwert noch
  Fester zur Hand, und begann: „Wer sprach ein schmähliches Wort aus?
  Nichts von Flucht mir gesagt! Ich lebt’ als König, und sterben
  Werd’ ich als solcher, dem Feinde zum Trotz, auf dem Felde der Ehren.
  Mir nach, wem sie noch werth im rühmlichen Leben und Tod’ ist!“
  Wie der gewaltige Leu’ sich wüthenden Tigern entgegen
  Wirft in des Abends Grau’n: die hochaufsträubenden Mähnen
  Flattern mit Sturmes Weh’n um den Nacken ihm; dunkelgeröthet
  Funkeln hervor aus den tiefgesenketen Brau’n ihm die Augen,
  Als er naht mit Gebrüll, dem so, wie dem rollenden Donner,
  Drönt das Gefild, und peitschend sich mit dem buschigen Schweifhaar
  Beide Seiten, sich selbst entflammet zur Wuth: da erliegen
  Links, rechts ihm, zerschmettert zugleich, die umdrängenden Gegner:
  Also warf sich auch er vor allen den Rittern entgegen,
  Daß ihm noch ein’, und der andere dort, östreichischen Blutes,
  Fiele durchbohrt: denn fest bewahrt’ er den Haß noch im Busen.
  Jene, erregt von dem stachelnden Wort, nachjagten ihm brausend.

    Sieh’, ihm ritt, tollkühn, der jugendlich blühende Ritter
  Falkenberg, in den Weg, den oft sein strenger Erzeuger
  Heimlich und offen gestraft, ihn zu bändigen; aber vergebens:
  Denn er quälte die Menschen und Thier’, und beherrschte des Herzens
  Unmuth nicht, der stets zu gewaltsamen Thaten ihn hinriß.
  Ottgar jagte das Roß dem Nahenden seitwärts vorüber;
  Schwang sein Eisen, und hieb im Flug mit unbändiger Kraft ihm,
  Sausend, den Helm und die Scheitel entzwei: er stürzte zum Boden.
  D’rauf erreichte sein Schwert auf dem Todespfade den Helden,
  Dietrichstein. So schnell, so kundig der Tapfere vordrang,
  Ihn mit gesenktem Speer’ aus dem Sattel zu heben, so kam ihm
  Ottgar doch, verderbend, zuvor, und bohrte den Mordstahl
  Ihm durch Harnisch und Wamms in das muthvollschlagende Herz ein
  So, daß er lautlos, bleich, entseelt, an dem Rosse herabsank.
  Jammern werden daheim die zartaufblühenden Kinder
  Da er, schon frühe der Gattinn beraubt, ein liebender Vater,
  Oft auf den Armen sie trug, und so mild, so freundlich und gut war.

    Schnell, zu rächen das Blut der Erschlagenen, blitzten auf Ottgar
  Jetzt unzählige Speere heran. Da brausete pfeilschnell
  Otto von Meissau vor, von dem Herrscher gesendet, und schrie laut:
  „Ritter, schont den Gesalbten des Herrn: so geboth es der Kaiser!“
  Rief’s; doch jener ergrimmte noch mehr, und spornte sein Streitroß
  Mitten unter die Schar (zu sterben entschlossen) den heißen,
  Glühenden Durst nach Rach’ im Blute der Feinde zu löschen.
  Jetzt umgab ihn des Todes Grau’n. Die furchtbaren Ritter,
  Merenberg, die, beide mit nie gesättigter Blutgier
  Näher und näher herbei an die Seite des Königs sich drängten,
  Sorgend: er beuge sich dort, ein Gefangener, oder er falle
  Andern, nicht ihren, durch Haß zur Rache bewaffneten Händen,
  Sprengten dicht vor ihn hin; eröffneten, schnaubend vor Mordlust
  Ihren geschlossenen Helm, und der ältere rief ihm noch laut zu:
  „Sieh’, gleich Rachegeistern, vor dir die furchtbaren Brüder,
  Merenberg -- ein Nahme, der dich zur Hölle hinunter
  Schleudert! So fahre denn hin, Unmenschlicher, stirb, und verzweifle!“
  Ha, und sie bohrten den schneidenden Speer mit wildem Gejauchz’ ihm,
  Beide zugleich, in das Herz (ihm fest in die sterbenden Augen
  Schauend) und also, voll Hast, mit stets empörterem Ingrimm,
  Zwölfmal noch in die tapfere Brust, in den Hals, und den Rücken,
  Bis er, von Wunden bedeckt, hinsank, und das Leben verhauchte.

    Wüthender flog in dem Feld dem Besiegten das siegende Heer nach;
  Aber vor allen das reisige Volk der Magyaren und Kunen,
  Heute zu einem vereint, und gehorchend dem tapferen Helden
  Von Trentschin, der stets den Flüchtenden, mordend, im Rücken
  Lag, und das Land umher mit unzähligen Leichen besä’te.
  Rastlos fort g’en Schrieck; dann weiter und weiter von Asparn
  Bis g’en Laa, der ummauerten Stadt, nachjagten die Ungern
  Ottgars fliehendem Heer’, und, wo sie dann der Verfolgung
  Endlich setzten ein Ziel, wird heute zu Tage das Dorf noch
  „Ungerndorf“ genannt: dem Heldenvolke zum Denkmaal.
  Siehe, die Wolken entfloh’n; der Geister unzählige Scharen
  Brauseten, lautaufjubelnd, davon, und die scheidende Sonne
  Sah von dem Abendthor, verklärt, auf des Sieges Gefild her!



  Zwölfter Gesang.


  Schauerlich irrt durch Nacht und Grau’n ein zitternder Lichtstrahl
  Ueber das schweigende Schlachtfeld hin. Nicht lang’, und es folgen
  Ihm unzählige nach; viel hundert Fackeln erhellen
  Bald die Gegend umher: ihr Schimmer, vom Winde gefächelt,
  Wogt (entsetzlich zu schau’n!) auf den bleicherstarreten Leichen
  Tausender blitzschnell fort, und erfüllet die Seele mit Wehmuth.
  Doch wen suchen, voll emsiger Hast, die furchtbaren Männer
  Jetzo, schreitend umher, in den weiten Gefilden des Todes?
  Ottgarn! Sieh’, und bald verkündete drüben ein Hügel
  Rings um ihn her erschlagenen Volks, wo er muthig im Kampf sich
  Wehrete, bis er, durchbohrt, den Rachebrüdern dahinsank!
  Dorthin wandelte, schweigend, der Zug; die leuchtende Flamme
  Wies ihn: erkennbar leicht, obgleich entblößt von des Heeres
  Plünderndem Troß, wie er lag im finsteren Kreise der Leichen,
  Mit den heruntergezogenen Brau’n, und den Lippen, zum Bogen
  Eingekrümmt vor Zorn: denn selbst mit des schwindenden Lebens
  Letztem Hauch, da ihm schon aus dreizehn Wunden das Blut rann,
  Wähnet’ er noch: er habe gerecht bestraft den Verräther,
  Den so feig, so unedel jetzt die schrecklichen Brüder
  Rächten: zur Wuth empört von der langgenähreten Blutgier.

    Aber des Führers Ruf erscholl, und der stattliche Wagen,
  Schon mit der Leiche des Königs beschwert,
              und verhüllt mit dem Bahrtuch,
  Folgte, rasselnd, dem Zug sechs glänzender, feuriger Rappen,
  Die zum eng’gemessenen Schritt mit Mühe der Roßwart
  Bändigte. Sieh’, da trug der weitgefeierte Sänger,
  Horneck, leise die Harfe herbei. Ihm rollten die Thränen
  Ueber den grauenden Bart in den Busen herunter, und schweigend
  Starrt’ er nach Ottgar hin; dann hob er den Klagegesang an:
  „Weh’, da liegt er entseelt, der einst gewaltige König!
  Tausende blickten auf ihn, und es drängte der eine den andern,
  Glühend vor Hast, so er rief; nun ist er verlassen: es horcht ihm
  Keiner der Emsigen mehr. Wie staunt’, und bewundert’ ihn Jeder
  Sonst, da er noch zu dem Königsthron, von Edelgesteinen
  Schimmernd am gold’nen Gewand’, aufschritt:
              nun wandten sie, schaudernd,
  Von dem Nackten sich ab, den kaum das kärgliche Gras barg!
  Ha, wo weilte der Arzt, dem Vergehenden Labsal zu reichen?
  Waren nicht seidene Kissen zur Hand, nicht schimmernde Decken,
  Ihn zu erwärmen, und ach! nicht scholl aus dem Munde der Gattinn,
  Kinder, Verwandten und Freunde umher, ein tröstendes Wörtchen,
  Ihm zu erheben das Herz? Verließen im Kampfe die Streiter
  All’ ihn? Wie, nicht einer der Tapferen kam, ihn zu schirmen?
  Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
  Der dir, falschen, vertraut! Erst biethest du lieblichen Honig
  Mit bethörenden Worten ihm dar; dann wandelst du plötzlich
  Solchen in furchtbares Gift: er saugt Verderben und Tod ein.
  Also erging es auch hier dem Könige. Fürsten, bedenket
  Sein Geschick! Handhabt die Gerechtigkeit, schützet das Recht nur;
  Seyd durch Tugenden groß, durch Wohlthun herrlich und geizet
  Nach dem Lohne der Welt nicht allein: vor Gott ist er eitel!
  Ottgar, ach, er geizte nach ihm! Die, prahlend, geschworen:
  Auszuhalten bei ihm im Leben und Tode -- wo sind sie?
  Einsam sinkt er jetzo hinab in des Todes Behausung.
  Welt, Welt, so ist dein schnöder Gewinn! Ach, wehe dem Thoren,
  Der dir, falschen, vertraut:
              denn nichtig entschwebt ihm das Leben!“[1]
  So wehklagte der edele Greis. Ihm horchten die Krieger
  Alle mit pochender Brust, den Trauerwagen umstehend,
  Und erhebend die Fackeln zur Luft, die, flatternden Schimmers,
  Ottgars finstere Stirn’ erhelleten. Jener entzog sich
  Ihren Blicken, und wanderte dann auf dem nächtlichen Pfad fort.
  Doch sie schlugen behend’, als solches der Führer gebothen,
  Ueber die Leiche das Bahrtuch her. Die schnaubenden Rappen
  Trieb der Roßwart an, und sie trabten, gehaltenen Schrittes,
  Von den Kriegern umschart, g’en Wien, die herrliche Stadt, hin.

    Dort scholl freudiger Lärm dem kommenden Morgen entgegen,
  Als, dem Sieger zum Ehrenempfang’, in geschäftiger Hast sie,
  Durch die dunkele Nacht sich schmückte mit festlichen Kränzen:
  Denn vor dem Thor, das sich nach Kärnthen dem Wanderer öffnet,
  Sollte von Laubgehölz’ ein Siegesbogen sich heben,
  Hochgewölbt, und geziert mit schimmernden Bändern, und oben
  Rufen die goldene Schrift ein „Lebehoch!“ dem Befreier,
  Der von der Stadt und dem Land’ abwehrt’ unendlichen Jammer;
  Oestreichs Herrscherthron fest gründete; dauernden Frieden
  Deutschlands Gauen errang, und ein Ziel aufsteckte der Willkühr,
  Die sich gefiel im Raub’, und in all’ den Gräueln des Faustrechts!
  Auch die Straßen entlang, erhoben sich, dicht vor den Häusern,
  Lieblichgrünende Reiser zur Luft; buntschimmernde Blumen
  Hauchten Wohlgeruch her auf die Bahn, die, erkoren dem Sieger,
  Durch die Stadt sich wand, und zahllos wogten die Fahnen
  Oestreichs rings von dem Wall’ und den ragenden Thürmen im Wind hin.
  Also schmückte sich jetzo die Stadt, wie die blühende Braut sich
  Schmückt an dem Morgen des Tags,
              der sie eint mit dem Lieben auf immer.

    Hinter des Ostens dämmerndem Thor’ entfaltete jetzo,
  Neuverjüngt, der Tag die Fittige: weit sich erstreckend
  Hoben sie fächelnd sich auf, und wehten den glühenden Schimmer,
  Der sein Rosenlager umfing, empor an dem Himmel;
  Doch sie weckten zugleich des sanftumschmeichelnden Frühwinds
  Kühligen Hauch. Er kam aus des säuselnden Waldes Umlaubung
  Ueber die blumigen Matten heran; verbreitete ringsum
  Balsamduft, und erfüllte mit Lust die erwachende Schöpfung.
  Zwitschernd regte die Schwalbe sich schon im Nest mit den Jungen,
  Das sie im Lenz’ erbaut’ an dem Mauergesimse des Hauses;
  Auch umgirrete laut die Taub’ in dem Schlag’, und der Hahn rief
  Schmetternd darein, als draußen vom Feld,
              von dem Hain’, und dem Hochwald
  Bis in die bläuliche Luft empor das Getöne sich mehrte.
  Jetzt von des Himmels Rand, dem Rosenlager entschwebend,
  Hob die herrliche Sonne sich auf; umhüllte die Berghöh’n,
  Häuser und Thürme der Stadt mit röthlichem Duft’, und entflammte
  Hier die Fenster zu Gold, und dort auf den blühenden Matten,
  Unermeßlich umher, den Thau zu blitzenden Perlen.
  Doch bald schwang sie, verklärt, sich empor: den wölbenden Himmel
  Trübte kein Wölkchen, und rings auf dem lichtumflossenen Erdkreis
  Scholl ein Wonnegejauchz, dem schönsten der Tage zur Feier.
  Aber schon zogen den Weg nach dem Kreuze der Spinnerinn, eilig,
  Krieger zu Fuß und zu Pferd in gesonderten Haufen, und weithin
  Blitzten im Sonnenschein die hellgeglätteten Waffen --
  Blitzte der Harnisch und Helm der Tapferen, die, von dem Schlachtfeld
  Kehrend, zum Siegseinzug’ auf dem sanfterhobenen Berg sich
  Sammelten, wie es der Herrscher geboth. Mit grünenden Reisern
  Waren die Helme geschmückt, behangen mit Kränzen die Rosse;
  Laut scholl Jubel die Scharen entlang: denn fröhliche Weisen
  Sang der Krieger; sein Roß ihm wieherte d’rein; die Drometen
  Schmetterten, Zink’ und Pauk’ erklang, und die wirbelnde Trommel
  Rief das verworr’ne Getön zum allerfreuenden Einklang.

    Sieh’, und es lief unzähliges Volk aus der Stadt und vom Land her,
  Nach der Straße hinaus, auf welcher die Tapferen kamen:
  Alle mit Angst in der Brust, bis sie in den fröhlichen Reihen
  Ihre Lieben ersah’n! Da scholl (erschütternd zu hören!)
  Jauchzen empor; da bog sich mancher vom Sattel herunter:
  Einer umhalste den Freund, ein andrer den Sohn, und ein dritter
  Reichte dem grauenden Vater die Hand, der grauenden Mutter,
  Oder der Braut, die thränenden Blicks, ihm lächelte, sprachlos!
  Aber es trat nun hier, nun dort mit erblassendem Antlitz
  Auch der unglückliche Mensch aus den lautaufjubelnden Scharen:
  Denn nicht hatt’ er die Lieben erseh’n, und dem Fragenden tönte
  Schrecklich der kurze Bescheid: „Er fiel, und kehret nicht wieder!“
  Feldeinwärts ging dort ein zartaufblühendes Mädchen,
  Ringend die Hände mit schwerem Gestöhn; hier saß an des Grabens
  Rand der Vater: er sah in die Tiefe hinab, und die Mutter
  Preßte den Arm mit der Stirn’ an den Baum,
              und schluchzte vor Herzleid.
  Aber der schwellende Ruf des Entzückens dämpfte des Wehes
  Schnellverhallenden Laut, und unendlich erscholl das Getümmel,
  Als dem festlichen Kreuz der Spinnerinn jetzo der Kaiser
  Nahte mit hehrem Gefolg: denn Ladislav, der Magyaren
  Blühender König, ritt, hellschimmernd von Gold, ihm zur Rechten;
  Ihm zur Linken sein tapferer Sohn, der jüngst in der Feldschlacht,
  Muthentflammt, vortrug der Erlösung heiliges Zeichen,
  Und ihm folgten, erwählt, des Heers siegstolze Geschwader
  Nach auf den Wienerberg, der unter den Drängenden bebte,
  Und in dem Waffengeblitz erschütternd dem Auge zu schau’n war.
  Jetzt umgab er sich dort mit dem kaiserlichprangenden Mantel;
  Setzte den Helm, an welchem umher der goldene Kronreif
  Schimmerte, sich auf das Haupt; entblößte den Degen, und hob ihn
  Auf zum ersehneten Wink’. Alsbald bewegte das Heer sich
  Im Geleite des Volks nach Wiens aufjubelnden Mauern.
  Sieh’, ihm eilten die Ritter vor mit den Reisigen Ungerns --
  Jenen der Ost- und der steyrischen Mark: von den Heldengebiethern
  Angeführt, und vereint um die ruhmgekröneten Fähnlein!
  Aber ihm folgten dann die muthigen Schweizer und Schwaben
  Und die Tapfern aus Kärnthen und Krain mit den kühnen Tyrolern.
  Wie der Alpenbach, vom Regen geschwollen, sein Bette
  Plötzlich verläßt, und quer von des Bergs Abhange sich stürzet,
  Endlos über die Matten hin die Fluthen ergießend:
  So fortwälzte sich schnell das Heer; stets näher erscholl ihm
  Festlicher Glocken Getön’ und des Volks auftobender Jubel.

    Außer dem Kärnthner Thor, wo ein Siegesbogen erhöht war,
  Standen die trefflichen Bürger vereint. Ihr Meister, erkoren
  Durch gemeinsame Wahl an Waldrams Stelle, des falschen,
  Eilte heran, den Zug des erhabenen Kaisers zu hemmen;
  Both auf dem Becken von schimmerndem Erz, die vergoldeten Schlüssel
  Wiens, ihm huldigend, dar, und begann die Rede mit Ehrfurcht:
  „Heil dir, Oestreichs Herrn, dir edelstem Kaiser der Deutschen!
  Mögest du heut, wo dir, dem Retter, die jubelnde Stadt Wien,
  Festlichgeschmückt, entgegeneilt mit verlangenden Armen,
  Nicht gedenken der Schuld entflohener Tage -- des Herzens
  Deiner Getreuen gewiß! Nun herrsch’ im Segen des Himmels
  Ueber dein glückliches Volk, und vom Thron, den du auf dem Grundstein
  Heiliger Religion, Gerechtigkeit, Tugend erhöhtest,
  Dein erhab’nes Geschlecht an der Zeiten entferntestem Ziel noch!“
  Sagt’ es, bewegt; doch schnell entgegnete jetzo der Kaiser:
  „Ihr Getreu’n, habt Dank für des Herzens enthüllte Gesinnung!
  Gnädig willfahre mir Gott in dem Wunsch, daß ich gründe die Wohlfahrt
  Fern in die Zukunft noch der guten und trefflichen Völker,
  Die er mir anvertraut! Mein Glück ist das eure für immer!“
  Plötzlich entstürzt’ ein heller Strom von Thränen den Augen
  Aller umher: denn rings erscholl, von Tausender Lippen
  Brausend, ein „Lebehoch!“ und mehrte sich, jubelnden Lautes,
  Dort die Straßen entlang, die, erkoren dem festlichen Einzug,
  Schimmerten. Jetzt durch’s Thor und die Straße Karinthia’s trug ihn,
  Stolzvorschreitend, das Roß, und aus jeglichem Fenster ertönte
  Huldigung, wo, bekränzt, die zartaufblühenden Jungfrau’n --
  Frau’n im glänzenden Schmuck’, ihr schneeiges Tuch in die Lüft’ auf
  Schwangen, und jauchzten empor mit hellerklingender Stimme.
  Doch, aus dem wimmelnden Volk vordrängten jetzt, wie verjüngt sich
  Wankende Greis’, ihn zu seh’n, und zu segnen. Die Väter und Mütter
  Hoben ihr lallendes Kind auf den Arm; sie falteten erst ihm
  Freundlich die Händchen, und zeigten ihm dann den Herrlichen drüben,
  Daß es des Tages noch oft im spätesten Alter gedenke!
  Sieh’, und nicht trockneten mehr dem erhabenen Kaiser die Augen
  All’ die Straßen entlang, da er links, und rechts, in dem Siegszug
  Dankte dem jauchzenden Volk mit oft erhobener Rechten.

    Also im Freudengeschrei unzähliger Meng’, in der Glocken
  Festlichem Klang’, und der Pauk’ und Dromet’ empörterem Jubel,
  Zog er entgegen dem Rothenthurm, und lenkete jetzo
  Ueber den schimmernden Hohenmarkt nach dem prächtigen Hof ein;
  Dann nach der Freiung hinab, und, dem Schottenkloster vorüber,
  Durch die Herrngass’ fort nach dem breitaufragenden Graben,
  Bis er am Riesenthor des unendlichen Doms aus dem Sattel
  Eilig zur Erde herab sich schwang. Sein mächtiger Gegner,
  Ottgar, Oestreichs Herrscher vor ihm, vollbrachte des Domes
  Herrlichen Bau, da er einst zerstört von den Flammen,
              im Schutt lag.[2]
  Dort reicht’ ihm der oberste Hirt der Gemeinde, vor allen,
  Festlichgeschmückt, im Kreise der Priester geweihetes Wasser
  Sanft mit dem Sprenger dar; dann schwang er das duftende Rauchfaß
  Dreimal ihm entgegen, und ging, beginnend der Lieder
  Herrlichstes: „Gott, dich preisen wir!“ zum erleuchteten Altar,
  Singend, vor ihm einher, und Tausende sangen das Lied nach.
  Aber, als in dem wölbenden Raum des unendlichen Domes
  Rings umher des Gesangs allletztes Säuseln verhallt war,
  Knie’te der Kaiser noch hin, und bethete, heiliger Andacht
  Voll, am Altar’, im Kreise der ruhmgekröneten Feldherrn.
  Staunend sah ihn das Volk; doch hingen mit inniger Wehmuth
  Auch an Trautmansdorf, dem Helden, viel Tausender Augen,
  Der, von dem schimmernden Kreis’ entfernt, auf die Kniee gesunken,
  Beugte das grauende Haupt mit gottergebenem Herzen.
  Bald umhüllten ein jegliches Aug’ untad’lige Thränen:
  Dort den Mann mit dem schneeigen Haupt so einsam zu schauen,
  Der noch jüngst, umringt von blühenden Söhnen einherging:
  Froh der gewaltigen Schar! Nun stand er allein und verlassen,
  Wie der verdorrete Stamm in dem Wald’, um welchen die Windsbraut
  All’ die frischen umher mit lautem Gekrach’ in den Staub warf.

    Thauenden Blicks, trat jetzt von den heiligen Hallen der Kaiser
  Wieder heraus, vor dem Riesenthor zu beginnen den Heimzug
  Nach der erhabenen Burg. Doch sieh’, welch’ tiefes Erstaunen
  Unter dem Volk? Schnell theilt es sich links und rechts in den Straßen
  So, daß der Bahre, von sechs lautschnaubenden Rossen gezogen,
  Raum sey, fürder zu zieh’n bis hin zur Pforte des Domes.
  Schmerz ergriff die Brust des beseligten Siegers. Er starrte
  Lang’ nach dem Trauerflor, und dem leich’umhüllenden Tuch hin,
  Und erwog im Gemüth: wie mächtig der Todte noch gestern
  Gegen ihn stand, der heut’, erstarrt, all’ irdischer Hoheit,
  Kraft, und Streitlust bar, dort unter der finsteren Hülle
  Ruhete! Dann begann er für sich mit rührendem Laut so:
  „Ottgar, lebtest du noch, und herrschtest im Frieden, der Rachgier
  Wüthenden Sturm in der Brust besänftigend; heiteren Blickes
  Würdest du seh’n: nie haßt’ ich dich, und im redlichen Busen
  Strebte dieß Herz, voll Liebe, dem deinen entgegen zu schlagen!
  Ruhe denn jetzt im Schooß des Allerbarmers auf immer!“
  Sagt’ es, und hieß die Leich’ auf dem trauerumhülleten Wagen
  Fort nach dem Schottenkloster hinab mit Würde geleiten,
  Wo sie ruhe, bis ihr, nach der Seelenmess’ und dem Bußpsalm
  Werd’ ein Grab mit dem ehrenden Stein, an heiliger Stätte.
  Doch wer drängt sich hier, voll Ungestümm, vor aus den Scharen?
  Lobkowitz kam, erblaßt von der Wunde zugleich, und dem Herzleid
  Ob des erschlagenen Königs und Freunds, in Eile herüber,
  Führend an zitternder Hand das holdaufblühende Söhnlein
  Ottgars, Wenzeslav, der einsam in Drösing zurückblieb.
  Ach, er harrete dort des Vaters, in fröhlicher Unschuld;
  Aber nicht kehrt’ er ihm mehr, und, verwais’t in der zartesten Jugend,
  Mißt er die kräftige Hand, die ihn leitete, seines Erzeugers!
  Großes beschloß alsbald der treffliche Greis, und, dem Kaiser
  Jetzo genaht, vordrängt’ er das Kind, und sprach in das Ohr ihm:
  „Geh’, und umfass’ ihm die Knie’ mit festgeschlungenen Armen,
  Daß er dein sich erbarme mit Huld, und die Leiche des Vaters
  Frei gewähre zum Trost den Unglücklichen, die er zurückließ;
  Dir zum Ruhm, wenn einst auf vaterländischem Boden
  Du ihm erhöhst das ehrende Maal, und zur Zierde dem Land dort,
  Deß gewaltiger Held, und erhabenster Fürst er gewesen!
  Fasse nur Herz: nicht hartgesinnt erweis’t sich der Kaiser
  Dir: als Vater das dunkle Geschick der Kinder bedenkend.“
  Ottgars blühender Sohn gehorcht’ ihm: er stürzte zu Rudolphs
  Füßen; umfaßt’ ihm die Knie’, und rief erschütternden Lautes:
  „Mildgesinnt, so sprachen sie all’, ist der mächtige Kaiser,
  Dem ich hier auf den Knie’n, und mit thränenerfülleten Augen
  Rufe: erbarme dich mein, des Verwaiseten; lasse des Vaters
  Leich’ uns frei, der dir erlag in der schrecklichen Feldschlacht!
  Hast ja auch Kinder, und sie erfreu’n sich des liebenden Vaters
  Noch, der, machtbegabt, sie schirmt, und zu Ehren erhebet.
  Aber, o, mich Unglücklichen: denn des Vaters beraubet,
  Welcher so hold mir war, vermiss’ ich die mächtige Hand jetzt,
  Die mich hatte geführt auf des Lebens unsicheren Pfaden!
  Dennoch wird sein Grab im vaterländischen Boden,
  Der sein theures Gebein bedeckt, und der redende Denkstein
  Mir erfüllen die Brust mit Trost, und mit Stärke sie waffnen;
  Stillen den Schmerz der Mutter um ihn, und erheben des Volkes
  Sinkenden Muth, das stets, in Treu’ ergeben, ihm anhing.“
  Doch der erhabene Kaiser schwieg, mit sinnenden Blicken
  Ueber den Jüngling gebeugt, und das Volk dort weinete ringsum.
  „Höre des Sohnes Fleh’n,“ begann jetzt Lobkowitz finster,
  „Himmelan hebt sich dein Ruhm: nicht bedarf er des ehrenden Denksteins
  Hier, der, rühmend, von Ottgars Grab verkünde der Nachwelt,
  Welchen Gegner du einst im Felde der Waffen erlegt hast.
  Allwärts preis’t dich die Welt großmüthig und edel: als solchen
  Sollst du auch ihm dich erweisen -- wo nicht?
              so täuschte dein Ruf nur:
  Denn unziemlicher Haß g’en Ottgar füllet dein Herz noch.“
  Rief’s empört, und übermannt von unbändigem Herzleid.
  Alle staunten umher; doch zürnte dem eifernden Alten,
  Welcher so edel gesinnt, und zugleich so tapfer im Feld war,
  Rudolph nicht. Voll Rührung erhob er nun den Erzeugten
  Ottgars, der erneut ihm die Knie’ umschlang, von dem Boden,
  Herzt’ ihn vor allem Volk’, und begann mit erheitertem Antlitz:
  „Sey getröstet, mein Sohn! Nicht sann ich, vor Trauer verstummend,
  Dir ein kostbares Unterpfand zu entreißen: denn alsbald
  Geb’ ich es frei. Auch führe zugleich mit dem tapferen Helden,
  Lobkowitz, dich der Füllensteiner im Ehrengeleit heim.
  Zieh’ dann schnell g’en Prag mit der Leiche des theuern Erzeugers,
  Sie zu bestatten mit würdiger Pracht, und zu weihen ein Denkmaal
  Ihm, der, herrschend mit Kraft und mit vielumfassender Weisheit,
  Rastlos seines unzähligen Volks Gedeihen und Wohlfahrt
  Förderte. Doch, nun komm’! Ich will ein Vater dir werden,
  Wie ich’s zuvor beschloß im Gemüth’, und im Segen des Himmels
  Möge der sprossende Keim noch herrliche Früchte dir bringen.“
  Sagt’ es mit freud’ausstrahlendem Blick’, und als er, gewendet,
  Faßte des Rosses Zaum mit der Linken, hinauf in den Sattel
  Sich zu schwingen, da both er zugleich dem staunenden Helden,
  Lobkowitz, schnell die Rechte zum Gruß mit den freundlichen Worten:
  „Kühner, du stand’st mir zwar gar feindlich entgegen, und dennoch
  Sagt mir das Herz: wir scheiden noch bald, als Freunde für immer!“
  Jener dankt’ ihm d’rauf mit thränenumflossenen Wimpern,
  Schweigend; aber es quillt ein Dank aus den schimmernden Thränen,
  Den im schwellenden Strom der Worte die Zunge nicht ausspricht.
  Solches gewahrete nun der Kaiser, erfreuet, und schwang sich
  Rasch auf das Roß, den Siegeszug in der Burg zu vollenden:
  Denn mit jubelndem Ruf fortwogten von neuem die Scharen.

    Jetzt, in dem weitumschlossenen Raum der mächtigen Hofburg,
  Wies sich dem Volk’ ein Schaugerüst, der Sichel des Mondes
  Aehnlich an Bogengestalt, erhöht, und mit Purpur behangen.
  Vierzehn Stufen empor, in stets verengteren Kreisen
  Hob sich der herrliche Bau, und zuhöchst, auf dem oberen Feldraum
  Stand, hellschimmernd, des Herrschers Thron, an welchem zur Linken,
  Und zur Rechten, gar zierlich geschmückt, zwei Stühle von Purpur
  Glänzten. In drängender Hast erfüllte sich eilig die Hofburg.
  Freudiger Lärm erscholl, als die Rosse, der Reiter entledigt,
  Wieherten, heim durch die Menge geführt, und in stattlicher Hoheit
  Rudolph nun mit Gefolg zu dem glänzenden Throne hinaufschritt;
  Dort sich Ladislav, den König der Ungern, zur Rechten --
  Wenzel, den Sohn des getödteten Horts der Böhmen, zur Linken
  Sitzen hieß, und das Volk mit freundlichem Winke begrüßte;
  Doch ein schmetternder Laut der Dromete geboth in dem Hofraum
  Schweigen, und Stille ward, daß der Hauch des athmenden Busens
  Hörbar flog, und umher die Stimme des Kaisers vernehmlich
  Tönete, da er die Recht’ erhob, und also zum Volk sprach:
  „Seht uns am Ziele, mit Gott! Vollbracht ist die That, und das Opfer,
  Das aus dankbarer Brust zu dem Ewigen heute sich aufschwang.
  Ach, gar dürftig erscheinet das Wort! Wie sollen wir würdig
  Danken dem Heer’, das uns den Sieg errang in der Feldschlacht?
  Wie dem erlauchtesten Könige, der als helfender Freund, uns
  Einte sein tapferes Volk im allentscheidenden Zeitraum?
  Nicht vermöchten wir das! Doch ihn, den König der Ungern
  Schließen wir heut’ an Sohnesstatt, wie er selbst es ersehnet,[3]
  Freudig an’s Herz, und geloben ihm Schutz und Freundschaft für immer.
  Wohl bezeugt uns der Herr: „Wer hat, dem wird noch gegeben!“
  Also auch wir, von Gott mit Kindern gesegnet, erkiesen
  Heute der Söhne noch mehr -- denn hört: den theuern Erzeugten
  Ottgars einen wir auch, als solchen, in liebender Sorgfalt
  Bald mit unserem Blut: ihm Gutha, die Tochter, verlobend,
  Die uns die jüngst’ erblüht aus den Töchtern,
              voll lieblicher Unschuld!“
  Jetzo drückt’ er zuerst den König, und d’rauf den Erzeugten
  Ottgars rasch an die Brust, und unendlich jauchzte das Volk auf.
  Aber der König erhob sich vom Stuhl’, und sagte voll Feuer:
  „O, gesegnet für immer der Tag, der, freundlichen Anblicks,
  Dich als Bundesgenossen mir wies! Der brausenden Jugend
  Jahr’ umgaukelten mich noch jüngst im verwirrenden Schimmer;
  Aber du kamst: wohl nenn’ ich dich „Vater“ mit Recht, und ich fühle
  Mich urplötzlich zum Manne gereift -- dein würdig, als Sohn jetzt!
  Lange lebe, beglückt, der edelste Kaiser der Deutschen!“
  Sprach’s mit jubelndem Ruf’, und umher ertönte des Volkes
  Freudengeschrei, wie Donnersturm, wie stürzender Wasser
  Lautes Rauschen: „Er lebe beglückt! Hoch lebe der Kaiser!“
  So, daß jegliche Brust Entzücken ergriff, und der Thränen
  Stürmische Fluth in das Aug’ urschnell aufjagte vom Herzen.
  Aber es winkte der Kaiser erneut: der eh’rnen Drometen
  Ernstem Schall verstummte das Volk, und er sagte, bewegt, noch:
  „Hört! Wir scheiden von euch nun bald, und auf lange. Gebiethend
  Ruft uns Deutschlands Wohl nach den rheinischen Gau’n, und wir folgen
  Freudig dem Ruf, da uns hier zu weilen hinfort nicht vergönnt ist.
  Doch nicht bleibe darum dieß Land nach unserer Abfahrt
  Hauptlos. Wichtiges reift im dunkeln Schooße der Zukunft
  Ihm, und Hohes erringt es. Inmitten gewaltiger Länder,
  Hebt Haus-Oestreich hier, aus seinem unscheinbaren Umkreis
  Eiserngegründet, sich auf; gewährt dann jenen die Herrscher;
  Flicht in den Kranz nie welkender Macht die herrlichsten Kronen,
  Die bald König’ ihm biethen, und führt vielfältig durch Sitte,
  Sprach’, und Stamm gesonderte Völker zu dauernder Einung.
  Also, gerüstet mit Kraft, soll’s einst im Sturme der Zeiten
  Fest wie ein Leuchtthurm steh’n, der rettend, Gefahrenbedrängten
  Von dem Felsen die Flamme weis’t auf dem nächtlichen Irrpfad.
  Albrecht komme heran. Ihm, unserem theuern Erzeugten,
  Deß’ erhabener Sinn und Weisheit euch allen bekannt ist,
  Wollen wir Oestreich hier zu Lehen ertheilen. Als Herzog
  Werd’ ihm der Thron, und in seinem Geschlecht
              fortdaure die Herrschaft,
  Endlos, segenbeglückt zum Wohl unzähliger Völker.“
  Ha, und er dachte, bewegt, des Alp’bewohnenden Klausners!

    Doch schon ritt aus dem hallenden Thor der Erzeugte des Kaisers,
  Albrecht, stattlich heran. Sein Roß, der tönenden Hauptzier --
  Also des Zaums und Geschirrs von blinkendem Silber sich freuend,
  Beugte stolz das Haupt an die Brust. Doch herrlich geschmückt war
  Er mit dem Fürstenhut’ und dem Purpurmantel: ihn deckte
  Glänzender Hermelin; auch hielt er den goldenen Zepter
  Fest in der Rechten erhöht. Durch Schrift und Siegel ertheilte
  Friedrich der Erste, von Hohenstauff, der mächtig als Kaiser
  Ragte vor andern hervor, das Recht dem Herzog von Oestreich,
  Also zu Pferd, und so herrlich geschmückt das Leh’n zu empfangen.[4]
  Siehe, vor ihm trug Lichtenstein das Banner von Oestreich,
  Deß’ ruhmwürdiger Schild, mit dem schneeigen Streif in dem Blutfeld
  Schimmerte, rasch einher; doch Albrecht hielt an des Thrones
  Stufen, und beugte sich; d’rauf begann der erhabene Kaiser:
  „Albrecht, euch beschwören wir jetzt im Nahmen des einen,
  Wahren, und ewigen Gott’s, zu bekennen: ob ihr, als Herzog
  Oestreichs, herrschen wollet nach Recht und Gerechtigkeit; ob ihr
  Schirmen wollet die heilige Lehr’ und den Glauben der Väter,
  Und euch widmen dem Wohl des Landes mit Leib und mit Leben,
  Das ihr heute zu Lehen empfaht aus unserer Vollmacht?“
  Jener rief: „Ich will!“ und alsbald winkte der Kaiser
  Lichtenstein, daß er ihm darreichte die Fahn’, und begann so:
  „Nun auch schwört es zu Gott, und im Beiseyn eueres Volkes,
  Eilig das Banner zugleich, und den goldenen Zepter erhebend
  Hoch g’en Himmel empor.“ Und jener entgegnete muthig:
  „Ja, ich schwör’ es zu Gott!“ und erhob den goldenen Zepter
  Dann mit dem Banner zugleich in die Luft. Der Kaiser entstürzte
  Jetzo dem Purpurpfühl’, und flog in die Arme des Sohnes,
  Der, sich schwingend vom Zelter herab, ihm entgegen geeilt war.
  Lange hielt er den Sohn umfaßt, und sagte mit Rührung:
  „Gottes Segen mit dir, und mit deinem Geschlechte! Der Nachwelt
  Stell’ ich es freudig anheim, was heut’ allhier sich begeben.
  Möge sie noch an der Zeiten entferntestem Ziele, des Glückes
  Herrlichster Fülle froh, laut Habsburg segnen und Oestreich!“

    Siehe, da rief umher die Menge dem neuen Beherrscher,
  Jauchzend, ihr „Lebehoch!“ Doch sah nach dem Kaiser so mancher,
  Innig betrübt, noch hin, der erst von Trennen und Scheiden
  Sprach, und auf immer vielleicht den liebenden Herzen entrückt wird.
  D’rauf hieß er die Fürsten bei sich willkommen, und sagte:
  „Kommt zum erquickenden Mahl’, und ruht in der friedlichen Burg hier,
  Heiteren Sinn’s, jetzt aus von des Kriegs unzähligen Sorgen!
  Aber verzeiht: ich eile zuvor nach der düsteren Kammer,
  Wo die Gattinn mir starb, und nach ihr sich, in Trauergewanden,
  Sehnen die Kinder vereint; ich gehe, die Lieben zu trösten.“
  Und er entzog sich den Blicken der lautaufjubelnden Scharen:
  Thränenden Blicks, aufschreitend allein zur Wohnung der Trauer.



  Nachtrag

  zu dem

  Heldengedichte Rudolph von Habsburg.


Die Marchfelder Schlacht. Jahr 1278.

Die merkwürdige Schlacht auf dem Marchfeld zwischen Rudolph I. von
Habsburg, Kaiser der Deutschen, und Przemisl Ottokar II., König von
Böhmen, in welcher letzterer besiegt fiel, und jener seinen Nachkommen
Oestreichs Herrscherthron erkämpfte, geschah am 24. August des Jahres
1278. Schon zwei Jahre vorher standen sich, eben daselbst, die beiden
Fürsten feindlich entgegen. Ottokar, durch früheren Ehebund mit der
babenbergischen Margareth, der Herrscher geworden von Oestreich und
Steyermark, und, durch Kauf, von Kärnthen und Krain, ließ sich endlich
herbei, diesen Provinzen, als anheimgefallenen Reichslehen, zu entsagen;
worauf er, auf der Donau-Insel Kamberg, im Angesicht beider Heere, dem
Kaiser (19. November 1276) knieend gehuldigt, und dieser, angeblich,
durch Herabrollen der Zeltvorhänge, diese Handlung offenkundig gemacht
haben soll. Dem heimkehrenden König setzte seine ehrgeizige Gemahlin,
Kunegunde, durch Schmähungen so lange zu, bis er dem Kaiser neuerdings
den Kampf auf Tod und Leben both. Schon am 27. Juni brach er von Prag zu
seinem Heer’ auf, das sich vor Brünn versammelt hatte, verlor aber auf
seinem Kriegszug in Oestreich, durch die Belagerung des befestigten
Städtchens Drosendorf, den entscheidenden Augenblick, und setzte dadurch
den Kaiser in den Stand, Hülfsvölker zu sammeln, um welchen es sonst
durch schnelles Vordringen geschehen gewesen wäre. Auf Rudolphs Seite
standen nebst den Schweizern und Elsassern, die ihm sein Sohn Albrecht
zuführte, der Pfalzgraf Ludwig, sein Tochtermann; der Burggraf Friedrich
von Nürnberg; der Markgraf Heinrich von Hochberg: zu welchen noch die
Grafen von Henneberg, und Fürstenberg stießen. Dann: Meinhard Graf von
Tyrol; Graf Albert von Görz; Friedrich, und Albert, die Grafen von
Ortenburg, und Ulrich von Heunburg mit den Tyrolern, Kärnthnern und
Krainern; Pfannberg, und zugleich die Herren von Pettau, Lichtenstein,
und Colo von Seldenhofen, mit den Steyrern. Auch die Bischöfe von
Salzburg und Basel führten ihm Krieger zu, deren ersterem er in der
Schlacht die Leitung der Oestreicher und Steyrer übergab. Endlich
erschien auch der König Ladislav IV., an welchen er den tapferen
tyrolischen Hauptmann, Hugo von Tauffers, abgeschickt hatte, mit mehr
denn zwanzigtausend kumanischen und ungrischen Reisigen, als sein
Verbündeter, auf dem Schlachtfeld. An Ottokars Völker, die Böhmen, und
die Mährer unter Milota’s Leitung, reiheten sich: Bayern, welche der
Herzog Heinrich; Sachsen, welche Pfeil, der Markgraf von Magdeburg, und
Meißner und Thüringer, welche der Markgraf Dietrich anführte. Die
Reussen sandte K. Leo, und die Polen und Schlesier K. Kasimir heran.
Auch einige östreichische Ritter, unter diesen die beiden Brüder
Heinrich und Leopold Kunring, ergriffen seine Parthei, so, daß er dem
Kaiser an der Zahl der Krieger weit überlegen war. Das Feld, auf welchem
gestritten ward, erstreckte sich von Marcheck über den Weidenbach, dann
weiter von Stillfried über Dürnkrut bis gegen Idungspeugen, hinauf, und
der Kampf endete wahrscheinlich, wie weiter unten erhellet, nahe vor dem
Städtchen Laa. Rudolph setzte mit seinem Heere bei Hainburg über die
Donau, seine Vereinigung mit dem König der Ungern zu bewirken, und dem
Feind in den Rücken zu kommen, und lagerte sich vor Marcheck. Die
Kumanier hatten bereits aus dem Hinterhalt die herumstreifenden Feinde
angefallen, ihnen über 100 Mann getödtet, und nachdem sie ihnen die
Köpfe abgehauen, sandten sie selbe dem Kaiser als Geschenk entgegen, der
sich mit Schauder davon wegwendete, und sie begraben ließ. Am 23. August
rückte er g’en Stillfried vor, und beschloß die Schlacht auf den
folgenden Tag, der mit dem Feste des heil. Bartholomäus auf einen
Freitag fiel, an welchem er öfters glücklich gekämpft hatte.[A] Der Tag
brach an: die Kaiserlichen standen in fünf Heerhaufen, den sechsen der
Böhmen, entgegen. Noch kurz vor dem Kampfe schlug der Kaiser, nebst
anderen, auch hundert Zürcher zu Rittern. In seinem Heer herrschte mehr
froher Muth, als in jenem Ottokars, da vor Tagesanbruch die Meißner und
Thüringer aus dem Lager heimlich abzogen, und er zuvor im Zelt, mit
erregtem Mißtrauen, die Feldherrn aufforderte: „sie sollten ihm, wenn
sie Verrath an ihm sännen, lieber jetzt die Brust durchbohren, ehe
Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden.“ Das unbändige
Pferd eines salzburgischen Reiters, Heinrich Schörlin, rannte, wie toll,
auf die Böhmen los, und ward so zum Zeichen des früheren Angriffs.
Ottokar brachte mit den schwergeharnischten Reitern die Oestreicher und
Steyrer zum Weichen, nachdem der Führer der letzteren, Pfannberg,
verwundet vom Pferde gefallen war. Als der Kaiser die wankende Schlacht
sah, da warf er sich aus dem Sattel im Staub auf die Knie’, und bethete
laut zum Himmel, verheißend durch ein Gelübde, so er den Sieg gewänne,
ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu stiften; worauf seine Scharen
ermuthigt vordrangen. Doch schlug sich Herbot von Füllenstein, ein
polnischer Ritter, durch große Verheißungen Ottokars bewogen, bis zu ihm
durch, erstach ihm das Pferd unter dem Leib, und brachte ihn in die
größte Gefahr, wenn nicht er selber, zu Fuß ankämpfend, ihn mit dem
Speer von dem Sattel herabgerissen, und der herbeieilende tapfere Ritter
Ulrich Capellen ihm ein Pferd gebothen hätte. Den gefangenen Ritter
Herbot hieß der Kaiser schonen, seine Wunden verbinden, und warf sich
dann, wie ein erzürnter Löwe, neuerdings auf die Feinde. Auf dem rechten
Flügel, wo Hochberg stritt, erhob sich das Geschrei, „die Feinde
fliehen!“ und bald verbreitete es sich durch alle Reihen Rudolphs.
Ottokar wankte einen Augenblick, hieß aber Milota aus dem Nachhalt
vorgeh’n; und als dieser, langgenährter Rache fröhnend, mit den Mährern
und einigen böhmischen Herren, die er gewann, eben jetzt von dem
Schlachtfeld abzog, stürzte er sich in den letzten mörderischen Kampf,
und fiel auch hier, als ein Opfer der Rache, durch die Hand der beiden
Ritter von Meerenberg, mit dreizehn Wunden, ehe der Befehl des Kaisers,
der sein Leben zu schonen geboth, erfüllt werden konnte. Worauf Flucht
und Verwirrung der Böhmen. Der Kaiser ließ zum Rückzug blasen, allein
die Kumanier verfolgten sie, bis die sinkende Nacht dem Würgen ein Ende
machte. Die Schlacht währte nur fünf Stunden, und es sollen auf Ottokars
Seite über 14,000 gefallen seyn. Rudolph hieß seine Leiche sogleich
aufsuchen, nach dem Städtchen Laa, und noch in der Nacht nach Wien
bringen, wo sie anfangs in dem Schotten-Kloster beigesetzt, und dann in
der Kirche der Barfüßer-Mönche öffentlich zur Schau ausgestellt blieb.
Allein, auf die in das Lager gelangte Bitte der Böhmen, stellte er sie
ihnen wieder zu; worauf sie über Znaim nach Prag abgeführt, und in dem,
von ihm erbauten Franciskaner-Kloster königlich zur Erde bestattet ward.
Rudolph hielt in Wien, unter unendlichem Jubel des Volkes, seinen
feierlichen Einzug, und erfüllte bald darauf sein Gelübde, indem er zu
Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes ein adeliges Frauenkloster erbauen
ließ.

  [Fussnote A: Bei _+Arenpeck Chron. Austr. ad Annum+ 1278 heißt es_:
  +Conveniunt ambo Reges cum exercitibus suis in campis Austriae trans
  Danubium apud Weidenbach feria sexta ante Bartholomaei etc.+ Viele
  andere wollen, daß die Schlacht sich am 26. August ereignet habe.]



  Anmerkungen

  zu

  Rudolph von Habsburg.


Erster Gesang.

[1] Vers 9.

_Drahomira_ war die Gemahlinn Vratislavs, Herzogs von Böhmen, der die
Heidinn in der Hoffnung, daß sie sich zum Christenthume bekehren würde,
im Jahr 907 ehlichte. Sie gebar ihm zwei Söhne, Wenzel und Boleslav, und
als er im Jahr 916 starb, und seine Mutter, die heil. Ludmilla, die
vormundschaftliche Regierung übernehmen wollte, stand sie in der
berufenen Ständeversammlung zu Prag dagegen auf, zog sich mit ihrem
jüngeren Sohn, Boleslav, auf das feste Schloß Wischehrad zurück, und
wüthete beinahe durch vier Jahre, mit Beihülfe des heidnischen
Stadtrichters Palhog, gegen die Christen mit Feuer und Schwert. Darauf
ließ sie die Kirche zu Bunzlau zerstören, und endlich auch ihre
Schwiegermutter auf dem Schlosse Tetin hinrichten. Wenzel, obgleich nur
ein Jüngling, kam hierauf nach Prag, berief die Stände im Jahr 921, und
entsetzte sie der Regierung. Doch ruhte die unmenschliche Mutter nicht,
bis ihr jüngerer Sohn den älteren im Jahr 938 auf ihr Anstiften durch
Brudermord auf die Seite schaffte. Nach der Sage soll sie auf dem
Hradschin die Erde lebendig verschlungen haben. S. +_Cosmas Pragensis_
L. I. _Hist._ -- _Pulkawa Hist. Boh._ C. 13. _Dubrav. Hist. Boh._ L. 5.
_Sylvius_, _Hagek_ etc.+

[2] Vers 68.

_Margareth_, die Tochter des babenbergischen Leopold des Glorreichen,
Herzogs von Oestreich, war die Wittwe Kaisers Heinrich VII., und bereits
an Jahren vorgerückt, als Ottokar, wohl nur in der Absicht, mit ihrer
Hand Oestreich und die Steyermark zu erlangen, sie im Jahr 1252
heirathete, aber schon im Jahr 1261 sich von ihr, wegen beschuldigter
Unfruchtbarkeit, wieder scheiden ließ. Sie starb zu Krems im Jahr 1267
im Kloster, und zwar, wie Einige behaupten, durch Gift, mit welchem sie
Ottokar aus der Welt geschafft haben soll. Doch hat Hanthaler +_Fast.
Campilil._ T. I. P. II. Dec. VII. §. I. C. XXXIV.+ diese Behauptung
widerlegt. Sie liegt in dem Kloster Lilienfeld, das ihr Vater stiftete,
ihm zur Linken, vor dem Hochaltar, begraben.

[3] Vers 117.

_Durnkrut._ Siehe den merkwürdigen Aufsatz „Die Entscheidungsschlacht im
Marchfelde zwischen Rudolph und Ottokar 1278“ im Archiv für Geographie,
Historie &c. Nr. 1 und 2 des J. 1814. Der vortreffliche
Geschichtschreiber, Chorherr Kurz, sagt in seinem +Oestreich unter
Ottokar und Albrecht I.+: „In Rücksicht des Schlachtfeldes stimmen die
Berichte nicht ganz überein, welches wohl nicht anders möglich ist, da
zwei Heere nothwendig eine große Strecke einnehmen, und während einer so
entscheidenden Schlacht an mehreren Orten gestritten wird. Daß an dem
Marchfluß gekämpft ward, in welchem viele Böhmen den Tod fanden,
bestätigen alle Chroniken. Der Bezirk von _Stillfried_ bis
_Idungspeugen_ hinauf, war der eigentliche Kampfplatz, _Chrutterfeld_,
das ebenfalls genannt wird, liegt in der Mitte. Die Schlacht muß sich
von Stillfried gegen den _Weidenbach_ und bis _Marcheck_ ausgedehnt
haben, da Rudolph in seinem Stiftsbrief sagt: „Gott habe ihn nicht fern
der Kirche von Marcheck aus Todesgefahr errettet“. +In loco ab ecclesia
eadem non longe distante nos quasi in angustiis mortis positos liberavit
ab hostibus: et prostratis eisdem liberavit gloria triumphali.+
+_Bodmann_ cap. I. p. 100.+ Wahrscheinlich deutet er auf die Gefahr, die
ihm drohte, als ihm das Pferd unter dem Leib’ erstochen ward. +_Calles_
T. II.+ p. 552-562 hat alle hierher gehörigen Stellen gesammelt“.

[4] Vers 284.

Siehe über dieses Gespräch Hornecks Reim-Chronik, Cap. 132-136

[5] Vers 351.

_Rüdiger Waldram_ nennt _Fugger_, in seinem _Ehrenspiegel des Erzhauses
Oestreich_, den Bürgermeister Wiens, der an Rudolph mit dem König der
Böhmen einverstanden, heimlichen Verrath sann. Bei andern
Schriftstellern heißt er Paltram Vazo. Der Sänger Rudolphs fand jenen
wohlklingender zu seinem Zwecke (S. auch +Wolf. Lazius Chron. Vienn.
Lib. IV.+ und +Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.+)

[6] Vers 360.

Die Erzählung von der Huldigung Ottokars auf der Donau-Insel _Kamberg_,
wo er, nachdem die täuschenden Zeltvorhänge gefallen waren, auf den
Knieen vor dem Kaiser liegend, den beiden, durch die Donau geschiedenen
Heeren gewiesen ward, ist von vielen gründlichen Geschichtsforschern als
unstatthaft verworfen worden.

[7] Vers 375.

In einem der anmuthigsten Gebirgsthäler Unter-Oestreichs, am Fuße der
Alpen, und an dem Ufer des Traisenflusses, liegt das Cisterzienser-Stift
_Lilienfeld_, von dem babenbergischen Leopold VII., oder Glorreichen, im
Jahr 1202 gestiftet, dem der Sänger Rudolphs durch acht und zwanzig
Jahre angehörte, und demselben in den letzten sieben Jahren als Abt,
k. k. Rath und niederöstreichischer Landesstand, vorgesetzt war.

[8] Vers 397.

_Masovien_ (Masuren), eine Landschaft in Polen, welche an Preußen, an
Groß- und Klein-Polen und an Lithauen gränzte, früher durch eigene
Herzoge regiert, und unter König Sigismund I. mit Polen vereiniget ward.
Ihre vornehmsten Städte waren Warschau und Plozk. (Hartknoch +de Republ.
Pol. L. I. c. 10.+)

[9] Vers 403.

_Königsberg_, die zweite Residenzstadt Preußens an der Pregel, von mehr
als 60,000 Einwohnern, und einer Universität, die in der neueren Zeit
durch Kant berühmt geworden ist, soll Ottokar im Jahr 1254 gegründet
haben.

[10] Vers 421.

Daß Rudolph in seinem sieben und dreißigsten Jahre an den Hof Ottokars,
der übrigens als ein großer Feldherr jungen Fürsten allerdings zum
Muster dienen könnte, berufen, und zu seinem Hofmarschalk ernannt worden
sey, daß er dann mit ihm die, bei dem Einfall der Tartaren wieder
heidnisch gewordenen, Preußen bekämpfte, im Jahr 1260 einem Kriegszug
gegen die Ungern beigewohnt, und wegen ausgezeichneter Heldenthaten von
ihm den Ritterschlag erhalten habe, sind Erzählungen aus seinem Leben,
deren Wahrheit hie und da bestritten worden ist.

[11] Vers 484.

_Tabor_. Ein an dem linken Ufer der Donau, Wien gegenüber liegendes
Dorf.


Zweiter Gesang.

[1] Vers 28.

Die Veste _Mödling_, deren Ruinen über dem Städtchen gleiches Nahmens,
nicht fern von Wien, in dem Brühler Thal zu sehen sind, war das
Eigenthum mehrerer Fürsten eines Zweigs des babenbergischen
Herrscherstammes, die sich Herzoge von Modeling nannten, und das zuletzt
auch Gertrud, die Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling, und Bruders
Friedrichs des Streitbaren, zu ihrem Antheil erhielt, nachdem ihr Gatte,
Herman, Markgraf von Baden, gestorben war.

[2] Vers 35.

In einem eng umschlossenen Thal’, am Fuße des Tannberges, welches der
Sattelbach durckfließt, stiftete Leopold der Heilige im Jahr 1135 das
Cisterzienser-Kloster Heiligen-Kreuz, welches nebst andern merkwürdigen
Grabmäälern im Kreuzgang auch jenes von Friedrich dem Streitbaren,
letzten Sprossen des babenbergischen Stammes, zur Schau stellt.

[3] Vers 91.

Ueber _Jacob Müllers_, des Zürcher Kriegers, _lustige Mähre_ siehe
+_Alb. Argent. Cap._ 18+ und _Fuggers Spiegel der Ehren des Erzhauses
Oestreich_. Nürnberg, 1668, erstes Buch 7. Cap. S. 66.

[4] Vers 110.

Der _Traisen_-Fluß in Unteröstreich, der bei Traisenmauer in die Donau
fällt, entspringt hinter der Lilienfelder Alpenkette aus dem sogenannten
Traisenberg, und ergießt sich in zwei Bächen, wovon der eine hinter
Tirnitz aus der Süd- und der andere hinter Hohenberg aus der Nordseite
des Berges hervordringt, so, daß beide erst oberhalb Lilienfeld sich
wieder vereinigen, und die eigentliche Traisen bilden. Wechselweise wird
der eine, und der andere Arm die _unechte Traisen_ genannt, je nachdem
der Bewohner des einen und des andern Bezirks Kunde darüber geben soll.

[5] Vers 115.

_Lilienfeld_, das Cisterzienserkloster in Unteröstreich, welches am Fuße
der Alpen, in einem der reizendsten Thäler, nicht weit von der, auf der
Hauptstraße nach Wien liegenden Stadt St. Pölten entfernt liegt, wurde
durch den babenbergischen Leopold den Glorreichen, Herzog von Oestreich,
im Jahr 1202 gestiftet, erhielt, wie schon weiter oben im Gedichte
gesagt wird, die ersten Mitglieder aus dem Kloster Heiligen-Kreuz, und
besteht nun schon 640 Jahre. In dieses Kloster trat der Dichter Rudolphs
von Habsburg, in seinem zwanzigsten Lebensjahre, im Jahre 1792, und
hatte ihm gegen 28 Jahre lang angehört, nach welchen er zu höhern
Stellen berufen ward; es ist ihm daher wohl zu guten zu halten, daß er
es zu einem der Schauplätze seines Gedichtes gewählt, und mit besonderer
Liebe und Ortskenntniß beschrieben hat.

[6] Vers 171.

Ob Rudolph vor, oder während der Schlacht das Gelübde gemacht habe: so
er den Sieg gewänne, ein Kloster zu Ehren des heil. Kreuzes zu erbauen,
ist aus den vorhandenen Nachrichten nicht völlig erweisbar. So viel ist
gewiß, daß er, nach jenem erhaltenen Sieg über seinen Gegner, das
adelige Frauenkloster zu Tuln, zu Ehren des heil. Kreuzes erbaut, und
auch seine, und seiner Gemahlinn aus Stein gehauene Statuen dahin
geschenkt habe, die leider zur Zeit der Aufhebung desselben, auf eine
unverantwortliche Weise, vernichtet worden sind!

[7] Vers 176.

Die hier bezeichneten Fürsten sind: Albrecht I., Friedrich der Schöne,
Maximilian I., Carl V., Maria Theresia, Joseph II., Leopold II.,
Franz I.

[8] Vers 320.

Nach Fugger geschah diese Handlung zu Mainz, als Kaiser Rudolph das
Reich bereisete, im Jahr 1273. (_Siehe Spiegel der Ehren_. S. 84.)

[9] Vers 372.

_Wiener-Neustadt_ -- erhielt den Titel der _Allzeit Getreuen_ schon von
Herzog Friedrich dem Streitbaren, wie es aus einer ihr im Jahr 1242
ertheilten Privilegien-Urkunde erhellet. Kaiser Leopold I. schenkte ihr
im J. 1708 eine Fahne mit der Aufschrift: +Semper fidelis civitas
Neostadiensis -- pro Caesare et Religione+ -- wie solches nebst andern
historisch merkwürdigen Seltenheiten in dem Rathhaus-Archive daselbst zu
ersehen ist.

[10] Vers 410.

Ein Meisterwerk der gothischen Baukunst, das alle Fremden durch seinen
majestätischen Umfang in Erstaunen setzte, das sogenannte Dormitorium,
oder Schlafhaus zu Lilienfeld, welches ursprünglich den Klosterbrüdern
zur gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafstätte diente, als noch, außer
dem Chorgebeth, das Ausräuten und Urbarmachen der Wildniß umher ihr
hauptsächliches Geschäft war, ging durch den großen Brand (13. September
1810) völlig zu Grunde, so daß keine Spur mehr von seiner Herrlichkeit
übrig blieb.

[11] Vers 478.

Der _Lasingfall_, in den Lilienfelder Gebirgen, ist seit dem Jahr 1815,
wo ihn der Verfasser des gegenwärtigen Gedichts, als damaliger
Stiftsvorsteher, zugänglich, und dadurch erst bekannt machte, der
Gegenstand der Aufmerksamkeit der Reisenden, die ihn jährlich in großer
Anzahl besuchen. Seine Schönheit übertrifft jede Vorstellung. Die
Felsenschlucht, durch welche sich die Lasing herabstürzt, hat drei
Hauptabsätze, die nach Wiener Maß:

  a = 107 Fuß
  b =  40  „   8”
  c = 123  „   2”
    -------------
      270  ’  10”

senkrechte Höhe, und

  a = 145 Fuß  2”
  b = 126  „   7”
  c = 123  „   4”
    -------------
      395  ’   1”

horizontale Länge des Wasserfalls bewirken. Auch das Felsenthal am Fuß
des Oetschers, durch welches sie sich ergießt, gewährt einen
ergreifenden Anblick.


Dritter Gesang.

[1] Vers 3.

_Marbod_, +Marobodus+, wie ihn Tacitus nennt, König der Marcomannen,
eines schwäbischen Stammes (Mark-Mannen, Hüther der Gränze, oder wie
Andere wollen: _Marich_-Mannen, Roßtummler, von dem alten deutschen Wort
_Marich_, Stute, Mähre, +equa+), lebte gleichzeitig mit Herman dem
Cherusker. Entschlossen, sich in einer entfernteren Stellung den Römern
furchtbar zu machen, sammelte er ein Heer von mehr denn siebenzig
tausend Mann, zog immer weiter an der Donau herab, und nachdem er den
_Catualda_ (Gothwald oder Katwald), einen Anführer der Gothen, aus dem
Lande der Bojen, dem heutigen Böhmen, verjagt hatte, gründete er dort
den Sitz eines neuen Reichs, das sich von der äußersten Spitze der
Ostmark, und der Gränze Pannoniens, bis an das Riesengebirge hin
erstreckte. _Inguiomar_ (wahrscheinlich Hinkmar), der Ohm Hermans, der
zu ihm flüchtete, verwickelte ihn in einen heftigen Streit mit seinem
gewaltigen Neffen, und als nach einer unentschiedenen blutigen
Feldschlacht seine Krieger auf Hermans Seite traten, und Catuald mit
Hülfe römischer Scharen seine Burg erstürmte, faßte er den Entschluß,
sich in Roms Schutz zu begeben. Er wurde nach Ravenna verwiesen, wo er
nach einem zwei und zwanzigjährigen Aufenthalt sein Leben -- das er, wie
Tacitus sagt, zu sehr liebte, in unrühmlicher Abgeschiedenheit endete.
Catuald hatte ein gleiches Schicksal, denn er wurde von den Römern nach
Frejus in Frankreich verwiesen.

[2] Vers 16.

Das Schloß _Hainburg_ mit dem Städtchen gleiches Nahmens, an der Gränze
Ungerns in Unter-Oestreich, soll, der Sage nach, von Attila, dem König
der Heunen, wie die Deutschen der Vorzeit die Hunnen nannten, erbaut
worden sein: daher Heunenburg, _Heunburg_, geheißen haben. Was hier von
dem Umfang, und der Lage des markomannischen Reichs unter Marbod, und
weiter unten Vers 25 von der durch ihn gekämpften Schlacht auf dem
Marchfeld gesagt wird, gründet sich, nicht mit historischer Gewißheit,
sondern in poetisch genommener scheinbarer Möglichkeit, auf folgende
Stellen aus dem Werke: +Hist. opus in IV. T. divisum, quorum T. I. Germ.
ant. illust. continet. Basileae 1574 ed. Tencterus+.

+Sub Martungis erant Curiones, inde Chetuari, et Parmecampi, ubi hodie
pars est Austriae Cis-Danubianae juxta _Krembs, Znaem et Niclaspurg_.
Inde habitabant Marcomanni; hodie regio illa Moravia est, quae se ad
Sudinos extendebat, et Danubium usque, ubi hodie civitas est
_Prespurgium_. -- Gessit haec gens maxima bella cum Romanis etc. etc.
_Bilibaldi Birkheimeri Locor. per German. explicatio pag. 209._+

Ferner: +Nariscos Marcomannos et Quados haud dubie ea loca tenuisse
putamus, ubi nunc agunt Moravi, _Merherlandt_. De Marcomannis nemo
dubitare potest, qui Vellejum legerit. _Henr. Clareani in P. C. Taciti
de Mor. Germ. comment._ p. 188.+

Und endlich: +Marcomanni sedes habuerunt in ea parte, quae spectat ortum
versus Moraviam et Austriam. Enituit autem virtus Marcomannorum in
multis asperrimis bellis, in quibus patriam adversus Romanos fortissime
defenderunt etc. _Philip. Melanchtonis Vocabula Regionum et Gent. quae
recens. in libello Taciti de mor. Germ._ p. 193.+

Daß aber Rudolph aus Marbods Stamm entsprossen seyn soll (siehe unten V.
48) gründet sich in besagtem Sinn auf folgende Stelle:

+Andreas Alciatus in suis annotationibus in Tacitum, etiam in Helvetiis
consedisse Marcomannos quadosque putat. Exstat enim, inquit, adhuc in
eis Vallis _Marcomanna_ nomine.+

+_Andreae Althameri Scholia in Cornel. Tacit. de Germ._ pag. 61+
desselben Werks.

[3] Vers 23.

_Marobudum_ hieß die Residenzstadt Marbods, des Königs der Marcomannen,
die er sich in dem vormahligen Bojenheim erbaute, und die an der Stelle,
wo jetzt Prag -- nach Andern -- wo jezt Budweis, gestanden haben soll.

[4] Vers 106.

Das Wapen der Grafen von Habsburg enthielt im goldenen Felde einen
rothen Löwen mit einer blauen Krone auf dem Haupt.

[5] Vers 107.

Das böhmische Wapen zeigt einen weißen gekrönten Löwen im rothen Feld.
Kaiser Friedrich I. ertheilte selbes, nach dem Mailänder Krieg,
Uladislav II. im Jahr 1159.

[6] Vers 108.

Kaiser Friedrich II. erhob Wien im Jahr 1237 zu einer freien
Reichsstadt, ertheilte ihr den doppelten Adler zum Wapen, und stiftete
eine hohe Schule daselbst. S. _Lazius_. Auch diesem wird widersprochen.

[7] Vers 295.

Der schmale Donau-Arm, der, unterhalb Nußdorf von dem Hauptstrom
geschieden, die Stadt Wien von der Leopoldstadt trennet, und hiermit ein
großes Eyland bildet, auf welchem nebst besagter Vorstadt, auch die
anmuthigsten Spaziergänge in der Brigittenau, dem Augarten und dem
berühmten Prater sich befinden.

[8] Vers 308.

_Amtner_, dieses im Verlaufe des Gedichtes einigemal vorkommende Wort,
bezeichnet (wie Schaff-ner, Zöll-ner u. s. w. geformt) ganz entsprechend
die französische Benennung _Offizier_; wo sodann _Offizier-Corps_, durch
_Amtnergilde_ gegeben werden könnte.

[9] Vers 350.

Die Kumanier (ein sarmatisches Volk), die aus ihrem Land, welches
zwischen den Alpen und der Donau, gegen die Tartarei zu, lag, von den
hinterhalb wohnenden Tartaren gedrängt, unter Bela IV. Jahr 1239 nach
Ungern kamen, und von diesem eine große Strecke Lands zwischen der Donau
und der Theyß eingeräumt erhielten, vereinigten sich dann mit den bald
nachfolgenden Tataren, über Ungern die schrecklichste Verwüstung zu
bringen, weßwegen sie dem Unger, der sie in seiner Sprache Kun nennt,
auch nachdem jene schon abgezogen waren, noch lange verhaßt blieben.
(+Bonfinii Decad. II. Lib. 8.+)

[10] Vers 358.

Dschengis Khan brachte durch die Gründung seines großen Reichs in Asien
auch die europäische Tartarei, welche die Halbinsel Krimm, Beßarabien
und das Land zwischen dem Dniester und Dnepr in sich faßte, in Bewegung.
Seine Horden drängten die vor ihnen liegenden Kumanier, und als diese,
unter ihrem König Kuthen, sich nach Ungern zurück zogen, folgten sie
ihnen dahin nach, und verwüsteten unter ihren beiden Anführern, Vathos,
der über Reußen, Polen und Mähren, und Kadan, der aus der Moldau
hereinbrach, beinahe durch zwei Jahre das Land mit Feuer und Schwert.

[11] Vers 517.

Rudolphs Zug nach dem Gelobten-Lande; auch daß er Hofmarschalk König
Ottokars gewesen (siehe weiter unten Vers 602) gehört unter die
bestrittenen Ereignisse seines Lebens.

[12] Vers 581.

_Ueber das Faustrecht_ siehe Dr. Gerhards Abhandlung. Jena 1711.

[13] Vers 595.

_Fugger_ erzählt: „Auf dem Reichstag zu Nürnberg Jahr 1274 ist
beschlossen worden, daß forthin alle Reichsabschiede, Freiheitsbriefe,
Befehle, Verträge, letzte Willen, und dergleichen öffentliche Urkunden,
nicht mehr wie zuvor, in lateinischer, sondern in deutscher Sprache
sollten ausgefertigt werden, damit also die Ungelehrten, die das Latein
nicht verständen, nicht ungefährt bleiben, und die bürgerlichen
Geschäfte in mehrere Richtigkeit kommen möchten. Wiewohl es noch bei dem
damaligen Unform der Sprache (!!) mit der deutschen Rednerei etwas hart
herginge, so wäre doch diese löbliche Sorgfalt K. Rudolph ein guter
Anfang, und eine kräftige Anreizung zur Ausübung unserer Muttersprache
gewesen.“ (_Siehe Ehrenspiegel_ S. 87.)


Vierter Gesang.

[1] Vers 58.

_Lug_, _Lueg_ im Oberdeutschen eine Warte, +Specula+, welche demnach dem
französischen +Loge+ entspricht. Siehe Theuerd. Cap. 47.

[2] Vers 131.

Alles, was hier, und weiter unten von Turnier und Turniergebräuchen
gesagt wird, mag in _Rüxners Turnierbuche_; in +_Du Cange dissertations
sur l’histoire de St. Louis_+, und in +_Menestrier_ (Claude Franç.)
_Traité des Tournois_, _Joustes_ etc. Lyon 1669. IV.+ seine Belege
finden.

[3] Vers 428.

_Zawiß von Rosenberg_, der Geliebte, und nachher Gemahl der Wittwe
Ottokars, Kunegunde, übte, während der Minderjährigkeit Wenzels,
Herrschergewalt über Böhmen aus. Dieser, nach ihrem Tod König geworden,
trug ihm tiefen Haß im Herzen, welchem zu entgehen, und sich zugleich an
dem feindseligen Herrscher zu rächen, Zawiß, durch eine Heirath mit der
Base des Ungernkönigs Ladislav, sich gegen ihn zu verbinden suchte.
-- Doch, in dem Augenblick der Abfahrt ward er zu Prag durch List
festgenommen, und nach mehr als Jahresfrist im Kerker zu Budweis
enthauptet.


Fünfter Gesang.

[1] Vers 131.

Die Schlacht von Kressenbrunn (Kroissenbrunn) im Marchfeld, in welcher
Ottokar über Bela IV. König der Ungern, einen entscheidenden Sieg davon
trug, ereignete sich im J. 1260. Siehe die höchst anziehende
Beschreibung derselben in _Hornecks Reim-Chronik_ vom 58. bis 64. Cap.

[2] Vers 153.

Nach jenem Sieg von Kroissenbrunn über die Ungern, zog Ottokar mit
seinen Scharen, wie im Triumph, durch Kärnthen und Krain. Als die Böhmen
an der Gränze von Italien die Steinwände von Canale ersahen, fragten sie
den König: „ob Rom nahe sey? denn sie hätten öfters von ihren Vorfahren
sagen gehört, daß sie durch eine solche Felsenpforte auf die Straße nach
Rom gekommen seyen.“ Ottokar antwortete ihnen, „Böhm’ und Pole sollen
sich einst hier wie zu Hause finden, denn, so er noch einige Zeit lebte,
würde sich seine Gewalt noch viel weiter erstrecken.“ _Horneck
Reim-Chronik_ Cap. 90.

[3] Vers 162.

_Arpad_, der erste Anführer der Ungern (Magyaren), die, kommend von den
Ufern des Tanais her, im neunten Jahrhundert Pannonien in Besitz nahmen,
stand seinem Volk (nach +Anonym. Belae Not. 52. Cap.+) beiläufig von 889
bis 907 vor, und war der Stammvater einer Reihe von Königen, unter
welchen der heil. Stephan zuerst, im J. 1000, diesen Titel annahm, bis
mit Andreas III. im J. 1301 sein Stamm ausstarb. Erst Ferdinand I. hat
dieses Reich auf immer mit Oestreich vereinigt, obschon dasselbe vor ihm
zwei Fürsten seines Hauses, Albert II., und Ladislaus Posthumus,
besaßen.

[4] Vers 358.

Das Schicksal beider fürstlichen Jünglinge, Konradins von Schwaben (Sohn
Konrads IV.) und Friedrichs von Oestreich (Sohn Markgraf Hermans von
Baden, und Gertrud, Tochter Heinrichs, Herzogs von Mödling) die im Jahr
1268 zu Neapel durch das Bluturtheil Carls von Anjou hingerichtet
wurden, ist bekannt. Horneck beschuldigt Ottokarn an mehr denn einer
Stelle, daß er, als Mitwerber um Oestreich und Steyermark, ihren Tod
befördert habe. _S. Reim-Chronik_ Cap. 164.

[5] Vers 361.

Gertrud, die Mutter Friedrichs von Oestreich, ließ Ottokar, nachdem er
Steyermark in seine Gewalt bekam, aus allen ihren Besitzungen, zuletzt
auch aus Judenburg und Feistritz, durch den grausam gesinnten Propst von
Brünn, vertreiben. Zur Nachtzeit, im Regen und Sturm, mußte sie die
Reise antreten. Sie begab sich nach Meißen. (_Horneck Reim-Chronik_ Cap.
55 und 56.)

[6] Vers 364.

Ueber Margarethens, der verstoßenen Gemahlinn Ottokars, Schicksale,
siehe _oben Anmerkungen zum ersten Gesange [2] zum Vers_ 68.

[7] Vers 365.

Otto, Herrn von und zu Meißau, den Stolz des östreichischen Adels, hatte
Ottokar, wegen geargwohnter Anhänglichkeit für den Sohn der
babenbergischen Gertrud, im Schloß Eichhorn festsetzen, und dort Jahr
1265 im Hungerthurm verbrennen lassen. (+Chron. Austral. Neob. et Leob.
apud. Hieron. Pez T. I.+)

[8] Vers 366.

Der scheelsüchtige Ritter Friedrich von Pettau hatte Ottokars
argwöhnisches Gemüth gegen einige seiner Mitstände in der Steyermark
aufgeregt, der dann mehrere von ihnen, als: Ulrich von Lichtenstein,
Hartneid von Wildon, Wülfing von Stubenberg, und Heinrich und Bernhard
von Pfannberg, auf verschiedene Vesten gefangen setzen, und sie aus
diesen nach einer zweijährigen Haft nicht eher entließ, bis sie ihm ihre
Burgen ausgeliefert hatten. _Horneck_ Cap. 85 und 86.

[9] Vers 372.

Seyfried von Merenberg, der steyrische Ritter, versäumte dem König
Ottokar, auf seinem Siegszug an der Drau mit den übrigen Herrn entgegen
zu kommen, und fiel durch Einflüsterung eines bösen Menschen bei ihm in
Verdacht. Er ließ ihn in der Folge heimlich greifen, und gebunden nach
Prag abführen. Als er vielfältig gemartert, Gott zum Zeugen seiner
Unschuld rief, und dem, nach Geständnissen einer Verschwörung in
Kärnthen und Krain gierigen König, keine Lüge für Wahrheit geben wollte,
wurde er durch ein Pferd zum Galgen geschleift, und dort, das Haupt zu
den Füßen gebunden, aufgehenkt. Noch in der zweiten Nacht lebt’ er in
diesem qualvollen Zustand, bis ihm endlich einer der böhmischen Szupane
die Scheitel mit einem Kolben einschlug, weil er, auf wiederholte
Aufforderungen, schon halbtodt, aber standhaft, der Wahrheit getreu
gewesen zu seyn betheuerte. (_Horneck_ Cap. 99.)

[10] Vers 378.

Ottokar ließ den Bruder Milota’s, Beneß, Kämmerer von Mähren, dessen
Tochter er geschändet haben soll, zugleich mit Otto von Meißau im Jahr
1265 in dem Hungerthurm zu Eichhorn verbrennen. Milota’s Haß gegen
Ottokar, und der Verrath, den er in der Marchfelder Schlacht 1278 an ihm
beging, soll dadurch veranlaßt worden seyn. (Siehe _Hanthalers_ +Fast.
Campil. Lib. I. Dec. VII. §. 26.+ S. 1017 und _Fuggers Ehrenspiegel_ &c.
S. 104.)


Sechster Gesang.

[1] Vers 96.

_Odin_, der Gott der Götter, nach der nordischen Mythologie. (Siehe
_Ryerups Wörterbuch der scandinavischen Mythologie von Sander_,
Copenhagen 1817.)

[2] Vers 516.

Die Gemahlinn Rudolphs, Anna, verschied zu Wien am 23. Hornung des Jahrs
1281, von wo ihre Leiche nach Basel abgeführt, und in der Domkirche
beigesetzt worden ist.

[3] Vers 538.

Daß sowohl Ottokar, als auch Rudolph schon zu ihrer Zeit eine Art
Pontonsbrücke über Flüsse zu schlagen verstanden, erhellet aus _Hornecks
Reim-Chronik_ Cap. 92., wo es heißt:

  Chostleichen hiez er machen
  Von Holczwerich ein Prukken
  Dew waz von manigen stuckchen
  Chluegleichen gevalten.

und dann

  Bey der Tunawstaden
  Do sich das Her vol gelait,
  Do waz dew Prukken berait
  Vber die Tunaw weit;
  Die Prukken muesten alle Zeit
  Wohl hundert Wegen tragen,
  Wo des Kunigs Helfer lagen,
  Da ward nach gesannt &c. &c.

In diesem 92. Capitel ist von der Einnahme des Preßburger Schlosses im
letzten Krieg Ottokars gegen Ungern die Rede.


Siebenter Gesang.

[1] Vers 25.

Ueber Hainburg, und ihre vermeintliche Erbauung durch Attila, siehe oben
_Anmerkungen zum dritten Gesang_[2] Vers 16.

[2] Vers 110.

Die Sage von der Burgfrau, welche grausam eitlen Sinnes das Blut der
Kinder vergoß, zeigt auf die Ruinen des Schlosses * * *, an dem rechten
Waag-Ufer, nicht fern von Trentschin, welches sie bewohnt hat.

[3] Vers 244.

Die Waffe, eine Art kurzer Streitkolben, von welcher hier die Rede ist
nennt der Unger +Buzogány+, wo der Buchstabe +z+ wie beim italienischen
+zero+ ausgesprochen wird; das +y+ verliert sich aber im Druck der Zunge
an den Gaumen.

[4] Vers 309.

Die _Zips_ (Zipß), lat. +Scepusium+, eine Gespannschaft in Ober-Ungern
am Fuße der höchsten Karpathen gelegen, und wohl eines der höchsten
bewohnten Gebirgsthäler der östreichischen Monarchie, aus welchem nach
allen Welttheilen bedeutende Flüsse sich ergießen: g’en Westen die Waag;
g’en Süden die Hernath; g’en Osten die Tarza; g’en Norden die Poprad,
die in dem angränzenden Polen, mit der Dunajez vereint, in die
Weichsel fällt. Diese Gespannschaft zeichnet intellectuelle und
landwirthschaftliche Cultur vor mancher andern Ungerns aus, so, daß viel
Wohlstand sowohl in den zwei königlichen Städten Leutschau und Käßmark,
als auch in den XVI. Städten, unter den munteren und fleißigen Bewohnern
zu sehen ist. Der Verfasser gegenwärtigen Gedichts trennte sich schwer
von diesem Ländchen, worinn ihm 1819 und 1820 eine ehrenvolle Bestimmung
geworden war.

[5] Vers 312.

Ueber Katwald und _Inguiomar_ siehe oben die _Anmerkungen zum dritten
Gesange_ [1] Vers 3.

[6] Vers 474.

Daß die Könige von Ungern, zur Zeit _Hornecks_ wenigstens, in der
Schlacht nicht selber mitfochten, sondern von einer Anhöhe nur Zeugen
derselben waren, erhellet aus Cap. 153, wo von der Marchfelder Schlacht
die Rede ist:

  Kunig Ladißla den jungen
  Sy furten von Streit dan
  Auf den Perikch ob dem Plan
  Da er wol hört und sach
  Alles daz, daz da geschach
  Auf dem Veld prait.
  Ez ist der Vnger Gewonhait
  Vnd jehent auch offenbar:
  Ir Kunig sey jn zu achpar
  Darezu, daz er schull streiten &c. &c.

Auch sagt _Haselbach_ +Chron. Austr. Lib. III. ap. Hier. Pez. T. II.
Ladislao+, juvene Ungariae, cuncta de monte prospectante; nam Ungarorum
mos habet, ut Rex propria persona bellum intrare non debeat.

[7] Vers 536.

Die Sitte, des Gegners Heer zum Kampf herauszufordern, und sogar von
beiden Seiten dazu Tag und Ort zu bestimmen, war den alten Deutschen
gemein. Ein Beispiel davon findet man auch bei _Horneck_ Cap. 60, wo
Ottokar den König Bela durch Otto von Meißau zum Kampf auffordert, und
bald darauf auch Bela den Gegnern sagen läßt, sie sollen sich auf eine
bestimmte Strecke zurückziehen, damit die Ungern über die March setzen,
sich aufstellen, und die Schlacht liefern mögen.

[8] Vers 550.

Sowohl bei Horneck, als auch bei den spätern Geschichtschreibern, wird
Schörlins und seines unbändigen Rosses erwähnt, welches das erste
Zeichen zur Marchfelder Schlacht gegeben habe.


Achter Gesang.

[1] Vers 31.

In der Jägersprache heißt das Bluten des verwundeten Wildes: das
_Schweißen_; daher die Benennung einer Gattung der Jagdhunde.

[2] Vers 55.

_Tyr_, nach der nordischen Mythologie, der Sohn Odins, des höchsten der
Götter, und ein Beschützer der muthigen Krieger, soll die einzige
Gottheit der scythischen Völker gewesen seyn, die ohne Zweifel unter
einem andern Nahmen bei ihnen in Verehrung stand. Bei seinem Scheiden
von der Erde soll er sein Schwert in die Erde vergraben haben, welches
erst später Attila auffand.

[3] Vers 386.

Vor der Schlacht sollen Einige aus dem östreichischen Heere den König
Ottokar, aus alter Anhänglichkeit, schriftlich vor Untreue der Seinigen
gewarnt haben; da nun auch die Meißner und Thüringer heimlich aus dem
Lager abzogen, so habe er sich wehrlos in die Mitte seiner Feldherrn
gestellt, und sie aufgefordert, ihm die Brust zu durchbohren, ehe noch
viele Tausende auf dem Schlachtfelde gefallen seyn würden. (Siehe
_Hanthaler_ +Fast. Camp. T. I. Pars II. Dec. VIII. §. 80.+ +Arenpeckii
Chron. Austr. ad An. 1278+.)

[4] Vers 428.

Heinrich I. der _Städte-Erbauer_, hat ungefähr im J. 930 die Stadt, und
das Schloß Meißen an der Elbe erbaut, und ihr von dem Flüßchen, das sie
eben dort aufnimmt, und Meiße heißt, den Nahmen gegeben.

[5] Vers 459.

Constanzia, Tochter des babenbergischen Leopold des _Glorreichen_, war
die Gemahlinn Markgrafs Heinrich von Meißen, des Sieghaften, die ihm die
beiden Söhne Dietrich und Albrecht gebar. Einen von diesen beiden
verlangten die Stände von Oestreich, nach dem Erlöschen des
babenbergischen Stammes, und der kurzen Regierung Hermanns von Baden, zu
ihrem Herrscher, und fertigten von Tuln, wo sie ihre Versammlung
hielten, Gesandte nach Meißen ab, die hernach der König von Böhmen
unterwegs aufgehalten, von der Fortsetzung der Reise abgebracht, und
sich durch Hindeutung auf eine Heirath mit der verwittweten Herrscherinn
Margareth den Weg zur Erwerbung von Oestreich und der Steyermark
eröffnet hat.

[6] Vers 473.

Daß die Meißner und Thüringer vor der Schlacht heimlich aus dem Lager
Ottokars abgezogen seyen, ist geschichtlich. (S. oben _Anmerkung_ [3]
zum 386 Vers.) Die Ursache dieses Abzugs ist unbekannt.


Neunter Gesang.

[1] Vers 71.

Die Krieger, gewöhnlich leichte Reiterei, die vor einem feindlichen
Heere daherzieh’n, heißen in der bestehenden Kriegssprache:
+Eclaireurs+.

[2] Vers 436.

_Venezia_. Ueber die merkwürdige Eroberung Constantinopels im Jahr 1202
(also 76 Jahre vor der Marchfelder Schlacht) durch vorzügliche
Mitwirkung des 90jährigen Greises, Heinrich Dandolo, Doge von Venedig,
siehe Raumers Geschichte der Hohenstaufen III. B. und Daru’s Histoire de
Venise I. Der Sänger Rudolphs von Habsburg wollte hier, jener herrlichen
Stadt, der einstigen Königinn des adriatischen Meeres, deren Andenken
ihm auf immer theuer bleiben wird, dankbar erwähnen.

[3] Vers 600.

_Al-rune_. _Runen, Runenschrift_, ein den alten Germanen und
Scandinaviern eigenes Alphabet, nach welchem im nördlichen Deutschland
noch einige Denksteine beschrieben gefunden werden. Wahrscheinlich
hatten sie selbes von den Phönikern erhalten, und was sich davon hie und
da auf verwittertem Gestein vorfand, diente in späterer Zeit zu manchen
vorgeblich zauberischen Künsten, das Schicksal der Menschen von den
Nornen, den Schicksalsgöttinnen, zu erfragen. Diese drei schönen
Jungfrauen, heben sich stets aus Mimers Brunn, der himmlischen Quelle,
herauf bei welcher die Götter Rath halten, und ihre Urtheile offenbaren,
und heißen: Urda, Werandi, Skulda: _Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft_.
(_Ryerups scandinav. Mythol._ &c.)


Zehnter Gesang.

[1] Vers 35.

_Rheinau_, +Augia major+, ein kleines Städtchen zwischen Schaffhausen
und Eglisau, wo eine Brücke über den Rhein führt. Dort befand sich
vormals ein reiches Benedictiner-Stift, das Funtan der Heilige, aus dem
königlichen Geblüt Schottlands, erbaut haben soll, da er aus höherer
Eingebung einen Platz dazu suchen mußte, wo der Rhein _nach Osten_
fließt, und solcher an dieser Stelle allein gefunden wird. +Stumpf.
Schw. Chron. p. 360.+

[2] Vers 84.

_Hartmann_, der jüngste der Söhne Rudolphs, ertrank, mit noch andern
dreizehn Jünglingen, adeligen Geschlechts, am 20. Dezember des Jahrs
1280, im achtzehnten seines Alters, als er mit selben den Rhein
hinabfuhr, und das Schiff bei Rheinau von dem Grundeis umgestürzt wurde.
-- Seine Leiche ward nach Basel geführt, und im dortigen Münster
begraben.

[3] Vers 138.

_Woldan_ hieß ein Raubritt, den öfters der oberste Anführer eines im
Krieg begriffenen Volks, mit einer Schar Freiwilliger, in dem Lande des
Feindes, Beute zu holen, unternahm. Bei der Belagerung Peterlingens
forderte Rudolph sein Volk zu einem solchen Woldan auf; er streifte bis
gen Lausanne, und es heißt da;

  Si namen da so viel
  Daz Ich fürwar sagen wil,
  Daz in langer Zeit
  Nahent, noch weit,
  Nie wart geritten noch gethan
  Ain so schedleicher Woldan.

  (Horneck R. Chr. C. 319.)

[4] Vers 140.

_Iwan von Günß_ (Sohn des Grafen Heinrich) empörte sich erst gegen
seinen eigenen König, fiel dann, häufig plündernd, auch in Oestreich und
Steyermark ein, und verübte unzählige Grausamkeiten. Im Jahr 1286 schlug
er den gegen ihn gesandten Abt von Admont; später auch Herman von
Landenberg, der sich ihm mit seinen östreichischen und steyerischen
Kriegern ergeben mußte. Herzog Albrecht, von Truppen entblößt, verschloß
sich in Neustadt, und ging sogar den Vertrag von Hainburg ein, vermöge
welchem die Gefangenen ausgewechselt, und in einem Krieg mit Ungern sie
sich beide gegenseitige Hülfe leisten sollten. Iwan setzte seine
Verheerungen in Oestreich bald wieder fort, bis endlich im Jahr 1280 ihn
Albrecht mit starker Macht bekriegte, ihm Oedenburg nebst vielen andern
Vesten, Burgen und Märkten abnahm, und ihn endlich, nach einer
hartnäckigen Belagerung, in Günß bezwang. Ueber diese Belagerung siehe
_Horneck R. Chron._ von Cap. 312 bis 315.

[5] Vers 228.

Ueber dieses historische Faktum siehe Fugger _Ehrenspiegel_ S. 75. Cap.
VIII.

[6] Vers 236.

_Antwerk_ war ein Wurfgeschütz, aus welchem Steine von bedeutender
Schwere, ja auch zuweilen Schwefelfeuer nach den Erkern, und auf die
Häuser der Veste geworfen wurden. (Ueber diese und die folgenden
Kriegswerkzeuge des Mittelalters, siehe: _Schachts vortreffliches Werk
über Hornecks Reim-Chronik_, Mainz 1821, S. 388.)

[7] Vers 238.

_Katzen_ nannte man die mit Erde gedeckten Werke, welche inwendig mit
Stoßbäumen versehen, nach Ausfüllung der Gräben, bis an die Mauern
vorgeschoben wurden, und gegen welche man sich durch Minen, und
Geschosse von den Mauern herab, zu wehren suchte. S. oben.

[8] Vers 245.

_Ebenhoch_ hießen eine Art Thürme, die, wahrscheinlich auf Rädern, an
die Mauern geschoben, verschiedene Geschosse in die Veste zu schleudern,
dienten. Ihr Nahme zeigt, daß sie hoch genug waren, um das Innere der
ummauerten Städte und Vesten übersehen zu können. S. oben.

[9] Vers 297.

Dem Verfasser der berühmten _Reim-Chronik_, die zuerst von dem gelehrten
Benediktiner von Melk, _Hieronymus Pez_, im Jahre 1745 zum Druck
befördert ward, hat Lazius +Comment. Geneal. p. Auster.+ 233 außer dem
Nahmen _Ottakcher_ (Ottokar), den er sich selber R. Chr. Cap. 177
beilegt, unbekannt aus welcher Quelle, auch den von _Horneck_,
aufgefunden. Er lebte unter _Rudolphs_ I. und _Albrechts_ I. Zeiten; war
in Steyermark geboren; hatte den berühmten Meistersänger Kunrad von
Rotenberg, der vorher an Manfreds Hofe lebte, zum Lehrmeister; stand,
man weiß nicht, in welcher Eigenschaft, im Gefolge Ulrich und Otto
Lichtensteins; wohnte der Marchfelder Schlacht 1278 bei, und starb erst
nach dem Jahr 1309, da er noch von dem Aufruhr einiger aus dem Adel, und
der Wiener Bürger, gegen _Friedrich den Schönen_ spricht, und damit sein
Werk beschließt. Die _Reim-Chronik Hornecks_, die mit dem Tode
_Friedrichs_ II. röm. Kaisers beginnt, und um das Jahr 1309 der
Regierung _Friedrich des Schönen_ endet, enthält über 83,000 kurze
gereimte Verse in 830 Capiteln.

Ein anderes noch ungedrucktes Werk Hornecks: _Von den Monarchen und
Kaisern der Welt bis auf Friedrich II. röm. Kaiser_, in ähnlichen Versen
verfaßt, ist im Besitze der k. k. Hofbibliothek zu Wien. (Siehe die
Vorerinnerungen des Hieronymus Pez zu Hornecks Reim-Chronik in seinem
Werke: +Scriptores rerum Austriacarum III.+ Band; und obiges treffliche
Werk: _Aus- und über Ottokars von Horneck Reim-Chronik_, von Th.
Schacht, Mainz 1821.)

[10] Vers 305.

Ulrich von Lichtenstein, aus der steyerischen Linie der Lichtensteine --
ein trefflicher Ritter und Minnesänger zugleich, der die beiden
merkwürdigen Gedichte: _Frauendienst_, und: _Ytwitz oder der Frauen
Puech_, verfaßte, mag kurz vor der Marchfelder Entscheidungsschlacht
gestorben seyn. Das erstere Werk enthält ein prächtiger Codex in
München, und wurde herausgegeben durch Ludwig Tieck. Stuttgart und
Tübingen in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung 1812. Das zweite befindet
sich in der Ambraser Sammlung zu Wien, Bl. 220-225 noch ungedruckt. (S.
die Beschreibung Primißers -- Seite 279.)


Eilfter Gesang.

[1] Vers 38.

_Siehe oben Anmerkungen_ zum _dritten Gesang_ [8] Vers 308.

[2] Vers 73.

Was hier von den Vorbereitungen zur Schlacht, als: von der Feier des
Abendmahls im Lager; von der Beicht’ und Communion, und weiter unten:
von dem Mustern der Gurt’ und Steigbügel; von den Aufträgen, welche die
Ritter im Fall, daß sie dem Feinde erlägen, an ihre Daheimgebliebenen
den Knappen ertheilen; von dem Zusammenhalten der Freunde in der
Schlacht u. s. w. gesagt wird, ist durchaus der damaligen Rittersitte
gemäß, und in Hornecks _Reim-Chronik_ Cap. 147, 329, 330 und 530
begründet.

[3] Vers 135.

Die ausgezeichnetsten Ritter wetteiferten um den Vorzug, das
Hauptbanner, oder die Sturmfahn, dem Herrscher selber in der Schlacht
vorzutragen. Horneck _Reim-Chronik_ C. 148.

[4] Vers 181.

Ueber die Sitte, sich gegenseitig die Schlacht anzukündigen, und dazu
Tag und Stunde zu bestimmen, siehe oben _Anmerkung zum siebenten
Gesange_ Vers 536.  [[Anm. 7.7.]]

[5] Vers 184.

Im Jahr 1289 überzog Kaiser Rudolph den Herzog von Burgund mit Krieg,
eroberte Mömpelgard, und zwang ihn zum Frieden. Vor der Schlacht sandte
er einen Bothen mit der Frage an ihn: „ob er zum Streiten bereit sey?“
und der Herzog ließ ihm sagen: „er seye darum hergekommen.“ (Siehe
_Horneck Reim-Chronik_ C. 329.)

[6] Vers 211.

Den Ritterschlag auf Schild und Schwert ertheilte Rudolph also vor der
Schlacht: S. _Horneck_ R. Chr. C. 149.

[7] Vers 542.

In den Gebirgsthälern Tirols, Steyermarks und Oestreichs, ist das
sogenannte _Scheibenschießen_ eine beliebte und mitunter nützliche
Unterhaltung des Volks. _Zu Hauptschießen_ werden von nahe und ferne die
Schützen geladen: das _Kreisschießen_ ist das gewöhnliche an Sonn- und
Festtagen; das _Beste_, ist der Preis dessen der den besten Schuß
gethan.


Zwölfter Gesang.

[1] Vers 54.

Ueber diesen Klaggesang Hornecks siehe dessen _Reim-Chronik_ Cap. 163
und 164. Hier nur Einiges aus demselben:

  Sieh Welt aller Untrew Chron,
  Daz ist auch ainer deiner Lon!
    --  --  --  --  --  --
  Auf der Erden lag er par
  Sein eigen Pluts naz.
  Wo waren die Matraß,
  Und die gulter Seydein,
  Darauf er sollt gelegen sein?
  Wo waren die ihn sollten chlagen?
  Von Mannen und von Magen, (Anverwandte)
  Pelieb er Trostes frey.
  Wo waren Erzt und Erzeney,
  Damit man seine Wunden
  Solt han gepunden?
    --  --  --  --  --
  Er hat so viel Guts,
  Wer er gewesen des Muts,
  Daz er tegleich wolt
  Von edlem Gestain und Gold
  Haben tragen Kleider an,
  Daz hiet er wol getan.
  Dez liez er ihm so gar zerrinnen
  Daz man im muest gewinnen
  Ain Graz, daß man ihn mit pedackt,
  So gar pelieb er nakht.
    --  --  --  --  --  --
  Ungetrev Welt, die spielt
  Du von im so gar,
  Daz aus dainer Schar
  Im Niempt volgt nach.
    --  --  --  --  --  --
  Sieh Welt daz ist dein Sold.
  We im! der dir ist hold
  Und We im den du trewtest.
  Mit dem Mund du im pewtest
  Honig an dem Anwang,
  Und hechst als ein Gift-Slang
  An dem End  --  --
    --  --  --  --  --  --
  Wer nicht will Gottes Haz
  Und seinen Zorn leiden,
  Der muß die Welt vermeiden.
  Dann die Werich, die sy geert
  Die sind vor Gott unwert.
  Dez vermaid nit der wakcher
  Von Pehaim Kunig Ottakher:
  Wann er vollfurt mit Gelust
  Der Welt Achust, (unordl. Begierden und Laster.)
  Und rang hier also ser
  Nach der zergenklichen Er,
  Daz er sich dez nicht liez befillen
  Damit er nach irm Willen
  Möcht gewerben, und geleben,
  Daz sol im Gott vergeben!

[2] Vers 209.

Die Stephanskirche, nachdem sie vorher zweimal abgebrannt war, hat
Ottokar beinahe in derselben Gestalt, wie sie noch heut’ zu Tage zu
sehen ist, während er über Oestreich herrschte, hergestellt.

[3] Vers 347.

Daß Rudolph den König Ladislav adoptirt habe, meldet auch Fugger I. Buch
12. Cap. S. 101.

[4] Vers 401.

Die Belehnung Albrechts mit Oestreich, Steyer, Krain, der Windischmark
und Portenau geschah eigentlich zu Augsburg während des Reichstags
daselbst im Jahr 1282, wo, im sogenannten _Frohnhof_, ein kaiserlicher
Thron, umgeben von den Churfürsten und Fürstensöhnen, zu sehen war, und
die Feierlichkeit nach denen, von Friedrich I., Heinrich IV. Friedrich
II. ertheilten Privilegien geschah.


       *       *       *       *       *
           *       *       *       *
       *       *       *       *       *


Druckfehler:

Rechtschreibeformen in -lll- (_allletzter_, _hellleuchtend_) sind
ungeändert.

  1. Gesang
    Des Friedens erwähnst du?  [ererwähnst]
    „daß es also gescheh’n wird!“  [_“ aus 1827 Auflage ergänzt_]

  2. Gesang
    Manches Helden Gebein’, auch Friedrichs ...  [Fiedrichs]
    stets in deinem Geschlechte noch dauern.“[7]  [_“ 1827_]
    und waldumsäumtes Gehöftland;  [waldumsaumtes]

  3. Gesang
    ein trefflicher Stürmer!“  [_“ 1827_]

  4. Gesang
    und nahten ihm, grüßend mit Ehrfurcht.  [grußend]
    Wahrlich vor Kummer das Herz um den treugesinneten Helden.“
      [_hier und anderswo fehlt das zweite “_]
    hoben den Helm von dem Haupt’, und empfiengen  [_ungeändert_]
    „Euch entbiethet zuvor  [_»,Euch« mit einfaches Anführungszeichen_]
    der letzte der Kämpfe gewähret!“  [gewahret]

  8. Gesang
    Heinrich, dem Hort der Baiern  [_ungeändert: anderswo »Bayern«_]
    Draußen am Lagerrand, vor allen dem feindlichen näher
      [_»naher«; aber vielleicht »nahe« wie in 1827_]

  9. Gesang
    Drüben der Wunderstadt, Venezia,[2]  [_[1] statt [2]_]
    die Feinde, sie fliehen!“  [_“ 1827_]
    die Alrune,[3]  [_[4] statt [3]_]

  10. Gesang
    Sie zu vollbringen dereinst.  [_“ fehlt hier?_]
    Retter zu seyn Unglücklicher!“  [_“ 1827_]

  11. Gesang
    O so sprich: „Treu bis in den Tod ihr weiht’ ich das Leben!“
      [_zweites “ fehlt_]
    Nun die Schützen Tyrols  [Schützens]
    den schwer zu erklimmenden Höhen  [erglimmenden]


  Anmerkungen:

  [Einige Anmerkungen, wie 2.5, 3.8, 9.2, und das Dicht in 12.1, sind
  scheinbar nach Pyrkers Tod eingefügt.]

  1.
  Gerard. Roo Hist. Austr. Lib. I.)  [_) fehlt_]
    [_eigentlich Gerard de Roo_]
  von dem babenbergischen Leopold VII.  [_. fehlt_]

  2.
  gewährt einen ergreifenden Anblick.  [_. fehlt_]

  3.
  Uladislav II.  [_ungeändert_]

  5.
  noch viel weiter erstrecken.“ [_“ fehlt_]
  (Siehe _Hanthalers_ ...  [_( fehlt_]

  6.
  Wohl hundert Wegen tragen,  [_»hunbert«; 1827 »hundert«_]

  7.
  [8] Vers 550.  [_[5] statt [8]_]

  12.
  Privilegien geschah.  [_. fehlt_]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Rudolph von Habsburg. - Ein Heldengedicht in zwölf Gesängen." ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home