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Title: Ins neue Land
Author: Reuter, Gabriele, 1859-1941
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Ins neue Land" ***

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                              INS NEUE LAND



                              Ullstein-Bücher

                               Eine Sammlung
                          zeitgenössischer Romane



                              [Verlagslogo]



                      Ullstein & Co / Berlin Und Wien



                               INS NEUE LAND

                                    VON

                              GABRIELE REUTER



                              [Verlagslogo]



                      Ullstein & Co / Berlin Und Wien



        Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
          Amerikanisches Copyright 1916 by Ullstein & Co, Berlin.



                     *       *       *       *       *



Die Schwester stand mit dem Arzt auf dem kleinen Flur vor dem
Parterresaal der Verwundetenbaracke.

»Wie geht’s unserm Finsteren?« fragte der junge Doktor im weißen
Operationsmantel, mit der unpersönlichen Heiterkeit, die Ärzten und
Pflegerinnen im Verkehr untereinander und mit den Patienten zur
Gewohnheit geworden ist.

»Wieder etwas Temperatur, der geistige Zustand derselbe, schwere
Depression. Antwortet kaum auf eine teilnehmende Frage. Reden Sie doch
mal mit ihm, Herr Doktor ...«

»Ja, das will ich, Schwester ... Sonderbar, gerade den Gebildeten
unter den Verwundeten geht es oft so besonders hart an, sich mit
ihrem Schicksal abzufinden. Man sollte meinen ...«

»Sie haben eben die größere Denkfähigkeit, um sich alle
Schwierigkeiten der gehemmten Zukunft deutlich vorzustellen,«
antwortete die Schwester. »Haben Sie mal auf die ausgearbeitete Stirn
unseres Finsteren geachtet?«

»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ...
Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.«

Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer
Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen
und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge
Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese
Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen
hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe
geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne
im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden,
irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele
erwarteten.

Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte
sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene
Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für
ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der,
aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er
zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf.
»Weiterschlafen, – ruhig weiterschlafen!«

Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in
reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf
ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um
das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken
Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.

»Damit können wir jetzt aufhören,« sagte der Arzt. Er löste mit Hilfe
der Schwester die Binden und Gehänge. »Es hat keinen Zweck mehr. Die
Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl erträglicher,
seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? – – Was?«

Ein bitterer Zug, der ein Lächeln vorstellen sollte, verzog den Mund
des Mannes. Er brummte etwas Unverständliches.

»Nun heißt es nur, auch den Allgemeinzustand heben,« fuhr der junge
Arzt fort. »Dazu können Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber
Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben – – wird schon alles
wieder werden! Der Staat sorgt für seine Verteidiger – –, na und
einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn’s sein muß,
sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch – –
werden wieder gesund ...«

Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tröster, scharf,
durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, daß er verlegen
schwieg.

»Lassen wir die Zukunft,« sagte der Verstümmelte herrisch. »Wäre es
nicht möglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte,
oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten könnten, wär’
ich Ihnen dankbar.«

»Gewiß, gewiß – – das läßt sich tun! Nur, ich weiß nicht, ob Ihnen
jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung,
Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen
Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!« Als der andre nicht
antwortete, fuhr er zögernd fort: »Könnte nicht jemand von Ihrer
Familie Sie mal besuchen?«

»Ich habe keine Familie,« sagte der Mann schroff. »Bitte nur um das
Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafür
aufkommen.«

Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.

»Ich werde es besorgen,« sagte er in einem Ton, der plötzlich
bescheiden und beinahe schüchtern geworden war. »Schwester, – – der
Patient hier soll auf Nummer sechsunddreißig umgebettet werden. Sie
könnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?« Er ging hinaus, die
Schwester folgte ihm.

»Was ist der Mann eigentlich, – – ich meine, seiner bürgerlichen
Stellung nach?« fragte er draußen.

»Ich glaube, Künstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie über sich.
Man kommt ihm nicht näher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!«

»Mein Gott,« murmelte der Doktor bekümmert, »wenn man immer wüßte – –
es ist so schwer ...«

Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den
Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu
vollenden.

       *       *       *       *       *

Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die
seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden
Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu
den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den
verschiedenen Anfällen seiner Körperpein, nur um sein Denken nicht auf
das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her
waren Beine zerschmettert, Gedärme zerrissen, Lungen durchbohrt,
Schädel zertrümmert worden ... alles hätte er mit Mut und Freude
erlitten. – – Nur nicht die Augen, – – nicht Hand und Arm. Doch
gerade das – – das Schwerste wurde von ihm gefordert.

Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrümmerten Welt
einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar
– – selbstverständlich klar.

Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die
Möglichkeit in der Phantasie aufgestiegen – – er hatte sie mit
Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewußtseins
hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.

Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender
Traum.

– – Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... – Er sah
es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fühlte wieder
genau, wie alles sich für ihn abgespielt hatte. – Das Boot des
norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schäreninsel, wo er
malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu
bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von Ärger:
»Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ...« Und:
Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so.
Vor allem, sich nicht stören lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm
der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und
schwenkte die Drucksachen wild in die Lüfte.

... Zunächst ein Verstummen – ein Versagen jeglichen Gefühls.
Plötzlich diese fürchterliche Selbstverständlichkeit des
Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfältiger blitzartiger
Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle
verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an ...

Rolfers hatte niemals gedient. Militärisches Wesen lag völlig
außerhalb seiner Lebenssphäre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte
das Entsetzen wüten – wenn er wollte, konnte er morgen weiter
arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand würde ihn hier in
seiner Nordlandeinsamkeit hindern.

Auf dem schwarzen sonndurchwärmten Granitfelsen saß er abends, schaute
über die wogenden Gewässer, die von lila und flaschengrünen Streifen
durchzogen waren und in einem milchigen Weiß verdämmerten. Geruhsam
klatschte das Wasser regelmäßig gegen den Stein, den die Umwälzungen
von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.

Da kam es plötzlich ...: Aus dem langsamen Näherrollen der fernen
großen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ...
Aus den tückischen Stimmen der Tiefe drang das böse Gemurmel ihres
Hasses in sein Bewußtsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher
Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ...
Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig – überlebensgroß an Formen
und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre
Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewänder wehen in der
Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen
Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmückengesichter, verzerrt von
einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie
geschwungen, sausten klatschend über ihre edle Stirne, daß Blut
herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute
gräßlicher Gestalten raste über sie dahin, immer teuflischer, immer
grauenvoller an Aussehen und Gebärden ... Schwarze Rauchgespenster
wälzten sich über den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen,
wie er es nie gehört ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte
ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlägen, die
Brust war ganz erfüllt von diesem Pochen und Hämmern ... Gott – Gott
– sie erhob sich – blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schweiß
bedeckt – Sie sah auf ihn – auf ihn, Franz Rolfers – aus
unergründlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie
sterben mußte ...

       *       *       *       *       *

Eine Stunde später waren seine paar Malergerätschaften
zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz
eines Goldstückes und der Macht seiner herrischen Person bestochen,
ihn hinüberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle
nordische Nacht, in der alle Zauber göttlicher Friedensschönheit über
den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. Über öde Heideflächen,
durch Ginster und Wacholdergestrüpp, durch Birkenwälder und
Felsenwildnisse stundenweit zur nächsten Bahnstation gelaufen. In
atemloser Hast den Schnellzug genommen – hinein gestürmt in den sich
heimwärts ergießenden Schwall von Reisenden. Angehörige aller
europäischen Völker in engsten Räumen zusammengepreßt einer neuen
Trennung der Stämme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen
mußte mit der Schärfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ...
Gepäckstücke waren sie alle, nichts weiter, die befördert wurden,
liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rücksicht auf
menschliche Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und
Nässe, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen
schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaßten oder
aufgeregt redenden Männern – bis man in einer unbegreiflichen Weise
zum Ziele kam und die deutsche Grenze überschritt.

Von Militärbehörde zu Militärbehörde. Hier zurückgewiesen, dort
vertröstet, – endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie
Tausende von andern Männern und jungen Knaben. Eingeordnet in die
ungeheure, bewunderungswürdig genau arbeitende Maschine des deutschen
Heerwesens.

Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich für
ihn und noch für manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr
jungen Männer. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem
Machtbewußtsein ihrer Herrschaft über die Fülle von Kraft, Geist und
gelassener Vornehmheit, die ihnen so plötzlich zur Verfügung gestellt
wurde. Aufgaben, für die in gewöhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen
waren, mußten in Wochen bewältigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit
in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine
körperliche Abhärtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert
abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. Übrigens ging
alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind
heran ... Nur ihn endlich fassen dürfen ... Hinaus – hinaus ins Feld,
an die Front ...!

– – Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tränen, Singen, Jubeln,
flatternde Tücher, winkende Hände, brausende Musik ... Rolfers
marschierte, von einigen Schülern begleitet, die dem gleichen Los mit
Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu.
Ein Gefühl in ihnen allen ... Das Persönliche in dieser Stunde völlig
ausgelöscht – himmelhoch aufschlagend die Flamme _eines_ Wollens in
Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht für ihn, den Einsiedler,
der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft längst
verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefühl aller als
etwas Köstliches, als einen hehren und flüchtigen Besitz.

Er kannte sich. Bald genug würden Kritik und Zweifelsucht und das
innerliche Zurückweichen vor der Masse wieder sein Los sein. Das
begann schon während der langen Eisenbahnfahrten unter all den
schwitzenden, stinkenden Männern mit ihren plumpen Späßen, ihren
törichten Unterhaltungen, mit dem sich fortgesetzt wiederholenden
Singen, Schreien, Begrüßen an den Bahnhöfen. Doch herrschte ein
Unbekanntes in ihm. Es war die Überzeugung von der völligen
Nichtigkeit alles dessen, was er selbst als Franz Rolfers fühlte und
dachte. Das waren nur noch übriggebliebene Fetzen aus einem abgetanen
und gestorbenen Leben. Es war ihm selbst so gleichgültig wie den
andern.

Nur vorwärts, vorwärts zu dem ersehnten, ertrotzten Ziel! –

Märsche von rasender Eile, bei denen die Glieder zu zerbrechen drohten
vor Schmerzen, bei denen der Schweiß am Körper niedertroff und ihn in
ekle Dünste hüllte, bei denen man mit entzündeten Augenlidern im
Sonnenbrand, unter dicken weißen Staubschichten, Staub in der
ausgetrockneten Gurgel, die gleich Feuer brannte, endlose blendend
helle Landstraßen entlang trabte. Dann wieder in finsteren
Regennächten durch unergründlichen zähen Schlamm vorwärts torkelnd,
kaum den Vordermann zu unterscheiden vermögend und doch mit ihm die
dumpfe letzte tierische Gier teilend: sich ausstrecken – schlafen –
fressen ...

Manchem zarten Jungen liefen die Tränen stromweis über die Backen in
Überreizung, in Aufbietung der letzten Anstrengung, die der Körper
herzugeben vermochte. Niemand achtete darauf, es war alles gleich –
nur vorwärts – vorwärts – vorwärts!

Der Hunger wühlte und riß in den Eingeweiden, quälte die erschöpfte
Phantasie mit sonderbaren Bildern. Die Not des Vaterlandes versank in
trüben Nebeln. Hartnäckig stiegen alberne Vorstellungen auf. Rolfers’
Sehnsucht kreiste um ein lindes Leinenlaken, er beschäftigte sich mit
einer Daunendecke von violetter Seide, kühl und zart anzufühlen, in
die er einst nach anstrengender Bergbesteigung in dem Landhaus einer
Freundin die Glieder hatte hüllen dürfen. Er sah das Monogramm, das
er einmal gezeichnet, in dem Überschlag, die Freiherrenkrone über den
Buchstaben ... Schwerer roter Burgunder glühte in großen
Kristallkelchen – immer hatte er eine Vorliebe gehabt für edles
Kristall und alte Spitzen auf den Tischzeugen – er spürte den
Geschmack des Weines auf der Zunge – Fasanenpastete reichte der
Diener ... Er roch den feinen Duft der Trüffeln – widerlich, daß man
von den dummen Erinnerungen nicht loskam ...

»Verflucht feine Klöße konnte meine Olle kochen,« hörte er eine
brummige Stimme hinter sich ... »ick sage schon, wenn ick davon ’ne
Schüssel hier hätte – mit Speckstippe ... Dunnerschlag ja ...!«

– – Franz Rolfers mußte lachen – laut und erlösend. Hatte er das
Menschliche je so stark in seiner Macht erkannt?

       *       *       *       *       *

Es kam keine große Schlacht für sie, keine der gewaltigen Taten mit
Niederwerfung, Umklammerung, Vernichtung des Feindes – mit
schmetternden Siegesfanfaren und brausenden Hurras auf den
leichenübersäten Feldern.

Das war andern Kameraden beschieden, nicht gerade seinem Regiment.
Lange bekamen sie keinen Feind zu Gesicht. Doch auch über ihren Köpfen
vernahmen sie die kleinen Vögel, die so seltsam fein und scharf
sangen, wenn man sie am Ohr vorüberfliegen hörte ... Hier – dort
streckte einer den Arm in die Luft, taumelte ein paar Schritte
vorwärts – sank in sich zusammen.

       *       *       *       *       *

Die erste Zeit im Schützengraben ... Strenges Verbot zu feuern,
nachdem einige der in den Gräben vor dem ihren liegenden Kameraden
getroffen worden waren. Untätiges Liegen. – Warten. – Tage und
Nächte hindurch. Die Granaten krachten, platzten, rissen lebendige
Menschen zu einem Klumpen von Blut, Fleischfetzen, zuckenden
Gliedmaßen zusammen. Knattern, Sausen, Brüllen, Dröhnen, Donnern –
die Luft auf Meilen ringsum von Getöse erfüllt. Ein Heulen in letzter
Todesqual – Angstgekreisch aus rasenden Schmerzen – obszöne Scherze
– krampfiges Gelächter – betende Hilferufe, abgelöst von starrem
Schweigen hinter zusammengebissenen Zähnen, während die Granaten in
ihren Reihen wüteten in der stockrabenschwarzen Finsternis. Rolfers
lag, wie die Nachbarn, das Gesicht in den nassen Lehm gedrückt, den
Tornister zum Schutz auf den Nacken gerückt. Plötzlich fühlte er sich
erwachen, nachdem er wie in einem tiefen Schlund untergesunken
– erkannte, daß er geschlafen hatte, mitten im Tosen und Krachen der
explodierenden Geschosse. An seiner Seite, zur Rechten, zur Linken
ein schweres Schnarchen anderer toderschöpfter Männer. Er – Franz
Rolfers, der seinen Namen in die Ewigkeit zu schreiben beabsichtigte
– nur einer von vielen – vom Todesgrauen in Bleischlaf gestürzt –
wie der Metalldreher dort, der Schusterjunge hier, der den Knabenkopf
schlaftrunken an seine Schulter drängte.

Als der Morgen dämmerte, der Befehl zum Angriff an sie gelangte, stieß
er das heisere wilde Hurra aus verdorrter Kehle gleich den andern,
sprang, schlich, stürzte, sprang wieder in weiten Sätzen, wie sie die
Sehnen nur leisten konnten, über die glitschigen Lehmschollen, die
faulenden Blätter der Rübenfelder. Springen, sich niederwerfen, wieder
springen mit dem schweren Tornister auf dem Rücken, das Gewehr mit
aufgepflanztem Bajonett schwingend, – ja, wie sie brüllten schrien,
tobten – die Gesichter blaurot – die Augen aus den Höhlen gequollen,
kein menschlicher Ausdruck mehr – vom Blutrausch ergriffen, eine
Schar von Teufeln, von Vernichtern ... Und im Nebel auftauchend die
blutigroten Flecken der Franzosenhosen – die feindlichen Gestalten,
die sich, schreiend, kreischend wie sie selbst, ihnen entgegenstürzten
– im grauen klatschenden Regen ... Im Nahkampf sich packten mit
Fäusten und Kolbenhieben und Messern, und der Stahl der Bajonette
sauste in weiches Menschenfleisch, und Blutfontänen spritzten in die
Lüfte, die Knochen krachten, die Augen sprangen aus den Höhlen – die
Nase füllte sich mit dem Gestank des Todes ... Keiner – nicht Freund
noch Feind – mehr Mensch mit menschlichen Schicksalen und Leiden
– nur noch ungeheure Gewalten, in wütender Wollust und grausiger
Umarmung gegeneinander ringend – in jedem Blutstropfen nur noch das
Leben des Vaterlandes spürend ...

– – Vernichtet, zerstampft mußte sie werden, die feindliche Gewalt,
wie Hirnmasse und Schädeldecken zerstampft wurden in den grausamen
Kämpfen ... Rolfers raste, tobte, schoß, schlug, haute um sich,
brüllte und würgte im Wahnsinn der Kampfgier gleich den andern.
Vernichtet mußte sie werden, die französische Kultur, die er studiert,
zergliedert, an der er gelernt, die er geliebt hatte wie wenig Dinge
auf Erden. Notwendigste Ergänzung des eigenen Besitzes war ihm
Frankreich gewesen in Zeiten, die undenkbar ferne schienen ... Welch
ein wahnsinniger Traum ...

– – Viele Nächte in Kellern oder zerschossenen Bauernhütten, wo man
in der nächsten Sekunde in Flammen eingehüllt sein konnte, mit Gestank
und Ungeziefer, zwischen einer feindlichen Bevölkerung, von der man
sich aller Greuel und jeder Heimtücke zu versehen hatte. Ihm kam die
Kenntnis der Landessprache mit allen Provinz- und Volksausdrücken
zugute – er hatte einst viel gemalt in diesen Gegenden. Nun konnte er
Händel schlichten zwischen den Leuten und den Kameraden, die bis zur
gegenseitigen Raserei ausarteten und oft nur aus Mißverständnissen
hervorwuchsen. Die Einwohner, besonders Frauen und Kinder, faßten
trotz seines kurz angebundenen Wesens ein wenig Vertrauen zu ihm, er
sah hinein in das grenzenlose Elend, das der Krieg über alle diese
Familien brachte. Und konnte nicht mehr herzerleichternd mit den
Kameraden schimpfen: dreckige, verruchte Bestien! Mit starrem Schmerz
fühlte er nur: auch sie morden ja für den einen göttlichen Begriff:
Vaterland – Heimat!

Unter den eignen Landsleuten nahm er dieselbe Stellung ein wie überall
sonst zwischen Menschen: er genoß Achtung, ja zuweilen Verehrung, ohne
geliebt zu werden. Trotz all des tief Gemeinsamen, was ihn mit den
Kameraden verband, blieb eine kühle Ferne zwischen Rolfers und den
Mannschaften. Das änderte sich auch nicht durch die brüderliche
Teilung von Liebesgaben, durch die Trauer um Gefallene, durch die
Schulter an Schulter bestandenen Gefahren. Rolfers war keine Natur,
die sich warm erschließen konnte, oder die Öffnung andrer Herzen zu
erwecken vermochte. Früher hatte er diesen Mangel schmerzlichst
beklagt, später nahm er ihn als unabänderlichen Teil seines Wesens.
Dürstete ihn nach Erhebung, so wandte er sich an die Natur. Sie sprach
zu ihm, wie nur zu Auserwählten, er war ihr ein Liebhaber, dem sie
intimste Reize erschloß, den sie trunken machen konnte mit einem
Zauber, der andern vorenthalten blieb. Zwar beobachtete Rolfers, daß
auch unter Offizieren wie Soldaten manche während dieses Feldzuges die
Rückkehr in den Zustand des wilden Urzeitmenschen mit einer tiefen
Lust genossen. – Würde solche erstaunliche Veränderung Früchte tragen
in einem Frieden, der höchst unwahrscheinlich ferne, unerreichbar
schien? ... Würde sie als wertvolle Vereinfachung von Sitten und
Empfindungen eine Neugestaltung überfeinerter Kultur bewirken können?
Oder würde sie mit allen Erlebnissen dieser innerhalb der
schauerlichsten Todesbezirke vertrotzten Zeit in die dunkeln Gründe,
die unter dem wachen Bewußtsein schlummern, zurückgeworfen und dem
Vergessen überantwortet werden?

Solchen Gedankengespinsten hing Rolfers gern in müßigen Stunden nach.
Antwort konnte er nicht geben, denn noch befand sich alles in
strömender Bewegung, in fürchterlicher Aufwühlung von unmöglichen
Gegensätzen, in denen zu jeder Stunde Rückfälle in Barbarentum und
Tierheit mit den strahlendsten Beweisen höchsten Menschentums
zusammenstießen. Gleicherweise bei Freund und Feind.

In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein
tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers.
Gleich den Blutströmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in
steter gleichmäßiger Tätigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder
zurück den Weg durch Lunge und Körper nahmen, ihn mit tausend
geheimnisvollen Kräften nährend, blieb der starke Strom seines
Kunstgefühls zu jeder Sekunde in ihm rege tätig. Ohne daß die Gedanken
teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern
unaufhörlich getränkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebärden
von Menschen, die groß, einfach und gewaltig waren, wie er nichts
Ähnliches früher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von
Pferden und Männern, die alles Glaubhafte weit hinter sich ließen,
wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetüme von
Haubitzen eine Anhöhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschütz, den
Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende
Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne
Ertragen wütenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen,
gegen die antike Masken von Kriegern gleichgültig wurden. Alles, alles
war zum Äußersten gesteigert: Ausbrüche der Freude, der Wut, der
Liebe, der Frömmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden
aus Urschlünden und Abgründen ferner Zeiten, da Mensch und Tier
begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnächte voll der
süßesten Schönheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten,
Tönen, Düften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das
Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknüpften,
daß es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu
unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.

       *       *       *       *       *

Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal – der
Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages
eine Schießerei in dem Gelände stattgefunden, die Rothosen waren
überwältigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig
zurückgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos
vom Feind gesäubert war. Man fand nichts Verdächtiges, kehrte,
vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurück. Der Offizier und
die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stück weit voran, als Rolfers
seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im
tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag.

»Ein Toter oder Verwundeter,« flüsterte er seinem Nachbar zu.

»Ach was, schnell vorwärts,« murrte der. »Wir verlieren den Anschluß,
und wer weiß, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.«

Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen
fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen
in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mütze vor und leuchtete mit
der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob
sich mühsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung
– in demselben Moment krachte der Schuß.

Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers – er stürzte wie ein Stück Vieh
quer über den Franzosen.

       *       *       *       *       *

Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bäume. Er bewegte den
Kopf, blickte aus nächster Nähe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen,
deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedächtnis
trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der
Mund war wie von einem müden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges,
feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.

Rolfers suchte sich zu erheben – da packte ihn wütender Schmerz in
Arm und Schulter und atemlose Angst ... War’s möglich, war’s nur zu
denken, daß das Schlimmste getragen werden mußte?

Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen – auf den starren
Körper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber
Bewußtlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten Ängsten. Bei
grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanitätssoldaten, die von den
Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.

Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser
heimtückisch im Innern des Körpers platzenden Geschosse.

Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.

Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, daß der Stabsarzt
begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch
zahllose mühselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu
entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mußte. Die
wütenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten,
unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von
Hoffnung und Verzweiflung.

In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er
sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf
einem gefällten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lässigen Grazie,
die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde
Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe
Wange beschattet, ein lauernd grausames Lächeln um den roten
Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers
arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen
seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung
üben sollte, von der in den Schützengräben mit wollüstigem Vergnügen
geredet wurde.

Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz
seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von Überfeinerung und
Verruchtheit eines todgeweihten Volkes – aber zugleich versank in ihm
die Hoffnung tiefer und tiefer, daß er jemals wieder Stift und Pinsel
führen könne.

Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung
eines großen Chirurgen in Berlin ausgeführt werden. Der Lazarettzug
trug ihn mit vielen Leidensgefährten durchs deutsche Land.

Einmal, während sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in
langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren
Fieberzuständen heraus, in denen die Dinge urplötzlich so
geheimnisvolle Bedeutungen annehmen können, einen Anblick, der ihn
grenzenlos erschütterte.

Auf dem Bahndamm, hoch über dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau.
Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme
steil gen Himmel, faltete die Hände und beugte sich tief, bis zur Erde
nieder.

Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Größe und Inbrunst
geschaut. Ihm war zumute, als grüße in der Gestalt dieser Bauersfrau
Germania selbst ihre geopferten Söhne.

Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fühlte sich mit
einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlünde des Todes
hinabsinken, gegrüßt von jener göttlich-hohen, inbrünstig-demütigen
Gebärde.

Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des
brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu
lassen.

       *       *       *       *       *

Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen
Wunsch, seine künftigen Tage hinschleppen zu müssen ... Konnte das
Pflicht sein? – Unsinn!

Er hatte seine Pflicht geleistet, rücksichtslos, instinktiv, wie alle
Volksgenossen. – – Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz
Rolfers, an. Er war aus einem Stück der Allgemeinheit wieder zur
Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen
fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt
verlassen würde, mußte die Erlösungsstunde für ihn kommen. Dies hatte
er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrückt
den Interessen der Kameraden.

Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten für andere sich
hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstümmelten, das lag ihm nicht.
Er haßte Heuchelei – auch gegen sich selbst.

       *       *       *       *       *

Besuchsstunde. Neben den weißen Betten, auf den kleinen Glastischen
Blumen oder Früchte: Trauben, Birnen, Äpfel auf Tellern, in braunen
Tüten, weiße Kästchen mit Konfekt, Marmeladetöpfchen, Bücher und
Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen
Kinder, Frauen, Mütterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein
Lachen, Schwatzen, Scherzen erfüllte den hohen Saal. Verstohlen
wischte hie und da eine Frauenhand niederstürzende Tränen von der
Wange. Ein altes Jüngferchen, dürftig gekleidet, mit einem lieben
Lächeln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit süßem
roten Gelee und weißer Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Für
mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam
täglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten
sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen
rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhüten durch das
bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten
Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weißen Häubchen,
den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen
ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.

Alles in allem hätte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben
können, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weißen, von
heiterem Stimmenwirrwarr erfüllten Saal ausgefochten wurde.

Rolfers tönten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine
Gefühle waren zwiespältig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und
opferwilligen Güte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher
bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz über die Anmutlosigkeit
der Gebärden, der Erscheinungsform dieser Liebe, über die Torheit der
Gespräche, die Zudringlichkeit der Wohltäterinnen.

Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prüfung seiner krankhaft
gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme
beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine
Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit möglichst wenig auf seine
Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, daß eine
hübsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschäftigung, riesige
Stücke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager plötzlich gestutzt
hatte und dann einen Schrei tat: »Meister –! Ja, Meister Rolfers,
sind Sie’s oder sind Sie’s nicht? Und Berlin weiß nicht, daß Sie hier
liegen? Aber das ist ja unerhört – aber da muß ich doch gleich ...
Was kann ich nur für Sie tun?«

»Nichts, gnädige Frau, als zu schweigen!« hatte Rolfers geantwortet.
Dies war freilich das stärkste Verlangen, was man an die
liebenswürdige Schwätzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen
Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem
Lackschuh – jede Berührung seines Lagers verursachte ihm noch immer
unerträgliche Pein – und hatte ihm versichert, daß er ganz der Alte
geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben
dürfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine Überführung in das
Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit
haben würde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere
Fürsorge.

Rolfers sah, während die junge Frau so plauderte, auf den blaßroten
Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen
waren, und der unter dem weißen Schleier eigentümlich reizvoll
blühte. Es fiel ihm ein, daß er diesen Mund einmal in der Nachtlaune
eines Künstlerfestes sehr lange und innig geküßt hatte. Er dachte
daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im
Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Porträt gehabt.
Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wäre
ihm auch das reiche Mädchen nicht unzugänglich gewesen, doch nach dem
Kuß auf den blühenden blaßroten Mund packte ihn plötzlich ein Grauen
vor all dieser wohlarrangierten Bürgerlichkeit, und er hatte sich jäh
zurückgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm
aufs freundlichste ihre Gaben. Wie völlig belanglos schien ihm auch
dies und jede Hoffnung, die sich daran knüpfen mochte. – Widerwärtige
Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu benützen, um als
Krüppel über einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten
obzusiegen ...

Der jungen Frau wurde mit einem höflichen Lächeln ablehnend gedankt
für all ihre gütigen Pläne. Als trotzdem am folgenden Tage eine
Fruchtschale und Rosen von wundervollster Üppigkeit eintrafen, ließ
Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht
wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestärkte ihn nur in
dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er für solche Besuche
unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch
wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die
steigende Kühle ihm gegenüber mit Humor.

Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz
menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und
seine Persönlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurückgenommen
hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und
die nur durch Hand und Arm für die Menschheit Wert gehabt, aus
selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich
wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kümmern, wie er auf
seine Umgebung wirken mochte.

       *       *       *       *       *

»– – Fräulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle,
Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,« hörte Rolfers
eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er –
oder täuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, daß er die Stimme
gehört hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen
ihm – das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme
heller und fröhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hören, und
leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung
verborgen die mittelgroße, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu
Bett ging, mit den Schüsselchen, die sonst von dem alten Fräulein
verteilt wurden.

– – Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt
... wie hübsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den
hellen Augen – lieber Gott – nun sah sie aus wie irgend jemand ...
farblos – das war wohl heut die Formel für sie ...

Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen
Erkennungsszene – aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig,
und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn
es einmal nicht zu umgehen war.

Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das
tut mir nun leid – für Sie habe ich nichts mehr.«

»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine
junge Pflegerin, die vorüberlief.

Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht – machen
Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die
an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen.
»Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?«

»Es ist nichts Ernstes – nur eine Erkältung,« antwortete die Frau.
Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn.
Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen
Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue
zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die
hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen
Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften.

»– Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.«

Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht.

»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns
merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm – Es ist lieb, daß
das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht
anders ...«

Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl,
den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit
ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun
leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?«
fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die
sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.

‘... Sie ist alt geworden,’ dachte er. ‘Merkwürdig, wie schnell das
bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen
Formen verlieren.’ – – »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,«
sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist
überstanden. – – Wie lebst du, Martha?«

»Wie immer – ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein
Brot. Wird der Chef eingezogen, weiß ich freilich nicht, wie es gehen
soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,«
fügte sie eilig hinzu.

»Und der Junge?«

»Ein großer Kerl – schon in Obertertia.«

»Ich habe mich gefreut, daß du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich
wächst er dir nicht zu sehr über den Kopf, quält dich nicht ...«

»O nein,« entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen
begannen zu glänzen. »Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge
und begabt! Hat für alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.« Kaum
hörbar flüsterte sie: »Ich bin dir dankbar, daß ich ihn aufs Gymnasium
schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!«

»Das ist doch nur selbstverständlich!« antwortete Rolfers ablehnend,
seine Brauen zogen sich zusammen.

Martha Lebus erhob sich sofort. »Ich muß nun gehen,« sagte sie scheu,
und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und
mitleiderweckend. »Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?«

Rolfers lächelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr
bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden
Frau.

»Gewiß, Martha, das ist hübsch. Komm nur!«

Sie hatte seine Hand gefaßt, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie
zu drücken.

»Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen
werde. Du findest mich allein, und wir können freier miteinander
plaudern. Lebe wohl, Martha.«

Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal.
An der Tür blickte sie noch einmal zurück und nickte Rolfers zu. Er
grüßte mit der linken Hand.

Die Klingel tönte, die Besucher, männliche und weibliche, entfernten
sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam
das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der
Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltäglichen
Ordnung zurück. Die meisten der Verwundeten waren müde von den
ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit
geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.

‘... Es scheint, daß ich noch einmal einen Überblick über mein
ganzes Leben bekommen soll,’ dachte er. ‘Ob ich sie auf der Straße
wiedererkannt hätte? Arme kleine Martha – Die Zeit ist doch grausam
gegen die Frauen’ ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen
verstaubten Atelier hausten, die unmöglichsten Gerichte auf dem
Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den
unmöglichsten Wirtschaften nächtigten ... Die Winterabende, an denen
man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Köpfe heiß
und die Kehlen trocken redete über lauter Kunstfragen, die er heute
belächelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das
so schlicht an ihrer schlanken Mädchengestalt niederfiel, ging, von
all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehüllt, hin und
wieder und legte Kohlen in das eiserne Öfchen, bis es rot glühte,
oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus
dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen
Bewegungen, die ihn unsäglich rührten. – – Wie vorsichtig sie
heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berühren ...

       *       *       *       *       *

Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten
Ursache für den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein
Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner
Entwicklung.

Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der
sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht
zurück zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet – was er an
ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstört
– all das Armselige, Lächerliche einer Familienwirtschaft ohne Geld
... Es graute ihm davor. – Er fühlte sich nicht im mindesten reif für
die Pflichten eines Vaters.

Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es
gelassen und natürlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verständigkeit
zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestört, die ihn leicht ein
wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der
Dämon seiner Kunst herrschte immer stärker über ihn. – Die
regelmäßigen Zahlungen für den Jungen, die von ihm erhöht wurden, als
er besser verdiente, ließ er durch seinen Bankier übermitteln. Er
selbst wollte möglichst wenig und selten an diese Jugendepisode
gemahnt werden.

       *       *       *       *       *

Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die
er gerne hörte. – Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daß sie
täglich am Nachmittag für einige Stunden bei ihm war, Aufträge für ihn
besorgte, Briefe für ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand
ging. Sie tat dies alles in einer selbstverständlichen schlichten
Weise, so daß es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Dienste
abzulehnen.

Sie nannte Richard oft und erzählte diesen oder jenen Zug von dem
Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fühlen beschäftigte
sich mit ihm. Rolfers hörte höflich zu, ohne wärmere Anteilnahme zu
zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht
einmal mitbringen dürfe.

Die Frage berührte ihn peinlich. – Sein Sohn? – Ein Stück seiner
eigenen Persönlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine
Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine Überraschung
prägte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer
gewußt, daß da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter
sicherlich gut und tüchtig erzogen würde.

Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung.
Als er die traurige enttäuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur
Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.

»Martha – Kind – was hat es denn für einen Sinn? Der Junge wird kaum
sehr freundliche Gefühle für mich haben können.«

»Darum eben dachte ich ...,« stotterte sie verlegen.

»Ihr Frauen denkt immer, das Unmögliche geht – weil ihr es wünscht.
Wozu den armen Kerl quälen mit unangenehmen Situationen? Ja, – wenn
er nie von mir gehört hätte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um
sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht
– desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?«

»Neugierig schon ...«

»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier
eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff.

Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett
bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke
zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen.

‘Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und
Vorwürfen,’ dachte Rolfers. ‘Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden
lassen? – Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen – Oder
nennt man das nun weibliches Heldentum?’

Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn
ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller
als sonst.

‘So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel
verfolgt,’ überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen
die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten
konnten. ‘Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich
bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht
unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben – warum dann nicht
ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft – die
schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde – und ohne ihre
Berechtigung. Sie will mich einfangen – zweifellos – das Muttertier
kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden
hat – tausendmal bewies sie es –, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit
einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege
steht!’

Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine
gleichmütig-philosophische Rührung.

Lieben kann sie mich kaum noch – so wenig, wie ich sie noch liebe.
Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt
wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite
würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu
befürchten sein ...

Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich
einen Tag, der noch zu leben sei – ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den
tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen
Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal
sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht
ausreichen würde.

Wie in das Glück eines süßen Betäubungstrankes versanken seine Sinne
in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit
den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund
gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des
Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach
Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine
Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg,
wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und
verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten
Schöpfungstag.

Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis
aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu
lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die
wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte,
sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen
ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor
allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. – Die andere
Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von
Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen.
Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie
Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht
unterdrücken konnte.

       *       *       *       *       *

Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie
das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu
einem Beruf zeige.

»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder
Abneigung.

»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er
werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum
in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee
beigebracht?«

»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha.

Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: »Ihr Frauen seid
unbegreifliche Geschöpfe. Ich erinnere mich gut, daß du meine Kunst im
Grunde immer haßtest – wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen
konntest. Bei Gelegenheit brach’s doch durch. Ganz elementar. War ja
auch für dich eine fragwürdige feindliche Macht. Wäre ich einfacher
Bürger gewesen, hätte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben
handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von
sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm
vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte
Verständigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwölf Jahr’?«

»Nein – vierzehn,« berichtigte sie mit zitterndem Munde.

»Ach, so alt schon ...? Ja – verzeih – ich habe Tage und Jahre
niemals nachgezählt!« Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit
einem eigentümlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick
ernst und ruhig.

»Wir wollten von dem Jungen sprechen,« sagte er nach einer Weile kühl.
»Du hast mir neulich angedeutet, daß er nicht gerade von liebevollen
Gefühlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht
verdenken kann.«

»Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,«
verteidigte sich Martha.

»Das traue ich dir zu. Aber der Junge müßte doch ein Schlappinsky
erster Güte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Haß gegen mich hätte
– Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn
Bilder von mir?«

»Außer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei
uns hängt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie
zu gehen und die ‘Düne im Sturm’ zu sehen, die sie dort von dir
angekauft haben.«

»Ja – dann verstehe ich aber noch weniger ...«

»Er will auch gar nicht Maler werden. Er haßt alle Künstler –
‘verachtet’ sie, wie er sich ausdrückt. Er hat ja nie einen gesehen
und gesprochen –,« fügte sie mit einem kleinen Lachen ein ... »Er
will Jura studieren und Rechtsanwalt werden – weil er gehört hat,
die verdienten unter den Juristen am meisten Geld ...«

»So so – also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.«

»Er will dir dann die Kosten für seine Erziehung mit Zinsen
zurückgeben, hat er mir gesagt,« antwortete die Mutter und reckte sich
in die Höhe.

»Donnerwetter! Das ist ungewöhnlich!« rief Rolfers verblüfft.

»Er will dir nichts zu verdanken haben!«

»Famos – famos! – Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken
haben, was er mir nicht gut zurückgeben kann!«

»Ja, einen harten Willen hat er!«

»Also – was ist’s dann mit dem Gefasel von der Künstlerschaft?«

»Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden.
Ich muß dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du
wenigstens sehen!«

»Ja, tue das – morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief
Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer.

       *       *       *       *       *

Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem
Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer
Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte,
statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die
feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das
Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes
erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der
jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in
einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flüchtigem
Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein
freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in
braunen Schatten liegenden Augen.

Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher
Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger,
dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat –
der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer
geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste
Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie.

Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das
Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und
wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um
einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder
bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als
scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches.

»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut – ich hatte beinahe
Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.«

»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.«

»So – desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster
rücken, bitte – da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich,
mir die Blätter zu geben. Danke – ja – so ist’s gut. Das ist ja eine
Menge! Fleißig scheint er zu sein.«

Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun
die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervös zitterten, vor ihn
hinlegte. Kohle- und Rötelzeichnungen, dann ausgeführtere Aquarelle,
auch einige Versuche in Öl. Landschaftsstudien, ein einzelner
Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stückchen Ährenfeld, ein
toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu
fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von
Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in
Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur
in ein paar Linien für das Gedächtnis festgehalten.

»Doll – ganz doll,« murmelte Rolfers ein paarmal. »Was der Kerl
riskiert – eine unverschämte Keckheit –« Er schüttelte den Kopf,
hielt ein Blatt lange vor sich hin. »Wieder mal recht kindlich –
Dieses hier ist mißlungen, – das auch, – das – – nee, wahrhaftig,
er fängt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich
innerlich gebost haben. – – Dies ist nun geradezu unglaublich –!
Dieser Sinn für Raumverteilung – Köstlich – jetzt kommen wohl die
Schulzeichnungen? So ’n ganz andres Kaliber! Na ja – hier schludert
er richtig und macht so was für den Lehrer zurecht. #Ia#.
Selbstverständlich! Schweinerei!«

Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mühsam mit der Linken eine
»#4b#« neben die Schulnote.

»Meinst du nicht auch, daß er Talent hat?« fragte Martha zaghaft.

Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.

»Talent – Talent hat heut jeder Lausejunge – fragt sich, ob er den
Charakter hat, ein Könner zu werden!«

Rolfers zog zwei Blätter aus den übrigen hervor.

»Donnerwetter – was ist denn hier – freie Phantasien ...« Mit den
Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen
die Unterschriften: »Der Schlafende« –»Der Erwachte«. In kühnen
kräftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getönt,
zeigten sie eine ganz eigentümliche und persönliche Technik. Eine Bank
auf einer Anhöhe unter einem Baum, der ungefähr eine Eiche vorstellen
mochte. Hier saß ein nackter Mann, einen alten ungefügen
Kavalleriesäbel über den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt,
in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbäumen,
grünen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Dörfchen im
Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen
kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen,
ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen,
Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft
verfinstert und wildverstört, das Dörfchen in gelb und roten Flammen,
die Obstbäume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch
das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom
Sturm durchwühlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer
Silhouette mit mächtigem Schritt die Anhöhe hinab, den Säbel gewaltig
schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme
nach ihm aus.

»– – Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?« fragte
Rolfers lebhaft ... »Das ist ja famos! die Gelöstheit der Glieder im
Schlaf – die Macht des Schreitens – das ist einfach verblüffend –
die Majestät der aufgereckten Haltung – das soll erst mal einer von
uns Älteren rauskriegen, was dem Bengel da geglückt ist ... Ha – hier
kommen die Studien – wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also –
die Badeanstalt!«

»Ja – von dort kam er immer zu spät heim – da hat er Stunden und
Stunden verhockt – und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die
Sachen entdeckte.«

Rolfers vertiefte sich mit zusammengefaßter Aufmerksamkeit in die
Skizzen.

»Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. – Na ja – Anatomie
fehlt noch – aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ...
merkwürdig – höchst merkwürdig.«

Plötzlich lehnte er sich zurück und lachte herzlich.

»Der Bengel will Rechtsanwalt werden – richtig so ’ne ausgeklügelte
Chose –! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander
bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwüstung
ab! – – – –

Du – schade eigentlich, daß du ihm gesagt hast ... wüßte er nicht,
daß ich sein Vater bin, – den Kerl hätte ich gern zum Schüler gehabt
– aus dem ließe sich was machen ... Teufel ja – das könnte mich
reizen ...«

Marthas Blick glitt über ihn hin – er fühlte ihn, sah auf, traf den
Ausdruck eines erschütterten Mitleids in ihren Zügen.

»– Ja – du hast ja recht ... ich hatte vergessen ...«

Heftig stieß er den Stuhl zurück, sprang auf, schritt mit starken
Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich plötzlich taumelnd auf
den Bettrand, weiß, hohläugig – mit gezerrten Zügen, wie ein
Sterbender anzuschauen.

Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nähe stand. Er
trank das Glas leer und belebte sich allmählich wieder. Die Frau stand
neben ihm und strich ihm zaghaft tröstend über das Haar. Er lehnte den
Kopf an ihren Arm, schloß die Augen und murmelte: »Wie gut du bist.
Aber geh jetzt – ruf mir die Schwester – ich muß mich hinlegen –
man ist ja zu nichts mehr nütze.«

»Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege ...«

»Ach, Marthchen – erholen ... wozu ...?«

Er starrte in Gedanken vor sich nieder, während sie die Blätter wieder
in die Mappe legte, die Bänder zuknüpfte, ihren Hut aufsetzte, sich
still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.

»Sag’ dem Jungen vorläufig nichts davon, daß ich die Zeichnungen
gesehen habe,« sagte Rolfers, »wenn sich’s tun läßt.«

»Gewiß nicht – obschon es ihn natürlich doch beglücken würde – aber
es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, daß ich sie ohne sein Wissen
mitbrachte.«

Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.

»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte
Rolfers.

       *       *       *       *       *

Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und
Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner
Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in
ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl
der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf
sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im
gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte.
Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte
rangen um seine Seele – gleich an Kraft und gleich in ihrer
unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig
feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale.
– Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen
verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung
seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen
gesündigt, hatte es tausendmal verneint – weil er an die ewige
Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ...
Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und
Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen
Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes – war
sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen
Ideen? Die Staaten zerfielen – die Rassen veränderten sich und
versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen
Forderungen und Idealen – die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg
über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind
begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs
neue zu erobern – die selbe Welt, in der ihre höchsten Offenbarungen
rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen.

Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung
sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen
müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer
einzigen Idee – der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf
sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten
Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen
Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der
ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen
allen so übermächtig geworden war – wie hätten sie anders ihr
Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers
unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen.

Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige
leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem
andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach
heißen oder nicht – gleichviel – da war ein Geschöpf auf Erden, in
dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der
ihn erfüllte – ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf
dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. – Und
das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch
geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich
tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte
sich auf gegen das Mitleid – in sich spürte er ein wildes Tier, das
die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich
mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er
sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme
seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er
sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da – da –
bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm
das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf
dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts
schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer – Weiser –
Hüter sein durfte – desto eigensinniger sein Verlangen, das
Ungewohnte zu ertrotzen.

       *       *       *       *       *

Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, daß Rolfers in
den nächsten Tagen entlassen würde. Die Trennung stand vor der Tür,
schneller, als sie es erwartet hatte.

»Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?« so fragte sie
beklommen, weil sie sich nicht stärker über seine Genesung zu freuen
vermochte.

»In Berlin? Auf keinen Fall!« antwortete Rolfers heftig. »Sich hier
als Krüppel anstaunen zu lassen – nein, das wäre das letzte, was ich
ertragen könnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Häuschen –
dorthin will ich mich verkriechen. Es gehörte früher meinem Freunde
Pötsch. Du hast ihn doch auch gekannt – den Pötsch, der die
Moorbilder malte – immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht
weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du
nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht
weiter mit deiner Malerei. Na – und daraufhin habe ich ihm die
Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram,
Bücher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar
hält mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau
kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben.
Ja – nun wollte ich dich bitten, den Brief an Lütjes zu schreiben,
sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorräte
anschaffen, damit wir’s gemütlich finden, wenn wir hinkommen.«

Martha blickte hastig auf.

»Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich für eine Weile zu
begleiten.«

»Aber der Junge?«

»Der kommt natürlich mit!«

»Er muß doch in die Schule!«

»In der nächsten Stadt ist ein Gymnasium. Lütje fährt ihn hin, bis er
die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor muß in seinem
Alter sein. Die Jungens können sich zusammentun. Das wäre kein
Hinderungsgrund.«

»Ja, das ließe sich machen,« antwortete Martha – »Nur ...«

»– Du hast mir neulich angedeutet,« sagte Rolfers bedächtig, »daß
deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich muß jemand
haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschäftlich immerfort etwas zu
erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische
Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas
Ähnliches gedacht?«

»Zuweilen habe ich daran gedacht,« gestand die Frau zögernd.

»Also! – Ohne Verbindlichkeiten für die Zukunft, so wenig von deiner
wie von meiner Seite.«

»Nein!« rief Martha hastig. »Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht
dazu entschließen!«

»Sage mir offen deine Gründe – wir reden ruhig darüber.«

»Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschränktes Leben ist
mir wert geworden. Ich mag’s nicht aufgeben. Wie es war, war’s
harmonisch – friedlich.«

»Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Für
Kampf bin ich nicht mehr gestimmt – wenigstens nicht für einen Kampf
mit dir!«

»Ach, Franz – das sagt man so. Nachher ist’s doch anders. Jeder will
etwas für sich und der andre weiß nichts davon und will das Gegenteil.
Und so quält man sich ...«

»Wir müssen eben nicht zu viel wollen – wir beiden Alten,« sagte
Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl
und spöttisch.

»Mit dem Jungen ist’s anders. Der soll nur wollen! Für ihn fällt doch
manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung – Ein frisches Stück
Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...«

»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,«
antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz.

»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein
besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten
Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! – Nun
wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche
Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard
herrichten! Paß auf – es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu
sein!«

»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht
verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.

       *       *       *       *       *

Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der
Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie
zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu
verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der
hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß
Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr
Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus,
Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine
Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht
gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde
darstellen sollte.

Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte
unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur mit
dem Reiz der Jugend neugeschmückt –: eine schlanke geschmeidige
Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur
eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch
ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der
etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute
Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses
Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen,
daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise
gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich
Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den
Stolz seiner Zurückhaltung.

Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und
später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten
Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch
häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm
gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über
die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu
halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die
schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft
werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig
hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen
hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.

– Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in
diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen
Kampf wird’s kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn
immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob
Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben würde. Ehe man
nicht diese _eine_ von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher
hätte man doch nicht von hinnen gehen können.

       *       *       *       *       *

So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfes
gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen
Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von
hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie
weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den
Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus
mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda
enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die
beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie
bestimmten Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit
schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume.
Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und
streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen
Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen.
Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten,
buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in
die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen
Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten.
Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das
frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das
Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten
moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall für
das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten,
deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem
schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am
Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand,
mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen
freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen
um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen
Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes
Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der
Bahnstation hergeführt hatte.

– – Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu
einer Übersiedelung in Rolfers’ Haus zu bewegen. Sie mußte sich
fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe.
Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem
Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt
hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein
Stück Brot anzunehmen! Was –? sie sollten ihm so geradehin gehorchen,
dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch
wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte
sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, – seine Mutter hatte ihn
noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte
ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die
Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig
sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu
schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er verstummen, hier lag der
Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen.
Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der
Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche
Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit
herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa
einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens
handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde
als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich
empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts
andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen
die Mutter. Donnerwetter, wär’s anders gewesen, er war zu manchem
fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es
würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit
liebevoller Demut diente – ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das
Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch
diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem
Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die
ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur
gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde
ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren
gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit,
und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig
zuzureden.

Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich
einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack
eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen
Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und
fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine
Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit
der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne
zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es
immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die
altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt
wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und
er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die
ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits
stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache!

Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie
verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel
zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den
Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche
Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen
und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren.
Das war dem Jungen unheimlich.

Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und
Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten
Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht
nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und
Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem
Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge
dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte,
wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter
kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um
gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das
Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem
geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft
in sich. – Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau
des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu
schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu
lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu
schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der
altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese
untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften
zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten
Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die
Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas
hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne
wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit
voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so
begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe
zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was
ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern
Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar
vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte,
wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken
stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch
die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den
Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den
Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rüssel wühlen. Er
starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten
Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß
der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne
dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf
unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der
Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder
zu wissen brauchte.

       *       *       *       *       *

Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme,
die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen
unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und
Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein
Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel
allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich
selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben,
ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden.
Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige
Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu
anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.

Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es
dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen
Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am
wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines
leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen.
Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder
sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen
traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt – und »Ihrer« sei auch
dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache
seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten.
Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins
Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers
hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt – er hatte vor
allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen – er wußte
auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit
kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der
Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch
taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen,
die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern
wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst
stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine
Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben,
soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte
in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich
unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer
unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu
sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und
kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des
Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren
Anschauungswelt aufzuschwingen.

Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer
Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das
Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem
hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die
Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder
in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst
seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er
ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard
hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm
das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er
genau, er tat dies nur für den Knaben.

Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in
die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann
wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und
beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.

»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht
dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für
die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.

»Na, das hat doch beinahe jeder,« knurrte der Junge als Antwort. »Was
ist denn da weiter dabei!«

»Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein – ich muß mich ja für
dich schämen,« rief die Mutter und hatte Tränen in der Stimme.

»Laß nur Martha,« sagte Rolfers ruhig. »Er hat ja ganz recht. Es ist
wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, daß man seine
Pflicht getan hat. Man hat noch andre.«

Richard zog die Mundwinkel verächtlich herab. Er hatte sicher
erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers’ Mund über das Eiserne Kreuz
zu hören, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es
kränkte ihn, daß nun nichts dergleichen kam.

»Der Kerl hat natürlich nicht das mindeste patriotische Gefühl,« so
ging es durch des Knaben Hirn. »Pfui, wie widerwärtig ist mir diese
herablassende Kälte!«

Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Lütje, die Tür mit
beträchtlichem Knall zuschlagend.

Rolfers trat neben die Mutter und strich leise über ihr Haar. Es war
die erste sanfte Berührung, seit sie zusammen hausten.

»Geduld, Kind,« sagte er. »Schnell gehen solche Eroberungen niemals.
Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefaßt
gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den
Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.«

Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem
Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von
Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte
kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen.
War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in
der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich
lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung
dem Manne – und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben – gebracht hatte,
nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu
erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten,
was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er
schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in
der langen Zeit ihrer Trennung.

– – Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau,
gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen
hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine
Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr
über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber
daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken
Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem
geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst
ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?

Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem
sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche
Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige
Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr
klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus
eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers’ Leben in
der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, – wie ihr das
ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten
waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum
eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn
es ihm gleichgültig war?

       *       *       *       *       *

Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein
geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es
verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die
Treppe, die nach oben führte, betreten.

Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei
Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung
zurückgesandt wurden. Lütje schleppte sie hinauf und rief Richard zu,
sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und
ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters
– zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers.

»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha.

»Nee, der Richard ist noch oben!«

»Mein Gott – so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt
er keinen Unfug an!« rief sie besorgt.

»Nee – Unfug macht er nich – der guckt sich bloß die Bilder an,«
brummte Lütje.

»Laß ihn,« entschied Rolfers.

»Er kann ja gar nichts mehr sehen – willst du nicht doch
hinaufgehen?«

Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in
den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.

Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tür zu
gehen und hinauszurufen:

»Richard, wo steckst du? Komm zu mir!«

Rolfers schüttelte den Kopf.

»Könnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck für
einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen – und gönnst ihm das
nicht ...«

»Ich ängstige mich, er könnte etwas fallen lassen oder verderben ...«

»Und wenn schon – was liegt daran ... Sehen möchte ich ihn – sein
Gesicht – wie er da herum geistert ...«

Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die
Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerührt. Sonst hatte
ihr Richard stets gehorcht ...

Nach einer Weile hörten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen,
durch den Flur schleichen, die Haustüre aufklinken.

»Er sollte doch zum Tee kommen,« bemerkte die Mutter.

»Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen – laß ihn laufen, er soll
mit sich allein sein.« Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und
blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich,
um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder
ins Zimmer zurückschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezündet
hatte, glänzten seine Züge warm und freudig.

»– Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein
Museum kam – meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die
Stadt und ging mit mir hinein! – Wie besoffen bin ich vier Tage lang
herumgelaufen – kriegte Tadel über Tadel in der Schule, weil ich
nicht aufpaßte – ja – ich weiß noch – ein kolossaler Schinken von
Rubens mit so ’nem springenden Löwenbiest und einer fetten
Frauensperson – der überwältigte mich ganz und gar – jetzt finde ich
ihn scheußlich – es war einfach die Kraft, die Üppigkeit, die mich da
so anschrie ...« Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine
Jugenderinnerungen vertiefte. »Damals ging mir’s zuerst auf, daß ich
Maler werden müsse ...«

Martha fragte weiter und ließ sich erzählen, während sie ihn mit Tee
versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre
liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet – es geschah
schon früher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders
guter Stimmung. Plötzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder
unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit
schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen
Rauchdunst eingehüllt, und träumte von unwiederbringlichem Glück
ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem
Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hörte, stiegen
Farben empor, fügten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als
Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie
zusammen zu Entwürfen. – – Rolfers blickte ihnen nach, wie sie
entstanden und mählich zerrannen ...

       *       *       *       *       *

Der Professor gab Lütje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach
dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard:

»Die Bilder müssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst
nachher mit hinaufkommen und mir helfen.«

Das Gespräch beschränkte sich auch oben in dem verstaubten, mit
Skizzen, Zeichnungen behängten, mit beiseite gestellten Leinwänden,
mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien
vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab.
Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an
den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick für alle
Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung
schrie.

Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hieß er ihn, es auf
eine Staffelei stellen.

»Das ist unser Moor,« sagte der Junge erfreut.

»Woran erkennst du’s?«

»Nu – hier doch, die große Eberesche und der Torfgraben. Das muß fein
sein, wenn die Heide so blüht.«

»– – Ja – von einer tollen Farbigkeit – das Braun des Bodens steht
famos zu dem Purpur der Blütenfläche. In manchem Jahr ist sie auch
blasser – lila – Die Lufttöne sind hier immer so schwer und satt –«

»Das möchte ich sehen ...,« rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an
dem Bilde hingen.

»Wirst du schon mit der Zeit.«

»Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme – in dem Häuschen, wo
das viele Moos auf dem Dache wächst – der sitzt immer so dösig vor
der Tür ...«

»Ja – dösig ist er – hat ’en Blick wie ein altes Tier, das eben aus
’m Moor rausgekrochen ist. Warte mal, – irgendwo müssen hier herum
die Studien zu dem Bild sein – daraus kannst du sehen, wie so was
wird.«

Der Junge stand verlegen, während Rolfers in den Mappen blätterte.
Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den großen Tisch zu tragen.
Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus – erklärte, sprach über seine
Pläne, Versuche, erörterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie,
über Raumverteilung und Perspektive – über künstlerische Abgrenzung
als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, daß er einen Knaben
vor sich hatte, dem das alles böhmische Dörfer sein mußten. Er redete
geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von
herangewachsenen Akademieschülern gesprochen haben würde. Dabei ging
er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausführungen an dem
Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnfälligen
Beispielen.

»Interessierst du dich eigentlich für diese Dinge?« fragte er, sich
unterbrechend.

Der Junge nickte eifrig.

Rolfers lächelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen
haben können – wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und
Zärtlichkeit, seine Umarmung, seine Küsse erwartend. Sonderbar, wie
tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden ...

Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben
hörte, scheu und heiser vor Erregung:

»Ich möchte Ihnen mal was zeigen – na – es ist nischt – ich weiß
schon ...«

»Also – hol’s und dann werden wir sehen!«

Er schoß unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorüber: »Du –
er will meine Skizzen sehen ...«

Sie sah die leuchtende Geistesschönheit, die das junge Gesicht
durchglühte – nein so – so hatte sie ihren Jungen nie vorher
geschaut.

Ein Schmerz, der sie völlig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis
in die Fingerspitzen.

Warum ließ ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie
voller Haß.

       *       *       *       *       *

Nun wurde Richard der Schüler seines Vaters. Der war ihm ein harter
Lehrer. Oft hätte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber
verträumt, verbummelt, wäre ziellos im Dorf und in der Umgegend
herumgestreift. Das gab’s nicht mehr. Die karge Zeit, die von den
Schulpflichten übrigblieb, mußte ausgenützt werden. Das Schlimmste für
Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten,
Pinsel und Farben beiseite lassen – nur zeichnen, mit Kohle, mit
Rötel, mit Bleistift – aber immer nur zeichnen. Das fand er
demütigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf
und bereute oft genug, daß er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen
ließ. Es war ein liebes Träumen und Versuchen gewesen bisher, ein
Ausfüllen von Mußestunden. Was arbeiten heißen wollte, lernte er jetzt
erst.

Beim Durchblättern seiner früheren Skizzen hatte er eines Tages die
mühselig hingekritzelte »4« auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt
und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine
Arbeiten also schon früher gesehen ... Na ja – die Mutter hatte es
wohl nicht lassen können, mit ihm zu renommieren.

Aber wie war denn das – sollte etwa doch das Interesse an seinen, an
Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine
Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre
Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung
des Professors: »Merke dir eins, mein Junge – beleidigen können mich
deine Ungezogenheiten gar nicht –! Es kommt weder auf dich noch auf
mich bei unserm Zusammenleben an – sondern nur deine Ausbildung ist
von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche – nicht der
einzelne Mensch und seine Gefühle oder Stimmungen!«

Solche Aussprüche ärgerten Richard wütend und er nahm sich dann erst
recht vor, seinen Haß und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen
Herzenskammer sorgfältig aufzuheben.

Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum
eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er,
Richard, doch nie ein Meister werden würde.

Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht
zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen
von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit – machte
ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten –
manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie
es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente
sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen,
an der Nachlässigkeit gegenüber dem Handwerklichen. Er konnte
hinreißend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hörte Richard ihm
mit glühendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in
ihm auf.

Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch
einmal mit Schnee und Frost übers Land gekommen war, saßen sie mit
Mappen und Blättern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so
heftig durch die großen Atelierfenster gepfiffen hatte, daß sie beide
vor Kälte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte
Torfstücke in den großen Kachelofen oder strickte graue
Soldatenstrümpfe, die Beschäftigung aller deutschen Frauen und
Mädchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu müssen im
feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wände
drang, und mit den Mäusen, die ihr über die Füße liefen. Sonst hatte
sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche,
das Gespräch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer
fühlte, heftig und nachdrücklich zurück. Martha wurde innerlich
erschüttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, daß
Richard rücksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja
geradezu den Ton des Professors nach. Übrigens täuschte sie sich,
Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter
ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es
wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und hätschelte, wie
man ein kleines schwaches Kindchen hätschelt. Er hatte schon früh
diesen männlich behütenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein
wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so
deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Früher war in ihr nur
Rührung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft
bitteren Ärger.

So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige
Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder
übers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: »Was lacht ihr?« und
Richard sagte verschmitzt: »Ach, Mutti, das ist nur was für Männer!«

Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, daß Rolfers Sinn hatte für
Schulgeschichten mit derber und meistens unanständiger Pointe. Wenn er
sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzählte – und das konnte er gut,
dafür hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens
sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschütten. Es
brachte ihn ihm bedeutend näher. Er war doch ein feiner Kerl.

Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert
mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner
Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch
bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und
es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der
Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde
und mit den Fäusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante,
der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen
spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem
man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des
Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man
sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und
mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und
kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber
Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und
manche trieben’s widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte
sich nicht viel aus den Mädels.

»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die
Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer
nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das
Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.«

Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem – hatte der
Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.

Aber dann stieß er sich ... Durchgänge –? War auf diesem Wege
vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner
Mutter gegenüber gehandelt hatte –? Seit Richard ihn kannte, schien
ihm das Problem immer unbegreiflicher.

– Durchgänge – und das Wirkliche nur die Kunst? –

Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er
nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene
Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt.

       *       *       *       *       *

In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der
Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da
konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die
sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers’ Ansichten
angriff – ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben
sich gelten lassen wollte – der bedeutend sei – wer hätte das
bezweifeln können – aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt
trauen dürfe.

Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit
rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn
sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh
vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust
das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein
auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem
Schicksal ausfechten mußte.

Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt
wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine
heimliche Schuld an ihm zu sühnen.

In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über
die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in
der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen
Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den
Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und
mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die
Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard
geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das
Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen,
nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur
Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten
schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten,
sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die
Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige
innere Gereiztheit fand ihre Entladung.

Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es
ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke.

Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren
Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf
Brot und Verdienst rechnen.

Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte,
das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf
irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob
ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht
Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere
Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben
auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus
ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler
werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die
ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen
wieder zuschanden machen.

Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später
regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur
gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers’
kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller
Mittelmäßigkeiten – eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen
Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.

»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf
nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm
zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein
wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst
mir nicht dazwischen pfuschen, Martha – das erwarte ich von dir. Merk
dir’s, Kind.«

Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz,
tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und
machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider
senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht
bemerkte.

       *       *       *       *       *

Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine
friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und
Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die
Hohlwege um Rolfers’ Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine
unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart
erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte
in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.

Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht
gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die
Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem
Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und
Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von
der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus.

Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der
Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm,
den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er
seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich – erbärmlich – aber er
wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von
Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend
anzukämpfen hatte.

»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine
Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht
ausrutsche.«

Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten.
Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der
junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen
Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste
knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase.
Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte
Menschen in großer Qual.

»So denk’ ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter,
wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und
prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer
Zweige.«

»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man
kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,«
grollte Rolfers’ Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen
die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der
rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man
nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste – man
ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von
Schlachtenbildern gesehen hat – was man von früheren Kriegen in der
Schule gelernt hat – alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die
Greuel von heute. Junge – für’s Vaterland sterben – das klingt ...
Aber in so einem Mordwald liegenbleiben – von den Weiterstürmenden
vergessen – und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen
herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab – jeden
Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach
dem eigenen Messer – kann nicht dazu – kann nicht ... liegt wehrlos
da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber
sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den
Eingeweiden, die Angst – und das kleine Viehzeug, was sich nun leise
scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was
unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als
das Sterben fürs Vaterland –«

Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm
sprach. – Er – er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so
objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz
und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer
Andacht an dem leeren Ärmel – dort waren die Wunden, in denen die
Würmer gehaust – er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling
der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene
stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis
über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den
Krieg – fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...

Rolfers’ Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des
Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was
vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...

»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben
geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am
Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel
jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder
gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die
sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau – die Landschaft
leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen
Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen
frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen
Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die
Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die
schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre
Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und
braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische
Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder
spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und
blitzendem Frohsinn.

Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich’s schon,« sagte
er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt – still und friedlich
bleibt – die Kinder spielen dürfen – das Hündchen kläffen, die alte
Hexe in der Sonne sitzen kann – und die Felder so fröhlich blaugrün
sich breiten – darum heißt es: fürs Vaterland sterben!«

Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich
allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf
des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm
nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm
kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in
einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers
überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter
gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau.
Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir
können es ungestört besichtigen.«

– – ‘Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile
ausruhen’, dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den
Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen.

»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs.

»Das vom Kaiser in Berlin!«

»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören
auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst
schon sehen, wird dir gefallen.«

Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen
gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel
jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren
ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige
Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter
Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf
dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und
der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen
und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden.
Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen
länglichen Hof.

Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die
Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die
geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem
Parterrefenster und grüßte.

»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers.

»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen.
Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?«

»Nein – im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die
Herrschaften in Hamburg.«

»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. – Die Frau Gräfin würde sich
gewiß freuen!«

»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.«
Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee
weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal
zurück auf die weite Wiese.

»Das möchte ich malen – – die komischen kleinen Viecher auf dem
Grün ...«

»Versuch’s – geh morgen nachmittag her.«

»Sehen Sie mal – die Bäume sind schon anders als im Winter – so viel
dunkler und voller Saft ...«

»Ja – ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend
malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem
Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. – Na – da laufen wir der Gräfin
doch in die Arme.«

Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und
näherten sich ihnen.

Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach’ kein so verstörtes Gesicht,
sie fressen dich nicht.«

Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte
sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen
Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen
schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den
Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben
Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm
aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor
sprachen, war sehr herzlich – es mußten gute alte Bekannte sein. Die
junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei
und schwer verwundet – und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen
bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so
tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu
ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus
fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.

Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und
fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der
großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch
meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen
ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den
magst du doch?«

Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen
auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.

»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief
lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte – Sie sehen noch
so jung aus ...«

»Das ist er auch noch – vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«

Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den
beiden Damen – sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von
dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege
überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er
verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von
ihrem jüngsten Sohn sprach – er war noch nicht neunzehn Jahre alt
gewesen – ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden
Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her.
Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes – über den
Kummer hinaus erhaben.

Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne
gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man
saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen.
Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel
Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der
alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid
heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre
Gestalt war.

Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber
zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß
Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden
und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen
sprach.

»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere
Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur
Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen
wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind
fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und
Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann
bricht sie zuweilen doch zusammen.«

Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin
reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren
jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich
zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt.
Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher
interessieren werden.«

Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht,
wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er
zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch
gezwungen sein würde, beängstigten ihn.

Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt
hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen,
begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht,
hast du sie zu küssen – nicht mit einem heftigen Schmatz – sondern
nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir
auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst
einmal sagen.«

»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte
Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.

»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das
gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du
noch so ziemlich alles zu lernen.«

»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard
ungezogen.

Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard
aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft –? Na, es ist
schon gut so, häßlich und plump wie ich bin – ein feiner Herr wie er
werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll
beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den
Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung
schlug über sein Herz.

Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu
seiner Mutter herein.

»Du – draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für
den Professor.«

Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am
vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine
Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte.

Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten
Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard
stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem
geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.

»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu
zerstören. Lieb von den Damen, nicht?«

Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila
Blütenfülle.

Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog
ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja – wir Künstler
und der Luxus – das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch
Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten – einen Rehbraten
mitessen! was sagst du?«

»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das
helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.

»... Nein – – die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.«

Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich
hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha
entfernte sich – man hörte sie dann in der Küche.

Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll
ich da ...?«

»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich
glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.«

Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter
das helle krause Haar.

Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche
Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun
mußte es durchgefochten werden.

»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau,
als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war
reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte
begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er
gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht
hinein. – Nur – was mich betrifft – ich kann mich dem Umgang mit den
Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele
Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich
sein kann.«

»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte
die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er
gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.«

»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du
irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens
eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?«

Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins
Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf.

Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.«

»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, – vergiß nie, daß du mir
das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht
wieder fand – wo wäre ich jetzt?«

Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar.

»Meine gute Freundin!«

Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand:

»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar – was geht es mich an ...?«

»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich
dann nicht hierher gebracht hätte – dich und den Jungen! – Aber
sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden – dann geht das alles
nicht mehr.«

»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich.

»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!«
sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser
Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder
unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten.
Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich
weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle – war es immer – bin es heute
mehr als je zuvor.«

»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an.
Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft
wundern.«

»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und
seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte
er, aber mag es immerhin sein – sie würde ja nie verstehen, daß ein
Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und
seinen Arbeitseifer hätte.«

       *       *       *       *       *

Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers’
Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht
teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte
zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen
Angelegenheit und zu Rolfers’ Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam
nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die
passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend
nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten – seit wie langer
Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie
sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über
Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die
Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den
Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die
Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von
den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich,
durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner
eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt
von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu
zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich
erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei
allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung
auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser
Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und
empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder
einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch
unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst,
durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die
Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit
begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu
ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden
empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an
seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die
schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an
reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte,
bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten
vermochte.

Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen
und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für
das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin,
dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit
deines doppelt reich und herrlich blühe?

Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich
näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige
Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt – ursprünglich. Nur spürte
er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich
auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig
in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard – diese eigenartige, scharf durchdachte,
ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde
in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich
ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von
Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem
heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen
gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard
geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen
Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.

– So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken
ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er
den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen
wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich
noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu
erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu
lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche
Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen
– den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.

– – Ist es immer und überall Elternlos, zu geben – zu schenken –
nichts dafür einzutauschen – nicht Dankbarkeit – nicht Liebe –
nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft.
Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande
ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das
Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu
bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der
Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er
gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche
Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner
Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich
geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen
Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht
zu werden?

       *       *       *       *       *

– – – Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! – Aber nun
sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder
zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben – aber
sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und
ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und
Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe – konnte er das
vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört
gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu
lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es
forderte das letzte Opfer von ihm – und das konnte er nicht bringen.

       *       *       *       *       *

Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die
Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem
alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den
Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie
war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit
Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst
nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab’s jetzt in diesen
Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie
lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und
Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und
den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten,
Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen
Tätigkeit.

»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte
Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die
schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit.
Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer
Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen
Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder.
Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen
Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten
Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten
die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen
Bauernpflanzen gab es in Rolfers’ Garten, wenn der Sommer auf seiner
Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger
Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand
gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte,
das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten
Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten
Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte,
hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und
wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers,
als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr
eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und
streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen
und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich
entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die
Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des
Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander
seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter
mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß
wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester
und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war
– Kopfschuß – sofort tot. Der Glückliche ...

Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn,
und für jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen
Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat
hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die
die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war
in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt – die würden, wenn
der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen – aber noch war
es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des
Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den
Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor
ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch
über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das
sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen
Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die
Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und
wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen,
fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges
entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz
seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem
schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder
schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance
des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen
Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom
Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er
hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden
Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen
Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde
schwerer und schwerer vor Traurigkeit.

Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand
stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt,
jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses,
der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers’ Rat
gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt
hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer
Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie
möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die
finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten
war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank
geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von
Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen
war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen – oder ob er noch
einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden,
die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers
durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto
setzen.

Herrgott – war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden?
Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die
Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein
einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter
als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie
eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder,
Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte – und am Ende
auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.

Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets
tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so
sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut – aber ihm
stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es
vielleicht auch – wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser
schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in
diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht
des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden
Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute
Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm
gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten.
Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte,
und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die
beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis,
das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die
Fenster zu ihm einzudringen versuchte.

Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen
oder er pickte und rieselte noch melancholischer – oder der Sturm
rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf
klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn
er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und
sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.

Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu
nicht Zeit genug vor sich – viele Jahre Zeit ... Zu einer
Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft – wie er sie
verstand – irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie
bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er’s nicht gefühlt
– grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den
Schlag nie wieder verschmerzen würde.

Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei
war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten
voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand
herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der
braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch
ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem
Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief,
war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht
herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten
Versuche – das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich
gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem
Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf
fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden – ich krieg’s nicht und
krieg’s nicht – das Biest hält auch keine Sekunde still ...«

»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers,
beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du
– so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er
gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche
heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.

»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da – Sie
verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr
malen ...«

Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll
Zorn die Leinwand daneben.

»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon
gequält. Und ich hätt’s auch noch gepackt – wenn Sie nicht
dazugekommen wären.«

Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich
nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als
vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde
war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher
Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich
jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen – und
das kann ich nicht ertragen – dann muß ich ihn erwürgen ...

Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und
knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den
Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg
unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren
Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee
hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er
in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines
Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein
Todfeind.

Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und
ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig
aus den Augen rann und die Wangen hinablief.

       *       *       *       *       *

Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu
beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die
draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten
Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er
nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue
Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen
verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen
neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines
ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen
gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem
Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend
heranwuchs – und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und
die Alten verachten durfte ...

       *       *       *       *       *

Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten –
in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und
durchkämpfte.

Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas
greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes
zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den
leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er
fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte,
wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen.
Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte
seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte
Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte
Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und
wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.

Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich
zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß
er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so
schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für
ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr
und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei
allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner
bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten
Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen
auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers
mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes
Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.

       *       *       *       *       *

Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf
waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und
grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein
wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.

Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein
andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und
der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte
ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem
Herzen: »Das habe ich gekonnt – ich – Rächer meiner Mutter und meiner
Jugendschmach!«

Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und
triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit
ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum
Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung
seiner Worte.

Armer Rächer – auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich
wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen,
die sein Gesicht überschwemmten.

Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er
sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse – daß dieses
Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte
sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum
erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben – grauenhaft, kurz,
gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach
dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein – niederträchtig ...

– Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von
unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl
ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für
diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können – leben müssen
und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt
war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße,
die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie
selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig
verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand
bei Richard fest. Nein – er durfte sich auch selbst niemals
verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat,
hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und
verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja – er genoß den Schmerz, rang
sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen
des Vaterlandes – das kämpfende Vaterland in ihm! Was – er hatte ihm
Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen – aber während er,
Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen,
hatte der andre sich geopfert – hatte gelitten –! War denn der
Professor nicht zum Krüppel geworden – damit das Vaterland frei blieb
– damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und
Künstler werden dürfte – wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll
arbeiten – das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers’ Rat, ohne
seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der
sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt
haben mußte.

So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn
kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet
hatte – deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem
Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der
gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche
Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort,
das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und
Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.

– Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft
erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab,
auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und
Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines
Gottgedankens fühlen, – nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut,
für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften.
Bewundernswert auch diese, ja, – aber noch lange nicht Helden.

Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein
Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem
Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt
hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur
in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz
hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den
Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.

– – Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen
seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer
Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf
den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? – Das Wort hatte
Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte
daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft
zwischen seinem Wesen und Rolfers’ Wesen. Der Mann – der
Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen
Unterschiede – nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und
Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen
Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten
Europäertums.

»Guter Europäer« – auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte.
Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden – nein, er
bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel
hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum –
neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie
ihm nicht das geringste – er stand ganz verständnislos vor den
Kolossen – das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was
hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende
wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie
zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen
Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger
Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese
war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis
mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die
Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres
in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm – wie das
Geschöpf ihn ansehen konnte – so dumm-unschuldig ... War das nicht zum
Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit
den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ...
Gott – – welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten
Fohlenmaul – in einem schwimmenden Tierauge.

Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht
an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der
eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und
keine andere! Und wenn’s ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden
sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes
Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht
betrügen lassen – auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß
man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und
verbiß den Schmerz.

       *       *       *       *       *

Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in
hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte
wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr
einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards
Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht
unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen
energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse,
in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt
halten.

– »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies
alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern
sollte, denn es war ja leider die Wahrheit – er, Richard, war
stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster
Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine
Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch
suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus
bin ich nicht zu haben, merk’ dir das ... Ja,« wendete sie sich zu
Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt –
was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein
Mädel von der Tauentzienstraße – pfui Teufel!«

Also doch –! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte
verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte,
eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall
und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und
hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder,
wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und
durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur
Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich
miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen
zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben
konnten.

»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem
Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich
recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf
es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der
Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es
käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen
an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen,
zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie
der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir
sagen, Richard, – mancher von den Bengels hat sich brennend nach der
Schulklasse zurück gesehnt, wenn er’s auch nicht Wort haben wollte.«

Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden
Augen flammten über ihn hin.

»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben,
was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder
Künstler – was soll’s werden?«

»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard.

»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor
scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen.
Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung
einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also –
kann ich bei dem Direx für dich eintreten – oder kann ich’s nicht?«

Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit
dem Professor klar und frei ins Gesicht.

»Sie können es!«

»Gut – schlag ein!«

Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine
Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest.

Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der
Professor war doch ein großartiger Mensch – wer von den Vätern seiner
Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner – kein einziger.
Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt –
jawohl. – Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen
geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die
würden ihm Freude machen.

Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch
des Jungen Herz. Er – er – er füllte sein Denken, Träumen,
Phantasieren. Freund – Freund – sagte er bisweilen leise vor sich
hin. Professor – Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs
Haus, sobald er von der Schule heimkam.

Versunken konnte er lange auf Rolfers’ Hand blicken, denn
Menschenhände bedeuteten ihm viel, – er hatte Jungens, die sich ihm
zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen.

Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des
Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der
Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken.
Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß
er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des
geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte
zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der
Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne
geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete
sich in ihm das Neue – das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu
sein ... Sein Schüler, – o ja –! Der Professor hatte selbst gesagt,
das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn – dem Gedanken
war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand
das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es
aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging
es zu – das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. –

Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors – er war
sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm
lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die
Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen
– und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von
ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im
tiefsten verwandt fühlte ...

Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender
Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins
Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß
sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die
goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine
Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich
nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich
eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges,
ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte
tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene
eigene Wege der Opferung.

Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl.
Fragte sich zuweilen: Ist’s nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen
Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein
für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit
jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte
seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der
Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun
war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so
schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das
Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen
gegenüber – war eine Viertelstunde lang herzlich, gut,
aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So
ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.

Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem
Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda
und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte
sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang
versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des
alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten
seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und
klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache
Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die
alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von
rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus
dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue
Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten
silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken
dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und
weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder,
luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte
Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie
in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und
wiegten.

       *       *       *       *       *

Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er,
das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen
Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes
kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der
sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber
an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß
gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der
blühenden Hecken in den Sandhohlwegen – in denen es zwitscherte und
flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien – jede Fahrt zur Schule
mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich
befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel
hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg – er aber
schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche,
das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der
Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und
im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben
zu schimmern begann – hörte versunken auf das Liebesgequake und
Geschnarr der Frösche – auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der
kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte – sah
die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf
dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib,
sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen
Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft
breiten – etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und
wankte unter seinem Fuß, der da sank – sank – Er mußte eilend
zurückspringen auf sicheren Boden – und ahnte tausendfach
erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen
Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie
hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl
sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während
die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht
eintranken.

Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte
Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die
Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und
Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah
er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn,
hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der
schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein
Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum,
Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch,
bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt
warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen
scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden
Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er
verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen,
von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer
reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand
nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam
schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem
Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.

Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der
Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über
seine Versuche.

Richard bemerkte es.

»Also, – was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du
herauf und störst mich?«

»Ich dachte nur – die Nacht ist so unbändig schön –, ob Sie nicht
hinauskommen möchten?« stotterte er.

»Ich habe zu tun. Geh jetzt!«

Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder
auf.

»Nun?«

Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie
Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und
mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben.
Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen
Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen
Sekunden empfand.

Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.

       *       *       *       *       *

Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand
skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich
ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit
Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ
den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen
sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und
die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und
stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend.

»Junge – verdrehter, toller Bengel!«

»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich,
und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.

Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so,
damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben
Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar.

»Mein Junge, mein lieber Junge!«

Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet.

       *       *       *       *       *

Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe
ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur
nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die
beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu
schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte.

Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner
Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch
verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der
für das Vaterland gelitten, – so schrieb der Besitzer.

Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.

»Wozu – kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen
ehrenvollen Frieden geschlossen haben – ja, dann lasse ich’s mir
gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten
– mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten
Schinken. Jetzt ist’s ein Reinfall. Ich will nicht.«

Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben
den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu
rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu
verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde,
der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der
Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit
harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum
Studium bereitstehen.

Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen,
dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor
dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene
Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen – hier ein Obdach für
die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden
gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor
dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück.

Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich
wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der
Hauptstadt gezogen zu werden.

Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen
trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter
nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt
der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die
Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ...

»Richard – packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur
Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief
mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du – freut’s
dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben!
Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!«

Richard stand mit offenem Munde – ganz dumm vor Staunen. Vom Hals
empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn – und die Augen
wurden mit jeder Sekunde glänzender.

»Sie – Sie wollen mich doch nur uzen – es ist doch nicht wahr,
Professor?«

Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen,
das war doch entzückend ...

»Sehen Sie – Sie lachen – es ist doch nicht wahr.«

Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton.

»Frage deine Mutter!«

»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken.
Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten
Anzug gebügelt.«

Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der
Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein
geliebtes Fohlen auf der Weide.

Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause
und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha
bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine
Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der
schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter
abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls
aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler,
seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte
in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein
Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe.

Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der
Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke
bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute,
auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.

Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese
Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die
nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr
sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.

Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise
bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins
Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.

»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und
Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen
schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte,
fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln
Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar
und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt
zu wenig auf ihr Äußeres.«

»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie
wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig
Geld, fügte er naiv hinzu.

»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte
Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest – und
vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.«

Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob
dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser
Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt
war.

»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine
Einrichtungen gehen mich ja nichts an – aber da du sonst so sparsam
wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...«

Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben,
ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle
sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes
Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf
ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt
war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck
denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht
gezeigt hatte.

Er ging viel und unruhig im Haus umher.

»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte
er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm
vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme
durchs Haus jubeln: Professor – Professorchen! Denn je vertraulicher
der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.

Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den
breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an
dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte
er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast
du keine alten Photographien – so dumme kleine Kinderbilder von dem
Jungen? Die möcht’ ich wohl gerne einmal sehen.«

»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg
betroffen. Er ging dann bald ins Haus ‘... Jetzt wird er bei Gebhardts
sitzen,’ dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard
in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem
großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. ‘Oder vielleicht
haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird
... ich wollte, ich könnte ihn sehen’ ... So träumte er sehnsüchtig
und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.

Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie
verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes
abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die
Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als
nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in
der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard
als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten
Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem
Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die
Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche
Kosenamen, als seien sie lebendig.

»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen – die sind
mein Eigentum, meines allein – Seine süße Kindheit, die will ich mit
niemand teilen – die gehört nur mir allein!«

Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und
schob die Lade zu.

Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte
sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt
raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe,
rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß
verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten
hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen,
legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch
einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen
zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie
zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen
auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie
ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch
zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich
Rolfers aus dem Fenster.

»Wer ist dort?«

»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und
lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene
Dunkelheit hinaus.

       *       *       *       *       *

Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang
strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend.
In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern,
denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau
zu –! Und die Ausstellung –! Der Professor solle nur nicht glauben,
daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst
haben wollten –! Gedrängt hätten sich die Leute – die
Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen
schweren Luft und dem dunkeln Wasser – und es habe sich fein gemacht,
daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe:
Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es
sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon
telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten.
Und lieb sei er zu ihm gewesen – Frau Gebhardt auch und der junge
Gebhardt ... Nicht zu sagen –! Aber er wisse schon, wem er das zu
verdanken habe.

Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten
Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das
Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten,
sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche
Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken
Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen.
Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und
meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der
Professor war lustig wie ein Akademieschüler – und die beiden heckten
allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das
Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten
sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing
Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine
Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer
mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha
hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.

Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß
aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten
Weinranken.

       *       *       *       *       *

Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard
aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam,
ihm den Gutenachtkuß geben.

»Mutti – war das ein schöner Abend – nicht? Herrlich! Daß der
Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die
Goldkette, was –? Die mußt du jetzt täglich tragen – o, warum hast
du sie abgenommen – sie steht dir so gut! – Mutti, was hast du –
dich quält etwas – du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke
– glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag’ doch, Mutti?«

Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter
Hals und streichelte sie.

»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm?
Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin –! Ausnützen tut
er uns und dann ein Geschenk. Wie’s mich beleidigt, ahnt er nicht
einmal! So von oben herab! – O – ich kenne ihn, den Zauberer – aber
über mich hat er keine Macht mehr – nur dich – dich hat er ganz und
gar!«

Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem
Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur
grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche
Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille,
Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange
mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff
den Grund ihres Kummers noch immer nicht.

»Sag’ mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie
schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll
Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du
dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs
nicht – ja – aber dann –! Dann habe ich ja begriffen – so gut –
so gut ... Man muß ihn verehren ...«

Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild.

»Ich ertrage es nicht – ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe
daran zugrunde – ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe – gemein,
boshaft – gehässig – ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger
hier bleibe ... Er hat mir alles genommen – und er wird dich mir auch
noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du
bist ja schon wie verzaubert – Richard, hast du denn dein armes Mutti
gar nicht mehr lieb?«

»Aber, Mutter –,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah
seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur?
Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch
selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht
liebhaben ... Mutti – er – er ist doch mein Vater!«

»Gut – so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit
verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard – es geht
nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es
nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur
ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will
ich!«

»Mutter – das – nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut
vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.

»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es
wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen – du wirst – ich
weiß es ...«

»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du
denn, Mutti?«

»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen
wir fort. Anders geht es nicht – sonst bringt er uns ja doch wieder
in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem
Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard – ich kenne ihn – in
ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück – ihm
gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest – du sollst es
sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...«

»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes
Recht!«

»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.«

Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte
sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von
Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen,
Richard, halte mich nicht zurück. Sieh – ich habe mir eine Stellung
gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war
nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn
ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel
Arbeit – dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon
wiederfinden ...«

»Mutter – das ist alles so unmöglich – so sonderbar unmöglich ...«

Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse,
eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen.

»Gelt – du sagst ihm nichts – verrätst mich nicht? Mein armer Junge,
daß ich dir so weh tun muß ...«

»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust
fallen, »du tust mir weh – so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen
Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter –
bitte – versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders
sehen ...«

»Nein, Richard – das ist kein Plan von heut – der ist seit Wochen in
mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich
nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?«

Richard ballte die Fäuste. ‘Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,’
schrie es in ihm. ‘Ich gehöre zu ihm und bleibe hier’ ...

Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn
eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den
Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.

Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard,
willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser
demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und
wühlte sein Gesicht in die Kissen ...

Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die
Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein,
als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell
legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem
Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie
Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange
still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte
sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen
... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren
müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich
klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So
viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte
gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch
auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in
ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß
ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in
den letzten Wochen durchgemacht hatte.

Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie
unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher,
setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr
ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht
wahr? ...«

Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine
Brust. »Ich weiß nicht –! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch – –
ja – ich glaube – ich liebe ihn immer noch ...«

Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann
sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich
nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre
zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man
will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«

»Ich kann nicht!«

»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen
– dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und
ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen
uns.«

Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton
von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und
flüsterte:

»Du wirst mich auch nicht hassen – mein Einziges?«

»Nein, Mutti – ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde.

So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen
Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die
Einzelheiten von Marthas Plan.

Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen
tiefen, schweren Schlaf.

       *       *       *       *       *

Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd
putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm
einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt
hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er
war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen
Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland
über alles«.

Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von
Mackensen – damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das
sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland
hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde
leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der
furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust
gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen – sich
freuen und leben. Sein Ich war tot – unter tausend bitteren Schmerzen
gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die
Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich
selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur
Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste
erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden
Armen und Händen hätte er’s nie gefaßt und erlangt, immer sich in
Theorien zerquält ... Der Junge – der arbeitete viel naiver darauf
los, als er’s je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst,
was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur
bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den
Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn
schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt
hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife
Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen – nur noch
einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in
der geretteten Heimat.

Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das
große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden
Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte
eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er
hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er
horchte auf – dort verbarg sich jemand.

Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf
einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen
vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine
Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das
gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt
und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier
geschehen?

»Richard ...«

Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur
tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde
durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.

»Richard, mein Kerlchen – um Gottes willen – was ist dir denn
geschehen? Sieh mich doch an – weißt du denn nicht, wie ich’s mit
dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!«

Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes
Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den
Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen
Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu
trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende
Worte zu.

Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln,
um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen.

»– Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich
hatte etwas mit Mutti, – es ist schon vorbei.«

»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr
ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir
nicht sagen willst – verlaß dich drauf.«

Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten
Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen
Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine
Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in
Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten
gestern abend lange miteinander geredet, – ja er hatte ihre erregten
Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört.

»Richard, – soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?«

In dem von Weinen verschwollenen Gesicht wühlte und arbeitete es. »Die
Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch
nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.«

Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas
Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das
heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu
leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend
etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.«

»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch
gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!«

»Was – fort von mir – fort –? du auch?«

Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges
Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig
fassungslos – an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha
freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer
ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in
ihm hoch – er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen
können. – Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im
Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine
linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und
legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust
beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren
Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes
Tierchen, dem großes Unrecht geschieht.

Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also – da scheint sich deine
Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun – wir werden
ja sehen – wir werden ja sehen!«

Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu
sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben
lange an.

»– du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich –
meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...«

Er strich mit der Hand über die Stirn.

»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die
Mutter ist vorn und sieht uns nicht, – da erzählst du mir alles. Wir
werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube,
ich weiß bereits eins – mit dem ich mich in diesen ganzen letzten
Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar – man weiß – ein Entschluß
ist reif – und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe
aufzustoßen.«

»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären –
Sie hätten uns nie wieder geholt?«

»Nein, da kennst du mich gut – das hätte ich nie über mich
gebracht.«

Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um
den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm
beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater
– mein Vater!«

Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen
kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war.
Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.

Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und
sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über
dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen
Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie
eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig
dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen
Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß
an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und
arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein,
denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie
ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein.
Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung
gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder
auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und
eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit
der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt
werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf:
jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu
überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller
weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden,
doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu
heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein
Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit
wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.

»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er
heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese
goldene Stunde!«

»Ach – es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie
traurig.

»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns
noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich
nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange
im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau
werden?«

Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.

»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend
und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst,
ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal
vorüber!«

»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig
ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen
Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das
Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn
vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein
eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst
mich, Martha, – meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja
schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um
irgendeinen lieben Jungen – es geht mir um meine Kunst – ach – was
sage ich – meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard
sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch
Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden!
In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die
kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert,
das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und
Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die
Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie
ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem
Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage,
es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein
Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die
Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte
Entsagung zuzumuten ...«

Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich
kann nicht, Franz – was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten!
Das mit der Kunst – es ist gewiß wahr – aber es klingt so kalt –
ich kann es doch nicht verstehen.«

Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte
wieder zurück auf den Mann, den sie liebte – sie fühlte es so stark
in dieser Stunde – und der ihr doch so fremd war und so Grausames von
ihr forderte, während er still wartete.

»Gut denn – nimm Richard – ich schenk ihn dir – wenn es sein Glück
ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn
zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum
Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«

Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den
herben Trank ihrer Zukunft kosten.

»Nein, Martha – das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide!
Du bist seine Mutter – unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich
ihn heute liebe – niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von
seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«

‘Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,’ flüsterte Martha zornig.

»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir
lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen:
wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling
kommen? Unser Frühling heißt Richard – ich meine, er blüht schön und
verheißungsvoll. – –

Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten –
darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus
dir selbst heraus – hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das
uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft
haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du
nicht?«

»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend
Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete
die Türe und rief laut nach seinem Sohn.


       *       *       *       *       *


Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen:

     S. 26: drängte –> drängte. (Punkt ergänzt.)
     S. 52: quält dich nicht ..« –> quält dich nicht ...«
     (Auslassungspunkt ergänzt)
     S. 59: Überrraschung –> Überraschung (Druckfehler korrigiert)
     S. 220: einma –> einmal (Druckfehler korrigiert)


Formatierung:

Der Originaltext ist in Fraktur gedruckt.
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