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Title: Die Letzten
Author: Rilke, Rainer Maria, 1875-1926
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Letzten" ***

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                              DIE LETZTEN

                           RAINER MARIA RILKE

                              IM GESPRÄCH
                              DER LIEBENDE
                              DIE LETZTEN

                        BERLIN AXEL JUNCKER 1902



                                          DEM PRINZEN UND DER PRINZESSIN
                                                  VON SCHÖNAICH-CAROLATH
                                                            ZU HASELDORF



IM GESPRÄCH


Man kann gut denken, dass Bilder im Saale sind: tiefe, träumerische in
ruhigen Rahmen. Ein Giorgione vielleicht oder so ein purpurdunkles
Porträt von einem nach Tizian, etwa dem Paris Bordone. Dann weiss man,
dass Blumen da sind. Grosse erstaunte Blumen, die den ganzen Tag in
tiefen, kühlen Bronzeschalen liegen und Düfte singen: müssige Blumen.

Und müssige Menschen. Zwei, drei oder fünf. Immer wieder streckt sich
das Licht aus dem Riesenkamin und beginnt sie zu zählen. Aber es irrt
sich immer wieder.

Ganz vorn an der Feuerstelle lehnt die Prinzessin in Weiss; neben dem
grossen Samowar, der allen Glanz fangen möchte. Sie ist wie eine wilde
Farbenskizze, so hingestrichen im Sturm eines Einfalls oder einer Laune.
Mit Schatten und Licht gemalt aus irgend einer genialen Ungeduld heraus.
Nur die Lippen sind feiner ausgeführt. Als ob alles andere nur um dieses
Mundes willen da wäre. Als ob man ein Buch gemacht hätte, um auf eine
von hundert Seiten die stille Elegie dieses Lächelns zu schreiben.

Der Herr aus Wien neben ihr neigt sich ein wenig vor in dem breiten
Gobelinstuhl: „Durchlaucht“ -- sagt er und irgend etwas hinterdrein, was
ihm selber wertlos scheint. Aber die weichen Worte, die nichts bedeuten,
gehen über alle hin, wie eine Wärme, und Jemand sagt dankbar: „Deutsch
sprechen ist fast wie Schweigen.“

Und dann hat man wieder eine Weile Zeit zu denken, dass Bilder da sind,
und welche. Bis Graf Saint-Quentin, der am Kamin steht, fragt: „Haben
Sie die Madonna gesehen, Helena Pawlowna?“

Die Prinzessin senkt die Stirne.

„Sie werden sie nicht kaufen?“

„Es ist ein gutes Bild“ -- sagt der Herr aus Wien und vertieft sich in
seine feinen, frauenhaften Hände.

Und ein deutscher Maler, der irgendwo im Dunkel sitzt, fügt hastig an:

„Ja, man könnte es um sich haben. Ich meine in der Wohnstube oder so.“
Und nachdem seine Worte ganz verklungen sind, neigt sich Helena Pawlowna
vor: „Nein“ -- sagt sie und dann traurig: „Man müsste ihm einen Altar
bauen.“

Ihre Worte tasten tief in den Saal hinein, wie Suchende. Pause. Da macht
die Prinzessin eine kleine bange Bewegung und will ihnen finden helfen.

„Kasimir, soll ich die Madonna kaufen?“

Weither kommt eine volle slavische Stimme, um sich zu wundern.

„Sie fragen =mich=?“

Pause.

Und Helena Pawlowna bittet um Verzeihung: „Sind Sie nicht Künstler?“

Antwort: „Manchmal, Helena Pawlowna, manchmal --“

Wenn die silberne Uhr jetzt nicht geschlagen hätte, würde der deutsche
Maler geantwortet haben: „Aber“ -- doch die silberne Uhr rief auf einmal
eine ganze Menge, und da gab er es auf. Besonders, da Graf Saint-Quentin
sagte: „Uebrigens sind Sie den ersten Winter in Venedig, Helena
Pawlowna?“

„Ja. Aber ich kann mir nicht denken, dass es jemals anders war.“

„Es ist seltsam. Diese alten Paläste sind so rührend in ihrem
Anvertrauen. Sie haben viele Erinnerungen. Und da ist Einem manchmal,
als ob man alle mit ihnen teilte. Nicht?“ So sagt der Herr aus Wien und
schliesst die Augen dabei.

Er sieht also nicht, dass Helena Pawlowna lächelt, während sie ergänzt:
„Sie haben Recht. =Eines= besonders: dass man nicht =hier= Kind war, kann
man gar nicht begreifen. Denken Sie: oft auf der Gasse oder in Gärten
geschah mir, ich müsste jemandem winken und ihm erzählen: Hier hab' ich
immer gespielt als Kind. Oder: hier in diese Kirche bin ich beten
gegangen, zu diesem Bild -- lauter, lauter Lügen.“

Da kommt die Stimme Kasimirs traurig näher:

„Und doch haben Sie nie jemanden gerufen, Helena?“

„Oh, wer hätte mir denn geglaubt, Kasimir.“

Pause.

Und leise überlegt Graf Saint-Quentin: „=Darf= man nicht lügen in solchen
Fällen?“

„Aus Sehnsucht einfach --“ bestärkt der Herr aus Wien.

„Aus Schönheit --“ fühlt Graf Saint-Quentin.

„Es schadet ja Keinem,“ meint der deutsche Maler und steht plötzlich
auf.

Da beginnt Kasimir: „Es ist ja ohnehin falsch, was man so hinter sich
hat. Glauben Sie, Graf, Sie sind in der Vendée Knabe gewesen und wild
und ungestüm? Meinen Sie, Herr, das war Wien, was um Ihr erstes Erwachen
herum war? Und Sie, Herr, dass dieses flache Land, von dem Sie oft
erzählen, wirklich Hintergrund aller Märchen war, wissen Sie das? Dieses
Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht
vielmehr die Grenzen jenes Landes, in welchem Sie tief und innig lebten?
Bitte, hörte Ihr Besitz nicht dort auf, wo das Andere begann? Ging Ihre
Sonne nicht unter immer, wenn Sie das wirkliche Licht empfanden? Starben
die stillen Gestalten in Ihnen nicht an jedem Wort, das Ihr Vater zum
Beispiel zu Ihnen sagte? Und Dinge. Wurden die Dinge nicht wertlos im
Augenblick, da Sie erkannten, dass sie nicht Ihnen allein gehörten,
sondern so herumstehen, dass ein Jeder sie anfassen und benutzen kann
nach Laune? Ueberlegen Sie das, bitte. Ob man nicht alles echte Gold,
welches man hat, langsam in Scheine umwechselt. Wie? Und endlich hat man
lauter Anweisungen statt der Werte. Und wenn heute oder morgen der
grosse Krach kommt, dann ist man Bettler -- ist das nicht so?“

Pause.

Und dann Helena Pawlowna: „Mir ist, als ob Sie nicht alles Gold
umgewechselt hätten, Kasimir.“

„Vielleicht, Helena Pawlowna, es kann sein, dass ich das gethan habe.
Aber dieses Gold gilt nicht im Leben, müssen Sie wissen. Es ist ausser
Kurs. Man muss Scheine haben und recht viele“ --

Das macht den deutschen Maler ungeduldig: „Ja, ja --“ sagt er, „da hört
man's ja wieder. Ihr seid Pessimisten, Ihr Slaven, unheilbare
Pessimisten. Wir haben das überwunden: wir lieben das Leben, und unsere
Kunst kommt mitten heraus.“

Er macht ein paar Schritte zum Fenster hin und fügt von dort etwas
leiser hinzu: „Ich glaube doch, die Herren müssen mir recht geben. Sie,
Herr Graf; denn die Franzosen haben uns ja gerade manches gelehrt, was
das Leben betrifft. Wie? Na und Ihr in Wien ...“

„Ja, ja,“ antwortet der Herr mit den feinen Händen langsam, „es ist
wahr, wir in Wien, wir thun gerne so, als ob wir alles hätten -- Leben
-- und Kunst und --“

Und Graf Saint-Quentin nippt von seinem Thee und ist so mit der feinen
Tasse beschäftigt, dass er nicht zum Antworten kommt. Wie er sie
hinstellt, singt sie eine Weile vor sich hin.

Aber der deutsche Maler ärgert sich. Er fühlt sich so im Stiche gelassen
und hat die Idee, seine Sache retten zu müssen um jeden Preis. Er
beginnt also:

„Darum habt Ihr ja auch eigentlich keine Kunst, Ihr Polen und so weiter.
Na, was Litteratur betrifft und so Zeug, kann sein. Man soll aus
Weltschmerz ja schöne Gedichte machen können und dann sentimentale
Musik, hm, Chopin, Tschaikowski, freilich. Aber davon versteh' ich
nichts. Was Malerei anlangt, ich meine, moderne --“

„Oh, sehen Sie den Wereschtschagin --“

Der Maler wehrt ab.

„Oder Porträt: da haben wir jetzt in Wien den Pochwalski“ -- der Wiener
wird ganz eifrig in dem Bestreben, die schroffe Behauptung des Anderen
zu dämpfen. Er möchte immer noch eine Liebenswürdigkeit darüber breiten,
und seine Hände zittern davon.

Aber da sagt Kasimir schon:

„Der Herr hat ganz recht. Wir haben keine Kunst.“

„Vergessen Sie Ihren „Pan Tadeuz“ nicht,“ mahnt Graf Saint-Quentin.

„Gerade an ihn denke ich. Und an die grossen Russen. Und an Tetmajer und
diese feinen jungen Poeten, die das Kranksein so schön machen. Sie
sehen, ich denke an Viele. Und dabei kommt heraus, dass wir =Künste=
haben, keine Kunst. Viele Sehnsüchte und keine Erfüllung. Vielleicht
ist das bei den Deutschen anders, ich weiss nicht. Aber dann müssen die
Deutschen sehr glücklich sein --“

Die Prinzessin hat sich vom Kamin abgewendet. Ihre Augen rufen in das
Dunkel hinein.

Und der deutsche Maler fühlt: jetzt geht wieder so ein Gespräch los, das
zu nichts führt. Es ist eine grässliche Art, dieses Geistreichsein. Und
dabei sind alle die Dinge so klar, so lange man nicht in ihnen
herumrührt.

Und er schweigt, um die Sache nicht weiter auszudehnen.

Wenn nur der Herr aus Wien nicht gefragt hätte: „Wie meinen Sie das?“
Dann wäre es ja wohl zu Ende gewesen. Aber natürlich fragt er. „Wie
meinen Sie das?“

Nicht gleich antwortet Kasimir, und die Prinzessin Helena Pawlowna hat
Zeit, ihre Hände zu falten.

Dann kommen wieder lauter weiche Worte aus dem Dunkel. Dann und wann
vernimmt man einen Schritt, als ob der Pole irgend ein besonders
ängstliches Wort ein Stück begleiten wollte in den Saal hinein. So
ungefähr:

„Wir haben ja früher davon gesprochen, bitte. Kunst ist Kindheit
nämlich. Kunst heisst, nicht wissen, dass die Welt schon =ist= und eine
machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts
Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche. Und plötzlich
Erfüllung sein, Sommer sein, Sonne haben. Ohne dass man darüber spricht,
unwillkürlich. Niemals vollenden. Niemals den siebenten Tag haben.
Niemals sehen, dass alles gut ist. Unzufriedenheit ist Jugend. Gott war
zu alt am Anfang, glaub' ich. Sonst hätt' er nicht aufgehört am Abend
des sechsten Tages. Und nicht am tausendsten Tag. Heute noch nicht. Das
ist aller Grund, den ich gegen ihn habe. Dass er sich ausgeben konnte.
Dass er fand, dass sein Buch zu Ende sei mit dem Menschen, und nun die
Feder fortgelegt hat und wartet, wie viel Auflagen es haben wird. Dass
er kein Künstler war, das ist so traurig. Dass er =doch= kein Künstler
war. Darüber möchte man weinen und den Mut verlieren zu Allem --“

Da fällt die silberne Uhr ein, hell, zögernd, mit einem kleinen Zittern
in der Stimme.

Man lässt sie ausreden, und hinter ihr beginnt der Pole, ganz
unwillkürlich leiser und heimlicher.

„Ein Lied, denken Sie, ein Bild, welches Sie erkennen, ein Gedicht, das
Sie lieb haben, das alles hat seinen Wert und seine Bedeutung. Ich meine
für den, der es zum ersten Mal macht und für den, der es zum zweiten Mal
macht: für den Künstler und für den wahrhaft Schauenden. Denn es ist so:
der Bildhauer z. B. macht seine Statue für sich, allein für sich; aber
(und das ist das Mehr seiner Arbeit) er schafft ausserdem Raum für sie
in der Welt neben den anderen Dingen; und nur, wer imstande ist, das
Bild innerhalb dieses Raumes aus eigener Kraft zu wiederholen, der hat
es in Wahrheit und im Geiste --“

Die Kaminglut beginnt dunkler zu werden. Hinter den goldenen Gittern
geschieht ein Stürzen und Zerstieben der breiten Pinienscheite. Es ist
eine Verwirrung, als brächen phantastische Paläste zusammen.

Und mit dem Dunkel kommt der Pole näher und bringt seine immer leiseren
Worte mit. Wie Kinder, die Wünsche aufsagen sollen, sind sie: beschämt
und schön.

„Diese Dinge also, Lied und Gedicht und Bild, sind anders als die
anderen Dinge. Sehen Sie das gütig ein, bitte. Sie =sind= nicht. Sie
=werden= jedesmal wieder. Darum geben sie die Freude, die unendliche.
Diese Macht. Dieses Bewusstsein von unerschöpflichen Schätzen, das sonst
von nirgends kommt. Darum heben sie hinauf. Ja, das thun sie. Sie heben
uns -- hoch -- bis zu Gott.“

Der Graf von Saint-Quentin macht eine Bewegung, als ob er Platz schaffen
wollte für ein Wort.

Auch der Herr aus Wien ist nah am Reden. Er liest angestrengt in seinen
Händen.

Aber Kasimir hat das alles nicht bemerkt. Auch nicht, dass der deutsche
Maler sich damit beschäftigt, seine Finger auf einen kleinen Elephanten
aus Ebenholz zu setzen und reiten zu lehren. Elender Zeitvertreib. Wie
auf dem Land bei Regenwetter, so ungefähr.

Währenddem hat Kasimir längst begonnen; man sieht jetzt, wie seine
dunklen Augen erwachen:

„Helena Pawlowna, -- und jetzt sagen Sie selbst, bitte, ist das nicht
hoffnungslos? Immer nur bis zu Gott. Nie durch ihn durch. Nie über ihn
hinaus. Als ob er ein Felsen wäre. Und er ist doch ein Garten, wenn man
so sagen darf, oder ein Meer oder ein Wald -- ein sehr grosser --“

Und da horchen alle in den Wald hinein. Die Prinzessin neigt sich weit,
weit vor, dem Polen entgegen. Als ob sie allein alle seine Worte wollte,
alle seine Worte -- auch diese folgenden:

„Was muss man also thun, Helena, damit es nicht so traurig ist, das?
Nicht so sinnlos traurig. Jetzt sagen Sie mir's, Helena. Sie sagen --
ich höre, -- etwa Das sagen Sie, Helena, nur besser, strahlender, als
ich es kann: man muss, sagen Sie, dort muss man anfangen, wo Gott
abliess, wo er müde wurde, dort muss man einsetzen. Wo ist das, Helena,
bitte? Im Leben ist das, beim Menschen. Nicht bei den Vielen, bei dem
=einen= Menschen, der einem entgegenkommt von Ewigkeit. Der Einem alles
das bringt, das Andere, was man noch braucht, um nie eine Not zu haben,
um beginnen zu können sorglos, verschwenderisch; -- denn das darf nicht
sein, Helena, wie ein flüchtiger Besuch von Mensch zu Mensch. Und die
Welt treibt unbekümmert daran vorbei. Das muss ein Fest sein, ein Jubel,
ein grenzenloser. Sie haben ein Bild dafür gefunden, Helena, so: zwei
Feldherren, die zu einander kommen auf den Höhen. In einem leuchtenden
Land. In Jerusalem vielleicht, in Aegypten oder am Ganges. Jeder mit
einem Heer hinter sich -- und jedes Heer die halbe Welt --“

Da hat Helena Pawlowna sich erhoben. Hoch. Stille. Zwei Menschen stehen
einander gegenüber. Zwei Könige. Es ist eine Weile wie in Jerusalem
oder wie am Ganges. Und auch die Flammen hinter den goldenen Gittern
erheben sich und streuen Glanz weit aus.

Der Graf von Saint-Quentin hat seinen Platz am Kamin verlassen und ist
im Begriff, sich leise zurückzuziehen. Der Herr aus Wien ist langsam
aufgestanden, und auch der deutsche Maler hat auf einmal begriffen: man
muss aufstehen in diesem Augenblick. Er ist maasslos erstaunt. Man
sprach doch über Kunst eben noch -- merkwürdig. Und da setzt er sich
auch schon wieder mit einer gewissen Erleichterung. Man muss reden,
denkt er, um Gotteswillen rasch, man muss reden. Das Erste-Beste. Er
strengt sich ungeheuer an. Ihm fällt nichts ein, als der arme kleine
Ebenholz-Elephant, den er in der letzten Viertelstunde abgerichtet hat;
aber es ist doch unmöglich, plötzlich von diesem Elephanten zu sprechen:
Herr Gott --

Da hört er den Grafen von Saint-Quentin, französisch:

„Sie müssen verzeihen, Helena Pawlowna, wenn ich schuldig bin an diesem
Aufbruch --“ und die feine Pendüle unterstützt ihren Landsmann. Sie
schlägt irgendeine endlose Stunde, den ganzen Abschied entlang, so dass
Keiner etwas sagen muss.

Auch Kasimir nicht. Man kann sein Gesicht nicht sehen und nicht wissen,
ob er bleich ist. Aber seine Augen müssen müde sein. Das hat man so im
Gefühl. Und seine Hand zittert und ist schwer. Er verneigt sich tief vor
der Prinzessin, tief. Dann geht er, wie Einer, der nicht wiederkommen
wird an einen lieben Ort. Zögert bei jedem Schritt. Sieht allen Dingen
ins Gesicht mit so ernsten Augen. Aufmerksam. Damit er doch weiss, wie
alles war.

Helena Pawlowna bleibt vor dem verloschenen Kamin. Sie horcht: nur die
kleine, silberne Uhr und die tickt atemlos, atemlos, als liefe sie
hinter einer Sekunde her, die viel, viel schneller ist. Und da langt die
Prinzessin zum Kamin hin nach einer kleinen, alten, goldenen Glocke, in
deren Griff winzige Bilder getrieben sind.

Helena Pawlowna wird Licht befehlen, viel Licht.



DER LIEBENDE


Hermann Holzer geht in seiner langen, schmalen Stube auf und ab und
spricht seit einer halben Stunde. Ernst Bang liegt eben so lange auf dem
alten Studentensofa und betrachtet ihn. Manchmal hebt er ein wenig den
Kopf, wie um über die Worte des andern hinzusehen; denn diese
interessieren ihn nicht sonderlich. Der breite, blonde junge Mensch, der
immer auf demselben Fleck auf und nieder läuft, mit Schritten, als ob er
eine Anhöhe bestiege, scheint ihm viel wichtiger offenbar. Er möchte ihm
am liebsten zurufen: Bleib einmal stehen, bitte, damit ich dein Kinn
genauer sehe und deinen Mund ...

Natürlich ruft er es nicht, aber trotzdem bleibt Hermann Holzer stehen,
versammelt sich vor dem engen Fenster und deckt mit seinem schwarzen
Rücken den Himmel zu und die Schornsteine und den ganzen
Sonntagnachmittag. Die Stube dunkelt hinter ihm. Und er sagt: „Hol der
Teufel das ganze Examen. Ich bin schon wahrhaft nervös, glaub ich. Ich
fange an, Euch Konkurrenz zu machen, lieber Bang. Nehmt Euch in acht,
wenn ich mal nervös werde, dann thu ichs gründlich, -- wie alles. Dann
seid Ihr Zwerge gegen mich.“ Und er dreht sich so schnell um, dass er
ein ganzes Stück Licht mit seinem Lachen hereinreisst in die rauchige
Dachstube.

Bang setzt sich wie erschrocken auf. Er ist sehr schlank und modisch
gekleidet. Jetzt besieht er langsam seine linke Hand und dann seine
rechte. Mit einem gewissen Eifer, als ob das ein Wiedersehen nach Jahren
wäre.

Holzer geht schon wieder auf und ab. „Heute muss auch noch die Antwort
kommen, ob ich Aussicht habe, den Privatunterricht bei Holms zu
übernehmen. Davon hängt viel ab. Ohne diesen Zuschuss kann ich nicht
daran denken, zu heiraten.“

Bang macht eine geräuschvolle Bewegung. Holzer wendet sich ihm
erwartungsvoll zu. Aber er erhält nur ein zerstreutes: „Ja, freilich
....“ und fährt fort mit den Schritten und mit den Worten: „Ich denke
mir, dann erst wird's Ruhe geben. Dann wird man erst anfangen können,
was Vernünftiges zu arbeiten. Bis man so versorgt ist, sich um nichts zu
kümmern hat.“ Pause ... und: „Helene versteht das ...“ Pause. „Natürlich
werden wir irgendwo draussen wohnen ...“

Er ist gerade wieder vor dem Fenster.

Bangs feine Lippen wehren sich gegen ein Wort. Dann schlägt es nach
innen und treibt den jungen Menschen in die Höhe. Er steht eine Weile
ratlos, ehe er ein paar Schritte gegen den Freund zu macht. Als er neben
ihn tritt, sagt Holzer gerade: „Hör mal!“

Ein trauriges, slavisches Volkslied weht wie Rauch den Lichthof herauf.
Es ist, als ob das Lied sich auf die Fussspitzen stellte, um über Dächer
und Türme zu schauen ... irgendwohin.

Bang hebt unwillkürlich den Kopf und schliesst die Augen.

„Weisst Du, was das ist?“ lacht Holzer.

Pause. Dann träumt Bang vor sich hin: „Heimweh ...“

Holzer rüttelt ihn. „Der kleine Frosch vom Land da unten wäscht Geschirr
ab. Da singt sie immer dazu, immer dasselbe mit dieser dummen
verwaschenen Stimme.

Jeden Nachmittag um halb vier. Sieh mal -- (er hält ihm die Uhr hin)
pünktlich, was? So ist jede Tageszeit hier bezeichnet. Ich könnte meine
Uhr ruhig versetzen: Leiermann, Drahtbinder, Gemüsemann, Lumpenweib: so
heissen meine Stunden. Und dabei arbeite Einer! Zudem giebt es auch noch
ein Vis-à-vis. Sieh mal .... nett, nicht?“

Hermann Holzer verschwendet ein paar Kusshände, und aus seinem
befriedigten Lächeln kann man schliessen, dass sie nicht in den Hof
hinunterfallen. Dann kehrt er sich plötzlich ins Zimmer: „Darum heirate
man .... ehestens!“

Bang macht eine Bewegung der Abwehr.

Hermann Holzer bemerkt es, sieht ihn einen Augenblick an und langt sich
eine Cigarette vom Tisch her.

„Willst Du nicht, Bang?“

„Danke.“

Und Holzer zündet in aller Behaglichkeit eine Cigarette an. Dann sagt
er, während er das benutzte Zündholz heftig hin und her bewegt, als ob
er irgend etwas durchstreichen wollte, was in der Luft geschrieben
steht: „Hm? --“

Bang schaut zum Fenster hinaus. Mit den kleinen, unteren Vorderzähnen
quält er sein blondes Schnurrbärtchen.

Pause.

Hermann Holzer geht schon wieder auf und ab und raucht mit unglaublicher
Heftigkeit. Plötzlich bleibt er stehen, und seine Stimme bohrt sich
durch den Qualm: „Farbe, Farbe, lieber Bang. Rot oder grün? Was ist
los?“

Ernst Bang kommt näher, und seine Hand sieht lächerlich zart aus auf der
ruhigen, runden Schulter des anderen. Er betrachtet seine Schuhe, seinen
linken besonders, und spricht dabei: „Ich bin überzeugt, Du wirst mich
nicht missverstehen, Hermann ....“

Holzer wird unruhig: „Muss es denn so feierlich sein? Heraus damit! Herr
Gott, umgebracht hab' ich keinen ... also ...“

Bang hebt seine Augen, und sie sind ordentlich schwer von Trauer.

„Oder doch?“ lacht Holzer.

Da tritt Ernst Bang zurück zum Fenster, und es wird wieder Raum für das
armselige Heimwehlied. Mitten hinein in die kleine ängstliche Melodie
streut Bang die langsamen Worte: „Nimm mir's nicht übel, Hermann, aber
... Du ... zerbrichst ... sie ...“ Pause.

Hermann Holzer nimmt die Cigarette aus dem Mund und legt sie leise auf
den Rand des Tisches. Der feine Rauch steigt steil auf inmitten der
Stube. Unwillkürlich folgen beide mit den Blicken dieser ruhigen,
feierlichen Bewegung. Da nimmt Holzer einen Stuhl in die Hände und
versucht, ihn zu heben. Auf einmal lässt er ihn fallen und schreit in
das Gepolter hinein:

„Du bist wohl verrückt?“

„Lass uns ruhig darüber reden, bitte ...“

Bangs Stimme zittert ein wenig.

Aber Holzer ist noch nicht so weit: „Ich ... zerbreche ... sie ...“
wiederholt er mit Betonung, als müsste er diese Worte auswendig lernen.
Immer von neuem beginnt er: „Ich zer ...“

„Hermann ....“, bittet der Andere.

„Ich zer ....“ Und Holzer lacht auf einmal zügellos. Man muss es im
ganzen Hause hören. Endlich geht ihm das Gelächter aus und er sagt
mühsam, mit dem letzten Atem: „Willst Du mir vielleicht -- erklären
...?“

Darauf hat Bang gewartet. Er beginnt leise, wie nach guter Vorbereitung.
Man kann seine Augen nicht sehen. „Du erinnerst Dich doch, wie Du Helene
kennen gelernt hast? Es war bei mir an einem jener lustigen Abende. Das
heisst, für Euch war er lustig; für mich und für Helene war es ein
Abschied, wenn Du willst -- ein Abschiedsfest. Aber ... na also: etwas
Wehmütiges jedenfalls. Du hast das nicht bemerkt? -- Ich weiss. Zum
Schluss haben wir beide es wohl selber nicht mehr gewusst. Wie das so
geht. Das Leben ist rasch ....“

Holzer macht eine Bewegung der Ungeduld.

„Nur einen Augenblick, Hermann. Es ist notwendig, von jenem Abend zu
reden. An jenem Abend ...“ Bang kommt ein paar Schritte näher und sucht
die unruhigen Blicke Holzers zu halten.

„Du hast mich nie gefragt, wie ich eigentlich zu Helene ....“

Holzer weicht ihm aus, gereizt: „Aber das geht mich ja gar nichts an
...“

Bang lächelt: „Mag sein. Ich möchte trotzdem weiter erzählen ...“

Holzer wirft sich auf das Sofa, dass alle Federn krachen. Der
kreischende Misston liegt eine Weile in der Luft.

Ernst Bang vertieft sich wieder in die Betrachtung seines linken Schuhes
und erzählt:

„An jenem Abend also hab' ich Euch alle zu mir gebeten, um so eine Art
Verlobung zu feiern ....“

Die Federn des Sofas werden unruhig.

„Es war mir nämlich klar geworden, dass es doch etwas Anderes ist als
einfach Kameradschaft, was mich an Helene band. Ich ging also mit mir zu
Rate und beschloss, sie zu heiraten. Ich übersah nicht die
Schwierigkeiten, welche meine Familie mir bereiten würde; ich vergass
nicht, dass ich meine Karrière durch diesen Schritt beschränkte. Ich
rechnete mit diesen Dingen, also waren sie kein Hindernis. Aber im
letzten Augenblick, eine halbe Stunde ehe Du damals bei mir eintratest
...“

Ein Ruck in den Polstern des Sofas.

Bang sieht hin, aber Holzer liegt ganz ruhig, und Bang vollendet also:
-- „Da zeigte sich ein Hindernis, das ich nicht erwartet hatte.“

Pause ... „Na, und als Ihr kamt, da wusste ich es schon -- und Helene
...“

Auf einmal sitzt Hermann aufrecht und wendet seine lauernden Augen gegen
den Sprechenden: „Sie hat Dich abgewiesen?“

„Hm“, macht Ernst Bang ungewiss, als ob er etwas anfügen wollte, und
denkt: Man sollte das Fenster öffnen vielleicht, nur eine Weile ...

Inzwischen bricht die Dämmerung über die beiden herein. Jetzt erst
zündet sich Bang eine Cigarette an und geht auf und nieder. Ganz anders
als Hermann. Langsam, in einem gewissen Erwarten, sich wiegend. Er fühlt
sich besonders erleichtert offenbar, denn später sagt er leichthin:
„September! Wie bald es schon dunkel wird.“

Wirklich, es ist ganz dunkel. Man kann nur mit Mühe erkennen, dass
Holzer am Rande des Sofas sitzt, den Kopf in die Hände gesenkt. Er
ändert diese Stellung nicht und darum klingen seine Worte so dumpf in
der Frage: „Das ist mir nicht klar, Bang, was mich das alles angeht,
was ich dabei soll?“

Ernst Bang bleibt stehen. Da wird die Stille auf einmal schwer, schwer.

Holzer reisst die Hände vom Gesicht und schreit: „Ich zerbreche sie?
Warum?“

„Ruhig, ruhig ...,“ beschwichtigt Bang.

Aber Holzer springt auf. Er thut plötzlich wie Einer, der im Traum
gelähmt war. Er streckt seine Arme, er probt seine Gelenke und will
seine Stimme hören: „Warum?“

„Sieh sie Dir mal an, Hermann“, bittet Bang, selbst ein wenig
mitgerissen. „Wie blass sie ist. Sie wird Dir krank werden, Du wirst
sehen. Du quälst sie.“

Da legt ihm Holzer die Hand auf die Schulter. Und sie wird immer
schwerer während dieser Worte: „Du weisst nicht, was Du sprichst, Bang.
Ich thue für Helene alles, was ich kann, weisst Du. Alles mögliche. Nur
Phrasen mach' ich keine. Das will sie auch nicht. Also, was quäl' ich
sie?“

Bang weiss nichts zu erwidern.

Und langsam spricht Holzer weiter: „Wir sind Kameraden -- einfach. So
gehört sich's. Wenn ich sie in der letzten Zeit manchmal vernachlässigt
habe, so war die Arbeit daran schuld. Sobald sie ihr Kind haben wird,
ihre Arbeit, wird sie mich auch vernachlässigen. Das ist so.“ Pause.

Ernst Bang hat seine Cigarette ausgehen lassen. Er knöpft unruhig an
seinem schwarzen Gesellschaftsrock; seine Hände sind sehr weiss. Dann
hört man wieder die Stimme Holzers. Sie wird immer ruhiger und bekommt
immer mehr heitere Ueberlegenheit.

„Ich finde übrigens gar nicht, dass sie schlecht aussieht. Alle Mädel
sehen so aus um die Zeit. Das wird schon besser werden. Du kannst Dich
darauf verlassen.“ Pause. „Aber das ist so Eure Art: Sensation um jeden
Preis. Nichts ruhiges. Lauter Trapezgefühle; und man wartet immer, ob
sie nicht im nächsten Augenblick den Hals brechen. Ich kenne das. Aber
man fällt Euch immer wieder hinein auf Eure Empfindelei.“

„Die Dinge sind vielleicht doch nicht so einfach.“ Bang sagt das fast
pfeifend.

„Gewiss, weil Ihr sie nicht einfach wollt.“

„Oh wollen --“, macht Bang, „überhaupt: wollen ...“ und er schaut über
alles weg ins Grenzenlose.

„Na ja, da wären wir ja glücklich wieder.“ Holzer ist fast fröhlich
jetzt. Er zündet die Lampe an und verneigt sich dann vor dem Freunde:

„Euer Hochwohlgeboren erlauben: Mein Name ist Holzer. Das ist wörtlich
zu nehmen. Mein Vater selig war nämlich der „alte Holzer“. Sie können
von ihm hören im Dorf drunten. Die meisten werden sich an den breiten
Bauer erinnern, den Holzerbauer. Und ich hab' auch noch was aus seinem
Blut, hoff' ich. So was Grades, Eichenes ...“

Ernst Bang fühlt sich durch das grelle, gelbe Licht der Lampe gestört:
„Ich denke, ich gehe jetzt.“

Holzer lacht: „Wie Du willst. Aber damit die Lektion in Gottes Namen
doch einen Schluss hat, sag' mir doch schnell, was ich, nach Deiner
Meinung, in diesem Fall zu thun habe?...“

Bang macht eine Bewegung, so, an allem vorbei.

„Sprich, die ganze Kultur steht hinter Dir, bedenke!“ Und er nimmt dem
Zögernden den Hut wieder aus der Hand und begütigt, in anderem Ton:

„Wirklich, Ernst, Freund zum Freund. Du hast mir Deine Ansicht gesagt
und, so sonderbar sie sein mag, ich bin Dir dankbar dafür. Ohne Zweifel
hast Du auch einen Rat mitgebracht. Ein Medikament gegen das gefährliche
Uebel, wie? Ihr seid ja alle Aerzte, Ihr modernen Menschen.“

Bang versucht zu lächeln.

„Ich bin gespannt. Was soll ich thun, Ernst? Was soll ich sagen?“

Und da wird Bang wieder sehr ernst. Er kommt ein paar Schritte zurück
und antwortet sehr hastig: „Sagen? Hm. Ich glaube, es ist Deine Sache,
einfach zuzuhören ...“

Auch Hermann lacht nicht mehr: „Ich versteh' Dich nicht ...“

„Nun, -- Helene ist von denen, die sich aussprechen müssen um jeden
Preis ...“ Pause. „Es könnte ja sein, dass Helene Dir etwas zu erzählen
hat ... von ... früher ...“ Pause.

„So“, sagt Holzer dann kurz und begleitet den Andern an die Thür.

Da tritt Helene ein, gerade den Beiden entgegen.

„O“, macht sie, als sie Ernst Bang erkennt, und Holzer lacht: „Eine
Ueberraschung, was? Alte Freunde?!“

„Ja --“, versucht Helene und geht an Bang vorbei.

Da hat Hermann einen Einfall, ganz unvermittelt offenbar. „Du hast doch
wohl noch Zeit?“ Eigentlich klingt das für eine Frage recht entschieden.
Unwillkürlich bleibt Bang stehen. Er sieht, wie Hermann das Mädchen bei
der Hand nimmt und in den hellen Kreis der Lampe zieht, und es kommt ihm
unerhört brutal vor. Dann hört er ihn sagen: „Blass? -- Bist Du blass,
Helen'?“ Pause.

„Möglich, dass das die Lampe macht; es ist ein ungünstiges Licht. Aber
Du fühlst Dich doch wohl?“ Pause.

„Dieser Herr da sagt nämlich ...“

Helene macht eine Bewegung, als ob sie flüchten wollte. Ernst Bang fühlt
sich auf einmal vollkommen unbeteiligt, Zuschauer. Er möchte bequem
sitzen, um nichts von dem zu verlieren, was kommt. Also:

„Dieser Herr sagt: Ich zerbreche Dich?“ Pause.

Ernst Bang denkt: „Zu schleppend ist diese Szene. Flotter, bitte!“

Pause. Dann, sehr laut: „Ist das wahr?“

Heftiges Weinen.

Ernst Bang macht zwei Schritte; er hat die Empfindung: Schluss! Man kann
gehen. Es kommt nichts mehr.

Aber das ist ein Irrtum; es kommt noch etwas: Hermann Holzers
Riesenlachen. Und hinterdrein: „Kinder seid Ihr, richtige Kinder. Ihr
beide. Du Helen' und der da. Gott sei Dank, dass wir jetzt beisammen
sind, sonst thätet Ihr jeder was Sentimentales. Ich seh's Euch an. --
Wir wollen auch beisammen bleiben heute und irgend etwas feiern; es wird
sich schon was finden lassen.“

Pause. Helene neigt sich mit halbgetrockneten Augen zu Hermann und
flüstert ihm etwas zu. Er versteht nicht gleich. Dann lacht er: „Wir
beide allein? Gott bewahre! Kinderei! Im Gegenteil, was ich jetzt zu
sagen habe, muss Ernst mithören. Leg' nur Deinen Hut fort, mein Lieber.“

Und als Bang keine Anstalten macht, fügt Holzer an: „Wenn ich Dich darum
bitte.“ Und da auch das nichts hilft, braucht er ein letztes Mittel:
„Helen' will es auch, -- nicht wahr?“

Und da wird eine Stille um ein kleines, farbloses „Ja“ herum.

Langsam kommt Ernst Bang näher. Er sieht unglaublich müde aus, und
Holzer denkt, zur Beruhigung: „Es ist ein ungünstiges Licht ... so eine
Lampe ...“

Dann zieht er das Mädchen auf seinen Schooss und scherzt: „Nun, kleine
Frau, hast Du mich lieb? Und zerbrech' ich Dich nicht?“ Da klammert
sich das kleine, blonde Mädchen an seinen Hals an, mit einem Ungestüm,
das ihn staunen macht. Eine Weile fühlt er sie weinen. Aber das können
keine tiefen Thränen gewesen sein; denn als er das zarte Gesichtchen in
die Höhe zwingt, atmet ihn eine strahlende Seligkeit an, deren er sich
gar nicht zu entsinnen weiss.

Bang steht auf einmal am Fenster und zählt die schwarzen Schornsteine.
Er will sich draussen beschäftigen um jeden Preis; dennoch hört er Wort
für Wort:

„Jetzt ist es ja bald überstanden, Kind. Wenn heute Nachricht von Holms
kommt, so können wir heiraten, gleich nach dem Examen.“ Pause.

„Du willst doch?“

Ein glückseliges Lachen.

„So feiern wir heute die Zukunft.“ Pause.

„Du bist doch dabei, Bang?“ Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
„Noch eines feiern wir, richtig: Deine Kultur, Bang. Wir sind drei
moderne Menschen, drei Menschen ohne Vorurteile, nicht? -- Wir
dekretieren hiermit: es giebt keine Vergangenheit. Die Vergangenheit
leugnen wir einfach.“

Ernst Bang ist rasch näher gekommen, wie um zu retten; er hört noch:

„Wer von der Vergangenheit spricht, lügt. Abgemacht.“

Helene ist sehr blass.

Hermann hat es nicht bemerkt. Eben hat jemand draussen geklingelt, und
er beeilt sich, zu öffnen; es könnte von Holms sein. Helene erreicht ihn
noch an der Thür. Ihre Lippen brennen. Es ist ein letzter Versuch.

Aber Holzer hält sich die Ohren zu und lacht laut.

Da lässt sie ihn los, lässt ihn los -- und kommt langsam zur Lampe
zurück, ganz ruhig.

Bang steht an der anderen Seite des Tisches, und die Lampe singt
zwischen ihnen merkwürdig laut.

Einmal schaut ihn Helene an mit traurigen, hilflosen Augen. Und Ernst
Bang hebt ein wenig die Achseln, unmerklich.

Das ist alles.



DIE LETZTEN


Der Tag wird immer verlegen in der kleinen Mietswohnung, in welcher so
schwere, unverständliche Möbel stehen. Aber die Dämmerung begreift
alles. Sie weiss, dass das Vergangenheit ist, was da in Stühlen und
Schränken und Bildern sich erhält, und dass die engen Stuben, drei
Treppen hoch, schuldlos sind an dieser fremden Vergangenheit, wie
Menschen, deren Gesicht von irgend einem Vorfahr den Namen eines Gefühls
geerbt hat, das sie mit ihren eigenen schwächeren Herzen gar nicht zu
tragen vermöchten.

Die beiden Fenster führen den roten Abend herein, der über die Dächer
kommt und leise zu den wartenden Dingen tritt, welche ihn schweigend
empfangen. Am freudigsten nimmt ihn die schmale, mit Säulen geschmückte
Kommode auf, die wie ein kleiner Altar ist: mit all dem Silber und Glas
auf ihr lächelt sie ihm zu.

Marie Holzer steht gerade vor dieser Kommode. Sie hält von den kleinen
Miniaturen, welche da neben den massiven Armleuchtern aufgestellt sind,
eine nach der andern in den Abend und betrachtet jede aufmerksam. Dabei
ist ihr junges, helles Gesicht ernst und nachdenklich. Für eine Weile
wendet sie es einer Dame in Schwarz zu, die, nah bei ihr, auf dem
Fensterplatze sitzt und vor sich hinsieht, ohne dass ihre grossen Augen
etwas halten. Und so kann Marie Holzer sie ruhig anschauen, als wäre
auch das ein Bild: dieses Gesicht, dem man kein Alter zu geben wagt,
obwohl es nicht jung ist, diesen feinen Mund, der von wehen Erinnerungen
bewegt, ein unsichtbares Leiden überwindet, und dieses Haar, von dem man
zu wissen glaubt, dass es schwer ist. Und vor allem die Vornehmheit
dieser zarten, stillen Gestalt, die geduldige Ruhe dieser schwarzen
Schultern, auf denen das schlichte Nutzkleid wie eine Würde liegt.

Jetzt erhebt die schlanke Uhr, die fast verheimlicht zwischen den
Fenstern steht, ihre zitternde Stimme und sagt feierlich sechs Schläge,
von denen sie jeden anders betont; Marie Holzer lässt sie ganz ausreden
und wartet auch noch das Geräusch ab, mit welchem die geteilte Stille
sich hinter dem letzten Schlage wieder schliesst. Dann sagt sie:
„Merkwürdig.“ Und nimmt wieder ein Bild von der Kommode und wiederholt:
„Merkwürdig.“ Da erschrickt die Frau am Fenster: „Sie haben etwas
gesagt, Marie?“ Das Mädchen stellt zuerst die Miniatur wieder an die
alte Stelle, ehe es antwortet. „Gesagt? -- Eigentlich nicht. Es ist nur
so seltsam.“ Die Dame sieht flüchtig über den Abendhimmel hin und fragt
leise: „Was denn, Kind?“

„Dass man hier bei Ihnen immer so anders wird. So eigentümlich fromm.
Man ist immer wie zum allererstenmal hier. Man kann das Staunen nicht
verlernen.“ Pause. Sie biegt die Arme in jungmädchenhafter Art hoch
zurück und bettet den Kopf hinein, wie man es wohl während eines leisen
Traumes thun mag, den man tief, mit allen Sinnen geniesst. Ihre Augen
sind auch geschlossen, als sie fortfährt: „Und das giebt es hier, mitten
in der Stadt, hoch in diesem lauten, alltäglichen Zinshaus, in dem
nüchterne, unwichtige Menschen wohnen. Ueber ihnen ist dieses Seltsame.
Sie tragen es gleichsam auf ihren Köpfen und ahnen nichts davon.“ Sie
lässt die Arme fallen. „Nein, sehen Sie, Frau Malcorn, dass es so etwas
giebt!...“

„Aber was denn eigentlich, Kind?“

„Alles das: diese Bilder und diese Dinge und Sie, Frau Malcorn, und
Harald -- ja, auch Harald.“

Frau Malcorn schüttelt leise den Kopf. „Sind denn einsame Menschen so
anders als --“

„Einsame Menschen? -- Ja. Vielleicht. Aber das ist es nicht allein.“
Marie Holzer geht zu dem anderen Fenster hin. Und dann: „Sie sind nicht
einsam eigentlich. Sie leben unter vielen, bloss nicht unter uns, nicht
unter uns heutigen. -- Sie haben so viel Bilder hier. Sie haben mir ja
schon oft gesagt, wer alle diese Menschen waren. Diese traurigen Frauen
alle und diese feierlichen Herren. Und ich weiss auch, dass sie längst
gestorben sind. Manche vor zweihundert Jahren, manche noch früher. In
Frieden gestorben, -- aber -- wissen Sie auch wirklich, dass das alles
nur Bilder sind?“

Wie beunruhigt durch die leise Furcht, die diese Frage des Mädchens vor
sich herjagt, steht Frau Malcorn auf und kommt zu Marie. Und während sie
eine Hand auf Mariens Schulter legt, streichelt diese leise die andere
Hand. „Sie sind so zart, so blass. -- Als ob viele Menschen von ihrem
Leben mitlebten.“ Pause. „Alle diese ....“

Man erkennt schon kaum mehr die furchtsame Bewegung, mit welcher Marie
in das Zimmer weist. So dunkel ist es geworden. Und in das Schweigen
wirft sich von draussen der Sturm.

Aber da beginnt Marie Holzer laut und in anderem Ton:

„Sie müssen sich schonen, Frau Malcorn. O, verzeihen Sie, wenn ich so
spreche. Ich fühle mich manchmal älter, wie Ihre ältere Schwester.“

„Und sind doch so jung?“ lächelt Frau Malcorn und küsst sie auf die
Stirn.

„Ja, ich bin jung. Und ich bin dessen froh. Ich fühle so viel Kraft in
mir. Ich möchte so vieles thun.“ Und da ist eine Ungeduld in ihren
Händen, als ob sie sie gleich an alles Werden legen wollte, das zu
langsam geht.

Dabei erinnert sich Frau Malcorn: „Das hat Harald auch immer gesagt: Ich
habe so viel Kraft in mir.“

„Das hat er! Das hat uns zusammengeführt! Zusammengetrieben! Dieses
Gefühl von Kraft.“ Und Marie erzählt atemlos: „Gleich damals, als ich
ihn zum erstenmal sprechen gehört habe, in der Versammlung. Viele
hatten vor ihm gesprochen. Ich weiss noch: es handelte sich um die
Organisation eines Hilfsvereins zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen,
ihrer Frauen und Kinder. Die anderen hatten so trocken und von oben her
die Sache erörtert. Man sah ihnen an, sie waren satt und kannten die
Sorgen vom Hörensagen. Man war müde geworden dabei. -- Da kam er! Wie
ein Sturm war das. Wie ein Erwachen bei Feuerschein! Nicht mehr von der
Versorgung dieser paar armen Menschen war die Rede. Als sollte Raum
werden für ein neues Geschlecht, mitten unter uns, rücksichtslos.“

Marie Holzer holt tief Atem und macht eine Bewegung, als stellte sie
etwas in das Dunkel, als Ziel für ihre hellen, seligen Augen. „O Frau
Malcorn, ich sehe ihn immer so vor mir. Er war gross geworden, -- gross.
Und seine Stimme hing über den Unschlüssigen wie ein Schwert.
‚Kleingläubige,‘ -- rief er -- ‚Kleingläubige!‘ -- Und da kam sein
Glauben über mich. Dieser Glaube eines Kindes oder eines Märtyrers. Er
hatte seine Hände erhoben, und es war, als hielte er etwas in den Saal
hinein, was uns blendete. Unsere Schatten waren auf einmal schwer,
fielen uns ab und wir standen da: Licht von seinem Licht, Herz von
seinem Herzen ....“

Unter den allzugrossen Wonnen sucht Marie nach etwas Sagbarem, und merkt
nicht, wie Frau Malcorn ihr horchendes Gesicht in den Händen verbirgt.
Endlich erzählt sie weiter.

„.... Und dann, als alle gingen, drängte ich mich durch. So, mit den
Ellbogen, mit den Fäusten, wie's kam. Ich hätte den gewürgt, der mich
gehalten hätte. Zu ihm. Er sah gar nicht müde aus. Nur ruhiger, dunkler.
Ich konnte nichts sagen, nicht eine Silbe. Ich hatte Weinen im Hals.
Mich schwindelte. Ich griff nach ihm, ins Unbestimmte. Er nahm meine
Hand und wärmte sie in seinen beiden. Und hielt sie. Und fragte: ‚Du
willst mir helfen?‘ Da hab' ich mit einemmal weinen können; nie früher
hab' ich's gekonnt, -- auch nicht, als meine Mutter starb. Aber damals.
-- Und es war so gut!“

Hier unterbricht sie ein heftiges Schluchzen. Sie wird fast mütterlich,
als sie zu der Weinenden tritt, leise den Arm um ihre zuckenden
Schultern legt und bittet: „Aber! -- Das ist doch eine Freude, Frau
Malcorn, nicht?“

Sie fühlt, dass die Andere eine bejahende Bewegung macht. „Also, sehen
Sie ...“

„Aber auch eine Angst.“ Und Frau Malcorn beschwichtigt ihre Thränen.

„Wie?“

„Er war nie so früher. Er war früher viel bei mir ... Früher war er gern
zu Hause ...“

„Ja sehen Sie --“ sagt Marie rasch mit ihrer breiteren Stimme -- „da
müssen Sie schon freigebig sein. Er hat Reichtum für viele. Alle
brauchen etwas von ihm. Er ist die Seele von allem. Begreifen Sie das?“

„Ja,“ sagt Frau Malcorn, wie gestrafte Kinder ja sagen.

„Er ist reicher als wir alle. Er nimmt Ihnen nichts fort, auch wenn er
hundert Andere beschenkt. Fühlen Sie das?“

Dasselbe Ja.

„Er ist ein König ...“

„Aber er meidet mich.“ Und trotz Mariens abwehrender Geste beharrt sie,
die zarte Frau. „Ja, ja, ja, er meidet mich, Marie. Mich und die Stube
hier und überhaupt ...“

„Aber, liebe ...“

Frau Malcorn drückt das Gesicht an die starke, bewegte Brust des
Mädchens und klagt, wie vor sich selbst beschämt: „O, warum hasst er
mich?“

„Um Gotteswillen, Frau Malcorn, Sie versündigen sich ja! Wissen Sie, wie
Harald von Ihnen spricht?“ --

„Wie von einem Traum. Wie von einem Märchen, von dem schönsten Märchen,
das man als Kind gehört hat und das man wiederfindet in jedem Schönen,
immer und immer.“ Ganz weich ist Mariens Stimme jetzt, ganz sanft.

„Wirklich?“ Zaghaft hebt Frau Malcorn die verweinten Augen.

„Wie von einem Kleinod, das man am sichersten Platz verwahrt hält, --
wie von einem Feiertag.“

„O, mehr, mehr!“

„Ich hab' Sie doch schon so lieb gehabt, Frau Malcorn, lang, ehe mich
Harald zu Ihnen führte. Lang, bevor ich Sie kannte. Woher sollte mir das
gekommen sein?“

Ungeduldig und glücklich, bittet die zarte Frau: „Was hat er Ihnen von
mir erzählt?“

„O, alles. Von seiner Kindheit. Wie die Tage waren. Und was Sie ihm am
Abend vorlasen. Und welches Kleid Sie in die Kirche trugen ...“

„Das schwarze mit dem Spitzeneinsatz, -- ja?“

„Eben das. Oft unterwegs begann er davon zu sprechen. So, unvermittelt.
Und seine Stimme war ganz anders dann, wärmer ...“

„Nicht wahr? Seine Stimme kann seltsam werden?...“

„Ja. So, als ob sie weit her käme ...“ Pause.

„Sehen Sie, Marie, einmal war Harald so wie diese Stimme ... Eh' das ihn
erfasste, das Fremde, Neue, Unruhige, das ich nicht begreife ...“

„Eh' er ein Mann wurde, Frau Malcorn; eh' er einen Beruf auf sich nahm,
eine Pflicht, -- eh' er ins Leben sprang, Frau Malcorn.“

„Ja,“ nickt Frau Malcorn traurig -- „ins Leben ...“

„O, fürchten Sie nicht für ihn! Er ist Einer, der es über sich hat, das
Leben. Es ist keine Gefahr für ihn. Er hat es umgenommen wie einen
Mantel, wie einen Purpurmantel ...“

„Das Leben?“ fragt die Andere befremdet.

„Das moderne Leben, ja. Dieses ungestüme, stündliche Werden. Diese Hast
eines Frühlingssturmes: alle Himmel über einem Tag. O, Sie glauben gar
nicht, wie lieb man es hat, wenn man erst mitten drin steht. Wie man
sich eins fühlt mit ihm ...“

„Wissen Sie das durch sich selbst, Marie?“

„Ja, Frau Malcorn. Ich gehöre ihm ja ganz. Das Schicksal hat mich so
mittenhinein geworfen. Zeitig schon, als meine Mutter starb. Das
Schicksal und -- die Sehnsucht ...“

„Sehnsucht, wonach?“

„Nach Macht.“

„Macht?“

„Ja, über sich und -- über das Leid.“

Pause. „Sie haben Ihre Mutter lieb gehabt?“

„O ja. Aber wir waren sehr arm. Wir haben nie Zeit gehabt, es uns zu
sagen. -- Ich glaube, sie hat es nie gewusst.“

Pause. Und Marie Holzer fühlt eine Bangigkeit kommen. Und sagt rasch,
wie jemand, der sich versprochen hat, nie traurig zu sein: „Aber wollen
wir nicht die Lampe anzünden?“

„Ja, bitte, Marie. Uebrigens sollte doch Harald schon zurück sein!“

„O, Sie wissen ja, wie das geht.“

„Aber es ist halb sieben?“

Marie hat hinten auf der Kommode die Lampe angezündet und bringt sie zum
Sofatisch, wo man abends zu sitzen pflegt.

„Er wird jemanden getroffen haben,“ beruhigt sie, und ihr Gesicht, das
sich über die Lampe neigt, beweist, dass sie nicht besorgt ist. „Oder er
holt sich noch irgend etwas aus der Bibliothek.“ Sie ist froh, noch eine
Erklärung seines Ausbleibens gefunden zu haben.

Aber Frau Malcorn versteht es anders: „Diese Bücher --“ klagt sie --
„diese vielen grossen Bücher!“

Marie lacht. „Ja, das ist seine alte Leidenschaft.“

„Und er liest so lange. Jede Nacht bis eins oder zwei.“

„Er lebt zwei Leben. Eines nach vorn und eines tief zurück in die
Vergangenheit. Das macht ihn so, -- so breit ...“

Frau Malcorn, die noch immer nicht in den Kreis der Lampe kommt, steht
irgendwo im Dunkel, unter den Dingen. Sie scheint die letzte Erklärung
nicht gehört zu haben. „Ich schleiche oft bis zur Thür und schaue durch
die Spalte: immer noch Licht. Ich wage nicht zu rufen. Aber ich horche
immer ...“

„Ja, ja, er liest gern laut,“ sagt Marie oberflächlich, zieht die
Fenster-Vorhänge zu und vollendet damit den Abend. Und der Kreis der
Lampe wird ruhig und rund.

Aber da flüstert Frau Malcorn, als ob das ein Geheimnis wäre: „Er
hustet.“

„Na --“ macht die Holzer, „-- das Wetter ist auch danach.“

„Nein, nicht so. Schon lange und so, so fürchterlich tief ...“

Da ist auch Marie erschrocken, ohne Fassung. Nur einen Augenblick
freilich. Dann schüttelt sie's ab. „Sie sind aber auch, Frau Malcorn!
Immer gleich alles von der schwärzesten Seite sehen.“ Sie sieht ein,
dass man schnell etwas Scherzhaftes sagen muss, um jeden Preis. „Wenn
=Sie= nur mal reden müssten, so vor fünf-, sechshundert Menschen im
heissen, dunstigen Saal und zwei, drei Stunden lang ...“

Frau Malcorn wagt sich ins Licht. „Meinen Sie wirklich, Marie?“

„Aber natürlich, Frau Malcorn. Denken Sie nur. Aber damit Sie ganz
beruhigt sein können, will ich ihn überreden, mal zum Arzt zu gehen.“

„Wie gut --“

„Ja, zu Ihrer Beruhigung. Es wird kein leichtes Stück sein bei ihm.
Weiss Gott! Er gönnt sich so ungern für sich selber Zeit. Aber ich
glaube, ich kann schon etwas wagen bei ihm.“

„Er thut alles, was Sie wollen, Marie ...“

„O -- wir sind gute Kameraden. Da gleicht sich das aus. Im übrigen, er
ist ja so weit über mir in allem.“ Pause. „Ich bin oft ganz bange
deshalb.“

„Bange?“

„Er fühlt alles so! Oft wenn wir unter Menschen sind: Ein Wort, ein
Blick, eine Bewegung irgendwo. Ich merke es kaum, aber ich sehe an ihm
sofort: es ist etwas geschehen. Dieses Wort, dieser Blick, diese
Gebärde, war ein Ereignis, etwas Entscheidendes ...“

„Wie meinen Sie das, Marie?“

„Nun, das ist ja selbstverständlich. Er ist reif. Er hat
jahrhundertelange Entwicklungen hinter sich. Unter ihm sind Feldherren,
Bischöfe, -- Könige vielleicht sogar. Immer einer auf den Schultern des
andern. Und ganz zuhöchst: Er, Harald. Und alle leisesten Schwankungen
dieser breiten Basis sind in ihm sichtbar ...“ Dann spricht Marie Holzer
von sich, ganz anders im Ton, fast grob: „=Mein= Grossvater war Bauer
....“ Und nun vergisst sie alle Ehrfurcht und fährt fort, trotzdem die
Uhr siebenmal schlägt. Hastig, als ob sie erst froh sein könnte, sobald
alles gesagt ist.

„Ich bin so von gestern. Ich bin der Erde näher, dem Lehm, mein' ich,
dem Rohstoff. Ich bin jünger, jünger in der Kultur. Ich habe Gesundheit
und Kraft. Aber meine Gesundheit prahlt. Meine Kraft ist protzig und
voll Eigennutz; sie will hinauf, sie muss erst noch hinauf. Ja, ja, das
ist es. Harald kann anderen helfen. Er kann es wirklich: andere heben.
Er ist oben. Er war immer oben. Seine Hilfe ist reif, mühelos, schön
...“

Aber Frau Malcorn steht rasch auf und geht hastig an Marie vorbei und an
allen Worten. Schon seit einer Weile weiss sie, dass Harald kommt. Und
nun hört auch Marie seine nahen Schritte.

„Guten Abend, Mama. Es ist wohl spät? Guten Abend, Marie. Ihr habt wohl
schon gewartet? Ja, es gab da wieder eine Menge unvorhergesehener Dinge
..“ Alles das sagt Harald rasch und seine Stimme schwankt im Laufen. Er
hebt sich aus der dunklen Umarmung der Mutter und reicht Marie eine
Ledermappe zu. „Nimm, Marie. Wir müssen das dann durchsehen, heute
noch. Es handelt sich um die Eingaben -- nun, du wirst ja sehen ....“

Plötzlich bemerkt Harald, dass er steht und es sich gefallen lässt, dass
seine Mutter den nassen Mantel von seinen Schultern nimmt. Er macht eine
erschreckte Bewegung, als ob er ihre feinen Hände schützen wollte.

„Es regnet?“ fragt Frau Malcorn besorgt.

„Nebel ist, greulicher, dicker Nebel. Man sieht nicht drei Schritte vor
sich. Das legt sich so in die Kleider und auf die Lunge. Wenn nur erst
die Herbsttage wieder vorüber wären.“

Marie Holzer hat inzwischen den Inhalt der Mappe flüchtig durchgesehen.
Sie wendet ihre ruhigen, klugen Augen zu Harald.

„Hast du heute gesprochen?“

„Ja, im Studentenverein.“

„Nun -- und?..“

„Was?“

„Wie war's?“

Harald sieht auf seine fröstelnden Hände. „Na, wie immer, du weisst ja.
Bist du schon lange hier?“

Frau Malcorn beeilt sich teilzunehmen. „Ich war so froh, sie hier zu
haben. Mir war schon bange nach dir, Harald.“

„Ja, Mama, du weisst ja: ich bin nicht Herr meiner Zeit.“ Haralds Stimme
und seine Bewegungen haben noch die Maasse des Saales und es fällt ihm
schwer, sie an die kleine Stube zu gewöhnen. Deshalb wendet er sich an
Marie. „Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..“

Die Holzer bemerkt die Enttäuschung von Haralds Mutter und versucht ihn
zurückzuhalten. „Nein, Harald, jetzt will ich dich erst mal wiedersehen,
weisst du. Wenn du deine Augen erst wieder in diese schrecklichen
Papiere steckst, sind sie mir doch für heute verloren. Und ich hab' doch
auch ein Recht auf sie -- nicht?“

„Ja, ja, Marie,“ und Harald ist es, als ob man etwas ausgedacht hätte,
um ihn zu quälen. „Ihr habt alle ein Recht auf mich, ich weiss. Alle, --
alle, alle ...“

Frau Malcorn ist sehr erschrocken. „Komm, setz dich da an den Ofen, du
musst ganz durchgekältet sein.“

„Ja, ja, an den Ofen, immer sich an den Ofen setzen, hinter den Ofen
womöglich ...“ Aber plötzlich tritt Harald auf die Mutter zu, ganz
beschämt. „Mama, verzeih mir ... Du siehst, es steckt wieder mal so ein
boshafter Aerger in mir, der noch nicht herauskam. Marie weiss, das hat
nichts zu bedeuten, nicht wahr? Das kommt schon so mit. Und hier soll er
mir, weiss Gott, nicht heraus, hier nicht!“ Er führt Frau Malcorn sanft
zu ihrem Lieblingsplatz bei der Lampe, und seine Stimme findet eine
ungeahnte Zärtlichkeit. „Du hast ganz rote Augen, Mama. Wahrhaftig,
deine Augen sind ganz rot! Hast du mir auch nicht zu viel gearbeitet?
Was? -- Dieses schreckliche Rot in deinem Stickmuster ... Ja, muss es
denn gerade dieses Rot sein, dieses blutige? -- Was wird es denn
überhaupt?“

Frau Malcorn kann so viel Glück gar nicht glauben. „Ein Tischläufer --,“
sagt sie leise, mit vor Rührung zitternder Stimme.

„Soso“ macht Harald, schon wieder weit, von ganz Fremdem erfüllt und
wendet sieh an Marie. „Es ist nämlich wichtig, dass wir die Sache heute
noch erledigen. Es kommt jetzt so viel. Als ob es auch in den Herzen
nicht Tag würde jetzt, -- wie draussen. So viel Elend überall.
Physisches Elend, Not, Armut, Krankheit; -- geistiges Elend, Dünkel,
Vorurteil und Eigennutz. Und zu allem: Das Beharren darin, die Trägheit.
Die fürchterliche, dumpfe, unheilbare Trägheit! Dieses grosse Joch des
Gestern, in dem sie alle gehen. Sie haben ihre Leiden und ihre Freuden.
Unbedeutende, gehässige Schmerzen und ein banges, falsches, ängstliches
Glück. Aber sie bleiben dabei. Versuch's, sie heraus zu heben: sie
wehren sich. Und reisst du sie einfach los von ihrer armseligen
Gewohnheit, -- so sind sie wie Ausgestossene und wollen zurück in die
Pesthütte ihrer Vergangenheit. Alles umsonst.“ Und nach einer ratlosen
Pause: „Und dabei hat man doch diesen ehrlichen Willen, diese
ehrfürchtige Kraft, die nicht herrschen will, die bereit ist zu dienen
und die kleinste, geringste Arbeit nicht scheut, wenn sie nur auf dem
Wege nach vorwärts liegt. -- Du weisst doch, Marie, wie gut, wie gerne
ich überzeugt bin vom Ziel, nicht wahr? Du weisst doch, aus welcher
Tiefe mir das alles kommt? Du hast's ja selbst einmal empfunden, nicht?“

„Lieber, ich empfind es jeden Tag wieder!“

„Und du glaubst an mich?“

„Wie an die Sonne.“

Da hält Harald ihr dankbar die Hand hin und fragt: „Heisst das: Blüten
oder Früchte glauben?“

„Beides. Eines nach dem andern, Harald.“

„Eines nach dem andern?.. Das braucht Zeit, Marie, viel Zeit ...“

„Wir sind jung.“

„... und Geduld ...“

„Die hast du.“

„Weisst du das so bestimmt?“

„Weil du die Liebe hast, Harald.“

Beide schweigen. Bis Harald, wie erleichtert, aufatmet: „Dank dir.“ Und
gleich darauf versucht er wieder froh zu sein. „So ... du, ... Mama, --
sag, darf ich mir mal den Läufer ansehen, deine Arbeit?“

Frau Malcorn will es lächelnd verwehren. Aber nun wird der Läufer geholt
und unter der Lampe langsam aufgerollt. „O -- o --“ macht Harald, noch
ehe er die Stickerei ganz geöffnet hat, „schau Marie, da reden wir so
viel und reden, aber wenn wir zeigen sollten, was wir gemacht haben --
hm? da würden wir wohl in Verlegenheit kommen! Und da, Mütterchen, macht
so etwas ganz in der Stille, ohne ein Wort, -- etwas so Prächtiges. Und
das wird nur ein Läufer. Nur ein Läufer. Wie man sich doch irren kann!
Das hätt ich nun für ... für irgend etwas viel Festlicheres gehalten.“

Marie ist neugierig: „Zum Beispiel?“

„O -- für ... für ein Kleid ...“

„Kleid!“ lacht die Holzer ausgelassen. „Trägt man bei dir solche
Kleider?“ Harald schaut auf. „Bei mir? Bei mir? Wie merkwürdig das
klingt: bei mir. Ich glaube es ist zum erstenmal, dass ich diese Worte
nebeneinander ausspreche. Wie eine Erfindung ist das. Und doch so
einfach. Eben wie alle Erfindungen .... Bei Gott, -- bei den Menschen,
bei -- dir, -- bei .... und nun, ganz analog konstruiert: bei mir, ....
bei mir. -- Ja, aber, was wollte ich doch?... Wovon sprachen wir?“ Und
er erinnert sich seiner Zärtlichkeit. „Ja -- und wozu stickst du denn
diesen Läufer, Mama? Wollen wir ein Fest geben?“ Traurig sieht Frau
Malcorn ihn an. Aber Marie Holzer weiss Rat. „Gott, man feiert eben mal
irgend was. Man kann alles feiern. Den ersten Frühlingstag und den
ersten Schnee. Na, und wenn sonst nichts zu finden ist, feiert man eben
den Läufer selbst, wenn er fertig ist, nicht?“

Aber die andern scheinen ihren lustigen Vorschlag gar nicht gehört zu
haben, so ernst und still sind sie beisammen. Und Harald fragt nur, aus
Gedanken heraus: Das dauert wohl lang, so eine Decke zu vollenden? --“

„Wenn man fleissig ist ...“ seufzt Frau Malcorn. Aber Harald geht in
seinen Gedanken weiter. „Ich“ -- lächelt er -- „würde gewiss nie ganz
fertig werden damit. Ich würde sitzen und sticken, und lauter recht
dunkeltiefe Farben haben, in denen man so verloren geht. Und immer
weiter wandern durch den Canevas. Immer ins Dunklere hinein, wie in
einen Wald -- und nie das Ziel finden ... Ich würde mich fürchten, zu
Ende zu kommen!

Jetzt ist Harald weit fort von den beiden Menschen, die ihm erstaunt und
besorgt zuhören; sie verstehen ihn nicht mehr. Er aber geht immer mehr
weg von ihnen. Ueber die geschlossenen Augen hebt er seine Arme.

„... Und doch: ich habe solche Sehnsucht nach Festen, nach einer
einzigen ungemeinen Stunde! Nach Rot und Rosen, nach Duft und Gold, nach
Glanz, nach unerhörtem Glanz! Man müsste erblinden davon, nichts mehr
sehen hernach, -- nie mehr. Aber wissen: es war. Und das Gefühl haben
von einer namenlosen Verschwendung.

Es kommt manchmal über mich, die Menschen fortzuschicken: „Geht alle
nach Haus, legt eure besten Kleider an, nehmt alles, was ihr in den
Truhen habt, von den Grosseltern her, die lau duftenden Tücher, und die
schweren, verschlungenen Broschen, die wie goldene Knoten sind. Und die
Blumen, die ihr in den Töpfen vor den Fenstern zieht, gebraucht sie
einmal! Gebt sie euren Kindern in die Hände, damit sie lächeln lernen.
Und dann -- kommt wieder! Kommt alle wieder!“ Aber Haralds Hände fallen
mutlos aus seiner schönen träumerischen Willkommengebärde, und er fährt
mit müder, enttäuschter Stimme fort: „-- und wenn sie wirklich wieder
kämen, alle, in ihrer geschmacklosen Sonntagsmaskerade, mit den zu
kurzen Hosen und den steifen, von Falten gebrochenen Shawlen, die nach
Kampfer riechen, -- dann .... dann würden wir einander nichts zu sagen
haben, und uns benehmen wie fremde Kinder, die plötzlich miteinander
spielen sollen ...“

Pause.

Und da er nichts hinzufügt, schwärmt Marie Holzer, die im Schweigen
keine Uebung hat: „Du sprichst erst wie ein König und dann -- wie ein
Dichter ...“ „Und bin -- keines von beiden ..“ Harald ist aufgewacht.
„Es gab ja wohl Könige in unserem Geschlecht, nicht wahr, Mama? -- Die
Sage geht. In langverlorener Zeit. Vor tausend Jahren vielleicht ...“

Marie schliesst die Augen, wie auf einem hohen geländerlosen Turm:
„Tausend Jahre ...“

„Ja; wenn du unseren Namen sagst, leise, -- klingt noch der alte Name
darin, dumpf, dunkel, wie die Glocken einer versunkenen Kirche ...“ Und
Harald spricht weiter, wie mitten in einer Geschichte: „... Dann schlug
eine grosse Welle über den Königsthron und riss den Letzten mit ins
tiefe Vergessensein. Dort bleiben seine Enkel wohnen, Thalkinder. Aber
viel später, im Mittelalter, kommt doch wieder einer von ihnen zu Macht
und Land. Nicht wahr, Mama? In einem andern Reich zwar, mit verdunkeltem
Namen und nur als kleiner, abhängiger König. Nach ihm bleiben sie eine
Weile obenauf und erscheinen nochmals in der Geschichte, zur Zeit des
Dreissigjährigen Krieges. Aber schnell ermatten sie in kleinen Händeln
und feindseligen Streitereien und lassen, ohnmächtig, den alten Namen
los. Und er fällt, fällt lang bis auf die alten Heidenkönige zurück ...
Und ich -- ich kam gerade in eine Namenlosigkeit hinein.“ Niemand sagt
etwas. Nur die Uhr spricht darüber, in ihrer milden altmodischen Art.
Beim achten Schlag erinnert sich Harald an etwas.

„Wie ein Dichter .... Wer hat das gesagt? Du, Marie? -- Aber Du bist
nicht die Erste! Lang vor Dir hat's eine Stimme ausgesprochen, tief in
mir: Dichter! -- Ich kann nichts dafür. Weisst Du, es war dort, wo man
nicht hinreicht. In jenem Dunkel, wo ein anderer Macht hat, war es --
... Künstler sein, jung sein! Als ob das dasselbe wäre -- nicht?“ Und
plötzlich durchbricht es seinen Willen: „Möchtet ihr, dass ich ein
Künstler wäre?“ Pause. „Sag, Mama?“

„Bliebst Du dann bei mir, zu Hause?“

„Wer weiss. Ich kann nicht davon reden. Vielleicht. Vielleicht hat man
dann alles in sich. Vielleicht giebt es dann nichts, was man nicht in
sich hat. Vielleicht ... Möchtest Du's, Marie?“

„Dass Du ein Künstler wärst? Ich glaube, Du bist's, Harald.“

„Du irrst Dich, Kind. Gewiss! Du siehst das alles zu licht. Du hast so
viel Licht in Dir für alles. Ich bin es nicht. -- Ich hätte es sein
können vielleicht. Ich hätte es -- =bleiben= können, obwohl ich es noch
nie war. -- Es ist zu spät.“ Und ganz erregt tritt er auf Marie zu:

„Du sagtest früher, ich habe die Liebe, Marie. Ja, -- =hab'= ich sie denn?
Hab' ich sie nicht vergeudet, ausgestreut mit vollen Händen? Ist das
nicht mein Leben gewesen, sie zu verschwenden, seit zwei, seit drei
Jahren, bis zu diesem Augenblick? Kann ich über sie verfügen, da
Hunderte sich daran halten? Und =wenn= ich sie zurück begehre von ihnen,
-- was soll ich thun mit dieser Liebe, die die Spuren von hundert
krampfhaften Händen trägt, die abgenutzt, alt, welk geworden ist? Und
das nicht hinter ihrem Sommer etwa. O nein! Ich habe sie gar nicht reif
werden lassen; ich habe den Hungernden diese grünen Früchte zugeworfen:
Da! da! da!... und sie konnten doch nicht satt und nicht gesund werden
davon!

„Warum kamst Du mir damals die Hand reichen, Marie? Damals war es noch
Zeit. Damals hätt' ich noch retten können und -- sparen.

„Ich will Dich nicht anklagen -- nein! Nur ‚Künstler‘ darfst Du mich
nicht nennen. Das ist wie ein Hohn, wenn =Du= das thust ...“ Und da
beginnt er leise zu husten, so dass Frau Malcorns Augen starr und bange
werden; aber Marie Holzer achtet jetzt nicht darauf. Sie fühlt die
Verpflichtung zu antworten.

„Du bist erregt, Harald. Du hast kein Recht, so zu reden. Du bist durch
Siege gegangen! Du darfst nicht wankelmütig werden! Du hast gewusst, was
Du willst. Muss ich Dich daran erinnern?“ Sie lässt sich von Haralds
abwehrender Bewegung nichts befehlen. „Ich danke Dir alles, auch meine
Zuversicht. =Du= hast sie mir gegeben. Sie ist mein Besitz. Und wenn Du
sie wieder willst, -- nicht ohne Kampf!“

Harald fühlt den Husten kommen, und so sagt er nur rasch und hart:

„Du machst so grosse Worte, Marie.“

„Es sind Deine eigenen, die ich Dir wiedergebe -- alle, auch dieses:
Kleingläubiger! Kannst Du Deinen Sommer nicht abwarten? Nicht halbreife
Früchte, -- Samen hast Du ausgestreut an hundert Stellen und also musst
Du warten auf hundert Ernten.“

Die Holzer erwartet eine Antwort, eine, die alles wieder gut macht. Aber
Harald nickt nur, es scheint ihm so gleichgültig jetzt. Und dann
fürchtet er den Husten, der kommt. Und seine Mutter sieht ihn immerfort
an.

Da nimmt Marie noch einmal alle Kraft zusammen, und ihre Worte sind warm
und unbefangen. „Hab' Mut, Harald! Du bist ungerecht. Denk! Einmal hast
Du gesagt, wörtlich: „Ich möchte wohl Künstler sein, aber noch ist es
nicht Zeit für die Kunst ...“

„Hab' ich das ....? Verzeih' also.“ Es klingt fast spöttisch.

Aber Marie Holzer giebt nicht nach: „Ist nicht ein helfendes Leben ein
zehnfaches? Haben wir nicht eine sehr stolze Pflicht? Macht uns das
nicht reich? Wissen wir nicht unsern Weg, Harald? -- Sind wir nicht
Sieger? Harald, glaubst Du an uns?“

Er muss doch die Hand sehen, die Marie Holzer ihm hinstreckt. Aber
trotzdem geht er vorbei, geht auf die Mutter zu, die ihn bange erwartet,
und sagt langsam im Gehen: „Ich -- bin -- müde ...“

Und die Holzer sieht, wie er sich in den Lehnstuhl fallen lässt und wie
die zarte Frau, die sich zu ihm niederbeugt, ihn ganz verdeckt. Und sie
sagt nichts weiter; man hätte es auch nicht gehört, denn Harald hustet
sehr laut. --

                   *       *       *       *       *

Wie traurig muss es für die sein, die im Winter gesund waren, -- wenn
der Frühling kommt. Wie können sie ihn verstehen, wenn sie nicht
zugleich Genesende sind? -- denkt Harald, und er sieht immerfort den
Himmeln zu, die, abwechselnd wolkig und klar, an den Fenstern
vorüberjagen hoch über dem Nachmittag des Vorfrühlings. Er schaut nicht
mit den strahlenden Augen allein, er schaut mit seinem ganzen Gesichte,
in welchem nichts Verheimlichtes ist. Nur unter dem Bart, der wild die
Lippen überwuchert, steht ein kleines Lächeln und blüht, wartend, dass
ein Wort es mit zu den Menschen nimmt. Aber Harald schweigt.

Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und
fragt: „Schon allein? Marie ist schon fort?“ nickt er nur, sagt aber
dann unbestimmt: „Sieh mal.“ Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin
wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so
erklärt Harald: „Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich
habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht
mehr ...“ Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der
Mutter. „Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie
fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war
bloss müde, -- müde sie zu sehen. Müde -- immer wieder diese alten Dinge
zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr
nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist
nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...“

„Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...“

„Du Gute. Sie können auch =mit= mir nichts anfangen. Und vor allem: =ich=
kann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.“ Und er wendet sich wieder den
Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte
Himmel. „Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so
viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so
aufmerksam wird auf alles und so dankbar, -- fast weise .... So
unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der
Rolle fallen.“ Pause, dann leise: „Glaubst Du, dass es zu spät ist?“

Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt
sind.

„Zu spät, Harald, wozu?“

„Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob
diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine
lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme
...“

Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: „Nicht zu spät?“

Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und
er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und
spricht: „Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel
näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles
weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis
damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen
Wolken gemacht, -- aus Frühlingswolken. Und -- als Du oft weintest ... O
ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der
Dämmerung, -- kannst Du sie noch?“ Frau Malcorn senkt die Stirne tief,
so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die
unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie
Haralds Stimme über sich. „... Freilich, das ist lang. Und doch, ich
fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die
Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem
Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir
trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du
nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich
Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du
sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem,
was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was
ich alles noch weiss?“ Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt
sich zu sagen: „Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?“

„Alles.“

„Lass uns nicht nach Skal gehen, -- lass uns hier bleiben!“

Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. „Aber das sollte
doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?“

„Ja -- siehst Du -- es ist ein grosser alter Park beim Schloss und
überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht
einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, --
aber --“ Rasch fällt Harald ein: „Ich hätte Dich wahrscheinlich um das
Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine
grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch
lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb
geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten
zu Haus -- früher, -- damals ... Natürlich: bleiben wir.“

Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: „Und Du fragst
garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?“

„Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich
errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade
anzunehmen, -- Du Stolze ...“

Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz
ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: „Nein, Harald ...
ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist
nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...“

„Furcht?“

„Ja. Vor der weissen Frau ...“

Harald versteht noch garnicht: „Furcht? Vor Frau Walpurga? -- Aber meine
mutige kleine Mama und -- Furcht?“

Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke
ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer
in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter
den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es
dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser
Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der
angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch.

„Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?“

„Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?“

„Ja, am häufigsten in Skal.“

„So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?“

„Ja. Es heisst so.“

„Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung
gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16.
Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat
zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren
Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...“

„Und sonst weisst Du nichts von ihr?“

„Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, -- als Kind ... aber dann
müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde,
wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen
(oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir
wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich
recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus -- ja?“ Harald sucht in
seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn
nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein
wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende
Stelle: „Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn,
Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel,
genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen
und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...“ da haben
wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich
glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert
herein ...“

„Nein, nein,“ wehrt Frau Malcorn heiser.

„Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir
uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal
keine Ruhe hat ...“

„Weisst Du, weshalb?“

„Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle ‚weissen Frauen‘ der
Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...“

„Treulos, sündig ...“ wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme,
dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe,
hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen,
als sie fragt: „Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?“

„Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.“

Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie
nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in
diesem Augenblick sagt Harald: „Seltsam wilde Hände hatte er ...“

„Harald!“ Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht
sehen.

„Könntest Du Dir denken, Harald ...?“ hört er hinter sich, und weiter,
in bangen, merkwürdig leeren Pausen -- -- „dass ... Dein ... Vater ..
mich ...“ Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn
fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: „... dass er gethan
hätte wie Graf Christoph?...“

Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die
eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal
neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich
Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: „Er war ein
Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.“ Und da küsst sie seine
erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht,
sie emporzuheben, und lächelt: „Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach.
Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.“

Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu
glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf
dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in
springenden Wellen dem stillen Herzen zu.

Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: „Ist Dir
gut?“ Harald öffnet die Augen nicht: „Ja. Heute wird es am Ende gar
nicht kommen -- das Abendfieber ...“

„Aber ruh' nur jetzt ...“

„Nicht -- fortgehen --“

„Nein, ich bin immer da.“

Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die
Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren
Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich
eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die
Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde
schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell.

Das macht Harald wach.

„... Bist Du da?“

„Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?“

„Ich will nicht schlafen.“

„Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.“

„Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse
ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. -- Wir wollen
reden.“ Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber
die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: „Hand!“ Und dann,
als sein Wunsch erfüllt ist: „Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden
müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also
keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal --
-- -- wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...“

Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein „dann“ gleich
versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück.

„O“ -- macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte,
und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu
hören an dem harten Boden.

Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. „Ich bin ja da,
Harald.“ „Ja.“ Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um
sie nicht aufzuwecken. „Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin.
Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen,
da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein
Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich
zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so
märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh
war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war
immer allein, oder doch allein mit Dir. -- Aber sie war so ... tief. Ich
kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein
-- Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch
immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden
soll. Kannst Du Dir das denken?“

Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser
eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: „Es muss schwer sein, sich
das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt
scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz
unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in
die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem
Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, was =Andere= glauben? Hat das etwa
mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich
kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn,
und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein
anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige
scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen
kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein
Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit
und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss
von wem, -- ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, -- das alles
war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien,
als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch,
als könnte man an jedem Dinge sterben ...“

Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: „Es ist nicht zu spät, hast Du
nicht so gesagt?“

„Es ist =nie= zu spät, Harald.“

„Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der
Doktor auch wirklich die Wahrheit?“

„Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...“

Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter
fest an. „Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?“

Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds
Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht.

„Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher
in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber
was wollen wir denn nur Marien sagen?“

Ganz unvermittelt sagt er das. „Was meinst Du?“ staunt Frau Malcorn.

„Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.“

„Meinst Du das im Ernst?“

„Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das
Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. -- Marie
gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich
will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene,
selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss
fort!“ Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann
es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für
die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit
seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung.

„Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und
Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich
werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich
überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ...
Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, -- dann musst Du es spielen. Und
wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen
natürlich ... das heisst: wir, -- denn wir werden nie voneinander gehen
... Nicht wahr?... Sag!...“

Frau Malcorn lächelt zerstreut: „Du wirst heiraten ...“

„Heiraten?“

„Nun doch -- einmal ...“

„Glaubst Du, dass ich Marien geheiratet hätte?“

Frau Malcorn nickt zustimmend.

„Ich habe nie daran gedacht.“

Ganz verwirrt lenkt Frau Malcorn ab: „Und was wolltest Du malen? Das
hast Du nicht gesagt.“

„Malen? Wolken.“

„Du Träumer!“

„Frühlingswolken! Ein Wolkenkleid! Dein Kleid!... Dich!“

„Ich habe keine Wolkenkleider mehr.“

„Dann musst Du Dir eines machen lassen ...“

Ganz wehmütig lächelt die zarte Frau. „Nur ein altmodisches weisses
Atlaskleid hab' ich noch, vom letzten Ball her.“

„Ja, -- weiss --“ plant Harald. „Ich müsste Dich in weiss malen und --
mit Blumen. Mit irgend welchen heissen, roten Blumen. Mit Blumen, die es
nirgends giebt. Mit solchen, roten ... (wo hab' ich sie doch
gesehen?...) In Deinem Läufer. Mit solchen Blumen. Hast Du die selbst
erfunden?...“

„Durch Zufall --“ flüstert sie und wird ganz rot.

„Seltsam, -- o!... Blumen erfindest Du!“ Und Harald sieht sie forschend
an, als ob ihr Gesicht in seiner scheuen, schamhaften Befangenheit ihn
an etwas erinnern müsste. Dann unterbricht er sich kurz. „Es ist
vielleicht kindisch, dass ich so spreche. Ich habe doch eigentlich nie
versucht, zu malen. Aber soll ich es deshalb nie versuchen? Vielleicht
bin ich wieder ... ein Beginn ... Mir ist, als hätten wir mal davon
gesprochen, dass die Malcorns immer wieder Könige werden ... Und die
kein Volk haben, -- das sind vielleicht die wahren Könige ...“

„Auch in der Kunst kannst Du Dich über ein Volk setzen ...“

„Vielleicht. Vielleicht kann der Künstler sich aus allen Völkern sein
Volk bilden, kann es sich erziehen .. Aber ich will es nicht. Ich werde
es nie wollen. Ich will nicht erziehen. Ich will nicht den Erfolg,
keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...“

„Ja --“ sagt Frau Malcorn, wie zu sich selbst.

„Du fühlst das?“ Und beinahe überrascht sieht Harald sie an.

„Ja ...“ wiederholt sie leiser und wagt kaum die Augen zu heben.

Und nach einer kleinen Stille hört sie ihn sagen: „Wie schön Du bist!“
Und schauernd fühlt sie sich von ihm angeschaut.

Und wieder: „Wie schön Du jetzt bist.“

Mit ganz leisen, verhaltenen Bewegungen steht sie auf und wartet, bis er
ruft: „Du warst nie so schön!“

Aber diesmal erkennt sie seine Stimme nicht. Und unsicher geht sie von
ihm fort und stellt sich ins Dunkel, wie unter den Schutz der Uhr, deren
Atem ganz nahe geht. --

„Wie Du gehst! Junge Mädchen gehen so.“

Und sie steht zwischen den beiden Fenstern und horcht.

Und er fragt sie: „Wie heisst Du eigentlich?“

Sie rührt sich nicht, denkt aber: das Fieber, und fühlt eine grosse
Erleichterung, aber zugleich ist ihr traurig, als ob ihr etwas wieder
genommen würde, etwas kaum Geschenktes.

Und er sagt: „Ja, ich habe Dich nie beim Namen genannt. Ich hab' ihn
vergessen.“

Eine Weile hört sie ihr Herz und wieder ihn. „Ich weiss jetzt: Edith
heisst Du --“ Und wenn es doch das Fieber ist, denkt sie und horcht.

„Aber wie haben Dich die genannt, die ... die ... die Du lieb gehabt
hast?“

Sie weiss kaum, dass sie antwortet und mit einer anderen, jungen Stimme:
„Edel.“

Und er nimmt den Namen und liebkost ihn: „Edel -- ja, so musst Du
heissen. Edel: das ist weiss, ganz weiss ... Aber Du hast ja immer noch
das alte Kleid, das Kleid von gestern und vorgestern, das schwarze
Kleid, das kranke Kleid ... Du bist ja nicht weiss. Du hast Deinen Namen
verraten. Du darfst ihn nicht mehr verleugnen jetzt; geh, hol' Dir Dein
weisses Kleid!“ Sie klammert sich an den schwarzen Kasten der Uhr.

„Geh!“

„Morgen!...“

Er hört nicht. „Worauf sollen wir warten? Schönheit will über uns
kommen.“

Und seine Worte drängen sie zur Thür, aber sie zögert noch.

„Eil' Dich! Mach' Dich schön und komm bald. Indessen wird hier alles
festlich sein. Alle Kerzen, alle Lampen werden brennen, wenn Du
wiederkommst, weisse Edel!“ Und da macht er eine Bewegung, als ob er
sich erheben wollte. Und sie will hin zu ihm, will es verhindern, will
mütterlich sein. Aber er steht schon da, stark, gross, die Arme wie
Flügel und lacht ihr zu.

Und jetzt gehorcht sie und geht.

Und selig sieht er ihr nach. Und lächelt.

Aber das Lächeln hat nicht Halt auf seinen schmalen Lippen. Wie die Uhr
sich regt, fällt es ihm ab, und erschrocken deckt er sein leeres
Gesicht mit den Händen zu. Und fühlt sie kalt. Und er ist allein, und
das Dunkel ist gross und drückt ihn in den Stuhl zurück, in dem er stumm
versinkt.

So bleibt er, vielleicht lange.

Denn als er zu sich kommt, ist Nacht.

Seine Augen sind der schwarzen, schweren Dinge entwöhnt und gehen bang
in der Stille umher. Plötzlich werden sie gross. Eine Thür bewegt sich
und es kommt heraus, als ob Mondlicht ginge. Und vor dem Fenster sieht
man: es ist eine Frau, ganz weiss ...

Da wehrt sich Harald mit den hageren Armen und schreit, hässlich vor
Angst, heiser: „Noch ... nicht! Walpurga!“

Jemand hat Licht gemacht.

Harald sitzt entstellt in den Kissen, den Kopf noch vorgestreckt, mit
herabhängenden Händen. Und vor ihm steht Frau Malcorn, welk, in Atlas,
mit Handschuhen. Und sie sehen sich mit fremdem Entsetzen in die toten
Augen.

                               =Ende.=

  GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS,
  BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14,
  IM NOVEMBER 1901.



  [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
    steht.

    Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da waren das nicht
    Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht

    Du bist doch dabei, Bang?“ Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
    „Du bist doch dabei, Bang?“ Und er wartet die Antwort gar nicht ab.

    Harald -- ja, auch Harald.
    Harald -- ja, auch Harald.“

    Marie. „Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?“..“
    Marie. „Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..“

    Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?“...“
    Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...“

    keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...
    keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...“
  ]





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Die Letzten" ***

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