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Title: Schriften - Achter Band
Author: Tieck, Ludwig, 1773-1853
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Ludwig Tieck's
Schriften.

Achter Band.


Abdallah.
Die Brüder.
Almansur.
Das grüne Band.



Berlin,
bei G. Reimer,
1828.



Dem
Prediger Kadach

in Ziebingen,
bei Frankfurt an der Oder.


Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als
ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener
Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind
wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im
Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in
gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen
verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf
der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind
Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben
uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter
sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien
Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich,
so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren
religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter
frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein
edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt,
und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden
aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche
Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die
Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.

_L. Tieck._



Abdallah.

Eine Erzählung.

1792.



Erstes Kapitel.


Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen
entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_
betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine
Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden
unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.

Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er
zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er
itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er
begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne
sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg,
-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es,
was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der
Schönheit anerkannte. --

In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit,
ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward
er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne
Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des
Veziers und der übrigen Großen.

Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet;
seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war
seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn
_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen
hatte.



Zweites Kapitel.


Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch
ein schönes Gehölz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein
ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele
schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her,
aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte
sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur
Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des
Herzens.

Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen
Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch
die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die
Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge
und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit
des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.

Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schön! -- Ha! der ruhige See über
den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch
in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das
mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o
sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben
glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied
nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt.
-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und
unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfüllt das
Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus
dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! --

Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr
vor sich nieder.

_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht
heiter machen?

Omar blickte auf und faßte seine Hand. -- Sieh, sprach er, die
Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig
nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten.
-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt,
verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. -- Eine
unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der
folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft
fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen
auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr
Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein
Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. --

_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne
Begeisterung mächtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur
hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur
geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es
gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser
Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist
in meinem Innern?

_Omar._ Wozu? -- O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein
scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele
verschlossen bleiben. --

_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drängender Geist steht vor
dieser Pforte und klopft ungestüm an. -- Was der Mensch fassen kann,
will auch ich begreifen.

_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land
zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge,
dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar
unermeßlich entgegen.

_Abdallah._ Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da
sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen
müßte.

_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie
vergebens mit allen Kräften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewölbe
eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein
von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen stürzten mit
Ohnmacht von diesen Schranken zurück, -- und starben. -- Der Zweck
unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß
der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_
Sonnenstrahl herniederschösse! -- Wir tappen ängstlich umher -- und
finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts,
als daß wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, müssen wir mit
Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.

_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese
Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung
in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast
liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln.

_Omar._ Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. -- Ein großer
Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt
ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: _Genuß_! -- Alles
schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe
nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt
und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die
Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er
gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles
freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu
wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt
sein vorgestecktes Ziel.

_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen
die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles
Erschaffenen dreht?

_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch
weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß
und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen
Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch
reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles
genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß,
alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine
Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu fürchten,
um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer
ihm liegt.

_Abdallah._ Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist,
wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?

_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er
nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen
Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze
hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über
seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen
zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn
herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden
Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. --

_Abdallah._ Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der
Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?

_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück
und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht
ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
brüstet, -- Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen
der Wahnsinnige nachtaumelt.

_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle
ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit,
schlängen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sproßte der Schierling und
die heilende Pflanze? -- Unmöglich! --

_Omar._ Und warum unmöglich?

_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in
verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich
in Ehrfurcht auflöst, -- an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam
der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?

_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute.

_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch
diesen Glauben angeklagt. -- Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung
und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn
entgegenschicken?

_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht,
wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied
nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt
werden -- o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend
stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn
ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster
gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit
lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.

_Abdallah._ Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. --

_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und
kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides
vertheilen. -- Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der
Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel
zurückgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied
und sagte: dies sei gut, dies nicht!

_Abdallah._ Ein Thor?

_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_
zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und
mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner
Seele lesen.

Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort:

Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen,
von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt,
schießt die Pflanze empor, -- nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer
Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für
mich, der ich mich selbst kenne, -- alle übrigen Menschen sind für mich
in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
Krokodil Fremdlinge sind.

_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich
verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. --

_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein
Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der
die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl
zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem
unergründeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und
verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_!

_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter!

_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen
und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele
hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hält sie für Feinde.

_Abdallah._ Fürchterlich sonderbar!

_Omar._ Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er
den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte?
-- Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit
Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle,
die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, laßt den
nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch
dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.

_Abdallah._ Du führst mich durch Labirinthe, Omar. --

_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste
Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes,
heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit,
allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und
unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen
Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken
_Verbrecher_ knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige
Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit
ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der
eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam
seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein _Verbrecher_
ist. --

_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!

_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber
wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles
was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem,
der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden
sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher;
wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen
Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? --

_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem
Abgrund auf, mich zu schrecken. --

_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch
seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen
in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und
Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren,
-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in
treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen,
aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes
Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder
verdrängt wird.

_Abdallah._ So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem
andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt.

_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer böse? -- Soll des Mörders
Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der
Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut,
das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen
wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten
Morde aufhörte?

_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten
her verschlang.

_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern
Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein
Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von
einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als
Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen,
obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich
hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hört auf
verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis
zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den
folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche
Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du
herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und
eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.

_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade
_diesen_ Schritt itzt nicht thäte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken
dächte -- so könnte die Welt nicht erschaffen sein! --

_Omar._ Nothwendig. -- Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit,
alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die
treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der
Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. -- Wie will dies
kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem
engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen
das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch _Verdienst_
erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt
in der allgemeinen Harmonie.

Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über
_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte
heftig Abdallah's Hand.

Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt
in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die
ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermeßlichkeit -- und dieses
ist _Gott_!

Abdallah fuhr zurück.

_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich
finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in
einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner
Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn
im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er
vor sich selbst, in der ewigen Wüste. --

Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand
mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen
Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer
Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen
Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich
her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine
Himmel standen.

_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe
ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der
mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt
und furchtsam fragt: Wer bin ich?

Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von
hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen
flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.

Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von
zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die
Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und
spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte;
ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel
und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde.

Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr
hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er
hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er
noch zu denken glaubte.

Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief
ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte
das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte
er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die
Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend
allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. --

Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder
dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. --

Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn
die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter
über ihn dahin, -- Abdallah erwachte.

Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter
ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch
einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein
Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem
Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan
durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.

Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine
Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend
blendende Funken von sich sprühte. -- Jeder Funken sprang mit einem
Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle
Wälder hinabwälzte. -- Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die
stille Nacht stand wieder um Abdallah. --

Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift
kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft preßte er die Hand
des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. --

Abdallah folgte schaudernd.

Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war
lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn
anzusehen. -- An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar
ging noch lange gedankenvoll umher.



Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe
durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends
kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles,
was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel
verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und
kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch
that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen
hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf,
wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er
seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so
gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner
Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst
alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern
wollten.

O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete,
-- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit
kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine
Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die
mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich
selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre
Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer
fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln
oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt
im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich
gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd
dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er
und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht
der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter.
Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich
gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --

Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle
wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so
bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein
Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O!
rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß
mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für
diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.

_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber
einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so
leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen,
denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm
freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die
Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß
ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und
sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal.

Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen.
Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe
unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge,
nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine
Stimme war langsam und ohne Feuer. --

Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.

_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode
entgegen.

_Abdallah._ Dem Tode? --

_Raschid._ Ich hoff' es.

_Abdallah._ Du _hoffst_ es?

_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer
höher thürmen.

_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen.
-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende
Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen
Paradiese auferstehen lassen und dir --

_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande
sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe,
-- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt
kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden
Fittig im Morgenrothe wiegt. --

_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --

_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund,
nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner
Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich
zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine
Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt,
-- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen
um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich
in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach
Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich
in's Leben zurückhalten? --

_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? --

_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in
der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!

_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe
genannt -- wen liebst du?

_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht'
es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in
den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich
zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.

_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten?

_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl!
-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will
in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der
mich versteht.

Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder
allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig,
Abdallah?

Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.

Worüber dachtest du? fragte Omar.

_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren.

_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.

_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was
einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung
meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
sonst so warm die Natur umfaßte? --

_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich
habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein;
du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen
tritt.

_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?

_Omar._ Er soll es wollen.

_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.

_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du
bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist
dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz
bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen.
--

_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die
sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber,
jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?

_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen,
-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_,
ein Traum ist kein Genuß. --

Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._

_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für
kein ander Ohr.

_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?

_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur
verstehn.

Abdallah ging.



_Viertes Kapitel._


Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er
bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte
er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts
davon gesagt?

Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast,
lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser
Omar?

Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst
ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von
ihm unterrichtet zu sein.

Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir
lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein
soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt.
-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben
so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner
Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott
nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der
Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft,
-- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir
bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so
vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab'
ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern
am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als
gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem
Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene
Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur
Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als
wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal
im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht,
ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und
verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst
herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.

_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen
tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir
nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen,
thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle
diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner
Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein
zurückgeworfenes Auge schenken.

_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer
ist dieser Omar?

Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du
hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun
auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender
Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der
Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze
lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine
Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst
damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig
dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über
unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und
reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als
hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen
unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und
lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen
zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner
Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach
einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem
Unglück in der Einsamkeit.

Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:

Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein
Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach
deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder
heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich
damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen
mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war
mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und
mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es
waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg
und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend
über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen
Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch
muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.


Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung
seines Vaters, dieser sprach dann weiter:


Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete
andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle
meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen
vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu
und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß
über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe
blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem
Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht
und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn
ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des
Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er,
hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen.
-- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir
Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen
wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist
_Omar_?

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze,
alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ
mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen
und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht
sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich
hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden
konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus
besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand,
die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen
eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine
Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem
Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem
Todtengerippe -- deinen Omar.

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie
einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und
seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet
und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich
bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter
dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.

Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an
Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers
Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit
werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber
wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder
nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.

Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die
Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?

_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. --

_Selim._ Du sollst dich vermählen.

_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.

_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.

_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.

_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah
wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.

_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.

_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?

_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --

_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen.
-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!

Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den
Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich
unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's
Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl
die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als
dieser hereintrat.

Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte
Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren
verschwunden.



_Fünftes Kapitel._


Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen
und Selim's Freunden.

_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und
hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf
seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in
einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt.
Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die
Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter
war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den
Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der
Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander
wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in
Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er
dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte
Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine
neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte,
schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.

Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.

Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich
aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer
ergriffen, also redete:

Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das
seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies
große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich
weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber
nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum
sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum
Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies
war die Ursach meiner Einladung.

Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr
er fort:

Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der
Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger
Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche
Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des
Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der
schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der
Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem
Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem
verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren
glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir
_sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und
drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem
kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger
Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein
Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht
aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt,
stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen
in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so
schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte
Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her
Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel
über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern?
Sind unsre Freunde verschieden? --

Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns
herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist
dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um
uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren
Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen
Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und
tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht
einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?

O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns
nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt.
-- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig
zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß
ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer
Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!

Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle
unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im
unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine
Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt,
hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen
Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung
hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend
unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln
seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des
Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir
elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es
fühlen!

Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch
nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch
nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem
begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade
freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die
schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes,
ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers
-- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten
schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und
erzähle Ali meine Rede!

Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt
nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und
seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor
seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt,
haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht
Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein
muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und
wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem
zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub,
wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.

Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern
machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen
greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? -- O ich habe mich
geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo
unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden.
-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren
hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.

Er schwieg. -- Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten
unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung,
viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:

Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist
unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem
Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, -- aber
höre mich als Freund und zürne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel,
von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen
ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die
Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die
verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer
wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen
Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? -- In dem
gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß
das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß
unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht
daneben liegt. -- Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung
einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand.
-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns
von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen
aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem
Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen
auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns.
Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch
seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er
sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein
Wille wäre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große
Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und
verzeihe! --

O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt,
spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu
wenige, um für sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker!

_Abubeker._ Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals
schließt? -- Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht
elend werden.

Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:

Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt
oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt
oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten
Zweifler zur schaudernden Verehrung.

_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur
Reife brachtest?

_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und
lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das
unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den
Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf
den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der
unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen
oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen
die Tugend oder das Laster auf.

_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige
unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann
trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den
Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.

_Omar._ Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt,
die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden
Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum
Schöpfer zurück. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte
das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften
führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das
Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der
Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.

_Abubeker._ Ein Irrthum täuschte mich, Omar.

_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und
es entstand der _Mensch_. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich
ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes,
den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen,
an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns
jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub
wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen
schönern Hügel zu ersteigen.

_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das
Dunkel erleuchtet.

_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der
Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu
suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen
den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen
ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch
seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele
gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne
diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf,
unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung
liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht
unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor
ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen
Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder,
und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden
Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.

_Abubeker._ Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des
Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die
Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_.

_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind
und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. -- Der Verstand formt
aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu
reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen
Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden große und edle Thaten
geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen,
Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. -- Diesen
Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er
uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns
einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das
uns ihm ähnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten
von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen
diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das
Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar
erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar
Genesung unsern Brüdern zusendete?

Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten
aufmerksam auf seine Rede.

_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und
unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg
legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter
euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, -- nun,
dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne
Nachricht bringen.

_Abubeker._ Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit
nach.

_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht
begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft
uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel,
der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder muß nach seiner
Überzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher
wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er
hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt
uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_,
nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge,
das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür
belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, -- ha! wer steht
noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? -- Nein, Abubeker,
Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen,
wir _müssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen
ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht
uns den blutigen Dolch, -- wir _können_ nicht zurücktreten und den
furchtbaren Arm von uns weisen.

_Selim._ Nein, wir können, wir _dürfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns
ihren Rachen entgegen, -- stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht
unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen
Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende
Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser
Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer
und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem
Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmächtig
weiter, -- nun was können wir mehr als _sterben_? Und können wir in
tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der
Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das höchste Gut ist, der
mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron
verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an
dem er gefesselt ist, -- wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland
und unsre Brüder, -- das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir
vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurück, -- wir verschwinden
in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch
untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß
der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. -- Wer so denkt, der
reiche mir seine Rechte!

Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste
sein, der die Hand des edlen Selim faßte. -- Es ist kein Schändlicher
unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu
und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den
Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.

Brüder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder.
-- Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine
letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder
zu sterben!

Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie
sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder.
_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzückung, _ein_ Geist
wehte durch die ganze Versammlung.

Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und
eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.

Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort.

Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich
selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die
schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an
tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. -- Ihr kennt Selims
Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den
verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und
wecke das Glück aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der
spreche!

Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar,
deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht
meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung?
-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr
ihm beistimmt. -- Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines
Propheten schwör' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_
wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen
werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar,
wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen?
-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali
entweiht. --

Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal
den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker
war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.

Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herübergetreten,
von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln,
und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele,
hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst.
-- Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher
rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
und dich uns gerettet.

Der Greis _Abubeker_ drückte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach
er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum,
du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein
Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte,
-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche
Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch
ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn
Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?

_Selim._ Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein
sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.

_Abubeker._ Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.

_Selim._ Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend
Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, -- sie
wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser
feierlichen Versammlung.

_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn
wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?

Omar trat hervor. -- Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt
noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für
seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch
in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden
ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein.
-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein
Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht,
dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken.

Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem
zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu
berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große
Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich.



_Sechstes Kapitel._


So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah
neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in
schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den
Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging
er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der
Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende
Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die
Pfeiler stürzten.

Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die
Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete.

Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.

_Raschid_ war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit
niedergeschlagenem Blicke.

Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schöne Natur,
der Frühling wird dich heitrer machen.

Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali;
aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen
Bank, dem Pallast gegen über. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah
ging durch die Thore der Stadt.

Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft
athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des
Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt
ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten.
-- Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe.
Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte
ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom
verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie
ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich
unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler
sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den
Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken,
waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die
Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch
der Waldung.

Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne
Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus
dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren
Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir,
alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. -- Welch
ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum
Herzen strömen! -- O unglückseliges Gedächtniß! -- Nur Tod brütete in
dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin
ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu
mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen
Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung
erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den
großen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen
Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt,
-- du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel
dieses Erdenlebens.

Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die
unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge
unaufhörlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit
leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich
aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge
höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein
gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen
Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen
Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.

O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit!
rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schätze in
meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in
meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern!
Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich
höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare
unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift?
Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub
betäubt zurück. -- Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu
einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die
Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber
er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem
durcheinander.

Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den
Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und
ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des
Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich
mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in
tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen.
Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine
einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.

Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des
Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte,
die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.

Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's
gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der
Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab
ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ
seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen
ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der
dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden
Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln
ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die
Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter.

Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan
die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick
die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt
auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die
Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und
die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.

Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang
mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten
Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma
die schönste der Houris zu sehn, -- unter ihm hätte ein Erdbeben
unergründliche Schlünde reißen können -- er hätte es nicht gefühlt,
-- hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, -- er hätte sie nicht
gehört, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper
entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder
zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter
zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und
von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.

Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht
erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit
einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er
kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen
abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her
wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm.
-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurück, -- er sah, er
hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber
er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch
nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne
schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war
als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht
entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich
frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede
Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit
und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten
vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn
her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund.
-- Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine
flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den
Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der
seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels
erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben
den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen
plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde,
die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und
aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen
vom Fluß herüber, -- Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt,
die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte
sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.

Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten
stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht,
warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.

Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache
der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.

Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem
durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand
in den Träumen. -- Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.



_Siebentes Kapitel._


Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.
_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und
seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück.
Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine
mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre
ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus
der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.


Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es
und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender
Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses
und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner
Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes
Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt
hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen
und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge
säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner
Empfindungen. -- Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser
Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden
und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten
Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne
Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im
Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes
Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.


_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien
überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort
gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht,
was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß
Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als
ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.

_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend
an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von
seinen neuen Gefühlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit
die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm
Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem
Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien
ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der
Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon
daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen
Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, -- und itzt schmückte sich
alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor
ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.

_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worüber denkst
du? fragte ihn dieser. -- Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und
Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter
Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre;
er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in
einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist
dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem
hereintrat.

Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar
mit freundschaftlicher Unruhe.

Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte,
sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende
Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich
durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die
Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen
Glanze schwelgt, -- o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken
könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut
zerfließen!

Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand
ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du
nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über
deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch
nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein
Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
zu ziehn. --

_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden
seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen
zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen
innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke
irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie
fesseln könnte. -- Omar fuhr fort:

Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr
Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich
mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder
Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig
geworden?

Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in
sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte
in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.

Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar
und er nicht mit einander. -- Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu
_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. --

Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will
ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich
verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte,
keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte,
wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! -- Könnt' ich dein Herz in
das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann
würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!

_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in
die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den
geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, -- darum
werd' ich dich verstehen.

_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde
verzeihen?

_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine
Verzeihung sein sollte.

_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein
Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe.
Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar,
alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist
meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger,
-- o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: _ich liebe!_

_Omar._ Du liebst?

_Abdallah._ O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es
ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein
Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in
seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der
Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt
hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze
einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe
schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf
ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut
mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch
zittert der allmächtige Stoß. -- Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir
theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?

_Omar._ Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles
Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?

_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken
Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es,
Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und
ich werde sie nicht vermissen.

_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne
mir ihren Namen.

_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslästerer! -- Setze das Paradies auf
die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne
Bedenken wählen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts,
als sie, -- mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden
Angesichts auf mich herab, -- o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben
gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!

_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_

_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du
die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als
ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen
Betrug?

_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor
zu schwingen?

_Abdallah._ O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! -- Der
Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.

_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen
reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit
vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.

_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du
nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für
mich?

_Omar._ Und wenn ich ihn hätte?

_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer
nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!

_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren --

_Abdallah._ Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken
beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen,
ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch
hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch
die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung
steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und
ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!

Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen
durchschauten wild den Jüngling, -- heut in der Nacht will ich dich
wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.

Unglücklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen
Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken,
und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hängt an dem Worte
_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den
Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir?
-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es
kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur
gewinnen.

Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke
plötzlich überraschte.

Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines
Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung
breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht
das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am
Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und
die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir
in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu
machen. -- Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und
hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
mir den Rückweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! --

Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien
weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen.
-- So träumte und dachte er bis zum Abend.



_Achtes Kapitel._

Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt
verließen.

Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen
unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der
schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein
Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die
Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen
Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt
die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und
ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen
schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille
begann _Omar_:

Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen
über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie
fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um
uns her wälzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich
zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar,
der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren
Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie
ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.

Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar,
sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines
unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in
die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl
erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer
bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist
fürchterlich!

_Omar._ Fürchterlich?

_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so
einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie
ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare
Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.

_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen;
so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das
einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, -- o dann ist mir, als
stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne
unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft,
als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung
stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch
das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah,
eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne
Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier
tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen;
der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt
nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze,
die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem
Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im
ewigen Schwung sich drehen.

_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt
und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und
sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines
Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so
armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser
Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in
diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf
der Erde kaum bemerkt. --

_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der _Welt_?
-- Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück,
-- diese Welt, -- o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken
dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem
Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und
die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an
die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher
und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in
jeder Hand hält sie tausend Welten.

_Abdallah._ Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die
Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin
ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?

_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen
Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir
diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so
lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.

_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir
verstehen ihr Winken nicht.

_Omar._ Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom
Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle
ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. -- Du wirst
Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich
freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- für uns
sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lächeln vielleicht eben
so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug
scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
erste Sonnenstrahl aufküßt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub
in der Ewigkeit.

_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth
emportaucht und im Auftauchen zerspringt.

_Omar._ Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur
wie ein Augenblick.« -- Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der
Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit
Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre
Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen
zur Verzweiflung bringen könnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder
nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, -- wenn wir sie
nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts
als Knochen und verächtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen
fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge,
und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.

_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe!

_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt,
der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus
Würmern ward und wieder zu Würmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem
verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit
hineinschreibt.

_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des
Ewigen sollte ihre Weisheit sein.

_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie
können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige
Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und
untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht,
aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte,
-- dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_.

_Abdallah._ Der blöden Thoren!

_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie
uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis
zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten
wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es
ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, -- sie ziehn
vorüber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich,
als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken
flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.

_Abdallah._ O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft
fordern!

_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend
Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- daß er
dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins
herabstürzte?

_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor
mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind
ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts
als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die
unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen.
-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe
austauschen möchte!

_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen
fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren
Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über
die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo
der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein
Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf
die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder
nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick
gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?

_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.

_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete
nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch
ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie
ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr,
sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen
Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die
Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der
Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist
Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn
zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie
glaubten und die Natur gehorchte ihnen.

Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du
Zulma noch?

Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht,
Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_
freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich
gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für
ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder
und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen
und sehe sie nicht.

_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?

_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.

_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende
Vertraulichkeit?

_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren
haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken
nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich
nicht.

_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er
laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief
in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind
die Gesetze der Welt unterthänig!

Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie?
-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir
hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend
Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah
spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich!

_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst
es nur bis zu deiner Zulma tragen?

_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch,
laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich
unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen
nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.

Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines
Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem
Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich
noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein
dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich,
sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den
Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige
hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich
dir die Zukunft enthüllen.

Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft
an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der
Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand
Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß
sich wieder.

Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue
Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den
Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.

Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden
-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie
ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend
nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.



_Neuntes Kapitel._


Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er
fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und
nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus
tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?

Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein
umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.

Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie
werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und
sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!

Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._

Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen
seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er:

Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der
zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte
unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging
vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das
Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen
meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und
ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter.
-- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und
Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird.
-- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten
sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten
entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu
neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten
und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die
Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und
plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und
das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur
Verzweiflung. --

Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und
Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um
mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse
Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt
sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der
Weg durch eine Klippe verriegelt.

Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang
fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und
betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte
es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen
leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten
und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen
hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine
große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes
Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger
einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr
das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich
aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich
-- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich
der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht,
dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines
Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die
scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn
hin. --

Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das
schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer
von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den
Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat
mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das
fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand
ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen
auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer
ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte
mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt
und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich
schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen
und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue
Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück.
-- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd
niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur
Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander
riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung
und dem Lichte entgegen und dankte.

Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie
er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich
verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast
du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf
ewig verschlossen!

Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange
und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur
meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?

Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete
_Omar._

Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.



_Zehntes Kapitel._


Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält
und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und
seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh
sein Gemach verlassen.

Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte
umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte
sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild
entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges
übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht
zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer
entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen
und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an;
alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung,
die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen
Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für
eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die
Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm
auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen
eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu
leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er
wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten,
nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest
verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden
auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht
rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren
Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der
starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.

»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des
Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter
mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt
bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich
nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach,
ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott
-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die
wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_«

Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in
Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus
der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und
Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja
ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er
konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die
Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit!

Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als
wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite
Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte
als ich. --

Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar,
was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit
kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen
Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir
aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern
Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht
wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der
Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.

_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und
rette dich.

_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte
spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war
ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles
wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit
der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich
liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und
läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du
stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der
Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.

_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich
war, bleibe auch du derselbe.

_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name
da, alles übrige gehört den bösen Geistern.

_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser
Nacht.

_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh
den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.

Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische
Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht
in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der
Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der
schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser
Ring an meinem Finger.

_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch
verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. --
Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich
zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück
ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf
die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir
das?

_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?

Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn
ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir
ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder
noch unglücklicher als itzt!

Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung
los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht
verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich
Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.

Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit
schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte
gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine
Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und
jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens
gehandelt. Höre!

Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.

Zulma liebt dich! rief Omar.

Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit
mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in
diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann
die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O
Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie
liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln --
vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman
schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun
bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O
wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit
stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich
täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher!
In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese
Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte
Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt,
sprich es aus: sie liebt mich nicht!

_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich
sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen
Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung
sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die
hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich
sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt,
ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward
gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem
Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.

_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name
theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar,
wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich
unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.

_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?

_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich
muß, ich muß sie sehen! --

_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die
trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die
Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer,
die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort
am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du
wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner
Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma
allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.

Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen
erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --

Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch
einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so
unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf
und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre
Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte
und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den
zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond
und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer
hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich,
wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut,
und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen
seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm
her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm
untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume,
Wünsche und Gedanken.

_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde
versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und
erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die
Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.

Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede
Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen
unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide
verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur
Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit
unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in
ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.



Zweites Buch.



Erstes Kapitel.


Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen
Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom;
_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit
auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und
wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen,
die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es
war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem
Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich
itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den
Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder
und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere
von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen
Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher
voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen
durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen
herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß
und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die
gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und
nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen
des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.

Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine
grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen
Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. -- Die
alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling
ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit
klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's
losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen
Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften
Gegenstand. -- Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab,
er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah
erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorüberging,
ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und träumend, hoffend und fürchtend
stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und
lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um
ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und
beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen
Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen
Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten
sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's
Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann
wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das
Laub der Bäume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mächtig
auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern,
-- itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:

            Mondschein winke,
            Welle locke
            Den Geliebten
            In die Fluth. --

      Und der Mond winkt,
      Und die Welle lockt, --
      Kömmt der Geliebte
      Durch die goldnen Fluthen?

  Sprich aus deiner hohen Palme,
  Holde Sängerin der Nacht:
  Kömmt er durch Wellengelispel?
  Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?

      Steht er silbern unter goldnen Schimmern,
      Die in lichten Kreisen um ihn zucken,
      Um die Locken eine Strahlenkrone weben?
      Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:

            Wie ich harre,
            Auf ihn hoffe,
            Und die holde Nacht
            Neben mir schlummert. --

Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden.
Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit
ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel
umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute
und sang:

    Sonne der Nacht!
  Himmel meiner Seele!
    Reizgeschmückte,
    Schönheitgekrönte,
  Ich nahe deiner Gottheit!

Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst
die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der
Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er
leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen
Sprunge stand er dann in dem Garten.

Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume
schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen
und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich
ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit großem Schritt durch den
Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden
dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen
Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen
Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. --

Zulma beugte sich schüchtern über ihn. -- Abdallah! flüsterte sie leise,
-- Abdallah!

Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.

Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.

Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der
kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf
_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen
bestochen sein.

Zulma faßte seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön
sind Träume nicht.

_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das
hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es
muß Wahrheit sein.

Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Blätter säuselten,
die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen
Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.

_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn!
-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm,
kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.

_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glücklich machst
du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft
vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster
erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun
sind alle meine Wünsche erfüllt!

_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder
erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde
sein! -- O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß
mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!

Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. -- Zulma
beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb
von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich
wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.

O laß mich schwören! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der
Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel
mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, --

Zulma ergriff seine Hand. -- Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring,
-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.

Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden
furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er
verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.

Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein
heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines
Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein!

_Zulma._ Auf ewig?

_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum würde sich alles so
wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O
das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu
machen; ich werde glücklich sein!

_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah.

_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du
mehr?

Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel
glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das
Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen
sich in der hohen Entzückung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein
Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte
mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.

Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir müssen scheiden, sagte
Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann
sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst.
Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das
Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der
Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine
Laute gerufen hat. -- Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust
und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. --

Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:

  Walle sanft auf stillen Wellen,
  Dich geleitet meine Seele
  Säuselnd durch die blaue Fluth.

Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:

  Doch bei dir weilt meine Seele;
  Wie die abgerißne Blume
  Schwimm' ich durch die blaue Fluth.

Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. -- Der Nachen landete.

Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle
waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt
nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde
ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten
blickte. -- Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander
strömten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus
seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo
Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im
Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.

Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand
griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.

Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. -- Der
Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle
gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt
mir wild und zähnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt
sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg!
hinweg! --

Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm
»Abdallah!« rief.

Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg
von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.

Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.

Dein Freund, antwortete der Greis. --

Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte
ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der
Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt
sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. --

Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern.

Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.

Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet!

Gerettet? rief Abdallah aus.

Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines
Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gütig auf,
der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich
mit ihren giftigen Knoten umstrickt.

Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine
Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.

Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein
heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück.

Der Greis verschwand wieder in den Felsen. --

Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde
heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken
langsam zur Stadt zurück.

Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn
durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen
Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.



Zweites Kapitel.


Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast
Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu
gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausführung
unsers großen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen,
es sei. -- Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer
Unternehmung die Hand.

Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert,
zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude
und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten
vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen
ihren Anschlag gegründet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in
dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage,
einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen
und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die
Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen
waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der
Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.

Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf,
schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre
Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große
Wurf gewagt werde?

Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an
die Mauer.

Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!

Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die
Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und
handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war fürchterlich, ein
kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt
ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in
die Kindheit zurückgeführt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und
aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das
mein Blut in Eis verwandelte? -- Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein
Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen
winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus
mit Leichen angefüllt. -- Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister
mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen
schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in
sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals
bereit. --

Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von
Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das
Dach des Pallastes. --

Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem
herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal
entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir
auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück
seine holden Zeichen entgegensendet. --

Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:

Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart
angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht,
und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen
Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen
gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth
vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der
Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte
Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie
enträthseln _wollen_, heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine
Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große
Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen
warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen
müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu
zittern? -- Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die
Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen
nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so
sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich.
-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln
Ahndung der Gefahr zurückzittert? -- Kein so begünstigender Tag als
der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist
es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber
aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben
benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen
Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir
erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen
Erwartungen zu leben.

Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten
seinem Beispiel. -- Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den
Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle
warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.



Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh,
drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen
die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen
Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert
Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht
wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben
dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren
ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen,
seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten
wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten
überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die
Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.

Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die
Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine
knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte
Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man
von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Blätter lese? Oder
sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann
meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden
Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel!
was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm
ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir,
-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab
-- und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er
nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht
unendlich ersetzen könnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar
sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken
soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in
dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß
kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst
einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren,
mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst
verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter
lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher
an dir zu hangen.

Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:

       *       *       *       *       *

Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und
jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte
zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe
sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen,
durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der
ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten
dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete,
was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die
edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach
erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der
Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum,
das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit
Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern,
diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. --

Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur
Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten
sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du
stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel,
von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch
von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen
Nachsinnen stehst. --

Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten
Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar
die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf
der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens
hinaufklimmst, -- o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen
und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen
Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen
-- und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Könntest
du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest
da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist
unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums
dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem
zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein
Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen
Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer
ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des
Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der
Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen
schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt
vom Himmel herabsteigen zu sehen.

Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen?
Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein
Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als
ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel
entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen
und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten,
wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie,
wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große
Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht
sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den
Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu
Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große
Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein
gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.

Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne
dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über
die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,
die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten
und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze
verschmachten will. --

Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein
achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des
Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. -- Seit meiner
Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren
und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling
schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine
gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein
Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche
durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die Schwäche
_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten
Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus,
und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung,
ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum
Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch
meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich
mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung
geläugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dämonen zu
glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der
Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt
lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich
hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu
liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche
möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege
durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.

Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weise _Achmed_, der
die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab,
mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die
Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen
und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm
mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich
durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine
Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die
zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen
Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. -- _Omar_ war wie ich ein
Schüler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in
den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir mußten beide dem edeln Achmed
mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude
zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und
so dem Ewigen ähnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt
war die unsrige.

Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der
Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth
sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen,
ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich
die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der
menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift
höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß
sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die
Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet
hat -- und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine
eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir
durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine
Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nur _einen_
Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.

Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte
nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen
einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund
und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.

Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem
Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt
und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und
der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte
ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem
Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise
setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.

Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier
wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst
und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. -- Er eilte in
meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir
erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:

»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich
herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer
Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins
raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«

Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah
schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar
fuhr also fort:

»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des
weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum
unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir
Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter
Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds
Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen,
denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne,
hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich
eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«

»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie
Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern
Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des
Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein
Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich
-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher
wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg
ewig unmöglich zu machen.«

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine
Rede. -- Mein Freund fuhr fort:

»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen
die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß
sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt
und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern
streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden
ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit
entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig,
ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt
sei. -- Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist
gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste
der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den
Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe,
denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er
ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von
gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein
Name war die Loosung zum Schrecken.«

»_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen,
hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben
finden. -- Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die
hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften
Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt
vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern
und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche
Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer
und kühner aufgethürmt.«

»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die
unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren
Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das
Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten
winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll
nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen
hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe
gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit
zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß
auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich
setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die
Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die
Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder
angewinkt zu werden.«

»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher
die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich
erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen.
-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser
wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier
eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und
unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere.
-- Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine
meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt
zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon
vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« --

»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen
zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch,
erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod
seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und
dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete
mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle
gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz
und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«

»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das
rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder
brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein
verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste,
kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen
grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier
selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften
Stille.«

»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste
Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber
fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten
Schlünden.«

»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen?
fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch
darf ich selber über meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der
Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle
bleibt den Unbefriedigten übrig, -- ich kann nicht anders, ich würde
nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: -- und zugleich stieg ich
in das fürchterliche Thal hinab.«

»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den
unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.

»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. -- In einer halb dunkeln Grotte saß ein
Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem
Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine
Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen
sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen,
um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich
bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht,
die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften
Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen
aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit
Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«

»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem;
sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten,
von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«

»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift!
Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das
Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude
suchen.«

»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der
meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«

»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze
hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es
gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele
und Schauder mir die Zeit verkürzen. -- Was suchst du hier?« --

»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme
mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und
vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«

»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in
ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verläugnest
die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst.
_Ein_ Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen
zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht
tödtet!«

»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine
Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«

»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so
kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet
werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst
du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du
ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, -- so hat es der
Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wenn
_Vernichtung_ möglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und
beherrschten -- o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« --

»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. -- Voll Frechheit kömmst du hierher,
sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem
meinigen nähern könne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht
verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken,
die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist
verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«

»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das
mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein
Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner
Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als
deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne
Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«

»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen!
Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht
erfüllen.«

»Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur reiß mich aus diesem peinvollen
Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch
dafür verabscheuen!« --

»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der
Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und
Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht
zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von
ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,
_meine_ Freude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie
in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn,
dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das
Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre
Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte
schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann
ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang
dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du
mein!«

»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«

»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung,
jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund
des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie
sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem
großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge
sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum
Greise wird.« --

Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. -- »Und du schwurst den Eid?«
rief ich erschrocken aus. --

»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war
ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte
bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« --

»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken
waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine
vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren
ehern, mein Busen Diamant.«

»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche
segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen
entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten
das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit
hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem
Leben auf der dürren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück,
die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein
ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend
Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd,
so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt,
die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind,
ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit
ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit
wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann
sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu
enthüllen strebe.«

»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht
um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören.
Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde
entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt
reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen
und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die
Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in
ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß
der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine
Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine
Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich
mußte ihn _strafen_.« --

»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er
war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber
ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er
endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des
Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und
tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_;
Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem
kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur
noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. -- Ich ging unter
den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte
liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden
Menschengedanken von mir zurück, -- so fand ich den armen, vormals
glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da
flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den
entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick
vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in
den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz
finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab'
ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich
ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht,
wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«

»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück,
ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. -- Mondal trat
mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem
Hohnlächeln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen
war so frech -- und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm
ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er
spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung,
die donnernd wieder zusammensprang.« --

»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich
am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen
bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte
Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer
von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des
Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und
schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen.
Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von
Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid
um mich her. -- So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten
dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen
flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich
herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den
unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerührt, oder der alten
Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust
bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und
neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer
schweren Bedingung geb' ich dich frei.« -- -- -- --

Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes
Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestürzt eilte er an's Fenster
-- und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. --



Viertes Kapitel.


Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze
entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit
der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit
entblößtem Säbel stürzte er hinaus.

Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven
wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die
Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen
Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der
Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen,
einige Sklaven flohen, andre stürzten todt nieder, -- und itzt sahe
Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.

Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine
blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht,
die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und
ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund
_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wüthend, -- auch du bist mit meinem
Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und
gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh'
er lebt noch.

Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit
einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem
Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem
Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid
Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so
brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der
Stadt.

Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken
schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus
seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.

Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen
Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah
verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich
nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt?
-- Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest,
denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. --

Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach
und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit
geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr
seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus,
-- o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel
herausriß und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, daß dein
Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir
durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht,
-- ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!

Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf
ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum
hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste
Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein großes Spiel
gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus
-- und das Schicksal rief _Selim_!

Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.

O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich
weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. -- O warum kann ich nicht der
verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?
Er ist freier und glücklicher als ich! --

Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn
auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er
ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde
fürchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu
einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. --

Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis,
sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu
spät und findet nur noch meine Schande. -- O dürft' ich eure verhaßten
Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute!
-- Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht
und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen
Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute
triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner
älteren Weisheit nicht traute. --

So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines
Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich
gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und
mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt
werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor
seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so
unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren
anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem
heutigen. --

Er ging getröstet weiter.



Fünftes Kapitel.


In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten
verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten
Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein
dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines
ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen,
um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz
zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein
Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert
Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen
Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt
den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen
Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in
einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur
mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. --

Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen
durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt
und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan,
Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die
Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den
benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber.
Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker
Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.

Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf
ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nähe rieselte eine Quelle vom
Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank
für seinen entkräfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o
daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner
Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger
Dankbarkeit verehre.

Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater,
ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei,
was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig
aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so
tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit
lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen,
alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber
auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. -- Der Himmel selber
wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück.
-- Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's
Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. -- Ich
wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß
sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen
Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der
Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit
Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel
bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier
verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, -- o wenn nur
_Omar_ zurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte
Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist,
ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist
kein Trost für mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig
bleiben, als mich in mein Grab zu legen.

Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß
über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die
Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas
über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters
und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim
umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz
ausgegossen. -- Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne
und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände.
Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich
durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß
sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften
Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und
schien auf das Athemholen Selims zu horchen.



Sechstes Kapitel.


Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe
plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte
immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines
Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer
kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein
Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die
Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele
zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte
ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so
gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. -- Omar! sprach er leise zu
sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist
wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu
ihm hinaufkämpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren,
mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum
Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich
seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung
vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine
Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr
Wesen zu verändern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele
durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner
Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht
Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein
Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe,
Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor
ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln
an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus
der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen
Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich
dann in einen Abgrund zu zerschmettern.

Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst
meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war!
-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir
auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit
sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte
so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die
Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir
einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus
der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner
Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst
am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann?
-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten
dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und
schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so
fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich
in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als
diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl
verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?
-- Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben
herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? -- Nein,
nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann
nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! --

Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern
Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken
schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den
Namen _Omar._

Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der
Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann
und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer
Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den
alten _Nadir_ hin, der mir die Blätter reicht. -- Nein, es ist kein
Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist
und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die
Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind
verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in
tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde!
-- Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke
knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend
Verderben brütet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist
die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien
mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll,
nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles
weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir
übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.

Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige
Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus
seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, -- zurück, zurück von
meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als
ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du
Betrüger dein Herz gelassen? --

Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze
Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger
Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist
noch übrig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja,
der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch
dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals
fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit
zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch
geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. --

Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter
wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise
auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er
schnell das Zimmer. --

Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der
wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken.
-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne
weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde.
-- Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche,
flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein,
wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die
Heerstraße. --

Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der
Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich
leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger
Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne
sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen
schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den
Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer
»Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als
sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan
hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterniß
warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im
kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern
blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf
traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in
tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks.
Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.

Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem
Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim
mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so
fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.

Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben
getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine
Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.

Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann,
er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben,
so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.

Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und
ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die
Strafe Ali's verdient.

Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie
hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah
hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast
seines Vaters.

Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe.
Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen
Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der
Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem
Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich.
Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des
Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals
Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer.
-- Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher
und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. -- Wie? -- rief er aus,
-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht
einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe
Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit
rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?

Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine
Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem
Augenblicke ab, -- jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu
dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und
unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß
stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte
seine Hand darnach aus, -- es waren die erwünschten fürchterlichen
Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen
hatte. --



Siebentes Kapitel.


Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen
durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte,
trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen
und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln
hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch
die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein
einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine
Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie
unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte
lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige
Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung
Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die
tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte
Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche
und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,
aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter
Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf,
aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung
einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.

Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht
entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück
und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn
kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.

Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen,
ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte
fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen.
-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth
gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, daß durch
meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich
dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert?

Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! --

Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wüthet, wie er noch nie
gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater
lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,
dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden
Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige
Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen
Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie
durch Selims Tod wird gesättigt werden können. -- Dein Haus wird zerstört
werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim,
denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem
Sultan verrathen würde.

Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen
Hütte zurück. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel
der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes,
als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde
der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. -- Ich habe dich schon
vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du
hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner
Hoffnung trauen. --

Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.

Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte
zurückgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen
Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich
mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch
hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber
ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine
Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen
tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer
Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten.
Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,
noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an
diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen;
wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen
werfen.

Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin
noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese
Welt zurückhalten.

Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet,
selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,
er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es
war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu
verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett
seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
Zimmer gefunden hatte.

Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg
aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren
Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf
durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem
Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle
Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,
sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese
Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen
Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:

       *       *       *       *       *

-- -- -- -- -- »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung
überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.
-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung
geb' ich dich frei.«

»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm
mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das
Unmögliche möglich machen!« --

»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der
wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne
Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch
neben mir.«

»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das
gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann
dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That söhnt
dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche
deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt.
Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen,
die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich
wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten
und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft
soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. -- Geh zurück und lies dir
einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich
deine Rechenschaft.«

Ich ging. -- Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine
Quaalen bezahlen. -- »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme,
-- »dort liegt mein Unterpfand!«

Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen
hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit
tausend Armen zurückgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach
langem Stillschweigen aus. --

»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich
von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache
sättige.«

Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir
alles zu sagen. -- Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,
du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte
zusammenstürzen will!

»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, -- »o hab' ich mich an der Menschheit
wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar
zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als
dein Freund?« --

Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen
Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!

Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir
rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert
Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns
durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große
glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben
der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich
mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und
Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.

Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und
wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.

Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,
die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich
her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe
allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die
Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft
gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn
entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen
wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine
Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie
eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den
unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!
Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle
Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine
blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine
heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde
zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß
endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck;
ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth;
bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir
dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt
noch für die Tugend.

Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich
gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche
diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter
Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das
dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt
gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und
es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen
glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei
wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des
Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet,
diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere
Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht
da. -- Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron
der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft,
dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts
halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß
dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der
Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel
gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein
Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das
innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt
hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über
die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der
Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl,
das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch
dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne
Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch
der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater
sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir
ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen
tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
untersinkst.

Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe
nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand
deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst
nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein
Glück und Unglück scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner
Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese
Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber
vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse
des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich
in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine
Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters
hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir
bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem Freund
_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,
voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am
sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen
Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben
wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit
flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die
Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen
entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück.
-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze
Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne
nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem
dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger
entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die
bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thräne
endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor
deinem eigenen Schatten zurückstürzest? -- Verehre den Schöpfer und
seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma
nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten
Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang
wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer
meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem
Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig
irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt,
du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen
Gebäude nicht um Rath befragte.

Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so
komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein
Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich
werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch
nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch
da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen,
um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben,
mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer
ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es
sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen
sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich
dich.

Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an
Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der
der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band
zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder
zu.

Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im
Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun
Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich
beten.



Achtes Kapitel.


Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah
noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend
wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt
endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit
der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte
ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt
und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob
sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle
zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser
und leiser flüsterte es um Abdallah her.

Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die
Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen
Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser
Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand
erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so
fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen,
die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es,
als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und
doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar,
fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder.
Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der
Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren.
Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal
verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes
voriges Leben! --

Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein
Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, -- ein Gedanke überraschte
ihn. --

Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen,
das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst
vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser
Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften
Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will
ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen?
Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres
Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum
Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die
Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit
meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche
begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling
will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber
wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann
mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie
ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? -- Ich will hinaus und das
Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser
Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu
verschlingen drohen.

Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den
Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über
der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf
ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe
Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter
zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte
sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich
die Heerstraße und das enge Thal.

Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o
glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von
einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann,
Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und
so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir
fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen
entgegenrauschen?

Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen,
rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte.
-- Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!

Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber
laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere
Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts
verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist
du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich
und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das
ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen,
denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn
du zitterst, oder sie muthig verachtest. --

O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein
Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei
mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und
mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. --

Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Plötzlich
sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten
unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das
Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher
Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein
betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie
ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein
scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte
wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen
und verflogen wie sinkende Sterne.

Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht
täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen
Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so
seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so
vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles
ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann,
ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran
vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir
nicht schaden. --

Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück entschieden? --

Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf;
gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so
kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt
dir deine verlorne Ruhe wieder. --

Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem
Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. --

Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest
du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge
dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen
sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen
könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein
falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück
abgewönne.

Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du
traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir
dieser Ring. -- O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! -- Itzt lebe
wohl. --

Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.



Neuntes Kapitel.


Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring
vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der
Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah
ging mit langsamen Schritten vorwärts.

Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es
ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die
Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage
durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze,
undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen,
war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die
Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene
unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe
den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er
laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.

Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die
Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte
Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken
nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes
unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. -- Er athmete
bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie
ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf
dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte
es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so
einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das
erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang
ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues
Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das
bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte
mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich
durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre
nahe, ihn zu trösten. --

In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere,
als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht
entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in
hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht
sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um
die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher,
das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er
deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller
von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem
ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse
vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom
floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das
Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden
Tönen nach.

Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer,
und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen
in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und
wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig
sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend
und klagend weiter. --

Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr
zusammen. -- Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem
benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück,
das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe
wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurück_ führt
es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab,
um es wieder aufwärts zu tragen. --

Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese
Worte geschrieben:

    »Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter
    dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der
    Pfad der Rettung. -- Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen,
    so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter
    der Thür.«

Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den
hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn
hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling
staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten
wimmelte um ihn her. -- Er ging über den gepflasterten Hof, jeder
Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die
Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles
stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu
öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das
Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie
ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch
viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür
und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.

Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der
Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich
umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein
Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust
herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem
Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. --

Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den
schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn
zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im
Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und
Anbetung in seine Augen drängten.

Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel
vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein
Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe
und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf
Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von
wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der
letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu
schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell,
der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer
zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den
entzückenden Melodieen.

Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer
größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt
der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges
auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von
neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen
Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich,
er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich öffnete er die Augen,
es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen
Rauch bricht.

Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und
erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das
ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den
Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die
große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?

Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich
fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich
gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit
aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will
dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen,
um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will
ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich
dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in
die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.

Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien
ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen
ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig
seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.

Tugend? rief er geängstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem
die Menschheit so ungestüm sich drängt? -- Wo ist der Grund, auf dem der
Thron der Gottheit ruht? --

Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißt _Genuß_!
-- Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz
in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und
nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er
vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen
Waage abwägen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und
träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der
eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den
Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht
verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. -- -- Ein
Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu
brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die
Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück,
woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder
bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.

Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der
Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben
ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am
Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen,
sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen
wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt
wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.

Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens,
tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die
Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt
nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?

Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine
Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen
glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. -- Ein Grinsen
fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem
bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen.
Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt
wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. --

Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die
Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist
zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne
Hand aus, -- alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in
der Schöpfung!

Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater
wirft sich deinem Glück entgegen, -- Vatermörder! Stoß ihn nieder und
sei mir gegrüßt! --

Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit
zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich
über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß
benetzte seine Stirn.

Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer
und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster
Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. -- Er kam an eine
Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. -- O es
ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und
zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen.

Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder
wieder zurück. -- In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm
und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten
tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf
zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in
wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie
rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen
zitterten. -- Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und
riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte
ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn
der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die
Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher
Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit
fürchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine
schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen;
eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deine _Zulma_
steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen
stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an,
alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine
lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit
lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem
Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. --



Zehntes Kapitel.


Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen
durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten.
Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte
traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm
zu.

Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten
gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten,
er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden
Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.

Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im
Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem
Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück,
die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem gräßlichen Thor
angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in
Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste
hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- Über
welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung
streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt
und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im
Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine
Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart,
um eine Hölle hier aufzubauen.

Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt,
von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden
Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie
von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen
den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der
zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf
Klippen zerspringt:

  Wir sind des großen Hauses
  Gewaltge Wächter. --
  Das Thor ist Verzweiflung,
  Der Eingang Wahnsinn,
  Jammergeschrei,
  Schaudergebrüll
  Sind die jauchzenden
  Wonnegesänge,
  Die aus der Wohnung
  Dem Fremdling tönen. --
  Ewig! Ewig!
  Sieht der Gequälte
  Marterzermalmte
  Mit schwerem Ächzen
  Nach der letzten Quaal.
  Aber sie kömmt nicht,
  Aber sie naht nicht,
  Nimmergesättigt
  Knirscht der grausame Zahn
  An ihren Gebeinen. --

Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges.
Abdallah kam näher. --

Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen
Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen
gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des
Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr
weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften
flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten
Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus
und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte
Gesang hervor.

Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in
einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. --

  Vatermörder!
  Auf des Vaters Leichnam
  Tritt in das Heiligthum der Schauder! --

so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen
näher.

Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit
geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. -- Er
schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr
ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern
verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn
durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser
Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang
und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch
die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte
ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. --

Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen
schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre
Schädel über die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefühle stand er
da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem
dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her,
-- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.

       *       *       *       *       *



Drittes Buch.

Erstes Kapitel.


Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er
öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten
Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte
die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an,
es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. -- Der
Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl
schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch
das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen,
denn _Omar_ saß neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es
wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien
ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste
von allen.

Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars
freundliche Stimme.

Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder.
-- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme,
-- o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie
finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. --

Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit
plötzlichem Schrecken zurück. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum
sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner
Stimme?

Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und
ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den
Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternächtliche
Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung,
taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_!

Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei
meiner Zurückkunft giebt?

Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen
Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und
verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein
Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge
zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht.

Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach
er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein
großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief
gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß
nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen
Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder,
die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich
selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück,
bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das
dich wieder unter die Menschen einschreibt.

Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Träume sprechen noch aus dir;
nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich
Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?

Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen
Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese
Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine
Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. -- O
alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen
Diamant in der Finsterniß schenkte.

_Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder
hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat
jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner
zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel
verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das
Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden
keimt? -- o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein
Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe
anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab'
ich keine Freude mehr, als das Grab. --

_Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich
selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht
wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O
allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig
zurückwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach,
vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer
leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen
Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst
verspottet.

Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu
Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben,
wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast,
unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit
dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur
schwer zu Boden ringen.

Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht
gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schloß er
seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen
Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem
Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit
täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte,
-- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird
sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam
meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die
Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft
vorübergezogen ist.

_Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese
Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden
gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges
zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher
und fand dich schlafend.

_Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?

_Omar._ Beim Propheten!

_Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die
wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. -- Was sind alle
meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr
in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder
zurechtweisen läßt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich
gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie
eine Schlange meinen Händen entschlüpft? -- Woran soll ich dann nicht
zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß
ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer
stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf
diese bedenkliche Behauptung schwören! -- Welchen Gehalt hat dann der
Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze
erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und
glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht
sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in
die dämmerungsvolle Grube fährt.

_Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis
der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist,
den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum
willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu
gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so
lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?

_Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem
Schicksal!

_Omar._ Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd'
ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so
genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten.
-- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel
dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du über neue, dir
unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne
mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein
Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer könnte Omar hassen, da _du_ ihn
liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist
eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon
seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt
bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah,
warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in
mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den
Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese
Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen
Jünglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes,
kaltes Wesen dafür zurückzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit
geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer
ich bin. -- Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du
staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du
erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun
deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn
ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine
verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem
Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. -- Ich nehme Abschied von dir
und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden
würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser
Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für
Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind
Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der
dich unglücklich machen will. -- Du kömmst in Gedanken zurück, du bist
nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf
und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. -- Nadir
will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Großes,
Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem
Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so
entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen
glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir
Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung
schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen
vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der
Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße
Versprechungen an sich und du schläfst ein. -- Schwarze Traumgestalten
nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen
in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer,
Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen
dich mit höllischen Gesängen. -- In diesem Traume finde ich dich, von
meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das
ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft'
ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden,
daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah
mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem
alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. -- Ja Abdallah, du mußt mir es
glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich!
-- Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet
und dürstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich
ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in
mein Grab einschließen, -- o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges
Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück;
willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam
und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das
wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser
innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir
ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein!

Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die
Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen
redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe
geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er
laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen
auseinander reissen!

Selim erwachte. -- Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in
dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich
nicht wecken wollten.

_Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine
schwere Hand gegen dich ausgestreckt.

_Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine
Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung
halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel,
meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?

_Omar._ Ich sehe nichts. --

_Selim._ O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich
verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fängt mein Unglück
an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab
gegeben, auf dem ich mich stützte, -- aber itzt wird mir das Leben eine
Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk
ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. -- In
dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der
Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach
und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten
emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch
einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft
umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die
das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?

_Omar._ Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.

_Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber
ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück und
_selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel,
-- o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist
glücklich.

_Omar._ Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit
erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. --

Abdallah verließ das Zimmer.



Zweites Kapitel.


In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des
Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir
zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer
Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem
Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen:
denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige
Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle
Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und
ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist
richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner
Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen
Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.

Mein Vater wünscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge
schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe,
herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. -- Das
Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf
jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe
plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der
Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und
zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter
goldnen Flammen auf, -- das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und
der Geliebten wählen, -- o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Es
_muß_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann
den Eigensinn des Schicksals brechen?

Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen
und stand itzt auf der Landstraße. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen
lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne,
er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei
sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an
die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in
die Stadt hinein.

Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß
Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm
selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken
reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen
Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn
unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer
geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu
lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen,
alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts
sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.

Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen
nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte
verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum
aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend
zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer
ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe
nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum
gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das
Sinnbild der Furcht. --

Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines
Vaters. -- Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so
unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie
verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und
Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers
auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf
denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich
noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das
bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen
hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt
hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er
sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken
seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und
bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den
schönsten Freuden genährt hatte.

Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das
laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und
Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch,
nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hören.
-- Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem
Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß
und dann laut ausrief:

     »Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den
     Verräther _Selim_ lebendig in die Hände des Sultan's liefern
     würde, seine berühmte, schöne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafür
     zum Lohn erhalten solle.«

Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lärmte vorüber. --

Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die Stadt, träumend wie ein
Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen
sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betäubt und
ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, das wüthend durch seine
Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu
verderben: -- so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte im
Walde zurück.



Drittes Kapitel.


Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein
Auge starrte in die Finsterniß hinaus. Gräßlichkeiten zogen durch seinen
Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit Sehnsucht
den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwärzer,
oft schleppten seine heißen Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten
hinter sich, oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine Wünsche
nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermüdet
gegen einander kämpften.

Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden Seele starben
alle seine Wünsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schloß er in der
Ermattung mit sich selbst einen Frieden.

Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dämmerung des
Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verließ
die Hütte. Er ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete die
frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefühle von sich
abwälzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drückten,
aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des
Tageslichtes wagte sich hinein.

Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab;
Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wüste seiner
Seele thun zu lassen.

Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hört'
ich dich seufzen. -- Was ist dir, mein Abdallah?

Abdallah schwieg noch. -- Nein, rief er plötzlich, -- meine Seele ist
zu schwach für diesen ewigen Streit! -- die menschliche Natur erliegt
dieser Gewalt, ich bin endlich müde und will mich selbst besiegt zu
Boden werfen. -- Er ergriff Omar's Hand. -- Ja, Omar, höre das Gelübde,
das ich vor dir ablegen will, -- ich will, ich muß Zulma entsagen, mein
Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den
Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige
Nothwendigkeit. --

_Omar._ Und was hat dich zu diesem Entschluß gebracht, der dir alle
deine Hoffnungen kostet?

_Abdallah._ Meine Menschheit, -- o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten,
was ich besitze, vielleicht weit über ihren Werth, denn ohne Zulma ist
mir die Welt ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig,
das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre
Schmerzen bleiben mir auf immer zurück.

Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn
habe. -- Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht
schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer
durch Zuckungen auf, -- o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen,
das sein Elend mit dem meinigen messen könnte?

_Omar._ Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?

_Abdallah._ Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres
Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch
bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's
Füßen schwur. -- Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit
meinem Elend will ich in die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit
meinen Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen
meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. -- Ja, Omar,
dieses Glück ist mir noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir
nicht kann genommen werden.

_Omar._ Auch nicht durch deines Vaters Gebot? -- Er will, du sollst der
Gemal _Roxanens_ werden.

_Abdallah._ Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer
bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja
mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma _kann_ nicht
meine Gattin werden, und Roxane _soll_ es nicht. --

_Omar._ Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen
glücklich sein? --

_Abdallah._ Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich
es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt
zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und
die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. --

_Omar._ Wenn aber dein Vater auch zu _diesem_ Glück nicht seine
Einwilligung gäbe?

_Abdallah._ O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam.
-- Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges
Versprechen erlassen. -- Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige
Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft,
ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der
Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann
zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst.
-- Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns
nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber
kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und
geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn
an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns
freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir,
daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem
Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen.
-- Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen
meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine
Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast
du erstickt, -- nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück,
unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein,
was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf
ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja,
Omar, ich gehe zu meinem Vater.

Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht,
und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen
Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. -- Nein, sagte
er leise, -- jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen,
sind verflucht, -- Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu
verabscheuen? -- diesen Greis, der mein Vater ist, -- diesen, -- nein,
ich mag es mir selber nicht gestehn. -- Nein, dazu bin ich nicht in
die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte
Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann.
-- Wie sanft er schläft! -- Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! -- Seine
Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, -- als meine
Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und
ich! -- Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, -- meine
Seele findet hier noch einen Ankergrund!

Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. -- Was will mein Sohn?
fragte er.

Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. -- O Vater! rief er aus,
-- kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die
letzte, die er von dir erflehen wird?

_Selim._ Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht
auch gehörte? -- Doch nein, Abdallah, -- mein Vermögen sind Thränen und
Jammer, dies werde dir nicht.

_Abdallah._ Gieb mir deinen Segen, Vater. --

Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.

_Abdallah._ Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, segne mich, wenn
ich dir meine Bitte gesagt habe.

_Selim._ Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen
deines Vaters?

_Abdallah._ O mein Vater! -- Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht
von dir gehaßt wird, -- o so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir
einst drohtest. -- Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. --

Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe
starr auf ihn hin. --

Sie kann nicht? -- fragte er kalt, -- und was hat der Sohn an dem Willen
seines Vaters zu tadeln?

_Abdallah._ O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gütiger
mein Vater, oder ich muß verzweifeln! --

_Selim._ Du verlangst Güte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den
ungehorsamen Sohn soll ich zärtlich sein?

_Abdallah._ Nein, ungehorsam schelte mich nicht, -- kein andres Mädchen
soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. -- Nur widerrufe jenen
Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! --

_Selim._ Ich widerrufe nicht.

Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. -- Vater!
rief er aus, an diesem Fluch hängt das ganze übrige Glück meines Lebens,
meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! -- Widerrufe,
Vater, du sollst, du mußt es, -- o ja und du wirst es auch. --

_Selim._ Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle
Verwünschungen, die ein Vater für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel
herabflehen kann, fallen auf dein Haupt.

Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. -- Du liebst mich, ja,
Vater, -- o wie wenig kostet dich diese Zurücknahme, -- ach! und wüßtest
du, wie viel sie mir gälte!

_Selim._ Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwör' ich
beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! -- Mein Wort kann ich nicht
brechen, das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines Jünglings
zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.

Abdallah warf sich wüthend nieder. -- Du schwörst? rief er heftig.
-- Nun so schwör' ich hier auch beim Grabe des großen Propheten, beim
Himmel und allen seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin
wird! --

Selim stand zornig auf. -- Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig.
-- Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß?
Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf Felsen,
ich wanke nicht in meinem Vorsatz. -- Du hast den Sohn verläugnet, nun
so will ich denn auch den Vater verläugnen! -- Ich werfe meinen Fluch
auf dich hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. -- Alles Unglück
jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht
von dir ab, wenn die Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am
Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner
Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir,
den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert,
von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krämpfen und
Verzuckungen.

_Abdallah._ O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit
der Geburt verflucht, dein Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden.
-- Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung,
die er mir auf die große Reise giebt. -- Wer soll mich segnen, wenn der
Vater mich mit diesen Flüchen verwünscht?

_Selim._ Fort aus meinem Angesicht! _Du_ hast meinem Unglück die Krone
aufgesetzt! -- Du gehörst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick!
hinweg! daß ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!

Er verließ das Zimmer wüthend.

Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der
Verdammniß eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlüssel zur
Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich,
die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt mich nicht entrinnen!
-- Er warf sich ohne Bewußtsein in einen Sessel und Omar trat herein.
-- Er sahe lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte
erhört? fragte er besorgt.

_Abdallah._ Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O!
wann könnte mir auch eine Hoffnung in Erfüllung gehn, wäre sie auch so
armselig, daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! -- Ich darf
nur wünschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. -- Das
Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen.
-- O warum ward ich ein Mensch geschaffen? -- Warum mußte ich hinter dem
Vorhang hervorgestoßen werden, um den Zuschauern zum Gespött zu werden?

_Omar._ Und dein Entschluß?

_Abdallah._ O was kann ich noch wollen? -- Welchen Entschluß kann ich
noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte
mehr für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein Abgesandter
der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter mir ein, jede Scholle, an der
ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, -- was kann ich anders
als mich dem Verderben überlassen?

Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine
Mienen drohten fürchterlich. -- Ha! rief er endlich aus, -- dies ist der
zärtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! -- Worte sind seine Liebe,
unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten!
Kalt läßt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine _Vaterrechte_
behauptet! -- Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! -- Wie kann
er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine
Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! -- Ich kündige ihm
meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auch _ich_,
Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will seinen Namen aus meinem
Gedächtniß reißen! -- Dir auch _dieses_ Glück nicht zu gönnen! -- Diese
Hölle war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere Strafen für
ihn ersonnen. -- Die Liebe sei verwünscht, mit der ich einst sein Freund
war, für dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an
diesem Selim? --

_Abdallah._ O wär' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wär' ich
glücklich! -- Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten
zusammen! Nur für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz.
-- O könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde Selims Eigensinn
bestraft werden können, -- aber, -- es kann, es darf nicht sein!

_Omar._ Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen
Eigensinn gegen deine Liebe. -- Er sollte dir eine Verschreibung werden,
durch die du einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem Mangel
sicherte? -- Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! -- Die
Tugend, die Pflicht, -- o wer kann es alles nennen, was dich von diesem
Gedanken zurückreißt? --

_Abdallah._ O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen
gesättigt. -- Führt mein Pfad zur Hölle, o so ist es besser durch _einen_
kühnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine
Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hülfe schreien würde,
wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton
verbunden. -- Das Entsetzen der Natur wäre in den Abdallah verkleidet,
wenn ich so sehr alles vergessen könnte, was den Menschen zum Menschen
macht.

_Omar._ Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreißen, verachte sie,
nur halte dich treu in ihrer Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit,
ein Mensch zu sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! -- Ja, die
Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen hin und
beschützt ihn unverwundbar, -- aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in
der Nacht, wachend und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters
entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. --

_Abdallah._ O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe --

_Omar._ Ehe?

_Abdallah._ Will ich sterben. --

_Omar._ Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der
hiesigen Freuden geht mit dir. --

_Abdallah._ Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich
tugendhaft. -- Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer
Erdengedanken dringt, -- ach Omar, -- werden mir dann nicht Freuden
begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? -- Kann ich itzt wünschen,
was ich nicht begreifen kann? -- Nur der Thor und der Verzweifelte
tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu
gewinnen.

_Omar._ Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen
würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären,
und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann -- doch zurück von
diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. -- O,
Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?

_Abdallah._ Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden
Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich,
ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt,
kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle
Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den
mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes
Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich,
kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen.

_Omar._ Nicht sein? -- O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken
zurück, -- wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen,
ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und
verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein _Schlaf_, keine Ruhe,
kein _Schlummer_, -- sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig
hinausgestoßen, _da gewesen und nicht mehr_, -- giebt es in der
Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: _nicht da zu sein_?

_Abdallah._ _Nichtsein!_ O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor
dieser Vorstellung, -- Leben und Nichtsein. -- Und wenn ich nun alles
dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere
Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar,
und ich gehe dann unter, auf ewig unter, -- das Wesen, dem ich meine
Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, -- o ist dies etwas
anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben
kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? --

_Omar._ Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, -- aber was willst
du thun?

_Abdallah._ Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu
retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu
erhalten? -- Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten
gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der
Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu
sein. -- Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? -- Mir ist
es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt;
was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft
unauflösbar. -- Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath
zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend
machte? -- Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft
ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. -- Unsre Thaten wandeln oft
über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, -- kann
die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls
büßen? -- Diese That -- o ich mag sie nicht denken, -- warum könnten
ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den
unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? --

_Omar._ Aber den _Vater_, -- dem du das Dasein dankst, -- zwar nicht ein
Dasein voll Freuden --

_Abdallah._ Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm für diese Welt
voll Quaalen danken?

_Omar._ Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir
fordern, denn dann hättest du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu
klagen, über den fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt
hat. -- So lange er dann nicht dein _Leben_ endet, hast du keine Ursach
auf ihn zu zürnen.

_Abdallah._ In eine Hölle hat er mich verwiesen und _dafür_ sollt' ich
ihn lieben?

_Omar._ Er konnte aber nicht vorher wissen, daß dies Leben dir Pein
zubereiten würde, -- freilich, eben so wenig, ob es dich glücklich
machen würde.

_Abdallah._ Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat mich in das Leben
gerufen. -- Wußte mein Vater denn im voraus, daß gerade _ich_, dieser
Abdallah, sein Sohn werden würde? --

_Omar._ Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater
Schutz bei den Gesetzen zu suchen?

_Abdallah._ _Vater, Sohn_, nichts als leere Namen, der Verstand muß sich
nicht vom Geschrei der Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre
Hülle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn
nie in seiner Forschung. -- Nicht wahr, mein Omar?

_Omar._ Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zärtlichen
Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank
vergelten? -- Dankbarkeit ist das große Band, das sich unzertrennlich
durch alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich in seiner
Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knüpft sich Liebe und
Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern
und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht.

_Abdallah._ Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, das mich noch an ihn
gefesselt hält, alle Fäden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist
ihm treu geblieben. --

_Omar._ Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert
kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er
dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter
in die Jünglingsjahre begleitete, -- dafür mußt du ihm danken.

_Abdallah._ Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.

_Omar._ Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach
zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens
entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er
dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, -- er schenkt dir ein
glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen
Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste
verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte,
du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter
gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann
fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der
unbarmherzigen Mauer festgehalten. --

_Abdallah._ O es ist schrecklich! -- Welch ein Recht, welches Gesetz
liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen
zu haben, das er _Sohn_ nennt? -- Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft
umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? -- Der
Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, -- warum soll er sich nicht
freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? -- Ist der
Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen
gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen
soll? -- Selim stirbt, -- und Abdallah schleppt ein langes Leben wie
eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die
Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem
fürchterlichen Gerassel zurück, -- ist dies ein Vater, der seinen Sohn
liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?

_Omar._ Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile,
die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt.

_Abdallah._ Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich
von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll
ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf
nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser
muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen
sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer
Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und
Wellen ein Spiel. -- Und welche Vernunft, -- Omar, ich spreche es aus,
-- welche hält mich zurück? -- -- Sprich, denn ich sehe nichts! --

_Omar._ Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die
jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt
und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der
Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, -- aber eben
dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden
wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren
Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein
und sagt ihnen laut: _genießt_!

_Abdallah._ Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die
unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in
einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das
sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. -- Sein Genuß ist es, warum
er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im
Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt
den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der
Mensch den Menschen. -- Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat
gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der
Ewigkeit verrathen, -- bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen
dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben.

_Omar._ Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein
Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht
zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. -- Helden,
Gesetzgeber, Weise sind _tugendhaft_, weil sie das Band der Gesellschaft
fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies
Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den
Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn
es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam
und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den
Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.

_Abdallah._ O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es
ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären
von Ewigkeit her geschieden. --

_Omar._ Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst
diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, -- o wäre mein
Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! -- _Zulma_
mag es einst versuchen.

_Abdallah._ Zulma? -- O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten
aufrufen dürfen, durch die ich sie dem hartnäckigen Schicksal abränge;
nur diese That führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern
schelten.

_Omar._ Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend
machte? --

_Abdallah._ O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf
keinem Wege entrinnen. -- In Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines
Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner Seele,
noch größeres Elend steht neben Roxanen. -- Welcher Ausweg bleibt mir
übrig?

_Omar._ Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blühen,
wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen
Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. --

_Abdallah._ Werd' ich aber mit Zulma glücklich sein? --

_Omar._ Hör' ich diesen Zweifel aus _Abdallah's_ Munde? Von denselben
Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? -- Oder ist
es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die
gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung
zu tragen? die Fluth stürmt hinter dir her, aber du scheust dich, den
schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet.

_Abdallah._ Nein, -- nein, -- Selim stirbt, und kann ich ihm sein
voriges Glück wieder zurückgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine
einzige wehmüthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und
Hoffnung? -- Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er
dauert, oder löscht aus, -- es ist besser, nicht zu sein, als an dem
Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht
sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt keine Freude
zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen.

_Omar._ Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht --

_Abdallah._ Ha! wenn meine große Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewönne,
-- ha! dann könnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt'
ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die
Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch _ein_
Menschenalter erkaufen, -- aber der unerbittliche Tod lacht über mich.
Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen
Stunden nicht mehr.

_Omar._ Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, daß du
mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glück nicht der eilenden Zeit
abgekauft hättest? -- Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er
ausgelöscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht
erkaufen.

_Abdallah._ Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die
ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod
wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. -- Itzt
würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten.
-- Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er
sich selbst den Dolch in die Brust stößt? --

_Omar._ Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst
ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies
war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für
seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück
und sein Leben setzte, -- die Würfel fielen unglücklich. -- Roxane
sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen,
aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward
alles zernichtet. -- Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine
Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck
deines Vaters erreichen könntest, -- aber sieh umher, tausend
Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. --

_Abdallah._ Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich
Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich
rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große
Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf,
ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. -- Nicht wahr,
Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich
dem Wohl des Landes aufzuopfern? -- Und ich säume ihn dem Glück der
Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen
der Nachkommen wird mich einst belohnen.

_Omar._ Und Zulma! -- Sollte sie in den Armen eines andern deiner
vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave
vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick
auf dich herabwerfen? -- Solltest du einst als Bettler vorübergehn und
von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?

_Abdallah._ Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in
meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde
für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der
Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele.

Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht
diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge
verlöschen? _Deinetwegen_ wird das große Gewebe nicht inne halten, der
Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. --

Abdallah stand in tiefen Gedanken. --

Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort, _ein_
Geist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und
Zulma sind nur _ein_ Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du
kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und
diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen?

Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer
verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. -- Fort! Verbannter! rief er
aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein
Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade!

Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in
das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von
einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen
übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab.
--

O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige
Quaalen auf mich herabzubitten! -- und ich zögre und bedenke seinen Tod,
-- ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese
Gefühle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust
nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut
dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und für seine
Mitbürger hinzugeben brennt? --

Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken
Mauern schlagen vergebens meine Kräfte an, -- wenn es sein soll, -- o
dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben,
ich kann nichts als ihn nachdenken, -- in den ewigen Gesetzen liegt die
Sünde, -- die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug,
das der größern Kraft wider Willen nachgeben muß. -- O das ist ein
Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. -- Alle meine
Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, -- ich muß, ich muß es
vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Händen gelegt.
-- Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? -- Wo
eine Insel, an die sie im Sturme landen können? --

Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem
Spiel der Mücken und Gewürme auf der Erde zu. --



Viertes Kapitel.


Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, _Raschid_
stand vor ihm. --

Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. -- O, rief er,
das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser
wird mir itzt gesendet.

Wir sind beide unglücklich, sagte _Raschid_, Elend verschwistert unsre
Seelen.

_Abdallah._ Du elend? -- O worin kannst du unglücklich sein?

_Raschid._ Ich? -- Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene
und wüste Gegenden, ich wünsche und hoffe und verzweifle in demselben
Augenblick, -- ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, was Unglück
ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich machen, wenn du es könntest?

_Abdallah._ Ja ich weiß was Elend ist, Unglück ist mir nicht fremd.
-- Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung?
-- o die kann ich dir geben, -- sieh! dies sind meine Schätze!

Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er
wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich
umarmte er den Freund noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du
bist ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz in dieser
Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, -- o sprich! nur ein Wort
der tröstenden Linderung! --

_Raschid._ Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner
Seele wüthet. -- Was kann dich so mit Riesenkräften niederdrücken?

Abdallah schwieg noch immer, -- ich liebe Zulma! rief er dann plötzlich.
-- Ach, ich muß dies fürchterliche Geheimniß in einen Menschenbusen
ausschütten, o tröste mich, -- verzeihst du mir, nennst du mich Bruder,
wenn -- hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt?

Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? O Unglücklicher!

_Abdallah._ Nur ein Wort aus deinem Munde! _Darf_ ich sie wünschen?
-- macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? -- warum starrst du mich so an?
Willst du mir keinen Trost geben?

_Raschid._ Trost? -- Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu
dir, um zu deinen Füßen mir mein Glück zu erbetteln, -- du liebst Zulma,
-- o Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das
Innerste deiner Seele, -- auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne!
aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit
Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.

_Abdallah._ Du liebst sie? du? -- O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr
mein Freund! -- ich verlange einen Ton der mich tröstet, ich schlage
verzweifelnd an die Laute, -- aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein
Wiederhall in der ganzen Schöpfung!

_Raschid._ Darum bin ich hier, Selim sollte mich glücklich machen, du
solltest mir ihn abtreten.

_Abdallah._ Nein! nein! -- O beim Unendlichen, alles thürmt sich immer
höher und höher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich
mir entgegen. -- Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein
und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glück zu
greifen.

_Raschid._ Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kömmt ihren Thron
zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund -- Ja,
ich will den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft
sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um Hölle, alle Schrecken gegen
einander, -- Zulma ist mein! mein, sag' ich, -- endlich hat der Himmel
den Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgesöhnt.

_Abdallah._ Raschid, ich ziehe allmächtig diese Waage nieder, die zu den
Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du
dich lagern willst, -- Zulma liebt mich! --

_Raschid._ O sie wird, sie muß mich einst lieben, deines Vaters Elend
ist eine Leiter, die mich in den Himmel trägt, ich will verwegen bis
auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die
armselige Welt hinabsehen.

Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig zurück. -- Wohin willst
du? rief er aus, Schrecklicher!

Zu Ali, antwortete _Raschid,_ dein Vater ist ein Unterpfand, das
mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten
nachgeschlichen; o ich muß eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner
Seele, für Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der
Schlachtbank überliefern.

Sie rangen hartnäckig mit einander. -- O noch, noch verweile, rief
Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir
noch mitleidig!

Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid.
-- Nein! zurück von mir! -- Er riß sich gewaltsam los und entflohe mit
der Eil des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem Freunde
rückwärts. --

Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. -- Ha! nun ist es ja
entschieden, sagte er mit unterdrücktem Lächeln, meine Martern habe ich
umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. -- Ha! wie es in
meinem Innern tobt und wüthet! -- Kalt steh' ich da und sehe, wie auch
meine letzte Freude von einem fremden Vorübergehenden lachend gemordet
wird. -- Er verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem
glänzenden Ziel, -- nur ich zögernder Thor schlage mich mit tausend
Zweifeln und verliere den großen Augenblick. -- Zulma nicht mein,
Raschids? -- O das, das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser
Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? -- Was hält mich denn zurück?
-- Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? -- O
er ist ja auch ein Mensch, -- er liebt ja Gott und betet das Schicksal
und die Tugend an und dennoch, -- mir ist alles genommen und doch zögert
meine Trägheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen
Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen diesen Schlag, -- und
muß Selim nicht dennoch sterben? -- Er muß -- und ich und Zulma sind
unglücklich, -- ja, ja, es muß sein, -- ich höre die Stimmen umher
brüllen, die mich zur That anmahnen. --

Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche und sahe auf der
Landstraße Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt
rennt er ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine Augen
sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, oft biß er knirschend die
Zähne zusammen. -- Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein.
-- Halt! rief er laut, -- halt an mit deiner Beute, Betrüger!

Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem
entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück.
-- Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre hier
durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, -- oder beim Propheten!
ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast.

Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn
und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert.
-- Zurückgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen
Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf deine frechen Wünsche
hinter dir, -- ha! Selim ist _mein_ Vater, nur Vatermord kann dich
Zulma's würdig machen.

Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, -- von mir Schändlicher! für
Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. --

Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's Armen zu
schleudern, aber dieser drängte ihn zu fest an sich, Raschid biß ihn
mit den Zähnen wüthend in den Arm, um sich frei zu machen. -- Sie rangen
unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig warfen sie sich hin
und her, die Erde dröhnte unter ihren Tritten. -- Endlich warf Abdallah
den ermüdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. -- Willst du itzt
Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke
an. -- Nein, nein, und müßt ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte
ihm Raschid zu. -- Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn in die Brust
des Überwundenen, ein großer Blutstrom stürzte hervor und floß über
die Erde. -- Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein
Schleier zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag
bleich und unbeweglich da. --

Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit fürchterlicher
Schadenfreude. -- Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte
er bitterlächelnd, wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? -- Kann
ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? -- Nun wirst du sie nicht
gewinnen, die Würmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o
ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, -- Zulma
ist mein! -- Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgültig und
träge geworden? -- Liebst du Zulma nicht mehr? -- verdient sie itzt
nicht mehr die Huldigung deiner Wünsche? --

Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe
mit Windesschnelligkeit zur Stadt.



Fünftes Kapitel.


Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die
Straßen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn für
einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe
ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wüthend umher und stand
itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten
ihn die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen,
er schrie laut, man sollte, man müßte ihn zum Sultan führen, man stieß
ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets
dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und ließ ihn in
den Pallast treten. _Mehmed,_ der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's
Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier
sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans.
-- Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thüren der
Zimmer, er wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende
Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling,
er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück.
Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er ihn verlängert,
sehnlich wartete er auf die Eröffnung der Thür und konnte sich diesen
Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine
fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, herrschte
in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhaßt, er war
sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er
sich endlich Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er
harre. -- In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die
Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen,
die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes
Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten,
dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise
Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren Blicken schämen.
-- In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten
eiskalten Blick sah er hin, es war _Zulma,_ die mit einigen Sklavinnen
dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr
Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch
die Verhüllung. Alle seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden
plötzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu
sich selber zurück und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung
wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn
nicht erkannt. -- Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, -- und
was willst du? -- Ha! die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende
Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht _Zulma_, die vorüberging?
-- Es ist _meine_ Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist _mein_, jetzt
geh' ich hin und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir ihre
Verschreibung. -- Jetzt, jetzt wird der fürchterliche Augenblick nahen,
der mich zum ernsten Verhör fordert, doch auch _er_ wird vorübergehen,
die Zeit verschlingt geizig alles. -- Aber auch mein Glück wird
verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma
_war_ mein und dann? -- Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und
ihre Räder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen.
Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn
ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hölle nicht an mich
hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich _will_ glücklich
sein, -- ich will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch
Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurück, in Zulma
finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir
selber Trotz bieten; die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von
sich zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur
der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende
elend, -- ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will kühn
schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze
aus den Schrecken pflücken, -- wer, wer kann mir verbieten glücklich zu
sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen
Elend auf mich herabsprechen? -- o er versuch' es, der Ewige, -- _mich_
treffen seine Flüche nicht, -- mein Glück ist meine Tugend, ohne Zulma
bin ich unglücklich, -- Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende
Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, -- ein tyrannisches
Schicksal hat eherne Gesetze für uns geschrieben, der Ewige hielt seine
Erschaffenen für Engel, -- er selber versteht die Menschheit nicht,
-- darum zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist
ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. --

Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus
und führte Abdallah in ein prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten
empörenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah
starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm nieder.

Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es
nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte
laut in einer todten Betäubung. -- Was willst du? fragte ihn endlich der
Sultan mit zurückschreckender Kälte.

Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. -- Was
ich will? -- antwortete er leise. -- O diesen großen, schrecklichen,
einzigen Augenblick wollt' ich. -- Itzt, itzt ist er da! -- Was such'
ich hier? -- Warum kam ich hierher? -- Wer bist du?

Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen!

Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, Abdallah widersetzte
sich ihnen stumm, -- nein, rief er endlich aus, laßt mich! Ich muß hier
bleiben, eine große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum höre
mich an. -- Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder.

Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus
diesem Saal!

Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß sprechen, von itzt an hab'
ich keinen Willen weiter. -- O Zulma! Zulma! -- Ali, du hast ein großes
Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim deiner Strafe
ausliefern würde.

_Ali._ Ja.

_Abdallah._ Wirst du dein Versprechen halten?

_Ali._ Beim Propheten!

_Abdallah._ O so ist sie _mein!_ ich bringe dir das Geheimniß, gegen das
du sie austauschen mußt.

Ali sprang heftig auf. -- Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt
nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden?

Abdallah schwieg. --

Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in
meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht länger, -- oder beim
Propheten --

Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. -- Hab' ich es ausgesprochen, das
fürchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich
Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? -- O laßt mich, laßt
mich schweigen, meine Worte werden zu Mißgeburten, die meinen eignen
Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt
mich wieder rückwärts schreiten.

Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, er wollte sich
aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder.

Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner
zu spotten? -- Du kannst nicht wieder zurückfordern, was du gesagt
hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen,
die du mir verweigerst. --

_Abdallah._ Und es muß also sein? die fürchterliche Frage ist nun auf
ewig entschieden? -- Nun so sei es denn!

Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich,
sein Blick starr. -- Er beschrieb dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der
Wohnung Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg
erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und
Selim zu ihm zu führen. -- Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem
Saal hinauswanken.

Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die
Abgeordneten zurückkommen; sind deine Nachrichten Lügner gewesen, so
soll dein Leben für deine Frechheit büßen.

Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich nieder.

_Ali._ Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest
gefeiert, Jubelgesänge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze
Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch
kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher
gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen
meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will
ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich will ich unter
meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwüsten, was mich
haßt. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber _fürchten_ soll man
mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, daß man mich
ungestraft verachten dürfte. -- Ich will den Trotzigen zittern sehn und
sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim
läugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir
finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein
Dolmetscher sein.

Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren
Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali
fuhr zornig fort:

O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, _ein_ Tod ist zu wenig, um
diesen Frevel abzubüßen, ich wollte ihn mit Flammengeißeln durch hundert
Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum
Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth
zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte.
-- Hat der Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals
Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und
mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das
Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb,
da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige
Perl? -- O dafür soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle
Schätze seines Busens wie einem Erben hinterlassen könnte.

Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger konnte er sie
nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen Geist von diesen gräßlichen
Vorstellungen zurück. Und _Zulma_? fragte er mit zitternder Stimme.

_Ali._ Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein
ganzes Reich soll es erfahren, daß du mein Sohn bist. -- O ich bin
glücklich, daß diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache
geworden ist, durch diese _eine_ That belohnt sie meine väterliche
Zärtlichkeit.

Zulma mein? -- stammelte Abdallah. --

Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht
genannt.

Abdallah fuhr erschrocken auf. -- Wer? schrie er laut. O daß ich es
vergessen dürfte! daß dies Andenken sich nicht so fürchterlich an mich
hinge! -- Ha! wer bin ich? -- -- Nein, kein Mensch, kein Thier, kein
Teufel, -- o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen
nicht mehr. -- _Ich bin sein Sohn._

Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. --

Ich war einst Abdallah, antwortete er.

Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an,
ein starres Entsetzen bemächtigte sich eines jeden, man betrachtete den
Jüngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter,
auf ewig entlaufen sei.

Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. -- Selbst Ali erblaßt, vor dem
schüchtern jede menschliche Empfindung zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl
dringt allmächtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt
es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es denn möglich,
daß ich über diese unermeßliche Kluft sprang und nicht im Springen
zerschmettert wurde? -- Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach
der Vergangenheit aus. -- Ha! warum erblaßt ihr? -- Ihr fahrt zurück
wie vor einem Verbrecher, der an die letzte fürchterliche Gränze aller
Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, -- ach, ein
hartes Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich muß der sein, der
ich bin. --

Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. -- Ich nannte dich so
eben Sohn, sagte er langsam und leise, -- Zulma bleibt dir, -- aber mein
_Sohn_ kannst du nicht werden. --

_Abdallah._ Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Väter
werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah
seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl durch die Brust
der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche für
den ungebornen Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen
und steht müssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis
meiner Sünden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen
diesen glänzenden Triumph.

Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:

Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich
jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewußtsein und
meine Gedanken, -- was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß?
-- Gieß den Wahnsinn in vollen glühenden Schalen auf mich herab! -- Itzt,
itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fühl' es, -- ich gebe dir den Funken
zurück, den du mir grausam geliehen hast. -- Aber das Schicksal ruft
fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst unaufhörlich der Schierling,
der mich in Todeskrämpfen zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh'
ich selber die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich herum, dieser
Geist ist meine Hölle und giebt mich nie wieder frei. -- Itzt ist auch
die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die
Verzweiflung überstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre
Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte
quälende Bewußtsein?

Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich --

Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß
und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich
mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen,
ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich
um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot -- und
mich schadenfroh hinterging --

Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn,
Elender! -- Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie
niemals abwerfen. --

Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge
menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig
machte.

Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer
tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch
murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig
anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre
schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis
itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber
nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir
gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine
Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit
und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter
hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter,
das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. -- O
hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist
Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt
sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch
keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen,
bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der
Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige
Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit
haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines
Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er
verläugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen,
statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhöhnen_, auf das diese
Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre
allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist
die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird,
an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer
Verfolgung sehn und zittern. -- Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach
seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser
großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er
soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann
erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen.

Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er
hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch
die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet
unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.

Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, -- was, _was_
hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus
meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah
nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört
seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies
hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner
Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.

Er stürzte wüthend nieder.

Allmächtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich,
Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen
Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den
Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hölle hinab, nur
rette mich von _diesem_ Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von _dieser_
Quaal erlösen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf
und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reißt mit glühenden Ketten,
mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der
wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! -- Beschützt mich
Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir
hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und laß mich vernichten,
wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen
liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben.
--

Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er.

_Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben,
ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von
der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar
ist, -- o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen
Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein
Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.

_Ali._ Selim muß sterben. --

_Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das
sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. -- _Sterben?_ -- Fühlst du, was
ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen
ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den großen
Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem
Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt,
der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, -- o Ali,
_sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber
dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht
wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, -- nur die Allmacht
kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen
Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig,
sei menschlich. --

_Ali._ Er muß sterben. --

_Abdallah._ Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest
ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es,
daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet
findest.

_Ali._ Nein, er muß sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und für
dich sollt' ich diese Freude verloren geben? --

_Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen
fürchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die
fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so häufe Quaal auf
Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und
laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis
oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. -- Nun es
Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf
mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag
kommen was da will. -- Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun
scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so
fühl' ich doch noch, daß _ich_ ihm verzeihen würde. -- Ich unternahm das
fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, -- du aber
stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da -- und freust dich bloß der
Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere
alles. -- O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal
gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe
alles in _eine_ Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld
verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und
nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst
mein größtes Entsetzen bin? -- Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf
fordern und fluchend niedersinken. --

Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten
seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber
Ali hielt ihn zurück. --

Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht
dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein
Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch,
der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und
wie ein Rasender brüllt, -- würdest du ihn dir als einen Edelstein unter
verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, -- o beklage mich,
daß ich zum _Menschen_ ward, ich schäme mich meiner selbst!

Abdallah's Bewußtsein kam zurück. -- Derselbe Leichnamsblick kömmt mir
wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus?
-- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger
finden, als dich.

_Ali._ Ich bedaure dich. --

_Abdallah._ Es ist nicht möglich, -- dann würde dein Auge eine andre
Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir
einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum
bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die
Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch
ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sie
ihm.

Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne
Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr
vor sich nieder.

Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's
Fenster.

Was ist dort? fragte Ali. --

Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingeführt. -- Wie stolz
der Verwegene seine Ketten trägt! --

Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe
auf. --

Ketten? sagte er leise. -- Ketten? -- O wohin soll ich mich verbergen?
--

Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester an die Mauer und
bedeckte mit den Händen das Gesicht.

       *       *       *       *       *



Sechstes Kapitel.


Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali führte. Er stellte sich
stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim
hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.

Du bist mein! rief Ali aus. --

Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.

_Ali._ Und du zitterst nicht?

_Selim._ Nein. --

_Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? --

_Selim._ Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und
ich wünsche den Tod. --

_Ali._ Auch einen martervollen Tod?

_Selim._ Endlich muß doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich
mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig
dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle
Stunden scheuen? --

_Ali._ Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht
zu tödten.

_Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine
Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille,
dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer
Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen.
-- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du
Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und
darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt,
entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. --

_Ali._ Du hättest mich dem Tode übergeben?

_Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient
glücklich zu sein. --

_Ali._ Du hättest mich unter Martern sterben lassen.

_Selim._ Nein, für _dich_ wäre der Tod die größte Strafe gewesen.

_Ali._ Du verachtest mich?

_Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. --

_Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. --

_Selim._ Nimm mir meine Meinung.

_Ali._ Du wirst zittern!

_Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien
bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre
Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies
ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink
das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in
deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin
kommen, daß keiner vor dir zittert.

_Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten?

_Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich
hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir
ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich
erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin über dir und über
dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick
fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher,
ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese
Ketten, o so müßtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verräther hat
dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet,
auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. --

_Ali._ Nicht über mich?

_Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth,
Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie
nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von
dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid'
ich dich, darum verzeih' ich dir.

_Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem
Sklaven? -- Führt ihn hinweg!

Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali
wandte: --

Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird
dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des
Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre
Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk haßt dich und du weißt es, die
Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnäckig ringst
du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit
herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst,
-- aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem
meinigen vertauschen! -- Schon daß ich _dich_ im Tode verliere, ist ein
Gewinn, ein Leben, über das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist
kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein.
-- Und welches Leben, welches Glück bleibt _dir_ zurück? o sieh in die
Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste.
-- Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du
jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt,
ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. -- Deine Brust
ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten,
treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst
endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust
dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist
nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil
ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!

Ali stand nachdenkend. -- Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr
Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch,
-- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht
der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird
deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, -- o
sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fühlt die Menschheit ihre
große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem
furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann löscht kein Mord die hellen
Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit
fordert ihre ewigen Rechte zurück; -- ich kann ruhig sterben, denn diese
Zukunft lacht mir entgegen.

Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte
hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. --

Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe,
mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der
Abschied von dir diese Reise erschweren. --

Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er
klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen
gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater
hinauf.

Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er
umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder
von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_
fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? -- Nein,
Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb
dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! --

Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glühend auf
meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich.
Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend
machen willst. --

_Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in
diese Wuth gesetzt? -- o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken
deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.

_Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein
Paradies; Flüche sind meine Freude!

_Selim._ Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, -- laß mich, du bist
nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.

_Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns
nie wieder, ach! du weißt nicht --

_Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich
lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen,
meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines
guten Engels werden, -- nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der
ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. --

Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim
hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. -- Komm zurück,
sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt;
ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir
ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften,
ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich
anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von
Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an
den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit,
kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben
hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines
Edelmuths empfängt. --

Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht
wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit
dir sterben!

_Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert,
bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in
das große Meer der Ewigkeit fließt, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn
uns wieder. -- Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich
freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe
unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen
Träumen erzählen, -- o halte mich nicht länger von diesem schönen
Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt,
-- Lebe wohl! --

Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest
an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen,
schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der
Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weißt nicht,
wen du in deinen Armen hältst.

Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. --

Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da
liebt' ich dich, da warst du mein gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich
dich hassen, denn du labst dich an meiner Höllenpein.

Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim sahe ihn befremdet
an. --

Ist das mein Sohn? sprach er leise. -- Welcher böse Engel spricht aus
deinem Munde?

_Abdallah._ O erst hast du mich in die Verdammniß tief hineingestoßen,
dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurückzureissen, dein Segen wird
den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen
ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht löschen.

_Selim._ Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn?
-- Komm aus deiner Raserei zurück, ich muß fort, lebe wohl.

Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß ruhte lange auf den Lippen
seines Sohnes, Abdallah lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing
matt an den Blicken seines Vaters. -- Lebe wohl, sagte der Jüngling
schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. Sein Vater wollte ihn
verlassen, er drückte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest
in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los,
Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen die Mauer. --

Auch _dies_ hab' ich überstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali,
dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst
du dich an meinen Schmerzen ergötzen und kein Stöhnen, kein Ächzen soll
dir einen schadenfrohen Triumph gönnen. --

Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. --

Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich mehr erschüttern,
nun dieser Abschied vorüber ist?

_Selim._ Nichts. --

_Ali._ Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache und du als ein
Lügner vor mir stehst.

_Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm
mit festem Auge in's Angesicht sehen. --

_Ali._ Du stirbst gern? --

_Selim._ Ja.

_Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit?

_Selim._ Würd' ich _dich_ sonst je haben hassen können? -- Ja, könntest
du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich
für meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein Leben
bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, dann wäre mein Stolz
eine verächtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges
Kinderspiel gewesen, ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen ich
Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte,
_dann_ würd' ich wünschen, Ali gewesen zu sein.

_Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte?

Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er
schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmöglich,
diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was
willst du von ihrem Adel wissen? --

Ali lächelte ihn höhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu
lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden
Blicken.

Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle.

Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser
ist es! sagte er schnell.

Selim fuhr blaß zurück. -- Soll ich dieser Lüge glauben? sagte er
nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug
ersonnen.

Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene.

_Selim._ O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten Züge, diese
Todesblässe, und wiederhole dann deine Worte noch einmal.

_Ali._ O dann wäre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt
nicht bereute. --

Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah
schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten.

Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton,
durch _einen_ Blick widerlegt er diese gräßliche Lüge? -- Soll ich dies
Stillschweigen für Bewußtsein halten?

Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, daß ihn die Erde
verschlingen möchte und schwieg.

Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_
zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o
ich Unglückseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel!
Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine letzte Bitte.
-- Er faßte die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein
Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? --

Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, sein Busen kochte,
mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja!

Ja? -- sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand niederfallen. -- Ja?
-- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab'
ich verziehen. --

Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammniß
hättest du nicht gerathen und hättest du dein Gehirn zersprengen sollen?
fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört zu
den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswürdigen_
unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun
ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein
Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_!

Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie
gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach
seinem Sohn, dann verließ er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm.
-- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gerächt! sprach er freudig,
für die Menschheit hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde
treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen!
So groß hätt' ich meinen Sieg nie geträumt. -- Er wagte es nicht, mich
anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten!

Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich,
alle Glieder in einer fürchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe
kaum, daß er Athem holte.

Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. -- Er schwieg wieder,
alles war still, nur zuweilen tönte ein abgerissener brüllender Schrei
Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust,
tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich,
Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen stürmten durch seine Seele.
-- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme.
-- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb
ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine
heißhungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o
mein Vater! -- Stille, daß ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich
bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein
Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel sind meine
Brüder, die Hölle ist meine Heimath.

Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man
gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.

In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht!
-- Ha, wie die bösen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre
ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus
der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammniß steh' ich
eingeschrieben, -- bald wird mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen
werden! -- --

Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben
zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich
leeren. Höhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner
Thaten und seiner Begeistrung schämen. -- Diese Wonne will ich mir nicht
versagen.

Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten ihn. -- Abdallah
blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit
fürchterlichen Gesichtern anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf
gegen die Mauer.

Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt
lachen Ali und sein schändliches Gefolge über die Todeszuckungen meines
Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch
schrecklichern Krämpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum
geboren? -- O nun ist jenes fürchterliche Ziel herangerückt! -- Auf
ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze
Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe ist todt, alle
Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kämpfen und die Welt
in Trümmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der
Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? -- Nur _ich_? -- In diesem
Gedanken grinst mich die ganze Hölle an.

Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung.



Siebentes Kapitel.


Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und stürzte sich
wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, reiß
mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert;
o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschützt allen diesen
fürchterlichen Quaalen überlassen? -- Bin ich deiner Hülfe nicht mehr
werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu
geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast
wahnsinnig, o könnt' ich es ganz werden, ich wäre glücklich!

Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden.

_Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein?
-- Wundre dich, daß du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat
noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da
mein Vater unter gräßlichen Schmerzen knirscht? --

_Omar._ Er leidet nicht mehr. --

_Abdallah._ Itzt?

_Omar._ Er ist todt!

_Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie
viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen
abgebüßt. --

Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen
suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O
Himmel, mein Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst
liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben
der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben hätt' ich
durch Zulma seine Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, daß
er sie nicht mehr fühlt. --

_Omar._ Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen ist, vergangen sein.
-- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle
an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen
kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen
Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt.
-- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der seine Braut
erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne des Glücks zu genießen, das dein
ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten,
feigherzig entflieht dann jeder Kummer.

_Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so
sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen,
auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du
zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund
schlummert, der einst meine Wonne war.

_Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl
jener Entzückungen zurück, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. --

_Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichniß meiner Verbrechen
sein, alle beseligenden Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen,
nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich an jedes
Wesen, an jede Erwartung. --

_Omar._ Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, zeige den Schaudern
eine Heldenbrust, und sie werden zurückstürzen!

_Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermörder rechnen?
Jedem andern Verbrecher verzeiht der gütige Himmel einst, aber des
Vatermörders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel
würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit
Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhängnisses zu
sein und dies fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! könnt'
ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu dir sagen: weck mich auf!
und ich erwachte dann und alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände
dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wärst du
derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch
mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zürnender Blick
meines Vaters oder von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich
froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen
Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln
jedem Tage überließ, der mich dem folgenden überlieferte, -- o wann kann
ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so
plötzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel!
wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mörder_
zurückbebte? -- Und _selbst_ ein Mörder sein und der verworfenste von
allen Mördern, _Vatermörder!_ -- o dürft' ich an die Unmöglichkeit
glauben, dürft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit
mir selber wieder versöhnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es
ist? --

_Omar._ Es war.

_Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige selbst kann mein
Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater
hörte, daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da
sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick,
nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines
Lebens war mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine
Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles
Entsetzen lag darin. Laß mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und
ich will das freche Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!

_Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. --

Ali und sein Gefolge kamen zurück. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der
Tod auspressen, sagte Ali mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein
Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf
sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in allen seinen Zügen und trieb
seine Glieder fürchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen
Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlüpft.

Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betäubten Abdallah in
ein Bad führten. In Träumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man
von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem Balsam und schmückte
ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Veränderungen. -- Mit
Gold und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali zurückgeführt.

Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von
Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmückt lagen an den Seiten
des Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich
tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gruß mit Freundlichkeit
zu erwiedern.

Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie
so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich auf und eilte ihr entgegen: mit
ihr trat ein Priester herein. --

Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich
gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue
gegen deinen Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und
meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken.

Der Priester sprach den Segen über beide aus, die Gäste warfen sich
nieder und wünschten ihnen Glück. -- Abdallah sahe immer starr vor sich
nieder, nur zuweilen drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe
oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brütete
wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter.

Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste entfernten sich, um im
Garten die frische Kühle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma
standen allein im Saale. --

O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, der fürchterlich schöne,
der langerwünschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher
zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? -- O wie
zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich dich vor dem
Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr mein Vater dem deinigen zürnt,
-- aber nun ist ja alles vorüber, -- ich sinne vergebens, wie du durch
die Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekämpft
hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen
Armen und bin glücklich, und was will ich denn noch mehr als dieses
Glück? Daß ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist
mir heute gleichgültig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm,
Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles
Nachsinnen verloren?

Abdallah sahe auf. -- Fühlst du dich glücklich in meinen Armen? fragte
er leise.

_Zulma._ So glücklich wie im Paradiese.

_Abdallah._ Ganz glücklich?

_Zulma._ Könntest du daran zweifeln? --

_Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprägt,
-- und du fühlst nicht, daß du in den Armen eines Mörders liegst?

_Zulma._ Eines Mörders?

_Abdallah._ Hörtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen?

Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie
konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen.

Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich,
dich zu gewinnen!

Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig niedersinken, aber
Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe
sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie
wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen
Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrückt. Du bist mein! mein!
schrie er laut, -- ich habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle
soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehörst, gehörte noch kein
Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft.
-- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Für dich hab' ich
mich ja der Verdammniß verpfändet, für dich, nur für dich bin ich der
Natur und meiner Menschheit abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen
eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner
Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher
wagen, nur die Liebe nimmt ihn gütig auf. -- O Zulma! an deinen Busen
gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit lehren, hier will
ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genießen, -- o dich hatt' ich
vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkündigte.

Ein Mörder? Ein _Vatermörder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg
Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah!

Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir
diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslästerung! -- Wenn mir
auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer
der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch unmöglich ist! Nein, Zulma
muß mir bleiben, oder der Allmächtige ist mehr als grausam, er hat
ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese
wenigen Jahre hier unten.

Gräßlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimniß
enträthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkühnen? Wo das
Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren
Wächter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick
erloschen; o Entsetzlicher, ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben
können?

Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit
entsetzlichen Flüchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe
dich zur Verdammniß und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich
und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner wartet.

_Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen?
-- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der
Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehöre ihr noch an, -- ich habe meinen
Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme,
dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!

Abdallah ließ sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an
der gräßlichen Zahl, Zulma weicht zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich
in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem
strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber
bleibe mir übrig. Vernichtung, stürme hervor! Brause heran, Verderben!
-- Hölle, öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in
welchem ich dich zuerst erblickte!

Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht,
ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thränen des Entsetzens
von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gästen aus dem Garten zurück.



Achtes Kapitel.


Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein und bewillkommte
Abdallah. -- In einem bunten Gewühl durchkreiste sich alles fröhlich und
sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch
den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter
glänzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer
zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten
und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand
ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte
dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der
ihm am nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne
 es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem gräßlichen Stillschweigen.
-- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem
Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte
Abdallah seinen Omar im Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte
ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefühlen vertraut
war. Abdallah und Omar gingen auf und ab.

Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrünnig
geworden, Zulma liebt mich nicht.

Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.

O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein
sehr kurzer Frühling, der schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie
mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem
Traum einher, -- könnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O hätt'
ich nie gelebt!

Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte nicht auf seine Worte, er
blieb in sich selbst zurückgezogen und seufzte schwer.

Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter glänzten in helleren
Schimmern, das Gewühl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich
an den Tisch. Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.

Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen tanzten, sangen und
spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken,
andre Cymbeln.

Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen
wagte er nicht. --

Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen:

     Schwebt in süßen Melodieen
     Sanftgesungne Hochzeitslieder,
     Und in immer süßern Tönen
     Grüßt des Bräutigams,
     Grüßt das Ohr der Braut. --

       Wonnelieder
     Sprechen in den frohen Tanz,
     Jauchzende Gesänge
     Schweben in leisem Fluge
     Um euer beglücktes Haupt.

  Wie ein goldner Blüthenregen
  Schwimme Glück auf euch herab,
  Wie nach Wettergewölken
  Sich Regenbogen
  Durch die Finsterniß spannen,
     So komme stets nach trüben Stunden
     Die Freude unermüdet wieder. --

Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer
Wohlgeruch floß durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten
von Fröhlichkeit. Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, die
Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen,
daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem fröhlich entgegenlachte.
Von einer wilden, thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald
Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte zuweilen und spiegelte
sich munter in seinen Augen. Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte
zuweilen laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, seine
Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in
seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. --

Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl hervor, dicht
eingewickelt in schwarzen Gewändern zog sie einher, ein stiller Schauer
begleitete sie, alles wich zurück. -- Zu einer Laute hörte man leise
singen:

   Die Hölle hat den Sünder angenommen. --
   Dem Feigen ziemen keine Kronen,
   Nur der Muth kann sie erringen;
   Seht ihr den Frevler
   Unwissend
   Neben seinem Verderben sitzen? --

Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die
seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand
vom Kopf zurück, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug
einen Spiegel unter seiner Hülle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von
ohngefähr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah
in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.

Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.

Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch!
-- hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder!
ächzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein
Geist, -- Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer
innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief
er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner
und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern!
-- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde
Stimme hörbar werde! --

Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende
Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern
Geweben verschlungen:

  Schlag an das Sterngewölbe
  Stürmender Wonnegesang!
  Daß weit durch die stille Nacht
  Die rauschende Freude töne!
  Trage zum Meeresstrande
  Tönender Wiederhall
  Unsern Wonnegesang!
  Daß ferne Klippengestade
  Den Namen _Abdallah_ hallen,
  Daß über grüne Wiesen
  Der Name _Zulma_ wandle,
  Die Blumen schöner färbe.
  Daß der Mond sich freue
  Und goldner scheine,
  Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse
  Vor der Sonne fliehend.

Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand
geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die
Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?

Sieh! Omar! ächzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor
mir! -- Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus
der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, -- was mag es sein, das
mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh'
den zernagten gekrümmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die
Hand hat sich zurückgezogen! -- Omar, sie kömmt wieder, -- sieh, der
Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer
herausdrängen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will,
um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar,
ich mag es nicht länger sehn! --

Omar lächelte ihn wehmüthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah
ängstlich, -- mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden
gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen
öffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt,
der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich
sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die
nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch,
dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich
mit Fleisch eingehüllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen
aus dem Schädel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie
in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, -- rette mich, -- o
hinweg! du bist nichts besser als diese!

Die Gesänge übertönten ihn: --

  Im goldnen Wolkenschleier
  Steigt die schöne Tochter der Nacht
  Ihre Himmelsbahn hinan.
       Fröhlich rauschend
       Hüpfen Meereswellen
  Ihr mit holdem Gruß entgegen. --
  Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,
  Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,
       Sie wandelt still. -- --

Plötzlich fielen alle Lauten mit einem mächtigen Klang auf den Boden,
alle Gesichter am Tisch wurden plötzlich starr und blaß, jeder ward
unwillkührlich in einer gräßlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott
aufgestellte Leichname saßen alle da und sahen sich unter Schaudern an.
-- Abdallah sprang auf, seine Zähne knirschten entsetzlich. -- Vatermord!
-- Vatermord! -- schrie er, -- die Hölle kriecht unter unsern Füßen
umher, -- der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kömmt drohend
auf mich zu! --

Alle fuhren auf. -- Er ist rasend! -- schrie Ali laut und ein
plötzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt,
Abdallah's Augen funkelten, -- er wollte Zulma mit Gewalt zurückhalten,
sie riß sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und ließ ihren
Schleier in seinen Händen; schäumend warf er ihr brüllend seinen Dolch
nach, er fuhr in die Wand.

Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die
Lauten und polterten fürchterlich durch den Saal, -- Stürme hausten
klingend in den Fenstern, seltsame Töne schrien aus den Mauern hervor,
es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. -- Abdallah
sank auf seinen Sitz zurück. --

Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch
den Saal die grauenvollen mißgestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast,
das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenüber gestellt, einzelne lange
Haare wiegten sich auf dem nackten Schädel, aus dem ungeheuern Kopf
grinsten ihm wild verzerrte Züge und Zähnknirschen entgegen, sie nickte
ihm einen freundlichen Gruß zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen
Ring auf den Tisch, und versank dann lächelnd unter die Erde.

Mit ihrem freundlichen Grinsen begrüßten ihn alle Ungeheuer und
verflogen dann in die Wände.



Neuntes Kapitel.


Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen
Vorhänge auf den Boden, im kalten Ernst saß Omar neben ihm.

Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung
gefoltert, -- Omar! er umschlang ihn wüthend mit den Armen. -- Alles,
alles ist fort, nur du bleibst unauflöslich mein, ja, du hast es mir
geschworen, -- du liebst den Vatermörder noch, -- o ja, du kannst ihn
nicht hassen. -- O könnt' ich mich stürmend in deinen Busen drängen und
dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken
verschanzen. -- Könnte sich meine Seele in die deinige retten! -- du
antwortest nicht, mein Omar, -- o sprich! -- horch! wie entsetzlich die
Todtenstille um uns flüstert! -- sprich!

Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurück. --

Du lachst? -- schrie er wüthend, -- Omar, komm, wir wollen uns beide
wahnsinnig spielen und mit den Nägeln unsre Gesichter zerkratzen, damit
ich mich im Spiegel nie wieder kenne! -- Omar, willst du deinen Freund
nicht schützen?

Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend.

Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum
zurück! --

Er stürzte auf Omar zu und ergriff ihn wüthend bei der Brust.

Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehöre
_Mondal_ an. --

Abdallah stürzte mit neuen Schrecken rückwärts. -- _Mondal_? schrie er,
-- o so ist es dennoch alles wahr? -- Mondal!

Er saß starr und leblos da, alle Fürchterlichkeiten hatten seine Kräfte
erschöpft. --

Itzt mußt du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis
zuletzt aufgespart, damit du nicht darben dürftest. -- Wisse, ich war
es, der Ali Selim's Verschwörung verrieth, meine Abreise war eine Lüge
um dich und Selim zu täuschen. -- Mondal! meine Rechnung ist richtig und
ich bin frei!

Abdallah wand sich in zuckenden Krämpfen, es zermalmte seinen Busen und
er konnte lange nicht sprechen. -- Du hast es meisterlich vollbracht,
sagte er endlich, ich möchte dir verzeihen, wenn _ich_ es nicht wäre,
der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten
Gewürme aus, und ich will jauchzen. -- Sogar der armseligste Trost fehlt
mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der
gefolterte Sklave, der gespießte Verbrecher würde sich nicht gegen den
glücklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o könnte mir die Wonne
werden, daß ich ein Bösewicht würde, der unter Millionen Quaalen auf der
Folter in Stücken gerissen würde, und nicht _dieser_ Abdallah. --

Omar sahe triumphirend auf ihn hin: -- Es war keine leichte Arbeit,
sagte er, diese schöne Seele so zu verstümmeln.

Abdallah fuhr auf. -- Erinnere mich _daran_ nicht, schrie er mit den
Zähnen knirschend, Hämischer! nicht diese Erinnerungen! -- Omar, sieh
wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, laß mich nun ganz
hinunterspringen! -- Du gehst zu Mondal zurück, o nimm mich mit dir, laß
mich nicht zurück, -- ich muß ihn kennen lernen und sein Freund werden,
ich will ihm bald ähnlich sein, meine Prüfung habe ich schon überstanden.

Er blickte matt empor. -- Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes
gräßliches Wesen saß neben ihm. -- Abdallah stürzte wie eine Leiche
zurück. --

Das hagre Gesicht beugte sich fürchterlich auf ihn herab. -- Elender,
krächzte es, -- dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lästige Larve
abnimmt, -- so kannst du ihn ewig nicht ertragen. --

Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. --

Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thür, er hörte sie öffnen, der Fremde
ging hinaus und schloß sie hinter sich wieder zu. --



Zehntes Kapitel.


Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. -- Alles war still um ihn
her, er schlug die Augen wieder auf.

Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge der Fenster, die Stunde
der Mitternacht ward ausgerufen. -- Alle Lichter im Saale waren erloschen,
nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte
sterbend und flimmernd auf und nieder. -- Itzt erlosch es und ein kleiner
Strahl von Dampf zog sich aufwärts und verflog in der Dämmerung. --

Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, -- nun ihr Schauder, nun werft
euch alle auf einmal über mich! -- Ihr Flüche Selims, kommt heran, itzt
habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. -- O sie sind schon gräßlich in
Erfüllung gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe die fürchterliche
Zerstörung. -- Die Schauder mögen sich itzt an mir versuchen, ich spiele
vertraulich mit ihnen, die Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich
erschrecke nicht mehr vor ihr. --

Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen kühnen Schritt
meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr,
ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde
suchen. --

Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hände
plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fühlten. -- Eine Leiche ist
mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. -- Der Mond schien auf das
weiße Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und
verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. --

Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, -- der Scharfsinn
der Hölle übertrifft den meinen, -- sie hat gesiegt! --

Er sahe starr auf den Leichnam hin. -- Regte er sich nicht? -- sprach er
leise. -- Er starrte von neuem auf ihn hin. -- Ha! er regte sich wieder!
--

Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der fürchterlichen
Leiche heraus. -- Abdallah hörte es bebend. --

Er schläft! -- Er schläft! -- sprach er im Wahnsinn. -- O in der stillen
Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß
ihn wecken! -- Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. --

Bist du's, geliebter Sohn? -- erhob sich eine dumpfe Stimme. -- Die
Leiche hob sich langsam auf. -- Komm in meine Arme! -- Komm! Ich muß von
Tugend und Gott zu dir sprechen. --

Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. --

Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurück.
-- Hinweg! hinweg! brüllte er, -- wir kennen uns nicht mehr!

Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend mit der Faust auf den
Schädel, daß er laut und fürchterlich erklang. -- --

Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden
sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.



Die Brüder.

Eine Erzählung.

1795.


In der Nähe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Söhne einer
armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen,
und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glück
bringen könne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den
Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach
_Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein
Vermögen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und
eingezogen, und sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale,
um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er
bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil
der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm
versuchten. Durch wiederholtes Glück ward _Machmud_ dreister, er wagte
größere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und
nach ward er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte bei
vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in
den Händen hatte, und das Glück schien ihm beständig zu lächeln. _Omar_
war im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen
war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_,
hörte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu suchen.
_Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine
Armuth. Da er sehr gutmüthig und weich war, gab er ihm sogleich eine
Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden
ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern für Frauen zu handeln,
und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ günstiger, sein Bruder hatte
ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nöthig, sich
wegen der Wiederbezahlung zu ängstigen. Er war in allen Unternehmungen
unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; er war
bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre
Geschäfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu
machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine
Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewählt, die ihn zu
manchem Aufwande nöthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er
mußte von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen.
Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und
er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von
seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das mindeste habe retten
können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, der dringend die Bezahlung
seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, daß an dieser Zahlung sein
ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also in dieser äußersten
Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm,
und fand ihn sehr verdrüßlich, weil er gerade einen kleinen Verlust
erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der äußersten
Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.

_Omar._ Sie betrifft?

_Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger drängen mich und
wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem
Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.

_Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder?

_Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre,
und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der
schimpflichsten Armuth retten.

_Omar._ _Zehntausend Zechinen?_

_Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in
kurzem wieder zu erstatten.

_Omar._ Wer sie hätte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich weiß
selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um
hundert Zechinen betrogen.

_Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen können.

_Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mißtraun von allen
Seiten: nicht _ich_ bin mißtrauisch, das weiß der Himmel! -- aber es
würde jedermann vermuthen, daß ich das Geld für _dich_ verlange, und du
weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft das Zutrauen hängt,
das man zu einem Kaufmanne hat.

_Machmud._ Lieber _Omar_, ich muß dir gestehen, ich hatte diese
Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich würde mich in umgekehrtem
Falle nicht so argwöhnisch und saumselig finden lassen.

_Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwöhnisch -- ich
wollte, ich könnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen
würde.

_Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst.

_Omar._ Alles, was ich besitze, würde die verlangte Summe noch nicht
vollmachen.

_Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, daß
mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hülfe suchte, -- und
warlich es schmerzt mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last
gefallen bin.

_Omar._ Du wirst böse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.

_Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? --
Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.

_Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, dreihundert
andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich muß mich auf ihren
Verlust gefaßt machen. -- Wärst du in der vorigen Woche zu mir gekommen,
o -- ja, da herzlich gern --

_Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern?
-- Ach, wie tief kann uns das Unglück erniedrigen!

_Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen
sollte.

_Machmud._ Dich beleidigen? --

_Omar._ Wenn man alles mögliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet
und fürchten muß, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekränkt
werden, wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe
Verachtung zurück empfängt?

_Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wärmsten
Dank empfangen.

_Omar._ Zweifle nicht länger daran, oder du bringst mich auf; ich
bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf
solche ausgesuchte Art kränkt --

_Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, daß du den Beleidigten
spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen.

_Omar._ Du würdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht
auf solchen Kleinlichkeiten ertappt hättest. _Die_ Laster argwöhnt man
von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.

_Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum
Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein
unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.

_Omar._ Also für die fünfhundert Zechinen, die du mir damals gabst,
verlangst du jetzt von mir zehntausend?

_Machmud._ Hätte ich's vermocht, ich hätte dir damals mehr gegeben.

_Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, muß ich dir die fünfhundert
Zechinen zurück geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen
kannst.

_Machmud._ Ach, mein Bruder! --

_Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus
Persien?

_Machmud._ Ich erwarte nichts mehr.

_Omar._ Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas mehr einschränken
sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen
habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das zur
Warnung dienen.

_Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Gefälligkeit zu
verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwürfe zu machen.

_Machmud_ verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen undankbaren Bruder.
-- So ist es denn wahr, rief er aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des
Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke!
für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten Gefühle
von sich weg, um das nichtswürdige Metall zu besitzen, das uns mit
schändlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist
die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind
ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder
gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von
Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke muß man
ihnen wechseln!

Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas
erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie
jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung
einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit
seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos,
wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause.

Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen,
die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie
waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward
öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die
Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der
Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen
Bruders vorüberzugehen.

Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte
seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken
seines Unglücks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedächtniß, er sah noch
immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt
und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.

_Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu
dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen
sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten,
man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm
nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß
_Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward,
so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend
einen Schaden erlitt.

Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen
Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den
andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte,
wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf,
Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward
allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte
niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah
keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu
verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend
günstiger sein würde. --

Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald
verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er
sah der drückendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu
entfliehen.

Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische
Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen
ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer
Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon
zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in
welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen
könne.

Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das
Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet
sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen,
es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen,
wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt,
und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. -- O
Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und
ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen
Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers
sterben.

Die Felsen, die _Omar_ überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf
eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an
Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche
Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief
im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es
zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf
diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand
nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte
jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.

O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage
noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk
meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende
mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den
Himmel.

Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen
aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke
seinen Weg fortsetzte.

_Omar_ fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit
hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein
könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu
erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane,
wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit
herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem
edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er
ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie
er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.

Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem
Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne
verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit
ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern
und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths
ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche,
und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.

Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken.
Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise
fortzusetzen.

Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr
folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen
Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.
_Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor
sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die
Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.

Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe,
blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer
dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück,
und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen
Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. -- _Omar_
erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem
schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten,
die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt
wölbte sich der Schein über _Omar_ zusammen.

Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme
von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit
Wohlgefallen auf dich herab.

Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um _Omar_,
seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein
Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt
eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war
_Asrael_, der glänzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen
rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn
du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen
Seligkeiten zu schauen.

Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher
folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.

Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm
mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch
die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen
hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte
würzten die Luft.

Plötzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker
Finsterniß unten am Fuße des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen.
Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf
die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.

O ich dreimal Unglücklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine
Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an
meinem Elende, daß er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze
des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum
Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem
Elenden hatte? -- Wer war jemals unglücklicher als ich?

Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die _Omar_ für den Bettler
erkannte, dem er heut den Rest seines Vermögens gegeben hatte. _Omar_
rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen,
mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte gleichgültig in seinem Wege
weiter, und _Omar_ wußte nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich
nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kümmern. Bin
ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die
Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist,
was mich noch trösten konnte?

Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glühende Feuer brannte
es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte
schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen
Bruder. --

O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert
des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der
drückendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem
armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide
jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine Hartherzigkeit, der Himmel
ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum
Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Sünder, der sich
ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.

_Omar_ verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher
brüderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet
war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen
habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder
abzubezahlen; er wünschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner
Leiden.

Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von
einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben
erwachte bei _Omar_, er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher Stimme
um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nächsten
Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch
des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglücklichen selbst,
und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschämung war ohne
Gränzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um
Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thränen flossen von dem
Angesichte beider, und die rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen
gefeiert.

_Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und
war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald
lieb gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das Glück war dem
Vertriebenen günstig, und er erlangte sein verlorenes Vermögen in kurzer
Zeit wieder; sein alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein.
--

Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo
ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermählte sich und
vergaß nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten
von dieser Zeit in der größten Eintracht, und waren für die ganze Stadt
ein Muster der brüderlichen Liebe.



Almansur.

Ein Idyll.

1790.


Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thräne
rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie
an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze
Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm,
Abendroth und Regennächte. Noch einmal blickte er rückwärts nach Bagdad
und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge
langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging
langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die
Vögel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das
goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hörte nicht die
Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte
mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig hängen und eilte weiter
vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.

Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen Thale, rings um von
grünen Bergen umschlossen, im Thale glänzte ein silberner See, auf den das
Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher
und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhängen und wiegten
sich rauschend über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich
zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen
ein so süßes Licht um alle Gegenstände, daß Almansur sich in einem
Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen
Berge, wie der Abendschein über die grünen Abhänge herüberschwamm
und sanftes Roth auf den gegenüberstehenden Berg streute, durch einen
Palmenhain schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels,
und bebte zurück in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt,
an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern
Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen Wälder sangen
der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das
Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf
jedem leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlüpfte
und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und
Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich
sein Gefühl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung
seines Unglücks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter
den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald
hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden Abhang,
oder auf den Spiegel des tief unten glänzenden Sees.

Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drängte
und sein Silber hinuntergoß; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo
unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches
hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen
zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem
Eingang einer kleinen Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin
und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und band sie an die
schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen
See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- »Der Himmel
schütte seinen Segen auf dich herab!« rief _Almansur_ dem Greise zu;
liebevoll dankte der Greis und führte den Jüngling in die dämmernde
Hütte.

Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten.
Der Greis und der Jüngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann
holte der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln.
»Iß!« sprach er. -- _Almansur_ aß wenig; bald sah er die niedren Wände
der Hütte an, bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der Mahlzeit
setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.

Du bist recht glücklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn
man je glücklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich
stahl mich aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand vermißte mich;
ängstlich, mit Schweißtropfen auf der Stirn jagte ich dem Glücke nach
-- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll
schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es stand neben
mir. -- Ja! Dank dir großer Prophet! Ich bin hier recht glücklich! -- O,
wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener
neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen heißen Dank, dann
seh ich auf mein voriges Leben zurück, wie der müde Pilger am Grabe des
Propheten auf die zurückgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die
ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des
Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug
um die glühenden Räder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut
dann voll Dank zum Himmel!

_Almansur_ horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises,
er sah in seinen Augen eine Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die
Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises;
o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle
dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in
todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu malen. --

O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser fühlen, als dies
Gefühl sich in Worten zwängen läßt. -- Leise schleicht sich durch das
helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und
flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen,
und sehe wie die Sonne majestätisch hinab ins Thal schreitet, die Natur
wacht auf und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glüht der
See, über mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt,
der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die
Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel
stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blöken mir entgegen,
die Lämmer hüpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen!
Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn
das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings
erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein
längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste
Sommerlüftchen, das meiner Wange vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden
ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von
meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um
den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon
geführt. Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen Mahomets Paradies
vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Königreichen, diese
Bäume gelten mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. Ich
besuche oft drüben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die
ich selber pflanzte, und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater
über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner Hütte scheint die
Gluth der Rose auf die weiße Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der
stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich
im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am
Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bäume sind meine Freunde,
von ihnen brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner
höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen nicht über diese Berge fliegen,
des Glückes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen
jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden
Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glück und die Ruhe fliegen
hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder
Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt ruhige Freude.

Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, wenn der Herbst auf
selbst gesponnenen Seidenfäden durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume
wickelt, und das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' ich,
wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden Schwanenbette
schläft, um gestärkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen
herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, wenn
die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor sich her wirbelt --
dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem
Frühlinge meines Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang meiner
Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit,
dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung
ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der Zukunft. -- In diesem
Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser
schönen, ununterbrochenen Einförmigkeit. -- --

O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du meine Hand, eine Thräne
zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- führte dich
Kummer zu meiner einsamen Hütte?

_Almansur._ Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! -- Ach, laß mich mit
Dir diese Hütte bewohnen, laß mich dein Sohn sein. Die Freude ist für
mich gestorben. -- Ich muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier
laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon führen,
laß am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu
jenen Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke nachläuft,
und keiner den Saum seines Kleides berührt, wo einer des andern lacht,
und blind für eigne Fehler ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn,
die sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. -- Nein, hier
will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum
denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine
Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich ein Fünkchen Freude
mehr als hier. Schon lange war es mir unerträglich, mich ohne Zweck und
Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen,
warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir
zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so
wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin
mir selbst und andern verhaßt! zu welchem Endzweck schuf der Schöpfer
die Menschheit? Einer den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu
rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerfälligen Tanz
um ihre Sonnen? Warum ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung
hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir
hier leben, ohne glücklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken;
wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schönerer Sonnenschein
unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, über
Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon längst unglücklich
gemacht! --

Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« sprach er dann. Ein
frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines
Buch; es ist nur ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir
lesen. -- --

Er ging fort. _Almansur_ sah indeß starr vor sich hin ins Thal, sein
Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer
war zurückgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner
Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein Auge zurück; der Greis kam,
setzte sich nieder und las: -- --

_Nadir._ Ein Mährchen.

Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte über eine von Arabiens
Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre
glühenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch,
welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte
vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu löschen, er ging
matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke
herbeischweben wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; so weit
sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne
Strahlen wurden immer heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm
Kühlung zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel waren
im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, und kein Dorf, kein
Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine
unermeßliche Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den
Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.

_Nadir_ verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal
der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte
folgen. Durch den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter
Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über die Ebne.

Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er
über sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich
langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O
ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, könnt' ich jetzt
durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein
kühlender Wind über die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind
ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, und löschten mit ihren
schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schüttelte
den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen stürzte
herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschränkten Wald ein fernes,
flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm
entgegenblickte: er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die
ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch die Waldung, und
sah über eine Ebne das Licht vor sich glänzen.

Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er
schlug an die kleine Thür, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen,
der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich die Thür
des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer
erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war
die Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das
Licht durch die Thüre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verließ
ihn. _Nadir_ bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, seine
Schritte hallten von der Mauer zurück, als er durch die Stille ging.
Er stand vor der Thür, aus der das Licht ihm entgegenglänzte, -- er
öffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er
trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten;
die Wände glänzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik
schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief
_Nadir_. -- Ein prächtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie
führte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ aß und
wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken
hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er
sah um sich. Tausend Lichter glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant.
Saphir, Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände hingestreut,
unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge
verlor sich ermüdet in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende
erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer größer.

»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und führte ihn durch
die blendenden Säle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefüllt
und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen
einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen Reihen. Dieser
Pallast, begann _Nadirs_ Führerin, ist ein Werk meines gestorbenen
Gatten, er suchte das Glück lange vergebens und fand es endlich mit
mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk
hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein
mächtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot
entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen.
Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt
ein König, seine Stirn schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der
Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich
den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gütiger
Regent, er macht andre glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener
Volkslehrer lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil er ihn
mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Säulen gelehnt steht ein Haufe
unglücklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die
Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch
von Reichthümern blenden, ihre Wünsche scheinen so mäßig und sind doch
so vielumfassend, werden fast nie erfüllt. -- Dort stehen andre, für
welche die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie können
keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Blätter zu
zählen, keinen schönen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten
und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen jeden
Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf
und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren
Rang in der Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt sei.
-- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemälden
ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles
ernsthaft, auf der andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert
eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerührt,
jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich
sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend
Thränen über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie
können über ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fällt,
sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glücklich,
aber kein Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann
sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln ist als wenn die
Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglück
wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen bleich,
sie sind die ärmsten Geschöpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet
sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen,
die Welt nennt sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für
weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr
Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne
wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und
gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. -- Jene spielten
mit ihrer Phantasie, der Verstand löste die Fesseln der gebundenen
Einbildung, sie schoß wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der
Verstand an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht einholen,
jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen
falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglückliche; aber sie sind
wirklich glücklich. Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält,
für ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel des
Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schätze Indiens zu
besitzen und fühlt sich beseligt. -- Jener ist taub für jeden Harfenton,
blind für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele
sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch
setzt, er hört nicht die himmlische Musik, die ihn umfließt, aber er
lächelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine
Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in
den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn ließ? -- O jener,
rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist
der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn
durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glücklichste,
er kann viermal täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern
Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen hervor!
-- Sieh, jener Mann, fing die Führerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt
herumgeht, ist ein verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner
achtet auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; manche
heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn vom Himmel, manche Brust
athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt
den Beruf des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu schuf uns
die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm
und überzeuge dich, daß der Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich
zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen,
warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre
Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der
Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was ihm die
freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht über die Gränze
hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch
die hundert Bogengänge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes;
seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß es Frevel sei, sich von
den Menschen zurückzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er
durchdrang den Plan der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft
der Menschen zurückzukehren.

Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog über die
Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Führerin verließ ihn, ein
Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde und ihre
Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von
den Wänden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner
und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle Sonnenschein glänzte
endlich an den Wänden einer niedern Hütte. _Nadir_ öffnete vor Staunen
stumm die niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die alte
Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, die Thür ward hinter
ihm verschlossen; dieselbe kleine Hütte, an deren Thür er gestern klopfte
-- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den
Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das
Morgenroth schwamm in den großen Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt'
ich?« rief _Nadir_ aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten
neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte sich Kirschen von
einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch
einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück
nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten weißen Schimmer
von ihr ihm entzog. -- --

Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien
hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten.
Kehre zurück, Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, wer
weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur
Gesellschaft geboren, gehe hin und erfülle deine Bestimmung, genieße
ohne zu grübeln und du wirst gewiß glücklich sein.

_Almansur._ Verzeihe, edler Greis, daß ich dich täuschte, dir meinen
Gram nicht ganz enthüllte. Wenn du die Geschichte meines Unglücks hörst,
und du räthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren,
so will ich dein Verlangen erfüllen.

Ich heiße _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte
einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor
wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine
Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schön, wie
der werdende Tag, schöner wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß
Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die
sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln war der Sonnenschein des Frühlings,
in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden
Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der
Morgensonne um Felsen sich kräuselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr
Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten,
aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht
nach ihren Zellen zurückzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen
Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater,
ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, ich schwang mich auf mein
Roß, eilte hin, füllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich
stürzte zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche raubte mir
meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tönte
laut, ich kam zurück; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte
mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von Schweiß und Staub bedeckt,
mein gutes treues Roß starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lächeln
dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte ich die heißen Ebnen
Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, für sie hätte ich unbedeckt
den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich träumte eine so heitre
goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir,
aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich;
vorgestern ward ihre Vermählung gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus
der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner
der Pauken, stieß einen glühenden Dolch durch meine Brust; in der
Mitternacht verließ ich Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo
jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele
zurückriefen, die Sonne war für mich auf ewig untergegangen; ich ging
fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glücklichen
Einsamkeit. Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige
Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner Seite, im Schooße
der Ruhe und der Einsamkeit, meine übrigen Tage verleben; ach, die
Einsamkeit hat ja Trost für so manche Leiden, sie trocknet so manche
Zähre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen Thale
will ich den Traum meiner Jugend noch einmal träumen, hier will ich
weinen, wenn ich erwache. Laß mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich
an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind
von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut,
laß sie mich hier wiedersuchen; laß sie mich wiederfinden, Greis, denn
beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich
sein. -- Aber warum glänzen Thränen in deinen Augen und verlieren sich
in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust
erheben? Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?

_Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen
Kummer erweckt, ich hielt ihn für todt, aber er schlief nur. -- O
Jüngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder
vorübergeführt. -- Ein ähnlich Schicksal führte mich hierher; ach,
_Fatime_! diese Thränen fließen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor
meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im
Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_,
bewohne mit mir diese Hütte, trinke mit mir von meiner Milch, laß uns
beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist
mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, du bist mir theuer
geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des
Tages, wie der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser Leben
verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht,
so leben, wie eine Welle beständig um ihr grünes Eiland murmelnd fließt;
beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem
Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Gärtchen pflanzen, du
begießest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den
Zweigen und freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden Wandrer,
der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken,
und ihn dann auf die rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir
den Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern Kummer in
unsrer Brust verschließen. Wir erzählen uns dann die Geschichte unsrer
verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein,
ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du beschreibst
mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn,
ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thränen
vergoß, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede
Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in
der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen
wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser
spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die
Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns wunderbare Mährchen so
vertraut als wären es die alltäglichsten Dinge; wir träumen uns unser
Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder ein;
so leben wir, bis der Tod mir immer näher und näher schleicht und mich
unvermerkt aus deinen Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel
unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine
Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du
beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du
das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hülfe, dem verirrten
Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht
ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und hörst
den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem
Lichtkranze entgegenfliege.



Das grüne Band.

Eine Erzählung.

1792.


Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der graue Nebel; über
einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren
zurück, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen
Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen
Baches ward hörbarer: als über die Haide eine Schaar von Kriegern gegen
die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog
zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, durch die abendliche
Stille tönte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der
Zinne der Burg eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen den
Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ sich nieder, und _Friedrich
von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde
sich um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß er aus der Fehde
wohlbehalten zurück gekehrt sey.

Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf
ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. »Meine _Emma_!« rief
Friedrich, »bist du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« -- »Kommt
Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem sie schüchtern um sich
blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurück bog. -- »Habt
Ihr viele von euren Leuten verloren?« -- »Ja,« antwortete _Friedrich_,
»zwölf, und unter diesen einen meiner treusten Diener.« -- »Doch nicht«
-- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren
Lippen, sie ward bleich, -- »doch nicht -- _Wilibald_?« sagte sie, indem
sie eine unwillkührliche Thräne in ihr Auge zurückzwängte.

Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker,
-- aber er fiel, -- er hat sein Leben rühmlich beschlossen. Wohl jedem
 Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fühlen;
ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe
Tochter, der Nebel hängt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bäume,
dein Haar flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst bleich
aus, -- du bist doch wohl?

Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.

»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem Schloßhofe trat, »wollt
Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_
harrt Eurer drinnen.«

»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, und ging in den
Schloßhof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm.
-- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich
nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank für die
Rettung, zärtliche Besorgniß, -- dieß und hundert Fragen und hundert
Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert führte sein
treues Roß in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe
hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und
begab sich dann in ihr Gemach.

Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schloß ihn froh
in seine Arme. -- »Gottlob!« rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe!
-- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_?«

_Friedrich._ Ja, Freund! und du?

_Konrad._ Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's schon lange keine Fehden
mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_
nicht mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe ich auf
dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so muß ich immer wider
Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die
eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und muß
dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn
man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, wir können
nur noch wenig hoffen, -- aber dieß wenige wünschen wir mit einer
Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palästina
unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich öfter auf deiner Burg
heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.

Sie waren indeß in den Saal getreten. -- »Setz dich, Freund!« sprach
Friedrich, »ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad saß lange
nicht auf jenem Sessel.«

_Konrad._ Es soll von itzt an öfter geschehen. -- Du hast ihn
geschlagen?

_Friedrich._ Den räuberischen Manfred, -- ja -- Zwölf meiner besten Leute
hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert,
du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne
ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurückgetrieben, -- ich sage
dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn.
-- Bringt Wein, Buben! --

Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.

_Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein
Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.

_Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glücklicher Vater bist du! Es
war mein tägliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir
einst die Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haußte,
der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein.

_Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhörte dein
Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weißt
nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn
der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich früh an Gram. -- Bald siehst
du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem
Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd zurück, und bei jedem
Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er
ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der
Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weißt, im Gewühl der Schlachten,
-- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle
Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schöne
Erinnerung, das Glück der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in
_einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jünglings,
-- ach! und wie viel tausend Schwerter können diesen Kranz zerreissen.
Wir setzen unser ganzes Vermögen auf _einen_ Wurf, und in jedem
Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser
der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!

_Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gütige Schicksal. -- Den Knaben
zum Jüngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden,
-- nenne mir eine Freude, die größer sei, als diese. -- Und wenn er nun
zurückkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm
her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine
erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?

_Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir
Recht geben, aber eher nicht.

_Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder,
der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten muß. -- Trink!
stoß an! auf den Ruhm deines Sohnes!

_Konrad._ Und das Glück deiner Tochter!

_Friedrich._ Denkst du, daß ich für sie unbekümmert bin? -- Wollen wir
mit unsern Kindern tauschen, Konrad?

_Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kömmt mir wieder, den
ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer
schlaflos lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, -- sei du der
Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, daß keiner von
uns das Recht auf sein Kind verliert.

_Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters,
der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als
dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur muß er mit Ehre
zurückkehren.

_Konrad._ Das wird er, wenn er zurückkehrt, dafür laß dir den alten Konrad
bürgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. --

_Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch
eine liebliche Zukunft seh' ich emporblühen! -- Allenthalben winkt die
schönste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir
ruhen, bis wir in einen noch schönern hinüberschlummern.

Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine
wehmüthige geworden; ein Paar große Thränen fielen schwer aus ihren
Augen, die sie in einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie
merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden diese Träume
in Erfüllung gehn?«

Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, und erzählten sich
noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die
Gesichter der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, daß sie
Greise waren.

Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gespräche ab, jeder
ging heiter in sein Schlafgemach.

       *       *       *       *       *

Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine
dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte
über Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tönte
durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's
längst den Wänden des großen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte,
hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm
itzt wie von ungefähr zu begegnen.

Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem
Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« rief Adalbert aus, und schloß das
Mädchen rasch in seine Arme.

»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, -- »O! wüßtest du, wie vielen
Kummer du mir indeß gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng
wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, denn Berge
und Wälder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der
Garten schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels hing düstrer
als sonst über meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles
wieder so hell und frei gemacht?«

_Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma!

_Emma._ Dein schönes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich
gelitten, itzt erst weiß ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir
bist. Beständig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch
noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr zu dir, ihrer lieben
Heimath, doch stets das nächste: der Gedanke, der der fernste schien,
war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis
itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und
-- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja
geschwätzig. --

_Adalbert._ Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz nicht gern?

_Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorüber, -- ich bin vor
ihm hundertmal vorübergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl
-- ich dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grünte; ich
war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frühlingsflur
überschaute; -- er blühte damals so schön, die Sonne glänzte so hell in
seinen zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, -- die ganze
Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; -- itzt stand er da, als
wenn er mich traurig ansähe, als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht
mehr fröhlich seyn könnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich
her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern.
-- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. --

_Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich
traurig gemacht.

_Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen
Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die
Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frühling entflieht dein Glück, sagte
mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglücklich sein. --

_Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, laß diese grausamen Spiele
deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglücklich sein!

_Emma._ Daß sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner
Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, daß Unglück sehr
wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.

_Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglück ist ja der Preis, um den wir unser
weniges Glück in diesem Leben erkaufen müssen. -- Du seufzest, Emma?
-- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thränen.
-- Könnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?

_Emma._ Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen einzutauschen? Laß
sie ungewiß seyn, es sind doch immer Hoffnungen.

_Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird
diese schöne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma!
-- der Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schöner
Traum gewesen. -- Wie dann?

_Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schönen Traums, wie
Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.

_Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen
Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand
beglücken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer großer
Schätze? Wird er das je?

_Emma._ Willst du denn, daß ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht.
-- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er
liebt dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir
wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn
über künftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an dieß grüne Band
um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht
unnöthig zu wagen.

_Adalbert._ Grün ist die Farbe der Hoffnung.

_Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand
meiner ewigen Liebe und Treue.

_Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? --

_Emma._ Auch dann.

Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten
heraus; ein stummer Händedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- --

Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, die Sonne war schon
seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein
Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten
sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten
Friedrich geführt.

Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, befahl ihm
einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?

»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.

»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« sprach Friedrich
-- »Aber wer sendet Euch?«

_Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird.

_Friedrich._ Was verlangt er?

_Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu
schließen und Euer Freund zu werden.

_Friedrich._ Mein Freund? --

_Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung --

_Friedrich._ Sie ist? --

_Ritter._ Eure schöne Tochter! --

Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und
blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit großen Schritten
auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange
und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen
nur von einer unterdrückten Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und
sagt dem schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern stürzen
soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in
seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr
Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein,
denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber zu vertilgen, und
ein Räuber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen,
wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des
Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien widerrechtlich gepreßt werden;
sagt ihm, daß mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern
bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag
er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.«

Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Roß, und jagte
hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurückzuwerfen.

Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem
freundschaftlichen Gespräche mit Konrad von Burgfels nach und nach
verlor.

       *       *       *       *       *

Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds
vergessen. Der Wein machte, daß sie in der Zukunft, welche sie sich
erträumten, allenthalben nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos
und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: daß jeder Augenblick ein
Unglück erzeugen könne.

Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte in die schöne Gegend
hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie träumte sich in die Zukunft
hinüber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen
sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.

Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wälder
rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurück. Um sich diesem
Gefühle ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der
Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken auf ihre väterlichen
Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung
vorigen Glücks betrachtet.

Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen Hügel, nun sank er
langsam, und ein blasser zitternder Glanz überflog noch einmal die
Eichenwälder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten
westlichen Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen
goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehüllt,
finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglück ahndet.

»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. -- »So stirbt die letzte Hoffnung
auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze
menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blüthe vom
verdorrenden Baum.«

Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.

Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken
hingen ernst unter dem Glanze der Sterne über fernen Wäldern, und schon
begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle -- da braust
es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm
Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkührlicher
Schauer zitterte langsam über Emma's Körper hin. --

Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie ein Klang von Harnischen.
-- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt
eine düstre Schaar um die Mauer der Burg.

Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fühlte
sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie
drängte sich bebend in die Ecke des Altans.

Itzt schwebte es über den Wall herüber, -- schon rauschte es durch den
Graben der Burg -- da schmetterte plötzlich laut und furchtbar von der
Zinne der Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma schrak heftig
zusammen.

Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte
fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte dröhnten laut
durch alle Säle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war,
wie in einem Traume, große Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn,
und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, daß sie mit einem
schmerzhaften Vergnügen die Entwickelung dieses fürchterlichen Traums
erwartete.

Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, Rüstungen
erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem
neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wütheten wie zwei
Gewitter gegeneinander. -- Itzt hörte sie Adalberts Gang, er ging durch
die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein
Ton stand ihr zu Gebot.

Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« -- Aber er konnte diesen
Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig
durch die Säle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in
welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; sie rannte durch eine
verborgene Thür, eilte über die niedergelassene Zugbrücke nach dem
offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem
Haupte zu flimmern schienen.

Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, und sah nach der
Burg zurück, die wie in Nebelwolken eingehüllt da lag. -- Das Schmettern
der Trompeten tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang
über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen
Felsen die Töne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs
versanken. --

Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten
flohen hin und her, Nacht und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken
boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich
das Gesicht mit den Händen verdeckte.

Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger flohen ihr dicht vorüber,
andre sanken verfolgt zu Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und
schauderte noch stärker.

Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie springt auf und
stürzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. --

»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme und drückt sich fast
ohne Bewußtsein an seine Brust, -- »rette mich!«

»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein guter Engel ließ mich
dich finden, meinen Muth zu stärken. -- Zurück in den Kampf! -- Ha! die
Meutrer! -- die Burg brennt!«

Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.

Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer die schrecklichen
Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schüchtern
auf, -- welcher Anblick! -- Kühn wälzte sich eine Flamme aus der Burg
himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch hin und her,
und übersah mit kühnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glühte
im Widerschein, alle Wälder und Berge wankten hin und her im zitternden
Flammenglanze, große Funken flogen Sternen ähnlich durch die Nacht, und
sanken neben Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! --

Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander wüthen, Arme gegen
Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glänzten wie fernes
Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie Donner.
-- Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.

Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die Flamme war zurück
gesunken, das Geräusch des Kampfes war verschwunden, die gräßlichste
Stille lag schwer und drückend über der ganzen Natur. -- Zweifel
schüttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit trat
an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- »Gott!« rief sie lautseufzend,
und im Ton der Verzweiflung.

»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche mit dem ächzenden
Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- »Mein
Vater!« rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der verwundet
hieher geflohen und niedergesunken war. --

»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner Väter?« fragte er mit schwacher
Stimme.

»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«

»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und erhob sich.

Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte sie das Blut des Greises
über ihre Hand fließen.

»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« -- Schnell zerriß
sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfältig, als es die
Finsterniß der Nacht erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm
an seine Brust. -- »O, ich bin glücklich!« sprach er endlich, »da ich
dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wüthen,
wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, wenn
ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. -- Ich bin nicht
unglücklich!« --

Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken säumten sich mit sanftem
Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus
der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das
Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den
östlichen Horizont.

Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte sich stärker, als er
aus der Ferne über einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen
sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.

»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; »Sieg!« hallte das Thal
mit seinen Felsen wieder; »Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne
der Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne Röthe überflog
ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah
wieder so kühn umher, als er es sonst gewohnt war.

Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« sprach er,
»nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.«
Friedrich eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine Arme.
»Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, »willkommen, mein geliebter
Sohn!«

»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schüchtern auf
Emma, die bei diesem Blicke erröthete.

»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach Friedrich, »verdank ich dir
nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem
Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«

Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma
aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug
schüchtern die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts
Lippen statt _Emma_ -- »das _Ritterschwert_.« --

Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.

       *       *       *       *       *

Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs
Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur
wenigen Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern
gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glück und Adalbert
Dank sagen, daß er den verrätherischen Überfall nicht theurer hatte
bezahlen müssen.

Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um die seinige zu
besuchen, der nächtliche Überfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste
mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder
einzukehren.

Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf und ab, denn sein
Gedächtniß wiederholte ihm alle Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten
Umständen. -- »Adalbert!« rief er endlich aus, »was hast du gethan? --«
Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens verscherzt, in
welchem die Waage deines Glücks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht
bloß auf dich an, glücklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und
sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewiß? -- Welcher Sterbliche
wagt es, so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen Hauche
anzuvertrauen? -- Hätte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke
fürchterlich aus seinem Munde getönt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt
dir doch noch die tröstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen,
indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glücks immer weiter
aus meinen Augen gerückt wird. -- Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für
Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und
uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewißheit des Unglücks als dieses
peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in
jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich nicht doch irgend einmal
mein ganzes Glück einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch
heut muß sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn
dabei?

»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, »die ganze Seligkeit
dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine
Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tönt! -- Aber
sei's! der hat noch dem Glücke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm
zu würfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir
ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! --

»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht
wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so
nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze
ist?

»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie
er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glückliche Nacht hat
mich noch über ihn gestellt.

»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich?
Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner
Seele wird nie enden.«

So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab,
bald stand er plötzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann
ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder
auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.

»Wir sind ja Beide _Menschen_!« sprach er endlich langsam und beruhigt,
»es betrifft das Glück meines Lebens, und auch er soll dadurch glücklich
werden; ich will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, sein
pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine
Emma so lieben, so glücklich machen würde, als ich, das fühl' ich, und
ihr Glück, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«

So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war
schon untergegangen, und der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem
Zimmer.

Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thür öffnete, die
Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war
es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.

»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, »gut daß du kömmst,
ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander
getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das
letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«

»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende Hitze überflog ihn;
er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.

_Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein
lassen, du hast gekämpft, dafür mußt du ruhen.

Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher voll, und Beide tranken.
Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank,
Friedrich desto fröhlicher.

_Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie
ein Mädchen. -- Was ist dir?

_Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen
und Nichtwollen kämpfte. Itzt riß er sich gewaltsam aus seiner
Träumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell
und zerstreut hinzu: O ja!

_Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein fröhlicher
Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.

_Adalbert._ Heut?

_Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens?

_Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht
allen Frohsinn.

_Friedrich._ Reue? worüber?

_Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem
heutigen Morgen.

_Friedrich._ Wie? -- Wäre es nicht dein heißester Wunsch gewesen, in den
Orden der Ritterschaft zu treten?

_Adalbert._ Nicht mein heißester, -- meine Zunge sprach es wider meinen
Willen, -- ich hätte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! --

Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fühlte
er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach
einem Becher greifen um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der
Becher fiel aus seiner zitternden Hand.

Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen Athem wehen und
zwängte ihn in seine Brust zurück, er wünschte sich itzt in das Geräusch
einer Schlacht, mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.

»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als hätte ihn
der Blitz getroffen.

»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, -- du bist mein
Freund, bist du damit nicht zufrieden?

_Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich muß Euer Sohn werden. --

Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zürnte nicht, er
hatte ihn angeredet, wie ein gütiger Vater seinen Sohn anredet. So tief
vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.

»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft genug, mir eine schwarze
Mauer vor die schönste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert!
-- _diese_ Bitte muß ich dir abschlagen.«

»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich
fürchtete, dieß Wort noch einmal zu hören. -- Aber die Bahn war
gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte,
daher behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«

_Friedrich._ Meine schönsten Träume waren von jeher, daß meine Tochter
einem Ritter vermählt würde von edler und berühmter Abkunft, -- die fehlt
dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie
erbt von mir Burgen und Schätze, diese muß mein Eidam auch besitzen, -- du
hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.

_Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt!
-- Ruhm und Schätze verlangt Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den
Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem
Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Können Euch Ruhm
und Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen Eurer Tochter
auf? -- Ich muß verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!

_Friedrich._ Adalbert!

_Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name
Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich!

Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters.
-- Friedrich beugte sich gerührt über ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!«
sagte er, »Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.«

_Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen --

»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, »Bösewicht! mein Ritterwort
brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, und
den Namen Mannstein an eine Schandsäule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh!
du entehrst das Schwert an deiner Seite.

Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und
unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.

»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich jeder Schandthat fähig;
du verlässest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner
Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube könnte
Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.«

Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des Zimmers stand er still,
seine Kniee wankten, seine Hände zitterten, so nahte er sich dem Ritter
und sagte halblächelnd: »Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit
einander getrunken.«

Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte »_zum letztenmale_« aus.
Dann verließ er schnell und stumm das Gemach.

Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thräne Adalberts,
die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre
nicht in sein Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine Wange.

Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thräne Adalberts, um es
zu vergessen, daß ein Mann hier geweint habe.

Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in
welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber
die Stunde war vorüber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.

Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er
wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann
mit schrecklicher Kälte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn
rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, öffnete stumm das
Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.

Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich
entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch
dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein
ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und
Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf
jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch
die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der
Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen;
die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und
unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in
den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen
Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg
erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus
dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine
Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des
Mondes.

Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der
Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein
Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze
heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie könnte Unglück diese
schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das
angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.

Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des
Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma,
bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem
Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der
mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten,
dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, -- sie
reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden
Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen,
bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.

So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs
lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in
seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung,
-- als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das
erste graue Licht des Tages zitterte.

Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft
umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die
Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in
der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem
Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle
Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der
kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist
unglücklich!

Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt,
-- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen
war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt
wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen
die dürre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen?
-- O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer
Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft
vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig
verschläft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde
ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?

Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem
Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte
aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die
Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es
fiel ihm jedesmal ein, daß er auf _ewig_ Abschied nehme, daß er, wenn
er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe,
ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg,
sie kam nicht, -- da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken
empor -- wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.

       *       *       *       *       *

Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein
Träumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im
Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert
wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den
Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm
anzunehmen.

Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend
auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als
müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon
kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer
Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider
seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte
sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn
empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief
er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft
begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge
sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du
bist kein _Mensch_!

Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das äußere Thor.
Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der
Burg zurück. Der Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein
kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens
plätscherten schwermüthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tönte
aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem
Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, wo er als Knabe mit dem alten
Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo
er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, -- wie war das jetzt
alles so verändert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag
wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er
dachte an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem verdorrten
Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.

Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge zu ihrer Arbeit
hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drückenden Joch, und schleppten
den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief
Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder
Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche Menschen! die bloß heute
leben, um morgen eben so wie heut für einen andern Tag zu sorgen, die
das unerbittliche Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu
spielen.

Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke plötzlich
still, denn er erinnerte sich, daß man von hier aus die Gegend der Burg
zum letztenmale sähe. Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten
Empfindung zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm
jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bäume und Felsen standen wie
Leichensteine auf ihren Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich
und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der
Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.

Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte
sich Wege durch einsame Wälder und wildes Obst und Waldwurzeln mußten
seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der
Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehaßt, er
findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu
verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste
mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.

Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch
das grüne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen
rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte
an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen Bande Emma's,
das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurück! rief er
aus. -- Nein, du mußt bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der
Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling
der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von
Emma übrig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch
rechnen? -- Die erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne
Band. -- Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter Stimme fort.
-- Nur auf Thränen soll ich rechnen? Thränen sollen meine ganze Erndte
sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie
hingefallen war. -- Emma! rief er plötzlich aus, -- die Farbe der
Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen könntest!

Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; die einförmige
Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus
welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht
des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume und furchtbar tönte
das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.

Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein
kleiner Fußsteig führte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er
drei Männer gegen einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt
mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er stürzte hervor
und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in
eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters,
zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht
des Waldes.

Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er
Adalberts Hand herzlich schüttelte; seid mir willkommen! Euch verdank'
ich mein Leben!

_Dafür_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert
bitterlächelnd.

Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- daß das
Leben seinen Werth bei dir verloren hat?

_Adalbert._ Verschont einen Unglücklichen; ihn um sein Unglück fragen,
heißt ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.

Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den Adalbert erlegt hatte.
-- Ha! _Manfred_! rief er aus.

Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mußtest du mir hier deine
Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen
wollen. --

Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner
Burg, ich bin der Ritter _von Löwenau_, wenn euch mein Name nicht
unbekannt sein sollte.

Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schändliche Manfred
hatte während Eures Aufenthalts in Palästina eure Ländereien in Besitz
genommen.

Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, legte er sich mit
seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, weil er wußte, daß
mich meine Straße hindurchführte. Wir sind meiner Veste nahe, ich
schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort.
Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern Beistand verloren
gewesen.

Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert
wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Löwenau.

Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen sehe, antwortete
Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stören?

_Löwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er ließ seine Hand fahren.

_Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank!

_Löwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich
wie ein Vatermörder in Wälder und dunkle Hölen verkriechen? Willst den
Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die
Folter spannt? -- Der Unglückliche darf kühn emporblicken, die Schläge
des Verhängnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern.
-- Zögre nicht, wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten
soll. --

Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für einen Frevler zu
gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.

       *       *       *       *       *

In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Löwenau beobachtete
seinen Gast genau.

Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel
zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft,
meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner großen
Schuld abtragen, kann ich dir helfen?

_Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hülfe dem nützen,
auf dem das Schicksal zürnt?

_Löwenau._ Das Schicksal? -- Daß der Unglückliche doch so gern so stolz
ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen
deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie
sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich
bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar über ihr
Schicksal, da sie doch selbst die Zügel ihres Lebens in den Händen
halten. Glaube meiner Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal,
wir müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie voll
Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. -- Noch immer so stumm?

Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann,
du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir
vertrauen, ob ich gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst.
-- Er erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit diesen
Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin
ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat für mich ihre Thür auf
ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt
sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für mich todt und ich
bin der Welt gestorben, sie ist mir ein öder Strand, an den mich ein
unglücklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem
Sturme übrig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem
Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem
Unglücklichen gesichert.

_Löwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so
unumschränkt von der Liebe beherrschen lassen?

_Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles,
was nicht an mir verächtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit,
zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle
geläutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe.
Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von
dem Abendgewölk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.

_Löwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit
meiner Kindheit leb' ich im Geräusch der Waffen; ein schönes Pferd war
für mich das Meisterstück der Natur, und ich verstand die Schönheit nur
an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewiß, daß es für dich in
dieser Welt kein andres Glück als die Liebe giebt. --

_Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind für mich
alle Blumen in der Natur gestorben.

_Löwenau._ Und Emma ist das einzige Mädchen, das du je lieben kannst?

_Adalbert._ Ich würde mir selbst verächtlich sein, wenn ich sie nicht
mehr lieben könnte.

_Löwenau._ Sie muß sehr schön sein. -- Adalbert, ich will dir einen
Vorschlag thun, den du aber nicht zurückweisen mußt. Schon während
deiner Erzählung faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar er
ist, auszuführen wäre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir
in deiner Erzählung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse
Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er fiel im Kampf an
meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderniß aus dem Wege
geräumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine
Tochter anhieltest?

_Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurückgewiesen zu werden? -- Mein
Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern
Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. --

_Löwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du
mußt mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf
meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich
von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlägt sie mir
gewiß nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses
Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberühmt -- Auf
meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher,
wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann
diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters
deine rechtmäßige Gemalin, nachher magst du sie auch öffentlich dafür
erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie thun.
-- Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle würden nicht so handeln,
und hundert Liebhaber würden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben;
aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder
liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten
in den Weg legen, Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. --

_Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drückte
ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man
einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne
Liebe gegen die Krönung der feurigsten Wünsche?

_Löwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit?

_Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes?

_Löwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma
verirren.

Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen legen mochten; sie
tranken die Nacht hindurch und überdachten noch mehr ihren Entwurf.
Adalbert lächelte wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund
zu unternehmen.

Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, ließ sich Wilhelm
ein Roß satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis
der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.

       *       *       *       *       *

Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den
Unglücklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg
zurück, als wenn sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die
Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung riß ihn um so
höher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglück gestürzt hatte. Er
athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit
eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele
auszuruhen kömmt.

Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er
dachte sich schon Emma in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und
träumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemälde suchte er
mühsam die Züge zusammen, die auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit
dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel
an der glückliche Ausführung des Entwurfs seines Freundes in seiner
Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen
Vertrag geschlossen hätte.

Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blühte für ihn
von neuem, ein neuer Frühling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung
nieder, und goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schöne
Träume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle
seine Sinne waren dem Gefühl der Freude aufgeschlossen.

Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte fühlt, wie ein sanfter
Purpur wieder über die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen
Augen das erste Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit
der Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß er itzt Niemand
hasse, oder auch nur hassen könne; in jedem Wesen ahnete er den Geist
der Liebe, er hätte die ganze Natur an sein Herz drücken mögen.

So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der
holden Betrügerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewähren, als die
Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grünen Anhöhe, die ein
goldnes Morgenroth beglänzt, durch die grünen Büsche funkelt freundlich
der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu
kommen, -- aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, der lockende Schimmer
verschwunden.

Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, wenn er nur immer
so hätte hoffen können.

       *       *       *       *       *

Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt.
An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein
erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte,
welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine
Abreise erfuhr.

Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein
gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen,
sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er
das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie
nie einen schönern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurück, was
sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt
und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien
gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als
schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine
Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur
Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche
Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der
Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz
hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr
Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an,
mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar
flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts
geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die
die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der
Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren
die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie
zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das
zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu
lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern
die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer
seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die
sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen,
so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte
einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So
verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die
Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern
herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte
nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen
eines abwesenden Freundes bekümmert.

Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher
am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm
fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich
milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren
habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr,
als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn
er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn
noch nicht wieder besucht.

So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der
Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser
Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest
anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines
männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft
ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten,
und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers,
Emma sollte ihn überreichen.

Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste,
aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte
Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank?

Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.

_Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. --

_Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle
nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht.

_Friedrich._ Dein Sohn --

_Konrad._ Schläft in Palästina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun
werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ »Karl« rufen, und trauriger als je,
-- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach
jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn
mit einer erbeuteten Fahne; -- mußte _er_ gerade fallen? -- Der einzige
Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte _ihn_ gerade der
schadenfrohe Tod erwürgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in
meinen _Träumen_ sehn.

_Friedrich._ Tröste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt
und nimmt? -- Laß ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne
dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. Wie
viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge gestorben zu sein. -- Zu viele
Klagen über seinen Tod ist Gotteslästerung. --

_Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer über Ertragung der Armuth zu
predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst
einen Hügel, auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner wird,
oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen Abends beleuchtet in den
Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und
ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes.

_Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren.

_Konrad._ Du?

_Friedrich._ Adalbert. -- Er erzählte ihm die Geschichte seiner
Verbannung.

Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn
zurück, mache ihn durch Emma glücklich, mache dich selbst in der Freude
deiner Kinder glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, _was_ das
eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr
darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schätze, -- betrügerische
Schatten die uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd hinter
unsern Rücken entflieht. -- Wie gern möcht' ich mir durch meine Burgen,
meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm und
ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben.
-- Friedrich, folge meinem Rathe.

_Friedrich._ Wenn er hier wäre! -- Niemand weiß, wohin er sich gewandt
hat. --

Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem
festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen.

Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in
die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend
versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter
gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und
Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer
geworden.

Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang,
als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den
Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller
Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der
weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand
sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten
ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.

Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche
zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma
genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja
eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber
doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets
wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene
Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender
Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen.
-- Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. --

Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank
zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des
Fräuleins. -- Er öffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Löwenau_.

Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und
sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß
in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte
sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den
Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete
noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das
Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und
er erhob sich.

Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter
begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel.

Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die
schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte.
-- Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend.
Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft
lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und
man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den
Burggarten.

       *       *       *       *       *

Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf
und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er
stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen
Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte
Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster
und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.

War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestümer
bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgültig tönte mir noch gestern
dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt,
daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?

Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters.
-- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher,
wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den
Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist
nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand
macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich
gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie
konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum
haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte
mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist
dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist
es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft
besiegt.

Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. -- Als ob es schon
ausgemacht wäre, daß _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein.
Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert,
er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein
Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu
Grunde ginge.

Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges.

       *       *       *       *       *


Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von
Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine
gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch
über: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie
denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen
mit der Frage: Du liebst ihn also?

Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit
hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz
an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe
sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser
Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in
welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht
in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz
schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls
beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert
noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so
gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte,
nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt
auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus
dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht.
Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie
ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts
als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte;
und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so
glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen
habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. -- In
dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie
endlich Überzeugung.

Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger;
den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt
zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument
in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte,
schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes
Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand
sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere
Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert
darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen
war.

Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter
gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie
ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat.

Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.

Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er
sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken,
sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie,
indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. --

Ihr flieht mich? sprach der Ritter.

Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. --

Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends
überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. --

Fräulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne
nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen
wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser
Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten.

Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte
Emma schalkhaft.

_Löwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung käme? -- Würdet Ihr mein
Gebet erhören, schöne Emma? --

_Emma._ Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie
sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete
und hoffte viel.

So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den
Garten zu eilen.

Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen
über ihre getäuschte Erwartung. --

_Löwenau._ Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich
leicht zu einem ungestümen Bitter machen.

_Emma._ Was könntet Ihr noch mehr wünschen? --

_Löwenau._ Euch sehen und nicht wünschen? --

_Emma._ Ihr sprecht in Räthseln.

_Löwenau._ Daß Euer Herz sie verstehen _wollte_!

Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem
Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen
Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich
und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! --

Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen
Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend.

Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises
flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen.

Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden
Kuß auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat
vor seine Seele, als daß er _sie_ in seinen Armen halte; selbst daß sie
ihn liebe, hatte er vergessen. --

Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie
auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich
athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer
verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres
Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen
Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet.

Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den
Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne
vergessen.

Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur
unvollständig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom
Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen.
Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. -- Löwenau entschlief, als
sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in
Erschöpfung gekämpft hatten.

       *       *       *       *       *

Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster
Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn
schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten
angefangen habe. -- Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte
ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß
Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen
seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und
Emma zugleich unglücklich gemacht haben. -- Er überließ sich und sein
Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles
Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem
Vater um sie anhalten wollte. -- Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie
mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja
auch dann noch immer für Adalbert handeln. -- Mit diesen Täuschungen
beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte.

Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du
verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete
alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es
zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu
mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund
zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma,
die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur
mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger
Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung
kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.

Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn
nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Löwenau fühlte sich durch
diese Erklärung glücklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und
Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg
verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er
sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch
verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei
Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung
etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle.

Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte
ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine
stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern
Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme
des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick
gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. -- Der heftige Löwenau
liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. --

Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute
mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater
um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel
nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.

_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in
der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.

_Löwenau._ Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?

_Friedrich._ In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in
der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in
jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und _ein_ Windstoß sie alle
niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- Über dem
Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der
Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist
es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser
Haupt herabwirft. --

_Löwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen?

_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner
täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben
dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.

_Löwenau._ Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine
solche Tochter -- --

_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je
mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr
dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es
auch sein.

_Löwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?

_Friedrich._ Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn
gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken!
-- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt
hier, sie wäre sein. --

Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt
Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich.

_Friedrich._ Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre?

_Löwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?

_Friedrich._ Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken.

Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine
Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert
aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an
Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Würdet Ihr mich als Eidam
verschmähen, Ritter?

_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst?

_Löwenau._ Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?

_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.

_Löwenau._ Dafür kann ich Bürge sein. --

_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater
zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an
allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.

_Löwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. --

_Friedrich._ Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht
glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält.

Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter,
Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach.

Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es
fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein
Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen.
Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre
unglücklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu
sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges
Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen,
denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen
war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für
die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen
Träumen ein.

       *       *       *       *       *

Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein!
so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte.
-- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen.

_Emma._ Ich dein? du mein? --

_Löwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch
mehr.

_Emma._ Was könnte dieses Etwas sein?

_Löwenau._ Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange
wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so
lange sind wir nur halb glücklich. -- Emma, ich weiß den Ort seines
Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm
sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich
vergessen solle, daß du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma.
Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe
überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will
ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im
Stande sei, meine Liebe zu schwächen.

Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und
schrieb diesen Brief:

     _Adalbert!_

 Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht
 mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und
 verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der
 Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. -- Emma gehört Dir
 nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt.
 Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt.
 Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du
 Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen.
 Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige
 werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß
 mich erst tödten.
                                                            _Löwenau._

Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte
sie in seinen Brief und siegelte ihn.

     _Ritter_,

 Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie
 an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und
 darf mich daher nicht mehr nennen:
                                                            Eure Emma.

Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein
begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als
möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen.

Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches
sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres
Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.

       *       *       *       *       *

Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen
Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein
vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn
dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des
Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die
schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der
Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.

Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine
Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der
Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte
bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. -- Schnell eilte er mit der
Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete
mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. --

Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift
betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glück,
oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin
ich glücklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer,
den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm
feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs,
eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg
herüber. -- Er lößte das Siegel.

Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das
Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute
wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich,
er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese
Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.

Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung
zurückkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den
Brief Löwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen
Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt
und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht
erwartet.

Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über
alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! -- Ja,
ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten!
kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma?
_Eure_ Emma? -- Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! --

Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat
mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück,
wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen
jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zärtlicher
Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe
die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt
mit Glück und Unglück, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange
ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren
Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen
berührt. -- Ich will nicht _allein_ unglücklich sein, die _Liebe_ haßt
mich, der _Haß_ soll mich itzt glücklich machen.

_Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand,
die mir so oft den Schweiß des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe
Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte
-- o Himmel! was für ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich
in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen
Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster für
seine Richter! -- Tugend? -- Für mich ist keine Tugend, kein Gott mehr,
denn sie, das Unterpfand für beide, ist mir verloren.

Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, sein Athem drängte sich
schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewälzt.
-- Sein Blick fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner
Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß es wüthend herab.

Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich
kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie
vergessen könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln -- aber das werd'
ich nie wieder.

Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie
eine Todtengruft.

Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe
Einsamkeit nicht zu stören; ich werde bald sterben und habe umsonst
gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur
über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den
fürchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!

_Eure_ Emma! -- Hättest du mir doch wenigstens das armselige »Du« übrig
gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir übrig bleiben. -- Gut, setzte er
mit schrecklicher Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.

Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund hätten nur auf eine grausame
Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen;
er dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu stark empfunden,
er suchte dann nochmals in den Briefen nach und quälte sich den
fürchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefühllose
Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.

Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er konnte nicht
schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand
vor dem fürchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten
vorüberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten;
in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur
ein fürchterlicher Traum gewesen; er drückte sie an sein Herz,
und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest
eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus
seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um Tod und Leben und sah
ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine
große wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben
ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister
fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure
Reich der ewigen Öde.

Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich
diese Nacht sterben müßte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist
muß von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _muß_, ich muß sie
sehn.

Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm
Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte
der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf,
riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der
ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.

Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Roß unaufhörlich,
denn die größte Eile war ihm zu langsam.

Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war schon ermüdet, als er
einen Ritter einholte, der auch diese Straße zog. -- Wohin? fragte er
diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln
Löwenau und der schönen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worüber
lacht Ihr? -- Voll Freude, daß wir einen Weg haben. -- In eben dem
Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie
rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht
Ihr nicht, schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt?
-- Er war ihm bald aus den Augen.

Das grüne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach;
Todtenblässe hatte sein Gesicht überzogen, sein Roß keuchte und sein
treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne
Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend
stürzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm
umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue
Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege.

Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, seine Kräfte schienen
übermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermüdet vor sich hin
zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen
versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war von der Hitze
aufgeschwollen, er trat in die Hütte und begehrte von einem Greise, den
er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt kühle Milch bekommen,
sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu
holen. -- Das kleine Mädchen eilte willig hinweg und Adalbert stand
düster an die Thür gelehnt. -- Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo
bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mädchen trat in
eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lächelnd die Schale.
Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den Boden, daß
sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger
weiter.

Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen
Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen
in seine Seele zurück, -- es war die Burg Mannstein.

       *       *       *       *       *

Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten
väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige
Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll
da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter.

Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen
grünen Berg; der Mond brach hervor, und glänzte durch die zitternden
Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg,
schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin und wieder
schwebten, schon hörte er immer näher und näher das Tönen der Trompeten
und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch
seine Brust.

Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das
frohe Getümmel der Gäste lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint,
aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und
setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald
sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend,
bald nach der geräuschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden
nach und nach abgespannt; er war betäubt, als er zwei Gestalten auf sich
zukommen sah, -- es waren Löwenau und Emma. --

Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich für stärker
gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur
unterdrückt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er
begann zu ahnen, daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde,
aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still
und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang
durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.

Emma war indeß immer froh und guter Laune gewesen; sie fühlte sich als
Löwenaus Geliebte ganz glücklich -- nur itzt, -- so plötzlich aus dem
Gewirre der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten
in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fühlte
sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing
an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte
sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und
gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist heiß.

_Löwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma?

_Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es
ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die
Büsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie
einen Geist gesehn, Wilhelm?

_Löwenau._ Nie Geliebte; aber wie kömmst du zu der Frage?

_Emma._ Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein
Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau
angesehn, der Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde lang: wie
er mir so gegen über saß, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines
todten Menschen muß schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche
aussehn?

_Löwenau._ Du quälst mich, Emma.

_Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde.

_Löwenau._ Wie der Frühling, der im Irrthum um einige Tage zu früh seine
Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder übereilt wird.

_Emma._ Wilhelm!

_Löwenau._ Was ist dir Emma? Warum fährst du zusammen?

_Emma._ Mir ist, als stünd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene
Bäume dort sehn fürchterlich aus! --

_Löwenau._ Wir wollen in den Saal zurückgehn.

_Emma._ Wilhelm! -- hörtest du kein Ächzen in der Nähe?

_Löwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht.

_Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch,
wie die Blätter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel!

Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und
entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise
wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er:
Emma!

Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurück, starr wie eine
Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wüthend,
kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Händen vor.
-- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen;
Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend in ihre
Brust. -- Kaum war der Todesstreich geführt, so erwachte er wie aus
einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen;
stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! vergieb mir
und lebe! laß mich für dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht
sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepreßt,
als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie sein Blut
aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm indeß Löwenaus Dolch
gestoßen hatte.

Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie sanft auf den Rasen
fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur
Erde.

Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge
Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.

Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin.

Wo? fragte Friedrich.

Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich
erkannte sie und Adalbert. Stumm schloß er Konrad in seine Arme und
drückte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu
hoffen!

_Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits!

Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und schloß mit diesen
Versen:

  Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt,
  Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt.
  Oft schweben sie in feierlichen Stunden
  Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,
  Sie küssen wechselsweis im Mondenschein
  Sich liebevoll die Todeswunden.
  Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,
  Und fühlt ein leises schauerliches Beben:
  O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,
  Durchfahren Geister itzt den Hain. --
  Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,
  In Silberpappeln wühlt der Abendwind.

       *       *       *       *       *



Hinweise zum Text:

Folgende Änderungen wurden vorgenommen:

 Zweifel wälzen sich auf Zweifel (Original: dich)
 Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn)
 der Frühling wird dich heitrer machen (Original: heitre)
 bis sich (...) etwas besänftigt hatte (Original: sich (...) sich)
 sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast)
 Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn)
 fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht)
 andre stürzten todt nieder (Original: Tod)
 an dem gräßlichen Thor (Original: gräßlichem)
 ich erlasse sie ihm (Original: ihn)
 der ihm am nächsten stand (Original: ihn)
 wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte)
 rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu)
 die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten (Original: ihm)
 sah ihn winselnd an (Original: ihm)





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Schriften - Achter Band" ***

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