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Title: Melusine - Ein Liebesroman
Author: Wassermann, Jakob, 1873-1934
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Melusine - Ein Liebesroman" ***

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                           Jakob Wassermann

                               Melusine


                            Ein Liebesroman


                        Paris, Leipzig, München
                     (München, Kaulbachstr. 51 a)

                       Verlag von Albert Langen
                                 1896.



I.


Wenige Menschen verstehen es, ihre Wünsche im Bereich des Möglichen zu
lassen. –

Nach monatelangem Hungern war es Vidl Falk endlich gelungen, ein
Stipendium von der Hochschule zu erhalten. Mehr hatte er nicht
gewünscht. Er betrachtete sich als gemachten Mann und strebte, sich das
Leben etwas gemächlicher einzurichten. Mit der ganzen Besitzesfreude
eines Kapitalisten trug er sein Vermögen spazieren. Jedoch vermied er
das Gedränge der Verkehrsstraßen, denn er fürchtete sich vor
Taschendieben. Wenn er beim Mittagessen die Zeitung zur Hand nahm, so
studierte er zuerst unter der Rubrik »Lokalnachrichten« die Aufzählung
der Diebstähle und der verlorenen Geldbörsen.

Der plötzlich eingetretene Reichtum berauschte ihn. Die schmale,
armselige Zelle, in der er bis jetzt gehaust, ekelte ihn auf einmal an.
Er kündigte und ging aus, ein Zimmer zu suchen, das mit seinen Träumen
möglichst übereinstimmen sollte. Der erfinderische Sinn münchner
Vermieterinnen, der schon den Aushängezettel mit jenen feinen Nüancen
versieht, welche auf den Preis schließen lassen, erleichterte ihm das
Suchen.

Eines Nachmittags erkletterte er die zwei steilen Treppen eines ziemlich
vornehmen Hauses in der Heßstraße. »Pension Bender« stand an der
Korridorthüre.

Ein kleines, zierliches Fräulein führte ihn in das ausgeschriebene
Zimmer. Leutselig und mit weltmännischem Behagen betrachtete Falk die
vier Wände des Zimmerchens und beklagte, daß keine Ottomane oder »so was
Ähnliches« vorhanden sei. Derselbe herablassende junge Mann hatte sich
vor noch nicht vier Tagen mit einem Mittagessen begnügt, das aus einem
für zehn Pfennige Äpfel bereiteten Mus und mit einem Abendessen, welches
aus purem Schwarzbrot bestand.

Mit ironischem Lächeln beobachtete ihn das junge Mädchen. Es schien
seine Spottlust mit Mühe zu zügeln.

»Warum lachen Sie denn?« fragte Falk indem er ein möglichst gutmütiges
Gesicht machte, fügte aber sogleich hastig hinzu, daß er das Zimmer
mieten würde. »Wer wohnt denn sonst noch bei Ihnen?« fragte er, mit der
Nase in der Luft schnuppernd, denn es roch nach Weihrauch.

Das Mädchen ließ ein helles, hölzernes Lachen hören und erwiderte:
»Nebenan wohnt Doktor Brosam – er ist Arzt und er mag den Weihrauch
sehr gern –«

»Pfui!«

»Dann ein Fräulein von Erdmann, eine Gelehrte, und Fräulein Mirbeth. Das
ist alles.«

»Eine Gelehrte –? Jung?«

Jetzt lachten sie Beide. –

Gegen Abend des nächsten Tages – es war der 1. November – bezog Falk
seine neue Wohnung. Als er mit Auspacken und Ordnen seiner
Habseligkeiten fertig war, ging er in die Küche, um die Magd nach etwas
zu fragen. Die Küchenthüre stand halboffen und er wollte sie schon
aufstoßen, als ihn der Anblick einer weiblichen Gestalt, welche drinnen
ganz nahe an der Thür stand, daran hinderte. Diese Gestalt war groß und
schlank, fast hager. Das ihm zugewandte Profil zeigte herbe und unschöne
Linien, ja, es erschien ihm fast abstoßend. Soviel er im Dunkeln
urteilen konnte, war sie noch sehr jung; er hörte eine schleppende und
etwas gewöhnliche Stimme, die mit dem Tonfall einer Ermüdeten der Magd
Erklärungen irgend welcher Art gab.

Vidl Falk wandte sich rasch ab, um nicht gesehen zu werden; aber in
diesem Augenblick kam das Fräulein Bender aus dem Wohnzimmer und fragte
nach seinem Begehr. Während er noch mit ihr sprach, verließ das
schlanke, junge Mädchen die Küche und ging an ihnen vorbei. Falk sah
ihr nicht ins Gesicht, obwohl er ihre Züge jetzt genau hätte sehen
können, da die Magd mit der Korridorlampe folgte. Nur flüchtig musterte
er ihren Schlafrock von düsterroter Färbung mit den Aufschlägen an der
Brust und dem Brokatverputz. Doch obwohl er der Vorbeigehenden durchaus
keine Beachtung schenkte, hörte er doch auch nicht darauf, was das
kleine, spöttische Fräulein Bender sagte. Eine Unruhe, die freilich nur
einige Sekunden dauerte, hatte ihn daran verhindert.

»Wer war denn das?« fragte er nachher ganz gleichgültig die Kleine.

Das Mädchen streifte ihn mit einem kurzen Seitenblick und sagte mit
komischer, fast komödiantischer Wichtigkeit: »Das war Fräulein Mirbeth.«

Falk glaubte etwas Gehässiges aus dem Ton dieser Antwort zu hören, nicht
gegen ihn, sondern gegen jene Dame. Nach Monaten noch erinnerte er sich
der ironischen Betonung des Namens und des überlegen gespitzten Mundes
mit der hervortretenden Unterlippe.

Noch in derselben Nacht schrieb Vidl Falk die folgenden, etwas
jugendlich klingenden Sätze in sein Tagebuch: »Ich bin ruhig und
glücklich jetzt, – beglückt von der Einsamkeit und allerlei unnützen
Gedanken. Und doch fühle ich etwas Leeres in mir, eine Lücke, ein Loch.
Sollte dies das Weib sein? Ich glaube kaum. Man kann sich doch nicht
nach dem Giftbecher sehnen.«

Auf der ersten Seite dieses Tagebuchs befanden sich in lapidaren Lettern
die prunkvollen Worte: Die reine Wahrheit.



II.


Fräulein Emilie von Erdmann erwachte seufzend aus dem Morgenschlummer.
Das Auf- und Zuklappen der Thüren hatte ihren Schlaf verscheucht. Die
dicke, ältliche Dame stöhnte sehr laut und hielt sich mit beiden Händen
den Kopf. Als der Lärm kein Ende nahm, murmelte sie Flüche und
Schimpfworte, ballte beide Fäuste gegen die unsichtbaren Feinde draußen
und rief endlich verzweifelt aus: »Mein Leben ist verpfuscht!« Dann sank
sie theatralisch in die Kissen zurück und holte ein Brustbonbon aus dem
Schubfach eines kleinen Tisches neben dem Bett.

Sie empfand jenes heftige Unbehagen, das Jeden heimsucht, der aus dem
Schlaf zu den Sorgen des Lebens zurückkehrt. Auch die Überlegung, wieder
um einen Tag älter geworden zu sein, verstimmte sie. Der Verfall ihres
Körpers war das Schauspiel, worüber sie täglich von neuem grollen mußte.
Und sie wollte noch jung sein und zur Jugend gezählt werden. Aber mit
fünfzig Jahren ist man alt, der kunstreichsten Modistin zum Trotz.

Das Dienstmädchen brachte den Morgenkaffee und Fräulein von Erdmann
beschwerte sich lebhaft über die Unruhe. »Liebste Anna,« sagte sie mit
vibrirender Stimme, »ich bin so elend, so krank. Sehen Sie her« (sie
streckte ihre Gichtfinger aus den Kissen) »wissen Sie was das ist? Das
ist der Hohn des Lebens! Geben Sie mir die Hand, Anna! Ich weiß, daß Sie
es gut mit mir meinen. Ich war nicht immer so. Ich habe Tage des Glanzes
gesehn.«

Das Mädchen lächelte kalt. Mit kecker Vertraulichkeit betrachtete es
nach Dienstbotenart die gelbe, schwammige Hand. Wieder allein, nahm die
Kranke eilig den kleinen Spiegel von der Wand und blickte starr hinein.
Sie zuckte mit keiner Wimper, ihr Gesicht nahm einen königlich strengen
und dann einen finstern, zürnenden Ausdruck an, und ihre abnorm langen,
fleischigen Ohrlappen röteten sich.

Von neuem wurden draußen die Thüren zugeschlagen, polternde Schritte
ertönten auf dem Korridor, und der neue Herr rief nach Wasser. Mit einem
Wutschrei sprang das Fräulein aus dem Bette. Sie suchte nach ihren
Strümpfen, und kramte zu diesem Zweck unter den am Boden liegenden
Wäschestücken, Zigarrenschachteln, Büchern, Zeitungen, Briefen und
Unterröcken; sogar auf dem Tisch suchte sie zwischen den Kaffeetassen,
Flaschen und Speiseresten. Aber das Erfolglose ihrer Bemühungen
erkennend, begnügte sie sich damit, einen langen, faltenlosen Mantel um
die Schultern zu hängen, der das schmutzige Nachthemd nur schlecht
verhüllte, und barfuß in ein paar zerrissene Pantoffeln von ehrwürdigem
Alter zu schlüpfen. Sie wollte schon hinausgehen, aber zwei Gründe
hielten sie von ihrem Beschwerdegang ab. Erstens, dachte sie, wird mein
Kaffee kalt und zweitens wäre diese kleine Frau Bender fähig, mich wegen
der lumpigen paar hundert Mark, die ich schuldig bin, zu enuyiren. Dies
»enuyiren« gefiel ihr; es verhüllte das am Besten, was zu denken sie
sich schämte.

Nach dem reichlichen Frühstück hatte sie ihre Morgenzigarre angezündet
und sich in schöner Pose auf die Ottomane gelegt. Da knarrte die Thür in
den Angeln und unwillig wandte die Liegende das Haupt. Sie sah Fräulein
Mirbeth im Zimmer stehen, dicht neben der Thür, die das junge Mädchen
langsam geschlossen hatte. Emilie von Erdmann sprang auf, »Was – Sie,
Fräulein!« rief sie erstaunt.

Fräulein Mirbeth antwortete nicht. Sie schaute gerade vor sich hin, aber
nicht auf einen bestimmten Punkt, sondern sie blickte weit in die Ferne
und sie schien etwas wahrzunehmen, das mehr und mehr ihre Angst erregte.
Ihre Arme hingen schlaff an dem grauen, wollenen, schwarzgemusterten
Morgenrock herab und ihre kleinen, feinen, schmalen und mageren Hände
leuchteten förmlich durch das Zimmer.

»Aber liebes Kind, was haben Sie denn?« rief Fräulein von Erdmann
erschrocken und haschte zärtlich nach der Hand dieses »Kindes,« das
einen Kopf größer war als sie.

Das junge Mädchen machte noch immer keine Bewegung. Wohl aber begannen
die Nasenflügel zu beben und die schwarzen Augen, die aus dem blassen
Gesicht hervorleuchteten wie zwei überaus glänzende Perlen, füllten sich
mit Thränen. Beständig, ohne aufzuhören, nagte sie an der Unterlippe und
dann ging ein Zucken durch ihren Körper. Sie zitterte. Plötzlich machte
sie zwei oder drei Schritte vorwärts, – schnell als fürchte sie zu
fallen, warf sich auf die Ottomane, legte den Kopf auf die verschränkten
Arme und begann zu weinen, – leise und unaufhaltsam.

Fräulein von Erdmann war ratlos. Mechanisch strich sie über das wirre,
dunkle, glanzlose Haar der Weinenden, das bei jeder Berührung knisterte
wie Seide.

Die dicke Dame suchte zu trösten. »Wer hat Ihnen denn ein Leids gethan,
Sie Arme? Ist es Ihr, – Ihr Vormund, ist es dieser schreckliche Oberst?
Sagen Sie mir alles. Unbesorgt dürfen Sie sich mir anvertrauen. Ich bin
verschwiegen wie das Grab. Vertrauen Sie mir, liebes Kind. Ist er denn
in Sie verliebt, dieser Oberst? Und hat er Sie beleidigt? Vertrauen Sie
mir!«

Und sie drängte in das junge Mädchen mit dem ganzen Ungestüm einer Frau,
die um jeden Preis ein Geheimnis zu erpressen sucht.

Fräulein Mirbeth richtete sich auf. Sie drückte einen Augenblick die
Lider zu, wie um dadurch widerwärtige Bilder hinwegzuscheuchen und sagte
schroff. »Lassen Sie mich!« Ihr Gesicht war voll Scham, und sie wußte
nicht, wohin sie den Blick wenden sollte. Mit aufgehobenen Händen stand
Fräulein von Erdmann vor ihr und sagte mehr als zehnmal: »Vertrauen Sie
mir!«

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf und entgegnete langsam: »Verzeihen
Sie, gnädiges Fräulein. Ich war wohl recht dumm. Aber ich kann jetzt
nicht reden. Verzeihen Sie mir.« Sie nickte zerstreut und ging hastig
hinaus.

Wütend, mit verächtlich zusammengepreßten Lippen sah ihr die dicke
Gnädige nach.



III.


Fräulein Mirbeth kehrte in ihr Zimmer zurück. Lange Zeit ging sie auf
und nieder, mit großen Schritten und scheinbar völlig losgelöst von
allem, was sie umgab. Sie war phlegmatisch in ihren Bewegungen und ihr
Gesicht verriet keine innere Regung mehr. Aber etwas Freudloses und
Hoffnungsloses lag auf ihr wie Novemberreif. Beim ersten Anblick
erschien sie schlaff, müde und gleichgültig.

Sie setzte sich an den Schreibtisch, nahm Feder und Papier zur Hand und
schickte sich an, zu schreiben. Doch blieb es nur beim Ansetzen der
Feder, deren Spitze sie stets ängstlich betrachtete. Offenbar wußte sie
genau, was sie schreiben wollte: Satz für Satz; aber diese Sätze aufs
Papier zu bringen, war ihr unmöglich. Unmutig warf sie die Feder fort
und stützte den Kopf in die Hand. Jetzt mußte sie aufquellende Thränen
verschlucken und plötzlich errötete sie vor Scham oder vor Haß. Sie zog
ein kleines, mit flotter Hand beschriebenes Stück Papier aus der Tasche,
entknitterte es und sah länger als eine Viertelstunde darauf nieder.

Da klopfte es und das kleine Fräulein Bender trat herein. Mit ihren
schwebenden, etwas gesucht graziösen Schritten ging sie auf die
regungslos Dasitzende zu, faßte sie bei der Hand und sagte: »Was ist
Ihnen denn, Mely? Sie sind so verstört, schon seit gestern. Sogar Mama
hat es bemerkt und hat gesagt, ich möchte doch mal herein.«

Mely Mirbeth schüttelte langsam den Kopf, wie jemand, der fest
entschlossen ist, seinen Kummer allein zu tragen. Aber im Nu war dieser
Entschluß bei ihr vergessen und die vorige Schwäche ergriff sie wieder.
Hastig und suchend erfaßte sie die Hand des jüngeren Mädchens. In dieser
unwillkürlichen Bewegung lag ein Schwächegeständnis und ein
Anschmiegungsbedürfnis und dies wurde von dem jungen Mädchen wohl
verstanden. Es näherte seine Lippen den Wangen Melys und fragte leis:
»Sie waren bei Fräulein von Erdmann?«

Mely lächelte schuldbewußt.

»Das sollten Sie wirklich nicht thun,« fuhr die Kleine fort. »Warum das?
Die haßt uns ja doch, weil wir jünger sind als sie. Sie stirbt vor Neid
um unsere Jugend.«

Melys Lächeln wurde heller und fröhlicher. Mit naiver Verwunderung sah
sie das zierliche Mädchen an, das ein so scharfes und selbständiges
Urteil zu geben wagte. Man sah auch an der schnellen Bewegung ihrer
Lider, daß sie darüber nachdachte. »Sie sind bös Helene,« sagte sie
endlich, erhob sich und begann wieder ihr Umherwandern. »Ach Helene,«
rief sie nach einer langen Pause, »wenn Sie wüßten, was ich alles
durchzumachen habe!«

Helene Bender saß mit verschränkten Armen auf der Lehne des Fauteuils
und blickte mit ihren klugen, grauen Augen Mely an. Etwas Ungläubiges
und Ironisches lag in ihrem aufmerksamen Blick. So klein sie war und so
unbedeutend sie aussah, so skeptisch blieb sie gegenüber jedem
Gefühlsausbruch und um den schmalen Mund mit der vorgeschobenen
Unterlippe lag stets ein gleichgültiger Spott. Sie glaubte nicht an
Melys Leiden, sie hielt jene für zimperlich und anspruchsvoll und vor
allem für oberflächlich. Nur aus Neugierde war sie hereingekommen.

Mely ahnte nichts davon. Sie vertraute allen Menschen, außer denen, die
sie haßte. Was man ihr sagte, das glaubte sie, selbst die plumpen Lügen.
In ihrem Schmerz befangen, hielt sie es für unmöglich, daß jemand an der
Tiefe dieses Gefühls zweifeln könne. Sie setzte sich und sagte mit ihrer
jetzt weichen und einschmeichelnden Stimme, die etwas Bekümmertes stets
in sich hatte: »Ich wollte ja auf alles gern verzichten, wenn ich nur
meine Ruhe hätte. Mit nacktem Brot nähm ich vorlieb, – nur endlich
einmal ein anderes Leben. Die Aufregungen, die Quälereien, die
Beleidigungen, – ich bin ganz krank.«

Und sie seufzte tief auf, wie Kinder thun, wenn sie sich ausgeweint
haben. »Sie wissen nicht, was das ist, Helene,« fuhr sie traurig fort.
»Sie haben Ihre Mutter da und leben so bequem und Sorgen haben Sie
keine. Aber ich bin ganz allein auf der Welt und dieser Mann darf mich
mißhandeln wie er will, darf mich beschimpfen – o, ich bin ganz krank!
Da hab ich wieder einen Brief, sehn Sie Helene, – da, was das ist! –
Ich muß mich zu Tod schämen.«

»Was ist es denn?«

»Ach – das kann ich Ihnen ja gar nicht sagen. Es ist – er will – –
nein, es ist unmöglich.« Verwirrt und voll Scham wandte sich Mely ab.
»Schon einmal hat er es verlangt,« flüsterte sie. »Und weil ich nicht
will, muß ich mich quälen lassen, um nichts, um jede Kleinigkeit.« Sie
nahm den Brief und zerfetzte ihn nervös zwischen den Fingern. Dann ging
sie zum Kleiderschrank, nahm ihre Straßenrobe heraus und öffnete mit
einem einzigen Riß die Knöpfe ihres Morgenrocks.

»Ja, – mögen Sie ihn denn nicht?« fragte Helene schüchtern. »Oder wie
ist das?«

»Mögen! Erschießen könnt ich ihn.«

Das kleine Mädchen lächelte verständig. Sie trat zu Mely und ergriff
deren beide Hände. »Seien Sie doch ruhiger,« sagte sie. »Ist es denn
gar so schlimm? Wer weiß, vielleicht stellen Sie sichs nur so
entsetzlich vor. Er ist doch oft recht nett mit Ihnen. Wie viel Schönes
hat er Ihnen schon geschenkt.«

Die Trostgründe waren banal; doch auf Mely übte die stille, sichere und
selbstbewußte Art dieser Frühreifen einen beruhigenden Einfluß. Sie
strich mit der Hand über die Stirn und blickte unschlüssig vor sich hin.

»Was wollen Sie denn thun?« fragte Helene ängstlich.

»Hinüber will ich. Alles will ich ihm sagen. Seinen Brief will ich ihm
vor die Füße werfen!« stieß das junge Weib hervor. Sie hatte vergessen,
daß sie den Brief soeben zerrissen hatte.

»Nicht – nicht das,« beschwichtigte Helene. »Warten Sie noch bis heute
Abend wenigstens. Sie machen es ja nur schlimmer, – warten Sie.« Das
Mädchen sprach sanft und zugleich überlegen. Doch Mely schüttelte den
Kopf. »Ich muß,« sagte sie. »Ich bin sonst ganz unglücklich den ganzen
Tag.« Und während sie sich ankleidete, erzählte sie. »Sehn Sie Helene,
ich habe neulich zu meinem schwarzen Kleid einen bunten Hut gekauft. Da
gabs Skandal. Das sei gemein, sagte er. Die Dienstboten thäten das. Ich
möchte mich auffallend kleiden, nur aus Koketterie. Ich soll kokett sein
Helene, das ist doch lächerlich, wie? Aber er will nicht, daß mich ein
anderer Mann nur anschaut, deswegen soll ich keine Farben tragen. Und
dann das: ich habe dreitausend Mark Vermögen gehabt, von der Mutter
noch. Und als ich volljährig war, – nein etwas später, vor drei Jahren
wars, bekam ich das Geld. Da hat er nicht aufgehört, zu drängen, ich
solle doch das Geld verbrauchen, und ich – so dumm! – mache die
unsinnigsten Ausgaben. Kurz, in sechs Monaten war alles verputzt. Und
wie ich dann das erste Mal von ihm Geld verlangen mußte, da hätten Sie
ihn sehen sollen. Ganz glücklich war er darüber, ganz weg vor Freude.«

Helene war erstaunt. »Nun – das ist doch schön!«

»Aber verstehen Sie denn nicht? Jetzt war ich doch von ihm abhängig und
er konnte machen mit mir, was er wollte. Jetzt hieß es gehorchen, –
oder ... Verstehn Sie nicht? Aber es ist beim Oder geblieben. O, es war
gemein.«

Sie war fertig mit der Toilette, nahm Handschuhe und Schirm und zur Thür
gehend, sagte sie leichthin: »Gelt, ich bin dumm, Helene. Andere würden
lachen. Ach Gott und grade zu dieser alten Erdmann muß ich hinein. Wie
dumm, wie dumm! Was denkt sich jetzt die.« Als ob sie aus sich selbst
nicht klug zu werden vermöchte, schüttelte sie ganz langsam den Kopf.
Sie war unzufrieden mit sich, auch deswegen, weil sie so offen gegen
Helene gewesen war.

Als sie schon im Hausflur angelangt war, kehrte sie wieder um und ging
in ihr Zimmer zurück. Furcht und Mutlosigkeit hatten sie erfaßt. Sie
lehnte sich in den Fauteuil und schloß die Augen. Trotz des Mantels, den
sie nicht abgelegt hatte, fror sie aus dem Innern heraus. Wie Spreu im
Winde wirbelt, so stürmten die Gedanken in ihr durcheinander. Heiraten
kann ich dich nicht, das wirst du doch einsehen, citirte sie nervös
lächelnd. Seine Frau hat er zu Grund gerichtet, dachte sie und runzelte
feindselig die Stirn. Es war seltsam, daß diese Frau jetzt vor ihr
stand, wie sie an einem Maskenball des letzten Karnevals kostümirt
gewesen: im roten Pierrotgewand mit weißer Zipfelmütze. Noch deutlich
entsann sie sich dabei des glühenden Gesichts, das oft mit einem
spähenden und unterwürfigen Ausdruck dem Oberst sich zuwandte. Zwei
Jahre erst war sie tot. Sie war ein feines Geschöpf gewesen, klug und
wenig kokett, groß und in ihren Zügen der Saskia von Uhlenburg ähnlich.
Sie war stets die Sklavin ihres Gatten gewesen. Bis ins Unbedeutendste
ging dieser sklavische Zug an ihr, dies gänzliche und für Andere oft so
unbegreifliche Aufgelöstsein im Wesen des Mannes.

Mely rührte sich nicht. Ihre Lippen waren nicht geschlossen, und sie
hielt den Atem an. Und dann lächelte sie so, als sei sie mit allem
einverstanden, was man mit ihr treibe. Eine große Müdigkeit kam über
sie, und sie hegte den Wunsch zu schlafen. Aber Bild auf Bild stieg
herauf: sie lebte wieder in ihrer Vergangenheit. Sie sah sich als Kind
zur Volksschule gehen; sie sah beide Eltern auf dem Totenbette liegen,
und sie sah den alten, gütigen Herrn, den Vater des Obersts, der ihr
gerichtlicher Vormund geworden war. Dann blickte sie in die hellen,
kahlen Klostergänge hinein, in denen sie zum erstenmal mit entsetzten
Augen gestanden. Wie fremd und feierlich war dort die Welt! Sie hatte
geglaubt, die Mauern seien endlos und hinter ihnen begänne das Meer. Sie
hatte sich gefangen, bestraft gefühlt inmitten der gleichgekleideten
Mädchen, unter der strengen Obhut der Schwestern. Ihre Sehnsucht nach
der Stadt war groß; die Sandhaufen am Bahndamm erschienen in ihren
Träumen, und die elterlichen Püffe und Prügel kamen ihr vor wie süße
Späße. Sie mußte merkwürdig schwierige Dinge auswendig lernen und vor
jedem, der sie ansprach, ängstigte sie sich. Sie fürchtete alle Menschen
mit Ausnahme des Katecheten Kilian, den sie mit der Fülle ihres
zwölfjährigen Herzens liebte. Er war ein schöner, blühender Jüngling,
der niemals seitwärts blickte, auch nicht zu Boden, sondern stets gegen
Himmel. In dieser Zeit wurde sie sehr fromm und sehr folgsam und wurde
den Andern als gutes Beispiel gepriesen. Doch unverständlich war ihr nur
das eine, daß sie für alle Menschen, die sie kannte, mitbeten sollte.
Das konnte sie nie fassen. Wie sorgsam und gewissenhaft hatte sie stets
ihre Sünden notirt, um bei der Beichte ja nichts zu vergessen: ich habe
der Schwester Cäcilia in Gedanken unrecht gethan; ich war zu träg, um
die salischen Kaiser zu lernen; ich habe mich beim Aufwecken schlafend
gestellt, um noch länger im Bett bleiben zu können – –

Wie lange war das schon her! Wie schnell waren die Jahre hingegangen!
Allmählich hatte sie die Welt draußen vergessen, und sie begriff nicht
mehr, daß es außerhalb des Klosters noch etwas von Wichtigkeit und
Bestand geben könne. Weltlich und sündhaft waren ihr jene Mädchen
erschienen, die, lustig und guter Dinge, das Leben sonnig fanden und von
ihren Eltern in der Stadt erzählten, von Kaffeekränzchen, Musik und
Tanz.

Eines Umstands erinnerte sie sich mit Entsetzen und stets suchte sie
ihre Gedanken daran zu verscheuchen, nur um sich das Nachfühlen jenes
Schreckens zu ersparen. An einem Osterfest, kurz nach ihrem fünfzehnten
Geburtstag, ging mit ihrem Körper etwas Neues, Unbegreifliches vor. Sie
stand vor einem Rätsel, das sie tief erschütterte. Noch sah sie sich mit
zitterndem Leib an den Fensterpfosten gelehnt und in den verregneten
Frühlingsmorgen hinausschauen. Sie wünschte aufs Innigste, zu sterben,
sie glaubte gesündigt zu haben und wußte nicht, worin diese Sünde
bestand. Sie sah das Leben als etwas Finsteres und Gewaltthätiges vor
sich stehen und fürchtete sich. Stundenlang in der Nacht lag sie weinend
auf ihren Kissen, und die Qual der Verheimlichung erdrückte sie. Sie
schämte sich vor allen, sie versteckte sorgfältig die benutzte Wäsche,
und kein Mensch fand sich, der das Dunkel ihrer kindlichen Phantasieen
gelichtet hätte. Einst, als ihre Seele durch das erneute Auftreten des
Ungewohnten in Schrecken versetzt war, ging sie, unwissend wie sie war,
ins Bad. Darauf kam die furchtbare Krankheit, deren Folgen sie niemals
verwunden hatte. Eine unsichere Empfindung des Grolls und des Hasses
beherrschte sie jetzt, wenn sie daran dachte, wieviel Schmerz ihr hätte
erspart werden können durch die verständige Offenheit einer Lehrerin
oder einer Freundin.

Aber nie hatte sie eine Freundin besessen. Von Allen war sie abseits
stehen gelassen worden. Etwas, das sie unaufhörlich bedrückte, etwas
Hoffnungsloses stand über ihrem Leben.

Sie überlegte, was sie thun könnte, um sich frei und unabhängig zu
machen. Und doch, welche Angst empfand sie vor dieser Freiheit. Sie sah
dabei immer das Bild eines einzelnen Baumes auf einer endlosen Haide,
und dieses Bild der Hülflosigkeit machte sie schwach. Wenn ich doch nur
einen Bruder hätte, dachte sie, der mich vor Beleidigungen wie der
heutigen schützen könnte. Dann dachte sie an ihre Schwester, die sich
hatte verführen lassen und die sich nun mit einem Kind elend durch die
Welt schleppte. Niemand durfte wissen, daß sie eine Schwester hatte und
wer das sei. Das hatte sie dem Oberst geschworen, und er hatte ihr unter
dieser Bedingung erlaubt, das Mädchen zu unterstützen. »Aber sei
vorsichtig dabei; denn die Gesellschaft, in der du verkehrst, und zu der
ich dich emporgehoben habe, ist schlau und argwöhnisch.«

Sie zerknüllte ihren Handschuh in der Faust. Entschlossen stand sie auf,
und bald darauf ging sie mit hastigen Schritten dem Hause des Oberst
Thewalt zu. Ihre Augen blitzten vor Kampflust.



IV.


Es war Nacht, als sie die Wohnung des Obersts verließ. Sie mußte gegen
den Wind ankämpfen, der ihren Schleier aufblies. Fest schloß sie den
Mund, und mit weit vorgebeugtem Kopf ging sie. Sie hatte die Begleitung
des Obersts ausgeschlagen. »Nie mehr werde ich dies Haus betreten, nie
mehr,« flüsterte sie verzweifelt, »ich Elende, ich Elende.«

Ganz belanglose Dinge fuhren ihr durch den Kopf. Es wäre schön, dachte
sie, wenn ich jetzt mitten durch den Wind reiten könnte auf einem wilden
Gaul, wie neulich draußen am See.

In der Pension saß man beim Thee. Fräulein von Erdmann, ein polnischer
Adliger, Doktor Brosam, Frau Bender und Helene waren da. Die Herren
erhoben sich, als Mely eintrat. Sie atmete noch heftig vom
Treppensteigen und preßte eine Hand auf die Brust. Zerstreut nickte sie,
wobei sie keinen der Anwesenden ansah, und die Zähne schauten unter den
schwellenden Lippen hervor, ohne daß sie jedoch lächelte.

»Nehmen Sie vielleicht noch eine Tasse Thee, Fräulein Mirbeth?« fragte
Frau Bender, und ihre großen, blauen Augen leuchteten dabei. Sie lachte
fröhlich, als Mely bejahte und zeigte ihre prachtvollen Zähne.

Es entstand eine peinliche Pause, so daß Mely den Argwohn faßte, man
habe sich über sie unterhalten. Darüber erschrak sie; denn nichts
fürchtete sie so sehr, als das, was man hinter ihrem Rücken über sie
sprach.

»Nein, welcher Sturm heute!« sagte sie endlich zögernd. Sie fing den
spöttischen Blick auf, den die Erdmann mit dem Doktor wechselte, und ihr
Argwohn wurde bestärkt. Wie sie in den Doktor verliebt ist, die alte
Schachtel, dachte sie. Wie sie sich herausgeputzt hat über ihrem
Schmutz. Sie lächelte Helene verständnisinnig zu, die, als begriffe sie
nicht, mit einem kaum sichtbaren, verwunderten Kopfschütteln antwortete.

»Das ist noch gar nichts, – _der_ Wind genügt nicht,« erwiderte der
Doktor, behaglich schlürfend. »Um die ungesunde Sumpfluft unserer
Zustände zu vernichten, müßte ein ganz anderer Sturm gehen.«

»Sie Socialist!« seufzte Fräulein von Erdmann heiß und näherte ihre Hand
dem Arm des Doktors.

»Sie habben abber garr keine Kälte hier,« sagte der Pole wichtig. »In
Rußland – ooh! Was für Kälte, was für Kälte! Werde ick Ihnen eine
Geschichte erzählen. Vorikes Jahr fahrt ein Pfarrer russischer in ein
#village# Umgegend von Kiew. War serr kalt, Schnee so hoch und Wind
eisiker. Und wie Abbend kommt, laufen, – wie sakt man: #loup, des
loups?# –«

»Wölfe –«

»Richtik, kommen Wölfe, heulen und laufen hinter Troika herr. Wölfen
werden immer gieriker und Pfarrer – was thun? Kann sich nicht helfen,
was thut, wirft seine Kinder die Wölfe vor. Eins, zwei, drei Kinder,
immer in große Wekstrecke, bis am Ziel war.« Der Pole sah sich
herausfordernd um. »Das ist wahr, bei meine Seel,« beteuerte er, als ein
Gelächter, das vom Doktor ausging und alle anderen ansteckte, ihn
unterbrach. Nur Mely lachte nicht.

»Was will das heißen,« keuchte Dr. Brosam in verhaltenem Lachen. »Die
Chinesen werfen ihre Kinder den Schweinen vor. Allerdings neugeboren, da
sind sie zarter.«

»Nun, bei uns werden die Schweine den Kindern vorgeworfen,« meinte
Helene trocken und freute sich, als das Gelächter von neuem begann.

»Da giebt es noch viel merkwürdigere Sachen,« hob der Doktor wieder an,
und sein schönes, bleiches Gesicht wurde sehr ernst. »Ich weiß nicht, ob
Sie die Geschichte von dem normannischen Fischer kennen, dessen
Großmutter ins Wasser gefallen war. Als er die Leiche auffand, sah er,
daß sich Krebse daran festgesetzt hatten. Seitdem benutzt er seine tote
Großmutter zum Krebsfang.«

»Entsetzlich – pfui! Wie können Sie so etwas erzählen!« stöhnte
Fräulein von Erdmann.

Der Pole war wütend und empfahl sich bald. Mely entging es nicht, daß er
einen glühenden, fragenden Blick auf sie gerichtet hatte und sie zog die
Brauen zusammen. Schutzlos bin ich diesen Leuten preisgegeben, dachte
sie.

»Was haben Sie denn,« wandte sich Frau Bender an sie. »Sie sind so
beklommen heute, so ganz abwesend, so verstört –« Die kleine Dame hatte
etwas Kindliches und Bestechendes in ihrem Wesen, das Jeden gefangen
nahm.

Mely errötete tief. Sie wollte antworten, doch Dr. Brosam nahm für sie
das Wort. »Ja, ich glaube, das gnädige Fräulein ist sehr launisch. Die
meisten Damen sind so. Meine verstorbene Braut hatte nichts von dieser
modernen Sucht, möglichst wetterwendisch zu scheinen.«

Mely lachte so hart, daß sie selbst darüber erschrak. »Ihre verstorbene
Braut war halt ein Tugendspiegel,« entgegnete sie achselzuckend.

»Ja, allerdings,« rief der Doktor heftig und mit flammenden Augen. Er
richtete sich würdevoll auf und ließ seine kostbaren Brillanten in den
Strahlen der Lampe spielen. Die Erdmann blickte entzückt an dem Hünen
empor.

»Das ist ja schön,« spottete Mely. »Aber weshalb erzählen Sie das immer
wieder? Das interessirt uns ja gar nicht. Wir fühlen uns ganz wohl, wenn
wir auch nicht so tugendhaft sind.«

»Bitte sehr!« rief Fräulein von Erdmann entrüstet und warf giftig den
Kopf zurück.

Mely verlor alle Zurückhaltung, alle Fassung. »War sie vielleicht auch
eine Demokratin, diese verstorbene Braut? War sie auch für die
Vermögensteilung?« Sie sprach rasch, voll Haß und Wildheit. Wie sehr
mußte sie im Grund ihrer Seele verzweifelt sein, um so leidenschaftlich
zu disputiren.

»Wie Sie sagen, genau wie ich!« antwortete der Doktor sanft. Er preßte
seine Lippen zusammen, daß sie nur eine einzige gerade Linie bildeten.

Mely lachte wieder. »Dann trug sie vielleicht auch einen Brillantring
für achtzehnhundert Mark? So viel kostet er doch, haben Sie gesagt. Und
ging sie auch zu Schleich, um für sieben Mark zu frühstücken, wie Sie
immer von sich erzählen –? Wie kann jemand, der so prahlt mit dem, was
er hat, Demokrat sein wollen!«

Noch viel sanfter als vorhin erwiderte der Doktor: »Ich bitte Sie,
gnädiges Fräulein, meine verstorbene Braut nicht mehr zu erwähnen. Ich
will diesen trauten Namen von solchen Lippen nicht nennen hören. Sie
mögen wohl vorhin recht gehabt haben mit der Tugend – ja! Man kann
gesund sein ohne Tugend, jawohl! Aber gerade Sie wissen ja auch, wie die
Welt dann urteilt!«

»Herr Doktor!« schrie Frau Bender empört und schlug mit der Faust auf
den Tisch. Helene erhob sich und ging zum Fenster. Der Doktor saß
leichenblaß da und strich sich unaufhörlich das reiche Künstlerhaar
zurück.

Mely sah ihm entsetzt in die Augen, – so sehr fassungslos, daß Fräulein
von Erdmann eine mitleidige Handbewegung machte. Dann stand sie auf und
sagte mit erstickter Stimme: »Frau Bender –.« Es war ein Hilferuf. Aber
ohne sich umzublicken, eilte sie aus dem Zimmer.

Im Korridor saß die Hauskatze auf einem Stuhl und putzte sich. Dann
begegnete Mely Vidl Falk, der an seiner Thür stehen blieb, um sie
vorbeizulassen. Er grüßte, doch beachtete sie ihn nicht, und er schaute
ihr nach mit einem zweifelnden und verwunderten Blick.

In ihrem Zimmer setzte sie sich ans Fenster und blieb unbeweglich
sitzen. Sie sah hinaus in die dunkle Novembernacht, auf die
regenglänzende Straße und auf die sturmgepeitschten Bäume des Gartens.
Sie schauerte zusammen und dachte: wenn ich doch meinen Shawl hätte.
Dabei hätte sie nur aufstehen und zum Sofa gehen brauchen, wo er lag.
Wie schön haben es andere Mädchen, sinnirte sie; sie verlieben sich und
verheiraten sich. Dann sind sie glücklich. Aber sie sehnte sich
durchaus nicht nach dem, was man Liebe nennt, – ganz im Gegenteil. Dies
Gefühl hatte sie bisher in so abschreckender Gestalt auftreten sehen,
daß sie nur Geringschätzung dafür hatte. Nur der Wunsch, beschützt zu
werden, lebte in ihr, und dann zwei Empfindungen: die der Verlassenheit
und eine nagende Reue.

Es klopfte und Frau Bender trat ein. »Warum machen Sie denn kein Licht,
Fräulein Mirbeth?« rief sie erschrocken. Sie sah nur einen regungslosen
Schatten am Fenster und ging darauf zu. Sie nahm Melys Hand und sagte
herzlich: »Es thut mir so leid, Sie können mir’s gar nicht glauben.
Nein, so gemein, so gemein! Regen Sie sich nur nicht auf. Ich habe ihm
schon gekündigt, und morgen wird er ausziehen. Jetzt kommen Sie mit und
trinken noch ein Glas Punsch mit mir und Helene.«

Mely schüttelte den Kopf. »Nein, ach nein, heute nicht.« Dann sagte sie
leise und preßte die Hand der vor ihr Stehenden: »Frau Bender, es ist
schrecklich, daß er das gesagt hat. O, ich schäme mich so sehr, ich
schäme mich. Alle Leute glauben es, ich weiß. Aber es ist mir egal,
alles ist mir jetzt gleich. Raten Sie mir, Frau Bender, was soll ich
thun? Ich – –« Sie stockte, und trotz der Dunkelheit wandte sie sich
ab.

Frau Bender tröstete in ihrer weichen, hinreißenden Art. Sie mußte
nicht nach Worten suchen, sondern sie flossen natürlich und eindringlich
von ihren Lippen. Doch Mely wurde dadurch nicht beruhigt. Je mehr die
kleine Frau sprach, desto erregter wurde Mely. Die Leiden, die sie in
sich verschlossen halten mußte, drückten ihr das Herz ab; denn sie hatte
den Trieb, sich mitzuteilen. Frau Bender irrte auf ihr eigenes Leben ab,
ja, sie verlor sich in Jugenderinnerungen. Sie vergaß, wo sie war, und
berichtete mit feuriger Hingabe von ihrem Elternhaus, von ihrer Heirat
und von der Flucht ihres Mannes nach Amerika. Schließlich erging sie
sich in so heftigen Klagen, daß sich nun Mely genötigt sah, zu trösten
und zu ermutigen. »Kommen Sie, Frau Bender, wir wollen vorgehen. Ich
will noch bei Ihnen bleiben,« sagte sie, ihren Vorsatz vergessend.

»Ja, ja, trinken wir, ich werde einen famosen Punsch brauen,« entgegnete
die kleine zapplige Dame, plötzlich heiter werdend.

Als sie im Korridor vor der Thüre des Fräuleins von Erdmann
vorbeigingen, hörten sie pathetische Worte: »Ja, lieber Doktor, das ist
der blutige Hohn meines Lebens! Er schleicht hinter mir her und wird
mich verschlingen. Bitte, – nein, bleiben Sie noch, Sie wissen ja, wie
Sie mich beglücken, mit diesen Genieaugen, Sie Abscheulicher!«

Die Lauscherinnen verschlossen beide den Mund mit den Händen, um nicht
herauszuplatzen. Dann flohen sie auf den Zehen.

Mely lachte viel und übermäßig in den zwei Stunden, die sie noch mit den
Damen vom Haus verbrachte. Ja, sie trieb zum Schluß Narrenspossen, und
sie schien alles vergessen zu haben, was über sie ergangen war. Sie war
begeistert für diese gewinnende, gutherzige Frau Bender und diese
zutrauliche, kluge Helene. Bessere Menschen giebt es gar nicht, dachte
sie sich.



V.


Am andern Morgen, es war ein Samstag, erhielt Mely ein Billet vom
Oberst. Mit zitternden Händen erbrach sie das Couvert. »Liebe Melusine,«
schrieb er. »Ich bitte Dich heute zum Abendessen, da ich mittags durch
den Direktor Skolny verhindert bin. Ich erwarte von Dir, daß Du auch
weiterhin ein gutes Kind sein wirst. Beifolgendes Epheublatt erhielt ich
einst aus Genf. Erinnerst Du Dich? Herzlichen Gruß. Wolfgang.«

Der Regen fiel in Strömen, und in den Zimmern hatte man zum ersten Mal
geheizt. Als um elf Uhr die kleine Dele, Frau Benders sechsjähriges
Töchterchen, aus der Schule kam, hatte sie Wangen rot wie Kirschen.

»Na, du siehst schön zerzaust aus,« sagte Mely, nahm sie bei den Armen
und küßte sie ab.

»Ja, die dummen Buben laufen uns immer nach und lassen uns net in Ruh’,«
entgegnete das Kind und schob die Unterlippe noch weiter heraus, als sie
von Natur schon vorhing. »Ich werd’s jetzt meiner Lehrerin sagen.«

»Recht so, Schatz,« pflichtete Mely bei, die mit dem Mädchen völlig zum
Kind wurde. Dele sagte auch du zu ihr.

»Ich möchte nur wissen, was sie von uns wollen,« fuhr die Kleine fort.
Sie runzelte klug die Stirn. »Du,« sprang sie plötzlich ab, »heut früh
hat die Puzzi Junge bekommen, hast es gesehen?«

Mely verneinte. Dele zog einen Zettel aus der Tasche, der mit den
steilen, zurückgebogenen Schriftzügen Helenes beschrieben war. Es stand
darauf: Die Geburt von vier gesunden Jungen zeigen hocherfreut an: Frau
Puzzi, Kater Jonas. Mely lachte.

»Wundernette Katzerln sind’s,« sagte Dele und setzte sich der großen
Kameradin auf den Schoß. »Viere. Ich war dabei. Ich hab’s ganz genau
gesehn.« Sie kicherte geheimnisvoll und fragte dann flüsternd: »Du (sie
begann fast triumphirend jeden Satz mit diesem du), kommt zu den Katzen
auch der Storch?«

»Natürlich,« gab Mely zur Antwort.

»Gell, zu denen kommt der Katzenstorch?«

Als Mely laut lachte, wußte das Kind nicht, was es vor Verlegenheit
anfangen sollte, und feuerrot werdend, gab es dem durch diese Fragen
verblüfften jungen Mädchen einen schallenden Kuß.

Gegen Mittag wurde vor der Korridorthüre ein ungestümes Bellen laut.
»Jetzt kommt Pitt!« rief Mely freudig und sprang hinaus, um dem Hund zu
öffnen. Es war ein Foxterrier, der dem Oberst gehörte, aber fast nur
Mely gehorchte. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten groß. Pitt
wollte gar nicht aufhören, mit seinem Schwanzrestchen hin- und
herzupendeln. –

Drei Tage vergingen. Mely hatte alles unterlassen, um ihre Lage
irgendwie zu klären. Nicht einmal nachgedacht hatte sie darüber. »Nicht
daran denken« war in solchen Fällen ihr ganzes Nachdenken, und immerfort
war sie geschäftig, um sich zu betäuben. Unstät, beklommen und furchtsam
verbrachte sie diese Tage.

Am Mittwoch schrieb der Oberst wieder, aber an Frau Bender. Er schrieb,
daß sich Fräulein Mirbeth von ihm losgesagt habe, und daß er ihr dies
mitteile, um spätere Gelddifferenzen zu vermeiden; für diesen Monat
wolle er noch bezahlen, doch lehne er für die Zukunft jede
Verbindlichkeit im Voraus ab.

Als Mely dies erfuhr, lächelte sie verächtlich, aber in Wirklichkeit
fühlte sie sich zum Tod elend. Nun steh’ ich da und habe niemand auf der
Welt, dachte sie. Kein Mensch wird sich um mich kümmern, und ich werde
zu Grund gehen. Diese Frau Bender macht schon ein recht langes Gesicht.
Ja, so sind eben die Leute. Dies alles dachte sie in einem Augenblick,
während Frau Bender mit dem Brief vor ihr stand und sie etwas dumm
anlächelte. »Losgesagt – losgesagt,« murmelte sie finster. »Ich bin
halt nimmer hinüber, das ist alles.« Eine dumpfe Wut wachte in ihr auf.
»Sehn Sie, Frau Bender, so werd’ ich behandelt,« sagte sie weich, als ob
sie Vertrauen und Glauben suche. Aber dabei überlegte sie im Innern:
lauter Feinde sind das. Diese Frau, dann Helene, ja sogar das Kind, –
lauter Feinde. Einem Funken gleich fiel ein verzweifelter Entschluß in
ihre Seele. Ich werde schon etwas thun, schloß sie ihre Betrachtungen.
Heute nachmittag, – oder nein, morgen ...

Dies »Morgen« tröstete sie. Welch eine Ewigkeit, bis morgen!

Aber der nächste Tag kam und verging, auch der zweite Tag und die ganze
Woche verging mit dem Trost für morgen. Sie wußte selbst nicht, wie die
Stunden verflogen, so langweilig einzeln und so flüchtig im ganzen. Spät
stand sie vormittags auf; dann tändelte sie mit dem Kind. Zum Lesen
hatte sie keine Lust, und so nähte sie an ihren Kleidern in den langen
Nachmittagsstunden. Die halben Nächte verwachte sie und träumte mit
offenen Augen. Sie komponirte ganze Romane, wie sie, reich geworden, in
Ansehen und Luxus lebte, eine Sklavenschar um sich. Aber für diese
glücklichen Phantasieen rächte sich der Schlaf durch böse Träume, die
wie Alp auf ihr lagen, – tagelang. Es waren immer Träume, in denen sie
bedroht war, in denen sie sich allein sah auf einem weiten Plan, in
einem Wald, in Schluchten. Und da wurde sie verfolgt, bis sie zu müde
war, um weiterfliehen zu können. –

»Nun, was wollen Sie denn jetzt beginnen, Fräulein Mirbeth?« fragte
einmal Frau Bender mit demselben dummverlegenen Lächeln, mit dem sie
stets von dieser Angelegenheit sprach.

»Ja was denn, was denn!« flüsterte Mely bestürzt wie ein Schuldner, der
sich gemahnt und bedrängt sieht. Heute, – gewiß heute thu’ ich’s,
dachte sie im Stillen. »Ach Helene,« fügte sie verzweifelt hinzu, und
lehnte sich in den Fauteuil zurück, den Kopf in die gefalteten Hände
legend.

Helene sah verständnislos über Melys Schulter hinweg und lächelte ebenso
einfältig, wie ihre Mutter. Sie wissen alle beide, daß ich nichts habe,
dachte Mely. Wo ist jetzt diese ganze Liebenswürdigkeit und
Freundschaft? Sie redete sich in einen bitteren Menschenhaß hinein. »Sie
brauchen keine Angst zu haben, Frau Bender,« sagte sie kühl. »Sie werden
durch mich um nichts kommen.«

»Fassen Sie das nicht so auf, Fräulein,« entgegnete Frau Bender mit
großer Herzlichkeit. »Ich bin nur besorgt um Sie. Wie schlecht sehen Sie
aus, ganz mager sind Sie im Gesicht geworden. Sie müssen doch etwas
thun, irgend etwas!«

Mely antwortete nichts. Sie nagte an ihrer Unterlippe, daß die Haut riß.
Mit weitgeöffneten Augen saß sie da und blickte nach oben, ein Bild der
Hülflosigkeit.

Kurze Zeit darauf kleidete sie sich an und ging fort. Bald überfiel sie
die Müdigkeit, und ihr Gesicht hatte einen klagenden und bekümmerten
Ausdruck. Das leuchtende Blaß ihrer Haut unter dem schwarzen Schleier
hatte etwas Krankhaftes, und auch ihr lässiger Gang hatte gleichsam dies
Klagende, Zielunbewußte. Sie fühlte Hunger und suchte ein vornehmes
Restaurant im Innern der Stadt auf. Aber als das Essen vor ihr stand,
sah sie, daß sie sich getäuscht hatte, denn sie brachte keinen Bissen
hinunter. Sie bemerkte mit Schrecken, daß sie fieberte; es fror sie.
Rasch zahlte sie und ging, von zahlreichen, bewundernden Männerblicken
verfolgt.

Sie betrat ein Waffengeschäft und kaufte einen sechsläufigen Revolver
für fünfzehn Mark. Sie ließ sich den Mechanismus erläutern, und dann
bestieg sie eine Droschke. Es hatte zu regnen begonnen, und der Regen
war mit Schneeflocken vermischt. Sie hatte Kopfschmerz, und ihre Zähne
klapperten. »Ich habe nichts mehr zu leben,« sagte sie sich, während sie
wie erstarrt im Wagen lehnte und die Beine ausstreckte. »Was soll ich
noch leben, das hat ja gar keinen Wert.«

Sie stand in ihrem Zimmer, ohne daß sie wußte, wie sie heraufgekommen
war. Sie erinnerte sich nicht, den Kutscher bezahlt zu haben. Lange Zeit
hindurch – länger als eine Viertelstunde blickte sie in den Spiegel.
Da lächelte sie bisweilen hochmütig, aber sie erschien sich fremd. Sie
hatte das Gefühl, als könne sie nicht mehr das denken, was sie denken
wollte. Sie dachte nicht an den Tod, den sie doch suchte, und den sie
doch mehr als jeder andere Mensch fürchtete, sondern sie dachte: das
Roastbeef, das ich mir da im Restaurant geben ließ, sah sehr schön aus.
Schade, daß ich es nicht gegessen habe. Oder: mein Schleier hat ein
großes Loch; man kann nicht mehr damit ausgehen. Oder sie hatte den
Wunsch, ein Erdbeben möchte eintreten und das Haus, die Stadt möchten
zerstört werden, nur damit dies langsam Erdrückende ihrer Lage ein Ende
habe.

Es war dunkel geworden. Sie zündete die Kerze an. Der Regen klatschte an
die Scheiben. Im Korridor machte Dele mit einer Spielgenossin großen
Lärm. Die Hausfrau hantirte in der Küche. Alles war verstimmend,
freudlos, hoffnungslos für die Sinne Melys. Sie glaubte jetzt ganz ruhig
zu sein, und sie sagte sich das auch. Ja, sie sagte es leise vor sich
hin und verwunderte sich noch im Stillen darüber. Bald aber schlug ihr
das Herz wie ein Hammer so kräftig, es schlug zum Zerspringen. Sie
wollte die Thür verriegeln, doch fand sie, daß sie es schon vorhin
gethan hatte. Sie lachte einmal laut auf, ohne zu wissen weshalb. So
eine Dunkelheit herrschte in ihren Gedanken.

Plötzlich nahm sie die Schußwaffe in die Hand und sagte dabei laut: »Es
ist ja ein Unsinn, aber ich thu’s doch.« Ihr Arm zitterte heftig;
eigentlich war es kein Zittern, sondern ein Auf- und Niederfahren, genau
im Takt der Herzschläge. Sie war wie besinnungslos. »Das Licht sollte
ich auslöschen,« flüsterte sie. »Aber nein, nein, nein,« entschied sie
dann trotzig, »es mag brennen bleiben.« Und sie nickte der Flamme
flüchtig zu.

Sie spannte den Hahn und drückte. Es knackte wohl, aber der Schuß ging
nicht los. Sie wartete einige Sekunden. Sie war verstört, einer Ohnmacht
nahe. Sie probirte am Schloß der Waffe, aber ihre Bemühungen waren
erfolglos.

Sie setzte sich aufs Sofa. Die Füße waren bleischwer. Die alte Unruhe
und die alte Angst kamen wieder. »Nun, ich werde morgen zu dem Verkäufer
gehen und den Revolver untersuchen lassen,« beschloß sie achselzuckend.
Sie wußte genau, daß sie diesen Vorsatz nicht ausführen würde.

Man klopfte an die Thür. Die Magd bat zum Abendessen. Mely, froh, daß
ihr Alleinsein ein Ende habe, kleidete sich rasch um, verlöschte die
Kerze und ging hinaus.

Als sie das Eßzimmer betrat, sah sie einen jungen Mann am Tisch sitzen.
Frau Bender stellte vor: »Herr Falk – Fräulein Mirbeth.«



VI.


»Herr Falk hat sich entschlossen, bei uns zu essen,« erklärte Frau
Bender. »Er will seine Einsamkeit endlich ein bischen verlassen.«

Mely antwortete mit einer höflichen Grimasse. Sie betrachtete ihren
grauen Schlafrock und ärgerte sich, daß sie nicht eleganter erschienen
war. »Wo ist denn Fräulein von Erdmann heute?« fragte sie.

»Herr Doktor Brosam besucht mit ihr das Theater,« erwiderte Frau Bender
lachend. »So zum Abschied, wissen Sie. Ach, sie liebt ihn doch so,«
flötete sie mit komischer Innigkeit.

»Ja, denken Sie, und nicht einmal ein Liebesdrama wird aufgeführt,«
sagte die boshafte Helene.

»Wir bekommen jetzt eine noch ältere Dame, ein Fräulein von Mahnke,«
erzählte die Hausfrau. »Auch eine Gelehrte oder so was Ähnliches.«

»Hoffentlich nur was Ähnliches, denn etwas Schlimmeres gibt es nicht,«
bemerkte Falk. Er hatte bis jetzt seine junge Nachbarin noch nicht
betrachtet. Nun sah er sie an, wandte aber sofort den Blick wieder ab.

»Wie werden Sie da erst über mich urteilen!« sagte Mely.

»Warum?«

»Fräulein Mirbeth malt,« erläuterte Helene, das letzte Wort ironisch
betonend.

»Ach, eigentlich nur ein wenig. Ich lerne ja noch,« setzte Mely hinzu.
»Ich habe nicht viel Talent und nicht viel Lust. Aber ich muß,« fügte
sie rasch bei, als sie den erstaunten Blick des jungen Mannes bemerkte.
»Ich muß,« wiederholte sie schüchtern. »Man muß doch etwas sein.«

»So–o! – Was malen Sie? Porträt?«

»Landschaft – nur Landschaft,« sagte sie mit blitzenden Augen, denn der
geringschätzige Ton seiner Stimme reizte sie. »Sie wollen wohl auch, daß
die Frauen stumpfsinnig bei der Kocherei und bei der Näherei bleiben?«
fragte sie, schon erschreckend über ihre Kühnheit.

»Nein, nein,« entgegnete Falk stirnrunzelnd. »Sie müssen schon
verzeihen« – er errötete und machte eine linkische Geste – »aber ich
meine, wen es dazu treibt, der soll’s treiben. Das ist ja
selbstverständlich. Ich spreche ungern darüber, weil man immer dieselben
Dinge sagen muß. Gewiß, die Frau soll nicht beschränkt sein in dem, was
sie thut, aber auf zehn talentvolle Männer wird doch höchstens eine
talentvolle Frau kommen, die es auch um der Sache willen thut. Bei den
meisten Frauen ist die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst nichts
als eine verfehlte Heirat. Aber das ist ja alles so oft gesagt worden
und so selbstverständlich.«

»Ja, Sie haben recht,« pflichtete Mely bei. Sie sah Vidl Falk ein wenig
träumerisch an, ohne sich dessen bewußt zu werden. Durch ein verstecktes
Lächeln, das um seine Lippen spielte, erwachte sie gleichsam, und
errötend pickte sie mit den Fingern die Brotkrumen vom Tischtuch.

Das Mahl ging unter gleichgültigen Gesprächen zu Ende.

»Sie sehen sehr abgespannt aus, Fräulein,« sagte Falk beim Thee zu Mely.
»Als ob Sie eine große Fußreise gemacht hätten.«

»Ja, ich habe Kopfweh,« entgegnete sie rasch mit gesenkten Lidern.
Seltsam, aufs neue, aufs quälendste erwachte gerade in diesem Augenblick
die Reue in ihr. Die Worte Falks erwärmten sie. So vergessen von aller
Welt erschien sie sich, daß diese in fast besorgtem Ton gemachte
Bemerkung, die doch möglicherweise eine bloße Redensart sein konnte, ihr
wie eine Liebkosung erschien. Sie preßte die Hand an die Stirn, wie um
zu beweisen, daß sie große Schmerzen habe.

Frau Bender hatte um Entschuldigung gebeten. Sie lag auf dem Divan und
war dort eingeschlafen. Helene, in der altjüngferlichen Haltung, die ihr
oft eigen war, saß im Stuhl zurückgelehnt und hörte zu, bald Beifall
lächelnd, bald grundlos errötend. Eine Riesenrose aus Kreppstoff hing
über dem Milchglassturz der Hängelampe und hüllte die eine Hälfte des
Raumes in Dunkelheit. Der Divan mit der schlafenden Frau Bender, das
Pianino, die Thüre nach dem Schlafzimmer der Familie und ihre braunen
Portieren, ein Stahlstich nach einem Hobbema und ein Genrebildchen von
Horstik, – das alles lag in Dämmerung. Falk rauchte, und der blaue
Dunst schwebte in Schlangenlinien, in feinen Schleiern, in
verschnörkelten Figuren, gegen das Licht, über welchem er, von dem
heißen Luftstrom erfaßt, blitzschnell nach der Decke emporwirbelte.

»Haben Sie sehr große Schmerzen?« fragte Falk. »Ich kann sie lindern.
Oft schon hab’ ich das gethan. Ich brauche nur die Hand auf Ihre Stirn
zu legen.«

»Nein –?«

»Gewiß, – gewiß,« beteuerte er und seine Augen funkelten. Er stand auf
und stellte sich vor Mely hin. Dann nahm er ihre beiden Hände in seine
beiden und forderte sie auf, ihn unverwandt anzublicken. Sie zögerte
lange, mit scheuem Lächeln streifte sie die überlegen dreinschauende
Helene, und endlich wagte sie es, den jungen Mann anzusehen. Aber sie
ertrug es nicht, sie mußte den Blick zu Boden senken. Auch schämte sie
sich, daß sie gelogen hatte, denn in Wahrheit hatte sie gar keine
Schmerzen. Doch es war, als ob sein Blick sie zwänge die Augen
aufzuschlagen, und sie gehorchte. Sie begegnete seinem Blick und ein
paar Sekunden lang sah sie ihn ganz starr an. Dabei lag etwas Staunendes
in ihren Augen und zugleich etwas Flehendes.

Er nahm nun ihre zwei Hände in seine Rechte. Ihre Hände waren kalt wie
Stein und glatt und trocken. Mit seiner Linken bedeckte er ihre Stirn.
Da schüttelte sie energisch den Kopf, und unwillig stand sie auf. Falk
war bestürzt, aber nur deshalb, weil er nicht länger in diese glänzenden
Augen sehen konnte, in denen sich der Augapfel so überaus rein von dem
milchigen Weiß des übrigen Auges abhob.

»Sehen Sie nur her!« rief Mely am Fenster, Helene und Falk traten zu ihr
und schoben die Gardine zurück. Der erste Schnee war gefallen. Er
bedeckte die Dächer und die ganze Straße und die Höfe und die Gärten,
wie Konditoreiwaren mit Zucker bestreut sind. Auch der Mond stand am
Himmel, gerade zwischen zwei Schlöten eines Nachbarhauses. Alles war
grün von seinem Licht.

Wie fremd fühlte sich Mely ihren früheren Leiden gegenüber! Es war ihr
zu Mute, als lägen Jahre dazwischen. Nicht daß sie gewaltsam die Augen
vor Gefahren geschlossen hätte, – sie sah keine Gefahren mehr. Sie kam
sich auch gar nicht mehr vereinsamt vor. So schnell wechselte ihre
Stimmung, so sehr konnte sie sich der Behaglichkeit eines Moments
hingeben.

»Haben Sie immer noch Kopfschmerz?« fragte Falk.

Sie verneinte und schämte sich aufs neue ihrer Lüge. Dabei fragte sie
sich, warum sie eigentlich gelogen und warum ihr diese Lüge gerade jetzt
peinlich sei. Wieviel Lügen hatte sie schon gesagt, ohne viel
nachzudenken. »Sie wollten mich wohl hypnotisiren?« fragte sie, den
jungen Mann furchtsam anblickend.

»Bei Ihnen wär’ es nicht schwer,« erwiderte er. »Wollen Sie?«

»Nein, niemals!« rief sie erschrocken. »Nicht wahr, da kann man einem
alle Geheimnisse entlocken?«

»O –!« machte Falk.

Jetzt denkt er sicher, ich sei dumm, dachte Mely. Ich sehe es deutlich
an seinem Lächeln. Bah, das macht ja nichts.

»Es ist komisch,« meinte Helene, »wenn man so dasteht wie jetzt und man
schaut hinaus, und es ist alles so ruhig, – da wünscht man sich doch
etwas. Oder, – wie will ich sagen, man fühlt sich besser als in andern
Stunden, nicht?«

Wenn sie so sprach, ernst und nachdenklich, berührte alles sympathisch
an ihr. Man fühlte, daß es aufrichtig war, was sie sagte, und war ihr
dankbar, daß sie dadurch das Innige der Stimmung vermehrte. Sie war
klug.

»Das ist wahr,« antwortete Falk. »Ihnen sieht man zum Beispiel an, was
Sie wünschen.«

»Nun was – was?« drängte sie ein wenig kokett und als sei sie überzeugt
davon, daß niemand in ihr Innerstes einzudringen vermöge.

»Ich halte Sie für sehr ehrgeizig.«

»Das mag sein,« bestätigte Helene geschmeichelt und blickte Falk dankbar
an. »Ja, das bin ich auch,« fuhr sie nach einer Pause eifrig fort. »Ich
möchte etwas anderes als andere.«

»Und das wäre –?«

»Ich möchte vielleicht zu meinem Vater, – möchte ihm bei seinen
Arbeiten behilflich sein, – Sie wissen ja, er ist Bildhauer, ich möchte
vielleicht selbst – ach Gott, was möchte man denn nicht!« brach sie ab,
die Worte fast singend. Es schien, als bereue sie, so offen gewesen zu
sein. Aber immer noch lag diese Dankbarkeit gegen Falk in ihrem Gesicht,
als hätte er bewiesen, daß er ihre Natur richtig beurteile, und als
hätte er durch diese harmlose Äußerung ungewöhnlichen Scharfsinn
verraten. »So viel möchte man, so viel!« wiederholte sie, halb
sehnsüchtig, halb ironisch.

Sie möchte, aber sie thut nichts, dachte Mely. Den ganzen Tag faullenzt
und träumt sie und ihre Mutter mag sich quälen und abarbeiten. Nicht
einmal etwas nähen, nicht einmal bügeln mag sie. »Aber warum zürne ich
ihr?« fragte sie sich gleich darauf. »Vielleicht weil sie etwas Kluges
gesagt hat?« Ja, warum zürnte sie ihr?

»Können Sie auch über mich etwas sagen?« fragte sie den jungen Mann,
indem sie die Ellbogen auf die Kniee stützte und sich weit vorbeugte.

Wieder konnte Falk in ihre Augen blicken, die gespannt und furchtlos auf
ihn gerichtet waren; und er vergaß darüber fast, zu antworten. Er wurde
verwirrt und strich die schwarzen Haarsträhne aus der Stirn. Er
stotterte: »Ich – ich halte Sie für sehr vertrauensselig und – nun ja
– für sehr vertrauensselig,« schloß er, als könne dies eine Wort alle
andern in ihrer Charakteristik ersetzen.

Sie lächelte. »Der Herr Oberst sagt immer, ich sei schrecklich
mißtrauisch,« sagte sie leise.

»Der Herr Oberst, – wer ist das?«

»Das – das ist – mein Vormund.« Ein dunkler Schatten fiel gleichsam
über sie und machte sie unruhig.

»Sind Sie hier geboren?« fragte Falk.

»Nein, ich bin Fränkin. Unterfranken ist meine Heimat. Dort in den
Weinbergen, – in Sommerhausen ...«

»Da sind wir ja Landsleute, auch ich bin Franke. Und Sie haben keine
Eltern mehr? Auch keine Geschwister?«

Beides verneinte sie. Und es trieb sie, die neue Lüge wahrscheinlicher
zu machen. »Ganz allein hab’ ich immer gespielt als Kind,« erzählte sie.
»Meine Eltern ließen mich gar nicht mit andern Kindern spielen. Immer
vom Fenster aus hab’ ich zugesehn, wenn die andern so vergnügt waren, –
wie eben Kinder vergnügt sind. Und ich durfte nicht mitthun. Es ist
merkwürdig, – gerade jetzt träum’ ich so oft von der Kinderzeit, –
aber ganz genau, wie es damals war. Ich seh’ meine Mutter noch mit ihrem
schwarzen, dicken Haar und dem Scheitel in der Mitte. Meine Mutter hatte
nämlich herrliches Haar, ganz blauschwarz. Wie oft hat sie mich für
nichts und wieder nichts geprügelt. Sie war jähzornig, gerade wie ich.
Und denken Sie, davon träum’ ich oft so deutlich, gerade von den
Prügeln.«

»Träumen Sie denn nicht auch von schönen Dingen? Vom Heiraten zum
Beispiel –? Nein? Und Sie denken auch nicht daran?«

»Jetzt nimmer, früher. Früher, als ich noch dreizehn Jahre alt war oder
vierzehn, da dacht’ ich mir immer: Wie schön wird es sein, wenn ich
einmal zwanzig alt bin. Da könnte ich dann heiraten. O, es wäre fein.«

Sie lachten.

»Haben Sie denn auch ein Ideal gehabt?« fragte Falk. »Das gehört doch
dazu. Ein Dichter oder ein Raubritter, wie?«

Mely ging auf den Scherz ein. »Ach nein,« sagte sie melancholisch. »Ich
hätte am liebsten einen Katecheten mögen.«

»O, wie komisch! Das ist wenigstens originell! Haben Sie immer so aparte
Wünsche?« – –

Es war spät geworden, und Mely erhob sich, um zu gehen. Sie drückte Falk
und Helene die Hand, und zündete dann ihre Kerze an, die auf der Kommode
stand, und die sie allabendlich dorthin stellte.

In ihrem Zimmer angelangt, war das erste, was sie that, dies: Sie nahm
den Revolver, der auf dem Tisch lag, und versteckte ihn sorgfältig in
ihrem Wäscheschrank. Dann setzte sie sich auf den Rand des Bettes,
stützte die Arme rückwärts auf die Kissen und sah mit halbgeschlossenen
Augen ins Licht. »Haben Sie große Schmerzen – ich kann sie lindern,«
sagte sie leise vor sich hin und klemmte die Unterlippe zwischen die
Zähne. Jedes Wort, das an diesem Abend gefallen war, hätte sie
wiederholen können. Warum bin ich denn nur so heiter? dachte sie. Warum
ist mir so leicht? – –

Halb vier Uhr schlug es auf den Türmen, da lag sie noch mit offnen Augen
und blickte in die Finsternis. Alle ihre Romane hatte sie schon
durchlebt, den Millionenpalast und die Sklavenschar, und die
abenteuerlichen Ritte, wobei sie vom Pferde fiel und von einem stolzen
Grafen und seiner Mutter verpflegt wurde. Sie konnte keinen Schlaf
finden. »Ich möchte einmal so recht von Herzen glücklich sein,«
flüsterte sie in ihr Kissen, und sie drückte einen Kuß auf das weiße
Linnen. Das war das letzte, woran sie sich am andern Tag noch erinnern
konnte.



VII.

_Aus dem Tagebuch Vidl Falks._


10. November.

Weshalb ich eigentlich ein Tagebuch führe, darüber habe ich mir schon
oft den Kopf zerbrochen. Liest man später die Konterfeis von Stimmungen
und Hoffnungen, diese scheinbar so zwanglosen, mit müder Eleganz
hingeworfenen Aperçus, so liegt darin etwas so Lächerliches, wenigstens
für mich. Eitelkeit, Eitelkeit spöttelt jede Zeile, eitle
Selbstbespiegelung. Aber ich bin ja ein nutzloser Mensch. Alle sagen es,
die mich kennen. So muß es doch wahr sein. Ich möchte doch wissen,
welchen Eindruck ich auf andere mache, ob ich ihnen komisch erscheine,
oder unbedeutend, oder dämonisch. Wer weiß, vielleicht gerade dämonisch.
Das ist ein hübsches Wort. Man empfindet ordentlich Sehnsucht, es zu
sein. Aber wie, wie wird man dämonisch, wie macht man das? – Ich muß
doch eigentlich ein ganz hübscher Mensch sein. Der Spiegel beweist ja
nichts, aber mein Schnurrbart gleicht vielen Schnurrbärten, welche für
hübsch gelten. Meine Augen sind sehr geschmackvoll; ich bin zufrieden
mit ihnen.

Ein Schwärmer bin ich schon. Ich habe zu nichts Lust, als zum
Nichtsthun. Und wie anstrengend ist das bisweilen. Oft kommt mir der
Gedanke, warum bin ich so allein? Es ist ja kindlich, darüber zu klagen,
aber andere haben ein Vaterhaus, elterliche Sorge umgibt sie, sie
wissen, daß jemand da ist, der sich um sie kümmert. Nichts dergleichen
ward mir. Ich würde ja ganz gern allein bleiben, aber alles fängt an,
mir so nüchtern zu werden. Ich habe häufig das Bedürfnis zu schlafen,
tagelang, wochenlang, und ich begreife kaum, warum ich so eifrig mit
aller Kraft dem Studium zugedrängt habe. Das Studium ist leer, und es
ist die Wissenschaft von der Unwissenheit, besonders was die Medizin
anbelangt. Auch beirrt mich das Fachmäßige, Doktrinäre, das
Buchstabenrecht in der Wissenschaft. Ich möchte etwas, das mich aufregt,
das mich zittern macht, das mich in Bangnis versetzt, kurz etwas, das
ich nicht weiß und das ich nicht definiren kann.


15. November.

Ich lese die letzte Eintragung und sage mir, daß dies für einen
dreiundzwanzigjährigen Menschen sehr naiv ist. Zum wenigsten ist es ein
Zeichen großer Schwachheit.

Wenn nur dieses Wirtshausleben nicht wäre! Das zerstört alles Gesunde
und alle Befriedigung über die Arbeit. Aber den ganzen langen Tag und
den langen Abend dazu allein im stillen Zimmer und die Gedanken und der
Kopfschmerz und das ewige Regengeplätscher, und die Aussicht, daß es
jahre-, jahre-, jahrelang so bleiben soll, das ist auch zerstörend.
Freilich, ich bin jung und wir Jungen sollten darauf bedacht sein,
weniger zu lamentiren und mehr zu arbeiten. Statt Freude darüber zu
empfinden, daß wir allein sind, vergießen wir Thränen. Wie absurd und
sündhaft, daß ich bisweilen wünsche, krank zu sein, nur damit Jemand um
mich sei, der sich bemüht um mich, dem man mehr ist, als eine Figur, um:
›Ergebener Diener!‹ oder: ›Wünschen zu speisen?‹ zu sagen. Wenn ich
einmal reich sein werde – Traum der Träume – will ich mir ein Schloß
im Schwarzwald bauen und mit einem Freund oder einer Freundin dort
leben. Aber kann es Jemand geben, der sich mit mir befreundet? Ich muß
zu dumm sein, zu unbedeutend, zu häßlich – oder bin ich am Ende das
verborgene Veilchen? Der Gedanke ist so poetisch!


17. November.

Es ist spät in der Nacht. Heut hab ich es über mich gebracht, daheim zu
bleiben. Und ich bin glücklich im Bewußtsein der Einsamkeit. Die
glühenden Kohlen starren zum Ofenloch heraus. Bisweilen zucken kleine,
blaue Flämmchen hindurch. Dann werden die Ränder schwarz, und alles
versinkt zu Asche. Ich denke mir: Wieviel Schmerz ist in der Welt und
wieviel Glück, und alles versinkt zu Asche. Ein oftgedachter Gedanke.
Ich sehe hinein in die glühenden Brocken und erblicke mein
Schwarzwaldschloß, wie es sein wird, wenn die Abendröte drüber hinfliegt
und der Wind um die Parktannen streicht.

Jetzt denke ich mir: wie muß wohl das Weib beschaffen sein, das ich
lieben würde. Vor allem müßte es klein sein, zart und heiter. Es müßte
blond sein und blaue Augen haben mit dunklen Rändern um den Augapfel und
schwarzen Wimpern. (Das soll pikant sein.) Die Haare dürften schließlich
auch kastanienbraun sein, ja sogar jene bronzefarbnen, oder jene, die
aussehen wie ein schwer mit Kupfer legirtes Goldstück gefielen mir.
Gescheiter als ich dürfte sie nicht sein, wohl aber müßte sie besser als
ich sein. Sanft, nachgiebig und beständig müßte sie sein. – Es ist
nicht sehr weise, sich ein Rezept zu schreiben, bevor man weiß, woran
man erkranken wird, – als #stud. med.# sehe ich das ein.

Diese Frau Bender quält mich so sehr, ich solle Pension nehmen. Aber
wozu soll ich so viele Menschen kennen lernen?


19. November.

Frau Bender stellte mir den Doktor Brosam im Korridor vor, und wir
gingen zusammen nach der Stadt. Welch ein Ideal von Männlichkeit:
kraftvoll, graziös, selbstbewußt. In solche Persönlichkeiten verlegt man
unwillkürlich jene Eigenschaften, die zu besitzen man ersehnt. Er muß
wegen eines Zwischenfalls ausziehn, wie ich höre: das ist schade. Wir
haben verabredet, uns im Café zu treffen. Die ganze Zeit über wohnten
wir Thür an Thür, und ich wußte nichts von ihm, als daß er den Geruch
der Weihrauchkerzen liebe und beim Studiren Bonbons kaue. Das nennt man
durchs Schlüsselloch des Nächsten Thun betrachten, und das ist
verächtlich.


20. November.

Ich habe Frau Bender nachgegeben. Heute Abend war ich zum ersten Mal in
der Familie. Ich habe mich gut unterhalten. Die kleine Helene scheint
ein wenig verliebt in mich zu sein. Das thut mir morschem Jüngling wohl.
Komisch, sie ist klein, zart und heiter, blauäugig und blond. Sollte die
es sein? Nur hat sie gar keine Augenbrauen. Das Fräulein Mirbeth gefällt
mir übrigens. Sie besitzt eine große Natürlichkeit und ihre Augen (nie
im Leben sah ich so schwarze, leuchtende Augen: schwärmerisch und
leidend) verraten viel mehr als ihr Mund (welch ein weicher,
wohlgeformter Mund) verraten könnte. Ihr Lachen verletzt mich, sie
schleppt es so eigentümlich nach.


24. November.

Ich bin sehr fortgeschritten auf dem Pfad der Kultur: seit einigen Tagen
besuche ich kein Wirtshaus mehr. Allabendlich sitze ich bis elf Uhr bei
Benders, und ich gewöhne mich völlig hinein in diesen Kreis. Auch
Fräulein Mirbeth ist da, und ich spiele Karten oder Halma mit ihr. Ich
weiß nicht, woher es rührt, aber eine neue Lebensfreude ist über mich
gekommen.

Wir führen oft träumerische Gespräche da vorn, zu dreien, während Frau
Bender auf dem Divan schläft. Und dabei sieht mich Fräulein Mirbeth oft
so starr, fast erschrocken an, und ihre Augen glänzen dabei so sehr, daß
ich die meinen zu Boden schlagen muß. Aber dieser Blick hat etwas, das
einen verfolgt. Er sitzt mir bisweilen gleichsam im Nacken.

Heute Nachmittag war ich beim Kaffee. Frau Bender erzählte aus ihrer
Jugendzeit. Sie hat eine bezaubernde Art zu erzählen; kaum sah ich je
ähnliches. Selbst ganz hingerissen von ihrem Gegenstand, lächelt sie
beständig und zeigt ihre großen, dichten, blitzenden Zähne. Ihre Augen
werden größer und leuchtender und ihr Gesicht wird förmlich jung. Sie
hat viel erlebt und ist viel in der Welt herumgezogen.

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich im Verlauf des Nachmittags auf
Fräulein Mirbeth zu sprechen kam. Aber es berührte mich peinlich, wenn
sie von ihr redeten. Sie gebrauchten geheimnisvolle Wendungen, sie
redeten Gedankenstriche. »Der Herr Oberst meint es eben doch sehr gut
mit ihr –« oder: »Der Herr Oberst ist ein sehr edler Mensch, ein
idealer Charakter« – – Doch was geht das mich an. Ich machte ein
ziemlich verblüfftes Gesicht, und Frau Bender stand mit einem
konventionellen Seufzer auf. Ich beobachtete ihren Gang, der unsicher,
voll Hast und Nervosität ist. Es ist der Gang unterleibskranker Frauen.


26. November.

Zwei Uhr hat es geschlagen, und die Nacht ist sehr still. Der Schnee
liegt überall. Ich öffne das Fenster und die frische, klare Luft
durchdringt mich völlig. Ich sehe das große, runde Kuppeldach des
römischen Panoramas und die neue Pinakothek, die so sehr einer großen
Zigarrenschachtel gleicht. Einen schlanken Kirchturm seh ich in der
Ferne, der wie ein zugeklappter Regenschirm aussieht.

Ich versuche jetzt, mir das Bild des Fräulein Mirbeth vorzustellen. Aber
ich kann es nicht. Ich kann sie nur wie durch dicke Nebelwände
wahrnehmen. Ich weiß wohl, daß ihre Haare ganz dunkel sind, daß sie wirr
sind und hinten in einen griechischen Knoten geknüpft. Ich weiß, daß
sie zu beiden Seiten die Ohren fast ganz verdecken und daß eine einsame
Locke mitten auf der Stirn liegt. Ich weiß, daß sie eine
unvergleichliche Gestalt besitzt, aber das kann ich alles nicht
innerlich _sehen_. Doch ich bin verwundert, daß ich mich bemühe, es zu
sehen. Warum? Sie ist mir fremd. Ich könnte mir nicht vorstellen, daß
sie mehr für mich wäre, als das Fräulein Mirbeth. Doch wer ist
eigentlich dieser Oberst? Was will er von ihr?

Die kleine Helene gefällt mir. Übrigens bemerke ich, daß mir Alles und
Alle gefallen. Das beschämt mich ein wenig. Ich bin so gar nicht
blasirt. Da habe ich wahrlich wenig Aussicht, dämonisch zu werden.


27. November.

Ich traf Doktor Brosam und erwähnte beiläufig Fräulein Mirbeth. Da
lachte er verächtlich und sagte: »Na, die –!« – »Was? Wie meinen Sie
das?« erwiderte ich unwirsch. – »Sie werden doch der ihre
Unschuldsmiene nicht für bare Münze nehmen?« gellte er. Sein Ton verriet
solche Kennerschaft, daß ich schweigen mußte. Wir sprachen von etwas
andrem. Der Mann hat diese eigentümliche Art zuzuhören: wie man einem
Diener zuhört. Vom Fach versteht er nicht viel. Dagegen stellte er mir
einen noch jungen Arzt vor, der es in kurzer Zeit zu großer Praxis in
der besten Gesellschaft gebracht hat. Er heißt Doktor Wendland und
gefiel mir besonders durch den Ausdruck von Güte, der in seinem Gesicht
liegt.

Am Abend erwähnte ich den Doktor Brosam und daß ich ihn getroffen.
Fräulein Mirbeth wurde sehr bleich und fragte, während ihre Augenlider
ruhelos zuckten: »Ah, Sie kennen ihn? Was sprach er denn? Hat er etwas
von mir gesagt?« –

Das geht mir im Kopf herum.


1. Dezember.

Beim Abendessen lernte ich Fräulein von Erdmann kennen. Sie imponirt
mir, sie hat jenes echt aristokratische Timbre, das ich liebe. Es
gleicht dem Bouquet eines guten Weines. Sie ist sehr gebildet und viel
gereist. Sie muß viel Schlimmes hinter sich haben, viele Leiden und
Leidenschaften. Sie interessirt mich. Zudem sagte sie mir eine solche
Menge angenehmer Sachen, daß ich, als ich allein war, lange mit der
Kerze vor dem Spiegel gestanden bin. Fräulein Mirbeth schien mir etwas
verstimmt an diesem Abend.


2. Dezember.

Die Erdmann ließ mich in ihr Zimmer rufen. Sie habe entsetzliche
Kopfschmerzen, ich möchte ihr ein Mittel geben. Etwas exaltirt benimmt
sie sich schon, das muß ich sagen. Ihr Haupt war von starrenden
Haarbüscheln umrahmt. Weinend zeigte sie mir ihre Gichtfinger und sagte,
das werde sie noch zum Selbstmord treiben. Für eine Frau, die noch so
frisch in den Dreißigen stehe, sei dies der Wegweiser zum Grab. Ich war
überrascht: denn ich hatte sie für viel älter gehalten. Gut, daß sie
nicht davon weiß.

»Nun,« sagte sie gleich nach dieser Scene, »wie ich höre, sind Sie stark
um Fräulein Mirbeth bemüht?« – »Ich?« fragte ich erschrocken zurück.
Sie drohte schalkhaft mit dem Finger, wurde aber plötzlich sehr ernst
und ergriff mich beim Handgelenk. (Ihre Hand ist unangenehm weich und
klebrig.) »Ich muß Sie warnen,« sagte sie, und ihre kleinen Augen
funkelten lebhaft. »Ich muß Sie warnen vor dieser Schlange. Wenn Sie
nicht in ein Gewebe von Lüge, Falschheit und Hinterlist fallen
wollen –« Sie schwieg bedeutsam. Ich schwieg auch, aber das war
idiotisch von mir. Wie gewöhnlich fiel mir erst eine Stunde später ein,
was ich hätte antworten sollen. Ich dankte kalt und ging.

Mein Gott, warum reden sie mir alle von Fräulein Mirbeth? Ich will
nichts mit ihr zu thun haben. So wenig, als ich ihr bin, kann sie mir
sein.


5. Dezember.

»Fräulein von Erdmann ist glühend verliebt in Sie,« sagte das Fräulein
Mirbeth diesen Nachmittag und blickte mich mit etwas unsicherer
Fröhlichkeit an. Ich lachte. »Halten Sie mich nicht für stark genug,
dieses Gefühl zu erwidern?« fragte ich ernst. Sie nahm es für bare
Münze. Helene kicherte. »Die läßt keinen ungeliebt von dannen ziehen,«
sagte sie pathetisch und fügte zöfchenhaft hinzu: »Passen Sie auf, nun
werden Sie ins Theater geschleppt. Ins ›Käthchen von Heilbronn‹ oder in
die ›alten Junggesellen‹.«

Der helle Winterschnee lag draußen, blendend rein und voll Leuchtkraft.
Frau Bender ging nach dem Kaffee mit Helene in die Stadt, und ich war
mit dem jungen Mädchen allein. Sie trug ihr schwarzes Kleid, das ganz
eng am Leibe liegt und das ich meistens an ihr sehe. Zum ersten Mal
waren wir allein. Auch auf dem Korridor war es ganz ruhig. Peinliche
Minuten des Schweigens entstanden zu Anfang. Sie sah mich oft scheu von
der Seite an, doch wenn meine Augen den ihren begegneten, wandte sie
hastig den Blick ab.

»Wie kommt es, Fräulein,« fragte ich, »daß Sie so leidend aussehn?
Stets, solang ich Sie jetzt kenne, haben Sie so einen vergrämten Zug im
Gesicht. Sie sind doch nicht unglücklich?« (Dies »unglücklich« war
albern, dachte ich bei mir) – »Ich, ach nein. Jetzt zum Beispiel ist
mir so wohl. Ich habe solche Stunden, wo ich die Zeit stillstehn lassen
möchte, – wie jetzt.«

Sie lächelte. Ich weiß es mir nicht zu erklären, aber ihr Lächeln
berührt mich namenlos wohlthätig. Wie ein lichter Schein verbreitet es
sich von den vollen, weichen, schwellenden Lippen aus erhellend über
das ganze Gesicht. Ich möchte ihr stets ein dankbares Wort, eine
Schmeichelei sagen, wenn sie so lächelt. – »Aber ich täusche mich
nicht,« fuhr ich hartnäckig fort, »Sie leiden. Ich will Sie ja nicht
danach fragen, – glauben Sie nicht, daß ich zudringlich sei – –« Ich
schwieg, denn ich sah sie zusammenschrecken. Sie erschien mir in diesem
Augenblick ganz hülflos, ganz ein gebrechliches Wesen, und etwas
Mitleidsuchendes lag in ihrem Gesicht. Ich dachte an die Äußerung des
Doktor Brosam. »Verstellung! Verstellung!« rief ich mir zu und sah
trotzig zu Boden.

Sie stand vom Stuhl auf, setzte sich auf den Divan und bog den
Oberkörper zurück. Sie thut das oft. Es ist, als wünsche sie, freier
aufatmen zu können. Dann sagte sie mit einem selbstvergessnen Ausdruck
in den Mienen: »Ach, wenn ich reich wäre, – wenn ich reich wäre!« Ich
nickte ihr eifrig zu wie einer, der einen Fremden den eignen Traum
erzählen hört. »Ich habe ja keinen Mangel,« fügte sie ein wenig hastig
hinzu, »aber ich mag den Luxus riesig gern. Und die Bequemlichkeit, –
kurz, ich möchte nichts missen von dem, was das Leben angenehm macht.«
– »Wenn ich eine Million hätte, ich würde mit Ihnen teilen,« sagte ich
leise. – »Wirklich? Das thäten Sie?« – Sie schien beglückt zu sein,
und ihr Gesicht strahlte vor Freude. Nein, hier ist keine Verstellung,
dachte ich voll Zorn über meinen Argwohn. – »O, was würden wir dafür
alles anfangen!« sagte sie verträumt. »Das erste, was ich haben müßte,
sind ein paar Jucker und die würde ich selbst kutschiren. Und dann – o
so vieles, so vieles!«

Ich hörte staunend zu. Ihre Augen wurden immer glänzender, und während
sie den Kopf auf die hintere Lehne des Divans legte, wandte sie den
Blick nicht von mir ab. Es war schon dunkel geworden, und Dele kam von
der Schule. Sie stürzte jubelnd auf Fräulein Mirbeth zu, die sie in die
Arme schloß, heftig emporhob und ihr ein paar wilde Küsse auf die Lippen
drückte. So heftig, so feurig war sie dabei, daß mir in einer gänzlich
unbestimmten Bangnis der Hals wie zugeschnürt war.

Gleich darauf rauschte Fräulein von Erdmann herein. »Nun, die
Herrschaften sind ja in einem höchst interessanten Tete-a-tete,« flötete
sie, und ihre Augen funkelten boshaft in der Dämmerung. Niemand von uns
beiden antwortete.


13. Dezember.

Etwas Seltsames ist in mir vorgegangen. Ich kann es nicht verstehen und
bin bestürzt, daß es mich weich macht, hoffnungsselig und traumsüchtig.
Ja, das Gefühl der Bestürzung ist das Herrschende in mir. Wie kam es
nur, wie war es möglich, frage ich mich beständig und es passirt mir,
daß ich an allen Pflichten des Werktags wie geistesabwesend
vorübergehe.

Ich hatte mit zwei befreundeten Medizinern einen Ausflug nach Tirol
verabredet. Wir wollten fünf bis sechs Tage fortbleiben. Am Freitag
nachmittag faßten wir den Plan, und abends schon, um neun, wollten wir
mit dem Schnellzug nach Kufstein fahren, um dort zu übernachten. Die
zwei Kameraden wollten mich um halb neun abholen.

Um sieben kam ich zum Abendessen in die Pension. Mit überlautem Triumph
verkündete ich mein Vorhaben, und während die Benders neugierig nach
Einzelheiten fragten, schwieg Fräulein Mirbeth, die am untern Ende des
Tisches saß, still. Und als ich meiner Freude, die Berge nun im
Winterschnee sehen zu können, Ausdruck gab, verfinsterte sich ihr
Gesicht immer mehr. Sie sah mich gar nicht an. »Was haben Sie denn,
Fräulein?« fragte ich endlich, und eine dumpfe Besorgnis erwachte in
mir.

Zuerst erwiderte sie nichts. Dann stand sie auf und setzte sich auf den
Divan. Sie legte die Hände in den Schoß und starrte vor sich nieder.
Niemals hatte ich einen so verzweifelten und fassungslosen Ausdruck in
ihrem Gesicht beobachtet. Ich setzte mich neben sie. Frau Bender war in
der Küche; nur Helene war noch im Zimmer. »Aber was haben Sie denn?«
fragte ich nochmals. – Sie sah mich schnell und mit einem vollen Blick
an. »Nein, nein! Sie _dürfen_ nicht fort, Herr Falk,« sagte sie so
flehend, daß meine Augen feucht wurden. Sie betonte das ›dürfen‹, und
ihre Stimme zitterte sonderbar. Sie war heiser.

Ich war weit davon entfernt, hinter dieser Bitte etwas zu suchen. Nur
meine Eitelkeit war geschmeichelt. Ich bewies ihr, daß es unmöglich sei,
jetzt zurückzutreten. »Ich werde Ihnen schreiben,« sagte ich lächelnd
und auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden. Aber sie sagte nichts.

Draußen läutete es, und ich rief: »Man kommt, mich abzuholen.« Da stand
Mely Mirbeth auf und verließ schnellen Schrittes das Zimmer. Noch immer
vermutete ich nichts Ungewöhnliches. Ich sagte mir: nun, sie wird gleich
wiederkommen.

Die beiden jungen Leute und ich standen mit Frau Bender im Vorplatz. Es
wurde viel gesprochen, und ich machte einige Bemerkungen von
zweifelhaftem Witz. »Wo ist denn Fräulein Mirbeth?« fragte ich mehr als
viermal. Aber sie kam nicht.

Jetzt ging dies Seltsame in mir vor.

Plötzlich stand vor meinen innern Augen ein Bild. Ich hatte niemals das
Zimmer der jungen Dame betreten. Nun aber sah ich dieses Zimmer, und ich
konnte mich später davon überzeugen, daß ich es wirklich gesehen hatte.
Es war fast ganz finster drinnen. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf
die Decke, und dieser Reflex verbreitete einen schwachen Lichtschein.
Ich sah ein Sofa und einen großen runden Tisch. Ein roter Lampenschirm
schimmerte schwach durch den Raum.

Auf dem Bett lag das junge Mädchen und hatte den Kopf in die Kissen
vergraben.

Mehr war es nicht. Ich sagte mir: das thut sie deinetwegen. Diese
Erkenntnis traf mich wie ein Schreck. »Kann es denn sein? kann es denn
sein?« flüsterte ich mehrmals vor mich hin, während wir in der
Pferdebahn saßen. Ich erinnerte mich weder an unsern Abschied von
Benders, noch an den Weg zur Tramway. Auch an die Eisenbahnfahrt
erinnere ich mich nicht mehr. Meine einzige, furchtsame Überlegung war:
Kann es denn sein?


15. Dezember.

Ich will noch lange an die Nacht denken, die ich in jenem Kufsteiner
Hotel zubrachte. Müde zu sein und doch nicht schlafen können, weil _ein_
bestimmtes Bild, dem man nicht entrinnen kann, die Seele in Aufruhr
setzt, eine wilde Jagd von Träumen heraufbeschwört ...

Wie die Berge aussahen, weiß ich nicht. Wie die Landschaft aussah, wohin
wir gingen, wovon die beiden Andern sprachen und was sie über mich
dachten, ich weiß es nicht. Ich meinerseits muß viel einfältiges Zeug
geredet haben, denn mir klingen noch grausame Spötteleien im Ohr. Am
Morgen des zweiten Tages behauptete ich, mir sei nicht wohl, setzte mich
in den nächsten Postzug und fuhr wieder heim.

Das Coupé war voll von Touristen und Jägern, die unausgesetzt lachten,
sangen, tranken und Zoten erzählten. Bisweilen kam ich mir sehr
lächerlich vor in der erhabenen Ruhe und Toleranz, die mich erfüllten.
Aber mit meinen frivolen Gedanken wurde ich leicht fertig. Die weite,
schneebedeckte Ebene, die sich allmählich auszubreiten begann, erfüllte
mich mit jener Schwermut, der man sich fast mit einer Regung von Stolz
hingiebt. ›Träume nicht! träume nicht!‹ rief es fortwährend in mir, und
es war, als sei mein bisheriges Ich im Begriff einzuschlummern und suche
sich gegen die Erstarrung zu wehren durch ironische oder warnende
Ausrufe. Aber das neue Ich ließ sich nicht stören. Es war ein Ich voll
Freiheit und Frohheit und Leidenschaft des Hoffens; ganz unbekannt mit
der zögernden Schüchternheit und trockenen Nüchternheit des alten Ich.
Das läßt sich so gut überdenken bei dem schnellen, regelmäßigen und
anheimelnden Dreivierteltakt-Rhythmus der Wagenräder. Allmählich rückte
der Horizont immer näher, und Himmel und Ebene wurden immer kleiner, wie
ein Gummiballon, der sich zusammenzieht und erschlafft. Es dämmerte.
Eine trübselige, öde Landschaft! dachte das alte Ich. Es liegt eine
geheimnisvolle Düsterkeit über diesem großen Schneeland, dachte der neue
Vidl Falk.

Ich lachte leise vor mich hin, ob dieser komischen Zwiespältigkeit
meines Wesens.



VIII.


Auf dem Balkon, der gegen die Gärten hinauslag, saß Mely und ließ
Seifenblasen steigen. Dele saß zu ihren Füßen und blies aus einem
Strohhalm emsig mit. Die Sonne schien, und es war gar nicht kalt. Wie
ein flaumiges Polster lag der frischgefallene Schnee auf der Einfassung
des Balkons.

Mely brachte wunderschöne Seifenblasen fertig, während die Kleine nur
farblose, winzige Kugeln aus ihrem Röhrchen in die Luft hauchte. »Du
kannst ja nix,« spottete Mely und sah entzückt einer majestätisch
emporschwebenden Blase nach, die erst am Dachfirst zerstäubte.

In diesem Augenblick kam Vidl Falk. Mely sprang auf, wie über einer
bösen That ertappt. Falk bemerkte ihre Verlegenheit und war so grausam,
sie zu vermehren. »Sie sind ein Kind,« sagte er mit etwas gekünstelter
Wehmut, als sehne er sich, selbst noch so ein Kind sein zu können.

Mely schaute ihn nicht an. Ihre rechte Hand lag auf Deles Kopf und mit
den Fingern spielte sie unaufhörlich im Haar des Kindes. »Wann sind Sie
zurückgekommen?« fragte sie schüchtern.

Falk blickte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden.
Enttäuschung war in seinen Mienen, wie wenn ihn während seiner
Abwesenheit ein überaus schönes Bild aufgeregt und die Wirklichkeit nun
alles zerstört hätte. Heuchelt sie denn? fragte er sich. Ist diese
Befangenheit erheuchelt? Die Weiber sollen im Allgemeinen sehr schlau
sein. Er sah sie zerstreut an und sagte schroff: »Wie kann man nur in
der Kälte da sitzen! Das begreif ich nicht.«

Sie war verletzt, ohne sich über den Grund klar zu sein. Jetzt spielen
wir Versteckenspiel, dachte sie sich und nahm das Kind bei der Hand.
»Komm Dele, komm!« rief sie laut und verließ rasch den Balkon.

Falk setzte sich auf den Stuhl, den sie verlassen hatte. Er stützte den
Ellbogen auf die verschneite Brüstung und sah mißmutig in die blendende
Schneelandschaft hinein. Bald schallte lauter Lärm vom Garten herauf.
Verwundert und beunruhigt sah Falk, wie Mely mit heißem Bemühn die
Schneeballwürfe einiger wilder Buben erwiderte, die sich ein Vergnügen
daraus machten, das große Fräulein ihre Überlegenheit fühlen zu lassen.
Gott mag wissen, was ihn dazu trieb, gleichfalls in den Garten zu gehen.
Aber als er unten war, sah er Mely nicht mehr. Die Kinder, erhitzt und
erregt von der Balgerei, vermochten ihm keine Auskunft zu geben, und er
ging weiter auf dem nachgiebigen Schnee, ohne Ziel und Vorsatz.

Als er am kleinen Holzpavillon vorbeiging, sah er durch die Thürspalte
Mely. Er ging hinein und setzte sich neben sie. »Nun Fräulein –« begann
er spöttisch. Ihm war, als müsse er den Spott als Waffe gegen sie
benutzen. Immer noch herrschte das Gefühl der Enttäuschung in ihm.

Sie war erhitzt vom Spiel, doch seit sie saß, fror sie zugleich.
Verstört sah sie aus, von einem stummen Gram war sie erfüllt. Es war,
als ob mit der Winterkälte die ganze Kälte ihres Daseins auf sie
eindränge. Beide waren ganz allein hier. Der Pavillon, der die Gestalt
einer Vase hatte – wie eine Vase war er in der Mitte ausgebaucht und
verjüngte sich nach oben – war ein geschlossener Raum. Durch die Lücken
der Fensterläden fielen die schrägen Strahlen der Dezembersonne. Wie aus
weiter Ferne klang das Geschrei der spielenden Kinder.

»Sagen Sie mir, was soll das?« flüsterte Falk. »Sie wollen sich
betäuben, das ist mir klar. Dies Herumtollen mit den Kindern, das ist
nicht Ihr Ernst, das ist nur Trotz, das ist Verbitterung. Hab’ ich
recht?«

Sie beugte den Kopf tiefer herab. »Denken Sie sich, was dieser Pole
gewagt hat,« brach sie aus. »Gestern traf er mich auf der Straße und
ging mit mir. Und er klagt mir, daß ihn seine Geliebte verlassen habe.
Als ob mich das was anginge. Sogar geheult hat er dabei. Und so dumm bin
ich, – ich tröstete ihn sogar. Da wurde er plötzlich ganz zudringlich,
und schließlich bat er mich, ich möchte ihn in seinem Atelier besuchen.
Ich war ganz starr ... Ja und weiter, heute Mittag war er zum Essen da
und bevor er ging, schob er mir mit frechem Grinsen seine Visitenkarte
hin. Was soll ich thun! Ich bin ganz außer mir. Mich darf jeder
beleidigen. Wer nur will, darf mich verleumden, – ich weiß gar nicht,
was ich anfangen soll.«

Selten sprach sie so schnell, wie jetzt. Ohne Falks Antwort abzuwarten,
stand sie auf und sagte: »Mich friert. Ich will hinauf. Ich bin ja dumm.
Ich darf das nicht thun – da sitzen bleiben.«

Falk packte sie am Handgelenk und zog sie auf die Bank zurück. »Eine
Minute noch. Mit diesem Kerl will ich schon fertig werden –«

Sie fiel ihm ins Wort. »Um Gottes willen nein! Fangen Sie nichts an. Um
meinetwillen dürfen Sie das nicht thun. O wenn Sie wüßten!« Ihre
drückende Lage machte sie elend; so fühlte sie sich mehr als je abhängig
vom Oberst, trotzdem sie wünschte, daß mit ihm alles zu Ende sei.

Ein leiser, haltloser Argwohn erwachte durch ihre Angst in Falk. Dieser
Argwohn war es, der von nun ab neben ihm einherging wie sein Schatten.
»Ist es denn wahr,« begann er nach langem Schweigen, »was die dicke
Erdmann, – ach die dunklen Andeutungen, die immer soviel sagen sollen
und nichts sagen. Doktor Brosam sagte – –« Er brach ab, denn er
bedachte, daß auch dieser nichts bestimmtes ausgesprochen hatte. Mely
wandte sich ihm mit einem Ruck zu. »Was hat er gesagt? Ich bitte Sie, –
was?«

»Ach –!«

»Nicht ausweichen! Seien Sie aufrichtig, sagen Sie mir alles!«

»Das kann ich nicht,« entgegnete Falk kopfschüttelnd. Wieder war es der
Argwohn, der ihm dies entlockte. Und er bereute, als er die Wirkung
seiner Worte sah.

»Ich weiß schon,« erwiderte Mely tonlos, erhob sich und ging. Ihr
Gesicht war totenbleich geworden. Falk folgte ihr nicht. Erst nach
geraumer Zeit stand er auf. Im Wohnzimmer oben saß Mely am Fenster. Sie
war allein. Den Ellbogen hatte sie auf das Brett der Nähmaschine
gestützt, und Falk konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war durch die Hand
verdeckt. Wiederum durchzuckte es ihn: Heuchelt sie denn bloß?

Lange Minuten stand er dicht vor ihr, ohne Worte zu finden. Wie ein
kleines Mädchen war er errötet, und sein Herz schlug vor Angst und
Erwartung. Mely empfand nichts von dem Schmerz, den ihr Gebahren
vermuten ließ. Es war alles dunkel vor ihr, und nur die eine Frage
überlegte sie fortwährend: was wird er jetzt thun? Aber dennoch, dieser
Ausdruck des Kummers war nicht Verstellung. Es war die tiefe Trauer über
ihre Hülflosigkeit und vor allem die Angst, daß das Große, Herrliche,
von dem sie in all den letzten Tagen geträumt, nicht in Erfüllung gehen
möchte.

Da fühlte sie die warme feuchte Hand Falks an ihrem Handgelenk. Er
versuchte den Arm herunterzubiegen, die Hand vom Gesicht zu ziehen,
damit er ihr Gesicht sehen könne, aber sie widerstand. Heiße Worte
wollte er ihr sagen, doch er vermochte sie nicht über die Lippen zu
bringen. »Lassen Sie mich,« flüsterte das junge Mädchen
leidenschaftlich, »ich will nicht.«

»Welch ein Narr bin ich,« stammelte Falk. »Warum mußte ich Ihnen das
sagen. Wie dumm, wie gemein war das! O wie gemein von mir. Wie können
Sie mir verzeihen. Sie glauben vielleicht, daß ich Ihnen wehthun wollte,
und das ist doch gar nicht wahr. Antworten Sie mir: sind Sie mir gram?
Sind Sie bös?«

Zehnmal wiederholte er die Frage und versuchte, ihr von unten ins
Gesicht zu blicken, aber sie erwiderte kein Wort. Weint sie denn? dachte
Falk, und sein Schrecken, seine Erregung nahmen zu. Wie ein Feuer
brannte es in seinem Herzen. Ihr Schweigen machte ihn ungeduldig und
verzagt. Schließlich ließ er ihren Arm los, weil er fürchtete, dies
könne sie verletzen. Er schalt sich roh, obwohl er doch nichts gesagt
hatte, als dieses: Ich kann nicht. Klein und knabenhaft erschien er sich
neben ihr.

Endlich erhob sie den Kopf. »Glauben Sie denn das?« fragte sie mit
feuchtschimmernden Augen. Das Flehende ihrer Stimme machte ihn weich. Er
verstand, was sie meinte. Und die Vorstellung, daß dies Unausgesprochene
möglich sein könnte, erschien ihm als ein so grenzenloses Unglück, daß
ihm der bloße Gedanke phantastisch und verbrecherisch vorkam. Noch vor
einer Woche, noch vor drei Tagen hätte ihn das ganz kühl gelassen und
jetzt erschien er sich wie ein Lump, daß er nur daran zu rühren gewagt
hatte. Aber trotzdem, in der Tiefe seiner Seele rief immer noch der
Zweifel. Er empfand ihn stets, etwa wie man ein vergessenes Vorhaben
empfindet, mit einem beständig nagenden Gefühl.

»Ach, ich ärgere mich,« sagte Mely plötzlich und lächelte scheu.

»Worüber? Worüber ärgern Sie sich?« Sie schwieg. Er fragte wieder und
wurde dringender. Verlegen wehrte sie ab und flüsterte: »Nicht jetzt;
heute Abend sollen Sie es wissen. Aber werden Sie auch bald kommen?«

»Woher wissen Sie, daß ich ausgehe?«

Sie errötete. »Frau Bender sagte, Sie hätten eine Einladung.«

»Ich komme bald,« erwiderte er, beglückt vor sich hinsehend.

Sie schien jetzt heiter zu sein. Träumerisch blickte sie die Straße
hinab. Schnee, nichts als Schnee. Auch der Himmel war schneefarben und
hing niedrig. Von den Dächern der Häuser schien man ihn mit der Hand
berühren zu können. Es begann zu dämmern. Falk setzte sich ans Klavier
und spielte. Er war kein Meister auf dem Instrument, aber heute lag eine
ganz fremde Glut in seinem Spiel. Wie klagend, wie prachtvoll waren die
Moll-Akkorde, mit denen er eine alte Melodie einleitete.

Die Sonne ging unter. Der Spiegel, der dem Fenster gegenüber lag, war
rot, eine Mischung von Tinte und Purpur; er glich einem großen Blutfleck
bei der zunehmenden Dämmerung.

Falk brach plötzlich sein Spiel ab, stand auf, lachte nervös und ging
trällernd um den Tisch herum. Besorgt und befremdet sah ihm Mely zu.

»Das mit der Million ist eigentlich hübsch,« sagte er. »Ein hübscher
Traum. Und wissen Sie, was ich mir ausgedacht habe? Aber Sie dürfen
nicht lachen. Wir würden uns ein Schloß im Schwarzwald bauen, ganz für
uns allein und einen Park dazu und Tannen. Und Pferde und Hunde und
Himmel was weiß ich. O, es würde wundervoll. Und an das Parkthor würden
wir ein Schild nageln: Besuche verbeten. Wollen Sie?«

Mely lächelte etwas unsicher. Ihr war, als mache er sich lustig über
sie. Aber ihre Augen glänzten. Nichts ist herrlicher als das, wollte
dieser Glanz sagen. Der Blick, mit dem sie den jungen Schwärmer ansah,
war voll von einer treuherzigen Bewunderung.

Aber bald schüttelte sie betrübt den Kopf. »Ach, wozu kann es führen,«
sagte sie traurig. »Es ist keine Hoffnung, gar keine.«

Frau Bender kam und hinter ihr Helene, die noch spöttischer als sonst
dreinsah. Die Hausfrau machte Licht. »Sehn Sie mal her,« sagte sie, eine
Faunbüste, die sie mit hereingeschleppt hatte, der Lampe zuwendend, »ist
das nicht schön?«

»Das hat mein Vater gemacht,« erklärte Helene, vor Stolz errötend. Sie
betete ihren Vater an.

Und nun bewunderte man den Faun, der wohl viel urwüchsiges Können, aber
wenig Künstlerschaft verriet. Es war zu viel Detail in dieser läppisch
grinsenden Fratze. –

Als Falk am Abend ausging und die Korridorthüre schließen wollte, kam
ein junges Mädchen die Treppe herauf. »Bitte, ist meine Schwester zu
Hause?« fragte sie kokett.

»Wer ist das, Ihre Schwester –?«

»Mein Name ist Mirbeth,« erwiderte die Dame spitz, als ob sie beleidigt
sei, daß man sie nicht kenne.

Falk machte ein verblüfftes Gesicht. Er öffnete, ließ jene eintreten,
und das ironische Schmunzeln des Fräuleins nicht beachtend, ging er die
Treppe hinab. Der Gedanke, daß Mely gelogen haben könne, erschien ihm
unwahrscheinlich. Warum sollte sie leugnen, eine Schwester zu haben?
Allerdings, diese Schwester schien ein lockerer Zeisig zu sein.... Er
dachte nicht viel darüber nach; aber seine feierliche Stimmung war
zerstört. –

So gänzlich allen Sorgen entfremdet war Mely, daß den ganzen Abend
hindurch ein Lächeln, das gleichsam erwartungsvoll war, nicht von ihren
Lippen wich. Sie redete nicht viel, – es war nicht ihre Art, viel zu
reden – aber sie befand sich wie in einer Welt der Märchen. Fern, fern
von aller Kleinkrämerei, von allen Brotsorgen. Ohnehin war es ihr sehr
schwer geworden, zu glauben, daß einmal der Tag kommen könnte, wo sie
nicht genug zu essen haben würde. Abenteuerlich und romanhaft erschien
ihr ein solcher Gedanke. Sie wußte, daß es Arme in dieser großen Stadt
gab, daß es Leute gab, an deren Thür der Hunger stand. Aber was waren
das für Leute! Was ging das sie an? Ameisen waren das für sie, vor denen
sie wohl eine gewisse Angst hatte, wie sie auch Angst vor Not und Mangel
empfand. Aber im Grund fühlte sie sich erhaben über die quälenden Kämpfe
ums Brot. Heute erschien ihr auch das alles unwichtig und kleinlich.
Eine ganz neue Kraft war in ihrem Blick, wie wenn in ihrer Seele eine
Leier berührt worden wäre, deren Saiten bis jetzt noch nicht erklungen
waren. Ihr Gang war lässig, wie willenlos, und sie schien gleichsam
gedrückt von einer Fülle innerer Heiterkeit. Sie spähte nicht hinaus in
die Zukunft. Dicht vor ihr und dicht hinter ihr war alles dunkel; sie
fand sich abgeschnitten von dem breiten Strom des Lebens. Nur in ihrem
Innern war strahlendes Licht. Als Falk gegangen war, und dann auch ihre
Schwester sich verabschiedet hatte, stand sie lange unter der
Küchenthüre und unterhielt sich mit Frau Bender über verschiedene
Kochrezepte. Aber was sie dabei sagte, geschah nur mechanisch, ihr nach
innen gewendeter Blick war wie geblendet von der Leuchtkraft eines
beglückenden Bildes.

Zum Abendtisch erschienen das Fräulein von Erdmann und die neue
Pensionärin: Fräulein von Mahnke. Als Jene das Zimmer betrat, hielt sie
sich erschreckt die Nase zu und lief stöhnend zum Fenster, um es
aufzureißen. Fräulein von Mahnke rückte ihre Perrücke zurecht, machte
eine jugendliche Geberde des Schmollens und lispelte: »Ach Gott,
schließen Sie doch das Fenster, liebstes Fräulein. Wir leben ja nicht am
Äquator.«

Emilie von Erdmann nahm eine dramatische Pose an und sagte nicht ohne
Strenge: »Die Jugend lebt eben stets am Äquator. Man muß es nur
verstehen, jung zu sein.« Plötzlich aber breitete sie die Arme gegen die
Winternacht aus und seufzte tief. »Die Sterne, die Sterne, o Gott! Man
begehrt sie doch! Das homerische Amphimelas erfüllt sich ganz an mir!«

»Sie sind sehr gelehrt,« bemerkte die Mahnke tiefsinnig.

Fräulein von Erdmann knixte. »#Les beaux esprits se recontrent#,
Verehrteste.« Sie schloß das Fenster wieder, setzte sich an den Tisch
und ganz nach Katzenart faßte sie Melys Hand und blickte sie innig an.
»Wo ist der schwarze Zigeuner?« fragte sie süß. »Der dunkeläugige Don
Juan –?« Mely stand schnell auf und verließ unter irgend einem Vorwand
das Zimmer für kurze Zeit. Ach, sie wissen es alle, dachte sie beim
Hinausgehen. Aber es ist mir gleichgültig. Mögen sie es wissen. Jetzt
dürfen sie mich doch nimmer beleidigen.

Das Gefühl ihrer Wehrlosigkeit war verschwunden.

Schon um neun Uhr kam Falk. Fräulein von Erdmann nahm ihn ganz in
Beschlag. Sie überfiel ihn mit Komplimenten, die ihn anregen sollten,
ihr mit gleicher Münze zu bezahlen. Aber er war verstockt, ihre koketten
Künste sah sie wirkungslos an ihm abprallen. Sie erzählte ihm die
»Tragödie ihres Lebens,« und die Tragik dabei glich freilich sehr den
Kriminalromanen mit komplizirter Handlung, die bei uns im Schwange sind.
Ihr Leben sei ein ewiger Herbst gewesen, ein ewiger November. Ein
unerbittliches Fatum habe sie verfolgt seit den Tagen der Jugend. Nur
ihr unbeugsamer Stolz habe sie über die Wogen getragen. »Hunderte von
Männern haben sich liebestammelnd auf dem Erdboden vor mir gewunden,
aber ich habe verzichtet – hahaha! – und habe doch noch die Fähigkeit
zu lieben bewahrt und kann es darin mit Jeder aufnehmen!« Hier bekam
Mely einen finsteren Blick. Die Damen erröteten wie auf Kommando, und
Falk machte ein betrübtes Gesicht. Als sich um zehn Uhr die beiden alten
Fräulein empfahlen, fühlte er sich wie zerschlagen.

Frau Bender legte sich ihrer Gewohnheit gemäß auf den Divan, um zu
schlafen. Es wurde plötzlich sehr still. Helene nahm ein Skizzenbuch zur
Hand und entwarf eine Phantasielandschaft, und Mely und Falk spielten
Halma. Sie saßen sich an der Tischecke einander gegenüber. Das Spiel
machte geringe Fortschritte, denn sie führten eine seltsame Unterredung,
eine wortlose. Oft begegneten sich ihre Hände beim Führen der Steine und
dann lächelten sie wie Kinder, beide auf einmal. Die Ruhe, die nun
plötzlich eingetreten war, hatte etwas Erlösendes. Die Winternächte sind
ja viel stiller, als die des Sommers. Sie haben in viel höherem Grad den
Reiz träumerischen Behagens.

»Wissen Sie nicht mehr, was Sie mir versprochen haben?« fragte Falk.

Mely nickte errötend. »Später – später,« stammelte sie, glücklich, daß
er sich noch daran erinnerte. Gar nicht mehr an das Spiel denkend,
lehnte sie sich zurück und blickte gespannt ins Lampenlicht.

»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht,« sagte Falk geheimnisvoll, mit
leuchtenden Augen. Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe
Verse gemacht. Halten Sie das für möglich? Vorhin, wie ich so durch den
Schnee gewatet bin da draußen an der Theresienwiese, da ist mir das
eingefallen, blitzschnell. Und um es nicht zu vergessen, hab’ ich mich
unter einen Laternenpfahl gestellt und habs mit dem Bleistift
hingekritzelt.«

Noch lange bewahrte Falk dieses Bild in seinem Gedächtnis: das junge
Mädchen in dem hyazinthenfarbenen Schlafrock, mit dem bleichen Gesicht,
wie sie, dicht neben ihm, sich mit einem Blick des Entzückens über das
Blatt beugt. Falk rückte noch näher heran und sie lasen zusammen.

    Dir will ich geben mein erstes Lied,
    Dir will ich mein Sterbelied weihn.
    Und es soll ein Werbelied sein
    Für Alle, die es zur Sonne zieht.

    Ach wie ein ewig schmerzender Zahn
    Mich bitter des Lebens Not verdrießt.
    Doch bis meine Lippen der Tod verschließt, –
    So lange bin ich dir unterthan.

Sie lasen es wieder, immer wieder. Mely konnte sich gar nicht satt daran
lesen. All das Glück ihrer Träume war im Nu auf sie gestürzt und drohte
sie zu ersticken. Ihre Hand packte krampfhaft das Polster des Sessels
und da fühlte sie auf einmal die Hand Falks auf der ihren: Langsam
streckte sie die Finger und schloß die Augen. Sie blieb äußerlich ruhig
und regungslos; doch ihr war, als drücke sie seine Hand weit hinab, wo
ein wunderliches, unirdisches Rauschen um sie her entstand, – in einen
Strom hinab. Noch klang ihr die Melodie im Ohr, die er am Klavier
gespielt, als es gedämmert hatte und eine schmerzliche Begehrlichkeit
erwachte in ihr, diese Melodie noch einmal zu hören. Das Herz war ihr so
schwer wie ein Stück Blei. Wie ist es möglich? dachte sie sich. Wie kam
das so schnell, so unerwartet? O, es wird mich unglücklich machen, es
ist ein Unglück, ein großes. Länger als eine Viertelstunde saßen sie
mit aufeinandergepreßten Händen. Oft zuckten sie zusammen, wie unter
schwachen, elektrischen Schlägen. –

»Wollen wir noch Thee kochen?« fragte Helene, von ihrer Arbeit
aufsehend. Ihr Gesicht glühte in Begeisterung für diese
Phantasielandschaft, – eine echte Dilettantin.

»Ja, Helene!« rief Mely freudig. »Lassen Sie mich nur alles holen!«

»Und ich will Ihnen leuchten,« sagte Falk. Helene lachte ihn verstohlen
an.

Im Korridor schrie Mely laut auf. Falk eilte mit dem Licht nach und
Helene steckte den Kopf in die Thürspalte. Zitternd stand das junge
Mädchen da und sah der Katze nach, die sie erschreckt hatte. Falk
lächelte heldenmütig. »Ach, Sie fürchten sich vor Katzen?« fragte er,
während die kleine Bender ihr Köpfchen kichernd zurückzog.

»Nein; fürchten nicht. Aber sie ist vom Schrank gesprungen und hat meine
Hand gestreift. Und wenn ich eine Katze berühre, das macht mich ganz
krank.«

»Da werden Sie nie einen Mann bekommen.«

»Das mag wohl sein,« gab Mely nachdenklich zurück. Und sie sah ihn
wieder mit diesem fremden und zugleich vertrauensvollen, hingebenden
Blick an. Es lag dabei wie ein Geheimnis in ihren Augen, den
verschleierten.

Sie kniete am Küchenschrank nieder, um die Tassen herauszunehmen. Sie
that es langsam, in großen Pausen. Von der Kammer nebenan hörten sie das
schlafende Dienstmädchen schnarchen.

»Aber jetzt müssen Sie es sagen. Worüber haben Sie sich geärgert?« Falk
beugte sich ganz zu ihr nieder.

»Es ist dumm, es ist wirklich dumm,« erwiderte Mely. »Nein, nein,«
beharrte sie bei seinem Drängen, »es ist zu dumm.« Er hörte auf, sie zu
bestürmen und darüber war sie unzufrieden, so daß sie es jetzt aus
freien Stücken bekannte. Sie senkte den Kopf noch tiefer und flüsterte:
»Ich habe mich geärgert, weil Sie mich weinen gesehen haben.«

Er sagte nichts darauf, aber für einige Sekunden schloß er die Augen.
Seltsam, selbst mit geschlossenen Augen sah er sie vor sich knieen. Es
drängte ihn, ihren Hals zu umfassen, um sie zu küssen, aber nur auf das
Haar. Warum kniet sie so lange? grübelte er. O, sie ist ein Rätsel für
mich.

Noch über eine Stunde blieben sie im Zimmer bei einander sitzen und Falk
erzählte den beiden Mädchen lächelnd die Geschichte vom großen Klaus und
vom kleinen Klaus. Es war schon Mitternacht, als sie zu Bett gingen.
Helene war so schläfrig geworden, daß sie die beiden nicht einmal
hinausbegleitete.

Vor Melys Schlafzimmerthüre blieben sie stehen. Ohne zu sprechen
blickten sie sich fassungslos an. Dann ergriff Falk Melys Hand und zog
sie an seine Lippen. Sie wehrte sich ungestüm. »Nicht – bitte, bitte,
– nicht das!« –

Es war ein aufrichtiger Laut des Jammers. Er aber küßte die Hand.



IX.


Es war wenige Tage nach Weihnachten. Das Geläute der Sonntagsglocken
erweckte Fräulein von Erdmann aus ihrem Morgenschlummer. »O Gott,«
murmelte sie zerstört, »diese katholischen Städte sind fürchterlich!«
Und sie stieß die Arme in die Höhe und schüttelte die Fäuste.

Das Mädchen brachte den Kaffee. Auf dem Servirbrett lag ein Couvert. Das
Fräulein öffnete es: Frau Bender bat dringend um die Bezahlung der
rückständigen zweihundertfünfzig Mark, oder wenigstens eines Teils.
»Wisch!« machte die übelgelaunte Dame, zerknitterte das Papier und warf
es von sich.

Bald erschien Fräulein von Mahnke, um ihre Morgenvisite abzustatten.
Vorsichtig zwischen den herumliegenden, schmutzigen Wäschestücken,
Zigarrenschachteln, Unterröcken und Briefschaften hindurchschreitend,
gelangte die greise Dame zum Bett des Fräuleins.

»Nun, Sie haben sich recht hübsch da eingenistet,« bemerkte sie
anerkennend. Bei sich jedoch dachte sie: Welch ein Stall! Und die
Bewohnerin ist die reinste Vogelscheuche. Die starrenden Haare, dies
dicke Gesicht – puh. Ein Schwamm, eine Fettblase.

»Wie mich das freut, daß Sie gekommen sind,« versicherte Fräulein von
Erdmann. »Und wie reizend Ihnen das Kleidchen steht – berauschend –
#parole d’honneur#.« Sie dachte jedoch: was thut denn die alte Schachtel
jetzt schon da? Dies Kleid ist für einen Backfisch. Kurze Ärmel, –
lächerlich! Dabei braucht sie einen Stock, um gerade gehn zu können.
Puh, ihr ganzes Gesicht ist _eine_ Malerei. Diese alten Jungfern sind
schrecklich.

»Sie bewundern meine schönen Arme?« fragte sie, als sie den Blick des
Fräuleins von Mahnke auf ihren entblößten Armen ruhen sah. »Ja, das kann
ich Ihnen nicht verdenken,« fügte sie seufzend hinzu, ohne eine Antwort
abzuwarten und sah mit heimlicher Ironie auf die dünnen Ärmchen des
alten Fräuleins.

Das sollen Arme sein? dachte die Mahnke. Würste sind es, dicke, plumpe
Würste. »O der Begriff: schön ist doch sehr individuell, man kann schon
sagen willkürlich,« sagte sie mit einer seltsamen Mischung von Demut und
Haß.

Fräulein von Erdmann streichelte liebevoll ihren Arm. »Vergessen Sie
nicht, meine Teure,« erwiderte sie, überlegen lächelnd, »daß der
berühmte Bildhauer – na! sein Name ist mir jetzt entfallen – vor
meinen Füßen gelegen hat und mich bat, ihm meinen Arm für eine
Venusbüste modelliren zu lassen. Ich schlug es aber aus. Warum den
profanen Augen der Menge preisgeben, was solange unentweiht in stolzer
Heimlichkeit keinem menschlichen Auge zu sehen vergönnt war? Das war zu
jener Zeit, wo Fürst Lubanoff, – ein Kavalier ersten Ranges – mir
seine Hand anbot und Graf Lajos Waldenburg mit dem Marquis Etienne de
Grève jenes berühmte Duell hatte. Und wissen Sie warum? Es ist
lächerlich, es zu erzählen. Ich hatte im Theater meinen Handschuh aus
der Loge ins Parterre fallen lassen und dem Marquis, der ihn mir
brachte, eine Blume ins Knopfloch gesteckt. Komisch wie?« Mit
teuflischem Lächeln musterte sie die gebrechliche Gestalt des Fräuleins
von Mahnke. Dann aber begann sie plötzlich zu wimmern. »Ach, das ist
vorbei! Was ist aus mir geworden! Ich kann keine Nacht mehr schlafen.
Heute Nacht, – sehen Sie die verbrannten Papiere in der Waschschüssel?
– heute Nacht wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Sie
erschrecken?« Mit einem Satz sprang Fräulein von Erdmann aus dem Bett
und wanderte unbeschuhten Fußes aufgeregt umher. »Erschrecken Sie nur.
Aber ich habe dies Leben gründlich satt! Dreimal verflucht sei dies
unerbittliche Schicksal, das mich verfolgt, dieser Vampyr, – o Gott!«
Und sie stampfte auf den Boden, daß die Fenster klirrten und die Tassen
auf dem Servirbrett tanzten. Fräulein von Mahnke machte sich immer
kleiner, sie schrumpfte förmlich zusammen. »Liebstes, bestes Fräulein!«
fuhr die dicke Dame fort, »ich habe Romane hinter mir, – die Phantasie
eines Dante ist kindisch dagegen. Immer bin ich nur einem nichtigen
Phantom nachgerannt und das Glück habe ich von mir gestoßen, bis es –
futsch! – nie mehr kam. Amphimelas! Amphimelas! Das ist der Hohn des
Lebens!«

»Um Gotteswillen, mäßigen Sie sich doch, Teure!« beschwichtigte die
Mahnke beinahe heulend. »Bedenken Sie doch Ihre Nerven!«

»Und nicht schlafen können, nicht essen können, – wenn man so jung ist,
so lebenskräftig, so liebeskräftig, – o es ist grausam! Und dann noch
die Sorge ums Allernötigste, der Kampf mit dem Drachen Not, – es ist
himmelschreiend. Ich habe ja nichts mehr« – plötzlich wurde ihre Stimme
ganz sanft und schmelzend – »nichts woran ich mich aufrichten kann,
außer einem. Wissen Sie, daß ich ihn liebe, daß ich ihn anbete,
vergöttere, – den jungen melancholischen Zigeuner, Vidl Falk –? Ich
liebe ihn wahnsinnig!« Und sie schleuderte einen Strumpf, der auf dem
Tisch lag, durchs Zimmer, daß er am Spiegelrahmen hängen blieb. »Aber
wissen Sie auch, daß dieses Haus eine Schlange beherbergt, ein niedriges
und verworfenes Geschöpf, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen
jungen, herrlichen Menschen in ihre Netze zu locken? Wir, bestes
Fräulein, wir, die wir Vertreterinnen der Intelligenz, der Bildung und
Moral hier sind, wir müssen dafür sorgen, daß dem Treiben dieser Dame
Einhalt gethan werde. Meinen Sie nicht? Sie stimmen mir doch bei?«

Die gepuderten Wangen des älteren Fräuleins färbten sich mit dem Rot
sittlicher Entrüstung.

»Denken Sie,« fuhr Emilie von Erdmann fort, »neulich kam diese nette
Dame zu mir herein. Weinend fällt sie auf die Ottomane und als ich sie
frage, was denn los sei, antwortet sie schluchzend, der Herr Oberst, –
ich bitte Sie, der »Herr« Oberst – sei ihrer überdrüssig geworden und
darüber sei sie ganz verzweifelt. Stellen Sie sich meine Indignation
vor. Natürlich, jetzt geht sie einer höchst unsicheren Zukunft entgegen
und da heißt es: einen Mann angeln. Was sagen Sie dazu? Frau Bender kann
Ihnen übrigens die ganze Komödie ausführlich berichten.«

Erregt und empört verließ Fräulein von Mahnke das Zimmer der noch immer
im Hemd promenirenden, verliebten Dame. Das erste, was sie unternahm,
war: bei Frau Bender die Wohnung zu kündigen. »Es ist mir unmöglich,
mit Personen obskuren Charakters in einem Hause zu logiren, liebe Frau
Bender,« sagte sie bekümmert. Dann flüchtete sie in ihr Gemach und griff
mit tendenziöser Hast nach dem Riechfläschchen.

Eintönig verlief das Mittagsmahl. Selbst Fräulein von Erdmann sprach
wenig. Der Pole war der Einzige, der redete, obwohl ihm niemand zuhörte.
Um zwei Uhr waren Mely und Falk allein. Helene war ausgegangen. Frau
Bender schlief; sie schlief wohl vierzehn Stunden im Tag.

Sie sprachen nichts, beide. Wieder entstand jene wortlose Konversation,
die nur in Blicken besteht. Es ist ein stilles Hinüber- und
Herüberträumen, so wie die Welle von Ufer zu Ufer schaukelt.

»Was für eine schöne Hand haben Sie,« sagte endlich Falk. Er stand auf
wie unter einem glücklichen Gedanken und nahm eine Feder vom
Schreibtisch. Dann ergriff er lächelnd ihre Hand und sie ließ es
willenlos geschehn. Er schrieb auf die zarte Haut des Handrückens in
kleinen, feinen Buchstaben: »Hier ruhten zwei Wandrer aus nach hartem
Kampfe.«

Verständnislos und ängstlich sah ihn Mely an. »Wissen Sie nicht, was ich
meine?« neckte Falk. Da begriff sie. Aber sie zeigte nicht, daß sie es
verstehe, sondern that, als könne sie es immer noch nicht fassen. Da
nahm er noch einmal ihre Hand und drückte die Lippen auf die Stelle, die
er beschrieben hatte. Mely sträubte sich nimmer. Sie seufzte tief auf
und grub die Zähne in die Unterlippe, starr auf das weiße Tischtuch
blickend. Ihr Gesicht erschien noch blasser durch den Reflex des Schnees
auf den Dächern.

»Ich muß fort,« sagte Falk nach langem Schweigen. »Ich darf es nicht
aufschieben; es handelt sich um einen wichtigen Gang.«

»Aber wann kommen Sie wieder?« fragte Mely beunruhigt.

»Vor neun, halb zehn kaum.«

Sie entgegnete nichts. Sie senkte den Kopf so tief, daß Falk von ihrem
Gesicht nichts mehr sehen konnte. In ihrer Hand ließ sie eine der
kleinen Thonkugeln, mit welchen die Kinder spielen, unausgesetzt
hin- und herlaufen. Bisweilen bebte sie wie vor Frost.

»Was haben Sie denn, Mely?« fragte Falk und nahm ihre Hände zwischen die
seinen. Die kleine Kugel rollte zu Boden.

Mit einer schmerzlichen und gänzlich verzweifelten Geste erwiderte Mely:
»Ach! – weil Sie jetzt schon wieder fortgehn!« Ungestüm erhob sie sich,
ging zum Fenster und legte dort die Hand vor die Augen. Sie nahm ihr
Taschentuch und zerknüllte es. Ihr Herz war voll zum Zerbrechen. Wie
einen Strom bittern Leids fühlte sie es in der Brust und dies gab sich
als körperlicher Schmerz kund. Sie bereute, was sie gesagt und sie
fürchtete Falks Erwiderung. Zugleich aber wartete sie angstvoll darauf.
Er trat zu ihr und legte schüchtern seinen Arm um ihre Taille. »Sei
vernünftig,« sagte er sanft und rasch. »Nicht zürnen, bitte! – nicht
böse sein,« (offenbar wollte er das du nicht wiederholen). »Ich muß ja
wirklich fort.«

»Nein – nein!« erwiderte Mely mit dem Ausdruck eines Kindes, das
gezüchtigt zu werden fürchtet. Der Kummer, den sie empfand, machte Falk
ratlos. »Dann will ich bis sechs wieder da sein,« sagte er nachgiebig.

Mely entzog sich ihm hastig und setzte sich auf den Divan, wo sie das
Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Ihr war, als hinge all das junge
Glück davon ab, daß er bliebe. Und doch fühlte sie auch, wie kindisch
das sei, und daß er nicht nachgeben dürfe, um von dem Unnahbaren,
Bewunderungswürdigen, das er – Gott weiß wodurch – in ihren Augen
besaß, nichts zu verlieren.

Aber Falk war schwach; er gab nach. Er bat sie, mitzugehen; im
Vorbeigehen wollte er sich bei den Leuten entschuldigen. »Und dann
streunen wir ein wenig,« meinte er lächelnd. Mely sah ihn von unten
herauf mit einem schnellen, leuchtenden, verheißungsvollen Blick an.

Falk trat dicht vor sie hin und berührte mit den Lippen ihr Haar.
»Nicht doch! Um Gotteswillen nicht hier!« rief Mely erschrocken. Aber er
machte nur eine gleichgiltige Handbewegung.

»Wie seltsam duftet das Haar,« sagte er. »Ich glaube, das kann man nie
vergessen. Und wie es aussieht, – dies dunkle Wirrsal, ein wahrer
Strudel, – und doch geordnet. Es ist eine sehr ordentliche Unordnung.
Und diese eine, dicke Locke auf der Stirn sieht aus wie ein
Fragezeichen. Sie kommen mir vor wie ein Buch und diese Locke ist der
Titel: ein Fragezeichen.«

Wie ein glückliches Leuchten huschte es über ihr Gesicht und aller
Kummer verschwand auf einmal.

»Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin?« begann er wieder. »Die
kommt an die Stadt und das Thor ist geschlossen. Und der König selbst
geht und öffnet das Thor, damit die Prinzessin herein kann ..... das
kennen Sie nicht? Sehen Sie, das sind wir. Nur bin ich in diesem Fall
die Prinzessin und Sie der König. Wie hätte ich auch sonst zu Ihnen
kommen können, wenn Sie nicht eigenhändig das Stadtthor aufgemacht
hätten! Ach, es ist närrisch, nicht? Es ist phantastisch,« murmelte er,
sich selbst bespöttelnd und wie zerknirscht von dieser Kritik.

Die Thür öffnete sich und die Leisetreterin Helene in Hut und Mantel kam
herein. Und obwohl sie ganz harmlos bei einander saßen wie Leute, die
sich vom Wetter unterhalten, erröteten Falk und Mely zu gleicher Zeit.
Diese Verlegenheit steigerte sich so sehr, daß Falk, der aufgestanden
war, mit den Fingern das Rad der Nähmaschine so lange drehte, bis die
Nadel knackend brach. –

Später saßen sie allein in einem Seitenzimmerchen des »Marco Polo«. Sie
sprachen über die Zukunft, – immer in einer lächelnden und fast
romantischen Weise, als ob keines von beiden so recht von Herzen daran
glaube und es nur ein Wettstreit sei: wer den schönsten Traum erzählen
könne. Mely war innerlich ruhig. Keine Sorge bedrückte sie, obwohl ihr
stets gegenwärtig war, daß sie gestern das letzte Geld, das sie besessen
hatte, Frau Bender gegeben und daß sie nun aller Mittel entblößt war.
Sie war nicht leichtsinnig, aber wie die Wärme des Frühlings das Eis
auftauen läßt, so schmolz all das Harte, Winterliche, Frostige ihres
Lebens dahin vor dieser Wärme, die jetzt ihre Seele erfüllte. Bisweilen
nur fühlte sie ein schweres Entsetzen, – ein kurzes Erwachen aus tiefem
Schlaf. Oftmals brachte sie den größten Teil der Nacht wachend zu und
da war sie voll von einer Schwermut, die sie weit emporhob über die
Nahrungssorgen.

Als sie den Theesalon verließen, dämmerte es schon und schon brannten
die elektrischen Bogenlampen. Rötliche Leuchtkugeln, hingen sie mitten
im Winternebel, und oft flackerten sie und wurden rot oder violett. Dies
Aufflackern und Zusammensinken hatte etwas von dem Flügelschlag eines
sterbenden Vogels.

»Was haben Sie denn?« fragte Falk das junge Mädchen, das sichtlich
zitterte und wie eine Schlafwandelnde dahin ging.

»Mir ahnt ein Unheil,« sagte sie leise und trostsuchend.

Als sie um die Ecke der Maffeistraße bogen, wurden sie durch das heftige
Gebell eines Hundes erschreckt. Es war Pitt, der auf ungestüme Art seine
Freude zu erkennen gab und an Mely emporzuspringen versuchte. Sie
lächelte zuerst dem Tiere ein wenig zerstreut zu. Falk wollte sich
niederbeugen, um den Hund zu streicheln, als er voll Entsetzen die
Veränderung in Melys Gesicht wahrnahm. Sie war so weiß geworden wie der
Schnee und ihre Augen starrten wie trunken, ja wie blöde auf einen
einzigen Punkt. Und plötzlich wurde sie so rot, wie Falk sie noch nie
gesehen hatte. Ihr Gesicht wurde purpurn, Ohren, Stirn und Hals waren
von glühender Röte bedeckt. »Der Oberst,« sagte sie, mühselig lächelnd.
Dieses mühevolle, bedrückende Lächeln empfand Falk wie einen Schnitt ins
Fleisch. Die Angst, die Scham und die Verzweiflung und der Trotz waren
so deutlich darin ausgeprägt, daß sie wie ein Bild der Zerrissenheit
aussah. Der Oberst war jetzt auf vier Schritte nahe gekommen und blickte
Mely an. Nie in ihrem Leben vergaß sie diesen Blick. Weder Hohn, noch
Zorn, noch Bitterkeit lagen darin; aber durch die namenlose Verachtung,
die er enthielt, erschien er ihr wie ein Hieb mit der Peitsche. Einer
seiner Freunde ging mit ihm, den Mely kannte. Und dieser Mensch stierte
sie frech an mit einem breiten, lustigen Lachen, und sein rotes Gesicht
glänzte wie bei einem guten Spaß. Wie der Oberst ging auch er vorbei,
ohne zu grüßen. Dieser eine Umstand machte Mely ganz schwindlig vor
Schmerz. Sie schämte sich so sehr, daß sie nichts thun konnte, als das
mühselige Lächeln auf den Lippen behalten. Vor der ganzen Straße voll
Menschen, von denen doch keiner auf sie achtete, schämte sie sich, und
das Lächeln, das etwas Irrsinniges hatte, schien auf ihrem Gesicht
erstarrt zu sein.

Falk ging mit ihr in einen Hausflur, wo sie sich an die Mauer lehnte und
in die Höhe starrte. Wieder bedeckte eine große Blässe ihr Gesicht, das
einen grauen, mehligen Ton hatte. Kraftlos stand sie da. Pitt war ihr
gefolgt; das kluge Tier wandte keinen Blick von ihr. »Alles ist aus!«
sagte sie leise.

Falk war ratlos. »Was ist aus?«

»Nun er hat mich gesehen mit Ihnen, – und« ...

»Aber das macht ja nichts. Er weiß doch nicht, wer ich bin. Sie können
ihm doch sagen ...«

»Ach, wenn Sie wüßten! Er vermutet jetzt das Allerschlimmste. Er hat mir
ja auch streng verboten, auf der Straße mit jemand zu gehen. Selbst mit
einer Dame darf ich nicht gehen. Ich darf keine Freundin haben, nichts.
Bah, es ist mir wirklich gleich; jetzt lach ich dazu. Es hat eben so
sein sollen, das tröstet mich. Ja wirklich, das tröstet mich. Es wäre ja
ohnehin zu Ende gewesen, – natürlich. Aber jetzt ist alles aus.«

Diese verworrenen Sätze fielen wie eine wilde Klage von ihren Lippen.
Was soll jetzt mit mir werden? dachte sie. Diese Frage folterte sie, daß
sie Kopfschmerz bekam. Sie war froh über diese Schmerzen; jetzt
verschwand doch das aufdringliche Bild: der lachende Freund mit seinen
gelben Zähnen, seinem grinsenden Gesicht. Sie seufzte.

Vidl Falk sah seinen Argwohn plötzlich groß geworden. Dieser Argwohn
sah mit finsteren Augen aus seinem Versteck heraus. Er war hungrig und
verschlang auch Nichtigkeiten, um sich zu sättigen. Aber er wurde
niemals satt.



X.


Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und
Falk mußte fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause
getroffen hatte. Er hatte sich verspätet. Als das Nachtmahl vorbei war,
stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah
er Melys blasses Gesicht mit einem bekümmerten Ausdruck auf sich
gerichtet. Lange zögerte er; er wußte nicht, was er sagen sollte, um
Frau Bender und Helene dies auffällige Warten zu erklären. »In einer
Stunde bin ich wieder da,« murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und
stürmte hastig hinaus. Helene lächelte spöttisch. Mely war gereizt und
fuhr sie schroff an. »Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?«
Helene zuckte die Achseln. »Wie mißtrauisch sind Sie,« fuhr Mely leiser
fort. »Sie sind mißtrauisch, ich glaube aus Vorsatz.« Helene schüttelte
den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, daß ich
dergleichen riskiren darf. Ihre glatte, übergroße Stirn leuchtete wie
eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie
war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschränkte die Arme und sah vor
sich hin mit dem unveränderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen
war. Frau Bender nähte, besserte die Wäsche aus und seufzte oft aus
schwerem Herzen. »Meine Tochter thut gar nichts,« klagte sie etwas
schüchtern, als fürchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte bloß
die Stirn.

Mely hatte sich auf den Divan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand.
»Eine Stunde ist lang,« flüsterte sie in sich hinein und horchte auf das
Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekörner knatterten gegen
die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer.
Ein Schloß im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das
sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich,
und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein
wird ... Aber was thu’ ich da, was für närrische Gedanken sind das! Ich
muß mich schämen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bischen Zeitvertreib,
die Männer lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der
andere. Wie komisch, – und wozu kann das alles führen. Wie
unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so
Märchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein, ich könnte lachen,
und wenn ich an ihn denke, muß ich erröten. Ob er wohl noch so nett ist,
wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Früher einmal, da hatte ich
den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich fürchte mich
eigentlich. – Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?

Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fühlte sie sich tief
unglücklich. Jede Minute, die verstrich, ohne daß er kam, machte sie
unglücklicher. Ihr Herz preßte sich zusammen wie unter einem
unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren
Augen. Endlich krachte das Hausthor, und atemlos, immer noch das Gesicht
der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmählich lauter werdenden
Schritten auf der Treppe.

Pustend und die Hände reibend, trat Falk ein. »Ah, Fräulein Mirbeth
schläft!« sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wünschte, daß
er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er müsse
sonst die überstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen können.

»Sehn Sie!« sagte Falk frohlockend: »Gerade eine Stunde.«

Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfällig um und
gähnte, wie Erwachende zu thun pflegen. »Gar nicht wahr,« sagte sie
vorwurfsvoll, »das war viel länger als eine Stunde.«

»Neun Minuten mehr,« bestätigte Helene ernsthaft.

Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wünschte es
auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe,
wie durch das Erlebte so geschärft, daß sie die pfeifenden Atemzüge der
Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie
dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrückte
Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung
gegen die kommenden Ereignisse erfüllte. Alle anderen Lebensinteressen
waren für sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mühe wert, darüber
zu sinniren.

Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags
wachte sie auf. Dann lag sie noch über eine halbe Stunde mit offenen
Augen und mühte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu
kommen. Sie lächelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wußte
durchaus nicht, welcher Art er gewesen.

Nach dem Mittagessen verwickelte das Fräulein von Erdmann Vidl Falk in
ein sinniges Gespräch über die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely saß am
Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv
erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemüht, den jungen Mann in
die Fäden ihrer Konversation zu ziehen.

Plötzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: »Ach, beantworten Sie
mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt?« Und sie
legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren röter als
sonst. Dann lachte sie, während Falk seine Hand in Sicherheit brachte.
»Wie er schaut! ach! – Sie sind erstaunt über meine Frage?«

»O nein, – oder vielmehr ja.«

»Reizend! O nein, oder vielmehr ja.« Und wiederum trällerte sie ihr
Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.

»Warum diese Falte?« fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in
Hingebung. »Fort damit, sie ist häßlich. Wie kann man ein so finsteres
Gesicht machen, wenn man so schöne Augen hat. Nicht wahr, Fräulein
Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?«

Mely bejahte, dann verließ sie langsam das Zimmer, – zögernd, damit es
nicht scheine, als ob sie dieser Scene wegen ging.

Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinüber. »Ich will meine Frage
einschränken,« flüsterte sie. »Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie
verliebt?« Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu
wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.

Falk errötete und lächelte kindisch. »Ich bitte Sie, Fräulein,«
stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.

»Nein, diese Jugend!« gellte die Dame spöttisch und schleuderte die
geballte Serviette über den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.

»Merkwürdig,« sagte Falk; »wenn solche Verlegenheitspausen eintreten,
bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.«

Das Fräulein starrte ihn verblüfft an und bemühte sich, geheimnisvoll zu
lächeln.

Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes
Geräusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelächter von der
Straße erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein
Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung.
Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.

Es dunkelte, als er, von der Stadt zurückkommend, Mely im Korridor traf.
Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den
grüngrauen, großgeblümten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher
erscheinen ließ. Es war, als wünsche sie mit diesem Kostüm zu sagen, daß
es ihr gleichgültig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.

»Ich mache Kaffee, Fräulein Mely,« sagte Falk. »Wollen Sie mittrinken?
In meinem Zimmer natürlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu
ein.«

Mely, die zuerst gezögert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk ließ das
Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als
er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saßen Mely und Frau Bender
dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach
ihm, und er hatte das Gefühl, als ob man soeben von ihm gesprochen
hätte. Mely stützte den Kopf in beide Hände und sah unbeweglich auf die
Tischplatte. Falk rührte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das
junge Mädchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf
Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wußte er nicht. Es war der
dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden fürchtet, während
er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.

Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geräuspert
hatte, in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Bald darauf kam
Mely. Sie sah bestürzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie
unentschlossen an der Thüre stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob
einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen
ein. »Helene kommt gleich,« sagte Mely, gleichsam sich selbst
entschuldigend. »Frau Bender hat zu viel Arbeit.«

»Warum hat denn Frau Bender geweint?« fragte Falk, mehr um ein Gespräch
anzuknüpfen, als aus Neugierde.

Das junge Mädchen lächelte schwermütig und schüchtern. Ihr Blick, sonst
ein wenig unstät, war plötzlich sanft und ruhig geworden. »Ich weiß das
wirklich nicht,« sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch
erstaunt war über das Benehmen dieser Frau. »Sie sagte, – doch wie kann
ich Ihnen das erzählen!«

»O bitte –!«

»Nun gut. Sie lobte Sie, – Sie seien so gescheit und so ein herzlicher
Mensch – diesen Ausdruck gebrauchte sie – und ich möchte doch ein
wenig lieb zu Ihnen sein. Später bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir.
Gar gern läuft das Glück vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal
brach sie in Thränen aus.«

Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah
doch, daß ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es
der Widerschein des roten Lampenschirms oder natürliche Färbung war.
Eine schwüle Dämmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr
still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflämmchen und schlugen
manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk
ging, um die Flamme zu löschen. Er verrichtete diese Dinge mit
ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, während er jetzt
den Kaffee bereitete, alle trüben Stimmungen geklärt; sie waren
zerflattert. Er war Mely dankbar, – doch weshalb? Vielleicht für ihre
Offenheit. Denn ein Geständnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran
zweifelte er nicht.

Als Helene eintrat, knixte sie spöttisch, nahm Platz und sah mit
wohlwollendem Ernst umher. »Hübsch – stimmungsvoll!« sagte sie und
plötzlich lachte sie in ihrer hölzernen Art. »Nein, – wie Sie dastehen
und kochen!« rief sie und schlug die Hände zusammen. Diese Lustigkeit
hatte bei ihr stets etwas Unglaubwürdiges.

Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.

»Wie wir jetzt beisammen sitzen, – das ist komisch,« meinte Helene.
»Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Wenn jetzt wer Fremdes
käme und zusähe, – er müßte uns für Geschwister halten, – oder so was
Ähnliches,« fügte sie hinzu, wieder spöttisch werdend. »Derweil ist der
eine aus Norden, der andere aus Süden und der dritte vielleicht aus der
Hölle.«

»Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte?« fragte Falk unwirsch. »Was
Sie da sagen, ist übrigens ganz gut. Aber seltsam, während Sie reden,
habe ich immer das Gefühl, als dächten sie bei sich: ach was, die sind
ja doch nicht wert, daß ich was Ordentliches rede.«

»Ja, – ja!« bestätigte Mely eifrig.

»Das wäre sehr keck von mir,« gab Helene obenhin zurück.

»Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,« fuhr Falk fort. »Sie haben
keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter,
– eine ideale Frau.« Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf
etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely
gestellt.

In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte
davon.

»Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,« sagte Mely, tief aufatmend. Und
dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie
begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu
durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du
wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich
möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den
Grund eines klaren Sees.

Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich
begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem
feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach
einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: »Ihr Amor da droben
hat ja keinen Kopf mehr.«

Er lächelte. »Das ist natürlich. Wissen Sie denn nicht, daß man in der
Liebe den Kopf verliert?«

Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses
Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende
Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der
märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne
herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame
Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.

»Sie sind immer so still,« sagte Mely. »Sie reden so selten. Und wenn
ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein’ ich dann immer,
ich hätte eine Dummheit gesagt.« Sie hielt inne, wie um zu prüfen,
welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: »Ich denke mir,
Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht
Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?«

»Da haben Sie recht,« erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er
nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen,
die er für ihre Worte hatte. »Und solche Leute, die immer allein sind,
verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber
eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die
Brüche, sehen Sie.« (Warum sage ich das? dachte er. Ich will mich nur
putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines
Gefühl habe.) »Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen
Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor
ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden
Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus
die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studirte den
verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn
ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des
Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?«

»Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?«
sagte Mely. »Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie
sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die
Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –«

»Ach ja, wie dumm war das!« rief Falk errötend und ärgerlich. »Aber das
ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie
nicht?«

Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu
verbergen. »Was haben Sie?« fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr
wehe gethan zu haben. »Bitte, sehen Sie mich an!« Und er ergriff ihre
Hand und bedeckte die Finger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand,
von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.

»Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?« fragte Falk. »Das müssen
Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?«

»Nicht jetzt,« entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. »Was ist da auch
zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett
und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentiren und das Haus in
Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns
schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das
dürfen Sie mir glauben.«

»Mehr war es nicht,« wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die
Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu
mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. »Und was
wollen Sie jetzt beginnen?« fragte er.

Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor
Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.

Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und
lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen,
staunende Ausrufe des Wiedersehens. »Das sind Lottelotts,« sagte Mely.
»Die Frau ist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu
sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech: sie
schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße.
O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt
mich.«

Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast
berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut
der Schüchternen: »Du – hast – mich.« Verwirrt ließ Mely den Kopf
sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund,
die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies
Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das that er
aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses
hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie
ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen!
»Wann werden Sie reden? wann endlich reden?« flüsterte er völlig
unmotivirt. »Wirst du denn immer schweigen?«

Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust
zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste
Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr
vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der
ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.

Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit
wurde an der Thür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. »Es ist
Jemand da vom Herrn Oberst,« sagte sie. »Das Fräulein Mirbeth möchte
sofort hinüberkommen.«

Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte
verstört umher. Ist es denn möglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er
Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber
darf ich denn das thun, – hinübergehen? Was nützt es, ich muß. Ich kann
ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm.
So überlegte sie in stummer Qual.

»Sie gehen ja doch nicht hinüber,« sagte Falk, indem er sie gespannt
anblickte.

»Ich muß,« wiederholte sie laut. »Was nützt es, wenn ich dableibe? Frau
Bender kann mich nicht ernähren. Niemand fragt nach mir. Bald komm’ ich
wieder, sobald es geht.« Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr
behend den Weg. Er schaute sie an, – lange Zeit. Seine Lippen
zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick Stand. Sie
ließ die Arme schlaff herunterhängen, und eine herzliche, tiefe
Betrübnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flüchtig und ging.

Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Händen, und
verblieb so fast eine halbe Stunde lang. –

Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihm Herrn und Frau Lottelott
vor. Frau Bender war etwas kühl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und
doch nicht sehend, ging er umher. Er hörte wohl, daß die Leute um ihn
herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche
Rührung hatte ihn überfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige
Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht
lange währen, dies alles. Flüchtig wird es sein, wie der Winterschnee,
gewiß. Aber es ist schön. Es ist ein schöner, schöner Traum.

»Wo ist denn Fräulein Mirbeth heute?« fragte Frau Lottelott ein wenig
schnippisch und rümpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.

»Der Herr Oberst hat sie rufen lassen,« erwiderte Frau Bender mit einem
vielsagenden Blick.

»So, – der Herr Oberst!« –

Dies kurze Zwiegespräch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie
Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht
einen Ausdruck gutmütigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen,
waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrückte mit schwerer
Wucht.

Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine
Schubertsche Sonate ... er spielte polternd, ungraziös und viel zu
schnell.



XI.


Als Mely zurückkam vom Oberst – das war gegen zehn Uhr – fiel Falk
zunächst die große Blässe ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so
unstät, so unsicher flackernd, so verdüstert, wie er es noch nicht an
ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das blos und war es in Wahrheit
gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die übertrieben liebenswürdige
Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das thut
sie aus Furcht. Sie fürchtet offenbar die böse Zunge dieser Frau und
will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte
ihn, daß er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten
Umstand nicht übersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er
nur auf sie. Immerfort hörte er, was sie sprach, und er fühlte es
schmerzlich, daß sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte
unbekümmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefühl, als
hätte sie Wein getrunken, um sich zu betäuben. Er witterte etwas
Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieser Heuchelei. Oft blickte sie
nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schloß
dann jedesmal für zwei, drei Sekunden die Augen.

»Was haben Sie denn heute Schönes erlebt, Mely?« fragte Helene, indem
sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe
sie den Interessen dieser jungen Dame völlig fern.

»Ja, Sie sind so übermütig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,«
setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtiger Freude ging über
ihre seltsam verschwommenen Züge.

»Bin ich auch!« antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen
schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog
die Schultern in die Höhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung
zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk.
Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr
schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schloß sie die
Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, gähnte sie.

»Sie haben Schlaf, gnädiges Fräulein,« sagte der Mann der Frau Lottelott
– er war in der That sonst nichts – »Sie sehen auch schlecht aus. Ich
habe eine vorzügliche Idee für Sie. Wie wäre es, wenn sie Kephirmilch
trinken würden?« Herr Lottelott hatte zwei Schwächen; die eine, daß er
das Familienoberhaupt, die andre, daß er den Arzt spielen wollte.

Seine Frau verhöhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu
blamiren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen
Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mädchen in ihn verliebt.

Mely lächelte dankbar. »Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?«
fragte sie so traurig, daß Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr
vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verständnislos, und er machte
eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte.
Ohnmächtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele
kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es
stürmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm
verborgenen Macht. Er hatte das süße Bewußtsein, daß er Mely teuer sei,
gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohlthuend für ihn gewesen war.
Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib
Besitz genommen hatte von seinem ganzen Körper, von seiner ganzen Seele.
Nichts Anderes hatte Raum daneben.

Er bekam Kopfschmerz und verließ das Zimmer. Das fortwährende Gelächter
der Frau Lottelott that ihm weher als Keulenschläge. Es war kein
Lachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem
epileptischen Krampf.

Er ging durch die Küche auf den Balkon und blickte in die besternte
Winternacht. Auf der Theresienstraße rollten Pferdebahnwagen.

Er hörte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely
war es, die in der finsteren Küche stand und zu ihm hinblickte. Er sah
nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. – ›Warum
bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten
und mußte dir folgen.‹ – ›Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich
gestört. Dich lieb ich, dich lieb ich.‹ – ›Ich weiß, daß du mich
liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich: aber sagen kann ich es
nicht.‹

So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes
Zwiegespräch in der Finsternis.

»Ich finde kein Licht,« sagte endlich Mely leise und mühsam, als müsse
dies Hinträumen nun beendet werden. »Ich möchte ein Glas, um Wasser zu
trinken.«

»Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben,« versetzte Falk ebenfalls
leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig.
Er zündete Licht an in seinem Zimmer und schloß dann die Thüre. Sie ließ
es geschehen.

»Wann kommst du wieder, wann werden wir wieder allein sein?« stammelte
Falk, wie trunken von diesem Du.

»Nie mehr!« erwiderte sie heftig.

Bestürzt und unwillig trat er zurück.

»Ach, es ist ja nicht möglich!« stieß sie jammernd und leidenschaftlich
hervor.

»Wenn du nicht kommst – – dann –!« Er stand an der Thür und breitete
die Arme aus, wie um zu verhüten, daß sie ging. In der Rechten hielt er
das Licht. Wie groß sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.

»Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwürfe gemacht, daß
ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!«

Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: »Bitte, lassen Sie mich
hinaus jetzt.«

Falk ließ die Arme sinken und öffnete die Thüre. Finster blickte er zu
Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte.
Ihr Körper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glühten wie Kohlen. Sie
saß taub unter den Gesprächen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn
sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und
wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie
suchte einen Beschluß zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die
Unfähigkeit dazu verursachte ihr große Qual. Ich muß mit ihm reden, das
ist klar, dachte sie. Alles muß ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An
diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.

Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken,
und er wollte heim. Er schalt sie eine Säuferin, und sie schalt ihn
Esel. »Ich weiß, wie du heimgehst,« sagte sie wütend. »Unterwegs nimmst
du alle Wirtshäuser mit, die an der Straße liegen. Sumpf und Stumpfsinn
ist dein Vergnügen.« Lottelott lächelte Frau Bender entschuldigend an
und hörte nicht auf, sich mit beschäftigter Miene den Kopf zu kratzen.

Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie
erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der
Küche mitzunehmen. Falk fühlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und
folgte stillschweigend. Draußen ließ ihn Helene hochmütig an. »Nun, –
Sie bemühen sich gar zu mir herab – o!« Baß erstaunt thuend, hob sie
die Hände. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt
erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wußte ihr nicht zu antworten. Für ihn
war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wußte er sich ihr gegenüber zu
benehmen.

Sie hatten schon die Korridorthüre geöffnet, als Mely nachkam. »Ich will
mitgehen,« sagte sie mit müder Stimme. »Es ist mir zu heiß im Zimmer.«
Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um
die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber
bald stand Mely still und drückte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben
ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.

Nur mechanisch hatte Falk Halt gemacht. Er blickte Mely nicht an,
sondern sah die Stufen hinab ins Dunkle. Da haschte Mely nach seiner
Hand und flüsterte beklommen: »Herr Falk, – sei’n Sie nimmer böse! Ich
will kommen. Ich will heute Nacht kommen, wenn alles schläft. Auf einen
Augenblick.« Dann ging sie weiter.

Falk glaubte sie nicht recht verstanden zu haben. Wie ein Träumender kam
er im Hausflur an. Ihre Worte hatten einen dumpfen Schrecken in ihm
erregt. Das erste, was er dachte, war: sollte ich mich in ihr getäuscht
haben? Doch dieser Gedanke verlor sich gleichsam in die Finsternis. Er
fühlte etwas in sich zerfließen, etwas Kaltes und Drückendes, das ihm
sein Leben schwer gemacht hatte und nüchtern. Wäre er jetzt gezwungen
worden, zu reden, er hätte nur zu lallen vermocht. Verwunderung und
Scheu und ein beglücktes Nachsinnen erfüllten ihn. Und dann die Furcht,
daß sie sich in seiner Achtung geschadet haben könne, oder daß sie
ahnungslos wie ein Kind sich einer großen Gefahr hingab.

Helene hatte schon das Thor aufgesperrt, und hüpfte nun über die
Straße. Mely stand unterm Thor, und jetzt sah sie Falk an mit einem
vollen, funkelnden und fast triumphirenden Blick. Schüchtern begegnete
er ihren Augen. Er gewahrte, daß sie zusammenschauerte im Frost, und
legte seinen Mantel um ihren Körper. Sie ließ es geschehen, doch sagte
sie: »Innerlich ist mir heiß. Eigentlich friert mich gar nicht.« Ihr
Gesicht war sehr bleich. Doch dies Triumphirende und zugleich Verträumte
wich nicht von ihren Zügen. Bisweilen huschte ein fast wahnsinniges
Lächeln um ihre Lippen. »Ich bin nicht so ruhig, als es scheint,« sagte
sie ein wenig bekümmert und seufzte. Falk nickte. »Ich kenne ein Gedicht
von Stauffer-Bern,« erwiderte er. »Der Mann hat es im Irrsinn
geschrieben. Die erste Strophe heißt: Hinter des Kerkers Gitter singt
traurig ein Vögelein: O Lieb, wie bist du bitter, o Schatz, wie bist du
fein.«

Sie sahen sich an, und Beider Lippen bewegten sich, gleichsam Worte des
Glücks suchend. Jetzt kam Helene zurück.

Erst um halb zwölf Uhr gingen die Lottelotts nach Hause. In seinem
Zimmer warf sich Falk in den Fauteuil und regte sich nicht mehr. Bald
war alles still im Hause. Die nachgelegten Kohlen prasselten im Ofen.
Ich könnte jetzt ein bischen lesen, dachte Falk, doch er war unfähig,
sich zu erheben. Und er sinnirte: Was hat es auch für einen Zweck, wenn
ich jetzt lese? Was kann mich noch interessiren von den Dingen der Welt?
Ihm war wie einem Menschen, der am Vorabend einer großen Reise steht,
ohne daß er weiß, wohin das Schiff steuern wird. Er dürstete danach, den
schwarzen Schleier der Zukunft zu lüften, nur für eine Stunde. Was wird
in einer Stunde sein? fragte er sich, und er vermochte sich durchaus
nicht vorzustellen, welche Ideen, welche Empfindungen ihn nach Ablauf
dieser Zeit beherrschen würden. Wenn nun die Thüre aufging und sie kam
herein, mußte da nicht ein neues Zeitalter beginnen –? So dachte er,
solche Wichtigkeit besaß dieser Vorgang in seinen Augen. Geheimnisvoll
und zugleich schmerzlich war dies. Er glaubte, sein Herz sei versengt.
Wer ist sie? grübelte er. Warum hat sie das gesagt? Und sein Argwohn
erfüllte ihn mit Zagen und Beklommenheit.

Draußen wurde eine Thüre geöffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze
miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je
länger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte,
gequält von diesem inneren Brand.

Da klirrte die Thürklinke. Die Thüre wurde gar vorsichtig geöffnet, und
Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schloß sie die Thüre wieder,
wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war
die ganze Zeit hindurch im Finstern gesessen, dachte Falk, und diese
Vorstellung erfüllte ihn mit Zärtlichkeit und mit Sorge für sie. All
seine trüben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen
ihn. Er wußte nichts zu sagen, als: »Du bist gekommen –« Und er wollte
auf sie zugehen.

Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und
rief flehend aus: »Herr Falk, Sie dürfen nicht du zu mir sagen.« Rasch
eilte sie dem Fauteuil zu und ließ sich darin nieder. Sie drückte die
Hände vor das Gesicht und begann zu weinen, – unaufhaltsam.

Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang
seinen Arm um ihren Hals, und er preßte ihren Kopf fest und heftig an
seine Brust. Vor tiefer Erschütterung konnte er nicht sprechen, und er
ließ sie weinen und fragte nicht warum. Sie löste die Hände von ihren
Wangen und preßte das Antlitz ganz und gar an seinen Körper, und der
Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn völlig verstört,
ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so
schön. Er beugte sich nieder, – tief, so daß seine Lippen bald die
ihren berühren konnten, und nun drückte er seinen Mund auf ihren Mund.
Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so heiß wie der
Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genuß der Näherung bis zur Neige
kostend, geschah dies Aufeinanderdrücken. Und wie angeschmiedet
hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preßten sich eines dem
andern entgegen, und sie wollten die dünne Decke des Körpers zerbrechen
in freudiger, glücklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu
Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das große
Vergessen war gekommen für beide, die lange und einzige Stunde, die den
Entgelt bietet für die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen küßten
sie diesen langen Kuß, und Falk saugte die bitteren Thränen ein, die von
ihren Lidern niederflossen.

Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wüßte. Was kann der
Grund sein? Ist es ein Schuldbewußtsein in ihr? Oder ist es nur, weil
jetzt ein liebloses Dasein aufhört für sie? Nein, nein, sie fühlt sich
schuldig, das allein ist es! Könnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber
sie ist ein Rätsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heißt sie Melusine.

Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum küßte er sie auf die
Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider,
auf die Wangen, küßte ihre Thränen fort und dann wieder auf die Lippen,
daß sie sich öffneten wie Kelche und er die Zähne küßte. Als ob sie sich
hätte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bäumte sich
bisweilen auf, bevor sie sich seinen Küssen ganz hingab. Dann umarmte
sie ihn, und aufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich
fest an ihn. »Warum weinst du?« fragte Falk fassungslos. Aber sie
schwieg. »Warum weinst du? Warum weinst du?« drängte er. Sie schüttelte
den Kopf und preßte sich wie schutzsuchend an ihn. »Ist es meinetwegen?«
fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. »Deinetwegen? Ist es wegen des
Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch!« – »Ach, ich weiß es ja
nicht,« flüsterte sie schmerzlich. – »Liebst du mich denn? Liebst du
mich? Sag Schatz, küßt dich der Oberst auch?« – Sie nickte, und als er
sich abwandte, legte sie schüchtern den Arm um seinen Hals und sagte
hastig, ihn zu sich herziehend: »Aber nicht so wie wir.« Und sie
lächelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfüllt, was sie
zusammengeträumt, all das Glück und die bittere Schönheit dieser
heimlichen Liebe.

»Küsse mich,« bat Falk, aber sie schüttelte den Kopf, halb neckend, halb
betrübt. Er schloß sie so fest in die Arme, daß sie seufzte, und über
eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe:
wunderbar und überaus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn
sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt,
nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzuführen.

Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mißtrauen in Falk. Er schaute
finster in die abnehmende Kohlenglut; dann erhob er sich und schraubte
die Lampe etwas niederer. Ist es denn möglich, daß sie ahnungslos in
aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und
er stand in tödlicher Furcht vor einer Thatsache, die viele Andre
ausgenützt hätten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu
ihr und küßte sie bedachtsam und zärtlich. Dann nahm er ihre beiden
Hände und blickte sie unverwandt an. Er studirte die Linien ihres
Gesichts in diesem bläulichen Dämmerlichte, und er fand Manches daran
auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflügeln aus
abwärts? grübelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber
sie sind da. Und diese Züge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren
Einzelheiten eine Minute lang förmlich verhaßt. So wird es sein, so
lange die Welt steht: Haß und Liebe werden nebeneinander einhergehen,
eng verschwistert.

Er ließ sich auf die Kniee nieder und spielte ein wenig Komödie. »Immer
wirst du bei mir bleiben, ich laß dich gar nimmer fort.« Und er zog
ihren Kopf herab, wo es völlig Nacht war. Er flüsterte ihr etwas ins
Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklärend und forschend.
Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttäuschung erfüllten sie
plötzlich, und sie vermochte kaum zu reden. »Nein, ach nein,« preßte sie
hervor, außer sich vor Jammer. »Nicht das, – niemals, wenn du mich
nicht töten willst.«

Schuldbewußt legte er den Kopf in ihren Schooß. Und Melys Finger
krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. »Sag, hat der
Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was – verstehst du mich
denn nicht?« Mühsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht
dabei. »Nur das Eine sag: hat er es gewollt?« drängte er und umklammerte
ihre Hand.

»Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.«

Warum habe ich ›das ist wahr‹ gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie
auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt
und beschwörend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drückte
den Kopf tiefer in ihren Schooß. »Schatz, süßer, süßer Schatz,«
stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann löste er ihre Frisur,
indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und
streifte das lange dunkle Haar über seinen Kopf. Drohend und immer
drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie
sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schüren. Rätselhaft war sie
ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit
jeder Minute. »Wie still ist die Nacht,« flüsterte er. »Wirst du je
diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich je vergessen? Wirst
du nie aufhören, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du
liebst? Ach, wer hätte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt
diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird
sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, – o,
warum wendest du dich denn ab? Fürchtest du dich vor mir?«

»Ja –« hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging
durch ihren ganzen Körper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so
einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Güte
darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade,
das Märchenhafte beseligte sie, und seine Güte zog sie zu ihm hin. Noch
immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn
ansah, und seine wilden Küsse durchdrangen sie bis ins Mark.

»Was hast du für herrliche Augen,« begann er nun wieder, und lehnte
seine Wange an die ihre. »Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider
aufschlägst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz
kleines Kind, – o, das ist herrlich!«

Wenn Jemand, durchnäßt vom Regen, heimkommt und in wärmende Kleider
geschlüpft, lächelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so
empfindet er ungefähr das wohlthuende Behagen, das Mely bei diesen fast
wehmütig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fühlte sich klein und
förmlich bußbereit; sie mußte die Augen schließen, und in den Minuten,
in denen er nicht sprach, suchte sie sich schöner, verheißungsvoller
Träume zu entsinnen, um das Märchengleiche dieser Minuten nicht zu
verletzen.

»Sieh, jetzt wird das Licht aus sein,« fuhr er fort, indem er immer
leiser sprach, wie eingeschüchtert durch die größere Dunkelheit. »Sag,
wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Ich will nicht schwören,« –
seine Stimme zitterte – »aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube,
das bedeutet mehr, wie schwören: nie, nie will ich aufhören, dich zu
lieben.« Er hatte ihr das Gewand aufgeknöpft, und hatte seine Hand
wirklich auf ihre bloße Brust gelegt, in der das Herz hämmerte, wie
gejagt.

Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flämmchen, das noch übrig war.
Dann füllten ihre Augen sich mit Thränen, und sie konnte sich nicht
enthalten, zu schluchzen. »Was hast du, Schatz?« flüsterte er, sie
stürmisch umfassend. »Bitte, sag doch blos, was hast du? Antworte, du
bringst mich ja zur Verzweiflung.«

Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst,
wie seltsam das alles war, wie die dunkle, späte Stunde und das enge
Beieinandersein die Gefühle krankhaft verfeinerte und übertrieb. Wie
hätte sie ihm sagen können, daß schon der Gedanke an ein Aufhören seiner
Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfüllte ... Vieles hätte sie ihm
noch mitteilen mögen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht
übers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wußte, wie kindisch und
blöde diese Scheu war. Sie erwiderte schüchtern seine Küsse, als bäte
sie ihn dafür um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und
drückende Bewußtsein, daß in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen
stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine,
gegenwärtige, war ein mädchenhaftes, liebevolles Geschöpf, rein und gut
und frevellos. Aber das andere war ein gefährliches, wetterwendisches
und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfaßbar. Ganz plötzlich, wie
durch Ahnung, wurde er sich dessen bewußt. Aber er küßte sie, und je
mehr er sie küßte, desto unersättlicher wurde er. Traumhaft und voll von
unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden für ihn. Sie standen beide
vor der Schwelle jenes schwülen, finsteren Glücks, das zur Auflösung
jedes persönlichen Bewußtseins führt. Und sie haschten nach dem
Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie
nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.

Da schlug es fünf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.

Er begleitete Mely bis zur Thür ihres Schlafgemachs. Unter der Thüre
umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu müssen, und
dann kehrte Falk auf den Fußspitzen in sein Zimmer zurück.

Er schraubte die Lampe wieder hoch, und saß noch lange wachend im
Lehnstuhl. Ein träumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunächst war er
verwundert, daß alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer
einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in
denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte,
in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens,
ohne daß sie deshalb aufgehört hatte, ein Wunder, ein Rätsel für ihn zu
sein. Auch war sie noch gegenwärtig; der Duft ihrer Haare war noch im
Zimmer. Noch empfand er die Wärme ihres Körpers, noch spürte er das
bittre Naß ihrer Thränen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er
wußte, daß sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern daß sein
Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und
doch, wenn er sich genau prüfte, so mußte er sich gestehen, daß etwas
wie Übersättigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder
Mensch von einem Vergnügen scheidet, das ihn vollständig
zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm
Platz, daß er noch eine Cigarette anzündete, und behaglich schmauchend
in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und
vergnügt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Fülle
geschmeichelter Eitelkeit.

Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu
verunreinigen, daß er sich zufrieden fühlt.



XII.


Als Mely am andern Morgen erwachte, fiel es ihr schwer, sich auf die
Vorgänge der Nacht zurückzubesinnen. Und als ihr diese klar wurden,
erschrak sie bis ins Herz. Sie klagte sich eines unverzeihlichen
Leichtsinns an und faßte den Entschluß, Vidl Falk gar nicht mehr zu
begegnen. Was muß er von mir denken! dachte sie beständig und faltete
die Hände, so unbegreiflich erschien ihr, was sie gethan.
Eingeschlummert war sie, den süßen Druck seiner Lippen gleichsam
nachkostend, und jetzt zeigte ihr das Tageslicht die ganze Bitterkeit
eines Fehltritts. Trotzdem es schon zwölf Uhr war, konnte sie sich lange
nicht entschließen, das Bett zu verlassen. Überdruß und Furcht
beherrschten sie; hauptsächlich fürchtete sie eine Begegnung mit Falk.
Ich werde in meinem Zimmer essen, beschloß sie. Ich werde auch den
Nachmittag über da bleiben. Aber mein Gott, am Abend ist ja der Ball des
französischen Clubs, zu dem auch er gehen wird. Es ist unmöglich,
auszuweichen....

Aber als sie angekleidet war, als sie die Fenster geöffnet hatte, als
die strahlende Schneelandschaft vor ihr lag, blendend und glitzernd,
leuchtend und förmlich fleckenlos, fühlte sie sich bald froher. Die
Träume waren es, dachte sie, die mich so unzufrieden gemacht haben. Der
Rauch stieg in dünnen Säulen empor. Die Glöckchen der Fuhrwerke tönten
nah und fern, und von dem Blechsims des Vorfensters erhob sich der
farblose Dunst des verdampfenden Schneewassers.

Wie bangte ihr aber trotzdem vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen! Ein
haßähnliches Gefühl gegen Falk stieg in ihr auf. Er muß mich ja
verachten, grübelte sie; was sind das für Beteuerungen, die ein Mann
giebt in der Nacht – – und ich habe mich ihm an den Hals geworfen, das
ist klar. Sie erbleichte bei dieser Überlegung. An allem begann sie zu
zweifeln und am meisten an der Aufrichtigkeit ihrer eignen Gefühle.

Im Korridor stelzte Helene gravitätisch einher. »Was ist denn los?«
fragte Mely, belustigt von der komischen Gespreiztheit des Mädchens.
Helene tippte den Finger an den Mund und blieb gedankenvoll stehen.
»Pst! Nicht reden!« lispelte sie. »Die dicke Gnädige hat Migräne. Sie
leidet an Tobsuchtsanfällen. Schon um zehn Uhr hat sie nach Herrn Falk
geschickt. Natürlich, der ist billig.«

Mely runzelte die Stirn. Einem Stich gleich empfand sie Eifersucht,
doch nur eine Sekunde lang. Dann erschien ihr das lächerlich, nur die
Sorge beschlich sie, daß jenes Weib mit Verleumdung umgehen möchte. Doch
geheimnisvoll ergriff Helene sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer der
Familie. Dort lag über einer Stuhllehne ihr kanariengelbes Ballkleid. Es
war im Empirestil gehalten. An manchen Stellen ging die Farbe in
rostiges Orange, an andern in ein sattes Dottergelb über. Mely war
entzückt. Im Innern überlegte sie, wie sie wohl von diesem Ball
loskommen könnte. »Ich gehe so ungern mit, Helene,« sagte sie. »Sie
wissen ja, daß der Oberst nichts davon erfahren darf. Und diese
Heimlichkeit – ach!«

Dann mußte sie ins Wohnzimmer. Ihr bangte davor. Sie wußte, daß Falk
drinnen war, und mit klopfendem Herzen öffnete sie die Thüre.

Er war allein da. Als sie ihn sah, füllte sich ihre Seele mit einer Flut
neuer Liebe. »Wie hast du geschlafen?« flüsterte er hastig. – »O
herrlich,« gab sie zurück, mit funkelnden Augen und jenem erwärmenden
Lächeln, das sie so merkwürdig machte.

Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zum Ball. Als Mely fertig
war, trat sie zu Falk und sagte mit unterdrückter Stimme: »Soll ich
dableiben? Ja? –« Er sah sie bestürzt an. Sie zitterte. Hinter dem
dünnen Spitzengewebe des Dominos schimmerte ihre Brust. Er hatte ein
schwindelähnliches Gefühl und ohne den Blick von ihr abzuwenden,
versuchte er, sorglos zu lächeln.

Dann fuhren sie zum Luitpold-Block. Der Ball war sehr besucht. Es gab
viele befrackte und eilfertige Herrn mit einfältigen Gesichtern. Sie
trugen das Bewußtsein ihrer Vornehmheit spaziren. Sie schwitzten und
lächelten sanft, beinahe vorwurfsvoll. Manche standen ernst und
wächtergleich an Säulen und sie gähnten in wohlvorbereiteten Pausen.
Ihre Haltung war kühl und welterfahren. Was die Damen betrifft, so
lächelten sie ohne Ausnahme: ein offizielles, temperamentvolles Lächeln.

Falk tanzte nicht. Er war niedergeschlagen. »Ohne Zweifel sehe ich aus
wie alle andern jungen Herrn,« sagte er sich. »Nur ist meine Rolle noch
komischer. Ach, das Leben muß heiter sein, denn diese Leute sind sehr
fröhlich. Man erwartet von Jedem, daß er lustig sei. Bunt und sorglos
ist das Leben und die schwarzen Philosophen sind im Unrecht. Da ist Frau
Lottelott, sie tanzt mit Feuer und ihr Gesicht ist krebsrot. Und diese
Frau soll unglücklich sein, sagte Helene. Sie sollen oft kaum zu essen
haben. Siehe, auch Frau Bender tanzt. Sie wird sich hübsch zurichten bei
ihrem Leiden ...«

Sein Gesicht verfinsterte sich und er preßte boshaft die Lippen
zusammen. Er wollte nicht nach der Richtung sehen, wo Mely tanzte. Er
fand die Musik unerträglich und machte die Beobachtung, daß alle Leute
beim Tanz ein sehr blödes Gesicht zeigen. Einige sahen traurig aus,
andre witzig, einige senkten die Lider, andre richteten die Augen
verzückt nach oben; manche machten Bewegungen, als wollten sie im
Finstern eine Treppe besteigen und fänden die Stufen nicht. »Alle diese
Gesichter hasse ich bis auf den Tod,« murmelte er und der Walzer, das
Kleiderrauschen, das Schlürfen der Tänzer, das Lachen und Liebeln, all
das schmerzte ihn bitter. Sein Gesicht überzog sich mit Leichenblässe,
als er Mely dicht neben sich mit einem kleinen, weißblonden Herrchen
vorübertanzen sah. Sie konnte über ihren Tänzer hinwegsehen, aber sie
schlug die Augen nicht auf, ihr Gesicht hatte einen angestrengten und
leidenden Ausdruck und sichtlich mühevoll schleppte sie den kleinen Mann
mit sich fort. Ihre Frisur hatte sich ein wenig gelockert und darüber
empfand Falk Schadenfreude.

Er schlich in einen Nebensaal, wo nur einige Flammen brannten. Ein paar
alte Damen saßen in einem beleuchteten Winkel tuschelnd beisammen.
Unterwegs hielt ihn Frau Bender an und machte ihm über sein mürrisches
Wesen Vorwürfe. »Warum sind Sie so uninteressant?« fragte sie. »Sehen
Sie mich an. Ich habe mehr Sorgen als Likör und fühle mich doch wie
neugeboren.« Wenn sie witzig sein wollte, schlug sie stets einen
melancholischen Ton an.

Kurze Zeit hatte er im Halbdunkel gesessen, als Mely auf ihn zuschritt.
»Mich friert,« sagte sie und nahm seufzend Platz. »Weshalb so
verstimmt?« fragte sie plötzlich besorgt und ergriff seine Hand. Und als
wüßte sie, was in ihm wühlte, setzte sie hinzu: »Ich bin ja so ungern
hier! Viel lieber wär ich daheim. Ich bin ganz krank vor Angst.«

»Angst –?« Er zuckte verächtlich die Achseln. »Nun, war der Tanz recht
unterhaltend?« fragte er hart und höhnisch.

Sie bejahte trotzig. Aber als er aufstehn wollte, hielt sie ihn zurück.
»Das dürfen Sie nicht sagen!« flüsterte sie mit unterdrücktem
Händeringen.

»Sie –! Warum Schatz, – warum sagst du nicht du zu mir?«

»Ich kann ja nicht.« Sie war verlegen.

»Dann sag ich auch Sie.«

»Bitte, – nein.« Und sie lachte ihn glückselig an. Mit einer müden
Geste ordnete sie das Haar und Falk ließ sie nicht aus den Augen. Er
vermochte sich ihrem Blick nicht zu entziehen. Ein feiner und
bedrückender Zauber war in ihren Augen verborgen, die einen kindlich
rührenden, klagenden Ausdruck hatten. Aber seine Gedanken nahmen eine
feindselige Färbung an. Hier sollte sie nicht sein, dachte er. Das
entfernt uns. Überaus zart ist diese junge Liebe. Sie erträgt weder
fremde Augen, noch erträgt sie Vergnügungen und Tanz. Wie sie voll ist
von Furcht. O, wenn ich wüßte, was hinter dieser Furcht versteckt ist!
– Und wie Alkohol stiegen ihm Zweifel und Argwohn zu Kopf, so daß er
die Gegenstände um sich her kaum erkennen konnte.

Als sie dann an Frau Benders Tisch Platz genommen hatten, brütete er
finster vor sich hin. Er rauchte unablässig. Helene beobachtete bald
ihn, bald Mely. Ihre Mutter hatte sich einer maßlosen Fröhlichkeit
überlassen. Sie war ein wenig betrunken, redete und lachte unablässig
mit Frau Lottelott und hatte in Wirklichkeit alle Sorgen ihres Lebens
vergessen.

Falk wandte sich endlich an Mely, während Helene ging, um zu erhorchen,
ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn
es Mitternacht werden sollte, würde er kommen.

Mely hörte erst gar nicht auf ihn. Unablässig suchend, wanderte ihr
Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu
sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann
es nicht begreifen.

»Sie haben mir noch nie erzählt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst
eigentlich ist,« begann Falk. »Wenn ich Sie so beobachte, muß ich ihn
für einen wahren Räuberhauptmann halten.«

»Nein, nein,« antwortete sie. »Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube
es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von
maßloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon gequält! Die reinsten
Schurkenstreiche hat er schon verübt an mir; und doch ist er dann wieder
so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrückt, darüber nachzudenken.
Wenn Sie ihn kennen würden, Sie wären sicher begeistert von ihm, Sie
würden mich für die größte Lügnerin halten.« Sie hielt inne, denn sie
sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig
in die Ferne.

Und plötzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen öffneten sich
unnatürlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine
Totenblässe überzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich.
Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als
daß zwei neue Ballgäste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen
waren. »Was ist Ihnen denn?« fragte er mit heiserer Stimme, während er
wie hülfesuchend Frau Bender anschaute. »Der Hausarzt des Obersts,«
stotterte Mely, beide Hände auf die Brust legend; »er darf mich nicht
sehen, um keinen Preis.«

»Wer? wer denn?«

»Doktor Wendland.«

»Ja, aber was sollen wir thun?«

»Heimgehen, Frau Bender, ich bitte Sie darum, fort, nur fort.«

»Ja warum nicht gar!« kreischte Frau Lottelott mit einem drohenden und
haßerfüllten Blick auf Mely.

»Natürlich gehen wir!« entgegnete Falk finster und mit einer ihm sonst
fremden Entschiedenheit.

Die beiden Herren kamen näher. Mely stand mechanisch von ihrem Platz
auf. Ihre Augen erweiterten sich noch mehr. Sie fühlte, wie ihre
Gedanken stillstanden. Die Menschen um sie her wurden zu Schatten und
schienen zu zerfließen. Ein Sausen entstand in ihren Ohren. Wie eine
Ertrinkende umklammerte sie Falks Arm und er sah sie ebenso wahnsinnig
lächeln, wie damals, als sie beide dem Oberst begegnet waren. »Frau
Bender,« stammelte sie, »das dürfen Sie nicht verweigern, das können Sie
nicht.« Und sie eilte fort, blindlings in einen der Nebensäle hinein.

Falk ging ihr nach. Erschöpft lehnte sie an einem der Wandpolster. Auch
Frau Lottelott kam. Geifer floß von ihrem lippenlosen Mund. Frau Bender
schleppte sich am Arm ihrer Tochter nach. Sie war schon zu heiß im
Kopf, um zu begreifen, was vorging. »Gott sei den Gläsern und Tassen
daheim gnädig,« murmelte Helene. Ihre Mutter pflegte, wenn sie betrunken
war, alles Zerbrechliche zum Fenster hinauszuwerfen und danach weinte
sie dann stundenlang.

Falk schaffte Melys Garderobe herbei. Sie ließ sich den Mantel von ihm
überwerfen und den Shawl festbinden. Sie war schwach und sterbensmüde.
Eine neue Sorge nagte bereits an ihr und sie fragte Frau Lottelott, ob
sie noch hier bleibe.

Frau Lottelott bejahte verwundert.

»Und kommen Sie mit den Herren zusammen?«

»Mit wem? Ach so! freilich, ich hoffe.« Sie lachte mit überreizter
Koketterie.

»Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie
nichts, daß ich da war. Ja?«

»Beruhigen Sie sich nur,« entgegnete die magere Dame kühl.

»Helene, du bist meine bravste Tochter,« sang Frau Bender mit feuchten
Augen und umarmte das Mädchen. Mit verstörtem Lächeln sah Mely zu. Sie
schlug den Shawl um die untere Hälfte ihres Gesichts und erleichtert
aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal.
Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen
Mienen. Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so
gern getroffen hätte.

Falk ließ die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher
und machte sich dann auf den Heimweg.

Die Nacht war kalt und windstill. Die Straßen waren ausgefüllt mit
Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, änderte aber den Weg nicht,
trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Kälte.
Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefühl, einer Bedrängnis
entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren
und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten
schließen zu müssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bösewicht mit
rollenden Augen und einem hämischen Grinsen. Damals an der Maffeistraße
hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur für Mely Augen
gehabt.

Klirr, klirr, tönten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es
begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb
stehen und gedachte ihrer herzzerreißenden Angst an diesem Abend.
Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner Überlegung. Aber
er fürchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfüllten ihn.

In immer größerer Erregung und immer schnellerem Tempo ging er der
Heßstraße zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor
Ungeduld, mit ihr abrechnen zu können. Denn daß sie ihn belogen, galt
ihm für unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen
auf einmal nehmend und vergaß völlig, daß es nachts ein Uhr war und Mely
doch wahrscheinlich schon schlief.

Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender
lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf
dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone.
Die Gardinen waren zurückgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd
auf den Dielen. Perlend und gleißend breitete sich die schneebedeckte
Straße aus.

Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. »Wie
unglücklich war ich!« sagte sie.

»Warum?«

»Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht böse sein, –
ich kann nicht du sagen.«

»Pst!« machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger
Rausch war über ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die
finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gütiges Lächeln demütigte
ihn. »Ich liebe dich unaufhaltsam,« flüsterte er inbrünstig und drückte
ihre Hand, daß sie einen Schrei unterdrückte. Dies »Unaufhaltsam« klang
ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer
großen, übermächtigen Liebe. Ihr Inneres war erfüllt von seinem Bild wie
der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen
betete sie für ihn. Doch niemals und unter keinen Umständen hätte sie
ihm dies gestanden. –

Am nächsten Tag war sie bettlägerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in
ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut über seinen Besuch. Er setzte sich
an den Bettrand. »Du fürchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr
Sehnsucht, dich zu sehen.«

Sie schaute ihn ungläubig an. »Ich habe einen schrecklichen Traum
gehabt,« sagte sie. »Ich habe geträumt, der Oberst hätte alles entdeckt
und dann –«

»Und dann –?«

»Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwährend nach der Polizei.
Seltsam, wie?« Sie lachte.

Es klopfte und Helene kam. Sie machte große Augen und ein strenges
Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern
stellte eine gleichgültige Frage in die Wand hinein und ging wieder.
Dann läutete es im Korridor und Mely fuhr zusammen wie bei einem
Böllerschuß. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und
verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und
wanderte rastlos auf und ab. Wieder läutete es, und jemand ging in Melys
Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drüben sei,
aber er hörte nichts. Dann fragte er die Magd in der Küche mit
erheuchelter Gleichgültigkeit, wer geläutet habe. Der Doktor Wendland
sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen.
Später kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten
plötzlich all seine Zweifel und bedrängten ihn schwer. Sie hat gelogen,
dachte er. Daß sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es
ist doch klar, daß sie lügt.

Nach dem Abendthee saß er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er
sich mit der Frage an sie: »Was halten Sie eigentlich von Fräulein
Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d. h. welch ein Verhältnis ist
das? Was halten Sie davon?« Er that als interessire ihn das nur als
Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fällen und frage darum bei
Andern.

Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lächelnd:
»Ach Sie wissen doch selbst, was man darüber spricht. So ein Mann –!«

»Nun – und was spricht man denn?« erwiderte Falk ungeduldig und zornig
und wurde weiß wie eine Wand. Das erschien ihm über alles wichtig: was
man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.

Frau Bender hatte die Lider gesenkt und fältelte an einem
Puppenkleidchen. »Mein Gott, ein alleinstehendes und noch dazu armes
Mädchen, es ist bedauerlich,« sagte sie bekümmert. »Und was für ein
Leben führt sie drüben! Wie drangsalirt er sie oft mit seiner Eifersucht
und seiner grenzenlosen Willkür. Manchmal, wenn ein Brief kam, oder wenn
ihr Name draußen genannt wurde, war sie einer Ohnmacht nahe vor
Herzklopfen. Und doch kann ich den Mann eigentlich nicht verurteilen.
Sie ist ja furchtbar herb und eigenwillig und – ach, Herr Falk – ich
kann Ihnen nur als Freundin raten, lassen Sie es nicht zu tief gehen.«

Ein namenloser Schreck ergriff ihn. Bald bunt, bald dunkel waren die
Gegenstände um ihn. Flehend starrte er Frau Bender an. »Wissen Sie denn
etwas Bestimmtes?« fragte er rauh.

»Wer kann da entscheiden? Schließlich sind ja alle darüber einig, daß –
es ist ja doch nicht anders möglich, die Männer sind eben so. Umsonst
thun sie nichts. Wir haben erst gestern im Club darüber gesprochen ...«

»Ja, aber was? Was denn um Gotteswillen?«

Frau Bender antwortete nicht gleich. Sie riß die Reihfäden aus ihrem
Puppenkleidchen und sagte errötend: »Man hält sie eben für die Geliebte
des Obersts.«

Falk schwieg. Er schluckte ein paar Mal hintereinander und atmete mit
Mühe. »Ach – wirklich!« machte er dann, scheinbar sehr verwundert, und
plötzlich lachte er aus vollem Herzen. Frau Bender sah ihn bestürzt und
langsam begreifend an. In vielen Dingen war sie eine feinfühlige Frau.
Und dies äußerte sich besonders darin, daß sie jetzt nicht zu trösten,
oder zu widerrufen versuchte. Als er sich erhob, und ihr höflicher als
sonst gute Nacht wünschte, sah sie ihm lange voll mütterlicher Güte
nach.

Mely hatte sich mit Helene unterhalten, und als diese gegangen war, lag
sie da, träumend, und ganz ihren Träumen hingegeben. Es wurde still in
der Pension, aber sie hatte kein Bedürfnis zu schlafen.

Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür leise und Falk trat ein. Er sah sie
nicht an, sondern ging an ihrem Bett vorbei zum Sopha und lehnte sich in
dessen Ecke zurück, so daß er ganz im Schatten saß.

Mely richtete sich halb auf, stützte den Kopf in die Hand und wandte
schmerzlich befremdet das Gesicht dem Sopha zu. In dumpfer Betrübnis
starrte sie zu Falk hinüber. In Wahrheit, dies ist qual-, qualvoll,
ging es ihr durch den Kopf. Die Furcht, ihn zu verlieren, legte sich jäh
wie schwere Müdigkeit in ihre Glieder.

Nach diesem langen Schweigen stellte er sich vor das Bett und sagte
barsch und gehässig: »Du hast mich belogen.«

»Ich – hätte gelogen?« Eine flüchtige Blässe ging über Melys Gesicht.

»Also –; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wäre sie noch so
furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, daß ich kein
Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen;
ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden
nicht länger tragen.«

»Aber mein Gott, was denn?« flüsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz
aufgelöst in Bangnis.

»Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, –
wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!«

Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte zornig die Lippen zusammen,
und dann sagte sie kalt: »Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich
doch damit. Ich will nichts hören.« Sie streckte sich aus im Bett und
blickte zur Decke.

Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: »Ich werde ja
sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, daß du mir
alles bist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe,
weiß Gott, ich machte nicht viel Umstände. Aber du bist mir teuer, ich
schwöre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schüttelte langsam
den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, daß
ich diesen drückenden, heißen Schmerz des Argwohns noch hätte, selbst
wenn ich aufgehört hätte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!«

Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff
schüchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick förmlich in den
seinen, und diesen Blick vergaß er nie: so reich war er an Verzweiflung
und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: »Schau, warum soll ich
dich denn anlügen? (Wie froh und beglückt war er über dies plötzliche
Du!) Das könnte doch keine ewige Lüge bleiben. Du willst nicht sehen,
wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb
mußt du auf das Geschwätz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgültig
geworden, was die Leute sagen, – ach!«

Unaufhörlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen
waren so sehr erfüllt von Treuherzigkeit und Offenheit, daß Falk
erleichtert aufseufzte. Er drückte ihre Hand und schwieg einige Zeit,
wie überlegend. »Nun gut, ich glaube dir,« sagte er endlich. »Und ich
will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis in alle Zukunft. Aber
das will ich dir sagen: wenn du mich getäuscht hast – und du weißt ja,
alle Lügen kommen ans Licht, – wenn du mich betrogen hast, werde ich
zuerst dich erschießen und dann mich.« Wie romanhaft klingt das, dachte
er bei sich. Aber Mely lächelte zustimmend, und ihre Lippen öffneten
sich ein wenig, als sehnte sie sich, geküßt zu werden. Ihr Wesen hauchte
eine wilde, beengende Glut aus. »Liebst du mich denn auch wirklich?«
fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch:
»Bitter.« Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.

Sie erzählte ihm von der neunjährigen Gefangenschaft im Kloster. Dann
habe sie der Oberst zu sich genommen. »Seine Frau lebte damals noch, und
er hat sie auf Händen getragen. Als sie starb, war der Mann ganz
wahnsinnig. Er tobte und schrie: ›Nehmt mich auch gleich mit, nehmt mich
mit,‹ als man den Sarg forttrug. Aber acht Tage später gab er mir schon
zu erkennen, daß er in mich verliebt sei. Er war ganz frivol und – kurz
und gut, ich bin davongelaufen. Ich war dann ein halbes Jahr bei armen,
armen Verwandten in Thüringen. Die niedrigsten Dienstleistungen mußte
ich verrichten. Und obendrein zahlte ich noch Logis. Ich hatte gar kein
Geld mehr, und es ging mir sehr schlecht.«

»Nun, und dann?«

»Ja, eines Tages kam er und holte mich. Ganz aus freien Stücken. Ja,
denk dir, das hätt ich bald vergessen. Wie ich so in Not war, bat ich
ihn brieflich um Geld. Da ließ er mir durch seinen Advokaten mitteilen,
wenn ich mich nochmal unterstünde, ihn zu belästigen, würde er mich
wegen Erpressung belangen. Denk dir!«

»Aber du hättest doch zu stolz sein müssen, um zu schreiben –«

»Ach –! Kurz, schließlich kam er und –«

»Du gingst mit ihm? Wirklich?«

»Ich war so froh. Das Elend hatte mich fast aufgerieben. Er reiste dann
mit mir nach Italien und das war doch wieder sehr nett.«

»Und seitdem hat er nichts mehr gesagt?«

»Nein.«

»Nie wieder hat er das von dir verlangt?«

»Nie.«

»Aber warum bist du denn neulich –?«

»Ach, wir haben eben gestritten wie immer.«

»Und warum diese Angst vor ihm, diese mörderische Angst?«

»Er ist entsetzlich eifersüchtig. Wenn ich nicht thu, was er wünscht,
läßt er mich im Stich. Und wenn er mich im Stich läßt, bin ich
verloren.«

Leise, ganz leise regte sich das Mißtrauen aufs Neue in Falk. Aber
dieses frische Mißtrauen war anderer Art. Es stützte sich auf
Thatsachen, darauf, was sie selbst erzählte. Er hörte gar nicht auf, zu
fragen, immer wollte er Einzelheiten wissen, und wo er einen Widerspruch
vermutete, war seine Art zu fragen, ganz die eines Untersuchungsrichters,
und sein Wesen war verstört und nervös. Tag um Tag hätte er ihre
Vergangenheit kennen lernen mögen. Hundertmal fragte er nach denselben
Dingen, und sie ermüdete nicht in der Beantwortung. Offenbar fand sie es
gut und vernünftig, daß er alles zu wissen begehrte. Wenn sie so
erzählte, arglos und heiter, herrschte stets ein bitterer Zwiespalt in
seiner Seele. Er glaubte ihr und glaubte ihr nicht. Er sagte sich, es
sei undenkbar, daß ein Mensch, und sei er der raffinirteste Heuchler,
sich derart verstellen könnte, und andererseits folterte ihn das
Abenteuerliche, Sprunghafte ihres Lebens und jene Verschlossenheit, die
sich bisweilen an ihr kundgab, der rasche Wechsel ihrer Stimmungen, das
oft Herausfordernde ja sogar Bösartige und Versteckte ihres Wesens.
Besonders wurde er die Empfindung nicht los, daß alles, was sie
berichtete, bis zu einem gewissen Punkte wahr sei. Von da an begann
jedoch die Dunkelheit. Je mehr er sie liebte (und von Stunde zu Stunde
nahm seine Liebe zu), je mehr zweifelte er an ihr. »O,« sagte er im
Verlauf der Nacht zu ihr, »ich möchte nur ein einziges Mal zusehen, wenn
du mit Jenem allein bist. Nur fünf Minuten lang.«

Er blickte sie forschend an, aber sie lächelte. Es gibt kein Wort für
die Art dieses Lächelns. Es war ein keusches Lächeln.

»Noch etwas muß ich dir gestehn,« flüsterte sie bang. »Aber ich fürchte
mich.«

Wie ein kalter Hauch überlief es Falk. Er fühlte, wie unwahr seine
Versicherung gewesen sei, daß er ihr vertraue. »Was ist es? Sag es, sag
es!« murmelte er schnell und ungeduldig.

»Aber du wirst böse sein.«

»Gewiß nicht, Schatz,« beteuerte er, und küßte sie so heiß, als wisse er
bestimmt, daß er sie nach ihrer Eröffnung nimmer küssen werde.

»Ich wag es nicht,« flüsterte sie und schmiegte sich eng an ihn an. Ihr
warmer Leib raubte ihm fast die Besinnung.

»Sei doch nicht kindisch,« sagte er, mitergriffen von ihrer Furcht.

»Aber du versprichst mir, nicht bös zu sein?«

Er zögerte. »Ich verspreche es.«

»Auch nicht zu schimpfen?«

»Auch nicht zu schimpfen.«

»Also: – Ich habe eine Schwester, die ich verleugnen muß, und die ich
dir gegenüber schon verleugnet habe.«

»Ah –« machte Falk erleichtert und ein wenig enttäuscht. »Aber was soll
das für einen Zweck haben. Sie selbst nennt dich ja ihre Schwester.
Neulich fragte sie mich, ob du zu Hause seist.«

Mely schwieg erblassend. »Ja, sie beneidet mich, die Arme, und ich kann
doch nicht mehr für sie thun, als _er_ mir erlaubt.«

»Das ist peinlich,« sagte Falk verstimmt.

»Was?«

»Ach, alles das.«

»Bist du bös?«

»Nein, Schatz.«

»Wirklich nicht?«

»Nein nein, wie sollt ich auch, du armer Schatz.«

»Wie gut bist du, wie gut,« stammelte sie, ihr erglühendes Gesicht an
seiner Brust verbergend.

»Wirst du morgen noch im Bett liegen müssen?« fragte Falk. »Du hast mir
noch immer nicht gestanden, was dir eigentlich fehlt.«

»Ja, – – ich bin eben krank.«

»Krank! _Wie_ krank, wo krank?«

»Verstehst du mich nicht? Ich habe so viel zu leiden durch – – ach
verstehst du nicht? Jetzt wieder. Deshalb muß ich das Bett hüten.«

»Ich – begreife aber nicht,« sagte Falk ratlos. Als er aber sah, wie
sie voll Scham lächelte, verstand er plötzlich und schloß sie erregt in
die Arme. Er war erschüttert, daß sie ihm dies offenbarte. Er schaute
ihr lange in die Augen, die so kohlschwarz waren, und die so
durchdringend leuchteten wie seltnes, kostbares Gestein. Er konnte sich
nicht enthalten, sie zu küssen, sie immer und immer wieder zu küssen,
zwanzig Mal, hundert Mal. Und alles vergaß er dabei, wie auch sie alles
vergaß: den vergangenen Tag und den nächsten Tag, und die kommenden Tage
und alle Zukunft mit ihren Sorgen. Unbewegt und voll Glück waren die
gegenwärtigen Stunden. Sie glichen einem tiefen, stillen See, in dem
sich der lichte Himmel spiegelt und der dadurch hell erscheint, so
dunkel und geheimnisvoll er auch in Wahrheit sein mag.

Und er erzählte ihr die Geschichte von Romeo und Julia, der sie atemlos
lauschte. Und als er fertig war, stieß sie heftig hervor: »Und glaubst
du, daß ich dich nicht so lieben könnte, wie Julia?« Schluchzend drückte
sie den Kopf in die Kissen, und auch Falks Augen standen voll Thränen.
Er suchte sie empor zu ziehen, aber schließlich legte er seine Wange an
die ihre und flüsterte leidenschaftlich: »So hingebend? Alles könntest
du von dir werfen? Ganz mir gehören?«

Noch tiefer drückte sie den Kopf in die Kissen.

Es war spät, und lange küßte er sie zum Abschied.



XIII.


Eine jener unbehaglichen Stimmungen herrschte in der Pension, die wie
eine ansteckende Krankheit um sich greifen. Fräulein von Mahnke zog aus.
Sie räumte und rumorte schon seit Tagen. Der Korridor glich einem
Feldlager.

Falk saß im Wohnzimmer am Fenster – Melys Lieblingsplatz, und faßte den
Vorsatz, an sie zu denken, oder von ihr zu träumen. Aber kein
glückliches Bild erschien ihm. Alle Gewißheit des Besitzes und der Liebe
verging, und wie eine Wunde empfand er frisch und deutlich den Zweifel
an ihr.

Später setzte sich Frau Bender zu ihm. Sie frug nach Mely. Falk
erwiderte, sie sei zum Oberst, um drüben zu diniren.

Ganz unvermittelt begann Frau Bender von dem Oberst zu sprechen. Sie
pries ihn, hob ihn in den Himmel. Es gibt eine feine Art, einen Menschen
zu verkleinern: man findet die tadellos, die er haßt. So verkleinerte
Frau Bender Mely Mirbeth. Aber sie wollte nicht eigentlich Böses. Sie
sah auch nicht die Übel voraus, die sie verursachte. Es war lediglich
der unwiderstehliche Drang in ihr, derjenigen Person, mit der sie gerade
sprach, Recht zu geben, oder ihr zu schmeicheln, indem sie einem
Verdacht Nahrung gab.

»Ich leide sehr,« sagte Falk. »Ich taumle herum wie in der Finsternis.
Was ist sie und was will er, der Andere –? Es frißt mir das Herz ab.«
Er war erbittert über sich, daß er vor dieser Frau in Klagen ausbrach;
er glaubte, daß er dies in der Hoffnung, beruhigt zu werden, thue. In
Wahrheit jedoch wollte er nur seine Zweifel bestätigt hören. Gierig
horchte er.

»Wenn ich offen sein soll,« meinte Frau Bender, »so muß ich sagen, daß
ich nicht glaube, alles dies sei harmlos. Bedenken Sie doch, wie die
Männer sind. Der Herr Oberst ist ein Lebemann, und halten Sie es für
möglich, daß er alles umsonst thut für ein Mädchen, gegen die er doch
eigentlich keine Verpflichtung hat –? Ich nicht.«

Falk zuckte scheinbar gleichgültig die Achseln, während durch seinen
Hals eine scharfe Glut bis in den Magen ging. Bei den letzten Worten war
Fräulein von Erdmann hereingekommen. »Ah! Sie sprachen von Fräulein
Mirbeth –?« rief sie mit blitzenden Augen. Falk empfand einen
stechenden Schmerz, als rücke nun die Gewißheit näher und näher.

»Noch einmal rate ich Ihnen, Herr Falk,« fuhr Frau Bender unbeirrt fort,
»als Freundin, – als gute Freundin – lassen Sie ab. Es ist ein
Unglück für Sie und für Fräulein Mirbeth.«

Falk schwieg. Die Erdmann betrachtete ihn zärtlich und lispelte
kopfschüttelnd: »Wie kann guter Samen auf so schlechten Acker fallen!«
Der junge Mann blickte sie drohend an, und trommelte aufgeregt auf die
Fensterscheibe.

Unbemerkt von allen war auch Helene ins Zimmer geschlüpft. Die Arme
verschränkt, stand sie am Tisch und musterte Falk mit stolzen Blicken.
Er begegnete ihren Augen und war gedemütigt. Sie ist klug, dachte er.
Sie glaubt hoch über mir zu stehen. Sie verachtet mich, daran zweifle
ich nicht. Auch die eigne Mutter verachtet sie und alle andern, die in
diesem Hause sind.

Zerflattert war Melys Bild vor seinen Augen, und wenn er an sie dachte,
sah er nur das schlaue, verschlagene Weib, die Überlisterin des Mannes,
die Betrügerin.

»Die Hühner haben Ihnen wohl das Brot gestohlen, weil Sie so unglücklich
aussehn?« sagte Helene nach dem Mittagessen zu ihm, als sie allein
waren.

»Ach ja –« seufzte Falk.

Da wurde Helene plötzlich ernst. »Ich meine so, Herr Falk: Entweder man
liebt; und dann vertraut man, oder man liebt nicht – nun dann nicht.
Das thut ein Mann, denk ich mir. Und wenn er nicht vertraut, geht er
seiner Wege.«

Falk lauschte erstaunt und beklommen. Helene fuhr etwas träumerischer
fort: »Die Liebe ist doch wie ein Spiegel. Ein noch so kleiner Splitter,
und die ganze Scheibe hat den Wert verloren. Sehen Sie, – und dann das:
ich gehe nie vor den Spiegel, wenn ich schlecht und nachlässig gekleidet
bin. Wer hineinschaut, schaut wieder heraus. Ich weiß nicht, ob Sie mich
verstehn, – vielleicht ist es auch dumm –« sie hielt errötend inne,
und sagte dann, den Mund verziehend: »Ah bah! lirum, larum Löffelstiel!«

Falk sah sie verwundert an. »Sie sind wie ein Gedicht von Heine,«
brummte er. »Sie berauben sich selbst der schönsten Wirkungen.« Er mußte
sich gestehen, daß ihr jene Worte etwas Adelndes und Liebliches
verliehen hatten. Seltsam erschien ihm, daß sie ihn getröstet hatte und
aufgerichtet mit diesem ziemlich dunklen Gleichnis.

Doch als er ausging, war er wieder mißmutig und in gedrückter Stimmung.
Er trank unter den Arkaden Kaffee und blieb Zeitung lesend sitzen, bis
es dämmerte. Als er nach Hause kam, saß Mely allein im Wohnzimmer. Sie
hatte ein Buch auf den Knieen, blickte aber, den einen Ellbogen auf das
Knie gestützt, träumend zur Seite. »Was liest du denn da?« fragte er
ziemlich hart, nahm das Buch und las den Titel: Mantegazza, Physiologie
des Weibes. »Pfui, ein so schmutziges Buch liest man doch nicht!« rief
er aus, und schleuderte den Band auf den Tisch.

Mely errötete und sah ihn ängstlich an. In diesem Augenblick wäre sie
sicherlich bereit gewesen, mit ihm zu fliehen, wohin er wollte, ihm zu
folgen bis an den fernsten Winkel der Welt, und sei es in Armut und
Elend. Aber plötzlich wurde sie unfreundlich, runzelte die Stirn und gab
ihm auf verschiedene Fragen keine Antwort. Dieser jähe Stimmungswechsel
machte ihn ratlos. Sie selbst erschien dadurch um vieles älter und
häßlicher. Alles Sanfte, Nachgiebige, Gute verschwand aus ihrem Gesicht
und harte Linien entstanden. Umsonst forschte er nach dem Grund dieser
Veränderung; statt Auskunft zu geben, erhob sie sich und ging hinaus.

Am Abend kam die Kartenlegerin. Frau Bender und das Fräulein von Erdmann
hatten ihre Neugierde, Ereignisse der Zukunft zu erfahren, nicht
bezähmen können, und Falks Zimmer wurde zum Quartier der Wahrsagerin
gemacht.

Mely atmete auf, als Falk gegen acht Uhr von einem Besuch zurückkam. Er
sah sie stumm an. Ich liebe dich, hätte er ihr zurufen mögen, alle Tage
denk ich nur an dich, alle Stunden, und es gibt kein Licht als die
Liebe.

Fräulein von Erdmann kam kichernd von der Kartenlegerin zurück. Sie
stellte sich, als ob sie nicht im Entferntesten an die schönen Dinge
glaube, die ihr geweissagt worden, aber schließlich konnte sie ihr
Entzücken nicht mehr verbergen. »Eine geniale Person!« rief sie
enthusiastisch. »Meine ganze Vergangenheit hat sie aufgedeckt, – es war
staunenswert.« Falk beobachtete mit schwerem Herzen, wie jedes Wort, das
sie sprach, eine feindselige Spitze gegen Mely enthielt, selbst wenn das
Gesprochene sich in gar keiner Weise auf das junge Mädchen bezog. Aber
der begleitende Blick und die begleitende Geste waren schon feindselig.
Frauen verstehen es so gut, mit unsichtbaren Schwertern zu kämpfen. Alle
sind ihr gram, dachte er. Und warum? warum? Und Mely sah ihn an mit
einem Blick, der um Verzeihung bat, und der sagen wollte: Ich bin
schuldig. Ich weiß, was du denkst, schien dann ein anderer Blick zu
sagen, aber schon lange hassen sie mich, alle diese. Und wenn sie mich
jetzt noch verachten werden, dann bist du die Ursache.

Bald kam auch Frau Bender zurück und Helene ging, um sich prophezeien zu
lassen. Falk fand es interessant, zu beobachten, in welcher Stimmung ein
jeder zurückkam. Frau Bender war hoffnungsselig und voll gutem Glauben.
Sie erzählte kindlich froh, daß sie noch in diesem Jahr zu ihrem Mann
nach Amerika reisen würde. »Aber noch bevor wir dies Haus verlassen,«
fügte sie hinzu, »wird eine weibliche Person darin sterben.«

»Uchh!« machte Fräulein von Erdmann schaudernd.

Falk wollte lächeln, aber es gelang ihm nicht. Ein kühler Strom,
flüchtig und frostig, ging über seine Augen. Helene trat ein. Sie allein
erzählte nichts, und machte ein skeptisches Gesicht. Jetzt erhob sich
Mely. Sie schleppte sich mehr hinaus, als sie ging, und wenn auch Falk
ihr Gesicht nicht sah, war er überzeugt, daß sie die Augen geschlossen
haben müsse. Unter den Zurückbleibenden herrschte fortwährend jene
Spannung, etwa wie unter Leuten, die sich vor Gespenstern fürchten,
trotzdem Alle, Frau Bender ausgenommen, ungläubig erscheinen wollten und
sich Mühe gaben, ihr inneres Erstarrtsein zu verbergen.

Falk hatte Herzklopfen als er Mely kommen hörte. Sie schüttelte bloß den
Kopf, als sie sich setzte und sagte zusammenfahrend, als ob es kalt sei
im Zimmer: »Gar nichts hat sie mir mitteilen können. Das Eiweiß im
Wasser ist ganz zu Boden gesunken, und hat gar keine Figuren gebildet.
Und die Karten waren ganz wirr.« Wieder fuhr sie zusammen und häkelte
den Kragen ihres Hauskleids zu.

»Soll ich auch mitthun?« fragte Falk, sich belustigt umsehend, als
handle es sich um einen vortrefflichen Scherz. Alle bejahten lebhaft.
»Sie werden sich köstlich amüsiren!« rief Fräulein von Erdmann, indem
sie bemüht war, Mely ihre Geringschätzung zu zeigen. »Gehen Sie nur,
Sie Zigeuner! Marsch!« Und mit frivol gespitzten Lippen blies die dicke
Dame bedächtig den Rauch ihrer Zigarre von sich.

Als Falk sein Zimmer betrat, saß die Kartenlegerin am Tisch und
schlürfte Thee. Er sah ein Gesicht, das einem Stück Felsen glich, wenn
lange Zeit das Wasser darüber hinweggespült wurde, so daß es ganz
gefurcht und grünspänig aussieht. Das Weib mischte die Karten und sagte
mit fremdländischem Accent: »Aach ... Liebe, die vorübergeht.« Sie
sprach ihr fremdes Deutsch im Münchner Dialekt, und wandte oft
übertriebene, phrasenhafte Worte an, so daß ein halb komisches, halb
beängstigendes Gemisch von Gravität und prophetischer Würde entstand.
»Sie haben es verstanden, arm zu bleiben,« sagte sie dann kopfnickend.
»Die Aß und der Bub, – Schellenkönig, – großes Herzeleid ist über
Ihnen, wie eine schwangere Wolke. Grün Zehner und rot Sechser – durch
ein großes Gebirge werden Sie fahren, und zwar im August dieses Jahres.
Ein schwarzhaarigs Mädel steht bei Ihnen. Sie sehnt sich recht sehr nach
Ihnen, von ganzem Herzen liebt sie Ihnen, – aber Lug und Trug ohne Ende
ist dabei und Thränen und Kummer –«

»Hören Sie auf!« unterbrach sie Falk, mühsam lachend. Mit blöden Augen
schaute ihn die Alte an. –

Im Wohnzimmer angelangt, war er sehr heiter. Er berichtete die
komischen Einzelheiten in dem Gebahren der Seherin, und seine Lustigkeit
wurde zum Schluß förmlich betäubend. Er fühlte, wie Mely seinen Blick zu
erhaschen suchte, wie sie ängstlich und vorwurfsvoll, ihn nicht aus den
Augen ließ, aber um keinen Preis hätte er sie jetzt anschauen mögen.
Seine Empfindungen waren verzerrt, sein Herz war wie zersprungen.

Da bemerkte er, daß sie das Zimmer verlassen hatte. Zuerst achtete er
nicht darauf, aber auf einmal verlor er die Ruhe und die Besinnung und
ging hinaus, um sich in seinem Zimmer einzuschließen. Doch wanderte er,
seinen Vorsatz vergessend, im Korridor auf und nieder. Er hatte
Sehnsucht nach ihr und wünschte heiß, sie küssen zu dürfen. Er klopfte
leise an ihrer Thür. Als er keine Antwort erhielt, drückte er auf die
Klinke, aber sie hatte den Riegel vorgeschoben. Er flüsterte ihren
Namen, und immer erregter werdend, klopfte er schließlich heftig an die
Thüre.

Ohne daß er sie nahen gehört, stand plötzlich Helene hinter ihm. »Was
thun Sie!« sagte sie streng.

»Gehen Sie hinein, Helene,« antwortete er finster. »Ihnen wird sie
öffnen. Ich weiß bestimmt, daß sie jetzt drinnen liegt und weint, aber
es ist mir unverständlich, unfaßbar!«

Eindringlich rief Helene Melys Namen. Falk trat ein wenig zurück in die
Dunkelheit. Mely öffnete und ließ Helene ein. Es war finster in ihrem
Zimmer.

Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen lange Zeit bei einander. Er
hörte, daß sie sich dutzten, und ein beklemmendes Gefühl hinderte ihn
stundenlang am ruhigen Nachdenken. Gegen Mittag kam der Diener des
Obersts, ein läppisch aussehender Soldat mit einem Brief für Mely. Falk
saß am Klavier. Während er weiterspielte, sah er genau, wie das junge
Mädchen erbleichend das Papier durchlas, es dann hastig zerknitterte und
in die Tasche steckte. Er trommelte ein wildes, sinnloses Fortissimo und
schlug krachend den Deckel zu.

»Herr Falk interessirt sich außerordentlich für Sie,« sagte Frau Bender,
die in der Küche am dampfenden Herd stand, zu Mely. »Er ist so
unglücklich und klagt mir fortwährend sein Leid. Sie müssen ihn trösten
und aufrichten, Fräulein Mirbeth.« Die kleine Frau lächelte fröhlich und
rührte emsig ihr Kartoffelgemüse. Finster sah Mely auf den Schnee
hinaus, der schon allenthalben mit Ruß bedeckt war. Begierig hörte sie
zu, als wünsche sie selbst, daß die Liebe in ihrer Brust ertötet würde.
»Ich bin so elend,« sagte sie mit unstätem Blick, als Frau Bender fertig
war, »ich sollte mich eigentlich ins Bett legen.«

»Thun Sies doch.«

»Ich muß hinüber zu Herrn Oberst.«

Als sie fortging, stand Falk im Korridor. Ohne ihn anzusehn, schritt sie
vorbei, matt lächelnd. Sie grüßte ihn, aber ganz leichthin, ganz in die
Luft hinein rief sie das Adieu.

Zuerst stand Falk wie betäubt. Dann eilte er ihr nach und sich über die
Treppenbrüstung beugend, rief er flehend hinunter: »Der Brief –?«

Sie blickte empor: erstaunt, fremd und kühl. Dann lachte sie kurz auf
und ging weiter. Falk sah immer noch auf den Punkt, wo sie gestanden. Er
sah noch ihr bleiches Gesicht hinter dem schwarzen Schleier und die
funkelnden, von schwerem Feuer erfüllten Augen. Nie war sie ihm so
schön, so unnahbar und so hassenswert erschienen.

Im Innern war er wie zerstört. Beständig spielte ein geringschätziges
Lächeln um seine Lippen: eine Maske, die ihn tröstete. Er konnte die
Geringschätzung gegen das, was ihm zugestoßen, durchaus nicht in sich
finden. Nun ist sie dort drüben, dachte er, und sie genießt den Triumph,
so vortrefflich gut mit mir gespielt zu haben. Dann stellte er
Betrachtungen an, wie er sich als charakterfester Mensch zu benehmen
habe. Er wollte ihr seine Verachtung zeigen und die Liebe tief
verschließen. Vor allem machte ihn das Grundlose dieser Veränderung
verwirrt. Hart und böse war sie ihm erschienen, obwohl er das vor sich
selbst zu verbergen und sie zu entschuldigen trachtete.

An diesem Tag kam viel Besuch. Frau Kremer, eine alte Freundin Frau
Benders kam mit ihrer Tochter Clodi von Köln, ferner eine Cousine
Helenes, namens Rosine Malz. Die ersteren wollten vier bis fünf Tage,
die letztere einige Wochen bleiben. Frau Kremer brachte Heiterkeit mit.
Sie war dick und rund, lachte beständig, und nichts war ihr so heilig,
als daß sie es nicht zu einem Witz mißbrauchte. Diese Witze waren meist
so geartet, daß Rosine Malz purpurrot wurde, Frau Bender die Hände
zusammenschlug, Clodi kicherte und »aber Mama« rief und Helene
niedergeschlagen den Kopf schüttelte.

Am Abend gingen alle ins Theater. Falk war in seinem Zimmer und lag mit
dem Oberkörper auf dem Bett. Er hatte die Hände unter dem Kopf
verschränkt und starrte in die Höhe, in den zitternden Lichtkreis, den
die Flamme auf die Decke warf. Zum hundertsten Mal rief er sich all das
zurück, was Mely schuldig der Lüge erscheinen ließ, und je mehr er
nachdachte, um so mehr ward er überzeugt von ihrer Schuld.

Auf jedes Geräusch lauschte er, und er verfolgte es, wenn es sich
langsam verlor. Aber es wurde acht Uhr, und sie kam nicht. Er erhob sich
und ging schnell auf und ab. Da läutete die elektrische Glocke, und er
wußte: sie war es. Er legte sich wieder, scheinbar gleichgültig sinnend,
aufs Bett und mit klopfendem Herzen vernahm er ihre nahenden Schritte.
Als sie anpochte, rief er mit wohlvorbereiteter Nachlässigkeit: herein!

Wiederum fiel ihm zuerst das gänzlich Verstörte ihres Wesens auf. Wohl
empfand er eine flüchtige Freude darüber, daß sie kam, aber zugleich
gewann eine so große Trauer Macht über ihn, daß er völlig abgewandt von
Mely auf das schauerliche Geheul des Windes horchte und sich nicht
einmal erhob, um sie zu begrüßen.

»Guten Abend,« sagte sie leise und furchtsam.

»Wo warst du so lange?« entgegnete Falk, ohne sich zu bewegen. Er
starrte immer noch auf die Decke.

Mely seufzte tief und schlug ihren Schleier zurück. »Du weißt es doch,«
sagte sie mit jenem schwermütigen Tonfall, der ihn unfähig machte, ihr
länger zu zürnen. Er sträubte sich gegen den Einfluß ihres Wesens, ihres
Wortes, aber umsonst. Alles ist berechnet bei ihr, dachte er, alles ist
Verstellung, – aber dennoch, eher hätte er ihre Verzeihung erbetteln,
als ihr Vorwürfe machen mögen. Er gehörte zu jenen Menschen, die wenn
sie lieben, jede Züchtigung, jede Demütigung zu vergessen wünschen.

Plötzlich aber, als er aufgestanden war und ihr entgegentrat, fiel sie
ihm um den Hals und stammelte fassungslos: »O, ich mag dich so gern!«

»Mely!« rief er aus und drückte sie an sich. Quälend und überaus
besorgniserregend war ihm die Verstörtheit ihres Wesens. Beglückt
zugleich und bestürzt durch das Ungewisse, Finstere, vor dem er stand,
küßte er sie brennend heiß. »Bist du denn wirklich mein Schatz?« fragte
er, zitternd am ganzen Körper.

»Ja ja,« antwortete Mely hastig und gleichsam angstvoll und drückte ihn
mit bebenden Armen an sich. »Warum liebst du mich?« fragte sie, indem
sie schmerzlich und kummervoll zu ihm aufsah. »Das möcht ich wissen. Es
ist doch nichts an mir. Es gibt doch so Viele!«

»Was ist vorgegangen mit dir!« rief Falk erschrocken.

»Nichts, nichts,« erwiderte sie kaum hörbar. »Horch nur, wie der Wind
rast.«

»Lieber, süßer Schatz, was ist mit dir? Was hast du für einen Kummer?
Schau, ich weiß, du verbirgst mir etwas, du hast ein Geheimnis. Komm,
vertraue mir, sei gut, sag es mir.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nichts, gewiß nicht. Warum bist du so
mißtrauisch?«

»Du hast Wein getrunken?« forschte er nervös.

»Ja, – weshalb?«

Er verfiel in langes Grübeln. Mely beobachtete ihn unruhig. Dann nahm er
ihre Hand. »Mely – hättest du den Mut, mit mir zu sterben?«

Sie entzog ihm ihre Hand. »Ach geh, den Unsinn!« erwiderte sie
stirnrunzelnd.

Förmlich gepeitscht von Argwohn und Zweifel, folgte er ihr ins
Wohnzimmer. »Was war das für ein Brief, den du heute bekommen hast?«
begann er, und setzte sich zu ihr auf den Divan.

Sie lächelte versteckt. Er drängte, aber sie weigerte sich. Sie zog die
Sache zuerst ins Scherzhafte, aber schließlich wurde sie finster und
ungehalten. Falk hätte in den Boden sinken mögen vor Scham und
Bitterkeit. Er versuchte, zärtlich zu sein, sie zu versöhnen. »Was
hattest du heute Mittag?« fragte er sie schüchtern, doch mit verhaltenem
Zorn.

»Da fragst du noch?« gab sie gehässig zurück.

»Nun?«

»Ich liebe nur einen Mann, den ich bewundern kann,« sagte sie
entschieden. »Aber wie kann ich das, wenn du so weibische Sachen machst.
Du spionirst, du horchst, du bringst mich ins Gerede, du beschwörst den
niedrigsten Klatsch herauf, – du hast gar keine Achtung vor mir.«

Falk stand am Fenster und sah hinaus. »Sie macht mich wahnsinnig,«
flüsterte er vor sich hin. »Überhaupt, was ist das für ein Sturm heute?
Was soll das bedeuten? Die Welt ist in Aufruhr, das ist klar, klar.
Finster ist die Nacht. Ich wollte, ich wäre da draußen. Vielleicht
irgendwo auf der Landstraße, wo es stürmt und regnet, oder im tiefen
Wald, nur nicht in diesem Zimmer. Ich hasse sie bitter.« Diese wirren
Worte entfielen ihm ganz unbewußt. Alles Gegenwärtige war ihm traumhaft
und verschleiert, und er suchte seine Gedanken von dem Wirrsal, das in
seiner Seele herrschte, abzulenken. Gift ist die Liebe, dachte er. Und
doch, den Staub hätte er von den Dielen geküßt, wenn sie jetzt ein gutes
Wort gesprochen hätte. All seinen Argwohn vergaß er im Nu, wenn sie
zürnte.

Als um elf Uhr Frau Bender mit ihren Gästen heimkehrte, entstand eine
geräuschvolle Lustigkeit. Frau Kremer hörte nicht auf, Falk und Mely mit
Anzüglichkeiten zu verfolgen. Mely wurde immer verlegener; bang und
traurig flehte sie Frau Bender mit Blicken um Hilfe. Clodi schalt ihre
Mutter und ging zu Mely. Sie ergriff die Hand des jungen Weibes und
legte den rechten Arm ihr um den Hals. Clodi hatte ein gutes Gesicht, in
welchem zwei kindlich schalkhafte, treuherzige Augen saßen. Mit einem
Lächeln, voll von Verwunderung, Freude und Dankbarkeit sah Mely zu ihr
auf.

Frau Bender spielte mit Falk Halma. Sie verlor stets und geriet darüber
in große Aufregung.

Den folgenden Tag über sprachen Mely und Falk fast nichts zu einander.
Mely war von übertriebener Lustigkeit und spielte mit Dele und Clodi.
Pitt mußte über den Stock springen und die Katze suchen, und das jüngste
Kätzchen wurde, angethan mit Puppenkleidern und einer Pierrot-Mütze,
auf dem Tisch spaziren geführt. Das unglückliche Tier machte die
größten Anstrengungen, sich seines Kostüms zu entledigen, und darüber
herrschte nun großer Jubel. Die Katzenmutter sah mit funkelnden Augen,
leise brummend zu und war beständig gegen Pitt in Angriffszustand. Die
Erfinderin aller tollen Streiche war Clodi, in der viel von der Laune
ihrer Mutter steckte. Fräulein von Erdmann kam öfters mit feierlichen
Schritten ins Wohnzimmer, um durch ihr Erscheinen dem Lärm zu steuern.
Aber es war nutzlos. Unbeirrt durch das Geschrei und Gelächter, spielte
Falk ein schwermütiges Adagio, ein Chopinsches Lamento und den
Trauermarsch aus der Asdur-Sonate. Bald wurde er von Clodi vertrieben,
die sich den »Leichenchor« verbat, am Klavier Platz nahm und einen
Walzer spielte. Und sie spielte ihn so, daß man lächeln mußte in innerer
Sorglosigkeit. Groß und durchdringend ist der Zauber der Jugend.

Auf alle war Falk eifersüchtig: auf Clodi, auf Dele, auf den Hund und
auf die Katze. Ihm schien es, als ob sich Mely nur deshalb so sehr dem
Spiel hingebe, um ihm ihre Gleichgültigkeit zu zeigen. Und es war auch
so. Sie that es aus Trotz.

Es dämmerte und der olivenfarbne Abenddunst lag auf der Straße. Da kam
sie zu ihm ins Zimmer. Er konnte nicht sprechen vor Trauer und
Beklommenheit. Aber als er ihr etwas spöttisches Lächeln sah, sagte er:
»Siehst du, du wirst mich krank machen.«

Sie lachte hart. Dann aber veränderte sich der Ausdruck ihres Gesichts,
und sie sah ihn an, als ob er in viel größerer Ferne stünde und sie sich
im Ungewissen befände, ob er es denn wirklich sei. »Ach,« sagte sie,
»sie machen dich schlecht. Sie wenden alles an, mich von dir
abzuziehen.«

Sie schwieg, denn er hatte ihr den Rücken zugedreht und sie mußte sein
Gesicht sehen können, wenn sie ihm so etwas sagte.

»Ich muß jetzt fort,« erwiderte Falk mit gleichgültiger Stimme. »Kannst
du mitgehn? Wir gehen in den Theesalon ...«

Mely brauste unwillig auf. »Was fällt dir ein? Du weißt doch, daß ich
nie mehr mit dir auf der Straße gesehen werden darf. Er ahnt schon
ohnehin etwas –«

»So! – Na, das ist ja gleich. Ich lechze nicht so sehr nach deiner
Gesellschaft. Empfiehl mich deinem Hund und den Katzen. Adieu,
Fräulein.«

Sie machte eine verächtliche Bewegung mit den Lippen und ging. Aber Falk
blieb zu Hause. Zuerst faßte er den Entschluß, den Abend über in seinem
Zimmer zu bleiben, doch das konnte er nicht ertragen. Er mußte sie
sehen, er mußte sie reden hören, wenn gleich sein Herz von Bitterkeit
gegen sie erfüllt war. Er unterhielt sich mit Rosine Malz, die ihm viel
dümmer vorkam als andere Mädchen dieses Schlags, und später mit Fräulein
von Erdmann. Er spielte den Liebenswürdigen und versuchte nicht ohne
Glück, witzig zu sein. Er hoffte dadurch Mely zu reizen.

Und als es Nacht war und alles schon stille, kam sie zu ihm. »Ich habe
Jemand im Korridor gesehn,« flüsterte sie unruhig und gequält.

Er ging hinaus und that, als suche er etwas. Er öffnete die
Wohnzimmerthür, die nur angelehnt war – er erschrak darüber – und
spähte hinein. Im Finstern sah er Helene am Fenster stehen. Sie setzte
die Kerze in Brand und blickte ihn kalt an. Offenbar weiß sie jetzt
alles, dachte er. Sie erschien ihm hinterlistig und katzenhaft.

Er redete Mely die Furcht aus. Sie hörte nur halb auf ihn, denn sie
lauschte beständig auch auf die leisesten Geräusche vom Flur und von der
Straße. Als er wiederum bat, ihm den Brief zu geben, stieß sie ihn
gereizt zurück. Er sprang auf und ballte drohend die Faust. Dann
wanderte er erregt auf und ab und schleuderte eine Untertasse zu Boden,
daß sie klirrend zerbrach. Mely lachte boshaft und geringschätzig. Das
brachte ihn außer sich. Er stellte sich vor sie hin und sagte gehässig,
mit funkelnden Augen: »Ich weiß, daß du etwas verbirgst und ich schwöre
dir, daß ich es erfahren werde. Hüte dich!«

»Die lächerlichen Drohungen!« erwiderte Mely gleichgültig und ruhig.
Sie erhob sich, um zu gehen.

»Du wirst bleiben!« rief er mit unterdrückter Stimme und mühsam an sich
haltend. Er packte sie bei den Schultern und warf sie mit voller Kraft
in den Fauteuil zurück. Wie gelähmt blieb sie sitzen. Ihre Augen
leuchteten in grünlichem Glanz. Und Falk redete zu ihr: erst in
verzweifeltem Trotz, dann mit einer Sanftmut, die mit Selbstverachtung
zu kämpfen schien (weil er sich nachgiebig zeigte, da er doch ein Recht
zu zürnen hatte), und immer leiser sprach er, ungereimte Dinge,
Versicherungen seiner Liebe, seiner Ehrlichkeit, das Eingeständnis
seiner Heftigkeit und seines Mangels an Vorsicht. Die Leidenschaft
verzehrte ihn, und der Wunsch, sie weich zu stimmen, machte ihn selbst
weich. Wäre sie ihm jetzt um den Hals gefallen und hätte Verzeihung
erfleht, so hätte er sie geküßt und hätte großmütig verziehen, aber die
ungestüme Liebe wäre zusammengesunken wie ausgekühlte Asche.

Sie aber erwiderte gar nichts. Sie saß da, schaute stets auf denselben
Punkt, und als er fertig war, sagte sie, als hätte sie von seiner langen
Rede nichts gehört: »Ich will jetzt hinaus.«

»Bitte,« erwiderte er höflich. Er _sagte_ das nur, denn er hatte nicht
den Willen, sie gehen zu lassen. Er glaubte nur, daß sie milder
gestimmt, oder vielleicht stutzig gemacht durch seine Einwilligung,
doch bleiben werde. Aber sie wollte in der That fort und da vertrat er
ihr den Weg. »Wenn du mich nicht gehen läßt, ruf ich um Hülfe,«
flüsterte sie, schwer atmend. Da lachte er höhnisch, und schaute sie mit
einem Blick voll Wut, Hohn und Haß an. Aber sie wagte nicht, ihm ins
Gesicht zu schauen. Das also ist die Liebe, dachte er, innerlich
frierend. »Geh! geh! ich will dich nimmer sehn!« rief er ihr zu und
wandte sich ab.

»Helene weiß alles,« sagte sie, als er am andern Morgen in ihr Zimmer
kam. Er schämte sich, daß er zu ihr gegangen. Er wußte, daß es feig,
schwach und unmännlich war, aber wie eine nimmersatte Feuersbrunst
wütete die Liebe in ihm. Sie hatte ihn beleidigt, er aber wollte nichts,
als ihre Verzeihung.

Er achtete ihrer Worte nicht. »Ich muß mit dir reden,« sagte er streng,
um sie über den Grund seines Kommens zu täuschen.

»Nun?«

»Ich will, daß du dich vom Oberst lossagst.«

»So? Du bist sehr freundlich.«

»Ich kann die Zweifel und diese Angst nicht mehr ertragen. Es ist
schimpflich für uns beide. Mach ein Ende, Mely. Nur dann kann ich bei
dir ausharren.«

»Ach, dieses Geschwätz!« rief Mely heiter. »Ich habe dir schon gesagt:
ich kann nicht, und das muß dir genügen.«

»Du kannst nicht? Wie viel Tausende müssen ihr Brot verdienen und thun
es willig.«

»Ich bin krank, du weißt es.«

»Ach –!«

»Also: ich kann nicht und damit fertig.«

Ihre brüske Art machte ihm heiß. Spöttisch erwiderte er: »Das Fräulein
sind einfach zu bequem. Das ist zu plebejisch: sich sein Brot verdienen.
Wie angenehm ist es, sich an die Tafel des reichen Mannes zu setzen und
sich füttern zu lassen. Wenn man auch hin und wieder ein bischen
beschimpft wird, was schadet das.« Er wußte, daß sie alles gelassen
hinnahm, nur seinen Spott nicht. Darum suchte er mit Innigkeit nach
spitzen Wendungen und giftigen Anspielungen, bis Mely wie außer sich
aufsprang und ihn mit den Blicken maß. »Genug! genug!« rief sie mit
bebender Stimme.

Falk ging den ganzen Tag wie gebrochen umher. Den Nachmittag hindurch
spielte er Billard im Kaffeehaus, dann Schach, endlich Karten. Erst tief
in der Nacht kam er nach Hause. Sicherlich wacht sie noch, sagte er sich
beim Zubettgehen. Sie hat gewartet, bis ich kam. Und mit Sehnsucht
gedachte er ihrer Küsse. Hundert und hundert Mal hatte er diese Lippen
berührt, mit Andacht oder mit heißem Verlangen, die sich jetzt nimmer
für ihn öffnen sollten. Bei Tag hatte er sich in ein künstliches Gefühl
des Befreitseins hineingeredet, aber jetzt, in der Stille der Nacht
überfiel ihn der unerbittliche Schmerz des Verlustes.

Am Morgen kam der Bursche vom Oberst und brachte ein großes Paket. Falk
war im Wohnzimmer, als sie es öffnete. Clodi, Dele, Rosine Malz und Frau
Bender standen erwartungsvoll dabei. Er sah, wie ihr Gesicht strahlte,
als sie die Geschenke, eins ums andere herausnahm und auf den Tisch
legte. Sie konnte sich nicht finden vor Glück. Rasch kleidete sie sich
um und eilte hinüber, um zu danken.

»Wie unzart von Fräulein Mirbeth, in Ihrer Gegenwart so über die
Geschenke zu jauchzen,« sagte Frau Bender zu Falk, der stumm am Fenster
lehnte.

Wieder verbummelte er den Nachmittag und den Abend. Er verschleuderte
sein Geld, hielt Selbstgespräche auf den Gassen, wobei er weite,
ausdrucksvolle Gesten und ein bekümmertes Gesicht machte.

Es war kalt und der Mond schien so hell wie in den Herbstnächten, als er
heimging. Sein Inneres war wie ausgebrannt. »Ich bin zertrümmert,« sagte
er oftmals für sich und schüttelte verwundert den Kopf.

In seinem Zimmer angelangt, kühlte er die Stirn mit kaltem Wasser. Viel
tausend Stimmen schrieen in seiner Seele nach ihr. Sie betrügt mich,
dachte er. Aber er entbehrte sie, wie ein Hungriger die Speise.

Aus seinem Zimmer schleichend, nahte er ihrer Schlafzimmerthüre. Er
horchte lange, dann drückte er die Klinke. Es war nicht verriegelt und
unhörbar trat er ein. Ohne sich zu rühren, blieb er lange Zeit an ihrem
Bett stehen und lauschte ihren Atemzügen. Schwach fiel der Schimmer des
Mondes auf ihre weiße Gestalt. Ruhig und ausgestreckt lag sie da und
traumlos schien sie zu schlafen. Die Nase ist viel zu breit, dachte
Falk, sogar jetzt läßt sich das erkennen. Dann beugte er sich nieder und
küßte sie. Ohne sie geweckt zu haben, ging er wieder hinaus.

Den folgenden Tag über sahen sie sich kaum. Frau Bender und Helene
benahmen sich etwas seltsam gegen ihn, und Rosine Malz zeigte ihm offen,
daß sie ihn hasse. Überdies war sie fast den ganzen Tag hindurch im
Begriff, über die Scherze der Frau Kremer züchtig zu erröten. Clodi
allein sprach öfter mit ihm, ja, sie machte ihm ein wenig den Hof. Sie
war unschuldig wie ein Vogel, wenn sie auch all die groben
Anzüglichkeiten ihrer Mutter belachte. Sie verstand es, mit ihrem
Lächeln jemand das Herz leicht zu machen. »Ein Gesicht machen Sie, als
ob Sie Einen erschlagen hätten,« sagte sie zu Falk. »Lachen Sie doch!
Marsch!« Und sie versuchte, ihn am Halse zu kitzeln. »Wissen Sie nicht,
was mit Fräulein Mirbeth ist?« fragte sie ihn flüsternd. »Die sitzt
jetzt oft stundenlang da und spricht und lacht nicht ...«

Einige Tage darauf ging Falk in Melys Zimmer. »Ich bitte dich, was hast
du gegen mich?« begann er sogleich. »Sag mir alles, ich bin auf alles
gefaßt.«

Sie lag in ihrem hyacinthenfarbnen Schlafrock auf der Ottomane und
schaute unbeweglich zur Decke. »Ach, das ist doch sehr einfach,« sagte
sie langsam, als er nicht aufhörte, sie zu bedrängen.

»Nun?«

Sie schwieg, sie schien sich zu besinnen. Dann erwiderte sie so weich,
daß er den Inhalt ihrer Worte kaum begriff: »Ach, ich mag dich halt
nimmer.«

Falk trat zurück und schlug erschüttert die Hände zusammen. »Das also!«
– »Warum?« fragte er nach schier endlosem Schweigen.

»Mein Gott, da kommt so vieles zusammen,« sagte sie immer noch weich,
gleichsam flehend. »Deinetwegen und meinetwegen.«

»Du hast also dein Herz von mir abkommandirt? – Ja, du hast mit mir
gespielt,« murmelte Falk, ohne Hoffnung, dies ertragen zu können. »Wie
dumm war ich doch! Wie ein Hündchen hing ich an dir. Ich habe dir meine
Liebe stets auf dem Servirbrett zugetragen.«

»Das war das Unglück, ja. Übrigens, was hat es für einen Zweck? Es ist
doch hoffnungslos. Bis es einmal soweit käme, bin ich eine alte
Schachtel.«

»O ich könnte treu sein. Ich habe das Zeug dazu. Selbst die alte
Schachtel könnte mich nicht hindern, treu zu sein. Aber du hast nur
gespielt, das ist klar ... Alles hab ich auf dich gesetzt, die Zukunft,
das ganze Leben. Und nun hast du mich zerstört. Du betrachtest mich nie
mit deinen eigenen Augen, sondern immer mit denen anderer Leute, mit
Helenes Augen oder so. Du hast mich nie geliebt, nie geliebt.« Der
Schmerz verschloß ihm die Kehle. Immer noch ausgestreckt lag Mely da und
rührte sich nicht.

»Wirklich? Ist es denn wirklich wahr?« begann Falk wieder und näherte
sich ihr. »Sag doch! Ich will ja gehn, wenn du es jetzt wiederholst. Ist
es denn wirklich wahr?« Er redete mit heiserer, trauriger Stimme, aber
keine Silbe war mehr aus ihr herauszubringen. »Sag, soll ich gehn?«
fragte Falk. »Sprich nur ein Wort und ich bleibe. Sag ja, und ich
bleibe. Willst du? Willst du?« Aber sie blieb stumm und nagte bloß an
ihrer Unterlippe. Da ging er.

Als er draußen war, erhob sich Mely und wanderte mehr als zwei Stunden
lang auf und ab. Oft standen ihre Augen voll Thränen. Sie blieb an
diesem Abend in ihrem Zimmer.

Falk besuchte das Fräulein von Erdmann und führte mit ihr tiefsinnige
Gespräche über den Wert des Lebens, wobei er zur absoluten Verneinung
gelangte, wie Viele vor ihm. Aber die Dame, die jetzt in ihrem Äußern
wie in ihrer Umgebung die Spuren eines immer größeren Verfalls zeigte,
wollte davon nichts hören. Sie stritt für die Lebensfreude und für die
Liebe und ließ den jungen Mann merken, daß er alle Gluten jungfräulicher
Leidenschaft bei ihr finden könne, wenn er nur zu begehren verstehe. Sie
versperrte sogar die Thüre, um ihn zum Dableiben zu zwingen. Ihr Feuer
berührte Falk sehr peinlich. Aber er und alle, die in diesem Hause
wohnten, sahen sie versinken in Armut und Erbärmlichkeit und es hatte
Scenen gegeben, wo sie von Fremden gar sehr gedemütigt worden war.
Deshalb bemitleidete er sie und benahm sich rücksichtsvoll. Zum Schluß
allerdings tischte sie ihm ein paar Anekdoten auf, die Zeugnis ablegen
sollten von dem lockern Leben, das im Hause des Obersts Thewalt geführt
wurde.

Frau Bender traf er an diesem Tag in großer Niedergeschlagenheit. Ihr
Sohn hatte aus Chicago geschrieben, daß der Vater mit einer fremden Frau
lebe. Das hätte sie an sich nicht zu Boden gedrückt, aber er schickte
auch kein Geld mehr. Sie war in Not. Fräulein von Erdmann konnte nicht
zahlen, auch Falk war im Rückstand. Das ganze Hauswesen war zerrüttet.
Frau Kremer war abgereist und mit ihr war der letzte Rest von Heiterkeit
fortgezogen.

»Lottelotts kommen auch nicht mehr,« sagte Frau Bender beim Thee. »Sie
haben mich durch Helene wissen lassen, sie könnten nicht mit einer
Person wie Fräulein Mirbeth an einem Tisch sitzen.«

Falk brauste auf.

»Ja sehen Sie, man erzählt sich eben sehr viel,« fuhr die Hausfrau
bedauernd fort. »Auch Fräulein von Erdmann hat verzichtet, beim
Mittagstisch zu erscheinen. Und warum ist Fräulein von Mahnke
ausgezogen? Nur deswegen. Ich muß ihr kündigen, ich bin es meinen
Kindern schuldig.«

Falk erbleichte bis in die Lippen. »Das werden Sie aber unterlassen,
Frau Bender –! So viel Zartheit, – um Gottes willen!«

Frau Bender versuchte einzulenken. »Ich glaube ja alles Gute von ihr,
obwohl – – Persönlich ist sie mir ja lieb und Helene hat sie sehr
gern, – aber urteilen Sie doch selbst. Früher, – was für Zwistigkeiten
waren das stets zwischen ihr und dem Oberst. Er hat ihr Dinge gesagt und
geschrieben, daß sie zu stolz sein müßte, ihn anzureden, – und nun, mit
welcher Andacht spricht sie von ihm. Welche Fülle von Geschenken –«

»Lassen Sie uns eine Partie Halma spielen, Frau Bender,« unterbrach sie
Falk, bis in die tiefste Seele erzitternd. Helene summte jenen bekannten
Gassenhauer aus Rigoletto vor sich hin, der von der Unverläßlichkeit des
Frauenherzens handelt.

Heute gewann Frau Bender.

Ich muß handeln, dachte Falk, ich muß mir Beweise verschaffen und dann,
– Gott sei mir gnädig. Er wollte sich nicht eingestehn, daß er sich
fürchtete vor Beweisen. Alles zitterte an ihm, beständig tastete er mit
der Hand an die Schläfe und schloß die Augen, wie um nicht sehen zu
müssen, was er so sehr zu sehen wünschte. Was hilft es auch, grübelte
er; ich bin ihr gleichgültig, sie hat es selbst gesagt. Und dieser
Gedanke überwog alle andern.

»Sie haben sich wohl verfeindet mit Fräulein Mirbeth?« fragte Frau
Bender und als Falk bejahte, setzte sie hinzu: »Seien Sie doch stark und
lassen Sie sich nicht so sehr niederdrücken.«

»O sie ist falsch,« flüsterte er. Es drängte ihn nach Mitteilung seiner
Leiden. Aber plötzlich stand er auf, wie von Ekel erfaßt und
verabschiedete sich.

Mely schloß sich von allen ab, auch von Helene. Dies Mädchen war ihr in
letzter Zeit verhaßt geworden, obwohl sie sich zwang, freundlich zu
sein, wenn sie mit ihr sprach. Ein ganz harmloser Vorfall war die
Ursache und der Anfang dieses Hasses gewesen. Eines Abends, als Mely
noch im Wohnzimmer war, hörte man draußen an der Treppe ein Geflüster.
Frau Bender vermutete, daß die Magd von ihrem Kammerfenster aus sich mit
einem Mann unterhielte. Helene entledigte sich blitzschnell der Schuhe,
öffnete geräuschlos die Thüre, huschte ebenso lautlos hinaus und horchte
draußen. Alle ihre Bewegungen dabei waren schlangenhaft.

Seitdem haßte sie Mely. Sie war ihr genau wie eine junge Katze
erschienen. Auch fürchtete sie, die kleine, listige Person möchte das
Geheimnis ihrer Liebe ausplaudern, obwohl sie wußte, daß Helene die Gabe
des Verschweigens in hohem Grade besaß. Sie fühlte wohl, daß Alle gegen
sie waren, wie gegen den bösen Feind, aber sie lächelte dazu. Innerlich
verwundet, vereinsamt und die Einsamkeit suchend, schloß sie sich ab von
den Leuten, die so viel redeten, als sie reden hörten, ohne das Gewicht
der Worte zu bemessen. Ein finsterer Menschenhaß beherrschte sie einige
Tage lang durchaus. Nur die kleine Dele kam täglich zu ihr und bei
diesem Kind konnte sie sich selbst vergessen. Sie liebte das Mädchen mit
jener Leidenschaft, die oft an ihr hervorbrach, wie das Wasser einer
unterirdischen Leitung, das einen falschen Ausweg gefunden hat. Und doch
witterte sie schon bei dem Kind Eigennutz: weil sie es beschenkte,
darum war es lieb und heiter, und nur in der Erwartung der Geschenke
schien es zutraulich zu sein. Und als Frau Bender in einer boshaften
Aufwallung über Melys Abschluß von ihrer Familie dem Kinde verbot, das
junge Mädchen ferner zu besuchen, glaubte Mely, daß sie »eigentlich«
froh darüber sei.

– Frau Bender lag krank im Bett. Kummer und Sorgen hatten sie
niedergedrückt. Der Termin nahte heran, ohne daß sie wußte, wie sie die
Miete bezahlen sollte. Die Magd erzählte es Mely und dann kam auch
Helene und weinte. Da ging Mely zum Oberst und schon am Abend brachte
sie Frau Bender vierhundert Mark und entfloh ängstlich den stürmischen
Danksagungen der gedemütigten Frau.

Falk vernahm das mit den Empfindungen, die Einer im fernen Land den
Nachrichten aus der Heimat entgegenbringt. Als er eines Nachts spät
heimkam, schlich er wieder in Melys Zimmer. Er sah sie schlafend, beim
matten Schein des nächtlichen Lichts. Und er küßte sie mit der ganzen
Trauer des Verlustes. Dann ging er wieder. Und so die nächste Nacht und
die folgenden Nächte. Am Tag sehnte er die Nacht herbei, den Genuß jener
schnellen Minuten. Ihm war, als spüre sie seine Nähe im Traum und lächle
ihm zu im Traum und erkläre sich einig mit ihm. Und einmal geschah es,
daß sie erwachte. Sie schlug die Augen auf und lächelte sanft. Sie
schlang ihren Arm um seinen Hals und zog sein Haupt seufzend herab und
drückte es an ihre Brust. Stumm und beglückt ließ er es geschehn. Es war
ein Traum für sie und für mich, dachte er beim Hinausgehen. Aber von da
an erwachte sie in jeder Nacht und liebkoste ihn schüchtern, wie es ihre
Art war. Bei Tag sprachen sie nicht miteinander und gingen gleichgültig
eines am andern vorüber.

Eines Sonntags im Februar beschloß die Familie Bender einen Ausflug zu
machen. Doktor Brosam hatte sich sehr genähert und dieser Ausflug war
sein Plan. Da es aber nur drei Personen waren und Frau Bender den beiden
jungen Leuten Gelegenheit geben wollte, allein zu sein, – der Doktor
war reich – so suchte sie nach einem vierten Teilnehmer. Rosine Malz
hatte ein verschwollenes Gesicht und Falk gab einen Korb. Er stand im
Korridor, als er Frau Bender sagen hörte: »Nun bleibt Fräulein Mirbeth
unsre letzte Hoffnung.« Der Doktor erwiderte: »Ja, wenn wir sie nur als
stumme Person mitnehmen könnten!« Helene lachte hölzern und auch Frau
Bender lachte aus Artigkeit mit.

Eine wilde Angst erwachte in Falk, daß Mely zusagen könnte. Er wußte,
daß sie schwach genug war, die Beleidigung zu vergessen, die ihr Doktor
Brosam zugefügt hatte und von der sie ihm selbst mit Entrüstung erzählt
hatte. Schon aus Gefälligkeit gegen Frau Bender würde sie mitgehen. Es
gab nichts, womit sie sich nicht das Wohlwollen der Leute erkaufte, die
um ihre Liebe zu ihm wußten oder sie nur ahnten. So groß war ihre
Furcht. Aber Falk wollte auch allein sein mit ihr. Er hoffte nichts von
diesem Alleinsein, aber er wünschte es heiß. In brennender Erregung
wanderte er im Korridor umher, durch die Küche auf den Balkon, dann
wieder horchend an der Thür, dann wieder durch das Entree gegen die
Treppe hinaus. Er war völlig besinnungslos und murmelte beständig
abgerissene Sätze vor sich hin. »Ich werde sie verlieren,« sagte er,
»und alles ist aus. O jetzt macht man doch keine Ausflüge, im Februar,
– lächerlich. Wie hab ich mich gefreut – – – das Wetter wird ja doch
schlecht werden – Mely – Mely – bleib!«

»Nun Herr Falk?« hörte er die Stimme Helenes, deren Gesicht in
Heiterkeit glänzte.

Falk streckte ihr bittend die Hände entgegen. »Helene, wenn ich Ihnen
irgend etwas bin, etwas mehr als ein Hund, dann verhindern Sie, daß Mely
mitgeht.«

Helene machte ein mürrisches Gesicht. »Ach gehn Sie doch! Sie sollten
vernünftiger sein. Haben Sie denn gar keine Augen im Kopf?«

Falk stierte wie geistesabwesend in das frische Gesicht Helenes. Eine
schwere Dumpfheit lag in seiner Brust. Er hatte die Empfindung, als
schmiede man im Wohnzimmer ein Komplott gegen seine Liebe und als könne
er dies durch seine Anwesenheit verhindern. Darum ging er hinein ohne zu
grüßen und lachte dem erstaunten Doktor gerade ins Gesicht. Frau Bender
kam freudestrahlend von Mely zurück und verkündete, daß die Vierzahl nun
voll sei.

Falk lachte wieder, und die glückliche Frau Bender stimmte unbefangen
mit ein. Dann stürzte er hinaus und betrat Melys Zimmer. Sie kämmte vor
dem Spiegel das Haar und sah sich scheu nach ihm um. »Mely!« brachte
Falk mühsam heraus, »wenn du gehst, ist alles vorbei zwischen uns.«

Sie blickte erschreckt zu Boden und der Kamm fiel auf die Erde. Falk
wandte sich zum Gehen, überzeugt, daß sie bleiben werde.

Aber eine halbe Stunde später hörte er die Vier in scherzenden
Gesprächen die Treppe hinabsteigen, und als er sich zum Fenster
hinausbeugte, saßen sie schon in der Droschke. Mely unterhielt sich mit
Doktor Brosam und sie war fröhlich. Die Sonne schien hell, und der
Schnee war geschmolzen.

Falk warf sich aufs Bett und schluchzte wie ein Kind.



XIV.

_Aus dem Tagebuch Vidl Falks._


23. Februar.

Nun habe ich auch die Liebe überstanden. Es ist eine entsetzliche,
giftige, furchteinflößende Krankheit. Dies Fräulein Mirbeth ist in
meinen Weg getreten, hat ihre falschen Augen aufgeschlagen und mit
Inbrunst, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen bin ich hineingestürzt in
diese Augen. Ach, man wird da gedreht und gerädert, und was noch heil
davonkommt, trieft von Erfahrungen und Weisheit. Ich bin noch zu voll
von diesem Weib, um ein freies, gutes, erlösendes Wort niederschreiben
zu können. Die Liebe ist eine Folter, grausam und nachhaltig. »Dies
Fräulein Mirbeth« ist ein Wunder an Charakterlosigkeit, Treulosigkeit
und jener echt weiblichen Verschlagenheit, die den Mann nie zur Ruhe
kommen läßt. – Ich bin erlöst!

Aber wer weiß, vielleicht liebe ich sie noch. Wie schön war es auch in
diesen stillen, stürmischen Liebesnächten!


25. Februar.

Es gelingt mir nichts Rechtes mehr. Was ich angreife, bleibt auf halbem
Weg liegen. Ich bin wie betäubt; ich bin verdummt. Stets brennt mich
etwas im Innern, stets scheucht mich etwas auf. Stets muß ich nachdenken
ins Bodenlose hinein. Ich kann nicht schlafen, und ich liege des Nachts
stundenlang am Fenster. Dem Wandel der Sterne schau ich zu, und dem
Rauschen des Windes lausch ich. Es geht eine leise Frühlingsahnung durch
die finstern Straßen. Die Natur, das ganze Universum erscheint mir wie
eine Brust voll Leiden und Leidenschaften und voll Sehnsucht und sie
will den Tod nicht kennen, der ihr zur Seite steht.

Ich kann nicht schlafen. Es ist vier Uhr nachts. Soeben ist Mely
heimgekommen; beim Oberst war Gesellschaft, wie mir Frau Bender sagte.
Es friert mich vor der Zukunft. O könnt ich einen hundertjährigen Schlaf
thun. Aufwachend erblickt ich die Welt verschönt und die Nationen
versöhnt, und ich brauchte nimmer auf den Präparirboden, um
übelriechende Leichen zu zergliedern und zu zerlegen. Wie erfinderisch
ist die Natur in den Krankheiten, mit denen sie uns heimsucht. Jeder
Kuß, den wir erhalten, muß bezahlt werden mit einem Übel an Leib oder
Seele, und über unser Glück eilt die Zeit hinweg und hinterläßt uns
blasse Bilder, blasse Schemen.


26. Februar.

Ich träume seltsam. Ich träume z. B. vor mir stünde eine große Blume.
Und ich bilde mir ein, das müsse eine Lotosblume sein, obwohl ich noch
nie eine solche gesehen habe. Dann fließt Blut aus dem Kelch und ich
kniee davor und trinke es. Oder ich träumte, Mely sei bei mir und sie
ruft mich zu kommen. Aber ich kann mich nicht bewegen, ich bin nicht
Herr meines Körpers, wie erstarrt stehe ich da und kann weder vorwärts
noch rückwärts.


27. Februar.

Sie geht an mir vorbei, – fremd und ohne Gruß. Wenn sie im Wohnzimmer
ist, so thue ich gegen die Damen sehr heiter und sorglos, und bin so
galant als möglich. Warum das aber? Würde ich es thun, wenn sie mir
gleichgültig wäre? Ich liebe sie noch, das ist alles. Oder nein, ich
liebe sie mit verzehnfachter Liebe, mit brennender, schmerzhafter,
zitternder Liebe. Aber ich darf nicht nachgeben. Wenn ich mich wieder
schwach zeige, ist alles verloren. Es giebt nichts Dümmeres, als einen
Mann, der konsequent sein will.


1. März.

Einmal sagte sie zu mir: Wenn wir beide glücklich sein wollen, müssen
wir allein sein. Aber wie sollt ich sie gewinnen? Wie kann sie je mein
eigen werden? Sie macht Ansprüche an das Leben, und sie will es hübsch
bequem haben. Wie könnte sie den Kampf des Mannes gegen das Schicksal
mitkämpfen!

Trauer erfüllt mich ganz. Meine Kraft ist aufgelöst und meine
Freudigkeit ist dahin. Wenn ich mir ein Bild ihres Wesens zu machen
suche, so zerfließt alles vor meinen Augen. Ist sie gut oder böse?
weichmütig oder boshaft? störrisch oder hingebend? Ach, am Morgen ist
sie willig und des Abends trotzig; am Mittag herausfordernd und
spöttisch und des Nachts dem Weinen nahe in grundloser Verstimmung.

Ich sehne mich nach ihr und mir schmeckt weder Arbeit noch Essen.


4. März.

Da liegt sie neben mir und schläft. Die zwei Fauteuils sind
zusammengerückt, so daß sie eine Art Divan bilden und darauf schlummert
sie. Das Wasser zum Kaffee wird bald zu kochen beginnen. Sie hat meinen
Mantel um den Körper und über ihren Füßen liegt das weiße Deckbett. Die
Haare hängen aufgelöst bis auf den Boden. Um uns ist die stille, tiefe
Nacht. Bisweilen wird die Ruhe von fernem Wagengerassel gestört.

Ich finde, dies ist so sehr charakteristisch. Wenn ich frage: Mely
friert dich? Willst du meinen Mantel? so schüttelt sie den Kopf. Aber
bald darauf erhebt sie sich und holt sich den Mantel selbst.


5. März:
fünf Uhr morgens.

Soeben ist sie schlafen gegangen. Wie wild, wie toll war diese Nacht
wieder! In solchen Stunden, wo sie erfüllt ist von einer fast
ingrimmigen, verhaltenen Leidenschaft, ist sie nicht mehr sie selbst.
Sie hat sich vergessen, sich ihres Selbst beraubt, sie schmilzt hin in
weicher Ergebung, in seufzender, matt abwehrender Begierde. So ist sie
schön und auch überaus begehrenswert. Ich möchte die Feder, mit der ich
schreibe, ganz in den wunder-wundervollen Duft tauchen, womit in solcher
Nacht ihr Wesen umschleiert ist. Unvergeßlich ist es und herrlich. Stumm
ist die Nacht und die Zeit hat kein Maß mehr den Sinnen. Alle Organe
sind ins Krankhafte verfeinert, und wenn sie seufzt, so vermute ich
einen tiefen Schmerz in ihr, und höre nicht auf zu fragen. Aber unbewußt
frage ich, nur um sie zu liebkosen mit der Stimme, um sie zu trösten, um
ihr zu versichern, daß sie beschützt sei. Alles was sie denkt, errate
ich, und sie nimmt es mit einem halb verwunderten, halb dankbaren
Lächeln auf. Nichts Verborgenes ist mehr in ihrer Seele und ich bin
beruhigt.

Ich weiß gewiß, daß ich nicht schlafen werde. Ich werde noch lange
dasitzen und über jede ihrer Gebärden, jedes ihrer Worte sinniren. Wie
ein schweres Gewicht liegt die Liebe auf meinem Herzen, aber ich trage
es willig. Gleich der Blume eines kostbaren Weins, so berauschend ist
dies Gefühl. Aber der Vergleich ist von geringer Güte. Schwach sind die
Worte und hinfällig jedes Bild. »O du,« flüsterte sie beim Hinausgehen,
»du hast mich leergetrunken mit Küssen.«


7. März.

Wer vermöchte das zu glauben: Ein junges Weib besucht allnächtlich den
Geliebten, der sie bestürmt, sich ihm hinzugeben, – völlig und
unwiderruflich. Er taucht sie unter in eine schwüle Flut von Liebe, –
und sie widersteht! Sie ist voll Furcht gegenüber diesem Letzten, und
sie trauert, wenn ich sie bestürme. »Schau, warum willst du das? Du
willst mich erniedrigen, du willst mich unglücklich machen. Muß es denn
sein? Du sagst, das sei der Inhalt des Lebens? Das ist nicht wahr. Denn
was wird nachher sein?« – So spricht sie. Und dies ist das Mädchen, das
bis zu seinem zwanzigsten Jahre glaubte, vom bloßen Küssen bekäme man
ein Kind. Ich kann mir nicht helfen, diese Beweisführung macht mich
krank vor Mißtrauen. Es klingt so elegisch, so unjugendlich. – Aber ich
prüfte mich genau: Ich selbst fürchte jenen Schritt. Weshalb? Der Himmel
mag es wissen.


10. März.

Sie fragte mich, ob sie meine erste Liebe sei. Ich erwiderte ihr, daß
ein Mann heutzutage allzuviel Gelegenheit habe, sein Herz zu
verschenken, wie man poetisch sagt. Sie verstand mich. Aber ich sagte
ihr auch, daß eine Liebe, wie die, welche ich jetzt empfinde, nicht zum
zweiten Mal wiederkommen könne im Leben. Man kann nur ein Mal lieben,
aber verliebt sein kann man in jedem Frühling aufs neue. Sie sah mich
ungläubig und zärtlich an. Sie schmiegte sich an mich und verbarg ihr
Gesicht.

Wie sehr quälen wir uns beide, indem wir uns die letzte, reife Frucht
der Liebe vorenthalten! Bisweilen legt sich eine geheimnisvolle
Verbitterung zwischen uns, dann wieder ein absichtliches
Mißverstehenwollen. Ich lese dann in ihren Augen einen heißen Wunsch,
aber auch die Starrheit eines festen Entschlusses. Und ich kann ihr
nicht grollen. Ich möchte sie oft um Verzeihung bitten, wenn meine
stürmische Leidenschaftlichkeit sie zu überwältigen droht. Wie viel
sagen mir ihre Augen! Du bist mir alles, reden sie; Ziel und Ende des
Lebens, und in dir kann ich vergehen. Ich bete täglich – scheinen sie
oft zu sagen – daß du mich erwerben mögest, aber ich verdiene deine
große Liebe gar nicht. Ich habe Sehnsucht nach dir, wenngleich du bei
mir bist. Ich liebe dich mit aller Kraft meiner Seele ... So wortarm
ihre Zunge ist, so reich an Ausdruck sind diese schwarzen, herrlichen
Augen. Und wenn ich hineinsehe in diesen leuchtenden Abgrund, so muß ich
mir sagen: Unmöglich ist es, daß dieses stolze, zarte Weib sich jemals
einem ungeliebten Mann hingebe. Ich bitte ihr im Herzen all meine
Zweifel ab.


13. März.

Ich erhielt Nachricht, daß der einzige Oheim, den ich noch
mütterlicherseits besitze, in Biarritz schwer erkrankt sei. Wenn er
stirbt, so erbe ich etwa achtzigtausend Mark, falls nicht auch er mich
mit dem Anathem belegt hat.

       *       *       *       *       *

Ich kam zu Mely ins Zimmer, als sie gerade mit dem Ausräumen ihres
Schranks beschäftigt war. Heiter sah ich ihr zu, und ich war beglückt,
wenn sie sich mir auf einige Schritte nahte, und ich erschrak und sehnte
mich nach ihr, wenn sie in eine Ecke des Zimmers ging. Wir sprachen
nicht, aber sie empfand meine Gegenwart, und in jeder Bewegung drückte
sich das Bewußtsein aus, mich nahe zu wissen. Plötzlich fiel ein
schwerer Gegenstand zu Boden. Ich blickte hin und gewahrte einen
Revolver. Lächelnd fragte ich, was sie denn mit der Waffe anfangen
wolle. Mely war jedoch totenbleich geworden. Zitternd schaute sie auf
den Revolver hinab und ihre blutleeren Lippen suchten vergebens nach
Worten. Da ward mir heiß. Ich sprang auf und trat zu ihr hin. »Was hat
es für eine Bewandtnis mit dem Ding?« fragte ich erregt. Sie sah mich
wie geistesabwesend an und flüsterte: »Ich weiß nicht.«

Kurze Zeit darnach, als sie sich wieder gefaßt hatte, erzählte sie mir
eine Geschichte; daß ihr der Oberst den Revolver zur Jagdausrüstung
geschenkt habe, daß man einst drüben nach Karten geschossen und daß sie
unvorsichtigerweise den Oberst mit einem Schuß am Arm gestreift habe.
Aber ich fühlte es deutlich in meinem Herzen: es war nur eine
Geschichte, schnell erfunden und nicht einmal gut erfunden. Wie sehr
empfand sie, daß ich die Lüge ahnte! Sie wagte nicht mehr, mir frei ins
Auge zu sehn. Das brennt mich wie Feuer.


14. März.

Ich erhielt den Besuch des Fräuleins von Erdmann. Sie schilderte mir in
tragischer Deklamation ihre bittere Lage und ich muß gestehn, daß ich
großes Mitleid mit ihr hatte. Zum Schluß fragte sie, ob ich ihr nicht
zweihundert Mark leihen könne. Ich mußte lachen, so sehr ich mir auch
Zwang anthat. Ich armer Teufel habe also doch verstanden, den Schein
einer sicheren Existenz aufrecht zu erhalten. Das erfüllt mich beinahe
mit Stolz und ich bin zufrieden mit mir. Aber ich wurde traurig über
dies zerstörte Leben, welches da vor mir saß; und so bombastisch und so
monumental die beleibte Dame auch ihre Rolle der Erniedrigten und
Elenden spielte, ich begriff doch, daß hier das Schicksal einen
wuchtigen Faustschlag geführt haben müsse, um so viel Herrischkeit,
Eigenliebe und Stolz zur Pose einer Bittstellerin herabzuzwingen. Ich
suchte zu trösten und zu ermutigen.

Alles in diesem Hause geht seinem Ruin entgegen. Die »Pension« ist nur
noch ein frommer Titel. Frau Bender ist beim Fleischer, beim Bäcker,
beim Krämer so tief verschuldet, daß sie nichts mehr kreditirt erhält.
Ich sehe nur gesenkte Köpfe und gerötete Lider. Die Pension war zum
Verkauf ausgeschrieben, aber Niemand hat sich beworben. Jetzt sollen die
Möbel veräußert werden. Die Familie will auswandern.

Die Einzige, die herumgeht, heiter und guter Dinge, ist Helene. Sie
thut, als ginge sie das alles gar nicht an. Sie lächelt, als ob sie
sagen wollte: die Mutter ist ja da, sie muß nun einmal dafür sorgen, daß
wir genug zu essen haben.


17. März.

Fräulein von Erdmann ist ausgezogen, Niemand weiß, wohin. –

Mely kam zu mir ins Zimmer und weinte. Sie redete nichts, sie gab auf
mein Fragen keine Antwort: sie weinte und ging wieder. Es legt sich wie
ein nasser Dunst um meine Augen und mir bangt vor Kommendem. – Dann am
Abend sagte sie mir, daß sie oftmals in der Nacht aufwache und weinen
müsse. Sie wisse nicht warum, aber die Thränen überwältigten sie.

»Was wirst du thun,« fragte ich sie, »wenn ich dich verlasse, wenn ich
eine Andere liebe –?« Sie zuckte die Achseln. »Nichts. Ich werde
vielleicht traurig sein, aber ich werde mich trösten.« – »Nein, nein,
das ist nicht wahr. Du wirst nicht länger leben mögen, –« – »O, wie
sehr täuschst du dich! So viel Kummer warst du doch dann nicht wert.« –
»Ja, du hast recht. Aber ich könnte niemals von dir lassen.« – »Geh,
geh.« – »Ich wollte, es wäre nicht so. Doch lieb ich dich mit allem was
ich bin und thu und denke. Du bist ein Bestandteil meines Körpers
geworden, und wenn wir uns trennten, wärs, wie wenn man mir einen Arm
amputirte.« Sie lächelte seltsam und seufzte. »Und du,« fuhr ich fort,
»du entziehst dich mir, und du zeigst nur dadurch, daß du mir nicht
vertraust. Hast du nicht einmal gesagt, du könntest mich lieben wie
Julia?« – Sie schwieg und schloß die Lider ganz. »Ich kann es nicht,«
flüsterte sie endlich beengt. – »Wenn ich dich aber nun so flehte, daß
du nicht anders könntest, wenn ich weinte, wenn ich alles davon abhängig
machen würde, – Schatz, du guter, könntest du dich dann immer noch
weigern?« – Sie sah mich traurig an und schüttelte den Kopf. – »Du
würdest nachgeben –?« – »Ja.« – »Aber dann, was dann?« fragte ich
leise, erschrocken von dem Ausdruck ihres Gesichts. – »Dann würde ich
mir das Leben nehmen.« – Ich fühlte, wie in mir etwas erstarrte. Aber
sie blickte mich furchtlos an; nur ihre Finger zerrten krampfhaft an dem
Saum meines Rocks. Und plötzlich fiel ihr Kopf auf die Lehne des
Fauteuils zurück. Sie war ohnmächtig geworden.


21. März.

In den letzten Nachmittagen treffe ich regelmäßig Doktor Wendland. Ich
unterhalte mich vortrefflich mit ihm. Er ist durchaus kein Arzt
gewöhnlichen Schlages. Er weiß viel und bringt seinem Beruf eine
bedeutende Persönlichkeit als Mitgift. Jene große Güte, die mich schon
beim ersten Eindruck so sehr bestach, vereinigt sich mit einer schönen
Freiheit des Urteils, und er prüft Herz und Nieren seiner Patienten
nicht nur im medizinischen Sinn; er will wissen, was auch in der Seele
_Derer_ vorgeht, die sich ihm und seiner Wissenschaft anvertrauen. Der
Mann wird es noch weit bringen.


(Später.)

Ich habe mich ein wenig mit Melys Schwester unterhalten. Ich war ganz
allein im Hause als sie kam; denn Benders sind spaziren gegangen ... Ich
bin nicht fähig, dieses Gespräch niederzuschreiben. Das Weib hat mein
Herz schwer gemacht. Wie ein Wandrer die Nacht nahen sieht, ohne
Hoffnung, das Ziel zu erreichen, so steh ich hülflos und verlassen auf
ungebahnten Wegen und weiß nicht aus noch ein. Die Zweifel schrecken
mich und quälen. Lange schon haben sie sich eingenistet in mir, und wenn
ich ihnen jetzt nachspüre, muß ich sehen, wie die Schatten fester
werden, lebendiger, überzeugender, bedrückender. O Mely komm! Deine
Gegenwart nur, dein schmerzlich-inniges Lächeln kann die Gespenster
vertreiben.


23. März.

Der Frühling ist da. Kühl war der Tag und die Sonne sinkt mit einem
Strahlenfeuerwerk in die Tiefen des Westens. Die glänzenden Augen der
Kinder rufen: Frühling! Die festlich glühenden Wangen der Jünglinge und
Mädchen sprechen davon. Dichtes Gedränge erfüllt die Promenaden.
Smaragdgrün leuchtet der Himmel herüber, am Horizont in ein tiefes,
schwüles Rot übergehend. Den Fluß, den ich entlang wandelte, zog eine
endlose Rauchwolke von zartem Braun wie der machtvolle Arm eines Riesen.
Leiser Wind hub zahllose, kleine Wellen aus dem Wasser empor.

Ich bin krank. Fieber auf Fieber läuft in hastigen, kurzen Stößen durch
meinen Körper. Brutal und herausfordernd starrten mir die Leute ins
Gesicht. Und mir war, als seien sie alle frei, als sei die Seele aller
voll Frühlingsglück und Festlichkeit, nur ich allein trug eine schwere
Last auf dem Rücken, nur ich allein mußte leiden.

O, was ist vorgegangen mit mir!


(Nachts.)

Ein Mann wie Doktor Wendland lügt nicht. Das ist unmöglich. Weshalb
sollte er auch. Er konnte ja gar nicht vermuten, daß dies »Fräulein
Mirbeth« die Inkarnation meiner Lebensfreude bildete. Er wußte ja gar
nicht, daß ich sie überhaupt kenne ...

Habe ich recht gehört? Oder habe ich nur vernommen was ich zu hören
wünschte und zu hören fürchtete? Habe ich eine ahnungslos hingeworfene
Bemerkung gewaltsam mißverstanden? ein harmloses Gespräch böswillig nach
einem gewollten Punkt geleitet? Nein und abernein. Das alles kam von
selbst. Es ist das Schicksal, das mich packt und mir einen Stoß
versetzt, daß ich zum Abgrund taumelnd, allen Halt verliere. Und daß
dieses Schicksal die freundlichen und mitleidenden Züge des Doktor
Wendland annahm, – welche Ironie! –

Das war keine von den dunklen Andeutungen. Er ist ihr Arzt und muß es
wissen. Er hat mich auch zweifellos verstanden. Nachdem er es gesagt,
ergriff er meine Hände und schaute mich stumm an. Sein Blick ging mir
durch und durch.


24. März.

Habe ich denn um Gottes willen recht gehört? Ist es möglich? ist es
möglich? Bin ich belogen worden, hintergangen worden? Wo ist mein Schlaf
hin, wo ist meine Ruhe? Was kümmert mich der Frühling, was schert mich
die Sonne, die Blumen, die lachenden Kinder –! Dunkelheit liegt in
meinem Herzen schwer und dicht. Melusine! – Sie hat diese an Güte so
unerschöpflichen Augen, und sie hat mich betrogen. Sie hat diese Augen,
strahlend in rührender Kindlichkeit, und sie lügt. Aber nein, ich habe
mich getäuscht, ich habe den Doktor nicht verstanden. Ich will ihn
wieder fragen. Ich will ihn beschwören um die Wahrheit. Wenn er seine
Seele rein von Flecken halten will, möge er mir die Wahrheit sagen.

       *       *       *       *       *

Thor! – Noch immer zweifelst du. Und zweifelst an der Gewißheit, nach
der du vordem in zitternder Ungeduld haschtest. Warum weine ich nicht?
Warum vergrabe ich den Kopf nicht in die Kissen und suche den Schlaf,
den ewigen? Was will ich noch? Will ich die Bestätigung aus ihrem eignen
Munde hören? Ich müßte mich schämen, so lange vertraut zu haben. Will
ich mich rächen und zur Schußwaffe greifen, wie ich einst so pathetisch
versprochen? Ist es möglich, daß die Sonne scheint, daß der Himmel so
blau ist und daß es noch Dinge in der Welt gibt, worüber fröhliche
Menschen sich freuen? Aber woher kommt es, daß ich schreiben kann, daß
ich wohlgefügte Worte aufs Papier zu bringen noch fähig bin?


26. März.

Wäre sie doch da. Ich könnte mit ihr reden. Aber sie ist auf der Jagd
mit dem Oberst, schon seit acht Tagen. Und ich verbrenne hier in meinem
Kummer. Sie schreibt mir:

»Ich weiß nicht, wie ich Dich anreden soll. Vidl ist so abscheulich, so
dumm. Ich glaube Du sagtest einmal, es kommt von Vitus. Aber das ist
viel schöner. Dein Wunsch, daß ich von Dir träume, ist in Erfüllung
gegangen. Du warst in meinem Zimmer, ich wollte zu Dir, konnte aber
nicht gehen, und Du gingst ganz langsam einen Schritt um den andern
zurück; es war furchtbar, bis ich mit schrecklichem Herzklopfen
aufgewacht bin. Es ist sehr einsam und ich habe recht Sehnsucht nach
Dir. Ich kann keine Ruhe finden. Ich wünsche mir nichts, als die Zeit
möchte doch bald kömmen, wo wir glücklich und zufrieden beisammen sein
können. Ich weiß, es ist ein Unsinn, und doch, ich denke so gerne dran.
Wenn Du nur hier sein könntest, ich fürchte mich hier so, die Ruhe ist
unheimlich. Ich glaube, das betrübt mich so. Oder es ist die Luft zu
weich für meine Nerven.«

Ich kann es nicht glauben. Mein Verdacht, der schon die Form der
Gewißheit angenommen hatte, versinkt in Nichts. Ich bin ein lächerlicher
Spürhund, weiter nichts. Ich werde aber doch mit Doktor Wendland noch
einmal reden. Ich werde ihn bitten, – als Freund – – Der Arzt kann
sich täuschen.


1. April.

Sektionen von Kauflustigen kommen um Frau Benders Meublement zu
besichtigen. Es wird unwohnlich in diesem Haus. Am 15. April will die
Familie schon reisen. Ich begreife nicht, wo die Mittel herkommen
sollen.

Die Trauer weicht nicht von mir. Mir ist, wie einem, der ein Urteil
erwartet, und ich verharre in Unthätigkeit.


2. April.

Mein Oheim ist in einer hiesigen Privatklinik gestorben und hat mich zum
Universalerben eingesetzt. Ich bin reich. Dieser Mann, der sich im Leben
nie um mich bekümmert, leert nun all sein Besitztum in meine Taschen, –
seltsam. Ich bin erstaunt, wie mich die Änderung meiner Verhältnisse,
die glückliche Wendung meines Geschicks verhältnismäßig so kühl läßt.
Ich habe den Willen, mich himmelhoch zu freuen, aber das gelingt mir
nicht. Nun wird es viel Arbeit geben und viel Ceremonieen.



XV.


Vidl Falk hatte sich eine sehr elegante, bereits möblirte Wohnung in der
Findlingstraße gemietet. In der vorletzten Nacht, die er noch in der
Pension Bender zubrachte, hatte er einen Traum, über welchem er drei Mal
erwachte, und der ihn hartnäckig stets wieder in den Schlaf verfolgte.
Er träumte, daß er, reich wie er nun war, Mely geheiratet hätte. Und
dann bestand der Traum in nichts weiter, als in dem Erblicken ihrer
Gestalt. Sie hatte die Augen in stummer Klage auf ihn geheftet, darüber,
daß er sie zu Boden geschlagen. Am Tage mußte er lange über den Traum
nachdenken. Besonders verwunderte ihn der Umstand, daß er in der ganzen
Zeit der Liebe noch nie mit einer Silbe an eine Heirat gedacht hatte.
Und jetzt, da es möglich gewesen wäre, wurde er von einer beklemmenden
Bangnis ergriffen, wenn er nur an ein Wiedersehen mit ihr dachte.

Frau Bender und Helene nahmen an der glücklichen Veränderung seines
Schicksals frohen Anteil. Was Helene anlangt, so betrachtete sie ihn
jetzt mit ganz andren Augen. Obwohl noch immer spöttisch, ging eine
gewisse Ehrfurcht durch ihr Benehmen, als ob sie die hohe Kunst, durch
Erbschaft zu Geld zu gelangen, vollkommen anzuerkennen vermöchte. Frau
Bender hoffte, daß der beneidenswerte Emporkömmling ihre schwere Not
etwas lindern würde, und sie täuschte sich darin nicht. Nur konnte sie
ihr Erstaunen darüber gar nicht beherrschen, daß an Falk selbst so wenig
von dem Glück zu bemerken war, das ihm zugestoßen. Die Farbe seines
Gesichts war bleich, und um seinen Mund lag stets ein bittrer und
verbitterter Zug.

In der Nacht vor seinem Umzug, als schon alles schlief, schlich er in
Strümpfen nach Melys Zimmer. Lange stand er in der Finsternis vor dem
unberührten Bett und in Gedanken küßte er sie und sandte seinen Kuß in
die Ferne. Er zweifelte daran, daß sie ihn hintergangen haben könne, so
wie er vordem an ihrer Offenheit gezweifelt hatte. Warum stehe ich
eigentlich hier im finstern Zimmer? dachte er. Wie sehr muß die Liebe in
meinem Innern brennen, wenn sie mich zu so unvernünftigen Schritten
treibt. Aber er konnte sich nicht losreißen von diesem Raum, der einst
all sein Glück beherbergt hatte.

Er zündete eine Kerze an und setzte sich an den Tisch. Hier sah er die
Gegenstände, die sie im Gebrauch hatte. Ihre Photographie lag da, aber
er stellte sie so gegen einen Aufsatz, daß er nur die bedruckte
Rückseite sehen konnte. Er legte die schmerzende Stirn auf die
Tischplatte und sah lange regungslos auf den Boden, wo die zitternden
Schatten der Möbel hin und her huschten. Dann öffnete er den mit Leder
überzognen Handschuhkasten und fuhr träumerisch mit den Fingerspitzen
über die blaue Atlasfütterung. Obenauf lag ein Paar ganz neuer
beigefarbner Glacés. Dann kamen ältere, zerrissne Handschuhe, zwischen
denen ein zerknittertes Stück Papier lag. Er nahm es heraus und strich
es gleichgültig glatt. Er wollte es schon wieder beiseite legen, in der
Meinung, es sei eine Handschuh-Rechnung, als er die ihm bekannte Schrift
des Oberst gewahrte. Es war das Fragment eines Briefes und er las:

»... Ich bin ja so verliebt in Dich, daß ich Dir keinen Blick eines
andern Mannes vergönne. Vergiß nicht, daß ich mit Dir machen kann, was
ich will. Wenn Du Dich widersetzlich zeigst, wenn Du mich in Zorn
bringst, laß ich Dich einfach in ein Irrenhaus stecken. Du hast nur an
mich zu denken, nur an mich zu glauben. Ich bemerke eine so große
Zerstreutheit, einen finstern Unwillen an Dir. Was hilft mir Deine
Liebe, wenn nicht Dein Herz dabei ist. Sei gnädig, Mely. Nicht nur
körperlich, sondern auch seelisch sollst Du mein Eigentum sein.«

Mit den Zähnen zerfetzte Falk dies Papier. Dann stieß er einen Schrei
aus, der dem eines Gefolterten glich. Plötzlich blutete er an der Lippe,
ohne daß er wußte, wie das gekommen war. Er stand auf und ging ans
Fenster. Auf seinem Gesicht war kein Ausdruck des Schmerzes zu sehen. Er
löschte das Licht und ging. In seinem Zimmer hob er die Hände, wie
Einer, der einen Stockhieb abwenden will. »Mein Herz ist ganz kalt,«
sagte er einmal laut und fügte nach langer Pause hinzu: »Alles, was ich
sage, ist Unsinn, alles was ich denke.«

Er fürchtete sich, Licht anzuzünden. Aber bald schritt er ächzend umher;
denn die Wände schienen auf ihn einzustürzen. »Es ist eine Flut,«
flüsterte er, »eine Flut von Elend.«

Er nahm Mantel und Hut und ging fort, – mitten in der Nacht. Er begriff
nichts von dem, was er that, er wußte nicht, wohin er gehen wollte. Die
Nacht war kühl und hell. Das Licht des verschleierten Mondes lag
überall, und zerrissene Wolkenballen sahen aus den Regenpfützen. In
langen Pausen fuhren Windstöße einher.

Eben schlug es zwei Uhr. Falk ging ganz langsam, denn sein heftig
schmerzender Kopf erlaubte ihm keine rasche Bewegung.

An der Anlage der neuen Pinakothek saßen zwei Betrunkene. Der eine war
jung und hatte ein kleines, rundes Hütchen auf dem Kopf, der andere war
alt, mit weißen Bartstoppeln. Der Junge hielt einen dicken
Bambusrohrstock krampfhaft in der Achselhöhe fest, der Alte betrachtete
fortwährend das Innere einer Tabaksdose. Sie waren so maßlos betrunken,
daß sie nicht mehr sprechen konnten. Der Junge sagte zum Alten nur:
»Gäck, gäk, gehrump.« Der Alte aber sprach zum Jungen: »Gock, goch ...«
Sie schienen sich aber durch dies bedeutsame Zwiegespräch doch geeinigt
zu haben, denn Beide erhoben sich mühsam vom Boden und wankten der
nächsten Wirtschaft zu. Falk folgte ihnen und beobachtete mit Interesse,
wie sie trotz des ausschweifenden Zickzacks ihrer Bahn dem Ziel doch
immer näher kamen. Dann stand er vor dem Gasthaus und sah zu, wie der
Alte dem Jungen unter großen Mühsalen dazu verhalf, die vier Steinstufen
zu ersteigen. Aber das war erfolglos, denn als er oben war, taumelte er
wieder zurück. Nun half der Junge dem Alten, aber es ging nicht besser.

Dies dauerte eine Viertelstunde, bis es den Beiden endlich durch Zufall
geglückt war, die Thürklinke zu erhaschen und niederzudrücken. Falk
überlegte, ob er ihnen noch weiter folgen sollte. Er hatte das Bedürfnis
zu trinken und das nicht etwa an einem Marmortisch und vor blanken,
goldgerahmten Wandspiegeln, sondern in diese ganz elende Spelunke zog es
ihn hinein. Plötzlich aber kamen die zwei Durstigen mit einer Raschheit,
die ihn verblüffte, wieder zum Vorschein und im Handumdrehen hockten
sie in der Gosse. Jetzt bemerkte Falk, daß der Jüngere eine Samthose
hatte, die er ohne Bedauern dem Kot der Gasse preisgab. Krampfhaft hielt
er noch seinen Bambusstock fest, während das Hütchen mit der Hahnenfeder
lustig gegen die Barerstraße rollte, wobei die Feder eine Art Windfang
bildete.

Falk ging weiter. Er lächelte. Aber dies erschien ihm so sonderbar, daß
er die Hand an die Stirn legte und grübelnd stehen blieb.

Wohin will ich? dachte er, und er entschloß sich, am Haus des Oberst
Thewalt vorbeizugehen. Unterwegs mußte er wieder an die zwei Betrunkenen
denken, die man herausgeworfen hatte, und er lachte laut.

In der Wohnung des Obersts gewahrte er zu seinem Erstaunen Licht. Vier
Fenster waren beleuchtet. Offenbar war man heute Abend zurückgekehrt und
die Jagdgesellschaft wurde bewirtet. Er stellte sich unter eine Laterne,
so daß es um ihn hell war, er selbst jedoch im Schatten des Pfahls
stand.

Er sah hinauf. Silhouetten glitten hin und her. Bald nickten sie mit den
Köpfen, bald erhoben sie die Hände. Zwei schienen sich zu umarmen und
dann wieder voneinanderzugehen. Zwei schienen sich zu streiten und der
Eine zählte etwas an den Fingern ab.

Er wußte nicht, wie lange er gestanden, als die Hausthüre geöffnet
wurde und Mely in Begleitung von drei Herren heraustrat.

»Gnädiges Fräulein erleichtern uns den Heimweg, indem Sie uns das
Vergnügen verschaffen, Sie zur Ruhe zu geleiten,« sagte der eine Herr,
der die Stimme eines dicken Kommerzienrats hatte.

»Gnädiges Fräulein, ich kann Sie versichern, – haben heute entzückend
Wirtin gespielt,« sagte ein Zweiter.

»Aber meine Herren, es ist doch viel zu spät für so süße Komplimente,«
hörte Falk das junge Mädchen lustig erwidern.

Im Geiste sah er sie lächeln: gütig, verführerisch, schwermütig, und er
dachte: Diese Lippen habe ich geküßt! – Seltsam.

Mit geschlossenen Augen schlenderte er weiter. Es kam, daß ihn der Klang
seiner eignen Schritte schmerzte.



XVI.


Melys Herz pochte vor Freude, als sie die finstern Treppen zur
Benderschen Pension erstieg. Sie dachte nur an Falk, und zum ersten Mal
ward sie sich des ganzen Umfangs ihrer Liebe bewußt. Aber schon im
Korridor überfiel sie eine heimliche Angst, und sie konnte sich von
zudringlichen Ahnungen nicht befreien. Rasch entkleidete sie sich in
ihrem Zimmer und schlüpfte in den grauen Schlafrock. Sie sah auf die
Uhr: es war halb vier. Aber sie hatte noch kein Bedürfnis zu schlafen.
Sie dachte daran, daß er jetzt reich sei, und diese Vorstellung erfüllte
sie mehr und mehr mit einem quälenden Schmerz. Weshalb waren seine
letzten Briefe so ironisch, grübelte sie; der rätselhafte Ton, den er
darin angeschlagen, hat mich völlig unglücklich gemacht.

Sie saß auf dem Bettrand, die Arme rückwärts gestemmt, und ihre Augen
erweiterten sich. Ihre Freude verging und ein bitteres, nagendes Gefühl
nahm statt dessen in ihrem Herzen Platz. Die schwarze Wolke, die über
ihrem Leben hing, war jetzt nahe gekommen, und alles rings herum war
finster geworden. Sie begriff nicht, wohin sie gegangen; sie begriff
nicht, daß Gott ihr all das Glück der Liebe und der Sehnsucht hatte
schenken mögen. Und sie dachte: Gott ist barmherzig; er ist wie ein
Vater und hat mir in seiner Güte noch das Herz beseligen wollen. Und
Dankbarkeit gegen Gott erfüllte sie. Hier an diesem Fleck hatte sie
gesessen vor Monaten – wie lang und inhaltvoll waren diese Monate
gewesen! – und sie hatte an den Geliebten gedacht und von ihm geträumt
und hatte seine Worte nachgeflüstert: »Haben Sie große Schmerzen? ich
kann sie lindern« ... Es war vorbei.

Jetzt sah sie ein zerfetztes Blatt Papier am Boden liegen. Noch ehe sie
es aufhob, wußte sie alles, was sich zugetragen hatte, und als sie den
Zettel angesehen, wurde sie von so unerträglichem Gram ergriffen, daß
sie laut aufschluchzend auf das Bett fiel.

Der Morgen kam und fand sie noch wach. Sie sperrte sich ein bis zum
Mittag, dann wurde ihr das Alleinsein entsetzlich. Sie erschien im
Wohnzimmer zum Erstaunen von Frau Bender und Helene, die um ihre Ankunft
noch nicht wußten. Auch Doktor Brosam war da und das Gespräch lenkte
sich bald auf Vidl Falk und den überraschenden Wechsel seines Geschicks.
Mely war nicht fähig zu reden, aber sie fühlte wohl die Tendenz dieser
Konversation. Sie beobachtete auch, daß Helene und der Doktor von der
Erklärung gegenseitiger Liebe nicht mehr weit entfernt waren, und dies
machte sie neidisch und verbittert. Jetzt war sie verurteilt, fremdes
Glück zu sehen; und wenn sie in das heitere, belebte, strahlende Gesicht
Helenes schaute, ward ihre Brust voll von einem niederdrückenden
Schmerz.

Der Doktor erzählte, daß Fräulein von Erdmann gänzlich heruntergekommen
sei. »Sie treibt jetzt feinere Bettelei,« sagte er. »Auch bei mir war
sie und besang meine Genieaugen. Um sie los zu werden, gab ich ihr ein
Goldstück.«

Er hat sich noch nicht abgewöhnt zu prahlen, dachte Mely und sah ihn
voll Haß an.

Nachmittags kam ein Brief für sie. Es war ein wirres Schriftstück ohne
Unterschrift und lautete:

    »Du hast mich betrogen. Also doch. Man hätte mir sagen dürfen,
    der Himmel stürzt ein, man hätte mir weiß machen können, die
    Sonne ist ein Aschenhaufen – ich hätte es eher geglaubt. O, was
    für ein Vieh bin ich. Ich bin ganz krank, daß ich so blind in
    den Tag hinein voll Vertrauen war. Wer hält das für möglich? Du
    bist Schuld, wenn ich zu Grund gehe. Ich sehe nichts mehr, ich
    höre nichts mehr. Meinetwegen geht die Welt unter. Je eher, je
    lieber. Wer hätte das geglaubt. Ich meine, ich muß verrückt
    werden.«

    Findlingstraße 3b, II.

Am Abend ging sie hin. Sie wurde mehr von einer innern, unerbittlichen
Macht getrieben, als daß sie freiwillig diesen Schritt that. Was um sie
her auf den Straßen vorging, gewahrte sie nicht. Sie hatte nur Augen um
das Unglück zu sehen, von dem sie heimgesucht wurde und das ihr immer
größer und größer erschien.

Er öffnete auf ihr Läuten selbst die Korridorthüre. »Ach, ich habe
gewußt, daß du kommst,« murmelte er erbleichend und gab ihr die Hand.

Er führte sie in einen mit dumpfer, schwüler Pracht ausgestatteten
Salon. In einer Art von altdeutschem Kamin flackerte das Feuer und der
Duft von Tannenharz herrschte. Es brannte noch kein Licht: die
züngelnden Flammen allein warfen gespenstige, ruhlose purpurne
Lichtflecke in den Raum.

Mely setzte sich ermattet auf das untere Ende einer großen Ottomane.
Falk trat zu ihr und zog die beiden langen Nadeln aus ihrem Hut, löste
den Knoten des Schleiers, knüpfte das Jacquet auf und legte dann alles
beiseite. Sie saß da, die gefalteten Hände in den Schoß gelegt und ließ
ihn lautlos gewähren. Furchtsam, mit heißer Liebe und heißer Sehnsucht,
sah sie zu ihm auf, bereit, ihm alles hinzugeben, was sie besaß. Aber
ihre Gedanken waren nicht mehr traurig und beklommen. Sie dachte: Hier
ist es schön wie in einem Schloß. So habe ich mir das Schwarzwaldschloß
geträumt ... Aber plötzlich übermannte sie wieder die Bitterkeit in
ihrer Brust. Ihr war, wie wenn eine starke Faust das Herz
zusammenpreßte. Sie beugte sich nieder und legte den Kopf auf die
verschränkten Arme.

»Ist es denn wirklich wahr?« hörte sie jetzt seine Stimme und es fiel
ihr auf, daß er so leise sprach und daß seine Stimme gütig klang.

Als sie nicht antwortete, ging er zu ihr und setzte sich neben sie. Er
strich mit der Hand über ihr Haar und fragte noch ein Mal. Ein
Schluchzen, das ihren Körper zusammenkrümmte, entrang sich ihr. Sie
mußte die Kniee an den Leib ziehen, ihre Schultern preßten sich zusammen
und dumpfe, ächzende, von dem weichen Stoff der Ottomane gedämpfte Laute
wurden hörbar.

»So ist es also wahr? Mely? – Mely?«

»Nein, nein,« flüsterte sie, und das klang wie aus weiter Ferne.

Er lächelte wie im Traum, verließ den Platz an ihrer Seite und kauerte
sich in eine Chaiselongue vor dem Kamin. Er starrte ins Feuer, bis ihm
die Augen übergingen. Dann vergrub er den Kopf in die Hände und langsam
fiel eine Thräne nach der andern auf den Teppich.

So verging die Zeit.

Dann nahte sich ihm Mely und kniete bei ihm nieder. Sie schlang die Arme
um seinen Hals und suchte mit den Lippen seinen Mund. Aber er schob sie
weg. Und nur wenige Schritte vor ihm blieb sie dann auf den Knieen
liegen. Das Feuer war schon zur Glut geworden. Falk sah in den Kohlen
die gestaltgewordenen Träume seiner Vergangenheit. Wiederum stand das
lockende Schloß im Schwarzwald da mit seinen Parktannen. Festungsartige
Zinken thronten an seinem First und darauf stand ein Wächter und blies
das Horn. Dieser Wächter hatte die Gabe, zu weissagen und in die Zukunft
zu sehen, ja er sah in ferne Jahrhunderte hinein und erblickte den Fall
der Nationen und die Geburt eines neuen Heilands. Er sah die Sterne
rollen in ihrer Bahn und die Kometen zu den Tiefen der Unermeßlichkeit
ziehen und er lachte über die Kleinheit der menschlichen Schmerzen. Er
griff an den Himmel und steckte sich den Sirius als Orden an die Brust
und mit den Plejaden spielte er, wie ein Akrobat mit seinen Bällen.

Felsmassen lagen in der Glut und Gemsen sprangen darüber hinweg. Dann
erschien plötzlich ein Berggeist in einer Mönchskutte und kündigte den
Untergang dieser glühenden Kohlenwelt an.

Es war tiefe, stille Nacht, als Falk den regungslos knieenden Körper des
jungen Mädchens vom Boden erhob. Ihre Hände waren eiskalt. »Wie hab ich
dich geliebt,« flüsterte er und streichelte ihre Wangen.

Ihr Haupt fiel auf seine Schulter. Und sie umarmten sich immer fester
und dann fanden sich die Lippen zum Kuß. Ein seltsamer Frieden zog in
Melys Herz und wie mit einem undurchsichtigen Schleier war all das
Vergangene verhängt. Er zog sie zur Ottomane und drückte sie darauf
nieder. Dann legte er sich neben sie und schloß sie weinend in die Arme.

In dieser Nacht empfing er von ihr den letzten Zoll der Liebe. Der junge
Tag beschien mit seinem blassen Licht die beiden Schläfer, die bisweilen
im Schlafe seufzten, wie Kinder, wenn sie lange geweint haben.

Als Mely am Vormittag ging, reichte sie ihm stumm die Hand. Sie sah zu
Boden und lächelte verstört. Dies verstörte Lächeln war ihm wohl bekannt
aus vergangenen Tagen. »Auf Wiedersehen,« sagte sie.



Schluß.


Aber es gab kein Wiedersehen für sie, das wußten sie Beide. –

In anderthalb Jahren hatte Falk sein Vermögen von zweimalhunderttausend
Mark verpraßt. Dann heiratete er die Tochter eines jüdischen Bankiers
und gründete sich eine Landpraxis im Osten Bayerns.

Niemals hörte er wieder von Melusine Mirbeth. Und niemals erzählte er
von ihr. Langsam erlosch mit den Jahren die Liebe. Und sie wohnte noch
in seinem Herzen, als er selten mehr ihrer gedachte. So frißt sich die
Flamme noch im Innern eines abgebrannten Gebäudes fort, wenn die Mauern
auch schon längst erkaltet sind.

Ob Mely ihrem Leben ein Ende gemacht, ob sie in den wechselvollen
Stürmen des Lebens ein heimisches, schützendes Dach gefunden, er wußte
es nicht. Aber er suchte es auch nicht zu erfahren. Er glich darin dem
Mann, der mit einer langsam heilenden Wunde umhergeht und jede Berührung
fürchtet.

Aber ist die Liebe eine Wunde? Oder was ist sie sonst? Wer kann es
wissen. Wer kann ermessen, wie tief sie ist, wer kann begreifen, wie sie
entsteht? Hier hat Gott eine große Mauer aufgerichtet.

Mancher glaubt, er hätte sich ein stilles Glück am Herd gesichert. Aber
der rauhe Wind bläst durch den Schlot und fort ist es.



Juli – Oktober 1895.



Druck von Hesse & Becker in Leipzig



Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1896 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende
Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext
vorgenommenen Korrekturen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#


Transcriber’s Notes: This ebook has been transcribed from the first
print edition, published in 1896. The table below lists all corrections
applied to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font#


S. 10: und hing hastig hinaus. -> ging
S. 14: [added comma] hat er es verlangt,« flüsterte sie.
S. 23: Schriftzügen Helenes beschrieben waren -> war
S. 35: Sie brauchen keine Augst zu haben -> Angst
S. 39: [normalized] endlich ein bißchen verlassen -> bischen
S. 42: ihre brauneu Portieren -> braunen
S. 44: [added opening quotes] »O –!« machte Falk.
S. 46: [normalized] indem sie die Elbogen auf die Kniee stützte -> Ellbogen
S. 47: Und sie haben keine Eltern mehr? -> Sie
S. 47: [added missing quotes] »Meine Eltern ließen mich
S. 55: veraten könnte -> verraten
S. 57: [added period] versteht er nicht viel.
S. 72: [normalized] Den Elbogen hatte sie -> Ellbogen
S. 73: fiüsterte das junge Mädchen -> flüsterte
S. 74: [normalized] daß ihm der bloße Gedanke fantastisch -> phantastisch
S. 79: stets am Äquätor -> Äquator
S. 81: daß er sich noch darin erinnerte -> daran
S. 83: [normalized] diese Phantasie-Landschaft -> Phantasielandschaft
S. 94: [added quotes] »Ich glaube, das kann man nie
S. 95: Seitenzimmerchen des »Macro Polo« -> Marco
S. 96: [normalized] um die Ecke der Maffeïstraße -> Maffeistraße
S. 103: Nach dem Mitagessen -> Mittagessen
S. 103: die Rubenssche Amanzonenschlacht -> Amazonenschlacht
S. 105: Es enstand ein langes Schweigen -> entstand
S. 110: »Da haben Sie recht?« erwiderte er -> recht,« erwiderte
S. 112: [added missing quotes] das dürfen Sie mir glauben.«
S. 117: ein Leuchten aufrichtigter Freude -> aufrichtiger
S. 117: diese feindseilige Stimmung -> feindselige
S. 121: die an der Straßen liegen -> Straße
S. 140: [removed extra quotes] mit unterdrücktem Händeringen.«
S. 141: O warum bin ich mit gegangen -> mitgegangen
S. 142: Ein Totenblässe überzog ihr Gesicht -> Eine
S. 157: [added missing quotes] als _er_ mir erlaubt.«
S. 157: [added comma] stammelte sie, ihr erglühendes Gesicht
S. 162: [normalized] den einen Elbogen auf das Knie gestützt -> Ellbogen
S. 173: Ich liebe nur einen Mann, denn ich -> den
S. 179: [added missing quotes] dieses Geschwätz!« rief Mely
S. 186: Sie haben mir durch Helene wissen lassen -> mich
S. 192: [added comma] als er sich zum Fenster hinausbeugte, saßen sie
S. 196: Meine Kraft ist anfgelöst -> aufgelöst
S. 201: [added missing quotes] für eine Bewandtnis mit dem Ding?«
S. 204: Ich war ganz alleim im Hause -> allein
S. 212: [added comma] eine so große Zerstreutheit, einen finstern
S. 219: Sie beobachtete auch, daß Helene





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Melusine - Ein Liebesroman" ***

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