Home
  By Author [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Title [ A  B  C  D  E  F  G  H  I  J  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z |  Other Symbols ]
  By Language
all Classics books content using ISYS

Download this book: [ ASCII | HTML | PDF ]

Look for this book on Amazon


We have new books nearly every day.
If you would like a news letter once a week or once a month
fill out this form and we will give you a summary of the books for that week or month by email.

Title: Der schwarze Baal - Novellen
Author: Zech, Paul
Language: German
As this book started as an ASCII text book there are no pictures available.
Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der schwarze Baal - Novellen" ***

This book is indexed by ISYS Web Indexing system to allow the reader find any word or number within the document.



Paul Zech

Der schwarze Baal

Novellen



Verlag der Weißen Bücher / Leipzig

1917



Copyright Verlag der Weißen Bücher, Leipzig, 1917



Inhalt

Die Birke
Der schwarze Baal
Das Pferdejuppchen
Die Gruft von Valero
Das Vorgesicht
Nervil Munta
Der Anarchist



Die Birke


(1910)

Eine halbe Stunde weit von der großen Stadt, deren Türme, Gasometer und
Riesenschornsteine aus dem gelbgrauen Nebel wie Köpfe langsam Ertrinkender
sich emporquälen, liegt die Gewerkschaft »Frisch auf«.

Mitten im Grün flacher Weideflächen und bis zum Rand der pastellhaften
Kurve brauner Äcker. Aufrecht und starr wie eine starkbefestigte Insel.

Sie bleckt wie alle diese klobigen Tempel Vulkans bissig unnahbar aus den
Umzäunungen.

Braune, mächtige Eichenbohlen stehn riesenhaft verkettet. An den vier Enden
erheben sich schmiedeeiserne Tore mit spitzen Zacken auf den Häuptern;
martialische Landsknechte.

Aus der Umzäunung ragen drohend die Fördergerüste empor: Phantastische
Wurfmaschinen mit großen, flinkkreisenden Rädern; darüber Seile gleiten,
welche die Geschosse auf- und niederheben. Die ringförmige Straße ist wie
ein Graben vertieft. Schienenstränge gleißen darin wie dünne halbversiegte
Wasserrillen. Die Lastwagen schaukeln wie Boote vorüber; alte
vorsintflutliche Kasten.

Jenseits der Straße ragen die Halden.

Das sind die Forts. Regelrechte Gebirge mit ausgewaschenen Höhlen,
verwitterten Kanten und schroffen Kämmen. Sie sind keine dreißig Meter
hoch. Aber mit finsteren Mienen bewachen sie die Gewerkschaft wie riesige
Fleischerhunde, weißer Geifer quillt aus den aufgesperrten Rachen. Dann und
wann verschlingen sie ein paar Kinder, die, klein wie Vögel mit spitzen
Schnäbeln, auf ihren Häuptern herumstelzen und aus dem struppigen Gesträhn
kleine Kohlenstückchen in Säcke sammeln.

Unten, nach der Kolonie zu, wo die Häuser wie blanke Zahnreihen blitzen,
hat man einen neuen Berg aufgeschichtet.

Unbarmherzig über saftige Grasflächen und Strauchwerk rollte das schwarze
Verhängnis und fraß alles stückweise weg mit qualmender, zischender
Begierde.

Nur eine Birke war stehen geblieben. Obwohl ihr das schwarze Gift in
Mannshöhe schon den weißen Leib umklammert hatte.

Es war kein dürrer Ast an ihr. Sie war zart und hob das kraus gekämmte Haar
trotzig in den Wind empor. Mit Abscheu sah sie auf die magern Gartenklexe
der Kolonie, die gar nicht anrennen wollten gegen die weit umsichgreifende
Umklammerung des Gebirges. Sie schaute gelangweilt auf die schmutzigen
Höfe, wo frischgesäuberte Leibwäsche sich auf den Leinen spreizte, um das
Weiß ihres jungfräulichen Gewandes nachzuahmen, und sie zuckte nur auf, als
ein verirrter Vogel Schutz in ihrem grünen Blätterschoß suchte. Schutz vor
den gelben Ausdünstungen der Kokereien und dem Gestöber der Rauchwolken,
die unaufhörlich den Feuerschlünden entquollen.

Sie sträubte das Gefieder wie eine Gluckhenne und nickte beseligt ein, als
der aller Gefahr entronnene Sänger, den draußen niemand mehr anhören
wollte, sein Lied zu Ende flötete. Das war ein Lied von der andern Welt, wo
ein kristallner Himmel sich zur Kuppel wölbte, weiße, gleißende Sonne die
Felder segnete und phantastische Schatten weglang hin- und herwärts jagten.

Die Seele der Birke weitete sich. Kindheitserinnerungen zogen vorüber; ewig
blauer Himmel und immergrüne Wiesen mit zottigen Schafen und silbernen
Bächen.

Und der Vogel sang stärker. Immer leidenschaftlicher rollten die Töne,
überschlugen sich. Und endeten schließlich in einer weichen Wiegenmusik.

Die Birke schloß die Augen. Ihre smaragdnen Behänge kuschelten sich
zusammen, und die Dämmerung breitete die schweren Schlafdecken darüber.

Ein böser Traum erschütterte das Herz der Birke.

Wie mit wachen Augen sah sie das Kommen wildfremder Dinge und konnte sich
nicht wehren. Der Alp lastete mit Zentnergewichten und schlug alle
Anstrengungen des Wachwerdenwollens in Fesseln. Droben auf der Halde aber
rauschten die Flammenkessel. Signalposaunen bliesen. Transmissionen
kreischten und wildbärtige Sturmkolonnen rüsteten sich zum Angriff auf die
arme, frierende Birke. Dampfmaschinen fuhren auf wie Kanonen. Männer mit
furchtbar entstellten Gesichtern hoben lodernde Blöcke auf kleine
Kippwagen. Dumpf rollte der Niedersturz. Und dann dröhnten die Lavablöcke
mit höllischem Gepolter den Abhang hinunter. Weiße Dunstwolken mit
orangenen Helmen jauchzten hinterdrein. Donnernd schlug die ehern glühende
Masse unten auf. Ein Funkenregen spritzte bis in die Kolonie. Die Birke
stand in einem blutroten Nebel. Sie erbebte bis in die feinsten
Faserwurzeln. Und konnte sich doch nicht rühren. Immer neue Geschosse
flogen hinab. Die Splitter schwirrten wie ein Gewitterregen. Sturzbäche
schwollen zu Tal.

Die Birke stand bis zu den Armen in der brodelnden Flut. Immer
unermeßlicher rauschte das Funkenmeer. Der rote Nebel blähte sich wie eine
Retorte. Minutenlang war die Birke darin verschwunden.

Und als sich die letzten Schwaden verzogen hatten, die straffen Gurten der
Funken gelockert, wehte nur das zerzauste Haar des Baumes herauf. Stamm und
Arme krümmten sich unten in dem qualmenden Schlackenmorast und starben
brüchig ab.

Lange nachdem der Feind vor den Pfeilen der Morgenschauer geflüchtet war,
erwachte die Birke mit fieberndem Kopf. Ihr Herz ging in langsamen
Schlägen, und in den Schläfen hämmerte der Brand.

Erst gegen den Nachmittag zu, als die Sonne ihr das Haar wieder geglättet
hatte, und ein frischer Wind, der vom Fluß heraufkam, kühlen Tau
mitbrachte, begann das böse Fieber zu weichen.

Die Birke sah mit kranken Augen in die Kolonie hinunter. Da polterten die
schwarzen Wagen über das Pflaster, als wäre nichts geschehen.
Halberwachsene Mädchen spazierten langsam mit den Kindern: zottelige,
ungewaschene Brüder und Schwestern in allen Altersstufen. Der Obersteiger
trug seine Würde behäbig in die Fliederlaube, wo der Kaffeetisch gedeckt
stand, umbrämt von einem schäbig blauen Rideaux. Die Frau Kuscinsky stritt
sich mit der Frau des Maschinisten Klöwer um einen neuen Hut, den sie beide
nicht besaßen. Hinter dem Kaninchenstall lag der Invalide Wladislaw und war
wieder einmal selig besoffen. Die magern Schweine grunsten. Hühner warfen
den Staub auf den Höfen wirr durcheinander. Spatzen hüpften umher. Dünne
Glocken schnarrten die langweiligen Viertelstunden mit Bravour herunter.

Die Birke versuchte zu lächeln über so viel Lebensbunterlei, das nutzlos in
den Tag hineinlebte.

Aber die Brust. O, wenn nur die Brust nicht so geschmerzt hätte! Das Wetter
war bedeckt und der Wind -- es war ein anderer -- hob alle die
entsetzlichen Gerüche von dem Zechenhof und versprengte sie wie durch eine
Brause.

Die Birke reckte, so gut es eben ging, den Kopf.

Aber das verirrte Vögelchen von gestern war einfach nicht mehr vorhanden,
vielleicht hockte es schon irgendwo in einem Käfig. Denn die jungen
Burschen, die unten im Schacht die Pferde mißhandelten, fingen mit
Leimruten alles weg, was auch nur einen kleinen Ton in der Kehle stecken
hatte.

In langen Reihen hingen die Vogelzwinger vor den kleinen Häusern.
Grammophone animierten die Drosseln, Stare und Hänflinge zum Konzert.

Nicht ein Vögelchen schwirrte mehr durch den hereinbrechenden Dämmer. Nur
die ekelhaften Fledermäuse mit den stumpfen Nasen und kühlen Krallen.

Und da wurde es merkwürdig still in den Mienen der Birke. Schwer fiel ihr
das Haar in die Stirn. Und sie mußte es geschehen lassen, daß die
heraufspringende Abendkühle sich darin festsetzte und die grauen Sacktücher
wusch.

Ein bleicher Stern, der zischend vom Himmel fiel und um Haaresbreite das
herabgebeugte Haupt der Birke streifte, weckte die Halberstarrte noch
einmal aus dem langsamen Hinüberschlummern.

Zwischen den halbgeöffneten Lidern sah sie noch die lang aufquellende
Lichterreihe, und dicht dahinter fuhren schon wieder die mörderischen
Geschütze auf.

Ein Schreckschauer rieselte schwer über ihre blasse Stirne. Gleichgültig
ließ sie die beiden Verliebten vorüberstreichen, die sich nicht schämten,
die Wildgier ihrer Lippen vor den Augen der vielen jungfräulichen
Wasserspiegel auf dem Pfad zu schüren.

Oh, diese Jungverliebten, die in diesem geizigen, raubgierigen Lande doch
nur allezeit zwei verlobte Waisenkinder sein werden! Die Birke zitterte
stärker auf.

Es war nichts. Oder es war das Atmen der Stille, der tödlichen Stille vor
dem letzten Herzschlag.

Auf der äußersten Flanke der Halde flatterten schon die schneeigen Gewänder
der Engel auf, um die Seele der Birke hinwegzutragen. Feuerbäche brausten
in der Tiefe und wehten den metallischen Schaum bis zum Gipfel empor.

Die ersten Geschosse knatterten.

Dicht vor der zusammengebrochenen Birke schlugen sie ein.

Geröllstücke lösten sich los und brachen krachend in das Häufchen Tod.

Langsam begruben sie die spärlichen Überreste.

Der ganze Höllenspektakel der Schlacht rauschte noch einmal auf.
Unheilvolles Gebrüll zog Kreis zu Kreis. Der Himmel tanzte. Die Erde tat
sich auf. Und aus dem klaffenden Spalt schwebte langsam, von hundert weißen
Fittichen getragen, die arme Seele der Birke empor. Glockengeläut schwoll
auf. Und die schauervolle schwarze Nacht wallte wie ein unabsehbares
Trauergefolge.



Der schwarze Baal


(1911)

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Wie ein dichtes Schneegestöber fuhr dieses flockige Rufen über das Dorf,
immer wenn der schwarze Baal die roten Fangarme durch den Schacht gestoßen
hatte und von jenen Männern, die ihr Bündel heiler Knochen Tag für Tag auf
die blutrostigen Böden der Förderschale legen mußten, sich irgend einen,
oder ein Dutzend oder Hundert auswählte zum Fraß und den Rest wieder von
sich gab wie einen ausgedörrten Kothaufen.

Oh, das Unglück! Oh, das Unglück!

Und die Witwen im schwarzverlogenen Gewand der Trauer, die diesen Ruf
gleichgültig hinausmurmelten wie den Perlenfall des Rosenkranzes,
zerdrückten in der Linken das Taschentuch und wogen in der Rechten den
Goldklumpen der Unfallprämie. Sie wogen und prahlten, bis das Gleißende zum
Glück wurde für den neuen Schuft aus der Reihe der Schlafburschen.

Und dann schickten die wiederum Mütter Gewordenen ihre Söhne in den Schacht
hinunter. Und es dünkte ihnen eine große, unverdiente Gnade, wenn der
Grubendirektor Brot gab für die hungrigen Mäuler. Denn der Schatten des
Hungers lag wuchtender auf den paar aussätzigen Hütten am Fluß, als der
hagelwolkige Vorübergang einer Katastrophe, die eigentlich nur die Fenster
zum Klirren brachte und ein paar Gänge zum Kirchhof mehr.

Niemand im Dorf glaubte an die Brandopfergier des Baals. Kein Gatte, Sohn,
Bräutigam, Kostgänger war ihnen ein dem Baal Geweihter. Vorbestimmt war
diesen nur jenes sanfte Hinüberschlummern zwischen den Kissen des
Ehebettes. Aller Tod, der anders kam, war ein Unglück. Oder ein Zufall, wie
die Aufgeklärten meinten.

Und die, die auf das Kreuz des Alltags genagelt, hinunterfuhren in die
verfluchten Bezirke der Fron und Station an Station durchwanderten, da
einen Arm, dort ein Bein ließen, fürchteten den Hunger maßloser als die
fünf Bretter des Sarges. Nicht einen Augenblick dachten sie bei dem
zerfetzten Kadaver eines Kameraden an die Möglichkeit, an gleicher Stelle
zu liegen. Heute oder morgen. -- Oh ein Unglück! Ein Unglück! Nichts
weiter.

Und das Opfer in den hakigen Klauen des Baals, reißt es nicht das Maul auf
zum Schrei: »Oh ihr Brüder: das Unglück! Das Unglück!«

Und die diesen Schrei hören, sind sie nicht ein furchtbares Echo, das das
Bersten und Krachen der Planken übertönt wie ein Orkan?

Aber alle, die es auffangen dort oben im weißen Dunst des Tages, blasen es
weiter in die stumpfe Melodie des Trauermarsches: Oh das Unglück! Das
Unglück!

Das schnurrt der Pfaffe am Massengrab nach. Die Mütter und Witwen und
Töchter verdrehen die Augen, die nicht weinen wollen und krümmen die Rücken
ein paar Tage lang. Dann entklafft ihrem Schoß ein Neues und wird Unglück,
das sie nicht wissen wollen.

Und doch war einer in dieses Dorf gekommen, den man alsogleich zum Opfer
bestimmte. Obwohl er das Schandmal des Unglücks an der Stirn trug wie eine
aufgebrochene Schwäre, bekam er seinen Tod zugewiesen. Und die, die ihn
hielt, war nicht untertänig wie Abraham, da er Isaak opfern ging. Das
brachte ihn nun in eine allzuschiefe Stellung zu den wichtigsten Dingen
dieses Lebens, wiewohl seine Mutter dagegen ankämpfte mit den Instinkten
eines Raubtiers.

Schon daß Fredrik als eine Frühgeburt just in dem Augenblick zur Welt kam,
da man seinen Erzeuger ins Haus brachte: schwarz, entstellt und
rotgeschunden, gab ihm eine Sonderstellung inmitten des großen Haufens.

Und dieser unabgestempelte Vater hinterließ ihm nicht einmal seinen Namen.
Denn die Hochzeit, die jene zwei, die sich erkannt hatten, zusammenkoppeln
sollte nach dem Gesetz, stand erst vier Wochen nach dem Unglücksfall an.
Einen Toten aber mit einer Lebenden zu verbinden, war derzeit noch nicht
gestattet.

Das zerstach der jungen Mutter das Herz, und sie haßte hinfort den Mann,
der solches heraufbeschworen hatte. Sie haßte diesen Mann über das Grab
hinaus und sie haßte seine Hantierung.

Sie gab dem Jungen die Brust und harte Pellkartoffeln, die sie dem Amtmann
stahl, bei dem sie bedienstet war, und sie übertrug auf den Bastard alle
Zärtlichkeiten, die sie Israel, dem Geliebten, schuldig geblieben war.

Fredrik wuchs auf wie die anderen Würmchen, trotzdem die hohe Obrigkeit
allerhand Schwierigkeiten machte, ihm die Türchen ins Dasein aufzusperren.

Tags war er im Spital bei der Muhme. Und die alten Klatschmühlen, die mit
auf der Stube waren, rissen ihn dutzendmal aus der Wiege und betasteten den
Körper, um irgend etwas Besonderes zu entdecken. Denn daß Fredrik dem Vater
nachmußte, stand sicherlich irgendwo auf der Haut geschrieben. Und sie
fanden auch nach langem Suchen einen dunklen Fleck auf dem rechten Oberarm,
der sah aus wie zwei gekreuzte Schlägel.

Die junge Mutter war verzweifelt, wenn sie solches gewahrte, und entriß das
Kind den Triefaugen der Hexen, um sich mit ihm in eine dunkle Ecke zu
verkriechen.

Und wenn dann Fredrik aufkrähte unter dem warmen Strom der Sättigung, hob
sie ihn empor und ging in der Stube herum wie eine Siegerin: »Seht, was für
ein gesundes Jungchen! Mein Jungchen hat gerade Arme und gerade Beinchen.
O, was für ein gesundes Jungchen. Aber in die Grube soll mein Jungchen doch
nicht!«

Die Spitalweiber ließen sich aber nicht bereden.

»Der Vater wird ihn schon holen kommen, Antje. Du mußt ihn doch einen
Bergmann werden lassen. Ja, ja, der Vater wird ihn schon holen.«

Sie sagten das mit einem furchtbaren Ernst und verdrehten mystisch die
Nasen.

In den Worten der runzligen Hexen lag ihr Schicksal. Das fühlte Antje. Die
Worte schnitten wie zwei scharfe Messer gleichzeitig in ihr Herz. Aber sie
kämpfte dagegen an und verstopfte die Wunde immer wieder mit einem
kleberigen Trotz.

Als Fredrik vier Jahre alt wurde, kaufte Antje sich von dem Ersparten ein
Häuschen und tat einen Handel auf. Das Jungchen lag in der Tür und
beschnupperte jeden einzelnen Eintretenden. Manchmal ging er auch mit den
Jungens auf die Gasse zum Spiel. Auf die Schlackenhalde, oder nach dem
großen Kohlenlager. Da spielten sie Verstecken und balgten sich wie junge
Katzentiere.

Einmal waren sie ihrer vier die Halde emporgeklettert. Es war so schön warm
dort oben, und die dünnen Rauchschlangen, die aus den Ritzen züngelten,
fingen sie mit den Händen auf, oder hielten den offenen Mund darüber, bis
die Wangen ganz blaß wurden und eine Übelkeit die Köpfe in heftige
Umdrehungen brachte. Dann rollten sie den Abhang hinunter wie Murmeltiere
und lagen lange in dem dürftigen Gras der Böschung. Starr und mit dünnen
Atemzügen.

Die schwarzen Männer, die oben die Wagen entleerten, warfen ihnen böse
Flüche nach und drohten furchtbar mit den Armen.

Lächelnd erzählte Fredrik der Mutter von dem großen Berg, der immer so
schön rauchte und ganz warm war.

Da wurde Antje sehr zornig und verbot Fredrik dort hinzugeben. Sie schärfte
ihren Willen an dem ewigen Wahrsagenwollen der Spitalweiber. Und diesen
Willen bläute sie dem Jungen ein.

Ein paar Tage lang ließ sie Fredrik nicht aus den Augen. Als dann aber der
Öljude kam und ihre ganze Aufmerksamkeit wegfeilschte, schlich Fredrik sich
flugs auf die Gasse und fand ein paar Gefährten, die mit ihm zum
Schlackenberg gingen.

Sie hatten aber kaum die Hälfte der Anhöhe erstiegen, da gab es ein
ohrenbetäubendes Donnern. Der Berg öffnete sich, eine Rauchwolke wirbelte
hervor, und die drei Spielgefährten Fredriks polterten in den Spalt.

Fredrik schoß den Abhang hinunter und lag, mit versengten Haaren und ein
paar Brandwunden im Gesicht, zappelnd in einer Pfütze.

Die Männer, die ihn der Mutter ins Haus brachten, grinsten, als diese sich
wie eine Irrsinnige über den Jungen stürzte. Einer von den verrußten
Männern sagte: »Antje, daß du's weißt, der Israel hat das Söhnchen holen
wollen, aber der Bengel war zu langsam. Na, ein andermal wird er ihn schon
sicherer fassen bei der Gurgel.«

Da stellte Antje sich wie eine angeschossene Bärin und trieb die Lästerer
mit Ruten aus dem Hause.

Und die Kinder wichen dem kleinen Fredrik aus, wenn er zur Schule ging. Und
die Spitalweiber murmelten: »Antje hat ihn verhext. Sie hat Stutenmilch
getrunken, als sie den Bengel säugte. Das feit gegen das Unglück. Aber wenn
ihm die Milchzähne ausgegangen sind, wird es doch mit ihm kommen!«

Antje nahm den Buben nun jeden Morgen bei der Hand und brachte ihn zur
Schule. Um zwölf stand sie wieder vor dem gebrechlichen alten Hause mit den
vielen Fenstern und holte ihn ab. Dann mußte er das Pensum erledigen und
sich auf die Salzkiste setzen bis zum Abend. Sie gab ihm Maiskolben und
getrocknete Pflaumen zum Spielen. Und nach dem Essen brachte sie ihn zu
Bett und atmete auf.

»Er wird nie mehr auf die Straße kommen zu den anderen Jungens, und wenn er
zwölf Jahre alt ist, bringe ich ihn zum Oheim nach Karna. Dort kann er auf
der Mühle helfen und ein Müller werden!«

Sonntags ging Antje auch mit dem Söhnchen durch die mageren Kartoffelfelder
und zeigte ihm die bunten Schmetterlinge und den Grashüpfer mit dem gelben
Schopf.

Einmal sagte Fredrik: »Mutter, wo ist mein Vater? Alle Jungens haben einen
Vater. Nur ich nicht und der Schorch. Aber Schorchens Vater ist doch auf
dem Kirchhof. Mutter, sag, ist mein Vater auch auf dem Kirchhof?«

Antje preßte den Zipfel des Kopftuches heftig gegen die Lippen, damit der
Junge nicht das leise Stöhnen hörte.

So gingen sie eine weile schweigend. Jedes ein Schicksal, und ihre
Schicksale stöhnten in der herben Luft.

Schwarz fielen die Schatten von den Pappelbäumen.

Und Fredrik schaute noch immer fragend zur Mutter hinauf. Er betrachtete
ihre Hände, die welk und rissig waren, und liebkoste sie.

Ganz schüchtern öffnete er dann wieder den Mund:

»Mutter, sag . . .«

Und da bemerkte sie sein schmales, entstelltes Gesichtchen. Die spitze
Falte zwischen den Augenbrauen und den verquollenen Mund, den die obere
Zahnreihe gewaltsam aufstieß.

»Ja, ja, Jungchen. Ich werde dir den Vater zeigen, wenn wir wieder zu Hause
sind. Wenn die Sterne scheinen. Dein Vater ist ein Stern. Ein ganz heller
Stern.«

Fredrik reckte den Hals, und der Atem pfiff hindurch wie das Gekreisch
einer Ratte, die im Eisen sitzt. Er mahlte mit den Zähnen irgendein Wort,
aber eine fröstelnde Scheu fraß es ungeboren wieder weg.

»Ja, ja, Jungchen, dein Vater ist ein Stern.«

Fredrik gab sich einen Ruck und sagte weinerlich: »Wenn du mir den Stern
zeigst, werde ich auch nie mehr fortlaufen.«

Am Abend, als sie daheim am offenen Kammerfenster standen, zeigte Antje dem
Buben einen runden Stern, der flimmernd über dem Kirchturm stand.

»Das ist dein Vater, Jungchen, sieh nur!«

Fredrik reckte die Hand und versuchte den Stern zu pflücken wie eine Blume.
Und er träumte die ganze Nacht von dem schönen, blanken Stern.

Und jeden Abend, wenn ihn die Mutter entkleidet hatte, sprang er ans
Fenster und griff mit dem hageren Ärmchen den Stern. Er verschloß ihn mit
der kleinen Faust und trug ihn in den Traum hinüber. Dort schien er die
ganze Nacht so hell, so hell.

Da machten die Kinder mit dem Lehrer einen Spaziergang. Fredrik ging
anfangs ganz still zur Seite des Magisters und suchte den Boden ab. Bis ihn
zwei größere Buben beim Arm nahmen und mit fortrissen.

Er kam bald in Feuer und war der schnellste Junge. Er sprang wie ein
abgekoppeltes Fohlen querfeldein: Greift mich! Greift mich!

Doch als die Buben einen Graben übersprangen, gab die Erde plötzlich nach
und klaffte breit auf.

Unten war die Hauptsohle des Schachtes.

Der Lehrer drehte sich ein paar mal im Kreise. Irr. Dann war er mit einem
Satz zur Stelle und sah ganz unten den Jungen auf einem Gesteinsblock
liegen.

Die Rettungsmannschaft von der Grube kam und holte den zerschundenen Körper
herauf. Das Haar war mit Blut verklebt, und die Beine hingen schlaff
herunter wie an Zwirnfäden.

»Diesmal wird es sein Tod sein,« sagte der alte Doktor.

Und die Spitalweiber grinsten und hoben die dürren Finger: »Ja, sein Tod
wird es sein.«

Und: »Siehste Antje, der Israel hat ihn doch geholt. Haha, haha, haha.«

Vier Monate lang lag das Jungchen in Gips, und die Mutter legte derweilen
ihr Haar in den Rauhfrost hinaus.

Sie hatte auch ihrem Verstorbenen endlich ein Denkmal gesetzt und ging
immer in der Früh, wenn das Jungchen schlief, auf den Kirchhof hinaus. Die
Weiber versuchten ein Gespräch mit ihr anzubändeln, aber ihre Augen waren
weit und weiß wie zwei gleißende Schlünde. Nur ihre Hände konnte, sie noch
ballen, immer, wenn sie an der Unfallstelle vorüberging, die jetzt in einem
großen Umkreis abgezäunt war. Und die Männer von der Direktion waren da und
fremde Herren, die maßen, klopften und bohrten.

Und dann hörte sie, daß das Dorf niedergerissen werden sollte, der
Unsicherheit des Gesteins wegen.

Sie sah das alles kommen wie eine Märzahnung. Denn die Wege hier dünkten
ihr jetzt öde und verworfen. Und Fredrik lag im Bett und fieberte.

Diese verfluchten Spitalweiber mit dem Blutgeruch . . . O, daß die Erde
sich noch einmal auftäte, diese Henker zu verschlingen!

Als Fredrik wieder den Oberkörper heben konnte aus den rotgewürfelten
Kissen, holte die Mutter allerlei Spielwerk zusammen, damit der Junge
wieder lachen könnte. Und aus einem alten Legendenbuch las sie ihm vor von
den frommen Einsiedlern und dem großen Propheten in der Löwengrube.

Und da Fredrik einmal mit beiden Händen nach dem Büchlein griff, um die
Bilder anzuschaun, fiel eine verblichene Photographie aus dem Buch.

Fredrik faßte danach und betrachtete lange das fremde Gesicht.

»Mutter, was ist das für ein böser Mann? Sieh, er hat genau solch einen
schwarzen Kittel an wie die Männer, die immer hinter den Särgen gehn!«

Antje rieb sich ein paar Mal die Augen und ihre Lippen sprangen scharf von
den Zähnen. Die leeren Augen des Jungen irrten um sie wie feuchtrauchende
Phosphorkugeln. Dann sagte sie ganz ernst: »Das ist dein Vater, Jungchen,
dein Vater, ehe er ein Stern ward.«

Und sie stand vor dem zerwalkten Bett und wartete auf ihn mitten in dem
gelben Zwielicht, das so peinvoll war.

Fredrik hob den Kopf etwas. Die Augen quollen auf, und entgeisterte Blicke
schossen heraus wie ein böser Schreck. Und die Lippen raschelten Worte, die
sie nicht verstand.

Dann zerschlug den armen Körper ein tonloses Wimmern. Stoßweises Meckern
und Sägen und Kratzen.

Und er wehrte sich nicht, daß sie sich über ihn beugte in sanfter
Sinnlichkeit, wie einst über den Israel, als er noch nicht wild gewesen war
in ihres Leibes Rosenbeet.

Sie küßte den Buben, trocknete ihm das Gesicht, strich ihm das Haar glatt
und die tiefen Kummerfalten. Sorgsam, mädchenhaft und ganz sinnlich.
Immerzu und stetiger, heftiger.

Antje wagte auch nicht, dem Jungen das Bild wieder abzufordern. Etwas
Feindliches lag schattenhaft auf seinem Gesicht. Er fragte nie mehr nach
dem schönen blanken Stern. Aber sie wollte nichts wissen. Nichts wissen,
nichts wissen.

Da Fredrik wieder aufstand, vergrub er das Bildchen schnell in der
Lehmgrube unter dem Ofen. Denn er hatte Angst, daß ihm die Mutter das
schöne Ding wieder abnehmen könnte.

Fredrik hatte jetzt eine verkrüppelte Schulter und mußte sich auf einen
Stock stützen.

Aber der Steiger Verweno, der ein Bruder der Antje war, meinte: »Och, och,
ich werde den Bengel schon mitnehmen. Er kann in meinem Revier Pferdejunge
werden. Da verdient er seine vier Gulden die Woche.«

Antje fuhr wild auf und verbat sich solche Reden.

»Jungchen soll nie und nimmer zur Grube. Er wird überhaupt nicht arbeiten
gehn!«

Das sagte sie auch dem Pfarrer, als Fredrik zur Kommunion ging.

Die Spitalweiber, die auch in der Kirche waren, sahen den Jungen fremd wie
einen Toten an und bekreuzten sich.

Im Spätsommer kam der große Auszug. Der Staat hatte das Dorf geschlossen.
Am jenseitigen Ufer war unterdessen eine neue Kolonie errichtet. Da war die
Erde noch nicht angebohrt. Und die Bäume standen grün und saftig in den
Blättern.

Das alte Dorf sollte niedergesprengt werden. Von der Genietruppe hatte man
zwanzig Mann gesandt, die legten überall Sprengschüsse, um die elenden
Hütten dem Boden gleichzumachen. Und auf den abgesperrten Gassen standen
Posten mit geladenem Gewehr, damit niemand mehr in das Dorf zurückkehre.

Antje hatte ein schönes, weißgekalktes Häuschen bekommen. Fredrik half
wacker beim Einräumen der Sachen. Plötzlich vermißte Antje zwei
Speckseiten. Da fiel ihr ein, daß sie die im Schornstein hatte hängen
lassen.

Und Fredrik hatte sein Bildchen unter dem Ofen vergessen. Er gab sich das
aber nicht bloß. Antje jammerte um den schönen Speck.

»Mutter,« sagte Fredrik ganz heftig, »heut abend, wenn die Soldaten in der
Schenke sind, holen wir den Speck!«

Antje wollte nichts davon wissen, wie sehr auch der Verlust des Speckes
schmerzte.

»Die Erde kann sich auftun und dann haben wir wieder das Unglück. Nein,
nein! Laß man den Speck.« Das sagte sie Fredrik.

Aber Fredrik, der das Bild nicht missen wollte, quälte die Mutter immerzu.

Sie fröstelte und fluchte, die Hände schlaff im Schoß. Sie dachte das
wieder aus, das Furchtbare, das dem jähen Unglück vorausging. Josef, Maria!
Das Unglück! Nein, nein!

Doch Fredrik ließ nicht nach, bis die harten Linien des Zornes in ihrem
Gesicht verschmolzen.

Und als es Abend wurde, nahm Antje den Jungen und sie gingen miteinander
hinaus.

Sie holperten schweigend den Weg hinunter, weiter und nach dem Fluß hin.
Die Brücke schwankte und stöhnte laut wie eine Vergewaltigte. Und der
Stern, den Antje suchte, kam nicht. Schauer rieselten dahin.

Durch den dicken, trägen Dunst schaukelte das Dorf heran. Ein armseliges
Ausgestoßenes hinter den Schachttürmen und Erzmühlen. Der Schein der
Hochöfen lag darüber wie aufgelöstes Blondhaar von Millionen Frauen.

Da flammte das hohe weiße Kreuz, das sie dem Israel hatte setzen lassen,
auf und überschwemmte alle Gräber.

Sie riß den Jungen zurück, wollte ihn hinbetten an die offene Brust, daraus
sieben Schwerter starrten. Sie riß den Jungen zurück. Etwas schnürte ihr
die Kehle zu. Ein Blutschrei, der hinaus wollte.

Und sie fühlte des Knaben Abwehr wie eine gemeine Schändung und konnte doch
nicht die magern, abwehrenden Hände halten.

Als Fredrik seine Arme locker fühlte, wandte er sich jäh ab und hopste wie
ein Heupferdchen davon.

Da war Antje wach gerufen und sah nur den stachligen Zaun vor sich.

Fredrik zwängte sich hindurch, schlenkerte das lahme Bein hinunter und
stand steif in dem Abgezäunten.

Antje sah noch sein starres, verstörtes Gesicht aus dem roten Nebel wie
einen Totenschädel.

Sie konnte nicht weiter und beschloß zu warten.

Rief da nicht jemand: »Fredrik? -- -- Fredrik . . .?«

Eine Eule huschte laut vorüber.

Fredrik ging nicht zuerst in die Räucherkammer, um nach dem Speck zu
fingern. Er tastete sich durch den Flur in das Hinterstübchen und stolperte
über einen schweren Balken, den die fremden Soldaten wohl dort hingeworfen
hatten.

Fredrik erhob sich ächzend.

Blut rann über sein Gesicht, und der Totenvogel schrie stärker. Mit beiden
Händen grub er wie ein Maulwurf den Lehm vor dem Ofen auf. Das Bildchen kam
noch immer nicht.

Plötzlich fühlte er einen harten runden Gegenstand, der an einer Schnur
hing. Dieses fremde Ding machte ihn neugierig zittern. Er mußte das
Feuerzeug schlagen. Das Feuerzeug an der Sprengpatrone.

Schwer rollte der Donner über das tote Dorf und die Erde spaltete
klafterweit.

Knirschen und Krachen von Gebälk übertönte das Brausen der Hochöfen. Und
Wände und Estrich und Dach knarrten, polterten, wälzten sich in den Abgrund
hinein. Rauch und Staub jagten wie ein Wetter davon, und die Nacht
flatterte auf mit blutigen Tüchern.

Die aber, die auf dem Stein an der Umzäunung saß, sah alles mit
aufgerissenen Augen und schlug hintenüber, als die Explosion über die Erde
fuhr und das Dunkel zerfetzte.

Und unten aus dem grausen Spalt lachte und wieherte gellwahnsinnig der Tanz
zweier Stimmen, die sich verschwisterten. Lachten, posaunten, rollten
weiter und immer ferner scholl das Gelach: Huhu -- huhu -- huhu -- huhu --
hu -- huhu.

Huhu -- huhu sprang Antje aus der Betäubung auf und rannte querfeldein.
Blutrote Fragen vorauf. Sie breitete die Arme aus. Die Schatten
überschlugen sich, verwirrten sich in der gräßlichen Lache, oh das Unglück!
oh das Unglück!

Das war wie eine Beschwörung. Wie eine Erlösung.

Und es war kein hohles Echo, das tausendstimmig zurückdonnerte aus der
zerklüfteten Nacht. In dichten Scharen kam es von der Grube und von der
neuen Siedlung.

Und sie wußten alle, daß einer fort mußte von der Welt. Einer, dessen Tag
nun gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten mit lästerlichen, kalten,
trostlosen Worten.

Sie suchten triumphierend Antje. Ihre Blicke glühten wie in der Extase des
Rausches. Es war ein Blutrausch. Der Rausch nach dem Opfer.

Antje aber fand sich wieder in einem anderen fernen Grubendorf. Dort
verdingte sie sich auf der Erzmühle. Suchte dort den Tod und suchte ihn
vergebens.



Das Pferdejuppchen


(1910)



I


Am Palmsonntag war Juppchens Konfirmation. Der Vater hatte versprochen
mitzugehen. Dann aber kam plötzlich das mit dem Wetterbruch dazwischen, und
er mußte die ganze Samstagnacht auf der zweiten Sohle durcharbeiten. Erst
gegen sechs Uhr war er von der Grube gekommen. Mistnaß und hundemüde. Und
um neun begann schon die Kirche. Als ihn seine Frau leise weckte, richtete
er sich halb auf, stieß einen kräftigen Fluch aus und wälzte sich auf die
andere Seite.

Da gingen Juppchen, Mutter und Großmutter allein. Es waren an die zwanzig
Knaben, die eingesegnet wurden. Und sie trugen alle schon die Runen der
Adamsqual auf der Stirn.

Der alte Pastor hatte danach seinen Text gewählt und schob mit viel
Umständlichkeit den sechsten Vers des elften Kapitels aus dem Prediger
Salomo seiner Rede voraus. Er hatte die Genugtuung, daß nur wenige Augen
trocken blieben.

Die Orgel spielte einen Choral dazu, der dumpf wie das Donnern der großen
Fördermaschine klang.

Juppchens Lippen murmelten mechanisch das Schlußgebet, und dann stand er
mit der Mutter wieder draußen auf dem öden, sandigen Kiesplatz.

Langsam kam die Großmutter angehumpelt. Sie küßte Juppchen auf beide
Backen, daß es schallte. Und darüber hin gingen drei fröhliche
Kirchenglocken.

Juppchen fuhr sich mit dem Handrücken durch das Gesicht und sprang auf den
Weg.

Als sie den Vorgarten des Häuschens betraten, kam der Vater in Hemdsärmeln
aus dem Kaninchenstall, die abgezogenen Felle von zwei weißen Tieren in der
Hand.

Juppchen erschrak, als er des Vaters blutbefleckte Hände sah. An dem
Küchenfensterkreuz hingen die dicken Bälge mit den bloßen Billen. Die
runden Köpfe waren eine unkenntliche Masse mit herausquellenden Augen.

»O meine Hänschen«, seufzte Juppchen und eine Träne kollerte über sein
Gesicht.

Es waren seine eigenen Tiere. Er mußte für das Futter sorgen und den Stall
reinmachen. Er lebte mit den Tieren, er wußte, wann die Jungen geboren
waren und wieviel von den Dingern jedesmal im Nest lagen. Er nahm sie, so
oft er in den Stall kam, in die Hand, strich langsam und zärtlich über das
samtene Fell und küßte die offenen runden Schnäuzchen. Nun waren die zwei
schönsten Tiere tot.

»Mausetot«, sagte der Vater, wie wenn er die Gedanken Juppchens erraten
hatte.

Sie gingen zusammen in die Stube.

Mutter zog das schwarze Kleid aus und band sich eine große blaue Schürze
vor, um das Mittagessen zu bereiten. Während sie in der Küche hantierte,
setzte sich Juppchen ans Fenster und erzählte dem Vater von der Predigt.

»Schon recht! Schon recht!« brummte der und schob den Pfeifenstummel von
einem Mundwinkel zum andern.

Inzwischen hatte Mutter das Mittagessen bereitet: eine Schüssel
Salzkartoffeln und Buttersauce und in einem tiefen runden Napf das weiße
Kaninchenfleisch.

Juppchen aß nur von den Kartoffeln und ließ das Fleisch stehen.

Mutter schalt. Aber Vater sagte: »Laß nur, Alte. Morgen schmeckts dem
Bengel schon besser.«

Juppchen stand vom Tisch auf. Zum ersten Mal hatte er vergessen, das
Dankgebet zu sprechen und den Alten die Hände zu küssen.

Es erinnerte ihn auch niemand daran.

Er setzte sich in die Laube und weinte still und stetig.

Am Nachmittag gingen sie aufs Feld und pflanzten Bohnen. Die Sonne stach
heiß wie im August. Die Erde staubte weiß auf. Und die Bäume der Allee
tanzten hin und her in der ersten Knospenfreude.

Vom Dorfplatz, wo ein paar Karusselle, Luftschaukeln und allerlei Krambuden
standen, kam wüstes Geräusch: Drehorgelgekreisch und Blechmusik.

Juppchen horchte auf und flüsterte der Mutter etwas ins Ohr.

»Was will er?« schnauzte der Vater.

»Juppchen möchte auf die Kirmes gehn!«

»Da wird nix draus. Morgen um fünf müssen wir aufstehn. Die Bummelei muß
jetzt aufhören.«

Juppchen duckte sich wie unter einem Schlag. Er wollte ein Wort
hinausstoßen. Aber die Zunge hielt es fest und verstopfte seinen Mund wie
mit einem trocknen Lappen.

Gern hätte er auf den schönen braunen Holzpferden geritten.

Pferde liebte er noch mehr wie die Kaninchen. Jeden Nachmittag nach der
Schulstunde war er dem Pferdeknecht des Direktors begegnet, der ein
schwarzes blankgeputztes Tier durch das Dorf spazieren ritt.

Juppchen war immer eine Weile stehen geblieben und hatte mit
feuchtglänzenden Augen dem Reiter nachgeschaut.

Einmal, als der Knecht vor dem Wirtshaus abgesessen war, mußte Juppchen das
Pferd so lange halten, bis der bestaubte Reiter seinen Durst gelöscht
hatte.

Juppchen bekam dafür ein paar Pfennige. Er sagte danach zur Mutter, daß er
auch gern ein Kutscher werden möchte.

Aber die Mutter meinte, daß der Vater nie so etwas zulassen würde. Denn er
sollte ein Bergmann werden, wie Vater und Großvater und all die anderen aus
der Familie.

Juppchen hatte versucht, vielerlei Einwände aus seinem kleinen Gehirn zu
kramen. Er hatte wirklich deren gefunden und die Mutter damit überschüttet,
Tag für Tag. Bis sie des Geredes überdrüssig geworden war und ihn strafen
mußte. Da hatte Juppchen einen kleinen verwunderlichen Schmerz empfunden
und fortan der Mutter gegenüber von den Plänen geschwiegen.

An den stillen Vormittagen aber, wenn die Mutter im Gärtchen hantieren
mußte, war er zur Großmutter auf die Stube gegangen und hatte vor ihren
erstaunten Augen alle Wünsche vollzählig aufgebaut. Und die verhutzelte
Greisin war immer milder Tröstungen voll, bis der Raum sich in Rührung
gehoben hatte.

Sobald ein Karussell dann im Dorf war, steckte Großmutter dem Jungchen eine
kleine Münze zu, sich nach Herzenslust auf den Holzpferdchen auszureiten.

Am Morgen vor der Konfirmation hatte sie ihm gar zwei Groschen geschenkt,
auf den Kirmesrummel zu gehn.

»Wer weiß was morgen ist,« hatte sie gesagt und war mit der Hand über die
Augen gefahren.

Nun hatte ihm der Vater das alles zunichte gemacht. Und sein Herz war doch
so voll davon gewesen. Während der Predigt und beim Mittagsmahl und noch
lange nachher.

Juppchen sah nach dem Vater hinüber mit zerfurchten Mienen, böse glimmenden
Augen und dumpfen Blutes im Kopf.

Als die Dämmerung schattenhaft über das Feld kroch, gingen sie zusammen
nach Hause. Vor der Straßenbiegung drehte sich Juppchen noch einmal um und
sog die verworrenen Geräusche vom Kirmesplatz wie einen schönen Geruch ein.

Gleich nach dem Abendessen fing man an sich auszuziehen. Hosen und Röcke
flogen über die Stuhllehnen. Mutter holte den neuen blauen Leinenanzug für
Juppchen aus der Kommode und legte ihn auf den Schemel vor das Bett.

»Und nun fix in die Falle und morgen frisch aufgewacht!« polterte der
Vater.

Bald wurde es totenstill im Hause. Aus der Kammer und vom Boden herab, wo
die Großmutter schlief, scholl schweres Schnarchen.

Draußen im Garten blieb graugrünes Dämmerlicht, bis der Mond vorüber war.

Juppchen wachte die halbe Nacht. Zauberte sich Pferdchen in allen Farben
vor und wählte sich aus der Schar einen kleinen schlanken Silberschimmel
aus. Darauf ritt er hurtig über Berg und Tal einer fremden Ferne zu, und
fühlte sich wachsen und sah sich wie einen glänzenden Ritter aus dem
Märchenbuch. Und als die Uhr schlug, drei harte abgezählte Schläge, fühlte
Juppchen dieses wie einen Befehl über sich: zurückzukehren und auszuharren
in der Bestimmung des Vaters.

So wollte er nun ohne Gedanken wachliegen und warten, bis die Mutter
aufstand und das Feuer in der Küche schürte.

Aber seine Augenlider wurden so schwer und auf der weißen Wand des Zimmers
fingerte ein blutroter Schatten. Hastig zog Juppchen die Decke über den
Kopf.

Mutters schwere Holzpantoffeln, die über die Diele stampften und nach
draußen gingen und wieder zurückkamen, rissen ihn wie ein heftiger Schreck
empor. Er fuhr hastig in die Leinenhosen und ging breitbeinig an die
Wasserleitung. Mit viel Umständlichkeit wusch er sich Brust, Nacken und
Hals, so wie er es beim Vater gesehen hatte. Danach setzte er sich wartend
an den Tisch.

Da kam auch schon der Vater aus der Kammer. Schaute schlaftrunken drein und
blieb gähnend vor dem Herd stehen.

Die Mutter stellte den Kaffee auf den Tisch und schnitt das Brot zurecht,
das Vater und Juppchen mitnehmen sollten auf die Grube.

Juppchen trank hastig den Kaffee und vervollständigte seinen Anzug. Ein
Schauer der Erwartung fröstelte über sein schmales Gesicht und färbte die
Lippen blau.

Der Vater nahm ihn beim Arm und zog ihn hinaus in den kühlen Morgen.



II


Über den toten Lehmweg zog schon ein langer schwarzer Zug von Fronleuten
der Grube zu. Man ging wie über einen Feuerwerkplatz. Die kleinen Häuser an
der Straße warfen große, braunblaue Vierecke auf den geölten Weg. Das
Geräusch der Seiltürme flog gewitternd über die krausen Netze des Rauches.
Rußschwärme jagten wirbelnd durcheinander. Töne von menschlichen Stimmen:
Ein Zusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Summen wie von Insekten,
zerrissen in der Orgie der materiellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach
wie gedunsene Halle eines Echos, waren Endungen eines Spieles, das Seele
verlor.

Im Schein der wattigen Lampenhelle, die kaum die Giebel berührte, wanderten
alle Menschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nichts mehr wissen zu
wollen und träumten ihre Wege hinab. Erde zitterte ihren Hälsen zu und
mühte sich, die eckigen, durchgearbeiteten Schädel zu halten. In den Köpfen
waren allein nur Kerne noch wach. Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein
trunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn. Ein Magnetismus, der von
einer außerordentlich organisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu
profanieren.

Und eins dieser Tore gähnte gefräßig und sog die Menschen, die waren,
mühelos hinein.

Lange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß vor. Knochige Hände griffen
Zahlen an. Gewirr von Lampen flog auf. Signalglocken überschrien den
Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig aufrief. Und die Namen bejahten
halbgemurmelt die Aufrufe.

Dann und wann schnellte eine Hand empor: wie, wenn Kinder Schulweisheiten
auskramen. Eine Hand, die kühle Gefühle spürte. Wäre ein Wille darüber
gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und blank. Und wäre warm geworden in
Röte.

Die Menschen aber wanderten in die Kaue. Das war ein kalkweißer Saal zur
ebenen Erde. Lange Steintröge mit fließendem Wasser flankierten die Wände.
Von der Decke baumelte in gedrehten Wirbeln das verschwärzte Blau der
Arbeitsanzüge.

Man zog sich um. Die Luft stank von Schweiß und verschwitzter
Unterkleidung. Dann standen Akte: blank wie Bronzen von Meunier.

Tatzenbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskulöse Schultern.
Krampfadern standen geschwollen auf Fleischklumpen der Oberarme und
Unterschenkel. Geschlechtliches lag dumpfverkrochen in den Höhlen. Nur das
gewohnte Werfen mit Zoten, das gering und automatenhaft war, täuschte
Springlebendigkeit vor.

Die Glocke ratterte wieder. Und ein Blöken schwoll wie Gedränge von Schafen
im engen Stall. Hitzige Geräusche aus den Kehlen hatten aber kein Medium zu
durchdringen.

Juppchen stand mit hochroten Wangen und klopfenden Herzens da. Etwas in
ihm, das lange geschwiegen hatte, jubelte auf.

Der Vater aber sagte plötzlich ganz barsch: »Marsch, hallo!«

Und übergab den Jungen dem Schreiber und entfernte sich mit einem
gleichgültigen »Glück auf!«

Mit fünf anderen Burschen, die schon länger auf der Grube waren, wurde
Juppchen in den Förderkorb geschoben. Dann ging es hinunter. Dreihundert
Meter tief.

Juppchen fühlte, wie sich alles in seinem Leib im Kreisel drehte und nach
oben stieg. Sein Mund wässerte sauer, und seine Nase begann zu bluten.

Da hielt der Korb mit einem heftigen Stoß. Die Burschen zerrten Juppchen
heraus und stießen ihn durch den Querschacht zur Pferdehalle.

Warmer Stallgeruch kam aus dem niedrigen Saal. An fünfzig Pferde standen da
in Reih und Glied vor den langen Zementkrippen. Von der schwarzen,
glimmernden Decke baumelten lange Lichterreihen und der weiße
Strahlengischt schäumte in die entlegensten Ecken.

Ein Halbinvalide führte die Aufsicht über den Stall. Juppchen reichte ihm
den Schein, den er vom Schreiber erhalten hatte, und bekam darauf seinen
Platz zugewiesen. Ein älterer Bursche mußte ihn mit der Handhabung von
Striegel und Bürste bekanntmachen und das Füttern zeigen.

Juppchen paßte mit hellen Augen auf und begriff sehr schnell. Er fühlte
sich jetzt dem Willen des Vaters überlegen und triumphierte innerlich.

Als er nach Beendigung der Schicht wieder auffuhr, stand der Vater schon
fertig in der Kaue. Er machte ein böses Gesicht und fragte auch Juppchen
nicht, wie es ihm unten ergangen war. Wortlos machten sie sich auf den
Heimweg.

In der harten schneidenden Luft des Spätnachmittags fühlte Juppchen eine
schwere Müdigkeit in den Gliedern. Seine Knie drohten einzuknicken. Er
hielt sich aber tapfer bis zur Behausung.

»Da, hier hast du dein Pferdejuppchen, Mutter. Zu schwach ist er, um ins
Gedinge zu fahren. Einen ganzen Taler Löhnung weniger bekommt er. Kaum
genug, die Kost zu bezahlen!«

Die Mutter erwiderte nichts auf die ungewöhnlich harten Worte des Vaters,
der sich mißmutig auf den Stuhl warf. Sie strich Juppchen über das feuchte
Braunhaar und über die schmalen, sommersprossigen Backen.

Juppchen wollte der Mutter die Freude, daß er ganz unerwartet zu den
Pferden gekommen war, jubelnd mitteilen. Aber vor dem Vater wagte er es
nicht auszusprechen. Durch seinen Kopf rauschten die frischen Eindrücke
wirr durcheinander. Er schwankte zwischen Wollen und Nichtwollen eine lange
Weile. Dann legte sich das Fieber.

Nach und nach verschwand auch die Müdigkeit in den Gliedern, wenn er von
der Grube kam. Ganz heimisch war er dort unten schon geworden und stand mit
den sechs Pferden, die er zu besorgen hatte, auf Du und Du. Den einäugigen
Schimmel hatte er besonders lieb. Diese Liebe ging mit der Zeit so weit,
daß er die Haferration der anderen Pferde beschnitt und das Ergatterte dem
Schimmel zuführte.

Das merkte das so bevorzugte Pferd sehr bald, und es entspann sich eine
innige Freundschaft zwischen den Beiden. Jeden Abend, wenn Juppchen den
Stall verließ, drehte sich der Schimmel um, wippte mit dem Kopf und stieß
ein helles Gewieher aus. Und sobald am nächsten Morgen der Förderkorb in
die Sicherung schlug, vernahm Juppchen schon aus dem betäubenden Geräusch
den leise gewieherten Frühgruß.

Immer, wenn er das Tier für die Wagenfahrt zurecht machte, erzählte er ihm
alle Pläne, die er mit ihm noch vorhatte. Er würde sich Geld sparen. Jede
Löhnung eine Mark. Und wenn dann ein schönes Sümmchen zusammen war, würde
er den Schimmel dem Direktor abkaufen und mit ihm die Grube verlassen auf
Nimmerwiedersehen. Oben konnte man vielleicht billig einen Wagen erstehen
und für die Bahn Fuhrdienste tun. In der Sonne müßte es dem Schimmel doch
viel besser gefallen. Da gab es frischen Klee und langes, weiches Gras. Und
ein blankes Ledergeschirr mit Schellen am Joch sollte der Schimmel haben.
Eine weiße, gebogene Peitsche mit einem goldenen Griff würde er auch
kaufen. Aber nicht um den Schimmel zu schlagen. O nein, das tun nur die
rohen Sandkärrer, die ihre Tiere im Regen stehen lassen, derweil sie im
Wirtshaus sitzen und stundenlang Karten spielen.

Manchmal flocht Juppchen seinem Schimmel ein buntes Wollband, das er der
Mutter abgeluxt hatte, in die Mähne. Und den Fahrer bat er, nicht so rauh
mit dem Tiere umzugehen.

Doch der verlachte ihn und riß das bunte Band immer wieder aus der Mähne
heraus.

Eines Tages sagte Juppchen zum Schimmel: »Weißt Du, zwanzig Mark habe ich
schon zusammen. Das wird bald langen zum Kauf. Dem Vater will ich es nicht
eher sagen, bis es soweit ist. Dann räume ich den Kaninchenstall aus und
bau Dir eine Krippe hin. Daraus sollst Du ganz allein fressen. Das wird
viel schöner sein als mit den vielen zusammen. Und an den Wagen spanne ich
Dich auch allein. Kein anderer soll Dich führen.«

Der Schimmel senkte den Kopf und schnupperte mit den weiten Nüstern über
Juppchens Gesicht.

Während dieses Auftritts war der Inspektor mit dem Stallwärter in den
Verschlag getreten und machte sich an dem Schimmel zu schaffen. Juppchen
hätte aufweinen mögen, so rauh fuhr der Mann dem Tier über Rücken und
Gelenke.

Nach einer Weile des Prüfens sagte der Inspektor: »Na, den alten Bock
können wir ebenfalls ausrangieren. Zusammen mit dem lahmen Fuchs aus der
vordersten Coje. Die Tiere brauchen nicht mehr eingespannt zu werden. Um
zehn kommt der neue Transport.«

Der Wärter nickte und begleitete den Inspektor hinaus.

Juppchen, der den Sinn der Worte nur halb verstanden hatte, stand mit
offenem Munde da und sah bald den Schimmel an, bald die anderen Pferde.

»So«, sagte der Wärter, der wieder zurückgekommen war, »nun werden wir den
Klepper endlich los, Juppchen. Dafür bekommen wir ein ganz junges Tier!
Fein, was?«

Juppchen kroch tief in sich hinein. Seine Knie zitterten. Die Augen rollten
vor wie auf Stahlnadeln gespießt. Ein Weinen stieg von unten herauf und
würgte ihm in der Kehle. Und dann war es, als ob er sich mit ausgereckten
Armen an einen festen Gegenstand lehnen müßte. Die Schläfen klopften wie
Hämmer. Die Lippen brachen auf. Ein heller Schrei zerfetzte die Luft.

»Ich laß ihn nicht fort! Ich will ihn kaufen! Ich habe Geld! Wieviel willst
Du haben? Morgen bringe ich es Dir! Ein ganzes Beutelchen voll Geld habe
ich! Ich laß den Schimmel wirklich nicht fort!«

»Ach, was bist Du für ein kindischer Bengel! So ein Junge! Hat man so etwas
schon erlebt?«

Juppchen weinte lautlos und ganz gebrochen.

Da riß ihn der Wärter an der Schulter empor: »Marsch, die Kette los. Und
daß Du mir den Halfter ordentlich aufsetzt. Gleich kommt der Korb herab.«

Juppchen schritt an den Schimmel, strich ihm zärtlich das Fell und machte
langsam die Kette los.

Der Schimmel beugte den Kopf herab. Mit dem offenen weitsichtigen Auge
starrte er den Knaben an, als wüßte er, daß es ein Abschiednehmen für immer
war.

Juppchen fühlte, wie ein blutiger Tau sein heißes Herz überströmte. Er fuhr
sich über die Stirn und ließ die Hände schlaff herabfallen.

Plötzlich sprang er an den Verschlag, holte sein ganzes Brot und gab es
Stück für Stück dem Tier.

Noch ehe der Schimmel den letzten Happen verschluckt hatte, rief der
Wärter.

Juppchen warf dem Pferde den Halfter um und zerrte es hinaus. Er schritt
wie zu einem Begräbnis.

Der Wärter riß ihm die Zügel aus der Hand, versetzte dem Schimmel einen
Stoß in die Weichen und trieb ihn in den Förderkorb. Der Fuchs war schon
festgebunden an der Gitterstange und stand ruhig mit herabgesenktem Kopf.
Juppchens Schimmel kam vorn zu stehen. Der Seilschläger riß an, und
pfeifend fuhr der Korb in die Höhe.

Juppchen stand gerade unter der Schachtluke. Er schnalzte mit der Zunge,
und gleich darauf vernahm er in dem schwelenden Düster ein unterdrücktes
Gewieher. Und ganz deutlich sah er noch, daß der Schimmel den Kopf aus dem
Gitter herabbeugte.

Juppchen wollte die Hand heben und winken -- -- in demselben Augenblick
fiel etwas unendlich Schweres herab und traf ihn mitten in das erhobene
Gesicht, wie ein nasser Sack klatschte er breit hin und erhob sich nicht
wieder.

Ein kantiger Türrahmen bei dem ersten Füllschacht hatte den vorgelegten
Kopf des Tieres während der rasenden Fahrt glatt vom Halse getrennt.

Der Grubenarzt, der Juppchen den Totenschein ausschrieb, setzte trocken
hinzu: er wurde von einem in den Schacht herabfallenden Pferdekopf
erschlagen.



Die Gruft von Valero


(1911)



I


Unter den Zwanzig, die den Förderkorb betraten, als er schon murrend in den
Gelenken knackte, waren zwei bemerkenswert. Piet, der Vollhauer und Jonsen,
sein Gehilfe. Sie waren Wühler auf derselben Sohle. Piet begrüßte den
Jonsen zuerst. Ein kurzes heftiges Anziehen durch die Nase ging seinem Gruß
vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste wie das Gerinsel einer
Regentraufe.

»Wir werden heute den neuen Flöz anpacken. Du weißt ja, den am
Wetterschacht. Saure Arbeit wird's geben!«

Dabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie fluchend. Und sein Gesicht
schrumpfte aus dem Ungewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.

Jonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts. Vielleicht war es ein
Vorgefühl tiefsten Schreckes. Zudem krankte er an der Formulierung eines
Prinzipes zu höherem Lebenszweck. Man sagte unten im Dorf, daß er nur
Studien halber sich ins Joch gespannt hatte.

Polternd schüttete der Korb die Hauer auf den Gang. Sie rannen auseinander
wie gewordene Brut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und drein.

Piet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo die Knappen in gesonderten
Höhlen Hacken und Schaufeln rührten, noch eine viertelstündige Wanderung zu
machen. Das gewohnte dumpfe Surren der Kippwagen, das Kreischen der
Sauerstoffgebläse und alle Geräusche von Schlägel und Bohreisen hinderten
nicht, daß den Wallern die Minuten durch den stockdunklen Gang lautlos
erschienen, wie von einer bis zur letzten Endung gespannten Feder gehalten.

Jonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer Kranz umschwirrte zitternd den
roten Lichtkegel.

Piet schnüffelte lange und verdrehte die Augen wie unter der Nähe von etwas
bitter Süßem.

»Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Berieselung klappt ja. Aber die
Enge -- -- die Enge. Spürst du das denn nicht?«

Jonsen verneinte. Aber mit offenen Augen horchte er herum. Endlich, leise
. . . aus Tiefen -- rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklärt, sie zu
deuten. Sein Instinkt war hier einfach abgeschraubt.

Da ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken, dessen Muskulatur bei jedem
Schritt aufschwoll, sowie die eckigen Knullen der Oberarme scharrten an der
Verzimmerung. Feuchtigkeit triefte dünn von den Bohlen herab. Der schwarze
Schlamm lag zäh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden und sog das
Schuhzeug an: schöner Teppich für Besoffene. Ins Gesicht Getropftes
schmeckte sauer und ließ den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es ließ sich
auch nicht vernichten. Klebte sich an die Kleider und wurde gewohnt.

Piet und Jonsen standen am Ende der Sohle. Der Fels, das reine,
schwarzglänzende Fleisch der Erde, hob sich aus dem überschwemmten Bett der
Seugen.

An einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der Fäule wie Strähnen eines
verwilderten Bartes herabhingen, klemmten sie die Lampen. Piet tat noch den
grünen Kittel hinzu.

Eine torartige Verzimmerung schloß den Gang ab. Dahinter lag der
Schlagwetterherd: die Gruft. Man war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer
zu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht waren noch Scherben darin
von Toten, die vermißt wurden, damals vor zehn Jahren, und die man nie
wiederfinden wird. Achtzig waren eingefahren und nur siebenundsechzig hatte
man ausgegraben. Dieses befahl Furcht. Und Jonsen fürchtete sich. Sein Blut
sah. Und sein Gehirn fühlte so, wie man, von einer Ursache geregt, fühlen
kann. Aber er konnte es sich nicht erklären und das Trübe des Geahnten
nicht filtern. Darum meinte er:

»Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht zu? Tote wollen doch ihre Ruhe.
Gestörte Ruh aber fordert Opfer.«

»Na, Jungchen, die Herren glauben, daß sich der Teufel wieder verkriechen
wird. Voriges Jahr ließen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze Satan
speit immer noch Gift. Wir wollen gleich mal schaun!«

Jonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er noch klein gewesen war, litt er
unter epileptischen Anfällen. Vielleicht war das Zittern in manchen
Minuten, die dieser glichen, ein matter Nachhall der Krankheit.

Piet aber riß mit Gewalt das Brett los und zwängte seinen zyklopischen
Körper durch den Spalt.

Jonsen zögerte.

»Du hast wohl Angst, mein Lieber, was? Nicht? Na, dann lang' mir mal die
Lampe her!«

Er reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch hinterdrein. Der Frost stand
ihm auf der Haut, die wie mit grobem Sand bestreut war.

Das träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war mulmig, wie zerkaut und
ausgespien. Das Grundwasser klatschte breiig gegen seine Schaftstiefel.
Irgendwoher kam ein Geräusch wie angestrengtes Sägen. Stahl durch Stahl.

»Nun schau mal her, Jonsen. Siehst du diese Blasen? . . . Hier die Klumpen
meine ich! Da unten kommt es herauf.«

Piet bückte sich noch tiefer herab und betastete mit dem hochgeschraubten
Licht den Boden. Das Wasser war wie mit Millionen Perlen bestreut; Blasen,
die ständig emporrollten und zerschlugen, gerieben durch ein ewiges Grau.

»Wird denn hier nicht mehr gepumpt?« fragte gedehnt Jonsen.

»Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern Ende pumpen sie schon seit Jahr und
Tag Hunderttausende von Kubikmetern frische Luft hinunter. Der Satan
schluckt das aber wie Wein und mästet sich daran. Der geht nie hier weg.«

»Und wenn man einen Luftschacht baut?«

»Dann fällt der Dreck wieder zusammen wie damals. Unser Schliefche war auch
schon drin. Meine Alte hat ihn noch an der geflickten Hose erkannt.
Gesichter hatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter eingeschlagen.«

Piet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht verzog sich grimassenhaft gelb.
Seine Schultern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte wie ein Zeiger,
der die letzten Sekunden eines Mörders unter dem Beil von der Endung
schneidet.

Dann wurde der Ausdruck seines Gesichtes wieder borstigrot. Die Schultern
hoben sich in Beruhigung. Die Lampe stieg.

Jonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die Verschalung gestemmt, Übelkeiten
zerwalkten seine Gurgel. Durch die gehöhte Tätigkeit der Nerven sah er viel
schärfer und suchte, wie in Sturmnächten, einen unbekannten Weg.

Piet rüttelte Jonsen auf: »Siehst du den Fels dort? Da geht der Flöz durch,
den wir anreißen sollen, von hier hätte man halbe Arbeit. Aber was nicht
geht, kommt auch nicht. Und solange der Teufel hier die Luft verpestet --«

Sie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glänzend frisch, wie die
aufgehauenen Innenseiten eines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus.

»Das ist schon ein massives Kohlchen,« meinte Jonsen interessiert.

»Eigentlich sollte man den Abbau vornehmen. Es muß doch Mittel geben, die
Wetter wegzublasen, wenn _eine_ Pumpe nicht genügt, nimmt man drei,
vielleicht kümmert sich der Steiger darum.«

»O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direktion will noch nicht. Vorläufig
wenigstens. Die andern Sohlen liefern ja genug. Und dann: sie bluten jetzt
noch, die Aktionäre. Der Bruch hat viel Geld gekostet. Einmal aber müssen
sie doch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr erleben. Gewiß nicht.«

Er wischte sich mit der Hand über die Stirne, und mit zwei Fingern strich
er sich über die Augen.

Dann zupfte er Jonsen am Ärmel und zog ihn hinaus. Schichten von
ausgelebten Stundenkörpern fielen zurück. Sie trugen gestohlene Larven vom
Schauplatz der Seelen.

Als Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen hatte, was war, kroch er wie
ein getretenes Tier und wünschte sich weg.

Mit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle wieder in die Öffnung. Der
blaue Lichtkegel in der Lampe stumpfte ab und ließ sich von der Röte der
Dochtstrahlung verschlingen.

Die beiden Hauer bogen schweigend um die Ecke und setzten das Gezähe in den
harten Stein. Schränen und Schürfen füllte die sechs Stunden der
Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchenhaaren saß das Radgetriebe der
Fron im Blut beider und mahlte Schweiß und Ächzen.

Ehe sie die Schicht beendet hatten, kam der Steiger und störte.

Er schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein herum. Klopfte, horchte und
trat in den Abbruch.

»Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle herschicken,« sagte er gedehnt.

Piet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah nicht auf.

Dann verließ der Steiger mit den beiden den Ort. Sie schritten wie Gänse
durch die Enge. Jonsen war der letzte, über eine verschobene Schiene
stürzte er plötzlich und brach das Bein.



II


Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche waren Räuber
seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten Nebel sah er die nahen
Fördertürme und Schachtgerüste. Geräusche, die durch die geöffneten Fenster
gekommen waren, empfand er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten
heißen Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich. Und
die Ärzte griffen zu wie Henker.

Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! Wen wecktest du!
Wen wecktest du!

Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das Seil knüpfen
. . . die Klinge heben . . . das Gift gießen?

Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt hinter seinem
eigenen Sarge einmal.

Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das Gegenteil
wollte ich.

Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte ihn
völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen sie
fort.

An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich auf. Aus dem
gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Geruch zugeweht.

Piets Stimme machte einen brutalen Griff: »Daß du auch so ein Tölpel sein
mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen? Lag der hier, wäre
die Gruft nicht offen. Nun sind wir drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um
den Sumpf zu stopfen. Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was
riecht man doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt
es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient.
Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?«

Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem
war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen. Und dieses
Fühlen von Verwestem, das durch seine Wachträume gerast war solange er hier
lag, ließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit den Händen Piets.

Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. Und griffen zu.

Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. Der Abend brach
weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses Saales freuten sich daran.
Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie Vogelgezwitscher. Urteile waren
aufgehoben. Hoffnungen stiegen strahlend und standen real. Jonsens Blut
allein ging träge. Manchmal setzte das Herz ganz aus. In diesen
Augenblicken der absoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein
Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch
Wundfieber. Denn er schrie plötzlich auf.

Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin.

»Sie haben den Jonsen behext,« schrie sie wutkreidig auf und stand wie ein
Panther geduckt vor ihm.

Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam rückwärts
zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf weit abstanden, bogen sich
wie krumme Hörner vor.

»Satan! Satan !« bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus dem Bett. Aber
die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden. Man mußte
ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn Stunden währte das Delirium.

Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns umarmten sich. Doch
das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich wie ein Wall. Das Gift
schrumpfte einschläfernd zurück.



III


Mitten im Winter warf man den wieder gesunden Jonsen aus dem Spital. Die
Schlackenhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom Förderturm rutschten
die Seilbahnen wie Gletscher. Den Häusern waren greise Bärte gewachsen von
den Dächern. Fenster schauten blind wie aus weißen Wimpern.

Jonsen ging lahm auf einem derben Stock gestützt. Der Schimmelwirt nahm ihn
wieder auf. Jonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer noch achtzig
Frank. Die sollte er abarbeiten. Ein Lahmer ist immerhin noch als
Nachtwächter nütz, hieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte sich um
diesen Posten. Aber er dachte sich fast widerwillig auf die Grube. Noch
waren Pläne da, die harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht. Seine Ohren
hörten lange die Melodie des wiedergewordenen Fronens und griffen danach.
Richteten sie auf und verdrängten andere Assoziationen. Gewesenes zeigte
sich in neuer Gestaltung. Alles Seiende vermochte nichts mehr zu gestalten.
Der dünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum gesehener Punkt.

Nach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jonsen: »Daß die Gruft sich wieder
aufgetan hat, weißt du wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan geholt.
Schade um den Piet. Es war ein schönes Begräbnis. Die Knappen von Ronsdael
und Saint Legér waren mit ihren Fahnen gekommen.«

Es war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in dieser grauenhaft nüchternen
Rede des Berichtes. Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten
Blutströme.

Jonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die Schläfen, die schmerzhaft
hämmerten. In seiner Kehle war kein Ton. Nur eine schwärende verklumpte
Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte das Wiedersein der Gräuel als
Meer im Gehirn.

Das Gesicht des Schimmelwirts hatte sich zu einer Grimasse breiten Lächelns
verzogen. Es kam wie ein Pfiff: »Den Steiger haben sie eingesperrt. Er soll
an allem schuld sein . . . he . . . he, he, he.«

Als Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen auftat, um einen Satz zu
sprechen, sah er hundert Gesichter. Flache Fragen wie Fischbäuche und
teergesalbt von der Schwärze der Explosion, fuhren ihn an mit Augen, die
aus den Höhlen gesprungen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte alles
Denken an.

Der Schimmelwirt glotzte Jonsen an wie: ist der Bengel verrückt! Hat er
Fusel gesoffen? Gestohlenen Fusel?

So quälte er Jonsen und hatte den Heiligenschein Luzifers mit einem Mal. Da
riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und schlug sie dem Wirt in die Frage.
Säufer und Weiber liefen zusammen.

Jonsen wollte fliehen. Hinunter in die Gruft, zu Piet -- zu Piet -- und
weiter . . .

Der Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen fest um die Gelenke.



Das Vorgesicht


(1912)



I


Einmal geschah es, daß Séverin Roubaud den erkrankten Steiger Poulein
plötzlich vertreten mußte, weil er der Älteste auf der Sohle war.

Séverin aber betrachtete den Auftrag, einen verlodderten Flöz wieder
berggerecht zu schaffen, sozusagen als Prüfungsaufgabe für den
Hilfssteiger-Posten, der zu vergeben war.

Er spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn und Muskeln an. Trieb die
fünf Kameraden wie Ochsen und fluchte bei der Einfahrt wie der
Berginspektor selber.

Jaques, der fünfte von den Kerlen, lockerte im ersten Zorn schon das
Messer.

Der verwahrloste Schacht stundete bereits ein paar Jahre und war schlüpfrig
wie ein Sumpf.

Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit dem hervorgequetschten Gebirge,
das sich über zehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.

Sie sackten jeden Schritt breit, den sie herausschlugen, sofort zu. Keile
und Bolzen saßen fest im Aufhieb. Und aus Pram und Sohl rieselte kaum noch
Staub.

Nur im vordersten Gang, wo Séverin allein schaffte, stand das Feuer in
geduckten Funken und schrie nach der Wettermühle.

Aber Séverin hatte einen harten Schnapsschädel und bohrte fort, trotzdem
die Bläser aus dem gerissenen Bruch schon explodierten und ein Heulen wie
von gereizten Löwen war.

Dicht hinter den anderen stürzten die Ladungen wie Lawinen von Staub.
Benahmen ihnen allen den Atem und saßen faustdick auf dem Gestänge.

Jaques murrte und warnte Séverin: den Bruch doch erst ausschwelen zu
lassen.

Séverin aber stemmte die Eisen, als säße hinter ihm einer mit Keulen.

Da fingen auch die anderen um Jaques an, unruhig zu werden. »Man sollte den
Obersteiger anklingeln,« schrie der rote Jean.

Zwei Weiber, die ganz hinten die Wagen andrückten und in Rufnähe waren,
pfiff man heran.

Sie mußten die Wettermühle holen.

Séverin schlug weiter. Schlug, daß die ausgeklüfteten Felsen dröhnten.

In den Hölzern knackte es, als bohrten tausend Würmer darin, und aus den
Nebengebirgen scholl dumpfes Grollen herüber.

Man deckte das Kappholz und rammte die Buchenpfähle Schlag auf Schlag.

Widerliche Schwüle kam aus den Gängen, trotzdem die Mühle ungeheuer mit den
Flügeln aus den Saugern schlug.

Der rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte, warf die Eisen einfach fort
und verkroch sich hinter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über ihn
gekommen, denn er hatte in der verflossenen Nacht einen bösen Traum gehabt.
Er hatte seinen Vater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der vom
Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im Leichenkittel über die Halde
tanzen sehen.

»Du Séverin!« heulte er auf und wischte sich den Schmutz von den dünnen
Lippen.

Séverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er lag auf den Knien und
arbeitete, daß ihm die Zunge breit aus dem Halse hing.

Hin und wieder tat er ein paar Fehlschläge. Dann rann ihm das Blut aus
großen Wunden von den Händen. Aber er zuckte nicht. Er fühlte sich wie ein
Teil dieses Gebirges, das den anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,
ansteckender Finsternis erschien, in die sie ohnmächtig hineinbellten.

Endlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen. Das Geröll quatschte auf
seine Lenden wie lauter feuchte Sandsäcke.

Er beugte sich vor, tastete klirrend herum, ergriff die Flasche vom Rücken
und goß sie ganz in sein inflammiertes Inwendige.

Als ihm der letzte Tropfen des Fusels durch den Schlund gefahren war,
fühlte er wieder, was er vorhatte und schleuderte die Flasche zurück.

Der Hammer sprang wie geölt von seinen Schultern herab.

Rings war es ganz still geworden von den Fäustelschlägen der anderen.

Jean stand mitten im Gang und schrie noch einmal: »Du . . . du . . .
Séverin . . . du . . . Mörder!«

Sein Gesicht war kreidig verzerrt.

Und die Augen zerrissen die Finsternis. Und plötzlich öffnete sich da im
innersten Innern ihrer Pupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten
wurden tief drinnen aufgeschoben. Und es stiebte eine schwarze Glut heraus.
Ein knitternder Schatten von Feuer. Eine Flamme . . .

Sein Atem hielt mit einem Seufzer inne.

Er fühlte sich sengend heiß.

Die Lippen brannten.

Mein Gott!

Mutter Maria!

Joseph . . .

Der Vater . . . !

Und da . . . da . . . da . . . wie von unten mit riesigem Nacken wütend
emporgedrückt, brach die ganze Arbeit zusammen.

Splitterte. Riß. Knallte und rollte empor.

Die Kolbenwuchten steilten sich wie Dämme. Berg und Gehölz verschwanden in
Rauch und Steinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus menschlichen Kehlen
donnerte auf.

Aber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem Lärm von herabstürzenden
Brocken und Wasser, das wie ein Bergstrom einbrach und den Staub
verschlammte.

Séverin schnaubte durch den verstopften Mund wie ein wilder Hengst. Stürzte
in das Dunkel vor, wo er die Kameraden vermutete.

Da brach es noch einmal los und es war, als barst die ganze Erde zusammen.

Bis zur Brust war er festgekeilt und griff mit den Händen wie in Mehlberge.

Und immer neues Wasser ergoß sich und verschlang die Staubwolken.

Von einem geknickten Pfahl herunter blinkte gelbes Licht.

Das war Jeans Lampe.

Er griff danach und hob sie hoch.

Seine Augen zersägten das Dunkel.

Da hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus einem ungeheueren Keller
herauf.

Seine Augen begannen zu hüpfen.

Blut siedete auf den zackigen Felsstücken. Fleischteile lagen dampfend auf
den zerschmetterten Hölzern.

Er bekam endlich eine warme Hand zu fassen und versuchte sie mit aller
Macht emporzuziehen.

Tastete hinunter und griff nasses Gestein.

Die Hand ging verloren.

Er kratzte überall herum und konnte sie nicht wiederfinden.

Er versuchte, sich aus dem Bruch herauszuwinden. Aber je heftiger er sich
abmühte, um so nachgiebiger rollte neues Gestein herab.

Seine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten weh aus der Schwärze und suchten
nach der Hand. Sie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahnwitz. Jeder Nerv
war aufgespannt.

Und da sah er sie wieder.

Die Hand . . .

Mit fünf Fingern . . .

Die bewegten sich. Zitterten. Krallten sich zusammen.

Séverin ächzte und drehte sich aus der Umklammerung in unsinnigen
Verrenkungen.

Die dicke Luft machte seinen Atem kurz.

An den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich lahm.

Und dort unten war noch immer die Hand . . .

Finger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.

Sich wieder schlossen.

Ein mörderisch geballter Fluch, diese Faust.

Und sie wuchs heraus aus dem Gestein.

Ungeheuer groß heraus.

Séverin schüttelte sich wild.

Frost klirrte über sein Gesicht.

Tausend Räder brausten durch sein Gehirn.

Brausten und rissen die Augen mit, die nun nichts mehr sahen. Nur eine
furchtbare Nähe geisterhaft fühlten.

Die krummgeballte Faust des Satans.

Und Brausen und Stampfen des Weltgerichts.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --



II


Als Séverin erwachte aus purpurner Finsternis, sah er in das blutige
verzerrte Gesicht Jeans. Und die Hand, die er gefühlt hatte, die sich in
sein Gehirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die Augen.

»Ah -- -- -- ah . . . du . . . du . . .« ächzte er und schüttelte sich
vollends wach.

Jean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum wie ein Riese ausfüllend. Eine
Wolke, ein Berg -- und brüllte: »Seht da! Seht den Séverin! Seht ihn an: da
ist er, der das alles getan hat. Seht da! Den Mörder!«

Séverin, ganz Besinnung wieder und stark, packte ihn bei den Schultern, riß
ihm die Lampe weg und kommandierte: »Maul halten! Du . . . du Tier. Siehst
du nicht, daß wir hier fest sind?«

Jean schwankte zurück und grinste.

Séverin suchte indes mit der Lampe das Geröll ab. Nach einem Eisen oder so
etwas. Und fand schließlich einen Fäustel.

Damit beklopfte er hinten die Wand.

Es klang hohl.

Séverin schrie auf: »Hierher Jean. Hier müssen wir durch.«

Jean hatte sich inzwischen ein Eisen herausgekratzt und kroch heran.
Séverin hielt die Lampe in der einen Hand und hämmerte mit der anderen wild
auf den Felsen.

Jean stieß mit dem Eisen schon wuchtig hinterdrein. Jeder Stoß würgte ihm
das Gedärm in die Kehle. Sein nackter Oberkörper war klatschnaß und hautlos
vor Schweiß.

Das Gebirge gab langsam nach und brach in kurzen Schollen herab. Dumpfes
Dröhnen schauerte nach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die Adern der
beiden Wühler bäumten sich gegen die Geräusche wie Stacheln auf, und
Spannung brannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter.

Sie hämmerten drei volle Stunden in einem Zuge. Und fielen beide zu
gleicher Zeit erschöpft um.

Es war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Ohren und alle Eingeweide allen
Ernstes geöffnet für die Bodenlosigkeit dieses nachtschwarzen Elends!

Séverin flüsterte matt: »Jean . . . Jean . . . hör doch!«

»Was ist noch zu hören?« ächzte der aus schmerzhaften Krümmungen herauf.

»Du Jean!«

»Zum Teufel noch, was soll ich!«

»Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen, müssen wir durch sein. Keinen
Meter mehr ist die Wand.«

»Verflucht, schlag doch wenn du kannst!«

»Hör', ehe sie uns von vorn herausgraben, sind wir da hinten schon auf dem
alten Gang. Ein Notschacht ist da.«

»Schrei doch nicht so, du Hund! Mein Kopf ist ganz zerschossen. Krepieren
müssen wir doch hier. Alles ist vorbei.«

Sein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.

Séverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu kommen. In seinen Schläfen und
in seiner Stirn beutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz aus Kinn
und Hals.

Dann begann er zu hämmern und dachte an Maruscha. O, schönes warmes Bett
mit Maruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit den anderen Weibern
flennen. O Maruscha! Bald, ja, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schönes
warmes Bett. Maruscha!

Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und sein Riemen stand. O Maruscha!

Auch Jean hatte sich wieder aufgereckt. Stützte sich auf das Eisen und
horchte. Schlenkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein bißchen in den
Knien ein.

Plötzlich jauchzte er laut: »Schüsse . . . hör' . . . Sprengschüsse!«

Séverin ließ den Hammer fallen und drückte sich mit dem Kopf tief in das
Gestein.

»Donner, ja. Jean, ganz deutlich, wirklich Schüsse!«

Nun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper an Körper. Und Jeans
Besinnung wuchs mit jedem Hieb, den er ausholte.

Ach, die Wand gab nicht nach. Und die Minuten zogen die Sekunden mehr und
mehr in die Länge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten sie wie Draht
aus, der mit spinnendem Klang in die Ohren hineintönte. Jean schmiß das
Eisen trostlos hin. Seufzte: »Alles ist wieder still. Horch . . . ganz
still . . .«

Séverin klappte zusammen. Tastete blind und grausam in der Luft herum.
Dachte einen Augenblick: »Hab' ich wirklich Schüsse gehört? Wie? Hab' ich
Schüsse gehört?«

Jean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein Knochengerüst klapperte über
seinen Rücken.

»Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .« spie er fröstelnd, und sprang wieder an
die Wand.

Helles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub pfiff, von einer fremden
Schwingung weggestoßen, ihm breit ins Maul.

Splitternd gab die Gesteinswand nach.

Eine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wunderlich kalte Luft
hereinziehen.

Séverin, der einen halben Meter seitwärts stand, bekam den Durchzug zu
schnappen.

»O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können wir bald durchschlüpfen.«

Jean spürte, wie seine Adern heraufschwollen: Dieser Hund kann noch lachen?
In diesem Unglück noch lachen?

Und stellte sich vor das Loch: so, daß der andere nicht hinzukonnte und
schlug in besessener Wut in den Bruch.

Stück um Stück fiel klirrend herab. Und das Loch war schon so, daß man den
Kopf durchstecken konnte.

Und noch immer ließ er Séverin nicht heran. Eine wahnsinnige Ahnung
polterte durch sein Gehirn.

Mit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen und zwängte erst seinen Kopf
und dann den Oberkörper durch das Loch.

Enttäuscht ließ er sich wieder zurückschnellen und fiel hinterrücks auf
eine Steinkante. Séverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft warf. Und
dann auf einmal die Hand.

Die Hand mit den fünf Fingern, die auf- und zugingen. Sich ballten und wie
ein fleischgewordener Fluch standen.

Er hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und aus seinen Augen, die vor
Qual schimmerten, schoß wagerecht die Angst.

Da flog er vor, warf den Hammer wütend in den Bruch und begann die Öffnung
weiter auszubrechen.

Jean konnte sich nicht rühren. Seine Augen waren voll Blut. Und durch
dieses Blut schwamm das knarrende Geripp des Alten. Und immer hörte er den
andern hämmern.

»Er wird durchkriechen und mich hier liegen lassen! Der Mörder wird mich
hier verrecken lassen! Ei verflucht!«

Und da kam ihm seine Kraft zurück und riß den Wahnsinn aus den Augen.

Und sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der andere steckte schon halb im
Loch.

Wie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf den Knien vor und faßte
Séverins Beine.

»'Rauß da, du Mörder!«

Séverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich herum. Sein Gesicht gab ein
wüstes Gebrüll. Er schlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem Ruck
wieder auf die Beine und rutschte nach der Öffnung.

Da kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß und kratzte.

»Was willst du Lump? Hast du einen Flapps?« krächzte Séverin.

Jean hatte Séverins Kehle zu fassen bekommen. Schraubte seine Finger fest
herum.

Séverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im Gehirn. Jeder Finger schoß
hundert Kugeln. Das Herz stand ihm bebend in der Kehle. Finger rissen es
heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch geschlossen waren.

»Maruscha . . . !«

Das war der einzige Laut, den die Finger aus dem zuckenden Herzen
quetschten.

Dann schnellten diese Finger zurück, und Jean fuhr sich damit über den
rauchenden Schädel.

Und da befiel ihn naßkalt schweißiges Grausen.

Mit einem Satz war er aus dem Loch heraus. Tastete sich mit blinden Händen
durch den Schacht. Sein Kopf ging wie ein Pendel. Ein ganz kleines Pendel.
Bis er an ein Gerüst schlug und stehenblieb.

Verdammt und verflucht stehenblieb.

Mit einem gut Teil Anstrengung war es Jean dann gelungen, sich wieder zu
konzentrieren. Seine Finger griffen etwas Festes. Balken, die hochsteilten.
Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben herab. Ein Fauchen und
Zischen von Drähten.

Und dann stolperte Jean in den Korb. Riß an dem Zinkseil. Das
Auffahrtsignal schnellte nach oben. Packend schnappten die schweren
Traggesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke. Die Luft pfiff heiß
und giftig.

Jean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt er selber geworden, ganz
und gar. Und jubelte: o ihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!

Plötzlich stand der Korb mit einem Ruck. Schleuderte Jean herauf, daß ihm
die Bordkante tief in die Brust schnitt.

Jäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen hinein. Krähend vor Schreck.
Und suchte das Seil.

Riß mit beiden Händen an dem Tau und schrie alle Schutzpatronen hinauf. Riß
das Tau herunter und riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen, die in
weißlichen glatten Windungen von seinem Körper herabfielen.

Und da! Wie ein geborstener Meteor, sausend, polternd fegte der Korb wieder
in die Tiefe hinab, von einer Satanskralle wütend herabgezogen.

Immer tiefer.

Grenzenlos durch Finsternis und Nächte sausend.

Bis auf den Grund durch Meerjahre und Sternkorallen.

Abwärts.

Endlos in das torweit aufgesperrte Maul des Alten, der einmal im
Knochenrock über die Halde tanzte.



Nervil Munta


(1912)



I


Soo . . . soo . . . seufzte Nervil Munta, nach dem sich die eisenbezackte
Tür des Zuchthauses zu Ottignies hinter ihm geschlossen hatte und hob die
Brust. Hob sie, wie um den roten Mauerberg der Stadt, der vor ihm aufragte,
empor zu drücken.

»Soo . . . das Jährchen ist um. Der Streik wird auch vorbei sein. Jarse
wird einen schönen Stein auf seinem Grabe haben. Die Hauer zwei Frank die
Woche mehr verdienen. Vielleicht nimmt mich der Direktor wieder an.
Gewesenes, kann nicht mehr dauern. O, ich will schon arbeiten. Für zwei
oder drei, wenn es sein muß. Und acht Schichten die Woche. Mutter braucht
dann nicht mehr auf die Zinkschmelze gehen. Und wenn mich eine von den
Koksmädchen will, wird sie geheiratet, man muß nun endlich voll werden.«

Er hob die Brust und ging durch die lichtbeglänzte schnurgerade Straße.
Ging mit schaukelnden Schritten zum Bahnhof wie auf einem Schiff. Radfahrer
stießen mit krummen Lichthörnern die gehetzte Menge an die Häuserkanten.
Funken von den Stromzuleitungen der Tram schossen wie Silberfische durch
die dichtmaschigen Netze der Luft, und die Paukenwirbel der Geräusche
dröhnten langgezogen und jagten Echos auf und nieder. Dann und wann blieb
Nervil Munta vor einem großen Schaufenster stehen. Hob die Hände aus den
tiefen Hosentaschen, bewegte die Lippen lautlos und schob die Hände wieder
hinein. Ging weiter, kopfschüttelnd, murmelnd, ließ sich anrempeln. Rauch
ins Gesicht blasen. Lief einen Baum um. Kam in Gefahr, von einem Lastwagen
überfahren zu werden und stand endlich vor dem Bahnhofsgebäude.

Hinter ihm schlug es zusammen wie ein geteilt gewesenes Meer. Der
Ziffernkreis der Uhr stand groß und gelb wie ein aufgehender Mond. Die
Fahrkarte kostete fünf Frank, die er gewissenhaft abgezählt auf das
Zahlbrett warf. Er wog das graue Pappstückchen in der Hand und fühlte
Heimat und eine freiere Luft. Im Warteraum erstand er sich einen Genever.
Trank noch einen und kam bis zum fünften.

Da rief der Wärter den Zug aus.

Nervil Munta schlüpfte in den Wagen und fuhr drei Stunden wie im Traum. Die
Augen leblos in den schwarzen, bespienen Boden gebohrt.

In Namur mußte er umsteigen und vier Stunden auf den Zug nach Charleroi
warten. Seine Fahrtgenossen, Bauern, Kleinbürger und Soldaten suchten sich
in dem großen Wartesaal geeignete Plätze zum Schlafen.

Ein junger Bursche, den Leinenkittel dick mit Kalk beschmiert, --
vielleicht war es ein Maurer, der, nachdem die Bauerei in der Stadt zu Ende
war, in sein Heimatdorf zurückkehren wollte, -- sprach ihn an.

Ließ die weißen Zähne lächelnd blecken und forderte ihn zum Trinken auf.

Sie traten an den Schanktisch und stießen miteinander an. Der Maurer aber
hatte eine geläufige Zunge und schnurrte wie ein geschmiertes Rad. Der
Speichelschaum zischte und spritzte.

Da drehte sich Nervil Munta wortlos um und suchte sich einen freien Tisch.
Streckte die Beine aus und stürzte die Ellenbogen auf. Nun er die vielen
Menschen gesehen hatte, nach einem Jahre wieder richtig gehende Menschen,
die laut und lustig schwatzen konnten, fluchen und rauchen durften, wurde
ihm die Zunge, über die der Schnaps gebrannt war, wie Stiche von Insekten,
seltsam trocken und der Kopf wie ein Klumpen Blei widerlich schwer.

Es überkam ihn, zurückzudenken. Sich zurückzudenken in den kahlen
gefühllosen Kerker. Er hörte vernehmlich den Filzschritt der Wache und das
böse Geklirr des Schließers. Der Dunst von vergossenen Getränken und
verbrodelten Speisen kitzelte seine Nase, die noch wund war von dem faden
Leichengeruch der Zelle. Klappern von Tellern und Gläsern schwirrte durch
die heftigen Pulsschläge seines Gehirns wie das Scharren der Blechschüssel
jeden Mittag über den Zement des Zellenbodens, vom Fuß des Kalfaktors durch
die Eisentür geschoben. Jedes geregte Leben, das hier im Wartesaal geschah,
wurde zum Fühler zurück in kaum überstandene Stunden der Einzelhaft.

Und er hüllte sich in die wiederaufgebrochenen Gefühle, glaubte, daß er sie
fühlte und merkte nicht, daß er nur die Mäntel der Gefühle ausbreitete zum
Spiel, das Schlaf herbeilockte.

Er schlief fest und fuhr wie gestochen auf, als die Glocke der Abfahrt
schrillte.

Wie zerschlagen tappte er sich auf den Perron und erreichte mit Not den
Zug. Die Abteile waren überfüllt, dunkel und dunstig.

Als die schweren Wagen die Halle verließen, hämmerte der graue, windharte
Morgen an die Scheiben.

Nervil Munta, der sich einen Fensterplatz mit seinen starken Knochen
erdrückt hatte, sah spähend in die rauchige Landschaft hinaus. Die
hereinbrechende Frühe hatte seine Gedanken aufgepeitscht, in Zukunft zu
sinnen, und lebendiges Feuer in seine Glieder geworfen. Das Wirbelnde der
bewegten Erde tanzte in sein Gehirn wie ein Kirmesreigen und wälzte ein
freudiges Schnalzen auf seine Zunge, das lange anhielt. Dann überschrie der
Bremsstrom die Achsen, und der Train stand am Ziel wie festgerammt.

Fluchend vorgeschoben verließ Nervil Munta den Wagen und zwängte sich durch
das Portal.

Auf der Straße blieb er stehen. Sah sich nach allen Seiten lauernd um wie
einer, der zum ersten Mal in dieses Gesichtsfeld rückt. Klopfte an den
Kleidern herum, schob die Mütze zurecht und trabte der Vorstadt zu.

Gasometer und Hochöfen winkten mit klobigen Fäusten. Rauch zog in gelben,
grauen und weißen Klumpen wie ein Riesengeschwader über die zermürbten
Lehmhäuser. Dunst von verbranntem Erz und ranzigen Ölen machte die Luft
schwer und feucht.

Nervil Munta aber blähte die Nasenflügel weit, spreizte die Finger und
schmeichelte sich ein Leuchten in die Augen. Federnd schnellten seine Beine
über das schlechte Pflaster, und wie ein Verfolgter griff er die Klinke
einer Tür, die in das letzte Haus diesseits der Straße führte.

Mit der Mutter, die ihren schwarzen Tuchrock angezogen hatte und ein reines
Häubchen aufgestülpt, machte er nicht viel Umstände. Als sie freudeweinend
auffuhr, küßte er sie sauber ab und drückte sie wieder in den Stuhl zurück.

Der weiße Kopf neigte sich seitwärts, und ganz leise sagte sie: »Wie bist
du gewachsen, mein Sohn! Und wie stark siehst du aus. O, alles ist besser
geworden, als ich meinte. Und wie ich mich gegrämt habe, mein Sohn! Sieben
Vaterunser habe ich für dich gebetet. Und die heilige Jungfrau beschworen.
Und du, du mein Sohn . . .?«

Nervil Munta hob den Kopf und tastete die Wand ab. Blieb vor dem
Muttergottesbilde stehen und reckte die Arme. Ging in die Kammer, wühlte in
seinen Sachen herum und ging wieder ans Fenster und sah lange auf die
Straße, wo die Kinder sich jagten und schrieen.

Zum Mittag hatte ihm die Mutter eine Fleischsuppe gekocht. Er wagte erst
nicht, die würzige Brühe zu berühren. Dann aber, als ihm die Kostprobe auf
der prüfenden Zunge zergangen war, schlürfte er den Teller in einem Zuge
leer und schnalzte wie ein an der Brust gestilltes Kind. Erzählte der Frau
mit dem weißen Scheitel von den harten Erbsen und trockenen Brotrinden im
Kerker und geriet dabei in einen hellen Zorn. Obwohl er sich in der Zelle
vorgenommen hatte, niemandem etwas von den schweren Tagen zu erzählen,
erfuhr die Mutter alles, was ihm noch im Gedächtnis geblieben war. Und er
kam sich wie ein Held vor, als er die Erzählung beendet hatte.

Zum Abend ging er ins Wirtshaus und vertrank mit den Freunden, die ihn
schon erwartet hatten, das ganze Geld, welches man ihm für geleistete
Arbeit im Zuchthaus gezahlt hatte. Nichts sollte mehr von den Tagen in
seinem Besitz bleiben.

Und alle, die er freigehalten hatte, wollten sich bemühen, für ihn zu
sprechen beim Steiger, Inspektor und Direktor. Und der Wirt sagte
gewichtig: »Wenn alles reißt, Nervil Munta, kannst du bei mir im Hause
schaffen. Bekommst dein schönes Essen und guten Lohn.«

Aber es gab zwischen den bereiten Helfern und dem siegbewußten Nervil Munta
keine voneinander abhängigen Zusammenschlüsse. Da ihm seine von der Mutter
gelobte Stärke einfiel, wurde sein Bewußtsein freier und von stolzem
Erhobensein.



II


Am nächsten Tage, nachdem er bis zum Mittag geschlafen hatte, ging Nervil
Munta auf die Gewerkschaft hinaus.

Grauer verstörter Regen rann, und in den verkrüppelten Bäumen der Allee
hing der Sturm und heulte. Von den Hochöfen her brausten die Gebläse wie
Wiehern lüsterner lüstiger Hengste. Die Zinkhütten qualmten empor wie
dunkle Wäldermassen, und die spitzen Schornsteine zerstachen den Horizont,
der wie eine riesige Blase schwamm.

Nervil Munta stieg in sein Innerstes nieder und brachte die Tage herauf, da
er in Begleitung seines Vaters diesen Weg zum ersten Male geschritten war.
Zur Arbeit aufgeschrieben wurde, das erste Geld der Mutter brachte.
Vertrauensmann des Arbeitskomitees wurde. Beiträge einziehen mußte. Und
dann der Streik. Und die Schlägerei mit dem Jarse. Das Gericht. Der Kerker
. . .

Und nun ging er wieder Arbeit suchen.

Mancher Zelle Kern, der während des stumpfen Jahres sich verhüllt hatte,
ergoß sich in den fiebernden Puls der Adern und überschwemmte die Schlacken
der verflackten Flüche, die in den ersten Wochen der Gefangenschaft sein
Denken vergifteten. Das Schmerzen der Schläfen war nicht mehr. Zu Tat und
Freude schwollen Atem und Muskeln und fühlten die Arbeit vor sich als
edelste Lust. Nicht für Erbärmlichkeiten mehr würde man diese
wiedergeborenen Gefühle in Fesseln zwängen.

Das Gefühl dieser gesteigerten Bedeutung von dem Erhobensein seines Ichs
erfuhr der Portier, den er gebietend ansprach und die Passiermarke zum
Direktor forderte.

Der dicke Kerl, der in der Kolonialarmee als Korporal gedient hatte, ließ
sich so leicht nicht überzeugen und fauchte ihn an wie einen Strolch.
Stellte ein Kreuzverhör an und ließ sich die Papiere geben. Dann erst
langte er die Marke heraus.

Nervil Munta sagte dem Portier ein Trinkgeld zu, wenn der Direktor ihm den
alten Posten an der Fördermaschine wiedergeben würde.

Dann stieg er die Treppe zum Büro pfeifend empor und klopfte stark an. Die
Angeln der Tür kreischten wie die Riegel der Zelle, die er kaum verlassen
hatte. Das machte ihn schon unsicher, als hätte er den frohen Umschwung des
Blutes vergessen.

Der Direktor kam ihm barsch bis zur Schranke entgegen und hob die Stirn
gekräuselt.

»Sie suchen Arbeit?«

»Soo . . . soo . . . ist es, Herr Direktor!«

»Arbeitsbuch! Papiere!«

Nervil Munta wickelte das gelbe Buch aus der Zeitung und reichte es dem
Direktor zögernd hin. Geduckt, wie einer, der Prügel empfangen soll.

Der schlug das Buch auf. Las. Hob die Schultern. Las noch einmal und machte
das Buch wieder zu, überlegen und kalt.

Sagte dann: »Die neuen Bestimmungen der Gesellschaft verbieten, Bestrafte
anzunehmen. Zumal Leute, die dem Komitee angehört haben. Auf die
Nichtorganisierten muß Rücksicht genommen werden. Sind die fleißigsten
Arbeiter. Reibereien würden wieder entstehen. Streik und Schlägerei. Sehr
bedauerlich, aber nicht zu ändern.«

Mit zwei Fingern reichte er dem zusammengesackten Menschen das Buch zurück
und drehte ihm den Rücken zu.

Nervil Munta schlich sich stöhnend hinaus und kam erst wieder zu sich, als
er auf dem Hof stand. Mitten in dem satten Gewirr von Arbeit, das von den
Werken herübergewitterte.

Dem Portier, der die Hand geöffnet hinhielt, spie er ins Gesicht. Stellte
sich draußen vor den Zaun und ballte die Fäuste. Das Gesicht zerriß ein
böser Krampf, und trockener Husten quälte die Kehle. Aber dann hakte sich
etwas in die Stirn hinein und zog den Willen zurück von einem Sprung ins
Rächerische. Beruhigte das Gehirn und fürchtete die letzte Armut nicht.

Wie er nun dastand und das Gespannte der Fäuste löste, brach weiße Sonne
schräg durch die Wolken und verwirrte seine Augen so, daß sie tränten. Er
bedeckte das Gesicht mit der Hand und ging in die Stadt zurück. Auf
Umwegen. Es war ein steiler und steiniger Pfad, der über den Hügel zwischen
Ginster hindurch führte.

Die Mutter betrachtete ihn blinzelnd.

Seine hervorstehenden Augen aber starrten ins Dunkel der Kammer. Und die
Unterlippe fiel herab. Zum Reden war er an diesem Tage nicht zu bewegen.

Am dritten Tage endlich, nachdem er auf sechs Stellen abgewiesen war, im
Walzwerk, in der Bleihütte, in der Ziegelei, Pumpanlage, Gasanstalt,
Teerfabrik, bekam er auf der Koksmühle Arbeit. Da zwanzig Leute die Brocken
dort hingeworfen hatten, nahm man gern Ersatz. Gleichviel, wo er herkam.

Nervil Munta, der einem Streikbrecher das Messer in die Rippen gesetzt
hatte, nun selber ein solcher Lump?

Er fürchtete die letzte Armut nicht. Aber die andere Angst. Vor dem Ekel
des Nichtstuns fürchtete er sich maßlos und griff darum zu und belobte den
Tag und das Werk.

Da er zur Nachtschicht befohlen war, war ihm eine Last genommen. Die
Genossen, denen er nicht gern begegnet wäre auf dem Werkgang, waren ihm auf
diese Weise entrückt. Man würde nun nicht mit Fingern auf ihn zeigen. Ihn
nicht anspein, auflauern, verprügeln.

Aber in Gedanken noch wollte er ein Körper der Freiheit sein. Entflohen aus
der Armut, der Fremde, der Schande. Im Schaffen war ihm Leben. Wollust
hierzu peitschte sein ungeschwächtes Blut auf.

Der Aufseher, bei dem sich Nervil Munta um acht Uhr zur Nachtschicht
meldete, war der Schwager des erstochenen Jarse. Er beriet schon in
Gedanken dem Mörder, der ihm in die Hände gegeben war, waffenlos und
gedemütigt, die Minute seines letzten Blickes.

Nervil Munta aber merkte nicht den Triumph und ließ sich wie ein blindes
Kind an die gewaltige Maschine, die sonst von zwei Männern bedient wurde,
führen.

Zwischen kreischenden Schwungrädern und sausenden Treibriemen wurde sein
arbeitshungriger Körper hingestellt. Wie ein stürzender Felsblock warf er
sich in die Fron und ließ die Muskeln springen. In rhythmischem Hin- und
Herwärtswiegen zitterte sein geladener Körper. Da ihm diese Arbeit
ungewohnt war, ermüdete er bald und bog den gekrümmten Rücken ächzend
gerade. Wischte sich den Schweiß aus der Stirn und hustete den Staub, der
seine Kehle zugeschnürt hatte, hinaus. Das Zuchthaus hat mir das Fleisch
von den Knochen gefressen und das Mark ausgesogen, dachte er und strich
sich mit der flachen Hand über die gedunsenen Adern.

Aber da stand der Aufseher lauernd hinter ihm und brüllte »Was zum Satan
glotzt du herum? Hast dich nicht lange genug ausgeruht. Da hinten im Bau?«

Nervil Munta starrte mit verglasten Augen empor, griff nach der Schaufel
und warf den Koks in die Mühle. Der Aufseher stand lauernd hinter ihm und
sah zu.

»Du Faulpelz mußt schneller schippen. Noch einmal so schnell. Soll die
Maschine leerlaufen, springen?«

Nervil Munta nahm sich zusammen. Irgendwo schwoll eine Wut in ihm und
befeuerte die Gelenke. Nur mehr ein Werkzeug war ihm der Arm. Und durch
sein Gehirn blitzte das Erkennen: Ich bin nicht mehr _ich_.

»Immer noch fixer und mehr auf die Schippe,« brummte der Aufseher und ging.

Nervil brach am Morgen wie ein Sack zusammen. Lag im Ankleideraum erst eine
gute halbe Stunde lang auf der Erde, ehe er aus der Fabrik in die Stadt
zurücktaumelte.

Dann trank er die Kanne Kaffee, die ihm die Mutter vorsetzte, in einem Zuge
leer und warf sich auf's Bett. Schlief bis zum Abend und war nur mit Mühe
wach zu kriegen.

Packte dann die Brotstücke und die Geneverflasche in den Kober und ging
wieder auf die Mühle.

Und Nacht für Nacht kamen die gleichen Auftritte mit dem Aufseher, der ihn
zwackte und peinigte wie eine Schindmähre. Seine Rachlust lebte ihm darum
und davon. Nur die Geschicklichkeit »Jetzt« zu sagen, war ihm noch nicht
geworden.

Nervil Munta lebte in einem besinnungslosen Dämmer.

War steingewordene Antwort eines lebendigen Hetzers.

Seine Hände waren aufgerissen, und das Blut klebte den Holzgriff der
Schaufel unentrinnbar ans Fleisch.

Stand nicht einer hinter ihm, der mit den Fäusten an seine Schläfen
hämmerte, so, daß man die Knochen klingen hörte?

Dann wieder kam die Angst: Gib acht; die Räder donnern auseinander und
zerschlagen deinen Schädel. Die Riemen zischen wie Schlangen und werden
dich umringeln und die Brust zerquetschen. Gib acht! Gib acht!

Durch das Gedröhn der Walzen, durch Staub, Aufseherfluch und Schweißtropfen
kam ihm diese Furcht.

Würde sie nie aufhören zu sein?

In der fünften Nacht sprang ein Koksstück aus der Mühle und zerfetzte sein
Ohr. Das blutete und wurde eine einzige schwarzblaue Geschwulst.

»Siehst du,« sagte der Aufseher, der ihm die Wunde verband, »siehst du, der
Jarse hat dich gerufen. Nimm dich in acht, daß er dich nicht ganz holt!«

Nervil Munta dachte an die Schlägerei und versprach sich, dem Jarse von dem
ersten Verdienst eine Messe lesen zu lassen.

Der Aufseher begann zu hoffen und trieb es in der siebenten Nacht noch
ärger mit Nervil Munta. Der Mörder mußte zu Ende gepeinigt werden. Und sein
blutgieriger Wille hetzte sich hinauf in seinen letzten Mut.

Als Nervil Munta sich unter den letzten Flüchen des Hetzers schließlich
aufbäumte und nach einem Eisenstück greifen wollte, glitt er auf der
glatten Bühne plötzlich aus und geriet in das Radgezähn. Und ehe der
Aufseher dazu kam, den Schwung der Transmission zu stoppen, war sein
Schwager Jarse gerächt.



Der Anarchist


(1912)



I


Mitte März trat der neue Ingenieur Erwin Vallotti sein Amt an. Er hatte die
drei Dynamo-Maschinen zu beaufsichtigen, die in Bordael dröhnten und
ratterten, die Pumpanlagen und Paternosterwerke betrieben.

Der Direktor der Grubengesellschaft stellte ihm die drei Gehilfen vor.
Zuerst den Techniker Vildrac, dann den Jean Paquet und zuletzt Henri
Semella.

Der Techniker Vildrac war der einzige auf diesem Werk, der keiner
Organisation angehörte. Er mied den Schnaps, ging jeden Sonntag zweimal in
die Kirche und besaß fünf Kinder. Außerdem hatte er rote Haare,
Sommersprossen in einem wulstigen Gesicht und ein unregelmäßiges Gebiß.

Von den beiden anderen Kerlen war Jean Paquet der intelligentere. Obwohl
etwas Raubtierhaftes von ihm ausging (wenn man z. B. seine
unverhältnismäßig langen Arme und den wüst bebuschten Schädel betrachtete)
war sein Gesicht schmal und offen, und der Blick stand fast immer frei.

Henri Semella endlich fiel nur durch sein Sprechen auf, das mehr wie ein
gewürgtes Knurren ging und gut zu dem Bulldoggenmaul paßte. Daß er in der
Kneipe häufig zu finden war, mag auch erwähnt werden.

Der Ingenieur Erwin Vallotti machte, nachdem er sich von dem Vorhandensein
der drei Mitarbeiter zur Genüge überzeugt hatte, nunmehr die Bekanntschaft
der Maschinen in der weißen Riesenhalle, die aus zwölf ungeheuren
Bogenfenstern Weltmeere von Licht empfing.

Die drei Dynamos mit ihren Kesseln waren von verschiedenen Dimensionen.
Jene zwei an den beiden Außenflügeln des Raumes hielten sich in älteren
Konstruktionsmaßen und verursachten nur mäßige Geräusche. Aber es schien,
als äußerten diese Geräusche feinste Wissenschaft, welche die Menschen
kannte, in denen Tore sind, ihnen zueilte, in ihnen bebte wie ein
gewordenes Spiegelbild des Daseins und Nächte zerstach.

Wenn die breiten Lederriemen über die Stahltrommeln fuhren, die Bürsten
schrill pfiffen und die Luft sich zwischen den Polen wie eine Gewitterboe
erbrach, spürte man deutlich, wie in den Menschen dünne Schichten einer
Halluzination gegeneinanderdrängten, nebelzart und schmerzgefranzt, sich
ineinanderschoben und ein Gesicht formten, das nicht von dieser Welt war.

Mimische Ausdrucksposen dieses also Geformten stellte das jeweilige
Blut-Tempo des Halluzinierten.

Aber all diese traum-trächtigen Geräusche der zwei äußeren Maschinen
verstummten, sobald das Ungetüm in der Mitte die Flügel erhob. Hart wie ein
Gebirge stand sein Schnauben im Raum und ballte die Luft zu Lawinen, die
vom Schwungrad durcheinandergewürfelt eisige Nacht säeten, wer wohl fände
Worte, die die Kräfte jener frostigen Niederbrüche mündig machen, um sie
gegeneinander sprechen zu lassen? Könnten es Laute aus unseren Sprachen
sein? Ach, solche Laute fügen sich nie zu Wörtern und Sätzen, die
antworten. Sie können auch nicht beschreiben. Ununterscheidbar schwarz in
schwarzem dünnem Tuche wären alle Schlünde und Abhänge, von denen unsere
Sprache gesprochen hat.

Unersättlich mahlte das Maschinenungeheuer. Thronte in dem schwärzlich
düsteren Rot der Höhle wie ein Drachen und lenkte mit seiner gigantischen
Schwere das Pendel Mensch in die nächste herzukommende Zeit hinein, die
eine völlige Wahrheit strahlen wird.

War es nicht eine infernalische Groteske, daß der Techniker Vildrac auf der
Plattform stand und den Gang dieser Maschinen lenkte? Mit den Füßen eines
gebrechlichen Glaubens sein Dasein in das Hirn dieses Gott-Embryos rammte,
ohne zerzwirbelt zu werden wie ein lästiges Insekt?

Der Ingenieur Erwin Vallotti kannte, fremd in dieser Halle, natürlich noch
nicht das wahre Gesicht des Molochs. Als ihm aber Jean Paquet wie auf eine
heimliche Verabredung hin die Opfer nannte (zwölf vom Hundert), da war kein
Zweifel mehr in ihm. Er segnete diese Stunde. Und alle Furchen in seinem
hageren Antlitz schienen wie eingemeißelt in die harte Haut. Jeder Zug um
Nase und Mundwinkel stand starrend steif.



II


Drei Wochen waren verrollt. Da zogen die Grubenleute in hellen Scharen in
die Versammlung. Ein Obmann von der Zentralleitung der roten Organisation
war gekommen und sprach für den Achtstunden-Tag. Man jubelte ihm zu, wenn
er mit einem Worthieb starre Gesetze splitterte, oder alles Bestehende, das
faul war, mit einem Fußtritt in den »Orkus« stieß. Man heulte auf, als er
mit einem Scheinwerferstrich von Allwissenheit in das sumpfige
Qual-Labyrinth der Gewerkschaft von Bordael stach und Zustände lichtete,
die schon nicht mehr sträflich waren. Und das Geheul der Wissenden klang
wie das Feldgeschrei irgendeines wilden Volksstammes und schien von
dumpfen, schmetternden Trommelwirbeln begleitet. Denn in den Mienen des
Redners stand gläubig geschrieben: Ich bin schon nah; gleich wird das
Vollbringen mich umhüllen.

Sieghaft verlas er die Resolution, welche forderte: sogleich in den Streik
zu treten, der als ein Unerwartetes schon halberfüllte Forderung war.

Da setzte breit und dumm die Diskussion ein. Zog den Willen zurück von dem
letzten Sprung und ließ ihn wie eine offengestöpselte Essenz verflüchten,
die zum Himmel stank. Und die Stimmung zerriß. Blut kochte. Exzesse wurden.

Da trat der Ingenieur Erwin Vallotti, der von einem Pfeiler verdeckt der
Strömung gefolgt war, vor und versuchte sich einen Weg zu der Tribüne zu
bahnen, wo der fremde Redner saß. Halsgeschwollen und mit zurückgebeugten
Armen. Hatte Hämmern im Kopf, während Adern sich verknoteten, wühlten und
zerrten: Fäuste zu ballen über diese Haltlosen. Zu brüllen: Ihr Vieh!

Rings um ihn her hatte sich aus Getreuen und Standhaften ein tonnenförmiger
Kreis geschlossen, dessen Dauben alle Mühe hatten, den Druck von außen
auszuhalten. Die armen Leute quetschten sich so schmal wie möglich.
Krümmten die Schultern und spreizten die Beine, um dem entsetzlichen Muskel
standzuhalten, der sich um das lebende Faß wand und preßte.

Der Ingenieur Erwin Vallotti kam nicht einmal bis zur Mitte des Saales. Als
er umherblickte mit verwundert fragenden Augen, sah er, daß er der
Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war. Man stierte ihn
verdutzt an. Ließ die Unterkiefer hängen und erreizte sich Gedanken, wer er
sei, was er hier zu tun habe und mit welchen Absichten.

Da schrie einer: 'Raus mit dem Spion!

Aber noch ehe es aus dem zwiespältigen Gemurmel zum Orkan schwoll, ging die
Glocke auf der Tribüne.

Da drängte es sich in ihm auf wie ein Gefühl von Scham: Wer sind denn
eigentlich diese Geschöpfe. Diese schlappen Gesichter mit ihrer gedunsenen
Un-Ironie? Ihrem matten Unwillen? Daß gerade diese des Elementaren
verlustig gegangen waren: der Kraft, zu zürnen. Gewaltsam ans Licht zu
drängen!

Er empfand diesen Augenblick etwas wie Verachtung gegen sich selbst und
suchte den Ausweg zur Tür. Ging über die Straße zum Kanal hinunter, wo ein
Sturm erbost war. Schob sich mit wagerechtem Oberkörper durch den
treibenden, puffenden Widerstand.

Da segelten dichte, monderhellte Wolken um einen Strahlenkern. Unter ihnen
klatschte und flatterte es wie unter einer Reihe riesig gebauschter Segel,
und unter dem Holzpfahlwerk des Kais wetzten zerbrochene Scherben ein
Spiel, das keinen Klang mehr hatte. Schiffsmaste beschrieben weite
Pendelbewegungen. Schornsteine von drüben schnellten wie Gerten und
zerrissen die Wasserhaut in lange weißschäumende Wunden.

Es lag nahe, die Raserei von einem flammenden Zorn mißhandelter Elemente,
in denen es ohne Unterlaß riß und peitschte, knirschte und schrie,
winselte, zischte und schluchzte, unvernünftig sinnlos zu nennen. Aber
gehorchten nicht die Elemente des Menschenhirns denselben Gesetzen wie
Himmel und Flut?

Und doch: die Elemente da hinten im Versammlungshaus interessierten ihn
mehr, als das Unwetter hier draußen, das ja wohl ihr entfernter Verwandter
war. Sie sprachen eine gleich unartikuliert klingende Sprache, wenn auch
von Furcht noch gehalten.

Aber diese Naturkraft muß noch im Keim konzentriert, gezähmt werden, um sie
als Kraft auf gewaltige Entfernungen zu übertragen. Und ohne ihre Macht zu
dämpfen, muß man sie hindern können, ihre eigene Maschine zu zerschmettern.

Ach, begreifen sie wirklich schon: wie, lebten sie so, wie sie leben? Und
wie vermöchten sie es, wie vermögen sie's? Hören sie denn nicht den Schrei:
Es wartet einer draußen schon?

Sind sie denn krank?

Krank, da sie sich noch bemühen können, ehe der Schrei des Todes
herausgenommen ist aus ihrer Welt oder -- ganz in sie hineingekommen? Aber
wie können nur ganze Haufen sich als die Einzelnen fühlen, da jener Schrei
doch an alle und als das Erste herangeht. Müßten die Menschen innerlich so
verschieden sein, wie sie heute ihr Äußeres einander verweist?

Man ginge lieber zu den Kaffern und wüßte schon, bevor man mit ihnen
spräche, über sie: In diesen bist du wie in jedem Lebenden zu Hause. Und
diese Sicherheit stärkte und man könnte leben ohne das Schmerzen der
einsamen Wachheit.

Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte die Straße wieder erreicht. Der Sturm
blies nun von rückwärts, hob ihn empor, stieß ihn fast vor sich her und
spreizte ihm die Rockschöße aus wie Flügel. Er sah nach dem
Versammlungshaus hinüber. Alle Lichter waren erloschen dort. Der Regen
hatte das Volk wie Spreu zerstreut. War der hundertfältige Willen der
Vielen endlich geknotet zu einem einzigen Tau, jenen Riesen zu fesseln,
gegen dessen Bestialität man anzurennen versuchte?

Vor einer miserablen Wirtschaft stand noch eine kleine Gruppe
Abschiednehmender. Das Harmonikagezwitscher von drinnen drang kaum durch
die Scheiben ins Freie, und das Klirren der Gläser nahm sich aus wie ein
schwaches tickendes Knipsen.

In der Nähe einer Laterne stieß der Ingenieur Erwin Vallotti mit einem
älteren Mann zusammen, der ihn trotz seiner klar gehörten Entschuldigung
mit den Augen verfolgte.

Der Ingenieur Erwin Vallotti guckte neugierig über die Achsel zurück und
wäre vor Erstaunen fast gestolpert. Diesen buschigen Kopf hatte er schon
gesehen, ebenso, wie diesen starren Blick unter den Hängebrauen.

Er rief darum, nicht mehr zweifelnd: »Jean Paquet!«

Da drehte sich der Schwarze um und kam rasch aus der brausenden Finsternis.

Nun sah er deutlich: der Mann, dessen Gesicht sauber geseift war, hatte
Fanatisches. Und war sein Mitarbeiter.

Dann sagte er: »Nun, mein lieber Paquet, wie lief die Sache? Wird gestreikt
oder nicht?«

Jean Paquet beugte sich vor. Wie jung er doch aussah!

Fast sieghaft kam es heraus: »Ja. Sie, morgen schon! Und Sie können es auch
gleich wissen: ich mach mit. Dafür können _Sie_ meine Maschine lenken. Oder
der Vildrac. Oder ihr alle zusammen!«

»Wer?«

»Na, der Vildrac, der Kriecher! Wer denn sonst? Sein Gott wird ihm wohl
noch einen Arm dazu wachsen lassen, damit er nicht mehr zehn, ach, gleich
zwanzig Stunden schuften kann.«

»Sagen Sie mal, Paquet, weshalb beschimpfen Sie gleich Ihren Genossen?
Wissen Sie denn schon, daß er nicht mittut, wenn alle streiken?«

Jean Paquet verzog den Mund und spuckte aus: »Der und streiken? Tausend
Knüppel jagen ihn nicht aus dem Maschinenhaus!«

»Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden! Oder mit Geld herumkriegen.
Vielleicht hat er Angst zu hungern.«

Jean Paquet richtete sich auf. Trotzig. Hob die Schultern. Und schrie
gemein: »Sie wollen mich wohl aushorchen. Herr Ingenieur??«

Da faßte ihn der Ingenieur Erwin Vallotti bei der Schulter, um ihn in das
gegenüberliegende Lokal zu zerren.

Paquet aber witterte Verrat. Bekam einen Wutanfall und riß sich los.
Brüllte über die Straße hin: »Nun pack' dich aber, du Spion! Pack' dich!
Sonst gibt's noch eine Leiche heute Nacht!«

»Feigling!« knurrte der Ingenieur Erwin Vallotti und ging mit starren
Blicken in das fahle Frühlicht.



III


Am nächsten Morgen waren nur zehn Knappen von der ganzen Belegschaft
gekommen, die sich zur Einfahrt meldeten. Man wies sie zurück und hing
doppelte Schlösser vor die Tore. Die Heizer aber, junge Kerle aus dem
Osten, standen vollzählig vor den Kesseln, und in der Maschinenhalle fehlte
nur Jean Paquet.

Da ersuchte der Direktor, dem der Streik wirklich nicht naheging, den
Ingenieur Erwin Vallotti, die verwaiste Maschine für die paar Tage, wo
dieser Karneval tobte, selbst zu halten. Denn das Wasser müßte unter allen
Umständen aus dem Schacht.

Der Ingenieur Erwin Vallotti schwoll rot an. Zuckte aber nicht. Stellte
sich vor das Schwungrad und lenkte den Hebel. Der Schweiß glänzte dick in
den schwarzen Haarsträhnen, die ihm unter dem Hut hervorhingen. Und seine
Augen lagen tief wie zwei ausgebrannte Kohlen.

Er dachte: warum sind nur die Heizer da? Dieser Streik wäre dann der erste,
der zu gewinnen ist. Lumpenpack!

In der Mittagspause, als der Vildrac im Ölkeller war, hatte der Ingenieur
Erwin Vallotti eine Unterredung mit Henri Semella, die so gestellt war, daß
dieser am nächsten Morgen nicht wieder kam. Da setzte der Ingenieur Erwin
Vallotti mit den kleinen Maschinen aus.

Nun ging die große Riesenmühle allein, und Vildrac war stolz auf das
durchdringende Getöse, das sie verursachte. Er sog das Sausen der Zylinder
wie Musik ein und ahmte mit heftigen Lungenstößen das Auszischen des
Dampfes nach. Er putzte und reinigte die Metallteile, bis sie die Sonne an
Glanz übertrafen. Sang und putzte und sah strahlend erhoben auf den
Ingenieur herab, dessen schlangenhafter Schatten in dem Lichtpfad auf
zitternden Steinen zwischen den ruhenden Dynamos unter den Riemen hin- und
herhuschte.

Das ging Tag für Tag so. Und drei Wochen hindurch. Und um keinen Schritt
waren die Streikenden mit ihren Forderungen näher gekommen.

Der Herr Direktor ging wie ein Pfau umher und rauchte teure Zigarren auf
dem Grubenhof. Sein Blick fuhr streichelnd über die festverrammten Tore und
über jedes Gebäude. Minutenlang horchte er auf das Brausen aus dem
Maschinenhaus und klopfte sich befriedigt auf den Bauch. Denn auf den Höfen
lagen noch ungeheure Kohlenvorräte aufgestapelt. Und solange die Pumpen das
Wasser in breiten Strömen aus den Schächten hoben und der König und
Soldaten waren -- -- --

Eines Abends belauschte der Ingenieur Erwin Vallotti einen Trupp
Ausständiger im Wäldchen, wo sie faul und mutlos im Moos lagen. Man
resignierte da: »Solange die Maschinen gehen, gibt der Hund von Direktor
nicht nach. Warum haben wir die Heizer nicht auf unserer Seite? Der Streik
ist doch auch ihre Sache. Man sollte das Maschinenhaus stürmen und die
Lumpenkerle totschlagen. Diese Lumpenkerle,« -- sie spuckten alle
geräuschvoll aus, -- »die ihren Brüdern in der Verdammnis noch ein Bein
stellen, gerade das: ein Bein stellen, denn es ist doch so, wie wenn zwei
raufen und ein dritter kommt und stößt den Schwächeren mit dem Fuß unter
die Kniekehlen und nimmt dann für die Mühe noch fünf Groschen. Es ist
akkurat dasselbe, wie wenn das Schwalbenjunge dem Kuckucksjungen hülfe, die
Schwalben aus dem Nest zu schmeißen. Aber man kann die Hunde nicht mehr
fassen. Tag und Nacht liegen sie auf dem Werk. Dynamit sollte man legen.«

Der Ingenieur Erwin Vallotti zuckte auf: »Verwirre ich mich denn immer
mehr? Geht nicht einer hinter mir, der mit den Knöcheln seiner Finger auf
meinen Rücken klopft, so daß ich meine Gedanken aus den Knochen klingen
höre? Als Echo einer gewordenen Tat klingen höre: »Dynamit sollte man legen
. . . !«

Bin ich denn Gott?

Freilich, der Gott, den unsere Völker zu fühlen glauben, hat ja auch nicht
gelernt, _der_ Gott zu sein.

Trotzdem will ich mein Werk vollenden. Sei's auch um den Preis der Brüder.«

Als der Ingenieur Erwin Vallotti wieder in das Maschinenhaus kam, schickte
er den Heizer, der ihn vertreten hatte, wieder weg und nahm sich den
Vildrac vor.

»Sie sind schon fünfzehn Jahre auf dem Werk, hörte ich!«

»Ja, Herr Ingenieur!«

»Was sagen _Sie_ denn zu dem Streik, he?«

»Ich . . . ich . . . meine, die Kerle haben keinen Grund. Sie haben doch
ihr Auskommen und acht Stunden den Tag -- das geht doch nicht. Da lungern
sie bloß in der Kneipe herum und vertrinken noch mehr. Es ist eine Schande,
Herr, wie die Kerle saufen!«

»Sie lesen viel in der Zeitung, Vildrac?«

»Ach, mehr in der heiligen Schrift. Die Zeitungen lügen ja so. Nur im
Kreisblatt steht manchmal Wahres. Da steht _auch_, daß der Streik nichts
wie Erpressung ist. Aber man weiß ja, die Kerle haben sich aufhetzen lassen
von denen, die oben stehen und berühmt werden wollen. Der Jean Paquet ist
übrigens auch so ein Hetzer. Was hat er als Maschinist mit den Grubenleuten
zu tun? Schon längst hätte er hier weg müssen. Der Hetzer!«

»Sind Sie nie in einer Versammlung gewesen?«

Vildrac richtete sich auf mit geröteten Augen. Sein sonst gelbes Gesicht
glich augenblicklich einem nebligen Herbstmond. Es war fast glutrot. Mit
schleimigen Gurgelstößen erwiderte er: »Soll ich auch etwa unter die
Hungerleider gehn, Herr Ingenieur? Ich habe fünf Kinder, Herr! Gegen meine
Überzeugung soll ich Front machen? Nein. Nie im Leben! Sie sehen ja, die
Geschichte führt ja doch zu nichts. Nächste Woche werden Leute aus Holland
kommen. Dann können die hier sich trollen. Und dann: Ist das ein Kampf?
Nichts als Mord. Mord!«

Da brauste der Ingenieur Erwin Vallotti auf: »Aber nun hören Sie mal. Gewiß
ist das ein Kampf. Ein Bazillenkampf. Ihre Brüder hungern. Ihre Brüder
finden das Hungern unbehaglich. Sie vereinigen sich, um sich das Brot, d.
h. die Produktion zu erkämpfen. Sie sagen Mord? Nun, wenn Kampf einmal im
Gange ist, hagelt es auch Hiebe. Und wenn Brotläden gestürmt werden, hol'
der Henker den, der umherfackelt und von den Lilien auf dem Felde faselt.
Es wird ja nicht nach Formen und Billigkeit gefragt, sondern nach Macht und
Konjunkturen. Rechtmäßig heißt jeder Streik, der gelingt. Und dieser Streik
wird und muß gelingen, weil er sozial und ein Kraftmesser ist.«

Vildrac spreizte die Hände. In seinen Mienen jagten sich Abwehr und Angst.
Keifte Unverständliches und kroch wie ein verprügelter Hund unter die
Riemen.

Der Ingenieur Erwin Vallotti hingegen stand mit geballten Fäusten. Ein
Verödendes lief über sein Denken. Er wurde fast irre in der Wut darüber,
daß jener, ein Vernarrter, da war und sein Haus beschrie. Einer da war, der
nicht fühlte, daß die große Quelle des Neuen draußen unter den Brüdern
herausgebrochen ist, die schon lebte in ihrer dem Tode abgekehrten Art.
Ihre Sache ist Zweck und ihre Seele Lust. Frei freute diese sich erst, wenn
keiner der Beteiligten mehr unentwickelt im Knäuel der primären Triebe
läge, wenn nicht mehr lebende Möglichkeiten von Menschen aus dem Meere des
Goldes hinausgeworfen wären auf den Strand der Not.

In diesen Gedankengängen kam der Ingenieur Erwin Vallotti dazu, ein Signal
zu geben. Und sein Wille konzentrierte sich vorerst auf die große Maschine,
die Ursache war, daß unter den Brüdern Unlust und Untätigkeit verheerend
kroch. Und eine Eingebung versetzte ihn in einen Zustand freudiger
Erregung.



IV


In der Nacht auf den Tag, da zweihundert Streikbrecher unter Begleitung von
Gendarmen ins Dorf gekommen waren, gingen alle drei Dynamomaschinen. Die
Förderkörbe stiegen auf und ab und in den Paternosterwerken lärmten die
eisernen Schieber. Vildrac und der Ingenieur Erwin Vallotti waren allein in
dem Maschinenhaus. Ihre schwarzen Schatten standen riesengroß auf den
weißen Wänden. Die Bogenlampen schwammen wie in Blut, und die großen
Regulatoren zerspritzten das Purpurne mit rasendgeregten Drehungen. Die
Pistons ächzten unruhig einem Unfaßbaren entgegen. Durch die Fenster
zwängte sich der Flor der Nacht und trieb die Außenwelt weit hinaus.

Vildrac hockte wie ein Götze auf der Plattform, und unter ihm sausten die
öligen Drahtseile wie Befehle aus _seinen_ Händen entsprungen. Die Ringe
unter den Kupferbürsten liefen durch sein Gehirn, das von jeder Runde das
geschöpfte Wasser zu messen schien. Der dumpfe Ton des Tumultes klang ihm
wie eine Bestätigung.

Der Ingenieur Erwin Vallotti pendelte mit unruhig gelängten Schritten durch
den ungeheuern Raum. Als er aber an den Schalttafeln hantierte, ließ ihn
Vildrac nicht mehr aus den Augen. Eine erträumte Ahnung quoll die
weißverzerrten Äpfel wie Knollen aus den Höhlen vor. Plötzlich vereinte
sich dem ahnend Erdachten, zu dem ihm Hellsehen stieß, eine Tat. Er hörte
etwas einschnappen und sah, daß die Armatur ihren Lauf veränderte.
Kurzschluß!

Der Ingenieur Erwin Vallotti stand am Fenster und rührte sich nicht.

Da kroch Vildrac von der Plattform und untersuchte den Draht. Er ächzte und
stöhnte dabei. Hielt Schläge aus, die vom Strom sprangen, und näherte sich
befriedigt der Endung, als die Armatur plötzlich zurücksprang und den
Körper hochriß.

Wie ein nasser Sandsack platschte er aus der Höhe auf den Steinboden
zurück.

Der Ingenieur Erwin Vallotti klingelte die Heizer herein. Einer mußte den
Direktor holen. Der richtete an den Ingenieur einige Fragen, die dieser mit
gleichgültigem Kopfnicken bestätigte.

Unfall. Selbstverschuldet.

Man hielt sich nicht lange auf und schaffte den Leichnam hinaus. Es waren
noch zwei Stunden bis zur Ablösung, und die nützte der Ingenieur Erwin
Vallotti, der allein in der Halle blieb, aus zu dem rächerischen Werk, das
keiner Zeugen bedurfte. Er hatte den vorerwogenen Weg, der doch zu keinem
Ziele führte, endgültig verlassen und strebte darum dem Letzten zu. Er
wußte: nur ein dröhnendes Signal könnte die Scharen sammeln. Und dieses
furchtbare Signal wollte er geben. Denn die Brüder brauchten einen
Schlachtruf zu jener Sieghaftigkeit, die ihres Willens zur Freude wert ist.
Sie werden dann nicht mehr sich selber zerfühlen, zerfleischen müssen,
fühlten sie erst den großen Kampf vor sich als einen halberrungenen Sieg.

Dann erst wandelte sich zur Tat jedes Mühn, wenn der es in den Ekel
zerrende Zusammenhang mit der Stillung des Hungers zerrissen wäre und auch
nicht mehr die Farbe des Einzelnen trüge.

Der Ingenieur Erwin Vallotti atmete erst auf, als die Patronen gelegt waren
und die Drähte verbunden. Und niemand würde, das war ihm gewiß, den Plan in
den ersten vierundzwanzig Stunden entdecken.

Mit gehobenen Schultern trat er ins Freie.



V


Vor dem Tor der Grube staute sich ein wütender Menschenschwarm. Mit Steinen
standen sie da. Wurfbereit, manche schwangen schwere Knüppel. So wollten
sie die Streikbrecher empfangen.

Der Direktor hatte nach der Stadtkommandantur telegraphiert. Militär war
unterwegs. Um sechs sollte es eintreffen. Das war zeitig genug. Denn um
sieben kamen erst die Streikbrecher aus der Schicht. Als der Ingenieur
Erwin Vallotti sich durch den Menschenwald zwängte, vertrat ihm Jean Paquet
den Weg. Ein unheimliches Feuer brannte in dessen Blick.

Da sagte der Ingenieur, indem er ihm die Hand hinreichte: »Was ist Ihnen?
Sie sehen aus wie der Tod. Zweifeln Sie an der Sache ?«

»Verflucht! Sie fragen noch? Mit den Soldaten hat man uns gedroht!«

»Den Ausgang habe ich vorausgesehen!«

»Natürlich wußten Sie das. Denn Sie haben ja ein Interesse daran, daß die
Maschinen wieder voll gehen.«

»Das können Sie glauben?«

Jean Paquet griff sich ans Herz. Aber dann ging wieder die Wut über sein
Gesicht und er schrie: »Das sage ich Ihnen, ehe das erste Bajonett blitzt,
haben wir die fremden Teufel aus dem Dorf gejagt. Mit Steinen werden wir
sie jagen. Und das Maschinenhaus werden wir stürmen. Kein Rad soll ganz
bleiben. Dann wird der Hund von Direktor schon nachgeben! Und wenn Sie kein
Messer zwischen die Rippen haben wollen, Herr Ingenieur, dann bleiben Sie
nur heute aus dem Werk.«

Der Ingenieur Erwin Vallotti hatte von dem Sprecher kein Auge gewandt. Und
dachte: Seltsam, daß niemand von den Oberbeamten begriffen hat, was da
unter den rauchigen Augenbrauen dieses Kerls qualmte. Heute forderte er
diese Idioten heran, sie zu zermalmen. Die Masse wird sie zermalmen, die
schlau genug ist, ihre Dummheit zu hüten, diesen unersetzlichen Vorrat an
Energie, Glauben und Selbstsicherheit. Sie braucht nicht von ihrer Höhe
hinabzusteigen wie der Philosoph, wenn er zur Schimäre des Wissens
vorgedrungen ist und ein Verlangen nach Handgreiflichkeit und Handlung
fühlt. Sie besitzt aber auch nicht jene Naivität, die der Philosoph
vorheucheln oder erst schaffen muß, wenn er sich auf Erden wandeln fühlen
will. Die Kultur ist ihr Zeughaus für ihren Kampf gegen die Kultur, und das
einzige, was sie sich aus Hellas geholt hat, heißt Ostrazismus, die
Verfolgung der Selbständigen. Und jetzt ballen sie die Fäuste, jetzt
lockert der halbnackte Rotzbengel den Leibgurt mit der Stahlschnalle.

Ein Ellenbogenpuff irgendwoher weckte den Ingenieur Erwin Vallotti aus
seinem Traumzustande, der schon eine Helle war. Dicht trat er an Jean
Paquet heran und flüsterte fast: »Sie haben recht. Ich werde das Werk nicht
mehr betreten. Ich reise heute ab, und unsere Wege werden sich nicht mehr
kreuzen. Denn meine Arbeit ist hier beendet. Aber ein Signal werde ich
zurücklassen. Das soll die neue Stunde anzeigen. Denken Sie dann an mich.«

Seine Brust arbeitete, er richtete den Blick nach oben.

Jean Paquet stand gefesselt, gelähmt auf dem Fleck, von wo aus der
Ingenieur wie ein Spuk sich erhoben hatte. Nicht einmal der Geruch seines
Atems war geblieben.

Jean Paquet stand und tat nichts, schrie nicht auf: Simson wach auf!
Philister über dir!

Ein Signal? Sollte es das Recht sein, ehe das Rufen zum Wiederwerden aus
dem Gewordenen zu tönen beginnt, diese Unterdrückten hinüberzusenden in
ihren Ursprung, ins Nichts?

Da zerriß endlich heiseres Rufen die Menge, die geballt war. Bewegung
schnellte in die Breite: Auf! Die Soldaten kommen!

Das rüttelte empor. Raste durch's Dorf. Riß an den Fensterläden. Stieg über
die Dächer. Strich wie Brandgeruch.

Und es war ein Blitz: Auf mit dir, alter Faulpelz, der du mit deinen
achtzig Jahren daliegst und dich räkelst!

Auf Gebärende, deine Geburtswehen können warten!

Und der Boden dröhnte schon unter dem Marschtritt: eins, zwei! Eins, zwei!

Die Masse stand wie eine Mauer. Und der buntgefleckte Schlangenleib wälzte
sich näher heran.

Helme blitzten.

Mann an Mann.

Schritt und Tritt.

»Steine her! Steine her!«

Trommelwirbel.

»Kerle, schleppt Steine . . . Steine . . . !«

Lautlose Stille hüben und drüben.

Da fegte ein Donner über die Straße und riß alles zu Boden. Über dem
Gewerkschaftskomplex entbrannte furchtbarer Qualm. Ein Steinhagel pflügte
Blutfurchen.

Durch die schreckentwaffnete Menge stampfte der Soldatenzug in prachtvoller
Auflösung zu retten. Kletterte über die Fabrikmauern und sammelte sich auf
dem Hof.

Das Maschinenhaus war vom Boden rasiert und die Dächer von den
stehengebliebenen Häusern einfach abgesägt.

Mit wahnsinnig vorgerollten Augen sprang der Direktor durch die Trümmer.
Stieg auf den Steigerturm und riß die Notglocke.

Da kamen die Ausständigen mit kindlichem Willen. Verbrüdert mit der
Soldateska retteten sie, was zu retten war. Stiegen auf Leitern die
Notschächte hinab, die Streikbrecher zu suchen, die gänzlich abgeschnitten
waren und versaufen mußten, nun, da die Pumpen nicht gingen.

Draußen aber, auf der höchsten Geröllhalde, stand der Ingenieur Erwin
Vallotti mit ausgebreiteten Armen und sah beschwörend auf die Trümmer, wo
die Saat des Neuen aufging.

Über seine Lippen strich es wie Osterwind: Nun werden Wandlungen sein, und
sie werden nicht mehr wissen, daß sie waren. Immer aber: daß sie _sind_.
Sie werden das wissen, weil sie nicht _sie_ sind, sondern irgendein Mai,
der sich in jedem Baum fühlt, der grün wird. Denn das unendliche Grün ist
unendlicher Weg geworden. Dieses genügt, dieses befiehlt. Ist schön und
lockte.

_Ich aber nehme mich zurück. Denn in Wahrheit ist meine Welt nicht die ihre
zu fühlen, daß ich ehrlich war mitten in dem Verbrechen._



Gedruckt bei Gottfr. Pätz, Naumburg a. S.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der schwarze Baal - Novellen" ***

Doctrine Publishing Corporation provides digitized public domain materials.
Public domain books belong to the public and we are merely their custodians.
This effort is time consuming and expensive, so in order to keep providing
this resource, we have taken steps to prevent abuse by commercial parties,
including placing technical restrictions on automated querying.

We also ask that you:

+ Make non-commercial use of the files We designed Doctrine Publishing
Corporation's ISYS search for use by individuals, and we request that you
use these files for personal, non-commercial purposes.

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort
to Doctrine Publishing's system: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a
large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the use of
public domain materials for these purposes and may be able to help.

+ Keep it legal -  Whatever your use, remember that you are responsible for
ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just because
we believe a book is in the public domain for users in the United States,
that the work is also in the public domain for users in other countries.
Whether a book is still in copyright varies from country to country, and we
can't offer guidance on whether any specific use of any specific book is
allowed. Please do not assume that a book's appearance in Doctrine Publishing
ISYS search  means it can be used in any manner anywhere in the world.
Copyright infringement liability can be quite severe.

About ISYS® Search Software
Established in 1988, ISYS Search Software is a global supplier of enterprise
search solutions for business and government.  The company's award-winning
software suite offers a broad range of search, navigation and discovery
solutions for desktop search, intranet search, SharePoint search and embedded
search applications.  ISYS has been deployed by thousands of organizations
operating in a variety of industries, including government, legal, law
enforcement, financial services, healthcare and recruitment.



Home