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Title: Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis - Aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg
Author: Otto Schoetensack (1850-1912)
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis - Aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise
und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.


Formatierung:

Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit
Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen
($Text$) markiert.

Bindestriche, wie "-----", ersetzen in den Beschreibungen der Abbildungen
eine durchgezogene Linie und Unterstriche, wie "_____", eine
gestrichelte Linie.

Die Tabelle auf Seite 25 wurde geteilt.



                 DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS

                  AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG


                                EIN BEITRAG

                      ZUR PALÄONTOLOGIE DES MENSCHEN


                                    VON

                            OTTO SCHOETENSACK



                  MIT 13 TAFELN, DAVON 10 IN LICHTDRUCK


                                 LEIPZIG

                      VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

                                  1908


       ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN.


                     *       *       *       *       *



                                 VORWORT.


Der den Gegenstand vorliegender Abhandlung bildende menschliche
Unterkiefer wurde in den 10 km südöstlich von Heidelberg anstehenden, in
der Literatur als Sande von Mauer bekannten fluviatilen Ablagerungen
aufgefunden. Das Alter dieser Sande wird nach den darin angetroffenen
Säugetierresten gemeinhin als altdiluvial angegeben; einige darin
vertretene Arten lassen aber auch deutliche Beziehungen zu dem jüngsten
Abschnitte des Tertiärs, dem Pliocän, erkennen. So durfte man vermuten,
daß etwa in diesen Schichten sich findende Menschenknochen bedeutsame
Aufschlüsse über die Morphogenese des menschlichen sowie überhaupt des
Primatenskelettes geben würden. Diese Annahme hat nunmehr durch den Fund
der Mandibula Bestätigung erfahren.

Ich habe mich bemüht, in dieser Schrift vor allem eine möglichst
erschöpfende Beschreibung des Fundobjektes und der -- bei fossilen
Menschenresten äußerst wichtigen -- Fundumstände zu geben. Bei den
vergleichenden Studien habe ich mich im wesentlichen auf das von den
Direktoren der hiesigen Universitätssammlungen, den Herren O. BÜTSCHLI,
M. FÜRBRINGER und W. SALOMON, sowie von Herrn H. KLAATSCH in Breslau mir
in entgegenkommendster Weise zur Verfügung gestellte Material gestützt.
Letztgenannter Freund sowie Herr G. PORT standen mir bei meinen
Untersuchungen mit ihren reichen Erfahrungen bei, die mir insbesondere
bei den diagraphischen und Röntgenaufnahmen sehr zustatten kamen. Die
Herren GORJANOVIĆ-KRAMBERGER in Agram und J. FRAIPONT in Brüssel
waren so liebenswürdig, mir Gipsabgüsse fossiler Unterkiefer zu
überlassen. Ferner lieh mir Herr Assistent W. SPITZ bei den
photographischen Aufnahmen freundlichst seinen Beistand. -- Allen diesen
Herren sei hiermit herzlicher Dank ausgesprochen.

       Universität Heidelberg im September 1908.

                                                      OTTO SCHOETENSACK.


                     *       *       *       *       *



                 DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS


                 AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG



                            GEOLOGISCHER TEIL

                          ANTHROPOLOGISCHER TEIL

                     ANHANG ZUM ANTHROPOLOGISCHEN TEIL


                     *       *       *       *       *



                   I. Geologisch paläontologischer Teil.


Das Dorf Mauer, auf dessen Feldmark unser Fund am 21. Oktober 1907
gemacht wurde, ist 10 km südöstlich von Heidelberg und 6 km südlich von
Neckargemünd, dicht an der südlichen Grenze des Odenwaldgebirges
gelegen. Dieses wird in seinem südlichen Teile von dem aus dem
schwäbischen Muschelkalkgebiete kommenden Neckar durchbrochen, der
unterhalb Neckarelz auf den Buntsandstein stößt, den er bis zum Eintritt
in die Rheinebene in vielfach gewundenem Laufe erodiert hat. Diese
Talbildung reicht, worauf E. W. BENECKE[8] zuerst hingewiesen hat und
was auch A. SAUER[70] in den Erläuterungen zur geologischen Spezialkarte
des Großherzogtums Baden, Blatt Neckargemünd, bestätigt, bis in die
Tertiärzeit zurück.

Wenige Kilometer südlich von Neckargemünd verschwindet der Buntsandstein
dauernd unter der Oberfläche, und das Muschelkalkgebirge stellt sich
ein. Mannigfach zergliedert und reichlich mit Löß und Lehm bedeckt,
bietet es fruchtbares Ackerland dar, das, von der bei Neckargemünd in
den Neckar sich ergießenden Elsenz durchflossen, frühzeitig zur
Besiedelung einlud. -- Schon in alter Zeit führte eine Verkehrsstraße
von hier aus in das Schwabenland, der jetzt auch die Eisenbahnlinie
Heidelberg-Neckargemünd-Jagstfeld folgt, die uns von Heidelberg in
30 Minuten an den Fundort bringt.

Die geologischen und topographischen Verhältnisse des unteren
Elsenztales lassen sich an der Hand der oben genannten Karte, von der
auf Taf. I, Fig. I ein Ausschnitt auf 1:50000 reduziert gegeben
ist[I.], leicht übersehen. Im nördlichen Teile herrscht der
Buntsandstein vor, der in ostwestlicher Richtung von dem Neckar
durchfurcht wird. Senkrecht zu diesem Flusse erblicken wir zwei parallel
verlaufende Täler, die »in ihrer engen felsigen Beschaffenheit dem
Haupttale des Neckars unter- und oberhalb Neckargemünds gleichen«. Es
sind dies, wie SAUER gezeigt hat, Teile einer alten =Neckarschlinge=, die
weiter südlich, wo sie in das leichter zerstörbare Muschelkalkgebirge
eintrat, eine beträchtliche Talerweiterung erfuhr und den
terrassenförmigen Absatz der unter dem Namen »=Sande von Mauer=«
bekannten, von SAUER als altdiluvial bezeichneten Aufschüttungen
veranlaßte, deren Ursprung auch durch typische =Neckargerölle= bezeugt
wird.

  [I.] Die Signaturen auf dieser Karte sind mit Hilfe eines
  Vergrößerungsglases lesbar.

Von den beiden vom Neckar verlassenen Paralleltälern wird das westliche
von der Elsenz zum Abfluß benutzt, während das östliche, durch welches
jetzt die Landstraße von Wiesenbach nördlich zum Neckar führt, trocken
liegt. Daß dies schon seit der mittel-diluvialen Zeit der Fall ist, wird
durch die Verbreitung der Ablagerungen von älterem und jüngerem Löß
erwiesen, die sich auf und nahe der Sohle des Wiesenbacher Tales
vorfinden.

Die »Sande von Mauer«, auf der Karte (Taf. I, Fig. 2) mit der Signatur
»dun« versehen und großpunktiert eingezeichnet, sind namentlich an dem
rechten Elsenzgehänge durch Gruben erschlossen, die schon zu BRONNS
Zeiten (in den dreißiger und vierziger Jahren des vor. Jahrh.)
paläontologisches Material lieferten.

Seit 30 Jahren hat die etwa 500 m nördlich vom Dorfe Mauer im Gewann
Grafenrain gelegene, von Herrn J. RÖSCH in Mauer zur Gewinnung von
Bausand betriebene Sandgrube zahlreiche Tierreste ergeben, die von dem
genannten Herrn mit großer Sorgfalt geborgen und in uneigennütziger
Weise, hauptsächlich durch Schenkung an badische Staatssammlungen, der
Wissenschaft zugänglich gemacht wurden.

Bei dem lebhaften Abbau des Sandes, von dem nach gütiger Mitteilung des
Herrn RÖSCH seit 1877 159750 cbm gewonnen sind, wobei 182250 cbm Abraum
beseitigt, insgesamt also 342000 cbm bewegt werden mußten, entstehen
beständig frische Anbrüche, die entsprechend dem wechselnden Bilde, das
fluviatile Ablagerungen darzubieten pflegen, in den einzelnen Schichten
wohl stark variieren, in der Gesamterscheinung aber, wie die von
E. W. BENECKE und E. COHEN[9] gegebene Beschreibung und die von A. SAUER
mitgeteilten Profile erkennen lassen, Übereinstimmung mit dem
nachstehenden Profile zeigen, das 12 Tage nach Auffindung des
menschlichen Unterkiefers unter freundlicher Mitwirkung von
Prof. W. SALOMON, Herrn W. SPITZ und den Praktikanten des Heidelberger
geologisch-paläontologischen Instituts aufgenommen wurde:

=Profil der Sandgrube im Grafenrain (Grundstück Nr. 789), Gemarkung Mauer
(Amtsbezirk Heidelberg), aufgenommen am 2. November 1907= (vgl. Taf. III,
Fig. 5).

Richtung der Grubenwand Nord 26 West. Fußpunkt 1,40 m nördlich von der
Fundstelle des menschlichen Unterkiefers.

             Ordnungszahl   Mächtigkeit
             der Schichten  in Metern

  Jüngerer  {      27          5,74      Jüngerer =Löß=, unten mit kleinen
    Löß     {                            Lößkindeln.

            {      26          2,25      Brauner =Lehm= ohne sandige Lagen.
            {      25          1,30      Brauner =Lehm=, stellenweise etwas
   Älterer  {                            sandig, aber ohne ausgesprochene
  Löß bzw.  {                            Sandschmitzchen.
   Sandlöß  {      24          1,63      =Letten=, meist stark sandig, mit
            {                            vereinzelten Sandschmitzchen und
            {                            Lagen von Lößkindeln.

            {      23     etwa 1,80      Grauer, mittelkörniger =Sand=, in
            {                            abwechselnden Lagen ± verfestigt
            {                            (etwa 15 Gesimse).
            {      22          0,36      Graue feste =Sand=bank,
            {                            mittelkörnig, mit HCl ganz schwach
            {                            brausend, gesimsbildend.
            {      21          1,30      Lockerer eisenschüssiger =Sand=,
            {                            bald gröber, bald feiner, mit HCl
            {                            ganz schwach brausend.
            {      20          0,07      Festere, sehr eisenschüssige
            {                            mittelkörnige =Sand=bank.
            {      19          0,40      Eisenschüssiger =Sand=.
            {      18          0,70      Grauer mittelkörniger =Sand=, mit
            {                            HCl nicht brausend, unmittelbar
            {                            über dem Letten stark
            {                            eisenschüssig.
            {      17          0,70      Brauner =sandiger Letten= und
            {                            lettiger Sand; oben reiner, unten
            {                            ziemlich reiner Letten;
            {                            gesimsbildend.
            {      16       0,22-0,25    =Sand=schicht mit dünnen
            {                            eisenschüssigen Lagen nach S.
            {                            anschwellend, nach N. auskeilend.
            {      15  etwa 0,20-0,23    =Geröll=schicht mit
            {                            Eistransportblöcken und
            {                            Unioresten.
            {      14     etwa 0,34      Grauer bis gelbbrauner =Sand= mit
            {                            Andeutung von Schrägschichtung und
            {                            Neigung zur Windpfeilerbildung.
            {      13     etwa 0,50      =Sand=, reich an kleinen Geröllen,
            {                            z. T. eisenschüssig.
            {      12     etwa 0,50      Grauer mittelkörniger =Sand= mit
            {                            einer schwach eisenschüssigen
            {                            Schicht.
            {  Lettenbank.
            {      11          2,25      Sehr fester =Letten=, mit HCl
            {                            schwach brausend.
            {      10          1,65      Abwechselnde Schichten von schwach
            {                            eisenschüssigem =Sand= und grauem,
  Mauerer   {                            manchmal auch braunem Letten. Die
  Sande.    {                            jüngste der nach oben an
            {                            Mächtigkeit zunehmenden etwa 9
            {                            Lettenschichten enthält nur sehr
            {                            wenig Sand.
            {       9     etwa 0,55      Reiner =Sand= mit unregelmäßig
            {                            verteilten eisenschüssigen
            {                            Stellen.
            {       8     etwa 0,25      Mittelkörniger, grauer =Sand= mit
            {                            vereinzelten kleinen Geröllen und
            {                            vielen Lettenbrocken.
            {       7          1,35      Mittelkörniger =Sand= mit
            {                            vereinzelten kleinen Geröllen und
            {                            Lettenbröckchen.
            {       6       0,60-0,65    Grauer, mittelkörniger =Sand= mit
            {                            vereinzelten Geröllen und kleinen
            {                            Geröllschmitzchen. (Die Lage mit
            {                            den vereinzelten Geröllen tritt
            {                            nur stellenweise auf.)
            {       5     etwa 0,23      Grobkörniger, mit HCl nicht
            {                            brausender =Sand= mit
            {                            eisenschüssigen Bändern.
            {       4     etwa 0,10      =Geröll=schicht, durch
            {                            kohlensauren Kalk etwas verkittet,
            {                            mit ganz dünnen Lagen von Letten,
            {                            der mit HCl schwach braust.
            {                            $(Fundschicht des menschlichen
            {                            Unterkiefers.)$
            {       3          0,22      Gröberer =Sand=, mit HCl nicht
            {                            brausend.
            {       2     etwa 0,20      =Geröll=schicht, z. T. deutlich
            {                            zu einem Conglomerat verkittet.
            {                            Der verkittende Sand ist stark
            {                            eisenschüssig, mit HCl nicht
            {                            brausend. Weiß-Juragerölle und
            {                            Reste von Unio sind häufig.
            {       1     etwa 0,45      Mittelkörniger, mit HCl nicht
            {                            brausender =Sand=.

                                         Grubensohle.

Hiernach wurde der menschliche Unterkiefer etwa 0,87 m über der Sohle
und etwa 24,10 m =unter der Oberkante der Sandgrube= aufgefunden, welch
letztere Zahl der vom Geometer festgestellten 24,63 m (vgl. Taf. II,
Fig. 3) bis auf 0,53 m nahekommt. Um diesen Punkt für die Zukunft
festzulegen, ließ ich auf dieser Stelle einen kubischen Sandstein mit
der eingemeißelten Inschrift »Fundstelle des menschlichen Unterkiefers
21. Oktober 1907« errichten. Dieser Stein soll liegen bleiben, auch wenn
die Grube wieder zugeworfen wird. Es soll dann oben ein neuer Stein mit
entsprechender Inschrift gesetzt werden.

Die in dem vorstehenden Profil mit No. 23-1 bezeichneten, von 5,18 m
älterem Löß und 5,74 m jüngerem Löß überlagerten Mauerer Sande haben
wegen ihres Reichtums an Tierresten seit langer Zeit die Aufmerksamkeit
der Geologen auf sich gelenkt. So führt A. BRAUN[13] in der auf der
Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Mainz 1842 gegebenen
vergleichenden Zusammenstellung der lebenden und diluvialen
Molluskenfauna des Rheintals mit der tertiären des Mainzer Beckens unter
der Rubrik »Ältere Diluvialbildung« die Sande bei Bruchsal, =bei Mauer im
Elsenztal= und bei Mosbach zwischen Mainz und Wiesbaden an. Während er
von Mosbach auf Grund der Untersuchungen des Bergsekretärs RAHT
66 Conchylienarten zu verzeichnen in der Lage ist, muß er sich für Mauer
auf folgende Bemerkung beschränken: »Der dortige, durch seine
interessanten Säugetierknochen bekannte, hoch von Löß bedeckte Sand
enthält eine Menge von Unionen und größeren Helices, jedoch sämtlich so
weich und mürbe, daß eine vollständige Herauslösung und genaue
Bestimmung bis jetzt nicht möglich war.«

FR. SANDBERGER[69] bemerkt sodann in seinem 1870/75 erschienenen Werke
»Die Land- und Süßwasserconchylien der Vorwelt«, in dem über die
Binnenmollusken der Mittelpleistocänschichten handelnden Kapitel
folgendes: »Im Neckartale selbst sind in keiner sonstigen unter dem
Tallöß gelagerten Ablagerung Binnenmollusken nachgewiesen, wohl aber in
dem bei Neckargemünd in dasselbe einmündenden Elsenztale. Hier finden
sich bei Mauer etwa 100' über dem Spiegel der Elsenz Sand- und
Geröllbänke, welche schon A. BRAUN als Lagerstätte fossiler Wirbeltiere
und Binnenmollusken bekannt waren. Im Jahre 1868 beobachtete ich hier
von oben nach unten in einer Sandgrube:

  1. Tallöß mit zahlreichen Conchylien                              20 Fuß.

  2. =Rötlichen Sand= mit diagonaler Schichtung und einzelnen
     Stücken von =Helix rufescens=, =Helix hispida= und =Succinea
     oblonga=, an der Grenze gegen 3 auch mit zerbrochenen Unionen  36  »

  3. Groben Kies, bestehend aus Geröllen von Buntsandstein,
     Wellenkalk, Muschelkalk, Hornstein und Feldspatbrocken mit
     Equus caballus und  Elephas primigenius (?)                    40  »

Da von Binnenmollusken nur die oben genannten Arten, von Säugetieren
aber nur noch Rhinoceros Merckii Jaeg. und Ursus spelaeus gefunden
worden sind, so läßt sich das Alter der Sande noch nicht genauer
feststellen, doch deutet das Fehlen von Rhinoceros tichorhinus, Felis
spelaea und Hyaena spelaea auf ein höheres Alter, als das des
Cannstatter Tuffes, und vielleicht hat A. BRAUN recht, wenn er den Sand
von Mauer mit jenem von Mosbach bei Wiesbaden parallelisiert.«

BENECKE und COHEN[9] erwähnen bereits 12 Conchylienarten von Mauer, die
auf einigen Exkursionen gesammelt wurden, und weisen darauf hin, daß man
hier eine reiche Fauna zusammenbringen könne, welche wahrscheinlich für
die schon mehrfach gemachte Annahme, daß der Sand von Mauer mit dem
Sande von Mosbach bei Wiesbaden gleichalterig sei, sichere Anhaltspunkte
ergeben würde.

A. ANDREAE[5] hat nun in seiner für das Gebiet der Diluvialgeologie und
der Malakozoologie gleich wichtigen Abhandlung über den Diluvialsand von
Hangenbieten im Unterelsaß, Straßburg 1884, dieses Desiderat namentlich
in bezug auf die Mollusken erfüllt, indem er in einer tabellarischen
Übersicht der Fauna des Diluvialsandes von Hangenbieten, verglichen mit
der Fauna des Diluvialsandes von Mosbach bei Biebrich und von Mauer bei
Heidelberg, sowie mit der recenten Fauna des Elsaß und des
Oberrheingebietes, =von Mauer= 35 Arten angibt, welche Zahl aber, wie er
bemerkt, noch sehr der Vervollständigung bedarf; denn von Hangenbieten
sind 79 und aus dem Diluvialsand von Mosbach 93 Molluskenarten bekannt
geworden. Von Mauer werden folgende angeführt, die sämtlich auch in
Mosbach vertreten sind:

    Hyalinia (Polita) nitidula Drap. sp.
      »         »     radiatula Ald. sp.
      »      (Vitrea) crystallina Müll. sp.
  * Patula (Goniodiscus) solaria Menke sp.
      »    (Patulastra) pygmaea Drap. sp.
    Helix (Vallonia) pulchella Müll.
      »        »     costata Müll.
  *   »        »     tenuilabris Braun.
  *   »   (Petasia) bidens Chemn. sp.
      »   (Trichia) hispida L.
      »       »     rufescens Penn.
      »   (Eulota) fruticum Müll.
      »   (Arionta) arbustorum L.
    Buliminus (Ena)  montanus Drap.
    Cochlicopa (Zua) lubrica Müll. sp.
    Pupa  (Pupilla) muscorum L. sp.
      »   (Vertigo) pygmaea Drap.
  * Clausilia (Pirostoma) pumila (Ziegl.) C. Pfeiff.?
    Succinea (Tapada) putris L. sp.?
      »          »    Pfeifferi Rossm.
      »          »    oblonga Drap.
    Valvata (Concinna) antiqua Sow.
      »         »      piscinalis Müll. sp.
  *   »         »      naticina Menke.
    Bythinia tentaculata L. sp.
    Limnaeus (Limnophysa) palustris Müll. sp.
    Planorbis (Gyraulus) Rossmaessleri [II.] (Auersw.) S. Schm.
    Ancylus fluviatilis Müll.
    Unio pictorum L. sp.
      »  batavus Lam.
  * Sphaerium rivicola Leach sp.?
  *     »     solidum Norm. sp.
    Pisidium amnicum Müll. sp.
  *     »    supinum A. Schm.
        »    Henslowianum Shepp.

  NB. Die mit ? bezeichneten Arten sind in Fragmenten oder angezweifeltem
      Vorkommen vorhanden.

  [II.] Nach gütiger Mitteilung von O. BOETTGER eine zweifelhafte Art, auf
  die keine Schlüsse zu bauen sind.

Wie ANDREAE bemerkt, fehlen die mit einem Stern bezeichneten Mollusken
jetzt in der Fauna des Oberrheingebietes. Um darüber Klarheit zu
erhalten, ob dies auch auf das Neckargebiet zutrifft, wandte ich mich an
den ausgezeichneten Kenner desselben, Herrn D. GEYER in Stuttgart, der
so freundlich war, hierüber, sowie über die weitere Frage Auskunft zu
geben, welche Schlüsse auf das derzeitige Klima die in den Sanden von
Mauer abgelagerten Mollusken gestatten. Ich teile das Wesentlichste aus
diesem Berichte hier mit: Es handelt sich bei den Ablagerungen von Mauer
offenbar um fluviatile Bildungen, welche durch den Neckar zustande
gekommen sind. Nun wäre es aber durchaus irrig, anzunehmen, daß die in
den Sanden abgelagerten Schalen aus größeren Entfernungen bzw. aus einem
weiten Gebiete hierher geführt und Vertreter der gesamten Fauna seien.
Die große Masse stammt vielmehr aus der nächsten Nähe, da die
zahlreichen scharfen Windungen bzw. Schleifen des Neckars ebenso viele
Dämme bildeten, welche die auf den Fluten schwebenden leeren Schalen zur
Ablagerung nötigten; denn nur um solche handelt es sich, da die mit
lebenden Tieren gefüllten Schalen untersinken und im Sande und Geröll
zerrieben werden. Felsen-, Berg-, Heide- und großenteils auch
Waldbewohner sucht man vergeblich in Ausspülungen; diese setzen sich
zusammen aus Wasser-, Ufer-, Wiesen- und Gebüschbewohnern, denen nur
einzelne Waldschnecken sich zugesellen.

Von den in obiger Liste angeführten 35 Arten sind 21 Land- und 14
Wassermollusken. Von ersteren sind nur 3 Baumtiere: Helix fruticum,
eigentlich Buschtier; Helix arbustorum, die aber auch gern auf dem
Boden am Wasser lebt, und Buliminus montanus, der sich am meisten von
den dreien an Bäume hält. Helix rufescens lebt meist am Boden und steigt
nur zuweilen an Krautpflanzen auf. Die übrigen =Landschnecken= sind alle
ausschließlich Bodentiere. Die Busch- und Baumtiere leben heute noch in
nächster Nähe von Mauer.

Die in obiger Liste mit einem Stern bezeichneten Arten fehlen heute auch
im Neckargebiete bis auf Sphaerium rivicola, Sph. solidum und Pisidium
supinum. Sie leben aber größtenteils noch im Osten, wie aus den in der
Fußnote[III.] auszugsweise wiedergegebenen Mitteilungen des Herrn
D. GEYER hervorgeht. Sein Resumé lautet: »=Sollen Folgerungen in bezug auf
das Klima aus den in den Sanden von Mauer zur Ablagerung gelangten
Molluskenschalen gemacht werden, so kann man allenfalls auf ein mehr
kontinentales Klima, als wir es heute haben, schließen=.«

  [III.] =Patula solaria Menke=, auch aus den diluvialen
  Kalktuffablagerungen von Cannstatt bei Stuttgart bekannt, fehlt jetzt dem
  ganzen Neckargebiete. Es ist eine östliche Art, verbreitet in
  Siebenbürgen, Nordungarn, Galizien, Mähren (ferner relictoid auf dem
  Zopten und im Moschwitzer Walde in Schlesien), Erzherzogtum Österreich
  (von hier in die südöstliche Ecke Bayerns übergreifend), Steiermark,
  Kärnten, Krain, Dalmatien und Lombardei. Die Art lebt am Boden, im Grase,
  unter Laub und Steinen im Walde.

  =Helix tenuilabris Braun= fehlt dem Neckargebiete, lebt in Sibirien. Man
  hat bis in die neueste Zeit die in den schwäbischen Juratälern lebende
  H. adela Westerl. fälschlich für tenuilabris Braun gehalten.

  =Helix bidens Chemn.= gehört Mittel- und Osteuropa an, lebt in sehr
  feuchten schattigen Orten, besonders gern an Bachrändern, im
  Erlengebüsch. Sie fehlt dem deutschen Nordwesten, ist aber sonst in
  Norddeutschland nicht selten, auch in Thüringen nicht; sie geht bis zum
  Main, im Regnitztal auch über den Main nach Süden über Erlangen hinaus.
  Aus den bayr. Alpen und dem ganzen Jurazuge ist sie nicht bekannt,
  findet sich dagegen auf der zwischen beiden Gebirgszügen liegenden
  bayerischen Hochebene; sie fehlt in Württemberg, Baden und im Elsaß.

  =Clausilia pumila Ziegl.= lebt gern an denselben Orten wie Helix bidens.
  Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich CLESSIN zufolge nach Osten bis
  Siebenbürgen, nach Süden bis Kroatien, nach Norden bis Livland und
  Schweden; in Deutschland findet sie ihre Westgrenze, die noch nicht
  genau angegeben werden kann. Sie findet sich noch in Mecklenburg und
  Holstein, ebenso in Thüringen und geht bis zum Main bei Koburg und
  Ochsenfurt. Südlich des Mains ist in Deutschland noch kein Fund bekannt
  geworden, wie sie denn jetzt im Neckargebiete sicher fehlt.

  =Valvata naticina Menke= lebt in schlammigen Stellen ruhigen Wassers der
  größeren Flüsse. Ihre Verbreitung ist eine östliche: Donau bei Budapest,
  Südrußland, Moskau, Livland, Ostpreußen, Landsberg a. d. Warthe. Im
  Neckargebiet fehlt sie jetzt sicher.

  =Sphaerium rivicola Leach. sp.= ? lebt im Neckar, etwa von Marbach
  an; sie steckt im Sande zwischen den Steinen der Steindämme. Dem
  Oberlauf der Flüsse, die rasch fallen und viel Geröll führen, fehlt sie,
  wie die meisten großen und kleinen Bivalven. Sie ist über den größten
  Teil Europas verbreitet.

  =Sphaerium solidum Normand.= hat nach CLESSIN in Deutschland fast
  dasselbe Verbreitungsgebiet wie Sph. rivicola; ist D. GEYER aus dem
  Neckar noch nicht bekannt, dürfte aber auch hier aufzufinden sein.

  =Pisidium supinum A. Schm.= wurde von D. GEYER selbst im Neckar bei
  Besigheim gesammelt, scheint aber selten zu sein. Nach O. BOETTGER im
  Main zwischen Frankfurt und Mainz häufig. Da sie schwer aufzufinden ist,
  so ist ihr Verbreitungsgebiet nur ungenügend bekannt.

Die von ANDREAE a. a. O. mitgeteilte Liste der in den Mauerer Sanden
festgestellten Säugetiere ist namentlich durch W. v. REICHENAU[64 u.
65], Beiträge zur näheren Kenntnis der Carnivoren aus den Sanden von
Mauer und Mosbach, erweitert und berichtigt worden, auf welche wichtige
Arbeit bei den Bemerkungen zu den einzelnen Species Bezug genommen
werden soll. Hinzufügen konnte ich selbst noch Sus scrofa var. cfr
priscus Marcel de Serres, Cervus (Alces) latifrons Johns. und Felis cfr
catus. Zwei von ANDREAE angeführte Arten: Elephas primigenius Blumenb.
und Bos primigenius Boj. mußten ausgeschieden werden, da deren Reste
wahrscheinlich aus der die Mauerer Sande überlagernden Lößstufe stammen.

Da in letzter Zeit ausschließlich die im Profil der Sandgrube am
Grafenrain mit 1-10 bezeichneten Sandschichten abgebaut wurden, so
stammen die von mir selbst jüngst gesammelten Tierreste sämtlich aus
diesem Horizonte, =in welchem, und zwar in Schicht 4 0,87 m über der
Sohle, der menschliche Unterkiefer gefunden wurde=. Daß aber auch die
oberen über der Lettenbank lagernden Sandschichten 12-23, die früher
ausgebeutet wurden, ergiebig an Säugetierresten waren, kann ich aus
eigner Erfahrung bestätigen. Auch A. SAUER[70] bekräftigt dies in bezug
auf Elephas antiquus, der, einer Bemerkung in den Erläuterungen zu Blatt
Neckargemünd S. 67 zufolge, »in der Sandschicht b wie d, also nicht bloß
im Liegenden, sondern auch im Hangenden der Lehmbank c (vgl. das
untenstehende Profil[IV.]) aufgefunden wurde«.

  [IV.] Anfang des Jahres 1898 bot die Sandgrube im Grafenrain nach SAUER
  folgendes Profil dar:

           {0,5 m jüngerer Löß;
  Lößstufe {2 m Lößlehm;
           {3,5 m Löß und Lößlehm, in Wechsellagerung nach unten} älterer
           {zu deutlich geschichtet und sandig werdend          } Löß, bzw.
                                                                } Sandlöß.

  Durch eine scharfe, nach NW einfallende Erosionsfläche getrennt, welche
  z. T. noch durch Anhäufung großer Gerölle von Buntsandstein markiert ist,
  folgen darunter:

                       {a.  0-2,5 m  wohlgeschichteter, feiner, lichtgrauer
                       {             Sand;
                       {b.  5 m      licht-rötlichbrauner, scharfer Sand;
  Altdiluviale         {c.  2,5 m    sandiger, fester Lehm;
  Neckaraufschüttungen {d.  4-6 m    gelb bis rotbrauner, scharfer Sand mit
  (Mauerer Sande)      {             Kieslagen, in den oberen Teilen mit
                       {             zwei etwa 0,5-1 dm starken Streifen
                       {             eines zähen, blauen Tones.

Ich lasse nun eine mit Erläuterungen versehene Aufzählung der in den
Sanden von Mauer festgestellten Säugetiere folgen, wobei die in der
Sammlung des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts
vorhandenen Fossilien besonders berücksichtigt sind. Um etwas
Vollständiges zu bieten, wäre eine gründliche Bearbeitung des gesamten,
in den verschiedenen Sammlungen vorhandenen Materials erforderlich --
eine Aufgabe, der sich erfreulicherweise in letzter Zeit einige
Spezialforscher zugewendet haben.

=Felis leo fossilis = Felis spelaea Goldfuß?= Von einer großen Katze aus
den Mauerer Sanden befinden sich im geologisch-paläontologischen
Institut Heidelberg ein isolierter P 4 (Reißzahn) des Oberkiefers und
das Bruchstück eines linken Unterkiefers mit M 1 (Reißzahn), von dem die
vordere Zacke fehlt; von P 4 und P 3 ist außerdem die Krone abgebrochen,
und von C steckt nur noch ein Teil der Wurzel in der Alveole[V.]. Nach
W. v. REICHENAU[65], der diese Objekte bestimmt, in seinen Beiträgen zur
näheren Kenntnis der Carnivoren aus den Sanden von Mauer und Mosbach
S. 303/4 beschrieben und auf Taf. IX, Fig. 1 und Taf. X, Fig. 1 abgebildet
hat, rühren sie von einem Individuum her, das, wie der stark abgenutzte
P 4 sup. zeigt, in einem vorgeschrittenen Alter stand. Besagter Zahn
weist relativ kleine Dimensionen auf: Seine Länge -- Vorderrand des
Innentuberkels mitgemessen -- beträgt nämlich nur 36 mm, während sie
sich sonst bei Felis spelaea zwischen 39-43 bewegt.

=Felis cfr catus=. Hiervon liegt ein 3. oder 4. Rückenwirbel vor, den ich
jüngst in dem unteren Horizonte der Mauerer Sande angetroffen habe.
Derselbe stimmt gut überein mit dem im Heidelberger zoologischen
Institut befindlichen Skelet einer recenten Wildkatze aus der Umgegend
von Heidelberg, nur sind die Dimensionen bei dem Wirbel von Mauer
beträchtlich größer. Herr H. G. STEHLIN hatte die Freundlichkeit,
unabhängig von mir eine Bestimmung des letzteren vorzunehmen, die mit
der meinigen übereinstimmt. Er schreibt: »Sollte Felis catus ferus auch
in den Mosbacher Sanden festgestellt sein, so würde ich den Wirbel auf
diese Species beziehen; anderenfalls wäre er am passendsten als Felis
cfr catus zu rubrizieren.« In der Revision der Mosbacher Säugetierfauna
von H. SCHRÖDER[80] ist Felis catus ferus nicht aufgeführt.

=Canis Neschersensis (Croizet) de Blainville=. W. v. REICHENAU
beschreibt in seinen Beiträgen S. 195-201 und Taf. X, Fig. 2-4 drei
Unterkieferhälften aus den Mosbacher Sanden sowie zwei P 4 des
Oberkiefers, einer ebendaher, der andere von Mauer -- letzterer im
Museum Hildesheim --, die er dem C. Neschersensis zuteilt, der, in Größe
zwischen Wolf und Schakal stehend, fast genau mit dem lebenden
Pyrenäenwolf (C. Lycaon Erxl.) übereinstimmt.

  [V.] Jüngst wurde noch ein Schädelfragment aufgefunden, dessen
  Zusammensetzung noch nicht beendet ist.

=Ursus arvernensis Croizet=. Von einem verhältnismäßig kleinen Bären
wurden mehrfach Reste von Unterkiefern sowie auch einzelne Zähne in den
Sanden von Mauer und Mosbach aufgefunden, die von W. v. REICHENAU
bestimmt, in den bereits erwähnten Beiträgen beschrieben und z. T. auch
abgebildet sind. Die mannigfachen Abweichungen, die Ursus arvernensis
von den von RISTORI zu dem gleichen Formenkreise gestellten Ursus
ruscinensis Depéret und Ursus etruscus Cuvier zeigt, sind in der v.
REICHENAUSCHEN Schrift durch Maße belegt. Unter anderem geht daraus
hervor, daß der Kiefer des Ursus arvernensis beträchtlich kleiner, bzw.
kürzer ist, als die von RISTORI veröffentlichten italienischen.

Die Reste des Ursus arvernensis von Mauer sind leider in
alle Himmelsrichtungen zerstreut. Es befinden sich: 1) Im
K. Naturalienkabinett in Stuttgart: eine linke Unterkieferhälfte mit der
Zahnreihe, abgebildet bei v. REICHENAU Taf. VIII, Fig. 4. 2) Im
Römermuseum zu Hildesheim: Bruchstück eines rechten Unterkiefers mit
abgebrochenem Caninus, den Alveolen von P 1-3, mit P 4 und M 1
(v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 3); ferner isoliert: ein oberer Caninus und
zwei untere (v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 11-13), sowie die Krone eines
solchen. 3) Im geologisch-paläontologischen Institut der Universität
Heidelberg: Ein oberer dritter Incisivus (v. REICHENAU Taf. IX,
Fig. 15), sowie die Krone eines an der Wurzel abgebrochenen Caninus, den
ich jüngst noch in der Schicht des menschlichen Unterkiefers zu sammeln
Gelegenheit fand.

=Ursus Deningeri v. Reichenau=. Dieser neue Formenkreis von großen Bären
ist von W. v. REICHENAU an Resten aus den altdiluvialen Sanden von Mauer
und Mosbach erkannt, die bisher dem Ursus spelaeus Rosenmüller
zugesprochen wurden. Allein der Ursus Deningeri weist im Vergleich mit
den Höhlenbären beträchtliche Differenzen auf. So besitzt z. B. sein
vierter unterer Prämolar »an der Innenseite des kräftigen Protoconids
zwei bis drei Sekundärhöcker, die durch eine Furche vom Protoconid
getrennt sind«, was ihn vom Höhlenbären auf den ersten Blick
unterscheiden läßt. Ursus Deningeri hat Verwandtschaftsbeziehungen zu
dem ihm voraufgegangenen Ursus etruscus Cuvier, an den er sich bezüglich
der Formen- und Größenverhältnisse, namentlich auch hinsichtlich
der starken Variation des Schädels und Kiefers anschließt.
Insbesondere zwingt, wie v. REICHENAU bemerkt, die Vergleichung des
Unterkiefergebisses von Ursus etruscus und Deningeri geradezu zu der
Annahme, daß letzterer aus ersterem hervorgegangen ist. Ursus Deningeri
erreichte eine beträchtliche Größe, die derjenigen des Höhlenbären nicht
nachsteht, wie der im Mainzer Museum aus dem Mosbacher Sande stammende
Schädel erkennen läßt, dessen Schädelbasis vom Vorderrande des Foramen
magnum bis zum Vorderrande der Alveole des mittleren Schneidezahnes
457 mm mißt. Das Profil des Ursus Deningeri-Schädels ähnelt am meisten dem
recenten Ursus beringianus; nur sind die Nasalia des Ursus Deningeri
mehr gewölbt und die Prämaxillaria mehr gestreckt. Die Schädelbasis des
Ursus beringianus mißt übrigens nur 363 mm.

In einem Nachtrage zu seinen Beiträgen führt W. v. REICHENAU aus, daß in
den ihm aus der Sammlung der Senckenbergischen Naturforschenden
Gesellschaft zugegangenen oberen Molaren von Mosbach sich Ursus
Deningeri so sehr dem echten Höhlenbären nähert, daß ihm in ersterem
eine Ahnenform der Spelaearctos spelaeus-Gruppe vorzuliegen scheine.
»Aus der Etruscus-Arvernensis-Reihe würde sich zunächst die noch mehr
polymorphe Deningeri-Reihe entwickelt haben, aus welcher dann diejenigen
Höhlenbären hervorgingen, denen die drei vorderen Prämolaren des
Unterkiefers fehlen.«

Von Ursus Deningeri aus den Sanden von Mauer befinden sich: 1) Im
geologisch-paläontologischen Institut Heidelberg: Ein Oberkieferfragment
mit Gaumenplatte und Gebiß (M 2, M 1, P 4 gut erhalten, C z. T.
abgebrochen, Incisivi fehlend); ferner die Kronen eines Caninus des
linken Unterkiefers und eines M 2 des rechten Oberkiefers. 2) Im
Römermuseum Hildesheim: ein Caninus. -- Die beiden letztgenannten
Objekte sind abgebildet bei W. v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 5 u. 10.

=Sus scrofa var. cfr priscus Marcel de Serres=. Hiervon befinden sich im
geologisch-paläontologischen Institut Heidelberg zwei noch in den
Alveolen steckende Molaren (M 3-M 2 inf. dext.), die nach einer
Bestimmung des Hr. W. v. REICHENAU als Sus priscus Serres bezeichnet
sind. Auch Hr. H. G. STEHLIN, der so freundlich war, sein Urteil über
diese Zähne abzugeben, ist der Meinung, »daß sie ihren beträchtlichen
Dimensionen nach ganz wohl zu Sus scrofa priscus Serres gehören können,
obwohl sie in der relativen Breite ihren Äquivalenten an der
Typusmandibel von Lunel-Vieil etwas nachzustehen scheinen. Die Frage,
inwiefern Sus scrofa priscus für älteres Quartär charakteristisch ist,
bedarf noch sehr der genaueren Prüfung. Tatsache scheint zu sein, daß
S. scrofa des älteren Quartärs meist bedeutendere Körpergröße erreichte,
als dasjenige der späteren Zeiten. Allein ich kenne neolithische
Suszähne vom Rinnehügel am Burtnecksee, welche in Größe und Struktur
auffallend mit der von HARLÉ im Altquartär von Montsaunés entdeckten
übereinstimmen. Auch wird man gut tun, nicht zu übersehen, daß unter den
vorderhand als S. scrofa priscus zusammengefaßten Materialien gewiß
Differenzen bestehen, welche vielleicht noch einmal zur Unterscheidung
=mehrerer= Varietäten führen könnten. Beim gegenwärtigen Stand unserer
Kenntnisse ist das Tier von Mauer am passendsten als Sus scrofa var. cfr
pricus Marcel de Serres zu rubrizieren.« -- Auch in den Mosbacher Sanden
sind mehrfach einzelne Zähne von Sus scrofa aufgefunden. NEHRING, ein
ausgezeichneter Kenner der Quartärfaunen Mitteleuropas, gibt an, daß er
selbst bei seinen Ausgrabungen in dem Diluvium von Thiede (unweit
Braunschweig), Westeregeln (zwischen Magdeburg und Halberstadt),
Oberfranken, am Rhein usw. niemals den geringsten Rest von Sus gefunden
habe, nur aus präglacialen und aus altdiluvialen Ablagerungen seien ihm
solche bekannt geworden. Es ist dies verständlich, wenn man in Betracht
zieht, daß die Wildschweine durch anhaltenden Frost ganz besonders
leiden; sie können in dem festgefrorenen Boden nicht wühlen und sind
somit in der Aufsuchung ihrer Nahrung sehr behindert. Weiteres hierüber
findet sich bei O. SCHOETENSACK[79], Beiträge zur Kenntnis der
neolithischen Fauna Mitteleuropas 1904 S. 13.

=Cervus (Alces) latifrons Johns=. Zu den häufigsten Resten gehören nach H.
SCHRÖDER in den Mosbacher Sanden Skeletteile, Gebisse und Geweihe dieses
riesenhaften Elches, dessen Schaufeln an einer sehr langen und kräftigen
Stange sitzen. Auch mir fielen die überaus starken Molaren eines
Cerviden in den Sanden von Mauer auf, die M. SCHLOSSER zu bestimmen die
Freundlichkeit hatte. Einzelne Zähne dieses Elches sind schon in den
alten Beständen der Heidelberger Sammlung vorhanden. Es gelang mir,
solche aber auch in mehreren Exemplaren in der Fundschicht des
menschlichen Unterkiefers festzustellen. -- So häufig wie in Mosbach
scheint Cervus (Alces) latifrons in Mauer nicht gewesen zu sein. Von
zwei zusammengehörigen Prämolaren des rechten Unterkiefers (Nr. 18 d.
Heidelb. Sammlg.) mißt P 3 mesiodistal 24,7 mm und P 4 29 mm; der
linguobuccale Durchmesser steigt bei ersterem bis zu 17,2 mm, bei
letzterem bis zu 20,5 mm an; die Schmelzleisten sind ungemein kräftig
ausgebildet.

=Cervus elaphus L. var.= Reste des Edelhirsches sind häufig in den
Mauerer Sanden. Außer Skeletteilen der Extremitäten finden sich
besonders oft isolierte Zähne sowie mehr oder weniger fragmentarische
Unterkieferhälften. Eine solche (rechte) mit vollständig erhaltener
Zahnreihe schließt sich in bezug auf die Länge dieser genau einem uns
vorliegenden recenten Cervus elaphus aus der Schweiz an: Die Gesamtlänge
von 3 P + 3 M beträgt bei beiden 118 mm; dagegen beträgt die Länge vom
Angulus bis zum Incisivrand bei dem Mauerer Exemplar etwa 320 mm, bei
unserem recenten aber nur 285 mm. RÜTIMEYER[67], Fauna der Pfahlbauten
S. 59, gibt für den Unterkiefer des recenten Edelhirsches 300 mm und für
den großen Pfahlbauhirsch sogar 345 mm an. -- Von einem mitten
durchgebrochenen, sonst aber -- auch an beiden Gelenkflächen
-- vollkommen erhaltenen Metatarsus gebe ich nachstehend die Maße,
verglichen mit den von RÜTIMEYER mitgeteilten:

                                       Mauer  Pfahlbauhirsch  Recent

  Metatarsus, volle Länge               320        370         260
       »      obere Gelenkfläche quer    38,8       38          30
       »      untere     »        »      45         45          34

Von Geweihen, die leider nur in Bruchstücken vorliegen, scheinen sich
hauptsächlich die kräftigsten erhalten zu haben. Diese gleichen z. T.
den von POHLIG[62] in seiner Abhandlung »Die Cerviden des thüringischen
Diluvial-Travertines« als Cervus (elaphus) Antiqui abgebildeten von
Taubach; doch ist der Umfang der Stange unmittelbar über der Rose bei
zwei von Mauer vorliegenden Exemplaren beträchtlicher (20 und 24 cm!).
Ich möchte mir daher in der Bestimmung der Geweihreste des Edelhirsches
von Mauer dieselbe Vorsicht auferlegen, wie sie H. SCHRÖDER »in Ansehung
der ganz außerordentlichen Variabilität der Geweihe und der noch
größeren Meinungsverschiedenheiten der Autoren über die Beziehungen und
gegenseitige Abgrenzung der Varietäten, namentlich fossiler Hirsche« in
seiner Revision der Mosbacher Säugetierfauna für geboten hält.

=Cervus capreolus L.= Reste vom Reh sind in den Mauerer Sanden nicht
häufig. In der Heidelberger Sammlung befinden sich ein oberes und ein
unteres Ende von zwei verschiedenen Geweihstangen, die von
ausgewachsenen Tieren herrühren; ferner das Unterkieferfragment eines
jugendlichen. Abweichungen von dem recenten Reh vermag ich nicht daran
zu erkennen.

=Bison= sp. nov. ind. Ebenso wie in dem Mosbacher Sande ist ein Bison auch
in Mauer häufig. Leider sind die seit Jahrzehnten hier aufgefundenen
Reste in alle Himmelsrichtungen zerstreut, so daß ein Studium derselben
sehr erschwert ist. Nach den Messungen, die ich an den in dem
geologisch-paläontologischen Institut der Universität Heidelberg
befindlichen zwei Schädelfragmenten, drei isolierten Hornzapfen und
einem Unterkiefer vornehmen konnte, weicht der Bison von Mauer
beträchtlich von dem in dem europäischen Diluvium weit verbreiteten
Bison priscus Boj. ab. Er schließt sich, soweit sich dies nach den
wenigen vorliegenden Resten beurteilen läßt, mehr an den recenten Bison
europaeus Ow. an. Da eine erschöpfende Bearbeitung dieser Frage nicht in
dem Rahmen dieser Abhandlung liegt, so beschränke ich mich darauf, den
von mir genommenen Maßen einige von L. RÜTIMEYER[67], Die Fauna der
Pfahlbauten S. 74 und H. v. MEYER[52], Nova Acta Acad. Leopold., 1835,
S. 138 angeführte Vergleichszahlen beizufügen:

  Masse des Unterkiefers[VI.] in Millimetern

  Spaltenüberschriften:

  A: Mauer
  B: Bojanus                            }
  C: Nordmann Paläontologie Südrußlands } nach Rütimeyer
  D: Robenhausen Pfahlbau               }

                                    A       B       C       D

  Höhe hinter M 3                  68,2    65      68      --
  Höhe vor P 1                     42      38      --      --
  Länge der Backenzahnreihe etwa  153     164     147     145
  M 3 Länge                        42,8    45      42      42
      Breite                       19,6    --      --      17,5
  M 2 Länge                        27,9    31      27      27
      Breite                       19,4    --      --      17,5
  M 1 Länge                        23,9    31      22      23
  P 1-3 Länge               etwa   56      56      57      50

  [VI.] An demselben sind die bereits stark abgekauten Backzähne bis auf
  P 1 erhalten; Ast und Symphyse fehlen.

  ------------------------+---------------------+----------------------+
                          |   Bison von Mauer   |   Bison europaeus    |
                          +---------------------+----------------------+
                          |Schädelfragment 1    |                      |
                          |    |Schädelfragment 2[VII.]                |
                          |    |    |Isolierter Hornzapfen 201         |
                          |    |    |   |Isolierter Hornzapfen 202     |
                          |    |    |   |   |Isolierter Hornzapfen 211 |
                          |    |    |   |   |   +----------------------+
                          |    |    |   |   |   |Berlin                |
                          |    |    |   |   |   |   |Paris             |
                          |    |    |   |   |   |   |   |Petersburg    |
                          |    |    |   |   |   |   |   |   |Schönbrunn|
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+------+
  Breite der Stirn        |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    zwischen d. über d.   |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Einbiegungen          |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Augenhöhlen nach einer|    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    geraden Linie         | 264| 275| --| --| --|258|220|270|231|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Breite der Stirn        |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
   zwischen der Basis der |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
   Hornzapfen             | 260| -- | --| --| --|234|230|280|230|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Umfang der              |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hornzapfenbasis       | -- | -- | --| --|330|290| --| --| --|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Länge der geraden Linie |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    v. untern Teile der   |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hornzapfenbasis bis   |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    zur Spitze des Zapfens| -- | -- |300|295|230|285| --| --|230|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Dieselbe Länge nach der |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Krümmung des Zapfens  | -- | -- |330|330|290|498| --| --|320|      |
                          |    |    |   |   |[a]|   |   |   |   |      |
                          |    |    |   |   |385|   |   |   |   |      |
                          |    |    |   |   |[b]|   |   |   |   |      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Längendurchmesser des   |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hinterhauptsloches    |44,5|43,5| --| --| --| 38| --| --| 30|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Entfernung vom          |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hinterhauptskamme bis |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    zum oberen Rande des  |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hinterhauptsloches    | 102| 101| --| --| --|100| --| --|110|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Größte Breite des       |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hinterhauptes nach    |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    einer geraden         |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Grundlinie            | 260| 260| --| --| --|246|200|265|240|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+      |
  Entferng. v. ein.       |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Hornzapfenbasis zur   |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    anderen am hintern    |    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    Teil des Schädels nach|    |    |   |   |   |   |   |   |   |      |
    ein. geraden Linie    | 273| 300| --| --| --|302| --| --| --|      |
  ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+------+
  [a] vordere Curvatur    [b] hintere Curvatur

  ------------------------+--------------------------------------------+
                          |              Bison priscus                 |
                          +--------------------------------------------+
                          |Diluvium (Niederterrasse Kirchheim bei      |
                          |Heidelberg). Städt. Sammlungen Heidelberg.  |
                          |Eig. Messung.                               |
                          |   |Aus dem Rhein bei Sandhofen Mannheim    |
                          |   |Mus. Frankfurt a. M.                    |
                          |   |   |Aus dem Rhein                       |
                          |   |   |Mus. Darmstadt                      |
                          |   |   |   |Aus dem Rhein                   |
                          |   |   |   |Mus. Darmstadt                  |
                          |   |   |   |   |Aus dem Rhein               |
                          |   |   |   |   |Mus. Speyer                 |
  ------------------------+---+---+---+---+---+------------------------+
  Breite der Stirn        |   |   |   |   |   |                        |
    zwischen d. über d.   |   |   |   |   |   |                        |
    Einbiegungen          |   |   |   |   |   |                        |
    Augenhöhlen nach einer|   |   |   |   |   |                        |
    geraden Linie         |330|301|304|345|315|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Breite der Stirn        |   |   |   |   |   |                        |
   zwischen der Basis der |   |   |   |   |   |                        |
   Hornzapfen             |325|355|437|404|379|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Umfang der              |   |   |   |   |   |                        |
    Hornzapfenbasis       |390|380|364|382|458|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Länge der geraden Linie |   |   |   |   |   |                        |
    v. untern Teile der   |   |   |   |   |   |                        |
    Hornzapfenbasis bis   |   |   |   |   |   |                        |
    zur Spitze des Zapfens|460|477|448|382|351|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Dieselbe Länge nach der |   |   |   |   |   |                        |
    Krümmung des Zapfens  |520|514|546|487|465|                        |
                          |[a]|   |   |   |   |                        |
                          |650|   |   |   |   |                        |
                          |[b]|   |   |   |   |                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Längendurchmesser des   |   |   |   |   |   |                        |
    Hinterhauptsloches    | 40| 48| 47| 51| 48|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Entfernung vom          |   |   |   |   |   |                        |
    Hinterhauptskamme bis |   |   |   |   |   |                        |
    zum oberen Rande des  |   |   |   |   |   |                        |
    Hinterhauptsloches    |117|107|118|110|128|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Größte Breite des       |   |   |   |   |   |                        |
    Hinterhauptes nach    |   |   |   |   |   |                        |
    einer geraden         |   |   |   |   |   |                        |
    Grundlinie            | --|297|291|310| --|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+                        |
  Entferng. v. ein.       |   |   |   |   |   |                        |
    Hornzapfenbasis zur   |   |   |   |   |   |                        |
    anderen am hintern    |   |   |   |   |   |                        |
    Teil des Schädels nach|   |   |   |   |   |                        |
    ein. geraden Linie    |320|359|400|312|358|                        |
  ------------------------+---+---+---+---+---+------------------------+
  [a] vordere Curvatur     [b] hintere Curvatur

  [VII.] A. PAGENSTECHER, Frühlings landwirtschaftliche Zeitung, 1878.
  XXVII, 2. Heft, S. 25, schätzt das Alter dieses Individuums auf Grund der
  beiden bei dem Fossil gefundenen Backzähne -- oberer Molar und unterer
  Milchmolar -- auf höchstens zwei Jahre. Die Zugehörigkeit des letzteren
  zu dem Schädelfragment ist jedenfalls sehr fraglich, da sonst nichts von
  dem Unterkiefer vorliegt.

A. ANDREAE[5] führt unter der Fauna von Mauer auch Bos primigenius Boj.
an. Ich konnte unter den im Heidelberger geologisch-paläontologischen
Institut befindlichen Tierresten aus den Mauerer Sanden nur Bison
priscus feststellen. Auch in den Mosbacher Sanden kommt nach
F. KINKELIN[31 u. 38] und H. SCHRÖDER[80 u. 81] nur Bison vor. Es liegt
daher die Vermutung nahe, daß es sich bei den von ANDREAE erwähnten
Resten um solche handelt, die aus der Lößstufe stammen.

=Equus= sp. Nach brieflicher Mitteilung des Herrn W. v. REICHENAU, der mit
der Bearbeitung der Equidenreste aus den Sanden von Mosbach und Mauer
beschäftigt ist, stellen die aus letzterem Fundorte vorliegenden
einzelnen Zähne von Equus in ihrem sehr variablen Verhalten eine
=Übergangsreihe dar, ausgehend von der Form Equus Stenonis Cocchi= (mit
kurzachsigem vorderen Innenpfeiler der Kaufläche), bis zur Taubacher
Form hinüberleitend. Dasselbe ist bei dem großen Equus Mosbachensis der
Fall. Equus germanicus Wüst = E. caballus var. germanica Nehring ist in
Mauer nicht vertreten.

=Rhinoceros etruscus Falc.= ist häufig in den Sanden von Mauer.
Namentlich vom Kopfskelet sind zahlreiche Reste aufgefunden; darunter
Unterkieferfragmente mit Zahnreihen und isolierte Zähne. Das
Gliedmaßenskelet ist u. a. durch ein leidlich gut erhaltenes Becken
vertreten; von dem Rumpfskelet kommen häufig Rippen vor. Alles für die
Bestimmung der Species wichtige Material, das sich in der Heidelberger
Universitätssammlung vorfindet, ist zurzeit in Händen von HENRY
SCHRÖDER, dem ausgezeichneten Kenner der Rhinozeroten, der so freundlich
war, mir folgendes vorläufige Ergebnis seiner Untersuchungen zur
Verfügung zu stellen: »Betreffend die =Rhinocerosreste von Mauer= kann
ich heute noch auf meiner vor 10 Jahren in der Revision der Mosbacher
Säugetierfauna gegebenen Bestimmung des Rhinoceros etruscus Falc.
beharren; mir ist bisher kein Stück unter die Hände gekommen, das man
als Rhinoceros Merckii deuten könnte, wenn man als Typus dieser Art die
Taubacher Form annimmt.« Die von SCHRÖDER angezogene, Rhinoceros etrusc.
Falc. betreffende Stelle lautet: »Diese aus dem oberen Pliocän des
Arnotales und aus dem Forestbed Englands bekannte Rhinocerosart ist in
Mosbach häufig. Die besterhaltenen Stücke besitzt das Museum der
Landesanstalt und das Mainzer Museum, beide je einen Schädel mit
Prämolaren und Molaren, letzteres einen vollständigen Unterkiefer und
ersteres vollständig erhaltene Reihen des definitiven und des
Milchgebisses. Rhinoceros etruscus unterscheidet sich durch nur sanft
aufsteigende Parietalia, starke, fast horizontal verlaufende Cingula an
der Innenseite der Prämolaren des Oberkiefers und größere Niedrigkeit
der Zahnkronen von dem echten Rhinoceros Merckii, das zudem noch
erheblich größer ist. Die Übereinstimmung der Mosbacher Zähne mit
solchen aus dem italienischen Pliocän ist vollkommen. Übrigens vermutete
bereits SANDBERGER Rhinoceros etruscus in Mosbach.«

=Elephas antiquus Falc.= kommt häufig vor in den Sanden von Mauer.
Ansehnliche Reste des Rumpf-, Kopf- und Gliedmaßenskelettes sind in der
Sammlung des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts
vorhanden, die sich auf die verschiedensten Altersstadien erstrecken. Es
erschien mir besonders wichtig, dieses Leitfossil auch aus dem gleichen
Horizonte, aus dem der menschliche Unterkiefer stammt, nachzuweisen, was
durch die freundliche Unterstützung des Herrn J. RÖSCH in
befriedigendster Weise gelungen ist. Es wurde nämlich 11,5 m südlich von
der im geologischen Profil mit einem Kreuz bezeichneten Fundstelle der
Oberkiefer eines ganz jungen Individuums und 25 m nordwestlich von der
genannten Stelle der Unterkiefer eines noch nicht völlig ausgewachsenen
Individuums aufgefunden. Von letztgenannter Mandibula, die aus der
Symphyse in zwei Teile zerfallen war, die sich leicht wieder
zusammensetzen lassen, fehlt beiderseits der obere Teil des Ramus
ascendens. Auf Taf. IV, Fig. 6 ist ein Teil der linken Hälfte des
Unterkiefers so abgebildet, daß die Schmelzfiguren der Kaufläche des
ersten Molaren zu erkennen sind. Sie sind typisch rautenförmig, am
distalen Teile mehr als am mesialen mit zahlreichen Ausbuchtungen
versehen. Die Stärke der Schmelzwand beträgt 1,5-2,0 mm. Von dem
nachdrängenden M 2 ist die Kaufläche der Querjoche noch völlig intakt.
Die Höhe des Corpus mandibulae beträgt unter M 1 148 und unter M 2 155
mm. Die Dicke des Corpus mißt an der Basis 112 mm und steigt nach oben
bis zu 160 mm an. Der mesiodistale Durchmesser von M 1 beträgt im
Maximum 157, der linguobuccale 63 mm, beide Maße an der Kaufläche
genommen. Da nach ZITTEL beim recenten (indischen) Elefanten der erste
Molar erst im 15. Jahre mit der ganzen Zahnkrone in Funktion ist und der
zweite Molar im 20. Jahre zum Vorschein kommt, die Altersgrenze des
Elefanten aber weit über 100 Jahre liegen soll, so dürfen wir annehmen,
daß die vorliegende Mauerer Mandibula von einem Individuum stammt, das
seine Vollkraft noch nicht ganz erreicht hatte.

Das auf Taf. V, Fig. 10 abgebildete Oberkieferfragment eines ganz jungen
Tieres wurde zusammen mit anderen demselben Individuum angehörigen
Knochen der Kieferregion und der Hirnkapsel -- wovon zwei Felsenbeine
und das Hinterhauptsbein leidlich gut erhalten sind -- aufgefunden. Die
Maxillae superiores und die Ossa palatina sind erhalten; ebenso auf
jeder Seite zwei Milchmolaren, von denen der mesiale drei Lamellen, der
distale deren sieben aufweist. Nach ZITTEL, Handbuch der Paläontologie
V. Abt. IV. Bd. 1891. S. 468, verhält sich die Zahl der Querjoche bei
Elephas antiquus folgendermaßen:

                 D 1[VIII.] D 2    D 3    M 1    M 2     M 3
            sup.   3        5-7    8-11   9-12  12-13   15-20
            inf.   3        6-8    9-11  10-12  12-13   16-21.

  [VIII.] Da sich zu diesen drei Milchmolaren bei Elephas zuweilen ein
  vorderster rudimentärer gesellt, so nehmen manche Autoren, z. B.
  M. WEBER, Die Säugetiere, Jena 1904, folgende typische Formel der
  Backenzähne für Elephas an: D (od. Pd) 4/4 M 3/3

Es liegen demnach bei unserem Oberkiefer D 1 und D 2 vor. Während
ersterer Zahn eine starke Abnutzung der Kaufläche aufweist und die
Schmelzfiguren deutlich erkennen läßt, ist bei D 2 die Usur nicht so
weit vorgeschritten: Die Schmelzfiguren werden distalwärts immer
schwächer. H. POHLIG[61] bildet in Nova Acta Acad. Leopold. 1892
Taf. IIb das Fragment einer rechtsseitigen Oberkieferhälfte des im
städtischen Museum zu Weimar befindlichen Elephas antiquus ab »mit dem
vollständigsten aller bekannten hintersten Milchmolaren«, und
A. PORTIS[63] bringt in Palaeontographica N. F. V. 4 (XXV.) Taf. XIX,
Fig. 1 die Abbildung eines im Münchener Museum befindlichen Unterkiefers
des Elephas antiquus von Taubach »mit den beiden zweiten gut entwickelten
und abgenutzten Milchmolaren und mit Alveolen, aus denen die Embryonen
des dritten[IX.] Zahnes herausgefallen sind«. Der Oberkiefer von Mauer
ergänzt die vorgenannten Objekte in erfreulicher Weise.

  [IX.] Distal-mesialwärts gerechnet.

Vom Elephas antiquus ist im Jahre 1887 in der Sandgrube im Grafenrain
auch das auf Taf. IV, Fig. 7 abgebildete Schädelfragment nebst
Unterkiefer aufgefunden, das von Herrn J. RÖSCH in Mauer dem
zoologischen Institut der Universität Heidelberg geschenkt wurde. Da der
Zerfall des sehr mürben Knochengewebes durch Wegnahme des es
zusammenhaltenden Sandes zu befürchten war, so wurde auf Anordnung und
unter Leitung des Hr. Geh. Hofrat BÜTSCHLI eine Kiste um das wichtige
Fundstück gezimmert, in welcher die Überführung nach Heidelberg
stattfand. Hier konnte mit aller Sorgfalt die Präparation desselben
erfolgen. Bemerkenswert ist es, daß an dem Kiefer nur der linke
Incisivus zur Ausbildung gelangte, während der rechte, wie die nur
30 × 20 mm messende Alveole zeigt, sehr früh ausgefallen sein muß. Die
Länge des linken Schneidezahnes beträgt von der Alveole bis zur Spitze
in gerader Linie 1,16 mm, längs der äußeren Kurve gemessen 1,26 mm, der
Umfang desselben beim Austritt aus der Alveole 0,38 mm. Es seien noch
folgende Maße mitgeteilt: Das Hinterhauptsloch mißt zwischen den
Condylen 80 mm, von oben nach der Schädelbasis 74 mm. Breite des
Schädels zwischen den Jochbogen 710 mm. Die Entfernung von dem Processus
condyloideus des Unterkiefers bis zum äußersten Punkte der Symphysis
beträgt 720 mm; eine Senkrechte von dem genannten Processus auf die
Fortsetzungslinie der Basis des Unterkieferkörpers mißt 458 mm. Die
Entfernung zwischen den beiden Processus condyloidei beträgt 560 mm,
zwischen den Processus coronoidei 360 mm; die Höhe des Körpers unter M 2
150 mm.

Von den Kauflächen der Molaren der rechten Ober- und Unterkieferhälften
bringt Taf. IV, Fig. 8 und 9 Photographien, die von Hr. W. SPITZ nach
einem von ihm gewonnenen Abklatsch hergestellt sind. Es sind oben wie
unten von M 1 nur noch Reste vorhanden; M 2 beginnt bei der mit einem
Pfeil bezeichneten Stelle. Während M 2 sup. (Fig. 8) die Schmelzfiguren
nur undeutlich erkennen läßt, treten solche bei dem unteren Molaren
(Fig. 9) genügend scharf hervor. Man kann außer dem mesial nur halb
entwickelten Querjoch zehn weitere unterscheiden, die zum Teil typische
Rautenform aufweisen. Distal werden die Schmelzfiguren undeutlicher. M 2
sup. hat an der Kaufläche gemessen eine Länge von etwa 140 mm und eine
Breite von 60 mm. M 2 inf. ist 197 mm lang und 55 mm breit.

Elephas trogontherii ist nach H. SCHRÖDER in der Fassung, die ihm POHLIG
gegeben hat und die von mehreren Autoren angenommen ist, für
stratigraphische Zwecke nicht verwendbar. »Faßt man die Species enger
und beschränkt sie auf die Zahnform, die ein Mittelding zwischen
E. meridionalis und primigenius zu sein scheint, so kann ich nur sagen,
daß ich E. trogontherii, wie er bei Mosbach mehrfach gefunden ist, unter
dem Material, das ich von Mauer gesehen habe, nicht finden konnte.
Meines Erachtens lassen sich alle Stücke auf E. antiquus beziehen.«
Diesen Worten SCHRÖDERS pflichte ich vollkommen bei. Auch mir sind aus
den Mauerer Sanden nur typische Reste des E. antiquus bekannt geworden.

=Castor fiber L.= Bruchstücke von Unterkiefern sowie einzelne Schneide-
und Backzähne des Bibers sind in den Mauerer Sanden öfters aufgefunden.
Noch jüngst konnte ich eine rechte Unterkieferhälfte mit Bezahnung aus
der Fundschicht der menschlichen Mandibula der Heidelberger Sammlung
einverleiben. Danach schließt sich der Biber von Mauer dem recenten an,
nur weisen die Maße der Backzähne des ersteren bedeutend höhere Zahlen
auf.

=Wie schon in dem vorstehenden Verzeichnis bemerkt, weist die Säugerfauna
aus den Sanden von Mauer enge Beziehung zu derjenigen aus den Mosbacher
Sanden auf. Beide aber lassen wiederum deutliche Beziehungen zu den
präglacialen Forestbeds von Norfolk sowie zu dem südeuropäischen
Oberpliocän erkennen. Insbesondere deuten Rhinoceros etruscus Falc. und
das von der Form Equus Stenonis Cocchi bis zur Taubacher Form
hinüberleitende Pferd von Mauer bestimmt auf das Pliocän hin, während
die übrigen Mammalia zum größeren Teil dem ältesten Diluvium angehören.
Der Unterkiefer von Mauer dürfte also von den bisher aufgefundenen
stratigraphisch beglaubigten menschlichen Resten der älteste sein=[X.].

  [X.] Die Umgegend von Heidelberg hat auch zwei Funde aus einem =späteren=
  Abschnitte der Diluvialzeit ergeben. Es sind dies 1) das einer völlig
  intakten Lößwand bei Dossenheim (jüngerer Löß mit Helix hispida,
  Succinea oblonga und Pupa muscorum) entnommene proximale Ende eines
  Metacarpalknochens eines kleinen Boviden, welches deutlich einen 4 mm
  tiefen, transversalen Einschnitt zeigt, wie er nur durch den Menschen
  hervorgebracht sein kann. Der Schnitt ist, wie mit der Lupe erkennbar,
  wahrscheinlich durch öfteren Ansatz eines Feuersteinmessers ausgeführt.
  Dieses Artefakt wurde dem geologisch-paläontologischen Institut der
  Universität Heidelberg übergeben. 2) wurde in den diluvialen
  Lehmablagerungen oberhalb Ziegelhausens, in beträchtlicher Tiefe, eine
  120 mm lange und 48 mm breite Lanzenspitze aus kieseligem Gestein
  aufgefunden, die, unten abgestumpft, beiderseitig Einbuchtungen zeigt
  und an den Rändern gezähnelt ist. In Form und Technik entspricht das
  Artefakt ganz einer im Solutréen Horizonte der Grotte von Laugerie Haute
  in der Dordogne gefundenen Lanzenspitze (vgl. ED. PIETTE, Association
  française pour l'avancement des sciences, 26. Aug. 1875, Taf. XVII,
  Fig. 7). Diesen Gegenstand führte ich, da damals die prähistorische
  Abteilung der städtischen Sammlungen in Heidelberg noch nicht bestand,
  der Staatssammlung in Karlsruhe zu. (Vgl. O. SCHOETENSACK, Über
  paläolithische Funde in der Gegend von Heidelberg, Ber. d. Oberrhein.
  geolog. Vereins, 35. Vers. zu Freiburg i. B. 1902.)

  Endlich gelang es mir, auch die ersten Spuren einer =neolithischen=
  Ansiedelung im Amtsbezirk Heidelberg auf dem Grunde der alten Bergheimer
  Kirche, festzustellen (Zeitschr. f. Ethnologie 1899, Verh. S. 566-574).
  Seitdem sind durch die von K. PFAFF ausgeführten städtischen
  Ausgrabungen zahlreiche neolithische Funde in näherer und weiterer
  Umgebung der Stadt gemacht. Es konnte dabei eine kontinuierliche
  Besiedelung dieser Gegend seit der jüngeren Steinzeit bis zur Gegenwart
  festgestellt werden.



                        II. Anthropologischer Teil.


Aus dem vorhergehenden Abschnitte ist die stratigraphische Lagerung des
menschlichen Unterkiefers ersichtlich, der 24,10 m unter der Oberfläche
in der von Herrn F. RÖSCH abgebauten Sandgrube im Gewann Grafenrain zu
Mauer, Amtsbezirk Heidelberg, aufgefunden wurde.

Schon seit langer Zeit habe ich die Aufmerksamkeit auf diese Fundstätte
gerichtet. Der Beweis der Coexistenz des Menschen mit Elephas antiquus,
der in dem an Wirbeltierresten so reichen Kalktuff von Taubach bei
Weimar durch die Untersuchungen von A. PORTIS erbracht war, machte es
zur Pflicht, auch in den Mauerer Sanden auf Spuren des Menschen zu
fahnden. Allerdings waren die Aussichten auf einen Erfolg in Mauer weit
geringer, als in Taubach. Handelt es sich an letzterem Orte doch nach
PORTIS[63] um menschliche Niederlassungen am Ufer stehenden Gewässers,
auf dessen Boden die aus dem Muschelkalkgebiete kommenden Bäche Kalktuff
ablagerten[XI.]. Von diesem wurden die weggeworfenen Gegenstände:
abgenagte, oft auch zerschlagene oder mit Brandspuren versehene Knochen,
Feuerstein- und Knochenartefakte u. a. m. bedeckt[XII.]. Bei Mauer aber
sind es, wie in dem geologisch-paläontologischen Teile ausgeführt wurde,
Aufschüttungen eines alten Neckarlaufes, die bald »eine rein sandige,
bald schlickartig lehmige oder grobkiesige Beschaffenheit« aufweisen.
Hier kann man von vornherein keine Anzeichen einer regelrechten
menschlichen Ansiedelung erwarten. Der Strom, an dessen Ufern der Mensch
sich wohl zeitweise aufgehalten haben mochte, mußte bei Hochwasser
gründlich derartige Spuren verwischen. Die im Bereiche des
Überschwemmungsgebietes liegenden Tierreste wurden dabei wohl eine
Strecke fortgeführt, bis sie, vom Sand und Kies bedeckt, dauernd zur
Ablagerung gelangten. Weit kann der Transport nicht stattgefunden haben,
da die Knochen meist noch deutlich das Oberflächenrelief scharf
ausgeprägt zeigen. Stets finden sich nur einzelne Teile des Skelettes
der Säugetiere, am häufigsten isolierte Zähne und Fragmente von
Unterkiefern, die wegen der starken Schicht kompakten Knochengewebes dem
Verwesungsprozeß hartnäckig widerstehen.

  [XI.] Nach den neueren, durch H. HAHNE und E. WÜST[34] ausgeführten
  Untersuchungen liegen »die paläolithischen Fundschichten der Gegend von
  Weimar im Ilmtale zwischen Weimar und dem 4 km ilmaufwärts von Weimar
  gelegenen Dorfe Taubach in einer aus Ablagerungen des Ilmtales
  aufgebauten Terrasse, welche durch spätere Erosion in drei Teilstücke:
  das Taubacher auf der rechten, das Ehringsdorfer und das Weimarer auf der
  linken Ilmseite, zerlegt ist«. Nach den genannten Forschern lassen »die
  Entstehungsart und Altersfolge der Fundschichten von vornherein  nicht
  unbeträchtliche zeitliche Unterschiede zwischen den menschlichen Spuren
  der verschiedenen Horizonte annehmen«. E. WÜST[102] gelangt übrigens in
  seiner neuesten Schrift zu dem Schlusse, daß die in Rede stehenden
  Ablagerungen von Weimar-Ehringsdorf-Taubach dem dritten Interglacial
  zugerechnet werden müssen.

  [XII.] Es gelang mir, aus dem Kalktuff von Taubach auch einen Kinderzahn
  nachzuweisen, den ich unter den von A. WEISS daselbst gesammelten
  Fossilien vorfand und der wissenschaftlichen Bearbeitung durch A. NEHRING
  zuführte. Vgl. die Mitteilungen VIRCHOWS in der Berliner Anthrop. Ges.
  Zeitschr. f. Ethnologie 1895 Verh. S. 338. Bald danach kam ein zweiter,
  schon früher in der gleichen Schicht aufgefundener Zahn (M 1 inf.) zum
  Vorschein, dessen bisher angezweifelter Fundbericht nunmehr Anerkennung
  fand; ebd. S. 573.

Daß uns auch vom Menschen ein Unterkiefer überliefert wurde, ist ein
außergewöhnlich glücklicher Zufall. 30 Jahre lang fortgesetzte, bis zu
25 m Tiefe ausgeführte Grabungen waren erforderlich, um dieses für die
Urgeschichte des Menschen so wichtige Dokument zutage zu fördern! Seit
nahezu zwei Jahrzehnten kontrollierte ich die Grabungen in der Sandgrube
im Grafenrain auf Spuren des Menschen. Kohlenreste oder Brandspuren an
Säugetierknochen suchte ich vergeblich, die kleinen, größtenteils aus
dem Muschelkalk der Umgebung stammenden Hornsteine zeigten keine Spur
der Bearbeitung, spitz zulaufende Knochenfragmente, die ich in der
Hoffnung, ihre Bearbeitung feststellen zu können, daheim sorgfältig von
der durch kohlensauren Kalk verkitteten Sanddecke befreite, erwiesen
sich durchweg als auf natürlichem Wege entstandene Bruchstücke. So blieb
denn die einzige Hoffnung, daß sich unter den zahlreichen
Säugetierresten auch einmal ein menschlicher zeigen würde. Auf diese
Möglichkeit habe ich Herrn J. RÖSCH seit zwei Jahrzehnten beständig
hingewiesen, indem ich die Bedeutung eines solchen Fundes in den Mauerer
Sanden in stratigraphisch durchaus gesicherter Lage betonte. Ich machte
besonders darauf aufmerksam, daß ein derartiger Fund sofort sachgemäß
behandelt und auch ohne Verzug alle Einzelheiten der Lagerung und der
Fundumstände auf das zuverlässigste festgestellt werden müßten. Herr
RÖSCH, bei dem wissenschaftliche Bestrebungen stets ein offenes Ohr und
volles Verständnis fanden, ging in liebenswürdigster Weise auf meine
Vorschläge ein, indem er versprach, mich von einem etwaigen Funde sofort
zu benachrichtigen und mir diesen zur Untersuchung zu überlassen. Am 31.
Oktober 1907 fand Herr RÖSCH Gelegenheit, sein Wort einzulösen; am
nächsten Tage erreichte mich folgende Nachricht von ihm[XIII.]: »Schon
vor 20 Jahren haben Sie sich bemüht, durch Funde in meiner Sandgrube
Spuren des Urmenschen zu finden, um den Nachweis zu liefern, daß zu
gleicher Zeit mit dem Mammut (Elephas antiquus ist gemeint) auch schon
der Mensch in unserer Gegend gelebt hat. Gestern wurde nun dieser
Beweis erbracht, indem über 20 m unter der Ackeroberfläche auf der Sohle
meiner Sandgrube die untere Kinnlade, sehr gut erhalten, mit sämtlichen
Zähnen, von einem Urmenschen stammend, gefunden wurde. Auf der linken
Hälfte der Kinnlade werden die Zähne durch ein Conglomerat bedeckt,
dagegen ist die rechte Hälfte frei.«

  [XIII.] Auch Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI erhielt eine Mitteilung über den
  Fund, die er so freundlich war mir sogleich zu übermitteln.

Der nächste Zug brachte mich nach Mauer, wo ich »zu einem in der That
ganz schröckhaften Vergnügen«[XIV.] die gewordene Kunde vollauf bestätigt
fand. Auf Taf. VI, Fig. 11-14 ist das Fundstück, in zwei Hälften
getrennt, so wie ich es antraf, wiedergegeben. Die Hälften waren noch
vereinigt, als die Schaufel des Arbeiters in der Sandgrube auf den
Gegenstand stieß. Erst bei dem Herauswerfen desselben wurde die mediane
Verbindung aufgehoben, wobei die Schneidezähne und die Juga alveolaria
derselben in Mitleidenschaft gezogen wurden; außerdem ist auf der
lateralen Seite der linken Unterkieferhälfte, oberhalb der Basis, ein
Stückchen abgesprungen. Dieses war leider nicht mehr beizubringen;
dagegen sind sämtliche Teile der Incisivi vorhanden. Wie die Abbildung
erkennen läßt, hafteten neben und an den Eck- und Backzähnen des
Unterkiefers dicke verfestigte Krusten von ziemlich grobem Sand, ein
Charakteristikum der aus den Mauerer Sanden stammenden Fossilien. Die
Verkittung ist durch kohlensauren Kalk erfolgt. An der linken
Kieferhälfte lag außerdem auf den Prämolaren und den beiden ersten
Molaren, fest verbunden mit dem Sande, ein 6 cm langes und etwa 4 cm
breites Geröll von Kalkstein, vermutlich Muschelkalk. Dieses Geröll ist,
ebenso wie die gesamte Oberfläche des Unterkiefers, durch dendritische
Ablagerung von Limonit und wohl auch Manganverbindungen bedeckt, die dem
Knochen eine zum Teil ockergelbe, zum Teil schwarzbraune Färbung
verleihen. Auch die an der Symphyse zutage tretende spongiöse Substanz
zeigt die gleiche Erscheinung, ein Beweis, daß der Unterkiefer in der
Medianlinie wohl schon gelockert war.

  [XIV.] Worte JOH. FRIEDR. ESPERS beim Auffinden »einer Maxilla von einem
  Menschen unter den unbekannten vierfüßigen Tieren« in der Gailenreuther
  Höhle anno 1774.

Die Fundstelle in der Sandgrube fand ich noch ganz unberührt. Der 52
Jahre alte Arbeiter DANIEL HARTMANN bestätigte mir, daß er tags zuvor
beim Ausheben des Sandes vermittels einer Schaufel auf den Unterkiefer
gestoßen sei, der beim Herauswerfen in zwei Hälften vorgelegen habe. Es
waren zur Zeit der Auffindung des Kiefers in der Sandgrube noch ein
Arbeiter und ein Knecht, der gerade eine Fuhre Sand holte, zugegen. In
Anbetracht der Wichtigkeit des Fundes hielt ich es für geboten, hierüber
vom Großh. Notar WEIHRAUCH in Neckargemünd ein von den drei Arbeitern,
Herrn J. RÖSCH und von mir unterzeichnetes Protokoll aufnehmen zu
lassen, dem Photographien des Fundobjektes (Taf. VI, Fig. 11-14), der
Fundstelle (Taf. II, Fig. 4) und der von dem Geometer gefertigte
Lageplan (Taf. II, Fig. 3) angeheftet sind. Aus dieser zu den Akten des
geologisch-paläontologischen Instituts gegebenen Urkunde, d. d.
Neckargemünd 19. November 1907, geht auch hervor, daß Herr J. RÖSCH den
Fund, wie ich dankerfüllt hinzufüge, schenkungsweise der Universität
Heidelberg überlassen hat.

Die nächste Sorge war nun, die Fundstelle und ihre nächste Umgebung
genau daraufhin zu untersuchen, ob nicht noch mehr menschliche Reste
aufzufinden seien. Nach den obigen Darlegungen waren die Aussichten
hierfür allerdings sehr gering; aber selbst Tierreste, die in der Nähe
des menschlichen Unterkiefers lagerten, durften nun ein höheres
Interesse beanspruchen. Die Fundschicht selbst, die 0,10 m mächtig in
dem geologischen Profil als »Geröllschicht, durch kohlensauren Kalk
etwas verkittet, mit ganz dünnen Lagen von Letten, der mit HCl schwach
braust«, bezeichnet ist, bot nichts Absonderliches. Es hatte eine
Anhäufung von kleinen Geröllen hier stattgefunden, unter denen der
Unterkiefer bei der Wegschwemmung wohl schließlich liegen blieb. Das
bereits beschriebene Kalkgeröll verkittete sich dabei vollkommen mit der
vom Sand bedeckten Zahnreihe der linken Unterkieferhälfte. Bei den durch
die Arbeiter ohne Unterbrechung Tag für Tag fortgesetzten
Sandaushebungen, die sich südlich und nördlich von dem Fundorte
ausdehnten, kamen nun, teils in der Fundschicht, teils in den darüber
gelagerten Schichten 5-10 des Profils, also bis zur Lettenbank 11,
beständig Reste der im geologisch-paläontologischen Teil angeführten
Säugetiere zutage. Insbesondere gelang es, vom Elephas antiquus Falc.
zwei noch mit den Molaren versehene Unterkieferhälften eines nahezu
erwachsenen (Taf. IV, Fig. 6) und das Oberkieferfragment eines ganz
jungen Individuums (Taf. V, Fig. 10) als wichtige Belegstücke zu
sichern. Näheres hierüber findet sich im geologisch-paläontologischen
Teil.

Um den menschlichen Unterkiefer dauernd zu erhalten, erschien es
angezeigt, rasch zu einer Präparierung desselben zu schreiten. Die in
dem feuchten Sande von Mauer gebetteten Knochen müssen zu diesem Zweck
einige Tage der Luft ausgesetzt und dann geraume Zeit in eine Leimlösung
gelegt werden. Damit letztere in alle Teile des menschlichen
Unterkiefers eindringen konnte, wurden die an der Pars alveolaris
haftenden Sandinkrustationen, sowie das der linken Kieferhälfte
aufgelagerte Kalkgeröll entfernt. Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI war so
freundlich, mich hierbei mit seinem Rate zu unterstützen und den
Konservator des zoologischen Institutes, der auch zurzeit den im I.
Abschnitt dieser Abhandlung beschriebenen Elephas antiquus-Schädel von
Mauer präpariert hatte, für die Ausführung der subtilen Arbeit zur
Verfügung zu stellen. Es wurde beschlossen, die durch kohlensauren Kalk
verkitteten Sandkrusten teils mechanisch, teils durch Aufträufeln von
verdünnter Salzsäure zu entfernen, was bei der rechten Kieferhälfte
vortrefflich gelang (vgl. Taf. VII, Fig. 15 u. 16); bei der linken
Hälfte dagegen lösten sich mit dem Geröll die Kronen der beiden
Prämolaren und der beiden ersten Molaren ab, so daß das Objekt das durch
Taf. VII, Fig. 17 u. 18 veranschaulichte Aussehen erhielt. Die
Zahnkronen konnten von dem Geröll durch fortgesetzte Betupfung desselben
mit verdünnter Salzsäure abgelöst werden; sie sind auf Taf. VIII,
Fig. 28-31 in annähernd natürlicher Größe[XV.] wiedergegeben, und zwar
sowohl von der oberen, als auch von der unteren, der Pulpahöhle
zugewendeten Seite. Leider passen sie nicht mehr vollständig auf den
Hals der betreffenden Zähne, da winzige Splitter des Schmelzes an dem
unteren Teile der Kronen abgesprungen sind. Offenbar wurde der
Zusammenhang der Kronen mit den Wurzeln an dem Halse der betreffenden
Zähne durch das darauf lagernde relativ schwere Geröllstück schon
gelockert, als der Unterkiefer mit der Schaufel herausgeworfen wurde;
sonst hätten sich bei der Präparierung die Kronen von den Wurzeln
schwerlich getrennt. Wie ich übrigens noch zeigen werde, ergab die also
ermöglichte Untersuchung der Pulpahöhlen der abgebrochenen Zähne
bemerkenswerte Resultate, die sich sonst nicht hätten gewinnen lassen.

  [XV.] Die genauen Maße sind in der speziellen Beschreibung der Zähne
  (Anhang I) angeführt.

Gehen wir nun zur $Beschreibung des Unterkiefers$ über, so drängt sich die
Eigenart unseres Objektes auf den ersten Blick auf. Es zeigt eine
Kombination von Merkmalen, wie sie bisher weder an einer recenten noch
fossilen menschlichen Mandibula angetroffen worden ist. Selbst dem
Fachmanne wäre es nicht zu verargen, wenn er sie nur zögernd als
menschliche anerkennen würde: Fehlt ihr doch dasjenige Merkmal gänzlich,
welches als specifisch menschlich gilt, nämlich ein äußerer Vorsprung
der Kinnregion, und findet sich doch dieser Mangel vereinigt mit äußerst
befremdenden Dimensionen des Unterkieferkörpers und der Äste.

Angenommen, nur ein Fragment wäre gefunden ohne Zähne, so würde es nicht
möglich sein, dieses als menschlich zu diagnostizieren. Mit gutem Grunde
würde man bei einem Teil der Symphysenregion die Zugehörigkeit zu einem
Anthropoiden, etwa von gorilloidem Habitus, vermuten und bei einem
Bruchstücke des Ramus ascendens an eine große Gibbon-Varietät denken.

=Der absolut sichere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen
Teile zu tun haben, liegt lediglich in der Beschaffenheit des Gebisses=.
Die vollzählig erhaltenen Zähne tragen den Stempel »Mensch« zur
Evidenz: Die Canini zeigen keine Spur einer stärkeren Ausprägung den
anderen Zahngruppen gegenüber. Diesen ist insgesamt die gemäßigte und
harmonische Ausbildung eigen, wie sie die recente Menschheit besitzt.

Auch in ihren Dimensionen treten die $Zähne$ der Heidelberger Mandibula
nicht aus der Variationsbreite des recenten Menschen heraus. Allerdings
sind ihre Maße relativ groß, wenn man moderne europäische Objekte zur
Vergleichung heranzieht. Sowie man aber letztere auf jetzige niedere
Rassen ausdehnt, verschwindet die Differenz. In den Einzelmaßen werden
vielmehr die Zähne -- nicht aber der Kiefer -- des Homo Heidelbergensis
von manchen der jetzigen Australier übertroffen.

Ein gewisses Mißverhältnis zwischen dem Kiefer und den Zähnen ist bei
der fossilen Mandibula unverkennbar: Die Zähne sind zu klein für den
Knochen. Der vorhandene Raum würde ihnen eine ganz andere Entfaltung
gestatten. Am auffälligsten tritt dies beim dritten Molaren hervor, der
hinter den beiden anderen beträchtlich zurückbleibt, obwohl gerade an
dieser Stelle die Breite des Corpus mandibulae ein derartiges Maß
erreicht (23,5 mm), wie es bisher noch an keinem menschlichen Objekte
gefunden wurde, und obgleich die postmolare Grube am vorderen Abhange
des Ramus genügend Raum für einen vierten Molaren darbot. Ob die
relative Kleinheit des dritten Molaren unserer Mandibula mit der
Reduktionstendenz dieses Zahnes beim modernen Europäer in Beziehung
gebracht werden kann, soll hier unerörtert bleiben.

Sämtliche Zähne sind so weit abgekaut, daß die Dentinmasse zutage tritt.
Dadurch, daß auf der linken Seite die Kronen der Prämolaren sowie des
ersten und zweiten Molaren an dem darauf liegenden Gesteinsstücke haften
geblieben sind, wurde ein Einblick in die Struktur der Kronen
ermöglicht, der in willkommener Weise die Ergebnisse der
Röntgendurchstrahlung ergänzt.

Bei der großen Bedeutung, welche jeglicher Einzelheit des Tatbestandes
in vorliegendem Falle zukommt, erscheint es angezeigt, eine gleichsam
protokollarische Übersicht über jeden Zahn zu geben und durch
tabellarische Aufstellung der Maße die Vergleichung mit anderen Objekten
vorzunehmen.

Unter Hinweis auf diese im Anhang gegebene Zusammenstellung sollen
zunächst nur diejenigen Punkte hervorgehoben werden, welche mit
Rücksicht auf die Zähne einen Beitrag zu der Frage nach der Stellung
unseres Unterkiefers zu verwandten Bildungen liefern können.

Was zunächst die Höckerbildung der Molaren anbelangt, so läßt sich die
ursprüngliche Fünfzahl mit Ausnahme des dritten linken bei allen Molaren
der Heidelberger Mandibula nachweisen. Diesem Zustande nähern sich von
den recenten Menschen, wie die Untersuchungen von M. DE TERRA[90]
zeigen (vgl. Anhang III), am meisten die Australier. Von den
europäischen Fossilfunden gestattet nur der von Krapina eine
Vergleichung, da in anderen Fällen (Spy, Ochos) die Abkauung zu weit
vorgeschritten ist. Wie aus GORJANOVIĆ-KRAMBERGERS Zusammenstellung
hervorgeht, zeigt der Mensch von Krapina eine stärkere Tendenz zum
Übergang in den Vierhöckertypus, als unser Fossil.

Für die Beurteilung der Beziehung der Molaren des Homo Heidelbergensis
zu denen der heutigen Menschheit ist der Einblick in das Innere der
Kronen des ersteren wertvoll. Wie die Maßangaben des Querschnittes der
Pulpahöhle beim modernen Europäer ergeben, die mir von Hr. cand. med.
K. TRUEB aus seiner demnächst erscheinenden Inauguraldissertation
freundlichst zur Verfügung gestellt wurden (vgl. Anhang IV), ist das
Cavum pulpae der Molaren der Mandibula von Mauer von ungewöhnlicher
Größe: Es hat beim ersten Molaren einen linguobuccalen Durchmesser von
4,8 und einen mesiodistalen von 4,3 mm. Beim recenten Europäer sind die
höchsten Zahlen für M 1 inf. im Alter vom 6.-9. Jahre mit 4,087 und vom
11.-14. Jahre mit 4,125 (im Mittel) zu finden; die höchste von TRUEB
festgestellte Zahl ist 4,8 bei einem Mädchen von 9 Jahren und die
niedrigste 3,5 bei einem 14jährigen Knaben.

Bei dem zweiten Molaren unseres Fossils steigert sich die Differenz noch
beträchtlich, da hier der linguobuccale Durchmesser 5,7 mm und der
mesiodistale 6,3 mm beträgt, der bei den von TRUEB gemessenen Zähnen in
einzelnen Fällen nur bis 4,8 mm aufsteigt, im Mittel aber in allen
Lebensaltern beträchtlich hinter Mauer M 2 zurücksteht[XVI.]. --
Dagegen verhält sich die Dicke der die Pulpahöhle umgebenden Dentinwand
inkl. Zement, wie die Tabelle zeigt, bei den Zähnen des Heidelberger
Fossils ähnlich wie bei denjenigen des recenten Europäers.

  [XVI.] Es sei auch auf die auf Taf. IX wiedergegebenen Röntgenbilder
  verwiesen, die diesen Unterschied bei dem Homo Heidelbergensis (Fig.
  32-38) und bei einem recenten Europäer (Fig. 39 u. 40) -- das Alter
  beider kann auf etwa 40 Jahre geschätzt werden -- deutlich
  veranschaulichen.

Es liegt auf der Hand, daß wir es bei dem Homo Heidelbergensis mit der
Fortführung eines Merkmales zu tun haben, das heute für den
Jugendzustand von Europäern typisch ist. Damit soll nicht eine sekundäre
Ausprägung eines infantilen Charakters behauptet werden, sondern die
Persistenz eines sehr primitiven Charakters überhaupt, wie er in der
Stammesgeschichte des Primatengebisses als notwendiges Durchgangsstadium
angenommen werden muß. Bei diesem Fortbildungsprozeß erhielt eben die
relativ dünne Wandung eine den Höckerbildungen entsprechende Faltung und
Biegung.

Das oben schon betonte Mißverhältnis kommt hier wieder zum Ausdruck: Die
Massivität des Knochens ließ entsprechend kräftige Wandungen der
Pulpahöhle erwarten als Anpassung an eine gewaltige Kraftleistung. Das
Gegenteil ist der Fall und läßt nur den Schluß zu, daß an die Zähne
keine großen Ansprüche gestellt worden sind und demnach die kräftige
Entfaltung des Kiefers nicht im Dienste der Zähne zustande gekommen ist.
Ein derartiger kindlicher Charakter bei einer fossilen Form schließt
jeden Gedanken an eine Spezialisierung der Vorfahrenform nach anderer
Richtung aus. =Kein Anthropoidenstadium kann hier vorangegangen sein. Wir
haben es hier vielmehr mit einem uralten gemeinsamen Urzustand zu tun,
wie er auch dem der Anthropoiden vorangegangen sein muß=.

Die Untersuchung der anderen Zahngruppen führt vollkommen zu demselben
Ergebnis. An den Prämolaren findet sich in gleicher Weise, wie an den
Molaren die Weite der Pulpahöhle. Der linguobuccale Durchmesser
derselben am ersten Prämolaren des Homo Heidelbergensis (3,5 mm) wird
von keinem der daraufhin untersuchten Europäerzähne erreicht. Die
zwischen dem vorderen und hinteren Prämolaren bestehende Verschiedenheit
in der Ausbildung des Reliefs, stärkerer Prominenz des lingualen Höckers
bei P 2, fällt durchaus in die Variationsbreite des recenten Menschen.
Dem P 1 fehlt jede Spur einer Anpassung an den oberen Caninus, wie sie
zu erwarten wäre, wenn in der Vorfahrenreihe eine den Anthropoiden
ähnliche Ausprägung der Canini bestanden hätte.

Dieser negative Befund bei dem ältesten bisher bekannt gewordenen
menschlichen Unterkiefer und die Übereinstimmung desselben mit den
anderen fossilen Unterkiefern in den zwar beträchtlichen, aber
keineswegs exzeptionellen Dimensionen der Incisivi und Canini, wobei
letztere keine an Affen erinnernde Prominenz besitzen, stehen in vollem
Einklang mit den von KLAATSCH vertretenen und sich mehr und mehr Bahn
brechenden Anschauungen über die Beziehungen des Menschen zu den
Anthropoiden. Wäre z. B. ein dem Gorilla ähnlicher Vorfahrenzustand
anzunehmen bezüglich derjenigen Merkmale, durch welche Mensch und
Menschenaffe sich unterscheiden, so müßte, je weiter geologisch
zurückliegend, um so mehr eine Hinneigung zur Anthropoidenbahn sich
kundgeben. Daß dies im Falle der Heidelberger Mandibula sich ebensowenig
bewahrheitet, als es für die niederen Menschenrassen gilt, ist eine
vortreffliche Bestätigung der von vorgenanntem Forscher aufgestellten
Abstammungslehre des Menschengeschlechts.

Wenden wir uns nun der Betrachtung des Unterkieferbogens der
Heidelberger Mandibula zu, so fällt an der äußeren Fläche des $Corpus
mandibulae$ sogleich das Fehlen einer Kinnvorragung auf (Taf. VIII,
Fig. 19 und 20). Die völlig intakte rechte Kieferhälfte läßt darüber
keinen Zweifel. Bei horizontaler Stellung des Alveolarrandes verläuft
die Profillinie der Symphysenregion in sanfter Wölbung abwärts und nach
hinten. An der Rundung, die das ganze Gebiet beherrscht, nehmen sogar
die Incisiven teil, wie dies die laterale Ansicht der Mandibula
(Fig. 19) und der Querschnitt in der Medianlinie (Fig. 20) erkennen
lassen. Die teilweise freigelegten Wurzeln zeigen die Gleichartigkeit
ihrer Krümmung mit der darunter befindlichen, nach vorn konvexen Fläche
gerade an der Stelle, wo sich beim Europäer eine nach vorn konkave Linie
bildet (Fig. 21).

Der Basalrand der Symphyse zeigt eine auffällige Erscheinung. Legt man
die Mandibula auf eine horizontale Unterlage und betrachtet sie von
vorn, so erkennt man, daß nur die seitlichen Partien des Corpus
aufliegen, während die mediane Region in einer transversalen Ausdehnung
von 50 mm frei emporragt. Man hat den Eindruck, als sei hier ein Stück
herausgeschnitten. Die Ausdehnung dieser morphologisch wichtigen
Bildung, welche von KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtet und
von ihm Incisura submentalis[XVII.] bezeichnet wurde, verrät einen
Zusammenhang mit der Ausdehnung der Insertion des Musculus digastricus,
insofern beide die gleiche laterale Begrenzung zeigen. An dieser Stelle
befindet sich an der Außenfläche dicht über dem freien Rande ein kleines
Höckerchen, das bereits von GORJANOVIĆ-KRAMBERGER am Kieferfragment
Krapina H als Tuberculum beschrieben und von KLAATSCH auch an
Australiern beobachtet worden ist. Fast genau darüber liegen die
Foramina mentalia; in weiterer Verlängerung aufwärts erreicht die von
dem Tuberculum aus gezogene Linie den Alveolarrand zwischen den
Prämolaren und Molaren.

  [XVII.] Vgl. den von H. KLAATSCH auf der Frankfurter Versammlung der
  Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 1908 gehaltenen
  bedeutungsvollen Vortrag über Cranio-Morphologie und
  Cranio-Trigonometrie, in welchem grundlegend die Morphologie des
  menschlichen Unterkiefers behandelt und mit Rücksicht auf die
  Australier-Mandibula und deren von dem Europäerkiefer abweichendes
  Verhalten zum Teil eine ganz neue Terminologie geschaffen wird, der ich
  -- insoweit dies bei unserm Fossil tunlich ist -- folgen werde.

Die Foramina mentalia zeigen eine beachtenswerte Komplikation durch das
Vorhandensein von Nebenlöchern. Das linke Foramen ist vom Alveolarrande
14,6 mm und vom Basalrande 13,5 mm entfernt. Seine mesiodistale
Ausdehnung beträgt 6,7 mm, sein vertikaler Durchmesser 4,7 mm; 2,7 mm
über demselben, mehr im Bereiche von P 2 gelegen, befindet sich ein
zweites kleineres Loch (Taf. VII, Fig. 18). Das rechte Foramen, 5,4 mm
lang und 3,5 mm hoch, liegt 15,7 mm vom Alveolar- und 14,5 mm vom
Basalrande entfernt. Es zeigt zwei Nebenlöcher, von denen das eine in
der Größe eines Stecknadelkopfes 4,5 mm höher, mehr unter P 2 gelegen
ist, während das andere[XVIII.] sich 4,2 mm niedriger und mehr nach M 1
hin befindet (Taf. VIII, Fig. 19).

  [XVIII.] Dieses tritt auf der Photographie nicht deutlich genug hervor,
  da es in der nacherwähnten Furche gelegen ist.

Zwischen den Foramina mentalia und dem Basalrande, letzterem parallel
gerichtet, zieht sich eine Furche hin, welche sich nach hinten bis über
den zweiten Molaren hinaus, nach vorn bis über die Mitte der Insertion
des Digastricus verfolgen läßt (Taf. VII, Fig. 15). Man hat den
Eindruck, als sei der Kieferrand aufgewulstet worden. Diese Bildung
wurde von KLAATSCH auch an Australierkiefern, in stark variierender
Ausdehnung distalwärts, festgestellt und von ihm als »Sulcus
supramarginalis oder mentalis« bezeichnet.

Der Basalrand ist im Bereiche der Molaren von beträchtlicher Dicke (über
10 mm unter M 2). Seine Profillinie beschreibt eine ganz schwach nach
abwärts konvexe Linie. Auf der Grenze zwischen Corpus und Ramus geht
diese Linie in eine konkave Krümmung über; zugleich verjüngt sich der
Basalrand beträchtlich in transversaler Richtung. Folgt man ihm
mesialwärts, so gelangt man zur Ansatzgrube des Biventer, der Fossa
digastrica, welche links 22, rechts bis zu 26 mm lang und in maximo
7,5 mm breit ist. Die Grube, deren Fläche bei horizontaler Stellung des
Alveolarrandes im medialen Teile fast genau abwärts, nur ein wenig
lingualwärts, schaut, folgt in ihrem leicht gebogenen Verlaufe der
Krümmung des Corpus mandibulae im Bereiche der oben beschriebenen
Incisur. Letztere wird durch einen kleinen Vorsprung, der sich zwischen
den beiderseitigen Fossae digastricae befindet, in eine linke und rechte
Hälfte geschieden. Diese den tiefsten Teil der Symphyse bildende »Spina
interdigastrica« (KLAATSCH) ist auf Taf. X, Fig. 41 und 42 sichtbar.

Geht man von ihr auf die Innenfläche der Symphyse über (vgl. die
Bruchfläche Taf. VIII, Fig. 20 und Taf. XIII, Fig. 48), so erscheint die
im oberen Teile 17 mm erreichende Dicke vom Befunde beim recenten
Menschen ebenso abweichend, wie die Rundung der lingualen Fläche. Von
der Innenseite der Incisivi senkt sich die mediale Fläche schräg
abwärts. Ihre im ganzen konvexe Beschaffenheit wird durch eine ganz
minimale, nur bei genauer Betrachtung zu bemerkende Einsenkung
unterbrochen, die sich hinter den Incisivi befindet; links ist sie etwas
deutlicher als rechts. Im Bereiche der Prämolaren und von M 1 und 2
besteht eine gleichmäßige Rundung der inneren Fläche. Indem in der Nähe
des Basalrandes sich Vertiefungen einstellen, gewinnt der darüber
gelegene Teil das Aussehen eines Wulstes, in welchem die von WALKHOFF
als »Lingualwulst« bezeichnete Bildung erkannt wird. In der Medianebene
findet sie ihre untere Begrenzung durch eine queroval ausgezogene Grube.
Hier ist die Ansatzstelle des Musculus genioglossus. Die Anheftung
geschieht in den seitlichen Partien dieser »Fossa genioglossi«[48].

Zwischen den paarigen, leicht angedeuteten Muskelfeldern und ein wenig
darüber wird eine einem kleinen Blutgefäßkanale entsprechende Öffnung
angetroffen. Ein ähnlicher Kanal befindet sich über der Spina
interdigastrica. Zwischen ihm und der Fossa genioglossi bildet die
innere Symphysenfläche einen rundlichen Höcker mit schwacher Andeutung
bilateraler Gliederung. Hier hat der Musculus geniohyoideus seinen
Ursprung.

Eine Spina mentalis interna im Sinne der für den Europäer geltenden
Terminologie ist an der Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht
vorhanden; denn gerade die Ansatzstelle des Genioglossus ist es, welche
sensu stricto als Spina mentalis gilt. Gegen diese tritt beim Europäer
die Insertion des Geniohyoideus ganz zurück. Da sich nun beim Homo
Heidelbergensis lediglich im Bereiche gerade dieses Muskels eine
Erhebung findet, so empfiehlt es sich, auf diese den von KLAATSCH für
die entsprechende Bildung bei niederen recenten Menschenrassen
eingeführten Ausdruck »Spina geniohyoidei« anzuwenden.

Von dieser Stelle distalwärts findet sich auf der Innenfläche des Corpus
der Heidelberger Mandibula die Fossa sublingualis, eine elliptische, in
der Richtung des Alveolarrandes gestreckte Grube von mehr als 20 mm
Länge und etwas weniger als 10 mm Breite. Sie reicht von der Gegend des
P 2 bis zur Grenze zwischen M 2 und 3; ihre weite Ausdehnung besonders
nach hinten fällt im Vergleich mit dem recenten Europäer auf. Ein
unbedeutender flacher Wulst trennt die für die Glandula sublingualis
bestimmte Grube von der Fossa Gland. submaxillaris, die weit auf den
Unterkieferast hinaufreicht.

Zwischen beiden Gruben sind Andeutungen der Insertion des Musculus
mylohyoideus zu erwarten, aber abweichend von der Regel beim recenten
Europäer ist die Linea mylohyoidea lediglich bis zum vorderen Rande des
dritten Molaren rechts und etwa bis zur Mitte des zweiten Molaren links
zu verfolgen. Sie verstreicht auf dem Wulst zwischen den Gruben; eine
Muskelrauhigkeit bis zur Symphysenregion ist nicht nachweisbar.

Bezüglich der =Höhe und Dicke des Corpus mandibulae= sei auf die
nachstehenden Maximalmaße[XIX.] verwiesen:

  Spaltenüberschriften:

  A: Distal von M 3
  B: zwischen M 3 u. M 2
  C: unter M 2
  D: zwischen M 2 u. M 1
  E: zwischen M 1 und P 2
  F: zwischen P 2 und P 1
  G: zwischen P 1 u. C
  H: zwischen C u. J 2
  I: zwischen den mittleren Incisiven

  -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------
               | A  | B  | C  | D  | E  | F  | G  | H  |     I
  -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------
  Höhe am      |    |    |    |    |    |    |    |    |
  freien Rande |    |    |    |    |    |    |    |    |
  gemessen     |29,9|30,6|31,8|34,3|33,0|31,4|31,3|33,3| etwa 33,5 mm
               |    |    |    |    |    |    |    |    |
  Dicke        |23,5|21,4|20,0|18,5|19,4|19,2|19,1|19,3| etwa 17,5 mm
  -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+--------------

  [XIX.] Diese sind am Original genommen; die am Gipsabguß genommenen Maße
  weichen hiervon etwas ab.

Die außerordentlichen Werte, die sich hieraus für die massive
Beschaffenheit des Corpus ergeben, finden in der Region des letzten
Molaren eine Steigerung, die für ein menschliches Gebilde äußerst
fremdartig erscheint. Die größte Distanz ist hier gegeben durch den
Abstand der Linea obliqua außen von der Crista buccinatoria innen.
Erstere ist stumpf und gerundet. Sie geht in sanfter, nach vorn
konkaver Biegung aus dem vorderen Rande des Ramus hervor und endet
bereits am dritten Molaren. Die Crista buccinatoria erscheint hinter M 3
als eine scharfe Leiste, welche in flachem, nach vorn konkavem Bogen auf
der mesialen Seite des dritten Molaren sich mit dem Alveolarrande
vereinigt. Die dachförmig die Fossa submaxillaris überlagernde Linea
mylohyoidea erscheint wie eine Abzweigung der Crista buccinatoria. Der
beträchtliche Raum zwischen dieser und der Linea obliqua wird von zwei
verschiedenen Gebilden eingenommen, einem labialen und einem buccalen.
Wie eine Fortsetzung des Alveolarrandes nach hinten stellt ersteres sich
als ein rauhes Feld von spitzwinkeliger Dreiecksform ein. Es ist das von
KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtete »Trigonum postmolare« und
stellt das Gebiet des vierten Molaren dar, der bei dem Homo
Heidelbergensis vollständig Platz zu seiner Entfaltung gehabt hätte. Das
Trigonum erstreckt sich, der Crista buccinatoria entsprechend,
bogenförmig aufwärts bis zum Niveau des Foramen mandibulare. Die flache
Grube buccalwärts hiervon ist die von KLAATSCH als Fossa praecoronoidea
bezeichnete Bildung. Sie beginnt auf der Innenfläche des Ramus am
obersten Ende des Processus coronoideus in sagittaler Richtung, aus
welcher sie, buccal von M 3 in horizontalen Verlauf übergehend, im
Bereich des zweiten Molaren auf der Außenfläche des Corpus verstreicht.

                     *       *       *       *       *

Die $Rami mandibulae$ (Taf. VIII, Fig. 19) zeichnen sich durch ihre
beträchtliche Breite aus, die an den oberen Enden der Fortsätze bis zu
60 mm beträgt, während sie bei zwölf Unterkiefern des recenten Europäers
aus dem Heidelberger anatomischen Institut im Mittel nur 37,4 mm
aufweist. Die Höhe des Astes vom Condylus coronoideus bis zur Basis
beträgt 66,3 mm. Dieses Maß liegt in der Variationsbreite des recenten
Europäers. Die Äste steigen von dem hinteren Rande des Körpers
auffallend steil in die Höhe; der Winkel, welchen der hintere Rand
derselben mit dem unteren Rande des Corpus bildet, beträgt 107°. -- Für
den Ansatz der Musc. temporalis und masseter bot sich bei der gewaltigen
Breite des Proc. coronoideus und des Angulus eine sehr ausgedehnte
Fläche dar.

Sehr auffällig ist im Gegensatz zu der Mandibula des recenten Europäers
die nur als eine schwache Einbuchtung erscheinende Incisura semilunaris.
In einer Entfernung von 16 mm unterhalb dieser beginnt das lang
gespaltene, am Eingang bis zu 6,5 mm weite Foramen mandibulare. Von der
plumpen und breiten Lingula ist beiderseits die Zacke etwas abgebrochen;
auf der rechten Kieferhälfte scheint der Bruch alt, auf der linken neu
zu sein.

Der Sulcus mylohyoideus ist sehr schmal und tief. Der Verlauf des den
Unterkörper durchsetzenden Canalis mandibulae ist auf dem Röntgenbilde
Taf. IX, Fig. 32 und 36 gut zu verfolgen.

Die Form des Processus coronoideus ist von derjenigen des recenten
Europäers sehr abweichend. Der Fortsatz endet stumpf, die Ränder sind
abgerundet. Eine Muskelinsertionsgrube, die beim recenten Europäer nicht
selten hinter und unter der Spitze vorkommt, ist nur schwach angedeutet.

Der Processus condyloideus ist vor allem bemerkenswert durch die ganz
ungewöhnliche Größe der Gelenkfläche, welche in der Entfaltung des
rechts 13 und links 16 mm betragenden Durchmessers zum Ausdruck kommt,
während der transversale (22,8 mm) in die Variationsbreite des recenten
Europäers fällt. Die Stellung der Condylen ist aus Taf. X, Fig. 41
ersichtlich. Die Fossa pterygoidea (Insertion des Musc. pterygoid.
extern.) ersetzt durch Ausdehnung und Rauhigkeit, was ihr an Tiefe
abgeht.

Die hintere Kante des Processus condyloideus verjüngt sich nach abwärts
konisch, wobei die Außen- und Innenfläche in transversaler Richtung
leicht konkav, in sagittaler schwach gewölbt sind. Etwa 30 mm unter dem
obersten Ende des Processus beginnen die vom Musculus pterygoideus
internus herrührenden Zackenbildungen (Taf. VII, Fig. 17). Von hier an
gestaltet sich der Umriß des distalen Kieferrandes zu einer gleichmäßig
gerundeten, nahezu den Teil eines Kreises darstellenden Linie, so daß
ein Angulus nicht irgendwie scharf markiert ist (Taf. VIII, Fig. 19).
Soweit die Muskelinsertion reicht, erscheint die etwa 4 mm dicke
Knochenplatte des Ramus wie komprimiert. Unmittelbar vor der vordersten
Zacke des Musc. pteryg. intern. zeigt sich jene sanfte Aushöhlung des
unteren Randes, die auch beim recenten Europäer sich findet. In ihrem
Bereiche verbreitet sich der Basalrand zu dem oben dargestellten
Verhalten. Die Insertionsfläche des Pterygoideus internus ist ausgedehnt
infolge der rundlichen Ausbuchtung der ganzen Angulusregion. Ihre
Rauhigkeiten sind nur schwach entwickelt. Von den nach innen
vorspringenden knopfförmigen Zacken des Pterygoideus internus gehen
kleine Cristen aus. Die, wie oben schon festgestellt, sehr bedeutende
Insertionsfläche des Masseter ist nur wenig durch Reliefbildung
ausgezeichnet.

Um das deskriptive Gesamtbild der Mandibula des Homo Heidelbergensis zu
vervollständigen und um die nötige Grundlage für die $Vergleichung$ dieses
Objektes $mit anderen Unterkiefern$ zu gewinnen, sind die von KLAATSCH[48]
in seinem Frankfurter Vortrage angegebenen Methoden angewendet. Bei den
hiernach gefertigten Projektionszeichnungen und diagraphischen Kurven
ist der Alveolarrand im Bereiche der Incisiven und des letzten Molaren
als Horizontale angenommen. Alles Weitere besagt die in Fig. 43, Taf. XI
wiedergegebene Profilprojektion, in welcher die Meßlinien und Winkel
nach KLAATSCHS Nomenklatur angegeben sind.

Stellt man z. B. wie in Fig. 44 die Mandibula eines $recenten Europäers$
gemeinsam mit unserem Fossil auf die die Hinterfläche des dritten
Molaren tangierende Postmolarvertikale ein, so treten die Unterschiede
zwischen beiden Objekten sehr deutlich hervor: Während die
Alveolarhorizontale und die Basaltangente beim vorliegenden
Europäerunterkiefer nahezu parallel laufen, bilden sie beim Homo
Heidelbergensis einen nach vorn offenen spitzen Winkel von 11°. Seine
Größe ist zu berechnen aus dem Winkel, den die Basaltangente mit der
Symphysenvertikale bildet. Dieser beträgt 79°.

Der =Ramus= des recenten Europäers bleibt fast in allen Dimensionen
innerhalb der Ausdehnung des fossilen; nur der Processus coronoideus des
ersteren ragt ein wenig hervor, überschreitet jedoch nicht die
Condylocoronoidtangente des Fossils. Während diese Linie bei dem Homo
Heidelbergensis nach vorn absinkt, steigt sie beim recenten Europäer
stark nach vorn an. Der Condylus erscheint bei letzterem abgesunken.
Auch die Öffnung des Mandibularkanals liegt beim recenten Europäer viel
tiefer. Man kann sich vorstellen, daß bei diesem die schräge Stellung
des Ramus durch teilweisen Wegfall des distalen Teiles hervorgerufen
ist. Diese Vorstellung einer Reduktion drängt sich auch bei der
Betrachtung der =Kinnregion= des recenten Europäers auf. Die Zahnreihe
erscheint verkürzt, und das Kinn erscheint wie ausgeschnitten, so daß
die Kinnprominenz nur wenig die Incisionvertikale[XX.] unseres Fossils
nach vorn überragt.

  [XX.] Dieser Ausdruck ist neuerdings von KLAATSCH anstatt des
  bisherigen »Symphysion« eingeführt.

Wenn es nach dieser Vergleichung möglich erscheint, daß der Homo
Heidelbergensis der Vorfahrenreihe des europäischen Menschen angehört,
so werden wir sofort an weitere Punkte erinnert, in denen sich
Parallelen zwischen dem ontogenetischen Prozeß der Kieferbildung des
recenten Europäers und des Homo Heidelbergensis ergeben. Die allmähliche
Ausbildung der Kinnprominenz in der individuellen Entwicklung verlangt
als stammesgeschichtliche Ausgangsform eine zurückweichende vordere
Symphysenfläche. Die Spina mentalis interna entwickelt sich erst im
Kindesalter. Lange Zeit hindurch bewahrt sich der jugendliche
Europäerkiefer einen viel voluminöseren Condylus, als wie beim
Erwachsenen.

Diese gemeinsamen niederen Merkmale machen es notwendig, nachzuforschen,
welche verwandtschaftliche Stellung die Mandibula des Homo
Heidelbergensis zu den Unterkiefern der übrigen nicht europäischen
Menschenrassen und der Anthropoiden einnimmt. Es sollen daher einige
Beispiele herausgegriffen und zum Schluß auch die anderen bisher bekannt
gewordenen Fossilreste des Menschen in den Kreis der Betrachtungen
gezogen werden.

Nach den in Fig. 44, Taf. XI wiedergegebenen Profildiagrammen nimmt die
Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht nur zu dem Unterkiefer des
Europäers, sondern auch zu demjenigen des $afrikanischen Negers$ eine
vermittelnde Stellung ein. Es ist bei letzterem eine Zunahme des Corpus
in der Symphysenhöhe eingetreten. Die zurückweichende Symphysenregion
ist beibehalten, und die Umbildung zum »negativen Kinn« ist erfolgt. Der
Ramus hat sich verschmälert und verlängert, wobei eine Vertiefung der
Incisur stattfand.

Fig. 45, Taf. XII zeigt Profildiagramme des Unterkiefers des Homo
Heidelbergensis, eines Australiers (Melville Island, K. 80)[XXI.] und
eines Dajak (B. N. C. 104). Im Vergleich zu dem Heidelberger Fossil ist
bei dem $Australier$ eine Verschmälerung des Ramus eingetreten, unter
Beibehaltung der nach vorn absteigenden Condylocoronoidtangente; ferner
hat sich bei letzterem ein »negatives Kinn« schwach ausgebildet. Der
Unterkiefer des $Dajak$ bleibt in der Breite des Ramus unserem Fossil
näher. In der Umbildung der Symphyse bietet er eine Parallele zu der
Mandibula Spy I dar.

  [XXI.] K. bedeutet Australier Kollektion KLAATSCH, B. bedeutet Breslau
  Anatomie, und zwar N. C. = Neuer Katalog, A. C. = Alter Katalog.

Von den in Fig. 46, Taf. XII dargestellten Profilprojektionen wollen wir
zunächst die Mandibula eines weiblichen $Gorilla$ ins Auge fassen, die
nicht so stark einseitig modifizierte Formenverhältnisse wie bei dem
männlichen aufweist. Denkt man sich unser Fossil nahezu um die Hälfte
der Länge des Alveolarteils nach vorn verlängert unter entsprechender
Zunahme des mesiodistalen Durchmessers der Molaren und Prämolaren und
kombiniert damit eine Verschmälerung des ganzen Kiefers, so entsteht die
Gorillamandibula. Der Ramus nimmt dabei an Höhe bedeutend zu, und der
Processus coronoideus erhebt sich etwas über den Condylus. Die breite
Furche, welche sich buccal vom Trigonum postmolare nach oben erstreckt
und von dem vorderen Rande des Ramus nach außen begrenzt wird, folgt der
Verschiebung nicht, sondern endet in halber Höhe des Ramus. Die
vergrößerten Molaren drängen nach hinten so stark vor, daß sie die
Crista buccinatoria eine Strecke weit okkupieren. Der Vorderrand des
Processus coronoideus, bzw. der Anfangsteil der Linea obliqua, läßt beim
Gorilla die nach vorn konkave leichte Aushöhlung vermissen, die bei dem
Homo Heidelbergensis vorhanden und auch beim recenten Menschen meist
anzutreffen ist. Der Ramus des Gorilla bekommt dadurch nach vorn eine
mehr gerade und schärfere Kante, als sie unser Fossil aufweist. Im
oberen Teile hingegen behält der Processus coronoideus des Gorilla
unserem Diagramme zufolge eine dem Fossil verwandte Form, jedoch mit
vertiefter Incisura semilunaris. Bei der im Besitz des Heidelberger
anatomischen Instituts befindlichen Mandibula eines weiblichen Gorilla
nähert sich aber der Proc. coronoid. mehr demjenigen des recenten
Europäers. In den Breiteverhältnissen übertrifft die in unserem Diagramm
dargestellte Gorillamandibula nicht diejenige des Fossils.

Die Condylen des Gorillakiefers bewahren sich die bedeutende Entfaltung
und die transversale Stellung der Achsen. Die subcondyloide Aushöhlung
des Hinterrandes ist stärker, und die Insertionsplatte der Muskeln setzt
sich schärfer ab als bei dem Homo Heidelbergensis; umgekehrt verhält es
sich am Basalrande, wo die Incisura praemuscularis beim Gorilla relativ
schwach entwickelt ist. Trotzdem die Fossa praecoronoidea beim Gorilla
lingualbuccal sehr weit ausgedehnt ist, bleibt die postmolare Breite bei
dem im Diagramm wiedergegebenen Exemplare (21 mm) hinter derjenigen des
Heidelberger Fossils zurück. Eine Übereinstimmung zwischen beiden
besteht dagegen in der hohen Lage des Foramen mandibulare sowie in der
geringen Ausprägung der Linea mylohyoidea, die sich beim Gorilla auch
nur bis zum zweiten Molaren verfolgen läßt.

Auch die Symphysenregion zeigt bei beiden eine ähnliche Rundung. Der
Mandibula des Gorilla fehlt aber die Incisura submentalis. Ihr Raum
erscheint ausgefüllt durch eine Verlängerung der unmittelbar vor der
Biventerinsertion gelegenen Knochenmasse. Die rudimentäre Beschaffenheit
des Musculus digastricus läßt die Umwandlung erkennen, die sich in der
Vorfahrenreihe des Gorilla abgespielt haben muß. Es muß bei ihm als
Ausgangspunkt ein ähnliches Stadium angenommen werden, wie wir es bei
dem Heidelberger Fossil antreffen. Die Fossa genioglossi vertiefte sich,
und die erwähnte, teils der Spina genioglossi, teils dem vorderen Rande
der Digastricusinsertion angehörige Knochenplatte füllte den Raum
zwischen den beiden Hälften des Corpus eine Strecke weit aus. Hierbei
wurde der nur noch schwache Digastricus ganz auf den Basalrand gedrängt.
Die flache Excavation hinter den Incisivi dehnte sich aus und
verkleinerte den Lingualwulst. In allen diesen Punkten läßt sich nichts
dagegen anführen, daß der Gorilla den sekundären, der Homo
Heidelbergensis den primären Zustand repräsentiert. Der gemeinsame
Ausgangszustand war dem letzteren offenbar viel näher. Die Zunahme des
Eckzahnes in der Anthropoidenreihe ist der Faktor, der den von der Bahn
des Menschen entfernenden Schritt verschuldete.

Man kann daher auf den $Orang$ (Fig. 46, Taf. XII) nahezu die gleichen
Betrachtungen anwenden wie auf den Gorilla. Noch primitiver bleibt
ersterer in der mäßigen Beschaffenheit der Condylen, der geringeren
Vertiefung der Incisura semilunaris und in dem relativ breiten Ramus.
Hingegen bedingt der völlige Schwund des Biventer beim Orang noch
stärkere, aber ganz in der Richtung wie beim Gorilla verlaufende
Umformungen der Symphysenregion.

Vom Schimpansen stand zum Vergleich geeignetes Material leider nicht zur
Verfügung, wohl aber von $Gibbons$ (Fig. 46). Diese bieten in ihren
mannigfaltigen Variationen, abgesehen von dem mehr gestreckten Corpus
mandibulae und dessen geringerer postmaler Breite, noch nähere Anklänge
an das Stadium des Homo Heidelbergensis, als die anderen Anthropoiden.
Ganz besonders auffällig sind in dieser Hinsicht die Gestalt des sehr
breiten Ramus mit der oft sehr flachen Incisura semilunaris, die starke
Ausprägung der Incisura praemuscularis und die Symphysenregion, die im
Relief der Vorder- und der Lingualfläche weniger modifiziert ist als bei
den übrigen Anthropoiden. Es sind sogar Andeutungen der Incisura
submentalis vorhanden, ein untrüglicher Beweis, daß diese einst
gemeinsamer Besitz war. Bei Hylobates lar finden sich ferner sogar
Andeutungen des Sulcus supramarginalis, der bei den anderen Anthropoiden
ganz vermißt wird.

=Das Resultat ist also, daß ein durch sein Gebiß als menschlich
sichergestelltes Fossil dem Ausgangszustande der Anthropoiden nahesteht,
wie es die von= KLAATSCH =und mir vertretenen Anschauungen erwarten
ließen=.

Es soll nun noch die Mandibula des Homo Heidelbergensis mit anderen
fossilen menschlichen Unterkiefern verglichen werden. Von Wichtigkeit
ist es, zu prüfen, ob sie eine morphologische Sonderstellung einnimmt.

Der Beginn der Erforschung fossiler Menschenkiefer war gegeben durch die
1866 erfolgte Entdeckung DUPONTS[15-17], der in der Höhle »La Naulette«
am linken Ufer der Lesse in Belgien zusammen mit Knochen vom Mammut und
Rhinoceros das Fragment eines menschlichen Unterkiefers antraf. Was
sofort an demselben auffiel, war der sehr kräftig und gedrungen gebaute
Körper, sowie die zurückweichende Gestaltung der Kinnregion, worin man
Ähnlichkeiten mit Affen zu erkennen glaubte. GABRIEL DE MORTILLET[54]
meinte sogar: Das betreffende Wesen habe noch keine Sprachfähigkeit
besessen, da die Spina mentalis interna zu fehlen scheine. Zum erstenmal
wurde die wissenschaftliche Welt durch Wahrnehmungen »pithecoider«
Eigenschaften an einem Menschenkiefer beunruhigt. Die Ära der Diskussion
über die Affenabstammung des Menschen begann. In dieser Periode der
Unklarheit ist der Scharfblick TOPINARDS[95] hervorzuheben, der mit
kritischem Auge die Merkmale des La Naulette-Kiefers prüfte und seine
menschliche Natur feststellte. Zugleich zeigte dieser Forscher, daß die
vom recenten Europäer vorhandenen Abweichungen nicht eine Annäherung im
genetischen Sinne an die Anthropoiden bedeuten. In seinen
Formverhältnissen, besonders in der gedrungenen Gestalt des Corpus, ist
das Kieferfragment von $La Naulette$ demjenigen von Krapina, welches
GORJANOVIĆ-KRAMBERGER[30] mit G bezeichnet, sehr ähnlich. Beide
Kiefer weichen hierin beträchtlich von dem Heidelberger Fossil ab. Für
La Naulette liegt eine weitere Differenz darin, daß die Alveolen der
Molaren vom ersten bis zum dritten größer werden; doch handelt es sich
bei La Naulette M 3 nach R. BAUME[7] wahrscheinlich um einen im
Durchbruch befindlichen Zahn, bei dem die Alveole stets weiter zu sein
pflegt.

Große Erregung rief auch die Auffindung des berühmten
Unterkieferfragments durch CH. MAŠKA 1882 in der Šipkahöhle bei
Neutitschein in Mähren hervor. Die lebhafte Diskussion zwischen VIRCHOW
und SCHAAFFHAUSEN über die Bedeutung der im Kiefer eingeschlossenen
Zähne wurde erst in neuester Zeit durch WALKHOFF dahin erledigt, daß es
sich um ein kindliches Objekt im Zahnwechsel handelt. Aus diesem Grunde
eignet sich der Šipkakiefer nicht gut zu vergleichenden Studien mit
der einem erwachsenen Individuum angehörigen Mandibula des Homo
Heidelbergensis.

Hingegen ist hierfür der Unterkiefer von $Spy$ I sehr brauchbar. Mit der
Beschreibung desselben durch J. FRAIPONT[18] in den Archives de Biologie
1887 beginnt eigentlich erst eine wissenschaftliche Bearbeitung des
menschlichen Unterkiefers. Bis zur Entdeckung der Reste des
Krapinamenschen, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war
die Spymandibula das klassische Objekt in seiner Art. FRAIPONT
charakterisiert sie mit den Worten: »Elle est très robuste, très haute,
récurrente, dépourvue d'éminence mentonnière.« Leider fehlt ihr der
obere und der distale untere Teil der Äste; jedoch wird diese Lücke
einigermaßen ausgefüllt durch den Rekonstruktionsversuch, den KLAATSCH
im Anschluß an denjenigen des Neandertalschädels ausgeführt und auf dem
Berliner Anatomenkongreß 1908 demonstriert hat.

Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß zwischen Spy I und dem Homo
Heidelbergensis viel Verwandtschaftliches besteht, aber auch manches
Trennende. In letzterer Hinsicht fällt besonders auf, daß der Spykiefer
seinen Ruf enormer Mächtigkeit neben dem Heidelberger Fossil einbüßt.
Gegen letzteres erscheint das belgische grazil und gemäßigt. FRAIPONT
gibt als Symphysenhöhe 38 mm an. An dem mir von genanntem Forscher
freundlichst überlassenen Gipsabguß läßt sich eine solche von nur 35 mm
feststellen, was etwa derjenigen des Heidelberger Unterkiefers
entspricht; der Defekt der Alveolen der Incisivi erschwert bei letzterem
die Messung. In der Symphysendicke bleibt Spy (15 mm) gegen Heidelberg
(17,5 mm) zurück. Auffälliger ist die Schmalheit des Corpus von Spy in
den seitlichen Teilen. Am Foramen mentale zeigt Spy 13,5 mm, Heidelberg
18,5; die postmolare Dicke beträgt bei Spy 16, bei dem Heidelberger
Fossil aber 23,5 mm!

Unter diesen Umständen kann bei der Spymandibula von einem Mißverhältnis
zwischen Zähnen und Kiefer, wie es der Homo Heidelbergensis zeigt, nicht
die Rede sein. Obwohl relativ groß, haben die Zähne im Spykiefer
genügend Raum, keinesfalls aber Überfluß daran, wie es bei dem
Heidelberger der Fall ist. Trotz der kleinen, besonders bei M 2
hervortretenden, Differenzen in den Größenverhältnissen der Molaren ist
das Gesamtbild des Gebisses beider, wenn man von der stärkeren Abkauung
bei Spy absieht, ein sehr ähnliches, der Verlauf des Alveolarrandes fast
identisch; nur buchtet sich derjenige des Heidelberger Fossils im
Bereiche der Incisiven und Prämolaren ein wenig vor. Dies zeigt sich
deutlich, wenn man die Alveolarrandkurven von beiden aufeinander
projizert. Hierbei erkennt man auch ein geringes Zurückbleiben der Kurve
von Heidelberg gegen Spy in der Breite der Molarenregion.

Ferner offenbart die Symphysengegend beider Unterkiefer eine
fundamentale Übereinstimmung durch den gemeinsamen Besitz einer Incisura
submentalis in einer solchen Ausdehnung, wie sie bei recenten kaum
vorkommen dürfte. Bei Spy ist dieselbe allerdings 10 mm schmäler und
weniger tief ausgeschnitten. Auch eine Spina interdigastrica ist bei Spy
vorhanden. Ferner sind die Insertionsgruben des Musculus digastricus in
ihrer halbmondförmigen Gestalt sehr ähnlich, jedoch erscheint die beim
Heidelberger Fossil wahrnehmbare Umgestaltung der Insertionsfläche aus
einer mesial beinahe horizontalen in eine distal mehr lingual gerichtete
an der Spymandibula weniger ausgeprägt. Die kleine Prominenz, welche
sich bei der Heidelberger Mandibula an der lateralen Grenze der
Digastricusinsertion auf der Außenfläche vorfindet, ist bei Spy nur auf
der linken Seite deutlich entwickelt. Die Bedeutung dieses Tuberculum
mentale posterius für die Kinnbildung ist von KLAATSCH in seinem
Frankfurter Vortrage dargelegt worden. Ebendort lenkte er die
Aufmerksamkeit auf die Furche, welche zwischen dem vorgenannten
Tuberculum und dem Foramen mentale, dem Kieferrande parallel laufend,
von ihm an Australierkiefern in stark variierender Ausdehnung
festgestellt und Sulcus supramarginalis oder mentalis benannt wurde.
Dieser ist auch an der Spymandibula, links deutlicher als rechts,
wahrnehmbar. Daß er mit der viel besser ausgeprägten und bedeutend
weiter ausgedehnten Rinnenbildung identisch ist, die ich an dem
Heidelberger Fossil beschrieben habe, bedarf nur des Hinweises. Die
Foramina mentalia von Spy liegen, soweit der Gipsabguß dies erkennen
läßt, unter M 1, also mehr distalwärts als bei unserem Fossil.

Der vorderen Symphysenfläche der Spymandibula fehlt die das ganze Gebiet
beherrschende Rundung. Die Gegend unter dem Alveolarrand erscheint wie
eingedrückt. Es ist die Bildung entstanden, welche KLAATSCH in
zahlreichen Variationen an Australierkiefern beobachten konnte und für
die er die Bezeichnung Impressio subincisiva externa eingeführt hat.
Hiervon zu unterscheiden ist die Impressio subincisiva interna, die bei
dem Heidelberger Fossil nur ganz schwach angedeutet, bei Spy aber
stärker ausgeprägt ist. So wird der Alveolarrand des letzteren lingual
und labial verschmälert. Durch die Impressio subincisiva externa tritt
das darunter befindliche Gebiet ein wenig hervor. Diese Prominenz ist
es, die FRAIPONT zu dem Urteil veranlaßt: Le menton existe déjà ici
virtuellement. Ohne daß auf diese Frage hier näher eingegangen wird,
läßt sich doch feststellen, daß die Verschiedenheit der Symphysenregion
der Unterkiefer von Heidelberg und Spy sich nur im Sinne einer
sekundären Veränderung des letzteren deuten läßt. Aus dem Heidelberger
Kiefer läßt sich der von Spy modellieren, nicht aber umgekehrt.

An Stelle der Rundung der Regio mentalis der Heidelberger Mandibula,
welche die Messung eines Symphysenwinkels gar nicht gestattet, ist bei
Spy eine Abflachung und steilere Stellung der Vorderfläche getreten (den
Winkel gibt FRAIPONT mit 111° an). Die allgemeine Verschmälerung des
Corpus mandibulae von Spy erscheint nun als eine Reduktion aus einem dem
Heidelberger Fossil ähnlichen Stadium. Das innere Relief der Symphyse
ist dabei ziemlich unverändert geblieben; doch machen sich leichte
Unebenheiten in der Fossa genioglossi bemerkbar: Anfänge der Bildung
einer Spina mentalis interna.

Recht abweichend vom Homo Heidelbergensis verhält sich beim Menschen von
Spy die Linea mylohyoidea, indem sie, eine tiefe Fossa submaxillaris
überbrückend, als sehr deutlich wahrnehmbarer Wulst sich bis zur
Digastricusinsertion hinzieht.

Die Fossa praecoronoidea bei Spy ist schwächer entwickelt und das
Trigonum postmolare kürzer als bei dem Heidelberger Fossil. Das Diastema
postmolare, der freie Raum zwischen dem dritten Molaren und dem vorderen
Rande des Ramus, ist hingegen weiter bei Spy. Der fragmentarische
Processus coronoideus bei letzterem läßt noch das Vorhandensein einer
Incisura subcoronoidea erkennen und eine ähnliche Form des Ramus wie bei
dem Homo Heidelbergensis vermuten.

=Faßt man alle diese Tatsachen zusammen, so erhellt zweifellos ein
Zusammenhang zwischen den beiden Unterkiefern, und zwar in dem Sinne,
daß das Heidelberger Fossil bis in die Einzelheiten einem
Vorfahrenstadium desjenigen von Spy I entspricht[XXII.]. Wir müssen
daher die Mandibula des Homo Heidelbergensis als präneandertaloid
bezeichnen. Da sie zugleich präanthropoide Merkmale aufweist, so wird
ihre Stellung als diejenige eines ganz fundamentalen »Generalized Type«
im Sinne Huxleys immer mehr befestigt=.

  [XXII.] Fragmente einer Mandibula von Spy II sind beschrieben bei
  FRAIPONT 1. c. p. 632: »Cette mandibule devait être plus haute, plus
  massive, plus robuste encore que celle du sujet No. 1«. »Le bord
  alvéolaire est très épais et en rapport avec le développement des
  alvéoles qui logent d'énormes molaires. Les branches volumineuses ...«.
  Hiernach ist es möglich, daß eine individuelle Variation vorlag, die
  noch mehr von dem ursprünglichen Typus des Homo Heidelbergensis
  bewahrte. Auffallend hingegen ist, daß FRAIPONT die Molaren als »enorm«
  bezeichnet.

Sehen wir zu, ob die Vergleichung des Heidelberger Fossils mit dem
Unterkiefermaterial von $Krapina$ die eben geäußerte Auffassung bestätigt.
An letzterem fällt besonders die außerordentliche individuelle Variation
auf. Da ist zunächst der gewaltige, fast vollständig erhaltene
Unterkiefer J, der in GORJANOVIĆ-KRAMBERGERS[30] trefflicher
Monographie vom Jahre 1906 in Fig. 2 und 2a, Taf. VI abgebildet ist.
Nach diesen Bildern und nach dem Text ergibt sich, daß er in seinen
Dimensionen das Heidelberger Fossil in manchen Punkten übertrifft. Der
Abstand der Condyli (Mittelpunkt der Flächen) voneinander beträgt bei
Krapina J 121,8 mm, d. h. etwa ein Fünftel mehr als beim recenten
Europäer im Durchschnitt; bei der Heidelberger Mandibula finde ich 110
mm, ein Maß, mit dem Spy I nach dem von KLAATSCH[47] ausgeführten
Rekonstruktionsversuch genau übereinstimmen würde. Der Abstand der
Condylen, an der Außenfläche gemessen, der bei Heidelberg 130,4 mm
beträgt, zeigt bei Krapina J mindestens 145 mm, wozu nach
GORJANOVIĆ-KRAMBERGER l. c. p. 159 noch 1-2 mm hinzutreten dürften,
da der Kiefer aus Fragmenten zusammengesetzt ist. Die Condylenflächen
von Krapina J sind durch Arthritis deformans verändert; die linke ist
weniger davon berührt. Sie zeigt eine ähnliche Gestaltung wie am
Heidelberger Fossil. Während der transversale Durchmesser des linken
Condylus bei Krapina J 28,8 mm gegen Heidelberg 22,8 mm zeigt, ist der
sagittale Durchmesser bei beiden gleich. Die Dickendimensionen des
Corpus sind bei Krapina J geringer als bei Heidelberg: an der Symphyse
15 gegen 17,5 mm und distal von M 3 sogar 15 (nach der Abbildung
gemessen) gegen 23,5 mm. Ob bei Krapina J eine Incisura submentalis
besteht, läßt sich nach der Abbildung nicht entscheiden, ist aber nach
der von GORJANOVIĆ-KRAMBERGER l. c. Fig. 2, Taf. VI gegebenen
Profilansicht wahrscheinlich. Das Foramen mentale liegt relativ weit
hinten: unter der distalen Wurzel des ersten Molaren. Die vordere, eine
Impressio incisiva aufweisende Symphysenfläche von Krapina J ist stärker
zurückweichend als bei Spy I; es fehlt ihr die ausgesprochene Rundung,
welche das Heidelberger Fossil aufweist.

Der Ramus von Krapina J ist in seiner Form in mancher Hinsicht der
Heidelberger Mandibula ähnlich, läßt aber in anderer Beziehung
Abweichungen erkennen. So hat der Processus coronoideus vorn noch ganz
die typische Beschaffenheit, während die Incisura tiefer eingeschnitten
ist. Ferner ragt die Spitze des Processus coronoideus höher als der
Condylus auf, im Gegensatz zum Heidelberger Kiefer. Während bei diesem
Basaltangente und Alveolarrand divergieren, laufen sie bei Krapina J
fast parallel; auch ist bei letzterem eine Incisura praemuscularis nicht
ausgeprägt. Der Ramus des Menschen von Krapina ist etwas höher als
derjenige des Homo Heidelbergensis; dagegen ist die Breite des ersteren
unverhältnismäßig gering, was ein Blick auf die Abbildung beider
erkennen läßt. Die Mehrzahl der von Krapina J angeführten Merkmale
spricht für sekundäre Abänderungen eines Urzustandes, wie ihn das
Heidelberger Fossil noch zeigt.

Ganz dasselbe Resultat ergeben die Unterkieferfragmente von
Krapina H und G, von denen ich Gipsabgüsse der Güte des Herrn
GORJANOVIĆ-KRAMBERGER verdanke. Das erstere, von dem das Corpus mit
sämtlichen Zähnen erhalten ist, ähnelt dem oben beschriebenen J sehr.
Die vordere Symphysenfläche ist jedoch noch mehr zurückweichend und
vollständig abgeplattet, so daß man hier den Winkel messen kann, den sie
mit der Alveolarebene bildet; er beträgt 67°, ein für menschliche
Verhältnisse außergewöhnlich niedriger. Bei einseitiger Beurteilung
dieser Tatsache könnte es scheinen, als liege hier ein niederer Zustand
als bei dem Heidelberger Fossil vor; aber sorgfältige Prüfung der
Vorderfläche des Kiefers H zeigt die Veränderungen, die er im Vergleich
zu demjenigen des Homo Heidelbergensis erfuhr, an den er sich in anderen
Punkten direkt anschließt.

Die fundamentale Übereinstimmung der Unterkiefer von Heidelberg, Spy und
Krapina liegt in dem Besitz der Incisura submentalis. In ihrer
Ausprägung nähert sich Krapina H unserem Fossil mehr, als das bei Spy I
der Fall ist. Krapina H bietet sogar eine einseitige Fortbildung des
Zustandes der Heidelberger Mandibula durch die bedeutende Ausdehnung der
Insertion des Digastricus, der außerordentlich entwickelt gewesen sein
muß. Die Fossa digastrica liegt bei Krapina ganz nahe der Mittellinie,
die eine deutliche Spina interdigastrica aufweist. Die Dicke des
Basalrandes beträgt an der Symphyse 15,4 mm, unter dem Eckzahn sogar
16,4 mm; alveolarwärts verjüngt sich der Körper. Es ist, als wäre die
Symphysenregion, vom Alveolarrande anfangend, komprimiert und die
Knochenmasse basalwärts gedrängt. So weit geht die Reduktion der
knöchernen Hülle, daß die Juga alveolaria der Incisivi und besonders der
Canini als starke Wülste sich markieren.

Trotz der stark »fliehenden« Beschaffenheit der Kinnregion zeigt ihr
Relief in der Medianebene schon die Anfänge der Kinnbildung, wie
GORJANOVIĆ-KRAMBERGER ganz richtig erkannt hat. Außen eine sanfte
Kinnschwellung, die jedoch nicht als positive Erhebung zu gelten
braucht, sondern als eine lokale Erhaltung der ursprünglichen Wölbung
angesehen werden kann, die nur infolge des Einsinkens der darüber
befindlichen Knochenmasse hervortritt. Innen erhebt sich bereits aus der
Fossa genioglossi eine kleine Spina mentalis.

Die lateralen Partien des Kieferfragmentes Krapina H zeigen, ebenso wie
bei J, die von KLAATSCH als wichtig für die Kinnbildung erkannten
Unebenheiten: den Sulcus supramarginalis und das Tuberculum mentale
laterale (von GORJANOVIĆ-KRAMBERGER als Tuberculum submentale
bezeichnet). In der Bewahrung dieses Reliefs stehen Krapina H und J dem
Heidelberger Fossil näher als Spy I.

Welch ein anderes Bild bietet auf den ersten Blick das
Unterkieferfragment Krapina G dar! Die Höhe des Corpus, das rechts bis
zum aufsteigenden Aste, links nur bis zum ersten Molar erhalten ist,
bleibt gegen Krapina H bedeutend zurück, so daß man an das
Kieferfragment von La Naulette erinnert wird. Die Dickenverhältnisse des
Körpers sind relativ bedeutende: an der Symphyse 14,4 und unter dem
Eckzahne rechts 14,8, links 15,5 mm. Die vordere Symphysenfläche zeigt
eine ganz schwache Rundung und die linguale Fläche eine Wulstung mit
kaum angedeuteter Impressio incisiva interna, beides Punkte, in denen
sich Krapina G näher an die Heidelberger Mandibula anschließt, als Spy
oder die anderen Kiefer von Krapina. Hingegen stimmt G mit letzteren und
mit Spy überein in der am Heidelberger Fossil fehlenden starken
Ausprägung der Linea mylohyoidea. Daneben bestehen aber ganz eigene
Merkmale: Der Basalrand von G ist unten von der Mitte bis zum zweiten
Prämolaren abgeplattet. Die flachen, sehr großen Fossae digastricae
schauen fast genau abwärts und nur ganz wenig lingual. Die Incisura
submentalis besteht, ist aber sehr flach. Sulcus supramarginalis,
Tubercula mentalia lateralia, und, wie GORJANOVIĆ-KRAMBERGER
zutreffend nachweist, auch eine mediane Kinnprominenz sind gleichsam in
statu nascendi angedeutet. -- Ganz ungewöhnlich ist offenbar die
Stellung der Vorderzähne gewesen. Wie die vorgebogen gewesenen Alveolen
erkennen lassen, bestand eine starke Zahnprognathie. Hierin weicht
Krapina G vom Heidelberger Fossil und allen anderen ab.

Es sind noch verschiedene Unterkieferfragmente von Krapina vorhanden,
die teils ihres defekten Zustandes wegen, teils weil sie von
jugendlichen Individuen herrühren, zum Vergleich nicht herangezogen
wurden.

=Im ganzen genommen folgt aus obiger Betrachtung, daß die individuellen
Variationen der Mandibula des Menschen von Krapina auf einen
Ausgangszustand hinweisen, der dem Heidelberger Fossil ganz nahe
gestanden hat=.

Es sei noch in Kürze des Unterkiefers von $Ochos$ gedacht, der vor zwei
Jahren in einer Höhle des Brünner Devonkalkgebietes zusammen mit Resten
diluvialer Tiere aufgefunden und von A. RZEHAK[68] in den Verhandlungen
des Naturforschenden Vereins in Brünn 1906 beschrieben ist. Leider fehlt
das Corpus mandibulae fast vollständig, so daß eigentlich nur der
Alveolarteil erhalten ist. »Es sieht aus, als ob der Körper nicht von
Raubtieren abgebissen, sondern von Menschenhand abgeschlagen worden
wäre, da der Bruchrand ziemlich glatt und eine Bißspur nirgends zu sehen
ist. An den ehemals scharfen Rändern ist der Knochen schwach, aber
deutlich abgerollt. Die aufsteigenden Äste fehlen ebenfalls, dagegen
sind mit Ausnahme des rechtsseitigen Weisheitszahnes alle Zähne in situ
vorhanden.« Diese sind in der tabellarischen Aufzählung der Maße
berücksichtigt. An dem Fragmente selbst fällt die bedeutende
Lingualwulstung auf, die derjenigen des Heidelberger Fossils nahesteht;
auch scheinen, soweit dies aus der Abbildung zu erkennen ist, die
Wurzeln der Incisivi etwas von der ursprünglichen Krümmung behalten zu
haben. Die oberhalb des Bruchrandes angedeutete Impressio subincisiva
externa verrät bereits sekundäre Modifikationen.

=Aus der Vergleichung der Mandibula des Homo Heidelbergensis mit den
anderen besprochenen fossilen Kiefern ergibt sich, daß kein einziger von
diesen es mit unserm Objekt hinsichtlich der morphologischen Bedeutung
aufnehmen kann. Das Heidelberger Fossil übertrifft sie alle durch die
Kombination primitiver Merkmale. Relativ am nächsten steht ihm der
Unterkiefer von Spy; er erscheint noch am gleichmäßigsten in allen
Teilen aus dem Heidelbergtypus umgeformt. Die individuellen Variationen
von Krapina stellen einseitige (vielleicht von alten Rassen
eingeschlagene) Entwicklungsbahnen dar=.

=Daß auch die Unterkiefer heutiger Rassen sich auf eine dem
Heidelbergtypus ganz nahe stehende Urform zurückführen lassen, wurde
bereits an einigen Profildiagrammen gezeigt=.

                     *       *       *       *       *

=Nachdem die morphologische Stellung unseres Fossils nach verschiedenen
Richtungen beleuchtet worden ist, möge hier eine Zusammenfassung des
Resultates folgen: Die Mandibula des Homo Heidelbergensis läßt den
Urzustand erkennen, welcher dem gemeinsamen Vorfahren der Menschheit und
der Menschenaffen zukam. Dieser Fund bedeutet den weitesten Vorstoß
abwärts in die Morphogenese des Menschenskelettes, den wir bis heute zu
verzeichnen haben. -- Angenommen, es würde ein geologisch noch älterer
Unterkiefer aus der Vorfahrenlinie des Menschen gefunden, so stünde
nicht zu erwarten, daß er viel anders aussehen würde, als unser Fossil,
das uns bereits bis zu jener Grenze führt, wo es spezieller Beweise
bedarf (wie hier des Gebisses), um die Zugehörigkeit zum Menschen
darzutun. Noch weiter abwärts kämen wir zu dem gemeinsamen Ahnen
sämtlicher Primaten. Solch einem Unterkiefer würden wir die
Vorfahrenschaft zum heutigen Menschen wohl kaum noch ansehen können;
seine Beziehung zu unserem Fossil würde aber bestimmt erkennbar sein.
Das geht hervor aus den Annäherungen, welche die Unterkiefer niederer
Affen und recenter wie fossiler Halbaffen bald in diesem, bald in jenem
Punkte zu ihm aufweisen. Besonders der Ramus mandibulae ist in dieser
Hinsicht sehr lehrreich. Als Beispiele seien herausgegriffen: Die
Ähnlichkeit des Processus coronoideus und der flachen Incisura
semilunaris bei Cynocephalus, die Andeutung einer Incisura subcoronoidea
bei Mycetes, die Breite der Äste bei fossilen Lemuriden=.



                                  ANHANG

                        ZUM ANTHROPOLOGISCHEN TEIL

                    DIE ZÄHNE DES HOMO HEIDELBERGENSIS



                I. SPEZIELLE BESCHREIBUNG
               II. TABELLEN DER MASZE UND VERGLEICHSZAHLEN
              III. DIE HÖCKER DER MOLAREN
               IV. DIE PULPAHÖHLEN
                V. RÖNTGENBILDER



                        I. Spezielle Beschreibung.


$J 1 dext.$ (Fig. 25 a u. b, Taf. VIII). Die Kaukante des mittleren
rechten Schneidezahnes ist stark abgenutzt, so daß der Schmelzbelag oben
vollständig verschwunden ist. Das Zahnbein ist hier muldenförmig
ausgehöhlt und von einem ganz schmalen Schmelzsaume umrandet. Die
Lippenfläche selbst bietet nichts Absonderliches. Die Zungenfläche zeigt
an der Basis einen eben angedeuteten Schmelzwulst, der gegen die
Schneidekante zu, sich allmählich abflachend, ausläuft. Vom unteren
Schmelzrande 4,1 mm entfernt findet sich eine seichte Querfurche, die
von einer Seite zur andern verläuft, sich auf die Seitenflächen
fortsetzt und noch am Seitenrande der Lippenfläche erkennbar ist. Weiter
aufwärts, 5,6 mm vom unteren Schmelzrande entfernt, findet sich eine
ebenso verlaufende, aber deutlichere Furche. Die beiden Wurzelflächen
sind der Länge nach eingefurcht, die distale tiefer als die mesiale. Die
Wurzelspitze ist mesial etwas gekrümmt. -- Die Maße sind folgende:
Totale Länge 23,2[XXIII.]; Kronenlänge oder -höhe 7,5[XXIII.];
Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser) 5,5; Kronendicke
(labiolingualer Durchmesser) 7,1; Wurzeldurchmesser 7,2 und 4,2 mm.

$J 1 sin.$ (Fig. 26 a u. b). Der mittlere linke Schneidezahn ist ebenso
stark abgenutzt wie J 1 dext. An der Lippenfläche findet sich 2,2 mm vom
unteren Schmelzrande entfernt eine ganz schwache Querfurche und 3,6 mm
höher eine gleiche. Die Zungenfläche ist derjenigen des rechten
mittleren Schneidezahnes sehr ähnlich; sie zeigt zwei horizontal
bogenförmig verlaufende Querfurchen, von welchen die eine 4 mm, die
andere 5,7 mm vom unteren Schmelzrande entfernt ist. Die Seitenflächen
zeigen keine Besonderheiten. Die Spitze der von beiden Seiten stark
flach gedrückten Wurzel ist abgebrochen und steckt im Kiefer. Die beiden
Wurzelflächen sind der Länge nach eingefurcht, die mesiale schwächer als
die distale. -- Maße: Kronenlänge 6,9[XXIII.]; Kronenbreite 5,0;
Kronendicke 7,1; Wurzeldurchmesser 7,2 und 4,1 mm.

  [XXIII.] Diese niedrigen Zahlen sind durch die Abnutzung bedingt. Die
  Kronenlänge ist stets an der Lippenfläche in der Mittellinie gemessen.

$J 2 dext.$ (Fig. 24 a u. b). Die Krone des seitlichen rechten
Schneidezahnes ist, wie bei J 1 dext. stark abgekaut; sie ist 0,5 mm
breiter als bei letzterem. Ihre Lippenfläche weist außer einer eben
angedeuteten Querfurchung keine Besonderheiten auf. Die Zungenfläche
zeigt ähnlich wie bei J 1 dext. einen Basalwulst, der sich gegen die
Schneide hin in der Weise abdacht, daß in der Mittellinie eine Erhebung
bestehen bleibt. Distal von dieser findet sich eine deutlich erkennbare
Einsenkung, mesial ist solche kaum wahrnehmbar. Die beiden Wurzelflächen
sind wie bei J 1 dext. der Länge nach gefurcht. Da die Wurzel dieses
Zahnes bei der Ausgrabung des Unterkiefers mitten durchschlagen wurde --
die Spitze steckt noch im Kiefer --, so gewinnt man einen Einblick in
den Wurzelkanal, der ziemlich geräumig und seitlich zusammengedrückt
ist. Maße: Kronenlänge 8,0; Kronenbreite 6,0; Kronendicke 7,8;
Wurzeldurchmesser 7,9 und 4,5 mm.

$J 2 sin.$ (Fig. 27). Die Schmelzfläche des seitlichen linken
Schneidezahnes ist bis in die Hälfte des Zahnes hinein abgesprengt, so
daß die Pulpakammer ungefähr in der Mitte ihrer Tiefe eröffnet ist. Die
Kaukante ist wie bei den übrigen Incisiven stark abgenutzt. Die
Lippenfläche zeigt 2,5 mm von der unteren Schmelzgrenze entfernt eine
seichte Querfurche. Die Zungenfläche weist unten eine deutliche
Schmelzerhebung und nach oben verschiedene Grübchen und Leisten auf, die
den Eindruck der Schmelzhyperplasie machen. -- Maße: Kronenlänge 8,2;
Kronenbreite 6,3; Kronendicke 7,7; linguolabialer Wurzeldurchmesser 7,6
mm.

$C dext.$ (Taf. VIII, Fig. 22). Die Schneidekante des rechten Eckzahnes
ist stark abgenutzt, so daß in der Kauebene eine halbmondförmige Figur
entsteht, die von einem durchschnittlich 1 mm dicken Schmelzrande
gebildet wird, innerhalb dessen etwas tiefer liegend ein dunkelbraun
gefärbter, ebenfalls halbmondförmig gestalteter Kern von Dentin
erscheint. Dieser ist mesiodistal 5,2 mm lang und labiolingual bis zu
2,3 mm breit. Die Lippenfläche der Krone ist sowohl mesiodistal wie in
der Richtung von oben nach unten gewölbt, und zwar ist die erstgenannte
Kurve auf der mesialen Seite stärker gebogen als auf der distalen. Die
Lippenfläche, zeigt deutlich zwei horizontale Schmelzerhebungen, welchen
je eine Querfurche entspricht, von denen die obere deutlicher als die
untere ausgeprägt ist.

An der Basis der Zungenfläche ist ein Tuberculum angedeutet, von dem
zwei Randleisten bis zur Kaukante ausgehen, sowie eine sich früher
verlierende Mittelleiste. Zwischen den Randleisten und der Mittelleiste
verläuft, distal deutlicher als mesial, je eine Furche. Am Ende der
Mittelleiste und etwas nach der distalen Seite gerückt, findet sich eine
grubenförmige Vertiefung. -- Sonst wäre noch zu erwähnen, daß die
Schmelzgrenze sich an der Lippenfläche 1,2 mm tiefer herabsenkt, als an
der Zungenfläche, sowie daß die Höhenlage des Schmelzrandes auf der
mesialen Seite 0,9 mm über diejenige der distalen emporragt. -- Maße:
Kronenlänge 8,7; Kronenbreite 7,6; Kronendicke 9,0 mm.

$C sin.$ (Fig. 23). Die Kaukante des linken Eckzahnes verhält sich ganz
ähnlich wie bei C 1 dext.; leider ist beim Schaufeln des den Unterkiefer
enthaltenden Sandes von der mesialen Seitenfläche ein wenig vom Schmelz
abgesprengt worden. Die Lippenfläche entspricht derjenigen des Caninus
der rechten Seite; nur sind die quer verlaufenden Schmelzerhebungen und
Furchen weniger deutlich ausgeprägt. Lingual ist ebenfalls ein basales
Tuberculum angedeutet, von dem in gleicher Weise wie beim rechten
Eckzahne zwei Randleisten, zwei Furchen und eine kleinere Mittelleiste
auslaufen; jedoch fehlt das Grübchen oberhalb dieser.

Die Schmelzgrenze senkt sich an der Lippenfläche 0,8 mm tiefer herab,
als an der Zungenfläche; die Höhenlage des Schmelzrandes ragt auf der
mesialen Seite ebenso wie bei C 1 dext. 0,9 mm über diejenige der
distalen empor. -- Maße: Kronenlänge 8,9; Kronenbreite 7,7; Kronendicke
9,0 mm.

$P 1 dext.$ (Fig. 22). An dem rechten vorderen Prämolarzahn ist der
Wangenhöcker ziemlich stark abgekaut, so daß das Zahnbein in einer bis
0,5 mm breiten und 5,5 mm langen, eben bemerkbaren Einbuchtung zutage
tritt. Der Zungenhöcker zeigt in der Mitte eine an der Basis 3,4 mm
breite, nach oben spitz zulaufende 6,2 mm lange gratartige
Schmelzleiste, welche die obere Kante nicht erreicht. Rechts und links
davon sind zwei deutlich ausgeprägte Randleisten vorhanden, die von der
Mittelleiste jederseits durch ein Grübchen getrennt sind, von denen
jedes gegen die Basis in eine seichte Schmelzfalte ausläuft. Der
linguale Höcker erreicht nicht vollständig die Höhe der Kauebene. Maße:
Kronenhöhe in der Mittellinie 8,0; Kronenbreite 8,1; Kronendicke 9,0 mm.

$P 1 sin.$ (Fig. 28 a u. b). An dem noch vorhandenen Rest der Krone des
ersten linken Prämolarzahnes ist der Zungenhöcker abgebrochen. An der
Kaufläche des Wangenhöckers sieht man eine ähnliche Abnutzung wie bei P
1 dext. Die Schmelzschicht der Wangenseite ist in ihrem unteren Teile
ebenfalls zerstört.

$P 2 dext.$ (Fig. 22). Der rechte zweite Prämolarzahn zeigt deutlich zwei
Höcker, von denen der buccale eine Abnutzung aufweist. Der labiale
Höcker erreicht gerade die Höhe der Kauebene. Beide Höcker sind durch
eine gut entwickelte Schmelzleiste verbunden, die in der Mitte vertieft
und eingeschnitten ist. Zu beiden Seiten dieser Mittelleiste finden sich
randständig von den Seitenwülsten begrenzt Grübchen, von denen das
mesiale oval ist, während das distale eine V-förmige Furchenzeichnung
aufweist. -- Maße: Kronenlänge über der Mittellinie 6,9; Kronenbreite
7,5; Kronendicke 9,2 mm.

$P 2 sin.$ (Fig. 29 a u. b). An dem noch vorhandenen Rest der Krone des
zweiten linken Prämolarzahnes ist sowohl an der labialen und lingualen,
wie auch an der mesialen Seite der Kaufläche der Schmelz stark
beschädigt, so daß Messungen nicht mehr ausführbar sind. Soweit die
Kaufläche noch erhalten ist, sieht man, daß der Zungenhöcker gut
entwickelt ist. Derselbe ist durch eine Schmelzleiste mit dem
Wangenhöcker verbunden. Neben dieser Leiste befindet sich ein Grübchen
mit sternförmiger Zeichnung.

$M 1 dext.$ (Fig. 22). Die fünf Höcker des ersten rechten Mahlzahnes sind
so weit abgekaut, daß das dunkel gefärbte Dentin gleich den Augen eines
Spielwürfels zutage tritt. Die Kaufläche zeigt eine zickzackartig
verlaufende Längsfurche. Von dieser zweigen buccalwärts zwei
Querfurchen, lingualwärts eine ab, welche, die Höcker voneinander
scheidend, sich über den Seitenrand der Krone hinab bis zur
Schmelzgrenze verfolgen lassen. -- Die Anordnung der Höcker und Furchen
auf diesem Molar entspricht gut dem von RÖSE in »E. SELENKA,
Menschenaffen I, S. 127, Fig. 159 c und d«, aufgestellten Idealtypus des
menschlichen fünfhöckerigen M 1 inf. -- Maße: Kronenlänge 5,1;
Kronenbreite 11,6; Kronendicke 11,2 mm.

$M 1 sin.$ (Fig. 30 a u. b). Die Krone des ersten linken Molaren war durch
kohlensauren Kalk so fest mit einem Kalksteingeröll verkittet (Taf. VI,
Fig. 11 u. 14), daß sie bei der vermittelst Salzsäure bewirkten Ablösung
des Gerölls an diesem haften blieb. Hierbei lösten sich am Rande geringe
Mengen von Schmelz ab, die eine genaue Messung der Krone nicht mehr
gestatten. Die Kaufläche dieses Mahlzahnes ist stärker abgenützt, als
diejenige von M 1 dext. Sie hat eine nahezu viereckige Gestalt und zeigt
eine ähnliche Anordnung der fünf Höcker, wie der rechte erste Molar; nur
ist der distale Höcker ganz an der Wangenseite gelegen, so daß die ihn
vom lingualen Höcker abtrennende Längsfurche in der Mitte des Zahnes
verläuft. -- Das Pulpenkammerdach zeigt, von unten betrachtet, wie die
Abbildung Taf. VIII, Fig. 30 b erkennen läßt, fünf Ausstülpungen, die
den Höckern entsprechen. -- Die Dicke der Schmelzschicht läßt sich an
diesem Zahne nicht zuverlässig ermitteln, da die Krone nicht glatt
abgesprengt ist wie bei M 2 sin.

$M 2 dext.$ (Fig. 22). Die Höcker des zweiten rechten Molaren sind nur im
mesialen Teile derart abgekaut, daß lingual und buccal je ein Dentinkern
sichtbar wird. Bei dem beträchtlichen Umfange des übrigen (distalen)
Teiles der Kaufläche ist daher, zumal die abgetrennte Krone von M 2 sin.
deutlich fünf Höcker erkennen läßt, zu vermuten, daß hier ebenfalls
weitere drei Höcker zur Ausbildung gelangten. Eine Stütze für diese
Annahme bietet das Röntgenbild, das, namentlich wenn man die Glasplatte
gegen das Licht hält, am Dach der Pulpakammer distalwärts zwei Höcker
dicht nebeneinander erkennen läßt, die eine ähnliche Anordnung der
beiden buccodistalen Höcker wie bei M 1 dext. vermuten lassen, während
der fünfte linguodistal stehende Höcker auf dem Röntgenogramm verdeckt
wird. Bezüglich der Schmelzfurche läßt sich noch folgendes erkennen: Die
Längsfurche ist in der Mitte durch eine quere Schmelzleiste
durchbrochen, welche auf beiden Seiten von einer Querfurche begrenzt
ist. Die vordere Querfurche gabelt sich buccal- und lingualwärts, die
hintere in distaler Richtung, wobei sie sich zum Schluß nochmals gabelt.
Die vordere Querfurche setzt sich auf der buccalen Außenwand der
Zahnkrone bis zur Basis fort. Maße: Kronenlänge 5,2; Kronenbreite 12,7;
Kronendicke 12,0 mm.

$M 2 sin.$ (Fig. 31 a u. b). Die Kaufläche des zweiten linken Molaren
gehört, wie insbesondere das Pulpadach deutlich erkennen läßt, dem
Fünfhöckertypus an. Die Längsfurche beginnt mit einer mesial
gerichteten Gabelung, verläuft dann lingualwärts gebogen bis zur
Querfurche, die wie bei M 2 dext. von einer Querleiste begrenzt wird.
Die Längsfurche setzt sich distal von dieser fort, zuerst buccal-, zum
Schluß distalwärts sich gabelnd.

Von unten betrachtet, zeigt das Pulpenkammerdach fünf den Höckern
entsprechende Ausstülpungen, die eine kreuzförmige Erhebung umgeben. Der
distale Längsschenkel des Kreuzes ist länger als der mesiale und weicht
gegen die Zungenseite hin ab. Die Verteilung der Einsenkungen ist aus
der Abbildung Fig. 31 b ersichtlich. -- Maße: Kronenlänge 6,0;
Kronenbreite etwa 12,9; Kronendicke etwa 11,0 mm.

$M 3 dext.$ (Fig. 22). Der dritte rechte Molar zeigt den Fünfhöckertypus.
Die im mesialen Teile der Kaufläche stark vertiefte Längsfurche grenzt
durch eine Umbiegung nach der lingualen Seite hin den Zungenhöcker von
dem Wangenhöcker deutlich ab. Buccalwärts von dieser Biegung findet sich
ein Grübchen. Die Längsfurche wird durch eine auf der Abbildung nicht so
deutlich hervortretende Querleiste unterbrochen, von welcher distal eine
Querfurche verläuft, die sich auf die buccale Fläche der Zahnkrone
fortsetzt; auch lingual kerbt sie den Seitenrand deutlich ein. Sie zeigt
mehrere kleine Verästelungen. Die Fortsetzung der Längsfurche gabelt
sich bereits in einer Entfernung von 1,2 mm von der Querfurche. Die
ebenfalls nur 1,2 mm langen Schenkel dieser rechtwinkeligen Gabelung
erreichen nicht den Rand der Krone. Man sieht aber an der Seitenwand
derselben noch Andeutungen einer Abgrenzung des Höckers, dessen
Verschwinden offenbar auf die Abkauung zurückzuführen ist. Bemerkenswert
ist noch, daß dieser fünfte Höcker genau am distalen Ende des Zahnes
gelegen ist, während er sich bei M 1 dext. mehr der buccalen Seite
zuneigt. Die auf der Abbildung an der buccalen Seite befindliche dunkle
Stelle ist nicht vertieft, wie es den Anschein haben könnte, sondern
schwarz gefärbt, während die Dentinkerne auf den anderen Molaren
rostbraun sind. -- Die Kaufläche dieses Zahnes läßt eine größere
Zersplitterung, als bei M 1 u. 2 erkennen, ähnlich wie dies auch am
Weisheitszahn des recenten Europäers beobachtet werden kann. -- Maße:
Kronenlänge 5,3; Kronenbreite 12,2; Kronendicke 10,9 mm.

$M 3 sin.$ (Fig. 23). Der dritte linke Molar ist stärker abgekaut als der
rechte. Infolgedessen ist die Zeichnung der Furchen undeutlicher. Die
Längsfurche liegt näher der lingualen, als der buccalen Seite. Die
Querfurche liegt mehr im distalen Teil der Kaufläche. Sie geht auf der
Wangenseite bis zur Schmelzgrenze hinab, während sie auf der Zungenseite
nur den Rand einschneidet. Die Längsfurche verläuft nicht in
kontinuierlicher Tiefe, sondern sie wird von der Querfurche durch zwei
Querleisten nahezu aufgehoben. Zwischen diesen Querleisten und vor der
mesialen findet sich jeweils ein Grübchen. -- Maße: Kronenlänge 5,1;
Kronenbreite 11,5; Kronendicke 11,3 mm.



                II. Tabellen der Maße und Vergleichszahlen.

                         Alle Maße in Millimeter.


  Spaltenüberschriften:
  A = Totale Länge
  B = Kronenlänge oder -höhe
  C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser)
  D = Kronendicke (labiolingualer Durchmesser)
  E = Labiolingualer Wurzeldurchmesser
  F = Mesiodistaler Wurzeldurchmesser

  -------------------------------------------------------------------------
                         |  A  |       B        |   C   |   D   |  E  |  F
  -----------------------+-----+----------------+-------+-------+-----+----
  $J 1 inf.$             |     |                |       |       |     |
    (Taf. VIII.          |     |                |       |       |     |
    Fig. 25 u. 26)       |     |                |       |       |     |
                         |     |                |       |       |     |
  Homo Heidelberg. dext. |23,2 | 7,5} stark     |  5,5  |  7,1  | 7,2 | 4,2
   »        »      sin.  | --  | 6,9} abgekaut  |  5,0  |  7,1  | 7,2 | 4,1
                         |     |    { im        |       |       |     |
  Krapina[XXIV.]         |26,0 |10,2{ Gebrauch  |  6,2  |  8,1  | --  | --
                         |     |    { gewesen   |       |       |     |
  Spy I[XXV.]            | --  | -- } sehr stark|  4,0  |  7,0  | --  | --
   »  II                 |22,5 | 5,5} abgekaut  |  6,0  |  7,5  | --  | --
  Ochos dext.[XXVI.]     | --  |      --        |  5,0  |  7,5  | --  | --
    »     sin.           | --  |      --        |  5,0  |  7,7  | --  | --
  Recenter Europäer      |     |                |       |       |     |
  nach MÜHLREITER[XXVII.]|18-27|   7,9-11,5     |4,7-6,3|5,2-6,8| --  | --
   »   BLACK[XXVIII.]    |     |   7,0-10,5     |5,0-6,0|5,5-6,5| --  | --
                         |     |                |       |       |     |
  $J 2 inf.$             |     |                |       |       |     |
    (Fig. 24 u. 27)      |     |                |       |       |     |
                         |     |                |       |       |     |
  Homo Heidelberg. dext. | --  | 8,0} stark     |  6,0  |  7,8  | 7,9 | 4,5
   »               sin.  | --  | 8,2} abgekaut  |  6,3  |  7,7  | 7,6 | --
                         |     |    { im        |       |       |     |
  Krapina                |26,5 |10,0{ Gebrauch  |  7,5  |  8,2  | --  | --
                         |     |    { gewesen   |       |       |     |
  Spy I                  | --  | -- } sehr stark|  5,0  |  7,0  | --  | --
   » II                  | --  | 6,0} abgekaut  |  6,0  |  8,0  | --  | --
  Ochos dext.            | --  |      --        |  6,5  |  8,0  | --  | --
    »   sin.             | --  |      --        |  5,5  |  8,2  | --  | --
  Recenter Europäer      |     |                |       |       |     |
  nach MÜHLREITER        |19-29|    8,2-11,8    |5,0-7,2|5,4-7,2| --  | --
   »   BLACK             |     |    7,0-12,0    |5,0-6,5|6,0-7,5| --  | --
  -------------------------------------------------------------------------

  [XXIV.] Nach GORJANOVIĆ-KRAMBERGER, Der Diluviale Mensch von Krapina,
  S. 203.

  [XXV.] FRAIPONT u. LOHEST, Recherches ethnographiques sur des ossements
  humains découverts à Spy.

  [XXVI.] Alle Maße der Zähne von Ochos nach gütiger brieflicher
  Mitteilung von Prof. A. RZEHAK in Brünn.

  [XXVII.] G. MÜHLREITER, Anatomie des menschlichen Gebisses S. 121.

  [XXVIII.] G. V. BLACK -- nicht BLAKE, wie einige Autoren schreiben --,
  Descriptive Anatomy of the human teeth, zitiert von A. GYSI, Schweiz.
  Vierteljahrsschrift Bd. V. No. 1, 1895 und von W. BRANCO, Die
  menschenähnlichen Zähne aus dem Bohnerz der Schwäbischen Alb, Stuttgart,
  1898. Letzterem Werke entnehme ich auch die Zahnmaße von Dryopithecus
  rhenanus Pohlig und den recenten Anthropoiden. Die BLACKschen Maße
  stützen sich auf die Gebisse der weißen amerikanischen Bevölkerung,
  welche aus einer Mischung der hauptsächlichsten europäischen Völker
  hervorgegangen ist.


  Spaltenüberschriften:
  A = Totale Länge
  B = Kronenlänge oder -höhe
  C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser)
  D = Kronendicke (labiolingual. bzw. buccaler Durchmesser)

  -------------------------------------------------------------------------
                            |    A    |       B        |    C    |    D
  --------------------------+---------+----------------+---------+---------
  $C inf.$ (Fig. 22 u. 23)  |         |                |         |
                            |         |                |         |
  Homo Heidelbergensis dext.|   --    | 8,7} stark     |   7,6   |   9,0
   »        »          sin. |   --    | 8,9} abgekaut  |   7,7   |   9,0
  Krapina im Gebrauch       |         |                |         |
          gewesen           |  35,2   |     13,4       | 8,0-8,4 |etwa 10,0
     »    noch nicht im     |         |                |         |
          Gebrauch gewesen  |   --    |   12,3-14,0    | 7,55-8,2| 8,2-10,0
  Spy I                     |   --    |  --} sehr stark|   6,0   |   8,0
   » II                     |   --    | 7,0} abgekaut  |   7,5   |   9,0
  Ochos dext.               |   --    |      --        |   7,5   |   9,5
    »   sin.                |   --    |      --        |   7,0   |   9,6
  Recenter Europäer         |         |                |         |
  nach MÜHLREITER           |  20-34  |    8,5-14,5    | 5,5-8,0 | 6,9-9,5
   »   BLACK                |   --    |    8,0-12,0    | 5,0-9,0 | 6,0-10,0
  Dryopithecus Fontani     }|         |                |         |
  Lartet[XXIX.]            }|   --    |{ 15,5 labial  }|   9,5   |  11,5
    (Saint Gaudens)        }|   --    |{ 18(?) lingual}|         |
                            |         |                |         |
  $P 1 inf.$ (Fig. 22 u. 28)|         |                |         |
                            |         |                |         |
  Homo Heidelbergensis dext.|   --    | 8,0}mäßig stark|   8,1   |   9,0
   »        »          sin. |   --    |   ?} abgekaut  |   7,3   |    ?
  Krapina im Gebrauch       |         |                |         |
          gewesen           |23,7-27,0|    8,6-9,0     | 7,8-8,3 | 9,0-10,0
     »    noch nicht im     |         |                |         |
          Gebrauch gewesen  |   --    |     10,2       |   8,1   |   8,5
  Spy I                     |   --    | 5,0} sehr stark|   6,5   |   8,5
   » II                     |   --    | 6,0} abgekaut  |   7,5   |   9,0
  Ochos dext.               |   --    |      --        |   7,5   |   9,6
    »   sin.                |   --    |      --        |   7,5   |   9,9
  Recenter Europäer         |         |                |         |
  nach MÜHLREITER           |18,5-27,0|    7,5-11,0    | 6,0-8,0 | 6,7-8,9
   »   BLACK                |   --    |    6,5-9,0     | 6,0-8,0 | 7,0-8,0
  Dryopithecus Fontani     }|         |                |         |
  Lartet                   }|   --    |   10,0 labial  |  13,0   | 7,5 [a]
    (Saint Gaudens)        }|         |                |         |
                            |         |                |         |
  $P 2 inf.$ (Fig. 22 u. 29)|         |                |         |
                            |         |                |         |
  Homo Heidelbergensis dext.|   --    |  6,7 } etwas   |   7,5   |   9,2
   »        »          sin. |   --    |   -- } abgekaut|    --   |    --
  Krapina im Gebrauch       |         |                |         |
          gewesen           |  25,9   |      8,0       |   8,5   |   9,9
     »    noch nicht im     |         |                |         |
          Gebrauch gewesen  |   --    |      7,7       |   8,35  |   9,55
  Spy I                     |   --    |      5,0       |   6,5   |   8,0
   » II                     |   --    |      7,0       | 7,0-7,5 |   9,0
  Ochos dext.               |   --    |      --        |   7,0   |   9,7
    »   sin.                |   --    |      --        |   6,5   |   9,3
  Recenter Europäer         |         |                |         |
  nach MÜHLREITER           |19,0-27,5|    6,9-10,0    | 6,2-8,8 | 7,0-9,6
   »   BLACK                |   --    |    6,0-10,0    | 6,5-8,0 | 7,9-9,0
  Dryopithecus Fontani     }|         |                |         |
  Lartet                   }|   --    |{  7,0 labial  }|   8,5   | 7,5 [b]
    (Saint Gaudens)        }|         |{  5,5 lingual }|         |
  -------------------------------------------------------------------------
  [a] Dies. Zahn hat eine schiefe Stellung
  [b] der Zahn steht schief wie P 1.

  [XXIX.] Alle Maße der mehr oder weniger im Gebrauch gewesenen Zähne des
  Dryopithecus Fontani Lartet nach gütiger brieflicher Mitteilung von M.
  EDOUARD HARLÉ in Bordeaux. -- Die bei den Molaren noch hinzugefügten
  Maße von anderen fossilen und recenten Anthropoiden dürften ein
  willkommenes Vergleichsmaterial bieten.


  Spaltenüberschriften:
  A = Totale Länge
  B = Kronenlänge oder -höhe
  C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser)
  D = Kronendicke (buccolingualer Durchmesser)
  E = Breite : Dicke wie

  -------------------------------------------------------------------------
                            |    A    |    B   |    C    |    D   |   E
  --------------------------+---------+--------+---------+--------+--------
  $M 1 inf.$                |         |        |         |        |
    (Fig. 22 u. 30)         |         |        |         |        |
                            |         |        |         |        |
  Homo Heidelbergensis      |         |        |         |        |
                 dext.      |   --    |5,1} [b]|  11,6   |  11,2  |100:96,6
   »        »    sin.       |   --    | --}    |etwa 11,1|        |
  Krapina im Gebrauch       |         |        |         |        |
          gewesen[XXX.]     |19,3-26,4|6,5-9,4 |11,2-13,8|10,5-   |100:
                            |         |        |         |    12,4|   107,1
     »   noch nicht im      |         |        |         |        |
         Gebrauch gewesen   |   --    |6,5-9,0 |12,4-13,4|10,8-   |
                            |         |        |         |    12,4|  --
  Spy I                     |   --    |5,0} [c]|  10,0   |  10,5  |100:105
   » II                     |   --    |5,0}    |11,0-11,5|11,0-   |
                            |         |        |         |    11,5|100:100
  Ochos dext.               |   --    |        |  11,5   |  11,0  |100:95,7
    »   sin.                |   --    |        |  12,0   |  11,2  |100:93,3
  Recenter Europäer         |         |        |         |        |
  nach MÜHLREITER           |18,3-26,0| 7,0-9,0|10,0-12,2|9,0-11,0|
   »  BLACK größte          |   --    |  10,0  |  12,0   |  11,5  |
            mittel          |   --    |   7,7  |  11,2   |  10,3  |100:92
            kleinste        |   --    |   7,0  |  11,0   |  10,0  |
  Taubach[XXXI.]            |   --    |   --   |  11,7   |   9,9  |100:84,6
  Dryopithecus Fontani     }|         |{5,0[d]}|         |        |
  Lartet                   }|   --    |{6,0[e]}|  10,5   |   9,0  |100:85,7
    (Saint Gaudens)        }|         |        |         |        |
  Chimpanse                 |   --    |   --   |  11,4   |  10,3  |100:90,3
  Orang                     |   --    |   --   |  12,8   |  11,8  |100:92,2
    »                       |   --    |   --   |  14,9   |  13,0  |100:87,2
  Gorilla                   |   --    |   --   |  15,3   |  13,5  |100:88,2
  Hylobates leuciscus       |   --    |   --   |   6,0   |  15,0  |100:83,3
      »     syndactylus     |   --    |   --   |   8,0   |   5,8  |100:72,5
                            |         |        |         |        |
  $M 2 inf.$ (Fig. 22 u. 31)|         |        |         |        |
                            |         |        |         |        |
  Homo Heidelbergensis dext.|   --    | 5,2}[b]|  12,7   |  12,0  |100:94,5
   »        »          sin. |   --    | 6,0}   |etwa 12,9|    ?   |
  Krapina im Gebrauch       |         |        |         |        |
          gewesen[XXXII.]   |19,9-21,0| 6,8-7,5|11,4-12,5|10,6-   |100:92,7
                            |         |        |         |    11,4|
     »    noch nicht im     |         |        |         |        |
          Gebrauch          |   --    | 6,2-8,0|10,7-12,1|        |
          gewesen           |         |        |         |10,3-   |
                            |         |        |         |    11,0|
  Spy I                     |   --    | 5,0[c]}|  10,0   |  10,0  |100:100
   » II                     |   --    |5,5-6,0}|  11,0   |  11,0  |100:100
  Ochos dext.               |   --    |   --   |  12,0   |  12,2  |100:
                            |         |        |         |        |   101,6
    »   sin.                |   --    |   --   |  12,0   |  11,5  |100:95,8
  Recenter Europäer         |         |        |         |        |
  nach BLACK größte         |   --    |  8,0   |  11,0   |  10,5  |
             mittel         |   --    |  6,9   |  10,7   |  10,1  |100:94,4
             kleinste       |   --    |  6,0   |  10,0   |   9,5  |
                            |         |        |         |        |
  Dryopithecus Fontani     }|   --    |{ 5 [g]}|  12,0   |  10,5  |100:87,5
    Lartet (Saint Gaudens) }|         |{ 6 [e]}|         |        |
  Isolierter Zahn derselben}|   --    |{ 6 [g]}|  11,5   |  10,5  |100:91,3
    Species, wenig abgekaut}|         |{ 6 [e]}|         |        |
  Dryopithecus rhenanus     |         |        |         |        |
    Pohlig sp.              |         |        |         |        |
  BRANCO, Taf. II, Fig. 1   |         |        |         |        |
                  [XXXIII.] |   --    |   --   |  13,1   |  11,0  |100:84,0
                    5       |   --    |   --   |  11,8   |   9,8  |100:83,0
                    6       |   --    |   --   |  11,0   |   9,3  |100:84,5
    nicht abgebildet        |   --    |   --   |  11,0   |   9,2  |100:83,5
  Chimpanse                 |   --    |   --   |  12,0   |  11,2  |100:93,3
  Orang                     |   --    |   --   |  15,5   |  13,9  |100:90,0
  Gorilla                   |   --    |   --   |  16,0   |  14,6  |100:91,3
  Hylobates leuciscus       |   --    |   --   |   6,7   |   5,6  |100:83,6
      »         »           |   --    |   --   |   6,6   |   6,0  |100:90,9
      »     syndactylus     |   --    |   --   |   8,5   |   7,0  |100:82,3
                            |         |        |         |        |
  $M 3 inf.$                |         |        |         |        |
    (Fig. 22 u. 23)         |         |        |         |        |
                            |         |        |         |        |
  Homo Heidelbergensis dext.|   --    |  5,3[a]|  12,2   |  10,9  |100:89,3
   »         »         sin. |   --    |  5,1[b]|  11,5   |  11,3  |100:98,3
  Krapina im Gebrauch       |         |        |         |        |
          gewesen           |21,0-24,5| 6,8-7,6|11,1-13,6|10,0-   |100:96,1
                            |         |[XXXIV.]|         |    11,0|[XXXV.]
  Spy I                     |   --    |  5,5   |  11,0   |  11,0  |100:100
   » II                     |   --    |  7-7,5 |11,0-12,0|11,0-   |
                            |         |        |         |    12,0|100:100
  Ochos sin.[XXXVI.]        |   --    |   --   |  12,0   |  12,0  |100:100
  Recenter Europäer         |         |        |         |        |
  nach BLACK größte         |   --    |  8,0   |  12,0   |  10,5  |
             mittel         |   --    |  6,7   |  10,7   |   9,8  |100:91,6
             kleinste       |   --    |  6,0   |   8,0   |   9,0  |
  Dryopithecus Fontani     }|   --    |{ 6[g] }|  11,5   |  10,5  |100:91,3
  Lartet (Saint Gaudens)   }|         |{ 6[e] }|         |        |
  Isolierter Zahn derselb. }|   --    |{ 6[g] }|  11,5   |  10,5  |100:91,3
  Species, nur wenig       }|         |       }|[XXXVII.]|        |
  abgekaut                 }|         |{6,75  }|         |        |
                           }|         |    [e]}|         |        |
  Anthropodus Brancoi       |         |        |         |        |
    Schlosser n. g.         |         |        |         |        |
    (-- Neopithecus         |         |        |         |        |
    Abel n. g.)[XXXVIII.]   |   --    |   --   |  10,5   |   8,25 |100:78,6
  Orang                     |   --    |   --   |  14,6   |  12,8  |100:87,7
  Gorilla                   |   --    |   --   |  16,2   |  14,0  |100:86,4
  Hylobates leuciscus       |   --    |   --   |   5,9   |   5,2  |100:88,1
      »         »           |   --    |   --   |   5,1   |   5,7  |100:
                            |         |        |         |        |   111,0
      »     syndactylus     |   --    |   --   |   8,7   |   6,9  |100:79,3
  -------------------------------------------------------------------------

  [a] mäßig stark
  [b] stark abgekaut
  [c] sehr stark abgekaut
  [d] labial
  [e] lingual
  [g] buccal


  [XXX.] Nach GORJANOVIĆ-KRAMBERGER, Mitt. d. anthropolog. Ges. in
  Wien 1901 S. 195. Auf S. 190 sind folgende Maße eines anderen M 1 inf.
  von Krapina mitgeteilt: Längsdurchmesser 13,4 mm und Querdurchmesser
  12,3 mm. Bei diesem verhält sich also die Breite zur Dicke wie
  100:91,8.

  [XXXI.] Nach A. NEHRING, Zeitschr. f. Ethnologie 1895 Verh. S. 577.

  [XXXII.] Siehe Anmerkung vorige Seite.

  [XXXIII.] Die in Fig. 1 u. 6 von W. BRANCO abgebildeten und als M 2
  bezeichneten Zähne können nach M. SCHLOSSER, Beiträge zur Kenntnis der
  Säugetiere aus den süddeutschen Bohnerzen S. 11, auch M 3 sein.

  [XXXIV.] Diese Zahl fehlt bei GORJANOVIĆ-KRAMBERGER, Der diluviale
  Mensch von Krapina, in der Übersicht S. 203; sie findet sich aber S.
  200.

  [XXXV.] Nach GORJANOVIĆ-KRAMBERGER, Mitt. d. anthrop. Ges. Wien
  1901, S. 193.

  [XXXVI.] M 3 dext. fehlt bei dem Unterkiefer von Ochos.

  [XXXVII.] Es fehlt ein kleiner Splitter am Schmelz, doch ließ sich das
  Maß noch ermitteln.

  [XXXVIII.] Die Maße nach gütiger brieflicher Mitteilung von Prof. E.
  KOKEN, Tübingen.



                       III. Die Höcker der Molaren.


Die =Anzahl der Höcker der Molaren= des Heidelberger Unterkiefers sind
schon in der Beschreibung der einzelnen Zähne angegeben. Sie werden hier
der Übersicht halber nochmals zusammengestellt:

                                   M 1   M 2   M 3
                         Rechts     5     5?    5
                         Links      5     5     ?

Ich habe schon die Gründe aufgeführt, weshalb ich es für wahrscheinlich
halte, daß Heidelberg M 2 dext. ebenfalls fünfhöckerig ist. -- Bei den
Unterkiefern von Spy und Ochos sind diese Verhältnisse infolge der
starken Abnutzung der Kaufläche nicht genügend zu erkennen. Dagegen war
es möglich, an den Zähnen des Krapinamenschen wertvolle Beobachtungen
anzustellen, die GORJANOVIĆ-KRAMBERGER in seiner Monographie S. 194
und 200, sowie im Anatomischen Anzeiger 1907 S. 100-103 veröffentlicht
und bezüglich der unteren Molaren in folgende Tabelle zusammengefaßt
hat:

               M 1                  M 2               M 3
       Anzahl              Anzahl
      der Zähne   Höcker  der Zähne    Höcker
          9         5          1         5       Variabel oder
          2         4½         5         4½        die Krone
          1         4          5         4       stark gefurcht.

Über die =Anzahl der Höcker der Molaren bei den recenten Menschenrassen=
finden sich in der Literatur zahlreiche Angaben. Aus den von M. DE TERRA,
Beiträge zu einer Odontographie der Menschenrassen, S. 136, aufgestellten
Tabellen seien hier nur einige Zahlen angeführt, die auf den
Fünfhöckertypus Bezug haben:

                     =Molaren mit fünf Höckern haben=:
  -------------------------------------------------------------------------
                                |Anzahl|  M 1   |Anzahl| M 2  |Anzahl| M 3
                                | der  |   %    | der  |  %   | der  |  %
                                |Zähne |        |Zähne |      |Zähne |
  ------------------------------+------+--------+------+------+------+-----
  Prähistorischer Schweizer     |  26  |  88,4  |  26  | 7,69 |  17  |64,7
  Recente Europäer              |  26  |  88,4  |  31  | 6,25 |  31  |38,7
  Nordamerikanische Indianer    |   8  |  8mal  |   8  | 6mal |   5  |5mal
                                |      |[XXXIX.]|      |      |      |
  Südamerik. Indianer (Peruaner)|  12  | 12mal  |   8  | 4mal |   4  |4mal
  Negroide Afrikaner            | 108  |  93,4  | 104  | 33,6 |  95  |68,4
  Nicht negroide Afrikaner      |  71  |  81,6  |  76  | 14,5 |  61  |47,37
  Malaien                       |  49  | 100,0  |  46  | 26,1 |  43  |67,4
  Chinesen                      |  26  |  88,4  |  24  | 25,0 |  25  |60,0
  Papua                         |  18  |  83,3  |  20  | 30,0 |  14  |85,7
  Australier                    |  15  | 100,0  |  15  | 73,3 |   9  |66,6

  [XXXIX.] DE TERRA hat hier wegen der geringen Anzahl der zur Verfügung
  gewesenen Zähne den Prozentsatz nicht ausgerechnet.



                           IV. Die Pulpahöhlen.


Es sollen nun noch die offen liegenden =Pulpahöhlen= der auf Taf. VIII,
Fig. 23 abgebildeten linken Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis
einer Betrachtung unterzogen werden: Bei P 1 verläuft die Bruchfläche
auf der lingualen Seite horizontal, auf der buccalen senkt sie sich
schräg nach unten, so daß das Cavum dentis schräg durchschnitten ist.
Man kann aber noch die Gestalt desselben in der Horizontale an der
Grenze zwischen Wurzel und Krone rekonstruieren, die ein linguobuccal
3,5 mm langes und mesiodistal 1,9 mm breites Oval darstellt, das einem
Ameisenpuppenkokon in der Form ähnelt. Die Krone von P 2 ist horizontal
abgeschlagen. Der ähnlich wie bei P 1 gestaltete Durchschnitt mißt
linguobuccal 4,0 mm, mesiodistal 2,0 mm. Die Stärke der Wandung schwankt
zwischen 2,0-2,5 mm.

Von den beiden Molaren sind die Kronen ebenfalls nahezu horizontal
abgetrennt. Die linguale und buccale Wand der Pulpenkammern sind nahezu
geradlinig und parallel zueinander. Bei M 1 zeigt die mesiale Wand eine
distalwärts, also in das Innere des Cavum dentis gerichtete Biegung,
während die gegenüberliegende Wand distalwärts nach außen gebogen ist.
Infolgedessen vollzieht sich innerhalb der Zahnhöhle der Übergang in die
Parallelwände bei der mesialen Wand in einem spitzen Winkel, bei der
distalen stumpfwinkelig. Außerhalb der Pulpenkammer sind die Ecken
abgerundet. Im Querschnitt zeigt diese mesiodistal gemessen 4,3 mm,
linguobuccal sogar 4,8 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 2,1
und 2,2 mm.

Der Boden der Pulpenkammer ist unregelmäßig höckerig. Es läßt sich nicht
entscheiden, inwieweit fremde Ablagerungen auf demselben stattgefunden
haben. Die Eingänge zu den Wurzelkanälen sind nicht ordentlich
erkennbar. Das Dach der Pulpenhöhle zeigt, von unten betrachtet, wie
bereits erwähnt, fünf der Kaufläche zugewendete Ausstülpungen, die den
Höckern entsprechen und von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind.

Bei M 2 verläuft die mesiale Wand der Pulpenkammer geradlinig, während
die gegenüberliegende distalwärts gleichmäßig gewölbt ist. Der Übergang
von der mesialen Wand in die Parallelwände vollzieht sich daher in einem
leicht abgerundeten rechten Winkel, während die distale Wand mit den
Parallelwänden einen Rundbogen bildet. Diese zeigen entsprechend der
Wurzelteilung in der Mitte eine leichte Einsenkung, die auf der buccalen
Seite nach unten hin zu verfolgen ist, ähnlich wie bei M 1. Der
Pulpenboden läßt deutlich traubenförmig aufgelagerte mineralische
Bestandteile erkennen. Von unten betrachtet zeigt das Pulpenkammerdach
die bereits erwähnten, den Höckern entsprechenden fünf Ausstülpungen,
die wie bei M 1 von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind. Im
Querschnitt mißt das Cavum dentis mesiodistal 6,3 mm und linguobuccal
5,7 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 1,8 und 2,4 mm.

=Maßangaben des Querschnittes der Pulpahöhle und der Dentinwand an der
Grenze zwischen Wurzel und Krone (Kronenbasis) beim Unterkiefer des Homo
Heidelbergensis und des recenten Europäers=.


  Spaltenüberschriften:
  [A] Durchmesser der Pulpahöhle
  [B] Dicke der Wandung

  -----------------------------------------------------------------------
                        | Erster    |  Zweiter  |   Erster    |  Zweiter
                        | unterer   |  unterer  |   unterer   |  unterer
                        | Prämolar  |  Prämolar |    Molar    |   Molar
  ----------------------+-----------+-----------+-------------+------------
                        | [A] | [B] | [A] | [B] |  [A]  | [B] | [A] | [B]
  ----------------------+-----+-----+-----+-----+-------+-----+-----+------
  =Homo Heidelbergensis=|     |     |     |     |       |     |     |
  Linguobuccal.         |3,5  |2,5  |4,0  |2,1  | 4,8   |2,2  |5,7  |2,4
  Mesiodistal.          |1,9  |2,0  |2,0  |2,0  | 4,3   |2,1  |6,3  |1,8
  =Rec. Europäer=[XL.]  |     |     |     |     |       |     |     |
    6-14 Jahre          | --  | --  |  -- | --  | 4,087 |1,687|4,000|1,700
                        |     |     |     |     | [XLI.]|     |     |
   17-23   »            |2,260|2,160|2,475|2,087| 4,125 |2,012|3,900|2,037
                        |     |     |     |     |[XLII.]|     |     |
   23-32   »            |2,412|2,200|2,550|2,171| 3,750 |2,200|4,275|2,087
   32-43   »            |1,940|2,340|2,120|2,086| 3,625 |2,300|3,685|2,157
   44-52   »            |2,050|2,200|2,166|2,133|  --   | --  |3,933|2,300
   53-66   »            |1,850|2,100|2,300|2,166|  --   | --  |3,760|2,500

  [XL.] Diese Zahlen geben das arithmetische Mittel an, das von K. TRUEB
  aus Einzelmaßen (jeweils bis zu acht) an Schliffpräparaten gewonnen
  wurde, wie solche auch J. SZABÓ für seine Arbeit »Die Größenverhältnisse
  des Cavum pulpae nach Altersstufen«, Österr. ungar. Vierteljahrsschrift
  für Zahnheilkunde, Wien 1901, verwendet hat. Die von TRUEB benutzten
  Zähne wurden in dem unter Leitung von Prof. PORT stehenden
  zahnärztlichen Institut der Universität Heidelberg extrahiert.

  [XLI.] 6-9 Jahre.

  [XLII.] 11-14 Jahre.



                             V. Röntgenbilder.


Auf Taf. IX sind in Fig. 32 und 36 =Röntgenbilder= der rechten und linken
Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis wiedergegeben, denen zum
Vergleich in Fig. 39 und 40 die mittels Röntgenstrahlen durchleuchteten
Kieferhälften eines recenten Europäers beigefügt sind, der annähernd
dasselbe Lebensalter erreicht hat, wie das Individuum von Heidelberg. Da
bei der bedeutenden Dicke des Unterkieferkörpers des letzteren die
Wurzeln der Molaren nicht deutlich genug hervortreten, so wurden die
betreffenden Stellen nochmals durchleuchtet. Von diesen Aufnahmen, sowie
von denjenigen der Incisiven bringen Fig. 33, 34, 35, 37 und 38 eine
Reproduktion.

Der in der Seitenansicht sehr breite Wurzelkanal der =Incisivi= (Fig. 34,
35 und 38) zeigt am untersten Viertel eine Verbreiterung mit einer
centralen Einlagerung, so daß es den Anschein hat, als ob sich der Kanal
gabelt. In der Vorderansicht verschwindet die Erscheinung durch Deckung.

Die =Canini= zeigen auch im Wurzelteil einen sehr breiten Kanal, der indes
keine Andeutung einer Gabelung aufweist. Bei einem Vergleich mit Fig. 39
tritt der beträchtliche Unterschied in der Weite der Pulpahöhle und des
Wurzelkanals sehr deutlich hervor.

Was die =Praemolares= und =Molares= unseres Fossils anbelangt, so verweisen
wir bezüglich der Weite der Pulpahöhlen auf die von uns angeführten Maße
von P 1 und 2, sowie M 1 und 2 der linken Kieferhälfte. Bei der
Betrachtung des Röntgenbildes ergibt sich, daß P 1 sin. (Fig. 36) an der
Grenze zwischen dem oberen und zweiten Drittel der Wurzel eine
Einlagerung zeigt, welche den Wurzelkanal in zwei Teile zu trennen
scheint. Diese Gabelung läßt sich ziemlich weit nach unten verfolgen,
wird dann aber undeutlich. Bei P 1 dext. (Fig. 32) findet man die
gleiche Einlagerung, aber erst in der Mitte der Wurzel beginnend. Bei
den beiden zweiten Prämolaren ist diese Erscheinung auf dem Röntgenbilde
nicht zu beobachten.

Während bei den =ersten und zweiten Molaren= die beiden Wurzelspitzen
(Fig. 32, 33, 36 und 37) ziemlich parallel verlaufen mit einer distal
gerichteten Krümmung, divergieren sie nicht unbedeutend bei M 3: die
vordere steht ziemlich senkrecht, die hintere ist distalwärts gebogen.
Die Wurzelspitzen sind vom Canalis alveolaris bei M 1 beträchtlich weit
entfernt, bei M 2 kommen sie dem Kanal bedeutend näher -- es ist jedoch
immer noch eine Spongiosaschicht zwischen Wurzelspitze und Kanal zu
erkennen --, bei M 3 ragen sie Fig. 33 und 37 zufolge in den Kanal
hinein. Ob dies jedoch wirklich der Fall ist, oder ob nicht vielmehr
durch die Projektion bloß der Anschein, daß dem so sei, erweckt wird,
entzieht sich exakter Entscheidung.



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       Vergangenheit. Tübingen 1908.

  102. WÜST, E., Untersuchungen über das Pliocän u. das älteste Plistocän
       Thüringens. Abh. d. Naturf. Ges. zu Halle. Bd. XXIII. 1901.

  103. -- Neues über die paläolithischen Fundstätten in der Gegend von
       Weimar. S.-A. aus Zeitschr. f. Naturwissenschaften 1908.

  104. ZUCKERKANDL, E., Anatomie der Mundhöhle mit besonderer
       Berücksichtigung der Zähne. Wien 1891.

                     *       *       *       *       *



                                 Tafel I.


               Ausschnitt aus der Geologischen Spezialkarte
                         des Großherzogtums Baden,
                            Blatt Neckargemünd.


  Ausschnitte aus der Geologischen Spezialkarte des Großherzogtums Baden,
  herausgegeben von der Großh. Badischen Geologischen Landesanstalt, Blatt
  32 (Neckargemünd). Maßstab von Fig. 1 1:50000, Fig. 2 1:25000.

                   =Erläuterung der Signaturen=[XLIII.]:

  _a_,    Jüngste Anschwemmungen der Haupt-
          und Nebentäler (Mergel, Lehm, Sand)   Jüngste Bildungen.

  _dol_,  Verschwemmter Löß des Gehänges         Jungdiluviale
                                                 Aufschüttungen.

  _dlo_,  Jüngerer Löß                         }
  _dle_,  Jüngerer Lößlehm                     }
  _dla_,  Älterer Lößlehm                      } Mitteldiluviale
  _dlu_,  Älterer Löß                          } Aufschüttungen.
  _dme_,  Sande und Kiese des Elsenzgebietes   }

  =_dun_,= (=großpunktiert=) =Sande von Mauer= }
          (alte Neckarkiese und Sande)         } Altdiluviale
  _du_,   Höchstgelegene Buntsandsteinschotter } Aufschüttungen.

  _km1_,  Gipskeuper                             Mittlerer (bunter) Keuper.

  _ku3_,  Obere Dolomite und Tone              }
  _ku2_,  Sandstein                            } Unterer (grauer) Keuper,
  _ku1_,  Untere Dolomite, Kalke und           } Lettenkohlengruppe.
          Schiefertone                         }

  _mo2_,  Nodosuskalk                          } Oberer (Haupt-)
  _mo1_,  Trochitenkalk                        } Muschelkalk.

  _mm_,   Dolomit, Zellenkalk und Mergel         Mittlerer Muschelkalk.

  _mu3_,  Schichten der Myophoria              }
          orbicularis, oberer Wellenkalk       }
  _mu2_,  Bank mit Spiriferina fragilis und    } Unterer Muschelkalk.
          hirsuta im Wellenkalk                }
  _mu1_,  Wellendolomit                        }

  _So_,   Plattensandsteine einschließlich Röt  Oberer Buntsandstein.

  _Sm_,   (eng schraffiert) Oberer             }
          Conglomerathorizont und hangende     }
          Schichten                            }
  _Sm_,   (mit kleinen Kreisen) Horizont       }
          des Kugelsandsteines und             } Mittlerer Buntsandstein.
          geröllfreier Hauptbuntsandstein      }
  _Sm_,   (weit schraffiert)                   }
          Pseudomorphosensandstein             }

  [XLIII.] Auf Fig. 1 nur mit einem Vergrößerungsglase lesbar.

[Illustration: Tafel I.]

                     *       *       *       *       *


                                 Tafel II.


           Lageplan und photographische Abbildung der Sandgrube.


  Fig. 3. Lageplan über den Fundort des menschlichen Unterkiefers im Gewann
          Grafenrain, Grundstück No. 789, Gemarkung Mauer, Amtsbezirk
          Heidelberg. Maßstab 1:3000.

  Fig. 4. Photographische Aufnahme der Nord 26 West gerichteten Wand der
          Sandgrube im Grafenrain. Der menschliche Unterkiefer wurde an der
          mit einem × bezeichneten Stelle 24,10 m unter der Oberkante
          gefunden.


[Illustration: Tafel II.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel III.


                    Geologisches Profil der Sandgrube.


  Fig. 5. Geologisches Profil der Sandgrube im Grafenrain, Gemarkung Mauer,
  Amtsbezirk Heidelberg.

Die Fundstelle des menschlichen Unterkiefers in der Schicht 4 24,10 m unter
der Oberkante und 0,87 m über der Grubensohle, ist mit einem × bezeichnet.

[Illustration: Tafel III.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel IV.


                       Elephas antiquus Falc. adult.


  Fig. 6. Mesialer Teil der linken Unterkieferhälfte von Elephas antiquus
  Falc. Während der erste Molar die typisch rautenförmigen Schmelzfiguren
  der Kaufläche erkennen läßt, steckt der zweite zum Teil noch in der
  Alveole. (Geologisch-paläontolog. Institut der Univ. Heidelberg.)

  Fig. 7. Schädelfragment nebst Unterkiefer von Elephas antiquus Falc., von
  dem in Fig. 8 die Kaufläche des oberen zweiten Molaren nebst Rest des
  ersten und in Fig. 9 die Kaufläche des zweiten unteren Molaren nebst Rest
  des ersten abgebildet ist. Nur der linke Incisivus gelangte bei diesem
  Individuum zur Ausbildung; der rechte ist sehr früh ausgefallen. (Zoolog.
  Institut der Univ. Heidelberg.)

Größe von Fig. 7 etwa 1/15, die übrigen etwa halbe Größe. Genauere Maße
sind im Text angegeben.

[Illustration: Tafel IV.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel V.


                        Elephas antiquus Falc. juv.


  Fig. 10. Oberkieferfragment eines sehr jungen Elephas antiquus Falc. mit
  zwei Milchmolaren (D 1 u. 2) auf jeder Seite. Von D 2 zeigen nur die
  mesialen Querjoche Schmelzfiguren, während die distalen noch nicht
  abgenutzt sind. Maßstab 2/3 nat. Gr. (Geologisch-paläontolog. Institut
  der Univ. Heidelberg.)

[Illustration: Tafel V.]

                     *       *       *       *       *


                                 Tafel VI.


                    Mandibula des Homo Heidelbergensis
                         in zwei Hälften getrennt,
                        wie sie aufgefunden wurde.


   Fig. 11 u. 14. Die linke Hälfte des Unterkiefers des Homo
   Heidelbergensis in lateraler und medialer Ansicht. Auf den
   Prämolaren sowie auf M 1 u. 2 liegt, fest mit dem Sande verbunden,
   ein 60 mm langes und etwa 40 mm breites Kalksteingeröll, dessen
   Oberfläche in derselben Weise wie der Knochen durch dendritische
   Eisen-Manganverbindungen gefleckt ist.

   Fig. 12 u. 13. Die rechte Hälfte des Unterkiefers in lateraler und
   medialer Ansicht. An den Zähnen sitzen dicke verfestigte Krusten von
   typischem, ziemlich grobem »Mauerer-Sande«. Die Verkittung ist durch
   kohlensauren Kalk erfolgt.

Sämtliche Figuren in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind
im Text angegeben.

[Illustration: Tafel VI.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel VII.


                    Mandibula des Homo Heidelbergensis
                in zwei Hälften getrennt, nach Entfernung
                  des mit dem Kiefer verkittet gewesenen
                       Kalksteingerölles und Sandes.


   Fig. 15 u. 16. Die rechte Hälfte des Unterkiefers des Homo
   Heidelbergensis in lateraler und medialer Ansicht nach Entfernung des
   mit ihm verkittet gewesenen Sandes.

   Fig. 17 u. 18. Die linke Hälfte des Unterkiefers in medialer und
   lateraler Ansicht nach Entfernung des mit ihm verkittet gewesenen
   Kalkgerölles und Sandes. Die dabei abgelösten Zahnkronen der beiden
   Prämolaren und von M 1 u. 2 sind auf Taf. VIII, Fig. 28-31 abgebildet.

Sämtliche Figuren in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind
im Text angegeben.

[Illustration: Tafel VII.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel VIII.


                    Mandibula des Homo Heidelbergensis
                          in seitlicher Ansicht.

               Querschnitt besagter Mandibula und derjenigen
                eines recenten Europäers in der Medianebene.

                  Zahnbogen des Fossils von oben gesehen
                            und einzelne Zähne.


   Fig. 19. Der in der Symphyse zusammengesetzte Unterkiefer des Homo
   Heidelbergensis in lateraler Ansicht. Das Original ist im Besitz des
   Geologisch-paläontologischen Institutes der Universität Heidelberg.

   Fig. 20. Querschnitt des Unterkiefers in der Medianlinie. Die mediane
   Verbindung der beiden Hälften war aufgehoben.

   Fig. 21. Querschnitt des Unterkiefers eines recenten Europäers in der
   Medianlinie.

   Fig. 22. Rechte Zahnreihe des Homo Heidelbergensis von oben gesehen:
   J 1 ist herausgenommen, J 2 an der Wurzel abgebrochen (vgl. Fig. 25 u.
   24). In situ befinden sich: C, P 1 u. 2, M 1-3.

   Fig. 23. Linke Zahnreihe von oben gesehen: J 1 ist an der Wurzel
   abgebrochen, von J 2 ist die vordere Hälfte der Krone abgebrochen
   (vgl. Fig. 26 u. 27). C ist in situ. Von P 1 u. 2, sowie von M 1 u. 2
   sind die Kronen abgebrochen (vgl. Fig. 28-31). M 3 ist in situ.

   Fig. 24 a u. b = J 2 dext. an der Wurzel abgebrochen, Vorder- und
   Seitenansicht.

   Fig. 25 a u. b = J 1 dext., Vorder- und Seitenansicht.

   Fig. 26 a u. b = J 1 sin. an der Wurzel abgebrochen, Vorder- und
   Seitenansicht.

   Fig. 27 = J 2 sin. vordere Hälfte der Krone.

   Fig. 28 a u. b = P 1 sin. die Krone von oben und von unten gesehen.

   Fig. 29 a u. b = P 2 sin.  »    »    »   »    »   »    »      »

   Fig. 30 a u. b = M 1 sin.  »    »    »   »    »   »    »      »

   Fig. 31 a u. b = M 2 sin.  »    »    »   »    »   »    »      »

Von den isolierten Schneidezähnen blieben die in der Abbildung Fig. 24
u. 26 fehlenden unteren Enden in den Alveolen.

Alles in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind im Text
(Anhang I) angegeben.

Die Gestalt des Zahnbogens ist aus Fig. 41 u. 42, Taf. X ersichtlich.

[Illustration: Tafel VIII.]

                     *       *       *       *       *


                                 Tafel IX.


                              Röntgenbilder.


  Fig. 32. Röntgenbild der rechten Hälfte des Unterkiefers des Homo
  Heidelbergensis.

  Fig. 33. Die drei Molaren derselben Hälfte in anderer Aufnahme, welche
  die Wurzelspitzen namentlich des dritten Molaren besser erkennen läßt.

  Fig. 34 a u. b. J 2 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht.

  Fig. 35. J 1 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht.

  Fig. 36. Röntgenbild der linken Hälfte des Unterkiefers des Homo
  Heidelbergensis.

  Fig. 37. Die drei Molaren derselben Hälfte in anderer Aufnahme.

  Fig. 38 a u. b. J 1 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht.

  Fig. 39 u. 40. Röntgenbild der rechten und linken Hälfte des
  Unterkiefers eines =recenten Europäers,= der annähernd dasselbe
  Lebensalter erreicht hat, wie der Homo Heidelbergensis.

Diese Bilder wurden mit dem Röntgenapparate des zahnärztlichen
Institutes der Universität Heidelberg unter gütiger Mitwirkung des Herrn
Professor PORT hergestellt.

[Illustration: Tafel IX.]

                     *       *       *       *       *


                                 Tafel X.


                  Die Mandibula des Homo Heidelbergensis
                        von oben und unten gesehen
                   zur Veranschaulichung des Zahnbogens.


  Fig. 41 u. 42. Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis von oben und
  unten gesehen zur Veranschaulichung des Zahnbogens. Beide Figuren in
  ungefährer natürlicher Größe. Den im Text enthaltenen genauen Maßen
  seien noch folgende hinzugefügt:

  1. Entfernung der Berührungsstelle der mittleren Incisivi
     a) von der distalen Seite des dritten Molaren rechts 65 mm, links
        64 mm,
     b) von dem distalen Ende des Condylus rechts 130,4 mm, links 127 mm.

  2. Entfernung der Außenränder des zweiten Molaren 66,5 mm.

  3. Entfernung der beiden Condyli voneinander innen gemessen 86 mm, außen
     gemessen 131,6 mm.

Man vergleiche auch die Horizontalkurven in Fig. 47, Taf. XIII.

[Illustration: Tafel X.]

                     *       *       *       *       *


                                 Tafel XI.

                Diagraphische Profilkurven der Unterkiefer
                 des Homo Heidelbergensis, eines recenten
                Europäers und eines afrikanischen Negers.


  Fig. 43. Homo Heidelbergensis. Profilprojektion der Mandibula: _aa_ =
  Horizontalstellung der Alveolarebene. _BB_ = Basaltangente. _RR_ =
  Ramustangente. _CC_ = Condylocoronoidtangente. _ι_ = Inzision.
  _ιµ_ = Inzisionvertikale. _µ_ = Schnittpunkt derselben
  mit der Basaltangente. _pp_ = Postmolarvertikale. _vv_ =
  Coronoidvertikale. _f_ = Lage des Foramen mentale. _cm_ = Lage des
  Foramen mandibulare. _sl_ = Lage der Fossa sublingualis.

  Fig. 44. _____ Homo Heidelbergensis. ····· Recenter Europäer
  (B.A.C. 390). ----- Afrikan. Neger (B. N. C. 20).

[Illustration: Tafel XI.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel XII.


                Diagraphische Profilkurven der Unterkiefer
               des Homo Heidelbergensis, eines Australiers,
                     eines Dajak und von Anthropoiden.


  Fig. 45. _____ Homo Heidelbergensis. ----- Australier-Melville Island
  (K. 80).  ····· Dajak (B. N. C. 104).

  Fig. 46. _____ Homo Heidelbergensis. ..... Hylobates syndactylus.
  ····· Hylobates lar. ----- Gorilla ♀ (B.).
  -.-.-. Orang ♂ (B.).

[Illustration: Tafel XII.]

                     *       *       *       *       *


                                Tafel XIII.


                      Diagraphische Horizontalkurven
                 des Unterkiefers vom Homo Heidelbergensis
                      und vergleichende Mediankurven
                               der Symphyse.


  Fig. 47. Homo Heidelbergensis. Horizontal-Kurven.

            _I_ ····· durch den Alveolarrand:
                _a_ = Grenze zwischen Caninus und Prämolaren.
                _b_ =   »       »     Prämolaren und Molaren.

           _II_ ----- durch die Foramina mentalia, die mit _f_ bezeichnet
                      sind.

          _III_ _____ dicht über dem Basalrand; bei _x_ defekte Stelle.

  Fig. 48. Vergleichende Projektion der Mediankurven-Diagramme der Symphyse
  (-- Homo Heidelbergensis). Gemeinsame Einstellung auf Inzision und
  Alveolarhorizont.

[Illustration: Tafel XIII.]

                     *       *       *       *       *



Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

  S. VII: Tertiärs, dem Pliozän -> Pliocän
  S. 5: Rhinoceros Merkii -> Merckii
  S. 11: Es befinden sich -> Es befinden sich:
  S. 11: Fig. 4; -> Fig. 4.
  S. 13: O. SCHOETENSACK[19] -> [79]
  S. 13: gehören nach H. Schroeder -> Schröder
  S. 13: Cervus (elephus) -> (elaphus)
  S. 17: beträgt 1,5-2,0 mm. -> [Punkt hinzugefügt]
  S. 17: unter M 2 155 mm. -> [Semikolon ersetzt durch Punkt]
  S. 17. Der mesio-distale -> mesiodistale
  S. 21: rechten, das Ehringdorfer -> Ehringsdorfer
  S. 21: Weimar-Eringsdorf -> Ehringsdorf
  S. 25: bei einem Bruchtsücke -> Bruchstücke
  S. 35: B. -> [Punkt hinzugefügt]
  S. 35: N. C. -> [Punkte hinzugefügt]
  S. 35: A. C. -> [Punkt hinzugefügt bei C]
  S. 37: Mammut und Rhinozeros -> Rhinoceros
  S. 56: 11 -> 11,0
  S. 58: 7,6-6,8 -> 6,8-7,6
  S. 58: buccal. -> buccal,
  S. 59: 10,50 -> 10,5
  S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 2]
  S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 4]
  S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 6]
  S. 63: The American -> [Komma entfernt]
  S. 64: Frankfurt a/M. -> Frankfurt a./M.
  S. 64: Une machoire -> mâchoire
  S. 65: Rhinoceros-Arten, Paläontographica -> Palaeontographica
  S. 65: Rhinoceros Mercki -> Merckii
  S. 65: Fühlings -> Frühlings
  S. 65: Rhinoceros Merckii Jäg -> Jaeg
  S. 67: Les charactères -> caractères
  S. 89: Spezialkarte des Grossherzogtums -> Großherzogtums





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