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Title: Grundgedanken über Krieg und Kriegführung
Author: Clausewitz, Karl von
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Grundgedanken über Krieg und Kriegführung" ***

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Anmerkungen zur Transkription:

Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart
(Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Im Original sind auch
die Abkürzung "Dr." und römische Zahlen in Antiqua gedruckt; dies
wurde für die elektronische Fassung nicht übernommen.

Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an.

Offensichtliche Interpunktionsfehler berichtigt. Im
Übrigen wurden Inkonsistenzen in der Schreibweise einzelner Wörter
(ungeheuere/ungeheure und Entwickelung/Entwicklung) belassen. Eine
Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs.

Im Original sind Textabschnitte, die ein zusammenhängendes Zitat aus
dem Grundwerk "Vom Kriege" darstellen, voneinander mit einer
(zusätzlichen) Leerzeile abgetrennt. Dies wurde hier in Form einer
Reihe Sternchen zwischen den Absätzen nachgebildet.



General Karl von Clausewitz



Grundgedanken über Krieg
und Kriegführung



Erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig

21.-30. Tausend



Geleitwort des Herausgebers


Das Buch *Vom Kriege*, das Buch aller Bücher über den Krieg, dem die
nachfolgenden Sätze in der Hauptsache entnommen sind, ist im Jahre 1832
erschienen, also erst nach dem -- am 16. November 1831 erfolgten -- Tode
des Verfassers, des preußischen Generalmajors Karl von Clausewitz. Wie
so viele Werke großer Geister ist auch dieses, das Hauptwerk des größten
Theoretikers der Kriegskunst, ein Fragment. Eine Sammlung von
Werkstücken, Hauptlineamente hat der Verfasser selbst sie genannt. Zur
letzten Durcharbeitung, Sichtung und Zusammenfassung ist er nicht
gekommen. Ursprünglich hatte Clausewitz auch gar nicht die Absicht, ein
vollständiges, einheitliches Buch über den Lieblingsgegenstand der
Gedankenarbeit seines ganzen Lebens zu schreiben. Er wollte zunächst
nichts, als ihn »in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sentenzen, nach
der Art Montesquieus« behandeln. Diese *Körner* -- wie er sie einmal
bezeichnet -- sollten »schon mit der Sache bekannte geistvolle Menschen
anziehen, ebensosehr durch das, was weiter aus ihnen entwickelt werden
könnte, als durch das, was sie feststellen«. Ein System ist erst
allmählich, sozusagen gegen den Willen des Schreibenden, in seine
»Materialien« gekommen.

Diese erste Absicht, in Aphorismen zu sprechen, gestattet es ohne
Zweifel, einmal die Grundgedanken als *Körner* auf einer besonderen
Schale zu reichen. Der Berufssoldat, der das ganze Werk kennt und liebt,
wird durch sie gewiß von neuem zu ihm hingezogen, während wohl mancher
Nichtsoldat zumal in einer Zeit, in der das Gesamtleben Deutschlands nur
noch die Achse des Krieges hat, es sich nun nicht länger versagen wird,
einem Geistesmonument nahezutreten, das er längst hätte besitzen sollen,
denn Clausewitz gehört zu den großen Erziehern der Deutschen.

Auf das Leben und die Persönlichkeit des Generals kann hier aus
Raummangel nicht eingegangen werden. Es müßte ausführlich geschehen, und
dies soll in der Inselausgabe des Buches Vom Kriege erfolgen, die in
Vorbereitung ist. Ebenda wird über die Bedeutung und die Nachwirkung
seiner Lehren das Nötige dargelegt werden. Hier sei nur kurz berichtet,
daß der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Karl von
Clausewitz als junger Soldat den Rheinfeldzug mitmachte. Nach der
Schlacht bei Jena geriet er dann als Bataillonsadjutant in französische
Gefangenschaft. Später wirkte er im Sinne Scharnhorsts und Gneisenaus,
vor allem aber als der Theoretiker des meisterlichsten aller Praktiker,
Napoleons, an der Kriegsakademie zu Berlin. 1812 trat er in russische
Dienste, erlebte im Hauptquartier den Feldzug von 1812 und kämpfte des
weiteren während der Befreiungskriege im Stabe Blüchers.

Die Schicksale der Großen Armee in Rußland haben den tiefsten Eindruck
auf Clausewitz und seine strategischen Erkenntnisse hinterlassen. Dem
Mißerfolg des genialen Eroberers wissenschaftlich nachzuspüren, ist er
in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens nicht müde geworden, und es
zeugt von der hohen geistigen Überlegenheit dieses preußischen
Offiziers, daß er bei all seiner glühenden Vaterlandsliebe sein Leben
lang der gerechteste Verehrer Napoleons blieb. Unberührt vom blinden
Hasse der Zeit, lag es Clausewitz ob, weiter als die Menschen von damals
zu blicken und dadurch für die Zukunft seines zu einem weltmächtigen
Deutschen Kaiserreiche erweiterten Vaterlandes Dauerndes zu schaffen.

Kaum geht man wohl fehl, wenn man die berühmteste These im Buche Vom
Kriege: Die Verteidigung sei die an sich stärkere Form der Kriegführung
-- vor allem auf die unmittelbaren Erfahrungen des Generals im
russischen Feldzuge zurückführt. Dieser auffälligen Lehre gebühren
selbst im Rahmen dieser knappen Vorrede ein paar Worte. Jedermann in der
Welt weiß, daß unsere Armee den Geist der Offensive über alles hochhält
und bis ins kleinste zu betätigen strebt. Um so fremder erscheint uns
die Verherrlichung der Verteidigungstheorie bei Clausewitz, der die
Offensive erst aus vorheriger Defensive, aus dem Abwarten heraus
entwickelt. So sehr unsere Heerführer bis auf den heutigen Tag von dem
stählernen Kern der Lehren des Generals von Clausewitz, dem
Vernichtungsgedanken, überzeugt sind: in dem einen Problem ist er
vielumstritten worden, noch kurz vor dem großen Kriege Englands gegen
unsere Daseinsberechtigung, durch den General v. Bernhardi, den
Verfasser des hervorragenden Buches »Vom heutigen Kriege«, das zugleich
als das bedeutendste Ergänzungswerk zum alten Clausewitz neben den
gelehrten »Studien nach Clausewitz« des Generals Freiherrn v.
Freytag-Loringhoven, des jetzigen Generalquartiermeisters, hier zu
nennen ist.

          Dresden, 1915      Hauptmann Dr. *Arthur Schurig*



Wesen und Ziel des Krieges


Der Krieg ist nichts als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen
Mitteln.

       *       *       *       *       *

Seit Napoleon Bonaparte hat sich der Krieg, indem er zuerst auf der
einen Seite, dann auch auf der anderen wieder *Sache des ganzen Volkes*
wurde, seiner wahren Natur, seiner absoluten Vollkommenheit sehr
genähert.

       *       *       *       *       *

Der Krieg ist ein erweiterter Zweikampf. Jeder sucht den andern durch
physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen.

Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der
Gewalt keine Grenzen.

       *       *       *       *       *

Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Wissenschaften aus, um
der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen,
die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte,
begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen.

       *       *       *       *       *

Menschenfreundliche Seelen könnten leicht denken, es gäbe ein Entwaffnen
oder Niederwerfen des Gegners, ohne zu viel Wunden zu verursachen, und
das sei die wahre Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muß
man diesen Irrtum doch zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie
der Krieg eins ist, sind *die* Irrtümer, die aus Gutmütigkeit entstehen,
gerade die schlimmsten. Wer sich der Gewalt *rücksichtslos* bedient,
bekommt ein Übergewicht, wenn der Gegner anders handelt. So muß man die
Sache ansehen, und es ist ein unnützes, sogar verkehrtes Bestreben, aus
Widerwillen gegen das rohe Element die Natur des Krieges zu verkennen.

       *       *       *       *       *

Der Kampf zwischen Menschen besteht aus zwei verschiedenen Elementen:
dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Bei wilden Völkern
herrschen die dem Gemüt, bei gebildeten die dem Verstande angehörigen
Absichten vor. Allein dieser Unterschied liegt nicht im Wesen von Roheit
und Bildung selbst, sondern in den sie begleitenden Umständen und
Einrichtungen. Er ist also nicht in jedem einzelnen Falle notwendig,
sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle. Mit einem Worte: auch
die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich
entbrennen.

       *       *       *       *       *

Gewalt, physische Gewalt ist das Mittel; dem Feinde unseren Willen
aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir
*den Feind wehrlos machen*. Dies ist dem Begriffe nach das eigentliche
Ziel der kriegerischen Handlung.

       *       *       *       *       *

Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine
Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, das wir von ihm
fordern. Die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem
Anscheine nach, nicht vorübergängig sein, sonst würde der Gegner den
besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser
Lage durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit muß zu einer noch
nachteiligeren Lage führen, wenigstens in der Vorstellung. Die
schlimmste Lage, in die ein Kriegführender geraten kann, ist die
gänzliche Wehrlosigkeit.

       *       *       *       *       *

Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote
Masse, sondern, weil ein reines Dulden auf der einen Seite kein Krieg
wäre, so ist er immer der Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander.
Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich befürchten,
daß er mich niederwirft. Ich bin also nicht Herr meiner selbst, sondern
er gibt mir das Gesetz, wie ich es ihm gebe.

       *       *       *       *       *

Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir *unsere* Anstrengung
nach *seiner* Widerstandskraft bemessen. Diese drückt sich durch ein
Produkt aus, deren Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die
Größe der vorhandenen Mittel und die Stärke der Willenskraft. Die Größe
der vorhandenen Mittel ließe sich bestimmen, da sie -- wiewohl nicht
ganz -- auf Zahlen beruht. Aber die Stärke der Willenskraft läßt sich
viel weniger bestimmen und nur etwa nach der Stärke des Beweggrunds
schätzen.

       *       *       *       *       *

Das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner wehrlos zu machen,
verschlingt gewissermaßen zunächst den politischen Zweck des Krieges. So
wie dieses Gesetz in seiner Kraft nachläßt, diese Absicht von ihrem
Ziele zurücktritt, muß der politische Zweck wieder hervortreten. Je
kleiner das Opfer ist, das wir von unserm Gegner fordern, um so
geringere Anstrengungen dürfen wir von ihm erwarten. Je geringer aber
diese sind, um so kleiner dürfen die unsrigen bleiben. Ferner, je
kleiner unser politischer Zweck ist, um so geringer wird der Wert sein,
den wir auf ihn legen; um so eher werden wir uns gefallen lassen, ihn
aufzugeben: also um so kleiner werden auch unsere Anstrengungen sein. So
wird der politische Zweck als das ursprüngliche Motiv des Krieges das Maß
sowohl für das Ziel, das durch die Kriegführung erreicht werden muß, als
auch für die Anstrengungen, die erforderlich sind.

       *       *       *       *       *

Je großartiger und stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das
ganze Dasein der Völker umfassen, je gewaltsamer die Spannung ist, die
dem Kriege vorhergeht, um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten
Gestalt nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes
handeln, um so mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische
Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint der
Krieg zu sein.

       *       *       *       *       *

Der Krieg ist unter allen Umständen als kein selbständiges Ding, sondern
als ein politisches Instrument zu denken. Nur mit dieser Vorstellungsart
ist es möglich, nicht mit der sämtlichen Kriegsgeschichte in Widerspruch
zu geraten.

       *       *       *       *       *

Der Krieg gehört nicht in das Gebiet der Künste und Wissenschaften,
sondern in das Gebiet des sozialen Lebens. Er ist ein Konflikt großer
Interessen, der sich blutig löst, und nur darin ist er von den anderen
verschieden. Besser als mit irgendeiner Kunst ließe er sich mit dem
Handel vergleichen, der auch ein Konflikt menschlicher Interessen und
Tätigkeiten ist, und viel näher steht ihm die Politik, die ihrerseits
wieder als eine Art von Handel in größerem Maßstabe angesehen werden
kann.

       *       *       *       *       *

Der Krieg ist nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten
Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen
Gesamterscheinungen nach in Beziehung auf die in ihm herrschenden
Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der
ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elements, dem Haß und der
Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem
Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien
Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines
politischen Werkzeugs, durch die er dem bloßen Verstande anheimfällt.



Kriegskunst und Theorie


Mit dem Bestreben, Grundsätze, Regeln oder gar Systeme für die
Kriegführung anzugeben, setzt man sich einen positiven Zweck, ohne die
unendlichen Schwierigkeiten gehörig ins Auge zu fassen, die sie in
dieser Beziehung hat.

       *       *       *       *       *

Die Kriegführung verläuft fast nach allen Seiten hin in unbestimmte
Grenzen. Jedes System, jedes Lehrgebäude aber hat die beschränkende
Natur einer Synthesis, und damit ist ein nie auszugleichender
Widerspruch zwischen einer solchen Theorie und der Praxis gegeben.

       *       *       *       *       *

Unstreitig gehören die der Kriegskunst zugrunde liegenden Kenntnisse zu
den Erfahrungswissenschaften. Denn wenn sie auch größtenteils aus der
Natur der Dinge hervorgehen, so muß man doch diese Natur selbst meistens
erst durch die Erfahrung kennen lernen. Außerdem aber wird die Anwendung
durch so viele Umstände modifiziert, daß die Wirkungen nie aus der
bloßen Natur des Mittels vollständig erkannt werden können.

       *       *       *       *       *

Bei der Ungewißheit aller Daten im Kriege müssen wir uns sagen, daß es
eine reine Unmöglichkeit wäre, die Kriegskunst durch ein positives
Lehrgebäude wie mit einem Gerüste versehen zu wollen, das dem Handelnden
überall einen äußeren Anhalt gewähren könnte. Der Handelnde würde sich
in allen jenen Fällen, wo er auf sein Talent angewiesen ist, außer
diesem Lehrgebäude und mit ihm in Widerspruch befinden, und es würde,
wie vielseitig dasselbe auch aufgefaßt sein möchte, immer dieselbe Folge
wieder eintreten, von der wir schon gesprochen haben: daß das Talent und
Genie außer dem Gesetze handelt und die Theorie ein Gegensatz zur
Wirklichkeit wird.

       *       *       *       *       *

Historische Beispiele machen alles klar und haben nebenher in
Erfahrungswissenschaften die beste Beweiskraft.

       *       *       *       *       *

Wenn ein Sachverständiger sein halbes Leben darauf verwendet, einen
dunklen Gegenstand überall aufzuklären, so wird er wohl weiter kommen
als einer, der in kurzer Zeit damit vertraut sein will. Daß also nicht
jeder von neuem aufzuräumen und sich durchzuarbeiten brauche, sondern
die Sache geordnet und gelichtet finde, dazu ist die Theorie vorhanden.
Sie soll den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen, oder
vielmehr ihn bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn auf das
Schlachtfeld begleiten.

       *       *       *       *       *

Im Kriege sind die Ideen meist so einfach und naheliegend, daß das
Verdienst der Erfindung gar nicht das Talent des Feldherrn ausmachen
kann. Die Hauptsache ist die Schwierigkeit der Ausführung. Im Kriege ist
alles einfach, aber das Einfache höchst schwierig. Das Kriegsinstrument
gleicht einer Maschine mit ungeheurer Friktion, die nicht wie in der
Mechanik auf ein paar Punkte zurückgeführt werden kann, sondern überall
mit einem Heere von Zufällen im Kontakt ist. Außerdem ist der Krieg eine
Tätigkeit im erschwerenden Mittel. Eine Bewegung, die man in der Luft
mit Leichtigkeit macht, wird im Wasser sehr schwer. Gefahr und
Anstrengung sind die Elemente, in denen sich der Geist im Kriege bewegt.
So kommt es denn, daß man immer hinter *der* Linie zurückbleibt, die man
sich gezogen hat, und daß schon keine gewöhnliche Kraft dazu gehört, um
nur nicht unter dem Niveau des Mittelmäßigen zu bleiben.

       *       *       *       *       *

Beim Handeln folgen die meisten einem bloßen Takt des Urteils, der mehr
oder weniger gut trifft, je nachdem mehr oder weniger Genie in ihnen
ist. So haben alle großen Feldherren gehandelt, und darin liegt zum
Teil ihre Größe, daß sie mit diesem Takt immer das Rechte trafen. So
wird es für das Handeln auch immer bleiben. Dieser Takt reicht dazu
vollkommen hin. Aber wenn es darauf ankommt, nicht selbst zu handeln,
sondern in einer Beratung andere zu überzeugen, dann kommt es auf klare
Vorstellungen, auf das Nachweisen des inneren Zusammenhanges an.

       *       *       *       *       *

Alles Handeln im Kriege ist nur auf *wahrscheinliche*, nicht auf
*gewisse* Erfolge gerichtet. Was an der Gewißheit fehlt, muß überall dem
Schicksal oder dem Glück -- wie man es nennen will -- überlassen
bleiben. Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist.

       *       *       *       *       *

Man hat früher behauptet, der Krieg sei ein Handwerk. Damit war aber
mehr verloren als gewonnen, denn ein Handwerk ist nur eine niedrige
Kunst und unterliegt als solche auch bestimmteren und engeren Gesetzen.
In der Tat hat sich die Kriegskunst eine Zeitlang im Geiste des
Handwerks bewegt, nämlich zur Zeit der Condottieri. Aber diese Richtung
hatte sie nicht nach inneren, sondern nach äußeren Gründen, und wie
wenig sie in dieser Zeit naturgemäß und befriedigend war, zeigt die
Kriegsgeschichte.

       *       *       *       *       *

Wenn man auf der einen Seite sieht, wie das kriegerische Handeln so
höchst einfach erscheint; wenn man hört und sieht, wie die größten
Feldherren sich darüber gerade am einfachsten und schlichtesten
ausdrücken, wie das Regieren und Bewegen der aus hunderttausend Gliedern
zusammengesetzten schwerfälligen Maschine in ihrem Munde sich nicht
anders ausnimmt, als ob von ihrer Person allein die Rede sei, so daß der
ganze ungeheuere Akt des Krieges zu einer Art von Zweikampf
individualisiert wird; wenn man dabei die Motive ihres Handelns bald
mit ein paar einfachen Vorstellungen, bald mit irgendeiner Regung des
Gemütes in Verbindung gebracht findet; wenn man diese leichte, sichere,
man möchte sagen leichtfertige Weise sieht, wie sie den Gegenstand
auffassen, -- und nun von der anderen Seite die große Anzahl von
Verhältnissen, die für den untersuchenden Verstand in Anregung kommen;
die großen, oft unbestimmten Entfernungen, in die die einzelnen Fäden
auslaufen, und die Menge von Kombinationen, die vor uns liegen; wenn man
dabei an die Verpflichtung denkt, die die Theorie hat, dies alles
systematisch, d. h. mit Klarheit und Vollständigkeit, aufzufassen und
das Handeln immer auf die Notwendigkeit des zureichenden Grundes
zurückzuführen, so überfällt uns die Besorgnis mit unwiderstehlicher
Gewalt, zu einem pedantischen Schulmeistertum hinabgerissen zu werden,
in den untersten Räumen schwerfälliger Begriffe herumzukriechen und dem
großen Feldherrn in seinem leichten Überblick also niemals zu begegnen.
Wenn das Resultat theoretischer Bemühungen von dieser Art sein sollte,
so wäre es ebensogut, oder vielmehr besser, sie gar nicht angestellt zu
haben. Sie ziehen der Theorie die Geringschätzung des Talentes zu und
fallen bald in Vergessenheit. Und von der andern Seite ist dieser
leichte Überblick des Feldherrn, diese einfache Vorstellungsart, diese
Personifizierung des ganzen kriegerischen Handelns so ganz und gar der
Kern jeder guten Kriegführung, daß sich nur bei dieser großartigen Weise
die Freiheit der Seele denken läßt, die nötig ist, wenn sie über die
Ereignisse herrschen und nicht von ihnen überwältigt werden soll.

       *       *       *       *       *

Die Kriegskunst im eigentlichen Sinne ist die Kunst, sich der gegebenen
Mittel im Kampfe zu bedienen. Wir können sie nicht besser als mit dem
Namen der *Kriegführung* bezeichnen. Dagegen werden allerdings zur
Kriegskunst im weiteren Sinne auch alle Tätigkeiten gehören, die um des
Krieges willen da sind, also die ganze Schöpfung der Streitkräfte, d. i.
Aushebung, Bewaffnung, Ausrüstung und Übung.

Es ist für die Realität einer Theorie höchst wesentlich, diese beiden
Tätigkeiten zu trennen, denn es ist leicht einzusehen, daß, wenn jede
Kriegskunst mit der Einrichtung der Streitkräfte anfangen und diese für
die Kriegführung, sowie sie dieselben angegeben, bedingen wollte, sie
nur auf die wenigen Fälle anwendbar sein könnte, wo die vorhandenen
Streitkräfte dem gerade entsprächen. Will man dagegen eine Theorie
haben, die für die große Mehrzahl der Fälle geeignet, für keinen aber
ganz unbrauchbar sei: so muß sie auf die große Mehrheit der gewöhnlichen
Streitmittel, und bei diesen auch nur auf die wesentlichsten Resultate
gebaut sein.

Die Kriegführung ist also die Anordnung und Führung des Kampfes. Wäre
dieser Kampf ein einzelner Akt, so würde kein Grund zu einer weiteren
Einteilung sein. Allein der Kampf besteht aus einer mehr oder weniger
großen Zahl einzelner in sich geschlossener Akte, die wir Gefechte
nennen und die neue Einheiten bilden. Daraus entspringt nun die ganz
verschiedene Tätigkeit, diese einzelnen Gefechte in sich anzuordnen und
zu führen, und sie unter sich zum Zweck des Krieges zu verbinden. Das
eine ist die *Taktik*, das andere die *Strategie* genannt worden.

Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch
der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der
Gefechte zum Zweck des Krieges.



Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr


Der Krieg ist ein bestimmtes Geschäft. Und wie allgemein auch seine
Beziehung sei, und wenn auch alle waffenfähigen Männer eines Volkes
dasselbe trieben, so bliebe es doch immer ein solches: verschieden und
getrennt von den übrigen Fähigkeiten, die das Menschenleben in Anspruch
nehmen.

Vom Geiste und Wesen dieses Geschäfts durchdrungen sein, -- die Kräfte,
die in ihm tätig sein sollen, in sich üben, erwecken und aufnehmen, --
das Geschäft mit dem Verstande ganz durchdringen, -- durch Übung
Sicherheit und Leichtigkeit in ihm gewinnen, -- ganz darin aufgehen, --
aus dem Menschen übergehen in die Rolle, die uns darin angewiesen wird:
das ist die kriegerische Tugend des Heeres in jedem einzelnen.

       *       *       *       *       *

Die kriegerische Tugend ist für die Teile überall, was das Genie des
Feldherrn für das Ganze ist.

       *       *       *       *       *

Je mehr ein Feldherr gewohnt ist, von seinen Soldaten zu fordern, um so
sicherer ist er, daß die Forderung geleistet wird. Der Soldat ist ebenso
stolz auf überwundene Mühseligkeiten als auf überstandene Gefahren. Aber
nur im Boden einer beständigen Tätigkeit und Anstrengung gedeiht dieser
Keim, auch nur im Sonnenlicht des Sieges.

       *       *       *       *       *

Wenn wir ein rohes Volk betrachten, so ist ein kriegerischer Geist unter
den einzelnen Menschen viel gewöhnlicher als bei den gebildeten Völkern,
denn bei jenen besitzt ihn fast jeder einzelne Krieger, während bei den
gebildeten eine ganze Masse nur durch die Notwendigkeit und keineswegs
durch inneren Trieb mitfortgerissen wird. Aber unter rohen Völkern
findet man nie einen eigentlich großen Feldherrn und äußerst selten,
was man ein kriegerisches Genie nennen kann, weil dazu eine Entwicklung
der Verstandeskräfte erforderlich ist, die ein rohes Volk nicht haben
kann.

       *       *       *       *       *

Der Krieg ist das Gebiet der Gefahr. Es ist also Mut vor allen Dingen
die erste Eigenschaft des Kriegers.

Der Mut ist doppelter Art: einmal Mut gegen die persönliche Gefahr, und
dann Mut gegen die Verantwortlichkeit, sei es vor dem Richterstuhl
irgendeiner äußeren Macht, sei es vor dem einer inneren, nämlich des
Gewissens.

Der Mut gegen die persönliche Gefahr ist wieder doppelter Art. Erstens
kann er Gleichgültigkeit gegen die Gefahr sein. Sei es, daß sie aus dem
Organismus des Individuums oder aus Geringschätzung des Lebens oder aus
Gewohnheit hervorgehe, in diesen Fällen ist der Mut als ein bleibender
Zustand anzusehen.

Zweitens kann er aus positiven Motiven hervorgehen, wie Ehrgeiz,
Vaterlandsliebe, Begeisterung jeder Art. In diesem Fall ist der Mut
nicht sowohl ein Zustand als eine Gemütsbewegung, ein Gefühl.

Es ist begreiflich, daß beide Arten von verschiedener Wirkung sind. Die
erste Art ist sicherer, weil sie, zur zweiten Natur geworden, den
Menschen nie verläßt; die zweite führt oft weiter. Der ersteren gehört
mehr die Standhaftigkeit, der zweiten mehr die Kühnheit an. Die erste
läßt den Verstand nüchterner, die zweite steigert ihn zuweilen,
verblendet ihn aber auch oft. Beide vereinigt geben die vollkommenste
Art des Mutes.

       *       *       *       *       *

Der Krieg ist das Gebiet körperlicher Anstrengungen und Leiden. Um
dadurch nicht zugrunde gerichtet zu werden, bedarf es einer gewissen
Kraft des Körpers und der Seele, die, angeboren oder eingeübt,
gleichgültig dagegen macht. Mit diesen Eigenschaften, unter der bloßen
Führung des gesunden Verstandes, ist der Mensch schon ein tüchtiges
Werkzeug für den Krieg, und diese Eigenschaften sind es, die wir bei
rohen und halbkultivierten Völkern so allgemein verbreitet antreffen.

       *       *       *       *       *

Die Kühnheit ist vom Troßknecht bis zum Feldherrn hinauf die edelste
Tugend, der rechte Stahl, der der Waffe ihre Schärfe und ihren Glanz
gibt.

       *       *       *       *       *

Der Geist der Kühnheit kann in einem Heere zu Hause sein, entweder weil
er es im Volke ist oder weil er sich in einem glücklichen Kriege unter
kühnen Führern erzeugt hat.

       *       *       *       *       *

Je höher wir unter den Führern hinaufsteigen, desto notwendiger wird es,
daß der Kühnheit ein überlegender Geist zur Seite trete, daß sie nicht
zwecklos, nicht ein blinder Stoß der Leidenschaft sei. Denn immer
weniger betrifft es die eigene Aufopferung, immer mehr knüpft sich die
Erhaltung anderer und die Wohlfahrt eines großen Ganzen daran. Was also
bei dem großen Haufen die zur zweiten Natur gewordene Dienstordnung
regelt, das muß in dem Führer die Überlegung regeln, und hier kann die
Kühnheit einer einzelnen Handlung schon leicht zum Fehler werden. Aber
dennoch bleibt es ein schöner Fehler, der nicht angesehen werden darf
wie jeder andere. Wohl dem Heere, wo sich unzeitige Kühnheit häufig
zeigt! Es ist ein üppiger Auswuchs, aber der Zeuge eines kräftigen
Bodens. Selbst die Tollkühnheit, d. h. die Kühnheit ohne allen Zweck,
ist nicht mit Geringschätzung anzusehen. Im Grunde ist es dieselbe Kraft
des Gemüts, nur ohne alles Zutun des Geistes, in einer Art von
Leidenschaft ausgeübt. Nur wo die Kühnheit sich gegen den Gehorsam
auflehnt, wo sie einen ausgesprochenen höheren Willen geringschätzend
verläßt: da muß sie, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des
Ungehorsams, wie ein gefährliches Übel behandelt werden; denn nichts
geht im Kriege über den Gehorsam.

       *       *       *       *       *

Der Mut ist immer das erste Element im Krieger, aber er erhält sich in
den höheren Regionen großer Verantwortlichkeit nur dann, wenn ihn ein
kräftiger Kopf unterstützt. Darum gelangen von so vielen braven Soldaten
so wenige dazu, mutige und unternehmende Feldherren zu sein.

       *       *       *       *       *

Die Kühnheit hat im Kriege eigene Vorrechte. Über den Erfolg des Kalküls
mit Raum, Zeit und Größe hinaus müssen ihr noch gewisse Prozente
zugestanden werden, die sie jedesmal, wo sie sich überlegen zeigt, aus
der Schwäche der anderen zieht. Sie ist also eine wahrhaft schöpferische
Kraft. Das ist selbst philosophisch nicht schwer nachzuweisen. Sooft die
Kühnheit auf die Zaghaftigkeit trifft, hat sie notwendig die
Wahrscheinlichkeit des Erfolgs für sich, weil Zaghaftigkeit schon ein
verlorenes Gleichgewicht ist. Nur wo sie auf besonnene Vorsicht trifft,
die, man möchte sagen, ebenso kühn, in jedem Falle ebenso stark und
kräftig ist als sie selbst, muß sie im Nachteil sein. Das sind aber die
seltenen Fälle. In der ganzen Schar der Vorsichtigen gibt es eine
ansehnliche Mehrheit, die es aus Furchtsamkeit ist.

       *       *       *       *       *

Solange eine Truppe voll guten Muts mit Lustigkeit und Leichtigkeit
kämpft, ist für den Feldherrn selten Veranlassung da, große Willenskraft
in der Verfolgung seiner Zwecke zu zeigen. Sowie aber die Umstände
schwierig werden, und das kann, wo Außerordentliches geleistet werden
soll, nie ausbleiben, so geht die Sache nicht mehr von selbst wie mit
einer gut eingeölten Maschine, sondern die Maschine selbst fängt an,
Widerstand zu leisten, und diesen zu überwinden, dazu gehört die große
Willenskraft des Führers.

       *       *       *       *       *

Kriegsgewohnheit kann kein Feldherr seinem Heere geben, und schwach ist
der Ersatz, den Friedensübungen gewähren, schwach im Vergleich mit der
wirklichen Kriegserfahrung, aber nicht im Vergleich mit einem Heere, bei
dem auch diese Übungen nur auf mechanische Kunstfertigkeiten gerichtet
sind. Die Übungen des Friedens so einzurichten, daß ein Teil jener
Friktionsgegenstände darin vorkomme, daß das Urteil, die Umsicht, selbst
die Entschlossenheit der einzelnen Führer geübt werde, dies ist von viel
größerem Wert, als die glauben, die den Gegenstand nicht aus Erfahrung
kennen. Es ist unendlich wichtig, daß der Soldat, hoch oder niedrig, auf
welcher Stufe er auch stehe, diejenigen Erscheinungen des Krieges, die
ihn beim erstenmal in Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst
im Kriege zum erstenmal sieht. Sind sie ihm früher nur ein einziges Mal
vorgekommen, so ist er schon halb damit vertraut. Das bezieht sich
selbst auf körperliche Anstrengungen. Sie müssen geübt werden, weniger,
daß sich die Natur, als daß sich der Verstand daran gewöhne. Im Kriege
ist der neue Soldat sehr geneigt, ungewöhnliche Anstrengungen für Folgen
großer Fehler, Irrungen und Verlegenheiten in der Führung des Ganzen zu
halten und dadurch doppelt niedergedrückt zu werden. Dies wird nicht
geschehen, wenn er bei Friedensübungen darauf vorbereitet wird.

Ein anderes, weniger umfassendes, aber doch höchst wichtiges Mittel, die
Kriegsgewohnheit im Frieden zu gewinnen, ist das Heranziehen
kriegserfahrener Offiziere anderer Heere. Selten ist in Europa überall
Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus. Ein
Staat, der lange im Frieden ist, sollte also stets suchen, von diesen
Kriegsschauplätzen sich einzelne Offiziere, aber freilich nur solche,
die gut gedient haben, zu verschaffen, oder von den seinigen einige
dahin zu schicken, damit sie den Krieg kennen lernen.

Wie gering auch die Anzahl solcher Offiziere zur Masse eines Heeres
erscheinen möge, so ist doch ihr Einfluß sehr fühlbar. Ihre Erfahrungen,
die Richtung ihres Geistes, die Ausbildung des Charakters wirken auf
ihre Untergebenen und Kameraden.

       *       *       *       *       *

Nicht immer bringt es ein gewöhnlicher Mensch im Gefecht bis zur
völligen Unbefangenheit und zur natürlichen Elastizität der Seele, und
so mag man denn erkennen, daß mit Gewöhnlichem hier wieder nicht
auszureichen ist, was um so wahrer wird, je größer der Wirkungskreis
ist, der angeführt werden soll. Enthusiastische, stoische, angeborene
Bravour, gebieterischer Ehrgeiz, auch lange Bekanntschaft mit der
Gefahr, viel von alledem muß da sein, wenn nicht alle Wirkung in diesem
erschwerenden Mittel hinter dem Maß zurückbleiben soll, das auf dem
Zimmer als ein gewöhnliches erscheinen mag.

       *       *       *       *       *

Wie sorgfältig man sich auch den Bürger neben dem Krieger in einem und
demselben Individuum ausgebildet denken, wie sehr man sich die Kriege
nationalisieren, und wie weit man sie sich in eine Richtung hinausdenken
möge, entgegengesetzt derjenigen der ehemaligen Condottieri: niemals
wird man die Individualität des Geschäftsganges aufheben können, und
wenn man das nicht kann, so werden auch immer diejenigen, die es
treiben, und solange sie es treiben, sich als eine Art von Innung
ansehen, in deren Ordnungen, Gesetzen und Gewohnheiten sich die Geister
des Krieges vorzugsweise fixieren. Und so wird es auch in der Tat sein.
Man würde also bei der entschiedensten Neigung, den Krieg vom höchsten
Standpunkt aus zu betrachten, sehr unrecht haben, den Innungsgeist mit
Geringschätzung anzusehen, der mehr oder weniger in einem Heer vorhanden
sein muß.

       *       *       *       *       *

Ein gewisser schwerer Ernst und strenge Dienstordnungen können die
kriegerische Tugend einer Truppe länger erhalten, aber sie erzeugen sie
nicht. Sie behalten darum immer ihren Wert, aber man soll sie nicht
überschätzen. Ordnung, Fertigkeit, guter Wille, auch ein gewisser Stolz
und eine vorzügliche Stimmung sind Eigenschaften eines im Frieden
erzogenen Heeres, die man schätzen muß, die aber keine Selbständigkeit
haben. Das Ganze hält das Ganze, und wie bei dem zu schnell erkalteten
Glase zerbröckelt ein einziger Riß die ganze Masse. Besonders verwandelt
sich die beste Stimmung von der Welt beim ersten Unfall nur zu leicht in
Kleinmut und, man möchte sagen, in eine Art von Großsprecherei der
Angst: das französische _sauve qui peut_. Man hüte sich, Geist des
Heeres und Stimmung im Heere zu verwechseln!

       *       *       *       *       *

Ein Heer, das im zerstörendsten Feuer seine gewohnten Ordnungen behält,
das niemals von einer eingebildeten Furcht geschreckt wird und der
begründeten den Raum Fuß für Fuß streitig macht, das, stolz im Gefühl
seiner Siege, auch mitten im Verderben der Niederlage die Kraft zum
Gehorsam nicht verliert, nicht die Achtung und das Zutrauen zu seinen
Führern, dessen körperliche Kräfte in der Übung von Entbehrung und
Anstrengung gestärkt sind wie die Muskeln eines Athleten, das diese
Anstrengungen ansieht als ein Mittel zum Siege, nicht als einen Fluch,
der auf seinen Fahnen ruht, und das an alle diese Pflichten und Tugenden
durch den kurzen Katechismus einer einzigen Vorstellung erinnert wird,
nämlich der Ehre seiner Waffen: ein solches Heer ist vom kriegerischen
Geiste durchdrungen.

       *       *       *       *       *

Wieviel Großes dieser Geist, diese Gediegenheit des Heeres, diese
Veredelung des Erzes zum strahlenden Metall schon geleistet, sehen wir
an den Makedoniern unter Alexander, den römischen Legionen unter Cäsar,
an der spanischen Infanterie unter Alexander Farnese, den Schweden unter
Gustav Adolf und Karl XII., den Preußen unter Friedrich dem Großen und
den Franzosen unter Bonaparte. Man müßte absichtlich die Augen
verschließen gegen alle historischen Beweise, wenn man nicht zugeben
wollte, daß die wunderbaren Erfolge dieser Feldherren und ihre Größe in
den schwierigsten Lagen nur bei einem so potenzierten Heere möglich
waren.

       *       *       *       *       *

Soll der Feldherr den beständigen Streit mit dem Unerwarteten glücklich
bestehen, so sind ihm zwei Eigenschaften unentbehrlich, einmal ein
Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige
Spuren des inneren Lichtes ist, die ihn zur Wahrheit führen, und dann
Mut, diesem schwachen Lichte zu folgen. Der erstere ist bildlich mit dem
französischen Ausdruck _coup d'oeil_ bezeichnet worden, der andere ist
die Entschlossenheit.

       *       *       *       *       *

Wir glauben, daß die Entschlossenheit einer eigentümlichen Richtung des
Verstandes ihr Dasein verdankt, und zwar einer, die mehr kräftigen als
glänzenden Köpfen angehört. Wir können diese Genealogie der
Entschlossenheit dadurch belegen, daß es eine große Anzahl von
Beispielen gibt, wo Männer, die in niederen Regionen die größte
Entschlossenheit gezeigt hatten, diese in den höheren verloren. Obgleich
sie das Bedürfnis haben, sich zu entschließen, so sehen sie doch die
Gefahren ein, die in einem falschen Entschluß liegen, und da sie mit den
Dingen, die ihnen vorliegen, nicht vertraut sind, so verliert ihr
Verstand seine ursprüngliche Kraft, und sie werden nur um so zaghafter,
je mehr sie die Gefahr der Unentschlossenheit, in die sie gebannt sind,
kennen, und je mehr sie gewohnt waren, frisch von der Faust weg zu
handeln.

       *       *       *       *       *

Bei dem _coup d'oeil_ und der Entschlossenheit liegt es uns ganz nahe,
von der damit verwandten Geistesgegenwart zu reden, die in einem Gebiete
des Unerwarteten, wie der Krieg es ist, eine große Rolle spielen muß;
denn sie ist ja nichts als eine gesteigerte Besiegung des Unerwarteten.
Man bewundert die Geistesgegenwart in einer treffenden Antwort auf eine
unerwartete Anrede, wie man sie bewundert in der schnell gefundenen
Aushilfe bei plötzlicher Gefahr. Beide, diese Antwort und diese
Aushilfe, brauchen nicht ungewöhnlich zu sein, wenn sie nur treffen;
denn was nach reiflicher und ruhiger Überlegung nichts Ungewöhnliches,
also in seinem Eindruck auf uns etwas Gleichgültiges wäre, kann als ein
schneller Akt des Verstandes Vergnügen machen. Der Ausdruck
Geistesgegenwart bezeichnet gewiß sehr passend die Nähe und
Schnelligkeit der vom Verstande dargereichten Hilfe.

       *       *       *       *       *

Man ist gewöhnt, sich den einfachen, tüchtigen Soldaten als Gegensatz zu
denken zu den überlegsamen oder an Erfindungen und guten Einfällen
reichen Köpfen und den im Bildungsschmuck aller Art glänzenden Geistern.
Nun ist dieser Gegensatz keineswegs ohne wirklichen Rückhalt, aber er
beweist nur nicht, daß die Tüchtigkeit des Soldaten bloß in seinem Mute
bestehe, und daß es nicht auch einer gewissen eigentümlichen Tätigkeit
und Tüchtigkeit des Kopfes bedarf, um nur das zu sein, was man einen
guten Degen nennt. Wir müssen immer wieder darauf zurückkommen, daß
nichts gewöhnlicher ist als das Beispiel von Männern, die ihre
Tüchtigkeit verlieren, sobald sie zu höheren Stellen gelangen, denen
ihre Einsichten nicht mehr gewachsen sind. Wir müssen aber auch immer
wieder daran erinnern, daß wir von *vorzüglichen* Leistungen reden, von
solchen, die Ruf in der Art von Tätigkeit geben, der sie angehören. Es
bildet daher jede Stufe des Befehls im Kriege ihre eigene Schicht von
erforderlichen Geisteskräften, von Ruhm und Ehre.

Eine sehr große Kluft liegt zwischen einem Feldherrn, d. h. einem
entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters
stehenden General und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem
einfachen Grunde, weil dieser einer viel näheren Leitung und Aufsicht
unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit einen viel
kleineren Kreis bietet. Dies hat denn veranlaßt, daß die gewöhnliche
Meinung eine ausgezeichnete Verstandestätigkeit nur in jener höchsten
Stelle sieht und bis dahin den gemeinen Verstand für ausreichend
erachtet. Ja, man ist nicht abgeneigt, in einem unter den Waffen
ergrauten Unterfeldherrn, den seine einseitige Tätigkeit zu einer
unverkennbaren Geistesarmut geführt hat, eine gewisse Verdummung zu
erblicken, und bei aller Verehrung für seinen Mut über seine Einfalt zu
lächeln. Es ist nicht unser Vorsatz, diesen braven Leuten ein besseres
Los zu erkämpfen. Dies würde nichts zu ihrer Wirksamkeit und wenig zu
ihrem Glück beitragen, sondern wir wollen nur die Sachen zeigen, wie sie
sind, und vor dem Irrtum warnen, daß im Kriege ein bloßer Bravo ohne
Verstand Vorzügliches leisten könne.

Wenn wir schon in den niedrigsten Führerstellen für den, der
ausgezeichnet sein soll, auch ausgezeichnete Geisteskräfte fordern und
diese mit jeder Stufe steigern, so folgt daraus von selbst, daß wir eine
ganz andere Ansicht von den Leuten haben, die die zweiten Stellen in
einem Heere mit Ruhm bekleiden; und ihre scheinbare Einfalt neben dem
Polyhistor, dem federtätigen Geschäftsmann, dem konferierenden
Staatsmann soll uns nicht irre machen an der ausgezeichneten Natur
ihres werktätigen Verstandes. Freilich geschieht es zuweilen, daß Männer
den Ruhm, den sie sich in niederen Stellen erworben haben, in die
höheren mit hinüberbringen, ohne ihn dort wirklich zu verdienen. Werden
sie nun in diesen nicht viel gebraucht, kommen sie also nicht in die
Gefahr, sich Blößen zu geben, so unterscheidet das Urteil nicht so
genau, welche Art von Ruf ihnen zukommt; und so tragen solche Männer oft
dazu bei, daß man einen geringeren Begriff von der Persönlichkeit faßt,
die in gewissen Stellen noch zu glänzen vermag.

       *       *       *       *       *

Die ausgezeichneten Feldherren sind niemals aus der Klasse der
vielwissenden oder gar gelehrten Offiziere hervorgegangen. Meistens
konnten sie ihrer ganzen Lage nach auf keine große Summe des Wissens
eingerichtet sein. Darum sind auch die immer als lächerliche Pedanten
verspottet worden, die es für die Erziehung eines künftigen Feldherrn
nötig oder auch nur nützlich halten, mit der Erkenntnis aller Details
anzufangen. Es läßt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden
wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse
und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das
Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ganz Fremdes
ganz von sich stößt.

       *       *       *       *       *

Je höher wir in den Führerstellen hinaufsteigen, um so mehr wird Geist,
Verstand und Einsicht in der Tätigkeit vorherrschend, um so mehr wird
also die Kühnheit, die eine Eigenschaft des Gemüts ist, zurückgedrängt,
und darum finden wir sie in den höchsten Stellen so selten, aber um so
bewunderungswürdiger ist sie auch dann. Eine durch vorherrschenden Geist
geleitete Kühnheit ist der Stempel des Helden. Diese Kühnheit besteht
nicht im Wagen gegen die Natur der Dinge, in einer plumpen Verletzung
des Wahrscheinlichkeitsgesetzes, sondern in der kräftigen Unterstützung
jenes höheren Kalküls, den das Genie, der Takt des Urteils in
Blitzesschnelle und nur halb bewußt durchlaufen hat, wenn er seine Wahl
trifft. Je mehr die Kühnheit den Geist und die Einsicht beflügelt, um so
weiter reichen diese mit ihrem Flug, um so umfassender wird der Blick,
um so richtiger das Resultat. Aber freilich immer nur in dem Sinne, daß
mit den größeren Zwecken auch die größeren Gefahren verbunden bleiben.
Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen
zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem
Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen
Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich
ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so
verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß
anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer
aushelfen kann.

       *       *       *       *       *

Es ist eine sehr hervorstechende Eigentümlichkeit großer Feldherren, im
Unglück und in der Bedrängnis so wenig als möglich aufzugeben, sich und
dem Glücke zu vertrauen und es darauf ankommen zu lassen, ob bessere
Zeiten ohne große Verluste zu erreichen sind. Gelingt es, so sind wir
geneigt, jedesmal alles für sichere Rechnung und klares Bewußtsein zu
halten, was erst bloß dunkles Wagen war.

Je hervorstechender diese Eigentümlichkeit ist und je mehr wir die
innere Zuversicht bewundern, auf die alles gegründet gewesen zu sein
scheint, um so geneigter ist man, dieses hartnäckige Verweilen auf einer
Station der Laufbahn als eine notwendige Bedingung, als ein unfehlbares
Zeichen der Größe im Unglück zu betrachten. Hätte Napoleon im Jahre 1812
im Oktober jenseits Moskau durch irgendeinen Ministerwechsel in
Petersburg noch einen vorteilhaften Frieden erhalten, so spräche man mit
der höchsten Bewunderung von der Ausdauer, die man jetzt für eine Art
Raserei ansieht.

Daß sich unser Urteil so sehr nach dem Erfolge richtet, ist nichts
weniger als unvernünftig, denn in den meisten Fällen bleibt uns doch
nicht viel anderes übrig. Der Erfolg einer Unternehmung ist
gewissermaßen die Rechenprobe, und es ist sehr natürlich, daß man sich
an sie hält.

Dieser natürlichen, instinktartigen Richtung entgegen sieht man oft, daß
sich eine dünkelvolle Kritik darin gefällt: in den bestgelungensten
Unternehmungen gerade die größten Fehler zu entdecken. In den meisten
Fällen sind diese Urteile wirklich nicht viel besser, als wenn ein Arzt
behaupten wollte, ein Kranker, dem er das Leben abgesprochen, lebe zu
Unrecht weiter.

       *       *       *       *       *

Wer sich in einem Elemente bewegen will, wie der Krieg es ist, darf
durchaus aus seinen Büchern nichts mitbringen als die Erziehung seines
Geistes. Bringt er fertige Ideen mit, die ihm nicht der Stoß des
Augenblicks eingegeben, die er nicht aus seinem eigenen Fleisch und Blut
erzeugt hat, so wirft ihm der Strom der Begebenheiten sein Gebäude
nieder, ehe es fertig ist. Es wird den anderen, den Naturmenschen,
niemals verständlich sein und wird gerade unter den ausgezeichnetsten
von ihnen, die selbst wissen, was sie wollen, das wenigste Vertrauen
genießen.

       *       *       *       *       *

Der vollkommenste Generalstab mit den richtigsten Ansichten und
Grundsätzen reicht nicht hin, die ausgezeichnete Führung einer Armee zu
bedingen, wenn die Seele eines großen Feldherrn fehlt. Die einer großen
Feldherrnnatur angeborene Richtung des Blickes und des Willens aber ist
auch da ein vortreffliches Korrektiv gegen die sich in ihre eigenen
Pläne verwickelnde Generalstabsgelehrsamkeit, wo sie dieser übrigens als
Instrument nicht entbehren kann.

       *       *       *       *       *

Da der Krieg kein reines Produkt notwendiger Beziehungen von Zweck und
Mittel ist, sondern immer etwas von der Natur des Glückspiels behält, so
kann auch die Kriegführung jenes Elements durchaus nicht entbehren, und
der Feldherr, der zu wenig Neigung zu diesem Spiel hat, wird, ohne es zu
ahnen, hinter der Linie zurückbleiben und im großen Kontobuche der
kriegerischen Erfolge in eine tiefere Schuld geraten, als er denkt.

       *       *       *       *       *

Der Führer im Kriege muß das Werk seiner Tätigkeit einem mitwirkenden
Raume übergeben, den seine Augen nicht überblicken, den der regste Eifer
nicht immer erforschen kann, und mit dem er bei dem beständigen Wechsel
auch selten in eigentliche Bekanntschaft kommt. Diese höchst
eigentümliche Schwierigkeit muß er durch eine eigentümliche
Geistesanlage besiegen, die, mit einem zu beschränkten Ausdruck, der
Ortssinn genannt wird. Es ist das Vermögen, sich von jeder Gegend
schnell eine richtige geometrische Vorstellung zu machen und als Folge
davon sich in ihr jedesmal leicht zurechtzufinden. Offenbar ist dies ein
Akt der Phantasie. Zwar geschieht das Auffassen dabei teils durch das
körperliche Auge, teils durch den Verstand, der mit seinen aus
Wissenschaft und Erfahrung geschöpften Einsichten das Fehlende ergänzt
und aus den Bruchstücken des körperlichen Blicks ein Ganzes macht. Aber
daß dies Ganze nun lebhaft vor die Seele trete, ein Bild, eine innerlich
gezeichnete Karte werde, daß dies Bild bleibend sei, die einzelnen Züge
nicht immer wieder auseinanderfallen, das vermag nur die Geisteskraft zu
bewirken, die wir Phantasie nennen.

       *       *       *       *       *

Es ist natürlich, daß auch die Anwendungen dieses Talents sich nach
obenhin erweitern. Müssen sich Husar und Jäger auf einer Patrouille in
Weg und Steg leicht zurechtfinden, und bedarf es dafür immer nur weniger
Kennzeichen, einer beschränkten Auffassungs- und Vorstellungsgabe, so
muß der Feldherr sich bis zu den allgemeinen geographischen Gegenständen
einer Provinz und eines Landes erheben, den Zug der Straßen, Ströme und
Gebirge immer lebhaft vor Augen haben, ohne darum den beschränkten
Ortssinn entbehren zu können. Zwar sind ihm für die allgemeinen
Gegenstände Nachrichten aller Art, Karten, Bücher, Memoiren, und für die
Einzelheiten der Beistand seiner Umgebungen eine große Hilfe, aber gewiß
ist es dennoch, daß ein großes Talent in schneller und klarer Auffassung
der Gegend seinem ganzen Handeln einen leichteren und festeren Schritt
verleiht, ihn vor einer gewissen inneren Unbeholfenheit schützt und
weniger abhängig von andern macht.

       *       *       *       *       *

Die sehr große Masse von Kenntnissen und Fertigkeiten, die der
kriegerischen Tätigkeit im allgemeinen dienen, und die nötig werden, ehe
ein ausgerüstetes Heer ins Feld rücken kann, drängen sich in wenige
große Resultate zusammen, ehe sie dazu kommen, im Kriege den endlichen
Zweck ihrer Tätigkeit zu erreichen, so wie die Gewässer des Landes sich
in Ströme vereinigen, ehe sie ins Meer kommen. Nur diese sich
unmittelbar ins Meer des Krieges ergießenden Tätigkeiten hat der kennen
zu lernen, der sie leiten will.

       *       *       *       *       *

Der Feldherr braucht weder ein gelehrter Geschichtsforscher, noch
Publizist zu sein, aber er muß mit dem höheren Staatsleben vertraut
sein, die eingewohnten Richtungen, die aufgeregten Interessen, die
vorliegenden Fragen, die handelnden Personen kennen und richtig ansehen.
Er braucht kein feiner Menschenbeobachter, kein haarscharfer
Zergliederer des menschlichen Charakters zu sein, aber er muß den
Charakter, die Denkungsart und Sitte, die eigentümlichen Fehler und
Vorzüge derer kennen, denen er befehlen soll. Er braucht nichts von der
Einrichtung eines Fuhrwerks, der Anspannung der Pferde eines Geschützes
zu verstehen, aber er muß den Marsch einer Kolonne seiner Dauer nach
unter den verschiedenen Umständen richtig zu schätzen wissen. Alle diese
Kenntnisse lassen sich nicht durch den Apparat wissenschaftlicher
Formeln und Maschinerien erzwingen, sondern sie erwerben sich nur, wenn
in der Betrachtung der Dinge und im Leben ein treffendes Urteil, wenn
ein nach dieser Auffassung hin gerichtetes Talent tätig ist.

       *       *       *       *       *

Das einer hochgestellten kriegerischen Tätigkeit nötige Wissen zeichnet
sich durchaus aus, daß es in der Betrachtung, also im Studium und
Nachdenken, nur durch ein eigentümliches Talent erworben werden kann,
das, wie die Biene den Honig aus der Blume, als ein geistiger Instinkt
aus den Erscheinungen des Lebens nur den Geist zu ziehen versteht, und
daß es neben Betrachtung und Studium auch durch das Leben zu erwerben
ist. Das Leben mit seiner reichen Belehrung wird niemals einen Newton
oder Euler hervorbringen, wohl aber den höheren Kalkül eines Condé oder
Friedrichs des Großen.

       *       *       *       *       *

Irgendein großes Gefühl muß die großen Kräfte des Feldherrn beleben, sei
es der Ehrgeiz wie in Cäsar, der Haß des Feindes wie in Hannibal, der
Stolz eines glorreichen Unterganges wie in Friedrich dem Großen.



Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege. Ungewißheit
der Nachrichten


Der Kriegsplan faßt den ganzen kriegerischen Akt zusammen. Durch ihn
wird er zur einzelnen Handlung, die einen letzten endlichen Zweck haben
muß, in dem sich alle besonderen Zwecke ausgeglichen haben. Man fängt
keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne
sich zu sagen, was man mit und was man in ihm erreichen will. Das
erstere ist der Zweck, das andere das Ziel. Durch diesen Hauptgedanken
werden alle Richtungen gegeben, der Umfang der Mittel, das Maß der
Energie bestimmt. Er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten Glieder
der Handlung hinab.

       *       *       *       *       *

Zwei Hauptgrundsätze umfassen den ganzen Kriegsplan und dienen allen
übrigen zur Richtung.

Der erste ist: das Gewicht der feindlichen Macht auf so wenige
Schwerpunkte als möglich zurückzuführen, wenn es sein kann, auf einen;
wiederum den Stoß gegen diese Schwerpunkte auf so wenige Haupthandlungen
als möglich zu beschränken, wenn es sein kann, auf eine; endlich alle
untergeordneten Handlungen so untergeordnet als möglich zu halten. Mit
einem Wort, der erste Grundsatz ist: so konzentriert als möglich zu
handeln.

Der zweite Grundsatz lautet: so schnell als möglich zu handeln, also
keinen Aufenthalt und keinen Umweg ohne hinreichenden Grund stattfinden
zu lassen.

       *       *       *       *       *

Jeder Plan zu einem Feldzuge ist die Auswahl *eines* Weges unter tausend
denkbaren. Je größer die kriegführenden Staaten sind und die Massen, die
sie in Bewegung setzen, um so größer ist die Zahl der möglichen
Kombinationen, und es ist ganz unmöglich, alle zu erschöpfen. Darum
bleibt man auch mehr oder weniger immer dabei stehen, *einen* fertigen
Plan hinzustellen und es dem Takt des Urteils zu überlassen, das
Treffende wie das Fehlerhafte daran herauszufühlen. Einem geraden, d. h.
unverdrehten Verstande wird die Wahrheit und das Richtige ohne weitere
Entwickelung der Gründe schon in der bloßen Aufstellung im Augenblicke
klar. Ein solcher Verstand hat für die Wahrheit eine Art musikalisches
Gefühl, das unreine Verhältnisse wie Mißtöne leicht unterscheidet.

       *       *       *       *       *

Besonders zu berücksichtigen beim Eindringen in ein Land ist die
Hauptstadt. Jede Hauptstadt hat ein großes strategisches Gewicht, die
eine mehr als die andre: diejenige mehr, die den Begriff der Hauptstadt
stärker in sich vereinigt, und *die* am meisten, die der Knoten
politischer Parteiungen ist. Letzteres ist der Fall mit Paris.

       *       *       *       *       *

Der Schwerpunkt des französischen Reiches liegt in seiner Kriegsmacht
und in Paris. Jene in einer Hauptschlacht besiegen, Paris erobern, die
Überreste des feindlichen Heeres über die Loire zurückwerfen, muß unser
Ziel sein. Die Herzgrube Frankreichs liegt zwischen Paris und Brüssel.
Dort ist die Grenze von der Hauptstadt nur dreißig Meilen entfernt.

       *       *       *       *       *

Auch als Nebenunternehmung ist ein Angriff auf das südliche Frankreich
verwerflich, denn er weckt nur neue Kräfte gegen uns. Jedesmal, wenn man
eine entfernte Provinz angreift, rührt man Interessen und Tätigkeiten
auf, die sonst geschlummert hätten.

       *       *       *       *       *

Die Theorie fordert die kürzesten Wege zum Ziel und schließt die
Erörterung über rechts und links, hierhin oder dorthin, von der
Betrachtung ganz aus. Napoleon hat niemals anders gehandelt. Die
*nächste* Hauptstraße von Heer zu Heer oder von Hauptstadt zu Hauptstadt
war ihm immer der *liebste* Weg.

       *       *       *       *       *

Es war einer der allerbesten Grundsätze des Meisters (Bonaparte) in den
Feldzügen von 1796 und 1797: sich auf den untergeordneten Punkten mit so
wenig Truppen als möglich zu behelfen, um auf dem Hauptpunkte recht
stark zu sein.

       *       *       *       *       *

Die _Centra gravitatis_ in der feindlichen Kriegsmacht zu unterscheiden,
ihre Wirkungsweise zu erkennen, ist ein Hauptakt des strategischen
Urteils. Man wird sich nämlich jedesmal fragen müssen, welche Wirkungen
das Vorgehen und Zurückgehen des einen Teils der gegenseitigen
Streitkräfte auf die übrigen hervorbringen wird.

       *       *       *       *       *

Wenn wir die neueste Kriegsgeschichte ohne Vorurteil betrachten, so
müssen wir uns gestehen, daß die Überlegenheit in der Zahl mit jedem Tag
entscheidender wird. Wir müssen also den Grundsatz, möglichst stark im
entscheidenden Gefecht zu sein, allerdings jetzt etwas höher stellen,
als er vielleicht ehemals gestellt worden ist.

Mut und Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte
gesteigert und werden es auch ferner tun. Aber wir finden in der
Geschichte Zeiten, wo eine große Überlegenheit in der Einrichtung und
Ausrüstung der Heere, andere, wo eine solche Überlegenheit in der
Beweglichkeit ein bedeutendes moralisches Übergewicht gab.

       *       *       *       *       *

Die Heere sind in unseren Tagen einander an Bewaffnung, Ausrüstung und
Übung so ähnlich, daß zwischen den besten und den schlechtesten kein
sehr merklicher Unterschied in diesen Dingen besteht. Die einen sind die
Erfinder und Anführer in den besseren Einrichtungen, und die anderen
die schnell folgenden Nachahmer. Selbst die Unterfeldherren, die Führer
der Korps und Divisionen, haben überall, was ihr Handwerk betrifft,
ziemlich dieselben Ansichten und Methoden, so daß außer dem Talent des
obersten Feldherrn, das schwerlich in einem konstanten Verhältnis zu der
Bildung des Volkes und Heeres zu denken, sondern ganz dem Zufall
überlassen ist, nur noch die Kriegsgewohnheit ein merkliches Übergewicht
geben kann. Je mehr das Gleichgewicht in allen jenen Dingen besteht, um
so entscheidender wird das Machtverhältnis.

       *       *       *       *       *

Die absolute Stärke ist in der Strategie meist ein Gegebenes, an dem der
Feldherr nichts mehr ändern kann. Hieraus kann aber nicht gefolgert
werden, daß der Krieg mit einem merklich schwächeren Heer unmöglich sei.
Der Krieg ist nicht immer ein freier Entschluß der Politik, und am
wenigsten ist er es da, wo die Kräfte sehr ungleich sind. Folglich läßt
sich jedes Machtverhältnis im Kriege denken, und es wäre eine sonderbare
Kriegstheorie, die sich da ganz lossagen wollte, wo sie am meisten
gebraucht wird.

       *       *       *       *       *

Das sukzessive Heranziehen der Kräfte zu nachhaltigen wiederholten
Stößen, das in der Taktik eine so unendlich wichtige Sache ist, ist in
der Strategie ganz gegen die Natur der Dinge. Es ist einer der
Hauptgrundsätze der Strategie, *alle* vorhandenen Streitkräfte
*gleichzeitig* in den Kampf zu führen, oder, im Falle sie nicht alle
gebraucht werden, so viel als zur Sicherung des Erfolgs notwendig sind.
Nur das, was zum Augenblicke, da das Handeln eintreten *muß*, durchaus
nicht beschafft werden *kann*, nur das darf zur Reserve und zum
nachhaltigen Gebrauch verwendet werden.

       *       *       *       *       *

Theoretisch klingt es ganz gut: Der Bataillonskommandeur ist
verantwortlich für die Ausführung des gegebenen Befehls, und da das
Bataillon durch die Disziplin zu einem Stück zusammengeschweißt ist,
sein Führer aber ein Mann von anerkanntem Eifer sein muß, so dreht sich
der Balken um einen eisernen Zapfen mit wenig Friktion. So ist es aber
in Wirklichkeit nicht. Das Bataillon bleibt immer aus einer Anzahl
Menschen zusammengesetzt, von denen, wenn es der Zufall will, der
unbedeutendste imstande ist, einen Aufenthalt oder sonst eine
Unregelmäßigkeit zu bewirken.

Diese entsetzliche Friktion, die sich nicht wie in der Mechanik auf
wenige Punkte konzentrieren läßt, ist überall im Kontakt mit dem Zufall
und bringt Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen,
eben weil sie zum großen Teil dem Zufall angehören.

       *       *       *       *       *

Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist
widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte
einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen. Was man hier vom Offizier
fordern kann, ist ein gewisses Unterscheiden, das nur Sach- und
Menschenkenntnis und Urteil geben können. Das Gesetz des
Wahrscheinlichen muß ihn leiten. Diese Schwierigkeit ist nicht
unbedeutend bei den ersten Entwürfen, die auf dem Zimmer und noch
außerhalb der eigentlichen Kriegssphäre gemacht werden, aber unendlich
größer ist sie da, wo im Getümmel des Krieges selbst eine Nachricht die
andere drängt. Die meisten Nachrichten sind falsch, und die
Furchtsamkeit der Menschen vermehrt die Kraft der Lüge und Unwahrheit.
In der Regel ist jeder geneigt, das Schlimme eher zu glauben als das
Gute. Jeder ist geneigt, das Schlimme etwas zu vergrößern, und die
Gefährlichkeiten, die auf diese Weise berichtet werden, obgleich sie wie
die Wellen des Meeres in sich selbst zusammensinken, kehren doch wie
jene ohne sichtbare Veranlassung immer von neuem zurück. Fest im
Vertrauen auf sein besseres inneres Wissen muß der Führer dastehen wie
der Fels, an dem sich die Welle bricht. Die Rolle ist nicht leicht. Wer
nicht von Natur mit leichtem Blute begabt oder durch kriegerische
Erfahrungen geübt und im Urteil gestärkt ist, mag es sich eine Regel
sein lassen, sich gewaltsam, d. h. gegen das innere Niveau seiner
eigenen Überzeugung, von der Seite der Befürchtungen ab auf die Seite
der Hoffnungen hinzuneigen. Er wird nur dadurch das wahre Gleichgewicht
erhalten können. Diese Schwierigkeit, richtig zu sehen, die eine der
allergrößten Friktionen im Kriege ausmacht, läßt die Dinge ganz anders
erscheinen, als man sie gedacht hat. Der Eindruck der Sinne ist stärker
als die Vorstellungen des überlegenden Kalküls, und dies geht so weit,
daß wohl noch nie eine einigermaßen wichtige Unternehmung ausgeführt
worden ist, wo der Befehlshaber nicht in den ersten Momenten der
Ausführung neue Zweifel bei sich zu besiegen gehabt hätte. Gewöhnliche
Menschen, die fremden Eingebungen folgen, werden daher meistens an Ort
und Stelle unschlüssig; sie glauben die Umstände anders gefunden zu
haben, als sie solche vorausgesetzt hatten, und zwar um so mehr, da sie
auch hier sich wieder fremden Eingebungen überlassen. Aber auch der, der
selbst entwarf und jetzt mit eigenen Augen sieht, wird leicht an seiner
vorigen Meinung irre. Festes Vertrauen zu sich selbst muß ihn gegen den
scheinbaren Drang des Augenblicks waffnen. Seine frühere Überzeugung
wird sich bei der Entwicklung bewähren, wenn die vorderen Kulissen, die
das Schicksal in die Kriegsszenen einschiebt, mit ihren dick
aufgetragenen Gestalten der Gefahr weggezogen, und der Horizont
erweitert ist. Dies ist eine der großen Klüfte zwischen Entwerfen und
Ausführen.



Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg


Das Heer gleicht einem Baume. Aus dem Boden, auf dem er wächst, zieht er
seine Lebenskräfte. Ist er klein, so kann er leicht verpflanzt werden;
dies wird aber schwieriger, je größer er wird. Ein kleiner Haufe hat
auch seine Lebenskanäle, aber er schlägt leicht Wurzeln, wo er sich
befindet; nicht so ein zahlreiches Heer. Wenn also von dem Einfluß der
Basis auf die Unternehmungen die Rede ist, so muß allen Vorstellungen
immer der Maßstab zugrunde liegen, den die Größe des Heeres bedingt.

       *       *       *       *       *

Stets hat *die Schweiz* ängstliche Neutralität beobachtet. Seit
Jahrhunderten ist sie allen europäischen Händeln fremd geblieben. Es
gehört also ein viel größerer Übermut, eine entschiedene Geringschätzung
aller alten Verhältnisse dazu, sich zu einem Einbruche in die Schweiz zu
entschließen, als zur Überwältigung anderer Staaten, obgleich die
Schweiz einen hohen Wert als Angriffsstation hat, weil man durch ihren
Besitz imstande ist, das Innere Frankreichs mit einer Invasion zu
bedrohen, ohne vor den französischen Festungen stehen bleiben zu müssen.

       *       *       *       *       *

Wenn ein Heer zu einer Unternehmung vorschreitet, sei es, um den Feind
und sein Kriegstheater anzugreifen oder sich an den Grenzen des eigenen
aufzustellen, so bleibt es von den Quellen seiner Verpflegung und
Ergänzung in einer notwendigen Abhängigkeit und muß die Verbindung mit
ihnen unterhalten, denn sie sind die Bedingungen seines Daseins und
Bestehens. Diese Abhängigkeit wächst intensiv und extensiv mit der Größe
des Heeres. Nun ist es aber weder immer möglich noch erforderlich, daß
das Heer mit dem ganzen Lande in unmittelbarer Verbindung bleibt,
sondern nur mit dem Stück, das sich gerade hinter ihm befindet und
folglich durch seine Stellung gedeckt ist. In diesem Teile des Landes
werden dann, soweit es nötig ist, besondere Anlagen von Vorräten gemacht
und Veranstaltungen zur regelmäßigen Fortschaffung der Ergänzungskräfte
getroffen. Dieses Stück des Landes ist also die Grundlage des Heeres und
aller seiner Unternehmungen; es muß als ein Ganzes mit demselben
betrachtet werden. Sind die Vorräte zu ihrer größeren Sicherheit in
befestigten Orten angelegt, so wird der Begriff einer Basis dadurch
verstärkt, aber er entsteht nicht erst dadurch, denn in einer Menge von
Fällen findet dies nicht statt.

Aber auch ein Stück des feindlichen Landes kann die Grundlage eines
Heeres bilden, oder wenigstens mit dazu gehören. Denn wenn ein Heer im
feindlichen Lande vorgerückt ist, werden eine Menge Bedürfnisse aus dem
eingenommenen Teile gezogen. Die Bedingung ist in diesem Fall, daß man
wirklich Herr dieses Landstrichs, d. h. der Befolgung der Anordnungen
gewiß ist.

       *       *       *       *       *

Die Bedürfnisse eines Heeres muß man in zwei Klassen teilen, nämlich
die, die jede angebaute Gegend gibt, und andere, die es nur aus den
Quellen seiner Entstehung ziehen kann. Die ersten sind hauptsächlich
Unterhalts- und die zweiten Ergänzungsmittel. Die ersteren kann auch das
feindliche Land, die letzteren in der Regel nur das eigene liefern, z. B.
Menschen, Waffen und meistens auch Munition.

       *       *       *       *       *

Sind einmal die Anstalten zur Ergänzung und Ernährung des Heeres in
einem gewissen Bezirk und für eine gewisse Richtung getroffen, so ist
selbst im eigenen Lande nur dieser Bezirk als die Basis des Heeres zu
betrachten, und da eine Veränderung hierin immer Zeit und Kraftaufwand
erfordert, so kann auch im eigenen Lande das Heer seine Basis nicht von
einem Tage zum andern verlegen, und darum ist es auch in der Richtung
seiner Unternehmungen immer mehr oder weniger beschränkt.

       *       *       *       *       *

Die Verpflegung der Truppen bietet, wie sie auch geschehen möge (durch
Magazine oder Beitreibungen), immer solche Schwierigkeiten, daß sie eine
sehr entscheidende Stimme bei der Wahl der Maßregeln hat. Sie ist oft
der wirksamsten Kombination entgegen und nötigt, der Nahrung
nachzugehen, wo man dem Siege, dem glänzenden Erfolge nachgehen möchte.
Durch sie vorzüglich bekommt die ganze Maschine die Schwerfälligkeit,
durch die ihre Wirkungen so weit hinter dem Fluge großer Entwürfe
zurückbleiben.

       *       *       *       *       *

Wo aus irgendeinem Grunde der Gang der Begebenheiten weniger reißend
ist, wo mehr ein gleichgewichtiges Schweben und Abwägen der Kräfte
stattfindet, da ist das Unterbringen der Truppen unter Dach und Fach ein
Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit des Feldherrn.

       *       *       *       *       *

Ohne in Bonaparte den leidenschaftlichen Spieler zu verkennen, der sich
oft in ein tolles Extrem wagte, kann man doch wohl sagen, daß er und die
ihm vorangegangenen Revolutionsfeldherren in Rücksicht auf die
Verpflegung ein mächtiges Vorurteil beiseite geschafft und gezeigt
haben, daß diese nie anders als unter dem Gesichtspunkt einer Bedingung,
also niemals als Zweck betrachtet werden müsse.

Übrigens verhält es sich mit der Entbehrung im Kriege wie mit der
körperlichen Anstrengung und der Gefahr. Die Forderungen, die der
Feldherr an sein Heer machen kann, sind durch keine bestimmten Linien
begrenzt. Ein starker Charakter fordert mehr als ein weichlicher
Gefühlsmensch. Auch die Leistungen des Heeres sind verschieden, je
nachdem Gewohnheit, kriegerischer Geist, Vertrauen und Liebe zum
Feldherrn oder Enthusiasmus für die Sache des Vaterlandes den Willen und
die Kräfte des Soldaten unterstützen. Aber das sollte man wohl als
Grundsatz aufstellen können, daß Entbehrung und Not, wie hoch sie auch
gesteigert werden mögen, immer nur als vorübergehende Zustände
betrachtet werden und daß sie zu reichlichem Unterhalt, ja wohl auch
einmal zum Überfluß führen müssen. Gibt es etwas Rührenderes als den
Gedanken an so viele tausend Soldaten, die, schlecht gekleidet, mit
einem Gepäck von dreißig bis vierzig Pfund belastet, sich auf tagelangen
Märschen in jedem Wetter und Wege mühsam fortschleppen, Gesundheit und
Leben unaufhörlich auf das Spiel setzen und sich dafür nicht einmal in
trockenem Brote sättigen können. Wenn man weiß, wie oft dies im Kriege
vorkommt, so begreift man in der Tat kaum, wie es nicht öfter zum
Versagen des Willens und der Kräfte führt, und wie eine bloße Richtung
der Vorstellungen im Menschen fähig ist, durch ihr nachhaltiges Wirken
solche Anstrengungen hervorzurufen und zu unterstützen.

Wer also dem Soldaten große Entbehrungen auferlegt, weil große Zwecke es
fordern, der wird, sei es aus Gefühl oder aus Klugheit, auch die
Entschädigung im Auge haben, die er ihm dafür zu andern Zeiten schuldig
ist.

       *       *       *       *       *

Über das Maß eines Marsches und die dazu erforderliche Zeit ist es
natürlich, sich an die allgemeinen Erfahrungssätze zu halten.

Für unsere neueren Heere steht es längst fest, daß ein Marsch von drei
Meilen (21 Kilometer) das gewöhnliche Tagewerk ist, das bei langen Zügen
sogar auf zwei Meilen (14 Kilometer) heruntergesetzt werden muß, um die
nötigen Rasttage einschalten zu können, die für die Herstellung alles
schadhaft Gewordenen bestimmt sind.

       *       *       *       *       *

Ein einzelner mäßiger Marsch nutzt das Instrument nicht ab, aber eine
Reihe von mäßigen tut es schon, und eine Reihe von schwierigen natürlich
viel mehr.

Auf der Kriegsbühne selbst sind Mangel an Verpflegung und Unterkommen,
schlechte, ausgefahrene Wege und die Notwendigkeit beständiger
Schlagfertigkeit die Ursachen der unverhältnismäßigen Kraftanstrengungen,
durch die Menschen, Vieh, Fuhrwerk und Bekleidung zugrunde gerichtet
werden.

       *       *       *       *       *

Man muß sich auf eine große Zerstörung seiner eigenen Kräfte gefaßt
machen, wenn man einen bewegungsreichen Krieg führen will, danach seinen
übrigen Plan errichten und vor allem die Verstärkungen, die nachrücken
sollen.

       *       *       *       *       *

Die Entfernung (eines Heeres) von der Quelle, aus der die unaufhörlich
sich schwächende Streitkraft ebenso unaufhörlich erzeugt werden muß,
nimmt mit dem Vorrücken zu. Eine erobernde Armee gleicht hierin dem
Licht einer Lampe. Je weiter sich das nährende Öl heruntersenkt, um so
kleiner wird die Flamme.

       *       *       *       *       *

Festungen sind ein eigentlicher Schild gegen den feindlichen Angriff,
dessen Strom sich an ihnen bricht wie an Eisblöcken.

       *       *       *       *       *

Ein Verteidigungsheer ohne Festungen hat hundert verwundbare Stellen. Es
ist ein Körper ohne Harnisch.

       *       *       *       *       *

Offenbar ist die Wirksamkeit einer Festung aus zwei verschiedenen
Elementen zusammengesetzt, dem passiven und dem aktiven. Durch das erste
schützt sie den Ort und alles, was in ihm enthalten ist; durch das
andere übt sie einen gewissen Einfluß auf die auch über ihre
Kanonenschußweite hinaus liegende Umgegend.

       *       *       *       *       *

Die Unternehmungen, die die Besatzung einer Festung sich erlauben darf,
sind immer ziemlich beschränkt. Selbst bei großen Festungen und starken
Besatzungen sind die Haufen, die dazu ausgesandt werden können, in
Beziehung auf die im Felde stehenden Streitkräfte meistens nicht
beträchtlich, und der Durchmesser ihres Wirkungskreises beträgt selten
über ein paar Märsche. Ist die Festung aber klein, so werden die Haufen
ganz unbedeutend, und ihr Wirkungskreis wird meist auf die nächsten
Dörfer beschränkt sein. Solche Korps aber, die nicht zur Besatzung
gehören, also nicht notwendig in die Festung zurückkehren müssen, sind
dadurch viel weniger gebunden, und so kann durch sie die aktive
Wirkungssphäre einer Festung, wenn die übrigen Umstände dazu günstig
sind, außerordentlich erweitert werden.

       *       *       *       *       *

Erzherzog Karl hat als erster aller Theoretiker den Satz ausgesprochen,
daß das Gebirge dem Verteidiger nachteilig sei, wobei wir hinzufügen:
insofern eine große Entscheidung gesucht wird oder zu befürchten ist.

       *       *       *       *       *

Mit der Hauptmacht ist das Gebirge womöglich zu vermeiden und seitwärts
liegen zu lassen oder vor oder hinter sich zu behalten. Im übrigen ist
das Gebirge im allgemeinen sowohl in der Taktik wie in der Strategie der
Verteidigung ungünstig. Es raubt die Übersicht und hindert die
Bewegungen nach allen Richtungen. Es zwingt zur Passivität.



Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. Sieg und Verfolgung


Der Mittel gibt es im Kriege nur ein einziges. Es ist der Kampf. Wie
mannigfaltig dieser auch gestaltet sei, wie weit er sich von der rohen
Entledigung des Hasses und der Feindschaft im Faustkampfe entfernen
möge, wie viel Dinge sich einschieben mögen, die nicht selbst Kampf
sind: immer liegt es im Begriff des Krieges, daß alle in ihm
erscheinenden Wirkungen ursprünglich vom Kampf ausgehen müssen.

       *       *       *       *       *

Es bezieht sich also alle kriegerische Tätigkeit notwendig auf das
Gefecht, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Soldat wird
ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er schläft, ißt, trinkt und
marschiert, alles nur, um an rechter Stelle und zu rechter Zeit zu
fechten.

Endigen somit im Gefecht alle Fäden kriegerischer Tätigkeit, so werden
wir sie auch alle auffassen, indem wir die Anordnung der Gefechte
bestimmen. Nur von dieser Anordnung und ihrer Vollziehung gehen die
Wirkungen aus, niemals unmittelbar von den ihnen vorhergehenden
Bedingungen. Nun ist im Gefecht alle Tätigkeit auf die Vernichtung des
Gegners oder vielmehr seiner Streitfähigkeit gerichtet, denn dies liegt
in seinem Begriff. Die Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist also
immer das Mittel, um den Zweck des Gefechts zu erreichen.

Dieser Zweck kann ebenfalls die bloße Vernichtung der feindlichen
Streitmacht sein, aber dies ist keineswegs notwendig, sondern es kann
auch etwas ganz anderes sein. Sobald nämlich das Niederwerfen des
Gegners nicht das einzige Mittel ist, den politischen Zweck zu
erreichen, sobald es andre Gegenstände gibt, die man als Ziel im Kriege
verfolgen kann: so folgt von selbst, daß diese Gegenstände der Zweck
einzelner kriegerischer Akte werden können, also auch der Zweck von
Gefechten.

       *       *       *       *       *

Wäre die Schlacht auch nicht das kräftigste, das gewöhnlichste und
wirksamste Mittel der Entscheidung, so würde es doch hinreichen, daß sie
überhaupt zu den Mitteln der Entscheidung gehört, um die stärkste
Vereinigung der Kräfte zu fordern, die die Umstände irgend gestatten.
Eine Hauptschlacht auf dem Kriegstheater ist der Stoß des Schwerpunktes
gegen den Schwerpunkt. Je mehr Kräfte man in dem einen oder andern
versammeln kann, um so sicherer und größer wird die Wirkung sein. Also
jede Teilung der Kräfte, die nicht durch einen Zweck hervorgerufen wird
(der entweder selbst durch eine glückliche Schlacht nicht erreicht
werden kann, oder der den glücklichen Ausgang der Schlacht selbst
bedingt), ist verwerflich.

       *       *       *       *       *

Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit; alles übrige ist
nur Träger. Gefecht ist Kampf, und in ihm ist die Vernichtung oder
Überwindung des Gegners der Zweck.

       *       *       *       *       *

Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner
Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere
Art, sei es ganz und gar, oder nur in einem solchen Maße, daß er den
Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, solange wir von allen
besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die gänzliche oder teilweise
Vernichtung des Gegners als den einzigen Zweck aller Gefechte
betrachten.

       *       *       *       *       *

Die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist überall
das Vorherrschende. Wir stellen also das Vernichtungsprinzip auf.
Indessen befinden wir uns in der Strategie und nicht in der Taktik und
dürfen also nicht von den Mitteln sprechen, die jene haben mag, mit
wenig Kraftaufwand viel feindliche Streitkräfte zu vernichten, sondern
müssen daran erinnern, daß wir unter unmittelbarer Vernichtung die
taktischen Erfolge verstehen. Unsere Behauptung lautet also, daß nur
große taktische Erfolge zu großen strategischen führen können, oder,
bestimmter ausgedrückt, daß die taktischen Erfolge von vorherrschender
Wichtigkeit in der Kriegführung sind.

       *       *       *       *       *

Die Frage, ob ein einfacher Stoß oder ein mehr zusammengesetzter,
kunstvoller größere Wirkung hervorbringt, mag unzweifelhaft für den
letzteren entschieden werden, solange der Gegner als ein leidender
Gegenstand gedacht wird. Allein jeder zusammengesetzte Stoß erfordert
mehr Zeit, und diese Zeit muß ihm gegönnt werden, ohne daß durch einen
Gegenstoß auf einen der Teile das Ganze in den Vorbereitungen zu seiner
Wirkung gestört wird. Entscheidet sich nun der Gegner zu einem
einfacheren Stoß, der in kurzer Zeit ausgeführt ist, so gewinnt er den
Vorsprung und stört die Wirkung des großen Plans. Man muß also bei dem
Werte des zusammengesetzten Stoßes alle Gefahren in Betracht bringen,
die man während seiner Vorbereitung läuft, und kann ihn nur anwenden,
wenn man vom Gegner nicht zu fürchten braucht, durch einen kürzeren
gestört zu werden. Sooft dies der Fall ist, muß man selber den kürzeren
wählen und in diesem Sinne so weit hinuntersteigen, als es der
Charakter, die Verhältnisse des Gegners und andere Umstände nötig
machen. Verlassen wir die schwachen Eindrücke abstrakter Begriffe und
steigen wir ins wirkliche Leben hinab, so wird ein rascher, mutiger,
entschlossener Gegner uns nicht Zeit zu weitaussehenden künstlichen
Zusammensetzungen lassen, und gerade gegen einen solchen bedürfen wir
der Kunst am meisten. Hiermit, scheint es uns, ist das Vorherrschen der
einfachen und unmittelbaren Erfolge vor den zusammengesetzten schon
gegeben.

Unsere Meinung ist also nicht, daß der einfache Stoß der beste sei,
sondern daß man nicht weiter ausholen dürfe, als der Spielraum erlaubt,
und daß dies immer mehr zum unmittelbaren Kampf hinführen wird, je
kriegerischer der Gegner ist. Also weit entfernt, den Gegner nach der
Richtung zusammengesetzter Stöße hin überbieten zu dürfen, muß man
vielmehr suchen, ihm nach der entgegengesetzten Richtung hin immer voran
zu sein.

       *       *       *       *       *

Was ist nun unter Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu verstehen?
Eine Verminderung derselben, die verhältnismäßig größer ist als die
unsrer eigenen. Wenn wir eine große Überlegenheit der Zahl über den
Feind haben, so wird natürlich diese absolute Größe des Verlustes für
uns kleiner sein als für ihn und folglich schon als ein Vorteil
betrachtet werden können. Nur der unmittelbare Gewinn, den wir im
gegenseitigen Zerstörungsprozeß machen, kann als Zweck des Gefechts
betrachtet werden, denn dieser Gewinn ist ein absoluter, der die
Rechnung des ganzen Feldzugs durchläuft und sich am Schluß immer als
reiner Gewinn erweist. Jede andere Art des Sieges über unseren Gegner
aber würde entweder ihren Grund in anderen Zwecken haben, von denen wir
hier ganz absehen, oder nur einen einstweiligen relativen Vorteil geben.
Ein Beispiel soll uns dies klarmachen.

Wenn wir unsern Gegner durch eine geschickte Anordnung in eine so
nachteilige Lage versetzt haben, daß er das Gefecht ohne Gefahr nicht
fortsetzen kann und er sich nach einigem Widerstande zurückzieht, so
können wir sagen, daß wir ihn auf diesem Punkt überwunden haben. Haben
wir aber bei dieser Überwindung gerade in demselben Verhältnis an
Streitkräften eingebüßt als er, so wird bei der Schlußrechnung des
Feldzugs von diesem Siege, wenn man einen solchen Erfolg so nennen
könnte, nichts übrigbleiben. Es kommt also das Überwinden des Gegners,
d. h. die Versetzung desselben in einen solchen Zustand, daß er das
Gefecht aufgeben muß, an und für sich nicht in Betracht und kann deshalb
auch nicht in die Definition des Zweckes aufgenommen werden, und so
bleibt denn, wie gesagt, nichts übrig als der unmittelbare Gewinn, den
wir im Zerstörungsprozeß gemacht haben. Es gehören aber dahin nicht bloß
die Verluste, die im Verlauf des Gefechts vorkommen, sondern auch die,
die nach dem Abzug des besiegten Teils als unmittelbare Folge eintreten.

Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen
Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit
zwischen Sieger und Besiegtem zeigen, oft gar keine, zuweilen auch wohl
eine sich umgekehrt verhaltende, und daß die entscheidendsten Verluste
für den Besiegten erst mit dem Abzug eintreten, nämlich die, die der
Sieger nicht mit ihm teilt.

Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide
Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen
werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der
Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut,
Vertrauen, Zusammenhang und Plan, der bei der Frage in Betracht kommt,
ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Die moralischen
Kräfte sind es vorzugsweise, die hier entscheiden, und sie waren es
allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der
Besiegte.

Das Verhältnis des physischen Verlustes ist ohnehin im Laufe des
Gefechts schwer zu schätzen, aber das Verhältnis des moralischen nicht.
Zwei Dinge geben ihn hauptsächlich kund. Das erste ist der Verlust des
Bodens, auf dem man gefochten, das andere das Übergewicht der
feindlichen Reserven. Je stärker unsere Reserven im Verhältnis zu den
feindlichen zusammenschwinden, um so mehr Kräfte haben wir gebraucht,
das Gleichgewicht zu erhalten. Schon darin tut sich ein fühlbarer Beweis
der moralischen Überlegenheit des Gegners kund, der auch selten
verfehlt, im Gemüt des Feldherrn eine gewisse Bitterkeit und
Geringschätzung seiner eigenen Truppen zu erzeugen. Aber die Hauptsache
ist, daß alle Truppen, die schon anhaltend gefochten haben, mehr oder
weniger wie eine ausgebrannte Schlacke erscheinen. Sie haben sich
verschossen, sind zusammengeschmolzen; ihre physische und moralische
Kraft ist erschöpft, auch wohl ihr Mut gebrochen. Eine solche Truppe ist
somit auch, abgesehen von der Verminderung ihrer Zahl, als ein
organisches Ganze betrachtet, bei weitem nicht mehr, was sie vor dem
Gefecht war, und daher kommt es, daß sich der Verlust an moralischen
Kräften an dem Maß verbrauchter Reserven wie an einem Zollstock kundtut.

Jedes Gefecht ist also die blutige und zerstörende Ausgleichung der
Kräfte, der physischen und moralischen. Wer am Schluß die größte Summe
von beiden übrig hat, ist der Sieger.

       *       *       *       *       *

Im Gefecht war der Verlust der moralischen Kräfte die vorherrschende
Ursache der Entscheidung. Nachdem diese gefallen, bleibt jener Verlust
im Steigen und erreicht erst am Schluß des ganzen Aktes seinen
Höhepunkt. Es wird also auch das Mittel, den Gewinn in der Zerstörung
der physischen Streitkräfte zu machen, was der eigentliche Zweck des
Gefechts war.

Die verlorene Ordnung und Einheit macht oft sogar den Widerstand
einzelner verderblich. Der Mut des Ganzen ist gebrochen. Die
ursprüngliche Spannung über Verlust und Gewinn, in der die Gefahr
vergessen wurde, ist aufgelöst; und den meisten erscheint die Gefahr nun
nicht mehr wie eine Herausforderung des Mutes, sondern wie das Erleiden
einer harten Züchtigung. So ist das Instrument im ersten Augenblick des
Sieges geschwächt und abgestumpft und darum nicht mehr geeignet, Gefahr
mit Gefahr zu vergelten.

Diese Zeit muß der Sieger benutzen, um den eigentlichen Gewinn an der
physischen Kraftzerstörung zu machen. Nur was er hierin erreicht, bleibt
ihm gewiß. Denn die moralischen Kräfte kehren im Gegner nach und nach
zurück; die Ordnung wird wieder hergestellt, sein Mut wieder gehoben,
und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil vom
errungenen Übergewicht zurück, oft gar keins. Und in einzelnen, obgleich
seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der
Feindschaft eine umgekehrte Wirkung. Dagegen kann, was an Toten,
Verwundeten, Gefangenen und an erobertem Geschütz und sonstigem
Kriegsgerät gewonnen ist, niemals aus der Rechnung verschwinden.

       *       *       *       *       *

Die Verluste *in* der Schlacht bestehen mehr in Toten und Verwundeten,
die *nach* der Schlacht mehr in verlorenem Geschütz und Gefangenen. Die
ersteren teilt der Sieger mehr oder weniger mit dem Besiegten; die
letzteren nicht, und deshalb finden sie sich gewöhnlich nur auf der
einen Seite des Kampfes oder wenigstens dort in bedeutender Überzahl.

Geschütze und Gefangene sind darum jederzeit als die wahren Trophäen des
Sieges betrachtet worden und zugleich als sein Maßstab, weil sich an
ihnen sein Umfang unzweifelhaft kundtut.

       *       *       *       *       *

Daß sich die in dem Gefecht und seinen ersten Folgen zugrundegerichteten
moralischen Kräfte nach und nach wiederherstellen und oft keine Spur
ihrer Zerstörung lassen, ist zumeist der Fall bei kleinen Abteilungen
des Ganzen, seltener bei großen.

       *       *       *       *       *

Wir dürfen das verlorene Gleichgewicht der moralischen Kräfte nicht
darum gering achten, weil es keinen absoluten Wert hat und nicht
unfehlbar in der endlichen Summe der Erfolge erscheint. Es kann von
einem so überwiegenden Gewicht werden, daß es mit unwiderstehlicher
Gewalt alles niederwirft.

       *       *       *       *       *

Über den Verlust an Toten und Verwundeten sind die gegenseitigen
Berichte nie genau, selten wahrhaft und in den meisten Fällen voll
absichtlicher Entstellung. Selbst die Zahl der Trophäen wird selten ganz
zuverlässig gegeben, und wo sie nicht sehr bedeutend ist, kann auch sie
noch Zweifel an dem Siege übriglassen. Vom Verlust an moralischen
Kräften läßt sich außer den Trophäen gar kein gültiges Maß angeben. Es
bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzige
wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist mithin als Bekenntnis der
Schuld, als das Senken des Paniers zu betrachten, durch das dem Gegner
Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Falle eingeräumt wird, und
diese Seite der Demütigung und Scham, die von allen übrigen moralischen
Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt,
ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, der
auf die öffentliche Meinung außerhalb des Heeres wirkt, auf Volk und
Regierung in beiden kriegführenden Staaten und in allen beteiligten
anderen.

       *       *       *       *       *

Das Aufgeben der Absicht ist nicht gerade identisch mit dem Abzug vom
Schlachtfeld, selbst da, wo der Kampf hartnäckig und anhaltend geführt
worden ist. Niemand wird von Vorposten, die sich nach einem hartnäckigen
Widerstande zurückziehen, sagen, sie hätten ihre Absicht aufgegeben.
Selbst in Gefechten, die die Vernichtung der feindlichen Streitkraft zur
Absicht haben, kann der Abzug vom Schlachtfelde nicht immer als ein
Aufgeben der Absicht angesehen werden, z. B. bei vorher beabsichtigten
Rückzügen, bei denen das Land Fuß für Fuß streitig gemacht wird. In den
meisten Fällen ist das Aufgeben der Absicht von dem Abzuge vom
Schlachtfelde schwer zu unterscheiden, und der Eindruck, den jenes in
und außer dem Heere hervorbringt, ist nicht geringzuschätzen.

Für Feldherren und Heere, die keinen ausgemachten Ruf haben, ist dies
eine eigene, schwierige Seite mancher sonst in den Umständen begründeten
Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine
Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses
Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem
Ausweichenden in diesem Falle nicht möglich, durch die Darlegung seiner
eigentlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn
um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig
bekanntmachen, was, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr
entgegenliefe.

       *       *       *       *       *

Die Dauer eines Gefechts ist gewissermaßen als ein zweiter,
untergeordneter Erfolg zu betrachten. Dem Sieger kann ein Gefecht
niemals schnell genug entschieden sein, dem Besiegten niemals lange
genug dauern. Der schnelle Sieg ist eine höhere Potenz des Sieges, die
späte Entscheidung bei der Niederlage ein Ersatz für den Verlust.

       *       *       *       *       *

Kein Gefecht entscheidet sich in einem einzelnen Moment, obwohl es in
jedem Gefechte Momente von großer Wichtigkeit gibt, die die
Entscheidung hauptsächlich bewirken. Der Verlust eines Gefechts ist ein
stufenweises Niedersinken der Wage. Es gibt aber bei jedem Gefecht einen
Zeitpunkt, wo man es als entschieden ansehen kann, so daß der
Wiederanfang ein neues Gefecht und nicht die Fortsetzung des alten wäre.
Über diesen Zeitpunkt eine klare Vorstellung zu haben, ist sehr wichtig,
um sich entscheiden zu können, ob ein Gefecht von einer herbeieilenden
Hilfe noch mit Nutzen wieder aufgenommen werden kann.

Oft werden in Gefechten, die nicht wiederherzustellen sind, neue Kräfte
vergeblich geopfert. Oft wird versäumt, die Entscheidung zu wenden, wo
dies noch füglich geschehen könnte.

       *       *       *       *       *

Jedes Gefecht ist ein ganzes, in dem sich die Teilgefechte zu einem
Gesamterfolge vereinigen. In diesem Gesamterfolg liegt die Entscheidung
des Gefechts.

       *       *       *       *       *

Je kleiner der Teil der Streitkraft ist, der wirklich gefochten, je
größer der ist, der als Reserve durch sein bloßes Dasein mitentschieden
hat, um so weniger kann uns eine neue Streitkraft des Gegners den Sieg
wieder aus den Händen winden. *Der* Feldherr wie *das* Heer, die es am
weitesten darin gebracht haben, das Gefecht mit der größten Ökonomie der
Kräfte zu führen und überall die moralische Wirkung starker Reserven
geltend zu machen, gehen den sichersten Weg zum Siege. Man muß den
Franzosen, besonders wenn Bonaparte sie führte, eine große Meisterschaft
darin einräumen.

Ferner wird der Augenblick, wo beim Sieger der Zustand der
Gefechtskrisis aufhört und die alte Tüchtigkeit zurückkehrt, um so
früher eintreten, je kleiner das Ganze ist. Eine Reiterfeldwache, die
ihren Gegner spornstreichs verfolgt, wird in wenig Minuten wieder die
alte Ordnung gewinnen, und länger dauert auch die Krisis nicht. Ein
ganzes Regiment Reiterei braucht dazu schon mehr Zeit. Noch länger
dauert es beim Fußvolk, wenn es sich in einzelne Schützenlinien
aufgelöst hat, und wieder länger bei Abteilungen von allen Waffen, wenn
ein Teil diese, der andre jene zufällige Richtung eingeschlagen und dies
eine Störung der Ordnung veranlaßt hat, die gewöhnlich dadurch erst
schlimmer wird, daß kein Teil recht weiß, wo der andre ist.

Wieder später tritt dieser Augenblick ein, wenn die Nacht den Sieger in
der Krisis überrascht; und endlich tritt er später ein, wenn die Gegend
durchschnitten und verdeckt ist.

       *       *       *       *       *

Die Gefahr, sich auf zwei Seiten schlagen zu müssen, und die noch
drohendere, keinen Rückzug zu behalten, lähmen die Bewegungen und die
Kraft des Widerstandes und wirken auf die Alternative von Sieg und
Niederlage; ferner steigern sie bei der Niederlage den Verlust und
treiben ihn oft bis an die äußerste Grenze, d. h. bis zur Vernichtung.
Der bedrohte Rücken macht also die Niederlage zugleich wahrscheinlicher
und entscheidender.

Hieraus entsteht ein wahrer Instinkt für die ganze Kriegführung und
besonders für die großen und kleinen Gefechte: nämlich die Sicherung des
eigenen Rückens und die Gewinnung des feindlichen. Er folgt aus dem
Begriff des Sieges, der, wie wir gesehen haben, noch etwas anderes als
bloßes Totschlagen ist.

       *       *       *       *       *

Die Wirkung einer Überraschung in Seite und Rücken ist immer gesteigert,
und ein in der Krisis des Sieges Begriffener ist in seinem ausgereckten
und zerstreuten Zustande weniger imstande, ihr entgegenzuwirken. Wer
fühlt es nicht, daß ein Seiten- und Rückenanfall, der im Anfang des
Gefechts, wo die Kraft gesammelt und für solche Fälle immer vorgesehen
ist, wenig bedeuten würde, ein ganz anderes Gewicht im letzten
Augenblick des Gefechtes bekommt.

In den meisten Fällen wird eine von der Seite oder im Rücken des Gegners
herbeikommende Hilfe viel wirksamer sein, sich wie dasselbe Gewicht an
einem längeren Hebelarm verhalten, so daß man also unter solchen
Umständen die Herstellung eines Gefechts mit derselben Kraft unternehmen
kann, die auf dem geraden Wege nicht zugereicht hätte. Hier, wo die
Wirkungen fast jeder Berechnung ausweichen, weil die moralischen Kräfte
ganz das Übergewicht gewinnen, ist das rechte Feld der Kühnheit und des
Wagens.

       *       *       *       *       *

Der alte, auch von Napoleon betonte Grundsatz, daß der Befehlshaber
einer abgesonderten Kolonne immer seine Richtung dahin zu nehmen habe,
wo heftiger Kanonendonner die Krise einer Entscheidung andeutet, kann
nur für solche Fälle gelten, wo der Befehlshaber einer abgesonderten
Kolonne durch die Umstände in eine *zweifelhafte* Lage gesetzt worden
ist, in der sich die frühere Klarheit und Bestimmtheit seiner Aufgabe in
die Ungewißheit und die Widersprüche der Entscheidung verliert, die in
der Wirklichkeit des Krieges so häufig sind. Anstatt untätig
stehenzubleiben oder ohne bestimmten Zweck umherzuirren, wird ein
solcher Befehlshaber freilich besser tun, seinem Nachbar zu Hilfe zu
eilen, wenn ein heftiges Feuer dessen Not andeutet.

       *       *       *       *       *

Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip der
Kriegführung und für die ganze Seite des positiven Handelns der Hauptweg
zum Ziel.

Diese Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich im Gefecht
statt.

Nur große und allgemeine Gefechte geben große Erfolge.

Am größten werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in eine große
Schlacht vereinigen.

Nur in einer Hauptschlacht regiert der Feldherr mit eigenen Händen.

Aus diesen Wahrheiten ergibt sich ein Doppelgesetz, dessen Teile sich
gegenseitig tragen, nämlich, daß die Vernichtung der feindlichen
Streitkräfte hauptsächlich in großen Schlachten und ihren Erfolgen zu
suchen ist, und daß der Hauptzweck großer Schlachten die Vernichtung der
feindlichen Streitkräfte sein muß.

       *       *       *       *       *

Die Hauptschlacht ist als der konzentrierte Krieg, als der Schwerpunkt
des ganzen Krieges oder Feldzuges anzusehen. Wie sich die Strahlen der
Sonne im Brennpunkt des Hohlspiegels zu ihrem vollkommenen Bilde und zur
höchsten Glut vereinigen, so vereinigen sich Kräfte und Umstände des
Krieges in der Hauptschlacht zu einer zusammengedrängten höchsten
Wirkung.

       *       *       *       *       *

Nicht bloß der Begriff des Krieges führt uns dahin, eine große
Entscheidung nur in einer großen Schlacht zu suchen, sondern auch die
Erfahrung. Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt,
bei dem Angreifenden unbedingt, bei dem Verteidiger mehr oder weniger.
Selbst Bonaparte würde das in seiner Art einzige Ulm nicht erlebt haben,
wenn er das Blutvergießen gescheut hätte. Vielmehr ist es nur als eine
Nachmahd der Siegesfälle seiner früheren Feldzüge anzusehen. Es sind
nicht bloß die kühnen Feldherren, die verwegenen, die trotzigen, die ihr
Werk mit dem großen Wagstück entscheidender Schlachten zu vollbringen
gesucht haben, es sind die glücklichen insgesamt. Und von diesen können
wir uns bei einer so umfassenden Frage die Antwort gefallen lassen.

       *       *       *       *       *

Der Hauptschlacht im Kriege ist nichts an Wichtigkeit zu vergleichen,
und die höchste Weisheit der Strategie offenbart sich in der Beschaffung
der Mittel zu ihr, in ihrer geschickten Feststellung nach Ort, Zeit und
Richtung der Kräfte und in der Ausnutzung ihres Erfolges.

       *       *       *       *       *

Der Impuls zur Hauptschlacht, die freie sichere Bewegung zu ihr, muß von
dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit,
mit anderen Worten: er muß von dem angeborenen Mut und von dem durch
große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen.

       *       *       *       *       *

Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten
Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die
moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind
größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu
größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die
moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern.
Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen.
Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie
sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und
die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im
Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen
Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und
Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen
denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in
Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle
diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man
findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des
ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über
sie erhebt.

       *       *       *       *       *

Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen,
den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht
wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern
seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten
und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals
unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein
großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils
von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt.

       *       *       *       *       *

Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften
in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben
mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das
Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu
kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen
und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der
Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer
Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in
einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu
befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem
hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen
Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die
Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe
und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit
vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen
betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick
hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht
ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an *die* Erfolge zu
denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des
Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber
haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze
Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des
sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn.
Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche
Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es
denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger
geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur
vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten
Feldherrn abhängt.

       *       *       *       *       *

Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem
Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede
sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig
sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die
feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen
Staates erscheint.

Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt
es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei
großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh
als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der
Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem
als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus.
Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit
dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel
seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles,
rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon
verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem
Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner
noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein,
um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es
vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des
Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er
glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu
müssen, -- wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein
Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner
nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr
geschehen.

Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch
Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein
langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr.

       *       *       *       *       *

Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue
Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren
einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich
der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder
neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge
geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der
Brand sich am Brande entzündet.

       *       *       *       *       *

Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist
es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit
auszunutzen, als es die Umstände gestatten.

       *       *       *       *       *

Die Energie, mit der das Verfolgen geschieht, bestimmt hauptsächlich den
Wert des Sieges. Die Verfolgung ist ein zweiter Akt des Sieges, in
vielen Fällen sogar wichtiger als der erste. Indem sich die Strategie
hier der Taktik nähert, um von ihr das rollende Werk in Empfang zu
nehmen, läßt sie den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen, diese
Vervollständigung des Sieges zu fordern.

       *       *       *       *       *

Das erste Verfolgen hat verschiedene natürliche Grade.

Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht. Dann ist es im
Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen,
weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden
aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und
geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch
gegen das Ganze immer nur die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine
frischen Reserven zur Deckung seines Rückzugs verwenden und so beim
nächsten, unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller
Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und
gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme.

Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Vorhut von
allen Waffen geschieht, bei der sich natürlich der größte Teil der
Reiterei befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur
nächsten starken Stellung seiner Nachhut oder bis zur nächsten
Aufstellung seines Heeres.

Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im
Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der
Geschlagene die meisten Aufstellungen, zu denen ihm die Gegend einige
Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer
Umgehung wieder verlassen.

       *       *       *       *       *

Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges
in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nun erst die eigentliche
Bahn an, zu der der Sieg die Schnellkraft verliehen hat. Dabei kann man
wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein
eigentliches Drängen und einen Parallelmarsch zum Abschneiden.

       *       *       *       *       *

Der wirksamste Grad der (weiteren) Verfolgung ist der Parallelmarsch
nach dem nächsten Ziel des feindlichen Rückzuges. Jedes geschlagene Heer
wird hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen
Erreichung ihm zunächst stark am Herzen liegt, sei es, daß sein fernerer
Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es
für den Punkt sehr wichtig ist, ihn *vor* dem Feinde zu erreichen, wie
bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem
Punkte neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen
Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw.

       *       *       *       *       *

Bei der absoluten Gestalt des Krieges, wo alles aus notwendigen Gründen
geschieht, alles rasch ineinandergreift, kein, wenn ich so sagen darf,
wesenloser neutraler Zwischenraum entsteht, gibt es wegen der
vielfältigen Wechselwirkungen, die der Krieg in sich schließt, wegen des
Zusammenhanges, in dem, streng genommen, die ganze Reihe der
aufeinanderfolgenden Gefechte steht, wegen des Kulminationspunktes, den
jeder Sieg hat, über den hinaus das Gebiet der Verluste und Niederlagen
beginnt -- wegen aller dieser natürlichen Verhältnisse des Krieges, sage
ich, gibt es nur *einen* Erfolg, nämlich den *Enderfolg*. Bis dahin ist
nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muß man sich
beständig sagen: das Ende krönt das Werk.



Die verlorene Schlacht und der Rückzug


Der Entschluß, das Gefecht aufzugeben, entspringt in der Hauptschlacht
mehr als in irgendeinem andern Gefechte aus dem Verhältnis der
übrigbleibenden frischen Reserven. Denn nur diese haben noch alle
moralischen Kräfte, und die vom Zerstörungselement bereits ausgeglühten
Schlacken zusammengeschossener und geworfener Bataillone können nicht
auf gleiche Linie mit ihnen gestellt werden. Auch der verlorene Boden
ist ein Maßstab verlorener moralischer Kräfte, wie wir anderswo gesagt
haben. Er kommt wohl mit in Betracht, doch mehr als ein Zeichen eines
erlittenen Verlustes denn als der Verlust selbst, und immer bleibt die
Zahl der frischen Reserven das Hauptaugenmerk beider Feldherren.

       *       *       *       *       *

Gewöhnlich nimmt eine Schlacht ihre Richtung schon von vornherein,
wiewohl auf eine wenig merkliche Art. Oft ist sogar diese Richtung schon
durch die Anordnungen, die für sie getroffen sind, auf eine sehr
entschiedene Weise gegeben, und dann ist es Mangel an Einsicht
desjenigen Feldherrn, der die Schlacht unter so schlimmen Bedingungen
eröffnet, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Allein wo dieser Fall auch
nicht stattfindet, liegt es in der Natur der Dinge, daß der Verlauf der
Schlachten mehr ein langsames Umschlagen des Gleichgewichts ist, das
bald, aber, wie gesagt, anfangs nicht merklich, eintritt und dann mit
jedem neuen Zeitmoment stärker und sichtlicher wird, als ein
oszillierendes Hin- und Herschwanken, wie man sie sich, durch unwahre
Schlachtenbeschreibungen verführt, gewöhnlich denkt.

In den meisten Fällen wird der Feldherr den Verlust des Gleichgewichts
lange schon vor dem Abzug gewahr, und die Fälle, wo irgendeine
Einzelheit unvermutet stark auf den Hergang des Ganzen einwirkt, haben
ihr Dasein meistens nur in der Beschönigung, mit der jeder seine
verlorene Schlacht erzählt.

Der besiegte Feldherr sieht den schlimmen Ausgang gewöhnlich schon eine
geraume Zeit vorher, ehe er sich zum Aufgeben der Schlacht entschließt.
Allerdings gibt es Fälle, wo eine Schlacht schon eine sehr entschiedene
Richtung nach einer Seite genommen hatte und doch eine Entscheidung nach
der anderen Seite hin bekommen hat, aber sie sind nicht die
gewöhnlichen, sondern selten. Indes auf diese seltenen Fälle rechnet
jeder Feldherr, gegen den sich das Glück erklärt, und er *muß* darauf
rechnen, solange ihm irgendeine Möglichkeit der Wendung bleibt. Er
hofft, durch stärkere Anstrengungen, durch eine Erhöhung der
übrigbleibenden moralischen Kräfte, durch ein Sichselbstübertreffen oder
auch durch einen glücklichen Zufall den Augenblick noch gewendet zu
sehen, und treibt dies so weit, wie Mut und Einsicht es in ihm
miteinander abmachen.

       *       *       *       *       *

Das Verhältnis der übrig bleibenden frischen Reserven gibt meistens den
Hauptgrund zur völligen Entscheidung ab. Der Feldherr, der seinen Gegner
darin von entschiedener Überlegenheit sieht, entschließt sich zum
Rückzug. Es ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Schlachten, daß
alle Unglücksfälle und Verluste, die in ihrem Verlauf stattgehabt haben,
durch frische Kräfte gutgemacht werden können, weil die neuere Art, wie
die Truppen ins Gefecht geführt werden, ihren Gebrauch fast überall und
in jeder Lage gestatten. Solange also der Feldherr, gegen den der
Ausgang sich zu erklären scheint, noch eine Überlegenheit an Reserve
hat, wird er die Sache nicht aufgeben. Aber von dem Zeitpunkt an, wo
seine Reserven anfangen schwächer zu werden als die feindlichen, ist die
Entscheidung als gegeben zu betrachten, und was er nun noch tut, hängt
teils von besonderen Umständen, teils von dem Grade des Mutes und der
Ausdauer ab, die ihm gegeben sind und die auch wohl in unweisen
Starrsinn ausarten können.

       *       *       *       *       *

Wenn auf der einen Seite der gebieterische Stolz eines siegreichen
Eroberers, wenn der unbeugsame Wille eines angeborenen Starrsinns, wenn
das krampfhafte Widerstreben einer edlen Begeisterung nicht vom
Schlachtfelde weichen wollen, wo sie ihre Ehre zurücklassen sollen, --
so rät auf der anderen Seite die Einsicht, nicht alles auszugeben, nicht
das Letzte aufs Spiel zu setzen, sondern so viel übrig zu behalten, als
zu einem geordneten Rückzuge nötig ist.

Wie hoch auch der Wert des Mutes und der Standhaftigkeit im Kriege
angeschlagen werden muß und wie wenig Aussicht *der* auf den Sieg hat, der
sich nicht entschließen kann, ihn mit der ganzen Kraftanstrengung zu
suchen, so gibt es doch einen Punkt, über den hinaus das Verharren nur
eine verzweiflungsvolle Torheit genannt werden kann.

       *       *       *       *       *

Ein in Feindesland Zurückgehender bedarf in der Regel einer
vorbereiteten Straße. Einer, der unter sehr schlimmen Verhältnissen
zurückgeht, bedarf ihrer doppelt. Einer, der in Rußland 120 Meilen weit
zurück will, braucht sie dreifach. Unter vorbereiteter Straße verstehen
wir eine, die von seinen Etappentruppen besetzt war und auf der er
Magazine findet.

       *       *       *       *       *

In der verlorenen Schlacht ist die Macht des Heeres gebrochen worden,
noch mehr die moralische als die physische. Eine zweite, ohne daß neue
vorteilhafte Umstände ins Spiel kommen, würde zur gänzlichen Niederlage,
vielleicht zum Untergange führen. Das ist ein militärisches Axiom. Nach
der Natur der Sache geht der Rückzug bis zu dem Punkt, wo sich das
Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt haben wird, sei es durch
Verstärkung oder durch den Schutz bedeutender Festungen, oder durch
große Abschnitte des Bodens oder durch die Ausdehnung der feindlichen
Macht. Der Grad des Verlustes, die Größe der Niederlage wird diesen
Moment des Gleichgewichtes nähern oder entfernen, noch mehr aber der
Charakter des Gegners. Wie viele Beispiele gibt es nicht, daß das
geschlagene Heer sich in einer geringen Entfernung wieder aufgestellt
hat, ohne daß seine Verhältnisse seit der Schlacht sich im mindesten
verändert hätten. Der Grund davon liegt entweder in der moralischen
Schwäche des Gegners oder darin, daß das in der Schlacht gewonnene
Übergewicht nicht groß genug ist, um zu einem nachdrücklichen Stoße zu
führen.

       *       *       *       *       *

Das erste, was sich der Einbildungskraft -- und man kann auch wohl
sagen: des Verstandes -- in einer unglücklichen Schlacht bemächtigt, ist
das Zusammenschmelzen der Massen, dann der Verlust des Bodens, der mehr
oder weniger immer, und also auch beim Angreifenden, eintritt, wenn er
nicht glücklich ist. Dann die zerstörte ursprüngliche Ordnung, das
Durcheinandergeraten der Teile, die Gefahren des Rückzugs, die mit wenig
Ausnahmen immer, bald schwächer, bald stärker, eintreten. Nun der
Rückzug, der meist in der Nacht angetreten oder wenigstens die Nacht
hindurch fortgesetzt wird. Gleich bei diesem ersten Marsch müssen wir
eine Menge von Ermatteten und Verstreuten zurücklassen, oft gerade die
Bravsten, die sich am weitesten vorgewagt, die am längsten ausgeharrt
haben. Das Gefühl, besiegt zu sein, das auf dem Schlachtfelde nur die
höheren Offiziere ergriff, geht nun auf alle Klassen bis zum Gemeinen
über, verstärkt durch den abscheulichen Eindruck, so viel brave
Gefährten, die gerade in der Schlacht uns erst recht wert geworden sind,
in Feindeshänden zurücklassen zu müssen, und verstärkt durch das
erwachende Mißtrauen gegen die Führung, der mehr oder weniger jeder
Untergebene die Schuld seiner vergeblich gemachten Anstrengung beimißt.
Und dieses Gefühl, besiegt zu sein, ist keine bloße Einbildung, über die
man Herr werden könnte. Es ist die offenkundige Wahrheit, daß der Gegner
uns überlegen ist, eine Wahrheit, die in den Ursachen so versteckt sein
konnte, daß sie vorher nicht zu ersehen war, die aber beim Ausgang immer
klar und bündig hervortritt, die man auch vielleicht vorher erkannt hat,
der man aber in Ermangelung von etwas Handgreiflicherem Hoffnung auf den
Zufall, Vertrauen auf Glück und Vorsehung, mutiges Wagen entgegenstellen
mußte. Nun hat sich dies alles als unzulänglich erwiesen, und die ernste
Wahrheit tritt uns streng und gebieterisch entgegen.

       *       *       *       *       *

Wer auf dem allgemeinen Rückzuge nach verlorener Schlacht glaubt, durch
einige schnelle Märsche einen Vorsprung zu gewinnen und leichter einen
festen Stand zu bekommen, begeht einen großen Irrtum. Die ersten
Bewegungen müssen so klein als möglich, und im allgemeinen muß es
Grundsatz sein, sich nicht das Gesetz des Feindes aufdringen zu lassen.
Diesen Grundsatz kann man nicht befolgen ohne blutige Gefechte mit dem
nachdringenden Feind, aber der Grundsatz ist dieses Opfers wert. Ohne
ihn kommt man in eine beschleunigte Bewegung, die bald ein Stürzen wird
und dann an bloßen Nachzüglern mehr Menschen kostet, als die Schlachten
der Nachhut gekostet hätten, außerdem aber die letzten Überreste des
Mutes vernichtet.

       *       *       *       *       *

Eine starke Nachhut, von den besten Truppen gebildet, vom tapfersten
General geführt und in den wichtigsten Augenblicken von der ganzen Armee
unterstützt, eine sorgfältige Benutzung der Gegend, starke Hinterhalte,
sooft die Kühnheit der feindlichen Vorhut und die Gegend Gelegenheit
dazu geben, kurz die Einleitung und der Plan zu förmlichen kleinen
Schlachten: das sind die Mittel zur Befolgung jenes Grundsatzes.

       *       *       *       *       *

Die Schwierigkeiten des Rückzuges sind natürlich größer oder kleiner, je
nachdem die Schlacht unter mehr oder weniger günstigen Verhältnissen
gefochten, und je nachdem sie mehr oder weniger ausgehalten worden ist.
Wie man aus allem ordnungsmäßigen Rückzuge kommen kann, wenn man sich
gegen einen überlegenen Gegner bis auf den letzten Mann wehrt, zeigen
die Schlachten von Jena und Belle-Alliance.

       *       *       *       *       *

Um die Schwächen oder Fehler des Gegners zu benutzen, nicht einen
Zollbreit weiter zurückzugehen, als die Gewalt der Umstände erfordert,
hauptsächlich aber, um das Verhältnis der moralischen Kräfte auf einem
so vorteilhaften Punkt als möglich zu erhalten, ist ein langsamer, immer
widerstrebender Rückzug, ein kühnes, mutiges Entgegentreten, sooft der
Verfolgende seine Vorteile im Übermaß benutzen will, durchaus nötig. Die
Rückzüge großer Feldherren und kriegsgeübter Heere gleichen stets dem
Abgehen eines verwundeten Löwen, und dies ist unstreitig auch die beste
Theorie.



Verteidigung und Angriff


Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist
also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal macht
jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal
allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff unterschieden werden.
Da aber eine absolute Verteidigung dem Begriff des Krieges völlig
widerspricht, weil bei ihr nur der eine Teil Krieg führen würde, so kann
auch im Kriege die Verteidigung nur relativ sein, und jenes Merkmal muß
also nur auf den Gesamtbegriff angewendet, nicht auf alle Teile von ihm
ausgedehnt werden. Ein einzelnes Gefecht ist verteidigend, wenn wir den
Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten. Eine Schlacht, wenn wir den
Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer,
abwarten. Ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters
abwarten. In allen diesen Fällen kommt dem Gesamtbegriff das Merkmal des
Abwartens und Abwehrens zu, ohne daß daraus ein Widerspruch mit dem
Begriff des Krieges folgt, denn wir können unsern Vorteil darin finden,
den Anlauf gegen unsere Bajonette, den Angriff auf unsere Stellung und
auf unser Kriegstheater abzuwarten. Da man aber, um wirklich auch
seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so
geschieht dieser Akt des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen
unter dem Haupttitel der Verteidigung; d. h. die Offensive, deren wir
uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung oder
Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge
angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise
seine einzelnen Korps und Divisionen gebrauchen, endlich in einer
einfachen Stellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar
noch die offensiven Kugeln entgegen. Die verteidigende Form des
Kriegführens ist also kein unmittelbarer Schild, sondern ein Schild,
gebildet durch geschickte Streiche.

       *       *       *       *       *

Was ist der Zweck der Verteidigung? Erhalten. Erhalten ist leichter als
gewinnen. Schon daraus folgt, daß die Verteidigung bei vorausgesetzt
gleichen Mitteln leichter ist als der Angriff. Worin liegt aber die
größere Leichtigkeit des Erhaltens oder Bewahrens? Darin, daß alle Zeit,
die unbenutzt verstreicht, in die Wagschale des Verteidigers fällt. Er
erntet, wo er nicht gesät hat. Jedes Unterlassen des Angriffs aus
falscher Ansicht, aus Furcht, aus Trägheit, kommt dem Verteidiger
zugute. Dieser Vorteil hat den Preußischen Staat im Siebenjährigen
Kriege mehr als einmal vom Untergang gerettet.

Dieser sich aus Begriff und Zweck ergebende Vorteil der Verteidigung
liegt in der Natur aller Verteidigung. _Beati sunt possidentes._ Ein
anderer, der aus der Natur des Krieges hinzukommt, ist der Beistand der
örtlichen Lage, den die Verteidigung vorzugsweise genießt.

       *       *       *       *       *

Die Verteidigung hat einen negativen Zweck: das Erhalten; der Angriff
einen positiven: das Erobern. Und da dieses die eigenen Kriegsmittel
vermehrt, das Erhalten aber nicht, so muß man sagen: die verteidigende
Form des Kriegführens ist an sich stärker als die angreifende.

       *       *       *       *       *

Ist die Verteidigung eine stärkere Form des Kriegführens, die aber einen
negativen Zweck hat, so folgt von selbst, daß man sich ihrer nur so
lange bedienen muß, als man ihrer der Schwäche wegen bedarf, und sie
verlassen muß, sobald man stark genug ist, sich den positiven Zweck
vorzusetzen. Da man nun, indem man unter ihrem Beistand Sieger wird,
gewöhnlich ein günstigeres Verhältnis der Kräfte herbeiführt, so ist
auch der natürliche Gang im Kriege, mit der Verteidigung anzufangen und
mit der Offensive zu enden. Es ist also ebensogut im Widerspruch mit dem
Begriff des Krieges, den letzten Zweck die Verteidigung sein zu lassen,
als es Widerspruch war, die Passivität der Verteidigung nicht bloß vom
Ganzen, sondern von allen seinen Teilen zu verstehen. Mit andern Worten:
ein Krieg, bei dem man seine Siege bloß zum Abwehren benutzen und gar
nicht widerstoßen wollte, wäre ebenso widersinnig wie eine Schlacht, in
der die absoluteste Verteidigung (Passivität) in allen Maßregeln
herrschen sollte.

       *       *       *       *       *

Wie der Vorteil der Gegend zum Siege beiträgt, ist an sich verständlich
genug, und es ist nur das eine zu bemerken, daß hier nicht bloß von den
Hindernissen die Rede ist, die dem Angreifenden bei seinem Vorrücken
aufstoßen, wie: steile Gründe, hohe Berge, sumpfige Bäche, Hecken usw.,
sondern daß es auch ein Vorteil der Gegend ist, wenn sie Gelegenheit
gibt, uns verdeckt darin aufzustellen. Selbst von einer ganz
gleichgültigen Gegend kann man sagen, daß der ihren Beistand genießt,
der sie kennt.

       *       *       *       *       *

Der Verteidiger hat den Vorteil der Gegend, der Angreifende den des
Überfalls in der Strategie wie in der Taktik. Vom Überfall ist aber zu
bemerken, daß er in der Strategie ein unendlich wirksameres und
wichtigeres Mittel ist als in der Taktik. In dieser wird man einen
Überfall selten bis zum großen Sieg ausdehnen können, wogegen ein
Überfall in der Strategie nicht selten den ganzen Krieg mit einem
Streich geendigt hat. Dagegen ist zu bemerken, daß der Gebrauch dieses
Mittels große, entschiedene, seltene Fehler beim Gegner voraussetzt, es
daher in die Wagschale des Angriffs kein sehr großes Gewicht legen
kann.

       *       *       *       *       *

Hat die Verteidigung einmal das Prinzip der Bewegung in sich aufgenommen
(einer Bewegung, die zwar später anfängt als die des Angreifenden, aber
immer zeitig genug, um die Fesseln der erstarrenden Passivität zu
lösen), so wird der Vorteil der größeren Vereinigung und der inneren
Linien ein sehr entscheidender und meistens wirksamerer zum Siege, als
die konzentrische Figur des Angriffs. Sieg aber muß dem Erfolg
vorhergehen. Erst muß man überwinden, ehe man an das Abschneiden denken
kann. Kurz, man sieht: es besteht hier ein ähnliches Verhältnis, wie das
zwischen Angriff und Verteidigung überhaupt. Die konzentrische Form
führt zu glänzenden Erfolgen, die exzentrische gewährt die ihrigen
sicherer; jenes ist die schwächere Form mit dem positiveren, dieses die
stärkere Form mit dem negativen Zweck. Dadurch, scheint uns, sind diese
beiden Formen schon in ein gewisses schwebendes Gleichgewicht gebracht.
Fügt man nun hinzu, daß sich die Verteidigung, weil sie nicht überall
eine absolute ist, auch nicht immer in der Unmöglichkeit befindet, sich
der konzentrischen Kräfte zu bedienen, so wird man mindestens kein Recht
mehr haben, zu glauben, daß diese Wirkungsart allein hinreichend sei,
dem Angriff ein ganz allgemeines Übergewicht über die Verteidigung zu
gewähren, und so wird man sich von dem Einflusse befreien, den diese
Vorstellungsart bei jeder Gelegenheit auf das Urteil auszuüben pflegt.

       *       *       *       *       *

Der Vorteil der inneren Linien wächst mit den Räumen, auf die sich diese
Linien beziehen. Bei Entfernungen von einigen tausend Schritten oder
einer halben Meile kann natürlich die Zeit, die man gewinnt, nicht so
groß sein, wie bei Entfernungen von mehreren Tagesmärschen oder gar von
zwanzig bis dreißig Meilen; die ersteren, nämlich die kleinen Räume,
gehören der Taktik an, die größeren der Strategie. Wenn man nun
freilich in der Strategie auch mehr Zeit zur Erreichung des Zwecks
braucht als in der Taktik, und eine Armee nicht so schnell überwunden
ist wie ein Bataillon, so nehmen doch diese Zeiten in der Strategie auch
nur bis zu einem gewissen Punkt zu, nämlich bis zur Dauer einer
Schlacht, und allenfalls der paar Tage, um die sich eine Schlacht ohne
entscheidende Opfer vermeiden läßt. Ferner findet ein noch viel größerer
Unterschied in dem eigentlichen Vorsprung statt, den man in dem einen
und dem andern Fall gewinnt. Bei den kleinen Entfernungen in der Taktik:
in der Schlacht, geschehen die Bewegungen des einen fast unter den Augen
des andern; der auf der äußeren Linie Stehende wird also die seines
Gegners meistens schnell gewahr. Bei den größeren Entfernungen der
Strategie geschieht es wohl höchst selten, daß eine Bewegung des einen
nicht wenigstens einen Tag dem andern verborgen bleibt, und es gibt
Fälle genug, in denen, besonders wenn die Bewegung nur einen Teil betraf
und in einer beträchtlichen Entsendung bestand, dies wochenlang
verborgen geblieben ist. Wie groß der Vorteil des Verbergens für
denjenigen ist, der durch die Natur seiner Lage am meisten imstande ist,
davon Gebrauch zu machen, läßt sich leicht einsehen.

       *       *       *       *       *

Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff -- das blitzende
Vergeltungsschwert -- ist der glänzendste Punkt der Verteidigung. Wer
sich ihn nicht gleich hinzudenkt, oder vielmehr, wer ihn nicht gleich in
den Begriff der Verteidigung aufnimmt, dem wird nimmermehr die
Überlegenheit der Verteidigung einleuchten; er wird immer nur an die
Mittel denken, die man durch den Angriff dem Feinde zerstört und sich
erwirbt, welche Mittel aber nicht von der Weise abhängen, den Knoten zu
schürzen, sondern ihn aufzulösen. Ferner ist es eine grobe
Verwechselung, wenn man unter Angriff immer einen Überfall versteht und
sich folglich unter Verteidigung nichts als Not und Verwirrung denkt.

Freilich faßt der Eroberer seinen Entschluß zum Kriege früher als der
harmlose Verteidiger, und wenn er seine Maßregeln gehörig geheimzuhalten
weiß, wird er diesen wohl auch überraschen können. Aber das ist etwas
dem Kriege Fremdes. Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den
Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung hervorgerufen
und mit ihr den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend, wie
Bonaparte auch stets von sich behauptet hat. Er zöge ganz gern ruhig in
unsern Staat ein. Damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den
Krieg wollen, und also auch vorbereiten, d. h. mit andern Worten: es
sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen immer
gerüstet sein, um nicht überfallen zu werden. So will es die
Kriegskunst.

       *       *       *       *       *

Das frühere Erscheinen auf dem Kriegstheater hängt in den meisten Fällen
von ganz andern Dingen ab, als von der Angriffs- oder Verteidigungsabsicht.
Diese sind also nicht die Ursache, aber oft die Folge davon. Wer früher
fertig wird, geht, wenn der Vorteil des Überfalls groß genug ist, aus
*diesem* Grunde angriffsweise zu Werke, und der, welcher später fertig
wird, kann den Nachteil, der ihn bedroht, allein durch die Vorteile der
Verteidigung noch einigermaßen ausgleichen.

Indessen muß es im allgemeinen als ein Vorteil des Angriffs angesehen
werden, von der früheren Bereitschaft diesen schönen Gebrauch machen zu
können; nur ist dieser allgemeine Vorteil keine unabtrennbare
Notwendigkeit für jeden einzelnen Fall.

Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen
zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter
Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden
Feldzugs, in denen sich beide Heere in der Verteidigung befinden, jeder
Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer
Verteidigung enden muß.

Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, die zur Schwächung des
Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß
wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs
betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung
versetzt zu werden.

Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, der in der Stärke der
offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach
geringer wird.

       *       *       *       *       *

Der Zweck des Angriffs ist: in den Besitz unseres Kriegstheaters oder
wenigstens eines bedeutenden Teils davon zu gelangen, denn unter dem
Begriff des Ganzen muß wenigstens die größere Masse desselben verstanden
werden, da der Besitz eines Landstrichs von wenigen Meilen in der
Strategie in der Regel keine selbständige Wichtigkeit hat. Solange also
der Angreifende in diesem Besitz noch nicht ist, d. h. solange er, weil
er sich vor unserer Macht fürchtet, entweder noch gar nicht zum Angriff
des Kriegstheaters vorgeschritten ist, oder uns in unserer Stellung noch
nicht aufgesucht hat, oder der Schlacht, die wir ihm liefern wollten,
ausgewichen ist, so lange ist der Zweck der Verteidigung erfüllt, und
die Wirkungen der Verteidigungsmaßregeln sind also erfolgreich gewesen.
Aber freilich ist dieser Erfolg ein bloß negativer, der zu einem
eigentlichen Rückstoß zwar nicht unmittelbar die Kräfte geben kann. Er
kann sie aber mittelbar geben, d. h. er ist auf dem Wege dazu, denn die
Zeit, die verstreicht, verliert der Angreifende, und jeder Zeitverlust
ist ein Nachteil und muß auf irgendeine Art den schwächen, der ihn
erleidet.

       *       *       *       *       *

Selten, oder wenigstens nicht immer, schreibt sich der Feldherr genau
vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen
abhängen. Sein Angriff führt ihn oft weiter, als er gedacht hat.

       *       *       *       *       *

Wir haben gesehen, daß die Verteidigung im Kriege überhaupt, also auch
die strategische, kein absolutes Abwarten und Abwehren, also kein
vollkommenes Leiden ist, sondern ein relatives, folglich von mehr oder
weniger offensiven Prinzipien durchdrungen. Ebenso ist der Angriff kein
homogenes Ganze, sondern mit der Verteidigung unaufhörlich vermischt.
Zwischen beiden findet aber der Unterschied statt, daß die Verteidigung
ohne offensiven Rückstoß gar nicht gedacht werden kann, daß dieser ein
notwendiger Bestandteil der Verteidigung ist, während beim Angriff der
Stoß oder Akt an sich ein vollständiger Begriff ist. Die Verteidigung
ist ihm an sich nicht nötig, aber Zeit und Raum, an die er gebunden ist,
führen ihm die Verteidigung als ein notwendiges Übel zu. Denn erstens
kann er nicht in einer stetigen Folge bis zur Vollendung fortgeführt
werden, sondern erfordert Ruhepunkte, und in dieser Zeit der Ruhe, wo er
selbst neutralisiert ist, tritt der Zustand der Verteidigung von selbst
ein. Zweitens ist der Raum, den die vorschreitende Streitkraft hinter
sich läßt und den sie zu ihrem Bestehen notwendig braucht, nicht immer
durch den Angriff an sich gedeckt, sondern muß besonders geschützt
werden.

Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der
Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und
Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung
zum Angriffe, nicht als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also
nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel,
als das retardierende Gewicht, das die bloße Schwere der Masse
hervorbringt. Sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen: ein
retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts zur
Verstärkung des Angriffs beiträgt, sie schon durch den bloßen
Zeitverlust, den sie darstellt, seine Wirkung vermindern muß.

       *       *       *       *       *

Jeder Angriff muß mit einem Verteidigen enden. Wie dies beschaffen sein
wird, hängt von Umständen ab. Sie können sehr günstig sein, wenn die
feindlichen Streitkräfte zerstört sind, aber auch sehr schwierig, wenn
dies nicht der Fall ist. Bei jedem Angriffe muß daher auf die ihm
notwendig anhängende Verteidigung Rücksicht genommen werden, um sich auf
die Nachteile, denen er unterworfen ist, gefaßt zu machen.

       *       *       *       *       *

Wo der Sieg gesucht wird, darf der offensive Teil in der
Verteidigungsschlacht niemals fehlen, und von diesem offensiven Teile
aus können alle Wirkungen eines entscheidenden Sieges hervorgehen, so
gut wie aus einer reinen Offensivschlacht, so daß für die strategische
Kombination im Grunde zwischen Angriffs- und Verteidigungsschlacht gar
kein Unterschied besteht.

       *       *       *       *       *

Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes
Licht auf die Offensivschlacht.

Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, in der die Verteidigung am
stärksten ausgesprochen ist, um ihr Wesen fühlbar zu machen. Die
wenigsten Schlachten sind aber von dieser Art; die meisten sind halbe
Renkontres, in denen der Defensivcharakter sehr verloren geht. Anders
verhält es sich mit der Offensivschlacht. Sie behält ihren Charakter
unter allen Umständen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht
ist das Umfassen oder Umgehen.

       *       *       *       *       *

Das Gefecht mit umfassenden Linien gewährt an sich ganz offenbar große
Vorteile. Es ist indes ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann
der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen
hat. Denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit
den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu eng zusammenhängt. Um den
umfassenden Feind mit Erfolg wieder umfassen zu können, muß man sich in
einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was
viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, die die Verteidigung darbietet,
kommen wirklich zur Anwendung. Die meisten Verteidigungen sind dürftige
Notbehelfe; die Mehrzahl der Verteidiger befindet sich in einer sehr
bedrängten und bedrohten Lage, in der sie, das Schlimmste erwartend, dem
Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge davon ist, daß
Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Front, die
eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der
Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und
physischen Überlegenheit sind.

So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die
Entscheidung möglichst lange hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, weil eine
unentschiedene Verteidigungsschlacht gewöhnlich eine gewonnene ist, so
hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung
zu beschleunigen; aber andrerseits ist mit der Übereilung große Gefahr
verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt.

Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die
Ungewißheit über die Lage des Gegners. Sie ist ein wirkliches
Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Je mehr sie das ist, um so mehr
ist Vereinigung der Kräfte geboten; um so mehr ist Umgehen dem Umfassen
vorzuziehen.

Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, ist
an anderer Stelle hervorgehoben. Der Natur der Sache nach ist bei der
Offensivschlacht die Verfolgung in höherem Maße ein unerläßlicher Teil
der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.

       *       *       *       *       *

Ein Stillstand im kriegerischen Akt ist streng genommen ein Widerspruch
mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente
einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie
ins Gleichgewicht setzen, sondern so lange aufeinander einwirken, bis
eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die
sich stundenlang umfaßt halten, ohne eine Bewegung zu machen? Der
kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger
Bewegung ablaufen. Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie
doch an der Kette der menschlichen Schwächen.

Richten wir einen Blick auf die Kriegsgeschichte, so finden wir so sehr
das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz
offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im
Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Es sind dabei drei Ursachen zu
bemerken.

Die erste, die einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und
dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche
Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art
von Schwere in der seelischen Welt.

Im Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer
erscheinen. Die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn
die Bewegung eine dauernde werden soll. Wenn nicht ein kriegerischer,
unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege wie der
Fisch im Wasser in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht
große Verantwortlichkeit von oben drückt: wird Stillstand zur
Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören.

Die zweite Ursache ist die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht und
Beurteilung, die im Kriege größer ist als irgendwo, weil man kaum die
eigene Lage in jedem Augenblick genau kennt, die des Gegners aber, weil
sie verschleiert ist, aus wenigem erraten muß. Dies bringt denn oft den
Fall hervor, daß *beide* Teile auch da einen und denselben Gegenstand
für *ihren* Vorteil ansehen, wo das Interesse des einen überwiegend ist.

Die dritte Ursache, die wie ein Sperrad in das Uhrwerk eingreift und von
Zeit zu Zeit gänzlichen Stillstand hervorbringt, ist die größere Stärke
der Verteidigung. Es kann vorkommen, daß beide Teile zugleich zum
Angriff sich nicht bloß zu schwach fühlen, sondern es wirklich sind.

       *       *       *       *       *

Jeder Angreifende, der an seinem Gegner vorbeigehen will, ist in zwei
ganz entgegengesetzte Bestrebungen verwickelt. Ursprünglich will er
vorwärts, um den Gegenstand des Angriffs zu erreichen. Die Möglichkeit
aber, jeden Augenblick von der Seite angefallen zu werden, erzeugt das
Bedürfnis, nach dieser Seite hin in jedem Augenblick einen Stoß, und
zwar einen Stoß mit vereinter Macht, zu richten. Diese beiden
Bestrebungen widersprechen sich und erzeugen eine solche Verwickelung
der inneren Verhältnisse, eine solche Schwierigkeit der Maßregeln, wenn
sie für alle Fälle passen sollen, daß es strategisch kaum eine
schlimmere Lage geben kann. Wüßte der Angreifende mit Gewißheit den
Augenblick, wo er angefallen werden wird, so könnte er mit Kunst und
Geschick alles dazu vorbereiten, aber in der Ungewißheit darüber und bei
der Notwendigkeit des Vorschreitens kann es kaum fehlen, daß, wenn die
Schlacht erfolgt, sie ihn in höchst dürftig zusammengerafften und also
gewiß nicht vorteilhaften Verhältnissen findet.

       *       *       *       *       *

Eine strategische Umgehung mit der Absicht einer Gefechtsentscheidung
hat, verglichen mit einem gewöhnlichen Angriff, den Charakter einer
größeren Entscheidung, denn die Größe der Erfolge wird gesteigert, ihre
Wahrscheinlichkeit aber vermindert. Eine solche Unternehmung ziemt also
an sich dem Stärkeren, der durch seine Überzahl die Sicherheit des
Erfolgs schon in einem gewissen Grade hat und dem es um einen recht
großen Erfolg zu tun sein muß. Aber freilich kann man im Kriege niemals
feststellen wollen, wie hoch der Feldherr seine eigene Kraft, d. h. sein
Talent und sein Glück, in Anschlag bringen darf. Dies muß ihm
schlechterdings überlassen bleiben: also der Grad der Kühnheit, womit er
seinen Weg verfolgt. Die Theorie kann nur fordern, daß er die objektiven
Verhältnisse alle kennt und richtig beurteilt, also nicht wagt, ohne es
zu wissen.



Betrachtungen und Ausblicke


Niemals wird man sehen, daß der Staat, der in der Sache eines andern
auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mäßige
Hilfsarmee wird abgesandt. Ist sie nicht glücklich, so sieht man die
Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich
herauszukommen.

Aber selbst dann, wenn zwei Staaten wirklich gegen einen dritten Krieg
führen, so betrachten sie diesen doch nicht immer gleichmäßig als einen
Feind, den sie vernichten müssen, damit er sie nicht vernichte, sondern
die Angelegenheit wird oft wie ein Handelsgeschäft abgemacht; ein jeder
legt nach Verhältnis der Gefahr, die er zu bestehen, und der Vorteile,
die er zu erwarten hat, eine Aktie von soundsoviel hunderttausend Mann
ein und tut, als könne er dabei nichts als diese verlieren.

Die Sache würde eine Art von innerem Zusammenhang haben, und die Theorie
des Krieges dabei weniger in Verlegenheit kommen, wenn diese zugesagte
Hilfe dem im Kriege begriffenen Staate völlig überlassen würde, so daß
er sie nach seinem Bedürfnis brauchen könnte. Alsdann wäre sie wie eine
gemietete Truppe zu betrachten. Allein davon ist der Gebrauch weit
entfernt. Gewöhnlich haben die Hilfstruppen ihren eigenen Feldherrn, der
nur von seiner Regierung abhängt und dem diese ein Ziel steckt, wie es
sich mit der Halbheit ihrer Absichten am besten verträgt.

       *       *       *       *       *

Es ist eine Eigentümlichkeit der Kriegführung Verbündeter, die nicht von
der äußersten Gefahr zur Einheit und Konsequenz gedrängt wird, daß die
geteilten politischen Interessen ihr Spiel treiben, Uneinigkeit,
Widersprüche und zuletzt völligen Unsinn hervorbringen.

       *       *       *       *       *

Wenn eine Macht allein Krieg führt, mag sie Zeit und Kräfte nach
Gefallen verschwenden. Es entsteht wenigstens kein zweiter Nachteil
daraus. Aber bei einem Bündniskriege kann es nie fehlen, daß auffallende
Untätigkeit des einen den andern entweder zu ebensolcher veranlaßt oder
so empört, daß ein baldiger Bruch des Bündnisses erfolgt.

       *       *       *       *       *

Schon die Führung einer Armee, von der drei Viertel einem fremden
Monarchen gehört, ist ein Auftrag ganz andrer Art als die Führung einer
Armee entweder als Landesherr oder wenigstens mit der Autorität einer
nach und nach in ihr erworbenen Feldherrnwürde. Wer fühlt nicht, daß man
in seinem eigenen Hause ein ganz anderer Herr ist als in einem fremden,
trotz aller übertragenen Machtvollkommenheit?

       *       *       *       *       *

Man kann ganz allgemein sagen, daß alle die unglücklichen
Kriegsunternehmungen, die durch *eine Reihe* von Fehlern hervorgebracht
sind, niemals in ihrem inneren Zusammenhang so beschaffen sind, wie die
Allgemeinheit glaubt. Die Leute, die handeln, wenn sie auch zu den
schlechtesten Feldherren gehören, sind doch nicht ohne gesunden
Menschenverstand und würden nimmermehr solche Torheiten begehen, wie der
Laie und die historischen Kritiker ihnen in Bausch und Bogen anrechnen.
Die meisten Beurteiler wären erstaunt, wenn sie alle die näheren Motive
des Handelns kennen lernten, und höchstwahrscheinlich ebensogut
verleitet worden wie der Feldherr, der jetzt wie ein halber Schwachkopf
vor uns steht. Fehler müssen allerdings vorhanden sein; nur liegen sie
gewöhnlich tiefer, in Fehlern der Ansicht und in Schwächen des
Charakters, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen,
sondern die man erst auffindet und deutlich erkennt, wenn man alle
Gründe, die den Besiegten zu seinem Handeln bestimmt haben, mit dem
Erfolg vergleicht. Dieses Finden des Wahren hinterher ist der Kritik
gestattet; es kann ihr nicht höhnisch vorgeworfen werden, sondern ist
ihr eigentliches Geschäft, das aber allerdings viel leichter ist als das
Treffen des Rechten im Augenblick des Handelns.

Es ist darum in der Tat eine Torheit, wenn wir fast sämtliche Armeen den
Grundsatz befolgen sehen, über unglückliche Kriegsereignisse so wenig
als möglich bekanntzumachen. Die Dinge, bis ins einzelne bekanntgemacht,
werden sich immer viel besser ausnehmen als in Bausch und Bogen.

       *       *       *       *       *

So wie das Schlachtfeld strategisch nur ein Punkt ist, so ist die Zeit
einer Schlacht strategisch nur ein Moment, und nicht der Verlauf,
sondern das Ende und Ergebnis einer Schlacht ist eine strategische
Größe.

       *       *       *       *       *

In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von
der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je
größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der
Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in
der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie
durch ihre Kombinationen *nach* einer gewonnenen Schlacht in die Folgen
derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern,
deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu
reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der
Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so
großartiger sind ihre Erfolge.

       *       *       *       *       *

Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber
freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten
liefert.

       *       *       *       *       *

Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man,
was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die
Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die
Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h.
trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur
vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die
Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.

       *       *       *       *       *

Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es
hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die
Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des
Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben.

       *       *       *       *       *

Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln,
von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm
festzuhalten. Denn nur von *einem* Standpunkt aus können wir die Masse
der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des
Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern.

Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen.
Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch
diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man
alle Kriege als Dinge *einer* Art betrachten, und nur durch sie wird dem
Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben.

       *       *       *       *       *

Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind
offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen
Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und
Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes
usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, --
daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die
neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann
sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die
Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen
gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die
Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand.

       *       *       *       *       *

Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies
eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die
Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu
machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen
Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut.

       *       *       *       *       *

Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und
Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt
dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser
Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des
Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen
Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen
Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns,
die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet.



Inhaltsübersicht


                                                               Seite

  Geleitwort des Herausgebers                                        3

  Wesen und Ziel des Krieges                                         6

  Kriegskunst und Theorie                                           10

  Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr                          15

  Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege.
  Ungewißheit der Nachrichten                                       31

  Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg                 37

  Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht.
  Sieg und Verfolgung                                               43

  Die verlorene Schlacht und der Rückzug                            62

  Verteidigung und Angriff                                          68

  Betrachtungen und Ausblicke                                       81


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig



Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:

Folgende Berichtigungen am Originaltext wurden aus grammatikalischen
oder Konsistenzgründen vorgenommen:

- Im Kontext "mit einer guteingeölten Maschine": Änderung von "guteingeölt"
in "gut eingeölt".

- Im Kontext "Stoß zweier lebendigen Kräfte": Änderung von "lebendigen" in
"lebendiger".

- Im Kontext von "das ursprüngliche Motiv des Kriegs": Änderung von
"Kriegs" in "Krieges".





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Grundgedanken über Krieg und Kriegführung" ***

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