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Title: Gedichte in Prosa
Author: Turgenjeff, Iwan
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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     Iwan Turgenjeff

     Gedichte in Prosa



     Übertragen von Th. Commichau

     Im Insel-Verlag zu Leipzig



Das Dorf


Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland --
der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau;
droben ein einzelnes Wölkchen -- halb schwimmend, halb zerfließend.
Windesstille, brütende Hitze ... die Luft -- würzig wie frischgemolkene
Milch!

Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die
Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht,
stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.

Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig
-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch
aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.

Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden
Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe
der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken
wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am
Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bläuliche Streif eines
großen Stromes.

Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine
Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf
bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten
Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über
jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit
flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in
Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden
gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen
angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt,
und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen
Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.

Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten
Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen
Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten
auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne
durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs
darauf schlafen lassen!

Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige
Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit
noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.

Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen,
umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen
unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weißen Zähne.

Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie
lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den
Heuhaufen sich balgenden Kinder.

Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen
Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile,
so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.

Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten
Leinenrock und neuen Schuhen.

Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen,
faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten
Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.

Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges
Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte
Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit
war sie zu ihrer Zeit!

Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten
Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch
aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie
Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine
große Schnitte noch warmen Brotes. -- »Iß nur, sei dirs gesegnet,
willkommener Gast!«

Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm
zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.

-- »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...

O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen
Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!

Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch  ein Kreuz auf der
Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so
heiß bemühen, wir Stadtmenschen?



Ein Zwiegespräch

   Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein
   menschlicher Fuß.


Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter
Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich
blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;
harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken
vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken
sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn.
Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast
freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«

Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.

Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen
die Erde ... Warte!«

Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.

»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.

»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau
die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen.
Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die
zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu
beflecken.«

»Menschen?«

»Ja; Menschen.«

Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.

»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.

»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« -- grollt das
Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich
verringert, die Wälder gelichtet.«

Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.

»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.

»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« -- erwidert
das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind
noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«

»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten
-- eine Minute.

»Jetzt ist es gut,« -- antwortet das Finsteraarhorn; -- »rein ist es
überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee,
nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«

»Gut« -- wiederholt die Jungfrau. -- »Allein, wir haben jetzt genug
geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.«

»Es ist Zeit.«

Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne,
leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.



Die Alte


Ich ging auf einem weiten Felde, allein.

Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem
Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.

Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in
graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten
sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich
ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.

»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein
Almosen?«

Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte,
daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug
oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden
dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.

Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen
nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.

»Willst du ein Almosen?« -- wiederholte ich meine Frage. -- »Weshalb
folgst du mir?« -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie
sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.

Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam
schleichenden Tritte.

-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich
denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird
wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt
dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen
Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein.

Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame
Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß
folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald
nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.

Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem
Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein
Grab!« durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stößt sie mich! Hastig
wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie
blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündenden Augen ... mit
den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die
Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen
Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes
Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen?
-- Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich
seitwärts, einer anderen Richtung zu.

Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher
hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.

Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum
dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende
Fleck.

Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer
dasselbe, immer dasselbe!

Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von
der Stelle rühren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde.

Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich höre sie
nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle
Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O
Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich
geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...

-- Kein Entrinnen!



Der Hund


Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult
wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir
unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als
müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache,
er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl.

Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und
dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir
sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das
gleiche zitternde Flämmchen.

Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es
ist zu Ende!

Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und
welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese
Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet
sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des
Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des
anderen.



Der Widersacher


Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar
nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere
Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen --
entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten über
alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben
auf Erden und im Jenseits -- namentlich über das im Jenseits. Er war ein
gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du
bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann
werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob
du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir,
ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich
vergaß seines Gelübdes -- seiner Drohung.

Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht
einmal einschlafen.

Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das
graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob
zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde -- und stumm und
traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.

Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete
ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur
noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.

Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.

»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du?
-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir
zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht
hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder
Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«

Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie
vorher nickte er bloß immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe --
auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.



Der Bettler


Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis
hielt mich an.

Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen,
unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses
unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete,
verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.

Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel
noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts
mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine
vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und
verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde
Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein
Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein
Lächeln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drückte auch er meine
erkalteten Finger.

»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir
dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«

Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen
hatte.



Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...

                                   _Puschkin_


»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die
Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr
gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es
nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und
muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch
verachten!

Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein
Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender,
ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm
ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines
Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen
entgegen. -- »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser
Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«

Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht
versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf
künftige gerechtere Beurteilung nähren.

Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel
brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus
seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare
Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.

Jetzt nähren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres
Wohltäters.

Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er
sie vor dem Hunger.

Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres
Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter
Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man
verwinden ...

»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum
spartanischen.

»Schlage mich -- aber sei gesund und satt!« so sollen _wir_ denken.



Ein Zufriedener


Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch
junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen
leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein
freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.

Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im
Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht
hat er auch bloß -- gut gefrühstückt, -- und das Gefühl der Gesundheit,
der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar
seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o
polnischer König Stanislaus!

Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie
eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde
eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_.

O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser
liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!



Eine Lebensregel


»Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehörig mitzuspielen und
ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann
werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie
sich selber bewußt sind. -- Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln
Sie ihn!

»Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von
diesem Laster frei wären.

»Zweitens -- darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie
können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.

»Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner
vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele --
dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein
Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«

»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!«
bemerkte ich.

»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.



Das Ende der Welt

Ein Traum


Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der
Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.

Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht;
aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung
breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt
darüber wie ein härenes Tuch.

Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube.
Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und
ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus --
aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.

Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen
bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle
treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als
warteten sie auf etwas von dorther.

Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.

Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert
er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« -- Bei
diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht
Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich:
heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.

Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus!
Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein
Ausweg.

Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ...
Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und
schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist
versunken!«

-- »Wie? Versunken!« -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene
-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont
ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause
starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.

Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt
unsere Herzen zu Eis. -- »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert
mein Nachbar.

Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben
und senkten sich kleine wellige Hügel.

»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es
uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe
steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«

Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr
einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene,
ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.

Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt
sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener
hereinbrechenden Masse -- Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner
Schrei ...

Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der
Erde ...

Vernichtung ihr! Vernichtung allem!

Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten
klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben,
verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden
Woge!

Finsternis ... ewige Finsternis!

Nach Atem ringend erwachte ich.



Mascha


Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich
jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein
Gespräch an.

Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern
aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem
ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort
selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren
erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen
Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen,
stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein
Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen
herabgezogenen geflickten Mütze hervor. -- Und wie hatte er bloß diesen
zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!

Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien
bekümmert und betrübt.

Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang
Trübsal.

»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt
dich irgendein Kummer?«

Der Bursche zögerte mit der Antwort.

»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein
Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«

»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«

Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den
Kopf.

»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns
nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie
auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die
Cholera sie abgewürgt.«

»Sie war dir wohl ein braves Weib?«

»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir
zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß
man sie gar schon begraben hätte, -- da jagte ich augenblicklich zum
Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich
trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz
leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt
mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den
Händen auf den Boden gehauen! -- 'Du unersättliche Grube!' schrei
ich ... 'Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!' -- Ach
Mascha!«

»Mascha!« -- setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne
seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen
Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die
Achseln -- und sprach kein Wort mehr.

Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den
Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach
der Mütze griff -- und fuhr dann langsam davon über die glatte
Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des
Januarfrostes einhüllte.



Der Dummkopf


Es war einmal ein Dummkopf.

Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich
drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen
Narren gelte.

Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber
nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen
könnte.

Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und
ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.

Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter -- der über einen namhaften
Maler lobend zu sprechen begann ...

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst
zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen hätte
ich das nicht erwartet ... Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«

Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.

»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer
Bekannter.

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht?
Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber
lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben.«

Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei.

»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter
Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«

»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer
Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte
denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurückgeblieben!«

Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben
und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des
Dummkopfs loben mochte -- für alles hatte er die gleiche Antwort.

Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte:
»Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«

»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu
urteilen. -- »Aber welch ein Kopf!« -- »Und welche Redegewandtheit!« --
setzten andere hinzu. -- »O gewiß, er hat Talent!«

Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die
Leitung des kritischen Teiles übertrug.

Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine
gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.

Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete -- selbst eine Autorität
-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und fürchtet ihn.

Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im
allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe
sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der
»Zurückgebliebenen«!

Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.



Eine Legende des Morgenlandes


Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?

Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jüngling war, lustwandelte
Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.

Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt
um Hilfe.

Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und
Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute
auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen
hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt
und beraubt wurde.

Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen
schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.

Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den
Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht
unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler;
doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, --
komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde
ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner
Worte überzeugen.«

Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein
Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmöglich. Weshalb sollte
ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich
werde kommen.«

Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich.

Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf
den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den
Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.

Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen
kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.

Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von
ungewöhnlichem Aussehen.

Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.

Drei Früchte -- drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden
Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der
andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und
gelblich.

Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang
sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe
Dschaffars. »Jüngling!« -- hub der Greis nun an -- »pflücke dir nach
Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du
die weiße -- dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du
und ißt du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild;
pflückst du und ißt du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten
Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde
verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß
der Erde!«

Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- »Wie wähle ich hier am
besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich
selbst zu Rate. -- »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig
werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;
besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«

Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde
und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil
erwählt! -- Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja
klüger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ...
Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir
niemand neiden können.«

»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die
ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«

Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jüngling den Weg.

Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen,
ruhmreichen Dschaffar?



Zwei Vierzeiler


Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher
Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen
verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche
Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.

Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs
Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter
bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.

An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem
Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.

Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel
und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen
wünsche.

Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!«
schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge.

»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer
Stimme:

     »Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!
     Bewundrer alles des, was edel und vollendet!
     Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!
     Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«

Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des
Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.

Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen
blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu
Fäusten!

»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien
zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen
Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen
Narren! Gebt Steine! Steine her!«

Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er
nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen,
Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.

Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist
gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz
zurück.

Und was sah er?

Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem
flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen
Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge
Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem
unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat
er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig,
wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als
Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit
köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit
Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer
Myrrhen! Heil!«

Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber
Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich
nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch,
wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«

»Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?«
antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre --
und jauchze, jauchze mit uns!

'Der Dichtkunst Gönner ihr!' so begann der göttliche Julius ...

     'Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!
     Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!
     Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!
     Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!'

Herrlich, nicht wahr?«

»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen
Verse! -- Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich
sie vortrug -- er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur
einige Ausdrücke -- und keineswegs zum Vorteil -- veränderte!«

»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete
stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein
Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben
heißt es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!' ... Bei dir
dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' --
Welches Licht?! Welches Dunkel?!«

»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...

»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das
Volk auf ... das dich zerreißen wird!«

Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann,
der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen
Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:

»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab
nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er
recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«

Doch während das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend
vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius
tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der
Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der
Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem
Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der
zur Krönung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des
Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich
vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem
demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken,
welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.



Der Sperling


Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein
Hund lief vor mir her.

Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als
wittere er vor sich ein Wild.

Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit
gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste
gefallen -- heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee -- und hockte
unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen
ausstreckend.

Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume
sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein
gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört,
mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den
scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein
Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es
schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein
Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich
selbst!

Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch
hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ...
Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.

Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese
Macht.

Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich,
Ehrfurcht im Herzen.

Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen
heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.

Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des
Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.



Die Totenschädel


Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche
Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und
eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine
berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie
herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!

Und plötzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von
allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und
augenblicklich erschienen die Schädel in ihrer Totenblässe, traten
Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.

Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen
bewegten und rührten -- wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im
Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten --
und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen
Augäpfel.

Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht,
mich im Spiegel zu betrachten.

Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben
Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen
geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen
davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die
unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!



Die Tagelöhner und der Weißhändige

Ein Gespräch


_Tagelöhner_

Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ...
Mach, daß du weiterkommst!

_Der Weißhändige_

Ich gehöre zu euch, Brüder!

_Tagelöhner_

Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine
Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und
nach Teer, -- deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn?

_Der Weißhändige_ (seine Hände hinhaltend)

So rieche doch!

_Tagelöhner_ (sie beriechend)

Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.

_Der Weißhändige_

Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.

_Tagelöhner_

Warum denn das?

_Der Weißhändige_

Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien
wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure
Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.

_Tagelöhner_

Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!


     -- _Zwei Jahre später_ --


_Einer derselben Tagelöhner_ (zum anderen)

Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n
weißhändiger Kerl mit dir schwatzte?

_Zweiter Tagelöhner_

Freilich ... na, und?

_Erster Tagelöhner_

Nun, hängen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen.

_Zweiter Tagelöhner_

Hat er denn wieder revoltiert?

_Erster Tagelöhner_

Wieder revoltiert!

_Zweiter Tagelöhner_

Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick
kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch 'n mächtiges Glück
ins Haus bringen!

_Erster Tagelöhner_

Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.



Die Rose


Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits
seinen Einzug gehalten.

Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner
und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene
hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz
überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.

Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch
die halboffene Tür in den Garten hinaus.

Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem
kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem
Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.

Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und
verschwand.

Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.

Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee,
durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war.

Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen.
Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten
Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher
Gegenstand erkennbar.

Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch
vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.

Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum
Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.

Endlich kam auch sie zurück -- durchmaß mit leichten Schritten das
Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber
auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten
ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die
Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter,
blickte dann auf mich -- und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre
Augen in Tränen.

»Warum weinen Sie?« fragte ich.

»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«

Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden
diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.

»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich
zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.

»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen
Entschlossenheit, -- und ihre schönen Augen, in denen die Tränen noch
schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.

Da wußte ich, daß auch sie versengt war.



Letztes Wiedersehen


Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein
verhängnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.

Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in
die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos
darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.

Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.

Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!

Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem
Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er
vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu
ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam
abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte
hervor -- ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen?
Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und über die
verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche,
leidensschwere Tränenperlen.

Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und
reichte ihm, während ich unwillkürlich den Blick vor dieser furchtbaren
Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.

Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die
meine umschlossen hielt.

Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein
langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden,
matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen
Lippen.

Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf
immer.

Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...



Ein Besuch


Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.

Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht
war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.

Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag
noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das
nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter,
stärkender Taugeruch.

Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und
Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.

Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine
geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen,
schillernden Gewande.

Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die
Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer
erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden
Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines
Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer
lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke
umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen,
schwarzen, glänzenden Augen.

Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie
funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine
langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk,
-- auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.

Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein
Haupt.

Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert
-- und fort war sie ...

Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine
Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu -- und in der Ferne, wo sie
verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.

Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir
-- du flogst davon zu den jungen Dichtern.

O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke
erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frühmorgens bei
Frühlings Erwachen!



#Necessitas -- Vis -- Libertas#

Ein Basrelief


Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und
unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit
ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.

Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich
einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, --
ist blind -- und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor
sich hin.

Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich
umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles
Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie
möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen
wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.

#Necessitas -- Vis -- Libertas.#

Wer Lust hat -- mag es übersetzen.



Das Almosen


In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein
alter, kranker Mann.

Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten
seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie
einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die
Kräfte.

Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte
sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und
zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in
den trockenen grauen Staub.

Er dachte vergangener Zeiten ...

Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie
er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere
verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er
nicht einmal ein Stückchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die
Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so
weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in
sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften
in den grauen Staub.

Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete
sein müdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.

Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen
nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.

»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme
vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«

»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn
ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«

»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre
Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der
Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig
sein können?«

Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.

»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der
Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch
du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen,
daß sie gut sind.«

Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon
verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.

Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser
Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.

Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines
Almosen.

Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen -- und süß
schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham quälte mehr sein
Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.



Das Insekt


Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit
offenen Fenstern.

Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...

Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut
durcheinander.

Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem
Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich
dann an die Wand.

Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner
Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig
und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und
diese Füßchen -- waren leuchtend rot wie Blut.

Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben,
nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es
von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und
machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von
der Stelle zu rühren.

In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand
von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch
dies Ungeziefer hinaus!« -- alle schwenkten von weitem ihre
Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das
Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.

Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann,
blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die
Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns
vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt
kein Insekt wahrnehmen -- hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner
Flügel.

Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte
sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ...
Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus -- und brach tot
zusammen.

Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst
errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.



Die Kohlsuppe


Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der
beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes,
hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung
auf, um sie zu besuchen.

Sie fand sie zu Hause.

Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer,
mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff
herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte
einen Löffel nach dem andern davon hinunter.

Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und
verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der
Kirche.

Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem
Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese
Leute für ein rohes Gefühl!

Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen
Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter
Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von
Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht
hatte! -- Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.

Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. -- »Tatjana!« rief sie
aus ... »Das ist unerhört! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen
Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren?
-- Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«

»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten
bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir
bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja
gesalzen.«

Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie
war das Salz billig.



Die Gefilde der Seligen


O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der
Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.

Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer
Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden
Wimpeln.

Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit
ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!

Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues
Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war --
und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und
darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche,
heitere Sonne.

Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches
Lachen -- wie das Lachen der Götter!

Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer
Schönheit und begeisternder Kraft ... es schien, als ob der Himmel
selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend
erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.

Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin.
Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden
Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre
er beseelt.

Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren
Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft
geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser
Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und
Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige,
langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die
Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der
glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen
und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen
schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer,
das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem
Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!

Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da ... unsichtbar,
doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglänzen, es strahlt
ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit
sich in ein unverwelkliches Paradies!

O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.



Zwei Reiche


Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er
ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern,
für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt
dies meinen Beifall und rührt mich.

Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die
Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine
kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.

»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser
letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz für die
Suppe ...«

»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr
Mann, zur Antwort.

Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!



Der Greis


Trübe, schwere Tage sind gekommen ...

Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters.
Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und
schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.

Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder
dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem
verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, --
aber grün ist auch dieses noch.

So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei
deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner
innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in
all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden
Frühlingspracht vor dir erglänzen.

Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!



Der Berichterstatter


Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich
auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige
Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.

»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster
hinausblickte.

»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer
es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht
zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«

»Ein Mörder ist's aber nicht, den sie da prügeln.«

»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen
ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«

»Es ist auch kein Dieb.«

»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein
gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?...
Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«

»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«

»Einen Berichterstatter? -- Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig
unsern Tee austrinken.«



Zwei Brüder


Ich hatte eine Vision ...

Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ...
Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an
den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.

Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte
Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von
dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und
verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem
Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die
vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener
Macht -- selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz
schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die
sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von
einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen
Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner
Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend
rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit
zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem
angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.

Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem
Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war
fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der
unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten
etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die
Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum
bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln
geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch
das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings -- obwohl liebreizend und
sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten
schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten
Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine
Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten
sich langsam und drohend.

Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.

Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten
ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die
schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern
wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.

Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:

»Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brüder, die zwei
Grundpfeiler allen Lebens.

»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich
fortzupflanzen.

»Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das
Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte
Leben.«



Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja


Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines
baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines
verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet
worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig
bewußtlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken
Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte
halten können -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten
Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.

Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die
höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen
beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von
diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben
lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.

Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer
Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrängten Hilfe zu leisten ...
ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht -- und lernte
sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein
hatte sie sich längst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer
unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer
Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten,
tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewußt -- und
kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.

Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.

Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens
ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham
sich jeder Dankesbezeugung entzog.

Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine,
verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!



Der Egoist


Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie
zu werden.

Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes
langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel
nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.

Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner
Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine
Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ...
und er nahm Wucherzinsen davon.

Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie
aus freien Stücken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos --
und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute.
Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so
überaus musterhafte Person und war innerlich empört, wenn die anderen
sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.

Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten -- und
verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den
Egoismus! -- Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen
eigenen!

Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und
duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden
und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und
vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.

Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu
vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte
er dann den anderen vergeben?

Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner
eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund
von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer
Mensch!«

Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und
selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in
diesem Herzen ohne Makel und Fehl.

O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend --
schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des
Lasters!



Das Fest beim höchsten Wesen


Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast
ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten.
Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.

Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die großen wie die
kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und
liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt --
und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe
Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste
Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen
schienen.

Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu
der anderen.

»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die
Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden
gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie
besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.



Die Sphinx


Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand
ohne Ende, so weit das Auge reicht!

Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich
das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.

Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese
starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern -- und diese Augen, diese
länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der
hohen Brauen?

Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein Ödipus
vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.

Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches
mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die
kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche
Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen -- und diese weit
auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den
Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja,
Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein
Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die
Sphinxe geraten?

Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch --
eine Sphinx.

Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und
auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.

Wo aber ist dein Ödipus?

O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht
ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!



Die Nymphen


Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.

Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der
Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb
verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.

Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe,
das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische
Meer fuhr.

Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da
ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine
vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann
lasse laut den Ruf erschallen: 'Der große Pan ist tot!'«

Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der
Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«

Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers
(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und
langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«

Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare
Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«

Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es
mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft:
»Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«

Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des
ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte
freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan
ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. -- Plötzlich jubelte
alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger
als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch
hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün
schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische
Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden,
Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen
Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins -- und
Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ...
Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle
anderen, -- ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt
sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine
silberne Mondsichel ...

Diana -- bist du es?

Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die
ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah,
wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer
tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr
Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr
in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen?
Wohin blickte sie?

Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten
Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein
feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen
Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm
ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden
Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen
spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und
nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und
verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg
Nebel vom Talgrund auf -- ich weiß es nicht.

Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!



Freund und Feind


Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und
stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den
Fersen.

Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger
nachzulassen.

Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern -- ein schmaler,
aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!

Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon
hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun,
daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
standen.

Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund
dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne
dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig
verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst
rettungslos um!«

»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die
Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.

»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde
gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter
den Füßen weg. -- Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab -- und
ertrank.

Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber
setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen
-- armen Freund!

Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar
nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.

»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.

»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes
Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet
er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es
so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich
betrachtet!«

Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den
unglückseligen Freund.



Christus


Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen
Dorfkirche. -- Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine
rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.

Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne
Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber
standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit
zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder
gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge
über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und
trat neben mich.

Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fühlte sofort: dieser
Mensch ist -- Christus.

Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben
Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.

Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen
Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts,
andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht
zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze
Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch
die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.

»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher,
einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«

Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen
Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefühl überkam, als stünde
wirklich Christus an meiner Seite.

Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe
Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen,
wenn auch unbekannten Züge.

Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun
begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen
Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.



Der Stein


Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn
an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die
frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen,
umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen
glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein
-- aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.

Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst
zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.

So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen
Frauenseelen bestürmt -- und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten
sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!

Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch
nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.



Die Tauben


Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir
breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes
Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos
war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.

Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter
dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue
Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des
Horizontes.

Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden
Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören
und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe
irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.

Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue
Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur
schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange,
grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende
Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!

Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der
schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie
sich.

Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes
Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes
Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die
vom Dorfe herübergeflogen kam.

Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm
Walde.

Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare
Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken
schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben
heimwärts.

Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!

Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie
ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten,
niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt
durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender
Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie
Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht
nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande
des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche
nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht
und dadurch vielleicht gerettet hatte.

Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt -- und schmiegen
sich Fittich an Fittich ...

Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ...
Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.



Morgen! Morgen!


Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag!
Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf
verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!

Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein
Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich
selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der
Zukunft!

Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem
ebenverflossenen nicht gleichen würden?

Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt
zuwider -- und er tut wohl daran.

»Ei, morgen, morgen!« -- damit tröstet er sich, -- so lange, bis ihn
dieses Morgen ins Grab senkt.

Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grübeln ganz
von selbst ein Ende.



Die Natur


Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen
Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht
erfüllte den ganzen Raum.

Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen
Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes
Nachdenken versunken.

Ich begriff sofort, daß dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie
plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.

Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du
unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach?
Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der
Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen
könne?«

Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre
Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das
Dröhnen des Eisens:

»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere
Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu
retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist
gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«

»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht
wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?«

Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,«
sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied -- und ohne
Unterschied vernichte ich sie alle.«

»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.

»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder
Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist
Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder
nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es
einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen -- und laß mich in Ruhe!«

Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf
zu stöhnen und zu beben -- und ich erwachte.



Hängt ihn!


»Das geschah im Jahre 1803,« begann mein alter Bekannter, »kurz vor
Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in
Mähren Quartiere bezogen.

Es war uns streng verboten, die Bevölkerung zu beunruhigen und zu
drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an,
obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zählten.

Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter,
namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von
klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.

Eines schönen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte,
lautes Gezänke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hühner gestohlen
worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er
beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an ... 'Er und
stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors
Ehrlichkeit zu überzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.

Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Straße herauf: der
Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorüber.

Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und
Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.

Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde
entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz außer sich, mit fliegenden
Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand
auf ihn deutete.

'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie!
Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der
Türschwelle, kerzengerade, die Mütze in der Hand, hatte sogar die Brust
herausgedrückt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache --
und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, daß ihn der Anblick dieser
ganzen, mitten auf der Straße haltenden Generalität aus der Fassung
brachte, daß er im Vorgefühl des über ihn hereinbrechenden Unheils zu
Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand bloß da und blinzelte mit den
Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.

Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und
brummte zornig: 'Nun?' ... Jegor steht da wie eine Bildsäule und zeigt
grinsend seine Zähne! Ein Unbeteiligter hätte wirklich glauben können,
der Kerl lache.

Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bündig: 'Hängt ihn!' gab seinem
Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in
scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein
einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen
flüchtigen Blick zu.

Den Befehl zu mißachten, war ganz unmöglich ... Jegor wurde sofort
festgenommen und zur Exekution abgeführt. Da brach er völlig zusammen --
und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!'
-- dann halblaut: 'Gott droben weiß es, ich wars nicht!' Bitterlich
weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung.
'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn bloß dem General nicht
geantwortet?' 'Gott droben weiß es, ich wars nicht,' wiederholte der
Ärmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
fürchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht für möglich gehalten, und nun
fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an,
versicherte, daß sich ihre Hühner gefunden hätten, daß sie bereit sei,
alles aufzuklären ...

Natürlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber
Herr, heißts eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter
und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr,
Euer Wohlgeboren, sie möchte sich nicht so grämen ... Ich habe ihr ja
schon verziehen.'«

Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte,
flüsterte er leise: »Jegoruschka, mein Täubchen, du brave Seele!« -- und
dabei rannen ihm die Tränen über die gefurchten Wangen.



Was ich wohl denken werde ...


Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde
schlägt -- wenn ich dann überhaupt noch werde denken können?

Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie
ich es verschlief, verträumte, seine Gaben nicht zu genießen verstand?

»Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmöglich! Ich habe ja doch
noch nichts leisten können ... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit
gehen!«

Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen köstlich
durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?

Werden meine bösen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird
meine Seele von dem brennenden Schmerz verspäteter Reue gequält werden?
Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet ... und
wartet dort überhaupt etwas meiner?

Nein ... ich glaube, ich werde mich bemühen, gar nicht zu denken -- und
mich nach Möglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, bloß um meine
Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir
auftut, abzulenken.

Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, daß man ihm keine
Nüsse zu essen geben wolle ... und nur dort, in der Tiefe seiner
verlöschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene
Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.



Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...


Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich vergaß
es bald wieder ... die erste Zeile aber blieb mir im Gedächtnis:

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im
dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel
gedrückt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses
stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die
laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblüten; -- am Fenster aber sitzt,
mit geradeaufgestütztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein
Mädchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um
das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig
andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rührend unschuldig diese
fragend geöffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblühen
begriffene, noch völlig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind
die Züge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wörtchen wage ich an sie zu
richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer ... Das herabgebrannte Licht
knistert, flüchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, draußen
heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernähme
ich grämliches, greisenhaftes Geflüster ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Andere Bilder steigen vor mir auf ... Ich höre den fröhlichen Lärm
ländlichen Familienlebens. Zwei Blondköpfchen, eins an das andere
geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen Äuglein munter an, die
frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hände haben sich
innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft
durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen
Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hände mit behenden Fingern
über die Tasten eines altväterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu übertönen ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«

Das Licht wird trübe und verlischt ... Wer hustet da so heiser und matt?
Zu meinen Füßen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein
alter Hund, mein einziger Gefährte ... Mich friert ... Eisig durchbebt
es mich ... und sie alle starben ... starben dahin ...

»Wie frisch und duftig waren doch die Rosen ...«



Eine Seefahrt


Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren
unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der
Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
englischen Geschäftsfreunde als Geschenk sandte.

Das Tierchen war mit einer dünnen Kette an eine Bank auf dem Deck
angebunden, zerrte daran und piepte kläglich wie ein Vogel.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes,
kaltes Händchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen
Augen auf mich. -- Ich erfaßte seine Hand -- und da hörte es auf zu
piepen und zu zerren.

Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie
ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war
davon sichtbar; ein Nebel lag darüber, so dicht, daß er die äußersten
Mastspitzen verhüllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf
und müde machte. Die Sonne hing wie eine trübrote Scheibe in diesem
Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glühte in einem
geheimnisvollen, seltsamen Rot.

Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar,
glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwärts, kräuselten
sich und wurden immer breiter und breiter, glätteten sich endlich,
wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
gleichmäßig stampfenden Schaufelrädern empor; milchweiß und leise
zischend zerfloß er zu Schlangenstreifen, floß dann hinten wieder
zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.

Unausgesetzt und ebenso kläglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die
kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um
gleich wieder kopfüber unter der leichtbewegten Wasserfläche zu
verschwinden. Der Kapitän, ein schweigsamer Mann mit einem
sonnenverbrannten, mürrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und
spuckte verdrießlich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen
antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts übrig,
als mich wieder meinem einzigen Reisegefährten zuzuwenden -- dem Affen.

Ich setzte mich neben ihn; er hörte auf zu wimmern und streckte mir aufs
neue seine Hand hin.

Feucht und einschläfernd umhüllte uns beide der beständige Nebel; und in
gleiches, gedankenloses Brüten versunken saßen wir eins neben dem
andern, wie zwei Verwandte.

Jetzt lächele ich wohl darüber ... damals aber empfand ich anders.

Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, daß das arme
Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte,
wie an einen Verwandten.



N. N.


Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Tränen und
ohne Lächeln, kaum durch eine gleichgültige Anteilnahme belebt.

Du bist gut und bist klug ... und doch ist dir alles fremd -- und du
brauchst niemanden.

Du bist schön -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine
Schönheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und
verlangst keine Teilnahme.

Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in
dieser lichten Tiefe.

So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klängen
Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.



Halt inne!


Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib für immer in meinem
Gedächtnis!

Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine
Augen glänzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, überwältigt
von Glück, vom seligen Bewußtsein jener Schönheit, die es dir gelang zu
verkünden, jener Schönheit, nach der du deine triumphierenden, deine
ermatteten Arme ausstreckst!

Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fließt um deine
ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?

Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken
zurückgeweht?

Sein Kuß flammt auf deiner weißen, marmorgleichen Stirn. Da ist es --
das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der
Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere
Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In
diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann
bist du wieder ein Häufchen Asche, ein Weib, ein Kind ... Doch was liegt
dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du höher, standest über
allem Vergänglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt
unvergänglich. Halt inne! Und laß mich teilhaben an deiner
Unsterblichkeit, laß in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit
strahlen!



Der Mönch


Ich kannte einen Mönch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur
in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so
lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Füße
unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Säulen erstarrten. Er fühlte
sie nicht mehr, stand da -- und betete.

Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er
soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine
Freuden unzugänglich sind.

Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhaßtes Ich zu vernichten; doch
wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die
mich davon abhält.

Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhaßter, als ihm
-- das seine.

Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu können ... aber auch ich
finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lügt nicht ... aber auch
ich lüge ja nicht.



Noch wollen wir kämpfen!


Welch geringfügige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen
völlig umzustimmen!

Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstraße.

Drückende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich
meiner bemächtigt.

Ich erhob den Kopf ... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief
der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darüberhin, über ebendiesen Weg,
etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,
hüpfte im Gänsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergnügt
und unbesorgt!

Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprüngen
einher, blähte sein Kröpfchen und zwitscherte so frech, gerade als
schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll für Zoll!

Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht
gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.

Ich sah mir das an, schüttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich
waren die trüben Gedanken verflogen: ich fühlte wieder Mut,
Widerstandskraft und Lebenslust.

Mag doch auch über _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen ...

-- Noch wollen wir kämpfen, Teufel auch!



Das Gebet


Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes
Gebet läuft schließlich darauf hinaus: »Großer Gott, gib, daß zwei mal
zwei -- nicht vier sei.«

Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu
einem Weltgeist, zum höchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen
abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmöglich und undenkbar. Aber
kann denn ein persönlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich
machen, daß zwei mal zwei -- nicht vier sei?

Jeder Gläubige ist verpflichtet zu antworten: »Ja, er kann es« -- und
ist verpflichtet, in sich selber diese Überzeugung zu festigen.

Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?

Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: »Es gibt mehr Ding' im Himmel
und auf Erden, Freund Horatio ...« usw.

Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er
bloß die berühmte Frage zu wiederholen: »Was ist Wahrheit?«

Und darum: laßt uns trinken und fröhlich sein -- und beten.



Die russische Sprache


In Tagen des Zweifels, in Tagen drückender Sorge um das Schicksal meines
Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Stütze, o du große,
mächtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht
wärst -- müßte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was
sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, daß eine solche Sprache
nicht auch einem großen Volke sollte gegeben sein!



     Inhalt


     Das Dorf                                               5

     Ein Zwiegespräch                                       8

     Die Alte                                               9

     Der Hund                                              12

     Der Widersacher                                       12

     Der Bettler                                           14

     Erfahren wirst du noch, wie Toren richten             15

     Ein Zufriedener                                       16

     Eine Lebensregel                                      17

     Das Ende der Welt. Ein Traum                          17

     Mascha                                                20

     Der Dummkopf                                          22

     Eine Legende des Morgenlandes                         24

     Zwei Vierzeiler                                       26

     Der Sperling                                          30

     Die Totenschädel                                      31

     Die Tagelöhner und der Weißhändige. Ein Gespräch      32

     Die Rose                                              34

     Letztes Wiedersehen                                   36

     Ein Besuch                                            37

     #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief        39

     Das Almosen                                           39

     Das Insekt                                            41

     Die Kohlsuppe                                         43

     Die Gefilde der Seligen                               44

     Zwei Reiche                                           46

     Der Greis                                             46

     Der Berichterstatter                                  47

     Zwei Brüder                                           48

     Dem Andenken an Fräulein J. P. Wrewskaja              50

     Der Egoist                                            51

     Das Fest beim höchsten Wesen                          53

     Die Sphinx                                            53

     Die Nymphen                                           55

     Freund und Feind                                      57

     Christus                                              59

     Der Stein                                             60

     Die Tauben                                            61

     Morgen! Morgen!                                       62

     Die Natur                                             63

     Hängt ihn!                                            65

     Was ich wohl denken werde                             67

     Wie frisch und duftig waren doch die Rosen            68

     Eine Seefahrt                                         70

     N. N.                                                 72

     Halt inne!                                            72

     Der Mönch                                             73

     Noch wollen wir kämpfen!                              74

     Das Gebet                                             75

     Die russische Sprache                                 76



      Druck von Bernhard
      Tauchnitz in Leipzig



Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
ansonsten aber wie im Original belassen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:

     Sperrung:       _gesperrter Text_
     Antiquaschrift: #Antiqua#


Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:



Seite 17: »Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehörig
          --> Ihrem

Seite 73: auf den kalten Steinfließen --> Steinfliesen





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Gedichte in Prosa" ***

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