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Title: Briefe eines Soldaten - Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat
Author: Lemercier, Eugène Emmanuel
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

*** Start of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe eines Soldaten - Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat" ***

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Briefe eines Soldaten



Deutsche Ausgabe der
Lettres d'un soldat



1918
Max Rascher, Verlag, Zürich



1. bis 5. Tausend
Nachdruck verboten
Copyright 1917 by Rascher & Cie., Zürich



Deutsche Übertragung
von Professor Dr. Schneegans, Neuchâtel



1918
Buchdruckerei Züricher Post



Vorwort.


Die folgenden Briefe sind von einem jungen Maler geschrieben, der an der
Front war von September bis Anfang April, wo er in einem der Kämpfe im
Argonnerwald verschwunden ist. Soll man von ihm in der Vergangenheit oder
in der Gegenwart sprechen? Wir wissen es nicht: seit dem Tage, wo sie die
letzte von Schmutz befleckte Karte erreichte, welche den Angriff meldete,
in dem er verschwinden sollte, -- welche quälende Stille für diese Frauen,
die während acht Monaten nur von den fast täglichen Briefen lebten! Doch
für wieviele Mütter und Frauen ist eine solche Qual heute das tägliche Los?

In dem Atelier, unter den Bildern, in denen der junge Mann seine Träume,
seine Künstlervisionen festgelegt hatte, habe ich, liebevoll auf einem
Tische geordnet, alle die weißen Kärtchen gesehen, aus denen dieser
Briefwechsel besteht. Schwelgende Gegenwart. . . . Ich wußte damals noch
nicht, welche Seele sich hier in ihrer Fülle ausgedrückt hat, um auf diesem
Wege an den häuslichen Herd zurückzukehren: eine Seele, die dazu bestimmt
war, dessen bin ich überzeugt, sich weit über den kleinen Kreis der
Verwandten hinaus zu ergießen und weithin auf die Menschen zu strahlen. Die
Seele eines fertigen Künstlers, aber auch eines Dichters, mit der
Schüchternheit eines Jünglings, der schon mit dreizehn Jahren die Schule
für das Atelier verlassen hat und ganz allein gelernt hat das, was ihn
bewegt, in Tönen auszudrücken, deren Schönheit der Leser wird zu würdigen
wissen. Herzensgüte, inbrünstige Verehrung der Natur, mystisches Verstehen
ihrer Erscheinungsformen und ihrer ewigen Sprache, das ist es, was die
Deutschen, die sich die Erben Göthes und Beethovens nennen, allein zu
besitzen glauben und was uns in diesen, von einem jungen Franzosen für
seine Teuersten und für sich geschriebenen Briefen ergreift.

Das Rührendste dabei ist vielleicht, daß wir in dem seelischen, so ernsten,
so religiösen Empfinden, das sich hier ausspricht, Züge wiedererkennen, die
uns in manchen Briefen von der Front auffielen. In diesen Wochen, diesen
endlosen Wintermonaten, die sie im Schlamm oder im Schnee der
Schützengräben verbracht, beim täglichen Anblick des Todes, beim Gedanken
an den Tod, der vielleicht in demselben Augenblick naht, um ihnen für immer
die Augen zu schließen, scheinen diese Kinder angefangen zu haben mit
eindringlicherem, empfänglicherem Auge die ewigen Dinge zu betrachten, wie
wenn sie alle, in der Fülle ihrer Kraft und ihrer Jugend, glaubten sie zum
letzten Male zu betrachten:

   »Und sterben sollte nun die Welt
   Mit meinen Augen, den Spiegeln der Welt.«

Feierliche Stimmung des Menschen, der eben eine lange Nachtwache verbracht
hat, irgendwo auf Vorposten, und der hinter der grauen, schweigenden,
nordischen Ebene dort, wo der unsichtbare Feind in der Erde vergraben ist,
die rote Sonne noch einmal über diese Welt aufgehen sieht. »O herrliche
Sonne, ich möchte dich noch einmal sehen!« schrieb am Abend des Tages, wo
er in Frankreich einzog, ein junger schlesischer Soldat, der auf den
Gefilden der Marne fiel und dessen Tagebuch veröffentlicht worden ist.
Plötzlich entquillt dieser geheimnisvolle Herzenserguß, mitten unter
pünktlichen deutschen Aufzeichnungen über Essen und Trinken, Tagemärsche,
Fußleiden und der Aufzählung der verbrannten Dörfer. In wievielen
französischen Briefen haben wir diese tiefe Erleuchtung getroffen! Sie ist
sich immer gleich auf allen Stufen des Ausdrucks: bei jenem Bauern von
Seine-et-Marne, den ich mit Namen nennen könnte, der vielleicht zum ersten
Male in seinem Leben für die Glut des Sonnenunterganges ein Auge hat, --
bei jenem jungen Pariser, der bis dahin nur in Ausdrücken des Skepticismus
und der Ironie schien reden zu können, und bei dem jungen Künstler, der
dieses Gefühl in ergreifende Verse umsetzt und es bis zur erhabenen
Vorstellung steigert, an der die ganze stoische Philosophie hängt. Durch
soviele Unterschiede hindurch, bei allen, dem deutschen Schullehrer, dem
Bauern, dem Städter, dem französischen Maler, offenbart sich eine
gemeinsame Grundlage und der vergängliche Lebende, im Vorgefühl der ewigen
Nacht, sieht den Sinn und die Schönheit der Welt in ihm sich erweitern. O
Wunder der Welt! göttlicher Friede dieser Ebene, dieser Bäume, dieser
fernen Hügel, -- wie man dieser unendlichen Stille lauscht! Oder es ist die
nächtliche Unermeßlichkeit, in der nichts als Feuersbrünste und ein
Leuchten verbleibt. Unten ferne Glut von Bränden, oben die Sterne, ihre
unwandelbaren Bilder, das Flimmern, die Harmonie und erhabene Ordnung des
Weltalls.

Bald werden das Geknatter der Maschinengewehre, der Donner der
Sprengstoffe, das Geheul des Ansturms wieder anheben; man beginnt wieder zu
morden und zu sterben. Welcher Gegensatz der menschlichen Wut und der
ewigen heitern Ruhe! Mehr oder weniger dunkel, während eines kurzen
Augenblickes, wird eine tiefsinnige Beziehung zwischen den einfachen
Erscheinungen am Himmel und auf Erden, deren langsame Entwicklung sich
begreifen läßt, und dem Beschauer hergestellt. Fühlt dann der Mensch, daß
alles, was er sieht, er selbst ist, daß sein kleines Dasein und das Leben
des Baumes, der dort im Schauer des Morgengrauens erbebt und dem Menschen
zuzuwinken scheint, sich miteinander verbinden im Flusse des ewigen Lebens?

                                * * *

Für den Künstler, von dem hier die Rede ist, waren diese Eingebungen und
Visionen der Rausch jener langen, im Schützengraben verlebten Monate. Unter
dem weiten Himmel, bei der Berührung mit der Erde, vor der Gefahr und dem
täglichen Bilde des Todes, erschien ihm das Leben plötzlich seltsam
erweitert: »Wir haben von unserm Aufenthalt im Freien eine Frische der
Auffassung, eine Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die
den Überlebenden den Aufenthalt in den Städten gräßlich wird erscheinen
lassen.« Auch der Tod zeigte sich schöner und schlichter; Tod der Soldaten,
deren Gestalten er mitleidig betrachtete, während die Natur sie still,
mütterlich wieder zu sich nahm und allmählich mit der Erde vereinigte. Von
Tag zu Tag lebte er mehr in dem Gefühl des »Ewigen«. Er blieb freilich
empfänglich für alle Greuel und jedes Mitleides fähig, -- und man wird
sehen wie er seine Pflicht erfüllte. Aber »in gleichem Maße leidend«,
flüchtete er »zu einem höheren Troste«. »Man muß,« sagte er zu denen, die
ihn lieben und die er -- mit welcher beständigen Fürsorge! -- sich bemüht
auf das Schlimmste vorzubereiten, »dazu gelangen, daß kein Unglücksfall aus
unserem Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes, Unharmonisches mache
. . . Begnüge dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine
Seele zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun
können«. Diese Höhe ist die Gegend, in der über die Unterschiede der
Bekenntnisse und ihrer äußern Formen hinaus, alle großen religiösen
Gemeinschaften sich zusammenfinden, wo der eitle Schein verschwindet, wo
der Mensch allen Behauptungen und Forderungen des Ichs ein _Nein_
entgegenstellt und sich an das hält, was »wirklich ist«. »Unsere Leiden
kommen daher, daß unsere schwache menschliche Geduld unseren Bedürfnissen,
wenn auch den edelsten, zugewandt ist. . . . halte dich dabei nicht auf,
den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben bleiben, derer, die gehen
zu betrachten; das heißt die Dinge auf der menschlichen Wagschale abwägen.
Man muß aber in uns die gewaltige Menge dessen unterscheiden, was besser
ist als das Menschliche.« (30. Oktober.) Im Grunde ist der Tod machtlos,
weil auch er ein eitler Schein ist und »Nichts vollständig verloren ist.«
So findet dieser junge Franzose, der übrigens die Sprache des Christentums
nicht vergessen hat, in den Schrecken des Krieges den Stoicismus Mark
Aurels wieder, jene Tugend, »die weder Geduld noch allzu großes
Selbstvertrauen ist, sondern ein gewisser Glaube an die Ordnung der Dinge,
ein gewisses Vermögen, bei jeder Prüfung zu sagen, _daß es so recht ist_.«
Und jenseits des Stoicismus ahnt er und erreicht den uralten, erhabenen
Gedanken Indiens, der die Erscheinungen und trennenden Unterschiede
leugnet, und dem Menschen seine eigene Person und die ganze Welt zeigend,
ihn lehrt, daß er von der einen sage: »Das bin ich _nicht_«, von der
andern: »_Das bin ich_.« Ergreifende Begegnung: durch alle Entfernungen der
Jahrhunderte und Völker hindurch setzen die Betrachtungen dieses
französischen Soldaten vor dem Feinde, den er morgen angreifen wird, den
seltsamen Zustand der Verzückung fort, in den der Krieger der Bhagavad
Gîta[*] zwischen zwei Heeren, die aufeinanderprallen sollten, sich
versenkte. Auch er sieht in der menschlichen Unruhe einen Traum, der uns
den Anblick der höhern Ordnung und der göttlichen Einheit verschleiern
wollte. Auch er hat sein Vertrauen in die Dinge gesetzt, die »weder Geburt
noch Tod kennen«, in das was »nicht geboren, unverwüstlich ist, was nicht
getötet wird, wenn der Leib getötet wird«. Das ist das ewige Leben, dessen
Wirken sich fortpflanzt, stets gleich durch alle Formen hindurch, die es
erzeugt, in jeder bestrebt, sich zu mehr Licht, Frieden, Bewußtsein zu
erheben. Und dieses Ziel bedingt das Gesetz eines jeden denkenden Wesens,
die Aufopferung seiner selbst zum Besten des allgemeinen und endlichen
Wohles; daher bei dem Gedanken an das wirksame Opfer, jene tiefe
Befriedigung derer, die ihr Leben hingeben, die für die Sache des Lebens
fallen: »Sage M. . . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß das nicht
ungerecht ist: diejenigen, die weiterleben, werden dadurch gebessert
. . . Ihr wißt nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich weiß es
aber.« Und das Opfer ist noch vollständiger, wenn das Leben geben, wenn auf
sich selbst verzichten, zugleich bedeutet auf das verzichten, was man mehr
liebte als sich selbst, dem man mit seinem ganzen Leben hatte dienen
wollen. »Fahnen der Kunst, der Wissenschaft,« die er als Kind vergötterte,
die er zu tragen angefangen hatte, mit welchem stolzen, vertrauensvollen
Schauer! Der Mensch lerne ohne Klage zu sterben! »Es genüge ihm zu wissen,
daß die Fahne wird getragen werden!«

[Fußnote *: »Lied der Gottheit,« Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)]

Der schlichte, gewöhnliche Gehorsam der gegenwärtigen Verpflichtung, das
ist auch der praktische Abschluß der höchsten Weisheit der Indier, nachdem
sie den Wahn des Scheins entschleiert hat. Sich nicht in die Einsamkeit und
Untätigkeit zurückziehen, weil man den Wahn erkannt hat, mit seinen Brüdern
kämpfen, an seinem Platze und Range, mit offenen Augen, ohne Hoffnung auf
Ruhm und Gewinn, einfach weil das Gesetz es so will, das ist der Befehl,
den der Gott dem Krieger Arjuna gibt, als dieser zweifelt, ob er von der
Betrachtung des Ewigen dem menschlichen Schreckbild der Schlacht sich
zuwenden solle. »Für jedes Wesen ist Gesetz, das Werk zu vollführen, das
seine eigene Form ihm vorschreibt. Jeder unterziehe sich dem Handeln, da er
ein Teil ist dieser Natur, deren Beschaffenheit ihn zum handeln zwingt!«
Arjuna spanne einfach seinen Bogen mit den andern Kshettryas! Der junge
Franzose hatte keinen Augenblick gezweifelt. Aber in seinen Briefen sehen
wir, wie er mitten in den Schrecken des Gemetzels und in den geduldigen und
langweiligen Arbeiten des Minenganges oder des Schützengrabens seine Blicke
»auf das Ewige« stets zu richten wußte.

Ich möchte nicht länger bei diesem Vergleiche verweilen. Vielleicht hat er
durch einige Auszüge aus dem Ramayana den erhabenen Gedanken des uralten
Asiens vermuten können. Und doch zeigt in der ganz modernen Färbung, in den
bestimmten Formen und dem so französischen Fluß der Sprache die Seele, die
sich in diesen Briefen offenbart, wie die Amiels, Michelets, Tolstois,
Shelleys, eine tiefinnerliche Verwandtschaft mit dem zarten und mystischen
Genius Indiens. Seltsame Verwandtschaft, die sich nicht allein in dem
tiefen Gefühl und Verlangen nach dem Allgemeinen und Ewigen offenbart,
sondern auch in dem unmittelbaren Mitempfinden mit allem, was Leben ist, in
den Ergüssen der Liebe zu der großen mütterlichen Seele der Natur und allen
ihren Erscheinungen.

»Liebe«, das ist eines der Wörter, die am meisten in diesen Briefen
wiederkehren. Liebe zu jenen Gefilden, jener Ebene, über die die Morgen und
die Abende wie innere Regungen über ein Antlitz ziehen, Liebe zu den
Bäumen, deren Bewegungen fast menschlich sind, -- einem gewissen, unter
seinen Wunden männlichen, geduldigen Baume, »der einem Soldaten gleicht,«
-- Liebe zu den hübschen Tierchen der Felder, die im Schweigen des frühen
Morgens am Rande der Schützengräben spielend sich bewegen, -- Liebe zu
allen Dingen am Himmel und auf Erden, jenem beseelten Himmel, jener
französischen Landschaft mit ihrer so übersichtlichen, so schlichten
Linienführung, Liebe zumal zu denen, die er neben sich geduldig leiden und
kämpfen sieht, zu den ernsten Bäuerinnen der Champagne, die alle ihre Söhne
hingaben, die schweigen, ihre Tränen trocknen und die Arbeit der Vorfahren
auf den Ackern, in den Weinbergen weiterführen, zu jenen Kameraden, deren
»Scherze oder Lieder« kein Elend entmutigt, »braven Leuten, denen mein
schönes Künstlergewand arg hinderlich wäre, ihre Pflicht ehrlich zu tun,
wie sie sie tun«, -- zu allen jenen einfachen Menschen, die Frankreich
ausmachen, mit denen man sich so gerne vereint fühlt. Liebe zu allen
Lebenden (man fühlt wohl, daß er nicht hassen kann, auch nicht den Feind,
Fleisch von seinem Fleisch, das, wie er selbst, an diese Erde sich
anklammert, das in demselben Maße duldet). Und dann Liebe zu den Toten,
deren Anblick er aufsucht, deren stille, von Schweigen und Geheimnis
schwere Schönheit, sich in langer Betrachtung diesem eindringlichen Auge
offenbart.

Durch diese der innerlichen, geistigen Bedeutung der Dinge zugewandte
Aufmerksamkeit, erscheint uns dieser Maler in seinen Briefen besonders als
ein Dichter, -- ein religiöser Dichter, der in der Welt das Wesen der Dinge
erfaßt, alle unaussprechlichen Arten des Seins; auch als ein Musiker, der
in den Schützengräben mit Beethoven, Händel, Schumann, Berlioz
zusammenlebt, deren Melodien und Gedanken er in sich trägt -- den »die
schönsten Symphonien mit ihrer Orchesterbegleitung« berauschen. Innere
Reichtümer, geheime Mächte des Trostes und der Freude, die in den trübsten
Stunden, in der Nacht und dem Schlamm der langen winterlichen Wachen, so
nahe zu der Seele zu reden vermögen oder sie mit einem Male in solche Höhen
und solche Fernen forttragen. Schumann, Beethoven: zwischen diesen
unsterblichen Geistern, die nur für alle Menschen zu singen wußten, und den
unmenschlichen Pedanten, welche die Schönheit des Krieges und das starre
Recht der Gewalt predigten, was bleibt noch Gemeinsames übrig? Haben wir
sie nicht uns zu eigen gemacht, diese Genien, dadurch, daß wir sie immer
tiefer verstanden und in uns eindringen ließen? Sind sie nicht unsere
Freunde geworden? Begleiten sie uns nicht in alle gesegneten Einsamkeiten,
in denen unser wahres Ich wieder zu leben beginnt, unsere innere Quelle
wieder fließt?

Den Größten von Allen ruft eine Schar französischer Soldaten wach, drei
Tage vor der Schlacht, die sie voraussehen, in der mehrere verschwinden
sollten. Sie sind in der Tiefe einer unterirdischen Kasematte: »Dort
erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben
wir, meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich, die Schauer der neun
Symphonien von Beethoven erweckt! Eine unaussprechliche Begeisterung
beseelte uns.« Dieser fast heilige Gesang, diese heroische Begeisterung in
einem solchen Augenblick, wie widerlegen sie die immer wiederholten
Theorien der Deutschen über die Grenzen des französischen Gefühls! Welcher
Dichter eines andern Volkes hat die Natur mit einem brüderlicheren Auge,
mit einem tiefern Widerhall im Herzen betrachtet, als der dessen Innerstes
sich hier ausspricht?

                                * * *

Diese Tag für Tag geschriebenen und aus dem Schützengraben oder dem
Quartier geschickten Briefe bilden zusammen eine fortschreitende Folge,
gleichsam eine Dichtung oder einen Gesang. Ein tiefes inneres Leben birgt
sich darin: das Leben einer Seele, die wir in der Eintönigkeit dieser
außerordentlichen Verhältnisse, in denen sehr oft jedes Ereignis fehlt,
über den gewöhnlichen Gedankenkreis sich erheben, sich selbst übertreffen
und, je näher die schwersten Prüfungen herankamen, in Friede und heitere
Ruhe sich hüllen sehen (Februar-April). Man muß diesen seelischen
Fortschritt verfolgen, den er mit einem unerschütterlichen Willen leitet.
Es gibt keine ergreifendere Geschichte eines inneren Erlebens. Sein ganzes
Bemühen ist sich »anzupassen«, und wie fürchterlich es ihm oft wird, das
spürt man unter der gewöhnlichen Ruhe und Schlichtheit des Ausdrucks. Er
ist Dichter und Künstler; er hat das Leben aufgefaßt, er hat sich
entwickelt in einer dem Manne der Tat entgegengesetzten Richtung. Seine
ganze Bildung, seine besondern künstlerischen Übungen hatten als Folge die
Verfeinerung einer an sich schon angebornen äußersten Zartfühligkeit. Aus
innerm Drange und einem selbstgewählten Gesetze folgend, hat er die
Einsamkeit und Beschaulichkeit aufgesucht. Er fühlt und weiß wohl, daß er
nur lebt, um ein bestimmtes Abbild der Welt zu sein, und hat sich immer,
dem innern Triebe gehorchend, bemüht, in sich selbst die reine Form und
ursprüngliche Wölbung des Spiegels zu bewahren und zu vervollkommnen, der
eine Neigung hat sich unter den Einflüssen der Umgebung zu verzerren und zu
trüben. Jetzt heißt es im Gegensatz zu dem eigenen Gesetze leben, und zwar
nicht weil die Not dazu zwingt, sondern durch einen freien Willensakt. Es
heißt nun dieses Ich, das sich sorgfältig außerhalb der Welt und der Welt
gegenüber bewahrt hat, preisgeben, ohne Murren es in das dichteste Gewühl
werfen, Tag und Nacht nur noch in dem Atem und dem Gedränge der
Soldatenschar leben, und sich dabei einer rein körperlichen Tätigkeit
unterziehen für die furchtbaren Aufgaben des Krieges. Und für ein solches
Dasein, das er von seinem frühern Standpunkte aus als ein Sklavenleben
betrachtet hätte, muß er als den einzig möglichen Ausgang den Tod ansehen,
in absehbarer Zeit. Er muß sich daran gewöhnen, in seinem verflossenen
Leben, -- jenem Leben, das seine Künstlerträume und Hoffnungen
erleuchteten, das wie in einem Rausch allen Regungen und dem Pulsschlag des
Lebens des Weltalls entsprach -- nur noch einen Traum zu sehen, einen
Traum, der entschwunden ist und nie zurückkehren wird.

Das nennt er »sich anpassen«, und wie oft kehrt dieser Ausdruck in seinen
Briefen wieder! Denn er bezeichnet die Pflicht, eine Pflicht, deren
Schwierigkeit sich an dem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit
bemessen läßt, zwischen dem angeborenen Trieb einer Seele und der
Selbstüberwindung, die sie sich auferlegen will. »In voller Schaffenskraft,
in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte
wurde, wird ein junger Mann herausgerissen und auf einen trockenen Boden
verpflanzt, wo Alles von seiner gewohnten Nahrung ihm fehlt. Nun denn! von
dem Augenblick an, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht verlassen
hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seines neuen Bodens zu
schöpfen. Die Anstrengung verlangt eine Anspannung aller Kräfte, die keinen
Raum läßt für die Erinnerungen und Hoffnungen . . . Ich erreiche es, außer
in rasch unterdrückten Stunden der Empörung, wo die Gedanken, die
Handlungen meines vergangenen Lebens sich erheben, wie wenn ich sie nicht
vergessen hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine
herzzerreißenden Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen
Augenblick zu ertränken.« Dazu braucht es eine rastlose Anstrengung. Denn
»sich anpassen« bedeutet für ihn nicht sich durchgreifend verwandeln, indem
er den Einflüssen der neuen Umgebung nachgibt. Durch die fortgesetzte
Tätigkeit seiner Lebenskraft will er, im Sinne seiner eigenen
Persönlichkeit, den Stoff umgestalten, den er aus dieser Umgebung zieht; er
will darin die Mittel finden trotz Allem in der Richtung seines eigenen
Wesens sich zu nähren und weiter zu bestehen. Er will Allem entsagen und
das Wesentliche bewahren, weil sein Ich weiter erhalten bleibt, treu dem
selbstgeschaffenen Ideal, fähig nicht allein zu leben, sondern noch zu
blühen, teilzunehmen an dem allgemeinen Fluß des Lebens, der sich in der
Natur in rastlosem Erblühen offenbart, im Menschen in Regungen der Liebe,
der Kunst, der Poesie. Um dieses Ziel zu erreichen, gilt es, unter den
Drohungen und in den Unruhen des Krieges, sich für jede Erscheinung des
Schönen empfänglich zu erhalten. Denn das Schöne ist für diesen frommen
Dichter das Göttliche, das mehr oder weniger deutlich in allen Dingen
durchleuchtet; daher auch die Kraft, die er in der Betrachtung des Schönen
schöpft, die ihn allmählich über die Zufälligkeiten des Einzelwesens
hinaushebt. Um den Eindruck voll zu empfangen, um in sich alle Unruhe zu
bannen, muß er der Vergangenheit und der Zukunft Lebewohl sagen, nichts
beklagen, nichts erhoffen, nur noch im »gegenwärtigen Augenblick« leben,
der an diesen Segnungen reich ist. »Ich nehme alles aus der Hand des
Schicksals an, ich habe ihm aber Alles genommen, was es in den Falten eines
jeden Augenblickes an Glück birgt.« In diesem Zustand der Einfalt, der fast
der Zustand der Gnade ist, tritt er mit der lebendigen Wirklichkeit dieser
Welt in Berührung. »Laßt uns essen und trinken von Allem was ewig ist; denn
morgen sterben wir Allem ab, was menschlich ist«.

Diese Befreiung der Seele ist nicht sofort erreicht. Die ersten Briefe sind
sehr schön; aber was sie lehren, erfahren wir auch aus fast allen Briefen
unserer Soldaten. Er schildert den Seinen die Begeisterung der Soldaten,
ihre innige Gemeinschaft in einem einzigen flammenden Gedanken, die
gebieterische Pflicht, seinen eigenen Willen, »ein aufrechtes Gewissen
soweit zu tragen, als seine Füße es zu führen vermögen« (25. August 1914).
Aber schon sieht man, wie er sich bemüht, die Richtung seines inneren
Wesens gegen die Einflüsse und Aufreizungen des Haufens zu behaupten. Es
gelingt ihm. Indem er sich bewahrt, sich absondert »soviel er vermag«,
mitten unter den andern, stellt er fest, daß er in geistiger Beziehung
unberührt ist. Aber noch ist er zwischen den Kasernenmauern oder schreibt
in Bahnhöfen, an den Haltestellen einer endlosen Eisenbahnfahrt (»vierzig
Mann in jedem Wagen«). Um ihn wirklich kennen zu lernen, wartet bis er in
der Kriegszone angelangt, im Quartier, dann in der Feuerlinie, während der
langen Stunden der Wachen und auf Posten, mit der Erde wieder in Berührung
getreten ist. Sobald er den Hauch der weiten Ebene eingeatmet, erwacht sein
angeborener Trieb »Schönheit zu gewinnen«, und vor den Schatten, in die die
Zukunft sich versenkt, sie »soviel und so schnell wie möglich zu gewinnen«.
»Ich habe im Schlamm Blumen gepflückt, bewahrt sie zur Erinnerung an mich
auf,« schreibt er an einem Tage dunkler Vorahnung (11. Februar).
Bezeichnend für ihn ist, daß er in der Eintönigkeit der Tage im
Schützengraben, wenn die Gefahr das Geschwätz nicht aufkommen läßt, sie am
häufigsten findet, jene Wunderblumen. Dann kehrt der innere Friede wieder
ein, während des Schweigens, das diese Männer befällt, und er kann »seine
Seele frei mitschwingen lassen«, und gleich empfindet man den
eigentümlichen Widerhall. Diese Seele hatte zunächst nur die Klänge des
Mutes und der Brüderlichkeit für uns wiederholt, die sich von unsern Heeren
gleichmäßig erheben. Jetzt befindet sie sich mitten im Kriege, den ewigen
Dingen wieder gegenüber, und plötzlich glaubt man zum ersten Male den
Urklang und die unendliche Feinfühligkeit einer kaum berührten Saite zu
vernehmen. Aber diese Klänge bleiben nicht zufällig und unzusammenhängend;
bald setzen sie sich zu einer Melodie zusammen, die immer bestimmter,
voller, von ergreifender Bedeutung schwerer wird, je mehr er durch eine
tägliche Übung es lernt, sich von den drückendsten Umständen besser
auszuschließen. Ein ganz unpersönliches Ich scheint sich jetzt von dem
körperlichen Ich, das sich abmüht und Gefahren besteht, loszulösen, und die
Dinge ohne innere Teilnahme zu betrachten, und auch dieses andere Ich, das
an seinem Platze steht in der allgemeinen Ordnung, zu beobachten, eine
vergängliche Welle in der Flut, die eine geheimnisvolle Vernunft leitet.
Seltsame Fähigkeit, ein Doppel- und Traumleben zu führen! Es gelingt ihm,
sie in der Schlacht selbst zu üben, wo seine Tapferkeit und seine
militärische Tätigkeit ihm die Glückwünsche seines Vorgesetzten eintragen.
In dem Höllenschlund, in dem sein Fleisch sich auflösen könnte, hört er
nicht auf zu schauen, und am nächsten Tage kann er schreiben: »Nun, es war
interessant!« Und er fügt hinzu: »Was ich Persönliches bewahrt hatte, war
eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte gewisse Bilder
in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso
»künstlerischer Weise« zusammenfügte, wie jede andere menschliche
Zusammenstellung. Aber gewöhnlich habe ich in diesen Augenblicken nie die
Absicht aufgegeben zu sehen »wie es gemacht ist« (14. März). Dann offenbart
sich ihm die Bedeutung der Gewalttätigkeit. Dieser zarten sinnigen Natur
flößt sie Grauen ein. Deswegen vielleicht frägt sein Geist nach dem Warum.
Durch die Gewalttätigkeit wird eine unvollkommene und vorübergehende
Ordnung durchbrochen und die Erscheinungen, die im Begriff waren zu
erstarren, kommen wieder in Fluß. Das Leben beginnt wieder und eine höhere
Ordnung wird ermöglicht. Auch hier ist Annahme, Unterwerfung unter die
Vernunft der Welt, Vertrauen in das, was sich verwirklicht, die Lösung, zu
der er immer wieder gelangt.

Das sind Augenblicke der eigentlichen Beobachtung, reiner Überlegung, in
die sich die Regungen des Künstlers und des Dichters nicht mischen. Solche
Augenblicke sind nicht selten bei ihm; aber dann handelt es sich immer um
die Welt und menschliche Ereignisse. Sie entstehen vor einem Kriegsbilde,
einem Charakterzug, bei einer Lektüre, einer künstlerischen oder
geschichtlichen Erinnerung (oft ruft er eine Bibelstelle wach und im
ärgsten »Wirrwarr« schöne Bilder aus der griechischen Mythologie). Man
bewundert diese heitere Willenskraft eines Geistes, der es verstanden hat,
sein früheres rein geistiges Leben wieder aufzunehmen. Das ist sehr schön,
ist aber nicht einzigartig: die große geistige Tätigkeit ist nicht selten
in Frankreich; andere unter den Soldaten haben unter den Granaten
philosophiert. Was diesen Briefen eine besondere Bedeutung zu verleihen
scheint, ist der Ausdruck von etwas viel Wesentlicherem, viel Innerlicherem
als der Gedanke; das Gefühl, das Unendliche und Unbestimmte seiner
Schattierungen, seine Zusammenklänge mit den Bildern der Landschaft, jene
Dichtergabe endlich, die mit der musikalischen Begabung zusammenhängt; denn
sie geht aus demselben Urgrund des Unbewußten im Menschen hervor und strebt
auch ihrerseits allen verschlungenen Linien des Rhythmus und des Gesanges
zu. Ich habe schon Shelley aus Anlaß dieses Dichters genannt. Was uns eine
Bemerkung wie die folgende offenbart, ist die Vereinigung mit dem Innigsten
und Unaussprechlichsten in der Natur, wie wir sie bei Shelley finden:
»Namenloser Tag, ohne greifbare Gestalt, in dem trotzdem geheimnisvoll der
Frühling zu quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage;
plötzliches Erschlaffen, wie ein Vergehen der Natur.« (3. Februar.) Aus
Anlaß dieses Frühlingshauches, dieser zu plötzlichen Milde, gebraucht er
sogar einen der häufigsten Ausdrücke des Wortschatzes von Shelley:
»Vergehen«.[*] Was er im Grunde erstrebt, wie der große englische Dichter,
den er nicht gekannt zu haben scheint, ist das Selbstvergessen in der
lyrischen Stimmung, das unsagbare und selige Gefühl des Ichs, das in dem
betrachteten Gegenstand sich selbst auflöst. Was für ihn im Laufe dieser
Wochen zählt, was er später ins Gedächtnis zurückruft, was er wiederfinden
möchte, um es nie wieder zu verlieren, das sind jene Höhepunkte, da er sich
selbst vergessen durfte, weil er das Unaussprechliche empfunden hatte. Der
einfachste Gegenstand der Natur kann ihm solche Augenblicke schenken. Zum
Beispiel in dieser plötzlichen Erleuchtung: »Ich empfand nicht wie früher
den Segen Gottes, als plötzlich ein schöner, so schöner Baum zu meinem
Herzen sprach, . . . und ich habe begriffen, daß eine Stunde in dieser
Betrachtung das ganze Leben ist.« Und andauernder, stärker schwingend ist
manchmal die innere Erregung, wie wenn der Bogen bis an die Spitze auf
einer feinfühligen Geige eine langgezogene verzückte Melodie entwickelt:
»Welche Lust, dieses stets innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf dem
die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.«
(2. November.) Und wahrlich es klingt wie ein Entzücken in jener
erstaunlichen Weihnachtsnacht, deren Erinnerung alle, die damals auf der
Front waren, bewahren werden, -- einer feierlichen, ganz blauen Nacht, voll
Gestirne und Gesänge, in der die Ordnung und göttliche Einheit des Weltalls
den Augen der Menschen sich zu offenbaren schien, die einen Augenblick aus
ihrem Traum des Hasses und des Blutes erwachten und auf den beiden
Schützenlinien zu singen begannen: »_Hymnen, Hymnen überall_«

[Fußnote *: Défaillance; vergl. Shelley: faint, »my faint heart«, . . . »I
faint, i perish with my love«. (Der Übersetzer.)]

Doch, im Februar, Gemetzel, deren zunehmende Greuel einige knappe
Aufzeichnungen mit genügender Schärfe ahnen lassen. Dann nehmen die
Erzählungen eine raschere Bewegung an; man fühlt die schnellen Rhythmen und
raschen Ansätze der Handlung, den herrischen Zwang rascher
Pflichterfüllung, da der junge Sergeant die Verantwortung von Menschenleben
trägt und furchtbaren, abgegrenzten Aufgaben gegenübersteht. Stets aber, im
Getümmel des Gemetzels, und in der Eile des Dienstes, plötzliche und
seltsame Augenblicke des Träumens und des Mitleids; und dann abends, welche
unendliche Ruhe unter den Toten! In dieser Zeit hören die Aufzeichnungen
über das Landschaftliche auf; die Beschreibung wird militärisch, technisch,
oder aber der Gedanke verläßt die Erde. Einmal, gegen Ende, ein einziges
Mal, ein Rückblick auf die eigene Person, eine kurze ergreifende Klage,
beim Gedanken an die frühern Hoffnungen, an sein verlornes Künstlerschaffen
und an die unendliche Größe des auferlegten Opfers: »Wie lang ist dieser
Krieg für Menschen, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen hatten! . . .
Warum bin ich so aufgeopfert, während so viele, die mir nicht gleichkommen,
geschont werden? und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu tun! . . .«
Herzzerreißender Seufzer, der uns noch mehr ergreift als die erhabenen
Äußerungen dieser Seele, weil die bis dahin unterdrückte Qual plötzlich
hervorbricht, -- die ganze Hülflosigkeit des Menschen, die unsrige, bekennt
sich hier, am Vorabend einer Passion -- wie bei dem göttlichen Vorbilde.
Mitunter ein Zweifel, der andauernde Anblick des Todes, die Müdigkeit, die
ewige Trostlosigkeit des Regens und des Schlammes, die in ihm den
Lebensdrang und den sehnsuchtsvollen Aufschwung des Geistes hemmen. Er war
die junge Pflanze, von der er einmal spricht, die wuchs, nach dem Duft und
der Pracht ihrer Blume sich sehnte, ihres Gottes sicher war, weil sie nur
ihn, in sich lebend und wirkend, fühlte. Aber plötzlich spürt sie den
Schauer, die Drohung der erbarmungslosen Kräfte. Wenn das Weltall leer,
wenn in dem Endlosen dieser äußeren Welt, unter dem glänzenden Schein,
nichts als eine gefühllose Notwendigkeit wäre? Wenn auch das Opfer
Täuschung wäre? »Ich komme in die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte
Ende aller Dinge zu sein scheint, während alles in meinem Leben die reiche
Fülle des Weltalls mir bezeugte.« (2. Februar.) Und er stellt sich die
qualvolle Frage: »Ist es überhaupt sicher, daß die sittliche Anstrengung
ihre Früchte trägt?« Es ist wie wenn Gott ihn verließe. Doch diese
Verdunkelung seiner inneren Erleuchtung vergeht rasch. Er findet die
lichten stillen Höhen wieder, die er nur verläßt, wenn die Pflicht und der
Kampf rufen, jene Höhen, nach denen er sich sehnte, als er schrieb: »Ich
möchte, daß, wenn Ihr an mich denkt, Ihr das Bild von denen wachruft, die
Alles verlassen hatten, . . . die den nächsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung bekannt waren, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder
gehabt, der vor langen Jahren von der Welt sich zurückgezogen hat.« (13.
Januar) Wie seltsam der heitere Friede dieser Höhen ist, wie sehr von ihm
selbst und allem Irdischen seine Betrachtungen losgelöst waren, das lassen
zwei kleine Züge beurteilen: Er hat einmal nachts aus einem »mit
menschlichen Körperteilen« und weiter in der Ferne mit Feuersbrünsten
übersäten Schlachtfelde, unter dem von Sternen funkelnden Himmel, als
Lagerstätte eine Aushöhlung gefunden, von der aus seine Augen die
Mondsichel beobachten und das Kommen des Tages erspähen. Von Zeit zu Zeit
platzt eine Granate, Erdschollen bedecken ihn, dann sinkt wieder Schweigen
auf die erstarrte Erde nieder: »Ich habe sie teuer erkauft, ich hatte aber
Augenblicke einer Einsamkeit, die von Gott erfüllt war.« (28. Februar.) An
einem Abend irrt er nach fünf Schreckenstagen herum (»wir haben keine
Offiziere mehr, alle sind als tapfere Soldaten gefallen«) und steht
plötzlich vor dem ausgestreckten Leichnam eines Freundes. »Weißer
herrlicher Leichnam im Mondlicht . . . Ich habe in seiner Nähe ausgeruht.«
(22. Februar) In der Unbeweglichkeit der Natur, neben diesem Toten, hat er
die innere Ruhe gefunden; er empfindet nur Friede und Schönheit.

                                * * *

Diese Briefe sollen anonym bleiben, wenigstens solange man die Rückkehr des
Verschwundenen erhoffen kann. Es genügt zu wissen, daß sie von einem
Franzosen geschrieben sind, der mit Liebe und Glauben an den gemeinsamen
Mühen und Gefahren teilgenommen hat, und froh war, in den Leiden und der
Hingabe Aller die eigene Person zurücktreten zu lassen. Durch eine Gnade,
auf die er kaum gefaßt war, als er die unberührte Stille seines
Künstlerheimes mit dem Schweiß, dem schweren Dienst und der Unruhe des
Soldatenlebens vertauschte, hat er ohne Zweifel hier sein Bestes offenbart,
und man kann sich fragen, ob es ihm im regelmäßigen Verlauf eines
abgeschlossenen Künstlerdaseins, je vergönnt gewesen wäre, mit dieser Fülle
sein Wesen auszudrücken. Die ihn lieben, finden in diesem Gedanken den
Trost, der ihnen helfen kann, Alles geduldig hinzunehmen. Seine Seele ist
in diesen Briefen vielleicht wesentlicher und schöner, als sie selbst sie
je gekannt haben. Auch Mark-Aurel schrieb im Verlauf eines Krieges seine
Gedanken nieder. Vielleicht braucht es das Äußerste, um den Seelenadel des
Menschen zu zwingen sich zu offenbaren; dann staunt man darüber, was die
Seele in sich selbst entdecken kann, um es dem Schmerz und dem Tode
entgegenzustellen. So offenbarten sich in den Tagen der Prüfungen so manche
unserer Söhne und es erstand, zum Erstaunen seiner selbst und der ganzen
Welt, das Wunder jenes Frankreichs, das noch nicht wußte, was es Alles
bedeutete. Dadurch berühren uns solche Briefe so tief. Derjenige, der sie
schrieb, hatte seine Seele mit dem Grundton der Allgemeinheit in Einklang
gebracht. Unter dem mystischen Ausspinnen der Melodie, das sein eigenes
Wesen in diesen Grundton hineinbringt, finden wir den erhabenen Gedanken
wieder, den mehr oder weniger deutlich ausgedrückt, unsere Söhne und Brüder
von der Front zu uns trugen, die hehre Melodie, die heute noch von dem
ganzen kämpfenden Frankreich aufsteigt. In allen zur Erfüllung der hohen
Pflicht versammelten Kameraden hatte er deutlich erkannt, was er Tiefes und
Schönes in sich selbst entdeckte, und deswegen spricht er immer von ihnen,
besonders von den einfachsten, mit soviel Liebe und Ehrfurcht. Was ein
solches Leben, fern von den gewöhnlichen Sorgen und ehrgeizigen Träumen, so
rauh, so kümmerlich mitten unter den ewigen Erscheinungen, ihnen allen
bringt, ist eine bis dahin unbekannte »Großzügigkeit in den Bewegungen und
Gedanken«, »die heitere Ruhe des Gewissens« und die Frische einer
Empfänglichkeit, die sich allen Erscheinungsformen der Natur harmonisch
anpaßt. Sie spiegeln nur noch die Natur in sich wieder. Weil sie sich
selbst hingegeben und vergessen haben, hat sich für sie Alles in
wunderbarer Weise vereinfacht. Sie erlangen die Durchsichtigkeit der Seele
und die Erleuchtung der Kindheit wieder. »Wir verleben kindliche Tage, wir
sind Kinder geworden«. (24. Dezember.)

Diese Verjüngung des Herzens, unter der täglichen Drohung des Todes, diese
kindliche Ahnungslosigkeit in der täglichen Erfüllung der heroischen
Pflicht, ist das nicht ein Zustand, der an die Gottseligkeit grenzt?

         André Chevrillon.



Briefe eines Soldaten


Den 6. August 1914.

      Teuerste Mutter!

Das sind die ersten Tage meines sehr bewegten kriegerischen Daseins; aber
die Müdigkeit, die ich empfinde, ist von dem, was ich erwartete, sehr
verschieden. Ich lebe in einem Zustand starker nervöser Spannung infolge
des Mangels an Schlaf und köperlicher Bewegung. Ich führe hier das Leben
eines Beamten. Ich gehöre zu dem, was man Ersatzmannschaft nennt, d. h. die
seßhafte Abteilung, welche den regelmäßigen Gang derjenigen Dienstzweige
sichert, die nie unterbrochen werden dürfen, auch nicht während der
Abwesenheit der Truppen, und die ferner dazu bestimmt ist, die Lücken
auszufüllen, die etwa in der Feuerlinie entstehen. Was uns fehlt, ist zu
wissen, was vorgeht. C.-T. ist eine Stadt, in der man keine Zeitungen mehr
bekommt.

Den 13. August.

Wir sind ohne Nachrichten; während mehrerer Tage wird es so bleiben, denn
die Zensur ist außerordentlich streng.

Hier ist das Leben ruhig. Das Wetter ist prächtig und alles atmet Ruhe und
Vertrauen. Wir denken an die, welche bei dieser Hitze kämpfen, und dieser
Gedanke läßt uns unsere Lage noch zu schön erscheinen. Die Stimmung der
Reservisten ist vortrefflich.

Sonntag, den 16. August.

Heute Spaziergang auf dem Ufer der Marne. Liebliches Wetter nach etwas
Regen. Gar angenehmes Zwischenspiel in diesen unruhigen Zeiten. Wir sind
immer noch ohne Nachrichten wie Ihr auch, und haben zum Glück einen
stattlichen Vorrat an Geduld. Ich hatte einiges Vergnügen daran, die
Landschaft zu genießen, trotz der blauen und roten einbrechenden Flut,
übrigens machten diese blauen und roten Leute den besten seelischen
Eindruck. Unsere Ersatzmannschaft wird starke Einbußen erleiden und nimmt
das mit Ruhe auf.

Den 19. August (aus einem Tagebuch).

Die Eintönigkeit des Soldatenlebens stumpft mich ab, aber ich beklage mich
nicht.

Nach neun Jahren finde ich dieselben Menschentypen wieder, etwas abgeblaßt,
gebessert, ausgeglichen, und besonders auf den großen Gedanken hin
gerichtet, den die Nachrichten aus dem Osten dem Geiste vergegenwärtigen.
Die gewöhnliche Stubenkameradschaft weicht einem würdigeren Gefühl der
Zusammengehörigkeit und einem löblichen Streben, sich einander anzupassen.
Einer der Vorzüge unserer gegenwärtigen Lage ist das Gefühl, daß man Soldat
spielen kann in dem Bewußtsein, seine Zeit nicht zu vergeuden. Diese Summe
von kindlichen und wenig anstrengenden Beschäftigungen, die alle einen
unmittelbaren Nutzen und Erfolg haben, stellt das geistige Gleichgewicht
wieder her und beruhigt die Nerven. Dazu kommt noch der mächtige Deich, der
alle diese Männer in Schranken hält, ein tiefes und unbestimmtes Gefühl der
Brüderlichkeit, das alle Herzen denen zuwendet, die kämpfen. Jeder fühlt,
daß die kleine Unbequemlichkeit, die man zu ertragen hat, nur ein schwaches
Opfer ist im Vergleich zu dem entsetzlichen Aufwand von allen Kräften und
aller Hingabe, die der Grenze zustreben.

Den 25. August.

Dieser Brief wird um wenige Augenblicke unserm Abmarsch vorausgehen. Der
furchtbare Zusammenstoß erfordert unsere Gegenwart bei denen, die bereits
im Kampfe stehen. Ich verlasse Euch, Großmutter und Dich, in der Hoffnung
Euch wiederzusehen und in der Zuversicht, daß Ihr alles gutheißen werdet,
was mir als meine Pflicht erscheinen wird.

Nichts ist verloren und besonders nichts hat die Einsicht in unsere
Bestimmung erschüttert. Sage denen, die mich ein wenig lieben, daß ich an
sie denke. Ich habe keine Zeit jemandem zu schreiben. Meine Gesundheit ist
vortrefflich.

. . . Nach einer solchen Erschütterung kann man sagen, daß unser
vergangenes Leben abgestorben ist. Laß uns also, liebe Mutter, unsere ganze
Kraft daran setzen, uns einem vollständig verschiedenem Leben anzupassen,
Du und ich, wie lange es auch dauern mag.

Sei überzeugt, daß ich keine Gelegenheit aufsuchen werde, die unser Glück
aufs Spiel setzen könnte, daß ich mich aber bemühen werde, meinem Gewissen
und dem Deinen genug zu tun. Bis jetzt habe ich mir nichts vorzuwerfen, und
ich habe den Willen auszuharren.

Den 25. August (zweiter Brief).

Zweiter Brief um Dir mitzuteilen, daß statt des unsrigen Pierres Regiment
fortzieht. Ich hatte die Freude ihn vor mir vorbeimarschieren zu sehen, als
ich in der Stadt auf Wache war. Ich habe ihn etwa hundert Meter weit
begleitet. Dann haben wir uns Lebewohl gesagt. Ich hatte den Eindruck, daß
wir uns wieder sehen würden.

Die Stunde ist außerordentlich ernst; das Land wird nicht untergehen; aber
seine Befreiung wird um den Preis von furchtbaren Anstrengungen errungen
werden. Das Regiment von Pierre ist mit Blumen bedeckt und singend
ausgezogen. Es war für uns ein inniger Trost, daß wir bis zuletzt zusammen
sein konnten.

Es ist schön von André,[*] daß er seinen Kameraden vom Ertrinken gerettet
hat. Man kennt nicht die Schätze an Heldenmut, die Frankreich und die
intellektuelle Jugend von Paris in sich bergen.

[Fußnote *: Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen,
den 13. April 1915.]

Was unsere Verluste betrifft, so kann ich dir sagen, daß ganze Divisionen
vernichtet worden sind. Gewisse Regimenter haben keinen Offizier mehr. Wie
ich empfinde und was ich für meine Pflicht halte, darüber wird dich mein
erster Brief vielleicht besser unterrichten. Wisse, daß es eine Schande
wäre auch nur einen Augenblick an die eigene Rettung zu denken, wenn die
Rasse unsere volle Hingabe verlangt. Meine einzige Pflicht ist ein
aufrechtes Gewissen soweit zu tragen, als meine Beine es zu führen
vermögen.

Den 26. August.

      Teuerste Mutter!

Ich habe mich sehr über einen schönen Artikel von Barrès gefreut, »Der
Adler und die Nachtigall,« der Punkt für Punkt mit dem zusammenstimmt, was
ich empfinde.[*] Die Ersatzmannschaften enthalten viel Abfall, aber auch
kraftvolle Elemente, zu denen ich mich noch nicht zu zählen wage; aber ich
hoffe sehr, daß ich mit diesen ausziehen werde. Der Stabsarzt hatte mich
vom Tornistertragen entbunden, aber ich trage ihn doch, um mich zu
trainieren, und halte es gut aus.

[Fußnote *: Siehe Maurice Barrès: L'âme française et la guerre, I. L'Union
sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L'aigle survole le rossignol. »Schon
unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den
Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt,
wird belohnt werden.« Aus dem Kriege zurückgekehrt, »werdet Ihr,
Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall
emporfliegt.« (S. 87.)]

Die einzige Versicherung, die ich dir geben kann, betrifft mein
körperliches und seelisches Befinden, das vorzüglich ist. Der wahre Tod
wäre in einem besiegten Lande leben zu müssen; für mich besonders, dessen
Kunst dann vernichtet wäre.

Ich suche die Einsamkeit auf, so oft ich es vermag, und in geistiger
Hinsicht bin ich wirklich unberührt. Übrigens ist der seelische Stand der
Mannschaft viel höher als in gewöhnlichen Zeiten; das Unangenehme ist, daß
die ewigen Wechsel und Versetzungen uns von Quartier zu Quartier
herumschleppen, und daß das Vertrauen, welches im Erwachen war, vor den
stets erneuerten uns bekannten Gesichtern stockt.

Den 30. August.

Liebes Mütterchen, wenn wir auch nicht schon gestern fortgezogen sind,
sicher ist, daß es sich jetzt nur noch um Stunden handeln kann. Ich will
Dir nichts schreiben von dem, was ich dir schon sagte; genug für mich, daß
du mir zustimmst, wie ich dessen sicher war. . . .

Je näher die Entscheidung heranrückt, um so mehr verfliegt alle
Schlaffheit. Bei dem gestrigen sehr anstrengenden Marsch ist ein einziger
abgefallen und der war wirklich krank. Frankreich wird aus dieser schlimmen
Lage herauskommen.

Ich kann dir nur wiederholen, wie sehr ich auf jede Wendung der Dinge
gefaßt bin, und daß nichts unsere siebenundzwanzig glücklichen Jahre
streichen kann. Ich bin entschlossen, mich nicht als ein vorbestimmtes
Opfer anzusehen und ich fasse das Glück der Heimkehr ins Auge, bin aber
bereit bis zum äußersten meiner Kräfte zu gehen. Wenn du ahnen könntest,
welche Scham ich empfinden würde bei dem Gedanken, daß ich etwas mehr hätte
leisten können.

Inmitten all dieses Jammers erleben wir herrliche Stunden, in denen die
Dinge, die uns am Fremdesten waren, eine erhabene Bedeutung erhalten.

Den 4. September, 6 Uhr (unterwegs, im Zug).

Vierzig Stunden einer Fahrt, in der das »malerische« den äußersten Mangel
jeglicher Bequemlichkeit übertrifft. Die große Frage ist der Schlaf und die
Lösung ist nicht einfach, wenn man zu vierzig in einem Viehwagen ist.

Jeden Augenblick hält der Zug und wir begegnen den unglücklichen
Flüchtlingen. Dann die Verwundeten: schöner patriotischer Anblick. Die
englischen Truppen. Die Artillerie.

Wir wissen nichts mehr, da wir keine Zeitungen mehr haben und wir können
uns nur an die Gerüchte halten, die in der geängstigten Bevölkerung
umgehen. Herrliches Wetter.

Samstag, den 5. September (nach 60 Stunden Fahrt in einem Viehwagen:
40 Mann in jedem Wagen.)

Am selben Tage sind wir an den Ufern der Seine, dem Walde von Fontainebleau
gegenüber, und an den Ufern der Loire entlang gefahren. Die Schlösser von
Blois und von Amboise gesehen. Leider verhinderte uns die Nacht daran, mehr
zu sehen. Könnte ich Dir nur sagen, welche süße Erinnerungen jene
herrlichen Loireufer in mir wachgerufen haben!

Seid Ihr von diesen schrecklichen Fliegern beschossen worden? Ich denke an
Euch in solchen Fällen, an die arme Großmutter besonders, die es wahrlich
nicht nötig hatte solche Dinge zu erleben. Nun, gute Hoffnung! Wir erfahren
durch die evakuierten Verwundeten, daß in den ersten Tagen des Augusts im
hohen Kommando Fehler begangen worden sind und daß sie unerbittlich
bestraft worden sind. Jetzt müssen wir sie wieder gut machen.

Die englischen Truppen kommen in Menge. Wir sind an mehreren vollgestopften
Zügen vorbeigefahren.

Nun, dieser Krieg wird nicht der militärische Spaziergang sein, wie Viele
glaubten, wie ich es nie geglaubt habe; er wird aber das Gute in der ganzen
Menschheit aufgerüttelt haben. Ich erzähle Euch nichts von den herrlichen
Bildern, die nicht auf den Krieg Bezug haben, doch wird nichts verloren
sein.

Den. 5. September 1914, 1. Etappe, 66 Stunden Käfig ohne sich
ausstrecken zu können.

Fortwährend Berührung mit Eisenteilen und Erschütterung -- aber auf die
gräßliche Nacht folgt dreimal nacheinander der strahlende Morgen und alle
Müdigkeit verschwindet!

Wir sind kreuz und quer durch die französische Landschaft gefahren, von der
etwas trockenen, aber so andeutungsreichen Heiterkeit der Champagne bis zur
üppigen und kraftvollen Seelenruhe der Bretagne. Dazwischen sind wir an den
rauschenden und feierlichen Ufern der Loire entlang gefahren, und nun
. . . O mein herrliches Vaterland! Herz der Welt, in dem alles Göttliche
auf Erden ruht, welch' Ungeheuer zerfleischt Dich? Wesen, dessen Schönheit
allein eine Herausforderung war . . .

Vorher liebte ich Frankreich in aufrichtiger Liebe, wenn auch etwas nach
der Art eines Dilettanten; ich liebte es wie ein Künstler, der stolz ist
auf dem schönsten Fleck Erde zu leben, aber im Grunde liebte ich es etwa
wie ein Bild seinen Rahmen lieben könnte.-- Es brauchte dieses Entsetzen,
um mich das Kindliche, das Innige in den Banden, die mich mit meinem Lande
verknüpfen, fühlen zu lassen . . .

Den 7. September (aus einem Tagebuch).

. . . Wir haben die Fahrt in das Unbekannte angetreten, ohne irgend ein
vorherrschendes Gefühl, außer etwa einer leidlich schönen Annahme des
Unvermeidlichen. Doch die weicheren Regungen werden durch den Anblick der
Opfer des Krieges wachgehalten. Wir sehen besonders Flüchtlinge. Arme
Menschen! wahrhaft dem Boden Entwurzelte, oder vielmehr welkes Laub im
Sturm, kleine Seelen in gewaltigen Ereignissen. Ganze Züge von Viehwagen,
die kaum ihre Bestimmung gewechselt haben. Züge, in denen der Jammer dieser
Entrissenen sich anhäuft, die, o wie bald, zur Herde werden! Das Elend hat
sie aller menschlichen Errungenschaften entblößt. Wir bringen ihnen zu
essen und zu trinken und dabei lernen wir sie kennen: der Mann trinkt, ohne
an seine Frau, an seine Kinder zu denken. Die Frau erinnert sich ihres
Säuglings, einige Weiber aber nehmen sich Zeit, ohne um die Hast der andern
sich zu kümmern. Unter diesen Schiffbrüchigen berührt mich eine wie ein
Stich mitten ins Herz. Eine siebenundachtzigjährige Greisin, in allen
diesen Stößen herumgeschüttelt und herumgeschleppt, wird abwechselnd
heraufgeladen und aus den rollenden Käfigen heruntergeschafft, so zitternd,
so hülflos, so verloren . . .

Den 10. September (aus einem Tagebuch).

Wir kommen in eine von guten Nachrichten durchkreuzte Gegend: sehr deutlich
bekomme ich den Eindruck, daß nunmehr das Schicksal Frankreichs gesichert
ist. Vom amtlichen Bericht, der bündig und bestimmt einen durchgreifenden
Erfolg versichert, bis zu dem Bündel phantastische Gerüchte, alles trägt
dazu bei, dieses Vorgefühl zu verstärken.

Den 13. September (aus einem Tagebuch).

Hier ist Krieg; hier betreten wir den Ort des Entsetzens. Wir haben die
Dörfer Frankreichs, in denen der Friede schlummerte, verlassen. Jetzt ist
alles nur noch gewaltsame Bewegung, hier sieht man die ersten unmittelbaren
Opfer des Krieges.

Die Soldaten: Blut, Schmutz und Schlamm. Verwundete. Diejenigen, denen wir
zuerst begegnen, sind am leichtesten verwundet: Wunden an den Armen, den
Händen. Bei den meisten bemerkt man deutlich neben der Müdigkeit und den
Schmerzen ein Gefühl wahrer Erleichterung, weil sie noch leidlich gut davon
gekommen sind.

Weiter in der Gegend der Verbandstellen, Verscharren von Toten; sechs sind
es, auf zwei Karren ausgestreckt. Flach daliegend, in zerrissenen Kleidern
verloren, führt man sie in eine am Fuß eines Kruzifixes offene Gruft.
Priester tun eher Kriegsdienst als Gottesdienst, denn auch sie sind als
Soldaten eingezogen. Etwas Stroh und Weihwasser darüber und wir ziehen
weiter. Im Grunde sind diese Toten noch zu beneiden. Sie sind gepflegt
gestorben. Was soll man von denen sagen, die weiter vorn liegen und
verschieden sind nach Nächten von Todeskampf und Verlassenheit!

. . . . Von diesem Sturme wird uns ein endloses Verlangen nach Mitleid,
Brüderlichkeit und Güte verbleiben.

Mittwoch, den 16. September 1914.

In dem Kreise des Entsetzens. Die regnerische Dämmerung läßt die Straße
erbleichen; plötzlich, in einem Graben, -- die Toten! Sie haben sich vom
Schlachtfeld bis hierher geschleppt. Wie sie gefallen, so liegen sie da --
jetzt schon stinkend. Die einbrechende Nacht läßt uns nur mit Mühe ihre
Landeszugehörigkeit unterscheiden, aber dasselbe große Mitleid umfängt sie.
Es gibt nur ein Wort für alle: armer Junge! Die ganze Nacht unter diesen
Greueln, dann den Morgen wieder. Der Tag bricht an über angeschwollene
Pferdeleiber! An einer Waldecke ein erkaltetes Gemetzel. Sie liegen da
ausgestreckt und starr, schon schwarz von Verwesung -- und ausgeplündert:
überall sieht man offene Taschen, aufgerissene Brotsäcke. Nichts von dem,
was ihre Persönlichkeit ausmachte, ist ihnen verblieben. Unter ihnen
Zivilisten, deren Gegenwart sich aus dem deutschen Verfahren erklärt,
französische Geiseln unter unserm Feuer marschieren zu lassen.

Wenn diese Aufzeichnungen jemandem in die Hände fallen, mögen sie in einem
ehrlichen Herzen Schauer erwecken vor der scheußlichen Missetat derer, die
an diesem Kriege verantwortlich sind. Nie wird es Ruhm genug geben, um all
diesen Schmutz, all dieses Blut zu verdecken.

Den 21. September 1914.

Der Regen im Krieg: Eine Qual, von der man sich keine Vorstellung machen
kann. Drei Tage und drei Nächte, ohne etwas anderes tun zu können als
zittern und jammern und trotzdem muß man den Dienst versehen. In einem mit
Wasser gefüllten Graben schlafen, das sucht seinesgleichen bei Dante; was
soll man aber erst vom Erwachen sagen, wenn man auf den Augenblick lauern
muß, wo man mordet oder ermordet wird! Darüber das Brummen der Granaten,
welches das Pfeifen des Windes übertönt. Mitunter Knattern der Gewehre.
Dann kauert man in den Schmutz nieder und läßt die Verzweiflung einen
durchdringen.

Als diese Qualen ein Ende nahmen, hatte ich eine solche Entspannung der
Nerven, daß ich geweint habe, ohne zu wissen warum. Das nennt man auf
Vorposten ziehen nach einem Kampfe.

Den 25. September.

Eine Hölle in der friedlichsten, ländlichsten Gegend. Eine
Herbstlandschaft, in welche die Kanone Löcher reißt!

Den 27. September.

Wenn es außer der herrlichen Lehre, die aus diesem Kriege hervorgehen wird,
greifbare Gewinne gibt, so bin ich besonders für einen empfänglich, die
Betrachtung des nächtlichen Himmels. Niemals brachte mir die Majestät der
Nacht so vielen Trost wie in diesen sich häufenden Prüfungen. Der
strahlende Abendstern ist mir ein Freund geworden. . .

Jetzt bin ich mit den Formen der Sternbilder vertraut. Einige ziehen durch
den Himmel weite Bogen, als wollten sie den Thron Gottes umkreisen. Welche
Pracht! Wie denkt man dabei an den chaldäischen Hirten!

O Sternbilder! erstes Alphabet! . . . .

Den 1. Oktober.

Ich kann Dich versichern, daß ich in geistiger Beziehung soeben herrliche
Tage erlebt habe, in deren Verlauf alles, was eitle Sorge war, durch einen
neuen Geist weggefegt wurde.

Wenn Du je eine trübe Stunde hast und ein einziger meiner Briefe Dich
erreicht, so soll er Dir sagen, wie erhebend und kostbar diese Qualen
waren.

1. Oktober (aus einem Tagebuch).

. . . Aus alledem muß man folgern, daß unsere Leiden in jedem einzelnen
ihrer Momente als die wunderbarste Quelle seelischer Bewegung und der
Bildung für unser Gewissen zu betrachten sind. . . .

Jetzt weiß ich, welchem Gebiet mein Schicksal mich zuführt. Nicht mehr in
das stolze, künstliche Land abstrakten Denkens, sondern auf den Weg der
täglichen kleinlichen Sorgen und in ihren Dienst muß ich eine stets
wachsame Feinfühligkeit stellen.

Ich sehe, wie leicht eine gerade Natur alles Künstliche im Ausdruck
aufgibt, um tätig zu sein und einen heilsamen Einfluß auszuüben. Eine
kostbare Belehrung, die mir im Falle der Rückkehr erlauben würde, weniger
darunter zu leiden, wenn das Schicksal mir zu malen nicht mehr erlauben
sollte.

Den 9. Oktober.

. . . Wie es scheint haben wir den Befehl, anzugreifen. So will ich denn
dieses schwere Wagnis nicht unternehmen, ohne Dir meine Gedanken zuzuwenden
in den wenigen Augenblicken der Sammlung, die wir haben. . . Alles trägt
hier dazu bei, den Frieden des Herzens zu bewahren: die Schönheit der
Wälder, in denen wir leben, das Fehlen geistig komplizierter Aufgaben
. . . Es ist widersinnig, wie Du sagst, -- und doch sind soeben die
schönsten Stunden meines seelischen Daseins verflossen . . .

Wisse daß es auf Erden immer Schönheit geben wird und daß der Mensch
niemals Bosheit genug haben wird, um sie zu zerstören. Ich habe genug
gesammelt, um damit mein ganzes Leben zu schmücken. Möge das Schicksal mir
Gelegenheit geben, daß ich alles was ich heute sammle, später seine Früchte
tragen lasse. Es gibt ein Ding, das niemand uns wird entreißen können, das
ist der Seelenschatz, den wir angehäuft haben.

Den 12. Oktober.

Bis jetzt verlassen mich deine Liebe und die Vorsehung nicht. Wir sind
immer noch in herrlichen, verwüsteten Wäldern, mitten im schönsten Herbst.
Die Natur bringt uns manche Freuden, welche diese Greuel übertönen. Tiefe,
mächtige Hoffnung, welche Leiden uns auch erwarten mögen.

Den 14. Oktober.

Ohne Zweifel, liebe Mutter, gibt es Opfer, die schwere Kämpfe kosten; doch
wisse, daß wir beide die nötige Kraft der Seele besitzen, um diese schweren
Stunden zu durchleben, ohne vor Angst zu beben bei dem Gedanken an das
Wiedersehn, das wir beide erhoffen.

Das Wichtige ist, den Wert der gegenwärtigen Stunde zu erkennen und sie
alles uns schenken zu lassen, was sie Schönes, Gutes, Erbauliches enthalten
mag. Im übrigen vermag niemand die Zukunft zu verpfänden und es wäre eine
sehr unnötige und zwecklose Quälerei, in dem Gedanken daran zu leben, was
uns wohl künftig geschehen könnte. Findest Du nicht, daß das Leben uns
viele Freude gespendet hat und es eine der letzten und die größte war, daß
wir uns endlich schreiben konnten? Hier gibt es viele arme Menschen, die
nicht wissen, wo ihre Frauen, ihre Kinder sind, die seit Monaten von allen
getrennt sind. Wie du siehst, gehören wir noch zu den Bevorzugten.

Liebe Mutter, weniger denn je dürfen wir verzweifeln; denn niemals werden
wir deutlicher den Eindruck haben, daß alle diese Unruhe und diese
Verirrungen nichts sind im Vergleich zu dem Anteil Ewigkeit, das jeder in
sich trägt, und daß alle diese Ungeheuerlichkeiten in einer besseren
Zukunft ihren Abschluß finden werden. Dieser Krieg ist wie eine
Welterschütterung, die auf frühere Umwälzungen unseres Erdballs folgt;
sahst du aber je, daß bei alledem ein Teilchen Seele verloren ging und das
Gefühl einer höheren Ordnung abgeschwächt wurde? Unsere Leiden kommen
daher, daß unsere kleine menschliche Geduld unseren Bedürfnissen, wenn auch
den edelsten, zugewandt ist. Sobald sie die Dinge prüft mit der Absicht,
darin Harmonie zu entdecken, findet sie die vollkommene Ruhe der Seele. Wir
wissen nicht, ob diese Gewalt und diese Unordnung unser allgemeines
Geschick nicht dem endgültig Guten zuführt.

Liebe Mutter, indem ich die festeste und menschlichste Hoffnung bewahre,
sende ich Dir sowie der geliebten Großmutter meine innigste Liebe. Wende
auch unsern Freunden, die im Unglück sind, mein ganzes Herz zu. Hilf ihnen
alles ertragen: zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen als eines. Hab'
Vertrauen in unsere ewige Freude.

Den 15. Oktober, 7 Uhr.

Ich habe eine Karte von Dir erhalten, vom ersten. Wie froh bin ich, uns
endlich mit einander verbunden zu sehen! In Wahrheit hatten sich unsere
Gedanken nie verlassen. Du teilst mir das Unglück von Martha mit und ich
freue mich, daß Du ihr behülflich sein kannst. Liebe Mutter, das ist unser
beider Aufgabe: im gegenwärtigen Augenblick nützlich zu sein, ohne etwas
von der folgenden Minute vorwegzunehmen.

Ja, ich fühle wirklich so innig wie Du, daß ich im Leben eine Aufgabe zu
erfüllen habe. Aber man muß stündlich so handeln, wie wenn diese Aufgabe
augenblicklich zu erfüllen wäre. Behalten wir kein Winkelchen unseres
Herzens für unsere kleinen Hoffnungen. Wir müssen notwendig dazu kommen,
daß kein Unglücksfall aus unserm Leben etwas Trümmerhaftes, Abgebrochenes,
Unharmonisches mache. Das ist die schönste Aufgabe, die Aufgabe des
Augenblickes.

Das übrige, jene Zukunft, welche man nicht befragen darf, liebste Mutter,
Du sollst sehen, was sie uns Schönes, Gutes, Gerechtes vorbehält. Keine
unserer Kräfte darf sich ins Leere betätigen; jede eitle Ängstlichkeit ist
eine schädliche Kraftvergeudung.

Begnüge Dich mit der herrlichen Versicherung, daß ich bis heute meine Seele
zu einer Höhe gehoben habe, wo die Ereignisse ihr nichts mehr antun können
und ich verspreche Dir, daß mein Streben dahin geht, sie fernerhin
vorzubereiten, so gut ich es kann.

Sage M. . ., wenn das Schicksal die Besten trifft, daß es nicht ungerecht
ist: die Schlechten, die weiterleben, werden dadurch gebessert. Möge sie
das Opfer annehmen in dem Bewußtsein, daß es nicht zwecklos ist. Ihr wißt
nicht, welche Lehre uns der gibt, der fällt. Ich aber weiß es.

Für den, der das Leben zu lesen vermag, haben die gegenwärtigen Ereignisse
alle gewohnte Denkweise zerrissen, sie lassen aber besser denn je die ewige
Schönheit und Ordnung durchschauen.

Laßt uns uns erholen von der durch diesen Riß verursachten Überraschung,
und uns sofort den neuen Verhältnissen anpassen, die aus uns Bevorzugte
machen im Vergleich mit Sokrates, den christlichen Märtyrern und den
Männern der Revolution. Wir verschmähen im Leben das nur Vergängliche und
erfreuen uns dessen, was es so selten bietet, des Gefühls des Ewigen.

Den 16. Oktober.

Wir verleben einige Tage in annähernder Ruhe; zwischen zwei Stürmen hat
meine Kompagnie eine besondere Ruhezeit verdient; so kann ich den Oktober
voll genießen. Dein guter Brief vom 2. Oktober ist angekommen, jetzt bin
ich voll Freude und der Friede ist innig . . . .

Fahren wir fort, uns mit Mut zu wappnen, reden wir nicht einmal von Geduld.
Nur noch Annahme des gegenwärtigen Augenblickes mit allen Schätzen, die er
uns bringt: es gibt nichts anderes mehr, und gerade in diesen einzigen
Punkt vereinigt sich alles, was es Schönes in der Welt gibt. Die Schönheit
lebt, liebe Mutter, sie lebt außerhalb von allem, was wir sonst gewohnt
waren zu fühlen. Setze Deinen Mut, Deine Liebe zu mir darein, sie zu
entdecken, sie andere entdecken zu lassen.

Diese neue Schönheit hat nichts zu tun mit den Vorstellungen, welche die
Worte: Gesundheit, Familie, Vaterland ausdrücken; man erkennt sie, wenn man
das Stück Ewigkeit, das in jedem Dinge enthalten ist, entdeckt. Aber
bewahren wir die wunderbare Zuversicht, daß wir _uns wiedersehen_, sie wird
uns nicht hindern alles zu tun, was unsere Pflicht uns vorschreibt. Sage M
. . . wie sehr ich an sie denke. Leider ist ihr Fall nicht eine Ausnahme.
Dieser Krieg hat manche Hoffnungen zertrümmert; so wollen wir, liebe
Mutter, unsere Hoffnung dorthin verlegen, wo der Krieg sie nicht erreichen
kann, in die Tiefe unseres Herzens, in die Höhen unserer Seele. . . .

Den 17. Oktober, um 15 Uhr.

Dir schreiben, das Bewußtsein, daß meine Briefe Dich erreichen, das ist mir
ein tägliches Paradies. Ich lauere auf die Stunde, wo mir das möglich wird.
Ja, geliebte Mutter, Du mußt fühlen, wie Dein Mut und Deine Lebensfreude
wiedererwachen; nie darf man als Lebensgrund eine einzige Zuneigung nehmen,
so berechtigt sie auch sein mag. Kein Unglücksfall darf uns vergessen
lassen, wozu wir leben. Freilich können wir diese oder jene Aufgabe im
Leben vorziehen, laß uns jedoch die annehmen, welche sich uns darbietet, so
unerwartet und kurz sie auch sein mag. Du fühlst wie ich selbst, daß eine
glückliche Zukunft uns beschieden ist, doch denken wir nicht daran. Denken
wir an die Arbeit des heutigen Tages, an alle Opfer, die sie uns auferlegt.

Den 22. Oktober.

. . . . Ich nehme alles aus der Hand des Schicksals an; ich habe ihm aber
alles genommen, was es an Glück in den Falten eines jeden Augenblickes
birgt. Ach! wenn die Menschen ahnten, wieviel Friede sie vergeuden und was
eine Minute in sich fassen kann, wie würden sie doch weniger unter der
scheinbaren Gewalttätigkeit leiden! Freilich gibt es äußerste Qualen, die
ich noch nicht kenne und welche die Seele vielleicht in einer Weise prüfen,
die ich nicht ahne; aber ich spanne alle Kräfte meiner Seele dem Ziele
entgegen, alle Augenblicke und alle Prüfungen anzunehmen. . . .

Was notwendig ist, ist die Erkenntnis des Sieges der Liebe und der
Schönheit über die Gewalt. Einige Zeiten des Hasses und der Lüge werden
nicht die ewige Schönheit zu zerstören vermögen, und von dieser Schönheit
hat jeder von uns einen unsterblichen Schatz.

Den 23. Oktober.

      Liebste Mutter!

Ich habe den Artikel von Barrès, »Der Adler und die Nachtigall« noch einmal
gelesen. Er ist immer noch so schön, aber schon nicht mehr im Ton. Heute
besteht nichts außer dem unmittelbar Gegenwärtigem; alles übrige erscheint
wie ein Schmuck, den man beiseite legt für Festtage, ferne, problematische
Feste. Aber gleichwohl, man schließt diesen Schmuck sorgfältig in eine
Schublade ein. So tue ich mit den Schätzen der Freundschaft, dem
berechtigten Ehrgeiz, dem lobenswerten Streben. Ich habe alles zugedeckt
und lebe allein dem Genuß des gegenwärtigen Augenblickes.

Diesen Morgen, im Anblick des blauen Himmels, denke ich an die Musik, die
ich gestern gespielt: ich war vollkommen glücklich. Verzeih mir, daß ich
nicht in der angstvollen, fieberhaften Erwartung des Wiedersehens lebe. Ich
glaube, daß Du mir zustimmst, wenn ich unsere teuerste Hoffnung in andere
Hände lege als die unsrigen.

Den 27. Oktober.

Wenn ich die Freude habe, wie ich es inständig hoffe, Dich wiederzusehen,
sollst Du erfahren, in wie wunderbarer Weise ich durch die Vorsehung
geleitet worden bin. Ich habe nur vor einer Macht und einer Güte mich zu
neigen brauchen, die alle meine stolzesten Vorstellungen überbot.

Ich kann sagen, daß Gott in mir war, wie ich in Gottes Hand bin und ich
habe nur den einen bestimmten Wunsch, daß ich stets eine solche
Gemeinschaft empfinden möge. Siehst Du, darauf kommt es an, das Leben
auszunützen, nicht, wie man es verstehen kann, selbst nicht in unseren
edelsten Neigungen, sondern indem man sich sagt: Laßt uns essen und trinken
von allem, was ewig ist; denn morgen sterben wir allem ab, was menschlich
ist. Es kommt der Augenblick, wo man seine Liebe wachsen sieht, während man
zugleich allem ängstlichen, kleinlichen Hoffen entsagt.

Den 28. Oktober.

Nun naht das Ende des dritten Monats einer schrecklichen Prüfung, deren
Lehren mannigfaltig und heilsam sein werden, nicht allein für den, der sie
zu hören weiß, sondern für die ganze Welt; und das ist der große Trost,
wenn man von diesem Sturm erfaßt worden ist. Möge es der Trost für die
sein, die ihre Hoffnung an die Hoffnungen der Kämpfenden geknüpft haben.

Dieser Trost ist besonders in dem übermenschlich klaren Bewußtsein, daß
alle göttliche und ewige Kraft, die in unserer Gattung wirkt, statt
geschwächt zu sein, vielmehr gesteigert und mächtig angeregt aus diesen
Stürmen hervorgehen wird. Glücklich, wer den Friedensgesang hören wird, wie
in der Pastoralsymphonie, glücklich aber auch derjenige, der ihn im Sturme
vorausahnt! Was tuts nachher, wenn dieses herrliche Vorgefühl in
Abwesenheit des Propheten zur Tat wird! Wer das geahnt hat, hat auf Erden
viele Freuden aufgelesen. Ein höherer wird sagen, ob seine Aufgabe
vollendet ist.

Den 28. Oktober (zweiter Brief, fast zur selben Stunde).

      Teure geliebte Mutter!

Noch kann ich eine traute Stunde mit Dir verbringen. Wir können nur uns
immer wieder dasselbe sagen; doch es ist so herrlich, daß man stets neuen
Ausdruck dafür finden könnte.

Heute leben wir unter einem Himmel mit großen stürmenden kalten Wolken, wie
bei den holländischen Landschaftsmalern. . . .

Teuerste, ich wage nicht einen Wunsch auszusprechen, ich darf es nicht, man
darf nicht einmal eine Zeit teilweiser Entspannung ins Auge fassen. Ich
versichere Dich, daß andauernde Kraftanstrengung weniger ermüdend ist als
gewisse Zeiten rastloser, fieberhafter Arbeit, die wir durchgemacht haben.
Nur können wir dabei unsere Seelenkräfte in einer Art Widerstand gegen
alles Böse in uns anspannen und die Tore allem Guten, was von außen kommt,
offen lassen.

. . . Ich bin froh, daß Du Tolstoi gelesen hast: er war auch im Krieg. Er
hat ihn verurteilt, er hat seine Lehren in sich aufgenommen. Wenn Du einen
Blick in das herrliche Buch »Krieg und Frieden« einwerfen kannst, wirst Du
darin Bilder finden, die an unsere Lage erinnern. Was es Dir begreiflich
machen wird, ist die Möglichkeit ruhigen Betrachtens, die dem Soldaten
gelassen ist, der sie erstrebt.

Was den Zwang betrifft, den der Mangel an jeglichem körperlichen
Wohlbehagen der Seele auferlegen könnte, so glaube ja nicht daran. Wir
führen zwar das Dasein von Kaninchen am ersten Jagdtage; trotzdem können
wir in herrlicher Weise unsere Seele bereichern.

Den 30. Oktober.

Ich schreibe Dir in einer herrlichen Herbstlandschaft, grau, vom Wind
durchfegt. Für mich aber war der Wind nie verstimmend, weil er mir die
Seele des Landes jenseits des Hügels zuweht. . . . Der grauenhafte Krieg
vermag uns nicht aus unserer geistigen Heimstätte herauszureißen. Trotz
Stunden betäubenden Lärmes findet man sich ungefähr selbst wieder. Ich
möchte sogar behaupten, daß unser heutiges gewöhnliches Dasein uns eine
Feinfühligkeit verleiht, die fähig ist, die leiseste Berührung zu
verzeichnen, wie wenn alle unsere Nerven bloß lägen. Vielleicht wird sich,
nachdem die Hülle unserer Seele sich abgeschält, eine Kruste bilden und die
Zurückkehrenden eine Zeitlang abgestumpft sein. Was schadets: dieser
Zustand seelischer Erschütterung kann nicht ohne Nutzen vorübergehen.

Gestern waren wir in einem hübschen Dorfe der Maasgegend, dessen Reiz durch
den Gegensatz der umgebenden Ruinen noch erhöht wurde.

Ich konnte mir ein Hemd waschen lassen und, während es trocknete,
unterhielt ich mich mit der trefflichen Frau, die täglich dem Tode trotzt,
um ihr Heim zu schützen. Sie hat drei Söhne, alle sind Soldaten, und die
Nachrichten, die sie von ihnen hat, sind schon alt; einer von ihnen ist
wenige Kilometer von ihr vorbeimarschiert. Seine Mutter wußte es und hat
ihn nicht sehen können. Eine andere von diesen französischen Frauen bewacht
das Haus ihres Schwiegersohnes, der sechs Kinder hat.

                                -- --- --

Deine Aufgabe ist es, alles ruhig aufzunehmen und zugleich volles Vertrauen
in die ewige Gerechtigkeit zu haben.

Halte Dich dabei nicht auf, den Wert der Persönlichkeit derer, die am Leben
bleiben, derer die gehen, zu betrachten; das heißt die Dinge auf der
menschlichen Wagschale abwägen. Man muß aber in uns die gewaltige Summe
dessen unterscheiden, was besser ist als das Menschliche.

Liebe Mutter, unbedingtes Vertrauen! Worin? Wir ahnen es beide.

Den 31. Oktober, 10 Uhr.

. . . Bis jetzt hatte ich die Weisheit des Entsagens, jetzt aber erstrebe
ich eine Weisheit, die alles willig hinnimmt und auf das künftige Handeln
hingerichtet ist. Was tut's, wenn die Wolfsgrube sich unter den Füßen des
Läufers öffnet? Freilich erreicht er sein Ziel nicht; ist der aber klüger,
der am Rande verkommt unter dem Vorwand, daß er hineinfallen könnte?

Den 1. November, Allerheiligen, 8 Uhr.

Gestern erhielt ich Deine Karte vom 24.--25. Während Du den für uns
verhüllten Mond betrachtetest, fühltest Du Dich, sehr mit Unrecht,
ohnmächtig; wie sehr hattest Du aber Recht, daß Du hofftest!

In demselben Augenblick wurde ich durch die Vorsehung beschützt in einer
Weise, die allen Hochmut über den Haufen wirft.

Am nächsten Tage hatten wir das wundervollste Morgenrot über dem Purpur der
Herbstwälder in dieser Gegend, wo ich vor drei Jahren meine Skizzen malte.
Wir sind aber an der Stelle, wo die Landschaft Charakter annimmt, sich
erweitert und von ergreifender Majestät wird. Wie Dir die Schönheit des
Horizontes schildern! Wir bleiben in dieser herrlichen Gegend und heute ist
Allerheiligen!

Zur Stunde schreibe ich Dir im Silberglanz der Sonne, die über den Nebeln
des Tales aufgeht; wir ahnen das schlafende Land vierzig Kilometer weit in
der Runde und die Schlacht stört kaum den weihevollen Ernst des
Landschaftsbildes.

Liebe innig mein geplantes Gemälde. Es verknüpft mich mit meinem Schicksal.
Wenn ich die Gnade habe, heimzukehren, wird die äußere Anlage des Bildes
eine andere sein, das Wesen ist aber in der Skizze schon enthalten.

Mittag. -- Herrlicher Allerheiligentag, den die Gewalttätigkeit entweiht.

Herrliche Pracht des Tages.

Den 2. November, Allerseelen.

Strahlendes Fest der Sonne und der Freude in der prächtigen Natur einer
Maaslandschaft. Im Herzen preßt sich die Hoffnung zusammen, die dem
Schmerze derer nicht spotten will, für welche dieser Tag der erste Schritt
auf dem Wege der Trauer ist.

Teure inniggeliebte Mutter, vor achtundzwanzig Jahren warst Du in Trauer
und Hoffen: heute auch ist die Angst des Hoffens voll. Diese Prüfungen
kommen über Dich nicht in demselben Alter, aber ein ganzes Leben des
geduldigen Sichfügens bereitet Dich auf die letzte Weisheit vor.

Welche Lust, dieses stete innige Mitschwingen im Schoße der Natur! Gestern
abend sah ich denselben Horizont, den wir erwachen sahen, in rosiges Licht
gebadet; dann ist der Vollmond in einem zarten Himmel aufgegangen, auf den
die Bäume, wie Korallen und Safran, in zackigen Linien sich abzeichneten.

O Teure, das entsetzliche Martyrologium der besten französischen Jugend
kann nicht ins Endlose sich ausdehnen. Es ist undenkbar, daß die
Auserlesenen eines ganzen Volkes zu Grunde gehen.

Es gibt als Aufgabe für das Genie eines Volkes etwas besseres als den
Krieg: eine tiefe Ahnung zeigt mir in naher Zukunft eine Besserung. Möge
unser Mut und unsere Einigkeit uns diesem Bessern zuführen. Hoffnung, immer
neue Hoffnung! Ich habe den lieben Brief von Großmutter und die Karte von
Herrn R. erhalten, gut und freundlich. O Teure, habt ihr auch heute diese
schöne Sonne? Wie schön ist die Landschaft, wie gut die Natur! Sie sagt
dem, der ihre Stimme hört, daß nichts wird verloren sein.

Den 4. November, 1 Uhr.

Ich lebe nur durch den Gedanken an Dich und in der Güte der Natur. Diesen
Morgen haben unsere Vorgesetzten mit einem Marsche von zwanzig Kilometern
gedroht und die Drohung ist zur Tat geworden als ein reizender Spaziergang
in der Landschaft, die ich so innig liebe.

Ein entzückend feiner Dunst, den wir von Stunde zu Stunde steigen sehen,
der Lockung einer mäßig warmen Sonne folgend; und dort Hügelketten, die ein
ausgedehntes Landschaftsbild beherrschen, in welches alles in seinen Linien
sich einzeichnet oder im Nebel angedeutet ist.

Man sieht Hügel mit kahlen Bäumen, die liebliche Umrisse zeigen. Ich denke
an die alten Maler, an ihre zartempfundenen und gewissenhaften
Landschaftsbilder. Welche peinlich durchgeführte Majestät, deren erster
Anblick durch die Größe der Auffassung Bewunderung einflößt und deren
Einzelheiten tief bewegen!

Du siehst, liebe Mutter, wie Gottes Gnade uns Gaben austeilt, weit über die
Beschwerden, die wir auf uns nehmen.

Es ist nicht einmal die Rede mehr von Geduld, da die Zeit für uns kein Maß
mehr hat, da von keiner meßbaren Dauer mehr die Rede ist. Welchen Reichtum
an Eindrücken birgt aber dafür der Augenblick in sich, der sich uns
darbietet!

Das ist unser Leben, von dem ich Dir geschrieben habe, daß kein Ereignis
daraus etwas Unfertiges, Abgebrochenes machen darf; diese Weisheit will ich
mir bewahren. Zugleich aber will ich sie mit einer andern Weisheit
verbinden, die der Zukunft zugewandt ist, selbst wenn die Zukunft für uns
eine verschlossene Gegend ist. Ja, nehmen wir von der Gegenwart alles an
(und die Gegenwart bringt uns so viele Schätze!); aber laß uns auch die
Zukunft vorbereiten.

Den 5. November, 8 Uhr.

      Liebe Mutter!

Verhehle mir nichts von Paris, von Deinen Sorgen, von Deinen
Beschäftigungen. Alles was Du beschließt, ist recht. Mein Glück ist gerade
dieses Gefühl der Sicherheit, wenn ich in alledem an Deine Seele denke.

Das Wetter ist immer entzückend und sehr mild. Ohne die schöne Gegend zu
verlassen, in die wir am 20. September gekommen sind, sind wir heute in die
Wälder zurückgekehrt. Das liebe ich weniger als die freie weite Aussicht;
aber es gibt doch auch hier gar hübsches zu sehen. Dann ist auch der
Himmel, jetzt wo die Blätter abgefallen sind, so schön, so zart. Ich habe
an C. geschrieben und werde an Frau C. schreiben. Ich erwarte einen Brief
von Dir. Wüßtest Du wie viel länger ein Tag ohne Nachrichten ist! Ich habe
zwar Deine früheren Briefe, aber der frische Brief hat einen Duft, den ich
jetzt nicht mehr entbehren kann.

Den 6. November.

Gestern war ich, ohne zu wissen warum, ein wenig verstimmt: was die
Soldaten »cafard« nennen. Das kam daher, daß ich tags vorher mich von einem
Tagebuch getrennt hatte, das ich Dir in einem Packet zu schicken mich
entschlossen hatte. Die Ereignisse von vorgestern, obgleich friedlich,
hatten mich derart umhergestoßen, daß ich mich dieser Unglückssendung nicht
so annehmen konnte, wie ich es gewollt hätte. So war ich geteilt zwischen
einer doppelten Angst: einmal, daß das Paket Dich nicht erreichen möchte
und diese Aufzeichnungen, die mein Leben vom 1. bis zum 20. Oktober
darstellen, verloren sein könnten; und dann, daß vielmehr dieses Paket zu
Dir gelangen möchte vor dem erklärenden Briefe, was dir sonderbar
erscheinen könnte, da die Sendung unter anderm Namen geschehen ist und der
Umschlag meines Heftes Anweisungen gibt, damit man Dir gegebenenfalls diese
Aufzeichnungen zuschicke.

. . . . Wir leben heute in der stimmungsvollsten und zartesten Landschaft
Corots. Von der Scheune aus, in die wir unsern Vorposten untergebracht
haben, sehe ich zunächst die Straße mit den Wasserlachen, die der Regen
zurückgelassen hat. Dann Baumstumpfe, weiterhin hinter einer Wiese eine
Reihe Weidenbäume am Rande eines eilenden und lieblichen Bächleins. Im
Hintergrunde hüllen sich einige Häuser in einen leichten Dunst und halten
jene zarten schwarzen Töne fest, für die unser teurer Landschaftsmaler ein
so edles Empfinden hatte.

So friedlich ist es heute morgen. Wer könnte glauben, daß hinter uns nichts
ist als Feuersbrunst und Trümmer! . . . .

Den 7. November, 8 Uhr morgens.

Eben erhalte ich Deine Karte vom 30., die mir die Sendung eines Pakets
ankündigt. Wie nett! wie man an uns denkt! Alle Süßigkeiten werden
gebührend gewürdigt.

Gestern entzückender Novembertag. Diesen Morgen zuviel Nebel, um die Freude
an der Natur zu genießen. Aber gestern nachmittag!

Ein duftiges, ausgesucht zartes Wetter, wo alles sich einzeichnet wie auf
eine angehauchte Glasscheibe eingeritzt. Die entlaubten Büsche in der Nähe
unseres Wachpostens sind von einer Schar von Vögeln ausgesucht worden,
grün, weiß am Rande der Flügel, die Männchen mit schwarzem, weiß getupftem
Kopf. Wie Dir ausdrücken, was das bloße Rauschen ihres Fluges in dieser
Stille für mich war! -- Denn auch das ist ein Segen in diesen Kämpfen: in
der Welt kann es nur eine bestimmte Menge Bosheit geben. Da nun der Mensch
alles dem Menschen zuwendet, haben die Tiere ihren Vorteil davon,
wenigstens die Tiere des Waldes, unsere gewöhnlichen Opfer.

Könntest Du nur die Sorglosigkeit der Tierchen des Waldes sehen, Mäuse,
Feldmäuse! Letzthin folgte ich in unserm Laubversteck den Bewegungen dieser
Tierchen. Sie waren hübsch wie japanische Holzschnitte, das Innere ihrer
Ohren rosa wie eine Muschel. Wir haben dann noch dem Ausflug der Kraniche
beigewohnt: ihr Schrei in der Dämmerung ist erschütternd.

                                -- --- --

Wie freue ich mich zu erfahren, daß Du zeichnest. Tu's für uns beide.
Wüßtest Du wie es mich juckt, alles was uns hier in der Seele bewegt zu
malen! Wenn Du meine Briefe aus letzter Zeit gelesen hast, wirst Du gemerkt
haben, wie vieles ich entbehre, aber auch wie vieles mich beglückt.

Den 9. November, Montag 7 Uhr.

. . . Wir haben wieder die freie, weite Ebene erreicht, die ich so sehr
liebe. Leider sehen wir sie nur undeutlich durch Mäuselöcher hindurch. Nun,
es ist wenigstens so viel! . . . .

. . . . . Alle diese Tage hindurch habe ich den Reiz einer Landschaft
genossen, die im süßen Frieden des Herbstes ruht. Dieser Friede wurde
gestern durch den erschütternden Anblick eines brennenden Dorfes gestört.
Es war nicht das erste, das wir sehen; aber wahrlich wir waren nicht mehr
daran gewöhnt.

Wir haben unsern Beobachtungsposten bezogen; es war noch Nacht. Von den
Höhen, die wir besetzten, sahen wir die gewaltige Glut und, als der Tag
aufging, war das liebliche im Tal versteckte Dorf nur noch eine Rauchwolke.
All das in der Silberglorie eines strahlenden Morgens.

Von unserm Mauseloch aus blickten wir in die Talmulde mit den lieblichen
Windungen ihrer Straße, ihrem von Weidenbäumen umrahmten Bach, ihrem
Kalvarienberg, und all diese Harmonie sollte in dem Grausen der Zerstörung
enden.

Die Deutschen haben es in der Nacht mit der Hand in Brand gesteckt; nach
zwei Tagen wütender Kämpfe waren sie daraus vertrieben worden: ihre
Handlung kann als ein Zeichen eines auf diesem Punkte beabsichtigen
Rückzuges aufgefaßt werden. Dieses von unseren Soldaten gehaßte Verfahren
ist, glaube ich, durch eine strategische Forderung vorgeschrieben. Wenn ein
Dorf zerstört ist, wird seine Benutzung für unseren Dienst hinter der Front
sehr erschwert. So haben wir denn den ganzen Tag dieser Verwüstung
zugeschaut, während über unseren Köpfen die kleinen Feldmäuse das Stroh
ausnutzen, in dem wir schlafen werden. Unser Infanteristendasein gleicht
ein wenig dem der Kaninchen während der Jagdzeit. Wir sind dadurch,
wenigstens die schlimmsten Angstpeter unter uns, in einen Zustand
immerwährender Spannung gekommen, auf der Suche nach einem Schlupfwinkel.
Sobald wir darin vergraben sind, schreibt man uns vor, nicht daraus zu
weichen. Diese klugen Vorschriften werden leider nicht immer mit der
nötigen Einsicht gehandhabt; so waren wir gestern zu Vieren in einem
vorgeschobenen Schützengraben, der in einer herrlichen Gegend lag und unter
Laubwerk vollständig versteckt war. Wir hätten also nach Herzenslust die
Landschaft genießen können, hätte nicht der Gefreite, ein braver Junge,
davor gezittert uns ein bischen leben zu lassen. Glücklicherweise sind die
Artilleristen und Maschinengewehre dazwischen gekommen, haben an unserem
Standort einen entsetzlichen Höllenlärm vollführt und uns gezeigt, wie
wenig man auf überflüssige Vorsicht halten muß. Durch dieses Beispiel
ermutigt, habe ich also in aller Freiheit die Landschaft genießen können,
gestern leider raucherfüllt, ein erschütternder Anblick. Merke Dir wohl,
geliebte Mutter, daß ich keine Unvorsichtigkeit begehen will; aber
wahrlich, dieser Krieg ist der Triumpf des Verhängnisses, der Vorsehung und
des Schicksals.

Mein sehnlichster Wunsch ist, die Gnade der Rückkehr zu verdienen; aber
abgesehen von kurzen Augenblicken einer sehr menschlichen Ungeduld, kann
ich sagen, daß der größte Teil meines Ichs der ruhigen Annahme des
gegenwärtigen Augenblicks geweiht ist.

                                -- --- --

Den 10. November, 11 Uhr.

      Teuerste Mutter!

Was soll ich Dir vom heutigen Tag erzählen! eintönig im Nebel.
Beschäftigungen, die nicht stumpfsinnig an sich sind, es aber durch die
geistlose Umgebung werden. Ich ziehe mich in mein Innerstes zurück. Gestern
schrieb ich Dir einen langen Brief, in dem ich Dir unter anderem sagte, wie
teuer mir Deine Briefe sind. Du siehst also, daß ich mich etwas langweilte
als ich das Papier zur Hand nahm; nun aber, da ich mit Dir bin, bin ich
froh und denke sofort an die Freuden, die dieser Tag mir gebracht hat.

Heute morgen hat mich der Leutnant beim Kommandoposten Eisendraht holen
lassen, in einem verwüsteten Dorfe, um das herum wir seit Wochen liegen.
Ich bin durch die Obstgärten hinabgestiegen, die voll waren von den letzten
abgefallenen Pflaumen. Einige Soldaten lasen sie sorglos auf und sammelten
sie in Körben. Liebliches Bild, ganz ländlich und idyllisch, trotz der
roten Hosen, die übrigens sehr abgeschossen sind nach drei Monaten
Felddienst. Ich freue mich der Freundschaft von Ch. R. . . Er ist ein
Mensch, der in allen Teilen mit mir übereinstimmt. Ich bin daher überzeugt,
daß er es mir nicht übelnehmen wird, wenn ich nicht schreibe, besonders
wenn Du seine Frau meiner Freundschaft versicherst.

Der kleine Dienst, der mir anvertraut worden ist, zwingt mich von Anbruch
der Nacht bis 9 Uhr zu gehen, dann aber habe ich mitunter Gelegenheit in
einer Deckung oder einer Scheune zu schlafen, statt nachts in den
Schützengraben zurückzukehren.

Ich habe nicht mehr die angenehmen Leseabende zu Hause; wenn wir aber
manchmal im Schützengraben, S. . . . und ich, nebeneinander liegen, kannst
Du Dir nicht vorstellen, welche Traumbilder wir wachrufen und welche Freude
uns die alten Erinnerungen bringen, die wir aufrühren. O! unter welchen
Märchenhimmel reißen uns die Naturwissenschaften und die Neugierde des
Intellektes und welches Vergnügen bereiten mir die wunderbaren Geschichten
von diesem Metall oder jener Säure! Für mich scheinen Tausend und eine
Nacht sich zu wiederholen. Und dann beim Erwachen manchmal die Anmut einer
Morgenröte. Das ist das Leben, das ich seit dem 13. oder 14. Oktober führe.
Ohne mehr zu verlangen, begnüge ich mich damit zu staunen, daß wir in einem
solchen Kriege verhältnismäßig viel ruhige Stunden haben.

Du kannst dir nicht vorstellen, welche Genugtuung es für mich ist, zu
wissen, daß Du meinen Sachen Deine Seele zuwendest. Wie freut es mich mir
vorzustellen, daß meine Bücher Dich beschäftigen, Du meine Stiche
betrachtest! . . . .

Vom 12. November, 15 Uhr.

. . . Heute haben wir einen Übungsmarsch gemacht, so angenehm wie der
erste, in einem Wetter von wunderbarer Schönheit. Wir sahen in Blau und
Rosa die fernen Ketten der Hügel von Metz, die weite, von Dörfern besäte
Ebene, von denen einige einen morgendlichen Sonnenstrahl auffingen, während
man die andern mehr ahnte als sah.

Wir führen ein Dasein, das in großen Zügen so aussieht: drei Tage bleiben
wir in der Nähe des Feindes und leben in ganz gut gebauten Verdecken, die
wir täglich verbessern, dann bleiben wir wieder drei Tage weiter hinten und
schließlich drei Tage im Quartier in einem nahen Dorfe, gewöhnlich in
demselben. So kommen wir dazu, Gewohnheiten anzunehmen, zwar recht
vorübergehende, aber immerhin kommen wir in Berührung mit der übrigens
schwer geprüften Zivilbevölkerung. -- Die Wollkleider sind unschätzbar und
unübertrefflich. . . .

. . . Wir haben es mit guten Seelen zu tun. Besonders die liebe Frau, bei
der ich Dir schreibe und zu der ich schon das letzte Mal gekommen bin,
plagt und müht sich zu Tod ab, um uns etwas von dem zu geben, was an das
Heim erinnert. Aber, liebe Mutter, was mich an das Heim erinnert, das trage
ich im Herzen. Aus Tellern essen und auf einem Stuhle sitzen, das ist
nichts, was zählt. Deine Liebe ist's, die ich so nahe fühle. . . .

Den 14. November.

Seit dem 12., um acht und ein halb Uhr abends wurden wir herumgeschleppt
mit der Aussicht, an einem gewaltsamen Vorgehen teilzunehmen. Wir sind
nachts fort, und in diesem Frieden der Natur klärten sich meine Gedanken
ein wenig ab nach zwei Tagen Einquartierung, während welcher das
Körperliche immer etwas überhand nimmt. Wir gingen zur Verstärkung vor,
voll in das Unbekannte hinein. Wir haben die Anordnungen, die zu treffen
waren, in einer Scheune abgewartet, wo wir von elf bis vier Uhr auf dem
Holzboden lagen. Dann gings in die Wälder, die Felder, die der Tag durch
graue, rote, violette Wolken hindurch allmählich beleuchtete in der
romantischsten und ergreifendsten Stimmung, die man sich denken kann. Im
vollen lieblichen Morgen erfuhren wir, daß die Truppen, die uns
vorausmarschierten, dem Feinde außerordentliche Verluste zugefügt hatten
und sogar einen sehr leichten Vorteil erreicht hatten. Wir haben also
unsern gewohnten Standort wieder bezogen und ich bin wieder hier und
genieße die Pracht der französischen Landschaft, die so ergreifend schön
ist in dem grauen, stürmischen, leidenschaftlichen November, mit
Sonnenstrahlen, die in farbigen Flecken über den endlosen Horizont wie
hingeworfen sind. Liebe Mutter, wie schön ist das, diese weite, ernste
Landschaft, in der alles edel und wohl abgewogen ist und Einzelheiten sich
fein abheben! -- Eine mit Bäumen eingefaßte Straße, die bis zur Grenze sich
schnurgerade hinzieht, Hügel, die vor den duftigen Linien liegen, in denen
man die deutschen Vogesen zu erkennen glaubt. Das ist der Rahmen und dazu
kommt etwas Besseres als der Rahmen: es gibt eine Melodie von Beethoven und
ein Stück von Liszt, die lauten: »Segnung Gottes in der Einsamkeit«.[*] Wir
haben allerdings keine Einsamkeit, wenn Du aber die Gedichte von Albert
Samain[**] durchblätterst, wirst Du ein Motto aus Villiers de l'Isle-Adam
finden: »Wisse, daß es auf Erden immer eine Einsamkeit gibt für diejenigen,
die ihrer würdig sind.« Jene Einsamkeit der Seele, die alles vergessen
kann, was nicht mit ihr mitschwingt. . . .

Ich habe zwei Briefe von Dir erhalten vom 6. und 7. Vielleicht werde ich
diesen Abend noch einen haben. Ja, wir wollen unsern Mut nicht darin
setzen, daß wir von einander keine Briefe erwarten. Die Briefe sind unser
Leben, sie teilen uns unsere Freuden mit, unser Glück, die Fülle des
Genusses, den uns in reichem Maße das Schauspiel der Natur und dieser Zeit
schenkt.

Wenn Deine Augen nicht wollen, ist das ein zwingender Grund; aber,
abgesehen von Deiner Gesundheit, versage mir nicht Dein Herz, dessen Liebe
Deine Briefe mir bringen.

Den 14. November, zweiter Brief.

      Treue, geliebte Mutter!

Jetzt sind wir wieder in unserm gewohnten Quartier und mein Herz ist ganz
erfüllt von Gedanken, die Dir zustreben. Ich kann Dir nicht alles sagen,
woran ich stündlich denke in dem Wunsche, mit Dir die mannigfaltigen
Freuden zu teilen, die inmitten unseres eintönigen Daseins uns durch die
Finger gleiten, wie Perlen von einem zerrissenen Faden auf den Sand fallen.

[Fußnote *: Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. »Die Ehre
Gottes in der Natur.«]

[Fußnote **: Albert Samain: Au Jardin de l'Infante (L'allée Solitaire).]

Ich möchte mit Dir aussprechen können, wie schön diese Wolke ist, welchen
ernsten Eindruck diese Ebene auf uns macht, der Poesie des Windes lauschen,
der über die Berge uns zuweht, wie während unseres Spazierganges in
Boulogne. Und wenn wir dann hier sind, erlauben mir so manche prosaische
Beschäftigungen nicht, mit Dir zu reden, wie ich fühle.

Deswegen habe ich Dir auch mein Paket geschickt mit meinem Tagebuch vom 18.
August bis zum 20. Oktober.[*] Diese Aufzeichnungen wurden zu einer Zeit
gemacht, wo unsere Tornister weniger beladen waren und leichter sich
öffneten, wo ich in der Seelenruhe der Tage im Schützengraben, wenn die
Gefahr das Geschwätz aufhob, meine Seele ungehindert schwingen ließ.
Seitdem habe ich die viel stärkere, weite, volle Freude entdeckt, Dir zu
schreiben. Für mich wurde diese neue Zeit ein Paradies. Aber ich liebe das
Leben im Quartier nicht, weil die Bequemlichkeit und die Sicherheit die
Seelenkräfte entspannen und einen Wirrwar erzeugen, unter dem ich leide.

[Fußnote *: Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.]

Du kennst das Bedürfnis, mich zu sammeln und allein zu sein, das ich immer
hatte. Übrigens habe ich sehr gute Freunde und die Offiziere sind sehr
freundlich. Und dann braucht es nur etwas Geduld, einige Augenblicke, in
denen mein Gedanke Dir zugewandt ist, um mich glücklich zu machen. Wie war
diese erste Hälfte November gnädig! Ich habe nicht ein einziges Mal unter
der Kälte gelitten. Und wie viel Schönheiten! Der Allerheiligentag war ein
langer Lobgesang, von der klaren Mondnacht über dem dunkeln Bernstein der
herbstlichen Bäume an bis zur zarten Melodie der Dämmerung. Der endlose,
rosige Traum der verschleierten Ebene, die sich an die fernen Hügel
anlehnt. . . . Welch feierlicher Lobgesang! Und manche Tage seitdem singen
den Ruhm Gottes! Coeli enarrant. . . . Das war das Geschenk dieser Zeiten.

Den 15. November, 7 Uhr.

Gestern gab mir das stürmische und aus der Sicherheit des Quartiers
beobachtete prächtige Wetter zu Befürchtungen Anlaß für unsern Abmarsch
heute nacht; doch als ich erwachte, war der klarste, funkelndste Himmel,
den man sich vorstellen kann! Wie dankbar war ich!

Was wir am meisten fürchten, ist der Regen, der alles durchdringt, ohne daß
man Feuer und Obdach findet. -- Die Kälte bedeutet nichts -- gegen die sind
wir gewappnet.

. . . . . Und doch, wie sehr habe ich das Bild dieser weiten Ebene
bewundert, in die wir hinabgestiegen sind, von dem mächtigen Winde
gepeitscht. Der niedrige Horizont löste den weiten grauen Himmel ab, an dem
wenige fahle Ausblicke an das verschwundene Blau gemahnten. -- Ein
Kalvarienberg, tragisch, schwarz in grau -- dann skelettartige Bäume! Welch
ein Bild! hier kann ich an Dich denken, an meine liebe Musik! heute habe
ich die Umgebung, die ich brauche.

. . . . Ich möchte die Gestalt schärfer bestimmen, die mein fester Glaube
an eine bessere durch diesen Krieg geforderte Zukunft annehmen wird. Diese
Ereignisse bereiten die Entfaltung eines neuen Lebens vor, der vereinigten
Staaten Europas.

Nach diesem Zusammenstoß werden diejenigen, die voll und mit kindlicher
Liebe ihre Pflichten dem Vaterland gegenüber erfüllt haben, vor viel
ernstere Aufgaben gestellt werden, deren Erfüllung zur Stunde unmöglich
wäre. Aber das wird gerade unsere Pflicht sein, daß wir unsere Kräfte der
Zukunft zuwenden. -- Sie werden mit angespannter Energie dahin streben
müssen, die Spuren der verletzenden Berührung zwischen den Völkern zu
tilgen. Trotz mancher Fehler, trotz einiger Rückschritte in praktischer
Hinsicht, mancher Schwächen im Wiederaufbau, hat die französische
Revolution nichts desto weniger in der menschlichen Seele die herrliche
Forderung der nationalen Einheit festgelegt. Wohlan, die Greuel des Krieges
von 1914 führen zur europäischen Einheit, zur Rasseneinheit. Dieser neue
Zustand wird nicht ohne Erschütterungen, Vergewaltigungen, Kämpfe auf
unabsehbare Zeit sich festsetzen, aber ohne Zweifel hat sich heute die Türe
zu diesem neuen Horizont geöffnet.

Den 16. November an Frau C . . .

      Sehr verehrte gnädige Frau
      und beste Freundin!

Welche Freude und welchen Trost bringt mir Ihr Brief und wie stärkt Ihre
warme Freundschaft meinen Mut!

Was Sie mir von meiner Mutter erzählen, verknüpft mich innig mit dem Leben.
Dank für Ihre treue prächtige Freundschaft.

. . . Was soll ich von meinem Leben erzählen? Durch Mühen und Wechselfälle
hindurch hält mich die Betrachtung der herrlichen Gegend aufrecht, die seit
zwei Monaten die Schwermut und die Tragik dieser leidenschaftlichen
Jahreszeit anhäuft. Einer meiner gewohnten Standorte liegt auf den Höhen,
welche die endlose Ebene der Woëvre beherrschen. Wie herrlich! Welcher
Segen ist es, stündlich bei Tag und bei Nacht die glühenden Farben des
Laubes zu beobachten, an jedem Herbsttage! Die schreckliche Zerfahrenheit
der Menschen vermag die erhabene heitere Ruhe der Natur nicht zu stören.
Freilich gibt es Augenblicke, wo der Mensch alle vorstellbaren Maße zu
übersteigen scheint; aber eine aufmerksame Seele unterscheidet bald die
Harmonie, die alle diese Mißklänge beherrscht und ausgleicht. Glauben Sie
nicht, daß ich der Trostlosigkeit der Bilder, von denen wir übersättigt
sind, gefühllos gegenüberstehe: vernichtete Dörfer, in welche die
Artillerie weiter wütet; Rauchwolken am Tag, Feuerschein in der Nacht;
Elend der Bevölkerung, die unter den Granaten flüchtet. Jeden Augenblick
erhält man einen Stich ins volle Herz. Gerade deswegen aber rette ich mich
in diese höhern tröstenden Gedanken; denn in demselben Maße leidend, könnte
ich, ohne diese Disziplin des Herzens, unsere Lage nicht ohne innere
Zerrissenheit ertragen.

Den 17. November, morgens.

      Liebe Mutter!

. . . Ich schreibe Dir im vollen Glück der Morgenröte über meinem lieben
Dorfe. Die Nacht, die uns im Regen gelassen hatte, hat uns ein klares,
strahlendes Wetter zurückgegeben. Ich finde meinen ungeheuer weiten
Horizont wieder, die zarten Umrisse der Hügel, die edelgeschwungenen Linien
meiner Täler. Wer glaubte, von der Höhe, wo ich bin, daß dieses ländliche
und friedliche Dorf in Wirklichkeit nur noch ein Trümmerhaufen ist, daß
kein Haus verschont geblieben ist, daß seit zwei Monaten niemand darin
verweilen kann im Höllenlärm der Artillerie? Während ich Dir schreibe,
trifft die Sonne den Kirchturm, den ein noch dunkler Baum in meiner Nähe
umrahmt, während in der Ferne, über den letzten Hügeln, den letzten
Erhöhungen des Bodens, die Ebene im Rosagold ihre köstlichen Einzelheiten
zu offenbaren beginnt.

Den 17. November, 11 Uhr.

Das herrliche Wetter ist mein großer Trost. Ich lebe fast wie wenn ich ein
Kranker wäre, den man in eine herrliche Gegend schickt, den aber die Kur zu
unerfreulichen und ermüdenden Beschäftigungen zwingt. Im Grunde liegt
zwischen Leysin und meinem jetzigen Schützengraben nur die Entwicklung des
großen Fragezeichens. Immer nichts neues in unserer Kompagnie seit dem 13.
Oktober.

Die Art des gegenwärtigen Krieges ist sonderbar. Es ist die Art von
Nachbarn, die sich nicht vertragen. Bedenke, daß gewisse Schützengräben vom
Feinde kaum durch 100 Meter getrennt sind und daß die Kämpfenden sich
Handgranaten zuwerfen können: wie Du siehst, bedienen sich die Nachbarn
gewaltsamer Mittel.

Ein eigenes Leben führe ich nur im Augenblick, wo ich bei Dir verweile, und
wo ich die Pracht der Natur genieße.

Mitten unter dem Geschwätz gelingt es mir, das Gefühl der Einsamkeit der
Seele, die ich brauche, mir zu bewahren.

Den 18. November.

Diesen Morgen zeigte uns der Tag die Ebene mit Reif bedeckt, eine
gleichmäßige Weiße über den Hügeln und dem Walde. Mein Dörfchen sieht
dadurch ganz eingefroren aus.

Ich hatte den größten Teil der Nacht in einem geheizten Unterstand
zugebracht und hätte, dank der Freundlichkeit meiner Vorgesetzten darin
bleiben können; ich bin aber dumm und schüchtern und bin von ein Uhr bis
vier und ein halb Uhr wieder bei den Kameraden gewesen.

Es ist merkwürdig, wie prachtvoll wir die Kälte ertragen: wir besitzen fast
alle ein herrliches Kleidungsstück, einen Mehlsack, den man je nach den
Umständen als kurzen Radmantel und als Fußsack gebrauchen kann. In beiden
Fällen ein vortrefflicher Wärmeerhälter.

11 Uhr.

Für den Augenblick habe ich eine hübsche, so rührende Melodie von Händel im
Sinn und auch ein Allegro aus unsern vierhändigen Orgelsonaten: eine
fröhliche, glänzende, von Tatendrang übersprudelnde Musik. Lieber Händel!
Oft tröstet er mich.

Beethoven kommt mir selten in die Erinnerung; wenn aber seine Musik in mir
erwacht, rührt sie an etwas so Grundlegendes, daß es jedesmal ist, wie wenn
eine Hand Schleier vor der Schöpfung wegrückte.

Arme liebe große Meister! Wird man ihnen daraus ein Verbrechen machen, daß
sie Deutsche sind? Schumann, wie kann man ihn einem Barbaren zugesellen?

Gestern gemahnte unsere Ebene an die Stelle, die Du mir vor zehn Jahren aus
»_Rheingold_« vorspieltest: »Freie Gegend aus Bergeshöhen.«[*] Worin aber
unser französisches Bild die schöne Musik dieses häßlichen Mannes übertraf,
das war die feste Grundlage, die Klarheit, die Aufrichtigkeit. Ja, unsere
französische Ebene hatte nichts Verschwommenes.

Was Wagner betrifft und, so schön auch seine Musik, so unbestritten und
verführerisch sein Genie auch ist, ich glaube doch, daß, wenn man ihn nicht
mehr hören sollte, man etwas für das französische Genie weniger
Wesentliches entbehren würde, als wenn die großen Klassiker, seine
Landsleute, in Frage kämen.

                                -- --- --

Ich darf es Dir aufrichtig sagen, in den Augenblicken, wo mir der Gedanke
an die Möglichkeit der Heimkehr kommt, kümmere ich mich niemals um die
Frage der kleinlichen Bequemlichkeit, des kleinlichen Wohlbehagens. Etwas
Höheres und Edleres wendet mich dieser Art Hoffnung zu. Darf ich sagen, daß
es sogar etwas anderes ist als die unendliche Freude des Wiedersehens? Es
ist vielmehr die Hoffnung auf eine Wiederaufnahme unserer gemeinsamen
Bestrebungen, unseres Zusammenarbeitens, dessen Ziel die Entwicklung
unserer Seele und ihre nützlichere Betätigung auf Erden ist.

[Fußnote *: »Libre étendue sur la Montagne.« Rheingold zweite und vierte
Szene. »Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird
»_eine freie Gegend auf Bergeshöhen_« sichtbar.« (D. Übers.)]

Den 19. November, morgens.

      Teuerste Mutter!

Heute wurde ich bei der Morgenröte durch ein gewaltiges und zu dieser
Tageszeit ungewohntes Geschützfeuer geweckt. In dem Augenblick kamen
Kameraden, starr von einer Nacht im Schützengraben zurück. Ich bin
aufgestanden, um ihnen Holz zu holen, während auf dem andern Abhang des
Tales das Schützenfeuer sehr kräftig ertönte. Ich stieg so hoch hinauf wie
ich konnte und sah in dem sehr klaren Himmel die Sonne sich ankündigen.

Plötzlich hörte ich von der Erhöhung gegenüber, einem jener Hügel, die ich
so sehr liebe, Geschrei, Geheul kommen: Marsch! Marsch! Es war ein
Bajonettansturm. Es ist der erste, dem beizuwohnen mir gegeben ist; nicht
daß ich etwas gesehen hätte; die noch andauernde Dunkelheit und vielleicht
auch die Beschaffenheit des Bodens verhinderten es. Was ich hörte genügte,
um den Eindruck des Sturmangriffs zu geben.

Bis jetzt konnte ich mir nur von dem unpersönlichen Krieg ein Bild machen,
der eine von jenem kriegerischen Mut, wie ihn der Zivilist von Alters her
sich vorstellt, sehr verschiedene Form der Tapferkeit verlangt. Und
plötzlich erinnert mich der furchtbare Lärm von heute morgen, mitten in
meiner Ruhe daran, daß junge Männer, ohne persönlichen Grund des Hasses,
auf Leute, die sie erwarten, sich stürzen können und müssen, um sie zu
morden.

Aber die Sonne ging über dem Boden meines Vaterlandes auf. Sie beschien für
mich das Tal, und von meiner Anhöhe aus unterschied ich zwei Dörfer, zwei
Trümmerhaufen, von denen ich einen drei Nächte lang hatte brennen sehen. In
meiner Nähe zwei Kreuze von weißem Holze . . . . Das französische Blut
fließt im Jahre 1914 . . . .

Den 20. November.

Augenblicklich sehe ich vom Fenster aus, in dessen Nähe ich schreibe, die
Sonne aufgehen. Sie durchdringt den Reif und ich ahne die schöne Ebene, die
soviel Greuel erträgt. Wie ich höre, hat dieser Bajonettangriff, den ich
gestern gehört habe, viele Opfer gekostet. Unter andern ist man ohne
Nachrichten von zwei Halbzügen des Regimentes, das mit uns die Brigade
bildet. Während andere ihr Geschick erfüllten, stand ich auf der Höhe des
schönsten, übrigens in andern Augenblicken höchst ausgesetzten Hügels. Ich
sah dem Sonnenaufgang zu; ich war tief bewegt im Anblick des Friedens der
Natur und maß das Verhältnis zwischen der Kleinlichkeit menschlicher
Gewalttaten und der umgebenden erhabenen Schönheit.

Diese für Dich schwere Zeit, die sich vom 9. bis zum 13. September
erstreckt, entspricht genau dem ersten Abschnitt des Krieges für mich. Den
9. September kam ich an, entstieg dem Zug vor der furchtbaren Schlacht an
der Marne, die sich in einer Entfernung von 35 Kilometern entrollte. Den
12. erreichte ich das Regiment 106 und seitdem teile ich das Leben der
Kämpfenden. Wie ich es Dir geschrieben, verließen wir also am 13. Oktober
herrliche Wälder, in denen die feindliche Artillerie und Infanterie uns
große Verluste zugefügt haben, besonders am 3. Unsere engere Gemeinschaft
hat an diesem Tage einen prächtigen Menschen verloren, einen herzensguten
Jungen, der für's Leben zu gut geworden war. Am 4. wurde ein trefflicher
Kamerad, ein Architekt von der Kunstakademie, ziemlich ernstlich am Arm
verwundet, seitdem sind aber die Nachrichten, die er gegeben, gut. So haben
wir bis zum 13., einem furchtbaren Tag, sehr schwere Zeiten durchgemacht,
um so mehr als die sehr wirkliche Gefahr verschlimmert wurde durch den
Eindruck des Erstickens und des Unbekannten, der uns in diesen, in andern
Zeiten herrlichen Wäldern, erdrückte.

Die Hauptsache ist, den Ernst des gegenwärtigen Augenblickes nicht aus den
Augen zu verlieren. Das Problem stellt sich uns in ganz besonderer Form
dar. Auf der einen Seite die himmlische Gnade einer bis auf den heutigen
Tag vollständigen Unversehrtheit. Andererseits das vollständige
Weiterbestehen der zufälligen Gefahr für die Zukunft. Hier muß unser
Wunsch, das Beste zu tun, sich auf den gegenwärtigen Zeitpunkt richten.
Keine Erforschung der Zukunft kann uns befriedigen, ich glaube aber, daß
jedes kraftvolle Streben, das die Gegenwart trifft, seine Wirkung nicht
verfehlt. Es gilt, einen heldenhaften Kampf zu bestehen; aber wir wollen
nicht auf uns allein bauen und nicht vergessen, daß es eine andere Macht
gibt und wieviel wirksamer als unsere menschlichen Mittel!

Den 21. November.

Heute bürgerliches und fast zu bequemes Dasein. Die Kälte läßt uns bei der
außerordentlichen Frau bleiben, die uns bei jedem Aufenthalt in dem Dorfe
beherbergt, in dem wir drei Tage von neun einquartiert sind. Ich werde Dir
nicht von der hübschen Aussicht erzählen, die ich von dem Fenster aus habe,
an dem ich Dir schreibe, kann Dir aber das Heim beschreiben, welches Teile
unseres Daseins in sich faßt. Am Tag leben wir in zwei, durch einen
Glasverschluß getrennten Zimmern und von einem Zimmer ins andere können wir
bald das schöne Feuer und den weiten Kamin bewundern, bald den prächtigen
Schrank und die Betten, wie man sie in der Maasgegend hat, mit schönen
alten Kupferbeschlägen. Das gemütliche Dasein von zwei alten Frauen (die
Mutter, 87 Jahre alt, und ihre Tochter) ist in Unordnung gebracht durch die
Rauheit, die Derbheit, die Gutherzigkeit und Freigebigkeit des Soldaten.
Sie ertragen alles und opfern sich auf.

Was Spinoza betrifft, dessen Seele Du bereits in Dir besitzest, so glaube
ich, daß Du gleich zu den letzten Lehrsätzen übergehen kannst. Du wirst ihn
sicherlich unmittelbar begreifen, wenn er von der Ruhe der Seele spricht.
Ja es gibt Augenblicke, für uns schwache Menschen leider zu selten, die
doch genügen, und in denen wir durch die Erschütterungen und Stöße unserer
armen menschlichen Natur hindurch eine gewisse Neigung zum Fortdauernden
und Abschließenden unterscheiden, und wir das wunderbare göttliche Erbteil
erkennen, das uns anvertraut ist.

                                -- --- --

Liebe Mutter, einen wie guten Tag habe ich eben mit Dir erlebt. Wir waren
zu dreien: wir zwei und die liebliche Landschaft, die ich von meinem
Fenster aus sehe. Von hier aus gesehen, gibt der Winter von den Dingen ein
abgedämpftes, abgetöntes Bild. Zwei Wolken oder vielmehr dichter Nebel,
hüllen die mir benachbarte Anhöhe ein, ohne die Zeichnung der Sträucher auf
dem Kamm zu vergröbern; der Himmel ist leicht grünlich gefärbt. Alles ist
gedämpft. Alles schlummert ein. Jetzt ist die Zeit der nächtlichen
Angriffe, des Sturmgebrülls, der Wachen in den Schützengräben. Wie
verlangen, jeden Augenblick, unsere Wünsche das Ende dieses Zustandes! Wie
sehr wünschen wir die Ruhe für Alle, eine ungeheure Entschädigung, einen
Ersatz für so viele Schmerzen, Leiden, so viele Trennungen.

         Dein Sohn.

Sonntag, den 22. November, 9 1/2 Uhr.

Von meinem Lieblingsplatz schreibe ich Dir diesen Morgen, ohne daß seit
gestern irgend ein Ereignis Erwähnung verdiente, außer vielleicht den
tausend wechselnden Einzelheiten der Landschaft. Ich bin mit Sonnenaufgang
aufgestanden, ihr Silber überflutet den weiten Raum. Die Kälte ist immer
heftig, aber das Zusammenwirken verschiedener Wollkleider wird in den
Quartiernächten mit ihr fertig. Das Einzige, was ich erzählen kann, ist:
morgen ziehen wir in die Schützengräben der zweiten Linie aus, in die jetzt
skelettartigen, eintönigen Wälder. Von unseren drei Standorten ist das
vielleicht derjenige, den ich am wenigsten liebe, denn der Himmel ist
hinter hohe Äste verbannt. Das ist eher eine Landschaft für R. . ., aber
reizlos und durch das Leben, das man darin führt, verdorben.

In unserer Gegend scheinen die Kämpfe mit einiger Heftigkeit wieder
beginnen zu wollen. Heute morgen hören wir ein heftiges Gewehrfeuer, was
sehr selten in der Kriegführung von heute ist, die vornehmlich in
nächtlichen Angriffen besteht, während der Tag fast ausschließlich zur
Beschießung durch die Artillerie benutzt wird.

Liebe Mutter, setzen wir unsere Hoffnung in die Seelenstärke, die jede
Stunde, jeder Augenblick verlangt. . . .

. . . . Ja, es freut mich Dir von dem Leben, das ich führe, zu erzählen; es
ist in mancher Beziehung schön. Oft wenn ich abends auf der Straße bin,
wohin mein kleiner Dienst mich führt und die ich allein durchwandere, bin
ich vollkommen glücklich in der Gemeinschaft mit dieser edlen Landschaft,
mit den harmonischen Zeichnungen der Gestirne an diesem Himmel, den groß
und lieblich geschwungenen Linien dieser Hügel; und wenn auch in diesem
Augenblick die Gefahr immer gegenwärtig ist, so denke ich doch, daß nicht
allein Dein Mut, Dein Ewigkeitsbewußtsein, sondern auch Deine Liebe mir
beistimmen werden, wenn ich nicht immer wieder bei der Erforschung des
Rätsels stehen bleibe.

Mein gegenwärtiges Leben bietet also einige Höhepunkte der Empfindungen,
die jeder Beziehung auf Fortdauer und Verharren sich entziehen, so z. B.
schönes Laub, eine Morgenröte, eine liebliche Landschaft, einen
ergreifenden Mondschein. Lauter Dinge, deren Vergänglichkeit und zugleich
ewige Wiederholung das Menschenherz absondern und all den Sorgen entreißen,
die in solchen Zeiten uns einer verzweiflungsvollen Unruhe, einem
scheußlichen Materialismus, oder einem Optimismus zuführen würden, den ich
durch eine sehr erhabene Hoffnung ersehen will, die uns gemeinsam ist und
nicht auf menschlichen Dingen beruht.

Meine zärtliche Liebe und treue Anhänglichkeit für Großmutter, für Euch
Mut, inneren Frieden, völlige Hingabe, jedoch ohne irgendwelche Entsagung.

Den 23. November.

      Liebe Mutter!

Wir sind wieder in unsern Unterständen der zweiten Linie. Wir wohnen in
Erdhütten, in denen das Feuer uns ebenso einräuchert als es uns wärmt. Das
Wetter, das während der Nacht sich verfinstert hatte, hat uns einen
wunderschönen rosa und blauen Morgen geschenkt. Leider sprechen mich die
Wälder weniger an als die wundervollen Ausdehnungen der Feuerlinie. Und
doch ist auch hier alles schön.

Mein gestriger Tag hat in der Freude bestanden, Dir zu schreiben; ich bin
in die Dorfkirche gegangen, ohne irgend eine Anwandlung von Schwärmerei,
auch nicht in dem Verlangen nach äußerlicher Tröstung. Meine Vorstellung
von der göttlichen Harmonie brauchte durch keine äußeren Formen, keine
volkstümliche Symbolik gestützt zu werden. Später habe ich das große Glück
gehabt, einen Wagen in der nächsten Umgebung zu begleiten. Ach! welch'
wundervolle Landschaft von saftiger Farbenpracht stets in rosa und blauen,
durch den Nebel abgeschwächten Tönen. Diese leuchtenden, prächtigen und
doch duftigen Farben fanden Stützpunkte in den kräftigen Flecken, welche
die in den Raum zerstreuten Gestalten bildeten. Meine gewöhnlich durch ihre
Bestimmtheit an die alten Meister gemahnende Landschaft nahm eine durchaus
moderne Subtilität der Farbengebung und reiche Nuancierung an.

Ich dachte einen Augenblick an unsere durchgeistigte Pariser Umgebung mit
ihren unendlich zarten Farben und gedämpften Tönen, hier ist mehr Einfalt
und Aufrichtigkeit, hier war alles einfach rosa und blau auf der Grundlage
eines schönen grauen Bodens.

Mein Fuhrmann, der mit seinem Pferde nicht fertig wurde, hat mir eine Gerte
überreicht, um damit auf das Tier zu schlagen: ich mußte wie eine
Gliederpuppe aussehen. Wir fuhren an den Kalvarien vorüber, welche die
Dörfer der Maasgegend beschirmen, einige Bäume, die ein Kreuz umgeben.

Den 24. Nov., 15 1/2 Uhr, auf einem Rückmarsche.

Ich habe soeben einen Brief vom 16. und eine Karte erhalten und einen
lieben Brief vom 18. Die beiden letzteren melden, daß meine Sendung
angekommen ist. Wie froh bin ich darüber! Einen Augenblick fragte ich mich,
ob ich Dir diese Eindrücke schicken sollte, aber unser Leben war nie und
wird nie etwas anderes sein als ein stetes Forschen in der Gegend der
ewigen Wahrheiten, ein inbrünstiges Betrachten von dem, was jeder Anblick
auf Erden davon bietet. Daher bereue ich es nicht, Dir diese kurzen
Bemerkungen geschickt zu haben.

Die heftigsten Leiden für mich waren die der Regentage im September. Sie
haben übrigens für alle eine schmerzliche Erinnerung zurückgelassen. Wir
schliefen umklammert, Gesicht an Gesicht, die Hände übereinandergeschlagen,
in einer Überschwemmung von Wasser und Schlamm. Nie hätte man sich von
unserer trostlosen Lage eine Vorstellung machen können.

Um das Maß unserer Leiden voll zu machen, nach diesen entsetzlichen
Stunden, meldet man, daß der Feind seine Maschinengewehre auf uns richtet
und daß wir ihn angreifen sollen. Mittlerweile sind wir abgelöst worden und
die Entspannung war stark.

Mein unvollendetes Gedicht: »Soleil si pâle« . . . bezieht sich auf die
Tage des 11., 12. und 13. Oktobers, und überhaupt auf die Zeit der Kämpfe
in den Wäldern, die für unser Regiment vom 22. September bis zum 13.
Oktober dauerten. Gewisse Sonnenaufgänge über den Opfern des Kampfes haben
mich innerlich bewegt. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben, außer
einem Gebet, das ich Dir vor fünf oder sechs Tagen geschickt habe. Ich habe
es auf jener Straße verfaßt, die ich durchwandern mußte.

Den 25. November, morgens.

. . . . Gestern, während dieses Marsches habe ich in einer Landschaft
meiner geliebten alten Meister gelebt. Als wir aus den Wäldern
heraustraten, da wir, einer Straße entlang, herabstiegen, hatten wir in
unserer Nähe einen weiten, schloßartigen Hof, von einer entlaubten
Baumgruppe gekrönt, neben einem zugefrorenen Teich.

Fernerhin, in der verkürzten Perspektive, die meine lieben Maler trotz
ihrer scheinbaren Einfalt so geschickt anwandten, stellte eine Straße, die
ihre Windungen, ihre Senkungen und Steigungen entrollte, die Verbindung
zwischen Büschen, einzelnen Bäumen her: alles scharf, feingegliedert, wie
radiert, und doch rührend. Eine kleine Brücke führte über einen Bach, ein
Reiter ritt in der Nähe der kleinen Brücke vorbei, bis ins Einzelnste
scharf umrissen, dann ein kleiner Wagen: abgetönte und doch bestimmte
Farben in seiner Harmonie, -- all das vor einem Horizont von majestätischen
Wäldern. Ein grauer Himmel, der die ganz moderne Farbensymphonie von
vorigem Sonntag aufhob und mich zu jener eindringlichen Peinlichkeit der
Wiedergabe zurückführte, die uns bei einem Breughel und andern Meistern,
deren Namen mir entfallen, bewegen. Derart ist auch die wohlgeordnete,
durchsichtige, reiche Anordnung der Hintergründe von Albrecht Dürer.

Den 26. November.

Geliebte Mutter, ich bin nicht dazu gekommen den gestrigen Brief zu
vollenden. Wir waren sehr beschäftigt. Heute ist es noch Nacht. Aus meiner
Höhle, die ich in der Feuerlinie erreicht habe, schicke ich Dir meine
innige Liebe und den Ausdruck des großen Glückes, das ich habe. Ich fühle,
wie mein Werk in mir reift. Was ist daran gelegen, wenn die Vorsehung mir
nicht gewährt es zu verwirklichen? Ich habe die feste Hoffnung, vor allem
vertraue ich in die ewige Gerechtigkeit, welche Überraschung sie auch der
menschlichen Vorstellung, die wir uns von ihr machen, bereiten mag. . . . .

Den 28. November.

Die Stellung, die wir einnehmen, nähert uns dem Feinde auf 45 Meter. Der
Anblick der Laufgräben ist seltsam und wirkt sogar malerisch durch eine
Herbheit der Linien, die der graue Himmel noch verstärkt.

Wenn unsere Truppen, nachdem sie nächtlicher Weile die Wachsamkeit des
Feindes getäuscht haben, von dem Tale herkommend, die halbe Höhe, deren
Abhang uns vor dem Gewehrfeuer schützt, erreichen, treffen sie in den Hügel
eingegrabene Unterschlüpfe, Höhlen, wo die Abteilungen, die nicht auf Wache
sind, Schlaf und die Wärme eines rasch gebauten Heims finden. Weiter
draußen, gerade an der Stelle, wo die freiliegende Landschaft herrlich wird
durch Weite und Beleuchtung, beginnt der gewundene Einschnitt, den man
Verbindungsgraben[*] nennt und in den man eindringt. So gelangt man
unbemerkt in den Schützengraben, wo sich ein wahrhaft kriegerisches,
ernstes Bild, dem es an Größe nicht fehlt, darbietet, ein tiefer schmaler
Gang, dessen Decke der graue Himmel ist, und dessen Erdverkleidungen von
frischem Schnee bedeckt sind. Hier stehen die letzten Einheiten der
Infanterie; Einheiten von gewöhnlich schwachem Bestand. Der Feind ist hier
schon weniger als hundert Meter entfernt. Von hier aus geht der
Verbindungsgang weiter, immer gewundener und tiefer; in ihm empfinde ich
das, was ich stets bei der Berührung mit frischaufgerührter Erde fühle. Der
durch Erdarbeiten aufgewühlte Boden erweckt in mir etwas, wie wenn die
Kräfte der aufgerissenen Erde in mich drängen und mir die Geschichte des
Lebens erzählten.

In diesen Klüften arbeiten zwei oder drei Schanzengräber des Geniekorps,
verlängern sie, graben sie tiefer, von den Deutschen beobachtet, die
bisweilen ungenügend geschützte Stellen erreichen können. Auf diesem
äußersten Punkt steht der letzte Infanterieposten (etwa vierzig Meter vom
Feind).

[Fußnote *: »boyau de communication.«]

Du kannst Dir den Gegensatz dieser militärischen Einrichtung und des
Friedens denken, der an dieser Stelle zu herrschen pflegte. Stelle Dir mein
Erstaunen vor, wenn ich mich erinnere, daß in dem Bereich meines Blickes
der Landmann seinen Pflug lenkte und diese Sonne, deren Glorie ich erspähe,
wie der Gefangene die Freiheit, ihm auf dieser Anhöhe gespendet wurde.

Wenn ich dann in der Dämmerung in die Ebene hinaustrete, welche Wonne! Ich
will Dir nicht davon sprechen, denn ich verschweige noch mein Glück. Ich
darf es nicht offenbaren: es ist ein Vöglein, das die Stille liebt. . . .
Begnügen wir uns damit, was das Wesentlichste ist, von dem Glück zu
sprechen, das sich nicht aufscheuchen läßt: uns in gleichem Maße auf alles
vorbereitet zu fühlen.

Den 29. Nov., morgens, im Quartier.

      Teuerste Mutter!

Gestern habe ich die Feuerlinie bei schlechtem Wetter verlassen, das in der
Nacht nach meiner Ankunft in Regen überging. Ich sehe ihn von meinem
Lieblingsfenster aus als Nebel fallen. Wenn Du willst, erzähle ich Dir von
den gestern flüchtig gesehenen Wundern.

Von der in meinem gestrigen Brief beschriebenen Stellung aus sieht man, wie
ich es Dir oft schon geschrieben, den herrlichsten Horizont. Gestern nun
zerfetzte ein fürchterlicher Wind einen Schleier von sehr niedrigen Wolken,
die an den Höhen hängen blieben. Vielleicht wird Dir der Hintergrund meines
Haheyna eine schwache Vorstellung von dem geben, was ich gesehen habe. Doch
um wie viel erhabener und stürmischer war mein gestriges Fühlen!

Die Hügel und Täler gingen abwechselnd von Schatten in Licht über, bald
scharf umgrenzt, bald verschleiert, je nachdem die Nebel sie enthüllten. Am
Himmel große hellblaue lichtumflossene Lücken.

Das war die Pracht des gestrigen Tages. Soll ich Dir von den letzten
Abenden erzählen, wo der Mond auf die Landstraße mir die zierliche
Verästelung der Bäume abzeichnete, die Tragik der Kalvarien, das rührende
Bild der Häuser, von denen man weiß, daß sie Ruinen sind und welche die
Nacht wie ein Bild des Friedens erstehen läßt.

Ich freue mich zu sehen, daß Du Verlaine liebst. Lies das schöne Vorwort
von Coppée, welches die Sammlung der ausgewählten Werke eröffnet, die Du in
meiner Bibliothek finden wirst.

Seine Frömmigkeit ist von einer Unmittelbarkeit, ich möchte beinahe sagen
von einer Sinnlichkeit, die mich immer etwas irre macht, gerade weil sie
der katholischen Frömmigkeit eigen ist, deren bildliche Erscheinung mir
immer fremd bleiben wird. Aber was für ein Dichter!

Er ist meine fast tägliche Wonne in Paris und hier kommen mir oft die
Weisen seiner »Paysages Tristes«[*] in den Sinn; denn sie geben genau die
Stimmung mancher Stunden wieder. Sein Leben ist rührend wie das eines
kranken Tieres und man staunt darüber, daß eine solche Verkommenheit die
köstlichen Blumen seiner Poesie nicht verwelken ließ. Seine Belehrung, eher
die eines Künstlers als die eines Denkers, kam infolge einer Umwälzung in
seinem Leben nach schweren Vergehungen. (Er war im Gefängnis.)

In »Le Lys Rouge« hat Anatole France unter dem Namen Choulette ein
lebensvolles Bild von ihm entworfen; vielleicht findet sich dieses Buch bei
uns.

Die Poesie in »Sagesse« wirkt wunderbar und erbaulich durch den Schwung,
die Leidenschaft der künstlerischen Absicht, der Neue. Es ist etwa wie wenn
der Aufschrei der »Mainacht« durch sein ganzes Werk hindurch erklänge.

Unsere beiden stärksten poetischen Begabungen im vergangenen Jahrhundert,
Müsset und Verlaine, waren zwei Unglückliche, deren doch so herrliche und
berauschende Blumenpracht keine innere Stütze aufrecht hält. Ich langweile
Dich vielleicht, indem ich Dir von gleichgültigen Dingen erzähle, aber es
versenkt mich wieder ein wenig in mein vergangenes Leben. Seitdem ich das
Glück habe Deine Briefe zu empfangen, habe ich nichts mehr aufgezeichnet.
Glaube ja nicht, daß die Nebensachen mich das, was wir ersehnen und
erhoffen, vergessen lassen; doch ich glaube, daß was den Schmuck des Lebens
ausmacht, gerade das ist, was es für uns beide kostbar macht.

[Fußnote *: In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)]

Ich erwarte Briefe von Dir seit dem letzten vom 22.; doch ich werde sicher
einen hier im Quartier vorfinden. Ich danke Dir für das angekündigte
Packet. Arme Mütter, wie sie alle sich quälen!

Den 1. Dezember, morgens, im Quartier.

Ich erinnere mich, wie ich mich freute, wenn ich als dienstfrei mich von
meinen militärischen Obliegenheiten entbunden sah. Es schien mir, als wären
mein Leben und meine Laufbahn unwiderruflich verloren, wenn ich mit sieben
und zwanzig Jahren wieder zum Regiment müßte. Und nun bin ich mit acht und
zwanzig Jahren tief im Soldatenleben drin, fern von meinen Arbeiten, meinen
Sorgen, meinen ehrgeizigen Plänen, und nie hat mir das Leben eine solche
Fülle von erhabenen Eindrücken gebracht: niemals vielleicht fand ich, um
sie aufzuzeichnen, eine solche Fülle der Empfänglichkeit, eine solche Ruhe
des Bewußtseins. Das sind also die Gnadengaben einer Lage, die meine
vernünftigen menschlichen Voraussichten mir als ein Verhängnis erscheinen
ließen. Hier wirkt die von der Vorsehung mir beschiedene Lehre weiter, die
allen meinen Befürchtungen zum Trotze, Segen in jede Veränderung meiner
Lage hineinlegt.

Die beiden letzten Sonnenaufgänge gestern und heute waren wundervoll.
. . .

Ich habe Lust für Dich eine kleine Skizze von der Aussicht meines Fensters
zu machen. . . .

. . . . Ich mache es aus dem Gedächtnis, aber darüber stelle Dir die
ergreifendsten Purpurstreifen vor und rechts und links noch endlose
Ausdehnungen. Das zu betrachten war mir in der letzten Zeit mehrmals
gegönnt. Augenblicklich bringt ein lieblicher Himmel Harmonie in die
Obstgärten, in denen wir arbeiten. Mein kleines Amt befreit mich für einige
Zeit von der Hacke. Das sind die Freuden, die von ferne mir als
Katastrophen erschienen.

Den 1. Dezember, 2. Brief.

Ich habe soeben Deine Briefe vom 25., 26. und 27. erhalten, sowie einen
lieben Brief von Großmutter, die so tapfer, so seelenvoll, so geistig
frisch ist. Er machte mir viel Freude und bringt mir eine köstliche
Hoffnung, deren glückliches Omen ich mit Freude annehme. Jeder Deiner
lieben Briefe gibt mir auch, was das Leben für mich Schönstes hat. Mein
heutiger erster Brief antwortet auf das, was Du mir von der Annahme der
Prüfungen und Zerstörung der Götzenbilder sagst. Du siehst, daß ich ganz
wie Du denke und ich hoffe, daß ich zur Stunde kein allzu hemmendes
Götzenbild im Herzen trage. . . .

Ich glaube, daß mein letztes Gebet in der Tat sehr einfach ist. Die
Eingebung des Ortes hätte ein Gewand von zu überladener Kunst nicht
geduldet. Gott war überall und überall Harmonie: die nächtliche Straße, von
der ich Dir oft erzähle, der Himmel voll Sterne, das Tal voll Murmeln der
Gewässer, die Bäume, die Kalvarien, die nahen oder fernen Hügel. Für etwas
Künstliches wäre kein Platz gewesen. Ich brauche nicht darauf zu
verzichten, Künstler zu sein; denn ich hoffe immer aufrichtig zu sein und
meiner Kunst mich nur zu bedienen, um damit eine Überzeugung zu schmücken.

Den 5. Dezember, morgens.

. . . . Wir treten aus unsern Höhlen heraus, und auf die drei Tage
klösterlicher Einschließung folgt der Morgen auf der weiten Ebene. Man kann
sich keine Vorstellung von dem Durcheinander machen. -- Dein hübsches
Viertelchen aus Aluminium entzückt jedermann.

Ist's schlimm mit der Wunde von André? Die Mütter stehen furchtbare Angst
aus in diesem Krieg; doch immer mutig, nichts wird verloren sein! Ich für
mein Teil befinde mich wohl und bin so glücklich als es die Umstände
ermöglichen.

Heute furchtbarer Wind, der wundervolle Wolken treibt. Kräftige Luft, mit
der die Baumäste sich gut abfinden. Alle vergangenen Abende herrlicher
Mondschein, den wir umsomehr zu schätzen wußten, als das Tageslicht uns
entzogen war. Teure Mutter, ich schreibe heute schlecht, weil wir durch das
Tageslicht wie betäubt sind, nach den Stunden in der Finsternis, aber mein
Herz eilt Dir zu und findet in Dir seine Stütze.

. . . Laß uns an alles mit mutigem Sinn herantreten: laß uns immer und in
allen Dingen auf Gott vertrauen. Wie fühle ich mit Dir, daß man Ihn nur im
Geiste anbeten kann! Und mit Dir denke ich, daß man allen Hochmut meiden
muß, der ein Hohn auf die frommen Gebräuche der andern wäre. Unsere Liebe
soll ein der allgemeinen Vorsehung zugewandter Bund sein. Übergeben wir ihr
unser Los in einem beständigen Gebet. Gestehen wir ihr demütig unser
irdisches Hoffen und versuchen wir jeden Augenblick mit der göttlichen
Weisheit es zu vereinigen. Das ist eine Aufgabe, deren Schwierigkeit sich
jetzt offenbart, die aber auch unter den gewöhnlichen Lebensbedingungen
besteht.

Sonntag, den 6. Dezember.

Ich freue mich, Dich so standhaft dem Mute zugerichtet zu sehen. Wir
brauchen ihn oder vielmehr wir brauchen etwas, was schwer zu erlangen ist,
was weder Geduld noch allzustarke Zuversicht ist, sondern ein gewisses
Vertrauen in die Ordnung der Dinge, -- ein gewisses Vermögen, von jeder
Prüfung zu sagen, daß es so recht, ist.

Unser Lebenstrieb bringt uns dazu, uns von den gegenwärtigen
Verpflichtungen frei zu machen, wenn sie zu grausam und häufig sind; aber
Du hast sehen können, wie auch ich die große Freude hatte es zu erfahren,
was Spinoza unter der menschlichen Freiheit verstand. Ein unerreichbares
Ideal, dem man trotzdem zustreben muß. . . .

. . . Liebe Mutter, die Prüfungen, die wir annehmen müssen, sind lang; man
kann nicht sagen, daß sie eintönig sind; denn sie verlangen, trotz ihrer
gleichmäßigen Gestalt, einen stets erneuten Mut, halten wir zusammen, damit
Gott uns die Kraft und die Möglichkeit gibt, alles hinzunehmen! . . .

Du weißt, was ich Religion nenne: was im Menschen alle seine Vorstellungen
vom Universellen und Ewigen, diesen beiden Formen des Göttlichen,
vereinigt. Die Religion, im gangbaren Sinne des Wortes, ist weiter nichts
als die Verbindung gewisser sittlicher und erzieherischer Formeln mit der
wunderbaren poetischen Gestaltung der kraftvollen biblischen und
christlichen Philosophien. Wir wollen niemanden verletzen. Bei richtiger
Betrachtung erscheinen mir die religiösen Formeln, so fremd sie auch den
Forderungen meines Intellektes sind, lobenswert und sympathisch, insoweit
sie ein Streben nach Schönheit und Form ausdrücken.

Teure geliebte Mutter, hoffen wir immer; die Prüfungen sind mannigfaltig,
aber alles Schöne verbleibt. Flehen wir darum, es noch lange betrachten zu
dürfen. . . .

Montag, den 7. Dezember.

      Vielgeliebte teure Mutter!

Ich schreibe Dir in der Nacht . . ., übrigens ist um 6 Uhr morgens das
Soldatenleben in vollem Gang. Meine Kerze ist auf ein Bajonnett
aufgepflanzt und von Zeit zu Zeit bekomme ich einen Wassertropfen auf die
Nasenspitze. Meine Leidensgefährten versuchen ein trügerisches Feuer
anzuzünden. Der Aufenthalt in den Schützengräben verwandelt uns in Haufen
von Schlamm.

Die allgemeine gute Laune ist wunderbar. So sehr sich die Kameraden nach
Hause zurücksehnen, sie ertragen nicht weniger heldenhaft die Wechselfälle
des Waffenhandwerks. Ihr Mut, unendlich weniger durchgeistigt als der
meinige, ist umso werktätiger und den Verhältnissen angepaßter; aber jeder
Vogel hat seinen Schrei, der meinige hat nichts von dem eines Kriegsvogels.
Ich bin froh, daß ich bei allen Stößen von außen innerlich mitgeschwungen
habe und setze meine Hoffnung darein, daß sie meine Seele gestählt haben.
So lege ich auch in Gott mein Vertrauen für alles, was er mir vorbehalten
will.

Ich glaube mein künftiges Lebenswerk zu ahnen. Doch ich will aus dieser
Vorahnung keinen Schluß ziehen; denn ein jeder Künstler trug ein Werk in
sich, das das Tageslicht nicht gesehen hat.

Mozart dachte daran, seinen Aufflug zu nehmen, als er dem Tode nahe war,
und Beethoven hat die zehnte Symphonie entworfen, ohne sich um die Kürze
der Zeit zu kümmern, die das Schicksal ihm übrig ließ.

Die Pflicht des Künstlers ist, seine Knospen aufblühen zu lassen, ohne den
Frost zu fürchten, und vielleicht erlaubt es Gott, daß mein Bemühen in die
Zukunft weiterwirkt. Meine Versuche und Proben meiner Arbeit zeigen,
obgleich sie sehr einheitlich sind, noch etwas Kindliches, Stammelndes in
der Ausführung, das zu der wirklichen Höhe der Auffassung wenig paßt. Wie
mir scheint, wird meine Kunst erst in der Reifezeit meines Lebens sich voll
entfalten. Beten wir zu Gott, daß er mich dahin gelangen lasse. . . .

Was Dein Herz anbelangt, so habe ich ein solches Vertrauen in Deinen Mut,
daß diese Zuversicht in dieser Stunde mein größter Trost ist. Ich weiß, daß
meine Mutter zu der Freiheit der Seele gelangt ist, welche das Wirken des
Weltalls zu betrachten uns erlaubt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie
diese Weisheit nur Stückwerk ist, aber es heißt schon Gott besitzen, wenn
man ihn ahnt.[*] Die Zuversicht, die mir Deine Seele und Deine Liebe
verleihen, erlaubt mir an die Zukunft zu denken, unter welcher Gestalt es
auch sein mag.

Den 9. Dezember.

Liebe Mutter, in seinem reizenden Brief sagt mir P. L., daß er gerne seine
Philosophen gegen ein Gewehr vertauschen würde. Er hat sehr Unrecht. Einmal
ist Spinoza, der ihm zuwider ist, ein wertvoller Helfer in den
Schützengräben, und dann müssen diejenigen, die in der Lage sind, jede
Kultur und jeden Fortschritt auszunutzen, den Fortbestand des französischen
Geisteslebens sichern. Sie haben eine erdrückende Aufgabe, die viel mehr
Tatkraft verlangt als die unsrige. Wir sind von allem Zwang befreit. Ich
denke mir unser Leben wie das der ersten Mönche: eine harte, gleichmäßige,
von jeder äußeren Obliegenheit freie Regel. . . .

Den 10. Dezember, in der wunderschönen Morgenstunde.

Unser dritter Tag im Quartier bringt uns die liebliche Gabe eines
versöhnten Wetters. Die entfesselte Sintflut unseres Aufenthaltes in der
Feuerlinie beruhigt sich etwas und die Sonne zeigt sich schüchtern.

[Fußnote *: Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: »Tröste Dich, Du
würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.« (Der
Übers.)]

Unsere seit zwei Monaten angenehme Lage muß sich notwendigerweise ändern.

Da die Festigkeit der Stellungen den Krieg ins Endlose zu verlängern
drohen, wird der Angriff des einen der beiden Gegner die Bewegung in Fluß
bringen und die Ereignisse beschleunigen müssen. Ich glaube, daß die
Kriegsleitung diese Wendung der Dinge ins Auge faßt, und ich für mein Teil
wage es kaum, Dir zu sagen, daß ich mich über nichts beklage, was die
Gelegenheiten, Erfahrungen zu sammeln, vermehrt.

Unser Leben, das zu einem Drittel plattbürgerlich ist, zu zwei Dritteln die
Gefahren einer chemischen Fabrik bietet, würde schließlich jede Empfindung
abstumpfen. Sicherlich werden wir nur ungern unsere Gewohnheiten aufgeben,
aber vielleicht waren wir eben zu sehr an eine gewisse Bequemlichkeit
gewöhnt, die auf die Dauer unmöglich wurde.

Was mich betrifft, wird meine Stellung sich vielleicht verändern. Ich werde
wahrscheinlich meinen gewohnten Gang[*] aufgeben müssen, da ich als
Gefreiter vorgeschlagen bin, was mir einen ständigen Platz im
Schützengraben und andere Verwendung in der Feuerlinie anweisen wird. Ich
hoffe, daß Gott mich hierbei ebenso segnen wird wie bis jetzt.

[Fußnote *: S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)]

. . . . Ich fühle, daß wir um nichts zu bitten brauchen. Wenn in uns etwas
Ewiges ist, was wir noch auf Erden betätigen sollen, so dürfen wir sicher
sein, daß Gott uns hier lassen wird, um es zu tun.

Den 10. Dezember, 2. Brief.

Glücklicherweise haben wir ein Gebiet, auf dem alles uns vereinigt, ohne
daß ein geschriebenes Wort nötig wäre. . . .

Der Himmel wird wieder grau und kündigt einen feuchten Aufenthalt für
unsere zweiten und ersten Linien an.

Der Tag geht zur Neige und die große Schwermut senkt sich auf alle Dinge.
Es ist die graue Stunde für alle, die in der Ferne sind, für alle
Soldatenherzen, die an das Heim zurückdenken und die Nacht über die Erde
kommen sehen.

Ich gehe zu Dir und schon erwarmt mein Herz. Ich fühle Deine aufmerksame
Zärtlichkeit und die Weisheit, welche Deinen Mut beseelt. Manchmal scheue
ich mich, Dir immer dasselbe zu wiederholen; aber wie soll ich neue Worte
finden für meine arme, durch immer dieselben Wechselfälle hin und her
geworfene Liebe? Da wir bald von hier fortkommen, werden wir vielleicht
manche Andenken, die wir aufbewahrten, verlassen müssen; aber die Seele
darf sich nicht an Fetische festklammern. Unser Herz mag manchmal gewisse
Dinge benutzen, aber unsere Liebe kann ohne Amulett bestehen.

Den 12. Dez., 10 Uhr (Postkarte).

Lieblicher Tag im Regen. Alles steht gut in unsern Wäldern. In der Nähe hat
es furchtbaren Kanonendonner auf beiden Seiten gegeben.

Deine Briefe vom 4. und 6. empfangen. Ich freue mich darüber. Es ist das
wahre Glück meines Lebens. Ich bin froh, daß Du C. . . . besucht hast. Ich
hoffe Dir ausführlicher zu schreiben. Nicht als ob es mir mehr als sonst an
der Zeit fehlte, aber ich durchlebe Tage, wo ich für die Schönheit der
Dinge weniger empfänglich bin. Ich strebe der wahren Weisheit zu. . . .

Den 12. Dez., 7 Uhr nachmittags.

Trotz der wechselnden Schönheit der Sonne und des Regens war ich heute für
das Schauspiel der Natur nicht empfänglich. Und doch war nie soviel Anmut
und Güte am Himmel.

Die Landschaft mit dem Brücklein und seinem Reiter, von der ich Dir
erzählte, wurde von weicher Anmut unter der Pracht der Wolken durchdrungen.
Aber ich empfand nicht wie früher den Segen Gottes, als plötzlich ein
schöner, so schöner Baum zu meinem Herzen gesprochen hat. Er hat zu mir von
der stets lächelnden Schönheit, der Frische des Epheus, geredet, von der
herbstlichen Röte, von der winterlichen Schärfe der Zeichnung in den
Baumästen; da habe ich begriffen, daß eine Stunde in solcher Betrachtung
das ganze Leben ist, dem Dasein seinen Wert verleiht, neben dem alles
menschliche Erwarten nichts ist als ein böser Traum.

Sonntag, den 13. Dezember.

. . . . Ich ging heute nach einer erquickenden Nacht in diesen Wäldern
spazieren, wo vor nunmehr drei Monaten die Toten den Boden bedeckten, heute
breitete der Spätherbst seine Schätze aus und dieselbe Schönheit der
bemoosten Stämme redete zu mir, wie gestern, von ewiger heiterer Anmut.

Es bedarf allerdings einer ungeheuren aber unerläßlichen Selbstüberwindung,
um zu begreifen, wie wenig die allgemeine Harmonie gestört wird durch die
Ereignisse, deren Anblick unser Empfinden gewaltsam erschüttern.

Man muß durch Erfahrung erkennen, daß ein körperlicher Riß wenig bedeutet
und daß unser wahres Ich in dem Aufschwung der Seele liegt.

Den 14. Dezember (bei herrlichem Wetter und wiedergewonnener
Seelenruhe).

Wir sind jetzt wieder in unserem Abschnitt der Feuerlinie, aber an einer
Stelle, wo man den Kopf heben und die Anmut meiner teuern Maashügel
genießen kann, die eine zarte Beleuchtung aufheitert.

Ich sehe über den Dörfern und den Obstgärten die Birken- und Tannenreihen.
Die einen färben ihr Baumskelett mit duftigem, weißgeädertem Violett, die
andern unterstreichen die Horizontlinie mit ihren satten Farben.

Ich wurde innerlich gestärkt durch die wunderbare Lehre, die mir während
eines Marsches ein schöner Baum gegeben. Ach, liebe Mutter, alles an uns
kann untergehen, die Natur besteht darum nicht weniger herrlich und, was
sie mir in Augenblicken von ihren Gaben geschenkt, genügt, um ein ganzes
Leben zu rechtfertigen. Dieser Baum war wie ein Soldat!

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viel die Wälder in dieser Gegend
gelitten haben: nicht sowohl durch Beschießung als durch das furchtbare,
für den Bau von Unterständen und unsere Heizung notwendige Abholzen. Und
doch mitten in dieser Verwüstung erzählte mir dieser Baum, daß für den Baum
und den Menschen Schönheit immer bestehen wird.

Auch der Mensch gibt dieselbe Lehre: Sie ist schwerer in ihm zu entziffern,
ist aber schön, wenn man die wundervolle Lebenskraft dieser Jugend sieht,
deren Tatkraft durch die Ernte des Todes nicht vermindert wird.

Den 15. Dezember, in der Frühe.

      Teure geliebte Mutter!

Ich habe Deinen lieben Brief vom 9. erhalten, in dem Du von unserm Heim
erzählst. Ich bin glücklich zu fühlen, wie schön die Lebenskraft ist, die
rasch nach jeder Trennung, jedem Riß sich wieder einzurichten weiß. Ich bin
glücklich zu fühlen, daß meine Briefe in Deinem Herzen einen Wiederhall
finden. Oft fürchtete ich Dich zu ermüden; denn unser Leben, das in mancher
Hinsicht herrlich ist, ist das denkbar einfachste und bietet wenige
hervorstechende Ereignisse.

Wenn ich mein Malerhandwerk ausüben könnte, hätte ich die schönsten
Gelegenheiten zum Sehen vor mir und würde über den umfassendsten Vorrat an
malerischen Eindrücken, den es geben kann, verfügen. Wenn ich aber versuche
Himmel, Bäume, Hügel und Horizont zu erzählen, gebrauche ich die Worte
nicht so feinfühlig wie die Farben und die unendliche Mannigfaltigkeit der
Bilder beschränkt sich in der Wiedergabe auf einige Grundformen, die, wie
ich fürchte, sich wiederholen . . . .

Den 15. Dezember.

. . . Man muß sich diesem eigentümlichen Dasein anpassen, das zugleich arm
an geistiger Tätigkeit und wunderbar reich an plötzlichen seelischen
Erregungen ist. Ich stelle mir vor, daß in unruhigen Zeiten, vor
Jahrhunderten, Männer, des überfeinerten Lebens überdrüssig, im Frieden des
Klosters die Betrachtung der ewigen Fragen aufsuchen und, wenn auch durch
die Drohung feindlicher Horden belästigt, dort eine Zufluchtsstätte finden
mochten. Ich stelle mir vor, daß unser Leben dem Leben dieser alten Mönche
gleicht, deren Dasein sehr kriegerisch war, die mehr als ich für den Kampf
geeignet waren. Unter ihnen konnten empfängliche Seelen Freuden genießen,
die ich heute wiederfinde. -- Ich erhalte heute einen rührenden Brief von
Frau M. . . ., deren Herzlichkeit ich liebe.

Wechselndes, doch ergreifend schönes Wetter.

Es ist unmöglich, mehr als wir getan, über die Haltung zu sagen, die wir
den Ereignissen gegenüber einnehmen müssen. Worauf es ankommt, das ist die
Ausführung. Sie ist nicht leicht; ich habe es dieser Tage erfahren,
obgleich keine neue Schwierigkeit meinem Bemühen, die Weisheit zu
erreichen, in den Weg trat.

. . . Manchmal faßt man eine gewisse innere Unruhe, die an einem nagt, als
die Stimme eines wachsamen Gewissens auf.

Den 16. Dezember.

Hier in unsern Unterständen habe ich Dein kleines, leider arg zerknittertes
Skizzenbuch hervorgeholt und habe versucht, einige Linien des
Landschaftsbildes zu zeichnen. Die Kälte ließ mich aufhören und ich kehrte
unbefriedigt zurück; da hatte ich den Einfall einen Kameraden Modell stehen
zu lassen. Ich kann Dir nicht meine Freude schildern, als etwas dabei
herauskam! Ich glaube, daß meine kleine Bleistiftzeichnung mir geglückt
ist. Sie ist in einem Briefe fort für irgend einen »Schatz«. Es war mir ein
wahrer Genuß zu fühlen, daß ich meine Fähigkeiten nicht eingebüßt habe.

Den 17. Dezember in einem neuen Quartier.

. . . Gestern wurden wir von unsern Gewohnheiten herausgerissen, im
Augenblick, wo ich, nach drei Tagen vollkommener Ruhe, die Schützengräben
erster Linie verließ. Man hat uns einen Standort angewiesen, wo wir den 6.
und 7. Oktober zugebracht hatten. Man spürt in der Luft, daß Neues im Anzug
ist. Ich weiß nicht was daraus wird; doch die heitere Ruhe des heutigen
Tages gilt mir als eine gute Vorbedeutung für alles Kommende.

Es gab die letzten Tage wunderbare Anblicke, die ich jetzt besser inne
werde, als in jenen wenigen Tagen der Niedergeschlagenheit. Es kam daher,
daß ich mich kleinlichen menschlichen Berechnungen hingegeben hatte.

Ich schreibe Dir an einem Fenster, von dem aus ich die Sonne untergehen
sehe. Du siehst, daß es für uns immer Gutes gibt.

3 Uhr nachmittags.

. . . . Ich schreibe an diesem Brief weiter in der Dämmerung eines
einzigartigen Winters; der Tag schläft ebenso friedlich ein wie er
erwachte. Ich sehe die Wäscherinnen unter der Baumreihe, die sich an einem
Fluß entlang zieht; der Friede ist überall, ich glaube selbst in den
Herzen. Die Nacht bricht herein. . . .

Den 19. Dezember, im Quartier.

Lieblicher Tag, der um den Tisch herum seinen Abschluß findet. Stille.
Zeichnen. Musik. Ich denke mit Ruhe an die Länge der kommenden Tage, indem
ich sehe, wie rasch die vergangenen Tage verflogen sind. Die Hälfte dieses
Monates ist nun vorüber, das Weihnachtsfest kommt, während des Krieges. Für
mich heißt es nur noch, mich unsern Lebensbedingungen wirklich anzupassen,
dann mit Hülfe unserer Gemeinschaft zu einer Annahme der Dinge zu gelangen,
die einer höhern Ordnung angehört als die menschliche Tapferkeit.

Den 21. Dez., morgens früh.

      Teuerste Mutter!

Ich habe in meinen Briefen mit Offenheit von meinen Freuden gesprochen,
aber die Klippe des Glückes ist, daß unsere arme menschliche Natur stets in
Angst ist, es zu verlieren, ohne zu erkennen, daß erfahrungsgemäß die ewige
Ordnung immer ein neues Glück neben das alte Glück stellt.

Ich für mein Teil brauche kein neues zu suchen. Ich muß versuchen, beide
Weisheiten zu vereinigen. Die eine, die menschlich ist, treibt mich dazu
an, für mein Glück zu sorgen, die andere aber lehrt mich, daß dieses
menschliche Glück eine gar zarte Blume ist.

Man könnte sagen: Genießen wir die Freuden des Lebens, die ein unerbittlich
strenges Gewissen ausgewählt hat, aber erkennen wir, was sie alle
Vergängliches in sich haben.

Ja, die heilige Schrift enthält die schönste und poetischste Philosophie.
Ich glaube, sie verdankt sie ihrem Zusammenhang mit den viel älteren
Philosophien. Bei Edouard Schuré[*] ist manches anfechtbar, was man aber
behalten muß, ist seine Deutungsgabe, die ihn durch alle Lehren hindurch zu
der unendlich fernen Quelle der menschlichen Weisheit zurückgehen läßt.

Weißt Du, daß die so rührenden mythischen Bilder von einem »guten Hirten«
und der »Mutter Gottes«, welche in unsern Religionen so glückliche
Anwendung gefunden haben, alte Schöpfungen der menschlichen Symbolik sind?
Die Griechen hatten sie von geistigen Vorfahren erhalten und bei ihnen hieß
der gute Hirte Hermes Psychopompos, Hermes der Seelenführer. Ebenso ist die
Ahnfrau unserer Muttergottes, die große Demeter, die Mutter, die ein Kind
auf ihren Armen trägt. Man fühlt, daß alle Religionen, in dem Maße, wie sie
sich ablösten, die eine auf die andere immer denselben Schatz von Symbolen
übertragen haben, welche die ewig jugendliche, menschliche Poesie jedesmal
neu gestaltete.

[Fußnote *: E. Schuré, Les grands initiés.]

Den 23. Dez. (in der Dunkelheit).

Welche Ironie! Ich hatte gestern diesen Brief angefangen, den ich
unterbrechen mußte. Das Wetter war herrlich, ist es übrigens ungefähr
geblieben. Aber wir haben unsere Feuerlinie wieder bezogen. Diesmal halten
wir das Dorf selbst besetzt, -- die hübsche Corotlandschaft, wie vor zwei
Monaten. Aber die Stellung unseres Vorpostens befindet sich in einem Hause,
an dem man jede Ritze verschließen muß, um seine Gegenwart dem Feinde zu
verbergen. So sind wir in einem Zimmer, in dem wir um neun Uhr morgens uns
der Illusion hingeben können, als feierten wir den heiligen
Weihnachtsabend.

Dein lieber Brief, den ich kürzlich erhielt, hat mir viel Freude bereitet.
Es ist wahr, die Anmut und die göttliche Begeisterung sind zwei Ausdrücke
für denselben Begriff.

Wenn Du einen Gang im Museum des großen Dichters Moreau[*] machst, wirst Du
ein Gemälde sehen, »das Leben der Menschheit«,[**] glaube ich benannt. Es
besteht aus neun Abschnitten, welche drei Reihen bilden, die heißen: _das
goldene Zeitalter, das silberne Zeitalter, das eiserne Zeitalter_. Darüber
ist ein Giebelfeld, von dem aus Christus diese Darstellung der Menschheit
beherrscht. Darin aber hat dieser große Künstler dieselbe Vorstellung wie
Du: jede der drei Reihen trägt den Namen eines Helden, Adam, Orpheus, Kain
und jede von ihnen umfaßt drei Stunden. Die Stunden des goldenen Zeitalters
heißen: _die Entzückung, das Gebet, der Schlaf_, während die Stunden des
_silbernen Zeitalters_ heißen: _die Begeisterung, der Gesang, die Tränen_.

[Fußnote *: Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.]

[Fußnote **: S. L'Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs
(Abbildung s. 101, L'Age d'Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D.
Übers.)]

Die _Entzückung_ ist auch die _Anmut_; denn das Gemälde stellt Adam und Eva
dar, in der Reinheit ihrer Seelen, inmitten einer herrlichen Blütenpracht
in die Betrachtung der Gottheit versenkt. Nichts außer einer harmonischen
Natur hilft ihnen in ihrem Anflug zu Gott.

Die _Begeisterung_, in seinem _silbernen Zeitalter_ ist wieder die_ Anmut_,
aber schon, durch menschliche Künstlichkeit gestört. Der Dichter Orpheus
sieht immer noch Gott, aber die Muse steht ihm zur Seite, das Symbol der
menschlichen Kunst ist schon geschaffen; und die Offenbarung der Gottheit
im Menschen, der _Gesang_ ist von Tränen, dem Schmerze begleitet.

Den Kreislauf weiter verfolgend und die Entweihung des Menschen erreichend,
schildert Gustave Moreau das _eiserne Zeitalter_: Kain zur Arbeit und zum
Verbrechen verurteilt.

Dieses Werk erzählt, daß die göttliche Stunde greifbar, aber flüchtig ist
und daß sie der gewöhnliche Zustand des Menschen nicht sein kann. Es
entschuldigt unsere Niederlagen. Die malerische Wiedergabe dieses Gedankens
ist zu buchmäßig, könnte mancher sagen; doch sie berührt die Seele derer,
die durch die Eishülle hindurch lesen wollen, unter der in der menschlichen
Wiedergabe jeder Gedanke erstarrt. Freilich war ein Rembrandt der
vollkommene geniale Dichter und zugleich der reine »Maler«. Geben wir zu,
daß unsere Zeit weniger Reichtum, eine seltenere Vielseitigkeit der
künstlerischen Begabung aufweist; erkennen wir aber zugleich die Schönheit
der Dichtung von Gustave Moreau an, deren Sinn Du in zwei Worten geahnt
hast.

         Dein Sohn.

Den 24. Dez., in der Frühe.

Unsern ersten Tag auf Vorposten haben wir in der ländlichen Ruhe einer
Landschaft verbracht, die den Schnee erwartete. Er ist im Laufe der Nacht
gekommen. In Hintergärten, dem Auge der Deutschen entzogen, habe ich mir
den Schnee angesehen, der die kleinsten Gegenstände zeichnet und adelt.
Dann kehre ich zum Talglicht zurück und nun schreibe ich Dir auf dem
Tische, auf dem ein Nachbar Schokolade schabt. Das ist der Krieg.

Das Soldatenleben bietet lustige Überraschungen. Wir mußten in die
Feuerlinie kommen, damit zwei Unteroffiziere eine Badewanne finden und ein
Bad nehmen können. Ich für mein Teil begnügte mich mit der Hülse einer
75ger Granate als Wasserkrug.

. . . . Ich will nicht von Geduld sprechen, denn ein großer Vorrat von
Geduld kann vor dem uns bekannten X versagen. Ich sage Dir aber, daß die
Zeit außerordentlich rasch vergeht.

Wir verleben kindliche Tage, übrigens sind wir Kinder solchen Ereignissen
gegenüber, und die Wohltat dieses Krieges wird sein, daß er denen, die
zurückkehren, die Jugend des Herzens zurückgeben wird. . . .

Liebe Mutter, unser Dorf hat wieder den Besuch von zwei Granaten erhalten.
Werden sie in Begleitung kommen? Gott behüte uns! Letzthin hatten sie uns
hundert und fünfzehn geschickt, um einen Mann am Handgelenk zu verwunden.
Ein Haus, in dem ein Halbzug unserer Kompagnie wohnt, steht in Flammen. Wir
sehen niemand sich regen. Wünschen wir, daß für unsere Kameraden alles gut
verläuft.

Ich bin herzlich froh, diese paar Monate verlebt zu haben. Sie haben mich
gelehrt, was man aus dem Leben machen kann, in welcher Form es sich uns
auch zeigen möge.

Meine Kameraden sind wunderbar in ihren Offenbarungen französischer
Eigenart. . . . Sie scherzen, aber ihr Scherz ist die äußere Hülle eines
herrlichen seelischen Mutes.

Mein großer Fehler als Künstler ist, die Seele meines Volkes stets mit
einem schönen, mit meinen eigenen Farben bemalten Gewande kleiden zu
wollen. Diese Menschen gehen mir manchmal auf die Nerven, wenn sie mein
schönes Kleid beschmutzen; in Wahrheit würde es sie arg daran hindern, ihre
Pflicht zu erfüllen, wie sie es tun.

Weihnachten in der Frühe.

Welche einzige Nacht! -- Nacht ohne Gleichen, in der die Schönheit siegte,
in der trotz ihrer blutigen Verirrungen, die Menschheit die Wahrheit ihres
Bewußtseins bewiesen hat.

Wisse, daß bei gelegentlichem Gewehrfeuer, ein Gesang ohne Unterbrechung
auf der ganzen Schützenlinie sich erhob!

Uns gegenüber sang eine wundervolle Tenorstimme das Weihnachtslied des
Feindes. Viel weiter zurück, hinter dem Höhenzug, dort wo unsere Linien
wieder anfangen, antwortete die Marseillaise. Die wundervolle Nacht
verschwendete ihre Sterne und Meteore. Hymnen, Hymnen überall.

Es war die ewige Sehnsucht nach Harmonie, der unbezwingliche Aufschrei nach
Ordnung in Schönheit und Eintracht.

Ich für mein Teil habe meine Erinnerungen eingewiegt, indem ich die
köstlichen Melodien der _Kindheit Jesu_[*] wachrief. Die jugendliche
Schönheit, die Taufrische dieser französischen Musik rührten mich. Ich
dachte an den berühmten _Schlaf der Wanderer_ und den Chor der Hirten. Ein
Satz, den die Jungfrau Maria singt: »Der Herr hat für meinen Sohn diese
Stätte gesegnet«, ließ mein Herz erzittern. Die Melodie sang in mir,
während ich in diesem Häuschen saß, dessen Nachbar in Flammen steht und das
selbst einem recht kümmerlichen Schicksal geweiht ist.

Ich dachte an alle mir gewährten Freuden, ich dachte, daß vielleicht in
dieser Stunde Du für mich um Segen flehst über meine Zufluchtsstätte. Der
Himmel war so schön, daß er mir eine günstige Antwort zu gewähren schien;
ich wünschte aber ganz besonders die Kraft zu besitzen, um eines
fortwährend zu flehen, um Weisheit zu jeder Zeit, eine Weisheit, die zwar
menschlich ist, aber trotzdem vor jeder Überraschung sicher ist.

Jetzt überflutet die herrliche Sonne die Ebene, und ich schreibe Dir beim
Kerzenlicht, von Zeit zu Zeit gehe ich aber und betrachte sie von den
Hintergärten aus. Alles ist licht, und die verlassene Ebene empfängt den
Frieden von oben.

[Fußnote *: »L'Enfance du Christ«, von Hector Berlioz.]

Ich gehe in unser Zimmer zurück, wo im Dämmerlicht die Kupferbeschläge der
wundervollen Betten der Maasgegend und das geschnitzte Holz der Schränke
schimmern. Alles hat durch den schlechten Gebrauch, den die Soldaten davon
machen, gelitten, verschafft uns aber eine wirkliche Behaglichkeit. Wir
haben Bestecke gefunden, Tafelgeschirr und haben zwei Tage nacheinander
Schokolade in einer Suppenschüssel bereitet. Üppigkeit!

O liebe Mutter, wenn mir Gott die Freude der Rückkehr gewährt, welche
Jugend hat mir diese außerordentliche Zeit wieder geschenkt! Wie ich meinem
lieben P. schrieb, führe ich hier das Leben eines Kindes unter so
schlichten Menschen, daß wenn auch sehr vereinfacht, meine Lebensart für
meine Umgebung noch recht umständlich ist.

Teuerste Mutter, dieser sehr lange Krieg entwickelt unsere Fähigkeit im
Dulden auszuharren; ich habe aber das Gefühl, daß sich alles so
verwirklicht, wie es mir vorauszuahnen vergönnt war. Ich glaube, daß diese
langen Zwischenzeiten der Untätigkeit das geistige Werkzeug in mir werden
ruhen lassen. Wenn ich das Glück habe, es wieder benutzen zu dürfen, wird
es zwar einige Zeit brauchen, um sich wieder in Bewegung zu setzen, aber
welche neue Triebkraft wird es besitzen! Mein letztes Werk war reine
Gedankenarbeit und mein Ehrgeiz, den alles rechtfertigen kann, ist meinem
Gedanken mehr greifbare Form zu verleihen, je mehr er sich entwickeln wird.

Sonntag, den 27. Dezember, 9 Uhr. 5. Tag in der Schützenlinie.

Es scheint, daß die fürchterliche Stellung, die wir am 14. Oktober mutig
behauptet haben und die unmittelbar darauf durch unsere Nachfolger verloren
ging, wieder genommen wurde, mehr als 200 Meter, aber um den Preis von 100
Mann, die kampfunfähig sind.

Liebe Mutter, der Mangel an Schlaf nimmt mir den Verstand. Man bedarf zwar
wenig davon für den täglichen Gebrauch in diesem Dasein, aber ich hätte
gerne mit Dir geplaudert. Mein Trost ist, daß unsere gegenseitige Liebe
keinen Ausdruck braucht.

Weniges mitzuteilen. Ich bin arg abgestumpft durch den gestrigen Tag, den
ich ganz im Dunkeln zugebracht habe. Dabei sah ich noch von meinem Platz
aus einen hübschen Baum am Himmel.

Diesen Morgen sah ich in der lieblichen Dämmerung einen schönen
außerordentlich leuchtenden Stern. Ich hatte Kohlen und Wasser geholt und
auf dem Rückweg war dieser außerordentliche Stern immer noch sichtbar,
obgleich der Tag schon hell war. Mein Gefreiter, der mit mir von Strauch zu
Strauch unserm Hause zustrebte, sagte mir: »Weißt du, was das ist, dieser
Stern? Nun! es ist das Erkennungszeichen für die feindlichen Patrouillen.«
Es war so, und zunächst war ich über die Entweihung des Himmels empört;
dann aber, abgesehen von der sinnreichen Erfindung dieses Verfahrens, sagte
ich mir, daß dieser Stern für die armen Leute auf der andern Seite die
Richtung der Rettung bedeutete. Ich habe ihm weniger gezürnt. Er hatte mir
so viel Freude gemacht, daß ich mich entschloß, bei meinem ersten Eindruck
zu verbleiben.

Den 30. Dezember.

Gestern abend empfing ich Deinen Weihnachtsbrief. Vielleicht hast Du zur
Stunde, wo ich Dir schreibe, den meinigen vom selben Tag erhalten. Damals
genoß ich trotz der Gefahr die Schönheit der Landschaft, heute aber muß ich
Dir gestehen, daß sie mir einigermaßen vergiftet ist durch das, was man von
dem letzten Gemetzel erzählt.

Den 26. hat man uns in unseren Kampfstellungen gelassen, die wir zu
gewöhnlichen Zeiten nur nachts besetzen. Wir wurden an diesem Tage in
unserer rein defensiven Stellung bevorzugt, nur daß wir der feindlichen
Beschießung ausgesetzt waren; aber zu unserer Rechten erhielt ein Regiment
unserer Division, das eine unserer schrecklichen Stellungen vom 14. Oktober
einnahm, einen furchtbaren Auftrag, dessen unglücklicher Ausgang mehrere
hundert Menschenleben gekostet hat. Hier in unserm großen Dorf, wo unsere
gute Wirtin, wie wir auch, die Opfer kannten, ist alles in Trauer.

Am selben Tage.

. . . . Nichts greift die Seele an. Die Angst mag freilich manchmal groß
sein, besonders die Vorahnung; aber die Fragen der Zukunft ordnen sich der
willigen Annahme des Gegenwärtigen unter. Das Wetter ist mild und die Natur
gleichgültig. Die Toten werden den Frühling nicht stören . . . .

Und wenn einmal die Schrecken des Augenblicks vorüber sind, wenn man dann
sieht, welchen Platz die Erinnerungen an die Dahingeschwundenen einnimmt,
empfindet man ein fast süßes Gefühl bei dem Gedanken an das, was _wirklich_
_besteht_. In diesen düstern Wäldern erkennt man, wie nichtig die Gräber-
und Leichenfeiern sind. Die Seele dieser armen braven Menschen braucht das
alles nicht. . . .

4 Uhr. -- Ich vollende das vierte Bild; ein Leutnant meiner Kompagnie.
Entzückt! Der Tag geht zur Neige. Ich sende Dir mein stets mutiges
Gedenken, Hoffnung und Weisheit.

Vom 3. Januar 1915.

. . . . Gestern, nach der ersten Befriedigung, die ich empfand, als ich
mich von den groben Arbeiten befreit sah, habe ich meine Stückchen Tressen
betrachtet und fühlte mich zunächst erniedrigt; denn statt der gewaltigen
an keinen Titel geknüpften Überlegenheit, die mich aus jeder militärischen
Bewertung ausschloß, war ich eine untere Nummer in der Rangordnung
geworden.

Aber sofort fühlte ich, daß, so oft ich meine roten Tressen ansah, ich
meiner sozialen Pflicht mich erinnern müsse, die mein Individualismus zu
oft vergißt. Ich fühlte, daß ich meine Seele auszubilden immer in der Lage
bin, von ihr nur eine unbedingtere Anspannung werde verlangen müssen.

Den 4. Januar (abgeschickt den 7. Januar) in einem Minengang

Ich schreibe Dir am Eingang eines unterirdischen Ganges, der unter die
feindliche Stellung führt. Mein kleiner Posten hat den Auftrag, für die
Sicherheit der Pioniere des Geniekorps zu sorgen, die einen schon ein
Dutzend Meter vorgedrungenen Gang graben, mit Balken stützen und festigen.
Um dorthin zu gelangen, stampfen wir im Schlamm bis zu den Schenkeln; aber
unsere acht Stunden Wache sind durch eine Erdschicht von mehreren Metern
geschützt.

Ich habe sechs Posten, mit denen ich drei Tage lang ein Dasein von
Schlaflosigkeit und Entbehrungen teile. Das ist das Einweihungsfest meiner
neuen Stellung, aber ich bin froh, mich wieder ein wenig in den Prüfungen
vergangener Tage zu stählen. . . .

Es könnte übrigens geschehen, daß mir das Amt, das ich in Vertretung
versah, in einigen Tagen nunmehr wirklich übertragen wird. Scheußliches
Wetter: und um das Unglück voll zu machen, habe ich einen ganz neuen Schuh
verbrannt und bin, wie die andern übrigens auch, in einem wahren Bad, aber
in vortrefflicher Gesundheit.

Teuerste, ich will etwas schlafen gehen.

Den 6. Januar, abends.

Teure Mutter, wir sind jetzt wieder im Quartier nach zweiundsiebzig Stunden
ohne Unterbrechung und Schlaf, in einem namenlosen Sirup von Regen und
Schlamm. Ich habe verschiedene Briefe von Dir erhalten. Liebe, teuerste
Mutter, der letzte ist vom ersten. Wie ich sie liebe! Doch um Dir von allem
erzählen zu können, will ich zuerst ein wenig schlafen.

Den 7. Januar, gegen mittag.

Diesen abgebrochenen Brief vollende ich im Polizeiraum, von wo mein Halbzug
auf Wache zieht.

Das Wetter ist immer scheußlich. Diese Verschiebung des ganzen Daseins ist
unerhört. Wir sind im Wasser, die Wände sind voll Schlamm, der Boden und
die Decke auch.

Den 9. Januar.

. . . . Mancher Trost fehlt mir in diesen Tagen wegen des Wetters. Dieser
entsetzliche Schlamm erlaubt nicht das Geringste zu schauen. Ich schließe,
indem ich innig unsere Liebe, den festen Glauben an eine Gerechtigkeit
anrufe, die höher ist als unsere menschliche.

Liebe Mutter, Sendungen brauche ich tatsächlich nicht. Die Entbehrungen
sind augenblicklich anderer Art, doch immer Mut. Wenn man nur sicher wüßte,
daß die seelische Anstrengung Früchte tragen wird!

Den 13. Januar, im Schützengraben, in der Frühe.

Ich möchte, wenn Ihr an mich denkt, daß Ihr das Bild von solchen Menschen
wachruft, die alles verlassen hatten, Familie, Bekannte, Stellung in der
Gesellschaft, von Leuten, welche die nächsten Verwandten nur noch in der
Erinnerung kannten, von denen sie sagten: »Wir haben einen Bruder, der vor
langen Jahren sich von der Welt zurückgezogen hat, wir wissen nicht, was
aus ihm geworden ist.« Dann werde ich das Gefühl haben, daß auch Ihr jede
menschliche Form der Anhänglichkeit aufgegeben habt und werde mich frei
diesem Leben hingeben, das allen gewohnten menschlichen Beziehungen
verschlossen ist.

Ich beklage mich nicht über meine neue Stellung, sie versenkt mich wieder
in Prüfungen, aber mit mehr Erfahrung und einigen Verbesserungen. Ich will
also fortfahren, so vollständig, wie es mir möglich ist, für den Augenblick
selbst zu leben; und das wird mir leichter werden, wenn ich fühle, daß Ihr
selbst Euch an den Gedanken gewöhnt habt, daß das Leben, welches ich
gegenwärtig führe, nicht vorübergehend zu sein braucht.

Ich habe Dir nicht genug geschrieben, wie ich mich über die _Revue
Hebdomadaire_ gefreut habe. Ich habe darin Auszüge von Reden über Lamartine
wiedergefunden, die mich entzückt haben. Die Umstände führten ihn, den
Dichter, dazu, seiner Kunst nur noch einen winzigen Platz einzuräumen. Das
allgemeine Leben hat ihn umkreist und legte seiner großen Seele eine
unmittelbarere und stärkere Aufgabe auf, als sein Genie es erwartete.

Den 15. Januar, im neuen Quartier, 12 Uhr 30 mittags.

Wir haben keine Ahnung mehr von irgend einem Ausgang. Für mich ist die
einzige Richtschnur mein Gewissen. Wir müssen unser Vertrauen in eine
unpersönliche, von jedem menschlichen Vermittler unabhängige Gerechtigkeit
setzen, in eine trotz aller äußeren Schrecken nützliche und harmonische
Bestimmung.

Den 17. Januar, nachmittags, im Quartier.

Was soll ich Dir schreiben, an diesem Nachmittag eines seltsamen Januars,
wo der Schnee auf den Donner folgt?

Unser Quartier bietet uns nennenswerte Bequemlichkeiten, besonders aber
eine berauschende Poesie. Stelle Dir einen See vor in einem von hohen
Hügeln beschützten Park, dann ein Schloß oder vielmehr ein vornehmes
Landhaus. Wir wohnen in den Nebengebäuden, aber ich brauche weder Tafelwerk
noch äußerste Bequemlichkeit, um das Traumleben, das ich seit drei Tagen
führe, zu vervollständigen. Gestern erhielt unsere liebenswürdige
Gesellschaft den Besuch von Sängern. Wir waren sehr weit entfernt von der
Musik, die ich liebe; aber die sentimentale und volkstümliche Romanze
ersetzte die edle Kunst durch das Feuer der Überzeugung bei dem Sänger.
Dieser Arbeiter, der ehrbare, ja moralische Lieder sang -- eine etwas
unreine Moral, aber immerhin eine Moral -- legte soviel Seele hinein, daß
der Klang seiner Stimme unsere Hauswirtinnen rührte. Das ist das
volkstümliche Ideal, ein wesenloses, rein negatives Ideal, das aber
schmerzvolle Monate mich gelehrt haben, mit Wohlwollen zu beurteilen.

Ich lese eben, daß Charles Péguy am Anfang des Krieges gefallen ist.[*] Wie
viel Lücken hat der Tod in den Reihen der französischen Geisteswelt
gerissen! Was uns unfaßbar ist (was aber ganz natürlich ist), ist, daß die
bürgerliche Gesellschaft ihr gewohntes Leben weiterführen kann, während wir
in diesem Unwetter sind. Ich sah in einem Cri de Paris, der hierher
getrieben wurde, Programme von Konzerten. Welcher Gegensatz! Nun, liebe
Mutter, die Hauptsache ist, daß wir in einigen Stunden der Gnade Schönes
erkannt haben. Das Wetter ist entsetzlich, aber man fühlt das Kommen des
Frühlings. Nichts spricht augenblicklich von Hoffnung für den Einzelnen,
sondern von fester Zuversicht für die Allgemeinheit.

[Fußnote *: Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und
Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)]

Den 19. Januar.

Seit gestern sind wir in unsern Stellungen zweiter Linie; wir sind hierher
gekommen bei herrlichem Schnee- und Frostwetter. Ein stürmischer Himmel,
rosa und entzückend, schwebte über einem traumhaften schneeweißen Wald, die
Bäume unten durchsichtig blau, oben braun in zarten Verästelungen, die Erde
weiß.

Ich habe zwei Packete erhalten, in denen das _Rolandslied_ mir unendliche
Freude bereitet. Die Einleitung, die von dem Volksepos handelt, spricht
gerade von dem Mahâbhârata, das, wie es scheint, die Kämpfe der guten mit
den bösen Geistern erzählt.

Ich freue mich über Deine so lieben Briefe. Was die Leiden betrifft, die Du
vermutest, in Wirklichkeit sind sie sehr erträglich.

Was man aber bekennen muß, übrigens ohne Scham, ist, daß wir ein
bürgerliches Volk sind. Wir haben den Honig der Kultur genossen, einen ohne
Zweifel vergifteten Honig! Doch nein! Sicherlich ist dieses bequeme Dasein
harmonisch und der gewöhnliche Verlauf unseres Lebens soll nicht eine
Vorbereitung auf die Gewalttätigkeit sein, eine Gewalttätigkeit, die
vielleicht heilsam ist, in deren Mitte wir aber die in Friedenszeit geahnte
Ordnung nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Die Ordnung führt zum ewigen Frieden. Die Gewalttätigkeit bringt das Leben
in Umlauf. Unsere Zielpunkte sind Ordnung und ewiger Friede; aber ohne die
Gewalttätigkeit, welche den Vorrat an verwendbarer Energie entfesselt,
wären wir geneigt, die Ordnung als schon erreicht zu betrachten, eine
verfrühte Ordnung, die nichts weiter als Scheinleben wäre und das Kommen
der letzten Ordnung nur hemmen würde.

Unsere Qualen kommen nur von der Enttäuschung, die uns diese Verzögerung
bereitet; aber die menschliche Geduld ist immer zu schwach, um das Kommen
der wahren Ordnung zu erwarten. Auf alle Fälle und trotz unserer Leiden,
wollen wir lieber nicht die Werkzeuge der Gewalttätigkeit sein. Es ist
ungefähr, wie wenn eine geschmolzene Masse zu schnell und in unrichtiger
Weise erkaltet; man muß einen neuen Guß vornehmen und die Masse nochmals
dem Feuer aussetzen. Das ist die Aufgabe der Gewalttätigkeit in der
menschlichen Entwicklung; aber diese nützliche Gewalttätigkeit darf uns
nicht vergessen lassen, was unser ästhetisches Bürgerleben an dauerhafter
Ordnung in Frieden und Harmonie errungen hatte. Unsere Qualen kommen gerade
daher, daß wir das nicht vergessen können.

Den 20. Januar, früh morgens.

Glaube nicht, daß ich mir den Schlaf rauben lasse. In dieser Beziehung ist
unsere Hygiene sehr unregelmäßig; bald schlafen wir drei Tage und drei
Nächte, bald ist es umgekehrt.

Augenblicklich fängt die Natur wieder an, mir ihren Trost zu bringen. Die
fürchterliche Regenzeit wird durch schöne Kältetage unterbrochen. Wir leben
in einem schönen Frost- und Schneewetter, der harte Boden festigt unsere
Schritte.

Mein bescheidener Rang bringt mir die Möglichkeit ein, mich etwas
abzusondern. Ich habe nicht mehr meinen schönen nächtlichen Gang, aber am
Tag erlaubt mir die Befreiung von dem Arbeitsdienst die Schönheit der Dinge
zu genießen. Gestern unvergeßlicher Sonnenuntergang. Ein Himmel wie Schaum,
in dem zarte, farbige Streifen sich zerfasern; unten die kalte Bläue des
Schnees.

Liebe Mutter, es war ein Heimwehabend. Diese Verse, die mir so vertraut
sind, klangen friedlich an mein Ohr:

   Mein Kind, meine Schwester,
   Denke, wie süß es wäre,
   Dorthin zu gehen, mit Dir zu leben . . .
   In dem Lande, daß Dir gleicht.

Ja, die »_Aufforderung zur Reise_« von Baudelaire[*] zog durch den
entzückenden Himmel. Ach! ich war weit weg vom Kriege. Doch Rückschlag des
Irdischen; als ich zurückkam, wäre ich beinahe um mein Mittagessen gekommen
. . .

Den 20. Januar, abends.

Stete Ergebenheit. Anpassung an das Leben, das nicht rastet und sich um
unsere kleinlichen Forderungen nicht kümmert.

Den 21. Januar.

Jetzt sind wir wieder in unseren Stellungen in erster Linie. Der Schnee
folgte uns nach, leider aber auch das Tauwetter. Zum Glück verlangt unsere
jetzige Stellung nicht den schrecklichen Aufenthalt im Wasser der
Schützengräben.

Wer wird die Anmut der Bäume im Winter schildern? Habe ich Dir gesagt, was
Anatole France darüber im Mannequin d'Osier[**] schreibt? Er liebt ihr
feingegliedertes Skelett und ihre innerliche Schönheit, die der Winter
vollkommener offenbart. Auch ich liebe den wundervollen Kontrapunkt ihres
Geästes mit den tausendfach verschlungenen Linien auf dem Grundton des
Himmels.

[Fußnote *: Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L'Invitation au Voyage).]

[Fußnote **: Les arbres, pensa-t-il, prennent l'hiver une beauté intime
qu'ils n'ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent
la délicatesse de leur structure. L'abondance de leur fin corail noir est
charmante; ce ne sont point des squelettes, c'est une multitude de jolis
petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d'Osier, S. 77.)]

Von unserm Unterstand aus sehe ich unser Dorf; das Unglückliche zerfällt
und zerbröckelt immer mehr. Jeden Tag geben ihm die Granaten mehr den Rest.
Die Kirche ist auseinandergerissen, doch ihre zerstückelte Schönheit
verharrt trotz Allem. Das Dorf ist so hübsch zwischen seinen zwei zierlich
gezeichneten, köstlichen Hügeln versteckt!

Wir hatten viel Glück in zweiter Linie. Das Schneewetter war wirklich schön
und gnädig. Gestern beschrieb ich Dir den Sonnenuntergang von neulich und
wie wir vorher in diese herrlichen Wälder gekommen sind . . .

Den 22. Januar.

. . . Ich habe Dir einige Verse geschickt; ich weiß nicht was sie wert
sind, sie haben mich mit dem Leben versöhnt. Dann war unser letztes
Quartier auch wirklich wundervoll reich an Gaben der Schönheit, über
Gestein fließendes Gewässer . . . Weite und klare Wasserspiegel in
Parkhintergründen, stehende Teiche, träumerische Alleen; das vermag die
rohe Gewalt nicht zu entweihen, heute Sonnenschein auf dem Schnee. Die
Schönheit des Schnees war tief erschütternd, wir hatten aber auch häßliche
Tage gehabt; Tage, wo man nichts als unerfreulichen Schlamm sieht.

Es scheint, daß wir nicht in unser hübsches Quartier zurückkehren werden.
Offenbar ist etwas in Vorbereitung; denn der regelmäßige Verlauf unseres
Winterlebens hat ein Ende genommen.

2 Uhr nachmittags.

Herrliches Wetter, Vorbote des Lenzes; wir können es ausnutzen, da unser
jetziger Standort erlaubt, die Nase herauszustecken.

Ich kann Dir heute nur schlecht schreiben, Dir nur den Ausdruck meiner
Liebe schicken. Dieser Krieg ist lang und ich kann nicht einmal von Geduld
sprechen. Meine einzige Freude ist, daß ich Dir oft, während fünf ein halb
Monaten, sagen konnte, daß nicht alles häßlich war.

Den 23. Januar.

                                -- --- --

. . . Ich für mein Teil habe keine Wünsche mehr. Wenn die Prüfungen
wirklich hart werden, begnüge ich mich damit, recht unglücklich zu sein,
ohne etwas anderes ins Auge zu fassen.

Wenn sie nachlassen, dann fange ich an zu denken, zu träumen, und meine
teure Vergangenheit erscheint mir mit derselben fernen Poesie, die in
glücklichen Zeiten meine Träumereien fremden Ländern zuführte. Eine
liebgewonnene Straße, gewisse oft besuchte Gegenden tauchen plötzlich auf,
wie früher gewisse Melodien, gewisse Verse plötzlich traumhafte Inseln,
Märchenländer in mir erstehen ließen. Jetzt braucht es keine Verse oder
Melodien; die Lebendigkeit unserer lieben Erinnerungen genügt.

Ich kann mir nicht einmal mehr vorstellen, wie ein neues Leben aussehen
könnte; ich habe nur die Zuversicht, daß wir Lebendiges schaffen.

Für wen, für wann? darauf kommt es nicht an. Was ich weiß, was in meinem
tiefsten Innern feststeht, ist, daß die Saat französischen Denkens aufgehen
wird und das Geistesleben unseres Volkes unter den tiefen Wunden, die ihm
geschlagen sind, nicht leiden wird.

Wer sagt uns, daß der Bauernbursche, der Kamerad des gefallenen Denkers,
nicht der Erbe seines Gedankens wird? Keine Erfahrung vermochte uns diese
herrliche Erleuchtung einzugeben. Der Sohn des Bauern, der einen jungen
Gelehrten, einen jungen Künstler hat fallen sehen, wird vielleicht das
unterbrochene Werk wieder aufnehmen; er wird vielleicht das Glied in der
Kette der einen Augenblick gehemmten Entwicklung sein. Das ist das wahre
Opfer: auf die Hoffnung verzichten zu müssen, Fackelträger zu sein. Für das
spielende Kind ist es schön, die Fahne zu tragen; dem Manne muß es genügen
zu wissen, daß die Fahne getragen wird, trotz Allem! Darin bestärkt mich
jeder Augenblick der erhabenen Natur. Jede Minute beruhigt mein Herz; die
Natur macht Fahnen aus dem ersten Besten. Sie sind schöner als diejenigen,
an die unsere kleinen Gewohnheiten sich anklammern. Fahnen der
Wissenschaft, Fahnen der Kunst, welche Flocke in der Luft käme euch nicht
gleich? Und immer wird es Augen geben, um die Lehren des Himmels und der
Erde aufzunehmen.

Den 26. Januar.

Dein lieber Brief vom 20. hat mich gestern abend erreicht. Du darfst es mir
nicht übel nehmen, wenn mir manchmal, wie in meinem Briefe vom 13., das
fehlt, was ich mich doch stets bemüht habe zu erwerben. Doch ich bitte Dich
zu bedenken, was ein junger Mensch in voller Schaffenskraft, empfinden muß,
in dem Augenblick, wo das Leben für ihn eine Zeit fortwährender Blüte sein
müßte, wenn man ihn entwurzelt und auf einen trockenen Boden verpflanzt,
auf dem ihm fast alles seiner gewohnten Nahrung fehlt.

Nun denn! von dem Augenblick, wo nach dem ersten Riß das Leben ihn nicht
verlassen hat, bemüht er sich aus den dürftigen Säften seiner neuen Lage zu
schöpfen. Die Anstrengung ist groß und verlangt mitunter eine Anspannung
aller Kräfte, die für Erinnerungen und Hoffnungen keinen Raum läßt. Es ist
ein fortwährendes Streben nach Anpassung und ich erreiche sie, außer in den
Stunden der rasch unterdrückten Empörung, wo die Gedanken, die Handlungen
meines vergangenen Lebens, sich erheben, wie wenn ich sie nicht vergessen
hätte. Ich brauche dann meine ganze Kraft, um meine herzzerreißenden
Erinnerungen in der Ergebung in den gegenwärtigen Augenblick zu ertränken.

Ich dachte an die schlimmen Stunden, die auch Ihr habt, und die Vernunft
war es, die mich Euch zu einer sehr unpersönlichen Auffassung unseres
Verhältnisses ermuntern ließ. Ich weiß, wie stark und auf diese Auffassung
vorbereitet Du bist. Doch Du hast recht, nehmen wir den Schmerz nicht
vorweg. Aber manchmal unterscheidet man nicht mehr deutlich wirklichen
Schmerz, der uns quält, von jenem, der kommen könnte.

Merket wohl, _daß ich alle Hoffnung_ habe und daß ich auf einen Sieg der
Gnade zähle; aber vor allem bestrebt ein Künstler zu sein, bemühe ich mich
so viel Schönheit wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich, da
ich die Frist, die uns vergönnt ist, nicht kenne.

Den 27. Januar, nachmittags.

Nach zwei -- wegen des Mangels an Stroh -- schlechten Nächten im Quartier
ist die dritte durch unsern plötzlichen Abmarsch in unsere Stellung zweiter
Linie unterbrochen worden. Dort habe ich endlich schlafen können.

Herrliches Wetter, Frost und Sonne.

Die weite Natur beginnt mich wieder zu umfangen und ihre jetzt mächtigere
Stimme stärkt mich. -- Aber, Teuerste, was für ein Riß im Leben! Seit
meiner Beförderung habe ich soeben Augenblicke erlebt, die in weniger
fürchterlicher Form an die Anfänge des Septembers erinnern, mit viel
Schönem dazu. Ich nehme dieses neue Leben an; aber kein Ausblick in die
Zukunft! . . . . .

Den 28. Januar, in der Morgensonne.

Das eiskalte strahlende Wetter hat das wundervolle an sich, daß es in
seinem weiten, klaren Himmel eine Pforte für die Poesie offen läßt. Was ich
Dir über dieses schöne Schneewetter sagen konnte, das kam aus einem durch
die siegreiche Schönheit gestärkten Herzen.

Ich habe mit Freuden in den Zeitschriften, die Du mir geschickt hast, die
Abhandlungen über Molière, über das englische Parlament, über Martainville,
über die religiösen Fragen im Jahre 1830 gelesen. . . . .

Habe ich Dir gesagt, daß ich durch die Zeitungen den Tod von Hillemacher[*]
erfahren habe. Dieser liebenswürdige Kamerad ist im Verlauf dieses
schrecklichen Krieges gefallen.

[Fußnote *: Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen
Jahre.]

Den 1. Februar.

Teuerste Mutter, ich habe Deine lieben Briefe vom 26. und 27. erhalten: sie
geben mir neues Leben, wahrhaftig. Bis jetzt ist unsere Stellung erster
Linie -- diesmal in einem Dorfe -- durch eine völlige Ruhe begünstigt
worden, und ich habe wieder die beglückenden Stunden gekannt, wo die Natur
mich tröstete. Meine Stellung hat das Besondere, daß die Dienstarbeiten,
die ich verrichte, jetzt durch die Gefühle der Verpflichtung dem Ganzen
gegenüber nicht mehr durch die gefühllose Bestimmung der Dienstordnung
befohlen sind.

Den 2. Februar.

Liebe Mutter, ich schreibe an diesem Briefe im Quartier weiter, während die
außerordentliche Inanspruchnahme durch die sich häufenden Dienstarbeiten
die leeren Stunden füllt, welche die Schwermut trüben möchte. Ich komme in
die dunkeln Tage, wo das Nichts das letzte Ende aller Dinge zu sein
scheint, während alles in meinem Leben die reiche Fülle des Weltalls mir
bezeugte. Die Hingabe nicht an Einzelne, sondern an das gesellschaftliche
Ideal brüderlicher Zusammengehörigkeit, die ist es, die mich noch aufrecht
hält. Ach, welch herrliches Vorbild geben uns Christus und die Armen!
Dieser Gerechte, ein Aristokrat, hat durch den herben Ernst seiner
Lebensaufgabe das Grenzenlose der Pflicht der Nächstenliebe bewiesen und
vor allem gelehrt, daß man dafür keinen Dank verlangen soll . . . Ich
verdanke meinem Verkehr mit den Dingen und den Menschen die Beruhigung, daß
ich nichts vom Nächsten erwarte. So nimmt die Pflicht eine abstrakte, von
menschlichen Rücksichten befreite Form an, die das Gräßliche dieser Lage
verhüllt.

Heute ein unerhört schöner Sonnenaufgang! Wieder ein Frühling, der naht
. . . Ich will Dir unsere drei Tage in der Feuerlinie erzählen.

Schnee und Frost. Wir sind die Abhänge herunter, die zu unserer Stellung im
Dorfe führen. In diesem Augenblicke war die Nacht so schön, daß die
Soldaten davon gerührt waren. Ich werde Dir nie die feinen und doch
bestimmten Linien dieser Landschaft schildern können. Wie ließe sich diese
zarte, wie mit dem Grabstichel ausgeführte Zeichnung deutlich machen, die
sich mit den traumhaften Nebeln verbindet, über denen der Mond schwebt?
Während drei Tagen führte mich mein Nachtdienst in diese keusche Schönheit,
in diese Weiße hinein.

Dunkle Verästelung der Bäume, zart wie Goldschmiedearbeit. Und trotz der
Einfarbigkeit, Halbtöne, rotbraune und blaue Halbtöne.

Es gibt Stunden von solcher Schönheit, daß der nicht sterben sollte, der
sie umfängt.

Ich war weit vor den ersten Linien und niemals fühlte ich mich geschützter.
Diesen Morgen, auf dem Rückweg, Sonnenaufgang, rosa und grün, auf dem rosa
und blauen Schnee; freie Aussicht auf ein Mosaik von Wäldern und
schneebedeckten Feldern; in der Ferne Hintergründe, in denen die Silbertöne
der Maas ersterben. O Schönheit, allem zum Trotz!

Den 2. Februar.

Nach endlos traurigen Tagen, plötzliche und flüchtige Ausblicke
philosophischen Gleichmutes. Pflicht, herbe, doch stärkende Trösterin.
Unerhörte Schönheit mancher Landschaftsbilder.

Den 3. Februar.

      Teure geliebte Mutter,

Soeben empfange ich im Quartier Deinen Brief vom 29. Namenloser Tag, ohne
greifbare Gestalt, Tag, in dem trotzdem der Frühling geheimnisvoll zu
quellen anfängt. Warme Luft in der Verlängerung der Tage; plötzliches
Erschlaffen, wie ein Vergehen in der Natur. Ach! wie süß wäre dieser
Schauer der Dinge losgelöst von diesem Sklavenleben; doch hier läßt die
Erschlaffung, die gewöhnlich den Frühling begleitet, die Last nur schwerer
empfinden. Liebe Mutter, wie glücklich bin ich, die Teilnahme aller in der
Ferne zu verspüren. Ach! es gibt doch noch zarte Regungen.

Ich bin über die Zeitschriften entzückt, in denen ich in einem herrlichen
Artikel über Louis Veuillot[*] diesen Satz mir merkte: »O mein Gott, nimm
von mir die Verzweiflung und laß mir den Schmerz!« Ja wir dürfen die
fruchtbare Lehre des Schmerzes nicht verkennen und, wenn ich aus diesem
Kriege zurückkomme, werde ich eine ohne Zweifel bereicherte und veredelte
Seele zurückbringen.

So habe ich denn mit Freuden Vorträge über Moliere gelesen und in seinem
Leben wie anderswo die Einsamkeit erkannt, in der die erhabenen Seelen
umherirren. Aber ich verdanke meinen alten Herzenswunden, daß ich nie mehr
durch die Schuld anderer leiden werde. Geliebte Mutter, morgen schreibe ich
Dir besser.

Den 4. Februar.

Gestern abend, als ich in meine Scheune zurückkehrte. Trunkenheit,
Streitereien, Geschrei, Singen und Geheul. So ist das Leben! . . . Heute
morgen aber, da mir das Erwachen nur diese Erinnerung zuführte, bin ich vor
der Zeit aufgestanden und habe meinen Freund den Mond wieder getroffen, die
große Nacht, die verflog und die Morgenröte, die sich meiner erbarmte! Der
gesegnete Frühlingstag vergoldet Alles und teilt seine Versprechungen und
Hoffnungen aus. -- Teuerste, ich denke über den Titel nach, den Tolstoi
gewählt hat: _Krieg und Frieden_. Früher glaubte ich, er wolle den
Gegensatz zwischen diesen zwei Zuständen wachrufen; heute aber frage ich
mich, ob er nicht diese zwei Gegensätze in dem Gefühl ihrer Nichtigkeit
vereinigt hat, ob nicht die Menschheit, sei es im Krieg oder im Frieden,
ihm in gleichem Maße zur Last war. Wir müssen freilich dem Bemühen gut zu
sein treu bleiben; aber unwillkürlich fassen wir diese Mahnung ähnlich wie
jene Maueranschläge auf: »Schonet die Tiere«. -- Wie wird inmitten der
täglichen Arbeit die Selbstprüfung hart!

[Fußnote *: Der bekannte katholische Schriftsteller (1813--1883). (D.
Übers.)]

Den 5. Februar.

Schlaflose Nacht. Abscheuliche Rückkehr in die Scheune. Derartiger
Höllenlärm, daß die Gefreiten Klage führen mußten. Strafen.

Am Morgen, Marsch, und zur Erholung in dieser Nacht, Arbeit.

      Teure, geliebte Mutter,

Den 6. Februar.

Nach der schlaflosen,[*] vielmehr weinroten Nacht im Quartier mußten wir
eine ganze Nacht Dienstarbeit leisten. Daher schlief ich bis zum
Augenblick, wo ich Dir schreibe. Der Schlaf und die Nacht sind die zwei
Zufluchtsstätten, wo das Leben noch einen Reiz bietet.

[Fußnote *: Wortspiel »nuit blanche«, »rouge vinass«.]

Liebe Mutter, ich durchlebe wieder die herrliche Legende von Sarpedon und
diese köstliche Blüte der griechischen Mythologie ist mir noch ein Trost.
Lies diese Episode der Ilias in meiner schönen Übersetzung von Lecomte de
l'Isle und Du wirst sehen, daß Zeus dem Schicksal gegenüber Worte
ausspricht, in denen das Gefühl des Unendlichen und Göttlichen so herrlich
erstrahlt wie in der christlichen Passion. Er leidet und sein väterliches
Herz kämpft lange; dann ergibt er sich in den Tod seines Sohnes. Aber
Hypnos und Thanatos werden ausgesandt, um den geliebten Leichnam zu
empfangen.[*]

Hypnos, der Schlaf. Daß es soweit mit mir gekommen ist, dem jede Stunde des
Tages eine Lust war, den jeder Augenblick tätiger Arbeit von Stolz erbeben
ließ. Ich überrasche mich selbst bei dem Wunsche, weit weg von den mich
umgebenden Stürmen zu fliehen.

Aber der schöne hellenische Optimismus erstrahlt immer noch auf den Schalen
des Louvre. Die beiden Genien geben Sarpedon die Unsterblichkeit nach
seinem körperlichen Tode und wahrlich, Schlaf und Tod steigern und
erweitern unsere menschliche Beschränktheit ins Unendliche.

Thanatos: ein Geheimnis, dessen Grauen wir dem Mißverständnis verdanken,
welches der Genuß des Augenblickes uns im allgemeinen zu beseitigen
verhindert. Aber lies die feierlichen, friedlichen und ewigen Sätze
Maeterlincks in seinem Buche über den Tod und sieh, wie sie harmonisch
zusammenklingen mit unserer seelischen Erregung über die fürchterliche
Tragödie.

[Fußnote *: Ilias XVI. Gesang. -- (D. Übers. )]

Den 7. Februar.

      Teuerste vielgeliebte Mutter,

Gestern Deinen herrlichen Brief vom 1. erhalten. Fürchte Dich nicht das zu
schicken, was Du für Plaudereien halten könntest. Deine Liebe, die
Gleichheit unserer Herzen zeigen sich deutlich in Deinen Briefen. Das ist
das einzige, was für mich gilt. Übrigens bringen sie mir tausend andere
Dinge von Bedeutung, Lebensfragen.

Wir verleben Stunden erdrückender Arbeit, vor der mich meine Stellung
einigermaßen sichert. Aber für die Mannschaften gibt es Reihen von fünf
schlaflosen Nächten, von ähnlichen Reihen gefolgt.

Den 9. Februar.

Noch eine Oase, in der ich, dem Verschmachten nahe, wieder einmal den
Augenblick der Tröstung erreiche. Der leichte erfrischende Windhauch weht
noch einmal. Ich hatte das Glück, zum wachhabenden Gefreiten in einer
reizenden Gegend ernannt zu werden, wo ich Höchstkommandierender bin.
Entzückendes Frühlingswetter. Was soll ich Dir von dieser Landschaft
erzählen, deren mächtigen Pulsschlag ich nie so deutlich empfunden? Die
Stunden und Jahreszeiten folgen aufeinander mit einer solchen Sicherheit --
unabwendbar -- einer solchen erhabenen Ruhe des Ganzen, daß derjenige, der
ihr Kommen erspäht, das Ungeheure der Urkraft ahnt.

Oft schon hatte ich die Freude gekannt, den Frühling oder eine andere
Jahreszeit zu schauen, nie war es mir aber vergönnt, jeden ihrer
Augenblicke zu erleben. Wie erlangt man doch dadurch ohne Hilfe irgend
einer Wissenschaft eine zwar unbestimmte, aber doch unleugbare Anschauung
eines Unbedingten!

Ein armer Mann, vielleicht ein genialer Gelehrter, erklärte, daß er unter
seinem Seziermesser Gott nicht gefunden habe. Wie ist doch dieses
Mißverständnis in einer so hochstehenden Seele verletzend! Was braucht man
ein Seziermesser, wenn das Entzücken und der Schauer unserer Sinne genügen,
um uns die ewige, alle Entwicklung bestimmende Ordnung begreifen zu lassen.
Der Dichter sieht die Jahreszeiten wie große Schiffe kommen, deren Rückkehr
er vorausberechnet. Mitunter verzögert sie der Sturm, bald aber kommen sie
trotzdem an und bringen die Düfte unbekannter Länder mit. Eine
wiederkehrende Jahreszeit scheint wonnige Gefühle mit sich zu führen, die
sie auf langer Fahrt gesammelt hat. Ach, liebe Mutter, könnten wir doch
noch einmal die Einsamkeit erleben! O Einsamkeit für die, die ihrer würdig
sind! Wie wird sie mitunter entweiht!

Den 11. Februar.

. . . Vielleicht ist es die herrliche Bestimmung und das Vorrecht unserer
Generation, Zeuge dieser entsetzlichen Ereignisse zu sein, aber um welchen
fürchterlichen Preis müssen wir es erkaufen . . . Dennoch: ewiger Glaube,
der alles beherrscht! Glaube an eine Entwickelung, eine unsere menschliche
Geduld übersteigende Ordnung.

Den 11. Februar, 2. Tag in der vordersten Stellung.

In diesen Augenblicken muß man in einer außerhalb des Menschlichen
liegenden Opferfreudigkeit seine Zuflucht suchen; denn es ist unmöglich,
über den Punkt, den wir erreicht haben, hinauszugehen. Gebt alles
menschliche Hoffen auf. Sucht etwas anderes, vielleicht habt Ihr es
gefunden. Ich für mein Teil fühle mich nicht würdig, etwas anderes zu sein
als eine Erinnerung.

Ich habe versucht, im Schlamm einige Blumen zu pflücken. Behaltet sie zum
Andenken an mich.

5 Uhr nachmittags. Trotz Allem Mut, Mut trotz Allem.

Den 13. Februar, 4. Tag in der vordersten Stellung.

Teuerste, nach der tränenreichen Empörung, die mich während dieser ganzen
Zeit erschüttert hat, vermag ich wieder zu sagen: »Dein Wille geschehe.«

Und in dem Maße und der Ausdehnung meiner Fähigkeiten möchte ich derjenige
sein, der an der Möglichkeit seines Mitwirkens am Ausbau des Tempels nicht
verzweifelt.

Ich möchte der Arbeiter sein, der weiß, daß sein Gerüst ohne Hoffnung auf
Rettung zusammenbrechen wird und der doch rastlos an dem Schmucke der
Kathedrale weiter meißelt. An dem Schmuck. Denn niemals werde ich große
Steinblöcke in die Höhe ziehen können. Es gibt übrigens Handlanger dafür.
Ja, es gelingt mir noch, die innere Ruhe wiederzufinden.

Jene gleichmäßige Ruhe, die ich erflehte, habe ich zwar nicht; aber
manchmal erschaue ich den Schein jenes ruhigen Lichtes, in dem Alles,
selbst unsere Liebe, in neuer Gestalt erscheint und verklärt.

Ich bin am Fuß eines steilen Hügels, dessen Linien die Natur harmonisch
gezeichnet hatte. Der Mensch hetzt den Menschen und bald werden sie auf
einander stürzen. Unterdessen schwingt sich dort die Lerche auf.

Während ich Dir schreibe, erfüllt mich allmählich eine seltsame heitere
Ruhe, etwas außerordentlich Tröstendes, sei es menschliche Zuversicht, oder
eine höhere Offenbarung. Um mich herum schläft man.

Den 14. Februar, 5. Tag in der vordersten Stellung.

Um mich herum regt sich alles, wir übrigens auch. Je mehr das Unabweisbare
eine Form annimmt, lebt die Ruhe wieder in mir auf. Meine teure Landschaft
wird durch die scheußlichen Vorbereitungen geschändet: die Stille wird
durch die einleitende Beschießung zerrissen; dem Menschen gelingt es, für
einen Augenblick jede Schönheit zu verhüllen. Ich glaube, daß sie doch eine
Zufluchtsstätte finden wird. Seit vierundzwanzig Stunden fasse ich mich
allmählich wieder.

Teure Mutter, meine Sehnsucht nach meinem Elfenbeinturm ist strafbar; was
man, nur zu oft, für einen Elfenbeinturm hält, ist ganz einfach der Käse
der Ratte, die Einsiedler wurde.[*]

Möchte doch eine bessere Einsicht mich dazu führen, daß ich die Wohltat der
Erschütterung erkenne, die mich aus einer zu bequemen Freistätte
herausgerissen hat, und danken wir dem Verhängnis, das während einiger
seltenen aber unvergeßlichen Stunden aus mir einen Mann gemacht hat . . .

Nein, ich führe keine Klage wegen dieser toten Jugend. Sie hat mich über
verschiedene Abhänge zu den Höhen geführt, wo manchmal die Nebel der
Erkenntnis zerreißen.

[Fußnote *: Tour d'ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht
angewandter Ausdruck. -- Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui
s'est retiré du monde. (Der Übers.)]

Den 16. Februar.

Ich habe soeben in den letzten Tagen Stunden erlebt, welche die großen,
allgemeinen, jetzt sichtbarer gewordenen Fragen zu entscheidenden
Schicksalsfragen für mich machten. Wir sind fünf Tage lang in der
Feuerlinie gehalten worden und wurden in einen sehr harten, durch den
fürchterlichen Schlamm noch erschwerten Dienst gezwungen. In dem Maße als
der Aufenthalt dauerte und ich den Kampf gegen die schreckliche Traurigkeit
meiner Seele fortsetzte, fühlten wir, wie die Lage sich verschärfte und die
Vorbereitungen sich häuften.

Endlich teilte man uns mit, daß der Augenblick gekommen, das heißt, daß der
Befehl zum Angriff gegeben sei. Wir hatten nur noch einen oder zwei Tage
vor uns. Da habe ich Dir zwei Briefe geschrieben, den 13. und 14. glaube
ich, und wirklich, während ich schrieb, fühlte ich in mir ein solches
Vollgefühl, eine solche Seligkeit, daß sich daraus nur die Tatsächlichkeit
des Guten und des Schönen folgern ließ. Die Beschießung unserer Stellung
war äußerst heftig, aber nichts, was vom Menschen kommt, kann so oder
anders jenes ersticken, was die Natur zur Seele spricht.

In der Nacht vom 14. zum 15. besetzten wir die Schützengräben, welche die
Maschinengewehre bestrichen. Die Erschöpfung der Mannschaften war derart,
daß der Angriff von einem andern Bataillon ausgeführt werden sollte. Wir
warteten also im nächtlichen Wasser und in der Kälte, als plötzlich die
Nachricht sich verbreitete, daß wir abgelöst würden. Aus welchem Grunde?
Ein Geheimnis. Kurz, da sind wir wieder in dem Dorfe, wo die Mannschaften
ihr armes Herz im Wein ertränken. Arm bin ich wieder in diesem Haufen
. . .

Liebe Mutter, wenn es etwas Unbedingtes in dem Gebiet des menschlichen
Gefühls gibt, so ist es der Schmerz. Bis jetzt hatte ich nur in einer
angenehmen Bedingtheit verschiedener Empfindungen gelebt, zwischen denen
der Wert des Lebens, seine wesentliche Bedeutung verschwanden. Jetzt fühle
ich, was das Leben ist. Es ist das Werkzeug, welches den Weg der Seele dem
Unbedingten zu ausrodet. Aber ich habe weniger in dieser Zeit des Wartens
gelitten als durch gewisse Berührungen.

Den 16. Februar, 9 Uhr abends.

      Teuerste, geliebte Mutter,

Ich war bei Tisch, als man uns mitteilte, daß wir um Mitternacht aufbrechen
sollten. Ich war gewiß, daß es so kommen würde und die Gegenbefehle, die
den Angriff verzögert haben, hatten die Folge, uns einen Tagesmarsch von
vierzig Kilometern machen zu lassen, der zu den Anstrengungen der
Feuerlinie hinzukam. Als wir unsern Abschnitt in der Kampflinie verließen,
sah ich so viel Artillerie ankommen, daß ich wohl dachte, es gebe keine
Ruhe mehr.

Hier aber erlangt man die Ruhe der Seele wieder. Man friert unter einem
sternenhellen Himmel.

Den 19. Februar. Postkarte, mitten in der Schlacht geschrieben.

Ein Wort nur. Wir sind in den Händen Gottes. Niemals, niemals haben wir
mehr vertrauensvolle Weisheit gebraucht.

Der Tod wütet, aber er beherrscht uns nicht. Das Leben bleibt schön. Tote
oder verwundete Freunde gestern und vorgestern. Teuerste, die Post wird
wahrscheinlich große Verspätung haben . . .

Den 22. Februar.

Wir sind im Quartier nach der großen Schlacht. Diesmal habe ich alles
gesehen. Ich habe meine Pflicht erfüllt und die Teilnahme aller hat es mir
bewiesen. Aber die Besten sind gefallen. Grausame Verluste. Heroisches
Regiment. Ziel erreicht. Werde besser schreiben.

Den 22. Februar, erster Tag im Quartier.

Teure, vielgeliebte Mutter, ich will Dir die Güte Gottes und das Entsetzen
auf Erden erzählen.

Die Seelenlast, welche ich seit ein und ein halb Monaten mit mir schleppte,
war der qualvolle Gedanke an das, was uns in diesen letzten zwanzig Tagen
erwartete.

Wir sind den 17. auf den Kampfplatz gekommen; die umgebende Landschaft
hatte keinen Reiz mehr für mich; ich war ganz in der Erwartung des
Ereignisses.

Um drei Uhr wurde der Sturm entfesselt: Sprengen von sieben Minengängen
unter den Schützengräben des Feindes; es war wie ein fernes Donnern.

Dann machten die fünfhundert Geschütze einen Höllenlärm, während dessen wir
losgestürmt sind . . .

Die Nacht brach an, als wir uns in den eroberten Stellungen festsetzten.
Die ganze Nacht war ich tätig, um für die Sicherheit unserer Truppen, die
bis dahin wenig gelitten hatten, Vorkehrungen zu treffen. Ich mußte weite
nächtliche Strecken zurücklegen, auf denen ich die Toten und Verwundeten
beider Parteien antraf. Mein Herz neigte sich über alle, ich hatte aber nur
Worte für ihren Jammer.

Morgens wurden wir mit ernstlichen Verlusten bis zu unseren früheren
Stellungen zurückgetrieben; aber am Abend haben wir wieder angefangen: wir
haben von unseren eroberten Stellungen wieder Alles zurückgewonnen und auch
hierbei habe ich meine Pflicht getan.

Ich bin vorgedrungen und habe den Säbel eines Offiziers, der sich ergab, in
Empfang genommen; dann habe ich die zu besetzenden Stellungen befestigt.
Der Hauptmann hat mich bei sich behalten und ich habe ihm den Plan unserer
Stellung entworfen. Er teilte mir mit, daß er entschlossen sei, mich im
Armeebefehl nennen zu lassen,[*] als er vor meinen Augen fiel.

Dann habe ich während der dreitägigen fürchterlichen Beschießung auch den
Dienst der Versorgung mit Patronen eingerichtet und aufrechterhalten, wobei
ich fünf Mann verloren habe. Unsere Verluste sind entsetzlich, die des
Feindes noch schlimmer. Du kannst Dir nicht vorstellen, geliebte Mutter,
was der Mensch dem Menschen anzutun vermag. Seit fünf Tagen sind meine
Schuhe von Menschengehirn fettig, zertrete ich Leichen, stoße auf
Eingeweide. Die Soldaten verzehren ihr kümmerliches Essen an Leichname
angelehnt. Das Regiment hat sich heldenhaft benommen, wir haben keine
Offiziere mehr. Alle sind als tapfere Soldaten gefallen. Zwei gute Freunde,
von denen der eine für eines meiner letzten Porträts ein liebenswürdiges
Modell war, sind tot. Das war eine meiner fürchterlichsten nächtlichen
Begegnungen. Weißer, herrlicher Leichnam im Mondschein: ich habe in seiner
Nähe ausgeruht. Schönheit der Natur, die wieder in mir erwachte . . .

Endlich nach fünf Tagen des Entsetzens, die uns zwölfhundert Opfer gekostet
haben, sind wir aus diesem Ort der Greuel zurückgezogen worden.

[Fußnote *: »Citation à l'ordre de l'armée.«]

Das Regiment ist im Armeebefehl genannt.

Liebe Mutter, wer wird das Unerhörte der Dinge, die ich gesehen habe,
erzählen, wer wird aber von den sicheren Wahrheiten reden, die ein solcher
Sturm entdecken läßt?

Pflichterfüllung, Selbstüberwindung.

Den 23. Februar.

      Teuerste, geliebte Mutter,

Zweiter Tag im Quartier, dann gehen wir wieder morgen an die Front.
Teuerste, ich kann Dir jetzt nicht schreiben. Nähern wir uns dem, was
unsterblich ist und halten wir uns Beide an das, was Pflicht ist. Ich weiß,
daß Euer Gedanke stets dem meinigen zueilt, und ich richte mein Auge nach
dem, was in Weisheit unser Glück ist.

Seien wir mutig, ich unter allen diesen jugendlichen Toten, Du in der
Erwartung. Aber Gott ist über uns.

Den 26. Februar, während eines herrlichen Nachmittags.

Liebe Mutter, jetzt sind wir wieder auf dem Schlachtfeld. Wir haben die
Höhen bestiegen, auf denen es sich eher geziemen würde die Herrlichkeit
Gottes zu betrachten, als die Greuel der Menschen zu verdammen. Die
Leichen, die anfangs zahllos waren, verschwinden allmählich und seltene,
erdfarbene Unglückliche erregen von Zeit zu Zeit eine peinliche Begegnung.

Die Verluste sind das, was man in den Tagesberichten »ernste« nennt.

Ich kann Dir wenigstens sagen, daß unsere Soldaten durch ihre heldenhafte
Ergebung Bewunderung erregen. Alle beklagen diesen schändlichen Krieg, aber
die meisten haben die Empfindung, daß die Annahme einer schrecklichen
Pflicht das Einzige ist, was in diesem Augenblick die fürchterliche
Notwendigkeit Mensch zu sein rechtfertigen kann.

Liebe Mutter, ich kann nicht zu Ende schreiben.

Jetzt schläft die Ebene in Malven- und Rosatönen ein. Wie ist es möglich,
daß es Greuel gibt in dem Maße!

Den 28. Februar, im Quartier.

Teure geliebte Mutter und geliebte teure Großmutter, ich schreibe Euch,
indem ich kaum aus den furchtbaren Bildern des Schreckens heraustrete und
soeben dantische Stunden erlebt habe. Was Gustave Doré die Kühnheit hatte
durch den Text der göttlichen Komödie hindurch zu erschauen, ist in
Erfüllung gegangen in den mannigfaltigsten Formen, welche die Wirklichkeit
aufhäufen kann.

Mitten unter den Anstrengungen, deren Wohltat es ist, uns unempfindsam zu
machen, habe ich genießen können, was unsere Qualen Nutzbringendes hatten.

Den 24. abends, kehrten wir zu unseren Stellungen zurück, aus denen man die
ekelhaftesten Spuren zu entfernen bereits angefangen hatte, hie und da
blieben nur noch menschliche Körperteile zurück, welche sich bereits der
Farbe der Erde anglichen, zu der sie zurückkehrten.

Das Wetter war schön und frisch, und die Höhe, die wir erobert hatten,
versetzte uns mitten in den Himmel hinein: die endlosen Flächen waren ein
einziges Leuchten. Oben erstrahlten die Sterne, unten die Röte der
Feuersbrünste; die schreckliche Beschießung, mit der die Deutschen uns
überschütten, verschwendete dieses Feuerwerk.

Ich lag in einer Erdhöhle, von der aus ich dem Monde folgte, und erspähte
den Morgen. Mitunter ließ eine Granate Erde auf mich rollen und betäubte
mich, dann sank die Stille wieder auf die gefrorene Erde nieder. Ich habe
sie teuer erkauft, ich hatte aber Augenblicke einer Einsamkeit, die von
Gott erfüllt war. Ich glaube versucht zu haben, mich vollkommen den
militärischen Forderungen anzupassen; denn, wie ich es Dir geschrieben
habe, bin ich zum Sergeanten und für die Nennung im Armeebefehl
vorgeschlagen worden. Aber, meine teuerste Mutter, wie lang, wahrhaftig zu
lang ist dieser Krieg für Leute, die zweifellos eine Aufgabe zu erfüllen
hatten! Was Du mir von den Sympathien sagst, die ich in Paris zurücklasse,
freut mich; doch wird man mich nicht von hier zurücknehmen für eine bessere
Verwendung? Warum bin ich so aufgeopfert, während soviele, die mir nicht
gleichkommen, geschont werden? Und doch hatte ich etwas Gutes auf Erden zu
tun . . . Nun, da Gott diesen Kelch nicht von mir abwenden will, so
geschehe sein Wille!

Den 3. März, im Quartier.

Heute vierter Ruhetag, für mich fast Ferien. Etwas trübe Ferien, die an
gewisse Aufenthalte in Marlotte erinnern. Tage, die in den Versuchen
vergehen, der körperlichen und seelischen Ermüdung abzuhelfen und gewisse
allzu leere Zeiträume auszufüllen. Aber schließlich doch Ferien, eine Rast
vielmehr, die mir erlaubt die Eindrücke, deren Gewalt mein Inneres in
Verwirrung bringt, einigermaßen zu ordnen.

Ich bin vor Allem durch den Lärm der Granaten betäubt. Bedenke, daß allein
von französischer Seite vierzigtausend uns über die Köpfe flogen, und von
deutscher Seite ungefähr ebensoviele, mit dem Unterschiede, daß die
deutschen mitten unter uns platzten. Ich für meinen Teil wurde auf einmal
von drei 305 mm Granaten begraben, ganz abgesehen von zahllosen
Schrappnells, die in der nächsten Nähe platzten. Du kannst Dir denken, daß
dadurch meine Denkkraft stark erschüttert ist. Endlich lese ich wieder. Ich
habe soeben in einer Zeitschrift eine Besprechung von drei neuen Romanen
gelesen und das hat zum großen Teil die Sorgen der Feuerlinie in mir
gemildert.

Ich habe einen entzückenden Brief von André erhalten, der mein Nachbar sein
muß. Er denkt wie ich über unsere schreckliche Kriegsliteratur . . . . . .
Was sich in mir am frischesten entfaltet erhalten hat, ist vielleicht die
musikalische Improvisation. So hörte ich während dieser ganzen Nacht die
schönsten Symphonien mit vollständiger Orchesterbegleitung, und wisse, daß
diese Musik ihr Bestes der großen deutschen Musik verdankte.

. . . Nach einem solchen Sturm kann ich mich nur dem angenehmen Gefühl
hingeben eben noch am Leben zu sein in der flüchtigen Märzsonne . . .

Den 5. März, 6. Tag im Quartier.

Ich hätte in mir die außerordentliche Feinfühligkeit aus der Zeit vor
diesen Prüfungen wiederfinden mögen, um Dir die Farben und Erscheinungen
des Dramas zu schildern, das wir eben durchlebt haben. Augenblicklich bin
ich noch in einem an sich ziemlich wohligen Zustand der Erstarrung, der
aber das Bild der Dinge in mir und meine Ausblicke in die Zukunft
einigermaßen verdunkelt. Ich kann mich nur bemühen, mich an die Erkenntnis
des Ewigen und Dauernden zu halten und vielleicht wird mir das gelingen.

Und doch enthielten gewisse Ansichten von verwüsteten Feldern eine so
schöne, so edle, so abschließende Lehre, daß ich mit Dir die herrlichen, in
diesen vergangenen Tagen offenbarten Wahrheiten fühlen möchte.

Wie friedlich ist der Tod in der Erde, und wie herrlich vollzieht sich die
Rückkehr in den mütterlichen Schoß, wenn man damit die menschliche
Kleinlichkeit der Totenfeiern vergleicht! Gestern noch konnte ich glauben,
daß diese armen verlassenen Toten ein Unrecht erleiden; nachdem ich aber in
V. . . . dem Begräbnis eines Offiziers beigewohnt habe, finde ich, daß die
Natur viel mehr Mitleid zeigt als die Menschen . . .

Ja wahrhaftig, der Tod des Soldaten ist den natürlichen Dingen nahe. Er ist
aufrichtig schauerlich und will nicht über die allgemeine Gewalttätigkeit
hinwegtäuschen. Ich bin mehrmals an Toten vorbeigegangen, deren
allmähliches Verscharren ich beobachten konnte, und dieses neue Leben war
tröstlicher als der kalte und starre Anblick der städtischen Gräber. Wir
haben von unserem Aufenthalte im Freien, eine Frische der Auffassung, eine
Großzügigkeit in den Bewegungen und Gedanken gewonnen, die den Überlebenden
die Städte gräßlich und unnatürlich werden erscheinen lassen.

Liebe Mutter, ich schreibe Dir ungeschickt Dinge, die ich prachtvoll
empfunden hatte . . . Laß uns in den Frieden des Frühlings und in die
Pracht des gegenwärtigen Augenblicks flüchten.

Den 7. März, 10 1/2 Uhr.

      Teure vielgeliebte Mutter,

Ich schmücke die Untätigkeit dieses Vormittags aus. Ich genieße die klaren
Gewässer der Maas, welche die Anmut der Täler und Gärten beleben. Die
Spiele des Wassers auf dem Untergrunde von Pflanzen und Steinen bieten
meiner Müdigkeit ein beruhigendes Schauspiel und erzählen das friedliche
Dasein dieses ansehnlichen von den Hauts de Meuse beschützten Fleckens.

Die Kirche ist vollgestopft von Soldaten, die wie ich selbst die
unerschütterliche Anschauung eines Ideals haben, aber eine äußerliche und
weniger unmittelbare Offenbarung desselben verlangen . . .

Ich begebe mich für etwa vierzehn Tage in Kost in jenes Haus, in dem vor
bald zwei Monaten unsere ausgelassene Bande ihre Sitzungen hielt. Heute sah
ich diese braven Leute weinen, als sie von den Toten und Verwundeten
hörten. Ich habe vor dem Abmarsch Deinen Schlafsack erhalten, der
vortrefflich ist. Ich bin sehr durch rheumatische Schmerzen geplagt, die
mir seit zwei Monaten manche Nacht im Quartier verderben.

Liebe teure Mutter, Ruhe im Kasernenlärm, der jetzt unser Leben sein wird.
Da es hier nur Unteroffiziere gibt, sind wir Alle zu Dienstarbeiten
verpflichtet und ich werde wieder die Bekanntschaft des Besens und der
Lasten machen, übrigens hat man uns das vorhergesagt: wir sollen harte
Arbeit mit unsern Händen verrichten, damit wir andern befehlen können.

Den 7. März, zweiter Brief.

Mildes Wetter nach dem Regen. Glockengeläute in den Abend hinein; die
fließenden Gewässer singen unter den Brücken und die Bäume schlafen ein.

Den 11. März.

      Teure geliebte Mutter,

Ich habe Dir nichts von meinem mit körperlicher Arbeit ausgefüllten Leben
zu erzählen. Kaum wird von Zeit zu Zeit ein Bild in mir wach, ersteht eine
Erinnerung. Ich bleibe regungslos und zerschlagen. Ich habe eben einen
schönen Aufsatz von Renan über den Ursprung der Bibel gelesen. Ich fand ihn
in einer Revue des deux Mondes vom März 1886. Wenn ich etwas davon behalten
kann, so wird es mir helfen einige Ordnung in meine recht zusammenhanglosen
Kenntnisse über diese Fragen zu bringen.

Ich bin etwa, wie wenn ich mich von einem Nervenfieber erholte. Was mir
Freude macht, sind die Gewässer. Die fließenden und stehenden Gewässer der
Maas. Die Quellen spielen über den Gräsern und Steinen. Die Teiche ruhen
unter den großen Bäumen aus. Wasserfälle und Bäche. Auf den
steilabfallenden Abhängen nimmt der Schnee einen träumerischen Glanz an.
Ich lebe in allen diesen Bildern, ohne ihnen eine bestimmte Form zu geben.
Ich schäme mich etwas, so stumpfsinnig zu sein, glaube aber, daß es Allen
so ergehen wird, jedesmal, wenn man sich von der Hölle der Feuerlinie
entfernt. Ich esse und schlafe, wenn mein gräßlicher Hexenschuß es mir
erlauben will.

Verzeih mir, wenn ich so tief unter mir selber stehe. Ich bin wie meines
innern Haltes beraubt. Nun meinetwegen . . .

5 Uhr Nachmittags.

Ich komme ziemlich müde von der Übung zurück, die herrliche Luft der Maas
erhält mich aber immer gesund.

Liebe Mutter, ich möchte wieder mit aller Kraft dem Schönen und Edlen
zustreben. Ich möchte immer in mir die Begeisterung verspüren, die mich den
Schätzen des Lebens zutriebe. Doch augenblicklich ist mein Denken schwer
wie Blei . . .

Den 14. März, morgens, im sonntäglichen Frieden.

Teure geliebte Mutter, endlich erreichen mich Deine lieben erfrischenden
Briefe, nach Tagen der Entbehrung, wodurch ich notwendigerweise den
tatsächlich großen Genuß erkauft habe, hier ausruhen zu dürfen. Der hübsche
Flecken erwacht in den Nebeln der Maas; der Bach eilt über die
abgewaschenen Steine dahin. Alles hat die feine maßvolle zierliche Art, die
das Merkmal der Gegend ist . . .

. . . Ich lese etwas, bin aber durch die körperliche Anstrengung, zu der
man uns anhält, derart ermüdet, daß ich fast sofort einschlafe. Man läßt
uns eine Unzahl Schützengräben herstellen.

Liebe Mutter, um auf die außerordentlichen Ereignisse der letzten
Februartage zurückzukommen, so muß ich Dir wiederholen, daß ich daran wie
an ein wissenschaftliches Experiment zurückdenke. Ich hatte meine
Vorstellung von der Gewalt in eine theoretische Formel gebracht und hatte
ihre Aufgabe in der Welt erraten. Es war mir aber vergönnt gewesen, ihre
praktische Wirkung nur in unendlich abgeschwächten Fällen zu beobachten.

Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine
Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war
interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals
von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich
persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die
mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende
Wirkung sich unmittelbar in ebenso »künstlerischer Weise« zusammenfügte,
wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich
in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, »wie es
gemacht ist«.

Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich
gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat
diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von
ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine
gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die
unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines
arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher
als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.

Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er
fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar
vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das
bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein
dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick,
welchen die französische Seele gewährt.

Den 14. März 1915.

      An Madame de L. . .,

Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen
hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre
Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr
aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter
sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie
war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer
Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige
Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die
uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das
Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener
Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen
ist.

Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe
gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine
Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen
in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde
ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und
bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der
mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu
verunstalten und zu verdunkeln vermochte.

Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.

Den 15. März (Karte).

Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil
wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft
vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich
selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich
sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem
Geschick gegenüber.

Den 17. März.

Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem
Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage.
Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las,
trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit
prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und
war George Perrot gezeichnet.

Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner
Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens
beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich
am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.

Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die
Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei
zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich
erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch
trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als
ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft
brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber
unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug
gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen,
und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein
flatterndes Band.

Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von
jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die
abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken
aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit
rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der
Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche
Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in
unser Fach, augenblicklich.

Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag.
Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die
alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart
bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen
könnte.

Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens
auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man
alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des
menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie
Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen
Geschicks beschützen . . .

Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und
über Allem der siegreiche Frühling . . .

Den 20. März.

Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und
Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut
gehalten.

Den 20. März.

      Teure geliebte Mutter,

Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich
bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter
vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett
teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.

Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch
bewahren darf.

Den 21. März.

Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine
Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich
Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.

Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten
unter den Schmerzen uns nicht verlasse.

Den 21. März, Sonntag, bei der schönsten Sonne.

      Teure geliebte Mutter,

Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß
wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein
Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf
scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten
sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der
Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir
hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die
Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu
beschleunigen.

Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit
ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo
die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den
Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich
in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling
darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und
nun ein Mensch sein . . .

Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur
vierzig Mann zählten, zurückgekommen.

Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade
erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann,
ausschöpfen zu dürfen.

Das ist eine neue Art »sich auszuleben«, an die die Literatur bis jetzt
nicht gedacht hatte.

Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen
gestärkt!

Den 22. März.

Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der
Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse,
mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht.
Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.

Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front
befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu
gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein
Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns
demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen
sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie
vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.

Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich
nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit
habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines
Selbst darauf zu verwenden.

Den 25. März.

      Teure geliebte Mutter,

Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz
wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während
meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist
unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt.
Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere
schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen
lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich
vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich
zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos.
Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine
äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen
ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir
mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die
Dienstarbeiten zu verrichten.

Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche
glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben,
manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche
Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch
rascher verschwinden. -- Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen
wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte
einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt
auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe
gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an
das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse
sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns
heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die
herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.

Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .

Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während
des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer
Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in
der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die
Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein
lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt
sind.

Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht
hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden.
Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!

Den 26. März.

      Teure geliebte Mutter,

Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand
setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das
schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke
einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.

Den 28. März, auf den Höhen: graues Wetter an einem durch die gestrige
Beschießung gestörten Sonntag.

Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff
unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine
Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist
freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der
Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes
ab.

Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der
Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht,
vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die
trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung
angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so
die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff
erfolglos war.

Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets[*] zu
erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in
denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger
weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel
diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt
halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und
davor kletterten die Jäger immer weiter . . .

Sonntag, den 28. März (2. Brief).

      Liebe Mutter,

Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich
habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die
Beschießung wieder an Stärke zu.

Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich
um Weisheit für Dich und für mich.

[Fußnote *: Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben,
besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der
Übersetzer.)]

Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den
Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens
ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling,
derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich
nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und
meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu
erhalten.

Den 1. April.

Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger
Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des
Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung
verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen
gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen
müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.

Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die
Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.

Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die
französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender
Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als
dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie
sich nach dem Wiedersehen sehnt! -- Reden wir nicht davon . . .

                                -- --- --

Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust
die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir
die lieblichsten Funken des Frühlings.

Den 3. April (Karte).

Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne
und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.

Den 3. April, 2. Brief.

Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals
als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich
gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern
Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was
geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder
den Ansturm zu tragen haben?

Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der
Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir,
gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr
zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger
Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die
Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns
erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte
wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen
noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.

Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße
ich mir nichts an.

Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die
Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter
Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt
worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in
diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen
Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen
des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge
die Vorsehung uns davon fernhalten!

Den 4. April.

      Teure geliebte Mutter,

Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis
dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem
Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr
minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben
sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der
glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und
unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich
Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann
für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben
beleuchtet.

Den 4. April, abends, Ostersonntag.

Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr
gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch.
Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was
kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für
Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe.
Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen,
einer schweren Aufgabe zu.

Den 5. April, ein Uhr.

      Liebe Mutter und liebe Großmutter,

Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum
Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein
Leben besteht nur noch in Euch.

Den 5. April, gegen Mittag.

      Liebe Mutter,

Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die
Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie
immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen
und müssen die höchste Weisheit anrufen.

Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude
Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht
erhalten werden!

Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.

         Euer Sohn.

Den 6. April, mittags.

Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der
äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen
mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.

                                * * *

In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser
Briefe spurlos verschwunden.



Europäische Bücher:

Andreas Latzko, Menschen im Krieg
Romain Rolland, Beethoven
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
Leo Tolstoi, Tagebuch 1895--1899
Henri Barbusse, Das Feuer
Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Briefe eines Soldaten - Deutsche Ausgabe der Lettres d'un soldat" ***

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