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Title: Der Hase - Eine Erzählung
Author: Vischer, Melchior, 1895-1975
Language: German
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Copyright Status: Not copyrighted in the United States. If you live elsewhere check the laws of your country before downloading this ebook. See comments about copyright issues at end of book.

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Melchior Vischer

Der Hase
Eine Erzählung



1922

Jakob Hegner, Hellerau



Ich bin ein alter Straßenkehrer. Ich arbeite nur drei Stunden täglich; denn
meine Kräfte sind nicht mehr groß. Daher habe ich viel Zeit; ich will also
die Ereignisse meines Lebens niederschreiben. Es mag als Leben eines
Straßenkehrers unwichtig erscheinen; dennoch ist es nicht unwichtig.
Verzeiht, daß ich nur einfach schreibe. Ich kann keine japanisch gedrehten
Sätze formen; auch verstehe ich nichts vom klugen Aufbau der Handlung. Das
alles kann ich nicht. Es wäre hier auch nicht notwendig; es ist ein
Bericht.

Es war November. Es war ein Wald. Die Bäume standen im rötlichen Schimmer
müder Sonne. Nebel gab es noch nicht; nur eine kleine Moosausdünstung,
feucht und schwer, verriet die unsommerliche Zeit. Tannen und Fichten
rochen nach Harz. Ein Hase, noch jung und neugierig, war seiner Familie
entlaufen. Er hatte sich verirrt, weil Nadelbäume und Moos, Moos und
Nadelbäume wechselten. Der Hase keuchte. Dunkelheit kam und verlöschte
letzte Sonne. Da schleppte sich der Hase noch ein wenig weiter; dann konnte
er aber nicht mehr. Er streckte die Läufe von sich und schlief. Der Morgen
war hell. Als der Hase erwacht war, sah er Wunderbares: der Wald war zu
Ende. Er selbst lag am Saum. Vor ihm eine weite, weite Ebene, grün und grau
und gelb. Und rückwärts lagen die Wolken auf der Erde und schliefen.
Ängstlich drehte sich der Hase um: da war der Wald, der schwarze Wald.
Schnell schaute er wieder auf die Ebene hinaus: sie schien ihm gut, Weib,
Mutter zu sein. Der Wald ist schwarz, der Wald ist böse, der Wald ist ein
Mann. Und seine Blicke hasteten über das große mütterliche Feld. Da stockte
sein Auge, sein linkes Ohr erschrak und schnellte spitz in die Höhe: dort,
dort, dort . . . lag etwas, in der Mitte, breit und wuchtig. Sein Herz
klopfte; er hörte dieses Klopfen, dumpf und schwer. Er war nicht feige,
dennoch überlegte sein kleines Hirn, ob er zurückfliehen sollte in die
Finsternis des Waldes, der hinter ihm lag wie ein drohendes Ungetüm, oder
ob er auf das fremdartige Etwas zugehen sollte. Seine Beine waren flink,
flinker noch seine Neugier. Da sprang er: hin lief der Hase über die
vergrünten Felder. Größer und größer wurde der Block; er unterschied
Linien, Gewölbtes, dann große Löcher, die wie Wasser glänzten. Da hockte er
nieder, überlegte, ließ seine Ohren spielen. Sein Herz war noch immer rege;
es pochte jedoch schon leiser. Die Augen aber schwammen in einem Meer voll
Neugier. Knapp vor ihm waren hohe Stäbe aufgerichtet; dahinter lag
geackerte Erde. Er schlich durch den Zaun, lief über den frisch
aufgeworfenen Humus und stand vor etwas Hohem, das höher, größer und
breiter war als ein Baum. Er legte seine Pfoten vorsichtig an und fühlte
kalten Stein. Da war ein Einschnitt, dunkel gewölbt, er nahm Anlauf, und
mit einem Satz war er drin, in dem unbekannten Bereich. Hier war der Boden
weich und rot; seltsam verwachsene Bäume erschienen ganz unkenntlich;
glatt, glänzend, behangen mit fremdartigen Gräsern. An der Decke war kein
Himmel sichtbar; trotzdem glitzerte alles und schillerte. Er sprang, --
diesmal wohl aus Angst -- und stieß an einen Gegenstand, der umfiel und
zerbrach. Es klang, als wurden kleine Vögel getötet. In Sehnsucht nach der
mütterlichen Haide suchte er einen Ausweg. Er fand keinen. So drückte er
sich in eine Ecke, hörte auf das Klopfen seines scheuen Herzens und auf das
schnelle Keuchen seiner gehetzten Lunge. Seine Augen suchten unterdessen
und fanden nichts. Lärm und Geschrei war zugleich wie eine Erschütterung
der Erde. Ein Schlag dröhnte durch die Luft, ein fremdes Wesen, nur auf
zwei Füßen gehend, stürzte herein. Keuchen erfüllte alle Luft. Gepolter
folgte: Rufe, Schreie. Ein zweites Wesen, dem ersten ähnlich, nur ein wenig
größer, sprang herein, schrie schrill -- so klang kein Tiereslaut --
schnellte auf und preßte dem andern die Gurgel. Das eine drängend, das
andre sich sträubend, fielen sie beide hin. Da blitzte es in der Luft: in
den Fängen des größeren Unwesens sah der entsetzte Hase etwas Langes,
Spitzes, wie der Schnabel eines Spechtes. Es sauste nieder, ein Ächzen, ein
Röcheln: die rote Ebene ward röter. Ein schweres Keuchen, das in befreites
Aufatmen ausströmte, war zu hören. Das eine Wesen ließ von dem anderen und
richtete sich empor. Der Hase konnte sich nicht bewegen. Er war gelähmt:
die zwei wilden Augenlichter des Wesens, das kein Tier war, nicht Raubtier,
nicht gutes Tier, das ein Untier war, starrten entsetzt und groß
aufgerissen in die Augen des Hasen. Der Hase zitterte. Gerade das war seine
Rettung. Sein zitternder Blick hatte plötzlich den gewölbten Einschnitt
erhascht: ein Sprung, bebend zwar, aber doch hoch und weit genug, folgte.
Der Hase lief. Der Hase war weg.

Ich bin nicht immer Straßenkehrer gewesen. Einst war ich reich. Das Leben,
das ich führte, näher zu beschreiben, wäre unnütz; ich träumte Träume aus
Silber und Alabaster. Ich wäre vielleicht auch als Reicher gestorben. Wenn
nicht ein höchst seltsames Ereignis mich aus meinem streng abgezirkelten
Dasein in die Freiheit des Lebens hinausgeworfen hätte. An einem
Novembertage verließ ich mit mehreren Freunden mein Haus; wir gingen, was
wir sonst nie taten, zu Fuß in die nahe Stadt. Bei Einbruch der Dämmerung
waren wir angelangt. In den Straßen war ein Verkehr, der beinahe tosend
war. Die Schaufenster leuchteten wie offene Feuer: so hell. Alle Menschen
eilten. Wir gingen in Gruppen, langsam, wir sprachen von gleichgültigen
Dingen. Nun waren wir auf der Hauptstraße. Wagen und Menschenverkehr war
maßlos laut; hin, her. Manchmal streifte einer der hastenden Fußgänger
meinen Rock. Ich sah niemanden, trotzdem Kopf auf Kopf wechselte. Ein Meer
von Gesichtern. Da sah ich beiseite, ganz ungefähr, zerstreut: mir stockte
der Atem, mein Blut wurde zu Eis, ich konnte nicht weiter. -- Er ging
vorüber. Ein Mann. Seine Augen schauten mich an; seine Augen schienen Glas
zu sein. Er sah ganz gewöhnlich aus; nichts Besonderes war an ihm. Ein
Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der
Menge. Ich besann mich. Meine Augen sahen schärfer. Da war er schon
vorüber. Ich drehte mich um. Verschwunden. Man fragte mich erstaunt: »Warum
gehst du nicht? Wen sahst du?« Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Ich
ging zurück; nichts. Ich ging schneller; nichts. Ich rannte; nichts. Ich
hatte meine Freunde verloren. Ich lief die Straße hinauf; ich lief die
Straße hinab. Langsam, schnell. Ruhelos. Stunden vergingen. Es war Nacht
geworden; späte Nacht. Die Straße war einsam. Nur selten kam ein Mensch.
Das Licht leuchtete nicht mehr; bloß Notlaternen brannten. Noch immer ging
ich auf und ab. Hohl klangen meine Schritte. Eine Frage kam immer und immer
wieder: Wer war dieser Mann? -- Warum sah er dich an? Dann lachte ich
heiser auf: »Du Tor! Ein Namenloser, ein Mann in der Menge! Ein
Gleichgültiger! Zufällig sah er dich an, zufällig sahst du ihn an, zufällig
kreuzten sich eure Blicke; Zufall, nichts weiter!« Ich schlug meine Stirn
und brüllte: »Tor! Tor!« Ich war müde geworden. Ich lehnte mich an eine
Laterne. Mich fröstelte. Nun merkte ich erst, daß ich Hut und Mantel
verloren hatte. Kaum hatte ich das recht erfaßt, als schon wieder die Frage
nach dem Unbekannten durch mein Hirn tobte. »Wer bist du?!« schrie ich auf.
»Herr, ist Ihnen schlecht? darf ich einen Wagen rufen?« hörte ich noch
jemanden fragen und sah mich selbst eine bejahende Gebärde machen. Dann
wußte ich nichts mehr. Nur fern hörte ich, als riefe einer um Hilfe: Wer?
Wer?

Ich wachte auf. Ich war im Bett. Ich war zu Hause. Mein Leibdiener saß im
Zimmer. Ich rief: »Hast du ihn gesehen? War er da?« »Nein, Herr!« Ich
richtete mich plötzlich auf und starrte dem Diener ins Gesicht: »Du bist ja
alt, Jan, du hast weiße Haare!« »Schon immer, Herr, schon immer,« es schien
mir, als säße der Alte nur ungern hier an meinem Bett. Ich befahl:
»Hinaus!« Er ging. Ich sprang aus dem Bett. Ich riß vom Fenstervorhang die
Quaste ab. Ich klingelte. Jan kam. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Er stand
stramm. Ich hieß ihn gehen. Er ging. Ich kleidete mich an; allein. Ich
tauchte mein Gesicht in kaltes Wasser. Ich fühlte eine Leere im Magen. Ich
nahm trotzdem kein Frühstück. Ich ging ins Bibliothekszimmer; es war
ungeheizt. Ich setzte mich zum Schreibtisch und überlegte. Ich fing an zu
lachen. Denn es war ja doch nur ein ganz gewöhnlicher Mann aus der Menge.
Ein Unbekannter. Ein Fremder, der mich zufällig ansah. Zufällig, zuf
. . .? Ja, wer war dieser Mann? Es gibt keinen Zufall, nein, nein! Warum
sah er mich an? Bin ich ein Hundsfott, daß mich jeder, der an mir zufällig
vorübergeht, ansehen kann? Und warum schaute ich, der sonst niemanden auf
der Straße anzusehen pflegt, in diesem Augenblick gerade auf und ihm in die
Augen?? Ich schlug mit der Faust auf den Tisch: »Ich muß diesen Menschen
finden, ich muß wissen, warum er mich angesehen hat!« Ich klingelte. Ein
Diener erschien. Ich klingelte nochmals. Ein zweiter Diener erschien. Ich
klingelte zum drittenmal. Ein dritter Diener erschien. Und dann gab es
Winke, Befehle, Schimpfworte.

Die Tage, die nach jenem Erlebnis folgten, waren unendlich und grauenvoll.
Ich ließ Ankündigungen in den Zeitungen erscheinen, Belohnungen aussetzen:
Wer war dieser Mann? Wer ist dieser Mann? Alles blieb stumm. In den Nächten
war ich allein. Kein Weib lag in meinem Bett. Ich entließ alle Mägde. Ich
schickte Diener und Pferdeknechte weg. Ich nahm neue auf. Alle mußten
braune Haare haben. Denn ich glaubte mich zu erinnern, daß der Unbekannte
braune Haare gehabt hatte. Ich konnte nicht schlafen. Denn das ist kein
Schlaf, zu schlafen, um im Schlaf zu wissen, daß man schlafe, daß man
unruhig schlafe. Manchmal sprang ich aus dem Bett und lief, dürftig
bekleidet, in den Park hinaus. Dort oben waren die Sterne. Viele waren da.
Auch dort suchte ich. Immer suche ich. Der Mann! Der Mann! Wer war dieser
Mann? Doch die Sterne antworteten nicht. Stille, helle Sterne. Ich lief zum
Hafen und betrat die Fischerhütten. Ich warf Geld hin. Man ließ mich
schlafen. Ich konnte nicht schlafen. Da lachte ich laut auf, daß es in die
schweigende Nacht hineingellte. Einer, der sucht und nicht findet, kann
nicht schlafen. Auch dann nicht, wenn er gesund wäre wie jenes schnarchende
Fischweib dort, das umlagert ist von ihren Kindern. Denn dann hätte ich die
Läuse und Flöhe töten müssen. Ich töte aber keine Tiere. Nie. In diesen
Hütten blieb ich kaum zwei Stunden. Dann lief ich wieder weg. Hinaus. Der
Hafen war allmächtig und dunkel. Der Hafen war unheimlich. Die Ozeanfahrer
und großen Segelschiffe, die vor Anker lagen, warfen drohende Schatten ans
Land. Überall grinste mir das Gesicht des Namenlosen entgegen. Schaute ich
nach links, so war es da. Schaute ich nach rechts, so war es da. Auch der
Mond, der jetzt aus den Sturmwolken hervorkam, konnte meine Verzweiflung
nicht töten. Es gibt große Sünden. Es gibt strenge Gesetze und harte
Strafen. Nichts aber ist so schrecklich, wie ein Gesicht, das man nicht
kennt, zu sehen. Man weiß nichts von ihm. Man weiß nur, es ist da. Wo es
ist, weiß niemand. Und ich habe es gesehen. Ganz nahe. Nur weiß ich nicht,
wo es ist. Ich will es sehen. Wo bist du? Wo bist du?

Meine Freunde zweifelten an meinem Verstand. Ich warf sie hinaus. Ich
wollte niemanden sehen. Der Festsaal meines Hauses war traurig und öde
geworden. Die Diener fürchteten mich. Ich war ein strenger Herr. Und oft
recht böse. Manchmal auch grausam. Am Tage höhnte ich Gott; des Nachts
verfluchte ich mich selbst. Das half alles nichts. Meine Tage waren
verflucht. Meine Nächte waren verflucht. Ich selbst verfluchte den
Feierabend, an dem ich jenen Unbekannten auf der Straße gesehen hatte. Ich
hatte viele Leute gedungen, die mir den Aufenthalt jenes Menschen
ausforschen sollten. Es kostete viel. Alles vergebens. Da hielt ich es
nicht mehr aus. Ich faßte einen neuen Entschluß. Ich ging auf Reisen.

Als ich in Ägypten ankam, sah ich Wolken um die Pyramiden getürmt. Die
Eingeborenen sagten mir, seit tausend Jahren wäre es wieder das erstemal,
daß Wolken um die Pyramiden kreisten. Es käme sicher Unglück über das Land.
Ich hörte zu und schwieg. Dann dachte ich, ob ich hier nicht zufällig ihn
finden würde. In einem Anfall von Wut gegen mich selbst erschlug ich einen
der Kameltreiber. Die anderen drohten. Ich gab Gold. Man grüßte mich. Um
Gold ist natürlich der Tod käuflich. Nur der eigene nicht. Als es regnete,
lachte ich. Meine Kameltreiber beteten. Ich lachte laut, weil ich nicht
beten konnte. Man hat noch nie einen Mohammedaner im Gebet gestört. Ich tat
es. Hier, in der Wüste, fern von Sodom, aber doch nahe Gomorrha, begriff
ich erst die Gewalt des Goldes. Und ich lachte maßlos laut. Dann trieb
meine Knute die Frommen auf. Durch die Wüste. Durch die Wüste! Ich wollte
immer vom ewigen Horizont umgeben sein. Ich wollte im Wüstensand baden,
Sonne trinken und Stürme einatmen. In einer Oase hielten wir Rast.
Wochenlang. In der Nähe hausten ein Löwe, eine Löwin und ein Tiger. War der
Löwe in der Wüste, brach die Löwin mit dem Tiger die eheliche Treue. Der
Löwe merkte nichts, da sich die Löwin allabendlich, bevor er heimkam, in
der Quelle abwusch. Das hatte ich belauscht. Aus Unrast tat ich Böses. Du
schändest die Natur, du beleidigst Gott, wenn du Tiere zu menschlichen
Handlungen verleitest! Eines Tages ließ ich die Quelle mit Steinen
vermauern. Die Löwin kam. Die Löwin stutzte. Sie scharrte; sie wühlte die
Erde auf. Sie ging auf und ab. Immer schneller. Sie suchte. Auch ich
suchte! Ihre Augen funkelten. Ihre Augen wurden glanzlos. Sie keuchte. Sie
war abgehetzt und müde. Sie legte sich hin. Der Tiger kam, sah sie und
sprang gegen die Mauer. Sein Kopf blutete. Er lief zurück, nahm Anlauf und
sprang wieder gegen die Steine. Sie wichen nicht. Zum drittenmal
wiederholte der Tiger seinen Versuch; er war schon recht matt. Mit
ungeheurer Wucht schnellte er gegen die unbarmherzige Steinwand. Mit
zerschmettertem Schädel brach er zusammen und verendete. Liebe und
Verzweiflung in den Augen, hatte die Löwin zugeschaut. Beim drittenmal hob
sie schwach die linke Tatze; diese war kaum zu Boden gesunken, als ihr
Tiger schon tot war. Da trat der Löwe aus dem Gezweig. Erst brüllte er; sie
wollte weichen, vermochte es aber nicht. Dann wurde er plötzlich still. Er
war geduckt zum Sprung. Seine fragenden Augen suchten Antwort; jetzt bei
dem toten Tiger, jetzt bei der zitternden Löwin. Er hob den Kopf; seine
Nüstern bebten und sogen fremde Luft ein. Dann sprang er und zerriß sie.
Hernach legte er sich in die Mitte zwischen Tiger und Löwin und blieb lange
so, den Kopf seinem Weib zugewandt. Bei Anbruch des Morgens lief er still
und langsam in die Wüste hinaus. Er kam nicht mehr zurück. Ich dachte lange
an dieses große Erlebnis. Ich hatte dabei fast meine Unrast vergessen. Bald
hörte ich in der Nacht Geheul; die feigen Wüstenhunde umkreisten die Oase.
Da peitschte ich meine Leute und ließ noch in der Nacht für den Tiger und
die Löwin ein Steingrab errichten. Am Morgen ergriff wieder Unruhe mein
Herz. Ich peitschte abermals die Kameltreiber; wir brachen auf. Durch die
Wüste! Ihr Menschen, ihr Kameltreiber! Ihr Tiere, ihr Kamele! In einem
arabischen Dorf kam ein Jude zu mir. Er grinste. Ich beachtete ihn nicht,
da ich im selben Augenblick gebot, Zelte aufzuschlagen. Er wich nicht. Er
flüsterte mir ins Ohr. Nicht wissend, was er von mir wollte, nickte ich
zustimmend. Er eilte weg. Als er wiederkam, führte er ein Weib mit. Sie war
schön wie ein Tier. Ich schaute auf. Sie sah mir in die Augen, dann senkte
sie langsam ihr Haupt. Ich warf dem Kuppler einen Beutel mit Silberlingen
zu. Der Alte fiel zu Boden und wollte meine Füße küssen. Ich gab ihm einen
Tritt. Da küßte er voller Inbrunst den Beutel. Ich faßte das Weib an der
Hand und ging mit ihr ins Zelt. Ich habe sie nie berührt. Nach Monden
brachen wir auf. Das Weib weinte, als ich weiterzog. Ich sah kaum zurück.
Einen Augenblick überlegte ich, ob ich ihr mein Katzenfell, gefüllt mit
Gold, zuwerfen sollte. Sie folgte mir. Ich ritt an einem Brunnen vorüber.
Sie folgte mir. Da warf ich die Goldkatze in das tiefe Wasser. Dann zogen
wir wieder durch die Wüste. Eine kleine Karawane. Eine Karawane der
Friedlosigkeit und Unrast. Ihr Schluchzen hörte ich noch, als ich nach
Wochen in einem afrikanischen Hafenort ein Kauffahrteischiff bestieg.

Lange fuhr ich auf dem Meer. Heulte des Nachts der Sturm; ward ich ruhiger.
Nur im Aufruhr der Elemente fand ich Frieden. Aber auch aus dem Wind hörte
ich das Wort: Wer? Ich rannte auf Deck auf und ab. Ich stürzte in die
Kajüte, ergriff meine Koffer, eilte hinauf und schüttete alles in die See.
Dann lachte ich. Es klang tonlos, daß selbst der Sturm betroffen schwieg.
Und weit hinaus auf dem nächtlichen Meer wurde das tonlose Gelächter
gehört. Meine Unrast war groß. Meine Unrast war so groß, daß ich nicht mehr
verzweifeln konnte. Jeder auf dem Schiffe mied mich. Ich war allein mit
meinem Gelächter. In Singapur legten wir an. Alle Fahrgäste stiegen aus.
Sie schienen sehr zu eilen. Der Kapitän sah mich erwartungsvoll an; ich
bemerkte Unruhe in seinem Blick. Diesmal lachte ich nicht, diesmal lächelte
ich bloß. Ich zählte langsam, beinah grausam langsam zehn Golddukaten auf
den Boden des Decks hin. Dann war Schweigen. Ich blieb. Und wieder segelte
das Schiff auf offenem Meer, und wieder war Sturm, und wieder war
Gelächter. Tonloses Gelächter. Jeder Nerv in mir zitterte, jeder gebrochene
Ton des Windes schrie rauh und grundlos: Wo ist der Mann, der mich ansah?
Ich konnte keine Antwort geben. Ich konnte nur lachen. Die Mannschaft
gewöhnte sich an mich. So oft wir in den Hafen einbogen, zahlte ich. Darum
blieb ich auf dem Schiff. Jahre. Ich habe die Weltmeere nach allen
Richtungen durchkreuzt. Ich weiß, das Meer ist groß, weit, ohne Ende.
Größer aber und unendlicher ist meine Unrast. Einmal, in einer stürmischen
Nacht glaubte ich ihn vorn auf Deck zu sehen. Ich vergaß ihn für einen
kurzen Windstoß lang, so gingen mir die Augen über. »Du!« schrie ich,
wilder und jauchzender als der brüllende Orkan und stürzte vor. Es war der
Steuermann. Ich fiel hin. Als ich aufwachte, waren Wochen vergangen. Ich
hatte das gelbe Fieber überstanden. Ich war geschwächt; ich wurde ans Land
gebracht. Während ich in dem kleinen Boot dem Hafen zufuhr, bestürzte mich
mein Schicksal mit jener furchtbaren Frage. »Wer?« schrie ich laut auf; ein
Chinese nickte freundlich. Ich war in Hongkong.

Ich sprach nicht chinesisch. Ich wurde immer verstanden. Gold ist die
einzige Völkersprache. Ich kaufte mir einen Palast; seine Einsamkeit tat
wohl. Hier lernte ich das Weib der Erde kennen. Ich hatte Sehnsucht,
unbewußte Sehnsucht. Fern ahnte ich, daß meine ewige Frage betäubt würde,
wenn ich ein Weib fände. Die Augen meines chinesischen Dieners strahlten
beim Aussprechen ihres Namens. Ich habe ihn schon vergessen. Er war nicht
alltäglich. Nicht alltäglich war auch der Augenblick und der Ort, an dem
ich sie zuerst sah. Der Diener verneigte sich, der Diener sprach und ging
voraus. Ich folgte. Die Chinesenstadt war abscheulich und märchenhaft. Er
ging voraus. Ich folgte. Da breitete sich ein weites Feld aus. Stoppeln
standen bestimmt und schmerzten nackte Füße. Viele Leute waren da, große
und kleine, junge und alte, gute und böse Chinesen. Sie hatten alle ernste
Gesichter. Jetzt fiel mir erst auf, daß nur Männer hier standen. Kein Weib
war zu sehen. Die Mitte war leer. Da blieb mein Diener stehen; seine mir
zugeneigte Gebärde hieß mich warten. Ich stand und sah geradeaus. Da tönte
ein Gong. Alle reckten die Hälse; in den Kreis trat eine Schar. Ein Greis
führte sie. Alle wollten ihre Hände erheben und Beifall klatschen; sie
ließen sie aber lautlos wieder sinken. Mein Atem ging schwer; ich wußte
nicht, warum. Da hob der Greis die Hand und trat beiseite; wir sahen seine
Begleiter: Jünglinge; sie waren blind. Sie stellten sich auf, in eine
Reihe. Dann standen sie still. Ein Gong schlug. Dann riefen drei Tuben. Und
plötzlich trat ein Weib in den Kreis. Alle erhoben ihre Arme und schrien
laut. Sie war fast nackt, sprang hoch und tanzte. Langsam. Ich schaute ihr
Gesicht; ihren Körper. Sie sah eher europäisch aus, denn asiatisch; ihre
Haut war weiß. Ihr Antlitz glich dem unbeschreiblichen südlichen Wind.
Volle Ruhe herrschte. Kein Laut war zu hören. Nur ein Gesicht war: ihr
Tanz. So tanzte sie, daß jenes graue Stoppelfeld, das sie mit ihren blanken
Füßen küßte, einem samtenen Teppich gleich sah. Wir waren stumm und wußten
es. Wir konnten uns vor Begeisterung nicht bewegen. Wir waren Stein. Da
drang ein Laut aus dem Munde des Greises. Wir schauten auf; wir folgten dem
Blick des Alten. Dieser fiel auf die Jünglinge. In unsern Augen standen
Tränen. Der Bann war gewichen. Wir hoben die Arme zum Himmel empor und
schrien laut: Die Jünglinge waren sehend geworden. So hatte das Weib der
Erde getanzt. Nun weinten sie unbekümmert still und heftig. Mein Diener
klopfte an meine Wade, ich erschrak und hörte: »Herr, laßt uns gehen, der
Tanz ist zu Ende!« Da neigte ich mein Haupt und folgte dem Diener
fassungslos und stumm. Es war ein kurzer Augenblick des Glücks gewesen; ich
hatte schier die rohe Frage vergessen: Wer? Wer? Sie klang jetzt wohl mit
dem gleichen Wort: Es war aber nicht mehr Bedrängnis und Leid, es war
Hoffnung und Ruhe. Tränen standen in den Augen meines Dieners; die Bewegung
seiner Hand schien Erfüllung zu verheißen. Dann stand sie vor mir, das Weib
der Erde. Ich habe sie sehr geliebt. Was ist es nur, daß ich ihren Namen
vergessen habe?

Nur kurz war die Zeit meiner Ruhe. Eines Tages kam sie nicht mehr.
Vielleicht hatte sie jemand getötet. Vielleicht hatte einer bloß mich
getötet. Finster waren die folgenden Tage. Mein Diener wußte nichts. Ich
ließ sie suchen. Nichts. Niemand brachte mir Nachricht von ihr. Auch für
Gold nicht. Sie blieb verschollen. Ich war allein. Und wieder kam die alte
Frage: Wer? Meine Unrast war mein ewiger Begleiter. Ich bin der Verdammte,
weil ich der Gehetzte bin. Gehetzt bin ich, weil ich nicht weiß warum. Und
auch nicht weiß diese Frage, die Erde ist und Sturm zugleich: Wer?

Ich zündete meinen Palast an. Er brannte nieder. Als nichts mehr war,
lachte ich auf wie damals. Es klang tonlos. Mein Diener schluchzte und ging
fort. Wieder war ich allein in der Welt mit meinem Gelächter. Hätte ich
geklagt und Asche auf mein Haupt gestreut, es wäre unnütz gewesen. Das
wußte ich. So warf ich Gold unter die Leute und machte die Menschen böser,
als sie waren. Ich wanderte. Ich war ein Bettler. Ich war ein reicher
Bettler. Ich wanderte durch Asien. Ich ging auf ein Schiff. Ich fuhr übers
Meer. Ich landete in Australien. Ich wanderte durch Städte, über Gebirg
hinweg, durch weite Ebenen. Immer ging jemand mir zur Seite. Meine Unrast
und meine Frage: Wer? Des Nachts schlief ich in Einöden, deckte mich mit
meinem Gelächter zu. Alle Tiere, auch die wilden, mieden mich.

Die Landstraße führte aus dem Wald hervor und war dunkel. Die ganze Nacht
schritt ich durch; gegen Morgen hätte ich gern ein Kruzifix geküßt. Ich
hatte aber keines; nur ein zerrissenes schmutziges Tuch und einen harten
Knotenstock. Ein Widerstand versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das
eichene Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. Da
griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen weiteten
sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflügel ging auf. Ich stützte
mich auf meinen Knotenstock und sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener
stand da. Er fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu
fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch das
Dunkel der Tür; dann schritt ich plötzlich fest ein, warf keinen Blick auf
den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. Hart und bestimmt sprach ich:
»Das ist mein Haus.« Da erkannte mich der Diener an der heftigen Gebärde.
Er streckte die Arme empor, drehte sich um, lief und rief: »Der Herr ist
gekommen, ihr da hört, unser Herr ist gekommen!« Sie eilten alle herbei und
weinten. Da erfaßte mich Ekel. Denn ich, der sie immer geschlagen hatte,
ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich war der Tränen um mich nicht
wert. Mein Auge ward böse. Sie wichen zurück und gehorchten. Ich schritt
ein in mein Schloß. Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstraße, der
Erde und der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung
auf das Bündel meiner Demütigung hernieder; dann war ich in neuen
Gewändern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder war eine irrsinnig leise
Tätigkeit im Hause. In den Gemächern und auf den Gängen war mehr Schatten
als Helle. Alle Tage war das so. Ich saß in dem großen schwarzen Zimmer auf
dem grün gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich träumte
allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen Willen und
eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte nichts
denken. Des Nachts saß ich auch auf diesem Stuhl. Die bösen Mächte schienen
keine Macht zu haben über den, der da im Grünen saß. Eines Morgens weckte
mich eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie fiel
tot zu Boden. Ich war plötzlich ganz wach und ängstlich. Ich hatte noch nie
ein Tier getötet, und mein Blick erstarrte. Es kam ein Bewußtsein über
mich, das nicht schrecklich war und auch nicht gut. Hernach kam mir der
Gedanke, daß dieser Mord die frühe Vorausahnung späterer Morde sein müsse.
Es war mir auf einmal, als stünde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande:
Ich hörte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. Ich sah das
Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wußte nur, es war da, ganz nahe.
Ich hätte jetzt gern geweint. Ich konnte nicht. Ich wollte lachen. Ich
konnte nicht. An diesem Morgen sah ich keine Sonne; nur Nebel drückte sich
an die Scheiben und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz im Herbst so
bang. Warum nur? Ich saß wie gebrochen im Lehnstuhl und sah vor mich hin.
Ich wußte nichts. Ich weiß nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege
getötet zu haben, als Wissen nehmen will, dann weiß ich viel.

Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. Am zweiten
blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. Dann trat plötzlich
ein Mann mit einer grünen Mütze ins Zimmer. Er nahm aus einem Bündel
Papiere ein Schriftstück und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft,
nicht böse. Er lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch
Zufriedenheit aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte
Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht einmal Kraft zum
Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen
Laut über meine bitteren Lippen. Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des
Nichts hinein. Langsam begriff ich: meine Schulden waren größer als mein
Besitz. Alles Bargeld erschöpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. Das wußte
ich. Ich stand auf und sagte: »Ja!« Dann leiser: »Nehmt, was euer ist.« So
ging ich.

Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Köhlerhütte. Langsam schritt
ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, Ich hatte alles vergessen.
Mein Hirn war ausgelöscht. Da stand Boleslav vor mir. Schwarz von
Angesicht, den Kittel beschmutzt. Ich hatte ihn früher beschimpft und
geschlagen. Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht.
Boleslav fiel nieder und küßte meine Füße. Ich wies auf die Hütte. Er stand
auf und ging demütig voraus. In der Hütte brannte ein Feuer. Es roch nach
Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln und Wild. Er machte mir ein Lager
zurecht. Nun reichte er mir Fleisch und Obst. Ich schüttelte das Haupt,
warf mich auf die Spreu und schlief ein. Im Schlaf hörte ich eintönige
Laute, als betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich muß
verzweiflungsvoll und unbewußt aus dem Schlaf gelächelt haben. Am Morgen
gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann ergriff ich seine
schmutzigen Hände, küßte sie und weinte. Boleslav schien das nicht fassen
zu können, nahezu entsetzt sprang er auf und rief: »Herr, Herr, was tut
ihr?« Ich wußte kaum, was ich sprach, doch auf einmal fühlte ich nach
langer, langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer wieder
sagte ich: »Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn es sind viele Jahre
vergangen, daß ich nicht mehr geweint habe. Immer wollte ich weinen, aber
nie vermochte ichs. Boleslav, gib mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe
dich geschlagen, tat ich dir weh? Sieh, ich wußte es nicht, sonst hätte ich
es nicht getan: Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flüsterte
geheimnisvoll.« »Weißt du, hätte ich damals weinen können, so hätte ich
dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weißt du, was das
heißt?« Meine Stimme erstickte vor Freiheit: »Jetzt kann ich weinen,
Boleslav, freue dich, weine mit mir!« Boleslav wußte nicht, wie ihm
geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: »Herr, Herr, Herr . . .«
Plötzlich schien ihm etwas einzufallen; er sprang auf und brachte eine
Schüssel mit Wasser herbei. Ich tauchte meine Hände ins Wasser und benetzte
mir Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nähe. Boleslav lief hinaus.
Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke brach über mich herein:
Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! das will ich nicht denken. Denn sonst
käme abermals jene Frage und früge: Wer? Boleslav trat wieder in die Hütte.
Boleslav war ein guter Mensch. Ich blieb.

Ich half dem Köhler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich spaltete Holz.
Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich molk die Kuh. Ich half ihm
die Pferde bewachen. Geweint habe ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit
verging. Ob es Jahre oder Stunden waren, wußte ich nicht. Boleslav war
nicht mehr unterwürfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas
Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen nicht mehr
befahlen. Rief ich: »Boleslav!« so murrte er mitunter. Ja, er wagte es,
mich bei meinem verfluchten Namen zu rufen. Die Jahreszeiten wechselten.
Meine Haut wurde hart wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der
Pferde schwingen und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurück.
Ich hörte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem Bein vom
Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut schlug ich zurück. Wir wälzten
uns am Boden. Meine Kräfte waren zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich
nichts mehr spürte. Dann warf er mich in ein Erdloch, in dem er früher
Schweine gehalten hatte. Ich weiß nicht, warum mich Boleslav überfallen
hat. Vielleicht hatte er in jenem Augenblick gefühlt, daß ich nicht mehr
Herr sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. Boleslav
hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war allein. Nur Erde um
mich. Heraus konnte ich nicht, denn die Zauntür war aus starken Ästen
gemacht. Doch ich war nicht allein! Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich
sah und sah und sah. Tränen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich
war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und teilte
mein Leid. Kein Mensch weiß, wie beglückend es ist, im Alleinsein, in der
Einsamkeit ein alltägliches Tier zu finden. Ich weiß es. Gute Fliege. Als
mir eines Tages Boleslav Wasser und Obst hereinreichte, rief ich leise:
»Boleslav.« Da ließ er mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der
Hütte ein großes Feuer an. Am Morgen nahm ich Früchte und gedörrtes
Fleisch, hing mir eine tönerne Flasche mit Wasser um, gab Boleslav die Hand
und ging.

Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei einem Küfer ward
ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend aus der Bibel vor. Tagsüber
half ich seiner Frau, wusch die Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am
Sonntag schrieb ich dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich
meinen Mitmenschen für karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles zu
vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; wenigstens nicht
ungerechter als das der andern. Brannte des Nachts in meiner Kammer die
Unschlittkerze, sah ich in die Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als
Feuer. Nicht mehr traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder
irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte beantwortet sein.
Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat ich auch jede Nacht, statt
ein Gebet zu sagen. Dann löschte ich das Licht aus. Leute rannten. Tore und
Fenster wurden aufgerissen. Glocken läuteten. Dann wirbelte die Trommel
ihre Kriegsweisen. Ich hörte das und lachte, lachte, lachte. Dann schrie
ich laut durch das ganze Haus: »Nein, nein, nein!« Ich rannte zum Markt.
Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber mit meinem Geschrei. Ich lief
zurück. Treppauf in meine Kammer. Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann
hinunter, dann wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen,
als mein Meister mich fragte: »Wann meldest du dich bei deiner Fahne?« Mein
Gelächter war wie Ochsengebrüll; dann ward ich plötzlich still. Ich hörte
mich nur atmen. Wieder rannte ich die Holzstiege empor in meine Kammer.
Oben sank ich auf mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: »Ich will
nicht spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Königs! Hinweg!«
Dann tönte es an meine Ohren, höhnend und dumpf: »Du mußt, du mußt!« Ich
hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten sah ich vor meinen Augen
auftauchen und wieder verschwinden. Ich stürmte aus dem Haus, lief durch
die Stadt in die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um
die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward hell; der Mond
war schon bleich geworden, als ich keuchend wiederum vor dem Hause des
Küfers stand und langsam, sehr langsam die Stiege zu meiner Kammer
emporkletterte. Ich war müde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender
Traum schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein großer mißgestalteter
Käfer, ließ die Karten auf meine Bettdecke fallen, und eine Stimme rief,
ohne zu tönen: »Spiele!« -- »Ich will nicht!« schrie ich auf. -- »Du mußt.
Der König will es!« und die Karte mit dem König ward riesengroß im Raum. --
»Gelobt sei der König, aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!«
Die Karten schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das
Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses Gelächter. So
würde das Gesetz gewiß lachen, wollte einer, der zu einer Mordtat
vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem Leben entweichen wie ein Deserteur,
noch ehe er die Tat begangen. Da würde das Gesetz lachen, ohne Geräusch.
Auch die äußere Geste würde das Gelächter nicht verraten. Dennoch wüßte
jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. Dazwischen
drangen Befehle: »Spiele! Auf dieser Seite ist der König; auf deiner der
Landsknecht! Hier wird befohlen, dort gehorcht. Gehorche also und spiele
mit!« »Nein, nein!« meine Stimme war ganz leise geworden. -- »Los!« ertönte
es von der Gegenseite. »Hier sind die Karten, du mußt spielen!« -- »Muß
ich?« fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir heraus. »Du
mußt!« Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und die Schritte dröhnten genau
und überraschend kurz. Die Trommel klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie
marschierten vorüber. Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mürbe
und schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurück aufs Bett. Ein
Gedanke wurde übermächtig in mir: War Frieden und alles geordnet, fand ich
ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, wo die Zahl sich
auf den Kopf stellt und der Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins
Wasser; jetzt kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden.
Vielleicht wird er dir als Feind gegenüberstehen. Du kannst ihn
durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. Es wird dir befohlen. Er kann
aber auch dich töten, denn auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder
so, in jedem Fall wirst du von ihm frei. »Reicht mir die Karten! Ich
spiele!«

Die Erde drehte sich schneller. Stürme und Wolken waren unheimlich. Das
Mondlicht schien sonnig, die Sonne kühl wie der Mond. Bäume und Steine
waren zerfetzt. In der Luft war Rache ohne Grund. Horizonte bluteten,
Gebirge rauchten. Flüsse waren heiß; die Menschen kalt und feindlich. Der
Bruder sagte zum Bruder »Satan!« Und hatten doch beide vorher Milch von
einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen
sehen können, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten Schlachten. Rückwärts
kamen wir noch, als Gehilfen des Arztes; es war hier noch entsetzlicher als
vorn. Ich sah das alles; ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht.
Wochen vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein Anfang.
Städte, Dörfer, Länder wechselten mit Soldatengeschrei, Kugellärm,
Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung und Tod. Ich habe erlebt.
Da saß der alte Mann; bei seiner zerstörten Hütte. Schon vor zwei Jahren
war er hier gesessen, als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir
eingezogen waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. Sein Haus war
tot. Nur er war übrig geblieben, er und seine Kuh. Er saß da und hielt die
Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. Und kamen wieder durchs Dorf. Noch
immer saß er da. Bei seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr
Futter. Ohne Dach, bei gutem und schlechtem Wetter saß er da und bewachte
sie. Nun saß er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer an der selben Stelle.
Wie oft wohl mögen an ihm Freund und Feind vorübergezogen sein? Heute die,
morgen die. Er saß da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen
marschierten an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, die Schlechten
sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; auch nicht seiner Kuh.
Ringsherum war Verwüstung und Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und
ein Tier. Ein Mann und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf
der unzerstörbaren Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fraß. Der
Alte hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand kosend
über das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich gut. Und dauert
der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden hier siegen und still auf
Hoffnung warten. Sie werden den Krieg überleben. Der Mann und die Kuh. Der
Mensch und das Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in
dieser Zeit gesehen. Menschen vieler Völker; Menschen ohne Hoffart, ohne
Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer war ich ruhelos.
Meine Kameraden verspotteten mich. Der Feldscher zog mir allabendlich die
Mütze mit Gewalt ins Gesicht und lachte mit den anderen unbändig. Ich
nicht. Ich verband die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst.
Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. Ruhig waren die
Menschen, als gäbe es keinen Krieg. Bis dann die grausame Nacht kam, die
groß in Vernichtung war. Im Sturmschritt rückten wir an. Wir, die
Blessiertenträger waren mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurück. Das
Dorf war nicht mehr. Nur Trümmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. Von
jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine halbe Wand, dort die
Grundmauern, in der Mitte Schutt und Balken. Steine und Holz, Holz und
Steine in der qualvollsten Unordnung. Und oben der Himmel. Plötzlich wollte
ich aufschreien; der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender
Pfahl. Überall, wo vorher die Häuser gestanden, hier und dort, und dort und
hier saßen Katzen. Sie rührten sich nicht vom Fleck. Es waren schwarze
Katzen, halb verhungert, schwarze Skelette. Nur ihre Augen glommen wie
kleine unlebendige Feuer. Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren
tot und lebten doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich über die
Trümmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie stumme, schwarze
Anklagen gegen alles Menschliche saßen sie hier und starrten: Die letzten
Grundpfeiler des Hauses. Als ich an dem äußersten Schutthaufen vorüberkam,
waren mir die Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen;
dennoch fühlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die irren
Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen zwei Junge. Die Augen
der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig wie die der Mutter. Da warf
ich, mit Mühe schneller keuchend, den Tieren ein Stück Brot zu. Sie rührten
sich nicht. Ich kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche
erzählen und war -- stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich schweigen
mußte. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug die Trommel, der Krieg, der
Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich verband die Verwundeten und schwieg.
Eines Tages, es war im dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit,
gerieten wir in feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich.
Viele hetzten mich. Ich lief über die Felder wie ein Hase. Da spürte ich
Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und blieb liegen. Als
ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, Menschen, Raum. Ich konnte
nicht reden. Langsam faßte ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen
galizischen Dorf. Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schuß durch
den Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich saß vor dem Haus in der
Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. Eine Schwadron
lag hier im Dorf. Die Tiere hatte man in den Höfen und Ställen der
Nachbarhäuser untergebracht. Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Tränke.
Eben wurden mehrere Pferde hingeführt. Da ertönte ein Hornsignal. Eine
Abteilung von Fußtruppen marschierte die Straße herauf. Nun kamen die
Soldaten näher, nun waren sie da, nun waren sie vorüber. Da hörte man einen
Aufschrei, kurz und freudig. Einer der Soldaten, der unter den Letzten
schritt, sprang aus der Reihe, lief zur Tränke, hin zu den Pferden,
umhalste eines und drückte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses
vergaß zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal trat
an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er fragte barsch. Der Soldat
ließ nicht von dem Tier. Tränen strömten über sein schmutziges Gesicht,
seine Stimme aber war frisch: »Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren,
als der Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde;
hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes Wasser. Nun
freuen wir uns beide, daß wir noch leben. Denn unsere Heimat ist weit. Und
dies ist mein Pferd!« Das Tier wieherte glücklich; seinen Schweif schlug es
hin und her. Nun sah ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und
rief: »Boleslav!« Boleslav ließ von dem Pferd ab und blickte nach der
Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache wiedergefunden,
erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte auch er mich. Er fiel nieder,
weinte und sprach: »Herr, Herr, Herr . . .« er konnte nicht weiter. Dann
starrte er plötzlich ins Leere und sagte leise: »Warum erinnert mich in
dieser Stunde auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen?« Dann
rief der Korporal: »Auf!« Boleslav gab mir noch schnell die Hand, umhalste
das Pferd, lange, und trat dann schnell in die Reihe. Schon marschierten
sie. Das Pferd hatte den Kopf den ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt
und blickte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch
lange so, ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht.

Dann war eines Tages Geschrei. Die Bauern liefen aus ihren Häusern. Die
Husaren schlugen aus Freude die Pferde. Dann bliesen Trompeten. Die Trommel
klang hell. Der Krieg war aus. Ich schnürte das Bündel. Meine Wunde war
geheilt. Ich schenkte den Wirtsleuten mein Bajonett, meinen Lederriemen und
meine Soldatenmütze. Ich setzte mir einen Bauernhut auf, aus Bast
geflochten, und ging. Ich schloß mich auf der Landstraße andern Soldaten
an, die heimzogen. Lange marschierten wir, viele Tage, bis wir zur Bahn
gelangten. Die andern freuten sich. Ich war eher bedrückt. Meine Unruhe
steigerte sich, je näher wir der Stadt kamen. Und dann war auch diese da,
und auch ich war da und stand vor dem Bahnhof. Niemand grüßte mich. Ein
Polizist fuhr mich an. »Hier dürfe man nicht herumlungern«, das war der
Satz, den ich verstand. Ich ging weiter. Durch die nächsten Straßen. Das
war also die Stadt, in der ich vor Jahren jenen furchtbaren Menschen
gesehen hatte. Ich blickte den Vorübergehenden frech ins Gesicht. Es nützte
nichts, er war nicht darunter. Ich fühlte Hunger. Ich hatte kein Geld. Das
letzte, was ich an Essen bei mir gehabt, war aufgezehrt. Daß ich früher
einmal reich gewesen, das fiel mir jetzt nicht einmal mehr ein. Irgend ein
Spürsinn führte mich zum Rathaus. Ich ging hinein und trat ins Zimmer. Man
wies mich in ein zweites. Von dort in ein drittes. Immer so weiter, bis
mich im sechzehnten einer eingehender fragte. Ich sagte, ich sei ein
entlassener Soldat und kein Deserteur und bäte um Arbeit. »So, also den
Feldzug mitgemacht!« ermunterte mich der Mann am Schreibtisch. »Jawohl, an
drei Fronten gekämpft,« antwortete ich. »Bravo! daß ihr noch lebt, beweist,
daß ihr tapfer gekämpft habt!« »Und ich bin auch verwundet gewesen, ja
verwundet,« sagte ich schnell und wies auf meine Narbe. »Das freut mich,«
sprach der Beamte, »das freut uns, wir nehmen Euch in unsere Dienste. Ihr
seid Straßenkehrer am Novemberplatz. Ihr habt sechs Straßen zu kehren. Eure
Nummer ist acht. Hier ist sie. Geht und meldet Euch beim Straßenmeister!«
damit reichte er mir eine Karte. Darauf stand groß die Nummer acht. Ich
dankte und ging. Aus Freude oder auch aus Verwirrtheit hatte Ich meinen
schönen galizischen Hut vergessen. Ich wagte nicht mehr zurückzugehn. Nach
stundenlangem Herumirren erfragte ich endlich das Zimmer des
Straßenmeisters. Ich klopfte und trat ein. Er war nicht da. Ich setzte mich
auf eine Bank und wartete. Einen Hut brauchte ich nicht erst abzulegen, da
ich keinen mehr hatte. Groß und einfach saß ich da. Endlich kam der
Straßenmeister. Ich zeigte meine Karte. Er nahm sie und schrieb etwas
darauf und schickte mich damit in den Nebenraum. Dort gab man mir eine
Lederschürze, eine schwarze Mütze mit Stadtwappen, eine Schaufel, einen
Besen und einen Schubkarren. Dazu drei Kronen als Lohn. Morgen würde ich
sieben bekommen, vier Kronen seien für die Schreibgebühren abgezogen, und
übrigens sei ja schon später Nachmittag. Ich grüßte mit meiner neuen Mütze
etwas umständlich, packte den Wagen, legte Schaufel und Besen darauf. Dann
stieß ich ihn vor mir her, hinaus auf die Straße. Jemand rief mir noch
nach: »Am Novemberplatz, Haus Nummer vier, im Hintergebäude links unten
beim Keller ist Eure Schlafstelle. Dort seid Ihr mit drei andern zusammen!«
»Ja, ja,« sagte ich. Der Novemberplatz war nicht weit. Ich fuhr mit meinem
Schubkarren die sechs Straßen des Gevierts herauf und herunter. Blieb
stehn. In einem Bäckerladen kaufte ich mir ein Laib Brot. Dann kehrte ich.
Fuhr weiter. Und blieb abermals stehn. Und kehrte wieder. Ich kehrte
absichtlich gewissenhaft und dachte nur an dies. So konnte ich mich
wenigstens auf Stunden vor Fragen, vor einer Frage retten, die immer und
immer wieder kam. Es war schon Nacht, da war ich gerade fertig geworden.
Ich spuckte aus, tat Schaufel und Besen in den Karren. Aus der Tasche nahm
ich das Stück Brot, das mir übriggeblieben war und aß es gierig. Dann gab
ich dem Karren einen Stoß, und zog ihn hinter mir nach zum Novemberplatz,
Haus Nummer vier. Ich fuhr durch den Seiteneingang in den Hinterhof,
stellte den Karren an die Mauer und tastete mich in den Keller hinab.
Hinter einer Tür hörte ich Männerstimmen. Ich machte auf. Eine Kerze
brannte hier auf einem Faß. Drei besoffene Kerle gröhlten und sahen auf
mich, der eintrat. »Ich bin der neue Straßenkehrer,« sagte ich, meine
Stimme bewußt erhebend. »Woher kommst du?« »Von der Straße. Ich habe bis
jetzt gekehrt!« »Waaas?« schrien die Männer und sprangen auf. »Bis in die
Nacht? Du kehrst zu gut!« Damit drangen sie alle auf mich ein und prügelten
mich. Dann lag ich in einer Ecke. Sie in den anderen. Bald schliefen wir.

Die drei Straßenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. Ich kehrte
auch ihre Straßen mit. Von früh bis abends. Sie saßen unterdessen in dem
Loch und tranken. Ich kehrte gern. Ich kehrte gründlich. Ich sah nichts.
Ich hörte nichts. Nur den gewöhnlichen, gleichmäßigen Takt des Kehrens. So
dachte ich an nichts. Kam ich abends nach Hause, prügelten sie mich
manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. Müde
schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten in der größten Unrast der
Straßen stehend, eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe allerdings, die ich in
manchen Augenblicken als lauernd fühlte. Aber was machte das. Ich war
wenigstens nicht mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel.
Und ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig Straßen
kehrte ich täglich. Das tat ich nun schon ein ganzes Jahr. Als ich eines
Tages nach Hause kam, schrien mich die andern an: »Du bist kein
Straßenkehrer! Du bist ein Knecht!« Ich sagte nichts darauf. Mir war alles
gleich. »Jawohl, du bist ein Knecht!« Einer trat dicht an mich heran und
schlug mir die Faust ins Gesicht: »Du machst uns Schande. Ein richtiger
Straßenkehrer muß saufen. Ein richtiger Straßenkehrer säuft!« Plötzlich
hatten mich alle umringt: »Du mußt saufen! Los! Sauf auch!« »Sauf!« schrie
der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen hatte und hielt mir die
Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich
einschlief. »Jetzt ist er erst ein Straßenkehrer,« rief noch eine tiefe
Stimme. Dann hörte ich nichts mehr.

Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer mehr und mehr von
mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. Ich stritt mit dem Wachmann. Es war
ja Sommer. Ich lachte, wenn eine Magd Milch verschüttete. Ich kehrte wie
wütend und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemüse- oder Obstwagen
vorüber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein Konditorjunge mit
einer schönen großen Torte meinen reinigenden Weg. Ich rief dem
Droschkenkutscher Schimpfworte nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am
Sonntag war es besonders lustig. Da gingen wir vier in eine Schänke und
blieben dort von Mittag bis in die Nacht. »Die Straßenkehrer!« riefen die
Stammgäste. »Kommt uns kehren!« schrien die Dirnen und lachten. Wir soffen,
wir rauften, wir brüllten. Ich spuckte. Ich war roh zu den Weibern. Darum
stieg ich in der Achtung meiner Genossen. »Er ist ein echter Straßenkehrer
geworden,« lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte
Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. Zur
Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; mir war in diesen
Wochen das Herz recht beklommen. Ich hatte auch eine Scheu vor den
Polizisten, die ich doch sonst nie fürchtete. Es war mir immer, als würde
jeden Augenblick aus dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen
wollen. Ich kehrte dann kräftiger und spuckte stärker aus. Ich betrank mich
mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut.

Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand im Weg.
Klein und zerlumpt. Es war ein Mädchen. Ich stellte den Karren nieder und
trat zu dem Kind. Es weinte heftig. »Warum weinst du?« fragte ich. »Ich
habe soviel Läuse und Flöhe.« »Wäscht dich denn niemand?« »Meine Eltern
sind tot.« »Was machst du, Wo wohnst du?« »Ich bettle auf der Straße.« Da
tröstete ich das Mädchen und legte ihm meine Rechte aufs Haupt. Ich hatte
keine Angst vor Läusen. »Komm mit mir,« sagte ich und nahm sie bei der
Hand, mit der Linken hob ich den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen
recht langsam. Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren,
hieß ich das Mädchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, was meine
Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder herauf und zog das
Mädchen mit mir herunter. In der Ecke, wo ich zu schlafen pflegte, machte
ich ihr ein Lager. Dann legten wir uns schlafen. Sie schlief an meiner
Seite. Ich fürchtete die Flöhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum,
als sie das Mädchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen
erzählte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie überließen dem
Mädchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. Ich goß es in einen
Topf, den ich am Feuer wärmte. Dann entkleidete ich das Kind und wusch es.
Einer schnitt ihr die Haare ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das
er sonst nur zur Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in
einer Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, den er
noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte die zerrissene Bluse,
so gut es ging. Dann fand sich noch ein alter Mantel, den hing ich ihr um.
Einer fragte plötzlich: »Wie heißt du?« »Maria,« antwortete sie scheu. Nun
stand sie da und war rein. »Wir wollen würfeln, wer ihr Vater sein soll!«
sagte einer. »Ja, laßt uns würfeln!« Wir kauerten uns hin und würfelten.
»Eins!« »Drei!« »Sechs!« Ich war noch übrig. Ich warf. »Neun!« »Du sollst
Vater sein! Hüte sie gut.« An diesem Morgen tranken sie nicht. Sie gingen
sogar an die Arbeit und kehrten selbst. Ich war der letzte, der den Raum
verließ. »Vater,« sagte Maria, »du bist wohl schon sehr alt?« »Warum?«
fragte ich. »Deine Haare sind so weiß.« Da griff ich mit den Fingern in
meine Haare und riß. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. Sie waren
weiß. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich hatte weniger zu tun. Nie
mehr blieben meine Genossen daheim und tranken. Sie hielten ihre rohen
Reden und derben Späße zurück. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr
war. Nur am Sonntag gingen wir in die Schänke; als wir heimkamen, schlief
das Mädchen schon. Waren wir angeheitert, so machten wir dennoch keinen
Lärm, um Maria nicht zu wecken.

Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria würde mir bald das Essen
bringen. Ich kehrte. Mitten im größten Verkehr, mitten in der größten
Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. Da schaute ich auf, zufällig. Ein
Blick war auf mich gerichtet. Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann.
Seine Augen hatten mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie
Glas. Er sah ganz gewöhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein
Gleichgültiger unter Gleichgültigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der
Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. Meine Lippen
zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine Hände zitterten. Meine Knie zitterten.
Ich zitterte. Ein Strom drang durch mein Hirn, heiß. Dann ein Gegenstrom,
kalt. Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden war.
Ich wollte vorstürzen. In dem Augenblick, wo er mich ansah, hätte ich es
nicht vermocht. Da wäre ich eher geflohen. Denn etwas Zwingendes,
Treibendes war in seinem Blick. Nun aber kann ich ihm nachstürzen! Er
schaut mich nicht mehr an. Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit.
Kaum konnte ich ihn mehr erkennen. »Du sollst mir nicht entkommen!« schrie,
lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich gewartet.
Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. Mein Leben hast du
gemordet, nur, weil du mich angesehen hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben
für das meine. Dies stürmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich
stolperte und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war
schon ganz unten, beim Eck der Straße. Ich lief ihm nach. Mein Atem
keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke kam näher, sie
war da. Ich lief vorüber. Ich sah ihn nicht mehr. Ich hielt inne. Doch ja,
dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war schon ganz oben, bei der Ecke
der nächsten Straße. Ich lief wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich
stieß sie beiseite. Und lief. Ich hörte schon nicht mehr meine Lungen
keuchen, ich hörte nichts mehr. Ich sah bloß. Ich sah ihn, ihn, ihn. Nun
kam ich etwas näher. Nun war er aber wieder um die Ecke. Doch nein, du
entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich war schon um die Ecke. Da
stand er unweit von mir. So unerregt, so sicher. Ruhig. Und sah mich an.
Ich blieb plötzlich stehen. Ich mußte stehen bleiben. Ich hörte mich wieder
keuchen. Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte
zurücklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte ich auf einmal
sein Gewand; es war grün. Und auf seinem Hut stak eine Feder. Und über
seinem Rücken hing ein Gewehr. Das gewahrte ich alles erst jetzt. Das
schaute ich jetzt. Er stand ruhig und sah mich an. Sein Blick! sein Blick!
Nun wußte ich, wer es war. Es war ein Jäger. Da wandte er sich um und ging
weiter. Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich konnte ihm
wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war kalt. Ich mußte ihm
folgen, das wußte ich. Er ging durch viele Gassen. Ich folgte. Er bog ums
Eck. Ich auch. Er ging schneller. Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch.
Die Straßen wurden einsamer. Noch immer ging er. Ich auch. Die Häuser
hatten aufgehört. Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf
einen Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter.
Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. Wir gingen durch.
Da, als wir aus dem Wald herausgetreten waren, blieb er plötzlich stehn.
Dort unten lag ein Haus. Dahinter waren weite Felder, rückwärts wieder
Wald. Der da vorne schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald
da. Ich schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. Über
dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann eben sein Gewehr
an einen Rechen gehängt, seinen Hut auf einen Nagel, als ich mit Gepolter
im Rahmen der Türe stand. Er sah mich an. Doch ich fürchtete mich nicht
mehr. Er war kleiner als ich. »Was willst du?« fragte er ruhig. »Dich!«
schrie ich und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war stärker. Sein
Blick machte mich wütend und gab mir Stärke. Ich packte fest zu und drängte
ihn durch eine Tür in ein Zimmer. An der Wand hatte ich einen Dolch
erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe wir beide zu Boden gefallen
waren, und mit meinem Gebrüll seinen Wehruf überschreiend, stach ich es ihm
ins Herz. Ich keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand
hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr zu suchen.
Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. Ich richtete mich
empor. Da überlief es mich kalt. Mir stockte der Atem. Mir gerann das Blut.
Meine Augen starrten. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelähmt: Ich
sah in die entsetzten und groß aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hörte
mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. Sein Blick
zitterte. Plötzlich sprang er und war weg. Ich konnte mich wieder bewegen.
Da sah ich, daß ein Fenster offen war. Hin über die vergrünten Felder lief
der Hase. Da wußte ich auf einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom
Boden der Tat wegwendend, drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch
die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg.

Die Straße, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. Langsam
kam die Dämmerung. Noch immer lief ich. Endlich sah ich Lichter. Ich lief
langsamer. Die ersten Häuser kamen schon, nun Straßen. Ich lief nicht mehr.
Ich blieb stehn. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ein Finger war
blutbespritzt. Ich bückte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und zog ihn
wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom Blut. Ich ging. Es war
schon spät in der Nacht, als ich heimkam. Ich tastete an der Wand. Da
standen vier Karren. Sollte das alles ein Traum gewesen sein? Es war
finster. Dennoch wußte ich, daß ich lächelte, als ich zu den Meinen
eintrat. Sie schnarchten. Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hörte
Maria regelmäßig atmen. Ich wälzte mich auf die linke Seite und schlief
unglücklich. Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. »Ein Schwindel
ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich bei guten Leuten.
Ich glaube, es war der Hausmeister von der grünen Villa in der
Jägerstraße,« sagte ich matt und wunderte mich im Innern über meine Lüge.
»Ja, ja, du wirst alt, Vater,« meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee.
»Was glaubst du, wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht
sah, nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das Essen war
kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm Schaufel und Besen und zog
voller Angst heimwärts.« »Du gutes Kind, du bist so gut, so gut,« sagte
ich. »Also auf!« räusperte sich einer der andern, »kehren wir wieder einmal
den Dreck des Lebens von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so,
Dreck bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir!« »Ja,« sagte ich und
folgte ihnen nach.

Kein Tag war glücklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich stand und
kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hörten, mitten im Lärm der
Straße, auf ein leises Geräusch. Ein Geräusch, das so leise ist, weil es
vom Tappen kleiner Pfoten kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut.
Ich hörte die Reden Marias nicht. Ich hörte auch nicht die Flüche meiner
Genossen. Nichts hörte ich. Nur eines wußte ich, und immer und immer wieder
eines: Jemand weiß, jemand war Zeuge, jemand war ein Hase. Ein Hase! Ein
Hase! »Hast du nicht den Hasen gesehn?« fragte ich den Kutscher. Der hieb
auf die Pferde ein und lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei.
Frei wie andere. Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief
dem Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht war
auch mein Hase darunter. Ich beugte mich über jedes Tier und sah in die
erstarrten Augen. Mein Hase war da nicht. »Du willst wohl stehlen?« brüllte
mich der Fuhrmann an, der gerade aus der Schänke herauskam und auf den
Kutscherbock stieg. »Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht.« »Weg!«
schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich schaute vor
den Wildläden die hier hängenden Hasen lang und streng an. Ich fand nichts.
Ich streichelte Maria nicht mehr; ich hätte an das Hasenfell denken müssen.
Ich war unruhig. Ich war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte
schlecht. Ich verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord
vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote und bald
tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um vier Uhr früh an der
Ostseite der Stadt und wartete auf die Bauern, die mit Hasen zur Stadt
fuhren. Meinen Hasen fand ich nicht. Tagsüber stand ich auf der Straße und
kehrte schlecht. Fuhr ein Leichenwagen vorüber, hielt ich inne im Kehren
und stand stramm wie ein Soldat.

Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder der Wald. Sein
Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst mehr vor dem Wald. Denn er
verbarg sich hinter Gezweig und wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch.
Sein kleines Herz pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon
leiser. Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und und fraß
dürre Blätter. Er wagte nicht, sich zu rühren. Vor seinen Augen sah er noch
das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er
suchte etwas; er konnte nichts finden. Denn er wußte nicht, wo er hin
sollte. Jenes Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie
ausgelöscht. Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht mehr,
denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er floh. Er saß nie,
er lief. Er wußte nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. Und die Bäume
waren da und das Moos. Bis er müde war, daß er nicht mehr weiter konnte,
blieb er liegen und schlief ein. So war er, so lebte er und wußte nichts.
Eine Eule hielt er für seine Mutter. Einmal lief er doch hinaus, über
Felder der Landstraße zu. Da, er wollte zurückfliehen, standen viele
Unwesen, nun hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schloß die
Augen und wartete zitternd. Ein lautes Geräusch ertönte, als würden große
Tiere brüllen. Da spürte er, daß ihm nichts mehr weh tat; er tastete mit
den Pfoten, fühlte Erde und sprang und -- lief. Wald. Er war im Wald und
schloß erst jetzt seine Lider. So waren seine Augen in Angst gewesen, daß
die Lider sich nicht geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief
über die weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald
betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, daß sogar
die Giftschlange sich verbarg und von allem Bösen ließ, als sie seine Augen
auf sich gerichtet fühlte.

Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Straße gewalzt. Viele mußten dabei
helfen. Auch ich. Tag für Tag standen wir draußen und räumten Steine aus
dem Weg. Unterdessen verstaubte in der Stadt das Pflaster. Auch meine
Genossen halfen mit. Um zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl.
Da war gerade Rast, und wir warteten am Straßenrand. Auch heute wieder. Auf
einmal ertönte Geschrei. Alle liefen zusammen und riefen. Ich erhob mich
und schritt langsam dorthin, wo sie mitten auf der Straße standen. Da
teilte sich die Menge. Ich sah einige, die einen Hasen festhielten. In
diesem Augenblick dachte ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich
stürzte vor und schrie wild: »Daß mir niemand den Hasen tötet!« Sie
erschraken, ließen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe am
Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm
nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er verschwunden war. Plötzlich
fiel mir ein: Könnte es nicht mein Hase . . .? »Hasenheiland, wann wirst du
deine Predigt halten?« höhnten mich viele, aus Wut, daß der Hase davon war.

Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug meine
Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich kehrte schlecht. Monate
vergingen. Maria war weggelaufen. Kaum, daß ich sie vermißt hätte. An
Sonntagen rannte ich in den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster
war, kehrte ich heim. Und Schnee lag überall und war höhnisch. Liefe jetzt
ein Hase übers Feld, es wäre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder die Stadt
kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen viele Monate.
Abermals war der Sommer vorüber. Ich haßte den Herbst. Ich hätte ihn töten
mögen. Ich saß in der Schänke. Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah
es nicht. Ich saß und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das
Glas weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank und
sah nichts. Da schrie mich das Weib an: »Siehst du nicht, daß er dich
verspottet?!« Ich spielte, sah einen, der über mich lachte. Ich griff zum
Glase und trank. Alles war gleichgültig. Nur der Schnaps nicht. Jetzt
packte mich die Dirne, rüttelte und rief: »Du bist ja gar kein Mann, du
bist ein Hase!« Ich schaute auf. Meine Augen schlossen sich und öffneten
sich wieder. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief
hinaus. Ich lief. Bis der Wald kam.

Lange Zeit war vergangen. Der Wald war weiß gewesen, dann wurde er grün,
nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er lief und verbarg sich, war
stets gehetzt und fürchtete immer etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil
er nie rasten konnte. Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer
wußte er von seinem früheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm Wärme, kein
Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. Kein Tier paarte sich mit
ihm. Alles floh, auch böses Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und
er lief und lief, fürchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte er
eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das eine Unwesen wuchs
riesengroß aus dem Moos, dann das zweite, nun fielen sie beide hin -- und
war ein Tier, ein Reh, das, von den starren Augen des Hasen gescheucht,
verwirrt flüchtete. Der Hase war müde. Er wollte nicht mehr die Augen
öffnen. Er mußte sie öffnen, er mußte laufen, er mußte fliehen. Er starb
nicht. Er lebte und floh.

Als ich den finstern Wald betrat, wußte ich: Meine Seele war hauslos. Die
Bäume kamen mir entgegen und wichen zurück. Kein Laut war zu hören. Alle
Tiere und Zweige schwiegen. Ich drang durch Gestrüpp und Sträucher. Zum
erstenmal taten mir meine Füße wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut.
Ich hatte Angst, daß draußen die Sonne untergehn könnte. Auch wenn Moos gut
ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, den die
herankommende Nacht umhalsen wird. Ich fürchte Nächte im Walde. Ich wollte
mich jetzt selbst beim Namen rufen, er war aber schon lange vergessen. Ich
hatte Angst, auf einmal, vor mir selbst. Ich wußte aus irgend einem
verwirrten, aber heftigen Grunde, daß ich heute den Herbst töten würde. Der
Wald war groß. Da fing ich plötzlich zu rennen an. Und rannte im Walde. Die
Sträucher und Äste zerkratzten mir Gesicht und Hände. Ganz gleich. Ich
rannte im Walde. Da lief ein Schatten; quer über den Weg. Der Schatten
stand plötzlich still, als hätte ihn der Blitz gerührt. Der Schatten
bewegte sich nicht. Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte
mich nicht rühren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein
Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war gelähmt. Seine
Augen waren groß und starr. Seine Ohren waren steif und spitz. Sein Blick
war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge zitterte. Ich sah mich im großen Auge
des Hasen, und der Hase sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der
Hase sah mich. Lautlos standen wir einander gegenüber. Eine Ewigkeit lag
zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel mir auf einmal
ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge hatte mich der Hase
erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit einem Schrei auf ihn, packte
seinen Hals und -- trotzdem ich als Kind immer geweint hatte, als meine
Mutter das Huhn tötete -- erwürgte ich den Hasen. Seine Augen waren
entsetzlich groß und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals
gekrampft und ließen nicht locker. So trat ich aus dem Wald heraus. Die
Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich ging langsam. Als ich die
Stadt betrat, brannten schon die Laternen. Meine linke Hand hielt den
Hasen. Ich wußte nichts von meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem
Halbschatten: »Guten Abend, Herr Ha . .« Ich hatte etwas gehört. Nein!
nein, das war ja mein Name, den ich schon vor langem vergaß. Nein, es war
nichts. Ich lächelte. Ich wußte schon nichts mehr. Die Laterne war grün.

Ich war eingetreten. Da saßen die Polizisten. Sie schauten zu Boden.
Plötzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich fest: »Ich bin
ein Mörder.« Eine namenlose Stimme fragte: »Wen haben Sie gemordet?« Ich
hob meine Linke mit ihrer Last hoch und sagte: »Diesen Hasen.« Die
Gesichter der Polizisten erschienen durch den Qualm breiter, voller. Jemand
sprach gütig: »Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur.
Der Hase, den er da in der Linken hält, hat Augenlider wie ein Mensch, und
jener Mensch hier hat keine Lider, nur große starre Augen.« Die sachliche
Stimme fragte wieder: »Wie heißen Sie?« Mir war es, als fiele ich in ein
Meer. Dann sagte ich voller Unmut und heftig: »Wie kann ich das wissen, da
ich doch den Hasen getötet habe!« Dann mußte ich plötzlich eingeschlafen
sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in dem Haus waren
die Wände bleich.

Eines Tages War der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus und war frei.
Die bleichen Wände lagen hinter mir. Ich bekam wieder meinen Schubkarren,
meine Mütze und meinen Besen. Ich kehrte wieder.

Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, weiß ich nicht.
Zufällig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das
man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben
gelebt, vielleicht war es das Leben eines andern, oder auch das, was
niemand erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich weiß es
nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit allen Menschen und
Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht mehr. Manchmal schaue ich auf und
blicke in die flüchtenden Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell
auf meine schmalen langen Hände sehn und auf meine arabisch geschwungene
Nase.





*** End of this Doctrine Publishing Corporation Digital Book "Der Hase - Eine Erzählung" ***

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